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edition lichtland
© Karl-Heinz Reimeier
edition Lichtland
Stadtplatz 4, 94078 Freyung
Deutschland
Illustrationen: Siegfried Stockbauer, Grafische
Gestaltung: Edith Döringer, Hintergrundbild
unter Lizenz von Shutterstock.com verwendet
1. Auflage 2013
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
eISBN: 978-3-942509-74-9
ISBN der gebundenen Ausgabe: 978-3-942509-32-9
www.lichtland.eu
Karl-Heinz Reimeier
wenn´s weihrazt...
Geschichten aus der Zwischenwelt
Volkssagen aus dem Bayerischen Wald

Inhalt
Vorwort
Das Hausinger Lichtl
„Da Teifi holt mi!“
Das Grenzsteinverrücken
Der Bauer und die „Wilde Jagd“
Die Schatzsuche
Die hölzerne Hand
Die sieben Teufel
Das „Fluchmaul“
Auf dem Lusen
Weirazn
D’ Raunacht
‘s Troid ruslt aus
„Der kimmt! Den han i gsehng!“
Do is da Teife mitganga
‘s Nochtgläut
Die Drud
‘s Klopfa
A Engl hoit d Großmuadda
I kann koa Leich a`schau
De sejtsame Gschicht vom Schlittn
Der Versehgang
D’ Muadda Gottes im Kasterl
‘s Herz-Jesu-Bejdl
A Ma im Zimmer
A fremder Ma in mei`m Auto
Do steht a Ma hint
‘s Kind stirbt
Mei Onkl mejd`t si a
Mei Schwester mejd`t si a
Mei Vater mejd`t si a
Oiss durchananda
‘s Klopfa im Keller
D’ „Wenin“
Der große Innernzeller Brand vom 11. 09.1911
Geißkopf
Das Licht am Wegrand
Das leuchtende Rad
Die arme Frau
Missionar in Afrika
Das wertvolle Brautkleid
Glühende Zigaretten im Volksfestzelt
Das rote Männchen mit dem feurigen Haar
Die sprechenden Ochsen
Der selige Härmann
D’ Muadda erscheint im Lazarett
‘s Liacht im Finstern
Der schwarze Hund als Todesbote
Letzte Rufe
Anmelden im Krieg
Zwillinge
Der Tod der Mutter wird angekündigt
Schritte im Haus
‘s Liachtl von da Scheibm
„I bi da Nächste“
Mittn in da Nocht steht die Frau vor mir
“Da Teifi ka mi net hoin”
Beim Raffa dastocha
‘s Fejdkreuz ois letzte Rettung
Dei Dirn is a Drud
‘s Schneewittchen is aa grett worn
…und dann steht auf oamoi eine Frau vor mir!
Iatz wenn a namoi schreit!
Eisstockschoißn in da Lousnocht
A`mö`n`vo meiner Stiefmuadda
A`mö`n von meiner Schwester ihrn Ma
Wia mi d Drud druckt hot
Mei voschtoama Ma bsuacht mi oft
‘s Liacht e da Kapölln
Schwaare Schnaufara als Vorahnung
Springt do oana aus da Stauan
Des glaubt uns koa Mensch
I kaaf da dei Kind o
A gleißendes Liacht
Aaf amoi hot s an Schewara ta
Ihr werd‘s koa Glück hobm mit euerm Hof
Des schewat, wenn ebba stirbt
Hackl Nannerl
‘s Kreiz foit owa
‘s Bre(ch)haus ent e da Sommerau
Das Brechhaus, ein unbehaglicher Ort
D’ Wecklin von Rammelsberg
D’ Wecklin in da Brauerei
D’ Wecklin bei de Hoizhauer
Die Wecklin – eine historische und mystische Gestalt
Das „Haferlheben“
Der Aberglaube und seine Folgen im Landgericht Bärnstein und dem Pflegegericht Dießenstein vor 300 bis 400 Jahren
Über das „Ansprechen“ und „Ansegnen“
Über das Wahrsagen und Zaubern
Brandstiftung
Weitere abergläubische Taten
Wie schützt man sich vor Personen, die vom „bösen Feind“ besessen sind?
Ungewöhnliche Maßnahmen, um sich gegen Krankheiten und anderen Wehdam zu schützen
Gewährspersonen
Literatur
Worterklärungen
Anhang
Dank
Vorwort
Erzählatmosphäre
„Genau a so is` gwen!“ – „De Gschicht is wirkle woah!“ So oder ähnlich enden die meisten der Geschichten, welche den Gewährsleuten entweder durch Erzählungen bekannt sind oder die sie vielleicht sogar selbst erlebt haben. Nur – und das ist das Rätselhafte an diesen „Weihrazgeschichten“, eine schlüssige Erklärung hat noch keiner gefunden. Seit der Kindheit oder Jugendzeit tragen sie ihre Erlebnisse mit sich, Jahrzehnte lang, ein Leben lang. Manche können mit diesen unerklärlichen Erlebnissen entspannt umgehen, sie erzählen gerne davon. Andere wiederum tragen sie gleichsam verborgen mit sich, um in entsprechenden Situationen, Gesprächen und Ereignissen oft sogar schmerzlich daran erinnert zu werden.
Die Gesprächssituation mit dem Sammler und Volkskundler ist für die meisten Gewährsleute neu. Doch nach einer gewissen Zeit des Sich-Kennen-Lernens dauert es selten lange, bis beide eingefangen sind von der Atmosphäre dieser „ganz anderen Geschichten“. Wenn man in die leuchtenden Augen der Erzähler schaut, wenn man das Erregtsein verspürt, das beim Erzählen immer wieder durchbricht, wenn man die tiefe Ehrlichkeit fühlt, mit der sie hinter ihren Geschichten stehen, entwickelt sich zwischen beiden Seiten ein Vertrauen, in dem die „unerklärlichen“ Geschichten glaubhaft werden.
Erzählsituation
Während manche Gewährspersonen ohne Umschweife und unmittelbar zum Kern ihrer Erlebnisse kommen, führen andere allmählich und beinahe behutsam auf ihre Geschichte hin. Dazu nehmen sie sich Zeit, viel Zeit, um den Zuhörer aufnahmebereit zu machen und somit in die Lage zu versetzen, ihre Geschichten so authentisch wie nur möglich aufnehmen, vielleicht sogar miterleben zu können. In kürzeren oder längeren Hinführungen werden deshalb Orte, Personen, Begebenheiten und Situationen äußerst ausführlich beschrieben, bevor man sich an die eigentliche Geschichte wagt. Es geht dem Gewährsmann also auch darum, eine möglichst große Anschaulichkeit zu erzielen.
So führt zum Beispiel Berta Sigl (Thann, Gde. Schöllnach) zu Beginn ihrer umfangreichen und tiefgreifenden Erzählungen auf folgende Weise ein:
„Als ich noch klein war – ich würde ja noch viel mehr wissen, aber die haben mich immer weggeschickt, weil ich mich vor den Geistergeschichten immer recht gefürchtet habe. Die Leute haben sich im Winter vor der Stalltüre versammelt, so um vier oder halb fünf Uhr – und um halb sieben sind sie wieder heimgegangen. Und da sind diese „Weihazgeschichten“ immer erzählt worden. Da war ich fünf oder sechs Jahre alt.“
Anneliese Weidinger (Hundswinkel, Gde. Salzweg), selbst Autorin und Sammlerin von Geschichten, widmet der Hinführung zur Erzählsituation umfangreichen Raum. Ist der Zuhörer mit der originalen Umgebung vertraut, kann er den Gehalt des Geschehens intensiver verspüren.
… und do hands im Winta owei e da Kuchl zammkemma, net e da Wirtsstubm, wei do hättns extra eihoizn müassn. Na hand s olle en da Kuchl so um an Tisch uma gsessn. Do hand eah owei fünf, sechs Manna oda siebme, und do hamand s owei so Gschichtn vozejht. Und i bin do ois Diandl owei mitganga, wenn mei Muadda eahna ghoifa oda mitgoabat hot, und do han e owei zuagluust. E de Ferien bin i aa bo da Tante drinn gwen. Do han e de Manna owei zuagluust mit einer Wollust… und a Onkl vo mir, der hot Zughamanie spejn kinnt, und do hot a si do aussi gsitzt, wei drinn hot a net Zughamanie spejn derft, wei d Muadda owei gsogt hot: „Geh a mit dein Dulat!“ Iatz hot a si do aussi gsitzt und des hamd de Manna owei gern mögn – und i ha me dazua gsitzt und han dene Manna zuagluust.
Do is a Hirta aa dabei gwen, den wo owei s Schnupftawogtröpfe vo da Nosn owatropft is, der hot Gschichtn gwisst, wos eahm oiss passiert is, dass eahm d Hoar geberg gstandn hand, und i han a owei agschaut, so an Boat hot a ghot, olle hamd eahm owei zuagluust und dann hamd s wieder gsogt: „Iatzt host owa wieder aaftrumpft!“ „Des is echt woah! Schlog ei! Des is echt woah!“ Mein Gott, dann hamd s eahm wieder a Hoiwe zoiht, dass a wieder vozejht hot.
Und der hot Sachan vozejht vo de Hund mit de glüahradn Augn – und i ha ma oft nimma es Bett traut – mei Muadda hot dann owei gsogt: „Naa, naa, Deandl, des derfst net oiss glaubm!“ Ja, owa de oane Gschicht is ma unvergesslich, wei de hot a r owei wieder vozejht und is er aa dabei gwen, wia s den gfundn hamd.“
Dr. Otto Wiederer (Freyung, Lkrs. Freyung-Grafenau) erinnert sich noch genau an die Situation, in der er vom großen Innernzeller Brand gehörte hatte:
„Das ist die gruselige Geschichte vom großen Innernzeller Brand im Jahre 1911. Mein Großvater Eduard Wiederer hat sie mir erzählt. Ich weiß es noch genau, es war beim Grasmähen auf unserer Wiese bei der Asbergmühle. Mein Opa zeigte mir einen großen Stein auf dem Wege neben der Mühle. Er nannte ihn den ‘Weiazstoa‘. Da hat es sich abgespielt.“
Elisabeth Oswald (Steinach, Gde. Schöllnach) versucht zu erklären, warum solche und ähnliche Geschichten heute nicht mehr geschehen:
“Früahras hot s o so Sachan vej gebm. Owa des hört ma r iatz nimma. Do han i amoi glesn, a Papst hot des amoi ogschofft, wei so vej Leit durdraht hand. Oiso – mia hot des nix ausgmocht – ehrli – goa nix.“
Zum Gehalt der einzelnen Geschichten
In vorliegender Sammlung ist es unwesentlich, ob die Inhalte einer Geschichte spannend sind oder nicht, ob sie überflüssig erscheinen oder gar banal, so dass man meinen könnte, sie seien nicht der Rede – oder wie hier – des Aufschreibens wert. Dem widerspricht der Grundgedanke des Dokumentierens. Für den Erzähler sind die Geschichten von tiefem Wert, sie ziehen sich durch Generationen, sind in Familien- oder auch Ortsgemeinschaften verhaftet und mit großer Ernsthaftigkeit abrufbar. Dass im Zeitenlauf einzelne Themen durcheinander geraten, miteinander vermischt und zu neuen Geschichten umgewandelt werden, ist der Eigenart der mündlichen Überlieferung zuzuschreiben. Gleich, welchen Gehalts die Geschichten sind, worauf es letztendlich ankommt, ist das Unerklärliche von Ereignissen, Situationen oder Erscheinungen, die den Zuhörer oft noch mehr gefangen nehmen als den Leser.
So sagt die Erzählerin Erna Boxleitner mit Recht: „Sechane Gschichtl kam a net erfindn. Wenn s eahm net passiert is, ka ma s net wissen!“
Sprachliche Umsetzung
Die Mundartschreibung hält sich so weit wie möglich an die Sprache der Gewährspersonen. Dadurch soll die Originalität der Erzählungen erhalten bleiben. Bei intensivem Lesen und Vergleichen kann der sprachinteressierte Leser kleinere und größere Unterscheidungen erkennen, die ihm örtliche und regionale Einordnungen und Zuweisungen ermöglichen. Bei der Umsetzung in die Schriftsprache ging es dem Autor darum, möglichst nahe am Kern und Wahrheitsgehalt der Erzählung zu bleiben, andererseits aber auch darum, die Geschichten für jedermann lesbar und nacherzählbar zu machen. Außerdem wurde, wenn es möglich war, versucht, mit sprachlichen Mitteln an geeigneten Stellen ein gewisses Maß an Spannung einzubauen.
