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Das Arrangement

Ein Roman von Justin C. Skylark

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2022

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© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

Covermodel: François Schoder

http://www.option-model.com

Fotograf: Maurizio Montani

Hintergrund:

© fiphoto – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-508-4

ISBN 978-3-96089-509-1 (epub)

Für François

Inhalt:

Nielo Becker, Physiotherapeut, und Robert Saxen, Chef eines Schwulenclubs, sind glücklich verheiratet – eigentlich! Wäre da nicht der junge, hübsche François, der im Club als Poledancer arbeitet und dem Robert grenzenlos verfallen ist.

Um seine Ehe zu retten, stellt Nielo knallharte Bedingungen auf, die Robert und François zwar einen gemeinsamen Tag in der Woche einräumen, aber ansonsten dafür sorgen, dass Nielos Nebenbuhler auf Abstand gehalten wird.

Nach einem tragischen Todesfall, den es zu vertuschen gilt, sehen sich die drei Männer jedoch gezwungen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Und schon gerät das Arrangement zwischen ihnen außer Kontrolle …

Prolog

François …

Allein wie er seinen Namen aussprach, bescherte mir eine regelrechte Gänsehaut, dabei hatte ich eigentlich keinen Grund, um eifersüchtig zu sein.

Ich hatte in gleichem Maße Rechte wie er. François … Rechte und Pflichten … Sogar mehr als das.

Aber nun der Reihe nach:

Zwischen Robert, François und mir gab es diese Abmachung. Ich weiß gar nicht, wann alles genau angefangen hatte. Vermutlich in den Tagen, in denen Robert gestresst nach Hause gekommen war und ich ihm nichts weiter bieten konnte als meine langweiligen Praxisgeschichten und aufgewärmtes Essen.

Die Luft war buchstäblich raus gewesen; nicht unüblich nach 5 Jahren fester Beziehung. Es hieß allerdings nicht, dass wir uns nicht mehr liebten. Das taten wir – von ganzem Herzen.

Vor zwei Jahren hatte Robert mir sogar einen Antrag gemacht. Er wurde mein Ehemann. Wir wohnten zusammen und die Zukunft lag uns zu Füßen.

Alltag und Stress machten uns dagegen zu dem, was wir inzwischen waren: ein schwules Paar, das alles hatte und doch einiges vermisste …

Robert war älter als ich. Am Anfang meiner Karriere, als ich das erste Mal auf ihn stieß, hatte er bereits sein Lebenswerk erbaut. Während ich plante, als examinierter Physiotherapeut eine eigene Praxis zu eröffnen, besaß er schon ein Etablissement in der Stadt und das riesige Haus am Waldrand. Aber das war nie der springende Punkt gewesen.

Vom ersten Moment an hatte er mich umgarnt und auf Händen getragen.

Vermutlich hätte ich mich nicht so schnell auf ihn eingelassen, doch seine liebreizende Art nahm mich sofort gefangen. Ich lernte von ihm. Er war mir ein Vorbild und es war nicht so, dass ich beim Sex immer unten lag. Wir harmonierten, ja, eigentlich auf allen Ebenen.

In dem Augenblick, in dem er mir beichtete, dass er der Besitzer des einschlägigen Schwulenclubs im Rotlichtviertel war und der Chef der dazugehörigen Meute, hatte es mich bereits erwischt. Von da an gab es kein Zurück mehr.

Ursprünglich war er zu den Massageterminen gekommen, weil er an einem hartnäckigen HWS-Syndrom litt, das ich mit gezielten Handgriffen lockern und vertreiben konnte.

Später nutzte er die arrangierten Hausbesuche, um mich zu ficken. Das ging keine zwei Wochen gut. Mein damaliger Arbeitgeber bekam Wind von der Sache und ich flog im hohen Bogen raus.

Nach weiteren vierzehn Tagen zog ich bei Robert ein und kaufte mit seiner Unterstützung eine eigene Massagepraxis, die auf Anhieb zum Selbstläufer wurde, sodass ich meine Schulden im Handumdrehen begleichen konnte. Ums Finanzielle war es also auch nie gegangen, obwohl ich mir vorstellen kann, dass das der ein oder andere hinter unserem Rücken behauptete.

Der Sugardaddy und sein Gespiele – ja, ich denke, das dachten einige über uns.

Aber das brachte uns nicht aus der Ruhe.

Jedoch ging die Leidenschaft ihre eigenen Wege und irgendwann glänzte sie zwischen unseren Laken mit Abwesenheit.

Sie können mir nicht folgen? Dann von Anfang an …

François …

I.

Es war ein Tag wie jeder andere gewesen. Die vielen Kunden in der Praxis brachten mich zur Erkenntnis, dass ich mein Leben im Griff hatte.

Inzwischen konnte ich mir drei Mitarbeiter und eine Auszubildende leisten und auch mal Urlaub nehmen. Oftmals war ich am Ende des Tages aber ebenso erschöpft wie meine Klienten. Dann sehnte ich mich nach einem entspannten Feierabend, einem heißen Bad, einem Glas Sekt … ein paar gemütlichen Stunden auf dem Sofa … zusammen mit Robert.

Das Problem an der Sache war, dass der immer häufiger nicht zeitig nach Hause kam. An einigen Abenden fand er überhaupt keinen Weg in unser Bett.

Ich verfolgte den Zustand ein paar Wochen, bis mir der Kragen platzte, denn ich ahnte, wer der Grund für sein Verhalten war.

François …

Ich ging nicht gern in diesen Club und nicht nur, weil er Robert gehörte. Bars und Diskos … Okay, die hatte ich zu Jugendzeiten auch besucht, aber Striptease und Poledance standen nicht auf meiner favorisierten Liste.

Robert besaß dieses Etablissement bereits, als er mich noch gar nicht kannte. Ich ging davon aus, dass hinter den Kulissen mehr lief, als er mir erzählte. Aber ich hatte nie danach gefragt. Vielleicht wollte ich es nicht wissen.

Da es der einzige Club in der Stadt war, der sich auf ein schwules Publikum eingeschossen hatte, war er stets gut besucht. Das Geschäft boomte.

Ich beklagte mich nicht, denn Roberts Arbeit verhalf uns zu einem gehobenen Lebensstandard, den ich nicht missen wollte.

Die schwarzen Zahlen auf unseren Konten waren ausschlaggebend dafür, dass ich meinen eigenen Job gelassen und dennoch fokussiert anging.

Mir saßen keine Darlehen im Nacken. Am Ende des Monats konnte ich nicht behaupten, den Gürtel enger schnallen zu müssen. Kurz gesagt: Uns ging es gut – bis zu diesem Abend:

Piet stand hinter dem Tresen, lediglich mit Krawatte und String bekleidet, aber das war hier bei den Angestellten so üblich. Der Club lebte von Freizügigkeit und exzellenten Stripshows. Wer darauf abfuhr, kam auf seine Kosten – wortwörtlich gemeint. Für ein Glas Sekt blätterte man 10 Euro hin, für eine Flasche einen Fünfziger und die Kunden waren so verrückt, das zu zahlen.

Ich war der Ehemann vom Chef. Piet erkannte mich auf den ersten Blick und der sah fast erschrocken aus.

„Nielo? Was machst du denn hier?“

Eine verdammt blöde Frage. Was sollte ich hier schon machen – mitten in der Woche? Abgesehen davon, ging es ihn etwas an?

„Mach mir mal einen Scotch, einen doppelten!“, forderte ich. Er nickte und machte sich sofort an die Arbeit. Derweilen sah ich mich um. Auch unter der Woche war der Laden gut besucht, dabei rückte der Zeiger auf Mitternacht. Aber ich wusste: Je später der Abend, desto frivoler die Shows.

An den Seiten der Tanzfläche standen zwei Podeste mit Polestangen und einem Metallkäfig, in dem ein Erwachsener mühelos Platz finden konnte. Die kleinen Bühnen wurden vom bunten Laserlicht angestrahlt. Rings um das Parkett gab es Sitzgelegenheiten, einige auch nah am Geschehen.

Was ich suchte, fand ich nicht.

„Wo ist Robert?“, warf ich in Piets Richtung. Mein Drink stand inzwischen vor mir und ich nahm einen kräftigen Schluck. Musste ich ja nicht bezahlen. Vielleicht sollte ich extra viel trinken – auf Roberts Kosten.

„Der?“ Ich bemerkte das Zögern in Piets Gesichtsausdruck. Er wusste genau, wo sich mein Angetrauter herumtrieb, doch er haderte mit sich, mir das zu sagen. „Ich glaube, der ist im Büro.“

Aha. Ich trank mein Glas aus, deutete mit dem Zeigefinger darauf. Das Signal reichte aus. Piet füllte nach. Sein Blick wirkte verunsichert, seine Bewegungen fahrig. Befürchtete er, dass es an diesem Abend zu einem Eklat kommen würde? Angedeutet hatte es sich ja schon seit einiger Zeit. Sicher sprach man hier im Club hinter unserem Rücken.

Über Robert und mich. Über den stinkreichen Inhaber und seinen jüngeren Mann, der so arrogant war, den Laden zu meiden, der es immer noch für nötig hielt, als Physiotherapeut zu arbeiten, anstatt sich aushalten zu lassen. Ja, so war ich: Nielo Becker. Sogar den Nachnamen hatte ich nach der Eheschließung behalten.

Um nichts in der Welt wollte ich Saxen heißen, denn Roberts Familienname war der Inbegriff von dem, worüber man in der Stadt nur hinter vorgehaltener Hand sprach.

Die Musik im Club wurde lauter. Auf der Tanzfläche sammelten sich die Gäste. Sie waren in muntere Gespräche vertieft. Einige hantierten mit ihren Handys herum, sicher mit der Absicht, bei der folgenden Darbietung Fotos und Videos zu machen. Mit deren Hilfe konnten sie sich zu Hause einen runterholen. Absolut ekelerregend.

Ich leerte das zweite Glas. Die Drinks beruhigten mich etwas. Sie halfen mir, runterzufahren. Trotzdem waren meine Finger flatterig. Ich schloss und öffnete sie, ballte eine Hand und spürte die Muskeln des Oberarms, wie sie sich spannten und dehnten, als warteten sie nur auf ein Zeichen.

Ja, vielleicht sollte ich an diesem Abend endlich ein Zeichen setzen. Mit der Faust. Ohne Worte. Direkt in sein feines Gesicht. François.

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie sich der Vorhang neben der Bar bewegte. Dahinter befand sich der Flur zu den privaten Räumen – und zum Büro. Ich sah Robert in seiner ganzen Pracht. Mit einer Größe von 1,90 Meter überragte er die meisten. In den letzten Jahren hatte er an Gewicht verloren, was ich seinem stressigen Alltag zuschrieb.

Obwohl er Besitzer des Clubs war, trieb er sich dort ständig herum. Irgendetwas gab es immer zu klären und ich wusste, dass er es liebte: Das Ambiente, leicht bekleidete Jungs, sexhungrige Typen, die eine Menge Geld einbrachten. Es gab ausreichend Security; am Eingang, am Ausgang, in jeglichem Winkel. Robert ließ es sich jedoch nicht nehmen, jeden Abend selbst nach dem Rechten zu sehen.

Er trug wie so oft schwarze Jeans, ein graues T-Shirt dazu und eine dünne Lederjacke. Kennen Sie Jeffrey Dean Morgan? Piet hatte mir mal anvertraut, dass man Robert im Club hinter seinem Rücken Negan nannte. Nicht nur, weil er so schlaksig war, keinen sichtbaren Arsch in der Hose hatte, sondern weil sein grau meliertes Haar und der Dreitagebart etwas Magisches in sein Gesicht zauberten. Etwas Charmantes und Angsteinflößendes zugleich. Scheiße, ich stand auf ihn wie am ersten Tag. Das war das eigentliche Problem an der Sache. Und François …

Ja, Robert trat tatsächlich aus dem gesonderten Bereich, als hätte er etwas Wichtiges im Büro zu erledigen gehabt. Aber ich kannte ihn und ebenso erkannte ich die lose Haarsträhne, die ihm abstrus ins Gesicht fiel, was eine körperliche Anstrengung offenbarte.

Selbstverständlich war er nicht allein. François tippelte neben ihm her, den Blick auf die Tanzfläche gerichtet. Mit geschminkten Augen und roter Fliege um den Hals symbolisierte er, gleich Teil der Show zu sein. Mit knappen, engen Pants bekleidet visierte er das erste Podest an.

Überdies sah ich, wie Robert sich von ihm verabschiedete: mit einem leichten Klaps auf sein festes Gesäß.

Mir blieb die Luft weg, obgleich sich mir all das bot, was ich vermutet hatte.

Ehe ich einen neuen Drink orderte, blickte Robert in meine Richtung. Kurz hielt er inne, doch er sah nicht erschrocken aus, eher besorgt. Mit großen Schritten kam er auf mich zu.

„Nielo? Was ist los? Ist etwas passiert?“

Eine berechtigte Frage. Als ich das letzte Mal unangekündigt in den Club gekommen war, hatte ein Besoffener unsere Katze über den Haufen gefahren. Fix und fertig war ich Robert damals um den Hals gefallen. Es war eine lange, eine frustrierte, aber auch sinnliche Nacht geworden. Er gab mir alles, was ich brauchte und in beschissenen Momenten benötigte.

Doch inzwischen besaßen wir kein Haustier mehr und mein Besuch hatte einen anderen Grund; und zwar das bildhübsche Flittchen, das in den Käfig stieg, sich obszön zur Musik bewegte und die Männer in der ersten Reihe fast zum Weinen brachte.

Ich sah es mir nur einen Moment an und verzog meine Lippen zu einem spöttischen Grinsen.

„Bei mir ist nichts passiert, aber du scheinst vergessen zu haben, wo dich deine Beine nach Feierabend hinzuführen haben.“

Er stand vor mir und sagte zuerst nichts. In dreister Weise tat er nachfolgend ahnungslos. „Was meinst du denn?“

Das Lachen verging mir. Ich beugte mich vor und zischte ihn an. „Was ist so wichtig, dass du mich die dritte Nacht am Stück allein lässt?“

Er trat von einem Bein auf das andere und strich sich über den kurz geschorenen Nacken. „Es ist Monatsende. Die Abrechnung, das weißt du doch …“

„Und François hilft dir neuerdings dabei?“

„Was?“

Mit einem Kopfnicken zeigte ich zum Käfig, aber ich sah nicht hin. Ich wollte nicht sehen, wie François seinen makellosen Körper zur Schau stellte, wie die fremden Männer sich die Lippen nach ihm leckten und ihm die Geldscheine hinter die Hotpants schoben.

„Wusste gar nicht, dass er auch Buchhaltung kennt. Dachte immer, er kann nur die Beine breitmachen!“ Ich wurde laut. So laut, dass Piet besorgt in unsere Richtung blickte.

Robert fasste mich sanft am Arm. „Wir gehen besser ins Büro.“

„Gut.“ Mürrisch stieß ich mich vom Tresen ab, entkam somit seinem Griff und marschierte voraus.

Es ging durch den Vorhang und den Flur; von dort in den hintersten Raum, wo sich das Büro befand.

Die Luft war stickig. Vielleicht bildete ich es mir auch ein, denn die Angelegenheit schnürte mir die Kehle zu.

Kaum hatte Robert die Tür hinter uns geschlossen, nahm ich meinen Schlüsselbund aus der Jackentasche. Mit nervösen Fingern zog ich den Haustürschlüssel ab und knallte ihn auf den Schreibtisch.

„Was soll das?“, fragte er.

„Ich ziehe aus“, erwiderte ich schnippisch, als wäre es eine logische Konsequenz, die ich aus den Umständen zog. „Hab das Nötigste gepackt, den Rest hole ich später.“

Robert schüttelte den Kopf und lächelte irritiert. „Das kannst du nicht machen. Wir sind verheiratet.“

„Das scheinst du vergessen zu haben“, konterte ich.

Er atmete schwer und strich sich über den Dreitagebart. Grau war er geworden. Aber ihm stand das. Ohnehin machte ihn das Alter nicht weniger attraktiv.

„Wir haben damals geschworen, uns Freiräume zu lassen“, meinte er.

Ich nickte, denn daran konnte ich mich gut erinnern.

„Freiräume, ja …“, sinnierte ich. „Mal ein Date zwischendurch, ein Flirt, keine große Sache … aber du …“ Ich presste die Lippen aufeinander. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, was er hinter meinem Rücken anstellte. Mein Blick fiel auf den Schlüssel, der auf einem Haufen Papier lag. Daneben stapelten sich Ordner. Das zeigte mir auf, dass er sich tatsächlich mit der Abrechnung befasst hatte.

Es änderte aber nichts an der Tatsache, dass er mehr als tolerabel fremdging.

Er stritt es ja nicht einmal ab! Er stand vor mir und verteidigte sich nicht.

„Entscheide dich“, forderte ich ihn auf. „François oder ich?“

*

Allein sein Zögern sorgte dafür, dass wir an diesem Abend auf keinen Nenner kamen. So machte ich Nägel mit Köpfen und zog aus. Mit den nötigsten Sachen quartierte ich mich in ein Hotel ein.

