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Roth

Die Poesie des Biers 2


Jürgen Roth

Die Poesie des Biers 2

Mit Gastbeiträgen von Marco Gottwalts und Thomas

Kapielski sowie Gesprächen mit Eckhard Henscheid

und Gerhard Polt


© 2014 Oktober Verlag, Münster

Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des

Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster

www.oktoberverlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Henrike Knopp

Umschlag: Thorsten Hartmann

unter Verwendung eines Gemäldes von Metulczki (»Trinkgedächtnisse,

Rudolf-Leonhard-Straße 2«, 2013, Acryl auf Leinwand, 24,5 cm x 20,5 cm,

© Metulczki, Leipzig)

Photos auf den Seiten 42, 43, 44, 45 und 46: Thomas Kapielski

Photos des Bildteils: Jürgen Roth

Herstellung: Monsenstein und Vannerdat

ISBN: 978-3-944369-33-4

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Good men drink good beer.

Hunter S. Thompson

Alßdan vergessend mehr zu drincken / Sah man die Vier / wie fromme schaf / Zu grund vnd auff die bänck hin sincken / Beschliessend jhre frewd mit schlaf.

Georg Rodolf Weckherlin

Nicht ohne Grund habe ich gesagt, daß im Bier ein gewisses göttliches Getränk enthalten sei.

Palladas

Inhalt

Eidetische Biere

Die sieben heiligen Schlucke

Wolkengewölle, dahin und wieder daher

Das elektronische Huhn

Lehnen wir ab

Bierschatten – Von Thomas Kapielski

Quatsch! Klar. Sowohl als auch. Logisch

Vom Sinnlichkeitsvorreiter zur Sushibarbegeisterung

Abhocken

Konrad Duden, Oskar Werner und Dr. Potthoft – Von Marco Gottwalts

Ein Überbleibsel

Die rote Schlange von Izmir

Die richtige Wahrheit

Sinntal oder: Ali Baba und die vierzig Zwerge

Wie wär’s mit der nächsten Melodie?

Alle meine Vanessas

Ich könnte mir gut vorstellen, Weihnachten mit Katrin Müller-Hohenstein zu verbringen

Das Pumpernickelporter

Der Lenin und wer da alles

Alle Franz Xavers

Kleinbürger im Konjunktiv

Antarktis

Enthusiasmierende Beweger

Bierstandort Deutschland

Diskobierabend mit Dreschflegeln

Der leichte Wind

Es gibt Glück

Anhang: Marken und mehr

Nachweise

Eidetische Biere

»Genaugenommen gibt es ›die Kunst‹ gar nicht. Es gibt nur Künstler«, beginnt Ernst H. Gombrichs Standardwerk Die Geschichte der Kunst, und ein paar Zeilen später weist Gombrich alles Gerede »über das ›Wesen der Kunst‹« als schädlich und töricht zurück.

Damit hätten wir das.

Also reden wir über den Künstler Metulczki. Als ich vor einigen Jahren zum erstenmal einiger Bilder aus seiner Serie »Bierleben«, die nun unter dem Titel »Trinkgedächtnisse« firmiert, ansichtig wurde, verschlug es mir buchstäblich beinahe den Atem. Die Präzision und die Leuchtkraft der meist kleinformatigen Acryl-Schellack-Lasurgemälde wirkten auf mich – und sie tun es bis heute unvermindert – epiphanisch, salvatorisch und beglückend zugleich. Das profane Wunder, das sich in zwei Biergläsern bezeugt, die, in warmes Licht gehüllt, auf einem Tresen oder einem hölzernen Kneipentisch stehen beziehungsweise ruhen wie Zeugen einer Welt ohne Kapital, Börse, Staat und Bürokratie – ja, tja, es ist eben: ein Wunder der Wirklichkeit selbst, eine Erscheinung dessen, was ist und zugleich sein sollte, ein Mirakel, das sich im Kleinteiligen, Mißachteten zeigt und deshalb schlicht von Wahrheit kündet, vom – mit Aristoteles und keinesfalls Richard D. Precht zu reden – guten Leben; das, Kürnbergers/Adornos Diktum vom Leben, das nicht mehr lebt, zum Trotz, in Trinkwirtschaften alten Stils noch eine Zufluchtsstätte findet; und auf Metulczkis verschwommenen, ins Abstrakte tendierenden »Kühlschrankbildern«, übermalten und mehrfach übergossenen und überklebten Alltagsphotoimpressionen von gesichtslosen Herumstehern und -hängern und -hockern und Säufern und Tippelbrüdern, schmerzlich konterkariert wird.

Hie das Lichte, Exakte, Plastische, Gegenständliche, das in seiner »Zuhandenheit« (Heidegger) schier sprachlos machend Schöne und Besänftigende; da das Amorphe eines intoxikierten Lebens, das Metulczki, ohne uns mit sozialpädagogischen Implikationen zu behelligen, festhält, womöglich auch transzendiert.

Das Stilleben war in der durchweg bewunderungswürdigen protestantisch-holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts das am stärksten ausdifferenzierte Genre. Da »konnte der Künstler sich aussuchen«, schreibt Gombrich, »was er gerne malen wollte, und die Gegenstände so auf dem Tisch anordnen, wie es ihm paßte. So wurde die Bildgattung zu einem wunderbaren Experimentierfeld für malerische Probleme.«

Hier war der Maler wohl zum erstenmal frei – befreit von den Diktaten seiner Auftraggeber, von den Potentaten, die schmeichelhaft-repräsentative Porträts bestellten, von geschichtlichen Großerzählungen und Mythenstoffen. In der Konzentration auf die Dinge vollzog sich die Suspendierung der Herrschaft, und so konnten »ganz uninteressante Gegenstände ein vollendetes Bild ergeben« (Gombrich).

Ich zögere keinen Augenblick, Metulczki an die Seite eines Willem Kalf oder eines Vermeer zu stellen, dem Gombrich attestierte, reine »Wunder« geschaffen zu haben. Die harmonischen Licht-Schatten-Kontraste, die Reflexe und Brechungen, die wie naturgegeben in sich vollendeten Farb-Form-Kompositionen, die »Körperlichkeit« der Gläser, Stühle, Tische und angeschnittenen Räume – all das läßt die »Trinkgedächtnisse« bisweilen photographisch wirken, was, wie man hört, in der vermaledeiten »Kunstszene« heute kein Malus mehr ist.

»Dinge sichtbar zu machen, die schon sichtbar waren, aber nicht gesehen wurden« (Sandra Markewitz) – diesem Ziel galten Siegfried Kracauers Studien über die »Errettung der äußeren Wirklichkeit«. Metulczki setzt sie fort und ist dabei völlig glaubwürdig. Er hat jedes einzelne der zu sehenden Biere höchstselbst getrunken – und dabei vermutlich als allererster Maler das eidetische Bier entdeckt.

»Eidos« bezeichnet bei Aristoteles, in Abgrenzung zur bloßen Materie (»hyle«), die »inseiende Form«, das Allgemeine am je besonderen Stofflichen. Das Wesen des Bieres wird geschaut, an Hand des angeschauten einzelnen Gegenstandes (Bierglases). Metulczkis Bier- Eidetik folgt dergestalt der von Edmund Husserl entwickelten phänomenologischen Methode der eidetischen Reduktion: des Erfassens evidenter Phänomene, die es der Intuition zufolge tatsächlich gibt. Durch reines Schauen, das »intentionale Erlebnis« unter Ausschluß aller Vorurteile (»Epoché«), erschließt sich die Wesenhaftigkeit der Dinge – respektive das Wesen (»Eidos«) des Bieres. Bierphänomenologie also ist Husserl zufolge: »Wesensschau des Gegebenen«.

Da allerdings schwer zu sagen ist, was das Wesen des Bieres schlechthin ausmacht, ordert Metulczki immer wieder ein Glas Bier, schaut es schweigend an, photographiert es, trinkt es und malt es hinterher, in mehreren Schichten. Und wenn Ernst H. Gombrich angesichts der holländischen Meister erläutert: »Sie waren es, die uns gelehrt haben, das Malerische in der vertrauten Umgebung zu suchen«; sie »konnten ohne dramatische Effekte auskommen; sie malten einfach ein Stück Welt, wie sie es sahen« – dann sage ich: Metulczki, dieser »Hexenmeister« (Gombrich über Rembrandt), macht eine Welt, eine Wirklichkeit, eine Wesenhaftigkeit sichtbar, die bislang niemand gesehen hat und doch jeder kennt.

Und wie er das macht, das ist ein Wunder, das bewundert werden soll. Nein, muß.

Die sieben heiligen Schlucke

»Trink es mit den Augen!« Fergal Murray, Braumeister im Stammhaus von Guinness in Dublin, hebt das Glas und nimmt einen Schluck. Dann setzt er es behutsam auf dem rötlich schimmernden Holztresen ab und sagt: »Weiche Textur. Es ist die weiche Textur.«

Die weiche Textur. Die sei es. Das sei es, was die Biertrinker der Welt, unabhängig davon, welchen Alkoholgehalt das Guinness habe (in Afrika trumpft es, da die Leute nach »Impact« verlangten, mit acht Prozent auf), an jenem Stout schätzen, das die Gemeinde seiner Verehrer seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren zum Schwärmen bringe, auch deshalb, weil man, ergänzt Murray, an Geschmacksmoden keinerlei Konzessionen mache. Brauer, bleib bei deiner Rezeptur, und Murray erläutert, es sei ihm sogar ausdrücklich untersagt, mit anderen als den glänzend bewährten Geschmackstönungen zu experimentieren.

Das Guinness ist eine Weiterentwicklung des klassischen englischen Porters, eines dunklen, röstmalzigen Vollbieres, und dennoch ist Guinness eine urirische Angelegenheit. Sein Erfinder, besser: sein Schöpfer, Arthur Guinness, wird adoriert wie eine Art Nationalheiliger. Das zumindest suggerieren die öffentliche und die mit einem gewissermaßen unaufdringlichen Aplomb unterbreitete Meinung des Unternehmens, das nach wie vor in Dublins ältestem Arbeiterviertel produziert, in den Liberties, westlich des Cathedral Districts.

Wir unterstellen Furgal Murray nicht, daß er schnöde werbliche Interessen verfolgt, wenn er uns zum Toast auffordert: »Gedenkt dieses Mannes! Gedenkt Arthur Guinness’! Nicht des Bieres! Welch ein Genie! Welch ein Genie!« Wir sind artig und nehmen den zweiten Schluck. »So schmeckt ein jahrhundertelang gewachsenes Erbe«, betont Murray noch einmal, und er hat ja recht. Erbe hin oder her, es schmeckt, quirlig, leicht sämig, solide im Körper, feinfühlig und gleichwohl stark bittergehopft, auf den Aromahopfen zur Abrundung kann man getrost verzichten. Es schmeckt bereits zur Mittagszeit, und zwar vorzüglich, zweifelsohne – was wir allerdings schon vorher wußten.

Ein Guinness zu trinken ist ein gesamtsensorisches Erlebnis, ein komplexer Akt der Perzeption, versucht uns Murray zu vermitteln. Man müsse sehen, was ein Guinness ausmache, »ein Guinness-Trinker trinkt zuerst mit dem Auge, denn ein Guinness ist ein Kunstwerk«. Der Erschaffung des Kunstwerkes durch das Zapfen sei daher ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit zu schenken. Man befolge also geflissentlich folgende sechs Schritte: 1) Das saubere Glas konzentriert beäugen. 2) Das Glas mit vier Fingern und dem Daumen umklammern. 3) Das Glas im Fünfundvierzig-Grad- Winkel unter den Zapfhahn halten und bis zum Rand füllen. 4) Das Glas absetzen, zwei Minuten nicht berühren und »dabei beobachten, wie das Bier zum Leben erweckt wird«, wie sich der cremige Schaum durch die erwachenden und aufsteigenden Bläschen zu bilden und zu stabilisieren beginnt. 5) Kurz bis zur Oberkante nachzapfen. 6) Glas auf den Tresen stellen.

Und schließlich, 7): trinken – unbedingt in gerader Körperhaltung, den Ellbogen fünfundvierzig Grad abgewinkelt. Andernfalls entrate der Ritus des Trinkens der Würde und des Stolzes. Im übrigen, beendet Fergal Murray seinen Vortrag, werde ein Glas Guinness in exakt sieben gleichen Zügen geleert, was sich hinterher an sieben gleichmäßig angeordneten Schaumringen ablesen lassen müsse.

Mit diesen unantastbaren Regeln im Gepäck machen wir uns auf die Suche nach geeigneten Stätten, um dem Ritual der sieben heiligen Schlucke zu frönen. In der Grafton Street, Dublins Haupteinkaufsstraße, die den Park St. Stephen’s Green und das Trinity College an der Nassau Street verbindet, säumen Bettler und Immigranten, die mit Piktogrammen auf Pappdeckeln auf Fastfood- und Kleidungsläden hinweisen, die herausgeputzten Häuserzeilen. Ja, »überall herrscht tiefe Depression« (Spiegel), aus dem »keltischen Tiger« Irland ist, man hört es – obschon jüngst irgendwer Signale der Besserung wahrgenommen haben will – unablässig, eine »getretene Katze« (Spiegel) geworden, »täglich macht eine Kneipe in Irland dicht« (taz), die »Konsumphantasien« (Le Monde diplomatique) sind passé, heute laufe man wieder durch das altbekannte »Armenhaus« (taz).

Wir biegen von der Grafton Street rechts ab in die Duke Street. Linker Hand blitzen goldene Lettern auf einer schwarzen Fassadenvertäfelung: The Duke. Einmal, ein einziges Mal über Dublin schreiben, ohne James Joyce zu erwähnen? Eher denken wir bei der Sahara an Orangenbäume.

Joyce kehrte regelmäßig im Duke ein, einem großräumigen Pub mit zahlreichen Sitznischen und weitgeschwungenen Tresen. Vom Trinity College brauchte er zu Fuß zwei Minuten hierher. Es ist halb eins, wir trinken unser erstes public Pint Guinness. Es kostet 4,70. Irland ist das teuerste Land der Eurozone. Das verstehe einer.

Das Glas schmiegt sich in die Hand. Vier Finger und der Daumen halten es im Klammergriff. Das Auge, das mittrinken soll, schaut den seidigsten Bierschaum aller Zeiten. Das Ohr vernimmt ein saumleises Bitzeln. Die Nase erhascht die noble Bittere. Die Zunge gibt sich den weichen Wirbeln des rubinroten Zaubertranks hin. Gottgefällig rinnt der ruhmreiche Rotz den Hals hinunter.

Der Geist eines Getränks, er offenbart sich, wer hätte es gedacht, im Trinken, jedoch zudem im Blick, im Rückblick darauf, was man gerade getan hat. Ein angetrunkenes Glas Guinness, das vor einem thront, erfüllt einen mit majestätischer Zufriedenheit, und es fordert stumm: Komm, weiter geht’s, aber mit der Ruhe!

