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K. Krista
LOST AND FOUND
Tagebuch einer Prostituierten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHSZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREISSIG
EINUNDDREISSIG
ZWEIUNDDREISSIG
DREIUNDDREISSIG
VIERUNDDREISSIG
FÜNFUNDDREISSIG
SECHSUNDDREISSIG
SIEBENUNDDREISSIG
ACHTUNDDREISSIG
NEUNUNDDREISSIG
VIERZIG
EINUNDVIERZIG
ZWEIUNDVIERZIG
DREIUNDVIERZIG
VIERUNDVIERZIG
FÜNFUNDVIERZIG
SECHSUNDVIERZIG
EPILOG
Impressum neobooks
EINS
LOST AND FOUND
Tagebuch einer Prostituieren
Ein Roman
von
K. Krista
Leben ist das, was passiert,
während du fleißig dabei bist,
andere Pläne zu schmieden.
John Lennon
***
Die Zufälle des Lebens
verändern
nicht selten die Richtung.
Fred Ammon
>>Ich glaube es nicht, willst du mir zum Geburtstag eine Flugreise schenken?<<
Silvia hat mich vor einer Stunde zu Hause abgeholt und macht seit dem ein fürchterliches Geheimnis aus ihrem Geburtstagsgeschenk für mich. Sie verfrachtete mich in ihr Auto und fuhr mit mir nach München. Meine vielen Fragen, auf dem langen Weg dorthin, lies sie unbeantwortet und vertröstete mich mit einem Lächeln und der lapidaren Aussage.
>>Lass dich überraschen.<<
Nachdem wir den Wagen auf einem Kurzzeitparkplatz des Flughafens abgestellt haben, schleift sie mich gefühlt, quer durch das gesamte Gelände, bis wir endlich vor einer großen, breiten Flügeltüre halt machen. Ein davor aufgestelltes Schild weist darauf hin, dass hier Fundsachen deponiert werden.
Meinen überraschten und fragenden Blick beantwortet Silvia, indem sie mich, wortlos durch die Türe schiebt, um dann ihre Arme theatralisch auszubreiten und laut lachend zu verkünden.
>>Such dir was aus!<<
Ich sehe vor mir, rechts und links, egal wohin mein Blick fällt, nichts als Koffer.
Das stimmt nicht ganz, als ich mich langsam auf den Weg zwischen die Regale, in welchen die Koffer aufgereiht stehen, mache, fallen mir weitere Gegenstände auf. Da stehen Surfbretter, Angeln, Tragetaschen für Hunde, oder Katzen, aber hauptsächlich Koffer, soweit das Auge reicht Koffer.
Was wollen wir hier?
Ich habe keinen blassen Schimmer, was Silvia mit ihrem Ausruf, ich solle mir etwas aussuchen, meinen könnte.
>>Hier wird einmal im Quartal alles versteigert, was am Flughafen liegen bleibt, beziehungsweise nicht abgeholt wird<<, klärt Silvia mich begeistert auf, als ob dies das Normalste der Welt wäre.
Davon hatte ich noch nie etwas gehört.
>>Und ich soll mir nun einen Koffer aussuchen<<, frage ich verwirrt nach.
>>Ich weiß doch gar nicht was der enthält.<<
>>Aber genau das ist doch der Spaß an der Sache<<, lacht Silvia aufgeregt.
>>Und was kostet das?<<
Ich kann die Begeisterung meiner Freundin immer noch nicht nachvollziehen.
>>Das muss dich nicht interessieren, das ist mein Geburtstagsgeschenk für dich.<<
Silvia ist ganz aus dem Häuschen.
Ihre Augen leuchten vor Freude und Aufregung, die langsam auch mich ansteckt, obwohl mir ein Gutschein, angesichts der Vielzahl von Koffern und deren Inhalte, der mich eigentlich überhaupt nicht interessiert, vollkommen gereicht hätte.
So schlendern wir durch unzählige Gänge, während Silvia mir mitteilt, dass sie in jedem Quartal hier her kommt und sich mindestens einen Koffer ersteigert.
>>Sieh dir zum Beispiel diesen Koffer hier an, diese Nummer musst du dir unbedingt notieren. Da man nicht wissen kann was drin ist<<, klärt sie mich weiter auf, >>fährt man am besten, wenn man sich den Koffer ganz genau betrachtet. Dieser hier gehörte mit Sicherheit einer Frau und wie du sehen kannst ist er sehr ausgefallen und aufwendig verarbeitet, der war nicht billig<<, fügt sie mit Kennerblick hinzu.
Ich muss gestehen, dass ich von Koffern überhaupt keine Ahnung habe. Hat mich auch nie interessiert. Für mich muss das Teil stabil sein, eine ausreichende Größe aufweisen und sollte möglichst mehr als einen Flug überstehen.
Ich vertraue deshalb bei der Auswahl der Koffer auf Silvias Urteil und als wir uns nach etwa einer halben Stunde auf die, vor einer Bühne aufgestellten Stühle setzen, habe ich mir drei Nummern verschiedener Koffer notiert.
Die Versteigerung beginnt und langsam fängt die Sache an, auch mir Spaß zu machen.
Die Begeisterung der Menschen um mich herum wirkt ansteckend und als dann endlich eine meiner notierten Nummern aufgerufen wird, ertappe ich mich dabei, wie ich freudig erregt mitbiete. Als der letzte Bieter dann aber auf über 100 Euro geht, steige ich aus. Silvia will mich zwar überreden weiterzumachen, aber mir erscheint der Betrag zu hoch. Ich habe ja noch zwei weitere Nummern.
Bis diese jedoch aufgerufen werden, hat Silvia bereits zwei Koffer im Wert von fast 200 Euro ersteigert. Ich bin sprachlos, so kenne ich meine Freundin gar nicht, auch wusste ich bis zum heutigen Tage nichts von dieser Leidenschaft.
Still lächle ich in mich hinein, als endlich eine weitere meiner Nummern zum Gebot aufgerufen wird und diesmal habe ich Glück, außer mir bietet nur noch eine andere Frau auf den Koffer und bei 80 Euro erhalte ich den Zuschlag. Wiedererwarten freue ich mich wie ein kleines Kind und will schon zur Ausgabe loslaufen, als Silvia mich daran hindert und unbedingt noch auf den letzten Koffer warten möchte.
Als die letzte meiner Nummern aufgerufen wird und ich mich weigere diesen zu ersteigern, ich habe mein Geburtstagsgeschenk bereits, bietet Silvia fleißig weiter und bekommt bei 95 Euro den Zuschlag.
Kopfschüttelnd folge ich ihr zur Ausgabe.
>>Was willst du mit drei Koffern?<<
>>Mir geht es Hauptsächlich um den Spaß beim Bieten<<, erwidert sie lächelnd.
>>Meist ist nicht viel Brauchbares drin<<, gibt sie offen zu.
>>Die Koffer und den Inhalt verkaufe ich auf dem Flohmarkt, zugegeben<<, grinst Silvia mich verschmitzt an, >>meist mit etwas Verlust. Doch das ist mir egal. Das ist mir der Spaß wert.<<
Silvia ist im Vorstand einer großen, namhaften Bank und die knapp 400 Euro, mein Geschenk eingerechnet, tun ihr nicht weh, aber für mich ist das gleichbedeutend mit - Geld zum Fenster raus werfen. Ich denke, sie hätte mir eine größere Freude gemacht, hätte sie in meinem Namen das Geld gespendet.
Da sich meine Freundin jedoch so sehr über ihre Überraschung für mich freut, behalte ich meine Bedenken für mich. Es ist ihr Geld, sie kann damit machen was sie möchte und irgendwie war es ja tatsächlich ein sehr ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk.
***
Als wir endlich wieder zurück in Augsburg sind und mit den insgesamt vier Koffern in Silvias Wohnzimmer sitzen, verkneife ich es mir, angesichts der Freunde und den Spaß den meine Freundin hat, weiterhin, ihr zu sagen, dass sie mir mit einem Gutschein eine größere Freude bereitet hätte.
Ich bedanke mich deshalb für die gelungene Überraschung und sehe ihr zu, wie sie aufgeregt an dem ersten Koffer hantiert und es nach langem hin und her, endlich schafft diesen zu öffnen. Als sie die letzte Schnalle öffnet, springt der prall gefüllte Koffer auf und uns purzeln unzählige Kuscheltiere entgegen. Das Teil ist randvoll mit Spielzeug aus Taiwan oder China, so genau ist das nicht festzustellen, da keinerlei Hinweise auf die Herkunft zu finden sind. Silvia krümmt sich vor Lachen und bewirft mich mit den Stofftieren. Ihr Lachen wirkt ansteckend und zu meiner eigenen Überraschung bin auch ich gespannt, was der nächste Koffer wohl enthält.
>>Warum hast du diesen denn ersteigert<<, frage ich verwundert nach.
>>Ich dachte du suchst die Koffer nach Exklusivität aus, den hier würde ich eher auf dem Sperrmüll vermuten, dass der überhaupt einen Flug überstanden hat, ist schon erstaunlich.<< Vor mir steht ein riesiges, braunes, völlig speckiges und abgegriffenes Ungetüm. Fehlen nur noch die, mit Klebeband geflickten Stellen. Dieses Exemplar hat seine besten Zeiten längst hinter sich. Ich habe selten so einen hässlichen Koffer gesehen, wie diesen.
>>Manchmal muss man auch Mut zum Risiko haben<<, beantwortet Silvia zwinkernd meine Frage. >>Mal sehen was er für Überraschungen bereit hält.<<
>>Mach es nicht so spannend<<, fordere ich Silvia auf und stelle fest, dass sie mich angesteckt hat mit ihrer Neugier und freudig erregten Erwartung.
>>Mich laust der Affe<<, entfährt es mir ungläubig, als ich den Inhalt des alten, völlig ramponierten Koffers inspiziere.
Das Teil ist randvoll mit Elektrogeräten. Mehrere Smartphone, ein Laptop, ein Tablet und teuer aussehende Rasierapparate liegen, fein säuberlich, stoßsicher verpackt, in dem Koffer.
>>Volltreffer<<, jubelt Silvia.
>>So viel Glück hat man nur alle paar Jahre einmal. Du bringst mir Glück, das nächste Mal kommst du wieder mit<<, bestimmt sie lächelnd.
>>Ich hab doch gar nichts gemacht<<, entgegne ich.
Ganz sicher werde ich dies nicht wiederholen, füge ich still hinzu.
>>Ob die wohl alle legal sind? Schau mal nach, sind das namhafte Firmen oder Plagiate<<, fordere ich meine Freundin gespannt auf.
>>Völlig wurscht, die verkauf ich sowieso auf dem Flohmarkt. Sicher ist sicher.<<
Entgegnet Silvia lachend.
>>Kaum zu glauben, dass du in einer Bank arbeitest<<, werfe ich zweifelnd ein.
>>Was glaubst du wohl, wo die größten Verbrecher heut zu Tage zu finden sind<<, erwidert Silvia hintergründig lächelnd. >>Im maßgeschneiderten Anzug<<, beantwortet sie sich ihre rhetorische Frage gleich selbst.
Ihr dritter und letzter Koffer enthält nur Kleidungsstücke einer Frau mit wenig Geschmack. Außer einer wirklich sehenswerten Auswahl an Schuhen, sind die Klamotten nicht einmal auf dem Flohmarkt zu verkaufen.
Jetzt ist mein Koffer dran.
Silvia drängt mich ihn endlich zu öffnen.
Zugegeben, jetzt bin ich auch aufgeregt und brauche deshalb etwas länger, die Schnallen des Koffers zu öffnen.
Bei meinem Exemplar handelt es sich um einen ausgesprochen schönen, in edlem braun gehaltenen, sehr stabilen Koffer. Ich habe mich strickt an Silvias Vorgabe gehalten und mir einen exklusiven und deshalb vermeintlich teuren Koffer ausgesucht. Die Seitenwände sind mit Stoff bezogen, die Ecken und Kanten mit Leder verstärkt. Zusätzlich zum üblichen Verschluss in der Mitte, befinden sich auch noch an jeder Seite zwei Lederriemen, welchen den Koffer zusätzlich verschließen.
Endlich schaffe ich es diese zu öffnen und klappe ihn erwartungsvoll auf.
Neben zwei Paar verdammt hochhackigen Schuhen, enthält der Koffer mehrere exklusive Kleider. Eine große Schmuckschatulle die aber lediglich einem wunderschönen, breiten, vermutlich echt goldenen Ring enthält, ähnlich einem Ehering. Den restlichen Schmuck, hat die Frau wohl getragen. Bei der weiteren Durchsicht kommen etliche Dessous und eine Unmenge von Kondomen zum Vorschein. Das müssen sicherlich mehr als 20 Stück sein, wer reist denn mit so vielen Kondomen durch die Gegend?
>>Der Koffer gehörte sicher einer Nutte, schau doch mal nach ob du auch Sexspielzeug findest.<< Ruft Silvia begeistert.
>>Na sag mal, so kenne ich dich ja gar nicht.<< Wehre ich gespielt entrüstet ab.
>>Muss ja nicht gerade eine Nutte sein, vielleicht mag sie nur diese Marke<<, erkläre ich grinsend. Sehe aber sicherheitshalber nach, ob ich noch mehr Dinge finde, die auf die Identität der Besitzerin des Koffers hinweisen könnten.
ZWEI
Endlich zu Hause, was für ein Tag.
Eigentlich hatte ich vor meinen Geburtstag ganz gemütlich zu verbringen und dann steht Silvia schon kurz nach dem Frühstück auf der Matte und entführt mich nach München zur Kofferversteigerung.
Was es nicht alles gibt.
Ich habe noch nie von einer solchen Veranstaltung gehört.
Gut Fahrradversteigerungen, das kenne ich, aber Koffer? Ohne vorher auch nur entfernt zu ahnen, was sie überhaupt enthalten. Aber ich muss zugeben, irgendwie hat es auch Spaß gemacht. Sicher ich würde dafür kein Geld ausgeben, aber wer´s mag.
