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Jürgen-Thomas Ernst

Das Wasserkomplott

Umweltkrimi


Zum Buch

Opfer der Macht Amanda und Fynn sind jung und entschlossen. Die Natur ist ihnen heilig. Mithilfe von Spenden retten die Jugendlichen ein Moor, das für eine landwirtschaftliche Nutzung geopfert werden sollte. Die Medien werden auf das engagierte Paar aufmerksam und mit ihnen viele weitere Menschen. Amanda und Fynn gründen einen Verein zum Schutz der Natur. Der Zulauf ist enorm. Die Spenden ebenfalls. Sie erwerben aufgelassene Felder, Wiesen, Steilhänge und stellen sie unter Schutz, um sie der Natur zurückzugeben. Zu den Demonstrationen, die der Verein organisiert, kommen bis zu 50.000 Teilnehmer. Das weckt auch das Interesse von Max Bonnermann, einem charismatischen, einflussreichen PR-Berater und Strategen, der bereits erfolgreich für große Konzerne und Staatsoberhäupter tätig war. Finanziell hat er alles erreicht, nun beabsichtigt er, der Menschheit etwas zurückzugeben. Er will die Naturschutzfamilie zum Big Player beim Thema Umweltschutz machen. Die »Familie«, wie sich die Naturschützer selbst nennen, empfängt ihn mit offenen Armen. Aber dann nimmt die Geschichte plötzlich einen anderen, dramatischen Lauf.

Jürgen-Thomas Ernst wurde 1966 geboren und wuchs in Hohenems, Vorarlberg auf. Schon während seiner Schulzeit schrieb er Theaterstücke, für die er zahlreiche Stipendien und Preise erhielt. Der Autor, der mit dem »Sir Walter Scott-Preis« ausgezeichnet wurde, hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. Zudem schreibt er für Magazine Kolumnen und Artikel zu den Themen Natur und Nachhaltigkeit. Ernst ist Vater von zwei Töchtern und lebt in Bregenz/Vorarlberg.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © time. / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6712-7

Widmung

Seid wachsam.

Für Natalie und Melanie

1. Kapitel

Regen prasselte nieder. Es regnete oft in dieser Gegend. Wegen der hohen Berge, die sich von Osten nach Westen erstreckten. Die Regenwolken schoben meist vom Norden heran und sammelten sich grauschwarz und mächtig an den Bergflanken, bis es schließlich in feinen Fäden zu nieseln begann. Manchmal regnete es tagelang. Die Luft wurde schwer und feucht. Der Nebel verfilzte sich in den Wäldern und nahm den Blick auf die Landschaft. Kamen die Wolkentürme rasch herangetrieben, gingen oft Unwetter nieder. In kurzer Zeit schwollen die Bäche und Flüsse an und traten manchmal über die Ufer. Wenn sich die Bergwiesen mit Wasser vollgesogen hatten, lösten sich hin und wieder ganze Matten aus den Hängen und rutschten wie träge Lawinen talwärts, gefolgt von nasser brauner Erde, die als Mure in den nächsten Bach glitt, das Wasser braun färbte und zum Schäumen brachte.

»Verrückt«, sagte Amanda, die neben Fynn im Wagen saß.

Fynn schüttelte den Kopf, als er die Scheibenwischer auf höchster Stufe hin- und herfliegen sah. Nur mit Mühe gelang es ihnen, die schweren und zahllosen Tropfen von der Windschutzscheibe zu entfernen.

»Wirklich verrückt, dieser Sommer«, erwiderte Fynn, der wegen des Aquaplanings sehr langsam fuhr.

»2.000 Liter pro Quadratmeter und Jahr. Ich meine, das sind 200 Zehn-Liter-Eimer voll Wasser. Das ist wirklich verrückt.«

Amanda blickte auf die Uhr. Fynn war aufgefallen, dass sie mit den Fingerspitzen an den Ärmeln ihres Pullovers herumzupfte. Das machte sie immer, wenn sie aufgeregt war. Dann musste er so tun, als ob alles in Ordnung wäre, und sie beruhigen. Aber jetzt war ihm gerade gar nicht danach zumute, denn vor Aufregung spürte er sein Herz hinauf bis zum Hals.

»Wir haben noch neun Minuten«, beruhigte er sie trotzdem. »Das schaffen wir locker.«

»Da vorne«, erklärte Amanda, »da ist die Ausfahrt.«

Langsam fuhr Fynn von der Autobahn, passierte einen Kreisverkehr und hielt sich rechts.

»Hier ist es.« Amanda zeigte auf ein mehrstöckiges Gebäude mit einer Fassade aus Glas. Fynn parkte den Wagen in der Nähe des Eingangs und stellte den Motor ab. Durch den Dunst ihres Atems beschlugen sich sofort die Scheiben.

»Wir haben noch drei Minuten«, erklärte Fynn. »Auf fünf, okay?«

Sekunden später rissen sie die Türen auf, schlugen sie hinter sich zu und rannten hinüber zum überdachten Eingang.

Als Amanda Fynn betrachtete, lachte sie aufgekratzt und sagte: »Du siehst komisch aus.« Von seinen Haarspitzen tickten Regentropfen, und durch sein weißes Hemd konnte man seine Brust erkennen.

»Wie frisch geduscht.«

»Mann, bin ich aufgeregt, Fynn. Ich schwitze, mein Puls rast. Und schau meine Finger an. Sie zittern.«

Fynn atmete tief durch. »Mir geht es genauso. Aber gleich wissen wir, was er uns zu sagen hat.«

Kurz danach saßen sie auf einem Chesterfield-Sofa, das angenehm nach Lederpolitur roch. Der frisch gewachste Holzboden glänzte. Der Blick aus dem Büro fiel durch großflächige Fenster Richtung Süden. Und hinter einem Schleier aus Regen sahen sie in der Ferne Scheinwerferlichter von Fahrzeugen und das orange Blinken einer Ampel.

Ihre Herzen rasten. Und sie rasten noch mehr, als der kahlköpfige, gut genährte Notar den Raum betrat, der sie freundlich begrüßte und sich anschließend hinter dem Schreibtisch auf seinem Lederstuhl niederließ.

»Danke, dass Sie hier sind.« Als er ihre verschüchterten Blicke sah, die ihn unwillkürlich an zwei verängstigte Küken erinnerten, setzte er fort: »Ich will Sie nicht auf die Folter spannen. Nur einige kleine Formalitäten. Sie sind Amanda Fink, 19, und Fynn Stamm, 21?«

Beide nickten und legten ihre Ausweise auf den Schreibtisch. Der Notar notierte etwas auf einem Vordruck und meinte anerkennend: »So jung und schon so erfolgreich.«

Rasch schob er ihnen die Ausweise zurück und öffnete eine Schublade. »Ich habe wichtige Informationen für Sie.« Mit diesen Worten legte er ein großes braunes Kuvert auf den Tisch, das er mehrere Male behutsam mit der Hand berührte. »Franziska Weller. Vielleicht sagt Ihnen dieser Name etwas.«

Beide schüttelten die Köpfe. Amanda dachte: Vielleicht hatte Fynn irgendwo eine Tante, von der er nichts wusste, und jetzt erbt er eine tolle verfallene Villa. Sie musste schmunzeln, aber nur kurz, denn dann klärte der Notar sie auf.

»Franziska Weller ist die Witwe des Fabrikanten Paul Weller. Mit seinen Patenten hat er ein Vermögen gemacht. Das Paar hatte weder Kinder noch Geschwister und auch keine Verwandten. Frau Weller ist vor Kurzem im gesegneten Alter von 104 Jahren gestorben. Ihr Verwalter hat uns diesen Umschlag zukommen lassen. Darin befinden sich etliche Unterlagen, die Sie betreffen oder in weiterer Folge betreffen könnten. Frau Weller hat den Großteil ihrer Immobilien einem Sozialhilfeteam vermacht, das sich dafür einsetzt, die Not benachteiligter Menschen ein wenig zu lindern und den Ärmsten der Armen ein erträgliches Dasein zu ermöglichen. Und zusätzlich gibt es diese Sache. Aber vielleicht beginne ich mit dem Brief, den Frau Weller eigenhändig an Sie verfasst hat. Sind Sie bereit?«

Amanda hielt Fynns Hand. Er spürte, wie sie schwitzte und zitterte. Schüchtern nickten sie dem Notar zu, und Fynn stieß hörbar Luft aus seinen vollen Backen. Die Aufregung war kaum zu ertragen.

Der Notar begann zu lesen: »Sehr geehrte Frau Fink, sehr geehrter Herr Stamm!

Es freut mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Gerne hätte ich Sie persönlich begrüßt, aber leider ist das nicht mehr möglich, da ich inzwischen an einem Ort bin, an dem wir einander nicht treffen können. Ich habe Ihr Engagement, das Sie in den letzten Jahren zum Wohle der Natur gezeigt haben, mit regem Interesse verfolgt. Mit großer Freude habe ich vernommen, dass es Ihnen gelungen ist, durch eine Spendenaktion ein weitläufiges Hochmoor zu erwerben, das ohne Ihren Einsatz trockengelegt und einer intensiven Landwirtschaft zugeführt worden wäre. Sie haben mit Ihrer Energie ein Naturjuwel bewahrt, an dem auch noch Ihre Nachfahren Freude haben werden. Davon bin ich überzeugt. Mein Mann hat mir nach seinem Ableben ein großes Vermögen hinterlassen. Darunter auch eine 37.000 Hektar umfassende Naturlandschaft. In diesem Gebiet befinden sich Bäche, Flüsse, Teiche und Seen, ausgedehnte Mischwälder, Hochmoore und Trockenrasenwiesen. Ich möchte Ihnen diese Fläche gerne vermachen, wenn Sie bereit sind, einige Auflagen zu erfüllen – und ich bin überzeugt, dass Sie das gerne tun werden. Sie bestehen darin, dass im gesamten Gebiet keine Bauwerke und keine befestigte Straße errichtet werden dürfen, damit sich die Fauna und Flora bestmöglich entwickeln kann. Falls Sie das Erbe annehmen, erhalten Sie zudem finanzielle Mittel. Damit können Sie Ihre Arbeit für das Schutzgebiet bezahlen und Untersuchungen durchführen lassen, um die Entwicklungen der Pflanzen- und Tierwelt zu dokumentieren. Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie mein Geschenk annähmen und verbleibe in dieser Hoffnung mit herzlichen Grüßen, Ihre Franziska Weller.«

Behutsam legte der Notar das Schreiben zur Seite und blickte die beiden an. Er kannte solche Gesichter. Er hatte schon etlichen Menschen ähnliche Nachrichten überbracht, und die Reaktionen glichen einander auf verblüffende Weise. Große Augen, offene Münder und Staunen. Der Notar sah Amandas Halsschlagader. Sie bewegte sich. In ihr pulste aufgeregtes Blut, das wusste er.

