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Philip Broistedt/Christian Hofmann (Hg.)

Planwirtschaft


© 2022 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

978-3-85371-900-8

(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-504-8)

Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.at www.verlag-promedia.de

Inhaltsverzeichnis

Philip Broistedt/Christian Hofmann: Einleitung

Kapitel 1: Arbeitszeitrechnung und die Assoziation der freien ProduzentInnen

Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (1877)

Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms (1875)

Helene Bauer: Geld, Sozialismus und Otto Neurath (1923)

Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland): Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung (1935)

Kapitel 2: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

Otto Neurath: Wesen und Weg der Sozialisierung (1919)

Nikolaj Bucharin: Das Programm der Kommunisten (1919)

Alexander Schljapnikow: Die Organisation der Volkswirtschaft und die Aufgaben der Gewerkschaften (1920)

Kapitel 3: Planmäßige Anwendung des Wertgesetzes

Rudolf Hilferding: Die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Republik (1927)

Wladimir Iljitsch Lenin: Die Neue Ökonomische Politik und die Aufgaben der Ausschüsse für politische und kulturelle Aufklärung (1921)

Autorenkollektiv sowjetischer Ökonomen: Der Charakter des Wirkens des Wertgesetzes im Sozialismus (1954)

Leo Trotzki: Verratene Revolution (1936)

Kapitel 4: Planwirtschaftsdebatte 2.0

Wolfgang Harich: Kommunismus ohne Wachstum (1975)

Rudolf Bahro: Die Alternative (1977)

Pat Devine: Demokratie und wirtschaftliche Planung (1988)

Paul Cockshott/Allin Cottrell: Alternativen aus dem Rechner (1993)

Über die Herausgeber

Philip Broistedt, geboren 1979, lebt in Berlin und arbeitet als Programmierer. Er beschäftigt sich mit Marx’scher Kapitalismuskritik und kommunistischer Arbeitszeitrechnung. Zusammen mit Christian Hofmann veröffentlichte er 2020 das Buch »Goodbye Kapital«. Er engagiert sich in verschiedensten linken Zusammenhängen und war zuletzt vor allem bei der Initiative »Deutsche Wohnen & Co enteignen« aktiv.

Christian Hofmann, geboren 1980, lebt in Leipzig und arbeitet im Bildungsbereich. Er publiziert in verschiedenen linken Zeitschriften und auf assoziation.info, oft zusammen mit Philip Broistedt. Er engagiert sich in der ökosozialistischen Strategiedebatte und Vernetzungsarbeit und an der Schnittstelle von Gewerkschaften und Ökologiebewegung.

Philip Broistedt/Christian Hofmann: Einleitung

Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. […] Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.

Karl Marx

Nie vor der neuzeitlichen Geschichte sind eine Idee und eine Bewegung, die auf die Befreiung des Menschen ausgerichtet waren, bei dem Versuch der gesellschaftlichen Verwirklichung so nachhaltig, so tragisch und zugleich so jämmerlich unheroisch gescheitert.

Manfred Kossok 1

Mit dem Ende des 20. Jahrhunderts schien es ausgemacht: Der kapitalistische Markt hatte über die Planwirtschaft gesiegt. Die Versuche, mittels bewusster Planung von Produktion und Verteilung die kapitalistischen Länder »einzuholen und zu überholen«, waren gescheitert. Planwirtschaftliche Modelle galten als abgeschrieben, hatten sie sich doch als ökonomisch rückständig und ineffizient entpuppt und sich politisch als undemokratisch und repressiv erwiesen. Starker Zentralismus, uferlose Bürokratie und autoritäre Einparteienherrschaften schienen untrennbar mit der Idee des geplanten Wirtschaftens verbunden zu sein. Nicht nur die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Satellitenstaaten, auch China, Vietnam, Nordkorea oder Kuba gaben oder geben ein sehr ähnliches Bild ab.

