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K. Krista

DNA

PREDATOR

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Inhaltsverzeichnis

Titel

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

ACHTUNDDREISSIG

NEUNUNDDREISSIG

VIERZIG

EINUNDVIERZIG

ZWEIUNDVIERZIG

DREIUNDVIERZIG

VIERUNDVIERZIG

FÜNFUNDVIERZIG

SECHSUNDVIERZIG

SIEBENUNDVIERZIG

ACHTUNDVIERZIG

NEUNUNDVIERZIG

FÜNFZIG

EINUNDFÜNFZIG

ZWEIUNDFÜNFZIG

DREIUNDFÜNFZIG

VIERUNDFÜNFZIG

FÜNFUNDFÜNFZIG

SECHSUNDFÜNFZIG

SIEBENUNDFÜNFZIG

EPILOG

Impressum neobooks

EINS

DNA

PREDATOR

Wer den Wolf zähmt

Ein Roman

von

K. Krista

Die größte Entscheidung deines Lebens liegt darin,

dass du dein Leben ändern kannst,

indem du deine Geisteshaltung änderst.

Albert Schweitzer

***

Eines der traurigsten Dinge im Leben ist,

dass ein Mensch viele gute Taten tun muss,

um zu beweisen, dass er tüchtig ist,

aber nur einen Fehler zu begehen braucht, um zu

beweisen, dass er nicht taugt.

George Bernard Shaw

ERSTER TEIL

Je länger Nikolai Gagarin an Nicoles Bett sitzt, umso ärgerlicher wird er. Tausendmal hat er sich in seiner Fantasie vorgestellt, was er Nicole antuen wird, hat er sie endlich in seiner Gewalt und nun, als er am Ziel seiner Träume ist, ändert sich auf einmal alles. Er schafft es nicht, seine destruktiven Fantasien in die Tat umzusetzen.

Bereits als er das erste Mal allein mit ihr im Zimmer war und seit dem war er viele Male hier, spürt er eine Veränderung in seinem Verhalten ihr gegenüber. Zu seinem eigenen Erstaunen musste er feststellen, dass er sich zu Nicole hingezogen fühlt. Eine Erfahrung, die völlig neu für ihn ist, ihn verunsichert und zunehmend verärgert.

Nikolai sind Gefühle wie Zuneigung und Freundschaft fremd.

Für ihn sind positiv besetzte Gefühle gleichbedeutend mit Schwäche, stellt er nur im Ansatz solche Empfindungen bei sich fest, wird er wütend, meist jedoch nicht auf sich selbst, sondern auf denjenigen, der diese Gefühle in ihm hervorruft.

Nikolai verlor bereits als Kleinkind, seine Mutter. Sie verunglückte bei einem Fallschirmsprung tödlich. Ein herber Verlust, den er allein mit sich ausmachen musste, da sein Vater, der über den Tod seiner Frau nicht hinwegkam, den Jungen in die Obhut von Dr. Maikow gab, der fortan zu seinem Ziehvater wurde. Das Trauma des frühen Todes seiner Mutter und der gleichzeitige Verlust des Vaters hat die Psyche des Jungen sehr verletzt. Er fühlte sich allein gelassen, ungeliebt und verstoßen. Das Urvertrauen, welches in dieser Phase eines Kindes durch die Verlässlichkeit in die Eltern geprägt wird, wurde bei Nikolai umfassend gestört. Vielleicht hätte seine Psyche heilen können, wäre ein anderer Mensch, als Dr. Maikow in sein junges Leben getreten.

Dr. Maikow war der Arbeitgeber von Nikolais Vater, ja mehr noch, er war der Grund dafür, dass seine Mutter sterben musste, was Nikolai jedoch niemals erfahren hat. Der Arzt war seinerzeit fasziniert von Professor Nikita Gagarins Gehirnforschung, insbesondere von seiner Erfahrung auf dem Gebiet der soziopathischen Störung.

Dr. Maikow erkannte fast augenblicklich, dass ihm diese Forschung sehr von Nutzen sein könnte. So setzte er alles daran, Professor Gagarins uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu bekommen. In Dr. Maikows krankem Hirn, war der Tod der geliebten Frau die beste Möglichkeit, ihn ohne Ablenkung, in seine Forschung einzubinden und er sollte recht behalten.

Professor Gagarin arbeitete Tag und Nacht an seinem Forschungsgebiet. Nur so konnte er den Schmerz über den Tod seiner geliebten Frau verarbeiten und weiterleben. Er schaffte es in dieser Zeit nicht für seinen Sohn da sein, da es ihm kaum gelang, sich selbst am Leben zu erhalten. Der Professor glaubte seinen Sohn bei Dr. Maikow in den besten Händen. Viel zu spät wurde ihm klar, dass er einen großen Fehler begangen hat. Einen Fehler, den er mit seinem Leben bezahlte.

Der Begriff Soziopath wird heute kaum noch verwendet. Am ehesten ist Soziopathie mit dem modernen Begriff der dissozialen Persönlichkeitsstörung gleichzusetzen. Personen, die an dieser Störung leiden, fallen oft durch eine geringe Frustrationstoleranz auf, neigen zu aggressivem oder gewalttätigen Verhalten und zeigen eine klare Ablehnung gegen sämtliche soziale Normen, oder Regeln. Verpflichtungen sind ihnen lästig und meist sind sie unfähig, sich in andere hinein zu versetzten. Prof. Gagarin hatte während seiner Forschung festgestellt, dass dieser Zustand auch künstlich, durch eine Operation an der Amygdala, dem sogenannten Mandelkern im Gehirn, hergestellt werden könnte und er lässt sich von Dr. Maikow dazu überreden, in diese Richtung weiter zu forschen.

Dr. Maikow, war ein sadistischer Arzt mit einem „Gottkomplex“, besessen von dem Gedanken, die Welt zu beherrschen. Von der Idee ausgehend, dass der Mensch nur einen winzigen Teil seines Gehirns tatsächlich nutzt, es jedoch, unter Umständen möglich wäre, ein größeres Potenzial zu nutzen, hatte er damit begonnen, mental begabte Personen, meist Kinder aus Heimen zu entführen, um ihre Fähigkeiten durch Medikation und wenn nötig durch Gewaltanwendung zu verstärken.

Dazu muss man wissen, dass das russische Volk, dem Gedanken, dass es Dinge wie – Gedankenübertragung und/oder Telekinese gibt, weit näher steht, als dies der Europäer im allgemeinen tut. Der Arzt suchte deshalb seine Opfer in Sanatorien und Einrichtungen für geistig Behinderte, da er davon ausging, dass Personen, deren Diagnose Schizophrenie lautet, oft falsch war.

Tatsächlich war sein Gedankengang nicht gänzlich abwegig, denn heute weiß man, dass einige Formen des Autismus eine Art von Schizophrenie darstellt und ferner ist inzwischen bekannt, dass einige Autisten außerordentliche Leistungen auf ganz speziellen Gebieten erbringen können. Man nennt diese Personen dann auch „Inselbegabte“, es gibt unter ihnen Autisten, die sich eine komplexe, hochkomplizierte mathematische Aufgabe nur kurz betrachten müssen, um sie sofort lösen zu können. Inselbegabungen machen sich auch gehäuft in künstlerischen Bereichen bemerkbar. Im Computersprachbereich wurden bereits erstaunliche Fähigkeiten von Autisten festgestellt.

Da es dem Arzt jedoch nicht gelang, mentale Fähigkeiten nach seinen Wünschen zu steigern, verfiel er auf die Idee, durch Prof. Gagarins Forschung eine „Armee“ von gefühlskalten, furchtlosen und gewalttätigen Soldaten zu erschaffen. Er steigerte das Ganze noch dahingehend, dass er den Probanden Adrenalin zuführte, welches die Aggressivität um ein Vielfaches steigerte. Das Ziel eine unbesiegbare „Armee“ zu er-schaffen wäre zu realisieren gewesen, hätte Dr. Maikow sich damit zufrieden gegeben. Als jedoch einer seiner Ärzte, Prof. Dr. Juan Jintao, Erfolge bei der Übertragung von tierischen DNA in die menschliche erzielte, erkannte der Arzt ein noch viel größeres Forschungsfeld. Vor allem, als ihm zu Ohren kam, dass bei einer der Behandelten, die Gene mutieren, setzte er alles daran, sie in seine Gewalt zu bekommen.

***

Dr. Maikow nahm den kleinen Nikolai in seine Obhut, nicht zuletzt deshalb, weil er sich dadurch den Bedingungslosen Arbeits- und Forschungseinsatz seines Vaters sicherte. Die Jahre vergehen und der Arzt merkt sehr schnell, dass der Junge sehr intelligent ist und mangels anderer Bezugspersonen, mit einer großen Verehrung und schon fast hündischen Liebe an ihm hängt. Dem Arzt schmeichelte dies sehr, weit davon entfernt, so etwas wie Liebe für den Jungen zu empfinden, gab er ihm jedoch Halt und Sicherheit.

Da Dr. Maikow Psyche sadistische Tendenzen aufwies, war es ihm unmöglich dem Jungen Mitgefühl, Geborgenheit, Vertrauen und Liebe zu vermitteln, sodass diese Ge-fühle für Nikolai heute völlig fremd sind und sobald sie in einigen wenigen Momenten zu Tage treten, von ihm als negativ bewertet werden. Deshalb verwundert es nicht, dass Nikolai Gagarin als junger Erwachsener alle positiven Gefühle als Schwäche aus-legt. Sie machen ihn wütend, denn wer möchte gern schwach sein.

Er will wütend auf Nicole sein, doch nicht einmal das schafft er.

In ihrer Nähe fühlt er sich wohl, wenn er, wie jetzt ihre Hand in der seinen hält, hat er das Bedürfnis sie zu streicheln. Ihre Hände sind so weich und warm, er genießt jede Minute, die er mit ihr verbringen kann. Bis ihm bewusst wird, dass dieser Genuss ein Gefühl der Schwäche ist. Wütend stößt er ihre Hand von sich, redet sich ein, dass der Tag endlich gekommen ist, an dem er sich an ihr vergehen kann. Monatelang hat er sich vorgestellt, wie es wohl ist, wenn er die gefesselte und ohnmächtige Nicole missbraucht.

Fast gewaltsam muss er sich aus dem Stuhl hochstemmen – jetzt oder nie.

Da schlägt Nicole die Augen auf.

Erschrocken tritt Nikolai einen Schritt vom Bett zurück, um dann ganz langsam wieder heran zu treten.

Nicole lächelt. Ihre grünen Augen leuchten, noch niemals hat Nikolai ein solch intensives Grün gesehen. Fasziniert kann er den Blick nicht von ihr abwenden. Zu seiner eigenen Überraschung erwidert er das Lächeln. Er sieht wie Nicole versucht etwas zu sagen, doch es kommt kein Ton über ihre Lippen. Zu lange lag sie im Koma, ihre Kehle ist ausgetrocknet, das Sprechen scheint unmöglich.

Nikolai greift nach einem Glas Wasser, welches auf dem Nachtisch neben dem Bett steht und führt es sanft an ihre Lippen. Ganz leicht nur benässt er ihren Mund. Eine zärtliche Geste, die Nikolai so sehr überrascht, dass er von diesem, ihm unbekannten Gefühl überwältigt, das Glas schnell wieder zurückstellt und fast fluchtartig den Raum verlässt.

Verwirrt und schockiert von seiner eigenen Reaktion, läuft er in sein Büro, wo er zum Telefon greift und den Arzt, der für die Genesung von Nicole verantwortlich ist, davon in Kenntnis setzt, dass Nicole aus dem Koma erwacht ist.

***

>>Wieso hast du mich nicht sofort geweckt, als Nicole aufgewacht ist?<<

Ärgerlich steht Olga vor Nikolai Gagarin und schnauzt ihn an.

>>Sorry meine Kleine<<, entgegnet der Arzt freundlich, ohne auf ihren patzigen Ton einzugehen. >>Ich wollte dich nicht wecken, jetzt, da Nicole endlich aus dem Koma erwacht ist, sah ich wirklich keine Eile. Sie braucht die nächsten Tage noch viel Ruhe, wir sollten sie so viel wie möglich schlafen lassen, umso schneller wird sie wieder gesund und das ist es doch, was wir alle wollen. Setzt dich zu mir, ich wollte sowieso mit dir sprechen. Es ist davon auszugehen<<, beginnt er nachdenklich, >>dass Nicole aufgrund ihrer Kopfverletzung ihr Gedächtnis verloren hat, ihre Reaktion auf mich, als sie aufgewacht ist, hat mir sehr deutlich gezeigt, dass sie nicht weiß wer ich bin. Das Selbe wird für dich gelten. Davon ausgehend, dass wir vor ihrer Verletzung keine Freunde waren und ich in den letzten Wochen feststellen konnte, dass es dich freuen würde, könnte sie bei uns bleiben, müssen wir sie belügen. Das verstehst du doch sicher?<<

Ohne eine Antwort des Mädchens abzuwarten, fährt Nikolai fort.

>>Nicole ist ein Mutant, ebenso wie du Olga, was liegt also näher, als zu behaupten, ihr wärt Schwestern? Du wirst sie im Auge behalten müssen. Wir gehen zwar davon aus, dass ihre Erinnerung gänzlich gelöscht wurde, doch ganz sicher kann man sich nie sein. Nicole darf sich auf keinen Fall daran erinnern, wer sie ist und woher sie kommt. Wenn du verhindern möchtest, dass ich sie wieder wegschicke<<, oder schlimmeres, fügt er ihn Gedanken hinzu, >>dann musst du meine Augen und Ohren sein. Sobald du auch nur den kleinsten Verdacht hast, sie könnte sich erinnern, musst du mir sofort Bescheid geben. Kann ich mich auf dich verlassen?<<

>>Aber sicher<<, erwidert Olga aufgeregt.

>>Ich habe endlich jemanden gefunden, der so ist wie ich. Du kannst auf mich zählen, ich werden alles dafür tun, dass sie sich an nichts mehr erinnert. Die Idee mit den Geschwistern ist gut. Ich ersetze in meinen Erinnerung Viktor gegen Nicole, dann werde ich mich auch nicht verplappern<<, fügt das Mädchen lächelnd hinzu.

Nikolai hat ihre größte Angst intuitiv erfasst.