»Enjoy Guinness sensibly«, ermahnt uns ein Schriftzug auf der Markise unter dem Markenlogo mit der Harfe, das Dublin beherrscht wie die Gier die Wall Street. Sensibly, logisch, genieße mit Verstand, nicht mit Gefühl. Ralf Sotscheck, seit 1985 Irland-Korrespondent der taz, gibt in seinem Dublin-Buch Die blaue Tür mit der Nummer sieben (Wien 2009) preis, man müsse im Pub nur den Zeigefinger heben, dann erhalte man in kürzester Zeit ein Guinness. Sotscheck weiter: »Weicht die Qualität des Guinness auch nur eine Nuance vom hohen Anspruch der Trinker beiderlei Geschlechts ab, so nimmt der Wirt das Pint anstandslos zurück – selbst wenn das Glas schon fast leer ist, weil die halbe Kneipe davon probiert und dem Gebräu Ungenießbarkeit bescheinigt hat.«

Die halbe Kneipe besteht jetzt aus uns und einer Mittfünfzigerin, einer irischen Fremdsprachenlehrerin. Zu beanstanden ist nichts. Im Gegenteil. »Großartiges Zeug!« prostet sie uns zu. »Es macht dich sachte betrunken. Die Krise? Vergiß sie! Wir haben Guinness!«

Kürzlich war zu lesen, die irische Regierung appelliere mal wieder an die Bevölkerung, sich durch Eigeninitiative aus dem Sumpf zu ziehen. Und bei einer solchen Gelegenheit erinnert man bevorzugt an das Jahr 1959, als Guinness aus Anlaß des zweihundertsten Geburtstages eine berühmt gewordene Werbekampagne lancierte: Auf dem Atlantik ließen die PR-Strategen 150.000 Guinness-Flaschen über Bord gehen. In jedem Gebinde steckten eine Botschaft des »Büros von Neptun« und eine Bastelanleitung, mit deren Hilfe sich die Flasche zu einer Schreibtischlampe umbauen ließ. Noch heute tauchen die Guinness-Leuchten rund um den Erdball auf, und Premierminister Enda Kenny verweist gerne auf diese Geschichte. Sie soll den Iren vor Augen führen, daß man »Unternehmergeist, Kreativität und Erfindungsreichtum« entwickeln müsse.

Ja, Guinness und die Werbung. Die Qualität der »samtschwarzen Muttermilch der Iren« (Guinness) allein dürfte nicht sicherstellen, daß täglich weltweit zirka zehn Millionen der in fünfzig Ländern gebrauten Pints über die Tresen wandern. Als »legendär« werden die Werbeaktionen eines Unternehmens bezeichnet, das längst nicht mehr irisch ist und zu dem in London ansässigen Getränkekonzern Diageo gehört, der den Globus auch mit Tausenden von Schnapsmarken beglückt.

1929 trat Guinness zum erstenmal werblich in Erscheinung, mit dem Spruch »My Goodness my Guinness«. Ein Jahr später startete man eine Plakatkampagne. Auf einem der Motive bringt ein Knappe St. Georg, im Harnisch auf seinem Pferd sitzend, auf einem Tablett ein Glas Guinness, nach dem der Drachentöter erwartungsfroh die Hand ausstreckt. Bildlegende: »Guinness for strength«.

Die Sentenz »Guinness is good for you« stammt von der Krimiautorin Dorothy L. Sayers. Mit derlei einprägsamen Formeln begnügt man sich indes schon lange nicht mehr. Die PR-Maschinerie läuft ununterbrochen auf Hochtouren, und seinen Höhepunkt erreicht der Vermarktungsrummel seit 2009 jedes Jahr am »Arthur’s Day« Ende September. Dann stemmen, verbreiten die bierologischen Spin Doctors, in praktisch ganz Irland und in Asien, der Karibik, in Rußland, Deutschland, Schweden und andernorts um genau 17.59 Uhr Ortszeit, flankiert von Musikveranstaltungen und sonstigen Festivitäten und selbstverständlich vom Fernsehen begleitet, Millionen die Gläser in die Höhe, gedenkend »Uncle Arthur«, der am 23. September 1759 den über neuntausend Jahre laufenden Pachtvertrag für das Grundstück an der Liffey unterschrieben hatte.

Das imposante, 1904 im Stil der Chicagoer Schule errichtete Storehouse auf dem Brauereigelände, in dem einst der größte Maischbottich der Welt untergebracht war und heute allerlei multimedialer Klimbim rund ums Brauen in Augenschein genommen werden darf, sei, prahlt die Werbeabteilung, das meistbesuchte Ausflugsziel in Dublin. Nicht minder brüstet man sich damit, »daß Guinness-Konsumenten pro Pub-Besuch mehr Geld für Essen und Trinken ausgeben als der durchschnittliche Biertrinker«.

Wir können das bestätigen. Wir haben die Duke Street gequert und hocken vor dem Davy Byrne’s, vor, tja, der Stammkneipe von Joyce. Im Innenbereich recht geschmacklos-nüchtern, läßt es sich draußen gut aushalten, umgeben von Einheimischen mit zerzaustem Haar und in ausgebleichten Sakkos, die vor ihren schwarzen Flüssigkeitszylindern allesamt die Kunst der Bedachtsamkeit zelebrieren. Jetzt darf es ruhig auch mal ins Glas regnen. Das ist das Dubliner Gefühl.

Im Ulysses kommt das Davy Byrne’s als »moral pub« ordentlich weg. Allerdings schrieb Joyce 1906: »Die Dubliner sind die hoffnungsloseste, nutzloseste und widerspruchsvollste Rasse von Scharlatanen, der ich je auf der Insel oder auf dem Kontinent begegnet bin. Der Dubliner verbringt seine Zeit mit Schwatzen und Rundgängen durch die Bars, Schenken und Spelunken […], und nachts, wenn nichts mehr reingeht und er mit Gift angefüllt ist wie eine Kröte, stolpert er aus einem Nebenausgang und geht, geleitet vom instinktiven Wunsch nach Standhaftigkeit, die geraden Häuserfronten entlang […]. Er ertastet sich den Weg ›mit dem Arsch‹, wie wir auf englisch sagen. Da haben Sie Ihren Dubliner.«

Vor dem Davy Byrne’s sind Guinness Nummer zwei und drei fällig, wir wollen nicht von Lokal zu Lokal hetzen. Siebenhundert Wirtshäuser soll es in Dublin noch geben, »auf dreihundertfünfzig Einwohner kommt ein Pub, doch an Wochenenden reicht das manchmal nicht aus« (Sotscheck).

Im Davy Byrne’s hielt sich desgleichen Flann O’Brien auf, der »bessere Joyce«, wie viele behaupten. Eine Zeitgenossin O’Briens erzählte Harry Rowohlt, dem deutschen Übersetzer dieses Genies, mal: Er »ließ sich morgens kurz auf dem Amt sehen und ging dann zum Arbeiten über die Liffey in eine seiner Stammkneipen. Alle zwei Stunden kam ein Bürobote, um frische Akten zu bringen und erledigte Akten abzuholen. Nachmittags, nach getaner Arbeit, verließ er die Kneipe und begab sich unendlich vorsichtig mit three o’clock list (Drei-Uhr-Schräglage) in die nächste.«

Das tun wir ihm gleich, jedoch noch wacker im Lot. Wir schlendern Richtung Liffey, vorbei am Trinity College, Ziel: der Bezirk Temple Bar, das Greenwich Village Dublins, hinter der monströs häßlich ins gregorianische Architekturensemble hineingepflockten Central Bank.

In den achtziger Jahren wollten die Stadtväter das verwahrloste Viertel planieren, um ebenda einen Busbahnhof zu bauen. Heute wird das Vergnügungsquartier penibel gepflegt, die kleinen Geschäfte und die Händler von früher sind verschwunden.

Sieben mal sieben Schlucke Guinness – so lautet unser Auftrag. Wir lassen The Bankers und The Quays links liegen und konzentrieren uns auf The Temple Bar. Während das wie eine Miniaturburg und zwischen Neubauten in der Bridge Street einige Gehminuten weiter westlich ein wenig verloren wirkende Brazen Head das älteste Pub Irlands ist, gilt The Temple Bar mit ihrer schmucken roten, umlaufenden Halbfassade als beliebtestes Lokal der Insel.

Die Kellner tragen T-Shirts, auf deren Rücken »Working« steht, als müßten sie sich vom ausufernden Geselligkeitsgewusel samt Livemusik in den verkastelten Räumen ostentativ distanzieren. Wir wenden uns im »Biergarten«, das heißt im mit Heizpilzen ausstaffierten, lichten Innenhof wieder dem flüssigen Nationalsymbol zu. Geschmacklich läßt es kein Gran nach, aber bei 5,50 pro perfect Pint denken wir fünfeinhalb Sekunden lang ernsthaft darüber nach, uns der »größten Whiskeysammlung Irlands« zu widmen.

Nummer vier und fünf laufen, ordnungsgemäß auf vierzehn Schlucke verteilt, in uns hinein. Als »Redemption Song« erklingt, wird es uns zuviel der Atmosphäre, und wir fliehen den Süden Dublins, um in den schäbigeren Norden der Kapitale zu gelangen, genauer: zum John Kavanagh am Friedhof Glasnevin.

Der Taxifahrer lobt das Gravediggers, wie der Laden im Volksmund heißt, überschwenglich. »Linken Eingang benutzen!« hatte uns Ralf Sotscheck angewiesen. Er sitzt bereits da, direkt an der Tür, in einem Ambiente, in dem man sich hundertfünfzig Jahre zurückversetzt wähnt.

Kein Gedudel, kein Eventgetue. Einzig und allein eine betörende Stimmenkakophonie über altmodischem Gestühl. Der Duft von Irish Stew. Gestaffelt leuchtende Biergläser.

In manch einem Pub durften Frauen bis vor kurzem kein großes Bier bestellen, erklärt Ralf Sotscheck und zeigt auf das Snug zur Rechten, einen Nebenraum mit eigenem Zugang zum Tresen, in dem sich einst die Damen und die Geistlichen aufzuhalten hatten. Mittlerweile findet es nicht allein Jasmine Guinness, das Supermodel aus der Dynastie, »sexy, wenn Frauen Guinness trinken«.

Zügig vertilgen wir das »vielleicht beste Guinness der Stadt«, wie Sotscheck meint, in Flaschenwurfweite zum Grab von Brendan Behan, der sich sein ganzes Leben inständig »für die Kunst interessierte, wie man zwei Dutzend Flaschen Bier köpft«.

»Guinness hat seit jeher am eigenen Mythos herumgeschraubt«, sagt Sotscheck. »Man denke zum Beispiel an den Werbespot, in dem dreißig Sekunden lang ein schwarzer Bildschirm zu sehen war, bis eine Off-Stimme brummte: ›Die vergangenen dreißig Sekunden Dunkelheit wurden Ihnen von Arthur Guinness ins Haus gebracht.‹«

Wir erinnern uns an einen Satz von Fergal Murray: »Jeder spricht überall auf der Welt nur gut über Guinness.« Sotscheck lacht. »Klar, und was ist mit dem grauenhaften Hellen, dem Harp, das sie außerdem brauen? Mein Schwager ist nach neun Gläsern Harp mit Magenbluten im Krankenhaus gelandet. Der Arzt fragte ihn: ›Haben Sie Harp getrunken?‹ Mein Schwager bejahte. Da sagte der Arzt: ›Dachte ich mir, Sie haben eine Harpattack.‹«

Mag sein, daß, wie Anthony Burgess monierte, in Dublins Pubs »zuviel geredet« wird. Aber reden macht durstig – eine angenehme Reziprozität. Wir ordern regelwidrig ein achtes Guinness, und allmählich haben wir uns »in eine weiche […] Stimmung getrunken«, von der es bei Brendan Behan des weiteren heißt: »Jeder war jedermanns Freund, und das ist das größte Glück, das wir auf dieser Welt haben, wenn es auch nicht immer leicht und gewiß ist, ob man diesen Zustand erreicht.«

Wir haben ihn erreicht.

Wolkengewölle, dahin und wieder

daher

Er freue sich »sehr auf dieses ernsthafte, tannendunkle Gebirge«, schrieb Karl Immermann vor einer Wanderung zum Ochsenkopf und anschließend nach Wunsiedel. »Gott gebe schönes Wetter.«

Wir wissen nicht, wie der Wettergott dann gestimmt war, aber die meteorologischen Realitäten im östlichen Oberfranken sind – sogar im Hochsommer – zumeist ernüchternd, manch einer behauptet: beschämend. Schon in der Gegend von Bayreuth quetschen sich für gewöhnlich aschige und bedrohlich finstere Wolkenknäuel und -kleckse in- und übereinander, fürwahr wütend wirkt das. Auf Aufhellungen zu hoffen ist in der Regel sinnlos, das Fichtelgebirge kennt in Sachen Witterung selten Spaß.

»Die Gegend um Wunsiedel ist sehr kalt«, hielt Immermanns Zeitgenosse Ludwig Tieck im berühmten Briefwechsel mit seinem Freund Wilhelm Heinrich Wackenroder über ihre »Pfingstreise von 1793 durch die Fränkische Schweiz, den Frankenwald und das Fichtelgebirge« fest. Hätten die beiden Erlanger Studenten ausschließlich das granitene Rumpfgebirge durchstreift, die nachträgliche Korrespondenz wäre nicht zum Gründungsdokument der deutschen Romantik geworden.

»Man nennt diese Gegend ›das bayerische Sibirien‹«, sagt der aus Hof stammende Theaterregisseur und -dramaturg Helmut Schödel. »Das Gefühlsleben der Menschen hat Frostbeulen, und ihre Sprache ist knapp, schroff und karg.«

Die Wölfe kehren zurück, wird erzählt. Die Raubtiere benötigen dünnbesiedelte Habitate, und das Fichtelgebirge entvölkert sich seit Jahren geradezu. Eine Stadt wie Selb liegt gewissermaßen in Agonie, die Porzellanindustrie weithin am Boden. Ortskerne veröden und zerbröseln, Wunsiedel soll zu einer Stadt der Senioren werden. Vor dem Fall der Mauer kamen wenigstens noch die Westberliner und machten Urlaub. Auch vorbei.

An der Autobahn hinter Bayreuth prangt ein Schild: »Genußregion Oberfranken – Land der Brauereien«. Kurz nach Bad Berneck, wo ein Getränkemarkt mit dem Slogan »Lust auf Durst?« verzweifelt um Kundschaft buhlt, kasteln uns Fichtenrigipswände ein. Über uns hetzen Wolkengewölle dahin und wieder daher.

Bischofsgrün kauert im Holz. »Das Wetter war sehr trübe, und es regnete sogar etwas«, klagte Tieck. »Wir kamen in eine ziemlich uninteressante Gegend. Das Wetter ward immer unangenehmer; ein kalter, schneidender kleiner Regen trieb uns entgegen; ein feuchter Nebel stieg aus den Bergen und Wäldern auf.« Und jetzt schiebt sich der Nebel wie ein Schleier über den schummerigen Fichtelsee und eine einsame, herzergreifend stille Landschaft, deren herbe Schönheit, da müssen wir Tieck widersprechen, an manchen Ecken beinahe Züge von Amönität gewinnt.

Eine Viertelstunde Fahrt gen Osten, durch einen undurchdringlichen Forst, nach Wunsiedel. Eine »gute, lichte Stadt« sei sein Geburtsort, meinte Jean Paul, Kollege Tieck hielt dafür: »Die Stadt ist klein. […] Sie hat ein sonderbares Aussehen«, während Reisegefährte Wakkenroder das unbestechliche Urteil fällte: »Die Straßen gehen bergauf, die Häuser sind ziemlich gut.«

Die Straßen gehen auch wieder bergab, und einige Häuserzeilen im Zentrum, herausgeputzt, lakkiert, poliert, sind tatsächlich schön anzusehen. Doch die »Stadt der Brunnen«, die auf Grund der hiesigen Niederschlagsmengen keines künstlichen Zulaufs bedürfen, empfängt uns mit energisch verwitternden Häuserwänden, heruntergewirtschafteten hölzernen Fensterläden und Hoftoren, unlesbaren Wegweisern, graubraunen, geduckten, merkwürdig zusammengewürfelten Bauten, mit Geschäften mit Billigstangeboten und mit der stillgelegten Sechsämtertropfen-Manufaktur.

