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Das Tagebuch der Jenna Blue
Julia Adrian

Copyright © 2021 by


Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Stephan Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Stephan Bellem

Charakterillustrationen, Schmetterling, Pusteblume und Briefe: Julia Adrian

Pflanzenillustrationen: Katharina V. Haderer

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-306-5

Alle Rechte vorbehalten

Für meine Herzdrachen

Kintsugi*

Dank euch weiß ich:

Jeder Bruch ist eine Chance auf einen Neubeginn.

Dieses Tagebuch gehört:

Scarlett

Jenna

Vergissmeinnicht

Jenna,

Bevor du dieses Buch beiseitelegst, ohne es eines Blickes zu würdigen – denn ich weiß, das ist dein erster Impuls –, gib mir die Chance, dir zu erklären, inwiefern es dir helfen kann. Ich selbst habe nie Tagebuch geführt; ich lese, und das mit großer Freude, doch meine Gedanken in Worte zu fassen erschien mir stets zu heikel, obendrein fehlt es mir an Talent. Dir jedoch, da bin ich sicher, wird es leichtfallen. Du bist wie deine Mama. Auch sie schwieg bis zu ihrem Verschwinden; allein Briefen vertraute sie sich an. Briefe, die keiner von uns je zu Gesicht bekam. Ich weiß nicht, wem oder worüber sie schrieb. Sie verbrannte einen jeden, nachdem sie ihn sorgsam versiegelt hatte. Sie sagte, der Wind würde die Worte zur rechten Person tragen.

Du bist wie sie.

Du leidest still.

Du trägst deinen Kummer und deine Worte unausgesprochen mit dir. Du musst sie nicht mit der Welt teilen, doch sie niederzuschreiben kann ihre Last verringern. Versuche es. Lass deine Hände für dich sprechen und deine Gedanken in dieses Buch fließen. Es wird sie für dich verwahren, egal wie düster sie auch sein mögen. Vielleicht werden dadurch die Nächte – und ihr Verlust – ein bisschen erträglicher.

In Liebe, deine Schwester Anna


Ich hasse dich!

Ist es das, was du hören willst? Soll ich darüber schreiben, wie sehr ich euch verachte? Euch beneide? Euch anschreien möchte und es doch nicht tue? Du sagst, in mir seien Worte – du hast ja keine Ahnung!

In mir ist vor allem Leere.

Ich bin leer, Anna.

Ich bin so leer, dass es wehtut.


Der Ball hat sein Ziel getroffen. Das Blut rinnt mir aus der Nase in den Mund, ich spucke es aus.

Kopf in den Nacken? Oder nach vorn?

Ich weiß nicht mehr, was richtig ist, stehe bloß da, während das Blut in Spiralen gen Abfluss rinnt. Blut, das genauso gut ihres sein könnte. Es gibt niemanden auf der Welt, der mir so sehr gleicht, wie sie es tut. Von der DNS bis zum Spiegelbild. Ist Blut dicker als Wasser?

»Brauchst du Hilfe?« Maria zwängt sich durch den Türspalt der Mädchentoilette, ein Koloss in zu engen Leggins und zertanzten Schuhen. Wäre das hier ein Märchen, käme ihr die Rolle des Rotkäppchens zu, das dem Wolf freimütig in die dunkelsten Gefilde folgt – selbst ins Schulklo.

»Ist Blut dicker als Wasser?«, frage ich sie.

»Ich versteh kein Wort. Ist die Nase gebrochen?«

Hoffentlich nicht.

»Kopf nach vorn«, sagt sie und reißt einen Batzen Papiertücher aus dem Spender. »Dein Glück, dass die Schule zu geizig für eine Handtuchrolle ist.« Sie dreht den Hahn auf, tränkt das Papier und klatscht den nassen Klumpen in meinen Nacken. »Das sollte helfen.«

Es geht nicht um mich.

Wenn sie so lächelt, könnte ich das fast vergessen. Sie sieht bloß Scarletts ältere Schwester in mir. Selbst ich tue das. Alle tun das. Obwohl der Spiegel gesprungen ist – oder gerade deswegen? –, blickt sie mir überdeutlich entgegen. Das spitze Kinn, die scharf geschnittenen Lippen, zuletzt die Verachtung im Blick. Als hätte Mutter unsere Züge mit dem Meißel geschlagen. Scarlett und ich sind Schwestern, wir entspringen demselben Schoß, doch das heißt nicht, dass wir einander lieben.

Maria kippt das Fenster. Flirrendes Licht fällt hinein, schillert auf den Pfützen und benetzt die stahlgrauen Fliesen, auf denen Generationen von Schülern Hass- und Liebesbotschaften notierten. Scarlett, Scarlett, Scarlett. Sie inspiziert die leeren Kabinen, die Nase gerümpft in Erwartung von Ungeziefer, Ratten oder Monstern. Stattdessen bin da nur ich, das triefende Gesicht übers Waschbecken gebeugt, die Haare klitschnass. Der Hahn tropft. Warum ich sie noch an meiner Seite dulde, weiß ich selbst nicht genau. Sie erwartet keine Zuneigung, keine Antworten. Nur Infos über Scarlett.

»Fertig?«, fragt sie.

Ein letzter Blick gen Spiegel – es ist, als würde Scarlett zwinkern. Doch das bin nur ich, totenbleich und ohnmächtig vor Zorn.

Es heißt, ältere Geschwister würden Schatten werfen, denen die jüngeren nicht entkommen können. Bei uns ist es andersherum. Es ist Scarletts Existenz, die der meinen ihre Farben raubt. Es ist ihr Licht, das alles andere überstrahlt. Seit es sie gibt, verblasse ich neben ihr – wie die Schlieren im Becken.

Ist Blut dicker als Wasser? Ich sage Nein.


Ich habe gefragt, worüber ich schreiben soll, und du hast gesagt, es sei vollkommen egal; ich könne alles schreiben, eine Geschichte, ein Märchen. Irgendetwas.

Aber wo fange ich an?

Bei uns? Bei Mutter?

Oder damit, dass sie ging?

Ich könnte erzählen, dass ich an guten Tagen in die Stadt fahre, das Rad am Bahnhof abstelle und ziellos durch die Straßen streife, in der stillen Hoffnung, auf sie zu treffen. In einem der Läden. Beim Bäcker, im Café oder dem Buchladen. Manchmal stehe ich minutenlang vor einem Schaufenster und warte, dass sich eine bestimmte Person umdreht, wünschend und fürchtend zugleich, dass sie es ist. Ich wüsste nicht, was ich täte, stünde sie plötzlich vor mir. Was sagt man zu jemandem, der einen verlassen hat? Sagt man Hallo? Oder schlägt man zu?


»Was schreibst du?«

Maria linst über meine Schulter. Das Buch schnappt vor ihrer Nase zu. Beleidigt richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf Scarlett. Die sitzt in der ersten Reihe; ihr Stuhl kippt, als sie sich zu ihrem Freund neigt. Wagt sie sich bewusst weit hinüber? Genießt sie den Kitzel des möglichen Sturzes? Spürt sie, dass nicht nur Marias Blick, sondern der aller auf ihrem Rücken ruht und von dort zu den Beinen des Stuhls und ihren wandert? Ich behaupte, dass es so ist. Dass jede ihrer Bewegungen auf eine Wirkung abzielt. Dieses Klassenzimmer ist ihre Bühne und wir sind ihr Publikum.

Zu gern würde ich aufstehen, nach vorn gehen und ihr den Stuhl wegtreten. Zack, läge sie da. Auf dem Rücken. Die Augen weit, das Haar scharlachrot. Zu gern täte ich es.

Doch ich bleibe, wo ich bin.

Scarletts Stuhl kippt zurück. Sie erhebt sich. Selbst das ist inszeniert, der Hüftschwung zu ausladend, die Dehnung des Oberkörpers zu gewollt. Jeder kann ihre Brüste sehen. Rund und fest zeichnen sie sich unter dem dünnen Baumwollstoff ab. Sie trägt keinen BH, sie behauptet, er enge sie ein. Sie nennt es feministisch, dabei bin ich mir sicher, dass sie es einzig und allein deswegen tut, weil es ihr Gegenüber irritiert. Sie hat gern die Kontrolle – und jemand, der ständig auf ihren Busen schielt, ist ihr per se unterlegen.

»Aufgepasst«, ruft sie, dabei ist ihr jegliche Aufmerksamkeit gewiss. »Die Party beginnt um acht. Ihr seid alle willkommen! Bringt mit, was ihr tragen könnt.«

Natürlich meint sie Alkohol – und natürlich lädt sie weder mich noch zu uns nach Hause ein. Die Party findet wie üblich im Bootshaus statt, nur dass diesmal alle willkommen sind. Wirklich alle? Ich erwarte Protest. Von irgendjemandem. Doch was folgt, ist tosender Applaus. Maria hat es längst vom Stuhl gerissen.

»Hast du gehört, Jenna? Eine Party im Bootshaus! Wie abgefahren ist das denn?«

»Abgefahren«, echoe ich dumpf – da trifft mich Scarletts Blick. Instinktiv sehe ich über die Schulter, doch da ist niemand. Ihr Lächeln wirkt anders, als ich zurückblicke, irgendwie fragil; ein Wort, das so gar nicht zu ihr passen will.


Man könnte meinen, wir wären uns ähnlich, immerhin wurden wir beide verlassen. Doch obwohl in uns dieselbe Wunde schwärt, gehen wir unterschiedlich damit um. Wir sind Schwestern, die tief fielen, doch während eine auf Gold stieß, fand die andere nur Pech.

Scarlett ist erblüht, ich bin verstummt.


Als es klingelt, kennt Marias Euphorie keine Grenzen mehr. Sie schwebt auf Wolke sieben den Flur entlang, mit mir als drohendem Gewitter im Schlepptau.

»Ich brauche das Kleid, Jenna! Es passt perfekt zu den Chucks, für die ich so lange gespart habe.«

Seltsamerweise überlagert sich die Erinnerung an das Kleid mit der an die Reißzwecke, in die ich heute Morgen getreten bin. Es ist ein dumpfes, irgendwie drückendes Gefühl.

»Das wird die beste Party aller Zeiten!«, schwärmt Maria.

»Auf der letzten Party ist jemand ertrunken«, werfe ich ein. »Wird schwer zu toppen.«

»Fast ertrunken«, korrigiert sie fröhlich. »Die Neue wäre nicht gestürzt, hätte sie besser aufgepasst. Ich meine, wir wohnen am Meer! Da sollte man schon wissen, wo es beginnt, zumal das Bootshaus naturgemäß am Kai steht. Wenn du mich fragst, war es ihre eigene Schuld. Lässt sich herausfischen und beschwert sich dabei auch noch, jemand habe sie geschubst! Also bitte!«

»Danach«, sage ich.

Das bringt Maria aus dem Takt. »Wonach?«

»Nach der Reanimation. Sie hat sich danach beschwert.«

Nicht dass einer von uns beiden dabei gewesen wäre, als die Neue ins nachtschwarze Hafenbecken stürzte und – sollte man den Gerüchten glauben – nur knapp dem Tod entronnen ist. Nein, die Partys sind einzig einer bestimmten Klientel vorenthalten und besitzen wahren Kultstatus, wie Maria nicht müde wird zu betonen. Die Vorstellung, dass auf dieser ihr so heiligen Veranstaltung ein Mensch beinahe sein Leben verlor, ist für sie so absurd, dass sie es kurzerhand beiseitewischt. »Wie auch immer … Hast du gefragt?«

»Habe ich was?«

Beleidigt hebt sie die Brauen. »Das Kleid, Jenna!«

Ah, das. »Nein.«

»Aber du wolltest sie fragen!«

Wollte ich nicht. Aber das hat Maria schlicht überhört.

Ich zeige zu den Fahrradständern. »Da ist sie. Frag selbst.«

Tatsächlich sehe ich sie gar nicht, dafür ist zu viel los. Doch wenn sich der Fluss staut, ist Scarlett für gewöhnlich der Damm, der alles zum Erliegen bringt. Ihr Name ziert zahllose Tische, die Wände der Toiletten und ist in scharlachroten, beinahe verzweifelt um Aufmerksamkeit heischenden Lettern an die Turnhalle gesprüht.

SCARLETT. Eine Offenbarung.

»Spinnst du?« Maria lacht eine Spur zu hoch. »Sie weiß nicht einmal, dass ich existiere, geschweige denn, dass ich deine Freundin bin.«

»Tja.«

»Tja?«, wiederholt sie gekränkt.

Innerlich stöhnend unterdrücke ich den Wunsch, Maria einfach stehen zu lassen. Im Gegensatz zu meiner Schwester besitze ich bloß diese eine Freundin, auch wenn ihr Interesse einzig und allein Scarlett, Scarlett, Scarlett gilt.

»Kannst du sie nicht fragen?«, fleht Maria und das Stöhnen, das ich so wunderbar unter Kontrolle hatte, droht mich zu überwältigen. Ich bezwinge es mit einem Lächeln; es fühlt sich an, als würde ich die Zähne fletschen, und offensichtlich sieht es auch so aus, denn Maria rudert zurück. »Du könntest mich auch mit zu dir nehmen –«

»Nein«, sage ich.

»Wieso nicht?«, jammert sie.

Diesmal lasse ich sie stehen. Sie ruft mir etwas hinterher, doch ich ignoriere es. Sie kennt die Antwort. Ich nehme sie nicht mit zu mir. Selbst Scarlett bringt keine Freunde heim. Unser Hof ist tabu. Scarlett schämt sich zu sehr, mir hingegen ist er heilig.

»Hallo, Schwesterherz.«

Wenn man vom Teufel spricht.

Scarlett lächelt.

Ist das wirklich sie? Oder mein Spiegelbild?

Wir sprechen für gewöhnlich nicht miteinander. Weder in der Schule noch auf dem Weg dorthin, und erst recht nicht vor ihren Freunden, von denen einer ihr Rad hält.

»Hast du es eilig?«, fragt sie und legt doch tatsächlich eine Hand auf meinen Lenker. »Das trifft sich gut, ich will auch los.« Als wäre es das Normalste der Welt, sich mit mir zu unterhalten oder gar gemeinsam heimzuradeln. Dabei kommt das der Entdeckung einer außerirdischen Spezies gleich. Es ist absolut unglaublich. Oder eher: unwahrscheinlich.

Ich wittere einen Hinterhalt.

