Читать книгу: «Traum und Ziel»

Шрифт:

Karl Friedrich Kurz

Traum und Ziel

Roman

11.–14. Tausend

Saga

Traum und Ziel

© 1940 Karl Friedrich Kurz

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711518434

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Ein Schatten am Fenster

Dumpfglühend wie der aufgehende Mond schwebt ein Fenster durch die Nacht.

Es ist kühl hier und still. In den Wolkenhimmel ragt verwischt ein Dach, halbverdeckt von der schwarzen Krone des riesigen Kastanienbaumes, der sich reglos gegen das Haus hinneigt, als wolle er ein Geheimnis belauschen.

Ein Schatten gleitet über die Gardinen.

Dieses Fenster und dieser Schatten scheinen das letzte, das einzige, was von der Wirklichkeit der Dinge zurückblieb. Die übrige Welt zerfloss in Formlosigkeit. Alles Leben ging unter in einer drückenden, unheilvoll lauernden Stille, die erfüllt ist vom verhaltenen Brausen des Stroms.

Nur ein verhangenes Fenster, über das in regelmässigen Zwischenräumen ein Schatten gleitet. Nichts als ein Zimmer, in dem ein Licht brennt. Ein Zimmer, in dem ein Mensch ruhelos wandert.

Zuweilen kommen aus der nahen Stadt die Stundenschläge. Tiefe Glockentöne, sie springen irgendwo in der Finsternis auf und tauchen wieder in der Finsternis unter.

Der junge Gärtner Alois bemerkte das erleuchtete Fenster und den gleitenden Schatten an der Gardine schon am Abend, als er zu seiner Liebsten ging. Nun kehrt der Gärtner von seiner Liebsten zurück, und der Schatten gleitet immer noch über die Gardinen. Alois hat gute Augen und mancherlei Gedanken in seinem Kopf. Stark und süss duftet der Jasmin, und der Gärtner murmelt: „Dort marschiert er wieder ... Marschiere immerzu, grosser Mann ...“

Gegen drei Uhr erlischt das Licht hinter dem Fenster; es erlischt nicht jäh, auf einen Schlag, sondern mit einer zaudernden Gemächlichkeit.

In dieser Nacht nahm der lange Marsch des Herrn Bondorf ein Ende. Irgendwie kam es — vielleicht war der Herr geistesabwesend, oder es lag ein kleiner Fehler am Gashahn. Am Morgen erwachte Herr Bondorf nicht mehr. Ein wenig verkrümmt lag er in seinem prächtigen Mahagonibett, lag unter der gelben Seidendecke und hatte einen bläulichen Schimmer im Gesicht. Neben ihm lag seine Frau, die noch immer jugendliche und ungeheuer stolze Madame Bondorf, die nur Französisch sprechen wollte und eine verwegene Reiterin war. Ja, da lag nun auch sie, blauschimmernd und sonderbar.

Das Zimmermädchen entdeckte die Sache. Wie jeden Morgen ging es mit dem heissen Kaffee ins Schlafzimmer, trat leise ans Bett, stiess einen pfeifenden Schrei aus und lief zur Köchin. Die Köchin, eine alte, abergläubische Person, rannte fort, den Gärtner zu suchen. „Oh, meine arme, sündige Seele!“ heulte sie und riss die Haustür auf. Ein frischer Nordwind sprang sie an und presste ihr den Rock gegen Bauch und Beine. In den Tannen sauste und fauchte es. Da und dort erhob sich vom Boden ein vom Winter vergessenes Laubblatt wie eine kleine, dunkle Hand, die schnell nach etwas haschte und wieder in die Erde zurücksank. Das alles schien der Köchin befremdlich und unheilkündend; dazu die Gestalt des Gärtners, von dem sie nur den langen, schmalen Rücken sah und eckige Schultern ohne Kopf. „Nicht umsonst zeigte sich das graue Garnknäuel“, seufzte sie. „Das bedeutet Unglück ... Alo—is!“

Der Gärtner kniete vor einem Blumenbeet, hörte den Ruf der Köchin, hörte auch ihre Schritte. Ohne aufzublicken, brummte er: „Was will es schon wieder, das dicke Halleluja ...“

„Alois — schnell ...“

„Was plagt dich?“

„Schnell, um Gottes willen — vielleicht ist noch ein Restlein Leben in ihnen.“

„Jetzt glaube ich aber — alte Angstflasche ... Wo brennt es?“

„Diesmal handelt es sich um ein Verbrechen ...“

In seinen groben, schmutzigen Stiefeln stapft Alois über den Perserteppich, streckt überaus gespannt den Kopf vor, schnuppert: „Hier riecht es verdächtig nach Gas und anderer Pestilenz.“

„Ja“, flüstert das Zimmermädchen.

„Hast du das Fenster geöffnet, Sophie?“

„Ja.“

„Und der Gashahn?“

„Den schloss ich.“

„Dann bleibt weiter nichts mehr zu tun“, entscheidet der Gärtner.

Blass und verstört schielt das Zimmermädchen hinter seiner Schürze hervor. „Leise — leise“, mahnt es.

Alois richtet seine grauen, klugen Augen auf das Bett, hebt mit zwei Fingern Frau Bondorfs weisse Hand von der Decke auf; hölzern folgt von der Schulter an der ganze Arm mit. Im Niederfallen schlägt die Hand dumpf gegen den Bettrand.

„Lass das!“ ruft entsetzt das Zimmermädchen.

„Sie merkt nichts mehr davon. Und hier gibt es nichts mehr zu flüstern, Sophie. Von diesen beiden ist eins genau so tot wie das andere.“

„Tot?“

„Schon kalt und steif.“

„Tot?“ wiederholt die Zofe atemlos.

„Das kannst du wohl selber sehen. Dabei ist nichts mehr zu machen. Natürlich muss man den Arzt holen. Aber zu machen ist nichts. Dieses hier muss sich kurz nach zwei Uhr zugetragen haben.“

„Schweig!“ stöhnt die Zofe. „Stets bist du so frech ... Geh hinaus!“

Alois geht. Bei der Tür dreht er sich noch einmal um, lässt seinen Blick missbilligend durch das prächtige Zimmer schweifen und sagt: „Kann man denn in einem solchen Raum sterben? Sollten diese beiden je in den Himmel kommen, werden sie es dort nicht besser treffen.“

Alois holte den Arzt. Es war nichts mehr zu machen. Der grosse Weinhändler Bondorf und seine Frau hatten diese Welt still verlassen.

Ein blosser Zufall vielleicht, oder ein Unglück aus Unachtsamkeit? Als die Obrigkeit erschien und strenge Nachforschung hielt, kamen gar sonderbare Dinge zutage. Die Bücher stimmten nicht. Wo stimmte es in diesem vornehmen Haus? Es fehlte überhaupt an allem und jeglichem — keine Barschaft, kein Bankguthaben, keine Forderungen, dafür gewaltige Schulden. Es wurde ein fürchterlicher Zusammenbruch.

Alma, das einzige Töchterlein, wäre über Nacht zum ärmsten Bettelkind geworden, wenn Frau Bondorf diese Schande nicht im allerletzten Augenblicke noch verhindert hätte. Sie gab ihren Schmuck her und versicherte ihr Leben; dieserart verhinderte sie es.

Merkwürdige Menschen. Harte Menschen. Stolze Menschen. Geldmenschen — das Leben gefiel ihnen gut in dieser Welt, solange ihre Kasse gefüllt war. Sobald der Reichtum verlorenging, verzweifelten sie, und das Leben gefiel ihnen nicht länger.

Ein grosses Gerede und Gerate hub an. Die Leute können nachträglich urteilen und verdammen. Die Leute wissen vielleicht einiges. Doch sie wissen nicht, was diese beiden gelitten, bis sie sich zum letzten Entschlusse durchgerungen. Niemand erfuhr etwas von den langen Gesprächen in den Frühlingsnächten, als der Schatten am Fenster hin und her glitt. Aber da sie nun tot waren, begrub man sie.

Von den vielen Freunden ihrer Licht- und Glanzzeit gaben ihnen nur wenige das Geleit zum Friedhof. Die Bondorfs hatten vielleicht recht in ihrer Weise: sie wussten, dass sie mit Geld geachtet und mächtig waren. Ohne Geld waren sie nichts.

Das grosse Haus wurde völlig ausgeräumt, vom Keller bis zum Dachboden, und alles kam unter den Hammer, alle Möbel und Teppiche und die Gemälde an den Wänden. Alles wurde fortgeführt; auch das Mahagonibett. Der Weinhändler und seine Frau starben jung; sie standen kaum im Sommer ihres Lebens. Nachträglich hiess es, ihr Leben sei der unverschämteste Schwindel gewesen. Die vielen Fässer, die man aus den weitläufigen Kellern heraufholte, waren teils völlig leer, teils mit blankem Wasser gefüllt.

Auch das Haus und der grosse schöne Garten kamen unter den Hammer und wurden zu einem Spottpreis losgeschlagen; denn niemand wollte das Haus der Selbstmörder haben, obschon man einen prächtigeren Besitz in der Gegend kaum finden konnte. Seit alters her nannte man ihn Ritterhof. Es hiess, einmal habe hier ein gewaltiger Mann, ein Ritter, gelebt, der sei im Kampf mit den Bauern vor den Toren der Stadt erschlagen worden. Damals war der Ritterhof eine Burg mit Turm und starken Mauern. Später wurde daraus ein Dominikanerkloster.

Alte Häuser haben ihre Geschichte. In der Klosterzeit entstanden unter dem Ritterhof die ungeheuren Keller. Die Leute behaupten, es führe ein Gang unter dem Rhein von einem Ufer zum anderen; aber er sei längst verschüttet; und es gebe im letzten Keller eine Treppe, auf der einst viele Menschen niederstiegen, aber keiner mehr heraufkam. Ausserdem gab es die Geschichte von einem Mönch. Möglicherweise war das eine neue Geschichte, von der Köchin Margarete erfunden und in Umlauf gesetzt.

„Oh, oh — ein grauer Mönch in langer Kutte!“ sagte Margarete. „Er schritt über den Hof; er schritt am Haus vorüber und schaute von der Terrasse her ins Kontorfenster. Er lehnt am Fenster — und auf einmal ist er nicht mehr da. Aber von der Stelle aus rollt ein graues Garnknäuel, rollt über den Weg und verschwindet bei der Tujahecke ...“

Drei Abende hintereinander sah die Köchin Margarete sowohl Mönch als Garnknäuel. Darauf starb die Herrschaft. Gewiss nur sinnloses Geschwätz einer alten, abergläubischen Person; doch es erfüllte einen geheimen Zweck. Es brachte den Ritterhof in der ganzen Stadt in Verruf.

Das Töchterlein Alma zog zu ihrem Onkel, der ebenfalls ein Händler und grosser Herr war und in derselben Strasse wohnte. Alma zählte vierzehn Sommer, schmal und blond war sie und überaus fein, dabei schon etwas damenhaft. Man sah sie von dieser Zeit an nur noch in schwarzen Kleidern, als richtige Waise, blass, still und traurig. Man betrachtete sie scheu und hatte Mitleid mit ihr, weil ein hartes Schicksal sie so früh getroffen. Niemand trug dem Kind nach, was die Eltern gesündigt. Selbst die wilde Strassenjugend unterbrach ihre lärmenden Spiele, wenn Alma, wie ein Schatten der Nacht, an ihnen vorbeiglitt.

Der Ritterhof versank in Schweigen; verlassen lag der schöne Garten. Doch der Frühling brauste durch die Welt und lockte bunte Wunder aus der geheimnisvollen Tiefe der Erde, auch wenn die Blumen niemand zur Freude blühten.

Der neue Besitzer des Ritterhofs meinte, das sei ein sinnloser Zustand. Es gelang ihm, weder die Besitzung zu verkaufen noch zu vermieten. Kein einziger Liebhaber meldete sich für das Gespensterhaus.

Woche um Woche ging. Dieselbe Totenstille im Haus. Im Garten verwelkten die Blumen; das Unkraut machte sich frech über alle Wege und Plätze her. Nur die Obstbäume trugen in stiller Güte ihre Früchte.

Der Geheimnisvolle

Verborgene Fäden knüpfen ferne Dinge zusammen. Alles hat seine Bedeutung. Die Bondorfs starben; sie machten im Ritterhof Platz für die Lohmanns. Ein ganz verwickelter Zug im grossen Spiel.

In den Tagen, da im verlassenen Garten die Äpfel reiften, wurde die Familie Lohmann von einem hartherzigen Hausbesitzer auf die Strasse geworfen. Diese zahlreiche und sprachgewaltige Familie bezahlte ihre Miete höchst mangelhaft und wurde von den Hausbesitzern verachtet und von den Nachbarn gefürchtet.

Klaus Lohmann, der Grossvater, ein buckliges, mageres Männchen, das stets mit dem Kopf wackelte, zog einst mit seiner Frau und fünf Töchtern vom Lande in die Stadt. Klaus selber führte ein Schattendasein, ging in der Stube aus und ein, setzte sich an den Tisch, beteiligte sich selten an der Unterhaltung. Sein Wort fand von niemand Beachtung. Sie nannten ihn den Ältesten; doch es lag keine Ehre in diesem Titel.

Wovon die Lohmanns lebten, liess sich schwer ergründen. Zuweilen arbeiteten sie, zuweilen trieben sie einen kleinen Handel, meistens arbeiteten sie nicht. Sie lebten irgendwie und ernährten sich von einem Tag auf den anderen.

Bald nach ihrer Ankunft in der Stadt fand die Tochter Barbara einen Bräutigam, der Lorentz hiess und sogleich starb. Nachdem er gestorben war, widmete sich die Tochter Barbara der Trauer um ihn, nannte ihn Lorentz selig und nähte nebenbei ein wenig.

Die zweite Tochter heiratete einen Eisenbahner und bekam schnell nacheinander drei Buben — Werner, Emil und Arnold. Damit hörte die Fortpflanzung der Familie Lohmann auf. Sie vermehrte sich jedoch noch auf diese Weise, dass ein Mädchen, das vielleicht einen lockeren Lebenswandel führte, den Knaben Konrad ins Haus brachte und hernach wieder spurlos in der Ferne verschwand.

Konrad zählte zwei Jahre mehr als Werner. Er war gewiss ein Kind der Sünde. Er hatte ein stilles, erschreckend blasses Gesicht und darin ein paar treue blaue Augen. Die drei Knaben umschlichen ihn, betrachteten ihn eingehend; darauf zogen sie sich in ihre Dachkammer zurück.

Emil sagt: „Das ist der Sohn des Geheimnisvollen.“

„Jetzt schwafelst du wieder“, erklärt Werner, indes er sich müht, das Werk einer alten Schwarzwälder Uhr in Gang zu bringen.

„Zuweilen, in der Dämmerung, spricht er mit mir“, sagt Emil weiter.

Die Schwarzwälder Uhr beginnt rasselnd zu schlagen, schneller oder langsamer, je nachdem Werner an der Kette zieht.

Emil sagt: „Er heisst Konrad. Weisst du, warum?“

Keine Antwort.

„Weil er das uneheliche Kind einer Stallmagd und eines Grafen ist“, fährt Emil unbeirrt fort.

„Woher weisst du das?“ fragt Werner.

„Ich weiss es. Ein Fluch lastet auf ihm.“

„Wer sollte ihn denn verflucht haben?“

„Der Vater des Grafen. Niemand weiss das, nur ich allein. Darauf nahm Konrads Vater eine Pistole und schoss sich tot.“

„Er schoss sich selber tot? Keine Spur.“

„Doch. Auch ich werde mich einmal totschiessen. Ich weiss das alles In Konrad fliesst blaues Blut.“

„Wo kann man das sehen?“

„An den Schläfen. Vielleicht werde ich einmal eine Gräfin heiraten. Soviel ist mir schon verraten worden.“

„Wer hat es dir verraten?“

„Im Traum ...“

Arnold, der jüngste, klettert auf eine grosse, leere Kiste; vorgebeugt, die Hände in den Hosentaschen, lauscht er gespannt und füllt mit der Zungenspitze die Backe aus, so dass eine Beule entsteht. Wenn ihm Emils Rede besonders gefällt, trommelt er mit den Fersen auf die Kiste.

Emil war damals zehn Jahre alt. Sie gingen alle in die Stube hinunter und betrachteten den Knaben Konrad nochmals eingehend, die hohe Stirn und die Äderchen an den Schläfen. Es stimmte. Er hatte blaues Blut. Er war geheimnisvoll.

„Was soll aus diesem Knaben werden?“ fragte Hannes Frank, der Eisenbahner, mit bösen Falten zwischen den Augenbrauen. „Sind nicht schon mehr als genug unnütze Mäuler vorhanden?“

Aber die Lohmanntochter Elisa war ein mündiges Frauenzimmer; sie hatte ein kleines Gesicht, eine spitze Nase und einen schmalen, geraden Strich darunter; sie sagte zu Hannes Frank: „Du solltest dich vor dir selber schämen! Schweig und sieh seine Augen an!“

„Darauf pfeif’ ich“, sagte Hannes. „Mit seinen Augen wird er sich den Bauch nicht füllen.“

„Ob einer mehr oder weniger mit uns isst, hat nichts zu bedeuten.“

Offenbar hatte das dennoch etwas zu bedeuten. Denn es entwickelte sich daraus einer der unzähligen Wortwechsel mit Tischklopfen, Fluchen und Türschmettern. Das Ende vom Spektakel war, dass der Knabe Konrad in die Familie Lohmann aufgenommen wurde. Der Herr im Himmel sorgt in unversiegbarer Güte für seine Kinder.

Es ging. Die Lohmanns ernährten sich immerzu. Es ging durch alle Jahreszeiten. Zumeist ging es mit Brot und dünnem Kaffee und noch dünnerer Wassersuppe. Manchmal ging es fast wie durch ein Wunder. Die Lohmanns kämpften mit dem Schicksal und erhielten sich am Leben. Disteln gleich standen sie am Rande der Wüste und lebten von Licht und Luft und gar nichts. Wahre Meister des Sparens und des Hungerns, überaus fromme Seelen. Wenn alles Bargeld ausging, sagten sie: „Gott wird weiterhelfen.“ Und ihr Glaube wurde nicht zuschanden. Zu Hannes Frank, der sich mit groben Worten gegen den Niemandssohn Konrad versündigte, sagten die Frauen: „Wohltun trägt Zinsen.“

Die Entwicklung der Dinge gab den Frauen recht. Denn kein anderer als Konrad war es, der die Kunde vom leeren Ritterhof ins Haus brachte. Konrad trieb sich oft auf der Strasse herum und verfolgte mit seinen hellen Augen das Treiben der Menschen, reif für sein Alter, wie Kinder der Armut oft zu sein pflegen.

Konrad rannte in die Stube und hatte vor Aufregung rote Flecke auf beiden Wangen; gerade an dem Morgen, da die Lohmanns obdachlos werden sollten. „Wir können in den Ritterhof ziehen“, sagte Konrad.

„Bist du verrückt?“ fragten die Frauen.

„Nein, nein ... Kein Mensch will im Ritterhof wohnen. Ich könnte den Eigentümer fragen, den Herrn Mayer; sein Sohn ist in meiner Klasse, ich helfe ihm bei den Aufgaben; ich war schon bei ihm daheim.“

„Ja, du ... Geh nur!“ riefen sie.

Ein Wunder geschah. Der blasse Junge Konrad vollbrachte es.

Floss wirklich blaues Blut in ihm? Verfügte er über ungewöhnliche Geisteskräfte? Ach, vielleicht war das Wunder nicht gar so gross. Der Besitzer dachte wohl, eine kleine, selbst eine unsichere Miete sei besser als gar keine Miete. „Gut. Ihr könnt sofort einziehen“, sagte Herr Mayer.

Schon in derselben Nacht schliefen die Lohmanns in den einstigen Rittersälen, in den vornehmen Räumen, die seltsam nach Reichtum, Gas und Tod rochen. Anstatt in einer engen Dachkammer wie Schafe zusammengepfercht, lagen die vier Buben mit grösster Raumverschwendung in einem hohen, weiten Prunkgemach. Von allen Wänden strahlten fast gewandlose Göttinnen; und es gab da Märchenwälder, durch die fabelhafte Tiere schritten.

Werner wurde von der zauberhaften Umwandlung am meisten ergriffen. Mit dem ersten Morgendämmer erwachte er und sah staunend die unerhörte Pracht der bemalten Wände aus den Schatten der Nacht hervorwachsen. Dieser Erstgeborene, Werner, schlug sicherlich aus der Art; er glich weder seinen Brüdern noch irgendeinem der Lohmannsippe. Nur er hatte dieses schmale Gesicht mit der breiten, kantigen und eigenwilligen Stirn. Ein merkwürdiger Träumer von früh an. Seine braunen Augen schienen stets in der Ferne zu suchen. Seine Freude bestand darin, Papier und Holzstücke, ja sogar die Wände mit Zeichnungen zu bedecken.

Ergriffen wurden sie wohl alle. Die neue Umgebung wirkte auf sie in eigentümlicher Weise. Man hätte glauben können, das alte Ritterschloss ziehe diese Menschen zu sich empor. Ein neuer Geist fuhr in sie; sie sprachen behutsamer und bezähmten die Gewalt ihrer Stimmen. Die Vornehmheit des alten Hauses betörte sie.

Am Morgen fragte Elisa, die mit der spitzen Nase, ihren Schwager, mit dem sie sonst allezeit auf Kriegsfuss stand: „Nun, lieber Hannes?“ Und das fragte sie sicherlich reinen Herzens. Sie wollte wohl darauf hinweisen, dass die ganze Herrlichkeit Konrads Werk sei. „Ohne seine Hilfe hättest du niemals in diesem Schloss übernachten dürfen“, sagte sie.

Zu gewöhnlichen Zeiten — ja, weiss der Henker — hätte eine solche Frage Hannes Frank, das Oberhaupt, in hellem Zorn aufflammen lassen, und die entsprechende Erwiderung wäre bestimmt gefallen. An diesem gnadenreichen Morgen jedoch wollte er sich nicht versündigen, sondern nickte zur allgemeinen Verblüffung Elisa nachsichtig zu.

Trotz ihrer scharfen Nasenspitze und dem dünnen Strich darunter wollte Elisa nicht eine von der Sorte sein, die Gutes mit Bösem vergalt. Darum erwies sie dem Schwager Ehre. „Ja, du, Hannes“, sagte sie, „du bist ein so kluger Mensch und bewandert in vielen Dingen. Könntest du uns erklären, was die unverschämten Malereien im Zimmer der Buben darstellen?“

„Das“, antwortete der Schwager Hannes, ohne sich lange zu besinnen, „das sind Sachen aus der biblischen Geschichte.“

„Alle diese nackten, ausgelassenen Frauenzimmer, du, Hannes?“ Nein, Elisa zweifelte; und vielleicht war selbst zu dieser guten Stunde ihr Herz doch nicht ganz frei von schlimmen Hintergedanken. Sie wollte dem Schwager eine Falle stellen.

Wenn aber der Schwager in Elisas Falle fiel, so blieb er immerhin noch der Mann, der wieder darauskrabbelte. Breit und sicher stellte er sich vor dem Märchenwalde auf und fragte: „Hast du vielleicht je etwas von einem weltberühmten Maler gehört, der Raffael hiess?“

Ja, nun starrte Elisa in die leere Luft.