Von der Gaststätte Schelter, eigentlich: Gaststätte Wiesental, in Wintersreuth war im Vorfeld die Kunde gegangen, von einer schlichten Bauern- und Brotzeitwirtschaft, wie es sie kaum mehr gebe. Ein Kleinod des Unprätentiösen sei die Schelter, früher ist sie geführt worden vom Schelters Gorch, vom Georg Schelter, heute regieren der Sohn, der Metzgermeister Rudi, und die alte Frau Schelter in der Küche, und im Schankraum hat die Anni das Sagen, Rudis Frau.

Also wieder Richtung Osten, allerdings bloß ein paar Kilometer. Wintersreuth. Im Mai, im Juni, im Juli kann hier Winter sein. Felder und Wiesen ziehen sich wie Samt übers sanfte Tal. Bachbäume, Buschsäume, Obstbaumsolitäre vor Fichtenparavents, die naßglänzende Straße schlängelt sich durch übermütig sprießendes Grün, der Himmel ergraut in allen denkbaren Anthrazittönen, der Nebel schleicht umher.

Neben dem unauffälligen Wirtshaus ein kleiner, ordentlich eingefeuchteter Biergarten mit Blick auf die mild geböschte Umgebung – und, inmitten einer Wiese, ein kniehoch hölzern eingezäunter Kräutergarten, ein Sinnbild für Franken. »Nichts will hier imponieren«, lobte der Reiseschriftsteller Horst Krüger Ende der siebziger Jahre Franken, »das andere, stille Deutschland«. Und wir schließen uns ihm an: »Ich bin jedesmal wieder erstaunt, daß es so etwas gibt: intakte Provinz, eine unzerstörte Region.«

»Wos wollts ’n ihr?« Wenn jemand bodenständig freundlich, gutmütig forsch ist, dann die Anni Schelter. Aus dem ganzen Landkreis kommen sie hierher, Ärzte, Arbeiter, Angestellte. Dieses Elysium, heißt es, sei stets vollbesetzt. Zur Mittagszeit stehen die Leute Schlange, um an die konkurrenzlos günstigen Edelspeisen zu gelangen, abends bevölkern Wurstbrotesser, Plauderbedürftige, Dämmerschoppentrinker und andere Spezialkräfte die segensreiche Normalkneipe.

»Do hast a Bea!« Es kann passieren, daß das Bier, wenn Anni es auf den Holztisch knallt, überschwappt. Das Interieur ist von jener Art, daß man es nicht zu beschreiben braucht – ehrwürdig, einfach. Warum verschwinden allerorten solche Lokalitäten? Warum werden sie von der Welt verschluckt? Warum muß alles, was eben nur scheinbar überkommen ist, weg? Zugesperrt, abgerissen werden? Im Namen des Fortschritts, der Walter Benjamin zufolge die Katastrophe ist, in der wir uns eingerichtet haben? Und die wir daher nicht mehr sehen?

Von legendären Schlachtschüsseln, von Schweinernem auf höchstem Niveau, von seraphischer Sülze und gnadenreichem Büchsenfleisch, von Bratwürsten, die man vergolden möchte, von Stockfisch und vielem anderen geht die Rede – ohne Ausnahme im Familienbetrieb hergestellt. Wir bestellen die Spezialität des Hauses, angebratene Göttinger mit Sauerkraut, das hier durch die Beigabe von Kartoffelstärke zu einem deliziös cremigen Gericht gerät und uns wie ein synästhetisches Echo auf die zauberhaft spröde Gegend mit ihren Rundungen, Wiesenbuchten und Waldbögen dünkt.

Nun will man nichts mehr – außer etliche redliche, gezapfte Biere von örtlichen Brauinstituten zu trinken und betört-belemmert den halb auf düsterfränkisch, halb auf oberpfälzisch geführten Debatten über Wagner-Inszenierungen in Bayreuth zu lauschen. Denn wie schrieb Jean Paul? »Sie sahen erfreut dem Freuen zu.«

Ja, das ist es, das Jean Paulsche »Vollglück in der Beschränkung«, Schutz findend vor den Unbilden der Zeit, der Welt und des Wetters, in der Schelter in Wintersreuth.

Das elektronische Huhn

»Bayreuth trotz Bier und Gegend unaushaltbar.« Jean Pauls bekanntes Diktum gilt hier und heute, im Biergarten der Schloßgaststätte in der unter Markgräfin Wilhelmine mit allerhand Schnickschnack wie Grotten und Ruinentheater ausstaffierten Eremitage, in keiner Weise. Das Einnordungsbier mundet vorzüglich, das Essen auch, und man wähnt sich wahrlich in jenem »Vorhimmel«, den Jean Paul pries.

Der von beinahe unermeßlicher Liebe zu den kleinen Leuten erfüllte poetische Enzyklopädist wollte ohne Bier nicht sein. Er kenne »keinen Gaumen-, nur Gehirnkitzel«, notierte er, »und steigt mir eine Sache nicht in den Kopf, so soll sie auch nicht in die Blase«.

Bloß sehen, riechen, lauschen – dem leis’ knisternd in sich zusammensinkenden Bierschaum über einem rechtschaffen goldenen Flüssigkeitszylinder. Höheres, meint man zuweilen, gibt es kaum. Derweil erzählt die Kulturwissenschaftlerin und -managerin Karla Fohrbeck, die ein Büro in Jean Pauls letzter Wohnstätte unterhält, im »Schwabacher Haus« in der Friedrichstraße, den Antipreußen und Antimilitaristen par excellence habe »Disziplin überhaupt nicht interessiert«, und sie fügt hinzu: »Ich denke, er brauchte diesen Schwebezustand, den er durchs permanente Biertrinken erzeugte, um es hier auszuhalten.«

Jean Paul labte sich am »Zaubergürtel« der Natur, am »so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend« und an den »wie schimmernden, aus dem Äther gesunknen« Baulichkeiten, und wahr bleibt, was Ludwig Börne in seiner Denkrede am 2. Dezember 1825 aussprach: »Er sang nicht in den Palästen der Großen, er scherzte nicht mit seiner Leier an den Tischen der Reichen. Er war der Dichter der Niedergeborenen, er war der Sänger der Armen«, und er verachtete die Indolenz des Adels.

Gleichwohl litt er unter den »illiterarischen« Inhabitanten: »Bayreuth hat einen Fehler, daß zu viele Bayreuther darin wohnen.« Das hat man ihm offenbar verziehen. Jean Paul sei heute, sagt Karla Fohrbeck, eine der maßgeblichen Initiatoren des Ende 2012 fertiggestellten, rund zweihundert Kilometer langen Jean-Paul-Wegs von Joditz bei Hof bis zum Felsengarten Sanspareil im Kulmbacher Land, »die Corporate-Identity-Figur für Oberfranken«: »Sie nehmen ihn als einen der ihren wahr.«

Für allerlei touristische Werbung hält Jean Paul mittlerweile her. Wird er dadurch wieder öfter gelesen, soll es so sein. Auf dem nach ihm benannten Wanderweg informieren Textstelen und -tafeln an hunderteinundsechzig Stationen über Leben und Werk. Die sich von Norden nach Südwesten durch Oberfranken schlängelnde Route sei »eine Energielinie«, erläutert Karla Fohrbeck, sie sei »das geistige Rückgrat der Region« und »die geheime Lebensader des alten Markgrafentums Bayreuth-Brandenburg«.

Vierzehn Kilometer nordöstlich von Bayreuth führt der Jean-Paul-Weg durch Goldkronach. Eine erste Ansiedlung an der Handelsstraße nach Böhmen datiert man ungefähr auf das Jahr 1000, seit Mitte des 13. Jahrhunderts war das Städtchen im Besitz des Grafen von Andechs, ein Jahrhundert später fiel es an die Nürnberger Burggrafen, 1792 wurde es preußisch.

Wem weniger nach einer »Kultwanderung«, wie es im üppigen Begleitbuch zum Jean-Paul-Weg heißt, zumute ist, hockt sich in oder vor einen der zwei Gasthöfe des Ortes und trinkt »ein Nößel Bier« (Jean Paul). Die Leute wollen »weg vom Eventtourismus«, sagt der Vertreter der Tourismuszentrale Fichtelgebirge, Ferdinand Reb, und da sind wir hier am goldrichtigen Platz – »der stille laue Himmel« (Jean Paul) über uns, das Gesetz der Friedlichkeit in uns, des »heiligen Hinbrütens und ruhigen Anschauens« (Friedrich Schlegel).

Hier, im Nordosten Bayerns, werde nichts inszeniert, unterstreicht Ferdinand Reb. »Wenn der Fels dasteht, dann steht der da. Denn der ist echt.« Dem Hotel-Gasthof Alexander von Humboldt ist eine echte Metzgerei angegliedert, die Metzgerei Kleinheinz, die bietet zum Beispiel Brotzeitbauch und Debreziner an. In ihr riecht es sagenhaft gut, und in einer beheizten Vitrine thront ein riesiger Leberkäse, so schickt sich das. Die Metzngerei Hentschel wurde leider aufgegeben, im Schaufenster informiert ein Aushang über die nächste Zusammenkunft des Handarbeitskreises, dafür gibt es zwei echte Bäckereien, die praktischerweise beide Beck heißen. Über dem Firmenschild des »Straßen-Beck« glänzt eine goldene Brezel. Anisbrezeln sind eine Spezialität, ebenso die frischen Küchla einmal pro Woche.

»Gehst zum Beck oder zum Beck?« Nein, wir bleiben sitzen, auf der typisch fränkisch-funktionalen Terrasse des Hotels Humboldt, eingebettet in Stille. Rotbraune Schindeldächer über uns, über denen die Mauersegler Fangen spielen. Jemand stellt die Frage: »Was kann man denn zu Goldkronach noch erzählen, außer daß ein Vogel auf dem Dach sitzt?« Muß man denn?

Außer dem Gegurgel des Brünnchens zwischen den Tischen und den Bierbänken und einem zaghaft herüberwehenden Glockenschlag vernimmt man nichts. Das Bier steht stad im Glas. Die Luft kräuselt sich lind in sich. Die Welt hat zu Ende meditiert. »Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues.« (Samuel Beckett) Nichts weiter braucht es, gar nichts weiter.

In einer der anrührendsten Erzählungen der deutschen Literaturgeschichte, in Jean Pauls Idylle Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal, delektiert sich der Protagonist am »Schwalben-Scharmutzieren über sich«, »voll Durst, einen Himmel auszutrinken«. Er mißbilligt die »Hatztage, wo die ganze Erde ein Hatzhaus ist«, und pflegt in seiner herzergreifenden Milde und Bedürfnislosigkeit die »Kunst, fröhlich zu sein«, die er mit einem freundlichen Imperativ auf den Punkt bringt: »Man soll zufrieden sein mit dem, was man hat – und das mit offenen Sinnen auskosten.« Also Dinge seinlassen, gewähren lassen, sich nicht belästigen lassen durch die dummen, endlos wiederholten Wettbewerbsparolen unserer Zeit.

Goldkronach, das »Tor zum Fichtelgebirge«, hat ohne die eingemeindeten Ortsteile kaum zweitausend Einwohner. Will man die wunderbare »Trink-Leere« (Jean Paul) ein bißchen füllen, geht man gemach Ekken gucken. Auch hier verstehen es die Einheimischen selbstverständlich, abscheulichste Baumarktvorgärten und Fertigbetongaragen ins Ortsbild zu stopfen, und warum sollten sie in Goldkronach fehlen, die Waschbetonmauern an abfallenden Bürgersteigen, die Fassadenverkleidungen aus Eternit- und PVC-Paneelen, die Klinkermauerbänder, die uniform häßlichen Normtüren und -balkone, die steril gepflasterten Hofeinfahrten, die nordbayerischen Varianten dilettantischer Lüftlmalerei (besonders ein antikisierter Doppelfensterbogen mit Silberreiher und Ara überzeugt uns) und die obligatorische triste Sitzgruppe (hinter der neugotischen Pfarrkirche St. Erhard). Und natürlich muß es Baulanderschließung geben, direkt am Schloßpark, unter dem Motto »Modernes Wohnen« freilich, die gelbgrüne Wiese hat da nichts verloren, und die freie Sicht auf den Goldberg im Osten ist viel zu pittoresk.

Gleichwohl erspähen wir tröstliche Winkel: eine würdevoll verwitternde große Scheune, vor der die Malven sprießen, buschige violette Geranien vor sattgelbem Putz, eine ungeöffnete, von der Sonne illuminierte Flasche Kulmbacher Bier hinter einem Schuppen, Fenster, hinter denen sich surreal wirkende Skulpturen aus Draht und Stahlteilen zeigen, eine blitzschöne pechschwarze Schindelhausfront. An der Bayreuther Straße steht ein ob seiner Schlichtheit und klaren Form geradezu anmutiges Werkstattgebäude. An einer bemoosten Granitwand in einer Seitengasse lehnen ausrangierte Bauernhausfenster und Bauernhausfensterrahmen. Das schwarzrotgoldene Banner (das einzige in der Stadt), das in einer Blechgießkanne steckt, übersehen wir.

Am südlichen Ortsausgang schwankt eine Gartenblockhütte auf einem provisorischen Fundament aus Ytong-Steinen. An ihrem mit einer grünen Plastikplane abgedeckten Dach hängt die Frankenfahne (die einzige in der Stadt). Wenige Meter weiter zerbröselt ein weißviolettes Haus, dann erquickt uns eine schmutzige olivgrüne Gebäudlichkeit, die den Kosmetiksalon Ile de Beauté beherbergt.

Nach ein paar Schritten stoßen wir auf das 1865 gegründete Lebensmittelgeschäft Grieshammer in einem hübschen hellblauen Haus. Wir fühlen uns an unsere Kindheit im Mittelfränkischen erinnert, als wir beim Krämer für den gutmütigsten aller Großväter kühle Bauernflaschen Bier kauften: Fleisch- und Wurstgerüche im dämmrigen Geschäft, offenes Obst und Gemüse, verschlafene Lokalzeitungen, frisches Brot, und an der altmodischen Kasse sitzt ein genügsamer, grundfreundlicher Mann, der uns einen angenehmen Tag wünscht.

Von mehreren Brandkatastrophen wurde Goldkronach heimgesucht, die letzte ereignete sich 1836. Danach baute man den Ort im zurückhaltend eleganten Stil des Biedermeier wieder auf. Die Sandsteinhäuser an der leicht geschwungenen Hauptstraße und rund um den Marktplatz hinterlassen mit ihren weitgehend einheitlichen Traufhöhen, ihren Sprossenfenstern und ihren Gauben den Eindruck von bodenständiger Geschmackssicherheit.

Am malerischen Marktplatz residiert der – neben unserem Hotel – letztverbliebene Gasthof, die Goldene Krone. Das Wirtshaussterben auf dem Land ist einer der elendsten Kulturvernichtungsvorgänge unserer Tage. Die Gastwirtschaften Glückauf, Beck, Rosenau und Roter Adler schlossen in den achtziger und neunziger Jahren. »Die ganze Wirtshauskultur funktioniert nemmer.« Inge Bär, eine unprätentiös selbstbewußte, schelmisch lächelnde Frau, führt den prachtvollen Schwarzen Adler im Ortsteil Nemmersdorf. Die Wirtsstube ist umwerfend sorgsam konserviert, Braten, Gemüseeintöpfe, Bratwürste und selbstverständlich selbstgemachte Klöße bereitet sie auf einem Holzherd zu, weder Kroketten noch Pommes kommen ihr ins Haus. Frau Rausch vom Nordbayerischen Kurier nickt.