»Was willst du?«, fahre ich sie an, kaum dass wir außer Hörweite sind. »Und hör auf, so dämlich zu grinsen.«

»Deine Laune stinkt ja zum Himmel!«

»Lass das Geplänkel.«

Sie zieht die Brauen zusammen. »Ich weiß, dass unsere Beziehung recht unterkühlt ist« – die Untertreibung des Jahrhunderts – »doch ich bezweifle wirklich, dass ich so tiefe Abneigung verdient habe.«

Hass trifft es eher, denke ich; oder sage ich es laut?

»Komm zum Punkt«, verlange ich.

»Wie du willst.« Die Weichheit fällt von ihr wie das Laub von den Bäumen. Das ist Scarlett, die echte Scarlett. Kühl und überlegen. »Ich möchte, dass du zur Party gehst.«

Ich blinzele irritiert. »Heute Abend?«

Sie wirft mir einen Seitenblick zu. »Bist du zu anderen eingeladen, von denen ich nichts weiß?«

»Ach was, die Einladung galt auch mir?«

Scarletts Lächeln bekommt etwas Wölfisches. »Natürlich.«

Ich frage mich, wann ich den Pelz verlor und das Cape überstreifte. Jetzt trägt Scarlett die Wolfshaut und ich bin ihr unterlegen – wie Maria vorhin mir. Meine Hände sind schweißkalt, der Lenker droht mir zu entgleiten.

»Also, begleitest du mich?«

»Begleiten?«, echoe ich ungläubig.

»Nun, wir haben den gleichen Weg.«

Sie lässt den Satz verklingen. Vielleicht ist ihr selbst aufgegangen, dass wir tagtäglich den gleichen Weg nutzen, doch niemals zusammen radeln. Alles an ihrer Bitte ist falsch. Ich soll sie begleiten? Dass ich nicht lache!

»Wie geht es deiner Nase?«, fragt Scarlett da und betrachtet mich von der Seite. Ich zwinge den Blick nach vorn. Keine Schwäche zeigen, nicht einen Zentimeter breit. »Das war wirklich ein unglückseliger Wurf. Mitten ins Gesicht. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viel Blut gesehen habe.«

Ich hasse sie.

Ich hasse sie.

Ich hasse …

»Derek hätte besser aufpassen müssen. Keine Sorge, das wird ihm so schnell nicht wieder passieren.«

»Ach nein?«, zwinge ich hervor.

»Nein.« Sie klingt fast bedauernd. »Wir sind Schwestern und ich sorge für dich. Auf meine Weise.«

Ich schnaube. Sie seufzt.

»Weißt du, Jenna, wir müssen nicht so sein. Zueinander, meine ich. Wir könnten –«

»Was? So tun, als wäre nichts geschehen?«

»Warum nicht?« Diesmal sehe ich sie an. Ihr Blick wirkt erneut fragil. Ist es nun das Laub oder der Wolfspelz, den sie trägt? Ich traue ihr nicht. Geschweige denn mir selbst.

»Komm zur Party. Begleite mich. Wie früher.«

Früher. Bevor unsere Familie entzweibrach. In ein Davor und ein Danach. Als Mutter noch da war und dann nicht mehr.

Mit ihr verloren wir uns selbst.

»Es gibt kein Zurück.« Ich bleibe stur.

»Nein«, sagt sie und lächelt sanft. »Aber ein Weiter.«


Wenn ich über uns nachdenke, frage ich mich oft, ob wir selbst es sind oder das Dorf, das an ein Märchen denken lässt. Wie in den alten Geschichten kennt es weder eine bestimmte Zeit noch eine bestimmte Lage. Zu klein, zu weit ab von den Wegen, zu einsam gelegen am Rande der Nordsee. Es könnte auch jedes andere Meer oder gar ein See sein, an dessen Ufern diese Geschichte ihren Anfang nahm. Bootshaus und Schule sind lediglich Nebenschauplätze, die so oder auch anders sein könnten. Einzig der Resthof, die Spukvilla und der toxische Garten dazwischen sind elementar.

Ist es nun der Ort, der über uns bestimmt?

Oder führen wir selbst Regie?

Du würdest sagen, das Übel sprießt aus dem Boden.

Ich sage, wir tragen es in uns.

Doch ich greife voraus.

Noch sind wir nicht so weit.

Noch nicht.


Die Straße wird schlechter, schweigend weichen wir den kraterartigen Schlaglöchern aus, die seit Jahren nicht ausgebessert wurden. Ich kenne ein jedes auswendig, seine Form und Tiefe und das Gefühl derer, durch die ich trotzig zu fahren pflege, in der stillen Hoffnung, es möge mich niederreißen, und triumphierend, sobald ich sie bezwungen habe. Scarlett beobachtet mich mit einer Mischung aus Mitleid und Überlegenheit. Sie meidet die Risse im Beton, während ich so viele zu passieren versuche wie möglich. Ist es Spieltrieb, der mich dazu anhält? Oder ein masochistischer, selbstzerstörerischer Drang?

»Du solltest mehr lachen«, stellt Scarlett fest. »Was nützt das tiefste Loch, solang es keine Freude bringt?«

»Was verstehst du schon davon.«

»Ich weiß beispielsweise, wieso du glaubst, mich hassen zu müssen.« Sie spricht mit einer Ruhe, für die allein ich sie vom Rad stoßen könnte. »Ich komme damit klar und du nicht. Ich verfüge über Resilienz und lebe weiter, während du dich aufgibst. Mir das zum Vorwurf zu machen halte ich für fragwürdig, wenn nicht gar für unfair. Ich vermisse sie genauso, allerdings –«

Da unterbreche ich sie: »Halt die Klappe!«

»Jenna, ich …«

»Lass es!«

»Findest du nicht, wir sollten …«

Ich trete in die Pedale, Scarlett bleibt zurück.


Ich drossele das Tempo erst, als sich das Mauermassiv am Straßenrand erhebt. Scarlett ist überzeugt, dass unser Dorf schon vor Mutters Verschwinden verflucht war. Es ist auf keiner Karte vermerkt, nicht einmal bei Google Maps, als sei es schlicht vergessen worden, gestrichen aus dem Gedächtnis der Welt. Ein Ort des Nirgendwo, dessen einzige Besonderheit das Spukhaus ist.

Vermooster Klinker, ein Tor aus rostigem Eisen und dahinter der geschwungene Kiesweg. Er ist gesäumt von dichten Spindelsträuchern und uraltem Silberregen, durch den der Wind träge streicht. Mehr ist von der Straße nicht zu erkennen. Innerhalb der Sphäre unseres Dorfes spinnen sich unzählige Legenden um das Spukhaus und seinen Besitzer.

Dass jeder, der das Grundstück betritt, dem Tode geweiht ist, hält sich hartnäckig als Gerücht. Ich kann es weder bestätigen noch Lüge strafen, obwohl ich direkt daneben wohne und manch wagemutigem Dorfkind beim Erklimmen der Mauer zusah. Die meisten scheiterten bereits beim Aufstieg, ob aus Furcht oder aufgrund der Höhe, ist ungewiss. Einige schafften es auf die Krone, doch von denen sah ich niemals einen auf der anderen Seite verschwinden. Es galt bereits als höchster Beweis des eigenen Mutes, dort oben zu sitzen und die Beine über dem Ginster baumeln zu lassen.

Scarlett behauptet, einst durch einen Spalt in den Nachbarsgarten geschlüpft zu sein, sie verbot mir jedoch, darüber zu sprechen, und ich, damals noch ihre engste Vertraute, habe bis heute geschwiegen.

Nun, Scarlett lebt noch. Bedauerlicherweise.

»Wartest du auf mich?«, fragt sie und hält neben mir an.

»Warst du im Garten der Spukvilla?«

Sie hebt eine Braue. »Das interessiert dich? Nun, ich verrate es dir, wenn du mich begleitest.«

»Mich interessiert einzig, ob du bald stirbst.«

Sie gluckst. Dabei meine ich es todernst.

»Hör zu«, Scarletts Augen blitzen vergnügt, »ich verrate dir alles, was du über den geheimen Garten wissen willst. Ich zeige dir sogar den Spalt – falls es ihn gibt –, solang du mich begleitest.«

Verschwörerisch zwinkert sie, als wäre das alles ein Heidenspaß. Gott, ich hasse sie wirklich dafür, dass es ihr leichtfällt. Dass sie lacht und tanzt und lebt, als läge unsere Welt nicht in Trümmern.

»Abgemacht?«, fragt sie und streckt mir die Hand entgegen. Ich kann aus Prinzip nicht annehmen. Scarlett bekommt immer, was sie will – nur bin das aus irgendeinem unverständlichen Grund diesmal ich.

»Warum?«, frage ich.

»Das war kein Nein«, stellt sie zufrieden fest, kreuzt die Arme über dem Lenker und stützt den Kopf darauf. So sieht sie mich an, schräg von unten, die Augen zu wach für die scheinbare Gelassenheit. »Du glaubst doch an Zeichen, nicht wahr? Betrachte es als eines. Wir sollen gemeinsam zu dieser Party gehen. Du und ich. Wie …«

Das Früher verschluckt sie gerade noch rechtzeitig, als würde sie ahnen, dass ich es kein zweites Mal ertrage, daran zu denken. An früher. An uns und wie wir einst waren.

»Nein«, sage ich schwerfällig. »Ich komme nicht mit.«

Sie zuckt mit den Achseln, schwingt das Bein übers Rad, schiebt es die letzten Meter bis zum Hof und wirft es achtlos ins Gras. Ihr Pferdeschwanz wippt, als sie die brüchigen Stufen zu unserer Haustür erklimmt und die fehlende überspringt. Die Türklinke fällt scheppernd zu Boden. Ich höre Scarlett fluchen und das Metall knirschen, als sie den Stift zurück an seinen Platz schiebt.

Es sind Momente wie diese, in denen ich ihre Scham teile. Unser Resthof gleicht einer Ruine. Die Farbe blättert von den Wänden wie die Rinde von jungen Birken, dem Dach fehlen Schindeln, eine Außenwand sackt gefährlich gen Erde. Sie wird einzig durch zwei Balken gehalten, die ich letzten Herbst anbrachte. Der Zerfall ist nicht aufzuhalten. Ich kann ihn verzögern, hier und dort eine Wunde versorgen, die über kurz oder lang aufbrechen wird. Wie die Wand.

Ob Vater aus seiner Starre erwachen und etwas tun würde, sollte sie einstürzen? Manchmal bin ich versucht, es herauszufinden, indem ich einen Balken entferne – und lasse es dann doch, zu groß ist die Angst, dass er es nicht täte.

Ich schiebe den Schmerz beiseite und die Räder in den Stall. Scarlett ist es gewohnt, dass andere ihr vorauseilen oder hinterherräumen, und da es abgesehen von mir niemanden gibt, der sich daran stört, ignoriere ich es. Wähle deine Kämpfe. Das Motto, nach dem ich lebe. Ein Streit mit Scarlett zählt zu den Dingen, die ich meide wie der Teufel das Weihwasser.


Du hast mich gefragt, ob mir das Schreiben gefällt. Ich konnte nicht zugeben, dass es so ist. Scarlett saß neben dir. Es war die Art, wie sie mein Tagebuch ansah.

Als witterte sie eine Schwäche.

Ich hasse sie dafür.

Ich hasse auch dich, weil du es nicht bemerkst.

Sie fragte, ob sie eines haben könne, und du hast versprochen, ein zweites zu kaufen. ›Fein‹, hat sie gesagt und gelacht und mich mit diesem Blick bedacht, der so vieles verspricht. So viel böses Blut zwischen uns.

Ich traue ihr nicht.

Wieso tust du es?


Papa sitzt in seinem Arbeitszimmer, neben ihm auf dem Tisch stapeln sich die Zeitungen der letzten Wochen, darauf Dutzende schwarze Ringe: Zeugen seiner Kaffeesucht. Er blättert in einem Buch und blickt erst auf, als ich meinen Rucksack in einem Anfall von Trotz in die Ecke zwischen die Zeitschriftenstapel schmetterte. Die Dielen ächzen, als sich Papa aus dem Sessel hievt, in dem er vermutlich den ganzen Morgen saß. Manchmal fürchte ich, er kommt nur uns zuliebe aus ihm heraus. Für einen kurzen Moment, einen Kuss, eine Umarmung. Weil er die Scham nicht erträgt, die in unseren Blicken wächst. Was aus ihm werden soll, wenn wir erst fort sind, wage ich mir kaum auszumalen.

Unbeholfen drückt er Scarlett einen Kuss auf den Scheitel. Sie verzieht den Mund und taucht unter seinem Arm hinweg in die Küche. Anna steht am Herd und lächelt, als Scarlett von hinten die Arme um sie schlingt.

»Was gibt es?« Sie ignoriert unseren Vater.

Er nimmt es kommentarlos hin und zwinkert mir zu, ehe er zurück in sein Zimmer schlurft und im verblichenen Blümchenpolster seines Sessels versinkt. Ich beobachte von der Tür aus, wie er den Umschlag des Buches anstarrt, das er vorgab zu lesen. Früher einmal verbrachte er jeden Nachmittag mit mir in der Werkstatt. Wir flickten Möbel, schliffen und strichen Zäune, planten ein Baumhaus. Heute liegt so dicker Staub auf der Werkbank, als wäre sie seit einem Jahrzehnt ungenutzt – was sie ist.

Zehn Jahre sind vergangen, seit Mutter uns verließ.

Zehn Jahre, die Vater zu einem Wrack haben verkommen lassen. Einem Schatten seiner selbst.

»Jenna?«, fragt er heiser und blickt zu mir auf. Der Wunsch nach Ruhe steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er hofft, dass ich gehe, dass ich nicht erneut versuche, ihn aus dem Zimmer und seiner Lethargie zu befreien. Er will nicht. Er will einfach nicht.

»Ich hab dich lieb«, sage ich deshalb.

Er lächelt und kurz glänzen seine Augen wie früher, dann greift er nach einem Buch – einem anderen als zuvor – und klappt es ziellos auf. Fahrig gleitet sein Blick über die Zeilen, von denen ich bezweifle, dass auch nur eine einzige seinen Verstand erreicht. So sitzt er da, zwischen abgegriffenen Büchern und überfüllten Regalen, die sich unter der Last eines Jahrzehnts gefährlich biegen, ein einsamer alternder Mann, der dem Leben abgeschworen hat.