Allerdings verhallt in unserer Zeit das Hohelied des freien Marktes schneller, als von den Apologeten dieser Gesellschaft erhofft. Verschiedene Krisen, wie die Weltwirtschaftskrise 2008, erzwungene Migrations- und Fluchtbewegungen, zunehmende soziale Verwerfungen und Verelendungen und nicht zuletzt die ökologische Katastrophe und ihre dramatischen Auswirkungen auf die Lebensgrundlagen des Menschen, haben zu einer Krise in Permanenz geführt. Dieser ist mit marktwirtschaftlichen Methoden ganz offensichtlich nicht beizukommen. Und so werden zumindest die destruktiven Auswirkungen des Marktes langsam in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer hat treffend festgehalten, dass »der Weg in den Untergang mit gut gemeinten, marktbasierten Instrumenten gepflastert« sei.2 Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin der tageszeitung, hat bezüglich der Klimakrise bereits die aus der Not heraus geborene wirtschaftliche Lenkfunktion des englischen Staates während des Zweiten Weltkriegs zum Vorbild auserkoren, weil damals »die Produktionsziele staatlich vorgegeben« wurden.3 Und zwei der namhaftesten deutschen Klimaforscher, Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber, sprachen in puncto notwendiger Entscheidungen zur Senkung von Treibhausgasemissionen bereits von »Reduktionsmaßnahmen, die sich eigentlich nur im Rahmen einer (globalen!) Kriegswirtschaft realisieren lassen«.4 Was die beiden noch als Schreckensszenario anführten, bekam beim schwedischen Humanökologen Andreas Malm eine positive Wendung. Trotzdem wurde auch er breit rezensiert, als er den Zusammenhang von Corona, Klimakrise und dem chronischen Ausnahmezustand darstellte und als Lösung den »Kriegskommunismus des 21. Jahrhunderts« propagierte.5 Ob bei den globalen CO2-Budgets, der Impfstoffproduktion oder der Bereitstellung von Atemschutzmasken: Immer öfter war zuletzt, nicht nur im angelsächsischen Raum, von Planwirtschaft, planning oder sogar Kommunismus die Rede.

Aber ist die Idee des geplanten Wirtschaftens nicht bereits krachend gescheitert? Sind Zentralismus und politische Repressalien eine logische Folgeerscheinung von geplantem Wirtschaften, wie die ständigen Verweise auf die Kriegswirtschaft nahelegen? Kann der Begriff der Planwirtschaft einfach mit Sozialismus oder Kommunismus in eins gesetzt werden? Und warum sollte ausgerechnet die Idee einer geplanten Wirtschaft die ökologische Katastrophe verhindern, wo doch auch die Planwirtschaft des real existierenden Sozialismus durch gigantische Umweltverschmutzungen auffiel?

Wer nach Alternativen zum zerstörerischen Kapitalismus Ausschau halten will, muss sich diesen berechtigten Fragen stellen. Trotz allem Unheil, welches zweifelsohne im Namen der Planwirtschaft im 20. Jahrhundert geschehen ist, kommt ernst gemeinte Kritik am Kapitalismus nicht um die Frage nach bewusster und planmäßiger gesellschaftlicher Produktion als Alternative herum. In diesem Buch haben wir deshalb 15 Texte aus über 150 Jahren zusammengestellt, die sich in der einen oder anderen Form auf gesellschaftlich planmäßige Produktion beziehen und in diesem Sinne unter dem Schlagwort Planwirtschaft zusammengefasst werden können.6

Die Texte sind in ihren Inhalten äußerst heterogen und repräsentieren vollkommen unterschiedliche politische Perspektiven und Programmatiken. Was sie eint, ist zumindest der selbstbehauptete Anspruch der versammelten Autor­Innen, den kapitalistischen Markt überwinden und durch bewusste Planung ersetzen zu wollen. In diesem Sinne bezogen sich alle AutorInnen positiv auf das emanzipatorische Ziel einer kommunistischen Gesellschaft. Referenzpunkt aller Texte ist somit eine Planwirtschaft jenseits von Kapital- und Marktverhältnissen, die – zumindest langfristig – ohne Geld funktionieren sollte. Versuche der Vereinigung von Markt und Plan in einer »sozialistischen Marktwirtschaft« oder einem »Marktsozialismus« fanden bei der Textauswahl zu diesem Buch bewusst keine Berücksichtigung.7

Einleitend wollen wir an dieser Stelle diskutieren, welchen positiven und progressiven Gehalt eine geplante Wirtschaft haben könnte. Dabei wollen wir die zentralen Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise darlegen, die eine Planwirtschaft überwinden sollte. Auch auf die Verweise von Karl Marx bezüglich bewusster kommunistischer Produktionsweise, also gesellschaftlich-genossenschaftlicher Produktion und Verteilung, werden wir dabei eingehen. Im Anschluss wird ein Blick auf die Geschichte der Planwirtschaft des 20. Jahrhunderts geworfen, um uns zuletzt damit zu beschäftigen, inwiefern die Entwicklung der Produktivkräfte der letzten Jahrzehnte die Diskussion um genossenschaftlich-gesellschaftliche Planung beeinflusst. Unsere Einleitung schließt mit einer Einführung und Kontextualisierung der ausgewählten Texte.

I. Die Arbeitszeitrechnung und der »Verein freier Menschen«

Der Kapitalismus war in seiner Geschichte umwälzend und hat sowohl technisch als auch gesellschaftlich für Fortschritte gesorgt, die man heute nicht missen möchte. Aber seine Vorzüge schlagen um und werden zum Hemmschuh weiterer Entwicklung. Mehr noch, wer die Fakten zur Klimakrise und dem Massenaussterben ernst nimmt, wird gewahr, wie die Menschheit in die Katastrophe schlittert und trotz aller technischen Innovationen dabei hilflos zusieht. Ob die eigentlichen Wirtschaftskrisen oder die sozialen und ökologischen Krisen, die Triebkraft hinter ihnen ist ein Wirtschaftssystem, dessen Strukturen Profit und stetiges Wachstum voraussetzen. Die Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise verlangen, dass Ziel und Maß der Produktion alleine im Mehr am Kapital, dem Profit, bestehen kann. Hier liegen die Wurzeln für den dieser Gesellschaft inhärenten Wachstumszwang und des Zur-Ware-Werdens von allem, jeder und jedem. Das grenzenlose Wachstum steht dabei mehr und mehr im Widerspruch zu den endlichen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten. Ein »grüner Kapitalismus« oder ein »Green New Deal« helfen aus diesem grundsätzlichen Dilemma nicht heraus. Auch »Postwachstum« oder »Degrowth« werden auf dieser Grundlage fromme Wünsche bleiben müssen, eben weil sie den Zwang, immer mehr und immer billiger produzieren zu müssen, nicht bändigen können. Jedes Unternehmen, sprich jedes Kapital – mögen die hinter ihm stehenden Menschen, seine Waren und Dienstleistungen nun ehrbar sein oder nicht – muss danach streben, Profit zu erwirtschaften. Das Hamsterrad der Profitmaximierung prägt mittlerweile die gesamte Gesellschaft, die ebenfalls einer stetigen Beschleunigung ausgesetzt ist. Der Zwang, immer günstiger zu produzieren, führt geradewegs zur grenzenlosen Ausbeutung von Mensch und Natur. Dabei tun sich sonderbare Widersprüche auf: Krisen entstehen, weil zu viele Waren, zu viel an Reichtum produziert wurde, der vielleicht dringend gebraucht wird, aber keine zahlungskräftige Nachfrage findet. Während die einen immer länger, schneller und mehr arbeiten müssen, verharren andere in Arbeitslosigkeit. Obwohl die Grenzen der Stabilität und Belastbarkeit des Erdsystems, die planetaren Grenzen, längst erkannt und bestimmt sind, ist der Raubbau an der Natur nicht zu stoppen und die Menschheit untergräbt ihre eigenen Lebensgrundlagen.8

Dabei wären diese Widersprüche leicht zu beseitigen: Statt profitgetriebener Überproduktionskrisen könnte die Gesellschaft genauso viele Güter produzieren, wie nützlich sind und gebraucht werden. Produktivere Maschinen würden so eingesetzt, dass alle Menschen weniger arbeiten müssten oder aber qualitativ und ökologisch nachhaltigere Produkte in derselben Zeit produzieren. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse, gerade bezüglich der planetaren Belastungsgrenzen, könnten die Grundlage jeglichen Produktionsprozesses sein. Was einfach und logisch klingt, ist auf dem Boden dieser Gesellschaft nicht umsetzbar, schließlich bedürfte es dazu gesamtgesellschaftlich abgestimmter Produktions- und Reproduktionspläne.

Natürlich gibt es auch heute schon Pläne und Planung in der Produktion. Die Planung endet allerdings unter den aktuellen Bedingungen dort, wo der Konzern endet. Das heißt auch, dass »externe Kosten« und »externer Nutzen« nicht mit kalkuliert bzw. berücksichtigt werden. Da jedes Unternehmen darauf setzt, maximalen Profit zu erwirtschaften, muss es den genauen Bedarf der Menschen gar nicht kennen. Es wird nur zahlungsfähiges Bedürfnis beachten können und darauf setzen, die Konkurrenz mittels Preiskampf, Werbung und Marketing zu übertrumpfen, auch auf die Gefahr der Überproduktion. Eine gesamtgesellschaftliche Planung kann es deshalb unter den privatwirtschaftlichen Eigentumsverhältnissen nicht geben. Man kann nur das verplanen, über das man zumindest verfügen kann. Erst wenn die Gesellschaft sich der Produktionsmittel bemächtigt, kann es auch eine gesamtgesellschaftliche Rechnungsführung und Planung geben. Mit dieser vermag man die Produktion insgesamt auf die Bedürfnisbefriedigung umzustellen. Auch der dringend notwendige ökologische Um- und Rückbau der Industrie müsste alle Produktionskapazitäten miteinbeziehen und diese bewusst berechnet im Interesse der Menschen neu justieren. Aber die privaten Eigentumstitel, der Privatbesitz an den Produktionsmitteln, verhindern rationales gesellschaftliches Planen. Solange diese bestehen, kann auch der Zwang zum Wachstum nicht unterbunden werden, auf Dauer gesehen kann man ihn nicht einmal nachhaltig regulieren. Der Wachstumszwang ist keine nebensächliche Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern steckt konstitutiv im Kapital und damit letztlich in Geld, Wert und Ware.

Die Arbeitszeit bestimmt heute den Wert der Produkte und das Wertgesetz regelt damit unbewusst für die Beteiligten die gesamte Produktion. Auch wenn der Wert oberflächlich betrachtet als natürliche Eigenschaft der Waren erscheint, so löst er sich bei der Analyse in Arbeit auf.9 Die geleistete Arbeitszeit würde auch in geplanter gesellschaftlich-genossenschaftlicher Produktion eine Schlüsselrolle spielen müssen. Maßgeblich wäre, dass die Arbeit bereits vor der Produktion unmittelbar gesellschaftlich wäre. Statt über den Umweg von Wert und Markt könnte sie bei gesellschaftlichem Besitz der Produktionsmittel direkt gemessen werden und als grundlegende Rechnungsgröße für die Produktion dienen. In diesem Sinne wären die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bei einer gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeitrechnung »durchsichtig einfach«. Während die über den Umweg des Marktes und der Ware-Geld-Beziehungen genommene Arbeitszeit die Gesellschaft unbewusst beherrscht, wäre die direkt gemessene Arbeitszeit die Grundlage bewusster Planung. Eine zweite und untergeordnete Frage ist die nach der Verteilung der produzierten Güter. Auch hier könnte, zumindest vorübergehend, die individuell geleistete Arbeitszeit eine wichtige Rolle spielen, wenn Arbeitszeitkonten an die Stelle des Geldes treten würden.10

Eine solche bewusst geplante Arbeitszeitrechnung stellt beim heutigen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung kein Problem dar. Ideengeschichtlich kann man sie bereits bei Karl Marx finden, bei dem sie die Konsequenz seiner Analyse der kapitalistischen Produktionsweise markiert. In seinem Hauptwerk, dem »Kapital«, stellt er in einer Passage den Vergleich an zwischen der seinerzeitigen mit einer nachkapitalistischen Gesellschaft: »Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.«11

Im ersten Kapitel haben wir Texte zusammengestellt, die die Arbeitszeit als Dreh- und Angelpunkt einer möglichen kommunistischen Planung theoretisieren. Eine solche Arbeitszeitrechnung spielte in Theorie und Praxis des real existierenden Sozialismus keine Rolle, weshalb diese Texte rein theoretischer Natur sind. Die Gruppe Internationaler Kommunisten Holland (GIK) konnte ihre Theorie allerdings schon in Abgrenzung zur Praxis der Sowjetunion der 1920er-Jahre formulieren. Gegen diese führte sie die Arbeitszeitrechnung ins Feld: Dabei ist diese »Durchführung der Arbeitsstunde als Maßstab« nichts, was den Menschen von oben aufgesetzt oder verordnet werden könnte, sondern funktioniert nur, wenn ArbeiterInnen dies selbsttätig akzeptieren und sich als »Assoziationen von freien und gleichen ProduzentInnen« zusammenschließen. Auch Marx hatte schon darauf hingewiesen, dass es in einer kommunistischen Gesellschaft darum gehen müsse, die »vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft« zu verausgaben und ihren Zusammenschluss nicht zufällig einen »Verein freier Menschen« genannt.12 Die Durchführung der Arbeitszeitrechnung steht also in einem untrennbaren Zusammenhang zur freien und selbstständigen politischen Konstitution der Menschen. In der Planwirtschaft des real existierenden Sozialismus war das Gegenteil der Fall, weshalb wir diesen auch synonym als Staatssozialismus bezeichnen.

Die Idee, die Menschen mögen sich die Produktionsmittel aneignen, sich politisch als freie und gleiche Wesen assoziieren, um auf dieser Grundlage ihre individuellen Arbeitszeiten als eine gemeinschaftliche planen zu können, wurde nicht im luftleeren Raum geboren, sondern hatte ihrerseits große gesellschaftliche Voraussetzungen. Erst die »Doppelrevolution«, die »Einheit von politisch-sozialer Umwälzung (ausgehend von der Französischen Revolution) und ökonomisch-technologischer Revolution (Zentrum England)«13 schuf den Boden für die Theorie von der Emanzipation des Menschen im Kommunismus. Die Entwicklung der Produktivkräfte hatte dazu geführt, dass in der modernen Industrie immer mehr Menschen ohne eigene Produktionsmittel arbeiteten und dabei direkt gesellschaftlicher Produktion nachgingen. Dies war die Grundlage für das Postulat, die Gesellschaft als Ganze müsse über diese Produktionsmittel bestimmen und auch über das gesellschaftlich produzierte Produkt verfügen. Die Produktivität der Arbeit sollte dabei einen Entwicklungsstand erreicht haben, der ein deutliches Mehrprodukt über die eigene Subsistenz gewährleisten könne. Marx und Engels stellten einmal in derben Worten fest, dass dies die Voraussetzung für den Kommunismus sei, weil andernfalls »nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste«.14 Entwickelte Produktivkräfte als Voraussetzung der menschlichen Emanzipation beschreibt hier allerdings nicht nur den Entwicklungsstand der modernen Industrie, sondern auch die gesellschaftlich politische Dimension, die »geistigen Voraussetzungen«. Der gemeinschaftliche Produktionsplan hat schließlich die Selbsttätigkeit und Autonomie der Einzelnen zur Voraussetzung, die sich aus freien Stücken assoziieren, um einen gesellschaftlichen Produktionsplan aufzustellen und umzusetzen. Ebenso wie ein gewisser Entwicklungsstand der Produktionsmittel und der Möglichkeiten der Produktion materiellen Reichtums, sind somit auch das moderne Demokratie-, Gleichheits- und Rechtsverständnis, die bürgerlichen Menschenrechte und die Aufklärung, Voraussetzung für assoziierte Produktion nach Plan. Die soziale Emanzipation setzt die »bürgerliche Emanzipation« voraus, um sie dann ihrerseits weiterzuentwickeln und auf höherer Stufenleiter zu entfalten.

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281 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783853719008
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Bookwire
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