Die Feuerwehr und der Sportverein hätten ihre eigenen Lokale, erklärt Inge Bär. »Früher war der Freitag der Fortgehtag, das ist auch vorbei.« Samstagfrüh laufe es noch zwei Stunden, da rücken die Jäger und der Bulldogstammtisch an, und der sonntägliche Mittagstisch erfreue sich großer Gunst. Doch sonst?

Um dem Jammer zu trotzen, pflanzen wir uns in den Straßenbiergarten der Krone. Die Linden an der vor langer Zeit kanalisierten, den Marktplatz teilenden Kronach wiegen ihre Zweige zart, die Steineinfassungen lauschen dem wohltemperierten Rauschen des Wassers. Nie schien, scheint’s, die Sonne schöner als jetzt, und »in des Goldes Scheine« (Wagner) erfüllt uns eine geradezu »närrische Freude« (Wutz), das Maisel’s-Weißbier vor uns, dem wir sogar den Apostroph verzeihen.

Nun behauptet zwar der Förderverein für Roggen-Kultur in Weißenstadt, das unter seiner Ägide just Ende Juni eröffnete, man spitze die Ohren, Pädagogisch-Poetische Informationszentrum für Roggenkultur Rogg-In dokumentiere, daß der Roggen das »eigentliche Gold des Fichtelgebirges« sei. Allein, da beißt weder eine Fichtelgebirgsmaus einen Zwirn durch, noch kann man uns gelegentlichen Einfaltspinseln dergleichen weismachen. Das Gold des Fichtelgebirges, das niemand, irgendeinem Alberich wehrend, bewachen, sondern das man einfach bestellen muß, ist das Bier, Punkt – oder allenfalls zudem der Hafer am Rande von Goldkronach, genaugenommen ein Haferfeld, das sich im gnädigen Frühabendlicht wie verträumt und selig schlummernd an einen sanft geformten Hang schmiegt.

»Bratwöscht?« – »Jawoll.« Acht Herren hocken friedvoll drei Tische weiter, einer von ihnen, ein glücklich geerdeter, daseinstüchtiger älterer Mann, schlendert irgendwann zu uns herüber. »Sie ham sich den richtigen Platz ausg’sucht.« Er grinst wie ein Bub’. »Ein schattiges Plätzla, des is’ vernünftig. Sonst brennt’s dir des Resthirn weg.« Gülden. Jedes Wort gülden.

»Das Bier auf seine schönste Weisse«, steht auf dem Aschenbecher. Drüben werden die leuchtenden Pokale wie Monstranzen ins wacker ermattende Abendlicht gehoben. Beiläufig werfen die Bäume Schatten. Der Hausrotschwanz auf der Dachrinne macht einen Knicks, als verneige er sich vor alledem. »Genau.« – »Jawoll.« –»Genau so is’ es nämlich.«

Am nächsten Morgen Bierschinken und Göttinger Wurst zu Kaffee und Brötchen, lediglich echtes Landbrot fehlt auf dem Büffet. Die fröhlichen Damen des Hauses plaudern, gänzlich unfränkisch, ausgelassen. Item itzo diese höchst wohlige Gestimmtheit: Es genügte vollauf, »nie mehr begehrend als die Gegenwart« (Wutz), den ganzen Tag damit zu verbringen, in die Luft zu gukken, neben sich zwei, drei Flascherl Bier mit Schraubverschluß. Die säkulare Vita contemplativa, sie wäre das Naheliegendste und Einfachste, und man spürte endlich einmal die Zeit, ohne daß sie bedrohlich erschiene. Gegen Abend fielen schließlich die »Goldfäden« (Wutz) der wandersmüden Sonne aufs Turmkreuz von St. Erhard, vorm sacht wolkendurchwebten Himmelsfond.

Doch Goldkronach ist ja nicht zuletzt Alexandervon-Humboldt-Stadt, dem sollte man Rechnung tragen. Der nachmalige Universalwissenschaftler und »Wissenschaftsfürst«, dessen Ceterum censeo die Freiheit (»Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt«) und der ein inständiger Anhänger der Französischen Revolution war, ward 1792 als Bergbauingenieur von Berlin aus für fünf Jahre nach Franken entsandt, um den Erzabbau in den Fürstentümern Ansbach und Bayreuth zu reorganisieren. 1793 beförderte man ihn zum Oberbergmeister, im nämlichen Jahr trat er seinen Dienst in Goldkronach an.

Humboldt war bestrebt, »dieser romantischen Gegend nur einen kleinen Teil ihres Glanzes wiederzugeben«. Bereits im Januar 1794 ließ er seiner Begeisterung in einem Brief die Zügel schießen: »Mit dem Bergbau geht es überhaupt hier jetzt vorwärts. In Goldkronach besonders bin ich glücklicher, als ich es je wagen durfte zu glauben.«

Am Rande Goldkronachs wurde seit 1363 Goldbergbau betrieben, der erste schriftliche Nachweis des Namens Goldtkranach stammt aus dem Jahr 1398. Die Blütezeit der Goldgewinnung aus leicht zugänglichen Bodenschichten dauerte bis ins 15. Jahrhundert an (manche Quellen sprechen vom 16. Jahrhundert), die Schächte im Goldberg, im heutigen Stadtteil Brandholz, wo vermutlich das größte Goldvorkommen Deutschlands lag, hießen »Name Gottes«, »Unverhofft Segen Gottes«, »Schickung Gottes«, aber auch »Fauler Nickel« oder »Goldener Hirsch«.

Humboldt war – wie Jean Paul und dessen Figur des Maria Wutz (er »war allen Menschen gut«) – ein wahrer Philanthrop. Im Sinne seines Credos, »das Studium der physischen Natur mit dem der moralischen zu verknüpfen«, rationalisierte er nicht nur die Arbeitsabläufe im seit Mitte des 17. Jahrhunderts maroden Bergbau, sondern er verbesserte die Sicherheit der Hauer, Steiger und Fördermänner, führte die Bergbauhilfskasse und das »Büchsengeld« für Witwen und Waisen ein und gründete Ende 1793 in Steben auf eigene Kosten die Erste Königlich Freie Bergschule.

Der Goldbergbau verdankte Humboldt eine merkliche Renaissance, die ein gutes halbes Jahrhundert anhielt (endgültig Schicht im Schacht war allerdings erst 1925). Trotz seines Enthusiasmus gab er sich jedoch keinen übermäßigen Illusionen hin. Man dürfe »nichts von der Natur erzwingen wollen, was sie nicht leisten kann«, und die Abholzung der Wälder nannte er einen »Menschenunfug […], der die Naturordnung stört«.

Im vor zehn Jahren eröffneten, liebevoll gestalteten Goldbergbaumuseum im ehemaligen Forstamt an der Bayreuther Straße, in dem Humboldt ab und an Quartier nahm, werden in sieben übersichtlichen Abteilungen Werkzeuge, Grubenrisse, Befahrungsprotokolle, Karten, Modelle, ein nachgebauter Stollen, Gesteinsproben aus goldhaltigen Quarzgängen und anderen Montanformationen, Zeugnisse der Goldverarbeitung und viele aufschlußreiche Dokumente mehr präsentiert. Gold, erfährt man, widersteht Alkalien und Säuren, ist unzerstörbar, verliert seinen Glanz nie und symbolisiert daher Macht, Göttlichkeit und die Ewigkeit. Vielleicht bestrafte darob der Goldkönig in der Goldkronacher Goldbergsage die Gier der Menschen, die sich mit dem Edelmetall zu schmücken gedachten, mit schlimmer Not und Armut.

Vor etwa zwanzig Jahren fand in Goldkronach eine Goldwasch-WM statt, ins Leben gerufen vom damaligen, wir scherzen nicht, Bürgermeister Blechschmidt. Auf sie folgte die seither alle zwei Jahre ausgetragene Deutsche Goldwaschmeisterschaft auf dem Goldberg. Der sei, schmunzelt der zuvorkommende Rathausangestellte, der uns durchs Museum geleitet, auf Grund der »durchschlägigen Stollen« ein »Schweizer Käse«, mithin ein Beispiel für jene »durchsichtigen Berge voller Goldadern«, die wiederholt Topographien der Jean Paulschen Traumwelten sind.

Am Humboldtweg auf dem Goldberg liegen die zwei Besucherstollen »Schmutzlerzeche« (zugänglich seit 1985) und »Mittlerer Name Gottes« (seit 1993), die wie das Museum sonn- und feiertags geöffnet sind. Es empfiehlt sich, frei von Platzangst zu sein, schlüpft man in die engen Gänge hinein und versucht, ein Goldfinserl zu finden, eines der nach wie vor dort dösenden, zwischen einem halben und einem Millimeter kleinen Goldkörner.

Die Goldkronacher Goldvererzung ist das Resultat einer geologischen Singularität. Exakt durch die Stadt verläuft die Fränkische Linie, eine tiefe und lange Abbruchkante, die durch das Aufeinanderprallen des afrikanischen und des europäischen Kontinents entstand. Das Fichtelgebirge, wesentlich älter als die dusseligen Alpen, diese »Tyrolerberge bei München« (Jean Paul), die zusammenpacken und nach Hause gehen dürfen, schob die weichen Gesteine des Vorlandes von sich weg. Jene senkten sich ab, das stolze, bockelharte Fichtelgebirge hob sich an. In den nach dem geologischen Ringkampf zurückgebliebenen Rissen löste sich unter dem Einfluß von Wasser und Sauerstoff peu à peu Gold, und das chemische Element mit der Ordnungszahl 79 fand fortan in der »Wohlfühlregion Fichtelgebirge« neben vielerlei anderen Gesteinskameraden eine kommode Heimstatt.

»Daß es geologisch mal drunter und drüber ging« (Museumsfaltblatt), ist an den zahlreichen Goldkronacher Geopunkten zu studieren, zumal im Kellergewölbe des Schlosses, in dem ein aufmüpfiger Muschelkalksporn, der normalerweise hätte in der Horizontale verbleiben müssen, das Fundament des strahlend weißen Prunkgebäudes bildet.

Gudrun und Hartmut Koschyk zeichnen hier im Namen des Alexander-von-Humboldt-Kulturforums seit 2008 für Symposien, Vorträge, Konzerte, Liederabende, Ausstellungen und Theateraufführungen verantwortlich. »Daß Humboldts Genialität hier in Franken zur Entfaltung kam«, betont Hartmut Koschyk zu Recht, und er habe sich »immer gewundert, warum man so wenig aus Jean Paul gemacht hat. Der Jean-Paul-Preis wird in München verliehen.«

Sein Anliegen ist es, »Bewußtsein für Humboldt in der Region zu wecken«. Mittlerweile kämen Humboldtianer »aus China, Afrika und der arabischen Welt« in diesen »beschaulichen Ort«, in diese dörfliche Stadt, man müsse indes, wolle man den »Wegbereiter der Globalisierung«, der in dieser Kleinwuselwelt regelrecht aufblühte, den Menschen nahebringen, die hiesigen Gesangvereine und Posaunenchöre einbeziehen, was, verrät ein Blick in die Programme der Goldkronacher Kultursommer, offenbar bestens gelingt.

»Die Leute sind offen für das geistige Erbe Frankens«, für den interkulturellen Dialog, nicht minder für die Vermarktungspotentiale jener beiden Intellektualgrößen, die sich nie begegneten und die nie miteinander ein »braunes Bier« (Jean Paul) auf der Terrasse des Goldkronacher Schlosses goutierten, das grünblaugoldene Landschaftspanorama förmlich in sich hineinsaugend.

Wir treffen den Schauspieler und Rezitator Hans- Jürgen Schatz in Goldmühl, das bereits zu Bad Berneck gehört. Humboldt wohnte 1793/94 in der Alten Mühle. Im Schwarzen Roß nebenan, in fünfter Generation in Familienbesitz, kredenzt man uns zum seraphischen Steak dunkles Beck’n-Bier aus Büchenbach. Hans-Jürgen Schatz, künstlerischer Leiter der im Oktober stattfindenden ersten Jean-Paul-Tage in Bad Berneck, versucht seit 1992, die »Nachempfindbarkeit der Entstehungsbedingungen der deutschen Romantik« durch akribisch arrangierte Lesungen zu befördern und Jean Paul »durchzusetzen«. »Man braucht Ruhe, um Jean Paul zu lesen«, merkt er an, auch als Vortragender müsse man sich seine wildwüchsigen, gestrüppartigen, gewissermaßen avant la lettre postmodern mäandernden artistischen Welterkundungen »zäh erschließen«. »Doch wenn man Jean Paul kommentierend und einordnend vorstellt, sagen die Leute: ›Vorgelesen ist es gar nicht mehr so schwer.‹«

Der in sich schlingernde Schwebezustand, das ist womöglich die Jean Paulsche Lese- und Lebensempfindung. Das gute Goldkronacher Gefühl. Sehr groß ist er, mit Rilke zu raunen, der Sommer, sehr groß ist sie, die kleine »geflügelte Welt« (Jean Paul: Siebenkäs). Das Firmament blank und heiter. »Man kann die seligsten Tage haben«, schwärmt Jean Paul, »ohne etwas anderes dazu zu gebrauchen als den blauen Himmel.«

Laß uns vor die Tore der Stadt wandern, nur ein paar Meter. Laß uns behaglich die Luft und die gescheckten, sich in die Ferne hineinschmiegenden Wolken atmen. Laß uns die Untererde der Gesteine vergessen und das grüntrunkene Gehügel, Gesäume und Gebüschel schauen, das herumwackelnd’ Getier, das brummelnd und bummelnd sich wandelnde Wimmeln, die gnadenreiche Illumination all dessen, laß die Wonne Oberhand gewinnen in einem Kosmos, den Jean Paul ersonnen haben muß und aus dem man langsam, langsam herausfallen möcht’, weich und zeitverzögert.

»Weizen?« – »Ja, gerne.« Die schlanke, kleinwüchsige Bedienung der Krone kennt uns unterdessen. Ein Einwortfragesatz langt. Die Bachstelze flaniert wippend vorbei. Der Koch tritt vor die Tür und erkundigt sich beim Mittagstisch, ob es schmecke. Ein altes, dürres Weiblein, die Nachbarin, sitzt auf der Bank vor ihrem Haus und lugt.

Das zweite Weizen kommt. »Brauch’ mer net anschreib’n, oder?«

In der milchig beleuchteten Schwemme, in der die olfaktorische fränkische Signatur von Sauerkraut und Angebratenem prosaisch verwunschen herumwabert, ist sie noch einmal zu spüren, die fußläufige Weltläufigkeit der beharrlich geschmeidigen Jean Paulschen Seele, und an der Wand hängt ein Schild: »Als der Herrgott die Arbeitsstunden der Wirtsleute mit deren Einkommen verglich, drehte er sich um und weinte bitterlich.«

Daß sich innere und äußere Welt »wie zwei Muschelschalen aneinanderlöten und dich als ihr Schaltier einfassen«, das ist uns, »doppelselig« (Wutz), beschieden. Es ist gar recht dies alles, vor allem, wenn man wähnt, geistig in den Seilen zu hängen, die durch die Leere gespannt sind.

Ein Mann in einem grünen Poloshirt schlappt mit einer goldenen Tuba auf den Marktplatz. Stände sind aufgebaut, anläßlich des alljährlichen Marktplatzfestes. Sie bieten Waffelbruch, Schaumwaffeln, gebrannte Mandeln, Kokosmakronen feil, wie in unserer Kindheit. Luftballons flattern im linden Wind, und vom Stand des Kleintierzuchtvereins Goldkronach gackert ein Huhn so unablässig und mechanisch herüber, als sei es eine elektronische Attrappe. Erst als wir es begutachten, gewahren wir: Es lebt. Es ist ein Zwerg-Vorwerkhuhn.