»Ähm. Also, das ist jetzt …«, meinte Amanda.

»Puh«, setzte Fynn fort. »Ich bekomme gerade eine Gänsehaut.«

Amanda lächelte verlegen. »Bevor wir das Erbe annehmen … Ich meine, dürfen wir das Gebiet vorher etwas genauer ansehen?«

Der Notar lächelte. »Natürlich dürfen Sie das«, sagte er und berührte mit der Handfläche das dicke braune Kuvert. »Hier befinden sich alle Unterlagen, die Sie brauchen.«

2. Kapitel

Amanda hatte Fynn vor zwei Jahren während einer Demonstration gegen den Klimawandel kennengelernt. Sie war damals 17 gewesen und er 19. Solche Demos wurden in vielen Städten abgehalten, und häufig kamen Tausende Menschen zu diesen Treffen.

Sie erinnerte sich genau daran. Fynn hatte eine selbst beschriftete kleine Tafel in der Hand gehalten, die an eine Holzlatte genagelt war. »Der Planet gehört uns allen«, stand darauf.

Sein blasses Gesicht fiel ihr auf und die lockigen braunen Haare, die ihm in die Augen hingen. Er wirkte schüchtern und gleichzeitig selbstbewusst und höflich. Und er lächelte oft und sanft.

Sie gingen während der gesamten Demonstration nebeneinander her und wiederholten die Parolen und Gesänge, die einer durch ein Mikrofon sprach. Danach saßen sie zu zweit auf der Terrasse eines Kaffeehauses und tranken Ingwertee. Es war Herbst. Das Laub torkelte gelb, rot und braun von den Bäumen, und es war so warm wie im Sommer.

Irgendwann an diesem Nachmittag fragte Amanda Fynn nach seinen Eltern und Geschwistern. Fynn blickte nachdenklich hinüber zu einem Ahornbaum, der gerade ein Blatt nach dem anderen in den Herbst entließ.

»Ich kann mich genau daran erinnern«, erzählte er. »Ich war fünf und ging in den Waldkindergarten. Und da war auf einmal meine Großmutter. Meine Großmutter weinte. Sie weinte sonst nie. Ich hielt gerade einen Hammer in der Hand und schlug Nägel in ein dickes Brett, aber als ich die Großmutter sah, legte ich den Hammer und die Nägel behutsam nieder und ging ihr entgegen. Sie eilte auf mich zu und drückte mich fest an sich. ›Deine Mama‹, sagte sie unter Tränen, ›und dein Papa‹. Sie schluchzte und brachte kein weiteres Wort mehr heraus. Später erfuhr ich, dass beide kurz zuvor bei einem Autounfall gestorben waren. Seit diesem Tag lebe ich bei meiner Großmutter. Einmal, es war vielleicht ein halbes Jahr nachdem meine Eltern gestorben waren, machte sie Marmelade ein. Es war Sommer und sehr heiß. In einem Topf köchelten Himbeeren vor sich hin. ›Weißt du‹, sagte sie und sie weinte, während sie es sagte. ›Manchmal verändert sich das Leben mit einem einzigen Paukenschlag. Auf einmal ist alles anders. Aber wir sitzen jetzt hier, du und ich, und dieser wunderbare Duft der Himbeeren weht durch die Küche. Ich sehe, wie die Sommersonne gerade auf deinen Oberarm scheint. Wir haben einander. Und das sollte uns Halt geben, nicht? Ja‹, sagte sie, ›das ist momentan alles sehr schwer für uns, aber wir müssen immer daran denken, dass uns diese wunderbaren Augenblicke, die wir jetzt erleben und in Zukunft erleben werden, niemand nehmen kann. Wir sollten sie in uns aufbewahren wie große Schätze, verstehst du?‹ Und dann nahm sie mich in die Arme, und ich war so froh, dass es sie gab und sie für mich da war.«

Das Haus, in dem Fynn mit seiner Großmutter wohnte, lag an einem Südhang, und die Großmutter versicherte ihm immer wieder, dass es schon 400 Jahre alt sei. Vor dem Haus gab es einen großen Garten, der im Osten und Westen von einer hohen Buchenhecke eingefasst war. Nach Süden folgte ein Abhang mit mehreren Terrassen, auf denen die Großmutter Gemüse- und Blumenbeete angelegt hatte. Dazwischen, wie hingestreut, standen Nuss-, Kirsch- und Zwetschgenbäume. »So«, sagte die Großmutter manchmal, »genau so stelle ich mir das Paradies vor.«

Einige Tage nach der Klimawandeldemo schrieb Fynn Amanda eine Whatsapp-Nachricht und wollte wissen, ob er sie treffen könne. Aber sie verneinte.

»Geht leider nicht. Liege mit Fieber im Bett.«

Er fragte sie nach ihrer Adresse, fuhr mit seiner Vespa los und saß eine halbe Stunde später neben ihrem Bett. Amandas Stirn war heiß und Schweißtröpfchen rannen ihr von den Schläfen hinab.

»Ich könnte dich anstecken«, flüsterte sie heiser.

Aber Fynn schüttelte den Kopf. »Mach dir keine Sorgen. Ich habe keine Zeit, um krank zu werden.«

Er saß bis zum späten Abend bei ihr am Bett und sagte auf einmal: »Ich bleibe heute bei dir.«

Amandas Eltern stimmten zu und legten ihm eine Matratze ins Zimmer. So verbrachten Amanda und Fynn ihre erste gemeinsame Nacht. Am nächsten Tag besuchte er sie wieder. Er las ihr aus dem Roman vor, der auf dem Nachtkästchen lag, und brachte ihr Tee und Zwieback. Und wenn sie schlief, betrachtete er ihre kurzen schwarzen Haare, ihre dichten Brauen und die Lider, unter denen ihre Augen wild hin und her rasten.

Amanda wurde rasch gesund. Jedes Mal, wenn sie Fynn in den folgenden Tagen und Wochen sah, klopfte ihr Herz wie wild, und wenn sie in seiner Nähe war, fühlte sie sich so geborgen wie in einem weichen Nest.

»Ein Junge wie Fynn ist ziemlich selten«, sagte Amandas Mutter einmal. »So einen findest du nicht an jeder Straßenecke.«

»Ich weiß«, hatte Amanda damals erwidert.

»Jetzt musst du ihn uns aber auch genauer vorstellen«, erklärte Amandas Vater, der seit Jahrzehnten mit aller Leidenschaft als Volksschullehrer tätig war. »Bring ihn doch zum Essen mit.«

Und so saßen sie eines Abends zu viert am Küchentisch. Fynn schwieg, weil ihm solche Anlässe unangenehm waren. Aber je später es wurde, desto entspannter fühlten sich alle. »Okay«, sagte Amandas Vater plötzlich. »Wir wissen von dir, dass du die Schule vor dem Abitur abgebrochen hast, in einer Textilfirma arbeitest und bei deiner Großmutter lebst. Und ich erzähl dir jetzt etwas über Amanda.«

»Papa«, unterbrach ihn seine Tochter neckisch, die ahnte, was kam. »Das darfst du nicht.«

Amandas Vater lachte schallend. Sein Lachen war so ansteckend, dass Amandas Mutter nicht anders konnte, als ebenfalls loszulachen, ohne genau zu wissen, was ihr Mann überhaupt so lustig fand. Am Ende lachten alle vier. »Also, Fynn. Amanda geht von der Schule nach Hause. Sie war vielleicht sechs. Es war Oktober. Sie sieht einen Baum und darunter liegen viele Nüsse. Sie füllt die ganze Schultasche damit. Auf einmal steht der Bauer vor ihr, dem der Baum gehört. ›Was machst du da?‹, fragt er sie. Und sie antwortet ganz ruhig: ›Ich sammle Nüsse.‹ – ›Das darfst du nicht. Das ist Diebstahl.‹ – ›Doch, doch, das darf ich. Mein Vater ist Pfarrer.‹ – ›Pfarrer?‹ – ›Ja, Pfarrer.‹ – ›Katholisch oder evangelisch?‹ – ›Ist doch egal. Hauptsache, er erlässt mir meine Sünden.‹« Alle prusteten los vor Lachen.

»Papa, das ist nicht fair«, rief Amanda, während ihr die Lachtränen in den Augen stiegen.

