Читать книгу: «Immanuel Kant: Der Mann und das Werk»

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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-2644-3
Vorwort
Was Gotthold Ephraim Lessing, Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, was Wilhelm von Humboldt, J. J. Winckelmann, J. G. Herder und anderen Geistesgrößen unseres Volkes längst zuteil geworden ist, das besitzen wir von Immanuel Kant noch nicht: eine umfassende, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende und doch für alle wirklich gebildeten Deutschen lesbare Biographie, im Sinne der Darstellung seines Lebens und seines Lebenswerkes. Wenn jetzt der Verfasser mit vorliegendem, seit zwölf Jahren vorbereiteten Buche den Versuch einer solchen macht, so will er nicht bloß den Lebenslauf des größten deutschen Philosophen von neuem erzählen, auch nicht nur dessen System darstellen oder über Entstehung und Wirkung seiner Schriften im einzelnen berichten: das alles ist von ihm bereits an anderen Stellen geschehen. Sondern er will zeigen, wie Kants Werk aus seinem äußeren und inneren Leben, aus seiner Persönlichkeit, auf dem Hintergrunde seiner Zeit mit Notwendigkeit hervorgewachsen ist.
Wie weit auch die Lehre eines Philosophen bedingt ist durch seine Persönlichkeit, wie weit der bekannte Satz Fichtes seine Richtigkeit hat: "Was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was für ein Mensch man ist", das ist freilich ein Problem für sich, das hier nicht weiter erörtert werden kann. Der Biograph jedenfalls muß sie in erster Linie aus dem Leben und der Person seines Helden entwickeln.
Der Plan zu dem Buche stieg in mir auf während der Arbeit und noch stärker nach der Vollendung meiner kleinen Kant-Biographie ('Kants Leben', Felix Meiner, 1911, 223 Seiten), wie das der aufmerksame Leser schon aus deren Vorwort merken konnte. Für die Ausführung boten sich zwei verschiedene Wege dar. Erstens der einer sogenannten "wissenschaftlichen" Biographie mit dem üblichen kritischen und gelehrten Apparat; was nach so mancher dankenswerter Vorarbeit der Kantphilologie in den letzten Jahrzehnten, vor allem der vorzüglichen Ausgabe des Briefwechsels und eines großen Teiles des Nachlasses in der Akademie-Ausgabe (Band X—XVI), durchaus im Bereiche der Möglichkeit lag. Dass ich eine solche wohl hätte abfassen können, glaube ich unter anderem durch meine kritische Quellenstudie über Die ältesten Kantbiographien (Ergänzungsheft der Kantstudien, Nr. 41, 1918) bewiesen zu haben, die ich – ebenso wie meine Charakterstudie Kant als Deutscher (Reichl, Darmstadt 1918) – als Ergänzungen zu vorliegendem Werk anzusehen bitte. Ich habe mich auch in der Sammlung des Materials innerhalb der letzten 14 Jahre keine Mühe verdrießen lassen, habe z. B. eine zweimalige Reise (1912 und 1916) nach dem fernen Königsberg nicht gescheut und bin auch, auf meine diesbezügliche Bitte bei Gelegenheit der Tagung der Kantgesellschaft in Halle Ostern 1914, von manchen Seiten in dankenswerter Weise unterstützt worden.
Allein ich muß diejenigen persönlichen oder Kantfreunde zu meinem Bedauern enttäuschen, die eine solche "wissenschaftliche", das heißt im Grunde doch nur gelehrte Kantbiographie von mir erwartet haben. Gewiß, exakte Erforschung der Einzeltatsachen ist die nächste und unumgänglichste Vorbedingung einer auf Wahrheit und möglichste Vollständigkeit Anspruch machenden Gesamtdarstellung. Aber mein Ehrgeiz ging höher. Ich wollte kein Buch bloß für die Gelehrten liefern, sondern ich wollte den großen Philosophen als Menschen und Denker meinen Zeitgenossen lebendig machen. Ich wollte ein Bild entwerfen, das den alten Kant, wie er lebte und dachte, so weit es einem Nachgeborenen möglich ist, leibhaftig vor unseren Augen wieder erstehen ließe; ich habe ihn daher auch mit Absicht möglichst häufig selbst zu Worte kommen lassen, anstatt mehr oder minder geistreiche Gedanken über ihn zu äußern. Und, obschon völlige Objektivität für den Historiker und erst recht für den Biographen, den Liebe zu seinem Gegenstand beseelen muß, unmöglich bleibt und, wäre sie erreichbar, zu blutleerer Farblosigkeit führen müßte, so habe ich doch auch in der Darstellung seiner Philosophie den historischen Kant, wie er meinen Augen erscheint, zu schildern gesucht, unabhängig von allen "Schul"-Rücksichten.
Jenem Lebendigmachen sollte ursprünglich noch eine größere Reihe zeitgetreuer Illustrationen (Bildnisse Kants aus seinen verschiedenen Lebensaltern, Porträts interessanter in sein Leben hineinspielender Persönlichkeiten, Abbildungen der Hauptstätten seines Lebens und seiner Wirksamkeit, Faksimiles und dergl.) dienen, die schon im Jahre 1916 zusammengestellt waren; wie denn überhaupt das Manuskript bereits im Frühjahr 1917 im wesentlichen fertig vorlag. Der Weltkrieg und seine Nachwehen haben, wie so manches andere, auch diese Absicht zunichte gemacht. Ich bin meinem langjährigen Verleger Herrn Dr. Felix Meiner zu Danke verpflichtet, dass er trotz aller Schwierigkeiten das Buch übernommen und zum Druck gebracht hat, so dass zur Jubelfeier von Kants 200. Geburtstag (22. April 1924) der erste Band sicher erschienen sein und der zweite sehr bald nachfolgen wird. Kürzungen mußten freilich noch an manchen Stellen eintreten, das Wesentliche vom Unwesentlichen geschieden und der literarisch-bibliographische Anhang auf das Notwendigste beschränkt werden, um das Werk nicht ins Ungemessene anschwellen zu lassen.
Dem Danke an den Verlag schließe ich denjenigen an die zahlreichen Gelehrten an, die mich durch wertvolle Beiträge und Ratschläge in meiner Arbeit unterstützt haben, deren Namen ich hier nicht sämtlich nennen kann. Vor allem gilt mein wärmster Dank den nie ermüdenden Freunden Arthur Warda und Otto Schöndörffer in Königsberg, dann Herrn Professor Arthur Liebert (Berlin), Oberbibliothekar Dr. Max Ortner (Klagenfurt) und dem inzwischen verstorbenen Geh. Admiralitätsrat Dr. Abegg (Berlin); weiter den Herren Oberschulrat Gerschmann (Königsberg), Amtsgerichtsrat Goeschen (Merseburg), Gymnasialprofessor A. Rosikat † (Königsberg), Prof. H. Vaihinger (Halle), Oberbibliothekar Emil Reicke und Fräulein R. Burger (Göttingen) sowie den Bibliotheksverwaltungen der Universitäten Königsberg, Marburg, Göttingen und Münster für die freie Benutzung ihrer Bücherschätze. Besonderen Dank habe ich auch der Buchhandlung von Gräfe & Unzer in Königsberg zu sagen, dass sie die Wiedergabe des dem Bande beigegebenen Beckerschen Bildes (nach dem für die Festschrift der Königsberger Ortsgruppe der Kant-Gesellschaft hergestellten Farbenlichtdruck) gestattete.
Der Unvollkommenheit meines Werkes gegenüber einem Genius wie Immanuel Kant bin ich mir vollkommen bewußt. Aber ich mußte dies Buch schreiben. Es ist mir, als käme erst mit ihm meine Lebensarbeit an Kant zum Abschluß und zur Krönung. Und ich denke, eine mehr als 4½ Jahrzehnte hindurch geübte Beschäftigung mit dem Königsberger Weisen von der Zeit an, wo in meiner Vaterstadt Marburg Hermann Cohen den 17jährigen Studenten in die Tiefen Kantischen Denkens einführte, bis heute, wo ich selbst an der westfälischen Universität die Philosophie Kants zu lehren die Freude habe, gab mir ein gewisses Recht zu dem noch von keinem anderen unternommenen Wagnis. Wie weit es gelungen ist, das haben nun meine Leser zu entscheiden. Ich hoffe, sie haben, wenn sie das Buch aus der Hand legen, von Kants Geiste einen Hauch verspürt.
Münster, 12. Februar 1924
Karl Vorländer
Erstes Buch
Die Jugend
(1724—1755)
Erstes Kapitel
Heimat und Elternhaus
Ostpreußen
Die heutige Provinz Ostpreußen ist altes Kolonialland. Nach der Abwanderung ihrer germanischen Bewohner zur Zeit der großen Völkerwanderung war sie beinahe ein Jahrtausend lang im Besitz der nachgerückten slavisch-baltischen Stämme: der Preußen und der ihnen stammverwandten Litauer und Masuren, gewesen. Fünf Jahrzehnte harten Kampfes brauchte daher der Deutsch-Orden zur Christianisierung und Wiedergermanisierung des Landes. An dessen weitere Geschicke: die zweihundertjährige Unterwerfung unter polnische Lehnshoheit, die Loslösung des Herzogtums Preußen von der Fremdherrschaft durch seine Verbindung mit Kurbrandenburg brauchen wir bloß zu erinnern. Uns interessiert hier nur der durch all diese geschichtlichen Wechselfälle, sowie durch die eigentümliche geographische Lage bestimmte Charakter der Bevölkerung. Das Deutschtum, das sich mindestens in den Städten tatkräftig durchgesetzt hatte und von der überdies nicht besonders drückenden polnischen Oberhoheit nur leicht beeinflusst worden war, hatte sich hier schon seit den Tagen der Ordensheere aus allen deutschen Gauen zusammengesetzt und trug daher ein besonderes Gepräge, das durch das Zusammenwohnen mit den alteingesessenen Litauern, Masuren und Letten höchstens noch stärker seiner selbst bewusst ward. Daneben hatten im sechzehnten Jahrhundert aus den Niederlanden vertriebene Mennoniten, gegen Ende des siebzehnten französische Refugiés Aufnahme gefunden, waren 1712 Schweizer herbeigerufen worden, um die durch die große Pest entvölkerten litauischen Landstriche neu zu besiedeln, waren endlich zwei Jahrzehnte später protestantische Salzburger in Tausenden von Familien dort ansässig geworden.
Andere Ausländer lockte die geographische Lage des Landes an, die es zum natürlichen Handelsvermittler zwischen den seefahrenden Engländern, Schotten, Holländern und Skandinaviern einer-, den slavischen Absatzgebieten des Hinterlandes, Rußland und Polen, sowie den baltischen Ländern anderseits machte. Blieben diese Angehörigen fremder Völker auch zum größeren Teile Gäste, die nur ihrer Handelsinteressen halber die Ostseeküste besuchten, so nahmen doch manche von ihnen ihren dauernden Wohnsitz im Lande. Mindestens in den Seestädten wie Königsberg, Pillau, Memel treffen wir zu Kants Zeit zahlreiche Engländer, Schotten, Franzosen, Holländer, Dänen an, von den noch zahlreicheren Polen, Litauern und Juden ganz zu schweigen. Kants eigene Familie leitete ihren Ursprung auf schottische Einwanderer zurück.
Eben diese Blutmischung, ja schon der Verkehr brachte in das etwas schwerfällige und selbständige, durch das lange Ringen mit der Ungunst der Natur und des rauhen Klimas zwar tüchtig, aber auch nüchtern und einförmig gewordene Wesen des Ostpreußen, namentlich in der Hauptstadt, einen belebenden, auffrischenden Zug und vermochte so der durch die entlegene Lage im äußersten Nordosten Deutschlands bedingten, durch die lange polnische Herrschaft über das westpreußische Zwischenland noch gesteigerten Gefahr geistiger Isolierung besser entgegenzuwirken. Anderseits führten die lebhaften Handelsbeziehungen zahlreiche ostpreußische, in erster Linie wieder Königsberger Kaufleute nicht nur nach den großen Ostsee-Handelsstädten Danzig und Stettin, Lübeck und Riga, sondern auch weiter nach Kopenhagen und Amsterdam, London und Petersburg. Auch für viele andere Gebildete wurde es allmählich zur Gewohnheit, eine Bildungsreise ins Ausland, d. h. zunächst ins "Reich", aber auch darüber hinaus nach Frankreich, den Niederlanden oder England zu unternehmen.
Infolge aller dieser Umstände hatte sich eine besondere seelische Eigenart in den Bewohnern dieses deutschen Außenpostens herausgebildet. Wohl findet sich auch, nach dem bekannten Sprichwort, das entgegengesetzte Extrem; aber im ganzen herrscht doch die kritische, sogar gegen das eigene Gefühl auf der Hut befindliche Nüchternheit, der Hang zum verstandesmäßigen Denken, ein mit festem Willen verbundenes trotziges Aufsichselbststehen, die Neigung zu scharfem und kühlem, indes doch mit dem Streben nach Gerechtigkeit gepaartem Urteil vor. Die anders gearteten Naturen, die Herder, Hamann, Zacharias Werner und E. T. A. Hoffmann haben zumeist früher oder später die Heimat verlassen.
Die geistige Bewegung ging hier im allgemeinen freilich langsamer vor sich als in dem lebendigeren Zentrum Deutschlands, den sächsisch-thüringischen Landen, oder den rheinischen und schwäbischen Gebieten; aber sie ging im ganzen auch mehr in die Tiefe. Zwar wurde von den literarisch Gebildeten die bei der Langsamkeit der damaligen Verkehrsmittel doppelt weite Entfernung von Leipzig, dem Mittelpunkte des deutschen Buchhandels, sowie den sonstigen Sitzen geistigen Lebens öfters schmerzlich empfunden. Aber das Land und mit ihm die geistig von ihm abhängenden und genährten Nachbargebiete Livlands, Kurlands und Westpreußens, besaßen doch seit der Reformationszeit nicht bloß einen wirtschaftlichen, sondern auch einen geistigen Mittelpunkt, in dem die ostpreußische Art wie in einem Brennpunkt verdichtet erscheint, in der einzigen großen Stadt Ostpreußens, mit ihrer von dem ersten Preußenherzog 1544 begründeten alma mater Albertina, der Stadt Königsberg.
Die Stadt Königsberg
Seitdem der Böhmenkönig Ottokar im Jahre 1255 das Schloß, im Jahre darauf die, wie es heißt, nach ihm benannte Gemeinde Königsberg gegründet, hatte die Stadt eine bedeutsame Entwicklung durchgemacht. Genauer gesagt: die drei Städte, die erst in Kants Geburtsjahr (1724) zu einer einzigen vereinigt und bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts noch durch Tore voneinander abgesperrt waren, ja im Jahre 1455 einander noch bekriegt hatten: die um das Schloß entstandene Altstadt (gegründet 1264), die seit etwa 1300 östlich davon sich bildende neue Stadt oder Löbenicht, und die auf einer Insel des Pregel im Süden erbaute Stadt Kneiphof (1324). Von den Hochmeistern, um Fremde anzuziehen, mit zahlreichen Vorrechten ausgestattet, blühte Königsberg rasch auf, trat in die Hansa ein, wurde 1457 nach dem Verluste der Marienburg Sitz des Hochmeisters, seit 1525 Residenz des evangelisch gewordenen Herzogs. Durch häufige Einwanderung von Ausländern, die auch während des hierher nicht gedrungenen dreißigjährigen Kriegs nicht stockte, immer mehr angewachsen, zählte sie 1706 bereits über 40 000 Einwohner und war so, an Bevölkerungszahl wie an Bedeutung, die zweite Stadt des am 18. Januar 1701 mit gewaltigem Prunk hier gestifteten Königsreiches Preußen. Nur vorübergehend durch pestartige Seuchen geschwächt, erreichte sie – mehr durch Zuwanderung von außen als durch Geburtenüberschuß – um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Zahl 50 000, ungerechnet die starke Garnison nebst deren Familienangehörigen. Für das Jahr 1787 gibt Baczko die Einwohnerzahl auf 55 663, ohne die etwa 7—8000 Köpfe zählende Militärbevölkerung, an; die Zahl der Häuser auf mehr als 4300, dazu gegen 600 Speicher und 1000 Ställe. Um das Ganze, d. h. die drei Städte und die dazu gehörigen "Freiheiten" und Vorstädte, zog sich seit 1626 ein Wall mit 32 Rondellen und 8 Toren; übrigens für eine ernstere Verteidigung kaum geeignet, ohne Außengräben und leicht ersteigbar.
Wer damals nicht den Seeweg wählte, sondern mit der Berliner Post in Königsberg einfuhr, gelangte, ohne dass sich schon von weitem die Großstadt angekündigt hätte, durch das Brandenburger Tor – so nach dem einige Meilen südwestlich an der Heerstraße liegenden alten Städtchen genannt – in die hintere oder äußere, dann in die vordere Vorstadt, von denen wenigstens die erstere noch um 1840 fast durchweg aus sehr dürftigen, meist ein-, höchstens zweistöckigen Häusern bestand. In der noch heute in ihrer Hauptstraße den alten Namen tragenden Vorderen Vorstadt, der Geburtsstätte unseres Philosophen, die sich bis an den Pregel erstreckte und häufig unter den verheerenden Bränden der dort zahlreichen Getreidespeicher zu leiden hatte, waren schon modernere Bauten dazwischen gestreut. Hier, wo sich der Handel bereits stark bemerkbar machte, konnte der Knabe Kant, besonders in der Sommerzeit, zahlreiche schwarzbärtige Juden mit ihren langen schwarzseidenen Kaftanen, hohen Stöcken und breitkrempigen Hüten sehen, in lebhaftem Handelsgespräch über die Waren begriffen, die sie zum Teil selbst aus dem Inneren Polens den Fluß abwärts geleitet hatten. Außerdem waren wegen des starken Fuhrverkehrs aus dem "Reich" Gasthäuser niederen Rangs ("Krüge") sehr häufig. Die Vorstadt war zu Kants Zeit noch von vielen feuchten Wiesen mit ihren Gräben teils umgeben, teils durchschnitten. In einem Viertel derselben, der sogenannten "Insel Venedig", deren Hauptstraße die Klapperwiese hieß, wohnten schon einzelne Grossisten wie Toussaint, Andersch u. a. Ihren Abschluß fand die Stadt hier pregelabwärts in der einst vom Großen Kurfürst gegen die widerspenstigen Städter angelegten und mit einem Arsenal versehenen, auch als Gefängnis benutzten "Veste Friedrichsburg".
Die Grüne Brücke, die aus der "Vorstadt" zur eigentlichen Stadt führte, und die der kleine Kant zu Anfang seines langen Schulwegs täglich überschreiten mußte, bot eine fesselnde Doppelaussicht, nach Westen und nach Osten. Dort die in See stechenden großen Seeschiffe des Auslandes mit Matrosen der verschiedensten Nationen Europas. Hier pregelaufwärts die aus Polen und Rußland kommenden langen und flachen Riesenkähne (Wittinen), hochbeladen mit Getreide, Hanf, Flachs und Matten, die sie zum Teil aus weit entlegenen Gebieten hergeschafft hatten, um sie in der großen Handelsstadt gegen Kolonialwaren, Wein oder Fertigfabrikate einzutauschen: zuweilen bis zu 60 oder 70 an der Zahl, so dass sie den Fluß fast unsichtbar machten, bis sie nach 6 oder 7 Jahren ausgedient hatten und als Bau- oder Brennholz verkauft wurden. Auf ihnen, außer dem meist jüdischen Unternehmer, die sogenannten Dschimken, in Schafpelze gekleidete gutmütige Naturmenschen aus dem Inneren Polens, welche die Fahrzeuge vor Anbrach des Herbstes wieder heimgeleiteten.
Hatte Immanuel auf der Grünen Brücke den "alten" Pregel, d. i. den südlichen Pregelarm, überschritten, so befand er sich auf der Insel des Kneiphofs. Dieser Stadtteil trug ein wesentlich anderes Gepräge als die Vorstadt. Denn hier hatten die altberühmten wohlhabenden Handelsfirmen ihren Sitz. Konnte sich Alt-Königsberg auch nicht mit den reicheren Hansastädten Danzig, Lübeck oder Bremen messen, so erinnerte doch die als die schönste Straße der Stadt geltende Kneiphöfsche Langgasse wenigstens einigermaßen an ihr heute noch berühmtes Danziger Vorbild. Leider sind in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur das hübsche Langgassen-Tor mit seinem Turm, sondern, bis auf wenige unbedeutende Reste, auch die freilich die ohnehin nicht breite Straße noch mehr verengenden "Beischläge" (Vortreppen mit Eisengeländer und allerlei Verzierungen) der neuzeitlichen Entwicklung zum Opfer gefallen: in dem nüchternen Königsberg denkt man anscheinend ungeschichtlicher als in der Stadt an der Weichselmündung. Außerdem beherbergte der Kneiphof noch die schon 1324 begründete "Thum" (Dom)-Kirche, einen altertümlichen Backsteinbau, nebst den dicht dabei gelegenen Gebäuden des Kneiphöfschen Gymnasiums und der Universität (heute Stadtbibliothek): eine der wenigen Stellen Königsbergs, wo man heute noch still von vergangenen Zeiten träumen kann. Ferner das noch jetzt den Hauptsitz der städtischen Verwaltung bildende Rathaus, endlich das unmittelbar am Pregelufer auf Pfählen erbaute Börsengebäude: so dass hier Kirche, Wissenschaft und Handel in trauter Nachbarschaft zusammenstießen.
Ging man vom Kneiphof, auf der Krämerbrücke den nördlichen Pregelarm oder "neuen" Pregel überschreitend, in gerader Richtung auf das Schloß zu, so gelangte man bergansteigend – dichterische Gemüter haben Königsberg wohl mit der Siebenhügelstadt am Tiber verglichen – in die Altstadt, den Hauptwohnsitz der wohlhabenden Kleinbürgerschaft: der Tuchkaufleute, Kürschner, Schmiede und Schuhmacher. Sie dehnte sich mit ihren zahlreichen "Freiheiten" weit aus und besaß in älterer Zeit nicht weniger als acht Tore. In der Altstadt im engeren Sinn lag das Altstädtische Rathaus, zu Kants Zeit als Gerichtsgebäude verwandt, das Altstädtische Gymnasium, der Artushof oder Junker- und der Gemeindegarten, hier die Buchhandlungen und Buchdruckereien. Neben glänzenden Läden befanden sich in den engen Gassen vielfach auch düstere, dunkel angestrichene Häuser mit schwärzlich angerauchtem Gemäuer, die meisten mit Vorplätzen und -treppen versehen.
Im Zentrum und zugleich am höchsten, beherrschenden punkte der Stadt erhob sich das auch gegenwärtig fast noch unveränderte Schloß, in verschiedenen Jahrhunderten und Baustilen errichtet, mit seinen gewaltigen grauen Mauern, seinen zahlreichen, den weiten Innenhof umschließenden Gebäuden, seinem hochragenden schlanken Hauptturm, nebst den dicken Eck- und Warttürmen, in seinem Inneren den riesigen Moskowitersaal – noch immer einen der größten Säle Deutschlands —, eine besondere Kirche, eine Bibliothek u. a. bergend. In der Nähe des Schlosses begann der weit ausgedehnte Schloßteich, dessen Ufer damals noch überall bis an das Wasser herabreichende Gärten bildeten. Hier herrschte an schönen Sommerabenden, zumal wenn Konzerte oder eine italienische Nacht veranstaltet wurde, in der sonst so nüchternen Stadt bisweilen ein fast venetianisch anmutendes reges Treiben; das ärmere Volk sah dann von der seit 1753 das Wasser überquerenden Holzbrücke bewundernd dem prächtigen Schauspiel, im Winter dem Eislauf, zu. Vom Schloßplatz ostwärts schaute man auf die elegante Französische Straße mit ihren Buch- und Putzhandlungen, Konditoreien und Weinstuben, während nach Süden der Blick auf die rauchgeschwärzten tiefer liegenden Teile der Altstadt fiel.
An diese reihte sich gen Osten pregelaufwärts die dritte der einstigen Städte, der sogenannte Löbenicht, der Sitz der reichen Bierbrauer mit ihren nicht weniger als 87 Brauhäusern. Die alte Kirche brannte 1764 ab; die neue, deren zierlichen Turm der alte Kant von seinem Studierzimmer aus so gern sah, wurde bald darauf eingeweiht. Das frühere Rathaus war schon zu des Philosophen Lebzeiten ein Privathaus geworden, in dem auch er mehrere Jahre lang gewohnt hat.
An die innere Stadt schlossen sich auch nach den übrigen Seiten verschiedene, seit dem 16. Jahrhundert aus Dörfern, Vorwerken, Gärten usw. nach und nach entstandene Vorstädte an, hier "Freiheiten genannt. Im Gegensatz zu der dicht bebauten alten Stadt, waren dort erst die Hauptstraßenzüge mit Häusern, Scheunen, Speichern besetzt. Auch sie trugen einen verschiedenartigen Charakter. Der dem Stadtinneren nahe "Roßgarten" z. B. wies in seinem Beginn stattliche Häuser, Kaufläden und Geschäfte auf, während er nach außen hin in Krankenhäuser, später auch Kasernen endete. Der "Sackheim" mit seinen Kleinkramläden und Schänken diente besonders den in die Stadt kommenden Landleuten. Im Gegensatz dazu beherbergte die "Neue Sorge" die ansehnlichen Stadtwohnungen der Aristokratie. "Tragheim" wieder trug auf seiner an den Schloßteich grenzenden Seite vornehme Landhäuser, auf der gegenüberliegenden dagegen bescheidene Wohnungen kleiner Leute. Die Hauptstraße des "Steindamms" bildete den beliebtesten Spazierweg zu den Landgütern oder "Hufen" (dem heutigen Villenviertel Königsbergs) und von da auf den Wall, der sich in zwei Meilen Umfang mit zahlreichen Vorsprüngen und Buchten rings um die Stadt zog und zum Teil noch heute wechselnde Aussichten auf deren Umgebung: Wald, Fluren, Friedhöfe, den Oberteich, den Pregel und in der Ferne das frische Haff bietet.
Eine Welt für sich endlich bildete die zur Altstadt gehörige Freiheit Lastadie mit ihren den Pregel entlang sich ziehenden mächtigen, wenn auch architektonisch unschönen Speichern, Packhäusern, Wagen, Kranen, Schiffswerften und Zoll- oder Lizentgebäuden. Von den aus dem Haff einfahrenden Seeschiffen wurden am Holländer, von den aus dem Landesinnern kommenden Flußschiffen am Littauer "Baum", d. i. Schlagbaum, die Zollgebühren erhoben.
Bevölkerung
So verschiedenartig die einzelnen Stadtteile in ihrem Gepräge waren, so verschieden, beinahe noch mittelalterlich voneinander abgeschlossen, waren auch die einzelnen Klassen der Bevölkerung. Wer aus dem heutigen in das Königsberg des 18. Jahrhunderts versetzt würde, dem würde vor allen Dingen in die Augen fallen der Mangel einer eigentlichen Arbeiterschaft. Wohl gab es zu Kants Zeit schon eine mäßige Anzahl meist von Ausländern begründeter, zum Teil von "Schutzjuden" geleiteter Fabriken (der Leder-, Gaze-, Papier-, Tabak-, Seifen- und Tuchbereitung dienend), in denen um 1800 einige Tausend Menschen beschäftigt gewesen sein sollen; aber sie wurden doch sämtlich mehr oder weniger handwerksmäßig betrieben. Zu Arbeitern im heutigen Sinne konnte man fast nur die Lastträger an den Schiffen und in den Speichern am Pregel sowie die Brauknechte rechnen. So zählt denn Baczkos genaue Statistik vom Jahre 1787 neben 7826 Ehemännern, 609 Witwern und 1688 unverheirateten Männern, d. h. Selbständigen, bloß 1488 Gesellen, 1788 Lehrlinge und gar nur – 824 "Knechte und Diener" auf, von denen die letzteren gewiß zum größten Teil auf das Konto der persönlichen Bedienung fallen. Die Bürgerschaft zerfiel in Groß- und Kleinbürger. Zu den Großbürgern gehörten in erster Linie die Kaufleute des Kneiphof und der Altstadt, sodann die Brauherren des Löbenicht. Sie allein durften Großhandel mit Fremden treiben, ihre Hochzeiten auf dem Junkerhofe halten, sie stellten die Kirchen- und Stiftsvorsteher. Zu den Kleinbürgern zählten die Handwerker (darunter auch Kants Vater), die in jedem Stadtteil einen "Gemein-Ältesten" besaßen. Jede Zunft oder "Kunst" wählte ihren "Ältermann" auf Lebenszeit oder bestimmte Jahre; jede hatte ihre besondere Sterbe-, Kranken- und Armenkasse, ja sogar ihr eigenes Leichengerät. Noch im Jahre 1798 empfingen die Zünfte vor den Toren der Stadt das einziehende junge Königspaar mit ihren Fahnen und Musikkorps.
Der Adel wohnte nur zum Teil und im Winter in der Stadt. Aber auch, soweit er dort ansässig war, war es kein Hofadel. Seine Angehörigen fühlten sich mehr als selbständige Vasallen, denn als Untertanen. Noch im vorigen Jahrhundert sind Namen wie von Schön, von Hoverbeck, von Saucken u. a. durch den politischen Unabhängigkeitssinn ihrer Träger bekannt geworden. Ein Teil war freilich in den militärischen oder höheren Beamtendienst getreten.
Damit kommen wir zu einem weiteren, an Zahl bedeutenden Bruchteil der Bevölkerung: dem Militär. Die Garnison umfaßte um 1787 nicht weniger als drei Infanterieregimenter, von denen jedes gegen 2200 Mahn unter Waffen, ungerechnet die etwa 250 Frauen und Kinder, zählte; dazu noch zwei Füsilierbataillone, die Hälfte eines Dragonerregiments und eine Artilleriekompanie. Die Soldaten hatten damals noch keine Kasernen, sondern in verschiedenen Stadtteilen, je nach den Regimentern, ihre Bürgerquartiere.
Religionsbekenntnisse, Stände
Dem Religionsbekenntnis nach war Königsberg seit den Tagen der Reformation (1525) eine durchaus protestantische und zwar in der Hauptsache lutherische Stadt. Luthers ältester Sohn († 1575) lag in der Altstädtischen, Melanchthons. Tochter, die Gattin des ersten Rektors der Universität Sabinus, in der Domkirche begraben; im Senatszimmer des alten Kollegienhauses hingen die Bilder beider Reformatoren. Ja in dem Senatoreneid, den auch Kant hat leisten müssen, fand sich noch eine härte Stelle gegen alle "Sakramentarier", zu denen nach strenger Auffassung auch die Reformierten gehörten. Immerhin wurden diese bisweilen zu Professuren zugelassen, während man den Katholiken gegenüber exklusiv blieb. Die Reformierten zählten eine größere "teutsch-pohlnische" und eine kleinere französische Gemeinde,1 zusammen etwa 1500 Seelen. Die Zahl der zugewanderten Katholiken war sehr klein; schon seit dem 16. Jahrhundert hielten sie keine Prozessionen mehr ab. Schließlich gab es noch manche "Stille im Lande", darunter Mennoniten, Herrnhuter und andere "Separatisten". Größer war die Zahl der erst seit Ende des 17. Jahrhunderts zugelassenen Juden. Sie betrug im Jahre 1787 814 Personen, darunter 57 "Schutzjuden", von denen jedoch nur ein Teil das Recht zum Ankauf von Grundstücken besaß: nur 16 Häuser und 4 Speicher waren in jüdischem Besitz. Handel mit Roherzeugnissen wie Erlernung eines Handwerks waren ihnen untersagt. Die meisten beschäftigten sich mit Juwelen- und Galanteriewarenhandel oder waren Unterhändler bzw. Dolmetscher der Polen und Russen; doch zählte zu ihnen auch eine Reihe ansehnlicher Handelshäuser, welche ausgebreitete Wechselgeschäfte betrieben und die größten Packkammern besaßen.
So konnte man in der, von Kant selbst einmal durch ihre "Weitläuftigkeit" charakterisierten, Pregelstadt ein mannigfach bewegtes Leben wahrnehmen und alle Stufen der Kultur beobachten: von jenen fast noch den Eindruck von "Wilden" machenden polnischen "Dschimken" (s. oben) und den Matrosen und Packknechten am Flusse bis zu den höchsten Kreisen der Geld- und Geburtsaristokratie mit ihren zum Teil, u. a. durch die russische Okkupationszeit (1758—62), doch schon etwas verderbten Sitten. Übrigens fiel dem Reisenden Meerman 1800 die große Anzahl wohlgebauter Männer und schöner Frauen auf, welche letztere sich auch mit Geschmack zu kleiden wußten, "ohne doch das Natürliche und Einfache zu vernachlässigen". In der vorrevolutionären Zeit machte sich, wie überall, die schroffe Trennung der Stände auch in Königsberg geltend und ließ es zu keiner Gemeinsamkeit der Interessen kommen. Sie kam auch in den geselligen Beziehungen zum Ausdruck; so feierten die Großbürger ihre Feste im Junker-, die Kleinbürger die ihrigen im Gemeindegarten, es gab besondere Adeligen-, Kaufmanns-, Offizianten- (d. h. Beamten-) und Studentenbälle. Immerhin waren die großen Kaufleute der Stadt, die meist ein beträchtliches Stück Welt gesehen hatten, im Durchschnitt nicht protzenhaft, sondern zeigten häufig vielseitige Interessen und suchten den Umgang mit Vertretern der Wissenschaft; ebenso, wie wir noch sehen werden, ein Teil des Adels und des Militärs. Hamann und vor allem Kant, geringer Leute Kinder, konnten ohne Zwang in den vornehmsten Kreisen verkehren. Es gab in der Stadt eine Reihe öffentlicher und privater Bibliotheken, wie denn überhaupt von den Königsbergern und Königsbergerinnen viel gelesen wurde, und seit 1743 eine heute noch bestehende gelehrte Vereinigung, die "Kgl. Deutsche Gesellschaft". Auch an Konzerten und Theateraufführungen, seit 1755 in einem ständigen Schauspielhause, fehlte es nicht.
Endlich beherbergte die Hauptstadt des Landes, das dem neuen Königreich den Namen gegeben, noch eine ganze Anzahl "hoher Landeskollegien": zum Exempel das "kgl. preußische Etatsministerium", bestehend aus einem Landhofmeister, Oberburggrafen, Kanzler und Marschall (alle – wohl noch von der Ordenszeit her – aus dem einheimischen Adel ernannt), die "kgl. ostpreußische Regierung" als oberste Gerichts-, die "Königsbergsche Krieges- und Domänenkammer" als oberste Polizei-, Handels-, Bau- und Finanzbehörde. Dazu noch viele andere weniger vornehme Behörden – L. von Baczkos Beschreibung des alten Königsberg zählt im ganzen 28 auf! —, von denen wir nur noch das Lizent- oder Zollamt, das Kommerz- und Admiralitätskollegium und das Konsistorium erwähnen.
So ist Immanuel Kant, im Gegensatz zu Lessing, Schiller und Herder, ähnlich dagegen Leibniz und Goethe, in einer der größten damaligen Städte, die einem beweglichen Geiste mannigfaltige Anregung bot, herangewachsen. Und wir begreifen wohl die Worte berechtigten Heimatstolzes, mit denen unser Philosoph, sonst sparsam mit allem Persönlichen, in einer Anmerkung zu der Vorrede seines letzten Werkes, der "Anthropologie", von seiner Vaterstadt spricht, Worte, mit denen auch wir diese Überschau beschließen wollen: "Eine große Stadt, der Mittelpunkt eines Reichs, in welchem sich die Landeskollegien der Regierung desselben befinden, die eine Universität zur Kultur der Wissenschaften und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Inneren des Landes sowohl mit angrenzenden als auch entlegenen Ländern von verschiedenen Sprachen und Sitten einen Verkehr begünstigt – eine solche Stadt, wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann."
Das Elternhaus
Immanuel Kants Geburtshaus steht schon längst nicht mehr. Bereits zu des Philosophen Lebzeiten war es einer jener verheerenden Feuersbrünste, die in dem Speicherviertel am Pregel besonders reiche Nahrung fanden, zum Opfer gefallen. Es stand in einer Seitengasse der "Vorderen Vorstadt", durch die heute die elektrische Bahn zum Hauptbahnhof führt. Sie, die jetzt den nüchternen Namen "Bahnhofsstraße" trägt, hieß bis tief ins 19. Jahrhundert hinein Sattlergasse. Denn hier wohnten nach mittelalterlicher Sitte, wie in Danzig, Köln und anderen alten Städten, viele Handwerksgenossen in der nämlichen Straße; dass es gerade in der Vorstadt, durch die der Wagen- und Fuhrmannsverkehr aus dem "Reiche" ging, für Sattler, Riemen- und Wagenmacher besonders viel zu tun gab, liegt auf der Hand.
Ein solcher ehrsamer Sattler-, genauer Riemermeister, war auch Immanuels Vater, der aus Memel zugewanderte Johann Georg Kant. Auch dessen Vater, Hans Kant, hatte bereits, nachdem er sich als Handwerksgeselle in "frembden Landen" umgesehen und in Tilsit sein Meisterstück gemacht, in Memel dem Riemerhandwerk obgelegen, während der Urgroßvater 1667 urkundlich als "Krug"-Besitzer, also Wirt, in Werden bei Heydekrug im nördlichsten Ostpreußen nachgewiesen ist. Wie weit damit die von dem Philosophen selbst für wahr gehaltene2 schottische Abstammung vereinbar ist, steht dahin. Wenn Kants Großvater wirklich zu den "vielen" gehörte, die "aus Schottland … in großen Haufen emigrierten, und davon ein guter Teil … sich in Preußen, vornehmlich über Memel, verbreitet hat", so müßte er jedenfalls viel früher als "am Ende des vorigen" (17.) oder zu Anfang "dieses", d. h. des 18. Jahrhunderts, aus Schottland eingewandert sein, denn er hatte sich nach seiner Rückkehr von der Wanderschaft bereits um 1670 als Meister in Memel ansässig gemacht und, anscheinend nicht lange nachher, eine wohlhabende, einheimische Bürgerstochter geheiratet, die ihm als zweiten Sohn Ende Dezember 1682 Johann Georg, eben den Vater unseres Philosophen, gebar. Während der Großvater nun in Memel blieb und dort 1698 eine neue Ehe schloß, aus der ein Sohn Christian hervorging, wanderte Johann Georg, vielleicht ebendeshalb, nach Königsberg aus, wo er am 13. November 1715, also schon beinahe 33 Jahre alt, die 18 jährige Tochter eines Handwerksgenossen, Anna Regina Reuter, heiratete, deren Vater, Caspar Reuter (geb. 1670), aus Nürnberg stammte.
"Anno 1715, den 13. November, habe ich, Anna Regina Reuterin, mit meinem lieben Mann Johann George Kant, unsern hochzeitlichen Ehrentag gehalten; sind von Herrn Magister Lilienthal copulirt worden in der Kneiphöfschen Thum (d. i. Dom-) Kirche." So lautete die Eintragung der jungen Frau in ein von Immanuels Eltern, der Sitte der einfachen Leute gemäß, geführtes "Haus-", d. h. Gebet- oder Andachtsbuch. Von den neun Kindern, die sie im Verlauf einer 22 jährigen glücklichen Ehe ihrem Manne schenkte, haben nur fünf die Eltern überlebt. Das erste wurde totgeboren, zwei andere starben schon im ersten Lebensjahre, von einem vierten (einer Tochter) wissen wir nichts als den Geburtstag. Das vierte in der Reihe, der älteste der am Leben gebliebenen beiden Söhne, war unser Philosoph.
In der fünften Morgenstunde des 22. April 1724, eines Sonnabends, erblickte er das Licht der Welt. Nach alter Sitte bereits am folgenden Tage, wurde er – vermutlich in der alten Taufkapelle der Domkirche – auf den Namen E m a n u e l getauft, der nicht bloß für den 22. April in den alten preußischen Kalendern stand, sondern auch der frommen Sinnesart der Mutter entsprach. Sie schließt ihre Eintragung in das "Hausbuch" mit dem frommen Wunsche: "Gott erhalte ihn in seinem Gnaden Bunde bis an sein seliges Ende um J: C: Willen. Amen." Die bei diesem Kinde allein aufgeführten sechs Paten lassen auf den Verkehrskreis der Familie schließen. Es befinden sich darunter ein Gürtlermeister aus der Vorstadt, ein Gerichtsangestellter auf dem Sackheim, ein Händler in der Altstadt, eine verheiratete Frau Barbara Wolffin, eine Jungfer Dorothea Dürrin und ein (in dem Kirchenbuch der Domgemeinde nicht mitaufgeführter, demnach wohl bei der Taufe nicht persönlich anwesender) Kupferschmied und Bürger aus Memel, also der alten väterlichen Heimat. Im übrigen scheinen mit der großväterlichen Familie in Memel keine weiteren Beziehungen mehr bestanden zu haben. War doch auch der dortige Großvater, "Meister Kandt der Riemer", bereits acht Monate vor der Hochzeit von Immanuels Eltern gestorben und als wohlhabender Mann "mit allen Glocken, der ganzen Schul und ein Lied vor der Thür" begraben worden und nur noch die Stiefmutter am Leben, im Jahre 1735 aber bereits das Memeler Familienhaus nicht mehr vorhanden.
Die Eltern
Ist uns auch nicht viel über die Eltern unseres Philosophen überliefert, so genügt das Wenige doch, uns ein einigermaßen zuverlässiges Bild von ihnen zu geben. Es war ein ähnliches Verhältnis wie bei den Eltern Herders und Schillers: der Vater ein braver, ehrenfester, streng rechtlich denkender Handwerker, der auch von seinen Kindern vor allem Fleiß, Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit verlangte; die Mutter, vielleicht infolge des süddeutschen Einschlags in ihrem Blute, eine weichere Natur. Sie führte ihr "Manelchen" oft ins Freie, machte ihn auf die Gegenstände und Erscheinungen der Natur aufmerksam, lehrte ihn nützliche Kräuter kennen und erzählte ihm von dem Bau des Himmels, soviel sie davon wußte. Sie war, wie er selbst gegenüber Wasianski, dem Pfleger seiner letzten Jahre, äußerte, "eine Frau von großem, natürlichem Verstande, einem edlen Herzen und einer echten, durchaus nicht schwärmerischen Religiosität"; daneben hatte sie auch ihre Bildung nicht vernachlässigt und schrieb orthographischer als die meisten vornehmen Frauen ihrer Zeit. So oft er von ihr sprach, war er gerührt und glänzten seine Augen.3 Und die Erinnerung an sie ließ ihn noch in seinen 60 er Jahren gegen seinen Zuhörer und späteren Biographen R. B. Jachmann äußern: "Ich werde meine Mutter nie vergessen, denn sie pflanzte und nährte den ersten Keim des Guten in mir, sie öffnete mein Herz den Eindrücken der Natur; sie weckte und erweiterte meine Begriffe, und ihre Lehren haben einen immerwährenden, heilsamen Einfluß auf mein Leben gehabt." Um so wehmütiger empfand er es, dass er schon als Dreizehnjähriger sie verloren hatte. Körperlich wie seelisch eine zarte Frau, von der er die eigene Konstitution "bis auf die eingebogene Brust", wie auch die Gesichtszüge geerbt zu haben meinte, starb sie, erst vierzig Jahre alt, am 18. Dezember 1737. Wie der Vater im Familienbuch vermerkt, an einem "hitzigen und giftigen Flußfieber"; nach des Sohnes eigener Erzählung gegenüber Wasianski hätte sie geglaubt, sich an dem Bett einer am typhösen Fieber erkrankten vertrauten Freundin angesteckt zu haben; die Krankheit habe sich durch ihre Einbildungskraft erhöht, und nach kurzer Zeit sei sie gestorben.