Auf einem Informationsblatt der Frauenliste Goldkronach (»Nerven und Abgase sparen: Bus fahren«) finden wir eine Verbindung nach Bayreuth. Es schmerzt, der Ruhe den Rücken kehren zu müssen. Aber die Aussicht aufs gelbgrüne Buckelland rundherum wird uns dafür entschädigen, die Aussicht auf die gestaltgewordene Sanftmut unter einer unvergleichlichen Goldlichtglocke.

Lehnen wir ab

Kopfschmerzen bei Beck’s und Co. – nie zuvor haben die Deutschen weniger getrunken als 2013. Selbst schuld, sagt Jürgen Roth, Präsident des in Münster ansässigen Deutschen Bier-Institutes.

Der Bierverbrauch ist auf einem historischen Tiefstand. Ist bei Ihnen jetzt Frustsaufen angesagt?

Roth: Wir sind da zwiegespalten. Sehr zu unserer Freude ist der Rückgang gerade bei den Großbrauereien massiv. Da dürfte sich auch der Bierkartellskandal auswirken. Die Leute sind einfach nicht mehr bereit, für Markenprodukte mehr auszugeben als für beinahe identische Billigbiere. Traurig ist andererseits, daß die Menschen seltener in Gaststätten gehen, u. a. weil das Bier dort viel zu teuer ausgeschenkt wird.

Der Brauer-Bund führt das schlechte Wetter als Grund für den Rückgang an. Dabei war 2013 in unserer Erinnerung ein Topsommer.

Dieses dumme Gequatsche geht seit fünfzehn Jahren so. Nach dem Jahrhundertsommer 2003 wollten uns dieselben Leute weismachen, daß es zu heiß war und deshalb die Leute lieber Limonade getrunken hätten. Lachhaft.

Könnte es schlicht sein, daß die Deutschen längst nicht mehr das beste Bier brauen?

Die Erkenntnis setzt sich offenbar langsam durch. Daher sind sogenannte Craft-Biere – eine Bewegung aus dem angelsächsischen Raum – im Vormarsch, bisweilen mit Sorgfalt gebraute Getränke. Die Leute haben die Schnauze voll vom designten Einheitsbierbrei. Ein anderer Aspekt ist der Fitneßwahn der Deutschen, die Bier verteufeln und meinen, Weißweinschorle sei gesünder. Oder sie trinken gleich alkoholfreies Bier – ein Trend, den unser Institut rundweg ablehnt.

Gleiches gilt womöglich für Bier mit Limonengeschmack.

Wer so etwas über seine Lippen rauschen läßt, mit dem reden wir gar nicht erst.

Bierschatten

Von Thomas Kapielski


Mit Beharrlichkeit und gutem Beistand, der auf Stilgefühl im Volke schließen läßt, ließ sich in vielen Gaststätten der Willybecher wiedereinbürgern und irriges Bierglasdesign zurückdrängen. Der Willy ist ein (des darin waltenden Goldenen Schnittes wegen) ebenmäßiges, schlichtes Bierglas, das alle Standardgrößen von 0,2 bis 0,5 l harmonisch zu variieren vermag. Gestaltet hat es kein Designer, sondern Willy Steinmeier, Vertriebsleiter der Ruhrglas AG. Allein solchen Geistes entsprossenes Glas und ähnliche Humpen und Kelche sind dem Biere angemessen; zu Recht trägt es des Schöpfers Namen. Führt eine Wirtschaft den Willybecher, dann hat sie die Prüfung bestanden. Der hier abgebildete steht parat im tadellosen Wirtshaus Wuppke zu Berlin.

*


Hier lebte und wirtschaftete einst der Blaue Affe am Berliner Hermannplatz. Es gab ihn seit den zwanziger Jahren, als ein Rausch noch Affe und ein Bier- und Schnapsrausch blauer Affe hieß. Ich besuchte ihn ab und an seit 1971, regelmäßig dann von ’82 bis ’88, dann erst wieder (leidiger Umzüge wegen) ab ’91 bis ’98. (Im Film Das Quiller-Memorandum – Gefahr aus dem Dunkel sieht man den Tisch, an dem sich der Verleger Bernd Kramer mit mir besprach und anregte.) Kneipen leben ahistorisch, allenfalls zyklisch – nicht apokalyptisch! Der Blaue Affe war ein Himmel auf Erden. Heute stehen Geldautomaten einer Bank darin. Im Hammer vis-à-vis werden schon seit Jahrzehnten Matratzen verkauft; bevor er starb, war er, einer Renovierung wegen, längst unheilbar. – So waltet wohl doch eine Endzeit!

*


Auch diese Wirtschaft ist durch verunglückte Auffrischung schwer beschädigt worden. Sah sie zuvor, wie abgebildet, noch dem Foyer und der Frühstücksstube eines plüschigen Vertreterhotels ähnlich (was auch schon unstatthaft ist, aber gemütlich war), so gleicht sie nun einer klinischen Wartehalle. Die unübertrefflichen Gäste, das vortreffliche Personal, die Raucherlaubnis und der Willybecher sind erhalten geblieben; sie bilden den fügenden Rest. Überdies hofft man – mehr Hoffnung besteht vorerst nicht! –, die Raucher werden die geweißten Wände alsbald wiedergutmachen. Einer unter uns Betrogenen aber sprach schon verdrießlich: »Wenn ick mein Bier inne Sushibar oda Eisdiele saufen will, denn tu ick dit – inne richtje! Ick will aba ’ne Kneipe! Und da jeh’ ick jetz hin!«

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Oder sollen wir uns denn eines Tages nach Zürich auf den Weg machen müssen, die alten, währschaften Kneipen zu suchen?

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Hier läuft es noch ganz gut, bei Büttelmann in Spandau! Trotz schepper Kugeln und Tischdecken. Das heitere Alltagsleben dort ist beschrieben im Roman Je dickens, destojewski!: »Ernst Wuboldt trat ein und grüßte einen jeglichen Gast im bevölkerten Raumrund. In liebbraunes Licht getunkt, grüßte das Trinkvolk unbeirrt brummelnd dawider. Ein leichter Wind bewegte Gardinen, und diese wiegten der Sonne wuselnde Strahlen durch den zarten Tabakdunst über Tische und Leiber hinweg. Im Lichtbalken, der durch die Tür einfiel, tanzten Stäubchen. Dem Wirt saß ein schicklich lodernder Sonnenfleck im Antlitz; des Büttelmanns Brillenglas lohte forsch wider und beflügelte den Schwung seines Geistes. Den Wuboldt machte es herzfroh, seinen Wirt so frisch und besonnt zu sehen. Er fand gewohnten Platz am Rundtisch. Schon blickte er mit glaubensstarker Muße auf sein von fern herbeieilendes Bier …«

Quatsch! Klar. Sowohl als auch. Logisch

Es gibt nicht einen Grund, nach Berlin zu fahren. »Berlin, das nichts ausläßt und alles bewilligt, sofern es sich um Schwachsinn und Ausschweifung handelt« (Thomas Kapielski), kann mir gestohlen bleiben – und zwar nicht erst, seit alle naslang jeder warum auch immer dazu Berufene seinen Blödsinn zur bombig brummenden Berliner Kultur- und Partyszene von sich gibt.

Man muß jedoch ab und zu beruflich nach Berlin, und dann treffe ich mich, wenn es irgend geht, mit Thomas Kapielski in der Gastwirtschaft Wilhelm Hoeck. Da sitzen wir dann in diesem gestaltgewordenen »Berliner Zillestubenideal« (Eckhard Henscheid), plaudern und trinken Bier, zügig eins nach dem anderen (»Arne, mach noch eins! Nee, zwei!«), bis ich zum Flughafen aufbreche und mich dabei bereits aufs nächste Mal freue.

So. Mehr nicht.

Nein, schon, zum Beispiel wenn unsere Freunde Barbara Kalender und Jörg Schröder beschwingt mitzechen und unser Quartett in funkelnder Uneinigkeit die Zeit damit zubringt, darüber zu »diskutieren« (Wowereit), ob Andreas Baader schlicht ein arrogantungebildetes Arschloch war. Jörg: »Quatsch!« Thomas: »Klar.« Barbara: »Sowohl als auch.« Ich: »Logisch.«

Oder wenn die Rede auf Eckhard Henscheid kommt. Thomas hält ihn für ein Genie, ich halte ihn für ein Genie, und obwohl bei soviel Einigkeit gemeinhin wenig Gesprächsbedarf besteht, finden wir kein Ende. Daß Kapielskis Bemühungen, Henscheids neues Buch bei Merve unterzubringen, keinen Erfolg hatten, ist schade. Diese beiden Fixsterne der deutschsprachigen Literatur im selben Haus beheimatet zu sehen, wäre gar zu schön gewesen.

Heute feiert Eckhard Henscheid seinen siebzigsten Geburtstag, übermorgen feiert Thomas Kapielski seinen sechzigsten Geburtstag. Wir erheben uns und wünschen beiden das denkbar Beste.

Daß ich Thomas Kapielski ebenso verehre wie Eckhard Henscheid, muß ich vielleicht nicht gesondert hervorheben. Mache ich aber. Und weil ich mit Eckhard Henscheid auch mal im Gasthaus Fuchsbeck in Sulzbach-Rosenberg ein paar Seidla getrunken habe, möchte ich, die geistige Verwandtschaft beider Dichter weder beschwörend noch herbeifaselnd (obschon ich als Gewährsmann etwa Stephan Wackwitz nennen könnte, der 2009 in der taz schrieb: »Die literarische Karriere Thomas Kapielskis, das wird erkennbar, je länger sie dauert und sich ausdifferenziert, weist Parallelen auf zu derjenigen Eckhard Henscheids«), aus Kapielskis Buch Mischwald (Frankfurt/Main 2009) zitieren:

»Dann eilte ich weiter hinauf in den Ort, der trotzig wider Amberg auf einem Berge ansitzt, zum Fuchsbeck, dem Hausbräu hin […]. Der Wirt […] fabuliert welt- und weitläufig. […] Dann im Zug nach Amberg, das mich enttäuschte: Weder ANO noch Bayrischen Hof gibt es noch; alles sehr schick insgesamt (Café Colomba und so die Richtung; der übliche Café-Mulatte-Unfug mit langen Weißschürzen an Germanistikstudentin) […]. Eine Absturzkaschemme, die sich gleichwohl auch als Speisegaststätte gerierte (im Raume Steinhofgasse?), besuchte ich dennoch instinktsicher. (Nee, eher befand ich sie.) Auffällig ein Holzschild mit solcher Inschrift: ›Der Kopf tut weh / Die Füße stinken / Jetzt müssen wir / Ein Bierchen trinken!‹«

Und ein paar Absätze weiter: »Und noch ein Amberger Schnapsschuß: Einer bauchfreien, gepiercten als auch gearschadlerten, dicklichten, jungen, gleichsam schon alt aussehenden Oberpfälzerin will so ein Rollkoffer am Amberger Bahnhof nicht recht gehorchen; da flucht sie laut: ›Fuck! Oldä!‹ (Und meint sowohl sich, maskulin adressiert!, als auch ihr Ungeschick. Und den Koffer och noch!)«

Wie heißt es in Eckhard Henscheids »kleinem Stadtführer« Unser liebes Amberg (bibliophile Neuausgabe 2003)?

»Diese Stadt ist eine einzige, langdurchzogene, lästerliche und alles in den Bann ziehende Natur- und Intellektualgemeinheit. In den Köpfen der Bürger nisten Brutalität, Infamie und der hundertprozentige Wille zu nichts. […] Unverschämtheit und Unzurechnungsfähigkeit gehen Hand in Hand in dieser aufs äußerste gemeingefährlichen, heruntergekommenen, durch Hinterhalt und Lüge kriminell heruntergewirtschafteten Stadt.«

Und, um es nicht zu unterschlagen: »In den Gastwirtschaften ertönt, so die tägliche Erfahrung, der beherrschendste und niederreißendste Wurstesser- und Biertrinkerlärm. Der Gedanke an ein Glas Bier führt oft zu den allergrößten Überschätzungen. Kaum haben sie ein Glas Bier, wollen sie noch eins und schütten auch noch vollkommen hingerissen und verblendet Schnaps drauf. Die Parteien begrüßen es.«

Wir auch.

Vom Sinnlichkeitsvorreiter zur Sushibarbegeisterung

Im Gespräch mit Eckhard Henscheid.

Roth: Wie gestaltete sich dein erster Aufenthalt in Frankfurt?

Henscheid: Der hatte schon mit einem bestimmten Frankfurt-Bild zu tun. Am Tag nach Adornos Tod, es muß also am 7. August 1969 gewesen sein, hat es der Zufall gefügt, daß ich Adornos Nachfolge angetreten habe, indem ich mich bei pardon vorstellte, der damals noch dominierenden satirischen Zeitschrift. Und meiner Erinnerung nach war bei mir tatsächlich so eine Art Bild von Frankfurt mit Satire, mit Komik, mit Intelligenz verschwistert. Das hat sich zum Teil hergeleitet – wie ich das später beschrieben habe – vom Spielwitz der Frankfurter Eintracht, aber auch von pardon, deren mehr oder weniger hingegebener Leser ich seit einigen Jahren gewesen war. Ich hab’ mir aber auch eingebildet – nicht ganz zu Unrecht –, daß die alte Frankfurter Schule, also die Kritische Theorie, mit dieser Art von Satire doch auch einiges zu tun hatte. Es gibt zum Beispiel von Adorno ein paar kleinere Texte, die in ihrer Anlage ausgesprochen satirisch sind – etwa ein Stück über einen amerikanischen Konzertführer, ein Lieblingstext von mir, an dem man Adornos satirisches Talent ebenso erkennt wie die Karl-Kraus-Schule. Dieser Eindruck hat sich allerdings später sehr stark verändert. Habermas zum Beispiel ist ein komplett humorfreier und komikunfähiger Mensch, dem die Idee, daß die Neue Frankfurter Schule mit der alten was zu tun haben könnte, wesensfremd ist. Er fällt aus allen Wolken, wenn er mit solchen Dingen konfrontiert wird. Insofern hat sich mein Frankfurt-Bild bestätigt und zugleich relativiert. Daß Frankfurt eine besonders satirenahe Stadt ist, das waren zum Teil halt Flausen in meinem Kopf. Frankfurt ist mindestens im gleichen Maße natürlich eine Bürger- und Grattler- und Spießerstadt.

Eine Brücke zwischen Neuer Frankfurter Schule und Kritischer Theorie wäre zumal der erwähnte alte Wiener Karl Kraus.

Ja. Allerdings gilt das mehr oder weniger nur für Adorno. Bei den sonstigen Standesvertretern der Kritischen Theorie findet man Kraussche Spuren erst bei äußerst genauem Hinschauen, sei’s bei Horkheimer oder Löwenthal, sei’s bei der zuletet als Erbverwalter tätigen Professorenschaft am Institut für Sozialforschung.

Wien ist ja, zumindest im Ersten Bezirk, eine ausgesprochen schöne, fast zu schöne Stadt. Geht es dir, Krausens Wien mit Frankfurt konfrontierend, ähnlich wie Martin Mosebach, der des öfteren sein unausgesetztes Leiden an Frankfurt zum Ausdruck gebracht hat, sein Leiden an der obwaltenden »Monumentalverhunzung« und »lauten Häßlichkeit«?