»Ich hätte da noch eine Geschichte«, sagte er, während er seine Bauchmuskeln streichelte, die ihm vor lauter Lachen schmerzten. »Die Hasengeschichte.«

»Nein, Papa. Das darfst du nicht. Fynn bekommt ein schlechtes Bild von mir.«

»Die muss sein, Liebling«, kicherte er. »Also. Amanda ist acht. In den Sommerferien verlässt sie eines Nachmittags das Haus. Es ist heiß, sehr heiß. Die Mutter fragt sie: ›Liebling, wohin gehst du?‹– ›Einkaufen, Ma, in den Krämerladen.‹ – ›Was einkaufen?‹ – ›Eis und ein bisschen was für später.‹ – ›Was für später?‹ – ›Ja, Bonbons oder so.‹ – ›Du sollst nicht …‹, aber da war sie bereits verschwunden. Nach, sagen wir, 20 Minuten, höre ich Schreie. Entsetzliche Schreie, Fynn. ›Lasst mich raus! Lasst mich hier raus!‹ Ich gehe hinter das Haus. Und was sehe ich? Was sehe ich, Fynn? Unseren mit Spanngurten fixierten Hasenstall. Darin der schwitzende siebenjährige Nachbarsjunge. Eingezwängt in genau diesem Stall. Um ihn herum ein riesiger Haufen Stroh, einige Löwenzahnblätter und eine Schüssel mit Wasser. ›Was machst du da?‹, frage ich ihn. ›Amanda‹, sagt er nur und heult los. ›Sie hat mich eingesperrt.‹ – ›Wie, eingesperrt?‹ – ›Wir haben Bäuerin und Hase gespielt und ich bin der Hase.‹ In diesem Augenblick kommt Amanda um die Ecke. ›Was hast du mit Tommy angestellt, Amanda?‹, frage ich. ›Wir haben gespielt‹, sagt sie ruhig. ›Und die Gurte um den Hasenstall?‹ – ›Er wollte ihn kaputt machen.‹ – ›Was kaputt machen?‹ – ›Er hat sich gestreckt und der Stall hat zu ächzen begonnen. Also habe ich die Gurte um den Stall gelegt, damit er ganz bleibt.‹ – ›Und der Löwenzahn?‹ – ›Er ist der Hase. Ich habe ihm gesagt, wenn du den Löwenzahn fleißig frisst, lass ich dich raus. Aber er wollte nicht. ›Er schmeckt bitter‹, hat er gejammert. ›Ja‹, hab ich geantwortet, ›er schmeckt bitter, aber er ist gesund und ich will einen fetten Hasen und keinen dünnen.‹ Kurzum, Tommy musste eine Stunde im Stall verharren, ehe er ihn völlig verspannt verlassen durfte. Dabei blickte er Amanda böse ins Gesicht, sagte: ›Mit dir spiel ich nie wieder‹, und rannte weinend davon.

Erneut begannen alle am Tisch schallend zu lachen. Und so ging das bis spät nach Mitternacht.

Später, als Amanda und ihr Vater allein waren, umarmte er sie und meinte: »Da hast du einen besonderen Freund. Und ich spüre, dass er auch weiß, was für ein kostbarer Mensch du bist.«

Schließlich küsste er sie auf die Stirn und sagte: »Ich bin so froh, dass es dich gibt«.

Amanda war dermaßen in Fynn verliebt, dass sie es vor lauter Glück fast nicht aushielt. Alles war so friedlich. Es war vollkommen unmöglich mit ihm zu streiten, denn er war durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

Obwohl – am Anfang war er ihr schon ein bisschen komisch vorgekommen. Er hatte ihr erzählt, dass er gerne tagelang durch die Wälder streife und abends an einem geeigneten Platz ein Zelt aus Ästen und Reisig errichte. Danach breite er knietief Buchenlaub darin aus, Moos, Farn oder was er gerade finde, und suche Harz und trockenes Holz. Wenn er so erzählte, mit diesem Glanz der Begeisterung in den Augen, und Lagerfeuer aus seinen Erinnerungen zurück in seine Gedanken holte, hielt sie ihn zuerst für einen jener Survival­typen, die sich in der Wildnis von Beeren und Raupen ernährten, einen von jenen, die man manchmal tief in den Wäldern sah, raue Kerle mit Rastalocken, dicken Strickpullovern, schweren Stiefeln und verschmutzten Rucksäcken, in denen sich Feuersteine, Axt und Säge befanden. Alles Dinge, die sie brauchten, um ihr Leben in der Wildnis auf die Probe zu stellen. Sie war sich in den ersten Wochen nicht sicher, ob er wirklich der Junge war, mit dem sie ihre Zukunft verbringen wollte. Von fast jedem Streifzug kam er mit Beeren, Wurzeln und Pilzen zurück, und einiges davon schmeckte verdächtig seltsam, aber trotzdem aß sie alles, was er ihr vorlegte, denn sie war so schrecklich in ihn verliebt. Als sie einmal eine bitter schmeckende Beere zerkaute, dachte sie sich: So Amanda, das war’s, und sie kam sich vor wie Romeos Julia.

Das erste Mal, als sie bei ihm zu Hause gewesen war, hatte er ihr sein Depot für schlechte Tage gezeigt. Ja, so nannte er das. Depot für schlechte Tage. In seinem Zimmer öffnete er einen Vorratsschrank, und die Fächer waren voll mit Reissäcken, Nudelpackungen, Trockenfrüchten und Dutzenden Konservendosen. »Für Notzeiten?«, hatte Amanda damals ungläubig gefragt.

Fynn hatte sie ernst angesehen. »Wenn die harten Zeiten einmal da sind, werden zuerst die Supermärkte geplündert. Wer dort zu spät kommt, hat schlechte Karten. Seine Großmutter sage immer: Wer einmal richtig Hunger gelitten hat, wird immer ein Vorratslager besitzen.« Amanda hatte geschwiegen und gedacht: durchgeknallt. Dieser Typ ist vollkommen durchgeknallt.

Aber als sie später mit Fynns Großmutter in der Küche saßen, die gerade Apfelringe schnitt, um sie später an einem Bindfaden aufzufädeln und wie Girlanden über dem Kachelofen aufzuhängen, um sie zu dörren, war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob Fynn wirklich ein bisschen verrückt war.

Eines Tages begleitete sie ihn auf einen seiner Streifzüge durch die Wildnis. Und schon beim zweiten Mal wurde sie förmlich süchtig danach, mit ihm nachts in schweigenden Wäldern unter einem Dach aus Reisig zu liegen und sich nah an ihn zu schmiegen. Und als sie still neben ihm lag, dachte sie: Weshalb haben wir nicht schon viel früher damit begonnen?

3. Kapitel

Am Tag nach dem Besuch beim Notar kehrte die Hitze des Sommers zurück. Der Himmel war wolkenlos und blau. Aus den Kronen der Bäume, die im morgendlichen Schatten standen, fielen vereinzelt die letzten Tropfen des gestrigen Regens. Und da waren noch die angeschwollenen Bäche und Flüsse, die braunes Wasser brachten.

Amanda und Fynn fuhren eine halbe Stunde durch tiefe Wälder, die zwischendurch von Wiesen und Kuhweiden abgelöst wurden. Schließlich bogen sie auf einen geteerten Güterweg ab, der schmal und kurvenreich ins Hinterland führte. Ab und zu mussten sie Schlaglöchern ausweichen, die oft nur mangelhaft mit Schotter gefüllt waren. Nach einer scharfen Kurve endete der asphaltierte Weg und ging in einen Feldweg über. Das Gras des Mittelstreifens strich über den Unterboden des Wagens und manchmal schlug ein Kieselstein gegen das Blech der Karosserie.

»Auf so einem Weg bin ich noch nie gefahren«, seufzte Amanda, die am Steuer saß.

Unvermittelt stieg der Weg an und führte einen steilen Hügel hinauf. Die Räder begannen zu scharren, Kieselsteine prasselten gegen das Autoblech, und anstatt behutsam den Hang hochzufahren, gab Amanda Gas. Das Scharren nahm zu, und das Prasseln der Kieselsteine ging in ein lautes Hageln über, während die Reifen Furchen in den Weg pflügten. Aber schon im nächsten Augenblick trat Amanda heftig auf die Bremse und blieb mitten in der steilen Rampe stehen, denn vor ihnen war plötzlich das grelle Licht von zwei Scheinwerfern aufgetaucht und darüber die grün lackierte Kabine eines Traktors.

»Wenn der Plan stimmt, sind wir keine 500 Meter vom Eingangstor entfernt«, erklärte Fynn und blickte hinauf zum Traktor. Der Traktor hatte ebenfalls angehalten, aber der Fahrer machte keine Anstalten zurückzusetzen. Er verschränkte die Arme auf dem Lenkrad und stützte seinen massigen Körper darauf. Er wirkte gereizt. Nach einigen Augenblicken gab er ihnen mit fuchtelnden Armbewegungen zu verstehen, dass sie verschwinden sollten.

»Ich glaub, ich kann das nicht«, flüsterte Amanda. »Rückwärts den Hügel hinab. Und das auf einem Feldweg.«

Fynn wollte gerade aussteigen und den Traktorfahrer bitten, etwas zurückzufahren. Aber als er die Tür öffnete, schrie der Fahrer wütend, dass sie verschwinden sollen.

»Lass ihn«, entgegnete Amanda.

Sie legte gerade den Rückwärtsgang ein, als sie die grelle Hupe des Traktors hörte. Das war zu viel.

»Klappe jetzt«, fauchte sie, legte den rechten Arm auf den Beifahrersitz, blickte durch die Heckscheibe und fuhr langsam los.

Sie lenkte den Wagen zu weit nach links und dann zu weit nach rechts. Er streifte an borstigem Gras, dornige Sträucher kratzten am Blech, und die Reifen schabten an den Wänden der Fahrbahnrinnen. Amanda begann zu schwitzen und steuerte das Auto weiter in Schlangenlinien abwärts, bis sie endlich eine kleine Ausweichbucht erreichte und dort stehen blieb. Ihre Halsmuskeln schmerzten vom Rückwärtsblicken, und ihre Finger zitterten vor Aufregung.

Der Traktor rollte langsam den Weg hinab und hielt neben ihr an. Der Fahrer ließ das Seitenfenster herunter und rief: »He, du Waldfee! Das ist ein Privatweg, okay? Da vorne ist eine Schranke und danach ist Ende Gelände. Haut ab von hier, sonst steig ich aus und zeig euch, wo’s lang geht.«

Während der Fahrer irgendetwas von Polizei sagte, pfiff Amanda leise vor sich hin. Gleichzeitig fingerte sie im Handschuhfach nach einem Schlüsselbund und steckte ihn an den Mittelfinger. Kurz danach streckte sie ihren Arm aus dem Fenster und sagte laut: »Das hier ist ein Schlüssel, okay? Und dieser Schlüssel passt genau in jenes Torschloss, von dem Sie gerade gelabert haben, okay? Und das, was sich hinter diesem Tor befindet, gehört uns, okay? Und wenn Sie jetzt weiterfahren, wäre das eine tolle Sache, denn dann könnten wir endlich auf unser Grundstück. – Ach, und noch etwas.« Nun reckte Amanda ihren Kopf aus dem Wagen und blickte zum Traktorfahrer hoch. »Wenn du weiter Faxen machst, bekommst du ein Schreiben von meinem Vater.« Kurz verschwand ihr Kopf im Wagen. Aber Augenblicke später streckte sie ihn wieder hinaus, da sie etwas Wichtiges vergessen zu haben schien: »Ach ja, mein Vater. Der leitet übrigens eine Anwaltskanzlei.«

Im nächsten Augenblick tuckerte der Fahrer los. Aus der Kabine dröhnte laute Schlagermusik und schließlich verschwand der Traktor hinter einer Kurve aus dem Rückspiegel von Amandas rotem Toyota.

»Aber …«, setzte Fynn an, den die Aufregung durchflutete, »dein Vater ist doch gar kein Anwalt.«

»Mag sein, aber dieser Typ hat 100-prozentig keine Ahnung davon.«

Sie rollten langsam den Hang hinauf, auf der anderen Seite hinunter und hielten vor einem großen Tor. Links und rechts davon begann eine hüfthohe Hecke aus Buchs, Liguster und Hainbuchen.

Als sie das Tor hinter sich gelassen hatten, wurde das Gras auf dem Mittelstreifen des Weges noch höher. Samenkörner regneten gegen die Windschutzscheibe. Pflanzendolden und vertrocknete Grasspitzen flogen davon, und Käfer krabbelten über die Motorhaube und an den Außenspiegeln entlang. Sie fuhren mehrere Kilometer über sanft dahinwellendes Gelände und erreichten schließlich eine weite Ebene.

Als sie ausstiegen, schüttelten sie staunend die Köpfe. Die Landschaft erstreckte sich weit gegen Osten. Das hohe Gras neigte sich träge im Wind hin und her wie ein großes, weites Meer.

»Verrücktes Bild«, sagte Fynn. »Hier der Weg und ringsherum nur dieses ausgeschossene gelbe Gras«.

Drüben begann ein Wald mit hohen Fichten, Tannen und Buchen. Und vorne am Horizont, weit entfernt, ragten graue Felswände empor. Darüber konnten sie das bläuliche Weiß einer Gletscherzunge erkennen.

»Diese Stille hier«, sagte Fynn.

Kohlweißlinge und Zitronenfalter flatterten vorbei. Bienen und Hummeln summten. In der Ferne gurgelte ein Bach.

»Mann, Fynn. So etwas. Also das ist ja beinahe unglaublich. Haben wir das Zelt dabei und die Schlafsäcke?«

Fynn nickte.

»Und auch den Gaskocher und Proviant?«

»Reis, etwas Kaffeepulver und einige Würfel Gemüsebrühe.«

Sie trat näher, umfasste mit den Händen seine Pobacken, drückte sanft zu und gab ihm einen Kuss. »Was hältst du davon, wenn wir heute hier übernachten und so?«

Fynn lächelte verschwörerisch. »Davon halte ich sehr viel.«

Sie schulterten ihre Trekkingrucksäcke und zogen los. Amanda folgte Fynn auf einem schmalen Wildwechsel, der von hohem verdorrtem Gras eingefasst war. Manchmal schob er Halmspitzen zur Seite, die sich gegen den Weg neigten.

Wie schön seine Hände sind, dachte sich Amanda. Das dachte sie sich immer, wenn sie sie genauer betrachtete.

Wohl eine Stunde wanderten sie zwischen dem Meer aus hohem Gras dahin. Die Sonne schien angenehm warm, und Amanda grinste, als sie einen Blick auf Fynns braune Cordhose warf und seinen Po, der sich darunter abzeichnete.

»Sollten wir nicht einmal eine Pause machen?«, flüsterte sie.

Er gab ihr aus seiner Wasserflasche zu trinken und sie lächelte einladend.

»Es ist so still hier. Was meinst du? Ich würde gerne im hohen Gras liegen, gegen den Himmel blicken, der zwischen den Halmen hindurchblinzelt, deine braunen Augen, dein friedliches Gesicht sehen und deine Bewegungen spüren.«

Fynn streichelte ihre Wange und steckte die Trinkflasche zurück in den Rucksack. »Sollen wir nicht zuerst einen Zeltplatz suchen, bevor es dunkel wird?«

»Gleich finden wir einen. Ganz bestimmt.« Amanda küsste ihn und sie gingen weiter.

Ihr Weg führte sie durch einen Hochwald. Einige Bäume waren längst umgefallen, moderten vor sich hin und waren von Schwämmen und Pilzgeflechten übersät. Es roch nach feuchter Erde, Nadeln und Harz. Amanda seufzte zufrieden. Immer, wenn ihr diese Gerüche in die Nase stiegen, musste sie an die Wanderungen mit ihrem Vater denken, die sie früher an den Wochenenden unternommen hatten. Sie war vielleicht sieben oder acht gewesen, als sie damit begonnen hatten. Meistens waren sie kreuz und quer durch das Gelände gestreift, hatten Beeren und Pilze gesammelt, sich auf Moosteppichen ausgeruht und mitgebrachte Brote gegessen. Sie waren bei jedem Wetter unterwegs. Egal, ob die Sonne schien, ob es regnete, schneite oder neblig war. Manchmal nahmen sie ihr Zelt mit und campierten auf einer Lichtung. Dann entfachten sie ein kleines Feuer, brieten Würste und kochten Tee. Und nachts, wenn vor dem Zelt etwas knackte oder ächzte, klammerte sie sich ängstlich an ihren Vater, und ihr Vater streichelte ihr über die Stirn und das Haar und versicherte ihr, dass alles gut sei. Dadurch fühlte sie sich so sicher und geborgen, dass sie meistens gleich wieder einschlief. Amanda war in diese Wanderungen verliebt und sie hatten gewiss ihre Leidenschaft für die Natur geweckt. Alles Weitere, der Einsatz für das Moor, das drainiert werden sollte, die Spendenaktion und die Rettung des Moores wären ohne diese Erlebnisse niemals möglich gewesen. Davon war sie überzeugt.

Der Weg schlängelte sich hügelauf und hügelab durch den Wald.

»Ein Wildwechsel«, sagte Fynn, »bestimmt.«

Wenn Fynn in seiner braunen Cordhose so vor ihr her ging, wurde sie jedes Mal verrückt nach ihm. Manchmal musste sie einfach seinen Rücken berühren, seine Arme, ihm durch das lockige Haar fahren, ihn küssen oder ihm sagen: »Ich hab dich so lieb.«

Der Pfad führte eine Anhöhe hinauf und wieder eine Senke hinab. Sie folgten ihm über eine Stunde, als Fynn hinter einer großen Kiefer auf einmal das Blau eines Sees schimmern sah.

»Wow«, flüsterte er. »So etwas habe ich noch nie gesehen.«

»Glaub ich nicht«, sagte Amanda.

Das Ufer des Sees glich einem lang gezogenen C und war mit feinen Kieselsteinen und einigen Sandbänken bedeckt.

»Da hinten«, meinte Fynn, »unter den Kiefern liegt eine Schicht weicher Nadeln und der Boden ist eben. Hier sollten wir unser Zelt aufstellen.«

»Wunderbarer Platz«, meinte Amanda zufrieden.

Nachdem sie gegessen und einen Ingwertee getrunken hatten, saßen sie zufrieden am Ufer des Sees. »So still hier«, flüsterte Fynn, während er auf das glatte Wasser sah, auf dem das Licht des Mondes glitzerte. Das Schilf neigte sich träge hin und her, und ein Blässhuhn glitt langsam vorüber.

»Was für ein Ort«, sagten beide gleichzeitig.

»Das glaubt uns keiner, Fynn.«

4. Kapitel

Der Notar lächelte wie ein gütiger Vater, als er ihnen zwei Verträge zur Unterschrift vorlegte. Amandas und Fynns Herzen rasten und beide wussten, das hier war ganz besonderer Moment. Ein Moment, der alles veränderte und ihr Leben von der einen zur anderen Sekunde in andere Bahnen lenkte. Amanda konnte ihre Stelle als Sachbearbeiterin beim Amt kündigen und Fynn seine öde Tätigkeit als Fakturist in der größten Textilfabrik des Ortes.

Mit Grauen musste er daran zurückdenken, wie er dort Rechnungen an Kunden geschrieben hatte und des Öfteren bei seinem Vorgesetzten vorsprechen musste, um sich dafür zu entschuldigen, dass er wieder einmal eine Zahl falsch eingetippt hatte. Sein Vorgesetzter fragte ihn stets, ob dieser Job schon das Richtige für ihn sei. Und Fynn hatte gewusst, dass er das nicht war, aber trotzdem jedes Mal mit vorgetäuschter Überzeugung gesagt: »Doch, doch, das ist er. Das müssen Sie mir unbedingt glauben.«

Sie würden von nun an für edle Ziele verantwortlich sein. Für Abermillionen Tiere und Pflanzen, für das Wohl der Natur, und das war eine der schönsten Aufgaben, die man sich vorstellen konnte.

Im Büro des Notars war es vollkommen still. Nur zwei Stifte kratzten leise über zwei Bögen Papier. Anschließend schoben Amanda und Fynn die unterschriebenen Dokumente mit den Fingerspitzen dem Notar zu.

Unglaublich, dachte Amanda. Wenn ihnen vor zwei Monaten jemand prophezeit hätte, dass sie bald Eigentümer des größten privaten Schutzgebietes des Landes sein würden, hätte sie diese Person für vollkommen verrückt gehalten.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann es kaum glauben.«

Fynn war sprachlos vor Glück.

»Hier befinden sich alle wichtigen Unterlagen«, erklärte der Notar, als er eine Hand auf das dicke braune Kuvert legte. »Verträge, Kaufurkunden, Voreigentümer, Pläne von Wasserquellen, alles. Der Verein muss innerhalb eines Jahres gegründet werden. Danach sind Sie die rechtmäßigen Eigentümer des Gebietes.«

»Und das«, und nun nahm er ein schlankes gelbes Büchlein in die Hand, das in einer stabilen Klarsichthülle steckte, »ist das Sparbuch. Mit den Einlagen können Sie Ihre Arbeit für die Natur finanzieren, ein Vereinslokal erwerben, Untersuchungen im Schutzgebiet durchführen lassen, Referenten zu Vorträgen einladen, Werbungen schalten und um Spenden für den Verein bitten. So, ich glaube, das wäre alles.«

Amanda nickte zustimmend und Fynn meinte: »Puh. So viel Glück ist kaum zu ertragen. Das haut mich beinahe um.«

Als sie das Stiegenhaus des Gebäudes hinuntergingen, hörten sie es schon. Alphörner erklangen. Zunächst dachten sie sich nichts dabei. Aber als sie auf den Vorplatz traten, sahen sie es. Drüben, vor ihrem Auto, standen sie. Zwei Musiker mit ihren langen Alphörnern, die musizierten, und daneben eine applaudierende Menge.

