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VON DER

ERDE

ZUM

MOND

JULES VERNE

MIT DEN ILLUSTRATIONEN DER ORIGINALAUSGABE


Mit den Illustrationen der

französischen Originalausgabe des

Verlages J. Hetzel & Cie.

Nach der deutschen Übersetzung des

A. Hartleben’s Verlages (1874-1911)

der neuen Rechtschreibung angepasst.

Leicht bearbeitet durch den Wunderkammer Verlag.

© 2013 Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,

Hamburg

Alle Rechte, auch das der fotomechanischen Wiedergabe

(einschließlich Fotokopie) oder der Speicherung auf

elektronischen Systemen, vorbehalten.

All rights reserved.

Titelabbildung: akg-images, Berlin

Umschlag: Timon Schlichenmaier, Hamburg

ISBN: 978-3-86820-956-3

www.nikol-verlag.de

ERSTES KAPITEL
Der Gun-Club[1]

M

ährend des Bundeskrieges der Vereinigten Staaten bildete sich in Baltmore in Maryland ein neuer Club von großer Bedeutung. Es ist bekannt, wie energisch sich bei diesem Volk von Reedern, Kaufleuten und Mechanikern der militärische Instinkt entwickelte. Einfache Kaufleute brauchten nur in ihrem Comptoir auf und ab zu schreiten, um unversehens Hauptleute, Obristen, Generäle zu werden, ohne die Militärschule in Westpoint absolviert zu haben. Bald standen sie in der ›Kriegskunst‹ ihren Kollegen der Alten Welt nicht nach und verstanden gleich diesen durch das Vergeuden von Kugeln, Millionen und Menschen, Siege zu erringen.

Aber in der Ballistik übertrafen sie die Europäer ganz außerordentlich. Sie bauten Geschütze nicht allein von höchster Vollkommenheit, sondern auch von ungewöhnlicher Größe, die folglich eine noch unglaublichere Reichweite haben mussten. Im Bezug auf die Schießkunst konnte man den Engländern, Franzosen und Preußen nichts mehr lehren, aber ihre Kanonen, Haubitzen und Mörser waren nur Sackpistolen gegen die fürchterlichen Maschinen der amerikanischen Artillerie.

Das war aber nicht zum Verwundern. Die Yankees, die ersten Mechaniker auf der Welt, waren geborene Ingenieure, wie die Italiener Musiker und die Deutschen Metaphysiker. Es war daher ganz natürlich, dass sich ihre kühne Genialität in ihrer Geschützkunde zu erkennen gab. Daher jene Riesenkanonen, die zwar weit weniger nützten als die Nähmaschinen, doch ebenso viel Staunen und noch mehr Bewunderung erregten. Bekannt wurden von solchen Wunderwerken die Parott, Dahlgreen, Rodman. Die Armstrong, Palliser, Treuille de Beaulieu mussten vor ihren überseeischen Rivalen die Segel streichen.

Daher standen denn auch während des fürchterlichen Kampfes der Nord- und Südstaaten die Artilleristen im allerhöchsten Ansehen. Die Journale der Union priesen ihre Erfindungen mit Enthusiasmus, und es gab keinen armseligen Krämer, keinen einfältigen Buben, der sich nicht den Kopf mit unsinnigen Schussberechnungen zerbrach.

Wenn aber einem Amerikaner eine Idee im Kopfe steckt, so sucht er sich einen zweiten Amerikaner, um sie zu teilen. Sind ihrer Drei, so wählen sie einen Präsidenten und zwei Sekretäre. Vier, so ernennen sie einen Archivisten und das Bureau wird aktiv. Bei Fünfen berufen sie eine Generalversammlung ein und der Club ist fertig. So ging es auch in Baltimore. Einer erfand eine Kanone, verbündete sich mit einem, der sie goss, und einem anderen, der sie bohrte. Aus einer solchen Kerngruppe erwuchs auch der Gun-Club. Einen Monat nach seiner Bildung zählte er 1.833 wirkliche Mitglieder und 30.575 passive.

Unerlässliche Bedingung für jedes Mitglied des Clubs war, dass man eine Kanone oder mindestens irgendeine Feuerwaffe erfunden oder zumindest verbessert hatte. Aber offen gesagt, die Erfinder von Fünfzehn-Schuss-Revolvern, von Pivot-Karabinern oder Säbelpistolen genossen kein großes Ansehen. Die Artilleristen behaupteten in jeder Hinsicht den ersten Rang.


»Die Achtung, welche sie genießen«, sagte einmal einer der gescheitesten Redner des Gun-Clubs, »steht im Verhältnis zur Masse ihrer Kanonen, und zwar in direktem Maßstab zum Quadrat der Distanzen, welche ihre Geschosse erreichen.«

Und darüber hinaus verpflanzte sich das newtonsche Gravitationsgesetz in die moralische Welt.

Man kann sich leicht vorstellen, was das erfinderische Genie der Amerikaner in dieser Hinsicht zutage förderte, nachdem der Gun-Club einmal gegründet war. Die Kriegsmaschinen nahmen einen kolossalen Maßstab an und die Geschosse flogen weit über die ihnen gesteckten Ziele hinaus, um harmlose Spaziergänger zu zerreißen. All diese Erfindungen ließen die schüchternen Werkzeuge der europäischen Artillerie weit hinter sich. Man urteile aus folgenden Zahlen.

Einst, ›wenn es gut ging‹, vermochte ein Sechsunddreißigpfünder auf eine Entfernung von dreihundert Fuß sechsunddreißig Pferde von der Seite her zu durchbohren und dazu achtundsechzig Mann. Die Schießkunst lag damals noch in der Wiege. Seitdem hat sie Fortschritte gemacht. Die Rodman-Kanone, die eine Kugel von einer halben Tonne[2] sieben (engl.) Meilen weit schleuderte, hätte leicht hundertundfünfzig Pferde und dreihundert Mann niedergeworfen. Es war im Gun-Club gar die Rede davon, eine förmliche Probe damit anzustellen. Aber ließen es sich die Pferde auch gefallen, das Experiment zu machen, an Menschen fehlte es leider.

Wie dem auch sei, diese Kanonen leisteten Mörderisches, und bei jedem Schuss fielen die Menschen wie die Ähren unter der Sense. Was wollte neben solchen Geschossen die berühmte Kugel zu Coutras bedeuten, welche im Jahre 1587 fünfundzwanzig Mann kampfunfähig machte, und die andere, welche bei Zorndorf 1758 vierzig Mann tötete, und 1742 bei Kesselsdorf die österreichische, die bei jedem Schuss siebzig Feinde niederwarf? Was war dagegen das erstaunliche Geschützfeuer bei Jena und Austerlitz, das die Schlachten entschied? Da gab es während des Bundeskrieges ganz andere Dinge zu schauen! Bei Gettysburg traf ein kegelförmiges Geschoss aus einer gezogenen Kanone dreiundsiebzig Feinde, und beim Übergang über den Potomak beförderte eine Rodmankugel zweihundertfünfzehn Südstaatler in eine ohne Zweifel bessere Welt. So verdient auch ein fürchterlicher Mörser, den J. T. Maston, ein hervorragendes Mitglied und beständiger Sekretär des Gun-Clubs, erfand, erwähnt zu werden. Seine Wirkung war noch mörderischer, denn beim Probieren tötete er dreihundertsiebenunddreißig Personen – freilich beim Explodieren!

Diese Zahlen legen kommentarlos ein beredtes Zeugnis ab. Auch wird man ohne Widerrede die folgende, vom Statistiker Pitkairn aufgestellte Berechnung gelten lassen: dividiert man die Anzahl der durch die Kugeln gefallenen Opfer mit der Zahl der Mitglieder des Gun-Clubs, so ergibt sich, dass auf Rechnung jedes Einzelnen des Letzteren durchschnittlich 2.375 Mann kommen, nebst einem Bruchteil.

Zieht man diese Zahlen in Betracht, so ist es offensichtlich, dass das Trachten dieser gelehrten Gesellschaft vor allem auf Menschenvernichtung und auf Vervollkommnung der Kriegswaffen gerichtet war. Es war ein Verein von Würgengeln, ansonsten aber die besten Menschenkinder der Welt.

Ferner muss man erwähnen, dass es diese Yankees von erprobter Tapferkeit nicht beim Reden bewenden ließen, sondern persönlich für ihre Ideen eintraten. Man zählte unter ihnen Offiziere jeden Grades vom Lieutenant bis zum General, Militärpersonen jeden Alters, Anfänger im Kriegsdienst und an der Lafette ergraute Männer. Manche fielen auf dem Schlachtfeld und ihre Namen wurden ins Ehrenbuch des Gun-Clubs eingetragen, und von denen, welche davonkamen, trugen die meisten Zeichen ihres unzweifelhaften Heldentums an sich: Krücken, hölzerne Beine, künstliche Arme, Haken statt der Hände, Kinnbacken aus Kautschuk, Schädel aus Silber, Nasen aus Platin, nichts mangelte in der Sammlung, und der obgedachte Pitkairn berechnete ebenfalls, dass im Gun-Club nicht ganz ein Arm auf vier Personen kam und nur zwei Beine auf sechs.

Aber diese wackeren Artilleristen machten sich nicht so viel daraus, und sie waren mit Recht stolz darauf, wenn die Kriegsberichterstattung über eine Schlacht zehnmal mehr Opfer anführte als Geschosse abgefeuert worden waren.

Eines Tages jedoch – an einem traurigen, bedauerlichen Tag – unterzeichneten die Überlebenden den Frieden. Der Geschützdonner hörte allmählich auf, die Mörser verstummten. Die Haubitzen wurden für lange Zeit unschädlich gemacht und die Kanonen kehrten gesenkten Hauptes in die Arsenale zurück. Die Kugeln wurden in den Zeughäusern aufgeschichtet, die blutigen Erinnerungen versiegten, die Baumwollstauden sprossen üppig auf den reich gedüngten Feldern. Mit den Trauerkleidern wurde auch der Schmerz abgelegt und der Gun-Club versank in vollständige Untätigkeit.

»Trostlos«, sagte eines Abends der tapfere Tom Hunter, während seine hölzernen Beine am Kamin verkohlten: »Nichts mehr zu tun. Nichts mehr zu hoffen! Welch langweiliges Leben! O goldene Zeit, da uns einst jeden Morgen lustiger Kanonendonner weckte!«


»Die Zeit ist dahin«, pflichtete der muntere Bilsby bei. »Das war eine Lust! Man erfand seinen Mörser, und war er gegossen, so probierte man ihn am Feind aus. Dann begab man sich wieder ins Lager mit einer Belobigung Shermans oder einem Handschlag Mac-Clellans! Aber nun sind die Generale wieder in ihren Comptoirs und versenden harmlose Baumwollballen! Ja, wahrhaftig, die Artillerie hat in Amerika keine Zukunft mehr!«

»Ja, Bilsby«, verkündete Obrist Blomsberry. »Das sind grausame Täuschungen! Eines Tages kehrt man seinen friedlichen Gewohnheiten den Rücken zu, übt sich in den Waffen, zieht von Baltimore aus ins Feld, tritt da als Held auf, und zwei, drei Jahre später muss man die Früchte seiner Strapazen wieder abgeben und in leidiger Untätigkeit einschlafen.«

»Und kein Krieg in Aussicht«, sagte darauf der berühmte J. T. Maston und kratzte dabei mit seinem eisernen Haken seinen Guttapercha-Schädel. »Kein Wölkchen am Himmel, und das zu einer Zeit, da in der Artilleriewissenschaft noch so viel zu tun wäre! Da habe ich diesen Morgen einen Musterriss fertig gemacht, samt Plan, Durchschnitt und Aufriss, für einen Mörser, der die Gesetze des Krieges verändern könnte!«

»Wirklich?«, fragte Tom Hunter, und dabei fiel ihm unwillkürlich der letzte Versuch des ehrenwerten J. T. Maston ein.

»Ja, wirklich«, entgegnete dieser. »Aber wozu nun so viele Studien und das Überwinden so vieler Schwierigkeiten? Ist das nicht verlorene Mühe? Die Bevölkerung der Neuen Welt scheint entschlossen zu sein, nun in Frieden zu leben und unsere Kriegstribüne hat bereits Katastrophen als Folge des Bevölkerungswachstums vorausgesagt!«

»Indessen, Maston«, fuhr Obrist Blomsberry fort, »gibt es in Europa immer noch Kriege um das Prinzip der Nationalitäten!«

»Na und?«

»Na und? Da könnte man vielleicht einen Versuch machen. Und wenn man unsere Dienste annähme?«

»Was meinen Sie? Ballistik zugunsten von Ausländern?«

»Besser, als gar nichts damit treiben«, entgegnete der Obrist.

