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REISE
UM DEN
MOND
JULES VERNE
MIT DEN ILLUSTRATIONEN
DER ORIGINALAUSGABE

Mit den Illustrationen der
französischen Originalausgabe des
Verlages J. Hetzel & Cie.
Nach der deutschen Übersetzung des
A. Hartleben’s Verlages (1874-1911)
der neuen Rechtschreibung angepasst.
Leicht bearbeitet durch den Wunderkammer Verlag.
© 2013 Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,
Hamburg
Alle Rechte, auch das der fotomechanischen Wiedergabe
(einschließlich Fotokopie) oder der Speicherung auf
elektronischen Systemen, vorbehalten.
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Titelabbildung: akg-images, Berlin
Umschlag: Timon Schlichenmaier, Hamburg
E-Book Erstellung: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH
ISBN: 978-3-86820-955-6
www.nikol-verlag.de
Vorwort und Rückblick
I
m Laufe des Jahres 186... wurde die ganze Welt durch ein Unternehmen, das in den Annalen der Wissenschaft ohnegleichen war, in außerordentliche Spannung versetzt. Die Mitglieder des Gun-Clubs, eines Vereins von Artilleristen, welcher sich nach dem amerikanischen Krieg in Baltimore zusammengefunden hatte, hatten die Idee, durch das Abschießen eines Geschosses mit dem Mond in Kontakt zu treten. Ihr Präsident Barbicane, der die Unternehmung angeregt hatte, ergriff, nachdem er die Astronomen des Observatoriums von Cambridge zu Rate gezogen hatte, alle notwendigen Maßnahmen, die für einen glücklichen Ausgang des von der Mehrzahl sachverständiger Männer für ausführbar erklärten Vorhabens erforderlich waren. Nachdem durch eine öffentliche Subskription etwa dreißig Millionen Dollar aufgebracht worden waren, begannen die gigantischen Arbeiten.
In Übereinstimmung mit einem von den Mitgliedern des Observatoriums erstellten Gutachten musste die Kanone, welche das Projektil abschießen sollte, in einem Gebiet zwischen 0° und 28° nördlicher oder südlicher Breite aufgestellt werden, damit man den Mond traf, wenn er sich genau im Zenit befinden würde. Außerdem musste das Geschoss eine Anfangsgeschwindigkeit von 12.000 Yards pro Sekunde erreichen.
Wurde das Projektil am 1. Dezember abends exakt um 13 Minuten und 20 Sekunden vor 11 Uhr abgeschossen, so musste es vier Tage später, also am 5. Dezember um 12 Uhr nachts, genau zu dem Zeitpunkt auf dem Mond einschlagen, wo dieser der Erde am nächsten stand, nämlich in einer Entfernung von 86.410 französischen Meilen.
Die wichtigsten Mitglieder des Gun-Clubs, zu ihnen gehörten der Präsident Barbicane, Major Elphiston, der Sekretär J. T. Maston und andere kluge Leute, hielten mehrere Sitzungen ab, in denen die Form und das Material der Kugel, die Art und Einrichtung der Kanone sowie die Beschaffenheit und Menge des Pulvers besprochen wurden. In Zahlen ausgedrückt waren die Ergebnisse dieser Verhandlungen: 1. Das Geschoss sollte eine Hohlkugel aus Aluminium mit einem Durchmesser von 108 Zoll, 12 Zoll dicken Wänden und 19.250 Pfund Gewicht sein. 2. Das Geschütz sollte aus Gusseisen bestehen, 900 Fuß lang sein und direkt in den Erdboden gegossen werden. 3. Als Ladung sollten 400.000 Pfund Schießbaumwolle dienen, welche dann 6 Milliarden Volumen-Liter Gas hinter dem Projektil erzeugten, womit dessen Triebkraft leicht bis zum Mond reichen würde.
Nachdem diese Fragen beantwortet waren, wählte Präsident Barbicane zusammen mit dem Ingenieur Murchison einen Ort in Florida aus, der die Koordinaten 27° 7‘ nördliche Breite und 5° 7‘ westliche Länge aufwies. An dieser Stelle wurde der Guss der Kanone erfolgreich durchgeführt.
So standen die Dinge, als ein Ereignis eintrat, welches das Interesse an dem großen Vorhaben noch hundertfach vergrößerte: Ein Abenteurer aus Paris, seines Zeichens genialer und auch couragierter Künstler, wünschte und erbot sich, eingeschlossen in eine Kugel die Reise zum Mond anzutreten, um über den Erdtrabanten Forschungen anstellen zu können. Der Name dieses mutigen Mannes war Michel Ardan. Bei seiner Ankunft in Amerika wurde er mit großer Begeisterung empfangen; er hielt Versammlungen, wurde in seinem Triumphzug auf den Schultern getragen, versöhnte Barbicane mit seinem Todfeind Kapitän Nicholl und überredete beide dazu, die Reise in der Kanonenkugel mit anzutreten. Der Vorschlag wurde angenommen und die Form der Kugel in einen Zylinder umgewandelt. Dieses ›Raumfahrzeug‹ wurde durch eine spezielle Konstruktion verbessert, um die Stoßgewalt des Abschusses etwas einzudämmen. Außerdem wurden in dem Gefährt Lebensmittel für ein Jahr, Wasser für einige Monate und Gas für mehrere Tage untergebracht. Eine mechanische Apparatur bereitete und lieferte die zum Atmen für die drei Reisenden notwendige Luft. Zur selben Zeit ließ der Gun-Club auf einem der höchsten Gipfel des Felsengebirges ein Riesenteleskop errichten, um damit die Möglichkeit zu erhalten, das Projektil während seiner Fahrt durch den Weltraum zu beobachten. Alles war nun fertig und das Unternehmen konnte beginnen.

Inmitten einer riesigen Zuschauermenge fand die Abfahrt am 1. Dezember zur vorgegebenen Zeit statt. Und zum ersten Male verfolgte man, wie drei menschliche Wesen den Erdball verließen und in den weiten Weltraum emporstiegen. Fast ausnahmslos war man davon überzeugt, dass diese am Ziel ihrer Reise auch anlangen würden. Die mutigen Reisenden, Michel Ardan, Präsident Barbicane und Kapitän Nicholl, sollten ihre Reise in 97 Stunden, 13 Minuten und 20 Sekunden überstanden haben. Folglich konnte ihre Ankunft auf der Mondoberfläche erst am 5. Dezember um 12 Uhr nachts erfolgen, gerade in dem Augenblick, wenn der Vollmond eintreten würde, und nicht am 4., wie einige Journale fälschlich berichteten.
Doch ereignete sich etwas Unerwartetes: Die von der Kanone hervorgerufene Erschütterung bewirkte durch eine Anhäufung einer großen Menge an Qualm unverzüglich eine Trübung der Atmosphäre. Dies rief allgemeine Enttäuschung hervor, da der Mond für einige Nächte hindurch den Augen seiner Beobachter verhüllt war. J. T. Maston, ehrwürdiger und tapferer Freund der drei Reisenden, eilte zum Felsengebirge, um dem verdienstvollen Direktor des Observatoriums von Cambridge, I. Belfast, Gesellschaft zu leisten und durch das in Longs Peak errichtete Riesenteleskop, das den Mond bis auf zwei Meilen vergrößerte, die Fahrt seiner kühnen Freunde zu beobachten. Doch der sich in der Atmosphäre verdichtende Qualm verhinderte während des 5., 6., 7., 8., 9. und 10. Dezembers jede Möglichkeit der Observation. Man fürchtete bereits, dieselbe bis zum 3. Januar des folgenden Jahres verschieben zu müssen, weil der am 11. Dezember in sein letztes Viertel tretende Mond danach stets nur einen abnehmenden Teil seiner Oberfläche zeigte. Dies reichte jedoch nicht aus, um die Spur des Geschosses erkennen zu können. Zur allgemeinen Befriedigung vertrieb in der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember ein starker Sturm endlich den Rauch aus der Atmosphäre und der zur Hälfte leuchtende Mond trat vor dem dunklen Hintergrund des Himmels deutlich hervor. Noch in derselben Nacht traf ein Telegramm ein, das die Herren Belfast und Maston von der Station Longs Peak an das Büro des Observatoriums in Cambridge abgeschickt hatten. Und welchen Inhalt hatte dieses Telegramm? Es berichtete darüber, dass das von der Kanone in Stones-Hill abgeschossene Projektil am 11. Dezember um 8.47 Uhr abends von den Herren Belfast und Maston gesehen worden sei. – Aus unbekanntem Grund sei es von seiner Bahn abgewichen und nicht an sein Ziel gelangt, doch sei es nahe genug gekommen, um von der Anziehungskraft des Mondes festgehalten zu werden; – seine gerade Richtung sei in eine Kreisbewegung übergegangen und so sei es zu einem Trabanten geworden, der in elliptischer Bahn um den Mond kreist. Das Telegramm informierte zusätzlich darüber, dass die exakten Daten dieses neuen Himmelskörpers noch nicht berechnet werden könnten und dass tatsächlich auch drei Beobachtungen des Himmelskörpers von drei verschiedenen Posten aus nötig wären, um die Daten bestimmen zu können. Außerdem, so das Telegramm weiter, könne die Entfernung des Projektils von der Mondoberfläche auf etwa 2.833 Meilen angeschlagen werden, d.h. 4.500 Lieues. Das Telegramm schloss mit der zweifachen Spekulation: Entweder werde die Anziehungskraft des Mondes zuletzt überwiegen und die Reisenden würden schließlich an ihrem Ziel ankommen, oder das Projektil werde unverändert in seiner Umlaufbahn festgehalten und seinen Kreislauf um den Mond bis ans Ende der Jahrhunderte fortzusetzen haben.
Wie würde es den Reisenden aber ergehen? Zwar hatten sie für einige Zeit Lebensmittel, doch wenn man auch voraussetzt, dass ihr gewagtes Unternehmen gelingen würde, wie würden sie dann zurückkommen können? Wäre dies je möglich? Könnte man von ihnen Nachricht erhalten? Diese Fragen, die die gelehrtesten Federn in Bewegung setzten, beschäftigten das leidenschaftliche Publikum.