„Also dieser Maler“, verkündete Hannes Frank, „malte viele Bilder. Und alle malte er für den Papst in Rom. Im Palast des Papstes sind mehr als tausend Zimmer, wenn du bei dieser Gelegenheit auch noch dieses wissen möchtest. Und auf alle Wände der tausend Zimmer malte der Maler Raffael seine Bilder. Darunter gibt es manche Frauenzimmer, die noch weniger auf dem Leibe haben als diese hier.“

Die Knaben stehen dabei und spitzen ihre Ohren. Konrad horcht mit schiefem Kopfe auf das, was Hannes Frank vom Maler Raffael und den tausend Zimmern des Papstes erzählt, und er zwinkert Werner heimlich zu.

Aber Elisa, das streitlustige Frauenzimmer, lacht frech. „Hihi, Hannes — das magst du nur selber glauben. Hihihi“, lacht Elisa zweideutig. „Bist du vielleicht schon einmal in Rom beim Papst gewesen?“

Zwischen Hannes Franks Brauen erscheint die gefürchtete Falte, und die Unterredung hätte gewiss, allem Wohlwollen zum Trotz, mit einem Streit geendet, wenn im allerletzten Augenblick eine helle Knabenstimme dies nicht verhütet hätte. „Ich habe Talent. Ich will Künstler werden. Ein grosser Raffael. Ich werde berühmt. Ich will viele Bilder malen ...“

Der Knabe Werner sagte das. Er sagte es nur zu sich selber. Es sprang plötzlich als ein heftiger Schrei aus seiner innersten Seele. Mit seinen dreizehn Sommern wandelte er noch gläubigen Herzens durchs Wunderland, wo alles möglich ist.

„Haha!“ Der Vater Hannes lacht und blickt aus grosser Höhe hernieder auf seinen kühnen Sprössling. „Haha — grüner Scherenschleifer!“

Und „Hihi“ lachen die Frauen. Die Frauen lachen viel lauter als nötig und ziehen die kampffreudige Elisa aus der vordersten Frontlinie. Immer ist ein bisschen Diplomatie und Strategie im Handeln der Frauen — diesmal vermeiden sie einen Krieg.

Das Glück

Die Brüder fanden Werner am Stamm des alten Kastanienbaums, aus dessen dunkler Krone die braunen, blanken Früchte niederfielen, obschon sich kein Windhauch regte. „Was treibst du?“ fragten sie. „Jetzt wollen wir das Haus untersuchen!“ riefen sie und hüpften von einem Bein aufs andere. „Komm ...“

Sie liefen durch alle Räume vom Keller bis zum Estrich, wie Diebe, wie Forscher, wie Eroberer. Wo eine Tür sich fand, wurde sie geöffnet. In jedem Winkel suchten sie das Abenteuer und fanden es. Manches, was den forschenden Blicken der Obrigkeit verborgen blieb, das stöberten acht scharfe Knabenaugen auf. Beutegierig fielen sie überall ein, Sieger in Feindesland. Sie trommelten mit ihren Fäusten gegen die Wände und entdeckten geheime Schränke hinter den Tapeten. Es war eine Fahrt in eine neue Welt, ins Märchenland, ins Niemandsland. Eine herrliche Stunde. Wohl ward ihnen nicht beschieden, grosse Reichtümer zu erobern. Aber Emil fand einen Hammer und eine verrostete Säge.

Die unsichtbaren Mächte, die aller Wissenschaft zum Hohn im verborgenen die Welt regieren, führten Werner in des toten Herrn Bondorfs Kontor, zum breiten Fenstergesims, das sich hochheben liess. Da lag eine Menge weisses Papier, grosse und kleine Blätter, und Farbenstifte. Da lagen ein paar merkwürdige Zeichnungen. Verwunderliche Zeichnungen; sie glichen Geldscheinen, riesenhaften Banknoten; bald eine Vorderseite, bald eine Hinterseite.

Was? Sollte der selige Herr Bondorf in den Tagen, als der Weinhandel flau ging, sich mit solchen Spielereien die Zeit vertrieben haben? Nummern, Namen, Unterschriften — Hundert Franken zahlt die Bundesbank dem Überbringer in Gold ...

Werner schob die überlebensgrossen Banknoten in eine Spalte zwischen dem Paneel. Heisse Freude im Herzen, zog er mit Papier und Stiften davon; gerade in dem Augenblick, da Arnold im Nebenzimmer einen schmetternden Jubelschrei ausstiess, denn er hatte zwei Kistchen Zigarren mit Bauchbinden gefunden.

Aber Konrad fand ein Geheimnis, etwas, das er schnell unter seinem Kittel verbarg und damit verschwand.

Es wurde der glücklichste Morgen im Leben der vier Knaben. Und aus dem Morgen wurde ein glücklicher Mittag. Emil fand zu seinem Hammer in einem der oberen Lagerkeller ein leeres Fass, das herrlich nach süssem Wein und verbotenen Genüssen duftete.

Gemeinsam wälzten sie das Fass ans Ufer des Rheins, in ein Akaziengestrüpp, das für gewöhnliche Menschen und jedenfalls für Erwachsene völlig unzugänglich und somit zu geheimem Treiben hervorragend geeignet war. Emil schlug mit seinem Hammer ein paar Reifen los, schlug den Boden ein. Da zeigte es sich, dass das Fass noch nicht völlig leer und unschuldig war. Eine braungoldene Flüssigkeit, herrlich und süss nach Blüten und Sonne duftend, schimmerte auf dem Grunde. Nicht viel, keine Eimer oder Kannen voll; doch immerhin genug, es mit einer leeren Blechbüchse auszuschöpfen.

„Vielleicht ist es Gift“, meinte der besinnliche Werner. „Wirf es weg, Emil!“

„Wegwerfen? Bist du bei klarem Verstande, Mensch?“ widersprach Emil unternehmungslustig. „Ja, das sollte nur fehlen, Mensch. Ich kann dir soviel verraten, dieses ist der herrlichste Wein von der Welt. Königswein.“ Emil spuckte zischend durch die Zähne und behauptete: „Gift, lieber Mensch, riecht meiner Seel nicht so, sondern anders. Versuch du es zuerst, Arnold!“

Der kleine, dicke und rothaarige Arnold glaubte mit seinen acht Jahren nicht an Gift und Tod und die unzähligen Gefahren des Lebens. Oh, im Gegenteil. Ihm bedeutete es eine Auszeichnung, als erster zu trinken.

Werner rief ängstlich: „Trink nicht!“

Bis dahin beteiligte sich Konrad nicht an der Untersuchung des Fasses, sondern lag nur auf dem Rücken und schaute verträumt in den Himmel, der sich zwischen dem Gewirr der Akazienzweige öffnete. Vielleicht erblickte er dort eine Himmelsleiter, und sicherlich war er fern den Begebenheiten dieser Erde. Erst Werners aufgeregtes Rufen zog ihn zurück zu den gewöhnlichen Dingen. „Lass ihn doch“, sagte er gleichmütig, ohne den Kopf zu drehen. „Es ist Malagawein.“

„Wer behauptet das?“ fragte Emil verblüfft.

„Das steht eingebrannt im Fassboden.“

„Hurra — gib die Büchse her!“ schrie Emil und entriss sie Arnolds Händen. „Ja, natürlich ist es Malagawein. Das hab’ ich gleich gewusst.“ Nun trank Emil zuerst und in langen Zügen. Er verdrehte dabei die Augen vor Wonne. „Nein, Mensch — dass es so guten Wein geben darf“, jauchzte er. „Bring jetzt deine Zigarren, Arnold“, befahl er. „Denn jetzt soll hier ein Jubiläum abgehalten werden.“

Sie tranken wie Männer und rauchten wie Männer. Und eine Weile mundete ihnen dieses Treiben ausgezeichnet. Bis Arnold sehr weiss im Gesicht wurde und ins Gras sank. „So — jetzt sterbe ich“, stöhnte er, warf die prächtige Zigarre fort und erbrach sich furchtbar.

Emil beobachtete ihn ängstlich und erklärte: „Ich glaube, auch mir wird übel ... Es war also doch Gift! Wenn wir jetzt sterben müssen, ist es deine Schuld, Konrad.“

Aber Konrad befand sich wieder auf der Himmelsleiter; ausserdem hatte er schon einige Erfahrung gesammelt im Leben. Beschwichtigend erklärte er: „Das kommt vom Rauchen. Bleibt ein Weilchen ruhig liegen, dann wird euch wieder wohler.“

Sie lagen unter den Akazien und stöhnten. Sie bezahlten ihre grosse Freude. Doch sie starben nicht daran.

Gegen den Abend hin kehrten sie ins Haus zurück, auf wackeligen Beinen, mit grünen Gesichtern. „Allmächtiger Himmel — wie seht ihr aus!“ riefen die Frauen.

„Ho — das ist schon gar nichts mehr“, erklärte Emil. „Ihr hättet uns früher sehen sollen! Wir haben nur ein paar unreife Äpfel gegessen.“

Hierauf kehrte Hannes Frank von seinem Dienst zurück und vernahm das von den Äpfeln. Als Mann und Herrscher rief er: „Ich hätte grosse Lust, euch alle vier gründlich zu verhauen, damit in Zukunft die Äpfel an den Bäumen hängen und reifen können. Was seid ihr doch für verfluchte Taugenichtse.“ Nach seiner Gewohnheit ass er schnell, redete sich nebenbei in Wut und geriet in die rechte Stimmung.

Um den Vater von seinem Vorhaben abzulenken, rief Emil: „Wir haben viele gute Sachen gefunden.“

„Was habt ihr gefunden?“

„Werner fand eine Menge Papier und Farbenstifte.“

„Papier!“ sagte Hannes Frank verächtlich. „Wartet nur, ihr Schlingel, bis ich fertig bin ...“

„Und Arnold fand zwei Kisten Zigarren.“

„Hol sie!“

Willig lieferte Arnold seine Zigarren ab. Sein Herz hing nicht länger daran.

„Das sind feine Zigarren“, nickt Hannes Frank versöhnlich. „Aber ich verhau’ euch doch. — Sonst noch etwas?“

„Ein Hammer und eine Säge.“

„Gut. Her damit!“

Der rote Arnold starrte auf des Vaters Teller, der schon fast leer war; verzweifelt rief er mit seiner kleinen Krähstimme: „Konrad hat etwas anderes gefunden.“

Tiefe Stille um den langen Tisch. Alle Augen richteten sich auf Konrad. In kalter Ruhe fragt Hannes Frank: „Was hast du gefunden?“

Da wird Konrads Gesicht dunkel; gleich darauf wird es noch bleicher als gewöhnlich. Arnold senkt den Kopf und schweigt.

„Komm doch einmal zu mir herüber, Bürschlein!“ befiehlt Hannes Frank unheimlich leise.

Sogleich lässt Konrad den Löffel in den Teller fallen und erhebt sich. Mit kurzen, ungelenken Schritten schleicht er der Wand entlang, und es läuft ein heftiges Beben durch seinen mageren Körper.

„Er hat nichts gefunden. Ich habe nichts gesehen“, ruft Werner angstvoll. „Ich war die ganze Zeit bei ihm.“

Zu seinem Unglück sitzt Werner an der Seite des Vaters, darum erhält er den ersten Schlag, so dass vor seinen Augen rote Funken stieben. Werner presst beide Hände vors Gesicht. Aber in seine Ohren dringt die fürchterliche Stimme des Richters: „Wer hat dich gefragt, Strolch?“ Und nun ist Hannes Frank mit dem Essen fertig. Er säubert den Löffel mit der Zunge, schmatzt und richtet den Blick auf Konrad. Fast gemütlich fragt er: „Nun, Jüngling, wie steht es mit deiner Zunge? Ich werde sie dir wohl lösen müssen.“ Dabei löst er selber den Leibriemen. „Also ...“

„Nichts“, flüstert Konrad kaum vernehmlich.

„Seht — hier steht der Lügner!“ Förmlich frohlockend ruft Hannes Frank — und eigentlich gilt das der Schwägerin Elisa für ihre Bemerkung vom Morgen, die noch nicht vergessen ist. Hannes streckt seine Faust nach dem schlotternden Opfer, dreht es um. „Seht euch ihn an! Seht euch ihn genau an, von allen Seiten, ihn, dem wir soviel zu danken haben.“

Neugierig starren alle auf Konrad. Nur Werner presst seine Hände vor die Augen, und die Tränen rinnen ihm zwischen den Fingern hervor, die Arme entlang.

„Ich frag’ dich zum letztenmal: Was hast du verborgen?“

„Nichts.“

Hannes Frank schlägt zu. Der breite, schwarz und glatt gescheuerte Riemen saust zischend durch die Luft und klatscht auf Konrads Rücken, auf seine Hüsten und Beine.

Am anderen Ende des Tisches beginnt Arnold zu heulen, blechern, verzweifelt. „Oh, oh, oh ...“ Arnold windet sich, als träfen ihn die Schläge. Aber Konrad gibt nicht einen Laut von sich, macht keine Bewegung; nicht einmal den misshandelten Rücken zieht er ein. Nur seine blauen Augen hebt er auf zu Hannes Frank, den mehr und mehr der Zorn fortreisst. Konrad blickt seinen Richter seltsam fragend an, furchtlos, mit flimmernden Augen und einem unerklärlichen Ausdruck im totenblassen Gesicht; doch kein Wort und kein Zeichen. Er scheint die wuchtigen Schläge gar nicht zu fühlen. Gott weiss, vielleicht lächelt er irrsinnig.

„Gesteh die Wahrheit!“ brüllt Hannes Frank, hält einen Augenblick inne und gibt dem Sünder noch eine letzte Frist.

Nichts.

Möglicherweise geschah es ohne Absicht, ohne Überlegung; aber der Leibriemen sauste von hoch oben herab, mit der blanken Schnalle voran. Die Eisenschnalle traf Konrad an die Schläfe mit merkwürdig hartem Aufschlag. Rotes Blut floss über die eingesunkene Wange. Auch jetzt noch kein Laut. Das wurde unheimlich; Hannes Frank selber, der einzige und allmächtige Mann in dieser Stube, schien sich zu fürchten vor dem stummen Knaben. Wahrscheinlich brüllte er deshalb so gewaltig. Und es kam ihm wohl nur gelegen, dass die Frauen endlich von allen Seiten herbeisprangen, ihn umringten und seine Arme niederdrückten.

Im allgemeinen Tumult entkamen die Knaben.

Arnold und Emil verkrochen sich in ihren Betten, im grossen, prächtigen Saal, bei den lächelnden Göttinnen. Werner lief zum Haus hinaus.

Der Mond war aufgegangen. Riesengross schwebte er über dem Dächergewirr der Stadt. Werner lief durch den Garten und suchte den Schatten der Bäume. Wo war sie nun, die helle Freude des Morgens? Wo war es, das Glück des Mittags?

Auf der hohen Mauer, die steil zum Wasser niederfiel, sass Konrad und schaute hinaus in die unbegreifliche Welt mit ihren Wundern und Schrecken. Völlig unbeweglich sass er; ein Stein auf den vielen Steinen der alten Mauer. Er drehte nicht einmal den Kopf, als er leise Schritte hinter sich vernahm, als eine bebende, eine zagende Hand sich unter seinen Arm schob. Jetzt waren es zwei Steine, die die vermooste Mauer um ein geringes überragten, zwei kleine, verschüchterte Menschenwesen, unendlich verlassen in der stillen Nacht.

Tief unten plätscherte der Rhein; es gemahnte an weinerliches, schläfriges Kindergemurmel. Als ein paar gezackte Kreidestriche hoben sich die langen Häuserreihen am anderen Ufer aus dem blaudunklen Himmel. Mondlicht flackerte in unruhigen Bändern und Ringen am Fuss der Böschung, legte sich silbern um schwarze Steine. Stille war und tiefer Friede überall.

Eine verhaltene Stimme fragte: „Aber du hast doch etwas weggetragen — nicht?“

„Ja.“

„Was war es denn?“

„Frage nicht. Ich kann es nicht verraten.“

„Nein, nein.“

Schweigen und sanftes Wellengemurmel. Das Mondlicht fällt auf Konrads Gesicht und zeichnet deutlich die dunkle Blutlinie, die von der Schläfe über die Wange hinläuft bis hinunter zum Hals.

„Ich werde Wasser holen und ein Tuch. Ich will es abwaschen.“

„Lass es nur“, sagt Konrad fast feierlich. „Das tut gar nicht weh. Und wenn er mich umgebracht hätte, würde ich nichts verraten haben.“

In stummer Bewunderung schaut Werner auf zu dem Pflegebruder, der ein Geheimnis hat; ein Geheimnis, für das er leiden und sterben will. Das Dasein wird auf einmal gross und voll dunkler Tiefe. „Arnold meinte es nicht böse, verstehst du. Er verplapperte sich nur aus Angst, denn er ist noch so klein und dumm ...“

„Ach Arnold“, seufzt der merkwürdige Konrad und lächelt dabei.

„Warum muss er immer so roh und gemein schlagen? Uns zu schlagen ist keine Heldentat; er weiss ja, dass wir uns nicht wehren können.“

„Dein Vater? Er versteht das wohl nicht besser. Sicher hat er selber als Knabe viel Prügel bekommen. Nun meint er, die Reihe sei an ihm, zu schlagen. Die Grossen schlagen die Kleinen. So muss es stets sein. Was meinst du?“

„Ich weiss nicht ...“

Es reden nun diese beiden verprügelten Knaben und unterhalten sich über die mangelhafte Einrichtung dieser Welt. Altklug sind sie beide, durch Not und Bitternis frühreif geworden. Sie haben einen scharfen Blick für das Wesen der Menschen und der Dinge.

„Und das, was er über die Wandgemälde sagte, ist nichts als Unsinn“, meint Konrad. „Es sind Darstellungen aus der Götterlehre der alten Römer. Eins davon ist bestimmt die Jagd der Diana.“

„Ist das sicher?“

„Ja. Ich habe ein ähnliches Bild im Museum gesehen. Wenn du willst, können wir am nächsten Sonntag hingehen; da ist es für jedermann geöffnet und kostet keinen Eintritt.“

So schnell wird das Übel überwunden und vergessen. Diese zerbrechlichen Menschenfigürchen haben Stahlfedern im Leib. Sie werden zu Boden geworfen und flachgedrückt; aber kaum lässt der Druck nach, fahren sie leicht wieder in die Höhe.

„Im Museum — sind dort richtige Bilder?“

„Ja. Gemälde berühmter Künstler.“

„Von Raffael?“

„Ach, das war ja nur einer von vielen, und er ist längst tot. Natürlich konnte er allein nicht tausend Zimmer ausmalen. Dein Vater weiss wenig; aber er schwatzt viel.“

„Glaubst du, dass ich ein berühmter Maler werden kann?“

„Freilich — warum nicht ...“

„Ich glaube es.“

Aber hierauf sagt Konrad etwas, was ganz und gar nicht zu dieser Sache gehört; er blickt den Mond an und sagt: „Ich wundere mich, in welchem Zimmer sie schlief ...“

„Wer?“

„Die Waise.“

„Sie schlief gewiss bei ihren Eltern.“

„Nein, sie hatte ein Zimmer für sich allein. Sie waren doch sehr vornehme Leute, musst du begreifen ...“

„Warum willst du wissen, wo sie schlief?“

„So ... Sie ist immer allein und still und traurig. Nie kommt sie auf die Strasse hinaus zu uns anderen. Nur hinter dem Eisengitter steht sie. Aber sie lacht und kreischt nicht wie andere Mädchen. Ich habe Purzelbäume vor ihrem Tor geschlagen ...“

„Sie ist ein schönes Mädchen“, meint Werner bedächtig.

„Ich kann dir nur versichern, dass sie das schönste Mädchen der Stadt ist. Ja, vielleicht gibt es nicht ihresgleichen in der ganzen Welt. Sie steht himmelhoch über uns ...“

Damit endete das nächtliche Gespräch auf der hohen Mauer über dem Rhein. Die beiden Knaben sassen noch lange schweigend nebeneinander, jeder mit seinen eigenen Gedanken.

Der Mond streute grüngoldenes Licht auf die Erde. Der mächtige Strom rauschte mit seinen Wellen.

Verlorene Seelen

Es gab einen Mann, der heimlich durch das weitläufige Haus und durch die tiefen Keller schlich, und das war ein Mann, der allen Ernstes das Glück suchte, den verborgenen Schatz. Seht, der alte Klaus Lohmann wollte diesmal nicht abseits stehen, wenn die Unsichtbaren ihre Gaben ausstreuten. Deshalb ergriff er Emils Hammer und begann eine Tätigkeit. Er suchte, während die anderen schliefen.

Nun war leider der Schlaf der Frauen nicht tief genug, und sie vernahmen ein dumpfes Klopfen. Es war Elisa, die rief: „Allmächtiger Vater — hört ihr nichts?“

„Was denn?“ fragte es aus dem Dunkeln.

„Macht Licht! O Herr des Himmels — es klopft ...“

Das Gaslicht wurde angezündet. Die Frauen wussten es nicht, aber es war dasselbe Gaslicht, das dem Ehepaar Bondorf den Tod brachte. Aufgeschreckt sassen sie in ihren Betten und lauschten. Es klopfte. Drei dumpfe Schläge, bald da, bald dort. Es klopfte. „Bete, Mutter!“ flüsterten sie.

Die Grossmutter holte die grosse Bibel, setzte ihre Brille auf und las mit singender, vor Angst flatternder Stimme den prachtvollen Psalm, den sie zu lesen pflegte, wenn ein schweres Gewitter am Himmel tobte. „Wer unter dem Schutze des Höchsten steht und im Schatten des Allmächtigen wandelt ...“, las sie.

Es klopfte weiter.

Siebenmal las die Grossmutter den Psalm. Aber das Gespensterklopfen horte nicht auf. „Sie haben sich selber ums Leben gebracht, nun dürfen sie im Grab keine Ruhe finden“, sagte darauf die Grossmutter.

In Elisa steigt jäh ein kühner Gedanke auf. „Vielleicht gilt das uns“, flüstert sie heiss. „Ja, vielleicht sind wir auserkoren, diese armen Seelen zu erlösen.“

Ein glorreicher Gedanke! Ein Unternehmen, ganz nach dem Herzen der Lohmanns. „Wir wollen um ihre armen Seelen ringen“, sagen die Frauen zueinander. „Wir wollen ihnen die ewige Ruhe verschaffen.“

Abwechselnd beteten sie und flehten den Herrn um Erbarmen. „Vergib ihnen, o Herr!“ riefen sie inbrünstig.

Am Glauben fehlte es hier wahrlich nicht, und es wurde eine schöne und grosse Sache. Die Frauen hofften, dass die Belohnung nicht ausbleiben könne, denn sie waren natürliche und echt menschliche Wesen.

Dann hörte das Klopfen auf.

In der folgenden Nacht holten die Frauen Hannes Frank, und auch er hörte die Zeichen auf einer anderen Welt. Als der Mann, der er war, warf er sich nicht sogleich in den Staub und machte sich unnötig klein; er erklärte: „Mir täuscht keiner ein Huhn für ein Ei vor; hingegen hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Soviel ist wahr und gewiss. Diese Seelen erlösen? Wartet nur — dafür werde ich schon Mittel und Wege finden“, erklärte er zuversichtlich.

