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Eine Geschichte in Arabesken
ERSTER TEIL
Erstes Buch. Münchhausens Debüt
Eilftes Kapitel
Worin der Freiherr seinen Abscheu vor dem Laster des Lügens nicht allein ausspricht, sondern auch betätigt
»Was für ein schändliches Laster ist das Lügen! Denn erstens kommt es leicht heraus, wenn einer zu arg flunkert, und zweitens kann jemand, der sich‘s angewöhnt hat, auch einmal die Wahrheit sprechen, und keiner glaubt sie ihm dann.
Daß mein Ahnherr, der Freiherr von Münchhausen auf Bodenwerder einmal in seinem Leben die Wahrheit sagte, und niemand ihm glauben wollte, das hat bei dreihundert Menschen das Leben gekostet.«
»Wie?« riefen der Baron und seine Tochter aus einem Munde.
»Geschätzte Freunde und liebe Wirte, mäßiget Euer Erstaunen«, versetzte der Gast, indem er, wie ein Kaninchen, die Nasenflügel zitternd bewegte, und mit den doppelfarbigen Augen zwinkerte. »Nichts natürlicher, als das. Hört nur zu. Der besagte Ahnherr war leider Gottes, wie Ihr wißt, ein ungemeiner und erschrecklicher Lügensack. Wer erinnert sich nicht der zwölf Enten, die er mit einem Stücke Schinkenspeck fing, nicht seines halbierten Rosses, welches in diesem Zustande der Halbheit dennoch eine Nachkommenschaft zu erzielen vermögend war, nicht des tollgewordnen Jagdpelzes, nicht der im Posthorn eingefrornen Töne, und — und — o! o! o! — —«
Das blaue Auge des Enkels weinte, sein braunes blitzte von tugendhaftem Zorne, er konnte nicht weiterreden. Dem alten Baron und seiner Tochter gelang es endlich, ihn zu beruhigen. Der edle Redner schluchzte noch ein weniges, dann fuhr er so fort: »Es ist meiner Treu recht schlecht von mir, daß ich von meinem in Gott ruhenden Ahnherrn Übles rede, aber ehrlich währt am längsten. Dieser Mensch und Lügner hat die historische Wahrheit auf Jahrhunderte hin vergiftet, und die nachgebornen Geschlechter gewissermaßen unter die Botmäßigkeit jedes Irrwahns gegeben, der seitdem in der Welt auftrat. Ja, um mich eines Gleichnisses aus einer seiner abgeschmackten Fabeln zu bedienen, es erging der Menschheit nachmals mit jedem falschen Propheten wie dem Bären, den der Ahnherr an die honigbeschmierte Wagenstange lockte, und der sich durch und durch auf selbige hinaufleckte. Denn es mochte den Leuten etwas noch so Unglaubliches vorgeschwätzt werden, sie riefen immer: »Das muß wahr sein; Münchhausen hat ganz andre Sachen erfahren!« So leckten sich die Leute vor fünfzig bis sechzig Jahren auf den Eiszapfen der Aufklärung hinauf, und als sie mit Mühe und Not von diesem wieder heruntergeschroben waren, und die grimmige Erkältung noch in ihren Eingeweiden rasselte, da kamen die Franzosen und hielten ihnen den Freiheitsbaum vor, mit einer Mischung von Sirup und Kognak bestrichen, und die Narren leckten wieder so tapfer darauf los, daß sie bald alle mit Schmerzen an dem stachlichten Stamme festsaßen, und Napoleon mit leichter Mühe sie daran hinter sich herziehen konnte. Nun, diese Begeisterung nahm denn endlich auch ein Ende mit Schrecken und gegenwärtig...«
»Gegenwärtig?« fragte der Baron erwartungsvoll. »Gegenwärtig«, versetzte der Freiherr bedächtig, »werden so viele und verschiedenartige Stangen, Bäume und Zapfen, worunter sich auch einige Eisenschienen befinden, mit Honig bestrichen, daß sich noch nicht entscheiden läßt, welches dieser Fangmittel die meisten zu fesseln imstande sein werde.«
»Aber das Wort der Wahrheit, durch welches Ihr Ahnherr an die dreihundert Menschen tötete!« rief das Fräulein Emerentia sanft und dringend.
»Recht so, meine Gnädige«, erwiderte der Freiherr. »Allegorie und Phantasiespiele sind aus der Mode, gehören der Ramlerschen Zeit an; »Stoff! Stoff! Stoff!« ruft die nach Realitäten hungrige Welt. Hier ist der meinige. Münchhausen, der Ahnherr, war trotz seines greulichen Lasters eine seltenbegabte Natur. Er hatte mit Cagliostro in Verbindung gestanden, zu seiner Zeit Gold gemacht, von der Sorte, die man Knallgold nennt, man versicherte, er höre, nicht im figürlichen, sondern im buchstäblichen Sinne, das Gras wachsen, kurz, er hatte tiefe Blicke in so manches Naturgeheimnis getan. Besonders war an ihm ein scharfes Ahnungsvermögen für eigne Körperzustände ausgebildet worden, und alles, was nachmals in diesem Betreff von nervösen oder somnambülen Personen erzählt worden ist, war Kleinigkeit gegen das, was glaubwürdige Gewährsmänner mir von ihm berichtet haben. Er wußte an sich selbst jede Befindensveränderung, wie die Homöopathen die Krankheiten nennen, vorauszuspüren, und trug, sozusagen, seine ganze somatische Zukunft, im Geruch vorgebildet, mit sich umher. Daß einer merkt, wenn ein Schnupfen bei ihm im Anzug ist, will nicht viel bedeuten; aber durch den Schnupfen hindurch die späteren Übel, die ihn noch betreffen sollen, zu merken, ist allerdings nicht jedem gegeben. »Theophilus«, sagte der Ahnherr eines Tages zu dem Manne, der mein Vater vor der Welt heißt, »Theophilus, ich kriege morgen einen rechtschaffenen Schnupfen, wenn der vorüber ist, gibt‘s ein kaltes Fieberchen, und darnach wird der Rest der bösen Schärfe als Podagra in den rechten Fuß fahren.« Und richtig, so kam es. Er hatte durch den Schnupfen hindurch das kalte Fieber, durch dieses hindurch das Podagra an sich abgewittert.
Sie haben gewiß von jenem südamerikanischen Indianerstamme im Gebiete Apapurincasiquinitschchiquisaqua gehört?«
»A... pa... pu... rin...« buchstabierte der alte Baron. »Jawohl, jawohl haben wir von diesem Stamme gehört«, fuhr er nach einigem Besinnen fort. »Wer sollte auch davon nicht gehört haben!«
»Apapurincasiquinitschchiquisaqua«, flüsterte das Fräulein schwärmerisch vor sich hin.
»Dieser Indianerstamm«, sagte der Freiherr, »wohnt dreiundsechzigdreiviertel Meilen südlich vom Äquator auf einem Bergplateau zweitausendfünfhundert Fuß über der Meeresfläche. Von den schneeigten Piks der Cordilleras rings geschützt, leben jene Menschen ein einfaches Ur- und Naturleben hin. Nie suchte die Habsucht und Grausamkeit der Konquistadoren sie hinter ihren beschirmenden Felsenwällen heim. Bäume gibt es nicht auf Apapurincasiquinitschchiquisaqua wegen seiner hohen Lage, aber unendliche Flächen dehnen sich an den sonnebeschienenen Abhängen der Piks aus, smaragdgrün von einer Grasart, in deren breiten, fächerartigen Blättern der Westwind, welcher da beständig weht, ein melodisches Säuseln zu erwecken nicht müde wird. Zahlreiche Herden von pfirsichblütenen Kühen und Stieren, (so lieblich scherzt dort die Natur in Farben) weiden in den grünen Grasweiden; die feurigen Kälber sind goldgelb, erst nach und nach nehmen sie jenen kälteren Farbenton an. Dieses Rindvieh ist der einzige Reichtum der unschuldigen Apapurincasiquinitschchiquisaquaner. Sie leben fast nur von der sauren oder sogenannten Schlippermilch, welche ihre schönen Jungfrauen, vom Antlitz bis zu den Fußknöcheln tätowiert, mit den feinen, rot- und gelbbemalten Fingern den strotzenden Eutern der Kühe entziehn.«
»Ihr himmlischen Mächte, wie reizend!« sagte das Fräulein, in Gefühl schwelgend.
»Das heißt«, erinnerte der Baron, und rieb sich die Stirn, »aus den Eutern gewinnen sie süße Milch, und nachher machen sie den sauren Schlipper daraus.«
»Nein!« antwortete der Freiherr. »Der saure Schlipper kommt auf jenem glücklichen Bergplateau von der Kuh, und nur, wenn er lange gestanden hat, und dem Zustande der Verderbnis sich nähert, dann geht er in Süßigkeit über.«
»Hm! Hm! Hm! Ja... aber — —« murmelte der Alte und schüttelte den Kopf.
»Erstaunen Sie nicht, hören Sie mich ruhig aus. Ist nicht alles Ursprüngliche sauer? Wie schmeckt die wilde und unverbildete Kastanie? Kannst du in den jugendgrünen Apfel beißen, ohne das Gesicht verzerren zu müssen, oder in die kindliche harte Pflaume? Geben Trauben, die der buhlerische Strahl der Sonne noch nicht um ihre Unschuld betrog, etwas anderes, als Essig? Pindar singt: Das Fürnehmste ist Wasser; ich aber sage: Das Ursprüngliche ist sauer.«
»O, das Ursprüngliche!« seufzte Emerentia.
»Sauer ist daher die Milch jener Natur-Kühe. Alle Haustiere verlieren bekanntlich durch den Umgang mit Menschen viel von ihrer ursprünglichen Ausstattung; Hund und Katze, die in der Wildnis zottige, energische Bestien sind, werden in unsern Stuben kleine glatte Schmeichler, und so gibt denn auch unser Hornvieh, weil es in alle Widersprüche abschwächender Kultur mit einging, einen Saft, von welchem wir zwar glauben, er sei das Ergebnis unverstimmter Kräfte, welcher aber gleichwohl in seiner süßen Schlaffheit nur die herabgekommne Konstitution der zahmen oder Kunst-Kuh anzeigt. Erst wenn diese sogenannte süße, eigentlich aber entnervte Milch eine Zeitlang gestanden hat, besinnt sie sich wieder auf ihre verscherzte Ursprünglichkeit, fährt in Reue und Scham zu den klaren Molken und dem gehaltvollen Schlipper auseinander, den die Leute in Niedersachsen auch wohl Waddicke nennen, und nun, in diesem biedern Zustande, wird sie von allen reinen Seelen in der holden Einsamkeit eines bäuerlichen Düngerhofes mit Wollust verschlürft. Aber Reue ist keine Unschuld, und unsre Schlippermilch nicht die, welche auf den Höhen von Apapurincasiquinitschchiquisaqua warm von der Kuh gezogen wird. — O tränke wieder jeder deutsche Mann saure Milch...«
»Und rauchte dazu seine Pfeife Tobak...«, fiel der alte Baron mit Wärme ein.
»... ginge dann zwischen Gemüsebeeten auf und nieder spazieren!...« rief der Freiherr.
»Und hörte nichts, als: Alle neun! oder Sandhase! von der benachbarten Kegelbahn —« seufzte der alte Baron.
»Dann wäre Germanien wahrhaft restauriert!« schloß der Gast mit Emphase.
»Aber um der Götter willen«, rief ein hagrer Mann, welcher während dieser Gespräche eingetreten war, »wir erfahren ja noch immer das Wort der Wahrheit nicht, wodurch Ihr Ahnherr dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte!«
Der Freiherr sah auf seine Uhr, und sagte mit dem Tone geistiger Überlegenheit, welcher ihm eigen war: »Es möchte dazu heute zu spät sein. Auf morgen also, wenn Sie vergönnen.« Er stand auf, nahm eine Kerze, und verließ, allen eine gute Nacht wünschend, das Zimmer.
»Warum fielt Ihr ihm in die Rede, Schulmeister?« sagte der alte Baron verdrießlich zu dem Hagern. »Einen solchen Mann, mit einem so weltumfassenden Gesichtskreis muß man nie im Flusse des Wortes stören, es kommt immer dabei etwas zum Vorschein, was unterhält und belehrt, und am Ende wären wir doch wohl noch zu dem Worte der Wahrheit seines Ahnherrn gediehen, wenn Ihr ihn nicht unterbrochen hättet.«
»Schelten Sie mich nicht, mein Gönner, um diesen Freiherrn von Münchhausen, der uns da so unversehens in das Schloß geworfen ist«; erwiderte der Hagre. »Er kann den an Kürze und Lakonismus Gewohnten schon ungeduldig machen, dieser endlose Redner und Erzähler, denn er verfällt immer aus dem Hundertsten in das Tausendste. Kürze aber, die körnige Kürze der Sparter, ist wie ein Köcher, darin gar viele Pfeile stecken; indem erstens...«
»Es ist schon gut, Schulmeister«, fiel ihm der Alte in die Rede, indem er ihn mit einem zweideutigen Blicke maß. »Warum kommt Ihr heute so spät? Wir haben alles aufgespeist.«
Der Schulmeister Agesilaus ließ seine Augen in die Ecke des Zimmers dringen, worin ein kleiner Tisch stand, ärmlich gedeckt. Die Knochen eines verzehrten Huhns lagen auf den Tellern verstreut. »Es wollte sich in der Eile nicht des Schilfes genug für mein Nachtlager schneiden lassen«, versetzte er. »So bin ich denn hier nach dem Mahle erschienen, und werde mich zu Hause mit schwarzer Suppe verköstigen müssen.« Er zündete seine Blendlaterne an, schlug den groben, zerrißnen Mantelkragen, den er statt des Rockes trug, fester um sich, und entfernte sich nach höflicher Verbeugung gegen den Baron und das Fräulein.
Der Alte sah sich um und murrte: »Kein zweiter Leuchter mehr hier?« Er nahm aus dem Wandschranke ein Lichtstümpfchen, steckte es in den Hals einer Flasche, und ging mit dieser Vorrichtung aus dem Stegreife davon, in tiefen Gedanken über die Erzählungen des Gastes, ohne der Tochter weiter zu achten.
Diese hatte von allen seitherigen Verhandlungen nichts bemerkt, weil sich nach der Schilderung jenes glückseligen Bergplateaus die romantische Träumerei ihrer bemächtigt hatte, in die sie nicht selten versinken konnte. Jetzt fuhr sie aus diesen Entzückungen der Abwesenheit empor, und rief: »Großes, ungeheures Naturbild! Das Smaragdgrün der Wiesen am Abhange der Piks, vermischt mit dem Pfirsichrot der Kühe und dem Goldgelb der Kälber, sich abhebend von dem Schneeweiß der Cordillerasgipfel im Hintergrunde! O wäre ich auf Apapur... auf Apapur... auf der Bergebene mit dem unaussprechlichen Namen!«
Ein Windstoß warf das Fenster auf, dessen einer Flügel, nur noch morsch in seinen Nägeln hangend, zu Boden fiel, und klirrend zertrümmerte. Das Fräulein aber achtete dieses Umstandes nicht sonderlich, sondern hob eine Tischplatte ab, stellte sie gegen die Lücke, und begab sich dann, gleich den übrigen Personen, zur Ruhe, um von der Bergebne, mit deren langem Namen ich meine Zuhörer schon so oft habe behelligen müssen, weiterzuträumen.
Zwölftes Kapitel
Der Freiherr bringt zwar die angefangne Geschichte nicht zu Ende, handelt aber von andern außerordentlichen Dingen
Münchhausen hob am folgenden Abende ohne Vorrede also an: »Der südamerikanische Indianerstamm, welcher uns gestern beschäftigte, bringt es bei seiner sauren Milchnahrung meistens zu einem sehr hohen Alter. Es ist unter ihnen gar nicht selten, daß Männer und Frauen das hundertste Jahr zurücklegen. Weil ihre Sinne und Säfte nun immer in der unmittelbarsten Gemeinschaft mit der Natur verblieben, so wissen sie auch durch ein richtiges Gefühl, wenn die Natur sich ihr Ziel gesetzt hat. Ein solcher Sterbegreis sagt daher ganz genau Stunde, Minute und Augenblick seines Todes voraus, flicht sich die Strohflasche, worin er sich zu bestatten gedenkt...«
»Die Strohflasche?« fragte der Schulmeister Agesilaus.
»Die Strohflasche«, erwiderte der Freiherr kaltblütig. »Wenn man mir von Anfang an zugehört hätte, so würde manche Frage zu sparen sein. Holz haben sie nicht, das sagte ich schon gestern, Särge können sie folglich nicht zimmern, sie müssen sich mit getrocknetem Grase oder Stroh helfen, um ihre Leichenfutterale zu fertigen. Ein solches Futteral hat die Form desjenigen Geflechts, worin der Maraschino von Triest verschickt wird, länglicht-viereckicht, oben mit einem kurzen, etwas engeren Halse. Dahinein kriecht nun der Sterbegreis, nachdem er von seinen Angehörigen Abschied genommen hat, und endet pünktlich in dem vorhergesagten Augenblicke. Sobald er verschieden ist, binden sie eine Blase über die Mündung, und dann setzt sich die ganze Familie im Kreise um das Sterbefutteral her und ißt zum Gedächtnis des Verewigten saure Milch. Hierauf tragen sie die Strohflasche nach der Felsenbank Pipirilipi, dem allgemeinen Begräbnisorte des Volks. Dort wird sie zu den übrigen gestellt. Ich habe jene Ruhestatt selbst gesehen; sie gewährt einen schönen Anblick. Wie auf Rayolen in einem wohlversehenen Keller stehen dort auf der Felsenbank viele tausend Flaschen nebeneinander, die Vorzeit des Volks ist sozusagen auf Stroh abgezogen.«
»Sie waren auch auf dem smaragdgrünen Plateau?« fragte das Fräulein einigermaßen befremdet.
»Liebe Seele, wo wäre ich nicht gewesen!« antwortete lächelnd der Freiherr. »Ich war vor einigen Jahren europamüde, warum? weiß ich selbst nicht, denn es hatte mir niemand etwas zuleide getan, aber ich war europamüde, wie man gegen eilf Uhr abends schlafmüde wird. Beschloß also, zu reisen, so weit weg, wie möglich. Weil aber heutzutage jeder Mensch, der in Betrachtung kommen will, absonderlich unterweges, interessant sein und den Spleen haben muß, reiste ich erst nach Berlin und ließ mich dort im Interessantsein unterrichten; dafür zahlte ich zwei Friedrichsd‘or Honorar. Dann ging ich nach London, und lernte dort bei einem Master den Spleen; der Tausendsassa war aber teuer, ich mußte ihm, Sie mögen es mir glauben, oder nicht, zwanzig Guineen entrichten, und außerdem schwören, das Geheimnis nicht verraten zu wollen.
Nachdem ich so das Interessante und den Spleen weg hatte, glückte es mir überall recht sehr. Ich trug mich bald als Engländer, bald als Neugrieche, zuweilen lag ich als Dame auf dem Sofa und hatte Migräne; dabei redete ich ein Kauderwelsch von Französisch und Deutsch, wie es zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts während der großen Sprachverderbnis Mode war. In jenen wechselnden Kostümen, und in diesem Deutsch, gorge-de-pigeon, bestand das Interessante; was aber den Spleen angeht, so führte ich immer Kampfer bei mir, um das Geheimnis frisch zu erhalten. Davon bekommt man nämlich eine blasse Couleur; ich sah bald aus, als hätte ich schon zehn Jahre im Grabe gelegen. Als ich mich eines Tages in meinem Toilettenspiegel, deren ich damals, wo ich der Eitelkeit frönte, stets mehrere besaß, zu Gesichte bekam, und meine bleiche Farbe erblickte, ging mir ein lichter Gedanke im Kopfe auf. »Sehe ich nicht wie eine Leiche aus?« sagte ich zu mir selber. »Ich will mich den Verstorbenen nennen.« Gesagt, getan! Dieser Einfall hat Wunder gewirkt. Einen Verstorbenen hatten die Deutschen noch nicht gehabt. Und nun gar ein Verstorbener, der so traulich mit ihnen zu plaudern wußte, und ihnen tausend Geschichtchen erzählte, die ein Lebender allenfalls auch in jedem Klatschzimmer der Sozietät hätte auftreiben können! Jung und alt, Männer und Weiber, Gelehrte und Idioten drängten sich zu den Leichenspuren des Verstorbenen; die alte Fabel wurde wieder neu, welche das Volk hinter einem geschmückten Verwesten jubelnd herwandern läßt. Geheime Künste haben es aus der Gruft emporbeschworen, die Menge zu locken. Die Jünglinge drängen sich begehrlich heran, mit der buntgeschminkten Frau Venus zu tanzen; immer weiter lockt die pestdampfende Schönheit, welche ihnen wie Zibeth und Ambra riecht, die Lüsternen; endlich auf einem Kirchhofe fallen die Gewänder von den klappernden Gebeinen ab, und ein scheußliches Skelett faucht ihnen den Spruch zu: »Sic transit gloria mundi.« Aber mit mir kam es nicht so weit, vielmehr blieb ich, obgleich ein duftender Verstorbener, recht inmitten der Gloria Mundi. Nachdem ich so berühmt geworden war, strich ich durch die ganze Welt, kam auch im Vorbeigehen durch Afrika; in Algier wurde ich Arabisch mit allen Formalitäten, hatte dann gutes Logis bei Vizekönigs von Ägypten. Er wurde mein Duzbruder, und ich mußte ihm tausend Sachen erzählen, die er mir alle geglaubt hat. Weiter oberhalb nach Nubien zu, unfern der großen Katarakte, stieß mir ein hübsches Abenteuer mit einem Nilpferde auf. Ich sitze am Strom im Schilf, in naturalibus, wie mich der Herr geschaffen hat, denn anders bin ich in Afrika nie gegangen; esse mein Mittagsbrot in guter Ruhe, siehe da, schießt eine Bestie von Hippopotamos auf mich zu, und hat mich im Rachen, ehe ich noch rufen kann: »Qui vive!« Ich indessen nehme in der Geschwindigkeit mein bißchen Geistesgegenwart zusammen, schreie in dem Rachen, als das Vieh mich eben verschlucken will: »Monsieur! Monsieur! avec permission, je suis son Altesse telle et telle!« Was geschieht? Sie mögen es mir glauben oder nicht: Die gute Seele von Nilpferd spuckt mich auf der Stelle aus, wischt sich die Tränen aus den Augen...«
»Womit? Womit?« rief der Baron.
»... mit einem Palmblatte, welches die ehrliche Haut in die rechte Vorderpfote nimmt; errötet, und rennt beschämt davon. So weit haben es Vizekönigs schon in Ägypten gebracht, daß selbst die Hippopotamoi vor literarischen Sommitäten Respekt bezeigen.«
»Ich meine, das Nilpferd nähre sich nur von Vegetabilien, nicht von Fleisch«, wandte das Fräulein bescheiden ein.
»Es ist vermutlich kurzsichtig gewesen, und hat mich für eine Pflanze angesehen«, antwortete der Freiherr. »Ich weiß, was ich weiß; ich habe im Rachen drin gesteckt. Wahrheit muß Wahrheit bleiben, und ehrlich währt am längsten. Wo blieb ich stehen? Ja, in Afrika. Warum soll ich Sie aber mit solchen Kleinigkeiten aufhalten? Ich war bald afrikamüde, wie ich europamüde gewesen war, beschloß daher nach Amerika zu reisen, vorher aber einen Abstecher nach Deutschland und England zu machen, wohin mich verschiedne Gründe zuvor riefen.
Erstens hatte ich das Interessante und den Spleen etwas verlernt, und wollte daher wieder in Berlin und in London meinen Kursus machen. In Afrika sind die Leute gar nicht interessant, der Koran begünstigt diese Richtung nicht, eine arabische Schnauze ist wie die andre, und was den Spleen betrifft, so vertreibt den der Vizekönig von Ägypten durch die Bastonade; es gibt kein efficaceres Mittel gegen Schwermut, als sie. Einmal hatte ich mich mit ihm etwas brouilliert, wie das unter Freunden wohl kommen kann; da dachte ich an die möglichen Folgen für die Fußsohlen, und von dem Gedanken schon war aller Spleen weg, selbst bis auf die Erinnerung. Es kam zum Glück nicht zu jenen Folgen, wir versöhnten uns und aßen noch denselben Mittag Sauerkraut mit Schweineohren zusammen, denn er ist ein aufgeklärter Türke, und will nächstens in einer Schrift beweisen, daß Mahomet ein Produkt der Gläubigen sei. Wo blieb ich stehen? Ja so; bei dem Spleen. Nun, das Interesse hatte ich aus Mangel an Anschauungen in meiner Umgebung ebenfalls wieder eingebüßt. Ich mußte also schon deshalb nach Deutschland und England.
Diesmal war ich genötigt, in Berlin für den Unterricht im Interessanten eine Bonne zu nehmen, die Mère Oye, der es im Rückblick auf Personen und Zustände nicht gegangen war, wie Lots Weibe bei einer ähnlichen Gelegenheit. Denn, anstatt zur Salzsäule zu erstarren, war sie nur immer gesprächiger und merkurialischer geworden. Viele Leute wollten der guten Mère und Commère etwas am Zeuge flicken; sie sagten, all ihr Geistreicheln und Interessantisieren sei doch purer Waschschaum, aber ich muß die Mère Oye verteidigen. Auf hohe Ziele hat sie es überhaupt nicht abgesehen; sie gedenkt nur ihrer Ahnmütter, die urlängst durch Schnattern das Kapitol retteten. Und da übt sie nun mittlerweile ihr Organ, um bei Stimme zu sein, wenn dermaleinst das Kapitol des plattierten Liberalismus in Deutschland gefährdet werden sollte.«
»Warum gingen Sie aber nicht zu Ihrem alten Lehrer?« fragte der Baron.
»Der saß in Paris dazumal und las altfranzösische Manuskripte. Ich reiste von Algier über Toulon und jene Hauptstadt, und traf ihn auf der Bibliothek. Da sah ich nun ein wahres Wunder jetziger Bücherschnellfabrikation oder Schnellbücherfabrikation. Denn es ist gewiß; Sie mögen mir es glauben, oder nicht, mit der linken Hand schlug er die Blätter des pergamentenen Folianten um, der vor ihm lag, und mit der rechten schrieb er gleichzeitig ein Buch darüber oder daraus, so daß, wenn er links in Folio fertig gelesen hatte, ihm rechts ein Oktavband abgegangen war. Dazwischen diktierte er noch ein spirituelles Billett an eine Komödiantin, und unterhielt sich mit einem Arrondissementscommissair gründlich über das Pariser Grisettenwesen. Er blieb folglich nur drei Stadien hinter Cäsars Vielseitigkeit zurück.
Was aber der zweite Grund meines Abstechers nach Deutschland war, ich wollte mir dort wieder einen guten Bedienten mieten. Meinen bisherigen hatte ich abschaffen müssen; er wollte auch interessant sein, und hielt deshalb beständig Maulaffen feil. Als Interessanter von Distinktion glaubte ich Einspruch tun zu dürfen, aber da die Gewerbefreiheit überall herrschte, so war in der Sache nichts zu machen; jeder Lump durfte interessant sein.
Nur aus Deutschland wollte ich mir den Ersatzbedienten holen, denn jedes Land hat seine eigentümlichen Produkte, die man nirgends anders so gut bekommt. Spanien hat seine Weine, Italien den Gesang, England die Konstitution, Rußland den festesten Juchten, Frankreich die Revolution, und in Deutschland geraten die Bedienten am besten.«
Dreizehntes Kapitel
Der Freiherr beginnt eine historische Novelle von sechs verbundnen kurhessischen Zöpfen zu erzählen, wird aber von dem Ausbruche der Verzweiflung bei dem Schulmeister Agesilaus unterbrochen, und verspricht geordnetere Mitteilungen
»Da, wo die buschichten Anhöhen des Habichtwaldes gegen Abend, die Hügelketten des Reinhartwaldes gegen Mitternacht, der felsichte Sörewald gegen Mittag zu einem weiten Tale auseinandertreten, durch welches die Fulda in mannigfachen Krümmungen von Mittag nach Mitternacht ihre Fluten wälzt, gegen Morgen aber eine lachende Ebne sich auftut, über welcher in weiter Ferne der majestätische Meißner sein blaues Haupt erhebt, liegt Kassel...«
»O Ihr heiligen und gerechten Götter, wohin soll denn nun das wieder führen?« stöhnte der Schulmeister Agesilaus, den die Erzählungen des Freiherrn in einen Zustand versetzt hatten, welcher sich schwer beschreiben läßt.
»... liegt Kassel, die Hauptstadt des Kurfürstentums Hessen. Reinliche, breite Straßen durchschneiden die obere oder Neustadt, deren Gebäude fast alle von regelmäßiger Bauart sind, während die untere oder Altstadt mehr dem Schmutze und der Krümme anheimgefallen ist. Mehrere schöne öffentliche Plätze verschönern jenen schöneren Teil der Stadt, unter allen jedoch ist der Friedrichsplatz der schönste, an welchem sich das prachtvolle Schloß mit seinen langen Fensterfluchten erhebt.
Es war um die Zeit, als nach der glücklichen Herstellung der alten Verhältnisse Kurfürst Wilhelm in die Hallen seiner Väter zurückgekehrt war, und unter mehreren früheren bewährten Einrichtungen auch jene Verlängerung des Haarwuchses wieder eingeführt hatte, welche man im Deutschen mit dem Namen Zopf zu belegen pflegt. Auch diese Zeit ist längst vorüber, die Kunde von ihr klingt fast wie die Mär von dem versunkenen Eilande Atlantis; der historischen Dichtung aber ziemt es, nichts in der Geschichte verlorengehen zu lassen, nicht einmal den ehemaligen kurhessischen Zopf.
Es war spät abends und Kassels Bewohner schliefen schon, oder legten sich zu Bett. Auf dem Schlosse aber war es im Kabinett des Fürsten noch hell. Die Soirée war zwar geendigt, jedoch hielt der alte würdige Herrscher noch einige seiner Auserwählten um sich versammelt. Man hatte sich auf die gewohnte Weise von der Zwischenregierung und von dem wunderbaren Umschwunge der Dinge unterhalten. Der Kurfürst, welcher seine Gardeuniform, Klappenweste und steife Stiefeln trug, stand fest auf das spanische Rohr mit goldnem Knopfe gestützt, und sagte: »Es bleibet dabei, Ich agnosziere nichts von dem, was Mein Verwalter Jérôme inzwischen angeordnet hat. Wer darunter leidet, mag sich an Meinen Verwalter halten, dem Wir nicht die Macht gegeben hatten, auf seinen Kopf neue Sachen einzuführen, und der mithin bei derartigen Tathandlungen Mandatum exzedieret hat. Wir wissen wohl, daß Wir dieserwegen der Zensur etlicher unruhiger Köpfe unterliegen, aber das läßt Uns völlig unangefochten in Unsrem Gewissen, und Wir vertrauen hierinnen gänzlich der göttlichen Providenz, die Uns nach kurzer Überwältigung in Unsre Erbstaaten zurückgeführet, und deutsche Treue und Redlichkeit auf Unsrem Territorio retablieret hat. Habt Ihr das Edikt verfasset, wodurch den Domänen-Ankäufern alle und jegliche Hoffnung, sich in ihrem unrechtfertigen Besitze zu maintenieren, entzogen wird?«
»Das ließ ich meine eiligste Sorge sein«, versetzte der Angeredete, der Geheime Rat Vellejus Paterculus. »Es war in der Tat hohe Zeit, daß deutsche Treue und Redlichkeit bei uns retabliert wurde.«
»Man kennet Mich noch nicht gehörig«, fuhr der alte kräftige Fürst mit erhobener Stimme fort. »Ich habe schon einmal die Gassenkehrer zur Korrektion der Weichlinge und Schwelger in neumodischen französischen Kleidern die Straßen fegen lassen, und es dürfte passieren, daß sich gleiches oder ähnliches abermalen ereignete, wenn man Uns zuviel Ärgernis gibt. Dieses Kassel war unter der Wirtschaft Meines Verwalters ein liederlicher Ort geworden, und alle Zucht und Sitte hatte Abschied genommen.«
Eine Dame näherte sich dem Fürsten, und sagte mit schmeichelndem Tone: »Ereifre dich nicht, Väterchen, du hast ja beides, Zucht und Sitte, hier wieder eingeführt.«
Sie und der Geheime Rat Vellejus Paterculus wurden hierauf entlassen. Nur der Baron von Rothschild verblieb noch bei dem Fürsten. Er war nach Kassel gekommen, um mit seinem erlauchten Geschäftsfreunde Abrechnung zu halten, und hatte jetzt zu vernehmen, daß der Kurfürst die in des Barons Händen beruhenden Fonds ihm nicht länger zu sieben Prozent lassen könne, sondern auf dem achten fortan bestehen müsse.
Der Baron von Rothschild war durch diese Nachricht und Eröffnung im tiefsten erschüttert. Er schwor bei dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß ihn eine solche Maßregel in das Verderben stürze, da aber sein hoher Gläubiger fest darauf bestand, und ihn für den Fall des Weigerns mit der Kündigung bedrohte, so gab der Baron endlich mit blutendem Herzen nach und erwog zu seinem Troste im stillen, daß in seiner Bank das Pfund mit zwanzig Prozent wuchre, ihm sonach allerdings zwölf noch übrig verblieben.
Der Fürst hatte bei der ganzen Verhandlung seine Haltung unerschütterlich bewahrt. Jetzt stieß er das Fenster auf, sah in die sternenklare Nacht und sagte: »Wenn Ich consideriere, daß Ich wieder hier im Palais bin, und welche Interessen Mir die englischen Gelder, die Ich dazumal für das amerikanische Corps erhielt, in Seinen Händen getragen haben, Rothschild, so muß Ich sprechen: Der alte Gott lebet noch und lässet nicht zuschanden werden.«
Der Baron erwiderte etwas verstimmt: »Warum soll nicht leben der alte Gott, da noch leben Eur‘ Hoheit? Wie kann man werden zuschanden mit acht Prozent?«
Während sich diese Begebenheiten im Innern des Schlosses zutrugen, erzählten unten in der Wachtstube die sechs Gebrüder Piepmeyer ihren Kameraden Gespenstergeschichten. Die sechs Gebrüder Piepmeyer waren die sechs Söhne des Kastellans Piepmeyer auf der Löwenburg. Dieser Mann hatte, wie es bei solchen Aufsehern herrschaftlicher Schlösser der Fall zu sein pflegt, die loyalsten Gesinnungen, und in denselben auch seine Söhne erzogen. Man konnte daher von dieser Familie behaupten, daß in sieben Individuen nur ein und dasselbe hessische Herz schlage. Vater Piepmeyer war derjenige gewesen, welcher sich bei dem Einzuge des Kurfürsten auf einen Eckstein gestellt, jubelnd seinen durch alle Verführungen der Fremdherrschaft hindurch geretteten Zopf geschwungen und gerufen hatte: »Durchlaucht! Durchlaucht! meiner sitzt noch!« was dem alten Herrn die erste wahre Regentenfreude in seinen Staaten bereitet haben soll. Sobald nun die sechs Söhne Piepmeyer, welche zwei Paar Drillinge waren, die Mutter Piepmeyer in zwei nacheinanderfolgenden Jahren ihrem Gatten geschenkt hatte, in das Soldatenalter traten, ließ Vater Piepmeyer alle sechs an einem und demselben Tage in die kurfürstliche Zopf- und Stiefeletten-Garde eintreten. Sie hatten alle sechs dasselbe Maß, nämlich sechs Fuß, drei Striche; hielten auf die völlige Identität ihrer Stiefeletten und Zöpfe, und sahen einander überhaupt zum Verwechseln gleich, so daß der Kommandeur sie mit verschiedenfarbigen Strichen über der Nase bezeichnen lassen mußte, um sie im Dienst unterscheiden zu können. Karl Piepmeyer bekam einen gelben, Heinrich Piepmeyer einen blauen, Ferdinand Piepmeyer einen roten, Guido Piepmeyer einen orangefarbnen, Christian Piepmeyer einen grünen, Romeo Piepmeyer einen silbergrauen und Peter Piepmeyer einen schwarzen Strich über der Nase. Aber außer dem Dienste, wo sie sich als Menschen fühlten, wischten sie die Striche ab.
Diese sechs Brüder von der Löwenburg erzählten den andern hessischen Wachtmannschaften folgende Geschichte: »Ihr mögt es nun glauben oder nicht, aber so ist der alte Herr alle Jahre, während er in der Fremde war, an seinem Geburtstage jedesmal droben auf der Burg gewesen. An diesem Tage war es von frühmorgens an schon immer unruhig droben, es tat sich ein Schwirren in den seidnen Gardinen hervor, die Gardinenbetten knackten, die Harnische in der Rüstkammer rasselten, der Wetterhahn auf dem Turme hat unaufhörlich mit den Flügeln geschlagen. Schon als Knaben bemerkten wir alles dieses und noch mehreres, aber wir achteten dessen nicht, bis uns der Vater, nachdem wir fünfzehn Jahre alt und konfirmiert worden waren, beiseite nahm und uns das Burggeheimnis entdeckte, welches in nichts anderem bestand, als daß der Kurfürst, wiewohl weit entfernt im böhmischen Lande, dennoch auf seiner Burg seinen Geburtstag feire. Er komme nämlich um sechs Uhr abends gerade zur Stunde, wo vor Zeiten an der Ständetafel die Gesundheit ausgebracht worden sei, und man die Kanonen vor der Aue gelöst habe, in das gelbe Kommodenzimmer, worin der alte Fritz als kleiner Junge abgemalt hängt, gegangen, und verlustiere sich dort eine halbe Stunde lang.
Das nächste Jahr gab uns der Vater die Sache zu schauen. Nämlich, wir steckten uns mit ihm sacht hinter den grünen Vorhang im gelben Kommodenzimmer. Was geschieht? Wie die Glocke auf dem Schloßturm sechs schlägt, hören wir auf dem langen Rittergange, der zum Zimmer führt, Türe nach Türe aufklappen, endlich springt auch die vom gelben Kommodenzimmer auf, und herein tritt der Herr, wie er leibt und lebt, steife Stiefeln, gekollerte Hosen, Montierung, dreieckichter Hut, Klebelocken, kurz alles und jedes. Setzt sich an das Fenster, was nach dem Garten sieht, macht sich eine Pfeife Tabak an, raucht, daß der Dampf davon geht, kuckt unterweilen in den Garten, klopft, wie die Pfeife zu Ende geraucht ist, dieselbe aus, daß wir nachmals noch die Asche auf dem Getäfel gefunden haben, erhebt sich dann, geht still aus dem gelben Kommodenzimmer und so weiter, wo wir denn die Türen im langen Rittergange nacheinander wieder zuklappen hören. Das ganze gelbe Kommodenzimmer war voll Rauch, Varinas linker Hand oben, wir haben alle sieben, wir sechs Brüder und unser Vater, deutlich die Sorte gerochen.«
Als die Gebrüder Piepmeyer diese Geschichte ihren Kameraden erzählt hatten, erhob sich in der Wachtstube ein hitziger Streit; denn...«
Aber der Freiherr konnte seine Geschichte nicht weiterführen, denn es erhob sich auch in dem Zimmer, worin die Gesellschaft versammelt war, ein heftiger Lärmen. Bei dem Schulmeister Agesilaus brach nämlich in diesem Augenblicke die Verzweiflung, in welche ihn die Erzählungen des Freiherrn versetzt hatten, auf die gewaltsamste Weise aus. Er warf seinen groben und zerrissenen Mantelkragen ab, und rannte in der kurzen wollnen Jacke, die er unter demselben trug, mit den Gebärden eines Verlornen im Zimmer auf und nieder. »Nein, was zuviel ist, ist zuviel, und der menschlichen Geduld sind ihre Grenzen gesteckt!« rief er schluchzend aus. »Meine hochverehrten Gönner, ich bitte zehntausendmal wegen dieser meiner Unhöflichkeit um Vergebung, aber ich kann mir nicht helfen, ich muß mir Luft machen, sonst bin ich ruiniert mit Kind und Kindeskind! Münchhausens Lügen, Homöopathie, kurhessische Zöpfe, saure Milch, Apapurincasiquinitschchiquisaqua, Mama Gans, Rhinozerosse, Verstorbne, Vizekönigs von Ägypten, altfranzösische Manuskripte, Grisetten, Juchten, Rothschild, Varinas linker Hand oben — — wer dabei den Verstand behalten will, der muß einen weniger geordneten Kopf haben, als ich leider besitze. Herr von Münchhausen beginnen zu erzählen, dann fangen wieder andere Personen an, in diesen Erzählungen zu erzählen; wenn man nicht schleunig Einhalt tut, so geraten wir wahrhaftig in eine wahre Untiefe des Erzählens hinein, worin unser Verstand notwendig Schiffbruch leiden muß. Bei den Frauen, die mit Schachteln handeln, stecken oft vierundzwanzig ineinander, so kann es fürwahr auch hier mit den Geschichten gehen, denn wer schützt uns davor, daß alle sechs Gebrüder Piepmeyer sich wieder von sechs Wachtkameraden sechs Geschichten vorplaudern lassen, und daß solchergestalt sich die historische Perspektive in das Unendliche verlängert? Herr von Münchhausen wollten uns das Wort der Wahrheit vertrauen, wodurch Ihr Ahnherr an dreihundert Menschen tötete; statt dessen werden wir auf die Cordilleras und von da nach Afrika gehetzt, und jetzt sind wir wieder in Hessenkassel, und wissen nicht, warum wir da sind. Herr von Münchhausen, ich halte Sie für einen großen, wunderbar begabten Mann, aber ich bitte Sie um die einzige Gnade, erzählen Sie etwas geordneter und schlichter. Sie wollen, wie ich vernehme, unsrem Herrn Baron länger die Ehre Ihres Besuchs schenken; es muß Ihnen daher selbst daran liegen, uns nicht schon in den ersten Tagen außer Fassung zu setzen und geistig zu vernichten.«
Nach dieser Rede entstand eine bedeutende Pause. Der Wirt sah verlegen, der Gast groß vor sich hin, das Fräulein warf einen Blick des Zorns auf den Schulmeister, einen Blick der begeistertsten Hingebung auf den Freiherrn. Der Schulmeister stand atmend in einer Ecke, und schien sehr angegriffen zu sein.
Zuerst redete der Freiherr wieder und sagte: »Daß ich so brüsk unterbrochen worden bin, tut mir leid. Ich kann versichern, daß ich meinen Stoff beherrsche, und daß in meinen Geschichten, wie in meinem Geiste, alles zusammenhängt. Ich würde Sie aus der hessischen Wachtstube wieder zu den Indianern auf der smaragdgrünen Bergebne...«
»O die smaragdgrüne Bergebne!« rief das Fräulein enthusiastisch.
»... auf der smaragdgrünen Bergebne zurückzuführen imstande gewesen sein, und Sie würden bald eingesehen haben, in welcher Verbindung die sechs verbundenen kurhessischen Zöpfe mit dem Worte der Wahrheit stehen, durch welches mein Ahnherr an die dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte. Freilich für manche sind manche Kombinationen zu hoch.«
»Jawohl!« rief das Fräulein scharf und bitter. »Kaviar ist nicht für das Volk. Anders als sonst in Menschenköpfen, malt sich in diesem Kopf die Welt.«
Da sich keine behagliche Unterhaltung wieder machen wollte, sagte endlich der alte Baron, der dem Schulmeister eigentlich im stillen beistimmte: »Das Schlimmste wäre nun, wenn wir Ihrer ferneren, so sehr interessanten Mitteilungen verlustig gingen, lieber Münchhausen.«
»Mein Geist hat die Eigenheit«, erwiderte dieser, »daß er, wie ein Räderwerk, sofort stillsteht, wenn auch nur ein Zahn, nur ein Federchen gebrochen wird. Alles, was den Vorfällen in der Wachtstube zu Kassel folgte, die ganze Ideenverbindung zwischen diesen Ereignissen und meines Ahnherrn Worte der Wahrheit, von welchem ich ausging, ist nun für immer verloren und bleibt Ihnen auf ewig verhüllt; das einzige, was ich zusagen kann, besteht darin, daß ich die Geschichte von den sechs verbundenen Zöpfen zu Ende erzähle. Dann muß ich, wenn Sie mich noch weiter hören mögen, auf andre Materien übergehen.«
Der alte Baron rückte ihm freundlich näher, und flüsterte ihm schmeichelnd ins Ohr: »Und bei diesen Materien haltet Ihr Euch mehr an der Stange, nicht wahr, trautestes Münchhausenchen? Ich bitte Euch nicht der Sache halber darum, die ist gewiß so am besten versorgt, wie Ihr sie gegriffen habt; es ist nur wegen unsrer schwachen Fähigkeiten, zu denen Ihr Euch herablassen müßt, wenn wir durch Euch aufgeklärt werden sollen.«
»Ich will alles Fernere heruntererzählen, trocken wie die Zeitung«, erwiderte der Freiherr. »Übrigens kann ich versichern, daß ich mich nach den besten jetztlebenden Mustern gebildet habe, und meine Darstellung so einrichtete, wie die Autoren, welche das Zeitalter und die Nation gegenwärtig entflammen und hinreißen, es mich gelehrt haben.«
Vierzehntes Kapitel
Die angefangene historische Novelle kommt glücklich, wenn auch auf unerwartete Weise zu Ende
»Nach der Erzählung der sechs Gebrüder Piepmeyer entstand, wie ich sagte, in der Wachtstube zu Kassel ein großer Streit. Einige Hessen wollten die Wahrheit derselben bezweifeln, und meinten, daß niemand bei lebendigem Leibe umgehn könne. Ein Skeptiker aus Witzenhausen sagte, kein Geist rauche Tabak, und noch viel weniger bleibe von seiner Pfeife Asche nach, das Ganze sei daher eine »Einbildungskraft« der Gebrüder Piepmeyer, wie er sich ausdrückte.
Dagegen sagten vier Gardisten aus Schaumburg, mit Potentaten verhielte es sich anders, als wie mit Partikuliers, die hätten etwas voraus, sie könnten überall und doch nirgends sein. Zwei Ziegenhainer riefen: »Wenn er da war und sich verlustieren wollte, so tat er rauchen, und wenn er rauchen tat, so tat Rauch und Asche darnach kommen.« Einer aus Hofgeismar drehte diese Sätze um, und folgerte also: »Weil Piepmeyers Asche finden taten, so hat er rauchen getan, und weil er rauchen getan hat, so hat er auf der Löwenburg sein getan.«
Es nahmen immer mehrere Wachtmannschaften an diesen Debatten teil, und der Lärmen wuchs von Minute zu Minute. Da rief der kommandierende Fähnrich, ein junger Herr von Zinzerling, aus einer der ersten Familien des Landes, mit seiner hohen Diskantstimme in das Getöse hinein: »Ihr Sakramenter, in dreier Teufel Namen, räsoniert nicht weiter!« — Jede Untersuchung hörte demnächst auf, und alle Wachtmannschaften enthielten sich aus Subordination selbst der stillen Gedanken über den Gegenstand.
Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Frühlichts Raum gegeben, welche den Ofen und die Bänke der Wachtstube mit gelbrötlichen Streifen säumten. Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf des Feldwebelstocks traf, welcher darüber am dritten Haken hing. Überall tiefe, satte Farbentöne, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.
Was Piepmeyers betrifft, so hatten sie ihre Postenstunden abgestanden, sie durften sich nun einem kurzen Schlafe überlassen. Ruhig lagen sie nebeneinander auf der Pritsche und schnarchten. Hinter der Pritsche hingen ihre sechs Zöpfe einträchtig herunter, damit der Wachtfriseur dieselben auch während ihres Schlummers neu einflechten könne.
Um diese Zeit ereignete sich folgende wunderwürdige Begebenheit. Nämlich der Wachtfriseur Isidor Hirsewenzel trat in die Wachtstube.«
»Darin sehe ich denn eben kein großes Wunder!« fuhr der alte Baron unwillkürlich heraus.
»Alles in der Natur und in der Geschichte hängt zusammen«, sagte der Freiherr mit Würde. »Man höre mich ohne Unterbrechung an, das Wunder folgt dem kurhessischen Wachtfriseur Isidor Hirsewenzel auf der Ferse.«
»Dieser Isidor ist doch nicht...« sagte das Fräulein schüchtern.
»Der nämliche Hirsewenzel, welcher seither die deutsche Bühne mit einer so unermeßlichen Anzahl von Stücken bedacht hat«, versetzte der Freiherr. »Unser Mann und Held, aus einem guten aber herabgekommenen Geschlechte in Olgendorf, einem Flecken in der Nähe der Lüneburger Heide entsprossen, hat einen sonderbaren Lebenslauf gehabt. Dramatiker wurde er erst spät; von der Natur war er durchaus zum Lederhändler bestimmt. Der erste Laut, den sein kindlicher Mund von sich gab, klang wie: Leder! Kein Spielzeug von Holz oder Blech vergnügte den heranwachsenden Knaben, die muntre braun- und gelbbemalte Erbsenflinte war ihm ein Greuel, mit Abscheu stieß er das gefällig konstruierte grüne Nürnberger Wägelchen, das schuldlose Weihnachtsschaf mit den sinnigen roten Lackaugen zurück, dagegen begannen seine Blicke zu leuchten, wenn er der Peitsche ansichtig wurde, und der fünfgeflochtenen Schnur, wenn er das lederüberzogene Hottpferd besteigen durfte, wenn man ihm die kleine Scherzpatrontasche umhing. Später war er oft halbe Tage lang aus der väterlichen Wohnung verschwunden, und wo fand man ihn wieder? In irgendeiner der Gerbereien, welche dem Städtchen die Hauptnahrung gaben. Ja, einmal war er, kecken Jugendmutes voll, selbst in eine Lohgrube gesprungen, um zu versuchen, ob er nicht noch lebend seine Haut in den so heiß verehrten Zustand bringen möchte; leider zog man ihn zu früh heraus, als die Ledrifikation erst halb vor sich gegangen war. Unentwickelt blieb demnach der höhere Zustand seiner Bedeckungen, indessen wollten die Kundigen versichern, er habe nach jenem Versuche denn doch immerdar ein dickes Fell behalten.
O Ihr Väter und Erzieher, die Ihr die heilige Aufgabe habt, die Keime der Euch anvertrauten Pflanzen in die Blüte zu fordern, hieher tretet, und lernt an einem furchtbaren Beispiele vor den Folgen schaudern, wenn Ihr die Stimme der Natur mißachtet, und die Gerte, welche rechts hinaus wachsen will, links hinüber zwingt. Nicht allein macht Ihr den Baum zum brandigen Krüppel, nein! er wird auch seine Nebenstämme anstecken, das Ungeziefer, welches die krankende Krone ausbrütet, wird die Verwüstung viel weiter tragen, als Ihr ahnen und berechnen könnt!
Isidor Hirsewenzel von Olgendorf hätte für Deutschland ein Lederhändler werden können, wie wir ihn noch nicht besessen haben. Möglich, daß in der Tiefe seiner Seele Gedanken schlummerten, wodurch der Dampf vom Throne des neunzehnten Jahrhunderts gestoßen, und die gegerbte Haut zur Weltbeherrscherin erhoben worden wäre! Aber der Vater verstand den Sohn nicht. Er verstand nicht die zukunftschwangern Regungen des Geistes, der über Bälgen, über Alaun und Lohbereitung, über Sämisch- und Kalkgerberei erfindungengebärend brütete. »Du bist ein Narr, Dorus«, sagte der harte Vater zu ihm, »Leder kann aus der Mode kommen, die Menschenliebe ist so hoch gestiegen, daß sie sich unversehens auf das Vieh werfen kann; woher aber soll Leder kommen, wenn jeder Hund und Ochs unser Bruder, jedes Schaf unsre Schwester wird, und wir des verwandtschaftlichen Lebens schonen? Du also wirst das werden, mein Sohn, wozu ich dich bestimmt habe.«
Isidor weinte, verzweifelte, aber seine Tränen und Seufzer verfingen gegen den eisenfesten Vater nichts; Isidor mußte Perückenmacher werden. Das heißt: Vor der Welt wurde er simpler Friseur, in der Stille aber errichtete er zu seiner Tröstung, um seinem Triebe zum Kompakten zu folgen, um sich durch das zerstreute Haar, durch die charakterschwache Pomade, durch den gesinnungslosen Puder dem Zähen, Ledernen wenigstens anzunähern, jene wunderbaren Haargebilde, welche die Welt längst über Schwedenkopf und Naturscheitel vergessen zu haben schien.
Ich will kurz sein. Sowie der alte Hessenfürst zurückgekehrt war, entstand über seinen Wunsch, oder vielmehr Befehl, die größte Verlegenheit. Die Novella I. de capillis pudrandis zopfificandisque war erlassen, aber es ging mit dieser, wie mit so mancher Institution, sie hatte ihr Dasein vorläufig nur auf dem Papiere, und das war die Hauptfrage: Konnte der Zopf eine Wahrheit werden? Denn man wußte niemand, der jene Haarformationen der Urwelt noch zu bereiten verstand. Der alte Herr besaß zwar seinen in diesen Dingen ergrauten Künstler, allein es widersprach der Rangordnung und Etikette durchaus, daß dieselbe Hand, welche um die Majestät beschäftigt war, sich gemeinen Köpfen widmen solle.
In dieser Not und Bedrängnis sprang unser Meister aus seinem Puderdunste, wie Äneas aus der Wolke. Er verstand zu frisieren, Toupets einzusalben und aufzusteifen, Zöpfe von allen Längen- und Dickenmaßen zu flechten. Er wurde präsentiert, tentiert, approbiert, placiert. Der Staat konnte hiemit für organisiert erachtet werden.«
»Nun also, dieser Mann betrat die Wachtstube...« sagte das Fräulein, welche bei aller Begeisterung für den Erzähler sich doch nach einem rascheren Fortschritt der Geschichte sehnte.
»Noch nicht, meine Gnädige«, versetzte Münchhausen kalt, »so weit sind wir noch nicht. Die historische Darstellung erheischt langsame Entfaltung; auf den Landstraßen sind Eilwagen eingeführt, aber, Sie wissen es ja selbst, unsre Romanciers fahren in ihren Geschichten noch mit der sächsischen Kutsche, welche sich ehemals zwischen Leipzig und Dresden bewegte, und zur Vollendung dieser Reise drei Tage gebrauchte, vorausgesetzt nämlich, daß der Weg gut war.
In unsrem Isidor war während seiner Lehrjahre eine große psychische Revolution vorgegangen. Man sah ihn einsam durch die Wälder streifen, er floh der Brüder wilde Reihn, aber ach! das Schönste suchte er nicht auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt‘! Die Liebe erstarb in diesem Busen, eine sinistre Falte des Unmuts lagerte sich auf der denkenden Stirn, Entschlüsse reiften in ihm, die zum Schrecken des Geschlechts finstre Taten wurden. Haarscherer durch Bestimmung, dem inneren Berufe nach Lederhändler, Perückenmacher aus Resignation, wurde er Tragiker aus Menschenhaß, dem leider die Reue bis jetzt nicht gefolgt ist. Ja, meine Freunde, alle jene Trauerspiele, worin entweder der Held die Stiefeln seines Bruders zu putzen hat, die Geliebte aber ihn auf jene Welt vertröstet, in welcher er nicht mehr nach Wichse riechen wird, oder worin der Landrat Friedrich Barbarossa seine Dienstleiden erzählt, der Steuerexekutor Heinrich der Sechste sich mit Beitreibung der Gefälle-Reste plagt, oder der biedre, aufgeklärte Pastor Friedrich der Zweite aus Gielsdorf wegen Rationalismus verdammte Scherereien mit dem Lyoner Konsistorium hat, die stuhlsetzenden Kämmerlinge jedoch, also die Abräumer, eigentlich die einzigen handelnden Personen sind, ja, meine Freunde, alles das, und o Gott! wie unendlich viel mehr hat nur die Misanthropie Hirsewenzels geboren. Wir wären damit verschont geblieben, wenn er seinem wahren Berufe hätte folgen dürfen.«
»Könnte man denn nicht noch jetzt dem Fortschritte des Unheils Einhalt tun?« fragte das Fräulein, sonderbar verlegen.
»O, meine Gnädige!« rief Münchhausen begeistert; »es bleibt doch ewig wahr, das Wort unsres Schiller: »Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!« Sie haben da in Ihrer Einfalt einen großen Gedanken gefunden. Ja, wir wollen, da gegenwärtig auf so vieles subskribiert wird, eine Subskription durch ganz Deutschland eröffnen, zu dem Ende, mit vereinten Nationalkräften für Hirsewenzel eine Gerberei in Schlesien unter den Wasserpolacken anzupachten, ihm so einen heitern Abend des Lebens zu schaffen, die Bühne aber von ihm zu befrein. Ich bin überzeugt, selbst unsre Fürsten, denen ja Poesie und Literatur so sehr am Herzen liegen, geben etwas dazu, einen Gulden oder einen Taler, je nachdem sie über Gulden- oder Talerland herrschen. Doch für jetzt nur weiter in meinem Texte.
Als in Isidor der Gedanke an sein verfehltes Dasein einmal recht zum Durchbruch gekommen war, da rief er aus: »Weil Ihr mich im Leben nicht habt zum Leder kommen lassen, so will ich Euch, da ich Euch leider nicht ans Leben selbst kommen kann, wenigstens das Bild des Lebens, die Bühne ruinieren.«
........ Die Welt
Ist noch auf einen Abend mein. Ich will
Ihn nützen, diesen Abend, daß nach mir
Kein Pflanzer mehr in zehen Menschenaltern
Auf dieser Brandstatt ernten soll.
Meine Vorgänger im Geschäft, Iffland und Kotzebue, machten die Misere zu Helden; ich will die Sache umkehren, und Helden zu miserabeln Personen machen. Müllner wirkte durch Schuld und Blut, Houwald durch alte Camillen und Bilder, die an den Galgen gehören, ich will durch Langeweile wirken. Ich will die Langeweile zur dramatischen Dynamis erheben, der Sandmann in den Augen der Helden soll meine Katastrophen bewirken. Meine Helden sollen lieber sterben, oder sonst ein Unglück erleben, als daß sie noch länger meine Redensarten abhaspeln. Ich will Euch ein Stück schreiben, namens »König Enzian«, ein Stück, dessen Perspektive nicht der Stern der Hoffnung über dem Grabe, nicht die Nacht des Tartarus unter den Füßen des hinsinkenden Frevlers, nicht die reinliche Entsagung der Wüste oder des Klosters sein soll, sondern eine Chambre garni im Felsen bei Zwielicht, oben mit einem Deckel versehen, worin der gähnende Mietsmann mit seiner gähnenden Geliebten bei hinlänglichem Essen und Trinken nichts zu tun hat, als Kinder zeugen, die bei der Geburt, anstatt zu schrein, auch schon gähnen. Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, es wird eine Krankheit über unsern Weltteil heraufziehn, geheißen die Cholera. Hin und her werden die Ärzte raten, woher das Miasma gekommen, welches die Seuche fortleitete, und man soll nicht erraten, daß es aus der Grube aufstieg, in welche ich den König Enzian verspündete. Wehe über dich Sand-Jerusalem, die du die Juden begünstigest, und kreuzigest immerdar die Propheten; du sollst zweimal die Cholera kriegen, weil du meinen »Enzian« so oft wirst haben spielen lassen! Ich will einundzwanzigmillionendreihunderttausend und einen halben Vers, folglich einen halben Vers mehr machen als Lope de Vega; alle sollen parallel nebeneinanderherlaufen, wie die lombardischen Pappeln zu beiden Seiten der Chaussee von Halle nach Magdeburg, und dieses Wunder soll nur von dem Wunder der Kühnheit übertroffen werden, womit ich versichern will, daß ich nie einen unschönen Vers verfertigt habe. Nicht durch Fehler und Ausschweifungen will ich die Bretter reizen; nein, ich will das Theater nivellieren, entnerven und abmergeln. Es soll aus meiner Feder nichts kommen, was selbst der Zensur von China verdächtig werden könnte, ich will ein völlig etatsmäßiger Poet werden, gleichwohl aber will ich von mir behaupten, ich sei durch große Geschichtsepochen, die von keinem Etat etwas wußten, zu Tränen der Rührung hingerissen worden, denn Klingeln gehört zum Handwerk. Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, es wird die Zeit kommen, da die Schauspieler meine Rollen im Schlaf abspielen, das Auditorium schläft, und der Kritiker Gottsched am folgenden Tage während seines Nachmittagsschläfchens eine Rezension in die velinpapiernen Blätter stiftet, worin er sagt, das neuste geniale Werk aus meiner unermüdlichen Feder habe das Publikum zum Enthusiasmus hingerissen. Mit einem Worte: Ich will Ich sein, und nur mir selber gleich!«
Wie Isidor Wort gehalten hat, das wissen die blasierten Hofräte, Justizräte, Geheimen Sekretarien und Papierjuden von Sand-Jerusalem, aus welchen gegenwärtig das dortige Theaterpublikum allein noch besteht. Kein Mädchen schleicht sich mit einem Bande seiner dramatischen Werke »ernster oder komischer Gattung« (ich weiß nicht, warum er den bezeichnenden Ausdruck: Sorte, verschmäht hat?) frühmorgens oder gegen Abend in die duftende Fliederlaube hinten im Garten, wo das gelbe Nasturtium blüht, und der Convolvulus auf seinen Ranken den Falter wiegt und den goldgrün glänzenden Käfer, und liest sich an seinen Sachen heimlich-glühend in die Bekanntschaft mit ihrem pochenden Herzchen hinein; kein Student, der droben auf dem Weinberge am Flusse von seinem Jugendbruder Abschied nimmt, und mit ihm das Stammbuchblatt wechselt, schreibt einen Vers von Isidor hinein, keinen Künstler haben seine sogenannten Gestalten zu einem Bilde entzündet. Wer um sechs Uhr abends noch eine Spur von Stimmung in seiner Seele fühlt, ja, wer auch nur die Aussicht auf einen Robber Whist hat, der meidet das Haus, worin Isidor seine dramatische Suppenanstalt für Arme errichtet hat, und den Gottsched befriedigt, und die Blasierten von Jerusalem abfüttert. Es ist ihm gelungen, seine dämonische Drohung in Erfüllung zu setzen. Ja, sie dreschen nunmehr das dreimal gedroschene leere Stroh und worfeln die Spreu, die nicht einmal der Gastwirt Angely seinen vierfüßigen Gästen vorgesetzt hätte. Die Bühne kam nach dem etwas derben Ausdrucke der Jugend durch Isidor auf den Hund. Er, er hat es verstanden, wie man die Deutschen behandeln soll. Denn nicht durch Blitze des Genius ist diese sogenannte Nation zu entzünden — wie kann man nasse Wolle in Brand stecken? — sondern man muß immerfort dasselbe tun, es mag ausfallen, wie es will; dann sagen sie: »Der muß es doch verstehn.« Es ist ihnen überhaupt nur daran gelegen, daß das Inventarium in allen literarischen Wirtschaftsrubriken vollständig sei; denn sie sind gute Haushälter. Sie würden, wenn Hirsewenzel sich nicht gefunden hätte, auch einen zweiten Cronegk, oder Gellert oder Weiße wieder aufgenommen haben. Isidor, hundertmal abends kritisch totgeschlagen, feierte am andern Morgen seine Auferstehung mit drei neuen mittelmäßigen Stücken, die wie ein Echo die ihm vorgerückten Albernheiten wiederholten. Die Leute aber sagten: »Der versteht es, so muß man es machen.« Selbst der Heroismus erlahmte endlich an dieser Beharrlichkeit der Industrie; man ließ die Fabrik zuletzt spulen und schnurren, ohne ferner Eingriffe in ihre tranduftigen Räder zu versuchen. — Aber in die Walhalla kommt er doch nicht, wenn sie fertig wird und ihre Bestimmung behält, und nicht mit der Zeit vielleicht in ein Bräuhaus verwandelt wird. Der Graf von Platen kommt hinein, und der gehört auch hinein, trotz aller seiner Torheiten und Mißgriffe, aber Hirsewenzel kommt nicht hinein und schriebe er auch noch einundzwanzigmillionen Verse mehr. Doch ist es freilich noch ungewiß, ob er überhaupt sterben, und ob nicht vielmehr der Tod jedesmal einnicken wird, so oft er ihn sieht.
Nun, Gott beßre das deutsche Theater!
Melpomene sitzt, von der Szene verscheucht, unten im Keller, da wo die Arbeitsleute an den Versenkungen und Verwandlungen hantieren, der Dolch ist ihrer entkräfteten Hand entfallen und rostet im Moder, im Moder liegt die Maske, welche die gemeinen menschlichen Züge verschönernd bedecken soll; Schimmel überzieht dieselbe, und einer der Theaterarbeiter hat ihr die Nase platt getreten. Droben aber über ihrem Haupte, auf dem Podium, scharrwerkt der lärmende Emporkömmling mit seinen breitgerührten und doch hölzern gebliebenen Jamben. Ach, die Arme! Nicht einmal weinen kann sie mehr. Isidor hat sie mit dem Stockschnupfen angesteckt, und verlangt nun grausam spottend von ihr, sie solle Makuba schnupfen lernen, dadurch helfe er sich in allen Nöten.
Das alles ist weltbekannt. Nicht so bekannt ist aber der Umstand, daß der Tragöde alle die Stücke, die seitdem wie ein nie versiegender Spülicht zwischen den Kulissen hervorgebrodelt sind, bereits während seiner Beschäftigung mit Zöpfen und Frisuren in müßigen Nebenstunden verfertigte. Ja, meine Freunde, er hat sie sämtlich auf den Vorrat gearbeitet; die Manuskripte lagen in seinem Haaratelier geordnet zwischen den übrigen Fabrikaten und Sachen, ungefähr so: ein Zopf; »die Erdennacht«, eine Perücke; »Genoveva«, Pomade; »Rafaële«, der Puderbeutel; »Die Schule des Lebens«, und so weiter. Daher es ihm leicht war, hernachmals den Markt von Sand-Jerusalem mit seiner Ware zu überführen.
Doch meine Farben reichen bei diesem Bilde nicht aus und mein Pinsel ist zu stumpf; ich fühle das wohl. Solche tiefsinnige ästhetisch-poetische Seelenentwicklungsgemälde abzuwickeln, daß sie jedem so klar werden, wie baumwollnes Garn, müßte ich Hotho sein, der in den »Vorstudien des Lebens und der Kunst« an seiner eignen Geschichte »aufgewiesen« hat, daß man den »Don Ramiro« schreiben, an den ästhetischen Artikeln der Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, herausgegeben von der Sozietät für wissenschaftliche Kritik, mitarbeiten, und dennoch sich wichtig vorkommen kann.
Man sang vor Zeiten, als Don Ramiro zur Welt gebracht wurde:
Don Ramiro, Don Ramiro!
Langes Leben spinn‘ dir Klotho;
Rühmen werden dich die Weisen,
Und dich lesen wird Herr Hotho.
Ich ahme diesem Volksliede nach und singe:
Don Ramiro, Grand zu Hotho,
Du allein, du könntest schildern
Hirsewenzels trag‘sches Werden
Dir gemäß mit Hegels Bildern.
Isidor näherte sich den sechs Gebrüdern Piepmeyer mit Kamm und Nadel bewaffnet. Er kniete nieder, lösete die Bänder, welche die sechs Haarwüchse fesselten, so daß sie in sechs Fluten von sechs Nacken herniederwallten, und nachdem er mit seinem Geräte in diesem Sechsgelock Ordnung gestiftet hatte, ging er daran, zu strählen und zu flechten.
In diesem Augenblicke empfing er in seiner melancholischhumoristischen Weltanschauung die Gestalt des Till.
Sie erinnern sich gewiß dieser wundersamen Figur, mit welcher unser damaliger Wachtfriseur, nunmehriger Dichter, so vielen genialen Spaß auszurichten sich bemüht hat. Meistens hat der Till es mit einem Barbierer, namens Schelle, er verschmäht aber auch Rätinnen und Polizeidirektoren nicht, nein! es ist zum Totlachen, was für Späße der Till angibt, der durchtriebene Vogel, der Till... und wenn ich an den Till denke, und an Till und Schelle, und Schelle und Till... und an Tell und Schille... und an alle die Späße von dem Till, so — — so — —«
Der Freiherr brach bei der lebhaften Erinnerung an Tills Späße in ein konvulsivisches Lachen aus, welches so klang, als wenn hölzerne Klötzchen in einer Büchse von Blech hin- und hergeschüttelt werden. Der alte Baron klopfte ihm den Nacken, Münchhausen erholte sich wieder und fuhr fort:
»... so kann ich nur bedauern, daß die »Meerrettiche«, die der Dichter auch in sechs Paar Trilogien auf seinem Krautfelde ziehen wollte, nicht fertig geworden sind. Doch vielleicht kommen sie noch nach, denn bei Hirsewenzel ist nichts unmöglich. Bis nun der Meerrettich zum Rindfleisch abgesotten sein wird, müssen wir uns mit dem Till behelfen, dem ich wohl eine Petersilie wünschen möchte, das gäbe eine Mariage von Küchenkräutern, worüber jeder Köchin das Herz im Leibe poppern würde.
Ich habe immer, wenn ich die Tille sah, an einen Menschen denken müssen, den ich einmal in einem Dorfe zwischen Jüterbog und Treuenbrietzen, mich dünkt, es hieß Knippelsdorf, oder so ungefähr, kennenlernte. Die Gegend um Knippelsdorf ist etwas unfruchtbar, nur bei großen Überschwemmungen werden die Felder grün, dann gibt es große Festlichkeiten, wobei sich die Leute in Grütze satt essen. Aber hübsche Kiefern haben sie da, und Windhafer, soviel ihr Herz begehrt. Die Achse war mir am Wagen gebrochen; ich mußte ein paar Stunden im Kruge sitzen, bis der Stellmacher sie, nämlich die Achse, repariert hatte. Dieser Aufenthalt zeigte mir »Knippelsdorfer Zustände«. Es war neun Uhr morgens, und ein schöner heißer Julius, indessen schien der Tag durch die runden Fenster der Krugstube nicht absonderlich hell, sie waren gar zu verschmaucht. In der Stube gingen die Hühner spazieren, uneigennützig, denn zu essen gab es da nichts, wie ich erfuhr, als ich nachfragte. Zu trinken konnte ich bekommen, wenn ich bis zum folgenden Tage bleiben wollte, da würden sie Dünnbier von Zahne holen, sagten sie. Es roch abscheulich in der Stube, aber auf Reinlichkeit hielten sie doch, denn eine Magd im Negligé mit fliegendem Haar wischte gehörig den langen Tisch ab, und nachher mit demselben Tuche die irdenen Teller. Eine Anzahl von Fliegen summte in der Stube, und die schlug ein höhnischer, blasser, verdrossen-schläfriger Mensch tot, derselbe eben, an den ich mich nachmals immer bei den Tillen erinnerte. Er trug eine Nachtmütze schief überm Ohr, den tönernen Stummel hatte er im Munde, in herabgetretenen Pantoffeln schlorrte er auf und nieder. So oft er eine Fliege mit der Klatsche erlegt hatte, verzog er die schlaffen Lippen zu einem unangenehmen Lächeln und machte einen Spaß über die tote Fliege. Man konnte sich darauf verlassen, auf jede tote Fliege kam ein Spaß; ich habe sie aber sämtlich vergessen. Die Magd lachte nicht darüber, ich konnte auch nicht darüber lachen. Sie sagte mir, als ich mich nach ihm erkundigte, er sei der jüngere Bruder des Krugwirtes und habe nicht guttun wollen, deshalb müsse er jetzt das Gnadenbrot essen. Seine einzige Beschäftigung sei, sich über die Fliegen aufzuhalten, die er totgeschlagen habe.
Der Till also ging dem Hirsewenzel, wie gesagt, auf, als er die sechs Zöpfe der Gebrüder Piepmeyer einflechten wollte. »Halt«, dachte er, »hier kannst du sofort für diesen komischen Heros die Studien nach dem Leben machen. Laß uns eine Verwickelung bilden, die an grenzenloser Lustigkeit und kühner Laune alles hinter sich läßt, was Shakespeare, Holberg und Molière ersonnen haben. Ich werde die Zöpfe der Piepmeyers unentwirrbar zusammenflechten, und wenn sie dann aufstehn, und nicht voneinander können, und bei dem Ziehen und Zerren unter Schmerzen Gesichter schneiden, o welche Fülle von komischen Anschauungen werde ich dann haben, ich sehe schon ganze Dutzende von Tilliaden fertig.« Gesagt, getan; er flocht Peter mit Romeo, Romeo mit Christian, Christian mit Guido, Guido mit Ferdinand, Ferdinand mit Heinrich, Heinrich mit Karl zusammen, so daß vier Piepmeyers, ein jeder doppelseitig, linker und rechter Flügel aber einseitig gefesselt waren. Als Isidor sein Werk vollbracht hatte, steckte er sich hinter den Wachtofen, um die Wirkung dieser Intrige zu beobachten.
Ruhig schliefen die Opfer Hirsewenzelscher Komik, träumten von Brot und Fleisch und doppeltem Traktament und hatten kein Arg. Als nun der Tag höher zu steigen begann, und die Strahlen der Sonne den Ordensstern an der Bildsäule Landgraf Friedrichs des Zweiten auf dem Platze vor dem Schlosse vergoldeten, mit einem Worte, als es sechs geschlagen hatte, trat der Feldwebel zu der Piepmeyerschen Pritschabteilung, um die Farbenstriche über den Nasen der Brüder aus seinem Vorrate zu erneuen, denn die ganze Strenge des Dienstes sollte nun bald wieder beginnen. Als er indessen einen Blick über die Pritsche hinaus in ihr Jenseits tat, und die seltsame Verflechtung der brüderlichen Hinterhaupthaare wahrnahm, da entsank ihm vor Erstaunen der aufgehobene Malerpinsel und er starrte die Erscheinung einige Sekunden lang lautlos an. In der Tat war diese auch verwunderlich genug anzuschauen; Piepmeyers sahen von hinten aus wie ein kurhessischer Garderattenkönig.
Indessen kommt ein Feldwebel immer bald wieder zu sich selber. Auch der unsrige gewann nach kurzer Ratlosigkeit seine ganze Fassung sich zurück, und fuhr die Verbündeten mit den wackern Worten an: »Kerls! Euch soll ja ein Kreuzsternschockmillion-Donnerwetter sechstausend Klafter tief unter den Winterkasten in die Erde schlagen!«
Von diesem biedern Zurufe des tüchtigen Manns fuhren Piepmeyers gleichzeitig aus dem Schlummer auf, und wollten sich gleichzeitig erheben. Da ihnen aber dies Schmerzen verursachte, so sanken sie zurück, tasteten gleichzeitig nach ihren Zöpfen, entdeckten die Ursache der Schmerzen und sagten gleichzeitig wie aus einem Munde, kalten Blutes: »Herr Feldwebel, es muß sich, derweil wir schliefen, ein dummer Junge in die Wacht geschlichen und einen Jux mit uns verübt haben.« — »Auf Ehre, so ist es«, sprach der Fähnrich von Zinzerling, der herzugetreten war. »Feldwebel, machen Sie den einen Mann los, und der kann wieder seinen Brüdern helfen. Wo bleibt der Schelm, der Hirsewenzel?« —
Der Feldwebel löste Karl Piepmeyer von Heinrich Piepmeyer ab, Karl trennte demnächst Heinrich von Ferdinand, Heinrich schied Ferdinand von Guido, Ferdinand dismembrierte Guido und Christian, Guido setzte Christian mit Romeo auseinander, Christian endlich stellte den Dualismus zwischen Romeo und Peter her. Nachdem die sechs Brüder solchergestalt wieder in das Fürsichsein getreten waren, vollendeten sie ihre reale Existenz durch wechselseitige Herstellung von sechs schlechthin gesonderten Zopfindividualitäten. Hiemit hatte das Ereignis seinen Kreis absolut mit Inhalt erfüllt, war der Begriff des Vorfalls zum Von-Sich-Wissen gekommen, oder deutlicher zu reden, das Ding hatte nun ein Ende. Denn dem Feldwebel, welcher sich an den Fähnrich mit der Frage, ob der Vorfall gemeldet werden solle? wendete, erwiderte von Zinzerling gedankenvoll: »Nein! Wir leben in bewegten Zeiten, und wollen die Gärung nicht fortleiten. Der dient den Königen nicht, der ihrem Argwohne dient. Die Sache bleibt ungemeldet, und ich nehme die Verantwortung auf mich.«
Wie Hirsewenzel unbemerkt hinter dem Ofen entkommen, ist Wachtgeheimnis geblieben.«
Fünfzehntes Kapitel
Zwei Zuhörer sind in ihren Erwartungen so getäuscht, wie die Leser, der dritte Zuhörer fühlt sich dagegen höchst befriedigt. Der Freiherr teilt einige dürftige Familiennachrichten mit
Der Schulmeister Agesilaus hatte schon während des letzten Teils dieser Erzählung deutliche Zeichen hergestellter Zufriedenheit von sich gegeben. Vergnügt hatte er seine Hände gerieben, sich auf dem Stuhle hin- und hergewiegt, ein Hm! Hm! Ja! Ja! So! So! Ei! Ei! dazwischen geworfen, und den Freiherrn mit einer Schalkhaftigkeit angesehen, welche eine Schattierung von Tiefsinn durchschimmern ließ. Nachdem nun Münchhausen zu Ende gekommen war, sprang der Schulmeister auf, lief zu dem Erzähler, schüttelte ihm die Hand, und rief: »Verzeihung, mein hochzuverehrender Gönner, daß ich die Standesunterschiede nicht achte, und Ihnen so geradezu mich nähere, aber wie Not kein Gebot hat, so achtet die Begeisterung keiner Schranke. Erlauben Sie mir, Ihnen auszusprechen, wie mich Ihre diesmalige Diatribe, in die Form einer historischen Novelle gegossen, erquickt hat. So fahren Sie fort, dann sind Sie des Dankes aller Edeln gewiß. Endlich doch einmal Nahrung für Geist und Herz!«
»Ich verstehe Sie nicht«, versetzte ernsthaft der Freiherr.