Sorgsam schließe ich die Tür und lehne die Stirn ans Holz. Aus der Küche dringt Scarletts Lachen und Annas Stimme. Sie sprechen über die Party, das Essen, die Ferien. Unverfängliche Themen. Über Papa reden sie nie. Vielleicht fehlen ihnen die Worte. Vielleicht glauben sie, es sei besser, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Wer lange genug eine Lüge lebt, hält sie irgendwann für die Wahrheit.

Ich fahre mit der Hand über die Blümchentapete unseres Flurs. An den Ecken blättert sie bereits ab, offenbart den grauen Putz darunter. Mutter hat sie ausgesucht. Alles hier trägt ihre Spuren: das Muster von Papas Sessel, die bunten Gemälde, die gestrichenen Stühle des Esszimmers, der Teich in der Badewanne. Ich erinnere mich nur flüchtig und unfreiwillig an sie; hier ein Bild, dort ein Fetzen. Wie sie den ersten Fisch in die Wanne setzte, wo er noch heute zwischen Sumpfgräsern und Lotusblumen golden hervorschimmert. Scarlett auf der Schaukel im Wohnzimmer, Mutter hinter ihr in einem bunten Kleid. Anna im Garten, auf der Wange einen leuchtenden Handabdruck und zu ihren Füßen ein zertretener Wildkräuterstrauß. Ich erinnere mich an Mutters Schreie, nicht jedoch an den Grund des Streits.

Nie wieder! Tu das nie wieder!

Ich umfasse das gedrechselte Treppengeländer. Meine Finger finden eine jede Kerbe blind. Dieses Haus liegt mir im Blut, mit all seinen schimmeligen Ecken und knarrenden Dielen. Es konserviert unsere Erinnerungen wie in Formaldehyd. Das Leben, das wir einst hatten, spiegelt sich in jedem Zentimeter. Die Striche an der Wand im oberen Stockwerk, mit denen wir unsere Größe festhielten.

Anna. Jenna. Scarlett.

Daneben der Elefant, den ich unbeholfen an die Wand malte, als niemand hinsah. Er erinnert mehr an einen Hasen mit zu langer Nase. Ich zeichne die blassen Linien nach, frage mich, ob sie verschwänden, sollte ich sie oft genug nachfahren, und fürchte zugleich, dass es geschieht.

Der Gedanke ist unerträglich.

Genauso der an die Zukunft. Ich bilde mir ein, die Jahre verfliegen zu sehen; mich selbst mit Koffern nach unserem Abschluss, kurz darauf Papa in einem Sarg; ihm folgt Anna, treu bis zum Schluss. Das Haus steht eine Weile leer, der Winter kommt, der Winter geht, ehe Maler all unsere Spuren von den Wänden tilgen, den Elefanten unter weißer Farbe begraben und mit ihm unsere Kindheit.

»Jenna?« Anna steht am Fuß der Treppe. »Kommst du essen?«

»Gleich.« Verstohlen wische ich die Tränen fort. Sie soll nicht sehen, dass ich weine. Sie würde es falsch verstehen, sich womöglich die Schuld geben. Und das will ich nicht.

Wenn es etwas Beständiges in unserem Leben gibt, dann Anna. Die gute Seele des Hauses, die Mutters Aufgaben übernahm, als sie verschwand, und Papas mit dazu, als er sich und uns aufgab. Sie ist meine Halbschwester, ihre Mutter starb, bevor meine in ihr Leben trat. Wir sprechen selten darüber, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen, zu sehr unterscheiden sie sich voneinander. Nicht zu Unrecht handeln Märchen von bösen Stiefmüttern.

»Alles in Ordnung?« Erneut Anna, diesmal näher. Sie ist die Treppe hinaufgekommen. Ihre Hand legt sie auf meine Schulter. »Scarlett sagt, du begleitest sie zur Party?«

»Blödsinn.« Meine Stimme klingt schrecklich erstickt.

Anna bemerkt es nicht. »Du solltest mitgehen. Freunde treffen, ein bisschen feiern, Spaß haben.« Uns trennen nur acht Jahre, doch manchmal kommt es mir wie eine ganze Generation vor. Sie streicht mir die Haare aus der Stirn; hat sie die Tränen doch gesehen? »Sie reicht dir eine Hand, Jenna.«

»Es ist bloß eine Party«, protestiere ich.

»Richtig, bloß ein Abend. Was macht das schon?«

Ja, was macht das eigentlich? Ein Abend. Eine Party.

»Vielleicht«, gebe ich nach. Ich tue es allein für Anna.


Veilchenblau

Ich weiß nicht, wann ich Scarlett das erste Mal des Nachts die Stufen hinunter folgte; die Wände sind hellhörig, mein Schlaf ist leicht und im Gegensatz zu mir hat sie nie gelernt, sich lautlos zu bewegen, eins zu werden mit dem Haus und seinen Schatten. Ich hörte sie in der Küche hantieren und später im Wohnzimmer. Die Dielen verrieten ihren Weg; und wie ich so dastand und mit der Dunkelheit verschmolz – beim ersten und bei allen folgenden Malen –, vernahm ich nichts als das Wispern des Windes, der zärtlich ums Gemäuer strich und sich mit Scarletts Atem vereinte. Ihr Seufzen lockte mich wie das Licht die Motte. Das Wohnzimmer, bestehend aus zwei Teilen, betrat ich durch den hinteren Zugang im Flur. Scarlett befand sich im angrenzenden Teil nahe der Küche; ich konnte sie hören – und schließlich auch sehen. Sie saß auf dem Sofa, die Beine angewinkelt, das Nachthemd gelöst. Erst starrte ich nur auf die Rundung ihrer milchweißen Brüste, die im Gegensatz zu meinen so prall waren, dass ich mich unwillkürlich fragte, weshalb wir uns ausgerechnet in diesem Detail unterschieden. Dass sie sich vor das Fenster mitten in das Viereck aus Mondlicht setzte, vermag ich mir nur so zu erklären, als dass auch sie sich gern zusieht und um ihre Schönheit weiß.

Sie zu beobachten, wie sie sich selbst berührt, sie für ihre Unbeschwertheit zu hassen und zugleich um ihre scheinbar grenzenlose Freiheit zu beneiden, lässt mich ihr so nah sein wie nur irgend möglich. Wir teilen ein Geheimnis. Das verleiht mir gewisse Macht über sie. Es macht den Alltag in ihrem Schatten erträglicher. Ich weiß, was sie zur dunkelsten Stunde tut. Ich weiß, wer sie dann ist.


»Ich wusste, dass es dir steht!«

Scarletts Mund lächelt, doch ihre Augen sind so ausdruckslos wie mein Gesicht. Nebeneinander stehen wir vor dem Spiegel, der jede Ballerina vor Neid erblassen ließe. Wie Scarlett es aushält, sich durchgehend selbst zu betrachten – am Schreibtisch, beim Umziehen, im Bett –, ist mir schleierhaft. Ich würde mich beobachtet fühlen.

Vielleicht ist es gerade das, was ihr gefällt.

Vielleicht kann sie nicht mehr ohne.

»Was sagst du dazu?« Sie zupft den Träger auf meiner Schulter mit spitzen Fingern zurecht. Ich weiß nicht, wann wir uns das letzte Mal so nah waren. Ich erinnere mich nicht einmal daran, wie sie sich anfühlt. Der Gedanke, ihre Hand zu halten, sie gar in den Arm zu nehmen, ist so surreal, dass ich unweigerlich einen Schritt zur Seite trete. Scarlett quittiert es mit einer gehobenen Braue.

»Gefällt es dir nicht?«

Nein. »Doch.« Ich betrachte mich im Spiegel.

Ich trage niemals Rot. Es ist Scarletts Farbe. Ihre Schuhe, ihr Haarreifen, ihr Mantel. Ihre Farbe. Selbst in der Schule wagt niemand darauf zurückzugreifen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Rot liegt ihr im Blut. Oder besser noch: im Namen. Mich in diesem Kleid zu sehen, fühlt sich an, als würde ich ihre Haut tragen.

»Vertrau mir«, sagt sie und streift sich das Top über den Kopf. »Es ist perfekt.«

»Was ziehst du an?«

»Ich gehe nackt«, scherzt sie und stellt sich neben mich, als sei es ihr tatsächlich ernst. Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken, wird durch den Kontrast der Farben verstärkt: sie lilienbleich, ich blutrot. Als wären wir durch den Spiegel in ein verdrehtes Wunderland gefallen, fragt sich nur, wer den Kopf verliert.

Ich? Oder sie?

Zu meinem Entsetzen greift sie auch noch zu dem alten Stoffhasen, den sie von Geburt an besitzt. Das Fell, ehemals flauschig weiß, ähnelt mehr dem eines Kadavers, dem Gesicht fehlt ein Auge und Wolle quillt wie Gedärm aus einem Riss, den sie stets verbot zu flicken.

»Wie spät ist es?«, frage ich.

»Zu früh«, sagt sie und winkt ihrem Spiegelbild mit der Hasenpfote zu. Wahrscheinlich existiert in jedem Haushalt ein solches Kuscheltier, dessen Ablaufdatum längst überschritten ist, das dennoch nicht entsorgt werden kann; zu viele Erinnerungen sind daran geknüpft, zu viele Tränen hat es aufgesogen, zu viele Nachtmahre in die Flucht geschlagen – falls Scarlett je Albträume hatte.

Was ich bezweifle. Nicht Scarlett.

Ich selbst besitze kein solches Tier. Kein Kissen. Keine Decke. Nichts. Anna sagt, ich hätte nie etwas gebraucht, ich hätte gar alles, was sie mir als Kind ins Bett legten, wieder hinausgeworfen. Vielleicht hat sich bereits darin mein Hang zur Einsamkeit angedeutet, so wie in Scarletts Hasen die Eigenheit, ihren Freunden alles abzuverlangen. Zerliebt nennt sie den Zustand, in dem er ist.

Zerstörerische, vernichtende Liebe.

Entspannt greift sie nach einem ultrakurzen Paillettenkleid, das ich noch nie an ihr gesehen habe – und auch nicht in ihrem Schrank, dabei kenne ich jedes Kleidungsstück. Beinahe zwanghaft suche ich ihr Zimmer auf, sobald sie das Haus verlässt. Ich weiß, in welcher Schublade sie ihre Unterwäsche aufbewahrt und was sie zwischen den Seidenstoffen versteckt. Ich kenne den Inhalt ihres Schreibtisches so gut wie den ihres Mülleimers oder den der Briefe, die sie regelmäßig an Mutter schreibt. Sie sind kurz und knapp, mehr eine distanzierte Zusammenfassung der Erlebnisse, denn der Versuch echter Teilhabe. Ich weiß nicht, wozu sie die Briefe schreibt; genauso wenig wie ich weiß, woher das Kleid stammt.

Scarletts Mund verzieht sich spöttisch. »Ein Geschenk.«

Als wüsste sie, dass ich stöbere. Dass ich sie dafür verachte, wie leichtfertig sie Geld ausgibt. Papas Staatshilfe reicht kaum für die Nebenkosten. Anna führt Buch über alle Ausgaben und einigen Dorfbewohnern den Haushalt, um das Nötigste dazuzuverdienen. Ich trage meinen Teil bei, indem ich den örtlichen Friedhof pflege, das Gras stutze und die Grabsteine säubere.

Nur Scarlett … ist eben Scarlett.

»Schau nicht so.« Sie wedelt meinen Vorwurf davon, ehe ich ihn in Worte fassen kann. »Heute Abend haben wir Spaß, du wirst schon sehen.«

In mir wächst ein kleiner drückender Knoten, den ich verzweifelt zu ignorieren versuche. Sie ist all das, was ich nicht bin. Unbekümmert. Frei. Sorglos. Beliebt. Sie fühlt sich wohl in ihrer Haut, besitzt Freunde, die ihr etwas schenken, und einen Freund, der ihr verfallen ist. Alle sind das, einfach weil sie sie ist. Und ich bin ich.

Und manchmal ist das einfach scheiße.

Sie reicht mir einen Lippenstift. »Sie werden dir zu Füßen liegen.«

Ich widerstehe dem Drang, ihn aus dem geöffneten Fenster zu schmeißen und den Abend zu streichen. Anna zuliebe.

Während des Abendbrots verlor sie kein Wort darüber, doch ihr Blick sprach Bände. Geh mit. Ob sie wirklich glaubt, dass ein Abend etwas ändert, wage ich zu bezweifeln. Anna ist pragmatischer Natur, nicht umsonst hat sie uns die letzten Jahre getrennt.

Scarlett, in dein Zimmer, Jenna, ab in den Garten.

Scarlett, komm mit mir, Jenna, bleib bei Papa.

Scarlett hier, Jenna da.

Wir teilen nichts. Kein Hobby, keine Freunde, ja, nicht einmal das Badezimmer. Scarlett nutzt das, welches Papa kurz vor Mamas Verschwinden renovierte, ich das mit der Wanne und dem Fisch. Einzig die gemeinsamen Abendessen fallen aus dem Muster, auf die besteht Anna aus unerfindlichen Gründen und wir nehmen klaglos teil: Anna zuliebe. Auch das hat System. Der Grund, warum wir uns bisher am Leben ließen und die Existenz der anderen stillschweigend dulden: Anna zuliebe.

Sie hält uns zusammen.

Deshalb stehe ich hier und trage das Kleid, nach dem es Maria verlangt. Die Vorstellung ihrer Enttäuschung, sollte sie mich darin sehen, verschafft mir auf unerklärliche Weise Genugtuung. Der Schlafmangel ist schuld. Er bringt die schlechtesten Seiten in mir zum Vorschein, die ich am liebsten Scarlett zuschreiben würde.

»Der Stift trägt sich nicht von allein auf«, neckt sie und der Knoten in meinem Magen wiegt schwerer, weil ich ihr selbst jetzt, da wir uns gemeinsam vorbereiten, nur die niedersten Motive unterstelle. Ich suche geradezu nach dem Haken, der Falle, dem Grund, warum sie nett zu mir ist.

Rasch trage ich den Lippenstift auf. Was ich im Spiegel erblicke, gefällt mir. Meine Züge sind zwar nicht so fein wie Scarletts, doch meine Augenfarbe ist schöner und mein Mund überraschend sinnlich. Wahrhaftig. Das Rot ist magisch.

»Du siehst aus wie Mama.« Die Gesichtszüge entgleisen mir. Scarlett lacht. »Kein Grund zur Panik. Das ist gut. Mama ist wunderschön.«

»War«, korrigiere ich automatisch.