Zwischen den beiden Gatten herrschte die ganze Zeit ihrer Ehe hindurch das innigste Verhältnis, die größte Eintracht, auch in Beziehung auf die Erziehung der Kinder, denen sie selber in sittlicher Hinsicht das beste Vorbild gaben. "Nie, auch nicht ein einziges Mal", äußerte Kant wiederholt zu seinem Biographen Borowski, "hab' ich von meinen Eltern irgend etwas Unanständiges anhören dürfen, nie etwas Unwürdiges gesehen". Und in dem Entwurf zu jenem Briefe an Bischof Lindblom (S. 15 Anm.) rühmte noch der Greis, dass "meine beiden Eltern (aus dem Handwerksstande) in Rechtschaffenheit, sittlicher Anständigkeit und Ordnung musterhaft, ohne ein Vermögen (aber doch auch keine Schulden) zu hinterlassen, mir eine Erziehung gegeben haben, die, von der moralischen Seite betrachtet, gar nicht besser seyn konnte, und für welche ich bei jedesmaliger Erinnerung an dieselbe mich mit dem dankbarsten Gefühle gerührt finde." Beide Eltern gehörten – den Anstoß gab wohl Frau Regina – zu der damals in Königsberg sehr verbreiteten pietistischen Richtung. Sie war jedoch bei ihnen nichts äußerlich Angewehtes, sondern gab ihrem ganzen Tun und Lassen das Gepräge. Das beste Zeugnis gibt auch hier der in religiöser Hinsicht später so anders denkende Sohn, der noch in seinem Alter einst zu seinem Amtsgenossen Rink meinte: "Man sage dem Pietismus nach, was man will. Genug! Die Leute, denen er ein Ernst war, zeichneten sich auf eine ehrwürdige Weise aus. Sie besaßen das Höchste, was der Mensch besitzen kann, jene Ruhe, jene Heiterkeit, jenen inneren Frieden, der durch keine Leidenschaft beunruhigt wurde. Keine Not, keine Verfolgung setzte sie in Mißmut, keine Streitigkeit war vermögend, sie zum Zorn und zu Feindschaft zu reizen."
Einfach genug wird es in dem elterlichen Hause hergegangen sein, das wir uns – wie die meisten Häuser der kleinen Leute in der Vorstadt – einstöckig, vielleicht auch mit aufgesetzter Dachstube, ohne Unterbau, den Flur gleich verbunden mit der nicht besonders abgeschlagenen Küche, links oder rechts eine große Stube, daneben die Schlaf kammern, zu denken haben. Einen Gesellen oder Lehrling mag Meister Kant zeitweise beschäftigt haben; mehrere schwerlich. Gab es doch noch im Jahre 1787 im Königsberger Riemergewerbe neben 13 "Herren und Meistern" nur 14 Gesellen und 9 "Lehrbursche". Und dass das Geschäft von Kants Vater schon in den 30er Jahren nicht sehr geblüht haben muß, geht aus der Tatsache hervor, dass er seine gehebte Frau 1737 "still", d. h. ohne die übliche Leichenbegleitung durch singende Schulkinder, und "arm", d. h. auf Armenkosten beerdigen lassen mußte. Die Gewerke der Riemer und Sattler waren damals noch getrennt, und jedes hielt eifersüchtig auf seine Gerechtsame; darunter hatte, bei ausgebrochenen Differenzen, auch Meister Kant erheblich zu leiden. "Dessenungeachtet wurde selbst bei der häuslichen Unterhaltung dieser Zwist mit solcher Schonung und Liebe in betreff der Gegner von meinen Eltern behandelt und mit einem solchen festen Vertrauen auf die Vorsehung, dass der Gedanke daran, obwohl ich damals ein Knabe war, mich dennoch nie verlassen wird" (Kant zu Rink).
Kinderzeit
Von der Knabenzeit im Elternhause wissen wir sonst kaum etwas, da der Philosoph später nur sehr selten davon zu erzählen pflegte. Die Sattlergasse führte, zwischen Getreidespeichern der Großhändler hindurch, nach der "Insel Venedig", einem auf allen Seiten mit Gräben umgebenen viereckigen Platze. Hier und auf den "Holzwiesen" am Pregel mag Immanuel als Knabe oft gespielt haben. Eine von den wenigen Überlieferungen aus seiner Kinderzeit bezieht sich auf die Geistesgegenwart, mit der er sich, als er einst einen solchen Graben auf einem ins Rollen geratenen Baumstamm überschreiten wollte und ins Wasser zu fallen drohte, dadurch rettete, dass er einen Gegenstand jenseits des Grabens fest ins Auge faßte und dann gerade darauf los lief. An seinen fünf Geschwistern (zwei weitere starben früh, noch ehe sie das erste Lebensjahr vollendet hatten) wird er wohl kaum Gespielen gehabt haben. Denn die älteste Schwester Regina war fünf Jahre älter, während die drei ihm folgenden Maria Elisabeth, Anna Luise und Barbara drei, bzw. sechs und siebeneinhalb Jahre jünger als er waren. Sein einziger Bruder Johann Heinrich aber erblickte das Licht der Welt erst, als Immanuel bereits im zwölften Lebensjahre stand.
Die erste Schule, die der "kleine Immanuel besuchte, war die in der Hinteren Vorstadt, etwa sieben Minuten von seinem Elternhause gelegene Elementarschule beim St. Georgen-Hospital, einem schon 1329 von den Altstädtern gegründeten Stift für alte Leute, die sich darin einkaufen mußten. Sie hatte nur einen Lehrer, zugleich Kantor und Organist an der noch aus vorrefor-matorischer Zeit stammenden Kirche, der die Kinder im Lesen, Schreiben, etwas Rechnen und "Christentum" unterrichtete; Schulgeld wurde indes auch hier, ausgenommen von den Alier-ärmsten, entrichtet. Wer weiß, wie lange Immanuel diese Schule besucht haben würde, hätte nicht ein besonderer Umstand eine glückliche Wendung herbeigeführt.
Seine Mutter besuchte als fromme Christin mit ihren älteren Kindern oft die Bet- und Bibelstunden des Doktors der Theologie Franz Albert Schultz, welcher der Sache des Pietismus einen gewaltigen Aufschwung gegeben hatte, seitdem er 1731 als Konsistorialrat und Pfarrer an die Altstädtische Kirche in Königsberg gekommen war. Dieser für die Entwicklung des religiösen und geistigen Lebens in ganz Ostpreußen bedeutsame Mann, von dem wir bald noch mehr hören werden, wurde auf seine eifrige Zuhörerin aufmerksam, besuchte öfters das Handwerkerhaus in der Sattlergasse und lernte so auch den aufgeweckten kleinen Immanuel kennen. Er redete den Eltern zu, ihn studieren zu lassen und zu dem Zweck in das erst vor wenigen Jahrzehnten begründete Gymnasium Fridericianum zu schicken, dessen Leitung er (Schultz) selbst demnächst übernehmen sollte. Der Mutter ward damit gewiß ein Lieblingswunsch erfüllt, aber auch der Vater war gern bereit, dem begabten Sohne eine bessere Ausbildung zu geben, als er selbst sie genossen hatte. So trat bald nach Ostern 1732 der achtjährige Knabe in das heute noch als "Friedrichskollegium" bestehende Collegium Fridericianum seiner Vaterstadt als Schüler ein.
Einfluß des Elternhauses
Fragen wir, ehe wir ihn in diesen neuen Lebensabschnitt begleiten, nach dem Anteil der Eltern an des Sohnes Eigenart, so müssen wir uns sicherlich hüten, zu viel Vererbtes anzunehmen. Zunächst ist natürlich alles abzuziehen, was seine philosophischen Anlagen betrifft. Dagegen verdankt er dem Elternhaus, nach Blut und Erziehung, doch offenbar eine ganze Reihe höchst wertvoller persönlicher Eigenschaften: die strenge Rechtlichkeit, die ihn unter anderem auch, selbst während der Zeiten größter Dürftigkeit, vor Schuldenmachen bewahrte, die Gewissenhaftigkeit in der Arbeit, die unbedingte Wahrhaftigkeit, die Einfachheit und Regelmäßigkeit der Lebensweise, die Ordnungsliebe, z. B. in bezug auf Kleidung und Haushaltführung, die ihm, im vollsten Gegensatz zu seinem Landsmann Hamann, zeitlebens eigen blieb; vielleicht auch den Unabhängigkeitssinn, der den bescheidenen Handwerker seinen Ältesten während der ganzen Schulzeit aus eigenen Mitteln unterhalten ließ. Der Erinnerung an die bei aller Einfachheit tüchtigen Eltern entstammt wohl auch der bürgerlich-demokratische Grundzug seines Wesens ("Vor dem braven Manne nehme ich den Hut ab"), der ihn von allem äußerlichen Vornehmtun, "Complimentieren" und Zeremonienwesen fernhielt, auch als er später in den vornehmsten Kreisen verkehrte und die äußeren Formen der feinen Gesellschaft beherrschte. Dass ihm neben solchen Vorzügen vom Elternhause her auch eine gewisse Kleinbürgerlichkeit, ein Mangel an freierem Sichgehenlassen in der äußeren Lebensführung, das wir gern an großen Männern wahrnehmen, haften geblieben ist, wollen wir damit nicht leugnen.
Zweites Kapitel.
Im Fridericianum (1732—1740)
Das Friedrichs-Kolleg
Der neue Geist, der mit Leibniz und seinen Nachfolgern in die deutsche Philosophie einzog, hat die Universitäten erst nach und nach, noch später, erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Gelehrtenschulen ergriffen. Zu der Zeit, während der Immanuel Kant zum Jüngling heranwuchs, beruhte die Gymnasialbildung des deutschen Protestantismus noch immer auf der durch Melanchthon begründeten eigentümlichen Verbindung von Christentum und klassischem Altertum: nur dass jenes völlig in kirchlicher Dogmatik, dieses in scholastisch-rhetorischem Betrieb erstarrt war, einem Betrieb, der nichts anderes als möglichste Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Gebrauch der lateinischen Gelehrtensprache im Auge hatte.
Eine Opposition gegen diese Verknöcherung ging (merkwürdig genug) zuerst aus einer Verbindung zweier so entgegengesetzter Strömungen wie des Pietismus und des Rationalismus hervor, verbunden freilich nur, um sich nach einiger Zeit wieder zu trennen. Beide waren sie einig im Kampf gegen die erstarrten Formeln des dürren und trockenen Verstandes und der Buchstabengläubigkeit, aus denen der Rationalismus die denkende Vernunft, der Pietismus das fromme Gefühl zu befreien strebte. Die nämliche Verbindung, die sich in Halle um 1723 schon gelöst hatte, – damals sah der fromme Francke in Wolffs Vertreibung eine Erhörung seiner Gebete um Erlösung von dieser großen "Macht der Finsternis" – wiederholt sich nun etwa ein Vierteljahrhundert später in Königsberg.
Auch hier war um die Wende des 18. Jahrhunderts das kirchlich-religiöse Leben in theologischer Dogmatik und trockenen Formeln fast erstickt. "Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft!", so dachte wohl auch der fromme Holzkämmerer Theodor Gehr (geb. 1633), als er, nach dem Vorbilde des Halleschen Waisenhauses und mit Unterstützung eines von dort verschriebenen Studiosen, am 11. August 1698 in seinem Hause auf dem Sackheim eine anfangs nur aus 4 Mädchen und 2 Knaben bestehende Privatschule eröffnete, die sich rasch hob und trotz zahlreicher, heftiger Anfeindungen der "Winkelschule" seitens der Vertreter des Bestehenden – der schon vorhandenen beiden Lateinschulen, des Konsistoriums und der Landstände – am 4. März 1701 von dem neugekrönten König Friedrich I. die Bestätigung als "Königliche Schule auf dem Sackheim" erhielt. Noch vor dem frühen Tode ihres Gründers (1705) hatte die neue Anstalt das Glück, in dem 35 jährigen Dr. theol. Heinrich Lysius aus Flensburg einen ebenso tatkräftigen wie wissenschaftlich tüchtigen Leiter zu bekommen, der allen Anfeindungen der Gegner und allen finanziellen Schwierigkeiten zum Trotz das Collegium Fridericianum, wie es seit 1703 hieß, in die Höhe zu bringen wußte und es, als er sich 1729, zwei Jahre vor seinem Tode, ins Privatleben zurückzog, seinem Nachfolger in blühendem Zustand hinterließ; das Porträt des energisch dreinschauenden Mannes hängt noch heute im Konferenzzimmer des Friedrichskollegs.
F. A. Schultz
Nach vierjähriger Leitung durch den früh verstorbenen Rogall (geb. 1701), unter dem zu der Latein- noch eine "Deutsche Schule" für künftige Kaufleute und Handwerker und mehrere Armenschulen hinzukamen, wurde im Jahre 1733 der schon von uns genannte Franz Albert (Albrecht) Schultz an die Spitze der Anstalt berufen. Schultz, 1692 in Pommern geboren, hatte während seiner Studienzeit in Halle neben dem Francke-Spenerschen Pietismus auch die Wolffsche Philosophie in sich aufgenommen. Mehr praktisch als theoretisch veranlagt, hatte er 1724 eine Feldpredigerstelle bei einem Reiterregiment zu Frankfurt a. O. angenommen und es als solcher durch die von ihm eingeführten Erbauungs- und Katechisationsstunden dahin gebracht, dass seine Reiter nicht bloß mit Waffen und Pferden, sondern auch in Bibel, Gesangbuch und Katechismus Bescheid wußten! Seitdem stand er bei dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. in höchster Gunst. Der ernannte ihn 1731 zum Konsistorialrat, Theologieprofessor und Pfarrer in Königsberg und übertrug ihm nach Rogalls Tode – und zwar über den Kopf der preußischen Regierung hinweg – auch noch die Leitung des Friedrichskollegs. Schlicht und unscheinbar in seiner äußeren Erscheinung, nach außen ruhigen Wesens, in seinen Predigten mehr durch Klarheit als den bei anderen beliebten rednerischen Aufputz wirkend, war er doch voll inneren Feuers und leidenschaftlicher Tatkraft: eine "geheime Cholera" bildete nach dem Zeugnis eines Zeitgenossen den Grundzug seines Temperaments. An der Universität war er bald nicht bloß die maßgebende Persönlichkeit der theologischen Fakultät, sondern bis gegen. 1750 ihr einflußreichster Lehrer überhaupt. Sein Lehrer Wolff soll von ihm gesagt haben: "Hat mich je jemand verstanden, so ist's Schultz in Königsberg," und sein Zuhörer Hippel wollte von seinen dogmatischen Vorlesungen den Eindruck gewonnen haben, "als hätten Christus und die Apostel sämtlich in Halle unter Wolff studiert." Auch seine Wirksamkeit auf dem Gebiete der Schulverwaltung war weitreichend: er ist der geistige Urheber aller im letzten Jahrzehnt Friedrich Wühelms I. ergangenen Reformerlasse in Kirchen- und Schulangelegenheiten für das "Königreich Preußen", d. h. die Provinz Ostpreußen, gewesen, zu deren Generalinspektor er dann auch 1737 ernannt wurde.
Diesen Mann mußten wir genauer kennenlernen, weil er der Anstalt, in der Immanuel Kant 8 Jahre seiner Jugendzeit verbrachte, auf lange Zeit das geistige Gepräge verliehen hat. Für die engere Leitung freilich hatte er sich, bei seiner weitverzweigten sonstigen Tätigkeit, bereits Ende 1734 einen "Adjunkten" in der Person des seit Ostern 1732 als Inspektor an der Anstalt wirkenden Christoph Schiffert (1689—1765) erbeten und erhalten, der nicht weniger als 33 Jahre seine Kraft ungeteilt dem Friedrichskollegiuni und den damit verbundenen Schulen gewidmet hat. Von ihm stammt denn auch die 1742 erschienene "Zuverlässige Nachricht von den jetzigen Anstalten des Kollegii Fridericiani", die ein anschauliches Bild von deren innerem und äußerem Betrieb entwirft.
Die einzelnen Unterrichtsfächer.
Der Stundenplan
Als Immanuel Kant im Sommer 1732 in die Lateinschule des Kollegiums eintrat, zählte dieselbe 187, die "deutsche" 292 Schüler; 36 Zöglinge, später mehr – 1734 z. B. 56 – wohnten im Anstaltsgebäude, einem einfachen Bau an der Landhofmeisterstraße, einer Seitenstraße der "Neuen Sorge".4 Auch ein Teil der 26 an der Anstalt unterrichtenden Lehrer hatte dort seine Wohnung. Jeder Schüler bekam zu Anfang des Schulhalbjahres seinen Stundenplan, der ihm für jedes Fach die ihm zukommende Klasse zuwies. Der kleine Immanuel z. B. wurde nach Ostern 1732 in die 5. lateinische und 5. Religions-, in die 3. arithmetische und 3. kalligraphische Klasse aufgenommen. Ostern 1735 befand er sich in der 3. lateinischen und 2. arithmetischen und kam in die 2. theologische, 3. hebräische und 3. griechische Klasse. Der Unterricht begann jeden Morgen um 7 und dauerte bis 11, nachmittags von 1—4 Uhr. Die Mittwoch- und Samstag-Nachmittage wurden für den "Privatunterricht" in den nicht obligatorischen Fächern: Französisch, Mathematik (!), Musik, Polnisch u. a. freigehalten. Die erste Vormittagsstunde gehörte an fünf, in den obersten Klassen an vier Tagen der "Theologie", d. h. dem Religionsunterricht. Dann folgten täglich von 8 bis 10 zwei Lateinstunden. Auch die letzte Vormittagsstunde diente in der untersten Klasse der lateinischen Grammatik, während von IV bzw. III aufwärts an drei, später fünf Tagen Griechisch getrieben wurde. Nachmittags 1 Uhr begann für die unteren Klassen der Unterricht mit dem weniger kopfanstrengenden Schönschreiben (Kalligraphie) nebst den damit verbundenen orthographischen Übungen, für die oberen mit Geographie bzw. – Philosophie! Von 2 bis 3 lernten die Kleineren Rechnen, die Größeren Hebräisch. Den Schluß machte von 3 bis 4 Uhr wiederum eine – Lateinstunde.
In welcher Art gestaltete sich nun der Unterricht in den einzelnen Fächern?
Religion, Hebräisch, Griechisch
Der Religionsunterricht war, obwohl der Pietismus sich eigentlich gegen dogmatische Haarspaltereien wandte, im wesentlichen doch durchaus dogmatisch. Nur eine der fünf Wochenstunden der drei unteren Kurse war der biblischen Geschichte gewidmet, die vier übrigen dienten dem Auswendiglernen des Lutherschen Katechismus und der zugehörigen Bibelsprüche. Höchstens darin machte sich der pietistische Geist geltend, dass die Lehrer überall, besonders auf den späteren Stufen, zeigen sollten, "wie alles ins Gebet zu bringen und zum Christlichen Leben und Wandel anzuwenden sey". In Tertia schloß der Unterricht für die von hier aus ins bürgerliche Leben Tretenden mit einer eingehenden Behandlung der "Heilsordnung" ab, während die übrigen auf den etwas mehr systematischen Lehrgang der beiden obersten Klassen vorbereitet wurden. Dort wurden die dogmatischen Sätze des Lehrbuchs erörtert und mit Bibelstellen "bewiesen", die, wenigstens von den künftigen Theologen, im hebräischen bzw. griechischen Urtext zu lernen waren. Danebenher ging eine genauere Einführung in die biblischen Schriften, ihre Entstehungszeit, ihren Hauptinhalt und ihre Grundlehren, unter Hervorhebung der schwierigsten Stellen. In II wurde das Neue, in I das Alte Testament behandelt; im letzteren besonders die messianischen Prophezeiungen aufgesucht.
Dem Religionsunterricht diente natürlich auch das Hebräische, dem in der dritten Klasse zwei, in den beiden oberen gar vier Wochenstunden gehörten. In Tertia wurden, neben der grammatischen Einführung, einige Kapitel des ersten Buches Mose Wort für Wort erklärt, in II kam der Rest des Buches hinzu, in I die übrigen Bücher Mose, abgesehen von einigen schwierigen Kapiteln, ferner die anderen historischen Schriften des Alten Testaments, sowie die Psalmen. Einzelne Jahrgänge sollen sogar das ganze Alte Testament durchübersetzt haben.
Aber nicht bloß das Hebräische stand im Dienste der Theologie, sondern auch – das Griechische, das auf drei (vorübergehend auch vier) Klassen in je drei bis fünf Wochenstunden gelehrt wurde. Der grammatische Stoff war nicht wesentlich anders als heute verteilt, dagegen diente als Lektüre fast ausschließlich das Neue Testament, dessen reines Griechisch wegen der Inspirationslehre als Glaubenssache galt. In Tertia wurden zur Einübung der Formenlehre – mehrere Kapitel des Johannes-Evangeliums Wort für Wort erklärt! In Sekunda las man Matthäus, Markus und einige paulinische Briefe, in Prima den Rest, der ins – Lateinische übersetzt wurde. Erst kurz vor der Entlassung wurde, falls die Zeit noch reichte, mit den Vorgeschritteneren etwas aus Gesners Chrestomathie gelesen. Von den großen Rednern, Geschichtsschreibern und Philosophen, einem Plato, Thukydides, Demosthenes, ja selbst von Homer bekamen diese bedauernswürdigen Primaner, natürlich auch in den übrigen Königsberger Gymnasien, keine Ahnung. Das hat denn auch unserem Philosophen sein Leben lang nachgehangen. In allen seinen Schriften und Briefen begegnet man keinem griechischen Satze im Urtext.
Latein, Deutsch
Das Rückgrat des gesamten Unterrichts aber bildete das Latein mit seinen 16—20 Wochenstunden. Den Anfang der Stunde bildete auf allen Stufen das Einprägen bzw. das Abhören von Vokabeln, später Phrasen. Die Lektüre war bloßes Mittel, anstatt Zweck, des Sprachunterrichts. Jeder Satz der in Tertia mit Cornelius Nepos beginnenden Lektüre wurde Wort für Wort grammatisch erklärt, umgewandelt, erst zuletzt ins Deutsche übersetzt, nach Beendigung jedes Kapitels der Inhalt ausführlich lateinisch wiedergegeben. Erst in Untersekunda wurde der heute mit Recht zum alten Eisen geworfene Nepos zu Ende gelesen und das "Leichteste und Nützlichste" aus Ciceros Briefen begonnen. In "Groß"-, d. i. Obersekunda kam zu den letzteren Cäsar hinzu, der übrigens später zugunsten eines – Neulateiners (Muret) verschwand. In Prima bildete der letztere neben Ciceros Reden und dem anekdotenhaften Historiker Curtius den Hauptgegenständ; nur vereinzelt kam es auch zur Lektüre einiger philosophischer Schriften Ciceros. Nichts von Livius, nichts von Tacitus. Welch dürftiges Gesamtergebnis bei so gewaltigem äußeren Apparat!
Desto mehr wurde von der untersten Stufe an auf Rede fertigkeit in der lateinischen Sprache gesehen, lateinische Gespräche auswendig gelernt, später an den Unterrichtsstoff angeschlossen. In Obersekunda und Prima sollten die Schüler überhaupt, untereinander wie mit den Lehrern, nur lateinisch sprechen! Daneben das ganze Brimborium von gelehrten Kunstausdrücken, Tropen und Figuren, Chrien usw. Man begreift Kants spätere Abneigung gegen alle Rhetorik, wenn man liest, wieviel Zeit und Mühe diese armen Schülerseelen auf solches Phrasengeklingel von sogenannten Reden verwenden mußten, die teils nur schriftlich ausgearbeitet, teils auch wirklich gehalten wurden. Galt doch ein von den Primanern nach einem selbstentworfenen Programm veranstalteter Actus oratorius als Ziel und Gipfelpunkt des auf der Schule Erreichbaren, wie für das auswärtige Publikum der feierliche Aktus der ganzen Anstalt (s. weiter unten). Schriftliche Exerzitien und Extemporalien, wie heute, wurden auch geschrieben, jedoch nicht im Übermaß; in den oberen Klassen häufig in Briefform.
Als interessanterer Teil des Lateinunterrichts erscheint auf den ersten Blick die poetische Stunde, in besonderen "poetischen Klassen" von Tertia aufwärts gehalten. Zunächst wurde Metrik gelernt und praktisch eingeübt. Stoff genug bot die umfangreiche Sammlung von Freyers poetischem Lesebuch, das von Anfang bis zu Ende durchgearbeitet ward. Neben Stücken aus den Dichtern, die noch heute von unseren Gymnasiasten gelesen werden (Ovid, Vergil, Horaz) standen auch solche von Catull, Tibull, Martial, Juvenal und Seneka, daneben auch von Vertretern der spätlateinischen und der neuzeitlichen Schulpoesie. Das, worauf es ankam, war aber auch hier nicht der Inhalt, sondern die äußere Form. Die Versmacherei wurde geradezu systematisch betrieben, über ein gegebenes Thema par ordre de Mufti Verse gemacht, anfangs in der Klasse, später auch als Hausarbeit. Bei den Unbegabten mußte wohl auch der Stock nachhelfen. Die Begabtesten kamen bis zur Verfertigung lateinischer Oden in sapphischem oder alkäischem Maß. Kein Wunder, wenn Kant in seinen populären Vorlesungen und Reflexionen gelegentlich auch diese Versmacherei ebenso wie die Lernerei der "phrases" brandmarkt.
Das einzige Reale in all diesem Formen- und Formelkram des lateinischen Unterrichts boten die Belehrungen über römische Altertümer, die in Unter- und Obersekunda, aber nur in einer halben oder ganzen Stunde des Sonnabend-Vormittags, gegeben wurden.
Von besonderem deutschen Unterricht ist neben alledem kaum die Rede. Übungen in der deutschen Rechtschreibung und Interpunktion wurden, wie schon erwähnt, mit der Unterweisung in der "Kalligraphie" oder "netten Schreibart" verbunden. Im übrigen wurde die deutsche Sprache eben mit und an der lateinischen gelernt. Doch scheint wenigstens die Unterrichtssprache vorherrschend die deutsche gewesen zu sein; wie es denn auch für die damalige Zeit schon einen Fortschritt darstellt, dass die aus den Francke-Spenerschen Anstalten in Halle übernommene lateinische Grammatik von Joachim Lange in deutscher Sprache abgefaßt war. Außerdem hören wir von einzelnen deutschen "Brief- oder periodologischen" Stunden auf den mittleren Klassen, während in Obersekunda und Prima deutsche Briefe mit lateinischen als häusliche Arbeiten wöchentlich abwechselten, übrigens muß auch die deutsche Versmacherei geblüht haben, wenn uns auch über das Fridericianum speziell keine genaueren Nachrichten bekannt sind. Denn wie viele Gelegenheiten gab es, den lateinischen und den deutschen Pegasus zu besteigen! "Da waren", wie Möller, der Historiker des Königsberger Altstädtischen Gymnasiums, schreibt, "zuvörderst die unaufhörlichen Schulaktus, bei denen schon um der Abwechslung willen Latein und Deutsch, gebundene und ungebundene Rede einander ablösen mußten. … Bald starb ein alter Rektor oder Konrektor, bald feierte ein Lehrer seinen Namenstag oder gar seine Hochzeit, oder er wurde neu introduziert oder empfing den Doktorhut oder siedelte von einer Schule zur anderen oder ging in ein Kirchenamt über, und es war eine grobe Verletzung des Anstands, wenn nicht die Schüler in die Saiten gegriffen und ihren wahren oder erheuchelten Gefühlen Ausdruck gegeben hätten."
Philosophie, Geographie
In seinem rhetorischen Teil führte der lateinische Schulbetrieb selbst auf die Philosophie, zumal die Logik, hin. So war denn auch am Fridericianum 1730 für die Primaner eine besondere "logische" Klasse eingerichtet worden, die sich 1734 in eine "philosophische" verwandelte. In dieser wurden, neben der Logik, auch die "Historie der Weltweisheit" und "aus der Vernunft- und Naturlehre und anderen Wissenschaften (!) das Nötigste" vorgetragen. Auch sollten, in der Regel einmal im Monat, mit den Fähigeren Disputierübungen, ähnlich wie im "Theologie"-Unterricht, veranstaltet werden. Es war sogar für diesen "philosophischen" Unterricht, den Kant zwei Jahre lang genossen hat, ein besonderer Lehrer vorhanden. Was darin zu Kants Zeit geleistet wurde, muß trotzdem kläglich gewesen sein. "Diese Herren", äußerte er später einmal im Gespräch zu seinem einstigen Mitschüler (später selbst Lehrer am Fridericianum) Cunde, "konnten wohl keinen Funken, der in uns zum Studium der Philosophie oder Mathese lag, zur Flamme bringen." – "Ausblasen konnten sie ihn wohl," meinte der andere ernst.
Beiläufig gesagt, ist dies die einzige Stelle des Lehrplans, wo einmal von "Naturlehre" die Rede ist. Erst nach Kants Schulzeit wurde eine besondere "physikalische" Klasse eingerichtet. Doch war schon 1718 auf dem Dache des Schulgebäudes ein kleiner (freilich 1765 schon ganz baufällig gewordener) hölzerner Turm als "Observatorium" angebracht, das erste seiner Art in Königsberg.
Die Anfänge des realen Elements im Unterricht sind überhaupt erst der pietistischen Richtung zu verdanken. So hatte Gehr (S. 23) zuerst in Königsberg Erdkunde und Geschichte als Lehrgegenstände eingeführt. In der Geographie gab es eine "Vorbereitungsklasse", in die Kant als Quartaner mit zehn Jahren, und eine "ordentliche", in die er 2½ Jahre später als Sekundaner eintrat; in Prima wurde dann anscheinend in der Geschichtsstunde das Ganze noch einmal wiederholt. Das für die Anstalt geltende Lehrbuch zeigt uns, worauf Wert gelegt wurde. Am eingehendsten ist die heimatliche Provinz behandelt. Die politische Geographie überwiegt durchaus, es werden zahlreiche Städtenamen, aber kein übersichtliches Bild eines Landes gegeben. Die Flüsse erfahren eine äußerst stiefmütterliche Behandlung; Gebirge werden außer den Alpen und dem Jura überhaupt nicht genannt. Die außereuropäischen Erdteile werden nur ganz oberflächlich beschrieben. Begreiflich genug, dass Kant später als Dozent eine so minderwertige gymnasiale Ausbildung durch seine geographischen Vorlesungen zu ergänzen suchte. Selbst der erdkundliche Lehrstoff wurde übrigens im Friedrichskollegium zum Lateinsprechen benutzt! Anzuerkennen dagegen ist, dass die Lehrpläne Veranschaulichung des Gelesenen oder Gehörten durch die Wandkarte, ja auch gelegentliche eigene Kartenzeichnungen der Schüler empfehlen. Auch die Hauptlehren der mathematischen Geographie werden nicht vergessen.
Geschichte, Mathematik, Französisch
Der Geschichtsunterricht begann erst in Sekunda, da man vorher – an sich ja ein ganz gesunder Gedanke – erst in der Geographie "etwas gelernt" haben sollte. In jeder der beiden Klassen nahm man aber – auf der Sekunda in einem, auf Prima in 1½ Jahren – die ganze "Universalhistorie" durch. Und das wollte etwas heißen bei einem Lehrbuch von 865 Seiten allein für den Oberkurs! Die gesamte Weltgeschichte war eingeteilt in diejenige – des Alten und des Neuen Testaments, zwischen denen Christi Geburt die Grenze bildete, und zerfiel in 5 Abschnitte: 1. biblische Regenten- und römische Kaiserhistorie, 2. politische Völkerhistorie, im wesentlichen eine Aufzählung der übrigen geschichtlichen Reiche und ihrer Herrscher, 3. Kirchenhistorie, 4. Gelehrtenhistorie und 5. chronologische Wiederholung. Und das nannte man Weltgeschichte! Ob unter solchen Umständen der Vortrag des Lehrers, wie es gewünscht wurde, dem öden systematischen Gerippe Fleisch und Blut geben konnte?
Was die Mathematik betrifft, so war obligatorisch nur der in vier Nachmittags-Wochenstunden erteilte Unterricht im Rechnen, der bis zur Regeldetri und Bruchrechnung einschließlich führte und von Befähigteren wie Kant 3 bis 4 Jahre lang besucht zu werden pflegte. Dann hörte der offizielle Mathematikunterricht auf. Dagegen war für die Weiterstrebenden – zuerst 1732/33 von Schiffert – ein Mittwoch- und Samstag-Nachmittag von 1 bis 3 gegebener privater Unterricht in der "Mathesis" eingerichtet worden, in der nach Christian Wolffs "Auszug aus den Anfangsgründen aller mathematischen Wissenschaft" die Elemente der Geometrie und Trigonometrie von – Theologiestudenten ihren unglücklichen Opfern beigebracht wurden.
Für das ebenfalls dem Privatunterricht der beiden sonst schulfreien Nachmittage überlassene Französisch bestanden zu Kants Zeit drei Klassen, in denen die Schüler dahin gebracht werden sollten, "einen französischen Autorem ziemlich exponieren (d. i. übersetzen) zu können". Indes sind uns gerade über die Unterrichtsweise während Kants Schulzeit keine näheren Mitteilungen erhalten. – Ebensowenig über den in zwei Abteilungen erteilten und von dem kleinen Immanuel nur drei Jahre lang mitgemachten Gesangunterricht. Daneben sorgte die Anstalt auf Wunsch – in erster Linie doch wohl für die Internen – für Unterweisung in Klavier- und Flötenspiel. Polnisch und Litauisch wurden nur gegeben, wenn genügende Anmeldungen erfolgten und geeignete Lehrer aufzutreiben waren. Kant hat daran, soviel bekannt, nicht teilgenommen.
Der pietistische Charakter
Den Mittelpunkt des Unterrichts, um den sich die übrigen Fächer nur lose herumgruppierten, bildeten also durchaus das Lateinische und die Religion; neben ihnen bedeuteten die Muttersprache, das Französische, Mathematik und Naturwissenschaft nichts oder so gut wie nichts. Das aber, was das Fridericianum von den anderen Lateinschulen der Stadt – dem Altstädtischen und dem Kneiphöfsehen oder Domgymnasium – unterschied, war der pietistische Charakter, der das ganze Leben der Anstalt beseelte. Bestand doch deren Zweck ausgesprochenermaßen darin, dass "einesteils die Untergebenen aus ihrem geistlichen Verderben errettet und das rechtschaffene Christentum ihren Herzen von Jugend auf eingepflanzt, andernteils aber auch ihr zeitliches Wohlsein befördert werden möge". Und lautete doch die grundlegende Bestimmung der Schulgesetze: "Wer die Zeit seiner Jugend wohl anwenden und den Grund seines Glückes auf Erden in der Schule legen will, muß zuvörderst bei allen seinen Handlungen das Andenken an Gott, der überall gegenwärtig ist und vor dem allein ein rechtschaffenes Herz gilt, zu erwecken und zu unterhalten suchen." Deshalb begann und schloß auch, abgesehen von der halbstündigen Frühandacht der in der Anstalt selbst wohnenden Zöglinge, jede Stunde mit einem "erwecklichen und kurtzen" Gebet. Dazu kamen allwöchentlich außer zwei weiteren Erbauungs- und Betstunden für die Pensionäre, noch an einem besonders festzusetzenden Tage vorgenommene Katechisationen durch den Direktor und die regelmäßige einstündige Samstags-Andacht, in der außer Gebet und Gesang eine Ermahnung des Inspektors "sowohl was die Studien als gute Ordnung anlanget, als was sonst nötig ist und die Woche über bemerkt worden", erfolgte, die übrige Zeit aber "zur Erweckung gegen den Sonntag angewandt wird". Dieser Sonntag war natürlich erst recht dem Heile der Seele geweiht. Da wurde von 8—9 in der Schulkirche katechisiert, die Vormittags- wie die Nachmittagspredigt angehört und der Inhalt beider sofort abgefragt. Zum Überfluß fand abends eine nochmalige "Wiederholung" beider Predigten statt, wobei man "auf den Seelenzustand der Jugend sieht, die gehörte Wahrheiten auf sie deutet und ihr Hebreich andringt". Zu diesem regelmäßigen Andachtsbetrieb kamen noch die außerordentlichen religiösen Übungen, wie die bereits vier Wochen vorher beginnenden "Vorbereitungen" auf den Genuß des hl. Abendmahls, mit schriftlichen Gebeten (eins ist noch in den Akten erhalten) und Berichten der Schüler über ihren Seelenzustand und mit ihren besonderen Ermahnungs-, Selbstprüfungs- und "Erweckungs"-Stunden. Kein Wunder, dass das Fridericianum im Volksmunde einfach die "Pietisten"-Schule hieß, kein Wunder auch, dass selbständigeren Naturen wie Kant durch solche Überfütterung auch die an sich durchaus berechtigte Gefühlsseite der Religion vollständig verleidet wurde.
Lehrer, Schulzucht, Prüfungen
Ein weiterer Übelstand war, dass die etwa 30 Lehrer der Anstalt fast durchweg Studierende oder Kandidaten der Theologie vom fünften Semester ab, zum größeren Teil frühere Zöglinge der Schule, waren. Bei so großer Zahl wurde der einzelne zwar nicht mit Unterrichtsstunden überlastet – die Älteren erteilten bis zu vier, die Jüngeren 1 bis 3 Stunden täglich —, aber die Entlohnung war auch kärglich. Sie betrug bloß 10 Taler jährlich für jede Wochenstunde, weitere Zulagen waren von der Zahl der Schüler abhängig. Die meisten hatten freilich freie Wohnung und Kost im Collegium, mußten aber dafür auch dessen Pensionäre beaufsichtigen, und ein eigenes Zimmer besaß nur der erste Lateinlehrer. Der Hauptnachteil war doch, dass den jungen Leuten, wenn sie so früh – Kants Freund Cunde z. B. im Alter von 18 bis 19 Jahren – ihre Tätigkeit begannen, jede Lebens- und Unterrichtserfahrung fehlte. Daran konnten schließlich auch die Anweisungen, Ratschläge und Wochenkonferenzen, die der erste Inspektor mit ihnen abhielt, wenig ändern. Und so vermochten denn viele, auch wenn sie älter geworden, trotz aller Anläufe zur Strenge, keine Disziplin zu halten. Im allgemeinen erscheint das von Schiffert in seiner "Nachricht" empfohlene Verfahren für die damalige Zeit verständig und milde. Schimpfwörter, sogar die Anrede mit "Du", waren verpönt. Mit väterlichen Ermahnungen sollte der Präzeptor zunächst auszukommen suchen; falls diese nichts fruchteten, sollte er seinen Unterricht nicht lange durch die Strafvollziehung unterbrechen, sondern die Sache dem Inspektor melden, der ihnen dann die Strafe – körperliche nur bei Bosheit oder offenbarer Faulheit – zu diktieren werde; helfe auch das nicht, so müsse man den Eltern die Entfernung aus der Schule empfehlen, "maßen man aus dem Collegio … kein Zuchthaus machen kann". Ob diese vernünftigen Grundsätze in Wirklichkeit immer befolgt worden sind?
Ferien, wie sie an anderen Lehranstalten wenigstens zur Zeit der Hundstage und des Jahrmarktes je 14 Tage lang einzutreten pflegten, gab es in der strengen Pietistenschule Überhaupt nicht. Nur am Oster-, Pfingst- und Christfest-Montag und einen Tag nach der öffentlichen Prüfung wurde der Unterricht ausgesetzt; außerdem ging man bisweilen in der heißesten Zeit des Jahres mit den Schülern oder doch den Pensionären einen halben oder ganzen Tag aufs Land. Die Vorschriften über die Schulaufsicht waren streng. Jeder Lehrer mußte den Eintritt seines Nachfolgers ins Klassenzimmer abwarten. Die Pensionäre durften sich nur von 12—1, 4—5 und im Sommer nach 8 Uhr abends unter Aufsicht auf dem Schulhof "bewegen"; Turnen gab es natürlich nicht. Von 5—7 Uhr nachmittags war, selbstverständlich ebenfalls unter Aufsicht der Stubeninspizienten, Arbeitsstunde. Die Versetzungen in eine höhere Klasse fanden, nachdem zahlreiche Wiederholungen des Gelernten nicht bloß am selben und folgenden Tage, sondern auch zu Ende der Woche, des Quartals und Semesters stattgefunden hatten, jedes halbe Jahr statt; sie wurden, nach den Vorschlägen der Lehrer und eingehenden Prüfungen in den Klassen, vom Inspektor entschieden und verkündet; als besonders schwierig galt die nach U II. Vor Schluß des Semesters wurde in der Schulkirche eine zwei volle Tage dauernde öffentliche Prüfung abgehalten, zu welcher die Zöglinge tags vorher den angesehensten Männern der Stadt sowie den Gönnern und Freunden der Schule gedruckte Einladungen überbrachten; wenn Universitätsprofessoren oder Konsistorialräte kamen, so konnten sie selber Themata stellen oder Fragen an die Schüler richten. Die Prüfung der Sekundaner und Primaner fand in lateinischer Sprache statt. Am dritten Tage hielten die Abiturienten – damals dimittendi, d. i. zu Entlassende, genannt – ihre Abschiedsreden über ein moralisches oder theologisches Thema, je nachdem mit größerem oder geringerem Schwulst. Meist lateinisch; doch kamen an manchen Anstalten auch griechische, französische, ja selbst hebräische (!) Reden vor. Im Fridericianum wurden sie dann, in sauberer Reinschrift, gebunden und in der Bibliothek aufbewahrt; leider haben sie sich nicht erhalten, sonst könnten wir sicherlich auch eine des dimittendus Kant "bewundern". Daran schlossen sich Deklamationen lateinischer und deutscher Gedichte, die Abschieds- und Dankrede eines der zurückbleibenden Primaner, die Entlassungsrede des Inspektors, zuweilen noch ein Schlußwort des Direktors.
