Читать книгу: «Sich und andere führen (E-Book)»

Karl Kälin, Peter Müri
Sich und andere führen
Psychologie für Führungskräfte,
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
ISBN Print: 978-3-0355-1449-0
ISBN E-Book: 978-3-0355-1882-5
Illustrationen: Bruno Peyer
17. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© 2020 hep Verlag AG, Bern
hep-verlag.ch
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1 Selbstentwicklung
1 Die situativ-kooperative Führung
Karl Kälin
1.1 Sich und andere besser verstehen
1.2 Das eigene Führungsverhalten kennenlernen
1.3 Führen verlangt soziale und technische Fähigkeiten
1.4 Optimales Führungsverhalten ist situationsgerecht
1.5 Führungsverhalten und Psychotherapie
2 Die Transaktionsanalyse (TA) im Führungsalltag
Karl Kälin
2.1 Die vier Bereiche der Transaktionsanalyse
2.2 Das Persönlichkeitsmodell der Transaktionsanalyse
2.3 Meine Persönlichkeitsstruktur: das Egogramm
2.3.1 Fragebogen zur Transaktionsanalyse
2.3.2 Die Auswertung des Fragebogens
2.3.3 Egogramm und Führungsstil
2.4 Die Grundeinstellung zu mir und anderen
2.5 Führung und Motivation
2.6 Richtungen der Persönlichkeitsentwicklung
2.7 Die Analyse von Transaktionen
2.8 Unser Bedürfnis nach Beachtung
2.8.1 Die Hierarchie der Beachtung
2.8.2 Kleben Sie psychologische Rabattmarken?
2.9 Spiele der Erwachsenen
2.9.1 Die Verfolger-Rolle
2.9.2 Die Retter-Rolle
2.9.3 Die Opfer-Rolle
2.9.4 Führungsstil und Spiele der Erwachsenen
2.9.5 Auf manipulative Rollen verzichten
2.10 Das Skript: der unbewusste Lebensplan
2.10.1 Die Antreiber in unserem Kopf
2.10.2 Fragebogen zum Mini-Skript
2.10.3 Antreiber wandeln sich
2.11 Kann ich mein Verhalten verändern?
2.11.1 Ein Vertrag mit sich selbst
3 Führungskräfte mit Profil
Karl Blöchliger
3.1 Der notwendige Blick über die Grenzen
3.2 Die kleinen Dinge, die grosse Linien aufdecken
3.3 Das unternehmerische Risiko, das oft keines mehr ist
3.4 Die innere Stille, die zu Kreativität führt
3.5 Das «Gespür» für ungenutztes Potenzial
3.6 Das ewige Lernen
3.7 Der Mut zur Klarheit
3.8 Und die Menschlichkeit?
2 Teamentwicklung
1 Funktion und Bedeutung der Gruppe im Unternehmen
Karl Blöchliger
1.1 Die Gruppe als existenzielle Notwendigkeit
1.2 Die sozialpsychologische Dynamik in Arbeitsgruppen
1.3 Gruppe und Individuum
1.4 Vorteile der Teamarbeit
1.4.1 Die Gruppe weiss mehr
1.4.2 Die Gruppe regt an
1.4.3 Die Gruppe gleicht aus
1.5 Voraussetzungen für die Leistungsvorteile der Gruppe
1.5.1 Die Gruppe braucht eine klare Aufgaben- und Rollenverteilung
1.5.2 Die Gruppe braucht ein Ziel
1.5.3 Die Gruppe braucht Kommunikation
1.5.4 Erfolgreiche Gruppenarbeit setzt Führung voraus
1.6 Das Erfassen von Gruppenprozessen
1.7 Leistungsstarke und leistungsschwache Gruppen
2 Die Gruppenprozess-Kontrolle als Führungsmittel
Karl Kälin
2.1 Ein psychologisches Problem
2.2 Auf zwei Ebenen steuern
2.3 Analyse der Teamarbeit
3 Teamentwicklung
Peter Müri
3.1 Grundsätzliches
3.2 Ziele der Teamentwicklung
3.2.1 Einstieg auf der Sachebene
3.2.2 Einstieg auf der Methodenebene
3.2.3 Einstieg auf der Beziehungsebene
3.3 Methoden der Teamentwicklung
3.4 Äusserer Ablauf einer Teamentwicklung
4 Frühwarnsysteme bei Gruppenproblemen
Rolf Fink
4.1 Konflikte
4.1.1 Allgemeine Symptome für Konflikte
4.1.2 Mögliche Ursachen dieser Symptome
4.2 Interesselosigkeit
4.2.1 Allgemeine Symptome für Interesselosigkeit
4.2.2 Mögliche Ursachen dieser Symptome
4.3 Unentschlossenheit
4.3.1 Allgemeine Symptome für Unentschlossenheit
4.3.2 Mögliche Ursachen dieser Symptome
4.4 Ein Fragebogen zur Problemanalyse in Arbeitsgruppen
4.4.1 Antwortblatt für den Fragebogen
4.4.2 Interpretation des Fragebogens
5 Konfliktbewältigung im Führungsalltag
Hans Bernhard
5.1 Einleitung
5.2 Zwischenmenschliche Beziehungen und Arbeitsproduktivität
5.3 Konflikte sind unausweichlich
5.4 Abwehrreaktionen auf Konflikte sind Scheinlösungen
5.4.1 Kampf
5.4.2 Flucht
5.4.3 Sich abfinden
5.5 Gewinn-Verlust-Denken in der Konflikthandhabung
5.6 Ein Fall mit Verlierern
5.7 Gewinn-Gewinn-Denken in Konfliktsituationen
5.8 Kommunikation als zentrales Instrument der produktiven Konfliktbewältigung
5.9 Bedingungen, Grenzen und Risiken in der Anwendung von Gewinn-Gewinn-Methoden
5.10 Zweiseitige Konfliktbewältigung als grundlegender zwischenmenschlicher Prozess
5.11 Das eigene Konfliktverhalten verändern
6 Neurolinguistisches Programmieren im Betrieb
Megha Baumeler und Ueli R. Frischknecht
6.1 Was ist Neurolinguistisches Programmieren (NLP)?
6.1.1 Modelle für eine ökologische Firmen- und Menschenkultur
6.1.2 Anwendungsgebiete
6.1.3 Zu überzeugendem Verhalten gehören kongruente Werthaltungen
6.2 Anwendungsbeispiele
6.2.1 Zielbestimmung
6.2.2 Leadership-Matrix: eine Landkarte für systembewusstes Coaching
6.2.3 Reframing
7 Diversity-Management
Elisabeth Michel-Alder
7.1 Breites Themenfeld
7.2 Vielfalt ist vielversprechend
7.3 Zwischen Gerechtigkeit und ökonomischem Nutzen
7.4 Management einer vielfältigen Belegschaft
7.5 Sowohl Strategie als auch griffige Praxis
7.6 Zu guter Letzt: Frauen in Führungsfunktionen
3 Organisationsentwicklung
1 Organisationsentwicklung
Peter Müri
1.1 Unternehmensentwicklung schliesst Management- und Menschentwicklung ein
1.2 Der betriebswirtschaftliche und soziale Aspekt von Entwicklung
1.3 Der erweiterte Organisationsbegriff
1.4 Das implizite Menschenbild
1.5 Keine gefährliche Einseitigkeit
1.6 Entwicklung löst Widerstand aus
1.7 Das Denken auf zwei Ebenen
1.8 Aktionsforschung – die Kardinalmethode der Organisationsentwicklung
1.9 Die Rolle der Beraterin oder des Beraters
1.10 Organisationsentwicklung ist weder Schulung noch Therapie
2 Selbstreorganisation eines Führungsteams aus eigener Kraft
Peter Müri
2.1 Erstes Hindernis: Selbstreorganisation bedeutet Selbstentwicklung
2.2 Zweites Hindernis: Selbstreorganisation bedeutet innovatives Lernen
2.3 Drittes Hindernis: Selbstreorganisation bedeutet Teambildung
2.4 Die Machtfrage ist tabu
2.5 Fall 1: Kürzung der Kontrollspanne auf höchster Managementstufe
2.6 Fall 2: Regelung der Nachfolge in der Geschäftsleitung
2.7 Ist ein Schock erforderlich?
3 Menschen und Aufgaben zusammenführen, sodass es passt. Optimierungsmöglichkeiten mit einem systemischen Ansatz
Rolf Fink
3.1 Die ursprünglichen Fragestellungen
3.2 Vom systematischen Suchen zur systemischen Betrachtung – ein Gedankensprung
3.3 AMEXEL – ein System, mit dem erfolgreiches «Matching People with Jobs» möglich wird
3.4 Praktischer Nutzen dieses systemischen Ansatzes anhand von Beispielen
4 Sich in Organisationen kompetent bewegen
Elisabeth Michel-Alder
4.1 Organisationen als lebendige Beziehungsgeflechte
4.2 Was ist in handlungsfähigen Organisationen zu leisten?
4.3 Personen und ihr Verhalten in Organisationen
4.4 Systemische Grundmuster
4.5 Persönliche Muster und Motivationen
4.6 Führungsrollen in Organisationen
5 Führen mit Energie
Peter Müri
5.1 Energie, der Rohstoff des Erfolgs
5.1.1 Falsch verstandenes Energie-Management
5.1.2 Energie entstammt primär der Gefühlsebene
5.1.3 Energie hat ein begrenztes Volumen
5.1.4 Jede Energie ist gesteuert und gebremst
5.2 Das Energie-Selbstmanagement
5.2.1 Das Erkennen und Beheben der persönlichen Energieverschwender
5.2.1.1 Ärger als Energieverschwender
5.2.1.2 Zwang als Energieverschwender
5.2.1.3 Blockierung als Energieverschwender
5.2.1.4 Stress als Energieverschwender
5.3 Mit Energie aufladen
5.3.1 Das Energetisieren von Zielen
5.3.2 Energetisieren nach dem Prinzip der lokalen Theorie
5.3.3 Energetisieren nach dem Prinzip der Selbstorganisation
5.4 Auf Energielöcher richtig reagieren
5.4.1 Falsche Reaktionen
5.4.2 Richtige Reaktionen
5.5 Die Tempo-30-Zonen der Führung
5.6 Fünf Tipps
4 Anhang
1 Literaturverzeichnis
2 Autorinnen und Autoren
Vorwort
Beim Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches 1985 haben wir auf einen damals beobachtbaren Trend hingewiesen, der sich in den letzten 30 Jahren deutlich verstärkt hat: «Die rasche Anpassung der Unternehmen an die beschleunigten Umfeldveränderungen setzen erhöhte Lern- und Veränderungsbereitschaft der Führungskräfte und Mitarbeitenden voraus». Neben fachtechnischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen werden besonders in den Bereichen Sozialkompetenz und Persönlichkeitsentwicklung in Zukunft höhere Anforderungen gestellt. Es freut uns, dass dieses Buch nun bereits in der 17. Auflage erscheint und so etwas wie ein «Standardwerk» in der Aus- und Weiterbildung von Führungskräften und Mitarbeitenden geworden ist, welches aufzeigt, was in der Führungskräfteentwicklung über den Tag hinaus Bestand hat.
Nach wie vor sind wir überzeugt, dass echte Veränderungen bei uns selbst beginnen und dass Selbst-, Team- und Organisationsentwicklung voneinander abhängen und sich gegenseitig beeinflussen.
So ist in letzter Zeit das «Denken und Handeln in Systemen» in den Vordergrund gerückt. Wie lerne ich, die Organisation, in der ich arbeite, zu verstehen und mich intelligent und kompetent in ihr zu bewegen, Entwicklungen auszulösen und Impulse zu Veränderungen zu vermitteln? Oder wie berücksichtige ich die unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedener Anspruchsgruppen («Diversity»)?
Ein Kapitel beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, wie die Anforderungen an den Job mit dem Profil des oder der Mitarbeitenden optimal in Einklang zu bringen sind.
Die zahlreichen Veränderungen, die durch die Technologie getriebene Geschwindigkeit und ständige Erreichbarkeit erfordern zusätzliche Kompetenzen im Umgang mit der psychischen Energie. Diesem Thema ist ebenfalls ein neuer Beitrag gewidmet.
Die Hälfte des Wissens wird bis in fünf Jahren veraltet sein, hören heute die Studierenden. Leider weiss man nicht, welche Hälfte. Nach wie vor gibt es wesentliche Verhaltensmuster und Grundwerte, die immer gelten. Mitarbeitende wollen respektiert und geachtet werden.
Der soziotechnische Ansatz in der Führung, den wir u.a. auch in der neuen Auflage vertreten, gilt in der Führungskräfteforschung heute als Metakategorie. Beibehalten haben wir auch das Konzept der Transaktionsanalyse als bewährtes Konzept in der Persönlichkeitsentwicklung. Sie bringt komplexe Zusammenhänge auf einen einfachen grafischen Nenner und bietet schnelle Einsichten.
Die Fragebogen zur Selbstanalyse, die in der Praxis breite Verwendung finden, haben wir nur minimal verändert, sodass die Auswertungsdaten (z. B. bei Langzeituntersuchungen) nach wie vor vergleichbar sind.
Härtere Wettbewerbsbedingungen fordern die Unternehmen heute besonders heraus. Allerdings kann die Lösung nicht allein in Restrukturierungs- und Redimensionierungsprojekten liegen. Wo der pausenlose Druck auf die Mitarbeitenden zu inneren Kündigungen und Frustrationen führt, stimmen über kurz oder lang die Kundenbeziehungen und damit auch die Zahlen nicht mehr. Untersuchungen haben längst den Wert positiver Stimmungen und Gefühle für erfolgreiches Arbeiten nachgewiesen.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor liegt in der Optimierung des Zwischenmenschlichen im Unternehmen, denn langfristig werden nur Organisationen mit engagierten, selbstständigen und innovativen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wirklich erfolgreich sein.
Die Autoren und Autorinnen
Einleitung
Der Erfolg eines Unternehmens ist in einer Zeit des raschen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels stärker von qualifizierten Führungskräften abhängig als in Zeiten des gleichmässigen Wachstums. Viele Unternehmen verfügen heute über hochentwickelte und gut funktionierende Managementsysteme. Datentransparenz und Datenzugriff verbessern sich dauernd. In dem Masse aber, wie Führungskräfte mit Führungstechnologien, Planungssystemen und Computerprogrammen immer wirkungsvoller unterstützt werden, spielt sich die Führungsarbeit zunehmend auch im menschlich-sozialen Bereich ab.
Viele Führungskräfte bestätigen, dass sie dort nicht mehr weiterkommen, wo Menschliches ins Spiel gerät, also dort, wo die Zusammenarbeit mit Kollegen und Kolleginnen, Vorgesetzten, im Team, mit den Mitarbeitenden beginnt. Vielen wird mehr und mehr bewusst, dass betriebswirtschaftliches Fachwissen allein nicht mehr genügt. Wir sind überzeugt, dass sich die Anforderungen an Führungskräfte fortlaufend verändern. Persönliche und zwischenmenschliche Führungskompetenz sind gefragter denn je. Von einer Führungskraft wird verlangt, dass sie sich zum Experten oder zur Expertin in Fragen der zwischenmenschlichen Beziehungen und in Fragen der Veränderung von Organisationen durch Einflussnahme auf den Menschen entwickelt. Unsere Überzeugung stützt sich auf nachvollziehbare Beobachtungen:
Das Rationalitätsprinzip, dem Organisationen lange huldigten, schützt nicht vor Misserfolgen. Menschen sind die Substanz, die Organisationen leben und wirken lassen. Ihre Ideen, Gefühle, Haltungen und Verhaltensmuster prägen den Alltag, den Erfolg und die Leistung von Organisationen.
Ein beschleunigter gesellschaftlicher Wandel schafft im Führungsbereich neue Wertvorstellungen und damit neue Arbeits- und Lernformen.
Die rasche Anpassung des Unternehmens an die Umwelt setzt erhöhte Lern- und Veränderungsbereitschaft voraus, die von Führungskräften bedeutend höhere Flexibilität erfordert.
Das vorliegende Buch möchte Mitarbeitenden und Führungskräften in Organisationen das psychologische Wissen vermitteln, auf dem persönliche und sozialpsychologische Führungskompetenz aufbaut. Wir bieten kein geschlossenes System an, sondern eher eine Momentaufnahme einer Entwicklung. Das Buch soll Bestätigung und Empfehlung, Herausforderung und Illustration sein, damit psychologische Zusammenhänge erkannt werden.
Das Buch ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Fachleuten mit psychologischer Ausbildung und langjähriger Erfahrung in der Management-Schulung, Beratung und im Coaching.
Thematisch gliedert sich das Buch in drei Teile:
1. Selbstentwicklung
Die Führungskraft als Persönlichkeit im unternehmerischen Prozess.
Wie kann ich mich und andere besser verstehen?
Wie überprüfe ich mein eigenes Führungsverhalten?
Wer bin ich? (Die eigene Persönlichkeitsstruktur kennenlernen)
Was prägt meine Entscheidungen, mein Verhalten?
Welches ist mein persönliches Kommunikationsmuster?
Welche Möglichkeiten der Verhaltensänderung habe ich?
2. Teamentwicklung
Das Team als Bestandteil des Arbeits- und Entscheidungsgeschehens im Unternehmen.
Die Dynamik in Arbeitsgruppen
Voraussetzungen für die Leistungsfähigkeit von Teams
Gruppenprozesssteuerung
Teamentwicklung
Frühwarnsysteme bei Gruppenproblemen
Konfliktbewältigung
Die Berücksichtigung der verschiedenen Bedürfnisse unterschiedlicher Ansprechpartner (Diversity)
Management einer vielfältigen Belegschaft
Frauen in Führungspositionen
3. Organisationsentwicklung
Die Unternehmung in der Wechselwirkung von sozialen, gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen.
Unternehmungsentwicklung schliesst Management-Entwicklung ein
Lernen lernen – die Basis der Organisationsentwicklung
Organisationsentwicklung und Managementschulung
Veränderung von Organisationen
Selbstorganisation eines Führungsteams aus eigener Kraft
Job-Anforderungsprofile und Mitarbeiterprofile in Einklang bringen
Sich in Organisationen kompetent bewegen
Führen mit Energie (Psychisches Energie-Management)
Das Buch ist für die Praxis geschrieben worden. Es ist kein wissenschaftliches Buch. Wir möchten die Leser und Leserinnen bitten, mit den Inhalten des Buches kreativ umzugehen. Für die visuell geprägten Menschen unserer Leserschaft hat Bruno Peyer einige Inhalte des Buches bildlich dargestellt.
Unser Dank gilt den vielen Seminarteilnehmern und -teilnehmerinnen, Führungskräften und Arbeitsgruppen, die in Diskussionen dazu beigetragen haben, dass dieses Buch eine Verbindung von theoretischen Problemen und praktischer Erfahrung werden konnte.
1
Selbstentwicklung
Die Führungskraft als Persönlichkeit im unternehmerischen Prozess

