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Der Moment der Stille

Ein New Yorker Jugendkrimi

Julia Thurm


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

© 2020 Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

Illustration Cover: © SimpLine (Silhouette) + © Leonid (Flugzeug) - Adobe Stock lizenziert

ISBN 978-3-86196-944-0 – Taschenbuch

ISBN: 978-3-86196-995-2 – E-Book

Besuchen Sie uns im Internet: papierfresserchen.de

*

Inhalt

Der Moment der Stille

The Groundhog Day

Veränderung

Das neue Leben

Blickkontakt

Meine Wahrheit

Dunkel

Meine Wahrheit

Dunkel

Meine Wahrheit

Zwiespalt

Dunkel

Aufwachen

Die Suche

Die andere Seite

Die Suche

Verstehen

Das Spiegelbild

Das Wiedersehen

Der Brief

Die Chance

Skip

Das Gespräch

Auf ein Wiedersehen

Ein letztes Mal

Die Ehrung

Christin

Abschied

Der Flug

Die Autorin

Nachwort

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Dieses Buch widme ich meinem ehemaligen Geschichtslehrer. Danke, dass Sie mehr in mir gesehen haben als ich selbst. Denn ohne Sie würde ich das hier jetzt nicht schreiben und andere das hier auch nicht lesen können.


Und für alle anderen: Danke für eure Unterstützung! Bleibt auf der Schule und geht zur Arbeit – auch dann, wenn es schwerfällt.

Love you.

Follow me on Instagram – @juliathurm

*

Der Moment der Stille

Ich renne, so schnell ich kann. Jeder einzelne Muskel in meinem Körper lässt mich die Säure spüren. Mit ganzer Kraft, die mir nach allem übrig geblieben ist, versuche ich, zu fliehen. Doch ich komme nicht voran. Es ist fast so, als stände ich auf einem Laufband, ein Wettlauf auf der Stelle. Der Schweiß rinnt mir von der Stirn. Völlig ausgedörrt und erschöpft falle ich auf die Knie. Überall ist brennend heißer Sand. Nur ich und die goldbraunen Dünen der Wüste. Die Sonne lacht erbarmungslos. Die Erde bebt unter mir, meine Hände zittern. Ein tiefer, pechschwarzer Abgrund reist unter mir auf. So schnell ich kann, stehe ich auf und versuche, wegzulaufen. Ich schaffe es nicht. Wie auch ohne die Energie, die dazu nötig wäre. Die Dunkelheit ist schneller. Ich falle und stürze in unendliche Leere ab. Ich höre einen Schrei und einen lauten Schuss, während ich blind wie ein Maulwurf weiter in das große Nichts falle.

Im nächsten Moment tauche ich in ein Meer ein. Es ist ein Meer aus Blut, ein kräftiges Rot. Durch mein Eintauchen spritzt die Flüssigkeit mehrere Meter hoch. Wellen wie auf hoher See verschlingen mich in dieser zähflüssigen Masse, die einen nicht an der Oberfläche trägt. Ein Sturm tobt. Meine Arme und Beine rudern. Der Wille, zu schwimmen, zu überleben, ist da und doch droht mein Körper, zu versagen, leblos und schwer auf den Grund des Blutozeans zu sinken. Ich bekomme keine Luft. Ein Gefühl, als ob man mich am Hals packt und versucht, meinem Körper die Seele zu nehmen. Im letzten Augenblick kann ich nach etwas greifen. Erst eine Sekunde später wird mir bewusst, dass es eine Hand ist, nach der ich um Hilfe ringe. Sie ist so kalt, steif und völlig regungslos. Eine Hand von vielen Händen, die plötzlich neben mir auftauchen. Sie scheinen mich zu umkreisen, immer näher zu kommen. Ich versuche, wegzuschwimmen, doch die Wellen sind immer noch zu stark. Bald darauf treiben auch die dazugehörigen Körper an die Oberfläche. An einem davon versuche ich mich festzuhalten, um über Blut zu bleiben. Ich erkenne Gesichter. Personen, die beim Versuch, das Geheimnis zu lüften, getötet wurden. Ich blicke nach rechts. Die Hand, nach der ich fasste, deren Körper mich an der Oberfläche hält, ist Drakes. Erst jetzt erblicke ich sein Gesicht. Nicht nur, dass ich ihn sehe, nein. Ich fühle seinen starren, bleichen Körper an mir. Sein Kopf dreht sich. Seine tief dunkelbraunen Augen starren mich an. Das Blut läuft ihm von der Stirn. Als sei der Kopfschuss, den ich abgefeuert habe, erst vor wenigen Augenblicken gewesen.

Ich erschrecke bei diesem Anblick so sehr, dass ich aufwache. Aufwache aus diesem Albtraum. Meine Augen sind weit aufgerissen. Ich erblicke aus dem Augenwinkel den Vollmond, der durch das Fenster mein Zimmer erhellt. Schweißgebadet reiße ich die Bettdecke von meinem Körper und setze mich hin. Ich atme schwer, mein Herz rast. Tränen rollen über meine Wangen.

„Wann hört das nur auf?“, ist die quälende Frage, die mir jede Nacht durch den Kopf geht. Mit meinen dünnen Fingern greife ich in meine ungekämmten Haare, die schon lange nicht mehr das Pechschwarz tragen, sondern meinen natürlich dunkelbraunen Haarton. Die Haare sind bereits so lang geworden, dass sie mir bis zum Gesäß reichen.

Meine Lunge zieht sich zusammen. Das Gefühl der Angst, aber auch der Schuld an all dem, lässt mich in Panik verfallen. Es fühlt sich an, als ob mir der Kopf platzt. Die Narbe an meiner Stirn fängt an zu pochen. Der rechte Arm fängt an zu stechen. Ich schreie. Viele weitere Tränen landen auf der Bettdecke. Der schrille Ton, den man nach einer Explosion hört, wird in meinen Ohren immer lauter und quälender. Ich sehe die Explosion der vergangenen Zeit vor mir. Ganz besonders denke ich an den Knall in meinem Haus. Mit zittriger Hand fasse ich mir an die Stirn und streiche über die längst verheilte Platzwunde.

Eine Nachtbetreuerin kommt in mein Zimmer gelaufen. Sie setzt sich auf die Bettkante und versucht, mich in den Arm zu nehmen, um mich zu beruhigen.

Doch ich drücke sie weg von mir. „Nein“, wiederhole ich immer wieder – leise und kopfschüttelnd. Sie merkt, dass eine simple Umarmung mir nicht helfen wird. Ohne ein Wort greift sie in ihre rechte Jackentasche. Heraus zieht sie eine Spritze, die ich ohne Vorwarnung von ihr in den linken Unterarm injiziert bekomme. Ich hasse das kalte Gefühl der Nadel auf der Haut. Dabei lächelt sie mich an und nickt. „Alles wird gut, Katie.“

So wie sie das sagt, klingt es immer wie ein Versprechen, an das ich noch nicht glauben kann. Ich weine und flehe sie an, es nicht zu tun. „Hör auf, bitte.“ Allerdings spüre ich, wie die kalte Flüssigkeit bereits durch meinen Arm fließt und das Medikament in mein Haupt schießt. Das Gefühl der Entspannung setzt ein. Der schrille Ton in meinem Kopf wird leiser, bis er schließlich ganz verschwindet. Ich fühle nichts mehr außer Leichtigkeit. Federleicht sinke ich wieder in mein Bett. Die Panik verflogen, dass Schuldgefühl gegangen. Die Betreuerin, deren Name Eve ist, deckt mich zu. Meine Augen werden schwerer, das Bild verschwommener – der Tiefschlaf setzt ein.

Ich kann zwar aus diesen Träumen erwachen und man kann mir diese Beruhigungsspritzen geben, doch die Tatsache, dass ich Drake erschossen habe, lässt sich nicht ändern. Mit nichts. So sehr ich es auch will. Die Vergangenheit ist festgeschrieben wie Tinte auf der Haut. Menschen sind meinetwegen gestorben, die es nicht verdient haben. Jeden Tag sterben Menschen, unschuldig. Rachel war einer davon. Ich werde nie vergessen, wie sie sich neben meinen Spind lehnte und mich mit ihren strahlend grünen Augen anlächelte. Man spürte sofort, dass sie ein guter Mensch war. Sie war ein Mensch mit einem großen Herzen, die einem sofort die Kälte nahm – spürbar, jede Sekunde. Ein wertvolles Geschenk. Das alles war noch deutlicher auf ihrer Beerdigung geworden. Als wir das Privileg hatten, ihre Eltern kennenzulernen und ihren damals siebenjährigen Bruder. Der ebenfalls diese strahlend grünen Augen besaß. Ich konnte seinen Blick nicht lange erwidern.