Kants Aufrücken
Solcher Art also war die Anstalt, die unser Philosoph von seinem 9. bis zu seinem 17. Lebensjahre besucht hat. Vielleicht infolge des persönlichen Einflusses von Schultz, war er schon im Alter von 8 Jahren, d. h. zwei Jahre früher als üblich, in die unterste Latein-, Religions-, arithmetische und kalligraphische Klasse aufgenommen worden. Nach den alten Schullisten des Fridericianums hat Immanuel Kant – die Namensform schwankt zwischen Kant, Kandt, Cant, Cante und Candt!5 – die lateinische Quinta in 1½, IV in 1, III und U II in je 1½, O II in 1, die Prima in 2 Jahren absolviert. Wir sehen, dass er jedesmal zu Anfang, infolge der in der Klasse Sitzengebliebenen, einen tieferen Platz einnimmt, dagegen im Laufe des Kursus sich stets an die Spitze emporarbeitet, um als Primus in die nächstfolgende Klasse aufzusteigen. Nur als Abiturient war er von einem gewissen Porsch überflügelt worden, vielleicht weil dieser in höherem Grade als unser Immanuel lateinische Verse "mit wunderbarer Leichtigkeit hinzugießen verstand" (Ruhnken an Kant, 10. März 1771). Griechisch hat er schon mit 10½, Hebräisch mit 11, Französisch mit 11½ Jahren begonnen. Die unteren Klassen hat er sehr rasch erledigt; dass er in Religion und Griechisch auffallend lang in der 2. Klasse blieb, lag wohl daran, dass er für die erste noch zu jugendlich war, und dass der Unterricht in beiden Fächern – hier grammatische, dort inhaltliche Behandlung des Neuen Testaments – verwandt war, zudem damals in einer Hand lag. Aus dem Gesangunterricht ist er, vermutlich seiner schwachen Stimme halber, früh ausgeschieden. Im Schönschreiben ist der Neunjährige vorübergehend einmal in eine tiefere Klasse gekommen, hat sich dann aber rasch, sogar zur 1. Klasse, wieder emporgearbeitet. Eine saubere und feine Handschrift hat er denn auch, trotz seiner ungeheueren Gelehrtentätigkeit, bis in sein Alter behalten.
Befreundete Mitschüler
Die leichten Erfolge, die unser Kant auf der Schule errang, verdankte er gewiß vor allem seinem Scharfsinn und seinem bis in späte Jahre fortdauernden vorzüglichen Gedächtnis, das ihn bei dem geschilderten Memorierbetrieb besonders begünstigen mußte. Dass er aber auch "fleißig im strengsten Verstande des Wortes" war, hat Borowski von Kants Mitschülern Trümmer, Cunde und Kypke bezeugt bekommen; das brachte ja schon der Geist des Elternhauses mit sich. Er braucht darum kein Duckmäuser oder Stubenhocker gewesen zu sein. Dagegen würde seine ganze spätere Art sprechen, auch wenn nicht schon einzelne Stellen seiner Schriften und Briefe darauf hinwiesen, dass er Knabenspiele wie Kreisel, Blindekuh usw. gekannt, dass er öfters am Schusterbrunnen, einem zur Zeit seiner Kindheit leeren Wasserbecken, gespielt, dass er sich, wie wir schon sahen, auf den Wiesen und an den Gräben in der Nähe des väterlichen Hauses herumgetummelt hat. Wenn er einst Borowski gestand, "in manchen Dingen" vergeßlich gewesen zu sein, so waren dies doch solche, "die den Schulfleiß nicht affizierten"; mehr ein Vorzeichen professoraler Zerstreutheit war es, wenn er einmal auf dem Schulweg seine Bücher irgendwo niedergelegt hatte und dann ohne sie in der Klasse erschien. Von seinem guten Betragen zeugt die von ihm selber seinem Schüler Jachmann erzählte Tatsache, dass er und einige Kameraden selbst einem gebrechlichen und "possierlich gestalteten" unter ihren Lehrern stets Aufmerksamkeit, Folgsamkeit und Achtung bewiesen hätten, weil sie in seinen Lektionen viel hätten lernen können. Vielleicht war es derselbe "gute" Heydenreich, der, eben als junger Hilfslehrer in das Kollegium eingetreten, Kants Lateinlehrer in Quinta und Quarta und dann wieder in den beiden letzten Jahren der Prima war, und von dem er noch später mit ganz besonderer Achtung zu sprechen pflegte: er habe durch seine Art der Erläuterung der römischen Klassiker nicht nur die Kenntnisse seiner Primaner erweitert, sondern auch für die Richtigkeit und Bestimmtheit ihrer Begriffe gesorgt.
Wie von dem jungen Lessing sein Rektor gesagt haben soll, er gleiche einem Pferd, das doppeltes Futter verlange, so tat sich auch Immanuel Kant mit gleichstrebenden Schulkameraden zusammen, um mit ihnen privatim solche lateinischen Schriftsteller zu lesen, die ihnen innerhalb der Schulwände nicht geboten wurden. Es waren dies zwei Pommern: der um 1 Jahr ältere David Ruhncke (später Ruhnken) und der 1 Jahr jüngere Johannes Cunde, Sohn eines armen Holzwärters, der 1737 gleich in Untersekunda aufgenommen worden war, da Schiffert bald seine "herrlichen Gaben" erkannt hatte. Dies Kleeblatt also trieb – seit Ostern 1739 waren sie in der lateinischen Prima vereinigt – regelmäßige Klassiker-Lektüre, wobei Ruhnken, der Wohlhabendste unter ihnen, gute Ausgaben, einmal z. B. die kostbare Livius-Ausgabe von Drakenborg, anschaffte. Sie träumten sich schon jetzt als dereinstige Gelehrte und entwarfen Pläne literarischer Arbeiten, wobei sie sich im Stile der Zeit mit den latinisierten Namen Cantius, Cundeus und Ruhnkenius bezeichnen wollten. Nur einer von ihnen hat diesen Jugendplan wirklich durchgeführt: David Ruhnken, der ein Semester später als Kant das Fridericianum verließ, aber, unbefriedigt von seinen Königsberger Universitätslehrern, schon zwei Jahre später nach Holland ging und dann Jahrzehnte hindurch als einer der größten Philologen seiner Zeit an der Leydener Hochschule glänzte. Der andere, jener begabte Armenschüler Cunde, rieb sich allzufrüh im Schuldienst auf. Das Friedrichskollegium preßte die schwachen Körperkräfte des jungen Gelehrten "wie eine Zitrone bis auf den letzten Safttropfen aus", so dass er, 1756 als Rektor an die Stadtschule des kleinen Rastenburg gekommen, dort bereits nach wenigen Jahren dahinwelkte.
Schulsitten
Von sonstigen Einzelheiten aus Kants Schulleben läßt sich nichts mehr feststellen. Auch er wird als guter Schüler wohl öfters in Zopf, Kniehosen und weißen Strümpfen das untere Katheder betreten haben, in einer Zeit, wo die "Rede-Aktus" in den Lateinschulen so überhand genommen hatten, wie im 18. Jahrhundert, wo z. B. bei der Jubelfeier der Augsburger Konfession 1730 im Altstädtischen Gymnasium 21, im Kneiphöfschen 24 Schüler redeten, während 1791 – allerdings ein halbes Jahrhundert nach Kants Schulzeit – im Fridericianum mehrere Quartaner "über das Verdienst" sich verbreiteten, ja gar ein Quintaner (!) eine Abschiedsrede "Von der Nützlichkeit des Kaufmannsstandes" hielt. Auch er wird an den Leichenbegängnissen der Groß-, Kleinbürger und königlichen Offizianten (Beamten), namentlich an den von der ganzen Schule begleiteten "General-Leichen", sowie an den bei Gelegenheit der hohen Kirchenfeste üblichen "Umgängen", die mit Absingung von Psalmen und Chorälen, und zum Entgelt dafür der Entgegennahme von Geld und Lebensmitteln aus den vornehmen Bürgerhäusern verbunden waren, haben teilnehmen müssen.6 Er wird sich auch als Oberprimaner am 20. Juli 1740 an der Huldigungsfeier zu Ehren des neuen Königs Friedrichs II. beteiligt7 und endlich wenige Wochen darauf als Secundus omnium seine lateinische oder deutsche Abschiedsrede bei der feierlichen Entlassung der Abiturienten gehalten haben.
Wie Hippel bezeugt, wohnte Kant als Gymnasiast nicht im Kolleggebäude, sondern trotz der weiten Entfernung bei seinen Eltern. So war er wenigstens nicht, wie die Pensionäre des Internats, dem Zwang der Anstalt auch außerhalb der Schulstunden überantwortet. Seine Eltern taten für ihn, was sie konnten, zumal da der Vater damals noch soviel verdiente, dass die Familie durchaus keine Not litt. Sie bezahlten das Schulgeld nicht bloß für die Pflicht-, sondern auch für die Privatstunden in Französisch und Mathematik, um den geliebten Sohn zu fördern: während sie sich anderseits doch die taktvolle Art der Unterstützung gelallen ließen, die ihnen Direktor Schultz gewährte indem er ihnen ab und zu einen Teil des Brennholzes, das nach" der Sitte der Zeit einen Teil seines Gehaltes bildete, unerwartet und unentgeltlich anfahren ließ. Der religiöse Ton war zwar auch im Elternhause heimisch, auch hier wurde sicherlich, was zudem den in der Stadt wohnenden Schülern dringend empfohlen war jeder Tag mit Gebet begonnen und beschlossen; aber Immanuel hatte, bei seiner Begabung, doch mehr Zeit zu Spiel und Erholung.
Wirkung der Schulzeit
Versuchen wir nach alledem zu einem Schlußurteil, zur Beantwortung der Frage zu kommen: Welche Wirkung hat diese achtjährige Schulzeit auf den jungen Kant gehabt? Wir scheiden dabei die außer-schulmäßigen Einflüsse aus: die des Elternhauses wie der Stadt. Denn sicher bot die letztere, schon auf dem täglichen Schulwege, dem Verstand, Gemüt und der Phantasie des aufgeweckten Knaben und noch mehr des heranwachsenden Jünglings die mannigfaltigsten Anregungen, während ihn von den Versuchungen der Großstadt, abgesehen von der strengen Schulzucht, schon der Geist des Elternhauses fernhielt. Das Wesentliche aber war doch die. Einwirkung der Schule. Welches Endergebnis zeitigte diese?
Mag das Fridericianum damals auch seine Blütezeit gehabt, mag es als die Musteranstalt gegolten haben, welche die ganze Provinz mit Lehrern und Lehrbüchern versorgte: das Gesamtresultat dessen, was sie ihren Zöglingen auf die Universität mitgab, war doch, nicht bloß an unserem heutigen, sondern" auch an Kants eigenem späteren Maßstab gemessen, außerordentlich dürftig. Das einzige aus der Schulzeit, was er auch später noch und dauernd als nutzbringend für sich empfand, war die nie in ihm erloschene Liebe zu den alten Lateinern, besonders den Dichtern, aus denen er noch in seinem Alter lange Stellen ohne Anstoß herzusagen vermochte. Was half es ihm aber im übrigen für seine Gesamtbildung, dass er vom 9. bis zum 17. Lebensjahre Latein und immer wieder Latein getrieben hatte ? Nicht einmal ein klassisches Lateinisch hatte er zu schreiben gelernt, von einer Einführung in den Geist des Altertums ganz zu schweigen. Es klingt doch wie selbsterfahren, wenn uns aus einem Losen Blatt aus dem Anfang der 70er Jahre der Stoßseufzer entgegentönt: "Wollte Gott, wir lernten in Schulen den Geist und nicht die phrases der Autoren und kopierten sie nicht, so würden unsere deutschen Schriften mehr echten Geschmack enthalten" (Ak.-Ausg. XV, Nr. 778). Es ging ihm in dieser Hinsicht nicht besser als allen berühmten Deutschen, die in den damaligen Tretmühlen des Wissens ihre Jugendjahre verbracht haben: Lessing wie Winckelmann, Herder wie Heyne, Hamann wie Nicolai, von deren jedem wir noch stärkere Äußerungen zitieren könnten. Es paßt auf die damaligen Gelehrtenschulen das Wort, mit dem beste Kenner der Geschichte des gelehrten Unterrichts seine Schilderung dieses Zeitabschnittes beschließt: "Um 1740 sind die Schulen auf den tiefsten Stand in der öffentlichen Schätzung gesunken, den sie überhaupt erreicht haben. Was sie trieben, galt in der Welt draußen nicht mehr, was draußen galt, trieben sie noch kaum" (Paulsen, Gesch. d. gelehrten Unterrichts I, 607).
Dazu kam nun noch die oben geschilderte Überfütterung mit dem, was der Seele des Menschen und am meisten der des Kindes nur in den Feierstunden des Gemüts nahegebracht werden sollte: der Religion. Selbst kirchlich gesinnte Männer, wie Borowski und Rink, welche das Fridericianum einigermaßen in Schutz zu nehmen suchen, meinen doch, dass Kant als Schüler "an dem Schema von Frömmigkeit oder eigentlich Frömmelei, zu dem sich manche seiner Mitschüler und bisweilen aus sehr niedrigen Absichten bequemten, keinen Geschmack finden konnte", ja, dass "gerade durch die stete Gewohnheit der Gebetsund Erbauungsstunden das religiöse Gefühl des Knaben erkaltete und verkümmert ward". In der Tat, wir können es begreifen, dass Kant später zu Hippel geäußert haben soll: Ihn überfiele Schrecken und Bangigkeit, wenn er an jene Jugendsklaverei zurückdächte.
Niemals hat er denn auch in seinen Schriften dankend des Fridericianums gedacht, niemals, so dürftig es ihm auch ging, während seiner Universitäts- oder Hauslehrerzeit sich um ein Lehramt an seiner alten Schule8 bemüht. Von seinen Lehrern hat er zwar den "guten" Heydenreich, wie wir sahen, und zwar ihn allein rühmend hervorgehoben, aber anscheinend doch auch zu ihm später in keinem näheren persönlichen Verhältnis mehr gestanden. Und ebensowenig zu seinem Direktor F. A. Schultz, den er ja auch nur aus Predigten, Katechisationen und gelegentlichen Besuchen, nicht aus dem eigentlichen Unterricht kannte. Zwar soll er (nach Borowski) noch in seinen letzten Jahren gewünscht haben, ihm ein literarisches Denkmal errichten zu können; aber während seiner Studentenzeit kennt Schultz ihn, wie wir sehen werden, nicht einmal mehr vom Ansehen, und seine erste Schrift hat der junge Gelehrte nicht ihm, sondern einem anderen Wohltäter der Familie, Professor Bohlius, gewidmet.
Nun war die Zeit im Elternhaus und hinter den Wänden des Fridericianums für ihn vorüber. Im ganzen muß sie keine angenehme Erinnerung für den späteren Mann gebildet haben. Sonst hätte er in seinen Vorlesungen über Pädagogik nicht die Sätze aussprechen können, die ein seiner Kindheit froher Mensch nie äußern wird: "Viele Leute denken, ihre Jugendjahre seien die besten und die angenehmsten ihres Lebens gewesen. Aber dem ist wohl nicht so. Es sind die beschwerlichsten Jahre, weil man da sehr unter der Zucht ist, selten einen eigentlichen Freund und noch seltener Freiheit haben kann." Und dabei fehlte ihm keineswegs die Empfindung für das, was der Jugend vor allem not tut, ihm, der kurz vorher die Kinder stets fröhlichen Herzens und "so heiter in ihren Blicken wie die Sonne" wünscht. Aber der geistige Druck der frommen und strengen Anstalt wirkte, zumal bei der pietistischen Gesinnung der Eltern, auch im Hause nach. Dazu kam der frühe Tod der seinem Herzen besonders nahestehenden Mutter, der Ernst des Lebens, der bei den anscheinend allmählich schlechter werdenden pekuniären Verhältnissen der Familie frühe an ihn herantrat.
Jetzt sollte die freiere Zeit des akademischen Lebens für ihn beginnen. Gegen Ende des Sommers 1740 wurde er mit zehn anderen aus dem Fridericianum entlassen. Schulzeugnisse, wie heute, gab es damals noch nicht, und auch eine Gesamtcharakteristik des Abiturienten, wie sie z. B. von Johann Winckelmann vorhanden ist, hat sich nicht erhalten. Um so wertvoller ist unter diesen Umständen das Zeugnis seiner Mitschüler – Schüler- sehen ja manchmal schärfer als Lehreraugen —, das uns durch den Mund des berühmtesten unter ihnen überliefert ist, und das zugleich die Eindrücke noch einmal zusammenfaßt, welche der Geist des "Pietisten"-Gymnasiums unter den klügsten und urteilsfähigsten seiner Zöglinge weckte. "Dreißig Jahre sind vorbei," so schrieb am 10. März 1771 der berühmte Philologe David Ruhnken aus Leyden an Immanuel Kant, "seit wir beide unter jener zwar pedantisch finsteren, aber doch nützlichen und nicht verwerflichen Zucht der Fanatiker seufzten. Man hegte damals von Deinen Geistesanlagen allgemein die rühmliche Meinung, Du könntest, wenn Du, ohne in Deinem Eifer nachzulassen, weiter strebtest, die höchsten Höhen der Wissenschaft erreichen."
Drittes Kapitel.
Auf der Universität
Immatrikulation
Lange Mulusferien, wie heute, gab es für die Königsberger Fridericianer nicht. Schon am 24 September 1740 wurde der 16 jährige "Emanuel Kandt" in die Liste der akademischen Bürger seiner Vaterstadt aufgenommen, wegen seiner Jugend jedoch von dem greisen Rektor und Professor Orientalium J. B. Hahn nicht vereidigt, sondern bloß durch Handschlag auf den vorgelesenen Eid verpflichtet. Jugendliches Alter der angehenden Studierenden war übrigens damals beinahe die Regel, auch außerhalb Königsbergs: fast alle unsere berühmten Denker des: 18. Jahrhunderts haben schon mit 16 bis 17 Jahren die Hochschule bezogen; das begann erst seit Einführung der Abiturientenprüfung in Preußen 1787 allmählich anders zu werden. Statt dessen mußten damals die "zu Immatrikulierenden", wenn sie nicht Söhne wohlhabender Eltern waren, die von vornherein ihre, Kinder völlig aus eigenen Mitteln erhalten zu wollen erklärten, sich beim Dekan ihrer Fakultät prüfen und von ihm ein testimonium initiationis ausstellen lassen, das denn auch unser Immanuel bei dem philosophischen Dekan Prof. Langhansen mit Leichtigkeit bekommen hat; war doch die von F. A. Schultz entworfene Prüfungsordnung9 auf einen gewesenen Fridericianer wie zugeschnitten. Die gegen neun Taler kostende Immatrikulation erfolgte bei ihm nicht, wie bei mehreren anderen seiner Genossen, unentgeltlich: ein Beweis, dass die Verhältnisse seines Vaters noch nicht ganz schlecht gewesen sein können, oder aber, dass er seinen Stolz darein setzte, nicht als arm zu erscheinen.
Äußeres Leben
Die Hauptveränderung in Kants äußerem Leben war wohl, dass er jetzt das Elternhaus verließ, wenn wir auch nicht mit Bestimmtheit behaupten können, dass dies sofort geschah. Um seine Selbständigkeit zu wahren, bewarb er sich auch nicht um Aufnahme in das für ärmere Studierende begründete Alumnat. Hier hätten Ober- und Unterinspektoren seinen Fleiß beaufsichtigt, wie auch sonst die Hausordnung seine Freiheit in jeder Weise beschränkt.10 Aber er suchte sogar nicht einmal, wie viele andere Studiosen, u. a. auch ein Jahrzehnt später sein jüngerer Bruder, ein Stipendium zu erlangen, das in der Regel doch nur Theologen zuteil ward. Sondern er erwarb sich das Notwendigste zu seinem Lebensunterhalt lieber als Vorlesungs-Repetitor jüngerer oder weniger begabter Kommüitonen "für eine billige Belohnung, die jeder aus freiem Wülen gab". So hat er lange mit seinem Freunde stud. jur. Wlömer, mit dem er bis zu dessen Tode (1797) in vertrautem Verhältnis blieb, auf einer Stube gewohnt. Später gab ihm ein jüngerer juristischer Freund Kallenberg "eine freie Wohnung und ansehnliche Unterstützung". Von einem dritten wohlhabenden Bekannten, dem Sohn des Kaplans Laudien aus Tüsit, berichtet unsere Quelle (Kants alter Landsmann und Studienfreund, Kriegsrat Heüsberg), dass er bei den "Zusammenkünften zum Unterricht" die Kosten für die dabei aufgetischten Erfrischungen, d. h. den damals noch ziemlich teuren Kaffee und das dazu gehörige Weißbrot, getragen und Kant auch sonst in Notfällen unterstützt habe. Ähnliches hören wir von seinem Conabiturienten und alten Duzfreund, dem langjährigen Königsberger Arzte Dr. Trümmer, der ihm ebenfalls den gewährten Unterricht durch "viele Beihilfe" dankte. Wenn wir dazu nehmen, dass ihn auch ein in der Stadt ansässiger, bemittelter Oheim mütterlicherseits, der Schuhmachermeister Richter, unterstützte, der u. a. die Druckkosten seiner ersten Schrift ganz oder zum Teil getragen hat, und dass auch der Professor der Medizin Bohlius, dem er diese Erstlingsschrift als "Beweistum der Dankbarkeit" für das "besondere Merkmal" erzeigter "Gütigkeit" widmete "in seiner Kindheit und Jugend ihm und seinen Eltern wohlgetan" (Borowski): so begreifen wir, wie Studiosus Kant, der ja vom Elternhaus her an Sparsamkeit gewöhnt war, sich, ohne besonders zu darben, durch die Universitätsjahre durchschlagen konnte. Zumal in einer Zeit, in der nach einer kgl. Verordnung von 1735 ein Königsberger Student von einer Jahressumme von – vierzig Reichsthalern "vorjetzo notdürftig" sollte "subsistieren" können; wie denn noch 30 Jahre später Ludwig von Baczko, der sich freilich auch mit wenigem zu behelfen wußte, bei einem Organisten bloß 60 Taler im Jahr für Wohnung nebst Heizung und Essen bezahlte. Ja, unser Kant konnte sich sogar – er "behalf sich freilich sehr sparsam", aber "ganzer Mangel traf ihn nie" – schon während seiner Studienzeit eine größere Anzahl philosophischer Bücher anschaffen, die er auch seinen Freunden lieh. Diese halfen ihm dafür nötigenfalls auch einmal mit – Kleidern aus: wenn sich gerade seine Kleidungsstücke beim Handwerker zur Reparatur befanden und er einen notwendigen Ausgang machen mußte, so blieb einer der Kommilitonen tagsüber in seinem Quartier, und Kant ging – in einem "gelehnten" Rock, Beinkleidern oder Stiefeln aus. Hatte ein Kleidungsstück ganz ausgedient, so legte die ganze Gesellschaft zusammen, ohne dass man an Wiedergabe dachte.
Guten Humor hat er also schon damals besessen. Dass er übrigens auch mit anderen Studierenden Verkehr pflegte und für sie auch einzutreten sich nicht scheute, geht aus der aktenmäßig festgestellten Tatsache hervor, dass er in seinem dritten Semester einmal in Sachen eines stud. Hofmann vor dem akademischen Senat erschien, um in dessen Namen von einem dritten Kommilitonen, dem der andere "einen Rock und Weste abgelehnt", die schuldige Summe von 8 Gulden 22½ Groschen zurückzufordern. Dagegen hat er allerdings weder Reiten, Fechten und Tanzen gelernt, wie der junge Lessing, noch gedichtet und geliebelt, wie der junge Goethe in seinem Leipziger Klein-Paris, I obschon es auch in dem damaligen Königsberg an Zerstreuungen verschiedenster Art nicht fehlte. An ausgelassenen Belustigungen hatte er keine Freude, noch weniger an "Nachtschwärmereien", pafür war die aus dem Vaterhause mitgebrachte Grundstimmung zu ernst, wie er denn auch selten gelacht haben soll. So wird er denn auch wohl kaum an der sonntäglichen "Pantoffelparade" in der Vorhalle der Kneiphöfsehen "Thumkirche" teilgenommen haben, in der die lustigen Studios nach dem Gottesdienst Spalier zu bilden pflegten, um die aus der Kirche kommenden jungen Damen durch diese "Zensurgasse" laufen zu lassen: obwohl er schon damals Hang zur Satire zeigte und seinen Kameraden die Lektüre der Spötter Montaigne und Erasmus empfahl. Ebenso wie vom Kneipen, hielten ihn auch von dem unter den Königsberger Studenten stark ausgebildeten finanziellen Borgsystem seine in dieser Beziehung besonders strengen Grundsätze fern, und durch sein bloßes Beispiel gewöhnte er auch die näheren Freunde unmerklich an die gleichen Gesinnungen. Seine liebste Erholung war das eifrig betriebene Billardspiel, das damals vielfach für die Studierenden eine Quelle des – Geldverdienens bildete.11 Das Kleeblatt Kant, Heilsberg und Wlömer – beide letzteren Litauer – hatte es darin zu solcher Geschicklichkeit gebracht, dass sie selten ohne Gewinn nach Hause gingen, Heilsberg u. a. sogar seinen französischen Sprachlehrer ganz von dieser Einnahme bezahlen konnte. Das Ende vom Lied war freilich, dass zuletzt niemand mehr mit den gefürchteten Gewinnern spielen wollte; worauf sie dann als neuen "Erwerbsartikel" – das L‹Hombrespiel wählten, in dem Kant sich ebenfalls tüchtig erwies. In seine Studienzeit fiel auch die 200 jährige Jubelfeier des Bestehens der Albertina, die sich mit zahlreichen Redeakten, Ehrenpromotionen, Gastereien und Umfahrten vom 27. August bis Mitte September hinzog und erst im Oktober mit einer Pregelfahrt der Studenten auf illuminierten Booten und mit einer Theatervorstellung von Corneilles Polyeukte endigte. Ob und wieweit sich der nun schon ältere Studiosus Kant daran beteiligt hat, wissen wir nicht.
Nun aber von seiner äußeren Lebensweise während der Universitätszeit zu der wichtigeren Frage: Was bedeuten diese Jahre für seine innere Entwicklung? Zunächst: was bot die damalige alma mater Albertina ihren Zöglingen?
Die Universität und ihre Lehrer
Langgestreckt, altersgrau und niedrig zog sich, wie ähnlich noch heute, die "alte Universität" am südlichen Pregelufer hin, baulich verbunden mit dem Kneiphöfschen Gymnasium: und dem Dom so benachbart, dass "alles wie eins aussieht" (Hippel), ein Symbol für ihr inneres Gepräge zu Kants Studienzeit. Denn hauptsächlich aus kirchlichen Rücksichten, um dem isolierten Protestantenlande im äußersten Nordosten Lehrer und Prediger zu schaffen, war sie vor zwei Jahrhunderten gegründet worden, und von einer höheren Schule hob sich, namentlich in der philosophischen Fakultät, wie wir gleich sehen werden, ihr Betrieb wenig genug ab. Dem gedrückten Eindruck von außen aber entsprach auch ihre Stellung im Staate und ihr geistiger Habitus. Wenn man an das geistreiche Spottwort Kronprinz Friedrichs nach einem kurzen Besuche Königsbergs vom Jahre 1739 denkt, diese Stadt könne "besser Bären aufziehen als zu einem Schauplatz der Wissenschaften dienen", und Müßiggang und Langeweile schienen ihre "Schutzgötter" zu sein: so wundert man sich nicht mehr, dass mit der entlegenen Provinz überhaupt auch die Königsberger "Akademie", wie sie von den Einheimischen gewöhnlich genannt wurde, ein Stiefkind der Berliner Regierung blieb. Ihre Lehrer waren aufs erbärmlichste besoldet: noch im November 1752 bekamen z. B. von den neun Professoren der juristischen Fakultät die drei ersten Ordinarien nur ein geringes, der vierte und sämtliche fünf Außerordentlichen – überhaupt kein Gehalt! Dabei wurden sie von oben noch, wie Schuljungen, zu eifrigerer Erfüllung ihrer Pflichten angespornt. Der Rektor war angewiesen, sich bei den Dekanen nach Fleiß und Unfleiß der einzelnen Dozenten zu erkundigen und das Ergebnis höheren Orts zu melden. Als dem tyrannischen Friedrich Wilhelm I. einmal auf seine Erkundigung zwei Professoren genannt worden waren, die in den letzten Jahren aus Mangel an Zuhörern nicht gelesen hätten, verordnete der erzürnte König, dass sie "ihres Unfleißes halber entweder an Gelde oder gar am Leibe gestraft würden" (Akten des kgl. Etatsministeriums von 1732). So waren denn die Lehrer der Akademie auf das unwürdige Erhaschen von allerlei Nebenstellen, Halten von Pensionären u. dgl. geradezu angewiesen, zumal da auch die Kollegiengelder nicht viel einbrachten. Denn, wenn Königsberg selbst heute noch in erster Linie Provinzuniversität ist, so war dies damals erst recht der Fall, und wenn sie noch zu Rosenkranz' Zeit (um 1840) nicht mehr als drei- bis vierhundert Studenten zählte, so wurde diese Ziffer ein Jahrhundert früher schwerlich überschritten:12 1800 sollen es nicht viel mehr als zweihundert gewesen sein. Zudem galten die Einheimischen, bei ihrer "fast durchgehends großen Armut", mit Recht als schlechte Zahler. Etwas besser stand es mit den Musensöhnen aus dem benachbarten Kur- und Livland; aber von ihnen betrachteten gerade die Bemittelteren die Albertina meist nur als Ubergangsstation zu den berühmteren Musensitzen im "Reiche". Kein Wunder, dass unter solchen Umständen hervorragende Lehrkräfte die Königsberger Akademie mieden, und dass unfähige Dozenten die notwendigsten Vorlesungen ungebührlich, zuweilen bis zu vier Semestern, in die Länge zogen: ein Zeichen, dass "der Lehrer seine Wissenschaft sich selbst nicht eigen gemacht und docendo lernen wollte" (Hippel).
Die philosophische Fakultät
Unter den vier Fakultäten aber stand die philosophische nicht bloß am äußeren Ansehen, sondern auch bezüglich des wissenschaftlichen Inhalts der Vorlesungen wie des Lernbetriebs am niedrigsten, der Schule am nächsten. Sie war eigentlich nur deren verbesserte, manchmal sogar verschlechterte Auflage. Das ergibt sich schon aus der erst 5 Jahre vor Kants Immatrikulation erlassenen neuen "Lektionsordnung". Von den neun ordentlichen Professoren der Fakultät und den dazu gehörigen Extraordinarien setzten die des Griechischen und Hebräischen die Lektüre des Alten und Neuen Testaments fort, und die der Historie und der "Eloquenz" boten ebensowenig Neues wie der der Poesie, zumal da die deutsche Poesie, "als wozu nur gewisse ingenia geschickt sind", bloß alle zwei Jahre in einem Semester publice "traktiert" wurde. Auch die beiden Mathematici sollten nur über Arithmetik, Geometrie, Trigonometrie und Astronomie lesen, bzw. eine Einleitung in die beiden ersteren Fächer geben. Neues für einen gut ausgebildeten Fridericianer bieten konnten eigentlich nur der Professor Logices, der jedoch jedes zweite Semester dasselbe Thema, nämlich abwechselnd Logik und Metaphysik, und der Professor Moralium, der in der nämlichen Weise Naturrecht und Moral zu behandeln hatte, dazu ihre "außerordentlichen" Kollegen, die ihre Zuhörer zu den Vorlesungen der Ordinarii "präparieren" sollten. Endlich der Professor Physices, der jedes Jahr theoretische und "Experimental"-Physik neben- oder hintereinander las.
Und wie sah es mit den augenblicklichen Vertretern dieser Fächer auf der Albertina aus? Als Ordinarien der Philosophie waren vorhanden der alte Aristoteliker Gregorovius und der zwischen Pietismus und Aristotelismus eklektisch einherpendelnde, zugleich auch der theologischen Fakultät angehörige Kypke, dazu seit 1735 als Außerordentlicher der vom Halleschen Pädagogium herberufene Pedant Christiani. Für einen frischen, jungen Studenten wie Kant konnte keiner von ihnen in Betracht kommen. Besser stand es mit einigen jüngeren Kräften, wie dem Extraordinarius der Mathematik Marquardt, der übrigens zugleich auch Theologe und wolffianischer Philosoph war, und dem von Hamann besonders gerühmten Physiker C. H. Rappolt, der um des Erwerbs willen auch über englische Sprache und Philosophie las, und von dem vielleicht Kants bekannte Vorliebe für Alexander Pope stammt. Im übrigen war die Mathematik durch den notorisch unbedeutenden Amnion und den Theologen Langhansen, die Physik durch den braven, aber ebenso unbedeutenden Konsistorialrat (!) Teske vertreten. Noch in Kants letzten Lebensjahren fehlten hinlängliche physikalische Instrumente, ein botanischer Garten usw.
Kants Studienplan
Doch wir haben uns noch gar nicht mit der Frage beschäftigt, welcher Fakultät denn überhaupt der junge Kant sich zuwandte. Im Anschluß an eine Notiz Borowskis hat Schubert einfach angenommen und der gelesenste Darsteller von Kants Leben (Kuno Fischer) es ihm nacherzählt, Kant sei durch den Einfluß von F. A. Schultz der theologischen Fakultät zugeführt worden. Allein schon der verdiente und exakte Kantforscher Emil Arnoldt hatte auf Grand aktenmäßiger Feststellungen diese angebliche Tatsache zweifelhaft gemacht, und jetzt hat Bernhard Haagen endgültig nachgewiesen, dass Kant in keinem der in den Königsberger Universitätsakten befindlichen Verzeichnisse als Angehöriger einer der drei "oberen" Fakultäten angeführt ist, und dass er selbst sich noch 1748 als studiosus philosophiae bezeichnet hat.13 Für die Einzelheiten dieser von den Kantphilologen bis zum Überdruß behandelten Frage verweisen wir auf die betreffende Literatur und unsere zusammenfassende Darstellung in "Kants Leben". (S. 16—20.) Das, worauf es ankommt, ist nicht die ziemlich untergeordnete Frage, welcher Fakultät unser Held formell angehört hat, sondern die Richtung seiner Studien. Diese aber ist von Anfang an offenbar keine theologische gewesen. Das Genie geht früh seine eigenen Wege. Mag der künftige Predigerberuf ein Lieblingswunsch seiner frommen Mutter oder seines einstigen Direktors gewesen sein: die erstere war seit mehreren Jahren tot, und der letztere scheint bei seiner weitverzweigten Tätigkeit den früheren Schüler, falls man ihn überhaupt als solchen bezeichnen will, ziemlich aus dem Auge verloren zu haben, da er ihn einst am Schlüsse des Semesters nach beendeter Vorlesung erst nach seinem Namen, seinen Lehrern und Studienabsichten fragen mußte. Vielmehr tritt hier ein von den bisherigen Biographen viel zu wenig beachtete Charakterzug hervor, der uns bereits in der äußeren Lebensführung des Studiosus Kant begegnet ist: die frühe Selbständigkeit seines Charakters und seines Willens. Wir haben ja leider nur wenige Nachrichten über Art und Gegenstand seiner Universitätsstudien; aber sie weisen alle nach der nämlichen Seite. Er schlägt schon bald eine seinen Freunden gänzlich "unerwartete Richtung" ein. Er befolgt schon früh einen "eigenen Studienplan", der ihnen "unbekannt" bleibt. Er widmet sich nämlich zu ihrer Verwunderung keiner "positiven" Wissenschaft; denn es war offenbar mehr ein übermütiger Scherz, wenn er auf jene Frage Schultzens erklärte, "ein Medikus werden zu wollen". Er war vielmehr der Meinung und suchte sie auch seinen nächsten (juristischen) Freunden zu Gemüte zu führen: man müsse von allen Wissenschaften "Kenntnis" nehmen, auch wenn man sie nicht zum Brotstudium erwähle. So hat er mit ihnen auch eine ihn interessierende theologisch-dogmatische Vorlesung seines früheren Direktors gehört und, von diesem verwundert nach dem Grunde gefragt, die für ihn charakteristische offenherzige Antwort gegeben: "Aus Wißbegierde."
Was aber mochte denn der Hauptgegenstand des selbst den Freunden unverständlichen "Studienplanes" dieses sonderbaren Studenten sein, der kein Brotstudium treiben wollte, obwohl nach des Soldatenkönigs Universitäts-Ordnung, die auch der Nachfolger nicht aufgehoben hatte, "wenig Hoffnung von solchen zu schöpfen" war, die "ihre Sachen so schlecht treiben". Der Theologie hatte ihn augenscheinlich die Überladung mit religiösem Stoff, die ihm auf dem Fridericianum zuteil geworden, abwendig gemacht. Aber wie war es mit den sogenannten "Humaniora", die er nach Jachmann "vorzüglich studierte", d. h. nach seiner eigenen späteren Erklärung in seinem Kolleg über Logik, demjenigen Teil der Philologie, unter dem man die "Kenntnis der Alten versteht, welche die Vereinigung der Wissenschaft mit Geschmack befördert, die Rauhigkeit abschleift und die Kommunikabilität und Urbanität, worin Humanität besteht, befördert"? Nun, seine "Alten", die griechischen und noch mehr die ihm von der Schule her vertrauteren römischen Klassiker, hat er bis in sein Alter geschätzt und geliebt. Gelten sie ihm doch noch in der Kritik der Urteilskraft (§ 60) als die Propädeutik zu aller schönen, den höchsten Grad von Vollkommenheit anstrebenden Kunst, die in ihrer glücklichen Vereinigung von höchster Kultur mit der kraftvoll-freien Natur schwerlich jemals von einem späteren Zeitalter erreicht werden könnten. Auch später empfahl er seinen Zuhörern, um wahre Popularität zu lernen, die Lektüre von Ciceros philosophischen Schriften, sowie Horaz und Vergil, neben Hume und Shaftesbury. Jedoch sein Innerstes erfüllten auch sie nicht. Schon damals wird sich in ihm der Gedanke geregt haben, dem er gelegentlich einmal in der Streitschrift gegen Eberhard Ausdruck gibt: was philosophisch richtig ist, könne keiner aus Plato oder Leibniz lernen, denn "es gibt keinen klassischen Autor der Philosophie". Ihr Probierstein vielmehr, der dem einen so nahe liegt wie dem anderen, sei die "gemeinschaftliche Menschenvernunft". Das, was er von ihnen wünschte, konnten ihm keine trockenen Vorlesungen geistloser Pedanten geben, die schon bald seinen Freund Ruhnken veranlaßten, den Staub Königsbergs von den Füßen zu schütteln; das konnte er, der geschulte Lateiner, ebenso gut, ja noch besser durch fortgesetzte Privatlektüre erreichen. So täuschte er denn die Hoffnung derer, die in ihm, wegen seiner Lieblingsbeschäftigung während der Gymnasialzeit, den künftigen bedeutenden Philologen sahen. Er vollzog vielmehr, um mit eben jenem philologischen Freunde zu reden, den Abfall "aus den blühenden Gefilden der humanistischen Studien in – die dürren Steppen der Philosophie".
Kopf und Herz zogen ihn – wie es scheint, schon bald nach seinem Eintritt in die Universität – zu denjenigen Fächern hin, die gerade die pedantisch-pietistische Bildung des Friedrichskollegs am meisten vernachlässigt hatte: Philosophie, Naturwissenschaft und Mathematik.
Martin Knutzen
Und nun hatte er das Glück, gleich am Beginn seiner Universitätsstudien einen Lehrer zu finden, der ihm eben auf diesen Gebieten die wertvollsten Anregungen zu geben vermochte, und der auch persönliches Interesse für ihn gewann. Es war der von uns absichtlich bisher noch nicht genannte, seit sieben Jahren an der Königsberger Akademie wirkende außerordentliche Professor für Logik und Metaphysik Martin Knutzen. Allerdings verband auch er, gleich F. A. Schultz, mit seinem Leibniz-Wolffschen Standpunkt in der Philosophie starke theologische, ja pietistische Neigungen. Allein er zeigte dabei doch eine gewisse Selbständigkeit und größere Tiefe als die meisten Durchschnittswolffianer, war von manchen erfahrungsmäßigen Gedankengängen bewegt und bestritt die materialistischen Gegner wenigstens mit beachtenswerten Gründen. Vor allem aber: jung wie er war – er zählte nur ein Jahrzehnt mehr als Kant und hatte seine Professur schon mit 21 Jahren erlangt —, war er für die zahlreichen zu seinen Füßen sitzenden jugendlichen Hörer ein anregender Lehrer, der, wie später sein großer Schüler, Selbstdenker, nicht "Nachbeter", aus ihnen zu machen suchte. Die Klarheit der Darstellung, sowie die Schärfe und Gewandtheit der Gliederung, wie sie sich z. B. in seinem logischen Lehrbuch zeigt, muß in seinem mündlichen Vortrag erst recht zum Ausdruck gekommen sein. Der fleißige Gelehrte, der, durch allzu starke geistige Anstrengung vor der Zeit aufgebraucht, bereits mit 37 Jahren starb, hielt Vorlesungen über alle Zweige der Philosophie und verwandter Gebiete. Wenn der junge Kant, wie sein Biograph Borowski erzählt, Knutzens "Unterricht in Philosophie und Mathematik unausgesetzt beiwohnte", so fand er eine reiche Tafel besetzt. Er konnte von philosophischen Fächern bei ihm hören: Allgemeine Philosophie, Logik, praktische Philosophie (Moral), Naturrecht, Psychologie, Naturphilosophie, Lehre von den Irrtümern; von mathematischen: niedere und höhere Mathematik, Analysis des Unendlichen, Astronomie; außerdem sich an der von Knutzen begründeten "Physiko-theologischen Gesellschaft" und an dessen Disputierübungen beteiligen. Wohl in diesen oder in den nach der Königsberger Studienordnung von ihm abzuhaltenden "Prüfungs"-Collegien, in denen die Professoren ihre Zuhörer näher kennenlernen und ihren "Fleiß und Attention", wie ihre Auffassungskraft prüfen sollten, war Knutzen, "ein weiser Prüfer der Köpfe" (Borowski), auf die hervorragende Begabung des jungen Studenten aufmerksam geworden und zog ihn in vertrauteren Verkehr. Er lieh ihm aus seiner reichlich versehenen Bücherei vor allem Newtons Werke und, da Kant Geschmack daran fand, auch alle anderen Bücher, die dieser begehrte.