Karl Kälin
1Die situativ-kooperative Führung
1.1Sich und andere besser verstehen
Im Laufe unseres Lebens entsteht in uns aufgrund von Erfahrungen ein Bild, das wir von uns selbst und von der Umwelt machen. Wir wollen es «Selbst-Bild» nennen. Dieses Selbst-Bild ist individuell geprägt und deckt sich nicht mit dem Bild, das andere von uns haben. Da wir nun unsere individuelle Welt als «Realität» betrachten, führt dies im Führungsalltag zwangsläufig immer wieder zu Missverständnissen (Parikh, 1994).
Im Allgemeinen nehmen wir an, dass unsere eigenen Vorstellungen von Führung und Autorität «wahr» und «richtig» sind. Viele Führungskräfte fragen sich kaum, welches ihre typischen Verhaltensweisen sind und wie ihr Verhalten auf andere Menschen – z. B. auf die Mitarbeitenden – wirkt.
Sich besser zu verstehen, ist deshalb die Grundlage jeglicher Führungsarbeit. Es ist sogar eine grundlegende Forderung, welche die Griechen mit dem «Erkenne dich selbst» ja nicht nur für Führungskräfte auf ihren Tempel gemeisselt haben.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Veränderung.
Vieles kann ich bei anderen besser begreifen und akzeptieren, wenn ich mich selbst etwas besser kenne. Wir beginnen daher mit einem Fragebogen zum Führungsverhalten.
1.2Das eigene Führungsverhalten kennenlernen
Sie finden auf den folgenden Seiten je vier Aussagen zu sieben elementaren Verhaltensbereichen im Umgang mit Mitarbeitenden.
Lesen Sie zunächst die vier Sätze A bis D unter dem ersten Punkt (Verhalten beim Ziele-Setzen). Betrachten Sie jeden dieser vier Sätze als eine mögliche Beschreibung Ihres eigenen Verhaltens. Setzen Sie eine 4 zu jenem Satz, der am ehesten auf Sie zutrifft, und zwar so, wie Sie Ihrer Meinung nach tatsächlich sind, und nicht, wie Sie sein möchten oder sein sollten. Geben Sie dann jenem Satz eine 3, der Ihr Verhalten am zweitbesten beschreibt. Fahren Sie mit den restlichen Sätzen fort, indem Sie der drittbesten Schilderung Ihres Verhaltens eine 2 und dem Satz, der am wenigsten auf Sie zutrifft, eine 1 zuordnen.
Verhalten beim Ziele-Setzen
A Ich stecke das Ziel möglichst hoch und setze kurze Termine. Nur bei starker Herausforderung der Mitarbeitenden entsteht eine gute Leistung.
B Der oder die Mitarbeitende soll sich die Ziele möglichst selbst setzen, da er oder sie sich bei selbst gesetzten Zielen mehr anstrengt. Ich gebe höchstens Richtwerte oder sehr grobe Ziele vor.
C Wichtiger als eine Zielsetzung durch mich ist es, dass die Mitarbeitenden ihre Aufgaben gemäss Stellenbeschreibung pflichtgemäss erfüllen. Ziele, die von der Geschäftsleitung kommen, gebe ich selbstverständlich nach unten weiter.
D Ich vereinbare mit meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen regelmässig Ziele, sodass sich Unternehmensziele und individuelle Ziele ergänzen. Die Mitarbeitenden sollen diese Ziele verstehen und akzeptieren, aber auch gleichzeitig durch sie herausgefordert werden.
Verhalten beim Planen
A Ich mache nur da Pläne, wo es die Situation erfordert. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin soll sich auf seine / ihre eigene Weise «durchbeissen».
B Ich stelle die Pläne so auf, dass eine langfristige Entwicklung gesichert und jeder Abschnitt klar umrissen ist. Pläne sollen gut durchdacht sein und die Mitarbeitenden aktivieren.
C Ich mache Vorschläge, überlasse aber die Feinplanung den Mitarbeitenden. Ich vertraue ihren Fähigkeiten. Zudem sollen sie einen grossen Handlungsspielraum haben.
D In meinen Plänen stehen Gewinn- und Kostendenken im Vordergrund. Ich plane nur so weit, wie ich es aufgrund meiner Erfahrung als nötig erachte, sorge aber dafür, dass die Pläne konsequent eingehalten werden.
Verhalten bei der Ideensuche
A Bringen andere Ideen ein, so versuche ich, möglichst neutral zu bleiben und nicht Partei zu ergreifen.
B Ich höre zu und suche neue Ideen und Meinungen. Ich habe zwar klare Vorstellungen, bin aber jederzeit bereit, bei guten Vorschlägen meine Meinung zu ändern.
C Ich ziehe es vor, Ideen anderer Personen zu übernehmen und nicht die eigenen in den Vordergrund zu stellen oder gar durchzusetzen.
D Ich stehe für meine Ideen auch dann ein, wenn nicht alle mit mir einig sind und ich gezwungen bin, andere dadurch zu enttäuschen.
Verhalten beim Entscheiden
A Ich gehe auf alle Vorschläge ein und komme mit meinen Entscheidungen den Mitarbeitenden möglichst entgegen. So vermeide ich Widerstände, und die Mitarbeitenden reagieren positiv.
B Ich schliesse mich wenn möglich den Entscheidungen anderer an, trage jedoch meinen Teil zum Entscheid bei, wenn man dies verlangt.
C Ich entscheide so viel wie möglich in eigener Instanz aufgrund meiner Erfahrungen, denn ich trage für die Folgen auch die Verantwortung. Ich lege grossen Wert darauf, Entscheidungen durchzusetzen.
D Entscheidungen sollen begründet und vernünftig sein, deshalb arbeite ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an der Entscheidungsfindung, bis die beste Entscheidung gefunden ist.
Verhalten beim Realisieren
A Ich setze mich selbst unter Druck, da nur mit Selbstdisziplin schnelle Erfolge möglich sind. Bei Schwierigkeiten verstärke ich meinen Einsatz und versuche, mich durchzusetzen.
B Ich ermutige und unterstütze meine Mitarbeitenden, wann immer es möglich ist. Meine Tür ist immer offen. Oft erledige ich eine Arbeit selbst, um die Mitarbeitenden nicht zu überlasten.
C Ich überlege mir vor der Durchführung meiner Arbeit, wie ich mit dem geringsten Aufwand am schnellsten vorankomme.
D Ich bin über die laufende Entwicklung stets informiert und setze jeweils Prioritäten. Auftretende Schwierigkeiten untersuche ich, um daraus für den Fortgang der Arbeit zu lernen.
Verhalten beim Kontrollieren
A Ich kontrolliere das, was die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter nicht selbst kontrollieren kann. Mehrheitlich konzentriere ich mich dabei auf das Ergebnis. Abweichungen sind Anlass zur Analyse und zu Verbesserungsmassnahmen.
B Meine direkten Stichprobenkontrollen sind streng, aber gerecht. Ich will damit feststellen, ob ich eingreifen oder korrigieren muss oder ob neue Anweisungen erforderlich sind.
C Ich kontrolliere auf unauffällige Art. Bei Fehlern hebe ich das Positive hervor. Kritikgespräche sind stets konstruktiv und ermunternd.
D Meine Aufgabe ist es, ein Kontrollsystem einzurichten, das «automatisch» funktioniert, das heisst mir die persönliche Kontrolle weitgehend abnimmt.
Verhalten bei Konflikten
A Ich möchte von Anfang an verhindern, dass Konflikte entstehen. Treten sie aber trotzdem auf, versuche ich, die Mitarbeitenden zu beruhigen und wieder ein gutes, freundliches Klima herzustellen.
B Wenn Meinungsverschiedenheiten oder Konflikte entstehen, versuche ich, neutral zu bleiben und mich aus der Diskussion rauszuhalten. Meist wächst dann ohnehin Gras darüber.
C Wenn Konflikte und Schwierigkeiten entstehen, versuche ich, die Gründe herauszufinden und die Ursachen mit allen Beteiligten zu klären.
D Konflikte und Meinungsverschiedenheiten sind meistens nur zu beseitigen, indem man klar die eigene Meinung durchsetzt.

Auswertung des Fragebogens
Die nachstehende Tabelle hilft Ihnen, die Antwort auf die Frage zu finden: «Welches Verhalten trifft am ehesten auf mich zu?»
Beginnen Sie mit dem Verhaltenselement «Verhalten beim Ziele-Setzen». Übertragen Sie die Werte des Fragebogens in die Tabelle. Fahren Sie anschliessend mit den anderen Verhaltenselementen fort. Zählen Sie schliesslich die Werte jeder Spalte zusammen.

1.3Führen verlangt soziale und technische Fähigkeiten
Um Ihnen eine Interpretation Ihrer Daten zu ermöglichen, wählen wir als theoretische Grundlage den soziotechnischen Ansatz zur Mitarbeiterführung (Blake und Mouton, 1978, 1994; Blake und McCanse, 1992; Fritsch, 2006; Reddin, 1977; Hersey und Blanchard, 1969). Gary Yukl (2012) spricht bei den aufgaben- und beziehungsorientierten Führungsfunktionen von «Meta-Kategorien».
Dieser Ansatz geht davon aus, dass eine optimale Führung zum einen eine ausgeprägte Fähigkeit voraussetzt, Sachziele zu erreichen. Dazu braucht es vor allem technische Fähigkeiten wie Ziele-Setzen, Planen, Entscheiden, Durchsetzen, Realisieren und Kontrollieren. Zum anderen setzt optimale Führungsarbeit soziale Fähigkeiten voraus wie Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden, Zuhören, Vertrauensgewinn, Motivieren usw.
Das Ziel der Führungsschulung ist in der Regel die Förderung sowohl der technischen als auch der sozialen Fähigkeiten der Führungskräfte.
Der soziotechnische Ansatz zur Mitarbeiterführung ermöglicht die Beschreibung verschiedener Verhaltensstile. Wir beschränken uns hier auf vier Stile:

Stil I
Führungskräfte in diesem Verhaltensbereich
bevorzugen genaue Richtlinien,
stellen das Reglement in den Mittelpunkt,
halten sich möglichst zurück,
bleiben möglichst neutral,
halten Vorschriften genau ein,
nehmen wenig Einfluss auf das Erreichen der Sachziele,
nehmen wenig Einfluss auf das Betriebsklima.
Dieser Führungsstil entspricht im Allgemeinen dem «Laisser-faire»-Führungsverhalten.
Stil I: Das Reglement im Mittelpunkt