Olga möchte Nicole nicht mehr verlieren. Seit sie ihren Bruder verloren hat, bessergesagt, er sie verlassen hat, fühlt sich das Mädchen sehr einsam und allein. Viktor wollte nicht mehr bei Nikolai bleiben, wollte ihr weis machen, dass Nikolai sie Beide nur ausnutzt, ja dass der Arzt es sogar auf sie abgesehen hätte.

Was für ein Quatsch. Nikolai ist der Sohn ihres Vaters Dr. Maikow, gut er war nicht ihr richtiger Vater, sie ist in einem Heim aufgewachsen, zusammen mit Viktor, der auch nicht ihr richtiger Bruder ist, doch sie sind mit den Jahren Bruder und Schwester geworden und nach Dr. Maikows Tod hat Nikolai sie aufgenommen. Viktor spinnt, wenn er denkt, Nikolai hätte ein anderes, als ein väterliches Interesse an ihr. Nikolai hat ihnen erzählt, dass Nicole böse ist, dass sie Dr. Maikow umgebracht hat, was wohl auch stimmt, doch jetzt, wo sie nicht mehr weiß wer sie ist, ist sie wahrscheinlich auch nicht mehr böse.

Schon als ich ihr das erste Mal begegnete, wusste ich, wir sind gleich. Ein Blick in ihre Augen hatte genügt und auch wenn ich es anfangs nicht wahr haben wollte, so war doch sofort klar, dass uns etwas ganz einzigartiges verbindet. Seit Nicole hier ist, war ich fast jeden Tag an ihrem Bett und habe gebetet, dass sie wieder aufwacht, habe ihre Hand gehalten, mit ihr gesprochen und nicht nur einmal gespürt, dass sie meine Hand gedrückt hat. Ich wusste, irgendwann wird sie wieder aufwachen.

Ich bin nicht mehr allein und nichts und niemand wird mir Nicole wieder weg nehmen.

ZWEI

Gedankenverloren sitzt Dr. Nikolai Gagarin an seinem Schreibtisch und lässt eher unbewusst einen Stapel Unterlagen durch seine Finger gleiten, als ihn plötzlich eines der Blätter aus seiner Starre reißt. Der letzte Testbericht über den Freiluftversuch seines Virus. Wütend wirft er das Blatt zurück.

Alexander Gudoy lebt.

Verdammt, bei allem was in der letzten Zeit schief gegangen ist, war dies doch der herbste Rückschlag. Seine Idee, der Welt eine Pandemie zu bescheren, kann er in die Tonne treten. Dabei hatte alles so erfolgversprechend begonnen.

Er hat es fertig gebracht, den Virologen Alexander Gudoy so zu manipulieren, dass dieser ein Gegenmittel gegen einen vollkommen neuen Virusstamm, bestehend aus einer Kreuzung von Ebola, Typhus und Lepraviren, kreierte. Die gestarteten Versuche waren außerordentlich erfolgreich und haben seine Erwartungen sogar noch übertroffen. Anhand der Forschungen von Gudoy, beauftragte Dr. Gagarin einen weiteren Virologen, aus den drei unterschiedlichen Virusstämmen, einen neuartigen, tödlichen Virus zu erschaffen. Zu Beginn erschien alles so einfach.

Dr. Nikolai Gagarin stellte mit Hilfe von Svetlana, der Schwester von Alexander Gudoy, Nicole eine Falle. Als er den Virologen nicht mehr benötigte, manipulierte er diesen dahingehend, dass Nicole Arnold seine Schwester entführt hätte. Wohlwissend, dass Alexander sich sofort auf die Suche nach Svetlana machen würde. Geplant war nun, den Arzt durch einige seiner Leute ermorden zu lassen. Im Grunde eine sehr einfach Angelegenheit, doch er hatte die Rechnung ohne Nicole gemacht.

Der Virologe überlebte und als, was leider nicht zu vermeiden war, einiges über seine Tests mit dem Virus in der Presse durchsickerte, machte sich der Arzt sofort daran, an seinem Gegenmittel zu arbeiten. Alle Mühe war umsonst.

Nikolai schäumt noch heute vor Wut, wenn er darüber nachdenkt, wie schief alles gelaufen ist. Sein einziger Lichtblick – Nicole.

Sein Ziehvater Dr. Maikow, würde sich vor Lachen im Grabe herumdrehen, wüsste er um das Versagen seinen Ziehsohnes. Für ihn gab es, nachdem er von der Genmutation bei Nicole erfahren hatte, nur ein einziges Ziel – weitere Mutanten zu erschaffen.

Nikolai konnte sich nie für diesen Gedanken erwärmen, er setzte all seine Kraft in die Behandlung der „modifizierten“ Soldaten. Er hatte einige Jahre Seite an Seite mit seinem Vater Prof. Gagarin an der Manipulation der Amygdala geforscht und mit der Adrenalinpumpe im Bauchraum, die Aggressivität der Männer insoweit gesteigert, dass es sich bei seinen „Soldaten“ um wahre Kampfmaschinen handelt. Nahezu schmerzfrei, ohne Angst, äußerst brutal und mitleidlos.

In letzter Zeit jedoch, im Grunde seit Olga bei ihm aufgetaucht ist, denkt er immer häufiger darüber nach, wie es Dr. Maikow geschafft hat, aus Olga einen Mutanten zu machen. Ihm liegen alle Unterlagen seines Ziehvaters zur Genmanipulation vor, inzwischen weiß er, dass für die erfolgreiche Übertragung der tierischen DNA die Junk-DNA des Menschen ein wichtiger Faktor ist. Allein mit diesem Teil der DNA ist eine Übertragung möglich, nur in dieser DNA-Sequenz wird die tierische nicht abgestoßen. Allerdings sind alle ihm bekannten Versuche bis heute kläglich gescheitert, außer bei Olga. Was ihn auf den Gedanken brachte, dass eventuell das Alter der zu behandelnden Person ebenso entscheidend sein muss. Nicole hatte zum Zeitpunkt ihrer Übertragung gerade die Pubertät hinter sich, er glaubt sich zu erinnern, dass sein Ziehvater dies als wichtigen Zeitpunkt erwähnt hatte, doch Olga war zum Zeitpunkt ihrer Behandlung noch weit von der Pubertät entfernt.

Wie also hat er es gemacht?

Seit Langem schon beschäftigt er sich mit dieser Frage, als ihm plötzlich eine Idee kommt.

Chemotherapie!

Kann es wirklich so einfach sein?

Beschäftigt man sich mit der Frage, was eine Pubertät verhindern, oder verzögern kann, so kommt man zwangsläufig auf eine Chemotherapie. Bei männlichen Personen kann eine Chemo Unfruchtbarkeit nach sich ziehen, bei weiblichen führt eine hochdosierte Behandlung zur sofortigen Einstellung der sexuellen Reifung, der sogenannten Pubertät.

Ist es möglich, dass Dr. Maikow, die kleine Olga einer hochdosierten Chemo ausgesetzt hat und ihr dann die DNA eines Wolfes übertragen konnte?

Unglaublich, aber die einzige mögliche Erklärung.

Auf meine Nachfrage, was mein Ziehvater damals mit ihr gemacht hat, konnte Olga mir leider keine Auskunft geben, sie war noch viel zu klein. Ihr war sehr lange und sehr oft schlecht, an mehr konnte sie sich nicht erinnern.

DREI

Es geht mir von Tag zu Tag besser. Dank meiner Mutation schreitet meine Genesung mit großen Schritten voran. Mir fehlt es hier auch an nichts. Seit ich aus dem Koma erwacht bin, hat man mich aus dem Krankenzimmer in ein Appartement verlegt, welches ich mit Olga bewohne.

Das Mädchen ist wirklich ein Schatz. Eine grottenschlechte Lügnerin, das ist sie wohl, aber ein wahnsinnig lieber Mensch. Und was am Wichtigsten ist, sie ist wie ich. Denn obwohl ich mich an nichts, an wirklich gar nichts aus meinem Leben erinnern kann, so weiß ich doch eines sehr genau, wir sind gleich. Völlig anders als alle anderen Menschen, doch wir zwei sind von der selben Art. Mutanten hat es Nikolai genannt.

Geschöpfe, denen die Zukunft gehören wird. Etwas zu pathetisch für meinen Ge-schmack, aber er freut sich und da ich ihn sehr mag, ist es für mich in Ordnung.

Olga behauptet, wir wären Schwestern. Nun Schwestern im Geiste vielleicht, ich kann nicht sagen warum, es ist nur so ein Gefühl, aber etwas sagt mir, dass dies nicht stimmt. Doch ist das wichtig? Ich mag sie und Olga mag mich, das zeigt sie mir mit jeder Geste, mit jedem Blick und darin, dass sie mir wirklich jeden Wunsch von den Augen abließt. Fast könnte ich daran glauben, dass wir uns schon sehr lange kennen, doch da gibt es Ungereimtheiten in ihrer Geschichte, die ich zur Zeit jedoch nicht näher beleuchten möchte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Olga mich mehr braucht, als ich sie. Sie wirkt oft so verloren, wie Menschen, die oft einsam sind und nicht gut damit klar kommen. Sie ist noch so jung und doch manchmal viel zu ernsthaft für ihr Alter. Ich entdecke den Wunsch in mir, sie zu beschützen, ihr allen Kummer abzunehmen, ja ihr eine große Schwester zu sein. Sie gibt mir das Gefühl, dass sie sich dies wünscht und ich bin nur zu gerne bereit, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

Ich fühle mich hier pudelwohl. Werde umsorgt, bin von Menschen umgeben, die mich mögen, denen ich wichtig bin und das ist alles was im Moment für mich zählt.

***

>>Hallo Nikolai, schön dich zu sehen.<<

>>Ich freue mich, dass es dir schon wieder so gut geht<<, erwidert der Arzt freundlich.

>>Wenn du möchtest begleite ich dich in den Garten, das Wetter ist herrlich und du solltest dich langsam wieder mehr an der frischen Luft bewegen.<<

>>Oh ja, gerne, das gibt uns Gelegenheit etwas zu besprechen, mir liegt schon lange eine Frage im Magen, die endlich raus muss<<, gesteht Nicole leise lächelnd.

>>Na dann raus mit der Sprache.<< Fordert Dr. Gagarin Nicole auf, als sie den Garten seines Anwesens betreten.

>>Warum wurde ich angeschossen?<<

>>Oh meine Schöne, da muss ich etwas ausholen.<<

>>Du sollst mich doch nicht so nennen<<, weise ich Nikolai lächelnd zurecht, >>du machst mich ganz verlegen.<<

>>Gut, das will ich natürlich nicht, aber wenn es doch stimmt<<, erwidert Nikolai schelmisch. >>Aber zu deiner Frage. Wie gesagt, da muss ich etwas weiter ausholen.

Wie du ja inzwischen weißt, ist diese Anlage hier ein Zentrum, für unterschiedliche klinische Forschungen unter anderem wird seit Jahren am Genom des Menschen geforscht. Soll heißen, Olga und auch du, sind ein Produkt dieser Forschung. Nun kannst du dir wohl denken, dass dies sehr viel Geld kostet und als mein Vater vor vielen Jahren mit der Forschung begann, erhielt er enorme finanzielle Zuwendungen durch das Militär. Soweit so gut.

Wahrscheinlich kannst du dir vorstellen, dass Menschen wie du und Olga für das Militär von unschätzbarem Wert wären, was natürlich auch mein Vater wusste und euch Beide vor ihnen geheim hielt. Nicht, dass du jetzt denkst er hätte betrogen, nein, ganz und gar nicht, er hat in vielerlei Hinsicht das Militär mit seinen Forschungen sehr unterstützt, die Einzelheiten würden jetzt zu weit führen.

Lange Rede kurzer Sinn, ein hochrangiger Militär hat sein „Geheimnis“ herausgefunden und wollte euch haben – ausleihen – wie er sich ausgedrückt hat. Nun ist mein Vater, wie du inzwischen weißt verstorben und ich bin nicht bereit, euch „auszuleihen“. Deshalb hat er versucht, dich oder Olga in seine Gewalt zu bekommen, er wollte eine von euch entführen. Olga erzählte mir, dass er es auf sie abgesehen hatte, er wollte Olga aus dem Grundstück locken und als sie sich weigerte, ist er wohl grob geworden und du kamst zufällig hinzu. Du hast ihn angegriffen und er sah keine andere Möglichkeit, als sich mit der Waffe zu wehren. Er hat auf dich geschossen und ist dann in Panik, wohl aus Angst, jetzt vielleicht von Olga angegriffen zu werden, geflohen.

Major Rashkolnykow war bis dahin ein ständiger Besucher, deshalb kannte Olga ihn und wäre ihm beinahe in die Falle gegangen. Wärst du nicht zufällig vorbeigekommen, wäre es ihm wahrscheinlich gelungen, sie mitzunehmen. Wer weiß, vielleicht hatte er ihr erzählt, er bringt sie zu mir, keine Ahnung. Ich war, was ja wirklich selten vorkommt an diesem Nachmittag nicht hier, das muss er gewusst haben und wollte dies schamlos ausnutzen.<<

>>Diese Ratte<<, ich spüre, wie eine mörderische Wut in mir hochsteigt.

>>Du willst ihn einfach so davon kommen lassen?<< Empöre ich mich.

>>Ich weiß nicht, du darfst nicht vergessen, wir haben es hier mit einem Major des russischen Militärs zu tun, mit denen ist nicht zu spaßen<<, gibt sich Nikolai den Anschein, als ob er darüber nachdenken würde. Doch insgeheim freut er sich tierisch darüber, dass er Nicole so hervorragend manipulieren konnte. Denn sie zeigt genau die Reaktion, die er erwartet hat. Schon lange ist ihm dieser Major ein Dorn im Auge und er würde ihn lieber heute als morgen los werden.

>>Denkst du nicht, dass er es wieder versuchen wird?

Vielleicht kommt er das nächste Mal nicht mehr allein, was sollte ihn davon abhalten, hier mit einer ganzen Armee aufzutauchen<<, ereifere ich mich erbost.

>>Wir sollten ihm zuvor kommen, denkst du nicht?<<

>>Lass mir etwas Zeit Nicole, du hast sicher recht und in irgendeiner Weise sollten wir darauf reagieren.<<

>>Ich wüsste schon, wie ich reagieren würde, wäre es meine Entscheidung<<, werfe ich hintergründig ein.

>>Geduld Nicole, mir fällt schon was ein.<<

VIER

>>Du musst dich etwas mehr konzentrieren Olga, ich habe dich in den letzten 10 Minuten bestimmt viermal getroffen<<, bemängelt Nicole.

>>Das ist unfair, du kämpfst heute ganz anders als sonst<<, erwidert Olga genervt.

>>Was ist mit dir los?<<

>>Jetzt wo du es erwähnst<<, gibt Nicole nachdenklich zu, >>stimmt, ich wende unbewusst eine asiatische Kampfkunst an, wo ich die wohl gelernt habe?<<

>>Frag Nikolai, doch jetzt bring sie mir bei, das ist klasse, sieht sehr einfach aus und ist doch so effektiv. Du siehst gar nicht aus, als ob du viel Kraft aufwenden müsstest.<<

>>Das mache ich auch nicht<<, stimmt Nicole dem Mädchen zu. >>Ich nutze deine Kraft, deinen Schwung und leite ihn einfach um. Klar kann ich dir das beibringen, auch wenn ich nicht weiß, woher ich diese Kenntnis habe.<<

Die Beiden trainieren seit mehr als zwei Stunden, als Nikolai das Studio betritt.

>>Na ihr Zwei, macht mal eine Pause, ihr seht aus, als ob ihr eine nötig hättet.<<

Nicole und Olga sind nass geschwitzt und völlig außer Atem, als sie an Nikolai herantreten.

>>Sag mal, kannst du mir erklären, wieso ich eine asiatische Kampftechnik beherrsche?<<

>>Klar<<, erwidert Nikolai, ohne zu zögern, lächelnd. >>Ich habe dir vor Jahren einen Shaolin-Mönch zur Seite gestellt, du hattest Probleme mit deiner Mutation klar zu kommen. Er hat dir Meditationstechniken beigebracht und dir damit geholfen, sie in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig trainierte er dich und brachte dir Kungfu bei. Dein Gehirn erinnert sich nicht mehr daran, dein Körper, wie es aussieht schon<<, fügt der Arzt lächelnd hinzu.

Diese Lüge kommt Nikolai wie von selbst über die Lippen. Schon lange wartet er darauf, dass Nicole beginnt Fragen zu stellen. Er möchte bei der Beantwortung so nahe wie möglich an der Wahrheit bleiben, vorausgesetzt, Nicole erinnert sich nicht. Er ist sich sicher, dass sie ihre Erinnerung nicht mehr wieder erlangen wird und falls doch, so wird ihm etwas einfallen. Da Nicole die Kampftechnik tatsächlich in einem zweijährigen Training bei einem Shaolin-Mönch erlernt hat, hofft Nikolai, dass seine Aussage bestätigt wird, sollte Nicole, zwar keine Erinnerung mehr daran haben, so doch vielleicht eine Ahnung.

Lügen sind immer dann am erfolgreichsten, wenn sie nahe an der Wahrheit angelegt sind. Er möchte Nicole auf keinen Fall mehr verlieren und hofft, dass sie ihm vertraut, wenn ihre eventuellen Ahnungen mit seinen Antworten in Einklang zu bringen sind.

***

Nicole erholt sich erstaunlich schnell und wirkt von Tag zu Tag gesünder und fitter. Nikolai kann seine Augen kaum von ihr abwenden, er muss sich eingestehen, dass er sich sehr zu ihr hingezogen fühlt. Umso mehr freut es ihn, da es den Anschein hat, als ob Nicole seine Lüge unbesehen glaubt.

Der Arzt sitzt mit Nicole im Garten des Institutes und genießt die Abendsonne, die langsam hinter den weit entfernten Bergen versinkt.

>>Geht es dir gut?<< Fragt er einfühlsam nach.

>>Oh ja<<, erwidert Nicole erfreut, >>mir geht es jeden Tag besser. Ich kann fast spüren, wie meine Kraft täglich mehr und mehr zurückkehrt. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll, du hast mir das Leben gerettet, wie kann ich das je wieder gut machen.<< Nicole nimmt unbewusst die Hand von Nikolai in die ihre und lehnt sich zufrieden aufseufzend an seine Schulter.

Nikolai widersteht dem Impuls, sie wegzustoßen, er kann so viel Nähe im Grunde nicht ertragen, Nähe verunsichert ihn. Er nimmt sich jedoch zusammen und stellt zu seinem Erstaunen fest, dass ihm das Vertrauen, welches Nicole ihm entgegen bringt, sehr schmeichelt. Ja, er sogar beginnt, ihre Nähe zu genießen. Dass Nicole seine Nähe sucht ist Balsam für sein Ego und die Tatsache, dass es ihm so gut gelingt, diese Frau zu manipulieren, lässt ihn ihre Nähe ertragen. Auch wenn es ihm nicht möglich ist, echte Gefühle aufzubringen, so weiß er doch sehr genau, wie er diese glaubhaft vorspielen kann und dass er dies tun muss, um Nicole an sich zu binden, ist ihm nur zu klar.

FÜNF

Es ist eine wahre Augenweide für Nikolai, Nicole dabei zu beobachten, wie sie mit den „modifizierten“ Männern trainiert. Er hat ihr eingeschärft, dass sie nicht zu hart mit ihnen ins Gericht gehen soll und sie hält sich daran. Allerdings haben seine Jungs kein leichtes Spiel, sie verlangt den Männern einiges ab. Inzwischen kämpft sie mit zwei seiner Leute gleichzeitig.

Die Anmut, die Kraft und ihre Körperbeherrschung ringen Nikolai großen Respekt ab. Die Männer sind mit Macheten bewaffnet, nur aus Holz, wegen der Verletzungsgefahr, was, wie es aussieht nicht nötig gewesen wäre. Nicole wurde noch nicht ein einziges Mal getroffen. Sie ist so schnell, dass es den beiden Männern nicht gelingt, sie auch nur ein einziges Mal zu treffen. Während Nicole es immer wieder schafft, ihnen empfindliche Schläge zu verpassen. Inzwischen weiß Nikolai von Nicole, dass einige dieser Schläge und Tritte, ernsthaft ausgeführt, tödlich sind, oder doch zu sofortiger Kampfunfähigkeit führen. Seine Männer stehen noch, also hält sich Nicole an ihre Zusage, die Männer nicht ernsthaft zu verletzen.

Im Grunde wäre es Nikolai Gagarin egal, ob ein paar seiner Männer bei den Kämpfen draufgehen, doch er muss den Schein wahren. Eine solche Gleichgültigkeit seinen Männern gegenüber, ist mit dem Bild, welches er Nicole von sich vermitteln will, nicht vereinbar.

Seine Gedanken schweifen ab und bleiben bei Major Rashkolnykow hängen. Nicole ist bereits seit Langem soweit, sich den Major vorzunehmen. Dass sie keine Problem damit hat, ihn zu töten, dessen ist sich Nikolai sicher, doch er möchte dass auch Olga mit dabei ist. Er möchte das Mädchen langsam mit Gewalt konfrontieren und sucht nach einer Möglichkeit, wie er sie dahingehend manipulieren kann, dass sie Nicole begleitet, sobald diese bereit ist, den Major zu töten.

***

>>Hallo meine Kleine<<, begrüßt Nikolai das Wolfsmädchen Olga freundlich.

>>Du musst solche Dinge mit mir absprechen<<, mault das Mädchen den Arzt an. >>Was soll ich Nicole antworten, wenn sie mich fragt, warum ich nichts davon weiß, dass sie von einem Shaolin-Mönch trainiert wurde?<<

>>Komm mal her meine Liebe<<, säuselt der Arzt vermeintlich liebevoll.

>>Wenn du auf eine Frage keine Antwort weißt, dann sag einfach, dass du dich entweder nicht erinnerst, oder dies wohl vor deiner Zeit passiert sein muss. Wenn ich dich daran erinnern darf, du bist erst seit zwei Jahren bei mir, du hast vorher wo anders gelebt, schon vergessen?<<

>>Ich weiß nicht<<, erwidert Olga zweifelnd. >>Du bist fast immer ehrlich zu ihr, wenn sie sich auf einmal doch erinnert? Ich habe Angst, dass sie wieder böse wird<<, fügt das Mädchen leise hinzu.

Bevor Olga das erste Mal Kontakt mit Nicole hatte, erzählte Dr. Gagarin ihr und ihrem Bruder dass Nicole böse wäre, ihre Mutation nicht im Griff hätte und deshalb sehr gefährlich wäre. Olga steht Nicole inzwischen sehr nahe und möchte sie auf keinen Fall mehr verlieren, doch die Angst, dass sie sich verändern könnte, sobald sie sich wieder daran erinnert wer sie ist, ist immer noch gegenwärtig.

>>Du musst keine Angst vor Nicole haben<<, erwidert der Arzt freundlich und zieht Olga zu sich auf seinen Schoß. Dass er dabei eine Erektion bekommt, bleibt dem Mädchen verborgen. >>Es ist nahezu ausgeschlossen, dass sich Nicole jemals wieder an ihr Leben vor dem Kopfschuss erinnern wird. Die Verletzung hat einigen Schaden an einer Hirnregion hinterlassen, die für die Erinnerung zuständig ist. Ich habe mich mit einigen sehr guten Ärzten auf dem Gebiet der Hirnforschung unterhalten, sie gehen nicht davon aus, dass sich diese Region wieder regenerieren lässt. Mach dir bitte keine Sorgen mein Kind<<, fügt er einfühlsam hinzu, während er das Mädchen streichelt und immer fester an sich drückt. Erst als ihm bewusst wird, dass sein Atem beginnt schneller zu werden, er sichtlich immer erregter durch die Nähe des Mädchens wird, schiebt er sie sanft auf das Sofa in seinem Büro.

>>Allerdings gibt es da etwas anderes, das ich gerne mit dir besprechen möchte.<< Nikolai Gagarin gibt seiner Stimme einen besorgten Klang.

>>Mir ist zu Ohren gekommen<<, beginnt er nachdenklich, wie zu sich selbst sprechend, >>dass Major Rashkolnykow an dir und Nicole interessiert ist. Was uns im Grund nicht beunruhigen müsste, doch ich habe ferner erfahren, dass er sich an den Kreml gewandt hat und dort erklärt hätte, dass ihr Beide gefährlich wärt, man euch aus dem Verkehr ziehen müsste.<<

>>Spinnt der?<< Wirft Olga wütend ein.

>>Nun<<, gibt der Arzt zu bedenken, >>es besteht durchaus die Gefahr, dass er versuchen wird, euch Beide in seine Gewalt zu bekommen. Wer weiß, vielleicht steht er eines Tages mit einer halben Armee vor der Tür, dem habe ich nichts entgegen zu setzen, ich weiß wirklich nicht, wie ich euch dann schützen soll<<, gibt sich der Arzt zerknirscht.

>>Wir müssen etwas gegen den Mann unternehmen<<, ereifert sich das Mädchen, >>ich möchte nicht von Nicole getrennt werden, auch von dir möchte ich nicht weg<<, fügt Olga den Tränen nahe hinzu.

Innerlich jubelnd, dass er das Mädchen genau dort hat, wo er es haben will, gibt sich der Arzt zerknirscht. >>Uns bleibt nur eine einzige Möglichkeit und das möchte ich dir eigentlich nicht antun.<<

>>Sag schon, was können wir tun?<<

>>Ihr müsst euch den Major schnappen und ihn töten.<<

Fassungslos sieht das Mädchen den Arzt an, schüttelt langsam und nachdenklich den Kopf, sodass Nikolai kurz Zweifel kommen, doch dann sieht er dem Mädchen direkt an, wie sie sich innerlich aufrichtet und ihm direkt in die Augen blickt.

>>Du hast recht Nikolai, uns wird wohl nichts anderes übrig bleiben. Nicole und ich haben uns schon einmal darüber unterhalten, dass es durchaus möglich ist, dass wir auf Menschen treffen können, die sich von uns als Mutanten bedroht fühlen und wir haben hin und her diskutiert, wie wir in einem solchen Fall reagieren sollen<<, setzt das Mädchen nachdenklich hinzu.

>>Jetzt stehen wir schneller vor diesem Problem, als wir dachten.<<

SECHS

>>Wir sehen Beide in der Nacht ebenso gut wie am Tag, warum also schleichen wir jetzt, wo unzählige Leute uns sehen können um dieses Gebäude herum?<< Olga ist sichtlich genervt, was auf ihre Unsicherheit und Nervosität schließen lässt.

>>Beruhig dich<<, erwidert Nicole leise.

>>Nikolai hat uns die Pläne des Geländes und der Gebäude darauf überlassen, doch ich fühle mich sicherer, wenn ich mir die Anlage schon einmal bei Tageslicht ansehen kann. Jetzt sind auch die Tore geöffnet, sodass wir ungehinderten Zugang haben. Wenn wir nachts wiederkommen, können wir uns viel besser orientieren, da wir dann bereits wissen, wo sich zumindest die Gebäude innerhalb der Anlage befinden.<<

Während ich Olga aufkläre, warum ich mir alles bei Tageslicht ansehen möchte, kommt mir mein Verhalten plötzlich sehr bekannt vor. Ganz sicher erlebe ich eine solche Situation nicht das erste Mal. Erinnerungsfetzen tauchen auf. Ich sehe einen dichten Wald, eine hohe Einzäunung aus Holz mit Aussichttürmen und plötzlich wechselt das Bild und vor meinem inneren Auge erscheint ein Krankenhaus. Ärgerlich schüttle ich den Kopf um die verwirrenden Bilder loszuwerden und doch weiß ich instinktiv, dass dies Erinnerungen sind. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ein Objekt bei Tageslicht betrachte, welches ich dann nachts aufsuchen möchte.

Olga sieht mich verwundert an, sie hat mein Kopfschütteln bemerkt.

Zu meinem eigenen Erstaunen stelle ich fest, dass ich Olga nichts davon erzählen möchte, was gerade passiert ist. Ich vertraue ihr, keine Frage, doch irgendetwas hält mich davon ab, meine Erinnerung mit ihr zu teilen, ich lüge sie deshalb an.

>>Mir kam eben der Gedanke, dass ich dich eigentlich nicht mit nehmen möchte, meine Kleine. Ich verstehe nicht, warum Nikolai so sehr darauf besteht, dass du mit dabei sein musst.<<

>>Das hatten wir schon mal<<, erwidert Olga leicht genervt.

>>Wir wissen nicht, mit wie vielen Leuten wir es zu tun bekommen und ich muss Nikolai recht geben, wir können es nicht riskieren, dass du in deren Hände gerätst. Ich werde dabei sein und dir den Rücken decken, mir macht das auch keinen Spaß, aber haben wir eine andere Wahl? Dieser Major wird nicht locker lassen. Er will uns Beide, oder doch zumindest eine von uns. Meine Entführung ist damals fehl geschlagen, zum Glück bist du im richtigen Moment aufgetaucht. Ich habe also noch etwas gut zu machen<<, fügt das Mädchen lächelnd hinzu.