Entstehung des Buches
Die vorliegende Sammlung ist aus drei großen Teilen erwachsen. Ein Teil ergibt sich aus der Sammeltätigkeit in den 80er – und teilweise 90er Jahren. Aus dieser Zeit existieren Fotos von den Gewährsleuten nur sehr spärlich. Der zweite Teil beinhaltet die Geschichten, die in den Jahren 2011, 2012 und 2013 aufgenommen wurden, wobei die Gewährspersonen fotografisch dokumentiert wurden. Der dritte Teil beinhaltet die Bereiche „Aberglaube“ und „Ungewöhnliche Maßnahmen, wie man sich gegen Krankheiten und anderen Wehdam schützen kann“, wobei Querverbindungen zu den beiden vorhergehenden Bereichen immer wieder erkennbar sind.
| Karl-Heinz Reimeier | Sommer 2013 |
Das Hausinger Lichtl
Eine Weihrazgeschichte aus der Pfarrchronik Haus im Wald, die mir der langjährige Ortspfarrer Alfons Gaschler überlassen hat. – Aufgeschrieben hat sie Hochw. Pfarrer Franz Leeb, der 1. Pfarrer von Haus im Wald. Hochw. Pfarrer Franz Leeb kam 1880 nach Haus im Wald und schrieb die Geschichte im Jahre 1901 äußerst sauber und heute noch gut lesbar in damals gebräuchlicher „Deutscher Schrift“ folgendermaßen auf:
Nach allem, was hier schon aufgezeichnet ist, darf der Vollständigkeit halber auch eine solche hier stehen, weil sie mir selbst begegnet ist.
Wie ich im Jahre 1880 nach Haus kam, hörte ich bald häufig von einem „Lichtl“ reden und erhielt auf meine Frage, was es mit dem Lichtl sei, nachstehende Auskunft:
Seit mehr als 30, vielleicht schon 50 Jahren – also etwa seit 1830 – ließ sich von Allerheiligen an alle Jahr im Thale zwischen Haus und Furth ein helles Licht sehen, das sich bald rasch bald langsam im Thale hin und her bewegte, bald niedrig bald hoch stand, bis es die Gegend des jetzigen Friedhofes und mitunter noch darüber hinaus bis an die „Vogeltenne“ herauf kam, während es abwärts bis nahe an die Kreuzstraße herober der Kumpfmühl hinabstieg.
Es erschien oft schon bald nach 5 Uhr Abends und zog oft bis tief in die Nacht herein auf und ab. Die Erscheinung dauerte meistens von Allerseelen bis Lichtmeß, dann sah man nichts mehr davon bis nächste Allerseelen. Nicht alle Leute sahen es. Von Zweien, die miteinander gingen, sah es häufig bloß Einer, der Andere nicht. Im Übrigen war die Sache allgemein bekannt, man war von Jugend auf daran gewöhnt, wessen Haus günstig gelegen war, konnte es von seinem Zimmer aus beobachten. Darum machte sich niemand mehr etwas aus der Sache und wenn man es sah, hieß es einfach: „Ja, ja, `s Lichtl“.
Natürlich war ich nach dieser Auskunft gespannt, das „Lichtl“ ebenfalls zu sehen.
Ich sah es zum ersten Male an einem Abend im November 1881 abends gegen 8 Uhr. Es stand, resp. hing hoch heroben in der Gegend des jetzigen Friedhofes. Es war wie ein etwas faustgroßer Gasball von bedeutender Helle, stand ziemlich hoch über der Erde – es war eine trockene, kalte Nacht – und bewegte sich mit ziemlicher Raschheit vorwärts, der Vogeltenne zu. Die Sache war mir seltsam und ich nahm mir vor, sie nimmer aus dem Auge zu lassen.
Gegen Weihnachten zu (1881) – den Tag weiß ich nimmer – ging ich Abends etwa um 7 Uhr eines Tages mit den beiden Lehrern Asbert und Bienmaier von Furth nach Haus. Auf der Ebene oberhalb Furth gehend sahen wir bald rechts von uns in ziemlicher Ferne ein Licht und hielten es für ein Hauslicht, das aus einem Fenster schimmerte. Durch einen Nachkommenden belehrt, dies sei kein Hauslicht sondern das „Lichtl“, blieben wir stehen, um es zu beobachten. Ich aber beschwor heimlich das Licht: wenn es kein natürliches Licht sei, solle es zu uns herkommen! Und richtig! Plötzlich fuhr das Licht eine Strecke senkrecht aufwärts, dann flog es direkt auf uns zu, aber bloß etwa halben Weg, dann streckte es sich und war in einer Grundfalte des Thales verschwunden. Die beiden Lehrer waren ganz erschrocken und wussten nicht, was sie sagen und denken sollten. Ich war natürlich ebenfalls überrascht und gedachte, nun erst recht der Sache nachzugehen.
Am Tage vor dem Fest des süßen Namen Jesu 1882 ging ich abends gegen 6 Uhr ganz allein von Furth nach Haus. Der Abend war finster und neblig. Ich spähte den ganzen Weg herauf, ob ich nichts vom „Lichtl“ sehe, – sah aber nichts. Erst ganz heroben, schon oberhalb des Friedhofes – derselbe war schon mit hölzernen Pfählen und Brettern umplankt, vide pag. 27 (lateinisch: siehe Seite 27 – in eben dieser Pfarrchronik – Anm. d. Verf.), sah ich weit weg – ich glaubte, es könnte am Lindberge bei Perlesreut sein – ein schwaches Licht, in welchem ich bald das „Lichtl“ vermuthete – Auf dem Vorplatze vor dem Friedhof stehend gedachte ich, der Sache auf den Grund zu gehen und beschwor nun mit ganzem Ernste und Nachdrucke das sichtbare Licht: wenn es kein natürliches Licht, sondern etwas Anderes ist, so solle es bis auf 5 Schritt zu mir herkommen – aber es rührte sich nichts. Ich beschwor es zum zweiten Male – mit gleich negativem Erfolge. Schon wollte ich gehen, doch noch zum dritten Male beschwor ich es mit allem Nachdrucke – und siehe da! Auf diesen Befehl hin fuhr plötzlich das Licht direkt scharf auf mich zu. Es flog sehr rasch, hoch in der über alle inzwischen liegenden Hügel und Thäler fernweg in einer Linie, ohne sich zu senken oder zu steigen. Es wurde mit der Annäherung größer, zuletzt wie eine glühende Feuerkugel. Mir lief es beim Näherkommen eiskalt über den Rücken und ich meinte, es hätten sich meine Haare empor gesträubt, aber Furcht hatte ich nicht. Ich befahl wiederholt: es solle nur herkommen zu mir. Wie es in die Nähe kam, flog es langsamer, senkte sich und ließ sich zuletzt, soweit ich im Dunkeln schätzen konnte, etliche zwanzig Schritte von mir entfernt auf der nordöstlichen Ecksäule des Friedhofes nieder und kam immer näher. – Ich wollte aber das Lichtlein anreden und fragen, was es wolle, und fragte deshalb zunächst: weil du nicht zu mir hergehst, gehe ich zu dir hin – und ging auch darauf los. Doch wie ich zu gehen anfing, wich das Lichtlein vor mir zurück ins Thal hinab, wo es sonst immer gestanden. Nachlaufen konnte ich ihm nicht und so musste ich ohne weiteres Resultat aufgeregt nach Hause gehen. Ich wohnte noch im Jagerstöckl. Natürlich erzählte ich diesem das Begegnis und erzählte es später auch dem Haus in Furth, zu dem das Licht Bezug haben sollte, dann geschah selbstverständlich Einiges für die vermeintliche „arme Seele“ – und seit dieser Zeit – ich schreibe dies ad 1901 ( lateinisch: zum Jahre 1901, Anm. d. Verf.)– ist das Lichtlein nicht mehr gesehen worden. –
Für die Richtigkeit und Wahrheit vorstehenden Berichts kann ich mit Ehr und Gewissen eintreten, aber eine Erklärung über die geschilderten Vorkommnisse vermag ich selbstverständlich nicht abzugeben. Ich kann nur sagen: das habe ich gesehen und das ist mir begegnet – mehr weiß ich nicht. Erkläre es sich jeder, wie er kann und mag.
Angeben muß ich aber der Vollständigkeit halber noch: Eine alte Orts-Überlieferung erzählt: in Furth drunten habe ein „Bauer“ auf Hs. Nr. 13 vor Zeiten einmal seine Magd geschwängert, dann umgebracht und sie auf Dungwagen unter Mist hinübergefahren und in der „Adl“ – einem kleinen Gehölz, das auf dem Flurplan noch als „Adelholz“ – zwischen Haus und Furth angegeben ist, aber nimmer besteht – vergraben. Von dieser Gegend aus hob sich auch allemal das „Lichtl“. Thatsache ist, dass dieß Haus Nr. 13 seit mehrern Generationen keinen Kindersegen mehr hatte. – Fluch usque in tertiam et quartem generationem (= lat.: Fluch bis in die dritte und vierte Generation) – und wenn Kinder kamen, starben sie, so dass das Haus schon mehrmals auf eine andere Linie überging. Erst der jetzige Besitzer Hofbauer, seit 1881 verheiratet, hat, nachdem ihm noch die ersten zwei oder drei Kinder gestorben sind, jetzt reichen und anhaltenden Kindersegen und scheint der alte Fluch gebrochen zu sein.
Pfarrer Franz Leeb, Haus im Wald, Pfarrchronik 1901

„Da Teifi holt mi!“
Im Bräuhaus in St. Oswald drin, do sitzn die Kartenspieler so am Tisch dort und toand schafkopfa und wattn. Und do geht’s oft ganz schö zua: do wird hoit aa r amoi a Fluachara ta oder gschimpft. Und es is hoit scha ganz schö finster worn draußt und koana hot ans Hoamgeh denkt. Na endli, a so um Mitternacht, hot da Simandl gsogt: „Ja, i han iatz mei ganz Gejd vospejt und an ganz an schön Wenta han i aa scha beinand. Mir glangts iatz, i moch mi iatz aafn Hoamweg. Und es hot aa nix ghoifa, dass di andern gsogt hamd: „Geh, Simandl, bleib hoit na a weng do!“ Naa, da Simandl is aafgstandn, hot sein Huat doppt und is bei da Tür aussi. Do hots n scha a wengerl draht und übern Hof is a aa nimma ganz gred drüberkemma. Na hot aa r a weng glangt, wo iatz da Hofausgang is. Und do is a hoit a so dahigwandlt über d Bräuwoad drüwa und dann hot as gsehng: „Aha, do obm is da Friedhof.“ Na is eahm scha a weng zwoaraloa worn. S Bier is eahm aa in Kopf gstiegn. Na denkt a si: „Wenn nur i scha grod vo dem Friedhof vorbei waar. Do geh i goa net gern vobei. Direkt d Hehnahaut rennt ma über n Buckl oi und d Hoar stehnd ma geberg. I woaß net aa, dass i iatz do goa a so a Fürchterling bin. Oba i kann ma hoit do überhaupt net hejfa!“
Und wia r a si des denkt, do kimmt hinta da Friedhofmauer ebs Schwoaz viara, a groußa, schwoaza Kopf mit Trümmer Hörndl. „O mein Gott!“ An Simandl is da Schwitz ausbrocha. Renna hot a r aa nimma kinnt. Dogstandn is a, wia wenn s n grod agnoglt ghot hättnt. Nimma viari und nimma hintre. Ja, des schwoaze Trumm, des kimmt ja peiflgred aaf eahm zua. En Simandl foind seine ganzn Sündn ei, vor allem, dass a im Koatnspejn bschissn hot ois Ollerersts – ja liawige Zeit, sechane Trümmer Hörndl und so a Trumm Schäl – des muass o da Teifi sa! Und iatz hot a si wieder dafangt und fangt s Renna a und des schwoaze Ungeheuer mit voller Wucht hinter eahm nochi. Und in a poar Schritt hots n scha eighoit aa, tuat eahm unter d Füaß ei und – hopsa! – hots n scha obm ghot am Kreiz und is mit n Simandl im Galopp oi in d Hauring. Und da Simandl hot owei gschrian: „Hejfts ma! Hejfts ma! Hejfts ma, da Teifi hoit mi! Da Teifi hoit mi!“ Und dann springt des Trumm schwoaze Ding üwer an Grobm drüwa und tuat na an Hupfara und en Simandl hot s owaghaut und in den Dreg ei.