Ich muss hier eine Anmerkung machen, die allzu voreilige Beobachter beherzigen sollten. Wenn ein Gelehrter dem Publikum eine rein spekulative Entdeckung ankündigt, kann er nicht vorsichtig genug sein. Einen Kometen, einen Planeten oder einen Trabanten zu entdecken, ist keines Menschen Angelegenheit. Und wenn man sich in einem solchen Falle irrt, kassiert man den Spott der Menge, welcher man sich aussetzt. Deshalb ist es ratsamer, abzuwarten; und dies hätte auch der ungeduldige J. T. Maston tun sollen, bevor er das Telegramm, in welchem – ihm zufolge nach – das Schicksal der Unternehmung so deutlich erklärt wurde, in die Welt hinausschickte. Wie sich später herausstellte, enthielt jenes Telegramm tatsächlich einen doppelten Irrtum: 1. Die falsch berechnete Entfernung des Projektils von der Mondoberfläche, denn am 11. Dezember konnte man es unmöglich gesehen haben, und was J. T. Maston sah oder zu sehen geglaubt hatte, konnte nicht das Projektil der Kanone sein. 2. Die falsche theoretische Folgerung über das Schicksal des Geschosses, denn indem man dasselbe zu einem Trabanten des Mondes erklärt, setzt man sich mit den Gesetzen der logischen Mechanik in Widerspruch. Ausschließlich die Vermutung der Beobachter von Longs Peak, nämlich dass sich die Reisenden, sofern sie noch lebten, bemühten, unter Nutzung der Anziehungskraft des Mondes auf dessen Oberfläche zu gelangen, konnte als wahrscheinlich gelten. Diese verständigen wie auch mutigen Männer hatten nun aber den entsetzlichen Gegenstoß des Abschusses unbeschadet überstanden. Die Reise in ihrem absonderlichen Fahrzeug soll im Folgenden mit all ihren eigentümlichen und dramatischen Ereignissen wiedergegeben werden. Die Erzählung wird so manche Mystifikationen und Spekulationen zunichte machen; von der möglichen Lösung einer derartigen Herausforderung wird hingegen eine richtige Vorstellung vermittelt und es werden der wissenschaftliche Instinkt Barbicanes, die erfindungsreichen Ideen und Kenntnisse Nicholls sowie die possenhafte Kühnheit Michel Ardans veranschaulicht. Ferner wird sie auseinandersetzen, dass der ehrenwerte Freund, J. T. Maston, nur seine Zeit verlor, indem er den Mond auf seiner Bahn durch das Weltall mit Hilfe des Riesenteleskops beständig beobachtete.
ERSTES KAPITEL Abends zwischen zehn Uhr zwanzig und zehn Uhr vierzig
S
chlag zehn Uhr verabschiedeten sich Michel Ardan, Barbicane und Nicholl von ihren vielen Freunden auf der Erde. Die beiden Hunde, welche das Hundegeschlecht auf dem Mond gründen und verbreiten sollten, befanden sich bereits im Projektil. Die drei Reisenden näherten sich der Mündung des riesigen Kanonenlaufs und ein schwebender Kran brachte sie bis zur konischzulaufenden Spitze des Geschosses. Hier traten sie durch eine für diesen Zweck installierte Öffnung in das Aluminium-Gefährt ein. Nachdem die Taue des Krans aus der Röhre herausgezogen waren, wurde sofort das letzte Gerüst von der Mündung der Kanone entfernt.
Sobald sich Nicholl mit seinen Gefährten im Projektil befand, schloss er die Öffnung sorgfältig mit einer robusten Platte, welche von innen mit Schrauben befestigt wurde. Andere, fest eingepasste Platten verdeckten die Linsengläser der Ausgucklöcher. Die Reisenden befanden sich – in ihrem metallenen Gefängnis hermetisch eingeschlossen -in absoluter Dunkelheit.
»Und nun, meine lieben Kameraden«, sagte Michel Ardan, »tun wir so, als wären wir hier zu Hause. Ich führe die Verwaltung des Innern, ein Fach, worin ich sehr stark bin. Wir müssen es uns in unserer neuen Wohnung so bequem wie möglich machen. Vor allem müssen wir versuchen ein wenig Licht zu bekommen. Zum Teufel! Für Maulwürfe ist das Gas nicht erfunden worden!«
Bei diesen Worten ergriff der sorglose Geselle ein Zündhölzchen, rieb es an der Sohle seines Stiefels und entzündete damit die Flamme am Hahn des Behälters, welcher das komprimierte Gas enthielt, das zur Erleuchtung und Erwärmung des Zylinders für sechs Tage und sechs Nächte, also 144 Stunden, ausreichen konnte. Das so ausgeleuchtete Projektil brachte ein komfortabel eingerichtetes Zimmer mit gepolsterten Wänden, daran befestigten runden Diwans und einer wie in einem Dom gewölbten Decke zum Vorschein. Die mitgeführten Gegenstände: Waffen, Instrumente und sonstige Geräte, waren in der Polsterung gut befestigt, sodass sie den Rückstoß beim Abschuss bestimmt aushalten konnten. Alle nur erdenklichen Vorkehrungen waren getroffen worden, damit ein derartig tollkühnes Unternehmen auch glücklich durchzuführen sei. Michel Ardan untersuchte alles ausgiebig und erklärte seine vollste Zufriedenheit mit dieser Einrichtung.
»Es ist ein Gefängnis«, sagte er, »aber ein Reisegefängnis mit der Möglichkeit, durchs Fenster zu sehen; ich wäre dazu imstande, mich auf hundert Jahre hier einzumieten! Du lächelst, Barbicane? Hast du dafür einen Grund? Meinst du vielleicht, dies Gefängnis könnte unser Grab werden? Grab, meinetwegen, aber ich möchte es nicht mit dem Grab Mahomeds eintauschen, welches ohne Reisezweck im Weltraum fliegt.«
Während Michel Ardan sprach, trafen Barbicane und Nicholl ihre letzten Vorbereitungen. Als die drei Reisenden unwiderruflich in ihr Geschoss eingeschlossen wurden, zeigten die Zeiger von Nicholls Uhr auf zehn Uhr zwanzig abends. Die Uhr stimmte fast auf eine Zehntel Sekunde genau mit der des Ingenieurs Murchison überein. Barbicane hatte ihn danach gefragt.

»Meine Freunde«, sagte er, »es ist zehn Uhr zwanzig. In 27 Minuten wird Murchison mit einem elektrischen Funken den Draht berühren, welcher mit der Ladung der Kanone verbunden ist. Einige Augenblicke später werden wir dann unseren Erdball verlassen. Also haben wir noch 27 Minuten auf der Erde.«
»26 Minuten und 30 Sekunden«, verbesserte der pedantische Nicholl.
»Nun gut!«, rief Michel Ardan in bester Laune. »In 26 Minuten lässt sich noch vieles bewerkstelligen! Man kann da noch die wichtigsten politischen und sittlichen Fragen besprechen und selbst lösen! 26 sinnvoll gestaltete Minuten sind mehr wert als 26 untätig verlebte Jahre. Etliche Sekunden eines Pascals oder Newtons sind kostbarer, als das ganze Leben einer rohen Masse an Dummköpfen ...«
»Und was folgerst du daraus, du ewiger Schwätzer?«, fragte Präsident Barbicane.
»Ich folgere daraus, dass wir noch 26 Minuten haben«, erwiderte Ardan.
»Nur noch 24«, berichtigte Nicholl.
»Dann eben 24, wenn du es so genau nimmst, mein eifriger Kapitän«, erwiderte Ardan. »24 Minuten, in denen man gründlich ...«
»Michel«, sagte Barbicane, »auf unserer Fahrt werden wir reichlich Zeit haben, die schwierigsten Probleme gründlich zu erörtern. Befassen wir uns jetzt mit der Abfahrt.«
»Sind wir nicht bereit?«
»Doch. Allerdings sind noch einige Vorkehrungen zu treffen, um die Wucht des ersten Stoßes so gut wie möglich abzuschwächen!«
»Haben wir nicht die Wasserschichten in den zerbrechlichen Verschlagen unter uns, deren Spannkraft uns ausreichend schützen wird?«
»Das hoffe ich, Michel«, erwiderte Barbicane gutmütig, »aber ganz sicher bin ich dessen doch nicht!«
»Ah! Possen!«, rief Michel Ardan. »Er hofft! ... Ist sich der Sache nicht sicher! ... Und dieses klägliche Geständnis erst in dem Moment, da wir bereits eingepackt sind! Da möchte ich auf und davon!«
»Und wie?«, fragte Barbicane.
»In der Tat«, sagte Michel Ardan. »Das ist schwer. Wir sind im Zug und vor Ablauf von 24 Minuten wird der Schaffner pfeifen ...«
»20 Minuten!«, bemerkte Nicholl.
Einige Minuten blickten die Reisenden einander an. Darauf prüften sie die mitgenommenen Gegenstände.
»Alles ist richtig an seiner Stelle«, stellte Barbicane fest. »Jetzt müssen wir nur noch klären, wie wir am besten Platz nehmen, um den Stoß beim Abschuss zu überstehen. Dabei ist es nicht gleichgültig, in welcher Stellung oder Lage man sich befindet. Man muss so gut es eben geht verhindern, dass das Blut zu stark in den Kopf steigt!«
»Richtig«, sagte Nicholl.
»Dann«, erwiderte Michel Ardan, um die Regel durch ein Beispiel zu erklären, »legen wir uns, den Kopf unten und die Füße oben, wie die Clowns im Zirkus!«
»Nein«, bestimmte Barbicane, »aber auf die Seite müssen wir uns legen. So überstehen wir am besten den Stoß. Beachten Sie wohl, im Moment der Abfahrt ist es fast einerlei, ob wir drinnen oder davor sind.«
»Wenn nur ›fast‹ einerlei, will ich zufrieden sein«, erklärte Michel Ardan.
»Stimmen Sie mir zu, Nicholl?«, fragte Barbicane.
»Ganz und gar«, antwortete der Kapitän. »Noch 13 ½ Minuten.«
»Der Nicholl ist kein Mensch«, rief Michel, »sondern eine Sekundenuhr ...« Aber seine Gefährten hörten ihm schon nicht mehr zu und trafen ihre letzten Vorbereitungen mit einer Besonnenheit ohnegleichen. Sie taten dies wie zwei Reisende, die, wenn sie in einen Waggon eingestiegen sind, es sich so bequem wie möglich zu machen suchen. Man fragt sich wahrhaftig, aus welchem Stoff die Herzen dieser Amerikaner gemacht sind, denen der Puls im Angesicht der größten Gefahr nicht schneller geht!
Man hatte drei dicke und stabil gepolsterte Lagerstätten in dem Projektil eingerichtet. Nicholl und Barbicane schoben sie auf die Mitte der Scheibe, welche den beweglichen Fußboden bildete; auf diesen sollten sich die drei Reisenden einige Augenblicke vor der Abfahrt ausstrecken.
Währenddessen führte sich Ardan, der sich in seinem engen Gefängnis nicht ruhig verhalten konnte, wie ein Stück Rotwild im Käfig auf, plauderte mit seinen Freunden, schwatzte mit seinen Hunden, Diana und Trabant, denen er seit kurzem diese bezeichnenden Namen gegeben hatte.
»He! Diana! He! Trabant!«, rief er ihnen zu. »Ihr werdet den Mondhunden die guten Sitten der Erdhunde zu zeigen haben! Ihr werdet dem Hundegeschlecht Ehre machen! Potz! Blitz! Ihr sollt euch mit Monddoggen paaren, dass ich, wenn wir zurückkommen, eine Mischrasse mitbringe, die Furore machen wird!«
»Wenn es dort Hunde gibt«, bemerkte Barbicane.
»Es gibt sie dort«, versicherte Michel Ardan, »genauso wie es dort Pferde, Kühe, Esel und Hühner gibt. Ich wette darauf, dass wir dort Hühner antreffen.«

»Hundert Dollar, dass wir keine treffen«, sagte Nicholl.
»Angenommen, lieber Kapitän«, erwiderte Ardan mit einem Händedruck. »Aber du hast ja schon drei Wetten an unseren Präsidenten verloren, weil die nötigen Geldmittel aufgebracht wurden, weil der Guss gelungen ist und weil die Kanone ohne Zwischenfall geladen wurde -, das macht schon 6.000 Dollar.«
»Ja«, erwiderte Nicholl. »10 Uhr 37 Minuten und 6 Sekunden.«
»Aufgepasst, Kapitän. Ehe eine Viertelstunde vorüber ist, wirst du noch 9.000 Dollar an den Präsidenten zu zahlen haben, 4.000, weil die Kanone nicht explodieren wird, und 5.000, weil das Geschoss höher als 6 Meilen in die Lüfte dringen wird.«
»Ich habe das Geld bei mir«, entgegnete Nicholl und klopfte auf seine Tasche. »Ich wünschte nur, dass es auch zur Auszahlung kommt.«
»Nicholl, ich sehe, dass du ein Mann der Ordnung bist, was mir nie gelingen wollte. Aber schließlich hast du eine Reihe von Wetten abgeschlossen, bei denen du dich sehr im Nachteil befindest. Erlaube mir diese Bemerkung.«
»Und weshalb?«, fragte Nicholl.
»Weil, wenn du die erste gewinnst, d.h., wenn die Kanone wirklich explodiert und damit auch unser Gefährt, Barbicane nicht mehr in der Lage sein wird, dich bezahlen zu können.«
Daraufhin entgegnete Barbicane schlicht: »Mein Einsatz befindet sich auf der Bank in Baltimore, sodass er, wenn nicht an Nicholl selbst, zumindest seinen Erben ausgezahlt werden kann!«
»Was für praktische Leute!«, anerkannte Michel Ardan. »Positive Geister! Ich bewundere euch umso mehr, als ich euch nicht begreife.«
»Zehn Uhr zweiundvierzig«, sagte Nicholl.
»Also noch mehr als fünf Minuten!«, stellte Barbicane fest.
»Ja! Noch fünf kurze Minuten!«, erwiderte Michel Ardan. »Und wir sind eingeschlossen in einem Geschoss, das sich in einer 900 Fuß langen Kanone befindet! Und unter diesem Geschoss befinden sich 400.000 Pfund Schießbaumwolle, die eine Wirkung von 1.600.000 Pfund gewöhnlichen Pulvers entwickeln! Und Freund Murchison, die Uhr in der Hand, das Auge unverwandt auf die Zeiger gerichtet, den Finger auf dem elektrischen Apparat, zählt die Sekunden, während wir im Begriff sind, in den Weltraum katapultiert zu werden ...!«
»Genug, Michel, genug!«, sagte Barbicane in ernstem Ton. »Machen wir uns bereit. Uns verbleiben nur noch wenige Augenblicke. Einen Handschlag, meine Freunde!«
»Ja!«, rief Michel Ardan, mit etwas mehr Rührung, als ihm eigentlich lieb war. Die drei mutigen Genossen umarmten sich.
»Gott behüte uns!«, sagte der fromme Barbicane.
Michel Ardan und Nicholl streckten sich auf die Polster in der Mitte des Bodens.
»Zehn Uhr siebenundvierzig«, murmelte der Kapitän. »Noch zwanzig Sekunden!«
Barbicane löschte rasch die Gasflamme und legte sich neben seine Kameraden. Nur die Sekundenschläge der tickenden Uhr unterbrachen die tiefe Stille. Mit einem Mal gab es einen entsetzlichen Stoß und das Projektil, das von 6 Milliarden Volumen-Litern Gas angetrieben wurde, flog zum Weltraum empor.
ZWEITES KAPITEL Die erste halbe Stunde
W
as war passiert? Welche Wirkung hatte diese fürchterliche Erschütterung gehabt? Hatte das Genie der Erbauer des Projektils zu einem glücklichen Ergebnis geführt? Wurde der Stoß durch die Sprungfedern, die Zapfen, die Wasserkissen und die zerbrechlichen Verschlage abgeschwächt? War man der unermesslichen Kraft jener Anfangsgeschwindigkeit von 11.000 Metern, welche in einer Sekunde durch ganz Paris oder New-York fahren konnte, Meister geworden? Diese Fragen drängten sich offenbar den tausend Zeugen jener aufregenden Szene auf. Über dem Gedanken an die Reisenden vergaß man den Zweck der Unternehmung! Und wenn einer von ihnen – J. T. Maston z.B. – hätte einen Blick in das Projektil werfen können, was würde er gesehen haben? Zu jenem Zeitpunkt nichts, denn es war darin völlig dunkel. Aber seine konischzulaufenden Wände hatten hervorragenden Widerstand geleistet. Kein Riss, keine Biegung, keine Verstellung. Das erstaunliche Projektil hatte unter der ungeheuren Hitze der Pulververbrennung nicht gelitten, war nicht, wie man hätte befürchten können, zu einem Aluminiumregen zerschmolzen.
Im Innern herrschte im Ganzen genommen wenig Unordnung. Einige Gegenstände waren an die Decke geschleudert worden; aber die wichtigsten schienen durch den Stoß nicht in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. Die Befestigungsriemen waren unbeschädigt. Auf der beweglichen Scheibe, die nach der Zertrümmerung der Scheidewände und dem Entweichen des Wassers bis zum Boden herabgesunken war, lagen drei Körper regungslos. Lebten Barbicane, Nicholl und Michel Ardan noch? War das Projektil mehr als ein metallener Sarg, der drei Leichen in den Weltraum trug?
Einige Minuten nach dem Abschuss fing sich einer der Körper zu regen an. Seine Arme bewegten sich, sein Kopf richtete sich auf, und es gelang ihm, auf die Knie zu kommen. Es war Michel Ardan. Er betastete sich, stieß ein lautes »He!« aus und sprach dann: »Michel Ardan ist unversehrt. Sehen wir, was die andern machen!«
Der mutige Franzose wollte aufstehen; aber er konnte sich nicht auf den Beinen halten. Sein Kopf wankte, das stark nach oben gestiegene Blut machte ihn blind, er war wie betrunken.
»Brr!«, machte er. »Das hat auf mich gewirkt, wie zwei Flaschen Cortona, nur dass dieser wohl angenehmer zu trinken ist!«
Darauf strich er mehrmals mit der Hand über seine Stirn, rieb sich die Schläfen und rief mit fester Stimme:
»Nicholl! Barbicane!«
Er wartete ängstlich. Keine Antwort. Nicht ein Atemzug, welcher kundgab, dass seinen Kameraden das Herz noch schlug. Er rief abermals. Dieselbe Stille.
»Teufel! Sie verhalten sich, als seien sie von einem fünften Stock herab auf den Kopf gefallen! Bah!«, fuhr er mit der unverwüstlichen Zuversicht, die sich durch nichts stören ließ, fort. »Wenn sich ein Franzose auf die Knie zu richten vermag, so sollten auch zwei Amerikaner nicht davor zurückschrecken, wieder auf die Beine zu kommen. Aber beleuchten wir die Sache erst einmal.«
Ardan fühlte, wie er langsam wieder lebendig wurde. Sein Blut wurde ruhiger und floss wieder in gewohntem Kreislauf. Wiederholte Anstrengungen brachten ihn ins Gleichgewicht. Es gelang ihm aufzustehen. Er zog ein Streichholz aus der Tasche, rieb den Phosphor, bis er sich entzündete, näherte sich dem Gashahn und machte Licht. Der Behälter hatte nicht gelitten, kein Gas war entwichen. Darauf hätte schon der Geruch hingewiesen. Dann hätte Michel Ardan es nicht wagen dürfen, in dem mit Gas angefüllten Raum eine Flamme zu entzünden. Denn es hätte zu einer Explosion führen können, welche vielleicht das Werk vollendet hätte, was der Abschuss bereits ausgelöst hatte. Sobald die Gasflamme leuchtete, bog sich Ardan über die Körper seiner Gefährten, die wie leblose Massen übereinander lagen. Nicholl oben, Barbicane unten. Ardan hob den Kapitän auf, stützte ihn gegen einen Diwan und rieb ihn kräftig. Dieses mit Verstand ausgeführte Kneten brachte Nicholl wieder zum Bewusstsein; er schlug die Augen auf, besann sich sogleich und erfasste Ardans Hand. Dann fragte er umherblickend:

»Und Barbicane?«
»Der kommt auch noch an die Reihe«, erwiderte Michel Ardan. »Mit dir fing ich an, weil du oben lagst. Jetzt helfen wir Barbicane.«
Hierauf hoben Ardan und Nicholl den Präsidenten des Gun-Clubs auf und legten ihn auf den Diwan. Barbicane schien mehr als seine Genossen gelitten zu haben. Er hatte geblutet. Aber Nicholl beruhigte sich sofort, als er sich davon überzeugt hatte, dass dieser Blutverlust nur von einer leichten Verwundung an der Schulter herrührte. Bloß eine Schramme, die er sorgfältig verband. Dennoch dauerte es geraume Zeit, bis Barbicane wieder zu sich kam, worüber seine beiden Freunde, die ihn unablässig rieben, in Schrecken gerieten.
»Er atmet noch«, sagte Nicholl, das lauschende Ohr an der Brust des Verwundeten.
»Ja«, versetzte Ardan. »Er atmet, wie ein Mensch, der diese Tätigkeit täglich zu üben gewohnt war. Reiben, kneten wir, Nicholl, kräftig!«
Und die beiden improvisierten Ärzte machten es so gut, dass Barbicane wieder zum Herrn seiner Sinne wurde. Er schlug die Augen auf, richtete sich empor, ergriff die Hand seiner Freunde, und seine ersten Worte lauteten:
»Nicholl, sind wir in Bewegung?«
Nicholl und Barbicane sahen einander an. Um das Projektil hatten sie sich noch nicht gekümmert. Ihre erste Sorge galt den Reisenden, nicht dem Gefährt.
»Wirklich, sind wir in Bewegung?«, wiederholte Michel Ardan.
»Oder befinden wir uns ruhig auf dem Boden Floridas?«, fragte Nicholl.
»Oder auf dem Grund des Golfs von Mexiko?«, fügte Michel Ardan bei.
»Das wäre es noch!«, rief Präsident Barbicane.
Und diese doppelte Vermutung, welche seine Mitstreiter aufstellten, bewirkte unmittelbar, ihn wieder zu völligem Bewusstsein zu bringen.
Wie dem auch sein mochte, man konnte über die Lage, in der sich das Geschoss befand, noch keine bestimmten Aussagen treffen. Die scheinbare Unbeweglichkeit und die Unmöglichkeit, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten, gestatteten es nicht, diese Frage zu beantworten. Vielleicht befand sich das Projektil auf seiner Fahrt durch den Raum? Vielleicht war es auch nach kurzem Höhenflug wieder zurück auf die Erde gefallen, oder auch in den mexikanischen Golf, was bei der geringen Größe Floridas leicht möglich sein konnte. Der Fall war ernst, das Problem brisant. Es musste baldmöglichst gelöst werden. Barbicane, dem bei seiner Aufregung die moralische Kraft half, seine physische Schwäche zu überwinden, stand auf und horchte. Außen tiefe Stille. Aber die dichte Polsterung musste auch jedes Geräusch, was von der Erde hätte kommen können, verschlucken. Doch etwas fiel Barbicane auf. Die Temperatur innerhalb des Projektils war außerordentlich hoch. Der Präsident zog ein Thermometer aus seiner Hülle und besah das Instrument; es zeigte 45 Grad an.