»Ist«, hält Scarlett dagegen. Sie hasst, dass ich unsere Mutter als verstorben betrachte. Mir hingegen ist die Vorstellung unerträglich, dass sie irgendwo in der Welt herumspaziert, wohl wissend, dass es uns gibt, es ihr aber schnurzpiepegal ist. »Ich habe noch eine passende Tasche«, wechselt Scarlett in unverfängliche Gefilde.

»Kein Bedarf.«

Skeptisch hebt sie die Brauen. »Und deine Sachen?«

»Welche Sachen?«

»Lippenstift, Deo, Tampons, Taschentücher, Kondome.«

»Kein Bedarf.«

»Zumindest dein Smartphone solltest du mitnehmen!«

»Ich besitze keins.«

Ihr fallen fast die Augen aus dem Kopf. »Ernsthaft?«

Ich schweige dazu. Was könnte ich auch sagen? Dass es an nur drei Orten unseres Dorfes Empfang gibt? Das würde sie nicht überzeugen, immerhin gelten dieselben Bedingungen für sie. Es ist viel erbärmlicher. Abgesehen davon, dass ich es mir nicht leisten könnte (und keine Ahnung habe, wie ihr die Finanzierung gelang), wüsste ich nicht, mit wem ich Kontakt halten sollte. Mit Maria? Nein danke.

Scarlett starrt mich ein paar Herzschläge lang an, dann gibt sie nach. Punkt für mich. Welch denkwürdiger Tag.

»Können wir los?«, frage ich, was ihr ein selbstzufriedenes Lachen entlockt.

»Wir werden abgeholt. Von Derek.«

Derek, der Junge mit dem Ball, hat mir gerade noch gefehlt. »Weiß er, wo wir wohnen?«

»Natürlich nicht. Er holt uns beim Spukhaus ab.«

Diesmal schießen meine Brauen in die Höhe.

»Nicht so herablassend«, tadelt sie und kommt mir dabei selbst schrecklich überheblich vor. »Er weiß selbstverständlich, dass wir nicht dort wohnen. Es ist lediglich der Treffpunkt. Es ist schwer genug für ihn, überhaupt hierherzufinden.«

Ob das an der Unsichtbarkeit unseres Dorfes oder dem Verstand ihres Freundes liegt, wage ich nicht zu fragen. Scarlett mag Derek. Derek mag Scarlett. Heute fährt er uns zur Party. Uns – wie seltsam das klingt.

»Dann lass uns gehen«, versuche ich es erneut, »zum Spukhaus, meine ich.«

»Er kommt in einer Stunde«, klärt sie mich auf. »Wir haben Zeit.« Sie schnappt sich ihre winzige Handtasche (in die unmöglich passt, was sie vorhin aufgezählt hat) und tritt zum Fenster, unter dem das Stalldach liegt. »Folge mir.«

Wie sie es in dem extrakurzen Paillettenkleid auf den Fenstersims und hinaus schafft, ist mir ein Rätsel. Ich brauche drei Anläufe und fürchte bis zuletzt, dass ich dabei mein Tagebuch verliere. Ich lasse es niemals aus den Augen, selbst dann nicht, wenn Scarlett in meiner Nähe ist und ich es in Sicherheit weiß. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Als ich den Giebel erreiche, sitzt sie bereits da, in der einen Hand ihr Smartphone, in der anderen eine glühende Zigarette.

»Auch eine?«, fragt sie und bläst den Rauch in den dunkelnden Himmel.

»Weiß Anna davon?«

»Himmel, nein! Und du wirst nichts sagen, verstanden?«

»Zu Befehl«, erwidere ich zynisch und sinke neben ihr nieder. Unter uns liegt der Hof, eine verwilderte Betonfläche, die im Schatten des Stalls versinkt. Gras sprießt aus sämtlichen Ritzen, Löwenzahn und Vergissmeinnicht erobern trotzig den unwirtlichen Grund. Dass etwas so Unscheinbares wie ein Samenkorn Betonplatten zu sprengen vermag, gibt mir den Mut, nicht aufzugeben.


Es war ein Freitag, an dem Mutter verschwand. Ich suchte sieben Monde und einen Sommer nach ihr, verteilte Flugblätter und klopfte an jede Tür und wollte nicht wahrhaben, was Anna sagte; dass sie uns verlassen hat, weil sie das Leben auf dem Land nicht länger erträgt.

Als der Frost kam, erklärte ich sie für tot. Seither habe ich unzählige Male darüber nachgedacht, ob ich ihr eines Tages folge. Ob es mir im Blut liegt, das Verschwinden. Ich bin so still, es würde kaum auffallen, wäre ich fort. Ich bezweifle, dass Scarlett oder Papa mich vermissen würden. Anna vielleicht, doch da sie niemals nach Mutter suchte, ließe sie mich aller Wahrscheinlichkeit nach einfach gehen. Dann wären sie nur noch zu zweit, Anna und Scarlett, ohne die verfluchte dritte Schwester.


»Du brauchst wohl eine Tasche!« Scarlett zeigt auf das Buch. »Du gehst nirgends hin ohne das da.«

Reflexartig schließe ich den Einband und stecke den Stift in die dafür vorgesehene Schlaufe. »Ich sagte nie, dass ich keine brauche. Ich will nur keine von dir.«

Sie lässt den Kopf in den Nacken sinken. »Wie überaus gewitzt.«

»Ich besitze eine eigene«, füge ich erklärend hinzu.

»Nur keine Rechtfertigung«, sagt sie leichthin, doch ihre Augen wirken kälter als zuvor. Vielleicht liegt es an den Schatten, die bereits nach uns greifen. Der Abend erblüht wie die Stille zwischen uns. Vor langer Zeit saßen wir schon einmal auf dem Dachfirst und sahen der Sonne beim Untergehen zu. Es muss kurz nach Mutters Verschwinden gewesen sein. Damals, bar aller Worte, waren wir auch still gewesen; ich hatte sie für die Flugblätter verbraucht, Scarlett ihre an Anna. In den ersten Nächten war ich noch durch den klammen Flur zu ihnen hinübergetapst. Da mich Anna jedoch unnachgiebig in mein Zimmer zurückbrachte, gab ich es bald auf und lauschte ihnen stattdessen von meinem Bett aus, ein Ohr an die Wand gepresst, die Knie eng umschlungen. Ich weiß nicht, worüber sie sprachen, doch Annas gedämpfte Stimme trug mich in den Schlaf. Sie half mir durch die Dunkelheit.

»Erinnerst du dich an das erste Mal, als wir hier oben saßen?« Scarletts Gedanken haben sie weit tiefer in die Vergangenheit getragen, hinein in eine Zeit, an die ich mich weigere zu denken. »Ich glaube, dass Mutter mich schon als Säugling mitnahm. Wie sie es geliebt hat, auf dem Dach zu sitzen und zum Spukhaus zu blicken – und erst die Geschichten, die sie darüber erzählt hat! Über den Zauberer und seine Sammlung schrecklich schöner Insekten. Erinnerst du dich? Ich war fasziniert davon, dass er sie aufspießte, diese zarten, wehrlosen Geschöpfe, nur um sie auf ewig zu besitzen. All die Motten und Käfer und Falter. Er hat sie getötet und in Glaskästen gesperrt. Tödliche Liebe – wie in dem Märchen. Du weißt, welches ich meine? In dem die Mutter ihre Tochter vergiftet und in einen gläsernen Sarg bettet, um sie für immer zu behalten.«

Ich bin versucht, sie darauf hinzuweisen, dass die Geschichte anders geht; doch wer wäre ich, sie dafür zu tadeln? Neige nicht auch ich dazu, die Welt und die Geschichten um mich herum so zu interpretieren, dass sie in meine Perspektive passen?

»Ich verstehe den Gedanken dahinter«, fährt Scarlett fort, den Blick auf das Spukhaus jenseits unseres Gartens gerichtet. »Die Zeit lässt alles verkommen. Blumen welken, Schönheit vergeht, selbst Zuneigung schwindet. Wie viel tröstlicher ist da der Anblick eines auf ewig gebannten Glücksmoments? Der Falter in seiner ganzen Pracht, die Tochter in der Blüte ihrer Jugend. Wie eine Fotografie, die niemals vergilbt. Eine Erinnerung, unangetastet durch die Zerstörung der fortschreitenden Realität.«

Unwillkürlich denke ich an die Bücher, die sich in Scarletts Zimmer türmen, uralte Wälzer mit abgegriffenen Umschlägen und verblichenen Lettern. Sie hortet sie nicht aufgrund ihrer Geschichten, sondern wegen dem, was zwischen den Seiten steckt. Getrocknete Blüten, brüchiges Weidenlaub und pastellgelber Löwenzahn, Vergissmeinnichtstängel und Rosenknospen. Scarlett sammelt Blüten. Sie bricht, trocknet und presst sie. Sie besitzt ganze Alben voll davon, sicher verwahrt vor dem Zerfall.

»Fürchtest du den Tod?«, frage ich in die Stille.

»Ich fürchte das Danach.« Eine Antwort, wie sie nur Scarlett geben kann. »Unsere Körper zergehen, zerfallen, zersetzen sich. Doch was dann? Sind wir dann fort oder existieren wir weiter? Womöglich durch Blumen, die sich von uns nähren; doch was, wenn auch sie vergehen? Was bleibt dann noch?«

»Honig«, rate ich.

Scarlett sieht mich lange an, dann schlägt sie die Beine auf eine Art übereinander, die mich vermuten lässt, dass sie weit öfter hier oben sitzt und über das Leben nach dem Tod sinniert; mir wird allein vom Zusehen schlecht. Wie wir es als Kinder aushielten, auf den Schindeln Fangen zu spielen, ist mir ein Rätsel. Nicht dass ich die Höhe fürchten gelernt hätte, es ist mehr das Bewusstsein darüber, was ein Sturz alles anrichten kann. Kein Kind denkt darüber nach, das Leben ist ein Abenteuer und der Himmel zum Greifen nah.

Wenn ich den Kopf in den Nacken lege, erscheinen mir die violetten Zuckerwattewolken so fern wie die Zeit, da Scarlett und ich sie zu kosten versuchten und Mutter uns aufforderte, höher zu springen …

Wind kommt auf, fröstelnd ziehe ich die Knie an. Da entgleitet mir das Buch. Es schlittert die Schindeln hinab, stolpert über die Rinne, ehe es die Schwerkraft gen Tiefe zieht. Der Aufprall klingt dumpf. Er weckt etwas in mir.

»Ist dir schlecht?« Scarlett betrachtet mich argwöhnisch.

Ihre Worte – und der Klang des Buches – haben eine Tür aufgestoßen, die ich all die Jahre sorgsam verriegelt hielt. Nur ein Abend, ein verfluchter Abend und wenige Momente mit ihr genügen, um sie aus den Angeln zu heben.

Die Erinnerungen stürzen auf mich ein. Mutter am Fenster, wie sie uns über den Sims hebt; wie sie lacht und uns auffordert, es ihr gleichzutun; wie sie die Arme über den Kopf streckt und auf die Zehenspitzen steigt; wie Scarlett es ihr spielerisch gleichtut; und ich selbst wankend im Wind, die Schindeln rau und kalt unter meinen Zehen – und seltsam lebendig, als sie sich in Bewegung setzen. Ich spüre noch den Sog der Tiefe, den Ruck an meinem Arm, als Mutters Finger sich darum schließen.

Jetzt ist es Scarletts Hand. »Jenna, alles in Ordnung?«

Nein. »Ja.«

»Keine Sorge, Papier ist widerstandsfähig.«

»Mir geht’s gut«, würge ich hervor. Dabei wäre es der perfekte Vorwand, diese Scharade abzusagen, ich bräuchte die Übelkeit nicht einmal vortäuschen. Alles dreht sich. Der Himmel, das Dach, die Spukvilla. Ich zwinge den Blick dorthin, zähle meine Atemzüge und kralle mich an die Schindeln. Sie sind warm, ein letzter Gruß der Sonne, bevor die Nacht hereinbrechen und ihre Wärme sich verflüchtigen wird; wie die Erinnerungen. Die Bilder verlieren bereits an Kontur.

Scarlett hält mich fest, als fürchte sie, ich könnte dem Buch folgen. Ihre Berührung überlagert sich mit der von Mutter. Zitternd entwinde ich ihr den Arm.

»Es geht mir gut.« Selbst wiederholt klingt es nicht wahrer, meine Stimme bebt, ich habe einen Kloß im Hals.

Scarlett zündet eine neue Zigarette an, sie mustert mich nachdenklich. »Es gibt einen Spalt, aber er ist zu eng, als dass eine erwachsene Person hindurchpassen könnte. Selbst die meisten Kinder würden stecken bleiben.«

Warum sie jetzt davon anfängt, obwohl ich noch absagen könnte – und kurz davor bin –, erschließt sich mir nur unter der Prämisse, als dass sie darum weiß, oder es zumindest ahnt, und nun ihren Teil der Abmachung erfüllt, ehe ich von meinem zurücktreten kann.

»Warst du im Garten?«, höre ich mich fragen.

Alles ist besser, als an früher zu denken.

Alles ist besser, als zuzugeben, dass ich kaum noch meine Beine spüre. Ich bin wie erstarrt, fürchtend, dass jede Bewegung, und sei sie noch so klein, mich direkt in die Vergangenheit katapultiert, zurück zu ihr.

Scarlett lässt sich Zeit mit der Antwort. »Nein.«

»Du hast gelogen.« Ich ahnte es bereits.

»Erinnerst du dich an Alice? Ich habe ihr von dem Spalt erzählt; sie hat sich hindurchgezwängt.« Die Zigarette verglimmt ungenutzt, ihr Blick ruht auf der Villa.

Ich stutze. »Alice? Ist die nicht … tot?«

Scarlett nickt auf eine Art, die mich irritiert. Sie waren Freunde, damals, bevor Mutter verschwand. Scarlett jedoch wirkt distanziert, als ginge es um den Charakter eines Buches. »Sie starb ein Jahr später an Leukämie. Niemand weiß, dass sie durch das Loch in den Garten schlüpfte; ich habe es nie erzählt.«

»Du glaubst doch nicht an den Fluch?« Zumindest tat sie es früher nicht, stattdessen verspottete sie all jene, deren Furcht zu offensichtlich war.

»Natürlich nicht«, lässt sie mich abschätzig wissen. »Alice war krank. Deshalb starb sie.«

Weshalb hat sie es dann erwähnt? Scarlett sagt niemals etwas leichthin. Ihre Worte sind von einer Präzision, um die ein Chirurg sie beneiden würde. Jeder Spott trifft sein Ziel, keine unbedacht geäußerte Nebensächlichkeit verfehlt ihre Wirkung. Scarlett spielt mit Worten, sie sind ihr Schild und Klinge in einem.

»Hör auf zu grübeln, Jenna. Das steht dir nicht.«

Einer der Gründe, warum ich selten etwas erwidere. Ich denke mir meinen Teil und hasse sie in Gedanken. Hass. Ein starkes Wort. Eines, das positioniert. Scarlett würde es nie benutzen, es wäre zu direkt, zu konfrontativ; sie bewegt sich lieber in den Grauzonen und nutzt das Ungesagte ebenso wie das wohlplatzierte Wort.

»Was fasziniert dich daran?«, fragt Scarlett und nickt hinüber zum Grundstück der Spukvilla. Vom Dach aus können wir den Teil des Gartens überblicken, auf dem sich im Zentrum einer gewaltigen Wiese ein noch gewaltigeres Schachfeld erhebt. Steinquader neben Rasenflächen, die Figuren mannshoch und elbisch anmutend, als wären sie geradewegs aus Lothlórien in diese Welt gestolpert und dabei zu Stein erstarrt. Was mich an mein Buch erinnert. Ich beuge versuchsweise die Knie; das Gefühl kehrt nur partiell zurück. Wackelige Beine, der Schreck fährt in die Glieder – alles Redewendungen, die mein Körper inhaliert hat. Er ist wachsweich, unfähig, meinen Befehlen zu gehorchen.

Gleich, denke ich, gleich hole ich mein Buch.

»Springer auf G5«, ruft Scarlett.

Die Asche ihrer Zigarette rieselt zu Boden. Ich verfolge atemlos, wie sie die Schindeln hinabtanzt und in der Regenrinne unter uns zum Stillstand kommt. Die Sorge, sie könnte das Buch treffen und entflammen, ist übermächtig.

»Irgendwann fackelst du das Haus ab«, fauche ich.

»Wäre kein Verlust.«

»Es ist alles, was wir haben!«

»Ein zerfallender Resthof. Was sind wir gesegnet.«

»Spotte nicht.«

»Selbst ohne die hochherrschaftliche Nachbarschaft der Spukvilla wäre unser Hof eine Zumutung. Kein Wunder, dass Mama es vorzog, auf dem Dach zu sitzen und die Villa zu malen, täte ich auch, besäße ich ihr künstlerisches Talent; aber das hat sie ja dir vererbt, genau wie ihre Pinsel und Farben.« Verbitterung schwingt in ihrer Stimme mit.

Ich bin überrascht, denn sie zeichnet gut. »Du hast nie etwas gesagt.«

Sie hebt eine Braue. »Hättest du mit mir geteilt?«

Nein. Hätte ich nicht. Sie weiß das.

»Manchmal ist die Antwort so naheliegend«, murmelt sie.

Ich könnte mir auf die Zunge beißen.

»Ich kann zeichnen, verstehe aber nichts von Farben oder Texturen.« Ihr Lächeln reicht kaum bis zu den Augen, als würde sie eine Maske tragen, die nur ihr halbes Gesicht bedeckt. »Du hingegen kannst es, verschwendest dein Talent jedoch an Tapeten, die irgendwann abgerissen und entsorgt werden, was jammerschade ist. Du solltest lieber Mamas Werk vollenden.«

»Nein«, entgegne ich sofort.

»Warum nicht? So bleibt die Reihe unvollständig.«

»Lass es.«

Sie zuckt mit den Schultern. »War nur eine Idee.«

»Eine beschissene!«

Ihre Augen verengen sich zu Schlitzen. So sitzen wir da, nebeneinander auf dem Dachfirst, in zu kurzen Kleidern und schweren Herzens, und haben uns nichts zu sagen.

Als auch die letzte Zigarette verglimmt, schnippt sie den Stummel hinfort und streckt sich. »Ich werde heute Abend mit Derek Schluss machen.«

Mein Kopf ruckt herum. »Was? Warum?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Warum nicht?«

»Ich dachte, ihr seid glücklich.«

»Was die Liebe aufregend macht, ist das Vielleicht. Will sie mich? Hat sie einen anderen? Was denkt sie gerade? Ich genieße den Kitzel der ersten Wochen, mich reizt das Ungewisse, danach wird es langweilig.«

»Man nennt es Vertrautheit.«

»Oder Gewohnheit – und das ist langweilig. Ich mag Derek, aber da er sich meiner sicher ist, benimmt er sich unmöglich. Ich will umworben werden –«

»Ach, sag bloß, das wirst du nicht?«

»Du verstehst das nicht. Du bist –«

»Langweilig?«, rate ich und kann nicht verhindern, dass es bitter klingt.

»Ich hätte ein anderes Wort gewählt. Du bist nicht per se uninteressant, eher unsichtbar. Du wirst schlicht übersehen. Daher weißt du nicht, wie es ist, die Aufmerksamkeit zu besitzen oder gar zu verlieren.«

»Unsichtbar.« Ich wende das Gesicht ab, damit Scarlett nicht sieht, wie tief mich ihre Worte treffen.

Unsichtbar. Das ist zu wahr.

Die Turmfenster der Spukvilla blenden mich, es kommt mir vor, als würden sie blinzeln. Sie reflektieren das goldene Abendlicht, während die Veranda und das erblindete Gewächshaus bereits im Schatten versinken. Die Villa in all ihrer deplatzierten Pracht wirkt genauso verloren zwischen den gedrungenen Reetdachhäusern unseres Dorfes, wie ich mich fühle. Wir gleichen einander, fallen aus dem Rahmen, sind zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wobei der Vergleich hinkt. Scarlett wäre die alte Villa und ich entspräche unserem Resthof.

»Heute Abend ist alles anders«, prophezeit Scarlett. »Du wirst schon sehen.«

Und so elegant, wie sie das Dach erklommen hat, rutscht sie auch wieder hinab und verschwindet durch ihr Fenster im Innern des Hauses. Ich gehe im Kopf alle möglichen Ausreden durch, um doch nicht auf die Party zu müssen, als sich im Hof eine Tür öffnet.

Ein goldenes Rechteck aus Licht verdrängt die fortschreitende Nacht, Anna tritt hinaus, in der Hand das Altpapier. Ihr folgt – Papa. Es ist so windstill, dass seine Worte bis zu mir dringen: »Sie wird niemals mitgehen.«

»Sie hat keine Wahl«, widerspricht Anna harsch.

»Was ist mit Jenna?«

»Jenna ist erwachsen.«

Papa klingt irritiert. »Aber …«

»Ich bat meinen Onkel um ein paar zusätzliche Aufgaben auf dem Friedhof. Du wirst sie kaum bemerken.«

»Du hast vorgesorgt.«

Anna klingt schrecklich kühl. »Irgendwer muss das tun.«

»Wann wirst du es ihnen sagen?«

»Nicht heute.« Anna drückt den Zeitungsstapel in die blaue Tonne. »Die beiden gehen aus.«

Überraschung lässt Papas Stimme steigen. »Zusammen?«

»Ja, zusammen.«

Er brummt etwas, das wie »Höchst seltsam« klingt, und ich kann ihm nur zustimmen. Heute ist alles seltsam. Scarlett, Anna, selbst Papa. Er bleibt allein im dämmrigen Hof zurück und ich bete zu allen mir bekannten Göttern, dass er nicht über das Buch stolpert. Er streckt eine Hand aus, ich beuge mich vor – und verliere für einen Augenblick die Balance. Papa hebt alarmiert den Kopf, findet mich auf dem Dach sitzen und erstarrt. Ich sehe es förmlich in seinem Kopf rattern. Ohne ein Wort flüchtet er ins Haus.

Worüber haben sie gesprochen?

»Wo bleibst du?« Scarlett steckt den Kopf aus dem Fenster. Ein Kaugummi tanzt zwischen ihren Zähnen und verdeckt den Geruch des Rauchs. »Derek sollte bald kommen. Wir müssen los. Ich will nicht, dass er sieht, wo wir wohnen.« Wie aufs Stichwort nähert sich ein Wagen. Zwei suchende Lichtkegel, die das Tor der Spukvilla finden. Scarlett flucht. »Er ist zu früh – es wird Zeit, dass ich ihm eine Lektion erteile. Los jetzt, Jenna! Wir gehen hintenrum.«

Hintenrum, damit unser erbärmliches Zuhause nichts weiter ist als das: irgendein Haus, mit dem wir nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Es ist so was von wie ich.


Jede gute Geschichte braucht einen Gegenspieler, der alles wagt, um den Helden vernichtend zu schlagen. Dabei darf der Held zweifeln, straucheln, ja sogar von der dunklen Seite kosten, der Antagonist jedoch wäre wenig glaubhaft, besäße er keine guten Züge. Er muss über eine allzu menschliche Schwäche verfügen, Verzweiflung kennen, Katzen lieben oder Blumen sammeln.

Wie Scarlett.

Sie wäre die perfekte Antagonistin, ich jedoch eine lausige Heldin. Zudem haben wir uns auf ein Patt geeinigt. Wir ignorieren einander, sind weder des anderen Feind noch Freund. Wenn es also einen Antagonisten in dieser Geschichte gibt, so kann es nicht Scarlett sein.

Nur wer ist es dann?

Ich bin versucht, Mutter die Rolle überzustülpen, doch das hieße, sie käme zurück, und ich bezweifle, dass sie es tut. Sie mir auf der Schwelle unseres Hauses vorzustellen, in der einen Hand ihren veilchenblauen Koffer, in der anderen einen Regenschirm, lässt mich an Mary Poppins denken; und wie dort wäre das Glück ihrer Anwesenheit nur von kurzer Dauer.


17

Papier ist widerstandsfähig. Es übersteht Hitze und Kälte, selbst Stürze aus größter Höhe. Stifte sind weniger zäh, dennoch lässt sich mit dem meinen noch schreiben, obwohl der Schaft gesprungen ist. Ich werde ihn wechseln müssen, dabei hasse ich das. Ein guter Stift ist ebenso schwer zu finden wie ein wahrer Freund.

»Los jetzt, Jenna.« Scarlett wartet ungeduldig an der Mauer auf mich. Sie besteht darauf, dass wir das Grundstück der Villa umrunden, um uns Derek von der anderen Seite zu nähern. Sie schämt sich ihrer Herkunft, was offenbart, dass sie im Innern nicht so abgebrüht ist, wie sie tut. Sorgsam verstaue ich mein Buch in der veilchenblauen Handtasche. Es ist eine winzige Version des Koffers, samt dem Mutter verschwand – wie Scarlett sofort bemerkt.

»Woher hast du die?«

Ich könnte ehrlich sein und gestehen, dass ich sie an dem Tag, als Anna von Mutters Abreise erzählte, aus ihrem hastig geleerten Schrank stahl, sie mit all dem, was mein damals siebenjähriges Ich für überlebensnotwendig hielt, vollstopfte und stundenlang auf den gesprungenen Stufen vor dem Haus saß, in der sicheren Annahme, sie würde mich holen.

Stattdessen sage ich: »Ein Geschenk.«

Scarlett wittert die Lüge, das erkenne ich an der Art, wie sie vor mir im Licht ihres Smartphones durchs kniehohe Gras stapft. Ob sie mir zürnt, weil ich dieselben Worte wie sie nutze? Oder glaubt sie, Mutter habe mir ihre Lieblingstasche vermacht? Ich tippe auf Letzteres, nicht grundlos habe ich sie ein Jahrzehnt unter dem Bett versteckt, obwohl Scarlett nicht zum Schnüffeln neigt. In einem alten Krimi las ich, wie Geheimagenten die Türen mithilfe eines Klebestreifens präparierten, sodass sie erkennen konnten, ob jemand während ihrer Abwesenheit die Räumlichkeiten betreten hatte. Ich tat es ihnen gleich und erlangte Gewissheit darüber, dass sich niemand – wirklich niemand – für mich oder mein Reich interessiert. So viel zu unsichtbar. Ich bin es selbst daheim.

Scarlett bleibt mit ihrer Tasche am Gestrüpp hängen. Sie flucht und zerrt. »Steh nicht bloß rum! Hilf mir lieber.«

Der Lichtstrahl des Smartphones zuckt unkontrolliert, sie trägt es an einem Band um den Hals, mit den Händen reißt sie an den Trägern der Tasche.

»Nicht mit Gewalt«, warne ich, da erklingt bereits ein vertrautes Ratschen, gefolgt von einer Stille, die der vor einem Wolkenbruch gefährlich gleicht. Ich taste mich durch die Dunkelheit und befreie die Tasche aus den Brombeerranken. Der blutrote Stoff ist gefurcht, als hätte ein Wolf sie gerissen.

»So ein Jammer«, sagt Scarlett und streckt die Hand aus, »nun brauche ich deine Tasche.«

»Wie bitte?«

»Es ist offensichtlich, dass ich mehr dabeihabe als du, daher ist es nur vernünftig.«

Ich stehe da wie angewurzelt. »Es ist meine Tasche.«

»Gewiss«, sagt sie und klingt dabei schrecklich unbeteiligt, »ich trage sie ja nur heute.«

»Nein.« Ich trete einen Schritt zurück.

Mittlerweile ist die Sonne bloß noch eine violette Ahnung am Horizont, die Luft merklich kühler und die Mauer neben uns nachtschwarz. Ich kann Scarletts Gesichtsausdruck weder erkennen noch deuten. Ich weiß nicht, wie nah ich dem Abgrund bin.

»Nein?«, fragt sie leise. »Du hast da was missverstanden, Jenna. Das war keine Frage, ja, nicht einmal eine Bitte. Ich brauche deine Tasche, denn meine ist kaputt. Du wirst sie mir also geben, betrachte es als Gegenleistung dafür, dass du mein Kleid tragen darfst.«

»Ich habe nicht darum gebeten«, weise ich sie zurück.

»Du trägst es aber, daher ist es nur recht und billig, wenn ich auch etwas von dir habe.«

»Nicht die Tasche.« Was ich eigentlich meine: nicht diese Tasche. Jede andere, alles andere, nur nicht das.