Na, die andern hamd hoit des Grumplat ghört und des Gschroa und wia s aussigehngand mit da Latern und fangand s Suacha a, finden s hoit en Simandl mit sein Trumm Brand im Grobm drinn. „Ja Simandl, wos is en mit dir lous?“ Zerscht hot a überhaupt koa Woat aussabrot, dann hot a grod stottern kinna: „Da – da – da Teifi – da – da Teifi hot mi mitgnumma. Und iatz hot a mi o gworfa. Da Teifi hätt mi ghoit. Guat, dass a mi volorn hot!“
Und wia s a so umanandaleuchtnd, aaf amoi sehngds drunt am Zau en Bräu sein schwoazn Stier, der wo grod schee tuat: oho oho.
„Do!“, hams gsogt, „Simandl, schau oi, do drunt steht a, da Teifi.“ Und hamd den oama Simandl recht ausglocht.
Und es is hoit a so: Wer en Schodn hot, der braucht si um s Gspött net sorgn.
Anni Wandtner, mitgeteilt 1983

„Der Teufel holt mich!“
Im Bräuhaus drinnen, in St. Oswald, saßen die Karten spieler am Tisch und spielten Schafkopfen und Watten. Dabei ging es, vor allem zu vorgerückter Stunde, oft ganz schön zur Sache. Geflucht wurde da und geschimpft, dass man meinen könnte, sie müssten sich bald in den Haaren liegen. Dies schien aber nur nach außen hin so, im Grund waren sie alle ein Herz und eine Seele. Draußen ist es mittlerweile schon ziemlich finster geworden, keiner dachte noch ans Heimgehen.
Endlich, knapp vor Mitternacht, ließ sich der Simandl hören: „Ich habe jetzt mein ganzes Geld verspielt und einen schönen Rausch habe ich auch schon. Mir reicht`s jetzt, ich gehe heim!“ Obwohl die anderen ihn vehement zum Bleiben überreden wollten, ließ er sich von seinem Entschluss nicht mehr abbringen. Er stand auf, setzte seinen Hut auf und trat aus dem Haus.
Ein bisschen hat er schon gewankt und über den Hof drüber fand er auch nicht gerade den kürzesten Weg. Mit den Händen hat er sich den Hofausgang ertastet und so ist er dann über die Bräuweide gewackelt. Als er den Friedhof sah, ist ihm ein bisschen unheimlich geworden. „Da wenn ich schon vorbei wäre!“, dachte er und die Hühnerhaut lief ihm den Buckel hinunter und die Haare standen ihm zu Berge. Er wusste, dass er in solchen Situationen immer ein wenig angstanfällig war.
Während er so dahinschlurfte und seinen düsteren Gedanken nachhing, schob sich hinter der Friedhofsmauer etwas Schwarzes nach vorne: Ein riesiger, finsterer, grobschlächtiger Kopf war so nach und nach zu erkennen. „Oh mein Gott!“ Dem Simandl ist der Schweiß ausgebrochen. Er stand da wie erstarrt, keinen Schritt konnte er mehr laufen – fast so, als wäre er angenagelt gewesen.
Das schwarze Monster bewegte sich auf ihn zu – der Simandl begann sich seiner Sünden zu fürchten und versprach bei allen Heiligen, die ihm gerade einfielen, nie mehr beim Kartenspielen zu schwindeln. Der schwarze Kopf rückte immer näher heran: Solch gewaltige Hörner! So ein riesiger Schädel! „Der Teufel! Das muss der Teufel sein!“, fuhr es ihm durch den Kopf.
Nur langsam löste er sich aus seiner Erstarrung und er fing an zu laufen – das schwarze Ungeheuer hinter ihm her. So schnell er auch rannte, den gefährlichen Verfolger konnte er nicht abschütteln. Er fühlte schon den heißen Atem in seinem Nacken.
Und plötzlich wurde es dem Simandl ganz anders: Der Teufel fuhr mit dem Kopf durch seine Beine hindurch und hob ihn wie eine Feder vom Erdboden hoch in die Luft. Simandl landete auf dem Kreuz des Ungeheuers, das einen Sprung tat und dann wie verrückt die Bräuweide hinunterstürzte. Endlich gelang es dem Simandl, zu schreien: „Helft mir! Helft mir! Der Teufel holt mich! Der Teufel holt mich!“ Da setzte das kohlrabenschwarze Ungeheuer zu einem Sprung über den Wassergraben an, landete abrupt auf der anderen Seite, machte noch einen kleinen Hüpfer – und der Simandl? Ja, der Simandl! Er konnte sich bei diesem rasanten Lauf auf dem Rücken des Teufels nicht mehr festhalten, verlor das Gleichgewicht, stürzte herab und landete ziemlich unsanft auf dem harten Boden.
Mittlerweile sind die Kartenspieler in der Wirtsstube hellhörig geworden. Das Gerumple des Teufels und das Geschrei des Simandl sind bis an ihre Ohren gedrungen. Mit einer Laterne ausgerüstet begannen sie, den ungewöhnlichen Geräuschen auf den Grund zu gehen. Sie hörten ein leises Wimmern, das ihnen die Suche erleichterte und es dauerte nicht mehr lange, bis sie vor dem zusammengekauerten Simandl standen. Der lag halb im, halb neben dem Wassergraben und blickte ängstlich nach oben. „Ja Simandl! Was ist denn mit dir los?“, fragten sie erstaunt und leuchteten mit der Laterne in sein schweißtriefendes und blasses Gesicht. Der brachte lange kein Wort über seine Lippen. Endlich stotterte er: „Der, der, der Teufel – der Teufel hat mich mitgenommen. Er wollte mich holen. Auf den Hörnern hat er mich schon gehabt! Aber dann hat er mich verloren – genau hier hat er mich verloren. Gott sei Dank! Da habe ich vielleicht Glück gehabt!“
Die Kameraden suchten mit der Laterne die Umgebung ab, um vielleicht noch Spuren dieser unheimlichen Begegnung zu entdecken. Da sahen sie, wie drunten am Zaun dem Bräu sein schwarzer Stier friedlich graste. Er wandte seinen großen Kopf mit den riesigen Hörnern dem Laternenlicht zu und brummte zufrieden vor sich hin.
Alle Umstehenden fingen herzhaft zu lachen an und sie klärten den immer noch verdutzten Simandl auf: „Da! Schau hinunter! Dort drunten steht er, dein Teufel!“
So ist es halt immer wieder auf dieser Welt: Wer den Schaden hat, braucht sich um das Gespött nicht zu sorgen.
Das Grenzsteinverrücken
Es war einmal ein Bauer. Immer wenn seine Kühe das Gras auf seiner Wiese abgefressen hatten, sah er rüber auf das Nachbargrundstück, das ihm nicht gehörte. Dort aber stand noch viel frisches Gras. Um 12 Uhr in der Nacht schlich der Bauer unbemerkt zum Grenzstein, um ihn zu versetzen. Er wollte mehr Wiesenfläche haben, um seinen Kühen genügend frisches Gras bieten zu können. Ein paar Nächte hintereinander, jeweils um Mitternacht, wiederholte der Bauer sein Werk: Er versetzte den Grenzstein jede Nacht ein Stückchen weiter in das Nachbargrundstück hinein.
Nach ein paar Jahren verstarb der Bauer. Nach seiner Grablegung verließ sein Geist täglich um Mitternacht den Friedhof, begab sich auf den versetzten Grenzstein und jammerte und winselte dort gottserbärmlich. Dies ging viele Nächte lang so, bis eine Frau aus der Nachbarschaft zufällig das elendige Wehklagen hörte. Sie weckte ihren Mann: „Horch!“ Der Mann hörte das Jammern und meinte: „Das ist eine arme Seele. Die muss umgehen. Die müssen wir erlösen!“ Sie kleideten sich an und gingen vorsichtig dem Wehklagen nach, bis sie an dem besagten Grenzstein ankamen. „Aha!“, meinte der Mann. „Der hat bestimmt zu Lebzeiten den Grenzstein verrückt!“ Sie halfen beide zusammen, setzten den Stein auf seine alte Stelle zurück.
Im selben Augenblick verstummte das Jammern und war auch nie mehr wieder zu hören. Der Bauer war erlöst.
Tanja Edenhofner, mitgeteilt 1981
Der Bauer und die „Wilde Jagd“
Die „Wilde Jagd“ ist ein Phänomen, das in den Erzählungen immer wieder als etwas furchtbar Grausames, Lautes, Übersinnliches beschworen wird. Es wird nie so richtig geklärt, was genau damit gemeint ist. Aber dass Verstorbene, Hunde und alle möglichen Geister dabei durch die Luft fliegen, dass es dabei stürmt und die ganze Geschichte in der Luft stattfindet und den Menschen Angst einjagt, ist unbestritten.
In unserem Dorf gingen die Männer immer schon gerne ins Wirtshaus und von dort oft spät in der Nacht erst wieder heim.
Ein Bauer brachte seine Ochsen nach Grafenau zum Viehmarkt, um sie dort zu verkaufen. Auf dem Heimweg kehrte er im Dorfwirtshaus ein, um den Handel zu feiern. Das Zechgelage erstreckte sich bis Mitternacht. Beim 12-Uhr-Schlag macht er sich auf den Heimweg.
Er ging noch nicht lange, da hörte er hinter sich ein Rauschen, das immer lauter wurde und immer näher kam. Er wusste sofort: Das war die „Wilde Jagd!“ – Das gab es damals noch, auch wenn es heute unglaubwürdig klingt! – Dabei flogen mit großem Lärm Hunde, Katzen und sonstiges Getier durch die Luft. Auch Jäger sollen dabei gewesen sein. Der Bauer wusste sich nicht mehr zu helfen – er war eingefangen in grässlichem Jaulen und Heulen. Alles, was höher als drei Fuß war, wurde von der „Wilden Jagd“ mitgenommen, ganz gleich, ob es Tiere waren oder Menschen. Und so fasste die „Wilde Jagd“ den zutiefst erschrockenen Bauern, hob ihn in die Lüfte und zerrte ihn durch Stauden und Dornen – das Grauen schien kein Ende zu nehmen. Erst beim Taganläuten verlor die „Wilde Jagd“ ihre Kraft und sie ließ den Bauern direkt auf den Misthaufen vor seinem Hof niederfallen.
Über und über zerkratzt, blutend und die Kleider zerfetzt, konnte der Arme ein paar Tage nicht reden.
Antonie Reimeier, mitgeteilt 1987
Die Schatzsuche
In der Nähe eines Dorfes stand eine alte Burgruine. Dorthin kamen die Bauern aus der Umgebung immer wieder, um nach einem geheimnisvollen Schatz zu suchen. Eines Tages war es wirklich so weit: Die Bauern stießen beim Graben auf festen Widerstand und nach kurzer Zeit hatten sie die Schatztruhe aus dem Erdloch herausgehoben. Kaum war die Truhe zur Gänze sichtbar, stand – in Schwefelgestank gehüllt – der Teufel vor ihnen. „Ihr könnt den Schatz behalten. Ihr müsst mir nur versprechen, dass ich euere Seelen dafür bekomme!“
Da kam, als ob er es geahnt hätte, der Pfarrer an diesen unseligen Ort. Hinter seinem Rücken hielt er das Allerheiligste versteckt. Als der Teufel sich ihm zuwandte, holte der Pfarrer das „Allerheiligste“ hervor und hielt es dem Teufel direkt vor das Gesicht. Mit einem grässlichen Schrei verschwand er in einer dichten Rauchwolke. Seit dieser Zeit gibt es in dieser Kirche kein „Allerheiligstes“ mehr.