»Ja!«, rief er aus. »Ja! Wir sind in Bewegung! Die erdrückende Hitze, die durch die Wände des Projektils eindringt, entsteht durch die Reibung an den Schichten der Atmosphäre. Sie wird bald abnehmen, weil wir schon in den luftleeren Raum übergehen, und nachdem wir fast erstickt wären, werden wir starke Kälte zu empfinden haben.«
»Wie?«, fragte Michel Ardan. »Deiner Ansicht nach, befinden wir uns schon an der Grenze der Erdatmosphäre zum Weltraum?«
»Ohne Zweifel, Michel. Pass auf. Es ist jetzt zehn Uhr fünfundfünfzig. Wir sind seit etwa acht Minuten unterwegs. Wäre unsere Anfangsgeschwindigkeit nicht durch die Reibung vermindert worden, so wären wir schon binnen sechs Sekunden über die sechzehn Lieues, in der sich die Atmosphäre um den Erdball herum schließt, hinausgekommen.«
»Ganz richtig«, erwiderte Nicholl. »Aber wie hoch schätzen Sie die Verminderung der Geschwindigkeit durch die Reibung?«
»Auf etwa ein Drittel«, erwiderte Barbicane. »Das ist beträchtlich, aber meiner Rechnung nach beträgt sie soviel. Hätten wir nun am Anfang eine Geschwindigkeit von 12.000 Metern gehabt, so wird dieselbe beim Verlassen der Atmosphäre auf 7.332 Meter herabgemindert sein. Wie dem auch sei, wir sind bereits durch diesen Raum hindurch und ...«

»Und damit hätte Freund Nicholl seine beiden Wetten verloren; 4.000 Dollar, weil die Kanone nicht explodiert ist; 5.000, weil das Projektil über sechs Meilen hinausgekommen ist. Also, Nicholl, begleiche deine Schulden.«
»Stellen wir zunächst einmal die Richtigkeit von Barbicanes Aussagen fest, dann soll die Bezahlung auch erfolgen. Leicht möglich, dass Barbicanes Folgerungen richtig sind und dass ich meine 9.000 Dollar verloren habe. Aber es kommt mir noch eine andere Vermutung, ein Fall, womit die Wette so nicht verloren wäre.«
»Welche Vermutung?«, fragte Barbicane lebhaft.
»Es wäre denkbar, dass wir, weil der Funke aus irgendeinem Grunde nicht zum Pulver gelangt ist, gar nicht abgeschossen wurden.«
»Aber Kapitän!«, rief Michel Ardan. »Das ist eine rein spekulative Annahme! Sie kann nicht ernst gemeint sein! Sind wir nicht alle von dem Rückstoß fast zu Tode gerüttelt worden? Habe ich dich nicht wieder ins Leben zurückgeholt? Blutet nicht jetzt noch die Schulter des Präsidenten von dem Rückstoß?«
»Das stimmt, Michel«, bestätigte Nicholl. »Aber ›eine‹ Frage nur.«
»Die wäre?«
»Hast du etwas von dem Knall gehört, der doch bestimmt ganz entsetzlich laut gewesen sein muss?«
»Nein«, gab Ardan sehr betroffen zu. »Ich habe ihn tatsächlich nicht gehört.«
»Und Sie, Barbicane?«
»Ich auch nicht.«
»Nun, denn«, sagte Nicholl.
»In der Tat!«, murmelte der Präsident. »Warum haben wir keinen Knall gehört?«
Die drei Freunde sahen einander etwas verlegen an. Dieser Umstand war ihnen unerklärlich. Doch wenn das Projektil abgeschossen worden war, musste es konsequenterweise auch einen Knall gegeben haben.
»Überzeugen wir uns zuerst davon, wo wir uns befinden«, sagte Barbicane, »und ziehen wir die Deckel von den Luken.«
Diese höchst einfache Arbeit wurde sofort an der rechten Luke durchgeführt. An den außen angebrachten Platten befanden sich Bolzen, welche, durch die Wand dringend, innen mit Schraubenmuttern fest gezogen waren. Diese wurden mit einem Schraubenschlüssel abgedreht. Dann wurden die Bolzen hinaus gestoßen und die Löcher, in denen sie gesteckt hatten, durch Schließklappen, die mit Kautschuk gefüttert waren, verstopft. Nun senkte sich die Außenplatte an einem Scharnier wie bei einem Lukendeckel eines Kriegsschiffs hinab, und das Linsenglas an der Mündung der Luke kam zum Vorschein. Eine eben solche Luke befand sich auf der entgegengesetzten Wand des Projektils, eine weitere an der Spitze desselben und eine vierte in der Mitte des Bodens. So konnte man also in vier verschiedene Richtungen Beobachtungen machen: das Firmament konnte durch die beiden Seitenluken, die Erde und der Mond durch die untere respektive obere Luke direkt betrachtet werden.
Barbicane und seine Genossen waren sofort an die geöffnete Luke gestürzt. Kein Lichtstrahl zeigte sich. Das Projektil war in tiefes Dunkel eingebettet. Dem ungeachtet rief Präsident Barbicane aus:
»Nein, meine Freunde, wir sind nicht wieder auf die Erde gefallen! Wir sind nicht auf den Meeresgrund des Golfs von Mexiko gesunken! Ja! Wir fahren aufwärts im Weltraum! Sehen Sie da die in der Nacht schimmernden Sterne und diese undurchdringliche Dunkelheit zwischen uns und der Erde!«
»Hurra! Hurra!«, riefen Michel Ardan und Nicholl gleichzeitig.
In der Tat bewies die Finsternis, dass sich das Projektil von der Erde entfernt hatte, denn die vormalige helle Beleuchtung des Erdbodens durch den Mondschein wäre den Reisenden sichtbar gewesen, wenn sie sich noch im Bereich seiner Oberfläche befunden hätten. Diese Dunkelheit lieferte auch den Beweis dafür, dass das Projektil bereits über die Grenze der atmosphärischen Luftschicht gelangt war, denn das in derselben verbreitete zerstreute Licht hätte auf seine Metallwände eine Rückstrahlung ausgeübt, welche ebenfalls nicht vorhanden war. Dieses Licht hätte die Linse des Gucklochs bestrahlt. Aber das Glas war unbeleuchtet. Es war also gar kein Zweifel mehr, dass sich die Reisenden von der Erde entfernt hatten.
»Ich habe verloren«, stellte Nicholl fest.
»Und ich gratuliere dazu!«, erwiderte Ardan.
»Hier sind meine neuntausend Dollar«, sagte der Kapitän und zog einen Packen Papierdollar aus seiner Tasche.
»Wollen Sie eine Quittung?«, fragte Barbicane.
»Wenn Sie so freundlich sein wollen«, erwiderte Nicholl. »So lautet die Regel.«
Ernst, schwerfällig, so als ob er sich vor seinem Kassenpult befände, zog Präsident Barbicane sein Notizbuch aus der Tasche, riss ein weißes Blatt heraus, schrieb darauf eine Quittung mit Datum und Unterschrift und überreichte sie dem Kapitän, der sie wiederum sorgfältig in seiner Brieftasche verstaute. Ohne ein Wort zu seinen Kameraden zu sagen, zog Michel Ardan seine Mütze ab und verneigte sich. Unter diesen Umständen soviel Förmlichkeit – dazu fehlten ihm einfach die Worte. Nie zuvor war ihm etwas derartig ›Amerikanisches‹ untergekommen.
Als Barbicane und Nicholl ihr Geschäft beendet hatten, stellten sie sich wieder ans Fenster und betrachteten die Sternbilder. Von dem dunklen Hintergrund des Himmels hoben sich die Sterne sehr scharf ab. Aber von dieser Seite konnte man den Mond nicht sehen, weil er in der Richtung von Osten nach Westen allmählich zum Zenit emporstieg. Sein Fehlen veranlasste Ardan zu einer Bemerkung.
»Und der Mond?«, fragte er. »Sollte er unser Rendezvous zufällig verfehlen?«
»Beruhige dich«, versetzte Barbicane. »Unsere künftige Wohnstätte ist an seinem Platz, aber von dieser Seite können wir ihn nicht sehen. Öffnen wir das andere Seitenfenster.«
In dem Augenblick, als Barbicane eben im Begriff war, das Fenster zu verlassen, um das Guckloch auf der entgegengesetzten Seite von seinem Deckel zu befreien, wurde seine Aufmerksamkeit durch die Annäherung eines glänzenden Gegenstandes angezogen. Es war eine große Scheibe, deren kolossale Verhältnisse sich nicht abschätzen ließen. Seine der Erde zugekehrte Seite war deutlich beleuchtet. Man hätte es einen kleinen Mond nennen können, der das Licht des großen widerspiegelte. Sie bewegte sich mit erstaunlicher Schnelligkeit voran und schien um die Erde eine Bahn zu beschreiben, welche die Linie des Projektils kreuzte. Zu der Bewegung um die Erde kam eine Rotation um sich selbst. Es verhielt sich also wie alle im Raum sich selbst überlassenen Himmelskörper.
»Was ist das?«, rief Michel Ardan. »Noch ein Projektil?«
Barbicane erwiderte nichts. Die Erscheinung dieses großen Körpers überraschte und beunruhigte ihn. Es war ein Zusammenstoß möglich, der schlimme Folgen haben konnte. Sei es, dass das Projektil aus seiner Fahrt gedrängt oder zur Erde hinabgestoßen, oder durch eine übermäßige Anziehungskraft desselben unwiderstehlich mit fortgerissen würde. Er begriff augenblicklich die Folgen dieser drei Möglichkeiten, welche das Unternehmen auf die eine oder andere Art zum Scheitern verurteilen würden. Seine Gefährten blickten stumm in den Raum hinaus. Der Gegenstand nahm, sowie er näher kam, erstaunlich an Größe zu, und aufgrund einer optischen Täuschung schien ihm das Projektil geradezu entgegenzufliegen.
»Um Himmels willen!«, rief Michel Ardan. »Es wird gleich einen Zusammenstoß geben.«
Instinktiv traten die Reisenden zurück. Ihre Angst war ungeheuer, dauerte jedoch nicht lange an, kaum einige Sekunden. Der Asteroid flog einige hundert Meter am Projektil vorbei und verschwand, nicht aufgrund seiner Schnelligkeit, sondern weil sich seine dem Mond zugekehrte Seite plötzlich in der absoluten Dunkelheit des Raumes verlor.
»Glückliche Reise!«, rief Michel Ardan, indem er wieder frei aufatmete. »Wie? Ist der unendliche Raum nicht groß genug, dass sich eine armselige kleine Kugel nicht ohne Besorgnis darin aufhalten könnte! Ei! Was hat es mit der großen Kugel, die uns beinahe getroffen hätte, für eine Bewandtnis?«
»Ich weiß es!«, sagte Barbicane.
»Potz tausend! Du weißt ja alles.«

»Es ist«, sagte Barbicane, »bloß ein Bolide, aber von enormer Größe, den die Anziehungskraft der Erde wie einen Trabanten gefesselt hat.«
»Ist das möglich?«, fragte Michel Ardan. »Hat die Erde also zwei Monde, wie der Neptun?«
»Ja, mein Freund, zwei Monde, obschon man im Allgemeinen glaubt, sie habe nur einen. Aber dieser zweite Mond ist so klein und seine Geschwindigkeit so groß, dass ihn die Erdbewohner nicht bemerken können. Der französische Astronom namens Petit hat durch die Beobachtung gewisser Bahnstörungen die Existenz dieses zweiten Trabanten zu bestimmen und seine Elemente zu berechnen verstanden. Nach seinen Beobachtungen würde dieser Bolide seinen Umlauf um die Erde in nur drei Stunden und zwanzig Minuten vollenden, was eine erstaunliche Geschwindigkeit voraussetzt.«
»Erkennen alle Astronomen«, fragte Nicholl, »die Existenz dieses Trabanten an?«
»Nein«, erwiderte Barbicane; »aber wenn sie ihm, wie wir, begegnet wären, könnten sie nicht mehr an seiner Existenz zweifeln. Ich denke, dass uns dieser Bolide, der uns bei einem Zusammenstoß in arge Bedrängnis gebracht hätte, in der Tat die Möglichkeit gibt, genau zu bestimmen, wo wir uns befinden.«
»Wieso?«, fragte Ardan.