Mein ersteigerter Koffer ist jedoch sein Geld wert.
Ich bin ja kein Experte auf dem Gebiet, aber das es sich bei dem Stück, um ein außergewöhnlich schönes und teures handelt ist klar. Die Innenseiten sind mit einem sehr eleganten Seidenstoff ausgeschlagen und haben mehrere Fächer mit Reißverschlüssen, wie mir erst jetzt, bei gründlicher Betrachtung, auffällt. Alles sehr aufwendig und edel verarbeitet. Ich befühle den angenehm seidigen Stoff und registriere überrascht, dass sich in einem der Fächer etwas befindet. Neugierig öffne ich den Reißverschluss und entnehme ihm eine sehr schön gestaltete Kladde. Ich schlage sie auf und gleich auf der ersten Seite steht in einer sauberen, gut lesbaren Schrift.
Mein Tagebuch
Wow, das ist ja spannend.
Eigentlich wollte ich zeitig zu Bett gehen, da ich mich morgen früh auf eine kleine Wanderung begeben möchte. Ich habe mir ein paar Tage frei genommen und habe vor, an dem schönen Flüsschen Wertach, Richtung Landsberg, einfach los zulaufen.
Mal sehen, wie weit ich in vier Tagen komme.
Gespannt nehme das Tagebuch mit ins Bett und stelle beim Durchblättern fest, dass es Einträge aus knapp drei Jahren enthält. Meine Neugierde ist geweckt und ich kann nicht umhin, sofort mit dem ersten Eintrag zu beginnen.
Sonntag
06.Jan.1980
Mein liebes Tagebuch,
heute möchte ich dir gerne erzählen, warum ich Prostituierte wurde und nicht, wie als kleines Mädchen erträumt – Tierpflegerin, oder Tierärztin.
Gleich vorweg, um Träume muss man kämpfen, die fallen einem nicht so einfach beim Nichtstun in den Schoß.
Ja, du hast mich durchschaut, ich habe mich fürs Nichtstun entschieden.
Wie und warum entscheidet man sich dafür zur Hure, Prostituiert, Nutte zu werden?
Gute Frage, schwierige Antwort.
So genau erinnere ich mich gar nicht mehr.
Bin da einfach so hineingeschlittert, na ja, das ist ein bisschen zu einfach gedacht.
Wenn ich zurückblicke, begann alles mit der Trennung von meinem Freund. Wie in vielen anderen Beziehungen auch, war nach einigen Jahren des Zusammenlebens irgendwann die Luft raus und er tat mir den Gefallen fremd zu gehen.
Frauen spüren so etwas!
Wenn sie es nicht spüren, oder ehrlicher ausgedrückt, sich nicht dazu äußern, also keine Konsequenzen ziehen, dann, weil sie sich dazu entschlossen haben, es nicht zu sehen, aus welchen Gründen auch immer, oft sind finanzielle Aspekte, oder Abhängigkeitsverhältnisse, dafür verantwortlich.
Für mich war das ein Glücksfall, denn mal ganz ehrlich, welcher Mann gibt sich mit dem Trennungsgrund – Wir haben uns auseinander gelebt - zufrieden?
Ich habe in meinem Leben keinen kennen gelernt.
Männer brauchen nachvollziehbare, einfache Gründe für eine Trennung. Fremdgehen, oder sich gleich einem neuen Mann zuwenden, das sind Aussagen mit denen Männer etwas anfangen können. Dass man sich nichts mehr zu sagen hat, nur noch nebeneinander her lebt, ist für einen Mann kein ausreichender Grund für eine Trennung.
Das war also meine Ausgangssituation.
Vom Freund getrennt, die Firma in der ich arbeite hat Konkurs angemeldet und wird gerade abgewickelt. Mir steht die ganze Welt offen.
Nun hätte vielleicht die eine oder andere Frau im Hinblick auf eine drohende Arbeitslosigkeit ihr Geld gespart. Doch ich machte mir keine Gedanken darüber, wie es beruflich weiter gehen sollte, steckte mir die gesparten 1500 DM ein, setzte mich ins Auto und fuhr los.
Mein Traumziel – Italien.
Vielleicht sollte ich noch kurz erwähnen, dass ich nach der Trennung von meinem Freund, wieder bei meiner Mutter eingezogen bin, mir somit, über Wohnung und Miete keine Gedanken machen musste.
Eigentlich wollte ich ja nicht allein in den Urlaub fahren, aber keine meiner Bekannten oder Freundinnen wollten allein – also nur zwei Frauen allein – in den Urlaub nach Italien fahren. Ende der 70iger, Anfang der 80iger Jahre, ist es nicht üblich, als Frau allein in den Urlaub zu verreisen. Außer vielleicht in einen Cluburlaub, die Hotelanlagen nicht verlassend, wohl behütet durch die Veranstalter, wenn überhaupt, dann nur in Gruppen unterwegs.
Richtig lächerlich wird es eigentlich erst, wenn man weiß, dass ich an den Gardasee und nicht etwa in den Irak wollte, aber gut, dann eben allein, ich freute mich und genoss bereits die Fahrt nach Italien in vollen Zügen.
Am Gardasee angekommen lief zunächst alles super.
Da es erst Anfang Juni war, gab es keine Probleme ein Hotelzimmer zu finden. Eine günstige Unterkunft war schnell gefunden, da ich vorhatte, ein paar Wochen hier zu bleiben, schied eine Luxusunterkunft schon mal aus. Ich wollte solange hier bleiben, bis mir das Geld ausgeht. Die Arbeitsstelle war futsch, ich musste auf niemanden Rücksicht nehmen und in Deutschland wartete nichts und Niemand auf mich.
Ich sah einer wunderbaren Zeit entgegen.
Bereits am zweiten Tag lernte ich zwei Italiener, die hier am Gardasee leben kennen, den Inhaber und den Teilhaber eines ortsansässigen Motorboothandels.
Nun muss ich kurz erwähnen, dass ich kein Kind von Traurigkeit bin, soll heißen, ich bin, was das Sexuelle angeht sehr freizügig und habe viel Spaß dabei.
Die Jungs waren ganz nach meinem Geschmack und so dauerte es nicht lange und wir vertrieben uns die Zeit mit Motorboot fahren auf dem Gardasee, sowie mit diversen gegenseitigen sexuellen Gefälligkeiten, vorsichtig ausgedrückt.
Ich weiß ja, wie prüde du bist, mein liebes Tagebuch, deshalb versuche ich mich vorsichtig und gewählt auszudrücken.
Die Typen hatten richtig viel Kohle und hielten mich aus, allerdings beschränkte sich das „Aushalten“ bis dahin, rein aufs Essen gehen.
Was sich jedoch sehr bald ändern sollte.
Ich kann nicht unerwähnt lassen, dass Beide verheiratet waren und sich deshalb unsere Aktivitäten lediglich auf die Zeit von morgens bis in den Spätnachmittag beschränkten. Die Abende verbrachte ich allein in diversen Bars oder Diskotheken.
So kam es dann leider auch, dass ich eines Abends – stark angetrunken – meine Handtasche in einer dieser Lokalitäten verloren hatte, oder sie wurde mir gestohlen, ich kann das bis heute nicht nachvollziehen.
Nun wäre allein die Tatsache einer verlorenen gegangen Tasche schon ärgerlich genug gewesen, da ich aber meinem Hotelzimmer, bzw. dem Personal nicht traute und Mangels eines Tresors, meine gesamte Barschaft mit mir herumtrug, war diese auch weg. Ich war von jetzt auf gleich, nicht nur ohne Papiere, sondern auch ohne einen Pfennig Geld unterwegs.
Was tun?
Ob ich wollte oder nicht, ich musste wenigsten das Geld für eine Tankfüllung auftreiben, damit ich wieder nach Hause komme. Das Hotelzimmer hatte ich Gott sei Dank für die ganze Woche im Voraus bezahlt.
Ich sprach also meine beiden Liebhaber an und erzählte ihnen von meinem Missgeschick. Sie lachten mich zunächst nur aus, nicht weil ich meine Tasche verloren hatte, sondern weil sie dachten ich belüge sie und wollte nur an ihr Geld.
Lange Rede kurzer Sinn, ich konnte sie davon überzeugen, dass ich tatsächlich so blöd war, mir die Tasche mit all meinen Habseligkeiten klauen zu lassen, bzw. sie verloren hatte.
Zu meiner großen Überraschung fragten mich die Beiden, ob ich noch länger hier bleiben möchte.
Natürlich wollte ich das.
Nichts wollte ich weniger, als bereits nach knapp einer Woche wieder bei meinen Freunden auf der Matte stehen und ihnen erzählen zu müssen, warum ich so schnell wieder aus dem Urlaub zurück bin. Damit hätte ich all den Bedenken, die diese zu meiner Reise hatten, Recht gegeben. Diese Peinlichkeit wollte ich mir wirklich ersparen.
Die Beiden quartierten mich in ein anderes Hotel ein, bezahlten die Vollpension und gaben mir auch ein paar Lira Trinkgeld. Nicht so viel, dass ich hätte große Sprünge machen können, aber ein oder zwei Getränke an einer Bar waren drin.
Zu allem Übel gab auch noch mein Auto den Geist auf, die Lichtmaschine war hinüber und ich musste damit in die Werkstatt. Einerseits froh darüber, dass die Beiden dies für mich übernahmen und natürlich auch bezahlten, andererseits aber auch langsam genervt, als sie mir mitteilten, dass die Reparatur wohl ein bis zwei Wochen dauern könnte.
Inzwischen war es mir mit den Beiden schon langsam langweilig geworden, es ist schon etwas anderes, wenn man aus Spaß mit jemandem die Zeit verbringt, als wenn es zur Pflicht wird, bzw. man abhängig ist.
Sicher die Jungs waren immer noch süß und ich war ihnen auch dankbar, aber mein Plan war, das lächerliche Taschengeld ein paar Tage zu sparen, die Reparatur abzuwarten und dann einfach in den Wagen zu springen und nach Deutschland abzuhauen.
Schon deshalb, weil einer der beiden Männer immer seltsamer wurde.
Ich kann mich leider nicht mehr sicher an seinen Namen erinnern, ich glaube, er hieß Mario, sein Auftreten wurde immer dominanter, er wollte mir vorschreiben, wie ich meinen Tag zu verbringen habe, mit wem, oder mit wem ich nicht verkehren durfte und viele Einschränkungen mehr.
Kurz gesagt, er machte mir langsam Angst.
Eines Nachmittags, meine beiden „Gönner“ waren geschäftlich unterwegs, saß ich an der Standpromenade in einem Lokal und schlürfte gelangweilt einen Kaffee, als sich ein älterer Herr an meinen Tisch setzte. Nicht ohne, vorher höflich und in ausgezeichnetem Deutsch nachzufragen, ob dies gestattet sei.
Er hieß Stelio und war mir sofort sympathisch.
Wir kamen sehr schnell ins Gespräch.
Er informierte mich darüber, dass ich ihm bereits seit längerer Zeit aufgefallen wäre und warnte mich davor, mich näher auf meine beiden Begleiter einzulassen.
Daraufhin erzählte ich ihm, wie nah ich mich bereits eingelassen hätte und nun nur noch auf eine Gelegenheit warte, die Biege zu machen, mir aber das nötige Kleingeld und momentan auch noch das Fahrzeug dazu fehlte, da es immer noch in der Reparatur war.
Stelio lud mich zum Essen ein und ich erzählte ihm im Laufe des Nachmittags was ich seit meiner Ankunft, hier am Gardasee, erlebt hatte. Noch bevor ich von ihm wusste, dass er vor seiner Rente als Polizist gearbeitet hatte, fasste ich Vertrauen zu ihm und war sehr dankbar, als er sich anbot, mir zu helfen.
Bedauernd erklärte er mir, dass er nur über eine kleine Rente verfüge, er mir deshalb nicht finanziell unter die Arme greifen könne, wenn ich jedoch keine Problem damit hätte, mit Männern gegen Bezahlung zu schlafen, könnte er einiges für mich arrangieren.
Sofort läuten alle Alarmglocken in mir, hatte ich es hier mit einem Zuhälter zu tun?
Doch bei genauer Betrachtung – was hatte ich zu verlieren und irgendwie musste ich an Kohle kommen, wollte ich irgendwann hier weg. Ich habe Spaß am Sex, also setzte ich alles auf eine Karte und konfrontierte ihn deshalb damit, dass ich nur unter zwei Einschränkungen dazu bereit wäre.
Punkt eins, ich behalte das verdiente Geld komplett für mich.
Punkt zwei, ich gehe nur mit Männern ins Bett, die mir gefallen.
Er erklärte mir schnell, dass ich ihn völlig falsch verstanden hätte.
Erstens möchte er von diesem Geld nichts haben und zweitens könnte ich mir die Männer selbstverständlich aussuchen. Er eröffnete mir, dass er hier am Gardasee unzählige Geschäftsmänner, darunter auch Ärzte kenne, die ich mir vorher ansehen könnte und erst dann, wenn sie mir gefallen und ich mit ihnen schlafen möchte, das Geschäft zu Stande kommt.
Ich sollte noch erwähnen, dass ich wirklich sehr auf den südländischen Typ Mann stehe. Ich liebe ihren Umgang mit Frauen, die Art und Weise wie sie Frauen hofieren, turnt mich richtig an. Die Aussicht darauf, mit gut aussehenden Männern, guten Sex, in tollem Ambiente haben zu können, lockte mich mehr, als das Geld.
Es folgten ein paar wunderbare Wochen.
Stelio hielt Wort und führte mir, ohne finanzielle Hintergedanken, viele gutaussehende Geschäftsmänner zu, mit denen ich neben einem super Verdienst auch noch richtig Spaß hatte. Ich verdiente locker zwischen zwei – bis dreitausend DM im Monat, für mein Alter völlig ausreichend, um mir das sorglose Leben zu finanzieren, welches ich immer erträumt hatte.