Jedes Mal diese quälenden Schuldgefühle, dass sie, wenn sie mir nicht begegnet wäre, noch leben würde. Es ist eine Empfindung, als ob ich einer Mutter die Tochter und einem Bruder die Schwester genommen hätte. Drei Jahre und sechs Monate ist das nun her und kein Tag war wie davor. Ich war damals dankbar, dass ich die Kette gefunden hatte und den Tod meiner Eltern akzeptieren konnte. Keine Frage, darüber bin ich auch heute noch sehr froh. Aber das Erlebte holte mich in den drei Jahren jeden Tag ein Stück mehr ein. Schließlich war ich, als dass alles passierte, erst vierzehn Jahre alt. Ein rebellisches Kind. Man könnte sagen, dass das Gefühl der Erleichterung in meiner Seele ausbrach, als die Richterin mir eine einjährige Therapie aufbrummte. Ein Gefühl, das keiner sonst verstehen konnte. Denn diese Last drohte, mich still und leise zu zerquetschen. Joe sagte damals zu mir, dass es sich so anfühlen würde, als würden sie mich in ein Gefängnis abschieben. Er verstand nicht, dass das eigentliche Gefängnis in meinem Kopf saß, und dort auch noch heute sitzt und mich gefangen hält.

Der Verstand ist ein mächtiges Werkzeug, das dich kaputtmachen kann. Jeder Tag wurde länger, jedes Aufstehen mühsamer, jede Nacht kürzer. Ich war mehr Körper als Seele. Auch Christin sah, dass diese Therapie eine Chance für mich war – und keine Strafe. Am Tag der Einweisung kam sie in mein Zimmer unseres neuen Hauses, weckte mich sanft und sagte schließlich: „Guten Morgen, Kämpferin, heute beginnt eine lange Reise.“

Ein Satz, der mir immer wieder durch den Kopf geht, auch sechs Monate später noch. Sie hatte recht, es ist eine Reise mit ungewissem Ziel und keiner Ankunftszeit. In manchen Momenten zweifle ich und glaube, dass es überhaupt kein Ziel gibt. Was sollte man dort auch finden? Einen Ort mit allen Antworten? Niemand kann dir eine zufriedenstellende Antwort geben auf deine eigenen Empfindungen, ohne es in derselben Weise zu fühlen. Vermutlich bleibe ich auch deshalb eine Reisende, ein Leben lang. Aber das ist in Ordnung. So lerne ich die verschiedenen Facetten kennen, die diese Welt mit sich bringt.

Genau dieser Gedanke, einen langen Atemzug lang, gibt mir ein Gefühl der Hoffnung, der Stärke. Das sind Momente, aus denen ich die Energie nehme, weiterzumachen, nicht aufzugeben. Eines Tages finden wir alle unseren inneren Frieden, daran glaube ich fest. Auch wenn Zeit bedeutungslos gegenüber Dingen ist, die tief vergraben sind. Frieden ist eine Sache des Verständnisses und der Akzeptanz.

*

The Groundhog Day

Es ist sieben Uhr, als mein Wecker klingelt und ich aus dem Komaschlaf erwache, welchen die Beruhigungsspritze verursacht hatte. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und betrachte den noch schellenden Wecker. Mein Körper fühlt sich an wie Blei. Schwerfällig nehme ich den rechten Arm unter der beige gefärbten Bettdecke hervor und schalte den Wecker aus. Danach reiße ich mir die Decke schweren Herzens vom Leib und setze mich auf. Alles dreht sich. Tief atme ich ein und aus. Ich kreise meinen Kopf, der Nacken schmerzt.

Wie jeden Morgen betrachte ich das eingerahmte Foto, das neben dem Wecker steht. Fast alle sind darauf abgebildet: Christin, Glen, Joe und Dina. Sie schenkten mir das Bild am Tag der Einweisung. Es hilft immerhin ein wenig. Aber trotz meines Willens, in meinen Gedanken positiv zu bleiben, gibt es Momente, in denen denke ich, dass das alles nichts bringt. Dass es nie vorbeigehen wird und ich mit mir selbst immer einen endlosen Kampf nach Frieden führe werde, nach Stille im Kopf. Augenblicke, in denen meine Seele schwach und leer ist. Es wieder dunkel wird. Das sind Situationen, die Kraft kosten. So geht es wohl jedem hin und wieder mal. Sich selbst im Weg zu stehen, ist wohl das größte Hindernis.

Heute ist wieder so ein Tag. Ich stehe vor den Waschbecken meines kahlen, sporadisch eingerichteten Zimmers und schaffe es nicht, mir im Spiegel in die Augen zu schauen. Es gibt Menschen, die tun unaussprechliche Dinge, aber betrachten sich unschuldig wie Bambi jeden Gott verdammten Tag im Spiegel, ohne Reue oder Wehmut. Wie bekommt man so etwas hin? Wie sehr muss man sich dafür selbst verloren haben? Einige dieser Menschen tragen ein schwarzes Loch in sich und nennen dies Seele. Wie beängstigend.

Ich mache den Wasserhahn an und schütte mir das kalte Nass ins Gesicht. Mit tropfendem Kinn starre ich in das Becken und betrachte, wie das restliche Wasser im Abfluss verschwindet. Dann wage ich es, hebe den Kopf und blicke mir in meine leeren Augen. Ich sehe mich an. Mit meiner linken Hand fasse ich mir in mein blasses und eingefallenes Gesicht. Die Augenringe zeichnen sich deutlich ab. Sie verraten, dass meine Nächte nicht besonders erholsam sind. Es fällt mir schwer, diesen Anblick lange auszuhalten. Ich schüttle den Kopf, nehme mein hellblaues Handtuch, auf dem das Kliniklogo eingestickt ist, und trockne mein Gesicht ab.

Ich wage es ein weiteres Mal und lasse das Baumwolltuch langsam von meinem Gesicht gleiten. Durch meine Augen sehe ich meine erschöpfte Seele. Ich lehne mich auf den Rand des Beckens. Ein Anblick, der mir Angst macht. Doch ich sehe nicht nur mich im Spiegel. Mein Verstand, er spielt mit mir, jedoch nach seinen eigenen Regeln. Meine Gegner ist mein Verstand. Er ist clever und erscheint in Gestalt von Rachel und Drake. Beide erblicke ich im Hintergrund meines Spiegelbildes. Sie haben Ausdauer mitgebracht. Sie kommen wie Ebbe und Flut. Ihre Augen bohren sich ein Loch in mein Herz mit dem Wissen, dass es mich in den Wahnsinn treiben wird.

Ich zucke zusammen und machen einen großen Schritt weg von mir selbst. In Windeseile drehe ich mich um, dort stehen sie. Meine Hände zittern, der Atem stockt. Die beiden wirken so real und doch weiß ich, sie sind eine Illusion. Meine Dämonen, sie erscheinen mir immer, wenn ich schwach bin, wenn der Schmerz und der Selbsthass am größten sind. Ich wende meinen Blick wieder in die Richtung des Spiegels. Sie sind weg, schnell wie ein scheues Reh. Ich atme auf und gehe zurück zur Wasserquelle. Es passiert immer wieder, ohne Vorwarnung. Ich soll mich davon nicht leiten lassen, mich nicht reinsteigern, sagt mein Therapeut. Er kann das leicht von sich geben. Schließlich verfolgen ihn keine toten Menschen.

Nachdem ich meine Zähne vom nächtlichen Staub befreit habe, bürste ich mir die Haare. Heute sind besonders viele Knoten darin. Andere in meinem Alter haben diese zerzausten Haare von heißen Liebesabenteuern und sind so was von stolz darauf. Ich dagegen wünsche mir, einmal einen Morgen zu erleben, an dem ich nicht merke, dass meine Seele bei Nacht keine Ruhe findet.

Als meine Mähne gebändigt ist, ziehe ich mein übergroßes, weinrotes Schlafshirt aus, meinen fliederfarbenen BH und die dazu passende Unterhose an. Derzeit das Einzige, das ich unter Kontrolle hatte. Den passenden Büstenhalter zu dem dazugehörigen Unterteil zu tragen. Dies kann ich damit von der Checkliste abhaken. Darauf bekleide ich mich mit einem rosa gefärbten Kapuzenpullover und einer verwaschenen Jogginghose. Am Ende des Ärmels bleibe ich jedes Mal mit meiner rechten Hand hängen, da alle Patienten in meiner Abteilung ein orangefarbenes Plastikarmband tragen müssen. Als hätte man ein Fünfsternehotel gebucht. Während ich mit meinen unpassend grünen Socken in die Badeschlappen steige, schließt eine Betreuerin meine Türe auf. Um Punkt halb acht, jeden Morgen.

Seit ich einmal das nächtliche Bedürfnis besaß, einen Ausflug nach draußen zu machen, fanden sie es wohl besser, meine Türe bei Anbruch der Dunkelheit verschlossen zu halten. Da verstehen die hier leider keinen Spaß.

„Guten Morgen, Katie.“

Ein schwerfälliges: „Morgen“, ist alles, was aus mir rauskommt. Wie ich diese kahlen und weißen Flure hasse. Jeden Tag denke ich, ein wenig Farbe an den Wänden wäre nicht schlecht. Man würde sich nicht ganz wie in einem Irrenhaus fühlen. Allein der Geruch, der in den drei Gebäuden das Chanel Parfüm ersetzt. Eine Mischung aus Medikamentenabhängigkeit, Desinfektionsmittel und Pfefferminztee. Dies lädt nicht gerade zum Frühstücken ein, da man gleichzeitig schauen muss, dass das Abendessen nicht wieder den Rückweg antritt bei diesem stechenden Duft.

Als ich im Essensbereich ankomme, sind die meisten anderen Patienten bereits auf den Beinen. Die meisten hier könnten meine Eltern sein oder sogar noch eine Generation darüber. Sie grüßen mich wie jeden Morgen, die einen freundlich, die anderen noch so betäubt von der Nacht wie ich. In der Cafeteria hole ich mir eine heiße Schokolade, sie erinnert mich an zu Hause. Bei jedem Schluck der süßen Milch denke ich an Christin und an Spike, den ich leider nicht retten konnte. Ich denke an so vieles.

An einen leeren Tisch, ziemlich weit in der Ecke des Raumes, setze ich mich auf einen der orangefarbenen Plastikstühle und schaue mir die Leute an. Dieser Essenssaal ist für die Personen der Psychotraumatologie. Jeder Bereich hat auch hier seine Farbe. Wenn mir jemand mit einem grünen Armband begegnet, weiß ich, er kommt aus dem psychosomatischen Bereich. Einen Menschen mit einem lila Armband werde ich wohl nie sehen. Das ist die geschlossene Abteilung. Arme Seelen, die den Verstand verloren haben, weil sie ihrem Land helfen wollten.

Ich befinde mich in einer militärischen Psychiatrie, die meisten hier sind früher einmal Soldaten gewesen – in Afghanistan oder dem Irak. Was diese Menschen an Leid gesehen oder selbst verursacht haben, wage ich mir nicht auszumalen. Man sieht es in ihren Gesichtern, bleich und leer. Sie hatten den Tod vor Augen, mehrere Male erlebt. Andere – wie ich – haben Verwandte oder Freunde beim Militär und die Chance bekommen, hier behandelt zu werden. Alle Menschen hier haben etwas erlebt, das sie nicht mehr loslässt, sie verfolgt, so wie mich. Schicksale, die das Leben schrieb. Ein Spiel, in dem nicht jeder ein As hatte oder den Joker zog.

Ich nehme einen weiteren Schluck aus meiner Tasse. In meinen Erinnerungen sehe ich Spike, wie er am Boden liegt und winselt. Ein weiterer Schluck. Klar und deutlich sehe ich die Drohung, die an meine Zimmerwand gesprüht war. Während dieses Szenarios vor meinem inneren Auge erscheint, setzt sich ein Mann, ich schätze ihn auf Mitte vierzig, diagonal an meinen Tisch. Er sieht ungepflegt aus, seine Haare stehen in jede erdenkliche Richtung ab. Seine Augen sind feuerrot. Die Falten in seinen Mundwinkeln zeigen: Er hat einiges wortlos ertragen. Mit zittriger Hand fängt er an, sein Müsli zu essen. Dann blickt er in meine Richtung, während ich einen großzügigen Schluck der flüssigen Schokolade in meinen Rachen gieße. Ich spüre seine starren Augen. Ich erwidere den Blick nicht.

„Du bist doch die eine, oder?“, fängt er an, mit rauer Müslistimme zu sprechen.

Ich schweige.

„Sollst so einiges erlebt haben“, nickt er nachdenklich.

Ich blicke in seine Richtung. „Ich glaube nicht, dass hier jemand ist, der nicht viel erlebt hat“, antworte ich ihm, stehe auf, stelle meine leere Tasse auf einen der Geschirrwagen und verlasse die Cafeteria. Lange halte ich es hier sowieso nie aus.

Jeder hier kennt mich als die eine. Die eine mit dem angeblich besonders schweren Schicksal. „Du Arme und du bist noch so jung.“ Wie oft habe ich diesen Satz in den letzten sechs Monaten von anderen Patienten gehört. Ich hasse ihn. Diese schockierten Blicke, als wäre man ein Unmensch. Mitleid braucht der Mensch nicht. Das gibt ihm nur das Gefühl, dass das Loch, in das er sich vergräbt, noch nicht tief genug ist. Es selbst nicht noch tiefer zu machen, ist schon schwer genug. Jeder Tag ist wie ein neuer Boxkampf – als Geschenk gibt es ein neues blaues Auge. Ich bin in dieses Leben hineingeboren worden. Nichts davon habe ich mir ausgesucht oder gewünscht. Ich will weder bemitleidet noch dafür bewundert werden. Ich will einfach sein, einfach leben. Doch einfach ist leider schwer.

Mein Wochenplan ist vollgepackt mit Einzeltherapie, Gruppentherapie und Kunsttherapie. Jeden Tag dasselbe Schema. Struktur, nennen die Therapeuten das. Ich sage dazu nur: „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Ich gehe zurück in meine Zelle, so wie ich diesen Raum bezeichne. Dort ziehe ich mir meine schwarzen Turnschuhe an. Wie fast jeden Morgen spaziere ich eine Runde durch den Klinikpark. Ich freue mich darauf, die letzten zwei Tage hatte es geregnet und ich musste drinnen bleiben.

Heute ist ein sonniger Frühlingsmorgen. Der Duft der noch feuchten Wiese und den darauf wachsenden Blumen steigt einem sofort in die Nase. Ich bin gerne hier. Hier habe ich das Gefühl, wieder mehr Mensch als Krankheit zu sein. Meine Augen sind empfindlicher gegenüber dem Sonnenlicht geworden, deshalb blendet es mich zu Anfang immer. An dieser Stelle macht sich auch meistens der Schwindel bemerkbar. Eine der unzähligen Nebenwirkung des Narkotikums und der Antidepressiva.

Sobald sich mein Sehnerv an die wärmenden Strahlen gewöhnt hat, laufe ich immer zum Teich, der das Herzstück in der Mitte des Parks ist. Ich lausche jedem einzelnen Schritt, den ich abseits des Weges über das Gras mache. Den geraden Weg gehen, war noch nie so mein Ding. Am Teich setze ich mich auf die etwas ältere, rostende Bank, die unter einem Kirschbaum steht. Ein Ritual, das mir wohl von früher geblieben ist, als ich, auch nach dem Tod meiner Eltern, immer wieder in den Park, zur exakt selben Parkbank gegangen bin. Die Vögel zwitschern, es ist verrückt, als wäre man für ein paar Minuten in einer anderen Welt. Die Sonne spiegelt das tiefblaue Wasser wider. Ich sehe eine Entenfamilie, die gerade darüber gleitet. Der erfrischende Wind weht durch meine Haare. Die wachsenden Blätter rascheln. Ich schließe meine Augen, lehne mich zurück und stelle mir vor, Christin würde neben mir sitzen und wir würden gemeinsam lachen, uns in den Arm, aber auch auf den Arm nehmen. Wie Geschwister das so tun. Eine fast schon zu normale Vorstellung. Wie gerne ich so etwas mit meiner Schwester teilen würde. Für einen kurzen Moment darf ich mich lebendig fühlen.

Das ändert sich nun, es heißt, Abschied nehmen von diesem befreienden Gefühl. Sechs Monate ist eine lange Zeit und dies ist erst die Hälfte. Dunkle Gedanken steigen wieder in den Kopf. So lange bin ich schon hier und meine Berggeister verfolgen mich noch immer. Langsam öffne ich meine Augen und erstarre wieder einmal fast vor Schreck, als Rachel und Drake wie Zombies vor mir stehen. Beide tragen die Kleidung, die sie trugen, als sie starben. Mein Herz rast, es schlägt mir bis zum Hals. Ich wende den Blick ab, stütze meine Ellbogen auf die Knie und nehme meine Hände vor das Gesicht.

„Lasst mich bitte in Ruhe. Bitte“, sage ich leise.

Der Anblick der beiden ist nur schwer zu ertragen. Die Wunde, die Rachel und Drake in mir zurückließen, hört gerade auf zu pochen und zu bluten, da fassen die beiden erneut hinein. Ein paar Minuten lang bleibe ich so sitzen, dann hebe ich langsam mein Haupt. Sie sind weg. Es ist wie Folter, dies immer und immer wieder auszuhalten zu müssen. Vorbei mit der Idylle und dem guten Gefühl. Ich stehe von der Bank auf und gehe den Weg zurück, da ich zur Einzeltherapie nicht zu spät kommen sollte.

„Wie fühlen Sie sich heute, Ms. Smith?“

„Nicht so gut“, sage ich bedrückt und mit gesenktem Kopf.

„Erzählen Sie mir davon“, sagt er erwartungsvoll, mir mit überkreuzten Beinen gegenübersitzend. Stift und Block hält er in den Händen, als würde er in den Startlöchern eines Marathons stehen und auf mein Zeichen warten, loszuschreiben. Wie jedes Mal ringe ich mit mir und der Frage: „Wie erzähle ich das nur?“

Nach kurzer Stille.

„Sie verfolgen mich immer noch. Heute Morgen, da habe ich … da habe ich die beiden sogar im Park gesehen. Sie standen einfach vor mir.“

„Wie sahen sie aus? Beschreiben Sie mir die beiden.“

„Sie sehen aus wie jedes Mal. So leer und tot, mit zerrissener Kleidung. Sie starren mich an. Ihre Gesichter sind so klar und deutlich zu erkennen, als wären sie wirklich da. Ich fühle mich nicht gut, wenn ich sie sehe.“

„Was genau fühlen Sie?“

„Schuld.“

„Sprechen Sie mit den beiden oder warten Sie einfach nur ab?“

Ich schaue ihn an. „Ich spreche nicht mit ihnen, nein. Ich flüstere nur, dass sie verschwinden sollen. Es fällt mir schwer, diese Flashbacks auszuhalten. Auch wenn Sie sagen, dass ich das tun soll. Es ist … es ist einfach so verdammt schwer“, gestehe ich bereits mit einem Kloß im Hals.

Mein Therapeut nickt und notiert sich etwas.

Nervös reibe ich meine Hände aneinander. Voller Anspannung, was er nun sagen wird.

„Wieso stoßen Sie die beiden ab?“

„Sie wissen, wieso ich das tue“, antworte ich gereizt und in dem Bewusstsein, dass er mich nun genau da hat, wo es wehtut, wo es schwer wird, eine Maske zu tragen.

„Weil es schmerzt“, antwortet er.

In meinem Kopf sieht meine Antwort anders präziser aus. Seit einmal halben Jahr komme ich bei jeder Sitzung an diesen Punkt. Ich habe noch nie laut ausgesprochen, dass ich das Gefühl habe, Rachels Familie die Tochter genommen zu haben oder zahlreichen anderen Menschen ein geliebtes Familienmitglied. Ich habe meinem ersten Freund in den Kopf geschossen, weil ich sonst alles verloren hätte. Aber dies ist keine Erleichterung oder ein Gefühl, das Richtige getan zu haben. Ich wollte nur Frieden. Frieden mit mir, in mir. Damit zurechtkommen, dass ich meine Eltern verloren habe und dass diese Kette, die ich fand, ein kleiner Trost war, an den ich mich klammern konnte. Ich wollte nie, dass irgendwer meinetwegen stirbt. Doch das ist passiert und diese Last frisst mich auf, lässt nicht viel von mir übrig. Tränen laufen mir über die Wangen.

„Ich kann das nicht, verstehen Sie“, zittert meine Stimme.

„Ms. Smith, Sie sollten versuchen, das, was Sie fühlen, auch zuzulassen und dabei sollten Sie nicht vergessen, dass es in Ordnung ist, Schuld, Trauer oder auch Wut zu empfinden. Sie lehnen all diese Gefühle ab, weil es schwer ist, sich damit auseinanderzusetzen. Es kostet Kraft und viel Zeit, aber nur so können Sie Ihr Trauma überwinden. Indem Sie es annehmen und nicht verstoßen. Sehen Sie es als ein Teil von sich an. Nicht als einen Fremdkörper.“

Tief atme ich ein und nicke, weil ich zwar weiß, dass das, was er sagt, logisch klingt, aber Praxis und Theorie sind meist wie Zwillinge – auf den ersten Blick gleich, doch bei genauer Betrachtung sehr verschieden. Quälend stelle ich mir die Frage: Wie lernt ein Mensch, etwas zu akzeptieren, das nicht in seiner Macht stand? Und jeder einzelne Schritt, etwas daran zu ändern, ihn genau in diese Richtung führt. Es ist ein Kreislauf. Jeden Tag wiederholt sich alles, jeden Tag versuchen Psychologen, mir zu helfen. Wie kann eine außenstehende Person mich verstehen wollen, wenn ich mein Innerstes selbst nicht begreife?

*

Veränderung

Die Blüten des Kirschbaumes sind verblüht. Ein letztes Mal wird der Wiese ein neuer Haarschnitt verliehen, bevor das weiße Pulver sie in ganzer Hülle ummantelt. Die Kinder der Entenfamilie sind nun von den Eltern kaum zu unterscheiden. Sie machen sich bereit, um aufzubrechen in ihr eigenes Leben. Nicht nur der Sommer muss sich verabschieden. Ich sitze auf dem Bett und betrachte von meinem Fenster aus, die fallenden Blätter der Bäume. „Ein Jahr“, wiederhole ich immer wieder in Gedanken. Ein Jahr, in dem ich eine andere Seite des Lebens kennengelernt habe. Ich lernte Menschen kennen, die ebenfalls ein schweres Paket mit sich tragen. Aber ich lernte auch eine Seite kennen, die mir zeigte, dass ein Jahr nicht reicht, um mit all dem Geschehenen zurechtzukommen. Jedoch auch, dass es in Ordnung ist, dies noch nicht zu können.

Das Trauma hat sich in den zurückliegenden sechs Monaten verändert, es hat mich verändert. Ich lebe nun mit meinen Dämonen. Drake und Rachel begleiten mich seit geraumer Zeit häufiger. Wie kleine Mäuse schleichen sie sich in meine Gedanken. Egal, zu welcher Tageszeit das auch sein mag, ob ich schlafe oder ob es eine Mahlzeit ist, die ich einnehme, diese Seelen schließen sich allem an, was ihnen Freude bereitet. Auch in diesem Augenblick sitzen sie neben mir und betrachten mich wie eine Dokumentation auf ARTE. Sie betrachten mich immer aus bestimmten Blickwinkeln heraus. Ich empfinde es als herablassend und wütend auf meine Wenigkeit. Doch ihre Mimik ist nichtssagend. Auch wenn das Gefühl der Schuld jedes Mal im Herzen einen neuen Kratzer hinterlässt, kann ich es zulassen, es aushalten, dass sie da sind. Unzählige Therapiestunden, die ich damit verbrachte, genau dies zu lernen. Es ging hier in der Klinik nie um das Loswerden. Sondern darum, damit leben zu können. Den Rest schaffe ich hoffentlich aus eigener Hand. Ich betrachte das Armband an meinem Handgelenk. Ab morgen werde ich von dieser Fessel befreit. Bin ich bereit dafür? Eine Frage, die mir auch mein Seelendoktor, an diesem Morgen gestellt hat.

„Ich weiß es nicht, in zwölf Monaten kann viel passieren. Vieles da draußen kann sich verändert haben und vieles hier drinnen auch“, war meine nachdenkliche Antwort. „Was ist, wenn ich mit meiner neuen Umwelt nicht zurechtkommen werde?“ Besorgt sehe ich ihn an.

Schmunzelnd leg er seine Brille zur Seite und beugt sich zu mir. „Seien Sie offen für Neues und denken Sie daran, dass Sie das, was Sie fühlen, zulassen und Veränderungen annehmen. Das ist die beste Vorbereitung, die Sie treffen können“, lächelte er.

In seinen Augen sah ich heute Morgen Zuversicht. Er glaubt an mich, mehr als ich es selbst tue. Aber das ist ja auch nicht schwer. Ich stehe von meinem Bett auf und gehe zu meiner Kunstmappe, die man mir heute mitgegeben hat. Als ich sie öffne, springt mir sofort das Bild der letzten Stunde ins Auge.

Ich malte ein Bild, mit kräftigen Farben, auf dem ein Meer oder ein großer Fluss zu sehen ist und dahinter die untergehende Sonne. Am Ufer sitzt ein Mädchen, sie trägt ein weißes Sommerkleid. Der Wind weht durch den leichten Stoff und lässt es durch die Luft tanzen. Sie lächelt und erfreut sich am Sonnenuntergang. Ihr Körper wirft zwei Schatten. Einen mit langen und einen mit kurzen Haaren. Etwas niedergeschlagen möchte ich das Bild wieder dort hinlegen, wo es so wenig Aufmerksamkeit wie möglich bekommt.

Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich ein Gemälde, das es sich unterhalb der Mappe gemütlich gemacht hat. Von dem Moment an, als der Pinsel die Leinwand traf, war es anders. Nicht besser oder schlechter, es stand für sich. Langsam hebe ich es hoch und berühre es sacht. An manchen Stellen kann man die angetrocknete Farbe besonders gut spüren. Es hat eine interessante Wirkung auf mich. Ein Gefühl, das ich nicht erklären kann. Falls es dafür ein Wort gibt, hoffe ich bald, Bekanntschaft mit ihm zu machen. Meine Augen schließen sich. Meine Mundwinkel werden breiter. Irgendwann werde ich wissen, wieso ich dieses Bild gemalt habe und wieso es mich so empfinden lässt. Vorsichtig lege ich es zurück. Man sollte sich nicht mit anderen vergleichen, – mich mit mir selbst allerdings schon.

Das allererste Bild, das ich vor einem Jahr anfertigte. Als ich dies hochnehme, wird deutlich, in welchem Zustand ich mich damals befand. Hier wurde mit viel dunkleren Tönen gearbeitet, etwas abstrakt und nur bei genauerem Entgegensehen kann man erkennen, dass ich den Albtraum malte, in dem ich in einem Meer aus Blut ertrinke. Am Rand viele schwarze Schatten und ein Mädchen.

In den Kunststunden war es immer so, dass wir im Anschluss alle zusammen in einem Kreis saßen und jeder sagte etwas zu seinem Gemälde. Besonders auf meine Kunstwerke waren immer alle gespannt. Das lag, glaube ich heute, weniger an meinem Verständnis für die Malerei als vielmehr an der Tatsache, dass ich auch dort die eine war und mein Hang zur Übertreibung deutlich wurde. Ich lasse diese Albtraumverursacher wieder zurück in die Mappe verschwinden und lege diese auf meinen bereits zur Hälfte gepackten Koffer. Noch einen Augenblick lang verharren meine Augen auf den Berg der Leistungen, die ich nach zwölf Monaten mit nach Hause nehme.

Die Furcht, dass mein Leben da draußen mich wieder zu der Person machen könnte, die ich nicht mehr sein will, ist groß. Doch ebenso gewaltig ist die Freude, die ich empfinde, wenn ich an Christin, Dina, Joe und Glen denke.

Ein letztes Mal will ich mir die Turnschuhe anziehen und mich in den Park begeben. Während ich die Schnürsenkel des linken Schuhs langsam zur Schleife forme, verspüre ich das Verlangen, das frisch gemähte Gras zwischen meinen Zehen zu spüren. Ein letztes Mal, bevor sich der Sommer endgültig verabschiedet.

Ich gehe nach draußen. Weich fühlt sich das Grün an. Beinahe jeder Halm ist spürbar. Die Erde trägt noch die Wärme der Sonne in sich und gibt mir ein angenehmes und geborgenes Gefühl. Ich bleibe vor der alten Parkbank stehen, auf der ich Tag für Tag meine Verbindung nach Hause suchte. Es hört sich wohl verrückt an, aber der Ort hier wird mir fehlen. Ein letztes Mal platziere ich mich auf dieser Sitzmöglichkeit. Auch Drake und Rachel scheinen etwas frische Luft zu brauchen und setzen sich neben mich. Wie zwei alte Freunde, die ich nach all der Zeit im Park wiederfinde. Als würden sie mir die Sicht auf den kleinen See wenigstens heute nicht ruinieren wollen. Nach einer Ewigkeit darf ich die Sonne – ein letztes Mal an diesem Ort – untergehen sehen. Majestätisch sieht sie in ihrem flammenden Rot aus und doch wirkt sie melancholisch wie nie. Nur Minuten später ist sie weg – mit der Sonne geht auch die Wärme, aber niemals das Licht. Denn der Mond und die Sterne sind immer da, wenn es dunkel ist. Ich spüre den frischen Wind an den Füßen, die beginnende Gänsehaut. Also beschließe ich, aufzustehen und ein letztes Mal abseits des Weges zu gehen. In ein Zimmer, in dem ich zum letzten Mal die Augen schließen werde. Denn morgen ist der Moment gekommen, der mein Leben erneut verändern wird ...

*

Das neue Leben

Das letzte Stück, das in meinem Koffer fehlt, ist das Gruppenfoto, welches man mir zum Abschied damals mitgegeben hatte. Der schlichte Goldrahmen, der nur an den Ecken verschnörkelt ist, trägt bereits eine dicke Staubschicht. Mit meiner Hand versuche ich, so viel wie möglich von diesem Dreckfilm zu entfernen. Ganz gelingen will mir das nicht. Beim Betrachten des Fotos wird mir bewusst, wie sehr mir alle fehlen. Diese Menschen sind schließlich meine Familie. So sehr ich mich auf das Wiedersehen freue, so sehr trage ich auch Furcht in mir, wie alles seinen Lauf nehmen wird. Nicht nur die Angst, dass ich wieder zur depressiv traumatisierten Person dahinvegetiere, sondern auch die Frage, was ist, wenn ich nicht mehr zu ihnen passe? 365 Tage lang starrte ich in eingefrorene Gesichter und trotzdem gab dieses Foto mir so viel Halt. Dieses Stück Papier war meine Heimat, da ich keinen Kontakt – weder mit meiner Schwester noch mit sonst wem – haben durfte, um mich auf mich selbst konzertieren zu können. Was ist, wenn ein Jahr ausgereicht hat, um mich so zu verändern, dass mein Puzzleteil nicht mehr in das Gesamtbild passt? Was ist, wenn ich mit meiner Umwelt zurechtkomme, doch diese nicht mit mir? Es gibt keine Fragen, die mir mehr Gänsehaut bereiten als diese. Dennoch werde ich die Antworten nur herausfinden, wenn ich es versuche. Mit den immer wiederkehrenden Fragen in meinem Kopf packe ich das Foto ganz oben auf den Kleidungs- und Kunstberg. Dann schließe ich den Reißverschluss, der fast ganz um den Koffer geht. Ohne die tatkräftige Unterstützung meiner Knie wäre er nicht so leicht zu schließen gewesen. Nun ist er zu.

Diese Reise wäre geschafft, ein Hügel von vielen folgenden überwunden. Mit dem Zuriegeln des Koffers packe ich nicht nur neue Erfahrungen ein, sondern auch alte Begleiter, von denen ich dachte, ihre Fesseln innerhalb eines Jahres abstreifen zu können. So einfach ist das nicht. Drake und Rachel nehme ich ebenso wieder mit nach Hause wie das Schuldgefühl. Eines Tages fällt der Apfel. Das war die Hoffnung, die man mir mit auf den Weg gegeben hatte.

Bevor ich die Türe hinter mir schließe, wandert mein Blick noch einmal durch das Zimmer. Ich lächle und doch merke ich, wie sich ein kleiner Teich in den Augen sammelt. Dieses Zimmer gab und nahm mir vieles. Vor allem Schlaf. Dann schließe ich das Tor, atme tief ein und rolle ein letztes Mal mit meinem Koffer durch die Flure. Meine Nase nimmt jedes Mal die furchtbaren Gerüche wahr, egal wie oft ich sie schon gerochen habe. Etwas, das ich nicht vermissen werde. Ich klopfe am Zimmer des Chefprofessors, der mit heute meine Entlassungspapiere ausstellen wird. Eigentlich werden diese von einer Betreuerin oder den zuständigen Psychologen überreicht. Ich scheine wohl auch für ihn ein spezieller Fall zu sein, dem er die Papiere wohl lieber persönlich aushändigt.

„Guten Morgen, Miss Smith. Setzten Sie sich doch bitte“, begrüßt er mich freundlich, strahlend und mit ruhiger Stimme.

„Guten Morgen, Professor Franklin“, erwidere ich ebenfalls freundlich.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragt er zuversichtlich, während wir uns an seinem prunkvollen Schreibtisch platzieren.

„Gut, gut. Danke“, antworte ich etwas zögernd.

„Sie haben Angst, nicht wahr? Lassen Sie mich Ihnen eines sagen. Die Angst ist nicht unser Feind. Angst ist versteckter Mut, der sich nicht traut, herauszuspringen. Also sein Sie mutig. Ich habe selten so eine starke junge Frau wie Sie getroffen. Ich bin mir sicher, auch Sie werden Ihre Stärke bald erkennen“, gestikuliert er wild vor sich hin.

Professor Franklin ist mit Sicherheit nicht mehr der Jüngste, was er mit seinen Augen nicht mehr sehen kann, macht er mit seinen Weisheiten wohl wieder gut. Das Einzige, dass ich auf seinen Vortrag reflektieren kann, ist ein respektvolles Nicken. Geduldig entfaltet er die Entlassungspapiere, um seine Unterschrift darunter zu setzen. Mit etwas zittriger Hand nimmt er den Deckel des Füllers ab und fängt an, kritzlige Linien zu produzieren. Danach faltet er die Papiere dreimal, steckt sie in einen weißen Umschlag und überreicht sie mir. Gebannt starre ich auf den Brief. Professor Franklin schmunzelt und nickt. Ich schau ihm in die Augen, ein tiefes, von Herzen kommendes: „Danke“, ist alles, was ich herausbekomme.

„Danken Sie nicht mir, Miss Smith. Danken Sie sich selbst“, sagt er, während er aufsteht und mich zu Türe hinausbegleitet. „Und vergessen Sie nicht, hin und wieder mal das Blatt zu wenden, Miss Smith“, nickt er.

In der Unverständlichkeit dieses Satzes werfe ich Professor Franklin einen fragenden Blick zu. Als ich gerade etwas dazu sagen will, reicht er mir seine Hand und verabschiedet sich in aller Förmlichkeit – so wie es Professor Franklins Art nun mal ist – und schließt die Tür hinter mir.

„Okay?“, flüstere ich leise für mich. Ich nehme meinen Rollkoffer, den ich vor der Türe geparkt hat, und rolle damit weiter den kahlen Korridor entlang. Immer wieder wandert mein Blick zurück zu Professor Franklins Tür und zugleich auch immer auf den weißen Umschlag.

„Das Blatt wenden?“, flüstere ich erneut. In meinen Gedanken versunken, bemerke ich erst im letzten Augenblick, dass ich nun am Ausgang der Klinik stehe. Davor haben sich alle versammelt – meine Kunsttherapeutin, mein Psychologe und ein paar Patienten, mit den ich hin und wieder mal eine Unterhaltung geführt habe. Aber auch die Person, die mich in meinen schlimmsten Zuständen erlebt hat. Eve. Meine Nachtbetreuerin, meine beste Freundin in diesem Jahr. Sie hält einen Blumenstrauß mit gelben und orangen Dahlien in den Händen und kämpft sichtlich mit den Tränen. Das alles hier erfüllt mich mit Dankbarkeit, denn ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Menschen etwas bedeute. Meine Kunsttherapeutin schenkt mir eine herzliche Umarmung und gibt mir auf den Weg, mit dem Malen nicht aufzuhören. „Ich sehe da Talent“, sprach sie einmal zu mir. Von meinem Psychologen bekomme ich wie immer einen festen Händedruck und ein leichtes Getätschel auf die Schulter. Nachdem ich jedem anderen Lebewohl gesagt habe, verabschiede ich mich von Eve.

„Danke dir für alles. Ich glaube, du hast mich aus den tiefsten Löchern geholt, Eve“, sage ich mit Wehmut und viel Dankbarkeit. „Ich werde dich vermissen.“

„Ach, Katie“, ist alles, was sie sagt. Dann drückt sie mich fest und lange. Ein Moment, von dem ich weiß, dass er einen festen Platz in meinem Herzen sicher hat. „Die hier sind für dich“, überreicht sie mir mit verschmierter Wimperntusche den Dahlienstrauß. Noch einmal umarmen wir uns.

Es ist vorbei. Ich darf in ein neues, altes Leben zurückkehren.

Die Schiebetür öffnet sich, ein letztes Mal blicke ich zurück. Winkend drehe ich mich um. Meine Füße übertreten die Schwelle, die mich einst vor mich selbst gerettet hat. Ich spüre den Wind in meinem Gesicht, als wäre er ein anderer wie gestern. Am Ende des Weges ist der Parkplatz der Klinik. Dort steht ein weinroter Range Rover und lässig dagegen lehnend ... Christin. Sie hat mich noch gar nicht bemerkt. Emotional in einer Achterbahn gefangen, lache und weine ich zugleich. Ich laufe schneller, gerade in dem Moment, in dem ich ihr zurufen möchte. Hüpfend, von Gefühlen überwältigt, in der einen Hand den Blumenstrauß, in der anderen die Entlassungspapiere und den Henkel des Koffers. Da passiert es. Am Ende des Parkplatzes, weit hinter dem Range Rover, erblicke ich eine Person. Es hätte jeder sein können, der da durch Zufall steht. Weiße ausgewaschene Chucks, schwarze Jeans, deren Stoff an den Knien schon so dünn ist, dass dieser bald reißen wird, schwarzer Kapuzenpulli und blaue Jeansjacke. Ich werde langsamer. Es ist, als ob man mir kurz den neu gewonnen Boden nimmt. Fast schon zu berechenbar, lasse ich den Koffer und den Umschlag fallen. Aus dieser Entfernung ist es schwer, alles genau zu erkennen. Ob dieser Geistesblitz, den ich im Kopf habe, stimmt? So seelenruhig wie diese Person dort steht, scheint sie eher auf anderer Mission zu sein, als auf mein Herauskommen zu warten.

„Das ist heute alles sehr viel. Meine Gedanken spielen nur verrückt“, spricht die Selbsthilfe aus mir.

Gerade als ich mich bücke, um den Umschlag und den Henkel des Rollkoffers wieder in die schwitzende Hand zu nehmen, sehe ich im Augenwinkel, dass Christin mich nun bemerkt hat. Strahlend rennt sie auf mich zu, „Katie!“, platzt es aus ihr heraus.

Ich verliere fast den Halt auf den Beinen, als sie mich in den Arm nimmt. Meine Schwester zu halten, ist, als würde mein Rückgrat alle Wirbel wieder dort hinschieben, wo sie hingehören. Ich vernehme ihr Schluchzen, ihr Herz rast ebenso wie meines. Nie habe ich mehr Liebe und mehr Vollkommenheit zur selben Zeit empfunden. Ich habe meine Blutsverwandte wieder. Ein großes Herz, das in zwei Körper schlägt. Große Krokodilstränen fließen über meine Wangen. Ich bin zu Hause. Diese Gerüche, die Gespräche, füreinander da sein. Die Erinnerungen.

Dieser Moment soll ewig dauern. So sehr man sich dies wünscht, ist er einen Augenblick später verstrichen. So ist das nun mal. Das, was er einem gegeben hat, bleibt für immer. Dies sage ich nicht, weil ich die Weisheit besitze, dass ein Moment nicht ewig währt, nein, dies ist die Erkenntnis aus zahlreichen Augenblicken, die vorbeistrichen. Es brach mir jedes Mal aufs Neue das Herz, diese erloschen zu sehen, und doch vergaß ich keinen davon – und dies ist die wichtigste Lektion. Wie lange ein Augenblick schon entfernt liegt, spielt keine Rolle, sondern nur, welche Bedeutung er für uns hat. So und nicht anders behält man Momente für sich, die von Belang sind.

Der Druck ihrer Arme fällt, langsam lösen wir uns voneinander. Sehen uns in die Augen. „Lass dich ansehen, wie groß du geworden bist“, betrachtet sie mich stolz von oben bis unten.

„Ich war nur ein Jahr weg, Christin“, antworte ich schniefend.

„Viel zu lange“, grinst sie. Während sie mir den Koffer und den Brief abnimmt, bestehe ich darauf, den Strauß Dahlien selbst zu tragen. Wir laufen zum Wagen. Mein Blick schweift noch einmal über den riesigen Parkplatz. Die Person, von der ich dachte, dass sie aussieht wie jemand Bestimmtes, ist weg.

Während Christin mein Gepäck im riesigen Kofferraum des Rovers verstaut, setze ich mich auf dem Beifahrersitz und betrachte den Briefumschlag. Professor Franklins Worte wollen mir ebenso nicht aus dem Kopf gehen wie das eben erblickte Fantasiegebilde. Als meine Schwester sich in das Auto setzt, ist die erste Frage, die ich stelle, wo die anderen sind. Christin schmunzelt nur und fährt los.

„Alles klar, wie fett wird die Überraschungsparty denn?“, lache ich ihr provokant entgegen. Sie schweigt und schüttelt grinsend den Kopf. Wohl in der Hoffnung, dass ich keine weiteren Fragen mehr stelle.

Meine Vergleichsmöglichkeiten mit diversen Partys sind verschwindend gering und mit gering meine ich nicht existent. Von diesem Standpunkt aus betrachtet muss ich mich heute tatsächlich überraschen lassen. Wieder und wieder schlage ich taktvoll den Brief gegen das Handschuhfach.

„Du siehst aus, als würdest du auf Glassplittern sitzen.“

„Ja, so in etwa.“

„Falls es die Party ist, die dich so beschäftigt, kann ich dich beruhigen“, grinst sie verlegen.

Wenn es nur das wäre. Ich schüttle den Kopf. Die Bäume und Häuser rasen an meinen Augen vorbei. Die Gedanken spielen den ganzen Weg über verrückt. Besser ist es, wenn ich Christin nichts davon erzähle. Sie würde sich nur unnötig Sorgen machen oder vermutlich sowieso an der Glaubwürdigkeit des Ganzen zweifeln. Mich selbst verwundert es allerdings, dass sie keine Kenntnis von ihm genommen hat.

„Wie war die Fahrt zur Klinik? Habe ich dich gar nicht gefragt.“

„Ganz gut, weniger los auf den Straßen als gedacht.“

„Hat also alles reibungslos funktioniert, schön.“

„Ja, das ist schön“, gibt sie wieder.

„Bist du jemandem begegnet, den wir kennen?“

„Begegnet?“

„Ja, weil es so ruhig und leer war, als ich rausgelaufen bin.“

„Ach so, nein nur hier und da sind ein paar Menschen vorbeigekommen. Wieso bohrst du so?“, will sie wissen.

„Nur so, war lange nicht unterwegs“, schließe ich die Unterhaltung ab.

Nach vier Stunden biegt der Range Rover in eine kleine Seitenstraße ab. Reihenhäuser so weit die Sehkraft reicht. Perfekt für Personen, die für eine Weile untertauchen müssen und eine schöne Bleibe suchen. Dina, die es kaum erwarten kann, die Türe zu öffnen, springt fast wie Bugs Bunny durch sie hindurch. Auffällig von der ersten Sekunde, in der ich sie sehe, ist, dass sie nach all der Zeit die eine Person ist, so scheint es, die sich nie verloren hat. Negatives prallt bei ihr ab wie der Ball bei einem Tennisschläger. Der Anker unter all den Menschen, die Gewicht in meinem Leben haben. Ich bin mir sicher, auch diese Menschen kommen irgendwann am Scheideweg an und überlegen: „Wohin nun?“ Man merkt es bei ihnen nicht, denn sie grübeln allein, weinen allein, sind stark allein. Auf diese Menschen sollte man besonders achtgeben. Denn auch dem besten Tennisschläger reißt mal eine Saite. Sie sieht großartig aus mit ihren hellblonden Locken, die ganz lässig auf den zarten Schultern Platz nehmen. In vier Jahren waren sie erstaunlich wenig gewachsen. Aber einem Engel, wie sie einer ist, steht jede Frisur.

„Du hast keine Ahnung, wie sehr ich dich vermisst habe!“ Mit diesen Worten klammert sie sich an mich. Ich schließe meine Augen und genieße ihr Dasein.

„Wir wollen auch noch was von ihr“, lacht Joe und greift sich meinen Arm. Er hebt mich hoch in die Luft und drückt mich, wie es ein großer Bruder tun würde. Seine neue Freundin scheint ihm gutzutun. Christin hat mir auf der Fahrt bereits von ihr berichtet. Er strahlt und – das nicht nur wegen seines Vollbartes – eine gewisse Attraktivität aus. Der Charme eines Chris Hemsworth. Erneut umarmt Joe mich herzlich. „Schön, dass du wieder da bist.“

„Ich bin auch froh.“

Seine grün-braunen Augen glänzen und doch sieht man, dass es noch wehtut in seinem Herzen. Auch ihn scheint das Ganze noch nicht losgelassen zu haben. Noch viel deutlicher wird das, als Glen um die Ecke watschelt. Sofort verändert sich die Stimmung. Eine schwarze Wollmütze bedeckt einen großen Teil der Brandnarben. Im Nacken und an den Händen sind sie sehr klar zu sehen. Leicht rosa an manchen Stellen, an anderen schon etwas bräunlicher. Wir alle sind gebrandmarkt, physisch wie psychisch. Allerdings erzählen keine Narben so viele Geschichten wie seine. Auch wenn es hart ist, zu sehen, wie stark er davon beeinflusst ist, bin ich unsagbar froh, dass Glen heute lächelt. „Hey, Katie“, grinst er mir verschmitzt entgegen. Als er damals nach drei Wochen im Koma aufwachte, konnte er sich an vieles nicht mehr erinnern. Jämmerlich sank ich damals in der Toilette des Krankenhauses zu Boden, als ich das bemerkte. Begriff, dass dieser leuchtende Kern ihm künftig fehlen könnte. Ein leuchtender Kern so strahlend wie der Diamond eines Ringes. Die kleinen Dinge, die Glen bis dahin ausgemacht hatten. Die Angst war gewaltig. Es war nicht greifbar, Erinnerungen mit jemandem zu teilen, der sie nicht besaß.

Gerne blicke ich heute auf den Saint Mary’s Park zurück, er schenkte mir lange Hoffnung auf Glens Genesung. Ich will solche Momente nicht vergessen. In all der Tragik des Ganzen wurde mir nach einer Weile klar, dass all das nicht gestorben ist. Es lebt so lange weiter, wie ich es tue. Eventuell sogar darüber hinaus.

Glen umarmt mich behutsam, fast so, als wäre ich aus Porzellan. „Du siehst gut aus“, fügt er hinzu.

Ich lächle. „Du auch.“

Schüchtern blickt er zur Seite. Meine Augen wandern nach oben, als ich bemerke, dass am Haus ein riesiges Willkommensplakat hängt. „Wow“, starre ich beeindruckt darauf. „Ihr seid in Hochform“, freue ich mich. „Ich bin froh, hier bei euch zu sein“, halte ich mein großes Mundwerk zurück, das mich so oft vor meiner sensiblen Seite schützt.

„Wir sind froh, dich wieder bei uns zu haben“, sagt Christin stolz. „Lasst uns in die Küche gehen, dann können wir ein bisschen quatschen, während wir kochen.“

„Ich bezweifle, dass deine Künste besser sind als vor einem Jahr“, provoziere ich.

„Ich hatte Zeit, zu üben.“

„Ganze fünf Mal hätte ich fast die Feuerwehr gerufen“, hebt Dina ihren Daumen nach oben.

Wir lachen.

Alle wiederzusehen, ist ein Gefühl, als wäre mein vergangenes Ich in den Augen der anderen noch da. Du erkennst es deutlich, fühlst es sogar, wie es einmal war. Das Emokind in Schuluniform. Jeder hat diese Erinnerung an mein früheres Selbst. In diesem Moment wird mir bewusst, dass ich nicht mehr die Person sein möchte, die vor einem Jahr ihren Weg vom Grab ihrer Eltern in die Klinik machte. Ein junges kaputtes Mädchen, das nur verstehen wollte, was passiert war. Ich bin immer noch die Person, die verstehen will. Kaputt, doch längst nicht mehr schwach.

„Du hast dich vorher sehr gefreut, Glen zu sehen, habe ich recht? Man hat es in deinen Augen gesehen“, scherzt Dina, als wir einen ruhigen Moment im Badezimmer haben und die anderen in der Küche helfen. Typisch für das östrogenbelastete Geschlecht geht man für Gespräche dieser Kategorie auf das nicht so stille Örtchen.

Den ganzen Tag bis spät in den Abend hinein sitzen wir dann zusammen und erzählen von den Erlebnissen, die über das ganze Jahr passiert sind. Wir lachen und an der einen oder anderen Stelle fließen Tränen. Irgendwann wird es dunkel. Die Nacht begrüßt uns mild und sternenklar. Wir haben uns auf die Terrasse unseres Hauses gesetzt. Die Grillen zirpen nur so um die Wette. Bei jedem Windschlag fallen auch immer wieder Blätter zu Boden. Wir betrachten die Sterne und stoßen gemeinsam mit einer kühlen Flasche Corona an. So vergeht die Zeit. Die Uhr im Wohnzimmer schlägt Mitternacht. Einer nach dem anderen verabschiedet sich.

Der Erste ist Joe. „Ich muss los, meine Freundin wartet“, erzählt er strahlend und zwinkert dabei.

Nur ein paar Minuten später, ist die Nächste, die geht, Dina. Die sich genervt von ihrem Platz auf der Hollywoodschaukel erhebt, da ihre Mom bereits zum dritten Mal ihr Handy terrorisiert. „Die Frau hat auch keine anderen Hobbys, als mich zu nerven“, verabschiedet sie sich. Ich lache, eine mir fremde Zufriedenheit macht sich in mir breit. Vielleicht ist es aber auch nur das Bier.

Christin, Glen und ich bleiben noch eine Weile sitzen und genießen die Ruhe. „Das Beste geht bekanntlich zum Schluss“, scherzt Glen, der nach einer Stunde seine Sachen zusammenpackt und zum Ausgang humpelt. Höflich begleite ich ihn zur Tür. „Es ist schön, dich zu sehen, Katie.“ Er umarmt mich herzlich.

Ich schließe dabei meine Augen. Es ist wunderschön, durch meinen ganzen Körper fließt seine Energie hindurch. Langsam lässt mich Glen los. Unheimlich, wie das Gefühl nachlässt, als wir uns trennen. Er geht hinaus. Kurz bevor ich die Tür schließe, aber ein großer Spalt offen ist, sage ich: „Es ist auch schön, dich zu sehen.“

Glen blickt zurück. Die Atmosphäre zwischen ihm und mir ist, als würden wir uns nicht mit den Augen sehen. „Hättest du Lust, morgen früh eine Runde spazieren zu gehen?“, platzt es etwas holprig aus ihm heraus.

„Ehm, klar, wieso nicht“, antworte ich.

Glen nickt und geht weiter. „So um 9 Uhr?“, ruft er noch.

„Ja!“ Lächelnd drehe ich mich um und schließe die Tür. Seltsam, wie mein Herz sich auf einmal überschlägt. Ich trage Liebe für Joe ebenso wie für Christin und Dina im Herzen, doch meine Gefühle für Glen sind anders. Nicht stärker, aber anders. Nachdenklich laufe ich in die Küche zu Christin. Dort setze ich mich auf die Arbeitsfläche neben der Spülmaschine. Sie hat schon angefangen, das Geschirr einzuräumen.

„Was ist los?“, blickt sie mir besorgt in die Augen.

„Nichts, alles gut.“

„Bist du dir sicher?“

„Glen hat mich gefragt, ob wir morgen früh spazieren gehen wollen.“

„Das ist doch schön“, grinst sie.

„An sich ist es schön, da gebe ich dir recht.“ Ich zögere kurz, „Ich habe keine Gefühle für Glen, wie für jemanden, den man liebt oder so etwas. Aber es ist anders mit ihm“, fallen die Worte wie Steine aus meinem Mund heraus.

„Du meinst, so wie für Drake“, sagt sie ganz unbedacht.

Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Tut, tut mir leid. Ich wollte ... ich meine …“

„Schon okay“, ist meine kurze emotionslose Reaktion darauf.

Seit einer halben Ewigkeit ist dieser Name in unserem Zuhause nicht gefallen. Ihn zu vernehmen, lässt die Sonne verschwinden. Unsicherheit überschattet die Situation. „Ich geh nach draußen. Ein bisschen an die frische Luft“, sage ich und springe von der Arbeitsfläche. Christin nickt, sichtlich wünschend, sie könnte ihre Worte zurücksaugen. Am Eingang ziehe ich meine Schuhe an. Statt sie zu binden, stopfe ich die Schnürsenkel seitlich hinein. Mit der Vorkenntnis, sie werden wenige Meter nach Verlassen des Hauses, herausrutschen.

Es ist eine schöne Nacht. Eine dieser stillen Nächte, die ein gewisse Magie versprühen. In den meisten Häusern brennt noch Licht, in einem davon ist deutlich ein Streit zwischen einem Pärchen zu vernehmen. Zum Einzug hätte man ihnen Vorhänge schenken sollen. Etwas peinlich berührt laufe ich daran vorbei. Keine zehn Minuten entfernt davon, als ich gerade einen kleinen Stein vor mir her kicke, höre ich ein Rascheln hinter einem Gebüsch. Ich bleibe aufmerksam stehen. Da ist das Rascheln schon wieder. Direkt vor meinen Augen bewegt sich erneut etwas. Es ist so still in diesem Viertel, dass Geräusche wie diese sofort in den Mittelpunkt rücken. Mein Blick schweift nach rechts, dann nach links. Ich bin allein. Ich nähere mich den zitternden Blättern. Ein kleiner Adrenalinschub überwältigt mich.

Wieso ist man nur so neugierig? Der größte Widerspruch in solchen Situationen ist, dass der Mensch Angst hat vor dem Unbekannten, aber dennoch möglichst viel wissen will. Die Neugier überwiegt die Angst so gut wie immer. Neugier ist etwas Tückisches, ein Spiel mit dem Feuer. In Horrorfilmen werden meist zuerst die Wissbegierigsten umgebracht. Das scheint mir kein Zufall zu sein. So beuge ich mich dem Blätterstrauch in der ganzen Faszination entgegen, um einen Blick zu erhaschen. Meine Hand möchte die Sicht frei machen. Ich erschrecke, als das Rascheln lauter wird. Meine Beine machen einen Schritt zurück und ich stolpere über den von mir losgetretenem Stein. Perfekt lag er in der richtigen Position dafür.

„Super gemacht“, denke ich mir.

Fallschutz ist selbstverständlich nicht gegeben. Ich reibe mir das Steißbein. Dieses Opfer war zu groß, alles, was aus dem Naturgewölb krabbelt, ist eine Norwegische Waldkatze, die wohl gerade eine Maus gefangen hat. Stolz will sie das tote Tier nach Hause tragen. „Dieses elegante Erscheinungsbild passt nur zu einer Dame“, denke ich mir. Mit ihren tiefgrünen Augen sieht sie mich an, als würde sie sagen wollen, wie blöd ich eigentlich bin, ihretwegen über einen Stein zu fallen. Der Kuscheltiger schleicht in Katzenmanier weiter. Ich grinse. Der Drang nach dem Unbekannten hatte mir Steine in den Weg gelegt.

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Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
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161 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783861969952
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