»Weil uns seine Entfernung bekannt ist. Im Moment der Begegnung waren wir gerade 8.140 Kilometer von der Erdoberfläche entfernt.«
»Das sind über 2.000 Lieues!«, rief Michel Ardan. »Das überbietet ja die Expressfahrten dieses armseligen Erdballs!«
»Das glaube ich auch«, erwiderte Nicholl und sah auf seinen Chronometer. »Es ist elf Uhr und wir haben Amerika erst vor dreizehn Minuten verlassen.«
»Erst vor dreizehn Minuten?«, fragte Barbicane.
»Ja«, erwiderte Nicholl, »und wenn wir unsere anfängliche Geschwindigkeit von 11 Kilometern beibehielten, so würden wir in der Stunde etwa 10.000 Lieues zurücklegen!«
»Das ist ja alles schön und gut, meine Freunde«, sagte der Präsident, »aber immer noch ist die Frage zu lösen: Weshalb haben wir den Knall der Kanone nicht gehört?«
Keine Antwort. Die Unterhaltung stockte und Barbicane, fortwährend überlegend, machte sich daran, den Deckel der andern Seitenluke herabzulassen. Seine Bemühung gelang, und durch das frei gemachte Fenster fiel das hellste Mondlicht ins Innere des Projektils. Sparsam wie er war, löschte Nicholl das Gaslicht, denn es war unnötig und außerdem behinderte es bei der Betrachtung des Weltraums. Das Mondlicht glänzte in unvergleichlicher Reinheit. Seine Strahlen, die nicht mehr von der Dunstatmosphäre der Erde verschleiert wurden, drangen hell durch das Fenster und erfüllten das Innere des Projektils vollständig mit silbernem Schein. Sein Glanz, obwohl er durch den schwarzen Vorhang des Firmaments verstärkt wirkte, doch im leeren Weltraum nicht fähig war, sich auszubreiten, verdunkelte nicht die benachbarten Sterne. So gewährte der Himmel einen ganz ungewöhnlichen Anblick, wie ihn das menschliche Auge nicht vermuten ließ.
Das Interesse der mutigen Reisenden an der Betrachtung des Nachtgestirns, dem vordringlichen Zweck ihrer Reise, ist begreiflich. Der Erdtrabant kam auf seiner Bahn dem Zenit immer näher, dem mathematischen Punkt, welchen er etwa 96 Stunden später erreichen sollte. Seine Gebirge und Ebenen, das ganze Bild seiner Oberfläche stellte sich ihren Augen nicht klarer dar, als wenn sie es von irgend einem Punkt der Erde aus betrachtet hätten. Aber sein Licht entwickelte sich in dem leeren Raum mit unvergleichlicher Stärke. Die Scheibe glänzte wie ein Spiegel aus Patina. An die Erde, die unter ihren Füßen entschwand, hatten sie schon fast keine Erinnerung mehr. Kapitän Nicholl lenkte zuerst wieder die Aufmerksamkeit auf den verschwundenen Erdball.
»Ja!«, sprach Michel Ardan. »Lasst uns nicht undankbar gegen ihn sein. Weil wir unsere Heimat verlassen haben, schulden wir ihm unser letztes Augenmerk. Ich will die Erde noch einmal sehen, bevor sie meinen Blicken gänzlich entschwindet!«
Um dem Wunsch seines Gefährten zu entsprechen, machte sich Barbicane daran, das Fenster im Boden des Projektils, welches die Betrachtung der Erde unmittelbar gestattete, frei zu machen. Es kostete einige Mühe, die Scheibe, die durch die Kraft des Abschusses bis auf den Boden gedrückt worden war, herauszunehmen. Die Stücke derselben wurden sorgfältig an der Wand aufgestellt, um nötigenfalls benutzt werden zu können. Hierauf zeigte sich eine kreisrunde, fünfzig Zentimeter breite Öffnung, welche in dem Boden des Geschosses ausgeschnitten war. Dieselbe war mit einem 50 Zentimeter dicken, mit einem kupfernen Beschlag versehenen Glas geschlossen. Darunter war eine Aluminiumplatte angebracht, die durch Bolzen befestigt war. Die Schraubenmutter wurde gelöst, die Bolzen freigemacht, die Platte senkte sich, und so war die Verbindung mit der Außenwelt für den Blick hergestellt.
Michel Ardan kniete auf das Fenster nieder; es war düster wie im Schatten.
»Nun!«, rief er. »Und wo ist die Erde?«
»Die Erde?«, fragte Barbicane. »Da ist sie doch.«
»Was?«, fragte Ardan. »Dieser schmale Streifen, die silberne Sichel?«
»Allerdings, Michel. In vier Tagen, wenn es Vollmond ist, eben wenn wir dort anlangen, wird die Erde im Neumond stehen. Sie wird uns nur noch in Gestalt einer dünnen Sichel, die bald verschwinden wird, sichtbar sein. Und dann wird sie uns einige Tage lang in undurchdringlichem Dunkel erscheinen.«
»Dies soll also die Erde sein!«, wiederholte Michel Ardan, indem er den schmalen Streifen seines Herkunftsplaneten mit aufgesperrten Augen betrachtete.
Die vom Präsidenten Barbicane abgegebene Erklärung war richtig. Im Verhältnis zum Projektil trat die Erde in ihre letzte Phase ein. Sie befand sich in ihrem Achtel und beschrieb auf dem dunklen Hintergrund des Himmels eine fein gezogene Sichel. Ihr Licht, welches durch die dichte Schicht atmosphärischer Luft einen bläulichen Schein erhielt, war geringer als das der Mondsichel. Die Sichel der Erde wies bedeutende Dimensionen auf; man hätte sie einen enormen, am Himmel gespannten Bogen nennen können. Einige hell erleuchtete Punkte, besonders auf der konkaven Seite, bezeichneten hohe Gebirge, aber sie verschwanden zuweilen unter dichten Flecken, wie man sie auf der Oberfläche des Mondes nicht erkennen kann. Es waren Wolkenringe, die sich konzentrisch um die Erdkugel herum bildeten.
Infolge einer Naturerscheinung, gleich der, wie sie auch beim Mond zu beobachten ist, wenn er sich in seinen Achteln befindet, war man jedoch imstande, die vollständige Umfangslinie der Erdkugel wahrzunehmen. Durch die Wirkung des aschfarbenen Lichtes, welches etwas weniger als das des Mondes scheint, kam die ganze Scheibe ziemlich deutlich zum Vorschein. Der Grund für die geringere Strahlungsintensität ist leicht nachvollziehbar. Der Widerschein des Mondes rührt von den Sonnenstrahlen her, welche die Erde auf ihren Trabanten zurückwirft; in diesem Falle handelt es sich jedoch umgekehrt um die vom Mond auf die Erde zurückgeworfenen Sonnenstrahlen. In Entsprechung der verschiedenen Größen der beiden Himmelskörper strahlt das Licht von der Erde etwa 13 Mal stärker als das vom Mond. Hieraus folgt, dass sich durch den Schein des aschfarbenen Lichtes der dunklere Teil der Erdscheibe undeutlicher abzeichnet, als dies bei der Mondscheibe der Fall ist, weil die Intensität des Scheines im Verhältnis zur Leuchtkraft der beiden Gestirne steht. Des Weiteren ist anzumerken, dass die krumme Linie der Erdsichel viel weiter abgezeichnet zu sein scheint als beim Mond, was lediglich auf die Wirkung der Strahlung zurückzuführen ist.
Während die Reisenden das dichte Dunkel des Raums zu durchdringen suchten, entfaltete sich vor ihren Blicken ein funkelnder Strauß von Sternschnuppen. Hunderte von Boliden, die beim Eintritt in die Atmosphäre verglühten, durchzogen das Dunkel mit Lichtstreifen und beleuchteten den aschfarbenen Teil des Mondes mit feurigem Schimmer. Die Erde befand sich damals in ihrer Sonnennähe und im Dezember ist die Erscheinung der Sternschnuppen so gut zu beobachten, dass die Astronomen deren 24.000 während einer Stunde zählten. Aber Michel Ardan, der wissenschaftliche Beurteilungen für gering erachtete, gab lieber dem Glauben Raum, dass die Erde mit ihren glänzendsten Kunstfeuern die Abfahrt ihrer drei Kinder feiere.
Kurz: Dies war alles, was sie von dem im Dunkeln verschwundenen Erdball sahen, als einem untergeordneten Stern in der Sonnenwelt, der den großen Planeten wie ein bloßer Morgen- oder Abendstern unter- oder aufgeht: ein nicht mehr zu erkennender Punkt im Raum. Die Erdkugel war nur noch eine verschwindende Sichel, auf der sie alles, was ihnen lieb und teuer war, zurückgelassen hatten.
Die drei Freunde schauten einander noch lange sprachlos, aber im Herzen einig, an, während sich das Projektil in unverändert abnehmender Geschwindigkeit entfernte. Hierauf befiel die drei Freunde ein unbedingtes Schlafbedürfnis. Sowohl aufgrund der Erschöpfung des Körpers und des Geistes, als auch aufgrund der Überreizung durch die in den letzten Stunden auf der Erde verbrachten Stunden, musste unvermeidlich eine Reaktion erfolgen.
»Nun«, sagte Michel, »da man doch schlafen muss, so wollen wir schlafen.«
Und auf ihre Polster ausgestreckt versanken die drei bald in einen tiefen Schlaf. Aber sie waren noch nicht eine Viertelstunde eingeschlummert, als sich Barbicane plötzlich aufrichtete und mit laut tönender Stimme seinen Gefährten zurief:
»Gefunden!«
»Was hast du gefunden?«, fragte Michel Ardan von seinem Lager aufspringend.
»Den Grund, weshalb wir den Knall der Kanone nicht gehört haben!«
»Und der ist... ?«, fragte Nicholl.
»Weil unser Projektil schneller als der Schall des Tones war!«
DRITTES KAPITEL Man richtet sich ein
N
ach dieser merkwürdigen, aber gewiss richtigen Erklärung versanken die drei Freunde wieder in tiefen Schlummer. Wo hätten sie auch einen stilleren Ort, eine friedlichere Umgebung finden können? Auf der Erde haben die Häuser in den Städten, die Hütten auf dem Lande alle Erschütterungen zu erdulden, welche die Oberfläche derselben treffen. Auf dem Meere hat das von den Wogen umher geschaukelte Schiff Wellenbrecher um Wellenbrecher standzuhalten. In der Luft schwankt der Ballon unablässig in den Luftschichten. Nur dieses Projektil im absolut leeren Raum gewährte seinen Bewohnern in absoluter Stille die absolute Ruhe. Daher würde auch der Schlaf der drei waghalsigen Reisenden vielleicht unendlich lange angedauert haben, wenn sie nicht gegen sieben Uhr am 2. Dezember, also acht Stunden nach ihrer Abfahrt, durch ein unerwartetes Geräusch geweckt worden wären. Ein ganz eigentümliches Bellen ließ sich vernehmen.