Hannes Frank besass ein Buch. Und das war ein geheimnisvolles und mächtiges Buch, nicht eine Bibel, sondern ein Buch, das er vom Vater erbte, der in seinem Dorf als Hexenmeister berühmt war. Ein dickes, uraltes Buch, in dem mancher Rat für überirdische und unterirdische Dinge stand, sowohl heilkräftige Tränke als dunkle Zaubersprüche. Hannes Frank zauderte nicht, den Kampf mit den finsteren Mächten aufzunehmen. „Wenn es darauf ankommt“, sagte er, „so fürchte ich den listigsten Teufel der Hölle nicht. Lasst mich nur machen“, sagte er und kniff die Augen zusammen.

Ei, da erst wurde es eine Angelegenheit! In der Mitternachtsstunde, während der alte Klaus mit seinem Hammer die Wände der tiefen Keller beklopfte und die Knaben im Märchenwalde schliefen, versammelten sich die Lohmanns im Zimmer der Selbstmörder. In stummer Feierlichkeit entrollte Hannes Frank auf dem Stubenboden einen langen, schmalen Papierstreifen, der mit seltsamen Zeichen bedeckt war. Die Zeichen hatte Hannes Frank selber mit roter Tinte gemalt, genau nach der Anleitung seines Zauberbuches. Er legte den Streifen in bestimmten Schlingen und Bogen, zog damit zwei magische Kreise. In den einen Kreis setzte er sich selber, das schwere Buch auf den Knien; in den anderen aber legte er einen echten Totenschädel. „Dreht das Gaslicht aus“, befahl er gedämpft, zündete drei Kerzen an und begann murmelnd zu lesen.

Auf ihren Betten kauerten die Frauen, eisige Schauer im Rücken, lauschten Hannes Franks düsterer Stimme und dem hohlen Geisterklopfen. Von Mitternacht bis ein Uhr dauerte die Beschwörung, worauf das Gaslicht wieder angezündet wurde, Hannes Frank den Papierstreifen aufrollte und den Totenschädel in einen kleinen Sack aus grünem Tuch schob.

Aber Elisa wollte gern wissen, was der Schwager aus seinem Buch vorgelesen.

„Was ich gelesen habe? Darüber darf kein Wort fallen. Ausserdem würdest du doch nichts davon verstehen, denn es war altes Lateinisch.“

„Verstehst du vielleicht altes Lateinisch?“ fragte Elisa hinterhältig.

Hannes Frank, das grosse, schwere Buch unterm Arm, richtete seinen Blick ungefähr auf Elisas Knie und erklärte geringschätzig: „Du tätest, meiner Seel, besser daran, dich um deine eigenen Kenntnisse zu kümmern. Soviel kann ich dir immerhin verraten, dass ich diese Geister in dreimal drei Nächten bannen werde. Und falls das nicht helfen sollte, so ist mir ein bestimmter Ort im Hardwald angegeben; ja, dann werde ich sie also unter eine gewisse Eiche bannen.“

„Unter eine Eiche?“

„Dort sind sie zwar nicht ganz sicher. Sie werden sich in jeder Vollmondnacht dem Hause um einen Hahnenschritt nähern.“

Oh, dieser Hannes! Er verstand seine Sache. Ungeheuer selbstbewusst schaute er von einem zum anderen und nickte. Und so blieb er natürlich der Gewaltigste unter den Frauen. „Nein, du Hannes, du Hannes!“ riefen sie überwältigt. „Was du alles kannst und verstehst.“

„Was dieses anbetrifft, so geh’ ich keinem gesalbten Pfaffen und keinem Mönch aus dem Wege.“

Hannes Frank — er meinte wohl, ein Mann, der mit seiner Trillerpfeife die schweren Eisenbahnwagen nach seinem Willen bewegen könne, dem sei es ein leichtes, mit Geistern zu manövrieren.

Doch Elisa fragte: „Wenn sie sich aber nicht unter die Eiche im Hardwald bannen lassen wollen, du Hannes?“

Ho — Elisa — einfältiges Frauenzimmer!

„Dann weiss ich noch einen Rat — nämlich die geweihte Flasche. Davon hast du erst recht keine Ahnung. Denn bei dir sitzt, wie bei den Fröschen, der ganze Verstand in der Zungenspitze.“

„So? Und wenn sie nicht in die Flasche hinein wollen, du kluger Hannes?“

„Wie? — Nun, dann magst du und der Teufel selber ihnen weiterhelfen!“ schrie Hannes Frank. Und jetzt war er wütend; er stampfte auf seinen kurzen, dicken Beinen aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Die armen Frauen fragten: „Warum kannst du niemals dein böses Maul halten?“

Worauf Elisa verschiedenes zu erwidern wusste.

Nacht um Nacht arbeiteten sie mit den Geistern — neun Nächte lang. Die Knaben merkten, dass etwas Ungewöhnliches und Gefährliches vor sich ging. Arnold und Emil zum Beispiel wagten, sowie es zu dunkeln anfing, keinen Schritt mehr vor die Stubentür. Vor lauter Furcht zogen sie sogar ihre Beine unter dem Tisch hervor auf die Stühle, und wenn es sich so traf, liessen sie das Wasser in die Hosen laufen. —

Konrad und Werner sitzen am Ufer des Rheins, fischen und schauen ein paar grauen Möwen zu, die still auf ausgebreiteten Schwingen segeln. Die Möwen legen ihre Köpfe von einer Seite zur anderen und starren mit ihren rotumränderten Augen auf die Knaben nieder, fahren kreischend in die Höhe. „Ahi — ahiii!“ rufen sie und ziehen langsam stromaufwärts.

„Kommen sie vom Meere her?“ fragt Werner.

„Aus der Nordsee; vielleicht von Norwegen oder Island. Bald wird es Winter. Die Möwen wissen es.“

Sie sitzen unter einem knorrigen, halbdürren Baum. Die Sonnenstrahlen fallen schräg unter die Äste, von denen ein zerfetztes Spinnennetz völlig unbeweglich in der Luft hängt. Es wird Abend.

Konrad blickt übers Wasser hin, über die hastigen, kleinen Wellen, die auf der einen Seite blau, auf der anderen golden schillern. Konrad sagt: „Merkst du etwas daheim? Sie halten eine richtige Geisterbeschwörung ...“

Werner hebt den Kopf. „Was meinen sie wohl damit?“

„Es ist natürlich alles nur Schwindel.“

Konrad Niemandssohn, dieser aufgeweckte Bursche, ist ein kleiner Zweifler, ein klarer Kopf, einer der Ersten in der Schule. Er liest Bücher. „Früher glaubten die Menschen an Teufelei und Zauberei — man verbrannte Hexen. Zu jener Zeit würde man auch deine Leute verbrannt haben.“

Werner wirft einen flachen Stein ins Wasser, schaut ihm mit schiefem Kopfe nach, wie er von Welle zu Welle hüpft und weit draussen verschwindet. An diesem Morgen hatte Werner Frank einen grossen Augenblick; in der Schule, beim Zeichenunterricht. Alle Menschen haben im Leben ein paar ungewöhnliche Augenblicke, die sie später nie wieder vergessen.

Werner Frank war kein Musterschüler, keiner von denen, die man als Beispiel und Leuchte zeigen darf. Am schlimmsten ging es mit dem Zeichnen. Da gab es etwas, das man Ornamente nannte; für Werner eine Plage. Seine Hand zitterte, er konnte keinen schönen Bogen ziehen. Er, der ein berühmter Künstler werden wollte! Ach, das war zum Lachen und zum Heulen; seine Hand schien ihren eigenen Willen zu haben. Diese Hand vermochte hingegen auf dem Blattrand mit ein paar Strichen den Kopf des Lehrers hinzusetzen, dazu eignete sie sich vortrefflich. Werner sah den Lehrer an, und seine Hand zog hastige, krause Striche, die sich auf einmal überraschend zusammenfügten, so dass das weisse Blatt zum Raum wurde, aus dem ein bärtiges Gesicht hervorwuchs.

Der Lehrer bemerkte Werners Treiben, trat näher in der Absicht, zu strafen. Doch es kam etwas ganz anderes, etwas Unglaubhaftes; es wurde eine grenzenlose Überraschung sowohl für den Lehrer als für Werner.

Schon streckte sich eine grosse Hand nach Werners Ohr; doch die Hand blieb in der freien Luft hängen. Der bärtige Mann beugte sich mit grossen Augen vor und fragte: „Wie? Hast du selber das gemacht?“

Werners Herz krampfte sich vor Schreck zusammen.

„Nein, das ist doch ausgeschlossen“, murmelte der Lehrer. Dabei hob er Werners Kopf, forschte staunend in dem zuckenden, schamerfüllten Knabengesicht. Dieser Lehrer malt ja Bilder und ist fast ein Künstler. Er weiss sicher nicht mehr, was er tut. Er zieht Werners Kopf an seine tabakduftende Brust und murmelt: „Fürchte dich nicht, Werner Frank ... Das ist wahrlich kein Grund, sich zu schämen. Denn das, was du dort gezeichnet hast, ist ein kleines Meisterwerk.“

So unvermutet kam das, so rein närrisch und unfassbar wurde es. Atemlose Stille im Raum, ein gespanntes Aufhorchen. „Ein Meisterwerk“, wiederholte der Lehrer feierlich. Und Werner, der oft bestraft, aber nie gelobt worden, senkte langsam den Kopf und weinte.

„Nein, nein, nein“, murmelte der Lehrer, selber ergriffen. „Zeichnest du zu Hause?“

Werner nickt, die Hand vor den Augen.

„Willst du mir einmal deine Arbeiten bringen?“

„Ich habe keine.“

„Was sagst du?“

„Mein Vater hat mir verboten zu zeichnen.“

„Deshalb vernichtest du deine Arbeiten?“

„Ja.“

„Hat man schon so etwas gehört? Was ist dein Vater?“

„Eisenbahner.“

„Ein lebendes Rätsel ... Dir, Knabe, wurde etwas sehr Seltenes geschenkt ...“ Nachdenklich holt der Lehrer mit der Zunge ein Ende seines Schnurrbartes zwischen die Lippen und kaut daran.

Das war Werners grosser Augenblick. Eine helle Flamme schlug auf dem grauen, alltäglichen Himmel nieder auf seinen Scheitel ...

Werner kauert jetzt an Konrads Seite und erzählt ihm sein Erlebnis. „Sicher wollte er damit sagen, dass ich Talent habe. Was meinst du?“

„Ja, du wirst einmal ein grosser Künstler sein“, nickt Konrad eifrig.

Leider blieb es nur ein kurzes, grelles Aufleuchten. Die Flamme erlosch, und Werners Leben wurde abermals grau und freudlos. Werner Frank wurde wieder zurückgestossen in die Masse und tauchte darin unter. Wahrscheinlich schämte der Lehrer sich nachträglich des kleinen Zwischenfalles und seiner Ergriffenheit. Die Sache schien ihm wohl gar zu unmöglich, und er vergass sie bald. Er war ein grosser Mann mit gewaltigem Bartwuchs, gewiss hatte er ein warmes und gutes Herz. Die Herzen der Menschen sind fast immer gut; nur träge sind sie — Gott bessere es.

Was aber dieses anbetrifft, so waren die Herzen der Lohmanns durchaus nicht träge, denn sie strengten alle ihre Kräfte an, dem Bösen zwei verlorene Seelen zu entreissen.

Der einzige, der vom Geistertreiben keine Ahnung hatte, war der alte Klaus. Unscheinbar und unbeachtet, wie seit jeher, ging er seine eigenen Wege, ausgeschlossen vom Vertrauen. Und so rumorte er also im Keller, indes in der Stube Hannes Frank beim Schein der drei Kerzen altlateinische Sprüche murmelte.

Es war seit jeher der Traum dieser armen Menschen, durch ein Wunder mühelos und schnell reich zu werden. Sie lebten immerzu in der Zuversicht, dass ihr Dasein irgendwie eine überraschende Wendung nehmen müsse. Sie waren glücklich in ihrer Hoffnung. Ihr Glaube war so stark, dass sie alle Not der Gegenwart leicht überwanden. Nun konnten zwar die armen Seelen in den dreimal drei Nächten nicht erlöst werden. Hannes Frank setzte also den Kampf im Walde fort, unter einer gewissen Eiche. Nebenbei erfüllte man die gewöhnlichen Pflichten des Alltags, führte Kriege und schloss Frieden.

Ein Versprechen

Und da war nun dieser grosse, gesegnete Garten. Die Früchte an den Bäumen reiften allmählich und konnten gepflückt werden; ein grosses Ereignis für die Knaben, die solches zum erstenmal erlebten.

Im Garten gab es einen Hügel, der einst dadurch entstanden, dass das viele Erdreich beim Ausgraben der mächtigen Kellereien dort abgelagert worden. Auf dem Hügel wuchsen Tannen, schlanke, hohe Stämme, deren Wipfel im Herbstwind sangen und sachte hin und her schwankten und aus deren dichten Zweigen es dunkel rauschte und lockte.

Der Garten gehörte jetzt den vier Knaben. Er durfte wachsen und alt werden, ehe er ein paar Menschenherzen erfreute. Früher war es ein vornehmer und stiller Garten. Die stolze Frau Bondorf spielte als Kind darin. Sie wurde im Ritterhof geboren und erbte ihn nach ihrem Vater, dem Herrn Kesser, der ein wirklicher Weinhändler gewesen und überhaupt eine glückliche Hand hatte, so dass er Geld auf Geld häufen konnte.

Auch das Töchterchen Alma spielte hier. Auf den Hellen Kieswegen machte es die ersten Schritte seines Lebens, allein, still, fern vom Lärm der Stadt. Im Grunde blieb es doch so unbegreiflich, warum der unglückselige Herr Bondorf das viele, viele Geld nicht behalten durfte; warum er nicht in diesem Garten mit seiner schönen Frau glücklich sein und grau und alt werden durfte. Die Leute behaupten jetzt, dieser Herr sei kein rechter Patrizier gewesen. Er stamme von irgendwo her, von jenseits der Grenze, vielleicht von Spanien oder Peru. Sie nennen ihn nachträglich eine mystische Person. Eine gelbe Haut hatte er; dunkle, feurige Augen hatte er. Diese heissen Augen betörten die reiche Tochter.

Zweifellos leben auch in anderen Städten vornehme Leute. Aber wozu brauchten die Bondorfs vier oder sechs Pferde auf einmal und verschiedene Wagen und zwei Kutscher? Viel Unerklärliches haftete diesen Menschen an.

Jeden Morgen ritten sie miteinander durch die Strassen. Und soweit die gewöhnlichen Leute sich auf Pferde verstehen konnten, ritt Herr Bondorf auf einem echten Araberhengst. Das Töchterlein Alma aber ritt auf einem braunen Pony und war überaus niedlich. Die Knaben standen mit offenen Mündern am Wegrand — genau dieselben Knaben, die jetzt im schönen Garten lärmten.

Die Bondorfs trieben es doch gar zu toll mit Luxus und Verschwendung, mit Gärtnern und Kammerzofen und Gott weiss was. Sie gaben glänzende Feste. Wollten sie vielleicht dadurch aller Welt beweisen, dass der zugereiste Herr Bondorf kein Habenichts, kein Abenteurer oder Zirkusmensch war? Und da endlich alle Welt glaubte, dass Herr Bondorf ein richtiger Hidalgo sei, drehte er selber den Gashahn auf. So ungefähr hing das zusammen; und es war grauenhaft und ein wenig lächerlich. Deshalb überwucherte jetzt Unkraut die hellen Wege. Konrad benahm sich als der Gesittetste, er setzte sich hier und dort auf eine Bank und blickte den Wolken nach, die über die Tannenwipfel zogen. Er allein konnte die Büsche und Bäume beim rechten Namen nennen. Der rote Arnold verstand sich eben erst aufs Obstessen, und Emil, der unruhige Geist, erfand jeden Tag neue Spiele, neue Teufeleien. In dieser Beziehung war er ein Genie und der geborene Anführer.

Aber Werner zeichnete, unbeholfen, doch in tiefer Andacht. Kleine Werke, ein knorriger Baumstamm vielleicht, ein paar Zweige, einen Stein mit dunklem Schatten dahinter. Und zuweilen kletterte er auf eine Tanne.

In diesem Knaben wohnten zwei Seelen, eine verschüchterte Träumerseele, die aus verborgenem Winkel hervor die mannigfaltigen Bilder der Welt erschauernd in sich aufnahm. Doch er liebte in gleicher Weise die Stille und die Gefahr.

Von den höchsten Wipfeln der Tannen tat er einen Blick in die Nachbargärten, auf das Dächergewirr der Stadt und hinaus in die grosse Ebene, an deren äusserstem Rande der mächtige Rhein als flimmernde Linie verschwand. Eine frischere Luft wehte. Die Menschen in den Strassen erschienen klein und in ihrer Gestalt wunderlich verzerrt. Als Kegel schoben sie sich vorwärts, mit hastigen, komischen Bewegungen; ja selbst ihre Stimmen klangen befremdlich. Manchmal schwirrte ein kleiner Vogel nahe vorbei, und der Windzug seines Schwingenschlages streifte Werners Gesicht. Vom Menschenstrom in fernen Gassen stieg dumpfes Brausen über die Dächer. Eisenbahnzüge fuhren in die Ebene hinaus, schrill pfiffen Lokomotiven; der Wind trug ihr Rasseln und Schnauben heran, bald stärker, bald schwächer. Ein endloses Kommen und Gehen, ein ungeheurer Wille zum Leben, und jähe, erschreckte Stille dazwischen. Nichtig schienen die Menschenfiguren in all dem Dröhnen, Kreischen, Klirren und Rasseln, das sie doch selber erzeugten ...

An den obersten Wipfel der höchsten Tanne klammerte sich Werner, überrascht und erschüttert von der Grösse der Welt. Gleich den vorbeihuschenden Vögeln stiess er helle Jubelschreie aus.

Er sollte jäh aus seinem Höhentaumel gerissen werden. Hinter dem dicken Wall der tausend Äste hervor rief eine fürchterliche Stimme: „Was treibst du dort oben, verdammter Schlingel?“

Der Himmel verfinsterte sich, die Ferne verblasste, die tausend Geräusche der Stadt verstummten ...

Dort unten irgendwo, verborgen hinter dem wunderfeinen Gewirr der duftenden Tannennadeln, lauerte schreckhaft wie das Verhängnis der Vater, der Herr über Leben und Tod, der erbarmungslose Richter, dessen Hand stets bereit war, zu strafen. „Komm sogleich herunter!“ wurde befohlen. Eine kalte Welle der Angst strömte Werner entgegen. Ein Schauer lief durch seinen Körper. Hart klopfte ihm das Blut im Halse. „Dir werde ich die Ohren ausputzen ...!“

Vor wenigen Augenblicken noch jubelte Werners Herz, und er war glücklich und frei und unmenschlich reich. Die Stimme des Vaters verwandelte ihn zu einem armseligen Häuflein Furcht. Doch überraschend kam eine unbändige Auflehnung gegen diese rohe Gewalt über ihn, ein wilder, sinnloser Trotz. Sich selber fremd, rief er: „Ich komme nicht. Nein. Und es ist mir gleichgültig, ob ich herunterfalle und sterbe ...“

Worauf eine betäubende Stille eintrat. Der Vater entfernte sich ein Stückweit, um seinen Sohn, der solches wagte, zu betrachten. Am Rande eines Rosenbeetes tauchte er auf, klein und rund, ohne Beine, nur die Füsse standen ihm unter dem Bauch hervor, eine Brust mit einem roten, zornigen Gesicht darüber. Der blanke Schild seiner Mütze funkelte in der Sonne, und die Trillerpfeife hing wie ein Orden an seinem Rock. „Du kommst nicht? Was sagst du?“

„Versprich mir, dass du mich nicht anrührst. Sonst bleibe ich hier oben.“

Dieses war das erstemal, dass Werner es wagte, dem Vater zu widersprechen. Er fühlte sich sicher und überlegen in seiner Höhe. Er schaukelte sich hin und her. Der schlanke Tannenwipfel bog sich unter ihm, es knisterte und raschelte in den Zweigen. Der Tannenwipfel bog sich einem anderen Tannenwipfel entgegen. Werner liess los, sauste mit ausgebreiteten Armen durch die leere Luft, griff zu und wiegte sich wieder. Ein paar Äste krachten; ein paar Schrammen an Gesicht und Händen. Das Spiel war schön. Ein herrliches, ein gefährliches Spiel, noch dadurch erhöht, dass tief unten der gefürchtete Mann stand und in ohnmächtiger Wut seine beiden Fäuste emporstreckte.

Von Wipfel zu Wipfel sprang Werner, leicht und sicher; ihm war, als brauche er nur seine Arme auszubreiten, um wie die Vögel durch die Luft zu schweben, hoch über die Erde und den erzürnten Vater hin, in die blaue Ferne hinaus.

Trotzdem meinte der Vater es gut auf seine Weise; er verstand nur so gar wenig von dem, was in der Seele seines Sohnes lebte. Nach alter Überlieferung meinte er, es genüge, streng zu herrschen und hart zu züchtigen. Er meinte, damit sei schon alles getan. Aber als er seinen Sohn, einem Eichhörnchen gleich, von Baum zu Baum springen sah, wurde ihm ein wenig schwindlig, und er rief mit milderer Stimme: „Lass das jetzt, du! Komm nur herunter. Ich tu dir für diesmal nichts.“

„Versprichst du mir das?“

„Jawohl — hörst du ...“

Ei, das war ein völlig ungewohnter Ton. Es klang ähnlich einer Bitte. Werner traute dieser Milde nicht und blieb zurückhaltend. „Soll das wirklich ein Versprechen sein?“ fragte er.

„Ja, was denn sonst?“

„Ein Versprechen muss man halten ...“

„Schwätz nun nicht länger und komm herunter!“

„Gut. Ich glaube dir.“

Die blanke Schirmmütze und das rote Gesicht verschwanden hinter dem Gewirr der Tannenäste. Werner meinte, der Vater sei ins Haus gegangen und das kleine Abenteuer beendet.

Darin irrte er sich. Der Vater lauerte hinter einem Busch verborgen, und noch ehe der Sohn den Erdboden erreichte, wurde er von kräftiger Faust im Nacken erfasst. Ein Leibriemen schwirrte in der Luft, der kühne Sohn wurde furchtbar verhauen. Über ihm keuchte eine wütende Stimme. „Das ist für deine Kletterei. Und das ist für dein freches Maul. Ich will es dir dick aufstreichen. Daran sollst du dein Leben lang denken ...“

Als der Riemen ihm entglitt, schlug er mit blosser Hand weiter. Und gewiss meinte er es noch immer gut auf seine Weise. Er liess den Sohn zur Erde fallen und erklärte schnaufend: „Wer sein Kind liebt, der züchtiget es.“

Während er den Leibriemen umschnallte, wiederholte er: „Jawohl — der züchtiget es bald.“ Worauf er ein paar Schritte machte. Dann drehte er sich um und sagte: „Und jetzt ins Bett mit dir, du Strolch. Abendbrot gibt es heute nicht. Verstanden?“ Nun erst ging er ins Haus.

Hannes Frank ahnte nicht, was er angerichtet. Er ahnte nicht, dass Werner sein Leben lang diese Stunde nicht mehr vergessen konnte. In Werner war etwas sehr Kostbares zerbrochen.

Eine flammende Empörung beherrschte ihn völlig. Er liess sich schlagen, und kein Laut kam über seine Lippen. Es war genau so, wie Konrad es in einer Mondnacht auf der Strandmauer schilderte: er hörte die Schläge, aber fühlte sie kaum. Was ihm damals unglaubhaft erschien, das hatte er nun selber erlebt.