Von da an nahm das Elend seinen Lauf.

Wenn ich am späten Nachmittag von der Arbeit dort einkehrte, stand Robert schon davor. Manchmal wartete er in der Lobby oder vor meiner Zimmertür.

Er war ständig da. Plötzlich hatte er Zeit. Jeden Tag. Und jeden Tag schickte ich ihn weg.

Er machte Telefonterror, bombardierte mich mit SMS und Sprachnachrichten, ließ mir Blumen zusenden, die ich postwendend in den Abfalleimer warf.

Er lud mich zum Essen ein – zu dem ich nicht erschien. Ich ließ ihn warten, ließ ihn zappeln.

Er litt. Von Tag zu Tag wurde er schwächer. Ich quälte ihn mit meiner Ablehnung, folterte ihn mit meiner Abwesenheit.

Bis er vor mir auf die Knie ging und flehte. Es war das erste Mal, dass ich ihn hatte weinen sehen.

Es zerbrach mir das Herz, denn selbstverständlich konnte ich sein Leid nicht ertragen.

Zermürbender war allerdings die Tatsache, dass er sich nicht entscheiden konnte.

Überspitzt erzählte er mir von François, der bislang nirgends Fuß fassen konnte.

Dabei war das Tanzen sein Leben. Robert hatte ihn unterstützt, seit dem ersten Moment, in dem er im Club nach einem Job gefragt hatte. Dadurch hatte er sich fangen können.

Wenn François den Raum betrat, ging die Sonne auf. Wenn er sich auf der Bühne bewegte, blieb einem das Herz stehen.

Aus Roberts Gutmütigkeit wurde Schwärmerei, letzten Endes die Leidenschaft.

Er war François verfallen und ich konnte es ihm nicht einmal verübeln.

Bisweilen hatte ich über den Zustand gelacht und redete mir ein, selbst standhaft zu bleiben, indem ich wegsah.

Ich ging nicht in den Club und mied die Konfrontation. Wenn ich ihm begegnete, sah ich ihm nicht in die grün-blauen Augen.

Robert hätte das niemals gekonnt und das wusste ich.

Eine Lösung musste her, ansonsten hätte ich ihn verloren und das wäre wohl die größte Niederlage meines Lebens gewesen.

„Oh bitte, Nielo, schick mich nicht mehr weg!“, jammerte er. Vornübergebeugt krümmte er sich auf dem Boden. Er klammerte sich an meine Beine und schluchzte auf. „So kann das nicht weitergehen. Ich liebe dich doch so sehr!“

Es waren die Worte, die ich hören wollte, und ehrlich gesagt schmeichelte es mir, wie der große Robert Saxen vor mir kroch wie ein Wurm und mir das Blaue vom Himmel versprach.

In diesem Moment hatte ich ihn in der Hand. Ich hatte ihn so weit und so weit waren meine Überlegungen gewesen.

„Es wird weitergehen“, sagte ich kühl. Mein Herz machte einen Sprung, denn was ich mir überlegt hatte, war eigentlich genial. „… unter einer Bedingung.“

*

Der Augenblick war perfekt gewesen, denn François hatte erst vor kurzem seine Bleibe verloren.

Sein Vermieter hatte ihm die Wohnung gekündigt, kaum hatte er davon Wind bekommen, dass sich sein schwuler Mieter die Brötchen beim nächtlichen Poledance verdiente. Seitdem wohnte er in einem Hinterzimmer im Club.

Das war der Punkt, an dem ich ansetzte, der Trumpf, den ich ausspielte. Es war das As im Ärmel zu meinen Gunsten.

Mit dieser Strategie, so glaubte ich, konnte ich sie auseinanderbringen – zumindest für gewisse Zeiten.

„Was für eine Bedingung?“, fragte Robert. Mit geweiteten Augen sah er mich an. Meinen Triumph über ihn kostete ich aus.

„Wir haben die freie Einliegerwohnung“, startete ich und er nickte sofort, denn seit Monaten suchten wir einen Nachmieter für die Räume im Untergeschoss. Da Robert aber keine Zeit hatte und ich keine Lust, einen Makler zu aktivieren, geschweige denn eine Anzeige aufzugeben, stand die Wohnung leer. Wir nutzten sie nicht. Unser Haus bot genug Platz.

„François wird dort einziehen“, bestimmte ich.

Die Überraschung war mir gelungen. Roberts Augen leuchteten plötzlich und ich grinste in mich hinein. Er erkannte die Heimtücke in meinem Beschluss nicht.

„Meinst du das ernst?“ Er rappelte sich auf und strich die Falten aus seinem Anzug. Das Trauerspiel vor meinen Füßen hatte ein Ende genommen. Die Verhandlung über unsere Ehe begann.

Ich bejahte. „Er wird nicht mehr im Club schlafen, nur noch dort arbeiten. Wir nehmen ihn als Untermieter auf, jedoch muss er sich an gewisse Regeln halten.“

„Okay …“ Robert nickte die Ansage ab, ohne Details zu wissen. Das war sein Fehler. Aber ich hatte ihn längst in der Hand.

„François hat den Hintereingang zur Wohnung zu nutzen. Am Haupteingang des Hauses hat er nichts zu suchen. Er darf den Rasenabschnitt Souterrain betreten, aber nicht unseren Garten. Sein Auto, sollte er eins haben, steht weder in unserer Auffahrt noch in der Garage. Kein Nachbar soll auf die Idee kommen, irgendeine Verbindung zwischen dir und ihm zu sehen.“

„Gut.“ Robert stimmte auch dem zu, aber ich registrierte die Nachdenklichkeit in seinem Gesichtsausdruck. Er ahnte wohl, dass das nicht alles war. Der Clou fehlte und den präsentierte ich ihm mit einem siegreichen Lächeln auf den Lippen.

„Er hat auch in unserem Haus nichts zu suchen. Die Treppe von der Einliegerwohnung ins Erdgeschoss ist für ihn tabu. Ich will ihn dort nicht sehen.“

Robert nickte verhalten, aber er sagte nichts, denn ich war noch nicht fertig mit meiner Aufzählung.

„Du siehst ihn im Club …“ Ein sarkastisches Lachen konnte ich mir nicht verkneifen. „… lässt sich ja auch kaum vermeiden, wenn er weiterhin dort arbeitet. Aber nach Feierabend trennen sich eure Wege.“

Robert stutzte wie erwartet. Sein Körper bog sich etwas nach hinten, er neigte den Kopf in den Nacken, sah mich dennoch prüfend an. „Wie meinst du das?“

„Du kommst jeden Abend nach Hause.“

„Nielo, das geht nicht so einfach. Der Club hat bis 5 Uhr geöffnet.“

„Spätestens um 1 Uhr liegst du bei mir im Bett und am Samstagabend gehst du gar nicht hin, lediglich im Notfall.“ Mir war bewusst, dass das eine strenge Forderung war, denn besonders am Wochenende herrschte reges Treiben im einschlägigen Milieu. Doch auf der anderen Seite wusste ich, dass selbst ein Robert Saxen entbehrlich war. Früher, als unsere Beziehung noch frisch gewesen war, hatte er die Abende ja auch lieber mit mir als im Club an der Bar verbracht.

„Du kannst Sonntagabend nach dem Rechten gucken, aber generell gehört das Wochenende uns.“

Er zögerte mit der Antwort. Ich sah ihm an, wie er überlegte und die Sachlage im Kopf durchspielte. Schließlich lächelte er unsicher. „Du möchtest, dass François in die Wohnung zieht, aber ich soll ihn nicht außerhalb der Dienstzeit privat treffen?“

Das hatte er richtig erkannt. Doch da ich wusste, dass er dem niemals zugestimmt hätte, hatte ich eine klitzekleine Ausnahme in das Regelwerk eingebaut.

„Ich überlasse euch den Freitag. An den anderen Tagen hast du dich zu benehmen wie ein treuer Ehemann.“

„Aber …“ Es war absehbar, dass er mit Gegenargumenten kam, doch ich hörte sie mir erst gar nicht an.

„Das ist keine Sache, um die wir feilschen werden“, stellte ich klar. „Das sind Regeln, an die ihr euch halten werdet.“

Er schwieg und gab kein Kontra mehr. Somit verdeutlichte ich:

„Ich räume dir einen Tag in der Woche ein, an dem du etwas mit François unternehmen kannst. Du gehst in den Club, um deine Arbeit zu machen, und nicht, um mit ihm rumzuvögeln. Abgesehen davon will ich ihn nicht sehen. Er kann in der Wohnung wohnen, damit du es nicht weit zu ihm hast, aber er hat sich von unseren Räumen fernzuhalten. Wenn du freitags zu ihm gehst, werde ich mich ins Dachgeschoss zurückziehen.“

„Aber wieso das?“, fragte er perplex.

„Das Haus wird aufgeteilt. Oben ist mein Bereich, in der Mitte wohnen wir beide und unten François.“

Er schüttelte den Kopf. „Verstehe ich nicht, du hast doch alles.“

Ich atmete tief durch und stemmte die Hände auf die Hüften. „Du hast den Bogen überspannt, Robert“, verdeutlichte ich. „Und ich gebe dir hiermit eine letzte Chance. Jeder hat Rechte und Pflichten, an die er sich halten wird. Wenn François eine Bleibe bei uns findet, beanspruche ich ebenso einen Rückzugsort für mich. Sieh es als eine eingebaute Notbremse an, falls ich eine Auszeit benötige.“

„Na gut.“ Er lächelte verhalten. Ich konnte ihm ansehen, dass er mit der Regelung nicht glücklich war, aber ihm blieb keine andere Wahl. Selbstverständlich räumte ich mir meinen eigenen Wohnbereich unter dem Dach nicht nur ein, um mit François auf einer Ebene zu stehen, sondern auch, weil ich sichergehen wollte, dass ich nichts davon mitbekam, wenn die beiden sich trafen. Ja, so stellte ich mir das vor. Ich würde mich an den Freitagabenden in mein kleines Reich zurückziehen und mich mit allen möglichen Dingen ablenken, aber gewiss nicht an ihn denken. François …

Es war ein raffinierter Plan, ein perfektes Arrangement, so dachte ich.

Aber wie so oft im Leben machte einem das Schicksal einen Strich durch die Rechnung … Und so geschah es auch bei uns …

*

In den ersten Monaten lief alles nach selbst auferlegter Vorschrift.

Zuerst wurde der Dachboden nach meinen Vorstellungen umgestaltet. Dabei ließ ich Robert richtig bluten. Bei der Auswahl der Baumaterialien sowie der Inneneinrichtung gab ich mich nicht mit Standards zufrieden. Meine eigenen zwei Zimmer mit Bad kosteten eine Menge. Selbstverständlich musste Robert dafür aufkommen und er versuchte erst gar nicht, gegenzusteuern, sondern zahlte die Rechnungen.

Es wurde ein großes Oberlicht zwischen die Dachgiebel eingebaut, durch die ich vor dem Schlafengehen den Sternenhimmel betrachten konnte. Ich orderte ein Boxspringbett, einen Massagesessel und natürlich einen Schreibtisch mit ergonomischer Sitzgelegenheit. Es wurden Kabel und Rohre verlegt, damit ich unter dem Dach eine kleine Kochnische bekam und im Bad installierte man eine Wellnesswanne mit integrierten LEDs und Massagedüsen. Abgerundet wurde das Ganze mit einer Wildledercouch, einem Kamin und Schränken aus Mahagoni.

Es war fast zu schade, die Räumlichkeiten nur ein Mal in der Woche zu nutzen, aber wenn schon, denn schon, sagte ich mir. Wenn Robert meinte, sich weiterhin mit François treffen zu müssen, sollte es mir in der besagten Zeit zumindest an nichts fehlen.

Für die Einliegerwohnung galten andere Bestimmungen. Dort hatte Robert nichts zu erneuern. Um etwaige Renovierungsarbeiten und Neuanschaffungen musste sich François selbst kümmern.

Mögliche Unkosten hatte er aus eigener Tasche zu zahlen.

An einigen Nachmittagen wurde es richtig laut in den unteren Räumen.

Ich sah Robert an, dass es ihn wurmte, nicht helfen zu dürfen, aber er sagte nichts.

Derweilen grübelte ich darüber, ob der Schönling es tatsächlich selbst war, der in der Wohnung werkelte oder ob er Handwerker geordert hatte. Eins musste ich ihm lassen: Seinen Einzug bemerkte ich nicht. Er nutzte den Nebeneingang und auch sonst sah ich niemanden, der den Weg zu ihm suchte; nicht einmal den Möbeltransporter bekam ich mit. Vermutlich, weil ich tagsüber in der Praxis war.

In den Stunden, in denen François seiner Freizeit nachging, war ich dabei, Kunden zu massieren, sie in Bäder oder Packungen zu legen. Wenn ich Feierabend machte, befand sich François schon im Aufbruch. Kam ich nach Hause, ging er in den Club.

Wenn er sich frühmorgens nach einer langen Nacht ins Bett legte, klingelte bei mir der Wecker.

Wir lebten quasi im selben Gebäude nebeneinander her, doch sahen und trafen wir uns nicht.

Vielleicht mag es grotesk erscheinen, dass ich den Liebhaber meines Mannes so nah bei uns wohnen ließ, doch genau das war der springende Punkt.

Ich hatte sie unter Kontrolle – und das wussten sie. Ausnahmen oder Patzer waren indiskutabel. Die tolerierte ich nicht.

Ich war sozusagen das Bindeglied unserer Abmachung, der Schiedsrichter, der die Fäden in den Händen hielt.

Robert war so schlau, sich dem zu beugen, und François kuschte – denn aus seiner Reihe hörte ich keine Worte des Protestes. Zumindest kamen sie mir nicht zu Ohren.

Kurz gesagt: Das Miteinander lief bestens. Ich bildete mir ein, dass es für unsere ungewöhnliche Dreierkonstellation keine brillantere Lösung gab.

*

An einem dieser besagten Freitagabende lag ich entspannt in der Wellness-Wanne und telefonierte mit meiner Schwester. Das tat ich zu selten und obwohl sie in der Nähe wohnte, trafen wir uns meist nur an Feiertagen. Sie war also nicht auf dem neusten Stand und ich berichtete ihr von den aktuellen Ereignissen.

„Wir haben den Dachboden für mich ausgebaut“, schilderte ich. „Robert hat keine Kosten gescheut. Es ist brillant geworden. Momentan genieße ich den Whirlpool.“

„Wow“, erwiderte sie. „Das klingt gut, aber wieso bist du schon wieder allein am Abend? Und wieso benötigst du Raum für dich? Habt ihr Probleme?“

Es war zu erwarten gewesen, dass sie nachfragte. Innerlich hatte ich mich auch darauf eingestellt. Sie wusste nicht, was sich in den letzten Wochen entwickelt hatte. Vielleicht hatte ich das Gespräch bewusst auf das Thema gelenkt, damit ich mir endlich von der Seele reden konnte, was mir auf dem Herzen lag.

„Robert hat viel zu tun“, sagte ich und das war nicht einmal gelogen. „Aber wir haben jetzt eine Abmachung, die vorsieht, dass er sich zumindest in der Woche nicht die Nächte im Club um die Ohren schlägt.“

„Und am Wochenende?“, hakte sie nach.

Ich nahm einen Schluck aus dem Champagnerglas. „Sonntags sieht er mal nach dem Rechten, aber ansonsten ist er zu Hause.“

„Aber heute wohl nicht …“ Sie hatte es richtig erkannt. Da ich zuerst schwieg, fragte sie weiter. „Hat er denn noch immer dieses Faible für den jungen Tänzer. Wie hieß er noch?“

„François.“ Ich half ihr auf die Sprünge, dabei widerstrebte es mir, diesen Namen auch nur auszusprechen. „Ja, er schwärmt noch für ihn. Das wird er wohl nicht ablegen.“

Sie seufzte. „Ach, Nielo, ich habe es immer gesagt: Typen, die im Rotlichtmilieu arbeiten, sind schwierig.“

Ich gab ihr kein Kontra, denn es stimmte. Ob sie sich nun auf Robert bezog oder François, es war egal. Es würde wohl auch in Zukunft stets etwas außergewöhnlich laufen …

Später lag ich im Bett und betrachtete den Sternenhimmel genau so, wie ich es mir gewünscht hatte. Bad und Schampus hatten mich zufriedengestellt, aber mein Körper geriet augenblicklich unter Spannung, kaum hörte ich den lauten BMW-Sportwagen in die Einfahrt und die Garage fahren.

Roberts Auto verriet mir immer, wenn er nach Hause kam – auch an diesem Abend.

Erneut haderte ich mit mir und wurde nicht zum ersten Mal schwach. Ich kroch aus dem Bett, öffnete die Tür und horchte in den Flur. Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen, das hörte ich sogar im Dachgeschoss. Und da war er wieder, der winzig kleine Moment, in dem ich hoffte, dass Robert die Treppe nach oben nehmen würde – zu mir, seinem Ehemann, der sich unter dem Dach verschanzt hatte wie ein Igel im Winterschlaf.

