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DIE ERSTE TOCHTER

Zukunftsepos von Katharina Maier


Inhalt

Widmung

Nordsingisisches Trauerlied

Endzeit

Inferno

Schwelle

Frevel

Gewalt

Vaterswort

Nachbeben

Verlangen

Sehnen

Drachen

Nacht

Wer ist wer

Was ist was

DIE ERSTE TOCHTER

Lesetipps

Impressum

Widmung

Für Mama, mit den Sternen in ihrem Geist

Für Lisa, mit den Drachen in ihrem Herzen

Für Oma, die Myn ihre Stärke gab

Diese Welt wäre nicht, was sie ist, ohne euch

Nordsingisisches Trauerlied

Komm, komm, meine Geliebte!

Dein Haar ist wie Regen

Und wie die Gebeine der Erde sind deine Glieder.

Draußen stehen sie, Männer des Südens,

Feuer in Händen und Tod im Gesicht.

Doch zum letzten Ritt riefe ich gerne,

kämest du nur mit mir.

Komm, komm, Volk der Weite!

Sturm hast du im Blut

Und die Stärke der Steppe in deinen Sehnen.

Wie Tau in der Nacht war dein Werden,

Unter den Hufen der Schönen wogte das Laub.

Und wie Tau nach der Nacht wirst du schwinden,

Und unter den Hufen der Schönen wirst du zu Staub.

übertragen von J. A. Shelton

Endzeit

Snas Anschuldigung war kaum verklungen, da sprangen alle von meiner Mutter weg wie Schotter bei einem Steinschlag. Ich glaube, ich lachte; nur ein kleines bisschen, weil alles so absurd war. Meine Mutter sollte einen Heiligen Baum verbrannt haben? Mit Absicht? Und, als wäre das noch nicht genug: Sie hätte dabei nicht einmal eine Maske getragen, sodass ein jeder sie erkennen konnte, während sie einen der größten Frevel der singisischen Geschichte beging?

Sna log. Ich starrte auf das wunderschöne Gesicht des Hologramms, das mitten in der Bewegung erstarrt war, weil irgendjemand unter all den Neolys, die in der großen Festhalle versammelt waren, die Übertragung aus dem Parlamentssaal angehalten hatte. Da stand er, der honigäugige Priester, und sah so hehr aus wie ein Sendbote des Allerhöchsten, während er behauptete, das Gesicht der Frau gesehen zu haben, die Feuer an einen der uralten Bäume seines Gottes gelegt hatte. Natürlich log er. Meine Mutter hätte so etwas nie getan. Sie war nicht dumm genug dafür.

Ich sah zu meiner Mutter hinüber, die leichenbleich und mit geöffnetem Mund auf ihrem Stuhl saß, beide Arme leicht erhoben, als wolle sie … ja, was? Einspruch erheben? Sich verteidigen? Wogegen denn? Gegen die Lüge eines Gottesdieners? Ich musste daran denken, wie ich sie einst gefragt hatte, ob man einen Drachen mit einer Nähnadel besiegen könne, und meine Finger krümmten sich, als wollten sie etwas greifen. Dann war plötzlich Vairrynn bei meiner Mutter und zog sie auf die Füße. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass er meine Seite verlassen hatte. Mein großer Bruder redete auf Mutter ein, und sie schüttelte immer und immer wieder den Kopf.

»Was sagt er ihr? Myn, was sagt er ihr?«, fragte mein kleiner Bruder zu meiner Rechten, als wäre ausgerechnet das die wichtigste Frage, die es zu stellen gab. Genau wie ich glaubte auch Mudmal immer noch, dass Vairrynn die Welt retten konnte, unsere Welt.

Er konnte es nicht.

Ein paar Takte nur, nachdem Snas Anschuldigung im Parlamentssaal verklungen war, stürmten Sicherheitskräfte die Festhalle unserer Familie. Die ganze Aktion war so offensichtlich geplant, dass mir das Blut in den Adern kochte. Meine Tante Teggri zog Mudmal und mich von unseren Stühlen und an ihre ausladenden Brüste, als wolle sie uns schützen oder behüten. Ich zappelte ein wenig in ihrem Arm, aber ihr Griff war stärker, als ich es mir vorgestellt hätte. Es musste von den zahllosen Tagen herrühren, die sie damit verbrachte, die Neoly-Brut in der Trutzburg zu bändigen.

Inzwischen hatte sich mein Vater mit ausgebreiteten Armen vor Mutter aufgebaut, die sich gegen die Brust meines großen Bruders kauerte. Noch niemals hatte ich meine Mutter kauern sehen, noch nie. Mein Großvater drängte sich, weißbärtig und wutentbrannt, an Vaters Seite, und die vordersten vier Sicherheitsmänner richteten ihre Strahlergewehre auf die beiden, auf den Patriarchen einer Großen Alten Familie und seinen Erstgeborenen, als wären die Neolys die größte Gefahr für das Singisische Reich seit seiner Gründung. Es war so absurd, dass es zum Himmel schrie. Ein paar Vettern versuchten, sich auf die Gewehrträger zu stürzen, wurden aber von den übrigen Sicherheitskräften niedergerungen. Ich begann zu weinen, ich konnte nicht anders.

Und dann senkte sich Stille über die Halle. Es musste irgendein Signal gegeben haben, aber es war kein Fanfarenton oder etwas Ähnliches gewesen, ich hatte jedenfalls nichts dergleichen gehört. Da war nur plötzlich diese Stille, die lauter war als jedes Geräusch. Ich keuchte gegen Teggris Arm, deren Ellbogenkuhle mir fast die Luft abschnürte. Mudmal neben mir gab ein Wimmern von sich. Die Stille verschluckte es.

Am anderen Ende der Festhalle teilte sich die Menge der Sicherheitskräfte, und der Oberste Priester des Wy schritt herein. Zu seiner Linken ging Mnuran Sna. Ich starrte den beiden entgegen, und etwas brannte in meinen Augen. Sna und Asnuor sahen aus wie Männer, einfach nur wie Männer, wenn auch der eine ungewöhnlich attraktiv und der andere ungewöhnlich unbeachtlich, aber ich glaube, dass sich damals die Überzeugung in mir einnistete, dass sie irgendetwas Anderes sein mussten. Von jenem Tag an hatte das Böse für mich ein Gesicht. Ich hatte erwartet, dass es eindrucksvoller wäre als ein Schönling und ein Nichts, doch ich war zwölf und wusste wenig über das Böse und über diese beiden Männer.

»Das ist sie. Das ist die Baummörderin«, verkündete Sna, als er direkt vor meiner Mutter zum Stehen kam. Die Sicherheitsleute hatten ihm alle Neoly-Männer aus dem Weg geräumt, einschließlich des Patriarchen und meines Vaters. Nur Vairrynn war noch da und hielt meine Mutter fest.

»Lügner«, rief sie. »Ihr lügt!«

Vielleicht hätte sie etwas anderes sagen sollen. Es war die Wahrheit, aber das brachte ihr nichts. Er war ein Priester. Sie war nur eine Frau. In meinem Kiefer prickelte es, als wollte etwas zubeißen.

»Schweig, Frau!«, sagte Asnuor, der Sna die linke Hand auf die Schulter legte. Zum ersten Mal, da ich ihn sprechen hörte, klang seine Stimme scharf anstatt süß. »Du bist als Nembdr entlarvt.«

Da kauerte meine Mutter nicht mehr. Sie löste sich aus Vairrynns Griff und fauchte den Obersten Priester an. Ich kann es nicht anders beschreiben, aber es war kein Geräusch, wie ich es je von einer Frau vernommen hatte.

»Und du, du lügst auch!«

Der erste Vorwurf war nutzlos gewesen. Dieser war ihr Todesurteil. Oder vielleicht auch nicht. Das war schon in dem Augenblick gesprochen worden, in dem Priester Sna den Mund aufgemacht hatte.

Asnuor richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Sein Körperbau war nicht so beeindruckend wie der des Priesterkriegers zu seiner Linken oder der Neoly-Männer mit ihren breiten Rücken, und doch schien der Oberste Priester sie alle zu überragen, sogar Vairrynn mit seinen langen nordischen Gliedern. Asnuors Miene war kühl und herrschaftlich. Aber unter dieser Oberfläche brannte etwas, und es war schwarz und heiß und triumphierend. Ich wand mich in Tante Teggris Griff.

»Mynrichwy«, zischte sie verzweifelt. Ich hörte auf. Ich weiß nicht, warum ich aufhörte.

»Lys Pánn Neoly«, verkündete Ktorram Asnuor, den vollen Namen meiner Mutter aussprechend, »auf Aussage des ehrenwerten Priesters Sna und angesichts überwältigender Beweise spreche ich dich der Widernatürlichkeit schuldig und erkläre dich für eine Frevlerin. Kraft meines Amtes als Oberster Priester des Wy verurteile ich dich zum Tod durch das Feuer.«

Es war vorbei.

Sie nahmen meine Mutter mit und meinen Vater auch. Er würde wiederkommen, sie nicht. Meine Brüder und ich standen da wie Waisen, mochten uns die Neolys auch umschwirren wie ein Schwarm von Mittagsvögeln. Als Teggri mich von meinen Brüdern wegzog, fragte ich nicht, wieso. Großmutter und sie steckten mich in eine Badewanne mit zu heißem Wasser, wuschen mir die Haare und schrubbten mir die Ohren, Fingernägel und Füße. Die alte Frau fütterte mich mit Tee und Kuchen, während Teggri mein Haar über einem Glutstein trocknete, und sang leise vor sich hin. Ihre Stimme, die sonst immer hüpfte wie etwas Kleines, Aufgeregtes, klang wie der Wind, wenn er in der Sturmzeit um die Ecken unseres Küstenhauses strich. Ich biss in meinen Kuchen und schluckte ihn nicht hinunter, bis Teggri mir eine Schüssel hinhielt, in die ich den Bissen durchweichten Teigs hineinspucken konnte. Die runden Hände meiner Großmutter sprangen über mein warmes Haar, und ihr Windlied erstarb mit einem Zittern.

Schließlich landete ich in einem Schlafzimmer, das sich zwei meiner Großkusinen teilten, und wurde in das überbreite Bett gepackt. Tante Teggri gab mir einen Kuss auf die Stirn und wies meine Großkusinen an, sich um mich zu kümmern. Dann verschwand sie mit einem aufgebrachten Röckerauschen aus der Tür, und die beiden bedauernswerten Mädchen saßen in respektvollem Abstand vor mir auf dem Bett und starrten die Tochter der Nembdr mit Mitleid in den runden Augen an. Ihre Gegenwart drückte auf meine Brust, und ich wünschte mich in unser Küstenhaus, in mein Zimmer, und dann fiel mir wieder ein, warum ich nicht dort war, und ich schrie die beiden an, sie sollten mich nicht so ansehen, als würden sie auch nur ein Wort von dem glauben, was der schöne Lügenpriester gesagt hatte. Kerkiss, so alt wie ich und chronisch missgelaunt, schnaubte darauf und zog sich schmollend auf die Couch zurück, aber Jemsi, die Ältere, nahm mich schweigend in die Arme und hielt mich so fest, dass ich endlich nicht mehr das Gefühl hatte auseinanderzufallen. Ich klammerte mich an meine große Kusine, selbst als es schließlich an der Tür klopfte.

»Nein, du kannst nicht reinkommen, Vairrynn«, rief Jemsi, ohne nach der Identität des Klopfenden zu fragen.

»Komm schon, Ems, sei kein Idiot«, drang die Stimme meines großen Bruders durch die Tür. »Wir werden euch bestimmt nichts wegschauen.«

Ich spürte Jemsi gegen meine Wange seufzen. »Also gut, Vairrynn. Aber wenn wir Ärger bekommen, sag ich allen, du bist schuld.«

»Sag ihnen, was du willst, aber lass uns rein.«

Ich hörte das Geräusch der sich öffnenden Tür – es musste Kerkiss sein, die meine Brüder hereinließ –, und spürte, wie sich die Matratze senkte. Einen Moment später umschlossen mich und Jemsi die Arme meines großen Bruders und trieben mir die Tränen in die Augen. Dass Mudmal sich an mich schmiegte, als würde er Schutz suchen, half nicht gerade dagegen. Ich drückte ihn fest, so fest. Kurz darauf gesellte sich Kerkiss’ Arm zu meinem, als sie sich um meinen kleinen Bruder rollte wie eine übergroße Katze. Lange lagen wir so, ohne zu sprechen, bis wir schließlich einer nach dem anderen einschliefen, zu einem einzigen großen Neoly-Bündel verknotet.


Im Herzen des Wytempels saß Eftnek Neoly im Audienzzimmer des Obersten Priesters und war unbeeindruckt von dem Prunk um ihn herum. Er starrte auf einen tiefen Riss, der sich durch den antiken Tisch unter seinen Fingern zog. Irgendwo in seinem Kopf hatte sich eine Idee eingenistet, wie sich dieser Riss reparieren ließe, aber er war nicht als Holzsteinschnitzer hier.

Eftnek presste seine Handflächen auf die lädierte Tischplatte. Großer Wy! Er schluckte schwer und fragte sich, ob es normal war, als Ehemann einer Nembdr in das Audienzzimmer des Obersten Priesters geladen zu werden. Eftnek vergrub das Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf. Wie auch immer erlesen die Örtlichkeit, er wusste, dass das, was ihn erwartete, nichts anderes war als ein Verhör. Dann hob er den Kopf und starrte seine Hände an.

»Ich bin ein Künstler«, flüsterte er. Seine Hände waren nie zu etwas anderem gedacht gewesen, als Werke der Schönheit zu schaffen. Er schloss die Augen und meinte fast, Lys’ bluterdiges Haar zwischen seinen Fingern zu spüren. Seine Kehle brannte. Er hatte sie vor so langer Zeit verraten, und nur der Allerhöchste wusste, was er getan hätte in seinem Zorn, wäre Vairrynn nicht gewesen, dessen ruhige Hände und starke Stimme genauso gut Nohaín hätten gehören können. Einen Moment lang hatte Eftnek den Wind der nordischen Steppe im Gesicht und Nohaíns rollendes Lachen in den Ohren, das sich mit dem fröhlichen Kinderquietschen seines kleinen Sohnes verflocht. Vairrynn war so ein fröhliches Baby gewesen und Nohaín und Sannáh die glücklichsten Eltern auf der Nordhalbkugel. Auf dem ganzen Planeten. Im gesamten Singisischen Reich. Vielleicht im Universum. Damals war auch Eftnek glücklich gewesen, wie er es immer war angesichts der Ruhe in Nohaíns Gesicht und der Liebe im Lächeln seiner Frau. Und dann war der Tod gekommen und Vairrynn in seine Familie, und trotz der Trauer war vieles lange Zeit noch gut gewesen. Eftnek fragte sich, was Nohaín wohl heute getan hätte, wäre er noch am Leben, und wusste keine Antwort darauf.

Die Tür des Audienzzimmers öffnete sich, und Ktorram Asnuor trat herein. Er war allein. Eftnek war sich ziemlich sicher, dass diese Geste Vertrauen suggerieren sollte, aber in Wirklichkeit signalisierte sie Verachtung.

»Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie so lange habe warten lassen, Morrtahn«, sagte der Oberste Priester mit seiner Schmeichelstimme. Der überzogene Ehrentitel stellte Eftnek die Ohren auf. Seine Hände verkrampften sich auf der rissigen Tischplatte.

»Sie verschwenden meine Zeit und die Ihre, Asnuor. Ich werde meine Frau sicher nicht offiziell eine Nembdr nennen.«

Asnuors Brauen wanderten nach oben. Der schräge Blick jagte Eftnek einen Schauer über den Rücken, auch wenn er nicht hätte sagen können, wieso.

»Und inoffiziell?«

»Ich würde nie, nie meine Frau mit diesem Wort belegen!« Eftnek wusste nicht, ob das eine Lüge war oder nicht, ob dieses verdammende Wort aus ihm herausgebrochen war all die Male … Er schüttelte sich. Wenn er sich nur erinnern könnte!

»Ah«, sagte Asnuor. Die langen, schmalen Finger spielten mit dem Heft des Doppelschwerts an seinem Gürtel. Eftnek fand die Geste obszön, und er hatte das dumme Gefühl, dass genau das der Sinn der Sache war. Dieser wyverdammte Emporkömmling! Geilte er sich an seiner Macht auf? An seinem Triumph über eine der einflussreichsten Adelsfamilien des Memnáh? Oder einfach nur am Schmerz seines Gegenübers, egal, wer das war? Eftnek biss die Zähne zusammen, dass sie knirschten. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre dem Obersten Priester an die Kehle gesprungen. Mühsam kämpfte er den Impuls zurück. Wy, dieser durchscheinende Blick würde ihn noch in den Wahnsinn treiben! Und der Bastard stand da und lächelte mit einem leichten Kräuseln der Lippen, das fast hätte Einbildung sein können, aber eben nur fast.

»Sagen Sie mir, Morrtahn«, intonierte die Stimme, während Eftnek auf diese herablassenden Lippen starrte und Hass in seinen Adern zu brennen begann. »War es in der Vergangenheit oft notwendig, Ihre Frau zu disziplinieren?«

Es fiel Eftnek schwer, durch seinen Ingrimm hindurchzudenken, doch es gelang ihm, eine einigermaßen unbeteiligte Miene aufzusetzen. »Nicht mehr als jede andere Frau, schätze ich.«

»Hm«, machte Asnuor. »Sie wissen sicher, dass der Körper Ihrer Frau zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung Blutergüsse aufwies. Zwei Tage alte. Gehe ich also recht in der Annahme, dass Sie sie auch am Abend der Freveltat diszipliniert haben?«

Sie hatte nicht geschrien. Nicht dieses letzte Mal. Seine Hände zuckten wie ein Echo. Es machte ihn krank. Aber er hob den Blick und sah direkt in die schrägen Augen des Obersten Priesters, auch wenn sich alles in ihm dagegen sträubte.

»Das ist korrekt. Es war eine häusliche Unstimmigkeit. Ich fürchte, ich habe mich etwas hinreißen lassen. Meine Frau war danach unfähig, das Haus zu verlassen, und ging früh am Abend zu Bett.«

»Nun, nun, Morrtahn, nicht so«, meinte Asnuor gönnerhaft. »Sie wissen, dass wir einen Augenzeugen haben, der Ihre Frau identifiziert hat.«

Eftnek zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Ihren Augenzeugen können Sie sich sonst wohin schieben, Asnuor. Sie werden schlampig. Oder haben Sie niemand anderen gefunden als den hübschen Hurenbengel, der so eine Lüge für Sie ausspricht?«

Asnuors Hand lag auf dem Schwert, aber sie war ruhig und entspannt. »Wären Sie tatsächlich willens, diese Anschuldigung in der Öffentlichkeit zu wiederholen, Morrtahn? Gegen einen ehrenwerten jungen Mann, der schon als Kind in den Wyorden aufgenommen wurde, und gegen den Obersten Priester des Ersterschaffers selbst?«

Eftnek antwortete mit einem schweigenden Starren. Der Oberste Priester nickte zufrieden.