Stil II
Führungskräfte in diesem Verhaltensbereich
sehen vor allem das menschliche Element,
überlegen sich alles in Bezug auf die Zusammenarbeit,
lassen den Mitarbeitenden grosse Freiräume,
vertrauen den Fähigkeiten der Mitarbeitenden,
wirken wohlwollend, ruhig und freundlich,
ermutigen und unterstützen die Mitarbeitenden,
nehmen wenig Einfluss auf das Erreichen der Sachziele,
nehmen starken Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen.
Dieser Führungsstil entspricht im Allgemeinen dem «karitativen» Führungsverhalten.
Stil III
Führungskräfte in diesem Verhaltensbereich
stecken die Ziele möglichst hoch,
stellen das Gewinn- und Kostendenken in den Vordergrund,
sind stark leistungsorientiert,
sind «hart» zu sich selbst,
vertrauen den eigenen Fähigkeiten mehr als denjenigen der Mitarbeitenden,
setzen die eigene Meinung durch,
nehmen starken Einfluss auf das Erreichen der Sachziele,
nehmen wenig Einfluss auf die Befriedigung der zwischenmenschlichen Bedürfnisse.
Dieser Führungsstil entspricht im Allgemeinen dem «autoritären» Führungsverhalten.
Stil IV
Führungskräfte in diesem Verhaltensbereich
befassen sich je nach Situation mit dem Zwischenmenschlichen, der Zusammenarbeit, der Motivation bzw. der Leistung, dem Gewinn- und Kostendenken,
ziehen die Mitarbeitenden für die Lösung sachlicher und menschlicher Probleme bei,
haben klare Vorstellungen, was sie wollen,
suchen nach neuen Ideen,
berücksichtigen vor allem die Priorität,
suchen nach den Ursachen von Problemen,
nehmen starken Einfluss auf das Erreichen der Sachziele,
nehmen starken Einfluss auf das Betriebsklima und die Bedürfnisse der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.
Dieser Führungsstil entspricht im Allgemeinen dem «kooperativen» Führungsverhalten.
Wie steht es bei mir?
Die Auswertungsdaten des Fragebogens (vgl. hier) ermöglichen Ihnen nun eine erste grobe Standortbestimmung. Führungsverhalten besteht aus Elementen aller vier Stile. In vielen Fällen neigen Führungskräfte aber zu einem der Verhaltensbereiche. Diese Tendenz lässt sich in der Summe ablesen. Der Verhaltensstil mit der höchsten Punktzahl weist auf den dominanten Führungsstil hin. So verhalten Sie sich im Allgemeinen – wenigstens Ihrer Meinung nach. Interessant ist auch die zweithöchste Punktzahl. Sie weist auf Ihren Ersatzstil hin, auf den Sie ausweichen, wenn Sie mit dem dominanten Stil keinen Erfolg haben oder wenn sich dieser Stil aus irgendwelchen Gründen nicht eignet.
Befragt man die Mitarbeitenden nach dem Verhaltensstil der Vorgesetzten, nennen diese in der Regel den Ersatzstil. Der Stil mit den tiefsten Werten ist ein Führungsverhalten, das Sie im Allgemeinen ablehnen. Falls Sie diesen Stil bei Ihrem oder Ihrer Vorgesetzten orten, sind Konflikte und Stress programmiert.
Sind die Unterschiede zwischen den summierten Punktzahlen der Verhaltensstile sehr gering, bedeutet dies möglicherweise, dass Sie Ihr Verhalten schnell der jeweiligen Situation anpassen oder dass Ihr Führungsverhalten für andere nicht ausgeprägt und somit schwer zu beurteilen ist.
1.4Optimales Führungsverhalten ist situationsgerecht
Dem soziotechnischen Ansatz zur Mitarbeiterführung entsprechend, beschreibt der Stil IV im Sinne des kooperativen Stils ein optimales Führungsverhalten, denn es zielt darauf ab, dass beste Leistungen erbracht werden und die Zufriedenheit der Mitarbeitenden möglichst gross ist. In der Praxis jedoch wird sich einmal eine stärkere Betonung der zwischenmenschlichen Dimension, ein andermal, z. B. in einer Krisensituation, eine stärkere Betonung der Sachziel-Dimension aufdrängen.
Führungsverhalten wird durch sehr viele Faktoren aus der technologischen, ökonomischen, sozialen und ökologischen Umwelt beeinflusst. So beeinflussen u. a. auch die Fähigkeiten und die Motivation der Mitarbeitenden das Führungsverhalten (Hersey, Blanchard, 1969, Hersey, Blanchard, Dewey, 2012).

Aus dem Verhaltensgitter können wir ableiten, dass bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit hoher Fachausbildung und gleichzeitig tiefer Motivation der Verhaltensstil II meistens erfolgreicher ist als etwa der Verhaltensstil III; Motivationsprobleme können wohl kaum mit dem Verhaltensstil III gelöst werden. Andererseits würde es eher wenig nützen, stark motivierte Mitarbeitende, denen für die Erledigung einer Aufgabe aber das notwendige Fachwissen fehlt, im Sinne des Verhaltensstils II Mut und Trost zuzusprechen. Hier ist der Verhaltensstil III situationsgerechter. Unser Schema zeigt auch, dass bei hochmotivierten Fachleuten sogar der Verhaltensstil I «erfolgreich» sein kann. So werden sehr gute Arbeitsresultate erzielt, ohne dass die Führungskraft starken Einfluss auf das Erreichen der Sachziele und auf die menschliche Dimension zu nehmen braucht: Der «Laden läuft von selbst», die Führungskraft wird überflüssig oder frei für neue Aufgaben.
In der aktuellen Führungsforschung (Yukl, 2012) werden die beiden Metakategorien «task-oriented» und «relation-oriented behavior» noch ergänzt durch die Kategorien «change-oriented behavior» und «external leadership behavior» (z. B. firmeninternes und firmenexternes «Networking») (Stiefel, 2013). Malik (2006) bringt es auf den Punkt. Für ihn umfassen Führungsaufgaben: für Ziele zu sorgen, zu organisieren, zu entscheiden, zu kontrollieren, Mitarbeitende zu fördern und in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Für ihn bedeutet Führen auch: delegieren, motivieren, kommunizieren (nach oben und nach unten, nach innen und nach aussen), beurteilen, innovativ sein sowie lernen und sich selbst weiterentwickeln.
Diese erste, recht allgemeine Standortbestimmung möchten wir nun etwas weiter vertiefen. Wir verbinden dabei den soziotechnischen Ansatz zur Mitarbeiterführung mit einem Konzept aus der Psychotherapie.
1.5Führungsverhalten und Psychotherapie
Befragt man die psychologische Forschung nach Versuchen, das zwischenmenschliche Verhalten zu erklären, so findet man heute eine Fülle von Denkmodellen und Methoden (Pawlik, 2006). In der Führungsschulung ist die Transaktionsanalyse seit vielen Jahren auch in Europa stark verbreitet (Hablitz und Stingelin, 1990; Hagehülsmann und Hagehülsmann, 2007), während sie in den USA – anfänglich in der Astronautenausbildung – die Bewährungsprobe bereits hinter sich hat. Diese vom amerikanischen Psychoanalytiker Eric Berne entwickelte Methode ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das Patientinnen und Patienten eine bessere Einsicht in die unterschiedlichen Beziehungen zu anderen Personen und zu sich selbst gibt. Eric Berne war ein Schüler von Paul Federn, der seinerseits Schüler Sigmund Freuds war. Bei der Transaktionsanalyse handelt es sich also um psychoanalytisches Gedankengut, das mit Elementen der humanistischen Psychologie verbunden wird. Seit ihren Anfängen wird die Transaktionsanalyse vor allem zu therapeutischen Zwecken ständig weiterentwickelt (Hennig und Pelz, 2007; Schmid, 2003, 2004).
Mitte der sechziger Jahre haben Verhaltenswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen erkannt, dass die Transaktionsanalyse (TA) auch in nicht-therapeutischen Situationen zum besseren Verständnis der zwischenmenschlichen Beziehungen beitragen kann. Die TA wird heute nicht nur in der Psychotherapie, ihrem zentralen Anwendungsgebiet, eingesetzt, sondern auch in der Pädagogik, der Erwachsenenbildung, in Organisationen und vor allem auch in der Ausbildung von Führungskräften und im Coaching (Barnes, 1979, 1980, 1981; Kälin, 1995; Kälin, Michel-Alder, Schmid-Keller 2003, Rüttinger, 1996; Schlegel, 1979, 1993, 1995; Schmid, 2007; Stewart und Joines, 2010; Wagner, 1987).
Karl Kälin
2Die Transaktionsanalyse (TA) im Führungsalltag
Im Wirtschaftsleben führt die Anwendung der TA zu besserer Kommunikation und Teamarbeit, ohne dass dadurch der Mensch seinen persönlichen Stil aufgeben muss. Indem verschlüsselte, widersprüchliche und gegenläufige Kommunikation aufgezeigt wird, lassen sich Verständigungsbarrieren beseitigen. Mit ihrer Theorie stellt die Transaktionsanalyse eine klare und praktische Terminologie bereit, dank der Probleme besser erfasst und mit geringeren Verständnisschwierigkeiten besprochen werden können. In der aufgabenorientierten Führungsarbeit können so zwischenmenschliche Konflikte ohne übermässigen Aufwand ausgetragen werden, sodass sachliche Ziele und Aufgaben der Gruppe nicht beeinträchtigt werden.
2.1Die vier Bereiche der Transaktionsanalyse
Die Strukturanalyse
Sie befasst sich mit der Persönlichkeitsstruktur des Menschen, also mit dem, was im Menschen vorgeht.
Die Analyse von Transaktionen
Sie befasst sich mit dem, was in der Kommunikation zwischen zwei Menschen vorgeht.
Die Spielanalyse
Sie befasst sich mit komplizierten Kommunikationsketten, die in «Standardversionen» immer wieder ablaufen.
Die Skriptanalyse
Sie befasst sich mit der Frage, wie das Kommunikationsverhalten eines Menschen mit seiner persönlichen Vergangenheit zusammenhängt.

Die Transaktionsanalyse befasst sich u. a. mit dem, was zwischen Menschen vorgeht.
2.2Das Persönlichkeitsmodell der Transaktionsanalyse
Was ist eine Transaktion?
Im Sinne der TA ist eine Transaktion die Grundeinheit der Kommunikation zwischen zwei Personen. Transaktionen bestehen aus einem Transaktionsreiz und einer Trans aktions antwort.

bestehen aus einem Transaktionsreiz und einer Trans aktions antwort. Die Antwort (oder Reaktion) meines Gesprächspartners ist nicht nur eine Reaktion auf das, was ich sage, sondern auch auf das, was mein Gesprächspartner von mir hält.
Alles Denken, Fühlen und Handeln lässt sich im Sinne der TA verschiedenen Persönlichkeitsbereichen zuordnen. Das Persönlichkeitsmodell der TA ist so einfach und verständlich, dass auch psychologisch nicht geschulte Führungskräfte schnell lernen können, damit umzugehen. Wann immer verschiedene Menschen zusammenkommen, können wir beobachten, dass sie sich unterschiedlich verhalten, wobei sogar ein und derselbe Mensch während einer Besprechung oder Unterhaltung seinen Verhaltensstil verändern kann: Einmal gibt er sich wie ein Kind, befangen oder unbefangen, dann wie ein Vater, kritisierend, herablassend, jovial oder wohlwollend oder aber auch sachlich und rational. Die TA geht nun davon aus, dass sich jeder von uns immer in einem bestimmten Augenblick entweder in einem Kindheits-Ich-Zustand, in einem Eltern-Ich-Zustand oder in einem Erwachsenen-Ich-Zustand befindet. Mit diesen drei Ich-Zuständen erklärt das TA-Modell unsere Persönlichkeitsstruktur.

Eltern-Ich
Das Eltern-Ich ist das gelernte Lebenskonzept. Es besteht aus den Wertvorstellungen, Normen, Regeln, Gesetzen, Gedanken und Prinzipien, die wir von unseren Eltern und Bezugspersonen gelernt haben. Diese in der frühen Kindheit gelernten Inhalte bestimmen unser Verhalten auch in der Gegenwart automatisch, vor allem in Drucksituationen. Das Eltern-Ich setzt sich aus einer kritisch-wertenden und einer stützend-fürsorglichen Komponente zusammen.
Erwachsenen- Ich
Das Erwachsenen-Ich ist das gedachte, vernunftorientierte Lebenskonzept. Es entwickelt sich beim Heranwachsen durch die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Aus dem Erwachsenen-Ich heraus handeln wir, wenn wir Erfahrungen vorurteilsfrei verarbeiten und Informationen objektiv bewerten, um «vernünftige» Entscheidungen treffen zu können. Wir «bedienen» uns des Erwachsenen-Ichs vor allem beim sachlichen Informationsaustausch. Wer eine Erwachsenen-Ich-Haltung einnimmt, trifft seine Entscheidungen bewusst und verantwortlich. Das Erwachsenen-Ich prüft auch, ob die Inhalte und Daten im Eltern-Ich und im Kindheits-Ich in der Gegenwart noch zutreffen. Es kann diese Daten übernehmen, verarbeiten oder ablehnen.
Kindheits-Ich
Das Kindheits-Ich ist das gefühlte Lebenskonzept. Im Kindheits-Ich sind die Gefühle gespeichert, die wir als Kinder hatten. Wenn wir uns in diesem Ich-Zustand befinden, ziehen wir aufgrund von Gefühlen Schlussfolgerungen über uns selbst. Das Kindheits-Ich setzt sich aus einer natürlich-spontanen und einer angepasst-unterwürfigen Komponente zusammen.
Verhaltensweisen aus diesen Ich-Zuständen können verbal (in Worten) oder nicht verbal (Mimik, Gestik, Körperhaltung) sein. Sie können der Situation angemessen oder nicht angemessen sein.
Es gibt keine «guten» oder «schlechten» Ich-Zustände; alle drei Ich-Bereiche vertreten unsere Persönlichkeit. Fehlt ein Ich-Zustand, dann «fehlt einem etwas». «Was fehlt Ihnen?», fragte man früher einen Kranken. Wenn einem nichts fehlt, ist man «heil», das heisst ganz.

Das kritische Eltern-Ich wertet, moralisiert, weist zurecht, kritisiert, befiehlt, beherrscht, tyrannisiert, bestraft, kontrolliert, sorgt für Ordnung. Charakteristisch sind der erhobene Zeigefinger, zusammengezogene Augenbrauen, furchterregender Blick, Kopfschütteln, Naserümpfen usw. Beim Sprechen aus dem kritischen Eltern-Ich heraus fallen häufig Wörter wie «müssen», «sollen», «immer», «nie», «nein», «Idiot» usw.
Das stützende Eltern-Ich hört zu, hat Verständnis, lobt, tröstet, pflegt, unterstützt, hilft, umsorgt, nährt, streichelt. Man erkennt diesen Zustand an der warmen, beruhigenden Stimme, an liebevollen Gebärden, Schulterklopfen sowie an Phrasen wie «Kopf hoch», «Du Armer» usw.
Das Erwachsenen-Ich beobachtet objektiv, sammelt Informa tionen leidenschaftslos, nüchtern, gefühllos, verarbeitet die Information logisch und zieht am Ende daraus die Schlüsse. Charakteristisch ist die sachlich klare, leidenschaftslose Stimme. Mimik und Gestik fehlen. Häufig gebrauchte Wörter sind: «wer», «was», «wann», «wo», «wie», «wie viel».
Das natürliche Kindheits-Ich spielt, faulenzt, freut und ärgert sich, erfindet, weint oder lacht. Es kümmert sich nicht um die anderen, verhält sich spontan, tanzt, schreit, ist egoistisch und hemmungslos. Es braucht Wörter wie «toll», «irrsinnig», «megageil» usw. Das angepasste Kindheits-Ich gehorcht, zieht sich zurück, fühlt sich schuldig, zögert, fürchtet sich, ist unsicher, höflich, ohne eigene Meinung und Initiative und richtet sich nach den anderen.
Wenn wir bei uns und bei anderen erkennen, aus welchem Ich-Zustand heraus wir uns verhalten, können wir Gesprächsabläufe bewusst steuern und gestalten. Problemlösendes Verhalten zeigt sich vorwiegend im Erwachsenen-Ich. Wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter eine wichtige Arbeitsunterlage nicht finden kann, hätte seine Vorgesetzte mehrere Möglichkeiten, darauf zu reagieren:
a)«Warum können Sie nicht wenigstens einmal in Ihrem Leben eine Sache sorgfältig erledigen, verdammt nochmal!»
b)«Am besten fragen Sie jeden, der die Unterlage in den letzten Tagen benötigt haben könnte, und gehen ihrem Weg durch die Abteilung nach.»
c)«Ich weiss auch nicht weiter, was machen wir jetzt bloss?»
Sowohl die Eltern-Ich-Reaktion (a) als auch die Kindheits-Ich-Reaktion (c) lösen das Problem kaum. Die Förderung des Verhaltens aus dem Erwachsenen-Ich (b) ist ein wichtiger Bestandteil eines Verhaltenstrainings in der Transaktionsanalyse.
Die Strukturanalyse