Aber auch an diesem Freitag geschah das Ersehnte nicht.

Ich hörte Roberts Schritte auf der Treppe nach unten, schließlich das Klappen der Tür zur Einliegerwohnung. Danach wurde es wieder still und ich schlich zurück ins Bett.

Einzig und allein tröstend war die Gegebenheit, dass sie sich an unsere Abmachung hielten.

François nutzte den Hintereingang und Robert bot den Nachbarn keine Angriffsfläche.

Niemand schien zu ahnen, was sich im Inneren des Hauses tatsächlich abspielte.

Am nächsten Morgen spürte ich eine kleine Erleichterung darüber, dass die Nacht vorbei war. Das Wochenende lag vor mir. Zwei Tage, die ich mit Robert hatte; danach die Woche, in der ich ebenfalls nichts von ihm hören würde. François.

Ich taperte ins Erdgeschoss und bereitete das Frühstück vor. Lediglich in einen Morgenmantel gekleidet deckte ich den Tisch und zündete sogar eine Kerze an.

Nebenbei machte ich mir Gedanken über das Wochenende, darüber, was ich mit Robert unternehmen könnte, ohne dass es ihn zu sehr schlauchte. Wir gingen beide einem anstrengenden Job nach. Das Ende der Woche war da, um sich zu erholen.

Pünktlich um 9 Uhr hörte ich die Tür der Einliegerwohnung gehen. Mit langsamen Schritten kam Robert die Stufen hinauf. Sein Hemd steckte akkurat in der grauen Hose, doch die obersten Knöpfe waren offen. Sein Sakko trug er unter einem Arm.

Er sah müde aus, übernächtigt. Sicher lag es nicht an dem langen Abend im Club, sondern daran, dass er die letzten Stunden mit einem Typen verbracht hatte, der mehr oder minder halb so alt war wie er.

Ich mochte mir nicht vorstellen, wie sie es miteinander getrieben hatten. Kaum dachte ich mir mögliche Szenarien dazu, blendete ich sie aus.

„Hallo mein Schatz“, sagte er mit einem gütigen Lächeln auf den Lippen. Den Blick auf den Frühstückstisch gerichtet, schlich er näher. Er unterließ es, mich zu küssen oder zu umarmen. Das rechnete ich ihm hoch an.

Schon von Weitem roch ich die Ausdünstungen seines Körpers, die Folgen der Nacht, den Geruch nach Zigarettenrauch und Alkohol, den er eigentlich immer aus dem Club mitbrachte. Vermutlich roch er auch nach ihm, aber daran wollte ich erst recht nicht denken. Er deutete zur Treppe in Richtung Badezimmer. „Bin kurz duschen, dann bin ich bei dir.“

„Okay“, erwiderte ich knapp. Ja, wasch die Nacht weg, dachte ich still bei mir. Ich will gar nicht wissen, was du erlebt hast.

Geduscht und umgezogen saß er schließlich mit mir am Frühstückstisch. Der gemeinsame Start ins Wochenende war mir immer wichtig.

„Was hältst du von einer Shoppingtour in der Stadt mit anschließendem Mittag im Savoy? Und heute Abend machen wir es uns gemütlich, okay?“

„Das klingt super.“ Robert zwinkerte mir zu. Er meinte es ernst, doch seine Augen waren klein.

Ich nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab und atmete tief durch. Eigentlich wollte ich das Thema nicht ansprechen. Alles sträubte sich in mir, aber ich wusste auch, dass mich ein Schweigen darüber den ganzen Tag belastet hätte.

„Ich weiß, dass er dir wichtig ist“, sagte ich demzufolge. Gleichzeitig bohrte sich die Feststellung schmerzend in meinen Magen. „Aber du darfst dich nicht für ihn aufgeben.“

„Oh, das tu ich nicht, Nielo, auf keinen Fall“, entgegnete er postwendend. Seine haselnussbraunen Augen sahen mich an: liebevoll und auch traurig. „Du bist das Wichtigste für mich und das wird so bleiben.“

Er langte über den Tisch, nahm meine Hand und drückte sie fest.

Mir fiel ein kleiner Stein vom Herzen. Seine Worte gaben mir die notwendige Stütze. Ich war die Nummer eins in seinem Leben. Das würde auch ein François nicht ändern.

„Okay.“ Ich nickte. Das Thema war erledigt. Zumindest für diesen Moment.

Es änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass Robert ausgelaugt wirkte wie jeden Morgen, wenn er den Freitagabend mit François verbracht hatte.

Vielleicht hätte es mich an jenem Morgen wütend machen müssen, aber das tat es nicht. Wir hatten diese Abmachung und diese Regelung hatte Struktur in den Alltag gebracht. Da ich Robert liebte und nach wie vor an unserer Beziehung festhielt, spürte ich eher eine Art von Mitleid.

Dieser bildhübsche Mann, der zwischen uns stand, war zwanzig Jahre jünger als mein Ehemann. Da blieb es wohl nicht aus, dass man sich gerädert vorkam, um mitzuhalten.

Ich räumte den Tisch ab und bemerkte Roberts Nachdenklichkeit. Dachte er dasselbe wie ich?

„Dann mache ich mich jetzt fertig für die Stadt“, entschied ich und zeigte auf meine Shorts, die unter dem offenen Morgenmantel hervorlugten. „Vielleicht reicht die Zeit für ein kleines Nickerchen auf dem Sofa.“

Robert lächelte. „Vielen Dank.“

Natürlich war er in meiner Abwesenheit nochmal auf dem Sofa eingenickt. Ich weckte ihn mit einem Kuss auf die Stirn und dem neusten Herren-Duft von Lancôme.

Er klappte die Lider auf und schmunzelte. „Du riechst wunderbar.“

„Nur für dich, alter Mann“, neckte ich.

„Oh bitte, mach mich nicht älter, als ich bin.“

„Was?“ Ich lachte. „Sonst bist du es doch, der sich zur Altherrenliga zählt.“

Robert betrachtete mich von Kopf bis Fuß. Ich steckte in Bluejeans und einem weißen Kapuzenpullover. Ich mochte es sportlich, was nicht nur an meinem Beruf lag. Bequeme Markenkleidung gab mir ebenfalls das Gefühl, die Jugend nicht verloren zu haben.

Robert bevorzugte seine Hemden und Anzüge – war er nicht gerade im Club unterwegs. Dort trug er vornehmlich seine Lederjacke und die engen Jeans, die aufgrund seiner schlanken Figur dennoch Falten warfen.

Er stand auf und rieb sich das Gesicht. Die kleine Auszeit hatte ihm gutgetan. Unternehmungslustig sah er mich an. „Von mir aus können wir los.“

Zehn Minuten später lenkte Robert den schwarzen BMW aus der Garage. Die Sonne schien und er trug eine Sonnenbrille von Ray Barn, die jedoch nicht verhinderte, dass er den Radfahrer von der rechten Seite nicht bemerkte.

„Vorsicht!“, warnte ich, sodass er gerade noch rechtzeitig in die Eisen ging. Obwohl Robert vor dem Überqueren des Bürgersteiges abbremste, stoppte der Biker nur dicht vor der Kühlerhaube. Mit geöffnetem Mund sah er in unsere Richtung und ich schluckte.

Es war François, der dort mit seinem Rennrad stand, buchstäblich zur Salzsäule erstarrt. Ich konnte es ihm nicht verübeln, denn Robert hatte ein ordentliches Tempo drauf gehabt.

Ein paar Sekunden vergingen, bis François sich wieder dem Rad widmete. Er trug eine enge Radlerhose und hatte einen Fahrradhelm auf dem Kopf. Sein hautenges Oberteil definierte seine schlanke Figur bis ins kleinste Detail.

Er blickte kurz auf die Straße und fuhr los. In Windeseile war er aus unserem Blickfeld verschwunden.

Robert schwieg. Ich sagte ebenfalls nichts dazu. An einem Samstag hatte François nichts in unserem Leben zu suchen.

Trotzdem drang mir ein wirklich scheußlicher Satz in den Kopf: Hättest du ihn doch bloß umgenietet, dann wären wir ihn endlich los!

In den nächsten Stunden lenkten wir uns ab.

Wenn wir samstagvormittags einkaufen gingen, landeten wir nicht beim Discounter, sondern in edlen Boutiquen. Nicht selten kaufte mein Mann mir eine neue Uhr oder kostbare Krawattennadeln, die ich nie trug, einzig und allein, um das Klischee zu bewahren, aus dem wir uns einen Spaß machten.

Er war großzügig und ich ließ mich gern beschenken. Zum Abschluss des Ausfluges gönnten wir uns dann eine Auszeit in einem exquisiten Café. Sekt und Lachsbrötchen. Irgendwo muss man ja hin mit seinem Geld, sagte Robert stets mit einem Augenzwinkern.

Nach dem Abendessen, das wir uns hatten ins Haus kommen lassen, sahen wir uns einen Film an, doch bei einem Glas Wein und dem flüssigen Dialog nebenher kamen wir schnell zu dem Punkt, der für einen Samstagabend unabdingbar war.

„Gehen wir hoch?“, wisperte Robert in mein Ohr. Ich spürte seinen warmen Atem auf der Haut und stimmte sofort zu. In der Woche ging es in unserem Schlafgemach eher ruhig zu, vor allem, weil wir nach einem Arbeitstag häufig für Zärtlichkeiten keinen Sinn mehr hatten.

Mit dem Beginn des Wochenendes hatte sich dann einiges angestaut.

Bei Robert, weil er schon am Freitag auf den Geschmack gekommen war und bei mir, weil ich regelrecht danach gierte, meine Rechte einzufordern – und auszuleben.

„Wie hätten Sie es denn gerne, mein lieber Gemahl?“, fragte ich neckisch. Robert lag bis auf die Unterhose entkleidet auf dem Bett und sah mich erwartungsvoll an. In unserer Beziehung gab es keine Rollenverteilung. Wir liebten uns so, wie es uns in den Sinn kam, und ich konnte nicht behaupten, dass einer von uns zu kurz kam.

„Also, wenn du mich so fragst …“ Robert lag auf dem Rücken, sah an die Decke, als überlegte er, wie er seinen Wunsch formulieren sollte. Mit den Fingerkuppen fuhr er sich über den nackten Bauch. Seine Brustbehaarung wuchs auch in der Körpermitte und bildete eine zarte Linie bis unter seinen Bauchansatz. Ich hatte große Lust, ihm die Shorts von den Hüften zu reißen und es einfach zu machen. Die ganze Woche hatte ich auf diesen Moment gewartet. Ich war geil und hungrig und wollte es ihn unbedingt spüren lassen.

„Wie heißt noch dieser große Muskel im Glutealbereich?“

Ich stand vor dem Bett, kleidete mich aus und grinste verhalten. „Du meinst den Musculus gluteus maximus?“

„Ja!“ Roberts Augen wurden noch einen Tick weiter. „Ich glaube, ich bin dort total verspannt.“

„Und ich bin außer Dienst“, erwiderte ich augenzwinkernd.

„Oh, bitte, Nielo, ich flehe dich an, bitte mach es …“

Er wusste genau, dass es mich anheizte, wenn er mich um etwas bat; wenn er mich anflehte, etwas zu tun, und mir damit das Gefühl gab, die Oberhand zu besitzen. Ja, es hatte nicht immer was mit dem Alter zu tun, dass man mal gerne den Macker raushängen ließ.

„Also gut.“ Ich langte mir zwischen die Beine und knetete mich durch den Stoff. „Dann Hose runter und auf den Bauch.“

Allein die Tatsache, dass er sofort machte, wonach ich verlangte, stachelte mich an, die Sache richtig gut zu tun. Ohnehin gab mir Robert stets das Gefühl, dass Sex mit mir etwas Besonderes war.

Obgleich sich nach einigen Jahren ein gewisses Tief eingestellt hatte, ließen wir uns davon nicht beeinflussen.

Oder lag es an den neu aufgestellten Regeln, dass am Wochenende endlich wieder ein frischer Wind in unserem Schlafzimmer wehte?

Ich dachte nicht länger darüber nach, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte, dass es inzwischen wieder besser lief.

Kaum hatte Robert sich komplett ausgezogen und bäuchlings über das Bett ausgebreitet, befreite ich meinen pochenden Schwanz von der engen Unterhose.

Während in anderen Schlafzimmern Gleitgel und Kondome ihren festen Platz einnahmen, gab es auf unserem Nachtschrank eine Vielfalt von Massageölen.

Unsere Liebe hatte in einer Massagepraxis gestartet und das hatten wir zu keiner Zeit vergessen. Allerdings war ich als Physiotherapeut und ausgebildeter Masseur nicht nur mit den Händen geschickt.

Robert hatte das von der ersten Behandlung an zu schätzen gelernt und wann immer sich ihm die Möglichkeit ergab, machte er von meinen Fertigkeiten Gebrauch.

Ich langte nach dem Mandelöl, drückte eine gute Portion davon in die Handfläche und begab mich hinter ihn in Position.

Ich setzte mich auf seine Oberschenkel, passte auf, dass er nicht mitbekam, wie begehrlich sich mein Schwanz in seine Richtung streckte. Ein sinnliches Vorspiel war wichtig, denn das brachte uns beim eigentlichen Akt erst richtig in Fahrt.

Behutsam setzte ich meine Hände auf seine Flanken, wartete, bis sie seine Körpertemperatur angenommen hatten. Danach verteilte ich das Öl dicht über seinem Gesäß.

Eine Massage des Hinterteils ist nichts Ordinäres, obgleich sie in vielen Praxen nicht angeboten oder wenig ausgeführt wird. Dabei sind die dort ansässigen Muskeln ein wichtiger Teil unseres Bewegungsapparats. Sie stabilisieren und stützen uns. Sind sie verspannt, kommt es zu Schmerzen und Fehlhaltungen.

Das hatte ich Robert schon in den ersten Wochen unserer frischen Liebe beigebracht.

Seitdem vergötterte er meine Künste, sein Hinterteil professionell zu verwöhnen. Er hielt still und seufzte ins Kissen, während ich ihm eine exquisite Gesäßmassage bot.

Ich strich von den Flanken in Halbkreisen über seine Gesäßhälften, knetete mit gekippter Hand seine Flankenregionen, streichelte ihn Hand über Hand und ließ meine Ballen fest und tief auf seinem Allerwertesten zirkeln.

Ich fuhr so lange auf seiner Kehrseite herum, bis ich bemerkte, dass er dem sanften Druck, den ich auf ihn ausübte, nachkam. Kaum merklich presste er seinen Unterleib auf das Bett, immer dann, wenn ich neue Kreise auf seiner öligen Haut zog. Ein Zeichen für mich, einen Schritt weiter zu gehen.

Die offizielle Massage war zu Ende, nun folgte der private, intime Part.

Ich schob zwei Finger vor und stimulierte ihn tief.

Sofort drückte er sich fester ins Laken. Je schneller und mutiger ich ihn fingerte, desto lustvoller wurde sein Stöhnen. „Oh, Nielo, hör bloß nicht auf …“

„Ist es gut so, ja?“ Ich dehnte und reizte ihn gleichermaßen, nicht, ohne selbst diesen unbeschreiblichen Druck zu verspüren.

„Es ist himmlisch.“ Er ächzte ins Kissen und zog mit dem Unterleib kleine Kreise. Es war von Vorteil, dass er ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung mit sich trug. Ich musste keine Angst haben, dass er vorzeitig kam. Er konnte sich beherrschen und den Rausch der Sinne genießen. Meist war ich es, der die Aufwärmphase beendete, weil ich es nicht länger aushielt.

Ich beugte mich so weit vor, dass mein harter Schwanz seinen Oberschenkel berührte. Ich rieb meine Brust an seinem Rücken und verbiss mich in seinem Hals, doch zu keiner Zeit hörte ich auf, ihn von innen zu massieren.

„Oh Gott Nielo …“ Er wimmerte und zitterte … Eine Hand verschwand unter seinem Körper und blieb dort verschwunden. Er biss ins Kissen. Ich hatte ihn so weit.

„Startklar?“, hakte ich nach.

„Mach es, bitte, los, mach es …“

II.

Es geschah am Montagabend.

Nach Feierabend besorgte ich ein paar Lebensmittel. Zu Hause angekommen fand ich wie gewohnt einen Zettel von Robert vor. Meist schrieb er mir einen Hinweis, dass er im Club war und beabsichtigte, zu einer bestimmten Uhrzeit zurück zu sein. So wusste ich, ob wir gemeinsam oder getrennt zu Abend essen würden.

An diesem Tag versprach mir seine Notiz, dass er spätestens um 20 Uhr nach Hause kommen würde. Dementsprechend euphorisch stieg ich in meine Trainingskleidung und ging eine Runde joggen. Obwohl ich mich in der Praxis physisch betätigte, war das Laufen etwas, dem ich gern nach Dienstschluss nachging, um den Ballast des Tages abzuschütteln. Natürlich auch, um mir meine Fitness zu bewahren. Robert mochte meinen trainierten Körper. Ich wollte nicht nur für ihn in Schuss bleiben. Eine definierte Figur war ebenfalls gut für das Ego. Nicht, dass ich davon nicht genug hatte, aber mit fortschreitendem Alter war es nicht mehr so leicht, attraktiv zu sein.