Dadurch ging dem jungen Studenten eine ganz neue Welt auf. Er brauchte jetzt kaum mehr weitere akademische Vorlesungen zu besuchen, die ihm doch nichts mehr geben konnten. In welchem Jahr er damit aufgehört hat, wissen wir freilich bei dem Mangel aller genaueren Nachrichten nicht. Aber schwerlich wird er die ganzen 6 bis 7 Jahre hindurch, die er als "Studiosus" in seiner Vaterstadt zubrachte, beständig Vorlesungen gehört haben, zumal da ein großer Teil derselben sich jährlich, mindestens aber alle zwei Jahre wiederholte. Vielmehr ist zu vermuten, dass er seit etwa 1744/45, wo er mit den Vorarbeiten zu seiner 1746 eingereichten Erstlingsschrift begann, keine oder doch nur ganz vereinzelte Kollegien mehr gehört hat. Nach Kraus, der als langjähriger wissenschaftlicher Vertrauter Kants ein guter Zeuge ist, hätte das Erscheinen des Kometen von 1744, über den Knutzen in demselben Jahre eine Schrift herausgab, in dem 20 jährigen die erste Idee zu seiner berühmten "Naturgeschichte des Himmels" (1755) geweckt; indes läßt sich ein bestimmter Einfluß der übrigens mehr philosophisch-spekulativen als exakt-naturwissenschaftlichen Knutzenschen Schrift nicht nachweisen, überhaupt wuchs der Schüler allmählich wohl über den Lehrer hinaus. Denn wenn ihm auch das Andenken an den verehrten Mann, der ihn zuerst in Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft tiefer eingeführt, immer "heilig" blieb, so ist doch auffallend, dass er in keiner seiner sämtlichen späteren Schriften ihn mit Namen genannt hat; nicht einmal in derjenigen, in der es am natürlichsten gewesen wäre, weil er mit ihr seine Universitätsstudien abschloß: den "Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte".
Die Erstlingsschrift
Wir sind damit zu der Erstlingsschrift unseres Philosophen gekommen, die, schon ihres bedeutenden Umfangs (sie war nicht weniger als 15 Bogen stark), noch mehr aber ihres eigenartigen Gepräges wegen weit stärker, als es bisher geschehen, für die Beurteilung dessen, was uns das Wichtigste an Kants Universitätszeit ist, der Entwicklung seiner wissenschaftlich-geistigen Persönlichkeit, in Betracht gezogen werden muß. Eingeliefert wurde sie dem Dekan der philosophischen Fakultät zur vorschriftsmäßigen Zensur im Sommersemester 1746; das Datum der Vorrede ist das seines 23. Geburtstages: des 22. April 1747, während der Druck sich infolge noch zu berührender äußerer Umstände bis in das Jahr 1749 hinzog. Sie behandelt die Streitfrage, ob die Größe der bewegenden Kraft dem Produkt der Masse mit der einfachen Geschwindigkeit (Descartes) oder deren Quadrat (Leibniz) gleich sei. Sein Lösungsversuch ist von der heutigen Naturwissenschaft als verfehlt erkannt und bedeutete auch der damaligen Forschung der großen Mathematiker Euler und d'Alembert gegenüber keinen wissenschaftlichen Fortschritt. Aber nicht darauf kommt es an, sondern auf die Kenntnis des 22 jährigen Jünglings, wie er uns aus dieser mit jugendlicher Frische hingeworfenen Arbeit unmittelbar, in lebendigster Anschaulichkeit vor Augen tritt. Welche Züge gewahren wir an diesem Bilde?
Zunächst völlige Abwendung von der geistigen Welt des Fridericianums, an die höchstens einzelne Dichterzitate aus Vergil, Ovid, Horaz oder, aber nur einmal, ein biblischer Vergleich – mit den Zedern vom Libanon und dem Ysop, der an der Wand wächst – erinnert. Anderseits etwas völlig Neues: eine nur durch längere Vertiefung erreichbare nahe Vertrautheit mit den höchsten und verwickeltsten mathematisch-physikalischen Problemen. Auch mit der Literatur über dieselben. Ohne dass ein absichtliches Auskramen von Gelehrsamkeit zu bemerken wäre, werden nicht bloß deutsche, sondern auch französische, italienische, holländische und englische Gelehrte – die letztgenannten drei Nationen schrieben freilich lateinisch oder französisch – berücksichtigt; auch eine Dame ist darunter, die Übersetzerin Newtons, Voltaires Freundin, die gelehrte Marquise von Chastelet. Selbst das Neueste entgeht ihm nicht, wie die während des Abschlusses seiner Arbeit (Ostern 1747) erschienene Schrift des Holländers Musschenbroek. Ferner: er schreibt nicht die internationale Gelehrtensprache, sondern deutsch. Und zwar ein für die damalige Zeit gutes Deutsch: klare, nicht zu lange Sätze. Auch Stoffgliederung und Überschriften sind übersichtlich und deutlich; die Beweisführung allerdings zu weitläufig, wie er selbst an einigen Stellen (z. B. § 102) bekennt. Höflich gegen die Gegner, gegen die Marquise sogar galant, nennt er nach moderner, französischer Weise die Gelehrten nicht mit ihren Titeln, sondern bloß mit ihren Namen: Herr von Leibniz, Herr Hamberger usw., nur Wolff wohl auch den Baron oder Freiherrn von Wolf. Auch die äußere Ausstattung des Bandes kargte nicht und zeigte guten Geschmack. Deutschen Zeitgepflogenheiten entspricht eigentlich nur die überdevote Widmung an den als "hochedel geborener Herr, hochgelahrter und hocherfahrener Herr Doktor, insonders hochzuverehrender Gönner" angeredeten Professor Bohlius und die konventionelle Überbescheidenheit, mit der dieselbe Widmung von der "schlechten" Schrift und der "Niedrigkeit" ihres Verfassers redet. In diesen, im Vergleich mit dem Ton der Schrift selbst mehr heiter – ironisch anmutenden Wendungen hat er sich eben noch dem später von ihm selbst verspotteten und bis zu diesem Grade auch nicht mehr geübten üblen Gelehrtenbrauche gefügt.
Wichtiger ist die inhaltliche Sprache, die das Buch – man kann bei ihrer Ausdehnung kaum mehr sagen: die Abhandlung – führt, von dem uns Heutige an Nietzsche gemahnenden Motto gegen die "Herdentiere" an bis zum Schlußparagraphen. Besonders bezeichnend die ausführliche Vorrede, die erklären will, weshalb er sich mit den größten Denkern der Neuzeit (Descartes, Newton und Leibniz) und den ausgezeichnetsten Gelehrten der Gegenwart (Wolff, Bernoulli u. a.) zu messen, ja ihnen zu widersprechen wagt. Bekannt und oft zitiert sind die stolzen Sätze der Vorrede: "Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen": Worte von solcher Wucht, dass sie, wie Gerland14 mit Recht bemerkt, in der Tat nur auf einen ganz neuen wissenschaftlichen Lebensplan bezogen werden können. Aber auch andere Aussprüche verdienen unsere Aufmerksamkeit. So der: dass das Ansehen "derer Newtons und Leibnize vor nichts" zu achten sei, wenn es sich der Entdeckung der Wahrheit entgegensetze (I). Die Wissenschaft kennt kein Ansehen der Person, auch keinen beschränkten Nationalismus, dem etwa "die Ehre des Herrn von Leibniz vor die Ehre von ganz Deutschland" gilt (§ 113): obschon er sich in einein Briefe an einen Unbekannten (vom 23. August 1749) als zu seiner Schrift gerade durch die Wahrnehmung mitbestimmt bekennt, dass bezüglich des von ihm behandelten Problems "die Bemühung der Deutschen … eingeschlafen zu seyn scheint". Kein besseres Lob kann man vortrefflichen Gelehrten erteilen, als dass man auch ihre Ansichten ungescheut tadelt. Welche innere Reife, welche geistige Überlegenheit spricht ferner aus den Sätzen des 22 jährigen vom Vorurteil des großen Haufens, der nach dem Ansehen großer Leute redet und Bücher unbekannter Verfasser verurteilt, ohne sie gelesen zu haben! (III.)
Pessimistisch genug für einen Jüngling von dem Alter Kants klingt der dann folgende Ausspruch: das Vorurteil werde so lange dauern als die Eitelkeit der Menschen, d. i., es werde niemals aufhören (IV). Vor dem Richterstuhl der Wissenschaft jedoch entscheidet nicht die Zahl (III, Schluß). Darum bekennt sich der junge Gelehrte freimütig zu der "Einbildung": es sei "zuweilen nicht unnütze, ein gewisses edles Vertrauen in seine eigenen Kräfte zu setzen"; denn eine solche Zuversicht gebe seinen Bemühungen einen "Schwung, der der Untersuchung der Wahrheit sehr beförderlich ist". Die Möglichkeit, selbst einen Herrn von Leibniz auf Fehlern zu ertappen, reize; und ein Irrweg belehrt unter Umständen mehr als das Einhalten der "Heeresstraße" (VII). Gleichwohl ist er keineswegs eingebildet: ein Zwerg an Gelehrsamkeit kann eben in diesem oder jenem Teile der Erkenntnis einen im übrigen weit hervorragenderen Denker übertreffen (V) und ein großer Mann kann seine Aufmerksamkeit nicht deich stark nach allen Seiten richten (IX). Bei allem Freimut der Polemik zeigt er deshalb Ehrerbietung gegen seine Gegner bis zum Schluß. Und, was wichtiger ist, Selbstkritik. Er weiß wohl: "das Urteil eines Menschen gilt nirgends weniger als in seiner eigenen Sache" (XIII). Auch erklärt er sich bereit, seine Gedanken "wieder zu verwerfen, sobald ein reiferes Urteil mir die Schwäche derselben aufdecken wird" (§ 11). Man muß selbst in seine vermeintlich sicherste Überzeugung ein "weises Mißtrauen" setzen (§ 113a). Er will auch nichts von Sektenoder "Parteien"-Eifer wissen (§§ 107, 163).
So ergeben sich aus dieser Jugendschrift eine ganze Anzahl Charakterzüge, die auch dem späteren Kant eigen geblieben sind. Aber nicht bloß das. Auch seine spätere philosophische Stellung deutet sich bereits in mancherlei Keimen an. So wagt er sich schon hier an eine Kritik der zeitgenössischen Metaphysik. Er wendet sich gegen Sätze, die man "in den Hörsälen der Weltweisheit immer lehret" (§ 8) und spricht das bedeutsame Wort aus: "Unsere Metaphysik ist, wie viele andere Wissenschaften, in der Tat nur an der Schwelle einer recht gründlichen Erkenntnis; Gott weiß, wenn man sie selbige wird überschreiten sehen." Das rührt daher, dass die meisten eine "große" und "weitläuftige" Weltweisheit einer gründlichen vorziehen (§ 19). Die Metaphysik muß daher aus allen ihren Schlupfwinkeln, in die sie sich immer wieder zurückzuziehen weiß, herausgejagt werden (§ 91, vgl. 109). Trotzdem rechnet er sich augenscheinlich nicht zu den reinen Empirikern, "denen alles verdächtig ist, was nur den Schein einer Metaphysik an sich hat" (§ 127). Die letzten Voraussetzungen oder, was dasselbe heißt, "die allerersten Quellen von den Wirkungen der Natur" bleiben auch nach ihm durchaus Gegenstand der Metaphysik: das hält er dem "Geschmack der itzigen Naturlehrer" entgegen. Er sucht vielmehr, ganz wie später in seiner kritischen Zeit, eine gewisse Mittelstellung zwischen den Parteien einzunehmen, die der "Logik der Wahrscheinlichkeiten" am gemäßesten sei (§ 20), und in der das Wahre von beiden Seiten zusammenfällt" (§ 163).
Gewiß bewegt er sich, wie nicht anders zu erwarten, zum Teil noch in den Geleisen der Zeitphilosophie, so z. B., wenn er meint: was einfach sei, sei schon deshalb nicht bloß schön, sondern auch der Natur gemäß, die eben stets einfach sei, nur einen einzigen Weg gehe (§ 51). Er redet auch in naturwissenschaftlichen Dingen im Geiste von Leibniz und Wolff von Gottes Allmacht, von Gottes "Absichten" und vor allem von seiner Weisheit. Aber er erkennt doch bereits, dass die bloße Berufung auf letztere oft nur eine Ausflucht – ein Grundsatz der "faulen" Vernunft, wie er später gesagt haben würde – sei, zu der man nur greift, wenn die Waffen der Mathematik versagen (§ 98). Auch das ist ein Grundzug seines späteren Kritizismus, dass er auf reinliche Scheidung der einzelnen Wissenschaftsgebiete, so der Mathematik von der Naturwissenschaft (§§ 98, 114 f., 163), der Mathematik von der Metaphysik (§§ 78, 90 u. ö.), der Naturwissenschaft und der Metaphysik dringt. Und er betont auch hier schon die Wichtigkeit der Methode. Man muß eine Methode haben, die auf der Erwägung der Grund- oder Vordersätze und ihrer Vergleichung mit den aus ihnen gezogenen Folgerungen beruht (§§ 88, 90). Er "untersteht sich zu sagen", dass "die Tyrannei der Irrtümer über den menschlichen Verstand, die zuweilen ganze Jahrhunderte hindurch gewähret hat", vornehmlich von dem Mangel einer richtigen Methode herrührt (§ 89), die den gordischen Knoten zerhaut (§91). Auf den modus cognoscendi kommt es an (§ 50): Die von ihm gefundene Methode ist ihm "die Hauptquelle dieser ganzen Abhandlung " (§ 88, 2).
Die physikalische Streitfrage selbst will Kant durch einen Kompromiß entscheiden, indem er das Leibnizsche Kräftemaß den sogenannten "lebendigen", d. i. in "freie" Bewegung übergehenden, dasjenige des Descartes den "toten" Kräften oder "unfreien" Bewegungen zuspricht. Er glaubte damit eine neue Dynamik (§§ 106, 125, 131), ja ein neues "Lehrgebäude" (§ 130) der Naturphilosophie begründet zu haben, während der berühmte d'Alembert in seinem von Kant anscheinend übersehenen Traité de dynamique schon 1743 gezeigt hatte, dass die analytische Mechanik jenen Streit als einen Wortstreit beiseite lassen könne. Aber darauf kommt es hier nicht an. Gewiß wird der junge Philosoph auch manches von dem, was er bringt, aus seines Lehrers Knutzen Vorlesungen, Schriften, Gesprächen mit ihm empfangen haben, so vor allem wohl die Anregung zu dem Thema selbst, ferner den Hinweis auf Newton (der, um einen Irrtum Kuno Fischers, G. d. n. Ph. V, 160 f., zu berichtigen, einmal mit Namen genannt wird), auch die äußere, der mathematischen Darstellung sich angleichende Form u. a. m. Allein in der Hauptsache ist Kant ganz er selbst. Das gibt ihm jenes starke Gefühl der eigenen Kraft, das wir manchmal fast überschäumen sehen, und das doch schon weiteren Kreisen aufgefallen sein muß, wenn der junge Lessing (Juli 1751) das bekannte spöttische Epigramm gegen ihn schmieden konnte:
"Kant unternimmt ein schwer Geschäfte
Der Welt zum Unterricht.
Er schätzet die lebend'gen Kräfte,
Nur seine schätzt er nicht".
das er indes schon in der ersten Ausgabe seiner "Sinngedichte" zwei Jahre später (1753) unterdrückt hat.
Abschluß der Universitätszeit
Wann Immanuel aus dem Verband der Universität auch formell ausgeschieden ist, und wann er die Vaterstadt verlassen hat, läßt sich bei dem Mangel zuverlässiger Nachrichten nicht feststellen; letzteres vermutlich nicht vor Mitte 1747, wo sein Vorgänger in Judtschen (s. folgendes Kapitel) aus seiner Stelle schied. Vorher hatte er noch den Schmerz, seinen Vater zu verHeren, der am Nachmittag des 24. März 1746 in seinem Beisein verschied, nachdem er schon lange schwerleidend gewesen: er starb, wie der Sohn im Hausbuch vermerkt, "an einer gänzlichen Entkräftung, die auf den Schlag, der ihn anderthalb Jahr vorher befiel, erfolgte". Da kein Vermögen vorhanden war, so wurde Riemermeister Kant am 30. März "still", d. h. ohne Leichenkondukt, und "arm", d. h. auf öffentliche Kosten begraben; wahrscheinlich von dem alten Wohnhause aus, denn im Kirchenbuche steht die gleiche Notiz wie beim Tode seiner Frau: Mstr. Kant aus der vord. Vorstadt. Gut muß es in dem Häuschen an der Sattlergasse in den letzten Jahren nicht mehr gegangen sein, denn die eigenhändige Bemerkung des Sohnes in dem "Hausbuch" lautet weiter: "Gott, der ihm in diesem Leben nicht viel Freude genießen lassen, lasse ihm davor die ewige Freude zu Teil werden."
So fesselte den nunmehr 23 jährigen auch der Gedanke an den etwa verlassen und krank zurückbleibenden Vater nicht mehr an Königsberg. Allzuviel Neues hatten ihm die Universitätsjahre nicht gebracht. Der einzige wirklich anregende Lehrer, Martin Knutzen, war ihm in der Hauptsache doch nur der Führer zu einem Größeren, zu Newton, gewesen. An seinem geselligen Leben ist bezeichnend, dass er sich nicht nach den anderen richtet, sondern dass bereits hier er seinen Kreis beherrscht. Und endlich: mag auch wenig aus seinem persönlichen und wissenschaftlichen Leben während dieser Zeit überliefert sein, das wenigstens steht doch fest, dass er anders war wie die anderen, dass er sich selbst seinen eigenen Weg gesucht hat. Seine Seele hatte einen unverrückbaren Mittelpunkt gefunden, der ihn von seiner Umgebung innerlich unabhängig machte. In dieser Beschränkung ist das Wort wahr, das einer seiner ältesten Biographen von ihm gesagt hat: "Er ward alles durch sich selbst."
Viertes Kapitel.
Hauslehrertum und Habilitation (1747—1755)
Weshalb wurde Kant Hauslehrer?
Die herkömmliche Darstellung, dass Kants Leben sich in vollkommener Regelmäßigkeit abgespielt habe, trifft mindestens für seine jüngeren Jahre keineswegs zu. Das sahen wir schon bei seiner Studienwahl; dasselbe zeigt sich jetzt bei seinem Übergang zum Hauslehrertum. Ein anderer wäre in der Heimatstadt geblieben, hätte sich die dortigen Bibliotheken für seine Studien, den Umgang mit Professoren für sein Vorwärtskommen, den geselligen Verkehr und die sonstigen Annehmlichkeiten der großen Stadt für andere Zwecke zunutze gemacht, hätte schon aus Ehrgeiz auf seine erste Schrift hin die Erlangung der Magisterwürde, des Doktorgrades und damit seine Privatdozentur erstrebt, die ihm nach Borowski die philosophische Fakultät "ganz gerne erteilt haben" würde. Aber nichts von alledem. Er ging aufs Land. Warum?
Der Tod seines Vaters und die damit in Verbindung stehende Auflösung der Familie kann als Grund nicht in Betracht kommen. Denn sein Vater war schon im März 1746 gestorben, im folgenden Sommersemester aber hat Immanuel sicher noch in Königsberg gewohnt, da Studiosus Kallenberg, der ihm nach Wlömers Abgang "freie Wohnung gab", erst am 2. Mai 1746 an der Albertina immatrikuliert worden ist. Ebensowenig die Sorge für seine Geschwister, die er doch an Ort und Stelle gerade besser hätte übernehmen können. Zudem wurde der jüngere Bruder im Hause des Oheims Richter erzogen, die Schwestern aber halfen sich als Dienstmädchen fort oder verheirateten sich. Eher schon seine Dürftigkeit. Aber der hätte er doch auch in der Heimatstadt durch Privatunterricht, "Führung" von reichen oder adligen Studenten, die vielfach älteren Studierenden anvertraut wurde oder schriftstellerisches Verdienst abhelfen können; noch einfacher durch Annahme einer "Schulkollegen-", d. h. Lehrerstelle an einer der höheren Lehranstalten seiner Vaterstadt, wie sein Schulkamerad Cunde und später Herder es getan haben. Was also bewog ihn, trotz alledem Königsberg zu verlassen?
Natürlich können auch wir nur Vermutungen aufstellen. Mitwirken mochte die Auflösung des bisherigen Freundeskreises. Nachdem die nächsten Freunde, Wlömer und Heilsberg, die ihm das äußere Leben erleichtert, ihn verlassen hatten, mußte es auch den 23jährigen Jüngling einmal hinausziehen aus der Stadt, in der er sein ganzes bisheriges Leben zugebracht, zumal er kein Vaterhaus mehr besaß. Allein der Hauptgrund scheint uns doch ein anderer zu sein: die klare Erfassung der künftigen Lebensbahn, die er "sich vorgezeichnet". Er beabsichtigte, sich ganz der reinen Wissenschaft zu widmen. Das aber hieß für ihn, der zur freien Schriftstellerei, etwa in Lessings Art, sich weder geneigt noch befähigt fühlte: dem Dozentenberuf. Den Befähigungsnachweis dafür hatte er wohl durch seine naturphilosophische Schrift erbringen wollen; aber er fand, wie so mancher Anfänger, keinen Verleger dafür, und der Beitrag, mit dem ihm der wackere Oheim Richter beisprang, scheint nur einen Teil der Kosten gedeckt zu haben. Um das übrige aus eigenen Mitteln aufbringen zu können, zugleich aber überhaupt sich einen finanziellen Rückhalt für die Zukunft zu sichern, durfte er nicht mehr, wie bisher, von der Hand in den Mund leben, sondern mußte eine dauernde Stellung zu gewinnen suchen, die ihm die Möglichkeit bot, etwas zurückzulegen und gleichzeitig auch seine wissenschaftlichen Arbeiten fortzusetzen. Eine solche Aussicht aber versprach der gerade von den ärmeren Königsberger Studenten bzw. Kandidaten besonders häufig, ja fast regelmäßig ergriffene Hauslehrerberuf.
Ist schon im übrigen Deutschland dies oft auf eine längere Reihe von Jahren sich ausdehnende Hauslehrertum nach Abschluß des Universitätsstudiums für unbemittelte Kandidaten noch lange Zeit beinahe typisch geblieben – wir erinnern allein aus dem Kreise der Philosophen an so bekannte Beispiele wie Fichte und Herbart, Schelling und Hegel —, so wurde in Königsberg diese Gewohnheit durch die wirtschaftlichen, sozialen und Verkehrsverhältnisse der Provinz und des benachbarten Kurland noch befördert. Bei dem Mangel an öffentlichen, namentlich höheren, Schulen in Verbindung mit der Rückständigkeit der Verkehrsmittel, fühlten sich die adligen Gutsbesitzer, oft aber auch die wohlhabenderen Landpfarrer und Domänenpächter auf einen gewöhnlich mit dem vornehmer klingenden Namen "Hofmeister" oder "Informator" beehrten Hauslehrer geradezu angewiesen; und dutzendweise finden sich in Kants eigenem späteren Briefwechsel die Bitten an ihn, solche zu empfehlen. Weshalb er verhältnismäßig weit weg von Königsberg auf das platte Land ging, wissen wir nicht. Vielleicht war es bloßer Zufall, vielleicht aber war ihm auch ländliche Einsamkeit für die erstrebte innere Sammlung, im Gegensatz zu der hauptstädtischen Zerstreuung, ganz willkommen. Völlig ausgeschlossen wäre es auch nicht, dass die Kants, die durch das Kirchenbuch in Judtschen um 1730 bezeugt sind, entfernte Verwandte Immanuels waren und ihm durch sie die dortige Stelle vermittelt worden ist. Denn in das Haus des reformierten Pfarrers Andersch in dem litauischen Kirchdorf Judtschen trat der 23jährige im Jahre 1747 als Hauslehrer ein.15
Bei Pfarrer Andersch in Judtschen
Unter der verheerenden Pest von 1709/10 hatte Litauen besonders gelitten, ganze Dörfer waren verödet, die verwaisten Rittergüter vielfach in königliche Domänen oder mittlere Bauerngüter umgewandelt worden. Um neue Bevölkerung ins Land zu ziehen, verlieh Friedrich Wilhelm I. den vorzugsweise aus der französischen Schweiz, vereinzelt auch aus Nordfrankreich und den Niederlanden einwandernden protestantischen Ansiedlern allerlei Vorrechte. Eins dieser neuen, rasch aufblühenden Kolonistendörfer war das in der Mitte zwischen Insterburg und Gumbinnen gelegene Judtschen, von der reißenden Angerap mit ihren steilen Ufern umflossen und so nicht ohne landschaftlichen Reiz. Infolge seiner zentralen Lage inmitten der übrigen war gerade Judtschen ihr Vorort geworden und hatte einen besonderen, französisch sprechenden Pfarrer und Richter. Die tüchtigen Schweizer Bauern wahrten ihre Eigenart sowohl in politischer als religiöser Beziehung: sie blieben ihrem reformierten Bekenntnis treu, und sie ließen sich nicht in die Stellung litauischer Schar-werker herabdrücken, sondern zahlten lieber höhere Abgaben, als dass sie die ihnen gewährten Freiheiten aufgegeben hätten. Gegen Übergriffe der Beamten riefen sie freimütig das Urteil der Domänenkammern oder gar des Königs an. "Sie sind die Pioniere eines freieren Bauernstandes in Ostpreußen gewesen" (Haagen). Zur Zeit von Kants Aufenthalt zählte das Dorf etwa 20—25 selbständige Bauernstellen, die ganze Gegend ungefähr 100; dazu kamen noch eine Anzahl sogenannter Köllmer, Handwerker und Instleute. Der junge Hauslehrer hat sich offenbar keineswegs vornehm von ihnen zurückgehalten, nahm er doch zweimal – am 27. Oktober und am 8. Dezember 1748 – eine Patenschaft bei Kolonistenkindern an. Vielleicht hat er, der schon früh zu geographischen und anthropologischen Beobachtungen neigte, hier mancherlei Studien an dem bunt gemischten Volkstum der Gegend gemacht. Denn in der Nachbarschaft gab es auch deutsche Schweizer, Pfälzer, Nassauer, Hessen, Salzburger und vor allem die damals noch auf ziemlich niedriger Kulturstufe stehenden Litauer. Bis in sein Greisenalter hat er ein besonderes Interesse für den letztgenannten "uralten, jetzt in einem engen Bezirk eingeschränkten und gleichsam isolierten Völkerstamm" beibehalten, dem auch seine besten Universitätsfreunde angehörten. Eine seiner letzten literarischen Äußerungen, die aus dem Jahre 1800 stammende 'Nachschrift' zu Mielckes Litauisch-Deutschem Wörterbuch, galt diesem Volksscblag, den er wegen seiner Freimütigkeit, Offenherzigkeit und Neigung zur Satire liebte. Und wenn er später so energisch für die Aufhebung der bäuerlichen Erbuntertänigkeit eingetreten ist, so hat viel leicht eine Jugenderinnerung an die freien Judtschener Bauern mitgespielt.
An der Spitze der dortigen reformierten Gemeinde, der größten Ostpreußens, stand nun als ihr Prediger seit 1728 der Schlesier Daniel Andersch. Wider den Willen der französischen Mehrheit hatte auf die Beschwerde des deutschen Teils der eigenwillige Friedrich Wilhelm I. den damals erst 27jährigen Waffenschmiedssohn als Pfarrer eingesetzt und, der widerstrebenden Gemeinde wie der sie unterstützenden ostpreußischen Regierung zum Trotz, ihn, der anfangs kein Wort Französisch verstand, gehalten. "Soll der teusche (= Deutsche) in Jutzche bleib", lautet seine eigenhändige Entscheidung auf die Beschwerde von 118 französisch redenden Familienvätern. Im Laufe seiner langen, bis 1771 dauernden Amtstätigkeit hat der "Deutsche" dann doch verstanden, sich mit seinen Gemeindegliedern besser zu stellen. Nach den Eintragungen seiner freilich nur die ersten sechs Jahre hindurch geführten Chronik zu schließen, war Andersch eine nüchterne, wesentlich praktisch gerichtete Natur. Er legt sich einen Baumgarten an, bewirtschaftet das Pfarrland selbst und hält sich ein eigenes Gespann. Er verkehrt mit den Amtspächtern der benachbarten königlichen Domänen – adlige Familien gab es in der Nähe nicht —, während er mit den lutherischen Kollegen der Nachbarschaft infolge des konfessionellen Gegensatzes auf gespanntem Fuße steht. Zu wissenschaftlichen Interessen fehlten ihm augenscheinlich sowohl Neigung wie Anregung. Dagegen war er bemüht, seinen fünf Söhnen eine gute Schulbildung zu geben, und, da er ein gutes, im Vergleich mit den meisten seiner Amtsbrüder auf dem Lande sogar glänzendes Einkommen bezog, so konnte er ihnen, wenigstens während ihrer jüngeren Jahre, Hofmeister halten.
Unserem Kant war als Lehrer der beiden älteren Söhne schon ein cand. theol. Rochholz (Rocholl?) vorausgegangen, dessen ausgezeichneter Unterricht der zweite, 1732 geborene Sohn später in seiner vita gerühmt hat. Da beide erst im Juli 1747, aus Rochholz' Unterricht entlassen, in das Joachimstaische Gymnasium bei Berlin aufgenommen wurden, so kann Kant frühestens Sommer 1747 die Stelle in Judtschen angetreten haben und nur als Lehrer der drei jüngeren Söhne, die damals im Alter von 13, 11 und 8 Jahren standen, in Betracht kommen. Der jüngste von ihnen scheint früh gestorben zu sein; von den beiden anderen war der ältere, Paul Benjamin (geb. 1734), am 8. Dezember 1748 zusammen mit Kant Taufzeuge, kam Juli 1750 ebenfalls nach Joachimstal und soll später erst Offizier, dann Kaufmann in England geworden sein. Der andere, Timotheus (geb. 1736), besaß in späteren Jahren ein angesehenes Manufakturwarengeschäft in der Kneiphöfschen Langgasse zu Königsberg und starb dort als Kommerzienrat 1818; vermutlich rührt von ihm ein in Kants Nachlaß gefundener Briefzettel vom 13. April 1800 her, der dem greisen einstigen Lehrer Auskunft gibt, in welcher Apotheke "sehr gute Pfropfen" zu erhalten seien. Da im Dezember 1751 in den Judtschener Kirchenregistern schon ein anderer Studiosus – diesmal der Theologie – neben der Frau Pastor als Taufpate erscheint, darf man wohl als sicher annehmen, dass Kant damals seinen Hauslehrerposten bereits verlassen hatte. Möglicherweise geschah dies doch schon Juli 1750, als der ältere Zögling nach Berlin kam. Er würde also (und das müßte zu den überlieferten drei Jahren stimmen) entweder von 1747—175c oder 1748—1751 als Hofmeister in dem reformierten Pfarrhause amtiert haben.16
Bei Major von Hülsen in Arnsdorf
Vermutlich bald darauf – von einem Königsberger Aufenthalt dazwischen wissen wir nichts – trat er eine zweite Hauslehrerstelle an der entgegengesetzten Ecke der Provinz an. Diesmal war es das Haus eines adligen Rittergutsbesitzers, des Majors Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß-Arnsdorf bei Saalfeld zwischen Elbing und Osterode, in das er eintrat, um den Unterricht der drei älteren Söhne, des 13 jährigen Christoph Ludwig, des 10 jährigen Ernst Friedrich und des 6 jährigen Georg Friedrich, zu leiten. Neben ihm ist vermutlich noch ein französischer Sprachlehrer engagiert gewesen; wenigstens war ein solcher Anfang 1761 vorhanden; Kant hat Französisch nur verstanden, nicht gesprochen. Der ostpreußische Landadel in der Zeit vor der großen Revolution lebte, wie der bekannte H. von Boyen in seinen Erinnerungen (I, 24) erzählt, "im allgemeinen noch sehr einfach, aber gastfrei. Für bessere Erziehung seiner Kinder zeigte sich hin und wieder ein rühmliches Streben; doch kann man nicht behaupten, dass die gnädigen Fräuleins und die Herren Junker von den gewöhnlich etwas unerfahrenen Hauslehrern beim Lernen zu sehr angestrengt wurden, darüber wachte die adlige Zärtlichkeit der Frau Mutter." Wahrscheinlich ist auch hier Kants Aufenthalt ein mehrjähriger gewesen. Wenigstens entspann sich mit der Familie ein noch viele Jahre fortdauerndes näheres Verhältnis: Zeugnis dessen sind dankbare und hochachtungsvolle Briefe des Vaters wie der Zöglinge, die den einstigen Hausgenossen noch nach Jahren "zum Teilnehmer jedes interessanten Familienereignisses machten" (Rink)17. Von dem Philosophen selbst ist ein vom 10. August 1754 datiertes, bereits wieder aus Königsberg geschriebenes Briefchen an den älteren Zögling erhalten, dem er zwei gewünschte Schulbücher "zur Historie und Latinität" nebst zwei Bildern für den jüngeren Bruder ("HE. Fritzchen") und den "lieben HE. Behrend"18 schickt. Das ganze Schreiben macht in seiner Lebendigkeit den Eindruck, dass Kant damals das Hülsensche Haus noch nicht lange verlassen hatte. Als "Herr Fritzchen" sieben Jahre später in Königsberg immatrikuliert wurde, kam er zu seinem früheren Lehrer, dem jetzigen Magister Kant, in Pension. Freilich ging er, als echter ostpreußischer Junker, nach einem Jahre in den Offiziersberuf über, beurlaubte sich aber noch vor seinem Abschied aus dem Vaterhause "von seinem treuen Lehrer und Vorsorger durch ein dankbares Schreiben"19 das dieser unter seinen Papieren aufbewahrte. Später hat er dann selbst dem einstigen Zögling für seine Kinder Hauslehrer von Königsberg aus besorgt (vgl. Kants Brief an G. F. von Hülsen, 1. Mai 1784).
Vielleicht war es doch eine Nachwirkung der von dem früheren Lehrer empfangenen Eindrücke, wenn gerade dieser Georg Friedrich von Hülsen zu den ersten der Rittergutsbesitzer gehörte, die unter Friedrich Wilhelm dem Dritten freiwillig ihre Gutsuntertanen von dem Zwang der Erbuntertänigkeit befreiten. Der Philosoph soll nach dem Zeugnis des späteren freisinnigen Oberpräsidenten Ostpreußens, Theodor von Schön, um 1795 von der menschenunwürdigen Lage der Erbuntertänigen gesagt haben: "die Eingeweide drehten sich ihm im Leibe um, wenn er daran dächte"! Ob er wohl schon als Hofmeister in Groß-Arnsdorf Erfahrungen in dieser Hinsicht gesammelt hat?
Bei Graf Keyserling in Rautenburg?
Ob Kant nach diesen beiden noch eine dritte Hauslehrerstelle im Hause des Grafen von Keyserling-Rautenburg im Kreise Tilsit-Niederung bekleidet hat, ist sehr zweifelhaft. Zu der von uns an anderer Stelle ('Kants lieben', S. 34—36) dagegen erhobenen Bedenken, auf die wir hier verweisen, tritt noch der oben wiedergegebene Eindruck des Briefes nach Arnsdorf. Vielleicht sind die von dieser dritten "Kondition" redenden Nachrichten dadurch zu erklären, dass Kant in seiner ersten Magisterzeit oder kurz vorher jede Woche ein- oder einigemal mit dem Wagen nach dem zwei Meilen südwestlich von Königsberg gelegenen Truchseßschen Schlosse Capustigall zum Privatunterricht geholt wurde; unter seinen dortigen Zöglingen könnte auch ein Sohn seiner edlen Gönnerin oder Freundin (s. Buch II, Kap. 5), der Gräfin Keyserling, gewesen sein, die eine geborene Truchseß-Waldburg war. Aller Wahrscheinlichkeit nach weilte der Philosoph seit 1754 wieder dauernd in seiner Vaterstadt; denn von dort ist nicht bloß der Brief an den jungen Hülsen datiert, sondern auch verschiedene andere Gründe, die wir weiter unten kennenlernen werden, sprechen dafür.
Bedeutung dieser Zeit für Kant
Wir aber fragen: Was bedeuten diese sechs oder sieben Hauslehrjahre für Kants Empfindungen und für seine Persönlichkeit? Wir müssen dabei freilich aus unscheinbaren Tatsachen weite und vielleicht nicht sehr sichere Schlüsse ziehen. Interessant ist da zunächst die von Haagen zum ersten Male aus dem Staub der Judtschener Kirchenregister ans Licht gezogene Tatsache, dass Kant am 27. Oktober 1748 bei der Taufe des kleinen Samuel Challet – sein Vater war Schulmeister und Kirchenvorsteher – sich als Studiosus philosophiae hat eintragen lassen. Demnach legte der 24½jährige junge Mann erstens auf den Kandidatentitel keinen Wert und hat es zweitens, obwohl in einem Pfarrhause lebend, vorgezogen, sich als Studiosus der Philosophie zu bezeichnen, wie auch schon 1—2 Jahre vorher bei Einreichung seiner ersten Schrift, für deren Druck er nun bald die Kosten decken konnte; denn von den 50—60 Talern, die er nach Haagens Schätzung außer freier Wohnung und Kost von Andersch bezog, konnte er bei den sicher sehr geringen Ansprüchen, die das Pfarrhaus an sein äußeres Auftreten stellte, das meiste zurücklegen. Möglicherweise ist er sogar deshalb zunächst lieber in ein einfach bürgerliches Haus gegangen, wo er zudem nicht fertig französisch zu parlieren und alle möglichen musikalischen Instrumente – Klavier und Violine, Flöte und "Bassetter" (vgl. Kant an von Hülsen, 1. Mai 1784) – zu spielen brauchte. Dafür richtete er auch keine üblen Folgen an, wie der Held von R. Lenzens Drama 'Der Hofmeister', das die Zustände auf diesem Gebiet in nur wenig späterer Zeit, nach dem Zeugnis urteilsfähiger Zeitgenossen, recht nach ostpreußischer Wirklichkeit gezeichnet hat. Pflichttreu ist er jedenfalls, wie sein ganzes Leben hindurch, so auch in dieser Stellung gewesen, und auch sein Unterricht wird nicht ganz so schlecht gewesen sein, wie er selber ihn in seinem Alter zu machen pflegte mit der scherzhaften Versicherung, dass "in der Welt vielleicht nie ein schlechterer Hofmeister gewesen als er", oder gegen seinen Famulus Lehmann: Noch jetzt "mache es eine seiner unangenehmsten Traumvorstellungen aus", wenn er sich wieder in seine Hofmeisterzeit versetzt fühle; das Geschäft eines Pädagogen sei ihm "immer eines der verdrießlichsten" erschienen (Feders lieben, Natur und Grundsätze, Leipzig 1825, S. 173). So gern wir ihm glauben wollen, dass es ihm schwer geworden ist, "sich" zu den Begriffen der Kinder "herabzustimmen", hat er doch den ältesten seiner Zöglinge so weit gebracht, dass dieser auf dem berühmten Joachimstaischen Gymnasium sofort in die Prima aufgenommen wurde. Und in einer seiner vorkritischen Schriften erzählt er selbst, er habe einmal einem "Lehrling" einen mathematisch-physikalischen Satz derart klar zu machen verstanden, dass derselbe seine ästhetische Freude daran hatte ('Einzig möglicher Beweisgrund', S. 46). Auch die tiefgegründete Liebe und Hochachtung der Hülsens zu ihm könnte man sich ohnedas kaum vorstellen.
Erwähnenswerte Einflüsse seiner Umgebung auf seine wissenschaftliche oder auch nur geistige Entwicklung im allgemeinen sind wohl schwerlich anzunehmen: weder bei dem Bauernpastor noch bei der adligen Familie. Dagegen könnte er in letzterer wohl zu jener Gewöhnung an feinere Lebensformen den Grund gelegt haben, die er später auch in der feinsten aristokratischen Gesellschaft zeigte. Dass er darüber die Hauptsache nicht vergaß, wissen wir aus dem Munde seines Studienkameraden Heilsberg, nach dessen Zeugnis er "in allen Stücken die Rechtschaffenheit und Biederkeit im Umgange jenem Gepränge vorzog und das Komplimentieren haßte"; wie er denn auch, auf der Rückkehr von seiner Erziehertätigkeit auf Schloß Capustigall, "öfters mit inniger Rührung an die ungleich herrlichere Erziehung gedachte, die er selbst in seiner Eltern Hause genossen". Auch die schiefe Stellung des zwischen Eltern und Hofmeister stehenden Kindes hat er wohl empfunden, wenn man nach Bemerkungen darüber in seinen Vorlesungen über Pädagogik schließen darf. Wenn er gleichwohl nach Borowskis, von ihm selbst gebilligten, Bericht noch im Alter "an die Jahre seines ländlichen Aufenthalts und Fleißes mit vieler Zufriedenheit zurückdachte", so lag das eben daran, dass er diese äußerlich einförmigen Jahre zu eifriger wissenschaftlicher Arbeit benutzt hat. Es waren Jahre stillen Reifens. Er legte sich "Miszellaneen aus allen Fächern der Gelehrsamkeit" an, er bereitete die Arbeiten vor und arbeitete sie vielleicht zum Teil bereits aus, mit denen er in den Jahren nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt (1754 ff.) in schneller Folge hervortrat.
Wissenschaftliche Arbeiten
Zunächst beabsichtigte er im August 1749, nach jenem ersten von ihm erhaltenen Briefe an einen Unbekannten – der 1922 erschienene 13. Band der Akademie-Ausgabe (S. 1) vermutet den berühmten Albrecht von Haller —, den er sich zum Rezensenten wünscht, zu schließen, eine Fortsetzung seiner ersten Schrift drucken zu lassen. Er hatte damals nach seinen eigenen Worten eine solche "in Bereitschaft, die nebst einer ferneren Bestätigung derselben andere ebendahin abzielende Betrachtungen in sich begreifen wird". Nach welcher Seite diese Betrachtungen gehen sollten, können wir aus der ja, wie gesagt, erst 1749 erschienenen Schrift selbst feststellen. Er behielt sich darin u. a. vor, seine Gedanken über die Möglichkeit "vieler Welten" näher auszuführen, die freilich auch vielerlei Raumesarten voraussetzten und deshalb unwahrscheinlich seien (§ 11). Er behauptet ferner, weitere Gesetze, "nach denen die Lebendigwerdung der Kraft geschieht", darlegen (§ 131), besonders aber in "einigen Abrissen" zeigen zu können, wie seine neue Theorie sich mit Leibniz' Gesetz von der Erhaltung der Kraft und seiner Regeln "der allgemeinen Harmonie und Ordnung" wohl vereinigen lasse.