2.3Meine Persönlichkeitsstruktur: das Egogramm
Nach Dusay (1977) ist das Egogramm eine grafische Darstellung, die zeigt, wie häufig und intensiv die verschiedenen Ich-Zustände eines bestimmten Menschen im Alltag in Erscheinung treten. Damit Sie sich Ihrer Ich-Zustände deutlicher bewusst werden, schlagen wir Ihnen vor, den nachfolgenden Fragebogen auszufüllen.
2.3.1Fragebogen zur Transaktionsanalyse
Zu den folgenden Aussagen sollten Sie so offen wie möglich Stellung nehmen. Bei denjenigen Aussagen, die Sie eher befürworten als ablehnen, kreisen Sie das Symbol + ein; bei solchen, wo Sie eher dagegen als dafür sind, das Symbol –. Beim Beantworten eines Fragebogens gibt es viele situative Einflüsse. Zum Beispiel spielen Ihre momentane Stimmungslage, Ihre Tagesform, Ihre Erwartungen, Interessen usw. eine Rolle. Möglicherweise verhalten Sie sich in einer beruflichen Situation anders als im Privatleben. Beantworten Sie in einem solchen Fall die Fragen aus der Sicht Ihres Berufslebens, weil später in der Auswertung das Schwergewicht auf diesem Aspekt Ihres Lebens liegt. Unsere Erfahrungen zeigen, dass das eigene Verhalten im Berufsalltag konstanter ist als im Privatleben. Auf alle Fälle lohnt es sich, den Fragebogen auch einmal aus der Sicht des Privatlebens zu beantworten. Sie werden aufschlussreiche Entdeckungen machen.
Beantworten Sie bitte jede der Fragen.
* Die Bedeutung der Sternchen wird später erklärt; Sie brauchen sie vorläufig nicht zu beachten.
Skala I
| + – | 1. | Ich kann gut zuhören. |
| + – | *2. | Ich neige dazu, in Gruppen tonangebend sein zu wollen. |
| + – | *3. | Es scheint, dass ich anderen bald einmal widerspreche. |
| + – | 4. | Ich stehe eher auf der Seite der Schwächeren. |
| + – | 5. | Ohne Fleiss kein Preis. |
| + – | *6. | Wenn ich bei einer Auseinandersetzung in die Enge getrieben werde, neige ich dazu, ärgerlich zu reagieren. |
| + – | 7. | Den Satz «Jede wahre Liebe ist auf Achtung begründet» finde ich zutreffend. |
| + – | *8. | Man kann tun, was man will: Den Charakter eines Menschen kann man nicht ändern. |
| + – | *9. | Ich neige dazu, in verworrenen oder verfahrenen Situationen die Führung zu übernehmen. |
| + – | 10. | Es fällt mir leicht, andere zu trösten. |
| + – | *11. | Öfter, als ich möchte, suche ich Fehler bei den anderen. |
| + – | 12. | Die meisten Menschen wollen geführt sein. |
| + – | 13. | Ich halte jene Berufe für die wertvollsten, in denen Menschen geholfen wird. |
| + – | 14. | Ich bin sehr verständnisvoll, wenn andere Probleme haben. |
| + – | *15. | Ich habe feste Überzeugungen und ändere diese nicht so leicht. |
| + – | *16. | Öfter ertappe ich mich beim «Schulmeistern». |
| + – | 17. | Eine wirkliche Änderung findet eigentlich nur dann statt, wenn eine starke Person eine Sache in die Hand nimmt und sie vorwärtsbringt. |
| + – | *18. | Ich neige dazu, mich in meinem Leben auf Tradition und Bewährtes zu verlassen. |
| + – | *19. | Ich neige dazu, mich über Personen aufzuregen, die bewährte und anerkannte Denkweisen und Handlungen infrage stellen. |
| + – | *20. | Meiner Meinung nach ist es hilfreich, andere auf ihre Fehler aufmerksam zu machen. |
| + – | *21. | Ich habe ziemlich klare Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. |
| + – | 22. | Ich fühle mich oft von anderen Menschen ausgenutzt. |
| + – | 23. | Ich werde oft von anderen um Rat gefragt. |
| + – | *24. | Ein Problem, das uns immer zu begleiten scheint, ist, dass es zu wenige Leute gibt, die arbeiten, und zu viele, die befehlen wollen. |
| + – | *25. | Das Sprichwort «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» finde ich zutreffend. |
| + – | *26. | Vielen Menschen ist zu wenig klar, dass man besonders im Geschäftsleben sehr kämpferisch sein muss, um erfolgreich zu sein. |
| + – | 27. | Es ist doch so, dass Menschen dazu gedrängt werden müssen, gewisse Dinge zu tun, die gut für sie sind. |
| + – | *28. | Ich glaube, dass unsere Gesellschaft besser wäre, wenn Verstösse gegen die Gesetze strenger geahndet würden. |
| + – | *29. | Ich bin schon öfter von anderen auf meinen «Befehlston» angesprochen worden. |
| + – | 30. | Es scheint, dass ich den Mitmenschen mehr Vertrauen schenke, als viele andere es tun. |
| + – | *31. | Befehle zu erteilen, fällt mir leichter, als Befehle zu befolgen. |
| + – | 32. | Das grösste Missgeschick, das jemandem widerfahren kann, ist, die Geduld zu verlieren. |
| + – | *33. | Strenge Bestrafung von Verbrechern wäre geeignet, von Vergehen abzuschrecken. |
| + – | 34. | Wann immer jemand Hilfe braucht, leiste ich sie. |
| + – | *35. | Eltern neigen heute dazu, allzu nachsichtig zu sein. |
| + – | 36. | Andere in ihrer Entwicklung zu unterstützen, gibt mir eine grosse Befriedigung. |
| + – | *37. | Die Berichterstattung der Medien (Fernsehen, Zeitungen usw.) sollte besser kontrolliert werden. |
| + – | *38. | Im Führungsalltag muss klar sein, wer der Chef oder die Chefin ist. |
| + – | 39. | Einer der Gründe, warum die Werbung so erfolgreich ist, ist der Umstand, dass die Menschen es mögen, wenn ihnen gesagt wird, was sie zu kaufen haben. |
| + – | *40. | Es ist mir wichtig, dass im Führungsalltag die Disziplin aufrechterhalten wird. |
| + – | 41. | Die patriotische Einstellung gegenüber dem eigenen Land wird immer wichtiger sein als das sogenannte «Weltbürgertum». |
| + – | *42. | Die Leute sollten sich stärker mit gewissen Grundsätzen von Moral, Recht und Unrecht identifizieren. |
| + – | *43. | Was billig ist, ist nichts wert! |
| + – | 44. | Wenn ich sehe, dass jemand bei einer Arbeit Schwierigkeiten hat, nehme ich sie ihm gerne ab. |
| + – | *45. | Wir benötigen eher mehr als weniger Kontrolle in der Führungsarbeit. |
| + – | *46. | Ich bin der Ansicht, dass man gewisse Berufstraditionen in der Familie aufrechterhalten soll. |
| + – | *47. | Eine starke Führungskraft braucht keine Mitbestimmung. |
| + – | 48. | In der Regel komme ich mit allen Leuten gut aus. |
| + – | *49. | Ich bin der Meinung, dass Kinder ihren Eltern Respekt entgegenbringen müssen. |
| + – | 50. | Ich habe Mitleid mit Menschen, die sich in Schwierigkeiten befinden. |
| + – | 51. | Im Vergleich mit anderen mache ich eher mehr Überstunden. |
| + – | 52. | Ich neige dazu, mich der Meinung der Mehrheit anzuschliessen. |
| + – | 53. | Mir ist wichtig, dass die Zusammenarbeit mit anderen möglichst ohne Konflikte abläuft. |
| + – | 54. | «Undank ist der Welt Lohn» habe ich schon oft erfahren müssen. |
| + – | 55. | Statt Zeit damit zu verlieren, jemandem etwas zu erklären, erledige ich es lieber selbst. |
| + – | *56. | Ich bin oft verblüfft, zu sehen, wie blöd die Leute sind. |
| + – | *57. | Ich neige dazu, anderen Personen zu sagen, was mit ihnen nicht stimmt. |
| + – | 58. | Viele Leute gehen fehl, weil sie Verantwortung ablehnen. |
| + – | 59. | Wenn man nicht zu viel von den Menschen erwartet, wird man auch nicht so leicht enttäuscht. |
| + – | 60. | Wenn sich jemand über mich ärgert, versuche ich, ihn zu besänftigen. |
Skala II
| + – | 61. | Mir scheint, dass ich besser beobachte als viele andere Leute. |
| + – | 62. | Ich neige dazu, einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn andere aufgeben oder abschalten. |
| + – | 63. | Meine Eltern oder Erzieher hatten grosse Freude daran, wenn ich selbstständig lernte und forschte. |
| + – | 64. | Ich sammle Informationen und plane, bevor ich handle. |
| + – | 65. | Ich erröte selten oder nie. |
| + – | 66. | Es fällt mir leicht, in öffentlichen Veranstaltungen das Wort zu ergreifen. |
| + – | 67. | Ich weine selten oder nie. |
| + – | 68. | Ich bin risikofreudiger als die meisten meiner Bekannten. |
| + – | 69. | Es macht mir nichts aus, allein zu sein. |
| + – | 70. | Meine Eltern oder Erzieher neigten dazu, den Gebrauch des Verstandes höher zu schätzen als die Gefühle. |
| + – | 71. | Ich bin fähig, eine gewisse wachsame Unvoreingenommenheit zu bewahren, wenn andere allzu erregt werden. |
| + – | 72. | Mehr als viele andere ziehe ich problemlösendes Verhalten dem Feilschen und Kompromisse-Schliessen vor. |
| + – | 73. | Es fällt mir leicht, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. |
| + – | 74. | Bei der Planung eines Projektes achte ich darauf, Leute miteinzubeziehen, die zupacken. |
| + – | 75. | Ich habe feste Überzeugungen und verleihe ihnen auch Ausdruck, reagiere aber positiv auf vernünftige Gegenargumente, indem ich meine Meinung ändere. |
| + – | 76. | Obwohl andere zeitweise dazu neigen, zwischenmenschliche Konflikte zu unterdrücken, zu vertuschen oder durch Kompromisse beizulegen, versuche ich unter allen Umständen, die Ursachen herauszufinden. |
| + – | 77. | In Stresssituationen bleibe ich ruhig. |
| + – | 78. | Es scheint mir, dass ich dazu neige, vor dem Fällen von Entscheidungen die Risiken abzuwägen. |
| + – | 79. | Mehr als viele andere mir bekannte Leute bemühe ich mich, Ideen, Meinungen und Haltungen zu suchen, die sich von meinen eigenen unterscheiden. |
| + – | 80. | Leute, die mit mir zusammenarbeiten, würden sagen, ich sei entscheidungsfreudig und entschlossen. |
| + – | 81. | Ich kann gut mit Misserfolgen umgehen. |
| + – | 82. | Zwischenmenschliche Konflikte erledige ich im persönlichen Gespräch. |
| + – | 83. | Ich bin der Überzeugung, dass eine wirksame Führung die Mitarbeitenden dazu anspornt, das Beste zu geben. |
| + – | 84. | Ich glaube, dass das, was andere Leute fühlen und denken, wichtig ist. |
| + – | 85. | Schon als Kind ermutigten mich meine Eltern oder Bezugspersonen, meine Ansichten auszusprechen, ohne Angst vor Strafe zu haben oder davor, mich lächerlich zu machen. |
| + – | 86. | Mich interessieren die Ergebnisse aus Forschung und Wissenschaft. |
| + – | 87. | Es scheint, dass ich eher die Fähigkeit entwickelt habe, selbstständig und unabhängig zu denken, als mich den Gedanken anderer Leute anzupassen. |
| + – | 88. | Ich glaube, dass Menschen fähig sind, sich selbst zu führen und zu kontrollieren und damit sich selbst zu entwickeln. |
| + – | 89. | Die meisten Fehler entstehen eher wegen eines Missverständnisses als aus Nachlässigkeit. |
| + – | 90. | Irgendwie scheint es, dass ich gelernt habe, der Welt auf entspannte, zuversichtliche und positive Art entgegenzutreten. |
| + – | 91. | Ich bin aktives Mitglied von drei und mehr Vereinen und Organisationen. |
| + – | 92. | Offenheit und Ehrlichkeit anderen gegenüber lohnen sich in der Regel. |
| + – | 93. | Beim Problemlösen gehe ich eher logisch-rational als gefühlsmässig vor. |
| + – | 94. | Ich bringe es fertig, nach aussen ruhig zu bleiben, obwohl es in mir kocht. |
| + – | 95. | Ich besuche Kurse, Seminare, Vorträge usw. häufiger als die meisten mir bekannten Personen. |
| + – | 96. | Ich habe den Ruf, fair und objektiv zu sein. |
| + – | 97. | Ich pflege von den anderen das zu bekommen, was ich haben möchte. |
| + – | 98. | Ich kann anderen Personen Dinge klar und deutlich erklären. |
| + – | 99. | Mein Erfolg im Leben beruht auf der Tatsache, dass ich es verstehe, meine Gefühle zu verbergen. |
| + – | 100. | In einer Diskussion zählen meine Argumente oft zu den besten. |
| + – | 101. | Ich bin der Überzeugung, dass die Menschen grundsätzlich gut sind. |
| + – | 102. | Für mich ist es wichtig, so perfekt wie möglich zu sein. |
| + – | 103. | Ich lese täglich eine bis zwei Tageszeitungen oder informiere mich täglich im Internet. |
| + – | 104. | Ich habe eine ziemlich klare Vorstellung davon, wo ich in fünf Jahren beruflich und privat stehen möchte. |
Skala III
| + – | *105. | Obwohl es viele nicht wahrhaben wollen, glaube ich, dass die Gefühle bei 90 Prozent der lebenswichtigen Entscheidungen den Ausschlag geben. |
| + – | 106. | Es scheint, dass ich mich mehr als andere selbst bemitleide. |
| + – | 107. | Wenn eine höherstehende Persönlichkeit die Verantwortung für eine schwerwiegende Entscheidung übernimmt, werde ich bei der Durchführung mithelfen, auch wenn ich davon nicht überzeugt bin. |
| + – | *108. | Ich geniesse das Leben in vollen Zügen. |
| + – | *109. | Es kommt öfter vor, dass ich am helllichten Tag ins Blaue hinein träume. |
| + – | *110. | Ich bin für Spontankäufe sehr anfällig. |
| + – | *111. | Es bereitet mir z. B. Mühe, eine Abmagerungskur durchzustehen, das Rauchen aufzugeben usw. |
| + – | 112. | Ich habe nichts dagegen, der oder die Ausführende zu sein, aber ich habe es gerne, wenn eine andere Person dabei die Führung übernimmt. |
| + – | *113. | Ich gebrauche oft Ausdrücke wie «irre», «höllisch», «megageil» usw. |
| + – | 114. | In einer gespannten Lage neige ich eher dazu, mich zurückzuziehen. |
| + – | 115. | Bescheidenheit ist eine Tugend, vielleicht die grösste. |
| + – | *116. | Ich erzähle gerne Witze. |
| + – | *117. | Ich bin immer voll neuer Ideen. |
| + – | 118. | Ich habe keine Mühe, Anweisungen zu befolgen. |
| + – | 119. | Befehle zu befolgen, fällt mir leichter, als Befehle zu erteilen. |
| + – | *120. | Ich bin oft impulsiv. |
| + – | 121. | Eher stimme ich anderen zu, als dass ich mit ihnen hin-und-her-diskutieren würde. |
| + – | 122. | Ich bemühe mich sehr um die Anerkennung anderer. |
| + – | 123. | Hie und da ertappe ich mich dabei, dass ich zu laut lache und spreche. |
| + – | 124. | Ich sage mir oft: «Es nützt ja doch nichts, sich hier zu engagieren.» |
| + – | 125. | Wenn mich jemand innerlich verletzt hat, sage ich ihm in der Regel nichts davon. |
| + – | *126. | Es ist für mich schwer zu verstehen, warum so viele Leute das Leben so ernst nehmen. |
| + – | 127. | Oftmals äussere ich meine Ideen nicht, weil sie mir zu wenig wichtig erscheinen. |
| + – | *128. | Meine Eltern respektierten es, wenn ich meinen Gefühlen wie Freude, Trauer, Ärger usw. voll Ausdruck gab. Sie ermutigten mich gar dazu. |
| + – | 129. | Es scheint mir, dass ich nicht so oft, wie ich möchte, meinen Willen durchsetzen kann. |
| + – | 130. | Ich ziehe es vor, eine Stellung mit eher wenig Verantwortung, Befugnissen, Ansehen usw. anzunehmen. |
| + – | 131. | Es kann sein, dass meine Eltern doch eher dazu neigten, mir Angst vor der Welt und den Menschen einzuflössen, als mir die Welt von der erfreulichen Seite zu zeigen. |
| + – | *132. | Ich habe mehr Interessen, Liebhabereien usw. als die meisten Leute, die ich kenne. |
| + – | 133. | Aus irgendeinem Grund kommt es oft vor, dass ich meistens den Kürzeren ziehe. |
| + – | *134. | An einem Freitagabend sitze ich mit ein paar Bekannten zusammen und trinke einige Flaschen Wein. Plötzlich kommt jemand auf die Idee, jetzt für zwei Tage nach Paris zu fahren. Fahre ich mit? |
| + – | *135. | Ich neige viel eher dazu, fantasievolle als logische Lösungen anzustreben. |
| + – | *136. | Es gibt Momente, wo ich in Gegenwart anderer Leute weine, ohne mich zu schämen. |
| + – | *137. | Irgendwann habe ich gelernt, dem Sex, meinem Körper, der Intimität usw. gegenüber eine freudige Haltung einzunehmen. |
| + – | 138. | Man muss sich wichtigen Persönlichkeiten unterordnen. |
| + – | *139. | Es gibt Zeiten, zu denen ich mir gerne aussergewöhnliche Freuden und Vergnügungen gönne. |
| + – | 140. | In ungewohnten Situationen fühle ich mich sehr unbehaglich. |
| + – | *141. | Ich finde mich oft mitten in einem Problem und frage mich, wie ich da wohl wieder hineingeschlittert bin. |
| + – | 142. | In vielen Situationen fühle ich mich einfach hilflos. |
| + – | *143. | Wenn ich etwas sage, ist es sehr wohl möglich, dass ich ins Fettnäpfchen trete. |
2.3.1Die Auswertung des Fragebogens
Der Fragebogen ist nach der Trefferwahrscheinlichkeitsmethode aufgebaut; deshalb werden nur die + bewertet. Zählen Sie nun alle +, die Sie bei den Fragen 1 bis 60 (Skala I) eingekreist haben. Zählen Sie dann in der Skala I alle + bei den mit einem Stern versehenen Fragen. Dieser Wert misst den Anteil des kritischen Eltern-Ichs (2). Subtrahieren Sie nun diesen Wert vom Summenwert (1). So errechnen Sie den Anteil des stützenden Eltern-Ichs (3).
Die Summe aller + in der Skala II (Fragen 61 bis 104) ergibt den Wert des Erwachsenen-Ichs (4).
Zählen Sie jetzt alle eingekreisten + in der Skala III (Fragen 105 bis 143) (5). Zählen Sie dann alle + bei den Fragen, die mit einem Stern gekennzeichnet sind (natürliches Kindheits-Ich) (6). Wenn Sie diesen Wert (6) nun noch von der Summe (5) subtrahieren, erhalten Sie den Anteil des angepassten Kindheits-Ichs (7).
| Skala I (Fragen 1 bis 60) | |
| Summe aller «+»Summe der «+»-Antworten, die mit einem Sternversehen sind = (kritisches Eltern-Ich)(1) minus (2) = (stützendes Eltern-Ich) | = (1)= (2)= (3) |
| Skala II (Fragen 61 bis 104) | |
| Summe aller «+» = (Erwachsenen-Ich) | = (4) |
| Skala III (Fragen 105 bis 143) | |
| Summe aller «+»Summe der «+»-Antworten, die mit einem Sternversehen sind = (natürliches Kindheits-Ich).(5) minus (6) = (angepasstes Kindheits-Ich) | = (5)= (6)= (7) |
Anhand der folgenden Umrechnungstabelle werden jetzt diese berechneten Rohwerte (2) (kritisches Eltern-Ich), (3) (stützendes Eltern-Ich), (4) (Erwachsenen-Ich), (6) (natürliches Kindheits-Ich) und (7) (angepasstes Kindheits-Ich) schliesslich noch in Skalenwerte umgewandelt.