»Wir dachten, dass man ja nicht jeden Tag ein Gebiet in dieser Größenordnung geschenkt bekommt«, sagte Amandas Vater gerührt, als er seine Tochter in die Arme nahm. Amandas Mutter war da, Fynns Großmutter, Verwandte und Freunde.

»So einen Augenblick muss man feiern!«, meinte die Großmutter strahlend und drückte Fynn fest an sich. »Ich bin so stolz auf euch.« Danach stießen sie mit Sektgläsern auf dieses Ereignis an. Amandas Vater hatte auf der Grünfläche, die an den Parkplatz angrenzte, sogar ein kleines Partyzelt und Tischbänke aufstellen dürfen.

»Wie habt ihr das nur geschafft?«, fragte Amanda.

»Ach«, erklärte ihr Vater. »Wir sind zum Eigentümer der Wiese gegangen und haben ihm gesagt: ›Wir müssen da unbedingt etwas Großes feiern und brauchen deine Wiese dazu.‹« Und drüben saß der Mann, über den ihr Vater gerade sprach, und winkte fröhlich.

»Verrückt«, sagte Fynn. »Einfach verrückt.«

Der Verein, den sie einige Wochen später gründeten, wuchs schon nach kurzer Zeit auf über 300 Mitglieder an und trug unter Insidern bald den Codenamen »Die Familie«. Naturschutzmagazine berichteten euphorisch über das Gebiet und die Ziele, die Amanda und Fynn verwirklichen wollten. In lokalen Tageszeitungen blickten sie von Titelseiten, und kleine Radiosender und Fernsehstationen baten sie um Interviews.

Aber nicht allen gefiel diese Naturschutzeuphorie. Eines Tages erhielten Amanda und Fynn ein Anwaltsschreiben, in dem es hieß, dass mehrere Landwirte, die Flächen in der Nähe des Schutzgebietes betreuten, seit geraumer Zeit erhebliche Einbußen zu beklagen hatten. Da die Schutzfläche brachliege, herrsche auf den angrenzenden Feldern und Wiesen eine invasive Ausbreitung von Unkräutern, die nur durch den massiven Einsatz von Herbiziden bekämpft und eingedämmt werden könne. Zudem erlitten die Bauern durch große Bäume und den Schattenwurf, den sie verursachten, massive Einbußen, da das Gras und Getreide wegen des Licht- und Nährstoffmangels auf den angrenzenden Feldern nur noch kümmerlich gedeihe.

Amanda und Fynn versuchten die Landwirte zuerst mit höflichen Briefen zu beruhigen. Aber das schien sie nicht zufriedenzustellen, denn sie klagten kurz danach vor Gericht auf Schadensersatz. Ein Teil des Guthabens versickerte rasch in Anwaltskosten und kurz schien es, als würde der Druck der Bauern so groß, dass die beiden das Erbe zu verlieren drohten.

Wütend äußerte sich ein Landwirt in einer Radio-Livesendung über die neuen Eigentümer und bezeichnete die Naturschutzaktivisten als Schädlinge der Gesellschaft. Je länger das Gespräch dauerte, desto enthemmter wurde er. »Das sind doch faule Leute«, erklärte er. »Und am schlimmsten sind die reichen Spinner, die diese Faulheit auch noch finanzieren. Diese jungen Nichtstuer sollen zuerst einmal arbeiten, anstatt sinnlos durch verwildertes Gebiet zu spazieren, um dort Käfer und Bäume zu zählen oder andere Sinnlosigkeiten aufzuführen, die niemandem etwas nützen!«

Immer wieder sprachen die Landwirte bei hohen Politikern vor. Gleichzeitig machten einige der Landwirte Amanda und Fynn über Strohmänner Kaufangebote, die versicherten, dass durch juristische Winkelzüge das Testament der alten Frau für ungültig erklärt werden könne. Die Strohmänner warnten Amanda und Fynn außerdem vor der nicht zu unterschätzenden Macht einiger Bauern, die in der Lage seien, auch außergerichtliche Mittel einzusetzen, um Druck auf die neuen Eigentümer auszuüben.

Doch dann wurde ein Naturschutzmagazin auf die missliche Lage der Familie aufmerksam. In der nächsten Ausgabe titelte es mit der Überschrift »Gier«, zeigte auf der ersten Seite einen grünen Traktor in einem großen abgemähten Feld und verurteilte die Agrarwirte im Artikel als weltfremd, raffgierig und profitgeil.

Als immer mehr Medien über das gerichtliche Vorgehen der Bauern berichteten, wuchs der Unmut der Bevölkerung. Die Klage wurde zum öffentlichen Ereignis und der Druck so groß, dass selbst die Richter davon nicht unbeeinflusst blieben.

Das Unglaubliche geschah: Die Kläger verloren und verzichteten darauf, den Rechtsstreit weiterzuführen. Die Medien feierten den gewonnenen Prozess als einen Sieg der leidenschaftlichen Jugend gegen die Gier des Alters. Die Spenden nahmen derart zu, dass die Familie damit sogar einen großen verwilderten Obstgarten erwerben konnte, der an ihr Schutzgebiet angrenzte und an dessen Rändern üppige Inseln aus Wildrosenhecken und Holundersträuchern gediehen.

»Das ist die Magie der Jugend«, titelte eine Naturschutzzeitschrift. »Eine Jugend, die Kraft hat und Visionen, denen sie durch ihren bedingungslosen Einsatz Leben einhauchen. Danke, Familie, für dieses große Zeichen der Hoffnung, das ihr uns geschenkt habt. Und eines steht fest: Wir Menschen haben den Kampf für eine saubere, klimafreundliche Zukunft noch nicht verloren. Denn diese engagierte junge Generation handelt, sie handelt für eine intakte Umwelt, für eine intakte Natur und letztlich auch für das Glück der Menschen auf dieser Welt.«

Amanda und Fynn waren wie besessen von ihrer Leidenschaft. Endlich gab es etwas, das ihrem Leben Sinn verlieh. Wie wohltuend war es, von einer Sache restlos überzeugt zu sein. Viele Menschen würden ihrem Beispiel folgen, davon waren sie überzeugt, diese positive Kraft würde wachsen wie eine schöne Blume, und ihre Wurzeln würden eines Tages die gesamte Welt umspannen. Alles würde besser werden. Der Klimawandel gestoppt. Die Eisbären hätten wieder ihren Platz auf der Welt, den sie seit Jahrtausenden bewohnten, die Ressourcen würden nicht mehr verschwendet.

In diesen Tagen unterstützten Amanda und Fynn auch Experten bei ihren Feldstudien im Gelände. Darunter waren Biologen, die sich vor allem für tote Bäume interessierten, oder Ornithologen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Verbreitung und das Optimieren der Lebensverhältnisse von Weißrückenspechten zu erforschen. Amanda und Fynn erfuhren von Schachtelhalmkolonien, die über 300 Jahre alt waren, sich ausbreiteten wie riesige Teppiche und doch eine einzige Pflanze als Ursprung hatten. Sie hörten von Schluchtgemsen, die abgelegene Bergtäler bevölkerten und die kaum jemand zu Gesicht bekam, weil sie so scheu waren.

Einmal begleiteten sie einen introvertierten Biologen, der sich seit über 30 Jahren mit Pflanzensystemen in Feuchtgebieten beschäftigte. Er hatte 20 Bücher zu diesem Thema geschrieben und galt als Koryphäe auf diesem Gebiet. Als sie ihm durch die Natur folgten, fielen ihnen seine trägen Schritte auf und seine Augen, die stets auf der Suche nach interessanten Pflanzen waren. In seiner Hand hielt er eine Lupe, deren Durchmesser dem eines Fußballs nahekam. In einem Moor sank er unvermittelt auf die Knie und schien Amanda und Fynn, die neben ihm standen, gänzlich zu vergessen. Er bemerkte auch nicht, dass sich seine Hose an den Knien gerade mit Wasser vollsog. Vor seinen Augen hielt er die Lupe und flüsterte mehr zu sich selbst als zu seinen Begleitern: »Immer wieder verrückt, dieser Einfallsreichtum, diese Überlebensstrategien.« Dann, als erwache er plötzlich aus seinen Gedanken, hob er den Kopf. »Das müsst ihr euch ansehen. Es ist unglaublich.«

Durch das Glas entdeckten sie eine blassgrüne Pflanze mit zwei Seitenblättern, die in rötliche Tentakel übergingen und an deren Enden kleine Tröpfchen hingen, die in der Sonne funkelten.

»Ein Spezialist für extreme Standorte, für kargste Lebensbedingungen. Der Sonnentau. Er wartet, bis ein Insekt von seinen glitzernden Tropfen angelockt wird. Die Tropfen täuschen Nektar vor. Ameisen oder Fliegen lassen sich davon blenden. Und zack, werden die Tentakel zu Fangarmen, aus denen es kein Entkommen mehr gibt. Das Tierchen wird in seine Bestandteile aufgelöst und ermöglicht dem Sonnentau, an einem Standort zu überleben, der so sauer ist, dass die meisten anderen Pflanzen, die hier keimen, kurz danach eingehen.«

Amanda und Fynn erfuhren von Dingen, von denen sie bis dahin nicht gewusst hatten, dass es sie überhaupt gibt. Von Hangschluchtwäldern und Tuffquellen etwa oder dem Reich der Pilze, die totes Holz in seine Bestandteile zerlegten und zu Erde werden ließen.

In diesen Tagen verbrachten sie ihre freie Zeit meistens im Haus der Großmutter. Seit er fünf war, besaß Fynn im ersten Stock des Hauses ein gemütliches und ruhiges Zimmer. Es war seit jeher sein sicherer Hafen und Zufluchtsort. Und hier ließ sich bestens studieren, lesen und nachdenken.