»Allerdings!«, sagte J. T. Maston. »Es wäre wohl besser, aber an so einen Ausweg darf man nicht einmal denken.«

»Und weshalb nicht?«, fragte der Obrist.

»Weil man in der Alten Welt in Fragen der Soldatenlaufbahn Vorstellungen hat, die unseren amerikanischen Gewohnheiten schnurstracks zuwiderlaufen. Die Leute dort meinen, man könne nicht kommandierender General werden, wenn man nicht zuvor Unterlieutenant gewesen ist, was dasselbe wäre, als wenn man nicht verstehe, eine Kanone auszurichten, wenn man sie nicht selbst gegossen hat! Nun ist aber selbstverständlich ...«

»Lächerlich!«, erklärte Tom Hunter, während er mit einem Bowie-Messer Kerben in die Arme seines Lehnsessels schnitt. »Und weil dem so ist, so bleibt uns nichts übrig, als Tabak anzupflanzen oder Tran zu sieden!«

»Wie?«, rief J. T Maston mit laut hallender Stimme. »Wir sollen unsere letzten Lebensjahre nicht auf die Vervollkommnung der Feuerwaffen verwenden? Es sollte sich keine Gelegenheit mehr ergeben, unsere Geschosse auszuprobieren? Der Blitz von unseren Kanonen sollte nicht mehr die Luft erhellen? Es sollte sich keine internationale Streitfrage ergeben, die Anlass dazu gäbe, einer überseeischen Macht den Krieg zu erklären? Sollten nicht die Franzosen eins unserer Dampfboote im Meer versenken und die Engländer sollten nicht entgegen den Grundsätzen des Völkerrechts etliche unserer Landsleute hängen?«

»Nein, Maston«, entgegnete Obrist Blomsberry, »dieses Glück wird uns nicht werden! Nein! Kein einziger dieser Fälle wird eintreten, und geschähe es, so würden wir ihn nicht ausnutzen! Das amerikanische Selbstgefühl schwindet von Tag zu Tag und wir werden zu Weibern!«

»Ja, wir versinken!«, erwiderte Bilsby.

»Und man zwingt uns in die Knie!«, entgegnete Tom Hunter.

»Dies alles ist nur allzu wahr«, erwiderte J. T Maston mit erneuter Heftigkeit. »Es lassen sich tausende von Gründen finden, um sich zu schlagen, aber man schlägt sich nicht! Man will Arme und Beine schonen, und das zugunsten von Leuten, die nichts damit anzufangen wissen! Und denken Sie, man braucht einen Grund zum Krieg nicht so weit herzuholen: Hat nicht Nord-Amerika einst den Engländern gehört?«

»Allerdings!«, bestätigte Tom Hunter, während er mit seiner Krücke das Feuer schürte.

»Also dann!«, fuhr J. T Maston fort. »Warum sollte nicht England einmal an die Reihe kommen den Amerikanern zu gehören?«

»Das wäre nur recht und billig«, erwiderte Obrist Blomsberry lebhaft.

»Machen Sie diesen Vorschlag einmal dem Präsidenten der Vereinigten Staaten«, rief J. T Maston, »und Sie werden sehen, wie er Sie empfangen wird!«

»Gewiss wohl schlecht«, brummte Bilsby zwischen den Zähnen, die er noch hatte.

»Meiner Treu!«, rief J. T Maston. »Mit meiner Stimme kann er nicht mehr rechnen!«

»Auch mit unseren nicht«, stimmten die Kriegsinvaliden unisono mit ein.

»Unterdessen«, äußerte J. T Maston zum Schluss, »gibt man mir nicht die Gelegenheit, meinen neuen Mörser auf einem wirklichen Schlachtfeld auszuprobieren, so trete ich aus dem Gun-Club aus und vergrabe mich in den Savannen von Arkansas!«

»Da kommen wir mit«, erklärten die Genossen des tapferen J. T Maston.

So standen die Dinge, die Geister erhitzten sich und der Club war von naher Auflösung bedroht als ein unerwartetes Ereignis dazwischenkam. Am Tag nach dieser Unterredung erhielt jedes Mitglied der Gesellschaft ein wie folgt abgefasstes Rundschreiben:

Baltimore, 3. Oktober.

»Der Präsident des Gun-Clubs beehrt sich, seine Kollegen davon zu unterrichten, dass er in der Sitzung am 5. d. Monats eine Mitteilung zu machen hat, welche sie lebhaft interessieren wird. Demnach bittet er sie, ungesäumt der im gegenwärtigen Schreiben enthaltenen Einladung zu folgen.

Mit herzlichem Gruß

Impey Barbicane, Präsident.«

ZWEITES KAPITEL
Mitteilung des Präsidenten Barbicane

A

m 5. Oktober um acht Uhr abends drängte sich eine dichte Menge in den Sälen des Gun-Clubs, 21. Unionsquare. Alle in Baltimore einheimischen Mitglieder der Gesellschaft hatten sich auf die Einladung ihres Präsidenten dort hinbegeben. Die Korrespondenten gelangten per Express zu hunderten in der Stadt an, und so groß auch die Sitzungshalle war, so konnte die Menge der Gelehrten darin keinen Platz mehr finden. Sie strömte über in die anstoßenden Säle, die Gänge bis mitten in die äußeren Höfe, wo sie mit dem gewöhnlichen Volk zusammentraf, das sich an den Eingängen drängte. Indem jeder in die vordersten Reihen zu gelangen trachtete, alle voll Begierde, die wichtige Mitteilung des Präsidenten Barbicane zu vernehmen, stieß und schob man sich herum, zerdrückte sich mit jener Freiheit des Handelns, welche den in den Ideen des ›selfgovernment‹ erzogenen Massen eigentümlich ist.

An jenem Abend hätte ein in Baltimore anwesender Fremder um keinen Preis in den großen Saal gelangen können, derselbe war ausschließlich den einheimischen Mitgliedern oder den Korrespondenten vorbehalten. Kein Anderer konnte darin einen Platz bekommen, und die Notabeln der Stadt, die Mitglieder des Rates der ›Auserkorenen‹, hatten sich unter die Menge ihrer Untergebenen begeben müssen, um flüchtig zu erhaschen, was drinnen vorging.

Indes bot die riesige Halle einen merkwürdigen Anblick. Das große Lokal war dabei erstaunlich gut für seine Bestimmung geeignet. Hohe Säulen, die aus übereinandergesetzten Kanonen auf einer dicken Unterlage von Mörsern gebildet waren, trugen die feinen Verzierungen des Gewölbes, die gleich Spitzen aus Guss gefertigt waren. Vollständige Rüstungen von Stutzern, Donnerbüchsen, Büchsen, Karabinern, alle möglichen Feuerwaffen alter und neuer Zeit, waren an den Wänden mit malerischen Verschlingungen gruppiert. Das Gas strömte in vollen Flammen aus tausenden von Revolvern, die in Form von Lüstern angeordnet waren, während aus Pistolen gebildete Girandolen und Kandelaber, die aus Bündeln von Flintenläufen angefertigt worden waren, die glänzende Beleuchtung vollendeten. Die Kanonenmodelle, die bronzenen Probemuster, die durchlöcherten Zielscheiben, die von Kugeln des Gun-Clubs zerschossenen Platten, die Auswahl von Setzern und Wischern, die Rosenkränze aus Bomben, die Halsbänder aus Geschossen, die Girlanden aus Granaten, kurz, alle Werkzeuge des Artilleristen überraschten das Auge durch ihre eigentümliche Anordnung und erweckten den Gedanken, dass sie in Wahrheit mehr zum Schmuck als zum Morden bestimmt seien.

Auf dem Ehrenplatz sah man unter einer glänzenden Glasglocke ein zerbrochenes, vom Pulver zerdrehtes Stück einer Kanone, ein kostbares Reststück der Kanone von J. T. Maston.

Am Ende des Saales saß auf einem breiten Sonderplatz – umgeben von vier Sekretären – der Präsident. Sein Sitz, der sich auf einer mit Schnitzwerk gezierten Lafette befand, war im Ganzen gleich einem starken Mörser von zweiunddreißig Zoll geformt, in einem Winkel von neunzig Grad aufgestellt und an Zapfen befestigt, sodass sich der Präsident auf demselben wie auf einem Schaukelstuhl in angenehmster Weise schaukeln konnte. Auf dem Schreibtisch, einer breiten Platte aus Eisenblech auf sechs Kanonen, sah man ein Tintenfass von besonderem Aussehen, das aus einer kostbar gemeißelten Biskayer Büchse geformt war, und eine Donnerglocke, die bei gegebenem Anlass wie ein Revolver knallte. Bei heftigem Streit reichte diese neu erfundene Glocke manchmal kaum aus, um die Stimmen dieser Legion von erhitzten Artilleristen übertönen zu können.


Vor dem Schreibtisch waren kleine Bänke im Zickzack, gleich den Linien einer Verschanzung, aufgestellt und bildeten eine Reihe von Basteien und Kourtinen. Auf diesen saßen die Mitglieder des Gun-Clubs, und diesen Abend konnte man sagen: ›Es fehlte nicht an Männern auf den Wällen.‹ Man kannte den Präsidenten gut genug, um zu wissen, dass er seine Kollegen nicht ohne wichtigen Grund einberufen hatte.

Impey Barbicane war ein Mann von vierzig Jahren, ruhig, kaltblütig, streng, von außerordentlich ernstem und konzentriertem Geist, pünktlich wie ein Uhrwerk, von starkem Temperament, unerschütterlichem Charakter, wenig ritterlich, doch abenteuerlich, aber voll praktischer Ideen, selbst bei den verwegensten Unternehmungen – er war in bestechendster Weise der Mann Neu-Englands, der nordische Pflanzer, der Abkömmling jener Rund-Köpfe, die einst den Stuarts so gefährlich wurden, der unversöhnliche Feind der südlichen Gentlemen, jener vormaligen Junker des Mutterlandes. Mit einem Wort, er war durch und durch ein Yankee reinsten Wassers.

Barbicane hatte sich im Holzhandel ein großes Vermögen erworben. Während des Krieges zum Artilleriedirektor ernannt, machte er zweckmäßige Erfindungen, hatte kühne Ideen, trug viel zu den Fortschritten dieser Waffe bei und gab den experimentellen Forschungen einen unvergleichlichen Schwung.

Ein Mann von mittlerer Statur, hatte er – seltene Ausnahme im Gun-Club -ganz wohl erhaltene Glieder. Seine scharf ausgeprägten Gesichtszüge waren wie mit dem Lineal nach dem Winkelmaße geschnitten, und wenn es wahr ist, dass man, um eines Menschen instinktiven Charakter zu erkennen, ihn im Profil ansehen müsse, so konnte man bei ihm darin die deutlichsten Anzeichen von Energie, Kühnheit und Kaltblütigkeit wahrnehmen.

In diesem Augenblick war er in seinem Lehnstuhl unbeweglich, stumm, in Gedanken versunken, den Blick nach innen gerichtet, mit einem hoch geformten Hut – einem schwarzen Seidenzylinder – welcher, so scheint es, den amerikanischen Schädeln angeschraubt ist.

Das lärmende Gerede seiner Kollegen um ihn her störte ihn nicht. Sie befragten einander, schweiften auf dem Feld der Vermutungen, forschten in den Zügen ihres Präsidenten und trachteten vergeblich, das Fragezeichen seiner undurchdringlichen Physiognomie herauszubekommen.

Als die Uhr des großen Saales mit Donnerschlägen die Stunde verkündete, erhob sich Barbicane plötzlich, wie von einer Sprungfeder emporgeschnellt. Alles lauschte, und der Redner ließ sich mit etwas emphatischem Ton folgendermaßen vernehmen:

»Tapfere Kollegen! Schon allzu lange hat ein unliebsamer Friede die Mitglieder des Gun-Clubs in bedauerliche Untätigkeit versetzt. Nach vier so ereignisvollen Jahren mussten wir unsere Arbeit einstellen und auf dem Wege des Fortschritts plötzlich Halt machen. Ich nehme keinen Abstand es laut auszusprechen: Jeder Krieg, der uns wieder die Waffen in die Hand gäbe, würde willkommen sein ...«

»Ja, der Krieg!«, rief J. T Maston stürmisch. »Hört! Hört!«, vernahm man von überall her.