Zu den hierdurch veranlaßten physikalischen und philosophischen 'Miszellaneen' kamen sicher astronomische und geographische hinzu. Die ersteren waren zu seinem großen astronomischen Werk von 1755 notwendig, zu dessen Fixstern-Theorie ihm die Lektüre einer Anzeige in den Hamburger 'Freyen Urteilen und Nachrichten' von 1751 über ein Buch des Engländers Wright von Durham den ersten Anstoß gab, während er eine Schrift Bradleys entweder im Original aus den Philosophical Transactions von 1748 oder (wahrscheinlicher) aus dem 'Hamburgischen Magazin' von 1752 kennengelernt haben wird; denn auf dem Lande hatte er die Urschriften selbst nicht immer "bei der Hand", wie er dies z. B. von einer Abhandlung Maupertuis' in seinem Werk bemerkt. – Seine weitreichenden naturwissenschaftlichen Studien sowie der Drang, in weiteren Kreisen bekannt zu werden, mögen ihn auch zum Herangehen an die von der Berliner Akademie der Wissenschaften am 1. Juni 1752 gestellte Preisaufgabe über das Thema, ob die Achsendrehung der Erde sich verändert habe, bewogen haben; hat doch auch Rousseau durch seine Beantwortung einer akademischen Preisaufgabe seinen ersten Schriftstellerruhm erlangt. – Neben den umfangreichen Vorstudien, die, besonders bei Kants Gewissenhaftigkeit, diese Arbeiten erforderten, wird er wohl auch die zahlreichen geographischen Schriften, die er nach der Vorrede zu seinem 'Entwurf eines Collegii der Physischen Geographie' (Ostern 1757) gelesen hat, nicht alle erst kurz vorher kennengelernt haben, zumal dazu neben den großen Werken Newtons, Warens und Buffons auch eine ganze Reihe Reisebeschreibungen, die von jeher sein besonderes Interesse erregten, sowie in Zeitschriften und Akademie-Werken (von Paris und Stockholm) zerstreute Abhandlungen gehörten.20 Der letztere Umstand freilich wird ihn mit zur früheren Rückkehr nach Königsberg bestimmt haben.
Aus einem anderen Teil seiner 'Miscellaneen' der sich in den von Reicke veröffentlichten 'Losen Blättern aus Kants Nachlaß' (S. 294—302) bis auf unsere Tage erhalten hat, ergibt sich endlich, dass Kant sich um 1754 noch mit einer weiteren, von der Berliner Akademie im Sommer 1753 gestellten, Preisarbeit über den Optimismus von Pope und Leibniz beschäftigt hat: das nämliche Thema, das die beiden Freunde Lessing und Mendelssohn zu ihrer gemeinsam verfaßten Abhandlung: 'Pope ein Metaphysiker!' veranlaßte. Ob er seine Absicht ausgeführt und eine Arbeit zu dem bestimmten Termin (1755) abgeliefert hat? Wir wissen es nicht. Den Preis erhielt jedenfalls ein Crusianer. Kant ist aber 1759 noch einmal auf das Thema zurückgekommen (s. Buch II, Kap. 1).
Wie wir sehen, war seine literarische Tätigkeit zuletzt ziemlich beträchtlich geworden. Auch aus diesem Grunde ist anzunehmen, dass er spätestens im Jahre 1754, nach etwa 6—7jährigem Hauslehrertum, nach Königsberg zurückgekehrt ist. Hier konnte er den Druck des großen astronomischen Werkes, das er als seine nächste Lebensaufgabe betrachtete, und das er schon im Frühsommer 1754 im wesentlichen abgeschlossen zu haben scheint, in die Wege leiten und überwachen. Hier hat er zwei Abhandlungen in den 'Wöchentlichen Königsbergischen Frag- und Anzeigungsnachrichten' veröffentlicht. Zunächst am 8. und 15. Juni 1754 jene Arbeit 'Über die Achsendrehung der Erde', die er der Berliner Akademie nicht eingesandt hatte, weil er bescheiden meinte, dass sie mit ihrer rein physikalischen Behandlung der Sache, ohne die Geschichte des Problems zu beleuchten, doch auf einen Preis nicht rechnen könne. Und zweitens, in sechs Nummern vom 10. August bis 14. September, eine solche über: 'Die Frage, ob die Erde veralte, physikalisch erwogen'. Auf ihren Inhalt wird noch, gelegentlich der Darstellung von Kants naturwissenschaftlichen Ansichten überhaupt, kurz einzugehen sein. Hier kam es uns nur darauf an, seine eifrige wissenschaftliche Tätigkeit hervorzuheben. Mindestens in seiner Vaterstadt war er dadurch literarisch bekannter geworden.
Promotion und Habilitation
So standen denn seiner Promovierung zum Magister wie seiner Habilitation als Privatdozent der Philosophie an der Albertina keine Schwierigkeiten entgegen. Zum Zweck seiner Magister-, wir würden heute sagen: Doktor-Promotion, mußte er zunächst eine lateinische Dissertation – es war eine naturphilosophische Abhandlung 'Über das Feuer' – einreichen, was am 17. April 1755 geschah. Vier Wochen später folgte die mündliche Prüfung (das Rigorosum), am 12. Juni die feierliche Promotion im Auditorium maximum, einem langen, aber niedrigen, mit den Bildnissen der preußischen Landesfürsten geschmückten Saale, in dem heute ein Teil der Stadtbibliothek untergebracht ist. Vollzogen wurde sie durch denselben J. B. Hahn als Fakultätsdekan, der ihn vor 15 Jahren immatrikuliert hatte. Dieser hielt eine ausführliche Rede "Von den Ehren Tituln der alten Juden [!] bei ihren Akademischen Promotionen: Rabh, Rabbi und Rabbon", während der neue Magister den ganzen Akt mit einer Danksagung vom "oberen" Katheder beschloß.21 Zum Thema seiner vorangehenden eigenen, natürlich auch lateinischen, Rede hatte Kant ein weit moderneres Thema: "Vom leichteren und vom gründlichen Vortrag der Philosophie" gewählt. Er muß doch schon einen geachteten und bekannten Namen gehabt haben; denn, um ihn zu hören, waren besonders viele angesehene und gelehrte Männer der Stadt zusammengeströmt, und während seiner Rede legte nach des selbst anwesenden Borowski Zeugnis "das ganze Auditorium durch ausgezeichnete Stille und Aufmerksamkeit die Achtung an den Tag, mit der es den angehenden Magister aufnahm". Der Text von Kants Rede, der Borowski noch in Abschrift vorlag, hat sich leider nicht erhalten. Dagegen haben wir in der Stadtbibliothek ein Exemplar von Kants "Doktordiplom", genauer gesagt der gedruckten Einladung zu dem feierlichen Akt entdeckt, in deren sehr ausführlichem Text es heißt:
Facultas Philosophica
viro iuveni nobilissimo et clarissimo
Emanueli Kant, Reg. Pruss.
Philosophiae candidato dignissimo
Post egregie, in specimine exhibito et examine rigoroso, edita documenta
Doctoris philosophiae seu magistri gradum et insignia
Proxima Jovis die XII. Junii, Natali Brabeutae septuagesima
rite et solenniter conferet
Auf deutsch: Die philosophische Fakultät wird dem hochedlen und hochberühmten Emanuel Kant, aus dem Königreich Preußen, hochwürdigen Kandidaten der Philosophie, nach vorzüglichen, in seiner Abhandlung und bei dem Examen rigorosum gelieferten Proben den Grad und die Auszeichnungen eines Doctors der Philosophie oder Magisters am nächsten Donnerstag, 12. Juni, am 70. Geburtstage des Kampfrichters in gehöriger Form und feierlich übertragen.
Am 27. September desselben Jahres erfolgte sodann, mit der öffentlichen Verteidigung seiner pro venia docendi eingereichten, gleichfalls lateinischen Dissertation "Eine neue Beleuchtung der ersten Prinzipien der metaphysischen Erkenntnis", seine Habilitation an der heimischen Universität. Das Amt des "Respondenten" versah der Kandidat der Theologie Leonhard; "Opponenten" waren ein Theologie-Student und zwei Rechtskandidaten.
Zweites Buch
Die Werdezeit
(1754-1780)
Erstes Kapitel.
Die Magisterzeit: Erste Periode (1755—1762)
Kant und Newton
A. Persönliches
Kants Persönlichkeit
Dem Leben Immanuel Kants ist oft seine Eintönigkeit vorgeworfen worden. Und in der Tat, an äußerer Bewegtheit läßt es sich mit dem großer Zeitgenossen, wie Goethe und Winckelmann oder gar Lessing und Schiller, nicht von ferne vergleichen. Das gilt von seiner Jugend, das gilt auch von den nun folgenden langen Jahren seiner Magisterzeit. Wenn man wollte, so könnte man die äußeren Lebensschicksale unseres Philosophen während dieser anderthalb Jahrzehnte in einen einzigen Satz zusammenfassen: Seine zweimalige Bewerbung um eine Professur bleibt ohne Erfolg, auf eine dritte verzichtet er freiwillig, er nimmt eine Zeitlang mit einer kleinen Bibliothekarstelle vorlieb, lehnt in der Hoffnung auf endliche Anstellung mehrere Berufungen nach auswärts ab und erhält schließlich als 46 jähriger das längst verdiente Ordinariat für Logik und Metaphysik in seiner Heimatstadt.
Allein die Bedeutung eines Menschenlebens beruht nicht auf außerordentlichen äußeren Erlebnissen, sondern auf der Art, wie der Betreffende sich seiner Umgebung, seiner Zeit, gegenüber stellt, wie er – ganz abgesehen von seinen intellektuellen Leistungen – seine Persönlichkeit durchsetzt, sein Leben einrichtet. Gerade diese Innenseite von Kants Leben nun freilich ist, soweit sie nicht in seinen wissenschaftlichen Bestrebungen aufgeht, für diese 15 Jahre nicht leicht zu erfassen. Von seinen ältesten und zuverlässigsten Biographen beschreibt der eine (Wasianski), der treue Pfleger seiner letzten Lebensjahre, im wesentlichen nur diese; der zweite (Jachmann) kennt ihn aus genauer, persönlicher Anschauung allein während der 8oer Jahre und hat das andere bloß vom Hörensagen; denn der Philosoph liebte es nicht, viel aus seinen eigenen früheren Jahren oder gar von seinem Innenleben zu erzählen. Der dritte endlich (Borowski) hat ihn zwar als junger Studiosus gerade in seinen ersten Magisterjahren gekannt, ist aber – wenngleich er später zu der Würde eines preußischen Erzbischofs aufgestiegen ist – seelisch nicht bedeutend genug, um mehr als die verehrende Schilderung des einstigen Schülers zu geben. Der Briefwechsel endlich, für die Zeit bis 1770 nur spärlich erhalten, liefert ebenfalls nicht allzuviel Material. So sind wir vielfach auf Vermuten angewiesen, wo wir lieber sichere Tatsachen wüßten. Mit diesen Einschränkungen versuchen wir, im folgenden ein möglichst der Wirklichkeit entsprechendes Bild des Magisters Kant zu zeichnen.
Vergebliche Bewerbungen um eine Professur
Ein Gedanke ist vor allem festzuhalten. Anders wie die meisten unserer geistigen Größen, läßt sich Kant auch schon in seinen jüngeren Jahren nicht von den Dingen und Personen seiner Umgebung treiben,22 sondern geht mit festem Willen, still und ruhig, auf das selbst bestimmte Ziel los: "Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen." Das Ziel aber, das er sich gesteckt, war dasjenige, welches er als das seiner Natur und seinen Geistesanlagen gemäßeste erkannt hatte: die Stellung eines Professors der Philosophie an der heimatlichen Universität; oder, um es mit den Eingangsworten seiner ersten Bewerbung um eben dieses Amt zu sagen: seine "größeste Bestrebung" war "jederzeit dahingegangen, sich zu dem Dienste Ew. Königl. Majestät auf Höchst dero Akademie nach Möglichkeit geschickt zu machen" (8. April 1756). Darum hatte nach einem "vieljährigen akademischen curriculo" der alte Student noch eine siebenjährige Hauslehrerzeit auf sich genommen, darum begann er jetzt mit mehr als 31 Jahren die dornenvolle Laufbahn eines Privatdozenten an einer Universität, von der noch in späterer, besser gewordener Zeit sein Kollege Kraus zu sagen pflegte: Professor an ihr zu werden, heiße zugleich das Gelübde der Armut ablegen. Und zwar Lehrer der Philosophie. Denn, wie vielseitig auch seine mathematischen, naturwissenschaftlichen und geographischen Studien gewesen waren: in erster Linie hatte er doch immer die philosophischen Wissenschaften "excoliret" und "zu dem vornehmsten Felde seiner Bestrebungen gewählet", unter ihnen aber am meisten wieder Logik und Metaphysik, "derjenigen vorzüglichen Neigung gemäß, die ich jederzeit zu diesem Teile der Weltweisheit gehabt habe" (Zweite Bewerbung vom 11. Dezember 1758).
Darum bewarb er sich auch nicht um andere Professuren, womöglich gar noch in anderen Fakultäten, wie das an den damaligen deutschen Universitäten häufig vorkam und bei der elenden Bezahlung schließlich zu begreifen war: so dass z. B. ein Theologe zugleich Mathematiker oder gar Mediziner war. Auch seine Bewerbung um die unterste "Schulkollegen-", d. h. Gymnasiallehrerstelle am Kneiphöfschen oder Dom-Gymnasium, von der einige ältere Biographen berichten, ist nicht sicher. Wenn sie stattgefunden hat, müßte sie nach Wardas abschließender Untersuchung in das Jahr 1757 fallen und könnte sie nur aus pekuniären Erwägungen hervorgegangen sein. Sein jüngerer Kollege Kraus, der ihn aus langjährigem vertrauten Umgang in der späteren Zeit kannte, ist sogar so weit gegangen, zu behaupten: es sei ihm nie eingefallen, "um etwas für sich zu bitten oder zu ambiren (herumzugehen)". Das trifft gewiß in dem Sinne zu, dass Kant Zeit seines Lebens nie durch Konnexionen oder gar Schmeicheleien und Bücklinge vorwärts zu kommen, "Karriere zu machen" gesucht hat. Dagegen wäre es töricht von ihm gewesen, eine sich bietende günstige Gelegenheit nicht wahrzunehmen. So hat er sich denn auch bereits Ostern 1756 um das durch den Tod seines einstigen Lehrers Martin Knutzen seit fünf Jahren verwaiste Extraordinariat für Logik und Metaphysik beworben, das jedoch infolge des ausbrechenden Krieges überhaupt nicht wieder besetzt wurde. Desgleichen Ende 1758 in einem, nach der Sitte der Zeit sehr untertänig gehaltenen, Schreiben an die "Selbstherrscherin aller Reußen", d. h. in Wirklichkeit die russische Regierung in Königsberg, der Ostpreußen von 1758 bis 1762 unterstand, und zwar um die erledigte ordentliche Professur für die gleichen Fächer. Auch diesmal erfolglos. Kant, der sich noch im letzten Augenblick gemeldet hatte und von seinem alten Direktor F. A. Schultz unterstützt wurde, kam zwar mit seinem Kollegen, dem außerordentlichen Professor Bück, in engere Wahl; da dieser aber schon seit 15 Jahren unbesoldet an der Akademie wirkte, wurde er dem überdies an Jahren jüngeren Mitbewerber vorgezogen. So war und blieb dieser denn bis zu seinem 47. Lebensjahre der "Magister" Kant.
Art seiner Vorlesungen
Mit dem Beifall, den seine Vorlesungen fanden, konnte der neue Dozent zufrieden sein. Die allererste freilich, die er im Hörsaal des Professor Ordinarius Kypke auf der Neustadt (dem, heutigen Löbenicht), bei dem er auch wohnte, abhielt, geriet ihm nicht ganz. Der Ruf seiner Gelehrsamkeit hatte eine "beinahe unglaubliche Menge" von Studierenden angezogen, die nicht bloß den geräumigen Saal, sondern auch Vorraum und Treppe füllten. Das machte ihn verlegen. Er sprach noch leiser, als er es ohnedies schon zu tun pflegte, und verbesserte sich oft. Doch bereits in der nächsten Stunde hatte er die kleine Schwäche überwunden. Seitdem blieb sein Vortrag "nicht allein gründlich, sondern auch freimütig und angenehm", wie Borowski, der selbst als 15 jähriger Fuchs das Kolleg besuchte, erzählt. Allerdings die "beinah unglaubliche" Menge, die sich den Neuen hatte anhören wollen, hielt nicht aus. Immerhin steht nach erhaltenen Universitätsakten fest, dass mindestens 23 Studierende – 21 der Theologie, 2 der Jurisprudenz, solche der Philosophie gab es offiziell nicht – Vorlesungen bei Kant in dessen erstem Dozentensemester haben hören wollen; möglicherweise sind es später auch mehr geworden.23 Doch wenn auch nicht: der Privatdozent einer schwach besuchten Provinzuniversität konnte für den Anfang damit zufrieden sein.
Wir besitzen aus der Feder desselben Borowski weitere anschauliche Schilderungen über die Vortragsweise des neuen Magisters: "Das Kompendium, welches er etwa zum Grunde legte, befolgte er nie strenge.... Oft führte ihn die Fülle seiner Kenntnisse auf Abschweifungen, die aber doch immer sehr interessant waren, von der Hauptsache. Wenn er bemerkte, dass er zu weit ausgewichen war, brach er geschwind mit einem 'Und so weiter' oder 'Und so fortan' ab und kehrte wieder zur Hauptsache zurück." Seine Vorlesung war "freier Diskurs, mit Witz und Laune gewürzt", auch wohl mit (in seinen Schriften bekanntlich fast ganz vermiedenen) Zitaten und Hinweisen auf interessante Schriftsteller, bisweilen auch Anekdoten, "die aber immer zur Sache gehörten", untermischt. Dagegen suchte er nie, wie manche andere, durch allerlei Späße, Pikanterien oder Sticheleien gegen Kollegen sich wohlfeilen Beifall zu erwerben. "Dem Nachschreiben war er nicht hold. Es störte ihn, wenn er bemerkte, dass das Wichtigere oft übergangen und das Unwichtigere aufs Papier gebracht ward." Immer warnte er vor bloßer Nachbeterei. "Sie werden, das wiederholte er seinen Schülern unablässig, bei mir nicht Philosophie lernen, aber – philosophieren; nicht Gedanken bloß zum Nachsprechen, sondern denken.... Selbst denken, selbst forschen, auf seinen eigenen Füßen stehen, waren Ausdrücke, die unablässig wieder vorkamen." Freilich "war rege Aufmerksamkeit bei seinen Vorträgen nötig. Die Gabe, die vorkommenden Begriffe und Sachen ganz ins klare für jeden zu setzen, sie etwa durch Wiederholung in anderen Ausdrücken auch den zerstreuteren Zuhörern doch faßlich zu machen …, war Kant freilich nicht eigen." Weil er selbst viel von sich verlangte, so erwartete er auch von seinen Zuhörern geistiges Sich-Zusammennehmen, so dass Hamann in einem Briefe an ihn von 1759 meint, dieselben hätten Mühe, "es in der Geduld und Geschwindigkeit des Denkens mit Ihnen auszuhalten". Die meisten begannen daher auch, weil seine philosophischen Vorlesungen für zu schwer galten, mit seiner physischen Geographie, oder sie hörten, wie selbst der doch gewiß begabte Hippel, vorher den "ganzen philosophischen Kursus" bei einem weniger schwierigen Dozenten, wie Kants Kollegen Buck. "Übrigens nahm er etwaige Zweifel oder Bitten um Aufklärung in jüngeren Jahren stets freundlich entgegen und setzte dem Betreffenden die Sache, auch wohl auf einem Spaziergang nach dem Kolleg, gern auseinander. Ja, er kam in diesen ersten Dozentenjahren den Wünschen "einiger Herren" so weit entgegen, dass er einige Semester lang für seine Metaphysik-Vorlesung das gründliche, aber schwerere Kompendium von Baumgarten mit dem leichteren von Baumeister vertauschte.
Und er las viel, weit mehr als unsere heutigen Privatdozenten. Gleich im ersten Semester drei Kollegien auf einmal: Logik, Metaphysik und Mathematik; vielleicht auch noch Physik. Im folgenden Sommer kam noch die von ihm, als einem der ersten Universitätslehrer, eingeführte Physische Geographie hinzu, im Winter Ethik usf. Im Durchschnitt hat Kant während seiner Magisterjahre nicht unter 16 Wochenstunden gelesen, ja in einzelnen Semestern der 6oer Jahre ist diese Zahl auf 26 bis 28 gestiegen! Zu diesen im offiziellen Lektionskatalog angekündigten Vorlesungen traten in manchen Semestern noch Privatissima, zunächst während des siebenjährigen Krieges für russische Offiziere. Auch beaufsichtigte er gerade in diesen ersten Jahren häufig vornehme oder wohlhabende Studenten, die auf den Wunsch der Eltern im selben Hause mit ihm wohnten und aßen.
Vermögensverhältnisse
Alle diese Arbeit nahm er, wie aus einem Briefe an seinen Ereund Lindner hervorgeht, in erster Linie aus pekuniären Gründen auf sich. Auch wurde sie, besonders die Privatissima, nach seinem eigenen Zeugnis gut bezahlt, so dass er sogar Anträge, die ihm nicht zusagten, ablehnen konnte; wie er denn z. B. in den Jahren 1759 und 1760 eine Anzahl Studierender, die ein ästhetisches Kolleg mit Übungen "in Wohlredenheit und im deutschen Stil" von ihm wünschten, seinem Schüler Borowski überwies, der dann den Unterricht "unter Kants Direktion" erteilte. So blieb unser Immanuel vor eigentlicher Dürftigkeit. und vor dem, was ihm das Schrecklichste gewesen wäre, der Notwendigkeit, Schulden zu machen, bewahrt. Er selbst hat noch Jahrzehnte nachher, in einem Briefe an seinen Verleger Lagarde von 1790, gegen die "mitleiderregende Beschreibung" seiner äußeren Lage während der Magisterzeit durch einen gewissen Denina energisch protestiert: er habe stets "sein reichliches Auskommen" gehabt, eine Wohnung von zwei Stuben und einen "sehr guten" Tisch bezahlen, ja sogar sich einen Diener halten können. Jene Jahre seien im Gegenteil "die angenehmsten seines Lebens" gewesen. In der Tat hatte er schon 1761 einen eigenen Bedienten, wie aus einem Briefe an Borowski vom 6. März d. Js. zu sehen ist; und auf einer zufällig in seinem Nachlaß erhaltenen Rechnung aus seinen ersten Magister jähren sind neben drei Gulden für die Magd, einem Gulden für Waschen, sechs Groschen für Butter und drei für die "Perüque", auch 7½ Groschen für – Wein verzeichnet. Auch hat er, im Gegensatz zu Lessing oder Schiller, niemals für den Erwerb zu schreiben brauchen; er hat es, von den offiziellen Universitätsschriften abgesehen, stets nur aus innerem Bedürfnis heraus getan.
Seelische Stimmungen
An den äußeren und inneren Verhältnissen der Königsberger Professorenschaft hatte sich während der acht Jahre, die zwischen seinem Abgang als Studiosus und seinem Wiedereintritt in den akademischen Körper lagen, wenig oder nichts geändert. Innere Anteilnahme und wissenschaftliche Anregung fand er, zumal da Knutzen nicht mehr lebte, unter seinen Kollegen nur bei sehr wenigen: eher wohl neidische Gegner, die sich durch ihn verdunkelt sahen. Wenn ein Menschenalter später Goethe über das "Hetzen, Werben, Kompromittieren" der Jenaer Professoren, ihren "pfäffischen Stolz" und ihre "verworrene Borniertheit" unwillig sich äußerte, so wird es an der noch beschränkteren und isolierteren Königsberger Akademie der 50er und 60er Jahre kaum besser gewesen sein. So spottet nicht bloß der geistreiche Hamann öfters über die kleinlichen Rivalitäten und Schikanen wie über den Hochmut der Königsberger Professorenkreise, sondern auch zahlreiche Äußerungen in Kants eigenen Schriften über Gelehrteneinbildung und -pedanterie lassen sich ohne üble persönliche Erfahrungen kaum erklären. Er aber wirkte rein durch die Sache. So schreibt Hamanns Bruder am 16. März 1757 an G. E. Lindner: "Herr Magister Kant lebt glücklich und zufrieden, in der Stille wirbt er die Zuhörer des marktschreierischen Watson und schwächt durch seinen Fleiß und echte Gelehrsamkeit den scheinenden Beifall dieses Jünglings."24 Neben frohen und erhebenden Stunden – er bekennt selbst später, er habe in jenen ersten Magisterjahren den "ganzen Stolz des Gelehrten in sich gefühlt" – hat Kant indes sicherlich auch trübe durchgemacht, von denen er freilich die Außenstehenden nichts merken ließ. In die Welt seines inneren Gefühls, die uns hierüber aufklären müßte, und die bei so vielen anderen Großen der Menschheit in Briefen oder Selbstbekenntnissen offen vor uns liegt, läßt seine Eigenart uns nur äußerst selten einen Blick tun. Es hindert ihn daran eine merkwürdige Verschlossenheit oder mindestens Kühle des Sichgebens gegenüber anderen, die durchaus nicht identisch ist mit Unbewegtheit des Gemüts, sondern eher von einer Keuschheit des Gefühls herrührt, wie sie der norddeutschen Natur häufig eigen ist. So hat uns denn bloß der glückliche Zufall eines erst neuerdings aufgefundenen Briefes einen Einblick in das Innenleben des "kleinen Magisters", wie Hamann ihn zu nennen pflegte, gewährt und gezeigt, dass er doch nicht der völlig leidenschaftslose, kühle Verstandesmensch gewesen ist, für den man ihn oft gehalten hat. Am 28. Oktober 1759, also nach vier Jahren Privatdozententums, beglückwünschte er seinen Freund und späteren Kollegen, den damaligen Gymnasiallehrer Lindner in Riga, dass dieser sich bei der ihm dort zuteil gewordenen Anerkennung hinwegsetzen könne, "über die elenden Buhlereyen um den Beyfall und die abgeschmakte [sic!] Einschmeichelungs Künste", die in Königsberg "großthuerische kleine Meister, die höchstens nur schaden können, denen auferlegen, welche gerne ihre Belohnung verdienen und nicht erschleichen möchten". Das muß auf jene mißgünstigen und marktschreierischen Kollegen gehen, die er als geistig unter ihm stehend empfand. Und auch seine Vorlesungen vermögen ihn nicht von einem Gefühl der Bitterkeit und inneren Leere zu befreien. Wiederholte sich doch der Stoff immer wieder, und waren seine Zuhörer doch vielfach erst Jüngel-chen von 16, ja 15 Jahren, so dass gerade ein tiefer Denker wie er oft genug das faustische Gefühl empfunden haben wird:
"Das Beste, was Du wissen kannst,
Darfst Du den Buben doch nicht sagen."
"Ich meines Theils sitze täglich vor dem Ambos meines Lehrpults und führe den schweren Hammer sich selbst ähnlicher Vorlesungen in einerley tacte fort." Manchmal zieht ihn innere Neigung zu erhebenderer Beschäftigung: "bisweilen reizt mich irgendwo eine Neigung edlerer Art, mich über diese enge Sphäre etwas auszudehnen." Aber – "der Mangel, mit Ungestühmer Stimme sogleich gegenwärtig mich anzufallen und immer wahrhaftig in seinen Drohungen, treibt mich ohne Verzug zur schweren Arbeit zurück". Indes, er will von niemandem, auch von den Freunden nicht, bemitleidet sein. Und so fährt er fort: in Anbetracht des Ortes, wo er sich befinde – er hängt an seiner Heimat – und der "kleinen Aussichten des Überflusses", die er sich erlaube, begnüge er sich schließlich mit dem Beifalle, mit dem man ihn begünstige, und mit den Vorteilen, die er daraus ziehe, um die ganze, sowieso schon ausnahmsweise Expektoration mit einem Worte zu schließen, das ich ähnlich in keiner seiner sämtlichen Schriften und Briefe gelesen zu haben mich erinnere, und das man jedem anderen eher zutrauen würde als gerade ihm: und – "träume mein Leben durch". Gewiß nicht immer, ja vielleicht nicht einmal häufig, wird Kants Selbstbeherrschung sich solchen melancholischen und doch wieder mit einem überlegenen Humor gepaarten Stimmungen überlassen haben; aber es ist doch bezeichnend, dass selbst bei einer so kühlen und verstandesklaren Natur wie Kant Stunden nicht gefehlt haben, wie sie keinem Genie erspart bleiben, das sich mit den Armseligkeiten und Kleinlichkeiten seiner Umgebung abfinden muß.
Geselliger Umgang.
Eine Trostschrift
Der gesellige Verkehr des "kleinen Magisters" scheint sich in diesen ersten Jahren in ziemlich bescheidenen Grenzen bewegt zu haben. Freilich spricht Hamann in einem Briefe aus dem Jahre 1759 schon von der "akademischen" und "galanten" Welt, in der, im Gegensatz zu ihm selbst, Kant sich bewege. Allein bei dem "Magus aus Norden", der anspruchs- und formlos bis zum Äußersten war, will das nicht viel besagen. Die wenigen uns erhaltenen Nachrichten berichten jedenfalls nur von höchst einfachen Vergnügungen, von einem "bäurischen Abendbrot", das man zu dreien in dem Krug der Trutenauer Windmühle (in der weiteren Umgebung der Stadt) verzehrte oder von einem Zusammensein mit Referendar Wulf, Dr. jur. Funk (1721—1764), Hamann, Prof. Kypke und Gymnasiallehrer Freytag in Schultz' Kaffeegarten. Die beiden letztgenannten waren Schulkameraden Kants; mit Freytag, der seit 1747 am Domgymnasium unterrichtete, 1767 als Pfarrer nach dem benachbarten Kirchdorf Neuhausen kam und dort 1790 starb, scheint er besonders viel verkehrt zu haben. Er empfiehlt sich gelegentlich auch durch seinen gewesenen Schüler Borowski, der dort Hofmeister war, den "gnädigen Damen des von mir äußerst verehrten Schulkeimschen Hauses". Und er verkehrte natürlich, auch abgesehen von solchen Studierenden, deren Führung, d. h. "Beaufsichtigung" er besonders übernommen hatte, mit seinen augenblicklichen oder früheren Zuhörern.
Ein Zeichen davon, wie sehr man ihn in weiten Kreisen schätzte, ist das, dass man nach dem Tode eines derselben gerade von ihm ein Trostschreiben an die trauernde Mutter begehrte. Diesem Umstand verdanken wir seine im Druck erschienenen, vom 6. Juni 1760 datierten 'Gedanken bei dem frühzeitigen Ableben des Herrn Johann Friedrich von Funk'. Wichtiger als der besondere Anlaß, der Tod eines an der Schwindsucht verstorbenen stillen und fleißigen kurischen Studenten, ist für uns die Beleuchtung, in der hierbei des Philosophen eigene Sinnesart erscheint. Die "Gedanken" sind in schwungvoller, fast poetischer und doch die Phrase verschmähender Sprache geschrieben, hier und da durch ein Dichterwort von Lukrez, Haller oder Pope gewürzt. Sie zeigen, dass ihr Verfasser keineswegs des weicheren Gefühls entbehrte. Gegenüber den "rauschenden Freuden" und dem "Getümmel der Geschäfte und Zerstreuungen", in denen die meisten Menschen ihr Glück suchen, preist er die "ruhige Heiterkeit der Seele", der nichts Menschliches unerwartet kommt, die "sanfte Schwermut", die in einsamer Stille die Nichtigkeit desjenigen erwägt, "was bei uns gemeiniglich für groß und wichtig gilt". "Bereit, sich mit einer christlichen Resignation in den Befehl des Höchsten zu ergeben", wenn es diesem gefällt, "ihn von der Bühne abzurufen", wird der Weise, in Gedanken an "seine große Bestimmung jenseits dem Grabe", bis dahin eifrig seine Pflichten erfüllen, "vernünftig in seinen Entwürfen, aber ohne Eigensinn, zuversichtlich auf die Erfüllung seiner Hoffnung, aber ohne Ungeduld, bescheiden in Wünschen, ohne vorzuschreiben, vertrauend, ohne zu pochen".
Unter russischer Herrschaft
Durch die russische Okkupation Ostpreußens, die vom Januar 1758 bis in den Juli 1762 hinein, also volle vierundeinhalb Jahre dauerte, änderte sich nichts Wesentliches in den Einrichtungen des Landes, insbesondere auch im gewohnten Leben der Universität: nur dass die Eingaben – auch diejenige Kants, wie wir sahen – jetzt an die "Allerdurchlauchtigste Großmächtigste Kayserin und große Frau" Elisabeth anstatt an den "Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten König" Friedrich II. gerichtet werden mußten. Besonders der menschenfreundliche Gouverneur Nikolaus von Korff (Juli 1758 bis Januar 1761) machte sich durch seine Rechtschaffenheit und Güte allgemein beliebt. Die russischen Offiziere brachten Geld ins Land; freilich mit dem größeren Luxus, den bald auch die Einheimischen annahmen, auch größere Leichtfertigkeit, namentlich in geschlechtlichen Dingen. Daneben herrschte jedoch in einem Teile des Offizierkorps anscheinend ein gewisser Bildungsdrang; wenigstens wird berichtet, dass unser Magister damals "viele russische Offiziere in der Mathematik privatim unterrichtet" habe. Zu einer nicht sicher bestimmten Zeit auch einen polnischen Edelmann von Orsetti, der im Sommer seine Güter bewirtschaftete, im Winter sich in Königsberg aufhielt und durch seinen Eifer Kant bis in sein Alter unvergeßlich blieb (Wannowski). In seinen Briefen und Schriften ist nirgends von den politischen und kriegerischen Zeitereignissen die Rede, eine Stelle in dein eben erwähnten Trostschreiben an Frau von Funk ausgenommen. Und auch dort sind es nicht patriotische, sondern allgemein-menschliche Gefühle, denen der Briefschreiber Ausdruck verleiht. "Zu einer Zeit, da ein wütender Krieg die Riegel des schwarzen Abgrunds eröffnet, um alle Trübsale über das menschliche Geschlecht hervorbrechen zu lassen", da flöße der gewohnte Anblick von Not und Tod den davon Bedrohten wohl eine "kaltsinnige Gleichgültigkeit" ein; anders, wenn in der "ruhigen Stille des bürgerlichen Lebens" der Tod einem aus dem Zirkel der uns Nahestehenden reiße! So schreibt ein Bürger von Königsberg Juni 1760, d. i. mitten in der Bedrängnis seines Staates durch den Krieg der sieben Jahre, der freilich die meiste Zeit fern von Ostpreußens Gefilden geführt wurde!
Verkehr mit J. G. Hamann
Ehe wir uns Kants Schriften während dieser Epoche zuwenden, müssen wir auf seinen Verkehr mit einem der Genannten noch besonders zurückkommen, weil gerade er einen neuen Blick in das innere Wesen Kants ermöglicht: den mit seinem sechs Jahre jüngeren Landsmann Johann Georg Hamann. Schon im Sommer 1756 hatte Magister Kant den damals kürzere Zeit unbeschäftigt in der Heimatstadt weilenden, 26 Jahre zählenden Chirurgensohn flüchtig kennengelernt, und letzterer ihn in einem Briefe an seinen Bruder einen "fürtrefflichen Kopf" genannt, dessen Schriften er zu lesen begierig sei. In näheren Verkehr kamen beide erst 1759 durch zwei gemeinschaftliche Freunde, den aus Königsberg stammenden und schon genannten Rektor Lindner in Riga (der auch in Herders Jugend eine Rolle spielt), und den Sohn eines Rigaer Kaufmannshauses, Christoph Berens. Hamanns Freundschaft mit dem jungen Berens, die auf ihrer gemeinsamen Begeisterung für Deismus und Weltbürgertum begründet gewesen war, hatte durch des ersteren, nach zeitweilig ziemlich leichtsinnigem Leben, plötzlich in London erfolgte "Bekehrung zu Christo" einen Stoß erlitten. Berens suchte nun während seines Königsberger Aufenthaltes den Freund für sich persönlich und für eine freiere Weltanschauung zurückzugewinnen mit Hilfe – Kants. Eine persönliche Aussprache gelegentlich jenes "bäurischen Abendbrotes" blieb ohne Erfolg; desgleichen ein Besuch beider in der Wohnung Hamanns. Vergeblich suchte der Phüosoph letzteren durch Übersetzung einiger Artikel aus der berühmten französischen Enzyklopädie auf andere und freiere Gedanken, vielleicht auch zu etwas Gelderwerb zu bringen. Zwei der ihm von Kant vorgeschlagenen Artikel über das Schöne und über die Kunst, fand der eigenartige Mensch zu fad. Der dritte: vom "Scharwerk und den Gehorcharbeitern" – vielleicht darf man aus diesem Vorschlag auf ein frühes Interesse unseres Philosophen für die von ihm in Judtschen beobachteten Verhältnisse der Landarbeiter schließen – sei zwar gut, liege ihm aber zu fern. Hamanns Ablehnung erfolgte in einem noch erhaltenen ausführlichen Briefe an Kant vom 27. Juli 1759. Statt eines ursprünglich verabredeten weiteren "Kolloquiums" zog nämlich der Magus vor, sein stärkstes Geschütz, das Schreiben, spielen zu lassen. Er ließ an jenem Tage eine gewaltige, in der Akademie-Ausgabe von Kants Briefwechsel neun volle Seiten (I, 7—16) umfassende Epistel oder, wie er selbst drastisch sagt, eine "Granate aus lauter kleinen Schwärmern" auf den "kleinen Magister" los. Von dem letzteren ist leider kein Brief aus dieser Zeit an Hamann erhalten. Um so wertvoller sind für uns die Stellen, an der Kants entgegengesetzte Wesensart in den Zeilen des geistreich-witzigen Brief Schreibers sich widerspiegelt. Gewiß trifft dieser das Richtige, wenn er meint, er müsse Kant "episch" schreiben, weil der Magister die "lyrische Sprache", die der Geschichtsschreiber des menschlichen Herzens anwende, noch nicht zu lesen verstehe. Der Gegensatz beider Naturen tritt ferner in dem ironischen Spott des "Magus" über den Philosophen hervor. Er müsse beinah darüber lachen, dass man einen solchen dazu ausgesucht, um eine Sinnesänderung in ihm hervorzurufen. Möge derselbe auch auf "die Dichter, Liebhaber und Projektmacher" herabsehen "wie ein Mensch auf einen Affen", mit "Lust und Mitleiden" zugleich: über gewisse Dinge solle er sich doch nicht mit ihm einlassen, die er (Hamann) besser beurteilen könne, weil er seine Autoren "nicht aus Journalen, sondern aus mühsamer und täglicher Hin- und Herwälzung derselben" kenne.
Die Liebesmüh' von beiden Seiten war umsonst: jeder blieb auf seinem Standpunkt. Der Magus wahrte seine Selbständigkeit auch einem Kant gegenüber. "Nicht Ihre Vernunft, nicht meine," schrieb er ihm in einem späteren Brief von Ende 1759, "hier ist Uhr gegen Uhr, die Sonne aber geht allein recht." Die Sonne aber war für den "gläubig" gewordenen Hamann einzig das biblische Christentum, und der Philosophie Amt bestand in seinen Augen bloß darin, ein "Zuchtmeister zum Glauben" zu sein, wofür er selbst Humes Skeptizismus in Anspruch nahm. So reiste denn Berens im Oktober d. J. wieder von Königsberg ab, ohne dass es zu einer Erneuerung der alten Freundschaft, gekommen wäre. Eür Hamann aber sind beide, Kant und Berens, die unbeabsichtigten Urheber seiner ersten Schrift, der "Sokratischen Denkwürdigkeiten" (Amsterdam 1759) gewesen, die "Niemand", d. i. dem Publikum, und "Zween", d. i. Berens und Kant, gewidmet waren. Die geistvolle und lebendige Auffassung des Sokrates, dem er allerdings auch manche Züge des eigenen Wesens unterschiebt, insbesondere die mystische Auffassung des sokratischen "Genius", spiegelt sich anscheinend noch in Kants spätester Schrift, freilich vorzugsweise in seiner Abneigung gegen diesen "orakelnden" Genius, wieder.25 Im übrigen tritt die Person Kants in den "Denkwürdigkeiten" ganz zurück; nur einmal wird er, in unbewußter Vorausahmung seines philosophischen Ruhms, mit Newton als "allgemeinem Weltweisen" und philosophischem "Münzwardein" verglichen. Die eigene, im stärksten Kontrast zu der Art Kants stehende Denk- und Schreibweise charakterisiert Hamann in treffender Selbsterkenntnis mit den Worten: "Wahrheiten, Grundsätzen, Systemen bin ich nicht gewachsen. Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle."
Der Philosoph hatte demgegenüber wohl das Gefühl, dass eine Verständigung mit einer so entgegengesetzten Natur ausgeschlossen sei. Gleichwohl hat er eine in den 'Hamburger Nachrichten' erschienene Besprechung der Schrift, nach der "kein Jakob Böhme, kein wahnsinniger Schwärmer unverständlicheres und unsinnigeres Zeug reden und schreiben kann, als man da zu lesen bekommt" (Hamann), sicherlich weder selbst geschrieben noch veranlaßt, wie der mißtrauische Hamann eine Zeitlang argwöhnte. Denn noch in dem gleichen Jahre 1759 besprach er mit diesem ganz freundschaftlich den Plan einer gemeinsam abzufassenden "Kinderphysik", d. h., wie sich aus Hamanns ausführlichen zwei Antwortschreiben ergibt, einer Art Physischer Geographie oder Naturgeschichte für die Jugend, die von den ersten Elementen des Weltalls bis zu den Tieren und Menschen führen sollte. Kant, im Gefühl seiner Schwäche in Sachen praktischer Pädagogik, wandte sich an den in dieser Beziehung besser beschlagenen Hamann. Dieser traute allerdings – und wohl mit Recht – dem gelehrten Magister, dem kaum die Studenten im Kolleg zu folgen vermochten (s. S. 83), nicht zu, dass er sich in die Seele der Kinder zu versetzen, "sich zu ihrer Schwäche herabzulassen vermöge". Ein "Philosoph für Kinder" müsse "Herz" genug haben, der Verfasser einer "einfältigen, törichten und abgeschmackten" Naturlehre zu sein und, was für Hamann die Hauptsache war, "auf dem hölzernen Pferde der mosaischen Geschichte zu reiten" sich bequemen! Das war denn doch nicht Kants Fall. Denn am wenigsten konnte er, der der Aufklärung auch der Jugend dienen wollte, geneigt sein, den Unterricht eng an den biblischen Schöpfungsbericht anzuknüpfen. So ist es zu der gemeinsamen Arbeit und zu einem Schulbuche aus seiner Feder nicht gekommen. Er muß wohl Schweigen als die beste Antwort betrachtet haben, denn in einem zweiten Briefe beklagt sich Hamann bitter über Kants Stillschweigen, das "eine Beleidigung für mich ist, die ich ebensowenig erklären kann … als Sie meine auffahrende Hitze". Gekränkt erklärt er: "Es ist Ihnen aber nichts daran gelegen, mich zu verstehen. … Das heißt nicht philosophisch, nicht aufrichtig, nicht freundschaftlich gehandelt." Damit scheint eine längere Pause in dem schriftlichen und mündlichen Verkehr beider eingetreten zu sein. Wir werden auf das spätere Verhältnis Kants zu dem merkwürdigen Manne noch zurückkommen.
B. Die Schriften
1. Nova Dilucidatio (1755)
Die 'Neue Beleuchtung der ersten Prinzipien der menschlichen Erkenntnis' war die erste rein philosophische Schrift des jungen Gelehrten. Ein solches Thema mußte er schon deshalb wählen, weil er Logik und Metaphysik als sein eigentliches Fach bezeichnet hatte. So erhält man denn auch von ihr schon äußerlich den Eindruck einer offiziellen Universitätsschrift mit ihren Thesen, Beweisen, Erläuterungen und Zusätzen, die er nur an ihrer interessantesten Stelle, bei der Behandlung des Problems von Freiheit und Naturnotwendigkeit, durch die Dialogform lebendiger zu gestalten wagt. Sie ist darum auch nach der Vorschrift der Zeit, die bekanntlich noch tief bis ins 19. Jahrhundert hinein fortgedauert hat, lateinisch geschrieben. Und auch sachlich bewegt sie sich, in der Art der Problemstellung wie in der Weise der Behandlung, im ganzen noch in den Geleisen der zeitgenössischen Schulphilosophie. Trotzdem erinnert sie in manchen Beziehungen an seine Erstlingsschrift. Auch hier nimmt er die Selbständigkeit des eigenen Denkens selbst so berühmten Denkern wie Leibniz, Wolff, Crusius und Malebranche gegenüber in Anspruch. Von Interesse ist besonders, dass er schon hier auch den sogenannten "freien Willen" durch Naturnotwendigkeit bestimmt sein läßt. Für die verschiedenen Möglichkeiten unseres Handelns müssen in jedem Falle bestimmende Beweggründe vorhanden gewesen sein. "Frei"handeln heißt nur: seinem Begehren entsprechend mit Bewußtsein handeln; selbst Gott vermag nur das ursächlich Bestimmte vorauszusehen. Weiter wird schon der ganz moderne Grundsatz verfochten, dass in dem Satze von der Unveränderlichkeit des Quantums von Realität in der Welt "Realität" nichts anderes als "Kraft" (heute: Energie) bedeute, weshalb denn auch die Illustration dazu an den Stoßgesetzen elastischer Körper erfolgt. Bereits hier tritt ferner der junge Philosoph gegen diejenige Art von "Idealisten" auf, die das wirkliche Dasein der Körper bezweifelt. Er vertritt im Gegenteil die Ansicht von der Körperlichkeit aller endlichen Geister und die Bindung aller geistigen Funktionen des Menschen an den Stoff, selbst auf die Gefahr hin, dadurch in den Geruch der "verderblichen Ansicht des Materialismus" zu kommen. Man sieht, dass der "Empirismus" ihm im Blute steckte.
Sein eigentliches Interesse aber gehört in dieser Zeit einem anderen Gebiete. Sein Philosophieren nimmt denselben Anfang, wie die uns bekannte Geschichte wissenschaftlichen Philosophierens überhaupt: es ist Naturphilosophie.
2. Naturgeschichte und Theorie des Himmels
Bereits in seiner Erstlingsschrift hatte der Studiosus Kant sich an die höchsten Probleme der Naturphilosophie gewagt, die größten philosophischen Autoritäten der neueren Philosophie auf diesem Felde (Descartes, Leibniz) zu kritisieren unternommen. Eine neue "Dynamik" auf Grund einer Verbesserung des Leibnizschen Kraftbegriffs hatte er schaffen wollen: ein Gedanke, der ihn, wie wir sahen, noch weit über die Zeit der Abfassung seiner Schrift hinaus beschäftigte. Aber daneben war in den einsamen Jahren seiner Hauslehrerzeit, in der Pfarrei von Judtschen und auf dem Rittergute des "Oberlandes", ein weit großartigerer Plan in der Seele des Jünglings aufgestiegen: diese Dynamik, dieses Walten ewiger Kräfte aufzuzeigen in der Entwicklung der Welt von ihrem Urbeginn an. Er wollte, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, aus den einfachsten materialen Voraussetzungen, nämlich dem "ersten Zustande der Natur", die "Bildung der Weltkörper selber und den Ursprung ihrer Bewegungen", kurz die ganze "Verfassung des Weltbaues", und zwar bloß durch mechanische Gesetze herleiten: "Gebet mir Materie, ich will euch zeigen, wie eine Welt daraus entstehen soll!" Daraus entsprang seine in langen Jahren entworfene, im Frühling 1755 an die Öffentlichkeit gebrachte 'Naturgeschichte und Theorie des Himmels'.
Derjenige Denker, der ihm den Mut zu solchem Wagnis gab, war derselbe, der bereits auf seine Universitätsstudien den nachhaltigsten Einfluß geübt, der ihm schon zu der ersten Schrift die sachliche Anregung gegeben hatte: Isaak Newton. Aber, während die Jugendschrift den Namen des großen Engländers nur einige Male in unbedeutendem Zusammenhange nennt, schreibt er jetzt auf das Titelblatt seiner "Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" den Beisatz: "nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt". Einen "kurzen Abriß der nötigsten Grundbegriffe der Newtonischen Weltwissenschaft" schickt er zu Anfang des Werkes für diejenigen voraus, "die etwa der Newtonischen Grundsätze nicht genugsam kundig sein". Auf Newton will er aufbauen, Newton will er weiter bilden. Durch keine anderen Kräfte als die "aus der Newtonischen Weltweisheit entlehnten" rein mechanischen, gleich gewissen, gleich einfachen und gleich ursprünglichen und allgemeinen Kräfte der Anziehung und Zurückstoßung will er die Welt aus ihrem anfänglichen Chaos ableiten (S. 23, 61)26 und so den physischen Teil der "Weltwissenschaft" zu der nämlichen Vollkommenheit bringen, "zu der Newton die mathematische Hälfte derselben erhoben hat" (18). Newton hatte mit. der Anwendung seiner großen Entdeckung bei der Entstehung des Planetensystems Halt gemacht. Kant will auch dieses aus ihr zu erklären versuchen.
Welche innere Freude muß der junge Denker empfunden haben, als ihm nach und nach die ganze Größe seiner Entdeckung aufging! Eine Stelle der überhaupt für die Kenntnis des persönlichen Moments besonders lesenswerten Vorrede offenbart es uns. Aus der einfachen und bescheidenen Sprache, hinter der er sonst seine Empfindungen in der Regel eher verbirgt, bricht hier unwillkürlich das persönlich klingende Ich hervor, "Ich nehme die Materie aller Welt in einer allgemeinen Zerstreuung an und mache aus derselben ein vollkommenes Chaos." "Ich sehe nach den ausgemachten Gesetzen der Attraktion den Stoff sich bilden und durch die Zurückstoßung ihre Bewegung modifizieren." Und so erzeugt sich vor seinen Augen, "ohne Beihilfe willkürlicher Erdichtungen", bloß in Konsequenz der unumstößlichen Bewegungsgesetze, das ganze Weltsystem. So einfach und so schlicht, dass es ihm selbst anfangs Verdacht erweckt. Allein er sagt sich schließlich, dass gerade diese Einfachheit und Regelmäßigkeit für die Richtigkeit seiner Sache und zugleich für die höchste Weisheit des Urwesens zeuge. Und so "vermehret sich" seine "Zuversicht" bei jedem Schritte, und seine "Kleinmütigkeit" höret völlig auf (12 f.). Er wagt die "gefährliche Reise", auf der er "schon die Vorgebirge neuer Länder erblickt" (8). Zwei Einwände macht gleichwohl der kritische Kopf, wie andererseits die religiöse Gesinnung in ihm, dem eigenen Unterfangen: Einwände, die auch für die Ausbildung seiner späteren, kritischen Philosophie von größter Bedeutung sind. Der erste ist, dass der von ihm gewählte "Vorwurf" die Kräfte der menschlichen Vernunft übersteige; der zweite: dass seine mechanische Naturerklärung sich nicht mit der Religion vertrage. Auf die Zurückweisung des zweiten Bedenkens legt er den Hauptton. Wir dürfen es Kant in der Tat glauben, dass er seine Untersuchung nicht eher begonnen, als bis er sich "in Ansehung der Pflichten der Religion in Sicherheit sah". Er ist fest davon überzeugt und versichert es immer wieder, dass gerade sein Lehrgebäude zu einer erhabeneren Gottesvorstellung führe, dass es die Macht und Weisheit des höchsten Wesens weit schlagender bezeuge, als wenn man willkürliche, unmittelbare Eingriffe der "Hand Gottes" annehme (152 u. ö.). Bei alledem scheidet er sich jedoch deutlich von denjenigen, die der "herrschenden" Neigung ergeben sind, die Wunder der Offenbarung mit den ordentlichen Naturgesetzen in ein System zu bringen. Er findet es "vor ratsamer, den flüchtigen Beifall" solcher Entdeckungen dem "wahren" Vergnügen aufzuopfern, das aus der Wahrnehmung der Regelmäßigkeit der Zusammenhänge entspringt, indem physische Wahrheiten auch durch physische Analogien gestützt werden (112). Er selbst bekennt sich zu einer Mittelstellung zwischen den Extremen auf beiden Seiten: den Freigeistern und Atheisten von der Art eines Epikur und Lukrez, welche die Bildung der gesamten Welt einem glücklichen ungefähr (144), dem zufälligen Zusammenstoß von Atomen (147) zuschreiben, und den theologischen Eiferern, die in allem Naturgeschehen die "unmittelbare Hand Gottes" erblicken und so "die ganze Natur in Wunder verkehren" (146).
Unwandelbare Kräfte und Gesetze vielmehr, die freilich "den weisesten Verstand zur Quelle" haben, haben die Ordnung der Welt bewirkt, die sich auf völlig mechanischem Wege entwickelt hat (148 u. ö.). Der Materie wohnt, bereits von ihrem einfachsten Zustande ab, das Bestreben inne, sich durch eine natürliche Entwicklung zu einer vollkommneren Verfassung zu bilden: und zwar durch eine mechanische Veranlassung, nämlich die Schwere. Ausdrücklich wird schon hier die gewöhnliche teleologische Betrachtungsweise der damals das philosophische Feld noch beherrschenden Wolffianer abgelehnt, die stets danach fragt, wie alles am besten eingerichtet sei. Wie erklärt sich dann z. B. das Dasein der anscheinend doch ganz zwecklosen Kometen? In der Tat verzweifelte selbst ein Newton an diesem und anderen Punkten an einer natürlichen Erklärung der Dinge und glaubte in seinem frommen Sinn hier einen besonderen "Finger Gottes" annehmen zu müssen: nach Kant "eine betrübte Entschließung vor einen Philosophen" (153)! Kant dagegen glaubt auch diese Schwierigkeit durch seine Theorie lösen zu können; wie denn überhaupt alle "astrotheologischen" Betrachtungen, auch die seines von ihm hochgeschätzten Anregers Thomas Wright, von vornherein abgewiesen werden. Hier leitete eben den jungen Philosophen der richtige wissenschaftliche Instinkt, mit dem – und damit wird zugleich auch jenes andere Bedenken betreffend die "Schwäche" der menschlichen Vernunft erledigt – wissenschaftliche Selbstkritik verbunden ist. Trotz der Klarheit, mit der er selber seine neue "Theorie des Himmels" vor Augen sieht, macht er keinen Anspruch auf "mathematische Unfehlbarkeit", sondern nur auf "vernünftige Glaubwürdigkeit" (23 f., 184). Er verzichtet darum auch absichtlich auf das "Gepränge" der – in der Schrift von 1747 noch verwandten – mathematischen Methode, sondern will die neue Ansicht nur als "Hypothese" vortragen (59). Trotz seiner Ablehnung unmittelbarer göttlicher Eingriffe in den Lauf der Natur, hält er übrigens noch an manchen Gedanken fest, die Newton mit Leibniz gemeinsam waren, von letzterem bloß mehr in den Vordergrund gestellt wurden: so dem von der Schönheit und ewigen Harmonie der gesamten Schöpfung, und dem von einer ununterbrochenen Stufenreihe aller Glieder der Natur.
Nur einen kurzen Überblick geben wir über den Inhalt des bekannten Werkes. Der erste, sachlich durch die Untersuchungen Wrights und anderer Astronomen stark beeinflußte, Abschnitt des Buches trägt vorbereitenden Charakter. Er führt den Nachweis, dass die Welt der Fixsterne kein wirres Durcheinander, sondern, ebenso wie die der Planeten, ein geordnetes System oder vielmehr eine ganze Reihe von Systemen darstelle, die sich um bestimmte Mittelpunkte bewegen.
Den "eigentlichsten Vorwurf" enthält der umfangreiche zweite Teil. Er entwickelt in seinen beiden ersten Kapiteln zum erstenmal die berühmte, vier Jahrzehnte später von Laplace aufs neue gefundene Theorie über den Ursprung unseres Planetensystems. An den Anfang aller Dinge wird, als der denkbar "einfachste" Zustand der Natur, "der auf das Nichts folgen kann" und als "eine unmittelbare Folge des göttlichen Daseins", ein das ganze Weltall erfüllender Urstoff gesetzt. "Allein zufolge einer ewigen Idee des göttlichen Verstandes" war bereits diese "Grundmaterie" mit dem Streben begabt, "sich durch eine natürliche Entwicklung zu einer vollkommneren Verfassung zu bilden". Schon der 22jährige Jüngling hatte erklärt: die erste Bewegung im All müsse von einer "unbewegten Materie" ausgegangen sein, denn man dürfe keine "unmittelbare Gewalt Gottes oder irgendeiner Intelligenz" voraussetzen, so lange man noch eine Kraft aus der Natur selbst ableiten könne. Die "an sich toten" Elemente, wie sie 1746 hießen, wurden dann "sich selber eine Quelle des Lebens". Bei ihrer von Anfang an vorhandenen Verschiedenartigkeit in bezug auf Dichte und Anziehungskraft konnte die allgemeine Ruhe nur einen Augenblick dauern. Vermöge eben dieser Anziehungskraft bildete sich an einem Ort des Universums, zu dem alle übrige Materie sich senkte, ein Zentralkörper ("Klumpen"), der anfänglich langsam durch chemische, dann aber "in schnellen Graden" durch die sogenannte Newtonische "Anziehung" anwuchs. Dazu, dass sich aus ihm unzählige Sonnensysteme – und jede Sonne wiederum mit ihren Trabanten – bildeten, mußte eine andere, ebenfalls von Anfang an wirkende Kraft, die Zurückstoßungskraft, hinzukommen. Sie führte, indem die dem Mittelpunkt zustrebenden Teilchen sich gegenseitig hemmten, zu Seitenbewegungen, schließlich, nachdem die sich widerstreitenden Impulse einander durch Wechselwirkung aufgehoben haben, zur Rotation der kleineren Körper um den Zentralkörper, die "Sonne", deren flammende Glut sich übrigens erst allmählich bildete.
Die folgenden Kapitel (III—VI) des Buches behandeln astronomische Kinzelprobleme, auf die hier einzugehen der Raum verbietet: die Exzentrizität der Planetenbahnen, den Ursprung der Kometen, Mond und Saturnringe, sowie den "Halsschmuck" der Sonne, das Zodiakallicht. Das gewonnene Ergebnis erweitert sich sodann im siebenten Kapitel zu einem großartigen Gemälde der räumlich-zeitlichen Unendlichkeit des Universums, wie es auch Lukrez und Giordano Bruno nicht phantasievoller entworfen haben. Jeder Fixstern ist wiederum das Zentrum eines neuen Sonnensystems. Eine Reihe von Jahrmillionen vielleicht hat es gedauert, bis die Welt zu ihrem heutigen Zustande gelangte; denn die Schöpfung "ist nicht das Werk von einem Augenblick". Und wiederum "ganze Gebirge von Millionen Jahrhunderten" werden verfließen, binnen deren sich immer neue Welten, ja Weltordnungen hintereinander bilden werden. Denn die Schöpfung hat zwar einmal angefangen [wie hier der vorkritische Kant noch sagt], aber sie wird niemals aufhören. Gleichwie unzählige Tiere und Pflanzen täglich der Vernichtung anheimfallen, während die unerschöpfliche Natur anderwärts zahllose andere von neuem erzeugt, so harren vielleicht unendliche uns heute noch unbekannte Welträume weiterer Entwicklung. Und ebenso groß, wie die Unendlichkeit der Zeit, ist auch die des Raumes. Für sie bedeutet eine Welt, ja eine "Milchstraße von Welten" nicht mehr als eine Blume oder ein Insekt im Vergleich zur ganzen Erde.
Kant ist sich wohl bewußt, dass ihn an dieser Stelle seines Werkes die Fruchtbarkeit des Grundgedankens (er sagt: Systems), verbunden mit der Großartigkeit des Gegenstandes, zu "einiger Kühnheit" fortgerissen hat, und bittet daher die Leser, dieselbe nicht mit "geometrischer Strenge" zu beurteilen. Noch mehr gilt das für und von dem als "Anfang" beigefügten dritten Teil des Buches, der allerlei Vermutungen über die etwaigen Bewohner der Gestirne äußert. Will er "willkürliche Erdichtungen" auch hier ausschließen, so läßt er doch seiner Phantasie einigermaßen "die Zügel schießen" (167), wenn er nicht bloß von der Wahrscheinlichkeit, sondern einmal sogar von der Gewißheit des Vorhandenseins von Planetenbewohnern redet (171), oder gar ausführt: diese Bewohner, ja sogar die dortigen Tiere und Gewächse müßten aus um so leichterem und feinerem Stoffe gebildet sein, je weiter sie von der Sonne entfernt sind, und eben deshalb auch ihre Denkkraft immer vollkommener werden (175 f.). Und da diese Annahme "nicht weit von einer ausgemachten Gewißheit" (!) entfernt sei, so finde man ein offenes Feld zu "angenehmen Mutmaßungen", z. B. über die Jupiter- oder Saturnbewohner, die einen Newton wie einen Affen ansehen würden (177). Vielleicht sei es unserer Seele bestimmt, dereinst auf anderen Planeten weiterzuleben, wenn auch – damit kehrt er wieder zu nüchterneren Erwägungen zurück – niemand "die Hoffnung des Künftigen auf so unsichere Bilder der Einbildungskraft gründen" werde (185). Das Werk schließt – was wir merkwürdigerweise noch nirgends hervorgehoben fanden – mit einem ganz ähnlichen Gedanken wie ein Menschenalter später die Kritik der praktischen Vernunft: Habe man sein Gemüt mit Betrachtungen wie die vorhergehenden erfüllt, so erwecke der Anblick des bestirnten Himmels in edlen Seelen unnennbare, unbeschreiblich schöne Begriffe, und sie fühlten sich glücklich, dass sie selbst zu einer Glückseligkeit und Hoheit zu gelangen vermögen, die über alle denkbaren Natureinrichtungen unendlich erhaben ist.
2. Naturgeschichte und Theorie des Himmels
Wirkungsgeschichte
Soweit Kant. Es mag nach neueren Forschungen von Menzer und besonders Gerland dahingestellt bleiben, wieviel er seinen Vorgängern Wright, Buffon, Swedenborg u. a. verdankt, und ob er seinen Zeitgenossen in der Tat so viel Neues geboten, als man bisher meist angenommen hat. Ebenso sind manche seiner Aufstellungen natürlich von der heutigen astronomischen Forschung überholt. Das gilt nicht bloß von den Nebenuntersuchungen, für die der Philosoph selbst "mindere" Beweiskraft in Anspruch genommen hat, sondern auch von Einzelheiten seiner großen Nebular-Hypothese, die von einzelnen Modernen sogar als überhaupt veraltet betrachtet wird. Uns liegt allein an der Beantwortung der beiden Fragen: Was bedeutet die Schrift im geistigen Entwicklungsgang unseres Philosophen? und: worin besteht ihre heute noch fortdauernde Fruchtbarkeit?
Ohne Zweifel beruht ihr Wert weniger auf streng-astronomischem Gebiet, wenn auch manches, wie z. B. die Berechnung der Rotationsdauer des Saturnringes, durch die genauen Berechnungen Herschels später in schönster Weise bestätigt worden ist. Allein, ganz abgesehen davon, dass Kant die modernen Beobachtungsinstrumente fehlten, beweist schon das Fehlen jeder mathematischen Begründung, dass er damit gar keine exakte Wissenschaft zu geben beabsichtigte. Seine "Theorie des Himmels" wollte populär sein. Daher auch ihr Stil, der eher an die von ihm selbst später so scharf kritisierte Art Herders erinnert: die Vermischung mit Gefühlsmäßigem und Poetischem. So liefern ihm denn auch seine Lieblingspoeten, Pope, der "philosophische Dichter", und Albrecht von Haller, der "erhabenste unter den deutschen Dichtern", die Motti zu den einzelnen Teilen seines Buches oder werden sonst beifällig zitiert. Um die dichterische Kraft der Phantasie zu erkennen, die in dem jungen Kant lebte, lese man etwa das Gemälde des Anblicks einer brennenden Sonne (a. a. O., S. 141). Dann begreift man, wie Herder noch 17 Jahre später in einem Briefe an Lavater Kants Werk sein "erstes recht Jünglingsbuch voll Ihrer Ideen" nennt. Derselbe Kant, der später nicht nur in der Äußerung persönlicher Empfindungen, sondern auch im schriftstellerischen Ausdruck des Gefühls immer zurückhaltender wird, läßt hier noch seiner jugendlichen Phantasie freien Raum. Wenn er dabei an einzelnen Stellen weiter geht, als es uns heute für einen philosophischen Autor erlaubt scheint, so müssen wir bedenken, dass das in der Zeit lag; kamen doch in den "Kosmologischen Briefen" des berühmten Mathematikers Lambert (1761) noch phantastischere Spekulationen vor, wonach u. a. die vollkommensten Geschöpfe auf den – Kometen wohnen sollten!
Das alles tut der Tatsache keinen Eintrag, dass der junge Kant hier zwei Dinge vollbracht hat, deren Ruhm ihm auch der strengste Kritiker nicht schmälern kann. Er hat erstens eine geniale Hypothese der Weltentstehung geliefert, die sich an Großartigkeit und Fruchtbarkeit, Entdeckungen wie der Deszendenztheorie oder der Verwandlung der Energie kühn an die Seite stellen kann; und er sucht zweitens – darauf beruht der spezifisch philosophische, genauer methodologische Wert seines Versuches —, gerade im Gegensatz zu Herder, eine klare Scheidung von Religion und Naturwissenschaft durchzuführen, indem er bei aller Betonung der religiösen Empfindung, die er mit den meisten freieren Geistern seiner Zeit teilt, auf dem Gebiete der Wissenschaft allein das mechanische Erklärungsprinzip gelten läßt.
Kants großes Werk ist einem eigentümlichen äußeren Schicksal zum Opfer gefallen. Er hatte das zunächst anonym veröffentlichte Buch, mit einer der Zeit gemäß sehr devoten Widmung König Friedrich II. dediziert: nach Borowski, der ihm in jener Periode persönlich nahestand und deshalb Bescheid wissen muß, "auf den Rat seiner Freunde" und lediglich in der Absicht, dass "unter Autorität des Königs in Berlin und anderen Orten nähere Untersuchungen über sein System veranlaßt würden". Dieser Zweck ward nun durch einen unglücklichen Zufall vereitelt. Das Erscheinen des Werkes war zwar im Katalog der Leipziger Ostermesse (März 1755) angekündigt, indes – während des Druckes wurde der Verleger bankerott und sein ganzes Vermögen gerichtlich versiegelt. Es erschien nun allerdings bereits 1755 eine kurze Empfehlung des Buches an "wohlwollende Leser" in den nämlichen 'Hamburger Freien Urteilen', die auch von der Erstlingsschrift eine Anzeige gebracht; auch wurde es 1756, jetzt mit dem Namen des Verfassers, in Königsberg zum Verkauf angeboten. Aber in weiteren Kreisen wurde es nicht bekannt. Nicht einmal Fachmännern wie Lambert, der in seinen 1761 erschienenen "Kosmologischen Briefen" ähnliche Ansichten über den Zusammenhang des Fixsternsystems veröffentlichte, war es vor Augen gekommen. Gerade durch Lamberts Schrift fühlte sich Kant übrigens veranlaßt, den Kern seiner Theorie 1763 in seiner Schrift: "Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes" (II, 7 unter dem Titel: Kosmogonie) von neuem ziemlich ausführlich wiederzugeben, bezeichnenderweise unter Weglassung "verschiedener etwas gewagter Hypothesen"; wie er denn auch nach Lamberts Tode in allzu großer Bescheidenheit dessen "meisterhafter" Arbeit gegenüber die seinige für einen "schwachen Schattenriß" erklärte, für "bloße Mutmaßungen", die wohl stets Mutmaßungen bleiben würden (an Biester 8. Juni 1781). Und wiederum 27 Jahre später (1790), nachdem inzwischen (1785) der berühmte Herschel, ebenfalls ohne Kants Vorgängerschaft zu kennen, dessen Anschauung sehr nahekommende Ansichten über die Fixsterne, die Milchstraße und den Saturn kundgegeben hatte, beauftragte der Philosoph seinen früheren Schüler und nunmehrigen Kollegen Magister Gensichen mit der Herstellung eines Auszuges aus dem Werk von 1755, den er selbst durchsah, und der 1791 als Anhang einer deutschen Übersetzung von Herschels 'Bau des Himmels' beigegeben wurde. Auch hier hat er auf alles Beiwerk, insbesondere auch auf die phantasievollen Ausführungen des siebenten Abschnitts und des ganzen Schlußteils, verzichtet; "das übrige enthalte", wie er Gensichen ausdrücklich erklärte, "zu sehr bloße Hypothesen, als dass er es jetzt noch ganz billigen könnte".
Auch Laplace, der bekanntlich 1796 fast dieselbe Theorie über die Entstehung des Planetensystems entwickelte, wie Kant" nur weit trockener und nicht entfernt mit derselben Gedankenfülle, hat seinen großen Vorgänger nicht gekannt. Erst im 19. Jahrhundert haben Arago (1842), Alexander von Humboldt (1845) und Schopenhauer (1850) auf die Theorie Kants hingewiesen, bis sie dann durch Zöllner, Helmholtz u. a. zu allgemeinerer Kenntnis kam. Heute ist sie, nach dem neuerlichen Urteil eines Fachmannes,27 "Gemeingut der Wissenschaft, das in einzelnen Teilen vervollständigt und verbessert wird, aber als Ganzes nicht seinesgleichen gefunden hat".
3. Fragmente zur Naturgeschichte der Erde
Von der allgemeinen Erörterung des Kraftbegriffes, die seine Erstlingsschrift vollzogen, war Kant zur "Naturgeschichte und Theorie" des Himmels übergegangen; von da aus schreitet er weiter, zur Naturgeschichte der Erde fort. Dass ihm dieser innere Zusammenhang auch vor Augen gestanden hat, dürfen wir aus dem Schluß seiner Abhandlung über die Achsendrehung der Erde schließen, wo er von seiner bevorstehenden "Kosmogonie" schreibt: sie werde "dasjenige im großen oder vielmehr im unendlichen" sein, "was die Historie der Erde im kleinen enthält". Was er unter der Geschichte der Natur im Unterschied von der Naturbeschreibung verstand, hat er allerdings erst in einer späteren Schrift (Von den Rassen der Menschen 1775) auseinandergesetzt: jene, an der es uns "fast noch gänzlich" fehlt, habe zu zeigen, "durch welche Reihe von Veränderungen die Naturdinge hindurchgegangen sind, um an jedem Orte in ihren gegenwärtigen Zustand zu gelangen", also "die Veränderung der Erdgestalt, ingleichen die der Erdgeschöpfe (Pflanzen und Tiere), die sie durch natürliche Wanderungen erlitten haben, und ihre daraus entsprungenen Abartungen von dem Urbilde der Stammgattung" zu lehren. Wir sehen: ein großartiges Programm! Trotz aller Schwierigkeit müsse man eine solche Geschichte der Natur "wagen", die dann "nach und nach von Meinungen zu Einsichten fortschreiten könnte". Kant selbst hat gegen Ende der 70er Jahre vorübergehend einmal daran gedacht, zu dem "allgemeinen" Teil einer solchen Naturgeschichte einen Beitrag zu liefern, wenn auch "mehr durch Ideen als deren ausführliche Anwendung". Allein die schwer auf ihm lastende Arbeit an der Vernunftkritik hinderte ihn damals daran. Im Vergleich damit war eben doch die Naturgeschichte, wie er sich ausdrückte, nicht sein "Studium", sondern nur sein "Spiel". Dazu kam ein Bedenken, das er noch 1785 in die Worte kleidet: im Gegensatz zu der in der "ganzen Pracht" eines wissenschaftlichen Systems prunkenden Naturbeschreibung seien von der Naturgeschichte vorerst nur "Bruchstücke oder wankende Hypothesen" vorhanden. In den 50er Jahren indes, wo ihm mit der Idee einer "Naturgeschichte" des Himmels auch eine solche der Erde aufgestiegen war, hat er mutig eine Anzahl "Bruchstücke", d. h. kleinerer Arbeiten zu diesem Thema geliefert, zu dessen Bearbeitung die in jener Zeit vielfach umlaufenden geologischen Theorien Anregung genug gaben. Er hat diese erdgeschichtlichen Studien dann mit Vorliebe beinahe vier Jahrzehnte hindurch fortgesetzt, wie eine Anzahl Aufsätze und noch mehr Notizen in seinem Nachlaß bezeugen.
Schon vor dem Erscheinen seiner Kosmogonie hatte er, wie bereits erzählt, in der heimatlichen Zeitung – an dieser, dem sogenannten "Intelligenzwerk", fleißig mitzuarbeiten, wurden die Professoren und Magister der Akademie von der Behörde aufgefordert – die beiden Aufsätze über die Achsendrehung und das Veralten der Erde veröffentlicht. Von Januar bis April 1756 folgten drei Abhandlungen über das Erdbeben von Lissabon, die das Königsberger Publikum gerade von ihm, der offenbar schon als eine Art Autorität auf geologischem Gebiete galt, begehrte, in derselben Zeitung bzw. ihrem Verlage. Ungefähr gleichzeitig erschien das Universitätsprogramm: 'Neue Anmerkungen zur Erläuterung der Theorie der Winde' (Ende April 1756). Es schließen sich an der 'Entwurf und Ankündigung eines Collegii der physischen Geographie' (Ostern 1757), und vor allem die von da an 40 Jahre hindurch jedes Sommersemester sich wiederholenden viel besuchten Vorlesungen über letzteren Gegenstand. Endlich gehören in diesen Zusammenhang die zeitlich freilich sehr viel später entstandenen kleinen Aufsätze 'Über die Vulkane im Mond' (1785) und 'Etwas vom Einfluß des Mondes auf die Witterung' (1794) in der 'Berlinischen Monatsschrift', die wir bei dieser Gelegenheit gleich mit berücksichtigen. Denn wir wollen im folgenden nicht die zufälligen und verhältnismäßig unwichtigen Umstände der Entstehung dieser verschiedenen kleinen Abhandlungen schildern, sondern aus ihnen Kants Gesamtanschauung von der Geschichte des Erdkörpers und Seines Trabanten kennen zu lernen suchen, soweit sich dieselbe aus solchen "Bruchstücken" zusammenstellen läßt. Wir können das um so eher, da der Philosoph zwar, wie der genaueste Kenner und langjährige Bearbeiter seines Nachlasses E. Adickes ausführt, beständig an Einzelheiten seiner Theorien "gemodelt", aber "gewissen Grundüberzeugungen … sein Leben lang treu geblieben ist".
Kants Theorie von der Entwicklung des Erdkörpers schließt sich unmittelbar an die 'Theorie des Himmels' an. Im Anfang bestand unser Planet, ebenso wie die Sonne, aus einer chaotischen flüssigen28 Masse, in der alle Elemente – "Luft, Erde, Wasser usw." – miteinander vermengt waren. Sie nahm durch ihre Rotation die Gestalt einer abgeplatteten Kugel an und begann an der Oberfläche allmählich hart zu werden. Inzwischen bildeten sich unter derselben, infolge des natürlichen Aufsteigens der leichteren Elemente, weite, von Luft und Wasser erfüllte Hohlräume, die dann wiederholte Einstürze und infolge deren Gebirge und Täler, abwechselnd mit weiten, jedoch nicht allgemeinen Überschwemmungen hervorriefen. Über die Entstehung der letzteren, von denen eine die sogenannte "Sündflut", hat der Philosoph allerdings (nach Adickes' genauen Untersuchungen) zu verschiedenen Zeiten verschieden gedacht. Nach ihrem Verschwinden stieg nach und nach das heutige Festland aus dem einstigen Meeresboden empor. Die weitere Entwicklung der Erdoberfläche konnte sich nach solchen "Revolutionen" in größerer Ruhe vollziehen. Kants Aufmerksamkeit ziehen naturgemäß in erster Linie Probleme auf sich, die seinem scharf beobachtenden Blicke durch die Natur der Heimat gegeben waren: so die Grenzverschiebungen zwischen Meer und Land, die Bildung der Dünen und Haffe, die Entstehung und Bedeutung der Flußbetten, die er einmal den "eigentlichen Schlüssel der Erdtheorie" nennt; in den 70er Jahren auch die der Wüsten u. a. Im ganzen huldigt unser Denker mehr dem sogenannten Neptunismus (Entstehung durch Wasser) als dem Plutonismus (Entstehung durch Feuer). Vulkanische Ausbrüche scheinen ihm erst später stattgefunden zu haben und haben bloß vereinzelte Berge gebildet; die meisten "kraterähnlichen Bassins" auf der Erde, wie auf dem Monde, scheinen ihm nicht vulkanischen Ursprungs zu sein. Das Innere der Erde ist wahrscheinlich auch jetzt noch ein Chaos; magnetische Kräfte innerhalb desselben verursachen vielleicht die sonst unerklärbaren periodischen Klimaschwankungen der Erde. Zur Erklärung der Erdbeben muß freilich ein in jenen unterirdischen Höhlungen loderndes Feuermeer angenommen werden, das nur auf die Gelegenheit wartet, sich verheerend auf die Erdoberfläche zu ergießen oder sie doch mindestens zu erschüttern. In den Erdbebenaufsätzen des Jahres 1756 spielt naturgemäß das Wirken des Feuers – das ja auch, wie wir bereits sahen, das Thema seiner Promotionsschrift von 1755 bildete – eine größere Rolle. Er hält es für möglich, dass die "Feuerschätze" dieses "Reichs des Vulkan" dereinst der Erde vielleicht ein unvorhergesehenes Ende bereiten; aber das wäre ein Zufall, wie wenn ein Gebäude durch eine Feuersbrunst zerstört wird. Im ganzen neigt er, dem durch Leibniz in die Wissenschaft eingeführten Kontinuitätsgesetz und der eigenen wissenschaftlichen Grundanschauung folgend, der Annahme einer allmählichen, in "unmerklichen Stufen" vor sich gehenden Entwicklung zu, die gleichwohl durch beständige Summierung in langen Perioden große Veränderungen hervorzubringen vermag.
Andere Abhandlungen beziehen sich auf ein Thema, zu dem ihm das Königsberger Klima mit seinem häufigen Umspringen des Windes eine günstige Beobachtungsgelegenheit bot: die Entstehung der Winde; woran sich Untersuchungen über das Drehungsgesetz der Passate, das Wehen der Monsune, die Feuchtigkeit der Westwinde schlossen. Seine Vorlesungen über physische Geographie, auf die wir in einem späteren Kapitel noch zu sprechen kommen werden, betrachten die Erdoberfläche hauptsächlich in ihrem gegenwärtigen Zustand. Aber, wie auf Vergangenheit und Gegenwart, so richtete sich auch auf die fernste Zukunft unseres Planeten sein Blick. Dem ewigen Werden und Vergehen "aller Naturdinge" nach streng mechanischen Gesetzen ist auch die Erde unterworfen. Sie altert. Ihr immer stärkeres Hartwerden und die Zunahme ihrer Eigenwärme werden zur Folge haben, dass keine Dünste mehr aus ihrem Innern aufsteigen und so ihrer Fruchtbarkeit ein Ende machen, so dass sie vermutlich auch aufhören wird, bewohnbar zu sein. Ebbe und Flut, ihrerseits durch die Anziehungskraft des Mondes veranlaßt, bewirken gleichfalls durch ihren Reibungswiderstand eine zwar sehr langsam, aber sicher vor sich gehende Abnahme ihrer Rotationsgeschwindigkeit, bis ihre Drehung einst ganz aufhören wird. Die Erde hatte einen Anfang – ein von Ewigkeit her bestehender Erdkörper würde schon "abgespült" sein – und wird auch ein Ende haben; denn Ruhe ist der erste und letzte Zustand aller Bewegung. Zuletzt wird sie mit allen anderen Planeten in den allgemeinen "Senkungspunkt", die Sonne, zurückfallen, aus deren Schoß sie einst "gewaltsam erhoben ward"29, um aber vielleicht aus demselben neue Welten erstehen zu lassen.
Auch die zur Naturgeschichte der Erde gehörenden Aufsätze ruhen auf dem Grunde von Newtons Theorie, den gleich die erste Abhandlung und zwar ihn allein zweimal nennt, als den Urheber des "glücklichsten Versuches, den der menschliche Verstand in der Erkenntnis der Natur noch getan hat". Ferner: Kant will in ihnen zwar als "Naturkundiger", nicht als historischer Forscher auftreten, sich unmittelbar an die Natur halten und deren "Arbeit" beschreiben, aber er ist doch alles weniger als ein Naturforscher im modernen Sinne. Er treibt keine methodisch geregelte oder gar experimentelle Detailforschung, wie wir es heute von jedem Naturwissenschaftler fordern, sondern schöpft seine ausgebreiteten Einzelkenntnisse, wenn wir von Beobachtungen gewisser Naturerscheinungen der Heimat absehen, aus reicher Belesenheit in naturwissenschaftlichen Schriften und Reisebeschreibungen jeder Art. Auch in Einzeltheorien zeigt er sich, auf geologischem Gebiete noch stärker als auf dem astronomischen, vielfach beeinflußt von den Lehren früherer und zeitgenössischer Gelehrter, unter denen Adickes, der genaueste Kenner dieser Dinge, vor allem Leibniz, Buffon und Buache namhaft macht. Allein Kant macht auch gar nicht Anspruch darauf, auf diesem Gebiete ein Bahnbrecher der Wissenschaft zu sein. Seine Aufsätze wollen mehr zum Nachdenken anregende, populär geschriebene Betrachtungen für die Leser der Königsberger Lokalblätter und Universitätsprogramme, später der Berliner Monatsschrift sein.
Charakter der naturwissenschaftlichen Schriften
Das Verdienst und das Charakteristische von Kants naturwissenschaftlichen Schriften und Ideen besteht überhaupt nicht in der Feststellung von Einzelergebnissen oder in exakter mathematischer Begründung und Berechnung, die in der Regel überhaupt fehlt oder auch gelegentlich in die Irre geht, sondern im Erfassen und Verkünden neuer, fruchtbarer, geistvoller, zum Teil genialer Leitgedanken, denen die von anderen übernommenen Einzeltatsachen und -gedanken sich unterordnen, kurz im eigentlich Philosophischen. "Mit seltener Kraft der Intuition durchdringt er die Natur und sucht überall nach großen, durchgehenden Gesetzmäßigkeiten: so entdeckt er bald hier, bald dort verborgene Fäden des Zusammenhanges" und "vermag Wirkungen wahrzunehmen, an denen andere gebundenen Auges vorübergehen", "entdeckt in dem längst Bekannten ganz neue Seiten", "stiftet zwischen scheinbar Fernliegendem überraschende Verbindungen" (Adickes, a. a. O. S. 52, 53). Und wie die Kraft der Synthese, die in seiner Kosmogonie zur Herstellung eines großartigen Gesamtbildes führte, sich, obschon in vermindertem Grade, auch in seinen Fragmenten zu einer Naturgeschichte der Erde offenbart, so tritt uns auch die andere wichtige Seite der dortigen Untersuchung hier wiederum entgegen: die Abgrenzung der Wissenschaft gegen Theologie und falsche Teleologie.
Gewiß kommen auch in diesen Aufsätzen, namentlich soweit sie aus der vorkritischen Periode stammen, teleologische Wendungen von der von der Vorsehung beabsichtigten "Ordnung", "Schönheit", "Nützlichkeit" der Natureinrichtungen vor. Dagegen macht sich der Philosoph von Anfang an über jene grobe Art von Zweckbetrachtung lustig, die z. B. von dem Erscheinen der Kometen oder bestimmter Planeten allerlei Unheil für die Erdenbewohner befürchtet; von solchen Grillen habe Newton glücklicherweise die Naturwissenschaft "gesäubert". Selbst anscheinend so regellose Ereignisse wie die Erdbeben gehen auf mechanische Naturgesetze zurück. Gott steht wohl hinter ihnen, greift aber nicht in sie ein. Auch moralische Betrachtungen werden, zumal wenn es sich um ein so verführerisches Thema wie das Erdbeben von Lissabon handelt, nicht ganz ausgeschlossen. Aber sie beschränken sich doch im wesentlichen auf den vernünftigen Gedanken: solche traurigen Ereignisse sind keine göttlichen Strafgerichte, sollen vielmehr uns nur demütig stimmen und daran erinnern, dass der Mensch "nicht geboren ist, um auf dieser Schaubühne der Eitelkeit ewige Hütten zu bauen", und uns von dem "sträflichen Vorwitz" abhalten, als vermöchten wir Gottes Ratschlüsse einzusehen und den Plan des Ganzen zu verstehen, von dem wir nur ein Teil sind. So ruhige Erwägungen, selbst wenn wir ihnen heute nicht mehr zustimmen, unterscheiden sich wie Tag und Nacht von den rührseligen, faden und breitmäuligen Moralsalbadereien seiner Zeit, von denen Adickes (a. a. O. S. 70 f.) zwei ergötzliche Beispiele gibt.
