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Kai Preißler

Montagsmeeting

© 2014


1. Auflage September 2014

©2015 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM GmbH, Dortmund

Verlag:

OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

Printed in Germany

ISBN 978-3-942672-28-3 (Print)

ISBN 978-3-942672-29-0 (eBook)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de.

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Über dieses Buch

Thomas Krallmann, von seinen Freunden „Hirni“ genannt, hat es geschafft! Nach dreiundzwanzig Semestern Germanistikstudium hat er endlich den Abschluss in der Tasche und beginnt seinen ersten richtigen Job – als unterbezahlter Praktikant in einer Eventagentur. Gefangen im aberwitzigen Irrsinn des Agenturalltags stolpert er von einer Absurdität in die nächste. Bis er gebeten wird, das Projektteam für „Private Events“ bei der Planung einer opulenten Hochzeitsfeier zu unterstützen. Die Braut ist keine Geringere als seine Ex-Freundin Imke. Hirni ahnt, dass er in den kommenden Wochen verdammt clever improvisieren muss.

Inhaltsverzeichnis

Pappkameraden

Sechzehntausend

James Bond

Der Arschlutscher

The Sky is the Limit

Einen im Tee

Ausgeblasene Eier

Wasser findet immer einen Weg

Voll auf die Zwölf

Dampfbad

Pfefferspray

Brockhaus

Die Kuh auf dem Eis

Vitello tonnato

Top of the Flops

Niederkunft

Simarik

Mission Impossible

Hohlraumdübel

Pappkameraden

„Ja, ist die denn bescheuert?“, denke ich und starre auf einen kleinen handgeschriebenen Zettel, den ich gerade eben in meinem Briefkasten gefunden habe. Um zu begreifen, lese ich die Zeilen noch einmal:

Herr Krallmann,

da ihr Fahrrad trotz mehrfacher Ermahnung erneut im Hausflur neben den Briefkästen stand, habe ich mir erlaubt, selbiges den Entsorgungsbetrieben zu übergeben.

Gruß

E. Rieke

Mein Blick wandert nach rechts und tatsächlich steht dort nichts, das auch nur annähernd an mein altes Hollandrad erinnert.

„Rieke, du blöde Kuh“, murmele ich und stapfe entschlossen hinaus auf die Straße, doch auch dort findet sich nicht der Hauch einer Spur meines Rades.

Passanten auf dem Weg zur Arbeit trotten an mir vorbei. Einige mustern mich geringschätzig, andere schmunzeln und zwei Jugendliche mit Rucksäcken lachen sich schlapp. Schadenfreude kann offenbar so schön sein! Aber woher wissen die denn bitte, was passiert ist? Hat Frau Rieke ihren Brief etwa auch als Anzeige im Lokalteil der Zeitung geschaltet? Auf Facebook gepostet? Getwittert?

Ich zeige den beiden Jugendlichen einen Vogel und will die andere Hand möglichst lässig in meiner Hosentasche vergraben, nestle aber etwas unbeholfen dort herum, wo die Finger in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben und in diesem Fall auch gar keine Tasche ist. Ich blicke an mir herab, richte meinen Blick dann wieder auf und atme tief durch. Es sind nicht allein meine für einen Mann recht untypischen Hausschuhe im Bärentatzen-Look, die die Leute amüsieren, auch nicht meine vom Kopfkissen zerknautschte Frisur im Stil eines Rosettenmeerschweinchens. Es ist schlichtweg vor allem mein alter Pyjama, der für Erheiterung und Unverständnis sorgt – das Oberteil nach ungezählten Maschinenwäschen schlabberig und die Hose so aus der Form geraten und eingelaufen, dass sie den UFA-Filmschauspielerinnen der Zwanzigerjahre schon fast wieder stehen würde. Ich sehe aus wie eine vermännlichte Marlene Dietrich, die der Nervenheilanstalt entflohen ist.

Damit die hübsche Verkäuferin aus der Kamps Bäckerei schräg gegenüber nicht auch noch herüberschaut, drehe ich mich langsam um und gehe auf den Eingang des Mehrfamilienhauses zu, in dem ich seit einigen Wochen eine winzige Wohnung mit Blick auf einen Parkplatz gemietet habe. Ich habe die Tür fast erreicht, da öffnet sich diese einen Spalt und ein grauer Pudel an einer Leine tritt hinaus. Am Ende der Leine folgt ihm eine erschreckend rüstige Frau von gut und gerne achtzig Jahren. Ihre graue Krause, wie man die Dauerwelle hier im Ruhrgebiet nennt, ist Ton in Ton mit ihrer Garderobe und harmoniert prächtig mit der des Pudels. Elvira Rieke, meine Nachbarin, tritt hinaus und wirft einen fachkundigen Blick zum fast wolkenlosen Himmel. Sie entscheidet, ihren mitgeführten Knirps nicht aufzuspannen, womit in diesem Fall nicht der Pudel gemeint ist, und marschiert energisch los, nicht ohne mir einen ‚guten Start in den Tag‘ zu wünschen. Mein Gesicht bekommt einen wächsernen Ausdruck, so wie bei Auftragskillern im Film, unmittelbar bevor sie ihren Job erledigen.

Mit einem kurzen Nicken zieht sie an mir vorbei und ich blicke ihr fassungslos hinterher. Die Art, wie sich diese ehemalige Oberstudienrätin mit Altersstarrsinn im Endstadium triumphierend entfernt, macht mir Angst und vor meinem geistigen Auge entwickelt sich der Plan zum Gegenschlag. Im Hausflur ist nämlich heute ein Parkplatz freigeworden und ich sollte mal schauen, ob das nichts für meinen alten Polo wäre.

Im Moment freue ich mich jedoch auf ein wohlduftendes Wannenbad, um mich einzustimmen auf eine feucht-fröhliche Schicht im ,Wash & Go‘, wo ich diese Woche Dienst am Hochdruckreiniger habe und die in knapp zwei Stunden beginnt. Nein, ich arbeite nicht als Friseur, sondern ich jobbe in einer Waschstraße. Das ist zwar keine Tätigkeit, die man sich in den Lebenslauf schreiben würde, aber solange ich noch nicht Programmdirektor beim ZDF oder Werbetexter bei Mercedes-Benz bin, kommen so einige Hundert Euro im Monat zusammen, mit denen ich mir wenigstens die Miete für meine Wohnung unter Elvira Rieke und den Sprit für meinen Polo leisten kann. Grundsätzlich sind zwei Stunden natürlich eine Menge Zeit, um zur Arbeit zu gelangen, nicht jedoch, wenn man den ,Wash & Go‘-Overall am Vortag mit Himbeersirup versaut, über Nacht in der Waschmaschine vergessen hat und mit einem handelsüblichen Reiseföhn wird trockenblasen müssen. Da der Morgen bisher nicht besonders glücklich begann und gewiss noch das ein oder andere Pech dazukommen wird, habe ich gute Chancen, den Tag in klammen Klamotten verbringen zu müssen. Halbnasse Overalls kleben gerne am Körper und tragen in der Regel auch unschön auf. Das mag bei Brad Pitt ganz sexy sein, bei mir weckt es eher Mitleid.

Als ich meine kleine Wohnung betrete, höre ich meine eigene Stimme. Nein, ich bin nicht reif für die Klapse, obwohl ich für die schon das passende Outfit trage, sondern stolzer Besitzer eines automatischen Anrufbeantworters, auf dem ich soeben einen Anrufer begrüße.

„Hallo, hier ist der Anschluss von Thomas Krallmann. Ich bin gerade nicht da, aber hinterlasst mir doch einfach eine Nachricht.“

Dann erfolgt ein kurzes Piepsen und eine Frauenstimme, der es gelingt, durchgängig in einer Tonhöhe zu sprechen, räuspert sich.

„Guten Morgen Herr Krallmann, Pinella Dahlke von LIVE COMMUNICATION. Sie waren vor einigen Wochen zum Gespräch bei uns und wir würden uns über einen Rückruf freuen …“

Ein weiterer Piepston und mein Anrufbeantworter lässt mich mit ähnlich gleichgültiger Stimme wissen, dass der Speicher voll ist und die Restspeicherzeit noch null Minuten beträgt. Bingo!

Für einen Moment bin ich geneigt, meine durch Frau Rieke angestaute Wut an diesem verdammten Gerät auszulassen, besinne mich jedoch eines Besseren. Im heillosen Durcheinander meines Schreibtisches finde ich die Telefonnummer von Frau Dahlke. Auf ihrer Visitenkarte wird sie als ,Assistance Hospitality and Promotions‘ ausgewiesen, was beeindruckend klingt und auf eine bedeutende Tätigkeit in einer der kreativsten Eventagenturen des Landes hinweist. Bei LIVE COMMUNICATION hatte ich vor Wochen ein Vorstellungsgespräch und den Laden ehrlich gesagt schon fast vergessen. Nervös und etwas zu hastig wähle ich die Nummer. An irgendeiner Stelle muss ich gepatzt haben, denn statt der Dortmunder Agentur meldet sich die Duisburger Fettschmelze. Da ich mir gar nicht vorstellen mag, was das ist, lege ich kommentarlos auf und wähle erneut. Nach mehrmaligem Tuten habe ich auch tatsächlich die Frau am Apparat, deren Stimme so aufregend klingt wie eine Homöopathiebehandlung gegen Nagelpilz.

„Pinella Dahlke von LIVE COMMUNICATION?“, meldet sich Frau Dahlke beeindruckend emotionslos, jedoch mit fragendem Singsang in der letzten Silbe. Ich will spontan mit ‚ja‘ antworten, beschließe dann jedoch, mich einfach nur vorzustellen, da Frau Dahlke den Mördergag sicher nicht verstehen würde.

„Guten Tag Frau Dahlke, Thomas Krallmann hier – Sie baten um einen Rückruf.“

„Ach, das ging ja schnell. Ich hatte schon befürchtet, Sie seien bereits unterwegs.“ Den Satz hatte sie ohne die geringste Satzmelodie geschafft – stark!

„War ich im Prinzip auch schon. Bin aber noch mal kurz reingekommen“, lüge ich und mache mich so wichtig wie möglich.

„Wir wollten fragen, ob Sie noch Interesse an der Stelle haben. Bei uns haben sich kurzfristig ein paar neue Projekte ergeben und wir wollen das Team erweitern. Müsste aber schnell gehen.“

„Wow“, sage ich. „Dann habe ich Sie also tatsächlich überzeugt?“

„Ich habe hier eine Liste mit zwanzig Personen. Durch Zufall sind Sie der Erste. Wenn Sie sagen, Sie kommen, kann ich mir die weiteren Telefonate sparen, ansonsten wird’s halt der Nächste.“

Frau Dahlke ist ein richtiger Schatz mit ihrer wunderbaren Art, dass man sich gleich willkommen fühlt.

Ich überlege einen Moment, der für Frau Dahlke offenbar zu lang ist, denn sie bellt in den Hörer: „Hallo, hör’n Sie? Sind Sie noch da?“

„Ja, sicher. Ab wann brauchen Sie mich denn?“

„Na, sofort!“, antwortet sie, was aber eher wie eine empörte Frage klingt.

„Heute schon?“, frage ich offenbar einen Tick zu ungläubig.

„Dann müssen wir uns jetzt nach einer Alternative umschauen. Wir haben hier wirklich ’ne Menge zu tun.“

Das ist zwar keine Antwort auf meine Frage, sagt aber dennoch alles über Pinella Dahlke aus. Ihr Tonfall, den in dieser Form fast nur Frauen drauf haben, klingt unangenehm genervt.

„Sagen Sie mir einfach, wann ich da sein soll“, beruhige ich sie.

Die Antwort, die ich erhalte, könnte blöder nicht sein: „Vor ’ner halben Stunde.“

Wie ätzend ist DAS denn? Auf die Art von Terror stehe ich ja nun gar nicht. Wahrscheinlich wird man bei denen auch mit ‚Mahlzeit‘ begrüßt, wenn man fünf Minuten zu spät im Büro erscheint. Wochenlang melden die sich gar nicht und dann machen die den totalen Alarm.

Ich atme tief durch und sage: „Lassen Sie mich schnell ein paar Dinge erledigen und ich komme so bald ich kann. Wäre neun Uhr denn noch okay?“

„Prima, dann bereiten wir schon mal alles vor für den Arbeitsvertrag. Um zehn ist dann unser Montagsmeeting. Da lernen Sie alle kennen.“

,Geht doch‘, denke ich, ,das klingt doch schon viel netter.‘

Nach dem Telefonat sinke ich in meinen professionellen Regieklappstuhl aus dem Video-Planet, meiner ehemaligen Lieblingsvideothek. Als die vor fünf Jahren Insolvenz anmelden musste, war ich als Erster zur Stelle, um mir die Deko unter den Nagel zu reißen. So finden sich seither in meiner Wohnung nicht nur der Stuhl, sondern als riesige Pappkameraden auch Spiderman, Rocky Balboa und Mike Glotzkowski, das laufende Auge aus der Monster AG.

Ich versuche meine Gedanken zu sortieren und erinnere dabei ein wenig an Woody Allen, dem man gerade offenbart hat, dass sein Lebenswerk für die Goldene Himbeere nominiert wurde.

Um neun Uhr! Aber um zehn muss ich doch zur Waschstraße!

„Scheiß auf die Waschstraße“, sagt mir eine innere Stimme, „wenn ich bei LIVE COMMUNICATION erst mal durchgestartet bin, brauche ich den Job ohnehin nicht mehr.“

Oh Gott, was ziehe ich bloß an? Ich hätte nie geglaubt, dass es Situationen gibt, in denen sich auch Männer diese Frage stellen. Ich ermahne mich aber sogleich zur Ruhe und entwerfe einen Schlachtplan für die nächsten achtundfünfzig Minuten. Ich stehe unschlüssig vor meinem überschaubaren Kleiderschrank und entscheide mich für eine legere Kombination aus T-Shirt und Anzug. Von meinen vier Anzügen entschließe ich mich für den einzigen, der nicht zur Gattung der Schlafanzüge gehört, und kombiniere diesen mutig mit einem T-Shirt von P&C. In Ermangelung passender Schuhe wähle ich die sportliche Variante und schlüpfe in meine Sneaker, Modell ,Beckenbauer Allround‘. Die neigen zwar dazu, nach einem halben Tag Tragezeit ein wenig unangenehm zu riechen, jedoch gehe ich nicht davon aus, meine Schuhe ausziehen zu müssen, schließlich gehe ich zur Arbeit und nicht zu einem Rückbildungskurs für junge Mütter. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass für einen Kaffee die Zeit fehlt. Auf meinem Weg zum angehenden Kreativchef werde ich zukünftig allerdings mehr Kaffee konsumieren, als meinen Herzklappen langfristig guttun wird. Mit etwas Glück wird man mir sogar meinen eigenen Vollautomaten ins Büro stellen – da kommt es auf diese letzte Tasse wohl nicht mehr an.

Ich bin fertig und liege alles in allem verdammt gut in der Zeit. Mit einem tiefen Atemzug trete ich hinaus auf die Straße in die klare Luft dieses Morgens, wo ich heute schon einmal war. Ich bin bereit für meinen Weg in eine erfolgreichere Zukunft.

Sechzehntausend

Eine erfolgreichere Zukunft? Ja, richtig – erfolgreicher. Die ersten fünfunddreißig Jahre meines Lebens entsprachen nicht gerade dem, was man sich unter einer Bilderbuchkarriere vorstellt, zumindest findet man nicht viel Verwertbares, wenn man meinen Namen bei Google eingibt. Jedenfalls nichts, das wirklich mich betrifft. Noch vor wenigen Wochen befand ich mich, mit fünfunddreißig Jahren, in der heißen Endphase meiner Ausbildung zum Vollakademiker und gehörte so zu einer Gruppe von Menschen, deren Alltag meist vollkommen falsch eingeschätzt wird.

Mein Leben als Student war nämlich weit weniger lustig, als oftmals angenommen wird, und Ferien hatte ich prinzipiell nie. Lediglich zweimal drei Monate vorlesungsfreie Zeit ließen mir kurze Atempausen zur Erholung. Mein Germanistikstudium absolvierte ich dank meines enormen Eifers knapp unter der dreifachen Regelstudienzeit in schlappen dreiundzwanzig Semestern. Ja, von den nackten Zahlen bin auch ich selbst immer wieder sehr beeindruckt, aber die Zeit vergeht einfach viel zu schnell, wenn man nur genug Interessen abseits der Uni hat.

Ein Praktikum hier, ein anderes dort und dazwischen eine ganze Reihe bedeutungsloser Auftritte als Gitarrist einer vollkommen unbekannten Band namens ‚Narcotic Mushrooms‘, deren Name mein Kumpel Armin verbrochen hat – Sänger und Frontmann der Mushrooms, in der neben uns noch ein Bassist, ein Keyboarder und ein Schlagzeuger mitwirkten. Gemeinsam träumten wir von Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll.