Im Kreise standen stumm, mit verstörten Gesichtern, die Brüder. „Tut es sehr weh?“ erkundigte sich der rote Arnold, indes er seine eigenen Lenden rieb, und stöhnte: „Oh — oh ...“

Konrad beugte sich über Werner, hob ihm den Kopf, strich ihm das Haar aus dem Gesicht, ohne ein einziges Wort. Für Konrad blieb alles Erleben Schicksal, das er ohne Widerspruch erduldete, als etwas Unentrinnbares.

Schnaufend lief Emil herbei. „Der Tyrann sitzt in der Küche, frisst und flucht. — Werner, verschwinde! Wenn er dich sieht, haut er dich sicher noch einmal, denn er ist noch rasend. Hör nur, wie er brüllt, der Löwe ...“

Sie führten Werner durch den Haupteingang ins Haus. Konrad wusch ihm das Gesicht. Und Werner sagte noch immer kein Wort. Mit geschlossenen Augen lag er, und es war eine grosse Müdigkeit und unendliche Trauer in ihm.

Allmählich begannen die Schläge zu schmerzen. Werner feuchtete mit der Zungenspitze die trockenen Lippen an und merkte, dass sie dick geschwollen waren. Er dachte nur immer das eine: Er hielt sein Versprechen nicht! Und es war in ihm ein Entsetzen sondergleichen.

Sehr behutsam drehte er sich auf die Seite. Sein Rücken brannte wie Feuer. Das ganze Bett strömte unerträgliche Gluthitze aus. Aber Werners Herz zitterte vor Kälte. Und er öffnete die Augen und starrte zur Wand hinüber, zum Märchenwald mit den schönen Göttinnen und den Fabeltieren — in eine Welt, in der es keine Leibriemen und keine Gemeinheit gab.

In dieser Stunde hörte Werner Frank auf, ein Kind zu sein. Kaum dreizehn Jahre zählte er, als ihm sein Kinderglaube genommen wurde. Des Vaters Faust riss ihn aus der linden Sorglosigkeit der Jugend. Des Lebens Wirklichkeit richtete sich finster und drohend vor ihm auf. Das Band, das ihn an die Eltern knüpfte, hatte Hannes Frank durchschnitten. Dieses Band konnte nie wieder geknüpft werden. Voll unausdenkbaren Grauens fragte Werner: „Wer sind sie, diese Menschen? Was wollen sie von mir?“

Er glaubte, sie umständen alle sein Lager und schauten auf ihn nieder, wie er so zerschlagen und zerschmettert lag. Aber sie hatten fremde und lauernde Gesichter. Es war ein unfassbares, blitzhelles Durchdringen der Oberfläche. Alle wurden durchsichtig. Hinter ihren Augen sah Werner schattenhaft ihre geheimen Gedanken vorübergleiten. Ob dieser Erkenntnis gingen die Schmerzen seines wundgeschlagenen Körpers unter im Erschauern seiner Seele.

Oft bestimmen kleine und unbeachtete Begebenheiten den Lebenslauf der Menschen — Werner Franks wurde durch des Vaters Wortbruch aus der Gemeinschaft der Familie gelöst. Hinfort stand er ihrem Treiben fern ...

Schritte auf den Steinfliesen des Hausflurs. Schwere, klatschende Schritte. Werner kannte sie genau. Hart stiess die Ferse auf den Boden, darauf klatschte die Sohle. Es hörte sich an, als schritten zwei nebeneinander her.

„Plattfüsse“, murmelte Werner, zitternd wie im Fieber. Ein völlig neues Gefühl von Abscheu und Hass quoll in ihm auf. Er stellte sich vor, wie der Vater jetzt durch den hallenden Flur schritt, schmatzend nach dem Essen, satt, zufrieden, stumpf. Ein Dunst von Schweiss und Schmieröl umgab ihn, ein Geruch von sonnendurchglühten Eisenbahnwagen und kaltem Tabakrauch. Die Enden des langen Schnurrbarts hingen zu beiden Seiten des Kinns nieder und verbargen den Mund. Nie hat Werner seines Vaters Mund gesehen. Doch nun erkennt er sehr deutlich den Schnitt der Lippen ...

Ein fremder Mann. Ein Eisenbahner, er schreitet gegen die Landstrasse. Er öffnet das eiserne Gartentor. Untersetzt, schwerfällig. Sein Dienst ist, mit den Eisenbahnwagen zu manövrieren. Sie sagen, er sei Obmann einer Rangierabteilung. Er kommandiert über vier oder fünf andere Männer, die Schildmützen tragen und einen ähnlichen Geruch ausströmen. Hannes Frank heisst er, und seine fleischigen Hände baumeln ihm beim Gehen seltsam leblos aus den Ärmeln, gleich zwei gelben Sandsäcken. „Diese Sandsäcke waren es, die mich schlugen“, murmelt Werner. Auf einmal denkt er ohne Groll daran, es ist mehr ein Erinnern von weit her, als sei das einst einem anderen zugestossen. „An seinen schlaffen Händen würde ich ihn erkennen unter vielen Tausenden ...“

In einer Dämmerstunde hielt Werner Frank Abrechnung. An einem Samstagabend.

Am folgenden Morgen ging Werner mit Konrad in die Gemäldesammlung des Museums.

Er hinkte ein paar Tage lang und konnte den Rücken nicht strecken.

„Was fehlt dir?“ fragte der Lehrer.

„Ich kletterte auf einen Baum“, antwortete Werner.

„Haha — da fielst du natürlich herunter.“

Werner senkte den Kopf und schwieg. Eine alltägliche Sache. Durch Schaden wird man klug.

Nach ein paar Tagen spürte Werner Frank keine Schmerzen mehr, weder im Rücken noch in den Beinen. Nur der Riss in seiner Seele blieb. Er fiel aus grosser Höhe auf die harte, harte Erde.

Der Geist in der Flasche

Die Geisterbeschwörung hatte einen plötzlichen Erfolg. Eines Nachts verstummte das Klopfen, und es trat Ruhe ein. Die Lohmanns horchten bestürzt. „Endlich haben wir sie erlöst“, sagten die Frauen ergriffen. „Und der Herr erbarme sich ihrer ...“ Sie sahen einander an und weinten vor Freude. „Amen.“

Aber Hannes Frank schnippte mit den Fingern. „Oha — hab’ ich das vielleicht nicht recht gemacht?“ fragte er. „Ging es vielleicht nicht genau nach meiner Berechnung?“

Hinfort steckten die beiden armen Seelen also in einer Flasche unter der gewissen Eiche im Hardwald. „Doch vergesst nicht“, sagte Hannes Frank, der Hexenmeister, „dass sie in jeder Vollmondnacht um einen Hahnenschritt zurückkommen werden. Erreichen sie erst das Haus, dann sei Gott uns allen gnädig.“

„Ach, bis dahin fliesst viel Wasser den Rhein hinunter“, meinten die Frauen unbekümmert. „Wenn wir doch auf unseren Füssen bis zur Eiche fast eine Stunde lang marschieren müssen“, lachten sie. „Übrigens wirst du dann sicherlich ein neues Mittel finden, du, Hannes.“

Kein Zweifel, es war eine grosse Tat. Nun war sie also vollbracht, von Hannes Frank, mit Zauberspruch, Totenschädel und Flasche. Das Gespensterklopfen im Haus hörte vollständig auf. Es verstummte in der Nacht, da der alte Klaus nach langem Suchen etwas fand.

Zäh und zuversichtlich klopfte der alte Klaus, und wo es in der Mauer einen hohlen Klang gab, brach er ein paar Steine aus. Eine schwere und mühsame Arbeit, die keiner dem wackeligen Männchen zugetraut hätte. Im untersten Keller, im hintersten Winkel traf er auf ein paar Steine, die sich fast von selber lösten. Dahinter lag ein kleiner Raum, eine Werkstatt. Die Laterne in des alten Klaus’ Hand schwankte und flackerte. Das war der Schatz.

Auf dem Tisch vor ihm lag Geld, es lag genau so da, als warte es auf ihn. Nicht gemünztes Gold, nein; aber auch kein kleines, gemeines Silbergeld, sondern Banknoten, reine, neue Fünfzigfrankenscheine. War es auch kein Riesenvermögen, das dem alten Klaus in die Hände fiel, so mochten es doch immerhin zwanzig, ja vielleicht auch vierzig Scheine sein. Seine mageren, verkrümmten Finger zitterten.

Sogleich verstand er, dass es sich hier nicht um ehrliches Geld handeln konnte, dass es schlimmes Geld sein musste; er erinnerte sich an das Gerede in der Stadt vom Umlauf falscher Banknoten. Aber Geld sei Geld, meinte der alte Klaus in der Einfalt seines Herzens. Wo in der Welt gibt es ganz gutes, ganz ehrliches Geld? dachte er wohl.

Diese Scheine hat sicherlich der selige Weinhändler Bondorf gemacht; da dieser Herr längst tot und begraben ist, gehören sie niemand. So ungefähr legte der alte Klaus sich diese Sache zurecht und steckte die Banknoten in seine Tasche. Hierauf schob er die Steine wieder an ihren Platz zurück und füllte alle Fugen mit Schutt und Staub aus. Reich und glücklich wie nie in seinem langen, mühsamen Leben legte er sich in sein Bett. Auch der alte Klaus hatte alle Ursache, sich zu freuen und auszuruhen nach einer grossen Arbeit.

Die Frauen aber und mit ihnen Hannes Frank erwarteten nun die Belohnung für das gute Werk. Sie mussten jedoch alsbald eine bittere Enttäuschung erleben. Denn zunächst erschien im Ritterhof Herr Mayer, der Besitzer, forderte die fällige Miete, und da sie nicht vorhanden war, drohte er, die Lohmanns aus ihrem Paradies zu vertreiben. „Spätestens in einer Woche muss das Geld abgeliefert werden“, erklärte er. Das hatten die Lohmanns also für ihre Mühe mit den Geistern.

Weiss Gott, es handelte sich um eine geringe Summe. Aber wo nichts vorhanden ist, ist selbst das Wenige noch zuviel. Die Frauen schauten einander wieder an, seufzten und klagten über die Härte der Menschenherzen.

Der alte Klaus vernahm dieserart die furchtbare Drohung, schwieg dazu und nickte, aber in seine grauen Augen kam ein heller Glanz. Verteufelt schlau stellte er es an. Er zerknitterte und beschmutzte die schönen Scheine und verlieh ihnen ein ehrwürdiges Aussehen. Nur ein paar davon gab er aus, zur Dämmerstunde, in entlegenen Stadtvierteln; er kaufte eine Kleinigkeit und sammelte gewöhnliche Silbermünzen. Nach wenigen Tagen legte er dem herzlosen Herrn Mayer den schuldigen Mietzins blank auf den Tisch und wurde zum Retter in der Not — Klaus, der Verachtete, von dem niemand Hilfe erwartete.

Das Leben ging weiter. Grosses und Kleines geschah. Unter anderem fand der Knabe Emil wieder ein Fass. Diesmal war es ein zuverlässig leeres Fass, das nicht nach Wein oder etwas Süssem roch. Emil rollte das Fass in den Garten, rollte es in geheimer Absicht bis zum Tannenhügel. Er behauptete, mit dem Fass liesse sich etwas unternehmen. Emils Tage waren bis zum Rande gefüllt mit Unternehmungen; wenige Dinge gab es zwischen Himmel und Erde, für die er nicht Verwendung zu finden wusste. Hannes Frank hatte die untersten Äste von den Tannen gesägt und auf einen Haufen geschichtet. Beim Anblick der schlanken Tannenäste verschob Emil sein Fassunternehmen auf spätere Zeiten und gab sich einer neuen Sache hin. „Wir werden ein Haus bauen“, erklärte er. „Es soll ein zweistöckiges Haus werden. Es muss eine Treppe haben.“

Sie befestigten die Äste mit Nägeln und Schnüren an vier Tannenstämmen, die in passender Entfernung voneinander standen. Sie bauten ihr Haus; sie bauten daran eine Woche lang. Und als es fertig war, mit Treppe und Fenster und allem, erklärte Emil, der Erfindungsreiche: „Gut. Jetzt wollen wir es anzünden.“

„Bist du verrückt?“ fragte Werner und widersetzte sich dem Brand.

Nun hatte jedoch Werner sich am Hausbau gar nicht beteiligt, denn Werner fürchtete sich vor dem Ausgang von Emils Unternehmungen. Trotzdem fragte er: „Wozu soll es denn verbrannt werden?“

„Es soll nicht verbrannt werden“, entgegnete Emil. „Wir wollen es nur so ein bisschen anzünden. Sobald es brennt, werden wir das Feuer löschen.“

Somit handelte es sich hier um ein ziemlich verwickeltes Unternehmen, das ausser Emil keiner begriff — jedenfalls begriff es weder Konrad noch Werner.

„Geht heim und legt euch!“ rief Emil. „Ihr taugt doch nicht zu einem anständigen Spiel. Geht nur und werft Ball mit den Mädchen“, höhnte er, indem er zischend durch die Zähne spuckte.

Also zogen Werner und Konrad sich zurück. „Viel Vergnügen und Glück auf den Weg!“ rief Emil ihnen nach. „Es gibt gottlob in dieser Welt noch Knaben genug, Knaben von der richtigen Sorte.“

Ja, gewiss gab es noch Knaben, die sich zu allem möglichen eigneten, zum Beispiel zu Feuerwehrmännern oder wiehernden Pferden. Dieser kleine Teufel von Emil kannte schon frühzeitig die Welt und wusste seine Leute zu finden. Die ganze Nachbarschaft wimmelte von mutiger Jugend. Emil spuckte wieder durch die Zähne. „Nun passt auf! Im ersten Stock sitzt ein Mann. Der Mann liest eine Zeitung und raucht eine Zigarre dazu. Mit der brennenden Zigarre zündet er die Zeitung an. Die Zeitung brennt; der Mann wirft sie fort. Dann brennt das Haus schon von selber. Wir aber kommen und löschen das Feuer, und ich rette den Mann. Zuerst müssen wir das Fass mit Wasser füllen, denn es ist unsere Feuerspritze.“

Fein erfunden. Der Plan gefiel den Knaben. Nur Konrad mischte sich nochmals in die Sache und schlug vor, das Haus ohne Brand zu bewohnen.

„Ja, das würde dir gleichen“, sagte Emil verächtlich. „Du würdest darin sitzen, bis du einen grauen Bart bekämst ... Überhaupt, was stehst du noch da herum? Merkst du denn nicht, dass du uns allen im Wege stehst?“

Hinfort gab es keine Rettung mehr. Das Haus musste brennen. Konrad und Werner gingen ans andere Ende des Gartens. Und Emil war, das versteht sich, der Feuerwehrhauptmann. Es setzte sich ein Mann in den ersten Stock, entfaltete eine Zeitung und zündete eine der prächtigen Bauchbindenzigarren an. Dieser Mann war der rote Arnold, weil kein anderer es sein mochte. Und Arnold machte es, so gut er konnte, hielt die glühende Zigarre gegen die Zeitung; doch es entstand nur ein Loch, ein Wölklein Rauch, aber kein Feuer. Deshalb musste Emil mit einem Streichholz ein wenig nachhelfen. Da gelang es über Erwarten. Die Flammen züngelten empor und prasselten. Eigentlich hätte Arnold jetzt vom Feuerwehrhauptmann gerettet werden sollen.

Emil kommandierte fürchterlich, fluchte und rief die Spritze herbei. Doch der Brand gelang nur allzu gut, schon brannte die Treppe, alle Wände, das Dach. Überall prasselte es, und der rote Arnold schrie so echt und entsetzlich, dass die Feuerwehr Fass und Spritze im Stiche liess und die Flucht ergriff.

Der kleine, dicke, rote Arnold hätte sicherlich den Flammentod erleiden müssen, wenn nicht Konrad und Werner sich doch noch am Spiel beteiligt hätten. Sie zogen Arnold an den Beinen durch den Boden Hinab, klopften ihm die Funken aus Haar und Kleidern und rissen das Haus ein. Aus Emils Knabenspiel wurde schliesslich eine rechtschaffene Männerarbeit. Es gab Wunden an Gesicht und Händen, versengte Haare und braune Löcher in den Kleidern. Und da solches gerichtet und bestraft werden musste, gab es noch Prügel als Zulage. Bei der Züchtigung nahm Hannes Frank aus reiner Gewohnheit die Sünder dem Alter nach und fing mit Konrad an, dann packte er Werner, und dann riss Emil aus und war nicht mehr aufzufinden. Der rote Arnold lag, ohnedies rundum mit Schmalz eingerieben, im Bett.

Wahrscheinlich entsprach Hannes Franks Richtersinn nicht ganz Recht und Sitte. Aber das Leben der Knaben blieb dennoch schön, wenn auch alle ihre Spiele irgendwie mit Schmerzen enden mussten.

Das Leben im Ritterhof wurde noch reicher an Abwechslung, als bald nach dem Hausbrand neue Leute in die Gärtnerwohnung einzogen. An einem Novembermorgen erschienen sie. „Tschau — tschau ...“, mit Gelächter, Spektakel und „Amico“. Und Barrenti hiessen sie. Lebhafte Tessiner, vielleicht richtige Italiener. „Ich, Giochino — ich wohnen jetzt hier. O Madonna, hier ist es schön!“

Auch Giochino war Familienvater; er schob seine irdische Habe auf einem Handkarren vor sich her. Ein Prachtexemplar — schwarzes Lockenhaar, zwei funkelnde Augen, ein roter Mund. Seine kleine, blasse Frau folgte ihm mit einem hochbeladenen Kinderwagen. An ihrer Seite gingen zwei hübsche Mädchen; und das Ganze umkreisten, wie ein Rudel Hunde, drei johlende Knaben.

Dieserart folgten sich ohne Unterlass die Ereignisse im Leben der Grossen sowohl als im Leben der Kleinen. Das Erscheinen der Italiener war eine hübsche Abwechslung. Sie erhöhten den Lärm, sie brachten irgendwie Frohsinn in fremden Lauten, Sonne und Südwind. Die Herbstabende wurden weniger düster.

Natürlich entstand dadurch eine gewisse Unordnung im Ritterhof. Weder Hannes Frank noch die Frauen betrachteten die Ankömmlinge mit freundlichen Augen, denn sie hätten den Garten Eden am liebsten allein besessen und lehnten sich gegen die Veränderung mit vielen bösen Worten auf. Bis Herr Mayer als ordnende Macht erschien, als der höhere Geist über den Nebeln. Er wies den Barrentis ein Stücklein des Gartens an, ein paar Bäume, ein Stücklein Pflanzland. „Gracia“, sagte Giochino.

Die Lohmanns mussten sich, wenn auch widerstrebend, fügen. Den Knaben hingegen gefiel der Zuzug über alle Massen. Aus der reichen Kinderschar bildete Emil unverzüglich eine Armee und ernannte sich selber zum General. Mit seiner Armee führte er heftige Kriege gegen sämtliche Knabenvölker der Nachbarschaft.

Der Winter zog ins Land, der grosse Zauberer und gute Freund aller Jugend. General Emil liess mächtige Schneeburgen bauen. Es wurde ein Kriegszustand sondergleichen; nicht selten beteiligten sich auch die Erwachsenen daran. Es wurde eine lebhafte Zeit, reich gesegnet mit Abenteuern.

Leider ging sie schnell vorüber. Die harte Wirklichkeit des Daseins verdrängte die munteren Spiele.

Das Geheimnis

Im Frühling wurde Konrad eingesegnet und aus der Schule entlassen. Schon des anderen Tages trat er in die Lehre bei einem Drogisten. Als er am Abend nach Hause kam, roch er vielversprechend nach Zimt und Teer und allerlei. Und am Ende der Woche brachte er seinen ersten kleinen Lohn. Vor Konrad versank das Märchenland. Im Grunde hatte er nicht besondere Lust zum Drogisten; er wäre lieber Architekt geworden, hätte Häuser und Kirchen bauen wollen. Doch weil ihm dieser Wunsch nicht erfüllt werden konnte und er auf einen anderen Weg gesetzt wurde, ging er ihn in gelassener Selbstverständlichkeit. Die anderen Knaben vermissten ihn kaum, denn er war nie ein richtiger Junge.

Übrigens waren ja nun die kleinen Italiener da. Zwar Franceska und Isotta zählten nicht mit, da sie nur Mädchen waren und heulten, wenn man sie anstiess und sie hinfielen. Emil sagte: „Das sind eigentlich noch keine rechten Menschen; es sind höchstens missglückte Versuche.“

Um so besser eigneten sich die drei Knaben zu seinen Unternehmungen. Die wurden von ihm nach Herzenslust herumgetummelt, stets waren sie voller Beulen und Schrammen. Unübertreffliche Soldaten, die blind gehorchten, die für ihren General bis ans Ende der Welt marschierten, für ihn bluteten, siegten und fielen.

Emil konnte sie durch das Akaziengestrüpp an den Strand hinabführen, wo eben ein paar mächtige Baumstämme angebunden lagen. Emil konnte ihnen befehlen: „Erobert diese feindlichen Schiffe!“

Die kleinen Italiener brüllten Hurra und eroberten die Schiffe mit Glanz.

Emil sagte: „Und nun aufgepasst — ich knüpfe das Seil los, dann könnt ihr ein Stückweit den Rhein hinunterfahren.“

Die Soldaten gehorchten, Dominico, Ernesto, Nicolo, alles mutige Krieger. Sie kletterten auf die Stämme hinaus.

„Weiter unten binde ich die Schiffe wieder an“, sagte der General, „dann könnt ihr aussteigen.“

Aber auch dieses Unternehmen verlief nicht ganz nach Emils Berechnung. Hier trug zur Abwechslung die starke Strömung die Schuld daran. Die Strömung ergriff die Baumstämme und riss sie vom Ufer fort. Und als Emil das Seil nicht mehr zu halten vermochte, liess er es fahren. Aber er lief wenigstens dem Ufer entlang und unterstützte seine Krieger durch tapferen Zuspruch: „Haltet euch nur fest! Ihr könnt Gift darauf nehmen, dass man euch weiter unten auffischt; es geschieht euch gar nichts. Und falls man euch nicht auffischen sollte, bleibt ihr einfach an einem Brückenpfeiler hängen.“

Eine Mauer verlegte dem General den Weg. Er rief der abziehenden Armee doch noch nach: „Und wenn sie euch trotzdem nicht auffischen sollten und ihr auch nicht an einem Brückenpfeiler hängenbleibt, dann fahrt ihr in Gottes Namen ins Meer hinaus. Lebt wohl ...“

Hurra.

Barrenti, der Machthaber im Gärtnerhaus, verdrosch seine Buben, als sie nass nach Hause kamen. Schuldig oder unschuldig, darauf kam es ihm ebensowenig an wie einem Hannes Frank. Vater war er, und Strafe muss sein. In dieser Gegend war das goldene Zeitalter der Jugend noch nicht angebrochen, man verehrte noch nicht die Majestät des Kindes.

Im übrigen hielt der Italiener gute Nachbarschaft. Sein Singen und Pfeifen erklang schon in frühester Morgenstunde. Begegnete man ihm auf dem Wege, dann rief er ein lustiges Wort und lachte dazu. Er ging umher mit seinen prachtvollen weissen Zähnen und seinem Perlenhumor, Gott und allen Menschen wohlgefällig, als ein unverwüstlicher Sänger und Spassmacher — die ganze Woche lang. Doch am Sonnabend betrank er sich, und dann drangen andere Töne aus dem Gärtnerhaus. Dann schrie die blasse kleine Frau, und es schrien die Kinder. Dann wurde Giochino Barrenti zum gefährlichen Tier.