»O! O! O! aber ich verstehe Sie, mein Hochgeschätzter«, rief der Schulmeister. »Ja, ja, Erleuchteter, das kommt bei den Übertreibungen heraus! Das haben wir davon, daß wir alles auf die Spitze stellen, von allem und jeglichem das Höchste, Überschwenglichste begehren! Nicht wahr, mein Verehrtester, Sie wollten mit Ihrer anscheinlichen Ironie gegen jenen so oft verkannten und angefeindeten Mann sagen: Seht, zu solchen maßlosen Extravaganzen gelangt man, so überspringt der Spott sich selbst, so fallen die stärksten Hiebe, wenn Leidenschaft sie führt, immer über den zu Hauenden hinaus in das Leere, und darum lernt Euch begnügen, Ihr Leute, mit dem Vorhandenen, geht zwischen Haß und Enthusiasmus die Mittelstraße, die von den Weisen aller Zeiten immer die goldne genannt wurde! Diese und ähnliche Lehren wollten Sie durch Ihren ausschweifenden Angriff einschärfen, wenn ich sonst, nicht oberflächlich an der Oberfläche Ihrer Reden haftend, deren inneren Sinn richtig aufgefaßt habe.«
Auf diese Anrede erwartete der Schulmeister etwas Schmeichelhaftes. Der Freiherr sah ihn jedoch nur mit weitgeöffneten Augen starr an, und sagte nach einem langen Schweigen nichts, als: »Herr Professor, Sie sollten uns doch auch noch einen Kommentar über den »Faust« schreiben.« — Dann wandte er ihm den Rücken und suchte die Blicke des Fräuleins auf, die ihn aber mieden.
Diese liebte eigentlich im stillen den Helden der Novelle, weshalb ihr auch der Vorschlag, seiner unerschrocknen Wirksamkeit ein Ziel zu setzen, nicht vom Herzen gekommen war. Sie pflegte sich in ihren erregtesten Stunden seine lombardischen Chausseepappelverse zu ihrer Aufrichtung laut vorzusagen. Nun hatte sie jedoch auch, wie alle Damen, eine unglaubliche Furcht vor dem Lächerlichen, und da sie denn doch während Münchhausens Erzählung sich mit ihrem Lieblinge in dieser Beleuchtung zu einer Gruppe vereinigt sah, so fühlte sie sich in ihrem Bewußtsein völlig vernichtet, und rang vergebens nach einem Anker für ihre ratlose Seele. Zugleich aber ängstigte sie das Schweigen, welches nach den Verhandlungen zwischen dem Freiherrn und dem Schulmeister in der Gesellschaft entstanden war, und nicht weichen wollte. Denn ihr Vater schnitzte, wie er zu tun pflegte, wenn er gänzlich verstimmt war, mit seinem Federmesser Einkerbungen in den schlechten hölzernen Tisch, um welchen alle saßen, und murrte nur halblaut vor sich hin: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Es war ja die pure, blanke Gottes-Satire auf den Hirseschwenzel, oder Schmirsehenzel, oder wie der Mensch sonst heißen mag! Denn Dichterei und Romanenwesen ist meine Sache nicht, sondern Natur- und Völkerkunde.«
Der Schulmeister aber saß schweigend und zornrot da. Er hatte zwar Münchhausens Antwort nicht eben ganz verstanden, fühlte jedoch, daß darin ein Stich liegen müsse. In diesem Punkte war nun nicht mit ihm zu scherzen, denn seine Eitelkeit war nur seiner unbegrenzten Vorliebe für die Sitten der alten Sparter gleich.
Wer hat nicht einmal die Last solcher Windstillen in der Gesellschaft erfahren? Die gesamte Sozietät sitzt wie eine Flotte, die sich auf dem unbewegten Meeresspiegel nicht zu rühren vermag. Schlaff hangen die Segel herab, verzweiflungsvoll schaun alle Blicke nach ihnen hinauf, ob nicht ein frisches Lüftchen sie endlich schwellen wolle. Umsonst! Das ist, als ob ein Rad in der Schöpfung gebrochen, und die ganze Maschine mit Sonne, Mond und Fixsternen in Stockung geraten sei. So sucht eine in Windstille versetzte Gesellschaft auch verzweiflungsvoll nach einem Gedanken, nach einer Vorstellung, ja nur nach einer Redensart, um sie in die Segel der Konversation zu hauchen; vergebens! Nichts will über die Lippen, nichts hörbaren Laut gewinnen. Der Mythus sagt, in solchen Zeiten fliege ein Engel durch das Zimmer, aber nach der Länge derartiger Pausen zu urteilen, müssen zuweilen auch Engel diese Flugübungen anstellen, deren Gefieder aus der Übung gekommen ist. Endlich pflegt einer sich zum Opfer für das Gemeinwesen darzubringen, er fährt mit einer ungeheuren Dummheit heraus, und damit ist der Zauber gelöset, das Band der Zungen entfesselt; die Ruder klatschen, die Segel sausen, der Kiel schwirrt lustig durch das Meer von Kunst, Stadtneuigkeiten, Politik, Krankheits- und Gesundheitsumständen, Religion und Karnevalsbällen.
Nachdem das Schweigen in der Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist, etliche Minuten gedauert hatte, und die verschiednen Affekte der Schweigenden in die heiße Sehnsucht, ein menschliches Wort zu vernehmen, übergegangen waren, sagte das Fräulein zu Münchhausen plötzlich, wie von einem guten Geiste erleuchtet: »Es pflegt doch immer im Sommer schöneres Wetter zu sein, als im Winter.«
Nach dieser Explosion atmeten alle frei auf und fühlten sich von dem Zauber erlöset, der über ihnen gelastet zu haben schien, nachdem von unsrem Nationaltragöden so viel die Rede gewesen war. Münchhausen aber küßte dem Fräulein die Hand und versetzte: »Sie haben da eine tiefsinnige Wahrheit ausgesprochen, meine Gnädigste, und ich kenne außer Ihnen nur noch eine Dame, welche diese großartige Naturbetrachtung fest im schönen Gemüte ergriffen hat, und sie einem Dichter zu äußern pflegt, jederzeit, wo er das Glück hat, ihr zu nahn. Vergebens, daß der Dichter manches ausgehen ließ, was der Welt nicht unbekannt blieb, daß man überhaupt mit ihm von allem und jedem sprechen kann, weil er so ziemlich für alles und jedes sich interessiert, und über die Dinge, von denen er nichts versteht, gern Belehrung empfängt — vergebens alles dieses, sage ich — die Dame äußert, so oft er das Glück hat, ihr zu nahen, nur ihre Überzeugung, daß im Sommer das Wetter schöner zu sein pflege, als im Winter.«
»Unmöglich!« rief der alte Baron.
»Vielleicht unmöglich, aber gewiß wahr«, versetzte Münchhausen. »Der Dichter ist mein Freund und hat mir die Tatsache bei seinem Ehrenworte beteuert.« — Münchhausen fuhr heiter fort: »Ich wollte Ihnen einige kurze Nachrichten über meine Familie geben; hier sind sie. Der sogenannte Lügenmünchhausen ist mein Großvater, wenn unser Stammbaum in Bodenwerder recht hat. Adolph Schrotter in Düsseldorf hat ihn jüngst gemalt, wie er unter Jägern und Pächtern sein Pfeifchen schmaucht, und diesen Leuten seine Geschichten erzählt. Ein dicker Mann sitzt ihm gegenüber und hat den Rock ausgezogen, um besser zuhören zu können, in seinem Gesichte spricht sich die gläubigste Hingebung aus, und sein großer Hund, der neben ihm liegt, sieht ihm sehr ähnlich.
Adolph Schrotter hat meinen Großvater getroffen, wie kein anderer vor ihm. Das ist aber auch kein Wunder, denn mein Großvater ist ihm im Traume erschienen, er hat eine Vision von ihm gehabt. Die frommen Maler haben nicht allein Visionen, nein! die andern haben die ihrigen auch. Es malt keiner ein paar Kinder, die von zwei schlechten Kerlen totgemacht werden sollen, oder eine Kegelbahn, oder auch nur ein Porträt, ohne daß er eine Vision von diesen Dingen gehabt hätte. Und das ist der Vorteil dieser weltlichen Gesichte: Man kann immer da die Vergleichung anstellen, und urteilen, ob die Erscheinungen richtig gewesen sind, denn überall gibt es unschuldige Kinder und schlechte Kerle und Kegelbahnen, und Leute, die sich porträtieren lassen; aber bei den frommen Visionen kann man das nie, und man weiß daher auch nicht, ob die lieben Engelein und Heiligen und die Mutter Gottes so ausgesehen haben, wie die Leute behaupten, daß sie ihnen vorgekommen seien.
Daß Adolph Schrotter eine richtige Vision gehabt, bestätigte noch letzthin ein alter eisgrauer Jäger von Bodenwerder, der jetzt mit Ratten- und Mäusepulver handeln geht, und der denn endlich auch an den Rhein gewandert war. Er kam auf die Kunstausstellung, weil er glaubte, dort Geschäfte machen zu können und rief, als er das Bildchen sah: »Das ist der alte Herr, wie er leibte und lebte, wenn er von den zwölf Enten erzählte!« Das Bildchen soll jetzt, Figuren über Lebensgröße, al fresco für ******** ausgeführt werden.
Meinem Vater tat die Abstammung von diesem Manne Zeit seines Lebens den größten Schaden. Wenn er Geld erborgen wollte und auf Kavalierparole die Rückzahlung versprach, sobald sie sich tun lasse, sagten die Wucherer, mit denen er unterhandelte: »Wir bedauern sehr, aber wir können nicht dienen, denn Sie sind der Herr von Münchhausen.« Er trat in Kriegsdienste und machte als Stabsrittmeister einst einen allerdings unwahrscheinlich lautenden Rapport; der General glaubte ihm nicht, und davon war die Folge, daß eine große Schlacht verlorenging. Kabale über Kabale wurde gegen ihn gespielt; man drehte die Sache ganz herum, er erhielt in Ungnaden seinen Abschied. Nun widmete er sich dem Finanzfache, da entdeckte er ein geheimes Mittel, die edeln Metalle zu vervielfältigen, wollte es dem Staate verkaufen, aber der Staat wies ihn zurück und sagte, es sei schon gut, man wisse, daß er Münchhausen heiße. Auch aus dem Finanzfache wurde er ungnädig dimittiert, weil er ein Schwindler sei, wie es in dem Entlassungsreskripte hieß. Was hat der Staat von seiner Zurückweisung gehabt? Papiergeld mußte er machen.
Mein Vater aber hatte von seinem Geheimmittel auch nichts; er konnte es für sich nicht in Anwendung bringen, die Kosten der ersten Auslagen waren für einen Privatmann zu bedeutend. Bei zwölf Fräuleins hielt er nacheinander um ihre Hand an, aber
Die erste sagte scheu,
Die zweit‘ — ein Leu —
Die dritte spitzig,
Die vierte witzig,
Die fünfte hitzig,
Die sechste zornwinkend,
Die siebente borntrinkend,
Die achte stickeiferig sehr,
Die neunte blickschweiferig mehr,
Die zehnte rücksteiferig-hehr,
Die eilft‘, ein Bärbchen, schnipp‘sch, zwar weichend, doch gütig,
Die zwölft‘, ein Körbchen hübsch darreichend, hochmütig:
»Herr von Münchhausen, wir danken für die uns zugedachte Ehre; Sie führen uns doch nur an.«
So schlugen alle meine zwölf projektierten Mütter dem armen Manne sein Begehr ab, bloß wegen seines Namens und wegen der Erinnerung an den Großvater. Ich wäre ohne Mutter geblieben, wenn er nicht zuletzt noch bei einer dreizehnten Gehör gefunden hätte, bei einer Denkerin, die in des Großvaters Lügenbuche einen geheimen Sinn ahnete, und alles allegorisch und theosophisch auslegte. Sie gab meinem Vater ihr Jawort, nicht aus Liebe zu ihm, wie sie ihm bei der Verlobung offen sagte, sondern aus Achtung für den Großvater.
Über diese Ehe darf ich mich nicht aussprechen. Sie birgt Geheimnisse, die wieder tief in andre Geheimnisse meines tiefsten Seins verflochten sind, und welche mit mir zu Grabe gehen werden. Nur so viel mag ich Ihnen vertrauen: Eine Ehe aus Achtung für den Vater des Gatten ist für diesen die unglückseligste unter den unglückseligen Ehen. »Die unglückliche Ehe aus Delikatesse« von Schröder bedeutet gar nichts dagegen, und die Heirat durch ein Wochenblatt gründet ein Paradies, mit der Achtungs-Ehe verglichen.
Theophilus, Freiherr von Münchhausen, (so heißt der Mann, welcher vor der Welt mein Vater heißt;) ergab sich ganz den ernstesten Studien, nachdem es ihm im Leben und in der Ehe so äußerst schlecht gegangen war. Er wurde ein großer Wassertrinker, und ich habe ihn, während ich in Bodenwerder verweilte, nur dreimal lächeln sehen.
Meine früheste Jugend verlebte ich durch eine seltsame Verkettung von Zufall, Schickung und Leidenschaft unter dem Vieh, und zwar bei einer Ziegenherde am Öta. Was ich da erfahren, will ich Ihnen späterhin erzählen, für jetzt nur so viel, daß ich meine Knabenjahre, abermals durch eine seltsame Verkettung von Zufall, Schickung und Leidenschaft im väterlichen Hause zubringen durfte. Da trieb ich denn nun alles und jedes mit dem Manne, dem ich, die Geheimnisse mögen nun sein, welche sie wollen, doch immer meine Tage verdanke.
Vormittags: Philologie, Geographie, Alchimie, Technologie, Spezialhistorie, Generalhistorie, Physik, Mathematik, Statik, Hydrostatik, Aerostatik;
nachmittags: Literatur, Poesie, Musik, Plastik, Drastik, Phelloplastik, gemeinnützige Kenntnisse;
abends: Gymnastik, Hippiatrik, Medizin, insonderheit Anatomie, Physiologie, Pathologie, Semiotik, Biotik, Materia medica;
nachts: repetierten, experimentierten, disputierten wir.
Bei diesem Lehrplane konnte ich denn allerdings manches aufschnappen.«
»Und wann schliefen Sie?« fragte das Fräulein.
»Hin und wieder eine Viertelstunde bei den leichteren Doktrinen«, versetzte der Freiherr. »Ich war Schnellschläfer, wie man Schnelläufer hat. In wenigen Minuten konnte ich den Gehalt von Schlafstunden gewöhnlicher Menschen zusammendrängen. Von Schlaf kann überhaupt für jemand, der sich auf der Höhe des Jahrhunderts halten will, nach der großen Ausdehnung, welche die Wissenschaft gewonnen hat, heutzutage wohl nicht mehr viel die Rede sein. — Neben dieser intellektuellen Bildung, die ich auf Bodenwerder erhielt, wurde mein Charakter, mein Gemüt nicht verabsäumt. Ganz besonders brachte mir mein sogenannter Vater den heftigsten moralischen Widerwillen gegen das Lügen bei, weil der Großvater durch dieses Laster das ganze Familienglück zerstört hatte. Er folgte in manchen Dingen seinen eigenen Grundsätzen, mein sogenannter Vater, und hielt erstaunlich viel auf die Gewalt der ersten sinnlichen Eindrücke in der Jugend. Ich bekam daher alle Sonn- und Feiertage eine allegorische Figur der Wahrheit, aus Honigkuchenteig gebacken, zu verzehren, nämlich, eine unbekleidete Person, die Augen zwei Rosinen, die Nase eine Bamberger Pflaume, auf der Brust eine Sonne von Mandelkernen. Hatte ich nun diese Allegorie mit Wollust verspeiset, so wurde mir dabei unaufhörlich wiederholt: »Süß, wie der Honigkuchen, ist die Wahrheit.« Wenn ich mir aber den Magen verdorben hatte und Rhabarber einnehmen mußte, so hieß es im einschärfendsten Tone: »Das ist der bittre Trank der Lüge.«
Die Richtigkeit der Methode bewährte sich an mir. Ich bekam wirklich einen unbesieglichen Abscheu gegen das Lügen und kann wohl sagen, daß aus meinem Munde nie ein unwahres Wort gegangen ist, mit einer einzigen Ausnahme, die aber sofort sich bitter an mir rächte. Lange Zeit konnte ich der Wahrheit oder gewisser Wahrheiten nicht denken, ohne daß mir Honigkuchen, Rosinen und Mandelkerne und Bamberger Pflaumen einfielen, endlich erhob ich mich freilich zu gereinigteren Vorstellungen.
Was aber die einzige Lüge meines Lebens und ihre Folgen betrifft, so ging es damit folgendermaßen zu. Ich sitze eines Tages in meinem Zimmer am Schreibepult und habe eine sehr notwendige Arbeit vor. Der Bediente meldet mir einen Besuch. »Geh‘ hinaus«, sage ich, »ich wäre nicht zu Hause.« Der Herr wäre nicht zu Hause, sagt er draußen. Sowie der Mensch seine Botschaft ausgerichtet hat, und ich höre, daß mein Besuch abzieht, spüre ich eine Unruhe, die mich am Pult nicht weilen läßt; ich muß aufspringen, es wird mir heiß, es wird mir kalt, jetzt wird mir so, dann wird mir so; der Rhabarber fällt mir ein aus meinen Jugendjahren und dessen allegorische Deutung, die Phantasie tritt in ihre ungeheuren Rechte, die geheimen Bezüge zwischen Seele und Leib fangen an zu ziehen, immer wesenhafter, kreatürlicher wächst die Idee des Rhabarbers in mir, bald bin ich vom Kopf bis zur Fußzehe jeder Zoll Rhabarber, die Natur folgt der Vorstellung, das Übel bricht aus — — Sie erraten das übrige! —
Die Folgen meiner Lüge, durch Rhabarber-Allegorie-Erinnerung bedingt, treten mit einer Stärke auf, vor welcher die Wissenschaft scheu zurückweicht. Vierundzwanzig Ärzte gab es in der Stadt; alle kommen nach und nach zu der leidenden Kreatur. Vierundzwanzig Ansichten werden laut, vierundzwanzig verschiedene und entgegengesetzte Mittel werden verordnet. Der erste hält die Krankheit für eine Schwäche, der zweite für Hypersthenie, der dritte für eine neue Form der Schwindsucht. Der vierte verschreibt Sinapismen, der fünfte Kataplasmen, der sechste Blähungen; der siebente Adstringentia, der achte Mitigantia, der neunte Corroborantia; Ipekakuanha! ruft der zehnte, nein, Hyosciamus! schreit der eilfte; keines von beiden, sondern Meerzwiebel, sagt ruhig der zwölfte; dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebenzehn operieren, skarifizieren, amputieren, evakuieren, trepanieren; Nummer achtzehn hat in der Diagnose recht, Nummer neunzehn findet die Prognose schlecht; der zwanzigste gibt Borax, der einundzwanzigste Storax, der zweiundzwanzigste findet des Übels Sitz im Thorax; der dreiundzwanzigste mir Frankenwein bot, der vierundzwanzigste macht mich Kranken scheintot.
Aus diesem Zustande erweckt mich ein Homöopath mit 1/6000000 Gran Arsenik. »Herr Medizinalrat«, flüstre ich ihm, entkräftet von vierundzwanzigfacher allopathischer Behandlung zu, »Herr Medizinalrat, ich hab‘s vom Lügen!« — »Vom Lügen?« versetzt er. »Nichts leichteres dann, als die Heilung. Similia similibus. Sie müssen verleumden d. h. lügen mit feindseliger Absicht, dann gibt sich die Krankheit sofort!«
Ein Blitz fährt durch meine Seele. »Nach Schwaben!« rufe ich; »nach Stuttgart! Doktor Nachtwächter ist ein Menschenfreund, er wird mir die Liebe erzeigen, und mich zu meiner Herstellung einige Zeit lang am Literaturblatte mitarbeiten lassen.« — Ich werde in Betten eingepackt, in den Wagen gesetzt, erreiche Stuttgart halbsterbend. Der Herausgeber des Literaturblattes kommt eben aus der Ständekammer, worin er von dem Drucke, unter dem die Kirche schmachte, redete, bei der Beratung der Kammer über das Moststeuergesetz. »Edler Mann«, sage ich, »Sie, aus dessen Antlitz Güte und Redlichkeit leuchten, Nachtwächter Sie Germaniens, der immer abtutet, wie hoch es an der Zeit sei, wenn die Stunde vorüber ist, so und so geht mir‘s.« Ich erzähle ihm den Kasus und trage ihm mein Anliegen vor. »Gern gewährt«, versetzt Nachtwächter, »was schiert mich die Literatur?« Er erteilt mir seine Instruktionen für einen Artikel des Blattes, ich fange danach an zu schreiben. Bei der ersten Seite verspüre ich schon Linderung, bei der zweiten Minderung, bei der dritten sammle ich Kräfte, bei der vierten bessern sich meine Säfte, mit der fünften kommt den abgemagerten Gliedern die vorige Rundheit, und die sechste schenkt mir die vollkommene Gesundheit, so daß ich nicht nötig hatte, von Autoren und Büchern, denen etwas versetzt werden sollte, weiter zu schreiben, und Nachtwächtern die Vollendung des Artikels überließ.
So half mir das Stuttgarter Literaturblatt homöopathisch von den durchschlagenden Wirkungen der Lüge. Nachtwächter muß in seiner Jugend keinen Rhabarber eingenommen haben, oder keine Imagination besitzen, sonst wäre er an seinem Blatte längst verschieden. Ich aber werde mich wohl hüten, zum zweitenmale gegen das Gesetz der Wahrhaftigkeit zu sündigen, denn Nachtwächter hilft mir nicht wieder, das weiß ich. Er schreit über Undank; ich hätte an seinem Herde gesessen, er hätte mich aufgenommen, gastfrei, wie der Capitain Rolando den Gil Blas in seiner Spelunke aufnahm, und doch wäre ich so pflichtvergessen gewesen, nicht weiter für ihn lügen zu wollen, als ich mich auskuriert hätte.
Auf diese und ähnliche Anklagen führt nun freilich ein alter Vers die Verteidigung, welche also lautet:
»Die Wahrheit nur verknüpft, die Lüge hält nicht Stich;
Betrügest du die Welt, betrügt der Lügner dich.«
Eine Korrespondenz des Herausgebers mit seinem Buchbinder
I. Der Herausgeber an den Buchbinder
»Aber, lieber Herr Buchbinder, was für Streiche machen Sie in jüngster Zeit! Neulich schicke ich Ihnen: »Zur Philosophie der Geschichte. Von Karl Gutzkow.« Sie aber setzen hinten auf den Titel: »Zur Philosophie der Geschichte von Karl Gutzkow«, so, als ob dieses Buch eine innere Geschichte des Autors enthalte, ungeachtet er doch darin von den toten Kräften und den natürlichen Voraussetzungen in der Geschichte, vom abstrakten und konkreten Menschen, von Mann und Weib, von der Leidenschaft, vom Staat, von Krieg und Frieden, von Übergangszeiten, von Revolutionen, und endlich vom Gott in der Geschichte handelt; mithin das ganze Gebiet des historischen Nachdenkens in seinem Werke durchwandert. Heute aber bekomme ich von Ihnen das erste Buch meiner Münchhausenschen Denkwürdigkeiten zurück, und da sehe ich, daß Sie die zehn ersten Kapitel gänzlich verheftet, sie hinter die Kapitel Eilf bis Fünfzehn gebracht haben. Ich ersuche Sie unter Rückgabe des Buches eine Umheftung vorzunehmen.
Der ich übrigens mit Achtung u.s.w.«
II. Der Buchbinder an den Herausgeber
»Ew. Wohlgeboren haben mir schmerzliche Vorwürfe gemacht, die ich so nicht auf mir sitzen lassen kann. Ich bin lange genug im Geschäft, und weiß, was es damit auf sich hat. Heutzutage muß, wenn der Autor sich verpudelt hat, ein ordentlicher Buchbinder ein bißchen auf das Verständnis wirken, durch Winke auf den Rückentiteln, oder, wo sie sonst sich anbringen lassen.
Die Schriftsteller sind etwas konfuse geworden. Die jungen Leute lesen und lernen zu wenig, aber unsereins, dem sozusagen, die ganze Literatur unter das Beschneidemesser kommt, und der alle die Nachrichten »für den Buchbinder« durchstudieren muß, deshalb aber genötigt ist, noch rechts und links von den Nachrichten sich umzuschauen, o der gewinnt ganz andre Übersichten. Da muß man denn helfen, so gut man kann, und oft läßt sich der rechte Gesichtspunkt für ein Buch feststellen, bloß dadurch, daß man einen Punkt oder ein Komma wegläßt, oder zusetzt, wie denn gerade die Sachen sich verhalten.
Bei dem Buche von Karl Gutzkow tat es die Weglassung des Punktes hinter »Geschichte«. Ew. Wohlgeboren! Ich habe Spittler eingebunden und Schlözer, und Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« sind mir wenigstens hundertmal unterm Falzbein gewesen, und jetzt binde ich Ranke viel ein — ich sage Ihnen, die Männer schrieben so schöne dicke Bücher, und so viele Noten und Zitate stehen in den Büchern, daß man sieht, wie die Verfasser sich‘s haben sauer werden lassen mit der Philosophie und der Geschichte — ich sage Ihnen, es ist rein unmöglich, daß man auf 305 Seiten, wie Karl Gutzkow getan, den Gott, und die Revolutionen und den Teufel und seine Großmutter in der Geschichte abhandeln kann. Aber das ist auch gar nicht seine Absicht gewesen, wie sich aus dem Vorworte ergibt, welches ich lesen mußte, weil ich einen Karton einzulegen hatte. Denn darin sagt der Autor, er habe keine anderen Quellen zur »Philosophie der Geschichte« benutzen können, als höchstens einige an die Wand gekritzelte Verwünschungen der Langenweile, oder einige in die Fensterscheiben geschnittne Wahlsprüche unbekannter Namensinschriften. Wenn er nun das Buch, was er vermutlich auch nur schrieb, um sich die Langeweile zu vertreiben, dennoch herausgab, so konnte das nur in der einzigen Absicht geschehen, Memoiren über seine schlechten und mangelhaftigen Studien zu liefern, und der Titel, wie ich ihn mit goldenen Lettern setzte, ist ganz richtig: »Zur Philosophie der Geschichte von Karl Gutzkow«.
Warum ich aber die letzten Kapitel Ihres Buches zu den ersten machte, das sollen Sie auch gleich vernehmen. Sie hatten die Münchhausenschen Geschichten wieder so schlicht angefangen, wie Ihre Manier ist: »In der deutschen Landschaft, worin ehemals das mächtige Fürstentum Hechelkram lag, erhebt sich eine Hochebene« u.s.w. hatten dann von dem Schlosse und seinen Bewohnern berichtet, und waren endlich nach und nach auf den Helden dieser Erzählungen gekommen.
Ew. Wohlgeboren, dieser Stylus mochte zu Cervantes Zeiten gut und ersprießlich sein, wo die Leser so sacht und gelind in eine Erzählung hineinkommen wollten, wie in eine Zaubergrotte, von der die Märlein singen, daß eine schöne Elfe davor sitzt, und den Ritter mit wunderleisen Klängen in die karfunkelleuchtenden Klüfte lockt. Sie stößt auch nicht in die Trompete, oder bläst die Baßposaune, oder macht Pizzicato, sondern sie hat eine kleine goldne Laute im Arm; aus deren Saiten quellen unschuldige, naive Töne, wie harmlose Kinder, die um den Ritter Blumenfesseln schlingen, und eh‘ er sich‘s versieht, ist er umsponnen und durch den Grotten-Eingang gezogen, und steht mitten in dem Reiche der Wunder, bevor er nur gemerkt hat, daß er aus der Welt da draußen hinweggegangen ist.
Aber heutzutage paßt die Magie eines solchen süßfesselnden Styls gar nicht mehr.
Ew. Wohlgeboren, heutzutage müssen Sie noch mehr tun, als die Baßposaune blasen, Sie müssen den Tam-Tam schlagen, und die Ratschen in Bewegung setzen, womit man in den Schlachtmusiken das Klein-Gewehrfeuer macht, oder falsche Quinten greifen, oder vor die Dissonanz die Konsonanz schieben, wenn Sie die Leute »packen« wollen, wie es genannt wird.
Ew. Wohlgeboren, die ordentliche Schreibart ist aus der Mode. Ein jeder Autor, der etwas vor sich bringen will, muß sich auf die unordentliche verlegen, dann entsteht die Spannung, die den Leser nicht zu Atem kommen läßt, und ihn par force bis zur letzten Seite jagt. Also nur alles wild durcheinander gestopft und geschoben, wie die Schollen beim Eisgange, Himmel und Erde weggeleugnet, Charaktere im Ofen gebacken, die nicht zu den Begebenheiten stimmen, und Begebenheiten ausgeheckt, die ohne Charaktere umherlaufen, wie Hunde, die den Herrn verloren haben! Mit einem Worte: Konfusion! Konfusion! — Ew. Wohlgeboren, glauben Sie mir, ohne Konfusion richten Sie heutzutage nichts mehr aus.
Ich habe, soweit ich vermochte, in diesem Stücke bei den Münchhausianis für Sie gesorgt, und ein bißchen Konfusion gestiftet, so viel es sich tun ließ, damit die benötigte Spannung entstehe. Sehen Sie, so wie jetzt das Heft gebunden ist, kann kein Mensch bisher erraten, woran er ist, wer der alte Baron ist, und das Fräulein und der Schulmeister, und wo sich die Sache zuträgt? Hat sich aber ein tüchtiger Leser erst durch einige Kapitel hindurchgewürgt, dann würgt er sich auch weiter, denn es geht den Leseleuten so, wie manchem Zuschauer in der Komödie. Er ärgert sich über das schlechte Stück, er gähnt, er möchte vor Ungeduld aus der Haut fahren, aber dennoch bleibt er sitzen, weil er einmal sein Entrée-Geld gegeben hat, und dafür auch seine drei Stunden absitzen will.
Also, Ew. Wohlgeboren, ich dächte, Sie ständen von dem Verlangen nach Umheftung ab. Der ich übrigens u.s.w.«
III. Der Herausgeber an den Buchbinder
»Lieber Herr Buchbinder, Sie haben mich überzeugt. Ach, ich lasse mir jetzt von jedermann raten in meinem Metier, selbst von Ihrem Jungen, wenn er mir etwa Vorschläge über das neue Buch machen kann. Es hat mir schon so mancher Junge Zurechtweisungen erteilt, und ich habe sie nicht befolgt und schwer darob büßen müssen.
Es soll also bei der Verheftung bleiben, und wenn Sie oder Ihr Junge in der Folge merken, daß ich wieder gegen die Spannung, oder die unordentliche Schreibart gesündigt habe, dann heften Sie nur nach Gutdünken die Kapitel durcheinander, und verbessern auf solche Weise das Buch. Ich glaube sogar, daß ich nicht der erste in solchem Verfahren bin; Herr Steffens hat gewiß bei seinen Novellen von Walseth und Leith und den vier Norwegern und Malcolm dem Buchbinder eine gleiche Vergünstigung eingeräumt.
Vor ein sieben, acht Jahren hätte mir noch keiner so etwas bieten dürfen, aber ich bin — —
— — müde geworden, hatte ich geschrieben, lieber Buchbinder, und recht im Vertrauen auseinandergesetzt, warum man in der Welt jetzt so müde werden kann.
Zwei Damen aber, denen ich den Brief vorlas, sagten, das dürfe durchaus nicht stehen bleiben; der müde und weinerliche Ton zieme sich platterdings nicht für mich.
Sie haben recht. Mag die Welt uns alles versagen, die Geschichte und die Natur kann sie uns nicht versperren. Ich will die Buben heulen und greinen lassen über das Elend, welches sie doch eben hauptsächlich machen helfen.
Nein, Herr Buchbinder, unsere Augen sollen wacker bleiben, und die Wunden sollen uns schön stehen.
Aber was halten Sie von dem Münchhausen, und was meinen Sie, das aus ihm werden wird?«
IV. Der Buchbinder an den Herausgeber
»Ew. Wohlgeboren, aus dem Münchhausen wird nichts; da Sie denn doch meine Meinung wissen wollen. Dieses tut indessen nichts. Ein Buch, aus dem nichts wird, mehr oder weniger in der Welt, verschlägt nichts. Und dann können wir den einzelnen Abschnitten doch noch in etwa nachhelfen. Für diesen ersten habe ich schon so ein Hausmittelchen in Gedanken. Der ich übrigens u.s.w.«
V. Der Herausgeber an den Buchbinder
»Welches Hausmittelchen, lieber Herr Buchbinder? Ich bin äußerst gespannt auf Ihre ferneren Mitteilungen. Mit Achtung u.s.w.«
VI. Der Buchbinder an den Herausgeber
»Ew. Wohlgeboren, Briefwechsel sind jetzt beliebt, wenn sie auch nur Nachrichten von Schnupfen- und Hustenanfällen der Korrespondenten enthalten. Lassen Sie unsern Briefwechsel im ersten Buche mit abdrucken; der hilft ihm auf.«
VII. Der Herausgeber an den Buchbinder
»Auch unsre letzten Zettel?«
VIII. Der Buchbinder an den Herausgeber
»Jawohl.«
IX. Der Herausgeber an den Buchbinder
»Wohl!«
X. Der Buchbinder an den Herausgeber
(Kuvert um die Briefe des Herausgebers.)
Erstes Kapitel
Von dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr und seinen Bewohnern
In der deutschen Landschaft, in welcher ehemals das mächtige Fürstentum Hechelkram lag, erhebt sich eine Hochebne, von braunem Heidekraute überwachsen. Hin und wieder sticht aus dieser dunkeln Fläche ein spitziges Gestein hervor, mit weißstämmigen Birken oder dunkeln Tannen umsäumt. Nach Mitternacht rücken die Steinlager so nahe aneinander, daß sie für eine kleine Gebirgskette gelten können. Verschiedne Fußpfade laufen durch die Ebne, vereinigen sich aber in der Nähe der beiden höchsten Felsen zu einem breiteren Wege, der zwischen diesen Felsen sacht bergan führt. Nach einigen Windungen fällt derselbe in eine Straße, welche ehemals bepflastert gewesen sein mag, nun aber durch ausgerissene Steine und grundlose Geleise mehr das Ansehen eines gefährlichen Klippenweges erhalten hat. Nichtsdestoweniger ist diesem holprichten und halsbrechenden Wege bis auf die neusten Zeiten der Name der Schloßstraße verblieben. Denn man sieht oder sah, kurz nachdem man sie betreten, das Schloß, welches die Überschrift dieses Kapitels nennt, auf einem ziemlich kahlen Hügel liegen.
Je näher man demselben kommt, oder kam, denn am heutigen Tage ist davon nur noch ein Trümmerhaufen übrig, desto deutlicher springt, oder sprang die ungemeine Baufälligkeit des Schlosses in das Auge. Was zuvörderst die Pforte betrifft, oder betraf, so standen zwar deren beide steinerne Pfeiler noch, und auf dem rechten hatte sich sogar der statuarische Löwe als Wappenhalter zu behaupten gewußt, während sein Partner von dem linken Pfeiler hinab in das hohe Gras gesunken war, allein das eiserne Pfortengitter selbst war längst weggebrochen und zu andern Zwecken verwendet worden. Die Gefahr, welche hieraus für das Gebäude von räuberischen Überfällen zu besorgen stand, war aber nur bei trocknem Wetter vorhanden. Wenn es regnete, (und es pflegt oft in jener Gegend zu regnen;) so verwandelte sich bald der Burghof in einen undurchwatbaren Sumpf, auf welchem, wenn die Geschichte nicht Lügen berichtet, zuweilen selbst Schnepfen sich hatten vertreten lassen.
Völlig entsprechend diesem Zugange war das Äußere und Innere des Schloßgebäudes selbst. Die Wände hatten ihre Tünche, ja zum Teil ihren Bewurf verloren. Nach einer Seite hin war die Giebelwand bedeutend ausgewichen und durch einen Balken gestützt worden, der aber am unteren Ende auch schon zu morschen begann, und daher nur eine geringe Zuversicht gewährte. Ließ man sich nun durch diesen Anblick nicht abschrecken, in das Gebäude eintreten zu wollen, so bot die Türe immer noch ein großes Hindernis dar. Denn die Feder war in dem alten verrosteten Schlosse längst untätig geworden, und die Klinke gab nur wiederholtem und gewaltsamem Drücken nach, bei welchem sie aber nicht selten aus ihrer Mutter fuhr und dem Klinkenden in der Hand sitzen blieb. Die Bewohner pflegten sich daher auch mehr eines nach und nach sehr erweiterten Loches in der Wand zum Ein- und Ausgange zu bedienen, und dieses nur für die Nachtzeit durch vorgesetzte Tonnen und Kasten zu versperren.
Wenn man die Fenster die Augen eines Hauses nennen darf, so konnte man dieses sogenannte Schloß mit gutem Rechte zum Teil erblindet heißen. Denn nur vor wenigen und den notwendigsten Zimmern waren jene Augen noch ersichtlich, viele andere Gelasse waren für immer durch die zugemachten Läden in Dunkelheit versetzt worden, weil sich die Scheiben nach und nach aus den Rahmen verloren hatten.
Zwischen so morsch gewordenen vier Pfählen und in kahlen, vernutzten Zimmern hauste noch vor wenigen Jahren ein bejahrter Edelmann, den sie in der ganzen Gegend nur den alten Baron nannten, mit seiner gleichfalls verblühten nachgerade vierzigjährigen Tochter Emerentia. Er gehörte zu dem weitläuftigen Geschlechte derer von Schnuck, welches weit umher in diesen Landschaften seine Besitzungen hatte, und sich in folgende Linien, Zweige, Äste und Nebenäste spaltete, nämlich in die
Ältere, oder graumelierte Linie — Linie Schnuck-Muckelig; gestiftet von Paridam, Herrn auf und zu Schnuck-Muckelig. Älterer oder aschgraumelierter Zweig — Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel.
Jüngerer oder silbergraumelierter Zweig — Zweig Schnuck-Muckelig-Pimpel.
Jüngere oder violette Linie — Linie Schnuck-Puckelig, gestiftet von Geyser, Burgmannen auf und zu Schnuck-Puckelig. Älterer oder violetter Zweig mit Schüttgelb. Zweig Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf-Mottenfraß.
Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf, genannt aus der Rumpelkammer.
(NB. Stand nur auf vier Augen.)
Jüngerer oder violetter Zweig, genannt im Grützfelde. Zweig Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher von Donnerton.
Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage.
Davon der Nebenast: Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost. Von diesem Nebenaste war unser alter Baron entsprossen.
Die vielfältige Teilung des Geschlechts derer von Schnuck hatte eine bedeutende Teilung des Stamm-Erbes zur Folge gehabt, und namentlich in der jüngeren Linie, welche von jeher durch große Fruchtbarkeit ausgezeichnet war, die Güter in eines jeden Erbherrn Händen merklich gemindert. Man war daher zu der Erfindung überzugehen genötigt gewesen, daß denen von Schnuck alle Kirchenpfründen und alle Kriegsämter im Fürstentume von Rechts wegen gehören; eine Erfindung, die um so eher bei den Fürsten von Hechelkram Glauben fand, als die Schnucks, wie gesagt, über das ganze Land verbreitet waren, und Vetter Botho sagte, es sei so, Vetter Günther behauptete, es sei so am besten, Vetter Achaz einfließen ließ, die Schnucks und ihr Anhang bildeten die eherne Mauer um den Thron, Vetter Bartholomäus folgerte, weil es notwendig sei, daß die Schnucks existierten, so müßten sie auch die Mittel zu ihrer Existenz, d. h. Pfründen und Ämter haben, sechsunddreißig andre Schnucks aber noch sechsunddreißig andre Gründe für die Richtigkeit der Erfindung zum Vorschein brachten. Die Fürsten, welche nur von Schnucks umgeben waren, und von diesen nichts anderes hörten, als vorgedachte Reden, mußten wohl endlich an die Richtigkeit der Erfindung glauben. Bedeutend wirkte auch auf die Stärkung dieses Glaubens der Umstand ein, daß nach der Verfassung von Hechelkram der jedesmalige Fürst seine jedesmalige Geliebte aus dem Geschlechte derer von Schnuck zu beziehen hatte. Diese Damen waren aber, wie sich von selbst versteht, im agnatischen Interesse tätig.
Die Erfindung war daher bald festbegründet, und gelangte als Anhang in den Landes-Katechismus. Nun konnten die von Schnuck unbesorgt hinleben und ihren Samen mehren, wie Sand am Meere. Wenn sie das ihrige verzehrt hatten, so zehrten sie als Generale auf Regiments-Unkosten weiter, und die Söhne, außer einem, ließen sie Prälaten oder Geheime Räte im höchsten Collegio werden. Denn ich habe die Erfindung nicht ganz vollständig vorgetragen: Nach derselben war jeder Schnuck, wenn er den Zivildienst wählte, geborner Geheimer Rat im höchsten Collegio. — —
»Sie stocken... Sie seufzen... Herr Herausgeber?«
»Ach, meine Gnädige, ist es nicht ein Unglück für einen armen Erzähler, daß er immerfort die alten Geschichten wieder aufwärmen muß? Die Sachen, die ich da berichte, schienen schon vor fünfzig Jahren durch die Romanenschreiber jener Zeiten so verbraucht zu sein! Und ich muß den längstgekochten Kohl doch wieder zum Feuer rücken!«
»Sie erzählen ja von der Vergangenheit, Herr Herausgeber, und dahinein gehören allerdings solche alte Geschichten.«
»Ich danke Ihnen tausendmal für diese Erinnerung, meine Gnädige. Jawohl, ich erzähle von der Vergangenheit, von Dingen, die ab und tot sind, wie die weiland in der Schmiede gewesene Adelskette. Meine Phantasie riß mich nur hin, daß ich mir die Erfindung derer von Schnuck als der Gegenwart oder nächsten Zukunft angehörig vorstellen mußte. Nein, sie wird nicht wieder aufkommen, diese Erfindung; gegen sie spricht wirklich eine ungeheure Majorität, die Majorität aller rechtlichen Leute, die es sich haben sauer werden lassen in der Welt. Also nur ohne Stocken und Seufzen weiter in diesen Sagen der Vorzeit!«
Unser alter Baron hatte in seinen jungen Tagen von dem Herrn Vater nur das Schloß Schnick-Schnack-Schnurr ererbt, welches früherhin ein Pachthof gewesen, und erst späterhin zu seinem Ehrentitel gediehen war. Es warf jährlich etwa zweitausend Gulden ab, oder höchstens zweitausendfünfhundert. Der selige Vater hatte das Wohnhaus wohl in Fach und unter Dach erhalten, die Wappenlöwen standen recht majestätisch auf den beiden Pfeilern, zwischen denen sich eine eiserne Pforte befand, wie sie nur sein mußte, der Hof war damals auch noch gepflastert, und in den Zimmern hingen schöne bunte Familienbilder, standen rötlichlackierte Stühle und Kommoden mit goldnen Leisten. Hinter dem Schlosse aber hatte der Vater einen Garten in streng französischem Geschmack anlegen und Schäfer und Liebesgötter von Sandstein hineinsetzen lassen.
Zweitausend oder zweitausendfünfhundert Gulden jährlich sind zwar nur ein schmales Einkommen für einen Edelmann, allein unser alter Baron hätte sich damit in seiner ländlichen Abgeschiedenheit doch wohl aufrechtzuerhalten vermocht, wenn er nur nicht mit dem Gedanken aufgewachsen wäre, er sei geborner Geheimer Rat im höchsten Collegio. Aber seit seinem vierzehnten Jahre legte er sich mit dieser Vorstellung nieder, und stand mit derselben morgens wieder auf; sie gab ihm eine Sicherheit des Bewußtseins, welche nichts zu erschüttern vermochte. Gelernt hatte er, die Wahrheit zu sagen, wenig oder nichts, sein Herr Vater war dagegen, und der Meinung gewesen, viel wissen sei für einen Kavalier unanständig.
Er hatte eine freie, sorglose und gutmütige Sinnesart; es vergnügte ihn, andern mitzuteilen, und sein eignes Vergnügen liebte er nicht minder. Er gab gern Gastereien, ging gern mit einem Dutzend guter Freunde auf die Rehjagd, und hielt nach dieser Anstrengung ein, womöglich hohes Spielchen mit seinen Weidgenossen für die beste Erholung. Auch wenn er allein war, speiste er nicht gern unter sechs Schüsseln, wozu, wie sich von selbst versteht, alter Rheinwein vom besten gehörte. In Kleidern hielt er sich sauber, Diener unterhielt er nicht übermäßig viele, etwa fünf oder sechs für sich und seine Gemahlin, die aus der älteren, oder graumelierten Linie, aus der Linie Schnuck-Muckelig-Pumpel entsprossen war; nebst einer Kammerjungfer und einer Garderobiere für diese seine Gemahlin. Letztere hatte nun wieder ihr hauptsächliches Vergnügen an Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen, und ihr Gemahl versagte ihr in Beziehung auf solche Gegenstände keinen ihrer Wünsche; denn, sagte er, wenn das Zeug auch viel kostet, so gehört es einmal zu unserm Stande, und was standesmäßig ist, kostet nie zuviel.
Ermüdete unsern alten Baron die häusliche Einförmigkeit, so machte er mit Gemahlin, Kammerjungfer, Garderobiere, mit den fünf oder sechs Dienern und diesem oder jenem Hausfreunde, welcher auch der Erholung bedürftig war, und ihn um Mitnahme ansprach, interessante Reisen in die benachbarten fremden Länder, von denen er dann neugestärkt zu seinen Gastereien, Jagden und Spielen zurückkehrte. Diese stillen Familienfreuden mundeten ihm nach solchen Ausflügen immer doppelt wohl.
Der Himmel hatte seine Ehe mit einer einzigen Tochter gesegnet, welche in der heiligen Taufe den Namen: Emerentia erhielt. Dieses Kind war von jeher ausnehmend schwärmerischer Art, es verdrehte schon als Säugling die Augen auf eine wunderbare Weise. Als die kleine Emerentia größer wurde, hörte sie ihre Mutter fast von nichts andrem erzählen, als von den Damen der Linien Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig, welche die Geliebten der Fürsten von Hechelkram gewesen waren. Die Mutter zeigte auch dem Kinde diese Damen unter den Familienbildnissen; lauter schöne Frauenzimmer mit hohen Frisuren, gelben, grünen oder roten Adriennen, großen Blumensträußen und entblößten Schultern! Da sie nun immerfort von den Geliebten hörte, und die Frauenzimmerbildnisse ihr gar zu wohl gefielen, so setzte sie sich in den Kopf, daß sie ebenfalls zu einem solchen Berufe ausersehen sei, ein Gedanke, der noch mehr befestigt wurde, als der Fürst Xaverius Nicodemus der Zweiundzwanzigste von Hechelkram das Schloß besuchte. Er nahm die damals dreizehnjährige Emerentia auf den Schoß, liebkoste ihr zärtlich, und fragte sie: »Willst du mein Bräutchen werden?« Sie bedachte sich nicht lange, sondern versetzte rasch: »Ja, wie alle die Damen, die da hangen.« Der Fürst hob die Kleine vom Schoße und sagte lächelnd zu ihrer Mutter: »Ah, la petite ingénue!«
Die Zeit verwischte zwar den Fürsten Xaverius Nicodemus den Zweiundzwanzigsten, da sie ihn nicht wiedersah, allgemach aus ihrem Herzen, dagegen setzte sich in ihr die Standesvorstellung, die Vorstellung an sich, daß sie bestimmt sei, mit einem Hechelkramischen Fürsten in zärtliche Verhältnisse zu treten, immer fester in ihr, wobei sie sich durchaus nichts Arges dachte, woran sie aber mit solcher Innigkeit hing, wie ihr Vater an seinen Geheimenrats-Gedanken. Weil nun das Herz nicht in das Leere seinen Drang versenden mag, sondern gern an liebevoll-gediegner Wirklichkeit ausruht, so hatte ihre schwärmende Phantasie nach einigem Umherschweifen im leeren Raume auch bald den sichtbaren Gegenstand gefunden, der ihr den künftigen Liebhaber unter den Fürsten von Hechelkram vorbilden mußte. In der Tat war dieser Gegenstand ganz geeignet, die Einbildungskraft eines fühlenden Mädchens zu entzünden. Von schöner, gedrungner, proportionierlicher Gestalt, sprach sich in allen seinen Gliedern männliche Kraft aus, aus seinem glänzenden, hellroten Gesichte mit breiten, festen Kinnbacken leuchtete der Entschluß, auch die härteste, vom Geschick ihm vorgelegte Nuß zu knacken, der Mund wollte zwar seines Berufes wegen für die Gesetze reiner Verhältnisse etwas zu groß erscheinen, aber ein schwarzer Schnurrbart von wunderbarer Fülle, welcher über den Lippen hing, machte diesen Übelstand wieder gut. Die großen, grellen, himmelblauen Augen blickten sanft und grade vor sich hin, und ließen auf eine Seele vermuten, in welcher die Milde bei der Stärke wohnte.
Bekleidet war dieser idealisch-schöne Nußknacker mit einer rotlackierten Uniform und weißem Unterzeuge; auf dem Haupte aber trug er einen imponierenden Federhut. Emerentia hatte ihn zu ihrem Namenstage geschenkt bekommen. Sobald sie seiner ansichtig wurde, erzitterte sie, erseufzte sie, errötete sie. Niemand verstand ihre Regung. Sie aber trug den Nußknacker auf ihr einsames Zimmer, stellte ihn auf den Kamin, blickte ihn lange glühend und weinend an, und rief endlich: »Ja, so muß der Mann aussehen, dem sich dieses volle Herz zu eigen ergeben soll!« Von der Zeit an war der Nußknacker ihr vorläufiger Geliebter. Sie hielt mit ihm die zärtlichsten Zwiegespräche, sie küßte seinen schwarzen Schnurrbart, sie hatte dem ganzen Verhältnisse eine so tiefe Beseelung gegeben, daß sie jederzeit des Abends, wenn sie sich zum Schlafengehen entkleiden wollte, schamhaft zuvor ihrem Freunde auf dem Kamin das Haupt mit einem Tuche verhüllte. Nußknacker ließ sich das alles gefallen, stand zuversichtlich auf seinen Füßen, und blickte mit den großen, blaugemalten Augen mildkräftig vor sich hin.
Emerentien hatte diese schöne Liebe rasch gereift. Von der Natur war sie, wenn auch nicht mit Reizen, doch mit blühenden Gesichtsfarben und runden Armen ausgestattet worden; es konnte ihr daher an Verehrern unter den benachbarten Landjunkern nicht fehlen. Aber sie schlug alle Bewerbungen von der Hand und sagte, sie folge ihrem Ideal und gehöre der Zukunft an. Unter dem Ideal verstand sie den auf dem Kamin und unter der Zukunft einen Hechelkramischen Fürsten.
Ihre Eltern ließen ihr ganz freie Hand. Sie sagten, in den Linien Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig seien alle Gefühle seit Jahrhunderten der heraldisch-richtigen Bahn gefolgt. Es lasse sich also nichts daran ändern und modeln, was ihre Tochter empfinde.
Um die Zeit der vielfältigsten und heißesten Bewerbungen machte ihr Vater mit den Seinigen eine der obengedachten Erholungsreisen zur Stärkung auf die Beschwerden der Jagd und des Spiels. Der Ausflug war diesmal in die Bäder von Nizza gerichtet. Die Familie reiste unter fremdem Namen, denn sechs feurige Landjunker hatten geschworen, dem Fräulein nachzueilen bis an das Ende der Welt, und sie wollte allein sein, allein mit ihrem Nußknacker, dem heiligen Meer und den ewigen Alpen gegenüber.
Die Familie hieß in Nizza die von Schnurrenburg-Mixpickelsche. Eines Tages gehen Schnurrenburg-Mixpickels am Strande spazieren; das Fräulein geht etwas voran, den Freund im Ridicüle. Plötzlich sehen die Eltern sie wanken; der Vater springt zu, und empfängt die Tochter in seinen Armen. Bleich ist ihr Antlitz, aber von Entzücken strahlen ihre Augen, sie liegt wie eine Selige am Busen des Vaters. Ihre Blicke dringen schüchtern in die Ferne, und kehren dann wie mit goldnen Schätzen der Wonne beladen, in sich zurück. Auch die Eltern erstaunen, als sie den Blicken der Tochter in die Ferne folgen. Denn von der andern Seite des Strandes schreitet ihnen eine Gestalt entgegen, Nußknacker im großen, weiße Unterkleider, rote Uniform, Federhut, grellblaue, und doch milde Augen, hellrotglänzendes Gesicht, wie lackiert, breiter Mund, verborgen von der wunderbaren Fülle des schwarzen Schnurrbarts, eine schöne gedrungne Gestalt, Kraft in allen Gliedern, kurz Nußknacker in jeder Miene, Form, Falte.
Besorgt tritt er hinzu und fragt, was der Dame fehle? Der Vater fragt ihn seinerseits: Mit wem er die Ehre habe...? »Ich bin«, versetzt der Fremde, indem er die Nasenflügel zitternd bewegt, und mit den Augen zwinkert, »Signor Rucciopuccio, von Geburt ein Sanese, in Kriegsdiensten Seiner Majestät, des Kaisers aller Birmanen, bei den Truppen auf europäische Art, Kommandeur der sechsten Elefantenkompanie.«
»Ei der tausend, da sind Sie wohl verteufelt weit her?« fragte der alte Baron. »Es geht noch«, erwiderte der Fremde, indem er sich in den Hüften zurechtrückte, daß die Gelenke knackten.
Der Alte fragte ihn über die Birmanen aus, die Mutter musterte die Stickerei an seinem Kragen, Emerentia flüsterte, in einem Abgrund von Glück verloren, nichts als: »O Rucciopuccio!...« So kamen sie in das Hotel der Familie, wo sich der Fremde nach kurzem Verweilen beurlaubte mit der Bitte, seine Besuche wiederholen zu dürfen, und nachdem er die Augen nochmals bedeutend-zwinkernd auf Emerentia geworfen hatte.
Laßt mich von ihr schweigen! Der Traum ist Wahrheit geworden, das Herz hat sich seinen Wunsch verkörpert, und in die Sichtbarkeit ausgeschaffen! Am andern Tage läßt sich der Kommandeur der sechsten birmanischen Elefantenkompanie wieder anmelden. Wo das Schicksal gesprochen hat, sind die Menschen über Worte hinweggehoben. Er tritt in die eine Türe, sie tritt in die andre; er zupft am Schnurrbart, sie zupft am Schnupftuch; heut wird er blaß, und sie wird rot, er breitet die Arme aus, sie breitet die Arme aus, er neigt sich zu ihr, sie neigt sich zu ihm, und: »Füreinander geschaffen!« ist der erste Laut, den ihre glühenden Lippen nach der Wonne des ersten Kusses finden. »Füreinander geschaffen!« wiederholt Rucciopuccio beteuernd, indem er abermals mit den Augen zwinkert und die Nasenflügel zitternd bewegt.
Aber diesem rascherblühten Lenze der Liebe folgte ein verheerender Sturm, der alle Rosen jählings zu knicken drohte. In Emerentien erwachte nämlich die ganze Dialektik feinfühlender weiblicher Herzen, wenn sie nicht wissen, was sie wollen. Die Arme fühlte sich durch einen scharfen Konflikt der Gefühle zerspalten. Der Nußknacker war ihr Ideal, ein Fürst von Hechelkram ihre Zukunft, der Birmane Rucciopuccio aus Siena die Gegenwart und Wirklichkeit. Sollte sie dem Ideale und der Zukunft untreu werden um Gegenwart und Wirklichkeit? Sollte sie Wirklichkeit und Gegenwart opfern und bei Ideal und Zukunft vielleicht eine alte Jungfer werden? Böse Wahl, schreckliche Kämpfe, die alle Götter und Dämonen ihres Busens aus dem Schlummer weckten! Eine weibliche Feder wird in einem Anhange zu den gegenwärtigen Erzählungen diesen Teil von Emerentias Geschichte ausmalen. Nur eine Schriftstellerin versteht sich auf die Entzaserung aller der geheimen Fasern und Zasern, welche das Gewebe solcher Nöte bilden.
Endlich siegten Gegenwart und Wirklichkeit über Zukunft und Ideal. Das Schicksal räumte nämlich zuvörderst das Ideal hinweg, indem es die Hand der Mutter leitete. Diese ergriff, als sie einmal sich von der Tochter unbemerkt wußte, den Nußknacker, und ließ ihn auf den Kehricht hinter dem Hotel werfen. Dahin gehörte er auch, nachdem er seine Mission erfüllt, und die Idee, deren hölzerner Träger er gewesen war, volles geschichtliches Leben in Rucciopuccio gewonnen hatte. Rucciopuccio aber schwor, als er bei seiner Geliebten auf den Grund des Kummers gedrungen war, ihr mit heiligen Eiden bei dem Affen Hannemann: Er sei eigentlich ein Hechelkramischer Fürst, ein vertauschter Knabe, durch teuflische Kabale nach Siena gebracht, und von dort zu den Birmanen verschlagen. Bald werde er nach Hechelkram zurückkehren, sein väterliches Reich unter Vorlegung authentischer Urkunden in Anspruch zu nehmen.
Zweites Kapitel
Emerentias Liebe glaubte, was Rucciopuccios Liebe beschworen hatte, besonders da der Eid auf den Affen Hannemann abgelegt worden war, der in Hindostan eines noch größeren Ansehens genießt, als je einem Affen in Europa, wo sie doch auch viel gelten, zuteil geworden ist. Alles hatte sich nun in den schönsten Einklang gesetzt; die Bestimmung der Tochter aus dem Gesamthause Schnuck, das Nußknacker-Ideal und der Fürst von Hechelkram unter der Hülle des kaiserlich birmanischen Kriegsbeamten aus Siena. Man konnte in diesem Falle sagen, die Erfüllung habe die Erwartung überflügelt.
War Emerentia in das tiefste Geheimnis ihres Rucciopuccio eingedrungen, so konnte sie sich dagegen nicht entschließen, ihm ihren wahren Namen zu entdecken. Der Geliebte war arglos und schwatzhaft; das merkte sie nach kurzer Bekanntschaft. Wie leicht war es möglich, daß er das Geheimnis ausplauderte, daß es über die Alpen zu den sechs feurigen Landjunkern drang, daß diese ihr Wort lösten, und nachgesprengt kamen, und dann — ade, du stilles Himmelsglück in Nizza! Für Rucciopuccio blieb Emerentia daher die Freiin von Schnurrenburg-Mixpickel, und hieß Marcebille, weil ihr dieser Taufname besonders süß und romantisch klang.
Es waren nun für beide Liebende die herrlichen Tage angebrochen, in welchen die Leute einander beständig beim Kopfe haben, Lippen auf Lippen pressen, in welchen, wenn die Geliebte nieset, der Liebende Äolsharfen und Engelsgesang zu vernehmen meint, und wenn der Geliebte ein Gähnen verbirgt, die Liebende einen neuen himmlischen Ausdruck in seinen teuren Zügen entdeckt, in welchen, lustwandeln sie miteinander, Sonne, Mond und Sterne beschworen werden, auf ihr Glück herabzuschauen, wenn sie sonst nichts zu sprechen wissen. Rucciopuccio und Emerentia machten alle diese Krisen der Liebe gründlich durch; besonders gingen sie viel miteinander spazieren. Er führte sie an das Meer, er führte sie auf die Alpen, er führte sie in Gärten, er führte sie in Olivenwäldchen, er führte sie bei Tage, er führte sie bei Nacht, und zärtlich rief sie oft, noch nie sei sie so anmutig geführt worden.
Ein leichtes Wölkchen am Horizonte ihrer Freuden war es, daß der Prätendent von Hechelkram nie Geld hatte. Er versicherte sie, er habe so und so viel tausend Lack Rupien vom Birmanen-Kaiser an rückständigem Solde zu beziehen, die jeden Posttag eintreffen könnten; indessen bis zum Eingange dieser Zahlung mußte sie ihm freilich mit ihrer Sparbüchse aushelfen. Als diese erschöpft war, sagte er, es müsse nun durchaus ein Wechsel des Schicksals vor der Tür stehen, und um diesem gleichsam symbolisch vorzuarbeiten, wolle er kleine Papierstreifen beschreiben, die in der Welt auch Wechsel genannt würden, weil sie die wunderlichsten Abwechselungen von Freiheit und Notwendigkeit hervorzubringen pflegten.
So flossen abermals einige Wochen in Liebesglück und Wechselverfertigung hin. Eines Abends gingen sie wieder in einer paradiesischen Gegend spazieren, angeweht von jenen Lüften dort, welche in die Brust des Kranken wie Balsam dringen, und der Wange des Gesunden gleich seidnen Händchen schmeicheln. Sie hatten sich ganz in hohe Ahnungen über Gott und Unsterblichkeit verloren, sie sprachen, daß es gleich in den Stunden der Andacht hätte abgedruckt werden können, da standen plötzlich acht Juden und sechszehn Häscher, denn jeder Jude hatte sich zwei Häscher auf den Leib gemietet, vor dem seligen Paare. Die Juden hielten Rucciopuccion ganze Hände voll symbolischer Papierstreifen unter die Augen, und die Häscher riefen auf italienisch: »Marsch!« indem sie ihre Spieße wie wegweisend ausstreckten.
»Um alle Heiligen, Geliebter!« rief Emerentia, »was ist dieses?« »Nichts, meine Teuergeschätzte, als eine höllische Kabale, Wechselarrest geheißen«, versetzte Rucciopuccio, der keinen Augenblick seine Fassung verlor. »Der Kaiser aller Birmanen ist ein Tyrann. Ein Tyrann, sage ich; ein schmählicher Tyrann! Er kann mich nicht entbehren, er reklamiert mich; ich soll ihm auch die siebente, achte und neunte Elefantenkompanie, die er inzwischen gebildet hat, organisieren helfen. Auf gradem Wege setzt er es nicht durch, da spielt er denn mit den ruppigen Juden unter einer Decke, (o wie klein für einen Kaiser!) die müssen mich hier in Wechselarrest setzen, und von da komme ich auf den Schub von Gefängnis zu Gefängnis, bis nach Hinterindien; ich sehe es voraus. O Fürstendienst! Fürstendienst! ******** Verlasset Euch nicht **** auf die Kinder der Menschen, weil bei ihnen kein Heil zu hoffen ist!«
Rucciopuccio hob bei diesen Worten die Augen gen Himmel und legte die Hand auf sein Herz, wie der Graf von Strafford, als man ihm ankündigte, daß Karl Stuart es sich gefallen lassen wolle, daß er, Strafford, sich für den König köpfen lassen wolle.
Emerentia aber näherte sich ihm zitternd, und rief: »Du verlässest mich, da — —« Sie flüsterte ihm etwas in das Ohr. Über das hellrotglänzende Antlitz Rucciopuccios legte sich eine Totenblässe, worauf ein Farbenspiel in demselben sichtbar ward, welches von allen sonst in menschlichen Gesichtern vorkommenden Färbungen so sehr abwich, daß selbst die Juden und Häscher erstaunt zurücktraten, und Emerentia außer sich hätte geraten müssen, wäre sie nicht mit sich und ihrem Geschick zu sehr beschäftigt gewesen.
Rucciopuccio erholte sich aber bald wieder, und sagte zu Emerentien mit ruhiger Freundlichkeit: »Dieses sind natürliche Folgen natürlicher Ursachen, die kein weiser Mann bestaunt. Verlasse dich auf mich, Marcebille, ich sprenge die Ketten des Tyrannen, ich komme wieder als Hechelkramischer Fürst, und hole dich ab von dem Schlosse deiner Väter zu Schnurrenburg. Der Geist legt mir ein Trostlied auf die Lippen, bewahre es im tiefsten Schrein des Herzens als heiliges Gemütsgeheimnis; daran wollen wir uns einst wiedererkennen:
Einst liebtest du den Nußknacker,
Nach dem Nußknacker liebtest du mich;
Nun holet das Schicksal, der Racker,
Erst den Nußknacker, dann holt es mich!
Der Nußknacker sank auf den Kehrich,
Und mich rauben die wilden Birmanen;
Nußknacker kehrt nicht, aber kehr‘ ich,
Hol‘ ich ab dich vom Schloß deiner Ahnen!
Die Häscher verhinderten die Fortsetzung dieser Ode, indem sie ihn abführten. Emerentia sank in Ohnmacht. Zwei Juden brachten sie ihren bestürzten Eltern.
Drittes Kapitel
Weitere Nachrichten von dem alten Baron und seinen Angehörigen
Als die Eltern nach einer ziemlich trübseligen Reise mit Emerentien wieder auf dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr angekommen waren, wollten die feurigen Landjunker ihre unterbrochnen Werbungen erneuern, aber das verstimmte Fräulein wies sie jetzt noch entschiedner zurück, als früherhin. Ihre Gesundheit hatte offenbar durch den Kummer gelitten, die Züge des Gesichtes nahmen oft einen seltsamen Ausdruck an, die Speisen machten ihr Widerwillen, sie befand sich hin und wieder sehr übel. Der alte Baron ließ einen Arzt kommen; der Arzt sprach mit dem Fräulein unter vier Augen, kam mit einem länglichten Gesichte aus dem Zimmer und sagte zu den Eltern: »Die Luft von Nizza ist ihr zu nahrhaft gewesen, das ist eine Luft für Schwindsüchtige, aber nicht für Vollblütige, es entstand eine Überfüllung von Säften in ihr, sie muß in eine zehrende Luft, in ein anderes Bad, da kommt alles wieder in das Gleichgewicht. Auch allein muß sie reisen, damit sie Trübsal hat und Sehnsucht, dann zehrt sie um so eher ab.« Die Eltern glaubten dem guten verständigen Arzte, und ließen Emerentien in ein anderes Bad, worin eine zehrende und abmagernde Luft wehte, reisen, ganz allein ließen sie sie reisen, weil der Arzt es so haben wollte.
Die Kur mußte sehr gründlich und nachhaltig vorgenommen werden, wenn sie anschlagen sollte; das Fräulein blieb deshalb viele Monate lang im Bade. Dann kam sie zurück, gesünder und wohler, als sie je zuvor gewesen war. Auch ihre Stimmung hatte sich ganz wieder erheitert; sie lebte in dem festen Vertrauen, daß Signor Rucciopuccio als glücklicher Prätendent von Hechelkram eines Tages ankommen werde, sie aus dem Schlosse abzuholen. Die Mutter sagte: »Wenn das ist, so steht alles wohl, dann hast du in Nizza nur deine Bestimmung erfüllt.«
Viele Jahre verflossen seitdem. Der alte Baron war nun wirklich ein alter Baron, Fräulein Emerentia eine alte Jungfer geworden, die alte Baronesse aber inzwischen an einem erblichen Familienübel des Zweiges Schnuck-Muckelig-Pumpel gestorben. Die Jahre hatten das Alter gemehrt und die Gelder gemindert, woraus sich aber der Baron wenig machte. Sagte ihm sein Rentmeister: »Herr Baron, die Pächte und die Zinsen reichen nicht zu«, so war die Erwiderung: »Tut nichts, wenn alles aufgezehrt ist, gehe ich in das höchste Kollegium, und lebe von meiner Besoldung; ich bin geborner Geheimer Rat. Geld muß ich haben, also verkauft nur einige liegende Gründe, lieber Rentmeister.«
Der Rentmeister richtete sich nach diesen Worten, und verzettelte nach und nach alle liegenden Gründe, die zum Schlosse gehörten, Felder, Wiesen, Triften, Holzungen. Als er das letzte Stück losgeschlagen hatte, trat er wieder zu dem alten Baron in das Zimmer und sagte: »Ew. Gnaden, mit den liegenden Gründen wären wir nun fertig; ich begehre meinen Abschied, denn wo keine Renten sind, da ist kein Rentmeister mehr vonnöten.«
»Sehr wahr!« versetzte der alte Baron, »so wahr, als wie, daß zweimal zwei vier tun; ich will Euch ein Attest schreiben über wohlgeführte Administration; was mich betrifft, so gehe ich jetzt in das höchste Kollegium und werde Geheimer Rat.«
Ach! aber als er nach dem höchsten Collegio fragte, so war ein solches nicht mehr vorhanden, und als er nach den Fürsten von Hechelkram fragte, so sagte man ihm, die hätten längst aufgehört zu regieren, und als er sich bei dem Reichstage erkundigen wollte, wie er seine wohlhergebrachten Ansprüche durchzusetzen habe, so hörte er, das deutsche Reich wäre schon vor so und so vielen Jahren einmal unversehens dem Kaiser unter den Händen weggekommen. »Sonderbar!« rief der alte Baron, »wie ist das nur zugegangen?« Er versank in tiefes Nachdenken, und dachte mehrere Jahre lang darüber nach, wie nur das deutsche Reich habe wegkommen, der Hechelkramische Fürstenstamm aufhören können, zu regieren, und wie es möglich sein sollte, daß er nicht mehr geborner Geheimer Rat im höchsten Collegio sei? Für die beiden ersten Probleme fand er zuletzt noch eine Lösung, aber das letzte, das Geheimrats-Problem blieb ihm unlösbar, und deshalb kam er endlich auf den Gedanken, die gegenwärtigen Verhältnisse seien nur ein kurzer Übergang, die alte, gute Zeit stehe schon wieder vor der Türe, und werde bald anklopfen. Mit diesem Gedanken erhielt er seine ganze Heiterkeit zurück. Er nahm sich vor, in der daraus entspringenden Überzeugung zu leben und zu sterben.
Inzwischen waren die Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen der seligen gnädigen Frau vertrödelt worden, dann wurde das eiserne Gitterwerk von der Pforte abgebrochen und, benebst den Pflastersteinen des Hofplatzes, samt allen entbehrlichen Hausmobilien, nach und nach in Geld umgesetzt. Derweilen biß auch der Wappenlöwe in das Gras, darauf bröckelte der Bewurf von den Wänden, und dann wich die Giebelmauer gefährlich aus ihrer lotrechten Stellung, ohne daß eine Reparatur versucht werden konnte, weil die rohen Handwerksleute nur, wenn sie Geld sehen, Hand und Fuß regen.
Viertes Kapitel
Die blonde Lisbeth
In dem nach und nach sotanerweise herabgekommenen sogenannten Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr mußte sich der alte Baron mit seiner Tochter Emerentia, die seit dem Eintritte in die stehenden Jahre so sehr an Fülle zunahm, wie die Mittel abnahmen, kümmerlich und einsam behelfen. Die Jagd hatte natürlich aufgehört, weil die Waldgründe verschwunden waren, in denen dieses Vergnügen sich betreiben läßt, und an Spiel war auch nicht mehr zu denken; man hätte um Rechenpfennige die Stiche machen müssen. Allmählig waren daher auch die Freunde seltener geworden, zuletzt blieben sie ganz aus, waren auch wohl zum Teil gestorben. Vater und Tochter hätten sich am Ende den Kaffee und die spärlichen Mahlzeiten selbst bereiten müssen, denn auch die Bedienten und Mägde schlichen sich allgemach aus Mangel der Bezahlung weg, wäre diesem dürftigen und zusammensinkenden Haushalte nicht eine Stütze in der blonden Lisbeth erwachsen, welche, sobald sie die Hände zu Dienstleistungen zu regen imstande war, dem alten Baron und dem Fräulein wie die geringste Magd aufwartete, kochte, wusch, säuberte, dabei aber immer hold und freundlich aussah, und wenn sie das Schwerste verrichtet hatte, so tat, als habe sie nichts getan.
Die blonde Lisbeth war ein Findelkind. Ein altes Weib hatte einst vor Jahren eine große Schachtel, mit kleinen Löchern versehen, auf das Schloß gebracht, sie einem Bedienten übergeben, und ihm gesagt, darin sei ein Geschenk für den Herrn, welches ein guter Freund schicke. Indem nun der Bediente die Schachtel zu dem gnädigen Herrn hineintrug, fing das Geschenk darin an, sich zu regen, und ein feines Geschrei zu erheben. Der Mensch hätte es bald vor Schreck zu Boden fallen lassen, besann sich indessen doch, und setzte die Schachtel vorsichtig auf einen Tisch in des gnädigen Herrn Zimmer. Der alte Baron öffnete den Deckel, und ein kleines Mägdlein von höchstens sechs Wochen streckte ihm aus den Lümpchen, womit der arme Wurm kümmerlich bekleidet war, wie hülfeflehend die Ärmchen entgegen, indem die kleine Kehle sich wacker in den ersten Lauten übte, welche die Menschheit von sich gibt.
Übrigens lag das Kindlein weich in Baumwolle gebettet. Sonst aber fanden sich durchaus keine Amulette, Kleinodien, Kreuze, versiegelte Papiere, welche auf den Ursprung des kleinen Wesens hindeuteten, und ohne welche ein wohlkonditionierter Romanenfindling sich eigentlich gar nicht sehen lassen darf. Kein Mal unter der linken Brust, kein eingebranntes, oder eingeätztes Zeichen am rechten Arme, von welchem sich dermaleinst im Schlafe das Gewand verschieben konnte, daß jemand, der zufällig die Schlafende sieht, Soupçon bekommt, und weiter nachfragt, wie? oder wann? und so fort — kurz nichts, gar nichts, so daß mir selbst um die Wiedererkennung bange wird.
Nur ein graues Blatt Papier lag in der Schachtel, mit der Nachricht beschrieben, daß das kleine Mädchen christlich getauft sei und Elisabeth heiße. Die Worte waren kaum leserlich; der Schreiber hatte offenbar seine Hand verstellt. Ringsumher in den Ecken des Blattes wimmelte es von Buchstaben, Krähen- und Krackelfüßen, die aber trotz aller Bemühungen, sie zusammenzustellen, sich denselben ebensowenig fügten, als die Charaktere, welche auf dem Papiergelde sich zerstreut vorzufinden pflegen. Dieses Blatt war um einen Zylinder geschlungen, welcher zwei optische Gläser einfaßte. Der alte Baron nahm den Zylinder, blickte durch das Okularglas, richtete das Perspektiv gegen das Freie, um sich die Erläuterung des Fundes aus der Luft zu holen, aber soviel er auch richtete und durchblickte, er bekam nichts, als blaue Luft und verworren-schwimmende Gegenstände zu sehen.
Über diesen vergeblichen Anstrengungen, die Krackelfüße zusammenzustellen, und durch das optische Glas die Wahrheit zu entdecken, war wohl eine halbe Stunde vergangen, während welcher der Baron noch gar nicht dazu gekommen war, sich nach dem Geber der vor ihm liegenden Gottesgabe zu erkundigen. Auch der Bediente, der mit aufgesperrtem Munde bald das Kind, bald die Anstrengungen seines Gebieters betrachtete, hatte bisher verabsäumt von dem alten Weibe zu reden. Endlich verfiel der alte Baron auf die unter den obwaltenden Umständen so natürliche Frage, der Bediente gab die Auskunft, die er erteilen konnte, wurde der Spitzbübin nachgesandt, rannte einen halben Tag lang in allen Richtungen umher, kam aber unverrichteter Sache zurück, denn er hatte weder das alte Weib gesehen, noch jemand getroffen, der sie gesehen hätte.
Inzwischen waren die Frauen, die alte Baronesse, welche damals noch lebte, und Fräulein Emerentia, in das Zimmer getreten, und der alte Baron, der mit seiner eigenen Verwunderung noch zu schaffen hatte, mußte jetzt dem Sturme von Ausrufungen und Fragen Rede stehn, welcher über die Lippen der Gemahlin und Tochter strich. Eine Dienerin war gefolgt und sorgte, während die Herrschaften über die Exegese des Ereignisses verhandelten, für die notdürftige Fütterung und Stillung des noch immer schreienden Kindes.
Als dieses still, lächelnd und schlummernd wieder in seiner Schachtel lag, setzte sich die Familie um den Tisch, worauf letztere stand, zu einer Beratung nieder, was mit dem Findlinge zu beginnen sei. Der Haus- und Schloßherr, dessen Torheiten nur von seiner unverwüstlichen Gutmütigkeit übertroffen wurden, war sofort der Meinung, daß das Kind zu behalten, und wie ein eignes aufzuziehen sei. Seine Gemahlin leistete ihm einigen Widerstand, bequemte sich indessen doch bald zum milderen Entschlusse, da ihr einfiel, daß der ältere Zweig der graumelierten Linie, der Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel selbst mütterlicherseits von einem Findlinge abstamme, in welchem eine Tochter hoher Herkunft gesteckt habe. Den heftigsten Einspruch hatte er von Emerentien zu erleiden. Das Fräulein war nach ihrer zweiten Badereise so überaus tugendsam, zartsinnig und verschämt geworden, daß auch die entfernteste Beziehung auf die Verhältnisse, durch welche wir entstehen und werden, sie tief verletzen konnte. Sie mochte die Blumen nicht mehr leiden, seitdem ihr ein durchreisender Professor die Bedeutung der Staubfäden auseinandergesetzt hatte, sie war vom Tische aufgestanden, als man erzählte, daß die braune Diane sechs Junge geworfen habe, und hatte vor ihrem Fenster Scheuchanstalten besonderer Art gegen die Sperlinge anbringen lassen, um die Schnäbeleien nicht mit ansehen zu dürfen, womit diese Tiere nach der Lebhaftigkeit ihres Naturells leider gegeneinander nur zu freigebig sind.
In dem Findlinge ahnete sie nun, wie sie sagte, (und die Ahnung der Frauen ist stets sicher und wahr) eine Frucht verbotener Liebe. Worte, die sie vor Scham kaum hervorzubringen vermochte! Sie erklärte, daß sie eine solche nur mit Abscheu anzusehen vermöge, daß ihr das Verbleiben der Kreatur unerträglich sein werde. Sie beschwor ihren Vater, das Kind einer öffentlichen Anstalt zu übergeben. Aber der alte Baron blieb fest bei seinem Vorsatze, und da die Mutter, wie schon berichtet worden ist, auch auf seine Seite getreten war, so mußte sich Emerentia endlich, wiewohl mit großem Widerwillen, fügen.
Diesen ließ sie aber in der Folge auf jede Weise an dem Kinde aus, und selbst, als die blonde Elisabeth, oder Lisbeth, wie sie im Schlosse genannt wurde, heranwuchs, und das beste, zutätigste Wesen wurde, mochte sie sich selten dazu verstehen, ihr einen gütigen Blick zu gönnen. Lisbeth dagegen war durch nichts in den sonderbaren Neigungen, die ihr die Natur vorgezeichnet zu haben schien, irre zu machen. An dem Fräulein, die ihr so übel begegnete, hing sie mit einer unglaublichen Zärtlichkeit, sie verrichtete freudig das Schwerste für sie, ließ sich von ihr schelten, und lächelte danach noch eins so freundlich, wogegen sie dem alten Baron, der doch eigentlich ihr alleiniger Beschützer und Wohltäter war, nur eine Empfindung widmete, welche die Grenzen der Dankbarkeit nicht überschritt.
Fünftes Kapitel
Der alte Baron wird Mitglied eines Journal-Lesezirkels
In ihm war, als Jagd, Spiel und Gastereien für ihn aufgehört hatten, und nur die Schwalben oder Fledermäuse, welche durch die Mauerlücken schlüpften, in den unbewohnten Zimmern des sogenannten Schlosses zu nisten, allenfalls noch für Besuche gelten konnten, eine große Langeweile entstanden, die anfangs auf keine Weise sich beschwichtigen lassen wollte. Zwar malte er sich zur Unterhaltung seine Erwartung bestens aus, wie er bald als Geheimer Rat im höchsten Collegio sitzen werde, neben sich den Herrn von so und so und den Herrn von da und da auf der Adelsbank, er stellte sich den Präsidenten lebhaft vor, und alle Besonderheiten des altertümlichen Konferenzsaals, er entwarf das Bild des Sessionstisches mit den großen Haufen von Schriften und Papieren darauf, die er mit seinen Herrn Nachbarn nicht zu lesen habe, sondern welche von gelehrten und bürgerlichen Beisitzern durchzustudieren seien; aber als dieses Gemälde von ihm zum hundertsten und aber hundertsten Male im stillen vollendet und seinen zwei Angehörigen beschrieben worden war, wurde es ihm doch zu eintönig, und er sehnte sich nach anderer Beschäftigung. Diese versuchte ihm nun seine Tochter Emerentia zu gewähren, indem sie ihrerseits eine Schilderung zu liefern begann, wie Fürst Hechelkram, pseudonym Rucciopuccio geheißen, plötzlich eines Tages in einem rotlackierten Wagen mit sechs Isabellen bespannt, ankommen, einen schottischkarierten Läufer mit Blumenhut und seidenem goldbefranztem Schurz hereinschicken und anfragen lassen werde, ob Marcebille oder Emerentia, nach der er so lange das ganze Schnurrenburg-Mixpickelsche Geschlecht vergebens hindurch gefragt habe, bis er endlich zufällig erfahren, sie sei eine geborne Schnuck-Puckelig — ob sie, Emerentia, noch an die Stunde denke, die Stunde der Andacht in Nizza? Wie sie sich für diesen Fall schon ihre Antwort ausgedacht, also lautend: »Gnädigster Herr! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen! Für dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen. Aber der Altar blieb stehen; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzünden, für welches ich ewig, Ihnen gegenüber, Vorrat besitzen werde!« — Wie sie dann, mit dem großen goldenen Stiftskreuze begnadiget, ein Schloß in der Nähe seiner Residenz beziehen, nur seine Freundin im reinsten platonischen Sinne sein, ihn nie anders als vor Zeugen sprechen, ihn mit seiner Gemahlin versöhnen, überhaupt der segnende Genius des Fürstenhauses und des Landes werden wolle.
Allein den alten Baron unterhielt diese Schilderung auch nicht; er hielt sie für ein »Carmen« wie er sich ausdrückte, und womit er Gedicht sagen wollte. Von Gedichten war er aber nie ein sonderlicher Liebhaber gewesen. Endlich fiel er auf den Gedanken, zu lesen, da er gehört hatte, daß damit so viele Menschen ihre Zeit hinbrächten. Indessen wollten auch die Bücher, deren eine kleine Sammlung von seinem Vater her noch auf dem Speicher stand, und unter denen er auf gut Glück jetzt wählte, wenig Trost gewähren. Die Sachen wurden ihm darin alle zu lang und ausgesponnen abgehandelt; der Autor sagte oft erst auf der vierundzwanzigsten Seite, was er mit der ersten gemeint hatte, pflegte überhaupt die Forderung an den Leser zu stellen, daß er seine Gedanken zusammenhalten solle, und dazu konnte sich der alte Baron in seinen vorgerückten Jahren nicht mehr bequemen. Er wollte Abwechselung, Zerstreuung, mancherlei, wie vorlängst in seinen grünen und lustigen Tagen.
Alles dieses fand er auf einmal, da ihm der gute Einfall wurde, in einen Journalzirkel einzutreten, der alle Wißbegierige auf dem Flächenraume der umliegenden vier Quadratmeilen mit Geistesnahrung versorgte, und dessen Reichhaltigkeit ihm schon lange gepriesen worden war. Der Unternehmer hatte, um die Nebenbuhler in der erwähnten weiten Ausdehnung unrettbar daniederzuschlagen, nicht weniger als sämtliche Zeitschriften des deutschen Vaterlandes in seinen Mappen versammelt. Es fanden sich sonach darin nicht nur die Morgen- die Abend- die Nachmittags- und Mitternachtblätter, sondern auch die Boten für West, Ost, Süd, Nord, Nordwest und Südsüdost; der Gesellschafter und der Eremit; die groben und die eleganten Journale; die Lesefrüchte und die Extrakte aus den Lesefrüchten; die liberalen, die servilen, die rationalistischen, feudalistischen, supranaturalistischen, konstitutionellen, superstitionellen, dogmatischen, kritischen Organe; die Fabelwesen: Phönix, Minerva, Hesperus, Isis; das Ausland, das Inland; Europa, Asien, Afrika, Amerika und die Stimmen aus Hinterpommern; der Komet, der Planet, das Weltall — kurz, im ganzen vierundachtzig Hefte, so daß jeder Teilnehmer am Zirkel die Woche hindurch in jeder der zwölf Tagesstunden ein Journal zu lesen bekam.
Diese Unterhaltung war ganz nach dem Sinne des alten Barons. Endlich, rief er fröhlich aus, als er sich mit dem Umfange der ihm neu eröffneten Vorratskammern bekannt gemacht hatte, endlich doch Gedrucktes, welches einen belehrt, ohne zu beschweren! In der Tat gewannen seine Vorstellungen durch das Lesen der Journale bald eine außerordentliche Bereicherung. Hatte ihm das eine Blatt eine kurze Notiz von dem großen Giftbaume in Indien gegeben, der die Atmosphäre auf tausend Schritte hin ansteckt, so lehrte ihn das folgende, wie die Kartoffeln im Winter vor Frost zu bewahren seien; in dieser Minute las er von Friedrich dem Großen, in der nächsten von der Gräfenberger Wasserkur, aber nicht lange, denn gleich darnach erzählte einer die Geschichte der neuen Entdeckungen im Monde. Eine Viertelstunde war er in Europa, dann spazierte er wieder, wie von Fausts Mantel entrückt, unter Palmen; bald hatte er einen historischen Christus, bald einen mythischen, bald gar keinen; vormittags fiel er mit der äußersten Linken die Minister an, nachmittags war er absolutistisch gesinnt, abends wußte er nicht, wo ihm der Kopf stand, und ging als Juste-Milieu zu Bette, um nachts vom Taschenspieler Janchen von Amsterdam zu träumen.
Er hätte nie geglaubt, noch so glücklich werden zu können. Daß seine Umstände indessen immermehr sich verschlimmerten, und daß er endlich nur auf einen kleinen Lehnsstamm, der ihn eben vor dem äußersten Mangel schützte und unangreifbar war, beschränkt ward, kümmerte ihn wenig. Sagte ihm die blonde Lisbeth, das Haus bekomme nach der Giebelwand zu Risse, und könne über Nacht einmal einstürzen, so pflegte er zu erwidern: »Laß mich zufrieden. Ich habe noch sechs Hefte durchzustudieren.« Wurde sie dringender, so rief er ärgerlich: »Ehe das Schloß einstürzt, bin ich Geheimer Rat!« und sie mußte unverrichteter Sache weichen.
Freilich entstand durch das unendliche Material, welches er täglich zu verarbeiten hatte, in seinem Kopfe eine große Verwirrung der Vorstellungen, und er mußte zuweilen das Haupt in beide Hände nehmen, um sich zu besinnen, ob er noch in unserem, oder in einem fremden Weltteile, oder ob er überhaupt nur noch auf der Erde und nicht schon längst im Sirius sei? Auch begann er von jetzt an, alles zu glauben, was er hörte, und wenn man ihm gesagt hätte, die Vögel sängen nach Noten. Denn, pflegte er oft gegen die Seinigen zu äußern, es kann heutzutage nichts Dümmeres geben, als den Kopfschüttler und Zweifelmütigen zu machen; man muß nur Mitglied unsres Journal-Lesezirkels geworden sein, um zu erfahren, daß nichts so wunderbar ist, was nicht jetzo zerfällt; die Menschen und die Sachen und die Erfindungen sind in einem erschrecklichen Fortschritte, und wenn er noch zunimmt, so erleben wir, daß das Wasser Balken bekommt, und daß man mit Extrapost von hier direkt nach London fährt.
Konnte etwas seine Stimmung trüben, so war es der Mangel eines Freundes, dem er sich hätte erschließen, mit dem er seine Ideen hätte austauschen mögen. Die Sehnsucht nach einem Gleichgestimmten, nach einem fördernden Umgange wurde oft sehr groß in ihm. Seine Tochter konnte diesem Verlangen nicht genügen, sie hing nur ihren empfindsamen, ideellen Richtungen nach, und hegte für Realkenntnisse wenig Sinn; Lisbeth aber hatte ein für allemal, da er mit ihr von den Dingen, die ihn so mannigfach beschäftigten, reden wollen, ablehnend erwidert: Sie wolle sich nichts in den Kopf setzen lassen.
Sechstes Kapitel
Wie der Dorfschulmeister Agesel durch eine deutsche Sprachlehre um seinen Verstand gebracht wurde, und sich seitdem Agesilaus nannte
Einigermaßen, wenn auch nicht genügend, wurde die Sehnsucht des alten Barons befriedigt, sie erhielt sozusagen, wie das Sprichwort lautet, eine Birne für den Durst, als der Schulmeister Agesilaus in seine Nähe kam. Dieser Mann, welcher früher Agesel geheißen hatte, und ein alter Bekannter des Barons war, bekleidete bis zu dem Umschwunge in seinem Schicksale das Amt, die Jugend eines benachbarten Dörfchens im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Er wohnte in einer Hütte von Lehmwänden, die außer der Schulstube nur sein Schlafkämmerchen faßte, hatte dreißig Gulden jährlichen Gehalt, außerdem das Schulgeld; zwölf Kreuzer für den Knaben und sechs für das Mädchen, einen Grasfleck für ein Rind und das Recht, zwei Gänse in die Gemeindeweide mit einzutreiben. Er versah seinen Dienst ohne Tadel, lehrte die Jugend nach der alten Manier, so wie sie im Dorfe seit hundert und mehreren Jahren gebräuchlich war, buchstabieren: G-e-, Ge, s-u-n-d, sund, h-e-i-t, heit; Gesundheit — B-e-t, Bet, t-e-l, tel, Bettel, s-a-c-k, sack; Bettelsack u. s. w. und brachte die fähigsten Köpfe nicht selten soweit, daß sie Gedrucktes ohne sonderliche Anstrengung lesen lernten. Was das Schreiben anlangte, so ging auch aus seinen Händen dieser und jener hervor, der den eignen Namen zustande zu bringen wußte, wenn man ihn nicht übereilte, sondern ihm die nötige Zeit ließ.
In diesem Systeme war unser Schulmeister fünfzig Jahre alt geworden. Da ereignete es sich, daß die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen neuen Lehrplan im Lande hervorriefen, der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend durchgreifen sollte. Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen Sprache zu, eines von denen, welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und philosophisch begründen wollen, und erteilten ihm die Weisung, seine bisherige rohe Empirie zu rationalisieren, sich selbst zuvörderst aus dem Buche zu unterrichten, und dann danach die veränderte Belehrung der Jugend anzufangen.
Der Schulmeister las das Buch durch, er las es noch einmal durch, er las es von hinten nach vorn, er las es aus der Mitte, und er wußte nicht, was er gelesen hatte. Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten, von Auf-, In- und Umlauten; er sollte daraus die Laute trüben und verdünnen lernen, er sollte durch Säuseln, Zischen, Pressen, durch Näseln und Gurgeln die Laute hervorbringen, er vernahm, daß die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln, er erfuhr endlich daraus, daß das I der reine Urlaut sei, und daß dessen Erzeugung durch starkes Zusammendrücken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe.
Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen, aber sein Flehen prallte zurück von dem ehernen Himmel. Er setzte sich wieder vor das Buch, mit der Brille auf der Nase, um schärfer zu sehen, wiewohl er bei Tageslicht wohl noch ohne Gläser fertig werden konnte. Ach, nur deutlicher traten seinen bewaffneten Augen die furchtbaren Rätsel des Daseins, die Sause- Zisch- Preß- Nasen- und Gurgellaute entgegen! Darauf legte er das Buch weg, fütterte seine Gänse und gab einem Jungen, der gerade dazukam und sagte, der Vater wolle das Schulgeld nicht zahlen, zwei derbe Maulschellen, um durch das praktische Leben Aufschluß für die Theorie zu gewinnen. Umsonst. Er aß eine Knackwurst, sich körperlich zu stärken. Vergebens. Er leerte einen ganzen Senftopf, weil er gehört hatte, dieses Gewürz schärfe den Verstand. Eitles Bemühen!
Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen. Leider fühlte er am andern Morgen, daß weder die Wurzeln, noch die Seitenwurzeln ihm in den Kopf gedrungen waren. Gern hätte er das Buch, wie Johannes jenes vom Engel getragne, auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin, verschlungen, wäre er dadurch des Inhaltes Meister geworden; aber welche Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen?
Die Schule stand still, die Kinder fingen Maikäfer, oder jagten die Enten in den Teich. Die Alten aber schüttelten den Kopf und sagten: »Mit dem Schulmeister hat es seine Richtigkeit nicht.« Eines Tages, nachdem er sich wieder in seinen verzweiflungsvollen Bemühungen um den Sinn der Dünnung und Trübung abgearbeitet hatte, rief er: »Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke beigekommen bin, so gibt sich vielleicht das übrige von selbst!« — Er nahm sich vor, zuvörderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des Buchs zu erzeugen.
Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde, welches dort, unbekümmert um rationelle Lauterzeugung, empirisch brummte, stemmte die Arme in die Seite, drückte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin, und stieß nun die Töne hervor, welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten. Sie waren höchst sonderbar, und so auffallend, daß selbst das Rind vom Grase emporblickte und seinen Herrn mitleidig ansah. Eine Menge Bauern hatte der Schall herbeigezogen; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her. »Gevattern!« rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus; »paßt einmal auf, ob es der reine Urlaut I wird?« Darauf gab er sich wieder an die Kehlkopf-Gaumendrückung. »Gott behüte!« riefen die Bauern, und gingen nach Hause, »der Schulmeister ist übergeschnappt, er quiekt schon wie ein Ferkel.«
Und wirklich stand der arme Schulmeister nahe an der Grenze, über welche die Bauern ihn bereits gesprungen glaubten. Die Frist war abgelaufen, welche man ihm zum Selbstunterrichte gesetzt hatte, er sollte jetzt nach dem Buche lesen lernen lassen, eine Visitation seiner Schule durch den Herrn Schulrat Thomasius nahte heran, die Verzweiflung trat ihm zum Herzen, und seine Gedanken begannen zu schwärmen. Andre sind durch das Brüten über der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria, oder über dem Geheimnisse der Trinität, oder von dem Gedanken an die Ewigkeit verrückt geworden; warum sollte ein Dorfschulmeisterlein nicht durch eine moderne Sprachlehre den Verstand verlieren können? Genug, ich erzähle es, und wer mir nicht glauben will, frage im Dorfe Hackelpfiffelsberg nach. Da hat sich die Geschichte zugetragen, und jedes Kind weiß dort davon.
Ein reisender Student kam in jenen Tagen durch Hackelpfiffelsberg, der kehrte in der Schenke ein, und vernahm von dem närrischgewordenen, oder närrischwerdenden Schulmeister. Es war ein feiner, denkender Kopf, der sich besonders auf Psychologie verlegt hatte, und der daher eine große Begierde verspürte, den Kranken kennenzulernen. Er fand ihn in leinenen Ärmeln sitzen, die behaarte Brust offen, eine große weiße Nachtmütze auf dem Kopfe. »Wie geht es, Meister?« fragte der Student. »So, so, Fremdling«, versetzte der Schulmeister. »Nicht wahr, die alten Spartaner waren Kerle? Keine müßige Gelehrsamkeit, keine Quälerei mit Umlauten, Inlauten, Brustlauten! Alles auf Tatkraft, auf das wirkliche Leben berechnet, den Körper abgehärtet, den Sinn zugespitzt zu Apophthegmen! Mich soll der Henker holen, wenn ich mir nicht alles in Zukunft lakedämonisch einrichte! Meine wackern Vorfahren! Denn was ist Agesel? Agesel ist nichts, verstümmelt, verdorben aus Agesilaus, dem tapfern Könige von Sparta. Die Türken vertrieben die Griechen, darunter waren natürlich die Nachkommen des Königs Agesilaus auch, und die haben sich allmählig bis hieher verzettelt, die Endsilbe ist aber unterweges verlorengegangen. O, man müßte nicht von den Wurzeln und den Ableitungen die Zeit her die Kränk‘ gekriegt haben, wenn man so etwas unglaublich finden wollte!«
»Hoho«, dachte der Student, »steht es dermaßen hier? Aber ein anziehender Fall! Ich muß ihn beobachten.« Er blieb den ganzen Tag über bei dem Schulmeister, und merkte durch viele Fragen aus seinen krausen Antworten endlich sich soviel ab, daß der Kranke in früheren Jahren eine alte Schwarte über die Sitten und Gebräuche jenes griechischen Freistaates gelesen hatte, schon damals von denselben höchlich entzückt gewesen war, daß nun gegenwärtig die gleichsam in Schlummer gelegenen Vorstellungen erwachten und ein fieberhaftes Leben in ihm gewannen. Abends trug der Student folgendes Notizenschema in seinem Tagebuche ein: »Paralysierung des Denkvermögens in einem beschränkten Geiste durch unverdaulichen Denkstoff.
Allmähliges Denk-Nichts.
Eintreten einer prägnanten antiken Idee im Vacuo.
Die Atome des aufgelösten
Denkvermögens schießen an dieser Idee an.
Zustand des Rappelns.
Konsolidation des Rappelns.
Fixe Idee.
Außerdem vernünftiger Mensch.
NB. Nach der Ferienreise weiter auszuführen.«
Es mochte ohngefähr ein Vierteljahr nach diesen Vorfällen verstrichen sein, als der Schulmeister, nur bekleidet mit einem braunen, groben Mantel, in der Hand eine junge Tanne, vor den alten Baron trat, der in seinem verwilderten französischen Garten hinter dem Schlosse die freie Luft genoß. Der Baron wußte im allgemeinen schon von den Dingen, die seinem Bekannten widerfahren sein sollten, und trat daher drei Schritte vor ihm zurück, besonders da er ihn mit dem nicht gerade dünn zu nennenden Tannenstamme gerüstet sah. Aber der Schulmeister lächelte, und legte, als ob er die Gedanken des andern erriete, die junge Tanne ab. Dann machte er dem Baron eine höfliche Verbeugung, und sprach die üblichen Begrüßungsworte, ohne daß in Ton oder Wendung etwas Exzentrisches hervorgesprungen wäre. Der Baron faßte daher Mut, ging auf den Schulmeister zu, ergriff seine Hand und sagte: »Nun, wie geht‘s Euch, alter närrischer Teufel? Was für Streiche habt Ihr denn angefangen, Agesel?«
»Agesilaus, wenn ich bitten darf, gnädiger Herr«, erwiderte der Schulmeister sanft und höflich. »Ich habe diesen meinen guten, ehrlichen Stammnamen wieder angenommen.«
Der Baron entfernte sich nun doch wieder etwas von seinem Besuche, und sah ihn mit scheuen Blicken von der Seite an. Der Schulmeister aber fuhr gesetzten Wesens so fort: »Ich weiß, was Sie von mir denken, mein Gönner. Sie halten mich für verrückt. Sie irren sich, Herr Baron; ich bin nicht verrückt. Es sollte mir leid tun, wenn ich mich in diesem Zustande befände, denn dann könnten Sie mir mit Recht dasjenige versagen, um welches ich Sie dringend ansprechen muß. Ich habe meine fünf Sinne vollkommen beisammen, und weiß, daß ich ein Nachkomme des alten Königs Agesilaus bin, daß ich folglich die Verpflichtung habe, spartanisches Leben und Wesen in mir darzustellen, welches wohl überhaupt ein herrliches Correctivum für diese weichliche, abgeschwächte, übergelahrte und sophistische Zeit sein möchte.«
Der Baron fragte, um nur etwas zu sagen: »Ist es denn wahr, was ich gehört habe, daß Ihr abgesetzt seid, Herr... Herr... Agesilaus... nicht? so nennt Ihr Euch?«
»Abgesetzt allerdings, fortgejagt, wenn Sie so wollen, durch den Schulrat Thomasius«, erwiderte Agesilaus ruhig. »Nachdem ich das grammatische Fieber, in welches ich durch jene Höllen-Lautlehre gestürzt worden war, überwunden hatte, hielt ich es für meine Schuldigkeit, die mir anvertraute Dorfjugend lakedämonisch zu bilden. Ich wies sie daher an, zu stehlen und sich nur nicht betreffen zu lassen, um ihre List und Kühnheit zu üben, ich erregte Streit und Schlägerei unter ihnen, um ihre Herzhaftigkeit zu prüfen, und ich prügelte sie allwöchentlich dreimal ohne Grund ab nach dem Muster der Geißelung am Altare der Diana. Herrlich schlug auch meine Methode an. Die Jungen fanden, daß noch nie so lustig Schule gehalten worden sei, rauften sich, daß es eine Art war, ohne zu mucksen, stahlen ihren Eltern die Äpfel vor der Nase weg, und ließen sich nicht erwischen, verschmerzten selbst die grundlosen Prügel wegen der sonstigen Ergötzlichkeiten, die sie jetzt ungestraft hatten. Aber die dummen Bauern konnten meinen Plan nicht fassen. Sie schrien, daß ich ihre Brut von Grund aus verderbe, und verklagten mich. Da hat mich nun der Schulrat — nun, er ist auch keiner von den hellsten Köpfen — von dannen getrieben, und also ereilte mich das Fatum.«
»Ich wundre mich nur«, sagte der Baron, der sich noch immer von seinem Erstaunen nicht erholen konnte, »über alle die gelehrten Anspielungen, die Euch da so vom Munde stäuben, wie Federn vom Kissen, wenn das Bett gemacht wird. Woher habt Ihr das Fatum und die sophistische Zeit, und was Ihr sonst noch vorbrachtet?«
»Es kommt mir alles dieses und mehreres dergleichen, wenn ich es gebrauche, wie durch innere Eingebung und Erleuchtung«, antwortete der Schulmeister. »Seit die Urerinnerung an meine tapferen und unvergleichlichen Vorfahren in mir aufgewacht ist, stehen meinem Geiste Dinge zu Gebote, welche freilich vordem in meinem Dorfleben mir nicht geläufig waren.« Er trug nun dem Baron sein Anliegen vor, welches darin bestand, ihm Obdach und notdürftige Leibesnahrung zu gewähren, da er nach seiner Absetzung von allem entblößt sei und nichts besitze, als was er um und an sich trage. Der Baron nahm Anstand, einen tollen Menschen, (denn dafür hielt er den Schulmeister) im Schlosse zu beherbergen, gleichwohl litt es sein gutes Herz nicht, einen Dürftigen hungern und frieren zu lassen. Er wies ihm daher ein kleines, verfallenes Gartenhäuschen, welches in der entferntesten Ecke des französischen Gartens auf einem Schneckenberge stand, und ehemals grün angestrichen gewesen war, zum Quartier an. Damit war sein Schutzbefohlner vollkommen zufrieden. Er zog ein, nannte den Schneckenberg das Gebirge Taygetus, und taufte ein kleines Wässerchen, welches ziemlich träge unter sogenanntem Entenflott in der Nähe dahinschlich, zum Eurotas um. Einmal des Tages kam er auf das Schloß, mit den Bewohnern ihre kärgliche Mahlzeit zu teilen; die zweite hielt er in seiner Behausung ab. Sie pflegte in der Regel aus einer Art von Mehlbrei zu bestehen, den er auf dem Schneckenberge an Reisigfeuer zurichtete, und seine schwarze Suppe nannte. Außer seinem Mantel hatte er keine Kleidungsstücke; sein Getränk schöpfte er vom Brunnen mit einem alten irdenen Topfe, der ihm den spartanischen Becher oder Kothon bedeuten mußte, und von welchem er rühmte, daß er, wie jenes antike Schöpfgefäß, wegen seines eingebognen Randes jegliches Trübe und Unreine vom Munde abhalte; alle Woche aber holte er vom Schlosse sich frisches Stroh zur Lagerstatt, und hieß dies, sich Schilf im Eurotas schneiden.
Nach einiger Zeit hatte der Baron alle Furcht vor seinem Gaste verloren. Denn er bemerkte, daß dieser über jeden Gegenstand so verständig dachte und redete, wie der gesetzteste Alltagsmensch, und daß auch seine spartanischen Vorstellungen sich zu einer sogenannten unschädlichen Schrolle, oder zu dem, was man den Wurm bei einem Menschen nennt, gemildert hatten. In der Tat mußte er gestehen, daß unter den Gesetzen Schmalhansens, des Küchenmeisters, die über Schloß und Gartenhäuschen herrschten, die lakedämonische Einfachheit vollkommen gerechtfertigt war, und daß ihrem Anhänger daher die Zugabe von der Ahnenschaft des Königs Agesilaus wohl mit durchgehen konnte. Seine Gesellschaft wurde ihm nun sehr lieb; er hatte doch jemand, mit dem er in den langen Herbst- und Winterabenden plaudern konnte; er durfte nicht mehr befürchten, an dem Ideenreichtum, den die Journale in ihm hervorbrachten, zu ersticken.
Freilich war, wie wir im Anfange dieses Kapitels sagten, der Schulmeister nur eine Birne für den Durst. Über Geschichten und Anekdoten konnte sein Gönner mit ihm verhandeln, und des lebhaftesten Gespräches sicher sein, wenn er wichtige Punkte der Historie zur Sprache brachte, wie zum Beispiel: Ob Brutus recht gehabt habe, Cäsarn zu erstechen, was aus der Welt geworden sein möchte, wenn die Franzosen die Revolution nicht zustande gebracht hätten, oder wenn Friedrich der Große und Napoleon Zeitgenossen gewesen wären, und was dergleichen mehr war. Dagegen fehlte dem vermeintlichen Abkömmlinge des Königs von Lakedämon aller Sinn für die Kuriositäten aus der Länder- und Völkerkunde, und aus dem Gebiete der Erfindungen, Handels- und Gewerbsverhältnisse, denen der Baron gerade am leidenschaftlichsten sich zuneigte.
Mit dem Fräulein hatte der Schulmeister manchen Streit und sie duldete ihn eigentlich nur ihres Vaters wegen. Er war ihr besonders durch eine feurige Rede verhaßt geworden, in welcher er die Sitte der Spartaner, auch die Jungfrauen bei den Festen der Götter nackt tanzen zu lassen, höchlich herausstrich. Ein Nervenanfall hatte sie nach dieser Rede ergriffen und mehrere Wochen lang unpäßlich gemacht. Er nahm sich daher auch späterhin eine größere Vorsicht in seinen Lieblingsreden zur Richtschnur, um den Boden, auf dem er seine Freistatt gefunden hatte, nicht zu unterwühlen. Andernteils wurde es nach und nach der allgemeine Grundsatz der drei Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr, eine zarte Schonung der gegenseitigen Schoßneigungen walten zu lassen.
In diesen Verhältnissen lebten der alte Baron, das Fräulein und der Schulmeister ihre seltsam-abgeschiedenen Tage hin. Eines Abends sagte der Schloßherr zu seinem Schützlinge: »Ihr seid jetzt weit ruhiger und gleichmütiger, Herr Agesilaus, als vor Zeiten, wo es Euch doch im Grunde besser ging, als jetzunder. Damals konntet Ihr streckenlang sehr mürrisch und verdrießlich sein.«
»Mürrisch und verdrießlich nun wohl nicht, mein Gönner«, versetzte der Schulmeister, »aber tiefsinnig und melancholisch. Wenn ich so meine schmutzigen Jungen in einem fort buchstabieren ließ, eine Woche nach der andern, einen Monat nach dem andern, und sich das ohne Resultate fortsetzte, diejenigen, welche lesen gelernt hatten, die Schule verließen, und frische Rangen, die noch nichts wußten, wieder hineinkamen, und immer, immerdar wieder von vorn dasselbe angefangen werden mußte, da konnte mir das ganze Leben zuletzt völlig dünn und unzusammenhängend vorkommen, und es gab Nächte, worin mir träumte, das menschliche Dasein sei nur ein langes, leeres ABC, von dem die Buchstaben XYZ in der Ewigkeit ständen, und aus welchem nie ein verständiger Satz, ja nur ein sinnvolles Wort würde. Wollte ich mir dann zu meinem Troste sagen, ich sei eben nur ein armer Dorfschulmeister, die Trübe dieser Meinung entspringe aus meiner gedrückten Lage, und glücklichere Menschen, wie hohe Obrigkeiten oder gar durchlauchtige Potentaten seien wohl in dem Falle, ihrer Existenz einen Zusammenhang zu geben, so war die Beschwichtigung doch nicht lange stichhaltend. Denn ich mußte erwägen, daß das Regieren über Land und Leute doch auch nur so ein ödes, langwieriges Buchstabieren sei, und daß, wenn man es an irgendeinem Zipfel zum Lesenlernen gebracht habe, dieser verschwinde, und an der andern Seite ein neues Fibelschützenwesen zu stammeln beginne. Aber seit ich meine Ahnen kenne, seit ich weiß, welche herrliche Erinnerungen in mir sich fortsetzen, und durch mich lebendig zu erhalten sind, ist alles in mir Ruhe und Freudigkeit, haben sich die Bestandteile des Lebens im Kreise um mich her gestellt, kurz, ich bin zur Klarheit und zum Bewußtsein durchgedrungen.«
»Sonderbar!« rief der alte Baron vor sich hin, als der Schulmeister nach dieser Äußerung fortgegangen war. »Wie es scheint, muß der Mensch immer einen Sparren haben, um recht zusammenzuhalten. Die Vernunft ist wie reines Gold, zu weich, um Façon anzunehmen; es muß ein tüchtig Stück Kupfer, so eine Portion Verrücktheit darunter getan werden, dann ist dem Menschen erst wohl, dann macht er Figur und steht seinen Mann. Was für ein Gimpel war der Schulmeister sonst, und wie gescheit spricht er jetzt, seitdem es bei ihm rappelt. Das Leben ist doch ein kurioses Ding, und wäre ich nicht geborner Geheimer Rat im höchsten Collegio, so könnte mir auch vor mir bange werden. Aber da ich der bin, so muß ich natürlich meinen vollen Verstand besitzen.«
Siebentes Kapitel
Der Freiherr von Münchhausen wird auf den Boden dieser Geschichten geschleudert
Die blonde Lisbeth war in das Gebirge gegangen, Zinsenrückstände von den Bauern einzutreiben. Sie hatte dieselben zufällig in einem alten vergeßnen Rentenregister, welches unter anderem Gerüll in einer Polterkammer lag, verzeichnet gefunden. Ihr Pflegevater war ängstlich gewesen, das Kind so allein in das Gebirge ziehen zu lassen, sie aber hatte mutig geantwortet: »Wer wird mir etwas tun? Ich schaff‘ das Geld!« hatte sich an des Schulmeisters Eurotas einen Weidenstecken geschnitten, ein Reisetäschchen voll der nötigsten Wäsche umgehängt, Schnürstiefelchen angezogen, einen Strohhut verwegen auf das kecke Häuptlein gesetzt, und war so fürbaß gewandert.
Während ihrer Abwesenheit gingen die drei Zurückgelassenen, der Baron, das Fräulein und der Schulmeister eines Nachmittags in dem verwilderten französischen Garten spazieren. Sie verkehrten aber nicht miteinander, wie dies meistens bei solchen Gartenwanderungen zu geschehen pflegte, sondern hingen in verschiedenen Wegen und Stegen ihren eigenen Gedanken nach. Die Pfade um das Schloß her waren fast überall von Dornen versperrt, oder durch sumpfiges Erdreich feucht, der trockne Sand, welcher die Gartenstege noch immer einigermaßen bedeckte, verdiente daher ohne Zweifel den Vorzug, wenn man lustwandeln wollte. Damit aber diese gemeinsame Erholung einem jeden seine völlige Freiheit lasse, und der Stoff der Gespräche nicht zu verschwenderisch eingezehrt werde, hatte der alte Baron für die Gartenerholung Aufhebung des geselligen Verkehrs als Regel festgesetzt. Sollte eine Ausnahme eintreten, und Gespräch herrschen, so war von ihm ein untrüglich andeutendes Zeichen erfunden worden. Er schrieb nämlich an solchen Tagen einem Genius von Sandstein, der, den Finger auf dem Munde, vor einer kleinen düsteren Laube stand, und zu den noch am besten erhaltenen Kunstwerken des Gartens gehörte, mit Kreide das Wort: »Colloquium« auf die Brust; eines von den wenigen lateinischen Wörtern, deren er sich noch aus seinem Jugendunterricht erinnerte. So wie daher jemand von der täglichen Gesellschaft in den Garten trat, sah er nur nach der Brust des Genius, und schwieg oder redete, je nachdem die Meinung des Schloßherrn lautete, denn, in so großer Armut er sich befand, alle seine Umgebungen waren gewohnt, sich pünktlich nach seinen Wünschen zu richten.
Heute stand kein »Colloquium« auf der Brust des Genius angekreidet. Der alte Baron war schon seit einigen Wochen in einer trüben, sehnsüchtigen Stimmung, welche, gerade heute zu besonderer Verdüsterung erwachsen, ähnlichen Launen bei dem Schulmeister und Emerentien begegnete, so daß beide mit der ihnen auferlegten Trappistenregel an diesem Tage besonders zufrieden waren. Wie es wohl zu gehen pflegt; lange Zeit bleiben die eigentlichen Grundempfindungen eines Kreises von Tagestäuschungen überhüllt; endlich aber drängen sie sich doch wie Springfluten unwiderstehlich an die Oberfläche hervor.
Die Gefühle der drei lustwandelnden Personen brachen, da letztere weit genug voneinander gingen, um sich für unbelauschbar halten zu können, in Selbstgespräche aus. Der alte Baron schritt zwischen zwei Taxuswänden auf und nieder, welche ehemals auf ihrer oberen Fläche die zierlichste Abwechslung von Kreuzen, Pfeilern und Urnen dargeboten hatten, nun aber längst aus aller Schur gewichen waren, und nur noch unförmliche, mißgestaltete Klumpen grüner Blätter und Äste zeigten. Sein Schritt war heftig, sein Blick schwer. »Ja«, rief er aus, »wenn ich einen Mann hätte, der mich verstände, mit dem ich laut denken könnte, der Sinn für einen weiten Gesichtskreis besäße, dann ließe sich herrlich und in Freuden leben! Immer Neues, Wunderbares muß ich haben, die Journale genügen mir schon nicht mehr, sie fangen an, mir schal vorzukommen; Hypothesen begehre ich, eine gewaltiger als die andre, denn nur Hypothesen löschen den Wissensdurst, wenn er einmal entflammt worden ist. Was hilft es mir, daß ich heute von den Ungeheuern gelesen habe, die in jedem Wassertröpfchen leben, mit Kugelleibern, oder tausend Füßen, oder Rüsseln oder Sägezähnen? Bin ich danach klüger, als zuvor? Nein. Dümmer im Gegenteil. Wie entstehen sie? Was treiben sie? Was fressen sie? Wie begatten sie sich? Sind es Säugetiere, die lebendige Junge zur Welt bringen, oder eierlegende Fische? — O fände ich doch einen Mann, mit dem ich alles so recht durchsprechen könnte, der eine Erklärung auch für das Dunkelste gäbe, gleichviel welche! Der Schulmeister ist ein ehrlicher Kauz, aber doch im Grunde ein dummer Teufel mit seinen alten Spartaner-Flausen. Ich habe mir einen verrückten Menschen unterhaltender gedacht; der Agesel beginnt, mich zu langweilen.« —
Er trat verstimmt zu einem steinernen Schäfer, der an dem einen Ende der Taxuswände stand, und vor Zeiten Flöte geblasen hatte, nun aber nur noch vergeblich den Mund spitzte und die Arme in der gezwungenen musikalischen Haltung leer vor sich hinstreckte, weil die Flöte ihnen längst von der Zeit entführt worden war. Der alte Mann lehnte sich düster an den verstümmelten Schäfer; vor seinem geistigen Gesichte wälzten sich, schossen und kugelten riesige Infusionstiere umher, bis ihm die Gedanken in das Formlose zergingen.
Inzwischen umkreisete Fräulein Emerentia ein mit Muscheln eingefaßtes Becken, welches freilich schon seit geraumen Jahren so trocken lag, wie das Rote Meer, als die Israeliten hindurchgingen. Ein Delphin streckte in der Mitte dieses Beckens seine aufgestülpte Nase empor. Er hatte von Glück zu sagen, daß er aus Kupferblech bestand; ohne diese Konstitution hätte er in solcher Trocknis rettungslos verschmachten müssen. Auch ein Unbeschäftigter! Woher sollte der Wasserstrahl ihm zufließen, den er sonst aus den Nüstern in die Höhe gesendet hatte? — Das Fräulein umschritt, wie gesagt, das Becken, und sah bald auf dessen Grund, bald auf den Delphin, bald auf die bunten Kiesel, welche in Sternen, Rauten und Blumen eingelegt, den Platz um das Becken zierten, ohne daß sie von einem dieser Gegenstände Trost für ihre wehmütigen Empfindungen zugesprochen bekommen hätte. »Hartes Los«, flüsterte sie schwermutsvoll vor sich hin, »mit einem reichen Herzen, mit einem zarten Gemüte unter kalten, abstoßenden Naturen leben zu müssen! Wer versteht hier die heilige Sehnsucht, die mich so ganz nach Rucciopuccio erfüllt, dem Fürsten von Hechelkram im geheimen? Ich weiß, das Schicksal, welches unser Leben wendet, will still erwartet sein, und darum greift kein ungestümes Verlangen im Busen der Entwickelung der Tage vor, nein, geduldig harrt der gläubige Sinn des liebenden Weibes auf den seligen Augenblick, da der goldlackierte Wagen vor dem Schlosse halten und der Läufer mit Blumenhut und Schurz in die Türe springen wird, fragend nach Emerentien, die in den Stunden der Andacht zu Nizza Marcebille hieß. Aber eine feinfühlende zweite Seele, ein sympathetisches Gemüt wünschest du dir, und darfst du dir wünschen, arme Emerentia, die Qual des Harrens zu lindern! Nun, wie steht es um die Befriedigung dieses Verlangens hier? Welche Personen umgeben dich? Wirst du in deinen Seufzern von irgend jemandem, mit dem dich dein Los verbunden hat, begriffen? Der gute Vater ist gut, sehr gut, aber lacht er nicht, wenn du ihm die Geheimnisse deiner Brust leise und schamhaft enthüllst? O wie verderblich ist die einseitige Verstandeskultur, welche der Mensch von Journalen empfängt! Wie höhlt sie das Herz aus! Und jener spartanische Pöbelnarr — — nein, denke ihn nicht zu Ende, diesen Narren, dessen zynische Reden schon in der Erinnerung meine keusche Seele aus tausend Wunden bluten machen. O komm, Mensch, fühlender Mitmensch, den ich nicht kenne, aber gestaltet vor den Augen meines Geistes sehe, der du mich verstehen wirst ohne Wort, wie der heilige Mond, wenn ich zu ihm aufblicke, dem das Unaussprechliche in mir klar sein wird, wie ein Spruch der Einfalt, komm, Tröster, Paraklet, mir meine süßen Ahnungen auszudeuten, und mich in dem zu begreifen, worin ich mich selbst nicht fasse!« — Nach dieser Rede, die Emerentien gewiß jeder Leserin von Gemüt teuer macht, setzte sie sich dem Delphin gegenüber auf einen unförmlichen Rasenhügel, der ehemals eine Bergère gewesen war, und fuhr fort, herzbrechende Seufzer auszustoßen.
Auch der Schulmeister war nicht glücklich. Er kauerte auf seinem Gebirge Taygetus, oder Schneckenberge, vor einem Feuer, welches der Wind hin und her wehte, und kochte schwarze Suppe. Denn es hatte zum Mittagsessen auf dem Schlosse Spinat gegeben, das einzige Gericht, welches er, sonst nicht auf Leckerei gestellt, zu genießen unvermögend war, weil er behauptete, es schmecke nach Rauchtabak. Während seiner Beschäftigung polterte und brummte er folgende Reden heraus: »Schlimm! Schlimm, beim Kuckuck, wenn man mit Ignoranten zu tun hat! Das Fräulein ist eine Mondscheinprinzessin, und der alte Baron, dem übrigens Gott seine Güte an mir vergelten mag, ein Confusionarius! Ich kriege es nicht heraus! Bis nach Böhmen kann ich die Spuren meiner Vorfahren verfolgen, als sie sich vor den Türken flüchteten, aber weiter geht‘s nicht, von da bis hieher Nacht, Finsternis, unwegsame Wüste! Mein Ältervater war aus Buxtehude, also haben die Spartaner einen Haken bis zur Nordsee geschlagen. Wie reim‘ ich nun diesen Haken mit der Niederlassung der übrigen Ageselschen oder vielmehr Agesilaus‘schen Familie in hiesigen Landen zusammen? Und doch, da die Sache ihre Richtigkeit hat, so muß sie sich auch beweisen lassen. O, ein Gelahrter, ein Forscher, der mir hülfe, die Vermutungen zusammenstellte, und selbst Vermutungen hätte, wo mir alle Vermutungen ausgehn; o, ein solcher Mann fehlt mir allzusehr!« — Er rührte heftig in der schwarzen Suppe und seine Reden gingen in einzelne abgebrochne Ausrufungen über, die von dem Verdrusse seiner Seele zeugten.
Nach einigen Minuten erseufzte das Fräulein am trocknen Wasserbecken so laut, daß selbst ihr Vater am Flötenbläser ohne Flöte und der Schulmeister auf dem Taygetus es vernahmen. Aus Sympathie stimmten sie ihrerseits ein, so stark sie nur vermochten, und es stieg daher ein dreifacher, gewaltiger Seufzer der Sehnsucht im Garten des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr empor. Kaum war er verklungen, so ertönte aus einer Ecke des Gartens, zunächst der einfassenden Hecke, ein lautes Geräusch, wie wenn jemand von einer nicht unbedeutenden Höhe herabfalle, ein Hufschlag, wie von einem davoneilenden Pferde, und das Gespräch zweier Menschen, von denen der eine fragte: »Wie ist es, mein gnädiger Herr? Haben Sie sich wehe getan?« der andre aber antwortete: »Durchaus nicht, durchaus nicht, du weißt ja, daß mir kein Sturz etwas tut, auch liegt hier, wie du siehst, ein weicher Haufen Unkraut und Gras zusammengetrieben, auf den bin ich gesunken, als ich aus den Lüften herniederschwebte.« — »Soll ich dem Pferde nachrennen?« fragte die eine Stimme. »Nein«, versetzte die andre, »wir sind am Ziel, welches das Schicksal uns wies. Laß die Kreatur auch ihrem Ziele nachlaufen, welches ohne Zweifel in dem Stalle des Verleihers sein wird, aus dem ich den Klepper im Städtchen entnahm.«
Der alte Baron, das Fräulein und der Schulmeister näherten sich jetzt dem Orte, wo der Fall und dieses Gespräch erschollen war, und sahen zwei Männer, welche sie in nicht geringes Erstaunen versetzten. Der eine war eine stämmige Figur, deren Eigentümer seine vierzig und mehreren Jahre zählen mochte, mit einem durchaus blassen, aber kräftig muskulösen Gesichte, aus dem zwei große lebhafte Augen hervorstrahlten. An seiner Kleidung zeichnete sich sonst nichts aus, dagegen konnte ein übermäßig großer Strohhut mit fußbreiten Krempen auffallend erscheinen, welcher einige Schritte von dem Fremden im Sande lag. Dieser Strohhut war eigentlich kein Strohhut; seine Form schwankte zwischen Mütze und Kaskett. In Zukunft soll er, wo er noch vorkommt, der Strohhelm heißen.
Der andere war noch untersetzter und gedrungener, als der erste, schien mit ihm in gleichen Jahren zu sein, hatte aber die gewöhnliche Gesichtsfarbe eines gesunden Menschen. Seine Augen waren womöglich noch greller, als die des Herrn, denn in diesem Verhältnisse mußte wohl der erste zu dem zweiten stehen, da letzterer in einer eiergelben Livree stak, einen lackierten Bedientenhut auf dem Kopfe trug und sich um den ersten mit einer Kleiderbürste bemühte, allerhand Erd- und Grasspuren von dem lichtgrauen Überrocke desselben zu tilgen.
Indem die Gesellschaft vom Schlosse sich den Fremden näherte, blickten diese auf, der erste sagte dem zweiten etwas in das Ohr, worauf der Diener den Strohhelm von der Erde erhob und seinem Herrn darreichte. Letzterer trat den dreien entgegen und sagte mit wunderbaren Muskelbewegungen im Antlitz zum alten Baron einige höfliche Worte der Entschuldigung, daß er so unangemeldet in seinen Garten gefallen sei. Der Baron versetzte, das habe gar nichts zu bedeuten, und der Schulmeister machte dazu eine tiefe Verbeugung. Beide musterten erstaunt die Zubehörungen des Fremdlings, wie man die Papierhefte, Rollen und Streifen wohl nennen durfte, welche aus den Seiten- Rücken- und Brusttaschen seines Rocks, ja sogar aus den Öffnungen eines ledernen Ranzens hervorsahen, den er an einem Querriemen über die Schultern geworfen trug.
Die Aufmerksamkeit des Fräuleins war dagegen in diesen ersten Augenblicken weit mehr von dem Bedienten gefesselt worden. In der Tat zeigte der Aufzug dieses Menschen auch so manches von einer gewöhnlichen Livree Abweichende. Denn um von dem Strauße wilder Feldblumen zu schweigen, der an seinem Hute duftete, so mußte gewiß jedem sonderbar vorkommen, daß er einen großen bunten Tuch wie einen Schurz sich um die Hüften geknüpft hatte.
Der Herr war indessen in die Mitte zwischen den Baron und den Schulmeister getreten, durch diese Bewegung war auch das Fräulein veranlaßt worden, ihn achtsamer zu betrachten, und sich zu nähern; so bildeten die drei eine Gruppe von Hörern um den Fremden, welche wie von selbst entstanden war. »Lassen Sie uns, geschätzte drei Unbekannte, nicht zu lange in einem leeren Erstaunen einander gegenüberstehen«, hob er mit einer gewissen Feierlichkeit an, welche jedoch die Wiederholung jener Muskelbewegungen im Antlitz, auf die wir schon hingedeutet haben, nicht verhinderte. »Ich fühle etwas in mir, welches mir sagen will, daß unser Zusammentreffen in diesem verwilderten französischen Garten Folge einer siderischen Konjunktion ist, welcher die Signatur unserer vier Mikrokosmen entspricht. Ist dem also, so würde alles gehaltlose Verwundern, und der eitle Apparat nichtssagender Komplimente, welcher die Vorhalle unbedeutender Bekanntschaften auszieren muß, nur eine Verschwendung köstlicher Minuten sein. »Hasche nach Minuten, denn auf ihren Fittichen ruht die Ewigkeit!« sagt uns ein weiser Dichter. Die tiefste Ahnung meiner Seele ruft mit vernehmlicher Stimme: Es war vorbestimmt; die Zeit war dazu reif, daß mein Pferd an jener Hecke bocken, sich bäumen und mich zuerst auf jenen Unkrauthaufen schleudern, demzufolge aber in Ihren freundlichen und empfänglichen Kreis befördern mußte.«
»Sind Sie vom Pferde gestürzt?« fragte der alte Baron. »Jawohl«, versetzte der Fremde; »doch eigentlicher zu reden, ich flog mehr und beschrieb in der Luft eine Kurve, deren Berechnung wohl die Elemente der Ellipse ergeben möchte. Ich bin auf einer gelehrten Fußwanderung begriffen, deren Zweck es ist, das Mineral zu entdecken, wodurch man Luft — — — doch still vor der Hand noch von diesen Dingen! Weil ich mich aber ermüdet fühlte, nahm ich in der Stadt, vier Meilen von hier, ein Mietpferd zu dem Abstecher in diese Gegend. Hieher wiesen mich geheime Andeutungen in manchen Schriften, welche die Menge nicht beachtet, die aber Körner gediegenen Goldes enthalten. Auch eigne Kombinationen machten es mir wahrscheinlich, daß hier ein Stock des Min — — doch, wie gesagt, still davon! Ich hing auf meinem Pferde verschiednen Untersuchungen nach, wie es denn meine ziemlich ausgebreiteten Studien mit sich bringen, daß das Verschiedenartigste mir gleichzeitig durch den Kopf zu laufen pflegt. Ich fand, daß die Infusionstiere, deren Ökonomie mich unter andrem kürzlich beschäftigt hat, eigentlich unentwickelte Karpfen sind, und Gedächtnis besitzen...«
»Können Sie mir mehr von den Infusionstieren sagen?« unterbrach der alte Baron mit einem schwärmerischen Eifer den Redner.
»Soviel Sie begehren; mit diesen Geschöpfen habe ich in dem vertrautesten Umgange gestanden«, erwiderte jener.
»Dazwischen sann ich meinen Hypothesen über die Vertreibung und Verpflanzung der alten Nationen durch die Völkerwanderung nach, bewies mir, daß viel griechisches Blut unter uns rollt, worauf auch schon in der Sprache so manches hinweiset, wie z. B. Kater, abstammend von καδαιρω; reinigen, säubern, weil jenes Tier die Häuser von Mäusen reiniget; Katze, von der Präposition κατα, herab, gegen, darauf hin, drüber hin, durch hin, entlang; denn sind nicht die Katzen in ihrer geschmeidigen und stürmischen Beweglichkeit gewissermaßen die lebendig gewordene Präposition Katá? Springen sie nicht unaufhörlich von Dächern und Bäumen herab? Nicht gegen Mauern? Nicht, wenn ein Vogel im Laube spielt, drauf hin? Nicht, scheint der Mond auf den Söller, drüber hin? Nicht durch dick und dünn hin? Nicht Kornfelder entlang? Also, griechische Rudera, wohin wir in Deutschland treten...«
»Spartanische doch insbesondere auch?« fragte der Schulmeister mit funkelnden Augen.
»Die werden sich natürlich ebenfalls sehr leicht entdecken lassen«, erwiderte der Fremde.
Der Schulmeister drückte dem alten Baron hinter dem Rücken des Fremden feurig die Hand, und der Schloßherr, der an die Infusionstiere dachte, und alle Standesunterschiede vergessen hatte, erwiderte dieses Zeichen der Begeisterung mit Wärme. Der Fremde fuhr fort: »Diesen und vielen andern Gedanken hing ich auf dem Rücken meines Tieres mit Bequemlichkeit nach, denn es gehörte zu denen, welche aufgehört haben, Freunde von Leibesbewegung zu sein, und konnte nur durch die Gerte meines nachwandelnden Dieners, womit derselbe die Schenkel des Lässigen bestrich, im notdürftigsten Gange erhalten werden. Ich erzähle diese Umstände so ausführlich, weil sie dem nachfolgenden Vorfalle erst seine volle Bedeutung geben. Nämlich, als ich in den Weg einbiege, der sich dort entlängst Ihrer Gartenhecke hinzieht, und mein Mietroß im gesetztesten Schritte einherschleicht, ich aber an nichts weniger denke, als mit dem Schlosse und seinen Bewohnern anzuknüpfen, scheut das Pferd, als sähe es, gleich Bileams Eselin eine Erscheinung, wirft den Kopf in die Höhe, hebt sich auf die Vorderfüße, bockt mit einer unglaublichen Schnellkraft, schlägt sofort auch hinten aus, springt mit einem Seitensatze in das Dornengebüsche; ich aber, bügellos geworden, schwebe in der von mir schon beschriebenen Kurve, gemäß dem Parallelogramm der zusammenwirkenden Kräfte des Bockens, des Ausschlagens und des Seitensatzes über die Gartenhecke auf den Krauthaufen. Während des Schwebens aber und bei dem Niederprallen entsteht in mir blitzartig eine intellektuelle Anschauung, die mit sinnlicher Stärke vom Kreuze aufwärts durch das Rückenmark in die Gehirnnerven steigt, und in Worte übersetzt, lautet: »Dies ist ein großer historischer Moment, ein Ausgangspunkt wichtiger Entwickelungen.« Damit Sie aber erfahren, wer so unvermutet in die Mitte aller Ihrer Beziehungen geschleudert wurde, so vernehmen Sie meinen Namen, Stand und Charakter. Ich bin der Freiherr von Münchhausen, Mitglied fast aller gelehrten Gesellschaften, in die Akademie der Arkadier zu Rom mit der Bezeichnung: »Der nie Verwelkende«, aufgenommen.«
Achtes Kapitel
Handelt von dem Bedienten Karl Buttervogel, und von der freundlichen und ehrenvollen Aufnahme, welche der Freiherr von Münchhausen im Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr fand
»Und ich«, sagte der Diener, dreist zu den Herrschaften herantretend, »bin der Bediente Karl Buttervogel, bürste meinem Herrn die Kleider aus, und putze seine Stiefeln. Die gnädige Dame da sehen verwundert meinen Blumenstrauß am Hute, und dieses Tuch an, welches beinahe wie ein Lauferschurz läßt; ja, ich wäre so ein Laufer, den jede Schnecke einholen würde; ich habe zu schwer hier an meinem Tornister zu schleppen, worin die Instrumente des gnädigen Herrn stecken. Nein, ich pflückte mir die Blumen aus Langerweile, während mein Herr die Luft untersuchte, und was den Schurz betrifft, so habe ich mir den umgeknüpft, meine Unterkleider vor den verdammten Dornen in acht zu nehmen, durch die der gnädige Herr sich absolut hindurcharbeiten wollte. Ich glaube nicht, daß die Schindmähre vor einem historischen Moment gescheut ist, wie Sie sagen, sondern die Dornen rissen sie, und davon wurde das Vieh fuchstoll.«
Der alte Baron und der Schulmeister hörten mit Verwunderung diesen überkecken Reden eines Dieners zu. Münchhausen suchte mit einem gewichtigen Blicke den Vorlauten in seine Schranken zurückzuweisen, da aber jener den Blick ertrug, ohne sich niederschlagen zu lassen, so senkte der Herr die Augen, und die Züge seines Gesichtes begannen, ein geheimes geistiges Leiden auszusprechen. In dem Fräulein aber war die heftigste Gemütsbewegung entstanden. Ihre Wangen hatten sich bei den Reden Karl Buttervogels in Purpurglut gefärbt, ihre fliegenden Blicke schweiften von dem Herrn zum Diener, und von diesem zu jenem, während die Lippen leise Fragen an das Schicksal vor sich hin flüsterten, welche wie: »Lauferschurz? Blumenhut?« lauteten.
Der alte Baron lud den Freiherrn von Münchhausen auf das freundlichste ein, bei ihm so lange vorlieb zu nehmen, als es ihm gefiele, was Münchhausen dankbar annahm. Alle begaben sich hierauf aus dem Garten in das Haus, nachdem der Schloßherr seinem Gaste, der das zerstörte Gebäude einigermaßen stutzig anblickte, zuvor eröffnet hatte, die Wirtschaft sei in diesem Augenblicke durch allerhand Zufälligkeiten etwas in Unordnung geraten, auch solle gebaut werden. Auf der Treppe, die vom Hausflure zu dem Wohnzimmer führte, hätte der Freiherr beinahe wieder ein Unglück gehabt. Denn eine von den morschgewordnen Stufen knackte, als er sie betrat, und brach. Hierauf verlor er das Gleichgewicht, wollte sich an dem Geländer halten, faßte aber nur in die dünne Luft, weil das Geländer vorlängst zu Brennholz verwendet worden war. Er wäre gefallen, wenn ihn nicht der alte Baron am Rockzipfel gehalten hätte. So aber kam er doch wieder glücklich auf seinen Füßen zu stehen, und wurde vorläufig in das Wohnzimmer geführt, bis seine Appartements instandgesetzt waren. Diese Einrichtung besorgte der Schulmeister, da mit dem Fräulein nichts anzufangen war. Sie saß verklärten Blicks in einer Ecke des Zimmers, sah vor sich hin, und ihre Gedanken schienen abwesend zu sein. Als der Vater zu ihr sagte: »Renzel, (so nannte er sie, wenn er besonders guter Laune war) wo kriegen wir den Nachttisch her für den Fremden?« versetzte sie: »O Vater, es wird Tag!« und als er sie bat, die Bettung des Gastes zu besorgen, blickte sie ihm starr in das Antlitz und verstand ihn nicht. Der Schulmeister, welcher unter sotanen Umständen sich zum Haushofmeister anerbot, bewies dagegen eine nicht geringe Anstelligkeit. Er war während seines Dienstes zu Hackelpfiffelsberg sich Knecht und Magd gewesen, und hatte dadurch die genauste Kenntnis aller kleinen häuslichen Geschäfte erworben. — Flink räumte er von der Vorratskammer, die der Schloßherr zum Gastzimmer bestimmt hatte, weil sie das einzige Gelaß war, welches noch Fenstern hatte, die getrockneten Äpfel, die Bohnen und Erbsen hinweg, welche für den Winterbedarf dort aufgeschüttet lagen, sorgte für das Haupt des Fremden, indem er die lose Gipsbekleidung der Decke mit einer Stange abstieß, fegte den Estrich rein, verjagte die Spinnen aus ihren luftigen Schlössern, nahm aus den Betten der Schloßbewohner die noch einigermaßen entbehrlichen Stücke, stellte verschiedene Holzfragmente mittelst Säge, Hammer und Nägel zu einer Art von Sponde zusammen, und wußte selbst noch einen erträglichen Tisch und Stuhl für den Freiherrn aufzutreiben.
Nach vollbrachtem Werke ging er hinunter und fand den alten Baron um zehn Jahre verjüngt. Münchhausen hatte ihm die Wirtschaft der Infusionstiere mit so reizenden Farben geschildert, daß sein Zuhörer in Entzückung geraten war, er hatte ihm ganze Idyllen, Epen und Tragödien vorgetragen, die sich in jedem Wassertropfen seiner Versicherung nach ereigneten. Als der Schulmeister nun einige Augenblicke mit Münchhausen allein gelassen wurde, gab ihm dieser auf Verlangen sein Wort, daß er unfern von Buxtehude in einem Bauerndorfe die deutlichsten Spuren spartanischer Sitte und Abkunft angetroffen habe, indem die Leute dort nichts von den Wissenschaften hielten und von Schmutz starrten. Der Schulmeister ging höchst befriedigt von dannen, um seine schwarze Suppe zu verzehren, und überließ Emerentien den Freiherrn.
Nach einer Pause, die so feierlich war, als diejenige zu sein pflegt, welche die Komödianten vor der großen Szene machen, in welcher die Liebe dadurch über die Kabale siegt, daß Ferdinand seiner Louise Rattenpulver in Limonade eingibt, nach einer Pause, lang und lastend, wie die vorstehende Periode, sagte das Fräulein schüchtern zum Freiherrn: »Herr von Münchhausen, Sie treten wie ein mythisches Produkt unsrer Zustände mit innerer Notwendigkeit in die Burg meiner Väter. Schon haben Sie sich selbst in Ihrer Gartenrede als einen durch beziehungsvolle Beziehungen mit unsern Wünschen und Aussichten Verknüpften empfunden. Verargen Sie es daher der schüchternen Jungfrau nicht, wenn sie, die Gesetze der Zurückhaltung, welche sonst meinem Geschlechte eignen, brechend, Sie herzlich und dringend fragt: Gibt es noch Laufer?«
»Ja, meine Gnädige«, erwiderte der Freiherr mit ernster Rührung; »es gibt allerdings noch Laufer.«
»Pflegen sich wohl Fürsten dergleichen Laufer zu halten?« fragte das Fräulein, indem sie eine Träne im rechten Auge zerdrückte.
»Nur ein Fürst ist dessen fähig!« rief Münchhausen, und führte das Taschentuch an sein linkes weinendes Auge.
»Und nun die letzte Frage an Ihr schönes Herz, edler Mann, eine Frage, in der Sie meine Seele empfangen: Trägt ein Laufer, wo er erscheint, Blumenhut und Schurz?«
»Blumenhut und Schurz bleiben die Zeichen eines Laufers bis an das Ende der Tage«, sprach der Freiherr erhaben, und streckte, wie schwörend, den Daumen und die beiden ersten Finger der rechten Hand empor.
»Ich danke Ihnen für diese Stunde«, sagte das Fräulein. »Mein Leben beginnt wieder seine Schwingen zu regen. Das Schicksal gibt mir ein Zeichen; auf die Lippen der Unschuld, auf die Lippen Ihres Karl legte es sein bedeutendes Wort, wundersamen Tönen meines Tiefinnersten entsprechend, Schätzen des Busens, die sich eben leuchtend dem Dunkel entrungen hatten. Sie aber, hoher Meister, legten zart und weise die süße Fabel als schlichte, treue Wahrheit aus. O ich wußte wohl, daß ich hier verstanden werden würde!«
»Durchaus verstanden!« rief Münchhausen.
In diesem Augenblicke trat der alte Baron, der inzwischen die Einrichtung der Gaststube besichtigt hatte, wieder in das Zimmer, und lud Münchhausen ein, ihm dahin zu folgen, damit er es sich vor der Hand etwas bequem machen könne.
Emerentia sagte, als sie allein war: »Er ist erschienen, der mich ohne Wort versteht; der Himmel hält uns die Verheißungen, die er uns in der Sehnsucht gibt! Bald, bald wird nun auch Rucciopuccio kommen, der Fürst von Hechelkram, seine Freundin im reinsten Sinne des Worts abzuholen.«
Neuntes Kapitel
Verständnisse und Mißverständnisse, Sehnsucht, Orden, Gesinnungen und Ehrenstellen; Görres und Strauß; die Pücelle d‘Orléans, Zeichen, Wunder und neue Geheimnisse
In den nächsten Tagen nach der Ankunft des Fremden ging das schwärmende Entzücken der Schloßbewohner über den wunderbaren Mann in den ruhigeren, aber um so festeren Glauben über, daß in ihm der vom Verhängnis bestimmte Heiland ihrer Wünsche erschienen sei. Denn der alte Baron merkte schon am ersten Abende, an welchem er Münchhausens Unterhaltung genoß, daß mit den Kenntnissen, Erfahrungen, Schicksalen, Blicken, Ideen und Hypothesen seines Gastes niemand zwischen Himmel und Erde sich zu messen vermöge. Er war, seinen Erzählungen zufolge, fast in allen bekannten und unbekannten Gegenden der Erde gewesen, hatte sämtliche Künste und Wissenschaften getrieben, zu Weinsberg Blicke in das Geisterreich getan, war durch alle Lagen des Lebens abwechselnd als Küchenjunge, Krieger, Staatsmann, Naturforscher und Maschinenbauer gegangen. Selbst in außermenschliche Regionen war sein Lebenslos geworfen worden; er ließ nach den ersten Stunden der Bekanntschaft merken, daß er einen Teil seiner Tage unter dem Vieh zugebracht habe.
Der alte Baron hatte hauptsächlich die Abendstunden, in welchen die Gesellschaft sich im Wohnzimmer zu versammeln pflegte, und bei dem Scheine einer Kerze auf den hölzernen Schemeln um den kiefernen Tisch saß, sich zu Mitteilungen erbeten. Für die Gartenpromenaden war von ihm ein noch strengeres Silentium festgesetzt worden, als früherhin, »denn«, sagte er, »man muß den Tag zum Nachdenken frei behalten, darüber, was Münchhausen am Abend erzählt; des Stoffes wird sonst zuviel, und wir werden alle drehend, wie die Schafe, von der Weisheit dieses Mannes.« — Aus dem Journalzirkel trat er nun wieder aus; in seinem Gaste besaß er jetzt mehr, als ihm eine Zeitschrift bieten konnte, der Geist aller Journale erschien in Münchhausen verkörpert. Immer ging der wunderbare Mann bei seinen Erzählungen von etwas Bekanntem und Verbürgtem aus, erhob sich aber von dieser Grundfläche zu den kühnsten und abenteuerlichsten Schwüngen, so daß man wohl sagen konnte, er stelle recht eigentlich in seiner Person den gewaltigen Fortschritt unserer Zeit dar.
Freilich blieb die Empfindung des Schloßherrn nicht ganz ohne eine hin und wieder hervortretende entgegengesetzte Beimischung. Münchhausen redete auch viel von Literatur und Poesie, und konnte bei solchen Gesprächen leicht satirisch werden. Der alte Baron hatte aber an diesen Gegenständen kein Interesse, und haßte die Satire; weshalb er denn auch derartigen Konversationen sich nur mit einem gewissen Unbehagen hingab. Wirklich verletzt aber fühlte er sich, wenn Münchhausen, wie er nicht selten tat, seine Meinung äußerte, alle Menschen seien gleich geboren, und nur der Wahn, der aber für immer ab und tot sei, habe den einen durch seine Geburt zu Vorzügen bestimmt ausgeben können, die nicht auch das Eigentum aller seiner Mitbrüder gewesen seien.
Mit dem Fräulein gestaltete sich das Verhältnis des Gastes bald gründlich und tief in das zarte Verstehen ohne Worte aus, welches unsere sinnigen und hochstehenden Frauen so sehr lieben. Wenn sie ihm zuflüsterte, ein unaussprechliches Etwas durchwoge sie, so versicherte er, daß er sie vollkommen begreife; und konnte sie für den Drang ihrer Empfindungen nur Vordersätze ohne Nachsätze finden, so ließ er sie ahnen, daß letztere in seiner verschwiegenen Seele ausgesprochen ruhten. Daneben erquickten sie die glänzenden Schilderungen, welche er von fremden Gegenden gab, im Grunde ihres Herzens, und bis zur Schwärmerei stieg ihre Regung, wenn er die vierundzwanzigsilbigen Namen, welche in Mexiko, Peru oder Indien gebräuchlich sind, aussprach.
Zwar fühlte auch sie sich jezuweilen durch ihn verwundet. In dem Glauben nämlich, ihr dadurch nur noch um so mehr zu gefallen, sprach er einige Male seine Meinung aus, daß nur das Weib ihren Empfindungen treu bleibe, bei dem Manne aber der Spruch gelte: »Aus den Augen, aus dem Sinne!« weshalb denn auf kein von diesen unbeständigen Wesen gegebnes Versprechen jemals zu rechnen sei. Er konnte freilich nicht wissen, wie ungestüm solche Aussprüche ihren Erwartungen entgegentraten. Sie pflegte darauf zu versetzen: »Herr von Münchhausen, Karls und Ihre Erscheinung widerlegt mir im Sinne höherer Ahnung zum voraus diesen Satz.« Wenn sie nun das sagte, verstand er sie wirklich nicht, und war auch nicht so dreist, es ihr zu versichern.
Indessen gingen diese einzelnen Mißstimmungen immer bald in dem Gefühle der Hingebung und Begeisterung unter, welches Vater und Tochter ihm widmeten; ja sie dienten durch den Kontrast dazu, diesem Gefühle nur noch größere Leidenschaftlichkeit zu geben. Dagegen war der Schulmeister dem Freiherrn gegenüber in einer eignen Stimmung, die sich nur mit den Scherzbildern vergleichen ließ, welche von der einen Seite angesehen, ein lächelndes Gesicht, von der andern betrachtet, eine verdrießliche Fratze zeigen. Die Persönlichkeit Münchhausens nebst seinen Reden hatte nicht verfehlen können, auch auf den Schulmeister einen tiefen Eindruck zu machen; wir wissen, welche Aussichten für die Bestätigung seiner teuersten Überzeugungen auch er an diesen Mann des Schicksals knüpfte. Nun aber konnte er sich schon nicht mit der Darstellungsweise Münchhausens überall einverstanden erklären. Er war von seinem Elementarunterrichte her an Einfachheit gewohnt; er hatte den Knaben und Mädchen die Erschaffung der Welt, den Sündenfall, die Opferung Isaaks, und die Geschichte des keuschen Joseph, ohne Episoden einzumischen, immer schlicht heraberzählt. Der Freiherr aber, überwältigt von seinen Erinnerungen, überfüllt mit Bezügen, Rückblicken und Seitenblicken, schachtelte dermaßen Nebengeschichten in seine Hauptgeschichten ein, und verstieg sich oft in ein solches Labyrinth dabei, daß dem armen Schulmeister, welcher notgedrungen den Theseus in jenen Irrgängen spielen mußte, der Faden der Ariadne häufig aus den Händen schlüpfte. Außerdem hatte er zu bemerken, daß Münchhausen, der ihn für einen untergeordneten Mitesser ansah, wie er es denn in der Tat auch war, ihm keinesweges mit der gefälligen Aufmerksamkeit begegnete, wie dem alten Baron und dem Fräulein, ja sich sogar vergebens von ihm anmahnen ließ, die Wanderung der vertriebenen Spartaner nach dem Fürstentume Hechelkram urkundlich für ihn auseinanderzusetzen.
Er war daher abwechselnd böse auf den Freiherrn, und hingerissen von ihm. So wahr ist es, daß jeder Prophet schon in seiner ersten Gemeine den Thomas findet, welcher ihm heute folgt, und ihn morgen verleugnet.
An einem der Erzählabende sagte der alte Baron zu seinem Gaste: »Weiß Gott, daß ich nicht gern an Wunder glaube, und im Grunde auch der Meinung bin, die Natur sei ein Haus, worin man noch immer jeden Tag neue Zimmer und Kammern entdeckt, aber wenn ich bedenke, wie Ihr, liebster Münchhausen, uns dahergeschleudert wurdet, just, als wir, wie ich nun von Emerentien und dem Schulmeister herausgebracht habe, gleichzeitig nach einem Manne, wie Ihr seid, das allerlebhafteste Verlangen empfanden, und auf einen Schuß den dicken Sehnsuchtsseufzer hervorstießen — so weiß ich wahrhaftig nicht, ob dergleichen mit rechten Dingen zugehen kann.«
»Und was wäre denn daran so wunderbar, wenn Sie, meine Freunde, mich herangeseufzt hätten?« rief Münchhausen. »Darüber sind wir denn doch nun wohl aufgeklärt, daß dem menschlichen Geiste, wenn er sich recht in einem Punkte konzentriert, ein gesteigertes Vermögen beiwohnt, wie denn z. B. Görres in einem überaus glaubwürdigen Buche, in seiner christlichen Mystik, erzählt, die heilige Katharina habe einmal wegen leichter Indisposition nicht kommunizieren können, und deshalb während der Altarhandlung in einer entfernten Ecke der Kirche gekniet; das habe aber gar nichts zu sagen gehabt, denn die Hostie sei über das ganze Schiff der Kirche hinweg ihr in den Mund geflogen.
Nun sage ich immer: Was dem einen recht ist, muß dem andern billig sein. Können die Frommen sich das Venerabile von hundert und mehreren Schritten herbeibeten, so haben die Weltlichen, wenn sie nur ihr Verlangen auch energisch auf einen Punkt richten, gewiß ebenfalls die Macht, diesen Punkt, bestehe er nun in Geld, Frauen, Ehre, herbeizuziehn; und jede Partei kriegt auf solche Weise, was sie wünscht, die Frommen empfangen das eine, was not tut, die Weltlichen das andre, was hilft. Ich bin also überzeugt, daß Ihre drei Sehnsuchten meinem Mietpferde magische Schlingen um die Füße legten, die es in den Dornenweg entlängst der Gartenhecke zogen, und daß es dann vor der mystischen Gewalt Ihrer Seufzer scheute, solchergestalt aber durch die nachfolgenden Zwischenursachen hindurch mich zu Ihnen beförderte.«
»Ja, Münchhausen«, rief der alte Baron, »Ihr seid gleichsam aus der Luft wie ein Donnerkeil unter uns geschlagen!«
Münchhausen fuhr fort: »Wie käme es denn, wenn eine solche Macht des menschlichen Willens nicht bestände, daß so manches gute, schöne Mädchen sich mit dem häßlichsten, einfältigsten Tropfe vermählt? Der Tropf hat es sich einmal in den Kopf gesetzt, eine schöne Frau zu bekommen; er richtet sein ganzes Verlangen auf eine solche, und sie gibt ihm richtig ihre Hand, ohne selbst zu wissen, wie es zugegangen ist. Wieder ein anderer hat mehr Liebhaberei an Ehrenstellen und hohen Posten; er weiß nichts, gar nichts, er kann eigentlich keinem Schreiberdienste vorstehen, aber er ist ein Mann von »Gesinnung« d. h. nach der Auslegung, die wir Eingeweihten unter uns dem Worte geben; er besitzt die stärkste Intensivität des Sinns, sich und seinen Herrn Vettern alles mögliche Gute und noch etwas mehr zu verschaffen, überzeugt, daß, wenn es nur ihm und den Herrn Vettern wohl gehe, es auch mit dem Glücke des Landes wohl bestellt sei.
Louis quatorze sagte: »l‘Etat, c‘est moi«. Wir haben nun gegenwärtig keinen Louis quatorze, aber eine Clique haben wir, eine schöne, vollständig organisierte Clique, mit Ober- und Untercliquiers von dauerhafter Gesinnung und die Clique sagt: »l‘Etat, c‘est la clique«.
Mais, pour revenir à mes moutons: Ein Gesinnungsmann ohne Kenntnisse und Verstand wünscht sich in der Stille so lange mit solcher Inbrunst zum Statthalter oder Minister, bis er eines Tages, also brevetiert, aufsteht. Die Welt schreit von kleinen Intrigen, die gespielt worden seien; ach, Possen! sie sollte dafür sich einen Blick in große Naturgeheimnisse anzueignen suchen. Die mystische Kraft der Sehnsucht hat gewirkt, daß dem Gesinnungsmanne die Statthalterei in den Mund flog, wie...«
»Eine gebratene Taube!« fiel der alte Baron ein.
»Die Hostie der heiligen Katharina, nach Görres«; sagte Münchhausen. »Ich habe mir im Herzogtume Dünkelblasenheim einmal den Landesorden ersehnt; d. h. ich habe nicht sehnsuchtsvoll, wiewohl vergebens, danach geseufzt, sondern ihn realiter an meinen Rock herbeigesehnt. Der Herzog ist ein guter alter Mann, seine Bildung datiert noch von Gellerts Fabeln, darüber ist er nicht hinausgekommen, und in heiterer Rückerinnerung an dieses kindliche Lehrmittel hat er den Orden vom grünen Esel gestiftet, mit Komturen, Großkreuzen und Kleinkreuzen. Der Esel frißt in einer Umkränzung von Sternen Disteln, und die Ordensdevise lautet: »l‘appetit vient en mangeant«. Nun, nach diesem grünen Eselorden verlangte ich heftig, denn man war in Dünkelblasenheim kaum noch beim Wege angesehen, wenn man nicht zu den Eseln gehörte; so wurden die Ritter nach einer abkürzenden Redefigur benannt. Eines Morgens kommt mein damaliger Stiefelputzer Kalinsky vor mein Bette, hält mir den Frack, der in der Stube gehangen hatte, ausgespreitet unter die Augen und ruft: »Herr von Münchhausen, Sie sind über Nacht auch ein Esel geworden.« Ich sehe hin und erstaune denn doch ein wenig, denn richtig sitzt im dritten Knopfloch das changeante Band, und daran hängt das Kreuz mit dem Distelfreunde und der Devise. Ich springe aus dem Bette, erkundige mich im Hause, ob jemand sich habe einschleichen und den Spaß verüben können? Aber die Türe war die ganze Nacht über fest verschlossen gewesen, Kalinsky war der erste, der von außen kam.
Der Orden ist da, wo aber stecken deine Verdienste? frage ich mich selbst. Hast du irgend Verdienste um Dünkelblasenheim? Ich prüfte auf das ernsteste mein Gewissen; ich löste die letztgedachte Hauptfrage in sechs Unterfragen auf:
* * * * * *
Aber auf alle Fragen und Unterfragen mußte ich mir mit Nein! antworten. Ich hatte kein Verdienst, gar kein Verdienst, nicht das geringste Verdienst um jenen Staat. Um andere Staaten habe ich mir Verdienste erworben, aber nicht um Dünkelblasenheim. Ich lüge Ihnen nichts vor, mein Wahlspruch ist: »la vérité, toute la vérité, rien que la vérité.«
Und der Orden war doch da. Also abermals eine Erfahrung von der mystischen Kraft der reinen Sehnsucht. Das Wunderbare bei der Sache, und was ich mir noch nicht habe erklären können, war, daß nicht allein das Kreuz von meinem Wunsche herbeigezogen worden war, sondern daß es auch seinerseits auf das changeante Band eingewirkt hatte, so daß dieses sich von selbst in das Knopfloch knüpfte. Ich versuchte, den Knoten zu lösen, aber er war so fest geschlungen, daß mir dieses nur mit der größten Mühe gelang. Auch nachher blieb das Band untrennbar haften, wie Johanna Rodriguez nach Görres »Christlicher Mystik«, Band 2 pagina 569 fest am Kreuze haften blieb, auf welches sie sich locker gelegt hatte.«
»O wäre ich Johanna Rodriguez!« flötete das Fräulein.
»Dummes Zeug!« brummte der Schulmeister.
»In diesem Buche von Görres müssen ja erstaunliche Dinge stehen«, sagte der alte Baron.
»O«, rief Münchhausen, »ganz andere Dinge stehen noch darin! Dem heiligen Filippo Neri schwoll, nach Görres, das Herz vom Beten so an, daß es ihm zwei falsche Rippen zerbrach, nämlich die vierte und fünfte; der heilige Petrus von Alcantara brannte so in Liebesflammen, daß der Schnee um ihn schmolz, und daß er einmal bei Winterszeit, um sich abzulöschen, in einen gefrornen Teich springen mußte, worauf das Eis um ihn zischte und kochte, wie in einem Gefäße über großem Feuer...«
»Hört auf, hört auf!« rief der alte Baron. »Mir schwindelt.«
Feurig fuhr Münchhausen fort: »Görres sagt auch: die Heiligen röchen sehr schön, besonders wenn sie den Aussatz hätten. Was aber das Lieblichste ist: Sie geben Öl von sich. Die heilige Lutgardis drückte sich das Öl aus den Fingern, Christina mirabilis hatte es in den Brüsten, und von der Äbtissin Agnes von Monte Pulciano füllten die Klosterschwestern ganze Krüge ab. Görres hat auch diesen Ölbildungsprozeß sehr richtig an den Körper verteilt, wie er denn überhaupt nichts so roh und unzugerichtet hinschreibt, sondern alle die Sachen, welche sich an den Heiligen ereignen, aus der höheren Physiologie ableitet. In den unteren, beschatteten Regionen des Leibes bilde sich das milde oder fette Öl, sagt Görres...«
»Verstehe, verstehe, eine Art von Baumöl, Salatöl«, rief der alte Baron dazwischen und schwenkte seine Mütze; »wo aber rechte Heiligkeit herrscht, grünliches Provenceröl...«
»O gäbe ich auch Öl von mir!« schmachtete das Fräulein.
»... Oben jedoch, in den höheren Regionen, also etwa vom Zwerchfelle aufwärts, komme es mehr zur Produktion eines flüchtigen Öls, Aromas, sagt Görres. Zuweilen nun, wenn gerade in der Luft eine besondere Beschaffenheit obwaltet, schlägt sich dieses Aroma als Manna in Form eines Kreuzes nieder, was dann die Gläubigen vom Heiligen abkratzen und aufessen. So hat es sich nach Görres bei der schon erwähnten Äbtissin Agnes von Monte Pulciano zugetragen.«
»Münchhausen! Münchhausen!« rief der alte Baron, blies die Backen auf, und stieß einen Strom Luft aus denselben hervor, wie er zu tun pflegte, wenn ihm ein Gedanke zu mächtig wurde — »wir leben in einer großen Zeit. Überall, durch das ganze Reich des Wissens hin, stiftet sich Licht und Zusammenhang. Was dem Filippo Neri mit seinem Herzen begegnete, ist ja in einem höheren Gebiete nur dasselbe, was sich tagtäglich in einer niederen, animalischen Sphäre ereignet.
Wenn doch die Zeiten der Görresschen Wunder ganz wiederkehrten, so könnte man ja fast alle Haushaltungsbedürfnisse mit einem seiner Heiligen bestreiten, und ersparte hundert Auslagen, die das Leben jetzt so sehr verteuern! Ein Görresscher Heiliger heizte uns das Zimmer durch, gäbe Öl, unten fettes, oben flüchtiges, ein paarmal im Jahre auch eine Schüssel Manna...«
»Guter, schuldloser Vater!« sagte Emerentia und blickte ihren Vater mitleidig an. — »Ob es je dahin wieder kommen wird, weiß ich nicht«, sagte Münchhausen, »aber mit dem Görresschen Buche habe ich selbst mein dreifarbiges Wunder erlebt.«
Der Schulmeister war hinausgegangen. Ihm machten diese Erzählungen große Beschwerlichkeit, denn er war entschiedner Rationalist. Der Baron und seine Tochter forderten den Freiherrn dringend auf, das dreifarbige Wunder zu berichten, und Münchhausen hob wieder an:
»Geschätzte Freunde und Zuhörer, wissen Sie hiemit, daß ich das vielbelobte christlich-mystische Buch auf meinem Bücherbrette neben dem »Leben Jesu« von Strauß stehen hatte. Doctis pauca sufficiunt; Gelehrten ist gut predigen, ich brauche Ihnen, mein würdiger Altvater und Schloßherr, nicht des breiteren den Inhalt der letzteren Schrift auseinanderzusetzen, denn es ist Ihnen aus Ihrer Journallektüre bekannt, daß, wie der christliche Mystiker noch bis auf die neueste Zeit die Nägelmale sich hat reproduzieren lassen, der andere dagegen dem Heilande nicht einmal sein Dasein in den Evangelien gönnt, sondern behauptet, die apostolische Kirche sei eine Art von Aktiengesellschaft gewesen, die sich den Erlöser auf gemeinschaftliche Kosten angeschafft habe, weil sie ihn bedurft. — Es war unvorsichtig von mir, daß ich zwei so widerhaarige Bücher zusammengestellt hatte; ich mußte voraussehen, daß sie sich nicht vertragen würden. Und so kam es auch. Eines Nachts wache ich von einem sonderbaren Geräusch auf, welches aus meiner Bibliothek tönt. Ich nehme die Kerze, leuchte hin, und habe einen seltsamen Anblick. Strauß und Görres sind in wütendem Kampfe begriffen, nämlich so, daß die beiden einander zugekehrten Buchdeckel aufeinander zuschlagen, wie die Flügel erboster Truthähne. Der Kirchenrat Paulus, Steudel, Marheineke, selbst Tholuck, die rechts und links von diesen beiden Werken gestanden hatten, waren scheu zur Seite gewichen, so daß die Gegner vollen Raum zur Entfaltung ihrer Polemik in den Buchdeckeln gefunden hatten. Dabei gaben sie sonderbare Töne zu vernehmen. Im »Leben Jesu« ließ sich ein feines, nagendes Knispern, wie von fressenden Mäusen hören, dagegen grunzte und grölzte die dicke »Mystik« in einer Art von Strohbaß. Ich nahm meinen armen Görres, der auch schon ganz warm geworden war, wenngleich nicht glühend, wie der heilige Petrus von Alcantara, vom Brette, streichelte ihn, redete ihm mit guten Worten zu, und brachte es denn endlich auch dahin, daß sich das Buch von seiner entsetzlichen inneren Aufregung beruhigte; während das »Leben Jesu« noch immer mit dem einen Deckel in die leere Luft hineinfocht, gegen einen Wunderglauben, der ihm gar nicht mehr gegenüberstand.
Wie ich nun aber den Einband von Görres untersuchte, um zu sehen, ob er in diesem Strauße mit Strauß nicht Schaden gelitten habe, da erschien mir das dreifarbige Wunder. Ich hatte nämlich den Görres in Purpur binden lassen, und, was sagen Sie dazu, meine Freunde? der Autor hatte vor Alteration zwischen dem Purpur blaue und weiße Streifen bekommen. In der Tat, meine Wertesten, die »Christliche Mystik« hatte das alte, wohlbekannte, revolutionäre Koblenzer Blau, Rot und Weiß von Anno 1793 angelegt. Ein Farbenkundiger sagte mir nachmals, diese Trikolore sei die eigentliche Grundfarbe des Autors und trete bei jeder Erregung, auch bei der mystischen, aus allen anderen Überpinselungen immer wieder siegreich an ihm hervor.
Nun, dem sei, wie ihm wolle. Ich stellte meinen Görres auf ein andres Brett, hatte ihm jedoch in der Nachtmüdigkeit abermals einen unschicklichen Platz gegeben, wie ich am folgenden Morgen sah. Nämlich, neben Voltaires »Pucelle« hatte ich ihn gestellt. Aber diesem verschollnen Spotte gegenüber hat sich die »Christliche Mystik« sehr mächtig und überwältigend erwiesen. Denken Sie sich, die »Pucelle« war in der Nacht von dem frommen Buche bekehrt worden, wahrscheinlich durch die sich in demselben entwickelnde fette und aromatische Ölbildung. Sie mögen es glauben, oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr. Das frivole Gedicht war in sich geschlagen, der Text verschwunden, und ich hielt, als ich einen Blick hineintat, ein in Halbfranz gebundnes Buch voll unschuldig weißer Papierblätter in Händen, statt der gotteslästerlichen Späße von Charles sept, Agnes Sorel, Dunois, Jeanne und ihrem Esel. Ja, was noch mehr sagen will, das Papier schämt sich seiner früheren Sünden, es liegt ein leiser roter Schimmer darüber, dem Satze zum Trotz: »litterae non erubescunt«. Ich will es doch gleich herbeiholen, Sie durch den Augenschein zu überzeugen.«
Münchhausen lief rasch, wie eine Bachstelze hinaus. Der alte Baron ging, mit den Händen in der Luft fechtend, seine Mütze in die Höhe werfend, und sie, wie einen Ball wieder auffangend, im Zimmer auf und nieder und rief: »Ein Teufelskerl, der Münchhausen! Man muß ihm nach, man mag wollen oder nicht! Im Anfang stemme ich mich jederzeit gegen seine Geschichten, aber ehe ich mich dessen versehe, haben sie mir die Schlinge über den Kopf geworfen und nehmen mich mit fort. Was sagst du dazu, Renzel?«
Emerentia versetzte: »Ich hoffe, die besondere Luftbeschaffenheit auch noch zu erleben, und aus meinem Aroma Manna zu erzeugen.«
»Eine Närrin bist du«, polterte der alte Schloßherr, »die immer nur an sich denkt, und nie ihren Gesichtskreis erweitern mag! Wenn ich nun ebenso wäre, und nichts von heute abend mir zur Ausbeute gewänne, als den selbstsüchtigen Wunsch, mir den grünen Esel in das Knopfloch zu sehnen? Denkst du, daß dein alter Vater nicht auch noch gern in seinen letzten Tagen einen Orden trüge, ohne irgendeins der sechs Verdienste um Dünkelblasenheim? Aber ich bin nicht so enggesinnt; mir liegt meine Ausbildung am Herzen, und noch heute abend frage ich Münchhausen über seine zweifarbigen Augen und sein Ergrünen aus, denn wir stecken einmal mitten in den sonderbaren und außerordentlichen Dingen, zudem stört uns auch der Schulmeister nicht mit seiner einfältigen höhnischen Miene.«
Zehntes Kapitel
Das kürzeste Kapitel dieses Buches nebst einer Anmerkung des Herausgebers
Die letzteren Reden zu verstehen, muß gesagt werden, bevor Münchhausen wieder das Zimmer betritt, daß unter den vielen wunderwürdigen Dingen, die den Schloßbewohnern an dem Gaste auffielen, zwei im vorzüglichsten Grade ihr Erstaunen erregten. Er hatte nämlich ein blaues und ein braunes Auge, welcher Umstand seinem Antlitze einen ungemein charakteristischen Ausdruck gab, um so charakteristischer, als, wenn seine Seele voll gemischter Empfindungen war, die verschiedenen Elemente solcher Stimmungen gesondert in den beiden Augen hervortraten. Fühlte er z. B. eine freudige Wehmut, so leuchtete die Freude aus dem braunen Auge, die Wehmut dahingegen zitterte im blauen. Denn diesem blieben die zarten, dem braunen die starken Gefühle zugewiesen.
Sein Gesicht war, wie ich es schon beschrieben habe, nämlich bleich, mit einem gelblichen Anfluge, etwa von der Farbe des pentelischen Marmors, oder eines in Wachs gesottnen Meerschaumpfeifenkopfes, der seinen Raucher noch nicht gefunden hat. Stiegen in ihm Affekte auf, welche bei uns andern ein Erröten hervorzubringen pflegen, so lief über seine Gesichtsfläche ein grüner Farbenton. Daher hatte der alte Baron auch sehr richtig den Ausdruck: Ergrünen, gebraucht, und wir werden uns desselben ebenfalls bedienen müssen, wenn Münchhausen im Verlaufe dieser Geschichten in Affekt geraten und die Farben wechseln sollte.
Anfangs hatten die Schloßbewohner diese Phänomene mit einem geheimen Schrecken betrachtet. Bald indessen tilgten die großen Eigenschaften des Mannes und seine hinreißenden Darstellungen den Schrecken, und es blieb nur eine starke Neugier nach, was es mit jenem Farbenspiele für eine Bewandtnis haben möge? Diese Neugier war begreiflicherweise in dem alten Baron am stärksten.
Aber sie sollte auch an diesem Abende noch nicht gestillt werden. Denn nachdem er mit seiner Tochter eine geraume Zeit auf die Rückkunft Münchhausens gewartet hatte, trat statt seiner der Bediente Karl Buttervogel in das Zimmer und sagte: »Mein Herr läßt sich entschuldigen; er kann das Buch nicht finden. Auch muß er« — setzte der Mensch geheimnisvoll und halbleise hinzu — »seine chemischen Mittel brauchen.«
»Mittel? Chemische Mittel?« fragte der alte Baron besorgt. »Ist sein Herr krank geworden?«
»Das nicht«, versetzte Karl Buttervogel, »aber der Lebenspurzeß kam in Abnahme und die Gassen müssen angewendet werden.«
»Er will wohl sagen: Lebensprozeß, und: Gase?« sprach der alte Baron nach einigem Besinnen. »Aber was soll denn das bedeuten?«
»Ich weiß nicht«, erwiderte der Bediente mit einer wichtigen Miene. »Es ist noch nicht aller Tage Abend und mit meinem Herrn steht es so so. Ein gescheiter Herr, ein gelahrter Herr, aber, aber, ich lobe mir Vater und Mutter!«
Der Schloßherr drang vergebens in den Menschen, sich näher zu erklären. Das neue Geheimnis hatte indessen nicht Zeit, in den Seelen der Schloßbewohner Wurzeln zu schlagen, denn Münchhausens Reden waren gerade in den Tagen, welche diesem Abende folgten, besonders gehaltreich, so daß der alte Baron selbst die Frage nach den Ursachen des Farbenspiels im Antlitze seines Gastes eine Zeitlang vergaß.
Wir werden im folgenden einige dieser Reden und Erzählungen zur Kunde der Lesewelt bringen.
Anmerkung
Hier schließen sich die Kapitel eilf bis fünfzehn an, welche der wohlwollende Buchbinder der Spannung halber vorgeheftet hat. Ich habe über die Ratschläge nachgedacht, welche mir von diesem Manne heimlicherweise erteilt worden sind, werde sie befolgen, und kann dem günstigen Leser in den folgenden Büchern die allerherrlichsten und kostbarsten Dinge versprechen. Der »Münchhausen« wird ein Buch, bei dem man nicht begreift, wie Gott der Herr, ohne es gelesen zu haben, mit der Schöpfung fertig geworden ist.
Die deutsche Literatur hebt erst von meinem »Münchhausen« an. Der günstige Leser glaube diesen Verheißungen! Ich hätte mir zu denselben wohl eigentlich einen von den jungen Leuten in Hamburg, Berlin oder Leipzig mieten müssen, aber ich dachte zuletzt, eigne oder fremde Fabrik gelte gegenwärtig in diesem Artikel gleich viel, und darum ersparte ich mir den Heuerlohn und die Komplimente.
Sechszehntes Kapitel
Warum der Freiherr von Münchhausen grün anlief, wenn er sich schämte oder in Zorn geriet
Nach so manchen interessanten Abenden fiel dem alten Baron wieder seine Frage ein, welche er vorlängst hatte tun wollen. Es war eine schöne Stunde des Vertrauens; Münchhausen hatte seit mehreren Tagen nur Dinge vorgetragen, die den Schloßherrn und seine Tochter auf das Angenehmste berühren mußten; selbst der Schulmeister schien von seiner Verstimmung wieder etwas zurückgekommen zu sein.
Der Wirt rückte daher dem Gaste, nachdem das spärliche Abendessen, bestehend aus Salat und Eiern, verzehrt worden war, freundlich näher, und sagte: »Ihr wärt recht gefällig, lieber Münchhausen, wenn Ihr uns heute eine stichhaltende Hypothese über Eure zweifarbigen Augen und Euer Ergrünen zum besten gäbet. Unmöglich können Euch diese Naturwunder entgangen sein; nun seid Ihr aber ein Mann, der über alles nachdenkt, also habt Ihr gewiß auch darüber eine Hypothese fertig.«
»Keine Hypothese habe ich darüber fertig, sondern ich weiß, wie es damit sicherlich zusammenhängt«, versetzte Münchhausen und zog die Augenbraunen in die Höhe, daß das blaue und das braune Auge noch gewaltiger hervortrat, als gewöhnlich. — »Was die Zwiefarbigkeit meiner Sehorgane betrifft, so leiten sich diese aus Geheimnissen meiner Erzeugung ab — werden Sie nicht rot, meine Gnädige, ich berühre diesen Punkt nicht weiter — die leider über ganze Regionen meines Daseins einen schwarzen Schatten werfen. Wie oft habe ich den Tagelöhner beneidet, der im sauren Schweiße seines Antlitzes, bei dem harten Stücke Schwarzbrot, welches seine Kinnladen zermalmen, doch den süßen Trost nimmer entbehrt: Du bist, wie jeder andre Mensch entstanden, und fährest dahin, wo deine Väter ruhn. Aber ich... oh! — — Doch den Schleier über diese Abgründe! Sie sind tief und schrecklich, armer Münchhausen!
Meine Freunde, ich kann Ihnen über mein blaues und braunes Auge nur folgendes sagen: Die Säfte, oder Substanzen, oder Materien, oder Spezies — — Himmel, wie soll ich es anfangen, Ihnen die Sache deutlich zu machen, ohne meinen sogenannten Vater bloßzustellen? — —
Oder die Ingredienzien, oder die Simpla — —
Meine Teuren, kennen Sie Mischungen?«
»Lieber Meister, mühen Sie sich nicht ferner ab«, sagte das Fräulein weich und herzlich; »ich verstehe Sie ganz.«
»O Gott, welches Glück, einander immer ohne Wort zu verstehen!« rief Münchhausen und küßte dem Fräulein, wie gewöhnlich, die Hand. »Ich brauche also von diesem Gegenstande nicht weiter zu reden, und wende mich gleich zu der Erklärung des Grünwerdens, um —«
»Ja, dabei verlieren wir aber!« riefen der alte Baron und der Schulmeister wie aus einem Munde; »denn wir haben Sie durchaus nicht verstanden.«
Münchhausen räusperte sich, antwortete und sprach:
»Römische I. 0,208 Glyzerin + 0,558 Wasser + 1,010 Kohlensäure bei 110° getrocknet = Blau.
Römische II. 0,035 kohlensaures Natron + 0,312 Chlorwasserstoffsäure + 0,695 Glyzerin bei 108° getrocknet = Blau, zum Nachdunkeln geneigt.
Verstanden?«
»Ja, das läßt sich eher hören!« riefen der Baron und der Schulmeister. »Dabei kann man doch etwas denken.«
»Nun also genug von dem blauen und braunen Auge«, sagte Münchhausen. »Was mein Grünwerden betrifft, wenn andere Leute erröten, so habe ich das von einem furchtbar-tragischen Schicksale in der Liebe wegbekommen. Wenn es Sie nicht ermüdet, so will ich Ihnen einen kurzen Abriß meiner Liebesschicksale liefern.«
»Münchhausen, Sie in der Liebe, es muß etwas Großes gewesen sein!« rief das Fräulein mit leuchtenden Augen.
»Ja, mein Fräulein, es war ein außerordentliches Schauspiel«, erwiderte Münchhausen. »Und besonders deshalb war es außerordentlich, weil ich die Liebe nicht so auf das Geratewohl, wie andere junge Leute, sondern nach einem gewissen Plane trieb. Ich bin, so lange ich denken kann, immer klares Bewußtsein gewesen; alle Seelenkräfte lagen gesondert in mir, wie die Spezies in den Büchsen einer Apotheke, ich habe Tage erlebt, an welchen ich zugleich mit dem Verstande Schlußfolgerungen machte, mir von der Phantasie goldene Luftschlösser vormalen ließ, und in unbestimmten Gefühlen schwelgte. So gelang es mir denn auch, den mächtigsten Affekt, der den Menschen sonst überfällt, wie ein Feuer bei Nacht, aus seinen Bestandteilen in mir aufzuerbauen, und mich auf die eigentliche Hauptleidenschaft meines Lebens förmlich vorzubereiten. Ich war in die Entwickelungsjahre getreten, und hatte mir klargemacht, daß die Liebe aus Sinnlichkeit, Geist, Empfindung und Phantasie, Selbstsucht und Hingebung bestehe. Also sechs Elemente, die ich nach und nach in mir durchzuarbeiten versuchen mußte.
Ich hielt mich damals, in diesem Teile meiner wunderlich umhergeworfenen Jugend im Palaste eines fränkischen Prälaten auf, der bei der gewaltsamen Umkehrung der dortigen Verhältnisse die Prälatur verloren, die Einkünfte derselben jedoch zum größeren Teile behalten hatte, und daher noch immer seine Tage in Wohlleben hinbringen konnte. Hauptsächlich hielt der alte Herr auf eine leckere Tafel, und diesen Genuß ihm vorbereiten zu helfen, war auch ich bestimmt. Ich entzündete das Feuer des Herdes, ich nahm die herkömmlichen Abwaschungen der dem Dienste geweihten Gefäße vor, ich setzte die Maschine in Gang, mit welcher der Spieß zusammenhing, des Bratens Halter; kurz, denn wozu Umschreibungen? ich war Küchenjunge bei dem Prälaten, aber ich war ein denkender Küchenjunge.
Der Prälat ging von dem Grundsatze aus, daß eine jede Köchin nur die sechs ersten Monate ihres Dienstes hindurch gut koche, nachher aber sich zu vernachlässigen pflege. Er schaffte daher auch alle Semester eine neue Kochmagd an, und ich erkannte bald, daß, wenn ich bei ihm nur drei Jahre lang aushielte, ich alle sechs Elementarstudien der Liebe mit den Köchinnen der sechs Semester werde durchmachen können. Denn es war in dieser Küche hergebracht, daß die Köchin den Küchenjungen lieben mußte. Die Sache hatte also keine Schwierigkeit.
Das erste Vorstudium mußte, wie sich von selbst versteht, die Sinnlichkeit sein.«
Das Fräulein wollte sich erheben. Münchhausen hielt sie zurück und sagte: »Fürchten Sie auch jetzt nichts, meine Verehrte, von der Sinnlichkeit, ich habe von diesem Zeitabschnitte nur zu berichten, was selbst in einer Mädchenpension mit angehört werden könnte. Es diente damals in der Küche die alte Wally; wie man sagte, eine natürliche Tochter von Lucinde Schlegel. Sie hieß bei dem Gesinde die Zweiflerin, weil sie in ihrer Häßlichkeit und Welkheit daran verzweifelte, noch einen Mann zu bekommen.
Wenn man sie reden hörte, so hätte man freilich glauben sollen, daß sie ein ziemlich freies Leben geführt habe, denn ihre Äußerungen klangen frech und unanständig genug. Aber der Kutscher, der auf seine Weise ein Spötter war, behauptete, er habe sie von jeher gekannt; sie sei alle ihre Lebtage über eine garstige Person gewesen und schon deshalb von Sünde frei geblieben. Ihre Zoten seien nur wie die Krankheit der Hühner, wenn sie anfangen, zu krähen, ohne gleichwohl durch solche Stimmübungen jemals die rechte Hahnenhaftigkeit zu erringen.
Wir hatten bloß ein Titularverhältnis der Küchenordnung gemäß zusammen; ich glaube, daß wir uns kaum einmal die Hand gegeben haben. Dennoch lernte ich von ihr, was Sinnlichkeit sei, nämlich der gerade Gegensatz von allem, was die alte Zweiflerin von sich sehen und hören ließ. Nachher hat sie freilich in der Welt ausgebreitet, wir wären sehr zärtlich gewesen; ich hätte, da mein Taufname zu prosaisch geklungen, ihr Cäsar geheißen, und was dergleichen Schnurren noch mehr sind, woran kein wahres Wort ist.
Die Sinnlichkeit hatte ich also nun theoretisch kennengelernt, die Wally kam fort, und Seraphine wurde Köchin. Sie schimpfte gewaltig auf ihre Vorgängerin und sagte, in ihr erscheine das wahre echte weibliche Wesen, wovon Wally nur ein Zerrbild gewesen sei. Sie trug einen graugelben Umschlagetuch und befand sich leider auch im ehernen Zeitalter, obgleich sie aus Jung-Deutschland stammte. Es war ein sonderbares echt weibliches Wesen, dieser Seraph Seraphine! Ich schlug aber mit ihr, oder mit einer Klappe zwei Fliegen, kriegte nämlich bei ihr zugleich den Geist und die Empfindung in der Liebe weg, hatte sonach großen Profit von ihr, denn ich sparte durch sie ein Semester. Unser Bündnis kam folgendermaßen zustande. Ich spickte just einen Hasen auf der einen Seite, und sie tat es auf der andern Seite. Da sah sie verschämt auf, warf mir einen seelenvollen Blick zu, daß sich mir das Herz im Leibe umdrehte, und fragte: »Will Er mich, mit Erlaubnis zu sagen, lieben, Musje?« Ich versetzte: »Ja, wenn Sie so befehlen, Jungfer Seraphine.« Darauf gaben wir uns über dem Hasen einen Schmatz und spickten den Hasen, trunken von Entzücken, fertig. Wie ich sie beschrieben, so war die Form der Bundschließung in der Prälatenküche. Die Köchin mußte observanzmäßig anfangen, der Küchenjunge durfte es beileibe nicht, er hätte, wenn er sich unterstanden, zuerst den Liebesantrag zu machen, von der Geliebten die schönsten Ohrfeigen gekriegt.
Die Seraphine war auf zwei Tage mit ihren Gaben eingerichtet. Den einen Tag war sie nämlich voll Geist, und den andern voll Empfindung und so immer regelmäßig einen um den andern Tag abwechselnd. Ich bekam also von ihr den Geist und die Empfindung in der Liebe. Damit war es aber folgendermaßen bestellt. Sie liebte eine Herzstärkung in der Stille zu nehmen, konnte jedoch nicht viel vertragen und wurde leicht duselig. In diesem Zustande hatte sie Geist, das heißt, sie sprach Zeug, was kein Mensch verstand. Den andern Tag hatte sie den Katzenjammer, da war sie voll Empfindung. Ich machte ihr nun alles dieses nach, um das Verhältnis im Schwunge zu erhalten. Aber unglücklicherweise war es gleich in der Anlage versehen worden. Ich hatte nämlich an dem Tage, wo sie den Katzenjammer ausstand, der Flasche zugesprochen, und war geistvoll geworden. Den folgenden Tag, wo sie wieder Geist bekam, befand ich mich im Katzenjammer und in der Empfindung, und so ging nun das Verfehlen immer fort, wir paßten nie aufeinander, mein Katzenjammer traf auf ihren Geist, und mein Geist auf ihre Empfindung. Daraus entstanden natürlich heftige Zänkereien, unter denen die Küchenangelegenheiten litten, so daß auch der Prälat sich genötigt sah, sie noch vor Ablauf ihres Semesters fortzuschicken. Es war ein Glück. Ich bin nie der Stärkste gewesen, und kann wohl sagen, daß ich auf dieser Liebesstation jämmerlich heruntergekommen war.
Die folgende Köchin hieß »das Kind«, weil sie sich selbst so nannte. Warum? weiß ich nicht, denn ich glaube schwerlich, daß sie zu denen gehörte, von denen gesagt worden ist: »So Ihr nicht werdet, wie diese u.s.w.« Die konnte einem was zu raten aufgeben. Zuweilen war sie stundenlang verschwunden, und wenn wir sie suchen gingen, fanden wir sie auf dem Dache sitzen, oder sie kam auch wohl schäkernd auf einem Besen den Rauchfang herabgefahren. Es kann kein Menschenwitz erfinden, was für Zeug das Kind zusammenzuflunkern verstand. Ihr Hauptkunststück aber war — Ach, gnädiges Fräulein, wenn ich nicht irre, wurden Sie draußen gerufen.«
Das Fräulein verstand diesen zarten Wink und ging hinaus, mit dem dankbarsten Blicke auf Münchhausen. Er fuhr fort: »Das Kind konnte nämlich radschlagen, oder Purzelbäume schießen, ohne die Schamhaftigkeit zu verletzen. Wie sie es möglich gemacht, weiß ich nicht, aber die Sache ist richtig; sie kehrte ihr Unterstes zuoberst, und alle Kenner und Stimmführer, die zusahen, versicherten einstimmig, sie habe die weibliche Schamhaftigkeit dadurch nicht verletzt, vielmehr seien ihre Purzelbäume eine wahre Bereicherung der höheren Gemütswelt.
Bei ihr studierte ich die Phantasie der Liebe. Unsre Liebe war nämlich pure, klare Phantasie, wir konnten einander leiden, wie Hund und Katze; aber die hochtrabendsten Sachen schrieb sie darüber, wahre Hymnen; und hinterher wußte sie mir doch immer so einen recht tüchtigen Kniff abzugeben, daß ich hätte aufschreien mögen. Die gemeine Sage bleibt wahr, die von den *s, wozu sie gehörte, behauptet, diese fingen in der Schalkheit da an, wo andere Schälke aufhörten. Es ist ein Buch über das Kind verfaßt worden, worin es das personifizierte Mittelalter genannt wird. Nun, es hatte denn freilich auch schon ein mittleres Alter erreicht, und die Schönheit drückte es ebenfalls nicht sonderlich mehr, als es sich auf kindische Weise der Phantasie in der Liebe ergab. Ich war recht vergnügt, als ich des Kindes quitt war, denn Sie glauben nicht, wie sehr solche Einzelstudien der Liebe angreifen.
Die folgenden beiden Köchinnen, Jule und Jette, waren die besten von allen, sie waren reine Köchinnen, ohne Geist, Empfindung, Phantasie. Bei diesen lernte ich die Selbstsucht und die Hingebung der Liebe. Nämlich Julen, die den Herrn betrog, wo sie konnte, übrigens aber das rechtschaffenste, gutherzigste Ding von der Welt war, nahm ich alle ihre Schwänzelpfennige, die sie sich bei den Markteinkäufen machte, ab. Sie schnellte bloß für mich; wahrhaftig, so tat sie. Ich aber brauchte Geld, ich wollte mir gern einen neuen Rock kaufen und Rumohrs »Geist der Kochkunst«, um mich in meinem Fache auszubilden. Ich sagte immer zu ihr: »Gebe Sie nur her, Geliebte; Geben ist seliger als Nehmen; ich gönne Ihr die Seligkeit, und bin mit dem Geringeren, mit dem Gelde zufrieden.« Was hatte ich davon? Meine fünfte Probegeliebte, die Jette, ein durchtriebener Vogel, hat mir die ganze Summe wieder gemaust, als wir unter Schwüren der Zärtlichkeit schieden. Nun, Hingebung muß auch sein; ich habe es ihr nicht nachgetragen.«
Münchhausen machte eine Pause, um sich zu erholen. Das Fräulein war wieder eingetreten. Nach einigem Schweigen, währenddessen er einen Blick, in dem die ganze Schwärmerei der Jugend leuchtete, zum Himmel emporgeschickt hatte, fuhr er also fort:
»O, was ist die gewöhnliche, unbewußte, roh-zutäppische Liebe gegen die bewußte Liebe, gegen die Liebe, die nach Prinzipien liebt? Jahre waren verflossen, die Küche lag weit hinter mir. Das Spiel des Lebens sah mich heiter an vom grünen Tisch, wenn stark pointiert wurde, und die Kugel für die Bank sprang. Münchhausen war ein Mann geworden, ein Mann im vollen Sinne des Worts. Dennoch trafen auch ihn die Zweideutigkeiten des Glücks. Ich hatte eine kleine Verdrießlichkeit gehabt, die mich zwang, inkognito zu leben, weit, weit von hier.
Nun muß ich Sie, meine Freunde, mit einer Eigenschaft bekannt machen, die mit den Geheimnissen meiner Erzeugung zusammenhängt. Je reifer ich wurde, desto mehr entwickelten sich in mir gewisse mineralische, oder genauer zu reden, metallische Bezüge, so daß ich von Geld nicht reden hören konnte, ohne in ein Zittern der Ekstase zu geraten. Da sah ich in meinem Inkognito, welches so streng war, daß ich nur verstohlen ausgehen durfte, die, welche alle sechs Bestandteile der Liebe zu einem großen Ganzen in mir kombinierte. Sie war nicht schön, sie hatte wenig Verstand und keine Eigenschaften, dennoch — — aber mein gnädiges Fräulein, mich dünkt, Sie werden schon wieder draußen gerufen.«
Emerentia stand abermals auf, warf von neuem einen dankenden Blick auf den Erzähler, und sagte: »Münchhausen, ich habe Sie immer verehrt, aber von heute bete ich Sie an.« Darauf ging sie wieder hinaus.
»Zum Geier!« rief der alte Baron, »warum schickt Ihr denn heute meine Tochter immer fort?«
»Ihr Zartgefühl zu schonen«, versetzte der Freiherr. »O könnten wir so alle Frauen zur Literatur hinausschicken, die getauften und die ägyptischen Marquisen, dann sollten Sie einmal sehen, wie bald alles kräftig wieder in Witz, Laune und Ironie aufblühen würde!
Meine Geliebte war also nicht schön, nicht klug, nicht angenehm, aber sie sagte mir, daß sie eine außerordentlich reiche Erbin sei. Und so wie dieses Wort erklungen war, regten sich in mir die metallischen Bezüge, und, Sie mögen es glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr; es tat in mir einen Ruck, daß mir die Rippen krachten, wie dem Filippo Neri, als ihm das Herz schwoll, und auf einen Schuß, wie sechs Rosen von Damaskus an einem Stengel, brachen in mir auf
die Sinnlichkeit
der Geist
die Empfindung
die Phantasie
die Selbstsucht
die Hingebung
Mich soll der Teufel holen — denn ich werde allemal lyrisch, wenn die selige Rückerinnerung an diese Tage über mich kommt — habe ich meine angebliche reiche Erbin nicht geliebt, wie noch nie eine Frauensperson geliebt worden ist! Ich war sinnlich, aber nie ohne Empfindung, denn ich weinte immerfort, so daß ich mir eine Tränenfistel zuzog. Geist spendierte ich, daß es nur so eine Art hatte; wie oft rief ich: »Arm in Arm mit dir fühle ich eine Armee in meiner Faust! Ich habe Heroenmut, den alten Sauerteig des Jahrhunderts wegzufegen, und die Käuzlein aus den Höhlen zu treiben, worin sie noch immer blinzelnd über ihren verlegnen faulen Eiern brüten, denen nie eine lebendige Wirklichkeit entkriechen wird!««
»Münchhausen!« fuhr der Schloßherr auf; »die Geschichte nimmt eine unangenehme Wendung. Das Alte ist gut, und man muß wohlerworbene Rechte achten.« Auch er ging hinaus.
»Meine Geschichte muß zu Ende, und da niemand sonst mehr hier ist, so will ich sie Ihnen auserzählen, Herr Schulmeister«, sagte der Gast des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr. »Hingebung und Selbstsucht fluteten wie zwei Ströme durch unser Verhältnis. Ich gab ihr mein Herz, mehr wert, als eine Million, und bekam von ihr manchen Louisd‘or. Schöne, freundliche Taille des Lebens, in welcher beide einsetzten, gewinnend zu verlieren! Daß die Phantasie nicht leer ausginge, ersann ich ein freundlich Märchen, ich stamme von Fürstenblut ab, sagte ich ihr, sagte es ihr so oft, daß ich es endlich selbst glaubte.«
Der Schulmeister warf das Haupt in den Nacken, als habe er einen Schlag vor die Stirne bekommen. Seine Lippen krämpelten sich zu einer Art von Wulst zusammen; er sah sehr verdrießlich aus.
Münchhausen aber achtete in seinem Feuer dieses Umstandes nicht. »Herrlicher Traum! warum mußte ich aus dir erwachen?« rief er. »Ich hätte ja alles gern dulden wollen, das Erkalten der Geliebten, die Entdeckung, daß sie schon andre vor mir geliebt, und was sonst noch Widerwärtiges an und von ihr! Warum aber mußtest du mich so hart prüfen, Schicksal? Warum berührtest du die Stelle, wo ich sterblich war, da du doch meine inneren metallischen Bezüge kanntest?
Es kam der Tag —
o laßt von ihm
Sich Höllengeister nächtlich unterreden!
— es kam der Tag, an welchem unheimliche Gestalten in mein Leben traten, bedrohliche Gewalten mich umspannen mit geisterhaftem Netz und die grause Trennung befahlen. In den Schaudern jenes Augenblicks sagte sie mir unter andern Kleinigkeiten, zu denen unser Verhältnis geführt hatte, das entsetzliche Wort: mit der reichen Erbschaft werde es kläglich genug ausfallen, denn sie habe erfahren, daß ihr Vater arm, wie eine Kirchenmaus sei. — Das traf! Ich fühlte meine Säfte gerinnen, ich fühlte, daß sie sich nach neuen chemischen Gesetzen mischten und entmischten. Meine Gebeine schlotterten, und obschon ich bald meine äußere Fassung wiedergewann, so merkte ich doch, daß über meine Wangen ein fremdes Etwas lief, als ich erröten wollte. Die Elemente in mir waren in Aufruhr, und aus diesem Chaos haben sich denn ganz neue Humoralgruppen in mir gestaltet.
Seit jenem Tage sah ich immer bleich aus, und wenn mir nachmals Zorn, Schreck, Freude, Scham das Blut in das Gesicht trieb, so lief ich grün an. Dieses Ergrünen kam daher, daß ich durch die furchtbare Entdeckung meiner sechsten oder Hauptgeliebten alle Verwandtschaft mit edlen Metallen einbüßte, und daß daher eines der unedlen, nämlich cuprum oder Kupfer, mir in das Blut trat. Kupfer steckt in jedem menschlichen Körper nach den neuesten Untersuchungen; bei meiner Entstehung aber war etwas zuviel davon verwendet worden, und der Überschuß ging mir ins Blut. Wenn ich mir zur Ader lasse, kriegt der Cruor eine ganz grüne Haut. Alle mögliche Mittel habe ich gebraucht, um die Sache wieder in das Geschick zu bringen, jedoch vergebens. Es ist immer angenehmer, rot zu werden, als grün. Ich bin durch die Kuprosität meines Blutes in so manchen unschuldigen Freuden gehemmt. So darf ich nichts Saures genießen, keine Gabelspitze Salat, denn, habe ich mich einmal in dieser Beziehung vergessen, gleich schlägt der Grünspan mir an allen Gliedern aus, wie das Manna an der Äbtissin Agnes von Monte Pulciano. Es ist sehr lästig. Berzelius in Stockholm, der mich vielfach analysiert hat, warnte mich vor Zinn- und Zinkgruben, weil Zinn und Kupfer Glockenspeise, Zink aber damit vermischt, Tombach gibt, und die Ausdünstungen in jenen Gruben mir leicht eine abermalige metallische Komposition zuziehen könnten. Sie ermessen, wie unangenehm mir bei meiner Wißbegierde und Reiselust solche Beschränkungen vorkommen mußten, und noch dazu, da ich gerade den Rammelsberg bei Goslar, wo sie auf Zink bauen, besuchen, und von da nach den Zinnbergwerken von Cornwall reisen wollte. Ich schlug nachher die Warnung in den Wind und befuhr dennoch die Zinkgrube am Rammelsberge bei Goslar. Es waren böse Wetter darin, mir wurde heiß und schwül. Als ich mit meinem Steiger wieder an das Tageslicht gekommen war, sah er mich verwundert an, und sagte: »Mein Herr, Sie müssen an Mennige gekommen sein, denn Sie sind orangegelb im Gesicht geworden.« Er wollte mich abwischen; mir aber fiel die Warnung ein, ich ließ mir einen kleinen Handspiegel reichen, und siehe da! ich war wirklich im Antlitz hochgelb, wie eine reife Pomeranze. Mein Blut war in der Zinkgrube tombachen geworden. Ich schämte mich vor dem Steiger, sagte ihm, ich wisse nicht, was es sei, aber abwischen helfe nichts. Recht beschämt ging ich von dem Grubenhäuschen fort, aus dem mir der Steiger mit allen alten und jungen Burschen, Zimmerheuern und Pochjungen, die gerade zu Tage waren, verwundert und lächelnd nachsah.
Das bißchen Zink wurde ich zwar glücklicherweise wieder los durch eine Schmelzkur, aber die Reise nach Cornwall mußte ich zu meinem größten Leidwesen aufgeben. Was wäre daraus geworden, wenn mich die Zinndämpfe noch gar in Glockenspeise umgesetzt, und wenn ich angefangen hätte, ohne Privilegium zu läuten?
Solche metallische Naturspiele im Menschen bleiben also immer höchst verdrießlich. Kupfer im Blute ist so schlimm, als Kupfergeld in der Tasche. Nicht leicht ward ein Sterblicher gleich mir in der Liebe gezüchtigt. Ich habe aber auch durch dieses Schicksal einen solchen Widerwillen gegen die Leidenschaft bekommen, daß ich mich nachher nie wieder dazu verstehen wollte, obgleich ich Gräfinnen, Fürstinnen und Prinzessinnen die Hülle und die Fülle haben konnte. Vornehme Damen haben häufig den seltsamsten Geschmack in der Liebe. Daher mochte es rühren, daß die ganze vornehme weibliche Welt hinter mir her war, wo ich erschien. Sie wandten den schönsten Adonissen in Dolman, Ulanencollet und Legationsfrack den Rücken, wenn ich, der schlichte Partikulier, der unscheinbare Privatgelehrte, dahertrat mit dem pentelischen Marmorkolorit und grün anlief. Was für Erklärungen habe ich anhören, was für Winke überhören müssen, welches Unheil habe ich gestiftet! In Dünkelblasenheim machte ich grüne Schminke Mode, weil die regierende Herzogin gesagt hatte, in mir sei der ewiggrüne Gott der Jugend erschienen, und die ganze höhere Welt die Andeutung verstand. Sie waren eben einmal wieder ganz aschgrau geworden in Dünkelblasenheim; nun strichen sie sich grün an und meinten, sie hätten die Jugend damit. — An einem andern Orte fiel mir die Prinzessin von Mezzo Cammino da Napoli di Romania zu Füßen und bat mich um Gottes willen, ihr nur wenigstens eine Exspektanz auf mein Herz zu geben. Sie tat mir in der Seele weh — sie war eine schöne Person — aber gebrannte Kinder scheuen das Feuer! Ich hob sie höflich auf, führte sie zum Sofa und sagte: »Durchlaucht, es geht nicht. Ich habe einmal Unglück in der Liebe und wer weiß, was durch Sie bei mir in Konfusion gebracht würde. Sie dauern mich, liebe Durchlaucht, aber jeder Mensch ist sich selbst der Nächste.«
Den höchsten Abscheu empfinde ich vor meiner ehemaligen sechsten oder Hauptgeliebten. Ich habe mir tausendmal gesagt: Sie konnte ja nichts dafür, daß sie keine reiche Erbin war, aber — die Natur läßt sich nicht zwingen. Immer und immer durch Grünspan an die Enttäuschung über seine schönsten Hoffnungen erinnert zu werden, ist am Ende auch keine Kleinigkeit! Der Mensch bleibt Mensch. Ich glaube, daß, wenn ich die Hauptgeliebte wiedersähe, ich mich nicht würde fassen können, ich, der ich doch sonst so ziemlich mich zu beherrschen weiß.«
Siebenzehntes Kapitel
Die drei Schloßbewohner erteilen dem Freiherrn von Münchhausen vernünftigen Rat; er aber bleibt auch für den Bedienten Karl Buttervogel teilweise ein Rätsel
Nachdem Münchhausen seine Erzählung vollendet hatte, fragte er den Schulmeister, warum der alte Baron fortgegangen sei, und noch immer nicht wiederkomme?
»Herr von Münchhausen«, versetzte Agesilaus, »Sie haben zwar auf eine eben nicht freundliche Weise in Ihrer Liebesgeschichte meiner teuersten Überzeugungen gespottet, indessen ist meine Sinnesart nicht so beschaffen, andern etwas nachzutragen, und ich kann ganz gerne Unrecht leiden, ohne mich dafür zu rächen. Ich will Ihnen, trotz Ihrer satirischen Anspielungen auf mich, in betreff unsres alten Herrn einen wohlgemeinten Rat erteilen.«
»Welche satirische Anspielungen auf Sie, Herr Schulmeister?«
»Sie beliebten zu sagen, daß Sie jenem Frauenzimmer eine fürstliche Abstammung vorgelogen hätten. Ich aber erlaube mir, Ihnen zu versichern, daß, wenn ich eine ähnliche Abstammung von mir aussage, damit keinesweges Lügen vorbringe, welche ich überhaupt herzlich verabscheue.«
»Ich beteure, Herr Schulmeister, daß meine Seele nicht an Sie gedacht hat. Großer Gott, kann denn ein Erzähler nicht einmal in dieser Einöde den Deutungen entgehen?«
»Wohl, diese Angelegenheit bleibe, wie manches andere, vor der Hand auf sich beruhen«, sagte der Schulmeister. »Der Rat, den ich Ihnen erteilen wollte, ist folgender. Unser alter Herr hat sich die Rückkehr früherer Verhältnisse, und die Hoffnung auf das Amt, welches er sein angebornes nennt, steif und fest in den Kopf gesetzt. In dieser Beziehung ist er toll, und schon lange quält mich die Besorgnis, daß aus der Geheimerats-Idee, wenn wir sie nicht so sehr schonten, einmal plötzlich der völlig ausgewachsene Wahnsinn hervorspringen wird. Sie aber rühren unvorsichtig — verzeihen Sie meine Freimütigkeit, Herr von Münchhausen — nur zu oft daran, wie es denn heute abend auch noch geschehen ist. Und es wäre doch schlimm, wenn der sonst so vortreffliche und geistesgesunde Mann mutwilligerweise von uns andern Vernünftigen um seine Besinnung gebracht würde.
Die menschliche Seele hat, wie der Körper, nur ein bestimmtes Maß von Kräften des Wachstums«, fuhr der Schulmeister fort. »Ward dieses erschöpft, so bleibt der Mensch geistig stehen, wie er nach dem zwanzigsten Jahre nicht mehr leiblich wächst. Deshalb begreift das Alter die Jugend nicht, und ungewöhnliche Ereignisse finden darum immer nur bei denen Anklang, die noch im geistigen Wachstum stehen. Kann sich nun der Mensch mit allen seinen Seelenkräften vollständig in die von der Natur ihm bestimmte Länge und Breite legen, so wird er nicht verrückt, sondern er bleibt an einem Ziele stehen, andernfalls aber geht es ihm wie einem, der in der Entwickelungszeit eine starke Hemmung erleiden muß; der Überschuß von Kräften schlägt ihm als Krankheit nach innen und er bekommt einen Stich. Unser alter Herr war durchaus bestimmt, Geheimer Rat auf der Adelsbank zu werden, da wäre er stehen, oder vielmehr sitzen geblieben, und als völlig vernünftiger Mann zu seinen Vätern versammelt worden. Weil er aber bis dahin nicht vordringen konnte, so setzte sich ihm der Geheime Rat gewissermaßen als Knoten in die Seele, der, nicht gereizt, vielleicht ein ruhiges Lebensende herankommen läßt, gerieben und entzündet aber, einen unheilbaren Brand auch über die noch gesunden Teile des Geistes verbreiten möchte.«
Der Freiherr wunderte sich über die Weisheit des Schulmeisters und gelobte, seinem Rate Folge zu leisten. Darauf zündete Agesilaus seine Handlaterne an und ging nach dem Gebirge Taygetus, überzeugt, ein gutes Werk getan zu haben.
Münchhausen suchte den alten Baron auf und fand ihn draußen im Mondschein hinter dem Schlosse wandeln. Er wollte ihn um Entschuldigung bitten, der andere fiel ihm aber in die Rede und sagte: »Laßt doch die Narrenpossen; ich habe Euch den Hieb lange vergeben, da ich weiß, daß Ihr mich nicht absichtlich beleidigen wolltet. Zudem könnt Ihr andern auch gar nicht fassen, was es bedeutet, durch die Geburt zu einer Ehre, oder einem Vorzuge, oder einem Amte, wie der Geheimeratsposten ist, bestimmt zu sein. Ihr redet also über solche Sachen, wie der Blinde von der Farbe, und man muß Euch Euer Geschwätz darüber nicht so übelnehmen. Nein, ich blieb nur hier draußen, weil ich, aufrichtig gesagt, an Liebessachen keinen sonderlichen Anteil nehme und dachte, Ihr würdet wohl so gütig sein, mir einmal unter vier Augen ohne Umschweif das Ergrünen zu erklären. Überhaupt wünschte ich, bester Münchhausen, meiner Tochter wegen, Ihr sprächet von Romanenangelegenheiten wenig oder gar nicht mehr.
Meine Tochter hat in diesem Punkte einen Sparren«, fuhr der Alte mit leiserer Stimme fort, indem er dicht zu Münchhausen trat. »Es ist immer schlimm, wenn die Frauenzimmer nicht heiraten, oder keine Kinder bekommen, denn auf Zärtlichkeit sind denn doch nun einmal die armen Dinger durchaus gestellt, und die versetzt sich ihnen dann leicht, daß sie entweder langweilige, empfindsame Bücher schreiben, oder mit Papageien und Schoßhunden quengeln, unerträglich für andere. Meine Tochter hält sich nun weder Schoßhund noch Papagei, dagegen einen Gedanken- und Erinnerungsliebhaber, mit dem sie verkehrt, wie mit einer lebendigen Mannsperson. Besonders im Mondschein, wie jetzo, ist sie immer sehr aufgeregt, und deshalb hütet Euch, Freund, diesen Zustand zu steigern; bedenkt, was für ein Elend für mich alten Mann es wäre, wenn ihre Krankheit aus diesem stillen und sonst unschädlichen Faseln in einen lauten Raptus überginge!«
Münchhausen fehlte die Zeit, dem Vater beruhigende Versicherungen zu geben, denn in der Taxuslaube hinter dem Genius des Schweigens entstand ein Geräusch und hervor trat Fräulein Emerentia, die in der Laube der ganzen Rede zugehört hatte. »Zum Henker«, rief der alte Baron, »das habe ich sauber gemacht!« Er entfernte sich eilig in das Schloß.
Emerentia näherte sich Münchhausen und sprach mit sanfter Stimme: »Es ist eine zu alte Erfahrung, daß die höherstehende Natur von ihren Umgebungen für wahnwitzig gehalten wird, als daß mich die Worte des Vaters verletzen könnten. Vergebung daher ihm, und ferne sei es von mir, das Recht der Wiedervergeltung zu üben und Sie auf seine Einbildungen aufmerksam zu machen.
Aber Dank bin ich Ihnen schuldig, teurer Meister, für die unvergleichliche Zartheit, mit welcher Sie mich heute zweimal aus dem Zimmer sendeten. Eine so rücksichtsvolle Behandlung tut unendlich wohl. Ich muß Ihnen meinen Dank durch eine Warnung betätigen. Hüten Sie sich vor dem Schulmeister, reizen Sie seine Ihnen bekannte Verrücktheit nicht durch hingeworfene Äußerungen, welche er auf sich und seine fixe Idee beziehen kann. Ich habe Ursache, zu glauben, daß die Krankheit dieses Mannes im Steigen ist; denn er kocht schon die sogenannte schwarze Suppe, ohne ihrer benötigt zu sein und schläft zuweilen im Freien auf dem lächerlichen Gebirge Taygetus — Zeichen gewiß einer innerlichen Gärung. Welches Unglück, wenn er plötzlich wütend würde, den Vater, wie leicht möglich, ansteckte, und beide die Riesenkraft der Raserei entfalteten! Wir Vernünftigen wären schwerlich imstande, sie zu bewältigen, ja nur uns vor ihnen zu retten.«
Das Fräulein fuhr fort: »In den Stunden, in welchen ich der Empfindung nachhing, habe ich viel über den Wahnsinn nachgedacht und bin auf folgendes Resultat gekommen. Aller Wahnsinn ist eigentlich eine krankhafte Richtung der Natur, das Individuum in das Maßlose zu erweitern, und über die Schranken hinaus, welche die Selbstverleugnung und eine edle Ergebung in die Beschlüsse des Schicksals ihm setzt, ihm Güter, Gefühle und Genüsse anzueignen. Deshalb ist die geistige Krankheit auch verhältnismäßig häufiger bei Personen aus den geringen Ständen, die so vieles entbehren müssen, und schafft bei ihnen die Einbildung, daß sie Könige, Kaiser, ja Gott seien, oder daß sie große Schätze besitzen. Auch die Furcht vor Feinden und Verfolgern, welche nicht selten als Äußerung des Wahnsinns auftritt, und auf den ersten Anblick meiner Erklärung zu widersprechen scheint, bestätigt sie doch nur. Solche arme und unangesehene Leute haben nicht selten das geheime, nagende Gefühl ihrer Unbedeutendheit; nun kann nur ein Zufall, ein Mißgeschick ihre Seele erschüttern, so fangen sie an, eine erträumte Wichtigkeit in der Menge von geheimen Feinden, welche ihnen die schwärmende Phantasie vorgaukelt, zu genießen. Daher kommt es denn auch im Gegenteil, daß Fürsten und vornehme Personen, wenn sie ihren Verstand verlieren, in Stumpfsinn und Hinbrüten zu verfallen, oder sich ganz alberne Ideen einzubilden pflegen, wie z. B. daß sie von Glas seien, einen Sperling im Kopfe tragen und was dergleichen mehr ist. Natürlich; sie haben schon alles, was das Herz begehrt, deshalb muß die kranke Seele entweder über dem Ungestalteten brüten, oder sich mit den abenteuerlichsten, von Wunsch und Begehren ganz fernen Vorstellungen nähren.
Die Anwendung dieser allgemeinen Bemerkungen auf den Schulmeister zu machen, ist sehr leicht. Die Natur hatte ihm eine Beimischung von Selbstgefühl gegeben, welche mit seinem geringen Amtsberufe nicht in Einklang stand, und diesen Einklang hat er sich nun durch seine stolze Träumerei von der spartanischen Abkunft luftschloßartig gestiftet und erbaut.«
Münchhausen erstaunte noch mehr über diese Rede, als über die der andern Personen, welche er heute abend hatte sprechen hören. Er ging auf sein Zimmer, roch in die Luft hinaus, wie er oft zu tun pflegte, um die Beschaffenheit derselben für seine Zwecke zu erkunden, setzte sich auf sein Bett, und ließ sich vom Bedienten Karl Buttervogel, welcher inzwischen mit dem Waschwasser hereingekommen war und seinem Herrn die Nachtmütze aufgesetzt hatte, die Stiefeln ausziehen.
»Karl«, sagte Münchhausen, »wir sind hier in einem Tollhause. Der alte Baron, das Fräulein, der Schulmeister sind sämtlich verrückt. Jeder von ihnen hat merkwürdigerweise einen klaren Blick in den Zustand des andern, und was noch merkwürdiger ist, sie reflektieren äußerst gescheit über den Wahnsinn. Aber nimm dich doch in acht; denn solche Zustände können durch die geringste Veranlassung gesteigert werden.«
»Ich werd‘ schon«, versetzte Karl Buttervogel, indem er seinem Herrn die Beinkleider abstreifte. »Dem Fräulein hab‘ ich lang‘ was angesehen, sie schießt zuweilen so verzwickte Blicke auf mich. Aber gnädiger Herr, warum sind wir denn so fortgegangen, wo uns die drei Herren so reichlich in allem unterhielten, und Sie nichts zu tun hatten, als sich ein paar Stunden von ihnen studieren zu lassen? Und warum kriechen wir hieher in dieses verwunschene Schloß, wo sich wahrhaftig keine Maus satt fressen kann? Ich liege in einem dunkeln Loche, weder von Sonne noch Mond beschienen, und will ein Halunke sein, wenn ich seit drei Tagen Fleisch gerochen habe! Dazu sind die Wanzen in meiner Spelunk‘, jeden Morgen bin ich zerbissen, als hätte ich mich mit sechs Jagdhunden herumgebalgt! Lassen Sie uns je eher, je lieber fort, gnädiger Herr, denn so gern ich Ihnen diene, hier halte ich es nicht lange aus.«
»Hier bleibe ich, so lange die Ursache dauert, welche mich hergeführt hat«; erwiderte der Freiherr mit Ansehn.
»Die Ursache, welche hergeführt hat«, sagte Karl Buttervogel, »ist doch nur, daß Sie vom Pferde fielen, und diese hat aufgehört.«
»O du Tor und Kurzsichtiger«, rief Münchhausen zornig, »der du immer nur den Sturz vom Pferde erkennst und nicht wahrnimmst — —«
»Was, mein gnädiger Herr?«
»Nichts!« versetzte Münchhausen barsch, warf sich auf sein Bette, daß die Not- und Hülfssponde, welche der Schulmeister roh zusammengefügt, knackte, und schlief sogleich ein.
Karl Buttervogel stand mitten im Zimmer, die Kleidungsstücke seines Herrn auf dem Arme, und sagte, als er ihn schnarchen hörte: »Es ist wahrhaftig recht schlecht von meinem Herrn, daß er mir nicht sagen will, warum wir hier in dem vermaledeiten Neste bleiben? Keinen Lohn kriegt man von ihm, sondern wird ewig vertröstet auf die Zeit, wo er die Luft wird festmachen können, wie sie‘s in Paris tun, und dennoch kein ganzes Zutrauen! Ich weiß doch, daß er nicht mit rechten Dingen in die Welt gekommen ist, warum sagt er denn nicht, was er hier vorhat?«
Zweites Buch. Der wilde Jäger
Erstes Kapitel
Der Hofschulze
Im Hofe zwischen den Scheuren und Wirtschaftsgebäuden stand mit aufgekrempten Hemdärmeln der alte Hofschulze und schaute achtsam in ein Feuer, welches zwischen Steinen und Kloben am Boden entzündet, lustig flackerte. Er rückte einen kleinen Amboß, der daneben stand, zurecht, legte sich Hammer und Zange zum Griffe bereit, prüfte die Spitzen einiger großen Radnägel, die er aus dem Bruststücke des vorgebundenen Schurzfells zog, legte die Nägel auf das Bodenbrett des Leiterwagens, dessen Rad er ausbessern wollte, und drehte die Stelle des Rades, von welcher ein Stück Schiene abgebrochen war, achtsam nach oben, worauf er durch untergeschobene Steine das Rad in seiner Stellung festigte.
Nachdem er wieder ein paar Augenblicke in das Feuer gesehen hatte, ohne daß seine hellen und scharfen Augen davon zu blinzeln begannen, fuhr er rasch mit der Zange hinein, hob das rotglühende Stück Eisen heraus, legte es auf den Amboß, schwang den Hammer darüber, daß die Funken sprühten, schlug das noch immer glutrötliche um das Rad, da wo die Schiene fehlte, schlug und schweißte es mit zwei gewaltigen Schlägen fest, und trieb dann die Nägel, welche es in seiner weichen Dehnbarkeit noch immer leicht hindurchließ, an ihre Plätze.
Einige der stärksten und heftigsten Schläge gaben dem eingefügten Stücke das letzte Geschick. Der Schulze stieß mit dem Fuße die vor das Rad gelegten Steine hinweg, faßte den Wagen bei der Stange, um das geflickte Rad zu prüfen, und zog ihn ungeachtet seiner Schwere ohne Anstrengung quer über den Hof, so daß die Hühner, Gänse und Enten, welche sich ruhig gesonnt hatten, mit großem Geschrei vor dem rasselnden Wagen entflohen, und ein paar Schweine aus ihrem eingewühlten Lager grunzend auffuhren.
Zwei Männer, von denen der eine ein Pferdehändler, der andre ein Rendant oder Rezeptor war, hatten, unter der großen Linde am Tische vor dem Wohnhause sitzend und ihren Trunk verzehrend, der Arbeit des alten, rüstigen Mannes zugesehen. »Das muß wahr sein«, rief jetzt der eine, der Pferdehändler, »Ihr hättet einen tüchtigen Schmidt abgegeben, Hofschulze!«
Der Hofschulze wusch in einem Stalleimer voll Wasser, welcher neben dem kleinen Ambosse stand, sich Hände und Gesicht, goß dann das Feuer aus, und sagte: »Ein Narr, der dem Schmidt gibt, was er selbst verdienen kann.« Er nahm den Amboß, als sei er eine Feder, auf, und trug ihn nebst Hammer und Zange unter einen kleinen Schoppen zwischen Wohnhaus und Scheure, in welchem Hobelbank, Säge, Stemmeisen, und was sonst zu Zimmer- und Schreinergewerk gehört, bei Holz und Brettern mancher Art stand, lag oder hing.
Indem der Alte sich unter dem Schoppen noch zu schaffen machte, sagte der Pferdehändler zu dem Rezeptor: »Wollen Sie glauben, daß der auch alle Pfosten, Türen und Schwellen, die Kisten und Kasten im Hause mit eigner Hand flickt, oder, wenn das Glück gut ist, auch neu zuschneidet? Ich meine, wenn er wollte, könnte er auch einen Kunstschreiner vorstellen und würde einen richtigen Schrank zuwege bringen.«
»Da seid Ihr im Irrtum«, sprach der Hofschulze, der das letzte gehört hatte und, das Schurzfell jetzt abgetan, im weißleinenen Kittel aus dem Schoppen trat. Er setzte sich zu den beiden Männern an den Tisch, eine Magd brachte ihm auch ein Glas, er tat seinen Gästen Bescheid und fuhr dann fort: »Zu einem Pfosten, zu einer Türe und Schwelle gehören nur ein Paar gesunde Augen und eine firme Faust, aber ein Schreiner braucht mehr. Ich habe mich einmal vom Hochmut verleiten lassen, und wollte, wie Ihr es nennt, einen richtigen Schrank zuwege bringen, weil mir Hobel und Meißel und Reißschiene auch bei dem Zimmerwerk durch die Hände gegangen waren. Ich maß und zeichnete und schnitt die Hölzer zu, auf Fuß und Zoll hatte ich alles abgepaßt; ja, als es nun an das Zusammenfügen und Leimen gehen sollte, war alles verkehrt. Die Wände standen windschief und klafften, die Klappe vorne war zu groß, und die Kasten für die Öffnungen zu klein. Ihr könnt das Gemächt noch sehen, ich habe es auf dem Sill stehen lassen, mich vor Versuchung künftig zu wahren, denn es tut dem Menschen immer gut, wenn er eine Erinnerung an seine Schwachheit vor Augen hat.«
In diesem Augenblicke ließ sich ein lustiges Wiehern aus dem Pferdestalle gegenüber vernehmen. Der Pferdehändler räusperte sich, spuckte aus, schlug sich Feuer an, blies dem Rezeptor eine starke Dampfwolke in das Gesicht, sah sehnsüchtig nach dem Stalle und dann gedankenvoll vor sich nieder. Hierauf spuckte er nochmals aus, nahm den lackierten Hut vom Kopfe, strich mit dem Arme über die Stirn und sagte: »Noch immer eine schwüle Witterung.« — Dann schnallte er seine lederne Geldkatze vom Leibe, warf sie mit Getöse auf den Tisch, daß der Inhalt klang und klirrte, lösete die Riemen und zählte zwanzig blanke Goldstücke hin, bei deren Anblicke die Augen des Rezeptors zu funkeln anfingen, und nach denen der alte Hofschulze gar nicht hinsah. »Hier ist das Geld!« rief der Pferdehändler, die Faust geballt auf den Tisch stemmend, »krieg‘ ich die braune Stute dafür? Sie ist, weiß Gott, nicht einen Heller mehr wert.«
»Dann behaltet Euer Geld, damit Ihr nicht zu Schaden kommt«, versetzte der Hofschulze kaltblütig. »Sechsundzwanzig, wie ich gesagt habe, und keinen Stüber darunter. Ihr kennt mich nun die Jahre her, Herr Marx, und solltet daher wissen, daß das Dringen und Feilschen bei mir nicht verschlägt, weil ich nie von meiner Sprache abgehe. Ich begehre, was mir eine Sache wert ist und tue niemalen vorschlagen, und so könnte ein Posaunenengel vom Himmel dahergefahren kommen, er kriegte die Braune nicht unter sechsundzwanzig.«
»Aber Gott‘s Sackerlot«, schrie der Pferdehändler erbost, »aus Fordern und Bieten besteht doch der Handel, und meinen eignen Bruder überfrage ich, und wenn kein Vorschlagen mehr in der Welt ist, so hört alles Geschäft auf!«
»Im Gegenteil«, erwiderte der Hofschulze, »das Geschäft kostet dann weit weniger Zeit und ist schon um deshalb profitlicher, aber auch außerdem haben beide Teile von einem Handel ohne Vorschlagen vielen Nutzen. Ich habe es immer erlebt, daß, wenn vorgeschlagen wird, sich die Natur erhitzt, und zuletzt niemand mehr recht weiß, was er redet oder tut. Da läßt denn der Verkäufer, um nur dem Gehader ein Ende zu machen, die Ware oft unter dem Preise, den er im stillen bei sich festsetzte, und der Käufer seinerseits in der Begierde und Brunst des Bietens vertut sich ebenso oftmals. Ist aber gar keine Rede von Ablassen, dann bleiben beide schön ruhig, und wahren sich vor Schaden.«
»Da Ihr so vernünftig redet, so werdet Ihr meinen Antrag jetzt besser erwogen haben«, hob der Rezeptor an. »Wie gesagt, die Regierung will alle Korngefälle der Höfe in hiesiger Gegend in Geld umwandeln. Sie hat allein den Schaden davon, denn Korn bleibt Korn, aber Geld ist heute so viel und morgen so viel wert, indessen ist es nun einmal ihr Wille, um der Last des Aufspeicherns quitt zu werden. Ihr tut mir also den Gefallen, und unterschreibt diese neue, auf Geld lautende Urkunde, die ich da zu diesem Behufe schon mitgebracht habe.«
»Durchaus nicht«, antwortete der Hofschulze eifrig. »Es ist ein alter Glaube hierzulande, daß wer seinem Hofe eine Last auflegt, dafür zur Strafe nach seinem Tode auf dem Hofe umgehen muß. Ich weiß nicht, wie es damit beschaffen ist, aber das weiß ich: Vom Oberhofe sind seit vielen hundert Jahren nur Körner an die Gotteszelle gegeben worden, und damit wolle sich also das Rentamt begnügen, wie das Stift sich damit begnügt hat. Wächst Geld auf meinem Acker? Nein. Korn wächst darauf. Woher wollen Sie also das Geld nehmen?«
»Ihr sollt ja nicht übervorteilt werden!« rief der Rezeptor.
»Es muß alles beim alten bleiben«, sagte der Hofschulze feierlich. »Das war noch eine gute Zeit, als die Tafeln mit den Verzeichnissen der Lasten und Abgaben der Bauerschaft in der Kirche hingen. Dazumalen stand alles fest, und kein Gezänk hat sich nimmer darüber begeben, wie neuerdings nur gar zu oft. Hernacher hieß es, die Tafeln mit den Hühnern und Eiern und Maltern und Sümmern schadeten der Andacht, und sie wurden hinweggetan. Im Gegenteil, sie hatten immer zu Predigt und Gesang gehört, wie Amen und Segen; ich für mein Teil, wenn ich sie ansah, besonders beim dritten Teile oder der Nutzanwendung, hatte die erbaulichsten Gedanken bekommen, zum Exempel: Überhebe dich nicht, denn da steht geschrieben, wieviel Zinsroggen und Schloßhafer du geben mußt, oder auch so: Wenn du draußen Lasten zu tragen hast, hier im Gotteshause bist du frei, und was dergleichen mehr war. Nun aber, als man auf die leeren Stellen sah, gingen die Gedanken immer wandern und suchen nach den Tafeln, und es dauerte geraume Zeit, ehe und bevor die Menschheit wieder recht nach dem Pastor hinhörte.«
Er ging in sein Haus. — »Das ist ein alter Racker!« rief der Pferdehändler, als er seinen Handelsfreund nicht mehr sah, indem er den lackierten Hut verdrießlich wieder auf den Kopf stülpte. »Wenn der nicht will, so bringt ihn der Teufel nicht herum. Das Schlimmste ist, daß der Kerl die besten Pferde in der Gegend zieht, und sie im Grunde sozusagen billig genug losschlägt.«
»Ein starres, widerhaariges Volk hierzulande«, sagte der Rezeptor. »Ich bin erst vor kurzem aus Sachsen herversetzt, und merke den Abstand. Dort wohnen die Leute beisammen und deshalb müssen sie schon höflich und nachgiebig und betulich miteinander sein. Aber hier sitzt ein jeder auf seinem Kampe, hat sein Holz, sein Feld, seinen Wiesewachs um sich, als gäbe es sonst nichts in der Welt. Darum halten sie auch auf ihre alten Schnurren und Faxen so steif, die anderwärts überall abgekommen sind. Was für Mühe habe ich schon mit den andern Bauern wegen der dummen Schreibereien gehabt, aber dieser hier ist doch der schlimmste.«
»Das kommt daher, Herr Rezeptor, weil er so reich ist«, bemerkte der Pferdehändler. »Mich wundert, daß Sie es mit den andern in der Bauerschaft ohne ihn durchgesetzt haben, denn der hier ist ihr General und Advokat und alles, sie richten sich in jeglicher Sache nach ihm. Er bückt sich vor keinem. Vorm Jahre kam ein Prinz hier durch; wie er den Hut vor dem abnahm, war es wahrhaftig, als wollte er sagen: Du bist der und ich bin der. Der Mistfink! Für die Stute sechsundzwanzig Pistolen haben zu wollen! Aber das ist das Unglück, wenn der Bauer zu viel Vermögen kriegt. Wenn Sie dort durch das Eichholz hindurch sind, gehen Sie eine geschlagene halbe Glockenstunde durch seine Felder. Und alles bestellt, daß es nur so eine Art hat. Ich bin mit meiner Koppel vorgestern durch den Roggen und Weizen geritten, und Gott strafe mich, wenn was anderes als die Köpfe von den Pferden über die Ähren hinübersahen. Ich dachte, ich würde ersaufen.«
»Woher hat er‘s denn?« fragte der Rezeptor.
»O!« rief der Pferdehändler, »da liegen hier mehrere solcher Höfe herum, man heißt sie Oberhöfe; wenn die nicht manchen Edelmann ausstechen, so will ich nicht Marx heißen. Das Erdreich ist von uralter Zeit zusammengeblieben. Und sparsam und fleißig ist der Nichtsnutz von jeher gewesen, das muß man ihm lassen. Sie sahen ja, wie er sich abäscherte, nur um dem Schmidt die paar Groschen Verdienst zu nehmen. Jetzt freit seine Tochter einen andern jungen Geldschlingel, die kriegt mit! Ich bin an der Leinwandkammer durchgegangen, der Flachs und das Garn, das Gebild, die Wäsche und alle mögliche Kramerei ist bis unter die Decke gestopft. Und dazu gibt ihr der alte Schabhals noch bare sechstausend Taler mit. Blicken Sie nur um sich; ist es nicht hier, als ob man bei einem Grafen wäre?«
Während der letzten Reden hatte der verdrießliche Pferdehändler sacht in die Geldkatze gegriffen und den zwanzig Goldstücken, gleichsam gleichgültig tuend, noch sechs hinzugefügt. Der Hofschulze trat wieder in die Türe, und der andre sagte brummend, ohne ihn anzusehen: »Da liegen die sechsundzwanzig, weil es einmal nicht anders sein soll.«
Der alte Bauer lächelte schalkhaft und sprach: »Ich wußte wohl, daß Ihr das Pferd kaufen würdet, Herr Marx, denn Ihr sucht für den Rittmeister in Unna eins zu dreißig Pistolen, und mein Bräunchen paßt Euch dazu, wie bestellt. Ich ging auch nur in das Haus, um die Goldwaage zu holen, und konnte vorhersehen, daß Ihr Euch unterdessen besonnen haben würdet.«
Der Alte, welcher in seinen Bewegungen bald etwas ungemein Rasches, bald wieder die größte Bedächtigkeit zeigte, je nachdem das Geschäft war, was er trieb, setzte sich an den Tisch, wischte langsam und sorgfältig seine Brille ab, spannte sie über die Nase und fing nun an, die Goldstücke genau zu wägen. Zwei oder drei musterte er als zu leicht aus, worüber der Pferdehändler ein heftiges Gezeter erhob, welchem der Hofschulze schweigend und kaltblütig, die Waage in der Hand behaltend, zuhörte, bis der andre statt der verworfenen vollwichtige hervorholte. Endlich war die Sache beendigt, der Verkäufer packte bedächtig das Geld in ein Papier und ging mit dem Pferdehändler nach dem Stalle, um ihm das Pferd zu überliefern.
Der Rezeptor wartete die Rückkunft der beiden nicht ab. »Mit solchem Klotz ist nichts anzufangen«, sagte er, »aber wenn du uns nur nicht so ordentlich auf die Termine bezahltest, wir wollten dich —« Er fühlte nach seinen urkundlichen Papieren in der Tasche, merkte an ihrem Knittern, daß sie noch darin seien, und schlich vom Hofe.
Aus dem Stalle traten der Roßkamm, der Schulze und ein Knecht, welcher zwei Pferde, das des Roßkammes und die erkaufte braune Stute hinter sich herführte. Der alte Schulze sagte, indem er die letztere zum Abschiede streichelte: »Es tut einem immer leid, wenn man eine Kreatur, die man aufzog, losschlägt, aber wer kann dawider? — Nun, halte dich brav, Bräunchen!« rief er und gab dem Tiere einen herzhaften Schlag auf die runden, glänzenden Schenkel.
Der Pferdehändler war indessen aufgestiegen und sah mit seiner langen Figur und der kurzen Schoßjacke unter dem breitkrempigen lackierten Hute, mit seinen erbsengelben Hosen über den dürren Lenden und den hochhinaufreichenden ledernen Kamaschen, mit seinen Pfundspornen und mit seiner Peitsche wie ein Wegelagerer aus. Er ritt, ohne Lebewohl zu sagen, fluchend und wetternd davon, die Braune am Leitzaum nachziehend. Keinen Blick wandte er nach dem Gehöfte zurück, die Braune dahingegen drehte mehrere Male den Hals um und wieherte wehmütig, als wollte sie klagen, daß ihre gute Zeit nun vorüber sei. Der Hofschulze blieb, die Arme in die Seite gestemmt, mit dem Knechte stehen, bis der Zug durch den Baumgarten verschwunden war. Dann sagte der Knecht: »Das Vieh grämt sich.« — »Warum sollte es nicht?« erwiderte der Hofschulze, »grämen wir uns doch auch. Komm auf den Futterboden, wir wollen Hafer messen.«
Zweites Kapitel
Rat und Anteil
Indem er sich mit dem Knechte dem Hause zuwandte, sah er, daß der Platz unter den Linden schon wieder von neuen Gästen eingenommen war. Diese hatten aber ein sehr verschiedenartiges Ansehen. Denn es saßen da drei bis vier Bauern, seine nächsten Nachbarn, und neben ihnen saß ein bildschönes Mädchen. Dieses bildschöne Mädchen war die blonde Lisbeth, welche im Oberhofe genächtigt hatte.
Ich werde mich nicht vermessen, ihre Schönheit zu beschreiben; es käme dabei doch nur auf rote Wangen und blaue Augen hinaus, und diese allerliebsten Dinge, so frisch sie sich in der Wirklichkeit halten, sind schwarz auf weiß etwas abgestanden. Es denke sich daher jeder Leser seine jetzige oder ehemalige Geliebte, und jede Leserin blicke in den Spiegel, oder erinnere sich, wie sie an ihrem Brauttage ausgesehen hat, so wird die Lisbeth vor allen Leuten dastehen, wie sie leibt und lebt.
Der Hofschulze ging, ohne sich vorläufig um die langhaarigen, bekittelten Nachbarn zu kümmern, auf seinen blühenden Gast zu und sagte: »Nun? Gut geschlafen, Mamsellchen?«
»Prächtig«, versetzte Lisbeth.
»Was haben Sie denn am Finger? Sie tragen ihn ja verbunden?« fragte der Alte.
»Nichts«, antwortete das junge Mädchen und errötete. Sie wollte eine andere Unterredung anfangen. Der Hofschulze ließ sich aber nicht irren, ergriff ihre Hand, an welcher sie den Finger verbunden trug und rief: »Es ist doch nicht schlimm?«
»Nicht der Rede wert«, versetzte Lisbeth. »Als ich Eurer Tochter gestern abend nähen half, fuhr mir die Nadel in den Finger, und da hat er geblutet, das ist alles.«
»Ei! Ei!« sagte der Hofschulze schmunzelnd, »und wie ich sehe, ist es sogar der Ringfinger; das bedeutet was Gutes. Wissen Sie wohl, daß wenn eine Jungfer einer Braut hilft am Brautlinnen nähen und verwundet sich am Ringfinger, sie noch im nämlichen Jahre auch Braut wird? Nun, ich gratulier‘ schönstens zum schmucken Freiersmann.«
Die Bauern lachten; die blonde Lisbeth ließ sich nicht aus der Fassung bringen, sondern rief fröhlich: »Und wißt Ihr auch meinen Spruch, den ich von der Spröden gelernt habe? Er lautet:
Soweit der Herr die Lilien kleidet,
Und auch die jungen Raben weidet,
Geht mein Hab‘ und Gut;
Drum, wer nach mir fragen tut,
Der soll tun nach mir fragen
Mit vier Pferden vor‘m Wagen!«
»Und —« fiel der Hofschulze ein —
»Er soll mich fangen, wie die Maus
Und angeln, wie einen Fisch,
Und schießen, wie ein Reh —«
Ein Schuß fiel in der Nähe. »Sehen Sie, Mamsellchen, das trifft zu«, rief der Alte.
»Laßt jetzt Eure losen Reden, Hofschulze«, sagte das junge Mädchen. »Ich bin darum bei Euch eingekehrt, um von Euch Rat wegen der Gülten zu bekommen, und den gebt mir also nun auch ohne Scherz und Possen.«
Der Hofschulze setzte sich, um zu hören und zu reden, in Positur, die Lisbeth zog ein Schreibtäflein heraus und las die Namen der Bauern ab, bei welchen sie in den Tagen zuvor umhergewandert war, um die Rückstände der Zinsen für ihren Pflegevater einzutreiben. Sie erzählte dabei dem Hofschulzen, daß und unter welchen Vorwänden sie sich geweigert hätten, ihre Schuld abzustoßen. Der eine wollte längst bezahlt haben, der andere hatte gesagt, er sei neu auf dem Hofe, der dritte wußte von gar nichts, der vierte hatte getan, als höre er nicht gut, und so fort, so daß das arme Mädchen, wie ein Vöglein, das bei Winterszeit nach Futter fliegt und kein Körnlein aufzupicken findet, von Tür zu Tür leer abgewiesen worden war. Wer aber glaubt, daß diese vergebliche Mühe sie in Kümmernis gestürzt habe, der irrt; ihr konnte nichts etwas anhaben, sie erzählte ihre beschwerlichen Wanderungen mit heitrem Munde.
Der Hofschulze schrieb mehrere der ihm genannten Namen mit Kreide auf den Tisch und sagte, als sie ihre Liste geschlossen hatte: »Was die andern betrifft, so wohnen die nicht bei uns, über die habe ich keine Macht, und wenn sie so schlecht sind, ihre Pflicht und Schuldigkeit zu verleugnen, so streichen Sie die Schelme nur aus, denn mit Prozessen kriegt man nichts vom Bauer. Aber die in unserer Gemarke wohnen, gegen die werde ich Ihnen zu Ihrem Rechte helfen, dazu haben wir noch Mittel.«
»Oho!« sagte einer der Bauern halblaut zu ihm; »tut Ihr doch, Schulte, als hättet Ihr immer das Strop im Rockärmel bei Euch. Wann soll die Heimlichkeit vor sich gehen?«
»Schweigt, Baumschulte, denn solche spöttliche Worte möchten Euch zu Schaden werden«, versetzte der Alte mit Ernst.
Der Angeredete wurde betreten, schlug die Augen nieder und erwiderte kein Wort. Lisbeth dankte dem Alten für die zugesagte Hülfe und fragte nach den Wegen und Stegen zu den andern, die sie noch in der Schreibtafel hatte. Der Hofschulze bezeichnete ihr den Pfad zu dem nächsten Hofe über die Pfaffenwiese, an den drei Mühlen vorbei, durch die Hollenberge. Als sie ihren Strohhut aufgesetzt, ihren Stecken genommen, für gute Bewirtung gedankt, und sich solchergestalt zum Gehen gerüstet hatte, bat er sie, bei der Wiederkehr sich so einzurichten, daß sie die Hochzeit über und bis zum zweiten Tage nach derselben im Hofe bleibe, dann hoffe er ihr die Versicherung über die Zinsen oder diese sogar vielleicht selbst zugleich nach Hause mitgeben zu können.
Als die schlanke und edle Gestalt des jungen Mädchens hinter den letzten Walnußbäumen des Baumgartens verschwunden war, sagte einer der Bauern: »Wenn der alte Herr Baron die früher zur Schaffnerin gehabt hätte, so wäre er nicht so heruntergekommen und hätte nicht zu besorgen, daß ihm das Haus einmal über dem Kopfe zusammenstürzt. — Übrigens ist es unrecht, daß sie das Kind allein im Lande herumlaufen lassen.«
»Daran sehe ich eben kein Unrecht«, erwiderte der Hofschulze. »Ich habe noch nicht erlebt, daß einem ordentlichen Mädchen Schlechtigkeiten widerfahren wären. Eine reine Jungfer kann unter Räuber und Mörder gehen, unter Gesindel und Betrunkne, sie tun ihr so leicht nichts. Vorigen Herbst, als hier nebenan das Volk auf der Heide im Lager stand, hatte sich meine Tochter bei einem Gange über Feld unter einen marschierenden Trupp verloren. Ja, von niemand war sie angetastet worden; sie hatten sie, weil sie müde geworden war, ganz sauber auf einen von ihren Vorspannwagen gehoben, und so wurde sie hier am Hofe richtig abgesetzt. Ein Frauenzimmer, was die Mannsleute angreifen, pflegt von Hause aus angreifische Ware zu sein.«
Die Bauern sprachen jetzt von dem Gegenstande, welcher sie zu dem Hofschulzen geführt hatte. Eine neue Straßenanlage, die mit der großen Chaussee Verbindung stiften sollte, bedrohte sie mit dem Verluste einiger kleinen Wiesenstücke, über welche der Weg notwendig zu legen war, wenn er zustande kommen sollte. Gegen diesen Verlust suchten sie sich nun, obgleich die Anlage zum Vorteil aller umliegenden Bauerschaften gereichte, auf jede Weise zu schützen, und wie er abzuwenden sein möchte, darüber wollten sie sich bei dem Besitzer des Oberhofes Rats erholen. Wirklich zeigte sich auch der Hofschulze in dieser Angelegenheit sehr eifrig und gab ihnen die besten Mittel und Wege an die Hand, wie sie der Forderung des Staates unter dem Schutze buchstäblicher Vorschriften der Gesetze entgehen, oder doch wenigstens das Nachgeben hinzögern könnten. Sie möchten nur sagen, die Stücke seien ihnen ganz notwendig, wenn sie nicht zu Grunde gehen sollten, möchten einen übermäßigen Preis auf sie setzen, den und den angehen, welcher in der Sache abzusprechen habe und welcher, wenn sie ihn recht zu behandeln wüßten, schon ein Zeugnis ausstellen werde, daß die Straße auch anders gelegt werden könne, und was dergleichen mehr war, welches freilich auf eine ganz andere Sinnesweise hinauszulaufen schien, als die wir schon von dem Hofschulzen in seinem Verkehre mit Menschen kennengelernt haben.
Indessen wurde aus seinem Gespräche mit den Nachbarn klar, daß diese Bauern sich den Heischungen des Staats zum öffentlichen Nutzen gegenüber im Zustande des Krieges glaubten, welcher bekanntlich alle Mittel, die zum Zweck führen, gutheißt. »Wir werden schon unsre Frucht einfahren und zu Markte führen können, wie bisher, ohne große Straßen nötig zu haben, und was geht uns alles übrige an?« sagte der Hofschulze im Verlaufe der Unterredung. »Mögen sie bauen und graben, was sie wollen, sie sollen uns aber ungeschoren lassen. Wenn es nach denen ginge, so wären wir bald vom Erb von wegen des gemeinen Nutzens, wie es heißen würde«, fügte er hinzu.
»Guten Tag, wie geht‘s?« rief eine hier wohlbekannte Stimme. Ein Fußwanderer, ein Mann in anständiger Kleidung, aber von den grauen Kamaschen bis zur grünen Schirmkappe bestaubt, war durch den Torweg eingetreten und hatte sich dem Tische genähert, ohne von den Redenden anfänglich bemerkt zu werden. »Ei, Herr Schmitz, sieht man Sie auch einmal wieder?« sagte der alte Bauer sehr freundlich und ließ für den Ermüdeten durch den Knecht das beste, was sich im Keller befand, herbeiholen.
Die Bauern rückten vor dem neuen Ankommenden höflich zusammen. Er wurde zum Sitzen genötigt und bewerkstelligte diese seine Niederlassung mit bedachtsamer Vorsichtigkeit, um nicht, was er bei sich trug, zu zerbrechen. In der Tat war ein solches Verhalten auch notwendig, denn der Mann war bepackt wie ein Lastwagen, und die Umrisse seiner Gestalt glichen einem Konglomerate zusammengeschnürter Ballen. Nicht allein, daß die Rocktaschen, mit manchem Runden, Viereckten, Länglichten befrachtet, in sonderbarer Bauschung weit vom Leibe abstanden, auch Brust- und Seitenbehälter, zu gleichen Zwecken verwendet, bildeten mannigfach geformte Wülste und Erhöhungen, die um so schärfer hervortraten, als der Sammler, um nichts von seinen Schätzen zu verlieren, den Rock, ungeachtet der herrschenden Sommerwärme, fest zugeknöpft trug. Selbst das Innere der Kappe hatte zur Aufbewahrung kleinerer Gegenstände dienen müssen und erhielt von diesem Inhalte ein kürbisartiges Ansehen. Er schlürfte den ihm vorgesetzten guten Wein mit sichtbarem Behagen, das ältliche, von Wandern und Hitze aufgedunsene und gerötete Antlitz gewann allmählich seine ihm natürliche Farbe und Form wieder. »Gute Geschäfte gemacht, Herr Schmitz?« fragte der Hofschulze lächelnd. »Dem Anscheine nach sollte man es glauben.«
»Es geht noch«, versetzte der Sammler. »In der lieben Erde steckt ein rechter Segen. Nicht allein Korn und Gewächse bringt sie immerdar hervor und wird nicht müde; auch Altertümer erntet ein aufmerksamer Forscher ihr fortwährend ab, soviel auch danach schon gescharrt und gegraben worden ist. Ich habe denn einmal wieder so mein Gängelchen durch das Land gehalten, kam dieses Mal bis an die Grenze vom Siegenschen. Nun bin ich auf dem Rückmarsch, will heute noch zur Stadt, mußte aber unterwegs bei Euch, Schulze, mich etwas ausruhen, denn müde ward ich freilich.«
»Was bringen Sie denn mit?« fragte der Hofschulze.
Der Sammler klopfte sacht und freundlich auf alle Erhöhungen und Wülste seiner verschiedenen Taschen und sagte: »Ei nun, Liebes und Gutes, allerhand Siebensachen. Eine Streitaxt, ein paar Donnerkeile, Kattenringe, prächtig mit grünem Rost überzogen, Aschenkrüglein, Tränenflaschen, drei Götzen und ein paar kostbare Lampen.« Dann schlug er mit der umgewandten Hand an seinen Nacken und fuhr fort: »Und ein ganz komplett erhaltenes Stück korinthischen Erzes habe ich mir hier, weil ich sonst keinen andern Platz mehr hatte, hier im Rücken unter dem Rocke festgebunden. Nun, es wird sich denn wohl leidlich machen, wenn es alles erst gesäubert ist und in Reihe und Glied steht.«
Die Bauern bezeugten ihre Neugier nach einigen der Sachen; der alte Schmitz erklärte sich aber unfähig, dieselbe zu befriedigen, weil die Altertümer so sorgfältig verpackt und mit so ausgeklügelter Benutzung jedes Räumchens eingesenkt seien, daß es schwer halte, die ganze Befrachtung, wenn sie gelöset worden, wieder zustande zu bringen. Der Hofschulze sagte seinem Knechte etwas in das Ohr; dieser ging in das Haus. Inzwischen erzählte der Sammler ausführlich von dem Fundorte der verschiedenen Erwerbungen, rückte dann seinem Gastfreunde näher und sagte vertraulich: »Was aber die allerwichtigste Entdeckung dieser Reise ist; ich habe nun wahr und wahrhaftig den Ort gefunden, wo Hermann den Varus schlug.«
»Ei, Ei, Ei«, versetzte der Hofschulze und schob seine Mütze hin und her.
»Alle sind sie auf dem falschen Wege gewesen, Clostermeier, Schmid, und wie sie heißen mögen, die darüber geschrieben haben!« rief der Sammler feurig. »Immer wollten sie den Varus in der Richtung auf Aliso, wovon doch auch noch kein Mensch ausgeforscht hat, wo es eigentlich gelegen — genug aber mitternachtwärts — sich zurückziehen lassen, und demnach sollte die Schlacht zwischen den Quellen der Lippe und Ems, bei Detmold, Lippspringe, Paderborn und Gott weiß wo noch? vorgefallen sein —«
Der Hofschulze sagte: »Ich glaube, der Varus mußte aus allen Kräften suchen, nach dem Rhein zu kommen, und das konnte er nur, wenn er ins offene Land gelangte. Drei Tage soll die Bataille gedauert haben, darin läßt sich schon ein Stück marschieren, und so bin ich vielmehr der Meinung, daß die Attacke in den Bergen, die unsre Börde einschließen, also gar nicht weit von hier vorgefallen ist.«
»Falsch! Falsch, Hofschulze!« rief der Sammler. »Hier unterwärts war alles besetzt und verstopft von Cheruskern, Katten und Sikambrern. Nein, weit mehr nach Mittag ist die Schlacht gewesen, der Ruhrgegend nahe, nicht weit von Arnsberg. Varus mußte sich durch das Gebirg hindurchworgen, er hatte nirgends einen Ausweg, und seine Gedanken standen auf den Mittelrhein, wohin der Weg quer durch das Sauerland geht. So dachte ich es mir immer, so, und jetzt habe ich die untrüglichsten Bestätigungszeichen entdeckt. Dicht an der Ruhr fand ich das korinthische Erz und kaufte die drei Götzen, und da sagte mir ein Mann aus dem Dorfe, daß kaum eine Stunde davon im Walde zwischen den Bergen eine Stelle liege, wo Knochen in ungeheurer Anzahl zwischen dem Sand und Kies aufgeschichtet seien. »Hui!« rief ich, »es wird Tag.« Ging mit einigen Bauern hinaus, ließ nachgraben, und siehe da, wir fanden Knochen, wie ich sie nur wünschte. Das ist also der Platz, wo Germanicus sechs Jahre nach der Teutoburger Schlacht die Überreste der römischen Legionen bestatten ließ, als er seine letzten Züge wider Hermann machte, und folglich habe ich dort das richtige Schlachtfeld entdeckt.«
»An die tausend und mehrere Jahre pflegen sich Knochen nicht zu erhalten«, sagte der Schulze und bewegte zweifelmutig das Haupt.
»Sie haben sich versteinert in den Mineralien dort«, sprach der Sammler zorneifrig. »Ich muß Euch nur den Glauben in die Hand geben, da ist einer, den ich mitgebracht habe.«
Er zog einen großen Knochen aus dem Busen und hielt denselben seinem Widerpart unter die Augen. »He, was ist das?« fragte er triumphierend.
Die Bauern starrten den Knochen verdutzt an. Der Hofschulze antwortete, nachdem er ihn prüfend betrachtet hatte: »Ein Kuhknochen, Herr Schmitz. Sie sind auf einen Schindanger gestoßen und nicht auf das Teutoburger Schlachtfeld.«
Grimmig steckte der Sammler das bescholtene Altertum wieder an seinen Platz und stieß einige heftige Reden aus, denen der alte Bauer in derselben Weise zu begegnen wußte. Es sah daher nach einem Zanke zwischen beiden Männern aus; indessen hatte es damit nicht viel zu bedeuten. Denn es war schon hergebracht, daß sie über solche und ähnliche Dinge aneinander gerieten, wenn sie zusammenkamen. Immer aber blieben sie trotz dieser Streitigkeiten gute Freunde. Der Sammler, der sich das Brot am Munde absparte, um seine Liebhaberei zu befriedigen, pflegte sich das Jahr hindurch wochenlang bei den gefüllten Fleischtöpfen des Oberhofes auszufüttern und half wieder seinerseits dem Gastfreunde mit allerhand Schreibereien in dessen Geschäften; denn er war seines Zeichens ein ehemaliger kaiserlicher geschworner und immatrikulierter Notarius.
Endlich sagte der Hofschulze nach vielem nutzlosen Hin- und Herreden von beiden Seiten: »Ich will mit Ihnen über den Wahlplatz nicht streiten, obgleich ich dabei verbleibe, daß Hermann den Varus hier herum geschlagen hat. Es liegt mir aber überhaupt nicht viel daran, die Sache ist mehr für die Herrn Gelehrten, denn wenn der andere römische General sechs Jahre darauf, wie Sie mir oftmalen erzählt haben, schon wieder mit einer Armee in hiesigen Gegenden stand, so hat die ganze Bataille wenig zu bedeuten gehabt.«
»Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze!« fuhr der Sammler auf. »Auf der Hermannsschlacht beruht das gesamte deutsche Wesen. Wenn Hermann der Befreier nicht gewesen wäre, so säßet Ihr nicht so breit hier zwischen Euren Hecken und Pfählen. Aber Ihr Leute lebt nur von einem Tage zum andern und Geschichte und Altertümer sind Euch nichts nütze.«
»Oho, Herr Schmitz, da tun Sie mir doch groß Unrecht!« versetzte der alte Bauer stolz. »Weiß Gott, was für Pläsier es mir macht, bei Winterszeit die Chroniken und Historienbücher zu lesen, und Sie selbst wissen, daß ich mit dem Schwerte von Carolus Magnus, (der Alte sprach die zweite Silbe lang aus;) welches nun seit tausend und mehreren Jahren im Oberhofe aufbewahrt wird, umgehe, wie mit meinem Augapfel, folglich...«
»Das Schwert Karls des Großen!« sagte der Sammler höhnisch. »Freund, ist es denn nicht möglich, Euch diese Grillen aus dem Kopfe zu bringen? Hört doch nur —«
»Und ich sage und behaupte, daß es das echte und aufrichtige Schwert Caroli Magni ist, womit er hier auf dem Oberhofe den Freistuhl gesetzet und eingerichtet hat. Und das Schwert wirket und vollbringet noch heutzutage sein Amt, obgleich davon nicht weiter geredet werden darf.« Der Alte sprach diese Worte mit einem Ausdrucke in den Mienen und mit einer Gebärde, die etwas Erhabenes hatten.
»Und ich sage und behaupte, daß das eitel Torheiten sind«, eiferte der Sammler. »Ich habe den alten Flederwisch an die hundert Male untersucht, er hat kein halb Jahrtausend erlebt und rührt vielleicht aus der Soester Fehde her, wo ihn ein Reisiger des Erzbischofs, der sich hier in den Büschen verkrochen, mag haben stehen lassen.«
»Daß dich!« rief der Hofschulze und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann murmelte er vor sich hin: »Nun warte! Dafür sollst du heute deine Strafe kriegen.«
Der Knecht trat aus der Türe. Er trug ein Gefäß aus gebrannter Erde, von bedeutendem Umfange und fremdartigem Ansehen, es steif und achtsam mit beiden Händen an den Henkeln gefaßt.
»Ei Gott!« rief der Sammler, als es ihm näher zu Gesichte kam, »das ist ja eine prächtige große Amphora! Woher stammt denn die?«
»Ich habe«, versetzte der Hofschulze gleichgültig, »den alten Topf vor acht Tagen in meiner Kiesgrube gefunden, als Grand ausgestochen wurde. Es stand noch mehr des Zeuges umher, was aber die Leute mit den Grabscheiten zerschlagen haben. Der Topf allein ist erhalten worden. Ich wollte doch, daß Sie ihn sähen, da Sie einmal hier sind.«
Mit feuchten Blicken betrachtete der Sammler das große, wohlerhaltene Gefäß. Endlich stammelte er: »Ist darüber kein Handel zu machen?«
»Nein«, versetzte der alte Bauer kalt, »ich will den Topf mir selber aufheben.« Er gab dem Knechte einen Wink, dieser wollte die Amphora in das Haus zurücktragen, wurde aber daran von dem Sammler gehindert, welcher, die Augen nicht von dem Gefäße wendend, den Eigentümer mit den mannigfaltigsten und beweglichsten Wendungen anging, ihm den ersehnten Weinkrug abzustehen. Es war indessen alles vergebens; der Hofschulze verblieb den eindringlichsten Bittworten gegenüber in unerschütterlicher Seelenruhe und machte auf diese Weise den unbewegten Mittelpunkt der Gruppe, um welchen die Bauern, die dem Handel mit aufgesperrten Mäulern zuhorchten, der Knecht, der das Gefäß an den Henkeln gefaßt, dem Hause zustrebte, und der Altertümler, welcher dasselbe am untern Ende festhielt, die aufgeregten Seiten- und Nebenfiguren bildeten. Zuletzt sagte der Hofschulze, daß er Willens gewesen sei, seinem Gaste den Topf, wie so manches früher aufgefundene Stück zu schenken, weil er selbst seine Freude daran habe, die alten Sachen auf den Brettern der Sammlung an den Wänden ringsherum in Ordnung gestellt, zu sehen, daß ihm aber die beständigen Angriffe auf das Schwert Caroli Magni verdrießlich seien, und daß er deshalb auch mit dem Topfe seinen Willen behalten wolle.
Kleinlauten Tons versetzte hierauf der Sammler nach einer Pause, daß Irren menschlich wäre, daß die Waffen des Mittelalters sich nach den Zeitaltern oft nicht genau unterscheiden ließen, daß er auf diese Überbleibsel sich weniger, als auf Römersachen verstände, und daß allerdings manches an dem Schwerte auf ein höheres, über die Soester Fehde hinausreichendes Alter zu deuten schiene. Worauf der Hofschulze entgegnete, daß ihm dergleichen allgemeine Redensarten nichts frommen konnten, daß er den Zwist und den Zweifel an seinem Schwerte ein für allemal abgetan wissen wollte, und daß es nur ein Mittel gäbe, in den Besitz des alten Topfes zu kommen, nämlich, wenn der Herr Schmitz auf der Stelle eine Schrift von sich gäbe, worin das im Oberhofe aufbewahrte Schwert förmlich für das wahre Schwert Caroli Magni anerkannt würde.
Nach dieser Eröffnung hatte der Altertümler freilich einen harten Kampf zwischen seinem antiquarischen Gewissen und seiner antiquarischen Begierde zu kämpfen. Er warf die Lippe auf und trommelte mit den Fingern auf der Stelle umher, wo er den Knochen vom Teutoburger Schlachtfelde stecken hatte. Sichtlich war sein Bestreben, über die Anmahnungen des ihn zur Unwahrheit verlockenden Gelüstes Herr zu werden. Endlich aber erhielt dennoch die Leidenschaft, wie dieses immer zu geschehen pflegt, die Oberhand. Hastig forderte er Feder und Papier und stellte mit fliegender Eile, zuweilen seitwärts nach der Amphora schielend, ein unumwundenes Bekenntnis aus, daß er nach oftmaliger Besichtigung des Schwertes im Oberhofe solches für das des Kaisers Karls des Großen erkannt und befunden habe.
Diese Urkunde ließ der Hofschulze von den beiden Bauern als Zeugen mit unterschreiben, und steckte dann das Papier, mehrmals zusammengeschlagen, zu sich. Der alte Schmitz aber faßte heftig nach der auf Kosten seines besseren Bewußtseins erkauften Amphora. Der Hofschulze sagte, er wolle ihm den Topf andern Tages nach der Stadt schicken; wie hätte aber ein Sammler wohl jemals auch nur einen Augenblick lang die körperliche Innehabung eines teuer erworbenen Besitzstückes entbehrt? Entschieden lehnte der unsrige jeden Verzug ab, ließ sich eine Schnur geben, zog diese durch die Henkel, und hing sich daran das große Weingefäß über die Schulter. Sie schieden demnächst im besten Einvernehmen, nachdem der Sammler noch zur Hochzeit gebeten worden war. Er gewährte mit seinen Winkeln, mit den bauschig abstehenden Rockschößen und der hin und her wackelnden Amphora an der linken Seite einen abenteuerlichen Anblick, als er von dannen zog.
Die Bauern boten ihrem Ratgeber die Zeit, versprachen, sich seinen Rat merken zu wollen und gingen dann, ein jeder zu seinem Gehöfte. Der Hofschulze, dem im Laufe einer Stunde mit allen Menschen, die sich bei ihm zusammengefunden hatten, jegliches Vornehmen geglückt war, trug erst die erwonnene Anerkennungsurkunde auf die Kammer, worin er das Schwert Caroli Magni verwahrte, dann ging er mit dem Knechte auf den Futterboden, um den Hafer für die Pferde ihm zuzumessen.
Drittes Kapitel
Der Oberhof
»Westfalen bestund aus einzelnen Höfen, deren jeder seinen eigentümlichen und freien Besitzer hatte. Mehrere solcher Höfe machten eine Bauerschaft aus, die gewöhnlich den Namen des ältesten und vornehmsten Hofes führte. Es gründet sich in der ersten Anlage der Bauerschaften, daß der älteste Hof auch der erste im Range bleiben und der vornehmere werden mußte, wo von Zeit zu Zeit die davon ausgegangenen Kinder, Enkel, Hausgenossen zusammenkamen und einige Tage feierten und zechten. Der Anfang, oder das Ende des Sommers war die gewöhnliche Zeit dazu, wo jeder Hofbesitzer etwas von seinen gezogenen Früchten und auch wohl ein junges Stück Vieh zum Bauermahl mitbrachte. Man besprach sich über mannichfaltige Gegenstände und nahm Rücksprache, Heiraten wurden da geschlossen, Todesfälle angezeigt, und der Sohn als eingetretenes Haupt seines väterlichen Erbes erschien dann gewiß mit volleren Händen und ausgesuchterem Viehe bei seinem ersten Eintritt in die Versammlung. An Zwisten konnte es bei solchen Freudentagen nicht fehlen, dann trat der Vater als Haupt des ältesten Hofes in die Mitte und legte mit Einstimmung der übrigen den Zank bei. Wurden einige Hofbesitzer während der andern Jahrszeit irgendeiner Ursache halber uneins, so brachten beide bei der nächsten Versammlung ihre Beschwerde vor, und beide waren damit zufrieden, was ihre Mitgenossen für gut oder recht fanden. War alles aufgezehrt, der zur Feier bestimmte Baum ausgebrannt, so hatte das Fest, die Versammlung ein Ende. Jeder kehrte dann zurück, erzählte seinen zu Hause schon wartenden Hausgenossen die Begebenheiten des Festes und ward mit ihnen lebendige und stets fortdauernde Urkunde aller Vorfälle ihrer Bauerschaft.
Dergleichen Zusammenkünfte hießen Sprachen, Bauersprachen, weil sämtliche Hofbesitzer einer Bauerschaft, um sich zu besprechen, zusammenkamen, und Bauergerichte, weil hier die Irrungen der schon stillschweigend in einen Verein getretenen Männer beigelegt oder zurückgewiesen wurden. Da die Bauersprachen und Bauergerichte beim ältesten oder vornehmsten Hofe gehalten wurden, so hieß solcher Hof auch Richthof, und die Bauergerichte und Bauersprachen auch Hofsprachen und Hofgerichte, welche bis auf heutigen Tag noch nicht ganz verschwunden sind. Der älteste Hof, der Richthof ward nun im vorzüglicheren Sinne Hof genannt, womit man den Haupthof oder Oberhof in der Bauerschaft und dessen Besitzer als das Haupt oder den Hauptmann der übrigen bezeichnete.
So hätten wir ungefähr die Entstehung von dem ersten Vereine und den ersten Gerichtsanstalten der westfälischen Höfe oder Bauerschaften. Sie kann uns um desto weniger befremden, wenn man bedenket, daß Westfalens ehemalige Gestalt nur eine langsame Bevölkerung und allmähligen Anbau verstattete, und dieses allmählige Fortschreiten gerade so zu den simpeln und einförmigen Einrichtungen, als zu der gleichen Bildung, Sitte und Gewohnheit führte, die wir bei Westfalens alten Bewohnern antreffen.«
Diese Stelle aus Kindlingers »Münsterischen Beiträgen« führt uns auf den Schauplatz der Handlung. Sie verdeutlicht uns den Helden der letzteren, den Hofschulzen. Er war der Besitzer eines der größten und reichsten Haupt- oder Oberhöfe, welche in den dortigen Gegenden, freilich jetzt bis zu geringer Anzahl zusammengeschmolzen, liegen.
Über diese uralten Wehren freier Männer ist der Atem der Zeiten markenverrückend und rechtetilgend hingefahren. Die anfängliche germanische Genossenschaft, in welche jeder nur eintrat, Leibes und Lebens sicher zu werden, nicht, Leib und Leben zu verlieren, ist längst zerstört; der Vasallendienst hat an der Freiheit gerüttelt, die Ministerialität hat daran gerüttelt, und endlich sind die Trümmer eigenartiger Selbständigkeit in den großen Not- und Bergehafen des modernen Staats getrieben worden. In diesem schwimmen sie, (um dem Gleichnisse treu zu bleiben,) stoßen und prallen aneinander an, oder sind auch wohl seitwärts auf das Trockne geworfen. Dort verwittern sie, mit Tang, Flechten und Schneckenhäusern besetzt, nach und nach, während jener Überzug den Schein eines neuen Gebildes fortsetzt.
Aber es ist etwas Merkwürdiges um die ersten Stammerinnerungen, und die Völker haben ein so langes Gedächtnis, wie die einzelnen Menschen, denen ja auch die Eindrücke der frühesten Kinderzeit bis in das höchste Alter hinauf getreu zu bleiben pflegen. Erwägt man nun, daß eines Menschen Leben neunzig währen kann und darüber, daß der Völker Jahre aber Jahrhunderte sind, so ist es weiter nicht zu verwundern, daß in den Gegenden, in welche sich unsere Geschichte nunmehr begeben hat, manches noch hin und wieder aufstößt, welches nach der Zeit zurückweist, in welcher der große Frankenkaiser die eigensinnigen Sassen mit Feuer und Schwert zu bekehren wußte.
Weckt also die Natur da, wo sonst der oberste Richter und Erbe der Gegend wohnte, wieder einmal besondere Eigenschaften in einem Menschen auf, so kann an den jahrtausendalten Erinnerungen und zwischen den Grenzen und Gräben, die doch noch erkennbar sind, eine Gestalt erwachsen, wie unser Hofschulze, eine Gestalt, deren Geltung zwar von den Mächten der Gegenwart nicht anerkannt wird, welche aber für sich selbst und bei ihresgleichen einen längst verschwundenen Zustand auf einige Zeit wiederherstellt.
Doch das klingt für diese Arabeskengeschichte zu ernsthaft. Sehen wir uns lieber im Oberhofe selbst um! Wenn das Lob der Freunde immer ein sehr zweideutiges bleibt, so darf man dagegen dem Neide der Feinde vertrauen, und am glaubwürdigsten ist ein Pferdehändler, der die guten Umstände eines Bauern herausstreicht, mit welchem er nicht des Handels einig werden konnte. Zwar ließ sich von dem Hofe nicht, wie der Roßkamm Marx sagte, behaupten, es sei darin, als ob man sich bei einem Grafen befinde, dagegen nahm man, wohin man blickte, bäurischen Wohlstand und einen Segen wahr, welcher dem hungrigsten Menschen zurufen mußte: Hier kannst du dich mal satt essen, die Schüssel ist immerdar voll.
Der Hof lag ganz allein an der Grenze der fruchtbaren Börde, da wo sie in das Hügel- und Waldland übergeht. Die letzten Felder des Hofschulzen stiegen schon sacht die Anhöhen hinauf, und eine Meile von dort war Gebirg. Der nächste Nachbar der Bauerschaft wohnte eine Viertelstunde vom Hofe. Um diesen breitete sich alles Besitztum, welches eine große ländliche Wirtschaft nötig hat, aus; Feld, Wald, Wiese, unzerstückelt, in geschlossenem Zusammenhange.
Von der Anhöhe herab liefen die Felder durch die Ebene, bestens bestellt. Es war aber um die Zeit der Roggenblüte; der Rauch ging von den Ähren und wallte in den warmen Sommerlüften, ein Opfer der Scholle. Einzelne Reihen hochstämmiger Eschen oder knorrichter Rüstern, zu beiden Seiten der alten Grenzgräben gepflanzt, faßten einen Teil der Kornfelder ein und bezeichneten, von weitem her kenntlich, die Marken des Erbes, bestimmter als Steine und Pfähle vermögen. Ein tiefer Weg zwischen aufgeworfenen Erdwällen führte quer durch die Felder, mündete rechts und links an verschiedenen Orten in Seitenpfade aus und führte, wo das Getreide aufhörte, in ein kräftig bestandenes Eichenwäldchen, unter welchem sich erdgelagerte Säue gütlich taten, dessen Schatten aber auch für den Menschen erquicklich waren. Dieser Kamp, welcher dem Schulzen sein Holz lieferte, drang bis wenige Schritte vom Gehöfte vor, umfaßte es von beiden Seiten und gab so zugleich gegen die Ost- und Nordwinde Schutz.
Nur mit Stroh war das Wohnhaus, welches sich in seinen weiß und gelb angestrichenen Wänden von Fachwerk zweistöckig erhob, gedeckt, aber da diese Bedeckung immer sehr wohl instand erhalten ward, so hatte sie nichts Dürftiges, verstärkte im Gegenteil den behaglichen Eindruck, den das Gehöft machte. Das Innere lernen wir schon bei Gelegenheit kennen; jetzt sei nur gesagt, daß auf der andern Seite des Hauses um einen geräumigen Hof Ställe und Scheunen liefen, an denen auch das schärfste Auge keine schadhafte Stelle an Mauer und Bewurf erspähen konnte. Große Linden standen vor der Hoftüre, und dort, nicht nach der Waldseite zu waren auch, wie wir schon erfahren haben, die Ruhesitze angebracht. Denn der Hofschulze wollte, selbst wenn er rastete, seine Wirtschaft im Auge behalten.
Gerade dem Wohnhause gegenüber sah man durch ein Gittertor in den Baumgarten. Dort breiteten starke und gesunde Obststämme ihre belaubten Zweige über frischem Graswuchs, Gemüse- und Salatstücken aus; hier und da ernährte ein schmales Beet dazwischen rote Rosen und gelbe Feuerlilien. Doch waren solcher Beete nur wenige. In einer echten Bauerwirtschaft bleibt der Boden dem Bedürfnisse gewidmet, selbst wenn dem Eigentümer seine Umstände Luxus mit der Natur verstatten. Deshalb haben wir in solchen Höfen eine Empfindung froher Ruhe aller Sinne, wie sie Prachtgärten, Parks und Villen nicht zu erregen vermögen. Denn das ästhetische Landschaftsgefühl ist schon ein Produkt der Überfeinerung, weshalb es denn auch nie in eigentlich robusten Zeiten auftritt. Diese halten vielmehr die Stimmung zur Mutter Erde, als zu der Allernährerin fest, wollen und verlangen nichts von ihr, als die Gabe des Feldes, der Viehweide, des Fischteiches, des Wildforstes.
So weit das Auge über den Baumgarten hinausblickte, sah es auch nur Grün. Denn jenseits des Gartens lagen die großen Wiesen des Oberhofes, auf welchen der Schulze Raum und Futter für seine Pferde besaß. Ihre Zucht, mit Fleiß betrieben, gehörte zu den einträglichsten Nahrungsquellen des Erbes. Auch diese grünen Grasflächen waren von Hecken und Gräben umschlossen; eine derselben faßte einen Weiher ein, in welchem ausgefütterte Karpfen zugweise umherschwammen.
Auf diesem reichen Hofe zwischen vollen Scheuern, vollen Böden und Ställen hantierte der alte, weit und breit angesehene Hofschulze. Bestieg man aber den höchsten Hügel, zu dem sich seine Felder hinauf erstreckten, so erblickte man von dort die Türme dreier der ältesten Städte Westfalens.
Es ging zu der Zeit, von welcher ich rede, auf eilf Uhr vormittags, und der ganze weitläufige Hof war so still, daß sich fast nur das Rauschen der Lüfte in den Baumwipfeln des Kamps vernehmen ließ. Der Schulze maß dem Knechte Hafer zu, womit dieser, den Sack über der Schulter, langsamen Schrittes nach dem Pferdestalle ging, die Tochter zählte in der Linnen- und Garnkammer ihre Ausstattung nach, eine Magd besorgte die Küche. Was sonst von Menschen im Hofe lebte, lag und schlief, denn es ging gegen die Ernte, in welcher Zeit es bei den Bauern am wenigsten zu tun gibt, und die Arbeiter jede Minute zu benutzen pflegen, um gewissermaßen auf Rechnung der herannahenden schweiß- und mühevollen Tage in voraus zu schlafen. Überhaupt können die Landleute, wie die Hunde, zu allen Stunden bei Tage und bei Nacht schlafen, wann sie wollen.
Viertes Kapitel
Worin der Jäger einem Menschen, namens Schrimbs oder Peppel seinen Begleiter nachsendet, und selbst auf den Oberhof kommt
Aus den Hügeln, welche die Felder des Hofschulzen begrenzten, traten zwei Männer von verschiedenem Ansehen und Alter. Der eine, im grünen Jagdcollet, die kleine Mütze über das lockige Haupt geworfen, die leichte Lütticher Flinte im Arme, war ein blühendschöner Jüngling, der andere, in stillere Farben gekleidet, ein ältlicher Mann von treuherziger Miene. Der Jüngere schritt rasch wie ein Edelhirsch dem Älteren voran, der seines Orts mehr den langsamen Gang eines ausgedienten, aber dem Herrn noch stets anhänglich nachschleichenden Jagdhundes hatte. Als sie auf einen freien Platz vor den Hügeln getreten waren, setzten sie sich auf einen großen Stein, der dort nebst mehreren andern lag, im Schatten einer mächtigen Linde. Der Jüngere gab dem Alten Geld und Schriften, deutete ihm die Richtung an, in welcher er nun seinen Weg fortsetzen müsse, und sagte zu ihm: »Jetzt Jochem, geh und sei gescheit, daß wir des vermaledeiten Schrimbs oder Peppel habhaft werden, der solche abscheuliche Lügen ausgedacht hat. Und sobald du ihn entdeckt hast, gib mir Nachricht.«
»Ich werd‘ g‘scheit sein«, erwiderte der alte Jochem. »Ich frage immer so sacht und unter der Hand in den Flecken und Städten nach einem, der sich Schrimbs oder Peppel schreibt, und es müßte mit dem Henker zugehen, wenn ich den Gauch nicht ausfindig machen wollte. Sie halten sich derweile inkognito-verborgen, bis Sie von mir ein Weiteres vernehmen.«
»Wohl«, sagte der junge Mann, »und nur immer äußerst vorsichtig und bedachtsam gehandelt, Jochem, denn wir sind nicht mehr im lieben Schwabenland, sondern dahaußen unter Sachsen und Franken!«
»Die wüsten Kerl‘!« versetzte der alte Jochem. »Sie haben halt lang von Schwabenstreichen gesprochen, sie sollen verspüren, daß der Schwab auch ein feiner Vogel sein kann, wann‘s not tut.«
»Immer rechts dich gehalten, mein Jochem, denn dahin weisen die letzten Spuren von dem Schrimbs oder Peppel«, sagte der junge Mann, indem er aufstand, und dem Alten zum Abschiede herzlich die Hand schüttelte. »Immer rechts, versteht sich«, erwiderte dieser, gab dem andern die vollgestopfte Weidtasche, die er bis jetzt getragen hatte, lupfte den Hut, und ging dann zwischen den Kornfeldern einen Seitenpfad rechts nach der Gegend zu hinab, wo man in der Ferne eine der im vorigen Kapitel angedeuteten Turmspitzen ragen sah.
Der junge Mann mit der Jagdflinte ging dagegen gerade gegen den Oberhof hinunter. Er mochte etwa hundert Schritte weit gegangen sein, als er etwas keuchend hinter sich herkommen hörte und sich umdrehend sah, daß sein alter Begleiter ihm folgte. »Ich wollte Sie noch um eins gebeten und ersucht haben«, rief dieser, »tun Sie, da Sie nun allein und sich selbst überlassen sind, das Schießgewehr von sich, denn Sie treffen doch nichts und richten, weiß Gott, noch einmal ein Unglück an, wie neulich schon beinahe geschehen wäre, da Sie nach dem Hasen zielten und beinahe das Kind niedergeschossen hätten.«
»Ja, es ist verwünscht, immer zu zielen und nimmer zu treffen!« rief der junge Mann. »Ich will mich auch wahrhaftig überwinden, so schwer es mir fallen wird, denn du weißt ja, daß es mir von meiner seligen Mutter her anklebt, allein ich will mich, wie gesagt, überwinden, und es soll kein Schrotkorn aus diesen Läufen fliegen, solange ich von dir entfernt bin.«
Der Alte bat ihn um das Gewehr. Dem aber weigerte sich der junge Mann, indem er sagte, daß es ohne Gewehr ja gar keine Überwindung koste, das Schießen zu lassen, und seine Handlungsweise dann alles Verdienst einbüße. »Das ist auch wahr«, erwiderte der Alte und ging nun getrost, ohne einen zweiten Abschied zu nehmen, da der erste noch vorhielt, seine ihm angewiesene Straße zurück. Der junge Mann blieb stehen, setzte das Gewehr auf den Boden, stieß den Ladestock in den Lauf und sagte: »Es wird hart halten, den Schuß herauszubringen, und er darf doch nicht darin bleiben.« Dann warf er es wieder über die Schulter und schritt auf den Eichenkamp des Hofschulzen zu.
Dicht vor demselben von einem schmalen Raine ging eine Kette Feldhühner mit schmetterndem Flügelschlage und Geschrei auf. Jauchzend riß der junge Mann das Gewehr von der Schulter, rief: »Da werde ich ja gleich der Schüsse quitt!« schlug an, es knallte zweimal aus dem Doppelgewehre, die Vögel flogen unversehrt davon, der Jäger sah betroffen ihnen nach, sagte: »Diesmal, meinte ich, müßte ich was getroffen haben, nun will ich mich aber auch gewiß überwinden«; und setzte seinen Weg durch das Eichenwäldchen nach dem Hofe fort.
Als er zur Türe eintrat, sah er in einem geräumigen, hohen Flure, welcher den ganzen mittleren Teil des Hauses einnahm, den Hofschulzen mit Tochter, Knechten und Mägden bei dem Mittagsessen sitzen. Er bot mit seiner sonoren, wohlklingenden Stimme freundlichen Gruß; der Hofschulze sah ihn achtsam, die Tochter verwundert an, was die Knechte und Mägde betrifft, so sahen ihn diese gar nicht an, sondern aßen, ohne seiner zu achten, weiter. Der Jäger trat zu dem Hofwirte und erkundigte sich nach der Entfernung der nächsten Stadt und dem Wege dahin. Anfangs verstand der Schulze diese ihm fremdklingende Sprache nicht, die Tochter aber, welche kein Auge von dem schönen Jäger verwandte, half ihm den Sinn entdecken, und er gab darauf richtigen Bescheid. Diesen verstand wieder der Jäger seinerseits erst nach dreimaligem Fragen, brachte aber endlich doch heraus, daß die Stadt auf dem schwer zu findenden Fußwege unter zwei starken Stunden nicht zu erreichen sei.
Die Mittagshitze, der Anblick des vor ihm stehenden reinlichen Mahls und sein eigner Hunger riefen in dem Jäger die Frage auf: Ob er nicht hier für Geld und gute Worte Essen und Trinken und bis zur Abendkühle Obdach erhalten könne? — »Für Geld nicht«, versetzte der Hofschulze, »für ein gutes Wort aber Mittagsessen und Abendbrot dazu und Rast, solange es dem Herrn beliebt«; ließ einen spiegelblanken zinnernen Teller, Messer, Gabel und Löffel, ebenso blank wie der Teller, aufsetzen und nötigte den Gast zum Sitzen. Dieser sprach dem kräftigen gekochten Schinken, den großen Bohnen, den Eiern und Würsten, woraus die Mahlzeit bestand, mit allem Appetite der Jugend zu, und fand, daß die weit und breit als böotisch verschrieene Landeskost gar so übel nicht sei.
Geredet wurde von den Wirten wenig, denn der Bauer spricht während des Essens nicht gern, doch erfuhr der Jäger von dem Hofschulzen auf Befragen, daß hier herum in der ganzen Gegend kein Mensch, namens Schrimbs oder Peppel, bekanntgeworden sei. Die Knechte und Mägde, welche gesondert von den Herrenplätzen am andern Ende der langen Tafel saßen, waren ganz stumm und blickten nur auf die Schüssel, aus welcher sie mit ihren Löffeln die Speise zum Munde führten.
Nachdem sie aber abgegessen und sich die Mäuler gewischt hatten, trat eines nach dem andern vor den Herrn und sagte: »Baas, meinen Spruch.« — Der Hofschulze teilte hierauf jedem eine sprichwörtliche Redensart oder eine Bibelstelle mit. So sagte er zum ersten Knechte, einem rothaarigen Kerl: »Jach sein zum Hader, zündet Feuer an, und jach sein zu zanken, vergießt Blut«; zum zweiten, einem dicken, langsamen Menschen: »Gehe hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Weise an und lerne«; zum dritten, einem kleinen schwarzäugichten verwegen blickenden Gesellen: »Besser ein Sperling in der Hand, als ein Reiher auf dem Dache.« — Die erste Magd empfing den Spruch: »Hast du Vieh, so warte sein, und trägt dir‘s Nutzen, so behalte es«; und zur zweiten sagte er: »Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen.«
Nachdem jeder auf solche Weise bedacht worden war, gingen alle zu ihren Arbeiten, der eine gleichgültig, der andere betroffen aussehend. Die zweite Magd war von ihrem Spruche blutrot geworden. Der Jäger, welcher allgemach den ortsüblichen Dialekt verstehen lernte, hatte diesem Unterrichte mit Erstaunen zugehört und fragte nach dessen Beendigung, was er bezwecke?
»Daß sie darüber nachdenken«, sagte der Hofschulze. »Wenn sie heute abend hier wieder zusammenkommen, so sagen sie mir, was sie sich bei den Sprüchen gedacht haben. Die meiste Arbeit auf dem Lande ist der Art, daß die Leute nebenbei noch allerhand Gedanken haben können, und da fallen ihnen denn alle die schlechten Sachen ein, die hernachmals in Liederlichkeit, Lug und Trug ausbrechen. Beim Pferdefüttern denken sie, wie sie Hafer auf die Seite bringen können, und wenn die Magd die Kuh melkt, so steht ihr immer der Liebste vor Augen. Kriegt aber der Mensch so einen Spruch auf zu raten, so ruht er nicht ehender, als bis er die Moral davon heraus hat, und derweile ist die Zeit vergangen, ohne daß ihm etwas Übles in den Sinn kam.«
»Ihr seid ja ein wahrer Weltweiser und Priester!« rief der Jäger, dessen Verwunderung hier mit jedem Augenblicke zunahm.
»Es läßt sich viel mit dem Menschen ausrichten, wenn man ihm die Moral beibringt«, sagte der Hofschulze bedächtig. »Die Moral steckt aber in kurzen Sprüchen besser, als in langen Reden und Predigten. Meine Leute halten sich viel länger, seitdem ich auf die Moral verfallen bin. Freilich das ganze Jahr hindurch geht es mit den Sprüchen nicht; während der Bestellzeit und in der Ernte hört alles Nachdenken auf. Dann tut es aber auch nicht not, denn sie haben zu Schlechtigkeiten keine Zeit.«
»Ihr macht also förmliche Abschnitte in Eurem Unterrichte?« fragte der Jäger.
»Bei Winterszeit gehen die Sprüche gemeiniglich nach dem Dreschen an und dauern bis zum Säen«, versetzte der Hofschulze. »Im Sommer aber werden sie von Walpurgis bis gegen die Hundstage zugeteilt. Das sind die Zeiten, wo es bei dem Bauer am wenigsten zu verrichten gibt.«
Der Jäger erkundigte sich, was für eine Bewandtnis es mit dem Rotwerden des einen Mädchens gehabt habe, und erhielt darauf folgende Antwort: »Die hat etwas auf dem Gewissen, und in solchen Fällen ist es meine Manier, einen Spruch anzubringen, woraus das räudige Schaf sieht, daß ich um den Fehler weiß. Wir wollen abwarten, ob er bis heute abend gewirkt haben wird.«
Er ließ den jungen Mann allein, und dieser sah sich in Haus, Hof, Baumgarten und Wiesen um. Mehrere Stunden brachte er in dieser Beschauung zu, da jedes einzelne ihn anzog. Die ländliche Stille, das Wiesengrün, die Wohlhabenheit, die aus dem ganzen Hofe ihm entgegenstrotzte, machte den angenehmsten Eindruck auf ihn und regte in ihm den Wunsch an, lieber in so weiter Naturfreiheit, als in den engen Gassen einer kleinen Stadt die acht oder vierzehn Tage zuzubringen, welche bis zum Empfange der Nachrichten vom alten Jochem verstreichen konnten. Da er sein Herz auf der Zunge trug, so ging er auf der Stelle zu dem Hofschulzen, der im Eichenkampe ein paar Bäume zum Fällen anschlug, und sprach sein Begehr aus. Er erbot sich dagegen zu allem, worin er seinem Wirte nützlich werden könne.
Die Schönheit ist eine gar gute Mitgift. Sie ist ein Schlüssel, der wie jener kleine goldne, sieben Schlösser, von denen keins dem andern ähnlich sah, zauberisch öffnet. Ein Paß ist sie, auf den der Träger, ohne daß in den Nachtquartieren Visas genommen zu werden brauchen, frei durch alle Welt geht; in Romanen und Novellen spannt sich die Schönheit über alle Klüfte und Abgründe der Unwahrscheinlichkeit hinweg, wie die siebenfarbige Brücke der Iris.
Wäre der Jäger nicht so schön gewesen, was für weitläuftige Motive hätte ich ersinnen und erspinnen müssen, um den Hofschulzen zur Gewährung des Quartiers an ihn willig zu machen! So jedoch brauche ich nur zu sagen, daß der Alte die schlanke und doch kräftige Gestalt, das ehrliche und dabei vornehm-prächtige Antlitz des Jünglings eine Zeitlang betrachtete, erst zwar nachhaltig den Kopf schüttelte, dann aber freundlich werdend nickte und zuletzt ihm seine Bitte erfüllte. Er wies dem Jäger ein Eckstübchen im obern Stocke des Hauses an, von wo man nach der einen Seite über den Eichenkamp nach den Hügeln und Bergen, nach der andern über weite Wiesenflächen und Kornfelder sah.
Freilich mußte der Gast anstatt des Mietzinses die Erfüllung einer sonderbaren Bedingung versprechen. Denn der Hofschulze ließ auch der Schönheit nicht gern etwas ganz unentgeltlich zufließen.
Fünftes Kapitel
Der Jäger verdingt sich zum Wildschützen, und des Abends erzählen Knechte und Mägde die Ergebnisse ihres Nachdenkens über die moralischen Sprüche
Er fragte nämlich den jungen Mann, ehe und bevor er ihm Quartier zusagte, ob er, wie sein grüner Anzug, das Gewehr und die Weidtasche zu lehren scheine, ein Liebhaber von der Jagd sei? Jener erwiderte darauf, daß, solange er denken könne, er mit Leidenschaft, ja mit einer wahren Raserei gepirscht habe, wobei er denn freilich verschwieg, daß durch sein Pulver und Blei außer einem Sperlinge, einer Krähe und einer Katze noch kein Gottesgeschöpf vom Leben zum Tode gebracht worden war. Wirklich verhielt es sich so. Er konnte nicht leben, ohne nicht des Tages einige Male geknallt zu haben, schoß aber regelmäßig vorbei und hatte nur in seinem achtzehnten Jahre einen Sperling, in seinem zwanzigsten eine Krähe, in seinem vierundzwanzigsten eine Katze erlegt; das war alles. Ein sonderbares Ereignis vor seiner Geburt mochte ihm die bei so wenigen Erfolgen sonst unbegreifliche Neigung, wie ein Mal, aufgedrückt haben. Wenigstens hielt er selbst dafür, daß aus dieser Signatur der Hang abzuleiten sei, über den er in besonnenen Stunden höchst verdrießlich werden konnte.
Nachdem der Hofschulze die bejahende Antwort des Gastes empfangen hatte, rückte er mit seinem Antrage hervor, welcher dahin ging, daß der Jäger täglich ein paar Stunden gegen das Wild im Felde liegen solle, welches seinen Kornbreiten, besonders den die Hügel hinansteigenden manchen Schaden zufüge. »Dort in den Bergen«, sagte der alte Bauer, »sind die großen Jagden der Edelleute; die Kreaturen haben mir schon in den vergangenen Jahren Saat genug abgeatzt und daniedergewälzt, aber in diesem ist es erst recht schlimm geworden, denn der junge Graf drüben ist auch ein scharfer Jäger und hat seinen Wildstand vermehrt, so daß die Hirsche und Rehe wie die Schafe aus dem Walde treten und mein‘ Mühe und Schweiß verruinieren. Ich verstehe mich nicht auf die Sache und den Knechten mag ich es nicht gerne erlauben, weil sie unter dem Vorwande, sich auf den Anstand zu stellen, mir leicht unordentlich werden können, darum haben die Bestien mitunter gewirtschaftet, daß sich einem das Herz im Leibe umwenden mußte. Nun kommen Sie mir gerade zupaß, und wenn Sie mir diese vierzehn Tage bis zur Ernte die Höllenteufel aus dem Korne halten, so sollen Sie damit Ihr Quartier bezahlt haben.«
»Was? Ich ein Wildschütz? Ich ein Wilddieb?« rief der junge Mann und lachte so herzlich und schallend auf, daß er den Hofschulzen ansteckte. Noch lachend strich dieser über das feine Tuch, aus welchem die Kleidung seines Gastes gemacht war, und sagte: »Eben darum, weil es bei Ihnen wohl keine sonderliche Gefahr haben wird, wenn Sie auch attrapiert werden. Sie werden sich schon eher loszumachen wissen, als so ein armer Knecht. Die Fliegen fangen sich in den Spinnweben, die Wespen schlüpfen durch. Doch was ist das überhaupt ein Verbrechen, sein Eigentum gegen die Ungetüme, die es fressen und zugrunde richten, zu verdefendieren!« rief er, indem plötzlich der lachende Ausdruck seines Gesichts in den des loderndsten Zornes überging. Die Stirnadern schwollen ihm an, das Blut trat dunkelrot in seine Wangen, die Augäpfel verloren ihr Weißes und wurden rötlich; man hätte vor dem Alten erschrecken können.
»Ihr habt recht, Vater, es gibt nichts Unvernünftigeres, als die sogenannten Jagdgerechtsame«, sagte der Jäger, um ihn zu beruhigen. »Deshalb will ich die Sünde über mich nehmen, zum Frommen Eures Gutes am Wildbann der hiesigen Edelleute zu freveln, obgleich ich eigentlich dadurch — —«
Er wollte etwas hinzusetzen, brach aber schnell ab und ging auf andere gleichgültige Gegenstände über.
Wer aber glaubt, daß die Unterhaltung dieses westfälischen Hofschulzen und schwäbischen Jägers so flüssig vonstatten gegangen sei, wie meine Autorfeder sie niedergeschrieben hat, der irrt sich. Vielmehr waren noch oft mehrmalige Wiederholungen nötig, ehe und bevor ein notdürftiges Verständnis zwischen ihnen eintrat. Hin und wieder mußte selbst die Finger- und Zeichensprache zu Hilfe genommen werden. Denn der Hofschulze hatte in seinem Leben nichts von einem: ch hinter dem: s gehört, auch brachte er alle Töne hinten aus der Gurgel, oder wenn man will, aus dem Rachen hervor. Dagegen war dem Jäger das göttliche Geschenk, welches uns von den Tieren unterscheidet, ganz zwischen die Lippen und Vorderzähne gelegt worden, von wo denn die Laute mit wundersamer schwerträchtiger Fülle und sausendem Zischen ausbrachen. Aber durch diese fremden Schalen hindurch hatten der alte und der junge Mann bald aneinander Behagen gefunden. Da sie beide vom echtesten Schrot und gewichtigsten Korn waren, so mußten sie wohl einer des andern Kern erkennen.
Auf seiner Eckstube hatte jedoch der Jäger auch Schalen entdeckt, die ihn nach ihrem Kerne verlangen machten. Er sah nämlich, als er seine leichten Habseligkeiten und schweren Goldrollen aus der Jagdtasche nahm, um sich häuslich einzurichten, in der Ecke des Zimmers ein Nachthäubchen, ein Tüchlein und ein Röckchen sauber über die Lehne eines Stuhles gehängt. Alle diese Stücke waren, wie der Augenschein lehrte, getragen, dennoch leuchteten sie von Schneeweiße. »Ei!« rief der Jäger, »hat hier vor mir ein hübsches Maidel gehaust? Da werde ich schon Glück haben.« Er wollte in einer Laune, die ihn plötzlich anstieß, sich das Nachthäubchen aufsetzen, es war aber viel zu klein für sein Haupt. Er maß an der Zerknitterung der Bänder das Oval des Gesichtes ab und fand dieses ohne Tadel. Das Röckchen deutete auf den zierlichsten Leib und das Tüchlein ließ nach den Falten und nach der Beugung, die es behalten, vermuten, daß unter ihm ein junger, runder Busen geschlagen habe. Plötzlich aber errötete er unter diesen Spielereien bis hoch hinauf zu den Schläfen, er schämte sich ihrer, die ihn freventlich bedünken wollten, er stellte den Stuhl mit den Kleidungsstücken hinter einen Schirm, um sie nicht ferner zu sehen, und setzte sich zum Schreiben nieder, die schweifenden Gedanken in Ordnung zu bringen.
Als er abends in den Flur hinunter zum Essen gerufen wurde, fand er die Knechte und Mägde, die ihr Abendbrot schon früher genossen hatten, im vollen Erzählen um den Hofschulzen.
Dieser hatte auch bereits seinen Salat verzehrt, hörte zu, und bestätigte oder bestritt, was seine Moralschüler vorbrachten. Der rothaarige Knecht, welcher die Warnung vor dem Zanken erhalten hatte, sagte: »Das ist ein rechtes Glück, Baas, daß Ihr mir gerade heute die Lehre gegeben habt, denn ich begegnete, wie ich die Pferde in die Nachtweide trieb, dem Pitter vom Bandkotten, auf den ich schon längst fuchsfalsch bin, und da habe ich ihm die Nase braun und blau geschlagen.«
»Dieses ging ja aber schnurstracks gegen die Vermahnung!« rief der Hofschulze.
»Behüte Gott«, versetzte der Rothaarige. »Als zum Beispiel, so führte ich einen Zaunpfahl bei mir, um damit die Pferde einzutreiben, und wie ich nun den Pitter ansichtig wurde und ihn niedergeschmissen hatte, so dachte ich, du willst dem Hund mit dem Pfahl eins versetzen, daß er auf Lebenszeit genug hat, weil er nämlich an allen Mädchen herumkaressiert, so daß man gar nicht mehr ankommen kann. Aber da dachte ich auch, daß ich soviel darüber nachgedacht hatte: »Jach sein zum Hader, zündet Feuer an, und jach sein zum Zanken, vergießt Blut,« und gab ihm bloß einen Puff auf die Nase und damit gut, und dann noch einen Tritt ins Kreuz und ließ ihn laufen.«
»Nun insofern mag es gut sein, aber künftig kannst du auch das Puffen und Treten unterlassen, wenn du über den Spruch nachgedacht hast,« erwiderte der Hofschulze.
Der kleine Schwarzäugige, Verwegne sagte: »Meiner Treu, es ist und bleibt wahr, daß ein Sperling in der Hand besser ist, als ein Reiher auf dem Dache. Darum habe ich die Gedanken auf die Gertrud drüben eingestellt, weil sie gar zu hoffärtig ist, und auf Michael einen Verspruch mit dem Wicht von Hölschers getan, die ich kriegen konnte.«
»Magst du sie denn leiden?« fragte der Hofschulze.
»Ne«, erwiderte der Kleine, »es wird aber doch schon gehen.«
Der dicke Langsame, welcher zur Ameise geschickt worden war, ihre Weise anzusehen, erklärte, dabei nichts gelernt zu haben, »denn«, sagte er, »ich bin auf keine Ameise gestoßen.« Dagegen sagte die erste Magd: »Euer Spruch, Baas, trifft nicht zu. »Hast du Vieh, so warte sein, und trägt dir‘s Nutzen, so behalte es.« Denn ich habe die Kühe zu Abend gehörig gemelkt und abgewartet, und Nutzen würden sie mir auch tragen, aber behalten darf ich sie darum doch nicht.«
»Der Spruch geht auf eine eigene Wirtschaft, und wenn du eine bekommst, so wird er eintreffen«, antwortete der Hofschulze. »Ja so«, sagte das Mädchen. — »Aber Ihr habt eine eigene Wirtschaft, Baas, und das Vieh trägt Euch Nutzen und Ihr behaltet es, und doch wartet Ihr nicht sein.«
»Es ist ein Spruch für Frauenzimmer, nicht für Mannsleute«, antwortete der Hofschulze etwas barsch. »Und nun laß dein Fragen und schließ die Milchkammer zu.«
Das Mädchen, welches am Mittage von dem Spruche: »Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen,« rot geworden war, hatte bisher seitwärts und in sich gekehrt gesessen, an ihrer Schürze gezupft und scheu vor sich nieder geblickt.
Als nun die übrigen Knechte und Mägde gegangen waren, schlich sie sich zu ihrem Herrn, zupfte ihn verstohlen am Rock und ging mit ihm vor die Türe ins Freie. Nach einiger Zeit kam der Hofschulze allein zurück und sagte zu seiner Tochter:
»Es ist richtig, die Gitta hat mir‘s eben gestanden, sie hat sich mit dem Matthies vergangen. Sprich du weiter mit ihr und sag ihr, wenn sie sich sonst ordentlich halte, wolle ich sorgen, daß der Matthies an ihr seine Schuldigkeit tue.«
»Ich habe mir‘s gleich gedacht«, antwortete die Tochter, ohne über die Entdeckung und den ihr erteilten Auftrag verlegen zu werden.
Nach ihrer Entfernung sprach der Jäger seine Verwunderung über die Gewalt aus, welche er seinen Wirt in diesem Falle hatte üben sehen. »Das ist ganz leicht«, versetzte der Hofschulze. »Ein jeder weiß, daß er nicht bei mir in Dienst bleibt, wenn ich auf ihn einen Argwohn habe, und er nicht bekennt und zu Kreuz kriecht. Tut er das aber, so vergebe ich ihm oder nehme mich seiner an. Da es mir meine Umstände zulassen, bei allem Lohn einen Taler mehr zu geben, als meine Nachbaren, so mag keiner vom Oberhof herunter. Kriege ich nun von etwas Wind, so ziele ich darauf mit einem Spruche hin, und gemeiniglich wird dann gebeichtet, weil nämlich der Sünder weiß, daß außerdem ihm der Dienst aufgesagt ist.«
Sie wünschten einander gute Nacht, und der Jäger ging auf sein Zimmer. Er entkleidete sich, schlug die Decke des Bettes zurück und sah an kleinen Fältchen der übrigens blendend weißen Leintücher, daß die Leute nicht für nötig gefunden hatten, dieselben nach dem letzten Besuche, welcher auf dieser Stube geherbergt, zu wechseln. Eine wunderbare Empfindung durchrieselte ihn; er hatte das Mädchen, welches hier geruht, schon ganz vergessen gehabt, nun fiel ihm das Nachthäubchen wieder ein, er nahm es vom Stuhl, maß abermals an der Zerknitterung das Oval des Gesichtes ab, drückte es an seine Wange, wie um sie zu kühlen, und brach plötzlich in heftige Tränen aus. Denn in dieser jungen, saftschwangern Natur lagen noch alle Widersprüche des Ernsten und Närrischen, welche das Leben später bis zur Gleichgültigkeit abdämpft, chaotisch nebeneinander.
Seine Unruhe, als er sich zwischen den Decken ausgestreckt hatte, wurde vermehrt, als er sich auf einmal erinnerte, daß er bei dem Abschiede von dem alten Jochem diesem ja gar nicht gesagt habe, wo er während dessen Spürfahrt verweilen wolle.
Sechstes Kapitel
Der Jäger schreibt an seinen Freund Ernst im Schwarzwalde
»Mentor, mein Mentor, dem leider der verständige Jüngling Telemachos fehlt, was wirst Du sagen, wenn Du meine Hand und die Überschrift des Briefes zu schauen bekommst? Du, unter Deinen Tannen und Uhrmachern, wirst mich nach Reisen und Fahrten aller Art endlich weich und still auf meiner Alm im Schlosse meiner in Gott ruhenden Väter wissen und ausrufen, nachdem Du Gegenwärtiges gelesen: »Unser Wissen ist eitel Stückwerk!« Du wirst Dir einbilden und wohlgefällig (Du Treuer!) Dir sagen, wenn Du abends in der Schreibtafel die Agenda durchstreichst, weil sie Nummer für Nummer Acta geworden sind: »Endlich wird er nun sich zur Decke gestreckt haben, des Feldbaus warten, oder eine nützliche Anlage, etwa eine Papiermühle, machen, und das heiße Blut höchstens an den Sauen und Hirschen seines Wildbanns auslassen«, und ist von allem dem nicht ein Tüttelchen wahr, obgleich ich auch hier, Gott sei es geklagt, auf die Jagd gehe, aber im Dienste eines westfälischen Bauern als Wilddieb gegen meine Herrn Standesgenossen.
Ich bitte Dich, verliere die Geduld nicht; denn wenn seltsame Dinge von der Seele heruntergebeichtet werden sollen, so darf der Sünder schon etwas stocken und zaudern, und der Beichtvater muß es sich gefallen lassen, das Tüchel lange vor dem Antlitz zu halten. In der Ohrenbeicht‘ aber fühle ich mich trotz meines guten Tübinger Protestantismus immer Dir gegenüber, wenn ich etwas habe auslaufen lassen, was nicht innerhalb der Schnur war. Die Sünde kann ich nicht verschwören, aber, ist sie begangen, so verspüre ich wie ein Gläubiger der allgemeinen Kirche ein wahres Reinigungsbedürfnis in der Seele, und mein moralischer Reiniger bist Du. Du hast mich in hundert Nöten der Art schon losgesprochen — — ach nein! das hast Du nicht, Du hast immer bitter gezankt und gescholten, aber es ist nun einmal mein Schicksal; ich kann die Last nicht bei mir verschließen, ich lege sie an der Schwelle des Tempels der Athene, heißt des wohlbekannten Oberamtmannshauses unfern der Hölle (bei Donaueschingen) nieder, und habe dann neue Kraft und frischen Mut zu Gutem und Bösem. — Also: Iterum confiteor ohne aufs Absolvo zu rechnen.
Confiteor... aber was?
Seit vierzehn Tagen aus Schwaben, liege ich seit acht hier in einem sogenannten Oberhofe unweit — —
Ich mußte gestern abbrechen, denn nachdem ich geschrieben, wo ich sei, fehlte mir auf einmal die Brücke zu der Eröffnung, warum und weswegen ich hergekommen? Ich muß also die Sache auf eine andere Weise einleiten. Trotz der bunten Schreibart, die vielleicht noch mit unterlaufen wird, bin ich ernst, klar und in mir gefaßt. Daher sollen Dir Dinge entdeckt werden, die Du wenigstens in dieser bestimmten Gestalt noch nicht von mir vernommen hast.
Die Geschichtschreiber pflegen an die Spitze ihrer Werke zuweilen allgemeine Sätze zu stellen, in denen sich der innerste Sinn der Begebenheiten, welche sie schildern wollen, ausprägen soll. Einige solcher Betrachtungen werde ich jetzt meiner Geschichtserzählung voranschicken, weil sie Dir dadurch vielleicht faßlicher wird.
Nach der scharfsinnigen und fruchtbaren Hypothese eines tiefblickenden Naturlehrers entspringen die Instinkte der Tiere aus traumartigen Vorstellungen von den Dingen, welche der Instinkt erstrebt. Der Zugvogel träumt von den fernen Gegenden, in welche er wandert, in traumartigen Umrissen sieht die sibirische Waldschnepfe die deutschen Sumpfstrecken, die Schwalbe den Küstensaum Afrikas. Traumartig schweben der Spinne die Umrisse und Radien ihres Netzes, der Biene die Sechsecke ihres Stockes vor. Es ist eine Hypothese, aber ich nannte sie sinnreich und fruchtbar, weil sie die Kreatur gerade in dem, was ihre bedeutendste Tätigkeit ist, aus der Region des Maschinenmäßigen in ein gottdurchleuchteteres Gebiet hebt.
Wir armen bewußten Menschen scheinen nun von dieser göttlichen Sicherheit des Angreifens und Fassens alles Stoffes entblößt zu sein. Aber es ist nur scheinbar. Alles Genie und Talent ist nichts weiter als Instinkt. Nenne mir den Künstler, den Dichter, der beides nicht aus sogenanntem dunklem Drange geworden wäre! Wir andern haben freilich so bestimmte Fingerzeige nicht in uns, indessen sind fast jedem Menschen — vielleicht jedem — auch ganz feste Richtungen, unverrückbare Punkte eingeboren, welche außen oft als Launen, Grillen, Seltsamkeiten, Liebhabereien erscheinen, dennoch aber vielleicht auf das allerfesteste Gesetz der Seele hindeuten. Es sind dieses nicht die sogenannten Grundsätze, Maximen, Lebensweisen, Gewöhnungen — das alles kann angebildet und angelernt werden — nein, was ich meine, ist etwas ganz anderes, aber freilich schwer zu beschreiben.
Diese Lichter des innern Menschen sind Halbträume des Instinkts. Von dem nüchternen Tagesscheine des Verstandes entscheucht, von der wühlenden Hand der Selbstbeschauung zerschlagen, wirken sie nicht so siegreich, wie bei dem Wandervogel und bei der Biene das unwiderstehliche Muß, glücklich ist aber derjenige, der die Stimme jener Träume hört und ihr folgt.
Das Genie wird geboren, sagt man, und darüber ist jeder einverstanden. Ich füge hinzu: Nicht alle werden als Genies, aber dazu wird jeder geboren, sich sein Schicksal zu machen. Selbst die willkürlich scheinenden Grillen sind zuweilen feste Wegweiser zum Glück. Erinnerst Du Dich noch des armen Tagelöhners in Ludwigsburg, welcher, sonst verständig und fleißig, sich steif und fest einbildete, im Park lägen Granaten, und der zu jeder Freistunde in den Alleen danach suchte, Kiesel und Quarz aufhob und betrachtete? Die Leute hielten ihn für verrückt, und eines Abends fand er in einem der dunkelsten Gänge, eifrigst auf Granaten erpicht, eine vollgespickte Brieftasche, die er ehrlich genug war, dem Verlierer einzuhändigen. Dieser belohnte ihn mit einem Geschenke, welches seine Umstände auf Lebenszeit verbesserte. Das Sonderbarste war, daß, sobald jener Fund getan war, sein Suchetrieb in ihm versiegte.
Ich habe nun auch in mir ganz bestimmte Instinkte, denn ich will sie nur geradezu so bei mir nennen. Meine Jagdlust mag ich nicht anführen, denn es bleibt mit der abenteuerlichen Seite der Region, welche ich Dir bezeichnete, allerdings immer etwas Mißliches, obgleich ich nicht berge, daß ich des Gedankens nicht Meister werden kann, mein beständiges Schießen und Fehlen müsse doch irgendeinen, mir freilich nicht begreiflichen Zweck haben. Aber lassen wir diesen weidmännischen Instinkt, der mir den Spitznamen: »der wilde Jäger«, bei Euch zugezogen hat, vorderhand auf sich beruhen!
Aber ein Zweites in mir ist etwas Ernsteres, und doch kein Vorsatz, keine Überzeugung, keine Leidenschaft — sondern ein wahrer Instinkt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl für die Frauen. So lange ich denken kann, wohnt es mir bei. Ich kann es Dir eigentlich nicht schildern. Mich durchsäuselt die Ahnung einer unendlich milden Lösung aller Schmerzen, das Vorempfinden des überschwenglichsten Erfüllens und Ergänzens, sehe ich eine Frau. Und nicht bloß Jugend und Schönheit, Reiz und Anmut bewegen meine Seele in einem Bade so erquickender Fluten, sondern in der Unscheinbarsten gewahre ich etwas Göttliches, wenn sie mir begegnet. Oft hat mich ein solches zufälliches und gleichgültiges Treffen von trüben leidenschaftlichen Aufregungen wie mit einem Zauberschlage geheilt; oft habe ich mich auch scheu vor allen weiblichen Zirkeln zurückgehalten, weil in mir etwas vorgegangen war, was ich unter Frauen zu bringen für unerlaubt hielt. Seit einiger Zeit habe ich angefangen, meine Blicke auf die Verwickelungen der Welt und Zeit zu richten. Da muß ich Dir nun gestehen, daß unter allen den Dingen, nach deren Rückkehr die Menschen seufzen, mir die Herstellung des wahren und beseligenden Verhältnisses zwischen den beiden Geschlechtern als das sehnenswerteste erschienen ist. Aber freilich mag dieser Friede wohl der Lohn sein, welcher andern, erst in den übrigen Punkten zum Frieden gelangten Zeiten aufbewahrt wird.
Dich werden diese Bekenntnisse überraschen, denn Du hast mich nicht gar zu selten rauh und tölpisch im Umgange mit Frauen gesehen, auch war ich noch nie verliebt. Vielleicht werd‘ ich es auch nie. Das schlimmste Unrecht tätest Du mir, wenn Du glaubtest, daß aus mir noch gar ein Süßling werden könnte. Nein, dazu passen wir überhaupt bei uns zulande nicht. Nimm meine Worte, wie sie geschrieben sind — sie stammeln von einem Naturgeheimnis.
Nun genug der Reflexion und jetzt eine schlichte Historie. Als ich eben nach den Gütern zurückgekehrt war, lernte ich in der Nachbarschaft meine Verwandte, Baroneß Clelia kennen, die sich früher in Wien aufgehalten hatte. Ich benahm mich gegen sie, wie es einem schwäbischen Vetter geziemte, sie desgleichen, wie meinem Mühmchen zukam. Keines von beiden dachte an eine Verbindung, wohl aber mochte der Verwandtschaft eine solche gar paßlich vorgekommen sein, denn aus freundlichen Blicken, geselligen Aufmerksamkeiten und zwei oder drei Händedrücken, wie sie ein unbefangenes Wohlwollen gibt und nimmt, war bald für uns ein Netz zusammengestrickt worden, aus welchem wir schlechterdings als Braut und Bräutigam hervorgucken sollten; und der alte Oheim fragte mich eines Tages ganz naiv, wann denn die öffentliche Erklärung vor sich gehen werde.
Wir waren gewaltig betroffen, und wie zwei Leute sonst alles mögliche anwenden, um einander habhaft zu werden, so ließen wir nichts unversucht, in der Meinung der Sippschaft voneinanderzukommen, was in der freundlichsten Einigkeit von beiden Seiten geschah. Mühmchen Clelia hatte bei diesen Lockerungsbestrebungen ein noch größeres Interesse, als ich, denn es ließ sich bald vermerken, daß ihr Herz ihr nach Schwaben nur an einem Faden gefolgt war, den ein schöner Kavalier in den österreichischen Erblanden hielt.
Bei den Anstrengungen, die wir solcherweise machten, fielen die lächerlichsten Szenen vor, insbesondere von meiner Seite, der ich für diese spitzfindigen Kombinationen der Verhältnisse gar nicht zugerichtet bin. Ich wollte alle Schuld, daß ein Schein von Neigung entstanden war, auf mich nehmen, verwickelte mich darüber in die unsinnigsten Erklärungen, bekannte mich endlich für schon anderweit im Auslande verlobt, widerrief diese Lüge im nächsten Augenblicke — kurz, ich stellte bei der ganzen Sache den Helden einer ziemlich lustigen Novelle dar.
Indessen würde diese nur im Kreise der nächsten Bekanntschaft angeklungen und verklungen sein, wenn sich nicht ein fremder Störenfried herbeigemacht und sie zur Befriedigung seines schlechten Witzes gemißbraucht hätte.
Es hielt sich nämlich damals seit einiger Zeit bei uns ein Mensch auf, namens Schrimbs, oder Peppel, wie er andererorten geheißen hat. Der Himmel weiß, wieviel Namen er überhaupt in der Welt geführt haben mag und noch führt! Schon das Äußere dieses Menschen war höchst auffallend, er sah im Gesichte ganz verwittert aus, und dennoch konnte man kein rechtes Alter an ihm abnehmen, denn trotz der Runzeln auf Wangen und Stirn war unter seinen Haaren kein weißes zu entdecken, und seine Haltung ungebeugt, sein Muskelfleisch straff, sein Benehmen jugendlich-petulant. Ich weiß nicht, wie ich dir diesen Schrimbs oder Peppel beschreiben soll; er war alles und jedes. Wie der Aal entschlüpfte sein Geist jeglichem Bemühen, ihn in einer bestimmten Lage festzuhalten, wie Quecksilber zerrann dieses kalte, schwere, und doch unendlich flüchtige und trennbare Wesen unter der leisesten Berührung in lauter perlende Kügelchen, die denn doch immer wieder zu einer größeren koagulierten. Du mußt von ihm gehört haben, denn er war nach und nach in vielen Städten unter den verschiedensten Gestalten. Vielleicht ist er sogar in Deine Nähe gekommen. In Tübingen machte er den Magister und focht sich theologisch herum, in Stuttgart abwechselnd den Politiker und lyrischen Dichter, in Weinsberg half er unserem alten Justinus noch mehr Geister sehen, als dieser schon mit seinen zwei Augen erblickt.
Dieser Mensch hatte eine Gabe zu fabulieren und zu schwadronieren, wie ich sie noch nimmer bei jemand wahrgenommen habe. Er besaß einen aristophanischen Witz, eine gaukelnde Einbildungskraft und eine unerschöpfliche Laune, vor allem aber eine Lust und Freude am Lügen, die wirklich auch genial war. Keiner achtete ihn und doch war er überall eingeführt; unsre geschlossenen Gesellschaften taten ihre Türen vor ihm auf, unsre Familien- Wein- und sonstigen Kränzchen flochten ihn sich als Blume ein, denn du weißt wohl, daß, so schwerfällig und abgesondert wir uns halten, es doch noch von je alle Scharlatane bei uns mit uns durchgesetzt haben. Man hielt ihn für nichts Besseres, als für ein Stück honnetten Gauners und doch blickte man sehnsüchtig nach ihm aus, ließ er einmal auf sich warten. Obgleich ich überzeugt bin, daß er eigentlich schlechte Streiche nirgends begangen hat, denn sonst würde er leiser, versteckter, künstlicher aufgetreten sein. Eine gewisse theoretische Unwahrhaftigkeit war in ihm zur andern Natur geworden; gegen die Gesetze wird er sich nicht verfehlt haben.
Du fragst: Wodurch fesselte er Euch denn? Ja, wodurch? Durch tolle Märchen, die er uns erzählte, durch Sarkasmen, Luftsprünge. In seinen Märchen griff er mit unerhörter Dreistigkeit das Nächste auf, oder eine öffentliche Person, und drehte und wendete und drillte sie so lange, bis sie unter seinen Händen ein phantastischer Popanz wurde, der dann, wenn man ihm näher in das Gesicht sah, in Blasen auseinanderplatzte. Mir war oft bei seinen Geschichten zumute, als sehe ich eine Wasserhose entstehen, wandeln, sich auflösen. Eine schwache Wolke schwebt über dem Meere, diese faßt mit einem langen, feinen Finger in den unendlichen Ozean, aufwärts kocht, wirbelt und tanzt das emporgestörte Wasser, es pfeift und zischt; Nebel und Schaum ringsumher, und Blitz ohne Donner! so rückt das Phantom, welches nicht Dunst und nicht Woge mehr ist, sprungweise vor, bis es plätschernd zerbricht.
Ich sagte zuweilen für mich: In diesem Erzwindbeutel hat Gott der Herr einmal alle Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie, die gemütlose Phantasterei, den schwärmenden Verstand einfangen wollen, um sie, wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang für seine Welt stille gemacht zu haben. Dieser Schrimbs oder Peppel, dieser geistreiche Satiricus, Lügenhans und humoristisch-komplizierte Allerwelts-Haselant ist der Zeitgeist in persona; nicht der Geist der Zeit, oder richtiger gesagt: der Ewigkeit, der in stillen Klüften tief unten sein geheimes Werk treibt, sondern der bunte Pickelhäring, den der schlaue Alte unter die unruhige Menge emporgeschickt hat, auf daß sie, abgezogen durch Fastnachtspossen und Sykophanten-Deklamation von ihm und seiner unergründlichen Arbeit, nicht die Geburt der Zukunft durch ihr dummdreistes Zugucken und Zupatschen störe. Denn zweierlei war das Merkwürdigste an dem Vagabunden: Erstens, er trug nicht reine Märchenpoesie vor, sondern die grotesken Erfindungen und Gestalten wurden von ihm mit solcher Ruhe, Überzeugung und Ernsthaftigkeit hingestellt, sie saßen ihm so in Fell und Fleisch fest, daß man in währender Erzählung zu keinem dichterischen Behagen gelangte, man mußte ihn entweder für verrückt halten, oder an seinen Sachen, wie unsinnig sich das ausnahm, auf eine Stunde glauben. Zweitens, wenn er auch meistens in seinen milesischen Fabeln die Toren und Schächer der Zeit durchnahm, so fühlte man bald — wenigstens ich hatte die Empfindung nach kurzer Bekanntschaft — daß der Hohn nicht aus einer tugendhaft-erzürnten Seele quoll, sondern aus einem Sinne, dem eigentlich das Verkehrte lieb, notwendig, Bedürfnis und Stoff des Daseins war. Und darin kennst Du nun meine Grundsätze. Ich halt‘ mich ans Positive. Begeisterung und Liebe ist die einzig würdige Speise edler Seelen. Einen Schwank mag ich wohl leiden. Aber das Spötteln, Nergeln und Grinseln um den Kehricht her, dem schon viel zuviel Ehre geschieht, wenn er nur genannt wird, ist mir im innersten Mute zuwider.
Als ich zurückkam, fand ich ihn in unserm ganzen Kreise eingebürgert. Die alten Öhme und Vettern wollten sich ausschütten über seine Einfälle oder sperrten den Mund so weit auf, als die Muskeln es vertragen wollten, wenn er ihnen ihre eigenen hausbackenen Personen, in wunderbaren Capriccios diese zurückspiegelnd, zeigte. Ich hörte mit zu, war wechselsweise von seinen Reden berauscht und unangenehm ernüchtert. Es kann selbst sein, daß ich mich Clelien nicht so genähert haben würde, hätte ich nicht bei den verzwickten Schnurren ein doppeltes Bedürfnis nach einer einfachen, wahren Geselligkeit empfunden. — Zu den Abenteuerlichkeiten des Schrimbs oder Peppel gehörte auch, daß er sich regelmäßig des Tages drei Stunden über mit drei jungen Leuten einschloß, die kurz nach ihm eingelaufen waren und die Unbefriedigten hießen. Sie sprachen nämlich nie ein anderes Wort, als: sie fühlten sich unbefriedigt, und sahen immer starr und sonderbar vor sich hin. Woher die gekommen waren, wußte auch niemand, da sie aber still und nüchtern lebten, so konnten sie nicht verdächtig erscheinen. Mit den drei Unbefriedigten schloß sich also Schrimbs, wie gesagt, täglich drei Stunden lang ein. Was sie zusammen trieben, erfuhr keiner. Aber weder ein Geschäft, noch eine Einladung, noch ein Spaziergang mit andächtigen Zuhörern, noch sonst etwas, konnte ihn abhalten, wenn die Stunde des Einschließens kam, alles aufzugeben, und in das Haus zu gehen, worin die geheimnisvollen Zusammenkünfte stattfanden. Wollte man ihn darüber ausforschen, so pflegte er mit seiner abscheulichen Ruhe und Würde zu sagen, die Unbefriedigten studierten ihn; wollte man den Sinn dieses rätselhaften Ausdrucks kennenlernen, so versetzte er gemeiniglich, es sei ihrer Studien wegen, daß sie ihn studierten, und fragte man ihn, was für Studien diese seien, so war die Auskunft: diejenigen, weswegen ihn die Unbefriedigten studierten.
Nun zum Schluß der Geschichte. Unsere ganze Nicht-Liebesnovelle, Clelias und meine, hatte er mit durchgelebt, schien indessen nicht sehr darauf geachtet zu haben. Als die Sache aber allmählig wieder in das Gleiche kam, bringt mir, wie ich mich zum Besuch in der Stadt aufhalte, Freund Pfleiderer bestürzt ein lithographiertes Blatt, worauf unser ganzes Verhältnis, alle unsere Wendungen und Schritte, um ohne Aufsehen in eine gleichgültige Ferne auseinanderzurücken, zur wildesten Bambocciade verstellt zu lesen sind. Sie hieß: »Geschichte von Gänserich und Gänschen, die sich in ihren Herzen irrten«.
Er sagte mir, daß das Ding vom Abenteurer herrühre, was auch nach den ersten Sätzen zu erkennen war. Der habe es in einer Gesellschaft erzählt, es sei allerliebst befunden worden, ein schnellfassender und schreibender Kopf habe es aufgezeichnet und auf allgemeines Begehren der lieben Schadenfreude zum Frommen für die Mitglieder der Gesellschaft lithographieren lassen. Jeder teile es im Vertrauen seinen nächsten Bekannten mit, und so mache es schon die Runde durch die halbe Stadt.
Ich las und las, und was mich darin betraf, hätte ich verschmerzen können, ja ich gestehe, daß ich über manches lachen mußte. Aber auch Clelia war natürlich nicht darin verschont.
Und das versetzte mich in einen Zorn, der mich taub und blind und rasend machte. Ich schwor dem Schelme die schrecklichste Rache. Nun hätte ich, um diese zu kühlen, mich in seiner Wohnung auf Lauer legen sollen. Aber da siehst Du den dummen Streich, der sich immer meinem Handeln beizumischen pflegt! Einsiegelte ich das lithographierte Blatt und schrieb dem Urheber, ich werde dann und dann mich bei ihm melden und Genugtuung fordern, kurz, eine förmliche Kriegserklärung. Als ich zur bestimmten Stunde nach seiner Wohnung ging, fand ich das leere Nest; Hals über Kopf war er abgereist. Ich hielt es für eine Finte, stürzte nach dem Hause, worin die geheimnisvollen Zusammenkünfte gefeiert wurden, weil ich ihn dort vermutete, aber da saßen die drei Unbefriedigten und jammerten, daß ihnen der Meister, wie sie den Gauch nannten, entschwunden sei. Vielfältige Nachfragen zeigten mir endlich eine Spur des Flüchtigen. Sie wies hieher, nach Norden, nach Niederland. In den Wagen gesetzt, mit dem alten Jochem, der noch verwirrter ist, als ich, und von Stadt zu Stadt nachgesprengt, bis ich denn hier vorläufig vor Anker gegangen bin. Ich habe nämlich den Jochem allein weiterspüren lassen, denn vor allen Dingen ist Inkognito nötig, wenn wir ihn entdecken wollen, und mich erkannten die Leute überall für das, was ich war. Weiß Gott, wie es zuging, da ich mir doch alle Mühe gab, mich zu verstellen. Des Inkognitos wegen ist auch der Wagen in Koblenz stehengelassen worden. Von da fuhren wir per Post, oder gingen auch streckenweise.
Ich freue mich, wie ein Kind, daß ich die Geschichte vom Herzen heruntergebeichtet habe, denn nun darf ich von Dingen schreiben, die angenehmer sind. Nicht sagen kann ich Dir, wie wohl mir hier zumute geworden ist in der Einsamkeit der westfälischen Hügelebene, wo ich bei Menschen und Vieh seit acht Tagen einquartiert bin. Und zwar recht eigentlich bei Menschen und Vieh, denn die Kühe stehen mit im Hause zu beiden Seiten des großen Flurs, was aber gar nichts Unangenehmes oder Unreinliches hat, vielmehr den Eindruck patriarchalischer Wirtschaft vermehren hilft. Vor meinem Fenster rauschen Eichenwipfel, und neben denen hin sehe ich auf lange, lange Wiesen und wallende Kornfelder, zwischen denen sich dann wieder jezuweilen ein Eichenkamp mit einem einzelnen Gehöfte erhebt. Denn hier geht es noch zu, wie zu Tacitus‘ Zeiten. »Colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit.« Darum ist denn auch so ein einzelner Hof ein kleiner Staat für sich, rund abgeschlossen, und der Herr darin so gut König, als der König auf dem Throne.
Mein Wirt ist ein alter prächtiger Kerl. Er heißt Hofschulze, obgleich er gewiß noch einen andern Namen führt, denn jener bezieht sich ja nur auf den Besitz seines Eigentums. Ich höre aber, daß dies überall hier so gehalten wird. Nur der Hof hat meistenteils einen Namen, der Name des Besitzers geht in dem der Scholle unter. Daher das Erdgeborne, Erdzähe und Dauerbare des hiesigen Geschlechtes. Mein Hofschulze mag ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein, doch trägt er den starken großen knochichten Körper noch ganz ungebeugt. In dem rotgelben Gesichte ist der Sonnenbrand der fünfzig Ernten, die er gemacht hat, abgelagert, die große Nase steht wie ein Turm in diesem Gesichte, und über den blitzenden blauen Augen hängen ihm weiße struppige Brauen, wie ein Strohdach. Er gemahnt mich, wie ein Erzvater, der dem Gotte seiner Väter von unbehauenen Steinen ein Mal aufrichtet und Trankopfer darauf gießt und Öl, und seine Füllen erzieht, sein Korn schneidet, und dabei über die Seinigen unumschränkt herrscht und richtet. Nie ist mir eine kompaktere Mischung von Ehrwürdigem und Verschmitztem, von Vernunft und Eigensinn vorgekommen. Er ist ein rechter uralter freier Bauer im ganzen Sinne des Worts; ich glaube, daß man diese Art Menschen nur noch hier finden kann, wo eben das zerstreute Wohnen und die altsassische Hartnäckigkeit, nebst dem Mangel großer Städte den primitiven Charakter Germanias aufrechterhalten hat. Alle Regierungen und Gewalten sind darüber hingestrichen, haben wohl die Spitzen des Gewächses abbrechen, aber die Wurzeln nicht ausrotten können, denen dann immer wieder frische Schößlinge entsprossen, wenngleich sich diese nicht mehr zu Kronen und Wipfeln zusammenschließen dürfen.
Die Gegend ist durchaus nicht, was man eine schöne nennt, denn sie besteht lediglich aus wellenden Hebungen und Senkungen des Erdreichs, und das Gebirge sieht man nur in der Ferne; ‚s ist dieses auch mehr eine finstre Berglehne, als eine schönlinierte Kette. Aber eben ihre Anspruchslosigkeit, daß sie sich nicht aufgeputzt einem gegenüberstellt, fragend: Wie gefall‘ ich dir? sondern bis in die kleinsten Partikeln als fromme Schaffnerin dem Anbau durch menschliche Hände dient, macht sie mir doch sehr wert, und ich habe gute Stunden auf meinen einsamen Streifereien genossen. Vielleicht tut der Umstand auch das seinige, daß mein Herz einmal wieder ganz ungestört seine Pendelschwingungen ausschwingen darf, ohne daß vernünftige Leute am Uhrwerke rücken und drehen.
Poetisch bin ich sogar geworden, was sagst Du dazu, mein alter Ernst? Hab‘ etwas hingeworfen, wozu mich ein göttlich schöner Sonnentag, den ich vor Zeiten in den Waldgründen des Spessart verlebte, zuerst anspornte. Ich glaube, es wird Dir gefallen. Es heißt: »Die Wunder im Spessart«.
Am liebsten sitze ich droben auf dem Hügel an einem stillen Platze zwischen den Kornfeldern des Hofschulzen, die dort zu Ende gehen. Man hat eine geräumige mit Kraut und Brombeergebüsch bewachsene Einsenkung des Bodens vor sich; rings im Kreise um sie her liegen große Steine, einer, gerade dem Felde gegenüber, ist der größte, über dem spannen drei alte Linden ihre Zweige aus. Dahinter rauscht der Wald. Die Stelle ist unendlich einsam und beschlossen und heimlich, besonders jetzt, wo man im Rücken das mannshohe Korn hat. Da droben bin ich viel. Freilich nicht immer in sentimentaler Naturbetrachtung, es ist auch mein gewöhnlicher abendlicher Anstandsort, von wo ich dem Schulzen die Reh‘ und Hirsch‘ aus dem Korn schieße.
Sie nennen den Platz den Freistuhl. Vermutlich hat also dort vor alters das Femgericht im Schrecken der Nacht seine Verdikte ausgebrütet. Als ich meinem Schulzen ihn lobte, ging eine Freundlichkeit über sein Gesicht. Er versetzte nichts, nahm mich aber nach einiger Zeit ohne Veranlassung mit auf eine Kammer im obern Stock des Hauses, öffnete dort einen eisenbeschlagenen Koffer und zeigte mir in demselben ein altes rostiges Schwert liegend. Mit Feierlichkeit sagte er: »Das ist eine große Rarität; es ist das Schwert Caroli Magni, seit tausend und mehreren Jahren beim Oberhofe aufbewahrt, und noch in voller Kraft und Gewalt.« Ohne weitere Erklärungen hinzuzufügen, klappte er den Deckel wieder zu. Ich hätte um alles seinen Glauben an dieses Heiligtum nicht zerstören mögen, obgleich mich mein flüchtiger Blick lehrte, daß der Flamberg kaum ein paar hundert Jahre alt sein könne. Er zeigte mir aber ein förmliches Attest über die Echtheit der Waffe, von einem gefälligen Provinzialgelehrten ihm ausgestellt.
Hier will ich denn nun unter den Bauern bleiben, bis mir der alte Jochem Nachricht von dem Schrimbs oder Peppel gibt. Es ist zwar die achtzig Meilen her kühler in mir geworden, denn gar viel tut‘s, wenn vierzehn Tage zwischen dem Vorsatz und der Ausführung liegen, auch steht nun die Frage, welche Rache ich eigentlich an ihm nehmen soll? aber das wird sich schon alles finden.
Dieser Brief, wie ich ihn überlese, kommt mir ganz possierlich vor. Vorn stehen recht hübsche Bemerkungen, hinten dergleichen, ich brauche mich ihrer gar nicht zu schämen, und in der Mitte ist‘s, als ob ein dummer Bub‘ seine Eulenspiegelei erzählt.
Nun, ich werd‘ ja endlich auch klug werden. — Wenn einen die Leut‘ nur verständen in der Fremde! Alles muß man dreimal sagen, bevor‘s gefaßt wird. Und wenn man nicht gar ein Stockschwab ist, sondern im Gegenteil in der Welt umhergekommen, und andere vielfältig hat reden hören, so kann man sich selbst durch unser Zischen und Prasseln hin und wieder beschwert fühlen. Wir haben doch Geist, soviel wie die übrigen, warum können wir denn das Wort nicht gelind, sanft und zart von uns geben, sondern sprechen immer: »Keescht?« Aber ich denke, aus: »Keescht« kann allezeit durch Abschwächen und Filtrieren: »Geist« werden, nicht aber umgekehrt aus Geist, Keescht. Und so wird‘s der Herr in diesem Punkt, wie in allen andern wohl mit uns brav gemeint haben.
Mentor, hoffentlich hörst Du bald mehr von Deinem Nicht-Telemach.
Schilt ihn aber tüchtig aus, darum bitt‘ ich Dich.«
Siebentes Kapitel
Worin der Jäger dem Hofschulzen eine alte Geschichte von seinen Eltern erzählt
Mehrere Tage gingen im Oberhofe auf die gewohnte stille und einförmige Weise hin. Der alte Jochem ließ noch immer weder von sich noch von dem entwichenen Abenteurer hören, und seinen jungen Gebieter wollte doch nachgerade eine stille Unruhe beschleichen. Denn so umspinnt uns alle die jetzige geregelte Zeit, daß niemand, und sei er noch so ungebunden, lange ausdauern kann ohne den Rücken an ein Geschäft, oder an ein Verhältnis zu lehnen.
Mit dem Hofschulzen verkehrte er zwar, sooft er konnte, und die originelle Eigentümlichkeit des Mannes behielt für ihn ihre ganze Anziehungskraft, welche sie am ersten Tage der Bekanntschaft über ihn ausgeübt hatte, aber teils war der Alte meistens in seiner Wirtschaft sehr beschäftigt, teils hatte er viel mit andern abzureden, da täglich Menschen im Hofe einsprachen, die ihn um Rat oder Hülfe angingen. Bei diesen Gelegenheiten bemerkte der Jäger, daß der Hofschulze im eigentlichen Sinne des Worts nie etwas umsonst tat. Er war gegen Nachbarn, Gevattern und Freunde zu allem bereit, aber sie mußten ihm immer etwas dagegen leisten, und wäre es nur die unentgeltliche Ausrichtung eines Auftrags nach einer in der Nähe belegenen Bauerschaft, oder eines andern kleinen Dienstes dieser Art gewesen.
Täglich wurde geknallt, freilich immer vorbei, so daß der Alte, der stets ins Schwarze traf, er mochte zielen, worauf er wollte, über diese fruchtlosen Bemühungen verwunderte Augen zu machen begann.
Es war ein Glück für unsern Jäger, daß gerade um jene Zeit der zunächstwohnende Gutsbesitzer sich mit seiner Familie und Dienerschaft auf einer Reise befand, sonst würden ihn wahrscheinlich doch einmal die zünftigen Schützen oben am Freistuhl ertappt haben.
Gern wäre der junge Schwabe in manches eingedrungen, was ihm verhüllt blieb. Der erste Knecht fragte den Schulzen eines Tages, ob das Korn droben am Stuhl nicht angeschnitten werden solle, da es vollkommen reif sei? erhielt aber von seinem Herrn den Bescheid, daß es bis nach der Hochzeit stehen bleiben müsse. Diese Worte würden dem Jäger nicht weiter aufgefallen sein, wenn er damit nicht unwillkürlich den Inhalt eines Gesprächs in Verbindung gesetzt hätte, dessen unbemerkter Ohrenzeuge er kurz zuvor geworden war.
Zwei benachbarte Hofbesitzer, welche seinen Wirt besuchten, hatten ihn nämlich, so daß der Jäger es hörte, befragt: Wann das Geding sein solle? und zur Antwort erhalten: Am zweiten Tage nach der Hochzeit, mit dem Hinzufügen, daß dann zugleich der Schwiegersohn die Losung empfangen werde. Der junge Mann brachte diese Reden mit der Schonung des reifen Korns am Freistuhl in Zusammenhang, ohne gleichwohl die eigentliche Bedeutung sich klarmachen zu können.
Seinerseits sagte der Hofschulze einmal zum Jäger, als dieser wieder mit leerem Pulverhorn und leerer Weidtasche in den Hof zurückkehrte: »Wie ist das, junger Herr? Sie treffen ja niemalen was?«
Der Jäger war gerade in einer verdrießlichen Stimmung, die zuweilen am offensten macht. Er versetzte daher kurzweg: »Daß ich nichts treffe, ist nicht meine Schuld, und daß ich dennoch immerdar schießen muß, liegt auch nicht an mir, das hängt mir von Mutterleib an.«
»Wie? Von Mutterleib?« fragte der Hofschulze.
»Ich kann es nicht anders nennen«, erwiderte der Jäger. »Ihr seid ein so verständiger Mann, daß ich keinen Grund habe, Euch eine Geschichte vorzuenthalten, welche Euch meine Jägerei, über die Ihr, wie ich sehe, schon seit einiger Zeit den Kopf schüttelt, einigermaßen erklärlich machen wird. Man hat Muttermäler in Form von Sternen, Kreuzen, Kronen, Schwertern, weil die Frau, welche den Menschen trug, sich an einem großen Orden, an einem Kirchenzuge, an einer Krönung versah, oder unter Kriegsgetümmel ihre Schwangerschaft abhielt; warum sollte einer nicht Jäger von Mutterleib aus sein können?«
Der Hofschulze nötigte seinen jungen Gast an den Tisch unter den Linden vor der Türe, ließ eine Flasche sehr trinkbaren Weins bringen, und der Jäger begann hierauf folgendergestalt seine Erzählung.
»Meine Mutter hatte sich mit meinem Vater erst nach einem trauer- und tränenvollen Brautstande verbinden dürfen. Die Verwandten und viele Umstände waren gegen die Heirat gewesen, indessen hatte die Liebe, welche beide zueinander trugen, doch endlich obzusiegen gewußt, und die Ringe durften gewechselt werden. Die Folge jenes langen Hinderns und Zurückhaltens war nicht, wie es oft zu geschehen pflegt, ein rasches Erkalten nach gewonnenem Besitze, sondern eine äußerst zärtliche Ehe gewesen, so daß also in diesem Falle der Wunsch der Leidenschaft sein Recht darwies. Noch in jetzigen Tagen erzählen bejahrte Leute, welche meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe gekannt haben, von dem schönen Paare, das immerfort wie Liebhaber und Geliebte miteinander umgegangen sei. Die Zärtlichkeit meiner Mutter äußerte sich nun auch in einer Sorge um das Leben und die Gesundheit des Vaters, welche freilich oft in das Übertriebene ging. Blieb er von einem Spaziergange oder einem Besuche in der Nachbarschaft einige Minuten über die bestimmte Zeit aus, so schickte sie ängstlich nach ihm; war seine Farbe nicht so ganz munter, wie gewöhnlich, gleich fürchtete sie eine schwere Krankheit und wollte den Arzt herbeigeholt wissen, um alles hätte sie ihn nicht in der Nacht reisen lassen, und wo er ging oder stand, mußte er sich vor Zugluft in acht nehmen. Während sie für ihre eigene Person hart, unbekümmert und mutig blieb, sah sie in jeglichem, was meinen Vater umgab, Schreck und Gefährde.«
»Ja, ja«, murmelte der Hofschulze vor sich hin, »die vornehmen Leute haben zu dergleichen Zeit. Bei uns Bauern kommt es auf einen Puff nicht an.«
»Am inständigsten flehte ihn meine Mutter an, sich der Jagd zu enthalten. Sie hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe einen verworrenen Traum, von dem sie sich beim Erwachen nur einer schönen grünen Uniform, worin sie meinen Vater gesehen, und daß ihn in derselben ein Unglück betroffen, zu erinnern wußte. Nun fielen ihr alle die Geschicke, die sich auf Jagden ereignen können; scheugewordene Pferde, unvermutet losgegangene Schüsse, Eber, die den Schützen anrennen, und was dergleichen mehr war, ein, und sie ließ sich daher von meinem Vater das Wort geben, nie diesem verhängnisvollen Genusse wieder frönen zu wollen. Er willfahrte ihr gern, denn er sah ihre Liebe zu ihm, und war überhaupt dem Weidwerke nicht leidenschaftlich ergeben, obschon er es, wie ihm sonst nach seinen Verhältnissen zukam, getrieben hatte.
Mehrere Jahre der Ehe blieben kinderlos. Endlich fühlte meine Mutter ihren Schoß gesegnet. Sonst pflegt, wie man mir gesagt hat, in diesem Zustande die Neigung der Frau zu dem Manne abzunehmen, und sich der verborgen reifenden Frucht zuzuwenden, meine Mutter machte aber von dieser Regel eine Ausnahme. Ihre Liebe zu dem Vater wuchs noch, wenn sie eines Wachstums fähig war. Zugleich stellte sich die Erinnerung an den früher gehabten und seitdem fast vergessenen Traum wieder bei ihr mit Heftigkeit ein, dessen eigentliche Bilder ihr jedoch nicht deutlich werden wollten, obgleich sie stundenlang sich damit abmühte, sie hervorzurufen. Nochmals mußte mein Vater sein früheres Gelübde in ihre Hand wiederholen.
Inzwischen rückte der Sankt Hubertustag heran, an welchem der Fürst, mit dem mein Vater eng zusammenhing, die jährliche große Jagd zu veranstalten pflegte. Es war in seiner Umgebung schon verwundernd viel davon geschwätzt worden, warum mein Vater sich in den Jahren zuvor unter allerhand Vorwänden von den Jagden zurückgehalten habe, endlich hatte man den wahren Grund aufgespürt, und der etwas rohe und leichtfertige Kreis mag sich trefflich über den gehorsamen Ehemann lustig gemacht haben. Der Fürst, derb und zufahrend, wie er war, nahm sich vor, den Gehorsam zu Falle zu bringen. Es war so Sitte, daß schon an dem Tage vor Hubertus ein lustiges Bankett auf dem Jagdschlosse gegeben wurde. Der Saal, in welchem es stattfand, war an den Wänden mit Hirschgeweihen, Armbrüsten und alten Jagdspießen ausgeziert. Da wurde denn, wie man bei uns zu sagen pflegt, tapfer gebürstet, d. h. gezecht, und wer an dem Bankette teilnahm, konnte sich natürlich von der Hubertusjagd nicht lossagen.
Mein Vater würde also um keinen Preis einen Partner des Schmauses abgegeben haben, wenn ihn nicht der Fürst durch eine List nach dem Jagdschlosse zu ziehen gewußt hätte. Er ließ ihn nämlich unter dem Vorwande eines Geschäfts berufen und hielt ihn in langen Gesprächen hin, bis der Lakai meldete, daß serviert sei. Da wollte mein Vater fortreiten, aber ein zweiter Lakai brachte, ausgesandt, die Nachricht, der Reitknecht habe verstanden, der Herr bleibe zur Tafel, und sei bis auf den Abend mit den Pferden nach Hause geritten. »Nun, da es so ist, laß dir‘s gefallen und nimm hier vorlieb«, sagte der Fürst. »Du kannst doch nicht die zwei Stunden zu Fuß nach Hause gehen.« — Was sollte mein Vater beginnen? So unlieb es ihm war, er mußte bleiben. Bei Tafel, als es ziemlich lärmend zu werden anfing, warf einer die Frage hin, ob er morgen mit zur Jagd komme?
Ohne seine Antwort abzuwarten, rief ein anderer: »Nein, er darf nicht, seine Frau hat es ihm streng verboten.« — »Ist es wahr«, fragte der Fürst laut über die ganze Tafel hin, »daß dir deine Frau befohlen hat, kein Gewehr mehr abzudrücken? Wenn dem so ist, und du gehorchst, so bist du ja ein wahrer Mustermann für Stadt und Land.« Ein schallendes Gelächter folgte diesen Worten, obgleich darin nicht viel Lachenswertes steckte.
Mein Vater ärgerte sich, nahm sich aber zusammen und versetzte, daß dem nicht so sei; wie man denken könne, daß seine Frau ihm so etwas befehlen werde? und dergleichen mehr, was ein jeder in seiner Lage und in einer so wilden Gesellschaft entgegnet haben würde. — »Topp!« rief der Fürst, »das ist recht, so hilfst du uns also morgen Sankt Hubert Devotion erzeigen« — und als mein Vater sich mit einer Reise, mit Besuch, mit Unpäßlichkeit entschuldigen wollte — »Oho! die Frau Gemahlin steckt doch dahinter! Nun, der Sache müssen wir auf den Grund kommen! Erinnert mich das nächste Mal, wo ich mit der Gestrengen zusammentreffe, daß ich ernstlich danach bei ihr anfrage.«
In diesem Augenblicke faßte mein Vater seinen Entschluß. Er hielt es für nötig, der Mutter einen ärgerlichen Auftritt, wie er von des Fürsten Derbheit immer zu besorgen stand, zu ersparen, und sagte daher: »Damit jedermänniglich sehe, daß an all dem Argwohn nichts sei, so werde ich die Jagd morgen mitmachen.« Ein Beifallsklatschen erscholl, unter Getöse wurde die Tafel aufgehoben; der Fürst rief mit etwas schwerer Zunge: »Bist du aber morgen nicht um sechs Uhr am Versammlungsplatze, so holen wir alle dich in corpore aus den Federn.« — Mein Vater nahm kurz und trocken seinen Urlaub, fuhr den lügnerischen Lakaien, der draußen im Vorgemache ihn verschmitzt lächelnd befragte, ob er nun die Pferde befehle? barsch an, und ging die Treppe hinunter über den Hof selbst nach dem Stalle, wo er den Reitknecht mit den Pferden fand, der sich keinen Augenblick vom Jagdschlosse entfernt hatte.
Hieraus ersah nun mein Vater, daß das Ganze ein angelegter Plan gewesen sei. Beim Heimreiten überlegte er den seinigen. Sich von dem gegebenen Worte zurückzuziehen, war unmöglich, denn dann hätte er wirklich am nächsten Morgen den ganzen Schwarm vor dem Hause gehabt zu Ängsten und Schrecken der Mutter. Er beschloß daher die Jagd wirklich mitzumachen, jedoch sobald als nur möglich sich zu entfernen, und um sein Absein eine Zeitlang vor den übrigen zu verbergen, seinen guten Freund, den Oberjägermeister, dessen finsteres Gesicht Mißbilligung der getriebenen Scherze ausgedrückt hatte, zu ersuchen, daß ihm der entfernteste Stand angewiesen werde, von dem er bei günstiger Gelegenheit entkommen zu können hoffte. Um aber für die Zukunft dem Fürsten und der ganzen Gesellschaft Respekt einzuflößen, sollten Tags darauf schriftliche Erklärungen an die ärgsten Schreier des Jagdschlosses abgehen, welche diese entweder einstecken, oder worauf sie zu Pistolen greifen mußten.
Zu Hause zog er einen alten verschwiegenen Diener in sein Vertrauen, ließ die prächtige Jagduniform, in welcher jeder Kavalier bei den großen Hofjagden erscheinen mußte, heimlich aus dem Schranke nehmen, und verspürte, wie er selbst lange Jahre nachher, wenn diese Geschichte wieder auf das Tapet kam, zu erzählen pflegte, trotz seines Mißmuts ein geheimes Behagen, als er das grüne, schimmernde Collet mit den blitzenden Knöpfen, der goldenen, reichen Stickerei, den Achselschnüren, den schweren Epauletts aus dem umgelegten Seidenpapier, und das prächtige Couteau mit glänzenden Steinen am Griff aus dem Futteral hervorkommen sah, nachdem er so lange den Anblick dieser Gegenstände entbehrt hatte. Meiner Mutter sagte er irgendeinen gleichgültigen Grund, weswegen er den folgenden Tag über von Hause entfernt sein werde. Es gelang ihm, sie zu täuschen; sie legte sich ruhig an seiner Seite schlafen.
In der Nacht aber hatte sie den früheren ängstlichen Traum, auf dessen Einzelheiten sie sich seither im Wachen nicht zu besinnen vermocht hatte. Sie sah meinen Vater sich vom Lager erheben, einen Blick der Bekümmernis auf sie, die Schlafende, werfen, leise auf den Zehen aus dem Zimmer schleichen. Der Traum führte sie hierauf nach der Garderobe. Dort legte mein Vater Stück vor Stück die prächtige grüne Uniform an. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er kam ihr gar zu schön vor, und doch beschwor sie ihn inständigst und mit der äußersten Herzensangst, von seinem Vorhaben abzustehen. Er ließ sich aber nicht hindern, schnallte das Couteau um, und in dem Augenblicke wieherte ein Pferd. Nun zerbrach blitzschnell das bisherige Traumgesicht, und mit Entsetzen sah sie meinen Vater blutigen Hauptes unten im Hofe auf dem Pflaster liegen. Ehe sie noch sich zu ihm helfend hinbeugen konnte, wieherte das Pferd, welches sie wunderbarerweise nicht sah, zum zweiten Male, und — sie erwachte, wie es ihr vorkam, von einem wirklichen Pferdewiehern aus den Schrecknissen des Traumes geweckt. Schlaftrunken tastete sie umher, um des Vaters Wange sich zur Beruhigung zu streicheln, aber der Taumel ihrer Sinne wich der angstvollsten Ermunterung, denn das Bett neben ihr war verlassen, die Decke zurückgeschlagen. Sie schellte dem Mädchen, fragte, wo der Herr sei? Diese, welche ihn im Gange verstohlen an sich hatte vorüberschlüpfen sehen, antwortete zögernd: »In der Garderobe.« Nun war sie nicht länger zu halten, eiligst warf sie ein Nachtgewand über und begab sich mehr laufend als gehend nach der Garderobe. Dort die Türe geöffnet, hatten beide Eltern voreinander den gleichen Schreck und meinten zu Boden sinken zu müssen. Der Vater stand, wie ihn die Mutter geträumt hatte, prächtig geschmückt, in seinem Glanz und Flimmer von der roten Morgensonne umspielt, und schnallte eben das Couteau an. Es folgte ein heftiges Fragen und Erklären, die Mutter wollte ihn durchaus nicht ziehen lassen, bis er auf die eindringlichste Weise ihr erwiesen hatte, daß für dieses Mal schlechterdings an dem Vorhaben nichts zu ändern sei. Indem sie noch miteinander stritten, wieherte des Vaters gesattelt stehendes Reitpferd unten vom Hof herauf zum dritten Male. Sie stürzte an das Fenster, sah das feurige Tier in den Boden hauen und sich heben, das böse Ende ihres Traums trat ihr vor die Augen, sie beschwor meinen Vater bei dem Lebendigen unter ihrem Herzen, wenigstens nicht zu reiten, da sie die bestimmte Ahnung habe, daß ihm heute damit ein Unglück begegnen werde, sich vielmehr des leichten Wagens zu bedienen. Höchst verstimmt rief er dem Bedienten zu: »So laß anspannen!« drückte die Mutter sanft nach der Türe zu und bat sie um Gottes willen, sich doch nur wieder niederzulegen, da sie ja in ihrem leichten Gewande von der Morgenkälte schwer krank werden könne, und sprang dann, als er sie auf dem Wege nach dem Schlafkabinett glaubte, rasch die Haupttreppe hinunter, um nur zu Roß und an diesem vermaledeiten Tage vom Hofe zu kommen.
Aber meine Mutter, einmal argwöhnisch gemacht, schlüpfte eine kleine Seitentreppe hinab, die ebenfalls auf den Hof führte, um sich zu versichern, ob auch der Wagen genommen werde. Indem sie nun unten anlangte, sah sie, daß mein Vater schon zu Pferde saß, und mit dem Tiere, welches er in seinem Verdrusse heftig behandelt und dadurch unruhig gemacht hatte, kaum zurechtkommen konnte. Mit einem lauten Geschrei flog sie durch die Türe auf den Hof; das Pferd, von der plötzlich erscheinenden weißen Gestalt bis zur Wut gesteigert, drehte sich wie toll auf den Hinterfüßen um, geriet auf eine schlüpfrig-abschüssige Stelle, rutschte aus und stürzte. Nun lag mein Vater wirklich mit blutendem Kopfe auf dem Pflaster, meine Mutter aber konnte ihm nicht helfen, denn auch sie sank ohnmächtig an der Türe zusammen.«
Der Jäger hielt atmend inne, bewegt von seiner eigenen Erzählung, deren Einzelheiten, wie er nach einer Pause sagte, ihm so lebhaft vorschwebten, weil der Vorfall mit den kleinsten Zügen von den Dabeigewesenen ihm mehr als hundertmal berichtet worden sei. — Er sei die Haus- und Familiengeschichte geworden. Sein Zuhörer strich sich die Haare bedächtig aus der Stirn und sagte nach einer Weile: »Daß die Sache keine schlimmen Folgen gehabt hat, stellt sich dar, denn Sie sitzen da ganz frisch und gesund, junger Herr.«
»Glücklicherweise war der Schreck das Ärgste dabei gewesen«, erwiderte der Jäger. »Mein Vater hatte sich schnell bügellos zu machen gewußt, sein Epaulett war ihm, von der heftigen Bewegung gelöst, unter den Kopf gefahren und schützte vor einem zu harten Aufschlagen; er kam mit einer leichten Wunde davon. Auch meiner Mutter, für welche das Schlimmste zu befürchten stand, half ihre überaus kräftige Natur. Sie erholte sich und dauerte ihre Zeit aus, obgleich die Gedanken an jenen Morgen sie keinen Augenblick verließen.«
»Und daher, meinen Sie, rühre Ihre Jagdlust?« fragte der Hofschulze.
»Ich kam einige Monate nach dem Ereignisse zur Welt mit einem Male unter dem Herzen in der Form eines Hirschfängers. Sobald ich zum Buben erwachsen war, hielt mich keine Vermahnung und Züchtigung ab, mit den Jägern umherzulaufen. Und so ist das fortgegangen bis auf den heutigen Tag, ohne daß ich, wie Ihr ja leider nun auch gemerkt habt, zu diesem Treiben durch Beute und Erfolg irgendeine Anreizung empfinge.«
»Wenn Ihre Frau Mutter von den Jagdsachen einen solchen Schreck bekommen hat, so müßte sie Ihnen ja ehender einen Abscheu davor eingeimpft haben«, sagte der Hofschulze.
»Nein!« rief der junge Jäger, und seine Augen begannen in dunklerem Feuer zu leuchten, wie immer der Fall war, wenn sich die Rede auf solche Gegenstände wandte. »Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze. Kann ein menschliches Wesen unwillkürlich auf ein andres durch Blut, Seele und Sympathie wirken, so fällt diese Wirkung auch ganz in der dunkeln Kammer vor, darin die Kräfte nach ihren eigenen Rechten hin- und herfahren, sausen und weben, und Gebild schaffen, dessen Figur kein Verstand vorhersieht und auf welches niemand gefaßt ist. Abscheu kann Lust, Furcht kann Mut, Sehnsucht Ekel erzeugen, und ist niemand, der den Stammbaum dieser und ähnlicher Zeugungen aufzurichten vermöchte.«
»Davon verstehe ich wirklich nichts, und geht mich auch nichts an«, sagte der Hofschulze. »Aber aus der Geschichte, welche Sie da so pläsierlich erzählt haben, ziehe ich eine dreifache Moral.«
»Ihr haltet sehr viel auf Moral.«
»Die Moral unterscheidet uns von dem Vieh«, versetzte der Hofschulze feierlich. »Das Vieh hat eigentlich alles besser als die Menschenkreatur, es findet den Weg sicherer, es hat sein ihm gewiesenes Futter und lüstert nicht nach anderem, es trägt seinen Rock anerschaffen auf seinem Leibe, es fürchtet sich nicht vor dem Tode, es treibt keine unnütze Wollust, aber Moral hat das Vieh nicht; Moral hat nur der Mensch.«
»Und in meiner Geschichte stecken drei Moralen?«
»Drei. Die will ich Ihnen jetzt auch nicht vorenthalten, junger Herr Jäger.«
Achtes Kapitel
Worin der Hofschulze eine dreifache Moral aus der Geschichte des Jägers zieht
»Erstens«, sagte der Hofschulze, »lehret die Geschichte, daß, wenn Ihre Passion wirklich von Ihrer Frau Mutter sich herschreibt, der Herr noch jetzunder seinen Spruch wahr macht, welcher lautet: Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Denn an und vor sich ist die Jägerei eine erlaubte und lustige Sache. Nun aber sündiget der Mensch jederzeit, wenn er sich wider etwas setzt, was Herkommens ist bei seinesgleichen, dadurch kriegt die Gleichgültigkeit ein Gewicht und hat Folgen, wie Pestilenz darnach kam, als David sein Volk zählen ließ, weil das nicht Herkommens bei den Juden war. Ihre Frau Mutter nun verfiel in Sünde, weil sie den Herrn Vater nicht auf die Jagd gehen lassen wollte, da das zu seinem Stande gehörte, und darum ist an Ihnen eine Torheit gesetzt, das Schießen ohne Treffen. Sie sollten aber suchen, mit der Gewalt davon loszukommen, weil solche Neigungen nicht aus den Wirkungen in der dunkeln Kammer, nicht aus den Kräften und den eigenen Rechten, wie Sie es nannten, herrühren, sondern einzig und allein aus der Torheit, durch welche Sie groß Unglück anrichten können. Auch die Mädchen haben mitunter das Gelüst, Feuer anzulegen, sie lassen es aber wohl bleiben, wenn sie scharf zusammengenommen werden. Es kann und soll aber der Mensch, über den kein anderer gesetzt worden, an ihm selber der Herr und Zuchtmeister sein.
Zweitens tut die Geschichte lehren, daß im Ehestande gar zu viel Liebe schädlich ist. Denn Ihr Herr Vater würde mit dem Pferde nicht gestürzt sein, wenn Ihre Frau Mutter nicht so besorgt aus der Türe gesprungen wäre. Sie wollte ihn vor Gefahr hüten und brachte ihn eben recht in Gefahr. Wie leicht konnte ihn einer von den Herrn niederschießen, an die er nach der Jagd Briefe schreiben wollte! Im Ehestande muß alles moderiert sein, auch die Liebe, weil die Sache für die Hitze und den Eifer zu lange währt. Vorher kann der Mensch tun, was er will, danach kommt nichts; aber der Ehestand macht einen Abschnitt und gibt ein Exempel, da muß der Mensch sich zusammennehmen, denn auf Eheleute sieht ein jeder, und Ärgernis, welches durch sie kommt, ist doppelt Ärgernis. Mit einem losledigen Menschen haben wenige Verkehr, aber auf den Haus- und Ehestand verläßt sich aller Handel und Wandel, Nachbarhülfe und Ansprache, Christentum, Kirchen- und Schulzucht, Haus und Hof, Rind und Kind, und wie sollen nun alle diese Sachen in gehöriger Ordnung und Verfassung bleiben, wenn die Eheleute selbst sich wie die Gecken betragen? Bei uns Bauern kommt der Fehler weniger vor, aber bei den Stadtleuten, mit denen ich vielfältig hier und dahaußen verkehre, und deren Gebräuche ich daher kenne, will mir in dem Punkte manches schlimm gefallen. Wenn ein Mann sein Weib schlägt, oder angrunzt ohne Not, so gibt er Ärgernis, denn der Apostel schreibt, daß die Männer ihre Weiber lieben sollen, wie der Herr Christus seine Gemeine liebt, aber wenn ein Weib ihren Mann so unterkriegt mit Karessen und süßen Reden, daß er zwischen guten Freunden vor Angst nicht mehr zu bleiben weiß, wenn die Stunde schlägt, da er hat nach Hause kommen sollen, oder daß er sich von allem zurückhalten muß, was ihm das Herze fröhlich macht, so gibt sie auch Ärgernis, denn der Apostel Paulus schreibt nicht minder, das Weib solle den Mann fürchten. Die Furcht aber besteht mit solchem Verhalten nicht, vielmehr treibet sie dahin, daß dem Manne sein freier Wille gelassen werde, denn der Ehestand soll den Mann erbauen, nicht aber ihn daniederreißen, weil abermals der nämliche Apostel Paulus an die Korinther schreibt: Der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib ist vom Manne.
Ich habe hier jezuweilen bei guter Witterung große Gesellschaft von Stadtleuten, die für Pläsier den Tag im Freien zubringen, und gegen Abend wieder heimfahren. Da sehe ich nun mitunter, daß die Neugeheirateten, die etwa erst im zweiten Jahre Mann und Frau sind, denn späterhin hört dieses Wesen gemeiniglich auf, miteinander ein Anblicken und Anblinzeln, Löffeln und Schlecken treiben, als seien sie mutterseelenallein und niemand außer ihnen um sie und neben ihnen. Darin stecken nun wieder drei Ärgernisse.«
»Schade«, unterbrach ihn der Jäger lachend, »daß Euch kein Philosoph von Profession anhört, Hofschulze. Er würde die architektonische Symmetrie Eures Gedankenbaus loben. Drei Ärgernisse, entsprechend drei Moralen!«
Der Schulze fuhr, ohne sich stören zu lassen, fort: »Erstens sind immer in der Gesellschaft Leute, die gerne freien möchten und nicht können, und in denen stiftet so ein öffentliches Liebeswesen geheimen Neid und stille Abgunst, wovor der Mensch seinen Nächsten bewahren soll. Dieses ist das erste Ärgernis. Zweitens läßt, wenn sie sich vor so vielen Leuten nicht scheuen, das zu tun, was in die Verborgenheit gehört, vermuten, daß sie daheim eine Brinneiferigkeit haben, welche die Gesundheit ruiniert, und drittens denkt dieser und jener in der Gesellschaft: Was dem einen recht, ist dem andern billig, geniert ihr euch nicht, genier‘ ich mich auch nicht, dürft ihr schmatzen, darf ich kratzen; läßt nun alle geheimen Würmer und Otterngezüchte, welche er im Herzen trägt und sonst bei sich behielte, los, die schlechten, spöttischen Reden, die Schraubereien und Verleumdungen, welche denn wieder von andern aufgefangen und erwidert werden, so daß das ganze Pläsier zugrunde geht. Auf diese Weise habe ich es erlebt, daß durch so ein öffentlich löffelndes Ehepaar lauter Zank und Hader in eine Gesellschaft kam, der immer mehr stieg, je mehr die Eheleute miteinander karessierten.
Dagegen ist es eine wahre Freude, bisweilen vernünftige junge Leute zu sehen, die bescheiden und anständig sich betragen; das Frauchen sitzt da, und der Mann da, jedes diskuriert höflich mit seinen Nachbarn, keines scheint auf das andere zu achten, von Handgeben und Küssen ist nun gar nicht die Rede, und doch sieht man den roten, muntern Gesichtern an, daß sie zu Hause Glück und Segen miteinander haben; gleichsam zwei Äpfel sind sie an einem Zweige, die auch nicht nacheinander umgucken und doch zusammen wachsen, gedeihen und reifen. Der Ehestand ist ein Segensstand, aber er will mit Vernunft und Geschick und Manierlichkeit angegriffen sein, sonst macht er, wie der Wein im Übermaß, trunken, dumm und ungesund. Er ist wie der grüne Zweig am Apfelbaum; was darauf zum Gedeihen kommen soll, muß hübsch still und ruhig sich daran halten bei Sonnenschein und Regen.«
»Eure Moralien klingen zwar ziemlich hausbacken, aber es liegt doch etwas Wahres darin«, sagte der Jäger. »Der gesunde Menschenverstand behält immer recht, obschon er selbst nicht das letzte Recht ist. Was meine Eltern betrifft, so spricht deren nachheriges Verhältnis auch gewissermaßen für Eure Sätze. Meine Mutter ist nach dem entsetzlichen Schreck wie umgewandelt gewesen, er hatte auf sie wie ein Sturzbad gewirkt, der Vater hat späterhin gehen, kommen, sich kleiden dürfen, wie, vornehmen können, was er gewollt, und von der Zeit an, wo ich selbst zum Bewußtsein gelangte, erinnere ich mich der Ehe meiner Eltern, als einer zwar liebevollen, aber freien und ruhigen.«
»Ja, ja«, sprach der Hofschulze, »so mußte es sich wenden. Allzuscharf macht schartig, der Bogen, welcher zu sehr gespannt wird, bricht, und hinter heißem Wetter kommt kühles. Aber Ihnen will ich doch eine gute Lehre geben, junger Herr. Wenn Sie inkognito bleiben, und wie Sie sich mir verkündiget haben, für den Sohn von Bürgersleuten gelten wollen, so müssen Sie mir keine Geschichte erzählen von Jagdschlössern und fürstlichen Banketten und goldenen Uniformen und Bedienten und Reitknechten.«
»Ach, die Lehre kommt zu spät!« rief der junge Jäger lustig. »Das Verstellen hilft mir nichts, ich sehe es wohl ein, und wenn ich auch wie der Vogel Strauß den Kopf wegstecke, man erblickt mich dennoch. Verratet mich aber nicht; ich habe meine Gründe zu der Bitte, die Ihr mit gutem Gewissen erfüllen könnt, denn ein Verbrechen habe ich nicht begangen.«
»Nein, das soll wohl sein, Sie sehen nicht danach aus«, sagte der Hofschulze lächelnd.
»Jetzt nehmt von meiner Seite eine Lehre an. Ihr seid ein alter, gesetzter Mann, dem mehr daran liegen muß, seine Absichten für sich zu behalten, als mir. Wenn Ihr Eure Geheimnisse, welche Ihr zweifelsohne habt, vor mir und meinem Nachspüren bewahren wollt, so müßt Ihr meine Aufmerksamkeit nicht selbst rege machen, müßt mir nicht das Schwert Karls des Großen mit so feierlicher dunkler Rede zeigen.«
Der Hofschulze richtete sich in die Höhe. Seine große Gestalt schien noch zu wachsen, und der Mond, welcher inzwischen aufgegangen war, warf seinen Schatten lang in den Hof. Er sagte mit tiefem Tone und mit einem Nachdruck, der dem andern durch Mark und Bein ging: »Wehe dem, welcher die Geheimnisse des Schwertes Caroli Magni sieht oder hört, wenn es dergleichen gibt!« — Darauf setzte er sich nieder, schenkte seinem Gaste das letzte Glas ein, und tat, als ob nichts vorgefallen sei.
Dieser schwieg verlegen. Er merkte, daß mit dem Alten in manchen Dingen nicht zu scherzen sei. Um wieder ein Gespräch in Gang zu bringen, sagte er endlich: »Ihr verspracht drei Moralen aus meiner Geschichte, habt aber bis jetzt mir nur zwei mitgeteilt.«
»Die dritte«, versetzte der Hofschulze, »ist keine Rede, sondern eine Handlung und Verrichtung.« Mit diesen Worten, deren Sinn er nicht weiter aufklärte, ging er in das Haus.
Neuntes Kapitel
Der Jäger erneuert eine alte Bekanntschaft
Am folgenden Tage zur Mittagsstunde hörte der Jäger unter seinem Fenster ein Geräusch, sah hinaus und bemerkte, daß viele Menschen vor dem Hause standen. Der Hofschulze trat in sonntäglichem Putze soeben aus der Türe, gegenüber aber hielt am Eichenkampe ein zweispänniger Karren, auf welchem ein Mann in schwarzen Kleidern, anscheinend ein Geistlicher, zwischen mehreren Körben saß. In einigen derselben schien Federvieh zu flattern. Etwas hinterwärts saß eine Frauensperson in der Tracht des Bürgerstandes, welche steif vor sich hin auf dem Schoße ebenfalls einen Korb hielt. Vorn bei den Pferden stand ein Bauer mit der Peitsche, den Arm über den Hals des einen Tiers gelegt. Neben ihm hielt sich eine Magd, auch einen Korb, mit schneeweißer Serviette überlegt, unter dem Arme.
Ein Mann in weitem, braunem Oberrocke, dessen bedächtiger Gang und feierliches Antlitz ohne Widerspruch den Küster erkennen ließ, schritt mit Würde von dem Wagen dem Hause zu, stellte sich vor den Hofschulzen hin, lupfte den Hut und gab folgenden Reimspruch von sich:
»Wir sind allhier vor Eurem Tor,
Der Küster und der Herr Pastor,
Des Küsters Frau, die Magd daneben,
Die Gift und Gabe zu erheben,
So auf dem Oberhofe ruht;
Die Hühner, Ei‘r, die Käse gut.
So sagt uns an, ob alles bereit,
Was fällig wird zur Sommerszeit.«
Der Hofschulze hatte bei Anhörung dieses Spruchs den Hut tief abgenommen. Nach demselben ging er zum Wagen, verbeugte sich vor dem Geistlichen, half ihm in ehrerbietiger Stellung herunter und blieb dann mit ihm seitwärts stehen, mancherlei Reden wechselnd, welche der Jäger nicht hören konnte, während die Frau mit dem Korbe auch abstieg und sich nebst dem Küster, dem Bauer und der Magd wie zu einem Zuge hinter jenen beiden Hauptpersonen aufstellte. Der Jäger ging, um den Zusammenhang dieses Auftritts zu erfahren, hinunter, sah im Flur weißen Sand gestreut, und die daranstoßende beste Stube mit grünen Zweigen geschmückt. Die Tochter saß darin, ebenfalls sonntäglich geputzt, und spann, als wolle sie noch heute ein ganzes Stück Garn liefern. Sie sah hochrot aus und blickte von ihrem Faden nicht auf. Er ging in das Zimmer und wollte eben bei ihr Erkundigung einziehen, als schon der Zug der Fremden mit dem Hofschulzen die Schwelle vom Flure aus betrat. Voran ging der Geistliche, hinter ihm der Küster, dann der Bauer, dann die Küsterfrau, dann die Magd, zuletzt der Hofschulze; alle einzeln und ungepaart. Der Geistliche trat auf die spinnende Tochter, welche noch immer nicht emporsah, zu, bot ihr freundlichen Gruß und sagte: »So recht, Jungfer Hofschulze, wenn die Braut noch so fleißig ihr Rädchen dreht, da kann sich der Liebste volle Kisten und Kasten erwarten und verhoffen. Wann soll denn die Hochzeit sein?« — »Auf Donnerstag über acht Tage, Herr Diakonus, wenn es erlaubt ist«, versetzte die Braut, wurde womöglich noch röter, als zuvor, küßte dem Geistlichen, welcher noch ein jüngerer Mann war, demütig die Hand, nahm ihm Hut und Stock ab und reichte ihm zum Willkomm einen Erfrischungstrunk. Die andern, nachdem sie Reihe herum die Braut ebenfalls mit Handschlag und Glückwunsch bedacht hatten und durch einen Trunk erquickt worden waren, verließen die Stube und gingen auf den Flur, der Geistliche aber unterhielt sich mit dem Hofschulzen, der beständig seinen Hut in der Hand, in ehrerbietiger Stellung vor ihm stand, über Gemeindeangelegenheiten.
Gern hätte der junge Jäger, welcher, von den übrigen unbeachtet, aus einer Ecke der Stube den Auftritt mit angesehen hatte, schon früher den Geistlichen begrüßt, wenn es ihm nicht unbescheiden vorgekommen wäre, die Anreden und Antworten der Fremden und Hofesgenossen, welche trotz der bäuerlichen Szene etwas Diplomatisches hatten, zu stören. Denn in dem Diakonus war von ihm mit Erstaunen und Freude ein ehemaliger akademischer Bekannter wiedergefunden worden. Jetzt verließ der Hofschulze auf einen Augenblick das Zimmer und nun ging der Jäger zum Diakonus, ihn bei seinem Namen begrüßend. Der Geistliche stutzte, fuhr mit der Hand über die Augen, erkannte jedoch auch den andern sogleich wieder und freute sich nicht weniger, ihn zu sehen. »Aber« — fügte er den ersten Grußworten hinzu — »jetzt und hier ist keine Zeit zur Unterhaltung, kommen Sie nachher mit, wenn ich vom Hofe abfahre, dann wollen wir zusammen plaudern; hier bin ich ein öffentlicher Charakter und stehe unter dem Banne des gebietendsten Zeremoniells. Wir dürfen voneinander keine Notiz nehmen, fügen auch Sie sich passiv dem Ritual; vor allen Dingen, lachen Sie über nichts, was Sie sehen, das würde die guten Leute auf das höchste beleidigen. Und diese alten, festen Sitten, so seltsam sie aussehen mögen, haben doch auch immer ihr Ehrwürdiges.« — »Sorgen Sie nicht«, versetzte der Jäger, »aber ich möchte doch wissen...« — »Alles nachher!« flüsterte der Geistliche, nach der Türe blickend, durch welche soeben der Hofschulze wieder hereinkam. Er trat vor dem Jäger, wie vor einem Fremden, zurück.
Der Hofschulze und seine Tochter trugen die Speisen auf dem Tische, welcher in dieser Stube gedeckt stand, selbst auf. Da kam eine Hühnersuppe, eine Schüssel grüner Bohnen mit einer langen Mettwurst, Schweinsbraten mit Pflaumen, Butter, Brot und Käse, wozu eine Flasche Wein gestellt wurde. Alles dies wurde zu gleicher Zeit auf den Tisch gestellt. Der Bauer war von den Pferden ebenfalls hereingekommen. Als alles stand und dampfte, lud der Hofschulze den Diakonus höflich ein, es sich gefallen zu lassen.
Es war nur für zwei Personen dort gedeckt; der Geistliche, nachdem er ein Tischgebet gesprochen, setzte sich und etwas von ihm entfernt der Bauer. »Esse ich hier nicht mit?« fragte der Jäger. »Ei behüte«, antwortete der Hofschulze, und die Braut sah ihn verwundert von der Seite an. — »Hier ißt bloß der Herr Diakonus und der Kolonus, Sie setzen sich draußen bei dem Küster zu Tische.« Der Jäger ging in ein anderes, gegenüberliegendes Zimmer, nachdem er noch zu seiner Verwunderung bemerkt hatte, daß der Hofschulze und seine Tochter auch die Bedienung jenes ersten und vornehmsten Tisches selbst übernahmen.
In dem andern Zimmer traf er den Küster, die Küsterin und die Magd um den dort gedeckten Tisch stehen, und, wie es schien, mit Ungeduld ihres vierten Genossen warten. Auch auf diesem Tische dampfte dieselbe Speise, wie auf der Pastorstafel, nur fehlte Butter und Käse, auch zeigte sich dort statt des Weines Bier. Mit Würde trat der Küster an den Oberplatz und ließ, die Augen in den Schüsseln, abermals folgenden Spruch vernehmen:
»Alles, was da fleucht und kreucht auf der Erden,
Ließ Gott der Herr für den Menschen erschaffen werden;
Hühnersuppe, Bohnen, Wurst, Schweinsbraten, Pflaumen sind allerwegen
Gottesgaben, gib, o Herr, dazu uns deinen Segen!«
Worauf die Gesellschaft Platz nahm, der Küster obenan. Dieser wurde von seiner Gravität nicht verlassen, wie die Küsterin nicht von ihrem Korbe, den sie dicht neben sich hinstellte. Dagegen hatte die Pastorsmagd den ihrigen anspruchslos beiseite gesetzt. Bei dem Mahle, welches aus wahren Bergen auf den Schüsseln bestand, wurde kein Wort gesprochen; der Küster verschlang in ernster Haltung ungeheuer zu nennende Portionen, und die Frau blieb wenig hinter dem Manne zurück; am bescheidensten zeigte sich in diesem Punkte auch wieder die Magd. Was den Jäger betrifft, so beschränkte er sich fast nur auf das Zusehen; das heutige Zeremonialessen war nicht nach seinem Geschmack.
Nach beendigtem Mahle sagte der Küster zu den beiden Mägden, welche diesen Tisch bedient hatten, feierlich schmunzelnd: »Jetzt wollen wir denn, geliebt es Gott, die allhier erfallende Gebühr und den guten Willen in Empfang nehmen.« Die Mägde hatten vorher schon den Tisch abgeräumt und gingen jetzt hinaus, der Küster aber setzte sich auf einen Stuhl mitten in der Stube, die beiden Frauenspersonen, die Küsterin und die Magd, setzten sich ihm rechts und links zur Seite, vor sich die neugeöffneten Körbe. Nachdem die Erwartung, welche diese drei ausdrückten, einige Minuten gedauert hatte, traten die beiden Mägde, begleitet von ihrem Herrn, dem Hofschulzen, wieder ein. Die erste trug einen Korb mit weitläuftigem Flechtwerk oben, in welchem Hühner ängstlich gackerten und mit den Flügeln plusterten. Sie stellte ihn vor den Küster hin und dieser sagte, hineinschauend und nachzählend: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs; es ist ganz richtig.« Darauf zählte die zweite Magd aus einem großen Tuche ein Schock Eier in den Korb der Pastorsmagd, und sechs Stück runder Käse, nicht ohne genaues Nachzählen des Küsters. Dieser sagte, als es geschehen war: »So, nunmehro hätten der Herr Diakonus das Ihrige; jetzunder käme der Küster.« — Ihm wurden in den Korb seiner Ehehälfte dreizehn Eier und ein Käse zugeteilt. Sie prüfte jedes Ei durch Schütteln und Geruch, ob es auch frisch sei, und merzte zwei aus. Nach diesen Verhandlungen erhob sich der Küster und sprach zum Hofschulzen: »Wie ist es, Herr Hofschulze, von wegen des zweiten Käses, welchen Küsterei annoch vom Hofe zu gewärtigen hat?« — »Ihr wißt selbst, Küster, daß der zweite Käse vom Oberhofe nimmer anerkannt worden ist«, versetzte der Hofschulze. »Dieser angebliche zweite Käse ruhte auf dem Baumannserbe, welches vor hundert und mehreren Jahren mit dem Oberhofe in einer Hand vereinigt war. Hernachmalen ist die Trennung wieder eingetreten, und es haftet demnach hier auf dem Hofe nur ein Käse.«
Über des Küsters rotbräunliches Gesicht hatten sich die stärksten Falten gelagert, welche dasselbe nur aufzutreiben vermögend gewesen war, und zerlegten es in mehrere bedenkliche Abschnitte von viereckter, rundlichter, winklichter Gestalt. Er sprach: »Wo ist das Baumannserbe? Zersplittert und zerspellt wurde es in den unruhigen Zeitläuften. Soll Küsterei darunter leiden? Dem sei nicht so. Jedennoch, unter ausdrücklichem Vorbehalt aller und jeder Rechtszuständigkeiten wegen des seit hundert und mehreren Jahren strittigen, vom Oberhofe erfallenden zweiten Käses, empfange ich und nehme ich hiemit an auch den einen Käse. Sonach wäre die Zinsgebühr an Pastor und Küster abgestattet, und es käme nunmehr der gute Wille.«
Dieser bestand in frischgebackenen Rollkuchen, wovon sechs in den Pastorskorb und zwei in den des Küsters gelegt wurden. Hiemit war das ganze Empfangsgeschäft beendigt. Der Küster trat dem Hofschulzen näher und sagte folgenden dritten Spruch her:
»Die Hühner waren alle sechs richtig,
Und die Käse alle vollwichtig;
Die Eier sind befunden worden frisch,
Und was sich gebührte, stand auf dem Tisch.
Deshalb der Herr Euren Hof bewahr‘
Vor Hungersnot und Feuersgefahr!
Bei Gott und Menschen ist beliebt,
Wer Gift und Gaben richtig gibt.«
Der Schulze machte darauf eine dankende Verbeugung. Die Küsterin und die Magd trugen die Körbe hinaus und packten sie auf den Wagen. Zu gleicher Zeit sah der Jäger, daß die eine Hofesmagd aus dem Zimmer, worin der Geistliche gespeist hatte, Schüsseln und Teller auf den Flur trug, und sie, indem jener auf die Schwelle des Zimmers trat, vor seinen Augen wusch. Nachdem sie diese Reinigung verrichtet, näherte sie sich dem Geistlichen, er holte aus einem Papiere eine kleine Münze und gab sie ihr.
Der Küster ließ sich indessen den Kaffee schmecken, und da auch für den Jäger eine Tasse hingestellt worden war, so setzte sich dieser zu ihm. »Ich bin hier fremd«, sagte der junge Mann, »und verstehe zum Teil die Gebräuche nicht, welche ich heute gesehen habe; wollen Sie mir dieselben nicht erklären, Herr Küster? Ist es eine Verpflichtung, daß die Bauern den Herrn Diakonus in Naturalien unterhalten müssen?«
»Verpflichtung in betreff der Hühner, Eier und Käse, nicht der Rollkuchen, welche der gute Wille sind, jedoch auch jederzeit unweigerlich abgestattet werden«, erwiderte der Küster höchst ernsthaft. »Zum Diakonat oder zur Oberpfarre in der Stadt sind drei Bauerschaften als Filiale eingepfarrt, und ein Teil der Pfarr- und Küstereieinkünfte bestehet in der Zinsgebühr, welche von den einzelnen Hofesstellen alljährlich erfället. Diese nun, wie sie überall seit undenklichen Zeiten feststeht, einzusammeln, halten wir per Jahr zwei Gänge, oder Fahrten, nämlich die gegenwärtige Sommer- oder kleine Fahrt, und dann die Winter- oder große Fahrt, kurz nach Advent. Bei der Sommerfahrt erfallen die Zinshühner, die Zinseier und Zinskäse, an dem einen Hofe so viel, an dem andern so viel; erstere Rubrik, nämlich die der Hühner, erfället jedoch nur pro Diaconatu, Küsterei hat sich mit Eiern und Käsen zu begnügen. — Im Winter erfallen die Kornzinsen an Gerste, Hafer und Roggen; da kommen wir mit zwei Karren, weil eine die Säcke nicht zu fassen vermöglich wäre. So halten wir denn zweimal per Jahr die Rundfahrt durch die drei Bauerschaften.«
»Und wohin geht die Reise von hier?« fragte der Jäger.
»Directe nach Hause«, versetzte der Küster, knöpfte seinen Oberrock los und zog ein Federkissen hervor, welches er, ungeachtet der warmen Witterung zum Schutze seines Magens aufgelegt hatte. Nunmehr aber, nach der starken Mahlzeit mochte ihm dasselbe doch beschwerlich fallen. — »Gegenwärtige Bauerschaft ist die letzte, und gegenwärtiger Oberhof der letzte Hof in selbiger, auf welchem denn auch das herkömmliche Zinsessen vor sich geht«, sagte er.
Der Jäger bemerkte, daß, wie es ihm vorgekommen, in der Mahlzeit, bei den Begrüßungen, bei der Empfangnahme der Lebensmittel, ja sogar bei dem Waschen der Teller und Schüsseln eine vorherbestimmte Ordnung geherrscht habe, worauf sich der würdige Küster, wie folgt, weiter vernehmen ließ: »Allerdings; in jeglichem bei diesen Zinsfahrten ist eine Observanz und ein striktes Recht, von welchem nicht abgewichen werden darf. Morgens um sechs Uhr rücken wir aus der Stadt aus, der Herr Diakonus, ich, meine Frau und die Pastorsmagd. Vom Reymannskotten wird, jedoch auf höfliches Suchen und Erbitten, die Karre gestellt, welche das liebe Gut lädt, und der Kolonus geht mit und verläßt den Herrn Diakonus nun und nimmer, setzt sich auch, wie Sie gesehen haben, einzig und allein mit ihm zu Tisch. Den ersten Hühnerkorb nahmen wir aus der Stadt mit, da dieser aber bei dem ersten Hofe schon voll wird, so leihet nunmehr letzterer einen neuen für den zweiten, und so fort bis hieher. Der Kolonus füttert hier seine Pferde mit einem Scheffel Hafer, der vom Balstrup erhoben und mitgenommen worden ist, und die Magd, welche die Teller und Schüsseln vor den Augen des Herrn Diakonus wieder rein waschen muß, erhält dafür ihre drei und einen halben Stüber, gleichfalls heute zu diesem Zweck und Ende erfallen und empfangen auf dem kleinen Beek, Bauerschaft Branstedde.«
»Und die Sprüche, die Sie so laut und vernehmlich vortrugen, Herr Küster, rühren diese auch von alters her?« fragte der Jäger.
»Ja freilich«, versetzte der Küster. »Indessen«, fuhr er wohlgefällig fort, »habe ich einiges, was darin an die finstern Zeiten erinnerte, weggelassen oder verbessert, wie es sich für die Gegenwart schicken will. So lautet der Text in der Danksagungsrede eigentlich zum Schluß:
»Wenn ihr aber uns verkürzen wollen,
So soll euch alle der Teufel holen,
Und fehlt am Käs‘ ein einzig Lot,
So kriegt ihr gar die schwere Not!«
Diese unschicklichen Reime habe ich nach und nach eingehen lassen, indem ich Jahr für Jahr einen nach dem andern bei mir behielt, oder so tat, als ob ich den Husten dabei kriegte, und was dergleichen Anschläge mehr waren, denn mit den Bauern muß man freilich bei allen Neuerungen langsam zu Werke gehen. Es hat doch Widerspruch abgesetzt, und einige von den Dorfmicheln wollen durchaus diese Grobheiten nicht fahren lassen, weil sie sagen, daß selbige einmal dazugehören. Sie entrichten die Zinsgebühr nicht, wenn ich ihnen den Teufel und die schwere Not nicht anwünsche; der Hofschulze ist darin vernünftiger.«
Der Küster wurde abgerufen, denn die Karre war angespannt, und der Geistliche nahm von dem Hofschulzen und seiner Tochter, die jetzt ebenso ehrerbietig und freundlich vor ihm standen, wie bei allen übrigen Verhandlungen dieses Tages, mit herzlichen Händedrücken und Worten Abschied. Nun schwankte der Zug einen andern Weg, als den er gekommen war, zwischen Kornfeldern und hohen Wallhecken fort. Der Kolonus mit der Peitsche vor seinen Pferden, die Karre langsam hinterdrein bewegt, auf ihr jetzt außer den beiden Frauenspersonen der Küster sitzend zwischen den Körben, und der Fürsorge wegen wieder das Federkissen vor die Magengegend gestopft.
Der Jäger hatte sich bei der Abfahrt bescheidentlich zurückgehalten, war aber, als die Zinskarre sich eine Strecke weit entfernt hatte, mit raschen Sprüngen nachgeeilt, und fand den Diakonus, welcher ebenfalls hinter seinem eingesammelten Gute zurückgeblieben war, auf einem anmutigen Baumplatze schon seiner harren. Hier, frei vom Zeremoniell des Oberhofes, umarmten sie einander, und der Diakonus rief lachend: »Das hätten Sie wohl nicht gedacht, in Ihrem ehemaligen Bekannten, der in jener großen Stadt seinen jungen schwedischen Grafen so säuberlich auf dem schlüpfrigen Boden der Wissenschaft und des eleganten Lebens umherführte, eine Figur wiederzufinden, welche Sie an Ehrn Lopez in dem »Spanischen Pfarrer« von Fletcher erinnern muß?«
»Ihr Küster ist, wenn auch kein lustiger Diego, doch ein ganzer Mann«, versetzte der Jäger. »Er hat mir wie ein wahrer Zeremonienmeister der Zinspflicht das ganze Ritual ausgelegt, und sich bei dem Empfangen, Verwahren und Spruchsprechen mit solcher Würde und Klugheit benommen, daß ich ihn jedem bevollmächtigten Minister, welcher eine verwickelte Angelegenheit seines Hofes zu schlichten hat, als Muster empfehlen möchte.«
»Ja«, sagte der Geistliche, »das ist heute sein Ehrentag, auf den er sich schon sechs Wochen vorher freut. Überhaupt gibt es unter den Küstern noch viele komische Figuren, welche sonst so sehr jetzt abnehmen. Das beständige Anhören hoher und erbaulicher Worte von ihrem Standpunkte der Dienstbarkeit dabei, das Läuten, das Ansagen der Geburten und Sterbefälle gibt ihrem Wesen einen wundersamen Schwung, mit welchem nun wieder ihr glücklicher Appetit, oder besser zu sagen, ihre maßlose Freßgier seltsam kontrastiert. Denn da sie zu Hause nicht viel zu beißen und zu brechen haben, so versorgen sie sich auf Kindtaufen, Hochzeiten und Leichenschmäusen für ganze Wochen, und verschlingen die außerordentlichsten Portionen, aber immer mit einem Anstriche von Salbung, und nicht selten die hellen Tränen der Mitfreude oder Mittrauer in den Augen. Der meinige hat nun zu allen diesen Standeseigenschaften noch den Privatcharakter der Feigheit; er ist ein ausgemachter Poltron und ich habe mit ihm auf einsamen nächtlichen Wanderungen zu Kranken oder Sterbenden schon die lustigsten Szenen erlebt.
Doch lassen wir den Küster und seine Narrheiten. Was die Prozedur betrifft, welcher Sie heute beiwohnten, so ist es unumgänglich notwendig, daß ich mich ihr in Person unterziehe; mein ganzes Verhältnis zu den Leuten wäre gebrochen, wenn ich zu ekel wäre, die alte Sitte mitzumachen. Mein Vorgänger im Amte, der nicht aus hiesiger Gegend war, schämte sich der terminierenden Fahrten, und wollte schlechterdings nichts damit zu tun haben. Was war die Folge davon? Er geriet in die übelsten Zwistigkeiten mit diesen Landgemeinen, welche selbst auf den Verfall des Kirchlichen und des Schulwesens Einfluß hatten. Zuletzt mußte er gar um seine Versetzung einkommen und ich nahm mir gleich vor, als ich die Pfarre erhielt, in allen Dingen mich nach Ortsgebrauch zu verhalten. Hiebei habe ich mich denn bisher sehr wohl befunden, und weit gefehlt, daß der Schein der Abhängigkeit, welchen mir diese Fahrten geben, meinem Ansehen schaden sollte; es wird vielmehr dadurch erhöht und befestiget.«
»Wie sollte es auch anders sein!« rief der Jäger. »Ich muß Ihnen gestehen, daß bei dem ganzen Einhergange, ungeachtet alles Komischen, was Ihr Küster darüber auszubreiten wußte, mich ein Gefühl der Rührung nicht verließ. Ich sah in diesem Empfangen der einfachsten leiblichen Gaben einerseits, und in der Ehrfurcht, womit sie anderseits dargeboten wurden, gewissermaßen das frömmste, schlichteste Bild der Kirche, welche zu ihrem Bestande des täglichen Brotes nötig hat, und das Bild der Gläubigen, welche ihr das irdische Bedürfnis in der demütigen Überzeugung, daß sie damit sich ein Höchstes und Ewiges erhalten, darreichen, so daß weder auf der einen noch auf der andern Seite eine Knechtschaft, vielmehr bei beiden nur die Innigkeit des vollkommensten Wechselbezuges entsteht.«
»Es freut mich«, rief der Diakonus, und drückte dem Jäger die Hand, »daß Sie die Sache so ansehen, über welche vielleicht ein anderer gespöttelt haben würde, daher es mir, wie ich Ihnen nun gestehen darf, im ersten Augenblicke auch gar nicht recht war, in Ihnen unvermutet einen Zeugen jener Szenen zu finden.«
»Gott bewahre mich, daß ich über etwas, was ich in diesem Lande gesehen, spöttelte!« versetzte der Jäger. »Ich freue mich jetzt, daß mich ein toller Streich zwischen diese Wälder und Felder geschleudert hat, denn sonst würde ich die Gegend wohl nicht kennengelernt haben, da sie auswärts wenig in Ruf steht, und in der Tat auch nichts Anziehendes für abgespannte und überreizte Touristen haben kann. Aber mich hat hier die Empfindung stärker, als selbst in meiner Heimat angefaßt: Das ist der Boden, den seit mehr als tausend Jahren ein unvermischter Stamm trat! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich möchte ich sagen, entgegen.«
Es ergaben sich aus dieser Äußerung Reden zwischen dem Diakonus und dem Jäger, welche beide führten, indem sie der Karre langsam folgten.
Zehntes Kapitel
Von dem Volke und von den höheren Ständen
»Das unsterbliche Volk!« rief der Diakonus. »Ja, dieser Ausdruck besagt das Richtige. Ich versichere Ihnen, mir wird allemal groß zumute, wenn ich der unabschwächbaren Erinnerungskraft, der nicht zu verwüstenden Gutmütigkeit und des geburtenreichen Vermögens denke, wodurch unser Volk sich von jeher erhalten und hergestellt hat. Rede ich aber von dem Volke in dieser Beziehung, so meine ich damit die besten unter den freien Bürgern und den ehrwürdigen, tätigen, wissenden, arbeitsamen Mittelstand. Diese also meine ich, und niemand anders vorderhand. Aus ihnen aber, und aus dieser ganzen Masse haucht es mich wie der Duft der aufgerißnen schwarzen Ackerscholle im Frühling an, und ich empfinde die Hoffnung ewigen Keimens, Wachsens, Gedeihens aus dem dunkeln, segenbrütenden Schoße. In ihm gebiert sich immer neu der wahre Ruhm, die Macht und die Herrlichkeit der Nation, die es ja nur ist durch ihre Sitte, durch den Hort ihres Gedankens und ihrer Kunst, und dann durch den sprungweise hervortretenden Heldenmut, wenn die Dinge einmal wieder an den abschüssigen Rand des Verderbens getrieben worden sind. Dieses Volk findet, wie ein Wunderkind, beständig Perlen und Edelsteine, aber es achtet ihrer nicht, sondern verbleibt bei seiner genügsamen Armut, dieses Volk ist ein Riese, welcher an dem seidenen Fädchen eines guten Wortes sich leiten läßt, es ist tiefsinnig, unschuldig, treu, tapfer, und hat alle diese Tugenden sich bewahrt unter Umständen, welche andere Völker oberflächlich, frech, treulos, feige gemacht haben.
Ich werde nicht, wie Levaillant die Tugenden der Hottentotten auf Kosten der europäischen Zivilisation herausstrich, den Lobredner idyllischer Rustizität und kleinbürgerlicher Enge machen, ich fühle sehr wohl, daß uns allen durch den Umschwung der Zeiten die Neigung zu glänzenden, geschmackvollen Dingen, zu einer Art von Aristokratie des Daseins mitangeboren ist, welche außerhalb der Mittelverhältnisse liegt, und von der wir uns, ohne an der Natürlichkeit unseres Wesens Einbuße zu leiden, nicht losmachen können, aber ich muß doch folgendes aus meiner eigenen Geschichte hier anführen. Ich war, da ich jenen jungen Vornehmen zu führen hatte, während ich noch selbst der Führung gar sehr bedürftig war, unter allen den geistreichen, eleganten, schillernden und schimmernden Gestalten der Kreise, die mir durch mein damaliges Amt zugewiesen waren, ebenso geistreich, halbiert, kritisch und ironisch geworden, wie viele; genial in meinen Ansprüchen, wenn auch nicht in dem, was ich leistete, unbefriedigt von irgend etwas Vorkommendem, und immer in eine blaue Weite strebend; kurz ich war dem schlimmeren Teile meines Wesens zufolge, ein Neuer, hatte Weltschmerz, wünschte eine andere Bibel, ein anderes Christentum, einen andern Staat, eine andere Familie, und mich selbst anders mit Haut und Haar. Mit einem Worte, ich war auf dem Wege zum Tollhaus, oder zur insipidesten Philisterei; denn diese beiden Ziele liegen meistens vor den Füßen der modernen Wanderer. Und da bin ich denn doch erst hier zwischen den wunderlichen aber achtbaren Originalen meiner Mittelstadt und unter diesen ländlichen Wehrfestern wieder zu mir selbst gekommen, habe Posto gefaßt, den Schaum der Zeit von mir weichen sehen und Mut bekommen, mir ein liebes häusliches Verhältnis zu gründen. Denn in dem Volke sind die Grundbezüge der Menschheit noch wach, da ist das richtige Verhältnis der Geschlechter noch fest ausgeprägt, da gilt das Geschwätz noch nichts, sondern das Gewerbe und der Beruf, den jeder hat, da folgt der Arbeit in gemessener Ordnung die Ruhe, da ist von den Vergnügungen das Vergnügen noch nicht verbannt. Hören Sie den Jubel in der Stadt oder auf dem Lande bei sonntäglichen Tänzen, bei Hochzeiten und Scheibenschießen, und urteilen Sie, ob der Spaß sobald in der Welt aussterben wird, wie die grämlichen Jünglinge der Gegenwart meinen? Es gibt Müßiggänger, schlechte Ehen und böse Weiber auch hier in Stadt und Land, aber sie heißen bei ihren und nicht bei vornehm umgebogenen Namen. Jene Mischungen von Langeweile und Begeisterung endlich, wie sie mir einst ein Freund treffend nannte, aus denen in den sublimierten Kreisen der Gesellschaft manches Perverse hervorgeht, und aus deren einer derselbe Freund auch die blutige Tat der armen, schönen, bejammernswerten Frau ableitete, deren Unglück darin bestand, einen mittelmäßigen Dichter und großen Selbstling geheiratet zu haben, liegen dem Volke ganz fern. Das ganze potenzierte und destillierte Genre, der Hermaphroditismus des Geistes und Gemütes, welchen die Muße eines langen Friedens hie und da erzeugt hat, wird dem Stock und Stamm der Gemeinschaft immer fremd bleiben.
In dieser orthopädischen Anstalt gerader und normaler Verhältnisse legten sich denn meine etwas verbogenen Glieder auch wieder zurecht. Freilich muß man in der Stille und Abgeschiedenheit von den brausenden Strömungen der Gegenwart auf sich wachen, denn die Gefahr des Verbauerns steht auch nahe, indessen noch hange ich durch stille aber feste Fäden mit dem Weltganzen zusammen, nur mit dem Unterschiede, daß sie sich jetzt bloß um die Gegenstände schlingen, zu denen mich ein geistiges Bedürfnis hinweist, während ich mir früher manches geistige Bedürfnis, wie es so manche unserer Zeitgenossen machen, einzubilden wußte.«
Der Jäger ging nach dieser Rede des Diakonus schweigend und mit gesenktem Haupte neben ihm her. »Was ist Ihnen?« fragte sein Bekannter nach einer Pause.
»Ach«, sagte jener, »Ihr Bild vom deutschen Volke ist wahr, und es macht mich nur traurig, daß teilweise über dieser Grundfläche ein so wenig entsprechender Gipfel steht. Dieses tüchtige Volk würde bei weitem mehr ausrichten, es würde weit entschiedener Front machen, wenn in den höheren Ständen eine gleiche Tüchtigkeit lebte! Schlimm, daß ich, ich selbst sagen muß: Dem ist nicht so.«
»Leider«, erwiderte der Diakonus, »sind unsre höheren Stände hinter dem Volke zurückgeblieben, um es kurz und deutlich auszusprechen. Daß es viele höchst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe, wer wollte es leugnen? Sie befestigen aber eben nur die Regel. Der Stand als Stand hat sich nicht in die Wogen der Bewegung, die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des gesamten deutschen Denkens, Wissens und Dichtens herbeiführte, getaucht. Statt daß vornehme Personen geboren sind, die Patrone alles Ausgezeichneten und Talentvollen zu sein, halten bei uns noch viele Große das Talent für ihren natürlichen Feind, oder doch für lästig und unbequem, gewiß aber für entbehrlich. Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande, in welchen dem Adel, ein Buch zu lesen, noch immer für standeswidrig gilt, und er statt dessen lärmende, nichtige Tage abhetzt, wie in den Zeiten jener Bürgerschen Parforcejagd-Ballade. Das Auffallendste hiebei ist, daß selbst nach der ungeheuren Lehre, welche die Weltkriege den Privilegierten erteilt hatten, diese noch nicht eingesehen haben, es sei mit dem leeren Scheine nunmehr für immer vorbei, und der erste Stand müsse notwendig sich in sich selber gründlich fassen und restaurieren. Es war seine erste Obliegenheit, dies zu begreifen, es war die Lebensfrage für ihn, ob er sich mit dem Heiligtume deutscher Gesinnung und Gesittung nunmehr inniglich verbünden, allem wahrhaftquellenden geistigen Leben der Gegenwart Schirm und Schutz geben möchte, damit das Zauberbad dieses Lebens seine altersstarren Glieder verjünge. Er hat seine Stellung und diese Frage nicht verstanden, hat in allerhand kleinen Hausmittelchen seine Erkräftigung gesucht, und ist darüber obsolet geworden. Nie und zu keiner Zeit hat ein Stand anders als durch Ideen existiert. Auch den ersten haben Ideen geschaffen und erhalten, anfänglich die der Kampfestapferkeit und Lehnstreue, demnächst die der besondern Ehre. Gegenwärtig ist durch die Errettung des Vaterlandes, welche von allen Ständen ausging, die höchste Ehre ein Gemeingut geworden; weshalb denn die oberen Stände das Protektorat des Geistes hätten übernehmen müssen, wenn sie wieder etwas Besonderes sein und vorstellen wollten.«
»Ich habe«, sagte der Jäger kleinlaut, »in einer hohen und vornehmen Familie, die ich vor kurzem auf meinen Streifereien kennenlernte, die zwanzigjährigen Töchter auf gut schwäbisch mit der »Iphigenia« bekanntmachen müssen, welche sie noch nie gelesen hatten, weil die Eltern Goethe für einen jugendverführerischen Schriftsteller hielten.«
»Und wer weiß, ob das Haupt dieser Familie, welche ich übrigens nicht kenne, nicht eine von den Figuren ist oder sein wird, welcher man Bahnen der Kultur anvertraut?« sagte der Diakonus. »Der unbefangene Beobachter hat in dieser Hinsicht zuweilen die erschreckendsten Kontraste anzuschauen. Nun müssen Sie einräumen, daß ein französischer Marquis oder Duc, von dem eine gleiche Barbarei gegen einen Klassiker seiner Nation verlautete, in der Pariser Sozietät für Lebenszeit verloren wäre.«
»Das Beispiel von Frankreich fordert hier von selbst zur Frage auf«, sagte der Jäger. »Wie kommt es nur, daß sich dort ganz natürlich gemacht hat, was bei uns nie zustande kommen will, nämlich: ein beständiger Kontakt der Großen mit den Geistern und mit dem Geiste der Nation, eine zarte Achtung vor dem geistigen Ruhme der Nation, und eine unbedingte Anerkennung der Literatur, als der eigentlichen Habe der Nation?«
»Die französische Nation, ihr Geist und ihre Literatur haben und sind Esprit«, versetzte der Diakonus. »Der Esprit ist ein Fluidum, welches die Natur unter den zu seiner Erzeugung günstigen Voraussetzungen an ganze Länder und Völker austeilen kann. Es ist also dort in Frankreich eine natürliche Brücke von dem Volksgeiste und von der Literatur zu dem Geiste der vornehmen Klassen geschlagen, letztere ergreifen in ihrem Interesse ohne Anstrengung nur das ihnen Gleichartige. Wir haben keinen Esprit. Unsere Literatur ist ein Produkt der Spekulation, der freiwaltenden Phantasie, der Vernunft, des mystischen Punkts im Menschen. Die Gaben dieser von Grund aus gehenden Arbeit des Geistes sich anzueignen sind eben nur wieder Geister, welche die Arbeit stählte, vermögend. Mit Leichtfertigkeit ist deutscher Art nicht beizukommen. Die Vornehmen arbeiten aber nicht gern, sie ziehen es bekanntlich vor, zu ernten, wo sie nicht gesäet haben. Deshalb ist es wieder natürlich — wenn auch das Verwerfungsurteil über die Barbarei des ersten Standes bei Kräften stehenbleibt — daß er locker mit deutschem Geiste zusammenhängt; zu einem näheren Bündnisse hätte er sich über Gebühr anstrengen müssen.«
»Zu leugnen ist doch auch nicht, daß gerade durch die Absonderung des deutschen Geistes von dem Atem der hohen Sozietät ihm manche Tugenden erhalten worden sind«, sagte der Jäger; »seine Frische, seine eigensinnige herbe Jungfräulichkeit, sein rücksichtsloses Um- und Vorgreifen. Denn jede Erfindung der schaffenden Seele, welche vor Augen haben muß, mit gewissen Forderungen der Gesellschaft zusammenzutreffen, wird notwendigerweise mechanisiert. Unsere Wissenschaft, unsere Philosophie, unsere Literatur sind Töchter Gottes und der Natur; mit welchen andern möchten sie einen Tausch solches Stammbaums eingehen?«
Hier wurden diese Gespräche von einem heftigen Schreien, ja Brüllen unterbrochen, welches sich an der Zinskarre erhob. Hinzueilend sahen sie den Küster in entsetzter Stellung, die Arme wie Wegweiser ausgebreitet, das Gesicht braun und weiß gesprenkelt, den Mund wie Laokoon aufgesperrt. Um ihn her standen die Frauenspersonen und der Kolonus, der seine Karre zum Stehen gebracht hatte. Die Küsterin klopfte dem Küster den Rücken, die Magd hatte ihm den Rock halb aufgeknöpft, aus welchem das Federkissen gefährlich hervorhing. Der Diakonus forschte nach der Ursache des Auftritts und erfuhr von seiner Magd, (denn der Küster war noch immer sprachlos) daß der Küster von der Karre abgestiegen sei, um, wie er gesagt, der lieben Verdauung wegen etwas zu gehen, da sei ein großer schwarzer Hund dicht an ihm vorbei quer über den Weg hinübergeschossen, der Küster habe aber sofort jenes Geschrei oder Gebrüll erhoben, so daß beinahe die Pferde scheu geworden seien.
In diesem Augenblicke gab die Küsterin ihrem Manne, bei dem das Klopfen nicht verfangen wollte, mit den Worten: »Wenn alles bei der Maulsperre vergebens ist, so hilft das!« aus Leibeskräften eine Ohrfeige. Alsbald flogen die Kinnbacken des entsetzten Mannes zusammen wie Torflügel, er wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte zu seiner Frau: »Ich danke dir, Gertrud, für diese Backpfeife, durch welche du mich von schweren Leiden kuriert hast.« Und zum Diakonus sich wendend: »Ja, Herr Diakonus, ein wütender, ein toller Hund! Schweif eingeklemmt, rote und dabei triefende Augen, Schaum vor der Schnauze, blaue Zunge, heraushängend, taumelnder Gang, kurz alle Kennzeichen der wasserscheuen Wut!«
»Um Gottes willen, wo hat er Euch gebissen?« rief der Diakonus erblassend.
»Nirgend, mein Herr Diakonus«, versetzte der Küster feierlich, »nirgend; dem Allmächtigen sei Dank dafür. Aber wie leichtlich hätte er mich beißen können. Ich habe das Ungeheuer, wie andere einen grimmen Wolf durch Geigenspiel in die Flucht schlugen, durch den Ton meiner Stimme, die mir Gott gegeben, verscheuchet und verjaget, als es eben im Anspringen auf mich begriffen war. Es stutzete und schwang sich seitwärts die Wallhecke hinauf. Mir aber blieben von der übermenschlichen Anstrengung jenes heilsamen Angstrufes die Kinnbacken in der Maulsperre verfangen und verfestiget, bis meine gute Ehefrau, wie Sie gesehen, mir die wirksame Backpfeife verordnete. Das ist ein Zinstag, an welchen ich gedenken werde!«
Der Diakonus und der Jäger hatten Mühe, ein Lachen zu verbeißen. Die Magd sagte, sie glaube nicht, daß der Hund toll gewesen sei, er möge wohl nur seinen Herrn verloren gehabt haben, in welchem Falle die Kreaturen sich immer sehr ungebärdig anstellten. Wirklich sah man den Hund in einiger Entfernung auf einem Feldwege ruhig und schweifwedelnd hinter einem Packenträger hergehen. Der Küster, dem diese Bemerkung mitgeteilt wurde, ließ sich nicht aus der Fassung bringen, sondern sprach ernsthaft: »Wie leichtlich hätte der Hund toll sein können!«
Der Diakonus ließ ihn und sein Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzen, und trennte sich an dieser Stelle von dem Jäger, da, wie er sagte, ihr Gespräch doch gestört sei, und der Kolonus es ihm verdenken werde, wenn er dessen Gesellschaft auf dem ganzen Heimwege meide. Bei dem Abschiede mußte der junge Schwabe seinem Bekannten das Versprechen geben, ihn auf einige Tage in der Stadt zu besuchen. Darauf gingen sie nach verschiedenen Richtungen auseinander.
Eilftes Kapitel
Die fremde Blume und das schöne Mädchen. Die gelehrte Gesellschaft
Die Sonne stand noch hoch am Himmel, und dem Jäger war es nicht gelegen, so früh in den Oberhof zurückzukehren. Er trat auf eine der höchsten Wallhecken, sah sich in der Gegend um und meinte, daß er eine Hügelgruppe, welche in geringer Entfernung ihre buschichten Häupter erhob, wohl noch durchstreifen und doch vor spät abends wieder in seinem Quartiere sein könne. Das Wiederfinden des Diakonus und sein Gespräch hatte manche Erinnerungen der früheren Zeiten in ihm aufgeweckt; er war unruhig und sehnte sich in dieser Stimmung nach Pfaden, die er noch nicht betreten, nach Bergen und Bäumen, an deren Anblick er sich noch nicht gewöhnt hatte. Tief, tief seine heiße Seele in das kühle Waldesdunkel, in den feuchten Dunst bemooster Felsen, in den begeisteten Schaum springender Quellen zu tauchen, danach lechzte er; danach schmachtete er aus der brütenden Wärme der Kornfelder.
Der Anblick des Diakonus hatte ihm wohl und wehe gemacht; ihre erste Bekanntschaft war durch die unerschrockene Gymnastik des Geistes, in welcher die Jugend ihre ersten überschwellenden Kräfte zu tummeln liebt, bezeichnet gewesen. Jener, älter, und wie erwähnt worden, schon Führer eines jungen vornehmen Schweden, hatte sich dennoch als ein immer fertiger Disputant und Opponent zu den Studenten gehalten, und manche Stunde der Mitternacht war dem Jäger mit ihm in eifrigem Kämpfen und Ringen vergangen. — »Ja«, rief er, indem er immer fürbaß den Hügeln zuschritt, »du, mein deutsches Vaterland, bleibst doch der ewig geweihte Herd, die Geburtsstätte des heiligen Feuers! Überall, auf jedem Fleckchen in dir wird dem Dienste des Unsichtbaren geopfert, und der Deutsche ist ein Abraham, der dem Herrn den Altar baut allerwege, wo er auch nur die Nacht über gerastet hat.« — Er gedachte der Reden seines Bekannten und der Situation, in welcher sie vorgefallen waren. — »Das wird auch anderwärts nicht vorkommen, daß ein armer Pastor, hinter seiner Hühnerkarre herschreitend, sich an der unsterblichen Idee der Nation begeistert«, sagte er. »Lächerlich und erhaben! Lächerlich, weil das Erhabene auch durch das Ärmlichste und Kleinste bei uns hindurchsieht und die Formen des Geringen siegreich zerbricht! Wie reich bist du, mein Vaterland!«
Sein Fuß betrat frisches, feuchtes Wiesengrün, besäumt von Büschen, unter denen ein klares Wasser rann. Dieser vollen, gesunden, jungen Seele taten noch symbolische Handlungen not, sich und ihrem Drange zu genügen. In kurzer Entfernung zeigten sich kleine Felsen, über die ein schmales, schlüpfriges Pfädchen lief. Er ging hinüber, klomm zwischen den Klippen nieder, streifte den Ärmel auf, ritzte das Fleisch seines Armes und ließ das Blut in das Wasser rinnen, indem er ein stilles, frommes Gelübde ohne Worte sprach. Er legte den Arm in das Wasser, die Flut kühlte ihm mit anmutigem Schauder das heiße Blut ab. So, halb knieend, halb sitzend an dem feuchten, dunkeln, umklippten Orte blickte er seitwärts in das Offene; da wurden seine Augen von einer prachtvollen Erscheinung gefangengenommen. Zwischen den Gräsern waren alte Baumtrümme verweset und starrten schwarz aus dem umgebenden lustigen Grün. Einer derselben war ganz ausgehöhlt, in seinem Inneren hatte sich der Moder zu brauner Erde niedergeschlagen, und aus dieser und aus dem Trumm, wie aus einem Krater, blühte die herrlichste Blume empor. Über dem Kranze sanfter runder Blätter erwuchs ein schlanker Stengel, der große Kelche von unnennbar schöner Röte trug. Tief in den Kelchen stand ein geflammtes zartes Weiß, welches in leichten grünen Äderchen nach dem Rande zu auslief. Es war offenbar keine hiesige, es war eine fremde Blume, deren Samenkorn, wer weiß, welcher? Zufall in den durch die Verwesungskräfte der Natur bereiteten Gartenboden getragen, und eine günstige Sommersonne auch hier zum Wachsen und Blühen gebracht hatte.
Der Jäger erquickte sein Auge an diesem reizenden Anblicke, der ihn belohnte, als er das Gelübde getan hatte, mit Leib und Seele dem Vaterlande angehören und zeitlebens keine Götter haben zu wollen, als die heimischen. Trunken von der Magie der Natur lehnte er sich zurück und schloß in süßen Träumereien die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatte sich die Szene verändert.
Ein schönes Mädchen in einfachem Gewande, den Strohhut über den Arm gehängt, kniete vor der Blume, hielt deren Stengel zärtlich, wie den Hals des Geliebten umschlungen, und blickte, die holdeste Freude der Überraschung in den Augen, tief in einen der roten Kelche. Sie mußte, während der Jäger zurückgebeugt lag, leise herbeigekommen sein. Ihn sah sie nicht; die Klippen verdeckten ihn, und er hütete sich wohl, eine Bewegung zu machen, welche ihm die Erscheinung verscheuchen konnte. Aber, als sie nach einer Weile atmend von dem Kelche emporschaute, fiel ihr Blick seitwärts in das Wasser, und sie gewahrte den Schatten eines Mannes. Nun sah er sie sich verfärben, die Blume aus ihren Händen entlassen, übrigens aber regungslos auf den Knieen bleiben. Er erhob sich mit halbem Leibe zwischen den Klippen, und vier junge, unschuldige Augen trafen einander mit feurigen Strahlen. Nur einen Augenblick! denn alsobald stand das Mädchen, Glut im Antlitz, auf, warf den Strohhut über das Haupt und war mit drei raschen Schritten hinter den Büschen verschwunden.
Er kam nun auch aus den Klippen hervor und streckte den blutigen Arm nach den Büschen aus. War der Geist der Blume lebendig geworden? Er sah diese wieder an, sie wollte ihm nicht mehr so schön bedünken, wie wenige Augenblicke zuvor. »Eine Amaryllis«, sagte er kalt, »ich erkenne sie jetzt, ich habe sie im Gewächshause.« Sollte er dem Mädchen nachfolgen? Er wollte es, eine geheime Scheu fesselte aber seinen Fuß. Er faßte an seine Stirne; geträumt hatte er nicht, das wußte er, »und das Ereignis«, rief er endlich mit einer Art von Anstrengung, »ist auch so absonderlich nicht, daß es geträumt werden müßte! Ein hübsches Mädchen, die des Weges daherkommt und sich auch an einer hübschen Blume erfreut, das ist das Ganze!«
Er strich zwischen unbekannten Bergen, Tälern, Geländen umher, solange ihn die Füße tragen wollten. Endlich mußte er an den Rückweg denken. Spät, im Dunkeln, und nur mit Hülfe eines zufällig gefundenen Führers erreichte er den Oberhof.
In diesem brummten die Kühe, der Hofschulze saß auf dem Flure mit Tochter, Knechten und Mägden zu Tische und wollte moralische Gespräche beginnen. Aber dem Jäger war es unmöglich, darauf einzugehen, es kam ihm alles verwandelt, roh und ungefüge vor. Er suchte rasch seine Stube, nicht wissend, wie er noch länger in das Ungewisse hin hier werde verweilen können. Ein Brief, den er oben von seinem Freunde Ernst aus dem Schwarzwalde fand, vermehrte noch sein Mißbehagen.
In dieser Stimmung, welche einen Teil der Nacht dem Schlummer raubte und die sich selbst am folgenden Morgen noch nicht verloren hatte, war es ihm sehr erwünscht, daß ihm der Diakonus ein kleines Wägelchen schickte, ihn nach der Stadt abzuholen.
Schon von weitem zeigten Zinnen, hohe Mauern und Bastionen, daß der Ort, einst ein mächtiges Glied im Bunde der Hansa, seine große, wehrhafte Zeit gehabt habe. Der tiefe Graben war noch vorhanden, wenngleich zu Baumpflanzungen und Küchengärten verwendet. — Sein Fuhrwerk bewegte sich, nachdem das dunkle, gotische Tor durchfahren war, etwas mühsam auf dem zerschrotenen Steinpflaster und hielt endlich vor einer freundlichen Wohnung, an deren Schwelle ihn schon der Diakonus empfing. Er trat in einen heitern, behaglichen Haushalt ein, belebt von einer munteren, hübschen Frau, und einem Paar lebhafter Knaben, die sie ihrem Eheherren geboren hatte.
Nach dem Frühstück machten sie einen Gang durch die Stadt. Die Straßen waren ziemlich menschenleer. Zwischen alten Schwibbögen, Türmchen, Kragsteinen, Fragmenten von Steinfiguren zeigten sich nicht selten Sumpfstellen, Baumplätze, Grasflecke. Um ein altes Gebäude, mit vier zierlichen Spitzsäulen an den Ecken und einer Kränzung von Rauten und Rosen aus Sandstein sprang ein mutwilliges Wässerchen; Efeu und wilder Wein hatte sich in den Ritzen des Mauerwerks eingenistet. Ringsumher die tiefste Einsamkeit. »Ist es nicht, als ob man den Geist der Geschichte leibhaftig weben und spinnen sieht?« sagte der Jäger an dieser oder einer anderen ihr ähnlichen Stelle. »Ja«, versetzte der Diakonus, »man wird hier, wie von selbst, zum Altertume hingeführt, und eine erinnernde Stimmung bemächtigt sich der Seele. Dazu kommt, daß auch ein Teil der Bevölkerung aus menschlichen Ruinen besteht.«
»Wieso?« fragte der Jäger.
»Weil es hier sehr wohlfeil leben ist, ferner wegen der Stille des Orts und vielleicht auch wegen seiner dem menschlichen Alter ähnlichen Physiognomie ziehen sich hieher viele bejahrte Leute aus Amt und Geschäft zurück, ihre letzten Tage unter diesem verwitternden Gemäuer zuzubringen«, sagte der Diakonus. »Greiser Beamten und Offiziere, welche hier ihre Pensionen verzehren, betagter Rentner, welche das Comptoir jüngeren Händen überlassen haben, gibt es hier eine Menge. Wenn nun auch viele dieser Ausruhenden nur langweilige alte Tröpfe sind, so stößt man doch auch auf manchen, der sich umgetan hat, einen reichen Schatz von Erfahrung bewahrt und von dem man Dinge zu hören bekommt, die nicht so allgemein bekannt sind. So erzählen gewissermaßen die steinernen Trümmer Geschichte und die Menschentrümmer, welche darunter umherwanken, Memoiren. Hier sollen Sie gleich ein solches Fragment kennenlernen, einen alten Hauptmann; nur bitte ich Sie, widersprechen Sie ihm in nichts, denn Widerspruch kann er nicht ertragen.«
Er klingelte an der Türe eines ziemlich gut aussehenden Hauses, welches hinter Kastanien beschattet lag, ein Diener öffnete und führte mit steifer militärischer Haltung den Besuch in ein Zimmer, welches von Sauberkeit glänzte. Dann ging er den Herrn zu rufen, welcher, wie er sagte, die Hühner füttere. Der Diakonus blickte sich flüchtig im Zimmer um und sagte dann rasch zum Jäger: »Der Hauptmann ist heute französisch, also um Gottes willen keine patriotische deutsche Aufwallung, er mag vorbringen, was er will!« Der Jäger hatte sich gleichfalls im Zimmer umgesehen. Alles atmete darin das Andenken an die Taten des Empire. Napoleon stand als ganze Figur im bekannten Oberrocke, die Arme gekreuzt, auf dem Schreibschranke, außerdem war er mehrmals in Büsten und Medaillons vorhanden. Da hing Murat in dem bekannten Theaterkostüme zu Roß, Eugen, Ney, Rapp. Es fehlte nicht der General bei dem Besuche der Pestkranken zu Jaffa, der erste Konsul zu St. Cloud und der Kaiser bei dem Abschiede von den Garden zu Fontainebleau. Viele, diesen gemäße Darstellungen reihten sich ihnen an. In einer Ecke des Zimmers sah der Jäger ein Bücherbrett mit den Werken von Ségur, Gourgaud, Fain, LasCases und andern, welche zu dieser Autorenreihe gehörten.
Dennoch hatte er die Mahnung seines Begleiters nicht ganz verstanden und wollte ihn eben um nähere Erläuterung bitten, als der Hauptmann das Zimmer betrat. Es war ein ältlicher Herr in blauem Oberrock, das rote Band im Knopfloch. Durch das hagere Gesicht zogen sich unzählige Runzeln und auch einige Schmarren. Er begrüßte seine Gäste mit trockener Höflichkeit, lud sie zum Sitzen und ließ sich den Namen des Jägers nennen, den der Diakonus ohne Arg aussprach, ehe sein Träger es verhindern konnte. »Ich habe«, sagte der Hauptmann, indem er nachsann, »einen dieses Namens bei den Württembergern in Rußland gekannt. Der Zufall führte uns mehrmals zusammen, bei Smolensk gerieten wir beide in Gefangenschaft, halfen uns aber bald wieder heraus.«
»Das war mein Oheim«, erwiderte der Jäger. — Diese Entdeckung gab ihm sogleich einen näheren Bezug zu dem Hauptmann, dessen ganzes Gesicht sich erheiterte. Er drückte dem Neffen seines alten Kameraden die Hand und ließ sich nun in seinen Kriegeserinnerungen bis zur Schlacht von Leipzig ungemessen gehen. Dort aber bekamen sie einen Halt und stockten, sozusagen, hinter einem Schlagbaume, über den sie nicht hinwegsprangen. Am Schlusse seiner Erzählungen sagte er: »Es ist um einen großen Mann eine eigene Sache, und die Menschheit schaufelt sein Bild aus dem Schutte hervor, mag das Unglück diesen noch so hoch über ihm aufgetürmt haben. Was haben alle die Siege, die zweimal nach Paris führten, den Siegern in betreff des Nachruhmes geholfen? Nichts. Es sind Tatsachen geblieben, die alle Welt kalt anhört und weitererzählt, aber der Kaiser, der Kaiser bleibt die einzige Gestalt jener Tage. Er hat die Menschen gequält, und dennoch vergöttern sie ihn, ei, ein wenig Qual ist dem Menschengeschlechte nützer als allzu schlaffes Wohlleben! Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: An den gußeisernen Monumenten mit den spitzigen Kirchendächern werden die Invaliden wachen und die Gegitter den reisenden Engländern aufschließen, aber nur an der Vendômesäule werden jeden fünften Mai frische Immortellen liegen.«
Der Diakonus erhob sich; der Hauptmann fragte, ob er den Fremden nicht noch anderweit zu sehen bekomme, was der Diakonus bejahte, da, wie er hinzufügte, sein junger Freund ihm das Vergnügen machen werde, an der Gelehrten Gesellschaft teilzunehmen. »In ihr hoffen wir diesmal stark auf Sie, liebster Hauptmann«, sagte er. — »Ich werde Euch aus den Papieren meines seligen Freundes einen Beitrag liefern, welcher Euch zeigen soll, welche Jüngelchen den großen Kaiser geschlagen haben wollen«, versetzte der Hauptmann ironisch.
»Das ist ja ein wütender Bonapartist«, sagte der Jäger draußen zum Diakonus. »Tageweise«, versetzte dieser. »Johann, können Sie uns nicht das preußische Zimmer zeigen?« mit diesen Worten wandte er sich an den begleitenden Diener. Der Mensch sah sich ängstlich um, nach einigem Schweigen antwortete er: »Der Herr wird wohl gleich ausgehen; treten Sie nur sacht hinein, ich will hier auf Posten bleiben.« — Der Diakonus ging mit seinem Gaste über den Flur nach der andern Seite des Hauses und tat ihm ein Zimmer auf, vor dessen Fenstern Weinranken einen grünen Schimmer verbreiteten und welches eine anmutige Aussicht auf blühende Gartenbeete hatte. Das erste, was dem Jäger auffiel, weil es der Türe gerade gegenüberstand, war ein Tropäon auf hohem Postamente, zusammengefügt aus Kanonen, Waffen, Fahnen, Kriegesgerät. An dem Postamente glänzten in goldenen Ziffern die Jahreszahlen 1813, 1814, 1815 und über dem Tropäon an der Wand prangten in einer Einfassung von goldenen Sternen die Namen der Befreiungsschlachten auf weißem Grunde. Die Wände dieses Zimmers waren von den Büsten der verbündeten Herrscher und ihrer Feldherrn geschmückt. Da sah man den Abschied der Freiwilligen, Blücher und Gneisenau in ihren Regenmänteln nach der Schlacht an der Katzbach über die Heide reitend, den Einzug in Paris, die Plane von Leipzig und Belle-Alliance. Und um den symmetrischen Gegensatz zu dem französischen Zimmer zu vollenden, so fehlte auch hier eine kleine Sammlung von Kriegsbüchern nicht, von Deutschen in deutschem Sinne geschrieben.
»Nun sagen Sie mir, was bedeutet das?« fragte der Jäger, welcher die Gegenstände umher mit Verwunderung betrachtete. »Ist Ihr Hauptmann ein Amphibium?« — »Ein Stück davon«, erwiderte der Diakonus. »Ich höre eben die Türe klinken, er hat das Haus verlassen, ich kann Ihnen mit Muße die Kontraste auslegen, über welche Sie erstaunen.«
Er nötigte seinen Gast auf ein Canapé, dann fuhr er fort: »Unser Hauptmann ist ein rechtwinklichter, schroffer und unvermischter Charakter. Deshalb haben sich seine Erinnerungen wie zwei mathematische Figuren auseinander gelegt. Er diente bei den Franzosen mit großer Auszeichnung; Sie haben gesehen, daß ihm unter jenen Adlern das rote Band zuteil geworden ist. Nach der Schlacht von Leipzig wurde sein Corps aufgelöst, er war als Deutscher sich selbst und den vaterländischen Verhältnissen zurückgegeben. Indem nun das Kriegsgetümmel weiter raste, und alle Welt gen Frankreich zog, wäre es unnatürlich gewesen, wenn der alte Degen hätte zurückbleiben sollen; er nahm daher preußische Dienste, und kämpfte mit so vielen andern Tausenden nun auf derselben Seite, welche er noch vor wenigen Monaten zu vernichten sich bestrebt hatte. Auch unter diesen Fahnen war seine Tapferkeit belobt, namentlich soll er späterhin in den mörderischen niederländischen Schlachten wie ein Löwe gestritten haben. Er empfing zu dem Kreuze der Ehrenlegion das eiserne, jenem so feindlich gewordene.
Nach dem Frieden blieb er nur noch kurze Zeit im Heere; seine Strapazen und Wunden hatten ihn mürbe gemacht. Hieher zog er sich mit seiner Pension zurück, welche ihm ein anständiges Auskommen gewährte. Indem nun jedermann um ihn her in den wiedererworbenen westlichen Teilen des Vaterlandes sich mit seinen Gefühlen einzurichten wußte, die Sympathien des gestürzten Reichs und der neuen Deutschheit amalgamierte, oder wenigstens zusammenschweißte und lötete, wollte es unserem armen störrigen Hauptmann nicht so wohl gelingen. Den Degen in der Faust hatte er ohne Reflexion darauf losgeschlagen, für oder wider; aber in der Muße und im Nachdenken des Friedens überfiel ihn eine Spaltung und Verwirrung, welche ihn fast toll machte. Er konnte es nicht in sich beherbergen, daß er binnen Jahresfrist ein tapferer Franzose und ein tapferer Preuße gewesen sein sollte, daß er bis zum Oktober »la perfidie du cabinet de Berlin« habe züchtigen und nach dem Oktober das Vaterland retten helfen. Mit seltsamen Blicken betrachtete er die beiden Orden, die streitbaren Löwen, welche wie friedliche Lämmer nebeneinander auf seiner Brust ruhten. Er stieß Reden aus und verübte Handlungen, die seinen Bekannten bange um ihn machten.
Ich weiß von diesen Dingen nur durch andere, denn ich war damals noch nicht hier. Möglich, daß der Zustand durch die Nachwirkung seiner Kopfwunden und des russischen Eises befördert worden ist, doch bin ich überzeugt, daß die Ursache desselben im Geistigen, in dem Leisten- und Fachartigen seines ehrenwerten Sinnes gelegen hat. Endlich nahm sich ein Fieber seiner an, machte ihm Leib und Seele frei. Unmittelbar nach der Herstellung richtete er die sonderbare Lebensweise sich ein, deren Zeichen und Spuren Ihnen aufgefallen sind, und in dieser habe auch ich ihn erst kennengelernt.
Er stiftete nämlich militärische Ordnung in seinen Erinnerungen und teilte sie, sozusagen, in zwei abgesonderte Corps ein, die für sich agieren. Eine Zeitlang ist er Franzose und ganz versenkt in die Herrlichkeit der Napoleonischen Zeit, dann wird er wieder eine Zeitlang ebenso entschiedener Preuße und Lobredner des Aufschwungs jener großen Epoche der Volksbewegung. Diese Phasen treten abwechselnd ein, je nachdem ihn eine Vorstellung, die dem einen oder andern Kreise angehört, in Beschlag nimmt, und sie dauern so lange, bis der Stoff der Vorstellung sich abgesponnen hat. Es versteht sich, daß er auch immer nur einen Orden, entweder den preußischen, oder den französischen trägt. Diesem Turnus gemäß hat er denn auch die beiden abgesonderten Wohngelasse sich ausgerüstet, und neben jedem ein besonderes Schlafgemach. Drüber unter den Marschällen bringt er zu, wenn er Franzose ist, und hier bei dem Tropäon verweilt er, wenn er die preußischen Tage hat. Nicht wahr, wir besitzen hierzulande gute Originale?«
»In der Tat«, versetzte der Jäger, »man fühlt sich bei Ihnen wie in der Welt des »Tristram Shandy«. Übrigens kann ich nicht sagen, daß mir die Manier des guten Hauptmanns, so barock sie auch aussieht, gerade unvernünftig vorkäme. Mancher Deutsche, welcher eine geraume Zeit lang selbst nicht gewußt hat, was er eigentlich war, Franzose oder Deutscher, würde durch sie seinen Charakter reiner und einfacher erhalten haben. — Wie das Gemüt ihm unbewußt einen Streich spielte! Zu dem vaterländischen Zimmer erwählte er das bestgelegene mit grüner lieblicher Aussicht, während das französische unerquicklich an der kahlen, öden Straße liegt.«
»In einem Punkte ist der Hauptmann höchst achtbar«, sagte der Diakonus, »in dem, daß, wenn auch seine Phantasie tage- und wochenweise an den fremden Erinnerungen haftet, dennoch nie der leiseste Wunsch nach der Zeit des allgemeinen Elends in ihm aufkeimt. Für unsere Gelehrte Gesellschaft ist er vom größten Nutzen, denn er besitzt einen wahren Schatz an einem Hefte persönlicher Denkwürdigkeiten eines verstorbenen, ihm innigst verbunden gewesenen Freundes, eines Offiziers.
Man lernt aus denselben das Kleinleben des Krieges kennen, was die eigentlichen Geschichtsbücher, Schlachtbeschreibungen und militärischen Berichte gar nicht enthalten, und weil ein Mensch von hinreißendem Gefühl und treuer Beobachtungsgabe jene unbefangenen Notizen aufgeschrieben hat, so ist mir nicht selten bei einzelnen Partien zumute geworden, als rolle sich vor mir eine neue Ilias und Odyssee ab. Wenigstens leidet und handelt darin der Einzelne trotz des passiven Gehorsams und der mechanischen Kriegsführung unserer Tage, wie ein homerischer Held. Von diesen Denkwürdigkeiten liest nun zuweilen der Hauptmann in unserer Gesellschaft Abschnitte vor.«
Der Jäger erkundigte sich nach der Gelehrten Gesellschaft, deren Dasein er in dieser Stadt nicht vermutet hatte, und der Diakonus erzählte ihm, indem er ihn aus dem Hause des Hauptmanns weiter durch die Stadt führte, lächelnd und heiter von ihrer eigentümlichen Gestalt, ihren Gesetzen und ihren produktivsten Mitgliedern, unter denen außer einem Dichter ein Sammler und ein Reisender von Profession vorkamen. Er sagte ihm, daß er ihm schon deshalb heute den Wagen geschickt habe, damit er einer Sitzung beiwohnen könne, die auf den Abend bestimmt worden sei und ihm vielleicht einige angenehme Stunden bereite.
Unter diesen Gesprächen waren sie zu einem geräumigen Wiesenplatze gekommen, welcher aber gleichwohl noch innerhalb der Ringmauern der Stadt lag. Auf demselben erhob sich eine alte gotische Kirche, grün wie die Wiese. Der Jäger konnte an ihrem Anblicke sein Auge nicht ersättigen. Teils war schon die Farbe des Sandsteins, wie sie bezeichnet worden, äußerst eigen; teils aber hatte die Natur auch ihr willkürlichstes Spiel mit dem lockeren und mürben Material getrieben, und in dem reichen Pfeiler- und Schnitzwerk, an den Kanten und Ecken durch Regenschlag und Nässe ganz neue Figurationen hervorgebracht, so daß das Gebäude wenigstens stellenweise aussah, als sei es nicht aus des Menschen, sondern aus ihrer Hand hervorgegangen. — »Wie sonderbare Symbole werden oft um uns hergestellt!« rief der Jäger. »Hier steht die Kirche, an welcher, mindestens an deren Ornamenten sich nicht unterscheiden läßt, was davon der Baumeister gewollt, und was Zeit und Wetter hinzugefügt haben, und gestern erschien mir an einer Blume im Walde ein schönes Mädchen.«
Der Diakonus fragte näher nach, und der Jäger erzählte ihm mit glänzenden Augen und bewegter Stimme sein Waldabenteuer. »Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen, sind Sie mit der blonden Lisbeth zusammengetroffen«, sagte jener. »Das liebe Kind streift im Lande umher, ihrem alten faselnden Pflegevater Geld zu verschaffen; sie war auch bei mir vor einigen Tagen, wollte sich aber nicht verweilen. Wenn sie es war, so hat Ihnen die Natur wirklich ein Symbol gezeigt, denn auch das Mädchen ist in Moder und Verfall aufgeblüht, wie Ihre Wunderblume aus dem alten Baumtrumm. Über ihr halten schirmende Geister die Hände, sie ist das liebenswürdigste Aschenbrödel und ich wünsche ihr nur den Prinzen, der sich in ihren kleinen Schuh verliebt.«
Auf dem Rückwege sollten der Sammler und der Reisende besucht werden, beide waren aber nicht zu Hause. In der Wohnung des Diakonus hatten sich dagegen bei der Frau mehrere Freundinnen eingefunden, anscheinend zufällig, eigentlich jedoch wohl in der Absicht, den jungen hübschen Fremden in Augenschein zu nehmen. Sein munteres trauliches Wesen brachte ihn bald mit allen den Frauenzimmern, unter denen keine einzige Häßliche war, in naive Berührung, und es schadete ihm bei ihnen nicht, daß sie hin und wieder über seine Zischlaute heimlich lächeln mußten.
Er hatte sich bei Tische seiner Verschwiegenheit gerühmt. Als man aufgestanden war, zog ihn die Wirtin rasch beiseite und flüsterte ihm zu: »Sagen Sie den beiden« — sie zeigte auf zwei ihrer Freundinnen, welche zum Essen geblieben waren — »nichts vom heutigen Abende, es soll daraus eine Überraschung für sie gesponnen werden.« — »Sie meinen«, versetzte er, »die Gelehrte Gesellschaft des heutigen Abends.« — »Dieselbe«, erwiderte die Frau schalkhaft, »und verschweigen Sie, wenn Sie sich auch sonst verschnappen sollten, wenigstens den Ort der Zusammenkunft, wie heißt er doch nur gleich?«
Er nannte ihr harmlos den Ort, den er zufällig auch bereits vom Diakonus erfahren hatte. »Richtig!« rief die Frau, eilte zu ihren Freundinnen, und alle drei verließen flüsternd und lachend das Zimmer.
Zwölftes Kapitel
Brief und Antwort
Der Oberamtmann Ernst an den Jäger.
»Wenn Du mich Mentor nennst, so steckt Pallas Athene in mir, und wenn ich dann trotz meiner Göttlichkeit immer noch an dem unfolgsamen Telemach hange, so muß wohl das unerbittliche Schicksal daran schuld sein, dem Götter und Menschen sich beugen.
Sage mir, was bist Du? Wo fängt bei Dir die Vernunft an, und wo hört die Torheit auf — Mischwesen? Willst Du ewig ein Kind bleiben? Kommt es denn immer in Dir nur zu Blüten und setzen sich nie Früchte ab? Ich dächte, man würde alles müde, absonderlich dummer Streiche, und Du hättest den Reiz der Neuheit in dieser Materie allgemach überwunden.
Allerdings glaube ich, daß der Mensch von dunkeln Instinkten manches zu erdulden hat, und insonderheit mag Deinem Blute durch die schwärmende und übertriebene Zärtlichkeit Deiner Eltern, welcher Du Deine Entstehung verdankst, der Kitzel eingeimpft worden sein, von Abenteuern zu Abenteuern fortzustrudeln. Wenn Du aber meinst, daß aus solchen instinktelierenden Anstößen irgend etwas Großes, ja daß nur etwas Gutes und Gescheites daraus hervorgehen könne, so bist Du gewaltig im Irrtum, ich habe immer die Handlungen der Menschen erst anfangen sehen, wo diese Region dämmriger Willkürlichkeiten hinter ihren Füßen lag. Von der Geschichte Deines Ludwigsburger Granatensuchers hast Du das Ende vergessen. Der Mensch gewöhnte sich nach dem kleinen Glücke, welches ihm sein Raptus gebracht, das Trinken an, ging oder taumelte einmal bei später Abendzeit in der Gegend umher und fiel in den Neckar, aus dem man am andern Morgen seine Leiche zog. Ihr Ritter der Nachtseite der Natur greift aber immer aus den Tatsachen nur das heraus, was in Euren Kram paßt, und woran Ihr kapuzinerhaft Euren Spruch demonstrieren könnt.
Dein Umherschweifen hat Dir manche schöne Stunde und viele tausend Gulden unnütz geraubt, mit Deinem verwünschten Schießen wirst Du einmal übel ankommen; was Deine Verehrung der Frauenzimmer betrifft, so ist diese Andacht für mich eine neue Bekanntschaft, ich hatte bis jetzt in der Hinsicht nichts Absonderliches an Dir verspüren können. — Beinahe krank bin ich aber von Deinem Briefe geworden, denn es gibt nichts Verhängnisvolleres, als wenn ein Mensch in Deinen Jahren und Verhältnissen noch Streiche macht, die man kaum einem heimatlosen Studenten verzeiht. Die Leute glauben nicht an die Torheit, sie suchen und finden in solchen Eulenspiegeleien Gründe und Absichten. Was die Deinige zur Folge gehabt hat, will ich Dir kurz und praktisch vorhalten. Man steht bei Deinem einmal hingeworfenen Worte fest, Du seist schon im Auslande versprochen, man setzt Deine Reise mit diesem Geschwätz in Verbindung, sagt, Du habest nur einen Vorwand ergriffen, um zu entrinnen, und werdest unversehens mit einem aufgelesenen alten akademischen Liebchen wiederkehren. Fräulein Clelia ist durch Deine Ritterschaft aufs äußerste bloßgestellt und ganz trostlos. So erzählte mir Pfleiderer, der von Stuttgart hier durchreiste. Außerdem hat die Sache verblümt schon im »Merkur« gestanden, und was der »Merkur« weiß, das weiß bekanntlich ganz Schwaben.
Ich habe mich nun kurz resolviert. Deiner seligen Mutter versprach ich einst, für Dich Sorge tragen zu wollen bei allen Exzessen, zu denen Dich Dein stürmisches Temperament verleiten möchte; und als guter Geschäftsmann will ich mein Wort halten. Die Sommerferien stehen vor der Tür, eine Bewegung tut mir auf die ewige Schreiberei auch not, der Ärger, wenn ich Dich treffe, wird die Motion verstärken — kurz, in acht Tagen schließ‘ ich mein Oberamt zu, reise den Rhein hinab, biege nach Deiner Tacitischen Germania, wo Du unter Bohnen, Schweinen und Bauern so genußreiche Tage verlebst, hinüber, fasse Dich, wo ich Dich finde, und will dann sehen, ob Du mich wirst allein zurückreisen lassen.
Übrigens bin ich, wie immer
Dein Freund Ernst.«
Der Jäger an den Oberamtmann Ernst.
»Ich sende Dir diese Zeilen nach Stuttgart entgegen, wo sie in Wilhelms Händen für Dich beruhen bleiben, denn Du wirst als ein wahrer Gläubiger gewiß erst in unserer National-Kaaba Dein Gebet verrichten, bevor Du hinausziehst in die Fährlichkeiten des falschen Auslandes.
Nun ist mir erst wohl. Du hast mir die Lektion gegeben, und so steht alles in gehöriger Ordnung. Daß Du mir nachrennst, entzückt mich, denn ich sehe daraus, daß Torheit ansteckt und mächtiger ist, denn Vernunft. Wenn Du kommst, will ich mit Dir, geduldig wie ein Lamm heimreisen, sofern sich nicht inzwischen der Schrimbs oder Peppel noch findet, wozu freilich wenig Anschein. Könnte ich nur des alten Jochem erst wieder habhaft werden! Wer weiß, wo der arme Kerl umherrennt? Ich habe schon in verschiedenen öffentlichen Blättern nach ihm Erkundigung getan, jedoch bis jetzt vergebens.
Hier in dieser altertümlichen Stadt verweile ich seit mehreren Tagen bei einem guten Bekannten, den ich unversehens wiedergefunden habe. Eine gar hübsche Häuslichkeit und ein angenehmer Kreis umgibt ihn. Auch hier habe ich närrische Sonderlinge kennengelernt, welche doch dabei gute, schätzbare, unterrichtete Menschen sind, so daß man über sie lächeln und ihnen zugleich von Herzen zugetan sein kann. Welche Masse von Bildung, Wissen und Eigenartigkeit ist bei uns überallhin verbreitet! Wenn diese Reise auch weiter keinen Nutzen hat, so wird sie mir schon dadurch, daß sie mir jene Überzeugung recht in die Hand gab, heilsam sein.
Der Gipfel unserer Geselligkeit war der vorgestrige Abend, wo ihre Gelehrte Gesellschaft (lache nicht!) eine Sitzung hielt. Sie haben eine Akademie zusammengestiftet, in welcher die verschiedenartigsten Aufsätze vorgelesen werden. Diese sind aber statutenmäßig bis auf weiteres aller Veröffentlichung durch den Druck streng entzogen. Jeder muß Strafe zahlen, der sich zur Unterstützung einer vorgetragenen Meinung auf eine Flugschrift oder ein Zeitblatt beruft, und von den Zusammenkünften bleiben die Frauen ausgeschlossen. In dieser Gesellschaft brachte ich einen wahrhaft platonischen Abend zu, denn wenn wir alle auch lange nicht so schön redeten, wie die Griechen, so kam doch so viel Urteil, Beobachtung, Scherz und Laune zum Vorschein, daß Du Dich verwundern wirst. Ich schreibe nämlich in den Morgenstunden die Geschichte dieses Abends unter dem Titel: »Ein Gastmahl«, für Dich nieder. Eine unvermutete Wendung hatte ich der Sache zubereitet, indem ich in meiner Unschuld gegen die Frauen zum Verräter der Zusammenkunft geworden war, und diese dem Abende einen phantasievoll humoristischen Abschluß gaben.
Ach, Lieber! es ist mir zumute, als stehe mir die Poesie des Lebens so nahe, daß ich sie hinter jedem Busche jetzt und jetzt werde mit Händen greifen, aus jedem Blumenkelche in mich hineinsaugen können! Da, dort, überall guckt die Elfe hervor und sieht mich mit Liebesaugen an. Ward denn jegliches Dasein bestimmt, wie eine der verwickelten algebraischen Gleichungen nur annäherungsweise ein Analogon von Auflösung darzubieten, oder gibt es nicht auch schlichte, plane Existenzen, die aus Sehnsucht und Erfüllung ein reines Fazit ziehen? — Und was denkst Du Dir bei diesen geschraubten Worten, die da unwillkürlich meiner Feder entflossen sind?
Ich bin so wenig ein Dichter, als Du ein Schwarzwälder Uhrmacher bist, aber bisweilen bricht die Poesie aus jedem, wie die Träne aus der Rebe im Lenz. Das sind dann schicksalsschwangere Momente, Momente, in denen unsere Sterne sich rühren, und dadurch die Kräfte unsres kleinen Selbstes rühren und regen. Ich schrieb dir von dem Spessarter Märchen, welches ich da hingeworfen, und nun ist‘s sonderbar, daß sich einzelne Elemente dieser Erfindung, z. B. das unvermutete Treffen eines Freundes, ein kurioses Waldabenteuer, körperlich hinstellen, freilich ganz verschieden von meinem Poem, aber im innersten Sinne doch verwandt, so daß es ist, als wollten mich meine Spessarter Zauberfiguren mit Wirklichkeit necken.
Hiebei mußt Du Dir gar nichts Besonderes vorstellen; es gibt nur so wunderbare Stimmungen, in denen man mehr seine Gedanken, als sein Leben lebt. So will mir das Waldgefühl nicht aus dem Sinn, es flutet grün und kühl mit frischem Borkengeruch durch meine Seele, und gelbe Funken kreuzen den stillen, tröstlichen Schein.
In Leben und Tod, mein alter Ernst,
Dein Narr.
N.S. Die arme Clelia dauert mich herzlich. Wie schlecht, daß ich ihrer erst jetzt gedenke! Was mich betrifft, so mögen sie von mir schwätzen, was sie wollen.«
Dreizehntes Kapitel
Der Jäger schießt und trifft
Immer wurde unser junger Schwabe von seinen schwärmerischen Empfindungen wieder durch einen äußeren Eindruck abgezogen, der ihm etwas Neues zuführte. So besuchte er den Sammler, den wir auf dem Oberhofe kennengelernt haben, einige Tage, nachdem er den Brief an seinen Freund geschrieben hatte. Der alte Schmitz hatte ihm schon hin und wieder ein saures Gesicht gemacht, daß seine Schätze noch nicht früher in Augenschein genommen worden waren, indessen erheiterte sich dieses jetzt bald, als der Jäger, angelegentlich fragend, in der kleinen, engen und dunkeln Wohnung mit ihm durch die aufgestapelten alten Klosterbilder, Pergamenthaufen, Waffen, Urnen und Gefäße hindurchwanderte, und den gelegentlich erfolgenden Auseinandersetzungen: Wo Hermann den Varus geschlagen? ein aufmerksames Ohr lieh. — Der Jäger sah manches ihm Neue und würde von der ganzen Beschauung noch mehr Nutzen gehabt haben, wenn ihm sein Führer Muße gelassen hätte, die einzelnen Stücke genauer zu betrachten. Allein, sobald er einige Sekunden lang bei einem verweilt hatte, riß ihn der Ungeduldige mit schreienden Worten zu einem andern hin, in der Besorgnis, daß irgend etwas übersehen bleiben möchte.
Er lebte, nach Sammlermanier, ganz einsam und nur seinen Seltenheiten hingegeben. Ein großer, schwarzer Kater, welcher ihm treu anhing, machte seine ganze Hausgenossenschaft aus. Dieser ging denn auch heute, wie es seine Gewohnheit war, ernsthaft durch die Zimmer hinter den beiden menschlichen Beobachtern, wie ein dritter Altertumsfreund einher.
Der Alte war eigentlich infolge einer unglücklichen Liebe Sammler geworden. In seiner Jugend hatte er einem schönen Mädchen sein Herz zugewandt, welche, zu früh elternlos, unter der Obhut oder vielmehr Nichtobhut eines schwachen, nachlässigen Vormundes stand und bei ihrem Leichtsinn zu unabhängig war, um verständig bleiben zu können. Nachdem sie den treuen Verehrer vielfältig durch Grillen und Zweideutigkeiten gekränkt hatte, setzte sie ihrem Benehmen durch offenbare Untreue die Krone auf. Der Himmel strafte sie aber doppelt dafür; er ließ sie ihr Herz an einen Unwürdigen hängen und bald hernach in eine schwere Krankheit verfallen, von welcher sie nicht wieder erstand. Auf dem Totenbette trat die Reue ihren wankelmütigen Busen an, sie schickte nach dem Verlassenen, es erfolgte eine Aussöhnung, und sie setzte ihn zum Erben ihres Nachlasses ein. Unter diesem befand sich eine Menge goldener, silberner, emaillierter, seidner Kleinigkeiten, die das lebhafte Ding zusammengekauft, erbettelt, erstoppelt hatte, da ihr Auge, wie das der Elstern, an allen glänzenden Dingen hing, und ihre Hand besitzen mußte, was ihrem Auge gefiel. Der Hinterbliebene stellte nun daraus ein kleines Kabinett sehr ordentlich zusammen, aber bald wollte ihm das Vorhandene nicht mehr genügen, die Medaillen, die Figürchen, die gemalten Portefeuilles und Mappen forderten Gesellschaft, und er gab sie ihnen durch Münzen, Metallsachen, Siegelkapseln, schöngeschriebene Pergamenturkunden. Dergleichen greift aber immer weiter um sich, es zieht gewissermaßen magnetisch das Gleichartige an, und ehe er es sich versah, hatte daher seine Umgebung und sein Leben die nachherige Gestalt bekommen. Da nun die Liebhaberei bei ihm gefühlvollen Ursprungs war, so gab sie ihm auch nicht das Trockene und Leblose, wodurch die Sammler in der Regel der Abdruck ihrer Sachen werden; er behielt vielmehr eine freundliche und milde Sinnesart.
Der Jäger hatte neben einigem Guten viel Geringes besichtigen müssen. Jetzt fiel sein Blick in eine Ecke, worin die uns bekannte Amphora mehr versteckt als gewiesen stand. — »Wie? Und dieses herrliche Gefäß zeigen Sie mir nicht? Das ist ja leicht das schönste Ihrer ganzen Sammlung!« rief er erstaunt.
Eine Traurigkeit beschattete das Antlitz des Sammlers, seine geläufige Zunge stockte, er ging in die Ecke, streichelte die Amphora, wie ein Vater sein krankes Kind streichelt, und erzählte dem Jäger zutraulich die Geschichte ihrer Erwerbung. — »Seit der Zeit nun«, fuhr er fort, »daß ich gegen mein Gewissen dem Hofschulzen ein Attest über sein falsches Karls-des-Großen-Schwert ausstellte und mir durch diese Unwahrheit die Amphora zueignete, macht mir oft die ganze Sammlung keine rechte Freude mehr. Denn bei Altertümern beruht alles auf der Wahrheit, und wer für ein fremdes gelogen hat, der kann auch leicht den Glauben an seine eigenen verlieren. Es geht mir schon hin und wieder so; ich sehe die Donnerkeile zweifelnd an, ich habe bereits geträumt, meine so schönen Brakteaten seien nachgemachte Scharteken. Das Ende vom Liede wird wohl sein, daß ich die Amphora zurückgebe und mir mein falsches Attest wieder aushändigen lasse, wenn ich gleich nicht weiß, wie ich den Verlust des prächtigen Gefäßes werde überstehen können.«
Der Jäger mußte ungeachtet des kummervollen Gesichtes, welches der alte Mann machte, lächeln, und sagte: »Mit Ihrer Gewissenhaftigkeit wäre nie ein Museum zustande gebracht worden. — Aber sagen Sie mir, was für eine Bewandtnis hat es eigentlich mit dem Schwerte, auf welches der Hofschulze einen so außerordentlichen Wert legt?«
Hierauf gab der Sammler dem Jäger folgende wundersame Auskunft. »Daß hier auf unserer roten Erde der geweihte Boden der Freigerichte, welche man nur sehr uneigentlich Femgerichte genannt hat, war, wissen Sie«, sagte er. »Freigerichte waren sie, und Freigerichte blieben sie trotz aller späteren Entstellungen und Mißbräuche, nämlich die Gerichte der ursprünglich freien Markengenossen, die so unbeschränkt auf ihrer Wehr saßen, als der König in seiner Pfalz. Das aber werden Sie nicht wissen, daß in mehreren Distrikten und so auch nahe hiebei manche Höfe, welche das Freischöffenrecht hatten, immer noch die Tradition dieses Besitzes erhalten, und daß dieselbe vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf den Enkel fortgepflanzt wird. Natürlich ist jetzt die Sache zu einer bloßen Spielerei herabgesunken. Aber Wissende gibt es wirklich noch immer, die von Zeit zu Zeit sich bei den alten Freistühlen versammeln, und durch Mitteilung der geheimen Erkennungszeichen und des Rituals neue Wissende machen. Anfangs nahmen einige Behörden von dem Hokuspokus Notiz, wollten in die Mysterien eindringen, aber das gelang ihnen nicht, die Bauern trieben ihr Wesen nur um so vorsichtiger und blieben gegen alle Anmutungen, den Sinn der Losung zu verraten, standhaft. Seitdem bekümmert man sich nicht mehr darum.
Der Oberhof gehört nun recht eigentlich zu den alten Freischöffengütern. Nach dem Bauernglauben war es Karl der Große, der die Gerichte einsetzte, und das Gewaffen, was in dem Hofe aufbewahrt wird, gilt für das Richtschwert, welches der Kaiser zum Zeichen der Investitur dem ersten Besitzer gegeben habe. Der Hofschulze, der ein gar schlauer Vogel ist, hat, sein Ansehen zu steigern, sich diesen Glauben zunutze gemacht, und spielt nun eine Art von Freigrafen. Er soll nicht selten mit den Schöffen der umliegenden großen Höfe am Freistuhl zusammenkommen. Ja man spricht, daß durch ihn in die leeren Possen wieder ein Gehalt gebracht worden sei, daß sie über manche Sachen wirklich ihre geheimen Urteile fällen. So viel ist wenigstens gewiß, daß die Gerichte sich selbst über die wenigen Streitigkeiten wundern, die aus jener Gegend vor sie gebracht werden, obgleich unser Land sonst die Heimat der Prozeßkrämer ist.«
»Aber wie ist das möglich, da ihnen ja jede Macht der Ausführung fehlt?« fragte der Jäger, den diese seltsame Entdeckung ganz träumerisch bewegte.
»Nun«, sagte der Sammler, »sie können freilich keinen Widerspenstigen mehr am Baume aufknüpfen, aber wenn sie ihm nun Hülfe, Beistand, Vorschub versagten, es durch ihren Einfluß, da sie die Reichsten in der Gegend sind, dahin brächten, daß ihn auch die andern mieden, keiner mit ihm im Kruge tränke, Knecht und Magd nicht bei ihm aushielte; wie dann? Wäre das nicht auch ein Zwang, zwingend genug? Was vermag nicht die Meinung von Standesgenossen über den Menschen? Es werden mitunter dort umher einzelne in auffallender Art freunde- und genossenlos, das dauert eine Weile, dann nähert sich ihnen wieder alles. Man spricht, diese seien Verfemte, und nur ihre Nachgiebigkeit hebe den Bann wieder von ihrem Hause.«
Der Jäger reimte nunmehr sich manches zusammen, was ihm bisher unverständlich geblieben war. Er teilte seine Vermutung, daß binnen kurzem am Freistuhl etwas vorgehen werde, dem Sammler mit, und fragte ihn eifrig, ob es nicht möglich zu machen sei, einem solchen heimlichen Gerichte aus der Verborgenheit zuzuschauen? Damit wollte indessen der Sammler als mit einer gefährlichen Sache nichts zu tun haben.
Der Fuhrmann trat ein, welcher den Jäger nach dem Oberhofe befördern sollte und sagte, daß der Wagen vor der Türe stehe. Der Jäger hatte nämlich mit dem Diakonus die Absprache genommen, sich in der Stadt einquartieren zu wollen, hielt es jedoch für ziemlich, seinem alten Wirte in Person Dank und Lebewohl zu sagen. Einen Teil des Weges über hatte er weder auf diesen, noch auf das Fuhrwerk acht, da seine Gedanken um den Freistuhl und die Geheimnisse des Femgerichtes schwebten, die noch immer schattenartig in der Gegenwart fortlebten. »Sonderbares Land«, rief er für sich, »in welchem alles ewig zu sein scheint! Wie kommt es, daß aus dir noch kein großer Dichter hervorgegangen ist? Diese Erinnerungen, welche von dem Boden nicht weichen wollen, diese alten Sitten und Gebräuche mußten doch wohl imstande sein, eine Einbildungskraft zu entzünden!« Er übersah, daß das Talent keine Feldfrucht ist, sondern wie das Manna in der Wüste vom Himmel fällt.
Als er auf die Außendinge wieder zu merken begann, nahm er wahr, daß sein Wäglein sich schneckenartig fortbewegte, weil das eine Pferd stark lahmte. Er entschloß sich kurz, ließ das Fuhrwerk heimgehen und machte den übrigen Weg zu Fuß. Freilich konnte er nun nicht, wie er gewollt, am nämlichen Tage zur Stadt zurückkehren, mußte sich vielmehr bequemen, die Nacht auf dem Lande zuzubringen.
Er fand den Hofschulzen an einem Scheurentore zimmern. Als dieser von seiner Arbeit die blitzenden Augen unter den weißen Brauen gegen ihn emporhob, kam er ihm nach den erhaltenen Aufschlüssen wie der Alte vom Berge vor. Der Jäger meldete ihm seinen bevorstehenden Abzug. Jener erwiderte: »Das ist mir lieb, das Frauenzimmerchen, welches vor Ihnen die Stube hatte, ließ mir sagen, sie würde heute oder morgen zurückkommen; der müßten Sie doch weichen, und ich könnte Sie nur unbequem logieren.«
Der ganze Hof schwamm in dem beginnenden roten Abendlichte. Eine reine Sommerwärme durchdrang die von keinem Dunste beschwerten Lüfte. Es war ganz einsam zwischen den Gebäuden; alle Knechte und Mägde mußten wohl noch auf dem Felde zu tun haben. Auch im Hause sah er niemand, als er nach seinem Zimmer ging. Dort ordnete er, was er an diesem Orte zuweilen aufgeschrieben hatte, packte seine wenigen Sachen zusammen und sah sich dann nach dem Gewehre um.
Dieses war jedoch verschwunden. Er begriff nicht, wer es ihm fortgenommen haben könne, und ging, bei dem Hofschulzen Erkundigung einzuziehen, über den Gang nach der Treppe zu. In einem Gelasse seitwärts glaubte er ein Geräusch zu vernehmen — »vielleicht ist eine Magd darin, die dir es auch nachweisen kann« — dachte er und klinkte die Tür auf. Er war aber in die Schlafkammer der Tochter geraten und sah erschreckt eine unzweideutige Gruppe. Herzklopfend schritt er rasch nach seinem Zimmer zurück; der Bräutigam, ein junger starker Bauer, folgte ihm dahin nach. »Das müssen Sie nicht für übel nehmen«, sagte dieser. »Denn das zweite Aufgebot ist gewesen, und nächsten Donnerstag ist die Hochzeit, und wenn es so weit ist, so hat sich keiner um so etwas zu bekümmern, und der Pastor und der eigene Vater fragt nichts darnach. Es wird diese Nacht bei uns im Hofe Korn gesackt, deshalb mußte ich meine Braut heut zu Nachmittage besuchen.«
»Mich geht das nichts an«, antwortete der Jäger verwirrt, »wenn ich nur wüßte, wo mein Gewehr ist.« »Dieses will ich Ihnen sagen«, antwortete der junge Bauer, »der Schwiegervater hat es heimlich weggenommen und dort hinter dem großen Schranke versteckt, denn er sagte, der dritte Choral aus Ihrer Geschichte wäre —«
»Was? Choral? Ihr wollt wohl Moral sagen?«
»Jawohl. Also der dritte Choral aus Ihrer Geschichte wäre, daß man einem Fehlschützen von Mutterleib aus kein Schießgewehr unter Händen lassen müsse. Ein gewöhnlicher Fehlschütz wäre wenig zu ästimieren, aber ein Fehlschütz von Mutterleib könnte großen Schaden anrichten.«
Der Jäger hörte nicht länger auf diese Reden hin, warf vielmehr seine Weidtasche um, eilte nach dem Schranke, zog hinter demselben das Gewehr hervor, lud, und war mit zwei Schritten aus dem Hofe nach dem Freistuhl, sich die unruhig wogenden Bilder aus der Seele zu schießen. Schon im duftigen goldenen Dämmer des Eichenkamps hatte er seine Lebensgeister wieder beisammen. — »Nun das muß wahr sein«, rief er, »die Idyllenschreiber haben uns die Bauernwelt arg verzeichnet! Sowohl die schäferlich-zarten, als die knolligen Kartoffelpoeten. Sie ist eine Sphäre, so mit derber Natur, wie mit Sitte und Zeremonie ausgefüllt, und gar nicht ohne Anmut und Zierlichkeit, nur liegt letztere woanders, als wo sie in der Regel gesucht wird. Ist der Bursch aus Unenthaltsamkeit vor der Zeit in sein Recht getreten? Gewiß nicht. Es ist so Herkommen, lieblicher, lustiger Brauch, und sein Mädchen würde sich vielleicht für verachtet halten, wenn er ihn nicht mitmachte.«
Droben auf dem Hügel am Freistuhl ward ihm sehr wohl. Das Korn wiegte säuselnd die Ähren, schwer von Segen, des Vollmondes große glührote Scheibe stieg am Ostrande des Himmels auf und noch wirkte der Widerschein der in Westen abgeschiedenen Sonne. Die Atmosphäre war so rein, daß dieser Widerschein gelbgrün glänzte. — Er empfand seine Jugend, seine Gesundheit, seine Hoffnungen. Hinter einen großen Baum am Waldrande stellte er sich; »heute will ich doch erproben«, sagte er, »ob das Geschick nicht zu beugen ist. Ich schieße nur, wenn mir etwas bis auf drei Schritte vor dem Rohre nahe kommt, und da müßte es ja mit Zauberei zugehen, wenn ich fehlen sollte.«
Im Rücken hatte er den Forst, vor sich die Senkung mit den großen Steinen und Bäumen des Freistuhls, gegenüber umschlossen die gelben Kornfelder den einsamen Ort. In den Wipfeln über ihm gurrten noch einige einzelne verlorne Töne der Turteltaube, durch die Äste der Bäume am Freistuhl fingen die wilden Lindenschwärmer an mit den grün-roten Flügeln zu schwirren. Allgemach begann es auch im Walde am Boden sich zu rühren. Ein Igel kroch schläfrig durch das Laub; ein Wieselchen zog den geschmeidigen Leib aus einer Steinspalte, nicht breiter, als der Kiel einer Feder, hervor. Buschhäslein sprangen mit vorsichtigen Sätzen, zwischen jedem innehaltend, sich duckend und die Löffel legend, ins Freie, bis sie, mutiger geworden, auf dem Rain am Kornfelde sich emporhoben, tänzelten, miteinander spielten, und die Vorderläufe zu scherzenden Schlägen brauchten.
Der Jäger hütete sich wohl, dieses Hasenvolk zu stören. Endlich trat ein schlankes Reh aus dem Walde. Klug die Nase in den Wind streckend, links und rechts aus den großen, braunen Augen umherschauend, schritt das Tier auf den feinen Füßen mit leichter Grazie einher. Jetzt war das Zarte, Wilde, Flüchtige dem Geschosse des Versteckten gegenüber angelangt, es war so nahe, daß es fast nicht gefehlt werden konnte, er wollte abdrücken, da schreckte das Reh zusammen, tat einen Sprung in veränderter Richtung gerade auf den Baum zu, hinter welchem der Jäger stand, sein Schuß ging los, das Wild setzte in gewaltigen Sprüngen unverwundet waldein, zwischen dem Korne aber war ein Schrei erschollen, und wenige Augenblicke nachher kam eine weibliche Gestalt auf einem schmalen Pfade, der in der Linie des Schusses lag, aus den Feldern hervorgewankt.
Der Jäger warf die Flinte weg, stürzte auf die Gestalt zu und meinte vergehen zu müssen, als er sie erkannte. Es war das schöne Mädchen von der Blume im Walde. Sie hatte er statt des Rehes getroffen. Sie hielt die eine Hand auf der Gegend zwischen Schulter und linker Brust, dort quoll unter dem Tuche reichlich das Blut hervor. Ihr Antlitz war bleich und etwas von Schmerz verzogen, doch nicht entstellt. Sie holte dreimal tief Atem und sagte dann mit sanfter und matter Stimme: »Gottlob, es muß nichts gefährlich verletzt sein, denn ich kann Atem holen, wenn es mir auch Schmerzen macht. — Ich will versuchen«, fuhr sie fort, »den Oberhof zu erreichen, zu dem ich auf diesem Richtwege gelangen wollte, wo mich nun das Unglück treffen mußte. Geben Sie mir Ihren Arm.« — Er führte sie einige Schritte hügelabwärts, da zuckte sie zusammen und sagte: »Es geht doch nicht, die Schmerzen sind zu heftig, ich könnte unterwegs ohnmächtig werden. Wir müssen schon an diesem Orte aushalten, bis Leute herbeikommen und eine Tragbahre verschaffen können.«
Trotz ihrer Wundschmerzen hielt sie ein Päckchen fest in der linken Hand, dieses reichte sie ihm jetzt und sagte: »Verwahren Sie es mir, es ist das Geld, welches ich für den Herrn Baron eingesammelt habe, ich möchte es verlieren. — Wir müssen auf längeres Bleiben uns gefaßt machen«, fügte sie hinzu. »Wenn es Ihnen möglich wäre, mir ein Lager zu bereiten und etwas Wärmendes zu geben, daß die Kälte nicht zur Wunde schlägt!«
So hatte sie die Besonnenheit für sich und ihn. Er stand sprachlos, bleich und starr, wie eine Bildsäule; die Verzweiflung wühlte in seinem Herzen und ließ kein lautes Wort über die Lippen. Jetzt gab ihm ihre Aufforderung Bewegung, er eilte nach dem Baume, hinter dem er seine Weidtasche abgelegt hatte. Dort sah er auch das unglückliche Gewehr liegen. Wütend ergriff er es und schlug es mit solcher Kraft gegen einen Stein, daß der Schaft zersplitterte, die Läufe sich bogen, und die Schlösser von ihren Schrauben lossprangen. Er verwünschte den Tag, sich, seine Hand. Zu dem Mädchen zurückgestürzt, welches sich auf einen Stein des Freistuhls gesetzt hatte, fiel er ihr zu Füßen und flehte, den Saum ihres Kleides küssend, unter heftigen Tränen, die nun aus seinen Augen mit Gewalt brachen, sie um ihre Vergebung an. Sie bat ihn, doch nur aufzustehen, er habe ja nicht dafür gekonnt, die Wunde sei gewiß nicht bedeutend, er möge ihr nur jetzt helfen. Er richtete ihr nun einen Sitz auf dem Steine zu indem er die Weidtasche auf denselben legte. Um ihren Hals band er sein Tuch, um ihre Schultern legte er locker und lose seinen Rock. Sie setzte sich auf den Stein, er nahm neben ihr Platz und bat sie, zu ihrer Erleichterung ihr Haupt an seine Brust zu neigen. Sie tat es.
Der Mond war in völliger Klarheit über einen Teil des Himmels gedrungen und beschien fast taghell die beiden durch einen rohen Zufall einander so Nahegerückten. In der vertraulichsten Nähe saß der Fremde mit der Fremden, sie stieß leise Schmerzenstöne an seiner Brust aus, und von seinen Wangen flossen unaufhaltsame Tränen. Rings aber um sie her verbreitete sich nach und nach das Schweigen und die Einsamkeit der Nacht.
Endlich wollte es das Glück, daß ein später Wanderer durch die Kornfelder ging. Der Ruf des Jägers erreichte sein Ohr, er eilte herzu und wurde nach dem Oberhofe geschickt. Bald darauf ließen sich Fußtritte hügelan Kommender vernehmen; es waren die Knechte, welche einen Tragsessel mit Kissen brachten. Der Jäger hob die Verwundete sanft hinein und so gelangte sie spät in der Nacht unter das Obdach ihres alten Gastfreundes, der sich freilich sehr verwunderte, die Erwartete in diesem Zustande ankommen zu sehen.
ZWEITER TEIL
Drittes Buch. Acta Schnickschnackschnurriana
Erstes Kapitel
Gegenseitige Offenheiten
»Diese Ziegen am Helikon —«
»Öta wollt Ihr sagen —«
»Nein, Helikon will ich sagen, ich habe mich früher versprochen. — Diese Ziegen am Helikon, unter welche ich als Knäblein geriet, hatten ehedem einen Bund zur Verfeinerung ihrer Wolle gestiftet«; äußerte Münchhausen.
»Es freut mich«, rief der alte Baron, »daß wir jetzt unter das Vieh kommen! Auf diesen Punkt in Euren Historien war ich immer noch einigermaßen gespannt, denn das andere, was Ihr seither vortrugt, wollte mir nicht mehr recht unterhaltend scheinen — nehmt mir‘s nicht übel, Mann, aber Offenheit muß unter Freunden sein.«
»Versteht sich am Rande«, sprach Münchhausen feierlich. »Die Ziegen also...«
»Guter Meister, kannst du mir zusichern, daß in der Geschichte nichts vorkommt, was mein Zartgefühl beleidiget?« fiel das Fräulein ein. Sie nannte Münchhausen seit einer erhebenden Szene, die sich zwischen ihnen vor einigen Tagen zugetragen hatte, du.
»Nicht das geringste, Diotima-Emerentia«, antwortete der Freiherr. »Zu jener Viehart gehören zwar der Ordnung der Natur gemäß Böcke, auch kommen diese in meiner Geschichte vor, ich werde aber delikat sein und sie die Gatten der Ziegen nennen. Ferner tritt ein Mistkäfer auf, der soll das Roß des Trygäos heißen; eine Schmeißfliege flicht sich ein — du wirst mich fassen, wenn ich von der blauen Schwärmerin spreche.«
»Ich werde dich ganz fassen, mein Meister«, antwortete das Fräulein mit einem ihrer unbeschreiblichen Blicke. — »Ja«, sagte Münchhausen, »darin bist du du, und deinen Schwestern gleich. Wenn nur der Bock der Gatte der Ziegen heißt, so können sie alles anhören.«
»Hört, Kinder«, rief der alte Baron halb scherzend, halb ärgerlich, »dieses du und du, und du du klingt ein wenig, als wenn der Kuhhirt dutet. Ich dächte, Ihr bliebet beim Sie, es ist ein feinerer, spitzerer Laut. Ich liebe dich, Renzel, und ich schätze Euch, Münchhausen, deshalb will ich für Euch beide klug sein. Eine Mariage wäre nichts mehr in Euren Jahren.«
»Mariage!« rief das Fräulein und errötete. »O wie verstehen Sie, mein Vater, mich einmal wieder recht gründlich miß!« Sie ging aus dem Zimmer.
»Mariage!« rief der Freiherr und ergrünte. »Nein, mein würdiger Altvater, befürchten Sie keine Mariage. Ich könnte Ihre unschätzbare Tochter tausend Jahre lang du nennen und dächte nicht an Mariage. Zur Mariage gehört Amour; ich spüre keinerlei Amour für meine Diotima-Emerentia. Es ist der Ort und ist die Stunde, Ihnen eine wichtige Entdeckung zu machen. Ich fühle eine Achtung für jenes reine weibliche Wesen, die in das Unermeßliche geht, sie läßt sich nur mit der Begeisterung Kühnes für Theodor Mundt vergleichen. Wenn Emerentia nieset, so ist das für mich ein Gedicht; aber meine Empfindungen stehen zu derselben Zeit abgesondert, gleichsam geronnen, für sich, sie haben keinen Verkehr mit der Achtung, sie führen ihren eigenen Haushalt; kurz, denn Offenheit muß ja, wie Sie selbst herzlich und bieder aussprachen, unter Freunden sein — Ihre göttliche Tochter ist mir trotz aller Wertschätzung, die ich für sie empfinde, durchaus zuwider.«
»Eigentlich sollte ich das übelnehmen, ich als Vater«, sagte der alte Baron. »Aber mir liegt hauptsächlich nur daran, daß zwischen Euch keine Mariage zustande kommt, und deshalb ist es mir lieb, daß Ihr Renzeln nicht leiden könnt. Nennt sie denn also in Gottes Namen du. Unter uns, heißt das, nicht vor dem Schulmeister. Anfangs wärt Ihr mir als Schwiegersohn wie eine erwünschte Stütze meines Alters vorgekommen, aber seit Ihr so manches Naturspiel an Euch entfaltet, hat sich die Sache geändert. Zwar erschrecke ich vor nichts mehr an Euch. Wenn Ihr nach Euren geheimen Experimenten oft verteufelt mineralisch riecht, wie Nenndorf, Pouhon und Aachen durcheinander, pflege ich zu sprechen: »Tut nichts, große Männer haben ihre Eigenheiten«, und nehme eine stärkere Prise Doppelmops. Ich halte Euch wirklich für einen großen Mann, aber — zum dritten Male sei es gesagt: Unter Freunden muß Offenheit sein — obschon ich Eure Qualitäten wahrhaft anerkenne — Ihr seid nachgerade für mich ein Kerl geworden, vor dem ich eine stille Aversion verspüre.«
Münchhausens Wangen nahmen die Farbe des Smaragds an, die doppelfarbigen Augen zwinkerten zum Teil, zum Teil leuchteten sie von Tränen. Er griff in hoher Bewegung nach der Hand seines Wirtes, führte sie an sein Herz und rief: »Wie danke ich Ihnen für dieses rückhaltslose Geständnis! Ist das nicht eine andere und männlichere Gesinnung, frei heraus zu sagen, was einer auf dem Herzen hat, als jene altbackene Empfindsamkeit und höfische Scheu, die Schlangen im Busen nährt und auf die Lippen Nachtigallen schickt?«
»Kann denn nicht der deutsche Mann zum deutschen Manne sagen: »Du bist ein Schafskopf« — und dennoch mit ihm in Ruhe und Frieden leben?« rief der alte Baron eifrig.
»Kann ich Sie denn nicht für einen Einfaltspinsel halten, und nichtsdestoweniger Sie herzlich lieben?« schrie Münchhausen.
»Bruder!« schluchzte der alte Baron und fiel seinem Gaste um den Hals, »Gott soll mich verdammen, wenn deine Gesellschaft mir nicht von Herzen abschmeckend zu werden anfängt. Ich meinte, du würdest mir die Journale ersetzen, aber du kommst mir nach und nach alberner vor als irgendein Journal.«
»Glaubst du denn, Bruder«, versetzte der Freiherr und gab seinem Wirte einen Kuß, »daß ich eine Stunde länger bei dir und bei deiner schrumpflichten Tochter vergähnen würde, wenn ich nur irgendwo anders Obdach und etwas zu beißen und zu brechen hätte?«
Die bewegten beiden Männer lagen einander lange sprachlos in den Armen. Zuerst erhielt der Wirt notdürftig seine Fassung wieder und stammelte: »Mein Bruder also?«
»Dein Bruder!« flüsterte der Gast —
»Und in des Worts verwegenster Bedeutung!«
Der Schulmeister trat ein. Die neuen Freunde wischten ihre Augen, der Schulmeister aber sagte: »Das gnädige Fräulein läßt anfragen, ob, wenn sie wiederkomme, keine Anspielungen, die ihr unangenehm wären, weiter vorfallen würden?« Ihr Vater sandte den Boten mit der beruhigendsten Erklärung hinaus, welcher die Nachricht hinzugefügt wurde, daß nichts als die größte gegenseitige Offenheit im Zimmer herrsche.
Als das Fräulein, noch eine leichte Röte auf den Wangen, erschien, ging ihr Münchhausen entgegen, küßte, wie er pflegte, ihr die Hand und sagte ernst: »Keine Mariage, meine Diotima-Emerentia!«
»Keine Mariage, mein Meister«, erwiderte das Fräulein in würdiger Haltung.
So standen die beiden jungen Leute ohne Liebes- und Heiratsgedanken einander gegenüber; ihre Hände blieben verbunden. Der Vater trat zwischen sie, legte seine Rechte, wie segnend auf die verbundenen Hände, blickte gen Himmel und rief: »Nie in diesem Leben eine Mariage!«
Die Rührung des Abends war groß. Der Ziegen am Helikon wurde nicht weiter gedacht. Keine der drei Personen, welche auf dem Wege der Offenheit einander so nahegerückt waren, mochte einen Bissen in den Mund nehmen. Der Schulmeister, welcher nichts von dem ganzen Hergange begriff, aß alles auf.
Von den tiefsinnigen Bemerkungen, welche Münchhausen an diesem Abende mitteilte, hat die Geschichte folgende bewahrt.
»Die Zeit verlangt Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Es muß noch dahin kommen, daß keiner dem andern eine Ohrfeige übelnehmen darf, wofern letztere nur aus einer teuren Überzeugung entsprang. Kein Briefgeheimnis, kein Hausgeheimnis! Alle diese obsoleten Begriffe müssen fallen! Alles muß öffentlich sein! Die Spalten der Zeitungen dürfen sich selbst den Beobachtungen über die Vorgänge des Orts, wohin niemand schicken zu können Kaiser Karl der Fünfte bedauerte, nicht verschließen.«
»Was für ein Ort ist dieser, mein Meister?« fragte das Fräulein.
»Er heißet auf Ebräisch Gehenna«, versetzte der Freiherr.
»Ah so«, sagte das Fräulein und tat, als ob sie Münchhausen verstehe.
Dieser fuhr fort: »Alles muß öffentlich sein für das neue priesterliche Geschlecht der Wahrheit! Gott der Herr hat zwar Herz und Hirn unter Hüllen von Knochen, Häuten und Fleisch gesetzt, und deshalb meinte die Menschheit lange Zeit, sie dürfe manches, was Herz und Hirn ihr beschäftige, unter Hüllen verwahren, aber sie hat im Irrtum gestanden, es ist ein Versehen bei der Schöpfung vorgefallen. Brust und Kopf sollten eigentlich mit Glasschiebern erschaffen werden, was nur damals im Drange der Geschäfte übersehen worden ist. Ich weiß dieses von Nostradamus, den ich kürzlich sprach, und der es von Gott unmittelbar hat.«
»Wer ist Nostradamus?« fragte der alte Baron.
»Ein emeritierter Professor der Naturgeschichte zu Leiden«, antwortete der Freiherr, nahm ein Licht und empfahl sich.
Nach Münchhausens Abgange sagte das Fräulein zu ihrem Vater: »Damit nie wieder eine Anspielung der Art, wodurch ich heute aus dem Zimmer gescheucht ward, verlaute, bin ich im Begriff, Ihnen, mein Vater, sobald der Herr Schulmeister sich entfernt haben wird, eine große Eröffnung zu tun.« Der Schulmeister ging und murmelte: »Ich werde heute meinen Entschluß fassen.« Der alte Baron, welcher eigenen Gedanken nachhing, hörte auf seine Tochter nicht hin, sondern verließ mit den Worten: »Es ist eine Scheidewand gefallen und ich werde mir nun Licht schaffen«; das Zimmer.
Emerentia hatte sich — wie sie sagte, aus weiblicher Schamhaftigkeit, und um den Blick des Vaters zu meiden — mit dem Antlitze der Wand zugekehrt, als sie sich anschickte, die große Eröffnung zu tun. Sie bemerkte daher den Abgang ihres Vaters nicht und sprach eine geraume Zeit die tiefsten Herzensangelegenheiten der tauben Wand gegenüber aus, bis sie, hingerissen von ihrem Feuer, sich plötzlich umwendete und sah, daß es ihr an einem Hörer fehle und, wie sie nun vermuten mußte, immer gefehlt habe. Da blieb ihr das Wort zwischen den Lippen haften und der Rest ihrer Eröffnung im Herzen stocken; stumm und verdrießlich suchte sie ihr Lager auf.
Zweites Kapitel
Der Autor gibt einige notwendige Erklärungen
Die Geheimnisse des Schlosses, welches ich auch wohl fernerhin Schnick-Schnack-Schnurr nennen muß, weil ich ihm, wie vielem, was in dieser Geschichte vorkommt, leider nicht den rechten Namen geben darf — die Geheimnisse des besagten Schlosses, sage ich, nicht über die Gebühr undurchdringlich zu machen, muß hier teilweise berichtet werden, was die drei handelnden Personen mit ihren Reden gemeint hatten.
Münchhausen war nicht sobald auf der Stammburg derer von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost warm geworden, als seine Anwesenheit in dem Gemüte des Barons, seiner Tochter und des Schulmeisters große und verschiedenartige Bewegungen hervorbrachte, wie denn ein bedeutender Mensch niemals in einen Kreis tritt, ohne daß von ihm in den Verhältnissen des Kreises Umwandelungen ausgehen. Der Kreis unseres Schlosses hatte sich bis zu Münchhausens Ankunft von seinen leidenschaftslosen Einbildungen still ernährt, es fehlte aber viel, daß dieser idyllische Zustand seitdem noch fortdauerte, vielmehr wurden die drei Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr in entzücktem Herzklopfen, brennender Neugier und ernster Selbstbetrachtung umgetrieben.
Emerentien war das entzückte Herzklopfen zugefallen.
Sie hatte Rucciopuccion, den Birmanen aus Siena, der eigentlich der Prätendent von Hechelkram war, durch alle niederen Hüllen hindurch, welche Laune oder tiefberechnete Absicht ihn anzulegen getrieben, erkannt. Das Herz der Frauen ist in solchen Dingen ein sicherer Wegweiser; Damajanti sah dem Wagenlenker des Königs Rituparna sofort an, daß in ihm ihr Gatte Nala die Peitsche schwinge, Theodolinde von Bayern merkte gar bald, als sie dem angeblichen Freiwerber den Becher kredenzte, daß er ihr bestimmter Bräutigam Autharit, König von Lombardien sei, und es währte nicht lange, so wußte Emerentia, woran sie mit — dem Bedienten Karl Buttervogel war.
Erschreckt nicht, meine Teuren! Die Sache hatte sich ganz natürlich zugetragen, nämlich folgendermaßen. Anfangs war die Gestalt des so sehnlich zurückerwarteten Geliebten wie ein Traumbild vor ihr auf und nieder gewallt, nach und nach hatte das Traumbild bestimmte Züge angenommen, endlich wich jeder Zweifel und machte der gewissesten Gewißheit Raum.
Denkt an Emerentiens Bewegung, als die beiden Fremdlinge die Burg ihrer Väter betraten, als aus dem Munde des Dieners die verhängnisvollen Worte: »Blumenhut« und »Lauferschurz«, erklangen, als der Diener selbst mit dem improvisierten Blumenhute und Lauferschurze vor ihr stand! War ihrem Geiste nicht seit so vielen Jahren der Laufer als Vorläufer des Fürsten von Hechelkram erschienen? Da stand nun ein Laufer vor ihr, das bunte Taschentuch als Schurz um die Hüfte gewunden, den Strauß von Feldblumen am Hute, kein gewöhnlicher gemachter Laufer, nein, ein unwillkürlich zusammengefügter, ein Schicksalslaufer!
Es durchzuckte ihr Herz. Wenn sie in diesem Augenblicke den Wink der himmlischen Mächte nicht begriffen hätte, so würde sie sich selbst haben verachten müssen. »Aber vorsichtig, Emerentia«, flüsterte sie dem pochenden Herzen zu, »vorsichtig, daß die letzte Täuschung nicht die schlimmste werde!«
Sie richtete jene tiefsinnig prüfenden Fragen an Münchhausen, welche er so wenig verstand, als die unglücklichen Leser des ersten Teils dieser Geschichten sie werden verstanden haben. Münchhausen aber gab ihr darauf die befriedigendsten Antworten. Jetzt war sie versichert, daß ihr durch Blumenhut und Schurz die Erscheinung des Fürsten von Hechelkram angekündiget worden sei. »Aber wo, wo weilest du?« fragte ihre sehnsüchtige Seele.
Münchhausen begann zu erzählen, ein Tag nach dem andern verstrich, Rucciopuccio blieb unsichtbar. Ihr Gemüt litt unter der unruhigen Erwartung. Endlich faßte sie sich ein Herz (was wagt nicht ein liebendes Weib?) und schüchtern sagte sie zu dem Diener Karl Buttervogel eines Tages, gerade als sie ihn den Rock Münchhausens ausklopfend fand: »Karl, sein Sie wahr gegen mich! Wo weilt der Größere, in dessen Dienste Sie eigentlich stehen?«
Karl Buttervogel ließ den Klopfstock sinken, riß die Augen auf, spuckte, wie gemeine Leute bei Verlegenheit zu tun pflegen, aus, und sagte: »Mich soll der Teufel holen, wenn mein Herr größer ist, als ich, und ich kenne keinen Größeren, und mit meinem Dienen hat es zum längsten gewährt.«
»Wie?« fragte das Fräulein in höchster Spannung.
»Denn diese Kondition gefällt mir nicht, und ich werde mich bald auf meine eigene Hand setzen«, fuhr Karl Buttervogel fort.
»Was?« rief das Fräulein, von einem überwältigenden Gedanken erschreckt. Sie wankte und war einer Ohnmacht nahe. Münchhausen, dem der Diener mit dem Rocke zu lange machte, kam in Hemdärmeln die Treppe heruntergestolpert und fing die Freundin auf. »Schlingel, was trödelst du wieder? Lauf jetzt und hole Essig für das gnädige Fräulein!« rief er Karlen zu. Dieser versetzte trotzig: »Ich bin kein Schlingel, denn Sie geben mir keinen Lohn, aber Essig tue ich holen aus Barmherzigkeit.« — »Münchhausen«, flüsterte Emerentia in den Armen des Freiherrn, »Sie sehen mich in meinem Schmerz und zeigen mir ein menschlich Herz. Schmerz nenne ich diese Stimmung, denn auch das Übermaß der Freude kann wehe tun. Ich bin in einer unaussprechlichen Verfassung und beschwöre Sie, mir zu sagen: Sind Sie und Ihr Karl die Vorläufer jemandes, oder sind Sie...« Münchhausen fuhr seltsam zusammen, zitterte mit den Nasenflügeln, sah sich scheu um, ließ Emerentien nicht ausreden, sondern stotterte hastig: »Was Vorläufer? Lassen Sie sich doch nichts in den Kopf setzen, meine Diotima. Gott verdamme mich, wenn uns jemand nachgelaufen kommt. Wir sind da, ich und mein Taugenichts von Bedienten, und man muß uns nehmen, wie wir sind, und nicht wähnen, daß noch ein anderer uns folge und hier auf dem Schlosse ankommen könne.«
»Also ist es klar und entschieden, mein Glück!« rief das Fräulein. Der Bediente Karl Buttervogel kam mit Essig. Emerentia spreche sich und ihr Glück jetzt selbst aus.
Drittes Kapitel
Blätter aus Emerentias Tagebuche
»Was Vorläufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen« — und: »Ich kenne keinen Größeren, diese Kondition gefällt mir nicht, ich setze mich auf meine eigene Hand.« — So hat denn also des Schicksals Zeichen recht. Blumenhut und Lauferschurz deuten nicht in die ungewisse Ferne, nein, in der nächsten Nähe hält sich, den meine Seele ewig lieben wird, mein Fürst, mein Freund, der Birmane von Nizza! Nach langen Prüfungsjahren schlägt die Stunde der Wiedervereinigung, die Augen meines Freundes suchen mich unter den Töchtern von Zion, und Sulamith schläft nicht, die Taube. Niemanden sendet er voraus, »gleich kommt er selbst, er ist im Schlosse, denn es läuft ihm ja niemand nach« — er ist da, denn »er kennt ja keinen Größeren«. — Glückliche Emerentia!
Aber welcher von beiden ist‘s? — Ist‘s der Freiherr, oder bist du es, Karl? Hier prüfe, hier sei bedachtsam, hier zeige deinen ganzen Scharfsinn, Herz! —
Ach, das Herz ist stumm. Münchhausen und Karl sind mir beide gleichgültig. Das ist nun herrlich für die ferneren Beschlüsse des Geschicks, da ich dem Fürsten nur Freundin im reinsten Sinne des Wortes sein will, aber übel für den Augenblick.
Denn ich erkenne den Plan des Prätendenten von Hechelkram. Unter der Verkleidung will er seine Emerentia erforschen, und wie herrlich würde sie ihre Aufgabe lösen, wenn sie plötzlich vor den Wahren träte und spräche: »Fürst, Sie sind erkannt; Liebe sieht mit Adlersblicken, Treue hält, was sie gefaßt, teuren Hauptes leisestes Nicken kündet den ersehnten Gast!«
Daß mir beide so gleichgültig sind! — Eigenartige Qual, seltsame Verwirrung, festgeschürzter Knoten!
Ich glaube, der Freiherr ist‘s. Wir standen heute am Entenpfuhl, friedlich fischte das Gefieder nach dem grünen Flott zu unsern Füßen, ein erquickender Landregen fiel sanft vom grauen Himmel, der Freiherr erzählte mir eine seiner sinnigen Geschichten, wie er vorlängst durch ein Senfpflaster, auf das Haupt gelegt, und dessen Ziehkraft sich ein ausgefallenes Bein wieder eingerenkt habe — mein Busen wurde so weit, mir wurde so wohl und so weh, so — so —
Dumme Störung! Da werde ich gerufen, um Speck auszugeben. Wo die Lisbeth nur bleibt, die Landstreicherin, das unnütze Geschöpf? Kommt sie wieder, soll sie es entgelten.
Nein! Nein! Nein! Das Geheimnis ward offenbar, Karl ist Rucciopuccio! Da sitze ich in der tiefen Stille der Mitternacht auf meiner einsamen Kammer und vertraue euch stummen Blättern die wundersame Post. Ja, wundersam muß ich wohl diese Fügung nennen, welche zum zweiten Male den Nußknacker entscheidend in mein Leben blicken läßt.
Ich stand heute in der Frühe schon mit einer Fülle von Ahnungen von meinem Lager auf. Die Strümpfe sahen mich so bedeutend an, in den Pantoffeln war ein stilles Wesen und Weben, die lange Schnuppe des Nachtlichts, welches herabgebrannt war, wies tiefsinnige Figuren. Ist es mir doch einmal bestimmt, daß nichts gewöhnlich um mich sein kann, bin ich doch in allen meinen Tagen das Spielwerk dunkler, hoher Mächte gewesen!
Mein Haupt war wirr und wüst! Ich stieß das Fenster auf, die glühende Wange im Morgenwinde zu kühlen. Von Nizza hatte ich in der Nacht geträumt, vom Meer, von den Alpen. Die beiden Juden hatte ich auf dem höchsten Gipfel gesehen, die mich nach der schrecklichen Katastrophe den Eltern brachten. Sie standen in einer Glorie von Sonnenstrahlen, hatten Schmerz in den Zügen, und ich hörte den einen zum andern sagen: »Daß man uns gemacht hat zu guten Staatsbürgern, das ist die Trauer von unsren Leuten in der Gegenwart, woraus sie malen Bilder und schreiben Verse. Die alte Zeit, die alte Zeit war besser, Jakob, wo wir rumliefen, wie unsre Väter in der Wüste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai.«
Ein bedeutender Traum, ein prophetischer Traum! Was weiß ich von der Wüste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai? Im Traume lernte ich diese ebräischen Namen; die höhere Hand wollte mir einen Wink geben: »Siehe, ich bin da und werde wirken ein Wunder in deiner Nähe.«
Ich sah zum Fenster hinaus.
Karl trat unten in den Hof. »Himmeltausend Sakrament!« rief er, »kriege ich heute wieder nichts zu fressen?« — Entsetzliche Ausdrücke für das Tagebuch eines zarten Mädchens! aber ich muß ja alles treu mit den kleinsten Zügen berichten.
Der Laut jener Worte brachte mir alte Erinnerungen zugetragen. Wie aus weiter Ferne drang es, gleich der Stimme, die mir einst lieb war, in das Ohr! Diese sonderbare Ähnlichkeit der Töne, das Fluchen — der Fürst pflegte auch bisweilen zu fluchen, doch bediente er sich mehr der sogenannten schweren Angst — mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wüste Sin, die Zeichen am Nachtlicht, das Pantoffelwesen, die bedeutenden Strümpfe — — —
Karl setzte sich auf einen Stein im Hofe, sagte: »Ich muß ‚mal in den Taschen suchen« — suchte in der linken Jackentasche, rief: »Na, wenigstens noch ein paar alter, überjähriger Nüsse gegen das Verhungern« — griff in die andere Tasche, zog daraus hervor — — —
Ich hielt mein Herz mit bebender Hand, ging in die Speisekammer und schnitt für Karln ein Butterbrot — —
Ich kann nicht weiter schreiben — die Erinnerung überwältigt mich — meine Pulse fliegen — —
Ich bin ruhiger. Gestern schwamm der Segen, der mir geworden, ein buntverwirrender Farbenschimmer vor meinen Augen, heute hat er sich zum entzückenden Landschaftsbilde auseinandergesetzt, in welchem jeder Baum spricht: »Mein Schatten gehört dir«, und die gemalte Quelle flüstert: »Schwester, ruhe an meinem Borde!«
Ich trat mit dem Butterbrote leise hinter Karl Buttervogel. Zum letzten Male stehe der Name in den Blättern! Er hatte mich nicht kommen hören und knackte ruhig mit dem Instrumente, welches er aus der rechten Jackentasche gezogen hatte, seine Nüsse auf.
Ich sah ihm über die Schulter. Aber ach! da wankten meine Kniee, ich ließ das Butterbrot fallen, Karl ließ den Nußknacker fallen, ich hob den Nußknacker auf und Karl hob das Butterbrot auf! Ich drückte den Nußknacker an meine Lippen. Er war es, er war es! — Der alte, treue Knacker, die erste, auf Rucciopuccio hindeutende Liebe! O ihn, ihn hatte ich gleich erkannt. Und hätte ich ihn denn auch verkennen können? des Menschen Antlitz und Gestalt wandelt sich leider mit den Jahren, ein Nußknacker bleibt, was er war.
Ach, bitter-schmerzlich war dennoch dieses Wiedersehen! Das teure Heiligtum meiner Jugend sah mich an, wie eine Ruine. Von dem Rot der Uniform war der brennende Glanz gewichen, die Farbe der Unterkleider ließ sich kaum noch erkennen, erloschen waren die schönen, grellblauen Augen, der Mund hatte durch das beständige Knacken seine beste Kraft verloren, einen Hut trug er kaum noch, nur den Schnurrbart hatte die Mißgunst der Zeiten verschont; er hing schwarz und voll wie in jenen goldenen Tagen über den alt und müde gewordenen Lippen.
Ein Strom von Tränen befreite die Brust. Dann faßte ich mich und dachte an mich und mein Geschick. Karl hatte das Butterbrot verzehrt und sah mich groß an. »Gelt«, rief er (ich muß ja seine eigenen Worte brauchen) »das ist ein närrischer Kerl? — Ich habe den Schurken einmal vor vielen Jahren in einem italienischen Badenest auf‘m Kehricht hinter‘m Hause gefunden. Ich steckte ihn zu mir und brauche ihn seitdem fortwährend, und der Racker (ich erliege fast der Qual solche Worte zu schreiben) ist immer noch ganz. Dazumal diente ich bei vierzehn Berliner Edelleuten, die das Bad brauchten und sich zusammen einen Bedienten hielten.«
»Fürst«, sagte ich ernst und gehalten, »verstellen Sie sich nicht länger. Weder Ihre Bedientenjacke noch die scheußlichen Ausdrücke, zu denen Sie Ihre edeln Lippen zwingen, um unerkannt zu bleiben, täuschen mich ferner. — »Was Vorläufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen«, und: »Ich kenne keinen Größeren«, die bedeutenden Strümpfe, das Pantoffelwesen, die Zeichen an der Schnuppe des Nachtlichts, mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wüste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai, das waren schon Symbole, welche nicht trügen konnten. Nun die Melodie Ihrer Stimme, Ihr Fluch, jetzt gar der geliebte Nußknacker in Ihrer Hand, und endlich, daß Sie von dem Kehricht wissen und von der finstern Tat meiner verklärten Mutter, welche Nußknackern in jenes Elend verstieß — — alles das — — mein Gott, leugnen Sie doch nicht weiter, häufen Sie nicht unnütze Qual auf ein armes Mädchen, die immer Ihrer wert geblieben ist! Sein Sie gut und liebevoll, lassen Sie die Maske fallen und sprechen Sie: Emerentia, ja, ich bin es.«
»Was soll ich denn sein?« rief er. »Ich bin kein es. Ich bin, was ich bin — Donnerwetter!«
Seine rauhe Festigkeit machte mich doch einen Augenblick wieder zweifelhaft. »Wenn Sie es nicht sind«, sagte ich entschlossen, »so ist es Ihr Herr, denn einer von Ihnen beiden muß es sein.«
Ich wollte gehn. Karl hielt mich aber am Kleide zurück. Mein Mittel hatte gewirkt. »Ich sehe wohl«, sagte er, »daß es Ihnen ein Ernst ist, wenn ich es bin. Also wollte ich Sie nur fragen, was daraus wird, wenn ich es bin?«
»Wenn Sie es sind«, versetzte ich, »so bin ich Ihre Freundin im reinsten Sinne des Worts. Mein ganzes bisheriges Leben war eine Vorbereitung auf diesen großen Moment. Gnädigster Herr! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen! Für dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen. Aber der Altar blieb stehen; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzünden, für welches ich ewig, Ihnen gegenüber Vorrat besitzen werde.«
Karl kratzte sich am Kopfe (der Ungeheure! so tat er) und sagte: »Ich denke nur immer noch, Sie haben mich bloß zum besten. Indessen aber will ich‘s versuchen, und wer mich anführt, den soll der Teufel holen. Das heißt also, Sie sind meine Freundin, heißt nämlich, wenn Sie meine Freundin sind, so müssen Sie auch dafür sorgen, daß ich mehr zu essen und zu trinken kriege. Wenn Sie auf diese Manier meine Freundin sind, so will ich‘s sein. Dann sehen Sie nur gleich heute zu, daß ich einmal ein rechtschaffen Stück Fleisch kriege.«
Er spielte fürchterlich mit mir. Daß er seinen wilden Humor selbst in diesem großen Momente nicht ablegte! O Männer, Männer, wie geht Ihr mit uns um! — Eine Lustigkeit der Verzweiflung ergriff mich, und in den Bahnen seiner ausschweifenden Laune ihm folgend, rief ich: »Sie sollen heute zwei Pfund Rindfleisch haben!«
Das erschütterte ihn. Er sah mein Leiden, welches durch den Scherz schauerte. Tränen traten in sein Auge, er sagte: »Sie sind doch sehr gut, und ich bin‘s denn also.« Er ging, übermannt von edler, menschlicher Rührung.
In seinen Tränen fand ihn mein Gefühl, wie mein Verstand ihn schon früher erkannt hatte. Seiner Rolle blieb er sonst treu. Mittags meldete er sich um die zwei Pfund Rindfleisch. Ich gab sie ihm und bereitete für uns einen Pfannkuchen, den Vater täuschend mit der Nachricht, die Katze habe das Fleisch gefressen. Er hat es rein aufgegessen; seine Verstellung muß ihm doch schwergefallen sein.
Wo die alberne Lisbeth nur bleiben mag, der Aschenbrödel? Mit dieser Welt im Busen muß ich nun jetzt am Feuerherde stehen! Auch war der Pfannkuchen versalzen und ungenießbar.
Heute ist es zu einer vollständigen Erklärung zwischen uns gekommen. Ich erinnerte ihn an unsere Spaziergänge bei Nizza, an die Wechselverfertigung, an die sechste Elefantenkompanie und an die Kabale des Kaisers aller Birmanen. Ich erinnerte ihn an Hechelkram und an seine Rechte darauf. Ich nannte ihm den süßen Namen jener Zeit: Rucciopuccio. Ich fragte ihn, ob er wohl an alles das noch denke? Er sagte zu allem ja.
Auch in dieser vertrauten hingebungsvollen Stunde blieb er Bedienter in Wort, Gebärde, Haltung. Ich bat ihn herzlich, er möge doch mir gegenüber diese häßliche Hülle aufgeben und der Fürst sein. Er versetzte, es gehe nicht an, ich möchte ihn um Gottes willen zufriedenlassen. — Ich will nicht weiter in ihn dringen, er fürchtet vermutlich, daß, wenn er sich vor mir demaskiert, er sich auch sonst vergessen könne, denn welche unendliche Mühe muß den Hohen dieses angelegte niedere Wesen kosten!
Sein Inkognito hat vermutlich einen Doppelzweck. Mich wollte er unerkannt prüfen, und dann will er auch im Verborgenen abwarten, welchen Erfolg seine Verwendungen an einige Mächtige des Hofes um Hechelkram haben werden. Ich sagte ihm diese meine Vermutungen in das Antlitz, und er antwortete: Es sei alles so, wie ich meine.
Wie es ihm nur möglich gewesen ist, mich zu finden, da ich in Nizza Marcebille von Schnurrenburg-Mixpickel hieß? Darüber werde ich ihn doch nächstens befragen.
Die Entwickelung unserer Angelegenheit muß in Geduld abgewartet werden. Erfolgt seine Anerkennung als Fürst, so wird sich auch für mich das Stift finden. Ich erfülle mein Schicksal und bin ruhig.
Eins geht mir aber im Kopfe umher. Er hat keine Gemahlin. Das wird meiner Stellung eine ihrer Blüten abstreifen. Ich wollte ja der segnende Schutzgeist seines Hauses sein, die Gatten miteinander versöhnen. Das fällt nun weg. So hält uns das Leben doch nie ganz Wort.
Daß er so gar nicht Rucciopuccion ähnlich sieht! — Vergebens mühe ich mich ab, einen Zug der Vorzeit in seinem Gesichte zu erspähen. Aber freilich ist es denn auch einige Jahre her, daß wir auseinander kamen —
— Die dumme Lisbeth hat mir vor ihrem Abzuge mein Schreibzeug verkramt, ich muß mich mit Federn behelfen, die alle bequemen schriftlichen Ergießungen unmöglich machen. Sie ist ein abscheuliches Geschöpf —
— und dann hat er viel auszustehen gehabt. Er bekam selbst hin und wieder von seinem Herrn Schläge. Natürlich! Die indischen Fürsten sind Barbaren.
Auch Münchhausen ist mir nun entziffert. Dieser hohe Geist, dieser neue Prophet der Natur und Geschichte wird der Kammerherr des Fürsten sein, oder sein Adjutant, oder sein Hofstaatssekretär, oder eine andre dieser reinen, idealen Gestalten.
Auch ihm wird seine Rolle schwer, ich sehe es wohl. Sein schmerzliches Zucken, wenn er den Gebieter zum Scheine anfahren muß! Neulich tat er so, als ob er den Stock gegen ihn brauche, und der Fürst tat, als schreie er.
Münchhausens Geschichten werden mir jetzt klar. Der Vater nimmt sie wörtlich und glaubt daran zum Teil. Ich ahnete gleich eine geheime Bedeutung — und habe mich nicht getäuscht. Die smaragdgrüne Bergebene Apapurin... u.s.w. ist unsere Jugend, goldgelbe Kälber der Empfindung grasen auf ihr, die Gedanken der Jungfrau sind pfirsichrot und alle Äußerungen ihres Wesens herb und keusch, wie Schlippermilch. Nachher spaltet sich die Welt ihres Inneren, diese Spaltungen und Unterspaltungen werden durch die sechs Gebrüder Piepmeyer angedeutet, einander zum Verwechseln ähnlich, wie unsere Spaltungen, dann kommt die Prosa des Lebens unter dem Bilde des Wachtfriseurs Hirsewenzel und flicht den großen Knoten widerstrebender Verhältnisse, den Rattenkönig gemischter Empfindungen.
Manches einzelne bleibt mir freilich in jener Symbolik noch dunkel. Welcher Moment des weiblichen Lebens wird z.B. durch die Folgen der einzigen Lüge Münchhausens dargestellt?
Ein köstlicher Genuß ist es, zu sehen, wie das Hohe, das Göttliche unter der Knechtsgestalt, in welcher es hin und wieder erscheinen muß, siegreich für den Kundigen hervorblitzt. Wiewohl mein erlauchter Freund den Bedienten zum Erschrecken natürlich spielt, so läßt sich Fürstenblut dennoch nicht verleugnen, und davon wurde mir heute die Erfahrung.
Der Prätendent von Hechelkram putzte die Stiefeln seines sogenannten Herrn. Ich habe nun wohl sonst bemerkt, wenn ich die Diener dieses Geschäft verrichten sah, daß sie es in unedler gebückter Stellung, mit widerlich kurzen, schnellen, heftigen Bewegungen ausführten — ein unerfreulicher Anblick!
Ganz anders, was ich heute sah.
Karl saß. Er hielt sich vornehm nachlässig zurückgebeugt, er sah kaum den Stiefel an, langsam fuhr seine Hand mit der Bürste über diesen, der so tief unter seiner Würde war, hin und her — und berührte das gemeine Leder obenhin, nur zum Schein.
Freilich wurde der Stiefel nicht ganz blank, und Münchhausen schalt Karln, sich verstellend, Faulpelz. — Das ist eine der schwersten Prüfungen, welche mir dieses Verhältnis auflegt, daß ich, um es in seiner ganzen Wahrheit zu zeichnen, so viele gemeine Fluch- und Schimpfwörter, euch, o ihr meine reinen Blätter, aufdrängen muß!
Der Fürst hat einen unglaublichen Appetit. Heute verzehrte er wieder eine ganze Bratwurst, und sie gehörte zu den größeren im Kreise ihrer Schwestern! Das indische Klima wird so an ihm gezehrt haben. Wenn sie ihm nur bekömmt!
Vor meinen Ohren summt ein altes Lied:
Einst liebtest du den Nußknacker,
Nach dem Nußknacker liebtest du mich...
So weit kann ich‘s, aber die folgenden Verse wollen mir nicht beifallen, wie oft ich‘s auch für mich hin singe. Dabei uns zu erkennen war in der fürchterlichen Stunde, wo uns die Juden schieden, das heilige Gelöbnis. Ich habe den Fürsten daran erinnert, aber auch er kann die folgenden Verse nicht finden.
Mir ist es unmöglich geworden, dem wilden Humor, der in dem Namen: Karl Buttervogel flattert, mich ferner zu fügen. — Bin ich denn nicht ein Weib, d.h. ein Wesen ohne allen Sinn für Ironie; tiefem, schlichtem Ernste einzig hingegeben? Um mich nicht aus dem Bilderkreise, den der Fürst gewählt, zu entfernen, nenne ich ihn vor den andern Karlos den Schmetterling. Der Vater lachte, als er diese Bezeichnung zum ersten Male von mir hörte. Er versteht mich nie. Münchhausen begriff mich wieder ganz, begriff mich, ohne daß ein Wort der Erklärung zwischen uns gewechselt wurde.
Er sagte: »Wenn der Esel« (o Gott, wie leide ich!) »nur dadurch nicht stolz wird!« Ja freilich wird, wenn so nach und nach über ihm das Licht verklärender Beziehungen und Bezeichnungen aufgeht, der angestammte Stolz sich herrlich zeigen.
O Münchhausen, Münchhausen, großer Herzenskündiger!«
Viertes Kapitel
Blätter aus dem Tagebuche eines Bedienten
Auch Karl Buttervogel führte ein Tagebuch. Da er sich viel in der Welt umhergetrieben und bei hundert Herrschaften gedient hatte, so war es ihm zur Gewohnheit geworden, kleine kurze Notizen in seine Brieftasche einzutragen, die sich denn dort vermischt mit Anzeichnungen seiner Auslagen fanden. Die Brieftasche hatte Decken von ehemals rotem Schafsleder. Denn ihre Farbe war durch die rauhe Faust der Zeit allgemach ausgetilgt worden; sie sahen jetzt fast aschgräulich aus. Vier Blätter gelben, oftbenutzten Pergamentes, auf welchem der Bleistift kaum noch eine Spur nach sich lassen wollte, waren eingeheftet; die Seitentasche enthielt eine gemalte Blume, mit einem Reime darunter, einen kleinen immerwährenden Kalender und einen Kamm.
Dieses ehrwürdige Altertum schloß folgende Herzensergießungen Karlos des Schmetterlings in sich:
Erstes Blatt
»Den sechszehnten Juni: Ausgerissen von Stuttgart.
Hab‘ mein Putzzeug im Wirtshaus stehen lassen.
Von der Rieke keinen Abschied nicht genommen.
Ging zu rasch.
*
Den zweiundzwanzigsten Juni: Angekommen auf‘m Schloß durch Pferdsturz.
Sehr viel Hunger und Durst gelitten, Flöh‘, Wanzen und sonstiges Ungemach.
Gefallt mir hier gar nicht.
*
Vor Wachs 3 Stüber
Vor blauen Zwirn 1 Stüber
Vor Sachen aus der Apotheke 18 Stüber
Vor einen Brief 12 Stüber
Vor waschen zu lassen 8 Stüber
Vor meinen Herrn vor eine gemeinnützliche Kollekte 3 Heller
was mir alles mein Herr noch zahlen muß.
Seit Lichtmeß keinen Lohn nicht gekriegt. Tut drei Gulden sechs Kreuzer per Monat, zusammen zwölf Gulden vierundzwanzig Kreuzer.
*
Den sechsundzwanzigsten Juni: Seit drei Tagen nichts zu fressen gehabt. An mein‘ Rieken kontinuierlich immerwährend gedacht. Ist kaum noch auszustehen. Sichtlich mager geworden.
O Rieke, dein Getreuer
Aus Schwaben oder Bayern,
Dem ist es nicht gegonnen,
Wenn abends sinkt die Sonnen,
Daß er an deiner Brust
Dich küßt nach Herzenslust.
Vorstehenden Spruch gemacht gestern nacht als den achtundzwanzigsten Juni, da ich nicht schlafen konnt‘ von wegen Hunger und Flöh‘.
Zweites Blatt
Den fünften Juli: Lange nichts eingeschrieben in die Brieftafel. War zu beschäftigt die Zeit her. Außerordentlich mich verbessert in meiner ganzen Lag‘ und Kondition. Fräulein verliebt in mich.
Durchaus nicht gewißt und erfahren, wie sich‘s zugetragen. Gefragt und getribeliert und endlich auf den Kopf mir zugeschworen, ich sei‘s.
Nicht ausweichen gekonnt und endlich zugesichert, ich wollt‘s sein, wenn und wofern ich meine gehörige Verköstigung erlange.
Meinen alten Nußkracher mir fortgenommen und dazu geweint. Glaub‘, sie ist verrückt.
Sogleich am nämlichen Tag zwei Pfund Rindfleisch gegessen. Sehr schönes Gefühl danach gehabt. Zum ersten Mal wieder in Ruh‘ an mei‘ Rieken gedacht.
*
Den siebenten Juli: Über alles und jedes befragt, als zum Exempel von Fürst und Hechelkram und seligen Spaziergängen in Nitze und von Rutscheputsche. Kein Wort verstanden, indessen aber mir alles gefallen gelassen und immerdar ja gesagt.
*
Den achten Juli: Große Gewissensbisse gehabt um mei‘ Rieken. Bratwurst gessen, wornach sich die Beängstigung gemindert.
Nicht dafür gekonnt, daß ich in dies Malheur verfallen.
Drittes Blatt
Den neunten Juli: Schönes Gefühl empfunden durch die neue Lieb. Sehr geschmeichelt gefühlt von der Lieb vornehmer Person. Gar nicht mehr den Bedienten gefühlt in der neuen Lieb. Stiefeln in diesem Gefühl geputzt. Angeschnauzt von meinem Herrn und abgeschwartet in der Still‘, weil Stiefeln nicht blank gewest. Alles verschmerzt im Gefühl der Lieb.
Abends zwölf harte Eier gessen. Äußerst selig zu Bette gangen.
*
Vor Flecke aus dem Tuch zu bringen nimmt man Tobak, kocht ihn ab und schmiert‘s Tuch mit ein. Dann gebürstet und am Sonnenschein getrocknet, ist alles ‚raus.
Viertes Blatt
Den zwölften Juli: Heut meinen Entschluß gefaßt nach langem Kampf. Mich risalfiert, Rieken ewig zu lieben und das Fräulein zu heiraten, wofern mir mei fernere gute Verköstigung zugesagt wird.
Alle Andenken verbrannt von Rieken, um nicht wieder Kampf zu leiden.
Dennoch äußerst viel Furcht gehabt vor dem alten Baron, von wegen Zumhausnausschmeißens, wenn‘s ‚raus kommt.
Vier Stüber vom Fräulein geschenkt gekriegt, um mir ein‘ Erholung zu machen.
*
Angespielt heute von ferne auf fernerweite gute Verköstigung, wofern geheiratet werden soll. Mißverstanden geworden. Mich entschlossen, nächstes Mal mich deutlicher zu machen.
*
Den vierzehnten Juli: Künftigem Schwiegervatern heute vor Pläsier die Stiefeln ausgezogen. Ihn dabei bedeutsam angeblickt, um die Entdeckung vorzuspielen. Auch nicht verstanden geworden. Nachgerade bänglicht.
Gar keine Lust mehr zum Dienen bei Münchhausen. Gar zu viel gewißt von seinen Geheimnissen und seit jeher keinen rechten Respekt nicht vor einem chemisch-präparierten Menschen gehabt. Durch die neue Lieb‘ vollends ganz stolz geworden. Mich erniedrigt gefühlt durch die einförmigen Rockausklopfereien und sonstigen Amtsverrichtungen. Will Fürst von Hechelkram werden, wann‘s nicht anders ist und das Fräulein darauf besteht. Soll mir sagen, wo‘s Fürstentum liegt, damit ich drum einkommen kann.
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Am selbigen Tag, nachts: Mein Herr von Münchhausen heute abermals seine Schmierereien vorgenommen und mir dadurch ganz widerwärtig geworden. Mir vorgenommen, bei erster Gelegenheit grob zu werden, um auf eine feine Manier aus dieser Sklaverei zu kommen.
Gefallt mir jetzt recht wohl hier. Übrigens doch eigne Lag‘, und weiß der Schinder, was draus werden soll.«
In ein so wunderbares Verhältnis war Fräulein Emerentia mit ihren Gedanken, Träumen und Empfindungen geraten. Man kann sich daher vorstellen, wie es ihr Bewußtsein verletzen mußte, als der Vater die Besorgnis vor einer Mariage zwischen ihr und Münchhausen äußerte.
Übrigens wußte sie kaum noch, ob sie auf der Erde wandelte. Sie dachte und sah nur den Prätendenten von Hechelkram, den Altar der Freundschaft und das ihr winkende Stiftskreuz. Der kleine Haushalt litt freilich sehr unter dieser glücklichen Entwirrung schwieriger Verhältnisse. Auf die Suppe mußte nach und nach ganz verzichtet werden, da sie niemals zu genießen stand, oder der Schulmeister hatte mit seiner schwarzen auszuhelfen. Alles Fleisch aber stahl regelmäßig die Katze, weil der maskierte Fürst unersättlich war. Der alte Baron wünschte sich hundertmal des Tages über verdrießlich seine Lisbeth zurück. Wo er die Katze, die vermeintliche Räuberin der Speisen sah, schlug er nach ihr; ach, er wußte nicht, daß Karlos der Schmetterling die Schlange war, die er am Busen nährte. Nannte nun gar seine Tochter diesen Namen (und sie nannte seit der großen Entdeckung Buttervogeln nie anders) so wollte er, nachdem er einige Male über den blühenden Tropus gelacht hatte, schier verzweifeln, denn er begann zu fürchten, daß sein armes Kind sich mit starken Schritten einer unglückseligen Verwandlung nahe.
Fünftes Kapitel
Der Autor fährt fort notwendige Erklärungen zu geben
Aber der alte Mann hatte noch andern Verdruß. Es ist eine bewährte Erfahrung, daß der Mensch Leckerbissen, wie Kaviar und Gansleberpasteten schleunig müde wird und nur die einfachste Speise, das Brot, immer essen mag. So geht es auch mit den Nerven des geistigen Gaumens. Sie stumpfen sich rasch gegen den wollüstigen Kitzel ab; Erschütterung und Staunen werden ihnen bald trivial. Wer Märchen hörte, sehnt sich doch wieder bei Gelegenheit nach der trockensten Zeitung; woraus abzunehmen, daß alle, welche mit Wundern auf die Menschen wirken wollen, mit Wundern sparsam sein müssen.
Wie groß war dem alten Schloßherrn sein Gast im Anfang vorgekommen, wie hatte seine Seele sich in dessen Erzählungen so ganz befriedigt gefühlt, und wie bald erlosch dieser Genuß! Es liefen nicht vierzehn Tage ins Land, so fühlte sich der Baron von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost unmustern, wie damals, als er seiner Erwartungen müde zu den Journalen griff, und damals, als er der Journale müde, sich nach einem gleichgestimmten Freunde sehnte, und damals, als er des gleichgestimmten Freundes, nämlich des Schulmeisters müde, heftig nach, er wußte selbst nicht wem? verlangte. Zuerst glaubte er, es liege ihm im Unterleibe und nahm ein Brechmittel ein. Das Mittel wirkte, sein Zustand blieb aber derselbe. Allgemach erkannte er die wahre Ursache — Münchhausen war ihm langweilig geworden, wie seine Erwartungen, die Journale, der Schulmeister.
Seine Geschichten klangen ihm jetzt lange nicht seltsam genug, die ausschweifendsten Abenteuer kamen ihm schal vor. Er pflegte nunmehr, wenn Münchhausen einen Bericht vollendet hatte, zu versetzen: »Ist noch gar nichts, Liebster, Bester, mir ist einmal ganz etwas anderes widerfahren.« Worauf er seinerseits sich bemühte, Überbietendes vorzutragen, freilich selten über den ersten Anlauf hinausgelangte.
Der Freiherr hatte nach der Novelle von seinen sechs Geliebten viel und mancherlei hören lassen, was leider durch das Sieb der Geschichte gefallen ist. Einiges ist indessen aufbehalten geblieben.
Münchhausen erzählte von dem Fürstentume Sprenkel, worin er einstmals, da man nach Ständen verlangend gewesen, Stände aus Blätterteig verfertiget habe. Diese Repräsentanten von Blätterteig hätten allen verfassungsmäßigen Nutzen gebracht, bis der Nachfolger gekommen wäre und sie aufgegessen hätte, weil er willens sei, neue von Spritzkuchenteig backen zu lassen.
Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts, Blätterteig könne ein jeder essen. Er habe einmal gesehen — — —
Münchhausen erzählte von dem Kaisertume Kleinchina, rechts von Großchina im stillen Weltmeere über Formosa hinaus gelegen, worin der Patriotismus im Frieden so stark geworden sei, daß alle Jahre am Geburtstage des großen Goldfisches (so heiße nach orientalischer Sprechsitte der Kaiser von Kleinchina) die Mandarinen der ersten drei Rangklassen in den Thronfarben anliefen, nämlich braun und blau.
Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts; die Färbung der Haut möge wohl von einem Ausschlage, von einer Art Nesselsucht herrühren; dergleichen pflege sich rasch wieder zu verlieren. Er habe einmal gesehen — — —
Münchhausen erzählte vom tiefsinnigen polnischen Starosten, der ein tiefsinniges Buch über die Kunst der Gegenwart geschrieben, und selber aus Kunstenthusiasmus in Tiefsinn verfallen sei, worin er sich für einen Pinsel gehalten habe und zwar für den Pinsel seines Lieblingsmalers. Die Geschichte war wirklich anmutig und lieblich anzuhören, denn sie lehrte weiter, daß der tiefsinnige Pole oder polnische Tiefsinn als Pinsel gerade so sich benommen und ausgedrückt habe, wie früherhin, so daß zwischen dem ehemaligen Starosten und nachmaligen Pinsel durchaus kein Unterschied bemerkbar gewesen sei. Er folge, sagte Münchhausen, in diesen Angaben nur dem Kammerdiener des Polacken, dem grimmen Hagen aus Nibelungenland, welcher für eine Zulage von sechs polnischen Gulden zum Jahresliedlohn das tiefsinnige Buch seines Brotherrn den Deutschen zugänglich gemacht habe.
Der alte Baron versetzte: Es sei gar nichts, daß ein Mensch sich für einen Pinsel halte, da so viele Pinsel überzeugt seien, Menschen zu bedeuten. Er habe einmal gesehen — — —
Münchhausen sagte, wenn ihm diese Geschichte keine Verwunderung abzwinge, so werde ihn doch ein Beweis seines eigenen Genies in Erstaunen setzen. Er habe nämlich bei dem jetzigen Aufschwunge künstlerischer Begabung auch in sich das plastische Element gefühlt und sei deshalb Diszipel einer berühmten Akademie geworden. Die Methode und Influenz habe sich zum Erstaunen an ihm bewährt, denn er sei in der ersten Woche schon Leonardo da Vinci, in der zweiten Michelangelo, in der dritten Raffael gewesen — öffentlichen gedruckten Nachrichten zufolge. In der vierten sei aus ihm eine Komplikation von Vinci-Angelo-Raffael geworden. Späterhin habe er sich auf das Niederländische geworfen und nach vierundzwanzig Stunden der kleine Rembrandt geheißen.
»Mich ennuyierte aber die Malerei«, fuhr Münchhausen fort, »beschloß Bildhauer zu werden und zwar fürs erste Phidias. Natürlich auch durch höhere Richtung, Vorsatz und Erleuchtung von oben. Ich schlief eines Abends mit diesem Gedanken in einem Butterkeller ein. Wie ich hineingekommen, gehört nicht zur Sache; genug, ich schlief im Butterkeller. In der Nacht hatte ich Träume von Götter- und Heldengeschichten, merkte wohl, daß ich mit den Fäusten umherhantierte, wußte aber doch nicht, was ich eigentlich machte, weil ich immer halb im Schlaf blieb. Am andern Morgen kam der Butterhändler in den Keller, mit der Lampe, leuchtete umher und schrie: »Herr Jemine, was ist aus der Butter geworden!« — Ich wachte nun auf, sah mich um und erstaunt‘ ein wenig, denn siehe da, ich hatte im Schlaf, bloß mit der Hand die Gruppe der Zentauren und Lapithen gebildet aus Butter, im ersten, strengen, erhabenen Stil. Die Töpfe waren alle leer, so hatte ich in der Butter gewirtschaftet. Mein Butterhändler wollt‘ anfangs keifen, nachher beruhigte er sich, weil er merkte, daß mit dem Werke ein gut Stück Geld zu verdienen sei. Wir trugen die Buttergruppe vorsichtig die Treppe hinauf und setzten sie in die Sonne, um ihr die rechte Beleuchtung zu geben. Das war aber wohl nicht bedacht, denn in der Sonne schmolzen die Figuren, erst die Lapithen und dann die Zentauren. War das nicht wundersam?«
»Was? Daß Sie Zentauren und Lapithen aus Butter machten, oder daß dieses Gebilde, als Sie ihm die rechte Beleuchtung gaben, schmolz?« fragte der alte Baron. — »Letzteres«, erwiderte Münchhausen. »Um ein solches Kunstwerk hätte der Himmel schon einmal den Gang der Naturgesetze unterbrechen können. Daß die Butter in der Sonne zerging, daß kein Wunder geschah, finde ich wundersam.«
Der alte Baron versetzte: »Das ist vollends nichts, denn es lautet zu subtil.«
So wollte keine Erzählung vor dem Sinne des Schloßherrn mehr Stich halten. Münchhausens Genie hatte sich in der Meinung seines Wirtes rascher abgebraucht, als ein Ministerium des Julithrons verwittert. »Kann er mir denn nicht echte Merkwürdigkeiten erzählen?« rief der alte Mann oft bitterböse, wenn ihn sein Gast verlassen hatte, »so etwas — so etwas — — was sich gar nicht erzählen läßt?«
Nur zwei Abenteuer waren es, auf welche die Wißbegierde des alten Barons sich noch einigermaßen gespannt hielt: Münchhausens Fata unter dem Vieh, insbesondere unter einer Ziegenherde am Helikon, und dann, wie er unlängst in Schwaben Poltergeister und Dämonen kennengelernt. Auf beide hatte der Freiherr zu öfterem im voraus hingewiesen, immer aber war die Erzählung durch zufällige Ereignisse verschoben worden, wie denn noch jüngst das erste Kapitel dieses Buches nicht halten konnte, was seine ersten Worte versprachen.
In seiner gelangweilten Stimmung warf der alte Baron ein Auge forschender Verdrießlichkeit, oder verdrießlichen Forschens auf die Person des Freiherrn, und da wurde ihm nun so manches Gegenstand der Verwunderung. Die ergrünenden Wangen und die doppelfarbigen Augen mußten freilich durch die Erläuterungen Münchhausens für vorläufig beiseitegestellt gelten, dagegen hatten sich an dem außerordentlichen Manne neue geheimnisvolle Phänomene in Menge aufgetan. Schon daß der Freiherr stets traurig und dunkel sprach, wenn er im allgemeinen der Umstände bei seiner Erzeugung gedachte, war ein seltsames Ding, hiezu kam aber noch das ungewöhnliche Verhältnis zwischen Herrn und Diener, welches sich bald im Schlosse bemerklich machte.
Es ist eine weitverbreitete Klage der Zeit, daß ihre Fortschritte auch den Übermut der Dienstboten gesteigert haben. Unter den vielen schlechten Bedienten aber, welche die Gegenwart gebiert, war Karl Buttervogel (denn für uns behält er diesen Namen) sicherlich einer der schlechtesten. Wenn ihm sein Herr etwas befahl, so tat er es auf das erste Geheiß gar nicht, auf das zweite auch noch nicht, und auf das dritte tat er es zwar, aber so, als tue er es um Gottes willen. Den Rock klopfte er dem Gebieter aus, wenn er Lust hatte, und alles übrige, was zu seinem Dienste gehörte, verrichtete er, insofern er dazu Belieben trug. Fuhr ihn aber sein Herr an, oder drohte er, ihn zu schlagen, so warf der Bursche mit so spitzigen, frechen und sonderbaren Reden um sich, daß auch der Argloseste darüber erstaunen mußte.
Einstmals sagte der alte Baron, als er Zeuge eines derartigen Auftritts geworden war, bei welchem Karl Buttervogel ausgerufen hatte, Münchhausen solle sich hüten, er wisse ja wohl, daß — — zum Freiherrn: »An Eurer Stelle, Freund, jagte ich den Unverschämten fort.« — »Ich darf nicht«, versetzte Münchhausen, schmerzlich gen Himmel blickend, »weil — —«
»Daß? — — Weil? — — Was für ein Daß? Was für ein Weil?« murmelte der alte Baron.
An einem andern Tage hatte Münchhausen im Zorn wirklich den Rücken des Widerspenstigen bestrichen. Karl Buttervogel lief fort, schimpfte wie ein Rohrsperling und wiederholte unaufhörlich: »Mich prügeln? So ein Munkel?«
»Munkel?« fragte der alte Baron. »Was ist ein Munkel?« — Es lag am Tage, dieser Bediente wußte etwas von seinem Herrn, was nicht für jedermanns Ohr taugte.
Die Geheimnisse Münchhausens fanden ihren Gipfel in seinen heimlichen Experimenten. Er schickte nämlich wöchentlich Karln in die Apotheke der nächsten Stadt, darauf nahm er ihm die Spezies ab, verschloß sich in seiner Stube, verhing die Fenster, und dort hinter Schloß und Riegel und nesseltuchnen Vorhängen tat er Dinge, welche nur das Auge Gottes sah. Es verbreitete sich, wenn er so experimentierte, durch das Schlüsselloch ein feiner mineralischer Dunst im Hause; daß Münchhausen selbst hernach wie eine starke Schwefelquelle duftete, haben wir schon aus dem Munde des alten Barons gehört. Einst hatten die Bewohner des Schlosses während eines solchen geheimen Experiments einen großen Schrecken. Es geschah nämlich in der Stube ein starker Knall, Münchhausen stieß heftig die Türe auf, Dampf quoll heraus, Dampf erfüllte die Stube, im Dampfe aber stand Münchhausen bleich und entsetzt. Allerhand Flaschen und sonstiges Geräte, mit seltsam schillernden Feuchtigkeiten erfüllt, stand auf dem Tische umher. Münchhausen räumte es eilig und verstört hinweg, als er nach einigen Augenblicken sich wieder zu sammeln wußte.
Dieser Auftritt vollendete die Spannung des alten Barons. Alles Interesse, welches er früher an den Erzählungen seines Gastes gehabt hatte, übertrug sich nun auf dessen Person. Und so gewann der Held durch die Grobheit seines Bedienten, durch mineralischen Geruch, durch Dampf und Knall den Anteil, welchen er auf dem einen Felde eingebüßt hatte, auf dem andern sich zurück. »Ein langweiliger Erzähler, aber eine merkwürdige historische Person, vielleicht das einzige Exemplar seiner Gattung!« sagte der alte Schloßherr.
Leider blieb seine brennende Neugier ohne Befriedigung, denn niemand konnte ihm ein Licht über den Mann anzünden, der unter den Menschen kaum seinesgleichen zu haben schien. Münchhausen wich mit siegreicher Gewandtheit allen Versuchen, ihn bis über einen gewissen Punkt hin zu erforschen, aus. Den Bedienten aber über den Herrn zu verhören — diesen Gedanken hatte er, als er flüchtig in ihm einstmals emporgestiegen war, weit von sich hinweggewiesen. Trotz aller seiner Narrheiten war der Baron von Schnuck ein Mann von altdeutscher Sitte und Höflichkeit. Noch niemals hatte er vergessen, was er seinem Gaste schuldig war. So, zwischen Verlangen und Unmöglichkeit, den Schleier zu heben, umgetrieben, wurde sein Herz bis zum Rande voll von Unruhe und Verdrießlichkeit.
Der Schulmeister endlich war in den Zustand ernster Selbstbetrachtung hineingeraten. Er begann sich noch mehr, als früher, von den Zusammenkünften der Schloßbewohner fernzuhalten, und saß tagelang einsam auf dem Gebirge Taygetus, wie ein indischer Büßer seine Nasenspitze betrachtend.
Kam er dann doch wieder einmal zu den übrigen, so zog er sich immer bald wieder zurück, denn niemand achtete seiner, Münchhausen nicht, weil er den Abkömmling des Königs Agesilaus nicht bedurfte, das Fräulein nicht, weil sie, wie wir wissen, allem Irdischen überhaupt bereits entrückt war, der alte Baron nicht, weil er über den Munkel nachsann.
Was Münchhausen betrifft, so erhielt sich dieser wunderbare Charakter zwar äußerlich die Fassung, in welcher er so stark war; durch seinen Busen aber stürmten auch manche Sorgen. Daß er den alten Schloßherrn mit seinen Erzählungen langweile, hatte er schon seit geraumer Zeit bemerkt, daß sich ein gefährliches Grübeln an seine Person zu heften beginne, mußte er nun gewahr werden. Dieses war ihm unangenehm. Ihm lag daran, noch eine Zeitlang als ruhiger, wenn auch höchst geistreicher und vielerfahrener Privatmann das Obdach und die Speise des Schlosses zu genießen. — Er nahm sich daher vor, einen wahren Heroismus im Erzählen zu entfalten und den Baron dadurch womöglich abzulenken, solchergestalt aber dem Schicksal die freie und männliche Stirn zu weisen, welche von keinem Schlage bisher zu zerschmettern gewesen war.
Während auf diese Weise die Bewohner des Schlosses sich entscheidenden Begebenheiten näherten und ihre Charaktere zu reifen begannen, war Karl Buttervogel der einzige Glückliche. Er aß Rindfleisch, Bratwurst und Eier, soviel ihm das Fräulein von diesen Nahrungsmitteln zustecken konnte, bediente seinen Herrn mit der Überzeugung, daß es nur von ihm abhänge, denselben zu stürzen, und empfand alle Zauber einer geheimen, hohen Liebe.
Sechstes Kapitel
Die Ereignisse eines Abends und einer Nacht
An jenem Abende, an welchem Münchhausen und der Schloßherr gegenseitig offen geworden waren, ließ sich Karl Buttervogel fünfmal rufen, bevor er zu seinem Herrn kam, der sich entkleiden wollte. Als er endlich erschien, holte der Herr mit den Worten: »Du Gauch! Du Bestie!« nach ihm aus, der Diener aber ergriff einen Stuhl, hielt ihn zu seiner Verteidigung vor sich hin und schrie, als ob er am Spieß stäke. Auf dieses Geschrei eilte der alte Baron im Nachtkleide die Treppe hinauf, Emerentia aber, tief in ihre Welt versunken, hörte davon nichts, sondern fuhr in ihren Eröffnungen gegen die Wand fort, in welchen sie noch begriffen war. Der alte Baron, das Nachtlicht in der Hand, fragte: »Was gibt es denn hier schon wieder?« Münchhausen versetzte: »Mit diesem Racker ist nichts mehr anzufangen, jeden Tag wird er fauler, ich weiß nicht, was dem Ungeheuer im Kopfe steckt!« »Liebe steckt dem Ungeheuer im Kopfe!« schrie der Mensch erbost; »Liebe von einer ganz vornehmen Person, und es gibt Schwiegerväter, die noch von nichts wissen und sich sehr verwundern werden, wofern fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird.«
»Ist der Kerl verrückt?« sagte der alte Baron.
»Und am Dienst habe ich keinen Geschmack mehr, und am allerwenigsten mag ich so einem Munkel noch ferner dienen, der mich noch überdem prügeln will!« rief Karl Buttervogel. »Und ich begehr‘ meinen Lohn, zwölf Gulden, vierundzwanzig Kreuzer seit vier Monaten, und was ich ausgelegt habe, tut auch zweiundvierzig Stüber, drei Heller, und das begehre ich und fordre ich, und dann gehe ich gleich fort, denn ich kriege doch außerdem mein gutes Essen und Trinken durch meine Konnexionen, und wenn mir noch ein Wort zu nahe gesagt wird, so gebe ich alles an bei meinem Schwiegervater von der unnatürlichen Erzeugung und den chemischen Schmierereien —«
Münchhausen setzte sich erschöpft auf sein Bett. Er zitterte, wie gewöhnlich, mit den Nasenflügeln, seine Miene war äußerst leidend. »Schreckliches Verhängnis, welches mich in die Hand eines Buben gibt!« stöhnte er. »O warum schwieg ich nicht auch gegen dich, Unmensch, wie ich gegen jeden sonst geschwiegen habe? Ich öffnete dir mein Herz, ich bedurfte einer Seele, die ich in die Apotheke schicken konnte, und du wirst hingehen und mich verraten.«
»Alteriere dich nicht, Bruder«, sagte der Schloßherr. »Dieses Individuum bleibt ewig ein Bedienter; über solches Pack müssen sich Männer unserer Extraktion nicht ärgern. Freilich, was die unnatürliche Erzeugung und das Chemische angeht, da wäre ich äußerst verlangend —«
Münchhausens Gebärde wurde groß. »Verlange nicht danach«, sagte er erhaben. »Ich kenne dich, du bist schwach, Baron Schnuck, du kannst Offenheit ertragen, du kannst ertragen, daß der deutsche Mann zum deutschen Manne sagt »Schafskopf!« aber das würdest du nicht ertragen. Du hängst an Ideen, die du mit der Ammenmilch eingesogen hast, du willst den Menschen menschlich gezeugt. Die Entdeckung, welcher dein unseliger Fürwitz zusteuert, würde dich deinen Freund kosten!« Er warf mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Kleidungsstücke ab und sah im Hemde zum Fenster hinaus, den Anwesenden den Rücken kehrend.
Karl Buttervogel rief, ohne sich stören zu lassen, in dieses Konzert: »Und es ist schändlich von so einem Herrn, wenn so ein Herr immer lügen tut. Das Lügen ist für uns geringe Leute, wir können oft nicht darüber hin, und der liebe Gott vergibt es uns, weil wir sonst unser Brot nicht haben, und wenn ich erst meinen gnädigen Schwiegervater besitze und auf meine fernerweite gehörige Beköstigung rechnen darf, so will ich‘s auch lassen, und von so einem Herrn, wie von meinem Herrn von Münchhausen ist es sehr unrecht, und allen Leuten lügt er etwas vor, und allerorten hat er gelogen, und sie sind so dumm und glauben ihm auch immer, obgleich kein wahres Wort aus seinem Munde geht.«
»Es ist gut, Karl, bringe das andere draußen an«, sagte Münchhausen, sich umwendend. Der Ton seiner Stimme war sanft aber fest geworden. Er band einen rot- und gelbseidnen Tuch mützenartig um den Kopf, so, daß die Zipfel an seinen Ohren herunterfielen. »Gute Nacht, Bruder Schnuck, du hast recht, man muß sich über dergleichen Leute nicht ärgern. Ich werde mich ohne Diener zu behelfen wissen. Du kannst gehen, Karl, ich brauche dich nicht weiter, deine zwölf Gulden vierundzwanzig Kreuzer sollst du morgen ausgezahlt erhalten. Geh, Karl, folge deinen höheren Sternen, du kannst nun gut und gern deinen Anteil an der Luftverdichtungsaktienkompanie, den ich dir zugedacht hatte, entbehren.«
Karl Buttervogel machte ein langes Gesicht, ließ den Stuhl, den er bis jetzt noch immer vor sich hin gehalten hatte, sinken, und sagte, so kleinlaut, als er vorher trotzig gesprochen hatte: »Wie, mein Herr von Münchhausen?«
»Luftverdichtungsaktienkompanie?« fragte der alte Baron.
»Ja«, antwortete Münchhausen und streifte den Strumpf vom linken Beine, »in Paris haben sie ein Mittel gefunden, die neueren Chemiker, Luft körperlich zu machen, sie in fester Gestalt darzustellen.«
»Körperlich? In fester Gestalt?«
»In einer Masse zwischen Schnee und Eis, ungefähr wie steifer Brei. Als ich von der Sache hörte, ließ ich mich näher in sie ein und überzeugte mich sehr bald, daß die also körperlich und fest gemachte Luft, vermöge Präzipitierens, Kalzinierens, Oxydierens und gewisser anderer Mittel, die vorderhand mein Geheimnis bleiben, in eine solche Dichtigkeit, Härte und Schwere zu treiben sei, daß sie sich vom Steine nicht unterscheide.«
»Vom Steine nicht unterscheide?«
»Nein. Warum erstaunst du, Schnuck? Was Brei ist, kann doch auch Stein werden. Willst du die Probe? Karl, erzeige mir die Freundschaft, denn befehlen darf ich dir nichts mehr, und bringe aus der Reisetasche mir die grüne Kapsel Nummer vierzehn.«
Karl Buttervogel, dessen ganzes Benehmen sich, seitdem von der Luftverdichtungsaktienkompanie die Rede war, in die fügsamste Demut verwandelt hatte, lief beflissentlich nach der Reisetasche und holte die grüne Kapsel Nummer vierzehn, aus welcher Münchhausen einen faustgroßen Stein nahm. Er zeigte dem alten Baron den Stein und fragte ihn, was er wohl glaube zu sehen?
Der alte Baron versetzte, indem er den Stein gegen das Nachtlicht hielt und ihn blinzelnd beschaute: »Meines Erachtens ist das ein Feldquarz.«
»Festgemachte, präzipitierte, kalzinierte, oxydierte und durch gewisse andere geheime Mittel versteinerte Luft ist es«, sagte Münchhausen gähnend und tat den Stein wieder an seinen Ort. Er streifte den Strumpf auch vom rechten Beine und fuhr fort: »Du siehst nun mit deinen Augen; haue mit Stahl dagegen, so gibt der Luftstein Feuer, solche Festigkeit hat derselbe.«
»Das ist ja eine ganz ungeheure, unermeßliche, unberechenbare Erfindung!« rief der alte Baron.
»Ziemlich wichtig ist sie allerdings«, sagte Münchhausen kalt. »Gebaut wird allenthalben jetzo zu Friedenszeiten, Häuser, Brücken, Straßen, Paläste, Narrenhäuser, Monumente. Das Material ist nur in manchen Gegenden zu teuer. Das will ich denn für solche steinarme Landstriche liefern, nämlich versteinerte Luft. Luft ist überall zu haben. Die Bereitungskosten sind so gar groß eben nicht, es kommt hauptsächlich bei dem ganzen Prozesse auf die Beschaffenheit der Luft selbst an, und der rechten Steinluft glaube ich hier auf der Spur zu sein. Deshalb rieche ich und schnüffle ich so viel im Winde umher. Hier wollte ich die Fabrik anlegen; die Mutterfabrik, von der dann gelegenen Orts die Tochterfabriken ausgehen sollen, quantum satis. Das Unternehmen wird auf Aktien gegründet, die Bestätigung des Statuts habe ich in der Tasche. Es muß, wenn das Geschäft einigermaßen schwunghaft getrieben wird, schon nach einem Jahre, schlecht gerechnet, eine Dividende von einhundertsechsunddreißig drei achtel Prozent geben. Dieses ist denn die Luftverdichtungsaktienkompanie, nach welcher du fragtest. Zwei Direktoren werden angestellt mit offenem Kredit, zwölf besoldete Verwaltungsräte; die Zahl der Sekretäre und der übrigen Unterbeamten ist vorläufig auf einige und vierzig bestimmt. Karln da, meinen ehemaligen Diener, wollte ich zum technischen Mitdirektor machen — nun, das geht denn nun jetzt nicht mehr an, und ich muß mich nach einem andern umsehen.«
Hier stieß Karl Buttervogel einen solchen Seufzer aus, daß die Stube widerhallte. Der alte Baron aber blies die Backen auf, warf seine Nachtmütze gegen die Decke und tat einen Schritt, den man einen Satz nennen konnte, so daß seine Kerze wild aufflackerte. »Hast du noch Aktien?« fragte er Münchhausen, der sich gleichgültig zu Bette legte.
»Alle untergebracht«, versetzte dieser, die Decke über sich ziehend, »stehen schon höher als pari. Ich will dir aber doch deine Gastfreundschaft vergelten, Schnuck. Dein Schloß ist etwas baufällig; sobald meine Fabrik und die Aktienkompanie ins Leben getreten ist, baue ich dir ein neues aus meinem Material.«
Der alte Schloßherr setzte heftig sein Licht weg, schoß auf den im Bette zu, nahm ihn mit beiden Händen beim Kopfe und rief: »So werde ich ja künftighin gleichsam in einem Luftschlosse wohnen, du Mordskerl!«
»Meinetwegen kannst du es so nennen, alter Junge«, antwortete Münchhausen. »Reiße mir nur die Ohren nicht ab. Siehst du, das ist ja eben das Große in der Gegenwart, daß so vieles, was lange nur als uraltes Märchen, Bild oder Gleichnis galt, aufgebracht durch die Kinderphantasie der Anfangszeiten, nunmehr durch die Forschungen der Wissenschaft sich als historische Realität ausweiset. Und so kommt denn auch das verjährte Sprichwort von Luftschlössern durch meine Aktienkompanie zur Würde wahrer Existenz. Luftbauten werden nicht mehr phraseologisch gemeint sein, sondern die Menschen werden wirklich ihr Geld hineinstecken. Aber geh zu Bette, Schatz, ich bin müde und will schlafen.«
Münchhausen wendete sich um und schlief ein. Der alte Baron murmelte: »Das gewinnt denn freilich jetzt eine andere Gestalt, wir kommen ins Praktische. Er muß — Er muß — —« der Alte ging in so tiefen Gedanken fort, daß er selbst sein Nachtlicht mitzunehmen vergaß.
Von dem Scheine dieser Kerze düster beleuchtet, blieb Karl Buttervogel neben dem Bette stehen. Sein Gesicht war von Bestürzung ganz aufgelaufen, bisweilen schlich eine dicke Träne die Nase entlang, regungslos stand er da, wie eine Bildsäule, und ließ die Tränen, ohne sie abzuwischen, still fließen. Der Urheber der Betrübnis schnarchte dazu. Nachdem der traurige Diener über eine Stunde also gestanden, gab er sich daran, die Kleidungsstücke des Freiherrn, welche am Boden und auf den Stühlen zerstreut umherlagen, sacht zu erheben. Er legte sie sorgfältig geordnet an die ihnen bestimmte Stelle, nahte sich auf den Zehen dem Bette, zupfte den Freiherrn am Hemde und flüsterte: »Gnädiger Herr!«
Münchhausen fuhr auf, rieb sich die Augen und fragte: »Warum weckst du mich, Impertinenter?«
»Ich wollte Sie nicht wecken«, erwiderte Karl Buttervogel schüchtern, »sondern nur fragen, wann Sie morgen früh befehlen, geweckt zu werden?«
»So!« rief Münchhausen. »Willst wieder bei mir im Dienst bleiben, du Vieh? Nein, mein Sohn, halte fest an deinem Entschlusse, geh, geh von dem Lügner, sei nicht so dumm, ihm zu glauben, ihm, dem kein wahres Wort aus dem Munde kommt, mit einem Worte: pack dich, du Schuft!«
Karl Buttervogel sank am Bette auf seine Kniee, ergriff die Hand des Freiherrn, küßte sie, heulte und schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, selbst einen aus Luft, und rief: »Gnädiger Herr, ich weiß ja, daß ich ein Schuft gewesen bin. Aber ich will es in meinem ganzen Leben nicht mehr tun. Ach, vergeben Sie mir doch nur dieses eine Mal, damit ich technischer Mitdirektor bleibe, ich habe schon so sehr auf diesen Posten und auf dieses gute Brot gerechnet, und wäre ein geschlagener Mann, wenn mir‘s entginge, denn mit dem Herrn Schwiegervater kann es noch im weiten Felde stehen, und wer weiß auch, ob mir die fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird, wofür ich‘s allein tue, und ich will nimmer wieder von der unnatürlichen Erzeugung plappern und vom Munkel und von den chemischen Schmierereien, weil ich sehe, daß es Sie kränkt, und von Lohn, und was ich ausgelegt, soll gar keine Rede mehr sein, nein, alles gratis, Aus- und Anziehen und Wasserholen und sonst, und ich wollte doch so gern Ihr Bedienter bleiben.«
»Dein scheußlicher Eigennutz läßt dich so eifrig diese Bitte aussprechen«, sagte Münchhausen ernst. »Die technische Mitdirektorschaft ist es allein, welche dir im Sinne liegt. Aber tröste dich, mein Freund, du wirst nichts verscherzen, wenn du von mir gehst. Wie sollte ein Lügner jemals Wahrheit sagen? Auch die Luftverdichtungsaktienkompanie habe ich nur vorgespiegelt.«
»O nein, nein, nein!« rief Karl Buttervogel laut und begeistert. »Ich lass‘ mich nicht irremachen. Nein, wenn der gnädige Herr auch sonst jezuweilen aus Liebhaberei ‚n bissel flunkern, damit hat es seine volle Richtigkeit. Ach, ich sehe wohl, der gnädige Herr prüfen mich nur noch und spaßen schon; und ich bleibe bei Ihnen.«
»Nun denn«, sagte Münchhausen, »für dieses Mal will ich dir verzeihen; es ist aber das letzte Mal. Ob du indessen technischer Mitdirektor wirst, hängt lediglich von deiner ferneren Aufführung ab. Und nun hole mir den Stock da her, du Spitzbube, denn der neue Kontrakt, welchen wir beide abschließen, will seine Bekräftigung und Draufgabe haben.«
Karl Buttervogel brachte den Stock, welcher in der Nähe des Bettes stand, getragen, sein Herr zog ihm damit einige sogenannte Jagdhiebe über den Buckel; der Diener ächzte zwar unter der Last dieser Streiche, schüttelte sich aber nachher und sagte getröstet: »Es wird einem doch gleich wieder so wohl, wenn man wieder seine feste Anstellung hat.«
Nach seinem Abgange blieb der Freiherr im Bette emporgerichtet sitzen und sprach: »Erstaunlich, was für eine Gewalt ich über meine Umgebungen ausübe!« Er warf sich auf sein Kissen nieder, wandte sich um und schlief abermals ein. Indessen sollte ihm noch keine dauernde Nachtruhe gegönnt sein. Denn nachdem er etwa eine halbe Stunde geschlummert haben mochte, erwachte er wieder von einem Geräusche am Fenster. Im ersten Augenblicke meinte er, daß Diebe sich zum Einsteigen rüsteten; halb schlaftrunken fuhr er aus den Federn und an das Fenster, sah aber, nun durch den kühlen Nachtwind völlig geweckt, unten im Hofe eine dunkle Gestalt, mit einer überlangen Stange in der Hand. »Wer ist da? Und was soll das?« rief Münchhausen die Gestalt an.
Dieser erwiderte: »Ich bin es, der Schulmeister, auch Agesilaus geheißen, und diese aus mehreren Bohnenstiefeln zusammengefügte große Stange klopfte an Ihr Fenster, um Ihre Aufmerksamkeit mir zuzuwenden, Herr von Münchhausen, da mein leises und bescheidenes Rufen Ihres werten Namens nicht verfangen wollte. Noch Licht in Ihrem Zimmer sehend, hielt ich es nicht für unhöflich, eine Zwiesprach mit Ihnen zu begehren, welche ich denn hiemit begehrt haben will. Mich verlangt sehnlichst nach einer Unterredung über einen mir hochwichtigen Gegenstand. Wollen Sie mir wohl leise, auf daß die Hausbewohner nicht erwachen, die Türe öffnen und den Zutritt in Ihr Gemach verstatten?«
»Zum Teufel, Herr, das werde ich bleibenlassen!« rief Münchhausen ärgerlich. »Wer erlaubt Ihnen, die Leute aus dem Schlafe zu stören? Was Sie mir zu sagen haben, können Sie mir von da unten sagen.«