»Aber der Krieg«, fuhr Barbicane fort, »ist unter den gegenwärtigen Umständen nicht durchzusetzen, und was sich auch der ehrenwerte Kollege, welcher mich unterbrach, für Hoffnungen machen mag, es wird eine Reihe von Jahren vergehen, ehe unsere Kanonen wieder auf einem Schlachtfeld donnern. Das muss man sich nun gefallen lassen, und in einem andern Ideenkreise Beschäftigung für unseren Tätigkeitstrieb suchen.«

Da die Versammlung merkte, dass ihr Präsident nun auf den Hauptpunkt kam, verdoppelte sie ihre Aufmerksamkeit.

»Seit einigen Monaten, wackere Kollegen«, begann Barbicane erneut, »habe ich darüber nachgedacht, ob wir nicht innerhalb unseres Spezialfachs imstande wären, eine große, des neunzehnten Jahrhunderts würdige Forschung vorzunehmen und ob uns nicht die Fortschritte in der Ballistik in den Stand setzten, sie glücklich auszuführen. Zuletzt habe ich geforscht, gearbeitet, Berechnungen angestellt, und das Ergebnis meiner Studien war die Überzeugung, dass wir bei einer Unternehmung, die in jedem anderen Lande unausführbar sein würde, zu einem glücklichen Ziele gelangen müssten. Über dieses reiflich durchdachte Projekt will ich Ihnen nun nähere Auskünfte geben. Es ist Ihrer würdig, würdig der Vergangenheit des Gun-Clubs, und wird unfehlbar großes Aufsehen in der Welt erregen!«


»Viel Aufsehen?«, fragte laut ein leidenschaftlicher Artillerist.

»Sehr viel Aufsehen, im wahrsten Sinne des Wortes«, wiederholte Barbicane. »Nicht unterbrechen!«, rief es von allen Seiten.

»Ich bitte Sie also, ehrenwerte Kollegen«, fuhr der Präsident fort, »mir Ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen.«

Die ganze Versammlung wurde in eine unwillkürliche Bewegung versetzt. Barbicane rückte rasch seinen Hut zurecht und drückte ihn fest, dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort:

»Unter Ihnen ist niemand, verehrte Kollegen, der nicht den Mond gesehen oder mindestens von ihm sprechen gehört hätte. Wundern Sie sich nicht, dass ich Sie hier über dieses Gestirn der Nacht unterrichte. Vielleicht ist es uns vorbehalten, für diese unbekannte Welt die Rolle des Kolumbus zu spielen. Begreifen Sie mich, unterstützen Sie mich mit allen Kräften, so will ich Sie führen, diese Eroberung zu machen, und der Name des Mondes wird sich denen der sechsunddreißig Staaten anreihen, welche den großen Bund dieses Landes bilden.«

»Hurra dem Mond!«, riefen die Mitglieder des Gun-Clubs wie mit einer Stimme.

»Man hat viele Studien über den Mond gemacht«, fuhr Barbicane fort. »Seine Masse, Dichte, sein Gewicht und sein Umfang, seine Beschaffenheit, seine Bewegungen, die Entfernung, seine Rolle im Sonnensystem sind nun genau bekannt. Man hat Mondkarten angefertigt, welche an vollkommener Ausführung den Erdkarten mindestens gleichkommen, wenn sie dieselben nicht sogar übertreffen. Die Fotografie hat von unserem Trabanten Musterbilder von unvergleichlicher Schönheit geliefert. Kurz, man weiß von dem Mond alles, was uns die mathematischen Wissenschaften, die Astronomie, die Geologie sowie auch die Optik lehren können, aber bis jetzt ist noch nie ein direkter Verkehr mit demselben hergestellt worden.«

Bei diesen Worten des Redners gab sich eine heftige Erregung des Interesses und der Überraschung zu erkennen.

»Gestatten Sie mir«, fuhr Barbicane fort, »mit einigen Worten daran zu erinnern, wie einige glühende Geister in phantasievollen Reisebeschreibungen vorgaben, die Geheimnisse unseres Trabanten ergründet zu haben. Im siebzehnten Jahrhundert rühmte sich ein gewisser David Fabricius, die Bewohner des Mondes mit eigenen Augen gesehen zu haben. Im Jahre 1649 veröffentlichte ein Franzose, J. Beaudoin, eine ›Reise in den Mond, von dem spanischen Abenteurer Dominico Gonzalez‹ unternommen. Zu derselben Zeit ließ Cyrano de Bergerac die berühmte Expedition, welche in Frankreich so viel Erfolg hatte, veröffentlichen. Später schrieb ein anderer Franzose namens Fontenelle über die Mehrheit der Welten ein Hauptwerk. Aber die Wissenschaft überbietet in ihrem Fortschritt auch die Meisterwerke! Um das Jahr 1835 erzählte ein aus dem New York Americain übersetztes Werkchen, Sir J. Herschel, der zum Zweck astronomischer Studien ans Kap der Guten Hoffnung gesendet worden war, habe mit einem vervollkommneten Teleskop den Mond bis auf eine Entfernung von achtzig Yard[3] nahe gebracht. Da habe er ganz deutlich Höhlen beobachtet, worin Flusspferde hausten, grüne mit Goldsaum befranzte Berge, Hammel mit Hörnern aus Elfenbein, weiße Rehe, Bewohner mit pergamentgleichen Flügeln, wie bei den Fledermäusen. Dieses von einem Amerikaner namens Locke verfasste Werkchen hatte großen Erfolg. Bald aber erkannte man darin eine Mystifikation der Wissenschaft, und die Franzosen lachten zuerst darüber.«

»Über einen Amerikaner lachen!«, beschwerte sich J. T. Maston. »Da haben wir ja einen Casus Belli ...«

»Beruhigen Sie sich, mein würdiger Freund. Bevor die Franzosen lachten, haben sie sich von unserem Landsmann vollständig anführen lassen. Ich füge bei, dass ein gewisser Hans Pfaal aus Rotterdam in einem Ballon, der mit Stickstoff gefüllt war, welches fünfunddreißigmal leichter als Wasserstoff ist, in neunzehn Tagen bis zum Mond gelangte. Diese Reise war, gleich der vorausgehenden, nur eine Phantasie-Unternehmung, aber sie hatte den populären amerikanischen Schriftsteller, der ein Genie von seltenem Tiefsinn war, Poe, zum Verfasser.«

»Hurra dem Edgar Poe!«, deklamierte die Versammlung voller Begeisterung.

»So viel«, fuhr Barbicane fort, »von den Versuchen, die wissenschaftlich durchaus ungenügend sind, um ernstlich Verbindungen mit dem Gestirn der Nacht zu bewirken. Doch muss ich hinzufügen, dass einige praktische Geister den Versuch machten, sich wirklich mit ihm in Verbindung zu setzen. Vor einigen Jahren machte ein deutscher Geometer den Vorschlag, eine Kommission von Gelehrten in die Steppen Sibiriens zu schicken. Dort sollte man in den weiten Ebenen große geometrische Figuren mit Hilfe beleuchteter Metallspiegel aufstellen, unter anderen das Quadrat der Hypotenuse, das die Franzosen gewöhnlich ›Eselsbrücke‹ nennen. ›Jedes intelligente Wesen‹, sagte der Geometer, ›muss die wissenschaftliche Bedeutung dieser Figur begreifen. Wenn es nun Mondbewohner gibt, so werden sie mit einer ähnlichen Figur antworten, und ist einmal die Verbindung eingerichtet, so ist es keine schwere Sache, ein Alphabet zu schaffen, welches dazu in die Lage versetzt, sich mit den Bewohnern des Mondes zu unterhaltene So lautete der Vorschlag des deutschen Geometers, aber er kam nicht zur Ausführung, und bis jetzt ist noch keine direkte Verbindung zwischen der Erde und ihrem Trabanten entstanden. Aber es ist dem praktischen Genie der Amerikaner vorbehalten, die Verbindung mit der Sternenwelt zu verwirklichen. Das Mittel dafür ist einfach, leicht, sicher, unfehlbar. Meine Erläuterung wird es Ihnen auseinandersetzen.«

Lautes Beifallsgeschrei und ein Sturm von Zurufen erfolgte. Es war auch nicht ein einziger unter den Anwesenden, der nicht, von den Worten des Redners überwältigt, hingerissen wurde.

»Hört! Hört! Stille doch!«, rief man von allen Seiten.

Als es wieder ruhig geworden war, fuhr Barbicane mit ernsterer Stimme fort:

»Sie wissen, welche Fortschritte die Ballistik seit einigen Jahren gemacht hat und zu welch hohem Grade der Vollkommenheit diese Waffen gelangt wären, wenn der Krieg fortgedauert hätte. Ebenso ist es Ihnen im Allgemeinen nicht unbekannt, dass die Widerstandskraft der Kanonen und die Triebkraft des Pulvers grenzenlos sind. Nun, von diesem Grundgedanken ausgehend habe ich mir die Frage gestellt, ob es nicht mithilfe hinreichender Vorrichtungen innerhalb bestimmter Widerstandsbedingungen möglich wäre, ein Geschoss bis zum Mond zu schießen!«

Bei diesen Worten entfuhr ein staunendes »Oh!« aus den kaum zu atmen wagenden Brüsten von tausenden. Dann nach einer kleinen Pause, gleich der Stille, welche dem Donner vorausgeht, entlud sich ein gewitterartiger Beifallssturm von Schreien und Rufen, dass der Sitzungssaal davon erbebte. Der Präsident versuchte zu sprechen, vergebens. Erst nach zehn Minuten konnte er erneut zu Wort kommen.

»Lassen Sie mich ausreden«, fuhr er unbeeindruckt fort. »Ich habe die Frage von allen Seiten beleuchtet, bin sie entschlossen angegangen, und aus meinen unbestreitbaren Berechnungen ergibt sich, dass jedes Geschoss, das mit einer anfänglichen Geschwindigkeit von 12.000 Yards[4] in der Sekunde in Richtung Mond abgeschleudert wird, zwangsläufig dort anlangen muss. Ich habe daher die Ehre, meine ehrenwerten Kollegen, Ihnen dieses kleine Experiment vorzuschlagen!«

DRITTES KAPITEL
Welchen Eindruck Barbicanes Mitteilung machte

D

er Eindruck, den die letzten Worte des ehrenwerten Präsidenten machten, lässt sich nicht beschreiben. Das war ein Schreien! ein Grunzen! ein Rufen mit Hipp, Hipp, Hurra! – und all den Naturlauten, woran die amerikanische Sprache so reich ist. Es war ein Getümmel, ein Lärmen ohnegleichen! Die Kehlen schrien, die Hände klatschten, die Füße stampften auf den Boden. Kein Wunder: Es gibt Kanoniere, die im Lärmen mit ihren Kanonen wetteifern.

Barbicane bewahrte mitten in diesem Enthusiasmus seine Gelassenheit. Seine Handbewegungen forderten vergebens zur Stille auf, die donnernden Töne seiner Glocke wurden nicht gehört. Man riss ihn von seinem Präsidentenstuhl und trug ihn im Triumph umher.

Ein Amerikaner lässt sich nicht in Bestürzung versetzen. Für den Begriff ›unmöglich‹ findet sich in seinem Wörterbuch kein Ausdruck. In Amerika ist alles leicht, einfach, die mechanischen Schwierigkeiten sind wie nicht vorhanden. Ein wahrer Yankee war nicht imstande, nur einen Schein von Schwierigkeit zwischen Barbicanes Vorschlag und seiner Ausführung zu erkennen. Gesagt, getan.

Der Triumphzug des Präsidenten dauerte den ganzen Abend! Es war ein echter Fackelzug. Irländer, Franzosen, Schotten, all die gemischten Nationalitäten, woraus die Bevölkerung Marylands besteht, schrien in ihrer Muttersprache, und es mischten sich die Vivatrufe! die Hurras! und die Bravos! in einem Eifer, der über alle Beschreibung geht.

Luna, als begriffe sie, dass es sich um sie handle, strahlte in heiterer Pracht, die irdischen Feuer verdunkelnd. Alle Yankees richteten die Blicke nach ihrer glänzenden Scheibe, die einen grüßten sie mit der Hand, die anderen mit zärtlichen Worten. Diese maßen sie mit den Augen, andere drohten mit der Faust. Ein Optiker hatte bis Mitternacht nur Augengläser zu verkaufen. Frau Luna wurde wie eine Dame der hochvornehmen Welt lorgnettiert, und das mit einer Rücksichtslosigkeit, wie sie nur amerikanischen Gutsbesitzern eigen ist. Gerade als gehöre die blonde Phöbe bereits ihren kühnen Eroberern als Teil der Union an. Und doch handelte es sich erst darum, ein Geschoss zu ihr zu schleudern. Eine ziemlich brutale Art, Verbindungen anzuknüpfen, selbst gegenüber einem Trabanten, doch ist sie unter den zivilisierten Nationen sehr in Gebrauch.