»Ja, das dachte ich mir. Ihr Vater ist ein zu kluger Patriarch, um solch unbegründete, fruchtlose Anschuldigungen an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.«

»Entgegen den allgemeinen Mutmaßungen bin ich meinem Vater nicht hörig, Asnuor! Und die Anschuldigung wäre wohl kaum unbegründet. Sie hassen meine Frau.«

»Das stimmt«, gab der Oberste Priester zu Eftneks Überraschung zu. »Doch niemand außer Ihnen weiß das. Nun, Lys natürlich, aber die wird keiner fragen. Und vielleicht Ihre Kinder.«

Eftnek stand so abrupt auf, dass der reich verzierte Stuhl auf den Boden krachte. »Sie lassen die Finger von meinen Kindern, Asnuor!«

»Setzen Sie sich, Morrtahn«, entgegnete der Oberste Priester ruhig. »Wir wollen doch ein gewisses Dekorum wahren.«

Eftnek starrte ihn noch einen Moment an und fragte sich, ob er seinen Kschurr schneller ziehen könnte als Asnuor sein Schwert, doch dann brach er den Blickkontakt, hob seinen Stuhl auf, von dem ein besonders delikates Blütenblatt abgesplittert war – und, ja, verdammt, das tat ihm in der Seele weh –, und setzte sich wieder. Asnuor beobachtete jede seiner Bewegungen wie eine Katze ihre Beute.

»Wenn Sie ›meine Kinder‹ sagen, Morrtahn, wen genau meinen Sie damit?«, fragte er mit einem boshaften Glitzern in den Augen. Eftnek antwortete der Boshaftigkeit mit blanker Verwirrung.

»Ich meine alle meine Kinder, egal ob sie meines Blutes sind oder nicht«, sagte er langsam.

»Hm«, machte Asnuor. »Sie haben also tatsächlich den Sohn zweier Nordler zu Ihrem eigenen gemacht, auf dem Papier und in Ihrem Herzen, Morrtahn? Wirklich ergreifend, diese Treue zu Ihrem alten, toten Freund. Oder ist das Treue zu Ihrer Ehefrau? Wissen Sie, ich mag Loyalität. So eine ehrenhafte Empfindung. Und so leicht zu manipulieren.«

Eftnek musste all seine Selbstbeherrschung aufbringen, um den Obersten Priester nicht mit offenem Mund anzustarren. Wovon beim Mech-Memnáh redete dieser Mann? Asnuor lächelte wieder sein eigentümliches kleines Lächeln. Dann setzte er sich Eftnek gegenüber und schlug die Beine übereinander, ein Bild der Gelassenheit. Eftnek erkannte den feurigen Redner, der das Volk in schöner Regelmäßigkeit vor dem Untergang und den Fremden und den Frauen warnte, in dieser Gelassenheit nicht wieder. Wer war dieser Mann? Erst jetzt ging ihm auf, dass er es nicht wusste.

»Unbegründet mag Ihre Anschuldigung gegen mich und Priester Sna also nicht sein«, redete Asnuor weiter, als hätte er zwischendurch gar nichts anderes gesagt, »aber sie wäre ganz sicher fruchtlos. Wir haben bei der Durchsuchung Ihres Hauses genügend Beweise dafür gefunden, dass Ihre Frau Mitglied der widernatürlichen Organisation für die Gleichstellung der Frau ist – mit Sicherheit ohne Ihr Wissen. Sie können Lys nicht retten, Morrtahn.«

Eftnek sackte in sich zusammen und begann am ganzen Leib zu zittern. Lys, seine Lys! Er glaubte, bereits den Geruch brennenden Fleischs in der Nase zu haben, und es trieb ihm die Galle in den Mund.

»Die Frage ist natürlich, ob Sie das überhaupt wollen.«

Eftnek blickte verwirrt auf. »Wie bitte?«

Wieder lächelte Asnuor. »Ich werde Ihnen jetzt eine Geschichte erzählen, Morrtahn. Sie hätten sie schon vor Jahren zu Ohren bekommen sollen. Also hören Sie gut zu.«

Und Eftnek Neoly tat, wie ihm geheißen.


Lys wartete auf den Obersten Priester des Wy. Sie wartete seit dem Moment, da die Tür ihrer Gefängniszelle in den Eingeweiden des Großen Tempels hinter ihr ins Schloss gefallen war. Die Zelle war düster und roch nach abgestandener Zeit, aber es war ja auch mehr als vier Generationen her, dass sie in Gebrauch gewesen war. In all den Mnegau, die sich endlos in der dumpfen Stille erstreckten, versuchte Lys, den Geist der Frau heraufzubeschwören, die als Letzte in diesem verzweiflungsschweren Raum auf ihren Tod gewartete hatte. Sie fragte sich, ob jene Frau wohl gewütet hatte wie ein gefangenes Frn-Weibchen (wie sie) oder ob sie in lähmende Resignation verfallen war und ob sie wohl Angst gehabt hatte. Lys hatte Angst, panische, würgende Angst, die sich in ihr Hirn krallte und in ihre Seele. Natürlich hatte sie Angst vor den Flammen und den Schmerzen, aber noch mehr Angst hatte sie vor dem Moment, da Asnuor durch ihre Gefängnistür treten und das Angebot wiederholen würde, das er ihr dreizehn Jahre zuvor gemacht hatte. Denn sie fürchtete, dass sie dieses Mal annehmen könnte.

Also wartete Lys Neoly auf Ktorram Asnuor. Doch die Zeit verstrich in der erstickenden Enge ihres Gefängnisses, und der Oberste Priester kam nicht. Ein neuer Tag brach an, und schließlich öffnete sich die Tür ihrer Zelle. Das Kraftfeld davor wurde zischend deaktiviert. Aber herein kam nur das Schlangentier. Ftonim Sar hatte den hübschen Priester einmal so genannt, und Lys konnte sich keine passendere Bezeichnung für Asnuors lügnerischen Komplizen denken. Ihr Herz zog sich kurz zusammen, als sie an Ftonim dachte, und das verwunderte sie ein wenig. Sie hatte genug Sorgen; um sich selbst, um ihre Kinder. Da verstand sie nicht wirklich, was der junge Sar in ihren Gedanken und in ihrem Herzen zu suchen hatte, ganz egal, wie wichtig er Vairrynn sein mochte. Doch dann hatte sie plötzlich dieses Bild vor Augen: Vairrynn und Ftonim zusammen im Sonnenlicht, das sich auf den Wellen des Inneren Ozeans und in den warmen Augen des jungen Sar brach, während Vairrynn den Kopf vor Lachen in den Nacken geworfen hatte. Oh, dachte sie, und der Schmerz in ihrer Brust wurde zu einem Brennen, weil sie nie gefragt hatte, worüber ihr Sohn so gelacht hatte. Ihr Junge war erwachsen geworden, während sie weggesehen hatte, das wusste sie bereits; aber erst jetzt begriff sie, was es bedeutete, und sie wollte weinen. Doch sie konnte es nicht, weil Mnuran Sna vor ihr stand und sie anstarrte, während sie auf der kargen Pritsche einer erbärmlichen Gefängniszelle saß. Er sah sie an, als wäre sie eine Made in einem Kadaver. Was wollte er? Und wo war sein Herr?

»Nembdr«, sagte Sna wie eine Begrüßung, und auf einmal war sie wütend.

»Warum tut Ihr das?«, fragte sie ihn. Vorgeplänkel war für Leute, die noch Zeit hatten. »Wie könnt Ihr, ein Wy-priester, der sich dem Dienst des Ersterschaffers geweiht hat, eine solche Lüge aussprechen?«

Sna musterte sie von oben herab, als wäre er überrascht, dass die Made sprechen konnte. »Es ist keine Lüge. Wir kleiden die Wahrheit lediglich in Worte, die jeder verstehen kann. Du bist widernatürlich, Frau. Wir wissen das, und du weißt es auch. Und dank uns weiß es der Rest des Singisischen Reiches nun ebenfalls.«

Sie schnaubte. »Das also erzählt Ihr Euch? Dass es eine gottgefällige Lüge ist?«

»Es ist keine Lüge.«

»Eine Lüge ist eine Lüge, Priester! Ganz egal, in welche höhere Wahrheit Ihr Euer Märchen zu ›kleiden‹ glaubt: Ich habe keinen Heiligen Baum angezündet.«

»Aber du bist eine Nembdr.«

Er hatte recht. Wenn man alte, antiquierte Definitionen anlegte, dann hatte er voll und ganz recht. Aber sie hätte ihr Leben darauf verwettet, dass es ihm nicht wirklich darum ging. Sie wünschte, sie könnte es tun, ihr Leben darauf verwetten.

»Was gibt er Euch dafür, hm? Welchen Preis zahlt der ruhmvolle Oberste Priester, der Krieg gegen eine Frau führt, für Eure Seele? Wie teuer seid Ihr, das würde mich schon interessieren.«

Das Schlangentier richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf. Lys konnte nicht bestreiten, dass es eine beeindruckende Figur abgab.

»Du weißt gar nichts, Frau! Es liegt keine Schande darin, seinem Obersten Priester das zu geben, was er begehrt. Und du täuschst dich selbst, wenn du in deiner Eigenliebe glaubst, hier ginge es um dich. Die Wahrheit ist: Ich lege ihm die Vorsteherschaft zu Füßen. Und er wird das Reich Wys errichten und uns Nchrynnai ins Licht führen.«

Snas Augen glänzten selbst im schummrigen Licht der Zelle, und Lys befürchtete allmählich, dass der junge Priester glaubte, was er sagte.

»Ist Euch eigentlich klar, dass Ihr benutzt werdet?« Die Frage entriss sich ihr, ehe sie darüber nachdenken konnte, aber es war eine gute, wie sie fand.

»Wozu sollte er mich wohl benutzen?«

Arroganz. Arroganz, Selbstgefälligkeit und Fanatismus. Asnuor hätte keinen fruchtbareren Boden finden können, um seine Saat auszusäen.

»Wozu immer er will. Seht Euch doch nur an, was hier passiert: Er will eine Nembdr verbrennen, und Ihr gebt ihm eine. Er will mich tot, und Ihr liefert ihm das Werkzeug dazu.«

»Ich liefere ihm die Töchter der Lchnadra, du dummes Weib. Schon morgen wird Ktorram den Antrag stellen, alle Mitglieder der Organisation offiziell zu Nembdrai zu erklären, und die Runde der Berufenen wird dem stattgeben. Sie haben keine andere Wahl mehr.«

Ktorram. Der schöne, kleine Priester hatte sich gerade verraten, und Lys musste schlucken. Arroganz, Selbstgefälligkeit, Fanatismus und Liebe. Allgütige Lchnadra!

»Armer Junge«, sagte die Mutter in ihr.

Sna zischte, als wäre er tatsächlich eine Schlange. »Heb dir dein Mitleid für dich selber auf, Nembdr! Du wirst es brauchen.«

»Er wird Euch fallen lassen«, sagte sie. »Wahrscheinlich noch nicht bald. Vielleicht noch nicht einmal für lange Zeit. Aber früher oder später wird er Euch fallen lassen. Er wird Euch benutzen und wegwerfen und Euch dabei das Herz herausreißen, sodass Euch nichts weiter bleibt als ein blutiges Loch.«

Snas bildschönes Gesicht wurde zu einer undurchdringlichen Maske. »Soll das ein Fluch sein, Nembdr?«

»Es ist eine Warnung, Schlange.«

Ein kurzes Zucken der stecknadellangen Wimpern, sonst nichts. »Ich brauche deine Warnungen nicht. Du weißt gar nichts.«

»Oh, ich weiß. Er hat es zuvor schon getan, und er wird es wieder tun. Ich hoffe, er tut es nur Euch.«

Die perfekten Züge verzerrten sich, und Lys wusste nicht, was sie da sah. Aber sie begriff, dass das Schlangentier recht gehabt hatte: Es brauchte ihr Mitleid nicht. Dann wandte sich Mnuran Sna mit hocherhobenem Haupt von ihr ab und verließ ihre Gefängniszelle. Lys sollte nie erfahren, was er eigentlich von ihr gewollt hatte.


Vairrynn hatte bis zu diesem Tag nur gerüchteweise von dem Zimmer gehört, das sich Jemsi und Kerkiss Neoly teilten, zwei Achte Töchter, über die sich niemand sonderliche Gedanken gemacht hätte, hätte nicht die ältere der beiden die helle, blonde Lieblichkeit ihrer Ostküstenmutter geerbt. Und deren verschrobenen Geist, so hieß es. Das Zimmer lag tief in den Eingeweiden der Trutzburg, in einem kleinen Anbau, der wie ein Halbmond einen noch kleineren Innenhof umschloss und kaum Sonnenlicht abbekam. Vor ein paar Jahren hatte Jemsi fünf der Wände in warmen Gelb- und hellen Blautönen gestrichen; auf die sechste und längste hatte sie in Rot, Braun und Orange weibliche Figuren gemalt, die um einen Brunnen herumstanden, eingerahmt von Blättern und Zweigen. Die Frauen hatten keine Gesichtszüge und ihre Körper wirkten ziemlich eckig, aber Vairrynn mochte das Wandgemälde trotzdem. Er hatte es bisher noch nie gesehen, wusste nur davon, weil Jemsi einen mittleren Aufruhr in der Trutzburg ausgelöst hatte, als sie die Stirn besessen hatte, ihren Raum umzugestalten, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Damals hatte Vairrynn das Gezeter kleinlich und lächerlich gefunden, aber jetzt erschien es ihm wie ein winziges Steinchen in einem Mosaik von Falschheit und Ungerechtigkeit. Er hatte geglaubt, er wüsste, wie dieses Mosaik aussah. Er hatte sich geirrt. Selbst in seinen schlimmsten Träumen hatte er keine Frau brennen sehen und seine Mutter schon gar nicht. Solche Dinge passierten einfach nicht mehr. Hatte er gedacht. Hatten sie alle gedacht.

Vairrynn spürte seinen linken Arm nicht mehr, aber das war ihm egal. Der Unterarm war unter Jemsis Oberkörper eingeklemmt, während Myn ihr Gesicht in seiner Schulter vergraben hatte. Vairrynn war sich nicht ganz sicher, ob sie noch schlief oder nicht. Ihre Atemzüge waren klein und flach, aber sie regte keinen Muskel. Mudmal hatte sich irgendwann im Laufe der Nacht am Fußende des Bettes zusammengerollt. Es war erschreckend, wie wenig Platz er brauchte. Die kleine Kerkiss hatte sich vor etwa einer halben Mnega aus dem Bett gerappelt und etwas von Frühstück für alle gemurmelt. Bisher war sie nicht wiedergekommen. Vairrynn für seinen Teil konnte nicht aufstehen, ohne seine Geschwister und Kusine aufzustören, aber er wollte auch gar nicht. Aufzustehen bedeutete, der Welt ins Gesicht zu sehen, und er hatte keine Ahnung, ob er das konnte.

Er war einfach tatenlos dagestanden. Vairrynn wusste nicht, wie er Sna hätte aufhalten sollen oder Asnuor oder die Sicherheitskräfte, aber irgendetwas … Ngdra, wozu war es denn gut, das, was ihn so anders machte, wenn er nichts damit anfangen konnte, nicht, wenn es wirklich zählte? Er dachte an Lys Neoly und die Schichten von Stein unter ihrer Haut und wie klein sie sich in seinen Armen angefühlt hatte angesichts der Sicherheitsmänner mit ihren Strahlergewehren und Sna mit seiner Lüge. Und dann war da Asnuor gewesen, und aller Protest und Widerstand, den irgendwer hätte vorbringen können oder wollen – der alte Patriarch vielleicht mit seinem Neoly-Zorn oder Eftnek, der sich vor seiner Frau aufgestellt hatte wie ein Bretterzaun gegen Sturmwind, oder verdammt nochmal Vairrynn selbst – all das fiel in sich zusammen wie so viel Nichts, und Vairrynn wusste, wusste, wusste, dass das nicht an den Gewehren der Sicherheitsleute gelegen hatte oder zumindest nicht nur. Sie hätten Beweise verlangen sollen, mehr als nur das Wort eines unerprobten Priesters, um dessen Befangenheit ein jeder wusste; hätten einen formalen Protest gegen das Urteil Asnuors einlegen sollen, auch wenn es ihnen nicht mehr gebracht hätte als einen Schluckvoll Zeit. Ja, es gab wenig, das sie hätten tun können. Aber sie hatten nichts getan. Er hatte nichts getan.

Die Tür öffnete sich, und unwillkürlich breitete sich Vairrynn wie eine Decke über seine Schwester und seine Kusine, nicht nur seinen Arm, sondern sein ganzes Selbst. Unter der Tür stand Eftnek Neoly, und er war bleich wie das Grab.

»Ich muss …«, begann der Holzsteinschnitzer rau, hielt inne. Er sah Vairrynn an, überrascht und ein wenig verwirrt, und irgendetwas glänzte in seinen dunklen Augen, sodass sie fast schwarz wirkten. Noch nie in seinem Leben hatte Vairrynn einen solchen Blick in dem Gesicht eines anderen gesehen.

Er starrte den Holzsteinschnitzer an, während ihm das Blut schmerzhaft in die Fingerspitzen schoss, weil Jemsi sich mit einem leisen Jammern auf die Seite gedreht und dabei seinen linken Arm freigegeben hatte. Eine kleine Hand verkrampfte sich in dem dünnen Stoff seines kurzärmeligen Oberteils. Myn war wach.

»Du solltest nicht hier sein«, sagte Eftnek, und das Dunkle aus seinen Augen bebte in seiner Stimme.

»Wo bitte sollte ich denn sonst sein?«, entgegnete Vairrynn. Er wollte nicht auf Konfrontationskurs mit Eftnek gehen, nicht heute. Er tat es trotzdem. Aber Eftnek stand nur weiter an der Tür, als würde er sich nicht in das bunte Mädchenzimmer hineinwagen.

»Vater?«, drang da Myns Stimme in die Stille zwischen den beiden Männern. »Kommt Mutter nach Hause?«

Es war eine Kinderstimme, die da sprach, und es war eine Kinderfrage. Myn wusste die Antwort, und trotzdem setzte sie sich auf und sah ihren Vater mit großen, erwartungsvollen Augen an. Eftnek Neoly vergrub das Gesicht in seinen zitternden Händen und begann zu weinen. Schatten tropften durch seine Finger hindurch. Vairrynn zog Myn an seine Brust zurück, weg von der Dunkelheit, die er aus ihrem Vater heraussickern sah wie Wein aus einem löchrigen Schlauch.

»Du solltest nicht hier sein«, sagte Eftnek, und das Dunkle aus seinen Augen bebte in seiner Stimme. Was um der Einheit Willen war da passiert?


Ktorram Asnuor kam zu Lys Neoly am Abend vor ihrer Hinrichtung. Er hatte hin und her überlegt, ob es nicht grausamer wäre, überhaupt nicht zu erscheinen – und er hatte längst, was er wollte.

Nur stimmte das nicht ganz.

Er wollte ihr in die Augen blicken und das Wissen darin sehen, dass er gewonnen hatte. Und so fand sich Asnuor in der vor Alter modernden Gefängniszelle wieder, deren spärliches Licht Lys Neoly dreizehn Jahre jünger aussehen ließ. Er hatte keine Probleme, ihren Körper unter all den Schichten schwarzen Stoffes zu erahnen, die die Wypriester der Widernatürlichen aufgezwungen hatten, und er konnte sich an eine Zeit erinnern, da das Licht golden gewesen war auf ihrer Haut und in ihrem Haar. Das metallene Geräusch der Gefängnistür hatte sie sich halb von ihrer Pritsche aufrichten lassen, und sie blickte ihm mit ihren dunklen, rotbraunen Augen entgegen.