Man gewöhnte sich bald an beides, sowohl an die friedliche Gemütlichkeit der Woche als an den Sturm des Samstags. Es ist ein Segen und ein Fluch, dass die Menschen sich so schnell an alles gewöhnen.

Man bedauerte die arme Frau und die armen Kinder. Wer sollte ihnen helfen? Wer soll all den vielen helfen, die leiden müssen? Einst zog ein tapferer Ritter aus, mit der Stärke seines Armes allen Verfolgten zu helfen und Krummes geradezubiegen. Dafür wurde er selber geprügelt und ausgelacht. Es bleibt das Weltgetriebe stets dasselbe. Den einen trifft es so, den anderen anders ...

Die Italiener lebten weiter.

Aber gegen den Frühling hin ereignete sich etwas Schlimmes, ein Unglück. Das traf Konrad. Das Schicksal hatte ihn ausersehen, da mussten ihm beide Arme verbrannt werden. Und auch das ging so einfach und alltäglich zu, als fiele nur ein reifer Apfel vom Ast. Ein Teil Unachtsamkeit, ein Teil Heldentum, daraus entstand Konrads Unglück.

Zweifellos war das der erste Fehler, dass der Drogist in seiner Werkstatt einen offenen Petrolkocher verwendete. Dann war der zweite Fehler, dass der Geselle darauf Wachs schmolz. Das Weitere ergab sich von selber: überkochendes Wachs, Geschrei, ein fliehender Geselle. Vielleicht wäre ein Haus eingeäschert worden. Aber nun stand eben ein Junge, wie dieser Konrad, dabei, und der hatte, wie jener irrende Ritter, in seinem Herzen den Drang, zu helfen, ohne lange Überlegung. Darum griff er zu mit seinen beiden Händen. Und da es nun so geschehen sollte, trug Konrad an diesem Tage einen neuen Leinenkittel, der sogleich in heller Lohe stand. Der ganze Konrad wurde zur brennenden Fackel.

Sie zogen ihm den Kittel über den Kopf; aber die Knöpfe an den Ärmeln hielten fest. Sie wickelten ihn in nasse Tücher und erstickten das teuflische Feuer. Zu spät. Das Feuer hatte Konrads Arme vernichtet; Konrads beide Arme, mit denen er arbeiten wollte ein ganzes Leben lang.

Sie brachten ihn ins Krankenhaus. Da lag er nun — ein gefällter junger Baum, der nie blühen und keine Früchte tragen durfte. Es ward Konrads Lebensweg abgebrochen. So unbegreiflich laufen die Wege der Menschen, bald grauenhaft, bald lächerlich. Die Menschen können es nicht ändern.

Der reiche Weinhändler Bondorf verschwendete sein Geld und verlor deshalb sein Leben und das Leben seiner Frau; aber Konrad verlor alles durch eine gute Tat, sein Herz war frei von Gier und Sünde. Ach, ihr Freunde, wer vermag je das Geschick der armen Menschen zu deuten?

Die Lohmannschen Frauen heulten jammervoll; selbst Hannes Frank, der sonst in jeder Not einen Rat wusste, verstummte. Noch hofften sie, dass nicht alles verloren sei. Doch mit Konrad stand es schlimmer als schlimm. Es sei hoffnungslos, erklärte der Arzt. „Die Arme sind verloren.“

„Allmächtiger — beide Arme?“

„Beide Arme.“

Ach, wie sie klagten und heisse Tränen vergossen, die Frauen. „Nur zu Leid und Schmerz wurde er geboren“, klagten sie. Sie wandten sich an die höheren Mächte und fragten: „Was hat er denn verbrochen, der arme Bub, dass er derart gezüchtigt wird?“ Sie erhielten keine Antwort auf diese Frage.

Endlich fand Hannes Frank seine starke Sprache wieder; endlich erinnerte er sich an sein Zauber- und Wunderbuch, an den Helfer aus allen Nöten. Er legte den Kopf zurück und verkündete: „Beide Arme! Ob es ein zehnfacher Professor ist, der solches behauptet — ich meinerseits glaube nicht daran. Ich sage: Wo noch Leben ist, ist Hoffnung. Und die studierten Herren machen auch ihre Dummheiten.“

Gut gesagt; eine frische Sprache und ein linder Trost für die Frauen. In den nächsten Tagen wurde nicht gekämpft im Ritterhof; alle schlichen traurig und bedrückt umher wie gezüchtigte Kinder.

Die Wunden in Konrads Gesicht heilten überraschend schnell. Nach ein paar Wochen wurden ihm die Binden abgenommen, und er lächelte Werner entgegen — blass wie immer, geduldig wie immer. Konrad trug sein Leid mit der wunderbaren Ergebung der Tiere, die nicht jammern, die sich nur irgendwo verkriechen, um stumm zu sterben.

„Ja, ja — das ist eine sorgenvolle Geschichte“, sagt Konrad. Es klingt beinahe wie eine Entschuldigung. „Nimm den Stuhl dort. Rück näher — so — setz dich doch!“ Alles scheint ihm selbstverständlich. „Und jetzt liege ich also hier“, sagt Konrad.

Und es ist wohl nicht mehr darüber zu sagen. Da liegt er.

Aber für Werner ist das nicht so klar und begreiflich. Werner öffnet mühsam den Mund — kein Laut. Mit zuckenden Fingern fährt er über den Rand des steifen Hemdkragens, der auf einmal so eng wird und furchtbar würgt. Eine Bleikugel steckt in seinem Hals, er schluckt und schluckt und kann sie nicht verschlucken.

„Dort — jenes Stück Schokolade“, sagt Konrad, mit den Augen auf den kleinen Tisch zu Häupten des Bettes weisend. „Die Schwester gab es mir. Nimm es. Ich mag Süssigkeiten nicht, wie du weisst. Und hier bekomme ich viel zuviel davon. Sie schenken mir alles mögliche. Alle sind gut gegen mich.“

Ob Konrad Süssigkeiten nicht leiden mochte, wie hätte Werner das wissen können? Hingegen weiss er, dass Konrad das Stücklein Schokolade für ihn aufgespart hat. Da ihm jedoch eine Kugel im Halse steckte, vermag er nichts zu essen. „Hattest du grosse Schmerzen?“ fragt er.

„Nein. Zuerst war es der Schreck; ich war ja ganz betäubt. Wenn die Schmerzen zu gross werden, empfindet man sie nicht mehr. Und heute spür’ ich auch nicht viel davon — nur wenn sie den Verband wechseln ...“

Sie plaudern ein wenig miteinander, und Konrad erkundigt sich nach seinen Kaninchen. „Du hast sie doch nicht vergessen?“

„Ich füttere sie jeden Morgen und jeden Abend.“

„Ja, das hab’ ich mir schon gedacht.“

Lange Pause.

„Bald wirst du wieder aufstehen und sie selber füttern.“ Werner sagt das und glaubt daran in seinem Knabenherzen, weil er es so sehr wünscht.

Aber Konrad schüttelt den Kopf. „Nein, nein, du — mit mir ist es aus. Sie drehen mir jedesmal den Kopf zur Seite, wenn sie mich verbinden. Aber ich habe meine Arme gesehen — an der linken Hand sind nur noch zwei Finger ...“

Werners Lippen beben, sein Kinn bebt, und ohne dass er selber es merkt, laufen ihm die Augen über. Er starrt entsetzt auf die beiden weissen Hügel, zwischen denen Konrad liegt; Eiswasser rieselt ihm den Rücken hinab. Er schlottert vor Kälte. Verwirrt und verzweifelt murmelt er: „Das — nein — vielleicht täuschest du dich...”

„Ich täusche mich nicht. Die Schwester sagte heute, man könne gut leben und glücklich sein ohne Arme.“

„Sagte sie das? Was meinte sie damit?“

„Ich denke, sie wollen mir die Arme abnehmen. Aber das dürfen sie nicht. Ich hab’ es der Schwester gesagt.“

„Nein, das dürfen sie nicht.“

„Aber sie können mich jederzeit operieren. Wie sollte ich mich dagegen wehren?“

„Sie dürfen es niemals tun“, sagt Werner noch einmal mit brüchiger Stimme. „Ich will mit der Schwester reden.“

„Ja, rede mit ihr.“

Dann unterhalten sie sich wieder und kommen auf andere Dinge. Werner sagt: „Die Märzenglöcklein, die du im Herbst gepflanzt hast, blühen schon. Ich wollte dir ein paar mitbringen, aber ich vergass es.“

Konrad schliesst die Augen. Die schmale Öffnung zwischen den Lidern füllt sich mit Tränen. Er flüstert verschämt: „Unter meinem Kissen liegt ein Taschentuch.“

Während Werner Konrads Tränen trocknet, wundert er sich, wie es möglich sein kann, dass zu dieser Stunde an der hinteren Mauer des Gartens Märzenglöcklein blühen dürfen. Und er wundert sich, ob überhaupt jemals wieder Blumen blühen dürfen in einer Welt, in der so Furchtbares geschehen kann. Ein ähnliches Gefühl von Verzweiflung und Verlassenheit überfällt ihn wie an jenem Samstag, als sein Vater das Versprechen brach und alle seine Himmel einstürzten.

Befremdlich klingt Konrads Stimme: „Ich möchte gern zu euch zurück — glaubst du, dass das möglich ist?“

Am ganzen Leibe zitternd, schiebt Werner das Taschentuch wieder unters Kissen. „Warum sollte das denn nicht möglich sein?“ fragt er erstaunt.

„Weil es zuviel kosten würde. Ich kann ja nun nichts mehr verdienen. Und der Arzt, und das viele, viele Verbandzeug. Nein, du — es geht doch nicht.“

Sicherlich dachte Konrad über diese Frage gründlich nach und erkannte die Schwierigkeiten. Aber er kann es nicht verhindern, dass das Heimweh ihn plagt, dass er sich zurücksehnt nach den Menschen, die ihm zwar niemals unnötige Liebe erwiesen, aber deren Gesichter und deren Stimmen er kennt. „Bei euch zu Hause möchte ich sterben“, sagt er leise, den Blick aufs Fenster gerichtet, in dem die kahle Krone eines Baumes vor einem emailleblauen Himmel kaum merklich hin und her schwankt. Sein Blick ist seltsam ruhig, seine Stimme beherrscht. Ja, gewiss hat er über vieles nachgedacht in diesen schweren Tagen. Er sieht vor sich das kleine Stück Weg, auf dem ihm der Tod entgegentritt. Er fragt nicht, er jammert nicht.

„Ich werde alles für dich tun“, sagt Werner leise. „Wenn es sein muss, werde ich zu den reichen Leuten für dich betteln gehen.“ In Werners Stimme ist ein stahlhelles Klingen, das Konrad aufhorchen lässt. „Du musst zu uns zurück. Sei sicher. Vertraue mir.“

Ein Schimmer von Freude gleitet über Konrads schmale Wangen. „Ja, ja“, nickt er.

Und so reden sie miteinander und sind unwissende Kinder und leidgeprüfte Greise zu gleicher Zeit.

„Des Abends, sowie ich aus der Schule komme, will ich an deinem Bett sitzen und dir vorlesen, bis du wieder gesund bist ...“

„Ja, ja.“

„Und ich werde dir den Kaninchenstall ans Bett stellen ...“

„Alles glaub’ ich dir. Aber sieh, dort winkt die Schwester. Die Besuchsstunde ist zu Ende. Komm bald wieder zu mir!“

Im langen Gang, in den unzählige Türen münden, der nach Karbol und Jodoform und Schmerzen und Menschennot riecht, steht Werner. Ein paar Schwestern gleiten lautlos und eilig an ihm vorbei und blicken ihn fragend an. Ein Herr in weissem Mantel taucht aus einer Tür auf; hinter scharf funkelnden Brillengläsern hervor mustert er den dürftig gekleideten Jungen und fragt: „Was suchst du hier?“

„Ich warte auf die Schwester.“

„Auf welche Schwester?“

„Die Konrad pflegt.“

Der Herr beugt seinen schmalen Kopf. „Meinst du den Konrad mit den verbrannten Armen?“

„Ja.“

„Was willst du von ihr?“

„Ich mochte sie bitten, dass sie mich zum Arzt führt.“

„Da bist du ja schon. Was wünschest du von mir?“

Eine erstickende Angst befällt Werner, er schluckt und beginnt zu schnaufen.

„Nun, nun?“ fragt milde der Arzt. „Was fehlt dir denn, Junge?“

„Er fürchtet sich, dass Sie ihm die Arme abnehmen“, stammelt Werner. „Aber er will es nicht.“

Der Arzt betrachtet den verzweifelten Werner und besinnt sich. „Du bist wohl sein Bruder und scheinst ja ein gescheiter Junge. Höre also: Konrads Brandwunden sind zu gross und zu tief, sie können niemals heilen. Er muss daran sterben. Nur die baldige Operation kann ihn retten.“

„Aber er will dennoch nicht.“

Der Arzt blickt auf Werner nieder; er hat begriffen. „Konrad wird nicht operiert, wenn er es nicht selber verlangt.“

„Wollen Sie ihm das sagen?“ bittet Werner. „Es würde ihn beruhigen.“

„Gleich geh’ ich zu ihm. Sei unbesorgt.“

Und nun ist Werner wieder auf der Strasse, in der sich die Menschen drängen und vorwärts hasten. Ein paar Frauen gehen vor ihm her, erzählen lustige Dinge und kichern. Kinder spielen. Klar scheint die Frühlingssonne. In den Bäumen zwitschern die kleinen Vögel. Wahrlich, die ersten Stare sind schon vom Süden heraufgeflogen.

In dumpfer Traumangst schreitet Werner dahin. Alles wird ihm unfassbar. Die Menschen gehen spazieren und lachen, denkt er. Sehen sie denn nicht die finsteren Mächte, die über ihnen schweben? Wissen sie denn nicht, dass es keine Gnade gibt, weder im Himmel noch auf Erden?

Er achtet nicht auf den Weg. Er irrt durch diese Welt des Grauens als eine stumme, qualvolle Frage.

Die ersten Lichter flammen auf. Werner blickt verwundert nach allen Seiten und findet sich in einer unbekannten Gegend. Es wird späte Nacht, bis er nach Hause kommt.

Im Ritterhof schläft alles. Das grosse Haus ragt schwarz in einen schweren Frühlingshimmel, düster, geheimnisvoll wie eine alte Burg. Aber aus einem Fenster der Gärtnerwohnung quillt ein roter Lichtstrom. Dort geschieht etwas Furchtbares.

Zwei Gestalten bewegen sich seltsam vor der hellen Öffnung. Der Italiener Barrenti will seine Frau aufs Pflaster hinabwerfen. Es ist Samstagabend, und er hat sich wieder sinnlos betrunken. Ein schattenhaftes, ein völlig stummes Ringen. Die kleine Frau umklammert mit ihren Armen das Fensterkreuz, ihr Oberkörper hängt schon über dem Gesims in der freien Luft.

Werner weiss nicht, was er jetzt tut. Aber er rennt über den Hof. Die Haustür steht offen, die Stubentür steht offen. Im Luftzug blafft die Lampe. Vor dem Tisch liegen Barrentis schwere Stiefel.

Nein, Werner weiss durchaus nicht, wie das kommt. Ein Stiefelabsatz fährt auf Barrentis Kopf. Barrenti sinkt lautlos nieder. Neben ihm steht die kleine Frau im blossen Hemd mit weissem, starrem Gesicht. Sie streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Ist er tot?“ murmelt Werner.

Die kleine Frau schüttelt den Kopf, hebt langsam die Hand und weist zur Tür. Ihr Arm ist gelb und entsetzlich mager. Sie sagt kein Wort.

Dem folgte eine lange Nacht mit tausend Foltern.

Der Italiener wurde in dieser Nacht nicht erschlagen. Doch er sang nicht am Sonntagmorgen. Werner sah ihn vom Fenster auf über den Hof schreiten, ein Tuch um den Kopf gewickelt. Er ging zum laufenden Brunnen und wusch sein Gesicht, und er glich einem Türken.

Über diesen Vorfall wurde nie ein Wort laut. —

Seit dem Tage, da der alte Klaus den verborgenen Schatz gefunden, trat er unter den Lohmanns als guter Geist auf. Die vielen erstaunten Fragen beantwortete er mit stummem Kopfschütteln. Er hütete sein Geheimnis.

„Konrad hat Heimweh“, sagte Werner, indem er scheu zu seinem Vater emporschaute. „Er möchte nach Hause.“

„Daran ist nicht zu denken“, entgegnete Hannes Frank bestimmt. „Wir haben nicht genug für uns selber. Ist er nicht am besten aufgehoben, wo er jetzt liegt?“

Die Frauen starrten vor sich nieder, seufzten und nickten stumm.

Aber nach dem Essen zupfte der Grossvater Werner am Rockärmel, machte ihm ein geheimes Zeichen und verliess die Küche. Der Grossvater wackelte gewaltig mit dem Kopf und fragte: „Kostet es viel Geld?“

„Ja, das tut es wohl.“

„Etwas könnte ich dir schon geben, wenigstens für den Anfang. Doch du darfst nie verraten, woher das Geld kommt.“

Dieserart wurde also wieder eine Unmöglichkeit möglich, und sie holten Konrad aus dem Spital. Nun lag er in einem grossen, hellen Zimmer zur ebenen Erde, im früheren Kontor des Weinhändlers Bondorf. Elisa übernahm seine Pflege. Der Drogist zahlte jede Woche einen kleinen Betrag. Somit schien alles bestens geordnet.

Des Abends sass Werner an Konrads Bett, und sie sprachen über viele Dinge. Dass Konrad bald sterben musste, das stand fest. Jedermann wusste es. Am besten wusste Konrad es selber. Er sprach über sein Ende als der unabwendbaren Tatsache, wie sie vor jedem lag. Zwar nahm er noch regen Anteil am Geschehen ringsum. „Hol mir ein Kaninchen“, bat er.

Werner trug das Kaninchen ans Bett und streichelte es für Konrad. Selbst an den schrecklichsten Lauf der Dinge können die Menschen sich gewöhnen. Mag es noch so elend sein, bleibt das Leben doch immer etwas Grosses.

„Ich möchte dich um etwas bitten“, sagt Konrad. „Aber das ist eine Sache, von der kein Mensch je etwas erfahren darf.“ Darauf besinnt er sich und fragt: „Sag mir, Werner — kannst du schweigen?“

„Ob ich schweigen kann? Das weisst du wohl selber.“

„Ja, ich weiss das“, nickt Konrad. Aber darauf liegt er doch noch lange mit geschlossenen Augen und kämpft sichtlich mit einem schweren Entschluss. Er wird seltsam feierlich. „Komm ganz nahe zu mir heran. Ich muss es dir ins Ohr sagen. Du bist doch schon zuoberst auf dem Dachboden gewesen?“

„Ja.“

„Ja, dort ist ein rundes Fenster gegen den Rhein hin — nicht?“

„Ich kenn’ das Fenster.“

„Vor diesem Fenster — das zweite Brett im Fussboden ist nicht festgenagelt; es lässt sich heben. Darunter liegt etwas ...“

Werner sagt schnell: „Das, was du am ersten Morgen hier fandest.“

„Ich fand es im kleinen Zimmer neben dem Saal, in dem die Bondorfs schliefen.“ Und nun dreht Konrad den Kopf zur Seite und müht sich, sein Gesicht im Kissen zu verbergen. „Es wäre schön, wenn ich das in meiner Nähe hätte. Aber es ist schon dunkel, und du darfst kein Licht machen. Denn kein Mensch darf dich sehen.“

„Soll ich es dir holen?“

„Fürchtest du dich nicht?“

„Nein — wovor?“

„Warte ein wenig. Wo können wir es hier im Zimmer verstecken?“

„Ich weiss einen feinen Ort — hinter dem Paneel am Fenster.“

„Gut. Hol es! Aber sei vorsichtig, die Treppe ist lang und finster.“

Geschmeidig schleicht Werner durchs Haus, das Geheimnisvolle zu holen, das, wofür Konrad sich schlagen liess, wofür er bereit war, zu sterben. Die Treppe ist lang und finster, und Werner fürchtet sich. Aber er kommt auf den Estrich und hebt beim Schein eines Streichholzes das Bodenbrett. Darunter liegt eine Puppe.

Die Puppe liegt auf dem Rücken in bunten Seidenkleidern und hat lange, braune Locken. Sehr behutsam nimmt Werner sie aus ihrem Versteck, wischt ihr den Staub von Gesicht und Kleidern und gelangt ungesehen wieder in Konrads Zimmer. „Hast du sie?“ fragt Konrad, eine dunkle Röte im Gesicht.

Ähnlich wie zuvor das Kaninchen, hält Werner jetzt die Puppe über Konrads Bett und streichelt mit behutsamen Fingern das braune Lockenhaar.

Sie hat einen himbeerroten Mund; zwischen den Lippen steht die kirschrote Zungenspitze. Ein Auge ist geschlossen, das andere steht offen. Die Puppe schaut in Werners verdutztes Gesicht, als lächle sie pfiffig und wissend. Und da Werners Hände ein wenig zittern, öffnet sie auch das andere Auge, und die Zunge bewegt sich hinter den perlenweissen Zähnen, die Lider mit den langen Wimpern bewegen sich, ja selbst die Augen gleiten sachte auf und nieder.

„Nun sollst du nicht glauben, dass ich früher mit ihr spielte. Aber, verstehst du — es war doch ihre Puppe.“

Ohne weiteres errät Werner den Zusammenhang und alles. „Ja, sicher war es ihre Puppe“, flüstert er, indes er das Lockenhaar streichelt und zum Fenster hinausblickt.

„Auf ihren Armen trug sie sie herum und sang dazu ihre Kinderlieder, ihre Wiegenlieder. Du weisst ja schon, wie die Mädchen mit ihren Puppen spielen. Die Mädchen reden mit ihnen, umarmen sie, küssen sie — alles genau so, als seien es ihre leiblichen Kinder. Sie weinen und lachen mit ihnen.“

Bald verliert Konrad seine Scheu, wird eifrig und gibt sich seinen Gedanken frei hin. Es wird ihm nicht bewusst, dass er da das erste, schüchterne Beben seines Herzens verrät. Er redet ja nur mit sich selber. Und es sind sehr schüchterne, unvollständige Sätze, leise gestammelte Worte, die ein einziges Mal ausgesprochen werden müssen, um von einem Menschen gehört zu werden.

Fast hätte man an ein Wunder glauben können; es schien, als wolle Konrad, aller Wissenschaft zum Trotz, gesunden, so blühten seine Wangen, so klar leuchteten seine Augen. „Diese Puppe ist doch gleichsam ein Stück von ihr selber, musst du wissen. Und gewiss hat Alma ihr eigenes Haar für sie hergegeben.“

Ach, Werner versteht ja das alles; dennoch wird es so sonderbar. „Sollte es wirklich ihr eigenes Haar sein?“ staunt er.

„Zweifle nicht! Du darfst nicht vergessen, dass sie keine Schwester hatte, niemand, mit dem sie spielen konnte. Deshalb musste sie alle ihre Liebe und Zärtlichkeit ihrer Puppe schenken. So sind sie nun einmal, die Mädchen“, schliesst Konrad wissend, mit einem wundersam schüchternen Lächeln.

„Ja, das mag schon sein. Die Mädchen haben merkwürdige Einfälle, ich kenne sie so wenig“, gesteht Werner.