»Die Hunde! Das sind unsere Hunde!«, rief Michel Ardan und sprang unverzüglich auf.
»Sie haben Hunger«, sagte Nicholl.
»Wahrhaftig! Wir haben sie vergessen!«, versetzte Michel.
»Wo sind sie?«, fragte Barbicane.
Man suchte und fand eines der Tiere unter dem Diwan kauernd. Verstört und von dem Rückstoß zermartert war es bis zu diesem Moment, als ihm mit der Pein des Hungers die Stimme wiederkehrte, in diesem Winkel geblieben. Es war die liebenswürdige Diana. Noch ziemlich verdutzt kroch sie – nicht ohne sich bitten zu lassen – aus ihrem Winkel hervor. Doch Michel Ardan sprach mit zärtlichen Worten zu ihr.
»Komm, Diana!«, sagte er. »Komm, mein Kind! Dein Geschick wird in den Annalen der Hundezüchtung Epoche machen! Die Heiden hätten dich dem Gott Anubis zur Lebensgefährtin gegeben und die Christen dem heiligen Rochus zur Freundin! Du verdienst vom König der Unterwelt in Erz gegossen zu werden, wie jener, den Jupiter der schönen Europa für einen Kuss hingab. Du wirst berühmter werden als die Helden zu Montargis und auf dem St. Bernhard! In die Weltenräume geschleudert wirst du vielleicht zur Stammmutter der Selenitenhunde! Dort oben wirst du vielleicht Toussenels Ausspruch rechtfertigen: ›Im Anfang schuf Gott den Menschen, und da er ihn so schwach sah, gab er ihm zum Gefährten den Hund!‹ Komm, Diana, komm her!«
Diana, geschmeichelt oder auch nicht, kam langsam herbei und jammerte kläglich.
»Gut!«, sagte Barbicane. »Hier ist Eva, aber wo ist Adam?«
»Adam!«, erwiderte Michel. »Adam kann nicht weit sein! Irgendwo ist er! Man muss rufen! Trabant! Hier! Trabant!«
Aber Trabant kam nicht zum Vorschein. Diana jammerte weiter. Man überzeugte sich jedoch, dass sie nicht verwundet war, und gab ihr zur Beruhigung einen leckeren Brocken. Trabant schien gar nicht mehr vorhanden zu sein. Man musste lange suchen, bis man ihn endlich in einem der oberen Fächer des Projektils fand, wohin ihn der Rückstoß in kaum zu erklärender Weise mit Gewalt geschleudert hatte. Das arme Tier war arg beschädigt. Es befand sich in einem jämmerlichen Zustand. Man hob es behutsam herunter. Es hatte sich an der Decke den Kopf angeschlagen und schien schwerlich durchzukommen. Man ließ es sich bequem auf einem Kissen ausstrecken. Da ließ es einen Seufzer hören.

»Wir pflegen dich«, sagte Michel. »Wir sind für dein Leben verantwortlich. Ich würde lieber einen Arm verlieren als eine Pfote meines armen Trabanten!« Mit diesen Worten reichte er dem Patienten einige Schluck Wasser, welches dieser gierig schlürfte.
Hierauf beobachteten die Reisenden aufmerksam die Erde und den Mond. Die Erde zeigte sich nur noch als düster beleuchtete Scheibe mit einer noch schmaleren Sichel am Rande als abends zuvor; doch war ihre Größe im Vergleich mit der des Mondes, der mehr und mehr in vollständiger Kreisform auftauchte, noch enorm.
»Wahrhaftig!«, sagte Michel Ardan. »Es tut mir ernsthaft Leid, dass wir nicht abreisten, als die Erde in vollem Licht war, d.h., als sie in Opposition zur Sonne stand.«
»Weshalb?«, fragte Nicholl.
»Weil wir unser Festland und die Meere in einer anderen Beleuchtung gesehen hätten. Die Erde im Glanz der darauf fallenden Sonnenstrahlen, die Meere in düsterer, so wie man sie auf manchen Landkarten darstellt! Ich hätte gerne die Erdpole gesehen, die den Blicken der Menschen bislang noch verborgen geblieben sind!«
»Allerdings«, erwiderte Barbicane. »Allein, wenn die Erde in vollem Licht erschien, musste es Neumond sein, d.h., der Mond war durch die Sonnenbestrahlung nicht sichtbar. Nun ist es aber doch besser das Ziel, wohin wir gelangen wollen, ins Auge zu fassen, als den Punkt, von dem aus wir unsere Reise begannen.«
»Sie haben Recht, Barbicane!«, erwiderte Kapitän Nicholl. »Wenn wir auf dem Mond angekommen sind, werden wir in den langen Mondnächten im Übrigen noch Zeit genug haben, die Erde, auf der es von unseresgleichen nur so wimmelt, andächtig zu beschauen!«
»Unseresgleichen!«, rief Michel Ardan. »Aber jetzt sind sie das nicht mehr. So wenig wie die Seleniten. Wir bewohnen eine neue Welt, das Projektil, dessen einzige Bevölkerung wir sind. Wir drei sind allein unseresgleichen. Draußen, droben, sonst keine Menschen. Wir wollen diesen Mikrokosmos solange allein bewohnen, bis wir Seleniten werden!«
»Dies wird in etwa 88 Stunden der Fall sein«, versetzte der Kapitän.
»Das bedeutet...?«, fragte Michel Ardan.
»Es ist jetzt halb neun Uhr«, erwiderte Nicholl.
»Nun«, fuhr Michel fort, »so sehe ich durchaus keinen Grund, warum wir nicht unverzüglich frühstücken sollten.«
In der Tat, ohne zu essen, konnten die Bewohner des neuen Gestirns nicht leben, und die Gesetze des Hungers machten sich damals gebieterisch geltend. Als Franzose erklärte sich Michel Ardan zum Küchenmeister; und niemand konnte in dieser Position mit ihm wetteifern. Das Gas gab hinreichende Hitze für die Zubereitung und der Vorratsbehälter lieferte die Lebensmittel für die erste Mahlzeit.
Das Frühstück begann mit drei Tassen vortrefflicher Bouillon, welche durch Auflösung jenes köstlichen Liebigschen Fleischextrakts, der aus den besten Stücken der Pampas-Rinder bereitet wird, hergestellt wurde. Hierauf folgten einige Stücke Beefsteak, die mit Hilfe einer hydraulischen Presse zusammengedrückt wurden. Diese waren so zart und saftig, wie man sie auch im Cafe Anglais in Paris bekommen kann. Michel Ardan versicherte – seiner Phantasie entsprechend – sogar, sie seien ›blutig‹. Auf das Fleischgericht folgte konserviertes Gemüse, das, wie ebenfalls der liebenswürdige Michel versicherte, ›frischer als das natürliche‹ war. Zuletzt gab es noch einige Tassen Tee und Sandwiches. Der ausgesuchte Tee, welcher der Kaiser von Russland den Reisenden hatte zukommen lassen, war ein Aufguss allererster Güte. Um das Festmahl zu krönen, holte Ardan schließlich eine feine Flasche Nuits, die sich ›zufällig‹ in einem Vorratsfach fand. Diese Flasche leerten die drei Freunde gemeinsam unter dem Motto einer erfolgreichen Kontaktaufnahme zwischen Erde und Mond. Und als begnüge sich die Sonne nicht, das köstliche Produkt auf den Burgunder Rebhügeln zur Reife gebracht zu haben, wollte sie auch Gesellschaft leisten. Denn in diesem Augenblick verließ das Projektil den Bereich des Schattenkegels, welchen die Erde wirft, und glänzende Sonnenstrahlen fielen entsprechend dem Winkel, den die Umlaufbahn des Mondes um die Erde macht, gerade auf den Boden des Gefährts.
»Die Sonne!«, rief Michel Ardan.
»Allerdings«, erwiderte Barbicane. »So dachte ich es mir.«
»Doch erstreckt sich der Schattenkegel nicht hinter der Erde noch über den Mond hinaus?«, fragte Michel.
»Sogar weit darüber hinaus, wenn man die Brechung durch die Atmosphäre nicht berücksichtigt. Wenn der Mond aber ganz von diesem Schatten eingehüllt ist, dann befinden sich die Zentren der drei Gestirne, Sonne, Erde und Mond, in einer geraden Linie. Dann treffen die Knoten mit den Phasen des Vollmonds zusammen und es entsteht eine Verfinsterung. Wären wir im Moment einer Mondfinsternis abgefahren, so hätte unsere ganze Fahrt im Dunkeln stattgefunden, was unangenehm gewesen wäre.«
»Weshalb?«
»Weil unser Projektil, obwohl wir uns im leeren Raum bewegen, in der Mitte von Sonnenstrahlen getroffen, Licht und Wärme von ihr erhalten würde, sodass man demnach Gas spart; eine in jeder Hinsicht kostbare Einsparung.«
In der Tat, durch die Einwirkung dieser Strahlen, deren Wärmegrad und Glanz nicht durch eine Atmosphäre abgemildert wurde, wurde das Projektil sowohl erleuchtet, als auch erwärmt, so als wäre es plötzlich aus dem Winter in den Sommer gekommen. Von oben spendete ihm der Mond, von unten die Sonne Licht und Wärme.
»Man kann sich hier sehr wohl fühlen«, sagte Nicholl.
»Das glaube ich gerne!«, sprach Michel Ardan. »Hätten wir etwas fruchtbare Erde in unserem Aluminiumplaneten, so könnten wir binnen 24 Stunden Erbsen zum Wachsen bringen. Ich habe nur die eine Sorge, dass die Wände unserer Kugel schmelzen könnten!«
»Beruhige dich, wackerer Freund«, erwiderte Barbicane. »Das Projektil hatte, während es durch die atmosphärischen Luftschichten glitt, eine weit höhere Temperatur auszustehen. Ich wäre nicht einmal erstaunt, wenn es in den Augen der Floridaner wie ein feuriger Bolide ausgesehen hätte.«
»Aber dann müsste J. T. Maston denken, wir seien gebraten worden.«
»Dass wir es nicht wurden«, entgegnete Barbicane, »wundert mich. Diese Gefahr hatten wir nämlich nicht eingeplant.«
»Ich habe die Befürchtung gehabt«, sagte Nicholl.
»Und du hast uns nichts davon gesagt, edelmütiger Kapitän!«, rief Michel Ardan und drückte seinem Gefährten die Hand.
Indessen fuhr Barbicane bei seiner Einrichtung im Projektil fort, als sollte er es nie mehr verlassen.
Wir erinnern uns, dass dieses Luftgefährt einen Fußboden von 54 Quadratfüßen aufwies und bis zur Spitze der gewölbten Decke 12 Fuß hoch war. Bei geschickter Ausnutzung des Raumes, ohne Überladung mit Instrumenten und Reisegeräten, welche sämtlich ihre besondere Stelle hatten, blieb den drei Bewohnern noch eine gewisse Bewegungsfreiheit. Das dicke Glasfenster, welches in einen Teil des Bodens eingelassen war, konnte ein beträchtliches Gewicht tragen, sodass Barbicane und seine Gefährten auf demselben wie auf festem Zimmerboden herumspazierten. Aber die Sonne, welche ihre Strahlen direkt darauf warf und das Innere des Projektils von unten beleuchtete, schuf eigentümliche Lichteffekte.
Man begann damit, den Zustand der Behälter für Wasser und Lebensmittel in Augenschein zu nehmen. Dieselben hatten infolge der gegen den Rückstoß getroffenen Vorkehrungen durchaus nicht gelitten. Lebensmittel waren reichlich für ein volles Jahr vorhanden. Barbicane wollte sich für den Fall vorsehen, dass das Projektil an einem durchaus unfruchtbaren Teil des Mondes anlangen würde. Wasser und Branntwein hatte man nur für zwei Monate mitgenommen. Aber nach den neuesten astronomischen Beobachtungen hat der Mond eine niedrige, dichte Atmosphäre, wenigstens in den Talgründen, sodass es da an Bächen und Quellen nicht mangeln konnte. Daher sollten die abenteuerlichen Forscher während der Fahrt und des ersten Jahres ihrer Einrichtung auf dem Mondland weder Hunger noch Durst zu leiden haben.
Wie stand es nun mit der Luft im Innern des Projektils. Auch in dieser Hinsicht konnte man völlig beruhigt sein. Der Apparat ›Reiset et Regnaut‹, mit dessen Hilfe Sauerstoff erzeugt werden sollte, war für zwei Monate mit chlorsaurem Kali versehen. Es verzehrte notwendig eine gewisse Menge an Gas, aber man hatte auch in dieser Hinsicht vorgesorgt. Übrigens bedurfte der Apparat nur wenig Überwachung: er arbeitete vollautomatisch. Bei dieser hohen Temperatur gab das chlorsaure Kali bei seiner Verwandlung in salzsaures Kali allen Sauerstoff, welchen es enthielt, frei. Und was ergaben 18 Pfund chlorsaures Kali? Die 7 Pfund Sauerstoff, welche zum täglichen Verbrauch der Bewohner des Projektils benötigt wurden. Aber es genügte nicht, den verbrauchten Sauerstoff zu ersetzen, man musste auch das durch das Ausatmen erzeugte Kohlendioxid vernichten. Nun war die Luft in der Kugel bereits seit zwölf Stunden mit diesem durchaus schädlichen Gas, welches beim Atmen durch die Umwandlung aus Sauerstoff entsteht, aufgefüllt. Nicholl nahm die schlechte Luft an der Reaktion, wie Diana mühselig keuchte, wahr. In der Tat verdichtete sich der Kohlendioxidgehalt – ein Zustand wie der in der berühmten Hundsgrotte – am Boden des Projektils. Die arme Diana musste mit ihrem herabgesenkten Kopf also früher als ihre Herren das bedrohliche Gas spüren. Kapitän Nicholl beeilte sich jedoch, diesem Zustand Abhilfe zu leisten. Dazu stellte er einige Gefäße mit kaustischem Kali auf den Boden des Projektils, schüttelte ein wenig und diese, das Kohlendioxid gierig aufsaugende Substanz reinigte vollständig die Luft im Inneren.
Daraufhin wurden die Instrumente begutachtet. Die Thermometer und die Barometer hatten alles gut überstanden, nur bei einem kleinen Thermometer war das Glas gesprungen. Ein erstklassiges Instrument wurde aus seinem Futteral gezogen und an der Wand aufgehängt. Natürlich zeigte es nur den Luftdruck im Innern des Projektils an, dazu aber auch die Menge an Luftfeuchtigkeit, die im Projektil vorhanden war. Im Augenblick schwankte seine Nadel zwischen 765 und 760 Millimetern. Das hieß: ›schönes Wetter‹.
Daneben waren auch einige Kompasse, die Barbicane mitgenommen hatte, unversehrt geblieben. Unter den gegebenen Bedingungen war es allerdings verständlich, dass ihre Nadeln kreisten, d.h. nicht in eine bestimmte Richtung wiesen. Dies lag daran, dass durch die Entfernung des Projektils von der Erde der magnetische Pol keine erkennbare Wirkung auf das Gerät ausüben konnte. Doch konnten mit diesen Magnetkompassen, sobald man auf dem Mond angekommen war, dort vielleicht eigentümliche Erscheinungen beobachtet werden. Jedenfalls war es interessant zu untersuchen, ob der Erdtrabant gleich der Erde dem magnetischen Einfluss unterworfen sei.
Ein Höhenmesser zur Messung der Höhe der Mondberge, ein Sextant, mit dem man die Entfernung der Sterne bestimmen konnte, ein Winkelmessgerät, das als Flächenmesser und zur Winkelbestimmung am Horizont eingesetzt wird, Fernrohre, die bei der Annäherung an den Mond sehr gut zu gebrauchen waren: Alle diese Instrumente wurden unter sorgfältiger Inaugenscheinnahme als funktionsfähig befunden, und dies, obwohl sie einem derartig heftigen Rückstoß standgehalten haben mussten.

Die Geräte, Hacken und Schaufeln, die verschiedenen Werkzeuge, die Nicholl sorgfältig ausgewählt hatte, die Säcke voll verschiedenen Saatgutes, die jungen Bäume, die Michel Ardan auf den Landgütern der Seleniten anzupflanzen gedachte: Alles befand sich in den oberen Räumen an den dafür vorgesehenen Plätzen. Dort gab es eine Art Speicher, angefüllt mit Geräten, die der Franzose eigenhändig aufgestapelt hatte. Um was für Geräte es sich dabei im Einzelnen handelte, wusste keiner so richtig, und darüber ließ sich der heitere Geselle auch nicht weiter aus. Von Zeit zu Zeit stieg er über Eisenhaken, die an den Wänden fest genietet waren, zu dieser Vorratskammer, deren Begutachtung er sich vorbehalten hatte, hinauf. Dort räumte er auf und ordnete alles, griff begierig in einige geheimnisvolle Kisten und sang dabei mit seiner Falsettstimme eine alte französische Weise, die zur allgemeinen Erheiterung beitrug.
Mit Vergnügen stellte Barbicane fest, dass seine Raketen und die künstlichen Feuerwerke nicht beschädigt worden waren. Diese voll geladenen Artikel besaßen den vorgesehenen Zweck, den Aufprall des Projektils zu mindern, wenn es nach der Durchdringung des schwerelosen Raumes der Anziehungskraft des Mondes ausgesetzt war und auf die Mondoberfläche fallen würde. Wenn man das Verhältnis der verschiedenen Massen von Erde und Mond als Maßstab nahm, musste der Fall auf den Mond indessen sechsmal weniger stark erfolgen als der Aufprall auf die Erde.
Insgesamt fiel die Musterung der mitgeführten Gerätschaften also zu allgemeiner Befriedigung aus. Danach begab sich jeder der drei Reisenden wieder an die Fensterluken an den Seiten und am Boden, um in den Weltraum hinauszublicken.
Überall herrschte derselbe Anblick. Der unüberschaubare Weltraum, angefüllt mit wunderschön glänzenden Sternen und Sternbildern, konnte einen Astronomen schon entzücken. Auf der einen Seite hob sich die Sonne, die wie die Öffnung eines Glutofens eine blendende Scheibe ohne eigenen Lichtring darstellte, von dem dunklen Hintergrund des Weltraums ab. Auf der anderen Seite der Mond, die Sonnenstrahlen zurückwerfend und inmitten der Sternenwelt wie unbeweglich. Und als drittes ein ziemlich großer Planet, der im Weltraum ein Loch zu bilden schien und dessen eine Hälfte am Rande mit einem silbernen Saum umgeben war: Das war die Erde. Hier und da waren zusammengeballte Nebelfelder, die wie dicke Flocken aus Sternenschnee aussahen, zu erkennen und vom Zenit bis zum Nadir erstreckte sich ein unermesslich großer Ring aus Sternenstaub, jene Milchstraße eben, in deren Mitte die Sonne nur als Stern vierter Ordnung angesehen wird!
Die Beobachter konnten von diesem so noch nie gesehenen Schauspiel, wovon keine Beschreibung je einen Begriff geben konnte, ihren Blick nicht abwenden. Zu welchen Gedanken verführte dieser Anblick? Welche unbekannten Gefühle stiegen dabei in der Seele auf? Von diesen Eindrücken bewegt, entschloss sich Barbicane dazu, seinen Reisebericht zu beginnen und er beschrieb Stunde für Stunde alle die Ereignisse, die den Anfang der Unternehmung betrafen. Ruhig schrieb er mit seiner starken, fetten Handschrift und in einem etwas handelsmäßigen Stil.
Unterdessen überprüfte der Rechner Nicholl seine auf die Bahnen bezogenen Formeln, und er verfuhr dabei mit den Zahlen so gewandt, dass es keinen Vergleich dazu gab. Michel Ardan plauderte bald mit Barbicane, der ihm nicht antwortete, bald mit Nicholl, der ihm nicht zuhörte, bald mit Diana, die von seinen Theorien nichts verstehen konnte, am Ende mit sich selbst. Er warf Fragen auf und beantwortete sie, ging hin und her und beschäftigte sich mit tausend Kleinigkeiten, manchmal zum Bodenfenster hinabgebeugt, manchmal im Speicher hockend, aber stets mit halblautem Gesang. In dieser kleinen Welt repräsentierte er die Regsamkeit und die französische Geschwätzigkeit, und man kann versichert sein, dass sie würdig vertreten war.
Der Tag, oder vielmehr, da dieser Ausdruck nicht mehr zutrifft, der Zeitraum von zwölf Stunden, der auf der Erde einen Tag ausmacht, endete mit einem üppigen Abendessen, das fein zubereitet war. Bislang war noch nichts vorgefallen, was den Reisenden ihre Zuversicht hätte schwächen können. Darum schliefen sie auch voller Hoffnung, ihres Erfolges sicher, ruhig ein, während das Projektil die Himmelsbahnen mit gleichmäßig abnehmender Geschwindigkeit durchquerte.
VIERTES KAPITEL Ein wenig Algebra
D
ie Nacht verlief ohne einen Zwischenfall. Korrekterweise muss man sagen, dass die Bezeichnung ›Nacht‹ in diesem Falle eigentlich unpassend ist. Denn auf die Stellung zur Sonne bezogen blieb die Position des Projektils unverändert. Astronomisch ausgedrückt herrschte auf der unteren Seite des Projektils Tag, auf der oberen Seite Nacht. Wenn nun im weiteren Verlauf dieser Erzählung diese beiden Ausdrücke gebraucht werden, ist darunter immer der Zeitraum zu verstehen, der auf der Erde zwischen Auf- und Untergang der Sonne verstreicht.
Die Reisenden schliefen durchaus ruhiger, weil das Projektil trotz seiner hohen Geschwindigkeit wie unbeweglich erschien. Das Hingleiten durch den Raum gab keine Bewegung zu erkennen. Die Ortsveränderung, so schnell sie auch vonstatten geht, kann sich auf den Organismus nicht merklich auswirken, wenn sie sich im leeren Raum abspielt oder wenn die den Körper umgebende Luft gleichzeitig mit fortbewegt wird. Welcher Erdbewohner bemerkt schon die Geschwindigkeit, in der sich die Erde stündlich um 90.000 Kilometer dreht. Unter diesen Bedingungen empfindet man die Bewegung genauso wenig wie den ruhenden Zustand. Jeder Körper verhält sich in dieser Hinsicht gleich. Befindet er sich im Ruhezustand, so bleibt er solange darin, bis ihn irgendeine äußere Gewalt von seinem Platz bewegt. Ist er in Bewegung, so bleibt diese bestehen, wenn diese Bewegung nicht durch ein Hindernis gehemmt wird. Dieses Gleichgewicht zwischen Bewegung und Stillstand nennt man Schwerelosigkeit. Im Projektil eingeschlossen konnten Barbicane und seine Genossen also meinen, sie seien in völliger Unbeweglichkeit.