Mosebach gehört ein bißchen einer anderen Generation an. Er ist gewissermaßen immer vor Ort gewesen. Mein Bild verdankt sich eher einer kleinen Suggestion, die lange Zeit aufrechterhalten und sogar forciert worden ist, nämlich daß Frankfurt zwar häßlich, aber – das waren damals schon etwas inflationär mißbrauchte Lieblingswörter – eine besonders »aufregende« und »ehrliche« Stadt sei. Das las und schrieb man auch in unseren Kreisen noch in den achtziger, neunziger Jahren. Das war meines Erachtens nun seinerseits wieder eine Mythisierung, die darüber hinweggetäuscht hat, daß diese Häßlichkeit zum Teil bereits eine strukturelle war. Um einen Punkt nachzutragen: Als ich nach Frankfurt kam, war Frankfurt noch gut in sozialdemokratischer Hand, angeblich sogar unter linker sozialdemokratischer Kontrolle. Das hat sich in den achtziger Jahren geändert und ging dann immer hin und her, mit eigentlich dominierenden CDU-Magistraten und -Bürgermeistern. Das war mehr oder weniger eine Rückkehr vom Mythos zur Realität – daß Frankfurt vielleicht in Spuren noch so etwas wie ein Ausdruckscharakter von Kritik, von Theorie, von Philosophie, von Goethe und Satire ist. Der Spielwitz der Frankfurter Eintracht ist im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte ja auch zum Teil sehr ins Bodenständige zurückgesunken.

Eine etwas ältere satirische Arbeit von dir beschäftigt sich mit einem ehemaligen Frankfurter OB, der das Postulat in die Welt gestemmt hatte, man müsse Frankfurt wieder als »sinnlichen Raum« begreifen und gestalten. Das fordert die Satire gewissermaßen mit wehenden Fahnen heraus.

Damals noch nicht so sehr. Ich bilde mir sogar ein, daß ich einer der wenigen war, der damals schon lachen mußte und sich auch lachend geäußert hat. Inzwischen hat man nachlesen können, daß dieser Wahnsinn von der »sinnlich erfahrbaren Stadt« nicht nur die Freßgasse betroffen hat, wo ununterbrochen Apfelwein ausgeschenkt und Fleischwurst gefressen wurde; sondern es gab auch im Umfeld der Grünen, scheint’s, weitgehend ernstgemeinte Pläne, aus dem Main das zu machen, was er früher wohl mal war: eine Art Vergnügungszentrum mit offenbar einem geheizten Schwimmbadteil, in dem pausenlos das Äußerste an Sinnlichkeit herausgekitzelt werden sollte. Meines Wissens war auch der junge Obertheoretiker Jockel Fischer an diesen Überlegungen beteiligt. Als Main-Vergnügungsminister oder zumindest -stadtrat hätte man ihn gern erlebt, den vielmaligen Ehemann und Sinnlichkeitsvorreiter.

Gibt es denn, wenn schon diese paradiesische Main-Vision nicht hat Wirklichkeit werden sollen, in Frankfurt noch elysische Enklaven? Martin Mosebach würde sagen, die einzigen echt frankfurterischen Räume und zugleich idyllischen Flecken seien die Sachsenhäuser Äpplerwirtschaften.

Ich tendiere seit zwei, drei Jahren aus den dir auch bekannten Gründen mehr nach Bornheim, sowohl zu den bekannten Apfelweingartengaststätten als auch den Wintergaststätten und, immer noch, den Wasserhäuschen, die bei Hermann Peter Piwitt, Mosebach und mir eine reale und literarische Anhängerschaft gefunden haben. Die besitzen, wenngleich etwas anders als die Münchner Stehausschänke, zumindest noch einen Hauch vom Paradiesischen, sei’s im milden Sommer, sei’s auch bei minus 25 Grad im Freien, für etwas gutgepolsterte Menschen.

Auch bei Jörg Fauser und Peter Kurzeck ist das Wasserhäuschen ein hervorstechendes Frankfurt-Element.

Ja, aber doch noch nachdrücklicher die Sachsenhäuser Kneipe. Ich wohnte übrigens im Winter 1969/70 in Sachsenhausen und hab’ mal an einem Sonntag an einem mir noch unbekannten Wasserhäuschen was besorgt, die Zeitung oder Schnaps, und da standen bei selten niedrigen Temperaturen diverse Männer rum und hielten eisern ihre Bierflaschen in der Hand. Das war einer der ersten und freundlichsten Frankfurter Eindrükke, wenn nicht gar ein paradiesischer Eindruck.

Das – freilich fiktionalisierte – wabernde, dunstige Kneipenmilieu wie in der Gaststätte Mentz, das in den Vollidioten atmosphärisch von einer hohen Signifikanz ist, ist das in Frankfurt angesichts der Sushibarbegeisterung und Chill-out- Tuereigänzlich verschwunden?

Ich bin heute zufällig am Horizont, der ehemaligen gewissermaßen Stammkneipe des Titanic-Umfeldes, vorbeigekommen und hab’ mir da sagen lassen, dessen hochfliegende Zeit sei auch schon wieder vorbei – so wie ja das Grünen-Milieu mit seinen Ausuferungen in die Lehrerschaft hinein nicht mehr das ist wie vor zehn, zwanzig Jahren. Der Ment selber war schon eine Singularität und nicht unbedingt typisch. Da kam allerhand zusammen. Der Mentz war eine ganz ordinäre Bierwirtschaft, die aber plötzlich ein sternmarschförmig angegangenes Ziel von eben Linken wurde, von sowohl an der Universität tätigen theoretischen Köpfen als zum Beispiel auch von Robert Gernhardt mal so genannten Kulturkrautern. Dazu kam, daß der Mentz eigentlich, was in den Vollidioten noch erwähnt wird, Berliner Zillestube hieß. Also, das Ganze ist eher ein Kapitel von Mißverständnissen durch dick und dünn, und der legendäre und großartige Wirt Hans Mentz hat wohl die Verhältnisse auch ganz gut auf sich wirken lassen, war aber im Grunde geprägt von diesem Berliner Zillestubenideal. Aus diesen und ähnlichen Gründen war das ein großes, verwegenes Gemisch und insofern wahrscheinlich besonders fruchtbar. Allerdings gab es damals noch eher diesen Typ von Frankfurter Eckwirtschaften, die so schöne Namen wie Sportlerstubb oder Sportentrale hatten – schöne Spießerkneipen in einer Weise, in der man den Spießer sehr begrüßt, in der der Spießer sozusagen etwas Fruchtbares entwickelt wie in den alten Frankfurter Volksstücken. Vermutlich ist das aber beides und alles ziemlich den Bach hinuntergerauscht.

Literaturfähiger Soziotopersat könnten solche Snack-Points wie der Caddy, dieser gewagte Stehimbiß bei dir um die Ecke, oder umgerüstete Tankstellen wie der Rossi sein.

Ja. Wir könnten da schon korrekterweise im Plural reden. Wir schätzen sowohl den genannten Caddy als die umgebaute Rossi-Tankstelle in der Raimundstraße aufs äußerste – verwegene Kommunikationsformationen, die manchmal, mehr im Winter, an einen bitterlich vor sich hin vegetierenden Wartesaal erinnern. Im Sommer ist meine Hauptassoziation irgendwo bei John-Steinbeck- oder auch Gershwin-Modellen angesiedelt. Ich hab’ mal die noch kühnere Vision entwickelt, daß man auf den Grünstreifen der größeren Straßen im Sommer zechen könnte und daß das hervorragend zu Frankfurt passen würde.

Müßiggang, Schlendrian, eine Art variiertes Hippietum – das alles paßt in unsere rasende, profitsüchtige Zeit nicht mehr.

Ja. Aber ich bin da nicht mehr unbedingt die richtige Auskunftsstelle. Ich bin neulich zufällig an einem Lokal in der Börsengegend vorbeigekommen, wo die neuste Formation der Aufsteiger täglich gezwungenermaßen beieinanderhockt, in der Realität wie in der ZDF- Serie Ein Fall für zwei. Das dürfte jetzt eine häufigere Geselligkeitsform in Frankfurt sein, die natürlich nicht unbedingt uns als Gäste erhofft und erwartet – und umgekehrt. Das beruht wahrscheinlich auf wechselseitiger Fremdheit, ja Verabscheuung.

Wenn wir noch mal zum sozusagen Satirestandort Frankfurt zurückkehren können: Satire ist heute, einem Diktum von dir zufolge, durch und durch Sprachkritik. Just an der hiesigen Universität wird das »Unwort des Jahres« ausgeheckt. Du hast vor Jahren die Wahl des Kohlschen »Kollektiven Freizeitparks« mißbilligend kommentiert und Helmut Kohl vor dieser Kür in Schutz genommen.

Die Formulierung ist wahrscheinlich nicht vom Kohl, aber wenn man rein sprachliche Kriterien bemüht und unterstellt, sie wäre von Kohl: dann ist sie nicht schlecht. Diese nicht mehr ganz überschaubaren Unwörter und Wörter des Jahres kranken häufig, ja fast immer daran, daß eine schlechte Gesinnung mit einer schlechten Formulierung verwechselt wird. Es kann eine zynische Gesinnung durchaus mal mit einer guten Formulierung einhergehen. Zufällig habe ich heute was recht Schönes in den gesammelten Werken von Matthias Beltz gelesen. Neben auch etwas flacheren Faseleien, die er veranstaltet hat, steht die richtige Frage, was man eigentlich dauernd gegen Menschenverachtung habe. Wen soll man denn sonst verachten außer Menschen? Also, Elefanten kann man nicht verachten, und die Alpen bieten sich auch nicht so sehr an. Das Wetter wird neuerdings sehr verachtet auf sämtlichen Kanälen. – Was die Frankfurter Satiriker angeht, wollte ich doch noch anfügen, daß die manchmal nach außen so scheinende Affinität der Stadt zu Satire und Kritik eine grobe Täuschung ist, im nachhinein. Das läßt sich leicht daran ablesen, daß die ersten Ausstellungen zur Neuen Frankfurter Schule in Marburg, in Wiesbaden, in München und weiß Gott wo stattfanden, und erst an fünfter oder siebter Stelle kam Frankfurt. Die Stadt hat mit großer Verspätung gemerkt, daß hier was nachwächst, das im weitesten Sinne sogar der Imagebildung dient. Nun gründen sich ganze Kulturbeamtenexistenzen auf dieser Neuen Frankfurter Schule, es werden Preise vergeben – und ähnlicher Unfug.

Ich muß noch mal auf den Zusammenprall von Literatur und Politik in Frankfurt zu sprechen kommen. Denn 1985, nach der Veröffentlichung deiner Helmut-Kohl-Biographie, bist du auf der Buchmesse mit dem Kanzler zusammengestoßen – eine denkwürdige Begegnung.

Nein, das ist ein Irrtum, eine Legende. Ich bin mit Kohl mal während des Wahlkampfes 1972 zusammengestoßen, das heißt, er hat mir in die Hände gegriffen. Auf der Messe hat man dem Kohl etwas unvorsichtig mein Buch zum Signieren hingehalten, und er hat auch seinen Kohl-Krakel reingemacht – das Exemplar ist noch in meinem Besitz, wenn ich mal sehr verarmt bin, werde ich’s versteigern. Es ist eine sehr kurze Unterschrift, ein Geheimnis der erfolgreichen Kanzlerschaft ist ein kurzer Name und ein kurzer Krakel. Der Rest erinnert an dieses beliebte Kinderspiel: Wie sieht ein Satz am Ende aus, wenn man ihn weitersagt? Die einen berichten, Kohl habe gesagt, das Buch sei ein starker Beitrag, und die anderen – das ist wahrscheinlicher – bieten die Version an, Kohl habe signiert und dann erst gesehen, was er da signiert hatte, und gesagt, das sei ein starkes Stück, daß man ihm das vorlege.

Ich bin vor gut eineinhalb Jahren auf einem Wolga-Dampfer Augenzeuge eines ziemlich titanischen Treffens zwischen dir und Egon Bahr gewesen. Ist damit zu rechnen, daß du dich in Zukunft biographisch einem SPD-Granden wie eben Egon Bahr zuwendest?

Bei Egon Bahr schließe ich’s nicht aus. Gegenüber Bahr gab es immer – vielleicht auch durch die Affinität im Berufsleben, Bahr ist ja gelernter Journalist – eine Art Sympathie, sowohl für seine Tätigkeit als Adlatus von Willy Brandt als auch für den Typ, obwohl es ein Berliner Grundtypus war und ist. Das ist auch nachweisbar. Weit vor der Wolga-Fahrt, schon in den Sudelblättern [aus dem Jahr 1987], wird Egon Bahr als eine Licht- und Trostgestalt kurz angewürdigt. Ansonsten, bei immer noch nicht gekündigter SPD-Mitgliedschaft, die aber schon seit fünfunddreißig Jahren ruht, ist mir, wie es die Zeit mal sehr richtig geschrieben hat, die auftrumpferische CSU-Kultur, und sei es Vilshofen und Passau unter Strauß, vergleichsweise doch noch etwas näher.

Wenn Satire – eine Binsenweisheit – wesentlich Negation und Frankfurt die Stadt der Satire ist, muß man Frankfurt prinzipiell ablehnen. Aber du hast in den Sudelblättern gegen Adorno und Erich Kästner einmal das Positive benannt. Und das Positive in dieser Welt sei: der Frankfurter öffentliche Personennahverkehr. Der funktioniere tadellos und zu jeder Zeit.

Ich müßte jetzt lange nachdenken und die Erinnerungsneuronen anschüren und glaube, eingestehen zu müssen, daß ich hier einer Einflüsterung meiner Ehefrau, die den Nahverkehr jeden Tag noch naher gebraucht hat als ich, erlegen bin. Gelegentlich finden sich solche Spuren der Meinungen der Ehefrau in meinen Büchern. Ich bin halt auch manipulierbar, kann aber das Urteil inzwischen erweitern. Die vielgescholtene Eisenbahn ist vielleicht nicht das Positive auf dieser Welt, aber keineswegs so negativ, wie alle unsere Rentner bis hin zu den FAZ-Redakteuren in der Bahn ununterbrochen den Watschenmann der Nation schlechthin traktieren. Vielleicht beschließen wir’s, Frankfurt weit überschreitend, mit einem vorsichtigen Lob der und einer Wiedergutmachung an der deutschen Bundesbahn.

Ich würde sagen, dem schließe ich mich an.

Ja, das mach nur.

Abhocken

Wenn es einer Kneipe, einer Wirtschaft in Frankfurt gegönnt sei, daß wieder mal und im Zuge des neuen deutschen Wirtschaftswunders etwas nachdrücklicher das sauerst verdiente Geld in sie hineingetragen wird, dann der an der anheimelnd mit allerlei Laubbäumen prunkenden Frankenallee gelegenen Zeitungsente.

Von ihren älteren Tagen, als das blitzsauber Wohligkeit gewährende Etablissement noch vis-à-vis residierte, an der Ecke Frankenallee/Hufnagelstraße, wo Gunter Sare zu Tode kam, zeugen die schönsten Geschichten rund um praktisch nie endende Chaosaktionen der Stammgastmannschaft. Gleichwohl, auch damals schon war die Zeitungsente genausosehr ein Hort des gedankenfreien Verweilens, der buddhabräsigen Gammelmeditation und des guten Essens, das vor allem zur Mittagszeit allerlei Pressemenschen zu achten und zu genießen nicht sich scheuten.