Auch auf die biblische "Offenbarung" nehmen nur die beiden frühesten Aufsätze, je einmal, Bezug. Ein aus seiner ersten Magisterzeit stammender Entwurf über die Geschichte der Erde in den ältesten Zeiten (Akad. Ausg. XIV, 572 ff.) betont schon: "Wenn wir die Geschichte der Erde physikalisch untersuchen wollen, so müssen wir uns desfalls nicht an die Offenbarung wenden." Die "Sündflut" wird in der "Physischen Geographie" zwar noch als wirklich angenommen, aber doch naturgeschichtlich umgedeutet, worin er übrigens nur Leibnizens Vorgang in dessen "Protogäa" folgte; sie wird, wie sich Adickes (S. 48) nicht übel ausdrückt, "eigentlich nur honoris causa aufgenommen und geduldet". Am unzweideutigsten sprechen sich die beiden spätesten, bereits der kritischen Epoche angehörenden Abhandlungen über das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft aus. Eine gesunde Naturwissenschaft wird sich keinerlei "verborgene Kräfte" zur Erklärung gewisser Erscheinungen ausdenken. Allerdings ist es unmöglich, eine absolut erste Ursache aller Naturveränderungen, beispielsweise der Sonnenhitze, anzugeben. Gleichwohl darf die Wissenschaft nicht aus Verzweiflung zu einer "unmittelbaren göttlichen Anordnung" als Erklärung ihre Zuflucht nehmen. Eine solche "muß zwar, wenn von Natur im ganzen die Rede ist, unvermeidlich unsere Nachfrage beschließen"; aber das befreit uns nicht von der "Verbindlichkeit, unter den Weltursachen zu suchen, soweit es uns nur möglich ist, und ihre Kette nach uns bekannten Gesetzen, so lange sie aneinander hängt, zu verfolgen" ('Über die Vulkane im Monde', Schluß).
4. Die übrigen naturphilosophischen Schriften
Nur im Vorübergehen sei dreier weiterer naturphilosophischer Abhandlungen – sämtlich Universitätsschriften – gedacht, die sich auf speziell physikalische Probleme beziehen.
Von ihnen haben wir die Promotionsschrift Deigne (1755) schon mehrfach erwähnt. Sie versucht die Wärmeerscheinungen als Wellenbewegung einer elastischen Äther-Materie zu erklären, demnach aus der Lagerung und den Kraftverhältnissen kleinster Teilchen abzuleiten. Die am 10. April 1756 zum Behufe der Bewerbung um eine Professur (s. oben) erforderliche dritte öffentlich verteidigte lateinische Dissertation: Monadologia physica, führt diese Atom-Theorie weiter. Die Monade (einfache Substanz, ursprünglicher Teil eines Körpers) erfüllt den Raum und bestimmt so der Nachbarmonade das "Maß der Nähe". Der Begriff der Undurchdringlichkeit wird zu dem der Kraft vertieft, da nur eine solche einer anderen Kraft zu widerstehen vermag. So überwindet der Philosoph den widerspruchsvollen Begriff des leeren Raumes. Die Schrift, in der er "Metaphysik", d. h. Leibnizsche Monadenlehre, durch "Geometrie", d. h. Newtonsche Physik, zu verbessern sucht, erregte Hamanns besonderen Beifall. Einer der "Opponenten" war der erst 16jährige Borowski.
Eine neue Weiterbüdung der physikalischen Grundbegriffe erfolgte in dem Osterprogramm 1758: "Neuer Lehrbegriff der Bewegung und Ruhe und der damit verknüpften Folgerungen in den ersten Gründen der Naturwissenschaft". Alle Bewegung, d. h. Ortsveränderung, kann nur relativ sein, in Beziehung auf andere Gegenstände bzw. Bewegungen; ebenso die Ruhe. Daraus werden die Stoßgesetze abgeleitet. Kein Körper, gegen den ein anderer sich bewegt, kann als in absoluter Ruhe befindlich angesehen werden. Es gibt keine besondere Trägheitskraft. Die kurze Abhandlung – es waren nur acht Quartseiten – erregte bei ihrem Erscheinen viel Aufsehen und enthält schon wichtige Grundgedanken der erst 28 Jahre später erschienenen "Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft". Im Bewußtsein des Neuen, das er mit ihr geleistet, zeigt er denn auch, namentlich in der Vorrede, ein starkes Kraftgefühl gegenüber aller "Autorität" und dem "einstimmigen Urteil der Weltweisen". Er würde sich kaum "wider das entscheidende Gutachten des ehrwürdigen großen Haufens" diejenige Freiheit genommen haben, "die durch nichts weiter als durch – die gesunde Vernunft gerechtfertigt ist". Aber er erblicke eine Menge "unternehmender Köpfe" um sich, die gleichfalls "mit dem Gesetze des Ansehens nichts wollen zu schaffen haben"; und so wage er es darauf hin, seine "Einfälle" zu äußern: "ob ich gleich weiß, dass diejenigen Herren, welche gewohnt sind, alle Gedanken als Spreu wegzuwerfen, die nicht auf die Zwangmühle des Wolffischen oder eines anderen berühmten Lehrgebäudes aufgeschüttet werden, bei dem ersten Anblick die Mühe der Prüfung für unnötig und die ganze Betrachtung für unrichtig erklären werden."
Wir verdanken die als Programmschriften erschienenen Abhandlungen Magister Kants der an sich nicht zu lobenden Zeitsitte, dass in das offizielle Vorlesungsverzeichnis der Universität die Collegien dei Privatdozenten nicht aufgenommen wurden. So waren diese genötigt, ihre Vorlesungen in besonderen Druckschriften anzuzeigen. Anders steht es mit dem letzten naturphilosophischen Werk aus der vorkritischen Zeit.
Naturwissenschaft und Religion
Den Abschluß nämlich der in erster Linie dem Nachdenken über naturphilosophische Probleme gewidmeten Periode seiner Magisterzeit bildet eine Ende 1762 erschienene größere Schrift, die nach des Autors eigener Versicherung ein "mühsam gesammeltes Baugerät" war und "die Folge eines langen Nachdenkens" darstellte: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes.
Diese Schrift ist nicht, wie man nach dem Titel und dem ersten, kürzeren Abschnitt vermuten könnte, theologischen, sondern – wenigstens in ihrem weitaus größten Teile – naturphilosophischen Inhalts. Sie hat zwar die Absicht, "vermittelst der Naturwissenschaft zur Erkenntnis Gottes aufzusteigen", verfolgt aber dabei den Zweck, der "natürlichen Weltweisheit" bzw. "Erklärungsart" ein freieres Feld zu eröffnen. Sie will das Thema endgültig abschließen, das wir in der Kosmogonie von 1755 angeschlagen sahen: das Verhältnis von Naturwissenschaft und Gottesglauben; nur dass dort das Hauptgewicht auf die naturwissenschaftlichen Ausführungen fiel, während jetzt die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Gottesbeweise eine größere Rolle spielt. Noch bestimmter wird diesmal die Grenzlinie gezogen. Immer wieder protestiert der Verfasser gegen die "gewöhnliche" Physiko-Theologie seiner Zeit, die möglichst viele Naturerscheinungen aus unmittelbaren göttlichen Eingriffen erklären will und anstatt der natürlichen überall "Zweckursachen" ausfindig zu machen strebt. Ein solches Verfahren bringe die Philosophie ins Gedränge, setze der Naturforschung Grenzen, begünstige unter dem Scheine religiöser Andacht wissenschaftliche Faulheit, ja mache aller wahren Naturforschung ein Ende. Wunder, d. i. übernatürliche Begebenheiten, soll man im gewöhnlichen Lauf der Dinge ohne "erheblichste" Ursache nicht annehmen. Gewiß will Kant der Religion keinen Eintrag tun; aber der Begriff "Gott" bedeutet ihm im Grunde nichts anderes als: Einheit, Harmonie und Ordnung des Mannigfaltigen.
Selbst die anscheinend "freiesten" Handlungen sind doch einer "großen Ordnung" unterworfen, wie z. B. die Statistik der Ehen beweise, wenn auch auf diesem Gebiete noch nicht alles "gehörig eingesehen" sei. Wir müssen in der Naturwissenschaft – auch in der organischen, wo es schwieriger ist – nach immer größerer Einheit streben, die in der Notwendigkeit allgemeiner Gesetze besteht. Mit genialer Voraussicht ahnt Kant hier bereits die Einheit aller Naturkräfte, die erst in unseren Tagen zur wissenschaftlichen Wahrheit zu werden begonnen hat: dass Wärme, Luft, Elektrizität, ja vielleicht auch der Magnetismus nur verschiedene Erscheinungsweisen der nämlichen Materie seien.
Die Opposition gegen den Dogmatismus der Metaphysik hat sich verstärkt, ist fast schon zur Skepsis gediehen. Er vergleicht sie einem "finsteren Ozean" ohne Ufer und rettende Leuchttürme, mit "bodenlosen Abgründen". Er will nicht mehr mit fertigen Definitionen arbeiten, mit denen die Metaphysik es der Mathematik gleichzutun strebt, sondern solche erst zu finden suchen. Er empfindet Abneigung gegen die "überfeine Weisheit" der "logischen Schmelzküche". Von den sogenannten Gottesbeweisen verwirft er sowohl den des Descartes wie den der Wolffianer, die beide aus bloßen Begriffen das Dasein Gottes folgern. Aber auch der gebräuchlichste, aus der Zweckmäßigkeit der Welt – von ihm damals noch der "kosmologische" genannt – sei zwar "schön", aber ohne strenge Beweiskraft. Nur eine gewisse Form des ontologischen, wonach die Aufhebung von Gottes Dasein alles denkbare Sein aufheben würde, will er als "einzig möglichen" Beweisgrund noch gelten lassen. Wenn nicht, nun, "so schlaget Euch von diesem ungebahnten Fußsteige auf die große Heeresstraße der menschlichen Vernunft!" Denn, wenn es auch "durchaus nötig" ist, "dass man sich vom Dasein Gottes überzeuge", so ist es doch "nicht ebenso nötig", dass "man es demonstriere". Damit schließt das merkwürdige Buch.
Die ziemlich umfangreiche Schrift machte den Namen des Königsberger Magisters zum erstenmal in weiteren Gelehrtenkreisen bekannt. Moses Mendelssohn pries in den "Literaturbriefen" den Verfasser als "Selbstdenker" und forderte ihn auf, das dauerhafte philosophische System zu errichten, zu dem der bescheidene Kant bloß "die ersten Züge eines Hauptrisses" hatte liefern wollen. Mehrere Theologen entgegneten; in Wien kam sie auf den Index, während die freier Gesinnten zustimmten. Jacobi schreibt noch 1786, nach dem Erscheinen von Herders pantheistisch gehaltenem "Gott", an Hamann: "Mit dem Herderischen (sc. Gott) hat uns Kant schon anno 1763 begnadigt." Der Philosoph aber hatte sie vor allem zum Zweck der eigenen Klärung geschrieben. Sie schloß für ihn die erste, wesentlich naturphilosophische Epoche seiner Magisterjahre ab und bildet, zugleich mit ihren oben zitierten Schlußworten und ihrer Bevorzugung der natürlichen Vernunft vor allen scholastischen Tifteleien, den Übergang zu der folgenden empiristisch-skeptischen und zugleich mehr anthropologisch-ethischen Periode seines Philosophierens.
Zweites Kapitel
Zweite Periode der Magisterzeit (1762—70)
Äußeres Leben: Der "galante" Magister
Wendung durch Rousseau 1762
Um das Jahr 1762 tritt eine Wendung in Kants innerem Leben ein, von der uns deutlich hur eine bedeutsame Randbemerkung von seiner Hand in dem Handexemplar seiner 'Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen' Kunde gibt. Erinnern wir uns jenes merkwürdigen Briefes an Lindner (1759), der tiefe Unbefriedigtheit über die Menschen, von denen er umgeben ist, mit innerem Stolz auf seinen Gelehrtenberuf verband. Diesen von Pedanterie entfernten Stolz des Geistesaristokraten drückt in einfachen, aber unnachahmlich schönen Worten die erste Hälfte der neuen Niederschrift aus: "Ich bin selbst aus Neigung ein Forscher. Ich fühle den ganzen Durst nach Erkenntnis und die begierige Unruhe, darin weiterzukommen, oder auch die Zufriedenheit bei jedem Fortschritte. Es war eine Zeit, da ich glaubte, dies alles könnte die Ehre der Menschheit machen, und ich verachtete den Pöbel, der von nichts weiß." Dann aber nennt er den Namen des Mannes, der einen völligen Umschwung in seinem Wesen bewirkt hat: "Rousseau hat mich zurecht gebracht." Jener "verblendete Vorzug verschwindet. Ich lerne die Menschen ehren und würde mich viel unnützer finden als die gemeinen Arbeiter, wenn ich nicht glaubte, dass diese Betrachtung allen übrigen einen Wert geben könne, die Rechte der Menschheit herzustellen."
Jahr und Tag dieser Wendung vermögen wir nicht, wie es bei Goethe oder Schüler so oft möglich ist, mit Bestimmtheit festzustellen. Wahrscheinlich war es 1762. Vermutlich hat zwar Kant, der ja überhaupt ein starker Leser war, auch schon Rousseaus erste Schriften aus den 50er Jahren bald nach ihrem Erscheinen gelesen. Eine solche Kenntnis scheinen z. B. die beiden Briefe Hamanns an Kant aus dem Jahre 1759 (S. 91 f.) vorauszusetzen. Aber einen nachhaltigen Eindruck haben sie damals schwerlich auf ihn gemacht. Noch das Universitätsprogramm 'Über den Optimismus' (Herbst 1759) verrät, wenn es auch gelegentlich das "bündige Urteil" des gemeinen Verstandes über die subtilen Irrtümer der Schulgelehrsamkeit setzt, nichts von Rousseauschem Einfluß, sondern geht in den Geleisen Leibnizens. Nun aber brachte im Sommer 1762 Kants späterer Hauswirt, der rührige Buchhändler Kanter, den in Frankreich auf den Scheiterhaufen gekommenen Contrat social aus Holland mit nach Königsberg, und Ende Juli wurde dort jeden Tag die Ankunft des Emile erwartet. Im Hochsommer 1762 also muß das Ungewöhnliche und Vielerzählte sich zugetragen haben, dass Magister Kant, von der Lektüre des soeben erschienenen Emile gefesselt, einige Tage lang seinen regelmäßigen Spaziergang aufgab.30
Verkehr mit höheren Offizieren
Es ist doch wohl nicht ganz zufällig, es kann mindestens mit jener Wendung zum Allgemein-Menschlichen in Zusammenhang stehen, dass gerade in die 60er Jahre eine nach Zahl und Art bedeutende Erweiterung seines geselligen Verkehrs fällt. In Königsberg herrschte ein reges, gesellschaftliches Leben. Kant aber kam jetzt in die vornehmsten Häuser der Stadt. Dazu gehörten zunächst die höheren Militärs. König Friedrich hat es bekanntlich der Provinz, obwohl er selbst nur mangelhaft für ihre Verteidigung gesorgt hatte, zeitlebens nicht verziehen, dass sie die russische Fremdherrschaft so lange geduldet; er hat sie seitdem nicht wieder besucht. Anders die Offizierkorps der zurückgekehrten preußischen Regimenter der (vgl. Kap. 1) starken Garnison. Sie werden sich im Gegenteil, nach den jahrelangen Strapazen des Feldlagers, in den Mauern der lebhaften und volkreichen Stadt besonders wohl gefühlt haben. Mindestens ein Teil von ihnen fühlte aber auch das Bedürfnis nach geistiger Weiterbildung, die durch die rauhe Kriegszeit unterbunden gewesen war. Gefördert wurde dies Streben durch einzelne verständnisvolle Vorgesetzte. So Heß der Chef des Dragonerregiments von Rohr, General (von) Meyer, gleich im ersten Winter nach dem Kriege (1763/64) von dem durch seine Vorlesungen und Schriften jetzt schon in weiten Kreisen seiner Vaterstadt berühmt gewordenen und dabei auch in den äußeren Umgangsformen gewandten Magister sich und seinen Offizieren besondere Vorträge über Physische Geographie und Mathematik halten, Kant wurde zu diesen Vorlesungen in der Equipage des Generals abgeholt und speiste fast täglich bei ihm. Zu österreichischen Internierten dagegen wird wohl der spätere k. k. Oberstleutnant Freiherr von Dillon gehört haben, der noch nach 27 Jahren, als er an der türkisch-ungarischen Grenze stand, sich der "vielen, sehr angenehmen Stunden" erinnert, die er 1762 in Kants Gesellschaft zugebracht, wo "bei den Herren G. und L., ja in unseren Klubs tausend geistreiche Scherze hervorgekommen, ohne (sc. die) gelehrte Unterhaltungen zu berühren, so für einen jungen Menschen, wie ich damals war, höchst dienlich gewesen" (Brief an Kant vom 2. Juni 1789).
Wichtiger für die Zukunft wurde eine andere Bekanntschaft aus dem Hause des Generals: die des jungen Friedrich Leopold Freiherrn von Schroetter, der als blutjunger Dragonerleutnant (geb. 1743) noch mehrere Schlachten des siebenjährigen Krieges mitgemacht hatte und nun die Muße des Friedens dazu benutzte, seinen geistigen Horizont zu vertiefen: eine schöne, männliche Erscheinung mit gebräuntem Antlitz, dunklem Haar und feurigen Augen, energischen Gangs, leicht leidenschaftlich im Ausdruck, dabei doch weich von Gemüt und empfänglich für die Reize der Poesie, der Freundschaft und der Natur. Er trat später in den königlichen Zivüdienst und ist erst Oberpräsident der Kammern von West- und Ostpreußen, dann Provinzialminister von Preußen geworden und als solcher an der Stein-Hardenbergischen Gesetzgebung beteiligt gewesen. Kant blieb in dauernder Verbindung mit ihm und kam durch ihn auch in Beziehungen zu dem Vater und dem jüngeren Bruder Karl Wilhelm, der Jurist und 1803 Kanzler des "Königreiches", d. h. der Provinz Preußen wurde. – Auch General Meyer selbst, der 1775 starb, hörte gern auf den Rat und die Empfehlung Kants, den er hoch verehrte, so dass mancher junge Mann letzterem sein Fortkommen verdankte. – Ein anderer höherer Offizier, der mit Kant gern verkehrte, war der Husarengeneral Daniel Friedrich von L o s s o w, der ihn öfters auf sein Gut bei Goldap im Oberland einlud, sich von ihm ein Fernrohr oder passende Brillengläser dorthin besorgen und bei Besetzungen von Feldprediger- u. a. Stellen des Philosophen Empfehlungen stark in die Wagschale fallen ließ. Von Goldap sind die drei erhaltenen Briefe Lossows an Kant (aus den Jahren 1770, 1774 und 1777) datiert. Auch hat ihn Kant während der Herbstferien 1765 einmal dort besucht, sehnte sich aber aus dem schönen Masurenlande bald wieder nach Hause zurück.
Seine Würde wußte der Sohn des einfachen Sattlers auch in den Kreisen der adligen Offiziere wohl zu wahren. Das bezeugt vor allem der hochachtungsvolle Ton in den Briefen Lossows und einzelne Anekdoten, die über diesen Verkehr erzählt werden. Eine bloß mündlich überlieferte zeigt seine liebenswürdige Menschenfreundlichkeit. Als er einmal bei einem hohen Offizier zu Gaste war, sah er, wie ein junger Leutnant etwas Rotwein vergoß und darüber seinem Vorgesetzten gegenüber sehr verlegen wurde. Kant, der sich mit letzterem über militärische Dinge unterhielt, goß daher eine gehörige Quantität Rotwein auf das weiße Tischtuch und zeichnete mit roten Strichen die Bewegungen der feindlichen Truppen usw. auf, nur um dem jungen Untergebenen über seine Verlegenheit fortzuhelfen. Imponieren ließ er sich selbstverständlich durch bloßen Rang und Titel nicht; er verurteilte z. B. auch das damals außerhalb der militärischen Kreise kaum vorkommende Duell, wenn er es auch als einen Rest mittelalterlicher Barbarei bei einer noch unausgebildeten Verfassung und Gesetzgebung begriff. Ja, in seiner anthropologischen Vorlesung sprach er es offen aus: der beim Militärstand erforderte "Mechanismus" sei so groß, dass die "wirklichen Genies aus dem Dienste gehen", ein Satz, den ja zu seinen Lebzeiten so berühmte Beispiele, wie der junge Schiller und Heinrich von Kleist, letzterer gerade infolge seiner Beschäftigung mit Kants Philosophie, erhärtet haben. Und einen Magister Penzel, der preußischen Werbern in die Hände gefallen und in ein Königsberger Regiment gesteckt worden war, nannte er gegenüber dessen zeitweisem Gönner Hamann einen "niederträchtigen" Menschen, weil er als gebildeter Mann "seinen Soldatenstand" – allerdings den eines Gemeinen – "bis jetzt so ruhig ertrage".
Verkehr mit Kaufleuten
Auch mit den Spitzen der Zivilbehörden stand unser Philosoph in Verkehr. So ist z. B. durch einen Brief Hamanns an Lindner bezeugt, dass Kant sich für des letzteren Berufung nach Königsberg gelegentlich seiner "häufigen Besuche" bei v. B. Exc. (d. h. vermutlich dem Regierungspräsidenten von Braxein) einsetzen wolle (Weber, Neue Hamanniana, S. 51).
Enger und intensiver aber war des Philosophen Verkehr mit einer Reihe von Königsberger Kaufleuten. Am nächsten von allen stand ihm Joseph Green, der schon in jungen Jahren aus England herübergekommen war und das von ihm begründete Handelsgeschäft zu hoher Blüte gebracht hatte. Noch heute steht sein in englischem Stile erbautes, jetzt der Stadt Königsberg gehöriges Landhaus auf einem bewaldeten Hügel bei dem Kirchdorfe Juditten, der Geburtsstätte Gottscheds und beliebtem Ausflugsort noch der heutigen Königsberger. Er war Kant in der Grundsatzmäßigkeit der Lebensführung verwandt, ja noch überlegen, bis zum Spleenmäßigen. Bekannt ist die hübsche Geschichte, wie der Philosoph einst mit ihm eine Spazierfahrt nach der Oberförsterei Moditten für den folgenden Vormittag um acht Uhr verabredet hatte. Green, der bei solchen Gelegenheiten schon um drei Viertel mit der Uhr in der Hand in der Stube herumging, mit der fünfzigsten Minute seinen Hut aufsetzte, in der fünfundfünfzigsten seinen Stock nahm und mit dem ersten Glockenschlage den Wagen öffnete, fuhr, als er Kant nicht erblickte, ohne diesen fort und hielt, obwohl er ihm nach zwei Minuten auf der Krämerbrücke begegnete, trotz dessen lebhafter Gebärde nicht an, weil das gegen die Abrede und gegen seine Regel war. Der pedantische Engländer, der wie Kant Junggeselle geblieben ist, soll das Musterbild zu dem "Mann nach der Uhr" in Hippels gleichnamigem Lustspiel gewesen sein. Schon 1766 wird er von Scheffner als Kants Freund erwähnt, desgleichen 1768 von dem ebenfalls mit ihm befreundeten Hamann, der bereits 1770 die Übersetzung einer Schrift 'Über die Gicht' ausdrücklich Green als "dem Freunde unseres Kant" widmete. Darum kann auch die bekannte Erzählung Jachmanns nicht stimmen, wonach Green und Kant sich erst bei einem gelegentlich des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1776—1783) zwischen ihnen entstandenen heftigen Wortwechsel kennengelernt und Freunde geworden wären. Nach Jachmann wäre die Freundschaft zwischen beiden so eng gewesen, dass der Philosoph, wie er ihm selbst versichert habe, "in seiner Kritik der reinen Vernunft keinen Satz (!) niedergeschrieben, den er nicht zuvor seinem Green vorgetragen und von dessen unbefangenem und an kein System gebundenem Verstände hätte beurteilen lassen". Neben anderen Sonderlingseigenschaften besaß Green auch die, dass er nicht bloß gänzlich unmusikalisch war, sondern nicht einmal einen musikalischen Ton von einem sonstigen Geräusch, und Poesie von Prosa an nichts anderem als der verschiedenen Silbenstellung unterscheiden konnte. Das erzählte Kant selbst nach des Freundes Tode in einem Briefe (an Hellwag, 3. Januar 1791), in welchem er "den engl. Kaufmann Hr. Green" ausdrücklich "meinen besten Freund" nennt.
Wohl durch Green lernte er auch dessen Sozius Robert Motherby kennen, der schon als 14 jähriger um 1750 aus Hüll nach der Pregelstadt gekommen war. Seine noch heute in Königsberg lebenden Nachkommen nehmen ihn als den einen Helden jenes Wortgefechts, das beinah zu einem Zweikampf geführt hätte, in Anspruch. Allein auch ihn bezeichnet der Philosoph bereits in einem Briefe vom 28. März 1776 als seinen "sehr werten Freund". Vor allem aber war Motherby nach Jachmanns ausdrücklichem Bericht nicht Hauptbeteiligter, sondern bloß "Augenzeuge" jenes Vorfalls; gerade er habe ihm oft versichert, dass Kant, bei seinem Eintreten für die Freiheitsrechte der Amerikaner ihm und allen Anwesenden "wie von einer himmlischen Kraft begeistert erschienen wäre und ihr Herz auf immer an sich gefesselt hätte". Auch die Geschichte mit der allzu pünktlichen Wagenfahrt erzählt die Familienüberlieferung der Motherby von ihrem Ahnen; allein sie paßt besser zu dem, was auch sonst von der Grillenhaftigkeit des alten Junggesellen Green berichtet wird, als zu dem taktvollen Wesen des überdies im Lebensalter um zwölf Jahre hinter Kant zurückstehenden Motherby. Von der Fortsetzung beider Freundschaften bis ins Alter hinein wird noch zu reden sein.
Durch beide Freunde wurde der Philosoph ferner mit dem ebenfalls eingewanderten schottischen Kaufmann Hay bekannt, der neben seinem Beruf eine gründliche klassische Bildung besaß; weiter mit dem Inhaber der französischen Handelsfirma Toussaint und Laval, mit denen Motherby durch seine Gemahlin, eine geborene Toussaint, verschwägert war. Den Kommerzienrat Toussaint empfiehlt Kant 1796 dem Elberfelder Kaufmann Plücker, der ihn wegen eines Königsberger Handelshauses um Rat gefragt, bei seiner eigenen "Unkunde" in Geschäften, als "wichtigen und wohldenkenden Mann", durch den er ihm auch weitere Briefe zugehen lassen könne. Er selbst hatte bis 1798, wie sein Testament vom 26. Februar d. J. zeigt, sein ganzes bewegliches Vermögen – damals in beinahe 43 000 Gulden bestehend – zu sechs Prozent bei der Firma Green, Motherby & Comp. angelegt.
Natürlich verkehrte er daneben auch mit deutschen Kaufleuten: so mit dem gleichfalls seiner Bildung wegen hochgeachteten Hüge, dessen durch seinen schönen Park berühmtes Gut Prilacken zwischen Königsberg und Pillau er öfters besucht hat. Weiter mit dem aus Pillau stammenden Kaufmann und späteren "Bancodirektor" W. L. Ruffmann (geb. 1737, gest. 1794), in dessen Haus, als er jung verheiratet war (um 1766), auch Hippel verkehrte. Von Ruffmann, der ihn in kaufmännischen Angelegenheiten gleichfalls beriet, stammte der einzige Bilderschmuck in Kants Wohnung: ein Porträt Rousseaus.
Ob und wieweit der nähere und entferntere Umgang mit allen diesen Kaufherren in Kants Magisterjahre zurückreicht, läßt sich im einzelnen nicht mehr genau nachweisen, ist ja auch unerheblich. Sicher verkehrte er aber schon in den 6oer Jahren, und zwar ziemlich intim, in einem der vornehmsten Kaufmannshäuser der Stadt, dem des Geheimen Kommerzienrats Johann Conrad Jacobi. In diesem Hause hatte sich eine von den Königsbergern als die "Gelehrte Gesellschaft" bezeichneter privater Zirkel gebildet, dessen Hauptmitglieder, außer dem Ehepaar Jacobi selbst, der Oberstleutnant von Lettow, eine Baronin von Thile, Magister Kant und Münzmeister Göschen bildeten, während die außerordentlichen oder gelegentlichen Teilnehmer, wie Hippel, zahlreich waren. Kants Fürsprache bei dem einflußreichen Kaufherrn verdankte u. a. Hamann seine Anstellung als Sécrétaire-Traducteur beim Akzise-Amt. Den Hauptanziehungspunkt dieses Patrizierhauses jedoch bildete, vielleicht auch für Kant, die bewunderte und elegante Frau des Hauses, Maria Charlotta geb. Schwink. Damit kommen wir auf ein besonderes, bisher noch wenig durchforschtes Kapitel: Kant und die Frauen .
Kant und die Frauen
Die Frauen haben keine bestimmende oder auch nur bedeutende Rolle im Leben unseres Denkers gespielt, geschweige denn, dass sie sein Schaffen befruchtet hätten, wie es bei anderen großen Menschen seines Zeitalters: bei Goethe, Schiller, Herder, und von Philosophen bis zu einem gewissen Grade doch auch bei Fichte und Schelling der Fall war. Er ist Junggeselle geblieben wie Plato und Leibniz, Descartes und Hobbes, Locke und Hume. Aber er ist anderseits doch kein galliger Feind des weiblichen Geschlechtes gewesen, wie Schopenhauer, oder vollkommen gleichgültig dagegen, wie Winckelmann. Er beschäftigt sich in seinen populären Schriften, besonders den anthropologischen Vorlesungen und den Entwürfen dazu, sogar recht häufig mit "dem Frauenzimmer". Welche Erlebnisse bestimmten ihn dazu?
Das schöne Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter, die er nie vergaß, haben wir schon kennengelernt. Zu den Schwestern bestanden keine näheren Beziehungen. Sie wurden – wie es noch heute öfters in ärmeren Familien zu gehen pflegt —, damit die Brüder studieren konnten, hintangesetzt, mußten sich als Dienstmädchen verdingen und haben später Handwerker geheiratet. Dass er während seiner Studienzeit Liebesaffären nachgegangen, ist bei seinem Temperament, seinen Neigungen und seiner finanziellen Dürftigkeit wohl völlig ausgeschlossen. Einen gewissen Ton uns heute etwas altfränkisch anmutender Galanterie allerdings hat er sich wohl schon auf der Universität angewöhnt, von der er noch später rühmte, dass sie dem jungen Manne "Schliff" verleihe. So schreibt er, gelegentlich einer leichten Polemik gegen die gelehrte Marquise von Chastelet in seiner Erstlingsschrift: "Die Anmerkung, die ich hier mache, würde gegen eine jede andere Person ihres Geschlechtes das Ansehen eines ungesitteten Betragens und einer gewissen Aufführung, die man pedantisch nennt, an sich haben; allein der Vorzug des Verstandes und der Wissenschaft an derjenigen Person, von der ich rede, der sie über alle übrige ihres Geschlechtes und auch über einen großen Teil des andern hinweg setzet, beraubet sie zugleich desjenigen, was das eigentliche Vorrecht des schönen Teiles der Menschen ist, nämlich der Schmeichelei und der Lobsprüche, die dieselbe zum Grunde haben" (a. a. O., § 113a, II). Aus seinen Hauslehrerjahren in Judtschen und Gr. Amsdorf wissen wir nichts. Anders wäre es, wenn die Nachrichten über seine dritte Hauslehrerstelle bei der Gräfin Keyserling zu Rautenburg eine festere Grundlage hätten. Denn es existiert in der Tat eine von der Gräfin hergestellte, ansprechende Kreidezeichnung unseres Philosophen, die ihn so jugendlich wie sonst kein Büd, d. h. etwa dreißigjährig, darstellt,31 während sie selbst damals (um 1753/54) 24—25 Jahre zählte. Und sie, die mit 25 Jahren ein philosophisches Werk Gottscheds ins Französische übersetzte, könnte zu diesen Studien durch ihren philosophischen Hauslehrer angeregt worden sein. Doch das beruht alles auf bloßen Vermutungen. Ebenso lassen sich aus dem Verschen, das er am 16. Juli 1757 einem unbekannten Freunde ins Stammbuch schrieb:
Großen Herren und schönen Frauen
Soll man wohl dienen, doch wenig trauen
keine anderen Schlüsse ziehen, als dass er jedenfalls kein abgesagter Feind des weiblichen Geschlechts gewesen ist.
Etwas festeren Boden betreten wir erst mit den 60er Jahren. Zwar aus seinem bekannten, mehr als fünf Druckseiten zählenden Briefe vom 10. August 1763 an eine der "gnädigen Dames aus dem von mir äußerst verehrten Schulkeimschen Hause", denen er durch Borowski das Trostschreiben an Frau von Funk (s. 88 f.) hatte zugehen lassen, und der er nun auf ihren Wunsch einen ausführlichen Bericht über die angeblichen Geistererscheinungen Swedenborgs übersandte, das 23 jährige Fräulein Charlotte von Knobloch, läßt sich auch nur auf seine liebenswürdige Galanterie gegen Damen überhaupt schließen: wenn er von "der Ehre und dem Vergnügen" spricht, "dem Befehl einer Dame" nachzukommen, "die die Zierde ihres Geschlechts ist", durch die Abstattung eines Berichts, der freilich "von ganz anderer Art" sei, "als diejenigen gewöhnlich sein müssen, denen es erlaubt sein soll, mit allen Grazien umgeben, in das Zimmer der Schönen einzudringen". Höchstens noch darauf, dass er dem Bildungsstreben junger Damen gern entgegen kam, wie er denn der nämlichen ältesten Tochter des Generals von Knobloch auch Wielands "Erinnerungen an eine Freundin" zuschickte, wofür sie sich ihm noch nach Jahren dankbar erwies. Denn nachdem sie bereits seit acht Jahren die Gattin eines Hauptmanns von Klingspor und Mutter von vier Kindern geworden war, dankt sie in einem zwar fürchterlich unorthographischen, aber von naturwüchsigem Gefühl zeugenden Briefe (1772), in dem sie den "hochedelgeborenen, hochgelehrten Herrn Professor und werten Freund" um Besorgung eines Hofmeisters bittet, für seine "Gütige Absicht, ein Junges Frauenzimmer durch angenehmen Unterhalt zu Bilden"; obwohl "bei denen möresten Menschen eine Lange Abwesenheit die Freundschaft erkalten Läst", sei sie "von der angenehmen gewißheit geschmeychelt, das Sie mein Freund sind: so wie Sie es ehe mahls waren" (Ak. Ausg. X, S. 122 f.).
Das beste Bild von Kants damaligen – und im wesentlichen sich gleich gebliebenen – Anschauungen über das weibliche Geschlecht gibt uns der dritte Abschnitt der 'Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen' (1764). Der 40 jährige Verfasser hebt hier die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern sehr stark hervor, zum Teil allerdings infolge seines Themas, das den Gegensatz zwischen dem Erhabenen und Schönen in diesem Abschnitt auch auf die Charakteristik der Geschlechter anwendet. Das "Frauenzimmer" hat ein angeborenes stärkeres Gefühl für das Schöne und Zierliche, Hebt Scherz und Heiterkeit, Sittsamkeit und feinen Anstand, zieht das Schöne dem Nützlichen vor, hat einen "schönen" (wie wir einen "tiefen") Verstand. Er macht sich etwas lustig über gelehrte Frauen, sei es, dass sie sich den Kopf mit Griechisch oder mit Mathematik und Mechanik oder mit Schlachten und Festungen oder mit abstrakten Spekulationen anfüllen. Ihre Wissenschaft ist vielmehr "der Mensch, und unter den Menschen der Mann"; ihre Weltweisheit "nicht Vernünfteln, sondern Empfinden". Dem entsprechen auch seine, gewiß nicht ohne Einfluß von Rousseaus Emile zustande gekommenen, Ideen über Mädchenunterricht: Erweiterung des moralischen Gefühls sei für sie wichtiger als die des Gedächtnisses; das wird dann an Beispielen aus dem geschichtlichen, geographischen und Kunstunterricht erläutert. Übrigens hält unser Philosoph das weibliche Geschlecht im ganzen so hoch, dass er ihm sogar vorzugsweise diejenige Art von Sittlichkeit zuspricht, die später Schiller unter dem Begriff der Anmut oder sittlichen Schönheit im Gegensatz zur Würde verstanden hat. "Sie werden das Böse vermeiden, nicht weil es unrecht, sondern weil es häßlich ist, und tugendhafte Handlungen bedeuten bei ihnen solche, die sittlich schön sind. Nichts von Sollen, nichts von Müssen, nichts von Schuldigkeit." Und sein Schlußurteil faßt er dahin zusammen: der Mann soll durch seine Neigung noch mehr veredelt, die Frau durch die ihre noch mehr verschönt werden.
Frauenschönheit und Königsberger Damenwelt
Doch nun vom Allgemeinen zum mehr Persönlichen. Magister Kant kann unmöglich ganz ohne Gefühl für Frauenschönheit gewesen sein, wenn er in seinen 'Beobachtungen' redet vom Unterschied von blauen und schwarzen Augen, von Blondinen und Brünetten, von schmachtenden Augen und bezaubernden Mienen, von lachenden und schalkhaften Blicken, von denen ein einziger die "Mannspersonen" in stärkere Verwirrung zu setzen vermag als die schwerste Schulfrage! Oder wenn er von dem hübschen Gesicht, das nicht zum Herzen redet, das schöne unterscheidet, in dessen Zügen sich "ein zärtlich Gefühl und wohlwollendes Herz abmalt". Im allgemeinen scheint er sich später anscheinend mehr für zarte Gestalten ausgesprochen zu haben, wie er denn überhaupt erst durch Winckelmann dazu bewogen wurde, die vollkommenere Schönheit doch dem männlichen Geschlechte zuzusprechen.32 In den 'Beobachtungen' zeigt er für beide Arten weiblicher Schönheit Verständnis: "die reizende" sowohl wie "die rührende". Die erstere fessele durch "Munterkeit und Witz in lachenden Augen, feinen Mutwillen, das Schäkerhafte der Scherze und schalkhafte Sprödigkeit". Ein Mädchen darf sogar eine "kleine Närrin" sein, wenn sie nur alberne Aufgeblasenheit vermeidet. Ja selbst Koketterie verurteilt er nicht ganz. Als "Geflissenheit, einzunehmen und zu reizen" an einer "sonst artigen" Person ist sie "vielleicht tadelhaft, aber doch schön und wird gemeiniglich – dem ehrbaren, ernsthaften Anstande vorgezogen". Die rührende Schönheit dagegen flößt eine Empfindung ein, die "zärtlich, mit Achtung verbunden und beständig" ist; weshalb auch viele Damen selbst eine blassere Farbe, die "gemeiniglich eine Gemütsart von mehr innerem Gefühle und zärtlicher Empfindung begleitet", der roten und blühenden vorziehen. Auch findet man, dass hübsche Gesichter, die auf den ersten Augenblick gefallen, nachher uns gleichgültig werden, während andere bei näherer Bekanntschaft immer mehr für sich einnehmen und, indem sie durch immer neue moralische Reize fesseln, sich beständig zu verschönern scheinen (S. 70). Übrigens bricht Kant, als fürchte er, zu viel von seinen eigenen Gefühlen zu verraten, seine Ausführungen über diese Unterschiede mit den bezeichnenden Worten ab: "Ich mag mich nicht in gar zu ausführliche Zergliederungen von dieser Art einlassen; denn in solchen Fällen scheint der Verfasser jederzeit seine eigene Neigung zu malen" (Original-Ausgabe S. 66 f.). Und doch scheint er uns einige Seiten später noch einmal ungewollt sich selbst zu verraten. Er hat vorher von dem Geschlechtstrieb gesprochen, über dessen Natürlichkeit er übrigens stets durchaus gesunde Ansichten gehegt hat, ohne seine Ausartung in "Ausschweifung und Lüderlichkeit" zu billigen. Und nun stellt er in Gegensatz zu dem "einfältigen und groben", aber den großen Zweck der Natur erfüllenden Geschlechtsgefühl denjenigen Menschen, dessen "sehr verfeinerter" Geschmack "einer ungestümen Neigung die Wildheit benommen". Personen von so "delikater" Empfindung würden "sehr selten" glücklich. Sie schafften sich ein Ideal ihrer Neigung und zierten es mit allen edlen und schönen Eigenschaften, "welche die Natur selten in einem Menschen vereinigt und noch seltener demjenigen zuführt, der sie schätzen kann". Es klingt fast wie auf sein eigenes Schicksal gemünzt, wenn er dann fortfährt: "Daher entspringt der Aufschub und endlich die völlige Entsagung auf eheliche Verbindung" (S. 72).
In der Königsberger Damenwelt, mit der er sicher bei seinem regen geselligen Verkehr bekannt geworden ist, wird Magister Kant Beispiele genug von beiden Typen, dem schalkhaft-heiteren wie dem "zärtlich"-ernsten, angetroffen haben. Vermutlich mehr von der ersteren Art. Denn nach der Schilderung von Zeitgenossen hatten – wir deuteten es schon an – in den Jahren der russischen Okkupation (1758—1762) die russischen Offiziere, ähnlich wie später 1807 die Franzosen, manche Verheerungen in den Herzen und Sinnen der Königsberger Schönen angerichtet. Selbst die Professoren der Albertina waren von der modischen Lockerung der Sitten nicht unangesteckt geblieben. Der Jurist Funk z. B., mit dem Kant verkehrte und dem er nach seinem Tode (April 1764) das Leichen"gepränge" ausrichten sollte (S. 143), nahm es mit der ehelichen Treue nicht zu genau. Zwar hatte der spätere Professor der Eloquenz Flottwell schon 1741 zur Pflege geistiger Interessen nicht bloß die heute noch bestehende "Deutsche Gesellschaft" ins Leben gerufen, sondern auch im Hause des Rechtslehrers von Sahme eine "Frauenzimmer-Akademie" zustande gebracht, welche die Pflege von Literatur und Musik auf ihr Programm setzte. Allein diese muß im Laufe der Zeit wohl mehr dem Vergnügen bzw. dem Ehefang als der Wissenschaft und edlen Kunst gedient haben. Als Scheffner um das Jahr 1769 seinem Freunde, dem damals 28 jährigen Hippel, zum Heiraten zuredete, entgegnete dieser: "Wenn nur eine vernünftige Frau da wäre! Das ist aber in Königsberg ein sehr seltener Fall. Das Sahmsche Concert ist Sodom, und die Redoute ist Gomorrha, und es hat kein anderes Ansehen, als wenn unsere Mädchen nur dahin gingen wie auf Auktionen, um sich plus licitanti [d. i. dem Mehrbietenden] zuschlagen zu lassen. Oft rufen die Mütter aus, oft die Tanten."