Roman Denk, mitgeteilt 1983
Die hölzerne Hand
Der Weg von Greising nach Oberbreitenau führte durch finstersten Wald. Die Baumwipfel standen so eng beisammen, dass ein Blick auf den Himmel kaum möglich war.
Auf eben diesen Weg durch den Greisinger Hochwald geriet ein Handwerksbursche, der sich auf der “Walz“ befand. Er ging und ging. Allmählich wurde er unruhig – nur Finsternis rundherum – er hatte die Orientierung verloren und merkte bald, dass er ständig im Kreise lief. Seine Angst wuchs an und als er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, flehte er lautstark die vierzehn Nothelfer um Hilfe an. Plötzlich – wie aus dem Nichts – schwebte eine Hand vor seinem Gesicht. Die Hand streckte den Zeigefinger aus und bedeutete ihm, die angezeigte Richtung einzuschlagen. Er folgte der Hand und fand schließlich an der richtigen Stelle wieder aus dem Wald heraus.
Wer sich dort auskennt, findet ein Marterl, in dem eine Hand aus Holz dargestellt ist.
Maria Loibl, mitgeteilt 1983
Die sieben Teufel
Ein Mann, der zaubern konnte, hatte sieben Söhne. Als er in der Osterzeit in die Kirche ging, um die „Passion“ mitzufeiern, kramten die Buben in seinem Bücherschrank herum. Zwischen den Büchern versteckt fiel ihnen eines auf, dessen Rücken sehr alt aussah und dessen Blätter sehr stark abgegriffen waren. Sie nahmen es neugierig heraus und begannen darin zu blättern und zu lesen. Als sie auf der vorletzten Seite angekommen waren, schraken sie plötzlich auf: es zischte – und alle sieben waren in Teufel verzaubert.
Ohne Erlaubnis soll man in keinem Zauberbuch lesen!
Kralik Leopold, mitgeteilt 1981
Das „Fluchmaul“
Mein Opa hat mir vor ein paar Wochen diese Geschichte erzählt:
Es war einmal ein Bauer, der hatte ein lockeres Maul und er fluchte zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. An einem heißen Sommernachmittag war er mit seinem Gespann draußen auf der Wiese, um Heu aufzuladen. Plötzlich kam Wind auf und er fegte ihm das Heu von der Gabel. Der Bauer war sehr verärgert und fing auch gleich an zu fluchen. Dann arbeitete er wieder weiter und mit viel Mühe schaffte er es, den Wagen zu beladen. Mittlerweile ist es auch schon dunkel geworden.
Er machte sich auf den Heimweg. Plötzlich erschrak er: Vor ihm stand ein riesiges Ungeheuer mit glühenden Augen. Er bekam es mit der Angst zu tun und peitschte auf die Pferde ein, damit sie ihn schnell nach Hause brächten.
Er kam wohlbehalten zu Hause an. In Dankbarkeit, dem Ungeheuer entronnen zu sein versprach er, sich zu bessern und nicht mehr zu fluchen.
Sabine Dirndorfer, mitgeteilt 1987
Auf dem Lusen
Früharas aaf m Lusn hamd s oiwei a Brout vokafft an de Leit und an de Wanderer; wenn s oiwei recht stoak ghungert hot, hamd s eah r a Brout kafft. Und wia s amoi net zoiht hamd und hand üwan Lusn üwaganga – hot s da Fluch troffa und hand zu Stoa woan.
Christian Degenhart, mitgeteilt 1986
Auf dem Lusen
Der Lusen (1373 m), ein markanter Berg im Landkreis Freyung-Grafenau, gab wegen seiner auffallenden Gesteinskuppe seit jeher Anlass für die verschiedensten Geschichten, mit denen man versuchte, dieser nicht alltäglichen Erscheinung auf den Grund zu gehen. Sehr häufig hat dabei der Teufel seine Hände im Spiel. In der folgenden Geschichte war der Auslöser für die Entstehung des Lusengipfels ein Fluch des Himmels, mit dem begangenes Unrecht bestraft wurde.
In früheren Zeiten hat man auf dem Lusen an die Leute und an die Wanderer Brot verkauft. Immer dann, wenn sie Hunger verspürten, haben sie sich Brot gekauft. Und weil sie einmal – warum auch immer – das Brot nicht bezahlt hatten, hat sie der Fluch getroffen, und sie wurden, während sie über den Lusengipfel stiegen, zu Steinen verwandelt.
So ist der Lusen entstanden.
Weirazn
Unerklärliche Erlebnisse, die beunruhigend in den Lebensalltag eingewirkt haben, bleiben bis ins hohe Alter in Erinnerung. Um die Besonderheit, das Außergewöhnliche solcher Ereignisse herauszuheben und ihnen den gebührenden Stellenwert zu geben, haben des „Reimeschmiedens“ kundige Menschen diese Geschehnisse in Verse gefasst, sehr häufig in ihrer regional typischen Mundart.
De oid Wale is heit gschtoam.
Aafbahrt ham si s na dahoam.
E da Stum doans bedd`n, re`n,
dass d Wale a guats Leit is gwen.
Mitgmocht hod s ihr aa grad gnua,
jatz griagts ihr n Fried und ihra Ruah.
Mittndrei, e de staad Trauer
klopfts – hu, mia lafft da eiskoit Schauer.
Wei der Depp, da Hiasl, moa`t,
des is d Wale aus da Ewigkoat.
Blitzschnej hupf i weg vom Fensta
dass me net bagga kinnand Gspensta.
Vakriach me in an Weiwakittl, irgend oan,
ha ma gfiacht, mi hot s grod gfroan.
Bevor se oana nochschau traut
rumpelts namoi, deutli, laut.
Jessas na, des kimmt vo obm,
wer is iatz na am Driggabon?
Zwoa gstandne Manna schleichan affe
und suchand uma e den Graffe.
Kastln, Druhan ruggans wegga –
wo kannt si denn der Geist verstecka?
Umasundst doan sa se schindn –
zwischn de Rofan, nix zum Findn.
Kasweiß woan is da Hans en Gsicht,
unheimle wird eahm scha de Gschicht.
„Do, do hod se ebs grührt unter da Brugg!
Schau du no, Hias! I hoit me zrugg!”
Naa, net zum Glaubm, du meiner Sej:
d Katz liegt drin, ogmaht hams iah s hinter Gstejh.
Und e den Kampf um ihra Lebm
hod s de schiachn Zeichn gebm.
De sej Nocht vergiß i nia,
des Klopfa, meine woachn Knia.
Oh – wenns net glei nochgschaut he(d)n,
wa`s bis heit a Weirazn gwen.
Maihorn Christine, mitgeteilt 21.1.87, in Verse gefasst von Frieda Maihorn, 54 Jahre

D’ Raunacht
Raunacht gibt s, wia r i woaß, a poa,
sie san voteilt so über s Joah.
Aba grod e d`Wintamonate foins meist ei,
denn a Raunacht muaß lang finsta sei.
Ob Thomas, d`Waldgugu oder d Heilingdreikininacht,
ma kanns erlebm, wenn ma lang gnua wacht,
dass wos passiert, ganz seltne Gschichtn,
do wo se bei manche d Hoar aafrichtn.
Man hot scha gheat, dass de Viecha redn
und de Schatzsuche sei do am bestn gwen,
und so ganz kurz nach Mitternocht
heat ma dann die wilde Jocht.
Jammer, Gschrei und a Hufgeklapper
und grod aa wia so Teifistapper,
so braust s daher, duat oiss mitreißn –
do muaß ma se schnell auf n Bodn hischmeißn.
Früha hots oft aa oan dawischt,
wenn de wejd Jocht über oan so drübazischt.
Und wenn der net war schnell gnua untn
hams na am andan Tog toute gfundn.
Des Kartnspuin in so oana Nocht
hot manche scha zum Woana brocht.
Denn an Rossfuaß kriagt oana, des is gwiss,
dann sehgt ma s, wer da Teifi is.
Martina Fürst, mitgeteilt 1987 in Verse gefasst von Theres Fürst
’s Troid ruslt aus
Ja wia s hoit dahoam passiert is, des kann a da namoi vozejhn. Ja do hamma boranand glegn mit den Ejtan in oam Schlafzimmer und i han s bo da Nocht scha oiwei ghört, wia s Troid ruslt. Und do hot ma gmoit, aaf a Glosscheibm. Und des hot – pick! – owei so ta: pick! Und do han a ma denkt: „Dass de net aafkemmand!“ Und i ha ma scha z Toud gfürcht, owa sogn han a ma nix traut. Na, endli hot d Muadda gsogt: „Michael, steh aaf! Uns hamd d Mäus a Lo bissn. Foit uns s ganz Troid owa!“ Na, nochad is a aafgstandn und is hintre und hot hinta den Kostn hintre gschaut. Sogt a: „Net oa Körndl!“ Na, nochad is a wieda ei. Komisch iss scha gwen. Na, do han a ma denkt: „Des geistert iatz!“ Und wia r a dann schee im Bett drinn gwen is, hot s s Rusln scha wieder a’gfangt. Hot scha wieder weiter ta. „Na ja“, hot er gsogt, „kinn ma nix toa. Des müass ma heit Nocht rusln lossn!“ Weil a nix gfundn hot ghot. „Koa oanzigs Körndl“, hot a gsogt, „is hint gwen beim Kostn, wo a higschaut hot.“ Ja und nochad in da Früah um Fünfe, iatz hots hoit richte bousst an da Haustür und grumpet. Iatz hamma glei oi, wos iatz do lous is. Dawei is a Ma draußt gstandn. Sogt a: “Es müassts fei glei aaf Schejna aussi”, sogt a. „Do stirbt heit d Schejninga Mejnarin“. Und do is d Muadda drent gwen und de hot eahm aafwoatn müassn, wei sunst koa Vowandte nimma gwen hand. Und des is de Gschicht. Und de is woah. Des ha i sejba dalebt. I glaub, dass i scha nouhat aus da Schui gwen bin. Mei Schwester is bei mir glegn, owa i han zum Fuadan aafsteh müassn.
Sagerer Rosa, mitgeteilt 25.01.12
Das Getreide läuft aus
Eine von vielen Erzählungen, bei denen es sich um das sog. „Anmelden“ handelt, d.h. der Tod eines Menschen wird durch ein besonders auffallendes Ereignis angekündigt.
Ja, ich kann es so erzählen, wie es zu Hause passiert ist. Wir beide, meine Schwester und ich, lagen zusammen in einem Bett im Schlafzimmer unserer Eltern. Da habe ich ständig, immer wieder, jedesmal, wenn es finster wurde, gehört, wie die Getreidekörner draußen in der Getreidekammer zu „ruseln“ anfingen und nicht mehr aufhörten. Es hörte sich so an, als ruselten sie auf eine Glasplatte. Das hat bei jedem Körnchen – pick – gemacht, immer wieder: pick! Ich wurde allmählich unruhig und dachte bei mir: „Seltsam, dass meine Eltern nichts hören und nicht aufwachen!“ Ich gebe zu, ich habe mich zu Tode gefürchtet. Zu sagen aber traute ich mich nichts, ich befürchtete, als Angsthase hingestellt zu werden.
Irgendwann aber einmal drehte sich meine Mutter im Bett um, weckte den Vater und sagte: „Du, Michael, steh auf! Ich glaube, die Mäuse haben Löcher in die Säcke gebissen. Das ganze Getreide läuft heraus!“
Na ja, mein Vater ist sofort aufgestanden. Er ging nach hinten in die Getreidekammer, sah hinter den Kasten, tastete die Säcke ab – nichts. Er meinte nur: „Aber nicht ein einziges Korn!“ Er kam zurück ins Schlafzimmer und legte sich wieder ins Bett.
Seltsam war das schon! Ich dachte nur noch: „Bei uns geistert es!“
Kaum lag Vater in seinem Bett, begann das Korn schon wieder zu ruseln. Es hat genau so weiter gemacht, wie vorher auch. Mein Vater hörte es jetzt auch. Er sagte aber nur: „Da können wir jetzt nichts machen! Das müssen wir heute Nacht schon ruseln lassen!“ Er schüttelte den Kopf und flüsterte: „Kein einziges Körnchen ist hinten gelegen beim Kasten. Kein einziges Körnchen!“
Nach unruhigem Schlaf verging die Nacht nur langsam. Plötzlich – es musste so gegen fünf Uhr in der Früh gewesen sein, war von der Haustüre her ein gewaltiger Lärm zu hören. Wir erschraken alle und beinahe gleichzeitig sprangen wir aus unseren Betten und liefen die Treppe hinunter, um nachzusehen, was denn da los sei. Wir rissen die Türe auf – vor uns stand ein Mann, der mit ernster Stimme sagte: „Schnell, zieht euch an! Ihr müsst, so schnell es geht, nach Schöllnach rüber gehen. Dort stirbt heute die Schöllnacher Müllerin!“
Bei der Müllerin war sonst immer unsere Mutter drüben. Die musste ihr aufwarten, weil sie keine Verwandten mehr hatte.
„Ja, das ist die Geschichte, die ich zu erzählen habe und diese Geschichte ist wahr. Ich habe das selber erlebt. Ich glaube, wenn ich so zurückdenke, dass ich da – vom Alter her – mit der Schule schon fertig war. Meine Schwester ist immer bei mir gelegen. Ich musste schon zum Füttern aufstehen.“
„Der kimmt! Den han i gsehng!“
Des is wia bo meim Bruada, wia der vo Russland kemma is. Da Kriag is scha lang goa gwen und mir ham na fuchzehn Monat lang nix gwisst dava. Und d Muadda hot oiwei gsogt: „Den han i gsehng bei da Nocht. Der is vor meim Bett dot gstandn. Der kimmt!“ Und mir ham ma oi Tog aaf d Nocht betn müassn, so vej scha, olle Gebete ham ma kinnt. So vej scha, anderst hätt ma goa net ins Bett geh derfa. Und do ham ma oiwei bet für n Schos aa.
Und eines Tages ham ma gmaht, ham ma zum Heugn gmaht und während n Broudln – do hots oiwei a koite Mill gebm und a koite Suppn, des is mitgnumma wordn – hamma im Gros hidan gsitzt, schreit oana: „Muadda!“ Und d Muadda rumpet aaf d Höh und schreit: „Da Schos!“ Iatz is owa da Kria scha lang goa gwen, 15 Manat dano. Kimmt a daher, koi Hoa, koi Zähnd, koan Schuah, gar nix, grod na Haut und Boana. Dass der hoamgfundn hot! Dahoam hot a d Malaria kriagt. Mit Malaria hamds n o do drinn entlassn, bis Berlin hamds n mit an Lastwog brot und vo Berlin do her, zu uns her is a z’Fuaß ganga. Vo Deggndorf is a r owa ganga. Und z Hengersberg hamd n Vowandte gsehng, de hamd n dann üwer d Nocht gnumma, de hamd eahm na an anders Hemad aglegt, des hamds vobrennt, wos a r aghot hot. Weil a so voi Läus gwen is. Na iatz sogt d Muadda: „Des is da Schos!“ Ham ma oizamt d Löffen weggworfa, de hand e d Stauan eigflogn. Koans hot gwisst, wo da Löffe is, hamma r aa goa nimma gfundn. Und wirkle is a s gwen. Owa vo da Stimm hots n glei kennt. Meine Güte, is des ebs gwen.
Und im Dorf is na oana gwen und do hand dahoamt a drei a vier Kinder gwen, und se hättnt hoit aa so hoat gwoat um an Vaddan, wei der aa in Rußland gwen is. Und der is net kemma. De hand vorm Haus draußt gwen und hamd bleat und gwoant. Des is a Katastrophe gwen.
Owa er (da Schos) hot eh s Lebm kaam durbrot. Und z Schejna hams im Wirtshaus gsogt: „Wos wejts en mit dem? Der stirbt o eh scha!“ Und er is nia in des Wirtshaus mehr eiganga. Und er is wieder worn. Do is a Dokta draußt gwen z Schejna und der hot gsogt: „Du derfst überhaupt nix oabatn“. Er hot eahm de richtige Medizin gebm.
Zwoamoi is a r ausbrocha aus da Gefangenschaft, hamds eahm s Gwehr scha agsetzt. Danebm is oana gstandn, an ejtana, der hots a so gmocht (mit dem Kopf verneint), er soll na net daschoissn. Und er hotn net daschossn.
D Muadda hot oiwei gsogt: „Es kinnts sogn wos mögts. Des richts ma r es net ei. I woaß`!“ Und d Leut hand so gscheit gwen und hamd s scha gsehng und hamd im Fernseh ghört, dass er gschtoam is. „Es kinnts sogn, wos mögts. Es bringts mi net o. I han a gsehng, er is bo meim Bett gstandn“.
Mir ham ma ja sejba gsogt, des gibts goa nimma. Wei scha oiss dahoam gwen is normal.
Sagerer Rosa, mitgeteilt 25.01.12
„Der kommt! Ich habe ihn gesehen!“
Und dann habe ich noch eine Geschichte von meinem Bruder über seine und unsere Erlebnisse, als er aus dem Russlandfeldzug wieder nach Hause kam.
Der Krieg war schon lang, über ein Jahr lang, zu Ende. Wir haben von ihm nichts gewusst, über fünfzehn Monate lang nichts von ihm gehört. Mutter aber sagte immer, wenn die Sprache auf ihn kam: „Ich habe ihn gesehen! In der Nacht habe ich ihn gesehen. Er ist direkt vor meinem Bett gestanden!“
Wir alle haben damals vor dem Bettgehen beten müssen, das war Pflicht. Aber nicht nur ein einziges Gebet, nein, sehr, sehr viele Gebete mussten wir aufsagen – und alle haben wir auswendig sagen können. Wenn wir die nicht gebetet hätten, hätten wir nicht ins Bett gehen dürfen. Ja, und dabei haben wir – unter anderem – auch immer für den Bruder, den Georg, gebetet.
Eines Tages waren wir alle zusammen draußen auf der Wiese zum Mähen. Wir haben Gras zum Heuen gemäht. Während wir zur Rast im Gras beisammen saßen und Brotzeit machten – dazu hat man von zu Hause kalte Milch und eine kalte Suppe mitgebracht – hörte man aus der Ferne eine Männerstimme rufen: „Mutter!“ Die Mutter sprang mit einem Satz vom Boden auf und schrie: „Georg!“
Fünfzehn Monate war nun der Krieg schon vorbei, man kann es beinahe nicht glauben – kommt da der Georg heim. Kaum zu erkennen war er für uns, keine Haare, keine Zähne, keine Schuhe – überhaupt nichts, nur noch Haut und Knochen! Ein Wunder, dass der überhaupt noch heim gefunden hat!
(Georg ist zu Hause krank geworden, man hat ihn nämlich drinnen schon mit Malaria aus der Gefangenschaft entlassen. Bis Berlin wurde er mit Lastwagen transportiert und von Berlin bis zu uns hierher ist er zu Fuß gegangen. Auf der letzten Strecke von Deggendorf nach Hause haben ihn in Hengersberg Verwandte aufgegriffen. Die haben sich um ihn gekümmert, haben ihn über Nacht aufgenommen und ihn mit frischer Kleidung ausgestattet. Das alte Gewand wurde verbrannt, weil es von Läusen nur so gewimmelt hat darin.)
Die Mutter ruft noch einmal: „Das ist der Georg!“ Wir alle haben unser Löffel weggeworfen, dass sie nur so in die Stauden geflogen sind. Keiner wusste nachher mehr, wo sein Löffel war, keiner hat ihn mehr gefunden. Und wir liefen dem Georg entgegen – und wirklich: er war es. Mutter hat ihn sofort erkannt, nur an seiner Stimme! Meine Güte, das war was!
Und so hat sich bewahrheitet, was Mutter immer und immer wieder behauptet hatte: „Ihr könnt sagen, was ihr wollt. Ihr bringt mich nicht von meiner Meinung ab. Ich weiß, dass er kommt!“ Und das sagte sie auch dann noch, als die Leute alle plötzlich so gescheit waren, weil sie im Fernsehen und überall schon gesehen und gehört hatten, dass der Georg in Gefangenschaft gestorben sei. Und, wenn ich ehrlich bin, wir haben selber schon nicht mehr daran geglaubt, dass der Georg noch kommt. Die anderen waren ja alle schon daheim! „Ihr bringt mich von meiner Meinung nicht ab, er ist vor meinem Bett gestanden!“, so war immer die gleichbleibende Rede der Mutter.
(Im gleichen Dorf galt noch ein anderer Mann als vermisst. In dessen Familie waren drei oder vier Kinder daheim. Und die haben alle voll Bangen auf ihren Vater gewartet. Der war nämlich auch in Russland. Der Georg ist nach Hause gekommen, deren Vater aber nicht. Alle standen draußen vor dem Haus und alle weinten. Das war eine Katastrophe!)
Nachtrag:
Georg fand schwer in den Alltag daheim zurück. Im Wirtshaus in Schöllnach ging die Rede: „Was willst denn mit dem? Der stirbt ja eh schon bald!“ Georg selbst ist in dieses Wirtshaus nie mehr hinein gegangen. Gesund ist er aber wieder geworden. Ein Arzt aus Schöllnach hat ihm die richtige Medizin verschrieben. Jetzt ist er 87 Jahre alt. Erschütternd sein Erlebnis in der russischen Gefangenschaft: zweimal versuchte Georg, auszubrechen. Immer wieder wurde er eingefangen und zurück gebracht. Bei einem dieser Ausbruchversuche hat ihm ein russischer Aufseher das Gewehr an den Kopf gesetzt, um ihn zu erschießen. Zum Glück war ein zweiter, dienstälterer Aufseher dabei, der verneinend mit dem Kopf schüttelte und somit seinem Kollegen bedeutete, nicht zu schießen.
Do is da Teife mitganga
Do is da Nochba obm, des Haus no uns do, iatz hand ja scha de Junga draaf, do hand zwoa Brüada do gwen. Da Nocharin sei Vadda, der is do gwen und sei Bruada und se hamd vo Grattersdorf ogstammt. Und der – des ganze Dorf is Zeuge gwen – de hand olle affiganga, weil da Maxl is zu seim Bruadan umaganga, zum Sepp. Und der is do umaganga und wia r a umakemma is, schreit a: „Aus iss! Aus iss! – Mit mir is da Teifi umaganga!“ Na hot s koa Mensch net glaubt. De ganzn Dorfleut hand affi, weil s sehng hamd mögn, ob des woah is. Und er hot nur owei gsogt: „Da Teifi is mitganga!“ Ja, wia kannt a des sogn? Ja, weil do, wo a ganga is, is des ganze Gros vobrennt – in ana Hufeisnform. Und i taat des net glaubm, wenn net die ganzn Dorfleut affiganga waarn. Und des hot aa mei Muadda gsogt. De Tritt hamds gsehng. Wia r a aaf Thann umaganga is. „Er hätt boid die hinter Haustür eigrennt, a so hot a si gfürcht“, hamds gsogt. A so is a dragrumpelt vor lauta Angst. Do hot a gsogt, „Sepp“, hot a gsogt, „mit mir is da Teifi umaganga!“ Des is hundertprozenti woah.
Sigl Berta, mitgeteilt 25.01.2012
Da ist der Teufel mitgegangen
Beim Nachbarn droben, dem Haus hinter dem unseren, lebten einmal zwei Brüder (jetzt wohnen die Jungen schon dort). Das ganze Dorf war Zeuge von der Geschichte, die der Maxl, einer der beiden Brüder, erlebte. Auch der Vater des Nachbarn war dabei und sein Bruder. Beide stammten von Grattersdorf ab.