In meinem persönlichen Fall war das Angebot an Sex überschaubar und die Drogen beschränkten sich auf Bier und geschnorrte Zigaretten. Rock ’n’ Roll aber hat es tatsächlich gegeben. Wer erinnert sich nicht an unseren legendären Auftritt als Vorgruppe von Silbermond? Als wir um 14 Uhr wie in Zeitlupe die Bühne betraten, konnten wir ahnen, wie sich Stars in einer solchen Situation fühlen müssen. Ahnen, wohlgemerkt. Man sagt, von einer beleuchteten Bühne aus sei das Publikum so gut wie nicht zu erkennen. Es stimmt. Als ich voller Energie meine Gitarre in die Höhe reckte, konnte ich das Publikum tatsächlich nicht sehen. Wie auch, es war gar keins da. Außer uns lief dort lediglich ein halbes Dutzend Bühnentechniker herum, die mit professioneller Routine die Lichtshow für Silbermond programmierten. Dass die singenden Wimmerpimpanellen ihren Auftritt erst sieben Stunden nach uns haben sollten, war uns nicht wirklich klar gewesen. Auch nicht, dass erst nach uns und vor drei weiteren Bands, die im Gegensatz zu uns sogar die Fahrtkosten erstattet bekamen, der offizielle Soundcheck stattfinden sollte. Im Nachhinein ist mir noch heute peinlich, dass ich einen der schwarz gekleideten und noppenbehandschuhten Bühnenroadies angeblafft hatte, meine Monitorbox würde brummen – das sind jene Lautsprecher, die lässig auf der Bühne herumliegen und dafür sorgen, dass die Musiker ihre eigene Musik hören können. Natürlich nur, wenn sie in Betrieb sind. Meiner hat de facto nicht einmal gebrummt. Schlimmer noch – er war, wie ich hinterher sah, zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht verkabelt.

Dennoch gingen wir in der Rolle von Rockstars voll auf. Besonders glaubwürdig fand ich meinen Einfall, mit dem Schlussakkord einen dieser beweglichen High-End-Scheinwerfer umzutreten. Woher zum Teufel sollte ich auch wissen, dass High-End in dem Fall bei neuntausend Euro anfängt? Solche Missgeschicke sind es, die dafür gesorgt haben, dass ich bei meinen Freunden auf den Spitznamen ‚Hirni‘ höre und den, wie ich finde, unbegründeten Ruf genieße, nicht immer nur Entscheidungen von bestechender Sinnhaltigkeit zu treffen. ,Thomas‘ nennt mich außer meinen Eltern eigentlich kaum noch einer.

Es war aber irgendwie eine tolle Zeit. Man träumte vom ersten Plattenvertrag, von Groupies in der Hotelsuite und langen Fahrten im Tourbus – kurz: von Wein, Weib und Gesang. In meiner Suite, die ich dank einer mutig kalkulierten BAföG-Anleihe monatsweise mietete und mir mit drei weiteren Personen teilte, wartete nur ein Groupie, nämlich Susi, eine dickliche Jurastudentin, die jeden vierten Tag Spüldienst hatte und von einer wirklichen Sahneschnitte etwa so weit entfernt war, wie Barbamama von Shakira.

Und dann gab es da noch Imke. Imke war kein Rauhaardackelweibchen, wie der Name im ersten Moment irreführend suggerieren mag, sondern meine Freundin. Ja, sie war! Zuletzt vor drei Jahren, zehn Monaten und achtundzwanzig Tagen. Seitdem bin ich notgedrungen Single. Was als Notlösung begann, funktioniert inzwischen ganz gut. Was sage ich, es klappt prächtig, sodass ich mich gar nicht beklagen will. Bei genauer Betrachtung hätte ich die drei Jahre davor mit einem Rauhaardackel sogar deutlich entspannter und erfüllter verbringen können. Imke fand mich im Großen und Ganzen zwar gut, aber das meiste von dem, was ich tat, scheiße. Mein Studium fand sie belanglos, meinen Einsatz bemitleidenswert und die Mushrooms schlichtweg unterirdisch. Ihr eigenes BWL-Studium fand sie spannend, das von Papa gesponserte BMW-Cabrio sexy und ihre tranige ,Café del Mar‘-Mucke endgeil.

Imke gehörte zu jener Lifestyle-Generation, der ein Lounge-Würfel allemal lieber ist als mein alter Ohrensessel, an dem zwar viele Erinnerungen, aber eben auch eine gehörige Portion Patina haften.

Alte Ohrensessel gehörten in ihrer Welt auf den Sperrmüll, wie auch mein alter Röhrenfernseher, seinerzeit ein Hammerteil, aber leider ohne Ambilight und unbestreitbar tiefer als 4,9 Zentimeter.

Nach einer Weile muss Imke dann wohl klar geworden sein, dass aus mir weder ein wirklicher Rockstar, noch ein legitimes Mitglied im Nespresso-Club werden würde, sodass ich kurz und schmerzlos aus dem Drehbuch ihres Lebens gestrichen wurde. Mit wenigen Worten war die Sache beendet und der Ohrensessel ein frischer Single.

Ihr Vater, ein schnauzbärtiger Geschäftstyp irgendwo zwischen Dieter Zetsche von Mercedes und Antje, dem NDR-Walross, der allmonatlich ein kleines Vermögen mit seinem BMW-Autohaus scheffelt und Lieferantenrechnungen gerne mal ignoriert, muss darüber so erfreut gewesen sein, dass er seiner Tochter spontan einen Allrad-SUV spendierte, der im Skiurlaub ohnehin viel praktischer ist als jedes Cabrio. Gut erkannt!

Noch heute wirbt Imkes Vater, nennen wir ihn einfach den ,Imker‘, mit jenen Werbeslogans, die ich ihm vor Jahren getextet hatte, ohne dafür jemals einen einzigen Cent gesehen zu haben. Ein richtig feiner Kerl also, dieser Imker, und meine Ex ist die Garantie dafür, dass die besten seiner Charaktereigenschaften der Nachwelt erhalten bleiben.

Dennoch stellte meine Ausmusterung damals natürlich einen Einschnitt dar, der erst einmal alles durcheinanderwirbelte. In meinem persönlichen Fall löste er gleich eine ganze Reihe von Ereignissen aus, deren auffälligstes ein neuer Haarschnitt war – besser gesagt, überhaupt ein Haarschnitt – sowie ein ausgefeilter Businessplan zur Restfinanzierung meines Studiums, verbunden mit einem ersten Grobkonzept für meine Magisterarbeit, die knappe drei Jahre später auch tatsächlich fertiggestellt war und feierlich dem Prüfungsamt übergeben wurde, als handele es sich um die erste Gutenberg-Bibel überhaupt.

Von noch deutlich subtilerer Finesse war indes mein Finanzplan, der ohne jede richtige Arbeit auskam und im Wesentlichen eine Reihe von Besuchen in deutschen Fernsehquizshows vorsah. Den Start meiner Quizkarriere wagte ich mit einer Bewerbung bei Jörg Pilawa. Da ich mich mit dem Quizkonzept offenbar nicht ausreichend befasst hatte, klärte mich eine Redaktionsassistentin freundlich, aber bestimmt per E-Mail auf, dass nur Paare und keine Einzelkandidaten ausgewählt würden und man mich daher nicht für das Auswahlcasting vorgesehen hätte. Kurzzeitig war ich versucht, mich erneut zu bewerben, jedoch hätte mein Kumpel Armin sicher alles versaut, was er nämlich meistens tut.

Da ich mir ein Vorsingen bei ,Deutschland sucht den Superstar‘ oder eine Blamage bei ,Schlag den Raab‘ ersparen wollte und ich von ,Germany’s next Top Model‘ garantiert eine Absage erhalten hätte, blieben mir in Ermangelung von Wim Thoelke nur kleine Formate wie ,Quiztaxi‘ oder das Einsenden unscharfer Handyvideos bei ,Ups – die Pannenshow‘, bei der ich nach einer Reihe allzu schlechter Fakes auf dem Index stand.

Ich hätte jedoch nie geglaubt, dass man sich auf die Art geschlagene drei Jahre über Wasser halten kann. Beinahe hätte es sogar für ein halbes Leben gereicht. Den größten Batzen meines Etats, nämlich sechzehntausend Euro, erwirtschaftete ich schließlich bei Günther Jauch. Das klingt für einen Studenten spontan nach richtig viel Geld. Der routinierte Fernsehzuschauer weiß jedoch, dass die Zahl ‚Sechzehntausend‘ bei ,Wer wird Millionär?‘ nur zwei Dinge bedeuten kann: Entweder der Kandidat kennt zwar alle deutschen Sprichwörter, hat aber die Allgemeinbildung eines Viertklässlers oder aber er ist Opfer seines Halbwissens geworden und hat eine Menge sicher geglaubten Geldes verloren, respektive verzockt. Bei mir war Letzteres der Fall. Nach einem glanzvollen Start – keiner der übrigen Kandidaten hatte die Bremer Stadtmusikanten schneller von oben nach unten sortiert als ich – marschierte ich souverän durch eine ganze Reihe mehr oder weniger intelligenter Fragen und Günther Jauch schien hocherfreut, einen Kandidaten präsentieren zu dürfen, der nicht nur gebildet, sondern auch halbwegs unterhaltsam, charismatisch und eloquent ist. Zumindest war das mein Eindruck, bis ich erstmals bewusst auf die Monitorgrafik sah, der zufolge mich vom Gewinn der Million nur noch zwei läppische Fragen trennten. Doch dann kam der ungebremste Sturz aus den Höhen des gefühlten Geldadels in die Niederungen von Dortmund-Persebeck. Mit noch allen verfügbaren Jokern war ich bei der 500.000-Euro-Frage felsenfest davon überzeugt, dass Mangoldt entweder ein jüdischer Komponist war oder ein Botaniker mit Vorliebe für Gemüse. Einen Nationalökonom aus dem 19. Jahrhundert hatte ich definitiv nicht auf der Rechnung. Günther, der mir auf der anschließenden Aftershowparty spontan das Du anbot, offenbar auch nicht. Wenn man auf dem Weg zur Million beim Einbiegen auf die Zielgerade von einem Mann weggegrätscht wird, dessen Name klingt wie eine Zahnfüllung, hat man alles Recht der Welt, sein Hirn mit geistigen Getränken zu sedieren, insbesondere, wenn diese von RTL bezahlt werden. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Wodka Cola ich an dem Abend getrunken habe und auch nicht, wer mir das Taxi gerufen hat.

Irgendwann zwischen meinem sechsten und siebten Glas stupste mich Peggy, die sympathisch sächselnde Aufnahmeleiterin, an und fragte:

„Herr Krallmann, menen Se nisch, Sie söllten longsam uf e pure Cola umsteigen?“

„Peggy“, bäuerte ich etwas unappetitlich hervor, „Punkt A, ich bin der Hirni, kannst ruhig ,du‘ sagen und Punkt B, Alkohol ist zwar keine Lösung“, jetzt bekam ich nicht nur Schluckauf, sondern musste zudem kurz, aber intensiv aufstoßen, „Cola aber auch, ups, aber auch nicht. Also pö-prösterchen!“, sprach ich verwaschen wie Harald Juhnke nachts um halb drei an der Hotelbar und führte das Glas weltmännisch zum Mund, wie es vor mir und Harald allenfalls Dean Martin auf der Bühne in Las Vegas gelungen sein mochte.

„Hirni, isch bitte disch.“ Blick und Tonfall waren nun flehend, was ich bei einer knackigen Neunzehnjährigen vermutlich ziemlich aufregend gefunden hätte – nicht jedoch bei einer Fünfundvierzigjährigen vom Fuße des Erzgebirges, die zudem noch den gleichen Namen hat wie das Pflegepferd meiner Cousine Lisa. Seither kann ich Peggy, also das Pferd, nicht mehr am Hals tätscheln, ohne den Geschmack von Jack Daniels, Cola und Erbrochenem auf der Zunge zu haben.

Höre ich seit jenem Abend Namen ostdeutscher Postmoderne, wie Peggy, Mandy oder Doreen, tauchen sie auf, wie von Geisterhand hingezaubert, diese unverkennbaren Symptome eines neunschwänzigen Katers – von leichtem Schwindel kaum zu unterscheiden, für mich, als an Seele und Körper versehrtem RTL-Veteran, jedoch eindeutig spürbar.

Mit exakt diesen Symptomen, nur ungleich intensiver ausgeprägt, hatte ich mich damals im Hotelbett wiedergefunden. Zu gern wüsste ich, wie sich der Dialog zwischen mir und dem Taxifahrer abgespielt haben muss, an den ich mich jedoch partout nicht erinnern kann. Als ich am Morgen erwachte, lag ich, komplett bekleidet, im komfortablen Doppelbett. Meine Jacke fand ich schließlich in der Minibar und die Schuhe fein säuberlich im Schrank, kunstvoll auf zwei Kleiderbügeln arrangiert. Weniger überzeugend war der Anblick des Badezimmers. Nach meiner nächtlichen Ankunft hatte ich offenbar die vielen Gläser Cola mit Schuss noch loswerden wollen und mich, da ich prinzipiell nicht im Stehen uriniere, auf die Toilette begeben. Nie wieder, so viel steht nach meinem Kölnausflug fest, werde ich in einer Quizshow am Joker und damit am falschen Ende sparen und noch viel weniger werde ich jemals wieder vergessen, einen Klodeckel aufzuklappen.

James Bond

Auf dem Parkplatz von LIVE COMMUNICATION finde ich eine kleine Parklücke zwischen zwei schicken Kombis, die offenkundig Teil des firmeneigenen Fahrzeugpools sind und ahne, dass mein Polo von seinen großen Kollegen schon jetzt gemobbt wird.

Es ist genau 8.59 Uhr. Ich beginne meine Karriere als Eventprofi mit einer Punktlandung und bin mir sicher, dass ich sogar Pinella Dahlke vor Begeisterung aus den Frotteesocken hauen werde.

„Herr Krallmann ist jetzt da“, informiert eine junge, dunkelhaarige Dame am Empfang, von der ich erfahre, dass sie Praktikantin ist, eine Kollegin am Telefon. Dann legt sie auf und weist auf eine moderne Ledercouch am Fenster.

„Frau Dahlke ist gleich bei Ihnen. Warten Sie doch am besten da. Möchten Sie vielleicht ein Wasser?“

Ich lehne in Vorfreude auf einen mahlfrischen Cappuccino dankend ab und bewege mich fünf Schritte nach rechts zur Couch, wo bereits ein gewisser Benjamin Ficus auf seinen Termin wartet, dem aber offensichtlich kein Wasser angeboten wurde.

Ich nicke ihm freundlich zu und setze mich. Während ich meinen Blick durch den Empfangsbereich der Agentur schweifen lasse, kommt mir der beklemmende Gedanke, dass Benjamin bereits tot sein könnte. Im Film gerät der, der die Leiche entdeckt, immer gleich in den Kreis der Verdächtigen. Da ich meinen ersten Arbeitstag nicht mit faden Rechtfertigungen und der Suche nach einem Alibi beginnen will, beschließe ich, meinen Verdacht unerwähnt zu lassen.

Auf einem Glastisch vor mir liegen verschiedene Fachzeitschriften rund um die Themen Event, Gastronomie und Marketing, aber auch Society- und Lifestylemagazine, wie Bunte, Vogue oder Cosmopolitan. Ich vermisse Sport- und Auto-BILD und suche instinktiv die Kinderecke mit den Wimmelbilderbüchern sowie den unvermeidlichen Hinweis auf die nächste Grippeimpfung und die Praxisgebühr.

„Sind Sie schon lange hier?“, beginne ich mit der Praktikantin ein möglichst unverfängliches Gespräch.

„Seit acht“, lässt sie mich wissen. Ich schlucke. Entweder steckt ein Plan dahinter oder bei LIVE COMMUNICATION arbeiten vorwiegend Idioten. Nach Darwin überleben nur die Angepassten. Ich will hier überleben, also passe ich mich an.

Ich nicke ihr daher debil zu und sage stolz: „Ich bin seit neun hier.“

„Ich weiß“, sagt sie fröhlich und lächelt etwas schüchtern. Sie fühlt sich nicht einmal ansatzweise verarscht und am liebsten würde ich ihr noch erzählen, dass ich gerade hier auf der Couch sitze, will es am ersten Tag aber nicht gleich übertreiben.

In mir keimt der beklemmende Verdacht, dass in dieser Agentur Benjamin zu Lebzeiten der interessanteste Gesprächspartner gewesen sein könnte, und für einen kurzen Moment kommt mir der Gedanke, dass ich es sogar noch rechtzeitig zur Waschstraße schaffen könnte.

Ich verwerfe diesen absurden Gedanken unverzüglich und wage einen zweiten Anlauf, da ich der Auffassung bin, dass Führungskräfte alle Mitarbeiter genau kennen sollten und ohnehin jeder eine zweite Chance verdient.

„Wie heißen Sie denn?“, frage ich und ertappe mich dabei, wie ich eine Handvoll passender Namen bereits im Kopf habe.

„Whitney.“

Stille!

Okay, ich gebe zu, ich hatte eine Michele oder Chantal auf der Liste, aber Whitney übertrifft meine Erwartungen bei Weitem. Innerlich balle ich eine Becker-Faust und würde mir am liebsten mein P&C-Shirt vom Körper reißen, um es in die Fankurve zu schleudern.

„Und Sie?“

„Immer noch Thomas.“ Ich spüre, wie es mich innerlich fast zerreißt und platze regelrecht vor Vorfreude auf die anderen Kollegen. Wenn Pinella Dahlke und Whitney schon solche Konversationskracher sind, mag ich mir die Geschäftsleitung kaum vorstellen. Prinzipiell könnte ich Whitney jetzt erklären, dass mich die meisten Leute ,Hirni‘ nennen, lasse es aber, um sie nicht neidisch zu machen, da sie diesen Namen sicher binnen kürzester Zeit auch für sich beanspruchen würde.

Für Whitney ist das Gespräch an dieser Stelle offenbar vorerst beendet, denn sie beginnt, ihr Mobiltelefon zu streicheln. Das sieht von meinem Platz aus extrem bescheuert aus, sodass ich aufstehe, um etwas besser sehen zu können. Ich erkenne, dass sie sich offenbar durch die Apps ihres iPhones navigiert. Ihre aufwendig lackierten Fingernagelattrappen machen dabei höchst unschöne Geräusche und ich höre das Display förmlich um Hilfe schreien.

Inzwischen sind dreißig Minuten vergangen, ohne dass Whitney und ich ein weiteres Wort miteinander gewechselt haben. Ich frage mich, wofür Frau Dahlke einen solchen Stress gemacht hat und fürchte, ebenso in Vergessenheit geraten zu können wie Benjamin. Hätte ich doch jetzt nur das Wasser!

Noch ist zwar genug Zeit, um bis zu meinem ersten Meeting um zehn die Verträge zu unterzeichnen, doch hätte ich mich, bevor ich erstmals mein Wort an die Belegschaft richte, gerne noch ein wenig mit den aktuellen Zahlen der Agentur auseinandergesetzt.

„Herr Krallmann“, schreckt es mich aus meinen Gedanken und ich blicke auf. Exakt um 9.42 Uhr erscheint Pinella Dahlke am oberen Absatz einer großzügigen Wendeltreppe und schreitet diese hinab wie Krystle Carrington aus dem Denver-Clan in ihren besten Zeiten. Vor ihrem Bauch trägt sie eine schwarze Mappe und das unvermeidliche Smartphone. Ihr todlangweiliges Businesskostüm wirkt irgendwie unpassend knitterig und während sie die Treppe hinunterstakst, stelle ich bestürzt fest, dass der Reißverschluss ihres Rockes definitiv offen ist. Bloß nicht hingucken! Immer ganz entspannt das Gesicht fixieren! Ich sehe, dass ihre Wangen glühen und ich verwette meinen Arsch darauf, zu wissen, was die gerade getrieben hat. Nur nicht, mit wem. Meine Vorfreude auf den Job wächst mit jeder Stufe der Wendeltreppe, die sie hinabsteigt, wenngleich Frau Dahlke nicht wirklich mein Fall ist. Aber, was soll’s? Ich bin seit über drei Jahren Single und für den Einstieg ist sie allemal in Ordnung.

Ich erhebe mich langsam von der Couch in dem mir inzwischen vertraut gewordenen Wartezimmer und rechne fest mit den Worten ,Der Nächste, bitte‘, bekomme stattdessen aber eine nasskalte, frisch gewaschene Hand entgegengestreckt mit den Worten: „Dann kommen Sie mal mit.“

„Zu dir oder zu mir“, will ich spontan fragen, trotte dann aber nur hinter ihr her, die Wendeltreppe hinauf in ein großzügiges Büro. Vor einem bodentiefen Fenster steht ein Mann Mitte Vierzig und wendet uns den Rücken zu. Er telefoniert und raucht und erinnert mich an eine Parodie auf James Bond. Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass Frau Dahlke in der vergangenen Dreiviertelstunde keine Runde auf dem Laufband gedreht hat. Bonds elegante zweireihige Anzugjacke passt nicht ganz zum Stil der dunkelblauen Jeans, wohl aber zu den glänzenden schwarzen, garantiert rahmengenähten Schuhen. Seine Haare sind einen Tick zu lang und mit Haarwachs in Form gebracht. Er beendet sein Telefonat, in dem es offenbar um eine Verabredung zum Kartfahren geht, und dreht sich zu uns um. Während er mich mustert, lutscht er lässig seine Zähne sauber, zieht noch mal an seiner Zigarette und geht mit maskulinem Gang bis zur Kante seines Schreibtisches, wo er stehen bleibt und sein Kinn vorschiebt. Testosteron liegt in der Luft und ich bin mir sicher, dass es nicht meins ist. Für Frauen, die auf Porschefahrer und Puffgänger stehen, ist dieser Typ garantiert das personifizierte Weihnachten. Für alle anderen ein neureicher Prolet. Mit einer zackigen Bewegung schüttelt er seine Rolex hervor und legt die Stirn in Falten.

„Lasst uns hinne machen. Gleich ist Meeting.“

Er streckt mir die Hand entgegen. „Danny Hahn. Und du bist?“

Alles klar, wir sind beim Du. Ich schüttele die Hand, die Minuten zuvor wahrscheinlich noch Frau Dahlkes Hintern umklammert hielt. Ein Odeur aufdringlichen Rasierwassers und Zigarettenrauchs weht mir entgegen. Seine Hand fühlt sich zudem nicht ansatzweise so frisch gewaschen an wie die von Frau Dahlke.

„Thomas Krallmann. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“

Danny Bond Hahn sieht mich fragend an. Dann wandert sein Blick zu seiner Kollegin.

„Das ist doch der Support für Pias Team“, klärt sie ungewohnt temperamentvoll auf. Offenbar gerät sie beim Anblick von Danny schon wieder in Wallung.

Danny Hahn schaut sie fragend an. „Ach, der Hiwi?“

Pinella Dahlke nickt.

Support? Hiwi? Alles klar! Hier weiß eine Hand nicht, was die andere tut. Ich räuspere mich. Damit es nicht noch peinlicher wird, kläre ich die Situation mit wenigen Worten auf.

„Ich war vor zwei oder drei Monaten zum Vorstellungsgespräch bei Herrn Kuhn.“

Danny Hahn macht ein gleichgültiges Gesicht, das er sich garantiert bei den James-Bond-Bösewichten abgeguckt hat. Ich bin mir jetzt sicher, dass er die gesamte DVD-Collectors-Edition im Billyregal hat.

„Herr Kuhn ist nicht mehr bei uns beschäftigt.“ Ich merke, wie die Temperatur im Raum binnen Sekunden gen Gefrierpunkt fällt.

Er lässt den Satz im Raum stehen und überlässt es meiner Fantasie, mir vorzustellen, was mit Herrn Kuhn wohl geschehen sein könnte. Entlassen? Geflohen? Liquidiert? Einen Moment herrscht Schweigen.

Muss ich jetzt was sagen?

Es gibt Situationen, da sollte man einfach nur die Schnauze halten und dennoch redet man sich um Kopf und Kragen. Meine Worte sind nicht wirklich wohlüberlegt, aber offenbar ist genau das Danny Hahns Sprache.

Im Tonfall eines Oberarsches frage ich nämlich: „Was hat er gemacht? Werbekulis geklaut oder in der Agentur ’nen Tripper verbreitet?“

Danny Hahn blickt mich an, als hätte ich ihm eben erzählt, Sean Connery sei schwul und Pierce Brosnan im wirklichen Leben Stewardess bei British Airways. Pinella Moneypenny Dahlke hat plötzlich noch mehr Farbe im Gesicht und droht zu platzen.

„Okay“, denke ich, ,das war’s dann wohl. Dann verbringe ich den Tag halt nicht beim Meeting, sondern im klammen Overall.‘

Danny Hahn beugt sich ein wenig nach vorn, als wolle er mir etwas anvertrauen.

„Der ist mit unserem wichtigsten Kunden zur Konkurrenz nach Düsseldorf.“

Oha. Da lag ich mit dem Tripper wohl gründlich falsch. Womöglich habe ich Alphamännchen Hahn jetzt erst auf die Idee gebracht, dass auch andere in diesem Laden die Schreibtische nicht ausschließlich zum Schriftverkehr gebrauchen. Statt mich jedoch aus der Agentur zu schmeißen, liegt Anerkennung in seinem Blick. Habe ich etwa genau seinen Ton getroffen?

„Ziemlich schlechter Stil, oder?“, frage ich.

„Aber so was von!“, sagt Danny Hahn und blickt mich an, als hätte ich den komplexesten Sachverhalt der Welt endlich durchschaut.

Er überlegt noch einen Moment und wendet sich dann ruckartig an Pinella Dahlke, die immer noch aussieht, als wäre bei ihr eine Klinikpackung Betablocker fällig.

„Komm, lass uns den Vertrag fertig machen.“ Er kneift mir ein Auge zu. Ich freue mich wie ein junger Hund und wedele unauffällig mit dem Schwanz. Das lasse ich jedoch ganz schnell wieder sein, um eine gewisse professionelle Distanz aufrecht zu halten. Das Letzte, was ich schließlich will, ist eine Männerfreundschaft mit Danny Hahn und gemeinsame Videoabende mit gerührtem Martini.

Pinella Dahlke, die knapp am nervösen Zusammenbruch vorbeigeschrammt ist, schiebt mir ein paar Unterlagen herüber und ich setze mich auf einen der Besucherstühle, um die Zeilen zu überfliegen. Wie ein Idiot bin ich nicht in der Lage, mich zur zweiten Zeile vorzuarbeiten, da ich immer wieder in der ersten hängen bleibe. Säße ich nicht bereits auf einem Stuhl, würde ich spätestens jetzt um einen bitten. Nach einer gefühlten Ewigkeit blicke ich auf und sehe die beiden an wie Rudolph Mooshammer, der von Daisy zum Oralverkehr genötigt wird. Mein Mund formuliert ein Wort, das halb Frage, halb Feststellung ist.

„Praktikumsvertrag?!“

Vier große Augen blicken mich an. Pinella Dahlke ergreift als erste das Wort. „Was stimmt denn nicht?“

Ich überlege, ob ich darauf tatsächlich antworten oder kommentarlos gehen soll.

„Das ist ein Praktikumsvertrag“, wiederhole ich betont sachlich und spüre, wie mir die Galle den Hals hinaufkriecht. „Ich hatte mich auf eine Festanstellung beworben.“

Schmierlapp Bond atmet durch und zieht ein Schüppchen. „Das ist bei uns ein ganz normaler Vertrag.“

Meine Verwirrung wächst. „Inwiefern?“

„Solche Verträge haben bei uns fast alle.“

„Alle haben Praktikumsverträge? Sie auch?“

Danny Hahn schiebt brüskiert sein Kinn hervor. „Ich nicht. Ich bin ja ein Leader.“

Ein Leader, so so.

„Und Sie?“, wende ich mich an Pinella Dahlke.

„Ich auch nicht. Ich bin ja …“ Sie stockt. Offenbar hat sie vergessen, was sie hier macht.

,… die, die der Boss poppt‘, vollende ich in Gedanken.

„Und wer hat hier Praktikumsverträge?“, frage ich.

Danny setzt sich in seinen gigantischen Chefsessel, der aber offenbar nicht so teuer war, wie er aussieht und Geräusche macht, um die ihn jedes Furzkissen beneiden würde.

„Die meisten haben hier Praktikumsverträge“, erklärt er mir im Tonfall des Ertappten. „Das sind aber eigentlich keine Praktikanten, sondern die haben Aufgaben wie richtige Angestellte.“

Er sagt dies, als sei es die größte Selbstverständlichkeit der Welt. „Praktikumsverträge lassen sich nur halt besser aufheben“, schließt er seine Erklärung ab.

Ich blicke ihn fragend an. „Die kann man schneller kündigen?“

„Richtig“, raunt Danny, als habe ich die Millionenfrage beantwortet. Um seiner Anerkennung Nachdruck zu verleihen, schnipst er und deutet mit dem Zeigefinger auf mich, als sei ich der Schnellmerker schlechthin.

Ich bin mir sicher, dass er mir nach der nächsten clever beantworteten Frage anerkennend in die Wange kneift und mich spontan zum Mitarbeiter des Tages ernennt.

Gut, normale Angestellte sind in Dannys bunter Welt also Praktikanten. Kommen wir zum nächsten heiklen Punkt meines Vertrages, wenngleich ich weiß, dass Danny die Frage nicht gefallen wird, zumal er doch hinne machen wollte.

„Und werden alle Praktikanten so bezahlt, wie in diesem Vertrag?“

Danny Hahn macht ein spitzes Mäulchen, das einen Tick zu weibisch rüberkommt und sagt fast beleidigt: „Nun, es ist ein Praktikumsvertrag, da wäre ein höheres Gehalt nicht rechtens.“

Ich überlege und nicke dabei anerkennend, als sei seine vollkommen bescheuerte Argumentation bewundernswert schlüssig.

Pinella Dahlke wittert ihre Chance, Tempo in den Vorgang zu bringen und sagt: „Wie gesagt, andere Verträge haben wir hier fast kaum.“

Fast kaum! Ich könnte diese Frau für ihre Blödheit küssen und frage: „Also beinahe selten?“

Sie sagt nichts und blickt mich irritiert an. Ich merke, wie sich ihr Hirn gerade erhängt und aus der Konversation verabschiedet. Könnte sie jetzt Strg, Alt und Entf drücken, sie täte es garantiert. Ich rechne fest mit der typischen Microsoft-Fehlermeldung. Gleich wird sie mich sicher fragen, ob sie den unvermeidlichen Fehlerbericht senden soll.

Ich blicke auf meinen Vertrag und überfliege alles erneut. Soll ich das wirklich unterschreiben? Diese Frechheit auf Papier? Andererseits: Wenn dieser Job auch kein Knaller wird, so bietet sich vielleicht wenigstens eine Perspektive. Bestimmt muss ich nur erst mal reinkommen und kann dann weitersehen. Am liebsten würde ich natürlich aufstehen und wortlos gehen, doch die Alternative sind ein klammer Overall und ein Job, dessen definitiv einzige Perspektive der Aufstieg ins Innenpflegeteam ist. An Sauger, Polsterschaum und Cockpitspray wird bei Wash & Go nämlich noch lange nicht jeder gelassen.

Mit dem verwegenen Mut eines Großstadtabenteurers greife ich zum Stift und schreibe unter den triumphierenden Blicken von Pinella Dahlke und Danny Hahn grimmig entschlossen meinen Namen. Als ich den Kugelschreiber auf den Tisch lege, wird mir klar, dass mir hier wohl kein Cappuccino gereicht wird und seufze. Ich habe mit fünfunddreißig Jahren gerade einen Vertrag unterschrieben und mich an fünf Tagen in der Woche von neun bis achtzehn Uhr an diese Agentur verkauft, um im Gegenzug das fürstliche Gehalt von eintausend Euro im Monat zu kassieren. Brutto wohlgemerkt! Trost spendet mir in diesem Moment der Gedanke, dass ich mich ja immer noch bei der Kocharena bewerben kann oder besser noch in der Pizzeria bei mir um die Ecke – als Spezialist für die kleinen Brötchen.

Der Arschlutscher

Der Konferenzsaal wird beherrscht von einem riesigen Tisch, der in der Form eines Os locker fünfundzwanzig Menschen Platz bietet. Exakt so viele Stühle sind um den Tisch platziert und warten auf ihre Herrchen. Vierundzwanzig, um genau zu sein, denn auf einem Stuhl sitze bereits ich.

„Warten Sie doch einfach schon mal hier“, hatte Pinella Dahlke gesagt, nachdem sie mich schweigend und mit noch immer offenem Reißverschluss am Rock hierher geführt hatte, „die Kollegen werden gleich alle kommen.“

So so, sie werden gleich alle kommen. Ich hatte den schwanzgesteuerten Danny Hahn vor Augen und stellte mir vor, wie die gesamte Belegschaft kollektiv aufstöhnen würde, sagte aber nichts und nickte. Seither sitze ich hier und warte.

Mein Blick ruht abwechselnd auf vier großen Bildern, die jeweils locker als Matratzen französischer Doppelbetten durchgehen könnten. Der Künstler hat die weiß angestrichenen Leinwände mit Hunderten bunter Federn beklebt – einmal mit roten, dann mit blauen, gelben und schließlich, auf dem vierten Bild, mit allen zusammen. Wenngleich den Bildern ein gewisser dekorativer Pfiff nicht abzusprechen ist, erinnern sie erschreckend an das, was an der Volkshochschule entstehen könnte, in Kursen wie „Kreatives Basteln für Unbegabte“, „Grundkurs Farbenlehre – wahrnehmen und gestalten“ oder „Raus aus dem Alltag – ein bunter Workshop für Hausfrauen in den Wechseljahren“.

Ich bin so fasziniert von den albernen Bildern, die bei jedem sensiblen Menschen eine üble Migräne auslösen könnten, dass ich fast meinen jungen Kollegen übersehen hätte, der soeben den Raum betritt und mich mit einem vitalen „Moschen“ begrüßt, der lässigen Version des „Morgen“.

Ich antworte höflich mit „Guten Morgen“, womit die zart sprießende Konversation jedoch schon wieder abreißt, da mein Kollege sich bereits mit seinem Notebook beschäftigt und sich über irgendwas Lustiges, das er dort vorfindet, demonstrativ beömmelt. Okay, noch ein Idiot. Ein paar Versuche hat LIVE COMMUNICATION ja noch.

Als nächstes betreten zwei junge Damen den Raum, die mich überhaupt nicht beachten und aussehen, als gehörten sie eigentlich zu Douglas. Also tue ich es ihnen gleich und verhalte mich so, als wären wir noch immer zu zweit – ich und Kollege Moschen, dessen Heiterkeit inzwischen zu einem miserabelst gespielten, aber wenigstens stillen Lachkrampf ausgewachsen ist. Nicht mal vor dem abgedroschenen Schenkelklopfer macht er halt. Ich kann seinen stummen Schrei nach Aufmerksamkeit regelrecht hören. Wenn ich jetzt jedoch darauf eingehe und ihn danach frage, was es denn dort Lustiges auf seinem Laptop gibt, habe ich den Typ bis zur Rente an der Backe. Wahrscheinlich ist er der, den schon in der Schule keiner mochte. Ich mag die arme Sau irgendwie auch nicht und schätze, dass die beiden Douglas-Tussen wenigstens da auf meiner Wellenlänge liegen.

Nach und nach trudeln immer mehr Kollegen ein und nur die wenigsten nehmen mich wirklich wahr. Darunter sind eine ganze Reihe skurriler Gestalten – blutarme Computer-Nerds, glatzköpfige Kreative, die schwarze Rollis unter dem gleichfarbigen Armani-Anzug tragen und ständig an irgendwelchen Blackberrys rumfingern, und ab und an hübsche Partymäuse, von denen ich später erfahre, dass sie studentische Hilfskräfte sind und im Dienstrang theoretisch noch unter mir rangieren. Danny Hahn jedenfalls rangiert sicher ganz gerne mal über ihnen. Wahrscheinlich sind die rangierwilligen Hollister-Schnecken sogar noch leichter zu kündigen als ich.

Dann betritt ein Typ den Raum, der irgendwie nicht so recht in die Szenerie passen will. Jeans, T-Shirt, Sneakers. Er blickt in die Runde und sagt „Morgen zusammen“, erhält aber nur vereinzelt eine Antwort. Ein unpassend offensives und viel zu lautes „Morgen Boss“ erhält er von dem Kollegen mit dem inzwischen abgeklungenen Lachkrampf, der auf einen freien Platz neben sich deutet.

,Boss?‘, frage ich mich. ,Der Typ? Wie ein Vorgesetzter sieht der nicht gerade aus und keiner nennt seinen Chef allen Ernstes Boss, zumal Danny Hahn hier doch der unangefochtene Leithengst sein muss.‘

Der Typ jedenfalls winkt freundlich ab und ignoriert den freien Platz geflissentlich. Er mag den Affen scheinbar auch nicht. Mir fällt fast ein Stein vom Herzen, denn der Neuankömmling ist hier im Raum der Einzige, den ich spontan als sympathisch bezeichnen würde.

Offenbar denkt er das auch über mich, kommt näher und fragt: „Ist der noch frei?“

„Klar“, sage ich und mache eine einladende Geste.

„Neu hier?“

„Flatschneu“, antworte ich etwas unsicher und frage dann ziemlich dämlich: „Und Sie? Du?“

„,Du‘ ist schon richtig. Gefühlte Ewigkeit. Ein Jahr.“

Klingt ja schon mal super.

„Ich bin Ben“, stellt er sich vor.

„Thomas“, antworte ich. Nach einer kurzen rhetorischen Pause ergänze ich, warum auch immer: „Meine Freunde nennen mich Hirni.“

„Ich glaube, dann nenne ich dich lieber Hirni. Thomas heißt der Vogel da drüben nämlich auch.“ Er deutet unauffällig auf Kollege Moschen. „Thomas Vogel.“

Mir schießen spontan eine ganze Handvoll Mördergags zum Namen ,Vogel‘ durch den Kopf, behalte sie aber für mich und sage stattdessen: „Alles klar. Und warum nennt der dich Boss?“

„Ach das. Ich habe mal den Fehler gemacht, dem Ochsen anzuvertrauen, dass ich gerne Bruce Springsteen höre. Seitdem glaubt der, wir wären so was wie Kumpel.“

„Verstehe. Und was machst du hier so?“

„Konzepte und Planung. So was halt in der Art.“

„Klingt ziemlich interessant.“

„Ja, ist ganz in Ordnung. Und du?“

„Ich habe bisher Werbetexte gemacht“, strunze ich. „Hab Germanistik studiert. Bin mal gespannt, was mich hier so erwartet.“

„Dem Himmel sei Dank! Ein Mann von Bildung. Dann kommt vielleicht doch mal so was wie Niveau in die Bude hier“, freut sich Ben und lacht.

„So schlimm?“

„Na, guck dir die ganzen Pfosten hier doch mal an. Die meisten bekommen nicht mal Groß- und Kleinschreibung auf die Kette. Du musst mal sehen, wie die E-Mails schreiben.“

Ich blicke ihn ratlos an und Ben zieht leicht resigniert die Schultern hoch.

„Sag mal“, fragt Ben, nachdem er mich einige Momente nachdenklich gemustert hat, „habe ich dich schon mal irgendwo gesehen?“

„Mich?“, frage ich ahnungslos. „Keine Ahnung, wüsste nicht, wo.“

„Kommst mir irgendwie bekannt vor.“

Ich zucke die Achseln und hoffe inständig, dass er mich nicht in einer der Quizshows gesehen hat.

„Warst du vielleicht mal Kandidat bei ,Wetten dass …?‘?“

Klarer Fall – er kennt mich wirklich aus einer Quizshow, wenngleich er mit ,Wetten dass …?‘ gehörig danebenliegt.

„Muss dich leider enttäuschen.“

Ben überlegt noch einen Moment, schüttelt dann aber ratlos den Kopf.

„Wo hast du denn dein Büro?“, fragt er schließlich.

„Hab ich noch nicht. Ich weiß eigentlich noch gar nichts. Weder, wo ich hin soll noch, was mich erwartet.“

„So geht’s mir jeden Tag.“ Er lacht und ich habe den Eindruck, dass man den Laden hier nur lachend ertragen kann.

„Habe nur mitbekommen, dass ich ins Team von irgendeiner Pia soll.“

Ben reicht mir ein zweites Mal die Hand und sagt: „Partner, willkommen, wir sind in einer Band“, als hätte ich es in den Recall der zweiundsechzigsten PopStars-Staffel geschafft.

Ich steige darauf ein und recke meine Faust, als hätte Dieter Bohlen mir einen Vertrag auf Lebenszeit gegeben.

„Und“, frage ich, „wie ist diese Pia so?“

„Super. Die ist echt super. Macht keine Riesenwelle und von den anderen hier kann der eigentlich keiner das Wasser reichen.“

Ich nicke anerkennend.

Dann betritt eine Frau den Raum und für einen Moment herrscht in meinem Kopf vollkommene Stille. Die kann noch keine dreißig sein und ist definitiv waffenscheinpflichtig. An ihr stimmt ausnahmslos alles und der Weg zu ihrem Platz bei den Douglas-Tussen wird augenblicklich zum Catwalk. Stünde sie vor Heidi Klum, wäre sie diejenige, die sagt: „Ich habe heute leider kein Foto für dich“ und Heidi verließe weinend den Raum.

Ich tippe Ben an und frage: „Ist das Pia?“

Ben schüttelt den Kopf und lacht. „Nee, Gott bewahre – das ist nicht Pia.“

„Schade.“

Ben schmunzelt und beugt sich zu mir rüber: „Vorsicht! Verpackung und Inhalt sind zwei Paar Schuhe. Wie immer in unserer Branche.“

„Egal“, entfährt es mir.

Ben sieht mich an, als hätte ich ihm anvertraut, dass ich Mike Tyson die Handtasche stehlen will.

„Wer ist das denn?“, frage ich leise und Ben antwortet verschwörerisch: „Kathrin! Ein ganz heißer Knaller. Aber ein Charakter aus blanker Scheiße.“

Ein schönes Bild, das ich nun vor meinen Augen habe! Ich will ihn fragen, ob die Konsistenz wenigstens formbeständig ist oder weich und breiig, doch Ben scheint meinen Gedanken erraten zu haben und flüstert: „Einer dieser Haufen, die man ganz lange unter den Schuhen hat, wenn man reingetreten ist. So tief in den Rillen, weißte?“

Ich versuche mir diesen Traum von einer Frau aufrechtzuerhalten, indem ich mir eine plausible Erklärung für Bens Abneigung zusammenreime. Wahrscheinlich hat sie ihm den Korb seines Lebens gegeben und seitdem missgönnt er auch jedem anderen diesen Ferrari in engen Jeans.

„Darf ich dich mal was fragen?“, frage ich nach einer Weile und senke meine Stimme so, dass bloß keiner mithören kann.

Ben beugt sich zu mir.

Ich räuspere mich. „Hast du hier einen richtigen Vertrag?“

„Einen Vertrag? Ja klar habe ich einen Vertrag“, lacht er, wobei sein Lachen einen Hauch zu bitter klingt.

Ich nicke und schaue resignierend auf den Tisch.

„Fragt sich nur, was für einen Vertrag“, sagt er genüsslich. „Nämlich einen Scheißvertrag! Die meisten kriegen hier Praktikantenverträge und eine Bezahlung unter aller Sau.“

„Du auch?“

„Natürlich. Du etwa nicht? Wir sind hier doch nur die Deppen.“

„Und ich hatte schon gedacht, ich bin der Einzige, der hier verarscht wird.“

„Keine Sorge, Hirni. Richtige Verträge mit entsprechender Bezahlung haben hier nur die wenigsten. Außer dem Chef nur der Hahn, die Dahlke und ein paar Idioten aus der IT.“

„Ist Danny Hahn denn nicht der Chef?“

„Ach woher? Der leitet hier den Vertrieb und akquiriert die meisten Kunden. Sozusagen unser oberster Klinkenputzer. Aber wirklich zu sagen hat der nichts. Hätte er nur gerne.“

Interessant! Fast so interessant wie der Auftritt von Whitney, mit der ich ja bereits ein anregendes Gespräch an Benjamins Grab hatte.

Mit ihrem Hintern drückt sie die Tür auf, um einhändig ein Tablett mit zwei Thermoskannen und mehreren Tassen, Untertassen, Löffeln, Zucker und Milch zu balancieren. In der anderen Hand hält sie ein schnurloses Telefon, ihr iPhone und eine Tüte Chupa-Chups-Lutscher. Sie wirkt für ihre Verhältnisse hochkonzentriert, da sie der Balanceakt offensichtlich nicht nur motorisch, sondern auch kräftemäßig maximal auslastet.

,Jetzt bloß nicht auf die Uhr gucken, Whitney‘, denke ich beschwörend.

Auch Ben verfolgt gespannt jede ihrer Bewegungen.

„Ein Zuckerstick mehr und der Arm bricht ab“, flüstert er mir zu.

Whitney ist inzwischen in leichter Not und das Tablett neigt sich merklich, aber keiner der Anwesenden greift ein und hilft. Als wäre das Schicksal ein Charakterschwein, beginnt nun zu allem Überfluss noch das Telefon zu piepen. In ihren Augen flackert die Panik und sie versucht tatsächlich, das Telefon in ihrer vollen Hand zu wenden, um den Anruf entgegenzunehmen. Wenn ihr das gelingt, ohne dass sie hier einen halben Polterabend vom Zaun bricht, ist sie definitiv reif für das Zirkusfestival von Monte Carlo oder wenigstens für ein Stipendium an der Artistenschule in Berlin. Warum nur kommt ihr denn keiner zu Hilfe? Sollte ich als Agentur-Novize etwa derjenige sein, der hier den Retter spielt?

Erneut scheint Ben meine Gedanken zu erraten, hebt beschwichtigend die Hand und flüstert: „Nichts machen, nur genießen.“

Wie aufs Stichwort erhebt sich Oberspacko Vogel und eilt Whitney entgegen. Anstatt ihr jedoch zu helfen und eventuell das Tablett oder wenigstens die blöden Lutscher abzunehmen, macht er das einzig Falsche und setzt eine Choreografie in Gang, die selbst Stan Laurel und Oliver Hardy als überzogen aus dem Drehbuch gestrichen hätten. Der Depp greift nach einer der Thermoskannen und bringt das gesamte Tablett vollkommen aus dem Gleichgewicht – der Alptraum jeder Kellnerin. Mit einem kehligen Schrei, der klingt wie ein gewürgter Frosch, reißt Whitney die Hand unnötigerweise hoch und bringt so erst richtig Schwung in das Desaster. Während die zweite Thermoskanne zu Boden stürzt, fliegen die restlichen Gegenstände bis unter die Decke, wo sie nicht nur selbst zu Bruch gehen, sondern zudem eine elegante Halogenkonstruktion zerschmettern. In Panik schnappt Whitney nach dem Tablett, das auf sie zurück stürzt, und katapultiert dabei das Mobiltelefon quer durch den Raum. Erst das gelbe Federbild stoppt den Flug, wobei vereinzelte Federn zu Boden gehen.

Wo ein Telefon ist, da sind auch Lutscher, deren Tüte mit einem lauten Ratsch aufreißt, sodass gut drei Dutzend bunt gestreifter Projektile auf die Anwesenden herabregnen. Mit offenen Mündern und ungläubig staunend, ertragen sie den Beschuss. Unfassbar – es ist Karneval und keiner hat’s bisher gemerkt!

Wie eine tragische Heldin steht Whitney in einem wahren Schlachtfeld, aber, Gott sei Dank, sie ist unverletzt und lebt. Mit zittriger Hand führt sie das Telefon ans Ohr, um den Anruf mit zwei knappen Sätzen abzuwürgen: „Ist grad schlecht. Ich hab hier voll die Scheiße.“

Besser kann man es nicht sagen. Szenenapplaus wäre fällig. Das undankbare Publikum jedoch schweigt und wendet sich nach einer kurzen Phase des Fremdschämens wieder den eigenen Gesprächen zu. Comedy kann so unbarmherzig sein.

Ohne jede Würde beginnt Whitney jedoch auf allen Vieren das Trümmerfeld zu ordnen. Dabei wimmert sie leise Flüche, was wie ein orientalisches Gebetsritual wirkt. Ihre aufreizend enge Hüfthose offenbart eklatante Schwächen und gibt den Blick nicht nur auf ein kapitales Arschgeweih frei, sondern gleichwohl dorthin, wo nie die Sonne scheint. Knapp zwei Meter vor mir krabbeln zwei halbentblößte Arschbacken über den Vorwerkteppich, ohne dass Whitney auch nur ansatzweise ahnt, welchen Anblick sie den Anwesenden zumutet. Männer mögen in der Regel zwar Popos, aber nicht das, was sich in der Tiefe dazwischen verbirgt.

Ben blickt zur Decke und lächelt mir dann entschuldigend zu. Fast wirkt es, als sei ihm die Situation peinlich.

Die anderen Männer glotzen mit offenen Mündern und selbst Vogel hat für den Moment den Sendebetrieb eingestellt.

Allein die granatenscharfe Kathrin scheint Whitneys Selbstdemontage richtig zu genießen und lutscht voller Hingabe einen der vom Himmel geregneten Chupa-Chups-Lutscher. Dann kommt sie auf die sensationelle Idee, sich über den Tisch zu beugen und den klebrigen Lutscher am langen Arm in den verrutschten Hosenbund von Whitney fallen zu lassen, wo er präzise zwischen den Pobacken in der Tiefe des Raumes verschwindet.

Whitney stöhnt qiekend auf, wobei sich nicht eindeutig sagen lässt, ob sie wirklich erschrocken ist oder ihr der Lutscher im Arsch nicht doch ganz gut gefällt.

Kathrin grinst und erntet huldigendes Gelächter – interessanterweise ausschließlich von den männlichen Kollegen. Bens Warnung und Verweis auf den nicht ganz astreinen Charakter der Dame gewinnt zunehmend an Glaubwürdigkeit.

Während Whitney, noch immer auf Knien, verzweifelt versucht, sich vom Lutscher zu befreien und mit der Hand von hinten in die Hose greift, lässt Kathrin den Blick triumphierend durch die Reihen wandern. Ich verfolge ungläubig, wie Whitneys Hand bis zur Mitte des Unterarms in der Hose verschwindet und dort verzweifelt herumfingert. ,Das wird hier kein Meeting‘, schießt es mir durch den Kopf, ,das ist die Vorrunde vom ,Supertalent‘!‘ Fast nebensächlich nehme ich angesichts dieses würdelosen Schauspiels wahr, dass Kathrin mich inzwischen ansieht. Ich reiße mich von Whitneys Rektal-Performance los und meine Augen geraten in den Bannstrahl von Kathrins Blick. Fast unmerklich fährt sie sich mit der Zunge über die Lippen und ich spüre, wie sämtliches Blut meinem Kopf entweicht und sich in den Füßen sammelt. Wer mich jetzt nach meinem Namen fragt, wird keine vernünftige Antwort erhalten. Kathrin reduziert mich mit einem einzigen Blick zu einem sabbernden Volltrottel. Alles, was ich in diesem Moment weiß, ist, dass Kathrin die mit Abstand aufregendste Frau der Welt ist. Mein Wissen von charakterlichen Defiziten ist wie weggeblasen, was leider offenbar auch für mein Gehirn gilt. Ich muss aussehen wie ein Idiot im Wachkoma und nehme vollkommen handlungsunfähig zur Kenntnis, wie Kathrin abfällig lächelt und mich so im Gleitflug aufkommender Glückseeligkeit eiskalt abschießt.

„Was ist denn hier passiert? Ist jemand verletzt?“ In der Tür steht eine junge Frau, die schätzungsweise in meinem Alter sein dürfte und ungläubig das Chaos auf dem Boden begutachtet.

„Mir ist das Tablett hingefallen“, untertreibt Whitney.

„Und was um alles in der Welt machst du da?“, fragt die Frau mit kurzem, blondem Pferdeschwanz fassungslos und mustert Whitney, deren Arm noch immer in der Hose wühlt. Für einen Moment herrscht betretene Stille, dann endlich zieht Whitney den feuchten Lutscher hervor und hält ihn, wie einen Beweis ihrer Unschuld, in die Luft.

Die Frau blickt fragend in die Runde, entschließt sich jedoch offenbar, keine weiteren Fragen zu stellen, deren Antworten sie nur verstören würden.

Sie schüttelt den Kopf. „Wie auch immer, die Dahlke und der Hahn sind im Anmarsch. Lasst uns den Saustall hier wegräumen.“

Sie legt ihr Mini-Notebook beiseite und kniet sich zu Whitney, die den Lutscher auf den nächtsbesten Tisch gelegt hat. Gemeinsam sammeln sie die Scherben ein. Die Douglas-Tussen, eigentlich prädestiniert für leichte Aufräumarbeiten, bewegen sich kein Stück und starren, noch immer von dem Schauspiel konsterniert, angeekelt auf den langsam antrocknenden Lutscher.

„Könnte vielleicht mal einer mit anpacken?“, fragt der blonde Pferdeschwanz nach einer Weile und sieht mich an. Ein wenig unschlüssig suche ich Rat bei Ben. Der zuckt die Schultern, steht auf und hilft. Ich folge ihm und vermeide, Kathrin meinen Hintern zuzudrehen.

Während wir so auf allen Vieren versuchen, die Spuren von Whitneys Malheur zu beseitigen, streckt mir die junge Frau die Hand entgegen.

„Neu?“

„Nee, mit Perwoll gewaschen“, erkläre ich und schüttele ihre Hand.

„Riesenwitz“, antwortet sie und wirkt leicht genervt. „Pia.“

„Pia“, wiederhole ich im gleichen Tonfall, als käme ich vom Ork und müsse mir den komplizierten Namen erst gewissenhaft einprägen. Mich selbst vorzustellen, vergesse ich dabei komplett.

„Ja, genau! P-I-A. Wie man’s spricht.“

Ich überlege, ob ich gerade verarscht werde und wiederhole den Namen erneut: „Pia“.

„So prima, jetzt kannst es ja. Und du?“, hakt sie nach. „Oder heißt du etwa auch Pia?“

Ich werde verarscht. Eindeutig.

„Thomas“, sage ich etwas unsouverän und begreife, dass sie diejenige sein muss, in deren Team ich arbeiten soll. Das fängt ja gut an. Im Augenwinkel sehe ich hinüber zu Kathrin, die unseren Reinigungstrupp mit aufreizender Lässigkeit beobachtet. Mein Gott, ist die scharf! In welchem Team die wohl arbeitet, frage ich mich. Ganz gleich, welche Veranstaltungen auch immer sie zu organisieren hat, dort will ich hin – und wenn es Tupper-Partys sind. Vielleicht sollte ich einen Karriereplan entwickeln und Pia nur als vorübergehende Station auf meinem Weg nach oben betrachten. Immerhin ist die mir aber immer noch wesentlich lieber als so hohle Fritten wie Whitney oder Pinella Dahlke.

Wie aufs Stichwort steht die Partykanone prompt in der Tür. Und neben ihr die schmierige James-Bond-Persiflage, der Mann mit den tausend Eiern.

„Was sucht ihr denn da?“, fragt er. „Den Sinn des Lebens?“

„Noch ein Superwitz“, zischt mir Pia zu, steht auf und geht zu ihrem Platz. Kollege Vogel findet den Witz offenbar klasse und beömmelt sich mal wieder, diesmal etwas leiser und verstohlener. Er gibt ein dämlich verkniffenes und peinlich gehemmtes „Gnihihihihi …“ von sich. Oh mein Gott, ist der doof.

Ben und ich, wir setzen uns ebenfalls und fühlen uns wie zwei blöde Schuljungs, die Hofdienst hatten.

Vom Platz aus beobachte ich Pia, die ihr Notebook hochfährt und sich eine Strähne aus der Stirn bläst.

,Eigentlich ganz hübsch‘, denke ich. ,Ihr Problem ist nur, dass sie mit einer Göttin den Raum teilt und da verblasst jeder zwangsläufig zum hässlichen Entlein.‘

„Also, was steht an?“, fragt Danny Hahn und gibt sich als unumschränkte Führungskraft.

„Wollen wir nicht auf den Chef warten?“, unterbricht ihn Pinella mit fast körperloser, gleichbleibend langweiliger Stimme, die garantiert jedes Hörbuch zum Ladenhüter machen würde.

Danny Hahn wirkt pikiert. Autsch, das hat gesessen. Fast glaube ich, er ist eine kleine Mimose, die sich hinter einem Nebel aus großzügig versprühtem Testosteron versteckt.

Ein vollkommen deplatziertes „Gnihihihihi …“ ist zu hören.

Agent 0,07 wirft Kollege Vogel einen bitterbösen Blick zu und nuschelt genervt: „Meinetwegen“. Dann greift er nach einem Lutscher auf seinem Tisch. Danny Hahn kommt offenbar nicht im Traum auf die Idee, dass diese Lutscher normalerweise in klare Folie gewickelt sind, und schiebt sich Whitneys Arschlutscher gelangweilt in den Mund. Jeder im Raum, außer Pinella Dahlke, verfolgt den Vorgang voller Entsetzen, aber keiner sagt ein Wort. Für einen kurzen Moment, der sich anfühlt wie eine kleine Ewigkeit, verharrt er, als würde ihn etwas an diesem Lutscher irritieren. Dann beginnt er genüsslich zu lutschen und fingert sein iPhone aus der Tasche. Endlich weiß auch ich, was Fremdekeln ist.

Fast dankbar für die Zäsur nehme ich die Ankunft eines graumelierten Herrn zur Kenntnis.

Ben stupst mich an. „Dietmar Döbel. Dein neuer Chef.“

„Der Typ?“

Ben nickt. „Eigentlich ganz nett, hat aber ein leichtes Autoritätsproblem.“

„Dietmar Döbel?“, frage ich ungläubig nach.

„Genau so! Leider auch fachlich eine echte Null.“

Der untersetzte Mann, der den Raum betritt, hat eine borstige Glatze, einen ziemlich deplaziert wirkenden Schnurrbart und geht schätzungsweise stramm auf die Sechzig zu. Er sieht aus wie eine Karikatur und könnte nicht nur namentlich, sondern auch optisch einem Benjamin-Blümchen-Hörspiel entsprungen sein. Ich kämpfe einen aufkommenden Lachanfall herunter und gerate fast in Panik, da ich ahne, dass ich hier heute noch unangenehm auffallen werde.

Als Dietmar Döbel zu sprechen beginnt und die Belegschaft mit einem offensiven „So, alle da?“ begrüßt, brechen bei mir sämtliche Dämme und ich lache laut auf. Dietmar Döbel hat eine Stimme ohne jeglichen Bass und krächzt zudem noch heiser wie ein korrupter Mafia-Pate. Etwa zwanzig Augenpaare sehen mich irritiert an und Dietmar Döbel fragt gepresst: „Junger Mann, Sie scheinen hier neu zu sein. Was bitte ist so lustig?“

Ich breche erneut in Lachen aus und könnte gleichzeitig im Boden versinken. Ein schlechterer Einstand am ersten Tag ist wohl kaum denkbar, aber dieser ganze Laden ist einfach zu viel für mich. Richtig normal ist hier keiner. Das ist keine Eventagentur, sondern eine Freakshow! Ich bekomme einen ausgewachsenen Lachkrampf und kann nichts dagegen tun.

Trotz des Rauschens in meinem Kopf höre ich das leise, verkniffene „Gnihihihihi …“ von Kollege Vogel. Diesmal würde ich ihm gerne einen bösen Blick zuwerfen, kann es aber nicht.

Während ich mein Gesicht, vom Lachen inzwischen puterrot, in meinen Handflächen verberge, nimmt Dietmar Döbel langsam Platz. Erst als Ben mich anstupst und mir zuzischelt, dass Döbel vor zwei Jahren Kehlkopfkrebs hatte, klingt mein Lachkrampf ab. Ich blicke in die Runde und in zumeist verständnislose Gesichter. Nur Kollege Vogel hat noch seinen Spaß.

„Gnihihihihi.“

Pia schmunzelt unmerklich. Kathrin dagegen grinst unverhohlen. Sie steht offenbar auf Geschmacklosigkeiten jeder Art. Alle anderen zeigen keine Regung und Pinella Dahlke schüttelt fast unmerklich missbilligend den Kopf. Ich fühle mich wie jemand, der als Einziger im roten Sakko zur Beerdigung erschienen ist und statt Blumen brennende Wunderkerzen auf den Sarg wirft.

„Nun denn, wenn wir es dann haben?“ Dietmar Döbel krächzt in die Runde. Nach einigen gewürgt klingenden Einführungssätzen übergibt er das Wort an Pinella Dahlke, die monoton über die aktuelle Lage der Agentur referiert und mit den Namen illustrer Unternehmen um sich wirft. Nach einer Reihe, den Gesichtern der Versammelten nach zu urteilen, offenkundig sehr positiven Informationen, kommt sie, zumindest ihrer Mimik nach, zu den unerfreulicheren Themen des Tages und stellt mich als neuen Mitarbeiter vor. Sie erklärt, dass ich Pia Sieberts Team unterstützen werde, die mich mit großen Augen ansieht. Ich versuche, sie mit einem Lächeln zu überzeugen, bin aber nur mäßig erfolgreich und wirke offenbar eher hilflos. Sie nickt mir beruhigend zu.

„Apropos, wie läuft’s denn bei dir?“, will Danny Hahn von Pia wissen und ich, aber auch alle anderen, zucken fast zusammen. Im direkten Kontrast zu Dietmar Döbels Mickerstimme und Pinella Dahlkes emotionslosem Vortrag, klingt Danny wie ein Megafon am Anschlag.

„Ganz gut. Wenn nichts schiefgeht, sollten wir den Auftrag für Berlin haben“, antwortet Pia. Sie zupft ihre Ärmel gerade. „Um elf sind zwei Leute vom Konzern hier und dann werden wir ja sehen. Ich bin aber ganz optimistisch.“

„Wen schicken die?“

„Irgendeine Sabrina Monk. Und einen …“ Pia blättert in einer dünnen Projektmappe, „… einen Markus Lecknepper.“

Ich atme schwer. Zwar verstehe ich keine Zusammenhänge, aber bei der Vorstellung, gleich in Pias Team einem Typen gegenüberzusitzen, der „Lecknepper“ heißt, macht mir jetzt schon Angst. Heute darf ich mir kein weiteres Fettnäpfchen mehr leisten.

„Und habt ihr schon über das Budget gesprochen?“

„Das Agenturhonorar liegt bei zwölftausend. Die Fremdkosten bestimmt noch mal bei acht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass die noch drücken wollen.“

„Noch mehr drücken?“, fragt Dietmar Döbel mit panischem Unterton in der ohnehin schon kämpfenden Stimme. „Ich denke, die wollen die ganz große Nummer!“

Pia zieht ratlos die Schultern hoch. „Klar! Am liebsten Oscarverleihung, aber es darf nichts kosten. Ist doch wie immer.“

Dietmar Döbel prustet empört. „Dass Sie mir das nicht versaubeuteln!“

Ich tippe Ben an und frage leise: „Was für eine Firma ist das denn?“

„’ne Restaurantkette. PastaFigaro.“

„Die?“, frage ich begeistert. „Die gibt’s doch hier in der Innenstadt auch.“

„Die gibt es inzwischen schon fast überall“, antwortet er gelangweilt.

„Und was macht ihr da?“

„Eröffnungsveranstaltung. Mit Promis und so.“

„Nicht schlecht.“ Ich nicke anerkennend.

Wenn ich auch nicht weiß, wie so eine Eröffnung aussieht und was da genau gemacht werden muss, merke ich dennoch, wie in mir Begeisterung wächst. Das PastaFigaro ist eines der angesagtesten Restaurants in der Stadt und immer rappelvoll. Ich war zwar selbst noch nicht drin, weil alle, die hingehen, auf erfolgreich und busy machen, also keine klassischen ,Wash & Go‘-Mitarbeiter sind, aber die Vorstellung, bald auch so cool und lässig zu sein, fasziniert mich.

Noch mehr fasziniert mich allerdings Kathrin.

„Und was für Projekte betreut die?“, flüstere ich Ben zu und nicke in Kathrins Richtung.

„Private Events.“

Ich blicke ein wenig ratlos aus der Wäsche und Ben wird konkreter.

„Meistens Hochzeiten. In manchen Fällen auch mal Geburtstage, wenn irgendein hohes Tier fünfzig wird oder so. Vorletzten Monat war sogar eine Beerdigung dazwischen.“

„Jemand beauftragt für seine Beerdigung eine Eventagentur?“

„Ne“, amüsiert sich Ben, „das haben die Mitarbeiter gemacht. Der Typ, der das Zeitliche gesegnet hatte, war Seniorchef von so ’nem Großunternehmen. Da waren sogar die großen Fernsehsender mit Kamerateams und dem ganzen Firlefanz.“

„So was kann die alles?“

„Ach, alles kein Hexenwerk. Und im Zweifelsfall rettet ihr dann wieder irgendjemand den Hintern. Meistens die Kerle natürlich.“

Wen wundert’s. Ich jedenfalls würde ihr gerne mal den Hintern retten dürfen. Auch wenn mich Hochzeiten jetzt eher nicht so interessieren – der Hintern wäre es Wert, auf jede PastaFigaro-Eröffnung zu verzichten.

„Braucht den Raum hier gleich jemand?“, fragt Pia. „Dann würde ich die PastaFigaros nämlich ganz gerne hier empfangen.“

Keiner der Anwesenden hat Einwände, sodass Dietmar Döbel das erste Montagsmeeting meiner noch jungen Eventlaufbahn beendet und sich nach und nach jeder der Anwesenden aus dem Raum schleicht. Da Pia und Ben sitzen bleiben, tue ich es ihnen gleich und warte ab. Danny Hahn zwinkert mir zu und tippt sich unsagbar cool mit dem Zeigefinger zum Gruß an die Stirn. Dann entsorgt er den abgenagten Stiel seines Lutschers mit einem nachlässigen Wurf knapp neben den Abfallbehälter und greift sich die Tüte mit den restlichen Chupa-Chups-Lutschern. Er runzelt die Stirn und pfeffert die Tüte in den Müll.

„Spinnst du?“ Pinella Dahlke blickt ihn verständnislos an. Seine Antwort kann ich nicht mehr ganz verstehen, da er bereits auf dem Flur ist; es sind nur Satzfetzen, die an mein Ohr dringen. Was ich aber definitiv noch höre ist „… schmecken total scheiße …“ und „… bestimmt schon abgelaufen.“

The Sky is the Limit

„Meinst du“, fragt mich Pia, „es wird dir möglich sein, in den nächsten anderthalb Stunden halbwegs seriös rüberzukommen?“

„Sorry“, sage ich. „Tut mir echt leid.“ Ich mache ein schuldbewusstes Gesicht. „Ich muss mich hier wohl erst akklimatisieren. Wird nicht wieder vorkommen.“

Ben zuckt die Schultern. „Ich fand’s ganz witzig.“

„Du weißt genau, dass der Döbel mich auf dem Kieker hat. Meinst du etwa, ich will mir einen anderen Job suchen?“

„Hast ja recht“, beschwichtigt Ben und verdreht die Augen.

„Ist das ein wichtiger Auftrag?“, frage ich.

Pia macht ein ernstes Gesicht und nickt. „Schon. Ich habe vor drei Wochen erst einen Auftrag verloren.“ Sie hebt resignierend die Schultern. „Da kann man noch so gute Arbeit leisten. Diesmal geht es aber um mehr – Rahmenvertrag! Wenn wir den Job hier gewinnen, sind wir voll drin und touren für die das ganze Jahr durch’s Land. Eine Eröffnungsveranstaltung nach der anderen. Andernfalls machen wir für die wahrscheinlich gar nichts mehr.“

„Aber ihr durftet doch bisher für die arbeiten, oder?“, frage ich.

„Klar, aber auch nicht immer. Die wirklich interessanten Events hat für den Kunden eigentlich immer die Konkurrenz gemacht.“

„Wieso? Sind die billiger?“

„Glaube ich nicht. Aber die haben so eine Tussi, die lässt sich von einem der PastaFigaro-Typen poppen. Das ist ein Verkaufsargument.“

„Dann solltest auch du dein Dienstleistungsspektrum mal erweitern. Wir machen denen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können, mit ganz persönlicher Kundenbetreuung“, schlägt Ben mit ernster Miene vor. „Für dich können wir ja Stundensätze angeben – ganz transparent nach tatsächlichem Aufwand abgerechnet.“

„Find ich gut“, antwortet Pia und überlegt. „Sollten wir so machen. Verbrauchsmaterialien werden aber extra berechnet, Kondome und so.“ Sie will ihm noch mehr sagen, doch ihr Telefon klingelt. Das Telefonat ist denkbar kurz und Pia atmet tief durch. „Sie sind da.“

Nach einem kurzen Moment fügt sie hinzu: „Jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken!“

Ich grinse. „Lothar Matthäus.“

„Wovon redet ihr?“, fragt Ben.

Pia stupst ihm mit der Hand gegen die Stirn. „Gib dir keine Mühe. Von Fußball hast du keine Ahnung.“

Ich blicke zwischen den beiden unsicher hin und her und frage Pia: „Du interessierst dich für Fußball?“

„Ja.“

„Das ist leicht untertrieben“, verrät mir Ben mit verschwörerischem Unterton. „Wenn Marcel Reif bei Günther Jauch säße, wäre Pia bei allen kniffeligen Fußballfragen sein Telefonjoker.“

Ich nicke anerkennend, schmecke jedoch sogleich diesen bitter-sauren Geschmack auf meiner Zunge. Ich denke an die Million, die um Haaresbreite meinem Konto gutgeschrieben worden wäre und mache mir klar, dass ich bei aktueller Vertragslage für die Summe etwa tausend Monate werde arbeiten müssen, ohne einen einzigen Cent ausgeben zu dürfen. Ich versuche, Geschmack und Gedanken zu verdrängen und bleibe mit meinem Blick am Stiel von Danny Hahns Chupa-Chups-Lutscher hängen, der natürlich noch immer neben dem Abfallbehälter liegt. Die Bilder, die sich so Platz in meinem Kopf schaffen, helfen mir auch nicht wirklich weiter, sodass ich dankbar bin für die Ablenkung durch unsere Gäste, die wenig später von Whitney in den Konferenzraum geführt und mit feinstem Cappuccino versorgt werden. Das schnöselige Pack, das unter unausgesprochener Huldigung Einzug hält, bestätigt jedes Klischee überflüssiger Marketingmitarbeiter.

Sabrina Monk ist leidlich hübsch und versucht, mit figurbetonten Klamotten kaum vorhandene Reize zu akzentuieren. Sie hat diesen leicht billig wirkenden Mariah-Carey-Look und hält ihr Filofax fest umschlungen. Ich schätze sie auf Mitte zwanzig und könnte meinen Praktikantenvertrag darauf verwetten, dass sie deutlich mehr verdient als Pia, Ben und ich. Ihr Begleiter ist vermutlich im gleichen Alter und wirkt tendenziell schwul. Markus Lecknepper trägt rote Chinos, in denen eigentlich jeder Mann beschissen aussähe. Chinos sind Hosen, in denen sogar die Knackpopos neunzehnjähriger Beachvolleyballerinnen schlaff und formlos wirken. Wenn jedoch ein affektierter Lackaffe ohne Waden ein solches Höschen trägt, ist der Anblick zum Weglaufen. Hier frisst nicht Arsch Hose, sondern umgekehrt. Dagegen ist mein ,Wash & Go‘-Overall regelrecht männlich.

Alle Anwesenden werden miteinander bekannt gemacht und Sabrina Monk kommt erstaunlich schnell zum Punkt.

„Ihre Agentur hat ja eine Menge Fürsprecher, wir haben uns noch mal schlau gemacht.“

Pia nickt. „Das freut mich zu hören. Ich glaube, Ihre Leute waren bisher auch alle ganz zufrieden mit uns.“

„Ja, sicher. Aber wir haben eigentliche andere Maßstäbe.“

Pia blickt sie fragend an. Dann wandert ihr Blick zu Ben und schließlich zu mir. Urplötzlich habe ich das Gefühl, tatsächlich dazuzugehören. Die PastaFigaro-Zicke nimmt Platz und lächelt. Sie wirkt hinterhältig und ich merke, dass hier Vorsicht geboten ist.

Ihr Lecknepper zupft sich selbstbewusst die Ärmel zurecht. Erst jetzt bemerke ich, dass er eine grüne Jacke mit scheußlichen Hornknöpfen trägt, was man in Bayern wohl Janker nennt.

„Das Angebot haben Sie aber erhalten?“, fragt Ben und schiebt mir mehrere Seiten mit Leistungen und Preisen zu, damit auch ich weiß, worüber gesprochen wird. Ich überfliege das Angebot, vermisse die Erwähnung von Pias optional zubuchbarem Rundum-sorglos-Paket für den männlichen Kunden, verfolge aber weiterhin neugierig das Gespräch.

„Ja, das ist auch alles klar soweit. Aber was wir vermissen, ist die Leidenschaft. Totale Leidenschaft. Wir wünschen uns von einer Agentur bedingungslose Identifikation. Eine Agentur, die unsere Gedanken zu ihren eigenen macht. Machen Sie uns für die nächste Eröffnung doch mal Vorschläge, die uns beeindrucken.“

Ich frage mich, ob hier von einer profanen Restaurantkette die Rede ist oder von einer Sekte und spüre die Anspannung in der Luft. Pia bleibt jedoch vollkommen ruhig und lehnt sich ein Stück zurück.

„Sie waren doch auf unseren bisherigen Eröffnungsevents, oder?“, fragt sie.

„Ja, in Darmstadt haben wir uns ein Bild von Ihrer Leistung machen können.“

„Und?“

„Na ja, ging so. Um zehn gingen die ersten Gäste schon wieder.“

Der Lecknepper beugt sich nach vorn. „Ist das Party? Hallo?“

Ich merke, wie mir übel wird. „Ich finde den Typ ätzend und sollte aufpassen, dass er das nicht merkt.“ Ben geht es offenbar genauso. Er sieht mich an und verdreht unauffällig die Augen zum Himmel.

Pia richtet sich auf. „Wenn Sie da waren, haben Sie eventuell auch bemerkt, dass Ihre Küche um halb zehn den Betrieb eingestellt hatte.“

Sabrina Monk und Markus Lecknepper blicken einander ausdruckslos an. Der Chino-Mann rümpft trotzig die Nase.

„Haben wir nicht gewusst, nein. Aber deshalb muss doch trotzdem nicht gleich die ganze Atmosphäre leiden. Das Licht zum Beispiel ging gar nicht!“

„Und Atmosphäre ist das Wichtigste in unseren PastaFigaro-Restaurants“, bestätigt Sabrina Monk.

„Aber nicht wichtiger als das Essen?“, frage ich und bin mir nicht sicher, ob ich mir die Frage nicht besser hätte verkneifen sollen.

Der Lecknepper zaubert daraufhin einen auswendig gelernten Satz hervor, der einer Imagebroschüre entstammen könnte.

„Bei uns gibt es ausschließlich frische Zutaten, keine Geschmacksverstärker und schon gar kein Convenience Food. Wir sind Lifestyle, wir sind fresh casual, wir sind …“ Er hält inne. Offenbar hat er vergessen, was er noch alles ist.

Alle, sogar Sabrina Monk, ignorieren sein überflüssiges Geblubber, das so fehl am Platz war, dass sich Marietta Slomka im Heute-Journal für die falsche MAZ etschuldigt hätte.

„Wir hatten das gesamte Restaurant beleuchtet und die Atmosphäre war richtig gut. Als die Küche aber schloss, wies Ihr Restaurantleiter seine Leute an, die normale Neonbeleuchtung einzuschalten. Der meinte sogar ‚hoffentlich geht das hier heute nicht so lange, morgen geht’s schon früh los‘.“

Wieder blicken sich unsere Gäste ausdruckslos an. Sie hören diese Dinge offenbar zum ersten Mal und haben sich bisher anscheinend für keinerlei Hintergründe interessiert. Sie glaubten, Pia und Ben abwatschen zu können, ohne ihre Hausaufgaben gemacht zu haben.

„Ja, aber dann müssen Sie da entgegensteuern!“, protestiert der Lecknepper.

„Gegen den Kunden?“, fragt Pia.

„Na, da müssen Sie ihn drauf aufmerksam machen. Also das erwarte ich schon von einer Agentur. Verstehen Sie jetzt, was wir meinen, wenn wir Einsatz sehen wollen?“

Was für ein arroganter Schnösel, denke ich. Und dann sagt dieser Chino-Wicht allen Ernstes: „Ich bin zu lange im Geschäft, um solche Nachlässigkeiten zu akzeptieren.“

„Entschuldigung“, melde ich mich zu Wort und versuche, so höflich wie möglich zu klingen. „Ich bin neu hier im Team und noch nicht ganz im Thema, zumal wir uns ja noch nicht so genau vorgestellt worden sind. Was machen Sie genau bei PastaFigaro? Allgemeines Marketing oder mehr die Events?“

Der Lecknepper zupft sich die Ärmel seines Janker hoch und entblößt rasierte Unterarme. Seine Rado-Uhr hängt locker am Handgelenk und scheußliche Flecken verraten den unsachgemäßen Gebrauch von Bräunungscreme.

„Ich bin im Operations.“

Mit dieser, wie eine Frage klingenden Information, lehnt er sich zurück. Stille im Raum. Drei Augenpaare blicken recht ratlos. Nur Sabrina Monk scheint der Begriff keine Rätsel aufzugeben.

„Operations?“, wiederhole ich, nur dass meine Frage wie eine Aussage klingt. Mein Gehirn assoziiert wie blöde und sucht nach sämtlichen Querverbindungen zu Tätigkeitsprofilen, die auch nur annähernd in den Dunstkreis einer Restaurantkette passen können. Was dieser Typ tatsächlich macht, bleibt mir schleierhaft. Sollte der Knilch etwa eine Art Betriebsarzt sein?

Der Lecknepper macht eine linkische Handbewegung. „Ich mache die Trainings.“

„Trainings?“, vergewissere ich mich und merke, wie sein Berufsbild vor meinem geistigen Auge immer weiter verschwimmt, statt an Kontur zu gewinnen.

„Und die Castings.“

„Okay.“ Darunter kann ich mir, wenn auch nicht in diesem Zusammenhang, zwar etwas vorstellen, jedoch sind die drei genannten Begriffe für mich miteinander derart unvereinbar, dass ich so tue, als hätte ich begriffen, um mich nicht noch weiter in den Schlammassel zu reiten. Pia wirft mir einen ratlosen Blick zu, der mir zeigt, dass auch sie nicht viel schlauer ist als ich.

Erst wesentlich später lerne ich, dass bei PastaFigaro die ungelernten Pizzabäcker und Nudelkocher allen Ernstes ein Casting und späteres Training durchlaufen müssen. Was sich manche Menschen heutzutage für einen Scheißjob alles antun müssen!

„Ich habe selbst eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann gemacht“, plaudert der Lecknepper aus dem Nähkästchen. „Ich kann Ihre Arbeit also durchaus bewerten. Ich habe mich freiwillig entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Mir war das reine Agenturgeschäft irgendwann zu anspruchslos. Ich war zu gut für den Job.“

Ich versuche mir vorzustellen, wie viele Jahre Berufsalltag dieser Typ, der das schulpflichtige Alter noch nicht lange hinter sich gelassen haben kann und aussieht, als hätte er den Führerschein noch auf Probe, wohl auf dem Buckel haben mag.

Einen erneuten Lachanfall werde ich, wenn das so weitergeht, nur mit Mühe unterdrücken können und muss dringend etwas unternehmen. Da Reden gegen Müdigkeit und Gähnen helfen soll – wahrscheinlich, weil die Atmung positiv beeinflusst und der Körper besser mit Sauerstoff versorgt wird – rede ich mir die gleiche Wirkung auch bei eruptiv aufkommender Heiterkeit ein und frage so ernst wie möglich: „Sind Sie schon lange bei PastaFigaro?“

„Fünf Monate.“

Immerhin. Er weiß ja auch nicht, dass ich erst seit zwei Stunden bei LIVE COMMUNICATION bin. Es gab mal Zeiten, da musste man sich in einem Unternehmen ernsthaft die Sporen verdienen. Heute reichen als Rechtfertigung für eine große Fresse und offene Hose offenbar fünf Monate auf geringfügiger Basis.

„Und davor?“, fragt Ben.

„War meine Ausbildung.“

Ben lehnt sich entspannt zurück und flüstert mir zu: „Außer seiner blöden Ausbildung hat der nämlich gar keine Erfahrung.“

Ich nicke empört. Zugegeben – viel mehr kann ich auch noch nicht bieten, aber wenigstens bin ich kein arroganter Wichspimmel.

„Und Sie?“, fragt Pia, wobei sie Sabrina Monk ein einladendes Lächeln schenkt.

„Ich leite die Marketingabteilung.“

„Großes Team?“

„Nein, nur ich. Und im Moment unterstützt mich Herr Lecknepper.“ Sie sieht zu ihm herüber und macht eine etwas unbeholfene Pause. Der besagte Kollege nutzt die Zeit zur Maniküre, indem er seine Nagelhaut mit dem rechten Zeigefinger bearbeitet.

„Ich habe aber studiert“, fährt sie fort. „BWL. Außerdem habe ich im letzten Jahr ein zweimonatiges Praktikum in einer Werbeagentur gemacht.“

„Na, dann sind Sie für den Job ja topfit“, bemerke ich in einem Tonfall, bei dem sogar einem Schimpansen auffallen würde, dass er verarscht wird.

„Aber so was von!“, bestätigt sie und ich frage mich, ob sie mit Whitney verwandt sein könnte.

„Ein anderes Thema ist die Gästeliste. Wir fanden die Auswahl der Gäste nicht besonders gut.“ Der Lecknepper genießt die vernichtende Kraft seiner Worte.

Pia legt ihren Kopf schief. „Das waren über fünfhundert Personen. Vom Bürgermeister bis zum Intendanten des Theaters. Außerdem ganz viele aus dem Einzelhandel. Eben die echten Multiplikatoren. Sie wollen doch Mundpropaganda.“

„Keine Fußballprofis“, bemerkt Sabrina Monk.

„Sie wollen keine Fußballprofis?“, fragt Pia irritiert nach, um sicherzugehen, dass sie sich nicht verhört hat.

Markus Lecknepper verdreht die Augen und beugt sich vor. „Quatsch! Unser Vorstand legt Wert darauf, dass zu den Opening Partys auch möglichst viele Promis kommen. Vor allem bekannte Fußballprofis.“

„Berühmte Fußballprofis aus Darmstadt?“ Ben überlegt und macht ein ernstes Gesicht. „Ich habe zwar von Fußball nicht viel Ahnung, aber sogar ich spüre da einen Widerspruch.“

„Wieso nicht?“ Sabrina Monk reißt die Augen auf, als wären wir nicht gerade die Hellsten. „In München war auch der Philipp Lahm da. Und der Schweiger.“

„Till Schweiger?“

Sabrina Monk verdreht genervt die Augen. „Nein, Bastian Schweiger. Der Fußballer!“

Pia und Ben sagen nichts. Auch sie sind nun Schweiger.

„Es hätte doch möglich sein müssen, auch in Darmstadt ein paar Fußballstars mobil zu machen“, empört sich die Marketing-Tusse und schüttelt den Kopf.

Pia findet als Erste ihre Sprache wieder und sucht nach einer plausiblen Erklärung.

„Das könnte eventuell daran liegen, dass Darmstadt nicht in der Bundesliga spielt.“

„Sondern?“

„Dritte Liga“, antworte ich. Pia kneift mir ein Auge zu und ergänzt: „Die Mannschaft war aber immerhin fast geschlossen da.“

Unsere Gäste machen ausdruckslose Gesichter.

„Nur leider halt ohne ihre Nationalspieler“, bemerke ich entschuldigend.

Ich spüre, dass Pia und Ben sich beömmeln könnten, wenn sie nur dürften und beginnen, den Gesprächsverlauf mit zunehmender, fatalistischer Resignation zu verfolgen.

„Da haben wir’s.“ Der Lecknepper macht eine abfällige Handbewegung. „Und warum?“

Ben und Pia blicken mich ratlos an. Offenbar denken sie exakt dasselbe wie ich. Sind die Monk und der Lecknepper tatsächlich so blöd oder drehen die gerade Gags für ,Verstehen Sie Spaß?‘ Vorsichtshalber blicke ich mich im Raum um und überlege, wo ich eine Kamera wohl verstecken würde.

Dann mache ich eine resignierende Geste und erkläre ein wenig zerknirscht, dass die Darmstädter Nationalspieler zu dem Zeitpunkt entweder ausgerechnet verletzt oder an Manchester United ausgeliehen waren. Meine Erklärung klingt offenbar vollkommen authentisch, denn unsere Gäste erwidern nichts.

Pia ergreift die Initiative. „Also, wie verbleiben wir? Letztlich wollen wir doch genau das Gleiche. Eine richtig gute Veranstaltung.“

„Absolut!“, röhrt der Lecknepper und versucht, dabei so männlich wie möglich zu klingen.

„Wie wollen Sie denn an die Adressen kommen?“

„Recherche, Adresspools, Partneragenturen vor Ort“, zählt Ben unseren Gästen die Strategie auf.

Sabrina Monk guckt gelangweilt, als ob sie die Vorgehensweise nicht besonders überzeugt.

„Keine Angst vor Karteileichen?“

„Genau, Karteileichen“, stimmt der Lecknepper ihr zu. „Überzeugt mich alles nicht so richtig.“

Sabrina Monk nickt und pflichtet ihm bei.

„Das ist nur ein Teil der Vorgehensweise“, höre ich mich sagen und bin fassungslos, kann jetzt aber nicht mehr zurückrudern und hoffe, nicht alles noch mehr zu versauen. „Die eigentliche Recherche geschieht natürlich vor Ort. Wir schauen uns genau an, welche Unternehmen angesiedelt sind, welchen Einzelhandel es gibt, und und und.“

Pia blickt mich ungläubig an. Oder sagen wir eher – entsetzt. Jeden Moment wird sie mich zurückpfeifen. Als sie gerade ansetzen will, meldet sich der Lecknepper interessiert zu Wort.

„Auch Friseure?“

„Ja, klar“, antworte ich und gebe mich leicht pikiert, dass eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt gefragt wird. „Gerade die Friseure sind unglaublich wichtig für eine gut funktionierende Mundpropaganda. Das darf man nie unterschätzen.“

„Absolut“, schnaubt er erneut und knetet seine Finger.

Sabrina Monk nickt.

„Und das“, fahre ich begeistert fort, „ist unsere Spezialität. Die Recherche vor Ort. Nicht immer ganz einfach, aber erfolgreich. Und das leistet noch lange nicht jede Agentur.“

„Das erwarte ich aber von einer Agentur. Sie nehmen dafür ja auch nicht gerade wenig Geld“, dämpft Sabrina Monk meinen Enthusiasmus.

„Also, ich kenne es nicht anders“, säuselt der Lecknepper. „Das ist ein must!“

„Ja“, seufzt Sabrina Monk gequält, als ginge sie bei uns Dilettanten gerade durch die Hölle. „Sehe ich genauso.“

„Das heißt?“, will Pia vorsichtig wissen. „Haben wir grünes Licht?“

Sabrina Monk setzt ein zerknautschtes Pokerface auf. „Wie viele Gäste werden eingeladen?“

„Fünfhundert.“

„Wir wollen aber mindestens achthundert Gäste.“

„Achthundert Gäste?“ Pia überlegt. „Nicht so leicht, genau zu sagen, wie viele letztlich kommen. Wenn alle ihre Partner mitbringen, haben wir tausend. Wenn aber nur die Hälfte kommt, natürlich entsprechend weniger.“

„Aber das ist ja gerade die Erfahrung, die wir von einer Agentur erwarten. Achthundert mindestens. Besser tausend. The sky is the limit!“

Ich frage mich gerade, ob diese beiden Vögel von PastaFigaro ihre Pizza-Kette nicht gerade etwas überbewerten. Aber der Lecknepper verschafft mir umgehend Klarheit.

„Wir sind das Maß aller Dinge. Da muss ein Opening-Event schlichtweg überirdisch sein!“

Der Fall ist klar. Die beiden haben zu viel geraucht oder zumindest etwas, das ihrer Wahrnehmung nicht guttat.

„In Ordnung“, höre ich Pia sagen. „Laden wir achthundert ein. Ich denke, damit liegen wir richtig. Und alle Adressen sind einzeln recherchiert“, wobei sie mir einen kurzen, aber vielsagenden Blick zuwirft, dem ich entnehme, dass ich die von mir auf das Eis beförderte Kuh dort werde herunterholen dürfen.

Unsere Gäste nicken. Man ist sich einig. Die Verabschiedung ist kurz und knapp – Herzlichkeit sieht anders aus. Ich schüttele Chino-Manns wabbeliges Händchen und kneife ihm ein Auge zu.

Als sie weg sind, kommt Pia gleich zur Sache.

„Auch wenn es absurd ist, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass dein Gelaber die entscheidende Wendung gebracht hat.“

„Quatsch“, winke ich bescheiden ab.

„Ich weiß nur nicht, wie wir das bewerkstelligen sollen. Ich habe jedenfalls keine Zeit dafür.“

„Kriegen wir schon hin. Ich mach das“, sage ich gönnerhaft.

Pia lächelt mich müde an und fragt: „Warum sind die so? Muss man so scheiße sein?“

Wir sehen schweigend hinaus aus dem Fenster auf den Parkplatz. Mein Polo steht noch immer dort und behauptet sich tapfer gegen die schicke Leasing-Flotte.

„Sag mal, gehört die Karre da unten dir?“

Ich nicke etwas verlegen und trete näher ans Fenster. Wir sehen, dass Sabrina Monk und der Lecknepper den Parkplatz noch nicht verlassen haben und sich köstlich über mein Auto amüsieren. Wahrscheinlich, so schießt es mir durch den Kopf, ist er hier der einzige Wagen, der abbezahlt ist. Insbesondere der schnittige BMW mit dem PastaFigaro-Logo sieht mir nicht nach wirklichem Eigentum aus. Schließlich rauschen sie davon, überfahren nachlässig an der Parkplatzausfahrt eine spitze Bordsteinkante und verschwinden hinter der nächsten Ecke.

In just diesem Moment platzt, vor Nervosität puterrot, Dietmar Döbel in den Raum.

„Und?“

„Wir dürfen!“, antwortet Pia. Aber Döbel scheint fast etwas enttäuscht zu sein.

„Sieh an. Ich dachte, Sie verreißen schon wieder.“

Pia sagt nichts und blickt Ben und mich nur hilflos an.

„Alles gut gelaufen“, erklärt ihm Ben und weist mit einer Kopfbewegung zu Pia. „Die fressen ihr doch aus der Hand. Ein bisschen kniffelig wurde es bloß mal kurz bei der …“

„Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren Details. Ich will Abschlüsse und Zahlen. Machen Sie mir mal ’ne genaue Kalkulation fertig – würde mich wundern, wenn sich Ihre Planung rechnet“, knötert er und verschwindet so schnell, wie er gekommen ist. Auf dem Flur brüllt er, während sich seine Schritte entfernen, nach einer Frau Schulz.

„Sitzt am Empfang!“, ruft ihm Pia hinterher und fügt leise hinzu: „Wie immer.“

Ich frage Ben, ob Whitney diese Frau Schulz ist und er nickt. „Klingt ziemlich blöd, oder?“

„Ziemlich.“

Pia klappt ihre Mappe zu und tippt mir gegen den Arm. „Komm, wir zeigen dir mal dein Büro.“

Wir verlassen den Konferenzraum und ich trotte hinter ihr her.

Nachdem mir mein zukünftiger Arbeitsplatz gegenüber ihrem eigenen Schreibtisch in einem Zweipersonenbüro mit Blick auf den bereits erwähnten Parkplatz zugewiesen wurde, erhalte ich ein Firmenhandy mit einem riesigen Display sowie die E-Mail-Adresse t.krallmann@live-communication-agency.de. Ohne es tatsächlich zugeben zu wollen, bin ich einigermaßen stolz darauf. Nach all den Jahren ohne richtige Perspektive und Ziel fühle ich mich tatsächlich als Teil einer Mannschaft und vergesse für eine Weile sogar, dass ich hier auch nur ein Praktikant bin und mein Gehalt allenfalls zum Überleben, nicht aber zum wirklichen Leben reichen wird.

Einen im Tee

Als ich an diesem Tag zu einer Zeit nach Hause komme, von der man nicht genau sagen kann, ob sie noch später Nachmittag oder bereits früher Abend ist, erwartet mich meine Nachbarin Frau Rieke bereits mit einer Torte im Hausflur. Zumindest sieht das, was sie in der Hand hält, auf den ersten Blick danach aus. Im Näherkommen sehe ich, dass es sich nicht um eine Torte handelt, sondern erkenne eine braune Keramikfliese, wie ich sie aus meinem knapp vier Quadratmeter großen, fensterlosen Wellnessbadezimmer kenne. Die vermeintliche Sahne entpuppt sich beim genauen Hinschauen als eine Mischung aus feuchtem Mörtel und Fugenkitt.

Erst jetzt wird mir bewusst, dass die offene Wohnungstür, vor der sie steht, meine eigene ist und die Männer in blauen Arbeitshosen nicht die Gäste einer Überraschungsparty, sondern Handwerker bei der Arbeit sind.

Ehe ich ein Wort sagen kann, hält mir Frau Rieke die Fliese entgegen und genießt den Moment sichtlich. „Alles unter Wasser, die ganze Wohnung. Ich hoffe, Sie sind gut versichert, junger Mann.“

Ich bin. Aber das geht sie einen Dreck an, der so feucht ist wie der Mörtel auf der Fliese.

Ich stürme in meine Wohnung und patsche über den nassen Teppich. Schnell erkenne ich das Badezimmer als Epizentrum der Überschwemmung. Einer der Männer dort, ein magerer Typ im Blaumann mit fliehendem Kinn, Schnurrbart und Überbiss sagt: „Welcher Idiot vergisst denn, die Badewanne auszumachen?“

„Einer wie ich“, entfährt es mir. Die Wanne ist inzwischen leer und eine Pumpe saugt leise brummend Wasser vom Boden über einen Schlauch in den Abfluss.

„Super“, murmele ich, während ich aus dem Bad in mein Wohnzimmer taper. Als ich stehen bleibe, rempelt mich Frau Rieke an. Sie ist mir offenbar dicht gefolgt und grunzt, als sie aufläuft.

„Also hier können Sie erst mal nicht wohnen“, stellt sie scharfsinnig fest. Alles in Bodennähe ist patschnass. Meine Billyregale sind unten dunkel verfärbt und Rocky Balboa hängt in den Seilen. Die Nässe hat sich in der Pappe hochgefressen, sodass er tatsächlich in die Knie gegangen ist und halb auf meinem Schreibtisch liegt. Zum ersten Mal ist Rocky k.o. Was Apollo Creed nie gelungen ist, hat meine Badewanne geschafft und fast spüre ich einen Anflug von Stolz auf deren Leistung, stünde da nicht Elvira Rieke hinter mir, die mich mit ihrer Sensationslust ein wenig an Hans Meiser zu besten Notrufzeiten erinnert.

„Frau Rieke“, sage ich etwas gepresst durch meine Zähne, aber immerhin so freundlich ich kann, „Sie können davon ausgehen, dass ich erstens gut versichert bin und zweitens nicht beabsichtige, in dieser Grotte zu übernachten, bis alles getrocknet ist. Und drittens darf ich Sie bitten, zukünftig Ihre Schuhe an der Haustür auszuziehen, da Sie mir garantiert Flecken auf meinen Veloursteppich machen. Sie sehen doch, dass ich hier feucht durchgewischt habe!“

Ich schiebe sie genervt zur Seite und eile durch die Nässe in die angrenzende Küche. Es platscht unter meinen Schuhen und das Wasser kriecht langsam meine Hosenbeine zu den Waden hinauf.

„Nun werden Sie mal nicht frech“, bellt sie hinter mir her und fasst mein Badewannenmalheur knapp, aber inhaltlich unbestreitbar korrekt zusammen: „Sie haben wohl das laufende Wasser vergessen! Recht nachlässig, junger Mann!“

Ich bugsiere sie aus der Wohnung und bin kurz vorm Platzen. „Warten Sie mal ab, was Sie alles vergessen, wenn Alzheimer ein Jahr weiter ist.“

Ich drehe mich um und warte ihre Reaktion erst gar nicht ab. Vor Empörung laut nach Luft schnappend, rauscht sie ab.

Die Handwerker erklären mir, dass sie noch ein paar Heiz­lüfter aufstellen werden, um die Feuchtigkeit möglichst schnell aus den Böden zu bekommen. Einer von ihnen, ein Typ, für den die Begriffe ‚Gas, Wasser, Scheiße‘ hätten erfunden sein können, blickt sich fachmännisch um und blickt mir schließlich entschlossen in die Augen. Ich spüre, dass dieser Mann Klartext sprechen wird, unbequem und mit der Entschlossenheit einer BILD-Zeitungsschlagzeile. „Die Teppiche reißen Sie besser gleich raus – die sind im Arsch.“

Ich danke ihm für seine ehrlichen Worte, so wie man einem Arzt dankt, der keinen Hehl aus dem Sensenmann vor der Tür macht, versichere ihm aber, dass die Teppiche allenfalls nass sind, da ich seit heute weiß, was es heißt, wenn etwas tatsächlich ‚im Arsch‘ ist, und unterzeichne seinen Stundenzettel mit der gleichen Geschäftsmäßigkeit, wie wenige Stunden zuvor meinen Praktikantenvertrag.

Irgendwann bin ich endlich allein in meinem feuchten Traum von einer Wohnung und greife zum Telefon. Tot. Ein Blick unter den Schreibtisch gibt Aufschluss. Die Anschlüsse und der Router haben ihren Frei- und Fahrtenschwimmer gemacht. Nichts zu machen – ich bin von der Außenwelt abgeschlossen. Wenn ich heute Nacht von Schimmel oder Hausschwamm gefressen werde, kann ich nicht mal einen Notruf absetzen. Ich ermahne mich zur Besonnenheit und dazu, nicht gleich den Teufel an die Wand zu malen, als mir mein Firmenhandy einfällt. Auch an Luxus muss man sich erst gewöhnen. Ich rufe meinen Kumpel Armin an und schildere in knappen Sätzen, was passiert ist.

Und da Armin eben ein echter Kumpel ist, schlägt er vor, ich könne bei ihm wohnen, bis meine Wohnung wieder trocken ist.

Mit den wichtigsten Habseligkeiten, wie meinem Kulturbeutel und ein paar trocken gebliebenen Klamotten, steige ich vor seiner Wohnung aus dem Auto. Ich schleppe mich das Treppenhaus eines Altbaus bis in die fünfte Etage hinauf und stehe schließlich vor einer weiß gestrichenen Holztür.

Als ich die Schelle drücke, ertönt ein tibetischer Gong und Ella öffnet die Tür.

„Mensch Hirni, hab schon gehört. Komm rein.“

Ich drücke Ella und schaue mich um.

„Wo ist Armin?“

„Klo.“

„Komme sofort“, schallt es hohl aus dem Bad und wenig später rauscht die Spülung.

„Tee?“

„Gern“, sage ich.

„Magst du Jasmin Wildkirsche?“

„Sagt mir nichts. Eine Freundin von dir?“

Ella verdreht die Augen. „Hab ich gerade aufgesetzt, Hirni.“

„Ach so. Klar.“

Auch Ella nennt mich konsequent ‚Hirni‘. Spontan fiele ihr mein richtiger Name vermutlich gar nicht ein und auch Jack Bauer müsste für seine Verhältnisse pampig werden, um meinen wahren Namen aus ihr herauszupressen.

Als Armin Ella vor Urzeiten kennenlernte, war sie ein ganz normales Mädel, wie die meisten anderen auch. Sie verkaufte Nachos mit Käsesoße im Dortmunder CineStar, wo Armin und ich ‚Titanic‘ gucken wollten – ich, wie ich behauptete, wegen der tollen Effekte und Kate Winslet, Armin wegen Ella. Dass wir beide den Film in Wirklichkeit sogar richtig geil fanden, behielten wir vor den anderen Mushrooms selbstverständlich für uns. Es gibt Dinge, die nimmt man als Mann besser mit ins Grab. Dazu gehört auch, wenn man auf Weihnachten und Tannenbäume steht oder auf Milchkaffee mit Haselnussaroma. Ella – und das machte Armin anfangs eine ganze Weile zu schaffen – fand Leonardo DiCaprio unglaublich süß, nicht jedoch so toll wie Richard Gere. Dann erfuhr sie, dass der Offizier und Gentleman praktizierender Buddhist ist und entschied sich, das Gleiche zu werden. An jenem Tag änderte sich ihr Leben grundlegend oder sagen wir besser, sie dekorierte es um.

Sie hat vom wahren Buddhismus nämlich in etwa so viel Ahnung wie ich von der Quantenphysik und feiert nach wie vor Weihnachten und Ostern, ohne dass ihr daran irgendetwas merkwürdig vorkommt. Zudem trägt sie Klamotten, die wahlweise aus drittklassigen Bollywood-Filmen stammen könnten, was dem aufmerksamen Beobachter zeigt, dass für sie Buddhismus und Hinduismus ohnehin das Gleiche sind. Seit Jahren mutmaße ich heimlich, dass sie den ehemaligen Kostümfundus der Kelly Family aufträgt. Egal, Hauptsache alles wirkt alternativ und riecht nach immerwährend qualmenden Räucherstäbchen, die auch heute die Wohnung meines Kumpels in eine Opiumhöhle verwandeln.

Armin und Ella sind seit drei Jahren verlobt und sparen auf eine Reise nach Tibet, wo sie rituell getraut werden wollen. Anschließend wünscht sich Ella allen Ernstes, mit Armin auf einem Elefanten zur Feier zu reiten und weder Armin noch ich haben es bisher übers Herz gebracht, ihr zu erklären, dass die Indischen Elefanten im Himalaja selten geworden sind und mit Ausnahme einer Handvoll tapferer Exemplare unter Haniballs Führung das Hochgebirge eher meiden.

Ich sitze mit meiner dampfenden Tasse orientalisch duftendem Tee auf einem violetten Sofa, als endlich Armin erscheint.

„Kerl, Kerl, Kerl, Hirni! Das ist ja ein Ding.“ Wir nehmen uns kurz herzlich in den Arm und er drückt mich fest. „Jetzt erzähl mal, was passiert ist.“

Armin hat sein Rockerimage der Narcotic Mushrooms längst hinter sich gelassen, trägt eine Halbglatze sowie Anzüge mit Weste und stellt das optische Gegenteil von Ella Kunterbunt dar. Er arbeitet als Patentanwalt in einer Zwanzig-Personen-Kanzlei. In der Hierarchie dort steht er recht präzise an Stelle zwanzig. Verglichen mit mir hat er aber richtig Karriere gemacht und wahrscheinlich ahnen weder Kollegen noch Mandanten, in welche Orientkulisse er allabendlich steigt.

Während ich ihm erzähle, was passiert ist, spüre ich, wie mir immer heißer wird. Schweiß bildet sich auf meiner Stirn und Armins Gesicht verschwimmt zusehends. Fühlt sich so ein kommender Nervenzusammenbruch an? Ein Burn-out-Inferno? Brauche ich nach einem einzigen Arbeitstag bereits meinen ersten Urlaub oder gar einen Kuraufenthalt?

Das Letzte, was ich höre, ist Ellas Stimme, die fragt: „Was hat er denn?“ Dann macht jemand das Licht aus und ich schlafe ein.

Als ich von einer grellen Taschenlampe geweckt werde, blicke ich in ein finsteres Gesicht mit stoppeligem Bart und stechendem Blick. Da ich mir Petrus oder gar den lieben Gott definitiv anders vorstelle, bin ich, wie es aussieht, in einem Prince-of-Persia-Computerspiel erwacht.

„Challo, könne Si mischören?“, fragt der orientalische Mann und leuchtet abwechselnd mal in das linke und dann in das rechte Auge.

Ich nicke zaghaft und versuche mit Rollbewegungen meiner Augäpfel dem grellen Licht auszuweichen.

„Isch bi Dotor Akadschai“, stellt sich der Mann vor. Hinter ihm kommt Ellas Kopf in mein Blickfeld.

„Hirni, bist du okay? Wir haben den Notarzt gerufen. Du warst fast zehn Minuten weg.“

„Wo war ich denn?“, frage ich kraftlos und matt.

Ellas Blick verklärt sich und es gelingt ihr, mit einem Anflug rühriger Glückstrunkenheit allen Ernstes zu sagen „im Nirvana, Hirni“, ehe Armin sie beiseite zieht und ihr den ersten Vogel ihrer Beziehung zeigt.

Mit gebrochener Stimme antworte ich: „Und dafür ruft ihr einen Arzt aus Persien? Wie originell.“

Mein offenkundig persischer Arzt findet mich nicht besonders witzig und ignoriert mein Gelaber. Offenbar hat er schon blödere Sprüche von Erwachenden gehört. Ella huscht wieder in mein Blickfeld und wirkt total aufgeregt, jedoch lässt sich nicht eindeutig zuordnen, ob aus Sorge um mich oder aus Begeisterung über den finster dreinblickenden Medizinmann, den sie intuitiv über ihren asiatisch-orientalischen Kamm schert.

„Wi chet es Inen?“, fragt er und leuchtet mir erneut erbarmungslos in die Augen.

„Ich bin in Ordnung. Wenn nur dieser helle Schein nicht wäre …“

Dann verdrehe ich die Augen und schließe sie wieder. Panik unter den Anwesenden kommt auf. Mein Arzt ruft: „Bringe ihn hie chaus. Isch rufe in dea Nottaufnamme an.“

Schlagartig reiße ich die Augen wieder auf. „War nur ein Witz, schon gut. Emergency Room.“

Ella fällt fast alles aus dem Gesicht und diesmal zeigt mein Doktor einen Vogel, allerdings mir. Ich richte mich auf. „Es ist wirklich alles in Ordnung“, beruhige ich.

Ein Sanitäter riecht an der Kanne mit Tee. „Was ist denn das?“

„Jasmin Wildkirsche“, erklärt Ella. „Meine eigene Mischung.“ Der Stolz in ihrer Stimme ist offenkundig. Sie blickt den Arzt an, als erwarte sie einen nach oben gereckten Daumen.

„Das riecht wie Weihnachten.“

„Ich habe noch ein wenig Zimt reingemacht. Und Nelken und Kardamom und etwas Koriander.“

„Aber wie Weihnachten in der Hölle“, stellt der Sanitäter befremdet fest.

„Und einen Hauch Cayenne.“ Ella blickt, als habe sie leise Zweifel an der Werthaltigkeit ihrer Teemischung.

„Pfeffer?“, fragt mein Doktor irritiert.

„Für die Schärfe.“

Mir wird bei der Aufzählung der Zutaten klar, dass Ella mir eine Art Hardcore-Glühwein ohne Wein gereicht hat. In Kombination mit der Hitze und der benebelnden Wirkung des Raumduftes hat mich das zweifelsohne umgehauen.

„Und nach was stinkt es hier so penetrant?“, fragt der Sanitäter, dessen ehrliche Art etwas Erfrischendes hat und so kaum in die Szenerie passt.

„Meditationsstäbchen. So Räucherstäbchen“, erklärt Armin, dem die Sache tendenziell peinlich zu sein scheint.

„Auch meine eigene Mischung“, sagt Ella trotzig. „Patchouli und Panchavati.“

Verblüffend, denke ich. Es riecht tatsächlich exakt so, wie es klingt.

Der Sanitäter rollt mit den Augen und mein Doktor deutet mit der Hand auf mich: „Chat er etwa nur meditiert?“

Nun wird mir die Sache allmählich zu blöd. „Nein, habe ich nicht!“, sage ich laut und richte mich auf. „Es geht mir blendend und ich hätte gerne ein Wasser oder besser ein Bier.“ Mein Blick fällt auf die Kanne Tee. „Aber bitte, Ella, nicht noch mal diesen Orienttee. Der ist außerdem scharf wie Chili!“

Mein Arzt blickt mir mit tiefschwarzen Augen ins Gesicht. „Sinne Si sischa?“

Ich nicke so glaubwürdig, wie ich kann.

Er schüttelt mir die Hand und verschwindet mitsamt dem Sanitäter im Treppenhaus, wo sein fliegender Teppich sicher bereits auf ihn wartet.

„Hirni?“, fragt Ella schließlich, „bist du mir böse?“

Ich schüttele den Kopf. „Quatsch.“

„War wohl etwas zu viel Pfeffer“, gibt sie zähneknirschend zu. „Habe gerade mal einen Schluck probiert. Ging gar nicht.“

„Wie viel habe ich denn getrunken?“

„Einen ganzen Becher.“

Armin lacht. „Oha, der Morgen danach. Ella, wo genau war die Penatencreme noch mal?“ Witzbold! Er haut mir auf die Schulter. „Bier haben wir zwar keines im Haus, aber Lust auf eine kleine Runde durch die Kneipen?“

„Perfekt“, murmele ich.

„Geht nur. Da könnt ihr mal in Ruhe reden.“

Ich drücke Ella und verlasse mit Armin das Haus.

In der Kohlenpinte spendiert mir Armin ein kühles Pils, das aber bereits in der Hitze meines Halses verdampft, bevor es meinen Magen erreicht. Ich revanchiere mich mit der nächsten Runde und kann erst mein zweites Bier richtig genießen.

Nach und nach lockert sich meine Zunge und ich erzähle Armin mit viel Liebe zum Detail von meinem ersten Tag im Job.

„Sensationell“, schlägt er mir auf die Schulter, „dass das so schnell ging. Bist ja doch keine Graupe und gehaltsmäßig hast du uns bald alle im Sack, was?“

Ich schäme mich ein wenig dafür, ihm im Hinblick auf meinen Praktikantenstatus nur die halbe Wahrheit erzählt zu haben. Da ich jedoch überzeugt bin, die Firma von hinten aufzurollen und schon in wenigen Wochen weit oben in der Hierarchie zu stehen, halte ich mein Vorgehen für vertretbar. Etwas genauer berichte ich ihm von Kathrin und offeriere ihm beim dritten Bier meinen Plan, mich in ihr Team einzuschleusen, sobald ich mir mit diesem Restaurantquatsch die Sporen verdient habe.

„Konzentrier dich doch erst mal bloß auf den Job“, gibt er mir skeptisch zu bedenken, „anstatt gleich diese Tussi im Kopf zu haben.“

„Du hast gut Reden“, protestiere ich, „du hast ja eine Frau. Aber ich bin voll auf Entzug!“

Ein Typ am Nebentisch dreht sich zu mir um und grinst. Ich grinse zurück. Danach grinse ich auch die Leute an den anderen Tischen an. Ich fühle mich herrlich beschwingt und bin voller Tatendrang. Dass mein Vorhaben kein Selbstläufer werden könnte, kommt mir nicht ansatzweise in den Sinn.

„Weißte was“, schlage ich vor, „wir machen richtig einen drauf. Ich lad dich ein!“

Wenn Armin auch etwas besorgt wirkt, so willigt er dennoch ein. Im Gegensatz zu mir merkt er offenbar sehr wohl, dass meine drei Bier eindeutige Rauschwirkung zeigen, nach einem so aufregenden Tag und wenig im Magen außer einem Teecocktail, der auch das Aussterben der Dinosaurier hätte verursacht haben können.

Am Geldautomaten, der mich mit dem wirtschaftlichen Rüstzeug ausstatten soll, um den Abend zu gestalten, gelingt es mir erst im dritten und letzten Anlauf, mein Geburtsjahr als PIN einzutippen. Meinen Plan, zweihundert Euro abzuheben, lehnt der Automat kategorisch ab und schlägt mir als Alternative die Hälfte vor. Ich ärgere mich einen Moment über die Knauserigkeit der Maschine, gehe dann jedoch diplomatisch auf das Angebot ein.

Wir betreten das Jekyll n’ Hyde, eine angesagte Mischung aus Klub, Cocktailbar und Diskothek, in der das Motto ‚sehen und gesehen werden‘ gilt. Eine bunte Mischung cooler Menschen verteilt sich bereits auf die diversen Bars. Zwar ist die Tanzfläche in der Regel gut besucht, jedoch nicht im Moment, da der DJ sein Publikum mit einer aufgepoppten Variante eines Udo-Jürgens-Schlagers in die Flucht getrieben hat. Ein einzelnes Paar tut dort etwas, das es selbst als Tanzen empfinden muss, und zeigt eine mutige Mischung aus Freestyle-Funky-Monkey und biederem Discofox. Während sie ihre Bewegungen hoch konzentriert mit todernster Miene abruft und den Takt der Musik immer recht präzise um genau einen halben Takt verschleppt, geht er voll aus sich heraus. Ein Polohemd der Marke Lacoste steckt in einer hellen Bundfaltenhose und umschmeichelt einen Körper, dem das Hüftgold lacht. Seine Grimassen deute ich als Ausdruck grenzenloser Leidenschaft. Als der DJ die Musik brutal abbricht und Lady Gaga spielt, verlassen die beiden enttäuscht das Parkett.

Armin und ich steuern zielstrebig auf die Bar zu. Mit zwei Caipirinhas bewaffnet, stellen wir uns in die Nähe der inzwischen wieder ordentlich gefüllten Tanzfläche und beobachten eine Reihe herausgeputzter Tussen, die ihre tanzmuffeligen Kerle aufs Parkett zerren.

Der Rohrzucker meines Cocktails knirscht herrlich zwischen meinen Zähnen und ich schlürfe mit dem Strohhalm die Reste des Alkohols zwischen den Eisstückchen hervor. Im Gegensatz zu Armin, der nicht mal ein Viertel seines Cocktails getrunken hat und mich erneut skeptisch mustert, überlege ich bereits, womit ich meinen Gaumen als Nächstes verwöhnen kann. Also begebe ich mich erneut zur Bar und kehre kurze Zeit später mit einem unaussprechlichen blauen Getränk in der Hand zurück, das intensiv nach Schlumpf riecht, aber fürchterlich nach Anis schmeckt und nicht wirklich mein Ding ist. Es sieht aber unsagbar cool aus und nach meinem Jasmin-Wildkirsche-Trip kann meine Geschmacksnerven nicht mehr viel schocken.

Der Laden füllt sich zusehends und eine Gruppe von Neuankömmlingen macht es sich im eleganten, offenbar extra reservierten Loungebereich bequem.

Ich atme meinen blauen Anisbecher weg und neutralisiere den Geschmack in meinem Mund mit zwei Gläsern Bier und einem Cocktail, den zu bestellen sich als problematisch erweist, da der Barkeeper mich erst im vierten Anlauf versteht. Ich empfehle ihm eine professionelle Ohrspülung und wundere mich, dass Armin mich ernsthaft fragt, ob wir nicht gehen wollen. Nachdem ich ihm eine hochnotpeinliche Szene gemacht und ihn als Spaßbremse beschimpft habe, suche ich mein Glück auf der Tanzfläche, wo ich mich ungeniert der Musik hingebe. Die meisten Frauen weichen mir instinktiv aus und mir wird nach einem kurzen Moment der Entrüstung erst allmählich klar, dass dies eine nicht nur typische, sondern vollkommen natürliche und nachvollziehbare weibliche Reaktion ist. Wenn ein männliches Alphatier die traditionelle Balz bestreitet, muss das grundsätzlich paarungswillige Weibchen erst einmal weichen, um wenigstens einen Hauch keuschen Anstands vorzutäuschen. Ihre Begleiter, die potenziell unterlegenen Rivalen, wirken heute eher genervt und schieben sich immer wieder zwischen mich und meine unzähligen Tanzpartnerinnen – eine Spielart der Balz, die lästig ist.

Das grundsätzliche Problem von Alkohol liegt darin, dass sich die allgemeine Wahrnehmung stark zugunsten eines allzu schmeichelhaften Selbstbilds verlagert. Wie auch immer man sich fühlt, es bedeutet nicht, dass die Allgemeinheit diese Selbsteinschätzung teilt.

Diese Tanzfläche fühlt sich an wie etwas, das man gerne ,sein Wohnzimmer‘ nennt. Was für Boris Becker der No. 1 Court in Wimbledon war, ist für mich heute Abend dieses Etablissement. Alles fühlt sich seltsam vertraut an, wenngleich ich mir sicher bin, mich nie zuvor auf dieser Tanzfläche zum Affen gemacht zu haben. Ich bin mir dessen deshalb so sicher, weil ich eigentlich nie tanze und auch immer davon überzeugt war, nicht mal ansatzweise tanzen zu können. Imke jedenfalls vertrat diesen Standpunkt vehement. Heute fühle ich mich jedoch wie John Travolta und mache Bewegungen, von denen mir Armin später allerdings erzählen wird, dass sie eher ausgesehen haben wie die von Audrey Landers in ,A Chorus Line‘. Cool jedenfalls ist anders. Nicht nur mein Terrain erscheint mir seltsam vertraut, auch die genervten Leute um mich herum tun es. Irgendwo scheine ich einen Teil dieser Menschen schon einmal gesehen zu haben, nur weiß ich spontan nicht, wo. Während ich in jenem kleinen Teil meines Hirns, der mir den Zugriff noch nicht gänzlich verweigert, nach einer Erklärung suche, beginne ich Madonnas ,Like a Prayer‘ mit einer touretteartigen Samba zu interpretieren – unkonventionell kombiniert mit Schrittfolgen aus afrikanischen Fruchtbarkeitsritualen und Elementen von Limbo ohne Stange.

Urplötzlich schlägt mir jemand mit aller Wucht gegen den Hinterkopf und drückt meinen ganzen Körper flach gegen die Wand. Empört, aber auch mit Erstaunen, stelle ich fest, dass ausnahmslos alle anderen nun jeglicher Schwerkraft trotzen und sich wundersam leichtfüßig die Wand hinaufbewegen, beziehungsweise darauf umhertanzen. Faszinierend. Dann steht plötzlich Armin vor mir und fragt mit unangemessen panischem Blick, ob alles in Ordnung sei und weist mich an, ruhig liegen zu bleiben. Ich lasse meinen Blick umherwandern und muss meine Einschätzung der Situation revidieren. Ich stehe nicht an der Wand, sondern liege auf dem Boden. Dann wird es zum zweiten Mal an diesem Tag um mich herum dunkel und dumpfe, wohltuende Stille umfängt mich. Als ich nach gefühlt nicht mal fünf Sekunden die Augen wieder öffne, kniet Ellas persischer Arzt vor mir und mustert mich mit der Erfahrung aus tausendundeins Nächten als Vertrauensarzt im Harem des Prinzen von Persepolis.

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9783942672290
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