Es war Mitternacht, die Begeisterung war auf ihrem Höhepunkt angelangt und verbreitete sich gleichmäßig auf alle Teile der Bevölkerung. Die Stadtbehörden, Gelehrten, Großhändler und Kaufleute, Lastträger, verständige Leute und Gelbschnäbel fühlten sich bis in die kleinsten Fasern der Lebensadern erregt. Es handelte sich um eine nationale Unternehmung. So schritten denn auch die Ober- und die Unterstadt einher, die Quais an den Ufern des Patapsco, die Schiffe im Hafenbecken voll gedrängt mit Menschen im Rausch der Freude, des Gins und Whiskys, alle plauderten, schwatzten, disputierten, diskutierten, billigten, klatschten, vom Gentleman, der auf dem Kanapee der Schenkstube vor seinem Schoppen Sherry-Cobbler[5] flegelhaft hingestreckt lag, bis zum Bootsmann, der sich in den dunklen Kneipen von Fells-Point mit ›Knock me down‹[6] betrank.


Gegen zwei Uhr legte sich die Aufregung. Nun gelang es dem Präsidenten endlich heimzukommen. Er fühlte sich wie gerädert. Es gehörte eine Herkulesnatur dazu, solch einem Enthusiasmus gewachsen zu sein. Die Menge auf den Straßen verlief sich allmählich. Die vier Eisenbahnen, welche in Baltimore zusammentreffen und aus Ohio, Susquehanna, Philadelphia und Washington kommen, führten das auswärtige Publikum an die vier Ausgangspunkte zurück, und die Stadt kam wieder in einen verhältnismäßig beruhigten Zustand.

Übrigens wäre es ein Irrtum zu glauben, dass an diesem Abend nur in Baltimore solche Aufregung geherrscht habe. Die großen Städte der Union: New York, Boston, Albany, Washington, Richmond, Crescent-City[7], Charleston, Mobile, von Texas bis Massachusetts, von Michigan bis Florida, nahmen alle an der ausufernden Begeisterung teil. Die dreißigtausend Mitglieder des Gun-Clubs kannten ja den Brief ihres Präsidenten und warteten mit gleicher Ungeduld auf die merkwürdige Mitteilung des 5. Oktobers. Sowie daher die Worte des Redners dessen Lippen entströmt waren, wurden sie noch am selben Abend mit einer Geschwindigkeit von 248.447 (engl.) Meilen[8] pro Sekunde durch die Telegrafendrähte aller Staaten der Union gejagt.

Man kann also ganz bestimmt sagen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika, welche zehnmal so groß wie Frankreich sind, im selben Augenblick in einem einzigen Aufschrei zusammenstimmten und dass 25 Millionen Herzen, von Stolz geschwellt, denselben Pulsschlag fühlten.

Am folgenden Morgen machten 1.500 Journale, Tag- und Wochenblätter, monatlich und zweimonatlich erscheinende Zeitschriften, diese Angelegenheit zum Thema. Sie prüften es unter den verschiedensten Gesichtspunkten, dem physischen, meteorologischen, ökonomischen oder moralischen, vom politischen Standpunkt aus und auch aus der Sicht der Zivilisation. Man fragte, ob denn der Mond ein fertiger Planet oder ob er noch im Prozess der Entstehung sei. Glich er der Erde zu der Epoche, da dieselbe noch keine Atmosphäre hatte? Welchen Anblick würde seine unsichtbare, also die unserer Erdkugel abgewandte Seite offenbaren? Obwohl es sich nur erst darum handelte, eine Kugel dorthin zu schleudern, sahen doch alle, dass eine Reihe von Untersuchungen zu diesem Punkt im Vordergrund standen. Alle gaben sich der Hoffnung hin, Amerika werde in die tief verhüllten Geheimnisse dieses mysteriösen Trabanten dringen. Manche schienen jedoch zu befürchten, dass seine Eroberung das europäische Gleichgewicht auffallend würde stören können.

Nachdem das Projekt besprochen war, setzte kein einziges Blatt seine Ausführbarkeit in Zweifel. Die von den gelehrten, wissenschaftlichen oder religiösen Gesellschaften herausgegebenen periodischen Blätter, Broschüren, Bulletins, Magazine unterstrichen seine Vorteile, und die Gesellschaft für Naturgeschichte‹ in Boston, die ›Amerikanische Gesellschaft der Wissenschaften und Künste‹ in Albany, die Geographische und Statistische Gesellschaft in New York, die ›Amerikanische Philosophische Gesellschaft‹ in Philadelphia, das ›Smithsonsche Institut‹ in Washington, alle sendeten dem Gun-Club in tausenden von Zuschriften Glückwünsche und boten Geld und ihre Dienste an.

Darum, kann man mit Bestimmtheit versichern, gab es auch nie einen Vorschlag, der so viele Anhänger fand. Von Zweifeln, Bedenken, Besorgnissen war gar keine Rede. In Europa, vor allem in Frankreich, hätte wohl die Idee, ein Geschoss bis zum Mond zu schleudern, Scherzreden, Karikaturen, Spottlieder hervorgerufen: So etwas hätte sich jemand nicht einfallen lassen dürfen. Kein ›Lebenssicherer‹[9] auf der Welt hätte gegen die allgemeine Entrüstung geschützt. In der Neuen Welt gibt es Dinge, worüber nicht mehr gelacht wird.

Impey Barbicane wurde daher von jenem Tag an zu den größten Bürgern der Vereinigten Staaten gezählt. Er galt fast soviel wie ein Washington der Wissenschaft.

Einer von vielen Vorfällen zeigt stellvertretend, bis zu welchem Grad die Hingebung eines Volkes an einen Mann plötzlich gestiegen war:

Einige Tage nach der famosen Sitzung des Gun-Clubs kündigte der Direktor einer englischen Theatergruppe, die gerade in Baltimore gastierte, das Shakes-pearesche ›Viel Lärmen um Nichts‹ an. Da das Stadtvolk darin eine verletzende Anspielung auf die Projekte Barbicanes sah, drang es in den Theatersaal ein, zertrümmerte die Bänke und nötigte den unglücklichen Direktor seinen Spielplan zu ändern. Als gescheiter Mann beugte sich der Direktor dem Volkswillen, setzte an die Stelle des leidigen Stücks ein anderes vom selben Dichter, nämlich: ›Was ihr wollt‹, und erzielte daraufhin für viele Wochen unglaublich hohe Einnahmen.

VIERTES KAPITEL
Gutachten des Observatoriums von Cambridge

I

nzwischen verlor Barbicane – inmitten der Huldigungen, die ihm zuteil wurden – keine Zeit. Vor allem ließ er sich die Bureaux des Gun-Clubs zu einer Beratung versammeln. Man beschloss zunächst, über die astronomische Seite des Unternehmens die Himmelsforscher zu befragen, sich sodann auf der Grundlage eines Gutachtens derselben über die technischen Mittel zu verständigen, um nichts zu versäumen, was den Erfolg des großen Versuchs garantieren könne.

Daher wurde ein klar und inhaltlich detailliert abgefasstes Schreiben mit speziellen Fragen formuliert und an das Observatorium nach Cambridge in Massachusetts abgesendet. Der Sitz dieser ersten Universität der Vereinigten Staaten ist durch sein astronomisches Institut sehr bekannt. Dort finden sich die verdienstvollsten Gelehrten und das weit reichende Teleskop, mit dessen Hilfe Bond das Nebelgestirn Andromeda durchdrang und Clarke den Trabanten des Sirius entdeckte. Das Vertrauen des Gun-Clubs zu diesem Institut war also in jeder Hinsicht gerechtfertigt.

Zwei Tage später traf beim Präsidenten Barbicane die so ungeduldig erwartete Antwort, die folgenden Wortlaut hatte, ein:

Der Direktor des Observatoriums von Cambridge an den Präsidenten des Gun-Clubs in Baltimore.

Cambridge, 7. Oktober.

»Nach dem Empfang Ihres geehrten, unter dem 6.d. Monats im Namen der Mitglieder des Gun-Clubs in Baltimore an das Observatorium in Cambridge gerichteten Schreibens hat sich unser Bureau unverzüglich versammelt und folgende Antworten für angemessen erachtet:

Die ihm vorgelegten Fragen sind:

1. Ist es möglich, ein Wurfgeschoss auf den Mond zu schleudern?

2. Wie groß ist die exakt berechnete Entfernung der Erde zu ihrem Trabanten?

3. Binnen welcher Zeit hätte das Geschoss bei einer hinreichenden Anfangsgeschwindigkeit diese Distanz zu überwinden, folglich: zu welchem Zeitpunkt müsste man es abschießen, damit es in einem vorher festgelegten Moment auf dem Mond aufprallen würde?

4. Zu welchem Zeitpunkt wird sich der Mond in der günstigsten Position befinden, damit er von dem Geschoss auch getroffen wird?

5. Auf welchen Fixpunkt am Himmel wird das Geschütz, mit dem das Projektil abgeschossen werden soll, auszurichten sein?

6. An welcher Stelle am Himmel wird sich der Mond befinden, wenn das Geschoss auf den Weg gebracht wird?

Die Antwort auf die erste Frage lautet:

Ja, es ist möglich ein Projektil auf den Mond zu schleudern, wenn es gelingt, demselben eine Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Sekunde zu geben. Nach exakter Berechnung reicht diese Geschwindigkeit aus. Je weiter man sich von der Erde entfernt, desto mehr nimmt die Schwerkraft im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der Entfernung ab; z. B. braucht man für eine dreimal größere Entfernung eine neunmal geringere Kraft. Folglich wird die Schwere des Geschosses drastisch abnehmen und schließlich in dem Augenblick völlig schwerelos sein, in dem die Anziehungskraft der Erde von der des Mondes aufgewogen wird, d. h., bei Siebenundvierzig-Zweiundfünfzigstel der Entfernungslinie. Ab diesem Moment wird das Projektil keine Schwerkraft mehr haben. Beim Weiterflug wirkt die Anziehungskraft des Mondes auf dasselbe ein, sodass es letztlich auf den Mond fällt. Theoretisch wäre hiermit die Möglichkeit des Experiments bewiesen – ob es auch gelingt, hängt allein von der Kraft der dazu verwendeten Maschine ab.


Auf die zweite Frage lautet die Antwort:

Der Mond beschreibt bei seinem Umlauf um die Erde nicht einen Kreis, sondern eine Ellipse, worin unsere Erdkugel einen der Brennpunkte einnimmt. Demnach befindet sich der Mond in einer bald näheren, bald weiteren Entfernung von der Erde, astronomisch ausgedrückt, manchmal in Erdnähe, manchmal in Erdferne. Nun ist der Unterschied zwischen seinem weitesten und seinem nächsten Abstand ziemlich bedeutend, sodass man im besonderen Fall denselben nicht unberücksichtig lassen darf. Die größte Entfernung des Mondes beträgt nämlich 247.552 Meilen (= 99.640 Lieues à vier Kilometer), die geringste Entfernung beträgt nur 218.657 Meilen (= 88.010 Lieues), sodass der Unterschied 20.895 Meilen (= 11.630 Lieues) ausmacht, also mehr als den neunten Teil der Umlaufbahn. Die jeweilige Entfernung, sprich die Erdnähe des Mondes, muss den Berechnungen zu Grunde gelegt werden.

Die Antwort auf die dritte Frage lautet:

Wenn das Geschoss die Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Sekunde, welche man ihm beim Abschießen gäbe, unverändert beibehielte, so bedürfte es nur etwa neun Stunden, um an dem Ort seiner Bestimmung anzulangen. Da sich diese Geschwindigkeit aber in zunehmendem Maße beständig vermindert, wird es allen Berechnungen nach 300.000 Sekunden benötigen, d. h. 83 Stunden und 20 Minuten, um an den Punkt zu gelangen, wo sich die Anziehungskraft der Erde und die des Mondes aufwiegen. Von diesem Punkt aus bedarf es noch 50.000 Sekunden, oder 13 Stunden, 53 Minuten und 20 Sekunden, um auf den Mond zu fallen. Man muss es also 97 Stunden, 13 Minuten und 20 Sekunden früher abschießen, bevor der Mond an dem Punkt angelangt ist, auf den man zielt.

Auf die vierte Frage:

Entsprechend diesen Aussagen muss man zuerst die Zeit der größten Erdnähe des Mondes und gleichzeitig den Moment auswählen, wo er sich im Zenit befinden wird, wodurch die Linie, welche das Geschoss zurückzulegen hat, um das Maß eines Erdradius kürzer wird, nämlich um 3.919 Meilen, sodass die zu durchlaufende Linie exakt 214.976 Meilen (= 86.410 Lieues) betragen wird. Aber wenn der Mond auch allmonatlich in seine Erdnähe kommt, so steht er in dem Moment nicht immer im Zenit: Ein Zusammentreffen, welches nur in langen Zeitabständen stattfindet. Solch ein Zusammentreffen der Erdnähe mit dem Zenitstand ist also abzuwarten. Glücklicherweise wird diese doppelte Bedingung am 4. Dezember des folgenden Jahres eintreten: Um Mitternacht wird er in seine Erdnähe treten, d. h., seinen kürzesten Abstand zur Erde haben, und gleichzeitig im Zenit[10] stehen.

Auf die fünfte Frage:

Die vorausgehenden Bemerkungen zu Grunde gelegt, wird das Geschütz auf den Zenit eines Ortes ausgerichtet werden müssen, der Schuss muss senkrecht nach oben in den Himmel abgefeuert werden, und das Geschoss wird umso schneller der Anziehungskraft der Erde entzogen. Aber damit der Mond über dem Zenit eines Ortes zu stehen kommt, darf dieser Ort nicht unter höherem Breitengrad liegen, als die Abweichung dieses Gestirns vom Äquator beträgt, mit anderen Worten, er muss sich zwischen 0° und 28° nördlicher oder südlicher Breite befinden. An jedem anderen Ort würde der Schuss zwangsläufig in schiefer Richtung abgegeben werden, was dem Gelingen des Experiments hinderlich sein würde.

Auf die sechste Frage:

In dem Augenblick, in dem das Projektil in den Weltraum geschleudert wird, muss sich der Mond, der in seiner Bahn täglich 13 Grad, 10 Minuten und 35 Sekunden zurücklegt, viermal so weit vom Zenitpunkt entfernt befinden, nämlich 52 Grad, 42 Minuten und 20 Sekunden, denn so lang wird die Strecke seiner Umlaufbahn noch sein. Aber da man auch die Ablenkung des Geschosses, die infolge der Erdrotation hervorgerufen wird, berücksichtigen muss, und da das Geschoss erst nach einer Abweichung von 16 Erdradien auf dem Mond ankommen wird, welche, vom Mond aus gemessen, ungefähr 11 Grad ausmachen, muss man diese 11 Grad noch zu denen hinzurechnen, welche die erwähnte Verzögerung des Mondes ausmachen, nämlich rund 64 Grad. Daher wird im Moment des Schusses die nach dem Mond gerichtete Sehlinie mit der vertikalen Linie des Ortes einen Winkel von 64 Grad bilden.

So lauteten die Antworten, welche auf die dem Observatorium von Cambridge von den Mitgliedern des Gun-Clubs gestellten Fragen gegeben wurden. Wir halten also fest:

1. Das Geschütz muss an einem Ort, der sich zwischen 0° und 28° nördlicher oder südlicher Breite befindet, aufgestellt werden.

2. Es muss auf den Zenit des Ortes gerichtet werden.

3. Dem Geschoss muss eine anfängliche Geschwindigkeit von 12.000 Yards in der Sekunde gegeben werden.

4. Es muss am 1. Dezember des folgenden Jahres um 11 Uhr, weniger 13 Minuten und 20 Sekunden, abgeschossen werden.

5. Es wird vier Tage danach, am 4. Dezember, Punkt 12 Uhr nachts, in dem Moment, wo der Mond in den Zenit treten wird, auf dem Mond anlangen.

Die Mitglieder des Gun-Clubs müssen also unverzüglich die für eine solche Unternehmung erforderlichen Vorbereitungen treffen, um zu dem bestimmten Zeitpunkt für diese Operation bereit zu sein. Denn, lassen sie diesen vierten Dezember vorübergehen, werden sie den Mond erst 18 Jahre und 11 Tage später wieder in demselben Verhältnis der Erdnähe und des Zenits finden.

Das Bureau des Observatoriums in Cambridge stellt sich Ihnen für die Fragen theoretischer Astronomie zur Verfügung und vereinigt seine Glückwünsche mit denen ganz Amerikas.

Für das Bureau:

J. M. Belfast,

Direktor des Observatoriums von Cambridge.«

FÜNFTES KAPITEL
Die Geschichte des Mondes

E

in mit unendlich scharfem Blick ausgestatteter Beobachter in dem unbekannten Zentrum, um welches die Welt kreist, würde zu der Zeit, in der sich das Weltall noch in einem ungeordneten Zustand befand, gesehen haben, wie Myriaden von Atomen den Raum anfüllten. Aber allmählich, im Laufe von Jahrmillionen, ging eine Veränderung vor sich, indem eine Anziehungskraft auf die bis dahin unbeständig im Raum umherschwirrenden Atome wirkte. Diese Atome gingen – ihrer Verwandtschaft gemäß – chemische Verbindungen ein, wurden zu Elementarteilchen und bildeten jene Nebelmassen, welche bis in die tiefsten Weiten des Weltraums verstreut sind.

Diese Massen wurden dann von einer Bewegung um ihren Mittelpunkt gelenkt. Solch ein Zentrum ungeordneter Elemente begann sich in allmählicher Verdichtung um sich selbst zu drehen. Den unveränderlichen Gesetzen der Mechanik gemäß gewann die Rotation in dem Verhältnis wie der Umfang durch die Verdichtung abnahm an Schnelligkeit, und indem diese beiden Wirkungen fortdauerten, entstand daraus ein Hauptstern, der zum Zentrum der Nebelmasse wurde.

Bei aufmerksamer Betrachtung hätte der Beobachter damals erkannt, dass sich die übrigen Elementarteilchen der Masse ebenso wie der Fixstern verhielten, sich in eigentümlicher Weise infolge einer Rotation von wachsender Geschwindigkeit verdichteten und in Gestalt unzähliger Planeten um denselben als ihren Mittelpunkt kreisten. So entstanden Nebelfelder, von denen die Astronomie mittlerweile ungefähr 5.000 gezählt hat.

Unter diesen 5.000 Nebelfeldern befindet sich die von den Menschen so genannte Milchstraße, welche ungefähr 18 Millionen Sterne aufweist, von denen jeder zum Zentrum eines Umlaufsystems geworden ist.

Hätte der Beobachter damals seine besondere Aufmerksamkeit einem von den 18 Millionen Sternen, welcher zu den weniger auffälligen[11] und am wenigsten scheinenden gehört, gewidmet, einem Sterne vierten Ranges, der mit Stolz Sonne genannt wird, so würden sich alle Erscheinungen der Weltentstehung der Reihe nach vor seinen Augen vollzogen haben.

In der Tat würde er diese Sonne noch im gasförmigen Zustand und aus beweglichen Elementarbestandteilen gebildet gesehen und wahrgenommen haben, wie sie sich um ihre eigene Achse drehte, um ihr Konzentrationswerk zu vollziehen. Er würde beobachtet haben, wie diese Bewegung nach den Gesetzen der Mechanik mit der Abnahme des Umfangs an Schnelligkeit zunahm und dann ein Zeitpunkt kam, zu dem die zentrifugale Kraft über die zentripetale, welche die Elementarbestandteile dem Zentrum zutreibt, das Übergewicht bekam.

Dann hätte sich vor den Augen des Beobachters eine andere Erscheinung abgebildet. Er hätte sehen können, wie sich um den Äquator herum die Elementarteile voneinander lösten, so wie der Stein einer Schleuder, deren Schnur plötzlich zerreißt, und um die Sonne herum mehrere konzentrische Ringe gleich denen des Saturn bildeten, wie alsdann diese aus dem Urstoff bestehenden Ringe für sich in eine Rundbewegung um die Zentralmasse fortgerissen zerbrachen und sich in Nebelgestirne untergeordneter Art, d. h. in Planeten, auflösten.

Hätte der Beobachter hierauf seine gesammelte Achtsamkeit auf die Planeten gerichtet, so hätte er gewahrt, dass dieselben sich gerade wie die Sonne verhielten und einem oder mehreren kosmischen Ringen den Ursprung gaben, woraus jene Gestirne niederen Ranges entstanden, welche man Trabanten nennt.

So bekommt man denn, aufsteigend vom Atom zum Elementarteilchen, von diesem zu Nebelfeldern und weiter zum Nebelgestirn und zum Hauptstern, von diesem zur Sonne, zu dem Planeten und seinen Trabanten einen Begriff von der ganzen Reihe der Umbildungen, welche die Himmelskörper seit dem Ursprung der Welt erfuhren.

Die Sonne scheint sich in der Unendlichkeit des Weltraums zu verlieren, und dennoch gehört sie, der gegenwärtigen wissenschaftlichen Theorie nach, zu den Nebelfeldern der Milchstraße. So klein sie auch inmitten der ätherischen Räume erscheinen mag, so ist sie doch das Zentrum eines Planetensystems und von enormer Größe, denn sie ist 14.000 Mal größer als die Erde. Um sie herum kreisen acht Planeten, welche zur ersten Schöpfungszeit aus ihr selbst hervorgegangen sind. Diese sind, vom nächsten zum entferntesten weitergehend: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Außerdem kreisen zwischen Mars und Jupiter regelmäßig noch andere, weniger große Himmelskörper, vielleicht Trümmer eines in mehrere tausend Stücke zerbrochenen Gestirns, von welchen mit dem Teleskop bis jetzt 97 entdeckt wurden.[12]

Von diesen abhängigen Körpern, welche die Sonne nach dem Gesetz der Gravitation in ihrer elliptischen Bahn beherrscht, besitzen einige ihre eigenen Trabanten. Uranus hat deren acht, Saturn acht, Jupiter vier, Neptun vielleicht drei, die Erde einen. Diesen, der einer der unbedeutendsten der Sonnenwelt ist, nennen wir Mond: Derselbe, den das kühne Genie der Amerikaner zu erobern trachtete.

Das Nachtgestirn hat durch seine verhältnismäßige Nähe und das sich rasch verändernde Aussehen während seiner Phasen von allem Anfang an zugleich mit der Sonne die Aufmerksamkeit der Erdbewohner auf sich gezogen, aber die Sonne ermüdet beim Anblick, und der blendende Glanz ihres Lichtes nötigt ihre Beschauer dazu, die Augen abzuwenden.

Die blonde Phöbe dagegen ist menschenfreundlicher, lässt sich gefällig in ihrer bescheidenen Anmut betrachten. Sanft anzuschauen, wenig ehrgeizig, erlaubt sie sich doch zuweilen, ihren Bruder, den strahlenden Apollo, in den Schatten zu stellen, ohne je von ihm verdunkelt zu werden. Die Mohammedaner haben in dankbarer Erkenntlichkeit gegen diese treue Freundin der Erde, ihre Monate nach ihrem Umlauf geregelt[13].

Die Urvölker widmeten dieser keuschen Göttin einen besonderen Gottesdienst. Die Ägypter nannten sie Isis, die Phönizier Astarte, die Griechen verehrten sie unter dem Namen Phöbe, Tochter der Latona und Jupiters, und erklärten ihre Verfinsterungen durch die geheimnisvollen Besuche der Diana beim schönen Endymion. Der mythologischen Legende nach durchstreifte der Nemeische Löwe, bevor er auf der Erde erschien, die Gefilde Lunas, und der Dichter Agesianax verherrlichte in Versen die süßen Augen, die reizende Nase und den freundlichen Mund, welche die bestrahlten Teile der anbetungswürdigen Selene erkennen lassen.

Aber begriffen auch die Alten den Charakter, das Temperament, kurz, die moralischen Eigenschaften Lunas vom mythologischen Standpunkt aus, so waren doch selbst die Gelehrtesten derselben in der Selenographie sehr unwissend.

Einige Astronomen der frühesten Zeiten entdeckten auch manche Eigenschaften, die in heutigen Zeiten von der Wissenschaft bestätigt werden konnten. Behaupteten die Arkadier schon zu einer Zeit, da der Mond noch nicht existierte, auf der Erde gewohnt zu haben. Hielt Simplicius ihn für unbeweglich am kristallenen Himmelsgewölbe befestigt. Sah Tatius ihn als ein von der Sonnenscheibe abgetrenntes Fragment an. Nahm des Aristoteles Schüler Klearch ihn als einen polierten Spiegel, auf welchem sich die Gebilde des Ozeans abstrahlten. Sahen andere in demselben nur eine Anhäufung von Ausdünstungen der Erde oder eine Kugel, die halb aus Feuer, halb aus Eis bestand und sich um sich selbst drehte, so gab es doch einige Gelehrte, die trotz des Fehlens an optischen Instrumenten durch scharfsinnige Beobachtung die meisten Gesetze errieten, welchen das Nachtgestirn unterworfen ist.

Thaies aus Milet äußerte 460 vor Christus die Meinung, der Mond sei von der Sonne beleuchtet. Aristarch von Samos fand die richtige Erklärung für seine Phasen. Kleomenes lehrte, der Mond strahle entliehenes Licht wider. Der Chaldäer Berosus machte die Entdeckung, dass die Dauer seiner Rotation mit dem seines Umlaufs übereinstimmt, und erklärte daraus die Tatsache, dass der Mond stets dieselbe Seite zeigt. Zwei Jahrhunderte vor dem Beginn der christlichen Zeitrechnung erkannte Hipparch schließlich einige Ungleichheiten in den scheinbaren Bewegungen des Erdtrabanten. Diese Beobachtungen bestätigten sich in der Folge und wurden den neuen Astronomen nützlich. Im zweiten Jahrhundert vervollständigte Ptolemäus, im zehnten Jahrhundert der Araber Abul-Wefa die Beobachtungen des Hipparch über die Ungleichheiten, denen der Mond beim Folgen der wellenförmigen Linie seiner Bahn unter Einwirkung der Sonne ausgesetzt ist. Später haben im 15. Jahrhundert Kopernikus und im 16. Jahrhundert Tycho Brahe das Planetensystem und die Funktion, die der Mond unter den Himmelskörpern innehat, ausführlich beschrieben. Zu dieser Zeit wurden seine Bewegungen fast vollständig bestimmt, doch wusste man von seiner physischen Beschaffenheit wenig. Damals erklärte Galilei die in gewissen Phasen eintretenden Lichterscheinungen mit der Existenz von Bergen, welchen er eine durchschnittliche Höhe von 4.500 Toisen[14] beimaß.

Später setzte Helvetius, ein Astronom aus Danzig, die höchsten Angaben auf 2.600 Toisen (15.600 par. Fuß) herab, aber sein Genosse Riccioli kam wieder auf 7.000 Toisen. Am Ende des 18. Jahrhunderts beschränkte Herschel, der mit dem stärksten Teleskop ausgerüstet war, diese Maße bedeutend, indem er für die höchsten Berge 1.900 Toisen und als durchschnittliche Höhe nur 400 Toisen (2.400 par. Fuß) ansetzte. Aber auch Herschel irrte noch, und es bedurfte der Beobachtungen von Schröter, Louville, Halley, Nasmyth, Bianchini, Pastorf, Lohrmann, Gruithuysen und besonders der ausdauernden Studien von Beer und Mädler, um die Frage entscheidend zu lösen. Ihnen verdankt man es, dass man die Höhe der Mondberge jetzt genau kennt. Die letzteren beiden haben 1.905 Berghöhen gemessen, von denen sechs 2.600 Toisen überragen und 22 über 2.400. Ihr höchster Gipfel reicht bis an 3.801 Toisen über der Mondfläche.

Zur selben Zeit wurden die Erkenntnisse über die Beschaffenheit des Mondes vermehrt. Er zeigte sich voller Krater, und seine im Wesentlichen vulkanische Natur ward durch jede Beobachtung bestätigt. Aufgrund fehlender Brechung der Lichtstrahlen bei den von ihm verdeckten Planeten schloss man, dass ihm eine Atmosphäre fast gänzlich fehle. Aus dem Mangel an Luft leitete man das Fehlen von Wasser ab. Daraus ergab sich deutlich, dass die Seleniten, um zu leben, besonders organisiert und von den Bewohnern der Erde sehr verschieden sein müssten.

Schließlich wurde mit Hilfe der durch neue Methoden vervollkommneten Instrumente der Mond unablässig untersucht und kein Punkt seiner Oberfläche blieb unerforscht: Immerhin beträgt sein Durchmesser 2.500 Meilen, seine Oberfläche entspricht dem dreizehnten Teil der Erdoberfläche und sein Umfang dem neunundvierzigsten Teil der Erdkugel. Aber dem Auge der Astronomen blieb keines seiner Geheimnisse verborgen. Und die geübten Gelehrten kamen mit ihren bedeutenden Beobachtungen noch viel weiter.

So bemerkten sie, dass zur Zeit des Vollmonds die Scheibe an manchen Stellen von weißen Linien durchfurcht schien, zur Zeit der einzelnen Mondphasen mit schwarzen. Durch genauere Studien gelang es ihnen, sich über das Wesen dieser Linien näheren Aufschluss zu verschaffen. Es waren lange, enge Furchen, tief zwischen parallelen Rändern, welche meist in die Umkreise von Kratern ausliefen, von 800 Toisen (4.800 Fuß) Breite und zehn bis hundert Meilen Länge. Die Astronomen nannten sie Furchen, das war aber auch alles, denn ob es ausgetrocknete Bette vormaliger Flüsse seien, konnten sie nicht mit Bestimmtheit sagen. Daher hofften auch die Amerikaner, diese geologischen Unklarheiten früher oder später zu enträtseln. Auch behielten sie sich vor, jene Reihe von parallelen Wällen zu durchforschen, welche der gelehrte Professor Gruithuysen aus München, der sie für von Seleniten-Ingenieuren errichtete Befestigungswerke hielt, entdeckt hatte. Diese beiden noch unklaren Punkte und unstreitig noch viele andere können wohl nicht eher als nach Herstellung einer direkten Verbindung mit dem Mond geklärt werden.


Was die Lichtstärke des Mondes anbelangt, war nichts weiter zu lernen. Man wusste, dass dasselbe dreihunderttausendmal schwächer als das Sonnenlicht ist und dass seine Wärme nicht berechenbar auf die Thermometer wirkt. Was die unter dem Namen ›aschfarbiges Licht‹ bekannte Erscheinung betrifft, so ist sie natürlich durch die Wirkung der von der Erde auf den Mond zurückgeworfenen Sonnenstrahlen zu erklären, welche die Mondscheibe zu ergänzen scheinen, wenn dieser in Form eines Halbmonds im ersten und letzten Viertel zu sehen ist.

Diesen Stand der Kenntnisse, welche man über den Trabanten der Erde gewonnen hatte, in allen Gesichtspunkten, dem kosmographischen, dem geologischen, dem politischen und dem moralischen, zu vervollständigen, machte sich der Gun-Club zur Aufgabe.

SECHSTES KAPITEL
Was in den Vereinigten Staaten nun nicht mehr unbekannt sein kann und was man nicht mehr glauben darf.

B

arbicanes Vorschlag hatte zur unmittelbaren Folge, dass alle astronomischen Tatsachen, welche sich auf das Gestirn der Nacht bezogen, auf die Tagesordnung kamen. Jeder machte sich daran, dieselben eifrig zu studieren. Es schien, als sei der Mond zum ersten Male am Horizont aufgetreten und es habe ihn bisher noch niemand am Himmel gesehen. Luna wurde zur Mode: Sie wurde Löwin des Tages, ohne deshalb weniger bescheiden aufzutreten. Sie nahm ihren gebührenden Rang unter den ›Gestirnen‹ ein, ohne darum mehr Stolz erkennen zu lassen. Die Journale wärmten die alten Anekdoten wieder auf, worin diese als ›Sonne der Wölfe‹ gepriesen wurde. Sie erinnerten an den Einfluss, welchen ihr die Unwissenheit der Menschen früherer Zeiten verliehen, und sie sangen ihre Loblieder in allen Tonarten. Fast hätten sie von ihr Bonmots zum Besten gegeben. Ganz Amerika wurde mondsüchtig.

Die wissenschaftlichen Zeitschriften behandelten ihrerseits die mit der Unternehmung des Gun-Clubs zusammenhängenden Fragen eingehender. Das Schreiben des Observatoriums von Cambridge wurde veröffentlicht, erläutert und rückhaltlos gebilligt. Kurz: Selbst dem am wenigsten wissenschaftlichgebildeten Yankee war es nicht mehr gestattet, in Beziehung auf den Trabanten nur eine einzige Tatsache nicht zu kennen, ebenso wenig der borniertesten alten Mistress, ferner die in Betreff desselben gehegten abergläubischen Irrtümer gelten zu lassen. Die Wissenschaft drang in allen möglichen Formen in die Menschen ein, durch die Augen und Ohren gelangte sie in ihren Geist. Es war nicht mehr möglich, in Sachen der Astronomie weiterhin ein Esel zu sein ...

Bisher war vielen Menschen nicht bekannt, wie man die Entfernung des Mondes von der Erde zu berechnen im Stande war. Man benützte diesen Umstand, sie zu belehren, dass man diese Kenntnis durch eine Messung der Parallaxe des Mondes gewinne. Waren sie von diesem Wort befremdet, sagte man ihnen, so nenne man den Winkel, welchen zwei gerade Linien bildeten, die man von den beiden Enden des Erddurchmessers zum Mond zog. Zweifelten sie an der Zulänglichkeit dieser Methode, so bewies man ihnen unmittelbar, nicht allein, dass dieser mittlere Abstand wohl 234.347 Meilen (= 94.330 Lieues) betrug, sondern auch, dass sich die Astronomen nicht um mehr als siebzig Meilen irrten.

Denen, welche mit den Bewegungen des Mondes nicht sehr vertraut waren, erläuterten die Journale täglich, dass er zwei verschiedene Bewegungen habe. Erstens: die Umdrehung um seine eigene Achse und zweitens: den Umlauf um die Erde. Beide Bewegungen vollziehen sich zu gleicher Zeit, nämlich binnen 27 1/3 Tagen.

Die Umdrehung um die Achse bedeutet für die Mondoberfläche Tag und Nacht, nur dass es binnen eines Monats auf dem Mond nur einen Tag gibt und nur eine Nacht, von denen jeder 354 1/3 Stunden dauert. Aber zum Glück wird die der Erde zugewandte Seite von dieser mit Licht bestrahlt, welches vierzehnmal stärker als das Mondlicht ist. Die andere, stets unsichtbare Seite hat natürlich 354 1/3 Stunden absolute Nacht, die nur durch das schwache Licht, das von den Sternen auf sie fällt, gemildert wird. Diese Erscheinung rührt einzig von der Eigentümlichkeit her, dass sich die Bewegungen sowohl der Umdrehung als auch des Umlaufs in vollständig gleicher Zeit vollziehen. Eine Erscheinung, die nach Cassini und Herschel auch bei den Trabanten des Jupiters, und sehr wahrscheinlich auch bei allen anderen Trabanten üblich ist.

Manche recht gescheiten, aber etwas sturen Köpfe begriffen nicht sogleich, dass, wenn der Mond während seines Umlaufs um die Erde derselben stets das gleiche Antlitz zuwendet, er sich während derselben Zeit dabei um sich selber dreht. Zu diesen sagte man: »Treten Sie in Ihren Speisesaal, und gehen Sie um den Tisch herum, sodass Sie den Blick stets dem Zentrum zuwenden. Wenn Sie mit diesem Rundgang fertig sind, findet sich, dass Sie zugleich sich selbst umgedreht haben, denn Ihr Auge hat nach und nach alle Punkte des Saals angeblickt. Nun! Der Saal ist der Himmel, der Tisch ist die Erde, und der Mond sind Sie!« -Und sie waren durch diesen Vergleich in höchstem Maße befriedigt.

Also, der Mond zeigt der Erde unablässig dieselbe Seite, doch muss man, um exakt zu sein, beifügen, dass er, infolge einer gewissen schwankenden Bewegung von Norden nach Süden und von Westen nach Osten, welche man ›Libration‹ nennt, etwas mehr als die Hälfte seiner Scheibe, nämlich ungefähr 57 Prozent, sehen lässt.

Als nun die Unwissenden über die Rotation des Mondes ebenso viel wussten wie der Direktor des Observatoriums in Cambridge, beunruhigten sie sich über seine Umlaufbewegung um die Erde, und zwanzig wissenschaftliche Zeitschriften waren rasch bei der Hand, sie zu belehren. Sie lernten dabei, dass das Firmament mit seinen unzähligen Sternen wie ein großes Ziffernblatt, auf dem sich der Mond bewegt und allen Erdbewohnern die richtige Stunde zeigt, aufgefasst werden kann, dass das Nachtgestirn bei dieser Bewegung seine verschiedenen Phasen zeigt, dass es Vollmond ist, wenn er auf der der Sonne entgegengesetzten Seite (in Opposition) steht, d. h. die drei Gestirne in derselben Linie stehen, in der Mitte die Erde, Neumond dagegen, wenn er seinen Stand zwischen der Erde und der Sonne hat (mit ihr in Konjunktion ist), schließlich, dass sich der Mond in seinem ersten oder letzten Viertel befindet, wenn er an der Spitze eines rechten Winkels steht, welchen die beiden Linien, nach der Sonne und der Erde hin, bilden.

Einige scharfsinnige Yankees zogen daraus den Schluss, dass die Verfinsterungen nur zur Zeit der Konjunktion oder Opposition stattfinden könnten, und sie urteilten richtig. Im Stand der Konjunktion vermag der Mond die Sonne zu verfinstern, während ihn bei der Opposition die Erde verfinstern kann, und dass nur deshalb die Finsternisse nicht zweimal bei jedem Mondumlauf eintreten, weil die Ebene der Mondbewegung gegen die Ekliptik, d. h. die Bahn der Erdbewegung, geneigt ist.

Was die Höhe betrifft, welche das Nachtgestirn über dem Horizont einnehmen kann, so hatte das Schreiben des Observatoriums in dieser Hinsicht alles ausgesagt. Jeder wusste, dass sich diese Höhe nach dem jeweiligen Breitengrad, auf dem sich der Beobachter befindet, ändert. Aber die einzige Zone, für welche der Mond im Zenit, d.h. gerade über dem Scheitel seiner Bewohner, stehen kann, liegt nur zwischen dem Äquator und dem 28° Grad südlicher wie nördlicher Breite. Deshalb wurde so dringend empfohlen, das Experiment nur auf einem Punkt innerhalb dieser Zone vorzunehmen, damit man das Geschoss senkrecht abschießen und umso schneller der Wirkung der Schwerkraft entziehen könne. Das Gelingen des Vorhabens war an diese wesentliche Bedingung geknüpft und die öffentliche Meinung musste sich daher lebhaft dafür interessieren.


In Bezug auf die Linie, welche der Mond bei seiner Bahn um die Erde beschreibt, hatte das Observatorium in Cambridge hinlänglich auch den Ignoranten aller Länder gezeigt, dass dieselbe nicht ein Kreis ist, sondern eine Ellipse, worin sich die Erde an einem der Brennpunkte befindet. Diese elliptischen Bahnen finden sich bei allen Planeten wie bei allen Trabanten, und die rationelle Mechanik beweist mit aller Deutlichkeit, dass es nicht anders möglich ist. Selbstverständlich begriff man, dass die Erdferne des Mondes seinen Stand an demjenigen Punkt seiner Bahn hat, an dem sie am weitesten von der Erde entfernt liegt, seine Erdnähe am nächsten Punkt zur Erde.

Dieses also musste jeder Amerikaner, er mochte wollen oder nicht, wissen, und anständigerweise konnte niemand darin unwissend sein. Aber auch wenn sich die richtigen Schlussfolgerungen rasch verbreiteten, war es doch nicht so leicht, eine Unzahl an Irrtümern und manche unnötigen Sorgen zu beseitigen.

So behaupteten z. B. manche ehrenwerte Leute, der Mond sei ein früherer Komet, der bei seiner verlängerten Bahn um die Sonne in der Nähe der Erde vorbeigekommen und von ihrer Anziehungskraft festgehalten worden sei. Diese Salon-Astronomen meinten, damit das verbrannte Aussehen des Mondes erklären zu können. Man brauchte ihnen gegenüber aber nur die Bemerkung zu machen, dass Kometen eine Atmosphäre aufweisen, der Mond hingegen keine oder nur eine sehr geringe, und sie wussten nichts darauf zu erwidern.

Andere äußerten hinsichtlich des Mondes gewisse Besorgnisse. Sie hatten gehört, dass die Geschwindigkeit seiner Umlaufbewegung seit den zu Zeiten der Kalifen gemachten Beobachtungen in einem bestimmten Verhältnis zunehme. Daraus folgerten sie ganz konsequent, dass einer beschleunigten Bewegung eine Verminderung des Abstandes beider Gestirne entsprechen müsse und dass, wenn diese doppelte Wirkung ins Unendliche fortdauere, am Ende der Mond einmal auf die Erde fallen müsse. Doch sie mussten ihre Besorgnisse um die zukünftigen Generationen aufgeben, als man sie lehrte, dass nach Laplaces Berechnungen diese Beschleunigung der Bewegung sehr gering ist und eine verhältnismäßige Verminderung unfehlbar darauf folgen werde, demnach eine Störung des Gleichgewichts im Sonnensystem in Zukunft nicht stattfinden könne.

Nun blieben noch die abergläubischen Ignoranten, welche sich nicht darauf beschränkten, nichts zu wissen, sondern vielmehr wussten, was nicht der Wahrheit entspricht, und hinsichtlich des Mondes wussten sie scheinbar bis ins Einzelne Bescheid. Die einen sahen seine Scheibe wie einen Polierspiegel an, mit dem man sich an verschiedenen Punkten der Erde sehen und seine Gedanken mitteilen könne. Andere behaupteten, bei 1.000 Neumonden, die man beobachtet hatte, seien auf 950 erhebliche Veränderungen gefolgt, wie Überschwemmungen, Revolutionen, Erdbeben usw. Sie glaubten daher an einen mysteriösen Einfluss des Nachtgestirns auf das Schicksal der Menschen. Sie meinten, dass jeder Erdbewohner durch ein Band der Sympathie mit einem Mondbewohner in Verbindung stehe. In Anlehnung an Doktor Mead behaupteten sie, das Lebenssystem sei ihm völlig unterworfen, Knaben würden nur während der Zeit des Neumonds geboren, Mädchen während des letzten Viertels usw. Aber endlich mussten sie diese Irrtümer aufgeben, und wenn die Bedeutung des Mondes, seitdem er seines mysteriösen Einflusses beraubt ist, in den Augen gewisser Leute, die allen Mächtigen den Hof machen, auch gesunken ist, wenn manche ihm den Rücken kehrten, so erklärte sich die überwiegende Mehrheit zu seinen Gunsten. Die Yankees hatten keinen anderen Ehrgeiz mehr als den, von diesem neuen Kontinent der Lüfte Besitz zu ergreifen und das Sternenbanner der Vereinigten Staaten Amerikas auf seinem höchsten Gipfel aufzupflanzen.

SIEBTES KAPITEL
Ein Loblied für die Kugel

D

as Observatorium von Cambridge hatte in seinem denkwürdigen Schreiben vom 7. Oktober die Frage vom astronomischen Gesichtspunkt aus behandelt, nun handelte es sich um die technische Lösung derselben. In jedem anderen Lande hätte man die praktischen Schwierigkeiten für unüberwindlich gehalten. In Amerika bedeutete dies nur ein Spiel.

Ohne viel Zeit zu verlieren, hatte der Präsident Barbicane im Schöße des Gun-Clubs ein Ausführungskomitee ernannt. Dieses sollte in drei Sitzungen die drei großen Fragen, die der Kanone, die des Projektils und die des Pulvers, beleuchten. Es waren vier sehr sachverständige Mitglieder: Barbicane mit ausschlaggebender Stimme bei Stimmengleichheit, General Morgan, Major Elphiston und der unverbesserliche J. T. Maston als Bericht erstattender Sekretär.

Am 8. Oktober versammelte sich das Komitee beim Präsidenten Barbicane, Republican Street 3. Da bei einer so ernsten Beratung der Magen keinen Ärger machen durfte, war der Tisch, woran die vier Mitglieder des Gun-Clubs Platz nahmen, mit Sandwiches und einer stattlichen Anzahl an Teekannen gedeckt. Sogleich befestigte Maston seine Feder an seinem eisernen Haken[15] und die Sitzung begann.

Barbicane ergriff das Wort: »Liebe Kollegen«, sprach er, »wir haben eins der wichtigsten Probleme der Ballistik zu lösen, jener Wissenschaft, welche sich mit der Bewegung der Projektile beschäftigt, d. h. der Körper, welche durch irgendeine Antriebskraft in den Raum hinausgeschleudert und dann sich selbst überlassen werden.«

»Oh! Die Ballistik! Die Ballistik!«, rief J. T Maston mit gerührter Stimme. »Vielleicht«, fuhr Barbicane fort, »wäre es richtiger gewesen, diese erste Sitzung der Besprechung der Maschine zu widmen ...«

»Jawohl!«, bestätigte General Morgan.

»Doch schien mir«, fuhr Barbicane fort, »nach reiflicher Erwägung die Frage des Projektils vorausgehen zu müssen, da von dem Letzteren die Dimensionen der Ersteren abhängen müssen.«

»Ich bitte ums Wort«, rief J. T. Maston.

Es wurde ihm gerne verliehen.

»Meine tapferen Freunde«, sagte er mit gehobener Stimme, »unser Präsident hat Recht, dem Projektil den Vorrang zu geben. Diese Kugel, welche wir auf den Mond schießen wollen, ist unser Abgesandter, und ich möchte mir erlauben, denselben vom rein moralischen Gesichtspunkt aus zu betrachten.«

Diese ungewöhnliche Betrachtungsweise eines Projektils reizte die Neugierde der Komiteemitglieder ausnahmslos. Sie schenkten daher den Worten Mastons die gespannteste Aufmerksamkeit.

»Liebe Kollegen«, fuhr dieser fort, »ich will mich kurz fassen. Ich lasse die physische Kugel, welche tötet, außer Betracht, um nur die mathematische, die moralische, zu betrachten. Ich erkenne in der Kugel die glänzendste Kundgebung der Macht des Menschen. Bei ihrer Schöpfung hat sich der Mensch dem Schöpfer am meisten genähert.«

»Sehr gut!«, sagte Major Elphiston.

»Wahrhaftig«, sprach der Redner, »so wie Gott die Sterne und die Planeten geschaffen hat, so schuf der Mensch die Kugel, das Abbild der im Weltraum schweifenden Gestirne, die in Wahrheit nur Projektile sind! Gott schuf die Geschwindigkeit der Elektrizität, des Lichtes, der Sterne, der Kometen, der Planeten und der Trabanten, die Geschwindigkeit des Tones, des Windes! Wir aber erschufen die Geschwindigkeit der Kugel, welche die der Bahnzüge und der schnellsten Rennpferde hundertmal übertrifft!«


J. T Maston war begeistert. Er sang dieses Loblied mit lyrischem Elan.

»Die Zahlen sprechen für sich«, fuhr er fort. »Nehmen Sie nur den bescheidenen Vierundzwanzigpfünder. Fliegt er auch achthunderttausendmal langsamer als die Elektrizität schnell ist, sechshundertundvierzigtausendmal langsamer als das Licht schnell ist, sechsundsiebzigmal langsamer als die Erde sich um die Sonne bewegt, so übertrifft er doch, wenn er aus der Kanone herauskommt, bereits die Schnelligkeit des Tones, macht in der Sekunde 200 Toisen (= 1.200 par. Fuß), 2.000 in zehn Sekunden, 14 Meilen (6 Lieues) in der Minute, 48 Meilen in der Stunde (64 Lieues), 20.100 Meilen (8.640 Lieues) am Tag, d.h. die Schnelligkeit der Punkte des Äquators bei seiner Umdrehung um seine Achse, 7.336.500 Meilen (3.155.760 Lieues) im Jahr. Er würde also in elf Tagen zum Monde gelangen, in zwölf Jahren bis zur Sonne. Das könnte diese bescheidene Kugel, unserer Hände Werk! Wie wäre es, wenn wir diese Geschwindigkeit verzwanzigfachen? Ach! Prachtvolle Kugel! Ich denke wohl, man wird dich dort oben als Abgesandten der Erde mit gebührenden Ehren empfangen!«

Die Rede wurde mit großem Jubel aufgenommen und Maston wurde von seinen Kollegen beglückwünscht.

»Und nun«, sagte Barbicane, »nachdem wir der Poesie Raum gegeben haben, lassen Sie uns die Frage direkt angehen.«

»Wir sind dazu bereit«, erwiderten die Mitglieder des Komitees und verschlangen dabei jeder ein halbes Dutzend Sandwiches.

»Sie kennen unsere Aufgabe«, fuhr der Präsident fort. »Es handelt sich darum, einem Projektil die Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Sekunde zu geben. Ich darf wohl glauben, dass wir dies schaffen können. Zunächst betrachten wir die bis jetzt erzielten Geschwindigkeiten. General Morgan wird imstande sein, uns darüber zu informieren.«

»Umso leichter«, erwiderte der General, »als ich während des Krieges der Kommission für die Experimente angehörte. Ich bemerke daher, dass Dahlgreens Cent-Kanonen, welche 2.500 Toisen (15.000 Fuß) weit flogen, ihrem Projektil eine anfängliche Geschwindigkeit von 500 Yards in der Sekunde gaben.«

»Gut. Und die Columbiade[16] Rodman?«, fragte der Präsident.

»Die beim Fort Hamilton in der Nähe von New York verwendete Columbiade Rodman schleuderte eine Kugel von einer halben Tonne Gewicht mit einer Geschwindigkeit von 800 Yards in der Sekunde sechs Meilen weit, ein Resultat, das Armstrong und Palliser in England niemals erreichten.«

»Ja! Die Engländer!«, sagte J. T. Maston mit einer drohenden Bewegung nach Osten.

»Also«, stellte Barbicane fest, »wären diese 800 Yards die größte bis jetzt erreichte Geschwindigkeit.«

»Ja«, bestätigte Morgan.

»Doch will ich bemerken«, fiel J. T. Maston ein, »wäre mein Mörser nicht zersprungen, ...«

»Ja, aber er ist eben doch zersprungen«, unterbrach Barbicane mit wohlwollender Handbewegung. »Wir haben also diese Geschwindigkeit von 800 Yards als Ausgangspunkt zu nehmen. Wir müssen sie zwanzigfach erzielen. Da wir nun die Beratung über die Mittel, solch eine Geschwindigkeit zu bekommen, für eine andere Sitzung bestimmt haben, so will ich, liebe Kollegen, Ihre Aufmerksamkeit auf die Dimensionen lenken, welche wir der Kugel geben müssten. Sie sehen wohl, dass es sich nicht mehr um Projektile von dem Gewicht einer halben Tonne handelt!«

»Warum nicht?«, fragte der Major.

»Weil diese Kugel«, fiel Maston lebhaft ein, »groß genug sein muss, um die Aufmerksamkeit der Mondbewohner, wenn es sie denn wirklich gibt, auf sich zu ziehen.«

»Ja«, erwiderte Barbicane, »und noch aus einem anderen wichtigen Grunde.«

»Worauf wollen Sie hinaus, Barbicane?«, fragte der Major.

»Ich meine, es genügt nicht, ein Projektil abzuschießen und sich nicht weiter darum zu kümmern. Wir müssen ihm bis zu dem Moment folgen, wo es am Ziele anlangen wird.«

»Hm!«, grunzten der General und der Major etwas überrascht.

»Allerdings«, fuhr Barbicane fort, »oder unser Experiment wird keinen Erfolg haben.«

»Aber dann«, erwiderte der Major, »müssen Sie dem Projektil enorme Dimensionen geben.«

»Nein. Hören Sie bitte. Sie wissen, dass die optischen Instrumente eine große Vollkommenheit erlangt haben. Mit einigen Teleskopen hat man bereits sechstausendfache Vergrößerungen erreicht, sodass man damit den Mond bis auf vierzig englische Meilen nahe gebracht hat. In dieser Entfernung nun sind Gegenstände von 60 Fuß Umfang völlig sichtbar. Hat man die Schärfe der Teleskope noch nicht weiter gebracht, so geschah es, weil dies nur auf Kosten der Klarheit möglich ist. Da nun der Mond ein schwaches, reflektiertes Licht besitzt, kann man keine weitere Vergrößerung erzielen.«


»Nun! Was wollen Sie also machen?«, fragte der General. »Werden Sie Ihrem Projektil einen Durchmesser von sechzig Fuß geben?«

»Nein!«

»Also wollen Sie dem Mond mehr Leuchtkraft geben?«

»Jawohl.«

»Nun, das ist stark!«, rief J. T. Maston aus.

»Ja, sehr stark«, erwiderte Barbicane. »In der Tat, wenn es mir gelingt, die Dichte der Atmosphäre, welche das Mondlicht zu durchdringen hat, zu vermindern, wird dieses Licht dadurch nicht stärker leuchten?«

»Unbestreitbar.«

»Nun denn! Zu diesem Zweck wird es genügen, ein Teleskop auf einem hohen Berg aufzustellen.«

»Ich gebe mich geschlagen«, entgegnete der Major. »Was haben Sie für eine Art, die Dinge zu vereinfachen ...! Und welche Verstärkung hoffen Sie dadurch zu erlangen?«

»Achtundvierzigtausendmal, wodurch der Mond auf 5 Meilen nahe gebracht wird. Und um sichtbar zu sein, brauchen die Gegenstände nur neun Fuß Durchmesser zu haben.«

»Vortrefflich!«, rief Maston. »Unser Projektil wird also neun Fuß Durchmesser bekommen?«

»Jawohl.«

»Erlauben Sie mir indessen zu bemerken«, sprach Major Elphiston, »dass es dann noch ein Gewicht hat von ...«

»Oh! Major«, unterbrach Barbicane, »ehe wir sein Gewicht besprechen, lassen Sie mich anführen, dass unsere Väter in dieser Hinsicht Wunderbares leisteten. Ich bin weit entfernt davon zu behaupten, die Ballistik habe keine Fortschritte gemacht, aber es ist doch zu bemerken, dass man bereits im Mittelalter erstaunliche Ergebnisse erzielte, ich darf sagen, erstaunlichere, als unsere es sind.«

»Zum Beispiel?«, fragte Morgan.

»Beweisen Sie, was Sie sagen!«, rief J. T Maston lebhaft.

»Nichts leichter als dies«, erklärte Barbicane. »Ich kann Beispiele anführen. Bei der Belagerung Konstantinopels durch Mahomet II. im Jahre 1543 warf man Steinkugeln, die 1.900 Pfund wogen und wohl ganz schön groß gewesen sein mussten.«

»Oh! Oh!«, sagte der Major. »Neunzehn Zentner sind ein hohes Gewicht!«

»Zur Zeit der Malteserritter war auf dem Fort St. Elme eine Kanone, die konnte Projektile von 2.500 Pfund abschießen.«

»Nicht möglich!«

»Und schließlich gab es, einem französischen Geschichtsschreiber unter Louis XL. zufolge, einen Mörser, der schleuderte eine Bombe, die zwar nur fünfhundert Pfund wog, aber diese Bombe flog von der Bastille, wo die Gescheiten von den Narren eingeschlossen, bis nach Charenton, wo die Narren von den Gescheiten eingesperrt worden waren.«

»Sehr gut!«, sagte J. T. Maston.

»Was haben wir seitdem erlebt, um es kurz zu sagen? Die Armstrong-Kanonen schießen Fünfhundertpfünder, Rodmans Columbiade Projektile von einer halben Tonne! Es scheint demnach, dass die Projektile an Schussweite gewonnen, an Gewicht aber verloren haben. Wenn wir nun unsere Bemühungen in diese Richtung lenken, müssen wir es mit Hilfe des wissenschaftlichen Fortschritts dahin bringen, das zehnfache Gewicht der Kugeln Mahomets II. und der Malteser zu erreichen.«

»Offenbar«, pflichtete der Major bei. »Aber welches Metall denken Sie für das Projektil zu verwenden?«

»Ganz einfach Gusseisen«, sagte General Morgan.

»Pfui! Gusseisen!«, rief Maston verächtlich. »Das ist doch viel zu gewöhnlich für eine Kugel, die den Mond besuchen soll.«

»Lassen wir die Übertreibungen, mein ehrenwerter Freund«, erwiderte Morgan. »Gusseisen genügt!«

»Nun«, fuhr Major Elphiston fort, »dann wird, weil das Gewicht der Kugel im Verhältnis zu ihrem Umfang steht, eine Kugel aus Gusseisen mit einem Durchmesser von neun Fuß immer noch ein erhebliches Gewicht aufweisen!«

»Ja, wenn sie massiv, nicht aber, wenn sie hohl ist«, sagte Barbicane.

»Hohl? Also eine Haubitzen-Granate?«

»In die man Depeschen und Pröbchen von unseren Produkten stecken kann?«

»Ja, eine Hohlkugel«, erwiderte Barbicane, »muss es durchaus sein. Eine massive von 108 Zoll würde über 200.000 Pfund wiegen, ein offensichtlich zu beträchtliches Gewicht, doch da man dem Geschoss eine gewisse Festigkeit erhalten muss, schlage ich vor, ihm ein Gewicht von 5.000 Pfund zu geben.«

»Wie dick sollen denn die Wände sein?«, fragte der Major.

»Den ausgeglichenen Proportionen entsprechend«, versetzte Morgan, »verlangt ein Durchmesser von 108 Zoll mindestens zwei Fuß dicke Wände.«

»Das wäre viel zu viel«, erwiderte Barbicane. »Denken Sie daran, dass es sich hierbei nicht um eine Kugel handelt, die Platten durchbohren soll. Die Wände brauchen nur so dick zu sein, dass sie dem Druck des Pulvergases standhalten können. Es stellt sich also die Frage: Wie dick darf eine Hohlkugel aus Gusseisen sein, wenn sie nur 20.000 Pfund wiegen soll? Unser geübter Rechenkünstler, der ehrenwerte Maston, wird es uns bestimmt gleich sagen können.«

»Nichts leichter als das«, entgegnete der ehrenwerte Sekretär des Komitees.

Bei diesen Worten schrieb er einige algebraische Formeln nieder. Aus seiner Feder kamen π und χ in zweiter Potenz. Es hatte sogar den Anschein, als ziehe er aus dem Kopf eine Kubikwurzel daraus, dann sagte er: »Die Wände brauchen kaum zwei Zoll dick zu sein.«

»Sollte das ausreichen?«, fragte der Major mit zweifelnder Miene.

»Nein«, erwiderte der Präsident, »sicherlich nicht.«

»Nun! Was kann man dann tun?«, fragte Elphiston etwas verlegen. »Nehmen wir ein anderes Metall.«

»Kupfer«, sagte Morgan.

»Nein, das ist auch zu schwer. Ich habe Ihnen etwas Besseres vorzuschlagen.«

»Was denn?«, fragte der Major.

»Aluminium.«, erwiderte Barbicane.

»Aluminium!«, riefen die drei Kollegen des Präsidenten.

»Ja genau, meine Freunde. Sie wissen, dass es dem berühmten französischen Chemiker Sainte-Claire-Deville im Jahre 1854 gelungen ist, Aluminium in fester Masse herzustellen. Dieses ausgezeichnete Metall ist weiß wie Silber, unveränderlich wie Gold, zäh wie Eisen, schmelzbar wie Kupfer und leicht wie Glas. Es ist leicht zu bearbeiten, in der ganzen Natur sehr verbreitet – denn es bildet den Grundstoff für die meisten Gesteine -, darüber hinaus ist es dreimal leichter als Eisen und es scheint wie geschaffen, um für unser Projektil das geeignete Material zu sein!«

»Hurra dem Aluminium!«, rief der Sekretär des Komitees.

»Aber, lieber Präsident«, sagte der Major, »ist das Aluminium nicht sehr teuer?«

»Das war es am Anfang«, erwiderte Barbicane. »Damals kostete das Pfund 260-280 Dollar. Später sank es auf 27 Dollar und nun kostet es nur noch 9 Dollar.«

»Aber neun Dollar das Pfund«, bemerkte der Major, »ist immer noch sehr teuer.«

»Allerdings, lieber Major, ist der Preis hoch, aber das Geld ist doch aufzubringen.«

»Wie schwer wird denn das Projektil sein?«, fragte Morgan.

»Ich will Ihnen das Ergebnis meiner Berechnungen sagen«, antwortete Barbicane. »Eine Kugel von 108 Zoll[17] Durchmesser und 12 Zoll Dicke würde in Gusseisen 67.440 Pfund wiegen. Aus Aluminium gegossen, würde ihr Gewicht auf 19.250 Pfund sinken.«

»Vortrefflich!«, rief Maston. »Das passt ja in unseren Plan.«

»Vortrefflich! Vortrefflich!«, sagte auch der Major. »Aber wissen Sie nicht, was das Projektil bei einem Preis von achtzehn Doller pro Pfund kosten wird?«

»173.250 Dollar, ich weiß es genau. Aber haben Sie keine Sorge, meine Freunde, an Geld wird es unserem Unternehmen nicht mangeln, dafür stehe ich ein. Es wird in unsere Kassen nur so fließen. Nun, was halten Sie vom Aluminium?«, fragte der Präsident.

»Angenommen!«, riefen alle einstimmig.

»Auf die Form des Projektils kommt es verhältnismäßig wenig an«, fuhr Barbicane fort, »weil sich dasselbe, wenn es einmal über der Atmosphäre ist, im leeren Raum befindet. Ich schlage also eine runde Kugel vor, die sich nach Belieben um sich selbst drehen kann.«

So endete die erste Sitzung des Komitees. Die Frage des Projektils war geklärt und J. T. Maston war hoch erfreut bei dem Gedanken, eine Kugel aus Aluminium abzuschießen, »was den Seleniten einen recht guten Eindruck von den Erdbewohnern geben würde!«

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22 декабря 2023
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9783868209563
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