Im März 2003 zog das vom ehemaligen Fußballprofi Rasha Marinkovic 1989 der Welt geschenkte Lokal um, ins Haus Gallus. Geändert hat sich damit nichts oder doch einiges. Die Zeitungsente hat sich von einer granitehrlichen Eckkneipe in ein formidables, großräumiges Barrestaurant verwandelt, in dem aber nach wie vor – zumal am Tresen – rhetorisch hochgewandte Zeitgenossen recht regelmäßig zugange sind, um eine leibhaftige Mainzer Fußballgröße wie Michael Thurk vollzuschwallen, das Spiel selbst zu gucken oder eines der exquisiten Gerichte aus der dezidiert international orientierten Gourmetküche zu verdrücken.

Da abzuhocken, und sei’s an einem der schläfrigeren, kalmierenden Tage, oder auf der Terrasse zur Straße hin, das hilft allemal, die röhrend dumme Welt zu vergessen und zu merken, worauf es im Leben ankommt: auf ein Bier, eine bekömmliche Mahlzeit, einen sympathischen Wirt und auf ein – leider durch undurchschaubare personalpolitische Dauerrotationen ununterbrochen durcheinandergewirbeltes – Damenbedienungsteam, das ein paar Gedanken auf Trab bringt.

In »Kamerun«, wie das Gallusviertel einst genannt ward, gibt es eine Oase. Dort sich zu laben ist ein Gebot der Vernunft und der Lebenskunst. Und zwar jeden Tag aufs neue.

PS: Im Vorwort zur zweiten Auflage der Poesie des Biers (Münster 2010) habe ich »auf das konservatorisch-eschatologische Moment von Literatur« verwiesen. Ich muß es auch an dieser Stelle tun. Die Zeitungsente existiert nicht mehr.

Konrad Duden, Oskar Werner und

Dr. Potthoft

Von Marco Gottwalts

Ehrendes Gedenken

Profunde Kenner der Sesamstraße verbinden vielleicht noch etwas mit der Figur des Alphabet-Jens. Die Geschichten rund um die witzige Puppe spielten im imaginären Wilden Westen, wo die bloße Nennung seines Namens Angst und Schrecken verbreitete. Denn er war der schnellste Alphabetaufsager jenes gesamten Wilden Westens. Betrat er den Saloon, verstummte das Klavier, und es herrschte atemloses Schweigen.

Er gewann jedes Duell spielend. Während andere noch überlegten, welcher Buchstabe auf das C folgt, hatte er bereits das R hinter sich gelassen und formte das S mit seiner flinken Zunge. Der Clint Eastwood unter den Alphabetaufsagern also – pistolenkugelschnell und gnadenlos präzise.

Was jedoch die wenigsten wissen, ist, daß der lustige Name Alphabet-Jens eine dreiste Anspielung auf Konrad Duden ist, der zu seinen Lebzeiten von seinen Freunden und Arbeitskollegen liebevoll »Buchstabier- Konni« genannt wurde.

So lautet zumindest die offiziell überlieferte Schreibweise. Auf dem Sterbebett hat nun jedoch Karl Heinz Schibulski, Lieblingsenkel von Dudens engstem Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Schibulski, noch flugs seine Lebensbeichte abgelegt und der erschüttert dreinblikkenden erbgeilen Mischpoche eröffnet, daß Duden ob seiner Neigung zu übermäßigem Gerstensaftkonsum tatsächlich als »Buchstabier-Konni« verschrieen war – eine Nachricht, die, was wohl leicht nachvollziehbar ist, die bisher weitgehend als gefestigt geltende Duden-Forschung in ihren Grundfesten erschüttert hat.

Eine Neufassung großer Teile seiner Biographie erscheint somit unausweichlich. Und so lag es nicht nur nah, sondern es verlangte sogar zwingend danach, die frühere Philologen-Schänke in Berlin nach ihrem wohl berühmtesten Stammgast zu benennen: Duden-Schänke.

Um nun zu überprüfen, ob diese historische Verantwortung vom dortigen Fachpublikum auch angemessen gelebt wird, begab ich mich zum Ortstermin und traf sorgfältig meine Feststellungen. Im Ergebnis darf ich ausführen, daß das Wissen um das Erbe des großen Namensgebers allenthalben mit Händen zu greifen und insofern nicht zu beanstanden ist. Was das BuchstaBieren angeht, macht den Insassen hier so schnell keiner was vor. Alphabet-Jens muß sich warm anziehen.

*

Der berühmte Schritt zu spät

Als geborenes Landei mit entsprechend derb-bäuerlicher Sozialisation bin ich ein Freund des Faktischen und der Eindeutigkeit. Schnickschnack und Rumgedöns sind meine Sache nicht. Und so ist es auch kein Wunder, daß ich in den Tagen, als mein Körper noch etwas geschmeidiger und leistungsfähiger war, Sportarten mit »Hand und Fuß«, nämlich Hand- und Fußball ausübte. Und in beiden Disziplinen führten mich meine Talente an die vorderste Front. Im Handball bekleidete ich die Position des robusten Kreisläufers und im Fußball die des Mittelstürmers klassischer Gerd Müllerscher Prägung: Zack – bumm – Tor! Zu Recht wurde mir die Fähigkeit zugesprochen, dorthin gehen zu können, wo’s weh tut – wie man so schön sagt.

Meine Amateursportlerkarriere hat inzwischen ihr Ende gefunden. Doch sollte ich deshalb auch meine hervorstechenden Talente einmotten? Keinesfalls, denn auch der elefantengraue Alltag spart nicht mit Herausforderungen, in denen eine Portion Unerschrockenheit und Unempfindlichkeit durchaus von Vorteil ist.

Nehmen wir zum Beispiel den Gastronomiebetrieb Kronprinzen-Eck im Frankfurter Bahnhofsviertel. Allein der Name des Instituts wird die empfindsamen Gemüter unter euch zweifellos erschaudern. Anders verhält es sich beim furchtlosen Verfasser dieser Zeilen. Selbstbewußt wie Chuck Norris näherte ich mich der bereits äußerlich wenig einladenden Spelunke und war auf alles gefaßt. Und ich sage euch: Alle denkbaren Befürchtungen waren »hundert Pro« gerechtfertigt. Die literarisch zu Weltruhm gelangten »schwankenden Gestalten« versuchten sich auch hier wieder irgendwo festzuhalten. Was nicht immer gelang – weder in der, wie wir wissen, Tragödie erster Teil noch in der hier in Rede stehenden Fortsetzung. Wer sich nun interessehalber näher mit der Atmosphäre in derartigen Etablissements beschäftigen möchte, dem sei an dieser Stelle die Lektüre von Jörg Fausers Erzählung Alles wird gut anempfohlen. Dort steht’s geschrieben.

Erzählenswert ist meinerseits aber doch noch, daß die sehr herbe weibliche Thekenkraft den bestellten Schnaps in einem Wasserglas servierte. Meinem erstaunten und fragenden Blick folgte sogleich die Erklärung: »Die Schnapsgläser habbe’ se uns gestern all’ kabbuttgeschmisse’.« Verdammt, offenbar war ich einen Tag zu spät dran. Und da schließt sich der Kreis wieder. Der Schnellste war ich auch beim Hand- und Fußball nie.

PS 2013: Das Kronprinzen-Eck gibt es nicht mehr.

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Eisiges Schweigen

Nach meiner Wahrnehmung ist der männliche Vorname Alfons nicht mehr besonders en vogue, obwohl er – im Gegensatz zu Adolf – überhaupt nicht negativ besetzt ist. Vorbei die Zeiten, in denen fast ein jeder einen Onkel Alfons vorzuweisen hatte, welcher in den Erzählungen seiner unzähligen Nichten und Neffen stets in seiner Paraderolle als durch nichts zu erschütternde Stimmungskanone mit zwerchfellzerberstendem Lachen aufzutreten pflegte. Selbst die traurigste Beerdigung nach einem plötzlichen Kindstod wurde durch die Anwesenheit des lustigen Oheims in den Rang einer straßenfegenden Samstagabendunterhaltungsshow erhoben; natürlich nicht im Sinne der aktuellen Dschungelcamp- oder Pöbel-Casting-Nabelschauen, sondern der guten alten Fernsehunterhaltung mit Kuli, Frankenfeld oder Carrell, in der noch bunte Sträuße froher Melodien gebunden wurden und/oder sich sechs Kandidaten aus sieben Ländern ein Stelldichein beim Wein gaben. Soweit die gängige Onkel-Alfons-Legende.

Mir war ein solch amüsanter Onkel Alfons nicht vergönnt. Doch damit nicht genug. Der einzige Alfons, der mir namentlich bekannt war und ist, trägt den Nachnamen Berg. Vom Berg zum Gipfel ist es glücklicherweise nicht weit, so daß mir der listige Einschub der folgenden Begebenheit auf besonders geschmeidige Art und Weise ermöglicht wird, denn es war tatsächlich der sprichwörtliche Gipfel, was sich besagter Alfons Berg am 16. Mai 1992 gestattete. Es war der letzte Spieltag der Fußballbundesligasaison 1991/92, und zwischen Hansa Rostock und Eintracht Frankfurt stand es 1:1. Der Frankfurter Eintracht, die unter dem damals als Voodoo-Trainer vergötterten Dragoslav »Stepi« Stepanović den »Fußball 2000« zelebrierte, fehlte noch ein Tor zur Meisterschaft. Und es war greifbar nah. Als nämlich Ralf Weber eine knappe Viertelstunde vor Schluß mit dem Ball am Fuß resolut wie ein Panzer in den Strafraum Richtung Rostocker Tor marschierte, haute ihn der Rostocker Verteidiger, deutlich erkennbar für ganz Fernsehdeutschland und jeden Stadionbesucher, sauber von links um. Klarster Elfmeter seit Erfindung der Kloßbrühe! Dachten alle. Alle außer Alfons Berg. Er pfiff nicht – und es kam, wie es kommen mußte: Kein Triumph, keine Meisterschaft – statt dessen ein solides Trauma, an dem die Eintracht-Fangemeinde noch heute keinen Knabberspaß hat. In der seinerzeit sehr bekannten und deshalb sehr überfüllten Frankfurter Fußballkneipe, in der ich das Ereignis verfolgte, herrschte nach dem denkwürdigen Spiel naturgemäß eine atmosphärische Eiseskälte, die es locker mit dem Kriegswinter 1942/43 hätte aufnehmen können.

Im depressiven Ambiente der Kneipe Zum lustigen Alfons wähne ich mich fröstelnd in oben geschilderte Situation großer Fußballdepression zurückgeworfen. Der Schaum auf meinem Bier beginnt sich langsam in ein Sorbet zu verwandeln. Besonders lustig ist hier nichts. Eher mutet die Stimmung an, als hätte man soeben der Berliner Hertha die Lizenz entzogen und sie aus der Bundesliga in die Kreisklasse C zurückgebombt. Verzweifelt kämpft die erschöpfte Thekenrumpftruppe – von der Photogalerie der längst gefallenen Stammgäste kritisch beäugt – gegen die augenscheinlich ausweglose Lage an. Offenbar lautet der unsinnige Befehl, die Kneipe unter allen Umständen zu halten.

Bei objektiver Betrachtung kann der hiesige Oberbefehlshaber aber nur einen besonders frivol ausgeprägten Sinn für Humor haben; letzten Endes wäre der Name des Etablissements dann doch passend gewählt. Doch was, wenn er gar nicht Alfons hieße? Böse Zungen behaupten, er habe sich bereits vor einiger Zeit in seinem von der dortigen Truppe liebevoll »der Bunker« genannten Bierkeller verbarrikadiert.

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Reim dich, oder ich grill’ dich

Die Liebe des Berliners zu gereimten Verbraucherhinweisen hat mich schon immer begeistert. Gerne erinnere ich mich an die mindestens eines Ingeborg-Bachmann- Preises würdige Werbekampagne des Verdauungsförderers Bullrich Salz, in der es hieß: »Selbst der Jäger aus Kurpfalz / nimmt nach dem Essen Bullrich Salz.« Oder: »So wichtig wie die Braut zur Trauung / ist Bullrich Salz für die Verdauung.«

Und da es sich wohl um eine megakraß erfolgreiche Kampagne gehandelt haben muß, witterten die damaligen Betreiber des hier zu beschreibenden umsatzhungrigen Imbisses eine Chance und besannen sich ihrer rudimentären Deutschkenntnisse und ihres Sprachgefühls – und legten ein flottes Gedichtchen hin, das sich verdammt ordentlich gewaschen und gekämmt hatte.

Zur Förderung des Curry-Buletten-Umsatzes wurde der folgende Sinnspruch zusammengebrutzelt, der mich auch heute noch zu – aus der Sicht Außenstehender: unverhältnismäßigen – Jubelstürmen hinreißt. Ähem, also, er, äh, lautet: »Lecker schmecks’ bei Jürgen und Gitti, / unser Grill ist leicht zu finden. / In Neukölln-City.«

Obwohl mir das vermutlich keiner glaubt, möchte ich betonen, daß dies – ohne Scheiß – die Originalschreib- und -zeichensetzungsweise ist. Zum Beweis führe ich eine liebevoll gestaltete »Visitenkarte« des Unternehmens an, die ich über die Jahre sorgsam aufbewahrt und gepflegt habe und die ich bis zu meinem hoffentlich noch fernen Lebensende niemals nicht weggeben werde.

Leider sind Jürgen und Gitti hier gelebte Geschichte. In der Folge übernahm ein unscheinbarer schmaler Mann aus einem mir nicht näher bekannten Staat, der vermutlich der Konkursmasse der ehemaligen Sowjetunion zugeschlagen werden kann, die Brat- und Grillgeschäfte. Erinnerlich ist mir aus dieser Epoche lediglich, daß ich interessierter Beobachter einer hollywoodreifen Schutzgeldübergabe an zwei Zweimeterschränke in Ledermänteln sein durfte, was aber anscheinend keinen der Gäste zu kümmern schien, schon gar nicht den legendären Stammgast Dr. Potthoft, der sich mir als Sachverständiger in Transferleistungsfragen vorstellte.

Heutzutage erinnert wenig an die glorreichen Zeiten. Außenansicht und Inneneinrichtung wurden einer Moderni- und Dönerisierung unterzogen, Bier, Bulette und Currywurst von Tafelwasser, Döner und Pizza beerbt, und auch die Fähigkeit zur schriftlichen Wohlformulierung von Konsumanreizen ist in meinen Augen deutlich eingeschränkt, es sei denn, man entdeckte in »Wir verwenden kein Schweinfleisch« literarisches Potential.

So bleibt mir nur noch das Fazit: »Wenn man nicht gerade oben drüber wohnt, / ein Ausflug in den Wildenbruch-Grill sich nimmer lohnt.«

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Bei Oskar Werner gegenüber

Wer’s glaubt, wird selig. Dampfplauderer. Könnte er gedacht haben. Hat er vielleicht auch. Was nachvollziehbar wäre.

Ich hatte den Inhaber der hier zu lobenden Einrichtung (Herrn Stefan Kreidl, wie ich nun recherchiert habe) – von einigen Bieren, insbesondere belgischer Provenienz, beseelt – wohl etwas zu überschwenglich gelobt: wie gut mir sein Ladengeschäft, seine unerwartet große und hochwertige Bierauswahl gefallen und natürlich wie gut es mir geschmeckt habe. Zuletzt, als ich dann schließlich doch ging, avisierte ich ihm auch noch, daß ich das alles an geeigneter Stelle zu würdigen und zu verlautbaren beabsichtigte.

Das muß man sich mal vorstellen: Da kommt ein unrasierter, nachlässig gekleideter Deutscher mit verschwitzter Batschkapp daher, entscheidet sich, nach fachkundiger Beratung und der Tageszeit (später Vormittag) entsprechend, zunächst für ein Trumer Hopfenspiel, im Anschluß für ein Hubertus Herrnpils, um sich dann, als hätte er nichts Redliches zu tun, mit einigen Leffe Brune vom Faß den Nachmittag zu vertreiben. Und solch ein suspekter Tunichtgut sollte seine kaum ernstzunehmende Kundmachung in die Tat umsetzen? Eben. Dampfplauderer. Wer’s glaubt, wird selig.