Die Skalenwerte werden nun auf die unten stehenden Säulen übertragen. So erhalten Sie Ihr Egogramm.
Das ist Ihr Egogramm

Es gibt keine «guten» oder «schlechten» Egogramme, genauso wenig, wie es gute oder schlechte Ich-Zustände gibt. Jeder Ich-Zustand bringt Ihnen und für die Zusammenarbeit mit Ihren Mitarbeitenden Vor- und Nachteile. Das Egogramm zeigt Ihnen, wie sich Ihre psychische Energie in den einzelnen Ich-Bereichen verteilt und wie stark Ihre einzelnen Ich-Zustände ausgeprägt sind.
Je höher die Skala steigt, desto ausgeprägter ist der entsprechende Ich-Zustand (der Skalenwert 50 entspricht einem Durchschnittswert von 3000 deutschsprachigen Testpersonen). Übersteigt ein Ich-Zustand den andern um mehr als 15 Skalenwerte, bedeutet dies, dass vor allem in Drucksituationen das Verhalten vom entsprechenden Ich-Zustand dominiert wird. Es fällt uns in solchen Situationen schwer, diesen Ich-Bereich zu verlassen.
Die Dominanz eines Ich-Zustandes selektiert die Wahrnehmung. Ich nehme in einem solchen Moment nur noch das «wahr», was meine Haltung rechtfertigt; alles andere «höre» und «sehe» ich nicht mehr. Geringe Unterschiede zwischen den Ich-Bereichen weisen auf einen schnellen Wechsel zwischen den entsprechenden Verhaltensweisen hin.
Werden Mitarbeitende befragt, wie eine Führungskraft auf sie wirkt, die sich vorwiegend im Eltern- bzw. Erwachsenen- oder Kindheits-Ich befindet, nennen sie u. a. häufig folgende Vor- und Nachteile der einzelnen Ich-Zustände:
| Einige Beispiele für die Vor- und Nachteile stark oder wenig ausgeprägter Ich-Bereiche | ||
| Kritisches Eltern-Ich | Stark ausgeprägt | Schwach ausgeprägt |
| Vorteile | Kann in Notsituationen rasch entscheiden Legt Wert auf Traditionen und Normen | Wirkt nicht autoritär Flexibel Nicht festgefahren Offen für andere Meinungen |
| Nachteile | Lehnt Neues eher ab Intolerant Unterdrückend Überkritisch Frustrierend Reagiert mit Ärger, Macht und Aggressionen | Ineffektiv Lädt zur Manipulation ein Wenig bestimmt |
| Stützendes Eltern-Ich | Stark ausgeprägt | Schwach ausgeprägt |
| Vorteile | Schafft Geborgenheit Hat viel Verständnis Hört geduldig zu Unterstützt Ist fürsorglich | Fordert Selbstständigkeit der Mitarbeitenden Lässt andere machen Delegiert viel |
| Nachteile | Überfürsorglich «Meint es gut mit den anderen» Macht andere von sich abhängig Verhindert Selbstständigkeit der Mitarbeitenden | Zeigt wenig Verständnis Lobt wenig Auf sich bezogen Fühlt sich oft allein |
| Erwachsenen-Ich | Stark ausgeprägt | Schwach ausgeprägt |
| Vorteile | Fragt viel Geht Ursachen auf den Grund Legt Wert auf Logik Löst Konflikte durch kreative Kooperation | Ein schwach ausgeprägtes Erwachsenen-Ich hat keine Vorteile |
| Nachteile | Zeigt wenig Gefühle Überkontrolliert Roboterhaft Hang zu übertriebener Perfektion | Lernt wenig aus der Erfahrung Wechselhaft Unberechenbar Geringes Selbstwertgefühl |
| Natürliches Kindheits-Ich | Stark ausgeprägt | Schwach ausgeprägt |
| Vorteile | Fantasievoll Wirkt witzig Charmant Spontan Offen Zeigt Gefühle Geniesst das Leben | Wirkt ruhig Bleibt auf dem Boden der «Realität» |
| Nachteile | Impulsiv Flippt aus Rücksichtslos Chaotisch Widersprüchlich Cholerisch | Zeigt Gefühle kaum Zurückhaltend «Trocken» Tendenz zu depressiven Gedanken Wirkt «wenig lebendig» |
| Angepasstes Kindheits-Ich | Stark ausgeprägt | Schwach ausgeprägt |
| Vorteile | Nimmt Rücksicht auf andere Kann auf Kompromisse eingehen Hält sich an Normen, Gesetze, Richtlinien | Sagt, was er / sie denkt Geht eigene Wege Steht zur eigenen Meinung Lässt sich kaum bestechen Richtet sich nicht nach den anderen |
| Nachteile | Überangepasst Zieht sich schnell zurück Hat Angst, etwas falsch zu machen Resigniert schnell Gibt schnell nach | Undiplomatisch Geht wenig Kompromisse ein Unhöflich «Die einen kennen mich – die andern können mich» Wenig kooperativ |
Bei der Interpretation der Auswirkungen ist jeweils auch noch das Zusammenspiel der verschiedenen Ich-Bereiche zu berücksichtigen. Je nachdem können sich Vor- und Nachteile aufheben oder verstärken. Es ist auch zu beachten, dass extreme Stärken zu Schwächen werden können. Zum Beispiel ist Durchsetzungskraft eine Stärke des ausgeprägten kritischen Eltern-Ichs. Diese Stärke kann jedoch in autoritäres Verhalten und Sturheit umschlagen. Ausgeprägtes Unterstützen von anderen kann zur Überfürsorglichkeit tendieren und das Selbstständigwerden der anderen verhindern. Die Stärke der Logik im Erwachsenen-Ich kann zu Roboterhaftigkeit führen. Extreme Offenheit kann verletzend sein. Anpassung kann zu Resignation führen. In diesem Zusammenhang möchten wir darauf hinweisen, dass das Egogramm auch konstellationsabhängig ist, dazu ein Beispiel: Ein erfolgreicher, umgänglicher, humorvoller und feinfühliger Manager wird in ein Team versetzt, welches ihn überhaupt nicht akzeptiert. Er reagiert nur noch auf der Autoritätsschiene im kritischen Eltern-Ich und erkennt sich selbst nicht wieder (Kälin et al., 2003).
Eine Untersuchung mit dem vorliegenden Fragebogen bei mehr als 5000 Führungskräften aus dem deutschsprachigen Raum hat folgendes Durchschnittsbild ergeben (Kälin et al., 2003):
Egogramm von Führungskräften (Durchschnitt von N = 4280)

Die grafische Darstellung zeigt, dass bei Führungskräften die beiden Eltern-Ich-Bereiche und das Erwachsenen-Ich über dem Durchschnitt von 50 liegen.
Je nach Branche, Ausbildung, Alter, Geschlecht u. a. sehen die Durchschnittswerte wieder etwas anders aus. So ist zum Beispiel die Führungsstufe, auf der Führungskräfte stehen, ein Einflussfaktor. Das Durchschnitts-Egogramm von 800 Direktionsmitgliedern aus Grossunternehmen der deutschsprachigen Schweiz sah 1985 so aus:

Diese grafische Darstellung lässt auf eine grosse Stabilität und Sicherheit schliessen, solange es um die Aufrechterhaltung traditioneller und bewährter Werte geht. Dagegen setzen Führungskräfte mit einer solchen Energieverteilung Veränderungen und Innovationen beachtlichen Widerstand entgegen. Solche Führungskräfte gehen auch oft sehr hilflos mit Emotionen um. Nachdem Anfang des 21. Jahrhunderts Erwachsenen-Ich-orientierte Egogramme vermehrt im Vordergrund standen, beobachten wir in letzter Zeit wieder eine deutliche Zunahme des Kritischen Eltern-Ichs selbst bei jüngeren Führungskräften. Wenn wir Egogramme betrachten, müssen wir uns bewusst sein, dass es sich dabei um Momentaufnahmen handelt: Die Energie in den Ich-Bereichen kann sich aufgrund tief greifender Erlebnisse in kurzer Zeit verändern, z. B. nach einem Herzinfarkt oder nach dem Verlust des Lebenspartners. Aber auch über längere Zeitperioden betrachtet, verändern sich Egogramme mit unseren Lebensphasen.
Ein wesentliches Anliegen der Transaktionsanalyse ist es, das Erwachsenen-Ich so zu stärken, dass es im Vergleich mit den anderen Ich-Zuständen die grösste Energie aufweist. So kann das Erwachsenen-Ich in jeder Situation autonom entscheiden, mit welchem Ich-Zustand es in einer bestimmten Lage reagieren möchte.
Nach ihrem Wunsch-Egogramm befragt, zeichnen sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am häufigsten dieses Bild:

Da jeder Mensch jene Verteilung der psychischen Energie in den Ich-Zuständen braucht, die seine Bedürfnisse und diejenigen der Umwelt erfüllt, gibt es, wie oben erwähnt, kein «ideales» Egogramm. Ein Künstler wird seine Energie anders verteilen als eine Juristin; eine Pflegefachfrau wieder anders als ein Manager. Aber nach dem Wunschbild befragt, fühlen sich – unabhängig vom Beruf – offenbar die meisten dann am wohlsten, wenn das Erwachsenen-Ich ihr Verhalten zu steuern vermag und wenn für «die Freude am Leben» (natürliches Kindheits-Ich) und für das Wohlergehen anderer (stützendes Eltern-Ich) mehr psychische Energie vorhanden ist als für Kritik (kritisches Eltern-Ich) und für die Anpassung an andere (angepasstes Kindheits-Ich).
2.3.3Egogramm und Führungsstil
Das Persönlichkeitsmodell der Transaktionsanalyse lässt sich mit dem soziotechnischen Ansatz zur Mitarbeiterführung (vgl. hier) sehr gut verbinden. In der Regel ergeben sich folgende Zusammenhänge:

Der Führungsstil I ist häufig mit einem sehr schwachen Erwachsenen-Ich verbunden. Der Führungsstil II ist durch einen hohen Anteil von stützendem Eltern-Ich und angepasstem Kindheits-Ich gekennzeichnet. Die Eltern-Ich-Komponenten dominieren beim Führungsstil III, und der Führungsstil IV weist ein starkes Erwachsenen-Ich und ein starkes Kindheits-Ich auf.
Bei diesen Zusammenhängen zwischen Egogramm und Führungsstil sind sehr viele Zwischenformen möglich. Die Verbindung der Lebensgrundpositionen – ein weiteres Konzept der Transaktionsanalyse – mit den Führungsstilen und mit dem Egogramm ermöglicht uns noch eine weitere Differenzierung.
2.4Die Grundeinstellung zu mir und anderen
Ob ein Führungsverhalten überzeugend wirkt, hängt u. a. auch davon ab, welche Lebensgrundeinstellung eine Führungskraft sich selbst und ihren Mitarbeitenden gegenüber hat.
Berne (1967, 1973) hat die Begriffe «o. k.» und «nicht o. k.» eingeführt, um die existenzielle Grundeinstellung eines Menschen zu kennzeichnen. Diese Grundeinstellung ist eine weitgehend konstante Haltung. Sie kommt dann deutlich zum Ausdruck, wenn jemand in irgendwelche Schwierigkeiten gerät. Die Grundeinstellung entspricht der Farbtönung der Brille, durch die wir uns selbst und die Welt «wahr»nehmen. Es gibt vier fundamentale Lebensgrundpositionen, die mit den folgenden Formeln beschrieben werden, wobei das Wort «ich» durch «wir» ersetzbar ist und statt «du» auch «sie» stehen kann:
Ich bin nicht o. k. / Du bist nicht o. k. (– –)
Ich bin nicht o. k. / Du bist o. k. (– +)
Ich bin o. k. / Du bist nicht o. k. (+ –)
Ich bin o. k. / Du bist o. k. (+ +)

Diese «Ich bin o. k. / Du bist o. k.»-Grundeinstellung, wie der gleichlautende Titel des Bestsellers von Harris (1974), hat nichts mit Sozialromantik zu tun. «Ich bin o. k.» heisst auch: Ich sage ja zu mir, so wie ich bin, mit all meinen Sonnen- und Schattenseiten. Es ist eine Selbstwertschätzung. «Du bist o. k.» bedeutet: Ich sage ja zum anderen mit seinen Vor- und Nachteilen. Es ist das Mass meines Vertrauens in die Fähigkeit anderer.
Nun kann ich ja nicht jeden Verbrecher als «o. k.» annehmen. Deshalb wird von Fanita English (1980) noch eine fünfte Grundposition vorgeschlagen: «Ich bin o. k. / Du bist o. k. – realistisch». Sie meint damit das o. k.-Gefühl des Erwachsenen-Ichs, im Unterschied zum ursprünglichen «Ich bin o. k. / Du bist o. k.» im Kindheits-Ich.
Lebensgrundpositionen sind Entscheidungen über den Wert, den ich habe. Sie bilden sich bereits in der frühen Kindheit im Umgang mit den Bezugspersonen und der Realität heraus. Später sind diese Lebensgrundpositionen Wahrnehmungsfilter. Wer einmal eine Grundposition bezogen hat, neigt dazu, die Welt in der Weise zu sehen und zu erleben, die seine Haltung rechtfertigt und damit aufrechterhält.
«Brave» Kinder entwickeln häufig eine (– +)-Grundposition. Sie sehen später oft das Positive an sich nicht und wehren z. B. Komplimente ab. Wenn einem Kind das «Bravsein» im Umgang mit den Eltern nicht hilft, weil der Erziehungsstil widersprüchlich ist, entwickelt es oft eine (+ –)-Grundposition. Es wird später dann das Gute und Positive bei den anderen nicht sehen.
Im Zusammenhang mit dem Führungsverhalten wirken sich die Lebensgrundpositionen nach Rüttinger und Kruppa (1981) wie folgt aus:
(+ +)-Grundposition
Führungskräfte mit der (+ +)-Grundposition können eine Situation realistisch bewerten, Entscheidungen selbstständig treffen, die Folgen von Entscheidungen abschätzen und die Konsequenzen tragen. Führungskräfte mit dieser Einstellung vertrauen den Menschen in ihrer Umgebung, solange dieses Vertrauen nicht in krasser Weise zerstört wird. James und Jongeward (1974) bezeichnen solche Personen als «Gewinner». Solche sehen die Realität, so wie sie ist, und nicht, wie sie sie haben möchten. Sie leben bewusst in der Gegenwart, ohne allerdings die Vergangenheit zu verleugnen und ohne vor der Zukunft die Augen zu verschliessen. Ein Gewinner ist autonom. Er reagiert nicht mit fixierten Verhaltensmustern, sondern unmittelbar und realitätsbezogen. Gewinner können es sich leisten, Fehler zu begehen und sich auch vorübergehend unsicher fühlen, ohne dass sie den Glauben an sich selbst verlieren.
(+ –)-Grundposition
Führungskräfte mit dieser Grundposition sagen den andern zwar gerne, was sie tun sollten, sind aber häufig kaum in der Lage, ihre eigenen Probleme zu lösen, die sie vielfach auch nicht deutlich genug sehen. Sie schieben die Schuld sehr gerne ab. Sie zwingen den anderen etwas auf, indem sie ausschliesslich ihre eigenen Massstäbe anlegen. Sie verfahren nach dem Motto: Fehler machen nur die anderen; wenn etwas nicht nach Plan geht, sind die anderen schuld. Diese Haltung dient oft dazu, das eigene «Nicht o. k.»-Verhalten zu überdecken. Führungskräfte mit dieser Einstellung umgeben sich gerne mit Ja-Sagern. Sie besitzen zudem ein hohes Mass an Misstrauen. So verweigern solche Führungskräfte ihren Mitarbeitenden Anerkennung, weil sie glauben, dass die Mitarbeitenden daraus einen Vorteil ziehen und dies als Zeichen von Schwäche interpretieren würden.

(– +)-Grundposition
Führungskräfte dieser Gruppe glauben sich anderen gegenüber oft unterlegen. Sie handeln häufig aus dieser vermeintlichen Unterlegenheit heraus und richten aufkommende Aggressionen in erster Linie gegen sich selbst. Ihr Selbstwertgefühl ist nicht sonderlich ausgeprägt. Nach Möglichkeit versuchen sie, zwischenmenschliche Konflikte zu vermeiden. Um die Zuwendung der anderen nicht zu verlieren, sagen sie sehr oft «ja», obwohl sie eigentlich «nein» sagen wollten. Im Umgang mit Mitarbeitenden sagen Führungskräfte mit einer (– +)-Grundhaltung häufig: «Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie das nicht können …» oder: «Lassen Sie nur, ich mache das dann schon…»
(– –)-Grundposition
Menschen, die diese am wenigsten wünschenswerte Grundposition über längere Zeit hinweg einnehmen, können ihrer Arbeit, dem Kontakt mit anderen und dem Leben überhaupt wenig Freude abgewinnen. Sowohl das eigene Selbstvertrauen als auch das Vertrauen in andere sind gestört. Diese Grundlage hängt oft mit einer Lebenskrise zusammen, und Menschen in dieser Situation brauchen beratende, mitunter auch therapeutische Hilfe.

Wenn wir nun versuchen, diese Grundpositionen in einen Zusammenhang mit den auf hier beschriebenen Verhaltensstilen zu bringen, ergibt sich folgende grafische Darstellung:

Im Sinne des situativen Führens wirken die Führungsstile III und II dann überzeugend, wenn sie aus einer (+ +)-Grundposition erfolgen. Genauso wirkt der Führungsstil IV aus einer (+ –)-Grundposition heraus pseudo-kooperativ. Die Mitarbeitenden empfinden in einem solchen Fall die «kooperative» Entscheidungsfindung, bei welcher der Vorgesetzte insgeheim längst entschieden hat, als Alibiübung.
2.5Führung und Motivation
Die Förderung des Erwachsenen-Ichs und des natürlichen Kindheits-Ichs ist ein zentraler Bereich der Führungskräfteschulung.
Dass dies einem Bedürfnis entspricht, erkennen wir, wenn wir eine der verbreitetsten und populärsten Motivationstheorien – die Zweifaktoren-Theorie von F. Herzberg – mit dem Persönlichkeitsmodell der Transaktionsanalyse verbinden.
Herzberg, Mausner und Snyderman (1969) haben in einer mit Führungskräften durchgeführten Studie nachgewiesen, dass Faktoren, die zur Selbstaktualisierung des Menschen am Arbeitsplatz führen, als sehr wesentlich empfunden werden. So stellten diese Autoren fest, dass Führungskräfte, die aussagten, sie seien mit ihrer Arbeit sehr zufrieden, dies hauptsächlich auf Faktoren zurückführten, die mit beruflicher Leistung, mit erfolgreicher Ausführung einer Aufgabe in Verbindung standen oder die ein Wachstum, eine Entwicklung und Erweiterung der Persönlichkeit ermöglichten und ihnen das Gefühl gaben, kompetent und leistungsfähig zu sein – Faktoren also, die einen engen Bezug zur Selbstaktualisierung hatten. Herzberg bezeichnete diese Faktoren deshalb als «Motivationsfaktoren» oder «Zufriedenmacher». Nannten Führungskräfte dagegen Faktoren, die sie für negative Gefühle bei ihrer Arbeit verantwortlich machten, so waren dies Umweltfaktoren, die nicht direkt mit der Arbeit selbst zu tun hatten, so etwa unzureichende Entlohnung, schlechte Arbeitsbedingungen, mangelnde Sicherheit des Arbeitsplatzes, schlechter Führungsstil, die Art der Anordnung oder das Arbeitsklima. Herzberg bezeichnete diese Faktoren als «Hygienefaktoren» oder «Unzufriedenmacher». In seinen Studien kam Herzberg zum Schluss, dass fehlende Hygienefaktoren Unzufriedenheit hervorrufen. Sind diese Faktoren jedoch vorhanden, besteht zwar keine Unzufriedenheit, aber die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind deshalb noch nicht zwangsläufig motiviert.
Als Ansporn für Mitarbeitende bedarf es der «Motivatoren». Sind diese nicht gegeben, bewirkt das zwar keine grosse Unzufriedenheit, aber die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind auch nicht motiviert. Andererseits haben die Motivatoren nur dann eine optimale Wirkung, wenn die Hygienefaktoren in ausreichender Form gegeben sind.
So wirkt zum Beispiel die Anerkennung einer guten Leistung (Motivator) durch einen Vorgesetzten, dessen zwischenmenschliche Beziehungen zu seinem Mitarbeiter gestört sind (Hygienefaktor), nie in dem Masse, wie dies der Fall ist, wenn der Faktor «Zwischenmenschliche Beziehung» in Ordnung ist.
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – im Besonderen solche mit fundierter Ausbildung – suchen zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse eine Arbeit, die sie herausfordert und Selbstständigkeit verlangt. Diese Bedürfnisse werden nicht durch die Hygienefaktoren – also durch äussere Umstände – befriedigt, sondern ausschliesslich durch die Motivatoren, nämlich durch sinngebende und verantwortungsvolle Arbeit, unabhängiges Handeln und die Anerkennung ihrer Leistungen.
Die folgende grafische Darstellung macht deutlich, dass zur Aufrechterhaltung der Hygienefaktoren Eltern-Ich- und Erwachsenen-Ich-Einflüsse notwendig sind, für die echte Motivation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hingegen zunehmend Verhaltenselemente des Erwachsenen- und des natürlichen Kindheits-Ichs.
Hygienefaktoren
Entlohnung
Arbeitsplatzsicherheit
Arbeitsbedingungen
Status
Regelungen
Funktionsweise der Verwaltung
Art und Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz

Motivatoren
Leistung
Anerkennung
Verantwortung
Beförderung
Interessante Arbeit
Möglichkeit des persönlich-geistigen Wachsens durch die Verrichtung einer interessanten Arbeit
(nach Novey, 1976, S. 100)
2.6Richtungen der Persönlichkeitsentwicklung
Die Erfahrung zeigt, dass es in vielen Fällen leichter und auch sinnvoller ist, einen «schwachen» Ich-Zustand zu stärken als einen «starken» Ich-Zustand abzubauen.
Je mehr Raum und Zeit die zurückgebliebenen Ich-Bereiche in uns gewinnen, desto mehr treten die anderen von selbst zurück. Falls Sie etwas in Ihrem Egogramm verändern möchten, geht es weniger darum, Ich-Zustände zurückzubinden, sondern erwünschte Ich-Zustände häufiger zu aktivieren, sodass Sie mehr Melodien auf Ihrem Lebensklavier spielen können und «flüssiger» werden.
Obwohl für die Persönlichkeitsentwicklung alle Ich-Zustände von Bedeutung sind, kommt in der Transaktionsanalyse wie auch in anderen Therapierichtungen der Stärkung des lebenserweiternden Erwachsenen-Ichs und natürlichen Kindheits-Ichs eine besondere Bedeutung zu. Dieses keinesfalls einfache Ziel wird in der Führungsschulung in Verhaltenstrainings mithilfe von Übungen und Selbsterfahrungen angestrebt.
Erwachsenen-Ich fördern
Ich werde die Verantwortung für mein Leben selbst übernehmen.
Die Realität so sehen, wie sie ist, und nicht, wie ich sie haben möchte.
Mich so sehen, wie ich bin, und nicht, wie ich sein möchte.
Statt sofort loszulegen oder zu jammern, überlegen und fragen.
Statt zu behaupten, zuhören und Fragen stellen.
Statt zu warten, den ersten Schritt noch heute machen.
Sagen, wenn mich etwas stört.
Stützendes Eltern-Ich fördern
Verständnis für die Handlungsweisen anderer haben.
Zuwendung geben und Zuwendung annehmen.
Aktives Zuhören einsetzen.
Natürliches Kindheits-Ich fördern.
Eigene Gefühle, «wahr»nehmen, annehmen und – wenn es sinnvoll ist – ausdrücken.
Dinge tun, die einem wirklich Spass machen, sofern sie nicht zerstörerisch sind.
Geniessen, statt ungeniessbar zu sein.
Sich an kleinen und grossen Dingen freuen.
Wieder staunen lernen.
Hohes angepasstes Kindheits-Ich abbauen
Statt sich auf das «Ich kann nicht» auf das «Ich will nicht» konzentrieren.
Das «Ich muss …» durch «Ich entscheide mich …» ersetzen.
Klar ausdrücken, was ich will.
Lernen «nein zu sagen» und die Konsequenzen davon zu tragen.
Hohes kritisches Eltern-Ich abbauen.
Fragen, statt zu behaupten.
Zuhören.
Warten, statt sofort loszulegen.
Eigene Werte hinterfragen: «Ist es wirklich so?»
Hohes stützendes Eltern-Ich abbauen
Andere fragen: «Was genau erwartest du jetzt von mir?»
Andere fragen: «Was hast du dir bis jetzt überlegt?»
Andere fragen: «Was hast du schon ausprobiert?»
Lernen, nein zu sagen.
Vertrauen in das Potenzial der anderen haben.
2.7Die Analyse von Transaktionen
Im Sinne der Transaktionsanalyse wird eine Mitteilung von einem Individuum zu einem anderen je aus einem bestimmten Ich-Zustand heraus «gesendet» und an einen bestimmten Ich-Zustand im anderen gerichtet. Es gibt also Mitteilungen, die vom Eltern-Ich eines «Senders» ausgehen und sich an das Kindheits-Ich im «Empfänger» richten, aber auch Mitteilungen, die vom Erwachsenen-Ich des «Senders» ausgehen und sich an das Erwachsenen-Ich des «Empfängers» richten.
Dazu ein Beispiel:
Frau Weiss fährt mit dem Wagen in die Stadt. Sie holt aus der Reinigung den Anzug ihres Mannes ab. Auf der Heimfahrt übersieht sie in der Eile ein von rechts einbiegendes Fahrzeug. Es kommt zu einem leichten Zusammenstoss. Frau Weiss hat nun die folgenden Möglichkeiten, ihrem Mann von diesem Vorfall zu berichten:
a)«In Zukunft kannst du deine Klamotten selbst abholen! In der Hetze passiert doch immer etwas. Rammt mir doch so ein Idiot den Wagen!»
b)«Du, ich muss dir etwas sagen. Mir ist etwas Dummes passiert. Als ich deinen Anzug aus der Reinigung abholte, übersah ich auf der Heimfahrt ein Auto, das von rechts einbog. Ich wollte noch bremsen, aber da krachte es schon.»
c)(Mit weinerlicher Stimme:) «Du, mir ist etwas Furchtbares passiert. Ich holte deinen Anzug. Und auf der Heimfahrt habe ich einen anderen gerammt. Ich kann wirklich nichts dafür.»
Sie finden bestimmt leicht heraus, aus welchem Ich-Zustand Frau Weiss in den Situationen a, b und c reagiert hat. Für den weiteren Verlauf des Gespräches ist es entscheidend, an welchen Ich-Zustand ihres Mannes sich Frau Weiss richtet und mit welchem Ich-Zustand Herr Weiss auf diese Aussage reagiert. Auf den Reiz aus dem Erwachsenen-Ich «Du, ich muss dir etwas sagen. Mir ist etwas Dummes passiert …» kann Herr Weiss aus seinem Erwachsenen-Ich reagieren: «Hast du dich verletzt?»

Die Pfeile, mit denen Reiz und Reaktion dargestellt sind, verlaufen parallel. Es sind Parallel-Transaktionen. Immer dann, wenn die Antwort unseres Gesprächspartners aus dem angesprochenen Ich-Zustand kommt, sprechen wir von Parallel-Transaktionen. Anders gewendet: Wenn die erwartete Reaktion eintritt, ist die Transaktion parallel. Parallel-Transaktionen können zwischen jedem Ich-Zustand ablaufen. Auch wenn die Transaktionen nicht horizontal verlaufen, z. B. vom Eltern-Ich zum Kindheits-Ich und umgekehrt, sprechen wir von einer Parallel-Transaktion. Auf den Reiz aus dem Kindheits-Ich von Frau Weiss an das Eltern-Ich ihres Ehemannes: (Mit weinerlicher Stimme:) «Du, mir ist etwas Furchtbares passiert …» kann Herr Weiss aus dem stützenden Eltern-Ich antworten: «Gott sei Dank ist dir nichts passiert.» Oder auf den Reiz aus dem kritischen Eltern-Ich der Ehefrau: «In Zukunft kannst du deine Klamotten selbst abholen!» könnte Herr Weiss aus seinem angepassten Kindheits-Ich antworten: «Ja, du hast sicher recht.»
Es wäre auch eine Parallel-Transaktion zwischen Eltern-Ich und Eltern-Ich denkbar:

Oder zwischen den beiden Kindheits-Ichs.

Als Grundregel gilt:
Solange Reiz und Reaktion zwischen den Ich-Zuständen parallel verlaufen, kann die Kommunikation unbegrenzt weitergehen. Für den Arbeitsalltag dürften wohl die Erwachsenen-Ich / Erwachsenen-Ich-Transaktionen die besten sein: Sie sind problemlösend.
Kehren wir noch einmal zum Ehepaar Weiss zurück. Es hätte sich auch Folgendes abspielen können: Auf den Reiz aus dem Erwachsenen-Ich von Frau Weiss an das Erwachsenen-Ich ihres Mannes: «Du, ich muss dir etwas sagen. Mir ist etwas Dummes passiert …», hätte Herr Weiss antworten können: «Kannst du denn nicht besser aufpassen, ich hab’ dir doch schon hundertmal gesagt, du sollst vorsichtig sein …» Herr Weiss reagiert nicht, wie seine Frau wohl erwartet, aus dem Erwachsenen-Ich, sondern aus seinem kritischen Eltern-Ich. Er wendet sich damit an das angepasste Kindheits-Ich seiner Frau. Die Pfeile im Diagramm kreuzen sich. Erfolgt in einem Gespräch die Reaktion nicht aus dem angesprochenen Ich-Zustand, sprechen wir von einer Kreuz-Transaktion. Kreuz-Transaktionen führen – zumindest vorübergehend – zu einer Unterbrechung der Kommunikation. Gekreuzte Transaktionen «gehen» irgendwie «daneben». Der Gesprächspartner hat dadurch oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Sein Anliegen wird missachtet. Auf Missachtung reagieren wir mit negativen Gefühlen, die dann häufig nicht ausgesprochen, sondern im kritischen Eltern-Ich kompensiert werden und zu Kreuz-Transaktionen führen, die kaum mehr zu «retten» sind:


Am häufigsten entstehen Kreuz-Transaktionen, wenn auf einen Reiz aus dem Erwachsenen-Ich eine Reaktion aus dem Kindheits- oder Eltern-Ich erfolgt.
Als zweite Grundregel gilt:
Wenn Reiz und Reaktion sich kreuzen, wird die Kommunikation – zumindest vorübergehend – unterbrochen. Mit etwas Übung kann jeder und jede Geschicklichkeit darin entwickeln, mit anderen in Kontakt zu bleiben, indem er oder sie Parallel-Transaktionen herstellt und Kreuz-Transaktionen vermeidet. Kreuz-Transaktionen sind dann wertvoll, wenn sie dazu dienen, endlose Eltern-Ich / Eltern-Ich-Transaktionen zu unterbrechen, um dem Gespräch eine neue Wende zu geben. In der Mitarbeiterführung ist es oft notwendig, Kindheits-Ich- / Eltern-Ich-Transaktionen zu kreuzen. In unserem Karikatur-Beispiel versucht der Vorgesetzte, statt das Problem selbst zu lösen, mit einer Kreuz-Transaktion dem Mitarbeiter durch die Beschaffung der erforderlichen Information so zu helfen, dass er das Problem selbst lösen kann. Mit welchem Ich-Zustand Sie ein Gespräch beginnen und aufrechterhalten, ist Ihre Entscheidung. Nur Sie können beurteilen, welche Reaktion Sie in einer gegebenen Situation für sinnvoll und nützlich halten. Wenn Sie von anderen mit Kreuz-Transaktionen geärgert werden, dann können Sie sich – zur Freude der anderen – ärgern, es verlangt aber niemand von Ihnen, dass Sie sich ärgern müssen.
2.8Unser Bedürfnis nach Beachtung
Nachdem wir durch die Schilderung verschiedener Transaktionen Einblick in das «Wie» unseres Umganges mit anderen gewonnen haben, können wir unser Verständnis weiter vertiefen, wenn wir nun der Frage nach dem «Warum» nachgehen.
Das Bedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung ist ein biologisches Grundbedürfnis, ein Bedürfnis also, das uns angeboren ist. Auch wenn nicht alle Menschen gleich viel und gleich häufig Zuwendung und Anerkennung benötigen, ist der Hunger nach «strokes» (Berne, 1967) doch das wahrscheinlich entscheidendste Grundbedürfnis. René Spitz (1967) weist in seinen Forschungen darauf hin, dass Kinder für ihre körperliche und seelische Entwicklung und zum Überleben körperlichen Kontakt benötigen. Berne (1973) leitet daraus einen Reizhunger nach Körperkontakt ab, dem er den gleichen Bezug zum Überleben des menschlichen Organismus zuschreibt wie dem Hunger nach Nahrung.
Bedingt durch gesellschaftliche Normen kann das Bedürfnis nach physischem Kontakt im Verlaufe unserer Entwicklung nicht mehr voll befriedigt werden. Der Hunger nach physischer Zuwendung wird teilweise in einen Hunger nach Anerkennung umgewandelt. Diese ist, bildlich gesprochen, ein Streicheln. Daher wird der Ausdruck «Streicheln» (stroking) sowohl für physischen Körperkontakt als auch für eine gesprochene oder nicht-verbale Anerkennung verwendet.
2.8.1Die Hierarchie der Beachtung
Es stehen uns fünf Zuwendungsmöglichkeiten zur Verfügung:
1.Die bedingungslose positive Beachtung Sie bedeutet grundsätzliches Akzeptieren des anderen. Diese Wertschätzung ist mit keinem «Wenn» und «Aber» verbunden. Diese Art von Anerkennung ist nur aus der (+ +)-Grundposition heraus möglich. Es ist die Mutter, die ihrem Töchterchen sagt: «Ich habe dich einfach gern» («auch wenn du nicht machst, was ich sage …»), oder der Vorgesetzte, der zu seinem Mitarbeiter sagt: «Ich fühle mich sehr wohl in Ihrer Gegenwart» oder «Ich schätze Sie».
2.Die bedingte positive Beachtung Hier wird die Zuwendung mit einer Bedingung verknüpft und von deren Erfüllung abhängig gemacht, z. B.: «Ich schätze Sie, wenn Sie das tun, was ich Ihnen sage.»
3.Die bedingte negative Beachtung Sie hat zumeist bereits einen drohenden Inhalt. Wenn eine Bedingung nicht erfüllt wird, entsteht ein «Liebesentzug»: «Ich schätze Sie nicht, wenn Sie dauernd zu spät kommen.»
4.Die bedingungslose negative Beachtung Ich lehne den anderen als Person ab, unabhängig davon, was er unternimmt, denkt oder fühlt: «Sie sind ein Idiot.»
5.Weder positive noch negative Beachtung Diese Art von Zuwendung ist am schwersten zu ertragen. Jeder von uns kennt das Gefühl, mit Absicht übersehen, einfach wie Luft behandelt zu werden. Wir existieren für den anderen überhaupt nicht. Länger andauerndes geflissentliches Übersehen kann zu schwerwiegenden seelischen und körperlichen Störungen führen. Die bedingungslose negative Beachtung, sei sie auch noch so negativ, ist immer noch besser als überhaupt keine. Deshalb wird ein Mensch, der gar keine Zuwendung erhält, alles Mögliche unternehmen, um die nächste Stufe der bedingungslosen negativen Beachtung zu erreichen, also wenigstens noch ein Idiot zu sein.
Es lohnt sich – besonders auch für Führungskräfte – einmal für sich selbst eine kleine Privatstatistik aufzustellen, die zeigt, welche der fünf möglichen Zuwendungen im Führungsalltag am häufigsten praktiziert werden. Die 5. Stufe ist äusserst verbreitet. Im besten Fall heisst es noch: «Solange ich nichts sage, ist es ja gut.» Bei dem sehr verbreiteten Mangel an echter Zuwendung ist diese Art der «Mitarbeitermotivation» doch etwas zu bescheiden. Wenn jemand keine positive Beachtung erhält oder annimmt, wird er verschiedene Strategien ausarbeiten, um wenigstens noch eine negative Zuwendung zu erhalten. Zwei sehr verbreitete Möglichkeiten sind das Sammeln und Einlösen von psychologischen Rabattmarken und das Ingangsetzen von psychologischen Ränkespielen.
2.8.2Kleben Sie psychologische Rabattmarken?
Das Sammeln von psychologischen Rabattmarken bedeutet in der Sprache der Transaktionsanalyse das Aufbewahren von bestimmten Gefühlen (meistens Ärger), bis genügend von ihnen vorhanden sind, damit sie dann für einen grösseren oder kleineren psychologischen Preis – sozusagen einen schuldfreien – Racheakt eingetauscht werden können (Rogoll, 2001). So wird z. B. schon zum dritten Mal ein Vorschlag abgelehnt. Die Ärger- und Wutgefühle, die in einer solchen Eltern-Ich- / Kindheits-Ich-Transaktion erlebt werden, sind jenen Gefühlen ähnlich, die wir als Kinder hatten, wenn etwas schief- oder nicht nach unserem Willen ging. Wir haben schon damals erfahren, dass uns der ungehemmte Ausdruck von Gefühlen oft Schwierigkeiten einträgt. Wir haben aber auch herausgefunden, dass wir die Gefühle wie Rabattmarken sammeln und später, bei passender Gelegenheit, gegen etwas einlösen können, das uns Zuwendung verschafft. Gesammelte negative Gefühle können wir – ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben – eintauschen, z. B. gegen das «verdiente» Recht, einen Wutausbruch zu haben, oder gegen das Recht, den Ehepartner anzuschreien. Oft ist es eine Kleinigkeit – die letzte Rabattmarke, die noch gefehlt hat –, die uns den Kragen zum Platzen bringt. Beispiele aus dem Führungsalltag für Äusserungen, die eine unmittelbare Einlösung einer Rabattmarkensammlung ankündigen:
«Mein lieber Herr …»
«Jetzt hören Sie mir bitte mal ruhig zu …»
«Jetzt reicht’s mir aber …»
Die Ausbrüche beim Einlösen von Rabattmarken sind für unsere Gesprächspartner meistens völlig unverständlich, weil die «Reaktion» in keinem Verhältnis zum auslösenden «Reiz» steht. Wenn wir das Eintauschen unserer schlechten Gefühle als Rechtfertigung ansehen, verschaffen wir uns auf krummen Wegen negative Zuwendung. Obwohl es die beste Lösung wäre, auf das Kleben von Rabattmarken zu verzichten, wird dies im Arbeitsleben wohl ein frommer Wunsch bleiben. Ratsam wäre es, wenn ich schon Ärgermarken sammle, einzelne Marken sofort einzulösen und nicht zu lange zu warten, sondern bald aktiv zu werden, wie mit einem Gespräch oder dadurch, dass ich mir eine Belohnung verschaffe (z. B. durch sportliche Aktivitäten), was gesünder ist, als wenn ich Unschuldige anschreie. Da die Höhe der Preise beim Eintauschen von Rabattmarken in einem direkten Verhältnis zur Anzahl der geklebten Rabattmarken steht, ist es wohl möglich, ein Rabattmarkenheft gegen eine sportliche Aktivität einzutauschen; bei fünf vollen Rabattmarkenheften genügt ein Waldlauf meistens nicht mehr, ausser Sie leisten sich dabei noch eine Verstauchung oder einen Beinbruch. Markensammler hören oft persönliche Beleidigungen in harmlosen Bemerkungen, und sie versteigen sich auch in allerlei Vermutungen über das, was jemand sagen oder gesagt haben könnte. Ein illustratives Beispiel erwähnt Watzlawick in seinem Buch «Anleitung zum Unglücklichsein» (1983):
Die Geschichte mit dem Hammer
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschliesst unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüsste er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloss, weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er «Guten Tag» sagen kann, schreit ihn unser Mann an:
«Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!»
Um zu verhindern, dass man sich grössere Ärgermarkensammlungen anlegt, und um sinnvolle Alternativen zum Markenkleben zu finden, schlagen Rüttinger und Kruppa (1981) vor, sich folgende Fragen zu stellen:
Bei welchen Gelegenheiten sammeln Sie Ärgermarken?
Wer ist ausser Ihnen noch an dieser Situation beteiligt?
Worüber ärgern Sie sich bei/m anderen?
Inwieweit ist es immer wieder dasselbe, über das Sie sich ärgern?
Wenn Sie genau hinsehen, inwieweit ist Ihr Ärger berechtigt? Inwieweit beruht Ihr Ärger auf einer unrealistischen Annahme darüber, wie die anderen sich verhalten sollten?
Wie, wem gegenüber und wann lösen Sie Ihre gesammelten Rabattmarken ein?
Inwieweit ändert das etwas an der Tatsache, dass Sie sich über bestimmte Personen oder Dinge ärgern?
Welche Möglichkeiten haben Sie noch, mit Ärger umzugehen? Welche Erwachsenen-Ich-Lösungen bieten sich an?
2.9Spiele der Erwachsenen

«Was war das, bevor du es gekocht hast?»
Auf die im obigen Beispiel gestellte Frage wird die Gesprächspartnerin sehr unterschiedliche verbale und nicht-verbale Antworten geben – die Wahrscheinlichkeit, dass sie sagt, was es wirklich war, ist jedoch sehr gering. Bei der Frage «Was war das, bevor du es gekocht hast?» handelt es sich um eine verdeckte Transaktion. Das heisst, das Gesagte stimmt nicht mit dem Gemeinten überein. Verdeckte Transaktionen sind Kennzeichen von Ränkespielen. Nehmen wir an, der Ehemann möchte am Abend mit seinen Kollegen kegeln gehen. In einer offenen Kommunikation wird er das direkt sagen. Wenn die offene Kommunikation aber aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, wird er ein Ränkespiel spielen, welches er mit der im Beispiel erwähnten «Frage» eröffnen kann. Wenn die Ehefrau antwortet: «Wenn es dir nicht passt, kannst du ja wieder gehen», hat er das Spiel gewonnen. Er kann jetzt machen, was er ohnehin wollte. Nach Berne (1967) sind Spiele «eine fortlaufende Reihe einfacher verdeckter Transaktionen, die zu einem gut erkenntlichen, vorhersehbaren Ausgang führen». Dieser vorhersehbare Ausgang oder «Nutzeffekt» besteht aus schlechten Gefühlen bei einem oder allen am Spiel Beteiligten. Ränkespiele werden an ihrem sich ständig wiederholenden, stereotypen Ablauf erkannt, der immer mit einer verdeckten Transaktion beginnt, nämlich einer Abwertung des anderen. Zu Beginn des Spiels bleibt der Nutzeffekt verborgen, er wird erst am Schluss des Spiels deutlich. Spiele laufen in der Regel nicht bewusst ab, was ihr Aufdecken so schwierig macht. Spiele werden gespielt, um
etwas zu erreichen, das man nicht offen auszusprechen wagt;
bei anderen Beachtung und Bestätigung zu suchen;
negative Zuwendung zu bekommen, die letztlich besser ist als gar keine;
echte Beziehungen zu vermeiden.
Eine einfache Möglichkeit, Spielverläufe zu analysieren, ergibt sich bei der Anwendung des Drama-Dreiecks von Karpman (1968).

Drama-Dreieck oder «Karpmann-Dreieck»
Es hat sich gezeigt, dass Familiendramen, Unternehmensdramen oder politische Dramen immer wieder wie im griechischen Drama auf drei Rollen zurückgeführt werden können:
2.9.1Die Verfolger-Rolle
Der Verfolger handelt aus der Grundposition: Ich bin besser als der andere (+ –). Er setzt den anderen zu und sagt ihnen, was sie zu tun haben, um dadurch die (+ –)-Grundposition zu stärken. Typische Verfolgerspiele sind:
«Sehen Sie bloss, was Sie angerichtet haben!»
«Wenn Sie nicht wären …»
«Jetzt habe ich Sie doch noch erwischt.»
«Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt.»
«Meines ist besser, grösser, schöner als deines.»
2.9.2Die Retter-Rolle
Der Retter will helfen und müht sich ab, um seine (– +)-Grundposition erträglicher zu machen, oder aber auch aus einer (+ –)-Grundposition heraus, um zu zeigen, dass er weiss, was für die anderen gut ist. Bei dieser Rolle handelt es sich nicht um jemanden, der z. B. in schwierigen Situationen anderen uneigennützig hilft, ohne sie damit von sich abhängig zu machen. Vielmehr spielt er einen «Retter», der entweder unter der Maske des Helfers andere um den Preis der Abhängigkeit aus schwierigen Situationen befreit, oder er hat die Absicht, zu zeigen, dass es ohne ihn nicht geht.
Typische Retterspiele sind:
«Versuchen Sie es doch mal so.»
«Ich wollte Ihnen ja nur helfen.»
«Ich will doch nur Ihr Bestes.»
«Lassen Sie mich das für Sie machen.»
2.9.3Die Opfer-Rolle
Opfer spielen ihre Rolle aus der Grundposition «Ich bin hilflos, du bist besser als ich» (– +). Wiederum ist hier zwischen wirklichen Opfern (den Opfern einer Katastrophe, eines Vorurteils, einer Krankheit) und vermeintlichen Opfern zu unterscheiden. Die vermeintlichen «Opfer» spielen diese Rolle, um die Position «Aus mir wird ja doch nie etwas» zu beziehen. Opfer in diesem Sinne nehmen auch die Hilfe der Retter nicht an. Das Spiel dient lediglich dazu, den Kontakt mit anderen aufrechtzuerhalten. Dieser ginge ja verloren, wenn das Problem gelöst würde.

Typische Opferspiele sind:
«Das begreife ich nie.»
«Ich bin völlig überlastet.»
«Warum muss das immer mir passieren?»
«Knall mir eine!»
«Ich bin blöd.»
«Sie haben schon recht, aber …»
2.9.4Führungsstil und Spiele der Erwachsenen
Sehr häufig neigt eine Führungskraft im Verhaltensstil II zu Opferspielen, vor allem, wenn das angepasste Kindheits-Ich stark ausgeprägt ist. Retter-Spieler finden sich oft entweder unter den «Fürsorglichen» mit der (– +)-Grundhaltung oder dem kritischen Eltern-Ich in der (+ –)-Grundposition. Führungskräfte mit dem Verhaltensstil III haben häufig die Tendenz, Verfolgerspiele zu spielen. Charakteristisch für den Stil IV ist es, dass er mit einem Minimum an Spielen auskommt und auf die indirekte Möglichkeit der Zuwendungsbeschaffung verzichten kann.

Ein Beispiel:
Nehmen wir an, eine Vorgesetzte oder eine Mitarbeiterin, die ständig in Zeitnot ist, fragt Sie, wie sie ihr Zeitproblem lösen könne. Wenn sie auf Ihre Vorschläge immer mit «Ja, aber…» reagiert, spielt sie mit Ihnen das «Ja-aber»-Spiel, dessen Nutzeffekt darin besteht, Ihnen zu zeigen, dass auch Sie ihr nicht helfen können. «Ja-aber»-Spiele können Sie abbrechen, indem Sie der Fragestellerin keine Vorschläge mehr machen. Sie können mit gezielten Fragen die «Hilfestellerin» dazu bringen, dass sie lernt, ihre Probleme selbst zu lösen. Sie können auch aus echter Überzeugung sagen: «Ich sehe im Moment keinen Weg, Ihr Problem zu lösen.» Sie können aber auch direkt auf den «Nutzeffekt» des Spiels hinweisen und ihr klarmachen, dass Sie nicht bereit sind, sich missbrauchen zu lassen. Die Hintergründe oder verborgenen Motive eines «Ja-aber»-Spiels sind häufig so zu erklären, dass mit der Lösung des Problems neue, womöglich noch bedrohendere Probleme entstehen. Eine Managerin oder ein Manager, die oder der nie Zeit hat, löst mit diesem Problem viele andere Probleme. So kann sie oder er sich zum Beispiel der Aufgabe entziehen, sich mit echten Problemen auseinanderzusetzen, im Beruf, in der Familie usw.
2.9.5Auf manipulative Rollen verzichten
Sofern ich erkenne, dass ich an einem Spiel beteiligt bin, kann ich vermeiden, eine Rolle im Spiel des anderen zu übernehmen.
Für einen Opferspieler ist ein Spiel ohne Retter reizlos. Ferner kann ich darauf achten, «automatische» Reaktionen aus dem stützenden oder kritischen Eltern-Ich zu vermeiden: Mit dem stützenden Eltern-Ich verstärke ich die Abhängigkeit (Opfer-Rolle). Mit dem kritischen Eltern-Ich verstärke ich den Widerstand (Verfolger-Rolle) oder verursache Schuldgefühle (Opfer-Rolle).
Grundsätzlich gibt es soziale Situationen, in denen die Retter-Rolle (anderen helfen), die Opfer-Rolle (sich helfen lassen) und die Verfolger-Rolle (besser als andere sein) sinnvolle Verhaltensweisen sein können. Kritisch werden diese Rollen, wenn ich sie benutze, um mir auf indirektem Wege Zuwendung zu verschaffen: Manipulative Retter-Rolle (Hilfe aufdrängen, die nicht gewünscht wird: «Ohne mich geht es nicht»; «Nur ich kann dir helfen»; «Du brauchst Hilfe»). Manipulative Opfer-Rolle («Ich bin ja so arm dran»; jammern um des Jammerns willen; hilflos spielen, letztlich das Problem aber gar nicht lösen wollen). Manipulative Verfolger-Rolle (andere in die Pfanne hauen, um sich selbst besser zu fühlen; Angriff ist die beste Verteidigung). Der gemeinsame Nenner aller manipulativer Rollen ist der Hunger nach Beachtung. Es geht darum, mit diesen manipulativen Rollen auf Kosten anderer Zuwendung und einen «Lustgewinn» zu holen. Um aus diesen manipulativen Rollen auszusteigen, helfen mehrere Strategien (Schlegel, 1988; Stewart und Joines, 2010):
Ausstieg aus manipulativen Rollen
1. Erkennen, welches meine bevorzugten Rollen sind
Rollen bewusst machen.
Welches sind die Gründe für mein Rollenverhalten?
Was will ich damit erreichen?
Welches ist mein Spiel- oder mein «Lust»-Gewinn?
Wie kann ich diesen Gewinn anders erreichen?
Was verliere / gewinne ich, wenn ich diese manipulativen Rollen aufgebe?
2. Sich nicht in die Gegenrolle drängen lassen (Opfer – Retter, Retter – Verfolger, Verfolger – Opfer, Oberlehrer – angepasster Schüler usw.)
3. Fragen stellen, um aus der Retter-Rolle auszusteigen
Was soll ich jetzt dabei tun?
Was erwartest du von mir?
Was hast du schon ausprobiert?
Was willst du konkret von mir?
Was brauchst du?
Was musst du tun, um die Situation zu verbessern / verschlimmern?
4. Strategien, um aus der Verfolger-Rolle auszusteigen
Rückfragen stellen: Wie meinst du das genau?
Wie siehst du das?
Wie kommst du darauf?
Verzicht auf «Gewinner-Verlierer»-Situationen.
Aktiv zuhören.
Entspannen, tief durchatmen.
Sich von aussen sehen (Metaebene).
Einen Vorwurf stehen lassen.
Nicht meinen, alles selber machen zu müssen.
Darauf verzichten, oben oder unten zu sein, recht oder unrecht zu haben.
Anderen mehr vertrauen.
Aggressionen anders ausleben (zum Beispiel im Sport).
5. Strategien, um aus der Opfer-Rolle auszusteigen
Das Leben selber in die Hand nehmen (Selbstverantwortung).
Handeln statt jammern.
Ich kann selbst bestimmen!
Sich auf eigene Stärken konzentrieren.
Sich auf andere Weise Zuwendung verschaffen.
Wünsche nach Zuwendung direkt ausdrücken, statt manipulativ zu erzwingen.
Sich mehr zutrauen.
6. Reflexion des eigenen Musters
Egogramm (Welche Gleise befahre ich immer wieder?)
Lebensgrundeinstellungen (Ich bin o. k. / Du bist o. k.).
Wo setze ich mich selber immer wieder unter Druck?
Wo stehe ich mir selber immer wieder im Weg?
Nach Schlegel (1988) bin ich nicht mehr auf manipulative Spiele angewiesen:
Zeichen eines Erwachsenen-Ich-Zustandes
1. Wenn ich andere Möglichkeiten habe und wahrnehme, mitmenschliche Beziehungen zu pflegen, und darauf verzichten kann, Geborgenheit in Unfreiheit und Abhängigkeit zu suchen.
2. Wenn ich meine manipulativen Rollen kenne und mich entsprechend vorsehen kann.
3. Wenn ich keine manipulativen Rollen einnehme und darauf verzichte, oben oder unten zu sein, recht oder unrecht zu haben, bei Auseinander setzungen zu siegen oder besiegt zu werden.
4. Wenn ich eigene Wünsche nach Nähe nicht durch manipulative Art zu erzwingen versuche.
5. Wenn ich weder mich noch andere missachte.
6. Wenn ich «ja» sage, auch «ja» meine, und wenn ich «nein» sage, ebenso «nein» meine.
7. Wenn ich auch einmal einen Konflikt vorläufig ungelöst lassen kann.
8. Wenn ich mit Ich-Aussagen klarzustellen versuche, was mich bei einer Begegnung oder an einer Beziehung unbefriedigt lässt oder was ein schlechtes Gefühl hinterlässt. Dies natürlich nur, wenn mir am Kontakt mit dem Kommunikations partner gelegen ist.
Nach Schlegel (1988) gilt: Solange ich im Erwachsenen-Ich-Zustand bin und die Grundposition «Ich bin o. k. / Du bist o. k.» einnehme sowie mir meiner Bedürfnisse bewusst bin, die Realität unvoreingenommen wahrnehme und ich bereit bin, Probleme anzugehen und meinen Mitmenschen redlich zu begegnen, bin ich weitgehend davor gefeit, in manipulative Spiele verwickelt zu werden. «Wer aufhört zu jammern, handelt. Wer handelt, wählt bewusst. Wer bewusst wählt, übernimmt Verantwortung für alle Konsequenzen. Wer Verantwortung übernimmt, übernimmt die Regie für sein Leben, das ist nichts anderes als Freiheit» (Sprenger, 2007). Warum diese Einstellung trotz aller rationaler Einsicht nicht so schnell in die Praxis umgesetzt werden kann, liegt unter anderem an unseren jahrelangen Prägungen. Da Spiele in vielen Fällen unbewusst ablaufen, ist das Aufdecken von Spielen auch Ziel therapeutischer Arbeit. Wenn Sie sich einerseits nicht mehr auf Ränkespiele einlassen, sind Sie andererseits aber auch allein, weil Sie für Ihre «Gegenspieler» nicht mehr «interessant» sind. Dafür gewinnen Sie Zeit für andere, lohnendere Kontakte.
Бесплатный фрагмент закончился.