Auf diesen Einwand achtet Konrad gar nicht, sondern redet weiter. Unhemmbar strömt das Geständnis über seine Lippen. Die grosse Einsamkeit seines Lebens, das Unglück, der nahe Tod, das alles veränderte ihn in eigentümlicher Weise. Es ist etwas Gewaltsames in seinem Bekenntnis. Eine junge Seele schreit auf, Konrads Knabenseele, die heilblieb, die keine Flamme zerstörte. Traumseligkeit umflort seinen Blick.

Wahrscheinlich verhält es sich ähnlich bei den Erwachsenen — und dann nennt man es Liebe, denkt Werner.

Konrad sagt: „Ich begegnete ihr einmal auf der Strasse. Ihre Mutter war dabei — es ist schon lange her. Sie trug damals noch ein kurzes Kleid und einen hellen Hut mit gelben Rosen darauf. Der Wind riss ihr den feinen Hut vom Kopfe, und ich lief ihm nach. Dabei wäre ich beinahe unter die Räder eines Wagens gekommen. Ich fiel hin, und mein Gesicht lag in ihrem Hut, der ganz voll war vom Duft ihres Haares. Aber ich zerdrückte ihn nicht, den Hut; ich brachte ihn ihr. Ihre beiden Hände streckte sie danach aus. Da verstand ich, dass sie ihn gern hatte.

‚Danke‘, sagte sie und schaute mich an mit ihren dunklen Augen. ‚Nun hast du dir das Kleid zerrissen und beschmutzt‘, sagte sie. ‚Sieh nur deine Ärmel — du blutest.‘

Das war der herrlichste Augenblick in meinem Leben. Sie trug weisse Handschuhe.

‚Tut es weh?‘ fragte sie.

‚Nein, gar nicht‘, sagte ich.

Dennoch berührte sie meinen Arm, fuhr mit ihren Fingern darüberhin und sagte: ‚Du hättest es nicht tun sollen. Fast wärst du dabei überfahren worden — nur wegen meinem Hut’, sagte sie.

‚Ja, wirklich‘, rief ihre Mutter, ‚du bist ein tapferer Junge. Wie heisst du? Konrad? Das ist ein hübscher Name‘. Ja, das sagte ihre Mutter und nickte mir zu.

Darauf sagte sie zu ihrer Tochter: ‚Nein, aber Alma, du hast dir deine Weissen Handschuhe blutig gemacht.‘

Alma lachte nur: ‚Ach, die Handschuhe — was hat das zu bedeuten?‘ Und immerfort schaute sie mich an.

Ihre Mutter öffnete ein silbernes Täschchen. Sie wollte mir Geld geben. Aber ich steckte meine Hände in die Hosentaschen. ‚Nimm es doch‘, sagte sie. ‚Was bist du denn für ein spassiger Kerl! Du hast ja mehr verdient, viel mehr.‘

Aber ich nahm das Geld trotzdem nicht. Darauf streckte mir Alma ihre Hand hin und bedankte sich noch einmal.“

Nun schweigt Konrad, den Blick auf die Puppe gerichtet, die in Werners bebenden Händen schaukelt und mit den Augen zwinkert. „Von dem allem hast du mir nie etwas erzählt“, sagt Werner.

„Nein, du — solches darf man überhaupt nicht erzählen, denn das ist ein Geheimnis“, meint Konrad. „Es ist das Allerschönste, das man erleben kann. Ich hätte es dir auch heute nicht erzählen dürfen, wenn ich nicht bald sterben müsste und wenn ich nicht sicher wäre, dass du es niemals verraten wirst. Aber, siehst du, seit jener Begegnung auf der Strasse lag es in meiner Brust wie ein heisser Stein. Ich musste immerfort an sie denken. Ich dachte an sie, wenn ich einschlief. Ein paarmal träumte ich von ihr. Ich ging an ihrer Seite durch einen schönen Garten. Sie stand neben mir vor einem Weiher. Im Weiher schwammen Goldfische. Sie trug wieder ihre weissen Handschuhe. Ein dunkler Fleck war darauf. ‚Das ist dein Blut‘, sagte sie und lächelte mir zu. Und dann war es so, als wolle sie mich etwas fragen. Aber ich erwachte.“

Ja, das muss die Liebe sein, denkt Werner ergriffen.

„Seither lebte ich nur in ihr. Ich schaute zu den Wolken auf, und in mir flüsterte eine Stimme ihren Namen. Überall hörte ich die Stimme flüstern, überall hörte ich ihren Namen — in den Wellen des Rheins, im Laub der Bäume. Ich habe ein paar Gedichte geschrieben.“

In ungläubigem Wundern horcht Werner auf, staunt mit offenem Munde.

Aber Konrad lächelt da wieder sein frühreifes, kluges Knabenlächeln. „Natürlich habe ich sie alle gleich wieder zerrissen und in den Wind gestreut. Lösch jetzt das Licht aus!“

Dunkelheit in der Stube. Aber von Konrads Gesicht geht ein wundersames Leuchten aus. Er schweigt. Und aus dem Schweigen wird eine weihevolle Stille. Eine hallende Stille wie in einer Kirche, wenn die Orgel verstummt. Vielleicht weht jetzt der Atem Gottes durch dieses Zimmer, in dem zwei Knaben ein seltsames Gespräch führten und in heller Kindergläubigkeit an die unlösbaren Rätsel des Lebens rührten.

Jung und uralt ist das alles; vom Tod gezeichnet und unsterblich. Konrad, dieser gefällte Baum, er liegt am Boden, und keine Gottesgnade kann ihn retten. Doch in seinem Blute kreist noch der ewige Saftstrom, der selbst den abgebrochenen Ast ein letztes Mal erblühen lässt.

„Ich bilde mir da gewiss nichts ein. Das darfst du mir ruhig glauben. Nein, nein, ich vergass keinen Augenblick, dass sie himmelhoch über mir steht und dass ich sie mit meinen Worten niemals erreichen konnte. Doch mit meinen Blicken und mit meinen Gedanken konnte ich sie erreichen. Das war mein Glück. Ich verlangte ja nicht mehr. Später ging sie noch einige Male an mir vorbei, und sie schaute mich an. Aber ich wagte nicht, sie zu grüssen. Dann blickte sie mich nicht mehr an. Sicherlich hat sie die Sache mit dem Hut längst vergessen. Sie würde mich wohl gar nicht mehr erkennen. Aber wenn ich ihr begegnete, war es doch stets ein grosses Erlebnis. Wir atmeten in derselben Luft. Und es durfte sogar vorkommen, dass ein feiner Wohlgeruch von ihr her bis zu mir drang.“

Auf einem Stuhl kauert Werner, die Puppe auf den Knien. Was sind das für merkwürdige Dinge, denkt er. Ist das dort wirklich noch immer Konrad, der mir all das erzählt?

„Ach, du, Werner, wie sind die Menschen doch verschieden untereinander! Gar viele Arten von Menschen gibt es — die meisten sind schmutzig und gemein; aber einige sind so rein und edel wie die Engel im Himmel.“

Hier bricht Konrad jäh ab, streckt sich auf seinem Lager. Die Eisenspiralen in der Matratze knarren hässlich. „Leg sie jetzt weg. Verbirg sie gut. Ich muss noch an so vieles denken.“

„Soll ich wieder Licht machen?“

„Nein, lass nur. Ich seh’ so gern die Nacht herankommen. Schieb die Gardinen zurück. Ich möchte die Bäume sehen. Vielleicht steht schon der grosse, helle Stern zwischen den Tannenwipfeln. Geh jetzt!“

Werner geht in den dunklen Garten; er geht in den hintersten Winkel zur Bank an der Mauer. Sein Herz ist gross und schwer von unerhörter Trauer und von unerhörtem Wundern. Er ist wohl noch zu jung, um Konrads Erzählung ganz zu erfassen, dieses hilflose Gestammel einer unerfüllbaren Sehnsucht am Rande des Grabes. Er ahnt höchstens die dunklen Mächte, die das Menschenherz bewegen im Verlangen und im Verzicht. Nur das eine ist ihm verständlich: Dort hinten im Hause liegt Konrad. Er wird nie mehr aufstehen. Er wartet auf den Tod; Konrad — jetzt redet er so verwunderlich vom Leben, von der Liebe, von einem Mädchen und einer Puppe ...

Werner denkt: Ich habe ihn von jeher verstanden und gern gehabt. Ihn hatte ich am liebsten von allen. Er ist gut und unendlich treu — aber heute erschien er mir fremd und unbegreiflich. —

Vorhin am Krankenlager, als Konrad seine Geschichte erzählte, als er in unwiderstehlichem Drang den Inhalt seines Lebens ausgoss, durchrieselte ein Schauer Werners Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Deshalb bebte die Puppe in seinen Händen und blinzelte. Seine Hände glichen den Halmen am Stromufer, wenn der Märzwind darüber hinfährt. Irgendwie erriet er die tiefe Wahrheit hinter Konrads Worten, die Wahrheit von der Liebe der Menschen ...

In Werners Seele kommt ein helles, fernes Klingen ... Weit dort hinter der Mauer, weit hinter allen braunen Nachtwolken zieht ein strahlender Feenwagen vorüber. —

Rings um alle Bäume und Büsche wachsen die Schatten. Die Nacht breitet ihren dunklen Mantel über der Erde aus. Durch den Garten dringt eine weiche Melodie — A — aa — oh ... Das ist des Italieners Barrenti Gesang. Eine volle, schöne Stimme — ein Bauernlied, ein Liebeslied aus der Heimat jenseits der Alpen vom azurblauen Lago di Como. Das Ende der Strophen hält er stets lange aus — aaa — oh ... Es schwebt durch die Dunkelheit wie der Lockruf eines Fabelwesens, das verborgen in schwarzen Bäumen sitzt.

Aber vor Werners Auge tritt aus den Schleiern des nächtlichen Gartens, aus dem schweren Wolkenhimmel, blitzhell ein Fenster, an dem zwei Menschen stumm, in wahnsinnigem Vernichtungswillen miteinander ringen — ein Mann und ein Weib ...

Wie unter der Wucht eines gewaltigen Faustschlags sinkt Werner vornüber. Er vergräbt das Gesicht in den Händen und schluchzt.

Ein Briefwechsel

In Werners Jugend fiel das Grauen, das hinter allen Dingen steht.

Hingegen Hannes Frank, sein Vater, der lebenstüchtige Mann, zauderte nicht, Konrads Schicksal in seine Hand zu nehmen. Nachdem er in seinem Wunderbuch viel Weisheit gesammelt, bereitete er eine Salbe aus Bienenwachs und Sirup, darein mischte er ein paar geheimnisvolle Tropfen und ein paar Zaubersprüche und strich es überlegen und zuversichtlich auf Konrads fürchterliche Wunden.

Dazu seufzten die Frauen; sie trauten wohl Hannes Franks Künsten nicht recht. Weil jedoch kein Geld für Arzt und Apotheker vorhanden war, wussten sie keinen besseren Rat. Gott müsse nun weiter sorgen, dachten die Frauen bei sich selber und glaubten an die höhere Fügung.

Konrad, das Opfer, zeigte sich zufrieden mit der Behandlung und allem; still blickte er zum Fenster hinaus, träumte den Wolken nach, folgte dem Flug der kleinen Vögel, sah die stolzen Tannenwipfel sich im Winde zierlich zueinander neigen, erwartete des Abends die funkelnden Sterne. Sobald er mit Werner allein war, begann er von dem feinen Mädchen Alma zu sprechen, von kleinen, unschuldigen Begebenheiten. In der langen Ruhe des Krankenlagers stieg in seiner Erinnerung alles Erlebte empor, wuchs und leuchtete und überstrahlte das Leid. Er sprach von seinem Tod mit gleichmütiger Selbstverständlichkeit, als liege das noch in unbestimmter Ferne. In kindlicher und schauerlicher Weise verband er unaufhörlich beides, seine Liebe und sein Sterben.

Ruhig, eintönig flossen die Tage dahin. Der Winter kam. Die Menschen im Ritterhof drängten sich enger zusammen in der warmen Stube. Vor den Fenstern gingen finstere Schatten um. Aber die Menschen fühlten sich geborgen für die Nacht, für den nächsten Tag. Menschen, die in Armut leben, wagen selten, lange vorauszudenken.

Es richtete jedoch das Schicksal, das erbarmungslose, gerade auf diese paar Menschen ein scharfes Auge und wollte ihnen keine Ruhe gönnen. Das Schicksal hakte seinen Finger in die Stelle, die für die Lohmanns seit jeher am schwächsten war. Unerwartet versagte der Drogist dem verunglückten Lehrling die weitere Unterstützung.

Ach, dieser biedere Mann, niemand kann ihn deswegen tadeln, ihn selber zwang die harte Notwendigkeit. Da er keine Güter besass, blieb ihm nichts, womit er Konrad hätte helfen können.

Elisa verstand das nicht, als sie am Ende der Woche das Geld abholen wollte. Nein, sie begriff durchaus nichts, obschon der Drogist es mit klaren Worten sagte. „Mein liebes Fräulein, dieses ist nun leider mein letztes Geld“, sagte er. „Wie gern möchte ich helfen bis zum Ende. Doch euer Konrad scheint ja immer weiter und weiter zu leben. Und dieses kann ich nicht aushalten.“

„Wieso?“ fragte Elisa empört. „Dass Ihnen Ihre Lästerzunge verdorre! Er lebt Ihnen zu lange?“

„Ich verstehe Ihren Zorn und würdige ihn“, entgegnete darauf der Drogist. „Aber Sie müssen auch mich verstehen. Hier gebe ich Ihnen also mein letztes Geld. Ich habe nicht einmal den Lohn für meinen Gehilfen. Ausserdem besitze ich eine Frau und vier Kinder; aber kein anderes Vermögen; das Geschäft hier gehört eigentlich meinen Gläubigern. Seit dem Unfall muss ich noch mehr Schulden machen. Und weil ich ja nur ein kleiner Krämer bin, stehe ich nicht in der Unfallkasse. Niemand hilft mir.“

Ja, so standen hier die Dinge. Elend stand neben Elend. Aber Elisa begriff das immer noch nicht. Sie erklärte: „Wenn wir kein Geld mehr bekommen, müssen wir verhungern.“ Und das war vielleicht keine grosse Übertreibung, sondern nur der gewöhnliche Weltlauf.

Der Drogist erwiderte: „Und wenn ich euch noch mehr gebe, muss ich selber verhungern. Damit wäre euch nicht geholfen — oder?“

„Sie sind der Satan in Person!“ rief Elisa.

„Leider nicht“, widersprach der Drogist. „Sonst hätte ich andere Kräfte, und ich könnte euch und mir selber helfen.“

Sie unterhielten sich noch eingehend über diese verwickelte Angelegenheit. Worte ohne Wert und Sinn, unnütze Kraftvergeudung. Konrads allerletzter Verdienst versiegte.

Zu allem Überfluss ereignete sich im Laufe der folgenden Woche auch noch dieses: Hannes Frank kehrte vom Dienst zurück und war zum erstenmal nicht selbstsicher und kühn, sondern im Gegenteil ausserordentlich zahm und fromm. Irgend etwas musste da vorgefallen sein, beim Manövrieren mit den Eisenbahnwagen. Möglicherweise eine falsche Weichenstellung oder ein falsches Signal. Möglicherweise pfiff Hannes Frank, der Obmann, ein paar Sekunden zu früh oder zu spät auf seiner Trillerpfeife. Der Möglichkeiten gibt es unzählige, wenn etwas geschehen soll. Hier endete es mit einem Zusammenstoss und einer Entgleisung mit ein paar verwundeten Menschen und beträchtlichem Sachschaden.

„Ich bin nicht schuld daran“, brüllte Hannes Frank in der herrschaftlichen Küche des Ritterhofs. Hannes Frank fand leicht die Schuld hier und dort und stets bei anderen.

Aufgeklärt wurde der Vorfall nicht. Vielleicht machten sie aus Hannes Frank den erforderlichen Sündenbock. So oder so — entlassen war er. Knall und Fall.

Es ging lebhaft zu in der Küche. Hannes Frank bekam einen Wutausbruch und fluchte grässlich.

„Was soll nun aus uns allen werden?“ jammerten die Frauen.

Hannes Frank schwor und heulte, warf seine Trillerpfeife zum Fenster hinaus und schrie: „Fahr zur Hölle!“ Die Mütze mit dem glänzenden Schild warf er auf den Marmorboden der herrschaftlichen Küche und zertrampelte sie mit seinen Plattfüssen.

Auf einem verzwickten Umwege geriet er dadurch mit seiner mündigen Schwägerin Elisa in den prächtigsten Streit, der zwar mit seiner Entlassung in keinem Zusammenhang stand, ihn jedoch vom eigenen Missgeschick ablenkte. Alles miteinander bedeutete das unrühmliche Ende von Hannes Franks Staatsdienst.

Zur Stunde, da in der Küche der Kampf gewaltig tobte, unterhielten sich auf der anderen Seite des grossen Hauses zwei Knaben über das Wunder der Liebe. In Wirklichkeit befanden sich drei Personen im Zimmer. Werner sass auf seinem Stuhl, Konrad lag in seinem Bett, und die Puppe stand auf der Decke. Die Puppe lehnte sich gegen den weissen Verbandhügel, ja sie stützte gefallsüchtig ihre Hand auf Konrads verwundeten Arm, lächelte mit ihrem himbeerroten Mund und starrte mit ihren Glasaugen hochmütig und kalt ins Leere.

Wenn die Knaben schwiegen, drang das Getöse aus der Küche schauerlich bis in die Stube. Aber das störte sie nicht. Konrad drehte seinen Kopf dem Fenster zu und seufzte: „Ich hätte so ungeheure Lust, ihr einen Brief zu schreiben.“

Das schien Werner ein vorzüglicher Gedanke. „Ja, gewiss musst du ihr schreiben“, sagte er eifrig.

„Aber das ist nicht so einfach, wie du dir wohl vorstellst. Denn vergiss nicht, dass es sich doch um eine richtige Dame handelt.“

„Ho — was nun dieses anbetrifft. Wir beide kennen sie doch schon lange. Wir kennen sie von der Zeit her, als sie noch mit Hängezöpfen zur Schule ging.“

„Das hat hier nicht das geringste zu bedeuten. Sobald ein vornehmes Mädchen sechzehn oder siebzehn Jahre alt wird, ist es eben eine Dame, verstehst du?“

„So? Meinetwegen! Mag sie eine Dame sein — schreiben darfst du ihr dennoch.“

„Das fragt sich sehr. Und ich weiss wirklich nicht, ob ich es wagen soll. Ein Brief an sie — ich kann es mir gar nicht vorstellen.“

„Weshalb solltest du nicht schreiben dürfen? Hast du ihr denn nicht den schönen Hut gerettet und nicht einmal Geld dafür genommen?“

Konrad bleibt trotzdem bedenklich. „Darauf kommt es heute längst nicht mehr an. Aber vielleicht, wenn ich ihr sagen würde, dass ich ihr nie mehr auf der Strasse begegnen werde und sie sich meinetwegen nicht zu schämen braucht, wird sie es mir nicht übelnehmen, sondern mir verzeihen. Denn es bleibt, das darfst du ruhig glauben, eine riesige Frechheit. Ja, das weiss ich doch.“

„Eine Frechheit? Wie sollte es sie beleidigen? Soviel muss sie doch verstehen.“

Schon holt Werner Papier und Bleistift. „Zuerst wollen wir den Brief dichten. Dann schreibe ich ihn auf mein schönstes Papier. Und wenn du willst, schreibe ich ihn mit roter Tinte.“

„Nein“, lächelt Konrad. „Was fällt dir ein? Das würde ihr bestimmt nicht gefallen.“

„Also los! Ich schreibe: Liebste Alma ...“

„Bist du verrückt, Mensch?“

„Ich? Nein — wo denn?“

„Wertes Fräulein Alma, musst du schreiben.“

„Gut — weiter!“

„O — Herrgott — weiter“, seufzt Konrad. ‚Es wird trotz allem nicht möglich sein. Nein.“

„Warum denn nicht? Fürchte dich nicht — ich schreibe: Einst habe ich Ihren Hut gerettet. Und es war ein schöner weisser Hut mit gelben Rosen darauf. Erinnern Sie sich noch daran? — Was meinst du dazu?“

„Das wäre wohl gar nicht so schlecht ...“

„Schlecht? Darauf muss sie dir auch gleich eine Antwort geben. Sie muss wenigstens sagen, ob sie sich erinnert oder nicht.“

„Sie wird mir niemals eine Antwort geben“, meint Konrad still und hoffnungslos. „Nein — das erwarte ich nicht.“

„Sie muss dir Antwort geben!“ erklärt Werner bestimmt. „Was soll ich jetzt noch schreiben?“

Auf einmal kommt ein Glimmen in Konrads Augen. Lange schaut er die Puppe an und sagt: „Schreibe, dass ich immer an sie denken musste seit jenem Tag. Und dass ich überall ihre Stimme hörte ... Schreibe: Und wenn ich Sie nachher auf der Strasse nicht grüsste, so war es doch nur deshalb, weil ich so schlechte Kleider anhatte, und ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen, wenn es jemand sah ... Schreibe: Und als wir in den Ritterhof zogen, fand ich im Wandschrank Ihres Zimmers Ihre Puppe, und ich versteckte sie. Und ich ging manchmal hin und schaute sie an, denn es war ein Stück von Ihnen. Ja, ich ging fast jeden Tag hin. Ich wollte sie Ihnen zurückbringen. Aber ich konnte mich nicht von ihr trennen. Bitte, verzeihen Sie mir! — Hier musst du drei Ausrufzeichen machen ...“

„Ich werde es noch unterstreichen. Dann wird sie dir nicht zürnen können.“

„Schreibe noch: Ich hätte diesen Brief nie gewagt, aber ich bin verunglückt, und ich muss bald sterben ...“

In einem Zuge sprach Konrad, zuweilen schloss er die Augen; die Worte flossen leicht über seine Lippen.

Während er schrieb, schoss Werner das Wasser in die Augen, so dass er seine eigene Schrift nicht mehr sehen konnte. Unausgesetzt fuhr er mit dem Handrücken über seine Wangen. Dann erklärte er: „Das wird ein ungeheuer schöner Brief! Du, Konrad, jetzt bin ich ganz sicher, dass sie dir darauf antworten wird.“

„Dann kannst du noch schreiben: Ich werde Sie nie mehr sehen. Aber ich liege jetzt still in meinem Bett und denke an Sie. Ich stelle mir vor, wie Sie einst auf der Strasse vor mir hergingen in Ihrem schwarzen Kleid. Und ich hätte Ihnen gern etwas geschenkt zum Abschied. Doch ich habe leider gar nichts, denn ich bin so furchtbar arm ...“

Werner, den Handrücken an der Wange, stöhnt: „So etwas Schönes und Trauriges habe ich noch nie gehört ...“

„Schreibe: Ich habe eine grosse Bitte an Sie. Wollen Sie mir Ihre Puppe noch solange lassen? Nachher wird Werner sie Ihnen zurückbringen ...“

„Ja, das will ich“, stöhnt Werner.

„Und nun weiss ich nichts mehr. Doch der Brief muss unterzeichnet werden. Schreibe also: Es grüsst Sie Ihr Konrad.“

In der Küche tobte das Gewitter. Aber in Konrads Gesicht strahlte himmlischer Friede. Noch drangen zu ihm die Laute dieser Erde, doch er vernahm ein leises Rauschen von Engelsfittichen, hoch über aller Not des Lebens.