Doch jö schau, so a Überraschung: Hier ist sie, die verdiente Würdigung des Verde 1080 schräg vis-à-vis dem ruhmreichen Theater in der Josefstadt (Max Reinhardt, Oskar Werner, Otto Schenk und viele andere mehr)!

Ich mag sicher bereits einige Male achtlos an dem vermeintlichen Gemischtwarenladen vorbeigegangen sein, ohne zu ahnen, was sich darin abspielt, was übrigens auch nachvollziehbar ist, denn sein Erscheinungsbild unterscheidet sich kaum von dem einschlägiger, im Außenbereich Obst und Gemüse feilbietender Einzelhändler an jedem anderen Orte auch. Dem sensiblen Betrachter fallen allerdings auf dem Gehweg postierte Bierkästen ins Auge. Und an diesem Tage war ich hochsensibel.

Ich also rein, kurz noch die Auszeichnung als »Wiener Bierlokal des Jahres 2013« im Schaufenster zur Kenntnis nehmend, und staunte nicht ganz schlecht, als ich eine große Auswahl österreichischer, belgischer und anderer Biere in mehreren Kühlregalen vorfand. Ich wußte gar nicht, wohin zuerst schauen, und machte augenscheinlich einen hilflosen, überforderten Eindruck, so daß sich drei freundliche Salzburger Herren an einem der Eingangstür gegenüber befindlichen Stehtisch, auf welchem bereits einige geleerte Flaschen auf angenehme Zeitgenossen schließen ließen, gezwungen sahen, sich meiner anzunehmen.

Nachdem die anfängliche Reizüberflutung abgeklungen war, nahm ich wahr, daß ich mich in einem Feinkost-/Biolädchen mit Bioimbiß und Bierausschank befand. Alle Biere – ob aus der Flasche oder vom Faß – kann man sich dort auch unmittelbar vorbildlich gekühlt genehmigen. Dafür stehen allerdings nur wenige Sitz- und Stehmöglichkeiten zwischen den diversen Lebensmittelregalen zur Verfügung, was das Vergnügen aber keinesfalls schmälert. Da mir die ganze Biosache ziemlich schnurz ist, geriet der Umstand, daß im wesentlichen konventionell gefertigte Biere im Angebot waren, nicht zum Nachteil.

Die Salzburger Biertrinker waren übrigens Weinhändler. Darum verließen sie auch schon nach einer weiteren Runde die Räumlichkeiten, um einen Winzer aufzusuchen, der ihnen gewißlich keinen gespritzten Apfelsaft gereicht haben wird.

Hochachtung also für die trinkfesten Salzburger und natürlich für das Verde 1080, das ich beim nächsten Mal nicht zufällig besuchen, sondern gezielt ansteuern werde. Darauf mein verläßliches Wort.

Ein Überbleibsel

In geringer Entfernung befindet sich die BierBar, die, weil wir uns im Dunstkreis der Münchener Straße bewegen, zudem Futterstadl heißen muß. Manches, vielleicht vieles muß so sein, wie es sein muß. Es könnte anders sein, muß aber nicht. Deshalb muß es sein, wie es ist. Futterstadl. Man könnte sich bereits jetzt auf offener Straße übergeben.

Ich weiß nicht, ob die BierBar für das Moseleck eine Bedrohung ist, ob sie Gäste abzieht, ich kenne die mikroökonomischen Verhältnisse in dieser Ecke der Stadt aus eigener Anschauung zu schlecht. Ich kenne ein paar Geschichten und Gerüchte übers Moseleck, ich war, nachdem ich Ende der achtziger Jahre nach Frankfurt gezogen war, auch einige Male im Moseleck, an viel erinnern kann ich mich nicht, es werden schon nach Strich und Faden verquatschte und mit Sicherheit versoffene Abende gewesen sein, unter Kaputten und Nutten und so weiter und so fort, damals ging man ja öfter ins Bahnhofsviertel und in Peepshows und Lapdancebars, einmal sogar mit der bildschönen Cousine aus dem Fränkischen, die mit ihrer weichen Grazie und ihrer unaufdringlichen Souveränität und ihrem stets einnehmend hellen Lachen bei all den um uns herum hockenden Spießern und armen Ärschen einen bleibenden Eindruck hinterließ, diese Schönheit, die nichts anfocht, nehme ich an.

Ich sitze am frühen Abend im Moseleck und denke, die Gefährlichkeit ist die erheblichste hier nicht. So steht es zumindest auf meinem Notizzettel. Der Zapfer, laut Website müßte es Conny sein, sofern mir mein Bildgedächtnis gehorcht, wirkt ein wenig gehetzt. Er raucht Kette, das Moseleck ist eine Wirtschaft, in der geraucht werden darf, das war früher nicht mal der Erwähnung wert, heutzutage schreibt man so was hin.

Das Moseleck, heißt es auf der Website, sei ein Lokal, »welches nunmehr seit über hundert Jahren besteht. Im Schatten der Wolkenkratzer im Bankenviertel dürfen ich und meine Mitarbeiter nicht nur Banker zu unseren zufriedenen Kunden zählen, vielmehr sind Messebesucher aus aller Welt unsere Stammkunden. Ich lege Wert auf die Gastlichkeit, um dem entspannungssuchenden Gast mit gepflegten Getränken aller Art eine willkommene Abwechslung zu bieten.«

Links neben der Eingangstür sind irgendwann unter dem Fenster Kinderstühle montiert worden. Das steht auf meinem Zettel. Warum? Warum nicht. Ich sitze gerne in Wirtshäusern wie dem Moseleck, alleine, meistens tue ich nichts anderes, als in den Raum zu stieren, Bier zu trinken und so weiter. Von Belang ist das selbstverständlich nicht. Doch. Sinnfreie, geschichtsfreie Zonen. Ohne die ist es nicht auszuhalten.

Man könnte natürlich irgendwo ficken gehen, wäre einem danach. Macht man hier so. Wieso nicht. Groß von Belang ist es allerdings ebensowenig. Und das ist das Gute und, wenn es gut ist, Schöne daran.

»So haben wir für den sportbegeisterten Besucher eine Videogroßbildwand, auf welcher alle Wettbewerbe und Meisterschaften live übertragen werden. Unser langjähriges Personal versucht sich diskret auf die Belange unserer Kunden einzustellen, wobei jeder Mitarbeiter ein Spezialist in seinem Fach ist. Unsere Maxime lautet: Ein zufriedener Kunde wird zum Freund des Hauses.«

Aus dem rückwärtigen Bereich des sich um den Tresen windenden Gastraumes dringt eine Äußerung zu der ganzen Irakkriegsscheiße herüber, zu diesem bepißten, verschissenen, abgefuckten Schwachsinn. Oder zu Afghanistan? Links von mir die »Digital Jukebox«. Auf der anderen Seite, in Verlängerung meiner Blickachse, die Augen leicht nach oben gewandt, als mustere man die Weltlage und fürchte, einen Rest von sehr alter Mythologie in sich tragend, der Himmel, hier: die Dekke, die gelbliche, beginne sich zu bewegen, mache sich selbständig, entwickele ein Eigenleben, fange an zu zittern, zu grollen, um schließlich zu bersten und herunterzustürzen –: Holzfiguren unter dem Fernseher. Sie stellen die alten Wirtsleute dar. Sagt mein Notizzettel.

»Der Harry ist okay gewesen«, sagt mein Kumpel J. am Tresen meiner Stammkneipe im Gallusviertel. Ich befrage ihn zum Moseleck. Der Wirt, der als Kürschner lange im Bahnhofsviertel gewohnt und das Moseleck regelmäßig frequentiert hat, will zum Moseleck nichts sagen. »Der Harry hatte«, sagt J., »das Kaiser 51 und den sagenhaften Dampfkessel. Im Dampfkessel hat er seine Kohle gemacht. Der war rund um die Uhr offen, und da hat er mit den Leuten die Kohle gemacht. Im Dampfkessel gab es eine deutsche Übermacht, die Jungs aus dem Milieu. Da verkehrten auch die Jungs von außerhalb. Dann ist der Dampfkessel zugemacht worden, und der Harry hat das Moseleck übernommen.«

Das ist Harry.

»Der Harry hat sein Motto. Der läßt jeden rein, der ’nen Euro hat. Das kann ein Penner oder ein Staatsanwalt sein.«

Eine Frau in einer blauen Trainingsjacke, deren Alter, schriebe man einen literarischen Text, durch die Angabe bestimmter Merkmale recht präzise benannt würde, verläßt das Moseleck. Sie hat, das glaube ich sagen zu können, lange Jahre stark getrunken, was sie heute gemacht hat, weiß ich nicht, es geht mich nichts an, ich könnte es mir ausmalen, ich könnte herumspinnen, ich könnte eine Geschichte beginnen und wieder versickern lassen, sie trägt eine Milchtüte bei sich. Über der Tür klebt ein »Germany«-Banner. Hinter meinem Rücken hängt ein gerahmtes Poster an der Wand: »Andrea Berg: ›Splitternackt‹«. Hat was, hat was, hat was.

»Über das Moseleck kannste nur so viel sagen, wie du erkennst, wenn du jetzt reingehst«, sagt J.

Harry soll Angestellte des Dampfkessels übernommen haben, zum Beispiel Mike, der sich später umgebracht hat.

»Alle Getränke, gleich, ob es sich um Bier oder ausgefallene Spirituosen handelt, sind gepflegt und darüber hinaus, was heute nicht selbstverständlich ist, äußerst preiswert.«

Rechts von mir sitzt am Tresen ein Mann mit einer Baseballkappe. »Kennste noch die Sonne von Mexiko?« fragt er einen Mann, an dessen Aussehen ich mich nicht erinnere. Es geht um einen legendären Puff, so legendär, wie das Moseleck ist oder sein soll.

»Ich würde mich freuen, wenn auch Sie einmal uns besuchen. Nicht weit vom Hauptbahnhof gelegen, finden Sie bestimmt den Ruhepol für einige erholsame Stunden.«

Es ist nichts zu sagen gegen Normalität, gegen die behagliche Stumpfheit des Gegenwärtigen. Legenden sind lästig, meistens, sie versperren den Blick auf die Gegenwart, die bestenfalls jene ist, die du dir ohne Not, Zwänge, Ängste vorstellen, die du auf dich zukommen lassen kannst. Das kann ich gerade, im Moseleck sitzend, dem legendären, dem angeblich legendären. Vielleicht liegt es an der Tageszeit.

Aber ohne Geschichte, ohne die Bemühung um die Mehrung des Wissens über sie, verblöden wir vollends, werden wir zu den Räubern und Schlächtern, die wir alle sind. Andererseits.

Nu’ nimm mal das Pathos raus.

Okay. J. sagt: »Im Moseleck sitzen die restlichen Überlebenden aus der guten, alten Zeit, die sich bis zum Gnadenschuß den letzten Schuß geben.« Und mein Kumpel, ein sachte sanguinischer Mensch, für den Solidarität im kleinteilig verkanteten Alltag eine Selbstverständlichkeit ist, sagt: »Das Moseleck ist heute eine der letzten deutschsprachigen Kneipen im Bahnhofsviertel.«

»Ein Überbleibsel«, wirft jemand ein.

»Die Restlichen vom Überbleibsel«, ein anderer.

Stores wie eingelegt in Nikotin, hängen da seit 1957, vermute ich. Bis 1938 hieß die Henninger-Pachtkneipe Landsturmeck. Seit hundertzehn Jahren gibt es die Wirtschaft, die seit wann auch immer den Untertitel Musik-Pilsstube trägt. Er gefällt mir, er möge überdauern, welche Zeiten auch immer kommen werden.

Was soll man zu alledem, was man an einem Frühabend im Moseleck sieht und hört, sagen? Ziemlich beknackte Frage, ich gebe es zu.

J. behauptet, das Moseleck sei nie eine richtige Nuttenkneipe gewesen. Immer zu proletarisch. »Aber wenn Messe ist, werden da die Messegäste abgesoffen.« Von den Nutten vermutlich. Oder irgendwie halt.

Noch was an der Wand: eine Bricolage aus einem goldenen High Heel und einer Bacardi- und einer Champagnerflasche samt passenden Gläsern. Auf der Toilette an der Scheißhaustür ein Grafitto: »Fick die Polizei!« Ins Depraviertenmilieu reingeschneite Linksgesinnung?

19.05 Uhr, am Tresen: »Ich hab’ früher mal gelebt, und heut’ bin ich ganz unten. Ich hab’ die Welt geseh’n, fuffzich Jahr’ krieg’ ich nemmer.« Sind hier die alten Zeiten tatsächlich alt, verschwommen, schaurig schöne Zeiten?

»Im Dampfkessel«, sagt J., »sind auch Boxer verkehrt. Ebby Thust war da. Im Keller war ein Trainingsraum eingerichtet. Da konntest du dir die Fresse polieren lassen, wenn du genug gesoffen hattest.«

Jetzt sagt der Wirt meiner Stammkneipe doch was – zum Dampfkessel: »Vom obersten Professor bis zum letzten Penner war jeder drin. Da hatte jeder Kultur in dieser Zeit, ’76, ’78, achtziger Jahre. Huren ohne Ende, Lesben, alles drin. Wenn du müde warst, hast du hinten im Kabuff geschlafen. Morgens hieß es: ›Bitte leise! Da hinten schlafen ein paar Leute.‹ In dieser Zeit, das waren gute Leute, nicht das heutige System.«

Auf meinem Notizzettel steht übers Moseleck: »Rustikalität und Rabaukentum«. Es läuft »Tutti Frutti« von Little Richard. Der Wirt schlägt im Hamsterrad der Befüllung beinahe Salti. Geräuschforscher könnten ergiebiges Material sammeln – und Gesichtsforscher, die sich die Blicke jener am Alterungsanstieg befindlichen Frauen einprägten, die am Tresen den Kopf übers kleine Pils senken und irgendwohin schauen, wahrscheinlich in sich hinein, wo man nichts oder das Immergleiche sieht.

J. sagt: »Das waren bessere Zeiten. Wir waren eine Clique von Autohändlern und Gastronomen. Wir haben gute Geschäfte gemacht, da galt der Handschlag. Es waren gute Zeiten.«

Ich denke: Im Moseleck findet das, was in jeder Trabantensiedlung und in jedem Kaff in diesem Land jeden Tag stattfindet, wenigstens öffentlich statt. Ohne Scham. Und deshalb – schöner?

Markus, um die zwanzig, schätze ich, sagt in meiner Stammkneipe im Gallusviertel: »Heute saufen sich im Moseleck die Eintracht-Fans einen an.«

»Asbach Uralt 2 cl 2,–; Remy Martin 2 cl 2,50; Wodka Moskovskaya 2 cl 2,–; Bacardi-Rum 2 cl 2,–; Jägermeister 2 cl 2,–; Fernet-Branca 2 cl 2,–; Fernet-Menta 2 cl 2,–; Underberg 2 cl 2,–; Kümmerling 2 cl 2,–; Campari Soda 2 cl 2,50; Martini Bianco 2 cl 2,50; Martini Rosso 2 cl 2,50; Korn 2 cl 2,–; Doornkaat 2 cl 2,–; Johnnie Walker 2 cl 3,–; Chivas 2 cl 4,–; Jim Beam 2 cl 3,–; Jack Daniels 2 cl 4,–.«

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333 стр. 22 иллюстрации
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9783944369341
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