Das war mir bewusst geworden, als Robert das erste Mal von François erzählt hatte; von dem jungen Typen, der beim Vortanzen alle anderen Anwärter auf den Job in den Schatten gestellt hatte. Er hatte von dem hübschen Gesicht berichtet, dem unwiderstehlichen Lächeln und dem makellosen Body. Am Anfang hatte ich mich noch darüber amüsiert, aber da die Schwärmerei nicht aufhörte und seine allabendlichen Nächte im Club länger wurden, hatte sich eine gewisse Skepsis eingestellt.

Inzwischen lagen die Karten offen auf dem Tisch. Ich hatte einen Nebenbuhler – dementsprechend hart ging ich mit mir selbst ins Gericht.

Ich achtete vermehrt auf gesunde Ernährung, versuchte auch, Robert einzubinden. Selten ließ ich mich gehen. Weder im Outfit noch in der Pflege meines Körpers.

Kurzgesagt: Ich hatte Angst, meinen Mann zu verlieren und tat alles dafür, um ihm weiterhin zu gefallen.

Aber an diesem besagten Montag war nahezu alles perfekt. Das Wochenende war schön gewesen. Die positiven Schwingungen hallten nach. Roberts Notiz ließ vermuten, dass er ebenso empfand, und so startete ich in freudiger Erwartung in den Abend.

Nach dem Joggen kleidete ich mich edel, trug das beste Parfum auf, das ich besaß, und begab mich in die Küche. Ich wollte uns etwas kochen, etwas Gesundes, etwas, das nicht im Magen lag, denn schweres Essen konnte sich negativ auf den weiteren Verlauf des Abends auswirken.

Ich garte zartes Hühnchenfleisch und schnitt Tomaten, Paprika und Zucchini in kleine Stücke, hatte vor, einen leckeren Auflauf zu machen.

Mittendrin klingelte das Handy und Roberts Nummer wurde angezeigt. Ich seufzte mit einer schlimmen Vorahnung. Es kamen nur zwei Dinge in Betracht: Entweder wollte er mir sagen, dass er auf dem Weg war oder dass er sich verspäten würde.

Dementsprechend nahm ich das Gespräch missmutig entgegen. „Ja? Was gibt es?“

Zu meinem Erstaunen meldete sich nicht Robert am anderen Ende, sondern eine Frau.

„Entschuldigen Sie, aber spreche ich mit Herrn Becker?“

Ich stutzte und mein Herz machte einen unnatürlichen Sprung. „Ja …“

„Hier ist Schwester Annett aus dem Zentralklinikum, Notaufnahme. Sie sind der Lebensgefährte von Herrn Robert Saxen?“

Für einen Moment setzte mein Herzschlag aus. „Ich bin sein Ehemann, ja, ist etwas passiert?“

Der Puls schlug mir wummernd gegen den Hals. Ich schob die Pfanne vom Herd und presste das Handy fest an mein Ohr.

„Bleiben Sie ruhig“, bat die Schwester. „Es ist ihm nichts Schlimmes zugestoßen, aber Herr Saxen ist gestürzt und musste zum Röntgen. Er bat mich, Sie anzurufen.“

Ich atmete aus und stützte mich auf die Küchenablage. Obwohl ihre Worte beruhigten, schlug die Nachricht wie eine Bombe ein. „Was ist mit ihm?“, fragte ich panisch.

„Irgendetwas mit seinem Fuß“, versicherte sie mir. „Sie sollen sich nicht aufregen, hat er gesagt, es sei nicht so schlimm.“

Nicht schlimm? Er war im Krankenhaus! Aber das war typisch für Robert. Er war einer der wenigen, der sich auch mit einer Grippe zur Arbeit schleppte, jemand, der sein Leid nie zugab und immer positiv dachte.

„Ich komme!“, sagte ich kurz entschlossen. „Richten Sie ihm das bitte aus. Ich bin unterwegs!“

*

Im rasanten Fahrstil nahm ich den Weg mit meinem Golf in Richtung Klinik auf. Der Feierabendverkehr war vorüber und die Straßen leer. Auch bekam ich sofort einen Parkplatz dicht am Krankenhaus. Kopflos folgte ich den Hinweisschildern zum Röntgen. Doch nirgends eine Spur von Robert.

In der Eingangshalle wandte ich mich dann an den Infotresen. Mir wurde gesagt, dass mein Partner die Röntgenabteilung inzwischen verlassen hatte und auf die Privatstation der Chirurgie verlegt worden war.

Ich machte mir nicht die Mühe, auf den Fahrstuhl zu warten, und erklomm die Treppen in den vierten Stock. Im Schwesternzimmer bekam ich weitere Auskunft und schließlich stand ich vor dem Zimmer, in dem Robert untergebracht war.

Ich klopfte nicht an, sondern stürmte hinein. Mit Erleichterung sah ich auf den ersten Blick, dass er wach war und im Gesicht nicht verletzt. Er lächelte sogar. Aber ebenso sprang mir die Person ins Auge, die dicht neben dem Bett auf einem Stuhl saß: François.

Meine Sorge drang in den Hintergrund. Bis auf den linken Fuß, der bandagiert auf einem Kissen ruhte, ging es Robert allem Anschein nach blendend.

„Was machst du denn für Sachen?“, stieß ich hervor.

Mit hastigen Schritten nahm ich Kurs auf das Bett. Ich drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.

„Oh, Nielo, das ist schön, dass du so schnell gekommen bist. Bitte, beruhige dich, es ist nicht so schrecklich, wie es aussieht.“

Ich richtete mich auf und sah ihn strafend an. Schrecklich war, dass er nicht allein war und ich mir absolut bescheuert vorkam.

„Und was will der hier?“ Mit einer Kopfbewegung zur Rechten deutete ich auf François, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ich hatte ihn nicht einmal gegrüßt. Wieso auch? Es war Montag. Ein Wochentag, an dem er sich zurückzuhalten hatte.

„Es ist im Club passiert“, berichtete Robert. „Ich bin auf den Stufen nach unten umgeknickt. François war so freundlich, mich zu fahren.“

Er zwinkerte seinem Begleiter zu.

„Okay, aber nun bin ich hier“, gab ich unmissverständlich zu verstehen. Sofort hörte ich ein Stuhlrücken hinter mir und François’ sanfte Stimme.

„Dann werde ich zurückfahren. Die nächste Show beginnt ja auch bald.“

Aus dem Augenwinkel registrierte ich, wie er sich zu Robert vorbeugte. Ich sah sofort weg und schloss sogar die Augen, damit ich den Abschiedskuss nicht miterleben musste.

„Bitte sei so lieb und nimm den Wagen und lass ihn am Club stehen.“

„Mach ich, Robert, gute Besserung.“

Abwartend starrte ich an die helle Wand mit dem grässlichen Bild. Ich hörte Kleidung rascheln und schnelle Schritte. Erst nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, drehte ich mich wieder zu Robert hin.

„Großartig!“, schnauzte ich. „Da lasse ich alles stehen und liegen, eile hierher und er sitzt an deinem Bett und hält Händchen!“

Erneut wich ich Roberts Blick aus, aber diesmal, weil ich seine braunen Hundeaugen kannte, die mich binnen weniger Sekunden besänftigen konnten.

„Er hatte gerade Zeit und kennt sich mit dem Wagen aus“, erklärte er.

Missmutig hielt ich den Kopf abgewandt. „Ihr hättet einen Krankenwagen oder ein Taxi rufen können.“

„So schlimm ist es auch nicht.“

Gefasst atmete ich durch und besann mich der Situation. War mein Aufruhr unpassend? Ich sah mir Roberts Fuß an. Er schien am Knöchel geschwollen. Ein Kühlelement lag obenauf. „Was ist denn damit? Kannst du laufen?“

„Er ist nicht gebrochen“, schilderte Robert. „Vermutlich verstaucht, aber das reicht. Richtig auftreten kann ich nicht.“

„Und nun?“ Ich zog die Jacke aus und umkreiste das Bett, setzte mich auf den Stuhl, auf dem soeben noch François gesessen hatte. Ein Fehler! Die Sitzfläche war warm. Sofort stand ich wieder auf und tauschte die Sitzgelegenheit gegen eine andere aus.

Mir entging nicht, wie Robert die Augenbrauen anhob, doch er äußerte sich nicht zu meinem Verhalten.

„Du musst nicht hierbleiben, oder?“

„Keine Ahnung.“ Just ging die Tür auf und eine Krankenschwester kam herein. Lächelnd reichte sie Robert sein Handy entgegen.

„Ihren Mann habe ich angerufen …“

„Ja.“ Ich hob die Hand. „Das bin ich, vielen Dank nochmals.“

Die Schwester nickte. „Und Ihr Sohn ist eben los?“

„Das war nicht sein Sohn!“, entwich es mir postwendend.

„Ein guter Freund“, schaltete sich Robert dazwischen, und schon war er dabei, auf dem Display des Handys herumzutippen, vermutlich, um sicherzustellen, dass in seiner Abwesenheit nichts im Club geschehen war.

„Der Arzt meint, es ist besser, wenn Sie eine Nacht zur Beobachtung bleiben. Zudem legt er Ihnen gleich einen speziellen Druckverband an.“

Robert sah entsetzt auf. Ich wusste, was er dachte und er sprach es auch sofort aus. „Bin ich damit denn mobil? Kann ich arbeiten? Wie lange dauert sowas?“

„Das besprechen Sie lieber mit dem Arzt.“

Robert stöhnte entnervt und die Schwester ging. „Großartig“, entwich es ihm. „Das bedeutet nichts Gutes.“

„Das wird schon“, tröstete ich. Nun fasste ich nach seiner Hand und streichelte sie. „Sei froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“

Demzufolge fuhr ich ohne Robert nach Hause. Vorbei die Vorstellung von einem romantischen Abend. Stattdessen musste mir François begegnen und Salz in die Wunde streuen.

Während der Fahrt baute sich die Wut auf ihn abermals auf. Was bildete er sich ein, am Anfang der Woche den Gutmenschen zu spielen?

„Ihr Sohn …“, äffte ich die Schwester laut nach. „Dass ich nicht lache …“

Mit quietschenden Reifen fuhr ich in die Garage. Mit Wucht stieß ich die Wagentür hinter mir zu. Mir war egal, ob die Nachbarn etwas von meiner schlechten Laune mitbekamen. Der Abend war gelaufen …

In der Küche sah ich auf die Lebensmittel, die in meiner Abwesenheit an Glanz verloren hatten. Am liebsten hätte ich die Pfanne mit dem Fleisch durch die Küche geschmissen, aber das wäre eine Sauerei geworden. Da ich jedoch nicht wusste, wohin mit meinem Zorn, machte ich dort weiter, wo ich vor wenigen Stunden aufgehört hatte. Ich packte das Küchenmesser und stach es in die Tomaten. Hektisch und grob schnitt ich das Gemüse in Scheiben und stellte mir vor, dass es François’ Körper wäre, den ich zerteilte.

*

Am nächsten Tag sah die Welt schon anders aus. Nachdem ich in der Praxis ein paar Kunden abgefertigt und den restlichen Arbeitstag meinen Angestellten überlassen hatte, holte ich Robert aus dem Krankenhaus ab.

Seinen Erzählungen nach hatte er kein Auge zugetan, was weniger an den Schmerzen gelegen hatte, sondern an den Sorgen, die er sich um die Geschäfte machte. Auf der Fahrt nach Hause führte er das erste Gespräch mit Piet.

„Ich kann die Bestellung heute nicht persönlich checken, werde aber ein Auge drauf werfen. Am besten schickst du mir ein Fax. Ich sende es dir unterschrieben zurück, ja … Wer ist ausgefallen? Aha, wieso das … Okay, ich habe von zu Hause einen Zugriff auf die Dienstpläne, die kontrolliere ich nachher … Aha, also will er reduzieren? Dann fällt er ja nächstes Wochenende auch aus … Das sehe ich mir an. Allenfalls müssen wir ein paar Shows streichen … Die Bewerber?“ Sein Redeschwall unterbrach mit einem Stocken. „Weiß nicht, ob ich das schaffe; bin krankgeschrieben. Vielleicht kann François sich dem annehmen, das kläre ich …“

Ich schenkte ihm einen bissigen Blick und sah wieder auf die Straße.

„Ach, der Wagen, ja, den holen wir auch ab. Lass ihn am besten erstmal im Hof stehen.“

Ich bog ab und preschte durch die verkehrsberuhigte Zone, bis wir an unserem Haus angekommen waren. Dann erst beendete Robert das Gespräch. Er wirkte gestresst, dabei sollte er sich schonen. Ächzend stieg er aus und stemmte sich auf die Krücken.

„Soll ich dir helfen?“, fragte ich sogleich.

Er winkte ab. „Nein, das geht. Komme mir ohnehin schon vor wie ein Invalide.“ Ich hechtete voraus und hielt ihm die Tür auf. Bewusst nahm ich nicht den Weg über den Keller, denn die Garage war natürlich mit dem Wohnhaus verbunden. Aber Robert sollte so wenig Stufen wie möglich gehen müssen. Zudem wollte ich das Untergeschoss nicht öfter betreten als nötig.

Womöglich würde ich dem Untermieter begegnen. Das musste echt nicht sein.

Es reichte schon aus, dass ich gezwungen war, in die untersten Räume zu gehen, um Wäsche zu waschen oder etwas aus dem Vorratskeller zu holen.

Ab und zu hing der Geruch seines Aftershaves in der Luft, ein Duft, den ich mittlerweile verabscheute.

Am schlimmsten war es, drangen Geräusche aus der Einliegerwohnung ins Erdgeschoss: laute Musik, nach der François vermutlich seine Tanzübungen vollzog oder Gelächter, wenn er Freunde geladen hatte.

Diese Störfaktoren waren schrecklich und kamen mit Übelkeit daher, denn war es still, konnte ich manchmal vergessen, dass da noch jemand mit uns im Haus wohnte.

Robert hangelte sich auf das Sofa und verschnaufte. Missbilligend lehnte er die Krücken neben sich auf das Polster. „Als Erstes müssen diese abscheulichen Dinger verschwinden“, meinte er. „Damit fühle ich mich ganz krank.“

„Du bist krank“, stellte ich klar.

Er überhörte das und runzelte die Stirn. „Ich glaube, ich habe noch irgendwo diesen Gehstock von Onkel Hubert; diesen schwarzen edlen, kannst du dich erinnern?“

Ich grinste schief. „Und mit dem siehst du weniger krank aus, oder was?“

„Der verleiht mir zumindest die nötige Würde.“ Wieder griff er nach dem Handy und tippte darauf herum. Kurz telefonierte er. Ehrlich gesagt war mir nie bewusst gewesen, um was er sich im Club alles kümmern musste. Das war wie ein nicht endender Rattenschwanz. „Wo ist was kaputt?“, hörte ich ihn fragen. „Sag das dem Hausmeister. Wenn es was Größeres ist, muss eine Firma her, aber nicht ohne Kostenvoranschlag. … Drink der Woche? Das entscheide du, ich verlasse mich auf dich … Wie sind denn die neuen Flyer geworden? … Ja? Super … Sorg dafür, dass sie in der Fußgängerzone verteilt werden, am besten Freitagabend …“

So ging es eine Weile, bis ich ihn ermahnte, und er aufhörte, zu telefonieren. „Dann bring mir bitte den Laptop. Ich muss die E-Mails checken.“

Nachfolgend spielte ich den Laufburschen für ihn; pendelte einige Male zwischen Arbeits- und Wohnzimmer hin und her, druckte Unterlagen aus, holte ihm Ordner und schickte Faxe los, bis er am frühen Abend auf dem Sofa einnickte.

Zum Abendessen weckte ich ihn wieder. Zu seiner Überraschung hatte ich den schwarzen Gehstock tatsächlich im hintersten Winkel des Kleiderschrankes gefunden. Ein wirklich edles Stück mit silbernem Knauf. Auch humpelnd machte Robert damit eine gute Figur.

Trotzdem legte sich seine Anspannung nicht. Beim Essen schielte er unentwegt auf die Uhr oder das Handy, bis mir der Kragen platzte.

„Du machst mich wahnsinnig …“

„Tut mir leid.“ Er schob das Mobiltelefon wenige Zentimeter von sich. „Ich will nur sichergehen, dass alles läuft, während ich weg bin.“

„Die werden doch wohl mal ein paar Tage ohne dich auskommen“, moserte ich. „Piet ist ein fähiger Mitarbeiter.“

„An der Bar, ja“, pflichtete mir Robert bei.