Im Übrigen: Auch wenn sie sich außerhalb des Projektils befunden hätten, wäre die Wirkung dieselbe gewesen. Hätte nicht der Mond über ihnen ständig an Größe zugenommen, so hätten sie schwören können, dass sie sich in einem vollständig bewegungslosen Zustand befanden.
Am 3. Dezember wurden die Reisenden morgens früh von einem munteren, ganz unvermuteten Geräusch geweckt. Es war das Krähen eines Hahnes, der sich im Projektil befand. Michel Ardan sprang auf, kletterte zu seiner Kammer empor, verschloss eine halbgeöffnete Kiste und flüsterte:
»Willst du wohl still sein! Das Tier bringt meinen Plan noch zum Scheitern.«
Indessen waren Nicholl und Barbicane erwacht.
»Ein Hahn?«, fragte Nicholl.
»Oh nein! Meine Freunde«, erwiderte Michel beschwingt. »Ich habe diesen ländlichen Ton hervorgebracht, um euch zu wecken!« Und dazu ließ er ein prachtvolles ›Kikeriki‹ erschallen, welches dem stattlichsten Gockelhahn Ehre gemacht hätte.
Die beiden Amerikaner lachten unwillkürlich.
»Eine nette Begabung«, sagte Nicholl mit einem argwöhnischen Blick auf seinen Genossen.
»Ja«, erwiderte Michel, »ein echt gallischer Spaß, wie er in meiner Heimat üblich ist, und zwar in den besten Gesellschaften!« Dann fuhr er ablenkend fort: »Weißt du, Barbicane, woran ich die ganze Nacht gedacht habe?«
»Nein«, erwiderte der Präsident.
»An unsere Freunde in Cambridge! Du hast ja bereits bemerkt, dass ich in mathematischen Dingen ein unnachahmlicher Ignorant bin. Ich kann mir deshalb nicht erklären, wie die Gelehrten vom Observatorium auszurechnen imstande waren, welche Anfangsgeschwindigkeit das Projektil, als es aus der Kanone kam, haben musste, um bis zum Mond zu gelangen.«
»Du meinst«, sagte Barbicane, »bis zu dem neutralen Punkt, an dem sich die Anziehungskräfte der Erde und des Mondes ausgleichen. Denn von diesem Punkte an, in etwa nach der Bewältigung von neun Zehnteln der gesamten Fahrt, wird das Projektil lediglich aufgrund seines Eigengewichtes auf den Mond fallen.«
»Klar«, gab Michel zurück, »aber ich frage nochmal: Wie konnten sie die Anfangsgeschwindigkeit berechnen?«
»Nichts leichter als das«, entgegnete Barbicane.
»Und wärst du dazu in der Lage, diese Berechnung anzustellen?«, fragte Michel Ardan.
»Vollständig. Wenn uns das Observatorium diese Mühe nicht abgenommen hätte, hätte ich sie ohne weiteres mit Nicholl aufgestellt.«
»Mein geschätzter Barbicane«, erwiderte Michel Ardan darauf, »mir hätte man eher den Kopf über den Füßen abschneiden können, als dass ich diese Aufgabe zu lösen vermocht hätte!«
»Weil du eben nichts von Algebra verstehst«, entgegnete Barbicane ruhig.
»Ah! Mein Gott, was seid ihr für Buchstabenfresser! Ihr glaubt, mit eurer Algebra alles fertig bringen zu können.«
»Michel«, entgegnete Barbicane, »meinst du, man könne ohne Hammer schmieden oder ohne Pflug ein Feld bestellen?«
»Schwerlich.«
»Also! Die Algebra ist ein Werkzeug wie ein Pflug oder ein Hammer, und für den, welcher sich damit auskennt, ein vortreffliches Werkzeug.«
»Ach, im Ernst?«
»Ja, das ist sehr ernst gemeint!«
»Und du könntest in meiner Gegenwart von diesem Werkzeug Gebrauch machen?«
»Wenn es dich interessiert?«
»Und mir zeigen, wie man die Anfangsgeschwindigkeit unseres Projektils ausgerechnet hat?«
»Ja, mein werter Freund. Indem ich alle Elemente des Problems berücksichtige: die Entfernung des Zentrums der Erde von dem des Mondes, den halben Durchmesser der Erde, die Erdmasse und die Mondmasse. Anhand dieser Elemente kann ich ganz genau berechnen, wie groß die Anfangsgeschwindigkeit des Projektils sein musste, und zwar mithilfe einer simplen Formel.«
»Lass hören! Welche Formel?«
»Du sollst sie zu hören bekommen. Nur werde ich dir nicht die krummen Linien bezeichnen, welche das Projektil zwischen der Erde und dem Mond beschreibt, indem ich ihre Bewegung um die Sonne mit in die Rechnung einbeziehe. Sondern ich will die beiden Gestirne als unbewegt voraussetzen, das reicht für unseren Zweck aus.«
»Und weshalb?«
»Weil ich sonst die Lösung der Aufgabe suchen würde, die man das Problem der drei Körper nennt, wozu die Integralrechnung noch nicht weit genug ausgereift ist.«
»Demnach«, sagte Michel Ardan in spöttischem Ton, »haben die Mathematiker noch nicht ihr letztes Wort gesprochen?«
»Allerdings nicht«, erwiderte Barbicane.
»Gut! Vielleicht sind die Seleniten in der Integralrechnung etwas weitergekommen! Und nebenbei: Was bezeichnet man denn als Integralrechnung?«
»Diese Rechenart ist das Gegenteil von der Differentialrechnung«, erklärte Barbicane mit würdigem Ernst.
»Danke verbindlichst.«
»Mit anderen Worten, es handelt sich um eine Rechenart, mit der man die bestimmten Größen sucht, deren Differentiale man kennt.«
»Das ist wenigstens deutlich ausgesprochen«, erwiderte Michel mit der zufriedensten Miene.
»Und nun«, fuhr Barbicane fort, »gebt mir ein Stückchen Papier und einen Bleistift. Und vor Ablauf einer halben Stunde will ich die gewünschte Formel gefunden haben.«
Darauf vertiefte sich Barbicane in seine Arbeit, während Nicholl in den Weltraum hinaussah und es seinen Kameraden überließ, für das Frühstück zu sorgen. Noch bevor eine halbe Stunde vergangen war, hob Barbicane den Kopf und zeigte Michel eine ganze Seite voll mit algebraischen Zeichen, darunter auch die gesuchte, allgemeine Formel:

»Und was bedeutet das ... ?«, fragte Michel.
»Es bedeutet«, erklärte Nicholl, »ein halb v zum Quadrat minus v Null zum Quadrat ist gleich gr multipliziert mit r durch x minus 1 plus m‘ geteilt durch m, multipliziert mit r durch d minus x, minus r durch d minus r ...«
»X auf y steigt auf z und reitet über p«, rief Michel Ardan mit hellem Lachen. »Und das begreifst du, Kapitän?«
»Nichts leichter als das.«
»Wieso?«, fragte Michel. »Aber das ist doch einleuchtend und mehr wollte ich gar nicht.«
»Immer nur lachen!«, versetzte Barbicane. »Du wolltest Algebra und nun hast du sie, voll und ganz!«
»Lieber lasse ich mich hängen!«
»Tatsächlich!«, mischte sich Nicholl ein, der als Experte die Formel prüfte. »Es scheint mir richtig abgeleitet, Barbicane. Es ist die Integrale der Gleichung faktischer Kräfte, und ich habe keinen Zweifel daran, dass sie uns das gesuchte Ergebnis liefern wird.«
»Aber ich möchte es auch verstehen!«, rief Michel. »Ich würde Nicholl zehn Jahre meines Lebens dafür geben!«
»So höre denn, Michel«, fuhr Barbicane fort. »Ein halb v zum Quadrat minus v Null zum Quadrat ist die Formel, welche uns die ›halbe‹ Veränderung der faktischen Kraft erklärt.«
»Gut. Und Nicholl weiß, was das bedeutet?«
»Allerdings, Michel«, antwortete der Kapitän. »Alle diese Zeichen, welche dir wie eine Geheimsprache vorkommen, bilden für den, der sie versteht, die klarste, deutlichste, logischste Sprache.«
»Nicholl, und du behauptest also«, fragte Michel, »dass du mithilfe dieser Hieroglyphen, die noch unverständlicher aussehen, als die des ägyptischen Ibisses, herausfinden könntest, welche Anfangsgeschwindigkeit man dem Projektil geben musste?«
»Unbestreitbar«, erwiderte Nicholl. »Und ich werde dir mithilfe derselben Formel zu jedem Zeitpunkt angeben können, wie groß seine Geschwindigkeit auf jedem Punkt seiner Fahrt ist.«
»Dein Wort darauf?«
»Mein Wort darauf.«
»Dann bist du ein Rechenkünstler wie unser Präsident?«
»Nein, Michel. Barbicane hat etwas Schwieriges geleistet, indem er eine Gleichung aufstellte, die sämtliche Bedingungen des Problems berücksichtigt. Das übrige ist nur eine Rechenaufgabe, wofür man nur die vier Elemente zu kennen braucht.«
»Das will schon etwas heißen!«, erwiderte Ardan, der in seinem Leben noch keine Additionsaufgabe richtig ausgerechnet hatte und diese Formel folgendermaßen definierte: »Eine Kopf zerbrechende Arbeit aus China, mit der man eine Unzahl an verschiedenen Summen herausbekommt.«
Barbicane jedoch versicherte, dass Nicholl, wenn er eine Zeit lang darüber nachgesonnen hätte, sicherlich auch zu dieser Formel gekommen wäre.
»Das glaube ich nicht«, sagte Nicholl. »Denn je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erkenne ich ihre Brillanz.«
»Und jetzt pass auf«, sagte Barbicane zu seinem unwissenden Kameraden, »und du wirst sehen, dass alle diese Buchstaben ihre Bedeutung aufweisen.«
»Ich gebe Acht«, sagte Michel mit scheinbarer Resignation.
»d«, sagte Barbicane, »bedeutet die Entfernung des Zentrums der Erde vom Zentrum des Mondes. Denn will man die Anziehungskräfte berechnen, so muss man die Zentren berücksichtigen.«
»Ich verstehe.«
»r bezeichnet den Radius der Erde.«
»r wie Radius. Einzusehen.«
»Mit m wird die Masse der Erde ausgedrückt; m‘ ist die Masse des Mondes. Ganz offensichtlich muss man die Massen der beiden sich anziehenden Planeten in die Berechnung mit einbeziehen, weil die Anziehungskräfte im Verhältnis zu den Massen stehen.«
»Nachvollziehbar.«
»g steht für Gravitations- oder Schwerkraft, das ist die Geschwindigkeit eines auf die Erdoberfläche fallenden Körpers innerhalb einer Sekunde. Ist das verständlich?«
»Wasser aus einem Felsen!«, erwiderte Michel.
»Mit x bezeichne ich die veränderliche Distanz des Projektils vom Zentrum der Erde und mit v die Geschwindigkeit des Projektils bei dieser Distanz.«
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