>>Du hast ja recht<<, stimme ich Olga zu, >>dennoch finde ich, dass du für eine derartige Aktion einfach noch zu jung bist. Nicht aufregen<<, unterbreche ich den Einwand von Olga im Ansatz, >>ich habe schon verstanden, du lässt es dir nicht ausreden und ich muss mich damit abfinden.<<

SIEBEN

Es gibt Tage, an denen wünscht sich Max, er hätte seine Verletzung nicht überlebt. Sie werden weniger, das stimmt, doch diese Erkenntnis hilft ihm nicht über den Schmerz des Verlustes hinweg. Seit er aus der OP erwacht ist, scheint sein Leben, wenn nicht gar sinnlos, so doch nicht mehr lebenswert.

Er existiert und er funktioniert, kein Wunsch ist mehr in ihm, er fühlt sich leer und allein. Letzteres müsste er nicht sein, die Einsamkeit hat er selbst gewählt, doch blieb ihm eine andere Wahl?

Seine Tochter Samanta ist bereits heute, kaum ein paar Monate alt, das Ebenbild ihrer Mutter. Obwohl noch ein Baby, kann man schon erahnen, dass sie in einigen Jahren, Nicole wie aus dem Gesicht geschnitten sein wird. In ihrer Nähe zu sein übersteigt alles Erträgliche. Max ist jedes Mal tief erschüttert, wenn er seine Tochter sieht, unfähig sie in den Arm zu nehmen, ja sogar mit ihr im selben Raum zu sein, hat ihn fort getrieben. Zurück nach Deutschland. Zurück zu seinem Beruf als Kriminalbeamter. Arbeiten, nicht nachdenken, einfach funktionieren, einen Tag nach dem anderen angehen, das ist es was er seit Monaten tut. Klar quält ihn ein schlechtes Gewissen, er hat seine Tochter im Stich gelassen. Sie ist bei seiner Schwester, zwar in den besten Händen, aber dennoch zurückgelassen.

Es vergeht kein Tag, an dem er sich dies nicht vorwirft, sich selbst einen Feigling nennt, ja sich sogar dafür hasst. Doch er kann nicht anders. Die Alternative wäre, dieses Kind, sein Kind, jeden Tag sehen zu müssen, jeden Tag vor Augen geführt zu bekommen, was er verloren hat, übersteigt seine Kraft, er hat Angst davor, daran zu zerbrechen.

Im Moment sitzt er mit seinem Vorgesetzten in einem Münchner Biergarten und Kriminalhauptkommissar Brenner staucht Max zusammen, weil dieser bei dem eben abgeschlossenen Fall, sein Leben riskiert hat. In Brenners Augen völlig unnötig, was diesen auf die Idee bringt, dass Max, im wahrsten Sinne des Wortes, lebensmüde ist.

>>Wolltest du sterben?<<

KHK Brenner sieht Max durchdringend an.

>>Ich kann dir keinen neuen Fall übertragen, wenn ich damit rechnen muss, dass du wie ein wilder Stier durch die Gegend rennst, dich ohne Rücksicht in Gefahr begibst. Du gefährdest dadurch nicht nur dich, sondern auch das Leben deines Partners.<<

>>Ich arbeite allein<<, wirft Max genervt ein.

>>Du weißt sehr genau was ich meine<<, weißt Brenner ihn zurecht.

>>Risikobereitschaft gut und schön, doch du hättest diesen Fall beinahe zum Scheitern gebracht, mit deiner Entscheidung, den Täter frontal anzugreifen. Davon mal ganz abgesehen, dass du meine Anweisungen nicht befolgt hast. Wie soll ich weiter mit dir zusammenarbeiten, wenn dein Verhalten unberechenbar ist? Wir arbeiten im Team Max, wenn dir das nicht mehr möglich ist, dann sag es jetzt. Ich werde nicht das Risiko eingehen, dir einen Partner zur Seite zu stellen, wenn du dich nicht im Griff hast. Du weißt, dass ich sehr froh bin, dich wieder in unserer Abteilung zu haben, du warst und bist immer noch mein bester Mann. Verdammt, rede endlich mit mir, was ist mit dir los?<<

Als Max nach Deutschland zurückkam um seine alte Stelle wieder anzutreten, hat er seinen Chef über seine Beweggründe im Unklaren gelassen und hatte auch nicht vor, ihm mehr zu sagen, als dass seine geliebte Nicole verstorben und er deshalb wieder zurück gekommen ist, doch jetzt bricht es aus ihm heraus. Mit einem Mal ist der Schmerz so übermächtig und der Drang sich jemandem mitzuteilen so groß, dass er seinem Vorgesetzten alles erzählt, was in den letzten Wochen vorgefallen ist.

>>Als wir uns, vor meinem Weggang, das letzte Mal sahen<<, beginnt Max leise mit seiner Erzählung, >>hast du mir erklärt, dass ich mich an Nicole wenden muss, wenn ich meine Schwester lebend wieder sehen möchte. Du hast keine Ahnung, wie recht du hattest. Deine Informationen stammten damals vom MAD, dem militärischen Abschirmdienst, deshalb gehe ich davon aus, dass du weißt, dass Nicole eine Mutantin ist.<<

Das zustimmende Nicken seines Chefs quittiert Max mit einem leichten, traurigen Lächeln und fährt fort. >>Nicole ist aber nicht der einzige Mutant, in den letzten Monaten sind wir auf mindestens einen weiteren gestoßen, was Nicole völlig aus der Fassung gebracht hat. Sie wollte das Mädchen unbedingt befreien, denn dass sie nicht freiwillig bei dem russischen Arzt lebt, das stand für sie außer Frage. Ein fataler Fehler, wie wir leider zu spät feststellen mussten. Eine Handvoll Leute flogen nach Russland, im Grunde wegen einer anderen Sache, doch ich wusste, Nicole geht es einzig und allein um dieses Mädchen. Unsere Einreise blieb nicht unbemerkt und wir waren kaum in Russland angekommen, da wurden wir überfallen, Nicole getötet und entführt, ich schwer verwundet.<< Der letzte Satz ist nur noch ein Flüstern, der Schmerz überwältigt Max so brutal, dass er kaum noch atmen kann.

>>Ich schaffe es einfach nicht, mit dem Tod von Nicole fertig zu werden. Das Leben hat jeden Sinn, jede Freude für mich verloren. Ich weiß einfach nicht, wie ich mit dem Wissen weiterleben soll, sie nie mehr wieder zu sehen und als ob dies nicht schon schlimm genug wäre, so mache ich mir die größten Vorwürfe, dass ich die Nähe meiner Tochter nicht ertrage. Ich bin hierher nach Deutschland geflüchtet, weil ich es nicht schaffe, meine Tochter auch nur anzusehen. Sie sieht aus wie Nicole, bis auf ihre Augenfarbe, die ich ihr vererbt habe, sehe ich in das Gesicht meiner verlorenen Liebe, sobald ich das Kind ansehe. Ich bin ein solch erbärmlicher Feigling<<, schließt Max mit zitternder Stimme.

Tief betroffen von dem Geständnis seines Untergebenen, fehlen KHK Brenner zunächst die Worte. Er kann die Verzweiflung von Max fast körperlich spüren und möchte ihm gern helfen, seinen Schmerz wenigstens ein klein wenig lindern.

>>Nichts, was ich dir sagen könnte, würde deinen Verlust auch nur ein bisschen erträglicher machen<<, beginnt Brenner einfühlsam, >>ich kann ihn wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise nachempfinden, doch eines weiß ich sicher Max, du musst dich um deine Tochter kümmern. Du wirst es dir niemals verzeihen, wenn du jetzt deiner Angst nachgibst und dich davor fürchtest in ihrer Nähe zu sein. Du bist kein Feigling, Max, ich kenne dich seit Jahren. Nicht der ist mutig, der keine Angst kennt, oder tollkühn in eine Gefahr läuft, nein Max, Mut ist, wenn man seine Angst überwindet und ich weiß, dass du dies kannst. Du hast mir bei deiner Rückkehr davon erzählt, dass dir deine Tochter jeden Tag fehlt, sei mutig Max, lass dich von deiner Angst nicht lähmen. Ich lasse dich zwar sehr ungern gehen<<, gesteht KHK Brenner lächelnd ein, >>aber wenn du möchtest, kann ich etwas in die Wege leiten.<<

Den fragenden Blick von Max ignorierend fährt Brenner fort.

>>Mir liegt seit zwei Wochen eine Anfrage aus Linz vor, darin geht es um ein Austauschprogramm, im Rahmen der Völkerverständigung<<, grinst der Kriminaler.

>>Ein Beamter von uns geht für ein Jahr befristet nach Linz und wir bekommen im Aus-tausch einen von ihnen. Ich musste sofort an dich denken, als mir diese Anfrage auf den Tisch flatterte, wollte nur das Ende dieses Einsatzes abwarten und dich dann fragen, ob das was für dich wäre.<<

Erstaunt und völlig überrascht fehlen Max die Worte.

>>Na, was sagst du<<, fordert KHK Brenner Max auf, >>ein ja genügt mir völlig<<, fügt er grinsend hinzu.

>>Du bist ein wahrer Freund<<, erwidert Max völlig überwältigt. >>Ich gehe nur sehr ungern hier weg, doch ich muss, meine Angst ist sehr groß, doch die Sehnsucht nach meiner Tochter ist um vieles stärker. Ich weiß nicht, wie ich dir jemals danken soll.<<

ACHT

Lisa sitzt im Wohnzimmer des großzügigen Hauses im österreichischen Ort Glanz und beobachtet traurig, wie die Abendsonne rot glühend hinter den Bergen des Hohe Tauern Gebirges untergeht.

Es betrübt sie ungemein, dass ihr Bruder Max sich nicht von ihr helfen lassen wollte, es vorgezogen hat, vor einigen Monaten wieder zurück nach Deutschland zu gehen.

Sicher, sie kann seinen Schmerz nachvollziehen, auch sie hat monatelang getrauert, als sie dachte, er wäre bei ihrer Befreiung aus der Gefangenschaft bei Dr. Maikow, gestorben. Sie weiß, wie sehr ihn der Verlust von Nicole schmerzen muss, auch sie wird kaum mit dem Verlust ihrer geliebten Freundin fertig, doch Lisa hätte ihm helfen können. Sie könnte ihm wenigstens einen Teil dieser kaum zu ertragenden, vernichtenden Schmerzen nehmen, wozu hat sie sonst ihre Fähigkeit, wenn sie ihren Freunden und ihrem Bruder damit nicht behilflich sein kann?

Lisa ist mental begabt, sie hat nicht nur die Fähigkeit, Gefühle von anderen Personen wahrnehmen zu können, ja sie kann diese sogar beeinflussen. Lisa ist ein Empath und ein Telepath. Als Nicole damals nach Lisas Befreiung, an dem Verlust von Max fast zerbrochen war, hat Lisa einen Teil des Schmerzes auf sich übertragen und Nicole dadurch wieder Lebensmut gegeben, dies hätte sie so gerne auch für ihren Bruder getan, doch er hat ihrer Hilfe verweigert.

>>Warum tut er das, warum will er sich nicht von mir helfen lassen?<<

>>Er denkt, er würde Nicole verraten, wenn er den Schmerz verdrängt, oder ihn von dir lindern lassen würde.<< Meister Li, der Shaolin-Mönch hat unbemerkt von Lisa das Wohnzimmer betreten.

Lisa war gar nicht bewusst, dass sie die Frage laut ausgesprochen hat.

>>Nicole hat auch lange gebraucht, bis sie sich von mir helfen ließ, doch das hatte damals andere Gründe. Sie hat in mir den Grund dafür gesehen, dass mein Bruder sterben musste, nur weil er mich unbedingt befreien wollte, ist er gestorben. Nicole hat mir später gebeichtet, dass sie vom Kopf her wusste, das ist Unsinn, doch sie konnte dieses Gefühl nicht unterdrücken, dies hatte sie damals davon abgehalten, sich von mir helfen zu lassen.<<

>>Gib deinem Bruder etwas Zeit<<, beginnt der Mönch einfühlsam und legt seinen Arm zärtlich um die Schulter der jungen Frau.

>>Bevor ich Mönch wurde, habe ich als Personenschützer in Nepal gearbeitet, mein letzter Arbeitgeber war ein sehr wohlhabender Mann, der zugegeben, nicht immer ganz legal an seinen Reichtum gekommen ist. Eines Tages, wir fuhren von einem späten Abendessen nach Hause, wurden wir von vier Männern überfallen. Ich war sehr gut, doch den vier bis an die Zähne bewaffneten, zu allem entschlossenen Männern, war ich hoffnungslos unterlegen. Seine Frau kam bei diesem Überfall ums Leben und mein Arbeitgeber wollte wenig später auch seinem Leben ein Ende bereiten. Er hat in seinem Lebenswandel die Schuld am Tod seiner geliebten Frau gesehen. Dass er sie nicht beschützen konnte, hat solch große Schuldgefühle in ihm ausgelöst, dass nicht viel gefehlt hätte und er sich selbst töten wollte. Letztendlich hat er es nicht getan, doch der Schmerz hat ihn fast vernichtet. Er wollte ihn nicht loslassen, er erklärte mir, es fühle sich wie Verrat an, würde er den Schmerz verlieren. Alles was ihn noch mit seiner geliebten Frau verbindet wäre eben dieser Schmerz und deshalb hält er an ihm fest. Ich denke dein Bruder fühlt ähnlich, auch er wird sich Vorwürfe machen, er bestraft sich selbst dafür, dass er sie nicht retten konnte.<<

>>Ging es dem Mann denn eines Tages besser?<<

>>Leider nicht, der Schmerz über den Verlust hat ihn letztendlich getötet, er ist an gebrochenen Herzen gestorben.<<

>>Oh Gott<<, entfährt es Lisa entsetzt.

>>Keine Angst, meine Kleine<<, beruhigt der Mönch die junge Frau, >>das wird Max nicht passieren. Mein Arbeitgeber war allein, nachdem seine Frau von ihm gegangen war, er hatte niemanden, mit dem er trauern konnte, der ihm zur Seite stand. Max hat dich, er hat uns und nicht zu Letzt hat er Samanta. Er wird zurückkommen, du wirst sehen, lass ihm einfach etwas Zeit.<<

>>Ich hoffe du hast recht Meister Li, ich würde ihm so gern helfen und ich vermisse ihn so sehr. Samanta geht es gut, sie ist noch sehr klein und bekommt noch nicht so viel mit, doch ich fühle, dass sie mehr weiß, was um sie herum geschieht als uns allen klar ist. Sie ist ein ganz außergewöhnliches Kind und ich finde es so traurig, dass Max auch nur einen einzigen Tag in der Entwicklung seines Kindes verpasst.<<

***

Es ist einige Wochen her, dass alle Bewohner des Hauses in einem Raum versammelt eine Mahlzeit zu sich nehmen. In den vergangen Wochen hatte jeder Einzelne damit zu tun, den Verlust von Nicole in irgendeiner Weise für sich selbst zu verarbeiten. Nahezu jeder der Bewohner hat mittel-, oder unmittelbar sein Leben, oder doch seine körperliche Unversehrtheit Nicole zu verdanken, so ist es nicht schwer nachzuvollziehen, dass es Zeit gebraucht hat, bis alle wieder einigermaßen unbefangen miteinander umgehen können.

Da sind Denis und Viktor, die beiden Teleporter, auch liebevoll „Springer“ genannt. Denis war mit Lisa im selben Sanatorium, auch bei ihm wurde bereits als Kind, fälschlicherweise die Diagnose Schizophrenie gestellt und er wäre deshalb beinahe ein Opfer von Dr. Maikow geworden. Hätte Lisa nicht den Wunsch geäußert, Denis aus dem Sanatorium nach Österreich zu holen und hätte Nicole ihr nicht dabei geholfen, wäre Denis ein Opfer des skrupellosen Arztes geworden, wie Nicole später herausgefunden hat. Durch einen Zufall, der glücklicherweise Lisas Leben rettete, erfuhr Denis von seiner Fähigkeit der Teleportation. Als Lisa eines Tages angegriffen wurde, spürte Denis ihre Panik, „sprang“ zu ihr und konnte ihr damit das Leben retten.

Teleportation bezeichnet den Transport eines Teilchens, eines Gegenstandes, oder einer Person, von einem Ort zu einem anderen, ohne den Raum dazwischen zu durchqueren. In der Teilchenphysik ist dies bereits seit 1997 Realität, die sogenannte Quantenteleportation, bei Gegenständen und Personen wurde dies jedoch noch nie-mals nachgewiesen.

Viktor ist erst vor Kurzem zur Wohngemeinschaft gestoßen. Er lebte bei Dr. Nikolai Gagarin, dem Ziehsohn von Dr. Maikow, dessen einziges Lebensziel es war, Nicole in seine Gewalt zu bekommen. Viktor war am Überfall, bei dem Nicole ums Leben kam beteiligt, auch er ist ein Teleporter. Er hat Nicole zu Gagarin gebracht, obwohl er gespürt hat, dass sie bereits tot ist. Tödlich getroffen durch einen Kopfschuss. Der einzige Grund, warum er sie dennoch zu Gagarin gebracht hatte, war seine Schwester Olga.

In dem Moment des Überfalls, wurde ihm klar, dass er keine Minute länger bei Nikolai Gagarin bleiben wollte, der Arzt nutze ihn und seine Schwester nur aus. Seine Freundlichkeit ihnen gegenüber war aufgesetzt, er manipulierte sie und erpresste Viktor damit, sich an seiner Schwester zu vergreifen, würde Viktor sich weigern, ihm Nicole zu bringen. Allein aus diesem Grund, um Nachteile für seine Schwester zu vermeiden, ließ sich Viktor darauf ein. Er versuchte Olga davon zu überzeugen, mit ihm zu kommen, Gagarin zu verlassen, doch vergeblich. Das Mädchen hängt sehr an Dr. Nikolai Gagarin und war nicht davon zu überzeugen ihn zu verlassen, selbst dann nicht, als Viktor sie vor die Wahl stellte, entweder er oder der Arzt. Viktor ist nachdem er Nicole im Büro des Arztes zurückgelassen hat, wieder zurück gesprungen und wurde von Dimitri überwältigt, da dieser befürchtete, er wäre nur wieder zurückgekommen, um sich nun auch noch Lisa zu holen.

Inzwischen konnte das Missverständnis aufgeklärt werden und Dimitri, ist froh, dass er den Jungen nur bewusstlos geschlagen hatte und nicht Schlimmeres passiert ist.

Dimitri ist ebenfalls seit Kurzem ein Bewohner des Hauses. Er ist mit allen, die mit in Russland waren, nach Österreich zurückgekehrt. Obwohl er sich sehr in seine Heimat zurücksehnt, erscheint es ihm für den Moment doch sicherer, sich nicht in Russland aufzuhalten. Dimitri und Viktor waren die Einzigen, die bei dem Überfall mitbekommen haben, dass Nicole tödlich verletzt wurde. Max selbst schwerverletzt und Lisa haben erst in Österreich von der Tragödie erfahren.

Dimitri hatte bereits mit Nicoles Vater, Thomas Arnold zusammengearbeitet und versucht, Personen ausfindig zu machen, oder zu befreien, die Opfer von Dr. Maikows Machenschaften waren. Der Arzt versuchte die Fähigkeiten von mental Begabten, meist handelte es dabei um Kinder, zu verstärken. Seine Opfer ließ er dafür entführen und fügte ihnen durch seine Behandlung Schmerzen, oder Traumata zu, von denen sie sich kaum erholten.

Nach dem Tod von Thomas Arnold war Dimitri Nicole behilflich, sobald sie sich in Russland aufhielt und seine Hilfe benötigte. Ihr Verlust geht Dimitri sehr nahe, da in der Zeit, die sie zusammengearbeitet hatten, eine liebevolle Freundschaft entstanden ist.

Des Weiteren ist vor einigen Monaten das Geschwisterpaar, Svetlana und Alexander Gudoy, zu der Wohngemeinschaft gestoßen. Svetlana wurde von Nikolai Gagarin als Falle für Nicole instrumentalisiert. Er ließ das Gerücht streuen, dass er, wie sein Ziehvater Dr. Maikow, auf der Suche nach mental begabten Kindern wäre und setzte Svetlana als Köder ein. Er setzte das Mädchen unter Drogen und folterte sie, mit dem Ziel ihr Gedächtnis zu zerstören. Sein Plan sah vor, dass Nicole sie befreit, mit nach Österreich nimmt, dort einige Wochen verbleibt, von ihm wieder zurückgeholt wird und er dann aus erster Hand erfährt, wie er am besten an Nicole heran kommt.

Das Gedächtnis des Mädchens zeitweise zu zerstören, war nötig, da Dr. Gagarin wusste, dass Lisa Gedankenlesen kann, sein Plan wäre sofort aufgeflogen. Da er jedoch wusste, durch welche Drogen er das Gedächtnis von Svetlana wieder herstellen kann, schien dieser Plan äußerst aussichtsreich. Der Bruder von Svetlana, Alexander Gudoy wurde jedoch misstrauisch und machte sich auf die Suche nach seiner Schwester, was letztendlich zum Scheitern des Planes führte und Dr. Gagarin nicht mehr an Svetlana herankam. Die Verabreichung der Drogen in Verbindung mit einer massiven Folter lösten bei Svetlana nicht nur einen Gedächtnisverlust aus, der zu einem späteren Zeitpunkt von Prof. Dr. Juan Jintao behoben werden konnte, sondern ebenso eine Synästhesie.

Dieser Begriff steht altgriechisch für „mitempfinden“, oder „zugleich wahrnehmen“. Darunter fallen Farbe und Temperatur, beispielsweise die Verbindung – warmes Grün. Töne, Musik und Räumlichkeit werden auf ungewöhnliche Weise verbunden. Menschen, die Wahrnehmungen derartig verknüpfen, werden Synästheten genannt.

Svetlana verknüpft Töne mit Farben, soll heißen sie sieht Töne als Farben. So konnte Svetlana plötzlich Klavierspielen, obwohl sie dies niemals gelernt hatte, ferner sieht das Mädchen auch Sprache in Farben. Sie erkennt, ob jemand lügt, daran, dass sich die Farbe ändert.

Im Normalfall entsteht eine Synästhesie bereits im Kindesalter und wird von den Betroffenen als völlig normal empfunden. Allerdings sind auch Fälle bekannt, in denen eine Synästhesie nach schweren Hirnschädigungen plötzlich aufgetreten sind. Nach neusten Studien sind unterschiedliche Arten der Synästhesie bekannt. Man geht davon aus, dass in etwa vier Prozent aller Menschen Synästhesie haben können. Die Graphem-Farb-Synästhesie, die Svetlana zugeschrieben wird, tritt nach neusten Studien am häufigsten auf. Sie ist die Synästhesie-Form, die bislang am besten untersucht wurde.

Neben den vier genannten Personen halten sich noch der Shaolin-Mönch, Lisa und Prof. Dr. Juan Jintao in der Küche auf. Samanta, Nicoles Tochter liegt bereits friedlich schlafend im Bett.

Lisa würde niemals ungefragt die Gedanken von ihr Nahestehenden lesen, muss sie auch nicht, denn es ist allen Anwesenden anzusehen, dass sie zwar froh sind, wieder einmal gemeinsam zu Essen, doch die Stimmung bedrückt, um nicht zu sagen, von Trauer geschwängert ist. Seit sie ohne Nicole aus Russland zurückgekehrt sind, scheint es so, als ob das Leben und die Freude aus dem Haus verschwunden wäre. Gäbe es nicht die Momente, in denen die kleine Samanta das Haus zum Leben erweckt und jedem Bewohner ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, ist die Stille, die in diesem Haus Einzug gehalten hat, fast körperlich spürbar.

Wäre da nicht ihre noch ganz frisch erwachte Liebe zu Alexander Gudoy, würde Lisa verzweifeln, scheitern, an der Kraft, die ihr abverlangt wird, die traurigen Gefühle, welche jeder einzelne Bewohner ausstrahlt, abzublocken. Dies ist leider eines der wenigen Dinge ihrer Gabe, die Lisa nicht sehr gut im Griff hat. Negative Gefühle die unverhofft auf sie einwirken, kann die junge Frau nur schlecht verarbeiten. Je destruktiver die Gefühle sind, umso schwieriger wird es für Lisa diese zu verdrängen. In der Vergangenheit ist es oft vorgekommen, dass sie diese Art der Gefühle nicht abblocken konnte und ihr Körper einen Schutzmechanismus entwickelt hat, damit umzugehen, sie fällt in Ohnmacht.

***

>>Schön dass wir heute endlich wieder einmal alle zusammen sein können<<, ergreift der Professor das Wort und sieht lächelnd in die Runde.

>>Ich sehe jedem einzelnen an, dass er immer noch damit zu tun hat, den Verlust von Nicole zu verarbeiten. Mir ergeht es ebenso, deshalb kann ich die Gefühle eines Jeden nachvollziehen, doch möchte ich heute gerne etwas ansprechen, was uns allen wichtig sein sollte. Wollen wir Nicoles Vermächtnis weiterführen?

Wollen wir ihren Kampf fortsetzen?

Wir haben alle eine Zeit gebraucht, um über ihren Tod hinwegzukommen, was nicht heißen soll, dass die Trauer bereits beendet ist. Jeder hat die Zeit und kann sich so viel Zeit nehmen wie er benötigt, doch für mich fühlt es sich inzwischen so an, als ob Nicole umsonst gestorben wäre, wenn wir nicht langsam wieder beginnen, ihren Kampf weiterzuführen. Auch hätte sie nicht gewollt, dass wir hier herumsitzen und Trübsal blasen. Ich will niemandem zu nahe treten<<, würgt er den Einwurf ab, den Lisa auf den Lippen hat.

>>Wir müssen weitermachen Lisa<<, fährt der Professor an das Mädchen gewandt fort. >>Nicole hätte es so gewollt. Sie hatte recht damit, als sie mutmaßte, dass Viktors Schwester Olga irgendwann erkennen wird, was für ein Mensch Dr. Gagarin ist. In dem Moment, wird sie ernsthaft in Gefahr sein. Das Mädchen wird älter, jetzt kann er sie noch manipulieren, aber wie lange noch? Nicole wollte sie retten und wir sollten es schon allein im Gedenken an Nicole tun, findet ihr nicht?<<

>>Olga wird nicht mit uns kommen<<, wirft Viktor resigniert ein.

>>Vielleicht jetzt noch nicht<<, erwidert der Professor, >>doch wir sollten uns mit ihr in Verbindung setzen, irgendwie. Sie muss wissen, dass es einen Ausweg gibt, sollte sie einen suchen und selbst wenn wir es nicht schaffen, sie zu überzeugen, Dr. Gagarin wird das Werk von Dr. Maikow weiterführen, in der einen oder anderen Weise. Dieser Mann ist gefährlich, wir wissen das und allein deshalb müssen wir versuchen ihn aus-zuschalten.<<

>>Aber „Onkel“, wie soll uns das gelingen, ohne Nicole<<, wirft Lisa zweifelnd ein. >>Hast du die modifizierten Männer vergessen, die uns überfallen haben, wir haben nichts, was wir ihnen entgegen setzen können. Nicole ist nicht mehr unter uns<<, fährt die junge Frau mit zitternder Stimme fort. >>Sie war die Einzige, die eine reelle Chance gegen diese Männer hatte.<<

>>Nun<<, erwidert der Professor lächelnd, >>da bin ich mir nicht mehr so sicher.<<

Das staunende Gemurmel aller Anwesenden ignorierend fährt Prof. Dr. Jintao fort.

>>Wie ihr wisst<<, beginnt er lächelnd mit der Erklärung, >>hat Dr. Nikita Gagarin, der Vater von Nikolai, die Männer mittels einer Operation an der Amygdala, der Bereich des Gehirns, der für Emotionen und die Impulskontrolle zuständig ist, zu gefühllosen Monstern gemacht und da Dr. Maikow dies damals noch nicht ausreichte, den Männern auch noch Adrenalin zur Steigerung ihrer Aggressivität zugeführt. Hätte er es bei der OP belassen, sähen wir nun tatsächlich alt aus, da er aber seinen Hals wie immer nicht voll bekam, wurden den Männern Adrenalinpumpen in den Bauchraum implantiert. Ich muss euch nicht daran erinnern, wie schlecht sich Nikita fühlte, da er für die Erschaffung dieser Monster verantwortlich war, deshalb vertraute er mir an, wie man sie besiegen kann. Nun ja, besiegen ist vielleicht etwas hochgegriffen, doch empfindlich treffen können wir sie alle mal.<<

>>Nun spann uns nicht so auf die Folter Juan<<, mischt sich nun der Shaolin-Mönch ein. >>Wir wissen deine Vorträge im Grunde ja sehr zu schätzen, aber bitte komm endlich zum Punkt.<<

>>Du hast recht mein Freund<<, grinst der Professor den Mönch breit an, >>die Jungs können durch einen gezielten Stromschlag ausgeschaltet werden.

Theoretisch<< – schränkt er ein.

>>Nikita erzählte mir, dass seinerzeit bei einem Versuch einer der Männer aus Versehen an eine Stromquelle gekommen ist, er war zu diesem Zeitpunkt vollgepumpt mit Adrenalin und obwohl der Stromschlag eher leicht war, fiel der Mann um wie ein Brett. Er ist davon nicht gestorben, doch er war Minutenlang außer Gefecht gesetzt und das Beste kommt noch<<, ereifert sich der Professor und blickt triumphierend in die Runde.

>>Weder Dr. Maikow, noch sein Sohn Nikolai haben davon jemals etwas erfahren.<<

NEUN

Ich bin seit einer Woche in Linz und beginne langsam, mich einzuleben.

Die Kollegen sind klasse, wenn man die Frotzeleien, die man als Deutscher in Österreich über sich ergehen lassen muss, nicht zu ernst nimmt, kommt man hier besten klar. Gut ich bin und werde wohl immer der „Piefke“ bleiben, aber damit komme ich zurecht. Die Deutschen, vor allem die Bayern und die Österreicher hat schon immer eine besondere Freund-, Feindschaft verbunden. Stammt wohl noch aus alter Zeit, als beide Länder noch König- und Kaiserreiche waren und nicht selten untereinander verheiratet wurden, bekanntestes Beispiel – Sissi aus Bayern und Franz Josef, Kaiser von Österreich.

Größere Schwierigkeiten bereiten mir die Ränge, die hier aus dem Militär übernommen werden und an die ich mich nur schlecht gewöhnen kann. Bei den deutschen Behörden gibt es den Kriminalkommissar und den Kriminalhauptkommissar, vielleicht noch den ersten KHK, oder den leitenden KHK. Hier bekomme ich es mit einem Major, einem Oberst und vielen weiteren militärischen Rängen zu tun und ich kann mir einfach nicht merken, welcher der höhere ist. Egal, mit der Zeit wird das schon klappen.

Ein Partner wurde mir noch nicht zugewiesen, soll aber noch diese Woche passieren. Zur Zeit verbringe ich viel Zeit damit, mich auf der Dienststelle einzugewöhnen. Alte Fälle durchzusehen und mich mit den Leuten bekannt zu machen.

Bis jetzt habe ich es noch nicht geschafft, mich bei meiner Schwester zu melden, sie hat noch keine Kenntnis davon, dass ich wieder in Österreich bin. Ich bin fest entschlossen, sie bald aufzusuchen, im Moment kann ich den Mut dafür nur noch nicht aufbringen. Geradezu erbärmlich, doch ich schaffe es einfach nicht.

In den wenigen Tagen, in denen ich hier bin, habe ich immer wieder Gespräche über „das Phantom“ aufgeschnappt. Erleichtert stelle ich fest, dass niemand auf die Idee kommt, mit mir darüber zu sprechen, denn ich möchte meine neuen Kollegen nicht anlügen. Im Gegensatz zu ihnen, die obwohl „das Phantom“ seit Langem nicht mehr gesichtet wurde, immer noch davon sprechen, weiß ich sehr genau um wen es sich dabei handelt.

Nicole wurde so genannt, natürlich wusste damals, wie heute niemand, dass es sich um sie gehandelt hat. Es war kurz nach der Befreiung von Lisa, als Nicole dachte ich hätte nicht überlebt und sie damals, wie ich heute, nicht über ihren und sie über meinen Tod hinweggekommen ist. Nicole hat mir erzählt, dass sie nicht schlafen konnte, von Alpträumen geplagt wurde, einfach keine Ruhe fand und deshalb nachts in die Stadt Linz gefahren ist um ziellos durch den Ort zu laufen.

Zufall, oder Schicksal, das kann man sehen wie man will, ist es ihr einige Male gelungen schwere Verbrechen zu verhindern. Dabei blieb es nicht aus, dass einige Personen Zeugen wurden, wie Nicole über Meterhohe Mauern gesprungen ist, oder mit mehreren Männern gleichzeitig gekämpft hat. Da niemand wusste wer sie ist, erhielt sie von der Presse den Namen „das Phantom“. Wie ich jetzt erfahre, ist sie heute noch Gesprächsthema Nummer eins, obwohl dies fast zwei Jahre zurückliegt.

Unglaublich wie schnell die Zeit vergangen ist.

Ich erinnere mich noch als ob es gestern gewesen wäre, als ich Nicole das erste Mal begegnete. Es war in München, in ihrem Elternhaus, Nicole kam aus einem Kurzurlaub aus Italien zurück und fand ihre Eltern ermordet vor. Ich war sofort fasziniert von ihr. Ihre Ausstrahlung fesselte mich vom ersten Moment an. Heute weiß ich, dass ich in dem Moment verloren war, als ich das erste Mal in ihre leuchtend grünen Augen sah. Wir haben uns dann aus den Augen verloren, da sie nach dem Tod ihrer Eltern beschlossen hatte, mit ihrem „Onkel“ Prof. Dr. Juan Jintao nach Österreich zu gehen. Er ist nicht ihr richtiger Onkel, doch wie sie mir einmal erzählte, liebt Juan diese Anrede und da ihr keine Familie mehr geblieben ist, macht es ihr Freude, ihn so zu nennen.

Der Professor wurde von ihrem Vater nach Deutschland geholt, damit er Nicole hilft, mit ihrer Mutation klar zu kommen, er war es auch, der Nicole nach ihrem Unfall operierte und dabei ihre DNA veränderte. Nach dem Verlust ihrer Eltern ist er alles, was Nicole noch an Familie blieb. Wir begegneten uns erst wieder, als ich auf der Suche nach meiner Schwester war, die wegen ihrer mentalen Begabung von Dr. Maikow nach Russland entführt wurde. Ich hatte Lisa damals auf Anraten der Ärzte in ein Sanatorium einweisen lassen, da man eine Schizophrenie bei ihr feststellte. Heute weiß ich es natürlich besser, doch damals war ich so sehr überfordert, dass ich den Ärzten vollkommen vertraute. Noch heute mache ich mir große Vorwürfe deswegen. Wegen mir verbrachte meine kleine Schwester viele Jahre in einem Sanatorium, ich habe ihr die Kindheit gestohlen, das kann ich nie mehr gut machen und was noch schlimmer wiegt, Lisa macht mir nicht einmal einen Vorwurf.

Nicole half mir bei der Suche nach meiner Schwester und wir verliebten uns in dieser aufregenden und gefährlichen Zeit rettungslos in einander. Schließlich fanden wir Lisa in einem sehr schlechten Zustand in einer Klinik in Russland, es gelang uns sie zu befreien und beinahe wäre uns allen die Flucht gelungen. Leider wurde ich, bevor ich ins rettende Flugzeug steigen konnte angeschossen und blieb mehr tot als lebendig auf dem Rollfeld zurück. Um meine Schwester zu retten musste man mich zurücklassen, auch dachte niemand, dass ich die schwere Verletzung überhaupt überleben könnte, am wenigsten ich. Doch ich habe überlebt. Dr. Maikow hat mir das Leben gerettet, er päppelte mich wieder auf, nicht aus Menschenfreundlichkeit, weit gefehlt, ein Köder für Nicole, das war ich für ihn. Denn sie wollte er, koste es was es wolle und es ist ihm sogar gelungen. Er hat Nicole einen Austausch angeboten und sie hat eingewilligt. Ich wusste nicht was vorgeht, da dieser Monsterarzt mich so mit Drogen vollgepumpt hat, dass ich mich nicht mehr an Nicole erinnern konnte.

Am Tag des Austausches hat er es tatsächlich geschafft Nicole in seine Gewalt zu bringen und meine Schwester wäre dabei fast getötet worden. Wäre Denis nicht „gesprungen“ wie alle es nennen, ich kann immer noch nicht fassen, dass Denis sich selbst teleportieren kann, obwohl ich es bereits mit eigenen Augen gesehen habe, wäre Lisa heute nicht mehr am Leben.

Nach langen Wochen des Planens und ungeduldigen Wartens haben wir es endlich geschafft, Nicole aus seiner Gewalt zu befreien. Denis und Lisa haben sie mit vereinten Kräften aus der Gefangenschaft befreit, doch Nicole war nicht mehr sie selbst. Der Gedanke daran, wie er seine Nicole damals vorgefunden hat, treiben Max noch heute die Tränen in die Augen. Seine geliebte Nicole war mehr Tier als Mensch. Dr. Maikow hatte sie gefoltert und ihr eine solche Menge Drogen verabreicht, die für den Tod von mehreren Personen ausgereicht hätte. Die tierischen Gene von Nicole gewannen die Oberhand und nur mit viel Glück ist es Prof. Dr. Juan Jintao gelungen, sie nach vielen Wochen wieder zu heilen. Eine grausame Zeit der Angst und der Hoffnung die Max viel Kraft gekostet hat.

Nicole hat kurz vor ihrer Befreiung Dr. Maikow getötet, bestialisch abgeschlachtet trifft es wohl eher, wenn man der Schilderung von Lisa glauben kann, die den Tod des Arztes mit angesehen hat. Wahrscheinlich würde sie heute nicht mehr leben, wäre Denis nicht auf die Sekunde genau „gesprungen“ um Nicole zu greifen, bevor sie sich auch auf Lisa stürzen konnte, denn Lisa war sich sicher, sie hat meine Schwester nicht erkannt und hätte sie nur eine Sekunde später angegriffen.

Nicole hat auch mich nicht erkannt, es waren furchtbare Wochen der Ungewissheit. Nicht zu wissen, ob sie jemals wieder gesund werden wird. Ihre Erinnerung an uns wieder finden und mich wieder lieben wird. Doch endlich, nach langen Wochen die Erlösung.

Alexander Gudoy taucht auf und trägt ohne es zu wissen, die Rettung für Nicole bei sich. Auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, wo er seine Schwester finden könnte, hat Alexander bevor er Russland den Rücken gekehrt hatte, das Büro von Dr. Gagarin, dem Ziehsohn von Dr. Maikow durchsucht und ist durch Zufall auf die Akte von Nicole gestoßen. Darin befand sich eine Medikamentenliste, welche er eher unbewusst eingesteckt hatte. Diese Liste war der Schlüssel für Prof. Dr. Jintao, Nicoles Erinnerungen wieder zurück zu holen. Als der Professor ihm mitteilte, dass er Nicole erfolgreich behandeln konnte, war Max nicht mehr zu halten. Er lief zu ihr und sah es sofort in ihren Augen, sie erkannte ihn, ihre Erinnerung war wieder zurück. Er hatte seine Nicole wieder.

Max bemerkt nicht, dass ihm seit Minuten heiße Tränen über die Wangen laufen, die Erinnerung an die schönsten Monate seines Lebens, die nach Nicoles Genesung folgten, lassen ihn laut aufschluchzen. Er spürt die Liebe seiner geliebten Nicole, meint fast sie riechen, ihre Nähe fühlen zu können, erinnert sich an die Geburt von Samanta und bricht bitterlich schluchzend auf seinem Sofa zusammen. Es sind nicht nur Tränen der Erinnerung, auch weint er zum ersten Mal über den Verlust von Nicole und spürt plötzlich, dass diese Tränen erlösend sind.

Er atmet tief durch und fühlt sich, als ob er zum ersten Male seit er vom Tod von Nicole erfahren hat, richtig durchatmen kann. Er richtet sich auf, wischt die Tränen vom Gesicht und weiß mit einem Mal, dass heute der Tag ist, an dem er nach Hause geht.

Nach Hause zu seiner Schwester und seiner Tochter Samanta.

***

Max zögert nur einen Moment, als er am Tor des Anwesens in Glanz steht. Der Code zum Öffnen ist noch der selbe, er wartet nicht, bis es sich ganz geöffnet hat, sondern drängelt sich durch den schmalen Spalt. Er hat so lange gewartet, dass ihm jetzt die wenigen Sekunden die es dauert, bis das Tor sich öffnet, wie eine Ewigkeit erscheint.

Tief durchatmend betritt er den langen Kiesweg, der ihn zum Haus bringt, sein Fahrzeug hat er vor dem Tor abgestellt. Obwohl er es kaum erwarten kann, endlich wieder auf seine Schwester zu treffen, seine Tochter wieder zu sehen, genießt er doch jeden einzelnen Schritt in diesem wundervollen Garten, der wohin man auch blickt Schönheit und Ruhe wiederspiegelt.

Das Anwesen ist riesig, vor ihm breitet sich eine einfache Rasenfläche aus, nur unterbrochen von einem uralten Baumbestand. Bäume die aussehen, als ob sie bereits seit Anbeginn der Zeit hier stehen würden und eine Ruhe und Würde ausstrahlen, die sofort auf den Betrachter überspringt. Eigentlich wollte Max sofort zum Haus, doch er lenkt seinen Schritt zuerst zum buddhistischen Teil des Gartens. Meister Li hat einen Teil des Geländes abgetrennt und diesen nach traditioneller chinesischer Kunst gestaltet. Nicoles Lieblingsplatz, wenn sie Ruhe und Entspannung suchte, fand sie diese hier.

Wesentliche Gestaltungselemente sind Steine und Wasser, wobei das Wasser wie hier zickzackförmig als Bach angelegt ist und über halbreisförmige Brücken überquert werden kann. Gemäß der daoistischen Philosophie, - den Weg des Lebens, der niemals geradeaus führe, achtsam zu gehen. Ziel der chinesischen Gartengestaltung ist es, Harmonie von Erde, Himmel, Steinen, Wasser, Gebäuden, Wegen und Pflanzen, den so genannten sieben Dingen, zu erreichen. Der Mensch als Achter, kann dann mit ihnen und in ihnen zur vollkommenen Harmonie finden. Wenn man sich in diesem Teil des Gartens befindet, atmet man diese Philosophie, sie wurde in Perfektion umgesetzt.

Max ist ganz versunken in die Schönheit der Umgebung, als er plötzlich eine Bewegung neben sich wahrnimmt.

Es ist Samanta, seine Tochter.

Ihr Anblick versetzt seinem Herzen einen Stich. Es trifft ihn nach wie vor hart, wie ähnlich das Mädchen seiner Mutter sieht, doch diesmal schreckt er nicht davor zurück, er kniet sich nieder, breitet seine Arme aus und das kleine Mädchen quiekt vor Freude und läuft, laut Papa rufend, in seine Arme.

ZEHN

>>Ich bin so froh dass du wieder bei uns bist<<, erklärt Lisa zum wiederholten Male, sie kann ihr Glück kaum fassen. Der Mönch hat recht behalten, Max ist wieder zurückgekehrt. Ob er sich jetzt wohl von ihr helfen lassen wird? Denn, dass er immer noch sehr leidet, sieht Lisa mit einem Blick, doch sie traut sich nicht ihn darauf anzusprechen.

Nach einer ausgiebigen und sehr ausgelassenen Begrüßung aller Hausbewohner ziehen sich Lisa und ihr Bruder in die inzwischen fertiggestellte Wohnung seiner Schwester zurück. Noch bevor sie vor Monaten nach Russland aufgebrochen sind, wurde mit dem Ausbau des Dachgeschosses begonnen und heute sieht Max zum ersten Mal das Ergebnis.

>>Schön ist die Wohnung geworden<<, bemerkt er traurig lächelnd, denn sofort ist die Erinnerung an Nicole wieder präsent. Sie hatte sich am Ende immer häufiger über die Lautstärke und den Dreck des Ausbaus beschwert und konnte deren Ende kaum erwarten.

>>Ja, ich liebe diese Wohnung sehr<<, stimmt Lisa begeistert zu, >>komm ich möchte dir etwas zeigen.<< Aufgeregt nimmt sie ihren Bruder an die Hand und führt ihn durch das kleine Wohnzimmer auf die Dachterrasse. Ein atemberaubender Ausblick empfängt Max. Die Berge des nahen Hohetauern Gebirges scheinen zum Greifen nah, man meint fast, einzelne Steine und Felsvorsprünge mit losem Auge erkennen zu können. Die Sonne steht hoch über den Bergen und taucht sie in ein atemberaubendes Licht. Hohe Wälder wechseln sich mit frischen Grashängen ab und über der Waldgrenze erheben sich majestätisch die gewaltigen Gipfel der Bergkette. Er ist fasziniert von der Schönheit dieser Landschaft, die ihn so sehr berührt, dass sich seine Augen mit Tränen füllen.

>>Es ist wunderschön hier<<, flüstert er leise.

Als Lisa sieht, wie emotional ihr Bruder wird, verliert sie jegliche Angst.

>>Bitte Max lass dir von mir helfen<<, fleht sie ihn inständig an.

Traurig lächelnd wendet Max sich seiner Schwester zu.

>>Das ist lange überfällig nicht wahr? Ich war so dumm Lisa<<, beginnt Max.

>>Ich dachte, wenn ich mir von dir helfen lasse und mir der Schmerz um Nicole genommen wird, ich sie damit verraten würde. Lange fühlte ich so und auch heute bin ich mir noch nicht sicher, ob ich mir diese Erleichterung gestatten darf. Nein, bitte unterbrich mich nicht<<, würgt Max den Widerspruch seiner Schwester im Keim ab. >>Ich konnte Nicole nicht helfen, bin so ohnmächtig angesichts der Qual, die mir ihr Verlust bereitet und doch denke ich, dass ich dieses Leid durchstehen muss. Dass ich ihr das schuldig bin, verrückt ich weiß, doch ich fühle so. Habe so gefühlt, muss ich mich berichtigen. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen ist, doch ganz plötzlich, ich habe mich daran erinnert, wie ich Nicole kennenlernte, was wir miteinander durchgemacht haben und wie groß unsere Liebe war. Wie sehr ich gelitten hatte, als wir sie aus der Gewalt von Dr. Maikow befreien konnte, sie jedoch nicht mehr sie selbst war. Habe mich an die folgenden, glücklichsten Monate meines Lebens und die Geburt von Samanta erinnert und dann war es mir plötzlich klar. Ich muss mir von dir helfen lassen. Ich habe eine Verantwortung meiner Tochter gegenüber, der ich bereits viel zu lange nicht nachgekommen bin, mich wie ein Feigling verhalten habe.<<

Wieder winkt Maximilian ab, als Lisa etwas einwenden möchte.

>>Es ist die Wahrheit Lisa, ich habe mich feige verhalten. Ich konnte den Anblick meiner eignen Tochter nicht ertragen, was bin ich für ein Vater? Jeden einzelnen Tag, den ich nicht bei ihr sein konnte, machte ich mir schwere Vorwürfe, doch zurück zu kehren war keine Option. Ich dachte, ich hätte nicht die Kraft dazu. Wie konnte ich nur jemals so denken? Ich allein bin für sie verantwortlich, nach Nicoles Tod noch mehr denn je und was mache ich? Ich überlasse dir meine Tochter, mache es mir einfach und verschwinde.

Wie kann ich mir dies jemals verzeihen?

Wie soll Samanta mir dies jemals verzeihen?

Sie ist noch sehr klein und hat vielleicht nichts mitbekommen, doch ich muss keine übernatürlichen Fähigkeiten haben, um zu erkennen, dass Samanta ein ganz besonderes Kind ist. Man muss dem Kind nur in die Augen sehen und weiß sofort, dass die Kleine mehr weiß, als sie äußern kann. Vielleicht war es auch das, was mich fort getrieben hat. Fühlt meine Tochter, dass ich ihre Nähe kaum ertragen kann? Diese Frage habe ich mir immer wieder gestellt.<<

Sanft greift Lisa nach den Händen ihres Bruders und sieht ihm zärtlich in die Augen.

>>Vielleicht hast du einfach nur etwas Zeit gebraucht. Jeder trauert anders, manche Menschen brauchen Andere um ihre Trauer zu bewältigen, vielleicht musstest du allein sein. Du bist jetzt wieder hier, das ist das Wichtigste.

Und was Samanta angeht, gebe ich dir recht, sie sieht und weiß viel mehr, als man bei einem so kleinen Kind vermuten könnte. Sie entwickelt sich völlig normal, doch auch mir ist der Ausdruck ihrer Augen schon aufgefallen. Samantas Augen strahlen Güte und Herzlichkeit, aber auch ein tiefes Wissen um Dinge aus, die sie in ihrem Alter einfach noch nicht wissen kann. Ich habe bereits mit dem Professor darüber gesprochen, er hat mich ausgelacht, doch ich stimme dir zu Max. Samanta ist etwas ganz besonderes und gerade deshalb wird sie dir verzeihen.<<

>>Lass mich dir helfen Max<<, bittet Lisa ihren Bruder mitfühlend.

>>Du musst diesen lähmenden Schmerz loslassen, er hindert dich daran, weiter leben zu wollen, glaub mir, ich weiß wie du dich fühlst. Als ich Nicole damals den Schmerz um dich nehmen durfte, konnte ich ein klein wenig von der Qual in mich aufnehmen, die Nicole in sich getragen hat. Ich bin bereit, das Selbe für dich zu tun, wenn du mich lässt<<, schließt die junge Frau leise.

Sanft nickend nimmt Max die Hände seine Schwester in die seine.

>>Fang an.<<

Lisa lehnt ihre Stirn leicht gegen die ihres Bruders, schließt die Augen und verbindet sich mit seinem Geist. Fast augenblicklich überträgt sich ein gewaltiger Schmerz, den sie, da sie damit gerechnet hat, abblockt, aber doch in sich aufnimmt. Sie überträgt einen großen Teil des Leides ihres Bruders auf sich. Vor den Gefühlen und Bildern, die dabei durch sie hindurchfließen schützt sie sich, lässt sie jedoch ungehindert durch. Es dauert nur wenige Sekunden, dann löst sie die Verbindung, ihre Augen schwimmen in Tränen, doch sie lächelt ihren Bruder an, der erstaunt seine Augen öffnet.

Der Schmerz und die tiefe, ihn in den Abgrund ziehende Verzweiflung ist fort. Er ist fassungslos vor Erstaunen. Eine tiefe Traurigkeit ist noch vorhanden, er kann sie ganz tief in sich spüren und weiß, dass er diese auch nie mehr loswerden wird, doch diese alles verzehrende Hoffnungslosigkeit ist verschwunden. Er fühlt sich, als ob er zum ersten Mal seit Monaten wieder wirklich richtig Atmen kann. Max fühlt sich von einer Last befreit, die ihn fast das Leben gekostet hätte. Nur zu existieren reicht nicht, er hat eine Verantwortung, er ist Vater und mit einem Male fühlt er sich der Verantwortung auch gewachsen. Er ist weit davon entfernt, sich glücklich zu nennen, doch er spürt, dass ein kleiner Keim gelegt wurde. Ein kleiner Same, der darauf wartet größer und stärker zu werden. Unendlich dankbar lächelt er seine Schwester an.

>>Ich weiß nicht, wie ich dir dies jemals danken kann.<<

ELF

Immer wieder muss ich darüber nachdenken, warum mir die Situation der Beobachtung eines Geländes bei Tageslicht so bekannt vor kam. Es fühlte sich an wie ein Déjà-vu, ein gegenwärtiges Ereignis bereits einmal erlebt zu haben. Kann ich mich so täuschen, oder war dies eine reale Erinnerung? Es frustriert mich zunehmend, dass ich mit niemandem darüber sprechen kann. Etwas, das ich nicht näher benennen kann, hält mich davon ab, mich Olga oder Nikolai anzuvertrauen und auch dies ärgert mich zunehmend, denn ich mag die Beiden, sehr sogar.

Was also hält mich zurück?

Und es ist nicht nur dieses Erlebnis, in letzter Zeit fällt mir immer wieder auf, dass ich sehr viel träume. Auch kann ich mich meist sehr gut an meine Träume erinnern und im Grunde sind es ganz banale Dinge, doch eines macht mich stutzig und lässt mich immer wieder darüber nachdenken. Ich träume auf Deutsch.

Olga und Nikolai haben mir erklärt, ich wäre Russin, ich spreche diese Sprache auch fließend, des Weiteren hat Nikolai erklärt, dass ich Sprachen studiert hätte, neben meiner Muttersprache russisch, würde ich auch fließend Deutsch und mindestens einen chinesischen Dialekt sprechen.

Doch träumt man nicht in seiner Muttersprache?

Den Gedanken, dass mir nicht die ganze Wahrheit über mich erzählt wird, habe ich bis jetzt noch nicht zugelassen, doch spüre ich, dass mir immer mehr Zweifel kommen. Sind die Beiden nicht ehrlich zu mir? Doch was für einen Grund sollten sie haben, mich anzulügen? Es ist einfach nur anstrengend und frustrierend. Je besser sich mein Körper von der Operation und dem darauffolgenden Koma erholt, um so fitter wird auch mein Kopf und ich ertappe mich immer häufiger dabei, die Dinge, die mir erzählt werden zu hinterfragen.

Olga und ich sind bereits unterwegs zum Anwesen des Majors und erst jetzt kommen mir Bedenken, warum Nikolai so unbedingt wollte, dass Olga mit dabei ist. Ich habe vor, den Major zu töten und das weiß Nikolai. Das Mädchen ist für so etwas noch viel zu jung, warum hält Nikolai sie da nicht raus, was bezweckt er damit?

Ich ärgere mich sehr darüber, dass mir diese Bedenken nicht schon früher gekommen sind, jetzt ist es zu spät. Ich kenne Olga inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich sie jetzt nicht mehr davon abbringen werde, nicht mit auf das Gelände zu kommen. Die Kleine kann verdammt stur sein.

So in Gedanken vertieft kommen wir in den frühen Morgenstunden beim Anwesen des Majors an und obwohl ich weiß, es ist sinnlos, wende ich mich an das Mädchen.

>>Mir wäre es wirklich lieber, du würdest mir hier draußen den Rücken decken.<<

>>So ein Schmarrn, was soll, das? Wir habe in allen Einzelheiten abgesprochen, wie wir vorgehen wollen, wir gehen Beide hinein. Was soll ich hier draußen decken?

Ich kann dir nur dann deinen Rücken decken, wenn ich ihn auch sehe, findest du nicht? Du willst mich nicht dabei haben, doch ich lasse dich nicht allein. Du hast mich einmal vor dem Major gerettet, jetzt bin ich dran.<<

Resigniert aufseufzend gibt Nicole sich geschlagen. Sie hatte es vorher gewusst, musst jedoch diesen letzten Versuch, so kläglich er auch war, starten.

>>Na dann los<<, fordert sie Olga auf. >>Halte dich dicht hinter mir und versuch kein Geräusch zu machen.<< Ohne darauf zu achten, ob Olga ihr folgt, schwingt sich Nicole auf die, das Grundstück umgebende Mauer, lässt ihren Blick kurz über das Gelände schweifen und legt sich dann flach hin um Olga die Hand zu reichen und ihr so auf die Mauer zu helfen. Mit Handzeichen gibt Nicole dem Mädchen zu verstehen, dass sie ihr folgen soll. Zügig, aber immer darauf bedacht kein Geräusch zu verursachen schleichen sich die Zwei an das Gebäude heran, in dem sie den Major vermuten. Da zieht Olga plötzlich an Nicoles Hand und zerrt sie hinter ein Gebüsch. Nur einen kurzen Moment später laufen zwei Soldaten, nur einige Zentimeter entfernt, an ihnen vorbei und verlassen das Grundstück.

Nicole hat die Männer nicht gehört. Olgas Gehör muss um ein Vielfaches besser sein als das ihre – unglaublich. Lächelnd streicht sie dem Mädchen übers Haar und macht die Daumen hoch Geste. Als sie sicher sein können, dass die Soldaten das Anwesen verlassen haben, setzen sie ihren Weg fort.

Konzentriert lauschen Beide darauf, wieviel Stimmen im Haus zu vernehmen sind. Wie es scheint schlafen alle Bewohner. Es sind nur Atemgeräusche zu hören, was es sehr erschwert, die Anzahl der Personen, die sich im Gebäude befinden, auszumachen. Die Eingangstüre ist verschlossen, doch Nicole zieht das Mädchen mit sich auf die Rückseite des Gebäudes und wird fündig. Ein Fenster, noch dazu im Erdgeschoß ist gekippt, ein Leichtes für Nicole dieses zu öffnen. Und wieder fühlt es sich so an, als ob sie dies nicht zum ersten Mal macht. Ohne darüber nachdenken zu müssen weiß Nicole instinktiv, wie das Fenster zu öffnen ist und nur eine Sekunde später stehen die Zwei im Haus.

Da Beide bei Nacht ebenso gut sehen, wie bei Tag ist es ein Leichtes für sie, geräuschlos durch das Haus zu schleichen. Schnell sind die Schlafräume ausgemacht und ein kurzer Blick in beide Räume zeigt ihnen, dass sie es mit vier Gegner zu tun haben. Wie vorher besprochen schaltet Nicole zwei Soldaten mit dem Shaolin-Griff aus, der die Männer über Stunden in das Reich der Träume schickt. Da sie schlafen bemerken sie nicht einmal etwas davon. Als sich Nicole jedoch dem dritten Mann zuwenden möchte, sieht sie zu ihrem Entsetzen, dass dieser, warum auch immer, denn die beiden Frauen haben kein einziges Geräusch verursacht, aufgewacht ist.

Nicole sieht, wie der Soldat nach seiner Waffe greift und will sich auf ihn stürzen, doch Olga ist schneller. Wie ein Schatten springt sie den Mann an und reißt ihn mit ihrem Eigengewicht zu Boden. Ein kurzer aber heftiger Kampf entbrennt, der mit einem kurzen, lauten Schrei endet. Olga hat sich in die Waffenhand des Mannes verbissen, die Pistole fällt laut knallend auf den Boden und nach einem kurzen Schockmoment beginnt der Mann vor Schmerzen zu brüllen. Olga hat ihm mit ihrem Biss fast die gesamte Hand abgetrennt.

Schnell springe ich dazu und schicke den Mann mit einem Griff in den Nacken in die Bewusstlosigkeit. Wir müssen hier raus. Der Krach kann nicht unbemerkt geblieben sein und im Nebenraum befindet sich unser Zielobjekt.

Major Rashkolnykow.

Der Major und ich betreten gleichzeitig den Flur. Ich sehe das Entsetzen in seinen Augen, als er erkennt, wen er vor sich hat. Er schafft es nicht mehr, die Waffe in seiner Hand auf mich zu richten, da bin ich bereits bei ihm. Eigentlich hatte ich vor, ihm zu sagen wieso er sterben muss, bevor ich ihn töte, doch plötzlich, ganz unerwartet steigt eine solch mörderische Wut in mir auf, die all mein Denken und Handeln übernimmt. Ich höre ein wütendes, unmenschliches Fauchen, welches sich eher nach einem Tier, als nach einem Mensch anhört und das ich im ersten Moment nicht mit mir in Verbindung bringen kann.

Ich kann direkt spüren, wie mein menschliches Denken zurückgedrängt wird, das Tier in mir übernimmt. Den Kopf des Majors in meinen Händen spüre ich, wie ich ihn mit einem einzigen Ruck vom Körper trenne. Fassungslos ob meiner Tat stehe ich einige Sekunden völlig starr, bis ich eine Hand an meinem Arm spüre. Olga sieht mich entsetzt an, ihr laufen Tränen über das Gesicht. Ich sehe wie sich ihre Lippen bewegen, doch ihre Stimme dringt nicht an mein Ohr. Ich bin gefangen in der Brutalität der Situation, einer Schockstarre gleich.

Olga beginnt mich verzweifelt zu schütteln und endlich kann ich sie wieder hören.

>>Wir müssen hier raus<<, fleht das Mädchen mich an.

Angeekelt werfe ich den Kopf des Major von mir und laufe mit Olga um unser Leben, denn was ich erst jetzt realisiere, die Kampfgeräusche sind nicht unbemerkt geblieben. Auf dem gesamten Gelände gehen die Lichter an und ich höre aus verschieden Gebäuden Männerstimmen und laute Geräusche von festen Stiefeln.

Als wir das Haus betreten haben ist mir eine Türe, vielleicht ein Hinterausgang, aufgefallen. Schnell greife ich nach Olgas Hand und laufe mit ihr auf diese Türe zu. Sie ist verschlossen, doch auch hier muss ich nicht nachdenken, instinktiv weiß ich, wie eine verschlossene Türe zu öffnen ist und wenige Sekunden später stehen wir nur wenige Meter von einer Mauer entfernt. Wir müssen es nur über die Mauer schaffen und sind in Sicherheit. Wladimir, einer der modifizierten Soldaten hat uns hergebracht und wartet auf der anderen Seite der Mauer in einem Wagen auf uns.

Ich habe die Hand von Olga immer noch fest umklammert, als sie sich energisch daraus befreit und mit ihrem Kopf in eine Richtung hinter mir weist.

>>Geh ganz langsam auf die Mauer zu, ich kümmere mich um sie<<, erklärt das Mädchen leise und ich sehe ihr an, dass sie es verdammt erst meint.

Während ich mich langsam, wie von Olga angeraten auf die Mauer zubewege, nehme ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Zwei Schäferhunde mit gefährlich gefletschten Zähnen bewegen sich langsam und immer lauter knurrend auf uns zu. Olga befielt mir weiter zu laufen und ich sehe zu meinem Entsetzen, dass sich das Mädchen langsam auf die Tiere zu bewegt. Olga macht Geräusche, die ich nicht einordnen kann, sie hören sich an wie knurren, murmeln oder winseln. Abwechselnd dringen diese Geräusche an mein Ohr und ich kann nicht mehr auseinander halten, wer sie von sich gibt, Olga oder die Hunde.

Ich habe die Mauer erreicht und schwinge mich mit einem einzigen Sprung hinauf, lege mich flach hin und sehe zu Olga zurück. Sie kniet vor den Hunden und krault sie hinter dem Ohr. Die Tiere stöhnen wohlig auf und lassen sich diese Behandlung nur allzu gern gefallen.

Leise lachend erhebt sich Olga und springt schnell auf die Mauer zu, ich reiche ihr die Hand und wenige Minuten später springen wir in den bereit stehenden Wagen.

ZWÖLF

>>Ich verstehe nicht, warum es für Nikolai so ungeheuer wichtig war, dass du mit auf diese nächtliche Aktion kommst<<, bemerkt Nicole nachdenklich.

>>Mir hat er gesagt, ich müsste dir den Rücken decken, ich muss dich in allem unter-stützen, was du tust, wenn ich nicht möchte, dass du fort gehst<<, gesteht Olga leise. >>Ich hätte dir das gar nicht sagen dürfen, bitte verrate mich nicht<<, fleht das Mädchen inständig.

>>Beruhige dich Olga.<<

Nicole nimmt die Kleine in den Arm. >>Natürlich sage ich nichts, aber ich verstehe nicht, was das bedeuten soll. Ich habe nicht vor wegzugehen, wie kommt Nikolai darauf? Ich werde das Gefühl nicht los, dass Nikolai uns manipuliert, dass er uns benutzt. Warum tut er das? Er sollte doch wissen, dass wir alles für ihn tun würden, er hat mir das Leben gerettet und dir ein Heim gegeben. Ich wünschte, ich könnte mit ihm darüber sprechen.<<

>>Bitte nicht<<, wirft Olga entsetzt ein, >>er würde sofort wissen, dass ich mich verplappert habe.<<

>>Ist ja schon gut, ich sage nichts, aber ich behalte ihn im Auge. Mir gefällt es ganz und gar nicht manipuliert zu werden und es tut auch weh, dass er mir anscheinend nicht vertraut. Womit habe ich wohl sein Misstrauen erweckt?<<

Olga fühlt sich sehr schlecht, da sie Nicole nicht die ganze Wahrheit sagen kann. Zu groß ist ihre Angst, dass Nicole sie verlassen würde und darin ist sie sich sicher. Wenn Nicole jemals erfährt, welche Rolle Olga bei ihrer Entführung gespielt hat, ist es aus mit der Freundschaft zwischen ihnen. Das würde sie nicht überleben, das weiß sie ganz sicher. Das Mädchen atmet erleichtert auf, als Nicole plötzlich das Thema wechselt und sie danach befragt, was sie mit den Hunden gemacht hat, dass diese sie nicht angegriffen haben.

>>Oh, das ist ein Teil meiner Mutation, bevor ich mich körperlich verändert habe, du weißt schon, stärker wurde, besser hören und besser sehen konnte, veränderte sich meine Beziehung zu Hunden<<, beginnt Olga leicht lächelnd zu erzählen.

>>Als mein Vater, gut er war nicht mein richtiger Vater, Dr. Maikow eben, mich zu sich geholt hat, wurde ich nach einiger Zeit sehr krank. Er erklärte mir, dass er eine Chemotherapie bei mir machen muss. Ich erinnere mich noch, dass dies sehr schmerzhaft war, dass es mir ständig schlecht ging und ich mich übergeben musste, eine Zeitlang fielen mir die Haare aus, es war einfach furchtbar.<<

Olga schüttelt sich in Erinnerung an diese Zeit.

>>Doch ich wurde wieder gesund. Mein Bruder Viktor und ich waren viel allein und ich hatte nicht viel womit ich mir die Zeit vertreiben konnte. Oft war Viktor auch bei Dr. Maikow für irgendwelche Tests und so trieb ich mich auf der Kolchose von meinem Vater herum. Diese wurde bewirtschaftet und die Leute die dort arbeiteten hatten Hunde. Ich spürte sofort eine tiefe Bindung zu diesen Tieren und es dauerte nicht lange, da konnten wir miteinander kommunizieren. Ich wusste damals natürlich nicht, dass dies mit meiner Mutation zu tun hat, das hat mir erst Nikolai erklärt. Das liegt an den Wolfsgenen, die ich in mir trage. Sie ermöglichen es mir, mit Hunden zu kommunizieren.<<

>>Soll das heißen, du kannst mit ihnen sprechen?<<

Ich bin erstaunt und gleichzeitig fassungslos, was dieses Kind bereit alles erleben musste.

>>Nein, so würde ich das nicht beschreiben<<, fährt Olga mit ihrer Erklärung fort.

>>Es ist eher ein Gedankenaustausch. Oder besser ausgedrückt, ich beeinflusse die Emotion der Tiere. Durch die Geräusche die ich dabei von mir gebe, versuche ich den Tieren so etwas wie Kommunikation zu vermitteln, in Wahrheit dringe ich jedoch in ihren Geist ein und beeinflusse ihn.<<

>>Das ist total cool<<, entfährt es mir begeistert.

>>Ich wünschte, ich könnte so etwas auch.<<

>>Glaubst du wirklich, dass Nikolai uns nur benutzt?<< Olga sieht Nicole zweifelnd an.

>>Ich bin mir nicht sicher meine Kleine, doch mach dir bitte keine Sorgen, ich werde vorsichtig sein und ihm ganz sicher nicht verraten, dass du dich verplappert hast.<<

>>Es ist nur so, dass Viktor in den letzten Wochen vor seinem Weggang genau dasselbe behauptet hat, ich wollte ihm nicht glauben. Er hat mich deshalb gebeten mit ihm zu kommen, doch ich habe mich geweigert. Wenn jetzt herauskommt, dass er recht hatte, dann habe ich meinem Bruder Unrecht getan und habe ihn verloren, weil ich zu dumm war, zu erkennen, dass er mit seiner Vermutung richtig lag.<<

>>Nun mal ganz langsam Olga, noch wissen wir gar nichts, oder hat dir Nikolai jemals Grund zu der Annahme gegeben, dass er dich nur ausnutzt?<<

Als Olga nur stumm den Kopf schüttelt fährt Nicole fort.

>>Sicher es gefällt mir nicht, dass er dich nahezu dazu gezwungen hat, mit mir zu kommen, obwohl er genau wusste, dass ich den Major töten werde, doch wir kennen seine Gründe dafür nicht. Wir sollten nicht übereilt Schlussfolgerungen ziehen. Mir erscheint Nikolai vollkommen vertrauenswürdig und im Umgang mit dir habe ich ihn niemals anders als fürsorglich und verständnisvoll erlebt. Ich werde ein Gespräch mit ihm darüber führen müssen, dass es mir nicht gefällt, dass er dich in Dinge hineinzieht, für die du einfach noch viel zu jung bist. Das war es dann aber auch schon und ich bin mir sicher, dass es eine sehr vernünftige Erklärung geben wird.<<

Während ich dies ausspreche, weiß ich, dass auch ein erster Zweifel in mir nagt und ich mich mit diesen Worte eher selbst beruhigen möchte.

***

Olga spürt dass Nicole in Bezug auf Nikolai, selbst unsicher ist, obwohl sie ihn vor ihr verteidigt. Kurz hat das Mädchen erwägt, ihr von dem Verdacht zu erzählen, den Viktor gegen Nikolai geäußert hat. Sie traut sich kaum darüber nach zu denken, dass Viktor befürchtete, der Arzt könnte ein sexuelles Interesse an Olga haben.

Bis vor Kurzem hatte dies Olga auch für völlig aus der Luft gegriffen gehalten, doch dann traten jeden Monat aufs Neue unerklärliche Unterleibsschmerzen auf. Würde sie menstruieren, wüsste sie woher die Schmerzen kommen, doch sie hat keine Blutung. Nikolai hatte ihr erklärt, dass dies wohl von der Chemo herrührt. Es sei durchaus möglich, dass diese sie unfruchtbar gemacht habe. Ihren Hormonhaushalt so sehr gestört hat, dass sie ihre Menstruation gar nicht mehr bekommen wird.

Nicole hält es für durchaus möglich, dass sie zwar keine Blutung, dennoch aber Schmerzen haben kann. Sie führt die Unterleibsschmerzen darauf zurück, dass ich wohl ohne Blutung in der Pubertät bin.

Wenn ich das nur glauben könnte.

Ich wage es nicht, Nicole vom Verdacht meines Bruders zu erzählen. Wenn sie die gleichen Schlüsse zieht wie ich, dass Nikolai sich an mir vergeht, was dann?

Was wird dann aus uns?

Seit drei Monaten wache ich an einem Tag im Monat auf und fühle mich total elend. Mein Körper fühlt sich anders an als noch den Tag davor. Ich meine große Hände an meinen Oberschenkeln zu spüren, habe Schmerzen nicht nur im Unterleib, sondern auch an meinen Genitalien. Ist das normal? Fühlt sich Pubertät so an?

Wenn ich doch mit Nicole darüber sprechen könnte.

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9783754188149
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