„Das“, stammelt Werner, „das kann doch nichts anderes als ein Liebesbrief sein.“

„Nein, ich weiss nicht, was es ist ... Wenn sie mir nur nicht zürnt“, meint Konrad, aufs neue verzagt.

Werner schrieb den Brief auf sein schönstes Papier und malte in jede Ecke ein paar Blumen.

Er habe seine Sache vorzüglich gemacht, lobte ihn Konrad. Es sei kein Fehler darin. „Aber du musst ihr den Brief heimlich und persönlich bringen“, sagte er.

„Ja, wenn nur der böse Hund nicht wäre“, seufzte Werner. „Er bellt immer so rasend, wenn ich am Tor vorbeigehe. Wahrscheinlich beisst er.“

„Nein, nein, er beisst nicht. Er heisst Donna. Ruf ihn nur bei seinem Namen. Donna, vergiss das nicht. Übrigens ist er oft im Hause eingesperrt. Aber niemand darf dich sehen, wenn du ihr den Brief gibst. Denn das wäre eine Schande für sie.“

Nicht ohne schlimme Ahnungen macht Werner sich auf den Weg. Er fürchtet sich vor dem Hund. Aber was sein muss, das muss sein. Und so schreitet er denn vor Almas Haus hin und her und bewacht das Tor. Ein Herr und eine Dame treten auf die Strasse und entfernen sich. Nun muss sie allein zu Hause sein. Vom Hund ist nichts zu sehen.

Das Herz klopft Werner im Halse; aber er öffnet das eiserne Tor. Das Tor kreischt. Werner macht einen Schritt und schliesst es hinter sich; es kreischt abermals. Plötzlich schiesst hinter der Hausecke hervor der Hund, mit gesträubtem Nackenhaar, wütend. Da hat Werner natürlich vergessen, dass der Hund Donna heisst; er springt mit einem mächtigen Satz zum nächsten Baum und klettert daran empor. Donnas Zähne schlagen in seinen Schuh. Aber schon sitzt er oben zwischen den Ästen. Am Stamm springt der Hund hoch und vollführt einen gottlosen Lärm.

Die Haustür wird ein wenig geöffnet. Weiss Gott, sie selber, Alma, tritt erschreckt heraus, schaut sich um und ruft den Hund zurück. Aber Donna bellt nur noch wütender. Endlich bemerkt Alma den Knaben auf dem Baum, kommt zögernd näher.

„Ich habe nichts Böses getan. Kommen Sie nur“, ruft Werner.

Sie fasst den Hund beim Halsband und fragt: „Was treibst du dort oben?“

„Nichts. Ich warte auf Sie.“

Betroffen schaut Alma zu ihm auf. Überaus sein ist sie. Ihr Haar ist dunkel; ihre Augen sind gross und leuchtend. Zum erstenmal bemerkt Werner die Lieblichkeit eines Mädchengesichts. „Ich habe einen Brief“, sagt er geheimnisvoll. „Aber niemand darf es wissen.“

„Einen Brief?“ ruft sie in hilflosem Staunen.

„Einen Liebesbrief ...”

„Was?“ ruft sie überwältigt.

„An Sie. Aber wollen Sie den Hund nicht zuerst anbinden?“

Nun macht Alma Miene, zu fliehen. Ja, sie weicht ein paar Schritte zurück, und ihre Augen werden noch grösser. „Wer bist du?“ fragt sie ängstlich.

„Ich heisse Werner und kenne Sie gut. Wir wohnen jetzt in Ihrem Haus ...“

In Alma kämpfen Furcht und Neugier, das ist in ihrem Gesicht deutlich zu sehen. „Wer hat ihn denn geschrieben, den Brief?“

„Den hab’ ich schreiben müssen, denn Konrad hat keine Hände mehr.“

„Du mein Gott — was sagst du da — keine Hände? Komm endlich herunter!“

„Können Sie den Hund nicht wegnehmen? Ich werde Ihnen dann alles erzählen.“

Alma führt den Hund ins Haus und schliesst die Tür hinter ihm. Es geht wahrlich so gut, dass es gar nicht besser gehen könnte. Eine vornehme junge Dame ist sie, und sie trägt auch heute ihr schwarzes Kleid, das ihre wehmütige Zartheit noch zarter und wehmütiger macht. „Wir wollen hinters Haus gehen“, sagt sie und schreitet voran.

Da steht ein Tempelchen, von wildem Wein ganz eingesponnen. Sie lässt sich auf einer Bank nieder. „Setz dich dorthin“, sagt sie. „Aber ich verstehe kein Wort von allem, was du berichtest.“

Hierauf liest sie den Brief. Sicherlich ist es der erste Liebesbrief, den sie empfängt, dieser seltsame Gruss vom Rande eines offenen Grabes. Sie liest und schüttelt dabei den Kopf, von dem ein köstlicher Duft aufsteigt. „Nein, ich verstehe das alles nicht“, sagt sie leise und lässt den Brief in ihren Schoss sinken. „Konrad?“

„Als er Ihrem Hut nachlief, wurde er beinahe von einem Wagen überfahren. Er fiel hin und blutete ...“

„Ach ja — daran erinnere ich mich. Ja, wirklich. Aber sag mir, was meint er denn mit der Puppe?“

„Es ist Ihre Puppe! Er fand sie in Ihrem Zimmer.“

Sie legt den Kopf zurück, schliesst die Augen ein wenig und denkt nach. „Ich habe keine Puppe zurückgelassen. Ich habe nie gern mit Puppen gespielt. Nein ...“

„Wenn man sie hinlegt, schliesst sie ein Auge, aber das andere sieht offen. Sie hat dunkles Haar. Konrad meint, es müsse Ihr eigenes Haar sein.“

„Ich habe mein Haar nie für eine Puppe hergegeben ...“ Doch nun huscht ein scheues, wunderfeines Lächeln über ihr blasses Gesicht. „Wenn ich mich nicht täusche, muss das die Puppe meiner Mutter sein. Ja, ja, ganz gewiss muss es ihre alte, hässliche Puppe sein, die ich nicht leiden mochte. In ihrem Kopf war etwas zerbrochen, darum konnte sie nur noch ein Auge schliessen. Es kann nur diese Puppe sein.“

Auch in Werners Kopf zerbricht etwas. Und das schmerzt ihn so sehr, dass er seine beiden Augen schliessen muss und den Atem anhält. „Aber es ist seine letzte Freude“, sagt er leise und bittend.

„Nein, was fällt dir nur ein? Was habt ihr euch da nur ausgedacht?“ fragt sie mit einem Versuch zu lächeln. Doch als sie in Werners Gesicht blickt, in dieses Gesicht, das förmlich zerfällt vor Enttäuschung und Verzweiflung, wird sie auf einmal ernsthaft und beginnt ihn auszufragen.

Allmählich erfährt sie, Stück um Stück, Konrads kleine Geschichte und die Geschichte von Konrads heimlicher Liebe. Indessen sie Werner zuhört, senken sich ihre Lider tiefer und immer tiefer über die strahlenden Augensterne, und aus den langen Wimpern beginnen Tropfen zu sickern. Die Tropfen fallen auf Konrads Brief und auf ihre Hände, die darübergefaltet sind. „Grosser Gott, wie schwer und furchtbar ist doch das Leben für einige“, flüstert sie mit zuckenden Lippen. „Aber sag, was kann ich für ihn tun?“

„Oh, Sie können sehr viel tun!“ ruft Werner in jäh erwachter Zuversicht. „Sie könnten ihm zum Beispiel einen schönen Brief schreiben.“

„Nein“, wehrt sie sachte, doch bestimmt. „Nein, das kann ich nicht. Nein, das darf ich nicht.“

„Oder Sie könnten ihm ein paar Blumen schenken ...“

Sie besinnt sich. Ihr Kinn bebt. „Das will ich gern“, sagt sie und pflückt ein paar Fliederdolden von den nächsten Büschen. „Bring sie ihm und grüss ihn von mir. Sag ihm, wie furchtbar leid er mir tut in seinem Unglück.“

„Und die Puppe? Wollen Sie sie nicht wiederhaben?“

„Nein. Was soll ich damit?“

„Und darf er Ihnen wiederschreiben?“

„Nein, du. Das ist undenkbar. Sei jetzt ein lieber Bub und komm nicht wieder zu mir. Hörst du? Wenn mein Onkel dich sieht, wird er sehr böse, und er wird mich schelten. Und sieh, ich kann doch gar nichts, gar nichts für Konrad tun.“

„Aber Sie können doch wenigstens ein wenig an ihn denken, zuweilen ...“

„An ihn denken? Ja, das werde ich sicher. Auch das darfst du ihm ausrichten. Aber jetzt musst du gehen. Und komm also nicht wieder. Versprich mir das!“

Bittend streckt sie ihm ihre schmale, weisse Hand über den Tisch hin. Und er ergreift diese Hand mit seinen beiden Händen. Langsam erhebt sie sich, ein rätselhafter Ausdruck kommt in ihr Gesicht. Sie legt Werner ihre freie Hand auf den Scheitel, als wolle sie ihn segnen. „Sage Konrad, dass ich es selber nicht gut habe und nicht glücklich bin ... Und nun musst du wirklich gehen“, sagt sie in unbeschreiblicher Güte.

Werner geht.

Dieses Unternehmen verlief vielleicht nicht ganz so, wie er es gewünscht und erwartet. Nun hatte auch er ihn klar und scharf gesehen, den Graben zwischen Alma und Konrad. Nur Konrads Unglück war die klägliche Brücke, die von einem Ufer zum anderen führte. Sicherlich schickte sie ihn nicht weg mit leeren Händen und ohne ein gutes Wort des Trostes. Und gekränkt war sie nicht — oh, im Gegenteil —, aber er durfte ihr keine Botschaft mehr bringen; das stand fest.

In der Einfalt seines Herzens dachte Werner: Wenn sie nicht gar so vornehm wäre, würde sie vielleicht in den Ritterhof kommen und ihn besuchen. Und ich bin sicher, er würde dann sein grosses Weh vergessen ...

Leider durfte dieses nicht geschehen. Und Werner brachte nichts zurück als ihre Blumen. Sein Herz war traurig. Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, als er das Zimmer betrat und Konrad ihm mit fieberglänzenden Augen entgegenstarrte.

„Hast du sie getroffen?“ fragt Konrad, schlotternd vor Erwartung.

„Gewiss traf ich sie. Ich lieferte den Brief ab und erzählte ihr dann noch vieles. Ich durfte neben ihr sitzen in ihrem Gartentempelchen. Sie weinte ...“

„Ist das wahr, du? Weinte sie?“ fragt Konrad atemlos.

„Dein Brief wurde nass von ihren Tränen. Und dann gab sie mir die Blumen für dich. — ‚Grüsse ihn von mir‘, sagte sie.“

Dieses entspricht einigermassen der Wahrheit. Sowie aber Werner die Wirkung seiner Botschaft bemerkt, sowie er Konrads verklärtes Gesicht sieht, durchrieselt es ihn heiss, und in seinem Kopf entsteht jäh ein Gedanke. Ein ungeheuerlicher Gedanke. „Sei sicher — sie liebt dich“, sagt er.

Aber das ist wohl doch zuviel. Vor so grossen Worten wird Konrad misstrauisch. „Nein, du — das ist undenkbar. Das sagte sie gewiss nicht.“

„Vielleicht nicht so mit diesen Worten. Aber sie deutete es doch an, dass ich es verstehen musste. Sie will dir selber schreiben.“

Langsam öffnen sich Konrads Lippen und zittern vor unermesslicher Freude. Er fragt hastig: „Du hast wohl nicht einen Brief von ihr?“

„Nein, sie konnte doch nicht auf einmal schreiben, während sie bei mir sass und alles mögliche fragte und wissen wollte. Aber morgen oder übermorgen kann ich ihren Brief abholen. Sie will immer und ewig an dich denken, weil du ihr so leid tust ...“

Lieber Herr im Himmel — diesem Knaben Konrad ward viel Schweres auferlegt, und er wandelte im kalten Schatten von Anfang an. Ehe er aber aus dieser Welt scheiden musste, sollte ihm noch ein unerhörtes Glück beschieden werden — durch Werners Beistand, durch eine gottgefällige Lüge, durch hundert grosse und kleine Lügen, die sich als eine hohe Brücke über seinen Himmel spannten als strahlender Regenbogen. Nicht länger zögerte Werner, seinen besten, seinen einzigen Freund zu hintergehen.

Beim Anblick Konrads geriet Werner in einen wahren Taumel des Entzückens, in einen seligen Rausch des Schenkens. Bald konnte er selbst nicht mehr unterscheiden, wo die Wahrheit aufhörte und die Dichtung begann. Er, der bis zu diesen Tagen noch nie an Liebe und ähnliches gedacht und wenig oder gar nichts wusste vom geheimen Treiben der Menschenwesen, er ahnte in wunderbarer Weise zum voraus vieles von dem, was erst künftige Zeiten ihn lehren sollten. Ein goldenes Klingen flutete durch sein Blut.

Erregt sass er nun an Konrads Krankenlager und sprach mit begnadetem Mund. „Schon längst dachte sie an dich. Und sie hätte dich gern noch einmal gesehen. Sie wollte dich früher auf der Strasse anreden; aber du gingst so schnell an ihr vorbei. Und da durfte sie natürlich nicht stehenbleiben ...“

„Nein, das durfte sie nicht. Erzähl weiter! Trug sie wieder ein schwarzes Kleid?“

„Ein rabenschwarzes; ihre Tränen tropften darauf, und sie wischte sie nicht weg. Aber deinen Brief verbarg sie an ihrer Brust. Sie will ihn später noch viele Male lesen, wenn sie allein in ihrem Zimmer ist ...“

Unermesslich reich wird Konrad beschenkt. „Ist das nicht merkwürdig“, fragt er, von Werners Feuer erwärmt, „da ging ich also hundertmal an ihr vorbei und wusste nicht, dass sie mich beachtete ...“

„Wie hätte sie es dir nur zeigen können? Und den Weissen Handschuh mit dem Blutfleck hat sie aufbewahrt.“

Langes Schweigen.

Leise fragt Konrad: „Und ihre Puppe? Will sie sie nicht wiederhaben?“

„Nein, du darfst sie behalten — weil es doch ein Stück von ihr selber sei. Sie liebte sie sehr, ihre Puppe. Nur mit ihr spielte sie, solange sie in diesem Hause wohnte. Aber heute schenkt sie sie dir ein für allemal. Und etwas Besseres könne sie dir gar nicht schenken, meinte sie.“

„Nein, das kann sie gewiss nicht.“

Abermals ein inhaltschweres Schweigen.

Worauf Konrad das Gesicht Werner zuwendet. „Komm jetzt zu mir, Werner!“

Eine unerhörte Feierlichkeit schwingt in Konrads Stimme, ein heiliger Ernst. Langsam, klar und deutlich sagt er: „Du hast wahrlich schon viel für mich getan. Nun hab’ ich noch eine letzte grosse Bitte an dich. Wenn ich gestorben bin, dann legst du mir die Puppe in den Sarg. Versprich mir das! Du bist mutig und klug; du wirst auch dieses vollbringen, ohne dass jemand davon erfährt. Ich werde dann nicht allein sein im Grab.“

Erschüttert von Konrads Feierlichkeit, bis ins Innerste aufgewühlt und gleichzeitig erschreckt vom gefährlichen Spiel, das er da unternommen, verspricht Werner: „Verlasse dich auf mich in allen Stücken.“

„Sagtest du nicht vorhin, sie habe dir die Hand gegeben?“

„Doch, das tat sie.“

„Leg mir deine Hand auf die Stirn. Das ist genau so, als habe sie selber mich berührt ...“

Welch tolles, grauenhaftes, kindliches und göttliches Spiel! Zwei Knaben spielen es; und sie spielen es mit der ganzen Inbrunst ihrer unverbrauchten Herzen.

„Wann willst du ihren Brief abholen?“

„Morgen abend, nach der Schule, denk’ ich.“

„Nun wundre ich mich sehr, was für eine Handschrift sie hat.“

„Ich bin sicher, dass sie ungewöhnlich schön schreibt.“

„Das glaube ich auch“, nickt Konrad.

„Ich denke mir, sie wird kleine, zierliche Buchstaben machen. Was meinst du?“ Dieses fragt Werner nicht ohne Hintergedanken. „Gewiss wird sie nur auf allerfeinstes Briefpapier schreiben.“

„Ja, darauf kannst du dich verlassen“, pflichtet Konrad bei. „Und ihr Brief wird nach Veilchen oder Rosen duften.“

Solches hat Werner nun doch nicht erwartet. Verblüfft und ein wenig ungläubig fragt er: „Weshalb soll er denn duften?“

„Nun — so ... Bei einer jungen, feinen Dame duftet alles. Die tragen doch stets ein Fläschchen Wohlgeruch mit sich herum. Auch bei ihr wird es so sein, denk’ ich.“

„Und ob sie wohl Herr Konrad über ihren Brief setzen muss?“ erkundigt sich Werner schlau.

„Wo denkst du hin? Sie wird einfach Konrad sagen. Oder vielleicht, wenn es sehr viel sein soll, wird sie ‚lieber Konrad‘ sagen ...“

Den ganzen Abend besprechen sie diesen Briefwechsel. Es wird ein schöner Abend für sie beide. Etwas völlig Neues und Nieerlebtes ist in ihr Gespräch getreten; und sie geben sich ihm mit ganzer Seele hin.

Vor dem Fenster zieht die blaue Frühlingsnacht herauf. Aus dunklen Tannen kommt der schmelzende Lockruf der Amseln.

„Lass mich jetzt noch ein Weilchen allein“, bittet Konrad still und glücklich. Gar vieles hat sich an diesem Abend ereignet, an das er denken und worüber er sich freuen muss.

Es ist die erste wirkliche, klingende Freude seines Lebens.

Um Mitternacht

Auch in den Küchenfenstern stand die blaue Frühlingsnacht. Doch hier schrie und wetterte, unbesiegt und unbesiegbar, Hannes Frank. Seine Stimme war allmählich heiser geworden, so dass ihm die Worte wie kleine Blechstücke aus dem Mund fuhren und die Frauen ihn nicht mehr recht verstehen konnten. Nein, dieser Mann ergab sich noch lange nicht in sein Geschick, sondern brüllte mit allen Kräften dagegen. Da Elisa kampfesmüde das Feld räumte, suchte er nach einem neuen Feind.

Werner lauschte an der Tür, verzog den Mund, nickte. Ja, das kannte er längst. Und er wusste genau, wie das nun weiterging. Hatte Hannes Frank sich völlig ausgetobt, legte er sich ins Bett; gleich darauf schnarchte er, dass es durch das ganze Haus drang. Es war stets dasselbe. Aber es war gefährlich, jetzt bemerkt zu werden.

Des Vaters Toben kam Werner widerlich und unsinnig vor. Gemein, lächerlich und roh erschien ihm das alles nach dem Gespräch im Krankenzimmer. Doch nun handelte es sich darum, irgendwie Geld zu erhalten für feines Briefpapier und Wohlgeruch.

Werner suchte den Grossvater und fand ihn im Holzschuppen, wo er mit einem kleinen Beil die dürren Tannenäste kleinhackte. Eine Laterne stand am Boden und warf wilde, riesengrosse Schatten auf die Wände. „Brüllt er immer noch?“ erkundigte sich der alte Klaus.

„Ja, aber er ist schon so heiser, dass er bald zu Bett geht. Willst du mir ein wenig Geld geben?“

„Wozu?“

Von dieser einfachen Frage wird Werner überrumpelt. Durfte er nun dem Grossvater Konrads Geheimnis verraten? Durfte er sagen, wozu er das Geld brauchte? Unmöglich! Ausserdem würde der Grossvater das doch niemals begreifen. Und darum musste er also weiterlügen. Diese Welt ist eben so eingerichtet, dass man mit einer kleinen Lüge oft viel weiter kommt als mit zwei grossen Wahrheiten.

„Es ist für die Schule. Ich sollte ein Buch kaufen — über Geographie ... Den Vater kann ich jetzt nicht fragen ...“

„Wieviel brauchst du?“

Werner nennt eine unbedeutende Summe. Der alte Klaus greift in seine Tasche und zieht einen ungeheuer schmutzigen Geldbeutel daraus hervor. Auch das Geld ist klebrig und dreckig. Dennoch liegt himmlische Gnade darin.

Mit dem Geld in der Faust läuft Werner durch die Strassen, kauft Briefpapier und Wohlgeruch. Spät in der Nacht, als die Brüder schlafen, schreibt er einen Liebesbrief. „Mein liebster Konrad! Ich schreibe Dir diesen Brief in tiefster Nachtstunde, weil ich nicht selber zu Dir kommen und mit Dir sprechen darf ...“

Werners Augen strahlen, Werners Herz hüpft. Es wird ein überaus zärtlicher Brief. Vielleicht gar zu zärtlich und nicht in allen Teilen wohlgeraten und nicht ganz so, wie eine junge, feine Dame schreiben würde. Der Knabe Werner legte sicherlich etwas viel Hingebung und Sehnsucht darein, damit Konrad sich richtig freuen sollte. Und er hielt die Feder zwischen Zeige- und Mittelfinger, malte winzig kleine Buchstaben und verstellte seine Schrift. „Bis in alle Ewigkeit Deine Alma.“

Der Brief wurde ausgiebig mit Wohlgeruch besprengt, sorgfältig verklebt. Am nächsten Abend öffnete Werner vor Konrads Bett den Umschlag wieder und hielt ihm den Brief vors Gesicht, indem er selber zur Seite blickte.

Konrad freute sich — soviel ist sicher. „Ich kann dir ja gar nicht sagen, wie schön sie schreibt“, sagte er. „Wenn der Brief nicht gerade von ihr wäre, dürftest du ihn gern lesen. Aber das geht nun leider nicht. Das begreifst du wohl?“

Ja, das begriff Werner. Er drehte sich noch mehr zur Seite. Seine Wangen wurden heiss. Ja, gewiss, er schämte sich grässlich. Doch sein Herz jubelte.

„Nein, du — dass ich dieses noch erleben durfte“, murmelte Konrad. „Leg ihn unter mein Kopfkissen! Am liebsten möchte ich die ganze Nacht lang darauf schlafen. Aber sie könnten ihn entdecken. Leg ihn, ehe du schlafen gehst, zu der Puppe.“

Hierauf wurde der zweite Brief an Alma verfasst. Doch dieser Brief erreichte sie nie.

Trotzdem ein herrlicher Briefwechsel. Manchmal brachte Werner von Alma Blumen, die er selber im Garten pflückte. Und dabei musste er von ihr berichten, was sie sprach und wie sie aussah; Konrad fragte und fragte und wollte vieles wissen. Er war in diesen Tagen der glücklichste Mensch im Ritterhof.

Auch Werner war glücklich. Ihr Glück wurde durch Lügen erkauft. Aber darauf kommt es nicht an.

Leider gingen bei dem heftigen Briefwechsel bald das schöne Leinenpapier und der Wohlgeruch aus. Und als Werner den Grossvater wieder bedeutungsvoll am Ärmel zupfte und um die nötigen Mittel bat, musste er zu seinem Schreck erfahren, dass diese Wunderquelle zu versiegen drohte.