Der Maxl war unterwegs zu seinem Bruder, dem Sepp. Er ging zu Fuß von dem Dorf da drüben zu uns herüber nach Thamm. Total erschöpft kam er hier an und er konnte nur noch schreien: „Aus ist’s! Aus ist’s! Mit mir ist der Teufel gegangen!“
Das hat natürlich kein Mensch geglaubt. Alle Dorfleute sind deshalb hinauf gegangen, weil sie sehen wollten, ob das auch wahr sei. Der Maxl aber konnte sich nicht beruhigen. Immer wieder jammerte er: „Der Teufel ist mitgegangen! Der Teufel ist mitgegangen!“
Ja, und wie kommt der dazu, dass er das überhaupt sagen kann? Jetzt kommt`s – überall da, wo der Maxl gegangen ist, war das Gras verbrannt. Aber die Trittstellen waren nicht einfach nur verbrannt – nein, die Schritte waren auch noch geordnet und sahen aus wie ein riesig großes Hufeisen. Das war schon sehr seltsam und auch ich selbst würde das nicht glauben, wenn nicht alle Dorfleute dorthin gegangen wären und es mit eigenen Augen gesehen hätten. Auch meine Mutter hat das felsenfest bestätigt. Alle haben sie die verbrannten Schritte sehen können.
Da hat man dann schnell verstanden, dass es der Maxl mit der Angst zu tun bekam auf seinem Weg herüber nach Thamm und dass er beinahe die Haustüre eingerannt hätte, so sehr hat er sich gefürchtet. Und sein Leben lang hat er erzählt, dass der Teufel mit ihm gegangen sei.
Diese Geschichte ist hunderprozentig wahr.
’s Nochtgläut
Und do is da Vadda – dem is sei ersts Wei gschtoam, des is a große Liebe gwen, a ganz a große Liebe – und dem is beim erstn Kind s Wei gschtoam, samtn Kind. Und mei Großmuadda is a recht a böse gwen, und do hot a s net heiratn derfa, weil sie s Regiment net hergebm woit. Und do is a sechsadreißg Joahr oit gwen, wia r a s erste Moi gheirat hot. Und do is s Reserl, d Frau, im Kindsbett gschtoam mit m Kind. Und do hot a a poar Joah eh net gwisst, wo s a wej, nochad is a es Wirtshaus ganga d Samstan aaf d Nocht, Sunda Namittog scha und hot Koatn gspejt. Aa wia r a nochand mei Muadda ghot hot. Er hot ihr nix ta, oba gern ghot hot a s aa net. Weil mei Muadda und i hamma oiwei dahoam gwen. Er hot hoit gheirat, weil a r an Stammhalter braucht hot. Und do is da Vadda ollawei z Riggerding gwen. Samsta af d Nocht is a r aaf Riggerding ganga, hot Koatn gspejt und en Sunnta r aa und se hamd schofkopft. Und do is a en Sunnta Namittog e d Mejh oiganga, do is aa r amoi a kloas Wirtshäusl gwen, des is glei in da Nähe gwen, und aaf d Nocht is a wieder aaf Riggerding affiganga. Und do hot a, des hot a öfta vozejht, – er is ja zu jeder Tages- und Nachtzeit hoamganga und es hot nia wos gebm –. Und oamoi, wia r a hoamganga is, hot a gsogt, kimmt a vom Bachl owa, hamma r o de Stross na net ghot – hammands a so owageh müassn – owa r am Bo – und do, wia r a am Bachl herunt is, aaf oamoi, hot a gsogt ghot, kimmt ebs daher – aaf oamoi – vom Dorf owa. Und, sogt a, hamd s oiwei vozejht vom Nochtgläut, hands daherkemma, omat in da Luft, ois wia wenn 1000 Hund belln taatnt, hot a gsogt. Is oa Bejad gwen! “Leit“, i bin grennt affa und grennt und grennt!“ Und obm hamds scha zuagmocht ghot bom Wirtshaus. „Und i han mi heraußt higstandn und han bleat“.
Und mei Vadda is eh – auf deutsch gsogt – a ogrührta gwen. Und des, wos i vozejh, hot s wirkli gebm.
Sigl Berta, mitgeteilt 25.1.2012
Das Nachtgeläute
Mein Vater war zweimal verheiratet. Seine erste Frau, die Rosa, war seine ganz große Liebe. Sie musste leider bei der Geburt des ersten Kindes mitsamt dem Kind sterben. Die Mutter meines Vaters, meine Großmutter, war eine böse Frau. Sie hat der Hochzeit ewig lange nicht zugestimmt, weil sie Angst hatte, das Regiment auf dem Haus zu verlieren. So wurde mein Vater bereits 36 Jahre alt, als er seine geliebte Rosa endlich heiraten durfte. Und dann passiert ausgerechnet so etwas – muss da seine Frau im Kindbett sterben!
Von diesem Schlag erholte sich mein Vater lange nicht und die ersten Jahre wusste er überhaupt nicht so recht, was er eigentlich wollte. Der Sinn des Lebens schien ihm verloren und er ging ins Wirtshaus – jeden Samstag in der Nacht, jeden Sonntag schon ab dem Nachmittag. Dort fand er Gleichgesinnte und er spielte mit ihnen Karten.
Man muss dazu noch wissen: am Tag hat er immer gearbeitet, fleißig, die ganze Woche über, am Wochenende ist er dann ins Wirtshaus gegangen. Diese Regelung hat er auch dann noch beibehalten, als er mit seiner zweiten Frau, meiner Mutter, schon auf dem Haus lebte. Er hat meine Mutter geachtet, hat ihr nie etwas Schlimmes angetan, aber so richtig gern gehabt hat er sie auch nicht. Sein „Roserl“ konnte er einfach nicht vergessen.
Meine Mutter brachte mich dann auf die Welt und wir beide waren immer zu Hause. Wir hatten auch ein wenig das Gefühl, er habe sie nur aus dem Grund geheiratet, weil er sich von ganzem Herzen einen Stammhalter wünschte.
Und so hielt sich mein Vater am Wochenende regelmäßig in Riggerding auf und spielte samstags und sonntags Karten, „Schafkopf“ haben sie immer gespielt. Oft war er am Sonntagnachmittag auch in einem kleinen Wirtshaus ganz in der Nähe. Dort „kartelte“ er bis in die Abendstunden. Danach machte er sich auf den Weg zu seinem Stammwirtshaus nach Riggerding.
Das war fast jedes Wochenende so. Mein Vater ging den Weg zu den Wirtshäusern immer wieder, zu jeder Tages- und zu jeder Nachtzeit. Nie ist ihm da irgendetwas Besonders aufgefallen, nie ist etwas Außergewöhnliches passiert.
Nur einmal, hat er gesagt, und das hat er dann oft und oft erzählt, einmal ist er gerade beim Heimgehen gewesen und er kommt langsam zum Bach herunter – die Straße von heute hat es damals noch nicht gegeben, da musste man einfach so durch die Wiese runter gehen – und da! Wie er am Bach herunten ist, auf einmal kommt etwas daher, durch die Luft, ein Heulen und Winseln, ein Gebelle, als wären tausend Hunde unterwegs, kaum auszuhalten. „Leute!“, sagte er dann immer, völlig aufgeregt, „ich bin herauf gerannt, so schnell ich nur konnte!“ Er wollte sich ins Wirtshaus nach Riggerding retten, von dem er gerade heimgegangen war. Die Wirtsleute hatten die Haustüre aber schon abgesperrt und auch in der Gaststube brannte kein Licht mehr. Er, so erzählte er weiter, habe sich an die Hauswand gelehnt und geweint.
„Mein Vater“, das kann ich mit Fug und Recht behaupten, „mein Vater war bestimmt kein Weichling! Der war viel eher ein abgebrühter Mensch, den, auf deutsch gesagt, nichts so leicht aus der Fassung brachte.“
Nachsatz der Erzählerin:
„Das, was oft so erzählt wird, sind andere Sachen gewesen. Aber das, was ich erzähle, das hat es wirklich gegeben!“
Die Drud
D Drud hot mi aa r amoi druckt. Do hamma na im oitn Haus obm gwen und do hot d Muadda amoi gsogt ghot: „Gej!“, hots gsogt, „wenn di d Drud amoi druckt, dann muasst ihr a schwoaze Hehn ghoißn.“ Do bin i na bom Vaddan und bo da Muaddan im Bett drin glegn. Wei mir hamma net so vej Räume ghot. Mir ham an Knecht ghot, a Dirn, do hot a jeds a Zimmer ghot und da Onkel Sepp hot a Zimmerl ghot und herentahoi da Flöz, do ham ma s Schlafzimmer ghot.
Und do bin i amoi e da Früah – mei Muadda is scha aaf gwen und da Vadda aa scha – und des is unter da Wocha amoi gwen. Und aaf oamoi hupf i aaf d Höh mittn im Schlof und schrei so stoak. Und d Muadda is scha draußt gwen. Und da Vadda hot gsogt ghot: „Dirndl, wos host denn? Woarum schreist denn so laut?“ Und so stoak han i gschrian, han s Schrei goa nimma aafghört. Bin i aafkemma. Ganz aafgregt is d Muadda vo da Tür einagrennt. „Deand!“, hots gsogt, „wos host denn ghot?“ „Ja“, han i gsogt, „do is a schwoaz Wei einaganga“. „Ah“, hot d Muadda gsogt, „des host traamt. Leg die wieder hi!“ Han e me wieder higlegt, gej, owa i han nimma schloffa kinna. Und dano hot s gsogt ghot: „Wenn da wieder amoi ebs traamt, dass d a schwoaz Wei sehgst, dera muasst a schwoaze Hehn ghoissn. Na geht’s wieder.“ Und es is ma dann tatsächlich, net boid draaf, owa in am hoibatn Joah so wos, do is ma des wieder passiert, do is wieder a schwoaz Wei einaganga, han i wieder so stoak gschrian, na han i gsogt: „Derfst da morgn um a schwoaze Hehn kemma!“ Dann is` ganga. Den andan Tog e da Früah, es is in da Nocht gwen von Samstag aafn Sunnta, e da Früah, is d Moserin, woaßt scha, de oit Moserin ent, is de kemma und hot a Hehn ghoit.
Do bin i a sechs oder siebm Joah oit gwen. Und de is eh voschrian gwen ois Hex, des han owa i net gwisst ghot.
Sigl Berta, mitgeteilt 25.1.2012

Die Drud
(Druden sind Frauen, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind. Sie können zum Beispiel den Körper verlassen und in nachtschlafender Zeit Menschen in ihren Betten derart drücken, dass sie kaum mehr atmen können und meinen, ersticken zu müssen. Man kann sich nur sehr schwer wehren dagegen, evtl. durch Versprechen von einem Laib Brot oder einer schwarzen Henne. Frauen, denen nachgesagt wird, dass sie eine „Drud“ seien, hatten innerhalb einer Dorgemeinschaft einen schweren Stand.)
Es geschah damals, als ich noch ein kleines Mädchen war. Da kann ich mich noch gut daran erinnern, dass mich die Drud gedrückt hat.
Wir wohnten noch droben im alten Haus. Irgendwann einmal, ich weiß gar nicht mehr warum, hat meine Mutter ernsthaft mit mir geredet: „Mein Kind! Sollte es passieren, dass in einer Nacht die Drud zu dir kommt und versucht, dich zu drücken, so dass du keine Luft mehr bekommst, dann musst du ihr eine schwarze Henne versprechen!“
Das war so in der Zeit, als ich noch bei meinem Vater im Bett liegen durfte. So viele freie Räume haben wir nämlich nicht gehabt. Der Knecht hatte ein Zimmer und die Magd auch. Onkel Sepp wohnte auch noch bei uns in einem eigenen Zimmer. Und wir selbst hatten unser Schlafzimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges.