Amandas und Fynns Hunger nach Wissen über die Flora und Fauna war riesig. Neben dem Bett türmten sich bald Dutzende Zeitschriften, Facharbeiten und Broschüren. Sie wollten alles über die Natur und ihre Zusammenhänge wissen, denn wie stand es im Vorwort eines dieser Bücher? »Nur was ihr kennt, könnt ihr auch schützen.«

»Sagenhaft«, flüsterte Amanda an einem regnerischen Sonntagvormittag, als sie ihre Beine unter der warmen Decke ausstreckte und ein Buch über die Geheimnisse der Wälder zur Seite legte. »Das glaubst du gar nicht. Wir können so viel von der Natur lernen, Fynn. So viel über unsere Haltung zur Welt. Die Tanne zum Beispiel. Sie kann jahrzehntelang im Schatten eines Waldes stehen und wird dadurch nicht größer als drei, vier Meter. Und obwohl sie beinahe kein Licht bekommt, gibt sie nicht auf. Sie macht schmalste Jahresringe, kleinste Triebe und bildet winzige Wurzeln aus. Aber tief in ihr schlummert eine Kraft, die darauf wartet, dass ein Sturm über das Land zieht oder schwerer nasser Schnee fällt, der sich wie Blei auf die Äste jener Bäume legt, die sich hoch über ihr befinden. Wenn die großen Äste oder Kronen schließlich zu knacken beginnen und abbrechen und sich ein Lichttor öffnet, geschieht es. Die Ereignisse explodieren. Denn kaum spürt die Tanne das Licht über ihrer mickrigen Krone, ist es, als ob ein Schalter in ihr umgelegt worden wäre. Allmählich, aber unaufhaltsam streckt sie die Wurzeln, die Triebe werden länger und länger und die Jahresringe breiter und breiter. In ihrer ganz eigenen Geschwindigkeit schießt sie dem Himmel entgegen und ist in zehn Jahren beinahe so groß wie jene Tannen, die schon immer genug Licht bekamen. Das ist doch unglaublich, Fynn. Diese Strategie könnte eine Metapher für uns alle werden. Nie aufgeben, immer weiter gehen, auch wenn die Schritte noch so klein sind. Und am Ende sieht man das Licht, den Gipfel, das Ziel, man muss nur beharrlich sein und mutig.«

Auf einmal wurde sie still, blickte Fynn tief in seine braunen Augen und sagte: »Glücklicher, als ich jetzt bin, kann ich vermutlich gar nicht mehr sein.«

5. Kapitel

Um die Bekanntheit der Familie zu steigern, ließ der Verein von einer Werbeagentur ein Logo erstellen. Dieses Logo fand sich später überall auf den Broschüren, an Rednerpulten, wenn Vorträge gehalten wurden, als fixer Bestandteil von Werbungen in Zeitschriften und Magazinen. Es zeigte die Zeichnung einer Gelbbauchunke mit großen, lächelnden Augen, tastenden Schwimmfüßen und strahlendem Mund. Darunter konnte man lesen: »Schenk der Natur ein Lächeln«.

Die Popularität der Familie und ihre Vorbildwirkung waren so groß, dass sich das Vermögen auf dem Vereinskonto bald verdoppelte. Noch im selben Jahr erwarben sie eine 117 Hektar große Feucht-, Streu- und Magerwiese, die sich im Hochgebirge befand. An einem wolkenlosen Oktobertag streiften Amanda, Fynn und einige Mitglieder der Familie durch dieses Gebiet und staunten über die Landschaft mit ihren Sträuchern und Gräsern, deren sommerliches Grün allmählich in ein dunkles Braun überging. Fynn stand mit seinen Gummistiefeln gerade am Rand eines wassergefüllten Moores, in dem sich das tiefe Blau des herbstlichen Himmels spiegelte. Und als er nicht weit entfernt die ockerbraunen Heidelbeerstauden sah, die wie ein riesiger Teppich das Gelände bedeckten, wusste er, dass er genau das immer gewollt hatte. So oft wie möglich in der Natur zu sein und den Rhythmus der Jahreszeiten zu spüren.

Er jauchzte vor Freude. »Halleluja, ist das schön!«, rief Fynn seinen Freunden zu, die sich lachend über seinen Gefühlsausbruch zu ihm umdrehten.

6. Kapitel

Später würden alle, die dabei gewesen waren, darin übereinstimmen: Es waren diese Augenblicke, diese Minuten, die alles in wahrlich gigantische Sphären katapultiert hatten.

Es geschah bei einem dieser Treffen, die von der Familie alle drei Monate abgehalten wurden. Dabei musste sie von Mal zu Mal in eine noch größere Halle wechseln, da die Familie inzwischen auf über 8.000 Mitglieder angewachsen war und über die Hälfte davon an diesem Abend dabei sein wollte. Sie hatten eine große Tennishalle gemietet, die 5.000 Menschen fasste. Eine Sitzreihe folgte auf die andere und vorn, auf dem Podest, stand ein langer Tisch, der mit einem weißen Tuch bedeckt war. Die Treffen dienten dazu, Projekte vorzustellen, Referenten erklärten Untersuchungen im Schutzgebiet, und es wurden Pläne für die Zukunft erörtert. Aber es gab auch Raum für Visionen, die jeder der Anwesenden vortragen konnte und die realisiert wurden, wenn sie die Zustimmung der Mehrheit fanden. Nach den Berichten wurde ein Scheinwerfer auf ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren gerichtet, das eine Jeans und ein weißes T-Shirt trug. Es stand schüchtern am Rand des Podiums und hielt ein Mikrofon in der Hand, um es dem ersten Visionär zu bringen. Kurz war es still in der Halle. Das Mädchen blickte suchend in die Menge, als sich in der ersten Reihe ein großer, schlanker Mann erhob. Sein Haar war kurzgeschnitten und graumeliert. Er trug einen schlichten schwarzen Maßanzug, ein weißes Hemd und lächelte einnehmend. Er nahm das Mikrofon entgegen und räusperte sich kurz. »Vielen Dank für die Gelegenheit, hier sprechen zu dürfen.« Schon nach dem ersten Satz spürten es fast alle in der Halle. Dieser Mann war außergewöhnlich. »Ich heiße Max Bonnermann«, setzte er fort. »Ich habe lange für eine PR-Firma gearbeitet und dabei Privatpersonen, Firmen und sogar Staaten betreut, um sie in der Öffentlichkeit ins rechte Licht zu setzen. Ich war dabei so erfolgreich, dass ich bis an mein Lebensende nicht mehr arbeiten müsste. Nun, mit Anfang 50, habe ich mir gedacht, dass es an der Zeit ist, höhere Ziele in Angriff zu nehmen. Dass es Zeit ist, ohne finanzielle Gegenleistung zu arbeiten, sondern aus Überzeugung und Leidenschaft etwas Gutes für die Menschheit zu tun. Ich verfolge eure Arbeit schon lange und bin beeindruckt und berührt, wenn ich sehe, mit welchem Enthusiasmus von euch Projekte entwickelt und verwirklicht werden. Und ich spüre eines sofort: Ihr hört auf den Herzschlag der Natur und versucht diesem Herzschlag nachzuspüren. Und ganz ehrlich, das fasziniert mich.«

Er machte eine kurze Pause und oben, irgendwo auf den Rängen, setzte plötzlich Applaus ein, der sich wie eine Welle über die gesamte Halle ausbreitete. Als er leiser wurde, rief eine Frauenstimme: »Max for president!«

Kurz wurde Gelächter laut, und der Applaus schwoll abermals an. Es schien unglaublich. Ein Mann, der nur einige Sätze gesprochen hatte, schien 5.000 Menschen in nur wenigen Sekunden in seinen Bann gezogen zu haben. Max wartete und hob nach einer Weile behutsam die Hand. Der Beifall verebbte sofort. Es war vollkommen still, als Max erneut zu sprechen begann. »Vielen Dank«, sagte er. »Ja, Ich gebe es zu, ich habe etliche Angebote von Naturschutzorganisationen erhalten, aber als ich diese heutige Stimmung miterleben durfte, eure Leidenschaft und eure Hingabe, habe ich sofort gewusst, wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich Teil dieser Familie werden.«

Noch an jenem Abend wurde Max Bonnermann mit 98 Prozent Zustimmung in den Beirat der Familie gewählt.

Nach dem Treffen saß ein Teil der Familie in einem Restaurant zusammen. Max sprach gewählt, sehr überlegt und überzeugend. Es ließ sich schwer beschreiben, aber fühlen. Da war etwas Väterliches an ihm, etwas Beschützendes und zugleich Respekteinflößendes. Niemand, der mit ihm sprach, wäre auf die Idee gekommen, ihn zu duzen, obwohl das Du in der Familie sonst üblich war. Und keiner stellte das in Frage oder erhob einen Zweifel.

Als er sich kurz vor Mitternacht verabschiedete, blickten ihm die anderen ehrfürchtig hinterher.

»So etwas habe ich noch nie erlebt«, schwärmte Mia, während sie die Ärmel ihres Pullovers zurückschob. Sie hatte längere Zeit neben Max gesessen und war sehr aufgeregt.

»Schaut euch meine Arme an. Ich habe noch immer eine Gänsehaut. Ich schwöre euch: Als er neben mir saß, habe ich andauernd diese Gänsehaut gehabt.« Sie konnte sich vor Aufregung kaum beruhigen. »Das ist wie Zauberei, wie Magie! Sitzt einfach nur da, und ich bekomme eine Gänsehaut.«

»Jetzt krieg dich wieder ein«, meinte Fynn freundlich.

»Er ist eifersüchtig«, antwortete Mia und stieß Amanda mit den Fingerspitzen schmunzelnd in die Seite.

»Kaum schwärmen wir ein bisschen, wird er eifersüchtig.«

Alle lachten.

»Übrigens«, setzte Mia fort, »findet ihr nicht auch, dass er beinahe so aussieht wie Patrick Dempsey?«

Erneut brachen sie in Gelächter aus, während Fynn mit der Zunge schnalzte und ihr innerlich zustimmte, als er den Kopf schüttelte.

»Was mir aufgefallen ist«, sagte er dann, »habt ihr die goldene Anstecknadel von Birdhelp am Revers seines Anzugs gesehen? Und das goldbestickte Emblem der WNO? Ich habe vorhin gegoogelt. Ich meine, die World Nature Organisation vergibt dieses Emblem nur an ausgewählte Naturschützer, und es gibt weltweit lediglich 21 Menschen, die diese Auszeichnung bis jetzt erhalten haben. Also, ich glaube, das ist kein großer Fisch, das ist ein Hai, der die einflussreichsten Menschen der Welt kennt.«

»Ich spüre gerade, dass ich Teil von etwas Großem bin«, ergänzte Mia. »Dieser Mann wird unsere Familie berühmt machen. Bald wird sie jeder kennen. Davon bin ich überzeugt.«

»Oh, nicht schon wieder«, unterbrach sie Fynn. Und noch im selben Augenblick dachte er: Verdammt, sie hat recht.

Wie von selbst drang Max in das Zentrum der Familie vor. Manchmal war es beinahe unheimlich. Wenn er einen Raum betrat, der mit Menschen überfüllt war, wurde es plötzlich leise und die Köpfe drehten sich in seine Richtung. Von Anbeginn musste er nicht auf die Mitglieder der Familie zugehen, um ein Teil von ihnen zu werden, sondern die Mitglieder kamen auf ihn zu, um ein Teil von ihm zu werden. Sie fragten nach seinem Rat, nach einem Tipp, nach einer Strategie. Denn es bestand kein Zweifel: Ein Mensch, der zu jenen 21 Personen zählte, die von der World Nature Organisation mit der höchsten Auszeichnung bedacht worden war, die sie zu vergeben hatte, konnte nur kompetent sein.

Einige Wochen später traf sich der innere Zirkel der Familie in einem abgeschiedenen Landhaus. Der Eigentümer des Hauses zählte zu den großzügigen Spendern des Vereins und stellte es ihnen für ein Wochenende zur Verfügung. In dieser kleinen Runde wollte man Max die Gelegenheit geben, seine Visionen genauer zu erklären.

»Ich gebe zu«, sprach er mit einer bewusst leisen Stimme, was die anderen zu absoluter Stille zwang, »früher war ich ziemlich extrem. Als ich noch nicht so besonnen war wie heute, besetzte ich mit radikalen Freunden eine Jugendstilvilla, die für eine exklusive Wohnanlage geopfert werden sollte. Das konnten wir nicht zulassen, denn die Villa war von Otto Wagner, einem der berühmtesten Architekten aus der Zeit des Jugendstils, entworfen worden. Und wir wollten alles dafür tun, um diese wunderschöne Villa zu erhalten. Wir hatten uns mit Vorräten eingedeckt, die es uns ermöglichen sollten, das Gebäude monatelang zu besetzen und Widerstand zu leisten. In einem Raum, in dem sich ein offener Kamin befand, stapelten wir Brennholz, schleppten Paletten mit Reis, Nudeln und Mineralwasser an, denn fließendes Wasser gab es in dieser Villa nicht. Ja, wir konnten sogar eine Regionalzeitung für uns gewinnen, die über uns berichtete und unseren Mut und unsere Überzeugung lobte. Aber spätestens als wir eines Nachts um 4 Uhr in die grellen Scheinwerferaugen von Raupen, Baggern und Lastern blickten, kamen uns erste Zweifel, ob wir unser Ziel erreichen konnten. Als schließlich die Schlägertrupps mit ihren Knüppeln auftauchten, wussten wir, dass wir chancenlos waren. Noch am selben Nachmittag mussten wir tatenlos zusehen, wie ein Kran mit einer schweren Abrissbirne die Wände dieser wunderschönen Villa einriss. Das hat uns sehr traurig gemacht. Es war das klassische Scheitern von Schwachen und Unorganisierten. Wir fühlten uns wie die größten Verlierer aller Zeiten. Ja, das war eine harte Lektion, und sie lehrte mich etwas sehr Essenzielles: Ohne Seilschaften, Beziehungen und Kontakte wirst du immer und überall unterliegen. Es ist wie mit einem Papierschiffchen, mit dem man einen Ozean überqueren will. Man wird versagen und weiß es schon, bevor man den Hafen verlässt.

Ich lernte die Gesetze der Menschen und ich lernte sie gut. Später beriet ich Unternehmen, Politiker, Regierungen und Staatschefs, und meistens gelang es meinem Team und mir, die Meinungen und Ziele unserer Klienten erfolgreich zu vermitteln. Aber irgendwann drängte sich mir beim Umgang mit den Mächtigen dieser Welt ein immer größerer Unmut auf. Ihr herzloses Vorgehen gegen die Natur, ihre rücksichtslose Gier, die sie Regenwälder abholzen und für Uranabbaustätten riesige Wunden in die Landschaft schlagen lässt. Ganz zu schweigen von den radioaktiven Uranwolken, die dabei entstehen und Landstriche auf Jahrhunderte verseuchen. Ich empörte mich über den Klimawandel, das Abschmelzen der Polkappen, das Elend der Eisbären und musste erkennen, dass keine Botschaft, kein Aufschrei irgendetwas zum Guten veränderte. Ja, und dann saß ich eines Abends in einem Flugzeug von Frankfurt nach Bangkok. Ich las in einem Naturschutzmagazin einen Artikel über junge Menschen, die allein mit Spendengeldern ein Moor gerettet hatten, das schon seit Tausenden Jahren existiert. Das faszinierte mich. Ich las über die Erbschaft dieser Witwe, über den Zulauf an Menschen, denen die Natur wichtig ist und die wissen, dass der Planet dünnhäutig und sehr zerbrechlich geworden ist. In Gedanken musste ich euch sofort zustimmen. Wir müssen diesem Planeten wieder Kraft geben und ihn gesund machen. Nachdem ich den Artikel gelesen hatte, machte ich mich sofort schlau, und wenig später stand ich bei euch in dieser Tennishalle. Ja, ich gebe es zu, ich habe große, kühne Visionen. Ich habe in den letzten Tagen viel über dieses Gebiet gelesen. Seine Strukturen, seine Umgebung, seine Bevölkerung. Das Naturschutzgebiet ist von insgesamt sechs Tälern umgeben. Und in jedem Tal fließen wunderbare Bäche und Flüsse. Ihr Wasser ist in den Unterläufen jedoch meistens so verunreinigt, dass nur die widerstandsfähigsten Lebewesen darin überleben können.« Max nahm einen Schluck Wasser und machte eine Gedankenpause. »Ja, eines Tages will ich ein Emblem auf meinen Revers heften, und auf diesem Emblem soll ein wichtiger Satz stehen: ›Das Schutzgebiet der sieben Täler‹. Ja, unser Schutzgebiet soll im Vergleich zu heute die siebenfache Größe erreichen. Das ist mein Ziel.«

Nils, eines der ersten Mitglieder der Familie, hob die Hand. Seine Rastalocken zitterten, als er schüchtern zu sprechen begann: »Max, ich möchte Sie etwas fragen. In diesen sechs Tälern befinden sich Dutzende Bauernhöfe mit Feldern, Wiesen, Äckern und Vieh. Das kann doch nicht einfach so verschwinden. Wie sollen wir so ein Ziel erreichen können? Ist das nicht ein wenig überzogen?«

Max lächelte. »Danke, das ist eine sehr wichtige Frage. Ich habe gerade von Visionen gesprochen. Die Schuhe von Visionen sind stets größer als die Schuhe, in die wir gerade passen.« Max nickte und setzte fort: »Wir allein entscheiden. Wir können an ein Ziel denken und versuchen, es zu erreichen, oder wir denken nicht daran und werden es nicht einmal theoretisch erreichen können, da es in unseren Gedanken keinen Platz dafür gibt. Es liegt an uns, Visionen Leben einzuhauchen. Allein an uns.«

Kaum hatte er den Satz beendet, applaudierte die Menge. Es schien, als wollten sie damit eines deutlich sagen: Mit Max kann das alles möglich werden. Und keiner widersprach.

Als Fynn und Amanda in dieser Nacht nebeneinander im Bett lagen, schüttelte Fynn auf einmal den Kopf. »Ich weiß nicht. Seine Ideen sind manchmal, wie soll ich es sagen …? Verrückt. Ich meine, das Schutzgebiet der sieben Täler. Das ist schon mehr als visionär. Weißt du, was ich gerade gedacht habe?«

Amanda verneinte.

»Vielleicht ist er nur ein ausgezeichneter Blender und zugleich ein Spinner. Vielleicht bläst er nur heiße Luft in unsere Köpfe, und wir merken es gar nicht. Und am Ende sitzt er irgendwo in einem stillen Salon, öffnet eine Flasche Champagner und stößt mit seinen Kumpanen auf unsere Naivität an.«

Amanda widersprach sofort: »Ja, er hat kühne Gedanken. Sehr kühne. Aber müssen wir diese kühnen Gedanken nicht denken, um die Welt zu retten? Wir stehen kurz vor dem Abgrund. Das spüren wir irgendwie doch alle. Die wenigsten tun allerdings etwas dagegen, stimmt’s? Wir sind es, Fynn, die vielen Menschen Mut machen und ihnen den Glauben vermitteln, dass wir diese Zerstörung abwenden können, und genau deshalb strömen sie zu uns, weil sie verzweifelt sind und wir ihnen Hoffnung geben. Wir haben eine große Verantwortung, und Max ist getragen von dieser Vision. Wenn ich in seiner Nähe bin, spüre ich diese ehrliche Kraft, die von ihm ausgeht. Das muss unser Ziel sein, eine saubere, schönere Welt, damit unsere Kinder einmal mit Stolz sagen können, unsere Eltern haben alles für diesen Planeten getan. Sie haben auf ihn Acht gegeben. Und übrigens«, flüsterte Amanda ihm zu, »will ich einmal ein Baby von dir.«

»Nur eins?«, fragte Fynn.