Nicht, dass du, mein liebes Tagebuch jetzt denkst, ich hätte für dieses Geld viel getan, ganz im Gegenteil. Ich suchte mir wöchentlich ein oder auch mal zwei Männer aus, die dann umgerechnet zwischen 400 und 500 DM bezahlten und den Rest der Zeit machte ich Urlaub, genoss mein Leben und lernte immer mehr Einheimische kennen.
Wodurch es dann leider immer wieder zu Streitigkeiten mit Stelio kam, denn entweder gibt es am Gardasee nur Verbrecher, oder ich hatte einfach ein Händchen dafür, mir die falschen Leute auszusuchen.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich Lucio Galli kennen lernte.
Nein mein liebes Tagebuch, diesen Namen habe ich nicht erfunden, der Typ hieß wirklich so.
Stelio schäumte vor Wut, als er davon erfuhr.
Lucio stünde der Mafia nahe, tobte er und wollte mir verbieten, mich mit ihm zu treffen. Dabei war der Typ einfach nur scharf und als er mich auf eine Party bei ihm einlud, konnte und vor allem wollte ich nicht absagen.
Dass es sich dabei um eine Sex Party handelte, hätte er zugegeben, vorher erwähnen können, aber was soll`s, nun war ich schon mal da. Es gab Koks in rauen Mengen, die anwesenden Männer und auch die Frauen waren einfach nur erste Sahne.
Später erfuhr ich dann, dass die Frauen Prostituierte aus Verona waren.
Die Party war eine Wucht, Stelio tobte.
Ich dachte schon, dass er mich nicht mehr sehen möchte, mit der Zeit beruhigte er sich aber wieder und ich blieb weiterhin am Gardasee. Ohne Stelio hätte ich keine Verdienstmöglichkeit mehr gehabt, ich hätte nach Hause fahren müssen.
Vielleicht war Stelio auch deshalb so sauer, weil indirekt er es war, über den ich Lucio kennen lernte, denn er war es, der mich mit Antonella, der Schwester von Lucio bekannt gemacht hatte, nicht ohne Hintergedanken, wie ich sehr schnell feststellen sollte.
Antonella war lesbisch und wie mir schnell klar wurde, sehr von mir angetan.
Kein Kind von Traurigkeit, war ich auch nicht abgeneigt, mit dieser zugegeben, ausgesprochen rassigen Italienerin etwas anzufangen.
Nicht rot werden, mein liebes Tagebuch, ich sagte schon, dass ich sexuell sehr freizügig und experimentierfreudig bin.
Unsere gegenseitige Zuneigung, von meiner Seite aus, reines sexuelles Interesse, blieb auch Stelio nicht lange verborgen und er bat mich, bzw. uns, bei unserem Liebesspiel zusehen zu dürfen. Kurz überrascht von dieser Bitte, erfüllte ich ihm den Wunsch jedoch, als er mir eröffnete, dass er impotent sei und es bereits Jahre her wäre, dass er bei einer Frau gelegen habe.
Außerdem war ich ihm, meiner Meinung nach, auch einfach etwas schuldig.
Nicht zu Letzt hatte ich ihm mein sorgenfreies und ehrlich schönes Leben hier am Gardasee zu verdanken. Nicht nur, dass er mir eine fast unerschöpfliche Geldquelle eröffnet hatte, er zeigte mir in den Monaten, in denen ich am Gardasee war, ganz Norditalien. Wir verbrachten sehr viel Zeit zusammen, so fuhren wir oft nach Venedig, die Stadt, in der er Sprachen studiert hatte. Deshalb sprach er so ein ausgezeichnetes, fast akzentfreies Deutsch. Er zeigte mir die Stadt, wie sie wohl kein Tourist je zu sehen bekommt. Meine Begeisterung für die Stadt hielt sich allerdings in Grenzen, von der schönen Kulisse und den geradezu lächerlich vielen Kirchen mal abgesehen, haben wir immer wieder Tage erwischt, an denen die Kanäle wie Kloaken gestunken haben. Oder ich bin einfach nur ein Kulturbanause, wie auch immer, Venedig war für mich keine Reise wert.
Wir verbrachten viel Zeit in Padua auf der Pferderennbahn, wovon ich sehr fasziniert war, obwohl ich nur sehr wenig Geld für Wetten einsetzte. Allein das Ambiente gefiel mir sehr. Ich bin kein Spieler, deshalb erlag ich der Faszination dieser Location nicht, begleitete Stelio aber immer gern, da er mich für seinen Glücksbringer hielt.
Er gewann immer wenn ich anwesend war.
Ferner unternahmen wir Touren in die nahe gelegenen Berge, oder machten einen Abstecher nach Verona, wo wir ausgezeichnete Speiselokale besuchten, oder einfach unter dem Balkon der Julia standen und uns über die Touristen amüsierten, die völlig hingerissen von dieser Kulisse waren.
Wie ich damals erfahren konnte, ist es tatsächlich so, dass auch impotente Männer einen Orgasmus bekommen können, es kommt nur keine Flüssigkeit heraus und es dauert sehr lange. Stelio sah Antonia und mir zu, wie wir uns liebten und onanierte dabei. Er war sehr glücklich und ich fand es schön, ihm eine Freude machen zu können.
Antonella verliebte sich leider in mich und wurde sehr anhänglich.
Mir hat der Sex mit ihr sehr viel Spaß gemacht, aber ich bin keine Lesbe, mir fehlte nach einiger Zeit das Maskuline und so war ich sehr froh, dass Stelio, wegen des Treffens mit ihrem Bruder Lucio, so sauer auf mich war und mir den Kontakt mit Antonella verbot. Eine Klasse Ausrede um aus der Beziehung auszusteigen.
Ziemlich feige im Nachhinein betrachtet, aber so war es einfacher und Antonella hielt sich, zu meiner Überraschung auch strickt an das Kontaktverbot.
***
Die Wochen vergingen wie im Fluge, inzwischen war es bereits Mitte August und der Gardasee wurde überschwemmt von Touristen. Unzählige Frauen darunter, die sich ihre Liebesdienste nicht bezahlen ließen.
Meine Einnahmequelle schwand dahin.
Es wurde immer schwieriger für Stelio, geeignete Partner für mich zu finden. Nach wie vor, war ich doch ziemlich wählerisch, was die Auswahl meiner Sexualpartner betraf.
Langsam keimte in mir der Gedanke auf, wieder nach Deutschland zurück zu kehren, wenigstens für die nächsten Wochen, solange der Touristenansturm anhält, als Stelio mir den Vorschlag unterbreitet, einem deutschen Hotelier, der jedes Wochenende hier in seinem Ferienhaus verbringt, Gesellschaft zu leisten.
Rückblickend war das die nächste Stufe auf meiner „Karriereleiter“ zur Prostituierten.
Beginnend damit, nur mit Männern meiner Wahl ins Bett zu gehen. Vorwiegend charmante, attraktive Geschäftsmänner, stehe ich nun vor der Entscheidung, meine Zeit und meinen jungen Körper, einem wenig ansehnlichen Herrn zu überlassen.
Gustl war sein Name, ein Hotelier aus Heidelberg, der erst vor kurzem seine Frau verloren hatte und mit einem Freund, jedes Wochenende am Gardasee verbrachte.
Wenn dir, mein liebes Tagebuch, der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß ein Begriff ist und du dir diesen in Blond vorstellen könntest, dann hast du einen ungefähren Eindruck von seinem Aussehen.
Zunächst weigerte ich mich entschieden, diesen Mann auch nur kennen zu lernen, Stelio bat mich jedoch eindringlich, mich wenigsten einmal auf ein Essen mit ihm zu treffen und rückblickend darauf, was er alles für mich getan hat, willigte ich dann doch widerstrebend ein.
Gustl war dann auch, abgesehen von seinem wenig ansprechendem Äußeren, ein vollkommener Gentleman und überraschend angenehmer Gesprächspartner. Zeit mit ihm zu verbringen, erschien mir auf einmal nicht mehr als ein so großes Opfer, obwohl ich anfangs die Bezahlung immer noch für viel zu gering hielt. Da ich mit meinem potenziellen Sexpartnern nie über Geld sprach, regelte dies Stelio für mich. Ausgemacht waren 500 DM für einen Tag Gesellschaft mit Übernachtung.
Viel zu wenig meines Erachtens, aber gut, ich wollte mir die Sache ansehen.
Wahrscheinlich wollte ich dies Leben auch einfach noch nicht loslassen und lies mich deshalb darauf ein. Wieder zurück nach Deutschland zu fahren, war noch keine Option.
Überraschenderweise wurden die Wochenenden mit Gustl zu meinen Highlights am Gardasee. Nicht nur, weil er über das schnellste und teuerste Rennboot auf dem gesamten See verfügte. Er holte mich morgens an einem beliebigen Bootssteg ab und die Leute reckten die Hälse um einen Blick auf das Boot zu erhaschen. Ich war Stolz wie Oskar und genoss die bewundernden Blicke, der Leute, die mich dabei beobachteten, wie ich über den Steg stolzierte und das Boot bestieg.
Gustl war auch ein äußerst liebevoller, intelligenter und charmanter Mann. Er hatte Stil, war weltoffen und stellte seinen Reichtum, den er ohne Zweifel hatte, niemals zur Schau.
Wir verbrachten wunderbare Tage auf dem Wasser, nur unterbrochen von sündhaft teureren Besuchen in seinem Lieblingsrestaurants.
Die Nächte waren ausgesprochen stressfrei, Gustl war ebenfalls impotent.
Er begnügte sich damit, meine Füße in hohen Schuhen zu bewundern, sozusagen ein Fußfetischist, was ich damals jedoch noch nicht wusste, mich zu streicheln und was tatsächlich auch vorkam, mich oral zu befriedigen.
Im Nachhinein leicht verdientes Geld, zugegeben nicht mehr so viel wie zu Beginn, aber für mich völlig ausreichend, da ich über Stelios Beziehungen, ein sehr günstiges Hotel bezogen hatte und von den früheren Aktivitäten noch genug Geld übrig war.
An eine Rückkehr nach Deutschland war nicht zu denken.
Dachte ich.
Leider hatte ich die Rechnung ohne Stelios, unkontrollierte Wutanfälle, gemacht.
Mir war in den letzten Wochen immer wieder aufgefallen, dass Stelio ein ausgesprochener Choleriker war. Es kam vor, dass er von jetzt auf gleich, wegen einem nichtigen Anlass, einen solchen Wutanfall bekam, dass er kaum wiederzuerkennen war und es kam wie es kommen musste.
Eines Tages meldete sich Gustl bei mir und erklärte, dass er zwar dieses Wochenende wieder am Gardasee wäre, er sich jedoch nicht mit mir treffen könne, da er Bekannte dabei hätte, die so kurz nach dem Tod seiner Frau nichts von mir wissen dürften.
Ich verstand das sehr gut und hatte damit kein Problem, anders Stelio.
Er schäumte vor Wut - warum auch immer.
Bis heute ist mir nicht klar, warum er so unbedingt darauf bestand, dass ich mir das nicht gefallen lassen dürfte. Ich sollte an der Anlegestelle seines Bootes auf Gustl warten und mich nicht abspeisen lassen.
Als ich dies energisch verweigerte, brach zwischen uns ein böser Streit aus, der damit endete, dass ich ins Hotel fuhr, meine Koffer packte, mich mit einem Taxi nach Verona fahren lies und im nächsten Zug, Italien den Rücken kehrte.
Ich habe Stelio nie wieder gesehen.
DREI
Ich musste mich gestern Abend geradezu zwingen, das Buch zur Seite zu legen, so aufregend und spannend fand ich die Lektüre.
Niemals käme mir in den Sinn, mich von Männern aushalten zu lassen.
Einerseits stößt die Schreiberin des Tagebuchs mich ab, andererseits fasziniert sie mich. Diese Sorglosigkeit mit der diese Frau durchs Leben geht ringt mir Respekt ab, allerdings steigt in mir der Verdacht auf, dass dies kein gutes Ende nehmen kann.
Mit einer solchen Lebenseinstellung ist die Katastrophe doch vorprogrammiert.
Wäre meine gesamte Barschaft geklaut worden, oder hätte ich sie verloren, hätte mein erster Weg mich zur Polizei, oder in das nächste deutsche Konsulat geführt, um an Papiere und noch wichtiger, wieder nach Hause zu kommen. Niemals wäre ich auf das Angebot dieser Männer eingegangen, wie lange hat sie diese gekannt?
Zwei oder drei Tage?
Ich schwanke zwischen Bewunderung und fassungslosem Kopfschütteln.
Ihre lockere und offene Art, mit Sex umzugehen und ihre sexuelle Ausrichtung fasziniert mich und stößt mich aber zur selben Zeit ab. Sie spricht mit keinem Wort von Zuneigung oder Liebe. Für sie zählt der Trieb, das Aussehen und eine sexuelle Anziehung reichen ihr völlig aus. Das ist so weit von meiner persönlichen Ansicht über zwischenmenschliche Beziehungen entfernt, dass ich mit offenem und staunendem Mund die jeweiligen Passagen gelesen habe.
Männern schreibt man ja ganz gern mal zu, dass sie Sex auch ohne Liebe praktizieren, doch bei einer Frau hätte ich ein solches Verhalten niemals für möglich gehalten.
Im Grunde kann ich kaum erwarten weiterzulesen, möchte jedoch mein Vorhaben nicht aufgeben und so packe ich nach einem kleinen Frühstück, meinen Rucksack für die Wanderung, auf die ich mich seit Wochen freue.
Viel nehme ich nicht mit, ein kleiner Rucksack mit etwas Unterwäsche zum Wechseln, zwei T-Shirts und zwei Paar Socken, ein gutes Buch und mein Smartphone. Zahnbürste, Seife, Haarshampoo, das muss reichen.
Ich habe vor, mich einfach treiben zu lassen.
***
Die Wertach fließt auf einer Länge von 13 Kilometern direkt durch Augsburg hindurch. Nach einen tragischen Hochwasser 1999 wurde sie, nach und nach auf ihrer gesamte Länge renaturiert, wie man es so schön nennt.
Ihr Flussbett wurde erheblich verbreitert und die Fließgeschwindigkeit gedrosselt, indem man in großen Abständen Steinbarrieren errichtet hat. Die Wertach ist ein sehr flacher Fluss, der sich sehr gut dafür eignet, mittels durchdachter Natursteinwälle gezähmt zu werden. Läuft man den Fluss entlang, weisen Hinweisschilder darauf hin, dass die TU München für die Eindämmung der Fließgeschwindigkeit verantwortlich ist. Ein Wehr, welches vorher den Fluss gestaut hatte, wurde durch diese gut durchdachte und sich natürlich einfügende Eindämmung, überflüssig und konnte abgerissen werden.
Die Dämme rechts und links des Flusses erhöhte man um einige Meter und beschwerte sie, mit großen Findlingen, ferner wurde dieser Bereich mit Bäumen und Gräsern bepflanzt. So ist ein Naherholungsgebiet von 13 Kilometern Länge, mitten in Augsburg entstanden, welches von Joggern, Hundebesitzern und Naturliebhabern freudig genutzt wird. Da der Fluss nahezu tagtäglich entweder ansteigt, oder abnimmt, legt er in unregelmäßigen Abständen, Kiesbänke frei, die vor allem im Frühjahr, oder im Sommer zum Verweilen einladen.
Da ich heute sehr früh unterwegs bin, begegnen mir auf dem kiesbedeckten Weg nur wenige Menschen. Einige sind mit dem Rad, wahrscheinlich zur Arbeit unterwegs, ich treffe auf zwei Hundebesitzer, die schon früh am Morgen ihrer Tiere „Gassi“ führen und zu guter Letzt sind die unvermeidlichen Jogger unterwegs. Obwohl man heut zu Tage ja nicht mehr Jogger sagt, die Leute gehen heute „Laufen“.
Dieser Sportart konnte ich noch nie etwas abgewinnen.
Ganz fürchterlich finde ich die Personen, die auch noch mit Smartphone und Ohrstöpsel unterwegs sind und sich dadurch komplett von der Umwelt abschotten.
Dabei ist es den größten Teil des Weges einfach nur ein Genuss, dem Rauschen des Flusses, oder dem Gesang der unterschiedlichen Vogelstimmen zu lauschen.
Für mich ist ein Spaziergang an der Wertach fast einer Meditation gleichzusetzen. Wobei ich erwähnen muss, dass ich ein sehr schneller Spaziergänger bin. Dem „Laufen“ kann ich nichts abgewinnen, doch gegen ein schnelles, zügiges Spazieren gehen, ist nichts einzuwenden.
Bis vor knapp einem Jahr war ich sportlich sehr aktiv, verbrachte zwei bis dreimal die Woche, mindestens ein bis zwei Stunden im Fitnessstudio. Nach einem Bandscheibenvorfall und einer Operation habe ich das Laufen, im Sinne von Spazierengehen für mich entdeckt. Da ich im Nachhinein und auch von Ärzten bestätigt, erkennen musste, dass der Bandscheibenvorfall durch eine falsche Haltung beim Sport passiert sein muss, habe ich das Fitnessstudio aufgegeben. Doch was bleibt dann, ohne einen persönlichen Trainer, den ich mir nicht leisten konnte und wollte?
Laufen im Sinne von Joggen, Schwimmen oder Radfahren.
Joggen kam für mich nicht in Frage, Schwimmen schon eher, klappte nach der OP aber leider nicht mehr so richtig. Das leichte Hohlkreuz, welches beim Brustschwimmen entsteht, vertrug sich nicht mit meinem Rücken und auf Rückenschwimmen hatte ich auf Dauer keine Lust. Radfahren wäre wohl machbar, macht mir jedoch keine Freunde. Außer zur Arbeit und dies auch nur aus Zeitersparnis fahre ich kaum mit dem Rad. Alle Wege, die nicht mit dem Faktor Zeit in Verbindung stehen, erledige ich zu Fuß.
Deshalb bin ich, da ich mich nach wie vor sehr gern und viel bewege, beim zügigen Spazierengehen hängen geblieben. Das optimale Training für meine kleine Wanderung.
Die Wertach ist eine geeignete Location dafür.
Je nachdem, wie lange man Laufen möchte, durch die, alle paar Kilometer über den Fluss führenden Brücken, kann man den Spaziergang auf nahezu jede gewünschte Länge ausdehnen. Meine Lieblingsstrecke ist der Weg bis zum Stadtteil Inningen.
Er verläuft circa zwei Stunden in eine Richtung, dann über die Brücke und auf der anderen Seite der Wertach wieder zurück. Ein super Sonntagsspaziergang von vier Stunden. Da man nicht dieselbe Strecke wieder zurück laufen muss ist der Weg sehr abwechslungsreich. Bänke oder große Findlinge, laden auf der gesamten Strecke zum Verweilen ein. Ich genieße es, mich ans Ufer des Flusses zu setzen und dem Plätschern des Wassers, oder den Vogelstimmen zu lauschen. Deshalb gehe ich niemals mit einem Ziel los, für mich ist der Weg das Ziel. Die Entscheidung, wie weit ich laufe, treffe ich grundsätzlich unterwegs und ist oft Stimmungs-, und/oder Wetterabhängig.
Die weiteste Strecke, die ich bis heute gelaufen bin, führte mich an den Bobinger Stausee. Für die einfach Strecke benötigt man drei Stunden, mit Pausen natürlich.
Allerdings führen die letzten 40 Minuten nicht direkt am Fluss vorbei. Dieser Weg wurde bereits vor Jahren gesperrt, da das Ufer, beziehungsweise der Damm nachgibt und einzustürzen droht. Da der Fluss nicht mehr eingeengt, oder gestaut wird, verbreitert er sein Bett Jahr für Jahr ganz natürlich und deshalb wurde der Weg für Spaziergänger mit der Zeit zu gefährlich. Was der Strecke aber keinen Anbruch tut, denn dieses letzte Teilstück führt durch ein Waldstück, welches einen ganz besonderen Reiz und Abwechslung bietet. Nicht zuletzt deshalb, weil man auf diesem Abschnitt kaum noch auf Spaziergänger trifft. Da sich dieser letzte Teil des Weges in einer Zone befindet, die so gut wie überhaupt nicht besiedelt ist, begegnen einem nur noch vereinzelt wenige Radfahrer.
So habe ich mir, auch für heute kein Ziel gesteckt.
Auch auf dieser Wanderung ist der Weg das Ziel.
Ich genieße die noch frische Morgenluft und freue mich auf einen sonnigen Frühlingstag.
***
Kurz vor 12.oo Uhr habe ich die Strecke bis zum Bobinger Stausee geschafft, nicht ohne einige Rauchpausen am Rande des Flusses einzulegen. Es ist so entspannend, dem Rauschen der Wertach zu lauschen, die sich auf der gesamten Strecke immer wieder anders anhört. Je nach Wassertiefe und Fließgeschwindigkeit, hört sie sich manchmal wild und ungestüm an und dann, ganz unvermittelt, plätschert sie weich und sanft vor sich hin. Ich genieße die Stille an diesem Wochentag, an dem nur sehr wenige Menschen unterwegs sind, lausche dem Wasser, und lasse mich von den, im Hintergrund ertönenden Vogelstimmen verzaubern.
Am Stausee mache ich eine länger Pause, breite eine Kälteisolierende Decke aus und mache es mir darauf bequem. Schwäne lassen sich über den See treiben und einige Gänse kommen von der nahen Wertach herüber geflogen. Die Idylle und die Ruhe dieses Ortes nehmen mich gefangen. Die Sonne wärmt bereits und ich strecke mich auf der Decke lang aus und beobachte die wenigen vorüberziehenden Wolken.
Bis hierher ist mir der Weg bekannt, ab jetzt muss ich mir den weiteren Weg entlang der Wertach suchen. Zwei bis drei Stunden möchte ich noch weiterlaufen, dies ist das einzige Ziel, welches ich mir für meine Wanderung gesteckt habe. Fünf bis sechs Stunden am Tag laufen, dann eine Pension oder Hotelzimmer für die Nacht suchen, je nach dem was sich bietet und am nächsten Morgen entscheide ich dann, ob ich weiterlaufe, oder umkehre.
Jetzt bin ich doch tatsächlich kurz eingenickt.
Für Mai strahlt die Sonne bereits ziemlich intensiv und langsam wird es mir zu warm. Ich ziehe meine Jacke aus und verstaue sie, zusammen mit der Decke, in meinem Rucksack und weiter geht’s.
Eine weitere Stunde führt mich mein Weg direkt am Stausee entlang.
Der See ist ca. 20 ha groß und ich hatte mir schon immer einmal vorgenommen, ihn zu umwandern, heute führt mein Weg allerdings nur in eine Richtung und ich wandere an seinem Ende etwas Ziellos durch die Gegend, bis ich zufällig an einem Schild vorbeikomme, welches Radfahrern einen Weg nach Schwabmünchen weißt.
Da dies meiner angestrebten Richtung entspricht laufe ich in diese Richtung weiter und siehe da, nach etwa 100 Metern, finde ich mich auf einem Weg entlang der Wertach wieder. Ich denke doch, dass es die Wertach ist, könnte auch der Fluss Singold sein, da dieser jedoch um einiges reißender und vor allem tiefer ist, gehe ich stark davon aus, immer noch an der Wertach entlang zu wandern.
Hier ist der Fluss noch richtig ursprünglich.
Dieser Teil des Flusses wurde niemals begradigt, hier mäandert das Gewässer still vor sich hin und da weit und breit keine menschlichen Ansiedlungen mehr zu sehen sind, umgibt mich nach einer weiteren halben Stunde eine perfekte Stille. Ich atme mehrmals tief durch und genieße die Luft, die Ruhe und die Wärme der Frühlingssonne in vollen Zügen.
Zügig führt mich mein Weg entlang des Flusses immer weiter weg von jeglicher Zivilisation. Kurz kommt der Gedanke auf, dass ich mich hoffentlich nicht total verirre, doch dann fällt mir ein, dass ich mein Handy zwar wie immer ausgeschaltet habe, doch ich habe es dabei. Sollte ich mich also völlig verlaufen, habe ich Hilfe dabei.
Glücklich lächelnd schweifen meine Gedanken ab und bleiben nach kurzer Zeit an dem Tagebuch hängen, welches ich mit dem Koffer ersteigert habe.
Schon witzig, die Idee meiner Freundin, mir zum Geburtstag eine so ausgefallene Überraschung zu breiten. Erst konnte ich damit ja nichts anfangen und der Inhalt der Koffer haut mich nicht eben vom Hocker, dass sich in meinem jedoch ein Tagebuch befand, welches mir Einblicke in ein mir völlig fremdes Leben bietet, finde ich ausgesprochen spannend.
Habe ich das Buch eingesteckt?
Ich glaube nicht, bedauere ich, hatte mir schon alles für die Wanderung zurecht gelegt, was ich mitnehmen wollte und glaube mich zu erinnern, dass das Buch im Schlafzimmer neben meinem Bett liegt.
Schade eigentlich.
VIER
Inzwischen bin ich in Schwabmünchen angekommen.
Für diese letzte Wegstrecke habe ich ziemlich genau drei Stunden gebraucht, also, Tagesziel erreicht.
Schwabmünchen gehört noch zum Landkreis Augsburg und ist mit ca. 15.000 Einwohnern eine kleine Gemeinde. Auf meiner Suche nach einem Zimmer komme ich am Rathaus vorbei und entdecke daneben zwei weiße, runde Türme durch einen Torbogen in der Mitte verbunden. Ein Ortskundiger klärt mich auf, dass es sich hierbei um die Sehenswürdigkeit „Hexentürmchen“ handelt. Die Türme wurden im 16. Jahrhundert errichtet und führten damals zur bischöflichen Vogtei, die heute allerdings nicht mehr existiert.
Warum sie „Hexentürmchen“ heißen, konnte der Mann mir leider nicht erklären.
In Anbetracht der Tatsache, dass im 16. und auch im 17. Jahrhundert Hexenverbrennungen auch in Deutschland sehr verbreitet waren, nehme ich an, dass dies vielleicht das Tor war, durch welches Hexen zu ihrem Prozess geführt wurden. Eine schreckliche Vorstellung, doch irgendwie müssen diese Türme ja zu ihrem Namen gekommen sein. Ich nehme mir vor, Wikipedia bei Gelegenheit danach zu befragen.
Inzwischen machen sich meine Beine bemerkbar. Noch schmerzen sie nicht, aber sie beginnen langsam über die ungewohnte Beanspruchung zu protestieren, deshalb sehe ich mich um und mein Blick fällt auf eine ansprechende Pension.
Pension Wertachau.
Ein sehr hübsches Haus, viel größer als ich mir meine Unterkunft vorgestellt habe, hoffentlich ist es nicht zu teuer. Da ich jedoch nicht vor habe, weiter durch die Stadt zu laufen und mich einfach nur auf ein schönes Essen, eine Dusche und ein frisches Bett freue, nehme ich mir vor, nahezu jeden Preis zu akzeptieren.
Da ich an einem Wochentag unterwegs bin, klärt mich die Dame an der Rezeption auf, habe ich Glück und sie haben noch Zimmer frei. Für knapp 40 Euro kann ich das Zimmer für eine Nacht mieten. Auf ein Frühstück verzichte ich, da ich sehr früh los möchte und bevor ich nicht mindestens zwei Stunden wach bin, bekomme ich selten ein Frühstück runter.
Nachdem ich die Übernachtung sofort bezahlt habe, die Dame mir den Zimmerschlüssel ausgehändigt und den Weg zum Zimmer gewiesen hat, finde ich dieses auch sehr schnell, werfe meinen Rucksack in die Ecke und lasse mich mit einem lauten Seufzer auf das einladende Bett fallen.
Das Zimmer ist sehr einfach gehalten und wird von einem großen Doppelbett dominiert. Ein Einzelzimmer war nicht mehr zu haben, so erhielt ich, nicht ohne Hinweis, welch Glück ich doch hätte, ein Doppelzimmer zur Einzelnutzung. Der Kleiderschrank ist in die Wand eingelassen und ein kleiner Tisch mit zwei schmalen Sesseln davor, vervollständigen die Einrichtung. Das Bad, beziehungsweise die Dusche und das WC ist sehr klein, aber zweckmäßig und vollkommen ausreichend.
Nach einer langen und ausgiebigen Dusche begebe ich mich erfrischt und bester Laune in den Speisesaal, mein Magen knurrt bereits, da ich seit heute Morgen nichts mehr gegessen habe.
***
Das Essen war einfach köstlich.
Erst überlegte ich kurz, ob ich mich in den, wirklich sehr ansprechenden Biergarten setze, doch da die Sonne langsam im Begriff ist unterzugehen, wird es der Jahreszeit entsprechend, zunehmend kühler und ich habe doch lieber den Gastraum gewählt.
Gesättigt und rundum zufrieden schnappe ich mir meinen Rucksack und will nach meinem Buch greifen, welches ich dachte, eingepackt zu haben. Noch ein paar Seiten lesen und dann früh einschlafen, das ist der Plan.
Zu meiner Überraschung halte ich jedoch nicht den oft gelesenen, aber immer wieder lustigen Terry Pratchett in den Händen, sondern die Kladde.
Das Tagebuch der Prostituierten.
Ich kann mich nicht daran erinnern, es eingesteckt zu haben. Muss es wohl unbewusst am Morgen vom Schlafzimmer in die Küche getragen und beim Packen des Rucksacks verwechselt haben.
Seltsam, aber auch gut, bin sowieso gespannt, wie es weitergeht.
Montag
25.Aug.1980
Gut erkannt liebes Tagebuch,
ich war mit meiner Einleitung noch nicht fertig, aber heute geht es weiter, lehne dich zurück und lausche.
Zurück in Deutschland.
Weiter bei Mutti wohnen und kein Einkommen zu haben, war nach den Monaten in Italien keine Option mehr. Ich hatte das „Dolce Vita“ Italiens nicht nur gerochen, sondern verinnerlicht. Das „süße Nichtstun“, muss man sich selbstverständlich auch leisten können, es war mir ins Blut übergegangen. Ein paar Hunderter waren noch übrig und ich überlegte, wie ich es auch in Deutschland schaffen könnte, mit wenig Arbeit viel Geld zu verdienen.
Kurz zur Erklärung, warum mir finanzielle Unabhängigkeit so wichtig war.
Ich wuchs in eher ärmlichen Verhältnissen auf, für heutige Verhältnisse in sehr ärmlichen. Der Grad der Armut definiert sich heute doch hauptsächlich darin, in welchem Land man lebt. Während ich noch ohne Kinderzimmer und mit Kohleheizung, groß geworden bin, steht heute selbst Sozialhilfeempfängern, eine Dreizimmerwohnung zu, die vom Staat finanziert wird, sobald ein Kind im Haushalt vorhanden ist.
Bitte versteh mich nicht falsch liebes Tagebuch, ich finde es richtig und toll, dass ich in einem Land leben darf, in dem die soziale Absicherung so gut funktioniert.
Ich wollte damit nur aufzeigen, wie sehr sich die Zeiten verändert haben.
Meine Mutter war die Alleinverdienerin, mein Vater Frührentner und mein Schlafplatz war ein Schrankbett im Wohnzimmer. Ich glaube gar nicht, dass es heute noch so etwas zu kaufen gibt. In frühester Jungend formte sich bei mir bereits der Gedanke, später ein besseres Leben zu führen. Mir eine schöne Wohnung mit Zentralheizung und fließend Warmwasser leisten zu können, war der Mindestanspruch.
Was dann auch später dazu führte, keine Lehre zu machen, sondern sofort Geld zu verdienen, obwohl ich, wäre mein Interesse an der Schule größer gewesen, sicherlich einen super Abschluss und eine gute Ausbildung hätte machen können.
O- Ton sämtlicher Lehrer meiner Schulzeit.
So aber begann ich nach einem eher mäßigen Realschulabschluss, meiner Mutter zu liebe, eine Lehre als Schuhverkäuferin. Ein absolut untauglicher Versuch.
Nicht nur, dass dieser Job aber so gar nichts für mich war, landete ich, im Verkauf von orthopädischen Schuhen, eine Horrorvorstellung für ein gerade mal sechzehnjähriges Mädchen.
Nun, lange habe ich das nicht durchgehalten und warf die Ausbildung hin.
Da ich leider noch keine achtzehn Jahre alt war und man in Deutschland bis zu diesem Alter berufsschulpflichtig ist, musste ich ein weiteres Jahr Schule über mich ergehen lassen um die Berufsschulfreiheit zu erlangen.
Dieses Jahr zog ich mit erstklassigen Noten durch, um mir danach sofort eine Arbeitsstelle suchen zu können, was auch geklappt hat. Ich hatte extrem viele Fehlzeiten, da mich diese Schule völlig unterforderte. Die schulischen Anforderungen glichen in etwa jenen einer achten Klasse der Hauptschule und waren mir nicht nur bekannt, sondern auch ohne mich im geringsten anzustrengen zu erreichen. Mein Abschlusszeugnis wies ohne Ausnahme nur Einsen und Zweier auf, gut mit einer lächerlichen Ausnahme.
In Sport hatte ich eine Vier.
Über diese Bewertung amüsiere ich mich heute noch, da ich ein ausgesprochen sportlicher Mensch bin und während meiner gesamten Schulzeit nur Bestnoten in Sport vorweisen konnte. Die schlechte Note war der Tatsache geschuldet, dass ich das zweite Halbjahr zu keiner Sportstunde erschienen war, was dazu führte, dass die Note des ersten Halbjahres, einer Eins, mit der, des zweiten Halbjahres zusammengezählt wurde. Eins plus sechs ergibt sieben, dann wird durch zwei geteilt und aufgerundet.
Vorlas – sportliche Leistung – ausreichend.
Ich kann dich hören, liebes Tagebuch, du verachtest Schulschwänzer.
Lass mich das kurz erklären.
Im ersten Halbjahr schloss sich der Sportunterricht direkt an die anderen Fächer an, im Zweiten war das plötzlich anders. Der Stundenplan änderte sich und die Sportstunde wurde nach hinten verlegt, er fand jetzt nach der großen Mittagspause statt und ich hatte einfach keine Lust, nach der Stunde Mittagspause noch einmal in die Schule zu gehen.
Eine lahme Ausrede, ich weiß, aber so war ich nun mal.
Ich achtete schon früh auf eine ausgeglichene work – live - balance.
Bla, bla, bla, jetzt bin ich völlig vom Thema abgekommen.
Wo war ich?
Ah ja.
Also ich hatte noch ein paar Hunderter übrig und dachte darüber nach, auch in Deutschland meinen Körper zu verkaufen.
Ich hörte mich also um, was nicht so schwer war, da ich in unmittelbarer Nähe eines Lokales aufgewachsen bin, in welchem fast ausschließlich Nutten und Zuhälter verkehrten und mischte mich unter die Leute um mehr über den Job einer Prostituierten zu erfahren.
Überraschenderweise rieten mir sowohl die Nutten, wie auch die Zuhälter weitestgehend von dieser Tätigkeit ab.
Ich wäre nicht der Typ dafür.
Ist ein beschissener Job – frisst auf Dauer deine Seele auf.
Freier sind Arschlöcher und vieles mehr.
Na, rate mal!
Klar konnte mich das nicht abschrecken.
Ich redete mir ein, dass es bei mir ganz anders laufen würde.
Ich freundete mich sehr schnell mit einigen Mädchen und auch mit einem so genannten Zuhälter an, ja ein kleines bisschen verliebte ich mich sogar in ihn.
War auch ein toller Typ.
Die Frauen standen sämtlich auf ihn, hatte den Charme eines „Monaco Franze“.
Sorry – die Serie kennt heute wohl keiner mehr.
Egal, der Mann war toll.
Franz war wohl auch nicht der übliche Zuhälter, wie man sie aus dem Fernseher kennt. Er war charmant, groß, sehr attraktiv, nicht gewalttätig und ging einer geregelten Arbeit nach.
Ist ein Mann bereits dann ein Zuhälter, wenn er mit einer Frau zusammen ist, die auf den Strich geht?
Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten.
Ich lasse also nicht locker und irgendwann hatte ich Franz weich gekocht, er versprach mir, mich in einem Puff unterzubringen. Er klärte mich auf, dass es nicht üblich ist, als Frau allein in Puffs oder ähnlichen Etablissements vorstellig zu werden.
Wie ich sehr schnell feststellen durfte, war es überhaupt eher unüblich, dass eine Frau ohne einen Zuhälter arbeiten möchte.
Als es dann endlich soweit ist, war ich schon sehr nervös.
Es sollte in einen Puff nach Kassel gehen – in den Bienenkorb.
Vorausschickend sollte ich noch erwähnen, dass 1980, ich bin süße 20 Jahre alt, in den Puffs „Falle geschoben“ wird. Das muss man erst einmal lernen, also wird man von einer „Althure“ angelernt.
Kurz zur Erklärung.
Falls du liebes Tagebuch einmal in einen Puff, oder auch „Laufhaus“ genannt, mitgenommen wirst, werden dir Spione in den Türen auffallen. Diese sind dazu gedacht, um nachzuprüfen, ob die Mädchen tatsächlich „Falle schieben“, also die Penisse der Männer nicht einführen.
Du siehst liebes Tagebuch, ich versuche mich gewählt auszudrücken, nicht dass du wieder rot wirst.
Wird ein Mädchen dabei erwischt, dass es keine „Falle schiebt“, fliegt es raus und ihr Zuhälter wird darüber informiert. Tatsächlich wollen die Zuhälter zu dieser Zeit, nichts mit Frauen zu tun haben, welche den Geschlechtsverkehr tatsächlich ausüben, ihn also nicht nur vorzutäuschen.
Na liebes Tagebuch, jetzt hab ich dich überrascht, das hättest du nicht gedacht oder?
Gut, es gibt sicherlich Zuhälter, denen das völlig egal war, aber die schicken dann sicherlich nicht die eigene Frau auf den Strich. Denke das sind dann eher Menschenhändler, die rein nur an den Profit denken, doch solche Männer kenne ich nicht. Die Zuhälter die ich kenne, lassen sich von ihren Frauen ein schönes, faules Leben finanzieren und achten darauf, dass ihr „Mädchen“ nicht zu sehr angefasst wird.
Das ist es also, was man beim „Falle schieben“ tut.
Man täuscht dem Freier vor, dass er in einen eindringt.
Hört sich allerdings leichter an, als es ist.
Ich denke, liebes Tagebuch, dass ich dir die Technik und wie dies überhaupt möglich ist, die Freier so zu hintergehen kurz beschreiben muss, also nicht rot werden, einfach zuhören.
Entgegen der landläufigen Meinung, alle Puffgänger sind abgebrühte Schweine, gut einige sind schon darunter, ist es doch eher so, dass die Herrn sich erst einmal Mut antrinken, bevor sie zu uns kommen. Das Anfassen der Geschlechtsteile einer Hure ist vollkommen untersagt. Wenn er Glück hat, darf er an die Titten, das war es dann aber auch schon.
Die erfolgreichste Strategie einen Freier hinters Licht zu führen, ist Ablenkung.
Diese erreichst du, indem du stöhnst als gäbe es kein Morgen, erzählst ihm wie toll sich sein Penis anfühlt, was für ein herrlicher Liebhaber er ist.
Kurz du ziehst alle Register.
Nicht vergessen, der Freier ist nervöser als du.
Und nun zur Technik.
Ganz wichtig, alle Ringe von den Fingern nehmen und die Hände gut einölen.
Ich schaffe die „Falle“ immer nur wenn ich auf dem Freier sitze, also in Reiterstellung, du musst dem Freier deshalb erst einmal klar machen, dass dies deine Lieblingsstellung ist. Dann fasst du hinter dich an seinen Schwanz und klemmst ihn so geschickt zwischen deine Arschbacken, dass es sich für ihn so anfühlt, als ob er in dir steckt.
Das Öl an den Händen ersetzt dabei die nasse Muschi.
Toller Nebeneffekt – knackiger Po!
„Falle schieben“ ist echt anstrengend und stärkt die Muskulatur des Hinterns enorm.
Oh ja, hätte ich fast vergessen, man muss im Intimbereich völlig glatt rasiert sein, spürt der Freier Haare, ist alle Anstrengung umsonst.
Ich komme also in Kassel an.
Werde in die Kunst des „Falle schieben“ eingewiesen und muss noch am selben Abend ran.
Klar habe ich mir vorher Mut angetrunken und sehr schnell festgestellt, dass ich fürs „Falle schieben“ in Missionarsstellung einfach zu blöd bin.
Keine schöne Erfahrung wie du dir sicher vorstellen kannst.
Der Typ erwischt mich beim „Falle schieben, ist sehr verärgert und will sich beschweren. Aus Angst davor sofort wieder aus dem Puff zu fliegen, gehe ich das Risiko ein, mich tatsächlich von ihm vögeln zu lassen.
Geht auch gut, ich bin nicht aufgeflogen, fühle mich jedoch beschmutzt und missbraucht. Dies hier hat so gar nichts mit Spaß zu tun.
Das habe ich mir wirklich anders vorgestellt.
FÜNF
Wie bereits nach dem ersten Eintrag, fiel es mir auch gestern wieder schwer, die Lektüre wegzulegen. Das Mädchen, oder die Frau, sie ist ja erst 20 Jahre alt, ich habe Schwierigkeiten, sie bereits als erwachsene Frau zu sehen, erweckt mein Mitgefühl.
Sicher, sie hat sich selbst in diese Situation gebracht und ich könnte mir niemals vorstellen, in eine ähnliche Situation zu kommen, schon ihr Trip, ganz allein nach Italien, ist für mich unverständlich und wie man dann so naiv sein kann, zu glauben mit Prostitution „leicht“ Geld zu verdienen, erschließt sich mir nicht. Doch mein Interesse ist geweckt, wenn ich auch nichts, aber auch gar nichts mit dieser Frau gemeinsam habe, so möchte ich doch dringend wissen, wie es mit ihr weitergeht.
Ich sollte vielleicht nicht so schnell urteilen, eventuell tue ich ihr unrecht.
Da mir die Musik der 80iger schon immer sehr gut gefallen hat, habe ich mich mit diesem Jahrzehnt etwas näher beschäftigt. Ich bin zwar Mitte der 80iger geboren, aber mal ganz ehrlich, wer erinnert sich schon an die ersten fünf bis sechs Jahre seines Lebens. Wenn überhaupt, dann erinnert man sich an die Dinge, die unmittelbar in der Familie, oder im Freundeskreis passieren, das Weltgeschehen nimmt man in diesem Alter wirklich noch nicht wahr.
Immer wenn ich mir Berichte über dieses Jahrzehnt ansehe, fällt eines ganz besonders auf, so ziemlich jeder der zwischen 1975 und 1985 ein junger Erwachsener war, hatte damals das unbestimmte Gefühl, er würde seinen dreißigsten Geburtstag nicht erleben.
Es war die Zeit des „Kalten Krieges“.
Den Westmächten, allen voran den Amerikanern, den Franzosen und den Deutschen, stand die damalige Weltmacht Russland gegenüber. In Deutschland waren Atomraketen stationiert und die Grenze zu Russland war gefühlt, im geteilten Berlin.
Unterschwellig war die Bedrohung immer da.
Tausende Soldaten waren in Deutschland stationiert, allein in Augsburg gab es drei Kasernen und amerikanische Soldaten gehörten ebenso zum Stadtbild, wie die Trambahnen, oder die Taxis. Dass in Russland jemals ein Mann, wie Gorbatschow an die Macht kommen könnte, der Ende der 80iger Jahre den Mauerfall ermöglichte, war Anfang des Jahrzehnts unvorstellbar.
Vor diesem Hintergrund ist ein Gedankengang, wie ihn diese Frau wohl hatte, nicht mehr sosehr von der Hand zu weisen. Wenn sie ebenfalls davon ausging, in die kurze Zeit, die ihr vielleicht bleibt, so viel Leben zu packen, wie irgend möglich, dann wird ihr Wunsch nach dem schnellen Geld etwas verständlicher.
Immer noch schwer nachvollziehbar für mich, aber verständlicher.
***
Die Aufzeichnungen fesseln mich so sehr, dass ich beschließe meinen Aufenthalt hier in der Pension um einen Tag zu verlängern und mache es mir im angrenzenden Biergarten bei einem ausgiebigen Frühstück gemütlich.
Montag
01.Sept.1980
Hallo liebes Tagebuch,
inzwischen habe ich gelernt, dass das „Falle schieben“ viel einfacher ist wenn ich oben sitze und dass ich eine ausgezeichnete Schauspielerin – im Hinblick auf die Ablenkung – bin. Was aber leider nicht darüber hinweg täuschen kann, dass ich mir das alles viel einfacher vorgestellt hatte.
Bei den Freiern ist nicht einer dabei, der mir auch nur annähernd sympathisch ist, im Gegenteil, ich finde die Männer durchweg ekelhaft, ja geradezu widerlich.
Einzig der Gedanke an das viele Geld, ich verdiente tatsächlich einen Arsch voll Kohle und die Tatsache, dass ich die Typen ja eigentlich nur verarsche, halten mich bei der Stange und Alkohol natürlich. Auch die Tatsache, dass der Akt an sich immer sehr schnell vorbei ist, lässt es mich aushalten, dass ich meinen Körper verkaufe.
Eines der Mädchen erzählte mir heute, dass ich, wenn ich wirklich schnell viel Geld verdienen möchte, mich nie länger als vier bis acht Wochen in einer Stadt, aufhalten sollte.
Freier wollen „Frischfleisch“, neue Mädchen verdienen immer am besten.
Um Stammfreier zu bekommen, bin ich augenscheinlich nicht freundlich genug.
Ich halte mich jetzt seit einer Woche hier auf und obwohl ich immer wieder Freier sehe, die erst vor ein paar Tagen mit mir auf dem Zimmer waren, kommen sie doch nicht zu mir zurück. Was für mich im Grunde in Ordnung ist, aber doch zeigt, dass ich dem Rat der Frau nachkommen sollte.
Ich bin ungebunden und frei, also was hält mich – auf zu neuen Ufern.
Mittwoch
17.Sept.1980
Hallo liebes Tagebuch,
da bin ich wieder, gerade frisch angekommen in Böblingen, einer Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart. In der Zeitung wurden Frauen für ein Prostituiertenwohnheim gesucht.
Da gibt es nichts zu lachen, der Puff nennt sich tatsächlich so.
Rückblickend hätte ich sofort nach der Erläuterung der Hausordnung wieder gehen sollen.
Ich tat es nicht.
Als ich heute gegen Mittag ankam, wurde mir eröffnet, dass „Falle schieben“ nicht erlaubt sei.
O- Ton – hier wird sauber gearbeitet.
Haben die sie noch alle?
Gut, ich dachte mir, rede du, ich mache was ich für richtig halte.
„Kobern“ war auch verboten.
Ja, liebes Tagebuch, habe es schon kapiert, muss ich kurz erklären.
Im Normalfall ist es so, dass die Freier im „Kontaktraum“, meist ein Raum mit einer Bar, angesprochen und heiß gemacht werden. Man nennt dann einen Ausgangs- oder Anfangspreis, mit dem man den Freier erst einmal aufs Zimmer lockt, hat man ihn dann auf dem Zimmer, ist es meist ein Leichtes mehr Geld, als Anfangs ausgemacht zu bekommen. Man bietet vielleicht an, Dessous zu tragen, oder man schwärmt dem Mann vor, dass man ganz wahnsinnig auf Oralverkehr steht, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, kostet alles natürlich mehr.
Der Typ ist geil, sein Blut steckt im Schwanz, nicht mehr im Hirn.
Hört sich böse an, ist aber so.
Diese Vorgehensweise nennt sich „Kobern“.
Ein absolut gängiger Vorgang, der in jedem Haus praktiziert wird.
Wie sich im Verlauf meiner, zugegeben erst kurzen Tätigkeit herausstellte, bin ich darin ein wahres Genie und hier soll dies nicht gestattet sein?
Geradezu lächerlich.
Nun ist es hier jedoch leider so, dass das gesamte Obergeschoss dieses Hauses, wo sich die Arbeitszimmer befinden, ursprünglich ein einziger großer Raum war, der nur durch Leichtbauwände in mehrere kleinere Räume eingeteilt wurde. Diese Wände reichen nicht bis an die Decke und sind so dünn, dass Gespräche aus den Nebenzimmern, nahezu Wort für Wort mitgehört werden können, sofern man darauf Wert legt.
Ganz richtig liebes Tagebuch, es kommt, wie es kommen muss.
Ich werde erwischt.
Nachdem ich meinen Freier verabschiedet habe, werde ich in den Kontaktraum, geradezu beordert und von zehn aufgebrachten Nutten zur Sau gemacht.
Was denken sich diese Schlampen eigentlich?
Sich hinlegen, die Beine breit machen und sich von jedem Hans und Franz durchficken zu lassen ist nun wirklich keine Kunst und genauso sagte ich ihnen das auch.
Ich spukte Gift und Galle, wie habe ich in diesem Moment diese Frauen verabscheut.
Kurz bevor ich mich, wütend und aufgebracht wie ich war, auf die Meute werfen wollte, mischte sich der Wirtschafter des Ladens ein und brachte mich in Sicherheit. Kurz entschlossen zerrte er mich in sein Büro, drückte mir seinen Hausschlüssel in die Hand, rief ein Taxi und bat mich, bei ihm zu Hause auf ihn zu warten, meine Habseligkeiten würde er mitbringen.
Völlig überrumpelt und noch immer sehr aufgebracht, wurde mir klar, dass er mir wohl soeben zwar nicht gerade mein Leben gerettet hat, aber mir mit seinem Eingreifen, wohl einige Blessuren erspart hatte und ich willigte ein.
Erni, so heißt der Typ, ist sehr amüsiert über meinen Auftritt und bewundert meine Courage, mich gegen mindestens zehn wütende Frauen stellen zu wollen. Außerdem ist er voll und ganz meiner Meinung, Frauen die sich so billig verkaufen und noch nicht einmal versuchen „Falle zu schieben“, hätten auch von ihm keinen Respekt verdient.
Ich bin auf einen Zuhälter der alten Schule getroffen.
Ich hatte es schon in den letzten Tagen in Kassel bemerkt und jetzt bestätigte Erni mir, dass sich die Zeiten gerade verändern und ich mich, wollte ich den Job nicht aufgeben, wohl oder übel damit abfinden muss, mich vögeln zu lassen.
Ich hatte ein ganz schlechtes Timing in Bezug auf meine berufliche Zukunft.
***
Das Mädchen hat wirklich Mut, ich hätte die Beine in die Hand genommen und wäre abgehauen, oder ich hätte mich der Mehrheit gefügt. Prinzipien scheint sie ja zu haben, das ringt mir, zu meiner eigenen Überraschung, schon Respekt ab.
Doch dann nimmt sie einfach die Schlüssel eines ihr völlig fremden Mannes und fährt in dessen Wohnung.
Wirklich unglaublich.
Das würde mir im Traum nicht einfallen. Angst kennt diese Frau wohl gar nicht.
Genauso gut könnte der Typ ein Perverser sein und sie hockt bei ihm in der Wohnung, ihm hilflos ausgeliefert. Ich ärgere mich richtig über so viel Naivität, schlage die Kladde zu und mache erst einmal einen langen Spaziergang.
Die letzten Zeilen haben mich richtig aufgewühlt.
SECHS
Eine Stunde wandere ich ziellos durch Schwabmünchen, bis ich mich wieder beruhigt habe. Eigentlich lächerlich, dass ich mich so sehr über das Verhalten einer Frau aufregen kann, die ich gar nicht kenne, ja der ich niemals im Leben begegnen werde.
Inzwischen kann ich schon über meine Aufregung lachen und schlage nachdem ich zurück und mich wieder im Biergarten niedergelassen habe, die Kladde erneut auf und beginne weiter zu lesen.
>>Entschuldigen sie bitte, ich möchte sie nicht stören, doch vielleicht könnten sie mir behilflich sein. Die Dame an der Rezeption war so freundlich, mich darauf hinzuweisen, dass sie von Augsburg aus, an der Wertach entlang, hierher gewandert sind. Da ich gerne auf eben diesem Wege nach Augsburg wandern möchte, wollte ich sie darum bitten, mir den Weg kurz zu erklären. Mein Akku vom Smartphone ist leer und ich musste feststellen, dass ich mein Ladekabel zu Hause vergessen habe.<<
Lächelnd nimmt der Mann mir gegenüber Platz.
>>Darf ich?<<
Ich kann nur dümmlich nicken.
Der Mann ist extrem attraktiv und die Selbstverständlichkeit, mit der er mich anspricht verunsichert mich sehr. Genauer gesagt, gutaussehende Männer verunsichern mich total. Ich bin nicht schüchtern und im Grunde ein sehr geselliger Mensch, doch Schönheit, egal ob bei Mann oder Frau, lässt mich extrem zurückhaltend werden. Und der Mann mir gegenüber ist schön, wenn man das von einem Mann sagen darf.
Bevor er Platz genommen hat, ist mir schon seine enorme Größe aufgefallen, schätze ihn auf fast einen Meter neunzig. Schlank aber nicht dünn. Er hat ein auffallend markantes Gesicht, ich tippe auf südländische Vorfahren, Griechen oder Spanier. Sein Haar trägt er straff zu einem Zopf gebunden, man erkennt dennoch, dass er fülliges dunkles, fast schwarzes Haar hat. Am auffallendsten sind jedoch seine Augen, die leuchten in einem wundervollen Grün, welches an eine satte Frühlingswiese erinnert. Seine Nase dominiert sein Gesicht, ist aber nicht unattraktiv und volle, edel geformte Lippen runden sein schönes Gesicht ab. Beim Sprechen zeigt er regelmäßige, weiße Zähne.
Solche Männer erwartet man nicht auf einer Wanderung, entlang der Wertach, zu treffen. Ich bin völlig sprachlos und es dauert einen Moment, bis ich mich verlegen räuspernd endlich dazu durchringen kann, ihm zu antworten.
>>Ja, ich bin gestern hier angekommen<<, bringe ich endlich stotternd über die Lippen und könnte mich selbst Ohrfeigen, dass ich so defensiv reagiere. Eigentlich möchte ich mich nicht unterhalten, ich möchte einfach hier sitzen und das Buch weiterlesen.
Am besten ich erkläre ihm kurz den Weg, damit er mich wieder in Ruhe lässt.
>>Darf ich sie auf eine Tasse Kaffee einladen?<<
Zu meiner eigenen Überraschung höre ich mich zustimmen. Räuspere mich erneut und beginne ihm den genauen Weg nach Augsburg zu beschreiben.
>>Bitte halten sie mich nicht für aufdringlich, aber ich konnte heute Morgen nicht umhin, sie beim Lesen zu beobachten. Dies Buch scheint sehr spannend zu sein<<, fragt er freundlich nach, als ich mit meiner Wegbeschreibung zu Ende bin.
>>Hierbei handelt es sich um ein Tagebuch<<, erkläre ich ihm aufgeschlossen und erzähle ihm bei der Gelegenheit auch gleich, wie ich dazu gekommen bin.
Es entwickelt sich ein anregendes Gespräch zwischen uns, da auch er schon Koffer ersteigert hat. Ebenso wie meine Freundin Silvia hat ihn vor Jahren diese Leidenschaft gepackt, die Neugier und nicht zuletzt Überraschung, was der Koffer wohl enthält und ob sich etwas über den Besitzer herausfinden lässt, lassen ihn nicht mehr los.
Zu meiner Überraschung verliert sich meine Zurückhaltung mit jeder Minute, mein Gegenüber gibt sich so natürlich, ist ausgesprochen charmant, klug und witzig. Die Zeit vergeht wie im Fluge und plötzlich bemerke ich, wie sich der Biergarten immer mehr füllt. Essensgerüche dringen in meine Nase und ich stelle fest, dass es bereits Mittag ist und ich sehr gut etwas zu Essen vertragen könnte.
Wir genießen auch das Essen noch zusammen und als Maximilian, wie er sich formvollendet vorstellt, erwähnt, dass er sich nun wieder auf den Weg machen muss, höre ich mich sagen, dass ich gerne mit ihm zurück gehen würde, falls er nichts dagegen hat.
So etwas ist mir noch nie passiert.
Kaum habe ich diese Bitte ausgesprochen, da spüre ich, wie sich eine sanfte Röte über meinem Gesicht ausbreitet. Maximilian lässt sich viel Zeit mit seiner Antwort und mir ist mein spontaner Einfall plötzlich sehr peinlich.
Wie konnte ich nur, das ist gar nicht meine Art.
Beeinflusst mich das Buch?
Ich benehme mich schon wie die Frau in dem Tagebuch, der hätte ich einen solch spontanen Einfall sofort zugetraut.
>>Ich würde mich sehr freuen, wenn du mich begleiten möchtest<<, erklärt Maximilian begeistert, als ich schon denke, heute keine Antwort mehr zu bekommen.
***
Es dauert nur ein paar Minuten, dann ist mein Rucksack gepackt und ich checke aus der Pension aus. Die nette Dame an der Rezeption weißt mich bedauernd darauf hin, dass es jetzt bereits nach 12 Uhr ist und sie mir das Geld für die heutige Übernachtung nicht zurückerstatten kann.
Mir ist das egal, auf die 40 Euro verzichte ich gerne.
Auf dem Weg zurück nach Augsburg unterhalten wir uns über Gott und die Welt.
Ich fühle mich ausgesprochen wohl in Maximilians Gegenwart und selbst, wenn wir eine lange Zeit schweigend nebeneinander her gehen, ist dies ein angenehmes, kein befangenes Schweigen. Wir lauschen Beide den Stimmen der Natur und können uns an vorbeihuschenden Eichhörnchen ebenso erfreuen, wie an einer Entenfamilie, die sich nahe des Ufers durch das Wasser treiben lässt.
Ich wundere mich wirklich über mich selbst.
Heute Morgen noch habe ich mich über die Frau im Tagebuch geärgert und gewundert, wie sie einfach auf das Angebot dieser beiden Männer am Gardasee eingehen konnte und nun laufe ich mit einem, mir wild fremden Mann durch die Gegend. Gut jetzt am Nachmittag begegnen wir wesentlich mehr Menschen, als am Morgen, doch hätte ich es bei Maximilian mit einem Perversen zu tun, hätte er mich einige Male an abgelegenen Stellen in den Wald zerren können.
Dieser Gedanke kommt jedoch nicht ein einziges Mal auf.
So vergeht die Zeit, zu meinem ehrlichen Bedauern wie im Fluge und es betrübt mich fast, als ich ihn zum Bahnhof in Augsburg begleite, dass unsere Zeit schon wieder vorbei ist.
Maximilian kommt aus Kempten im Allgäu und ist vor ein paar Tagen von dort aus Richtung Augsburg losgelaufen. Er hatte somit in etwa die selbe Idee wie ich, nur dass seine Strecke weiter war, als die meine. Sein Ziel war von Anfang an Augsburg und so sitzen wir nun hier am Mac Donald und trinken eine Tasse Kaffee um uns die Wartezeit zu vertreiben, bis sein Zug einfährt.
Maximilian lächelt mich nach einer kurzen Gesprächspause an.
>>Wollen wir unsere Telefonnummern tauschen?
Ich fand die Zeit mit dir sehr angenehm, vielleicht können wir einmal zusammen eine kleine Wanderung unternehmen?<<
Freudig überrascht sage ich zu und notiere meine Nummer.
Und wieder eine Reaktion, die ich von mir nicht kenne.
Mit meiner Telefonnummer bin ich extrem eigen. Wenn überhaupt, dann gebe ich nur meine E-Mail Adresse heraus, jemandem meine Nummer zu geben, den ich nur ein paar Stunde kenne, ist bis heute nicht vorgekommen.
Still lächle ich mich hinein, vielleicht färbt das Tagebuch doch ab.
SIEBEN
Samstag
27.Sept.1980
Hallo liebes Tagebuch,
dass ich bei Erni geblieben bin und eine Beziehung mit ihm angefangen habe, muss ich nicht extra erwähnen, wir kennen uns lange genug und nein, er ist nicht mein Zuhälter.
Wenn du richtig zugehört hast, arbeitet er als Wirtschafter in dem Puff, aus dem ich raus geflogen bin und verdient dort gar nicht schlecht, er ist also nicht auf mein Geld angewiesen und ich habe auch nicht vor, ihm welches zu geben. Im Moment weiß ich nicht recht wohin und Erni dient mir, Ohren zuhalten, als Sprungbrett.
Er hat mich in den letzten Tagen darüber aufgeklärt, dass die Puffs immer weniger werden und sich immer mehr Clubs in den Städten breit machen. Der größte Unterschied zwischen den beiden Etablissement ist, dass in den Clubs richtig gevögelt wird. Soll heißen, wenn du beim „Falle schieben“ erwischt wirst, fliegst du raus und wenn du richtig Pech hast, musst du dem Freier die Kohle wieder geben.
Ist das zu glauben?
Nun, Erni erklärte es mir so, dass die Clubfrauen den Freiern davon erzählten, dass sie in den Puffs beschissen werden, um sie abzuwerben. Daraufhin achten die Freier natürlich darauf, dass ihre Penisse auch wirklich reingesteckt werden. Frauen die im Puff gelernt haben zu arbeiten, verdienen immer weniger, einige wenige, die es sich leisten können, steigen aus und ich fange genau zu dieser Zeit zum „Anschaffen“ an.
Was für ein beschissenes Timing.
Aber gut jetzt ist es nun mal so.
Augen zu und durch.
Samstag
04.Okt.1980
Hallo liebes Tagebuch,
da bin ich wieder.
Erni will mich in einem Club in Mannheim unterbringen.
Ja, du hörst richtig, in einem Club.
Wie ich bereits erwähnte, gibt es immer weniger Puffs in Deutschland, in Stuttgart hatte ich angefragt, aber die sind voll. Laufhäuser, wie man Puffs auch nennt, gibt es fast nur noch in großen Stätten und der nächstliegende wäre das „Drei Farben Haus“ in München gewesen, das ist mir im Moment zu weit. Ich fühle mich bei Erni noch ganz wohl, eine Zeitlang möchte ich schon noch bei ihm bleiben.
Nun ist es so üblich, dass man sich, bevor man in einer Stadt als Prostituierte betätigt, bei der Kripo, Abteilung Sitte, anmelden muss.
In jeder Stadt das Gleiche Prozedere, man meldet sich bei der Kripo und dem Gesundheitsamt an. Im Grunde eine eher lästige, als unangenehme Angelegenheit, da die Beamten der Sitte meist sehr nette Männer sind, anders in Mannheim wie ich heute feststellen durfte. Der Typ wollte mir einfach nicht glauben, dass ich keinen Zuhälter habe. Zu seiner Entschuldigung muss ich hinzufügen, dass es tatsächlich eher unüblich ist, ohne einen Zuhälter zu arbeiten.
Mit allen Mitteln, erst freundlich und mit fortschreitender Zeit immer ungehaltener, versuchte er mich dazu zu bringen, ihm mit zuteilen, für wen ich Anschaffen würde.
Die Krönung war dann, als er mich fragte, wer mich denn nach Mannheim gebracht hätte.
Natürlich war es Erni, was ich ihm allerdings nicht mitteilte, da mir sehr wohl bewusst ist, dass meinem Freund damit – Zuführung zur Prostitution – vorgeworfen werden könnte. Streng genommen könnte nach diesem Gesetzt jeder Taxifahrer, der eine Nutte von ihrer Wohnung zum Arbeitsplatz bringt, dessen beschuldigt werden.
Also antwortete ich dem „netten“ Beamten, dass die Bundesbahn so freundlich war, mich zu befördern. Er lief vor Wut dunkelrot an und verwies mich barsch des Zimmers.
Ich dachte schon er springt über den Tisch und mir direkt an die Kehle. Konnte ich doch genau sehen, dass er es kaum schaffte sich zu beherrschen. Am Ende war ich einfach froh das Revier wieder verlassen zu können.
Nun, der Club hier in Mannheim ist tatsächlich super, die Besitzerin ist gleichzeitig die Wirtschafterin und nachdem ich ihr offen erkläre, dass ich gedenke „Falle zu schieben“, hat sie kein Problem damit, es dürfte sich allerdings kein Freier beschweren, sonst würde ich raus fliegen und „kobern“ wäre sogar erwünscht.
Ich denke, hier kann ich es eine Weile aushalten.
***
Der Prostitutions-Markt wird immer mehr mit Thaifrauen und Russinnen, überschwemmt. Für uns deutsche Mädchen wird es zunehmend schwieriger Geld zu verdienen, da das Neue, das Exotische einen unwiderstehlichen Reiz auf die Männer ausübt. Auch sind die Thais und die Russinnen viel netter, ist zumindest mein Gefühl. Sie führen die Freier nicht vor, ja, sie erzählen ihnen sogar dass sie im Puff nur vorgeführt werden.
Ich habe es selber schon mitbekommen, da ich jedoch nicht schon wieder raus fliegen will, halte ich den Mund. Ich fühle mich hier in Mannheim überraschend wohl und die Freier sind lange nicht so unangenehm, wie die in Kassel, oder gewöhne ich mich langsam an den Job?
Frauen aus dem Puff und den Clubs haben getrennte „Bocktage“, weil sie sich sonst an die Gurgel gehen. Verständlicherweise, wie ich anmerken muss.
Die „Puffnutten“ sind nachvollziehbar nicht sehr begeistert davon, dass die „Clubschlampen“, wie sie „liebevoll“ genannt werden, ihnen das Geschäft versauen und sie sich nach und nach tatsächlich damit abfinden müssen, richtigen Geschlechtsverkehr auszuüben, oder den Job an den Nagel zu hängen.
Von der Warte der Freier aus, sicher eine glückliche Wendung.
Wurden sie doch jahrelang betrogen, aber wurden sie das wirklich?
Sie hatten alle ihren Orgasmus und das war es doch was sie wollten.
Gut, lahme Ausrede.
Aus der Sicht der Prostituierten allerdings……
Versetz dich einmal in die Lage der Huren.
Wenn du an ihrer Stelle wärst, was wäre dir lieber?
Reinstecken oder „Falle schieben“?
Du weißt nicht was ein „Bocktag“ ist?
Mein liebes Tagebuch, ich erkläre es dir gerne.
Als Hure hast du dich in jeder Stadt nicht nur bei der Kripo anzumelden, sondern auch bei dem zuständigen Gesundheitsamt, das weißt du ja inzwischen. Das Amt hält einmal wöchentlich einen Vormittag dafür frei, um alle Nutten der Stadt auf Geschlechtskrankheiten zu untersuchen.
In Mannheim gibt es getrennte Tage für die Frauen aus den Clubs und dem Puff.
Erstaunlich, dass Mannheim überhaupt noch einen Puff hat, das hat mir Erni gar nicht erzählt.
Egal, ich fühle mich hier wohl und solange mich kein Freier erwischt ist alles gut.
Donnerstag
15.Jan.1981
Hallo liebes Tagebuch,
im Grunde hätte ich es hier in Mannheim viel länger ausgehalten, doch als ich heute, nach zwei freien Tagen wieder zurück kam, stand ich vor verschlossener Türe.
Wie ich nach meiner Rückkehr nach Böblingen erfahren habe, hatten andere Clubbesitzer wohl ein Problem mit diesem hier und haben ihn kurzer Hand abgefackelt.
Es wurde gemunkelt, dass einige Zuhälter ein Problem mit einer Frau als Clubbesitzerin hatten. Wenn schon Konkurrenz, dann wenigstens von einem Mann – dummes Machtgehabe, aber so geht es im Milieu manchmal zu.
Diese Branche ist Männer dominiert.
Damit war mein kurzes Gastspiel in Mannheim zu Ende.
Ich musste mir einen neuen Club suchen.
ACHT
Ich versinke immer tiefer in der Lektüre und ertappe mich öfter dabei, dass ich diese Frau sehr gerne kennenlernen würde. Doch wie soll man jemanden finden, dessen Namen man nicht kennt. Ich hoffe sehr, dass dieser bis zum Ende des Buches wenigstens einmal erwähnt wird.
Im Grunde ist dies ja nur eine Spinnerei, denn mal ganz ehrlich. Das Rotlichtmilieu fasziniert, keine Frage, aber möchte man wirklich eine Nutte kennen lernen?
Zu meinem Erstaunen stelle ich fest, dass ich, je mehr ich von ihr lese, um so neugieriger auf sie werde. Allerdings fehlt mir glaube ich der Mut, ihr leibhaftig gegenüber zu treten.
Doch wird mir jetzt klar, dass der einzige Grund, warum ich mit Maximilian zurück nach Augsburg wollte, der ist, dass ich mich auf nichts mehr anderes, als dieses Tagebuch konzentrieren kann. Ich wäre wohl auch dann nicht weiter gewandert, wenn ich diesen Mann nicht getroffen hätte.
Donnerstag
22.Jan.1981
Hallo liebes Tagebuch,
ich bin in einem wahnsinnig exklusiven Laden in Stuttgart-Vaihingen gelandet.
Das Haus gehört einem Bekannten von Erni.
Eine riesige Villa, angeblich vormals von einem Scheich bewohnt, mit Bediensteten Räumen im Keller und einer Küche von solchen Ausmaßen, dass jedes Restaurant neidisch darauf gewesen wäre. Nicht dass ich jemals gesehen hätte, dass sie auch benutzt wird, es gibt nicht einen Tag, an dem das Essen nicht geliefert wird.
Der Eingangsbereich wird von einer fünf Meter breiten Treppe dominiert, welche ins Obergeschoss und unmittelbar in ein mindestens 200 qm großes Wohnzimmer führt, in dem sich mehrere ausladende, lederbezogene Sitzgruppen verteilen. Von der Großzügigkeit des Anwesens ausgehend schätzte ich, dass hier wohl an die zehn Frauen arbeiten könnten – doch weit gefehlt.
Neben der Frau des Inhabers, bin ich die Einzige!
Der Club heißt „Ceasars Palace“ und ist an Exklusivität kaum zu übertreffen.
Auch was das Konzept des Ladens angeht, erwartet mich hier völliges Neuland.
War in Mannheim der Eintrittspreis in den Club 50 DM, so wird hier nur auf hochkarätige Kundschaft gesetzt. Der Eintrittspreis beträgt 300 DM, was schon mal die weniger zahlungskräftige Klientel ausschließt und er beinhaltete lediglich Bier und antialkoholische Getränke. Die Zimmerpreise beginnen ebenfalls mit 300 DM, einzige Ausnahme – tagsüber.
Am Tage wird kein Eintrittspreis verlangt, die Zimmerpreise beginnen ab 200 DM.
Klar, dass sich der übliche 100 DM Freier nicht zu uns verirrt.
Sollten doch mal mehr als zwei Männer gleichzeitig erscheinen, so wird ihnen erklärt, dass die anderen Mädchen gerade beschäftigt sind und/oder wir fertigten zwei Freier auf einmal ab.
Wie das geht?
Gute Frage, auch mich hat das Vorgehen erstaunt.
Ich muss kurz voraus schicken, dass sich diese Vorgehensweise nur auf Freier bezieht, die Tagsüber kommen und nur auf Sex aus sind. Abends werden nur zwei Gäste gleichzeitig hereingelassen. Bei der gut situierten Klientel, die abends zu uns kommt, reicht ein Freier pro Frau und Abend.
Nun, unter der Prämisse, dass die Freier, die tagsüber kommen wenig Zeit und wenig Geld mitbringen, beschäftigen wir uns auch kaum länger als zehn Minuten mit ihnen.
Glaubst du nicht?
Mal ehrlich, wie lange dauert der Akt mit einem Mann wirklich?
Bist du also mit einem Freier beschäftigt und weißt, dass ein Zweiter bereits auf dich wartet, so erfindest du einfach eine Ausrede, warum du genau jetzt, ganz schnell für ein paar Minuten das Zimmer verlassen musst. Oder, wenn das zweite Mädchen nicht beschäftigt ist, klopft sie kurz und holt dich ans Telefon. Der Mann hat bezahlt, er wird dir nicht abhauen, gut, er wird auch nicht wieder kommen, aber das ist auch nicht erwünscht.
Das klappt, mein liebes Tagebuch, wenn es auch schwer zu begreifen ist.
Auch ich hatte anfangs meine Zweifel.
Spannender sind die Gäste am Abend.
Das „Ceasars Palace“ ist für seine Exklusivität natürlich lange bekannt und so verirren sich nur sehr wenig Freier zu uns, die nicht über das nötige Kleingeld verfügen. Diese werden dann freundlich, aber bestimmt an andere Clubs verwiesen.
Gestern hatte ich sogar das Vergnügen mit einem Scheich, der tatsächlich – völlig Klischee – mit einem Koffer voll Geld ankam.
Täglich ein Freier reicht vollkommen.
1000 DM pro Tag sind hier nicht ungewöhnlich, dass ich die Hälfte davon dem Besitzer abgeben muss, schon eher.
Im Grunde stellt ein Gesetz, die Verfahrensweise, die Hälfte des Verdienstes an den Club- oder Puffbesitzer abzugeben, unter Strafe. Dies fällt unter den Paragraphen der Zuhälterei.
Weshalb die Besitzer solcher Etablissements dazu übergegangen sind, eine tägliche Miete zu verlangen, ja manche schließen sogar tatsächlich Mietverträge mit den Mädchen ab.
Die Höhe der Miete richtete sich nach der Exklusivität des Etablissements.
Ich bin deshalb unangenehm überrascht um es mal freundlich auszudrücken, denn Erni hatte dahingehend nichts erwähnt.
***
Das wird ja immer spannender.
Ich bin total begeistert von meiner Lektüre.
Wenn ich mit dem Buch fertig bin, kenne ich mich im Rotlichtmilieu aus wie keine Zweite. Lächelnd bereite ich mir ein Sandwich zu und lege mir schon mal die Speisekarte eines Lieferdienstes bereit.
Obwohl ich sehr gerne koche und Lieferdienste in der Regel ein Gräuel für mich sind, möchte ich heute keine Zeit mit Kochen verlieren. Ich muss unbedingt wissen wie es weitergeht. Das Leben dieser Frau fesselt mich mit jeder Seite mehr.
NEUN
Donnerstag
29.Jan.1981
Hallo mein liebes Tagebuch,
du erlebst mich heute richtig genervt.
Warum? Ich erkläre es dir.
Hat mich schon die Abgabe der Hälfte meines Verdienstes genervt, so stellte ich in den letzten Tagen fest, dass es noch schlimmer kommen sollte.
Erst habe ich gar nicht mitbekomme, was eigentlich vorgeht.
Ich bin so geblendet von dem Luxus der mich umgibt und natürlich von den enormen Einnahmen, die ich wirklich mehr als einfach verdiene.
Gut Freier die so viel Geld ausgeben, lassen sich nicht nur mit Sex abspeisen, da muss man viel Zeit investieren. Die bleiben teils über Stunden, wobei sich 80 % der Zeit auf Gespräche verteilt, Sex ist eher Nebensache. Ganz nach meinem Geschmack, da ich immer froh bin, wenn ich nicht vögeln muss, eigentlich lächerlich, wenn man bedenkt, dass ich eine Hure bin.
Einmal wöchentlich kommt ein Friseur ins Haus, ebenso eine Kosmetikerin und mit einem Masseur kann man Termine machen, so oft man will.
Alles umsonst versteht sich.
Ich sitze hier in einem goldenen Käfig, denn erst sehr langsam wird mir bewusst, dass ich niemals allein nach Draußen gehen darf. Sicher, zunächst hatte ich gar nicht das Bedürfnis danach, ich habe hier alles was ich brauche.
Doch in letzter Zeit kommen mir Zweifel.
Ob ich Klamotten kaufen will, die Beiden sind dabei.
Zum Bock, also auf das Gesundheitsamt – begleitet mich die Frau des Besitzers.
Ich komme mir kontrolliert, beobachtet und eingesperrt vor.
Kein Geld der Welt ist so ein Leben wert.
Als ich mich am Telefon bei Erni darüber beschwere, stelle ich fest, dass ihm das sogar sehr recht ist.
Ist das zu glauben?
Der Typ hält mich für sein Eigentum und lässt mich überwachen.
Da ich noch viele persönliche Sachen bei ihm in Böblingen habe, spiele ich ihm vor, überreagiert zu haben, nehme mir aber vor, bei nächster Gelegenheit die Koffer zu packen und von hier zu verschwinden.
Montag
02.Feb.1981
Liebes Tagebuch,
heute hat es endlich geklappt.
Meine „Gefängniswärter“, der Clubbesitzer und seine Frau müssen einen Termin, wo auch immer wahrnehmen und ich werde für mindestens drei Stunden allein gelassen.
Jetzt oder nie, war der erste und einzige Gedanke, der mich beherrschte, seit die Türe hinter den Beiden zugefallen ist.
Ich habe abgewartet, bis ich ihren Wagen nicht mehr hören konnte und bin dann nach unten geschlichen und tatsächlich, die Türe ist abgeschlossen.
Ich bin so wütend, dass ich die Bude am liebsten demoliert hätte, doch die Zeit drängt. In Windeseile klaube ich meine Klamotten zusammen, stopfe sie in meine Reisetasche, öffne ein Fenster im Erdgeschoss, werfe die Tasche hinaus, springe hinterher und laufe, als ginge es um mein Leben.
Der Club liegt etwas außerhalb vom Stadtteil Vaihingen und so bin ich eine Weile unterwegs, bis ich endlich auf ein Taxi stoße, welches mich zum Bahnhof bringt.
Dort hatte ich dann Glück und bereits kurz nachdem ich mir eine Fahrkarte nach Augsburg besorgt hatte, fährt ein Zug in diese Richtung.
Heim zu Mutti.
Im Grund beschämend für mein Alter, aber da ich die letzten Monate, abgesehen von der Zeit bei Erni, immer in Clubs gelebt hatte, bleibt mir fürs Erste gar nichts anderes übrig.
Ich habe nicht vor, mich jemals wieder bei Erni zu melden und hier sitze ich nun wieder einmal. Im Wohnzimmer bei Mutti und denke darüber nach, wo ich als nächstes arbeiten könnte.
ZEHN
Bevor ich weiterlesen kann, reißt mich das Klingeln des Telefons aus der Lektüre.
>>Mann, wie lange brauchst du denn, bis du ans Telefon kommst<<, mault Silvia mich ungehalten an.
>>Sorry, ich war auf dem Klo<<, erwidere ich und weiß in diesem Moment genau warum ich lüge. Ich möchte nicht, dass Silvia etwas von dem Tagebuch erfährt. Noch nicht, wie ich einschränkend in Gedanken hinzufüge.
Dies soll vorerst mein kleines Geheimnis bleiben.
>>Bist du schon wieder zurück?
Ich dachte du wolltest mindestens vier Tage unterwegs sein.<<
>>Ja, das hatte ich auch vor, aber hinter Schwabmünchen war der Weg entlang der Wertach nicht mehr so schön, wie ich mir das ausgemalt hatte<<, schmücke ich meine Lüge weiter aus. Langsam bekomme ich ein schlechtes Gewissen und wechsle deshalb das Thema.
>>Hast du heute Abend schon was vor?<<
Im Grunde will ich nicht ausgehen, doch ein besserer Themenwechsel fällt mir nicht ein.
>>Nein Monika, deshalb rufe ich an, mir ist stink langweilig. Ich wollte dir schon nach fahren um mich mit dir zu treffen. So ist es aber viel besser. Der Biergarten bei mir um die Ecke hat bereits aufgemacht, wie wäre es, treffen wir uns dort, sagen wir um 18.00 Uhr?<<
Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, ich versuche es mir aber nicht anmerken zu lassen und stimme erfreut zu.
>>Bis dann, ich freu mich.<<
Mit diesen Worten legt Silvia auf und ich sehe verstimmt zur Uhr.
Nur noch eine Stunde, da schaffe ich es gerade noch unter die Dusche.
Wehmütig lege ich das Tagebuch zur Seite.
Bis später mein liebes Tagebuch.
Schmunzelnd stelle ich fest, dass ich die Kladde schon genauso nenne, wie die Verfasserin.
***
Wiedererwarten wird der Abend mit meiner Freundin sehr entspannt und unterhaltsam.
Um wenigstens in etwa bei der Wahrheit zu bleiben, erzähle ich ihr, dass und wie ich Maximilian kennen gelernt habe und auch, dass wir den Rückweg nach Augsburg gemeinsam zurückgelegt haben.
Silvia ist ebenso überrascht von meiner Spontanität, wie ich.
Sie kann es kaum glauben, dass ich mit einem, mir völlig fremden, stundenlang durch die Gegend spaziere. Wir kennen uns schon sehr lange und deshalb weiß sie, dass mir diese Handlungsweise überhaupt nicht ähnlich sieht.
>>Was ist auf dem Weg nach Schwabmünchen mit dir passiert meine Liebe?
Das sieht dir gar nicht ähnlich, der Typ muss ja ne Wucht sein<<, setzt sie verschmitzt lächelnd hinzu.
>>Da muss ich dir zustimmen, gebe ich freimütig zu. Doch Maximilian ist so witzig, charmant und klug dazu, dem hättest du auch nichts abschlagen können.<<
Ich hatte ihr erzählt, dass er mich gefragt hat, ihn zu begleiten, denn dass die Initiative von mir aus ging, hätte sie mir im Leben nicht geglaubt.
Mir ist es ja selbst noch ein Rätsel.
>>Und, seht ihr euch wieder?<<
>>Wir haben Telefonnummern ausgetauscht, aber er hat sich noch nicht gemeldet<<, wende ich ein und plötzlich bemerke ich, dass mich dies enttäuscht. Seit ich wieder in Augsburg bin, habe ich nur gelesen und war so gefesselt, dass ich nicht einen einzigen Gedanken an Maximilian verschwendet habe, doch jetzt fällt mir auf, dass ich es schön fände, würde er sich melden.
>>Wir haben die Nummer nur deshalb getauscht, weil wir vielleicht einmal eine Wanderung zusammen unternehmen möchten<<, wende ich lahm ein.
>>Mensch Monika, das ist typisch für dich<<, entgegnet meine Freundin genervt.
>>Da läuft dir ein toller Mann über den Weg und was machst du?
Du wartest. Übernimm doch mal die Initiative.<<
Fast wäre mir ein Lachen herausgerutscht.
Wenn du wüstest.
>>Wann trifft man schon mal auf einen Mann, mit dem man sich stundenlang unterhalten kann, ohne dass es entweder langweilig wird, oder er weitergehende Absichten verfolgt<<, stichelt Silvia weiter.
>>Ich weiß nicht, erwidere ich, vielleicht melde ich mich ja mal ganz unverbindlich.<<
Was ich selbstverständlich niemals tun werde, füge ich in Gedanken hinzu, ich will nur dass sie endlich Ruhe gibt. Was mir dann auch Gott sei Dank gelingt.
Silvia lässt das Thema Maximilian fallen und ich genieße den Abend wider Erwarten sehr.
Бесплатный фрагмент закончился.