Eines Morgens in aller Herrgottsfrühe – Mutter und Vater waren schon wach – sprang ich mitten im Schlaf in die Höhe und schrie aus Leibeskräften. Mutter arbeitete schon draußen vor dem Haus, Vater aber hörte mich. Er stürzte aufgeregt ins Schlafzimmer und fragte besorgt: „Dirndl! Was hast du denn? Warum schreist du denn so?“ Ich muss ihn nicht gehört haben und habe weiter geschrien und habe mit dem Schreien überhaupt nicht mehr aufgehört. Endlich – es müssen schrecklich lange Minuten gewesen sein – wachte ich auf. Mittlerweile war auch meine Mutter im Zimmer: „Dirndl! Was war denn los?“ „Da, da, da ist ein schwarzes Weib durch die Türe hereingegangen, direkt auf mich zu!“ „Ach wo!“, meinte meine Mutter besänftigend, „das hast du nur geträumt. Leg dich wieder hin und schlaf noch ein bisschen!“
Ich legte mich zurück in mein Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen. Meine Mutter saß am Bettrand. Während sie meine Hand hielt, sagte sie: „Wenn du wieder mal im Traum eine schwarze Frau siehst, dann musst du ihr eine schwarze Henne versprechen. Du wirst sehen, sie verschwindet dann sofort wieder.“
Nicht gleich darauf, aber wirklich so ungefähr ein halbes Jahr später, ist mir dann dasselbe wieder passiert. Genau so wie beim ersten Mal öffnete sich mitten in der Nacht die Schlafzimmertüre und herein trat mit schwerem Schritt und tief gebückt die schwarze Frau. Ich stand sofort aufrecht im Bett und schrie wie am Spieß, bis ich mich an die Worte meiner Mutter erinnerte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und redete die schwarze Frau an: „Du darfst morgen in der Früh wieder kommen. Da kannst du dir eine schwarze Henne holen!“ Kaum hatte ich das gesagt, war die schwarze Frau, wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden.
Dieses Vorkommnis fand statt in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag. Am selben Sonntag, gleich in aller Frühe, stand die Moserin vor der Haustüre. Sie ist gekommen und hat tatsächlich nach der schwarzen Henne gefragt. Meine Mutter hat sie ihr gerne gegeben.
Von diesem Tag an konnte ich wieder ruhig schlafen. Ich war damals sechs oder sieben Jahre alt und habe nichts davon gewusst, dass die alte Moserin als Hexe verschrien war.
’s Klopfa
Und do woaß i na a Gschicht. Des is do herin scha gwen im neua Haus. Mei Muadda hot gsogt, a poar Joah bevor s gschtoam is. „Dirndl“, hots gsogt, „wenn i amoi gschtoam bi und geht ma wos o, derf a da dann kemma?“ Oiso, sie hot gmoant, dass sa si` mejd vo mir. „Mei“, ha i gsogt, „Muadda, tua ma des net a“, han i gsogt, „du woaßt, wia stoak i mi eh fürcht. Muadda, tua ma bittschön des net a! Gej! I möcht des net! I loss da a so a poar Messn aafschreibm!“ Mei Muadda is gschtoam Anfang Dezember und ungefähr am 19. oder 20. Dezember bin i irgendwo furtganga. Wo ma higanga hand, woaß i net. Und do is nur d Annelies aafbliebm, mei Deandl. Wia oit iss en do gwen, sechzehn oder siebzehn Joah, oder fuchzehn, is woaß net – sie is aaf d Nocht na aaf gwen – sie is am Tisch do gsessn und hot – i woaaß net, wos` agschaut hot, an Katalog oder wos, und dann is do im Keller drunt aaf oamoi a sechane Gaudi gwen. Gschewat hots, gschewat recht stoak, ois wia wenn da Wossamocha unt gwen waar. Und sie hot si so stoak gfoachtn. Und wia ma hoamkemma hand, laffts uns scha entgegn: „Mamma“, hots gsogt, „es derfts mi nimma alloa lossn“. „Geh, Dirndl“, ha i gsogt – „des glaubst o selber net!“ „Jo“, hots gsogt, „i bleib da nimma do. Kannst da sejd do bleibm!“ Na bin i sejba do bliebm und des is a Wocha späta gwen, dass a mi aa hergnockt ha do. Und i sitz do. Iatz schewats genau a so do unt. Bin i oiganga, hot nix ta, is staad gwen. Wia r i affakimm, hot s scha wieda gschewat. Do bin i goa nimma oiganga. Es is ja neamd unt! Owa vielleicht drei oder vier Wocha dano han i gspekaliert. Oiwei han i en Kopf ghot, wos kannt n des gwen sa. „Na!“, han a ma denkt: „D Muadda hot amoi gsogt zu mir: „Deandl, derf a da kemma?“ Do han i glei a poar Messn aafschreibm lossn – und goa iss gwen. Owa des hot gschewat, wia wenn da Wossamocha unt gwen waar und mit de Rohr ebs taat. Des han i selber dalebt. Des is gwen 1960.
Sigl Berta, mitgeteilt 25.1.2012
Das Klopfen
Jetzt weiß ich noch eine Geschichte. Die ist schon hier herinnen im neuen Haus passiert.
Ein paar Jahre, bevor meine Mutter gestorben ist, hat sie mich gefragt: „Dirndl! Wenn ich einmal gestorben bin und es würde mir in der anderen Welt nicht gut gehen – darf ich dann zu dir kommen?“ Na ja, damit hat sie gemeint, ob sie sich dann bei mir melden dürfe. Ich war erschrocken: „O je, Mutter! Tu mir das nicht an! Du weißt ja, wie sehr ich mich immer fürchte! Liebe Mutter, bitteschön, tu mir das nicht an! Ich kann das nicht ertragen, ich mag das nicht. Ich lass dir dafür lieber ein paar Messen aufschreiben!“
Anfang Dezember ist meine Mutter dann tatsächlich gestorben. Bald darauf, am 19. oder 20. Dezember – so ungefähr – bin ich mit meinem Mann abends einmal fortgegangen. Ich weiß heute nicht mehr, wo wir hingegangen sind. Anneliese, meine Tochter, blieb alleine zu Hause. Fünfzehn, sechzehn, vielleicht sogar siebzehn Jahre mag sie damals alt gewesen sein, genau weiß ich es nicht mehr. Sie ist in dieser Nacht lange wach geblieben. Sie machte es sich am Wohnzimmertisch gemütlich und blätterte zum Zeitvertreib in Katalogen und Zeitschriften.
Plötzlich schrak sie auf. Aus dem Keller drang ein ungeheuerer Krach. Gerumpelt hat es und unheimlich gescheppert, gerade so, als schlüge der Wassermann mit einem Hammer auf Eisenrohre. Sie hat sich zu Tode gefürchtet und wusste nicht mehr, wie viel Zeit verstrichen war, bis wir endlich nach Hause kamen. Als sie dann die Haustüre hörte, lief sie uns schon entgegen und jammerte: „Mama, Papa! Ihr dürft mich nie mehr alleine lassen!“ Und sie erzählte von dem großen Krach, der so plötzlich verschwunden war wie er gekommen war. „Geh, Dirndl!“, beschwichtigten wir sie. „So schlimm wird`s schon nicht gewesen sein. Beruhige dich wieder!“ „Doch!“, entgegnete sie verzweifelt, „ich bleibe in diesem Haus nicht mehr allein. Da kannst du schon selber zu Hause bleiben!“
Es blieb mir nichts Anderes übrig – beim nächsten Mal blieb ich selber ganz allein zu Hause. Alle beiden waren sie außer Haus, mein Mann genau so wie meine Tochter.
Das war ungefähr eine Woche später. Ich setzte mich an den Tisch und wollte es mir gerade ein wenig gemütlich machen. Da! – Ein gewaltiger Schepperer! Ich zuckte zusammen. Und noch einer – und noch einer! Es krachte furchtbar laut aus dem Keller herauf. Nicht lange – dann war es wieder still. Als ich mich etwas gefasst hatte, stieg ich vorsichtig die Kellertreppe hinunter – nichts! Absolute Ruhe. Ich schaute hinter die Rohre, unter die Kisten – nichts! Nachdem ich den Keller wirklich bis in die hintersten Ecken durchsucht hatte, ging ich wieder nach oben. Kaum setzte ich mich jedoch nieder, ging das Krachen und Scheppern und Hämmern schon wieder los. Diesmal blieb ich sitzen. Was sollte ich denn drunten tun? Es war ja niemand im Keller!
Es vergingen drei Wochen – oder waren es vier? In meinem Kopf ging es seit diesem Erlebnis rund. Ich spekulierte und zermarterte mir mein Gehirn: „Was könnte das gewesen sein? Es muss doch eine natürliche Erklärung geben!“
Eines Tages – wir saßen gerade beim Mittagessen – fuhr es mir wie ein Blitz durch den Kopf: „Meine Mutter!“ Dass ich da nicht daran gedacht hatte! Meine Mutter wollte nach ihrem Tod ja zu mir kommen, falls es ihr in der jenseitigen Welt an etwas fehlen sollte. „Dirndl! Darf ich zu dir kommen?“ Ich erinnerte mich noch genau an ihre Worte. „Das war es!“
Ich bin sofort ins Pfarrhaus gegangen und habe mehrere Messen für meine Mutter aufschreiben lassen. Seitdem ist dieser Spuk vorbei.
Das habe ich selber erlebt. Das war im Jahr 1960.
A Engl hoit d Großmuadda
Wia mei Großmuadda gschtoam is, do hamma in da owan Stubm obm gwen. Du woaßt o de owa Stubm na, wo ma owei gschlofa hamd. Und a so do her is da Großmuadda sei Bett gwen und do owa, do is a anders Bett gwen – und de letztn Nacht is mei Muadda owei affiganga, wei`s scha kennt hot, dass z End geht mit da Großmuadda. Is a recht a böse gwen. Und do bin i – sie is hertan glegn und i bin hibeiglegn – i han des net mitkriagt, owa do hot den andern Tog in da Früah d Muadda gsogt ghot, heit, hots gsogt, is d Großmuadda gschtoam. Des han i net mitkriagt ghot. Sie hot mi glei mitgnumma r oi, damit es net agschaut ha. Und do hot mei Muadda gsogt ghot, dass net schloffa kinnt hot, weil d Großmuadda so unruhig war. Aaf amoi hots gsogt, des hots en andern Tog gsogt, i hans net glaubt, owa sie hot ma s owei wieder gsogt und iatz glaub is hoit do: „Aaf oamoi“, hots gsogt ghot, „is s Fensta aafganga und is a Engel einagflogn und der hot genau ausgschaut wia d Annerl, de is mit zwoarahoib Joah gschtoam“. Hot mei Muadda vozejht.
Sigl Berta, mitgeteilt 25.1.2012
Ein Engel holt die Großmutter
Wir schliefen noch in der oberen Stube, damals, als Großmutter starb. An dieser Stelle, so her in diese Richtung, ist das Bett der Großmutter gestanden und an dieser Stelle, hier her, ist unser Bett gestanden.
Die letzten Nächte im Leben meiner Großmutter waren für meine Mutter nicht leicht. Sie spürte, dass es mit der Großmutter zu Ende ging und setzte sich, so oft sie Zeit dafür fand, zu ihr ans Bett, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war. Großmutter war eigentlich keine gutmütige Frau, sie war eher grantig und unzufrieden.
Es wurde Nacht, meine Mutter und ich lagen im selben Bett, sie auf der äußeren, ich auf der inneren Seite. Großmutter lag im anderen Bett daneben. Ich muss tief und gut geschlafen haben, denn ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass die Großmutter in dieser Nacht gestorben war. Erst am nächsten Tag in der Früh hat Mutter es mir gesagt. Sie nahm mich gleich mit nach unten in die große Stube, damit ich nicht länger bei der Verstorbenen verbleiben musste.
Inmitten des ziemlich aufgeregten Treibens setzte sich Mutter an den Tisch. Alle merkten, dass etwas Besonderes in der Luft lag, es wurde mäuschenstill. Und sie erzählte, dass Großmutter in der Nacht sehr unruhig war. Sie hat immer schneller und immer schneller geatmet. „Auf einmal“, – genau so hat Mutter gesagt – und ich hab es zuerst nicht glauben können, aber sie hat es immer wieder gesagt und jetzt glaube ich es doch – „auf einmal ist das Fenster aufgegangen und ins Zimmer herein ist ein Engel geflogen. Und jetzt, jetzt hört genau zu, weil ich habe es ganz genau und ganz deutlich gesehen: der Engel sah exakt so aus wie unsere kleine Anna, die im Alter von zweieinhalb Jahren gestorben ist.“ So hat meine Mutter erzählt, in ruhigem Ton und beinahe ein bisschen dieser Welt entrückt.