„Ich habe immer gesagt, du sollst dir einen Stellvertreter an Bord holen.“

„Ach!“ Robert winkte ab, sein Gesichtsausdruck wurde richtig grimmig. So sah ich ihn selten. „Ich habe es einmal mit einem Teilhaber versucht, das langte mir.“ Er nahm einen großen Schluck aus dem Weinglas. „Nein, ich habe lieber alles selbst in der Hand.“

Er tat einen Bissen und schluckte hektisch. „Vielleicht kannst du mich morgen kurz hinfahren.“

„Du bist krankgeschrieben“, erinnerte ich ihn. „Und du sollst den Fuß vorerst nicht belasten, hat der Arzt gesagt.“

„Ich brauche Unterlagen aus dem Büro und es laufen Vorstellungsgespräche. Außerdem will ich den BMW in unserer Garage haben.“

„Das kann Piet doch auch erledigen“, antwortete ich.

„Das mit dem Wagen nicht, abgesehen davon hat er genug zu tun.“ Robert starrte wieder auf das Handy. Ich sah ihm an, dass er überlegte. „Es gibt nicht viele, die sich bei mir im Büro auskennen und die ich dort hineinlasse.“ Er sah mich an und ich ihn. Das reichte aus. Ich wusste, was er in Erwägung zog.

„Denk nicht einmal daran!“, ermahnte ich ihn.

„Warum nicht? Er ist ohnehin jeden Tag dort und wohnt hier. Er kann mir die Sachen bringen.“

„Nein …“

„Das ist albern, Nielo“, entgegnete er und legte das Besteck beiseite. Entstand etwa ein Streit? Wegen ihm? Schon wieder?

„Es ist nicht albern, sich an Abmachungen zu halten“, konterte ich. „Nur weil du krank bist, heißt es nicht, dass Regeln gebrochen werden können.“

„Er soll mir lediglich ein paar Unterlagen bringen“, erwiderte Robert mit angespannter Stimme. „Ich sage ihm auch, dass er sie in den Briefkasten werfen soll.“

Ich schüttelte den Kopf. „Kommt nicht in Frage.“ Mein Entschluss stand fest. „Ich lasse nicht zu, dass sich der ganze Club das Maul zerreißt. Womöglich sehen sie in ihm deinen neuen Stellvertreter!“ Mit Nachdruck stieß ich ein künstliches Lachen aus.

Robert seufzte und senkte den Kopf. Genug, um mich an meine Pflichten als sein Partner zu erinnern.

„Ich werde morgen in den Club gehen“, beschloss ich, ohne mir im Klaren zu sein, was für einen Weg ich mir damit aufhalste. „Schreib auf, was du brauchst und was ich machen soll. So schwer wird das wohl nicht sein.“

*

Nach einer Stippvisite in meiner Praxis nahm ich mir am nächsten Tag ein Taxi für den Weg in den Club. Da ich vorhatte, den BMW nach Hause zu fahren, verzichtete ich auf die Fahrt mit meinem Golf.

Es war später Nachmittag und die Öffnungszeit des Etablissements war nur noch wenige Minuten entfernt. Es gab sogar schon Gäste, die vor dem Eingang warteten.

Ich hingegen stieg aus dem Taxi und marschierte schnurstracks auf das Gebäude zu. An der Tür wurde mir jedoch der Zugang verwehrt.

„Halt!“ Ein Türsteher hielt mich zurück. „Der Club öffnet erst um 17 Uhr.“

Es war zehn vor fünf. „Umso besser, zeitig nach dem Rechten zu gucken“, erwiderte ich und erntete einen verblüfften Gesichtsausdruck meines Gegenübers.

Doch er schien sich schnell seiner Aufgaben bewusst zu werden und zückte ein Funkgerät.

„Ich brauche mal Verstärkung am Eingang“, sprach er gewissenhaft.

„Nun wird es interessant“, äußerte ich mich mit einem Lächeln.

Keine zehn Sekunden später trat ein weiterer Wachmann in Erscheinung. Es war Gerry. Den kannte sogar ich.

„Mensch, klar kann er rein, weißt du nicht, wer das ist?“, zischte er seinem Kollegen hinter vorgehaltener Hand zu. „Das ist Roberts Ehemann.“

Es war richtig amüsant, den ersten Wächter ein wenig geschockt zu erleben. Er trat auf der Stelle zur Seite und wies mir den Weg. „Sorry“, stammelte er. „Ich wusste nicht, dass Sie kommen. Robert ist krank.“

„Ja, deswegen bin ich hier!“, tönte ich. Ohne die Männer noch mal anzusehen, begab ich mich durch den Eingang und stieg die Treppe hinab in Richtung Club. Ob Robert auf diesen Stufen gefallen war? In Begleitung von François? Ob der ihn nach dem Fall aufgerichtet und gestützt hatte? Ehrlich gesagt wollte ich das nicht so genau wissen.

„Nielo!?“ Auch Piet sah überrascht auf, als ich mich an den Tresen lehnte und prüfend umsah. Hatte Robert mein Erscheinen nicht angekündigt? „Wie geht es Robert?“, lautete seine nächste Frage. Da der Einlass kurz bevorstand, steckte er bereits in seinem knappen Höschen. Und natürlich hing wieder eine bunte Krawatte über der nackten Brust. Dem Trend angepasst trug er die Haare mit einem Caesar Cut. Das war Geschmacksache.

„Er muss den Fuß schonen“, berichtete ich. „Aber das hat er dir ja sicher am Telefon erzählt, so oft wie ihr telefoniert.“ Oh je, ich klang so schnippisch wie ein neidisches Weib. Unaufgefordert schob ich den Zettel auf den Tisch. Fein säuberlich hatte Robert mir darauf notiert, welche Unterlagen er benötigte. Piet überflog die Notizen und nickte. „Die Rechnungen für den Einkauf habe ich hier, die anderen Sachen findest du im Büro. Hast du den Schlüssel?“

Ich zog das besagte Bund aus der Hosentasche und klimperte damit herum. „Aber ich benötige noch den Schlüssel für den Wagen.“

„Oh …“ Piet machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Was war denn nicht in Ordnung?

„Der Wagen steht im Hof.“

„Ja, und?“ Mit den Händen tat ich eine fragende Geste. „Wo liegt das Problem?“

„Die Einfahrt ist extrem eng. Robert hat schon eine Schramme in den Lack gefahren.“

Ich nickte, denn dieser Makel war mir bestens bekannt. Ich sah in der Angelegenheit jedoch kein Hindernis.

„Ich werde das schon schaffen.“ Auffordernd hielt ich Piet die offene Handfläche entgegen.

„Den Schlüssel hat François“, erklärte mir Piet allerdings.

Auch das noch. Ich atmete tief durch und ließ mir meinen Unmut nicht anmerken. „Und wo finde ich den?“

Piet sah mich so verdattert an, dass es mir unangenehm war. „Na, in seiner Garderobe. Er bereitet sich für die Show vor.“

„Klar.“ Ich lachte aufgesetzt.

Nachdem ich mir die nötigen Akten aus dem Büro besorgt und Piet alle erforderlichen Schriftstücke zusammengesucht hatte, ließ ich mir den Weg zum Hinterhof zeigen. Dort stand der Wagen als einziges Gefährt. Die Angestellten mussten woanders parken, denn der Parkplatz war zu klein für weitere Autos. Ich stellte den Karton mit den Unterlagen erst einmal auf dem Boden ab. Ein prüfender Blick bestätigte mir, dass die Einfahrt tatsächlich verdammt eng war, doch das hinderte mich nicht daran, nochmals in den Club zu gehen und den Wagenschlüssel zu organisieren.

Immerhin wusste ich, wo sich die Umkleideräume der Tänzer und Kellner befanden. Was ich bis dato noch nicht gewusst hatte, war, dass François ein eigenes Zimmer besaß. Aber klar, als Liebchen des Chefs und heimlicher Star des Clubs genoss man natürlich ein paar Extras. Ob er hier geschlafen hatte, bevor er in unsere Einliegerwohnung gezogen war?

Es haftete sogar ein Namensschild an seiner Umkleidekabine. Absolut lächerlich!

Ich klopfte nur sporadisch an und öffnete die Tür, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Ja?“, ertönte es, da stand ich aber schon im Raum.

Piet hatte erwähnt, dass sich François in der Vorbereitung für die Abendshow befand, dennoch war ich etwas erschrocken, als ich ihn halb nackt erblickte. Er trug wieder einen String, der an der Vorderseite lediglich sein bestes Stück bedeckte, dazu ein Achselshirt aus Netzstoff. Ohne Probleme konnte ich durch die grobmaschigen Löcher auf seinen Oberkörper sehen.

„Ich brauche den Schlüssel für den Wagen“, sagte ich, ohne zu grüßen. Nachfolgend sah ich ihm nicht einmal ins Gesicht, sondern visierte den Kleiderständer an, der auf Bügeln seine Bühnenkleidung trug. Konnte man die Fetzen von Chiffon und Tüll überhaupt Kleidung nennen?

„Hi, ja, klar …“, erklang als Antwort.

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, dass er sich einer Tasche zuwandte, die auf dem Boden stand. Er bückte sich und wühlte darin.

Ich riskierte einen Blick und sah sofort wieder weg, denn er streckte mir tatsächlich seinen nackten Arsch entgegen. Tat er das mit Absicht oder merkte er nicht, wie unpassend er sich verhielt?

Na ja, als Pole- und Striptease-Tänzer hatte man wohl ohnehin keine Scheu, vor Fremden blankzuziehen. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie viele Typen ihn schon angetatscht und befummelt hatten. Das war widerlich. Und diese widerliche Person ging mit meinem Ehemann ins Bett!

Auf nackten Sohlen tapste er heran. Ich war ein Stückchen größer als er oder lag es daran, dass ich Schuhe trug und er barfuß lief?

„Hier“, sagte er und reichte mir den besagten Schlüssel. Ich sah ihm nur kurz in die Augen, nur einen winzigen Moment und doch erkannte ich Fragen und Sorgen in ihnen. „Wie geht es Robert denn?“, schob er wie erwartet nach.

Ich steckte den Schlüssel ein und vermied jeden weiteren Blickkontakt. Es war besser so. Ich wollte mir nicht vor Augen führen, was mich tagtäglich quälte.

„Kannst ihn Freitag selbst fragen“, antwortete ich hämisch.

„Nielo, bitte, ich will doch nur wissen, wie es ihm geht“, winselte er. Ich ignorierte das; hatte ohnehin viel zu viel Zeit mit ihm vertrödelt. „Schönen Abend noch“, wünschte ich mit einem ironischen Unterton und machte auf dem Absatz kehrt.

„Soll ich dir mit dem Wagen helfen?“, rief er mir nach. „Die Einfahrt ist eng.“

Ich ignorierte das.

*

Das ging leichter als gedacht, sagte ich mir, während ich zum Hinterausgang schlenderte. Der Club hatte inzwischen geöffnet und die ersten Männer tummelten sich vor der Bühne. Dieser Laden lebte von der Show und nackter Haut. Ich hingegen war froh, nicht darauf angewiesen zu sein, denn zu Hause wartete Robert auf mich – und das noch zwei volle Tage. Es hatte also auch Vorteile, dass er krankgeschrieben war.

Emotional beflügelt trat ich auf den Wagen zu, öffnete ihn und verstaute den Karton mit den Unterlagen im Kofferraum. Irrte ich mich oder sah mich der Türsteher prüfender an als nötig? Wusste er womöglich auch nicht, wer ich war?

Vielleicht sollte ich in Zukunft öfter mal Präsenz zeigen, damit den Angestellten klar wurde, wer der erste Mann in Robert Saxens Leben war.

Ich startete den BMW und rollte die Augen, kaum erklang das dumpfe Geräusch des doppelten Auspuffs. Ich hasste es, herumzufahren wie ein Prolet. Mit der Lautstärke eines Wagens musste ich gewiss nichts kompensieren und Robert sowieso nicht.

Ich schaltete in den ersten Gang und fuhr los. Ja, sie hatten recht gehabt. Die Einfahrt war tierisch eng, sodass die Abstandsmelder an allen Seiten des Wagens Alarm schlugen. Womit ich nicht gerechnet hatte, waren die Schlaglöcher, die den BMW nach wenigen Metern zum Schaukeln brachten. Ich war noch nicht einmal in der Mitte der Zufahrt angelangt, schon kratzte der rechte Seitenspiegel an der Häuserwand entlang. „Verflucht!“

Ich stoppte. Vorbei war das Gefühl des triumphalen Erfolgs.

Zudem konnte ich nicht einmal aussteigen, um mir den Defekt anzusehen, denn neben der Fahrertür existierte nur ein schmaler Spalt, durch den ich niemals gepasst hätte.

Vorsichtig legte ich den Fuß auf das Gaspedal, dazu drehte ich das Lenkrad wagemutig nach links.

Sofort erfasste ich das nächste Schlagloch und streifte die Wand mit der linken Vorderseite.

„Das gibt es doch nicht!“, fluchte ich. Im Rückspiegel sah ich, dass der Türsteher auf dem Hinterhof mit vor dem Bauch verschränkten Armen zusah, wie ich mich abmühte.

„Na, super …“ Ich linste über die Kühlerhaube nach vorn. Auch der weitere Weg wies Unebenheiten auf. Ich kam mir vor wie in einer Blechdose.

Resigniert schaltete ich den Rückwärtsgang ein und setzte zurück, nicht, ohne nochmals den Spiegel an die Wand zu fahren.

Egal … Sollte Robert zusehen, wie er den Wagen bekam. Ich wollte ihn nicht noch mehr ruinieren.

Zurück auf dem Hof stand ich aus und schlug die Wagentür wütend zu.

Unaufgefordert gesellte sich der Mann der Security zu mir. Entgegen meiner Erwartung ließ er keinen blöden Kommentar los, sondern nickte mit Anteilnahme.

„Ist eine beschissene Ausfahrt hier, den modernen Autos nicht angepasst.“

„Hier sollte man gar nicht mehr parken dürfen, außer man fährt einen Trabant!“ Meine Stimme bebte vor Anspannung.

Mein Gegenüber stimmte mir zu, aber er zeigte Zuversicht und deutete auf sein Funkgerät. „Ich habe den Kollegen kontaktiert. Er sagt François Bescheid, der fährt den Wagen raus.“

Für einen Moment blieb mir die Spucke weg. „Äh, nein … Das ist nicht nötig.“

Es war zu spät. Die Tür des Hintereingangs öffnete sich und François erschien. Gekleidet mit Morgenmantel und dünnen Latschen. Ohne Zweifel hatte man ihn aus der Garderobe geholt und selbstverständlich hatte er sich für die Aktion auf dem Hof so kurz vor dem Auftritt nicht mehr in Straßenkleidung geschmissen.

Seine Lider schimmerten in glänzenden Farben, er hatte Rouge aufgelegt und lächelte sanft. „Das kriegen wir hin, kein Problem.“

Er nahm mir den Wagenschlüssel aus der Hand, wobei sich unsere Finger berührten. Seine Fingerkuppen waren warm und ich ballte sofort eine Faust, um das Gefühl des Kontakts auszublenden.

Er schwang sich hinter das Steuer, ließ den Wagen aufheulen und chauffierte ihn im Schneckentempo durch die viel zu enge Passage.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er am anderen Ende angelangt war und wieder ausstieg, doch zumindest hatte er keine weitere Delle in den Lack gefahren.

Ich kam mir vor wie ein Idiot.

„So, das war’s!“ Er gab mir den Schlüssel zurück. „Schönen Abend noch und liebe Grüße an Robert.“ Dann sprintete er zur Tür und verschwand.

Verdattert sah ich ihm nach. Der Türsteher beschäftigte sich mit seinem Handy. Die angespannte Lage war vorbei. „Das werde ich ihm bestimmt nicht ausrichten“, zischte ich, marschierte zum Wagen und fuhr schnittig davon.

*

Wie angenommen saß Robert mit erwartungsvoll geweiteten Augen und einem breiten Lächeln im Gesicht auf dem Sofa, kaum erblickte er den Karton in meinen Händen.

In seiner Lage hätte er fernsehen, rätseln oder lesen können, aber nein, er hatte lieber gewartet, bis ich mit Arbeit nach Hause kam. Ja, er war ein Arbeitstier, dem der Erfolg nicht vor die Füße gefallen war. Eigentlich hätte ich stolz auf ihn sein sollen, wenn nicht dieser bittere Beigeschmack blieb, bei dem Wissen, mit was er sein Geld verdiente.

„Hast du alles bekommen?“, fragte er und ich nickte.

„Schöne Grüße von Piet. Du kannst ihm alles faxen. Er kümmert sich um die Bestellung und alles Weitere. Post, Dienstpläne, Reparaturaufträge und die Akten sind auch dabei.“ Ich stellte den Karton in Reichweite auf den Tisch, in der Annahme, dass sich Robert sofort an die Arbeit machen würde. Handy und Laptop lagen schon neben ihm auf dem Sofa. „Und der Wagen?“

„Steht in der Garage.“

„Super!“

„So super ist das nicht“, erwiderte ich. „Beim Rausfahren aus dem Hof habe ich den rechten Seitenspiegel demoliert und die linke Frontschürze beschädigt.“

Sein Lächeln verschwand sofort. Für ein paar Sekunden blieb sein Mund offen stehen.

„Was?“, entwich es ihm heiser. „Aber wieso hat denn François den Wagen nicht rausgefahren?“

„Doch …“, gestand ich und bekam dabei die Zähne kaum auseinander. „Aber erst, als es schon passiert war.“

„Hat dir denn niemand gesagt, dass …“

„Doch!“ Ich unterbrach ihn harsch. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht mehr davon reden. Vor allem, weil es schon wieder Dinge betraf, an die ich nicht denken wollte. Robert bemerkte das offensichtlich, denn er seufzte nur und beschwerte sich nicht weiter.

„Ich wollte den Wagen ohnehin verkaufen, habe ja selbst eine Schramme reingefahren.“ Er lachte leise und widmete sich dem Karton.

„Es tut mir leid“, sagte ich abschließend und er winkte ab.

„Nicht so schlimm.“ Sein folgendes Zwinkern war liebevoll.

„Okay.“ Ich atmete tief durch und sortierte die Gedanken. „Was wollen wir denn essen? Lust auf Pizza?“ Dass Robert mit seinem verletzten Fuß nicht in der Küche stehen konnte, war klar. Somit hatte ich beschlossen, das Kochen für den Rest der Woche zu übernehmen. Ohnehin lag es überwiegend an mir, was auf den Tellern landete.

„Bestell doch etwas beim Italiener!“, rief er mir zu. „Dann musst du dich nicht noch mehr abmühen für mich.“

„Stimmt, eigentlich reicht es mir für heute.“ Schmunzelnd zog ich mein Handy aus der Hosentasche und öffnete die App des Pizzadienstes. „Was willst du denn haben?“

Robert antwortete zuerst nicht. Er war schon in die Unterlagen vertieft und trug seine Brille. Das war immer ein Zeichen dafür, dass er sich wichtige Dinge zu Gemüte führte. „Mir reicht ein Pastateller und Salat“, murmelte er, aber plötzlich sah er auf. „Ach, was ist denn eigentlich mit dem Vorstellungsgespräch?“

Shit! Das hatte ich total vergessen.

„Das ist doch erst morgen, oder?“, stammelte ich. Robert nickte. Notgedrungen biss ich in den sauren Apfel. „Wenn es so wichtig ist, fahre ich nochmal hin.“

Eine Stunde später saßen wir am gedeckten Tisch bei Kerzenschein, Musik von Andrea Bocelli und aßen unsere italienische Lieferung.

Robert sah entspannt aus, was daran lag, dass er den ganzen Tag auf dem Sofa gelegen und seinen Fuß geschont hatte. Doch wenn er aufstand, um ein paar Schritte zu gehen, sah ich ihm an, dass er Schmerzen hatte. Und er verzichtete sogar auf das obligatorische Glas Wein zum Essen, da er eine Tablette einnehmen musste.

Ich schätzte ihn nicht nur als Partner, sondern auch als perfekte Gesellschaft, denn er war kein Mann, der sofort aufsprang, kaum war der Teller leergegessen. Er benötigte weder Radio noch Fernsehapparat. Problemlos konnten wir stundenlang beieinander sitzen, uns unterhalten und nichts vermissen. Er war ein angenehmer Gesprächspartner, der zuhören und Verständnis zeigen konnte. An diesem Abend bemerkte ich, dass er etwas auf der Seele hatte.

Unaufgefordert schenkte er mir Wein nach, während er sich am Wasser bediente. Ich ließ ihm Zeit.

Nachdem er das Besteck auf den Teller gelegt und einen Schluck getrunken hatte, rückte er mit seinem Anliegen heraus.

„Ich wollte dich um etwas bitten …“

„Ja?“ Ich nahm den letzten Bissen und legte das Besteck ebenfalls ab. Hatte er mir weiteren Wein eingeschenkt, um mich gefügig zu machen? Er atmete angestrengt. Was er sagen wollte, fiel ihm sichtlich nicht leicht.

„Es geht um das Wochenende.“

Sofort läuteten bei mir sämtliche Alarmglocken. „Aha, ich bin ganz Ohr.“ Ich lehnte mich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor dem Bauch. Eine ablehnende Geste, dabei hatte er noch nicht einmal gesagt, worum es ging.

„François hat Samstag Geburtstag.“

„Schön für ihn“, erwiderte ich bissig. Der Groll brodelte unter meiner Brust. Warum fiel das Thema immer wieder auf diesen Kerl?

„Ja, wir hatten eine Party geplant, im Club, mit geladenen Gästen …“

„Und?“ Fragend hob ich die Schultern an. Was er mir damit sagen wollte, verstand ich nicht. Oder wollte ich es nicht begreifen?

„Dann ist es also in Ordnung, dass ich zur Feier gehe?“ Seine Gesichtsmuskeln bebten erfreut.

„Äh, nein … Es ist Samstag“, erinnerte ich ihn. „Das ist gegen die Abmachung.“

Sogleich wich die Freude aus seinem Gesicht. „Es ist doch sein Geburtstag.“

„Ist mir sowas von egal, das glaubst du gar nicht“, zischte ich und nahm einen großen Schluck Wein, war froh, dass Robert mir nachgeschenkt hatte.

„Er wird doch nur ein Mal 25 Jahre …“

Eine Aussage, die mich nicht beeindruckte. Es war eher eine Schande, dass er das Argument brachte. Robert war 45 und ich 35. François hätte tatsächlich sein Sohn sein können.

„Es ist mir egal, wie alt er ist oder wird“, bekräftigte ich meinen Standpunkt.

„Bitte, Nielo, das Jahr hat um die 50 Wochenenden, da kannst du doch ein Mal eine Ausnahme machen.“

„Ja, und schon sind es zwei Ausnahmen, dann drei …“ Ich blieb konsequent. „Nein, wir haben ein Arrangement und das bleibt unantastbar.“

Er neigte den Kopf, visierte mich aber mit seinen braunen Augen an. „Ist das dein letztes Wort?“

„Ja.“ Ich behielt die Arme vor dem Bauch und verdeutlichte meine Abwehrhaltung. „Ihr habt den Freitag zusammen. Das ist in Ordnung. Das ist die Regel. Ihr könnt reinfeiern. Das reicht doch.“

„Okay.“ Er gab klein bei, aber es schwang Unzufriedenheit in seiner Stimme mit. Trotzdem beendete er die Diskussion. Vermutlich entsann er sich daran, wie konsequent ich sein konnte. Mit Sicherheit dachte er an die Phase unserer Trennung zurück und bestimmt wollte er nicht noch einmal erleben, dass ich in ein Hotel zog.

Er stand auf und sammelte die Teller zusammen. Ohne Gehstock humpelte er in die Küche. Das sah so fürchterlich aus, dass ich aufsprang und ihm das Geschirr aus der Hand nahm.

„Lass, ich mache das schon.“

„Danke“, entwich es ihm. Seine Finger zitterten.

Am nächsten Tag sollte er noch einen Termin beim Arzt haben und ich hoffte, dass der ihn weiter krankschreiben würde.

Ich wollte nicht, dass er zur Geburtstagsfeier ging. Irgendetwas in mir sagte, dass es nicht gut sein würde. Ohnehin: Sollte er sich nicht noch etwas schonen?

Kurz trafen sich unsere Blicke und ich las in seinen Augen, wie enttäuscht er war, wie traurig und geknickt.

*

Am nächsten Tag musste ich erneut in den Club fahren, um das Bewerbungsgespräch abzuhandeln. Bewusst parkte ich nicht im Hinterhof. Auch musste ich mich diesmal nicht bei den Türstehern erklären und konnte ohne Umschweife den Haupteingang passieren.

Es war nachmittags, dennoch waren einige Angestellte dabei, den Laden für den Abend auf Vordermann zu bringen.

Die Bühne und die Tanzfläche waren hell beleuchtet. Ich sah einen farbigen, schlanken Mann in legerer Kleidung mittig im Raum stehen, daneben ein weiterer Kerl, der in engen Jeans steckte und eine Strickjacke trug, die bis zu seinen Kniekehlen reichte. In einer Hand hielt er eine Zigarette, was ungewöhnlich war, denn eigentlich herrschte im Club bis auf einen abgetrennten Bereich Rauchverbot. Die Kapuze der Jacke war über seinen Kopf gezogen, sodass ich sein Gesicht nicht erkennen konnte. Aber kaum näherte ich mich den beiden, drehte sich der rauchende Typ um: Es war François.

„Oh, Nielo, super, dass du da bist“, sagte er. Mit einer schnellen Bewegung hatte er die Zigarette in einen Aschenbecher gedrückt und die Kapuze vom Kopf gestrichen. Er lächelte. Meinte er, nur, weil ich jetzt öfter vorbeikam, würden wir beste Freunde werden?

Ich nickte lediglich zur Begrüßung. Mein Augenmerk richtete sich eher auf den farbigen Mann.

„Ja, das ist Simon. Er möchte als Tänzer anfangen. Wenn es geht in Vollzeit“, berichtete François.

„Mhm, hat mir Robert gesagt“, nuschelte ich.

Der besagte Simon stellte sich vor. François reichte mir die Mappe entgegen. Sie enthielt einen Lebenslauf, ein paar Fotos und ein offizielles Bewerbungsschreiben.

Ich blätterte die Unterlagen nur sporadisch durch. „Das wird sich Robert ansehen“, beschloss ich und klemmte die Mappe unter den Arm. Fragend sah ich die Männer vor mir an.

„Ja, dann wäre es wohl nicht schlecht, wenn du uns etwas vortanzt, oder?“ François nickte Simon ermunternd zu, danach blickte er mich an, als erwartete er einen Zuspruch.

„Deswegen bin ich hier, oder nicht?“, antwortete ich hölzern.

„Mit oder ohne?“, erkundigte sich Simon. Erneut sahen mich beide an, woraufhin ich mit den Schultern zuckte. „Mir eigentlich egal …“

„Äh, wir sind ja im Nachtclub“, schaltete sich François ein. „Du solltest uns vorab mal zeigen, was du zu bieten hast.“

Simon nickte und fasste sich sofort an die Klamotten. „Kein Problem.“

Ich biss mir auf die Zunge. Was sollte ich hier eigentlich, wenn François sowieso alles managte?

Von mir aus konnte sonst wer im Club arbeiten, das interessierte mich nicht die Bohne. Auf der anderen Seite war ich hergekommen, um Robert zu ersetzen. Das durfte ich nicht vergessen.

Inzwischen war Simon bis auf die Unterhose entkleidet. Er war trainiert, hatte ein Sixpack und war sichtlich gut ausgestattet, so wie man es von einem Tänzer im Schwulenclub erwartete. Das gab einen Pluspunkt. Auch François schien zufrieden mit dem, was er sah. Er hob eine Hand und gab dem DJ ein Zeichen. Kurz darauf erklang Dancefloormusik. Simon setzte sich in Bewegung. Mit grazilen und passenden Tanzschritten begab er sich in Richtung Polestange.

Ich bemerkte, wie François mich beobachtete. Das passte mir überhaupt nicht.

„Und?“, fragte er schließlich, während sich Simon um die Stange rankte wie eine Schlange.

Ja, der Tänzer war nicht übel, aber deswegen musste ich mich noch längst nicht zu einem Dialog bequemen. Ich zückte mein Handy und filmte die Darbietung.

„Robert wird es sich zu Hause ansehen und eine Entscheidung treffen.“

„Okay.“ François sagte nichts weiter. Nach fünf Minuten gab ich dem Mann hinter der Musikanlage ein Zeichen und die Musik verstummte. Simon kam mit flinken Schritten auf uns zu. Ich nickte.

„Kannst dich anziehen. Der Boss meldet sich bei dir.“

„Vielen Dank“, gab Simon zurück, langte nach seiner Kleidung und streifte sie über.

Für mich war die Sache gelaufen.

„Ja, dann schönen Tag noch!“, gab ich von mir, ohne die Männer anzusehen. Ich drehte mich um und ging.

„Warte, Nielo!“, ertönte François’ Stimme hinter mir. Unweigerlich blieb ich stehen. Was wollte er noch? Konnte er mich nicht in Ruhe lassen? Ich drehte mich nur ansatzweise zu ihm um. „Was?“

„Du bist natürlich eingeladen zu meiner Party am Samstag“, sagte er. „Du kommst doch, oder?“

„Warum sollte ich?“, erwiderte ich. Einen abwertenden Blick konnte ich mir nicht verkneifen.

„Ja, also, ich dachte …“

„Ich muss los“, zischte ich und drehte mich wieder um.

Auf dem Nachhauseweg wurde mir nicht zum ersten Mal bewusst, was für ein Arsch ich war.

Normalerweise hatte ich keine Probleme mit meinen Mitmenschen, aber François ließ ich spüren, wie sehr mir seine Person gegen den Strich ging.

Vermutlich war es höflich von ihm, mich zu seiner Party einzuladen. Was war dagegen einzuwenden? Eigentlich war es ein netter Schachzug, mich dorthin zu bitten. Er hätte es auch sein lassen können, um mehr Zeit mit Robert zu haben.

Doch ich konnte meinen inneren Schweinehund einfach nicht überwinden. Wir hatten Regeln aufgestellt, oder nicht? Unbedingt wollte ich mich daran halten. Und ja, ich hatte Angst, dass alles aus den Rudern laufen und ich die Kontrolle verlieren würde. Das durfte auf keinen Fall geschehen.

Ich hatte nicht vor, zur Party zu gehen.

Wir hatten die Abmachung und ich hielt mich daran.

Zu Hause präsentierte ich Robert die Mappe sowie das Tanzvideo. Er sah sich beides hoch interessiert an. „Super, Nielo“, lobte er mich. „Das hast du super gemacht.“ Er war absolut in seinem Metier. „Und einen farbigen Tänzer wollte ich schon immer haben. Ich werde ihm eine Zusage erteilen.“ Schon langte er nach dem Laptop, um dem Bewerber eine E-Mail zu schreiben.

Mich zog es derweilen in die Küche, wo ich mir einen Kaffee holte und darüber grübelte, was es zum Abendessen geben sollte.

„Und sonst?“, hakte Robert nach, ohne den Blick vom Laptop abzuwenden. „Was hat François gesagt?“

„Er fand ihn wohl auch passend“, erwiderte ich knapp.

„Sonst nichts?“

Kurz wartete ich ab, bis der Vollautomat zu rauschen aufhörte. „Er hat mich zur Party eingeladen, aber ich habe abgelehnt.“

„Nielo …“ Nun sah Robert auf und blickte mich über die Lesebrille hinweg an, als hätte ich etwas ausgefressen.

„Was?“, tönte ich daraufhin. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich euch dort beim Händchenhalten zusehe.“

„Du weißt genau, dass wir das nicht öffentlich machen.“

Nein, nicht öffentlich … Lieber im Büro hinter geschlossener Tür, während sich die anderen ohnehin denken können, was abgeht, dachte ich bei mir. Eine kurze Stille entstand.

Robert räusperte sich plötzlich und nahm die Brille ab. „Höre ich aus deinen Worten heraus, dass du es mir doch erlaubst, hinzugehen?“

Ich antwortete nicht sofort, trank stattdessen einen Schluck Kaffee und sortierte das Chaos in meinem Kopf.

Um nichts in der Welt wollte ich einbrechen. Ich wollte nicht schwach werden, aber auf der anderen Seite …

„Was hat der Arzt denn heute gesagt?“, lieferte ich zuerst eine Gegenfrage. Das war taktisch klug. So konnte ich mir etwas Raum für die passende Antwort lassen.

Robert nickte. „Er war zufrieden. Aber ich soll mich weiter schonen und darf kein Auto fahren.“

„Na schön …“ Ich stieß mich von der Küchenzeile ab und trat vor ihn ins Wohnzimmer. Das Arschloch in mir verabschiedete sich für den akuten Entschluss. Ich wollte nicht schwach wirken, sondern Stärke zeigen.

„Wenn du dir ein Taxi nimmst, kannst du von mir aus für ein paar Stunden auf die Party gehen, aber mehr nicht. Geschlafen wird zu Hause.“

Die Anspannung fiel sichtbar von ihm ab. „Danke, Nielo.“

III.

Der besagte Freitag kam schneller, als mir lieb war. Schon am Morgen wirkte Robert aufgeregt. Er telefonierte mehrfach mit Piet und besprach Details für die Party am nächsten Tag. Ich versuchte, wegzuhören, und brach am Vormittag in die Praxis auf, um mich abzulenken.

Am späten Nachmittag kam ich nach Hause, nachdem ich mir eine fette Portion beim Chinesen hatte einpacken lassen. Es war ja Freitag. Ich konnte essen, was ich wollte. Zudem wusste ich, dass François auf Kohlenhydrate weitgehend verzichtete; vermutlich der Figur wegen. Also würde es für mich ein Fest werden, einen großen Teller Reis zu essen und genau das zu tun, was ihn angewidert hätte.

Aber kaum hatte ich die Jacke abgelegt, dachte ich nicht mehr an meinen „freien Abend“ und die Frage, welche Flasche Wein ich köpfen würde.

Im Eingangsbereich war ein rundes Laufgitter aufgestellt, in dem sich ein brauner Welpe befand.

Für einen Moment blieb mir der Atem weg. Es stand ganz außer Frage, wer das Tier angeschafft hatte. Von dem Übeltäter fehlte jedoch jede Spur.

„Robert?“, brüllte ich durchs Haus, ohne das Freilaufgehege mit integriertem Hund aus den Augen zu lassen. Ein neues Haustier. Hätte er mich nicht um Erlaubnis fragen können? Nach dem Tod der Katze hatten wir uns eigentlich dazu durchgerungen, kein weiteres Tier anzuschaffen. Tagsüber waren wir ja meist nicht zu Hause. „Rooobert!“, schrie ich nochmals wie Carmen Geiss. Das tat ich immer, wenn ich zu lange auf eine Reaktion von ihm warten musste.

„Ja-a?“, erklang es schließlich aus der oberen Etage. Mein Angetrauter erschien auf der Bildfläche, gestützt auf seinen edlen Stock. Er kam nach wie vor langsam in die Gänge, aber immerhin schaffte er es ohne Unterstützung die Treppe hinunter.

„Sag mal, geht’s noch?“, knurrte ich ihn an und zeigte hinter mich. Mehr sagte ich nicht, denn er wusste sofort, was ich meinte.

Zu meinem Erstaunen kamen keine endlosen Erklärungen. Während er die Treppe mit Bedacht nach unten nahm, zwinkerte er mir beruhigend zu.

„Keine Angst“, meinte er. „Der ist nicht für dich, sondern für François.“

Na großartig! Zugegeben: Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

„Und was soll der hier?“

Robert nahm die letzten Stufen, stützte sich ab und verschnaufte. Er war bereits in Schale geschmissen, trug einen dunklen Anzug mit roséfarbener Fliege.

„Wenn François nachher in den Club fährt, bringe ich den Hund nach unten in seine Wohnung. Wenn wir dann nach Mitternacht nach Hause kommen, wird es eine Überraschung werden. Es ist sein Geburtstagsgeschenk.“

„Ein Hund?“, fragte ich voller Skepsis.

„Ein reinrassiger Vizsla“, verkündete er glucksend. Offenkundig freute er sich über die Neuanschaffung. „Stell dir vor, der Züchter war so nett, alles Nötige vorbeizubringen. Vielleicht kannst du mir nachher helfen …“

„Vergiss es!“, fauchte ich. „Es ist Freitag, und wie der Name schon sagt: mein freier Tag.“

Samt Tüte vom Chinesen lief ich an ihm vorbei, ohne ihm einen Abschiedskuss zu geben, danach verschanzte ich mich in meinen heiligen Räumen unter dem Dach.

*

Ich hatte die Wahl: Let’s Dance oder Medical Detectives – ungeklärte Mordfälle und entschied mich für das Letztere. Meine Stimmung war auf dem Nullpunkt angelangt. Mir war nicht nach einer Show mit lachenden tanzenden Promis, sondern eher nach der bedrückenden Atmosphäre einer Straftat, zu der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke sein Bestes gab.

Wieder ertappte ich mich dabei, dass ich mir eine essentielle Frage stellte: Wie konnte man es fertig bringen, einen unbequemen Menschen aus seinem Leben zu verbannen?

Zugegeben. In meiner Situation gab es da keine legalen Möglichkeiten. Im Grunde genommen war es ja auch meine Schuld, dass es so war, wie es derzeit lief. Immer wieder sagte ich mir, dass ich dennoch ein wirklich kleines Opfer gebracht hatte. Meine Güte, was war schon ein Tag in der Woche?

Wir wohnten in einem Wendehammer, das hieß, in unserer Straße war Endstation.

Gegenüber dem Haus gab es eine Handvoll Nachbarn und hinter dem Garten begann der Wald. Es war ruhig, vor allem nachts.

Obwohl Robert nicht seinen BMW fuhr, hörte ich, dass ein Wagen, mit größter Wahrscheinlichkeit ein Taxi, vor dem Haus hielt. Sofort sah ich auf den beleuchteten Wecker. Es war gerade mal 1 Uhr.

Das ein oder andere Mal war ich bereits eingenickt gewesen und die Müdigkeit zerrte an mir, trotzdem raffte ich mich auf, öffnete die Tür und lauschte.

Wenn Robert jetzt schon nach Hause kam, hatte das nur eins zu bedeuten: Er hatte mit François in dessen Geburtstag reingefeiert, mit den Leuten im Club angestoßen und dann entschieden, heimzufahren, um mit dem Geburtstagskind ungestört zu sein.

Ich hörte seinen humpelnden Gang, schneller als sonst. Er nahm die Stufen ins Untergeschoss. Vermutlich wollte er dort sein, bevor François ebenfalls seine Wohnung betrat.

Das Geschenk, der Hund, würde wohl in den nächsten Minuten ihre vollständige Aufmerksamkeit erlangen … Und danach?

Daran wollte ich nicht denken.

Ich knallte die Tür zu und legte mich wieder ins Bett.

*

Robert kam am nächsten Morgen eine geschlagene Stunde später die Treppe hinaufgehumpelt. So begann der Tag, an dem sich einiges ändern sollte. Aber das wusste ich zu der frühen Tageszeit noch nicht.

Es war 10 Uhr. Seit 60 Minuten saß ich am Frühstückstisch und wartete.

Kaum trafen sich unsere Blicke, lächelte er verschmitzt. „Es tut mir leid, Nielo, aber der Hund …“ Amüsiert schüttelte er den Kopf. „Der ist so ein Wirbelwind.“

„Guten Morgen!“, antwortete ich provokativ, ohne auf seine Bemerkung einzugehen.

Er verstand den Wink. Das eine Bein nachziehend kam er auf mich zu und küsste meine Stirn. „Bin gleich bei dir.“

Ohne weitere Worte verschwand er in der ersten Etage im Badezimmer.

Ich konnte mir vorstellen, dass er liebend gern vom vergangenen Abend reden würde. Von der Überraschung, dem Hund und François, der ein viertel Jahrhundert alt geworden war. Aber ich wollte das nicht hören. Es interessierte mich nicht.

Wann begriff er es endlich?

Er riss sich zusammen. Mir zuliebe. Während des Frühstücks erwähnte er den vergangenen Tag nicht mehr. Stattdessen tätschelte er meine Hand und zwinkerte mir zu, wann immer sich eine Möglichkeit ergab.

Später gingen wir spazieren, vielmehr versuchten wird das, denn Robert kam nur langsam voran. Aber der Arzt hatte ihm inzwischen geraten, nicht ständig auf dem Sofa zu liegen, sondern sich etwas zu bewegen, damit die Muskeln und Sehnen nicht verkümmerten, er sich keine Thrombose einfing oder Schlimmeres.

Robert war mit seinen 45 Jahren weit entfernt von der Tatsache, alt zu sein, aber er hatte auch einschneidende Lebensabschnitte hinter sich gebracht. Er rauchte und trank regelmäßig. Zudem zählte er zu den nachtaktiven Menschen. Die waren ohnehin anfälliger.

Auf der erstbesten Bank nahmen wir Platz. Er verschnaufte und steckte sich eine Zigarette an.

Sein Handy gab wiederholt ein Geräusch von sich. Ich ging davon aus, dass es Leute aus dem Club waren, die irgendetwas von ihm wollten. Vermutlich drehte es sich um die Party am Abend, aber er ignorierte das. Zumindest für ein paar Stunden.

„Was hältst du davon, wenn wir mal wieder nach Dubai fliegen?“ Er hielt kurz inne und zeigte auf seinen Fuß. „Also, wenn alles wieder okay ist.“

„Nur wir beide?“, hakte ich nach. Er nickte.

Seine Frage machte mich platt, denn in Dubai hatten wir unsere Flitterwochen verbracht. Dass er mit diesem Vorschlag kam, bedeutet, dass er mir klarmachen wollte, dass ich noch immer der Mann seines Lebens war. Er sprach es in diesem Moment nicht aus, aber ich las es in seinen Augen. Er liebte mich. Er wollte mich glücklich wissen und nicht verlieren.

Jedoch steckte er in einer Zwickmühle und konnte sich daraus nicht befreien.

Trotzdem vergaß er nicht, dass er mir geschworen hatte, bei mir zu sein, mich zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet. Und ich liebte ihn, andernfalls hätte ich nicht mit ihm hier gesessen. Ansonsten hätte ich den „Klotz an seinem Bein“ nicht akzeptiert.

„Urlaub wäre toll“, sagte ich und zwinkerte ihm zu. Er schmunzelte und drückte die Zigarette aus. Nachfolgend fasste er mit einer Hand an meinen Hinterkopf und zog mich zu sich heran. Wir küssten uns mit Hingabe.

Nein, die Leidenschaft zwischen uns war nicht erloschen. Obwohl ich in der Vergangenheit manchmal daran gezweifelt hatte, wusste jeder von uns, dass wir füreinander bestimmt waren.

Es war wichtig, dass er es mir an jenem Tag verdeutlichte, denn ohne diese Tatsache hätte ich die folgenden Stunden wohl nicht überstanden.

Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir das jedoch noch nicht …

*

„Ja, dann gehe ich jetzt.“ Robert lächelte charmant, aber er zögerte auch. Er wusste, dass ich weder von der Party noch von der Tatsache, dass er daran teilnehmen würde, begeistert war. Ich hatte ihm ein paar Stunden für die Feier mit seinem Flittchen gewährt. Das war großzügig, wie ich fand. Es war also nicht verkehrt, dass er auch Demut zeigte.

Er umfasste meinen Kopf und drückte einen Kuss auf meinen Haaransatz. „Vielen Dank nochmal und bis nachher.“

„Ja, bis später!“

Robert humpelte davon. Es war früher Nachmittag und ein Taxi stand vor dem Haus. Bevor das Geburtstagskind in den Club kam, sollte alles perfekt vorbereitet sein. Er ließ es sich also nicht nehmen, rechtzeitig loszufahren.

Ich schloss die Tür und atmete tief durch. Diesen Tag würde ich schon irgendwie überstehen. Nur ein paar Stunden, bis Robert wieder bei mir war. Es stellte sich sogar ein wenig Schadenfreude ein, denn er würde die Nacht in meinem Bett liegen und nicht bei ihm.

Zudem war Wochenende. Zeit, um sich etwas zu gönnen, um es sich gutgehen zu lassen. Kurzentschlossen zückte ich mein Handy. Nichts sprach dagegen, sich mal mit Freunden zu treffen, um die Zeit rumzubekommen. Ich kannte mich. Würde ich allein im Haus zurückbleiben, würde ich mich wohl pausenlos fragen, wie es auf der Party herging.

Jürgen, ja, den hatte ich lange nicht mehr gesehen. Spontan rief ich ihn an.

„Lust auf einen Kaffee in der Innenstadt?“, fragte ich ihn, während ich durch das Wohnzimmer schlich.

„Ja, heute passt es. Wo wollen wir uns treffen?“, erwiderte mein Kumpel, den ich von der Ausbildung her kannte. Wir waren nicht unbedingt die besten Freunde, aber ab und zu trafen wir uns. Jürgen war auch schwul und erst vor kurzem mit seinem Lover zusammengezogen. Da gab es mit Sicherheit viel zu bequatschen.

Ich stutzte und starrte aus dem Fenster. Auf dem Rasen watschelte ein vierbeiniges, braunes Knäuel zwischen den Büschen herum.

„Äh, Jürgen, ich rufe gleich zurück, okay?“ Ich wartete keine Antwort ab und legte auf. Mit einer schnellen Bewegung zog ich die Verandatür auf und noch zügiger sprintete ich zu den Lebensbäumen, um mir den Übeltäter zu schnappen. Der strampelte mit den Beinen, reckte den Kopf in meine Richtung und versuchte, mich abzuschlecken.

Abweisend bog ich mich zurück und sah mich um. Von dem Besitzer des Störenfrieds war weit und breit nichts zu sehen. „Na, warte, das geht echt zu weit“, schimpfte ich und setzte mich in Bewegung.

Das zappelnde Etwas hielt ich mit ausgestreckten Armen von mir. Das musste ja so kommen, durchfuhr es meine Gedanken. Wie bescheuert war es auch, so ein Geschenk zu machen?

Ich marschierte über den Rasen, bemüht, das Tier zu halten, ohne den Weg außer Acht zu lassen, und umrundete unser Haus. Vom Garten aus gesehen gab es auf der linken Seite eine weitere Grünfläche, die zur Kellerwohnung gehörte. Wie vermutet befand sich dort François.

Er lag mit geschlossenen Augen auf einer Liege und hatte Kopfhörer auf den Ohren.

Es war Sommer, ja, und ziemlich warm. Doch das rechtfertigte nicht, dass er nur mit enger Badehose auf der Terrasse verweilte, anstatt auf seinen Hund aufzupassen.

Das Freilaufgehege stand neben ihm, jedoch hatte der Welpe es fertiggebracht, die dazugehörige Verriegelung zu öffnen, denn ein Teil des Gitters war aufgeklappt.

„Hey! Aufwachen!“, schrie ich in voller Lautstärke, damit es François durch die Kopfhörer hindurch hörte. Er schreckte auch sofort zusammen und riss die Augen auf.

„OH!“ Mit einem Satz kam er auf die Beine, kaum sah er mich mit dem Hund in den Händen. „Ist er ausgebrochen?“

Was für eine dämliche Frage! Alles sprach dafür, oder?

„Unser Rasen ist für deine Töle tabu, klar?“, blökte ich.

„Ja, natürlich …“ Er nahm mir den Welpen ab und drückte ihn gegen seine nackte Brust. Ich sah weg, wollte ihm nicht in die Augen sehen. Stattdessen fiel mein Blick auf seine Badehose, unter der sich sein Geschlecht haargenau abzeichnete.

„Es tut mir leid, ich bin eingenickt, es wurde spät gestern und …“

Wen interessierte das? Mich nicht!

Mir fiel ein, dass ich ihm nicht zu seinem dämlichen Geburtstag gratuliert hatte. Aber egal. Mir war es nicht wichtig und warum sollte er Wert darauf legen, dass ich es tat?

„Pass in Zukunft besser auf!“, raunzte ich ihn an, ohne den Blickkontakt aufzunehmen.

Das war alles. Mehr wollte ich nicht. Mir fiel Jürgen wieder ein. Ich sah auf meine Armbanduhr und wandte mich um.

„Ja, also, danke und schönen Tag noch!“, rief François mir hinterher.

„Diese blöde Floskel kannst du dir auch sparen“, nuschelte ich. Keine Ahnung, ob er es hörte.

*

Mit Jürgen konnte man ungehemmt reden: über die Arbeit, Sex und das Wetter. Jedoch vermied ich es, ihm von meinem derzeitigen Beziehungsproblem zu erzählen. Ja, war es inzwischen ein Problem, das sich in meine Ehe geschlichen hatte? Immer wieder drifteten meine Gedanken ab, während Jürgen mir von seinem neuen Lover erzählte. Zwischen ihnen lief es bestens, wie es schien. Das war beneidenswert, aber auch normal in einer frischen Partnerschaft. Irgendwann ist aber der Lack ab. Dann musste man gehen oder kämpfen.

Ich bemerkte, wie Jürgen bei seiner munteren Erzählung abschweifte. Er hielt den Augenkontakt nicht aufrecht, sondern linste ständig an mir vorbei. Nach einer Weile fragte ich mich, was seine Aufmerksamkeit so auf sich zog, und drehte mich um.

Es war eine Litfaßsäule, die er alle naselang betrachtete. Darauf klebten diverse Veranstaltungsplakate. Unter anderem auch ein Plakat vom Club mit dem Hinweis auf die kommenden Shows.

Und wer präsentierte sich dafür mit hochglanzgetrimmter Visage? Natürlich! François.

Mir wurde schlecht bei der Vorstellung, dass sein Bild womöglich in der ganzen Stadt verteilt hing. Ich konnte mir auch ausmalen, wer das veranlasst hatte.

„Der sieht rattenscharf aus, oder?“, fragte Jürgen, als er registrierte, dass ich das Plakat visierte.

„Ja … Äh, nein!“ Ich drehte mich zurück und nahm einen Schluck Kaffee. Das Blut pulsierte hinter meiner Stirn. Vermutlich war ich krebsrot im Gesicht.

„Das ist doch der Club von Robert, oder? Kennst du den Typen?“, fragte Jürgen weiter nach.

Ich hob die Schultern an und tat desinteressiert. War ich nicht hier, um auf andere Gedanken zu kommen? „Flüchtig …“ Verbissen kaute ich an meiner Unterlippe. Der Geburtstag dieses hübschen Jünglings entpuppte sich für mich als der beschissenste Tag des Jahres. Zudem räumte Robert mit den Plakaten seinem François eine ziemlich große Plattform ein.

Hastig schob ich mir das letzte Stück Kuchen zwischen die Zähne, leerte die Tasse und zog das Portemonnaie hervor. „Muss gleich los …“

„Was jetzt schon?“, erwiderte Jürgen sichtlich erstaunt. „Ich dachte, wir ziehen noch um die Häuser.“

Ich schüttelte den Kopf. „Sorry, heute nicht.“

*

Nein, an diesem Tag nicht. Vielleicht hätte ich es tun sollen. Ich hätte verdammt nochmal über meinen Schatten springen und Robert den ganzen Tag im Club überlassen sollen. Ich hatte es nicht getan, sondern darauf bestanden, dass er nach einer Stippvisite auf der Geburtstagsparty zu mir zurückkam.

Das war irgendwie kein taktischer Schachzug mehr, sondern die reinste Verzweiflung.

Ja, hätte ich ihn doch bloß machen lassen … Dann wäre er nicht kurz nach Mitternacht aufgebrochen, um nach Hause zu fahren. Dann wären die Dinge vermutlich anders gelaufen. Aber das taten sie nicht …

Ich ging eher ins Bett als sonst und sehnsüchtiger als üblich wartete ich auf Roberts Erscheinen.

Permanent sah ich auf den Wecker. Die Gedanken in mir fuhren Achterbahn. In der dunkelsten Minute meiner Überlegungen malte ich mir aus, dass Robert nicht kommen würde; dass ich bis zum Morgengrauen warten würde und er mich versetzte. Was würde dann geschehen?

Ich durfte nicht daran denken, wollte nicht in Panik verfallen. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich solche Angst, ihn zu verlieren.

Das Motorengeräusch eines Wagens befreite mich aus dem Horrorszenario. Ich sprang aus dem Bett und spähte aus dem Fenster. Ein Taxi hatte vor dem Haus gehalten. Robert stieg aus, stützte sich auf den Stock und humpelte zum Eingang.

Mir fiel eine zentnerschwere Last von den Schultern und ich war kurz davor, ihm entgegenzukommen. Doch dann hätte er gemerkt, dass ich gewartet hatte, Zweifel besaß und die Eifersucht in mir loderte. Das wollte ich nicht. So wartete ich im Bett, bis er die Stufen emporkam und zögernd ins Schlafzimmer trat.

Ich schaltete die Nachttischlampe an und tat so, als wäre ich gerade erst erwacht.

Er sah hinreißend aus in dem Smoking. Obgleich er sich auf den Stock stützte und sich der Schmerz in seinem Gesicht widerspiegelte, strahlte er Ruhe aus. Das war das, was ich an ihm schätzte.

Mit nur einem Blick hatte er mich geerdet.

„Sorry, musste nur kurz nochmal nach dem Hund gucken“, erklärte er.

Ich winkte ab. Was der Welpe machte, war mir ziemlich schnuppe. Genau genommen war es auch unvertretbar, dass François das Tier allein ließ. Aber wie gesagt: Es war mir egal.

Mit einer Hand wischte ich mir über die Augen und blinzelte. „Und? Wie war es?“ Warum wollte ich das wissen? Es interessierte mich nicht. Oder war es unterschwellig ein Zeichen der Kulanz?

„Ganz nett“, erwiderte er und kam näher. Er stellte den Stock gegen den Kleiderschrank und zog sich aus. „Du hast eine gigantische Torte verpasst.“

„Oh!“ Ich winkte ab. „Du weißt, dass ich auf Zucker liebend gern verzichte.“

„Klar.“ Er zwinkerte mir zu und deutete zum Bad. „Ich mach mich frisch, dann bin ich bei dir.“

„Okay.“ Zufrieden fläzte ich mich ins Kissen. Die Sorgen waren wie weggeblasen und die trüben Befürchtungen gleich mit.

Keine zehn Minuten später kam Robert aus dem Bad. Er trug Shorts, roch nach Zahncreme und Seife. Unter sichtbaren Schmerzen hangelte er sich zum Bett. Der Abend war anstrengend gewesen, das musste er mir nicht sagen. Ich las es in seinen Augen.

Er lehnte sich zurück und ächzte. Hörbar fiel die Anspannung von ihm ab, doch er sagte nichts, klagte nicht. Er hatte sich verausgabt: für diese dämliche Party und für François.

Letzten Endes lag er neben mir; das war das Einzige, was zählte.

Ich löschte das Licht und rutschte seitlich an ihn heran. Mit dem rechten Arm umfasste ich seinen Körper. Ich forderte keinen Sex, nicht einmal eine Antwort auf meine Berührung. Ich wollte nur bei ihm sein.

IV.

Am Sonntagmorgen wachte ich mit Erleichterung auf. Der Geburtstag und die Party waren vorbei. Vor mir lag ein Tag, an dem ich Robert für mich allein hatte. Ich nahm mir vor, mich für mein unbequemes Verhalten zu revanchieren, und das sollte mit einem opulenten Frühstück im Bett beginnen.

Robert atmete gleichmäßig ins Kissen. Er schlief fest, und ich tat alles dafür, dass er nicht erwachte. Auf leisen Sohlen schlich ich ins Bad und duschte. Nur in Shorts und Morgenmantel gekleidet, denn ich konnte nicht ausschließen, dass nach der ersten Stärkung des Tages ein Quickie folgte, machte ich mich auf den Weg in die Küche.

Ich bereitete French Toast zu – Roberts Leibspeise am Morgen – brühte den Kaffee per Hand auf und zauberte einen Smoothie aus Äpfeln, Bananen, Grapefruit und Heidelbeeren, dazu kochte ich Eier und bestückte das Tablett mit Geschirr. Wir hatten lange nicht mehr im Bett gegessen. Der heutige Tag war perfekt, um diese Eigenart erneut einzuführen.

Meine gute Laune verflog jedoch augenblicklich, als im Untergeschoss eine Tür klappte. Kurz darauf vernahm ich die tapsenden Geräusche von nackten Fußsohlen. Ich sah zur Kellertreppe und glaubte zu träumen.

François kam die Stufen herauf, nicht zügig, eher schleppend. Sein Haar war zerzaust, sein Gesicht leicht gerötet und er trug lediglich eine enge Unterhose.

Für einen Moment blieb mir die Luft weg. Drehte er nun völlig durch? Es war Sonntag! Zudem hatte er weder im Erdgeschoss noch auf der Treppe etwas zu suchen!

„Sag mal, spinnst du, oder was!?“, schnauzte ich ihn lauthals an. Vorbei die Ruhe und die Rücksicht auf Robert. Ich hob den Arm und streckte den Finger vor. „Bleib gefälligst unten! Du hast hier oben nichts verloren!“

Ich registrierte seinen gequälten Gesichtsausdruck und die wässrigen Augen. Weinte er?

Sowas von egal. Ich legte meine missbilligende Haltung nicht ab und blieb wie angewurzelt stehen.

„Oh, bitte, kann ich mit Robert sprechen?“, wimmerte er. Anstatt anzuhalten, nahm er weitere Stufen.

„Hörst du schlecht?“, brüllte ich ihn an. „Du hast unten zu bleiben!“

„Bitte, ich muss mit Robert sprechen. Es ist wichtig!“ Seine Stimme wurde energischer, aber sie zitterte vor Aufregung. Ungehindert marschierte er weiter, bis er im Raum stand.

„Er schläft“, erwiderte ich. „Außerdem hast du wohl unsere Abmachung vergessen. Es ist Sonntag und du hast hier nichts zu suchen, verdammt nochmal!“

„Aber ich muss mit ihm reden, bitte!“, flehte er. Für einen Moment befürchtete ich, er würde vor meinen Füßen zusammenbrechen. Er schleppte sich zum Esstisch und nahm dort Platz. Seine Finger vibrierten und er atmete viel zu schnell. Eine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel und er zog unkontrolliert die Nase hoch. Herrje, was war los, dass er so von den Socken war? „Bitte, ich muss ihn sprechen …“ Aus feuchten Augen blickte er zu mir auf.

Ich haderte mit mir und war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Im Hintergrund tönte der Eierkocher. Das Signal jagte mir wie immer einen bombastischen Schrecken ein. Mit hastigen Schritten begab ich mich zum dampfenden Gerät und drückte den Knopf aus. Kaum war das Alarmsignal verstummt, vernahm ich seine verzweifelte Stimme. „Bitte, Nielo, ich flehe dich an; lass mich mit ihm sprechen, bitte.“

Meine Güte! Meine Geduld hing am seidenen Faden, doch ein winziger Teil in mir knickte ein.

„Na, schön, aber nur kurz. Es ist Sonntag und der Tag gehört uns!“

„Das weiß ich …“, erwiderte er nickend. Oh, wie er dasaß, wie ein Haufen Elend, gebeutelt wie ein Wurm. Fast hätte ich Mitleid verspürt.

Ich zog die Pfanne mit dem Toast vom Herd und begab mich nach oben ins Schlafzimmer. Allerdings gemächlich. François sollte nicht glauben, dass ich wegen ihm einen Gang zulegte. Es war Sonntag, wohlgemerkt!

Robert schlief, hatte von dem Geschrei offenbar nichts mitgehört. Umso schwerer fiel es mir, ihn zu wecken. Vorsichtig berührte ich seine Schulter und rüttelte ihn sanft.

„Hey, Schlafmütze …“

Wie erwartet reagierte er träge. Ein mürrischer Laut kam aus seinem Mund. Fast hätte ich die Aktion abgebrochen. Was glaubte François eigentlich, wer er war, uns an diesem heiligen Tag zu stören?

„Guten Morgen, mein Schatz“, nuschelte Robert ins Kissen. Trotz der Störung wirkte er nicht missgestimmt. „Was ist denn los?“

„Keine Ahnung, aber dein Liebchen sitzt unten am Tisch und heult. Er will dich sprechen, dabei habe ich ihm gesagt …“

Wie von der Tarantel gestochen richtete sich Robert auf. „François?“

Ich lachte gestelzt. „Wer sonst oder hast du noch einen Verehrer, von dem ich nichts weiß?“

Mein Ehemann überhörte den schneidenden Kommentar. „Und was will er?“

„Mit dir reden, sagte ich bereits …“

Robert schob die Bettdecke beiseite und quälte sich an den Bettrand. Er hatte weder gefrühstückt noch seine Schmerztabletten eingenommen. Das ging absolut nicht!

„Stopp!“, schritt ich ein und hielt ihn zurück. „Du stehst noch nicht auf!“ Nebenbei dachte ich an das Frühstück im Bett und die Aussicht auf ein morgendliches Stelldichein. Das wollte ich mir nicht vermasseln lassen und schon gar nicht von …

„Ich hole ihn rauf; wird hoffentlich nicht lange dauern …“

„Okay …“ Robert fuhr sich über das Gesicht und strich das Haar nach hinten. Ja, morgens sah er tatsächlich immer etwas zerknittert aus, sogar verwegen … aber ich mochte das.

Gelassen schlenderte ich zurück. François sollte bloß nicht annehmen, dass er wichtig war. Zumindest nicht an diesem Tag.

Ich blieb auf halber Treppe stehen und winkte ihn herbei. „Kannst kommen. Er ist wach.“

Mit einem leichten Satz kam der Invasor auf die Beine. Er wischte sich über die Augen und eilte heran. Mir missfiel es, dass er nur eine Unterhose trug. Machte er das mit Absicht? Um mich zu provozieren? Ich hatte aber auch keine Lust, ihn für diese Dreistigkeit zu tadeln, denn dann hätte er womöglich kehrtgemacht, um sich etwas anzuziehen – und die Angelegenheit in die Länge gezogen.

Während er die Stufen in Eile erklomm, trottete ich hinterher. Jedoch vernahm ich jedes Wort, das folgte.

„Was ist denn los?“, fragte Robert mit hörbarem Erstaunen. „Nielo und ich haben unseren freien Tag …“

„Oh, Mann, das weiß ich doch!“, tönte François. Wurde er frech? Ich ging schneller, wollte nichts verpassen und lehnte mich an den Türrahmen.

Robert saß aufrecht im Bett und musterte seinen Geliebten mit geweiteten Augen. François selbst stand vor unserem Schlafplatz, ließ Schultern und Arme baumeln, als läge eine schwere Last auf ihm. Kaum bemerkte er meine Anwesenheit, sah er sich verstohlen nach mir um.

„Wir haben keine Geheimnisse“, erklärte ich frei raus.

Robert nickte. Sein interessierter Blick riss nicht ab. „Also, was ist passiert? Du solltest dich heute doch ausruhen.“

„Ja …“ François wand sich auf der Stelle und brach fast wieder in Tränen aus. Meine Güte, hätte nie gedacht, dass er so ein Jammerlappen ist … Oder doch? „Aber, aber …“

„Was ist passiert?“, hakte Robert nach. Trotz der Härte in seiner Stimme klang er ruhig und einfühlsam. Vielleicht war es das, was diesen Jüngling an ihn band? Diese leichte Dominanz, die Überlegenheit, die Stärke, die man bei einem Vater fand.

Ja, das war es wohl. Die beiden harmonierten sicher nur, weil François hier keine Familie hatte. Vielleicht hatte er auch so eine Art Ödipuskomplex und hing deswegen wie eine Klette an meinem Gatten.

„Nachdem du gegangen warst, habe ich allein weitergefeiert …“

Mein Ehemann blinzelte. „Das ist doch in Ordnung, es war dein Geburtstag …“

„Chrissy war da und hat ordentlich gebechert“, berichtete François weiter. Nachfolgend legte er eine Hand auf seine Brust. „Bei mir blieben es zwei Cocktails und das Bier. Ich wollte ja noch Auto fahren …“

Nun komm zur Sache, dachte ich still bei mir. Um mich vor Robert nicht genervt zu zeigen, hielt ich den Mund; ein ungeduldiges Ausatmen verkniff ich mir aber nicht.

„Hattest du einen Unfall?“, fragte Robert sofort.

„Nein!“, stieß François hervor. „Es war alles in Ordnung, bis Bastian kam und mit Chrissy gestritten hat.“

„Schon wieder …“ Mein Angetrauter rollte die Augen. Ich versuchte zu folgen, denn die Typen, die im Club ein- und ausgingen, kannte ich natürlich nicht.

François atmete tief durch. Er schien sich gefangen zu haben und erzählte weiter: „Die haben sich richtig gefetzt. Basti hat Schluss gemacht. Das hat Chrissy umgehauen. Er war völlig fertig.“

Robert nickte. „Das konnte auf Dauer auch nicht gut gehen mit den beiden …“

Eine Pause entstand, in der niemand etwas sagte. Ungeduldig spähte ich auf den Wecker. Allmählich bekam ich Hunger.

„Chrissy hat sich die Kante gegeben und später wollte er nicht nach Hause, aus Angst, Basti würde dort auf ihn warten und wieder streiten …“ François schluckte hart. Kam nun endlich das, was er uns seit Minuten zu erzählen versuchte? „Ich habe ihn mit zu mir genommen, damit nichts passiert.“

Eine weitere Pause entstand, in der sich Robert nachdenklich über die Bartstoppel strich. Er überlegte und kombinierte. „Okay …“, sagte er schließlich. Inzwischen klang er nicht mehr so entspannt. „Du hast mit Chrissy … geschlafen? Ist es das, was du sagen willst?“

„Oh, mein Gott, nein!“, schrie François auf. „Das doch nicht, auf keinen Fall … Wir haben nur gequatscht. Ich war noch mit dem Hund raus und bin danach sofort eingeschlafen.“

Irritiert schüttelte Robert den Kopf. „Ja, und?“ Ich verstand das Problem an der Sache ebenfalls nicht.

In François’ Gesicht machte sich allerdings ein scheußlicher Ausdruck breit. Ich hatte immer angenommen, dass er gar nicht hässlich aussehen konnte. Aber in diesem Moment, in dem er berichtete, was weiter geschehen war, glich sein Antlitz einer fürchterlichen Fratze.

„Chrissy wollte noch duschen gehen. Ich habe es nicht mitbekommen … Aber als ich eben wach wurde, lag er auf der Couch und … Er ist tot!“

WOW! Das kam unerwartet. Ich stieß mich vom Türrahmen ab, denn mein Stand war ohnehin nicht die optimale Haltung für eine Wirbelsäule. Was hatte er gesagt? Der Typ war tot? Schwer konnte ich ein Lachen unterdrücken. Was hatte er geschmissen? War er noch betrunken?

Robert öffnete hingegen den Mund vor Entsetzen. „Was? Tot? Bist du sicher?“

„Ja!“ Mehr sagte François nicht. In mir kam jedoch der Retterinstinkt durch. Bevor ich meine Ausbildung zum Physiotherapeuten angefangen hatte, galt es, diverse Praktika zu absolvieren. Im Krankenhaus, im Altenheim, sogar in einer Kindertagesstätte hatte ich gejobbt. Der erzählt Nonsens, dachte ich mir. Steht hier halb nackt und redet Bullshit, um sich wichtig zu machen. Von wegen nur zwei Cocktails und ein Bier …

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9783960895091
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