»Nein, natürlich mindestens ein Dutzend und ich finde, dass wir heute Nacht damit anfangen sollten, und wenn wir nur erst einmal ordentlich üben.«

»Ich glaube, da kann ich dir helfen.«

7. Kapitel

»Wir müssen noch einmal ganz von vorne beginnen«, erklärte Max in der nächsten Strategiesitzung. »Wir müssen unsere Abläufe optimieren und alles, was wir tun, bis ins kleinste Detail hinterfragen. Alle, die wie auch immer mit uns in Kontakt kommen, müssen eines ohne nachzudenken sofort und unmissverständlich wissen: Hier sind Experten am Werk. Die besten Experten, die es in ihrem Fach gibt.«

Die 300 Teilnehmer der Sitzung waren verblüfft. Sie hatten bis jetzt doch alles richtig gemacht. Der Verein hatte letzte Woche das 10.000. Mitglied aufgenommen. Das Gebiet war vergrößert worden, zwar nur um einige Hektar, aber es war größer als zuvor, und die Spenden flossen regelmäßig und in so hohen Beträgen, dass ihre Rücklagen stetig anwuchsen.

Max lächelte väterlich. »Ich verstehe euer Misstrauen. Aber lasst es mich euch genauer erklären.« Auf einem Bildschirm über ihm erschien das Logo der Familie, die Zeichnung der lächelnden Gelbbauchunke. »Als ich das Logo zum ersten Mal sah, war mein Gedanke: recht ordentlich. Aber Logos dieser Art gibt es Dutzende Male. Ich habe Experten kontaktiert, herausragende Künstler, und bin auf Jorgo Blanko gestoßen. Einige von euch kennen ihn vielleicht. Er hat einmal eine kleine rosarote quadratische Leinwand ausgestellt – ich glaube, es war in New York –, und bei der Pressekonferenz erklärte er sie zu seinem Lebenswerk. Das fragende Staunen und Achselzucken der Betrachter quittierte er mit seiner bekannt schroffen Art. ›Wer darauf nichts sieht, ist zu dumm für meine Kunst, und wer zu dumm für meine Kunst ist, wird dieses Bild und meine Kunst niemals verstehen.‹ Jorgo Blanko hat unsere Unke adaptiert.«

Ein Bild erschien auf dem Screen. Ein staunendes Oh ging durch die Menge. In fotorealistischer Brillanz war eine Unke abgebildet, aber trotzdem glich das Bild keinem Foto, denn hauchzarte schimmernde Linien und Netzstrukturen verliehen ihm etwas Surreales. Ja, es war noch immer die lächelnde Gelbbauchunke mit ihren Schwimmfüßen, aber gleichzeitig war es vollkommen neu. Unter dem Bild stand in türkiser Farbe ein Wort: »Change«.

Die Teilnehmer applaudierten spontan. Die meisten erhoben sich, einige riefen »Bravo« und pfiffen enthusiastisch.

»So meine ich das«, erklärte Max. »Alles hinterfragen, neu denken und verbessern, falls sich Verbesserungsmöglichkeiten ergeben. Wenn wir Vorreiter für eine bessere Zukunft sein wollen, müssen wir anders sein als die Masse, und wir müssen vor allem eines sein: authentisch. Echt, zu 100 Prozent echt. Wir müssen konsequent und streng zu uns selbst sein. Wir dürfen keine Halbheiten in uns zulassen. Keine Kompromisse, die uns angreifbar machen. Wer von euch besitzt oder fährt regelmäßig ein benzinbetriebenes Fahrzeug?«, fragte er ohne Übergang.

80, 90 Prozent der Teilnehmer hoben die Hände.

»Danke. Ein Auto stößt im Schnitt 190 Gramm CO2 aus. Pro Kilometer. Das ist eine enorme Menge. Vom Einfluss der Treibhausgase wie CO2 auf das Weltklima weiß heute jedes Kind. Von Spinnern, die solche Zusammenhänge leugnen, reden wir nicht. – Wie wollen wir Kritikern erklären, dass wir die Natur schützen und achten, wenn wir mit unseren Fahrzeugen und ihrem CO2-Ausstoß gleichzeitig dazu beitragen, das Weltklima zu bedrohen oder gar zu zerstören? Das wird uns niemand glauben, und es wird uns zu Recht niemand glauben, weil es verlogen ist. Unsere Visionen erfordern Mut, aber auch Opfer. Wenn wir wirklich überzeugen wollen, müssen wir unsere Überzeugungen auch leben. Wisst ihr was? Letzte Woche habe ich meinen heißgeliebten Volvo 424 verkauft. Mein Plädoyer für eine bessere Zukunft lautet – und ich möchte, dass wir noch heute darüber abstimmen: Innerhalb eines halben Jahres soll sämtlichen Mitgliedern der Familie die Verwendung von kraftstoffbetriebenen Fortbewegungsmitteln verboten werden. Erlaubt sind nur noch E-Mobile, öffentliche Verkehrsmittel und Greenmachines, also Fahrräder.«

Vereinzelt ging ein Raunen durch die Menge.

Max nickte. »Ich frage mich manchmal eines: Was erzählen wir unseren Enkelkindern und Nachfahren, wenn sie einer zerstörten Welt gegenüberstehen und uns fragen: ›Was habt ihr damals gegen den Klimawandel und gegen die Zerstörung der Umwelt getan?‹ Was werden wir ihnen antworten? ›Ach, Liebes, weißt du, wir haben unsere Wagen damals dringend gebraucht, um unsere Kleinen in den Kindergarten und in die Schule zu bringen. Der Weg zur Schule war immerhin einen Kilometer lang, und dann mussten wir ja auch noch einkaufen. Die Supermärkte und Shoppingcenter waren weit entfernt. Wie hätten wir unsere Besorgungen nach Hause bringen sollen? Die Kisten mit Mineralwasser, Fruchtsäften und Bier und die Kohle für den Grill im Garten?‹ Werden wir ihnen das so sagen können? Und werden sie Verständnis für uns haben oder werden sie die Stirn runzeln und die Köpfe schütteln? Wir haben die Wahl. Wir können mickrige Mitläufer bleiben oder ein Vorbild für viele und Verantwortung für diese Welt übernehmen. Ich überlasse diese Entscheidung allein eurem Gewissen.«

Die Abstimmung war eindeutig. 97 Prozent entschieden sich dafür, innerhalb eines halben Jahres kein kraftstoffbetriebenes Fahrzeug mehr zu verwenden. Auf fast allen Gesichtern zeigten sich nach der Abstimmung Zeichen von Erleichterung. Endlich hatten sie es getan. Endlich hatten sie den richtigen Weg eingeschlagen, der wirklich etwas zum Guten veränderte.

»Danke«, sagte Max. »Die Menschen da draußen müssen überzeugt sein, dass wir es mit unserem Einsatz für die Natur verdammt ernst meinen. Und sie müssen wissen, dass die Natur für uns oberste Priorität hat. Aber niemand soll unsere Überzeugung mit Fanatismus verwechseln. Denn das, was wir ihnen vorleben, ist einzig und allein Ausdruck für restlose Ehrlichkeit und für den Willen, unsere Umwelt zu retten. So sollen und werden es die Menschen dort draußen auch bald verstehen – und ich garantiere euch eines: Sie werden uns glauben.«

In den folgenden Wochen und Monaten wurde die Familie von einem wahren Tatenrausch erfasst. Man sah ihre Mitglieder beinahe überall. Sie bevölkerten Fußgängerzonen, Parks und Einkaufszentren. Sie verteilten Flyer, Sticker, Wimpel und Fähnchen.

Einige Aktivisten der Familie platzierten vor der Einfahrt eines Autobahntunnels ein Transparent, auf dem stand: »Weshalb verschmutzt du die Umwelt?« Mit Schablonen wurden Graffiti der Gelbbauchunke an Wände gesprüht und daneben Sätze wie »Natur zuerst«, »Change« oder »Du bist nicht mehr allein«.

Die Mitgliederzahlen stiegen in den folgenden Monaten rasant an und lagen bald bei über 17.000. Die Spenden nahmen zu, und heimische Fernsehsender berichteten von den führenden Mitgliedern der Familie wie über Popstars.

In einer geheimen Sitzung verteilte Max an radikale Mitglieder der Familie Listen, auf denen Automobilmarken angeführt waren und in absteigender Reihenfolge ihr Treibstoffverbrauch auf 100 Kilometer. Einige Tage später sah man in den großen Städten des Landes Wagen, deren Seiten- oder Windschutzscheiben mit Sprüchen in grell­oranger Farbe besprüht waren, die Auskunft über den Benzinverbrauch des jeweiligen Wagens gaben. »12 Liter auf 100 Kilometer – mir doch egal.« Oder »14 Liter auf 100 Kilometer – liebe Natur, ich kann mir das leisten«. Und: »Ich habe es eilig!« Oder »15 Liter auf 100 Kilometer. Ich bin ein Verbrecher, aber keiner weiß es«.

Aktivisten, die bei ihren Taten ertappt wurden, leugneten einen Bezug zur Familie zu haben, und die Familie selbst leugnete ein Naheverhältnis zu den Tätern ebenfalls. Ja, sie verurteilte diese Aktionen sogar öffentlich.

Als Fynn und Amanda die ersten besprühten Autos sahen, fanden sie, dass einige Mitglieder der Familie in ihrem Fundamentalismus zu weit gingen. Sie waren entrüstet, als sie später von Gerüchten erfuhren, dass ertappte, angezeigte und verurteilte Sprayer kurz nach ihrer entdeckten Tat orange Kuverts in ihren Briefkästen vorfanden, in denen sich so hohe Geldbeträge befanden, dass damit die Anwalts- und Strafkosten mehr als abgedeckt waren.

Die Verurteilten wurden später vor den Gerichtsgebäuden sogar mit Transparenten empfangen und gefeiert wie Helden.

Diese drastischen Aktionen hatten jedoch unübersehbare positive Folgen für die Natur. Innerhalb eines halben Jahres brachen die Verkaufszahlen von SUVs und anderen Großwagen um über 30 Prozent ein. Große Automobile zu fahren war plötzlich vollkommen aus der Mode geraten, und ihre Lenkerinnen und Lenker wurden auf offener Straße ausgebuht und lächerlich gemacht. Zugleich sank der CO2-Ausstoß in einigen Städten um bis zu sieben Prozent. Das waren schlagende Fakten, gegen die man schwer argumentieren konnte.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
215 стр. 9 иллюстраций
ISBN:
9783839267127
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