Die kleine Anna hat also in dieser Nacht die Großmutter zu sich geholt.
I kann koa Leich a`schau
Seit damois, wia d Großmuadda gschtoam is, han i koa Leich nimma aschau kinnt. Wei do is en andan Tog de kemma, woaßt scha, de wo de Leichn azoign toant, und e da Stum obm, do hand o grod a poar Balkn gwen und Brettl drüwa, und des hot a so ghutscht. Und do hamds hibei a so a broats Brett higlegt und do hamds Großmuadda affiglegt, dass Bett herrichtn hamd kinna, dass se s aafboahn hamd kinna dann. Und d Muadda hot gsogt, i derf net aufigeh. Owa, wia hoit Kinder neugierig hand, i han hoit aa net gfoigt. Oiso, neunzg Prozent han i eh owei gfoigt, owa do han i net gfoigt und i bin aufiganga. Gej, und wia i do aaf des Brett higeh, iatz fangt des s Hutschn a. Iatz is sie owagfoin und mit oam Oam aaf mein Fuaß affi – i han so stoak gschrian – und i han seither koan Gschtoama mehr agschaut – mei Muadda is gschtoam, de han i net agschaut, mein Vaddan han i net agschaut. I kann s nimma a`schau.
Sigl Berta, mitgeteilt 25.1.2012
Ich kann keine Leichen anschauen
So weit, so gut! Der Tod meiner Großmutter hatte aber weitreichende Auswirkungen auf mich und mein späteres Leben. Seit diesem Tag fällt es mir nämlich furchtbar schwer, die toten Körper von Verstorbenen anzuschauen. Die Gründe dafür liegen in dem Geschehen, das sich unmittelbar nach dem Hinscheiden meiner Großmutter ereignete.
Gleich am nächsten Tag kam die Frau ins Haus, welche die Großmutter wusch und ankleidete. Dies alles geschah droben in der Stube. Dort befanden sich ein paar Balken auf dem Fußboden, über denen Bretter lagen, die nicht befestigt waren. Wenn man da unvorsichtig daraufgestiegen ist, sind die Bretter entweder in die Höhe geschnellt oder umgekippt oder man konnte gar auf ihnen schaukeln. Genau auf solch einen wackligen Unterbau hat man ein breites Brett gelegt, ganz nahe an der Wand, worauf man behutsam die tote Großmutter bettete, um in der Zwischenzeit das Totenbett ordentlich vorzubereiten, in dem sie dann aufgebahrt werden sollte.
Ich selber befand mich die ganze Zeit über in der Küche. Meine Mutter hatte mir verboten, in die obere Stube zu gehen. Aber – ich habe nicht gehorcht. (Anm.: Ich war meiner Mutter gegenüber eigentlich immer gehorsam. Nur dieses eine Mal habe ich nicht auf sie gehört.) Ich schlich mich leise und unbemerkt hinauf in die obere Stube.
Und – wie`s der Teufel haben will, gleich nachdem ich das Zimmer betreten hatte, berührte ich versehentlich mit meinem Fuß genau das Brett, auf dem die Großmutter lag. Das Brett neigte sich zur Seite und Großmutter fiel auf den Boden. Doch nicht nur das – sie fiel so, dass ein Arm sich aus ihrer gekreuzten Haltung löste und auf meinem Vorderfuß zu liegen kam. Ich habe geschrien wie am Spieß.
Seit dieser Zeit kann ich keine verstorbenen Menschen mehr anschauen. Meine Mutter ist gestorben – ich habe sie nicht angeschaut, mein Vater ist gestorben – auch ihn habe ich nicht angeschaut. Ich bringe das beim besten Willen nicht mehr fertig.
De sejtsame Gschicht vom Schlittn
Meistns kennt ma die Weihrazgschichtn von kloane aaf, wos in da Stubm drinn vozejht worn is. Interessant wird s owa, wennsd as sejba erlebt host.
Iatz han i a so zruckdenkt, wann des gwen is. Und i denk, dass` so um 1970 gwen is, weil i do zwejf Joahr oit war. Natürli kanns 75 oder 77 gwen sa, des kann i iatz nimma so genau sogn, owa es war 1976 Ende November. Es war auf alle Fälle na vorm Advent. Und mir Buam, mir ham ma o oiwei do am Stoariegl obm, en Woid, unsane Häusl baut, des war unser Abenteuerspielplatz. Owa – in dem Fall do han i a so a Schatztruhe, des war a so an oite Keksdosn, wo ma recht gfoin hot, in unsan Woid do umi, han i de vosteckt, weil a ma denkt han, do iss bessa in Sicherheit, weil der ghört ja uns, der Woid, des hot a bessare Qualität ghot wia r a öffentlicher Woid – und do han a ma dann hoit a so a Vosteck gsuacht, wo i de Dosn ghot han, und do han i dann owei schöne Sachan ei ta, so ois Bua bis 12 Joah oit, do hots z.B. so Münzn gebm, vom Fuaßboi und vom Sport an da Tankstej – und des han i in mei Schatzdosn so quasi deponiert. Do hand so bestimmte Sachan drin gwen, wo ma hoit ois Kind so hot. Hot owa koana dava gwisst außer oana, des war da „Hart“ vorn, des war mei Schulkollege. Dem ha i s oamoi zoigt, der hot des scha gwisst, wo des is und wia. Owa ansonstn war des streng geheim.
Naja und des war dann a so Ende November, 76, do ha i wieder a poa Münzn ghot und do bin i en Woid umiganga und han de aa schö deponiert. Schnee hots na fast koan ghot, nur a bisserl so am Woidrand a weng a so a „Raftei“, owa net wirklich an Schnee.
Naja, do bin i ja ziemlich schlau gwen, wei i han ma denkt, wenn mi oana sehgt, wo i mei Schatzkistn han, do muasst iatz dann an andern Weg geh wieder, woaßt scha, a weng so „zwergst“ eini – „Verwirrspiel“ sogt ma do. Na ja, do bin i ent dann am Eck vom Nochbarngrund, do bin i unten am Eck affaganga und aaf amoi sehg i an so an kloana Kinderschlittn, und es war so a kloana, der hot irgendwie ausgschaut ois wia wenn a von ana andern Wejt waar, der hot so bogne Kufn do herobm affaghot und der war so kloa, wia wenn a für Zwergerl ghörn taat. Do hätt vielleicht a Baby affipasst, owa selbst a kloans Kind hätt si schwaar ta mit dem Schlittn, der hot ganz anderst ausgschaut ois wia unsare Kinderschlittn, des war irgend ebs oits oder wos. Owa schä! Mensch, der schaut o goa net schlecht aus. Wenn ma n net zum Schlittnfoahn hernehma kann, dann ka ma r an Bleamestock draafstejn oder irgend ebs. Der is ganz alloa dot gstandn am Woidrand. Do han a ma denkt, den nimm i mit hoam. Und dann han en mit umma brot und han a hinters Haus affigstejt. Und ha ma nix dabei denkt. Owa wos ma scha komisch vorkemma is, is des, – mir ham ma damois an ziemlich schoaffn Hofhund ghot, da Rolf, des war a so a silbergrauer Jagdhund – recht a damischer, der is aa oft an da Kettn gwen – und der hot aaf amoi scha s Winsln so stoak agfangt, wia r i den Schlittn daher brot han. Wei do hot a d Hundshüttn hint ghot. Und hot so stoak gwinslt wia r a Schlosshund und hot si scha vozogn in da Hundshüttn drin. Oiso do han a ma scha denkt, irgendebs is do, stimmt do net. Owa i han do überhaupt na koan Gedankn dazua ghot. Na han a ma denkt, na iatz muass e e d Stubm eigeh, wei a weng a Hausaufgab müassatst aa na mocha – des hot mi owa eh net so recht gfreit – owa es hot irgendebs net gstimmt – und en Stoi war a brutals Lebm drin – des hoißt, mir ham ma damois owei an Stier gfuadat, wei des war o eigentlich des Rentablste, wennst a Landwirtschaft host, dass d an Stier host vo kloane aaf, den fuadats grouß und vokaffst n. Des war owei a weng a guate Sach – und i han mi owei scha a bisserl gfüacht vor dem riesn Stier, wei de hamd o dreizeha, vierzeha Zenten kriagt, gej. Und dann bin i hintre en Stoi, weil do so a Gaudi war, und ha ma denkt – i spinn. Do hot da Stier, a so a richtiger Wachl, a so zum Werka agfangt. Der hot mit de Hörndl an sechan Fleck von da Mauer aussaghaut und oiss is in Aufruhr gwen – und i han net gwisst, warum und wiaso und wos überhaupt lous is. Mei Oma und d Mama und olle hand kemma und wos is n lous und s ganze Haus is rebellisch und da Hund winstl, da Stier flippt aus, sie hamd n kaam mehr bändign kinnt und d Küah und oiss – Und a jeder is hoit fix und firte gwen – und i han do den Schlitten, den han i do scha vogessn ghot in dem Moment – und d Mama, vor lauter Aufregung und d Oma: „Wo kimmst denn du überhaupt her?“ „I“, sog i, „bin im Woid ent gwen und han den kloan Schlittn mitgnumma.“ Und dann warns hint und schaunt den a und sogns: „O mei – Bua, bist denn du wahnsinnig? Wia kast denn du des Drum mit hoam nehma? Des tuast iatz genau wieder do hi, wos d as her host!“
I han ma denkt, wos hand denn de, gej.
Na ja und auf alle Fälle, han e me wieder alegn müassn, hot ma r eh net passt, und han des kloa Schlitterl do wieder umibrot. Und dann han en do wieder higstejt, wo r a gwen is. Und do han a ma denkt, wia r i wieder „zwergst“ einaganga bin, do woat i iatz na a wengei, vielleicht sehg i na ebs, oder vielleicht is do na irgendebs. Na, und do bin i do affe ganga und ha me en Woid a weng a so vosteckt – mei, so woih is ma zwar aa net gwen, owa a weng han a mi scha traut na, a weng woatn und schau und schau – auf alle Fälle war s a so, wia r i dann do higschaut han, war des Teil weg, oiso, da Schlittn war voschwundn. Ohne dass i ebban gsehng hätt, woaßt? Und dann han i`s scha mit da Angst zum Toan kriagt, gscheit – des woaß i na, wei dann bin i grennt wia a Fizepfeil. Na han i wieder gschaut, dass i hoam kimm.
Und wia r i dahoam gwen bin, war wieder oiss ruhig, war oiss in Ordnung, oiso, es hot si oiss wieder sehr eipendlt.
Und de Gschicht hot me lang net lous lossn. Und irgendwann amoi, do han i an so an Gruslfilm gsehng im Fernseh, do hat si irgendwann amoi oana an so an routn Ohrnsessl kafft aaf an Flohmarkt und wia ra den dahoam ghot hot, dann hots gspukt im Haus. Und irgendwie is ma des sehr nahe ganga mit dem Film aus dem Grund, weil i do de Parallelen dazua gsehng han. Und wos i draus glernt han is des, wenn i z.B. a Glosvasn kaaf am Flohmarkt, an oite, dann wird des vo mir dahoam ollawei gereinigt, des hoißt unter fließendem Wasser wisch i praktisch die Aura, egal wos für a Aura, weg, damit des wieder jungfräulich do steht. Do moch i so a Ritual. Und i bin mei ganz Lebm lang scha vorsichtig, wos ma so z Haus hoit.
I han aa oft spekaliert, woarum i so archaische Stiere gravier – des liegt vielleicht an der Situation damois. Des war a so a Schockzustand, weil a ma denkt ha, der Stier reißt des ganze Haus nieder.
Michael Schreiner, mitgeteilt 01.02.12
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