Scarlett nähert sich mir, die Andeutung eines Lächelns im Gesicht. »Wenn es um das Buch geht, so versichere ich, gut darauf zu achten; du kannst es beruhigt in der Tasche belassen. Ich hüte es für dich.«

Damit sagt sie genau das Falsche. Mir entschlüpft ein erstickter Laut, ich will zurückweichen, verheddere mich aber in den Brombeerranken. Sie verhaken sich im Stoff des Kleides. Ich halte die Luft an, versuche mich aus ihrer Umarmung zu winden, da greift Scarlett nach mir. Erst zucke ich zurück, was die Dornen lechzend begrüßen, dann glaube ich, dass sie meine Not erkannt hat, ehe ich begreife, dass sie die Tasche will. Sie packt zu.

»Nein«, zische ich und klammere mich an den Riemen.

»Sei nicht albern. Es ist bloß ein Abend.«

Es ist viel mehr als das, war es von Anfang an.

»Das ist kindisch«, schimpft Scarlett, lässt jedoch ebenso wenig locker wie ich. Wir zerren an der Tasche, sie am Beutel, ich am Träger. »Lass los, Jenna.«

»Niemals!«

Nicht heute. Nicht dabei.

Abgesehen von unserem Keuchen und dem Flüstern des Grases, das unter unseren Tritten ächzt, durchdringt der dumpfe Bass eines Radios die Nacht, als wäre sie ein lebendiges Wesen und das Wummern ihr Herzschlag. Dabei ist es gewiss Derek, der die Lautstärke voll aufgedreht hat, um die Wartezeit zu überbrücken – oder um besonders lässig zu wirken. Ob er ahnt, dass Scarlett seiner bereits überdrüssig ist? Sie wird ihn ersetzen. Wie die Tasche.

»Das hat keinen Zweck«, sagt Scarlett und gibt scheinbar nach. Ich schwanke, dann ist die Tasche mein. Erleichtert presse ich sie an die Brust, nur um entsetzt festzustellen, dass sie leer ist.

»Was haben wir denn da.« Scarlett dreht es in den Händen. Mein Buch. Ich fluche, Scarlett schlägt es auf und liest: »Das Tagebuch der Jenna Blue – wer soll das sein, du etwa? Was ist das? Der Versuch, dir eine Farbe anzueignen?«

Ich will ihr das Buch entreißen, strauchele jedoch über die Ranken und falle. Die Dornen sind überall: in meinen Handflächen, den Waden, den Knien, den Oberschenkeln – und in mir drin.

»Scarlett«, flehe ich, als sie die nächste Seite aufschlägt.

»Ja, so heiße ich, und im Gegensatz zu dir trage ich Rot tatsächlich im Namen. Beschwer dich bei Mutter, wenn’s dir nicht passt.«

»Gib es zurück!«

»Es war einmal eine Zauberin«, liest Scarlett außerhalb meiner Reichweite, »die nicht nur über beträchtliche Schönheit, sondern auch über immenses Heilwissen verfügte, sodass Menschen von nah und fern anreisten, um ihre Leiden zu lindern. Für jede Verletzung kannte sie das richtige Kraut, für jeden Fluch eine Erlösung. Was ist das, Jenna, ein Märchen?«

Ich beiße mir auf die Zunge, schmecke Blut, meine Schultern beben, dennoch schaffe ich es nicht, mich zu erheben, geschweige denn überhaupt zu bewegen. Ich bin wie erstarrt, gefangen von den Dornen und Scarletts Worten.

»Diese Dienste ließ sie sich teuer vergüten, sodass sie schon bald die prächtigste Villa und einen Garten so üppig besaß, wie es nie zuvor einen gab. Eines Tages klopfte ein schwer verwundeter Mann an und bat um Hilfe, er sei vergiftet worden und dem Tode nahe. (Nicht doch, kommentiert Scarlett spöttisch, wie theatralisch!) Da er nicht zahlen konnte, wies sie ihn ab. Er behauptete daraufhin, in Wahrheit vermögend zu sein und ihren Dienst dreifach zu entlohnen, wenn sie ihm nur helfen wolle; doch da er so schmutzig und ärmlich aussah, glaubte sie ihm kein Wort und schloss die Tür. Dort, wo sie ihn zurückließ, wuchs tags darauf eine Rose, die Ranken lang und spinnengleich.« Scarlett lässt das Buch sinken. »Spinnengleich? Spinnwebenartig ginge oder Ranken wie Spinnenbeine – dann wären es aber nur acht.«

»Hör auf«, flehe ich, doch Scarlett ist nicht zu bremsen.

»So hart sich die Diener der Zauberin auch abmühten, die verfluchte Rose ließ sich weder bändigen noch vernichten. Selbst als sie einen Teil des Erdreichs aushoben, verblieb sie an ihrem Platz. Trotzig befahl die Zauberin, ein Gewächshaus zu errichten, später folgte eine Mauer, die den Garten samt Villa umschloss. Woran erinnert mich das bloß?«

Ich weiß nicht, was mehr wehtut: Dass sie in mein Innerstes blickt oder dass sie darüber lacht.

»Jetzt wird es interessant.« Scarlett geht in die Hocke. »Als Jahre später ein Kind in der Zauberin heranwuchs, träumte sie von dem einst abgewiesenen Mann; er prophezeite die Geburt zweier Töchter: die eine ihr wunderschönes Ebenbild, die andere ein Abbild ihrer von Gier zerfressenen Seele.«

»Ich flehe dich an, lies nicht weiter!«

»Oder was?«

Ich kriege die Worte kaum raus: »Oder du bist tot.«

Scarlett lächelt. »Du vergisst, dass ich nie im Garten der Spukvilla war. Oder sollte ich sagen: in dem der Zauberin?«

»Hör auf!« Diesmal schreie ich, krächzend zwar und nach wie vor am Boden kauernd, doch es ist ein Aufbegehren, ein Aufflackern des Zorns, der mich zu versengen droht.

Scarlett bleibt unbeeindruckt.

»Die Zauberin ersann einen Plan, um dem Fluch zu entkommen. Eine verstorbene Gutsherrin hatte Mann und Kind hinterlassen. (Wie praktisch!) Diesen nahm sie zum Gemahl und sein Kind als das ihre an. So wähnte sie sich in Sicherheit. Das falsche Kind sollte das Pech erben, das rechte hingegen alles Glück der Welt.«

»Ich erzähle Anna, dass du rauchst!« Die Worte brechen aus mir hervor, ehe ich mich bremsen kann. Scarlett zu drohen war noch nie eine gute Idee. Ich weiß mir nur nicht anders zu helfen.

»Böses Mädchen«, tadelt Scarlett leichthin und blättert weiter. »Die Zauberin gebar eine Tochter, die sie hegte und pflegte, während die Stieftochter sämtliche Aufgaben im Haus übernehmen musste und mehr einer Magd denn einem Kinde glich. Man munkelte, hätte die Zauberin das Stiefkind wie ein eigenes behandelt, wäre sie ihrem Schicksal entronnen. So jedoch erfüllte sich der Fluch des Todgeweihten durch die Geburt einer dritten Tochter. Kaum hielt sie das«, Scarlett stockt merklich, »das ungewollte Kind in den Armen, da erkannte die Zauberin, dass dieses Glück, Schönheit und Freude im Überfluss besaß, während die Erstgeborene daneben verblasste.« Scarlett sieht zu mir, die nächste Zeile rezitiert sie frei: »So besaß die Zauberin fortan drei Töchter: eine Glücksmarie, eine Pechmarie und ein Aschenputtel.«

Ich bete, dass sie nicht weiterblättert. Dass sie denkt, auf den folgenden Seiten würde das Märchen weitergehen. Noch tiefer kann ich sie nicht blicken lassen.

»Lass uns tauschen«, schlägt Scarlett da vor und das Buch zu; ihre Lust am Vorlesen ist vergangen. Ob die Worte ihren ureigenen Ängsten zu nahe gekommen sind? Wir mögen unterschiedliche Rollen einnehmen, doch wir spielen im selben Stück. »Gib mir die Tasche, dann bekommst du es zurück.« Fordernd streckt sie die Hand aus.

Die Tasche gegen das Buch.

Verblassende Erinnerungen gegen meine intimsten Gedanken.

Welcher Verlust schmerzt mehr? Ich kralle die Finger um den veilchenblauen Riemen. Der Stoff duftet längst nicht mehr nach Mutter, zu oft habe ich die Tasche des Abends aus der Kiste unter dem Bett befreit, sie an mein Gesicht gedrückt und mich in ihre Umarmung geflüchtet. Doch ihr Duft ist verflogen wie das Gefühl ihrer Arme. Jetzt weiß ich weder, wie sie sich anfühlte, noch wie sie einst roch. Alles, was von ihr bleibt, ist diese Tasche. Meine Finger ertasten die Stickerei blind. Vergissmeinnichtblüten nebst hellgrünen Blättern. Das Futter im Innern trägt denselben Ton, der an taubedeckte Frühlingswiesen erinnert, an die leuchtende Unterseite von Birkenblättern, die sich in der Sonne räkeln. Ich kann sie nicht hergeben – und doch bleibt mir keine Wahl, wenn ich mein Tagebuch zurück möchte.

Mich überkommt eine so große Mattigkeit, dass ich die Augen schließe. Der Zorn zerfließt, ich kann ihn nicht halten. Ich stelle mir vor, was Anna sagen würde, wäre sie hier. Gewiss bäte sie darum, Scarlett die Tasche auszuhändigen. Um des Friedens willen. Sie hat niemals meine Partei ergriffen, in keinem der endlosen Streite, die auf Mutters Verschwinden folgten. Sie hat bloß warnend meine Hand gedrückt und mir zugeflüstert: Die Stärkere gibt nach.

Nur fühle ich mich nicht stark.

Ich fühle mich unendlich schwach.

»Also? Was meinst du?« Scarlett schafft es sogar, zu lächeln. Und wie sie so vor mir hockt und das Licht ihres Smartphones in meinen Augen sticht, weiß ich, dass ich ihr unterlegen bin. Ich kann nicht gewinnen. Nicht wenn ich mich so klein fühle, mich bewusst kleinmache. Unsichtbar. Wie des Nachts, wenn ich ihr folge …

Ich hebe den Blick und die Worte springen hervor, dass ich sie des Nachts beobachtet habe. Einem Sturzbach gleich zerstören sie die zart keimende Nähe, die wir auf dem Dach zueinander fanden. Bruchstücke aus geteilten Erinnerungen, getauschte Worte und der gemeinsame Schmerz, all das löst sich unwiederbringlich auf, es zerfällt ins Nichts. Bis nur noch wir zwei da sind.

Fremde bis aufs Blut.

Scarlett rollt zurück auf die Fersen. »Beobachtet?«

Ich nicke kaum merklich, mein Mund ist staubtrocken.

»Wie ausgesprochen unartig von dir.« Sie erhebt sich und steht einen Moment über mir wie ein Racheengel. »Zu schade. Das hätte ein schöner Abend werden können. Wir zwei, wiedervereint.« Der Bass des Autoradios ebbt ab, das Lied endet, ein neues erklingt. »Nun, da ich nicht bekomme, was ich will, kriegst du es ebenso wenig.«

Ehe ich sie aufhalten kann, holt sie aus – und die Dunkelheit schluckt mein Buch. Ich höre es flattern, als die Seiten aufreißen, doch ich sehe nicht, wohin es fliegt. Wohin sie es wirft. Sie reibt sich die Handflächen am Rock ab, als müsste sie sich von meinen Worten befreien.

»Traust du dich hinüber?«, ist alles, was sie sagt, ehe sie im fahlen Licht des Displays entgleitet und ich entsetzt begreife, dass sie es hinübergeworfen hat. Über die Mauer. In den Garten der Spukvilla. Dorthin, wo sich niemand hintraut – und wer es tat, ist heute tot.

Die Musik schwingt klarer durch die Nacht, als Scarlett das Auto von Derek erreicht und die Tür öffnet. Ich höre sie zuschlagen, die Klänge abstumpfen, den Motor starten. Der Kies knirscht, als er wendet. Dann brausen sie davon.


Die Villa der Toten

Das also ist er, der Moment der Wahrheit, an dem sich die Heldin entscheiden muss, dem Ruf des Abenteuers zu folgen, alles zu wagen und dabei alles zu verlieren. Sonst wäre es keine Geschichte, die zu lesen sich lohnt.

Wer ist nun die Heldin?

Bist du es? Oder bin ich es?

Da ich diese Zeilen schreibe, liegt es an mir, die Rollen zu verteilen und die Wahrheit zu offenbaren.

Meine Wahrheit. Nicht deine.

Sei mutig, wage den Sprung hinein in den unheilvollen und toxischen Garten der Zauberin, in dem die Ursprünge dieser Geschichte lange vor unserer Zeit gesät wurden. Es liegt an uns, die Früchte zu ernten. Die guten wie die faulen.


19

Unser Kräutergarten liegt brach. Anna hat ihn vernachlässigt. Der Borretsch wuchert in den Wegen und sein typisches Gurkenaroma streift meine Nase, kaum dass die Stängel unter meinen Sohlen knicken, ebenso der Duft der Melisse, die ich auf der Suche nach dem Klinker der Werkstatt streife. Ich folge mit den Fingerspitzen den Rillen im Gemäuer bis zur Tür. Es riecht vertraut, kaum dass ich sie aufstoße, nach altem Holz und Leim und längst vergangenen Tagen, bittersüß, fast schon faulig. Der Kompost für die Gartenabfälle liegt direkt unter dem Fenster, das sich als einziges öffnen lässt. Ich taste die Wand neben der Tür ab, suche den Lichtschalter, finde und drehe ihn.

Die Glühbirne flammt knisternd auf. Ihr Glas ist so verstaubt wie die grau gepuderten Gerätschaften über der Werkbank, die nur der Form halber erinnern, wozu sie einst taugten. Ich stoße gegen einen Tontopf, er kippt von der Bank, schlägt auf und zerschellt in tausend Teile. Ich lausche atemlos in die Hütte hinein, doch nichts regt sich. Kein Laut, kein Geräusch, kein Rascheln, kein Wispern. Dennoch wirkt die Stille weniger tief; als wäre etwas in ihr erwacht und ich nicht länger mutterseelenallein.

Nervös halte ich nach der Leiter Ausschau, deshalb bin ich hier. Ich brauche sie, um auf die Mauer und in den Garten zu klettern. Dort hinten, halb verdeckt von Kisten und Säcken, ragen die Sprossen auf. Ich schiebe mich zwischen den Türmen aus Tontöpfen hindurch, sorgsam darauf bedacht, keinen weiteren zu zerbrechen. Jeder Laut, so fürchte ich, könnte die Toten auferstehen lassen aus ihren modrigen Gräbern.

Modrig riecht es auch hier.

Ich greife nach dem Hebel des Fensters; er lässt nur widerwillig zu, dass ich die Scheibe aufdrücke und die Nacht hineinlasse. Die Hütte ächzt im Windzug, als würde sie frösteln. Ich schlinge die Arme um mich, den Blick fest auf die Leiter gerichtet. Sie war einst blau, im Dämmerlicht wirkt sie vergilbt wie eine Sepiafotografie, ebenso die von der Decke baumelnden Gießkannen. Ich ziehe den Kopf ein, um mich nicht zu stoßen, und entdecke dabei ein Weinfass unter einer steifen Plastikplane. Es ist, als würde ich nicht nur das Fass, sondern auch die Erinnerung daran freilegen.

Wir kauften es an einem warmen Frühlingstag, hievten es in den Kofferraum und klappten die Rückbank um, damit es hineinpasste; ich durfte vorn neben Papa sitzen, das Fenster bis zum Anschlag hinabgekurbelt und das Radio voll aufgedreht, während der Wind an meinen Haaren zog und die Sonne mit uns um die Wette strahlte.

Ich strecke die Hand aus und berühre das Holz – da flackert das Licht. Es ist nur ein kurzer Moment, den die Dunkelheit nach mir greift, doch mein Herz explodiert.

Ich bin nicht allein.

Wie gelähmt stehe ich da, überwältigt von dem Gefühl, dass da jemand ist. Bei mir. Dabei ist es unmöglich. Die Hütte ist winzig und Menschen sind groß. Vorsichtshalber spähe ich unter die Werkbank und die Plane, doch dort liegen nur weitere Kisten und ein bis zur Unkenntlichkeit verstaubter Koffer nebst Säcken voll Blumenerde.

Kein Mensch.

Kein Landstreicher.

Kein Einbrecher.

Kein Mörder.

Kein Psychopath.

Wer sollte sich auch in einem alten, muffigen Werkzeugschuppen verstecken?

Niemand, flüstere ich mir in Gedanken zu.

Es ist albern. Ich bin albern. Meine Angst ist irrational. Ich bin allein. Trotzdem schaudere ich, als der Windzug sich verstärkt und flüsternd um meine Schultern streicht. Die Tür im Blick schiebe ich mich rückwärts durch den Raum. Scarlett hätte ihre reinste Freude daran, mich so zu sehen. Paradoxerweise stärkt mich der Gedanke an sie. Er entflammt etwas in mir, das die Anspannung übertüncht.

Guter alter Zorn, mächtiger als Furcht.

Erneut flackert das Licht – und der Zorn erlischt wie das sepiagelbe Leuchten. Ich bin allein, da ist niemand, beruhige ich mich. Da rieche ich die Melisse. Kein Laut kommt über meine Lippen, als sich aus der Ahnung das Geräusch von Schritten schält. Ich halte die Luft an, als sich die Tür der Werkstatt verdunkelt – schwarz auf schwarz; ich sehe nichts, doch ich spüre die Anwesenheit des anderen mit jeder Faser meines Körpers. Ich weiß, er ist da.

Er oder sie oder Schlimmeres.

Es klickt, als der Lichtschalter betätigt wird; doch es bleibt dunkel. Die Zeit hat über den Draht gesiegt, wie sie auch mich zu besiegen droht. Ich stehe mucksmäuschenstill, die Tonscherben knirschen, die Folie knistert. Wer auch immer da ist, kommt auf mich zu; der Melissenduft verrät seine Nähe, er verrät – auch mich?

Meine Hände zittern so stark, dass ich sie balle.

Hört er das Knacken? Spürt er das Zucken?

Ein dumpfer Aufprall, ein tonloses Ächzen, die Gießkannen klirren. Er hat sich den Kopf gestoßen. Erneut die Folie, gefolgt von den Tonscherben, diesmal so laut, als spielte es keine Rolle, ob andere es hörten. Dann ist er fort, entweicht in die Nacht gleich einem lautlosen Seufzen. In Gedanken folge ich ihm durch den Borretsch und die Minze, vorbei an dem Steinhügel und durch die Pforte zwischen den Holundersträuchern, raus auf die sumpfige Wiese.

Fünf Schritte, sieben, dann zehn.

Ich ringe um Atem, verschlucke mich just am Staub und stürze auf die Knie. Wer zur Hölle war das?

Papa hat in den letzten Jahren kaum den Hof betreten und Anna fürchtet die Dunkelheit, weshalb sie stets eine Taschenlampe bei sich trägt. Doch wenn es weder Papa noch Anna war, wer dann? Scarlett ist fort, niemand sonst hat Zutritt zu unserem Grundstück.

Ein Landstreicher? Gibt es die hier überhaupt?

Ich kauere am Boden und lausche mit weit aufgerissenen Augen in die Nacht hinaus, auf Schritte im Kies oder das verräterische Quietschen der Pforte. Doch es bleibt still – für Minuten oder gar Stunden. Dunkelheit besitzt eine eigenwillige Zeit, Furcht hingegen kennt gar keine. Ich bin hellwach, aber unfähig zu fliehen. Ich spüre den Raum, die Töpfe und Kisten, die Nähe der Wände und Decke über mir. Ich schmecke den Staub und die aufgewühlte Erde. Ich glaube sogar, den Duft des Weines zu riechen. Bloß meinen Körper spüre ich nicht, als hätte er mich abgestoßen.

Als ich es endlich schaffe, die Fäuste zu lösen, kribbelt meine Haut vor Hochspannung. Ich stütze mich am Weinfass ab und stemme mich hoch. Ich brauche die Leiter. Ohne sie war alles vergebens. Der erste Stab, den ich ertaste, gehört zu einem Rechen, der zweite einem Spaten; dann finde ich Sprossen. Die Leiter misst keine zwei Meter, trotzdem streift sie die Gießkannen. Ich bleibe in der Plastikfolie hängen und stürze. Die Tontöpfe ergießen sich lawinenartig über mich. Überall sind Splitter, die Luft ist staubdick. Doch ich gebe nicht auf, kämpfe mich vorwärts.

Am Ende stehe ich schweißgebadet in der Melisse; meine Haut brennt, als wäre ich durch Berge aus Kämmen und Bürsten und Spiegelscherben gewatet. Die Leiter presse ich an mich wie einen teuer errungenen Schatz. Bis zur Mauer ist es nicht weit. Viel zu schnell steht die Leiter fest im Gestrüpp und ich auf der obersten Sprosse.

Der Moment der Wahrheit naht.

Traue ich mich hinüber?

Vertraue ich darauf, dass es keinen Fluch gibt?

Dass ich es überlebe?

Ich kralle mich in den Efeu und überwinde den letzten Abstand. Schon sitze ich auf der Krone, ein Bein auf jeder Seite. Bin ich bereit? Der Wind streicht durch die Holunderbüsche, ich kann sie nicht sehen, nur hören. Alles ist schwarz, der Garten der Villa genauso wie mein Zuhause. Einzig in der Küche brennt Licht. Anna sitzt mit einer Tasse Tee am Tisch und liest. Wie leicht es ist, in hell erleuchtete Fenster zu blicken, sicher verborgen im Mantel der Nacht. Ich frage mich, wie viele Menschen es mir gerade gleichtun und dieses Ziehen ganz tief in der Brust spüren, diese Sehnsucht nach etwas, das zum Greifen nah und doch in unerreichbarer Ferne liegt. Eine Scheibe und tausend Welten liegen dazwischen.

Anna trinkt einen Schluck.

Ich wende mich ab und ziehe das zweite Bein hinüber. Unter mir liegt der verbotene toxische Garten der Spukvilla. Nur einen Sprung entfernt. Kein Grund, kein Strauch ist zu erkennen. Ich greife mir ein Bündel Efeuranken und schiebe mich über den Rand. Der Efeu ächzt, meine Füße finden keinen Halt. Statt zu springen, wollte ich hinabklettern, jetzt hänge ich da wie ein nasser Sack. Zu allem Überfluss höre ich Stimmen. Innerhalb des Gartens. Sie nähern sich rasch.

»Du hast was gehört?«

»Alter! Verarschst du mich?«

»Zwei Mädchen, die über Selbstbefriedigung reden? Come on! Das ist so hart an den Haaren herbeigezogen, wie kann ich das glauben?«

»Wenn ich es doch sage! Ich bin die verkackte Mauer abgelaufen, um den Weg zu finden, da hab ich sie ganz deutlich gehört.«

»Wohl eher halluziniert.«

Ein Schlag erklingt, als würde einer dem anderen eine verpassen. Es sind männliche Stimmen, die genau unter mir zum Stillstand kommen. Ich erstarre zur Salzsäule – darin habe ich Übung – und lausche ihnen mit pochendem Herzen.

»Es war irgendwo hier.«

»Ich hör nix.«

»War es doch weiter hinten?«

»Oder eine Wahnvorstellung«, beharrt der eine, den ich in Gedanken den Zweifler nenne.

Der andere – der Lauscher – schnaubt: »Das hab ich dann auch halluziniert, hm?«

»Ein Buch?«

Mein Herz setzt aus.

»Es kam über die Mauer geflogen.«

Scheiße, scheiße, scheiße!

»Ohne Witz?«

»Alter!«

»Schon gut, schon gut. Was steht drin?«

Ich sterbe!

»Keine Ahnung. Ich hab nicht nachgesehen.«

Fieberhaft suche ich einen Ausweg. Ich schaffe es niemals zurück auf die Mauer, ich kann mich ja kaum noch halten. Lasse ich mich fallen, verrate ich meine Anwesenheit. Die Lage ist aussichtslos, bis –

»Da kommt wer«, warnt der Lauscher. Ich höre es auch. Jemand nähert sich. So viel Pech kann ein Mensch unmöglich haben. Ich verfluche Scarlett und mobilisiere meine letzten Kraftreserven. Nur noch ein wenig länger …

Da spüre ich eine Bewegung. Einer der beiden presst sich an die Mauer. Sein Arm streift mich, der Efeu gibt unter ihm nach. Er ist viel zu nah, wenn er sich nur ein wenig in meine Richtung dreht, stößt er wortwörtlich auf mich. Jetzt hält er den Atem an.

Das schwache Licht einer Laterne nähert sich, mit ihm schälen sich Umrisse aus dem Dunkel. Büsche, Blätter und das Gesicht des Mannes neben mir. Ich erkenne zweierlei. Erstens ist er etwa in meinem Alter und zweitens auf einer Höhe mit mir, was bedeutet, dass ich mich wenige Zentimeter über dem Boden an die Mauer klammere. Der Grund auf dieser Seite muss höher liegen, was prima wäre, wäre ich allein. So bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter den Affen zu mimen, während der Laternenschein vorüberzieht.

Da dreht er den Kopf und erblickt mich; er zuckt nicht einmal zurück, wohingegen ich vor Schreck beinahe loslasse. Ein flüchtiges Blinzeln ist die einzige Reaktion auf mein panisches Zucken, als wäre es für ihn vollkommen normal, fremde Mädchen an Mauern hängen zu sehen.

»Du kannst loslassen«, lässt er mich wissen, kaum dass der Laternenschein verblasst. Es ist der Zweifler.

»Loslassen? Wovon redest du?« Der andere pirscht durchs Unterholz. »Alter, das war knapp! Nichts wie ab über die Mauer, bevor er zurückkommt.«

»Ich hab dein Mädchen gefunden.«

»Mein was?« Da entdeckt mich auch der Lauscher. Im Gegensatz zu seinem Freund springt er drei Schritte zurück. »Holy Shit! Kannst du mich nicht vorwarnen?«

»Hab ich doch.«

»Was macht sie da? Kann sie sprechen?«

»Wir sollten ihr von der Mauer helfen –«

Da lasse ich los und plumpse mitten hinein in üppig wuchernde Brennnesseln. Einer hilft mir hinaus, der andere hält mein Buch in den Händen. Ich will danach greifen, da hebt er es aus meiner Reichweite. Es ist der Lauscher.

»Das gehört mir«, lasse ich ihn wissen.

»Offensichtlich wolltest du es nicht mehr.«

»Es gehört mir!«, beharre ich.

»Da könnte ja jede kommen.«

»Still!«, warnt der Zweifler. »Er kommt zurück.«


Anna hat Scarlett ein Tagebuch gekauft. Jetzt haben wir beide eines. Nur dass ich meines sicher verwahre, während sie ihres offen liegen lässt. Ich warf einen Blick hinein, als sie unter der Dusche war. Sie nutzt es weniger zum Schreiben, sondern vielmehr zum Zeichnen. Die flüchtig skizzierten Gestalten verraten mindestens so viel über ihr Innerstes wie die Worte in meinem über mich.

In uns beiden ist etwas zerbrochen.

Wir sind beschädigt.

Vielleicht sind wir das alle.


Ich habe mir Landstreicher stets alt und verwahrlost vorgestellt, doch vielleicht sind sie eher wie diese beiden. Höchst arrogant von mir, zu denken, es gäbe nur eine Art Mensch, die auf der Straße lebt. Ich selbst habe darüber nachgedacht abzuhauen und würde, käme es je dazu, von heute auf morgen auf der Straße leben. Sind sie genauso?

Vor uns öffnet sich die Rasenfläche mit dem Schachbrett. Geisterhaft ragen die Statuen auf. Der Mond steht tief. Er ist eine Sichel, sein Licht fahl und kalt, doch es reicht, die Umrisse zu skizzieren. Ich höre Schritte. Wer auch immer mit der Laterne durch den Garten streift, ist uns auf den Fersen.

»Wohin?«, flüstert der Lauscher.

Sie wollen weiter durchs Unterholz, doch ich erinnere mich, dass hier Bärenklau wuchert; ich sah es vom Dach aus.

Ich zerre sie in die entgegengesetzte Richtung.

»Er wird uns sehen«, beschwört mich der Zweifler, da erreichen wir das Schachfeld. Rasch presse ich mich gegen eine der Figuren; die beiden tun es mir gleich. So stehen wir da, unterdrückt schnaufend und lauschend. Der Laternenschein naht. Es ist der Gärtner, der aus dem Gebüsch tritt. Die Furchen in seinem Gesicht wirken tiefer, die Augen dunkler, sie spiegeln den Widerschein der Kerze, die in der Laterne brennt. Unser Glück, dass er keine Taschenlampe nutzt. Sein Weg führt ihn an uns vorbei, ich höre ihn husten und etwas von Strolchen fluchen. Ob er die beiden meint? Dann verschwindet er zwischen den Bäumen auf der anderen Seite. Der Lauscher atmet hörbar aus.