Mag Hippels Bericht nach seiner ganzen Art auch stark satirisch gefärbt sein: an Gelegenheit zum Heiraten fehlte es in Königsberg für Magister Kant sicherlich nicht, auch wenn er an dem Sahmschen Konzert oder an der "Gomorrha" der Redouten nicht aktiv teilgenommen haben sollte. Als Tänzer allerdings können wir uns den "kleinen Magister" nicht recht vorstellen, aber beigewohnt haben wird er dem Tanzen wohl mehr als einmal, über das er gerade um das Ende der 60er Jahre Reflexionen niedergeschrieben hat wie die folgenden: "Der Reiz bei dem Tanze ist entweder körperlich und beruhet auf der allen Gliedmaßen geziemenden Bewegung" oder "idealisch" und beruht dann auf der "Beziehung, welche die veränderlichen Gestalten auf die Affekte haben". "Der Tanz ist dem Auge das, was die Musik für das Gehör ist." "Der Tanz verliert den Reiz, wenn man nicht mehr dem anderen Geschlecht gefallen will. Darum dauert die Neigung zum Tanz bei geheirateten Männern nicht lange; bei Weibern, bis sie alt sind, weil sie beständig gefallen wollen."
Anscheinend hat sich auch unser Magister von den Reizen eines Königsberger Mädchens von etwas leichterer Art eine Zeitlang bestechen lassen. Wer es war, ist freilich unsicher. Wir haben schon in 'Kants Leben' erzählt, dass eine gewisse Luise Rebekka Fritz, die 1826 als Frau Obereinnehmer Ballath hochbetagt in der ostpreußischen Hauptstadt starb, in ihren späteren Jahren "oft und viel und immer mit stolzem Ruhme" davon zu erzählen pflegte, dass "Kant sie einst geliebt habe". Nun ist aber aktenmäßig festgestellt, dass in der Tat eine 1744 geborene Luise Rebekka Fritz am 18. Oktober 1768 einen Herrn Ballath heiratete, der später zusammen mit Hamann am Lizentamt angestellt war. Und von eben diesem Fräulein Fritz schreibt Hippel November 1768 ziemlich ironisch als von der "weiland Ehr- und Tugendbelobten Jungfer Fritz, deren Ehr' und Tugend schon im russischen Kriege gelitten haben soll", und die nun einen Herrn B. geheiratet habe, der allerdings zunächst besser das Waldhorn zu blasen als eine Frau zu ernähren verstehe. Wir wollen gewiß nicht der Ehre der nachher als verheiratete Dame vielleicht sehr solide gewordenen "Jungfer Fritz" nach anderthalb Jahrhunderten zunahe treten, aber dieser etwas zweifelhafte Ruf der Dame, der freilich für uns nur auf dem on dit des sarkastischen Hippel beruht, stimmt doch ganz wohl zu dem, was Kants Schüler und späterer Kollege Kraus von einer "Königsbergerin" berichtet, die Kant "zu heiraten gewünscht" habe. Der Philosoph selbst habe "darüber einmal" das Wort "fallen lassen", dass "bei näherer Ansicht das Gleißende sehr geschwunden sei, d. h. dass er eine seiner würdige weibliche Seele da nicht gefunden habe". Vielleicht also stammen Kants spätere häufige, übrigens meist verhältnismäßig milde, Urteile über weibliche Koketterie (vgl. z. B. Anthropologie, S. 251, 255, 259) aus eigener Erfahrung.
Maria Charlotta Jacobi
Schon ehe die 24 jährige Jungfer Fritz in den Ehehafen einlief, dem Magister Kant, in diesem Falle, wenn unsere Vermutung richtig ist, glücklich entgangen war, hatte eine cause celèbre, die mit einer anderen unserem Philosophen sehr gut bekannten Dame zusammenhing, die vornehmen Kreise Königsberg weit mehr aufgeregt. Sie betraf die Frau von Kants Freund, dem Geheimen Kommerzienrat Conrad Jacobi. Maria Charlotta Jacobi stammte aus der reichen und angesehenen Patrizierfamilie Schwinck und war am 7. Juli 1739 geboren. Schon am 6. Juni 1752, also noch nicht ganz 13 Jahre alt, heiratete sie den damaligen "Bankier und Negotianten" Johann Conrad Jacobi, der 22 Jahre älter als sie war. Vielleicht war es doch eine Folge dieser allzu frühen Heirat mit einem bedeutend älteren Manne, dass sie sich in dieser Ehe auf die Dauer nicht befriedigt fühlte, zumal da dieselbe, wie es scheint, nicht mit Kindern gesegnet war.33 Das Ehepaar bewohnte ein Haus in der Kneiphofschen Langgasse, das sie geerbt hatte, seit 1764 ein noch schöneres palastartiges Haus, das man dem Burggrafen zu Dohna abgekauft hatte, in der Junkerstraße. Der vielbeschäftigte Gemahl ließ der jungen und wohl etwas verwöhnten Frau, in die er verliebt war, vermutlich viele Freiheit. Sie war die Königin der Bälle und Festlichkeiten in Königsberg, die, um es mit Hippels Worten auszudrücken, allen "Komödien, Redouten, Konzerten und Privatbällen" der vornehmen Königsberger "Gesellschaft" den "eigentlichen Glanz" verlieh. So war es denn nicht eine beliebige Königsberger Dame, sondern die gefeiertste Schönheit der Stadt, die an einem schönen Sommertage des Jahres 1762 aus ihrem Garten an Magister Kant das erst durch die Akademie-Ausgabe bekannt gewordene originelle Briefchen schrieb, das der Adressat sich doch wohl zum Andenken aufgehoben haben muß. Wir setzen es trotz seiner übelen Orthographie (die den vornehmen Damen der damaligen Zeit eigentümlich gewesen zu sein scheint, die wir ihnen aber bei dem schlechten Schulunterricht ebensowenig anrechnen dürfen, wie etwa Friedrich dem Großen oder dem alten Blücher) nach seinem vollen Wortlaut hierher:
"Wehrter Freund
Wunderen Sie sich nicht dass ich mich unterfange an Ihnen als einen großen Philosophen zu schreiben? Ich glaubte sie gesteren in meinen garten zu finden, da aber meine Freundin mit mir alle alleen durchgeschlichen, und wir unseren Freund unter diesem Zirckel des Himmels nicht fanden, so beschäfftigte ich mich mit Verfertigung eines Degen [Segen?] Bandes, dieses ist ihnen gewidmet. Ich Mache anspräche auf Ihre gesälschafft Morgen Nachmittag, Ja Ja ich werde kommen, höre ich sie sagen, nun Gutt, wir erwarten sie, dan wird auch meine Uhr aufgezogen werden, verzeihen Sie mir diese erinnerung Meine Freundin und Ich überschicken Ihnen einenn Kuß, per Simpatie die Lufft wird doch woll im Kneiphoff dieselbe seyn, damit unser Kuß nicht die Simpatetische Krafft verliret, Leben Sie Vergnügt und Wohl
Jacobin
auß dem garten d. 12 Juny 1762."
Von der Freundin wissen wir leider nichts. Den Garten, der hinter den Jacobischen Getreidespeichern in der Nähe von Kants Geburtshaus lag, und aus dem sie ihm den "simpatetischen" Kuß nach der im Kneiphof gelegenen Magistergasse schickt, und seine Alleen scheint der galante Magister offenbar ganz gut gekannt zu haben; und der Herr Gemahl wird bei der ganzen Angelegenheit nicht erwähnt. Trotzdem enthält der Brief nichts, was auf mehr als gute Freundschaft hindeutete; Küsse hatten in der damaligen Zeit, wie man weiß, weniger zu bedeuten als heute. Die Anspielung mit dem Uhraufziehen bezieht sich darauf, dass Kant über die Damen in seinen Vorlesungen zu scherzen pflegte: "sie brauchen ihre Bücher ebenso wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, dass sie eine haben; ob sie zwar gemeiniglich stillsteht oder nicht nach der Sonne gestellt ist." Der ganze Ton des Briefchens ist neckisch und natürlich und sieht gar nicht nach der etwas stolzen und kalten Weltdame aus, als die sie auf einem uns erhaltenen Bilde erscheint. Freüich zählte sie damals erst 23 Jahre.
Erst 3½ Jahre später stoßen wir in Kants Briefwechsel wieder auf Frau Jacobi. Sie befand sich im Januar 1766 seit längerer Zeit zu einer, übrigens ungefährlichen, Augenkur in Berlin. Ihr Mann, der sie begleitet hatte, war durch unerwartete schlechte geschäftliche Nachrichten nach Hause gerufen worden, während sie allein zurückblieb. Kant hat ihr kurz vorher einen sehr liebenswürdigen Brief geschrieben: "einige reihen in Ihrem letzten Briffe sind zu schmeichelhaft für mich, als das ich Sie beantworten könnte." Vielleicht, um sie dafür zu trösten, dass er sie nicht, wie er ihr – doch wohl im Scherz – versprochen, von Berlin nach Königsberg zurückbegleiten konnte: "übrigens mein werter Freund haben Sie eine Ungerechtigkeit begangen und sind davor abbitte schuldig, das Sie mir die Hoffnung benehmen, in Ihrer gesellschafft nach Königsberg zu reisen." Die Handelsgeschäfte des Herrn Jacobi scheinen damals wirklich schlecht gegangen zu sein; denn sie schreibt in diesem Zusammenhang von einem "abgrund von wiederwärtigkeiten" und bedauert auch Kant gegenüber, dass sie nicht das Vermögen habe, "Ihre Verdienste (welche keine empfehlungen vermehren können) zu belohnen und Sie dadurch von allen mühsamen Verbindungen zu befreien". Doch ihre melancholische Stimmung ist ebenso rasch, wie sie gekommen, wieder verflogen. Ein "großer Lärm von Paucken und trompeten, und eine Menge Schlitten, deren führer Printzen und Grafen waren" (es war der 18. Januar, also Krönungsfest), ruft sie ans Fenster, und so – versäumt sie den Posttag! Sie tröstet ihn damit, dass sie ihm durch einen Herrn Kaulke demnächst Nachrichten über seinen geliebten Rousseau übermitteln werde: "man hoft den Herrn Roussau bald in den Jegenden von Berlin zu sehen, wie auch den Herrn Voltair."
Zwischen ihr und ihrem Gemahl stand nach diesem Briefe alles noch gut. "Meine Zufriedenheit hängt bloß von seiner ruhe ab," schreibt sie sogar im Anschluß an eine Mitteilung ihres Mannes, dass ihm die Abende, welche er "in Ihrer und des Herrn Mintzmeisters gesälschafft" zubrächte, die angenehmsten wären. Gerade dieser "Mintzmeister" indes sollte wenige Jahre später ihr Schicksal werden. Es war der Pfarrerssohn Johann Julius Göschen aus dem Braunschweigischen, ein Verwandter des berühmten Leipziger Buchhändlers, der, 1740 geboren, seit kurzer Zeit eine Anstellung an der Königsberger Münze gefunden hatte. Von hübschem Äußeren und gewandtem Wesen wie offenbar auch von geistigen Bedürfnissen, gewann er sich bald eine geachtete Stellung in den gebildeten Kreisen Königsbergs, vor allem auch die Freundschaft Kants. Trotz ihres bedeutenden Altersunterschiedes müssen sich beide Männer ziemlich eng aneinander geschlossen haben; Hippel nennt sie gelegentlich die "Mascopisten", d. h. Kameraden, die Unzertrennlichen und unternimmt mit beiden, dem "Münzmeister und dem Philosophen", im Herbst 1767 eine kleine Landreise, während eine im Herbst zuvor zu dem gemeinsamen Freund Scheffner in Gumbinnen geplante ins Wasser fiel, weil es dem Phüosophen zu kalt, dem Münzmeister zu weit war. Göschen (auch Gösche genannt) verkehrte nun so nah mit den Jacobis, dass er im Winter 1767/68 sogar mit ihnen gemeinsam eine Loge im Theater besaß, in die öfters auch Hippel und doch wohl zuweilen auch Kant gegangen ist. Maria Charlotta übertrug ihre Liebe auf den ihr gleichaltrigen Hausfreund, der auch seinerseits kein Weiberverächter gewesen zu sein scheint; "machen Sie ihn ja mit keinem artigen Kinde in Danzig bekannt, sonst bekommen wir ihn desto später zurück," schreibt Hippel über Göschen an einen gemeinsamen Bekannten nach Danzig am 1. September 1768. Inzwischen müssen starke Zwistig-keiten zwischen dem Ehepaar Jacobi vorgekommen sein. Denn schon im selben Monat kam es zum öffentlichen Bruch. Der weitere Verlauf der Sache geht aus Hippels Briefen an Scheffner hervor; wobei allerdings von vornherein zu bemerken ist, dass der erstere eine recht böse Zunge hatte.
17. September 1768: "Künftigen Montag wird Jacobi von seiner Frau geschieden. Die Ursache der Scheidung ist ein Ehebruch, den sie nicht allein zugesteht, sondern auch, ohne Zweifel in der Hoffnung, dass sie Göschen heiraten wird, aus der Ursache begangen zu haben vorgibt, weil sie geschieden werden und von einem so nichtswürdigen Kerl, wie sie sagt, loskommen wollte. Hat G. ihr Hoffnungen gemacht, so ist er strafbar, erfüllt er sie aber wirklich, so fehlt mir jeder Ausdruck. Sein Name leidet entsetzlich, und alle Welt sagt und die Jacobi am meisten, dass er sie heiraten werde. … Er, Jacobi, hat nicht nur alles auf sich nehmen wollen, sondern bietet ihr noch fußfällig den Vertrag an. … Die Prinzessin Jacobi ist gefallen. Alle Welt verachtet sie, und die, so durch sie umdunkelt worden, triumphieren. …" In einem späteren Briefe heißt es: "Die J. ist auf dem Butterberge [Straße Königsbergs!] und wird auch ohnfehlbar ihre Wochen erhalten" [abhalten? K. V.], sie werde jetzt "mehr verachtet als besprochen". Der Mann verkaufe alle Mobilien und wolle auch gern das Haus losschlagen; sie nenne ihn jetzt "Vater und Freund". Einen großen Einfluß auf die Männerwelt überhaupt und speziell auf Göschen muß sie besessen haben, denn Hippel schreibt weiter: Göschen, der vorher nichts von der Scheidung gewußt habe, besuche sie, und – "sie besuchen, sie sprechen und sich von ihr einflechten lassen, ist beinahe einerlei".
Sie "flocht" ihn denn auch wirklich "ein". Ein Jahr später kam es zwischen den beiden zum Ehebunde. Selbst vor seinen besten Freunden hatte der Münzmeister die Sache geheim gehalten. "Die ganze Stadt spricht: Göschen werde die J. heiraten, nur Kant und ich sprechen nichts davon, weil er uns keine Silbe von dieser seiner Absicht anvertraut hat" (Hippel an Scheffner, 12. August 1769). Dass während der Scheidungssache gegen Kant (!) und Hippel "manches unverdiente Wort" von dem Publikum gerichtet wurde, hatte letzterer schon früher erwähnt. Frau Maria Charlotta trotzte also dem Urteil der öffentlichen Meinung, verkaufte ihr schönes Haus in der Junker- und bezog ein weit einfacheres in der Landhofmeisterstraße. Am 23. Oktober fand, nach nur einmaligem (statt des gewöhnlichen dreimaligen) Aufgebot in einer Vorstadtkirche, die Trauung im Hause, nicht in der Kirche, statt. Kant hatte sich entschieden auf die Seite des verlassenen Ehemanns gestellt und blieb der Hochzeit fern. "Herr M. Kant, der ein recht guter Junge (!) und mein recht sehr guter Freund ist und bleibt," schreibt Hippel, "hat soviel Wunderliches von der jetzigen Frau Münzmeisterin, weiland Frau Geheimde Rätin, zu ihrem Gemahl gesagt und sich wider diese Heirat so empört, dass er Bedenklichkeiten findet, sich bei ihr zu zeigen." Es muß doch noch allerlei dahinter gesteckt haben; denn vorher heißt es in demselben Briefe und in derselben Sache von Kant: "Sie wollen mich eben nach dem Herrn Magister Kant fragen? Das ist ein Lustspiel, bestehend in fünf Aufzügen, das ich heute unmöglich geben kann." Schade drum!
Lange hat, im Unterschied von Hippel u. a., Kant sich von dem einstigen guten Freunde Göschen infolge dieser Eheaffäre ferngehalten. Jachmann, um 1784/85 Kants Zuhörer, berichtet darüber: "M(ünz) D(irektor) G(öschen) .... machte (sc. nach seiner Heirat) ein angenehmes Haus in Königsberg, das von sehr vielen Fremden besucht wurde. Kant wurde sehr häufig und sehr dringend hier eingeladen, aber er betrat nie die Schwelle dieses Hauses, aus Achtung für den ersten Mann, mit welchem er fortwährend in einem freundschaftlichen Umgange lebte. Er hielt es für unerlaubt und für unschicklich, mit beiden Männern zugleich in einem freundschaftlichen Verhältnisse zu leben, glaubte den ersteren dadurch zu beleidigen und dem anderen den Glauben beizubringen, als wenn er sein tadelhaftes Benehmen gut hieße. Mir ist es bekannt, dass ihn jetzt, so wie er handelte, beide Männer schätzten und verehrten." Ob nach Jacobis Tod (August 1774) dieser Grund wegfiel? Jedenfalls erzählt Hamann am 21. November 1786 von einer Mittagsgesellschaft, an der Kant und Göschen teilnahmen. Von 1790 ab ist die Wiederherstellung der alten Freundschaft bezeugt. Denn am 1. April 1790 schickt de la Garde, der Verleger von Kants Kritik der Urteilskraft und zugleich ein guter Bekannter der Göschens, in einem Bücherpaket an Kant unter Einschluß auch ein "Päckchen" an den inzwischen Münzdirektor gewordenen Göschen mit. Am 8. Juni 1795 bestellt Kiesewetter durch Kant brieflich viele herzliche Empfehlungen an den Münzdirektor, dem er bessere Gesundheit wünscht, und Familie. Zudem erzählte einem Urenkel des Ehepaares Göschen, dem gegenwärtig in Merseburg lebenden Amtsgerichtsrat Herrn Reinhold G., ein bejahrter Oheim, Enkel des Münzdirektors, dass er als Knabe Kant oft im Hause des Großvaters, auch in Gesellschaften, gesehen habe. Am 19. September 1795 schrieb der Philosoph dem einzigen, damals 17 jährigen Sohne des Paares, späterem Professor der Rechte und erstem Doktor der neugegründeten Berliner Universität J. F. L. Goeschen, einen seiner Lieblingsverse ins Stammbuch: Ad poenitendum properat, cito qui iudicat. Der Münzdirektor selbst aber machte bis zum Tode seiner Frau nicht bloß eins der gastlichsten Häuser in Königsberg, sondern stand auch bei vornehm und gering, wie auch bei seinen vorgesetzten Behörden, in bestem Ruf und Ansehen. Mag man über die Scheidung von dem ersten Manne denken wie man will – nach unserer Meinung war der Fehler durch die Heirat der noch nicht 13 jährigen gemacht worden —, jedenfalls hat Frau Maria Charlotta durch ihre langjährige und nach allem, was wir wissen, glückliche und mit vier Kindern gesegnete zweite Ehe gesühnt, was sie etwa verbrochen hat. Sie starb am 4. Januar 1795, überlebt von ihrem seitdem kränkelnden Manne († 7. Mai 1798) und von dem Freunde ihrer jungen Jahre, dem Magister Kant.
Äußere Lebensweise
Kehren wir von diesem Exkurs zu des Philosophen äußerem Leben während der 60er Jahre zurück. Wie wir sahen, wählte er seinen Umgang am liebsten unter Nicht-Fachgenossen. Denn er haßte die Gelehrten-Pedanterie ebensosehr wie das Cliquenwesen, das sich so leicht in abgeschlossenen Berufskreisen bildet. Er hat sich auch Zeit seines Lebens nie an offizielle Gelehrte Gesellschaften, deren mehrere in Königsberg bestanden, oder an Geheimbünde, wie der Freimaurer-Orden, angeschlossen, obwohl eine Anzahl seiner nächsten Bekannten dazu gehörten. Er verkehrte vielmehr mit gebildeten Männern und Jünglingen der verschiedensten Stände. Auch darf man sich die äußere Lebensweise des Magisters Kant keineswegs so streng nach der Uhr geregelt vorstellen, wie die des späteren Professors. Nachdem er seine Vormittag-Vorlesungen beendet, ging er gern in ein Kaffeehaus, um eine Tasse Tee zu trinken, unterhielt sich dabei über die Ereignisse des Tages oder spielte sein beliebtes Billardspiel. Mittags speiste er in einem guten Gasthaus an offener Tafel, falls er nicht, was oft genug vorkam, von privater Seite zu Tisch geladen war; er vermied dabei alle gelehrte Unterhaltung. Auch die Abende verbrachte er damals noch häufig im Gasthaus oder in Privatgesellschaften in angenehmem Gespräch oder nicht ungern beim L'Hombre, das er, wie wir uns erinnern, schon von seiner Studentenzeit her gut spielte, und das er für eine nützliche Übung nicht bloß des Verstandes, sondern auch in der Selbstbeherrschung und zugleich als das "einzige sichere Mittel, den Kopf von angestrengtem Denken abzuziehen und zu beruhigen" erklärte. Später gab er es auf, weil ihm die Mitspieler zu langsam spielten und er auch die Unterhaltung und den Verkehr mit Männern wie Green jenem bloßem "Notbehelf" vorzog. Ja, der heute von vielen als rigoristisch verschriene Denker konnte sogar – und in gewissem Sinne gilt dies für ihn bis in sein Alter hinein – recht seßhaft und trinkfest sein! Abegg hörte 1798 in großer Abendgesellschaft zu Königsberg den Kriegsrat Deutsch in dieser Beziehung ein nettes Stückchen erzählen, das uns den großen Philosophen auch einmal mit einer menschlichen Schwäche behaftet zeigt: "Kant konnte (nach Tisch) bis abends 7—8 Uhr sitzen bleiben und unterhalten, wenn nur jemand bei ihm blieb. Er war überaus munter, trank gerne Wein, so wie unser einer, und erzählte gar lustig, wie er einmal — das Loch in die Magistergasse nicht haben finden können" [mit dem "Loch" war vermutlich einer der engen Zugänge in diese heute noch ziemlich gut erhaltene Gasse vom Pregel aus gemeint; da er sie in der ersten Hälfte der 60er Jahre bewohnte, so muß die kleine Extravaganz in diese Jahre fallen]. Auch dem Besuch von Konzert und Schauspiel – seit 1755 besaß Königsberg ein ständiges Theater – war er in jener Zeit noch nicht abhold: so dass er manchmal erst um die mitternächtige Stunde nach Hause kam, während er seinen Grundsatz regelmäßigen Frühaufstehens trotzdem durchführte.
Ausflüge; Freude an der Natur
Ebenso ist es ein Irrtum, anzunehmen, was in fast allen Darstellungen zu lesen steht, dass Kant so gut wie gar nicht aus den Toren Königsbergs hinausgekommen sei. Das trifft – ganz abgesehen von seinen Hauslehrerjahren, die ihn in zwei entgegengesetzte Ecken der Provinz verschneite – wenigstens für die Magisterzeit durchaus nicht zu. Schon die wenigen Zufallsnachrichten, die uns über diese an sich ziemlich unerheblichen Dinge erhalten sind, zeigen, dass Kant in seinen jüngeren Jahren jedenfalls kein grundsätzlicher Gegner des Reisens gewesen ist. Er hat sogar einmal vorgehabt, England zu besuchen, und Ruhnken und Wielkes laden ihn nach Holland ein (W. an Kant, 18. März 1771); Frau Jacobi rechnet auf seine Begleiterschaft von Berlin nach Königsberg. Und, wenn er auch zu diesen großen Reisen nicht gekommen ist, so ist doch, außer den kleineren Landreisen mit Göschen und Hippel und dem Besuch bei General von Lossow (1765) in dem ziemlich entfernten Goldap in Masuren, auch eine Reise mit Freund Motherby nach Braunsberg zu einer Familie von Schorn bezeugt, die wahrscheinlich in den Anfang der 70er Jahre fällt (v. Baczkos Selbstbiographie, Bd. II, S. 13). Falls vor 1772, so wäre der Philosoph sogar über die Grenzen des damaligen Ostpreußen hinausgekommen; denn Braunsberg liegt bekanntlich in dem bis 1772 noch polnischen Ermeland. Zudem muß man bedenken, welche Anforderungen an den Beutel und – die körperliche Leistungsfähigkeit für einen ohnedies schwächlichen Mann wie Kant eine weitere Reise in damaliger Zeit stellte. Besaß doch noch zwölf Jahre nach seinem Tode die ganze Provinz Preußen erst — eine Meile Chaussee. Die Folgen waren Staub im Sommer, Morast im Winter, tiefe Löcher, Baumstümpfe, Steine überall, infolgedessen steckenbleibende Postwagen usw. Noch im August 1811 spottete der Kant befreundete Dorow, als er mit der Fahrpost von Königsberg abreiste: der Generalpostmeister habe die Lederüberzüge über den Wagen offenbar nur deshalb angeordnet, damit "die Vorübergehenden nicht die Jammergesichter sehen sollten, welche die Mitreisenden über die durch den fürchterlichen Wagen ihnen zugefügten Torturen schnitten". Und wie sollte unseren Kant eine Reise nach Berlin reizen, wenn ihm der viel jüngere Freund und Schüler Marcus Herz nach seiner Ankunft von dort schrieb: "das ungewöhnliche Wachen, das fünftägige Fahren und die ununterbrochenen Erschütterungen, die man auf dem Postwagen empfindet", hätten ihn dermaßen angegriffen, dass er mehrere Tage langunfähig zu der kleinsten geistigen Anstrengung gewesen wäre (H. an Kant, 11. Sept. 1770).
In die nähere und weitere Umgebung Königsbergs dagegen hat er öfters Ausflüge unternommen. So besuchte er mit Green "etlichemal" die sogenannte "Störbude" und die "angenehmen Gegenden um Pillau" (Borowski). Unter der Störbude ist wahrscheinlich ein kleines Haus zu Alt-Pillau zu verstehen, in dem der Stör mariniert und sein Rogen zu "preußischem", bis nach England, Frankreich und Rußland ausgeführtem Kaviar verarbeitet wurde34; Kant hat sich vermutlich die Zubereitung an Ort und Stelle ansehen wollen. Der Stör, der sich übrigens – wie heute noch vereinzelte Möven – manchmal bis nach Königsberg verirrte, wurde bei Pillau in solcher Menge gefangen, dass schon Friedrich Wilhelm I. 1725 dem zur Stadt erhobenen bisherigen "Stördorf" Pillau den einträglichen Meeresbewohner als Wappentier gab. So hat Kant nicht bloß, wie in der Seen-landschaft bei Goldap und zum Teil auch bei Arnsdorf, ansehnliche, bis zu 270 Meter Höhe aufsteigende Hügel gesehen, sondern auch mehr als einmal das Meeresbrausen aus nächster Nähe vernommen, wenn er bei Pillau an den Dünen des Haffs oder der Ostsee gestanden hat und durch die dortigen anmutigen Waldungen gewandert oder gefahren ist. Einmal, als er die Rückfahrt nach Hause zu Schiffe durch das Haff machte – sie betrug bei gutem Wetter vier Stunden —, hat er sogar die Seekrankheit bekommen: wie er in seiner "Anthropologie" meint, "durch die Augen", indem er, aus dem Kajütenfenster sehend, bei dem Schwanken des Schiffs selbst bei gelindem Winde bald den Himmel, bald die See bzw. die Uferhöhen mit der alten Burgruine Balga "in die Augen bekam"; wodurch dann nach seiner Ansicht Magen und Eingeweide zu einer "antiperistaltischen" Bewegung von unten nach oben gereizt wurden.
Im allgemeinen zog er wohl dem erhabenen Anblick des wogenden Meeres den idyllischen von Wald, Wiese und kleineren Flußtälern vor. So erzählte er noch in seinen letzten Jahren seinem treuen Pfleger Wasianski "mit fast poetischer Malerei, die er sonst in seinen Erzählungen vermied", gern von der Zeit, die er öfters auf Wohnsdorf, dem Rittergute der Familie von Schroetter, bei Friedland an der Alle zugebracht hatte; wie sie dann, er mit seinem Gastherrn und dem General von Lossow, an schönen Sommervormittagen in einer noch heute dort als Kantlaube gezeigten Gartenlaube an dem hohen Ufer des Flüßchens bei Kaffee und Tabak gesessen hätten. Man sieht: er war mit wenigem zufrieden. Er fühlte sich dort besonders wohl, weil er da ganz wie zu Hause, nach eigenem Gefallen leben konnte, und so war dies das einzige Haus in weiterer Entfernung von Königsberg, das er "sehr oft" und "auf mehrere Tage", anscheinend auch noch in seinen späteren Jahren, besuchte. In der Nähe der Stadt dagegen lag sein vielleicht liebster Aufenthaltsort überhaupt: das etwa eine Meile nördlich von Königsberg entfernte Forsthaus Moditten, mitten im Walde gelegen, der sich auf dieser Seite damals noch bis vor die Tore der Stadt hinzog. Im Forsthause selbst wohnte Kants Freund, der Oberförster Wobser, gleich den meisten seiner Berufsgenossen ein Mann von großer Natürlichkeit, gesundem Verstand und wackerem Herzen. Bei ihm hielt sich Kant während der Universitätsferien öfters sogar, was bei ihm viel heißen wollte, länger als eine Woche auf. Dort, in der Stüle des Waldes, schrieb er 1764 seine dem größeren Publikum damals wohl bekannteste Schrift, die allgemeinverständlichen und geistreichen 'Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen'. Hier konnte er unter "hohen Eichen und einsamen Schatten" sogar schwärmen von der "ruhigen Stüle eines Sommerabends", wenn "das zitternde liebt der Sterne durch die braunen Schatten der Nacht hindurchbricht und der einsame Mond im Gesichtskreise steht" und ihn "allmählich in hohe Empfindungen zog von Freundschaft, von Verachtung der Welt, von Ewigkeit". So hat auch der für nüchtern geltende Kant der Zeit des Gefühls und der Empfindsamkeit seinen Tribut bezahlt. Noch heute zeigt man dem Besucher die Giebelstube des jetzt in eine ländliche Restauration umgewandelten Forsthauses, in welcher der Philosoph gewohnt, die alte Linde, in deren Hochsitz er gesessen, unter deren Schatten er seine Schrift geschrieben haben soll. Nicht weit davon hat man eine schöne Aussicht über das Pregeltal bis zu dem fernen Haffe hin. Der wackere Wobser aber, der lange vor ihm starb, blieb ihm so unvergeßlich, dass er bei der Erinnerung an ihn noch in seinen letzten Lebensjahren warm und lebhaft werden konnte.
Endlich zog Kant auch die begabtesten unter seinen Zuhörern zu gelegentlichem Verkehr mit sich heran, öfters geschah es in diesen seinen jüngeren Jahren, dass er nach dem letzten Vormittagskolleg einen oder zwei Studiosen zu einem gemeinsamen kleinen Spaziergang aufforderte. Von seinem Verhältnis zu einzelnen, wie Herder, wird noch besonders zu reden sein. Und er muß bei der Studentenschaft nicht bloß als geistvoller Lehrer, sondern auch als Kenner feinerer Sitte geschätzt gewesen sein; gerade er sollte, wie Hamann im April 1764 an Lindner schreibt, bei dem Leichenbegängnis des von den Studierenden ebenfalls sehr geschätzten Professors der Rechte Dr. Funk "das Gepränge veranstalten". Ob er infolge aller dieser im Vorigen geschilderten geselligen Beziehungen zeitweise wirklich "durch einen Strudel gesellschaftlicher Zerstreuungen fortgerissen" war, wie der nämliche, seinerseits freilich ganz abseits vom Strome der Königsbeiger Geselligkeit lebende Hamann, phantasiereich wie immer, behauptet, wollen wir dahingestellt sein lassen. Spricht dieser doch in dem gleichen Briefe (vom 1. Februar 1764) von den zahlreichen schriftstellerischen Arbeiten und Plänen, die der "kleine Magister" damals in seinem Kopfe trug, und die er, wie wir bald sehen werden, zum größten Teil auch ausgeführt hat; und entfaltete der nämliche fleißige Magister doch gerade in den 60er Jahren eine besonders reiche Vorlesungstätigkeit. Immerhin, wenn man bloß nach der Außenseite urteilte, wenn man sah, wie er, alle Pedanterie und alle Gelehrtenzopfigkeit verachtend, gern und gewandt sich in allen Kreisen bewegte, mochte man ihn wohl den "galanten" Magister nennen. Dass jedoch hinter dieser weltmännischen Außenseite sich, den meisten verborgen, eine reiche und tiefgehende innere Entwicklung vollzog, werden wir jetzt sehen.
Drittes Kapitel.
Geistige Entwicklung der 60er Jahre
Rousseau und Hume
Vorlesungen
Wir werfen zunächst einen Blick auf seine Vorlesungstätigkeit während dieser Zeit. Schon quantitativ stellt sie eine ganz bedeutende Leistung dar. Es hat wohl selten einen fleißigeren Privatdozenten gegeben als Magister Kant. Für das Sommersemester 1761 z. B. kündigte er nicht weniger als sechs Kollegia auf einmal an: von 8—9 Logik, von 9—10 Mechanik, 10—11 Physik, 11—12 Metaphysik (diese vierstündig); nachmittags von 2—3 Physische Geographie (sechsstündig), von 3—4 Arithmetik, Geometrie und Trigonometrie, dazu Mittwoch und Sonnabend von 8—9 noch ein "Disputatorium", das er schon 1758 eingeführt, in dem "die in den vorigen Tagen abgehandelten Sätze polemisch betrachtet" werden sollten; "welches meiner Meinung nach eines der vorzüglichsten Mittel ist, zu gründlichen Einsichten zu gelangen". Ja, außerdem erbot er sich noch, auch die übrigen Mittwoch- und Samstagstunden gratis "Wiederholungen und Lösung von Zweifeln" widmen zu wollen. Und wenn auch nicht alle diese Vorlesungen zustande gekommen sein sollten, so hat doch die Durchschnittszahl während seiner Magisterjahre nicht unter 16 Wochenstunden betragen. Die wohl mit Rücksicht auf die schlechte Vorbildung seiner Zuhörer ziemlich elementar gehaltenen mathematischen Kurse gab er allerdings seit 1763 auf; dafür kamen aber seit 1767 Naturrecht und "Enzyklopädie der ganzen Philosophie nebst einer kurzgefaßten Geschichte derselben" (für Anfänger und Nichtphilosophen) hinzu. Metaphysik las er 1766/67 sechs- bis achtstündig, ebenso anscheinend im folgenden Winter. Und dabei strengte er sich auch körperlich an. Während andere Königsberger Professoren "vom Morgen bis Abend saßen und ihren Mund bewegten, ohne dass sie über ihre Leibesbeschaffenheiten zu klagen hatten", trug Kant "mit vieler Anstrengung" vor (Marcus Herz an Kant, 11. September 1770). Er wollte eben keine Kompendien ableiern, sondern Eigenes geben, wollte, wie er in der für das Verständnis seiner Lehrweise äußerst wichtigen 'Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbjahre 1765/66' erklärt, nicht eine fertige Philosophie eintrichtern, sondern philosophieren lehren.
Der junge Herder
Dafür erntete er denn auch die Begeisterung aller begabten Köpfe und des Enthusiasmus fähigen Gemüter unter seinen Hörern. So erzählte der spätere Kriminalrat Jensen noch nach 30 Jahren Abegg, wie interessant Kant in seinen Vorlesungen gewesen sei. Er sei wie in einer Begeisterung aufgetreten und habe dann gesagt: Da und da sind wir stehen geblieben. Die Hauptidee habe er sich so tief und lebendig eingeprägt, dass er nur nach derselben und in derselben die ganze Stunde lebte und oft auf das Kompendium, worüber er las, wenig Rücksicht nahm. Der berühmteste seiner Hörer wurde der junge Herder, der nach einer trüben, in seinem Heimatstädtchen Mohrungen verlebten Jugend mit 18 Jahren nach Königsberg kam, um alsbald ein begeisterter Verehrer Magister Kants zu werden. Gleich die erste Vorlesung, in der dieser seine freieren religiösen Ansichten durchblicken ließ, machte mächtigen Eindruck auf ihn. Seine glühende Begeisterung machte sich in enthusiastischen Versen Luft, die man in seinem Nachlaß gefunden hat: "Als ich in Sklavenketten lag, da kam Apoll – die Fessel weg! mein Erdenblick ward hoch – Er gab mir Kant!" Und ähnlich zwei Jahre später: "Die Fessel weg – so sprach Apoll," er schwingt den "neuen Hut der Freiheit" und – "hörte Kant". Dieser ließ den begabten, aber armen Studenten, der sich sein Brot durch Unterricht am Fridericianum verdienen mußte und deshalb nur wenig Zeit zum Collegienhören hatte, wie er in solchen Fällen gern tat, unentgeltlich an allen seinen Vorlesungen teilnehmen. So hörte Herder in den vier Semestern 1762—1764 bei ihm Logik, Metaphysik, Mathematik, Moral und – mit besonderem Wohlgefallen – Physische Geographie. "Mit gespannter Aufmerksamkeit", teilte nach Herders Tode dessen Jugendfreund und Mithörer, der Kriegsrat Bock, der Witwe mit, "faßte er jede Idee, jedes Wort des großen Philosophen auf und ordnete zu Hause Gedanken und Ausdruck … Einst in einer heiteren Frühstunde, wo Kant mit vorzüglicher Geisteserhebung und, wenn die Materie die Hand bot, wohl gar mit poetischer Begeisterung zu sprechen und aus seinen Lieblingsdichtem Pope und Haller Stellen anzuführen pflegte, war es, wo der geistvolle Mann sich über Zeit und Ewigkeit mit seinen kühnen Hypothesen ergoß. Herder wurde sichtbarlich und so mächtig davon betroffen, dass, als er nach Hause kam, er die Ideen seines Lehrers in Verse kleidete, die Hallern Ehre gemacht hätten. Kant, dem er sie am folgenden Morgen vor Eröffnung der Stunde überreichte, war ebenso betroffen von der meisterhaften poetischen Darstellung seiner Gedanken und las sie mit lobpreisendem Feuer im Auditorium vor." Ein ebenso schönes Zeugnis für den Meister wie für den Schüler!
Dass der erstere, trotz der ihm entgegengebrachten glühenden Verehrung des Jünglings, für dessen Mängel nicht blind war, zeigt die Überlieferung, dass der Philosoph nach der Lektüre eines Herderschen Karfreitag-Gedichtes in der Königsberger Zeitung äußerte: "Wenn das brausende Genie wird abgegoren haben, wird er gewiß mit seinen großen Talenten ein nützlicher Mann werden." Die weitere Entwicklung des Verhältnisses zwischen beiden wird uns noch beschäftigen. In der Königsberger Periode Herders und der ihr zunächst liegenden Zeit finden sich jedenfalls "bewußte und unbewußte Reminiszenzen an des Lehrers gedruckte oder ungedruckte Worte zerstreut überall in den Stücken aus Herders Feder", wie "Herders Lebensbild" (von seinem Sohne, Erlangen 1846—1848) zusammenfassend bemerkt; "ja alles, was er von Philosophie besaß, trug im Grunde mehr oder weniger dessen Stempel." Auch zu seiner damaligen Rousseau-Begeisterung war er durch Kant geführt worden, desgleichen zu Hume. Kant hatte ihn "in die Rousseauiana und Humiana gleichsam eingeweiht, aber zugleich auch durch die Metaphysik darüber erhoben", wie er wenige Jahre später an Scheffner schreibt (4. Okt. 1766). Und in seinem 'Journal meiner Reise im Jahre 1769' ruft er, indem er seine radikalen Reformpläne in bezug auf den Philosophie-Unterricht entwickelt, begeistert aus: "Ein lebendiger Unterricht darüber im Geiste eines Kants, was für himmlische Stunden!"
So können wir es wohl begreifen, dass er noch nach drei Jahrzehnten, als sich längst seine Bahnen von denen des kritischen Philosophen getrennt hatten, in seinen Briefen zur Beförderung der Humanität (1795) die berühmte dankbare Charakteristik des einstigen Lehrers niederschrieb, die wir im Wortlaut wiedergeben müssen, weil sie am anschaulichsten und zusammenfassendsten die äußere Erscheinung wie die Lehrweise des Magisters Kant schildert: "Ich habe das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen, der mein Lehrer war. Er, in seinen blühendsten Jahren, hatte die fröhliche Munterkeit eines Jünglings, die, wie ich glaube, ihn auch in sein greisestes Alter begleitet. Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude; die gedankenreichste Rede floß von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang. Mit ebendem Geist, mit dem er Leibniz, Wolf, Baumgarten, Crusius, Hume prüfte und die Naturgesetze Keplers, Newtons, der Physiker verfolgte, nahm er auch die damals erscheinenden Schriften Rousseaus, seinen Emil und seine Heloise, sowie jede ihm bekannt gewordene Naturentdeckung auf, würdigte sie und kam immer zurück auf unbefangene Kenntnis der Natur und auf moralischen Wert des Menschen. Menschen-, Völker-, Naturgeschichte, Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus denen er seinen Vortrag und Umgang belebte, nichts Wissenswürdiges war ihm gleichgültig; keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein Namensehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbst denken; Despotismus war seinem Gemüte fremd. Dieser Mann, den ich mit größester Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist Immanuel Kant; sein Bild steht angenehm vor mir."35 So steht der damalige Dozent Kant in der Tat beinahe noch größer als der Schriftsteller da.
Herder hat uns soeben die Namen derjenigen Denker genannt, die Kants lebhaften Geist damals am stärksten beschäftigten. Von Newton und den Physikern haben wir schon im ersten Kapitel dieses Buches gesprochen. Dass er sich mit den Urhebern und Häuptern der eben damals erst ihren Glanz verlierenden deutschen Philosophenschule, den Leibniz und Wolff, und den selbständigeren unter ihren Nachfolgern, Baumgarten und Crusius, in seinem Metaphysik-Colleg auseinandersetzte, war selbstverständlich. Die neuen Namen aber, die uns schon wiederholt begegnet sind, lauten: Rousseau und Hume.
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