»Da bist du also«, sagte sie. »Ich habe auf dich gewartet.«

Eine eigenartig gedämpfte Resignation war in ihren Gesten. Er zeigte ihr die Zähne. Kein Lächeln, auch wenn es so aussah.

»Tatsächlich? Was hat dich so sicher gemacht, dass der Oberste Priester seine Aufmerksamkeit einer verurteilten Nembdr schenken würde?«

Sie sah ihn müde an, und Asnuor erkannte, dass das schäbige Licht ihn getäuscht hatte; Lys’ Gesicht zeigte jedes einzelne jener Jahre, die sich in ihre Seele geätzt hatten.

»Ich bitte dich, Ktorram. Hörst du nie auf, deine Spielchen zu spielen? Sag schon, was du willst.«

»Was ich will«, echote er, als hätte er keine Ahnung, was sie meinte, und legte die Stirn in Falten. »Oh, ich verstehe. Du denkst, ich würde das Angebot wiederholen, das ich dir vor dreizehn Jahren gemacht habe.« Er grinste. »Nein, meine Schöne, da hast du etwas falsch verstanden. Siehst du, meine genauen Worte damals waren: Gib mir den Jungen oder du stirbst. Und siehst du?« Er machte eine demonstrative Geste. »Du hast dich damals geweigert, mir den Jungen zu übergeben. Jetzt wirst du sterben. Ich bin ein geduldiger Mann, Lys. Dass du mich damals nicht beim Wort genommen hast, ist nicht mein Problem. Es tut mir fast leid, aber mein Angebot war ein einmaliges.«

Er sah zu, wie sich die Flammen des Scheiterhaufens in ihren Augen brachen, und er wusste, dass sie in diesem Augenblick zum ersten Mal glaubte, dass sie sterben würde. Ihn schauderte, weil es so kalt in der Zelle war, aber das war es ihm wert.

»Ich bin nicht dein«, sagte sie, der letzte Widerstand, den sie ihm noch entgegensetzen konnte.

»Wieder falsch, mein Schatz. Du bist eine verurteilte Nembdr, und damit Eigentum des Wyordens. Mein Eigentum.« Er beugte sich zu ihr vor. »Aber die Wahrheit ist doch: Seit Jahren gehört jede Xa deines Lebens mir. Jeder einzelne Moment.« Lächelnd richtete er sich auf und klopfte sich imaginären Staub von seinem Ärmel. »Ich habe mit deinem Ehemann gesprochen. Armer Kerl. Hätte ich geahnt, wie sehr du ihn im Dunkeln gelassen hast in der ganzen Angelegenheit, hätte ich ihn vielleicht verschont.«

Ihre Augen hoben sich ihm entgegen, und sie waren dumpf wie Steine. Er hatte schon immer wissen wollen, ob man auch Fels brechen konnte.

»Du hast es ihm erzählt? Was zwischen uns passiert ist?« Lys’ Stimme verriet eine Mischung aus Müdigkeit und Furcht, die jemand anderem das Herz gebrochen hätte. Oder zumindest berührt. Doch Asnuor war nicht jemand anderer. Er war es nie gewesen.

»Welchen Zweck sollte das wohl haben? Das macht doch keinen Unterschied mehr nach so langer Zeit. Ich enttäusche dich ja nur ungern, mein Schatz, aber diese Nacht hat nur deine Welt erschüttert, sonst niemands.« Er gab ihr sein bestes anzügliches Lächeln. Sex war eine ausgesprochen nützliche Waffe. Doch es gab schärfere.

»Nein, Lys, unser kleines Geheimnis ist sicher bei mir. Außerdem: Glaubst du wirklich, dass nach allem, was passiert ist, ein weiterer Verrat deinerseits noch einen Unterschied machen würde? Nein, so viel Selbstwertgefühl hast du dem Holzsteinschnitzer nicht gelassen. Und wir wissen beide, dass es in Wahrheit nur einen Weg zu seinem Herzen gibt, zum Guten oder zum Schlechten.«

»Nohaín«, hauchte sie, und ihre harten Augen glänzten seltsam. »Du hast ihm Sannáhs Tagebuch gezeigt. Große Göttin …«

Das bisschen Farbe, das noch in Lys’ Gesicht gewesen war, verschwand, und der Kontrast zwischen ihrer Haut und dem schwarzen Gewand war befriedigend in seiner Harschheit. Asnuor konnte die Risse in ihren Steinaugen sehen. Der Triumph war fast zu weit für seine Brust. Wenn er sie jetzt berührte, würde sie ganz einfach in sich zusammenfallen? Seine Finger zuckten, aber es war noch zu früh. Er war noch nicht fertig.

»Warum um alles in der Welt hast du das getan?«, flüsterte sie.

Asnuor zuckte mit den Schultern, als wäre die Sache kaum weiterer Worte wert. »Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es Schwäche. Und dein Mann ist schwach, Lys. Wäre er das nicht, hättest du nie all deine kleinen Spielchen treiben können. Ich bin nachtragend. Und ich will, dass du mit dem Wissen stirbst, deinen Mann verdammt zu haben.« Er glaubte, das Ächzen von Fels zu hören und lächelte. »Ich habe seine Dämonen gesehen, Lys. Und sie werden ihn sich holen, das garantiere ich dir.«

Gebrochene Steindumpfheit antwortete ihm aus ihrem Blick und ihren Gesten, und er wusste, er hatte es geschafft. Ihre Niederlage rollte wie Norrnbeerenwein über seine Zunge.

»Wahrscheinlich hast du recht«, sagte sie leise. »Aber weißt du was? Ich habe nicht genügend Kraft übrig, dass mich das berühren könnte. Du hast mir nicht genug gelassen. Es gibt nur noch eins, das mir etwas bedeutet, und da du mir nichts anderes übrig gelassen hast, muss ich dich bitten.«

Ihre Augen fingen seinen Blick ein, und da war etwas unter all der Gebrochenheit, aber es gab zu viele Risse, und er konnte nicht erkennen, was es war. Die Süße ihrer Worte jedoch durchflutete seine Glieder: »Ich flehe dich an, Ktorram. Bitte, verschone meine Kinder.«

Ihre Hände waren in der Geste demütiger weiblicher Bitte über die Brust gekreuzt, und in seinem quasi-orgasmischen Rausch antwortete er ihr wegwerfend: »Ich will Sannáhs Sohn, Lys. Was sollten mich schon die beiden Bälger interessieren, die du mit dem Holzsteinschnitzer in die Welt gesetzt hast?«

Asnuor konnte den exakten Moment benennen, da er verloren hatte. Er hatte nur nicht die geringste Ahnung, warum. Lys’ matte Augen erhielten wieder Glanz, und er sah auf einmal, dass die Risse nur hauttief gingen. Darunter lag blanker Granit.

»Natürlich«, sagte er in dem Versuch zu retten, was zu retten war, »kann kaum jemand vorhersehen, was es den jungen Neolys antun wird, in einem so zarten Alter die Mutter zu verlieren und dabei zuzusehen, wie der Vater langsam im Wahnsinn versinkt. Und das wird er, Lys. Was meinst du, was das Wissen mit ihm machen wird, wen du da in den Schoß seiner Familie geholt hast? Oder was, sollte ich wohl eher sagen.«

Ohne Regung sah ihn das Steinwesen an. »Ich habe drei starke Kinder großgezogen, Ktorram. Stahl, Feuer und Sturm. Sie werden dich überdauern.«

Asnuor lachte überheblich, aber diesmal war es eine Maske, und sie wussten es beide. »Du neigst zum Melodramatischen, mein Schatz. Was war es, das du Mnuran vorgebetet hast? Ich werde sein Herz herausreißen und nichts zurücklassen als ein blutiges Loch? Ich bitte dich, Lys. Dem Allerhöchsten sei Dank, dass du nie auf den Gedanken gekommen bist, zur Feder zu greifen!«

»Mehr hast du nicht mehr zu bieten? Sieh dich doch nur an! Noch vor einer Kma warst du so stolz und selbstzufrieden wie ein Wchlach mit einem gestohlenen Stück Fleisch, und jetzt? Du hältst dich für so unendlich klug, Ktorram Asnuor, und bildest dir ein, die Leute hin und her schieben zu können wie die Figuren auf einem Schachbrett. Aber du versuchst, Dinge zu kontrollieren, die außerhalb des Einflussbereichs eines bloßen Nchrynns liegen. Und nichts weiter bist du. Sannáh hat das gewusst, Nohaín wusste es, und du weißt es auch.«

Etwas sprang auf aus den tiefsten Tiefen seines Selbst und knurrte Lys an mit hochgezogenen Lefzen. »Ich werde gewinnen, Lys Neoly! Ich habe bereits gewonnen.«

»Nein. Das hast du nicht.«

»Du wirst sterben«, zischte er.

»Du auch«, lautete die gleichmütige Antwort. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, ehe er herumwirbelte und aus der Zelle stürmte. Mein starrer Blick fuhr ihm eiskalt den Rücken hinauf; selbst ein Mann wie Ktorram Asnuor spürt nicht gerne den Tod im Nacken. Vor allem ein Mann wie Ktorram Asnuor. Ich gönnte mir ein weiches Lächeln und nahm Lys’ Hände in die meinen. Sie schauderte, als würde sie mich tatsächlich spüren. Vielleicht tat sie es ja. Sie war mir nun schon so nahe, und manchmal schauen mir die Sterblichen dann ins Gesicht. Nicht immer weiß ich, was sie sehen. Aber sie wissen, wer ich bin und dass ich auf sie warte.

»Fürchte dich nicht, Tochter«, sagte ich, und tatsächlich verließ ihre Angst die dumpfige Gefängniszelle zusammen mit dem Obersten Priester. Alles, was blieb, war die seine.

Inferno

Ich war noch nie zuvor in Murraptaam gewesen. Meine Eltern hatten es mir schlichtweg verboten. Zu laut war sie angeblich, die Metropole am Murrap, zu überfüllt, zu schmutzig und natürlich zu gefährlich für eine heranwachsende Erste Tochter. Und so hatte Mynrichwy Neoly bis zu dem Tag, an dem ihre Mutter sterben sollte, nie einen Fuß in die Hauptstadt des Reiches gesetzt. Nun stand ich zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Großen Platz und erinnerte mich an all die Dinge, die meine Eltern mir stets vorgebetet hatten, wenn ich leise angefragt hatte, ob ich nicht doch endlich alt genug für Murraptaam sei.

Laut war es hier im Herzen des Reiches ohne Zweifel: Ein stetes Summen und Brummen lag in der sturmschwangeren Luft, ein Dröhnen, das in meinen Ohren pulsierte. Es stieg von der Menge auf, die den Großen Platz ausfüllte wie eine bunt wogende Masse und mir gesichtslos erschien, obwohl sie es nicht war. Laut, überfüllt und schmutzig. Mit reglosem Blick starrte ich hinüber zu dem riesigen Haufen aus dreckig-grauem Kness, der nahe bei unserer Tribüne aufgeschichtet war und der heute das Freudenfeuer nähren sollte. Die Galle stieg mir in den Mund, und ich zitterte am ganzen Körper. Nur die starken Hände meiner Muttersmutter, die meine Schultern umschlossen, hielten mich zusammen. Für den Bruchteil eines Moments hasste ich die alte Frau für ihre Stärke. Sie hatte kein Recht darauf. Nicht heute.

Laut, überfüllt, schmutzig, gefährlich. Ich zweifelte nicht länger daran angesichts der Feindseligkeit der wimmelnden Masse zu unseren Füßen, die wie beißender Rauch in der Luft lag. Es würgte mich, jetzt schon, und dabei war noch gar nichts passiert. Laut, überfüllt, schmutzig, gefährlich. Und doch war ich hier, inmitten all der Hässlichkeit, von der man mich bisher so sorgsam ferngehalten hatte, und war schutzlos den sensationslüsternen, verachtungsvollen, rachedürstenden Blicken ausgeliefert, die mir das Fleisch von den Knochen zu reißen drohten. Ich, die ich bis dahin so gekonnt den Augen der Welt entzogen worden war, stand nun zusammen mit meiner Muttersmutter auf einem erhöhten Podest, das die Tribüne noch überragte, auf der die übrigen Neolys aufgereiht waren wie eine bizarre Menagerie, die man zur Belustigung – nein, zur Befriedigung – des Volkes zusammengetrieben hatte und deren Herzstück die Nembdr-Gebärerin und die Nembdr-Brut waren. Eine robuste Witwe mit langem Silberhaar und kräftigen Händen und ein zu kleines, zu zierliches Mädchen mit zu schrägen Augen. Beide hätte man wohl noch einen Tag zuvor keines zweiten Blickes gewürdigt, wäre man ihnen auf der Straße begegnet; heute jedoch drückte ihnen die Blutsverwandtschaft zu der Abnormität ein Schandmal auf.

Nach Halt suchend umkrallte ich zwei Finger meiner Muttersmutter, deren andere Hand beruhigende Kreise auf meine Schulter streichelte, die so sinnlos waren, wie sie für sie schmerzvoll sein mussten. Nur zu gut konnte ich mir die Pein in den Augen Synnda Pánns vergegenwärtigen, als sie zwei Tage zuvor in der Trutzburg angekommen war. Zum ersten Mal hatte ich da die Bedeutung dieses Wortes begriffen, Pein, und ich hatte mich nutzlos danach gesehnt, etwas sagen zu können, das den Schmerz dieser sanften Frau lindern würde, dieser Frau, die von dem Künstlerplaneten Yallchá gekommen war, um ihre Tochter sterben zu sehen, dieser Frau mit den kräftigen Töpferhänden, die ich kaum kannte und die doch die Mutter meiner Mutter war.

Hier sitz’ ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, weinen,

Genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich.

Ich schüttelte mich, um die Gedichtzeilen aus meinem Kopf zu bekommen, die belanglos waren jetzt und keinen Sinn machten, aber nichts ergab mehr Sinn.

»Es ist gut, Kind«, sagte Synnda Pánn in meinem Rücken, als wüsste sie nicht, dass das Wort ›gut‹ nichts mehr bedeutete. »Bald ist es vorbei.«

Ihre Finger verkrampften sich um meine Schultern bei ihren eigenen Worten, krallten sich in den gelben Stoff meines Kleides, das Synnda Pánn an diesem Morgen selbst für mich ausgesucht hatte, als könnte es die Menge hasserfüllter Nchrynnai darüber hinwegtäuschen, dass ich die Tochter einer Nembdr war, die Tochter der Baummörderin. Vielleicht war es auch blanker Trotz, der meine Muttersmutter diese lichtumflorte Farbe für uns beide hatte wählen lassen, ein ohnmächtiges Stirnbieten im Angesicht der Mörder ihrer Tochter, der eigenwillige Widerstand einer einfachen Töpferin gegen das gesamte Reich. Synnda Pánn hatte ein Rückgrat aus Fels, und wenn sie am Zusammenbrechen war, dann würde niemand etwas davon sehen. Ich jedoch, ich hatte nicht vorgehabt, irgendjemandem sinnlosen Widerstand zu leisten. Ich fühlte mich winzig, umgeben von der ganzen überbordenden Pracht des Memnáh, die auf den Großen Platz drückte wie steingewordene Geschichte, Berufenenpalast, Einheitstempel und Gründerdenkmal. Und doch gab es etwas in mir, das wohl über die Fingerspitzen meiner Muttersmutter in mein Inneres gesickert sein musste und das über die phallische Architektur abfällig die Nase rümpfte. Es war in diesem Teil meines Selbst, wo kalte Verachtung die Angst überwog. Dazwischen, zwischen Entsetzen und Kälte, gab es nichts.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand, an meine Großmutter gelehnt, mit der wogenden Masse zu meinen Füßen, die ich mich weigerte, als eine Ansammlung empfindungsfähiger, atmender Wesen anzuerkennen. Ich versuchte, den schmutzig-grauen Scheiterhaufen aus getrocknetem Pilzgewächs zu ignorieren, unfähig zu begreifen, dass irgendwann in der nächsten Mnega meine Mutter dort stehen und brennen würde. Stattdessen suchte ich unter den Neoly-Männern, die in vorderster Front auf der schmachvollen Tribüne standen, immer und immer wieder meinen großen Bruder, der nicht weit von unserem Podest in die geifernde Menge blickte, das Gesicht kalkweiß. Er stand zwischen meinem Vater und dem alten Neoly, die beide eine identische steinerne Miene zur Schau trugen. Ihre Augen wirkten wie glänzender Obsidian. Ich wusste, dass mein kleiner Bruder irgendwo weiter hinten bei meiner anderen Großmutter stand, aber nach ihm suchte ich nicht; mir war klar, würde ich seinen Blick einfangen, würde ich die Tränen nicht zurückhalten können, und die Befriedigung, mich weinen zu sehen, wollte ich keinem einzigen dieser Bastarde geben, die gekommen waren, um meiner Mutter beim Sterben zuzuschauen. Ab und zu starrte ich auch hinüber zum Tempel der Göttlichen Einheit mit seinen großen Flügeltüren. Das doppelklingige Schwert des Wy prangte auf der einen Seite und die zerbrochene Ährenkrone der Lchnadra auf der anderen, das verschlungene Zeichen der Einheit in der Mitte. Mir war, als hätte ich vergessen, was das alles bedeutete. Mir war, als hätte ich es nie gewusst.

Schließlich, nachdem ein starker Wind aufgekommen war, der über die Menge fuhr und mich in meinem Kleidchen frieren ließ, schwangen die Türflügel auf. Stille, wieder diese Stille, senkte sich über den Großen Platz, als Ktorram Asnuor heraustrat, Mnuran Sna zu seiner Linken. Sie wurden gefolgt von einer Riege Wypriester, die eine gebundene, schwarzgekleidete Frau flankierten. Vereinzelte geschriene Verwünschungen durchbrachen die unnatürliche Lautlosigkeit beim Anblick der Baummörderin, doch nur seltsam wenige, als sei den Leuten erst in diesem Moment bewusst geworden, dass es hier tatsächlich darum ging, eine lebende, fühlende Nchrynna den Flammen zu überantworten. Vielleicht waren sie aber auch mit Stummheit geschlagen vor Entsetzen, welches Ausmaß an Bösem sich in Fleisch und Blut verbergen konnte, in der Gestalt einer feingliedrigen Frau mit gebundenen Händen und gesenktem Haupt.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die kleine Prozession beim Scheiterhaufen anlangte. Als die Wypriester die schwarzgekleidete Frau an den Pfahl banden, der aus den Kness-Garben herausragte, schloss ich die Augen. Doch das anschwellende Dröhnen der aus ihrer Erstarrung erwachenden Menge konnte ich nicht aussperren.

»Sieh hin, Kind«, hörte ich die Stimme meiner Muttersmutter durch das Dröhnen hindurch. »Du musst hinsehen!«

Das Kalte in mir gab ihr recht. Es war Gesetz, dass die Familie einer Nembdr bei deren Hinrichtung Zeuge zu sein hatte, ganz besonders ihre weiblichen Nachkommen, da es hieß, dass diese Erfahrung das einzige Mittel sei, den Einfluss der Dechalsdienerin auszubrennen. Ich wurde nicht allein von der nach Genugtuung und Sensationen lechzenden Menge beobachtet. Nur mein Status als Tochter der Großen Alten hatte mir eine offizielle Befragung durch die Wypriester erspart, aber niemand konnte vorhersagen, was passieren würde, sollte ich Ktorram Asnuor und den Seinen einen Grund geben, an meiner Wyergebenheit zu zweifeln. Und so sah ich zu, wie die schwarzgekleidete Frau an den Pfahl gefesselt wurde, wie die Priester den Kness mit Öl tränkten und wie die Mörder meiner Mutter auf die Tribüne stolzierten, als wären sie Wys größtes Geschenk an die Nchrynnai. Die Menge jubelte Sna und Asnuor zu, doch ich sah auch Leute, die sich abwandten und versuchten, sich durch die Masse an Leibern zu kämpfen, um den Großen Platz zu verlassen. Einige Frauen vergruben ihre Gesichter an den Schultern ihrer Männer, und ich fragte mich, was sie hier zu suchen hatten, wenn sie nicht gekommen waren, um die Baummörderin brennen zu sehen.

Ehe ich eine Antwort finden konnte, forderte die unwiderstehliche Stimme des Obersten Priesters meine Aufmerksamkeit; selbst jetzt, da ich hasste, was sie sagte, schlug sie in mir eine Saite an, gegen deren Schwingen ich mich nicht wehren konnte. Sie sprach wieder über den furchtbaren Frevel, der begangen worden war und das Memnáh in seinen Grundfesten erschüttert hatte, und sie dankte dem Ersterschaffer dafür, dass die widernatürliche Dechalsdienerin entdeckt worden war, damit sie und ihre Wyvergessenheit aus der Welt gebrannt werden konnten. Die Menge jubelte wieder. Meine Kälte verachtete sie, mein Entsetzen fürchtete sie, und ich hasste sie. Die Stimme aber sagte, nein, heute sei kein Tag des Jubels, sondern ein Tag der Trauer, denn ein Kind der Einheit an den Göttlichen Gegner zu verlieren, sei immer einer Niederlage für das gesamte Memnáh. So widernatürlich die Nembdr auch sei, die dort auf dem Scheiterhaufen auf ihre Strafe warte, sei sie doch einst eine Tochter des Höchsten gewesen. Und aus irgendeinem Grund – das war das Seltsamste – glaubte ich der Stimme die Trauer, die in ihren samtenen Tiefen lag, und die Menge tat es auch, denn es wurde wieder ganz still. Doch irgendwo begann ein langgezogener Schrei in den Himmel zu steigen, der nicht mehr abbrechen wollte, auf den jedoch niemand reagierte. Er war schrill und hoch, der Schrei, und ging mir auf die Nerven, weil er mein Herz zerreißen wollte, das ich doch noch so notwendig brauchte für die schwarze Frau auf dem Scheiterhaufen, die in ihrem Dechalsgewand reglos auf dem schmutzig-grauen Kness stand und ins Nichts starrte. Es war, als wäre sie gar nicht da, und für einen Moment beneidete ich sie um ihre stoische Ruhe. Doch ich hatte sie immer bewundert und beneidet, diese Frau, die alles war, was ich nicht war, streitbar und stark und standhaft. Und die Stimme sprach davon, wie das Feuer das Herz der Frau und deren Familie reinwaschen könne, und dann redete die Stimme von der Macht des Blutes, denn Blut sei Leben und das sei das Gegenteil des Todes, und auch das Blut wasche uns rein, und sie sagte: »Blut das Blut von seinem Blut vergießt, um die Sünden des Blutes zu tilgen, findet Gnade vor Wy.« Kenntyrr, sagte die Stimme immer und immer wieder, denn das ist es, was ›Blut‹ in meiner Sprache bedeutet, und ich hörte meine Muttersmutter laut Atem holen und ein »Der Einheit sei Dank« ausstoßen, das ich einen Moment lang nicht verstand – für einen viel zu langen Moment, in dem sich garstige Hoffnung in mein Herz einzunisten begann, die wahnwitzige Hoffnung, dass meine Mutter doch irgendwie noch überleben könnte. Dann aber begriff ich, dass Ktorram Asnuor nicht länger von Blut, von Kenntyrr, im eigentlichen Sinne redete, sondern von jenem Dolchstoß ins Herz, mit dem ein Verräter seine Ehre vor Wy zurückgewinnen kann, oder von jenem Kehlenschnitt, mit dem ein Mann aus der Familie einer Nembdr der verdammten Frau Gnade vor dem Allerhöchsten erwirkt – und ihr einen qualvollen Tod in den Flammen erspart. Die Hoffnung in meinem Herzen starb in ihren Kinderschuhen, doch gleichzeitig stimmte ich mit jeder Faser meines Ichs in das Dankgebet meiner Muttersmutter ein. Wenigstens würde der Dechalssohn, der sich Oberster Priester schimpfte, der Frau auf dem Scheiterhaufen einen schnellen Tod gewähren; selbst ich wusste, dass dies alles an Gnade war, was von ihm zu erwarten war.

Doch während Ktorram Asnuor die Reihen der Neoly-Männer abschritt und jedem einzelnen von ihnen die rituelle Frage nach seiner Bereitschaft stellte, der Nembdr das Kenntyrr zu gewähren, musste ich erkennen, dass es wohl mehr an Gnade war, als die Neolys bereit waren, der Abnormität aus ihren eigenen Reihen zu erweisen.

Es war wie ein Schlag in die Magengrube, eines ums andere Mal, als jene Männer, die ich schon mein ganzes Leben lang kannte, denen ich unzählige Male Wein gebracht hatte, die mich in die Luft gewirbelt hatten, als ich klein war, deren angeregten Gesprächen ich mit aufgesperrten Ohren und offenem Mund zugehört hatte, während sie so taten, als würden sie mich nicht bemerken – als einer nach dem anderen meiner Vettern und Onkel den bohrenden Blick des Obersten Priesters augenblickskurz erwiderte, nur um dann den Kopf zu senken und einen Schritt zurückzutreten. Ich hörte den schweren Atem meiner Muttersmutter in meinem Nacken, obwohl die Menge zu unseren Füßen immer unruhiger wurde, während mir Unglauben und Fassungslosigkeit die Augen weiteten und die Kehle zuschnürten. Großonkel Sekkar (komm schon, Onkelchen): der kurze Blick und ein Schritt zurück. Quescnarm (was du tust, weiß ich, du Bastard): der Schritt zurück, ohne auch nur aufzublicken. Zernteyb (oh, bitte, Onkel Zeb, reiß dich zusammen, es geht hier um Lys, du weißt schon, um Lys, so anders als deine weiche Teggri, Lys, die einst Glut hatte in ihrem Blick und die Stärke der Erde in ihrem Gang): ein Blick voller schmerzhaftem Zögern und dann der verzagte Schritt zurück. Mein Vater … Meine Hände krallten sich in die Brüstung unseres Prangers. Nadahn!, schrie mein Herz, wie ich meinen Vater nicht mehr genannt hatte, seit ich ein Kleinkind gewesen war, und für einen Moment war alles vergessen, was er getan hatte, ich sah nur, dass da mein Vater stand, der alles gutmachen würde.

»Charrann Kenntyrr«, fragte Ktorram Asnuor. Die Frau ist des Mannes … »Seid, Ihr bereit, Morrtahn, Euer Blut zu vergießen«, … denn er sei ihre Welt, und ihre ganze Welt sei sein …, »dem Ersterschaffer zu Ehren und Seine Gnade zu erlangen«, … und Mann und Frau seien Eins bis ans Ende der Zeit …, »für diese Tochter Dechals, um sie dem Nichtsein zu entreißen?«

Die bodenlosen Augen meines Vaters starrten direkt in die durchscheinenden des Obersten Priesters, und es schien, als würde eine Botschaft ausgetauscht, und ich meinte, Widerstand zu erkennen in dem dunklen, dunklen Blick, und dann trat mein Vater mit unbewegter Miene einen Schritt zurück. Ein kollektiver Ausruf des Schocks ging durch die Menge, und ich glaube, mein Herz blieb einen Moment lang stehen, doch dann begann es zu rasen, denn neben meinem Vater stand Vairrynn.

»Nein«, flüsterte ich, »nein!«

Der ununterbrochene Schrei, der in den Himmel stieg, wurde lauter und schriller, und noch immer tat niemand etwas dagegen. Ktorram Asnuor stand meinem Bruder gegenüber, und die beiden hellen Augenpaare verbissen sich ineinander. Der gesamte Große Platz schien den Atem anzuhalten, als sich der Moment immer mehr in die Länge zog, ohne dass sich einer der beiden Männer rührte. Mein Bruder wurde noch blasser als er ohnehin schon gewesen war, aber er zuckte noch nicht einmal mit der Wimper, während ihn der Blick des Obersten Priesters zu verschlingen schien.

»Charrann Kenntyrr«, fragte Ktorram Asnuor schließlich, und die Stimme war wie flüssiger Samt. Ich sah, wie die Kiefer meines Bruders sich verkrampften und seine Hand zu seinem Gürtel fuhr, und dann zog er seinen Kschurr, und die Menge seufzte, und der Oberste Priester lächelte, ach, so weich, und das Lächeln legte sich um meine Kehle wie eine Würgeschlinge. Hätte ich es benennen sollen, ich hätte es Stolz genannt.

»Nein!!«, schrie die Frau auf dem Scheiterhaufen, und Nein!, schrie jede Faser meines Ichs, denn ich wusste, ich würde meinen Bruder verlieren, würde er der Verurteilten den Gnadentod geben. Vairrynn öffnete bereits den Mund, doch da trat mein Großvater vor, den eigenen Kschurr schon gezogen und antwortete an seiner Stelle: »Kenntyrr Charrann.«

»Der Einheit sei Dank«, seufzte meine Muttersmutter wieder, und ich begann von Neuem zu zittern. Der Schrei wurde wieder ein wenig leiser, klang jetzt eher wie ein Wimmern. Der Oberste Priester sah den alten Neoly einen Moment lang mit hochgezogenen Brauen an, als würde er tatsächlich in Erwägung ziehen, es dem Patriarchen zu verwehren, den Platz seines Enkels einzunehmen. Doch dann nickte er huldvoll. Ich glaube, ich habe ihn nie mehr gehasst als in diesem einen Augenblick.

Während der alte Neoly zum Scheiterhaufen hinüberschritt, beobachtete ich hämmernden Herzens die regungslose Gestalt meines Bruders. Vairrynn stand da vor der starrenden Menge wie gefroren, den Kschurr noch immer in der Hand und blankes Entsetzen im Gesicht. Plötzlich sackte er regelrecht in sich zusammen. Vater war einen Augenblick später an seiner Seite, um ihn zu stützen. Im ersten Moment sah Vairrynn ihn dankbar an, doch dann verschloss sich seine Miene, als wäre eine Tür in seinem Gesicht zugefallen, und er befreite seinen Arm ruckartig aus dem Griff meines Vaters. Ich konnte den letzten Blick nicht ausmachen, den Vairrynn Vater zuwarf, welcher Ausdruck in den hellen grauen Augen lag, aber ich sah den jähen Zorn im Gesicht meines Vaters und etwas, das an Abscheu grenzte.

An jedem anderen Ort und zu jeder anderen Zeit hätte mich dieser stumme Austausch zutiefst verstört. Hier und jetzt jedoch hatte ich einfach kein Erschrecken mehr übrig. Denn mein Großvater hatte den Scheiterhaufen erklommen und war vor der Frau im Dechalsgewand zum Stehen gekommen. Stumm sahen sie sich an, der Alte und die Frau, und ich glaubte, sie lächeln zu sehen, was nicht sein konnte. Ein Raunen wie Wind im Gezweig ging durch die Menge, als der Alte das Heft seines Kschurrs an die Stirn drückte und seinen Kopf neigte vor der Frau in einer universellen Geste der Hochachtung. Dann war seine Hand in ihrem Haar und schneller fast, als das Auge folgen konnte, fuhr die glänzende Klinge durch die Kehle der Frau. Ein Strom von Rot ergoss sich über das schwarze Kleid, und wenn ihr Körper noch versuchen wollte, sich ins Leben zu bäumen, so hinderten ihn die Fesseln daran, die ihn an den Schandpfahl banden. Doch erst als der Kopf der Frau schließlich leblos zur Seite fiel, begriff ich, dass die Tote da am Pfahl meine Mutter war.

»Mama«, wimmerte ich, aber es hörte niemand über dem Getöse der Menge. Unirdisch gellte der Schrei in den Himmel, und auch den hörte niemand. Die Drachenkämpferin war tot, und die Menge jubelte. Und der Drache stand stolz auf seiner Bühne mit ernster Miene, die ein Grinsen verbarg. Aber dann sah ich, wie ihm für einen Moment das Gesicht entglitt, als sich ein rhythmisches Singen durch den Jubel zu schieben begann, ein Singen aus wehmütigen weiblichen Kehlen, ein Lied an die Mutter Lchnaachdra, die ihr Kind heimholt in ihren Schoß. Es war ein Trauerlied, aber es war auch ein Lied über die sanfte Siegerin Tod, und es lag über dem Großen Platz an jenem Tag wie der rote Mantel der Allbezwingerin und schwoll immer mehr an, bis es die Jubelschreie derer zu ersticken drohte, die die Vernichtung der Baummörderin feierten. Ich weiß, ich sang es auch durch meine Tränen, und Vairrynn sang es, mein kleiner Bruder, meine Muttersmutter und die Frauen in der Menge, die geweint hatten, als sie meine Mutter gesehen hatten, und die Männer in der Menge, die jene Frauen in ihre Arme genommen hatten, und vielleicht sangen es ja die Neolys auch. Es brandete gegen die Masse von Nembdr-Hassern und ließ den Drachen auf der Bühne mit den Zähnen knirschen. Mit harscher Geste befahl er die Entzündung des Scheiterhaufens.

Das Lied gefror in meiner Kehle, als der getrocknete, ölgetränkte Kness aufflammte wie ein Strohfeuer, um zu verschlingen, was von meiner Mutter noch geblieben war, die Arme, die mich so fest gehalten hatten, die ruhigen Hände und die starken Augen, der ungebeugte Rücken und das störrisch liebende Herz. All die Wärme und Kälte, zu der meine Mutter fähig gewesen war, ging vor meinen Augen in Flammen auf, und in diesem Moment zählte es nicht, dass sie das Feuer nicht mehr spürte, denn ich fühlte es in meiner Seele, und es verzehrte mich. Der beißende Rauch des Kness-Feuers waberte über den Platz, vermischt mit verbranntem Fleisch und Haar. Ich würgte, aber es half nichts. Mir war, als würde der Qualm durch Mund und Nase in den tiefsten Kern meines Ichs dringen. Das Geräusch der Menge, ihr Johlen und ihr Singen, war nichts mehr als ein leises Summen, und die Hände meiner Muttersmutter waren Lichtjahre entfernt. Es gab nichts mehr als die lodernden Flammen und den zuckenden Schemen in ihrer Mitte, der sich wand und krümmte, bis aus etwas vage Weiblichem ein riesiges Katzentier geworden war aus Feuer und aus Dunkelheit. Es öffnete sein Maul zu einem herausfordernden Gebrüll, doch heraus kaum nur der Schrei, schrill und grell und nicht von dieser Welt, und dann setzte das flammende Katzentier an zum Todessprung, die langen Glieder gestreckt und die Fänge gebleckt. Mitten hinein flog es in mein kleines, feiges Herz. Und ich brannte.


Túnn Sar hatte seinem Sohn rundheraus verboten, nach Murraptaam zu gehen.

»Kein Sohn von mir sollte auch nur in die Nähe einer solchen Abscheulichkeit kommen«, hatte er gesagt.

»Ich bin der einzige deiner Söhne, von dem ich weiß«, hatte Ftonim geantwortet, mit seinem üblichen Witz, aber ohne sein übliches Funkeln.

»Umso ernster ist es mir, Liebling«, lautete die Entgegnung. Ftonim hatte noch das halbherzige Argument angebracht, dass viele der weiblichen Bekannten seines Vaters nach Murraptaam gingen, um ein letztes Zeichen des Respekts für Lys Neoly zu setzen (als er im Nachhinein von dem Lied der Sanften Siegerin hörte, das an jenem Tag ergreifend nutzlos in den Straßen der Hauptstadt erklang, erahnte er zum ersten Mal das ganze Ausmaß der hilflosen Tapferkeit der Töchter der Lchnadra). Doch Túnn Sar hatte noch einmal bestimmt mit dem Kopf geschüttelt.

»Was glaubst du, wie nützlich du deinen Freunden sein kannst, wenn du selbst völlig traumatisiert bist?«, meinte er, und das hatte es entschieden: Ftonim sah Lys Neoly nicht brennen. Zwei Nächte später dankte er im Stillen der Göttlichen Einheit und seinem Vater dafür, als er in Pektays Bett die ganze grauenvolle Angelegenheit aus erster Hand erzählt bekam und vergebens versuchte, die Tränen seiner Augenweide mit Küssen zu trocknen. Doch in jenen Mnegau hasste es der junge Sar, unnütz im Haus seines Vaters herumzusitzen, während er an nichts anderes denken konnte als an Vairrynn und Myn und Lys und Vairrynn.

Schließlich, nachdem er seine Skenty fast vor Frustration am Stamm seines Unheiligen Baumes zerschmettert hätte, schnappte er sich einen dichtgewebten Umhang und marschierte hinunter an den Strand. Es war erst Anfang der Sturmzeit, doch der Wind fegte schon beißend über das Meer und besprühte ihn mit Gischt. Ftonim empfand die zornige Kälte als belebend und konnte zum ersten Mal an diesem Tag frei durchatmen. Die Kargheit von weißem Sand, schwarzem Stein und grauem Meer-Himmel beruhigte seine Sinne, und eine willkommene Leere breitete sich in seinem Geist aus. Angesichts des Knirschens des Sandes unter seinen Stiefeln und des Dröhnens der Brandung in seinen Ohren erschien das, was gerade in Murraptaam passieren musste, ganz und gar unwirklich und der Flug der Seevögel über dem Wasser als das Wichtigste auf der Welt.

Ftonim sang leise vor sich hin, während er über den Sand stapfte, leichtherzig-schwermütigen Unsinn ohne Zweck und Ziel. Er machte sich nie die Mühe, die Lieder niederzuschreiben, die zu solchen Stunden aus seiner Seele tropften. Sie waren wie der Wind und die Wellen: ewig und augenblickshaft zugleich. Außerdem war er nicht verblendet genug, um zu glauben, dass sie irgendetwas wert seien.

Wie von selbst lenkten ihn seine Schritte zum Küstenhaus Eftnek Neolys. Fest in seinen Umhang gewickelt, stand Ftonim am Fuße der schwarzen Klippe und starrte hinauf zu der beigefarbenen Villa, deren Ostfront gerade so vom Strand aus zu erkennen war. Er mochte dieses Haus, seinen pompösen Dimensionen zum Trotz, denn es zeugte vom erlesenen Geschmack seiner Bewohner. Einst hatte es auch von Wärme und Liebe gezeugt, aber das war lange vorbei und vielleicht immer nur eine Lüge gewesen. Ftonim hatte nichts anderes, um dies zu beurteilen, als die Ansichten seines Vaters über Lys und Eftnek Neoly, und ihm war klar, dass diese alles andere als neutral waren. Ausgerechnet in diesem Moment stellte sich ihm die Frage, ob die Beziehung seines Vaters zu dem Holzsteinschnitzer und dessen Frau eigentlich über die unvermeidliche Verbundenheit der Reichen und Schönen hinausging und ob Túnn Sar wohl Nohaín und Sannáh Sxarram gekannt hatte.

Ftonim runzelte die Stirn ob seiner eigenen verworrenen Gedankengänge und vergaß sie gleich wieder, als er eine wohlvertraute Gestalt die zahllosen Stufen hinunterhetzen sah, die vom Anwesen des Holzsteinschnitzers die Klippe hinunter an den Strand führten. Also waren die Neolys schon wieder zurück. Es war vorbei.

Regungslos beobachtete Ftonim den Klippenläufer und fühlte sich mit einem Mal so leer, dass es schmerzte. Vairrynn bemerkte Ftonim nicht, selbst als er am Fuß der Klippe angekommen war, hetzte nur weiter über den Strand, als wären alle Dämonen des Nichtseins hinter ihm her, bis er die Brandung erreichte und auf Knie und Hände fiel. Selbst von dort, wo er stand, konnte Ftonim sehen, dass Vairrynns Körper von Krämpfen geschüttelt wurde, während das Meer um seine Hände und Knie schäumte und die Gischt ihn von oben bis unten durchnässte. Der junge Sar rannte genau in dem Moment los, da sein Freund sich, Gesicht zuerst, fallen ließ. Der nächste Brecher schlug rollend über Vairrynns Kopf zusammen, und Ftonim lief schneller. Das rückläufige Wasser ging ihm bis an die Hüfte, als er meinen Himmelsreiter aus dem Wasser zog, der nicht einmal sonderlich nach Atem rang, während Ftonim ihn ein Stück den Strand hinaufschleppte. Er ließ Vairrynn in den Sand fallen, nur um ihn dann sofort wieder in seine Arme zu ziehen.

»Großer Wy, was machst du denn, Errodd?« Panik und Unglauben verflochten sich in seiner Stimme. Die Hände meines Himmelsreiters krallten sich in Ftonims Oberschenkel, während sich sein Körper aufbäumte. Ftonim biss die Zähne zusammen und hielt Vairrynn so fest, wie er nur konnte. Er hatte mehr Angst als jemals zuvor in seinem Leben. Hilflos strich er seinem Freund das patschnasse Haar aus den Augen und erstarrte. Unnatürlich geweiteten Pupillen und dieser süßlicher Geruch, der in der Nase stach …

Lauthals fluchend zog Ftonim Vairrynn auf die Füße und in Richtung des Wassers, aus dem er ihn gerade erst gerettet hatte. Es war alles andere als einfach, Vairrynn – größer und schwerer als Ftonim und völlig unkoordiniert – wieder ins Wasser zu ziehen, aber Ftonim war nichts, wenn nicht entschlossen. Er schaffte es, dass sie beide in den eisigen Wellen landeten, und dann tauchte er Vairrynns Kopf ein ums andere Mal unter, bis mein Himmelsreiter schließlich zu husten und zu spucken anfing und sich an Ftonim festklammerte wie ein Frn-Baby an seiner Mutter. Der junge Sar selbst fluchte die ganze Zeit über wie ein Weltraumtrödler. Er hatte keine Ahnung, wie und warum – irgendwie hatte er Schwierigkeiten, zu glauben, dass Vairrynn seiner Mutter beim Sterben zusehen würde und hinterher nichts anderes zu tun hatte, als eine Nase voll frischem Kness-Rauch zu nehmen – aber sein Errodd war vollkommen zugedröhnt. Und deswegen hielt Ftonim jetzt ein zitterndes und bebendes und, nicht zu vergessen, patschnasses Bündel im Arm, das entweder versuchte, die Tränen zurückzuwürgen, die ihm nichtsdestotrotz übers Gesicht liefen, oder ernsthaft in Erwägung zog, seinen Mageninhalt loszuwerden.

»Untersteh dich, Vairrynn Sxarram Neoly!«, keuchte Ftonim, als er auf dem ansatzweise trockenen Sand zusammenbrach, Vairrynn halb über ihm liegend. Er schüttelte seinen Freund ein wenig wie die Katze ihr Junges, erstarrte jedoch, als Vairrynn sein viel zu heißes Gesicht in seiner Brust vergrub.

»Mach, dass es aufhört, Ftom«, murmelte er, und es schnürte Ftonim die Kehle zu. »Sag ihnen, sie sollen aufhören!«

Ftonim schloss die Arme wieder um Vairrynns bebenden Körper und begann, sich und meinen Himmelsreiter hin und her zu wiegen. »Schhh, Errodd, ist ja gut, ist ja gut, schhh.«

Vairrynn schüttelte wild den Kopf in seinen Armen. »Sie sind in meinem Kopf, Ftom, alle, alle, alle! Jeder einzelne … Oh Wy, Ftom, es sind so viele. Mach, dass es aufhört! Geht raus, geht raus, geht raus, geht raus …«

»Schhhh, schhhh, sie sind weg, Errodd. Sie sind jetzt alle weg.«

Doch Vairrynn schüttelte weiter den Kopf, und Ftonim konnte nichts anderes tun als seinen Freund festhalten, während dessen Körper von etwas gebeutelt wurde, von dem Ftonim hoffte, dass es Kness-induzierte Halluzinationen waren. Im Grunde jedoch wusste er es besser. Es drückte Ftonim das Herz ab in der Brust, während unzusammenhängende Worte aus dem Mund meines Himmelsreiters stürzten über die Menge in seinem Kopf, stampfend und dröhnend, und über Wut, Wut, Wut, Wut, Wut, und all der Schmerz, zornig und rot, und qualvolle Freude, unerträglich, und Abgründe, so tief, und Schatten, Schatten, nichts als Schatten, und dann war da Nichts und nein, bitte, bitte, zu viel, zu viel, ich hab nicht genug Platz in mir, ich bin nicht viele, zu weit gespannt, viel zu weit, bitte nicht, nicht mehr, mehr nicht, mehr nicht, mehr nicht, mehr nicht, mehr nicht … An diesem Punkt löste Ftonim mit all der sanften Gewalt, die er aufbringen konnte, Vairrynns Arme von seinem Nacken, umschloss sein Gesicht mit den Händen und blickte ihm fest in die Augen. Vairrynns Pupillen waren immer noch viel zu weit.

»Sie sind weg, Errodd! Sieh mich an, komm schon! Mich! Ich bin hier, niemand sonst. Sieh mich an!«

Ein paar qualvolle Atemzüge lang blieb Vairrynns Blick noch völlig unfokussiert. Dann jedoch, als sei plötzlich ein Schloss eingeschnappt, verschränkten sich die hellen grauen Augen mit denen Ftonims. Vairrynns Finger schlossen sich um die Unterarme seines Freundes, und gleichzeitig war Ftonim, als würde jemand seine Seele in die Hände nehmen. Er musste jede Unze an Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht zurückzuzucken. Etwas, nein, jemand, tastete federleicht über seine Angst. Wie aus der Ferne hörte er ein vielstimmiges Schreien und Lachen und Weinen, und er kämpfte seine Panik zurück. Wieder spürte er das federleichte Tasten, und diesmal ging es tiefer. Es war wie eine Frage, und Ftonim nickte, mit allem, was er war. Behutsam nahm das Tasten einen winzigen Bruchteil von dem an sich, was es in ihm fand. Es war der erste Kuss mit der Bäckerstochter Gyllta, die so weich und leicht war wie das Brot, das sie buk, und vielleicht eines jener unzähligen tiefen Gespräche mit seinem Vater. Ftonim war es egal. In diesem Moment hätte er noch mehr gegeben.

Mit einem tiefen Seufzen sackte Vairrynn neben ihm auf dem kühlen Sand zusammen, und Ftonim kehrte blinzelnd in die äußere Welt von Wind und Wellen zurück. Sein Selbst so unsicher wie ein neugeborenes Fohlen nach allem, was gerade passiert war, berührte Ftonim vorsichtig das in sich zusammengesunkene Häuflein, das sein bester Freund war. Vairrynn rollte sich schwach zur Seite und blinzelte zu Ftonim hinauf, sein Blick bewusst, wenn auch noch etwas Kness-vernebelt.

»Danke«, sagte er einfach, doch sein Griff um Ftonims Hand war so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Ftonim wiederum blickte ihn an, als hätte er ihn noch nie zuvor gesehen.

»Gern geschehen«, sagte er nach einem Moment mit einem leichten Lächeln, das er Vairrynn zuliebe auf seine Lippen zwang. In Wahrheit jedoch war ihm alles andere als zum Lächeln zumute: Ftonim Sar hatte ein riesengroßes Problem. Und jetzt, da er die Hand seines besten Freundes hielt, der bis auf die Knochen durchnässt im weißen naharmbranischen Sand lag, wusste er das auch.


Die Oase nistete zwischen den riesigen Dünen, ein kleiner Fleck von Leben in einer Unendlichkeit aus rollendem, weißgoldenem Nichts. Die Luft war trocken und so rein, wie sie es nur auf Yallchá sein konnte. Sie mochte der Grund dafür sein, dass es den Yallchanern so schwerfiel, auf anderen Planeten frei zu atmen. Hinter einem Haus am Rand der Oase, im Schatten eines breitblättrigen Gewächses, saßen zwei junge Frauen, eine an einem Webstuhl, die andere vor einer Leinwand, auf der ihr Pinsel weiße, schwarze und graue Wirbel zog, deren Augen in der Mitte des Gemäldes zusammenliefen.

»Herzerwärmend, Ahn«, meinte die Rothaarige am Webstuhl mit einem Blick auf das halbfertige Werk ihrer Freundin. Die Schwarzhaarige legte daraufhin den Kopf schief in einer seltsam vogelartigen Bewegung und antwortete mit einem unbestimmten »Hmmm«. Lys Pánn schüttelte lächelnd den Kopf und wandte sich wieder ihrem eigenen glanzvogelbunten Teppich zu. Die Zeiten, da die Gemälde ihrer Freundin sie beunruhigt hatten, waren längst vorbei.

Eine Weile saßen die beiden jungen Frauen schweigend nebeneinander und arbeiteten versunken an ihren jeweiligen Schöpfungen. Plötzlich schwang die Hintertür des Hauses auf, und Synnda Pánn trat in die heimelige Hitze des späten Nachmittags hinaus. Lys blickte von ihrer Arbeit auf und ihrer Mutter begierig entgegen. Die Witwe erwiderte die Erwartung in den Augen ihrer Tochter mit unbewegter Miene.

»Gerade war ein junger Mann bei mir, um mit mir zu sprechen«, sagte sie nach einem Moment. Lys’ Gesicht leuchtete wie eine Kerze, doch die Miene ihrer Mutter veränderte sich nicht, und das Strahlen verdunkelte sich.

»Was hast du zu ihm gesagt?«

»Ich habe ihm noch keine konkrete Antwort gegeben.« Synnda Pánn konnte sehen, wie ihre Tochter regelrecht in sich zusammenfiel, und seufzte. »Lys, Liebling, bist du dir sicher, dass es das ist, was du willst?«

Das eifrige Nicken ihrer Tochter brach der Töpferin fast das Herz.

»Mama, ich liebe Eftnek Neoly!«

Wieder seufzte Synnda Pánn. »Das mag ja sein, Kind, aber du weißt nicht, worauf du dich da einlässt. Er ist der Erste Sohn einer Großen Alten Familie. Er stammt aus dem Zentrum des Reiches! Du hast keine Ahnung, was das bedeutet.«

»Mama, du weißt doch selbst, dass Eftnek nicht so ist wie die anderen Murrapynnai!«

Die Nordlerin an Lys’ Seite lachte tirilierend. »Hast du gerade wirklich deinen Herzallerliebsten einen ›Reichling‹ genannt? Du verbringst eindeutig zu viel Zeit mit Nohaín und mir, Lys Feuerstein.«

Lys funkelte ihre Freundin an. »Nicht jetzt, Ahn! – Mama, schon allein, dass Eftnek genug über die Bräuche auf Yallchá wusste, um dich um meine Hand zu fragen, zeigt doch, wie aufgeschlossen er ist. Und er hat mir meine Freiheit versprochen!«

»Und was hast du ihm als Gegenleistung versprochen?«

»Respekt«, antwortete sie und schob das Kinn vor. Wenn ihre Mutter auf einen Kampf bestand, dann sollte sie ihn haben. Lys Pánn hatte schon ihr ganzes Leben genau gewusst, wenn sie etwas wollte, und jetzt war das Eftnek Neoly.

Die Töpferin stieß ihren dritten Seufzer aus. »Liebling, ich will ja gar nicht an ihm zweifeln – oder an dir. Aber du wirst nicht nur Eftnek heiraten, sondern auch seine Familie. Eine der Großen Alten! Dafür habe ich dich nicht erzogen, Lys.«

»Hier sitz’ ich, forme Menschen Nach meinem Bilde«, sagte die Nordlerin in ihrem Singsangton, und kleckste einen schwarzen Punkt auf ihre Leinwand. »Sei vorsichtig, Töpferin.«

Synnda Pánn blickte die Malerin mit sanftem Tadel an. »Sannáh, Schatz: Lys und ich führen gerade ein sehr wichtiges Gespräch. Und ich werde dich jetzt sicher nicht fragen, wie du auf die Idee kommst, ich würde Terraner töpfern wollen.«

Sannáh summte ein wenig, ohne auf die Rüge einzugehen. »Der Holzsteinschnitzer liebt Lys wie verrückt.«

»Ja«, entgegnete die Töpferin trocken. »Das habe ich inzwischen begriffen.«

Lys dagegen betrachtete ihre Freundin mit verengten Augen. »Willst du mir irgendetwas sagen, Ahn?«

Sannáh ließ nachdenklich ihren Pinsel sinken. »Er ist tief wie ein Urwald, der Holzsteinschnitzer. Aber er hat dunkle Wurzeln.«

Lys sackte der Unterkiefer herunter. »Ich dachte, du wärst auf meiner Seite!«

»Wer hat gesagt, dass ich das nicht bin?«

»Und was soll das dann mit den ›dunklen Wurzeln‹? Das klingt, als hätte er irgendein düsteres Geheimnis oder als würde er von innen heraus vergiftet!«

»Das habe ich nie gesagt«, entgegnete Sannáh sanft. »Wieso hörst du mir nicht zu?«

»Meine Tochter ist verliebt, Sannáh«, meinte Synnda Pánn. Die Trockenheit war noch in ihrer Stimme, aber die Härte war aus ihrem Gesicht gewichen. Sie seufzte ein letztes Mal. »Wir können heute Abend mehr darüber reden, Lys. Aber ich möchte, dass du eines gleich weißt: Wenn du ihn wirklich willst, dann werde ich dir nicht im Weg stehen. Natürlich werde ich das nicht. Doch du musst dir darüber im Klaren sein, worauf du dich einlässt.«

Mit diesen Worten wandte sich Synnda Pánn ab und ging zurück ins Haus. Sie hätte es besser wissen sollen, als ein solches Gespräch in Sannáhs Gegenwart zu beginnen. Manchmal fragte sie sich, wie Tante und Onkel Kenntemp mit dem Mädchen überhaupt zurechtkamen, bodenständige Leute, die sie waren. Besagtes Mädchen blickte Synnda Pánn nach und klopfte gedankenverloren mit ihrem Pinsel gegen ihr Knie, der unbekümmert schwarze Farbspritzer auf ihrem hellen Kleid verteilte.

»Wähntest du etwa, Ich sollte das Leben hassen, In Wüsten fliehn, Weil nicht alle Knabenmorgen-Blütenträume reiften?«, sagte sie, wieder in ihrem Singsangton, und Lys rollte die Augen.

»Ahn, du liest eindeutig zu viel terranisches Zeugs. Und glaub ja nicht, dass ich so schnell vergesse, was du über Eftnek gesagt hast. ›Dunkle Wurzeln‹, also wirklich! Und ich mag es nicht, wenn du ihn ›der Holzsteinschnitzer‹ nennst. Er hat einen Namen, weißt du!«

Sannáh wandte ihren ruhigen Blick ihrer Freundin zu. »Du hörst eine Beleidigung, wo es keine gibt, Lys Feuerstein.«

Diese schmollte immer noch ein bisschen, auch wenn sie sich in Wahrheit über ihre Mutter ärgerte, die sie eben wie ein kleines Kind behandelt hatte, und nicht über Sannáh.

»Ich habe dich nie etwas Ähnliches über Nohaín sagen hören – irgendein ominöses Gerede über seine Dunkelheit.«

»Weil er keine hat, Lys. Glaub mir, Nohaín ist nicht das Problem.«

»Aber Eftnek schon, ja?«

»Vielleicht nicht«, entgegnete Sannáh und strich abwesend einen weiteren schwarzen Wirbel in ihr Bild. »Aber ich ganz bestimmt.«

Schwelle

Myn liegt auf ihrem Rücken und starrt hinauf in das begrünte Geäst eines Baumes, der ihr riesig erscheint, obwohl ihr Richard Shelton versichert hat, dass seine Dimensionen für die Erde keineswegs außergewöhnlich sind. Da um sie herum noch eine ganze Reihe weiterer Exemplare derselben Sorte stehen, glaubt sie dem Terraner. Er hat eine Pause vorgeschlagen nach all dem, was sie ihm gerade erzählt hat, und sie hierhergebracht, zwischen die Bäume und ins Grüne. Myn verwundert das nicht. Sie liegt auf einer grauenvoll bunt karierten Picknickdecke, die ihrerseits auf unerhört dichtem, weichem Gras gebettet ist. Die Wiese ist mit winzigen Blumen durchsetzt, die sich stellenweise zu kleinen Grüppchen zusammenfinden, und wirft sanfte Hügelchen, die Myn an ihr heimatliches Meer erinnern. Richard Shelton sitzt neben ihr auf der Picknickdecke und kaut an einem Sandwich, das Myn ihm zuvorkommenderweise übrig gelassen hat. Wenn ihn die Mengen verwundern, die diese entortete Singisin zu verschlingen in der Lage ist, sagt er es nicht. Es wird langsam kühl um die beiden herum, aber keiner macht Anstalten, ihr improvisiertes Picknick abzubrechen. Mich stört die abendliche Kühle auch nicht weiter, und ich lasse mich recht unverblümt neben Richard Shelton auf seiner hässlichen Decke nieder. Unverblümtheit steht mir, und außerdem bin ich zu alt, um meine Gewohnheiten zu ändern. Tod tut, was Tod will. Das war schon immer so. Ich halte mich an die Regeln, das genügt, und so bemerken mich die beiden nicht. Die Blumen neigen sich mir zu, aber das ist auch alles.

Nachdenklich betrachte ich die kleine Myn. Das Leben hat viele Male an dem Feuertierchen hinterlassen. Natürlich sticht mir eines ins Auge, das sie damals schon trug, zu jener Zeit, von der sie ihrem terranischen Zuhörer erzählt. Es hat einen silbrigen Schimmer und ist an einer seltsamen Stelle: hinter ihrem rechten Ohr und schräg den Nacken hinauf. Mein Himmelsreiter hat sie dort viel zu oft berührt, um kein Zeichen zu hinterlassen, schon als sie noch Kinder waren, doch da war die Geste noch unbedeutet gewesen und frei. Ich lehne mich schräg an Richard Shelton vorbei, um sanft über das silbrige Mal zu streichen, und er macht eine scheuchende Geste mit den Händen, als würde ich ihm die Sicht versperren. Er beginnt selbst schon, Zeichen auf ihr zu hinterlassen wie Fingerabdrücke auf Bienenwachs, obwohl er sie noch kaum berührt hat. Ich kichere leise und schnalze mit meinen Knochenfingern gegen sein Ohrläppchen. Ich bin eine alte Frau, ich darf so etwas.

»Schluss damit«, sagt er.

»Hm?«, macht Myn und wendet blinzelnd den Blick von dem raschelnden Geäst zu seinen strahlend blauen, befremdlich menschlichen Augen.

»Du denkst schon wieder daran.«

»Ich denke an gar nichts.« Sie schiebt ein wenig die Unterlippe vor; Myn schmollt nie anders als im Scherz.

»Aber natürlich nicht«, lautet die ironische Antwort. »Du kannst nicht dauernd im Gestern leben, Myn.«

Das Feuertierchen lächelt schief. »Ich weiß, ich weiß. Ich muss meinen Hintern in die Vergangenheit bringen.«

Das Lachen überfällt ihn völlig unerwartet, und es dauert eine Weile, bis er sich wieder gefangen hat. Als es so weit ist, liegt er neben ihr und hält sich den Bauch, Tränen in den Augen.

»Es heißt ›Ich muss meine Vergangenheit hinter mich bringen‹, Myn.«

Sie grinst ihn breit an. »Ich weiß. Das war ein Zitat.«

Er starrt sie in weitäugiger Überraschung an und fängt wieder an zu lachen. »Du bist unglaublich, weißt du das? Du bist gerade mal ein paar Wochen hier auf der Erde, und schon zitierst du uralte Filme?«

Sie wird ein wenig ernst. »Ich bin schon drei Monate hier, Rahánn. Und ich hatte nicht viel anderes zu tun.«

Er schüttelt den Kopf. »Trotzdem: ›Der König der Löwen‹, Myn?«

»Es geht um große Katzen.«

Jetzt wird auch er wieder ernst. »Ja. Aber natürlich.«

Sie schweigen ein Weilchen, nebeneinanderliegend auf der Picknickdecke, die Hände im Nacken verschränkt.

»Weißt du, was damals mit dir passiert ist?«, fragt Richard Shelton. »Als deine Mutter starb, meine ich.«

Myn zieht ihre Unterlippe zwischen die Zähne. »Der trockene Kness im Scheiterhaufen war mit frischem vermischt. Und in diesem Zustand haben die Pilze eine extrem halluzinogene Wirkung. Ich bin mir nicht sicher, was Asnuor damals damit bezweckte. Vielleicht war es ja auch tatsächlich ein Versehen, so wie sie es hinterher behaupteten. Mein Großvater legte damals einen förmlichen Protest ein und erhielt sogar eine offizielle Entschuldigung. Doch die Bilder der Menge, die euphorisch den Tod der Baummörderin feierte, waren da längst durch das ganze Reich gegangen. Wahrscheinlich habt selbst ihr sie hier in den Vereinten Planeten gesehen, nicht wahr? Irgendwelche Erklärungen über frischen Kness im Scheiterhaufen interessierten da niemanden mehr.«

»Ich erinnere mich. Das ganze Net war in Aufruhr. Bilder der Barbarei aus dem Singisischen Reich … Sagen wir mal so, es hat der öffentlichen Meinung über die Singisen nicht gerade gut getan. Und heute frage ich mich, ob Asnuor das nicht auch einkalkuliert hatte.«

»Es kam ihm jedenfalls sicher gut zustatten.« Sie sagt es gelassen, fast ohne Regung. Richard Shelton wirft ihr einen Seitenblick zu, geht aber nicht weiter darauf ein, blickt wieder hinauf in den dämmernden Himmel.

»Eigentlich meinte ich deine Halluzination«, sagt er schließlich. »Das ›flammende Katzentier‹?«

Myn versucht, mit den Schultern zu zucken, was sich in ihrer derzeitigen Position als reichlich schwierig erweist.

»Woher soll ich das wissen?«, meint sie deshalb, aber jetzt lässt sie seine Frage nicht mehr los. Sie hat das Gefühl, er kennt die Antwort besser als sie selbst, und das gefällt ihr nicht. »Feuer war dort damals genug, und das Tier … vielleicht lag es daran, dass Vairrynn mir eine Nysda später eine Katze schenkte.«

Richard Shelton furcht die Stirn. »Diese Begründung ergibt überhaupt keinen Sinn.«

Sein Stirnrunzeln wiederholt sich in Myns Gesicht.

»Da hast du recht«, gibt sie zu. Nach einem Augenblick des Schweigens, in dem nur das Summen der Bienen zu hören ist, die eifrig von Blüte zu Blüte surren, um dem Abend zuvorzukommen, fragt Richard Shelton: »Vairrynn hat dir eine Katze geschenkt?«

Myn nickt. »Ein kleines, weiß-rot geschecktes Ding mit grünen Augen. Ich nannte sie Mi, weil sie so winzig war. Ich glaube, es war sein letzter, verzweifelter Versuch, mich in die Welt zurückzuholen – und es funktionierte. Bevor Mi da war, um die ich mich kümmern musste, hatte ich mich völlig in mich zurückgezogen.«

»Das ist wohl kaum verwunderlich«, meint Richard Shelton leise. Myn lacht ein wenig, aber es ist keine Belustigung in diesem Geräusch.

»Ja, ich hatte genug von der Welt. Es brauchte ein Katzentier, um mich in sie zurückzuholen. Ist das nicht seltsam?«

»Nicht wirklich«, antwortet Richard Shelton, der das Bild einer riesenhaften, flammenden Katze nicht aus dem Kopf bekommt, auch wenn das an seiner zu großen Affinität zu romantischer Lyrik liegen mag. Der erste Vers des Blake-Gedichts pulsiert wie ein fremder Herzschlag in seinem Kopf, Tyger, Tyger, burning bright, und er wünscht sich, er hätte es irgendwann schon einmal besser verstanden.

»Ich erinnere mich nicht besonders gut an die ersten Tage nach dem Tod meiner Mutter«, redet Myn inzwischen weiter. »Ich glaube, ich sagte die ganze Zeit über kein einziges Wort, bis Vairrynn Mi auf meinen Schoß setzte. Meine Muttersmutter meinte später, ich hätte stattdessen die ganze Zeit über vor mich hin gesungen.« Sie schüttelt reuevoll den Kopf. »Ich muss meine Familie beinah in den Wahnsinn getrieben haben. Nicht, dass es dazu noch viel gebraucht hätte in diesen Tagen. Mein Vater war ohnehin nur noch ein Schatten seiner selbst und setzte kaum mehr einen Fuß aus seinem Atelier. Ob er vor unserer Verachtung floh oder vor sich selbst, weiß ich nicht. Synnda Pánn wiederum war wie eine manische Kje-Fliege ohne Königin. Sie versuchte, sich um alles und jeden gleichzeitig zu kümmern, und dann brach sie immer wieder völlig unvermittelt in Tränen aus. Der Einzige, der sich normal verhielt, war Mudmal, aber das an sich war schon wieder nicht normal. Er tat einfach so, als wäre gar nichts passiert, und das machte es so gut wie unmöglich, ihm zu helfen. Ich glaube, da war es noch einfacher, mit mir umzugehen.«

»Und Vairrynn?«

»Ich kann mich nicht erinnern«, beantwortet sie seine beiläufige Frage nicht, und zum ersten Mal, seit sie angefangen hat zu erzählen, fragt sich Richard Shelton, ob sie ihm die Wahrheit sagt. »Aber seltsamerweise weiß ich noch, was gleich nach … nach der Verbrennungszeremonie passierte, nachdem Synnda Pánn meine kleine Familie nach Hause bugsiert hatte.« Myn lacht ein wenig. »Sie und Mud waren die Einzigen von uns, die kaum unter dem Einfluss des Kness standen, und ich kann mir vorstellen, dass es eine Tortur gewesen sein muss, Vater, Vairrynn und mich durch einen Raumriss nach Naharmbra und dann in das Küstenhaus zu bekommen. Wahrscheinlich hatten sie Hilfe von einigen anderen weniger empfänglichen Neolys, aber trotzdem: armer Mud, arme Synnda. Vairrynn büxte ihnen aus, bevor meine Muttersmutter ihm etwas gegen den Kness-Rausch geben konnte; ich glaube, die Droge wirkte bei ihm noch stärker als bei mir, und das will etwas heißen. Synnda war ziemlich panisch; das ist das Erste, woran ich mich erinnere, nachdem das Antitoxin seine Wirkung entfaltete. Sie rannte an den Strand hinunter, und ich stolperte ihr hinterher, immer noch völlig desorientiert.« Myn lacht wieder, aber diesmal ist es echt. »Wir fanden Vairrynn und Ftonim im Sand kauernd, beide total durchnässt. Sie sahen aus wie gebadete Kater, und sie blickten auch ungefähr genauso betreten drein. Ftonim hatte offenbar beschlossen, das beste Mittel gegen einen Kness-Rausch sei ein Bad im Meer.« Myn lacht noch immer. »Ich meine, wir hatten damals Anfang der Sturmzeit, und das Wasser war eisig! Synnda Pánn schlug die Hände über dem Kopf zusammen, packte die beiden am Nacken wie eine entnervte Katzenmama ihre Jungen und zwang dann oben in der Villa jeden, ein heißes Bad zu nehmen. Ich glaube, wenn Vairrynn nicht gerade erst die Auswirkung eines Rauschmittels losgeworden wäre, hätte sie die beiden auch noch mit Whiskey abgefüllt.«

Myn lacht immer weiter, und es erhält eine hysterische Note. Richard Shelton dreht sich zu ihr um, stützt sich auf den Ellbogen und beobachtet sie, bis ihr Lachkrampf sich zu legen beginnt.

»Alles in Ordnung?«, fragt er schließlich. Myn nickt, ernst und ein wenig schmerzlich.

»Das Schlimme ist, dass ich noch genug unter Kness-Einfluss stand, dass ich auch damals lachte. Arme Synnda. Es war ein absurder Tag. Ich weiß auch noch, wie ich zwischen Vairrynn und Ftonim auf dem Sofa im Boudoir meiner Mutter saß, in warme Decken gewickelt und eine dampfende Tasse Suppe in der Hand.« Ein kleines, hicksendes Lachen. »Synnda hatte mich nämlich gleich mit in ihre Radikalkur integriert. Aber weißt du was? In jenem Augenblick fühlte ich mich gut. Geborgen.« Sie schüttelt den Kopf. »Erst am nächsten Tag, als ich wieder einen klaren Kopf hatte, begriff ich wirklich, was passiert war, und zog mich voll und ganz in mich zurück – bis mir Vairrynn Mi schenkte eben. Deswegen kann ich dir nicht sagen, wie Vairrynn mit dem Tod unserer Mutter umging – und mit der Tatsache, dass er sie um ein Haar selbst getötet hätte. Aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass Ftonim ihm dabei half.«

Ihre Worte überraschen ihn nicht. Er fragt sich, ob es damals begann, dieses bedingungslose Einanderzugewandtsein der beiden, das ihm einst das Blut kochen machte vor lauter Neid, aber er spricht es nicht aus.

»Weißt du, was seltsam ist?«, redet Myn weiter, die immer noch den Blättern des Baumes beim Rascheln zusieht. »Das Leben ging weiter. Einfach so. Man glaubt immer, wenn etwas so Furchtbares passiert, dass das Leben unmöglich weiter seinen Gang gehen kann. Aber das tut es. Natürlich war nichts mehr so wie vorher, aber als ich meine Mutter sterben sah, hatte ich geglaubt, das Ende der Welt sei gekommen. Und das war nicht der Fall. Nicht einmal für mich.« Myn zieht wieder ihre Unterlippe durch die Zähne. »Ich meine, ich vermisste sie wie … wie ein fehlendes Glied vielleicht, und an manchen Tagen glaubte ich, vor Schmerz umzukommen, aber ich lebte weiter.«

Richard Shelton, der die Flammen des Scheiterhaufens in ihren Augen sehen kann, glaubt ihr kein Wort. Er legt sich zurück auf den Rücken und folgt ihrem Blick in den Baum hinauf. Das ist besser.

»Es half wahrscheinlich, Synnda Pánn da zu haben. Sie und Vairrynn kümmerten sich um Mudmal und mich, und das machte es … ich weiß nicht, einfacher ist wahrscheinlich nicht das richtige Wort, aber … erträglicher. Es ist schwer, Synnda Pánn zu beschreiben. Sie ist wie … wie Erde: stark und weich zugleich. Und sie strahlt eine ungeheure Ruhe aus. Ich weiß nicht, was wir ohne sie getan hätten; Vairrynn wäre ganz auf sich gestellt gewesen.«

»Was war mit deinem Vater?«

Myn stößt einen tiefen Seufzer aus, der sein Herz vor Mitleid flattern lässt.

»Wy, mein Vater … Wie ich schon sagte, wir sahen nicht wirklich viel von ihm in dieser Zeit, und wenn wir ihn sahen …« Sie schüttelt den Kopf. »Er war blass und abgemagert, und das Flackern, das ich von seinen Wutanfällen kannte, war jetzt immer in seinen Augen. Nur war er jetzt nicht mehr wütend, sondern … ich weiß auch nicht. Er zerfiel vor unseren Augen.« Sie schluckt. »Und es war uns egal. Mir zumindest. Ich war froh, wenn ich ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekam, denn immer, wenn ich ihn sah, musste ich an diesen Schritt denken, den er vor dem Obersten Priester zurückgetan hatte. Und wenn Vairrynn und mein Vater aufeinandertrafen … Vater sah Vairrynn immer mit einem Ausdruck an, als hätte mein Bruder Mutter eigenhändig getötet, und damit meine ich nicht, ihr den Kschurr durch die Kehle gezogen, sondern sie höchstpersönlich auf den Scheiterhaufen geworfen. Und Vairrynn sah Vater ganz genauso an. In jenen Tagen dankte ich der Göttin dafür, dass unser Haus so irrwitzig groß war; es konnten Tage vergehen, ehe wir Vater begegneten.« Wieder schüttelt sie den Kopf. »Er muss so einsam gewesen sein. Meine Brüder und ich, wir suchten die Gegenwart der jeweils anderen, als würden wir sonst auseinanderfallen, und Synnda Pánn kümmerte sich um uns drei, ob wir wollten oder nicht. Aber mein Vater hatte so gut wie niemanden. Zernteyb kam sehr oft in unser Haus, und er war der Einzige, der sich noch ins Atelier wagte. Aber sonst war da nur noch Juffgam.«

»Ah …«, macht Richard Shelton und nichts weiter. Myn lächelt bitter, aber er sieht es nicht.

»Juffgam Nuggr war ein alter Freund meines Vaters. Seltsam wirklich, dass die beiden überhaupt Freundschaft geschlossen hatten, und dann auch noch eine so enge. Mein Vater war der geborene Ästhet, kultiviert bis zur Absurdität, und Juffgam war … von einfachem Gemüt. Was nicht unbedingt etwas Schlechtes ist, und vielleicht war es genau das, was mein Vater als so … angenehm empfand: Juffgams Unkompliziertheit. Er erregte sich über einfache Dinge und freute sich an einfachen Dingen: Wein, Weiber und Gesang, wenn du so willst. Und auch seine freundschaftliche Treue war unkompliziert. Er war einer der wenigen, die meinen Vater und seine Familie nach Mutters Tod nicht schnitten; im Gegenteil, er war mehr als je zuvor für meinen Vater da – und für seine Kinder auch, auf seine gutmütige, unbeholfene, onkelhafte Art und Weise. Er hatte Jahre zuvor seine Frau verloren, die am Biss eine Kachta gestorben war, und war allein mit seinem kleinen Sohn; vielleicht konnte er deshalb unseren Verlust so gut nachempfinden. Und dieses Mitleid war stärker als die Furcht vor Nembdr-Kontamination. Aber wahrscheinlich war es mehr als das. Juffgam war ein gutherziger Kerl. Dass er auch kleingeistig war, war vermutlich nicht einmal seine Schuld.«

»Das klingt für mich so, als wärt ihr alle isoliert gewesen, nicht nur dein Vater.«

Myn nickt ihre Zustimmung. »Meine kleine Familie hatte zum Ärger meines Großvaters nie wirklich intensiv am gesellschaftlichen Leben auf Singis teilgenommen – mit Ausnahme des Wahlkampfs natürlich –, aber das war eine bewusste Entscheidung gewesen. Die gesellschaftliche Isolierung nach dem Tod meiner Mutter, das war Zwang – und sie war umfassend. Große Einheit, das erste Jahr über wurden wir behandelt wie Aussätzige. Ich weiß nicht genau, wie es den Jungs in der Schule ging; wir redeten nie wirklich darüber. Ich für meinen Teil beschloss nach drei Lchnattau, überhaupt nicht mehr in die Mädchenschule zu gehen. Es könnte sein, dass es das erste Mal war, dass ich meinen Vater nach Mutters Tod direkt ansprach, als ich ihn um die Erlaubnis bat, die Schule zu verlassen, und er gab sie, ohne eine Miene zu verziehen. Dieses ›Bildungsinstitut‹ war ohnehin nichts anderes als eine Anstalt, um perfekte, kleine Ehefrauen heranzuziehen, und die drei Tage die Nysda, die ich dort war, konnte ich getrost mein Gehirn auf Standby schalten. Und nach dem Tod meiner Mutter …« Sie beißt sich auf die Unterlippe. »Nein, darüber will ich nicht reden. Du hast wahrscheinlich keine Vorstellung davon, zu welchem Grad an Boshaftigkeit heranwachsende Große Damen fähig sind, und die Lehrer dort beobachteten mich wie jagende Frnai, als erwarteten sie, ich könnte jeden Moment etwas ›Widernatürliches‹ tun. Was wussten die schon! Ich hatte schon vor Jahren gelernt, in der Mädchenschule meinen Mund zu halten, um nicht aus Versehen das Wissen erahnen zu lassen, das Vairrynn mir vermittelt hatte.«

»Unterrichtete er dich auch zu dieser Zeit noch?«

»Aber natürlich. Ich glaube, manchmal hielt uns nur dieses gemeinsame Lernen bei Verstand. Inzwischen taten wir es sogar ganz offen zu Hause; vermutlich war Vairrynn zu diesem Zeitpunkt ganz egal, was Vater sagen würde – oder er wollte ihn sogar provozieren. Trotzdem ritten wir noch oft zusammen zum Gonn-Memnáh; das versteckte Tal war der Ort, der allein uns gehörte, und ich war so süchtig danach wie eh und je. Die Mnegau dort wurden dann umso wertvoller, als Synnda Pánn nach einem halben Jahr nach Yallchá zurückkehrte. Von da an waren wir allein. Vairrynn und ich taten unser Bestes, uns um Mud zu kümmern. Es mag ein wenig absurd klingen, da ich nur ein Jahr älter bin als mein kleiner Bruder. Aber Mud war damals noch ein Kind. Und ich war das nicht.«

»Du warst dreizehn«, sagt Richard Shelton leise. »Natürlich warst du noch ein Kind.«

Sie wendet ihm den Kopf zu. »Du weißt genau, dass Singis-Jahre länger sind als terranische. Nach eurer Zeit war ich damals siebzehn.«

Auch er dreht sich ihr zu und erwidert ihren Blick. »Und du weißt genau, dass die Umrechnung nicht eins-zu-eins funktioniert, wenn es um Lebensalter geht. Du warst noch ein Kind.«

Sie blinzelt ihn an und protestiert nicht. Er blinzelt zurück und spürt ihren Widerspruch so deutlich, als hätte sie ihn ausgesprochen.

»Hätte Synnda Pánn nicht noch länger bleiben können?«, fragt er, vielleicht deswegen oder auch nicht. Er empfindet fast irrationalen Ärger auf diese Fremde, der Myn nicht verborgen bleibt.

»Sie war ohnehin länger geblieben, als sie willkommen war«, meint sie sanft. »Die Neolys mögen es nicht, wenn sich jemand, der nicht zur Familie gehört, in ihre Angelegenheiten mischt.«

Er runzelt die Stirn. »Aber Synnda Pánn ist doch deine Großmutter.«

Myn seufzt. »Das verbindet sie mit mir, mit den Kindern ihrer Tochter. Aber nicht mit den Neolys.« Seine Stirn glättet sich nicht, und sie lächelt ein wenig, weil sie ihm Dinge erklären muss, die für sie selbstverständlich sind. »Singisische Familienbeziehungen sind sehr kompliziert. Sie bestehen aus Blutsbanden und Loyalitätsbanden, wobei sich die Letzteren dadurch von den Ersteren unterscheiden, dass sie gelöst werden können. Wenn eine Frau heiratet, zum Beispiel, können die Blutsbande zu ihrer Familie natürlich nicht gelöst werden, und sie knüpft auch keine zu ihrer neuen Familie, mit Ausnahme ihrer eigenen Kinder. Die Loyalitätsbande zu ihrer Ursprungsfamilie jedoch lösen sich völlig und bestehen nur noch zu der neuen.«

Seine Miene klärt sich ein wenig, aber nicht sonderlich viel. »Blutsbande sind also biologisch und Loyalitätsbande rechtlich?«

»Nein, nicht ganz. Mein Vater und der alte Neoly schworen zum Beispiel den Blutsschwur, als sie Vairrynn in die Familie aufnahmen. Sie hätten auch nur den Loyalitätsschwur leisten können, aber das haben sie nicht getan. Und als der alte Neoly meinem Onkel Quescnarm mit dem Familienausschluss drohte – du erinnerst dich? – sprach er nur von der Lösung der Loyalitätsbande; Blutsbande lassen sich heutzutage nur mit DNA-Test lösen, das heißt, wenn auch wirklich nachweislich keine Blutsverwandtschaft besteht. Und Blutsschwüre …« Sie zuckt mit den Schultern.

Richard Shelton schüttelt konsterniert den Kopf. »Singisen und ihre Familienbande! … Gilt das strenge Inzestverbot dann nur für die Blutsgebundenen?«

»Nein. Das gilt für alle. Man kann ja keine Frevelei riskieren!«

Trotz allem muss Richard Shelton lachen. Das lernt er von ihr: zu lachen, wo andere es absurd finden würden. Eine Weile liegen die beiden schweigend nebeneinander und blicken in das Blätterdach, das nicht mehr grün ist, sondern ein Baldachin bewegter Schatten.

»Es ist seltsam«, sagt Myn schließlich. »Das Leben fand einfach einen neuen Rhythmus. Einen anderen, wahrscheinlich keinen besseren, aber einen Rhythmus, der sehr schnell Gewohnheit wurde. Es ging einfach weiter.«

»Das hast du schon gesagt«, entgegnet er, und er glaubt ihr dieses zweite Mal nicht mehr als das erste, »dass die Welt nach dem Tod deiner Mutter nicht stehenblieb.«

»Das meine ich nicht. Ich meine das Andere: Das Leben im Reich verlief einfach mehr oder weniger in seinen gewohnten Bahnen – selbst nachdem Ktorram Asnuor zwei Nysdau nach der Verbrennung der Baummörderin zum Vorsteher des Reiches gewählt wurde. Er verstärkte die militärische Präsenz an der Grenze zu den U. P., führte durch, was er eine ›Reform der Verteidigungskräfte‹ nannte, und ließ eine neu eingerichtete Gruppe, die sogenannten ›Streiter des Wy‹, nach weiteren Mitgliedern der Organisation fahnden. Doch die Töchter der Lchnadra hatten sich nach Mutters Tod zurückgezogen, und die Streiter fanden nichts. Freundinnen meiner Mutter standen eine Zeitlang unter Beobachtung, aber wie gesagt: Sie verhielten sich still. Und das war’s – zumindest sah es so aus.«

Darauf weiß Richard Shelton einen Moment lang nichts zu sagen. Natürlich kennt er das Datum, an dem Ktorram Asnuor zum Vorsteher des Singisischen Reiches wurde. Auf einmal hielt dieser fanatische Priester, den bis zu diesem Zeitpunkt keiner als Politiker ernstgenommen hatte, den höchsten Regierungsposten im Memnáh inne – ein Mann, der Tage zuvor erst eine Frau verbrannt hatte. Eine regelrechte Paranoia hatte die Vereinten Planeten ergriffen; die Mehrheit schien jeden Moment mit einem Angriff der Singisen auf das Territorium der U. P. zu rechnen. Umso größer war die Überraschung, als sich der Fanatiker als kluger, wenn auch harter Verhandlungspartner erwies, mit dem man, wenn alle ehrlich waren, vernünftiger reden konnte als mit dem jovialen, aber inkonsequenten Nessran Nygfén.

»Du glaubst, Asnuor hatte alles geplant«, sagt er.

»Nein. Ich glaube es nicht, ich weiß es.«

Darauf bleibt ihm nichts zu entgegnen. Was auch? Nygfén mochte damals bei der Wahl zum Reichsvorsteher eine Chance gehabt haben gegen den Obersten Priester des Wy – aber nicht gegen den Mann, der die Baummörderin aus der Welt gebrannt hatte. Das ist ihm klar. Plötzlich fühlt Richard Shelton die Kühle und die Dunkelheit.

»Lass uns aufbrechen«, meint er. »Der Park wird ohnehin bald schließen.«

Myn bezeigt ihre Zustimmung, indem sie aufspringt und versucht, Richard von der Picknickdecke zu schütteln. Hastig steht er auf und nimmt ihr die Decke aus den Händen. Gefaltet legt er sie im Picknickkorb neben die fest verschraubte Thermoskanne, in der nur noch ein winziger Schluck Kaffee zu finden wäre, würde einer der beiden nachsehen.

»Es ist sehr schön hier«, kommentiert Myn ihren Nachmittag und den Ort, an dem sie ihn verbracht haben. »Ein wirklich guter Platz, um sich zu verstecken.«

Es dauert einen langen, langen Moment, bis er begreift, wovon sie redet. Sein Lachen perlt frei in den Abend, und sie wünscht sich, sie könnte es mit nach Hause nehmen.

»Nein, Myn, der Name des Parks hat nichts mit sich verstecken zu tun. Außerdem sind wir technisch gesehen schon wieder in einem anderen Garten.«

Sie schüttelt den Kopf über das Übermaß an Parks, die diese Stadt durchziehen, aber es gefällt ihr. Stumm will sie ihm den Korb aus der Hand nehmen, aber er weigert sich, ihn herzugeben. Sie streiten ein wenig darüber, bis sie übereinkommen, dass ihre Beweggründe auf gleichermaßen unvertretbaren kulturellen Voreingenommenheiten basieren. Myn schnappt sich den Picknickkorb, als Richard gerade nicht hinsieht, und er wirft die Hände gen Himmel. Ich folge ihnen noch eine Zeitlang, dann aber gehe ich mich im Park und im Abend verstecken. Es wartet Arbeit auf mich.


Mudmal Neoly saß am Pier des Alten Hafens von Naharmbra und ließ die Beine über die Mauer baumeln. Es war Ebbe, und die Wellen schlugen träge an die Mole. Mudmal betrachtete das frühe Blütezeitlicht, wie es leichtherzige Spiele auf der glatten Meeresoberfläche trieb, und dachte an gar nichts, während er an seiner fettigen Nammsa kaute. Er hatte sie sich in einem der schäbigen, aber vielbesuchten Läden gekauft, welche den Alten Hafen säumten. Sie war billig gewesen, und so schmeckte sie auch; wahrscheinlich hätte das Gebäck dem Großteil seiner Familie den Magen verdorben. Doch angesichts der Tatsache, dass er sich ganz eindeutig auf der falschen Seite der Stadt befand, war Mudmal die fehlende Angemessenheit seines Nachmittagssnacks mehr als egal, und im Moment hätte er sich nichts Besseres vorstellen können als die fetttriefende, heiße Nammsa, die ihm den Mund zusammenklebte. Er musste unbedingt daran denken, seinen Freunden später eine Runde Gebäck auszugeben – es war nicht so, dass sich Mudmal ihre Gesellschaft erkaufen musste, aber es bereitete ihm eine diebische Freude, Neoly’sche Wertsteine für einen Haufen Tunichtgute auszugeben, die seine Vettern und Onkel auf der Straße nicht einmal wahrgenommen hätten.

Der hochfahrende Standesdünkel der Neolys, den Mudmal mehr hasste als irgendetwas sonst an seiner Familie, hatte sich nur noch verstärkt, seit Lys Pánn Neoly den Tod auf dem Scheiterhaufen gefunden hatte. Niemand muss ehrbarer sein als der Bastard eines ehrbaren Mannes, hatte Mudmal irgendwo einmal gelesen, und anscheinend traf dasselbe auf die Große Familie einer Nembdr und Baummörderin zu. Er bezweifelte, dass es momentan eine Adelsfamilie im Reich gab, die sich strenger an den ungeschriebenen Benimmcode der Großen Alten hielt als die seine. Diese verbissene Konformität erfüllte ihn mit einem vagen Gefühl der Verachtung, mit mehr aber auch nicht. Es verstörte ihn manchmal ein wenig, dass er es nicht fertigbrachte, das gleiche Ausmaß an Ingrimm den Neolys gegenüber zu empfinden wie seine Geschwister; ab und zu kam ihm das sogar wie Verrat vor. Ja, zu Anfang war Mudmal genauso entsetzt und wütend gewesen über die kollektive Weigerung der Neolys, seiner Mutter den Gnadentod zu geben, wie Vairrynn und Myn; in einem Anfall klassischen Neoly’schen Jähzorns hatte er eine Handvoll seiner Vettern zur Rede gestellt und die verschämte Antwort erhalten, sie hätten angenommen, dass die Oberhäupter der Familie diese Verantwortung schultern würden. Mit verächtlich gekräuselten Lippen hatte er verkündet, dass ihnen allesamt die grundlegende Anständigkeit fehlte, jenen, die der Verurteilten am nächsten standen, diese Bürde zu ersparen. Doch damit war es getan. Begraben und, wenn schon nicht vergessen, so doch erledigt. Mudmal war nicht gut darin, jemandem über lange Zeit zu grollen – eine Eigenschaft, die ihn offenbar von allen anderen Bewohnern des Küstenhauses unterschied. Dazu kam, dass er die positive Kehrseite des dynastischen Neoly-Stolzes am eigenen Leib erfahren hatte.

Es waren kaum zwei Nysdau nach dem Tod seiner Mutter vergangen – zwei Nysdau, in denen er sich fühlte wie ein kleines Beutetier unter einem Rudel jagender Frnai – als der alte Neoly seine beiden Enkel aus der Schule am nördlichen Stadtrand nahm, die Vairrynn und Mudmal bis dahin besucht hatten, und sie in das Bildungsinstitut im Zentrum Naharmbras einschrieb, auf das auch alle jungen Neolys aus der Trutzburg gingen. Zum ersten Mal in seinem Leben machte Mudmal dort Bekanntschaft mit dem Bollwerk, das eine Große Alte Familie sein konnte. Auch in seiner neuen Schule entging er, der Nembdr-Sohn, der Ächtung nicht völlig; doch einen Neoly anzugreifen, bedeutete, sie alle anzugreifen. Schulter an Schulter traten die Neolys jedem entgegen, der es wagen wollte, die stille Verachtung in Worte zu fassen oder gar in physische Aktion umzusetzen. Ihm wurde nie auch nur auf die Ohrenspitze geblasen. Es war eine neue Erfahrung für ihn.

Vairrynn dagegen schaffte es, sich abseits von diesem Neoly-Kollektiv zu halten, ohne sich ganz von der Familie abzuschotten. Aus irgendeinem Grund wurde er in der neuen Schule nicht als ›Neoly‹ tituliert und auch nicht als ›Nembdr-Sohn‹ – obwohl natürlich selbst dem Begriffsstutzigsten klar sein musste, wer er war – sondern schlicht und einfach als ›der Nordler‹. Und so stand Vairrynn zwischen allen Fronten und schien’s zufrieden. Manchmal, wenn er darüber nachdachte, fragte sich Mudmal, ob das nicht das erste Anzeichen dafür war, dass Vairrynn begann, von der Familie wegzudriften. Doch er konnte es nie über sich bringen, den Schutz des Neoly’schen Bollwerks aufzugeben und sich zu seinem Bruder zu gesellen, und er bezweifelte auch, dass Vairrynn das von ihm erwartete. Dennoch war Mudmal fast erleichtert, als sein großer Bruder eineinhalb Jahre später die Schule abschloss und er seinerseits endlich das Gefühl los war, dass er sich eigentlich zwischen Vairrynn und dem Rest der Familie entscheiden hätte müssen.

Vairrynn selbst schüttelte den Staub der Schule von den Füßen, ohne sich umzusehen, verbrachte einen Gutteil seiner freien Zeit mit Ftonim und noch mehr mit Myn und begann einige Lchnattau später ein zweijähriges Studium an der Naturwissenschaftlichen Akademie Naharmbras. Jedermann war überrascht. Im Stillen hatte die Familie wohl erwartet, dass Vairrynn Naharmbra bei der ersten Gelegenheit den Rücken kehren und sich auf das Tygdul-Gut zurückziehen würde, das er von seinen leiblichen Eltern geerbt hatte. Mudmal, natürlich, kannte seinen Bruder besser. Doch Vairrynns Wahl überraschte ihn nichtsdestoweniger; warum sollte jemand, der Geschichte aufsog wie Regen und sich in fremden Sprachen zurechtfand, als sei er dort zu Hause, ein Studium der Naturwissenschaften wählen? Es war ihm ein Rätsel. Und noch etwas: Was immer auch der Grund für Vairrynns Entscheidung sein mochte – Mudmal, der stets der Meinung gewesen war, dass ihm sein Talent für alles Technische garantierte, zumindest in einem Bereich besser zu sein als sein großer Bruder, störte sich daran auf eine fundamentale Weise, über deren kleingeistige Natur er sich keine Illusionen machte. Vielleicht war das irgendwie, auf eine seltsam verquere Weise, die Mudmal selbst nicht ganz verstand, sogar der Grund dafür, dass er sich an den meisten Tagen davonstahl und sich zur anderen Seite der Stadt aufmachte, wo wohl schon seit der Gründung Naharmbras all die Leute lebten, welche die täglichen Dienste verrichteten, die der Aristokratie ihr komfortables Leben ermöglichten – und diejenigen, die auf weniger durchsichtige Art und Weise die Vorteile der alten Adelsstadt zu nutzen wussten. Nach und nach versammelte er eine mit allen Wassern gewaschene Gruppe von jungen Burschen um sich – oder vielleicht hatten sie ihn auch einer um den anderen als eine Art Maskottchen adoptiert, Mudmal war sich nie ganz sicher, welche Version, die seine oder die ihre, den Tatsachen eher entsprach.

Nachdenklich wischte Mudmal seine Nammsa-fetten Finger an seinen Hosen ab und begann, mit dem Neoly-Siegelring am mittleren Finger seiner linken Hand zu spielen. Vom ersten Tag an, da es ihn zum Alten Hafen getrieben hatte, hatte er sich immer wieder gefragt, ob er den Ring nicht besser in seiner Brusttasche verschwinden lassen sollte, solange er sich in diesem Teil der Stadt befand; genug Blicke zog das Wappen jedenfalls auf sich, zumindest zu Anfang. Inzwischen jedoch hatten sich die alteingesessenen Anwohner des Hafendistrikts an den naseweisen Aristokratenjungen gewöhnt, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, sich in ihrem Revier herumzutreiben; und keiner war dumm genug, einem Sohn der Großen Alten ans Leder zu wollen. Außerdem hätte Mudmal auch ohne Siegelring nur schwer seine Identität und ganz sicher nicht seine Herkunft verbergen können. Also versuchte er es erst gar nicht. Keiner seiner Freunde hatte ihn je nach dem Grund seines Auftauchens im Hafenviertel gefragt oder ihn auf seine Familie angesprochen. Sie nannten ihn jedoch ohne Ausnahme »Neo« – eine Respektlosigkeit, die Mudmal dieselbe diebische Freude bereitete, wie die Tagediebe mit Großem Alten Geld zechfrei zu halten.

Die Sonne über dem spiegelglatten Inneren Ozean stand inzwischen etwas tiefer als sie sollte, und Mudmal blickte seufzend auf den Alleskönner, der wie ein Reif um seinen Unterarm lag, und tippte ihn an, um ein aktuelles Zeithologramm aufzurufen. Die letzten zwei Jahre hatte er lernen müssen, dass Zeit im Hafenviertel nicht ernster genommen wurde als von den Aristokraten, und grundsätzlich hatte er kaum Probleme damit. Aber heute war ein wichtiger Tag, und wenn Nott und seine Kumpane noch lange auf sich warten ließen, würden sie auf das Gebäck verzichten müssen, das Mudmal geplant hatte, ihnen auszugeben. Da das aber noch lange kein Grund war, warum er selbst sich mit nur einer Nammsa zufrieden geben sollte, sprang er auf und schlenderte von der Mole in Richtung der Bäckerei, die Hände in den Hosentaschen. Der Nachmittag war viel zu still und friedlich, um sich schnell zu bewegen, und Mudmal genoss dieses Gefühl, wohlwissend um seine Vergänglichkeit. Allerdings hätte er nicht gedacht, dass seine Idylle derart flüchtig war, dass sie ihr Ende fand, noch ehe er die Bäckerei erreicht hatte.

»Sieh mal einer an, Nembdrrynn Neoly«, riss ihn eine Stimme aus seiner belanglosen Versunkenheit, die er nicht mehr gehört hatte seit dem Tag, da sein Großvater Vairrynn und ihn aus ihrer alten Schule genommen hatte. Mudmal wandte sich um mit einem Ausdruck im Gesicht, als wäre er in etwas ausgesprochen Unappetitliches getreten. Und tatsächlich: Im Schatten eines alten, hölzernen Bootes, das entweder als irgendein Denkmal hier aufgestellt oder einfach vor Äonen im Alten Hafen vergessen worden war, lehnte die vierschrötige Gestalt von Gynl Hnell, Fluch von Mudmals Kindheit und Feigling sondergleichen.

Der Gebrauch des Schimpfnamens ›Nembdr-Sohn‹, der damals, vor ach so langer Zeit, ein todsicheres Mittel gewesen war, ihn die Beherrschung verlieren zu lassen, fiel Mudmal jetzt nicht einmal sonderlich auf. Er war schlicht und einfach angewidert, dass Gynl in sein ureigenes Territorium eindrang. Es gab nur einen offensichtlichen Grund, aus dem Männer von Gynls Stand – Mudmal weigerte sich in einem Anflug echten Neoly’schen Familienstolzes, jemanden aus einer derart niedrigrangigen Dynastie als Gleichgestellten zu betrachten – sich ins Hafenviertel begeben würden, und seine Abscheu für Adlige, die die Suche nach frischem (oder nicht so frischem) Fleisch auf die andere Seite der Stadt verschlug, kannte keine Grenzen. Gynls Gesicht verdüsterte sich, als er Mudmals angeekelter Miene gewahr wurde.

»Was treibt dich hier in diese verrufene Gegend, Kleiner?«, fragte er. »Und das auch noch ohne deine treudoofen Babysitter! Na, wo sind denn die beiden Hübschlinge? Haben sie dich für ihr kleines Techtelmechtel dir selbst überlassen?«

Mudmal rollte nur mit den Augen. Über die enge Freundschaft seines Bruders mit Ftonim Sar hatte er sich schon so lange Anzüglichkeiten anhören müssen, wie er sie auch nur ansatzweise verstanden hatte, doch jeglichen ernsthaften Spekulationen hatte stets Vairrynns Ruf unter seinen Mitschülern und Ftoms bei den Frauen einen Riegel vorgeschoben. Mudmal musste dem jungen Sar unbedingt von Gynls erbärmlichem Versuch in geistreicher Häme erzählen, und sei es nur, um dessen zungenfertigen Kommentar zu hören. Oder doch lieber nicht, denn dann war es unvermeidbar, dass auch Vairrynn davon erfuhr, und der würde sich wahrscheinlich aus Prinzip verpflichtet fühlen, Gynl aufzustöbern und ihm eine Abreibung zu verpassen, weil er die Unverfrorenheit besessen hatte, Mudmal zu belästigen. Dieser seufzte; sein großer Bruder täte gut daran, ein wenig lockerer zu werden. Vairrynn war in letzter Zeit so angespannt wie eine Bogensehne.

»Was ist, Neoly? Hat es dir die Sprache verschlagen?«

Mudmal rollte wieder mit den Augen. »Ja, Gynl, genau: Deine Scharfzüngigkeit und -sichtigkeit haben mich jeglicher Artikulationsfähigkeit beraubt. Du hast uns alle durchschaut: Wir feiern jeden Tag wilde Orgien, und was wir nachts treiben, kann ich deinen unschuldigen Ohren wirklich nicht zumuten.«

Gynls Augen verengten sich, und sein Gesicht lief gefährlich dunkel an. »Du bist eine Schande, Neoly. Das seid ihr alle.«

»Ja, aber sicher«, entgegnete Mudmal ungerührt und wandte sich zum Gehen. Er wusste schlicht und ergreifend Besseres mit seiner Zeit anzufangen, als sie an Gynl Hnell zu verschwenden, und Beleidigungen zu überhören, hatte er in den vergangenen beiden Jahren gelernt.

»Ich wette, das gilt auch für deine Schwester!«

Mudmal konnte das laszive Grinsen in Gynls Stimme hören und erstarrte mitten in der Bewegung.

»Ich hab sie neulich erst zusammen mit diesem Frachtschiff Rymmdla Byndall im Hakk-Park gesehen. Also, ich muss schon sagen, da würde mir die Auswahl nicht schwerfallen! Wer hätte gedacht, dass sich dieses knochige, kleine Ding so auswachsen würde. Und du weißt, was sie über Nembdr-Töchter sagen, nicht wahr, Neoly? Ich hätte sicher nichts dagegen, die Unersättlichkeit deiner Schwester auf die Probe zu stellen!«

Gynl hatte die Lektionen, die er als Schulhoftyrann gelernt hatte, nicht vergessen, und wusste genau, welche Knöpfchen er bei anderen drücken musste, um sie die Beherrschung verlieren zu lassen. Aber er hatte nicht bedacht, dass sich Leute ändern. Mudmal Neoly war nicht länger der schmächtige kleine Junge, dessen Wagemut größer war als seine Beherrschung und als seine Körperkraft, und Gynl hatte den Fehler gemacht, ihn in seinem eigenen Revier zu stellen, wo er Neo war, der sich von nichts und niemandem etwas vormachen ließ. Das letzte Wort hatte Gynls Mund noch nicht verlassen, da fuhr Mudmal herum, das blitzende Messer in der Hand, das er in seinem Gürtel verborgen trug und das einen Lidschlag später zwischen Gynls Beinen im Holz des Denkmalbootes steckte. Einen Moment lang starrte Gynl verdattert zwischen dem ungehörigen Wurfgeschoss, das sich gefährlich nahe an essenziellen Teilen seiner Anatomie befand, und Mudmal, der schon sein zweites Messer gezogen hatte, hin und her, als würde sich sein Hirn weigern, die Verbindung zwischen beidem zu ziehen. Dann sog er mit einem erstickenden Geräusch die Luft ein.

»Ngdra, hast du sie noch alle, Neoly?!«

Mudmal antwortete nicht, ging nur in eine bessere Kampfstellung, für den Fall, dass Gynl auf die Idee kommen sollte, das Messer aus dem Boot oder den Kschurr aus dem Gürtel zu ziehen.

»Hey, Neo, macht dir der Kerl Schwierigkeiten?«, fragte da eine Stimme hinter Mudmal, und der junge Neoly konnte ein Grinsen nicht verkneifen, als sich Nott und zwei weitere Gestalten demonstrativ neben ihm aufbauten. Gynl ließ seinen Blick von einem zum anderen schweifen und sah entschieden käsig aus. Mudmals Grinsen verbreitete sich, und er machte einen Schritt auf Gynl zu, dann noch einen. Sein Kindheitspeiniger presste sich an die hölzerne Bootswand, und Mudmal konnte seinen Kehlkopf hüpfen sehen. Einen Augenblick ließ er Gynl noch schmoren – und im Moment konnte er sich an nichts erinnern, das süßer gewesen wäre – dann griff er nach unten und zog sein Messer aus dem Holz.

»Aber nein, Jungs, hier gibt es nichts, was unserer Aufmerksamkeit wert wäre.«

Mit einem letzten Grinsen in Gynls Gesicht wandte er sich ab, und das zusammengewürfelte Häufchen seiner Freunde folgte ihm wie ein Mann. Sie waren einige Schritt weit gekommen, als Gynl seine Stimme wiederfand: »Du bist ein Schandfleck für die Großen Alten und für das wahre Singisentum, Neoly! Deine ganze Familie ist ein Schandfleck!«

»Fick dich selbst, Gynl«, sagte Mudmal ungerührt und ohne sich umzudrehen. »Es wird sonst niemand tun.«

Das Gelächter seiner Freunde umgab ihn, als sie zu viert hinüber zur Bäckerei stromerten, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Mudmal hätte gern geglaubt, dass er die Konfrontation auf diese Weise beendet hatte, weil er nicht wollte, dass Nott und die anderen dafür in Schwierigkeiten gerieten. Die Wahrheit jedoch war, dass er aus den Augenwinkeln die Gruppe von Wystreitern gesehen hatte, die irgendwann während seiner Auseinandersetzung mit Gynl auf dem Pier aufgetaucht war, und Mudmal konnte sich nichts Dümmeres vorstellen, als mit diesen Wchlachai Asnuors zusammenzugeraten, wenn man den Namen Neoly trug.

Sie hatten einen weiten Bogen um die Wystreiter gemacht, als sie die Bäckerei wieder verließen, und schafften es so, jeder Art von Ärger aus dem Weg zu gehen. Bei den Streitern des Wy konnte man nie so genau wissen, welche Agenda sie gerade hatten, und einen Trupp zu vermeiden, hieß, auf Nummer sicher zu gehen.

Ursprünglich war die Gruppe vom neuen Vorsteher des Reiches eingesetzt worden, um weitere Nembdrai aufzuspüren – Töchter der Lchnadra, aber auch andere widernatürliche Frauen. Sie hatten jedoch so gut wie keine Erfolge aufzuweisen. Die Verbrennung Lys Neolys hatte der Organisation offenbar den Todesstoß versetzt, und die Töchter der Lchnadra schienen sich einfach in Luft aufgelöst zu haben. Überall im Reich wurden verdächtige Frauen befragt, aber keiner konnte Widernatürlichkeit in einem Ausmaß nachgewiesen werden, das einen weiteren Scheiterhaufen gerechtfertigt hätte. Stattdessen wurden eine Reihe der Verdächtigen in Erziehungsanstalten des Wyordens geschickt – eine Maßnahme, die die Öffentlichkeit deutlich begrüßte. Doch die Streiter des Wy mit all ihrem Nembdrai-Eifer wurden schnell zu lächerlichen Figuren. Die Singisen wollten glauben, dass der Frevel des Baummordes ein Einzelfall gewesen war und Lys Neoly eine abscheuliche Abnormität. Sie wollten nicht glauben, dass ihre eigenen Frauen und Töchter Ausgeburten des Bösen waren, die die Vernichtung verdienten.

Asnuor schien diese Haltung seines Volkes sehr schnell zu erspüren und stellte die großflächige, systematische Nembdrai-Fahndung ein. Das hinderte überzeugte Monowyisten und andere Übereifrige zwar nicht daran, jede Frau in ihrer Umgebung mit Frn-Augen zu beobachten und zweifelhaftes Verhalten zur Anzeige zu bringen; doch zum Großteil blieb es ruhig, und die Singisen waren zufrieden. Asnuor warnte seine Nchrynnai davor, die Augen vor dem Bösen zu verschließen, das in ihrer Mitte brütete, denn diese Haltung habe auch zu dem furchtbaren Baummord geführt, und kommandierte die Streiter des Wy dazu ab, die Sicherheitskräfte zu unterstützen und die Einhaltung der neuen, strengeren Bestimmungen zu überwachen, die die Vorsteherschaft des Obersten Priesters mit sich gebracht hatte. Der Alltag kehrte in das Memnáh zurück, und kaum jemanden außer den unvermeidlichen liberalen Unruhegeistern schien es zu stören, dass es ein Alltag mit härteren Sicherheitsverordnungen und erhöhter Polizeipräsenz war und dass Frauen fast keinen eigenständigen Schritt mehr tun konnten, ohne sich verdächtig zu machen. Es waren eben böse Zeiten, und böse Zeiten verlangten Opfer und Wachsamkeit.

Wenn Mudmal angenommen hatte, unter den Bewohnern des Naharmbraner Hafenviertels eine andere Haltung vorzufinden, sah er sich enttäuscht. Die Erwartungen, was eine Frau zu tun und zu lassen hatte, mochten sich von denen unterscheiden, die ihm vertraut waren, aber auf ihre Weise waren sie nicht weniger streng – strenger sogar, wie er manchmal den Eindruck hatte. Gedankenverloren spielte er mit den beiden Armbändern aus Tigeraugen in seiner Brusttasche, die Notts Schwester angefertigt hatte, und fand es immer noch lächerlich, dass er sie nicht selber hatte aufsuchen dürfen, um das Schmuckstück abzuholen und ihr seine Anerkennung für ihre vortreffliche Arbeit auszusprechen. Er hatte gelernt, dass die kleinen Leute, wenn sie ehrbar waren, scharfäugiger über ihre Töchter wachten, als es den Großen Alten jemals in den Sinn kommen würde – und das mochte etwas heißen.

Dennoch war es nicht die Ehre von Notts Schwester, über die Mudmal nachdachte, während er vom Alten Hafen nach Hause trabte, sondern die seiner eigenen. Was Gynl gesagt hatte, nagte an ihm mit unerfreulicher Hartnäckigkeit, und er wunderte sich über den Zufall, dass er ausgerechnet am heutigen Tag das erste Mal jemanden so über seine Schwester sprechen hörte. Sie war seine Schwester, um der Einheit Willen! Natürlich begutachtete man die Mädchen und kommentierte ihre Attribute, wenn auch nicht mit der gleichen boshaften Absicht wie Gynl, aber wie konnte irgendjemand Myn so ansehen, die seine Schwester war und schon immer ein kleines Mädchen gewesen war … Aber das war es eben, nicht wahr? Mudmals Hand krampfte sich um die Tigeraugenarmbänder, und einen Moment lang überkam ihn der irrationale Impuls, die Dinger aus seiner Brusttasche zu reißen und in den Rinnstein zu werfen. Myn war kein kleines Mädchen mehr, und er selbst war wahrscheinlich der Letzte, der es gemerkt hatte.

Als hätten Gynls Bemerkungen eine Art Achten Sinn für Brüder aktiviert, musste Mudmal plötzlich an Ftonims letzten Besuch im Hause Eftnek Neolys denken. Er hatte Vairrynn, Myn und vermutlich auch Mudmal Auf Wiedersehen sagen wollen, bevor er zu einem seiner Trips in die Vereinten Planeten aufgebrochen war; Myn hatte Ftonim umarmt, um ihm eine gute Reise zu wünschen, und Ftonim hatte sie einen Moment zu lange festgehalten und sie dann von Kopf bis Fuß angesehen mit einem Glitzern in den Augen, für das Mudmal ihn jetzt im Nachhinein gerne geschlagen hätte.

Keuchend blieb der junge Neoly stehen und versuchte, die Hände auf die Knie gestützt, den ererbten Jähzorn wieder in die Kiste in seinem Innern zurückzustopfen, in die er gehörte. Er mochte Ftom, ganz ehrlich, aber er wollte nicht, dass jemand wie er seine Schwester so ansah. Seit er denken konnte, war Ftonim Sar bei seinen Kusinen und Tanten ›der Glanzjunge‹ gewesen, und zu dieser Bezeichnung gehörte grundsätzlich ein kecker Augenaufschlag und ein wissendes Lächeln. Unter der jungen männlichen Bevölkerung Naharmbras wiederum ging ihm der Ruf voraus, mit seinem Charme selbst eine Lchnadra-Dienerin dazu bringen zu können, dass sie die Roben lüpfte, und für die Entjungferung der Hälfte der zukünftigen Großen Damen der Stadt verantwortlich zu sein. Natürlich waren die Berichte über Ftonims Eroberungen heillos übertrieben – und ausgesprochen unwahrscheinlich, bedachte man, dass die Großen Alten ihre Töchter hüteten wie ihre Augäpfel. Aber völlig aus der Luft gegriffen waren die Gerüchte dann doch nicht. Jemand mit Ftonims Renommee war ganz sicher kein Umgang für seine Schwester, sinnierte Mudmal ärgerlich, und fragte sich, ob Vairrynn denn nie bedacht hatte, wem er da so unbekümmert Zugang zu Mynrichwy Neoly verschaffte. Die Vorstellung, Ftonim könnte im Stillen ähnliche Gedanken hegen wie Gynl, machte es Mudmal schwer, den Deckel der psychischen Kiste zu schließen, die seinen Jähzorn halten sollte.

»Verdammt nochmal, Neo, jetzt reiß dich zusammen!«, schrie er sich selbst an und zog die irritierten Blicke einiger Passanten auf sich. Toll. Das fehlte gerade noch, dass sich in Naharmbra herumsprach, dass der junge Neoly den Verstand verlor. Es genügte vollauf, wenn er selbst es wusste. Was war überhaupt mit ihm los? Gynl! Das war die Erklärung! Viermal verdammt sei diese Platzverschwendung in singisischer Form, dass er immer noch im Stande war, ihn derart aus der Bahn zu werfen!

Mudmal holte noch einige Male tief Atem, und es gelang ihm endlich, die Kiste in seinem Innern zu verschließen. Ruhig, ruhig. Heute war nicht die Zeit für so etwas. Heute war Myns Tag. Und er kam zu spät. Entschlossen trabte er wieder los in Richtung seines Vaterhauses. Wie es Mudmals Natur war, war der schwarze Zorn auf Ftonim Sar bereits zu dem vagen Entschluss verkommen, in Zukunft dafür zu sorgen, dass bei Begegnungen zwischen dem jungen Raumfahrer und seiner Schwester ein gewisses Maß an Schicklichkeit eingehalten wurde. Und selbst dieser fiel in sich zusammen, als er zu Hause anlangte und Myn auf einem Baum im Garten sitzend vorfand. Jedwede Hoffnung, seine Schwester zu etwas Schicklichkeit oder wenigstens Dekorum anzuhalten, war sowieso und ganz und gar vergebens.

Kopfschüttelnd starrte Mudmal zu dem Mädchen hinauf und fragte sich, ob Myn jemals etwas so tun würde, wie man es von ihr erwartete. Er wollte seine Schwester gar nicht anders haben als sie war, aber manchmal wäre es schlicht und ergreifend einfacher gewesen, sie wäre es doch. Da saß sie, auf dem untersten Ast eines Jonnka-Baumes, der die frisch-grünen Blätter in den Himmel strecke und winzige Knospen trug, während jedes andere weibliche Wesen, das er kannte, bei dem alleinigen Gedanken in Panik ausgebrochen wäre, entweder sie selbst oder ihre Garderobe könnte bei solch einem gewagten Manöver zu Schaden kommen. Allerdings trug Mynrichwy auch nicht, wie es dem heutigen Tag angemessen gewesen wäre, ein erlesenes Kleid aus gelbem Rplsamt oder weißer Mrbaseide, sondern ihre dunkelbraunen, weiten Leinenhosen, die sie gewöhnlich zum Reiten anlegte, und ein naturleinernes Top mit einer Reihe kleiner, runder, dunkelbrauner Knöpfe auf der rechten Seite. Mudmal wünschte, er könnte sie so auf die Straße schicken; wahrscheinlich würde sie kein Mann überhaupt bemerken in diesem Aufzug. Dann aber sah er genauer hin, und er musste sich eingestehen: vermutlich doch. Das ärmellose Top war eng genug geknöpft, um sich an ihre Kurven zu legen, und entblößte ihre Arme, während das Braun ihrer Hosen zu den dunkleren Strähnen ihres rotbraunen Haares passte, das sich bis auf den Ast, auf dem sie saß, hinabwellte. Die tiefe Sonne stand Mynrichwy im Rücken und verwandelte sie in ein Wesen aus Kupfer und Bronze. Das Bild erinnerte Mudmal an die Geschichten über Drachenfrauen, die neuerdings im gesamten Reich die Runde machten, und er seufzte schwer. Warum nur konnte seine Schwester nicht einfach aussehen wie Rymmdla Byndall?

»Sag mal, solltest du da oben sein?«, fragte er in den Baum hinauf.

»Wahrscheinlich nicht«, entgegnete sie gleichmütig. Mudmal schüttelte wieder den Kopf, aber diesmal lächelte er. Wortlos fischte er die Tigeraugenarmbänder aus seiner Brusttasche und reichte sie in das Geäst hinauf. Myns zartfingrige Hand kam ihm entgegen und schnappte sich die Schmuckstücke, die das Mädchen mit einem leisen Lächeln im Gesicht betrachtete.

»Mynrichwy!«, rief da jemand. »Komm!«

Sowohl Mudmal als auch seine Schwester wandten sich um und sahen Rymmdla durch das achteckige Fenster des Familienzimmers winken, das mit dichten, hellroten Sorrn-Blättern umrankt war. Myn stieß ein kurzes, gurgelndes Lachen aus und landete neben ihrem Bruder auf der Erde. Halbschweren Herzens blickte Mudmal ihr nach, wie sie Richtung Haus und Richtung Rymmdla lief. Mud fragte sich, ob ihre Nachbarin, einige Lchnattau älter als Mynrichwy, gekommen war, um ihr am heutigen Tag ein paar Worte unverzichtbarer weiblicher Weisheit mit auf den Weg zu geben.

»Hey, Myn!«, rief Mudmal seiner Schwester nach, ehe sie im Haus verschwinden konnte; da gab es noch etwas, das er loswerden musste. Sie drehte sich um und hob eine fast spöttisch fragende Augenbraue. Mud lächelte ein wenig zittrig.

»Alles Gute zum fünfzehnten Geburtstag, große Schwester.«

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382 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783753198965
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