Der andere spottet: »Der ist schlimmer als deine Ma.«

»Ihr kennt ihn?«

»Den Alten?« Der Lauscher schnaubt. »Klar doch. Ist besessen davon, dass wir seine Pflanzen zertrampeln. Wenn es nach ihm ginge, dürften wir keinen Schritt tun.«

»Wer seid ihr?«, frage ich.

Die zwei werfen sich einen Blick zu. »Die Frage ist eher: Wer bist du? Nicht wir sind hier eingebrochen.«

»Ich will mein Buch zurück.«

»Beweis, dass es deins ist, und es gehört ganz dir.«

»Es gehört bereits mir.«

»Mag sein, doch so macht das keinen Spaß.«

In Gedanken jage ich ihn ums Schachfeld, in Wirklichkeit stehe ich bloß da und starre ihn finster an, was er in der Dunkelheit natürlich nicht erkennen kann.

Feige, feige Jenna.

»Lasst uns woanders reden«, schlägt der Zweifler vor und wartet gar nicht erst auf Zustimmung. Schon dirigiert er uns durch den nächtlichen Garten. Scarlett würde das nie mit sich machen lassen. Sie würde ihr Haar zurückwerfen und das Buch verlangen, das man ihr sofort gäbe. Scarlett ist Furcht einflößend in ihrer Schönheit und ihrem Zorn.

»Ist das der richtige Weg?«, höre ich den Lauscher fragen. »Das Tor war eben noch nicht da.«

Das Tor sind zwei Silberregen, deren Äste einen natürlichen Bogen bilden. Ich erkenne sie an den herabhängenden Zweigen und Dornen.

»Autsch«, flucht da der Lauscher. »Das pikst!«

Stufen führen zu einem Grund, der so schwarz ist, als würde er Licht trinken, dabei sind es gewiss die Bäume, die den Mondschein für sich selbst beanspruchen.

»Daran erinnere ich mich auch nicht«, sagt der Zweifler. War ich eben noch genervt von seiner bestimmenden Art, taste ich jetzt nach seinem Arm. Er lässt es zu.

»Ich dachte, ihr kennt euch aus.«

»Dieser Garten ist ein wahres Labyrinth.«

»Er ist toxisch«, stimme ich zu, in Gedanken bei der Geschichte, die Scarlett vorlas. Es ist nicht die meine, ich habe sie bloß niedergeschrieben, Wort für Wort aus meinen Erinnerungen. Es war unser Gutenachtritual: die Geschichte der Zauberin und ihrer drei Töchter, danach ein Kuss, gefolgt vom Feststecken der Decke. Mutter ging, bevor ich schlief – und ich lag da, starrte zum nachtblinden Fenster und dachte über die verfluchten Kinder nach. Schon damals wusste ich, dass sie uns meinte.

Anna, Jenna und Scarlett.

Drei Kinder. Ein Fluch.

»Scheiße, was ist …«

Da platscht es. Der Lauscher verschwindet so plötzlich vor uns und ich bin zu tief in Gedanken, als dass ich noch bremsen könnte. Ich folge ihm auf dem Fuß und reiße den Zweifler mit hinein ins nasskalte Reich.

»Ein Teich«, prustet der Lauscher.

»Mein Buch!«, kreische ich und schlucke Wasser, huste und schlucke noch mehr. »Es darf nicht … nass werden!«

Etwas berührt mich an der Wade, ich schreie auf, meine Muskeln verkrampfen. Ich drohe schon wieder zu erstarren. Jemand schiebt mich gen Ufer. Der Teich ist nicht tief, aber sumpfig. Ich glitsche ab.

»Zieh dich hoch!«

»Mein Buch«, protestiere ich.

»Erst raus«, befiehlt der Zweifler und zwingt mich vorwärts. Mit zitternden Fingern finde ich Halt im Röhricht, dann knie ich da, auf allen vieren im flachen Ufer. Er greift mir unter die Arme und hievt mich hoch. Erst als ich auf dem Rücken im Gras liege, gewinne ich die Kontrolle über meine Glieder zurück. Ich zittere erbärmlich.

»Yakup?«, ruft der Zweifler.

»Scheiße, wo seid ihr?«, erklingt es von jenseits des Teiches. »Du hast uns in einen verdammten Tümpel geführt! Hörst du, Lee? Von wegen bester Orientierungssinn, du bist aufgeschmissen ohne dein Navi! Mist, er kommt zurück.«

Und weg ist er.

Lee – der Zweifler – greift nach meiner Hand. »Jetzt nicht erstarren, Mauermädchen, wir müssen weiter.«

Ich stolpere ihm blind hinterher. Wüsste Anna davon, würde sie einen Herzschlag erleiden. Ich bin die vernünftige Schwester, diejenige, die niemals Schwierigkeiten hat, auf Partys geht oder fremden Männern in dunkle Gefilde folgt.

Lee, der Name passt zu ihm.

Er lotst mich zur Rückwand eines Schuppens und an schwach erleuchteten Sprossenfenstern vorbei. Ich spähe hinein. Es ist eine Werkstatt, in der ein abgedecktes Auto steht. Lee schiebt mich hinter ein Regenfass und zwängt sich hintendrein. Dort harren wir aus, Brust an Brust und klatschnass. Dass er noch meine Hand hält, scheint er vergessen zu haben – mir gefällt es überraschend.

Die Dunkelheit ist eine seltsam eigenwillige Sache. In ihr fühle ich mich normalerweise allein und verloren – Anna und Scarlett stets eine Wandbreit entfernt –, doch hier und jetzt schafft sie eine Nähe, die neu und aufregend ist. Sie spinnt ihre Fäden, lässt mich sein, wer immer ich sein möchte. Dieses wagemutige Ich kann nur hier und jetzt existieren, da Lee nicht um meine Makel weiß und ich nichts von ihm. Vielleicht ist genau das der Grund, warum es Menschen nachts auf die Straßen und in überfüllte Clubs zieht. Sie können sein, wer immer sie sein wollen.

Wagemutig, kühn, lustig, frei.

»Bist du in Ordnung?«, fragt Lee und ich nicke.

Wie schnell ich mein Herz verliere.

»Hast du dich verletzt? Du atmest flach.«

»Ich bin nervös«, gestehe ich.

Sein Gesicht liegt im Schatten. Zu gern würde ich den Ausdruck sehen, denn seine Stimme lässt sich schlecht deuten. Ist er neugierig? Bloß höflich?

»Warum?«, fragt er.

»Der Garten«, sage ich, verliere jedoch den Faden, als es ganz in der Nähe knackt. Lichtschein dringt durchs Geäst, trifft auf das Fass und streift über unsere Köpfe hinweg. Lee duckt sich, doch das Licht berührt seine Haarspitzen; ich greife in seinen Nacken und ziehe ihn zu mir. Sein Haar ist feucht, das Shirt klebt an ihm, es klebt auch an mir.

Sein Herz rast. Oder ist es meines?

»Er ist weg«, sagt Lee Sekunden – oder Minuten? – später. »Du kannst mich loslassen.« Ich tue es sofort. »Danke«, er klingt, als würde er lächeln, »für die heldenhafte Rettung.«

»Stets zu Diensten«, murmele ich.

Jetzt lächelt er definitiv. »Ich nehm dich beim Wort.«

Es ist der Fluch der Nacht, dass alles, was in ihr erblüht, mit dem ersten Sonnenstrahl vergeht und wir zu unserem wahren Ich schrumpfen. Ich weiß das und er auch.

»Die Luft ist rein.«

Lee führt mich zu einem Seitentrakt der Villa und öffnet dort eine schwere Eichentür. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich nicht nur den verbotenen Garten betreten habe, sondern kurz davor bin, das Allerheiligste zu entweihen. Es kommt mir so ungeheuerlich, ja geradezu gefährlich absurd vor, dass ich auf der Stelle umdrehen und fliehen möchte. Lee hat feine Antennen, denn der Druck seiner Hand schwindet. Nur keine Angst, versichert er wortlos. Er lässt mir die Wahl. Ich kann gehen, zurück über die Mauer und in den Schatten von Scarlett, oder ich folge ihm.

»Spukt es hier?«

Lee lächelt. »Vielleicht.«

»Ich meine es ernst!«

»Ich auch.«

Eine zweite Tür öffnet sich. Warmes Licht fällt in den schmalen Gang. Er wirkt im Vergleich zum äußeren Erscheinungsbild der Villa beinahe vulgär schlicht. Der Glanz ist mit den Jahren verblasst, vernachlässigt oder verkauft worden.

»Da seid ihr ja.« Yakup winkt uns eilig rein. Er wirkt nervös. »Hat er euch gesehen?«

Lee verneint. Jetzt, da ich sein Gesicht betrachten kann, fühle ich mich bestätigt. Alles an ihm stimmt. Dabei ist er nicht im klassischen Sinne hübsch, ich fürchte gar, die meisten würden ihn übersehen, aber mir gefällt er gerade deswegen. Weil ich wie er bin.

Yakup räuspert sich. »Ich schlage vor, ihr schließt die Tür und fallt dann übereinander her.«

Prompt lässt Lee meine Hand los. »Das Buch?«, fragt er und tritt zu Yakup in den Raum jenseits des Ganges.

Vorsichtig folge ich, der Boden knarrt, die Tür ächzt, als ich sie mit sanfter Gewalt schließe. Der Rahmen hat sich verzogen, er ist alt und reich verziert. Ein Relikt längst vergangener Zeiten, ein Überbleibsel, das womöglich zu schwer zu entfernen war. Ob es im restlichen Haus ebenso karg ist? Yakup und Lee stehen am Fenster und unterhalten sich murmelnd. Eine Stehlampe brennt, zwei Sessel, zwei Betten und zwei Stühle stehen da, als wären sie kürzlich verwaist. Die Decken sind zerwühlt, das Geschirr ist benutzt, daneben liegen Spielkarten und ein aufgeschlagenes Buch. Die Dielen verraten meine Neugier, Yakup dreht sich um. Im Gegensatz zu Lee ist er jemand, der gewiss sämtliche Blicke auf sich zieht. Ob er Scarlett gefallen würde? Sie mag große, sportliche Typen und Yakup wirkt, als würde er niemals still sitzen.

Er grinst. »Soll ich mich ausziehen?«

Ich nicke, schließlich ist er klatschnass. Er lacht, Lee hebt eine Braue. »Du auch«, lasse ich ihn wissen und sehe mich um. »Habt ihr ein Handtuch für mich?«

»Ein Mädchen nach meinem Geschmack!«

»Ein Handtuch«, wiederhole ich. Lee reicht mir eines, das sie bereits benutzt haben. Das ganze Zimmer sieht aus, als wären sie vor Wochen eingezogen. Offensichtlich bemerken sie meine Irritation, denn Yakup schiebt rasch die Wäsche zusammen, ehe er sich das nasse Shirt über den Kopf zerrt. Wahrhaftig, er ist Sportler. Oder Dauergast im Fitnessstudio. Daneben fühle ich mich geradezu peinlich unfit. Ich fahre Rad, möchte ich sagen, jeden Tag zur Schule und zurück. Stattdessen ziehe ich, mir meiner erbärmlichen Gestalt plötzlich allzu bewusst, das Handtuch enger um die Schultern. Mein Haar hängt herab, das Kleid offenbart jede Delle und jeden Makel. Ich tropfe auch noch.

»Mit wem hast du gestritten?« Auf meinen fragenden Blick hin führt Yakup näher aus: »Ihr wart verflucht laut. Erst ging es um irgendein Märchen, dann darum, dass ihr einander beim Masturbieren beobachtet.«

»Nicht einander«, korrigiere ich.

Er neigt sich interessiert vor. »Watcher oder Player?«

Lee wirft ihm ein Shirt zu. »Zieh dich an.«

Während sie sich abtrocknen, trete ich zum Tisch; das Buch, das dort liegt, ist ein Bildband Australiens. Ich blättere wahllos ein paar Seiten vor, verliere das Interesse und suche nach meinem eigenen Buch. Ich finde es auf der Heizung liegend. Ein Entsetzenslaut entschlüpft mir. Der Einband trieft, die Seiten sind wachsweich, aber die Tinte, die Tinte ist stur. Ich hebe es vorsichtig an meine Brust.

»Habt ihr ein Eisfach?«

»Wozu?«

»Habt ihr oder nicht?«

»In der Küche«, sagt Lee und tritt in trockenen Shorts neben mich. »Funktioniert das wirklich?«

»Ich hoffe es.«

Yakup ist verwirrt. »Wovon zum Henker sprecht ihr?«

»Folge mir.« Lee tritt zur Tür.

»Alter, du willst da rein?«

»Er wird uns schon nicht köpfen.«

Yakup blickt von Lee zu mir. »Hör mal, Miss Ich-will-mein-Buch-Zurück, wohnst du in der Nähe? Gibt es keine Eisfächer da, wo du herkommst? Wir helfen dir zurück über die Mauer, das Buch hast du ja jetzt.«

Ich könnte zurückkehren. Doch was würde Anna sagen, wenn ich triefend und ohne Scarlett in der Tür stünde? Wäre sie enttäuscht? Sauer? Ihr Ton war seltsam, als sie mit Vater sprach, ebenso ihr Blick, als wir uns verabschiedeten.

Alles ist seltsam heute. Anna, Scarlett, sogar ich.

»Sie wird mich umbringen«, höre ich mich sagen, was eine glatte Lüge ist. Ich will nur nicht heim.

»Besser, als wenn der Alte seinen Frust an mir auslässt«, sagt Yakup im Brustton der Überzeugung, legt aber zugleich eine Hand auf meine Schulter, es ist eine seltsam süße und ambivalente Geste. »Wer ist sie?«, fügt er hinzu, als müsste er abwägen, wer von uns in größerer Gefahr schwebt.

»Meine große Schwester. Ich habe ihr versprochen, Scarlett zu begleiten.«

»Und das ist …?«

»Meine kleine Schwester.«

»Klein im Sinne von wie klein?«, fragt Lee.

Ich ziehe eine Grimasse.

»Mit ihr hast du dich gestritten«, schlussfolgert er.

Ich nicke. Yakup flucht, er tut das oft. »Alles klar, ich geb auf, ab in Teufels Küche. Nach dir, heldenhafter Lee!«


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248 стр. 14 иллюстраций
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9783959913065
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