„Wie? Schon wieder ein Schulbuch?“ fragte der alte Klaus. „Sieh, Werner, nun ist mir selber das Geld ausgegangen. Ich kann dir noch dieses eine Mal helfen. Aber das ist das letztemal.“

Mit blassen Lippen stammelt Werner: „Aber ich muss das Geld unbedingt haben. Sonst entsteht ein Unglück ...“

Forschend betrachtet der alte Klaus seinen Enkel, indes er gewaltig mit dem Kopfe wackelt. „Kannst du schweigen?“

„Ja, das kann ich.“

„Komm heute nacht um die zwölfte Stunde hierher in meine Kammer. Vielleicht kann ich dir doch noch weiter helfen.“

Um Mitternacht schlich der alte Klaus mit Werner in den hintersten Winkel des tiefsten Kellers, hob ein paar Steine aus der Mauer und schob ihn in die verborgene Werkstatt. Und da lagen also die Platten und Zeichnungen, eine kleine Presse, Papier und andere Dinge.

„Du bist ja ein Maler und Künstler und alles“, begann der alte Klaus mit unsicher schwankender Stimme. „Dann kannst du sicher auch das da machen.“

Werner hielt eine der Platten gegen das Licht und stotterte ängstlich: „Damit kann man Fünfzigfrankenscheine machen.“

„Siehst du. Du verstehst die Sache ...“

„Aber dann ist es falsches Geld.“

„Sie sind so gut gemacht wie die echten.“

„Aber sie sind doch falsch.“

„Dir und mir, uns allen wäre damit geholfen, auch Konrad“, sagte der alte Klaus ernst. „Farbe ist da, Papier ist da, alles ist da. Man wird nie erfahren, dass du sie gemacht hast. Umsetzen will ich sie schon allein.“

Werner verschlägt es den Atem. Jäh geht ihm eine Erkenntnis auf. „Daher stammt also dein Reichtum? Aber du hast die Scheine doch nicht selber ...“

„Leider nein. Das kann ich nicht. Dazu sind meine Augen zu schlecht, es fehlt mir auch sonst alle Wissenschaft. Du aber hast geschickte Hände.“

„Es wäre böses Geld, Grossvater.“

„Alles Geld ist böse oder gut — je nachdem.“

„Weisst du denn nicht, dass eine hohe Strafe darauf steht?“ fragt Werner bang.

„Freilich. Aber wir brauchen das Geld so nötig. Nun weiss ich noch einen anderen Rat: Wenn du mich morgen bei der Polizei anzeigst, bekommst du dafür eine hohe Belohnung. Es sind zweitausend Franken ausgeschrieben. Wahrscheinlich sperren sie mich dann ein für den Rest meines Lebens. Mir ist das gleichgültig. Aber euch wäre geholfen für lange Zeit.“

In massloser Verwunderung starrt Werner auf den alten Klaus. „Ich — dich anzeigen ...“

„Ob ich hier herumgehe und hungere oder im Gefängnis hocke, das kommt auf ein und dasselbe heraus. Die Belohnung wenigstens solltest du dir verdienen.“

Schnell legt Werner die Platte auf den Tisch zurück. „Lass uns gehen“, sagt er nur.

Aber der alte Klaus fasst ihn hart am Arm, seine kleinen Augen funkeln befremdlich im Schein der Laterne.

„Grossvater!“

„Willst du nicht?“

„Ich kann nicht. Nein. Ich weiss nicht, wie das gemacht wird. Und ich will es auch nicht wissen.“

„Du bekommst von mir kein Geld mehr.“

Klaus lässt Werners Arm los. Ohne ein weiteres Wort gehen sie miteinander ins Haus.

In dieser Nacht hörten die Frauen noch einmal das Gespensterpoltern auf der Tiefe und erschraken. Aber sie hörten es nur noch dieses eine Mal.

Hierauf ging das Geld aus, und die Not wuchs.

Der rote Arnold

Konrad sagte: „Vielleicht könntest du mich zeichnen, so wie ich daliege. Nur den Kopf ...“

Ein guter Einfall. Werner ist sofort dabei. „Ja, das will ich.“

„Vielleicht dürfte ich ihr das Bild schenken. Glaubst du, dass sie es annehmen wird?“

„Warum denn nicht?“ ruft Werner überzeugt.

Und Werner beginnt zu zeichnen. Zuerst mit zagenden, unsicheren Strichen, noch tastend. Doch bald wird es hier wie mit den Liebesbriefen. Unerwartet schnell wächst Werner in die neue Aufgabe hinein.

Sie plaudern ein wenig, unterhalten sich über die Dame Alma. Aber dann gibt Werner keine Antwort mehr auf Konrads Fragen. Ein neuer Geist ist über ihn gekommen. Das kann nicht mehr seine unkundige Knabenhand sein, die da wie im Fieber übers Papier hinfährt, die fast gewaltsam, ohne Überlegung, Strich um Strich hinwirft, Schatten um Schatten entstehen lässt. Es lodert ein mächtiges, ein unheimliches Feuer in Werner. Es ist nicht länger eine Knabenhand, sondern irgendwie die Hand Gottes, die Leben erweckt auf dem Nichts.

Ein paar tiefe Falten ziehen sich in Werners Stirn, zwischen seine Brauen. Seine Augen blicken scharf, spähen gleichsam nach Verborgenem, das hinter Konrads Antlitz liegt. Die Dinge um ihn her versinken. Er weiss nicht mehr, dass es einen Werner Frank gibt auf dieser Welt. Ein fremder Wille treibt ihn, stösst seine Hand vorwärts. Das ewig unerklärbare Wunder vollzieht sich hier in dieser Stube. In einem unbeachteten Knaben springt überraschend der schöpferische Funke auf, das Unerlernbare, das nur den Auserwählten gegeben wird und das keinen Unterschied kennt zwischen vornehm und niedrig. Das wird ein Taumel, und es wird ein Traum.

Längst schweigt auch Konrad. Man hört nur noch Werners Hand leise raschelnd übers Papier hingleiten. Bis er mit einem Seufzer den Stift sinken lässt und erwacht. Erstaunt blickt er sich um. Es fällt ihm offenkundig schwer, wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden. Lange starrt er auf sein eigenes Werk, und es erscheint ihm fremd. Verlegen hält er das Blatt Konrad hin.

„Du, das ist grossartig!“ ruft Konrad begeistert.

Ach, nun kennt Werner sich wieder aus in dem kahlen Zimmer, er entsinnt sich, dass er Hannes Franks Sohn und des alten Klaus Enkel ist, und er erschrickt.

Aber es bricht auch noch etwas anderes in ihm auf, und das ist etwas, worüber er sicher noch niemals nachdachte, das aber auf einmal gewaltig über ihn kommt und zu klaren Worten drängt. „Ich will nicht so sein wie mein Vater“, ruft er heftig. „Nicht wie mein Grossvater und die anderen ... Sie alle stecken in einem Sumpf. Ich aber will hinaus ... Lieber im Kampf zugrunde gehen, als ihr Leben führen ...“

Überrascht dreht Konrad den Kopf. „Was ist das mit dir? Was meinst du damit? Die meisten Menschen leben so. Das ist das Los der Armen ... Möglicherweise — ja, wenn du ein grosser Künstler wirst ...“

Bebend vor Erregung lehnt Werner am Bett, bleich und fremd. „Sie sind versunken in Elend und Erbärmlichkeit ... Der Tod ist besser als dieses Leben. Jetzt weiss ich, was ich will.“

Erschreckt und unsicher starrt Konrad in Werners zuckendes Gesicht und schüttelt den Kopf. Konrad blickt ja schon von sicherer Höhe herab auf das Treiben der Menschen; aber er verachtet nicht das Leben. „Sag das nicht“, meint er bedächtig. „Das Leben ist etwas Grosses trotz allem.“

Nur noch eine schadhafte Puppe und eine unwirkliche Liebe halten Konrad. Für ihn gibt es weder Kampf noch Sieg. Sein Glück gleicht dem Strahl der Abendsonne auf dem höchsten Wipfel der Bäume. Konrad versteht eigentlich nicht, was Werner ergriffen hat. Verwirrt gibt er zu: „Die Armut macht elend; das ist schon wahr. Die Reichen verachten uns der Armut wegen; auch das ist wahr. Aber ich glaube nicht, dass sie deshalb besser sind. Und das Ende bleibt dasselbe für alle ... Wollen wir jetzt wieder einen Brief schreiben? Den bringst du ihr dann mit der Zeichnung. Wer weiss, vielleicht schenkt sie mir ihr Bild. Es wäre schön, wenn ich sie noch einmal sehen dürfte.“

Diese Worte überschütten Werner wie eine kalte Woge und ernüchtern ihn. „Sie wird dir ihr Bild geben“, verspricht er.

Am folgenden Tage verhandelt er mit einem Schulkameraden. „Kannst du jemand photographieren, der auf der Strasse an dir vorbeigeht?“

„Natürlich. Was zahlst du mir dafür?“

„Ich gebe dir hundert Äpfel.“

„Hast du Äpfel?“

„Nicht heute. Aber sie wachsen im Garten. Du bekommst sie im Herbst.“

„Haha — nein. Das wäre ein schlechter Handel. Den machen wir nicht. In einer Hand das Bild, in der anderen Hand die Äpfel. Warte, bis sie reif sind.“

„Ich kann nicht bis zum Herbst warten!“ ruft Werner, besinnt sich und schlägt vor: „Ich will dir eine Zeichnung geben.“

„Eine Zeichnung? Von wem?“

„Von mir.“

„Haha — nein. Eine Zeichnung kann ich mir selber machen. Gib mir bares Geld. Zahl mir zwei Franken, und du bekommst das Bild.“

Handel im grossen und im kleinen. Sie werden einig.

Ich muss meine Zeichnung verkaufen, denkt Werner.

Seit einigen Wochen geht er in den Konfirmandenunterricht zu einem Pfarrer, der Stehring heisst und als ein reicher Mann, als ein richtiger Millionär und Wohltäter bekannt ist. Und da Werner keine Zeit verlieren darf, marschiert er zum Pfarrhaus, ruhig, entschlossen wie ein Soldat, der einen Befehl erhielt. Werner meint, es handle sich um eine grosse, heilige Sache. Er klopft an der Haustür und erklärt dem erstaunten Dienstmädchen, dass er mit dem Pfarrer eine wichtige Unterredung führen müsse.

Er wird in ein grosses Zimmer gewiesen, das mit Möbeln und Bildern und Teppichen so reich ausgestattet ist, dass Werner plötzlich verzagt und den Atem anhält. Über dem Kamin auf rotem Marmor hängt ein Gemälde — Felsen, Meer, hellschimmernde Brandung, Wolken. Werner tritt nahe heran und möchte erforschen, wie das alles mit Pinsel und Farbe vollbracht werden kann. Darüber vergisst er sich selber und alles, was um ihn vorgeht. Er hört nicht den Pfarrer, der lautlos auf dem weichen Teppich hereinkommt und nun hinter ihm steht und ihn betrachtet.

„Ist das nicht Werner Frank?“

Erschreckt fährt er herum, atmet tief auf und starrt mit grossen abwesenden Augen. Der Pfarrer blickt ihn aufmerksam an. „Dir gefallen, wie mir scheint, meine Bilder?“

Die Antwort verblüfft ihn.

„Ein solches Bild werde auch ich einmal malen.“

„Du?“ wundert sich der Pfarrer.

Doch es liegt etwas Eigentümliches im Gesicht dieses Knaben, in seinen Augen, in seiner Stimme, etwas, das den Pfarrer aufhorchen lässt. Er ist ein Seelenkenner und merkt, dass hinter Werners einfältigem Ausspruch sich ein tiefer Ernst birgt.

Unter des Pfarrers still forschenden Augen wird Werner wieder klein und unscheinbar, wird der Sohn seines Vaters, der Enkel seines Grossvaters, ein verschüchtertes Wesen, das sich stets duckt, weil es Gefahr wittert an allen Orten.

Pfarrer Stehring hatte vor kurzem noch ein glattrasiertes Gesicht. Seit ein paar Wochen lässt er sich den Vollbart wachsen, und nun ist er struppig bis hinauf zu den Ohren und sieht wild und gefährlich aus. „Du verlangst mit mir zu sprechen, Werner?“

Sehr verlegen streckt ihm Werner eine Papierrolle hin. „Ich möchte Ihnen das da verkaufen. Ich brauche ein wenig Geld.“

Belustigt nimmt der Pfarrer die Papierrolle entgegen. Dieser gute Mann kennt ja das grosse Elend der Menschen. Täglich erscheinen sie in seinem Hause, viele Sorten von Bettlern. „Wozu brauchst du das Geld?“ fragt er wie vor kurzem der alte Klaus.

Aber diesmal gelingt es Werner nicht, mit einer kleinen Lüge die grosse Wahrheit zu überspringen, sondern es geschieht etwas Unerwartetes.

In der einen Hand hält der Pfarrer die Zeichnung, die andere legt er auf Werners Schulter. „Es war dumm von mir, dich zu fragen. Nein, Werner, antworte mir nicht. Ich vertraue dir. Sag mir nur, wieviel du brauchst.“

„Ein paar Franken — oder vielleicht fünf ...“

Unter seinem stachligen Strolchenbart verzieht sich des Pfarrers Gesicht kaum merkbar. „Und was ist es denn, was du mir dafür verkaufen willst?“

Natürlich kennt der Pfarrer auch dieses. Gar mancherlei wird ihm angeboten. Doch willig öffnet er die Rolle, wirft einen Blick darauf, stutzt, drückt die Augen ein wenig zu, wirft noch einen Blick darauf. „Woher hast du das?“ fragt er in jäh verändertem Tone.

„Ich hab’ es gezeichnet.“

„Kopiert, nachgezeichnet, vielleicht aus einem Buch?“

„Nein. Das ist doch unser Konrad.“

Das Blatt mit beiden Händen vor sich haltend, tritt der Pfarrer ans Fenster, betrachtet es noch einmal eingehend. „Wenn das wirklich deine eigene Arbeit sein sollte“, sagt er ernst, ja, dann liegt eine ungewöhnliche Begabung in dir. Aber das ist doch ganz unbegreiflich ...“

„Das ist Konrad“, wiederholt Werner bebend. „Ich lüge nicht.“

„Nein, nein — verzeih. Aber du hast mich derart überrascht. Gern will ich dir das Blatt abkaufen. Ich zahl’ dir zehn Franken dafür. Und soviel ich davon verstehe, ist das sicher noch zuwenig. Sollte dir wieder einmal so etwas gelingen, dann lass es mich sehen ... Also das ist euer Konrad? Was für ein seltsames Leidensgesicht ...“

In diesem Augenblick ertönt die Hausglocke, das Dienstmädchen meldet einen Besuch. Mit einem müden Seufzer schiebt der Pfarrer Werner zur Tür hinaus.

Noch stehen in langen Reihen die stillen, alten Häuser. Ihre Fenster blitzen. Über ihren Dächern leuchtet ein freundlicher Himmel. Die Welt ist nicht länger verfinstert und versperrt. Ein strahlender Stern ging auf über Werner Franks Weg.

Konrad erhält nach ein paar Tagen schon Almas Bild mit einem guten Brief. Und die Luft in Konrads Stube flimmert, als sei sie erfüllt mit Diamantenstaub und mit himmlischer Gnade. Konrad sieht nicht, er ahnt nicht einmal die Not, die rings um ihn wächst.

Und doch steht es in diesen Tagen um die Lohmanns wahrlich schlimm genug. Die Krämer, die Bäcker der ganzen Strasse haben sich gegen sie verschworen; kein einziger glaubt mehr ihren Versprechungen. Bargeld verlangen sie, nichts als Geld, und keine schönen Worte. Und in den Taschen der Lohmanns herrscht ein sorgenvoller Zustand. In diesen Tagen strengen sich die Frauen an, nähen, stricken, arbeiten. Was verschlägt das in einer Küche, aus der so viele knurrende Magen zu füllen sind.

Sie waren nie anspruchsvoll, diese Leute, weiss Gott, oft schon darbten sie, und sie sind an mancherlei Kummer gewöhnt; aber jetzt hungern sie erbärmlich.

Wasser und Brot. Brot und gelbes Wasser, das die Frauen, mit Tränen im Halse, Kaffee nennen, das ist ihre Nahrung. Das Leben züchtigt sie hart.

Aber selbst die Lohmanns sind gross auf ihre Weise. Sie geben auch noch das Allerletzte her für Konrad, den Niemandssohn, von dem sie wahrlich keinen Nutzen mehr erwarten dürfen.

Für sein Geld kaufte Werner nicht nur Almas Bild, feines Schreibpapier und Wohlgeruch; er kaufte überdies ein wenig Zucker und ein paar Eier. Wie staunten die Frauen, als er solche Kostbarkeiten in die Küche brachte, und sie wollten erfahren, wie er sie errungen. Auf alle ihre Fragen schwieg Werner. Da meinten die Frauen unter sich, Werner habe das gute Essen irgendwo aus einem unbewachten Korb gestohlen. „Es riecht wie nach einer feinen Dame“, sagten sie und betrachteten Werner misstrauisch. „Aber es ist nicht genug für alle“, sagten die Frauen weiter. „Darum soll Konrad es allein haben.“

So sind die Frauen. Sie haben ihre guten Seiten. Sie verstehen sich nur so schlecht auf den Gelderwerb. Zwar strengen sie alle ihre Kräfte an. Die Grossmutter besitzt keine Kräfte mehr, weshalb sie sich darauf beschränken muss, in der Bibel zu lesen und des Himmels Beistand herabzuflehen.

Hingegen der entlassene Staatsbeamte Hannes Frank liest in seinem Zauberbuch, da er seit dem schlecht belohnten Versuch mit den Bondorfschen Seelen der himmlischen Gerechtigkeit und Gnade weniger vertraut als sich selber und seinen schwarzen Künsten. In diesen bösen Wochen versucht er es mit vielerlei. Alles muss seinen Anfang haben. Hannes Frank warf sich auf den Handel und sah darin seine Zukunft. War das nun etwas so Verkehrtes? „Oh, geht nur nach Amerika“, sagt Hannes Frank. „Dort weiss es ein jedes Kind, dass viele mit weniger als nichts angefangen, und später verdienten sie damit so viel Geld, dass sie es gar nicht mehr zählen konnten, sondern nur noch in Säcken auf die Waage legten.“

Vielleicht war Hannes Franks Handel eine rein abenteuerliche Sache; aber er verbiss sich darein. „Mit seiner Hände Arbeit kann man im besten Fall sein bisschen Leben fristen“, sagte er. „Doch niemals wird man reich davon ... Schuften, schwitzen und Hunger leiden — das soll der Teufel holen ...“

So ungefähr dachte Hannes Frank. Nun, man kann ihn nicht verdammen. Er stapfte in der Küche herum und verkündete: „Ganz egal, was einer anfängt. Auch wenn es der grösste Dreck ist — nur Erfolg muss er haben und Geld verdienen. Dann wird er ein grosser Herr, und alle nehmen den Hut vor ihm ab ...“

Ach, dieser Mann Hannes! Er war nicht dumm; er hatte einen verteufelt guten Blick fürs Leben. Am Anfang war er ein Bauer, dann wurde er Eisenbahner. Weitere Kenntnisse besass er nicht. Und da er jetzt weder einen Acker zum Pflügen hatte noch Eisenbahnwagen zum Manövrieren und sich mit der Hände Arbeit nicht ernähren wollte, verfiel er eben, Gott verzeihe ihm, auf den Handel. Durch die Ratschläge seines Zauberbuches brachte er die Klopfgeister der Ritterburg zum Schweigen, immerhin ein glänzender Erfolg. In seinem Buche fand er dieses und jenes, was guten Verdienst bei wenig Mühe versprach. Nur brauchte es leider zu solchen Unternehmungen Kapital. Darin lag die Gemeinheit.

Der Schöpfer aller Dinge verlieh Hannes Franks jüngstem Sohn Arnold nicht ohne weise Vorsicht das knallrote Haar. Die Lohmanns hatten über Arnolds Haar oft nachgegrübelt, aber nie die leiseste Spur gefunden, wie die rote Farbe in ihre Familie eingedrungen. „Alle aus unserem Geschlecht waren blond oder höchstens braun“, sagte die Grossmutter. „Doch Gottes Wege sind dunkel“, meinte sie.

Arnolds Haar wurde mit den Jahren immer röter und hässlicher. Alle Leute der Strasse nannten ihn nur den Roten. Es war das reine Elend.

Wegen Arnolds Spottnamen entstanden unzählige Raufereien, und gerade deshalb erlangte der Bruder Emil seine erstaunliche Fertigkeit und wurde auf diesem Gebiete ein wahrer Künstler, der es mit dreien und vieren zu gleicher Zeit aufnahm.

Laut verkündete Hannes Frank: „Ich habe mich lange genug wegen diesem Fuchshaar geärgert. Ich werde ihn färben.“

Grosses, ungläubiges Wundern in allen Gesichtern.

„Färben? Hihi — was du dir alles einbildest, lieber Schwager!“ rief Elisa. „Ja, damit konntest du schon reich werden.“

An der Haarfrage nahmen die Frauen regen Anteil. Doch sie schüttelten misstrauisch ihre Köpfe.

„Oder vielleicht nicht?“ rief Hannes Frank. „Noch heute werde ich ihn färben“, wiederholte er zuversichtlich und nickte.

Siehe da, es fanden sich in den leeren Taschen doch noch ein paar Nickel für die erforderlichen Chemikalien; Arnold selber lief zum Drogisten und kaufte sie — mit einem kunstgerechten Rezept, über dem ein Doppelkreuz stand. Hannes Frank hatte es ausgestellt, genau wie ein anderer Doktor, und die Frauen bewunderten ihn. Hierauf bereitete er eine ungemein übelriechende Salbe, schmierte damit des Abends Arnolds Kopf ein und wickelte ein Tuch darum.

Am folgenden Morgen war der rote Arnold schwarz. Gott helfe ihm — Arnold war schwärzer, als je vor ihm ein sterblicher Mensch gewesen. Er war unheimlich. Ungläubig und entsetzt betrachtete er sich im Spiegel und erkannte sich selber nicht mehr.

Hannes Frank, der Vater und Hexenmeister, lief heiss und unmässig stolz um den gefärbten Arnold herum, schnalzte mit der Zunge, schnippte mit den Fingern. Nach langen Wochen der Bitternis ward ihm endlich ein froher Anblick beschieden. Er meinte, damit habe alle Not ein Ende.

In der Tat, es entstand ein gewaltiger Aufstand, sowohl auf der Strasse als in der Schule. Jedermann bestaunte das Wunder, und es wurden viele Worte geredet.

Nach diesem unerhörten Erfolg erwartete Hannes Frank im Ritterhof den Zustrom von Leuten, die sich von ihm wollten färben lassen. Er wartete leider vergeblich. Die Leute nannten ihn Zauberer und Teufelskerl und lachten über den gefärbten Sohn. Doch es entwickelte sich nicht zu einem Geschäft.

Im Gegenteil, es entwickelte sich die scheusslichste Widerwärtigkeit und eine bodenlose Enttäuschung. Wohl blieb Arnolds Haar, soweit es gefärbt worden, dauerhaft schwarz und waschecht genug, doch wuchs es ebenso rot nach wie vordem.

Dieser Anblick bereitete vielen Menschen aufrichtiges Vergnügen, nur nicht Hannes Frank. Demnach blieb keine andere Wahl, sollte Arnold schwarz bleiben, musste er immer wieder aufs neue gefärbt werden. Ein endloser Kampf mit den Naturgesetzen.

Wo aber blieb der Gewinn, das Geld, das Glück?

Бесплатный фрагмент закончился.

448,19 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
410 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711518434
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги