Читать книгу: «Feuerwehr - Challenge»

Шрифт:

Jürgen Ruhr

Feuerwehr - Challenge

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

-

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXIX.

XXX.

XXXI.

XXXII.

Epilog

Über den Autor

Impressum neobooks

-

Feuerwehr - Challenge

Thriller

Buch 10 der JL Reihe

© by Jürgen H. Ruhr

Mönchengladbach

Bisher in der JL Reihe erschienene Titel (alle Bücher sind auch als Taschenbuch erhältlich):

(1) Kokain - Hotel

(2) Personen - Schutz

(3) Undercover - Auftrag

(4) Reise - Begleitung

(5) Gefahren - Abwehr

(6) Final - Tanz

(7) Austausch - Programm

(8) Spür - Nase

(9) Kaffee - Fahrt

Die Personen dieser Geschichte

sind frei erfunden.

Irgendwelche Bezüge

zu

irgendeiner Realität

wären rein zufällig!

I.

„Nun schau dir doch nur dieses Naturschauspiel an“, versuchte ich meinen Freund und Teamkollegen für das Farbenspiel am Horizont zu begeistern. Doch der gab nur ein leises Grunzen von sich und im Rückspiegel meines kleinen postgelben Kia Venga konnte ich erkennen, dass er sich nicht einen Millimeter rührte.

Nun gut, die Zeitumstellung der letzten Tage und die frühe Stunde forderten auch bei Bingo ihren Tribut und trotz des herrlichen Sonnenaufgangs verfluchte ich diesen Auftrag, den Bernd ausgerechnet mir auf‘s Auge drücken musste.

Bernd, genauer Dr. Bernd Heisters, ist mein Freund und Chef und unterhält neben einer Reihe von Krav Maga Studios in ganz Deutschland auch die Detektei Argus, die im Industriegebiet Güdderath unserer schönen Stadt Mönchengladbach beheimatet ist.

Ich seufzte leise, denn ausgerechnet ich war mit der Observation eines Mannes beauftragt worden, was mich zu dieser frühen Stunde hier an den Stadtrand Rheindahlens verschlagen hatte.

„Wusstest du, dass die Sonne im Osten aufgeht?“, fragte ich meinen Freund. „Und im Westen wieder unter.“

Erneut belohnte mich ein leises Grunzen und jetzt bemerkte ich, wie ein Vorderlauf Bingos ein wenig zuckte. Bingo ist ein Malinois, ein belgischer Schäferhund, und wir zwei sind im Laufe der Zeit wirklich dicke Freunde geworden. Es ist noch gar nicht einmal so lange her, da habe ich den Hund - mehr oder weniger, also eher weniger, freiwillig - von dem schlimmsten Menschen, der größten Nervensäge und dem penetrantesten Ignoranten übernommen: Herrn Weser. Der inzwischen gut und gerne sechzig Jahre alte, dicke Mann betreute den Hund für einen Freund und als er selbst ins Krankenhaus musste, wurde mir - auch wieder dank meines Freundes Bernd - der Hund anvertraut. Dieser unsägliche Herr Weser kreuzt immer wieder meine Wege und wird auch eines Tages der Grund für meinen ersten Herzinfarkt sein.

Und entgegen allen meinen Erwartungen sind Bingo und ich inzwischen ein unzertrennliches Team geworden.

Ein Dreamteam.

Ein Mann und sein Hund.

„Du könntest ja wenigstens so tun, als würde dieser Sonnenaufgang dich begeistern“, knurrte ich. Heute handelte es sich um den zweiten Tag Ende März, an dem es richtig schön werden würde. Die Wetterfrösche hatten gute vierundzwanzig Grad angesagt und morgen sollte es noch schöner werden. Hoffentlich hatten die Leute Recht.

Doch was nützte mir das schönste Wetter, wenn ich anstatt im Liegestuhl in der Sonne zu sitzen, hier in meinem kleinen stickigen Auto einen Mann observieren musste, der angeblich seine Ehefrau betrog.

Während unseres Meetings mit Bernd hatte ich verzweifelt versucht, den Auftrag an Christine zu delegieren, doch die war von unserem Chef schon für das Judotraining der Kindergruppe eingeteilt worden.

Christine, mit vollem Namen Christine Weru, kannte ich jetzt schon etliche Jahre. Einst arbeitete die schlanke Frau mit den dunkelbraunen Haaren für mich als Sekretärin. Ein Minijob mit dem sie etwas Geld für ihr Studium verdienen wollte. Damals gründete ich gerade eine kleine Detektei im Herzen von Rheydt, die aber nicht lange Bestand haben sollte. Einige Chinesen, denen ich in die Suppe gespuckt hatte, fackelten nämlich kurzerhand das gesamt Haus mit meinem Büro darin ab. Bernd Heisters war es dann, der mir das Leben rettete und letztlich diesen Job als Personenschützer und Privatdetektiv anbot.

Leider bleibt es nicht aus, so banale Aufträge wie diese Observation durchführen zu müssen.

Im Grunde genommen haben wir die Detektei Argus lediglich gegründet, um ein offizielles Aushängeschild für die Aufträge des Oberstaatsanwalts Eberson vorweisen zu können. Denn bei seinen Einsätzen handelt es sich fast durchweg um Aktivitäten am Rande der Legalität. Aktivitäten, wie sie weder von Polizei, noch von offiziellen Stellen wahrgenommen werden können. Oder dürfen.

Wieder seufzte ich leise und dachte an Christine, die mit Thomas Friedlich, den alle nur Dozer nennen und der im Krav Maga Studio die Kampfsportausbildung leitet, heute den Unterricht durchführen würde. Aber Christine kommt besser mit Kindern zurecht, was ich neidlos zugeben muss. Ich mag auch Kinder, jedenfalls solange sie auf genügend Distanz zu mir sind.

Neben Christine wäre eventuell noch Birgit Zickler für diesen Job in Frage gekommen. Doch die ‚Zicke‘ - wie ich sie heimlich nenne - traute ich mich dann letztlich doch nicht zu fragen, zumal ihre Antwort garantiert negativ ausgefallen wäre.

Das Schicksal meinte es momentan nicht wirklich gut mit Jonathan Lärpers.

Ich öffnete leise die Tüte mit den belegten Brötchen, die ich mir heute in aller Frühe in einer Bäckerei besorgt hatte. Knusprige Brötchen mit Schinken und Käse. Aber ohne Gurkenscheiben, dieses unnötige Grünzeug verdarb nur den leckeren Geschmack.

Grinsend führte ich das Brötchen zum Mund. Es war mir tatsächlich gelungen, es ohne das leiseste Geräusch oder Knistern aus der Tüte zu fischen.

Ein empörtes Fiepen ließ mich einen Blick in den Rückspiegel werfen. Bingo saß aufrecht auf der Rückbank und blickte mich vorwurfsvoll an. Dann leckte er sich genüsslich über die Schnauze.

„Ich dachte, du schläfst“, rechtfertigte ich mein Handeln, während ich ein weiteres Brötchen aus der Tüte holte und nach hinten zum Hund durchreichte. Der Malinois schnappte es sich und legte sich wieder auf die Bank, seine Beute zwischen den Pfoten.

„Du hättest ja wenigstens ‚Danke‘ sagen können“, nuschelte ich mit vollem Mund und warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Kurz vor acht Uhr. Von der Ehefrau hatte ich einiges über mein Zielobjekt erfahren: Männlich, siebenundfünfzig Jahre alt und - laut ihren Worten - ein gefeierter Schlagersänger. Meine Recherchen ergaben allerdings, dass der Mann eher im unteren Teil der Beliebtheitsskala rangiert und es sich bei seinen Gesangsdarbietungen durchweg um wehmütige Schnulzen handelt. Immerhin folgt er damit dem Trend der heutigen Zeit, wo doch Schnulzen- und Jammerlieder vorwiegen. Und die Engagements dieses ‚Künstlers‘ waren eher dürftig, was vielleicht den heruntergekommenen Zustand seines Hauses erklärte. Ein Zustand, der mich stark an Herrn Wesers kleines Häuschen in Mönchengladbach Geistenbeck erinnerte, das ich kurzerhand als abbruchreif bezeichnen würde. Dieses alte Gebäude des Künstlers Adriano Puddu, der sich kurz Adrio Pu nannte, hätte auch auf eine Abbruchliste gehört.

Adriano Puddu war italienischer Abstammung, wie seine Frau erklärte, und das Bild, das sie mir überlassen hatte, zeigte einen dicklichen, zirka ein Meter achtundsechzig großen Mann mit Glatze und übergroßer Brille. Puddu war schon einmal geschieden und erst seit einigen Jahren erneut verheiratet.

Was hatte dieser Mann eigentlich zu bieten, dass eine Frau mit ihm fremdgehen würde? Geld war es jedenfalls nicht.

Puddu sollte laut der Aussage seiner Frau heute gegen acht Uhr das Haus verlassen und zu seiner Geliebten fahren. So hielt er es jeden Dienstag und Frau Puddu hatte schon mehrere Male versucht, ihm zu folgen, war aber jedes Mal von ihrem Gatten abgehängt worden. Laut Puddus Aussagen seiner Frau gegenüber wollte er den heutigen Tag damit verbringen, sich diversen Künstleragenturen vorzustellen.

Nun, eine Frau Puddu würde der Mann ja abhängen können aber keinen Privatdetektiv und Personenschützer Jonathan Lärpers! Ich überprüfte noch einmal mein Handy, mit dem ich die Beweisfotos für die Untreue des Mannes anfertigen würde. Bingo lag inzwischen wieder auf der Rückbank und - wie es schien - schlief der Hund. Sollte ich es wagen, noch ein Brötchen aus der Tüte zu holen?

Doch die Frage erübrigte sich, denn in diesem Moment trat der Schnulzensänger aus dem Haus. Scheinheilig verabschiedete er sich mit einem Kuss auf die Wange von seiner Frau und ging dann, ohne sich noch einmal umzublicken, zu seinem Fahrzeug, das am Straßenrand geparkt war. Es handelte sich um einen alten Seat Ibiza in einem verblichenen Hellrot, der einen genauso heruntergekommenen Eindruck machte wie sein Haus.

Wenigstens würde er mir in dem Wagen nicht davonfahren können.

Noch bevor Puddu in sein Auto stieg, erwachte der Motor meines Kia röchelnd zum Leben.

II.

Puddus Fahrt führte uns zurück nach Mönchengladbach Wickrath und von dort aus in den Ortsteil Mülfort. Der Sänger stoppte abrupt am Straßenrand, riss die Fahrertür auf, ohne auf den Verkehr zu achten und nur dank eines gewagten Schlenkers fuhr ich ihm nicht die Tür ab. „Idiot“, schimpfte ich und drohte mit der Faust, doch zum Glück beachtete Puddu mich nicht.

Bingo zeigte sich auf dem Rücksitz völlig unbeeindruckt, knurrte aber einmal unwillig. „Schon gut, Bingo“, beruhigte ich meinen Freund. „Es ist ja nichts passiert.“ So schnell wie möglich wendete ich meinen Wagen und sah gerade noch, wie der Sänger in einem Mehrfamilienhaus verschwand.

Hier also hielt der Mann seine Geliebte versteckt!

Ich betrachtete sinnend das Gebäude. Bestimmt wohnten hier an die zehn Mietparteien und meine Gedanken rasten. Wie könnte ich herausfinden, zu wem Adriano Puddu gegangen war? Sollte ich einfach alle Klingeln ausprobieren und nach Puddu fragen? Ich verwarf den Gedanken, denn mit solch einer Aktion würde ich garantiert auffliegen. Noch während ich mich mit weiteren möglichen Vorgehensweisen beschäftigte, war mir das Glück hold: Eine Gardine im Erdgeschoss wurde ein wenig zur Seite geschoben und Puddus Gesicht erschien hinter der Glasscheibe. Jetzt war ich mir über mein weiteres Vorgehen im Klaren!

Grinsend meinte ich zu Bingo: „Siehst du, mein Freund, so kommt doch noch alles ins Lot. Die Turteltäubchen befinden sich dort in der Wohnung.“ Der Malinois hob nur kurz den Kopf, blickte mich träge an und schielte dann zu der Brötchentüte. Ich tat so, als würde ich seinen Blick nicht bemerken und schälte mich aus dem Wagen. „Du hältst hier die Stellung, ich gehe schnell ein paar Beweisfotos machen. Ruckzuck ist der Auftrag erledigt und wir können uns heute ein wohlverdientes Mittagsmahl bei Curry-Erwin leisten.“ Curry-Erwin war ein guter Freund und quasi schon mein kulinarischer Berater in Rheydt. Ständig konnte der unentdeckte Sternekoch in seinem kleinen Imbiss mit speziellen Leckereien, wie etwa dem ‚Lärpers Spezial Teller‘, aufwarten. Eine einmalige Kreation aus Pommes Frites, Currywurst, Senf und reichlich Mayonnaise. Mir lief jetzt schon wieder das Wasser im Mund zusammen, wenn ich nur daran dachte. Oder das Schaschlik ‚Eiffelturm‘, dass Erwin direkt nach meiner Rückkehr aus Frankreich kreierte und bei dem der Spieß in der Pappschale senkrecht steckte. Leider hatte er das Problem mit der durch das Loch im Boden herauslaufenden Soße noch nicht lösen können, doch ich war zuversichtlich, dass dieses Genie von Imbissbesitzer auch das Problem früher oder später in den Griff bekommen würde.

Ich sah mir das Mehrfamilienhaus genauer an und stellte fest, dass hier zur Straßenseite wohl die Küchenräume lagen. Sollten die Wohnungen über rückwärtige Balkone verfügen, könnte ich vielleicht ins Wohnzimmer blicken oder sogar in die Wohnung gelangen. Ich malte mir aus, wie ich das Liebespaar in flagranti im Schlafzimmer fotografieren würde und dann unbemerkt wieder entkam. Frau Puddu dürfte mit der Leistung unserer Privatdetektei mehr als zufrieden sein.

Auf die Rückseite des freistehenden Wohnblocks zu gelangen war ein Kinderspiel. Weder Zäune, noch Mauern versperrten mir den Weg und erneut schlich sich mir ein breites Grinsen ins Gesicht, als ich die Balkone entdeckte. Rasch blickte ich mich um, konnte aber niemanden entdecken, der mich beobachtete. Zu dieser frühen Stunde war hier alles ruhig und die Bewohner lagen vermutlich noch in ihren Betten. So wie meine Zielperson bestimmt auch schon wieder.

Nach einem weiteren Kontrollblick zog ich mich am Balkongeländer hoch und ging vor dem Wohnzimmerfenster direkt in die Hocke. Langsam und vorsichtig richtete ich mich auf und blickte durch das Fenster. Tatsächlich handelte es sich um ein Wohnzimmer, eingerichtet im Stil der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Möbel, die ich sehen konnte, waren durchweg alt und abgenutzt, verströmten allerdings ein gewisses Flair.

Mein Blick wanderte zu den beiden Personen auf dem abgenutzten Sofa, die sich händchenhaltend unterhielten.

„Bingo“, jauchzte ich leise. „Das ist ja ein Volltreffer!“

Allerdings hatte die Situation etwas Unwirkliches an sich. Die Frau, die da in einem grauen Kleid neben Puddu saß und ihn anlächelte, musste nach meiner Schätzung gut und gerne die Achtzig überschritten haben. Ich schüttelte den Kopf. Ein fast sechzig Jahre alter Mann ließ sich auf eine Liebesbeziehung mit einer Achtzigjährigen ein!

Was es nicht alles gab.

Ich zückte mein Handy, vergewisserte mich, dass die Blitzfunktion abgeschaltet war und schoss durch das Wohnzimmerfenster ein paar Beweisfotos.

Dann durchzuckte mich ein Gedanke: Was wäre, wenn der abgehalfterte Schnulzensänger in Wirklichkeit nicht der Liebhaber der alten Dame wäre, sondern ein Betrüger, der sich hier durch den ‚Enkeltrick‘ seinen Lebensunterhalt zusammengaunerte?

Vielleicht war Jonathan Lärpers ja hier einer ganz dicken Sache auf der Spur ...

Genau in dem Moment, als ich noch ein paar weitere Fotos schoss, fiel Puddus Blick zufällig auf mich. Wütend schob er die Hand der alten Frau zur Seite, sagte ein paar Worte und sprang auf.

Mit einem Satz war ich vom Balkon herunter und verschwand um die Hausecke herum. Das war knapp gewesen!

Zurück in meinem Wagen fiel mir sofort auf, dass die Brötchentüte vom Beifahrersitz verschwunden war. Da ich den Wagen fest verschlossen hatte, kam als Dieb nur einer in Frage: Mein auf dem Rücksitz schlafender Freund. Und wirklich fand ich die leere Tüte hinter dem Beifahrersitz auf dem Boden. „Das werde ich nicht vergessen, Bingo“, knurrte ich. „Du kannst von Glück sagen, dass ich jetzt keine Zeit habe, mich darum zu kümmern. Aber denke nicht, dass du mir so davonkommen wirst.“

Doch jetzt galt es erst einmal, von hier zu verschwinden. Ich wusste ja nicht, ob Puddu die Polizei rief oder nach mir suchte. Meine Beweise hatte ich und damit war der Auftrag an sich erledigt.

In dem Moment, als ich den Motor meines Kias startete, trat der Sänger zusammen mit der alten Frau aus dem Haus. Die zwei gingen ohne zu zögern zu seinem Wagen. Immer noch den Gedanken an den Enkeltrick im Kopf, verwarf ich meine Fluchtpläne. Was hatte Puddu mit der Frau vor? Als die beiden davonfuhren, folgte ich ihnen in einigem Abstand.

Die Fahrt dauerte nicht lange und führte schnurstracks zur nächstgelegenen Filiale der Stadtsparkasse Mönchengladbach.

Meine Detektivspürnase lag also richtig: Puddu wandte hier den Enkeltrick an und würde die gute Frau jetzt um ihre Ersparnisse erleichtern!

In Gedanken klopfte ich mir auf die Schulter.

Den Kia parkte ich an einer Stelle, von der ich Puddus Wagen ständig im Blick hatte. Von wegen angesehener Schnulzensänger! Ich hatte in Wirklichkeit einen reinrassigen Ganoven vor mir, dem ich hier und jetzt das Handwerk legen würde. Ich zog mein Handy hervor und tippte die Notrufnummer der Polizei ein. Doch Sekunden später unterbrach ich das Gespräch wieder, denn jetzt verließ Puddu mit der Frau die Sparkassenfiliale. Der alte Gauner lachte und hielt die Oma fest am Arm. Ich hatte regelrecht den Eindruck, als würde er sie mit sich schleifen.

Was folgte nun? Wollte Adriano Puddu sein Opfer beseitigen, damit keine Spuren zurückblieben? Würde sein nächster Weg ihn und die Frau zu einem Fluss, See oder vielleicht alten Steinbruch führen, wo er sie endgültig zum Schweigen bringen dürfte?

Schon setzte sich der Seat in Bewegung und um ein Haar wäre mir Puddu sogar entkommen. Mit quietschenden Reifen schoss ich auf die Straße zurück und hinter dem Trickbetrüger her. Jetzt war es an mir, der alten Frau das Leben zu retten.

Bingo knurrte unwillig, als er durch mein Fahrmanöver in seinem Schönheitsschlaf gestört wurde. „Es wird Zeit aufzuwachen, mein Freund“, informierte ich den Malinois. „Auf uns kommt jede Menge Arbeit zu!“ Im Rückspiegel sah ich, wie Bingo herzhaft gähnte und anschließend desinteressiert aus dem Fenster sah. Ich überholte einen Linienbus ziemlich gewagt und scherte Millimeter vor ihm wieder ein. Keine Sekunde zu früh, denn wütend hupend rauschte ein Wagen in der Gegenrichtung an mir vorbei. Jetzt hupte auch der Busfahrer wie wild und machte unanständige Zeichen am Steuer, die ich aber ignorierte. Ich hielt Puddu fest im Blick und musste die Geschwindigkeit plötzlich verringern, als der Seat auf den Parkplatz eines Diskounters einbog. Hinter mir quietschten die Reifen des Busses über den Asphalt und das Hupen steigerte sich zu einem wilden Stakkato.

Dank der Handbremse brachte ich eine fast neunzig Grad Wende zustande und jagte rumpelnd ebenfalls auf den Parkplatz des Discounters. Millimeter vor einem Unterstand mit Einkaufswagen kam ich schließlich zum Stehen. Eine Frau sprang entsetzt zur Seite und stürmte dann laut fluchend in den Markt. Ich setzte meinen Wagen schnell zurück und verschwand in einer Parklücke zwischen zwei SUV, so dass Puddu mich nicht entdecken konnte. Zusätzlich rutschte ich hinter dem Lenkrad ein wenig nach unten.

Als Privatdetektiv und Personenschützer kannte ich schließlich alle Tricks, um unerkannt und unentdeckt zu bleiben.

In diesem Moment wurde ein Brief durch den Fensterschlitz auf meiner Seite geworfen. Ein junger Mann entfernte sich grinsend. Wieder einmal spielte ich mit dem Gedanken, dieses postgelbe, scheußliche Auto, in das irgendwelche Spaßvögel andauernd Briefe warfen, zu verkaufen und mir etwas Anständiges zu gönnen. Doch leider waren meine Versuche mit einem passenden Sportwagen gescheitert und bei dem Autohändler hatte ich Hausverbot, seitdem ich mit dem Porsche durch die Glasfront des Gebäudes gerauscht war.

Aus meiner - zugegebenermaßen genial - getarnten Position beobachtete ich, wie Puddu die alte Frau in das Geschäft führte. Was hatte der Mann jetzt vor? Musste die Oma vielleicht ihr letztes bisschen Bargeld opfern, damit der Dicke sich mit Lebensmitteln versorgen konnte? Es gab nur eine Art und Weise das herauszufinden: Ich musste mich persönlich in das Geschäft begeben und die zwei beobachten. „Du wartest hier, Bingo“, wies ich den Hund an und verschloss das Auto sorgfältig.

Mit einem Einkaufswagen bewaffnet, betrat ich schließlich den Discounter.

Zunächst konnte ich den Schnulzensänger und die alte Frau nirgends entdecken und, um nicht aufzufallen, füllte ich einige Sachen in den Wagen, die mir gerade in die Hände fielen. Dann endlich sah ich die Frau, wie sie mit ratlosem Gesicht vor einem Regal mit Nudeln stand. Puddu trat an ihre Seite und hielt eine Packung Spaghetti hoch. Die Frau nickte ergeben und der Gangster legte die Nudeln in den Einkaufswagen. Der Mann verhielt sich äußerst professionell und außer mir schien niemandem aufzufallen, was hier ablief. Ich näherte mich dem Pärchen und zückte unauffällig mein Handy für ein paar Beweisfotos.

„Darf ich denn bitte einmal vorbei?“, raunzte mich eine junge Frau an und quetschte sich mit ihrem Wagen an mir vorbei. „Was gibt es denn hier eigentlich zu fotografieren?“ Das sagte sie dermaßen laut, dass Puddu nun auf mich aufmerksam wurde und bevor ich in einem der Gänge verschwinden konnte, krallte er sich in meinen Wagen.

„Sie schon wieder?“, fuhr er mich an. „Sind sie nicht der, der auf unserem Balkon gestanden und fotografiert hat? Was soll das eigentlich, spionieren Sie mir hinterher? Wenn sie ein Foto von mir wollen, dann sollten sie mich einfach darum bitten. Ich bin ja schließlich ein berühmter Sänger ...“

Jetzt mischte sich die junge Frau wieder ein, die Puddu von oben bis unten ansah. „Sie sind ein berühmter Sänger? Ja, ich erkenne sie.“ Die Frau grinste und hob den Zeigefinger. „Sie haben sich ihren Bart abrasiert, sind sie inkoptikot hier?“

Puddu stöhnte. „Inkognito. Nein, bin ich nicht. Und einen Bart habe ich nie gehabt.“

Die junge Frau ließ nicht locker. „Sie sind dieser Pavarotti, stimmt’s?“

Wieder stöhnte der Schnulzensänger. „Nein, auch der bin ich nicht. Außerdem ist Luciano Pavarotti seit Zweitausendsieben tot.“

„Sind sie sicher?“ Die Frau sah den Sänger zweifelnd an. „Sind sie wirklich nicht Pavarotti?“

Ich versuchte Puddu den Wagen zu entreißen, doch er hielt ihn eisern fest.

„Mein Name ist Adriano Puddu, besser bekannt als Adrio Pu. Außerdem singe ich keine Opern, sondern Schlager.“

Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist doch alles dasselbe. Aber von einem Pu habe ich noch nie etwas gehört ...“ Sie blickte den Sänger von oben bis unten an und meinte dann: „Aber ich kenne Pu den Bär!“

„Den Bären“, korrigierte ich automatisch, was dummerweise alle wieder auf mich aufmerksam machte.

„Den Bären?“, echote die Frau.

„Ja, es heißt korrekt: Ich kenne Pu den Bären.“

„Ach, sie kennen den auch? Aber Pu den Bär kennt ja schließlich jeder.“ Mit dieser Erklärung drehte die Frau sich um und schob ihren Wagen weiter.

„Also, was soll das?“, beharrte Puddu. „Warum spionieren sie mir nach? Sind sie Stalker?“

Jetzt war es an mir, empört zu reagieren. „Ich bin Privatdetektiv und kein Stalker! Und ich beobachte sie schon eine ganze Weile. Erst versuchten sie es mit dem Enkeltrick und jetzt zwingen sie die arme alte Frau, hier für sie einzukaufen.“

Inzwischen hatte sich eine Gruppe von Menschen um uns herum gebildet und auch die junge Frau war zurückgekehrt. Ein Mann im weißen Kittel trat aus der Gruppe vor. „Diese Frau wird von dem Mann dort“, er zeigte auf Puddu, „gegen ihren Willen hier zum Einkaufen gezwungen? Ich bin der Geschäftsführer und habe mir gleich gedacht, dass etwas nicht stimmt. Die Polizei ist schon auf dem Weg hierhin. In unserem Geschäft dulden wir keine Enkel oder Stalker.“

„Enkelbetrüger“, stellte ich klar und zeigte auf Puddu. „Dieser Mann will die alte Dame um ihr Erspartes bringen. Er hat sie schon gezwungen, mit ihm in eine Sparkassenfiliale zu gehen!“

Um uns schloss sich der Kreis der Menschen enger, so dass Puddu nicht flüchten konnte.

„Es ist gut, dass sie die Polizei gerufen haben“, lobte ich als professioneller Detektiv den Filialleiter.

„Lassen sie uns bitte durch“, erklang eine barsche Stimme hinter uns. „Polizei, bitte machen sie Platz und gehen sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen.“ Dann folgten einige Sekunden Schweigen, bis die Stimme erneut erklang. „Was gibt es hier eigentlich?“

Die Menschen wichen zur Seite und zwei Polizisten drangen zu uns durch. „Wer hat uns gerufen?“

„Ich“, krähte der Filialleiter. „Dieser Mann dort hat die alte Frau in seine Gewalt gebracht und zwingt sie bei uns einzukaufen.“

Ich nickte. „Das kann ich bezeugen. Zuerst waren sie in der Sparkasse und dann sind beide schnurstracks hierhin. Es handelt sich um einen Enkelbetrüger!“

„Nun, das werden wir herausfinden. Sie kommen jetzt mit mir auf den Parkplatz. Wir werden dort eine Personenkontrolle durchführen!“

Gefolgt von einer Gruppe neugieriger Menschen geleiteten uns die Polizisten aus dem Diskounter heraus. „Und sie bleiben hier und kaufen weiter ein!“, herrschte der ältere der Beamten die Neugierigen an, die sich enttäuscht in die Gänge verteilten, uns aber weiter hinterhersahen.

„Ihre Papiere bitte. Und dann erklären sie mir einmal haargenau, worum es hier überhaupt geht.“ Er sah die alte Frau an und nickte ihr aufmunternd zu.

„Also, ich bin Privatdet...“, versuchte ich die Situation zu erläutern, wurde aber von dem Beamten unterbrochen.

„Sie sind jetzt still, ich will zuerst von der alten Frau erfahren, worum es geht.“

Beleidigt hielt ich meinen Mund.

„Es ist alles so ... merkwürdig“, begann die Alte und sah Puddu flehentlich an. „Aber dieser Kerl scheint uns zu verfolgen und fotografiert andauernd.“

„Beweisfotos“, entfuhr es mir. „Für den Enkeltrick.“

„Enkeltrick?“ Jetzt meldete sich der Sänger zu Wort. „Was für ein Enkeltrick?“

„Der, bei dem sie sich als Enkel ausgeben, um an das Ersparte der alten Frau zu kommen. Beim Enkeltrick gibt sich jemand als der Enkel aus, um so Geld zu erhalten.“

Adriano Puddu sah mich entgeistert an. „Aber ich bin doch gar nicht ihr Enkel.“

Jetzt grinste ich. „Ja genau, das ist der Trick dabei. Sie sind in Wirklichkeit nicht ihr Enkel.“

Der Polizist, der bisher unserem Wortwechsel schweigend zugehört hatte, hob die Hand und sah mich an. „Moment. Wie kommen sie darauf, dass dieser Mann“, er wies auf Puddu, „sich als Enkel dieser Frau“, er zeigte auf die alte Dame, „ausgibt?“

„Weil die beiden ursprünglich ein Liebespaar waren und dann zur Sparkasse gefahren sind“, gab ich meine Schlussfolgerungen zum Besten. „Dort zwang er sie, Geld abzuheben und nun sind beide hier.“

Puddu und die Alte stöhnte beide gleichzeitig laut auf. „Ich bin nicht ihr Enkel, sondern ihr Sohn“, erklärte der Sänger dann. „Kann man denn in diesem Land nicht einmal mit seiner Mutter einkaufen gehen?“

„Schwiegermutter“, ergänzte die Alte. „Oder besser Ex-Schwiegermutter.“

„Also ein Mutter- oder Schwiegermutter Trick?“, mutmaßte ich. Die Erklärungen der beiden verwirrten mich zusehends. „Oder besser noch Ex-Schwiegermutter Trick?“

Puddu verdrehte die Augen, was ihn für mich nicht sympathischer machte. „Hören sie“, er wandte sich an den Polizisten. „Diese Dame hier ist die Mutter meiner geschiedenen Frau, meiner Ex-Frau. Also meine Ex-Schwiegermutter. Mir ist völlig schleierhaft, warum dieser Idi...“, er verschluckte die Silbe, „warum dieser ... Mann uns hinterherspioniert. Ich besuche meine Ex-Schwiegermutter regelmäßig und helfe ihr im Haushalt und beim Einkaufen.“

„Sie sind also kein Liebespaar?“, versuchte ich die Angelegenheit verständlicher zu machen.

Der dicke Sänger schlug sich vor den Kopf. „Meine Güte, meine Ex-Schwiegermutter ist vierundachtzig Jahre alt und außerdem bin ich verheiratet. Was unterstellen sie mir eigentlich?“

Der Polizist sah mich streng an. „Ihren Ausweis bitte! Und jetzt bitte ich um eine Erklärung, warum sie diesen Mann verfolgen.“

Ich holte tief Luft und blickte in die Runde. „Mein Name ist Jonathan Lärpers und ich arbeite als Privatdetektiv für die Detektei Argus. Wir wurden von Frau Puddu beauftragt, herauszufinden, mit wem ihr Mann ein Verhältnis hat. Das ist schließlich unser Job.“

„Aber ich habe doch gar kein Verhältnis“, stöhnte Puddu. „Mit niemanden.“ Dann überlegte er eine Sekunde und gab zu: „Außer mit meiner Frau natürlich.“

Der Polizist gab mir meinen Ausweis zurück und legte Puddu eine Hand auf die Schulter. „Aber wie kommt ihre Frau dann zu der Annahme, dass sie ein Verhältnis haben könnten?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich ihr nicht gesagt habe, wo ich dienstags wirklich hingehe. Sie müssen wissen, meine Frau ist absolut dagegen, dass ich zu irgendjemandem aus meiner Ex-Familie Kontakt habe, doch seitdem meine Ex-Frau bei einem Unfall ums Leben kam, muss sich doch jemand um meine Ex-Schwiegermutter kümmern. Meine Frau macht mir immer eine Riesenszene, wenn ich von meiner Ex-Familie spreche.“

„Das sind mir zu viele Exen“, grinste ich, wusste aber, dass hier irgendetwas mächtig schiefgelaufen war. „Und sie sind sicher, dass sie kein Enkelbetrüger sind?“, forschte ich sicherheitshalber noch einmal nach, was mir aber von allen Anwesenden einen strengen Blick einbrachte.

„Also können wir die Angelegenheit als erledigt betrachten?“, ließ sich der Polizist nach einer Weile vernehmen. „Sie belästigen Herrn Purru nicht mehr und ...“

„Puddu“, fiel der Sänger dem Beamten ins Wort. „Adriano Puddu, besser bekannt als der berühmte Sänger Adrio Pu!“

„Pu?“, meinte der Polizist. „Na auch egal. Ich habe ihre Daten und erwarte“, er sah mich von der Seite an, „dass diese Angelegenheit hiermit beendet ist. Lassen sie weiteres Nachstellen, Herr Privatdetektiv, der Fall dürfte auch für sie abgeschlossen sein!“

Ich nickte, während ich verstohlen einen Blick auf meine Armbanduhr warf. Auch wenn die Sache nicht so ausgegangen war, wie ich es mir erhofft hatte, so knurrte mein Magen und einem umfangreichen Mittagsmahl bei Curry-Erwin stand eigentlich nichts mehr im Wege.

Doch was sollte ich eigentlich Frau Puddu berichten? Und was noch schlimmer war - wie würde der Bericht für meinen Freund und Chef Bernd Heisters aussehen müssen?

Doch darüber konnte ich mir nach dem Mittagessen noch genug Gedanken machen ...

III.

Wie immer, wenn ich die kleine Imbissbude meines Freundes Curry-Erwin in Mönchengladbach-Rheydt betrat, ließ der Gute alles stehen und liegen und stürmte mit freudestrahlendem Gesicht hinter seiner Theke hervor. Erwin legte seine mit Mayonnaise verschmierten Hände auf meine Schultern, drückte mir zwei freundschaftliche Küsschen auf die Wangen und sah mich grinsend an. Skeptisch betrachtete ich die fettigen Flecken auf meinem Hemd, doch bei der nächsten Wäsche würden die vermutlich wieder herausgehen.

Hoffentlich.

Bingo hatte ich draußen angebunden und ihm eingeschärft, auf mich zu warten. Der Malinois durfte nicht mit in die Frittenbude hinein und als Alternative bot Erwin eine Art Außengastronomie auf dem Gehweg an. Das wäre durchaus akzeptabel gewesen, zumal ja auch das Wetter mitspielte, doch Erwins Preise in dieser ‚Außengastronomie‘ waren horrend hoch, so dass ich meinen kleinen fellnasigen Freund lieber draußen warten ließ. „Zur Belohnung bringe ich dir etwas Leckeres mit“, informierte ich Bingo, der mir mit einem unwilligen Knurren antwortete.

Oder war es eher ein freudiger Laut, der mir seine Vorfreude auf das gute Essen mitteilen sollte?

Diesmal gab es in Erwins Verhalten eine neue Variante und er nahm mein Gesicht fest in beide Hände. Der Geruch von Senf, Ketchup, Mayonnaise und Schweiß drang in meine Nase und ließ meinen Magen in Erwartung des kulinarischen Genusses einen freudigen Hüpfer machen. Zumindest die ersten drei Gerüche, aber an Erwins permanenten Schweißgeruch hatte ich mich schon längst gewöhnt.

„Jonathan, es ist schön, dich wieder bei mir zu haben.“ Erwin hielt mein Gesicht immer noch fest und schüttelte leicht den Kopf. „Doch ich sehe dir an, dass irgendetwas nicht stimmt.“

Da hatte der feinfühlige Mann vollkommen Recht. Nach meinem Fiasko mit dem Schnulzensänger ging es mir gar nicht sonderlich gut und der garantiert auf mich zukommende Ärger schnürte mir die Kehle zusammen.

Gut, dass es mir noch nicht den Magen zuschnürte ...

„Ach Erwin“, seufzte ich und spürte, wie mein Freund seine glitschigen Hände von meinen Wangen zog. „Heute ist ein richtig mieser Tag.“

Erwin stupste mich mit der Faust unter dem Kinn an und diesmal meinte ich einen Hauch von Desinfektionsmitteln zu riechen. Seitdem Erwin gesteigerten Wert auf Hygiene legte und einen zusätzlichen Spender mit irgendeiner desinfizierenden Lösung auf seiner Theke stehen hatte, schmeckten Currywurst und Pommes manchmal nach Lösungsmitteln.

Aber nur manchmal.

„Kopf hoch, Jonathan. Egal was dich bedrückt, zeige der Welt ein Lächeln. Denk an Charlie Chaplin und ‚Smile‘.“

„Smile?“, fragte ich. „Wieso soll ich an diesen Chaplin denken und lächeln?“

Mein Freund schüttelte den Kopf und wuselte zurück hinter seine Theke. Ein älterer Mann, der schon ungeduldig gewartet hatte, deutete auf ein Schälchen, das vor Erwin stand. „Hallo, meine Pommes dürften inzwischen kalt sein. Sie können doch nicht einfach mitten im Bedienvorgang weglaufen!“

Erwin sah den Mann sinnend an. „Hmm. Sie haben doch gesehen, dass ich das kann. Aber wissen sie was? Als kleine Entschuldigung erhalten sie eine Portion Mayonnaise gratis von mir.“ Curry-Erwin hielt die Schale mit den erkalteten Pommes unter einen der Spender und drückte schwungvoll auf den Hebel. Eine durchsichtige Flüssigkeit schoss heraus und der penetrante Geruch nach dem Desinfektionsmittel erfüllte plötzlich den Raum.

„Macht acht Euro dreißig“, grinste der Imbissbesitzer, während er dem Alten das Schälchen hinschob.

Dann wandte er sich wieder an mich: „Also, Jonathan. Du sollst nicht an Charlie Chaplin denken, sondern an das Lied, das er geschrieben hat. Hast du denn nie den Film ‚Moderne Zeiten‘ gesehen? Der Text kam übrigens erst später hinzu und wurde von Turner und Parsons geschrieben. Aber es trifft deine Situation auf den Punkt: lächle.“

„Ja danke, Erwin. Moderne Zeiten habe ich genug und nach lächeln ist mir im Moment nicht zumute. Weißt du, ich musste da heute einen Schlagersä...“

Erwin unterbrach mich nickend. „Ja, furchtbar, Jonathan. Aber lass uns zum Wesentlichen kommen, du siehst ja, dass ich Gäste habe und gleich ist Mittagszeit, da wird es hier rappelvoll. Also, was kann ich dir Gutes zu essen anbieten? Und möchtest du ein Bier dazu?“

Ich überlegte. Sollte ich mir heute mein Standardessen, eine Currywurst mit Pommes Frites und reichlich Mayonnaise leisten? Oder doch lieber etwas Besonderes?

Erwin, der meine Unentschlossenheit bemerkte, zeigte wieder einmal, dass er ein wahrer Freund war. „Also, wenn du dich nicht entscheiden kannst, Jonathan, dann verlass dich ruhig auf den guten Erwin. Ich habe genau das Richtige, um dich wieder aufzumuntern. Stell dich zu dem alten Mann dort, ich bringe dir sofort dein Essen.“

„Und eine Cola bitte, kein Bier. Ich brauche heute noch einen klaren Kopf.“

„Marschiert, Jonathan.“ Erwin zwinkerte mir zu. „Zwei Minuten und dieses Lokal wird wieder einen glücklichen und zufriedenen Kunden sehen!“

„Jetzt schauen sie sich doch mal diese Sauerei an“, begrüßte mich der alte Mann, der lustlos in seinen Pommes herumstocherte. „Das ist doch nie im Leben Mayonnaise! Viel zu dünn und stinkt nach Lösungsmittel. Wollen sie mal probieren?“

Ich hob abwehrend die Hände. „Nein danke. Vermutlich hat Erwin lediglich den falschen Spender erwischt und statt der Mayonnaise sein Desinfektionsmittel auf die Pommes getan. Sie sollten das reklamieren.“

Der Alte nickte. „Genau das werde ich tun. Außerdem sind die Pommes kalt. Die schmecken doch nicht mehr!“ Er nahm sein Schälchen und ging zur Theke, hinter der Erwin geschäftig hin- und her wuselte. Neugierig lauschte ich dem Gespräch.

„Hallo, Herr Koch. Das hier ist keine Mayonnaise auf den Pommes. Der Alte schob die Schale über die Theke. Erwin nahm sie auf und roch daran.

Ich musste nun doch lächeln. Smile. Hmm, mir war klar, dass mein großzügiger Freund diese Kundenreklamation auch großzügig und kulant behandeln würde. Der Mann hatte genau richtig gehandelt. Und wirklich: Erwin zeigte sich großzügig.

„Sie haben vollkommen Recht“, lächelte er und kramte in einer Schublade herum. „Ich Schussel habe mich wieder einmal mit dem Spender vertan. Entschuldigen sie bitte, das werde ich umgehend korrigieren.“

Der Alte grinste. „Entschuldigung angenommen. Und die Pommes waren auch ganz kalt.“

„Auch das wird sofort behoben“, verkündete Erwin jovial und hielt ein Feuerzeug an die Pommesschale. Eine Stichflamme schoss hoch, verlosch aber sofort wieder. Erwin hielt die Schale unter einen weiteren Spender auf seiner Theke, dann reichte er sie dem Mann zurück. „So, sehen sie. Jetzt sind die Pommes warm und Mayonnaise haben sie diesmal auch.“

Der Alte betrachtete die Schale skeptisch. „Das ist keine Mayonnaise, das ist Senf“, keuchte er dann.

„Senf ist genauso gut wie Mayonnaise“, trompete Erwin und jetzt klang sein Ton ein wenig drohend. „Senf ist sogar noch besser! Außerdem haben sie jetzt Mayonnaise und Senf bekommen, mit ihren Sonderwünschen ruinieren sie mich noch.“

Der Alte murrte leise: „Desinfektionsmittel und Senf“, kehrte aber mit seiner Schale an unseren Tisch zurück.

„Senf ist wirklich besser als Mayo“, bestätigte ich wider besseres Wissen die Worte meines Freundes. Wir Liebhaber kulinarischer Speisen mussten schließlich zusammenhalten und ich konnte Erwin ja schlecht in den Rücken fallen.

„Außerdem sind die Pommes jetzt verbrannt. Sehen sie hier, total schwarz.“ Der alte Mann stocherte mit seinem Gäbelchen in dem Senf herum und hob eine schlabbrige, schwarze Pommes heraus.

„Ich sehe nur Senf“, gab ich zu bedenken und der Alte wischte mit den Fingern so lange an dem Stäbchen herum, bis kein Senf mehr daran klebte. In der Tat war die Pommes ziemlich verbrannt.

„Aber immerhin ist sie jetzt warm“, versuchte ich die Situation zu retten. Zum Glück trat nun Erwin an unseren Tisch und stellte einen runden Plastikteller vor mich hin.

„So, Jonathan. Dein Smile Menü. Lass es dir schmecken!“

Ich betrachtete den Teller, aus dem mich ein Gesicht fröhlich angrinste. Erwin hatte wieder einmal sein hervorragendes Talent bewiesen und schaffte es wirklich, mich zum Lächeln zu bringen. Die Augen des Gesichts auf dem Teller wurden durch zwei Tomatenscheiben gebildet, die Nase stellte eine Essiggurke dar und der lächelnde Mund bestand aus liebevoll drapierter Mayonnaise. Wahrlich ein Meisterwerk!

Leider konnte ich weder Pommes noch Wurst entdecken.

„Erwin, du hast dich selbst übertroffen“, schmeichelte ich dem Imbissbesitzer. „Wo aber sind die Pommes Frites? Und wo ist die Wurst?“

Erwin zwinkerte mir zu. „Jonathan, dies ist ein Smile-Menü. Vegan. Es ist bewiesen, dass Rohkost sich positiv auf die menschliche Psyche auswirkt. Da bedarf es keiner Wurst. Iss einfach und dann wirst du ja sehen ...“

In diesem Moment betrat eine Gruppe von Bauarbeitern lärmend und johlend den Imbiss und Erwin eilte hinter seine Verkaufstheke zurück. Jetzt begann das Mittagsgeschäft und mein Freund hatte alle Hände voll zu tun.

In einem unbeobachteten Moment entsorgten der alte Mann und ich unsere Essen in seltener Eintracht im Mülleimer.

Geduldig stellte ich mich an der Schlange der Bauarbeiter an, die jetzt einen Flachmann herumgehen ließen. Zwischendurch leerten sie in für mich ungewohnter Geschwindigkeit die ein- oder andere Bierflasche, die Erwin geschwind wieder gegen volle auswechselte.

Endlich begaben sich die Männer mit ihren Frittenschälchen zu einem der Tische, um dort lautstark weiter zu palavern.

Erwin sah ihnen grinsend hinterher. „Ja, so sind sie, unsere Mönchengladbacher Werkschaffenden.“ Dann wurde er ernst: „Und, Jonathan? Hat dir das Smile-Menü geschmeckt?“

„Hervorragend Erwin“, log ich. „Du glaubst gar nicht, wie schnell das Essen weg war.“ Angesichts des raschen Verschwindens im Mülleimer musste ich nicht einmal lügen.

„Macht dann siebenundzwanzig Euro achtzig“, verkündete mein Freund. „Mit der Cola zusammen.“

„Äh, Erwin, die Cola hattest du ganz vergessen. Ich habe keine bekommen!“

„Dafür denke ich ja jetzt daran. Sei nicht so kleinlich, Jonathan. Schließlich habe ich für die Smile-Kreation den ganzen Vormittag in der Küche gestanden.“

„Ich brauche aber noch etwas Spezielles“, orderte ich. „Kannst du mir zwei rohe Bratwürste kleinschneiden und in ein Schälchen tun?“

Curry- Erwin sah mich irritiert an. „Zwei rohe Bratwürste? Willst du die dir etwa zu Hause braten?“

Ich lachte. „Nein, mein Freund. Die sind für Bingo.“

„Bingo? Meinst du den Kö... Hund?“

„Genau. Der Malinois. Er muss doch schließlich auch etwas zu fressen bekommen.“

Erwin nickte verstehend. „Ja, so ein Hund ist teuer. Du weißt doch hoffentlich, dass ich rohe Bratwürste nicht zum Normalpreis abgeben kann?“

„Nicht zum Normalpreis?“ Ich freute mich. Mein guter Freund Erwin würde mir die Würstchen günstiger lassen. „Gerne, Erwin. Du bist ein wirklicher Freund.“

Erwin schüttelte den Kopf. „Eine rohe Bratwurst ist nicht gebraten, deswe...“

„Das ist mir klar, Erwin“, unterbrach ich ihn und lachte.

„Deswegen kosten sie das Doppelte von einer normalen Bratwurst“, ließ der Imbissbesitzer sich nicht aus der Ruhe bringen und schob eine Schale mit kleingeschnittenen Würstchen über die Theke.

Zähneknirschend bezahlte ich die Wurst, wurde aber nachher dadurch belohnt, dass Bingo sie mit einigermaßen Genuss fraß.

IV.

Ein wenig zu forsch bog ich auf den Parkplatz vor Bernds Krav Maga Studio und hätte fast einen dort parkenden Wagen tranchiert. Doch dank meiner schnellen Reaktion schlitterte ich nur Millimeter an dem Wagen vorbei. Mit quietschenden Reifen kam ich genau auf einem freien Platz zum Stehen. Profifahrer bleibt halt Profifahrer.

Während der Fahrt hier zum Studio hatte ich mir Gedanken gemacht, wie ich Bernd die Sache mit dem Schnulzensänger erklären könnte, ohne ein allzu schlechtes Licht auf mich selbst fallen zu lassen. Leider fiel mir nichts Passendes dazu ein und so nahm ich mir vor, einfach zu improvisieren.

Jennifer, unser Mädchen für alles, stand hinter der Empfangstheke und sah mir mit gerunzelter Stirn entgegen. Ihre langen blonden Haare fielen lose auf die Schultern und im Licht der Sonne kam sie mir vor wie ein Engel.

Bingo stürmte auch sofort auf sie zu und verschwand hinter der Theke. Für einem Moment beugte Jenny sich herunter und ich hörte den Malinois wohlig grunzen. Dann richtete die Blonde sich wieder auf und fixierte mich mit ihrem Blick.

„Hallo Jonathan. Sag mal, was sollte das denn für eine Aktion werden?“

Ich fühlte mich sofort ertappt. Hatte sich die Angelegenheit mit Puddu denn schon herumgesprochen? „Tja, das ging irgend...“, versuchte ich eine lahme Erklärung, doch Jenny unterbrach mich.

„Du weißt aber wohl, dass der Parkplatz keine Rennstrecke ist, oder Jonathan?“

Ich atmete auf. Offensichtlich meinte Jennifer den Beinahe-Unfall auf dem Parkplatz. „Ach, das meinst du, ich dachte, du spielst auf... Ja, ich bin ein wenig zu forsch in die Kurve gegangen. Aber es ist ja nichts passiert.“

Jennifer sah mich prüfend an. „Was dachtest du, worauf ich anspiele?“

„Nichts. Ist Bernd in seinem Büro?“

„Lenk nicht ab, Jonathan Lärpers“, wies Jenny mich mit erhobenem Zeigefinger zurecht. „Was meintest du nun wirklich? Raus mit der Sprache!“

So, wie die Blonde mich jetzt mit ihrem bohrenden Blick ansah, blieb mir nur noch die Option, bei der Wahrheit zu bleiben. Ich hob beschwichtigend die Hände. „Es ist wegen der Observation dieses Schnulzensängers Adriano Puddu. Es hat sich herausgestellt, dass der Mann doch kein Verhältnis mit einer anderen Frau hat.“ Ich lachte und sah Jenny verschmitzt an. „Und auch nicht mit einem anderen Mann. Haha.“

„Ja, haha“, gab Jenny von sich. „Du hast es mal wieder verbockt, stimmt’s Jonathan? Wird sich der Kunde beschweren?“

„Also, Puddu ist ja eigentlich nicht unser Kunde ...“, gab ich lahm von mir, nickte dann aber mit gesenktem Blick.

„Na, dann lass dir mal eine Entschuldigung für Bernd einfallen“, meinte sie achselzuckend und verschwand wieder hinter der Theke. Ich konnte mir vorstellen, wie sie gerade Bingo den Bauch kraulte, der garantiert auf dem Rücken lag und ihre Zärtlichkeiten genoss. „Sei froh, dass Bernd momentan nicht erreichbar ist. Da war nämlich vorhin wirklich ein Anruf für ihn, doch der Mann wollte mir nicht sagen, worum es ging. Der hat nicht einmal seinen Namen genannt, aber er war ziemlich wütend.“

„Ja, das war vermutlich Puddu“, erklärte ich. „Bernd ist nicht erreichbar?“ Das gab mir noch eine gewisse Frist, in der ich mir entsprechende Ausreden ausdenken konnte.

Jenny tauchte wieder aus der Versenkung auf. „Bernd ist mit einem neuen Kunden hier im Studio, beziehungsweise drüben in der Detektei unterwegs. Scheint eine ziemlich große Sache zu sein, vielleicht ein neuer Auftraggeber.“

„Hoffentlich keine Observierungsaufträge.“ Ich hob meine flache Hand über den Kopf. „Die stehen mir nämlich inzwischen bis hier. Hat sich denn Oberstaatsanwalt Eberson nicht gemeldet? Ein Auftrag von ihm wäre jetzt genau nach meinem Geschmack.“

Jennifer lachte. „Jonathan, Jonathan. Wir können uns das nicht aussuchen, wie du vielleicht weißt. Immerhin müssen wir alle unsere Brötchen verdienen. Ich denke aber, dass Bernd uns zu gegebener Zeit informieren wird.“

„Ja, bestimmt“, knurrte ich. „Vielleicht können dann ja Christine oder Birgit diese Beschattungen übernehmen. Ich gehe jetzt mal in mein Büro ...“

„Tu das, Jonathan. Aber schlaf nicht wieder hinter deinem Schreibtisch ein. Denk daran, dass Bernd mit dem Kunden im Haus unterwegs ist. Außerdem hat er für fünfzehn Uhr ein Treffen im Planungsraum angesetzt.“

„Ich schlafe nie an meinem Schreibtisch“, erklärte ich indigniert. „Meistens denke ich über meine Aufträge nach ...“

„Was du regelmäßig mit einem Schnarchen kundtust, ich weiß“, lachte die Blonde und beugte sich erneut zu Bingo herab.

„Liebe Jennifer Enssel, du tust mir unrecht ... Worum geht es denn bei dem Meeting? Hat Bernd da schon etwas verlauten lassen?“

Jennys Stimme klang hinter dem Tresen hervor: „Es geht um die kommenden Feiertage und eine Feuerwehrübung danach. Fünfzehn Uhr, Jonathan. Sei bitte pünktlich!“

Ich wandte mich zum Ausgang. Die verbleibende Zeit bis zum Meeting würde ich damit verbringen, über den vergangenen Auftrag nachzudenken. Ich sollte dabei vielleicht meine Bürotür abschließen, um nicht von Bernd und seinem neuen Kunden überrascht zu werden ... „Komm, Bingo, wir gehen ins Büro.“ Ich hielt die Eingangstür auf und wartete darauf, dass der Malinois an mir vorbeistürmen würde, doch der Hund regte sich nicht. „Bingo, komm schon, wir wollen gehen.“

Nichts.

„Lass Bingo ruhig bei mir, Jonathan“, meldete sich Jennifer. „Du kannst ihn ja nach dem Meeting abholen.“

Achselzuckend ging ich zu meinem Wagen. Soviel zu ‚Ein Mann und sein Hund‘. Wirkliche Treue sah anders aus.

Die Detektei, ein Gebäude wenige Straßen vom Krav Maga Studio entfernt, war früher das Domizil einer Firma gewesen, die auf das Digitalisieren von Schriftstücken spezialisiert war. Nachdem der Inhaber die Firma heruntergewirtschaftet hatte, konnte Bernd das Gebäude günstig erwerben. Jetzt befand sich dort unsere Detektei ‚Argus‘, was hauptsächlich bedeutete, dass Christine, Birgit und ich dort unsere Büros hatten.

Sorgfältig - und diesmal nicht mit überhöhter Geschwindigkeit - parkte ich meinen postgelben Kia Venga auf dem Seitenstreifen und vergewisserte mich, dass alle Fenster geschlossen waren. Zu oft hatten irgendwelche Spaßvögel schon Briefe in den Wagen geworfen. Wieder einmal dachte ich daran, mir endlich einen anderen Wagen zuzulegen, doch nachdem der Kauf eines Porsche so grandios fehlgeschlagen war, wusste ich noch nicht, was für ein Fahrzeug für mich angemessen sein würde. Vielleicht ein Roadster oder doch lieber ein SUV?

Die Detektei lag verlassen da und die Eingangstüre fand ich fest verschlossen vor. Umso besser, so konnte ich in Ruhe über den Fall Puddu nachdenken ... Bevor ich mich in meinem Bürosessel zurücklehnte, stellte ich am Computer vorsichtshalber die Uhr, so dass sie mich um fünfzehn Minuten vor dem Meeting informieren würde. Sicher war halt sicher ...

Ich schreckte hoch, als etwas Feuchtes durch mein Gesicht wischte. Im ersten Moment dachte ich, dass Bingo es mit seiner langen Zunge wäre, doch dann hörte ich leises Frauenlachen.

„Ich habe doch gesagt, dass er schläft“, vernahm ich Birgits Stimme. „Die Wette habe ich gewonnen, Chrissi. Macht zwanzig Euro.“

Ich öffnete die Augen und sah Birgit Zickler, jetzt wirklich die ‚Zicke‘ mit einem nassen Waschlappen vor meinem Gesicht herumfuchteln.

„Ich habe nicht geschlafen“, murrte ich und stieß ihren Arm zur Seite. „Nur nachgedacht.“

Christine stand neben der Tür und lächelte. „Gut geschlafen, Jonathan? In zwanzig Minuten beginnt das Meeting. Du bist doch informiert?“

In diesem Moment plärrte die Weckfunktion meines Computers los und ich beeilte mich, den schrillen Ton abzustellen. Beide Frauen verließen laut lachend mein Büro. „Danke, sehr kollegial“, rief ich ihnen hinterher. Und: „Ich habe wirklich nicht geschlafen ...“ Doch das glaubte ich eigentlich selber nicht.

Pünktlich erschien ich im Planungsraum, in dem Christine und Birgit schon auf ihren Plätzen saßen und sich angeregt unterhielten. Ich nickte ihnen kurz zu, sagte aber nichts. Die zwei ließen sich auch durch mich nicht weiter stören und aus ihren Worten vernahm ich, dass es um das kommende Wochenende ging. Die beiden Frauen planten irgendeine Kurzreise, an der auch Jennifer teilnehmen würde.

„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte ich schließlich doch, als meine Neugier siegte.

Christine lächelte. „In die Lagunenstadt, Jonathan. Und bevor du fragst: Nein, Männer sind nicht zugelassen. Es wird eine reine Mädelsreise.“

Lagunenstadt? Ich überlegte. Was sollte eine ‚Lagune‘ sein? Unauffällig zog ich mein Handy zu Rate und fand dort eine Erklärung: ‚Vom offenen Meer durch einen natürlich abgetrennten Streifen Land abgetrenntes Wasser.‘ Ich grinste. Chrissi hätte auch einfach ‚Insel‘ sagen können, wenn sie das gemeint hat, doch die Kleine tat immer schon gerne geheimnisvoll. Aber auf welche Insel würden die drei reisen? Eigentlich gab es da ja nur ein Ziel. „Sylt“, schoss es aus mir hervor und ich zeigte den beiden mein gewinnendstes Lächeln.

Birgit schüttelte den Kopf. „Sylt? Wie kommst du denn darauf, Jonathan? Und lass doch bitte dieses dämliche Grinsen ...“

„Venedig“, fiel jetzt Christine ein. „Venedig wird auch die ‚Lagunenstadt‘ genannt. Wegen der vielen Kanäle.“

Wieder half mir mein Handy, denn so leicht wollte ich mich nicht geschlagen geben. Und ich wurde fündig: „Du hättest ja direkt ‚Venedig‘ sagen können. Ueckermünde ist nämlich auch eine Lagunenstadt. Woher sollte ich wissen, wovon die Damen sprechen?“

„Aber Sylt ist keine Lagunenstadt“, wusste Birgit es wieder einmal besser. „Sylt ist eine Insel.“

In diesem Moment betrat Jennifer den Raum, dicht gefolgt von Bingo, was mich zum Glück einer Antwort enthob. „Jennifer, da bist du ja“, gab ich überflüssiger Weise von mir und schaute neugierig auf das Tablett, das sie in beiden Händen hielt. Neben einer Thermoskanne standen dort zwei große Teller mit Kuchen. Besonders der Sahnekuchen erregte meine Aufmerksamkeit. „Du weißt, wie du uns verwöhnen kannst“, schmeichelte ich der Blonden und überlegte, ob jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, sie zum Essen einzuladen. Als Birgit mich mit einem süffisanten Grinsen ansah, ließ ich den Gedanken rasch fallen.

„Bernd lässt sich entschuldigen“, meinte Jenny und stellte Kuchen und Kanne auf den Tisch. „Er telefoniert noch und wird ein paar Minuten später kommen.“ Sie blickte mich von der Seite an und fügte hinzu: „Er spricht gerade mit einem Herrn Adriano Puddu.“

„Ist das der Sänger, den Jonathan observiert hat?“, ließ sich Birgit vorlaut vernehmen. Jennifer nickte, während Christine sich erhob.

„Ich besorge uns ein paar Becher und Kuchenteller. Für dich auch, Jonathan?“

Ich überlegte, ob ich überhaupt einen Teller brauchte und nicht direkt einen der beiden mit dem Kuchen an mich heranziehen sollte. Auf jedem befanden sich vier Stücke und für Chrissi und Birgit dürften doch jeweils zwei genügen ...

„Jonathan, bist du eingeschlafen?“ Christine riss mich aus meinen Gedanken. „Willst du nun auch einen Kaffeebecher oder lieber doch nicht?“

„Natürlich will ich. Und vergiss die Kuchengabeln nicht ...“

Während Chrissi den Raum verließ, zog ich den Teller mit dem Sahnekuchen zu mir heran. Jennifers strafenden Blick ignorierte ich, bis Birgit mich anfuhr: „Stell den Kuchen sofort wieder in die Mitte zurück, Jonathan. Andere wollen auch etwas davon abbekommen!“

Ich nickte, doch dann kam mir ein Gedanke. Beim Anblick des Sahnekuchens musste ich unwillkürlich an den alten Herrn Weser denken, der sein Stück Kuchen bei einem Kaffeekränzchen in seiner Küche ‚gekennzeichnet‘ hatte. Mein Stück würde mir niemand streitig machen ...

In echter Weser-Manier steckte ich den rechten Mittelfinger in ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte und hinterließ dort ein gut sichtbares Loch. Genüsslich leckte ich mir den Finger anschließend ab.

„Iihh, Jonathan, du bist ein echtes Ferkel“, ließ sich Jennifer vernehmen und rasch zog sie den Teller von mir fort. „Wie kommst du bloß immer auf solche abartigen Ideen?“

„Das habe ich von Herrn Weser“, gab ich beleidigt von mir. „Der kennzeichnet seinen Kuchen auch immer so ...“

Jennifer schüttelte den Kopf. „Was Herr Weser macht, musst du doch nicht nachmachen. Ich denke, du kannst den Mann nicht leiden? Außerdem ist Weser doch wesentlich älter als du, da darf man schon einmal seine Marotten haben.“

Aus den Augenwinkeln sah ich Christine, die in der Tür stand und uns stirnrunzelnd beobachtete. „Habe ich das jetzt richtig mitbekommen? Jonathan hat seinen Finger in das Stück Kuchen gesteckt?“

„Ganz wie Herr Weser“, gab ich jetzt kleinlaut von mir. Die Idee mit der Kennzeichnung war wohl doch nicht so gut gewesen.

Während Christine Becher, Kuchenteller und Gabeln verteilte, betrat Bernd mit ernster Miene den Raum. Er sah mich kurz an, meinte lapidar: „Jonathan, wir müssen uns später noch unterhalten“ und eilte zu seinem Platz am Kopf des Tisches. Jennifer schenkte ihm Kaffee ein und stellte die Kanne dann außerhalb meiner Reichweite auf den Tisch.

Bernd nickte ihr dankbar zu und zeigte auf seinen Kuchenteller. „Kannst du mir das Stück Schwarzwälder darauf tun? Wieso hat das so ein Loch in der Mitte?“

„Jonathan meinte, es kennzeichnen zu müssen“, ließ Birgit sich vernehmen und ich spürte, wie ich ein wenig rot im Gesicht wurde.

„Kennzeichnen?“ Bernd betrachtete das Stück auf dem Teller vor sich. „Wie - kennzeichnen?“

Wieder war es Birgit, die ihm antwortete: „Jonathan hat seinen Finger in den Kuchen gesteckt, um ihn für sich zu kennzeichnen.“

Erneut sah mich Bernd an und sein Blick war wenig schmeichelhaft. „Was soll das denn, Jonathan? Ein Stück Kuchen kennzeichnen? Hast du Angst, nicht genug abzubekommen? Hier“, er schob mir den Teller hin. „Ich will dir ja nicht dein Stück wegessen.“

„Also Bernd, das ... das ...“ Verlegen schwieg ich und blickte auf den Tisch vor mir, während sich der Teller mit dem Sahnestück in mein Sichtfeld schob.

„Gut, kommen wir zum Grund unseres heutigen Meetings“, ließ sich mein Freund und Chef vernehmen, während Jennifer nun den gesamten Kuchen an Birgit, Christine und Bernd verteilte. Sollte mir wirklich nur dieses eine, ramponierte Stück bleiben? Und wo war meine Gabel? Vergeblich suchte ich nach der Kuchengabel.

„Ich werde euch nicht lange aufhalten“, fuhr Bernd fort und ließ sich ein Stück Torte mit Karamellnüssen schmecken. Das war eigentlich das zweite Stück, das ich mir ausgesucht hatte ...

„Es geht um die kommenden Ostertage und den Dienstag danach. Momentan haben wir hier nicht sonderlich viel zu tun - was auch den Feiertagen geschuldet ist - und so möchte ich die Gelegenheit für einige dringend notwendige Renovierungsarbeiten nutzen.“

Ich stöhnte verhalten. Sollte ich nun vielleicht während der Feiertage mein Büro neu streichen? Bernd kam aber auf die merkwürdigsten Ideen ...

„Das bedeutet, dass ich hier ab Morgen bis einschließlich Dienstag alles dicht machen werde, was für euch einem bezahlten Kurzurlaub entspricht.“

Ich atmete auf. Doch keine Zusatzarbeit für mich, stattdessen ein Kurzurlaub. Wie die Mädels auch könnte ich mit meinem treuen Partner Bingo eine Reise antreten. In Gedanken ging ich die verschiedenen Ziele durch. Amerika strich ich allerdings von meiner Liste, da ich mit Bingo bei der Einreise Probleme haben dürfte.

„Jonathan - Jonathan?“, vernahm ich Bernds Stimme und blickte auf. „Hörst du überhaupt noch zu. Und warum isst du deinen Kuchen nicht?“

„Ich höre zu und ich habe keine Gabel.“

Birgit hielt mir eine Kuchengabel quer über den Tisch hin. „Hier nimm die.“ Überall klebten Sahnereste daran.

„Ist die gebraucht?“

Birgit nickte. „Passt doch irgendwie zu deinem Kuchen ...“

„Also, Jonathan, wovon sprach ich zuletzt?“, meldete Bernd sich wieder zu Wort.

Ich überlegte. „Vom Kurzurlaub?“ gab ich leise von mir und merkte, wie Chrissi und Birgit grinsten.

„Nein, Jonathan. Ich sprach von dem Mittwoch nach eurem Urlaub. Aber für dich wiederhole ich mich gerne noch einmal: Ich möchte, dass ihr alle pünktlich um acht Uhr im Krav Maga Studio seid. Wir halten auf dem Parkplatz eine Feuerwehrübung ab, dazu wird extra ein Feuerwehrmann der Wache in Rheydt zu uns kommen. Es geht um Brandschutz und Brandbekämpfung. Und ich möchte nicht, dass jemand von euch unpünktlich ist.“

Aus einem Reflex heraus - und weil ich mich auf den Urlaub mit Bingo so freute - sprang ich auf, legte die rechte Hand zum Gruß an die Stirn und gab mit fester Stimme von mir: „Qui mon Feuerwehrgeneral.“ Dann wurde mir von der plötzlichen Bewegung ein wenig schwindelig und ich stützte mich mit der Hand auf dem Tisch auf. Dummerweise fasste ich dabei genau in meinen Sahnekuchen.

Nahezu gleichzeitig schüttelten Bernd, Chrissi, Jennifer und Birgit ihre Köpfe.

V.

Direkt nachdem Bernd das Meeting als beendet erklärt hatte, stürmte ich in mein Büro zurück. Jetzt galt es, möglichst schnell ein Zimmer zu buchen, damit Bingo und ich unseren Kurzurlaub genießen konnten.

Natürlich nahm ich das ramponierte Stück Sahnekuchen mit.

„Jonathan, wo willst du so schnell hin? Wir woll...“, hörte ich Bernd noch sagen, doch dann war ich schon durch die Tür. Was immer Bernd noch von mir wollte, würde warten müssen.

Ich stellte das Stück Kuchen vor mich auf den Schreibtisch und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Gut, das Loch oben in der Mitte und der zermatschte vordere Teil störten den leckeren Anblick ein wenig, doch wie sich gezeigt hatte, war meine Kennzeichnung sinnvoll gewesen. Von dem alten Weser konnte man wirklich noch etwas lernen.

In den Schreibtischschubladen suchte ich nach einer Gabel oder einem Löffel, fand aber nichts dergleichen. Ich würde also noch in unsere kleine Kaffeeküche gehen müssen, um mir Besteck zu besorgen. Andererseits sollte ich so schnell wie möglich ein Zimmer buchen, denn mir war klar, dass die Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten über die Ostertage nicht gering sein würde. Mein Blick wanderte zwischen dem Kuchenstück und dem Telefon hin und her. Ich würde mich entscheiden und Prioritäten setzen müssen.

Doch dann kam mir ein wundervoller Gedanke, eine richtige Jonathan Lärpers Idee, wie ich um eine Entscheidung herumkam.

In dem Moment, als ich mit der rechten Hand die Nummer ins Telefon tippte und mir mit der linken Hand das Kuchenstück in den Mund stopfte, betrat Bernd mein Büro.

Er blieb im Türrahmen stehen und sah mich verwundert an. „Das glaube ich jetzt nicht“, stöhnte mein Freund und Chef. „Erst bohrst du ein Loch in das Kuchenstück und dann schlingst du es mit bloßen Fingern herunter? Hast du das auch von Weser?“

Ich schüttelte den Kopf und kaute ein wenig schneller, um meinem Freund Rede und Antwort zu stehen. Dabei verschluckte ich mich allerdings und etwas von dem Sahnekuchen landete wieder auf meinem Schreibtisch.

Aus dem Telefonhörer drang eine Stimme, die irgendetwas auf Holländisch sagte und als ich nicht antworten konnte, unwillig die Verbindung unterbrach. Ich legte den Hörer aus der Hand und suchte nach einem Papiertaschentuch, um die Sahne abzuwischen.

Bernd sah mir derweilen kopfschüttelnd zu.

„Ich hatte doch keine Gabel ...“, konnte ich schließlich erklären und nahm dankbar das angebotene Taschentuch.

„Wenn du möchtest, dann hole ich dir eine aus der Küche“, meinte Bernd ernst.

„Danke, das ist sehr lieb von dir, doch jetzt ist das Stück ja gegessen.“ Ich überlegte, ob - falls Bernd wirklich in die Kaffeeküche gehen sollte - er mir nicht direkt einen Kaffee mitbringen sollte, doch er schüttelte lediglich tadeln den Kopf.

„Jonathan, es gibt da ein paar Dinge, die du unbedingt ändern solltest“, meinte er streng. „Dazu gehören natürlich deine Essmanieren und diese dämlichen Angewohnheiten, die du dir bei Herrn Weser abgeguckt hast. Aber deswegen wollte ich nicht mit dir sprechen.“

Ich atmete erleichtert auf und überlegte, worauf Bernd hinauswollte. Vielleicht plante er ja einen ‚Männerurlaub‘, so wie die Frauen ihren Mädelsurlaub. Ich lächelte meinen Freund selig an.

„Und gewöhn dir bitte dieses dämliche Grinsen ab, das ist ja kaum zum Aushalten. Ich muss mit dir wegen deines Auftrages sprechen. Adriano Puddu, auch Adrio Pu. Du erinnerst dich doch an den Sänger?“

Ich nickte. Also doch kein ‚Männerurlaub‘ ...

„Es hat massive Beschwerden wegen deines Verhaltens gegeben, Jonathan. Du musst solche diffizilen Aufträge mit mehr Fingerspitzengefühl handhaben. Solche Aktionen, wie du sie in dem Supermarkt abgezogen hast, schaden unserem Image. Ich habe die Sache nur mit einiger Mühe wieder geradebiegen können.“

Ich unterdrückte ein Lächeln. Ja, mein Chef stand in jeder Hinsicht hinter uns und hielt uns auch bei den schwierigsten Aufträgen den Rücken frei. Während ich die Sahne von meinem Schreibtisch wischte, blickte ich Bernd treuherzig an.

„Danke, das werde ich dir nie vergessen.“

„Das wirst du auch nicht, Jonathan.“

Jetzt blickte ich meinen Freund irritiert an. „Was meinst du damit, Bernd? Ich habe mich bei dem Mann doch schon entschuldigt.“

Er nickte. „Um die Sache aus der Welt zu schaffen, musste ich Adrio Pu allerdings für ein kleines Privatkonzert engagieren. Sonntag in einer Woche wird das drüben im Atrium des Krav Maga Studios stattfinden. Um neunzehn Uhr. Und die Kosten dieser ganzen Sache trägst du.“

Bevor ich noch etwas erwidern konnte, verließ Bernd mein Büro.

Ein Konzert mit diesem unsäglichen Schnulzensänger? Und dann auch noch auf meine Kosten? Mir schossen zahlreiche Ideen durch den Kopf, wie ich mich der Sache würde entziehen können, doch dann verdrängte der Gedanke an meinen bevorstehenden Kurzurlaub das Schnulzenkonzert. Bis dahin verging noch über eine Woche. Eine Woche, in der ich mir gute und glaubwürdige Ausreden einfallen lassen konnte.

Jetzt galt es erst einmal, ein Zimmer zu buchen.

Vergangenes Jahr reiste ich im Rahmen meiner Ermittlungen bezüglich eines korrupten Anwalts in das schöne Städtchen Ockenburgh an der holländischen Küste und dort würde ich mit Bingo nun wieder hinreisen. Dem Malinois - und auch mir - hatte es damals am Meer sehr gut gefallen.

Keinen Gedanken an den Schnulzensänger mit seinem Schnulzenkonzert verschwendend, drückte ich die Wahlwiederholung auf meinem Telefon. Schon beim zweiten Klingeln meldete sich eine Frauenstimme, die etwas auf Holländisch sagte, das ich nicht verstand.

„Ja, guten Tag. Hier spricht Jonathan Lärpers aus Deutschland.“ Ich verzichtete darauf, meine wenigen Sprachkenntnisse in Niederländisch anzuwenden, da ich wusste, dass die Angestellten dort an der Rezeption auch perfekt Deutsch sprachen. „Ich möchte bei ihnen ein Zimmer buchen. Eine Person mit Hund. Anreise morgen, Abreise am Dienstag.“

So einfach war das.

„Das tut mir leid, mein Herr. Wir sind über die Feiertage restlos ausgebucht. Ich könnte ihnen aber ein Zimmer für das Wochenende danach reservieren.“

So einfach war das leider doch nicht.

„Nein, nein. Es muss schon dieses Wochenende sein. Haben sie denn wirklich nichts mehr frei? Ein winziges Zimmerchen würde mir schon genügen.“

Im Geiste sah ich, wie die Frau den Kopf schüttelte. „Leider ist nichts mehr zu machen. Da hätten sie schon etwas früher reservieren müssen ...“

„Können sie mir denn sagen, wo in der Gegend noch etwas frei ist? Ich bin mit allem zufrieden, Hauptsache es liegt nicht zu weit vom Meer entfernt.“ Ein Jonathan Lärpers gab nicht so schnell auf.

„Auch da kann ich ihnen nicht helfen“, zerstörte die Dame meine letzte Hoffnung. „Hier in der Gegend ist alles ausgebucht. Selbst auf den Campingplätzen gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten mehr.“ Im Hintergrund ließen sich Stimmen und Kinderlachen vernehmen. „Ich muss jetzt wieder an die Arbeit. Viel Glück bei ihrer Suche. Tot ziens.“ Die Dame legte auf.

Seufzend ließ ich den Hörer auf die Gabel fallen und überlegte, wie ich weiter vorgehen könnte.

Dass Bingo und ich an die Küste fahren würden, stand für mich unverrückbar fest. Ein Jonathan Lärpers lässt sich so schnell nicht unterkriegen. Ich rief auf meinem Computer die Karte von Holland auf und ging die verschiedenen Orte durch, die für mich in Frage kämen. Wir beide mussten über die Feiertage einfach gesunde Seeluft schnuppern, davon ließ ich mich nicht abbringen.

Ausgehend von meinem ursprünglichen Ziel Ockenburgh wanderte ich auf der Karte in nördlicher Richtung an der Küste entlang. Den Haag übersprang ich geflissentlich, dort befand sich vermutlich zu viel Industrie. Und Bingo, sowie sein Herrchen sollten nur die gesündeste Seeluft schnuppern.

Ein Mann und sein Hund halt ...

„Wir finden noch etwas“, sprach ich zu dem Hund und beugte mich zu ihm herab, um Bingo den Kopf zu tätscheln. Doch da lag kein Tier; der Malinois war vermutlich bei den Frauen im Planungsraum geblieben und ließ sich von denen wieder einmal nach Strich und Faden verwöhnen.

Ein Mann und sein untreuer Hund halt ...

„Das mache ich doch alles nur für dich“, murmelte ich mehr zu mir selbst, als zu dem nicht anwesenden Malinois. Dann suchte ich Adressen und Rufnummern von Hotels und Pensionen heraus und wählte eine Nummer nach der anderen.

Und erhielt eine Absage nach der anderen.

Es schien, als würde die halbe Welt über die Ostertage in Urlaub fahren - und alle hatten früh genug gebucht. Ich wanderte auf der Karte an der Küste entlang und bewegte mich immer weiter in nördlicher Richtung fort. Irgendwo musste es doch einen freien Platz geben.

Ein einziges kleines Zimmer, mehr wollte ich doch nicht ...

Plötzlich befand ich mich in Deutschland. Aber Nordsee war Nordsee und wenn in Holland kein Zimmer mehr frei war, dann hatte ich ja vielleicht in Deutschland mehr Glück. Vorbei an der Stadt Norden hielt ich mich immer dicht an der Küste, doch es hagelte eine Absage nach der anderen. Ich wurde zusehends mutloser. „Dann übernachten wir halt im Auto“, grunzte ich, doch noch gab ich mich nicht geschlagen. Und wählte eine Nummer in einem Örtchen mit dem nichtssagenden Namen ‚Ostbense‘. Ich musste eine ganze Weile warten und dem Klingelton lauschen, bis sich eine Frauenstimme meldete.

„Ferienwohnung de goode Diek. Guten Tag.“

„Guten Tag. Lärpers, Jonathan Lärpers“, stellte ich mich vor. „Ich suche ein Zimmer von morgen an bis Dienstag kommender Woche.“ Der Spruch war mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen und ich erwartete wieder die übliche Absage.

„Ein Zimmer? Wir vermieten keine Zimmer, nur Ferienwohnungen. Für wie viele Personen denn?“

„Eine Person und ein Hund. Und es ist mir egal, ob Zimmer, Besenkammer oder Wohnung. Ich nehme alles.“

„Herr Lässers? Ich hätte da eve...“

„Lärpers, Jonathan Lärpers“, stellte ich klar.

„Ja, sicher. Auch gut. Also ich hätte da eine Wohnung für zwei Personen. Das Ehepaar, das sie gebucht hatte, musste wegen einer Krankheit ihre Reise leider absagen. Allerdings mit Hund ...“ Die Frau schwieg einen Moment und dachte anscheinend kurz nach. Dann fuhr sie fort: „Was ist das denn für ein Hund? Ein lieber? Sie müssen wissen, wir haben hier einen Bauernhof und jede Menge Tiere, auch Hunde und Katzen. Ist ihr Hund denn verträglich?“

Ich nickte. Bingo war verträglich. Zu den Guten jedenfalls. Bei Gangstern und Verbrechern konnte er allerdings ganz schön böse werden.

„Hallo, Herr Lähpers? Sind sie noch am Apparat? Haben sie meine Frage verstanden?“

„Lärpers, Jonathan Lärpers. Mit ‚r‘ mittendrin. Ja, ich bin noch am Apparat.“

„Also, was ist das für ein Hund?“

„Ein Malinois. Sehr lieb und freundlich. Geradezu verschmust. Und er kommt mit Menschen und mit Tieren zurecht. Es wird mit uns keine Probleme geben.“ Ich rieb mir insgeheim die Hände. Unser Urlaub schien gerettet.

„Die Wohnung kostet pro Tag einhundertfünfzehn Euro, wobei der Preis alle anfallenden Kosten beinhaltet.“ Die Frau lachte leise und fügte dann hinzu: „Nur für ihr Essen müssen sie selber sorgen. Und die Zahlung hat im Voraus zu erfolgen. Das wären für sieben Tage insgesamt“, ich hörte wie sie auf etwas herumtippte, „achthundertundfünf Euro.“

Ganz schön teuer, doch was tat man nicht alles für seinen Hund.

Ein Mann und sein treuer Freund ...

Bevor die Frau es sich noch anders überlegen konnte, erklärte ich hastig: „Gebongt. Ich nehme die Ferienwohnung.“

„Sehr gut. Dann warten sie einen Moment, ich notiere mir alles. Wie war noch ihr Name?“

Ich lächelte und mein Blick fiel auf die Uhr über der Tür. Nach gerade einmal drei Stunden erfolglosen Herumtelefonierens endlich ein Volltreffer. Zum Zeichen meines Sieges reckte ich den rechten Daumen in die Höhe.

„Hallo, sind sie noch da?“

„Lärpers, Jonathan Lärpers.“ Zur Sicherheit und zum besseren Verständnis buchstabierte ich meinen Namen.

„Und ihr Hund, wie heißt ihr Hund?“

„Bingo.“

„Bingo? Ein Hund namens Bingo? Ist das nicht so ein komisches Spiel? Na egal, ich habe mir ihre Namen notiert. Herr Lärrperts mit seinem Bingo - Hund. Die Formalitäten erledigen wir dann, wenn sie hier sind. Und vergessen sie nicht die achthundertsechsundzwanzig Euro mitzubringen.“

„Achthundertsechsundzwanzig? Ich dachte, es wären achthundertundfünf Euro?“ Hatte ich mich vorhin verhört?

„Ja, das ist richtig. Dazu kommen aber noch einundzwanzig Euro Gästebeitrag. Drei Euro pro Tag.“

„Gästebeitrag?“ Offensichtlich wollte die Frau jetzt, da ich zugesagt hatte, den Preis noch ein wenig in die Höhe schrauben. Da war sie allerdings bei einem Jonathan Lärpers an den Falschen geraten. „Was soll das denn nun wieder sein?“

Ich hörte die Frau stöhnen. „Gästebeitrag ist das, was man früher Kurtaxe nannte. Wollen sie nun die Wohnung oder nicht?“

„Doch, doch. Auf jeden Fall.“

Was spielten die einundzwanzig Euro für eine Rolle, wenn ein Mann und sein Hund gesunde Seeluft schnuppern können ...

VI.

Nordsee, Seeluft, Ostbense.

Sieben Tage Entspannung pur, die aber auch notwendig wurden. Nach all den anstrengenden Ermittlungen.

Wir waren an diesem Tag früh losgefahren, da ich jede Sekunde meines Urlaubs ausnutzen wollte. Bingo döste auf dem Rücksitz und ich konnte spüren, wie er sich schon auf die Tage an der See freute.

Gestern hatte er sich nur widerwillig von Christine getrennt, bei der er die Zeit im Büro verbracht hatte, während ich mühsam unseren Urlaub organisierte. Aber Chrissi wusste den Hund zu ködern: Als ich in den Raum trat, kaute mein haariger Freund an einem riesigen Rinderknochen, mit dem er sich in eine Zimmerecke zurückgezogen hatte. Bingo folgte mir nur, weil er den Knochen mitnehmen durfte und jetzt lag das Ding hinter dem Fahrersitz auf dem Boden und wurde von ihm gut bewacht.

„Keine Stunde mehr“, erklärte ich meinem Freund nach einem Blick auf die Uhr. Wir kamen in meinem kleinen, postgelben Kia Venga gut voran, da heute kaum Reiseverkehr herrschte. Morgen oder Freitag würde das ganz anders aussehen. Doch da lägen oder spazierten wir schon am Strand.

Das Dörfchen ließ sich im Computer leicht finden und der Name des Ferienhofes klang für mich holländisch. De goode Dieck, was immer das auch heißen mochte, doch wenn das nicht nach fernem Ausland klang, dann wusste ich auch nicht.

„Jetzt noch fünfundvierzig Minuten“, hielt ich Bingo auf dem Laufenden. Er dankte mir die Information mit einem leisen Grunzen.

Ist der Hund zufrieden, ist auch das Herrchen zufrieden.

Bis Leer in Ostfriesland konnte ich die Autobahn benutzen, doch hinter einem Dorf mit dem malerischen Namen Moormerland musste ich auf die Landstraße wechseln. „Das war Moormerland“, raunte ich Bingo zu und sang leise vor mich hin: „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist in Moormerland, Moormerland ist abgebrannt. Maikäfer flieg.“ Ich erinnerte mich noch gut an das Kinderlied, doch dass ich einmal selbst an diesem Moormerland vorbeifahren würde, hätte ich mir nie träumen lassen.

Überhaupt: Die verschiedenen Schilder, die am Straßenrand standen, ließen direkt Urlaubsstimmung bei mir aufkommen. ‚Fehntjer Tief-Süd‘. Das klang auch irgendwie holländisch und in Gedanken spielte ich die ein oder andere Übersetzung durch. Vielleicht bedeutete das ja: ‚Fehntjer Tier-Sud‘, was wiederum auf reichlich gegartes Fleisch schließen ließ. Eine Gegend, in der ein Jonathan Lärpers es sich gutgehen lassen konnte.

Und natürlich sein Hund.

Endlich rauschten wir an dem Ortsschild ‚Ostbense‘ vorbei, wobei mich allerdings ein wenig irritierte, dass darauf ‚Neuharlingersiel‘ und darunter ziemlich klein ‚Ostbense‘ stand. Aber so musste das wohl hier an der Küste sein.

„An der Nordseeküste, am goldgelben Strand, sind die Fische im Wa...“ Bingos unwilliges Knurren beendet meine Gesangsdarbietung abrupt, aber ich musste mich sowieso auf die Straße konzentrieren.

Der Ferienhof entpuppte sich als normaler Bauernhof, der ziemlich einsam dalag. Ringsherum nur Felder und Wiesen mit zahlreichen Kühen, was meine gute Laune aber nicht mindern konnte. Zumal ich bei dem Anblick der Kühe direkt an ein riesiges Rindersteak dachte, das ich mir heute Abend gönnen würde. Oder schon eines heute Mittag und ein weiteres heute Abend. Ein Ferienort musste ja über entsprechende Restaurants verfügen ...

Mein Kia kam in einer Staubwolke direkt vor der Eingangstüre des Bauernhauses zum Stehen und noch bevor ich aus dem Wagen steigen konnte, öffnete sich die Tür und eine stämmige Frau mittleren Alters trat aus dem Haus. Sie trug eine Schürze über einem Kleid mit blauen Blümchen darauf und hielt in der Hand einen Besen. Ich lächelte sie freundlich an und nickte ihr zu. Ja, der neue Gast, Jonathan Lärpers, war endlich angekommen. Immer noch lächelnd stieg ich aus dem Wagen und reckte mich ausgiebig nach der langen Fahrt. Bingo nutzte die Gelegenheit und schoss an mir vorbei, um sein Bein an dem linken Hinterreifen zu heben.

„Moin“, begrüßte mich die Frau und stieg dabei die wenigen Stufen herab. „Se sünd de Heer Lärrpers? Willkomen up de Plaats de goode Diek. Ik bün de Rieke de Düün.“

Sie sah mich an, so als erwarte sie von mir etwas. Dabei hatte ich nicht ein Wort von dem verstanden, was die Frau gesagt hatte. ‚Willkomen‘ vielleicht noch und ‚Lärrperts‘, was sie fälschlicherweise mit einem rollenden ‚r‘ aussprach. Ich dachte noch über ihre Worte nach, als Bingo sich direkt vor die Frau setzte und seine rechte Pfote hob.

„Lärpers, Jonathan Lärpers. Ohne Doppel-R.“ Dann erinnerte ich mich an die Nähe zu den Niederlanden und tippte darauf, dass die Frau mit mir holländisch gesprochen hatte. Während sie sich zu Bingo herabbeugte und ihm lächelnd die Pfote schüttelte, kramte ich meine Niederländischkenntnisse zusammen. „Well day, ick spräche but no Holländisch. You kenn auch Deutsch met me redde. Kenn you Deutsch?“

Die Antwort ließ zunächst noch auf sich warten, denn jetzt war die Bäuerin erst einmal damit beschäftigt, Bingo den Bauch zu kraulen, der diese Streicheleinheiten sichtlich genoss.

„Ick niet spräcke Hollands“, versuchte ich erneut ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Endlich richtete sie sich wieder auf.

„Willkommen auf goode Diek. Aber wir sprechen hier kein Niederländisch, sondern Platt. Einen feinen Hund haben sie da. Bingo, richtig?“

Ich nickte. „Und ich heiße Lärpers. L-ä-r-p-e-r-s.“

„Ja, ich weiß Herr Lärrperts. Das sagten sie schon öfter. Aber ihren Wagen können sie hier nicht stehen lassen. Sehen sie das Schild dort, der Parkplatz für die Gäste befindet sich dort hinten neben dem Gästehaus. Setzen sie bitte den Wagen um und danach kommen sie in mein Büro, dann können wir die Formalitäten erledigen. Anschließend zeige ich ihnen ihre Wohnung.“

Ich nickte und sah mich nach dem Gästehaus um, das sich als umgebaute Scheune entpuppte. „Komm Bingo“, rief ich meinen kleinen Freund und sah mich suchend nach ihm um. Schließlich entdeckte ich den Malinois, wie er ein Stück abseits im Schatten lag und an seinem Knochen kaute. Achselzuckend stieg ich in den Wagen. Sollte der Hund doch machen, was er wollte.

„Also Herr Lärrperts, ich brauche hier noch ihre Unterschrift.“ Die Frau reichte mir meinen Personalausweis zurück und hielt mir ein Formular hin. „Dann bekomme ich noch achthundertsechsundzwanzig Euro von ihnen.“

Ich unterschrieb die Anmeldung und sah anschließend die Frau an, die auf einem einfachen Küchenstuhl vor einem winzigen Schreibtisch saß. Aber ihr gesamtes ‚Büro‘ war sehr klein und größere Möbel hätten kaum hier hineingepasst. „Also, mit dem Geld“, begann ich vorsichtig meine Beichte, „das ist so eine Sache ...“

„Eine Sache?“ Die Frau sah mich misstrauisch an. „Was soll das heißen?“

„Nun, also, ich ... also eigentlich“, druckste ich herum. „Gestern, also gestern nach unserem Gespräch ... Wissen sie, was ich meine?“

„Nein, das weiß ich nicht. Also stottern sie nicht so herum, junger Mann, sondern kommen sie endlich zur Sache.“

„Ich wollte gestern noch das Geld abheben, doch der Automat hat meine Karte nicht angenommen. Hier sehen sie.“ Ich kramte meine EC-Karte hervor. „Der Chip ist beschädigt, deswegen konnte ich kein Geld abheben. Ich kann ihnen gerade einmal zweihundert Euro in bar geben und müsste erst zu einer Bank. Das würde ich aber direkt heute noch erledigen“, fügte ich treuherzig hinzu.

Erneut blickte mich die Frau misstrauisch an. Dann hielt sie die Hand auf und meinte streng: „Zweihundert Euro? Den Rest bekomme ich dann morgen von ihnen, sonst müssen sie wieder ausziehen.“

„Ja, natürlich. Ich fahre nachher direkt in den Ort und besorge das Geld.“

Die Bäuerin knurrte leise. „Da müssen sie schon nach Neuharlingersiel, Dornum oder Esens fahren.“

„Ist das weit?“, fragte ich. Nach den anstrengenden Stunden Autofahrt wollte ich bei dem herrlichen Wetter nicht noch stundenlang Auto fahren, sondern endlich an den Strand und das Meer sehen.

Und riechen.

„Keine Sorge, junger Mann. Neuharlingersiel erreichen sie mit dem Wagen in gut zehn bis fünfzehn Minuten.“ Sie drückte mir eine Quittung über zweihundert Euro in die Hand, nahm einen Schlüssel und erhob sich langsam. „Kommen sie, ich zeige ihnen ihre Wohnung. Folgen sie mir einfach.“

Wir gingen zu der ehemaligen Scheune hinüber und diesmal folgte uns Bingo mit dem riesigen Knochen im Maul. Ich hoffte nur, der Hund würde nicht den ganzen Urlaub über mit dem Ding herumlaufen.

Die Wohnung war klein, aber für zwei Personen durchaus ausreichend und bestand lediglich aus einem Zimmer mit Kochnische und einem Bad. Fast schon wie ein Hotelzimmer, doch mehr brauchten Bingo und ich ja auch nicht. Die Frau ließ mich schon nach ein paar Minuten mit den Worten: ‚Und vergessen sie das restliche Geld nicht ...‘ allein.

„Das ist jetzt unser Reich für die nächsten sieben Tage“, erläuterte ich Bingo, der es sich mit seinem Knochen neben dem Doppelbett bequem gemacht hatte. Ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen stand direkt davor und an einer Wand befand sich ein Kleiderschrank neben einer Kommode. Links und rechts vom Bett standen zwei Nachttischen und alles wirkte sehr rustikal und gemütlich. Ich ließ mich auf das Bett fallen und sah Bingo dabei zu, wie er sich mit dem Knochen abmühte.

Ein Mann und sein Hund halt ...

Ich erwachte durch das Schnarchen meines treuen Freundes, das mir direkt ins Ohr drang. Bingo hatte sich unbemerkt neben mich gelegt und seine Schnauze lag direkt neben meinem Kopf. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es Mittagszeit war und seufzend erhob ich mich. Es wurde allmählich Zeit, zu dieser Bank zu fahren.

VII.

Die Strecke nach Neuharlingersiel schaffte ich in zehn Minuten. Leider stand ich dann ziemlich ratlos vor einem Geldautomaten. Hatte mich die Frau Düün falsch verstanden? Genau diese Geldautomaten waren es doch, wo ich kein Geld bekam und jetzt schicke sie mich hier zu diesem Gerät.

Ein älterer Herr beobachtete mich erst skeptisch, schob sich dann an mir vorbei vor den Automaten und zückte eine Scheckkarte. Bevor er sie in den Schlitz steckte, sah er mich noch einmal prüfend an. „Wollen sie da stehen bleiben?“, fragte er und es klang nicht sonderlich freundlich.

„Warum, was meinen sie?“

„Ich würde gern Geld abheben und das ohne, dass mir jemand über die Schulter schaut und meine Geheimzahl ausspioniert. Es wäre also sehr nett, wenn sie weitergehen könnten!“

Ich musste dem Mann Recht geben, denn auch ich mochte es nicht, wenn mir jemand beim Geldabheben über die Schulter schaute. „Entschuldigen sie“, gab ich freundlich von mir, „aber ich suche eine Bank oder Sparkasse. Meine Karte ist beschädigt und ich kann an Automaten kein Geld abheben. Leider hat mich meine Vermieterin hierhin geschickt ...“

Jetzt blickte der Alte etwas freundlicher und zeigte die Straße entlang. „Eine Sparkasse finden sie in dieser Richtung nach zirka einem Kilometer an der Straße.“ Dann blickte er auf seine Uhr und schüttelte den Kopf. „Allerdings werden sie dort wenig Glück haben, denn die Filiale schließt schon um zwölf Uhr.“

„Und sonst gibt es hier keine Möglichkeit an Geld zu kommen?“, fragte ich enttäuscht und sah mich im Geiste schon auf der Straße stehen oder wieder nach Hause fahren. Und das alles wegen ein paar hundert Euro!

Erneut schüttelte der Mann den Kopf. „Hier im Ort nicht. Sie können es aber in Esens versuchen. Dort gibt es eine Volksbank und eine Sparkasse, allerdings kenne ich deren Öffnungszeiten nicht.“ Er erklärte mir noch, wie ich dorthin kam und sah mich abwartend an.

„Esens?“ Ich bedankte mich bei dem Alten und eilte zu meinem Wagen zurück. Auf dem Rücksitz kaute Bingo an seinem unsäglichen Knochen, der an einigen Stellen schon ganz schwarz war und mittlerweile einen unangenehmen Geruch verströmte. Ich überlegte, wie ich Tier und Knochen würde problemlos trennen können. Doch Bingo schien meine Gedanken zu ahnen, denn sobald ich den Knochen ansah stieß er ein warnendes Knurren aus.

„Ist ja gut mein Freund, ich nehme dir dein Leckerchen schon nicht weg“, beruhigte ich den Malinois und dachte weiter darüber nach, wie ich den Knochen loswerden konnte.

Die Filiale der Sparkasse an der Straße war doch etwas weiter entfernt, als nur einen Kilometer, und lag direkt neben einer größeren Baustelle, auf der wohl so eine Art Einkaufszentrum entstehen sollte. Der Bau schien allerdings ins Stocken geraten zu sein, denn Arbeiter konnte ich dort nicht entdecken. Wie der Mann gesagt hatte, war die Sparkasse geschlossen und würde erst morgen früh um zehn Uhr wieder öffnen.

Seufzend lenkte ich meinen Kia in Richtung Esens, um mein Glück dort zu versuchen.

Zum Glück lagen die Ortschaften hier nicht allzu weit auseinander und nach gut zwanzig Minuten stand ich vor der Filiale einer Volksbank, die allerdings wegen Renovierungsarbeiten zurzeit geschlossen hatte. Ein handgeschriebenes Schild nannte ein paar Standorte von weiteren Volksbanken und Geldautomaten.

Zähneknirschend und an den herrlichen Strand, die Nordsee und ein kühles Bier denkend, fuhr ich zu der Sparkasse weiter, musste dort aber erfahren, dass diese auch nur bis zwölf Uhr geöffnet war.

„Das hat doch keinen Sinn, Bingo“, meinte ich resigniert zu meinem Hund, der mich aber ignorierte und sich lieber weiter mit seinem stinkenden Knochen beschäftigte. Inzwischen knurrte mein Magen, denn seit dem Frühstück heute Morgen hatte ich nichts mehr zwischen die Zähne bekommen. Ich erinnerte mich an das Steak, das ich mir gönnen wollte und kurvte auf der Suche nach einem Steakhaus durch den Ort. In der Nähe einer Kirche entdeckte ich ein griechisches Restaurant und beschloss - bevor ich noch verhungerte - dort mein Glück zu versuchen. Das Steak musste dann halt bis heute Abend warten. Mein verbliebenes Bargeld würde noch für zwei Mahlzeiten und ein Frühstück morgen reichen, dann aber musste ich unbedingt zu einer Bank.

Bingo ließ nur widerwillig von seinem Knochen ab, den er sorgfältig halb unter dem Beifahrersitz versteckte. Ich erklärte ihm, dass wohl kaum jemand meinen Wagen aufbrechen würde, um das stinkende Teil zu stehlen, doch auf dem Weg zum Restaurant warf Bingo immer wieder sehnsüchtige Blicke zum Wagen zurück.

Das Lokal nannte sich Hades und wurde seinem Namen in jeder Hinsicht gerecht. Ich wusste, dass die Bezeichnung der griechischen Mythologie entnommen war und irgendetwas mit der Unterwelt zu tun hatte und so kam ich mir in dem Lokal auch vor. Es herrschte ein ungemütliches Halbdunkel, das lediglich von einigen nackten, schwachen Glühbirnen an den Wänden erhellt wurde. Ein Ober, dessen Aussehen mich stark an einen Hades erinnerte, schlurfte an meinen Tisch, legte wortlos eine Karte vor mich hin und zückte dann einen kleinen Schreibblock und einen übergroßen Bleistift.

„Guten Tag“, grüßte ich freundlich und lächelte den Mann an, der aber weiterhin stumm blieb. Vielleicht war er ja Grieche und der deutschen Sprache nicht mächtig. „Ich hätte gerne ein Bier.“

Er kritzelte etwas, wandte sich wortlos um und schlurfte wieder davon. „Und etwas Wasser für den Hund“, rief ich ihm hinterher, bevor ich mich der Speisekarte widmete.

Ein Steak suchte ich allerdings vergebens und überlegte noch, was ich mir stattdessen bestellen sollte, als der Grieche wieder mit meinem Bier heranschlurfte. Erneut zückte er seinen Block und sah mich abwartend an.

Bestimmt war der Mann stumm oder kannte unsere Sprache nicht. Zumindest konnte er sie nicht sprechen, denn meine Bierbestellung war ja bei ihm angekommen. Leider fehlte aber das Wasser für Bingo.

Dann überraschte mich der Ober doch noch, indem er fragte: „Was esse?“, wobei er auf die Karte zeigte.

Mein Blick fiel auf eine Grillplatte mit dem vielversprechenden Namen ‚Hadesplatte‘ für zwei Personen. Souvlaki, Bifteki, Leber, Gyros, Pommes und Salat. Genau das, was ein Jonathan Lärpers jetzt vertragen konnte. Die Leber würde ich großzügigerweise Bingo überlassen. Mit Innereien hatte ich es nicht so ...

„Ich nehme die Hadesplatte aber bitte ohne Salat. Vielleicht können sie ja statt des Salates eine doppelte Portion Pommes dazulegen. Und bitte eine Schale Wasser für den Hund.“

Wieder kritzelte der Mann auf seinem Block herum, bevor er schlurfend verschwand.

Inzwischen hatten sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt und ich sah, dass das lokal nahezu leer war. Lediglich ein älteres Ehepaar saß an einem Tisch und beide löffelten eine Suppe, die mir aus grünen Bohnen zu bestehen schien.

Die Hadesplatte kam nach einer langen Wartepause. Leider doch mit Salat und ohne doppelte Pommes. Bingos Trinkwasser wurde in einer kleinen Flasche geliefert, wobei es sich um normales Mineralwasser mit Kohlensäure handelte. Die Pommes befanden sich in einer separaten Schüssel, die ich nutzte, um das Wasser hineinzugeben. Natürlich erst, nachdem ich die Pommes auf meinen Teller geschaufelt und die Kohlensäure aus dem Mineralwasser geschüttelt hatte ...

Das Essen riss ein riesiges Loch in meine verbliebenen Barbestände. Vermutlich würde es am Abend lediglich für ein kleines Steak reichen, doch zunächst einmal war ich gesättigt. Und die zwei Scheiben Leber schienen Bingo hervorragend zu schmecken, was er mit einem zufriedenen Grunzen kundtat.

Auf der Rückfahrt zu meiner Ferienwohnung machte ich mir Gedanken, wie ich den Rest des Tages verbringen und - vor allen Dingen - die Geldbeschaffung morgen durchführen würde. Die Vermieterin hatte sich für die Restzahlung auf keine Uhrzeit festgelegt, so dass ich direkt morgen früh zu dieser Sparkasse fahren wollte und sie danach bezahlen konnte. Und den Nachmittag heute könnten Bingo und ich am Strand verbringen. Sonne, Meer, Sand und der würzige Duft der Nordsee ...

Ein Mann und sein Hund im Urlaub. Was gab es denn Schöneres?

VIII.

Pünktlich um eine Minute nach zehn Uhr betrat ich die Filiale der Sparkasse in Neuharlingersiel. Der gestrige Nachmittag war herrlich gewesen. Bingo und ich genossen einen langen Spaziergang durch warmen Sand und kaltes Meerwasser, wobei der Malinois sich offensichtlich an das vergangene Jahr erinnerte, als er versucht hatte, von dem Salzwasser zu trinken. Diesmal vermied er es, seine Schnauze in das salzige Nass zu stecken und nahm stattdessen dankbar von dem mitgebrachten Wasser, das ich ihm reichte. Ein wirklich herrlicher Nachmittag!

„Du wartest hier“, wies ich meinen haarigen Freund an und zeigte auf eine Stelle im Schatten. „Es wird nicht lange dauern und danach gehen wir wieder an den Strand.“ In Gedanken fügte ich hinzu: Und zum Mittag gönne ich mir endlich ein riesiges Steak mit einer doppelten Portion Pommes. Und viel, viel Mayonnaise. Die Aussichten für den heutigen Tag waren einfach nur rosig.

Die Sparkasse lag noch leer und verlassen vor mir, lediglich zwei Angestellte arbeiteten hinter einem langen Tresen an ziemlich veralteten Computerbildschirmen. Die klobigen Monitore konnte man gut und gerne als Antiquitäten bezeichnen, was mich zu einem Lächeln animierte. In diesem Teil der Welt schien die Zeit stehengeblieben zu sein, doch so lange ich hier mein Geld bekam, spielte das für mich keine Rolle. Einzig der in einer Ecke stehende übergroße Safe schien ziemlich neueren Datums zu sein. An seiner Front prangte eine moderne Zahlentastatur mit einem Handscanner. Offensichtlich gab es hier keinen separaten Tresorraum.

Einer der Sparkassenmitarbeiter, ein ziemlich dicker, kahlköpfiger Mann mit einem viel zu engem Hemd und übergroßen Schweißflecken unter den Achseln, erhob sich schwerfällig als er mich am Tresen bemerkte. Mit einer übertrieben theatralischen Geste drückte er eine Taste und kam dann auf mich zu.

„Moin. Was kann ich für sie tun?“

„Guten Morgen. Ich möchte von meinem Konto etwas Geld abheben“, lächelte ich und kramte meine Bankkarte hervor. „Leider ist die Karte defekt, so dass ich nicht an einem Automaten Geld bekommen kann.“

„Sind sie denn Kunde bei uns?“

Ich spürte, wie ich etwas bleich im Gesicht wurde. „Nein, aber ist das ein Problem?“

„Kein Problem, doch dann müssen wir neben den normalen Gebühren auch noch Transfergebühren berechnen. So von Bank zu Bank, sie verstehen?“

Ich verstand nicht, doch das war mir jetzt auch egal. „Ja, machen sie, was sie wollen. Hauptsache ich bekomme mein Geld.“

Der Dicke schob mir ein Formular hin. „Dann füllen sie das bitte aus. Die Auszahlung wird allerdings etwas dauern. Außerdem brauche ich auch noch ihren Personalausweis und natürlich die Karte.“

Inzwischen füllte sich der Vorraum der Sparkasse, drei weitere Kunden standen jetzt neben und hinter mir in einer Warteschlange. Zwei Frauen und ein Mann. Ich erkannte in einer der Frauen meine Vermieterin, die eine dicke Brieftasche, prallgefüllt mit Bargeld, in einer Hand hielt. Freundlich nickte ich ihr zu. „Moin, moin“, versuchte ich es im Ortsdialekt, „Frau Düün.“

„Herr Lärrperts, guten Morgen. Es heißt aber ‚de Düün‘. Bekomme ich jetzt endlich mein Geld? Kommen sie doch nachher direkt in mein Büro, damit wir die Formalitäten endlich abschließen können!“

Ich nickte gönnerisch. „Das dürfte kein Problem sein. Der freundliche Herr hier bearbeitet schon die Auszahlung.“

Der Dicke besah sich das Formular, nickte zufrieden und wies mit dem Zeigefinger, der ziemlich einer Wurst ähnelte, auf drei Stühle neben einem überdimensionierten Ständer mit Informationsbroschüren. „Wie gesagt: Es wird einen Moment dauern. Wenn sie dort so lange Platz nehmen würden. Sie finden dort auch interessante Prospekte über Versicherungen, günstige Kredite und Hypotheken. Bei Bedarf berate ich sie gerne.“

„Das hört sich aber wirklich interessant an“, gab ich sarkastisch von mir, was dem Mann aber nicht weiter auffiel. Er lächelte mich an und ich bemerkte, dass seine Zähne schadhaft und gelb vom Nikotin waren. „Ich rufe sie dann auf.“

Ich nickte. Das war ja schon fast wie beim Arzt. „Eine Nummer ziehen muss ich aber nicht?“, fragte ich scherzhaft, sah aber im selben Moment, das mein Späßchen bei dem Dicken nicht gut ankam.

„Nummer ziehen? Was meinen sie?“

Ich winkte ab und wandte mich den Stühlen zu. „Schon gut, das sollte ein Witz sein ...“

Die Broschüren waren allesamt veraltet und handelten wirklich nur von Versicherungen und diversen Krediten. Ich ließ mich seufzend auf einen der unbequemen Stühle sinken und ging in Gedanken den kommenden Tag durch. Am Strand gab es leider keine Restaurants oder Bistros, so wie es in Holland gewesen war, aber bestimmt würde ich auch ein hübsches Restaurant im Ort finden. Vielleicht sogar ein Steakhaus ...

Während ich so vor mich hinträumte, wurde meine Hand plötzlich von etwas Feuchtem umschlossen. Erschrocken zucke ich zurück und betrachtete verwundert Bingo, der vor mir saß und mich fordernd anschaute. „Bingo, ich habe dir doch gesagt, dass du draußen auf mich warten sollst. Hunde dürfen hier nicht hinein, hast du denn das Schild nicht gesehen?“

Der Malinois versuchte wieder meine Hand ins Maul zu nehmen und mich vom Stuhl hochzuziehen. „Was soll das, Bingo?“, fragte ich schon leicht ärgerlich. „Die Sache hier wird noch etwas dauern, der Bankmensch muss wohl noch alles überprüfen. Also warte doch draußen auf mich. Ich komme bestimmt bald dran!“

Aber Bingo ließ sich nicht fortschicken, sondern legte sich jetzt flach unter den Stuhl, der direkt neben meinem stand. Wieder sah er mich an und gab ein leises Fiepen von sich. „Du kannst nicht hierbleiben, mein Freund.“ Ein wenig schmeichelte es mir, wie sehr der Hund an mir hing. Auch wenn er den Mädels in der Detektei oftmals den Vorzug gab. Aber bei all den Bestechungen mit Knochen, Leckereien und Streicheleinheiten war das ja auch nicht verwunderlich.

Doch dann erkannte ich den wahren Grund, warum Bingo zu mir gekommen war. Leider war es da auch schon zu spät.

An der Eingangstür polterte es laut, dann fiel ein Schuss. Die Kunden vor der Theke schrien erschrocken auf und eine laute Stimme mit einem mir unbekannten Akzent rief: „Alles hinlegen, sofort. Dies ist ein Überfall.“

Wieder fiel ein Schuss. Das hörte sich nach einer neun Millimeter CZ Pistole an, einem tschechischen Produkt der Ceská zbrojovka an. Bingo zog sich noch etwas weiter unter den Stuhl zurück. Ich wurde von dem Prospektständer halb verdeckt, doch es war lediglich eine Frage der Zeit, bis der oder die Gangster mich entdecken würden. Lautlos ließ ich mich zu Boden gleiten und kroch hinter den letzten Stuhl, so dass ich eine gute Sicht auf das Geschehen in der Bank hatte.

Zwei mit Sturmhauben maskierte und bewaffnete Männer hielten die Angestellten und die Kunden in Schach. Ein dritter verriegelte gerade die Eingangstüre und spähte angestrengt nach draußen. Alle drei Männer trugen lange, schwarze Mäntel unter denen sie wohl ihre Waffen verborgen hatte. Ich konnte neben der Pistole, die ich am Klang schon erkannt hatte, eine Maschinenpistole und eine abgesägte Schrotflinte ausmachen.

„Verhalte dich ruhig“, wisperte ich Bingo zu, doch das brauchte ich ihm wohl nicht extra zu sagen. Der Hund lag mucksmäuschenstill und ohne eine Bewegung unter dem Stuhl. Lediglich seine wachen Augen ließen die drei Männer nicht aus dem Blick.

Innerlich fluchte ich, dass meine Pistole bei Bernd im Waffensafe lag und nicht hier in meinem Schulterholster. Sicher, dies war mein Urlaub und wer rechnet schon mit einem Banküberfall in einem Ferienort, auch wenn die Sparkasse einsam neben einem Baugrundstück liegt. Doch mit der Waffe hätte ich die Situation jetzt leicht bereinigen können. Ohne irgendwelchen Kollateralschaden.

Oder zumindest nur mit geringem.

Der Mann an der Türe beobachtete immer noch die Straße, während der mit der Schrotflinte sich in den Bereich zu den beiden Angestellten begab. Die zwei Mitarbeiter konnte ich nicht sehen, da sie hinter der Theke auf dem Boden lagen.

„Du, aufstehen“, befahl der Gangster und Sekunden später erhob sich der schwitzende Dicke, der mich vorhin bedient hatte mit hochrotem Kopf. „Safe öffnen, sofort.“

Der Mann im weißen Hemd, das jetzt komplett durchgeschwitzt war, hielt die Hände neben dem Kopf in die Höhe. „Das kann ich nicht. Nicht sofort. Wir haben ein Zeitschloss, zum Öffnen brauche ich etwas Zeit.“

„Ich sagte öffnen, sofort!“ Der Gangster hielt dem Angestellten die Schrotflinte an den Kopf. „Oder ich schieße, dann öffnet dein Kollege bestimmt.“ Er stieß den Mann mit der Flinte an und scheuchte ihn zu dem Safe. „Los, öffnen!“

In diesem Moment fluchte der Mann an der Tür laut und rief seinen Kollegen etwas auf Russisch, Polnisch oder in einer ähnlichen Sprache, zu. Den Grund erkannte ich sofort, als das blaue Blinken der Lichter eines Polizeiwagens in den Raum fiel.

„Verdammt, wer hat Polizei alarmiert?“, rief der Gangster mit der Schrotflinte und stieß dem Dicken den Lauf in den Bauch. Der sackte sofort keuchend in die Knie und verschwand aus meinem Blickfeld. Doch ich erkannte, wie der Lauf der Schrotflinte sich nach unten senkte und ich hielt den Atem an. Würde es jetzt in dem Drama hier den ersten Toten geben?

Der Gangster riss sich allerdings offensichtlich zusammen, war aber jetzt sehr nervös. Ich hoffte, dass der Mann nicht durchdrehen und die Sache hier in einem Blutbad enden würde.

„Niemand“, hörte ich den dicken Glatzkopf jämmerlich sagen. „Von uns hat niemand die Polizei verständigt. Die Filiale wird wegen der Baustelle nebenan mit Kameras von einem Sicherheitsdienst überwacht. Die Leute dort werden die Polizei informiert haben.“

„Los, mach auf Safe, sofort!“, brüllte der Schrotflintenmann erneut und der Dicke kam zitternd und mit Tränen in den Augen wieder hoch.

Mit weinerlicher Stimme sagte er: „Ich kann den Safe nicht mehr öffnen, wenn der Alarm ausgelöst wurde. Das ist jetzt nicht mehr möglich!“

Der Gangster hob die Schrotflinte und schlug dem Angestellten mit dem Flintenschaft ins Gesicht. Wie ein gefällter Baum ging der Dicke zu Boden.

Draußen vor der Filiale ertönte eine Stimme, die durch ein Megaphon verstärkt wurde. Das übliche Vorgehen der Polizei, um mit Bankräubern und Geiselnehmern zu verhandeln. Der Polizist wies darauf hin, dass sie telefonisch mit den Gangstern in Kontakt treten wollten. Im gleichen Moment klingelte auch schon eines der Telefone im Angestelltenbereich. Der Mann mit der Schrotflinte blickte die beiden anderen an und sagte etwas in der fremden Sprache. Nachdem der Mann mit der Pistole ihm geantwortet hatte, hob er den Hörer vom Telefon ab.

„Da?“, meldete er sich und lauschte angestrengt. Dann sprach er wieder seinen Kumpel mit der Pistole an, der sich jetzt zum Telefon begab. Zurück blieb der Gangster an der Tür, der nun die Kunden mit seiner Maschinenpistole in Schach hielt.

Das Telefongespräch zog sich eine ganze Weile hin, doch leider konnte ich nur verstehen, was der Bankräuber sagte. Seine Forderung beinhaltete das Übliche, so wie man es aus diversen Filmen kannte. Er verlangte zwei Millionen Euro und einen Hubschrauber für die Flucht. Wie ich den Worten entnehmen konnte, sollte im Gegenzug zunächst eine der Geiseln freigelassen werden. Der Mann mit der CZ Pistole schien damit einverstanden zu sein und wies den Gangster mit der Schrotflinte an, den Angestellten, dem der offensichtlich die Nase gebrochen hatte, vor die Tür zu schicken. Der legte die Flinte beiseite und half dem Dicken, der noch ziemlich benommen schien, zur Tür. Nachdem der Gangster mit der MP einen Flügel vorsichtig geöffnet hatte, wurde der Filialmitarbeiter ins Freie gestoßen. Er stolperte einige Schritte auf die Straße zu, strauchelte und fiel zu Boden. Sofort waren zwei Sanitäter bei ihm. Leider konnte ich die Vorgänge draußen aus meiner Perspektive nur mehr erahnen, als wirklich sehen, doch inzwischen mussten sich zu dem einen Polizeiwagen noch mehrere Fahrzeuge gesellt haben. Das ließ sich an den vielen Blinklichtern erkennen.

Inzwischen beratschlagten sich die drei Bankräuber und schließlich durchsuchte der mit der Schrotflinte die Kunden nach Schmuck und Bargeld. Ich hörte meine Vermieterin kurz aufheulen, als der Mann ihr die Geldbörse mit dem vielen Bargeld abnahm. Hoffentlich riss die Frau sich zusammen und machte jetzt keinen Fehler! Es könnte ihr letzter sein. Doch Rieke de Düün verhielt sich still. Sie würde über den Verlust des Geldes hinwegkommen.

Ich lotete derweil meine Möglichkeiten aus, die aber leider äußerst beschränkt waren. Die Erfolgschance gegen diese drei schwerbewaffneten Gangster lag nahezu bei null und mein Eingreifen würde vermutlich lediglich zu einem Blutbad führen.

Ich blickte mich in dem Raum um. Da war der Kundenbereich, abgetrennt von den Angestellten durch die lange Theke. Am Ende der Theke, fast schon mir gegenüber, befand sich ein durch mehrere spanische Wände abgetrennter Bereich, der vermutlich für die individuelle Kundenberatung genutzt wurde. Ich überlegte, wie ich einen der Gangster vielleicht dorthin locken könnte, um ihn unschädlich zu machen.

Doch meine Gedanken wurden durch das typische Geräusch eines sich nähernden Hubschraubers unterbrochen. Die drei Gangster sahen sich an und klatschten in die Hände. Im gleichen Moment schrillte das Telefon und der Mann mit der Pistole eilte zurück in den Angestelltenbereich.

Ich wunderte mich, dass die Polizei so schnell klein beigegeben hatte, immerhin spielten sie sonst eher auf Zeit.

„Was soll das heißen?“, hörte ich den Bankräuber sagen und es klang ziemlich ärgerlich. Dann lauschte er erneut ins Telefon. „Nein, ich gesagt zwei Millionen. Die werden sie doch wohl auftreiben können. Ich ihnen gebe dreißig Minuten von jetzt an, dann stirbt erste Geisel. Haben sie verstanden? Dreißig Minuten von jetzt an!“ Er warf den Hörer auf die Gabel und fuchtelte wild mit seiner Pistole herum. Dann ging er zu seinen Kumpanen zurück und beriet sich mit denen.

Draußen flog der Hubschrauber wieder davon.

Dreißig Minuten. Dass die Männer äußerst brutal vorgingen, hatten sie ja schon bei dem Dicken dokumentiert. Ich zweifelte nicht daran, dass sie ihre Drohung wahrmachen würden. Es war an der Zeit, einen handfesten Plan zu entwickeln, jetzt konnte ich nicht hoffen, dass der Zufall mir zu Hilfe kam.

Die verschiedenen Pläne, die ich mir überlegte, verwarf ich direkt alle wieder. Die Zeit verging und ich wurde zusehends verzweifelter. Einzig die Option, mich zur Exekution anzubieten, blieb mir noch und das war eigentlich auch keine so gute Idee. Wer garantierte denn, dass die Bankräuber nach mir nicht weitere Geiseln hinrichten würden?

Exakt neunundzwanzig Minuten vor dem Verstreichen der Frist ließ sich das Flappen der Rotorblätter wieder vernehmen.

Erneut klingelte das Telefon.

Wieder nahm der Gangster mit der Pistole den Anruf an und nach einigen Sekunden machte er zu seinen Kumpanen das ‚Daumen hoch‘ Zeichen. Offensichtlich war die Polizei auf seine Forderungen nun doch eingegangen.

In diesem Moment veränderte sich das Rotorengeräusch, es schien als würde der Motor des Helikopters stottern, dann verklang er plötzlich gänzlich. Sekunden später ließ sich von draußen eine Explosion, die in einiger Entfernung stattgefunden haben musste, hören. War der Hubschrauber abgestürzt?

Meine Ahnung schien sich zu bestätigen, denn jetzt fluchte der Gangster lautstark am Telefon. „Abgestürzt?“, hörte ich ihn schreien. „Mit ganze Geld?“ Er lauschte kurz, dann fluchte er vernehmlich in seiner Landessprache. „Zwei Stunden? Neuer Hubschrauber? So jetzt gut zuhören, wir jetzt fordern vier Millionen. Vier Millionen und keinen Cent weniger! Und diesmal keine Hubschrauber, sondern Wagen gepanzert. So ein Riesending, wenn du verstehst, was ich meine! In spätestens einer Stunde ist Auto hier direkt vor Türe. Und keine Ausreden mehr!“ Er warf den Hörer ärgerlich auf den Schreibtisch und kehrte zu seinen Kumpels zurück.

Eine Stunden Galgenfrist. Und mir war bisher nichts eingefallen! Erneut blickte ich sinnend auf den abgegrenzten Bereich. Wollte ich dorthin gelangen, dann müsste ich quer durch den hinteren Teil der Filiale robben, was unweigerlich die Entdeckung durch die Gangster nach sich ziehen dürfte.

Die Zeit verrann und ich zermarterte mir das Hirn.

Doch dann wurde mir die Entscheidung abgenommen: Mein Handy klingelte schrill und anhaltend. Sofort stand der Mann mit der Pistole neben mir und zur Begrüßung bekam ich einen Tritt in die Seite.

„Sieh einmal an“, sprach er. „Da ist ja noch Kunde. Meintest wohl, du hier verstecken?“ Dann wandte er sich an die beiden anderen Gangster und sprach in gebrochenem Deutsch zu ihnen, so dass ich es auf jeden Fall verstehen musste: „Ich glaube, hier jemand, der als erster erschossen! Wir müssen Exempel statuieren. Und zwar jetzt!“

Bingo, der weit unter seinem Stuhl lag, entdeckte er zum Glück nicht. Im Endeffekt wären die Kerle noch darauf gekommen, meinen treuen Freund zu erschießen! Ein Mann und sein Hund - doch was wären die Zwei schon, wenn der Hund tot sein würde? Andererseits - auch ein erschossenes Herrchen wäre nicht gerade die beste Option.

„Los, aufstehn. Auf die Beine, sofort!“ Wieder traf mich ein Tritt in die Seite und ich erhob mich schwankend, wobei ich mich am Stuhl festhielt und mit meinem Körper den Hund so gut es ging verdeckte. „Zur Tür, dawai, dawai.“ Ich erhielt mit der Pistole einen Stoß in den Rücken, der mich in Richtung Eingangstür stolpern ließ.

Mein Handy hatte inzwischen aufgehört zu klingeln und ich fragte mich, wer denn angerufen haben mochte. Ein verpasster Anruf und ich würde vermutlich nie erfahren, wer nach mir verlangt hatte ...

Hinkend und in leicht gebückter Haltung schlich ich auf die Türe zu, an der der Mann mit der Maschinenpistole schon auf mich wartete. Ich konnte sein Grinsen unter der Sturmhaube förmlich spüren. Auch der Typ mit der Schrotflinte gesellte sich zu uns. Vermutlich wollte jeder der drei den tödlichen Schuss auf mich abgeben und damit zeigen, was für ein ganzer Kerl er war. Doch kampflos würde ich nicht sterben, Hauptsache die Sparkassenkunden wurden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Doch die lagen allesamt noch am Boden und hielten ihre Arme schützend über den Köpfen. Auch der andere Angestellte ließ sich nicht blicken.

Der Mann mit der MP lachte leise, als er die Tür aufzog. Er hielt die Waffe mit dem Lauf nach unten in der linken Hand und an sich hätte er ein leichtes Ziel für mich sein können. Wäre da nicht die tschechische Pistole, die auf meinen Rücken gerichtet war. Der Plan der Gangster sah vermutlich vor, mich mit einem Kopfschuss aus der CZ zu töten, was ja auch am effektivsten sein durfte.

Ich sah keine Möglichkeit, meinem Schicksal zu entgehen und hoffte auf ein Wunder. Vor meinem inneren Auge erschienen der Strand, Bingo und unser gestriger gemeinsamer Spaziergang. Die Sonne stand mittlerweile ziemlich hoch am Himmel und es war für diese Jahreszeit eigentlich zu warm. Kein wirklich guter Tag zum Sterben. Draußen blinkten die Polizeilichter und hinter den Wagen standen verdeckt Polizisten, die die Situation sorgfältig beobachteten. Gab es irgendwo Scharfschützen, die mich vielleicht retten konnten? Ich hinkte langsam weiter, wollte den Augenblick so lange wie möglich herauszögern und sah mich unauffällig nach mit Gewehren bewaffneten Beamten um.

Doch leider entdeckte ich niemanden.

Noch zwei Schritte, dann würde ich durch die Tür treten. Zwei hinkende Schritte zum Tod.

In diesem Moment erklang ein jämmerliches Jaulen aus dem hinteren Teil des Sparkassenraumes. Das konnte nur Bingo sein!

Der Mann mit der Pistole wies die beiden anderen in seiner Sprache an und eilte zu dem abgegrenzten Bereich. Das Jaulen erklang erneut und ich stellte fest, dass es eindeutig aus dem Bereich hinter den spanischen Wänden kam. Ich konnte trotz der gefährlichen Situation ein Grinsen nicht verhindern. Auch wenn die Schrotflinte jetzt genau auf meinen Kopf zielte. Aber offensichtlich hatte Bingo die kurze Gelegenheit genutzt, sich hinter die Abtrennung zu schleichen, die der Gangster mit der CZ in diesem Moment erreichte.

Mir wurde plötzlich flau im Magen. Würden heute ein Mann und sein Hund sterben? Würde heute dieses Dreamteam von Mensch und Hund ein für alle Mal auseinandergerissen? Von der Welt getilgt?

Aber noch bevor der Gangster die erste der spanischen Wände erreichte, schoss von der Seite ein dunkler Schatten auf ihn zu, verbiss sich in seinen Arm und die Pistole fiel scheppernd zu Boden. Der Mann schrie auf, vermutlich mehr vor Schreck, als vor Schmerz, doch sogleich folgte ein gurgelnder Schrei des Entsetzens, als Bingo ihm an die Kehle ging und ihn zu Boden zog.

Der Type mit der Schrotflinte schwenkte herum, wollte seine Waffe auf Bingo richten und abdrücken. Doch dazu kam er nicht mehr. Blitzschnell - und plötzlich ohne jegliches Hinken - wirbelte ich herum, bekam den Arm des Schützen zu fassen und beschrieb zusammen mit ihm eine kreisende Bewegung.

Donnernd löste sich ein Schuss, doch die Schrotladung traf nicht Bingo, sondern den Gangster mit der Maschinenpistole in den Kopf, der wie eine überreife Melone auseinanderflog. Blut und Hirnmasse verteilten sich auf den Glasscheiben der Türen und der tote Körper sackte zu Boden.

Doch darauf achtete ich jetzt kaum noch. Mir genügte, dass der MP Schütze ausgeschaltet war und ich nutzte meinen Schwung, um den Arm des dritten Räubers mit aller Kraft herumzureißen. Ein krachendes Geräusch sagte mir, dass nicht nur ein Knochen gebrochen war und der Gangster schrie plötzlich wie am Spieß. Ich ließ den Arm los, der offensichtlich sogar aus dem Gelenk gerissen war, wirbelte herum und schickte einen Fußtritt in die Magengegend des Mannes. Der klappte zusammen wie ein Taschenmesser und ein schwungvoller Stoß mit meinem Knie mitten in sein Gesicht brach ihm dort die Nasen- und Wangenknochen und schickte ihn ins Land der Träume.

Wenigstens hörte jetzt sein Jammern auf und eine beruhigende Stille trat ein. Zumindest nahezu Stille, denn jetzt drang das Klingeln des Telefons an mein Ohr.

Ich überblickte kurz die Situation. Bingo stand zähnefletschend über dem Pistolenschützen, dessen Sturmhaube zerfetzt war. Blut rann aus Gesicht und Hals und der Unterkiefer war vollkommen zerstört. Doch der Mann lebte und hielt ängstlich die Hände vor den Rest seines Gesichtes. Ich nahm MP und Schrotflinte an mich und ging zum Telefon.

„Hören sie“, begrüßte mich eine männliche Stimme, „was ist da drinnen los? Wir haben doch gesagt, dass wir alle Forderungen erfüllen und der Wagen wird in gut einer halben Stunde vor der Sparkasse stehen. Warum wurde geschossen und wer ist der Mann, der an der Türe getötet wurde?“

„Guten Tag“, begrüßte ich den Polizisten nachdem endlich sein Redefluss stoppte. Hier spricht Jonathan Lärpers, die Sache ist erledigt. Es gibt einen Toten und zwei Verletzte, doch dabei handelt es sich um die Gangster.“

„Wer spricht da?“

„Jonathan Lärpers.“

„Jonathan Lärpers?“

„Korrekt. Jonathan Lärpers.“

Der Polizist am anderen Ende überlegte einen Moment und ich konnte hören, wie er sich mit jemandem leise beriet. „Jonathan Lärpers? Sind sie einer der Bankräuber?“

Ich stöhnte. „Nein, ich bin ein unbescholtener Sparkassenkunde. Ich wollte eigentlich nur etwas Geld für meinen Urlaub abholen, also unseren Urlaub, doch dann kamen diese Bankräuber. Mein Hund und ich haben die Situation aber bereinigt. Und von den Kunden, sowie der Angestellte der Sparkasse hier wurde niemand verletzt.“

„Jonathan Lärpers, korrekt? Sie und ihr Hund?“

Ich nickte. „Ja, Bingo.“

„Bingo? Wollen sie jetzt mit mir spielen, Bingo spielen?“

Ich stöhnte erneut. Doch diesmal so laut, dass der Mann am anderen Ende der Leitung mich auch unbedingt hören musste. „Der Hund heißt Bingo. Ein Malinois. Wir sind ein Team, ein Dreamteam sozusagen. Ein Mann und sein Hund, sie verstehen?“

„Nein, das verstehe ich nicht. Können wir denn jetzt die Bank stürmen?“

„Das ist nicht notwendig, die Gangster sind erledigt. Kommen sie einfach herein und bringen sie auch einen Arzt und Sanitäter mit.“ Dann fiel mir noch etwas ein und ich fügte hinzu: „Und einen Leichensack für den Mann ohne Kopf ...“

Die Polizisten - ein Spezialeinsatzkommando - stürmte trotzdem in oft trainierter Formation in die Sparkassenfiliale, wobei sämtliche Glasscheiben zur Straße hin zu Bruch gingen. Mich wunderte, dass bei dem Einsatz nicht noch einige der Kunden zu Schaden kamen und auch ich stand mittlerweile mit erhobenen Händen neben dem Telefon. Als die Beamten bemerkten, dass keine Gefahr für sie bestand, wurde ein Großteil der Männer wieder zu den Wagen geschickt. Dafür strömten jetzt mehrere Sanitäter in die Filiale.

Zwei Polizisten traten zu mir und einer sicherte sofort die auf dem Schreibtisch liegenden Waffen. Der andere schaute mich prüfend an. „Sind sie dieser Jonathan Lärpers?“

„Das bin ich. Haben wir eben miteinander gesprochen?“

Der Mann nickte. „Ich bin der Einsatzleiter. Sie sind also kein Bankräuber?“

„Nein, ich bin kein Bankräuber. Fragen sie die Frau Düün, das ist meine Vermieterin der Ferienwohnung.“ Die Frau diskutierte gerade mit einem anderen Beamten und zeigte auf den Gangster, der noch ihre Geldbörse mit den vielen Scheinen darin haben musste.

Der Einsatzleiter nickte und besah sich die Verletzten, die jetzt von Sanitätern versorgt wurden. Auch um die Leiche im Eingangsbereich kümmerte sich schon jemand. Ich fragte mich, ob nicht zunächst die Spurensicherung hier tätig werden musste, doch die Polizisten würden schon wissen, was sie taten. „Haben sie die Gangster so zugerichtet?“

Ich lächelte. „Nur teilweise. Den dort hinten hat Bingo zwischen gehabt und der ohne Kopf wurde von seinem Kumpel erschossen, als ich mit ihm kämpfte. Aber da hatte er noch seinen Kopf auf dem Hals. Vor dem Schuss zumindest.“

„Bingo?“

Ich schüttelte den Kopf. Nein, der hat seinen Kopf doch noch auf dem Hals. Ich meine den Gangster.“

„Der Gangster heißt also Bingo. Woher wissen sie seinen Namen?“ Jetzt betrachtete mich der Polizist doch wieder misstrauisch, so als würde ich entgegen meiner Aussage zu den Räubern gehören.

Erneut schüttelte ich den Kopf. „Wie der Bankräuber heißt, weiß ich nicht. Mein Hund heißt Bingo. Und ist ein Malinois.“

„Bingo?“ Der Mann kratzte sich am Kopf. „Ein merkwürdiger Name für einen Malinois. Nun, egal. Bitte halten sie sich zu unserer Verfügung, der Kollege muss noch ihre Aussage aufnehmen.“

Ich nickte, dann dachte ich an den Hubschrauberabsturz und sprach den Mann noch einmal an: „Warten sie, einen Moment bitte. Hat der Pilot den Absturz überlebt?“

„Der Pilot?“, echote der Polizist und sah mich fragend an. „Welcher Pilot?“

„Der Hubschrauberpilot. Wir haben doch deutlich hören können, dass der Helikopter abgestürzt ist.“

Der Einsatzleiter lachte und klopfte mir auf die Schulter. „Ja, mein Lieber. Eine geniale Idee, nicht wahr? Stammte ja auch von mir. Nein, es gab keinen Absturz, es gab noch nicht einmal einen Helikopter. Wir haben einfach eine riesige Soundanlage am Ende der Straße postiert und eine Tonaufnahme ablaufen lassen. Um Zeit zu gewinnen, verstehen sie?“

„Kein Helikopter, kein Absturz?“ Während der Mann zu seinen Leuten ging, dachte ich über den Trick nach und musste zugeben, dass die Polizei hier doch nicht so dumm war, wie ich zunächst angenommen hatte. Wir waren alle auf den Trick hereingefallen und hätten die Gangster mich nicht unbedingt erschießen wollen, dann wäre es vermutlich zur Geiselbefreiung durch das Einsatzkommando gekommen.

IX.

Das ganze Hin und Her in der Sparkasse hatte einige Stunden gedauert und als Bingo und ich endlich gehen konnten, war es früher Nachmittag. „Wir werden den restlichen Tag am Strand verbringen“, versprach ich meinem Hund auf der Rückfahrt. „Und dann gönnen wir uns ein riesiges Stea...“ Mitten im Satz musste ich mit Schrecken daran denken, dass ich in der Sparkasse ja gar kein Geld bekommen hatte. Ich würde zu der Filiale in Esens fahren müssen, doch dazu war es jetzt schon zu spät.

Zusätzlich zu den Sorgen um unsere Verpflegung kam auch noch der Gedanke daran, dass ich die Wohnung nicht würde bezahlen können. Frau Düün war darüber bestimmt nicht erfreut, zumal man ihr auch die Geldbörse nicht zurückgegeben hatte, sondern zunächst als ‚Beweisstück‘ behalten wollte.

Rieke de Düün trat aus der Haustür, als mein Wagen auf dem Gästeparkplatz hielt. Ich war inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass ich besser mit Bingo die Heimreise antrat. Das Benzin im Tank würde noch gerade so eben bis nach Hause reichen und irgendeine Dose Fertigessen und Futter für Bingo hatte ich auch noch daheim. Bevor es aber nach Hause ging, wollte ich mich wenigstens vom Strand, dem Meer und der guten Luft verabschieden.

Noch ein letztes Mal ein wenig Meeresluft schnuppern und die Weite der Nordsee genießen.

„Herr Lärrperts können sie sich vorstellen, dass man mir mein Geld nicht zurückgegeben hat?“, begrüßte mich die Bäuerin, kaum dass ich aus dem Wagen stieg. „Das ist eine Unverschämtheit. Ich soll es erst wiederbekommen, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind! Können sie sich so etwas vorstellen?“

Ich nickte. „Ja kann ich. Das ist durchaus normal. Aber keine Sorge, sie bekommen ihr Geld schon zurück!“ Die Sorgen dieser Frau wollte ich einmal haben ...

„Ihr Wort in Gottes Ohr. Wer weiß denn, wann das sein wird? Bei der Geschwindigkeit, mit der die Behörden hierzulande arbeiten. Bis ich mein Geld zurückhabe, hat die Inflation den größten Teil davon aufgefressen. Und wovon soll ich dann leben? Sachen gibt es.“

„So ist das nun einmal“, versuchte ich die Frau zu beruhigen. „Leider muss ich ihnen mitteilen, dass ich heute zurückreisen werde. Durch den Überfall wurde mir kein Geld in der Sparkasse ausgezahlt und ich kann leider die Wohnung jetzt nicht bezahlen. Außerdem besitze ich kaum noch Bargeld und Bingo muss ja etwas zu essen bekommen.“ Dass ich ebenfalls etwas essen wollte, verschwieg ich.

Die Frau überlegte, dann schüttelte sie den Kopf. „Sie können noch nicht abreisen, Herr Lärrperts. Vorhin hat die Polizei angerufen, sie sollen sich morgen früh um neun Uhr in der Dienststelle in Neuharlingersiel einfinden. Es gibt da wohl noch einige Dinge, die geklärt werden müssen.“

„Morgen? Sind sie sicher, dass sie sich nicht verhört haben. Morgen ist doch ein Feiertag.“

Die Frau nickte. „Das habe ich zu dem Polizisten auch gesagt, doch er meinte nur, dass er wegen des Überfalls morgen Vormittag im Büro sein müsste.“

Ich nickte. Mein verbliebenes Bargeld würde gerade einmal für etwas trockenes Brot reichen, doch dann dachte ich daran, dass es in einer Dose Hundefutter besser angelegt wäre. Bingo könnte mir ja ein wenig davon abgeben. Aber was kam danach? Die Banken und Sparkassen hatten geschlossen und öffneten erst nächste Woche wieder. Wie sollte ich uns ernähren?

Ein Mann und sein Hund, die am Strand verhungern würden ...

Mir kam der Gedanke, vielleicht im Meer Fische zu fangen, doch bei dem Gedanken an glibbrigen Fisch wurde mir direkt übel. Dann doch lieber verhungern ...

Rieke de Düün beobachtete mich scharf, dann meinte sie: „Sie haben kein Bargeld mehr, stimmt’s?“

„Das ist nicht schwer zu erraten. Leider ist meine Bankkarte ja kaputt, sonst könnte ich am Automaten Geld abheben. Aber so sehe ich nicht einmal unsere Versorgung gesichert ...“

Die Vermieterin lachte. „Das dürfte kein Problem sein. Ich gebe ihnen ihre zweihundert Euro zurück, damit dürften sie ein paar Tage auskommen. Außerdem soll ich sie fragen, ob sie uns am Sonntag beim Mittagessen Gesellschaft leisten würden. Mein Mann hat sie noch gar nicht kennenlernen können und jetzt ist er doppelt neugierig auf den Helden vom Siel.“

„Den Helden vom Siel? Was hat das jetzt zu bedeuten? Meinen sie mich damit?“

„Wen denn sonst? Schauen oder hören sie denn keine Nachrichten? Überall spricht man davon, wie ein einzelner Mann den Banküberfall vereitelt und somit zahlreiche Menschenleben gerettet hat. Der Held vom Siel.“

„Naja“, beschwichtigte ich. „Es waren ja nur vier Leute in der Bank. Außer mir“, fügte ich dann hinzu. „Außerdem war mir nicht sonderlich daran gelegen, von den Typen erschossen zu werden.“

„Und deswegen war ihr Verhalten ja umso bewundernswerter“, beharrte sie. „Was sind sie? Supermann, Rambo oder was für einer?“

„Nichts dergleichen.“ Ich winkte mit einer Hand ab. „Ich bin Privatdetektiv und Personenschützer. Mir haben halt meine Kampfsportkenntnisse geholfen. Krav Maga zum Beispiel.“

„Was für ein Maga? Ist ja auch egal, Hauptsache sie haben uns alle gerettet. Kommen sie mit in mein Büro, dann gebe ich ihnen das Geld. Und vergessen sie ihren Termin morgen früh bei der Polizei nicht!

Im Büro zählte mir Frau Düün penibel zweihundert Euro ab, dann musste ich ihr den Erhalt quittieren. Anschließend schrieb sie etwas auf einen Zettel und reichte ihn mir dann. „Das hier ist unsere Bankverbindung. Die Kontonummer, diese merkwürdige IBAN. Darauf können sie die Miete für die Ferienwohnung überweisen, wenn sie wieder zu Hause sind. Und am Sonntag Punkt zwölf Uhr dreißig kommen sie zum Essen zu uns. Den Hund können sie natürlich gerne mitbringen. Aber seien sie pünktlich.“

Ich nickte dankbar. Mein Urlaub schien gerettet und die Sache bei der Polizei konnte ja nicht allzu lange dauern. Danach würden Bingo und ich den restlichen Vormittag bis zum Mittagessen am Strand verbringen.

Herrliche Aussichten für einen Mann und seinen Hund!

Ein wenig überpünktlich parkte ich meinen Wagen neben dem Polizeigebäude. Bingo war diesmal nicht bei mir, da ich ihn nicht im Fahrzeug lassen wollte. Laut Wetterbericht sollte es heute wieder recht warm werden. Außerdem wusste ich nicht, wie lange mein Aufenthalt bei dem Polizisten dauern würde. Meinen treuen Freund ließ ich also bei Frau de Düün auf dem Bauernhof, wo er sich direkt mit seinem Knochen in den Schatten legte. Als meine Vermieterin ihm dann noch einen Napf mit rohen Fleischresten hinstellte, war der Malinois vor Freude kaum noch zu halten.

Der Polizist, der auch den Einsatz in der Sparkasse geleitet hatte, erwartete mich schon an der Eingangstür zur Polizeistation. Er blickte mir rauchend entgegen, dann sah er auf seine Armbanduhr. „Pünktlich, pünktlich, Herr Lärpers“, lächelte er und hielt mir die Hand hin. „Guten Morgen. Kommen sie, gehen wir in den Besprechungsraum. Mein Name ist übrigens Mehrmann, Rudolf Mehrmann, meines Zeichens Hauptkommissar. Wie das Meer nur mit einem ‚h‘ und ohne zwei ‚e‘. Ich glaube, ich hatte mich ihnen gestern nicht vorgestellt.“

„Das stimmt“, murmelte ich und folgte dem Mann durch einen schmalen Gang und eine Treppe hinauf. Meermann mit ‚h‘ aber ohne ‚e‘? Ich beschloss, darüber nicht weiter nachzudenken. Wir betraten einen Raum, in dessen Mitte ein ovaler Tisch mit zahlreichen Stühlen stand. Auf dem Tisch befanden sich mehrere kleine Fläschchen mit Limonade, Cola und verschiedenen Säften. Daneben standen einige Gläser, sowie Kaffeetassen und eine Thermoskanne. Die Flaschen schienen direkt aus der Kühlung zu kommen und beim Anblick des Orangensaftes lief mir das Wasser im Mund zusammen. Eigentlich fehlten nur noch die belegten Brötchen und ich würde mich wie im Planungsraum unserer Detektei fühlen.

„Setzen sie sich, Herr Lärpers. Bedienen sie sich ruhig. Einen Kaffee vielleicht?“

„Danke, aber ich bevorzuge den Orangensaft. Kaffee gab es heute Morgen schon zur Genüge.“ Brötchen zwar auch - meine Vermieterin Rieke de Düün hatte mir eine Tüte, sowie jede Menge Wurst zukommen lassen - doch ein Brötchen konnte ja nie schaden. Ich überlegte, ob ich Herrn Meer- oder Mehr- oder wie-auch-immer mann einmal danach fragen sollte.

Der Polizist schob mir ein Glas und den Orangensaft hin und lächelte. „Nun, Herr Lärpers, der Grund, dass wir uns heute noch einmal hier treffen ist Folgender.“ Er trank einen Schluck Kaffee, was ich zum Anlass nahm, eine Bemerkung einzufügen.

„Ich weiß, sie haben noch einige Fragen an mich, doch im Grunde sagte ich ihrem Kollegen gestern schon alles. Worum geht es denn nun?“

„Tja, weitere Fragen gibt es wirklich nicht mehr, doch hat sich ein neuer Aspekt in Bezug auf die Bankräuber ergeben.“ Er sah auf seine Uhr und fuhr fort: „Ich möchte der Sache nicht vorgreifen, aber ich erwarte noch einen Herrn, der ihnen genau erklären wird, warum wir sie bitten mussten, noch einmal nach Neuharlingersiel zu kommen.“ Er tat sehr geheimnisvoll und sah erneut auf seine Uhr. Dann stand er abrupt auf, ging zur Tür und spähte auf den Gang hinaus. Ich konnte leises Gemurmel vernehmen und der Polizist blickte mich grinsend an. „Da kommen sie ja schon ...“

Wenige Minuten später betrat ein Herr in grauem Anzug, weißem Hemd und roter Krawatte den Raum. In der linken Hand hielt er eine dicke Mappe und es folgten ihm zwei weitere, wesentlich jüngere Männer. Die beiden trugen eher legere Kleidung, Jeans und bunte Hemden und hielten sich geflissentlich im Hintergrund. Der Polizist und der Mann im Anzug begrüßten sich, dann kamen beide auf mich zu.

Aus Höflichkeit erhob ich mich, stieß dabei aber gegen mein Glas mit dem Orangensaft, das polternd umfiel. Gut, dass es nicht einmal mehr halbvoll war ... verstohlen sah ich mich nach den kleinen Fläschchen um und zu meinem Glück stand dort noch ein weiteres mit Orangensaft.

„Darf ich ihnen den Herrn von Zweigel vorstellen?“, holte der Hauptkommissar mich aus meinen Gedanken. „Herr von Zweigel ist der Leiter der Kreissparkasse Wittmund, zu der auch die Filiale hier in Neuharlingersiel gehört.“

Wir reichten uns die Hände.

„Sie sind der Herr Lärpers“, stellte der Anzugträger fest und als ich nickte, fuhr er fort: „Unser Held vom Siel.“ Er klopfte mir auf die Schulter und lächelte mich mit einem makellosen, aber künstlichen Gebiss an. „Der Retter zahlreicher Menschenleben.“

Er winkte die beiden anderen Männer heran, von denen einer jetzt einen Fotoapparat in der Hand hielt. „Die beiden Herren sind von der Presse und werden eine Reportage über den Helden vom Siel bringen. Lächeln sie, Herr Lärpers, lächeln!“ Er nahm meine Hand und schüttelte sie erneut, diesmal aber lang und anhaltend. Der Mann mit der Kamera schoss einige Fotos.

Ich zeigte mein strahlendstes Lächeln, musste mich dann aber an meinen Freund Bernd erinnern, der mich immer zurechtwies, da ich ja angeblich ‚dämlich‘ grinste. Doch hier und jetzt verlangte man von mir zu lächeln und das tat ich auch. Gekonnt und professionell.

„Können wir auch ein paar Fotos ohne dieses dämliche Grinsen machen?“, fragte der Mann mit der Kamera und von Zweigel ergriff erneut meine Hand. Wieder klickte die Kamera, doch jetzt blickte ich ernst drein.

„Nun, Herr Lärpers“, begann der Sparkassenmensch nachdem er meine Hand endlich losgelassen hatte, „ich will mich kurzfassen, denn bei dem herrlichen Wetter wollen sie doch bestimmt den Tag an dieser herrlichen Küste, in einer herrlichen Urlaubsregion, bei herrlichem Sonnenschein am Strand genießen.“

Ich nickte. „Das wäre herrlich bei dem herrlichen Wetter. Ich liebe diese herrliche See und die herrliche Luft.“

Der Mann sah mich einen Moment irritiert an, nickte dem Fotografen dann kurz zu und zog umständlich seine Mappe hervor, während jede einzelne seiner Bewegungen auf digitales Zelluloid gebannt wurde. „Es hat sich herausgestellt, dass die von ihnen dingfest gemachten Bankräuber“, er machte eine kurze Kunstpause und lächelte in die Kamera, wobei er die Mappe ein wenig in die Höhe hielt, „schon mehrere unserer Filialen ausgeraubt hatten. Die Sparkasse hat deswegen eine Belohnung von dreißigtausend Euro auf Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, ausgesetzt.“ Er hob theatralisch beide Hände und wieder klickte die Kamera. „Herr Lärpers, diese Summe steht einzig und alleine ihnen zu.“

Ich ließ mich rückwärts auf den Stuhl fallen. Dreißigtausend Euro? Hatte ich den Mann richtig verstanden? „Sagten sie dreißigtausend?“

Von Zweigel nickte. „Dreißigtausend Euro. Aber damit nicht genug. Sie haben ja nicht nur Hinweise geliefert, sondern die Bande selbst zur Strecke gebracht. Deswegen“, er zog ein Blatt aus seiner Mappe, sowie eine Scheckkarte, „möchte sich die Kreissparkasse Wittmund bei ihnen mit diesem kostenlosen Konto und natürlich einer dazugehörigen Scheckkarte bedanken.“ Er hielt mir das Blatt und die Karte hin, doch ein wenig außerhalb meiner Reichweite. Dann nahm er meine Hand und zog mich vom Stuhl hoch. „Danke Herr Lärpers. Auch im Namen unserer Kunden!“

Wieder tat der Fotograf seine Arbeit und ich bemühte mich, nicht zu grinsen. Dreißigtausend Euro und dazu eine funktionierende Karte, mit der ich am Automaten mein Geld abheben konnte. Mir schwirrte der Kopf vor lauter Freude.

„Wissen sie denn schon, was sie mit dem ganzen Geld anfangen werden?“, ließ sich jetzt der andere junge Mann vernehmen, der mit einem Bleistift fleißig auf einen kleinen Notizblock schrieb.

„Nein, das weiß ich noch nicht.“ Ich dachte an den neuen Wagen, den ich mir kaufen wollte, zahlreiche Steaks mit doppelten Portionen Pommes Frites und enorm viel Mayonnaise und - an meine Vermieterin, der ich ja noch Geld schuldete. „Ich werde wohl erst einmal meine Ferienwohnung bezahlen“, gab ich schließlich von mir. Die Sachen mit den Steaks und Pommes behielt ich wohlweislich für mich.

Während der Sparkassenleiter weiter meine Hand schüttelte und der Fotograf seine Fotos machte, nahm der andere Journalist am Tisch Platz und bediente sich seelenruhig an der letzten Flasche Orangensaft. „Haben sie denn gar keine persönlichen Wünsche und Träume, die sie sich jetzt erfüllen können?“, nuschelte er schließlich nach einem tiefen Schluck aus der Flasche.

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht“, gestand ich. „Das kommt alles so ... so überraschend. Trotzdem Danke!“ Endlich überließ von Zweigel mir die Kreditkarte, doch das Blatt hielt er noch zurück.

„Sie müssen dann noch hier unterschreiben.“ Er wandte sich zur Kamera und lachte. „Aber keine Sorge, sie kaufen damit keine Waschmaschine ...“

Irgendwann hatte die Angelegenheit dann doch ein Ende und alle verabschiedeten sich voneinander. Der Sparkassenleiter von Zweigel klopfte mir abschließend auf die Schulter und wiederholte es noch zweimal für die Kamera, dann endlich war auch ich entlassen.

Mein erster Weg führte mich zu dem Geldautomaten und der spuckte problemlos die gewünschte Summe aus. Von meinen Sorgen befreit, atmete ich tief durch.

Als ich auf den Ferienhof zurückkam, schien Bingo sich nicht vom Fleck gerührt zu haben. Es hatte den Anschein, als würde der Hund zusehends fauler werden und es wurde allmählich Zeit, unsere morgendlichen Dauerläufe wieder aufzunehmen. Aber zunächst verfolgte ich andere Pläne, denn es ging stark auf die Mittagzeit zu.

Frau de Düün trat gerade neben Bingo, sagte etwas und lachte leise, worauf der Hund sich träge auf den Rücken drehte. Sie ging in die Hocke und streichelte dem Malinois Brust und Bauch. Hätte ich nicht das Bild noch vor Augen, wie mein Freund den Gangster in der Sparkasse zugerichtet hatte, so würde ich nie glauben, wie gefährlich der Hund sein konnte.

Wenn er wollte.

Ein treuer Freund, der sein Herrchen jederzeit und in jeder Situation beschützt.

Ich trat zu den beiden. „Frau de Düün, ich würde gerne mit ihnen in ihr Büro gehen und meine Übernachtungskosten bezahlen“, störte ich die Schmuserei und die Frau richtete sich rasch auf.

„Sie wollen was?“

„Bezahlen. Sie bekommen doch noch achthundert Euro von mir.“

„Achthundertsechsundzwanzig!“, korrigierte sie mich. Dann fragte sie leicht misstrauisch: „Wie sind sie denn plötzlich so schnell an Geld gekommen?“

„Es gab eine Belohnung“, erklärte ich, „und die Sparkasse hat mir aus Dankbarkeit ein kostenloses Konto eingerichtet. Mit einer Scheckkarte, die auch am Automaten funktioniert.“

„Soso“, knurrte sie. „Und ich bin schon seit meiner frühesten Jugend dort Kundin, habe noch niemals etwas von denen geschenkt bekommen. Na dann kommen sie mal mit in mein Büro ...“

Bingo gab ein enttäuschtes Knurren von sich, wälzte sich wieder auf den Bauch und legte den Kopf auf die gekreuzten Pfoten. Das war eine seiner Lieblingspositionen, wie ich mittlerweile wusste.

Im Büro zählte ich der Frau das Geld ab und bekam dafür, wie zuvor auch, wieder eine Quittung. „Sagen sie“, fragte ich, nachdem der finanzielle Teil erledigt war, „gibt es hier im Ort ein gutes Steakhaus? Ich meine so ein richtiges ...“

„Steakhaus? Junger Mann, sie sind hier an der Küste. Da sollten sie lieber einmal frischen Fisch probieren. Fangfrischen Fisch, nicht das, was man bei euch so ‚frisch‘ nennt und was ja doch nur tiefgefroren war und aufgetaut wurde. Aber hier im Ort finden sie nichts, da müssen sie schon nach Neuharlingersiel, Esens oder Bensersiel fahren. Dort gibt es eine Reihe guter Restaurants, allerdings ist mir nichts von einem Steakhaus bekannt. Gehen sie doch in Bensersiel in das Restaurant ‚Meeresfrüchte‘. Dort bekommen sie alle Arten von Fisch; sie werden sehen, es bleiben keine Wünsche offen. Und Fleisch bekommen sie in nahezu allen Restaurants. Aber Steaks ...“ Sie zuckte mit den Schultern und sah mich an, als würde ich etwas Unmögliches verlangen.

Also doch wieder nach Neuharlingersiel? Oder vielleicht zur Abwechslung in dieses Bensersiel? Nach Esens zog es mich nicht, da hatte ich noch genug von dem griechischen Lokal mit dem passenden Namen ‚Hades‘.

Bingo schleppte seinen stinkenden Knochen zum Wagen und ließ keinerlei Diskussion darüber zu, ihn doch vielleicht hier vor dem Haus liegen zu lassen. Ich würde das Ding irgendwie entsorgen müssen, vielleicht sollte ich es heute Nacht heimlich aus dem Zimmer schaffen. Doch als ich den Blick des Malinois sah, wurde mir klar, dass so etwas kaum funktionieren dürfte.

Die Fahrt dauerte knapp fünf Minuten, dann lenkte ich den Wagen auf einen Parkplatz mitten im Ort. Der Platz war rappelvoll, doch ich konnte den Kia noch zwischen einem protzigen SUV und einem dornigen Strauch quetschen. Als ich mich auf der Beifahrerseite aus dem Wagen quälte, riss ich mir an den Dornen ein Loch in die Hose. Bingo bereitete das Aussteigen weniger Probleme und ich nahm ihn direkt an die Leine. Zum Glück ließ er den Knochen im Wagen, doch leider musste ich Fahrer- und Beifahrerfenster wegen des Geruchs einen Spalt offenstehen lassen. Hoffentlich lockte der Geruch keine Aasfresser an!

Rieke de Düün hatte mir mehrere Lokale empfohlen und auch die Wege dorthin erklärt. Alle verfügten über Sitzplätze im Freien, was mir sehr gelegen kam. Laut der Aussage meiner Vermieterin sollten auch alle Fleischgerichte anbieten.

Das erste Lokal machte einen hervorragenden Eindruck und auf der an der Eingangstüre angeschlagenen Speisekarte befand sich sogar ein Rumpsteak. Es wurde zwar mit Röstkartoffeln angeboten, doch da ließ sich bestimmt etwas machen ... Zum Steak gehörten auf jeden Fall Pommes Frites mit ordentlich Mayonnaise und vielleicht auch Ketchup.

Aber das Lokal war brechend voll und an einer kleinen Theke standen bestimmt zehn Personen, die auf einen Tisch warteten. Ein Ober eilte auf mich zu und zeigte auf die Theke. „Guten Tag, der Herr. Wir sind momentan komplett ausgebucht, doch falls sie es wünschen, können sie an der Bar auf einen freien Tisch warten. Die Herrschaften dort sind allerdings noch vor ihnen an der Reihe.“

Ich nickte dem Mann zu und drehte mich auf dem Absatz um. Mein Magen knurrte jetzt und wer weiß, wie lange es dauern würde, bis ich einen freien Tisch bekam. Es gab noch mehr Lokale hier und im nächsten würde ich garantiert einen Platz finden.

Leider hatte ich mich da geirrt, denn auch hier herrschte drangvolle Enge. Sowohl im Lokal, als auch im Außenbereich gab es nicht einen einzigen freien Platz mehr.

Die nächsten beiden Lokale waren ebenfalls ausgebucht und als ich an einer Metzgerei vorbeikam, überlegte ich schon, ob ich mir hier nicht - falls sie so etwas überhaupt anboten - ein oder mehrere belegte Brötchen oder ein Schnitzel kaufen sollte. Es konnte bestimmt ganz gemütlich werden, die Mahlzeit auf einer Bank am Meer zu mir zu nehmen.

Doch die Metzgerei war geschlossen, was natürlich an dem heutigen Feiertag lag.

Eine halbe Stunde und zahlreiche Flüche später war ich nahe daran, aufzugeben, als ich endlich ein Lokal entdeckte, das ein wenig abseits in einer Seitenstraße lag. Es trug den schönen Namen ‚De Fiskenhuus‘ und unter bunten Sonnenschirmen waren noch zwei Tische frei.

Bevor uns jemand zuvorkommen konnte, jagte ich mit Bingo im Laufschritt zu einem der Tische und ließ mich seufzend daran nieder. Glück gehabt, doch warum sollten ein Mann und sein Hund nicht auch einmal eine Glückssträhne bekommen?

‚De Fiskenhuus‘. Das hörte sich doch eigentlich nett an. Ich überlegte, was der Name bedeuten konnte, während ich auf die Bedienung wartete. ‚Fisken‘ könnten vielleicht Fritten sein. Zwar hätte ich das Lokal dann ‚de Pommes Fisken‘ genannt, was ja auch eindeutiger gewesen wäre, doch die eigentliche Frage, die sich mir stellte lautete: Gab es hier auch Steaks?

Eine junge Dame, die ich direkt als Studentin im Ferienjob einstufte, trat an meinen Tisch und nickte mir freundlich zu. „Guten Tag. Was darf ich ihnen bringen, wollen sie bei uns speisen?“

„Und ob ich das will. Ich habe einen Bärenhunger und könnte ihre gesamte Speisekarte rauf und runter essen. Aber zunächst hätte ich gerne ein großes Bier und die Karte.“ Sie wollte gerade gehen, als ich sie noch einmal ansprach: „Oder wissen sie was? Bringen sie mir doch einfach das größte Steak, das sie auf Lager haben mit einer Doppelten Portion Fisken. Und viel Mayo!“

Die Frau sah mich sinnend an, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich bringe ihnen erst einmal das Bier und die Karte. Dann können sie in Ruhe auswählen.“ Sie überlegte einen Moment und lächelte. „Aber mit Fisken haben sie auf jeden Fall eine gute Wahl getroffen.“

Zufrieden lehnte ich mich zurück und sah dem jungen Ding hinterher. Natürlich hatte ich mit Fritten - oder wie sie die hier nannten ‚Fisken‘ - eine gute Wahl getroffen. Ich musste an Curry-Erwin, meinen Freund mit dem feinen Essen in Rheydt, denken, der seine Speisekarte vielleicht auch ein wenig internationaler gestalten sollte. Fisken statt Fritten hörte sich irgendwie gelungen an.

Mein Bier kam nach kurzer Zeit und auch die Speisekarte, eingebunden in einer Art Leder, machte auf mich einen guten Eindruck. Hier ließ es sich speisen, hier war der Kunde noch König.

Und auch der beste Kumpel des Königs sollte hier sein feines Fresschen erhalten. Ein Jonathan Lärpers ließ sich ja schließlich nicht lumpen!

Die Speisekarte schien von den Pommes Frites dominiert zu werden, denn alle Gerichte begannen mit ‚Fisken‘. Was dann folgte, waren abenteuerliche Bezeichnungen, die mir zwar nichts sagten, aber mein kulinarisches Herz höherschlagen ließen. ‚Knurrhahnfilet‘ lenkte meine Gedanken an ein Hähnchen und ‚Kibbeling‘ hörte sich irgendwie Exotisch an. Nach Karibik vielleicht, was ja bei ‚Karibbeling‘ nicht so abwegig sein dürfte.

Doch leider fand ich kein Steak auf der Karte, lediglich das ‚Filet vom Dover sole‘ kam meinen Wünschen am nächsten. Filet war mir klar, Dover kannte ich als irgendeine Stadt in England und ‚sole‘ konnte eigentlich nur die Sonne bezeichnen. Bei einem Filetsteak konnte man kaum etwas verkehrt machen und wenn das Rind noch in Dover an der Sonne gereift war, dann musste es ja wirklich etwas Besonderes sein.

Meine Wahl stand fest, auch wenn der Preis für das Gericht ziemlich hoch war. Doch warum sollte ein Jonathan Lärpers sich nicht auch einmal etwas Gute gönnen. „Bingo, heute lassen wir zwei es uns einmal so richtig gut gehen“, flüsterte ich meinem Hund zu und genoss mein Bier.

„Ich nehme das Filet vom Dover sole“, bestellte ich bei der jungen Frau. „Doch bitte mit Pommes Frites anstatt der Kräuterkartoffeln. Und den Salat können sie getrost weglassen, vielleicht bringen sie stattdessen eine doppelte Portion Pommes. Und das alles mit Mayonnaise und Ketchup bitte. Und was können sie mir für den Hund empfehlen?“

„Für den Hund?“ Die Frau überlegte. „Wir haben einen Schnitzelteller für Kinder. Wenn wir die Pommes Frites weglassen, da...“

„Nein, nein, bringen sie den Teller ruhig mit Pommes.“ Ich wusste, dass ich die Kartoffelstäbchen essen würde. „Aber auf die Pommes auch ruhig Mayo und Ketchup. Und vielleicht etwas Wasser für den Hund. Und für mich noch ein Bier.“

„Selbstverständlich. Sie haben eine gute Wahl getroffen. Unsere Fisken sind wirklich frisch. Fangfrisch, ebenso natürlich die Dover sole.“

‚Merkwürdige Leute hier an der Küste‘, dachte ich, nachdem die Kellnerin gegangen war. Die Fritten nannten sie Fisken und die sollten dann ‚fangfrisch‘ sein? Und ebenso das Filet? Ich leerte mein Bierglas und schaute zufrieden in die Runde. Auch am letzten Tisch saßen nun hungrige Gäste und ich wusste, dass ich eine gute Wahl mit diesem Lokal getroffen hatte.

Das Essen kam nach einer kurzen Wartezeit, die ich mir damit verkürzte, die Leute an den Tischen ringsherum zu beobachten. Alle schienen die Nähe zum Meer ausnutzen zu wollen und durchweg Fischgerichte zu sich zu nehmen. Insgeheim schüttelte ich den Kopf. Selbst wenn diese glibberigen Tiere frisch aus der Nordsee auf den Teller kamen, so ging doch nichts über ein großes, saftiges Rindersteak. Oder ein Filet, auch wenn es aus Dover kam.

Die Bedienung stellte alles auf den Tisch, versorgte Bingo mit einer Schale Wasser und ein erster Blick zeigte mir, dass sie Mayonnaise und Ketchup vergessen hatte. „Bei beiden Gerichten fehlen Mayonnaise und Ketchup“, reklamierte ich dann auch direkt, bevor sie wieder fortlaufen konnte. Zum Glück war kein Salat dabei, doch die Pommes bei meinem Steak schienen nur eine einfache Portion zu sein. Nun, ich würde mir die von Bingos Kinderteller dazutun und im Zweifelsfall noch eine Portion nachbestellen.

„Hier“, sie zeigte auf vier kleine Tütchen, Zweimal Mayonnaise und zweimal Ketchup.“

„Das ist aber zu wenig“, lächelte ich. In diesen winzigen Tütchen konnte ja nicht viel drin sein. „Würden sie mir dann noch einmal vier von jeder Sorte bringen? Und noch ein Bier, bitte.“

Sie sah mich ein wenig merkwürdig an, nickte aber und verschwand. Wenn schon mit Geschmack, dann aber richtig. Während ich auf die Mayonnaise wartete, betrachtete ich mein Steak. Es war ziemlich dünn und paniert, was mich ein wenig verwunderte. Ein richtiges Rindersteak musste auf dem Grill medium gegart sein und höchstens mit ein wenig grobem Pfeffer bestreut werden. Vorsichtig schnitt ich das Steak an, um zu schauen, ob es wenigstens medium gebraten war.

Doch das Fleisch erschien mir merkwürdig weiß und weich. Von ‚medium‘ keine Spur. Ich überlegte ernsthaft, ob ich es nicht zurückgehen lassen sollte, doch dann knurrte mein Magen vernehmlich und ich zuckte mit den Schultern. Hier an der Küste war das wohl so und ein Dover-Steak hatte ich ja noch nie gegessen. Vielleicht musste das so sein ...

Bier, Mayonnaise und Ketchup kamen schon nach wenigen Minuten, als ich gerade Bingo das Schnitzel vorsetzte. Natürlich hatte ich die Pommes zuvor auf meinen Teller geschaufelt. Dann öffnete ich ein Tütchen nach dem anderen und verteilte die Mayo- und Ketchupmasse kunstvoll auf Pommes und Steak, was eine lustige Farbmischung ergab. „Guten Appetit“, wünschte ich Bingo, der sein Schnitzel aber schon aufgefressen hatte.

Das Steak war weich und labbrig und schmeckte ein wenig nach Fisch. Vielleicht hatte man die Rinder in Dover mit Fischmehl gefüttert, doch zum Glück rettete der Ketchup den Geschmack. Ich nahm mir vor, dieses Dover-Steak nie mehr zu essen, doch dank der doppelten Portion Pommes und der Verfeinerung mit Mayonnaise und Ketchup hatte das Essen doch einigermaßen gut geschmeckt. Sobald ich zurück in Mönchengladbach war, würde ich in meinem Lieblingssteakhaus einkehren und mir ein richtiges, gutes deutsches Rindersteak gönnen.

Die junge Frau trat an meinen Tisch, um die leeren Teller und das Besteck abzuräumen, warf einen skeptischen Blick auf meinen soßenverschmierten Teller und meinte: „Hat es dem Herrn geschmeckt?“

„Sehr gut“, lobte ich, konnte dann aber eine gewisse Kritik nicht zurückhalten: „Allerdings erschien mir das Filetsteak ... nun, also ... ein wenig ... merkwürdig.“ Ich wusste nicht, wie ich mich ausdrücken wollte, ohne direkt zu sagen, dass es überhaupt nicht gelungen war. „Also, mein Rindersteak bin ich ein wenig anders gewöhnt.“

„Rindersteak?“ Sie sah mich aus großen Augen an. „Das war doch Filet vom Dover sole. Fisken, sie verstehen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Fritten?“

„Fisch. Fisken sind Fische und wir bieten nur Fisch an, deswegen auch Fiskenhuus.“ Sie lächelte in Richtung des Hundes. „Und natürlich für die Kinder Schnitzel. Wenn sie keinen Fisch mögen. Dover sole ist doch Seezunge ...“

Ich sah ihr entgeistert nach, als sie mit den leeren Tellern in Richtung Küche ging und verspürte plötzlich ein leichtes Würgen. Die Konstitution eines Jonathan Lärpers war nicht auf die Aufnahme irgendwelcher Fischgerichte ausgerichtet.

Doch ich riss mich tapfer zusammen und würgte ein paar Mal dezent hinter vorgehaltener Hand, bis ein enormer Rülpser mir ein wenig Linderung verschaffte.

X.

Die folgenden Tage verbrachten Bingo und ich bei herrlichem Wetter durchweg am Strand. Wir machten lange Spaziergänge und genossen die freie Zeit so gut es eben ging. Einmal wanderten wir ohne ein Ziel durch den Sand und plötzlich fand ich uns in Bensersiel wieder, doch um dieses Fiskenhuus, also das Fischhaus mit den fangfrischen Glibbertieren, machte ich einen großen Bogen. Da bevorzugte ich jetzt doch lieber die Speisen eines Schnellimbisses, wobei ich akribisch darauf achtete, auch wirklich nur Fleisch vorgesetzt zu bekommen. So etwas, wie mit dem ‚Dover sole‘ sollte mir nicht noch einmal passieren.

Am Sonntag vergaß ich fast die Einladung meiner Mieterin zum Mittagessen und wir eilten im Laufschritt vom Strand zurück zum Bauernhof. Zwei Minuten vor halb eins betrat ich das Haus, während Bingo sich draußen im Schatten niederließ und wieder mit seinem Knochen kämpfte.

Rieke de Düün kam mir schon in der Diele entgegen. „Da sind sie ja endlich, Herr Lärrperts“, begrüßte sie mich und wischte sich die Hände an einer fleckigen Schürze ab. „Wir dachten schon, sie hätten die Einladung vergessen.“

„Nein, nein“, log ich. „Ich habe an nichts anderes denken können und freue mich schon auf das Essen. Was gibt es denn Gutes?“

„Snirtjebraten. Aber kommen sie doch erst einmal herein!“ Sie führte mich in das Wohnzimmer, das ich bisher noch nicht kannte. Mit ausgestreckter Hand kam mir ihr Mann entgegen, zwei Gläser und eine Flasche in der anderen haltend. „Das ist Jendrik, mein Mann und das ist Herr Jonathan Lärrperts, unser Gast aus der Ferienwohnung.“

Wir schüttelten uns die Hände und Jendrik de Düün drückte mir direkt ein Schnapsglas in die Hand. Rasch füllte er es bis zum Rand auf. Dann redete er in Platt auf mich ein, wobei ich kein Wort verstand.

„Du musst mit dem Herrn Hochdeutsch sprechen, Jendrik“, wies ihn seine Frau zurecht. „Herr Lärrperts versteht kein Platt!“

Jendrik de Düün nickte und bemühte sich mehr schlecht als recht, mich mit verständlicheren Worten zu begrüßen. „Willkommen Herr Lärrperts, willkommen Held von Siel in unserer bescheidenen Kate.“ Der Mann war vielleicht einen Meter fünfundsechzig groß, sehr dünn und roch nach Schnaps. Er nickte mir aufmunternd zu: „Prost Herr Held! Nich lang schnacken, Kopp in Nacken.“

„Trink nicht so viel, Jendrik“, tadelte ihn seine Frau, die wieder in der Küche verschwand.

„Wie gefällt es ihnen bei uns?“, fragte Jendrik de Düün und schenkte erneut nach. Ich spürte schon die Wirkung des scharfen Getränks und wollte dankend ablehnen, musste aber feststellen, dass de Düün auf dem Ohr taub zu sein schien.

„Gut, gut. Der herrliche Strand, das gute Wetter, uns gefällt es hier sehr gut.“

Der Mann nickte sinnend und schenkte uns Schnaps nach. Ich wollte dankend abwehren, war aber zu langsam. „Jo, dat Weer löppt mit“, grunzte er, lächelte und wiederholte seinen Spruch von vorhin: „Nich lang schnacken, Kopp in Nacken.“

Zum Glück rief die Hausfrau jetzt zum Essen und ich entsorgte den Schnaps unauffällig in einem Blumentopf. „Dieses Schmietebraten, was ist das eigentlich?“, fragte ich Jendrik de Düün, bevor wir uns in die Küche begaben. Nicht, dass es sich dabei wieder um diesen unsäglichen Fisch handelte. Hier im Norden konnte man nie wissen, was sich hinter den kryptischen Bezeichnungen verbarg. Wenn ‚Fisken‘ schon nicht Fritten, sondern Fische waren, dann konnte Schmietebraten ja durchaus ein Braten von einem großen, glibberigen Fisch sein.

„Snirtjebraten“, korrigierte Jendrik mich und lachte. „Dat Oog is groter as de Mund, klööv et mi!“ Dann schien er sich plötzlich zu erinnern, dass ich kein Platt sprach. „Meine Rieke macht den besten Snirtjebraten von der ganzen Küste. Dat kannst mi klööve. Dazu gibt dat leckeren Rotkohl, Kartoffeln und Ditjes und Datjes.“

Ich setzte mich mit einem unguten Gefühl an den Tisch. Meinte der Mann in seinem unsäglichen Platt vielleicht ‚Matjes‘? Also doch wieder ein Fischgericht, was ja hier an der Küste wenig verwunderlich schien. Ich beschloss, mich mit den Kartoffeln und dem Rotkohl zu begnügen ...

Frau de Düün stellte große, dampfende Schüsseln auf den Tisch und ich sah meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. In einer dunklen, nach den verschiedensten Kräutern duftenden Soße, schwammen irgendwelche braunen Klopse, die für mich stark nach Bratrollmöpsen aussahen. Und Bratfisch war - neben dem normalen Fisch - so ziemlich das Ekelhafteste, was ich mir vorstellen konnte.

Jendrik de Düün wollte nach dem Löffel in der Schüssel greifen, doch seine Frau haute ihm auf die Finger. „Toeerst de Gast, Jendrik!“ Dann sah sie mich an: „Greifen sie zu, Herr Lärrperts. Snirtjebraten, unsere Spezialität.“

Ich nickte und nahm ein paar Kartoffeln, danach griff ich zum Rotkohl. Kaum, dass ich die Löffel in die Schüsseln zurückgelegt hatte, stürzte sich Jendrik de Düün auf das Essen. „Jendrik du sitt mit d‘ Vörpoten in d‘ Block“, tadelte ihn seine Frau und schob mir die Schüssel mit den vermeintlichen Rollmöpsen hin. „Nehmen sie ruhig, Herr Lärrperts. Ich habe noch genügend davon.“

Ich hob eine Hand und schüttelte dankend den Kopf. „Danke, Frau de Düün, das ist sehr nett. Doch ich habe dem schon vor Jahren abgeschworen. Mir genügen wirklich die Kartoffeln und der Rotkohl. Was ist denn in der Schüssel dort?“

„Das sind Ditjes und Datjes - eingelegte Kürbisse, rote Beete und Senfgurken. Die gehören traditionell zum Snirtjebraten.“

„Datjes sind Senfgurken? Keine Fische?“ Also war anscheinend doch keine Rede von ‚Matjes‘.

„Sie würden dazu ‚Dies und Das‘ sagen“, erklärte sie lächelnd. „Es ist aber schade, dass sie kein Fleisch essen, Herr Lärrperts. Wenn ich das gewusst hätte, gäbe es natürlich etwas anderes. Sind sie so ein Vegetarier oder Veganer, Herr Lärrperts?“

„Fleisch?“ Jetzt war ich vollkommen verwirrt. Aber hier an der Küste wurde der Dover-Fisch ja auch als ‚Filet‘ bezeichnet. „Was für ein Fleisch?“

Jendrik de Düün schob sich eine übervolle Gabel in den Mund, verdrehte die Augen und nuschelte: „Snirtjebraten, Herr Lärrperts. Feinstes Schweinefleisch ... Dumm, dass sie Vegetanier sind.“

Perplex starrte ich auf die Schüssel, aus der Herr de Düün sich erneut großzügig bediente. Schweinefleisch? Keine Bratrollmöpse, keine Matjes? Kein Fisch? Ich überlegte angestrengt, wie ich die Situation für mich noch retten konnte. Da schwamm das feinste Schweinefleisch in einer würzig duftenden Soße und ich saß hier vor meinem Teller mit trockenen Kartoffeln und Rotkohl. Entschlossen zog ich die Schüssel mit dem Fleisch zu mir herüber. „Dann will ich einmal eine Ausnahme machen“, lächelte ich und wollte gerade nach dem Löffel greifen, als Frau de Düün mir die Schüssel wieder entzog.

„Nein, Herr Lärrperts. Wegen uns müssen sie doch ihren Prinzipien nicht untreu werden. Wir verstehen, wenn sie kein Fleisch essen wollen. Soll ich ihnen schnell ein Fischragout zubereiten? Oder essen sie auch keinen Fisch?“

Ich schüttelte den Kopf. „Fischragout? Das ist doch nicht notwendig, Frau de Düün. Soviel Aufwand! Ich werde einfach einmal von dem Schweinefleisch probieren.“ Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Würziges Schweinefleisch in einer dicken, dunklen Soße. Das perfekte Sonntagsessen ...

Aber Frau de Dünn war schon aufgesprungen, nahm eine Schüssel aus dem Kühlschrank und füllte den Inhalt in einen kleinen Topf. „Das ist noch von gestern übrig. Ragout von der Seekatze. Sehr nahrhaft und bekömmlich. Und es macht mir überhaupt keine Mühe, für den Helden vom Siel tue ich doch alles.“ Sie lachte und kippte den Inhalt des Topfes auf meinen Teller. „Ich hätte den Fisch ansonsten sowieso wegschmeißen müssen, der hält sich nicht so lange ... Und falls von dem Snirtjebraten noch etwas übrigbleiben sollte, kann ich ihn ja morgen für Jendrik und mich noch einmal aufwärmen. Guten Appetit, Herr Lärrpers.“

„De Adebaars nöögt, mutt Poggen weten“, grunzte Jendrik de Düün und schaufelte sich das letzte Stück Fleisch auf den Teller.

Frau de Düün, die meinen fragenden Blick sah, übersetzte: „Wer Gäste einlädt, muss sie auch passend bewirten können. Nun essen sie aber, Herr Lärrperts, bevor das Fischragout kalt wird. Dann schmeckt es nämlich nicht mehr!“

Später schaffte ich es mühsam auf mein Zimmer. Natürlich war mein Essen fast kalt gewesen und der Geruch nach säuerlichem Glibbertier ließ mich immer wieder würgen. Doch unter dem strengen Blick der Frau de Dünn stopfte ich das Essen in mich hinein. Auf den Nachtisch verzichtete ich und mühsam den Brechreiz unterdrückend, verabschiedete ich mich rasch. Zurück in meiner Wohnung übergab ich mich keuchend über der Toilette, bis sich auch nicht das geringste bisschen Fisch mehr in meinem Magen befand.

Nach einer umfangreichen Erholungspause wanderte ich am Nachmittag mit Bingo - den ich vor dem Bauernhaus nur schwer von seinem Knochen loseisen konnte - am Strand entlang nach Bensersiel, wo ich mich in dem mir bekannten Imbiss mit einer doppelten Currywurst und reichlich Pommes mit Mayonnaise entschädigte.

XI.

Am Mittwochmorgen befand ich mich schon sehr früh in der Detektei und verfrachtete Bingo mit seinem stinkenden Knochen in Birgits Büro. Sollte das Mädchen doch auch etwas von ihrem ‚Geschenk‘ an den Hund haben.

Die letzten Tage an der Küste waren sehr erholsam und entspannend gewesen. Nachdem ich mich endlich von dem Fischschock, schon beinahe einer Fischvergiftung, erholt hatte, genossen mein Hund und ich die herrlichen Tage am Meer. Doch die Zeit ging viel zu schnell vorbei und alsbald musste ich mich von meinen Wirtsleuten verabschieden. Frau de Dünn überreichte mir mit einem Lächeln eine Dose. „Ich habe extra noch etwas Fischragout für sie gekocht, Herr Lärrperts. Da haben sie noch ein wenig Reiseproviant ...“

Die Dose wanderte unterwegs an einer Raststätte in den Mülleimer und ich gönnte mir in dem Restaurant dort ein großes Zigeunerschnitzel mit Pommes. Und natürlich ausreichend Mayonnaise!

Punkt zehn Uhr betrat ich den abgesperrten Parkplatz vor dem Krav Maga Studio und wurde von meinen Freunden dort schon erwartet. Bernd blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr und sah mich streng an: „Jonathan, da bist du ja endlich!“ Ich begrüßte meine Kollegen, die im Halbkreis vor einem Mann in Feuerwehruniform standen. Es war wieder ein herrlicher Tag, eigentlich viel zu warm für den Monat April und die Sonne brannte jetzt schon heiß vom Himmel. Zum Glück ging ein stetiger Wind, der den Aufenthalt im Freien erträglich machte. Nachdem ich Bernd, Christine, Birgit, Jennifer, Sam, Dozer und Frank ausgiebig begrüßt hatte - lediglich Monika Salders, die quirlige kleine Brünette fehlte - sah mich der uniformierte Feuerwehrmann nun ebenfalls streng an und meinte: „Dann sind wir jetzt endlich vollzählig und können anfangen?“ Er war spindeldürr, vielleicht einen Meter und fünfundneunzig Zentimeter groß und überragte mich damit gut um eine Kopfeslänge. Neben ihm stand ein übergroßer Feuerlöscher und etwas abseits befand sich ein kleiner Haufen aufgeschichtetes Holz, sowie ein Benzinkanister.

Frank Behrmann, eigentlich Professor, Dr. phil. nat. habil. - ich wunderte mich, wie ich mir das alles merken konnte - machte zu mir das ‚Daumen-Hoch-Zeichen‘ und grinste. Er, der er in Duisburg und Dresden Elektrotechnik studiert hatte und dann zum Professor für Elektrische Netze promovierte, war ebenfalls ein fester Mitarbeiter Bernds. Ein Adrenalinjunkie, der sich - wie wir alle - dem Kampf gegen das Böse verschrieben hatte.

Der Feuerwehrmann richtete sich an die Gruppe, die schlagartig mit dem Getuschel aufhörte. Plötzlich war es totenstill auf dem Parkplatz. „Guten Morgen. Mein Name ist Udo Färse, ich bin Hauptbrandmeister bei der Feuerwehr in Rheydt und ich freue mich, sie heute zu unserem Kurs ‚Brandbekämpfung für Laien‘ begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, sie haben sich alle schon ein wenig auf den heutigen Tag vorbereitet, so dass ich die Begriffsbestimmungen übergehen und direkt in medias res gehen kann.“

Was dann folgte, waren verschiedene Verhaltensmaßregeln im Brandfall und der monotone Ton, in dem der Brandmensch seinen Vortrag herunterleierte, gab mir genügend Zeit, über das vergangene Wochenende nachzudenken.

Herrlicher Strand, herrliches Wetter, herrliches Meer und herrliche Luft ...

„Nun, sie da ...“ Christine, die neben mir stand, stieß mich an und ich merkte, dass der Feuerwehrmann auf mich zeigte. „Wie verhalten sie sich also bei einem Brand?“

Ich blickte erschrocken auf, meine Gedanken an die Currywurst in Bensersiel zerplatzen. „Äh, also, bei einem Brand?“

„Genau, bei einem Brand. Würden sie bitte ihren Namen nennen?“

„Jonathan Lärpers, ich heiße Jonathan Lärpers. Also ... also, wenn es brennt, dann rufe ich ‚Feuer‘.“

Meine Kollegen und Freunde sahen mich an und lachten.

„Ja, sie rufen ‚Feuer‘. Das dachte ich mir schon. Würden sie bitte ein wenig mehr meinem Vortrag folgen? Sagen sie, Herr Lärpers, waren sie eingeschlafen?“

„Ich?“ Beide Hände in die Höhe haltend, verkündete ich entrüstet: „Niemals.“ Aus den Augenwinkeln sah ich Birgit, die Zicke, breit grinsen und mit Jennifer tuscheln.

Der Brandmeister fuhr mit seinem Vortag fort. Die Zeit kroch nur so dahin und ich warf verstohlen einen Blick auf meine Uhr. Bis zur Mittagspause würde es noch ein wenig dauern, doch irgendwann wäre es ja soweit. Vielleicht sollte ich Jennifer zu Curry-Erwin einladen, doch irgendwie war mir bewusst, dass ich mir bei der Blonden wieder nur eine Abfuhr holen würde.

Ach ja, Curry-Erwin. Ich dachte an all die kulinarischen Köstlichkeiten, die er mir zu Ehren schon kreiert hatte. Der Lärpers-Spezial-Teller. Oder das Schaschlik Eiffelturm, bei dem leider immer noch die Soße durch das Loch im Boden der Pappschale herauslief. Erwin arbeitete noch an einer Lösung dieses Problems. Ich musste lächeln, als ich an meine mit Schaschliksoße versauten Schuhe dachte.

Dann riss mich ein erneuter Stoß in die Seite aus meinen Gedanken. Chrissi sah mich böse an und ich hörte den Feuerwehrmann sagen: „Also, Herr Lärpers, würden sie mir bitte erklären, warum sie so dämlich grinsen, wenn ich von einer Brandleiche rede? Was, bitteschön, ist daran so lustig?“

Ich fühlte mich überrumpelt und dachte direkt an die verbrannte Frikadelle bei Curry-Erwin, die er mir einmal als neueste Kreation vorgesetzt hatte. „Ich musste gerade an den ‚Schwarzen Frikaner‘ denken“, gab ich von mir. „So hat Erwin die verbrannte Frikadelle einst genann...“

„Jonathan“, unterbrach mich Bernd und es klang wenig freundlich. „Wäre es zu viel von dir erwartet, wenn du dich auf den Lehrgang konzentrieren würdest?“

„Nein, Bernd, entschuldige. Natürlich nicht.“

Mein Freund nickte. „Nach der Mittagspause findet nämlich die Praxisübung statt und du solltest dir genau anhören, wie der Feuerlöscher zu handhaben ist!“

Ich nickte und versuchte dem dürren Männchen zu lauschen. Doch schon nach wenigen Minuten lullte mich der monotone Singsang erneut ein, mit dem er seinen Vortrag hielt. Der Mann war definitiv nicht geeignet, solche Ausbildungen durchzuführen. Als in irgendeinem Zusammenhang der Begriff ‚Wind‘ fiel, sah ich mich an den Nordseestrand zurückversetzt, an dem auch immer ein leichter Wind vom Meer her geweht und den Geruch von Salzwasser zu uns getragen hatte.

Fast so wie hier, nur, dass der Salzgeruch fehlte ...

Die Mittagspause wurde dann eine Enttäuschung für mich, denn Bernd gönnte uns lediglich eine Viertelstunde, in der wir belegte Brötchen und kalte Getränke zu uns nehmen konnten. „Nach dem Lehrgang heute Nachmittag“, erklärte er mit einem Grinsen, „treffen wir uns im Atrium zur Nachbesprechung bei einer Grillveranstaltung.“ Während Jennifer uns mit den Brötchen versorgte, nahm mich Bernd zur Seite. „Wie war dein Urlaub, Jonathan?“, fragte er und griff nach einem Mettbrötchen. Ich folgte seinem Beispiel, begnügte mich aber nicht mit einer Hälfte, sondern nahm die drei verbliebenen von dem Teller.

„Gut. Tolles Wetter, gute Seeluft und herrlicher Strand. Ein wunderbarer Urlaub.“

Bernd sah mich prüfend an. „Und sonst, war da noch etwas?“

„Ich weiß nicht, was du meinst, Bernd.“

„Nun, zum Beispiel dein Abenteuer in der Sparkassenfiliale. Oder hast du das schon wieder vergessen? ‚Der Held vom Siel‘, so haben sie dich doch genannt?“

„Ach so.“ Es war mir ein wenig peinlich, darüber zu reden. Ein Jonathan Lärpers prahlt ja nicht mit seinen Taten. Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das war eigentlich nichts Besonderes ...“

„Dafür kam es aber groß und breit in den Nachrichten“, lächelte Bernd. „Seit Tagen gibt es hier kein anderes Gesprächsthema mehr. Jonathan Lärpers, der eigentl...“

„Ja, das war schon eine Heldentat“, unterbrach ich Bernd und grinste. „Du hättest einmal sehen sollen, wie der eine Gangster dem anderen den Kopf wegschoss, also das wa...“

„... der eigentlich selbst im Urlaub von Abenteuern nicht genug bekommt“, vollendete Bernd seinen Satz. Als er dann mein verdutztes Gesicht sah, musste er herzhaft lachen.

„Denken die anderen so über mich?“, fragte ich verunsichert.

Mein Freund japste nach Luft und meinte schließlich: „Nein, Jonathan, das war ein Witz. Du hast dort hervorragende Arbeit geleistet und mehrere Menschenleben gerettet. Das war sehr gut ...“

„Nun, es war nicht alleine mein Verdienst. Bingo hat auch einen erheblichen Anteil daran. Ohne ihn wären die Räuber nie so abgelenkt gewesen, dass ich hätte in Aktion treten können.“

Ich griff nach zwei Brötchenhälften mit gekochtem Schinken und stopfte eines mit Mett in den Mund. Das Lob von Bernd hatte mir richtig Appetit gemacht.

„Langsam, Jonathan. Sonst verschluckst du dich noch und erstickst hier an Brötchenresten.“ Bernd lachte erneut: „Aber dann kann uns der Feuerwehrmann an dir vielleicht ja zeigen, wie man einen Luftröhrenschnitt korrekt und fachmännisch durchführt!“

Die Pause ging schneller vorüber, als gedacht. Ich kam kaum dazu, alle meine Brötchen zu essen, zumal mich meine Freunde bedrängten, ihnen von dem Abenteuer in Neuharlingersiel zu berichten. „Später, beim Grillen“, vertröstete ich sie, um endlich nach einem Käsebrötchen zu greifen. Zu meinen Füßen standen drei leere Colafläschchen und ich musste mich beeilen eine vierte zu leeren, als der Feuerwehrmann darauf drängte, den Lehrgang mit dem Praxisteil fortzusetzen.

Wir gruppierten uns um das aufgeschichtete Holz herum und der Dürre goss reichlich Benzin darüber. „Vorsicht bitte“, mahnte er uns, „es kann zu einer größeren Verpuffung kommen.“ Wir traten einen Schritt zurück, worauf er ein brennendes Streichholz in das Holz warf. Noch bevor es den Haufen erreichte, verlosch es. Nach dem dritten erfolglosen Versuch blickte der Mann sich irritiert um.

„Feuer löschen kann er ja vielleicht“, raunte ich Christine zu, „doch mit dem Anzünden haperts.“ Ich drängte mich nach vorne und nahm den Kanister an mich. Hier musste einfach einmal ein Fachmann ran!

„Herr Lärpers, was haben sie vor?“, kreischte der Brandmeister auf. „Lassen sie das, stellen sie den Kanister sofort wieder hier hin!“

Doch ich ließ mich nicht beirren. Es befand sich noch genug Benzin darin, so dass ich vom Holzhaufen eine Spur ein Stück weit legen konnte. Grinsend zog ich mein Feuerzeug hervor, stellte den Kanister ab und zündete das Benzin an. Dann beobachtete ich zufrieden, wie sich die blaue Flamme in Richtung Holz vorwärtsfraß.

Leider befand sich der Kanister noch zu sehr in Reichweite der Flamme, so dass er plötzlich auch Feuer fing, obwohl er geschlossen war. Es musste sich noch etwas Benzin außen daran befunden haben.

Meine Freunde und Kollegen, wichen kreischend zurück und der Feuerwehrmann rief mir zu: „Weg da, Herr Lärpers. Weg da. Der Kanister kann jeden Moment explodieren.“

Ich erkannte die Gefahr, in der wir alle schwebten und malte mir eine gewaltige Explosion aus, die den halben Parkplatz verwüstete und uns alle als Leichen zurückließ. Kurzentschlossen riss ich den Kanister an mich und schleuderte ihn so weit wie möglich von uns fort. Dann drehte ich mich grinsend zu den anderen um, deren Leben ich gerade mit meiner genialen Aktion gerettet hatte. Hinter mir ertönte eine dumpfe Explosion, die nicht annähernd dem entsprach, was mir zuvor in Gedanken durch den Kopf gegangen war. Es handelte sich eher um einen kleinen Knall, wie von einer Feuerwerksrakete. Doch durch die Gruppe ging ein Stöhnen und ich hörte, wie der Brandmeister aufschluchzte. Schnell drehte ich mich um und erblickte ein Fahrzeug, das in hellen Flammen stand.

„Das war mein Auto“, stöhnte der Feuerwehrmann und Tränen rannen über sein Gesicht. „Ein Opel Manta von Neunzehnhundertsiebzig! Ein Oldtimer, gehegt und gepflegt.“

Ich drehte mich zu der Gruppe um, zuckte mit den Schultern und meinte lakonisch: „Durfte der denn überhaupt dort stehen? Ich meine, ist das kein Sicherheitsbereich?“

Bernd unterbrach die Praxisübung für einen Moment und wir sahen dem Wagen dabei zu, wie er langsam ausbrannte und nur ein verkohltes Gerippe zurückblieb.

Dafür brannte jetzt der Holzstoß munter vor sich hin ...

Nach einer halben Stunde, in der besonders Christine, Jennifer und Birgit den Brandmeister trösteten und ihm erklärten, dass die Versicherung die Kosten bestimmt übernehmen würde, zeigte der Mann, dass er ein echter Profi war und der Kurs wurde fortgeführt. So ein Feuerwehrmann ließ sich doch von einem abgefackelten Fahrzeug nicht aus der Ruhe bringen- selbst dann nicht, wenn es sein eigenes war.

Vielleicht aber hatte auch ein wenig nachgeholfen, dass die blonde Jennifer versprach, mit ihm in den nächsten Tagen auszugehen. Das Versprechen einer hübschen Frau tröstet über so manchen Verlust hinweg.

Mir kam kurz der Gedanke, meinen Kia auch anzuzünden und es wie einen Unfall aussehen zu lassen, doch irgendwie war ich mir sicher, dass Jennifer trotzdem nicht mit mir ausgehen würde. Und zu Curry-Erwin schon gar nicht!

Aus mir unerfindlichen Gründen hatte der Feuerwehrmann mich seit der Sache mit dem Kanister auf dem Kieker und so drückte er mir den Feuerlöscher in die Hand. „Nun zeigen sie mal, was sie gelernt haben, Herr Lärpers.“ Er wies auf das allmählich verlöschende Holzfeuer. „Löschen sie, aber bitte professionell!“

Ich besah mir den Feuerlöscher und fand zum Glück an der Seite eine Bedienungsanleitung. Hier drücken, da den Stift herausziehen ... das konnte ja nicht sonderlich schwer sein. Rasch schritt ich um das Feuer herum und musste husten, als ich etwas Rauch einatmete. Der Brandmeister rief irgendetwas - es klang wie ‚wird‘ oder ‚Wind‘, doch ich hatte jetzt keine Zeit, mich um seine Rufe zu kümmern. Ich musste das Feuer löschen, bevor es von alleine ausging. Rasch aktivierte ich den Feuerlöscher, wunderte mich, wie viel Druck der Strahl aus Schaum entwickelte und fand gerade noch die Zeit, den ungünstig stehenden Wind zu verfluchen, der den Schaum zu mir zurückwehte.

„Nicht gegen den Wind“, hörte ich den Brandmeister nun rufen. Das hätte er ja auch eher sagen können!

Das Feuer brannte seelenruhig herunter, während ich über und über mit Löschschaum bekleckert war.

„Wie geteert und gefedert“, ließ sich Bernd vernehmen und die anderen lachten alle.

Bis auf den Feuerwehrmann, der mich böse ansah. „Sie haben mir nicht einen Moment zugehört“, grollte er schließlich. „Ich werde ihnen keine Urkunde ausstellen können.“ Dann wandte er sich zu der Gruppe um. „Ihnen aber schon. Ich danke für ihre Aufmerksamkeit. Sie bekommen auch später noch Unterlagen über das Gelernte von mir. Jenny?“

Die blonde Maus wandte sich dem Mann zu. „Ja, Udo?“

„Wann hast du denn Zeit für mich, wann können wir miteinander ausgehen?“

Ich eilte ins Krav Maga Studio, um mir im Duschraum den klebrigen Schaum abzuwaschen. Zum Glück befand sich in meinem Spind noch Ersatzwäsche ...

Im Atrium des Kampfstudios stand alles schon bereit für einen gemütlichen Grillabend. Jennifer hatte wirklich an alles gedacht und der Grill war ebenfalls mit Holzkohle bestückt. Ich bot mich an, ihn in Gang zu setzen, doch merkwürdiger Weise lehnten das die anderen alle einstimmig ab. Das Anzünden sollte der Feuerwehrmann übernehmen und ich hoffte, dass er diesmal mehr Geschick an den Tag legen würde, als bei dem Holz draußen.

Es wurde ein recht lustiger Abend, doch das Hauptgesprächsthema war jetzt nicht mehr ‚der Held vom Siel‘ und mein Einsatz in der Sparkasse, sondern ‚der Autofackler von Güdderath‘. Der Brandmeister, der dem Bier reichlich zusprach und es einen ‚persönlichen Löscheinsatz‘ nannte, wich Jennifer nicht mehr von der Seite. Schließlich trat die Blonde zu mir und wisperte: „Jonathan, kannst du Udo für einen Moment übernehmen?“

Бесплатный фрагмент закончился.

630,80 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
421 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783742770127
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги