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REISE

ZUM

MITTELPUNKT

DER ERDE

JULES VERNE

MIT DEN ILLUSTRATIONEN DER ORIGINALAUSGABE


Mit den Illustrationen der

französischen Originalausgabe des

Verlages J. Hetzel & Cie.

Nach der deutschen Übersetzung des

A. Hartleben’s Verlages (1874-1911)

der neuen Rechtschreibung angepasst.

Leicht bearbeitet durch den Wunderkammer Verlag.

© 2013 Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,

Hamburg

Alle Rechte, auch das der fotomechanischen Wiedergabe

(einschließlich Fotokopie) oder der Speicherung auf

elektronischen Systemen, vorbehalten.

All rights reserved.

Titelabbildung: cjruslan – Fotolia.com

Umschlag: Timon Schlichenmaier, Hamburg

E-Book Erstellung: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH ISBN: 978-3-86820-953-2 www.nikol-verlag.de

1. Professor Lidenbrock

ERSTES KAPITEL Professor Lidenbrock

A

m 24. Mai 1863, eines Sonntags, kam mein Onkel, der Professor Lidenbrock, in hastiger Eile heim in sein kleines Haus, Königstraße 19, eine der ältesten Straßen des alten Stadtviertels von Hamburg. Die gute Martha musste glauben, sehr mit dem Mittagessen in Rückstand zu sein, denn es fing eben erst an, auf dem Herde zu kochen. »Schön«, sagte ich, »aber wenn mein Onkel Hunger hat, wird der ungeduldige Mann zetern.« »Da ist ja schon Herr Lidenbrock!«, rief die gute Martha bestürzt, indem sie die Tür des Speisezimmers ein wenig öffnete.

»Ja, Martha, aber das Essen darf schon noch etwas kochen, denn es hat eben erst auf der Michaeliskirche halb zwei geschlagen.« »Warum kommt aber Herr Lidenbrock schon heim?« »Er wird es uns vermutlich sagen.«

»Da ist er! Ich flüchte mich, Herr Axel, Sie werden ihn zur Einsicht bringen.« Und die gute Martha eilte wieder in ihre Küche.

Ich blieb allein. Aber einen zornigen Professor zur Einsicht zu bringen, war doch für meinen etwas schwankenden Charakter nicht möglich. Daher war ich im Begriff, mich tunlichst wieder in mein Zimmerchen hinaufzubegeben, als die Angeln der Haustür knarrten; des Hausherrn lange Beine schritten geräuschvoll über die hölzerne Treppe quer durch das Speisezimmer, hastig in sein Arbeitskabinett. Im Vorbeirennen warf er seinen Stock, der einen Nussknackerkopf hatte, in eine Ecke, seinen gegen den Strich gebürsteten Hut auf einen Tisch, und rief laut zu seinem Neffen:

»Axel, komm mir nach!«

Ich hatte noch nicht Zeit, vom Fleck zu kommen, als mir der Professor mit lebhafter Ungeduld zurief:

»Nun! Noch nicht hier?«

Ich eilte ins Zimmer meines launischen Onkels. Otto Lidenbrock war kein bösartiger Mensch, ich gebe es gerne zu; aber sofern er sich nicht ändert, was sehr unwahrscheinlich ist, so wird er als ein schrecklicher Sonderling sterben. Er war Professor am Johanneum, und hielt Vorlesungen über Mineralogie, wobei er regelmäßig ein- oder auch zweimal in Zorn geriet. Es kam ihm durchaus nicht darauf an, dass seine Schüler fleißig die Lektionen besuchten, noch dass sie aufmerksam zuhörten, noch dass sie Fortschritte machten: Diese Kleinigkeiten machten ihm wenig Sorge. Sein Vortrag war, wie die deutsche Philosophie sich ausdrückt, ›subjektiv‹ für ihn, und nicht für andere. Es war ein egoistischer Gelehrter, ein Wissensbrunnen, dessen Rolle knarrte, wenn man etwas herausziehen wollte: mit einem Wort, ein Geizhals. Es gibt in Deutschland manche Professoren dieser Art. Mein Onkel hatte leider keine leichte Aussprache, wenigstens wenn er öffentlich sprach, ein bedauerlicher Mangel bei einem Redner. Bei seinen Vorlesungen im Johanneum blieb der Professor oft plötzlich stecken; er rang mit einem störrischen Ausdruck, der nicht von seinen Lippen wollte, einem Ausdruck, der sich sträubt und aufbläht bis er endlich in der unwissenschaftlichen Form eines Fluches herauskommt. Darüber gab es arge Erzürnung. Nun gibt es in der Mineralogie viele halb griechische, halb lateinische Benennungen, die schwer auszusprechen sind, so holperig rau, dass sie für eines Dichters Lippen eine Qual darstellen. Ich will dieser Wissenschaft nichts Übles nachsagen. Aber in Bezug auf rhomboëdrische Kristallisationen, retinasphaltische Harze, von Gheleniden, Fangasiden, Molybdaten, Tungstaten und Zirkontitaniaten darf die geläufigste Zunge auch einmal fehlerhaft aussprechen. In der Stadt nun kannte man diese verzeihliche Schwäche meines Onkels, und man machte sich über ihn lustig; man lauerte ihm auf, reizte ihn zum Zorn und lachte ihn aus, was auch in Deutschland durchaus nicht als anständig gilt. Und waren die Zuhörer Lidenbrocks stets zahlreich, so kamen sie meist deshalb, um sich an dem ergötzlichen Zorn des Professors zu belustigen.


Wie dem auch sein mag, mein Onkel war – das kann ich nicht genug betonen – ein echter Gelehrter. Obwohl er manchmal bei allzu holprigen Versuchen seine Musterstücke zerschlug, verband er mit dem Genie des Geologen den Blick des Mineralogen. Mit seinem Hammer, seiner stählernen Spitzhacke, seiner Magnetnadel, seinem Lötrohr und seinem Fläschchen Salpetersäure war der Mann sehr beflissen. Er verstand jedes beliebige Metall nach dem Bruch, dem Aussehen, der Härte, der Schmelzbarkeit, dem Ton, dem Geruch oder dem Geschmack ohne viel Bedenken in die Klassifikation der 600 heute bekannten Gattungen einzureihen. Daher hatte Lidenbrocks Name in den Gymnasien und Vereinen auch einen ehrenvollen Klang. Humphry Davy und von Humboldt, die Kapitäne Franklin und Sabine, statteten ihm jedesmal auf ihrer Reise durch Hamburg einen Besuch ab. Becquerel, Ebelmen, Brewster, Dumas, Milne-Edwards, Sainte-Claire Deville befragten ihn gerne über wichtige Aspekte der Chemie. Diese Wissenschaft verdankte ihm hübsche Entdeckungen, und im Jahre 1853 war in Leipzig von Otto Lidenbrock eine Abhandlung über TRANSZENDENTALE KRISTALLOGRAPHIE in Großfolio mit Abbildungen erschienen, welche die Kosten jedoch nicht deckte. Zudem war mein Onkel Konservator des mineralogischen Museums des russischen Gesandten Struve, welches europäischen Ruf hatte. Dieser Mann war es, der mich so ungeduldig herbeirief. Ein großer, magerer Mann mit eiserner Gesundheit. Sein blondes Haar verlieh ihm jugendliches Aussehen, sodass er zehn Jahre jünger wirkte als er tatsächlich war. Er hatte große, unablässig rollende Augen hinter einer ansehnlichen Brille; eine lange feine Nase, gleich einer scharfen Klinge; böse Zungen behaupteten, sie sei magnetisch und ziehe den Eisenstaub an. Pure Verleumdung: Sie zog nur den Tabak in sich ein, und zwar, um der Wahrheit ihr Recht zu geben, in reichlichem Maße. Wenn ich noch hinzufüge, dass mein Onkel, mathematisch gemessen, drei Fuß lange Schritte machte, und ferner bemerke, dass er mit fest geschlossenen Händen – was ein heftiges Temperament bezeichnet – einherging, so kennt man ihn hinlänglich, um auf seine Gesellschaft nicht sehr erpicht zu sein. Er wohnte in der Königstraße in einem eigenen kleinen Hause, das halb aus Holz, halb aus Ziegelstein gebaut war, mit ausgezacktem Giebel; es lag an einem der Kanäle, welche in Schlangenwindungen durch das älteste Viertel Hamburgs ziehen, das von dem großen Brand im Jahre 1842 glücklich verschont blieb; sein Dach saß ihm so schief, wie einem Studenten des Tugendbundes die Mütze über den Ohren; an seine Seiten durfte man das Senkblei nicht anlegen; aber im Ganzen war es standfest, dank einer kräftigen, in die Vorderseite eingepassten Ulme, die im Frühling ihre blühenden Zweige durch die Fensterscheiben trieb.



Für einen deutschen Professor war mein Onkel reich zu nennen. Das Haus war samt Inhalt sein volles Eigentum. Zu dem Inhalt gehörte sein Mündel, Gretchen, ein siebzehnjähriges Mädchen aus den Vierlanden, die gute Martha und ich. In meiner doppelten Eigenschaft als Neffe und Waise wurde ich bei seinen Experimenten zu seinem Laborgehilfen. Ich gestehe, dass ich an den geologischen Wissenschaften Lust hatte; es floss mineralogisches Blut in meinen Adern, und ich langweilte mich nie in Gesellschaft meiner kostbaren Steine. Übrigens konnte man doch in diesem kleinen Hause der Königstraße glücklich leben, trotz der ungeduldigen Art seines Eigentümers, denn obwohl er sich etwas brutal benahm, liebte er mich doch. Aber der Mann verstand nicht zu warten und eilte sogar der Natur voran. Wenn er im April in die Fayence-Töpfe seines Salons Stöckchen Reseda- oder Windensetzlinge pflanzte, zupfte er sie jeden Morgen an den Blättern, um ihr Wachstum zu beschleunigen. Bei einem solchen Original war nichts anderes möglich, als zu gehorchen. Ich stürzte daher hastig in sein Arbeitszimmer.

2. Ein altes Dokument

ZWEITES KAPITEL Ein altes Dokument

D

ieses Kabinett war ein wahrhaftes Museum. Alle Musterstücke aus dem Reich der Mineralien fanden sich da mit Etiketten versehen in vollständigster Ordnung aufgereiht, nach den drei großen Abteilungen der brennbaren, metallischen und steinartigen Mineralien. Wie war ich mit diesem Spielzeug der mineralogischen Wissenschaft vertraut! Wie oft hatte ich, anstatt mit meinen Kameraden meine Zeit zu vertändeln, meine Freude daran, diese Graphiten, Anthraziten, Ligniten, die Kohlen und Torfe abzustauben! Und die Harze, Erdharze, organischen Salze, die vor den geringsten Stäubchen zu schützen waren! Und diese Metalle, vom Eisen bis zum Gold, deren relativer Wert vor der absoluten Gleichheit der wissenschaftlichen Gattungen verschwand! Und all die Steine, womit man das Haus an der Königstraße hätte neu aufbauen können, und noch ein schönes Zimmer dazu, worin ich mich recht hübsch eingerichtet hätte! Als ich aber in das Arbeitszimmer trat, dachte ich nicht an diese Wunder; mein einziger Gedanke war mein Onkel. Er war in seinem großen, mit Utrechter Samt beschlagenen Lehnstuhl vergraben und hielt ein Buch in den Händen, das er mit tiefster Bewunderung anschaute.

»Welch ein Buch! Welch ein Buch!«, rief er aus. Dieser Ausruf erinnerte mich daran, dass der Professor Lidenbrock auch ein zeitweiliger Büchernarr war; eine alte Scharteke hatte in seinen Augen nur insofern Wert, als sie schwer aufzufinden oder wenigstens unleserlich war.

»Aber«, sagte er, »siehst du denn nicht? Das ist doch ein unschätzbares Kleinod, das ich heute Morgen im Laden des Juden Hevelius aufgefunden habe.«

»Prachtvoll!«, entgegnete ich mit geheucheltem Enthusiasmus. Wahrhaftig, wozu so viel Lärm um einen alten Quartanten in Kalbsleder, eine vergilbte Scharteke mit verblassten Buchstaben.

Der Professor fuhr indessen fort in unerschöpflicher Bewunderung, indem er sich selbst fragte und antwortete:

»Siehst du, ist es nicht hübsch? Ja, wunderschön! Was für ein Einband! Wie leicht lässt es sich aufschlagen! Wie schön schließen die Blätter, dass sie nirgends auseinander klaffen! Und an diesem Rücken sieht man nach sieben Jahrhunderten noch keinen Riss!«

Ich konnte nichts Besseres tun, als ihn über den Inhalt zu fragen, obwohl der mich wenig kümmerte.

»Und wie ist denn der Titel des merkwürdigen Buches?«, fragte ich hastig.

»Dieses Werk«, entgegnete mein Onkel lebhaft, »ist die ›Heimskringla‹ von Snorri Sturleson, dem berühmten isländischen Chronisten des 12. Jahrhunderts! Es enthält die Geschichte der norwegischen Fürsten, die auf Island herrschten!«

»Wirklich?«, fragte ich so erfreut wie möglich. »Und gewiss eine deutsche Übersetzung?«

»Schön!«, antwortete der Professor lebhaft. »Eine Übersetzung! Und was ist mit der Übersetzung anzufangen? Wer kümmert sich um eine solche? Es ist ein Originalwerk in isländischer Sprache, dem prächtigen, reichen und zugleich einfachen Idiom!«

»Wie das Deutsche«, fügte ich schmeichelnd bei.

»Ja«, entgegnete mein Onkel mit Achselzucken, ohne zu berücksichtigen, dass die isländische Sprache die drei Geschlechter bezeichnet wie im Griechischen und die Eigennamen dekliniert werden wie im Lateinischen!

»Oh!«, rief ich, indem ich meiner Gleichgültigkeit Gewalt antat. »Und wie schön sind die Lettern!«

»Lettern! Was meinst du, Lettern? Wie? Du meinst, das sei gedruckt? Nein, Dummer, es ist ein Manuskript, ein Runen-Manuskript!«

»Runen?«

»Ja! Begehrst du nun eine Erklärung dieses Wortes!«

»Das lass ich bleiben«, entgegnete ich mit dem Ton eines Beleidigten.

Aber mein Onkel fuhr umso eifriger fort, mich gegen meinen Willen über Dinge zu belehren, die ich zu wissen gar nicht Lust hatte.

»Die Runen«, fuhr er fort, »waren Schriftzeichen, die vor uralten Zeiten auf Island gebräuchlich waren und von Odin selbst erfunden sein sollen! Aber schau doch her, bewundere doch, Gottloser, die von einem Gott ausgedachten Zeichen!«

Wahrhaftig, anstatt zu antworten, fiel ich auf die Knie, eine Antwort, die Göttern und Königen gefällt. Ein Zwischenfall gab der Unterhaltung eine andere Wendung. Ein schmutziges Pergament fiel aus der Scharteke heraus auf den Boden. Mit begreiflicher Gier fiel mein Onkel über diesen Zettel her. Ein altes Dokument, das vielleicht seit unvordenklicher Zeit in einem alten Buche lag, musste in seinen Augen unfehlbar sehr kostbar sein.

»Was ist das?«, fragte er und entfaltete zugleich sorgfältig auf dem Tisch ein fünf Zoll langes, drei Zoll breites Pergamentstück, worauf sich in Querzeilen ein unverständliches Gekritzel von Schriftzügen befand. Ich gebe hier ein genaues Faksimile derselben. Es ist mir darum zu tun, diese seltsamen Zeichen zur Anschauung zu bringen, weil sie den Professor Lidenbrock nebst seinem Neffen zu der sonderbarsten Unternehmung des 19. Jahrhunderts veranlassten!


Der Professor betrachtete diese Zeichen eine Weile; dann sprach er, indem er seine Brille höher rückte:

»Es ist Runisch; diese Zeichen sind denen auf dem Manuskript Snorri Sturlesons völlig gleich! Aber was mag das nur bedeuten?«

Da es mir schien, das Runische sei eine Erfindung der Gelehrten, um die ungelehrten Leute zu hintergehen, so war es mir nicht unlieb, dass mein Onkel nichts davon verstand. Das nahm ich wenigstens aus seinen Fingerbewegungen ab.

»Es ist doch Alt-Isländisch«, brummte er in seinen Bart. Und der Professor Lidenbrock musste das wohl verstehen, denn er galt für ein Wunder von einem Sprachenkenner. Die 2.000 Sprachen und 4.000 Dialekte, die man auf der Erde kennt, verstand er nicht nur geläufig, sondern sprach davon auch einen guten Teil. Um dieser Schwierigkeit willen war er im Begriff, sich allen Stürmen seines heftigen Gefühls hinzugeben, als es auf der kleinen Uhr des Kamins zwei schlug und die gute Martha die Tür mit den Worten öffnete:

»Die Suppe ist aufgetragen.«

»Zum Henker mit der Suppe«, schrie mein Onkel, »samt der Köchin und wer sie verzehrt!« Martha entfloh, ich eilte ihr nach und befand mich, ohne zu wissen wie, an meinem gewohnten Platz im Speisezimmer. Ich wartete eine Weile. Der Professor kam nicht. Zum ersten Mal, solange ich denken kann, erschien er nicht zum Mittagessen. Und doch, welch hervorragendes Essen! Petersiliensuppe, Eierkuchen mit Schinken in Sauerampfersauce, Kalbsnierenbraten mit Pflaumenkompott und zum Dessert Meerkrebschen mit Zucker und dazu ein hübscher Moselwein. Das alles versäumte mein Onkel über dem alten Papier.

Wahrhaftig, als ergebener Neffe glaubte ich mich dazu verpflichtet, für uns beide essen zu müssen. Und ich tat es gewissenhaft.

»Das habe ich noch nie erlebt«, sagte die gute Martha. »Herr Lidenbrock nicht bei Tische!«

»Unglaublich.«

»Das hat etwas Schlimmes zu bedeuten!«, fuhr die Alte mit Kopfschütteln fort.

Meines Erachtens bedeutete es nichts anderes, als eine fürchterliche Szene, wenn mein Onkel sein Essen aufgezehrt finden würde. Ich war an meinem letzten Krebschen, als mich eine laut hallende Stimme den Genüssen des Nachtisches entzog. Mit einem Sprung war ich im Kabinett des Herrn.

3. Das Pergament des Arne Saknussemm

DRITTES KAPITEL Das Pergament des Arne Saknussemm

E

s ist offenbar Runisch«, sagte der Professor mit Stirnrunzeln. »Und ich muss das Geheimnis, das dahintersteckt, entdecken, sonst ...« Und er machte eine heftige Bewegung mit der Hand.

»Setz dich dahin«, fuhr er fort, indem er auf den Tisch wies, »und schreib!« Im Augenblick war ich bereit.

»Jetzt will ich dir jeden Buchstaben unseres Alphabets diktieren, sowie er mit einem dieser Schriftzüge übereinstimmt. Wir werden sehen, was dabei herauskommen wird. Aber nimm dich wohl in Acht, dass du nichts falsch machst!«

Er fing an zu diktieren, und ich gab mir alle Mühe. Er benannte jeden Buchstaben, einen nach dem andern, und so bildeten sich folgende unverständliche Worte:


m.rnlls esreuel seecJde
sgtssmf unteief niedrke
kt,samn atrates Saodrrn
emtnael nuaect rrilSa
Atvaar .nscrc ieaabs
ccdrmi eeutul frantu
dt,iac oseibo Kediiy

Als dies fertig war, nahm mein Onkel hastig das Blatt, auf das ich geschrieben hatte.

»Was soll das bedeuten?«, wiederholte er mechanisch.

Bei meiner Ehre, ich hätte es ihm nicht sagen können. Übrigens fragte er mich auch nicht und sprach weiter mit sich selbst:

»Das bezeichnen wir als eine Geheimschrift«, sagte er, »worin der Sinn hinter absichtlich durcheinander gemischten Buchstaben versteckt ist, welche in gehöriger Folge geordnet, eine verständliche Phrase bilden würden. Darin steckt vielleicht die Erklärung oder Andeutung einer großen Entdeckung!«

Ich für meinen Teil dachte, es stecke gar nichts dahinter, aber ich hütete mich wohl, meine Meinung auszusprechen. Der Professor nahm darauf das Buch und das Pergament und verglich sie beide miteinander.

»Diese beiden Schriften sind nicht von derselben Hand; das Geheimschriftstück ist späteren Ursprungs als das Buch, wie ich das gleich vorne aus einem unwiderlegbaren Beweis ersehe. In der Tat, der erste Buchstabe ist ein doppeltes M, das sich in Sturlesons Buch nicht findet, denn es wurde dem isländischen Alphabet erst im 14. Jahrhundert hinzugefügt. Also liegen wenigstens zwei Jahrhunderte zwischen dem Manuskript und dem Dokument.«

Das schien mir allerdings ziemlich folgerichtig.

»Das bringt mich auf den Gedanken«, fuhr mein Onkel fort, »dass diese geheimnisvolle Schrift von einem Besitzer des Buches verfasst worden sein könnte. Aber wer zum Henker war dieser Besitzer? Sollte er seinen Namen nicht irgendwo unter das Manuskript gesetzt haben?«

Mein Onkel setzte seine Brille höher, nahm eine starke Lupe und musterte sorgfältig die ersten Seiten des Buches. Auf der zweiten Rückseite entdeckte er eine Art Flecken, der wie ein Tintenklecks aussah; aber genauer besehen unterschied man einige halb verloschene Schriftzüge. Mein Onkel begriff, dass es auf diesen Punkt ankomme; er machte sich also auf das Eifrigste darüber her und erkannte endlich mit Hilfe seiner Lupe die folgenden Runenschriftzeichen, welche er ohne Schwierigkeiten lesen konnte:


»Arne Saknussemm!«, rief er triumphierend aus. »Aber das ist ein Name und noch dazu ein isländischer, der eines Gelehrten des 16. Jahrhunderts, eines berühmten Alchimisten.«

Ich schaute meinen Onkel mit einigem Erstaunen an.

»Diese Alchimisten«, fuhr er fort, »Avicenne, Bacon, Lulle, Paracelsus waren die einzigen, die wirklichen Gelehrten dieser Epoche. Sie haben Entdeckungen gemacht, worüber wir erstaunt sein dürfen. Warum sollte nicht dieser Saknussemm in dieser Geheimschrift eine auffallende Entdeckung verborgen haben? So muss es sein. So ist es bestimmt!«

Bei dieser Hypothese erhitzte sich die Phantasie des Professors.

»Ganz gewiss«, erklärte er kühn. »Aber was konnte dieser Gelehrte für ein Interesse daran haben, eine merkwürdige Entdeckung geheim zu halten? Warum? Warum? Ja, weiß ich es? Hat es nicht Galilei ebenso gemacht in Beziehung auf Saturn? Übrigens, wir werden schon sehen: Ich werde das Geheimnis dieses Dokuments herausbekommen, und ich werde weder essen noch schlafen, bis ich es heraus habe.«

›Oh!‹, dachte ich.

»Du ebenfalls nicht, Axel!«, fuhr er fort.

›Teufel!‹, dachte ich, ›da ist es ja gut, dass ich die doppelte Mahlzeit gegessen habe.‹

»Und ernsthaft«, sagte mein Onkel, »gilt es, die Sprache dieser Chiffre herauszufinden. Das kann doch nicht so schwer sein.«

Bei diesen Worten hob ich lebhaft den Kopf. Mein Onkel fuhr fort, mit sich selbst zu sprechen:

»Es gibt nichts Leichteres. Dieses Dokument enthält 132 Buchstaben, davon 79 Konsonanten und 53 Vokale. In diesem Verhältnis stehen die Buchstaben auch in den südlichen Sprachen, während die Idiome des Nordens wesentlich mehr Konsonanten aufweisen. Es handelt sich also um eine Sprache des Südens.«

Diese Schlussfolgerungen waren richtig.

»Aber was für eine Sprache ist es?«

»Dieser Saknussemm«, fuhr er fort, »war ein gelehrter Mann; wenn er also nicht in seiner Muttersprache schrieb, musste er der unter den gebildeten Köpfen des 16. Jahrhunderts geläufigen Sprache den Vorzug geben, der lateinischen nämlich. Irre ich darin, so kann ich mit dem Spanischen, dem Französischen, Italienischen, Griechischen oder Hebräischen den Versuch unternehmen. Aber die Gelehrten des 16. Jahrhunderts schrieben im Allgemeinen lateinisch. Ich darf also als selbstverständlich annehmen, es sei Latein.«

Ich sprang von meinem Stuhl auf. Meine Erinnerungen aus der Lateinschule sträubten sich gegen die Behauptung, diese Gruppe seltsamer Worte könne der sanften Sprache Vergils angehören.

»Ja! Latein!«, fuhr mein Onkel fort. »Aber verworrenes Latein.«

»Das mag wohl sein!«, sagte ich. »Wenn du es entwirrst, lieber Onkel, bist du ein feiner Kopf.«

»Untersuchen wir es genauer«, sagte er, und nahm das von mir beschriebene Blatt wieder zur Hand. »Hier ist eine Gruppe von 132 Buchstaben, die wir in vollständiger Verworrenheit finden. Da sind Worte, worin nur Konsonanten vorkommen, wie das erste ›m.rnlls‹, andere dagegen, worin die Vokale überwiegen, z. B. das fünfte: ›unteief‹, oder das vorletzte: ›oseibo‹. Nun ist diese Gruppierung offenbar nicht so zusammengesetzt worden; sie wurde durch ein uns nicht bekanntes Verhältnis, nach welchem die Aneinanderreihung dieser Buchstaben bestimmt wurde, mathematisch angegeben. Ich halte es für sicher, dass die ursprüngliche Phrase regelmäßig geschrieben und dann nach einem System, das man herausfinden muss, umgebildet wurde. Wer den Schlüssel dieser Chiffre besäße, würde sie leicht lesen können. Aber was ist das für ein Schlüssel? Axel, kennst du ihn?«

Auf diese Frage wusste ich nicht zu antworten; und das aus gutem Grund. Meine Blicke waren auf ein reizendes Porträt, das an der Wand hing, geheftet, das Porträt Gretchens. Das Mündel meines Onkels befand sich damals in Altona bei einer Verwandten, und ich war über ihre Abwesenheit sehr betrübt, denn, jetzt kann ich es gestehen, die hübsche Vierländerin und der Neffe des Professors liebten sich mit echt deutscher Herzlichkeit und Inbrunst. Wir hatten uns ohne Wissen unseres Onkels verlobt, der allzu viel Geologe war, um für solche Gefühle etwas übrig zu haben. Gretchen war eine reizende Blondine mit blauen Augen, von etwas abgeklärtem Charakter und ernstem Sinn; aber sie liebte mich darum nicht minder. Ich meinerseits betete sie an, sofern dieser Begriff im Altdeutschen existiert! Das Bild meiner kleinen Vierländerin versetzte mich also auf einmal aus der wirklichen Welt in die Welt der Träume, der Erinnerungen. Ich erblickte in diesem Bild die treue Genossin meiner Arbeiten und Freuden. Sie half mir tagtäglich die köstlichen Steine meines Onkels zu ordnen und mit Etiketten zu versehen. Fräulein Gretchen war in der Mineralogie sehr bewandt! Sie hätte darin mehr als ›einen‹ Gelehrten ausstechen können. Sie befasste sich gerne damit, schwierige Fragen der Wissenschaft zu ergründen. Welch süße Stunden hatten wir mit gemeinsamen Studien verbracht! Und wie oft beneidete ich die gefühllosen Steine um das Glück, von ihren reizenden Händen betastet zu werden! Danach, wenn die Erholungszeit kam, wandelten wir miteinander durch die belaubte Alsterallee und besuchten zusammen die alte beteerte Mühle, die sich am Ende des Sees so gut ausnimmt; unterwegs plauderten wir Hand in Hand. Ich erzählte ihr Dinge, worüber sie herzlich lachte. So kamen wir bis zum Elbufer, und nachdem wir den Schwänen, die zwischen den großen weißen Seerosen schwimmen, gute Nacht gesagt hatten, begaben wir uns mit dem Dampfboot wieder zum Kai. Als ich in meinem Träumen hier ankam, wurde ich von meinem Onkel durch einen Faustschlag auf den Tisch gewaltsam in die Wirklichkeit zurückgerufen.

»Sehen wir«, sagte er, »die erste Idee, die sich dem Geist darbietet, um die Buchstaben einer Phrase aus ihrer Ordnung zu bringen, besteht, dünkt mir, darin, dass man die Worte, anstatt horizontal, vertikal schreibt. Wir müssen uns anschauen, was dabei herauskommt. Axel, schreib irgendeinen Satz auf diesen Zettel; aber anstatt die Buchstaben nebeneinander zu stellen, setze sie in vertikalen Reihen einen nach dem andern, und zwar in Gruppen von fünf bis sechs.«

Ich begriff, wie es gemeint war und schrieb sogleich von oben nach unten:


»Gut!«, sagte der Professor, ohne es gelesen zu haben. »Jetzt schreibe diese Worte in eine horizontale Zeile!«

Ich gehorchte und bekam folgende Phrase:

Iermtt chdzeech lilise ichinGn ehchgr! be,ue.

»Ganz recht so«, sagte mein Onkel und riss mir den Zettel aus der Hand. »Das sieht schon aus wie das alte Dokument: Die Vokale stehen so wie die Konsonanten in der nämlichen Unordnung gruppiert; da sind selbst Anfangsbuchstaben sowie Kommas in der Mitte der Worte, ganz wie in dem Pergament des Saknussemm!«

Ich konnte nicht umhin, diese Bemerkung für recht sinnreich zu halten.

»Nun«, fuhr mein Onkel fort. »Um die Phrase, welche du geschrieben hast und deren Inhalt ich nicht kenne, zu lesen, brauche ich nur zuerst den ersten Buchstaben jedes Wortes aneinanderzureichen, dann jeden zweiten, danach den dritten usw.«

Und mein Onkel las zu seinem und meinem größten Erstaunen:

›Ich liebe dich herzlich, mein gutes Gretchen!‹

»Oho!«, sagte der Professor.

Ja, unversehens hatte ich als verliebter Tölpel diese verräterische Zeile geschrieben!


»So! Du liebst Gretchen?«, fuhr mein Onkel in echtem Vormundston fort.

»Ja ... Nein ...«, stotterte ich.

»Du liebst also Gretchen!«, wiederholte er wie eine Maschine. »Nun, wenden wir mein Verfahren auf das fragliche Dokument an.«

Mein Onkel war schon wieder in das Nachsinnen, welches ihn ganz in Anspruch nahm, versunken, dass er bereits meine unvorsichtigen Worte vergaß. Ich sage unvorsichtigen, denn der Kopf des Gelehrten konnte die Herzensangelegenheiten nicht begreifen. Aber zum Glück hatte die große Angelegenheit des Dokuments das Übergewicht. Im Begriff, seinen Hauptversuch zu machen, sprühten des Professors Augen Blitze durch seine Brille hindurch. Mit zitternden Händen nahm er das alte Pergament wieder vor. Er war von ernster Bewegung ergriffen. Endlich hustete er tüchtig und diktierte mir mit würdigem Ton, indem er der Reihe nach zuerst den ersten Buchstaben, dann den zweiten jedes Wortes zusammennahm, die folgenden Gruppen:

messunka Senr A.icefdok segnittamurtn

ecertserrette, rotaivsadua, ednecsedsadne

lacartniiiluJsiratracSarbmutabiledmek

meretarcsiluco YsleffenSnI

Als ich sie fertig hatte, war ich, offen gestanden, in Gemütsbewegung. In diesen Buchstaben hatte ich gar keinen Sinn zu erkennen vermocht; ich war also darauf gespannt, des Professors Lippen würden stattlich eine Phrase prachtvollen Lateins hören lassen. Aber wer hätte das gedacht? Ein heftiger Faustschlag erschütterte den Tisch, dass die Tinte empor spritzte und die Feder meinen Händen entfiel.

»Das ist es nicht!«, schrie mein Onkel. »Das macht keinen Sinn!«

Darauf stürzte er schnell wie eine Kugel durch das Kabinett, wie eine Lawine die Treppe hinab, auf die Königstraße und entfloh mit schnellen Schritten.

4. Entzifferung des Geheimnisses

VIERTES KAPITEL Entzifferung des Geheimnisses

E

r ist fort«, rief Martha, die herbeigelaufen kam, als er die Haustür so heftig zuschlug, dass von dem Schmettern das ganze Haus erschüttert wurde.

»Ja«, entgegnete ich, »ganz und gar fort!«

»Nun! Und sein Mittagessen?«, fragte die alte Dienerin.

»Er wird nicht zu Mittag speisen!«

»Und sein Abendessen?«

»Er wird auch nicht zu Abend speisen!«

»Nein?«, fragte Martha und rang die Hände.

»Nein, gute Martha, er wird nicht mehr essen, und niemand im ganzen Hause. Mein Onkel lässt uns alle fasten, bis es ihm gelingt, ein altes Gekritzel, das durchaus unleserlich ist, zu entziffern!«

»Jesus! So bleibt uns also nichts anderes als zu verhungern.«

Ich traute mich nicht, einzugestehen, dass uns dies bei einem so bedingungslosen Mann wie meinem Onkel unvermeidlich bevorstehe. Ernsthaft beunruhigt begab sich die alte Dienerin mit Seufzen in ihre Küche zurück. Als ich allein war, kam mir der Gedanke, zu Gretchen zu eilen und ihr alles zu erzählen. Aber wie konnte ich das Haus verlassen? Der Professor konnte jeden Augenblick zurückkommen. Und wenn er nach mir rief? Und wenn er seine Enträtselungsarbeit, die man dem alten Ödipus vergeblich vorgelegt haben würde, wieder anfangen wollte? Und was würde es geben, wenn ich auf sein Rufen nicht antworten würde? Das Klügste war, zu bleiben. Eben hatte uns ein Mineraloge aus Besançon eine Sammlung kieselartiger Geoden zugeschickt, welche zu klassifizieren waren. Ich machte mich an die Arbeit. Ich sonderte aus, machte Etiketten, ordnete in ihrem Glaskasten alle die hohlen Steine, worin kleine Kristalle eingeschlossen waren. Aber diese Tätigkeit beschäftigte mich nicht völlig. In Gedanken machte mir das alte Dokument viel zu schaffen. Mein Kopf glühte und eine unbestimmte Unruhe ergriff mich. Ich ahnte eine bevorstehende Katastrophe. Nach Ablauf von einer Stunde waren meine Geoden geordnet. Darauf wiegte ich mich in dem großen Lehnstuhl, den Kopf rückwärts, die Arme baumelnd. Ich zündete meine Pfeife an, deren lange krumme Röhre am Kopf mit dem Bild einer Nymphe verziert war, und ergötzte mich daran, die Fortschritte der Verkohlung zu beobachten, wodurch die Nymphe zu einer vollständigen Negerin geworden war. Von Zeit zu Zeit lauschte ich, ob sich auf der Treppe keine Schritte vernehmen ließen. Nichts zu hören. Wo mochte mein Onkel gerade sein? Ich sah ihn in Gedanken die schöne Allee der Altonaer Straße entlanglaufen, gestikulierend, mit kräftigem Arm die Kräuter zerschlagen, Disteln köpfen und die Schwäne in ihrem Frieden stören. Wird er triumphierend oder entmutigt heimkommen? Sollte er das Geheimnis herausbekommen haben? So fragte ich mich und nahm das Blatt Papier mechanisch in die Hand, worauf sich die von mir geschriebenen unverständlichen Zeilen befanden. Ich wiederholte:


»Was bedeutet dies?«

Ich versuchte die Buchstaben so zu gruppieren, dass sie Worte bildeten. Unmöglich. Man mochte sie zu zwei, drei, fünf oder sechs zusammenstellen, es kam durchaus nichts Verständliches dabei heraus. Doch ließ sich aus dem 14., 15. und 16. Buchstaben das englische Wort ›ice‹ bilden, aus dem 84., 85. und 86. das Wort ›Sir‹. Endlich erkannte ich mitten in dem Dokument auf der 30. Zeile die lateinischen Worte ›rota‹, ›mutabile‹, ›ira‹, ›nec‹, ›atra‹.

›Teufel‹, dachte ich, ›diese letzten Worte könnten meinem Onkel wohl Auskunft über die Sprache des Dokuments geben! Und da sehe ich sogar auf der vierten Zeile noch das Wort ›luco‹, das ›heiliger Hain‹ bedeutet. Zwar ist auf der dritten Zeile das Wort ›tabiled‹ zu lesen, das ganz hebräisch aussieht, und auf der letzten die Worte ›mer‹, ›arc‹, ›mère‹, die rein französisch sind.‹

Darüber konnte man den Kopf verlieren: vier verschiedene Sprachidiome in einer sinnlosen Phrase! In welchem Zusammenhang konnten die Wörter ›Eis‹, ›Herr‹, ›Zorn‹, ›grausam‹, ›heiliger Hain‹, ›wechselnd‹, ›Mutter‹, ›Bogen‹, ›Meer‹ stehen? Das letzte und erste allein ließen sich leicht aneinander reihen. Es wäre nicht zu verwundern, wenn in einem auf Island geschriebenen Dokument von ›Eismeer‹ die Rede wäre. Aber den übrigen Teil des Geheimschriftstücks zu begreifen, war doch eine andere Aufgabe. Ich rang also mit einer unlösbaren Schwierigkeit; mein Gehirn erhitzte sich, meine Augen blinzelten bei dem Blick auf das Blatt; die 132 Buchstaben schienen um mich herumzuhüpfen, wie die Silbertropfen, die in der Luft unseren Kopf umflimmern, wenn das Blut stark dahin dringt. Es wandelten mich Phantasiegesichte an; der Atem ging mir aus, ich brauchte Luft. Unwillkürlich fächelte ich mir mit dem Blatt Papier zu, sodass mir seine Vorder- und Rückseite abwechselnd vor die Augen kamen. Wie war ich überrascht, als ich bei einem solchen raschen Umwenden vollkommen lesbare Wörter zu erkennen glaubte, lateinische Wörter, z. B. ›craterem‹, ›terrestre‹. So bekam ich auf einmal einen Geistesblitz, diese einzigen Spuren führten mich auf den Weg der Wahrheit; ich hatte den Schlüssel der Chiffre herausgefunden. Um das Dokument zu verstehen, brauchte man nicht einmal quer über auf die Rückseite des Blattes zu lesen! Nein. Gerade so, wie es war, gerade so, wie es mir diktiert wurde, konnte es flüssig buchstabiert werden. Alle geistreichen Gedanken des Professors verwirklichten sich. Hinsichtlich der Aneinanderreihung der Buchstaben hatte er Recht gehabt, ebenso hinsichtlich der Sprache. Um dieses lateinische Schreiben von Anfang bis Ende lesen zu können, bedurfte es nur noch ›Etwas‹, und dieses ›Etwas‹ wurde mir vom Zufall gegeben. Natürlich war ich sehr im Gemüt ergriffen. Meine Augen wurden trübe, sodass sie mir den Dienst versagten. Ich hatte das Papier auf dem Tisch ausgebreitet. Ich brauchte nur einen Blick darauf zu werfen, um das Geheimnis zu lüften. Endlich wurde ich meiner Bewegung mit Mühe Herr. Um meine Nerven zu beruhigen, befahl ich mir, zweimal durch das Zimmer zu gehen, darauf wiegte ich mich wieder in dem großen Lehnstuhl.

»So will ich lesen!«, rief ich aus, nachdem ich aus tiefer Brust geatmet hatte. Ich neigte mich über den Tisch, verfolgte mit dem Finger der Reihe nach jeden Buchstaben, und las, ohne anzuhalten, ohne einen Augenblick zu stocken, mit lauter Stimme den ganzen Satz. Aber welche Bestürzung, welcher Schrecken überfiel mich! Anfänglich stand ich wie vom Schlag gerührt. Wie! Was ich eben gelernt hatte, war schon am Ziel! Ein Mensch war kühn genug, dahin zu dringen!

»Ah!«, rief ich hüpfend aus. »Nein! Nein! Mein Onkel soll es nicht erfahren! Er würde unfehlbar eine solche Reise unternehmen! Er würde auch diesen Genuss haben wollen! Nichts würde ihn abhalten können! Ein so entschlossener Geologe! Er würde auf jeden Fall hinreisen, trotz allem! Und er würde mich mitnehmen, um nimmer heimzukehren! Niemals! Nie!«

Ich war in unbeschreiblicher Aufregung.

»Nein! Nein! Das wird nicht geschehen«, sagte ich mit Nachdruck. »Und da es in meiner Macht steht, zu verhindern, dass meinem Tyrannen eine solche Idee in den Sinn komme, so will ich es tun. Wenn er das Dokument auch hin und her wendet, könnte er zufällig den Schlüssel desselben entdecken! So will ich es lieber vernichten.«

Im Kamin war noch ein wenig Feuer. Ich ergriff nicht allein das Blatt Papier, sondern auch das Pergament des Saknussemm; mit fieberhaft zitternder Hand war ich im Begriff, es miteinander auf die Kohlen zu werfen, und so das gefährliche Geheimnis zu vernichten. Da öffnete sich die Tür des Zimmers und mein Onkel trat ein.

5. Die Entschlüsselung des Dokuments

FÜNFTES KAPITEL Die Entschlüsselung des Dokuments

I

ch hatte nur noch Zeit, das unglückselige Dokument wieder auf den Tisch zu legen. Der Professor Lidenbrock schien gänzlich erschöpft. Der ihn beherrschende Gedanke ließ ihm keinen Augenblick Ruhe; er hatte während seines Spaziergangs offenbar die Sache überdacht, zergliedert, alle Hilfsquellen seines Geistes erschlossen, und er kam zurück, einen neuen Gedanken zu verfolgen. In der Tat setzte er sich in seinen Lehnstuhl, ergriff die Feder und fing an, Formeln niederzuschreiben, die einem algebraischen Rechenexempel glichen. Meine Blicke begleiteten seine zitternde Hand; ich ließ mir nicht eine einzige seiner Bewegungen entgehen. Sollte sich wohl unversehens ein unverhofftes Resultat ergeben? Ich zitterte, doch ohne Grund, denn da die einzig richtige Verbindungsweise bereits aufgefunden war, so musste jedes weitere Nachforschen wohl oder übel vergeblich sein. Drei Stunden lang arbeitete mein Onkel, ohne zu reden, ohne den Kopf zu heben, tilgte aus, schrieb weiter, radierte, fing tausendmal von neuem an. Ich wusste wohl, dass, wenn er es schaffen würde, diese Buchstaben in alle möglichen Verbindungen miteinander zu bringen, die Phrase dabei herauskäme. Aber, ich wusste auch, dass sich aus nur 20 Buchstaben 2 Quintillionen, 432 Quadrillionen, 902 Trillionen, 8 Milliarden, 176 Millionen, 614.000 Verbindungen bilden lassen. Nun waren in der Phrase 132 Buchstaben vorhanden, und diese 132 ergaben eine Anzahl verschiedener Phrasen, die mindestens aus 133 Ziffern bestanden, eine Zahl, die fast zu zählen unmöglich ist, und über alle Schätzungen hinausgeht. Bezogen auf diese unermesslich hohe Zahl an Möglichkeiten war ich beruhigt.

Inzwischen verfloss die Zeit; es wurde Nacht; der Lärm der Straßen verstummte; mein Onkel, stets über seiner Aufgabe, sah nichts, selbst die gute Martha nicht, als sie die Tür öffnete; er hörte nichts, selbst die Stimme dieser guten Dienerin nicht, als sie sagte:

»Wird der Herr diesen Abend speisen?«

Auch Martha musste sich ohne Antwort zurückziehen. Ich für meinen Teil, nachdem ich einige Zeit standgehalten hatte, verfiel in einen unausweichlichen Schlaf, und ich schlief an einem Ende des Kanapees ein, während mein Onkel Lidenbrock immer weiterrechnete und stets ausstrich.

Als ich am folgenden Morgen wieder erwachte, war der unermüdliche Forscher immer noch bei der Arbeit. Seine roten Augen, seine bleifarbige Haut, seine verwirrten Haare unter seiner fieberhaften Hand, seine geröteten Wangen, gaben hinlänglich seinen Kampf mit dem Unmöglichen zu erkennen, und in welcher Erschöpfung des Geistes, welcher Anstrengung des Gehirns ihm die Stunden verfließen mussten. Wahrlich, er dauerte mich. Trotz der Vorwürfe, die ich glaubte ihm machen zu dürfen, war ich einigermaßen gerührt. Der arme Mann war dermaßen von seiner Idee eingenommen, dass er sich zu erzürnen vergaß. Alle seine Lebenskräfte konzentrierten sich auf einen einzigen Punkt, und da sie nicht ihren gewöhnlichen Ableitungsweg hatten, so konnte man fürchten, ihre Spannung werde ihm jeden Augenblick den Kopf zersprengen. Ich konnte den eisernen Schraubstock, in dem sein Schädel eingespannt zu sein schien, mit einer Handbewegung, mit einem einzigen Wort lockern! Aber ich tat es nicht. Doch war ich gutmütig. Weshalb blieb ich denn unter solchen Umständen stumm? Einzig und allein im Interesse meines Onkels.

›Nein, nein‹, dachte ich immerzu. ›Nein, ich werde nicht reden! Er würde hinreisen wollen, ich kenne ihn, nichts würde ihn zurückhalten können. Es ist ein vulkanischer Gedanke, und um zu tun, was andere Geologen nicht getan haben, würde er sein Leben riskieren. Ich will schweigen; ich will das Geheimnis, in dessen Besitz mich der Zufall gesetzt hat, für mich behalten! Es ihm mitzuteilen wäre sein Tod. Er mag es erraten, wenn er kann. Ich will mir nicht einen einzigen Tag den Vorwurf aufbürden, ihn in sein Verderben geführt zu haben!‹

Nachdem ich diesen Entschluss gefasst hatte, kreuzte ich die Arme und wartete ab. Aber ich hatte doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Als die gute Martha aus dem Hause auf den Markt gehen wollte, fand sie die Tür verschlossen, und es war kein Schlüssel im Schloss. Wer hatte ihn weggenommen? Offenbar mein Onkel, als er am Abend von seinem Ausgang heimgekehrt war. War es absichtlich oder aus Versehen? Wollte er uns der Pein des Hungers aussetzen? Das wäre doch ein wenig stark. Wie! Martha und ich, wir sollten unter der Verlegenheit leiden, die uns auf der Welt nichts anging? Ganz gewiss, und ich erinnerte mich eines anderen Falles der Art, welcher uns in Schrecken setzen konnte. In der Tat, vor einigen Jahren, zu der Zeit als mein Onkel an seiner großen mineralogischen Klassifikation arbeitete, enthielt er sich einmal 48 Stunden des Essens und das ganze Haus musste sich dieser wissenschaftlichen Diät fügen. Ich bekam damals Magenkrämpfe, die einem Jungen von etwas gefräßigem Charakter sehr wenig erquicklich waren. Nun dünkte es mir, das Frühstück werde ebenso ausfallen, wie tags zuvor das Abendessen.


Doch entschloss ich mich, heroisch zu sein, und den Forderungen des Magens nicht nachzugeben. Martha nahm das sehr ernst und verzweifelte, die gute Frau. Mir machte die Unmöglichkeit, das Haus verlassen zu können, viel zu schaffen, aus gutem Grunde.

Mein Onkel arbeitete immerfort; seine Phantasie verlor sich in der idealen Welt der Kombinationen; er lebte fern von der Erde und wahrhaftig außerhalb der irdischen Bedürfnisse. Gegen Mittag quälte mich der Hunger ernstlich. Martha hatte tags zuvor in aller Unschuld alle Vorräte der Speisekammer aufgezehrt; es war gar nichts mehr im Hause vorhanden. Doch hielt ich standhaft aus; es war mir eine Art Ehrensache geworden.

Es schlug zwei Uhr. Es wurde lächerlich, unerträglich sogar. Ich machte über die Maßen große Augen. Ich fing an, zu der Ansicht zu kommen, dass ich die Wichtigkeit des Dokuments übertrieb; dass mein Onkel nicht daran glauben, eine bloße Mystifikation darin finden würde; dass im schlimmsten Falle, wenn er das Abenteuer versuchen wollte, man ihn gegen seinen Willen zurückhalten könne; dass er endlich doch selbst den Schlüssel der Chiffre finden könnte, und dann hätte ich umsonst gefastet. Diese Gründe, die ich am Tag zuvor mit Unwillen verworfen hätte, schienen mir jetzt geeignet; es kam mir so ganz lächerlich vor, dass ich so lange gewartet hatte, und ich entschloss mich, alles zu sagen. Ich suchte daher, als der Professor aufstand, und, um auszugehen, seinen Hut aufsetzte, eine Gelegenheit, der Sache beizukommen, aber nicht zu grell. Wie! Das Haus verlassen und uns abermals einschließen! Nimmermehr.

»Onkel!«, sagte ich.

Er schien mich nicht zu hören.

»Onkel Lidenbrock!«, rief ich nochmals laut.

»Was?«, fragte er, wie ein Mensch, der plötzlich aufwacht.

»Nun! Dieser Schlüssel!«

»Welcher Schlüssel? Der von der Haustür?«

»Nein«, sagte ich, »der Schlüssel des Dokuments!«

Der Professor sah mich über die Brille hinweg an; er bemerkte wohl etwas Ungewöhnliches in meinen Gesichtszügen, denn er fasste mich lebhaft beim Arm und fragte mich, unfähig zu reden, mit seinen Augen. Doch war die Frage klar ausgesprochen. Ich bewegte den Kopf von oben nach unten. Er schüttelte den seinigen etwas mitleidig, als habe er es mit einem Narren zu tun. Ich machte ein noch stärkeres Zeichen der Bejahung. Seine Augen glänzten lebhaft; seine Hand drohte. Diese stumme Unterhaltung unter diesen Umständen hätte den gleichgültigsten Zuschauer interessiert. Und wahrlich, ich wagte nicht einmal ein Wort zu sagen, aus Besorgnis, mein Onkel möge mich in den ersten freudigen Umarmungen erdrücken. Aber es war doch notwendig geworden, zu antworten.

»Ja, dieser Schlüssel ...! Zufällig ...!«

»Was sagst du?«, rief er in unbeschreiblicher Gemütsbewegung.

»Hier«, sagte ich, und hielt ihm das Blatt Papier hin, worauf ich geschrieben hatte. »Lesen Sie.«

»Aber das bedeutet nichts!«, entgegnete er, indem er das Blatt zerknitterte. »Nichts!«, und fing an, den Anfang zu lesen, aber vom Ende an.

Ich hatte meine Phrase noch nicht fertig gelesen, als der Professor einen Schrei, mehr noch, ein wahres Gebrüll hören ließ! Es war seinem Geist ein Licht aufgegangen. Er war ganz verwandelt.

»Ach! Geistreicher Saknussemm!«, rief er aus. »Du hattest also anfangs deine Phrase umgekehrt geschrieben?«

Und er fiel über das Papier her, mit trübem Auge, bewegter Stimme, und las das Dokument vollständig vom letzten Buchstaben aufwärts bis zum Ersten.

Es lautete also:

In Sneffels Yoculis craterem kem delibat

umbra Scartaris Julii intra calendas descende,

audas Viator, et terrestre centrum attinges.

Kod feci. Arne Saknussemm.

Was sich in gutes Deutsch so übersetzen lässt:

›Steig hinab in den Krater des Sneffels Yocul,

welchen der Schatten des Scartaris vor dem ersten

Juli liebkoset,

kühner Wanderer, und du wirst zum Mittelpunkt

der Erde gelangen.

Das hab ich vollbracht. Arne Saknussemm.‹

Als mein Onkel dies gelesen hatte, hüpfte er, als habe er unversehens eine Leidener Flasche berührt. Er war außer sich vor Freude, Überzeugung und Kühnheit. Er ging hin und her, fasste seinen Kopf mit beiden Händen, rückte die Stühle, legte seine Bücher aufeinander, spielte – kaum zu glauben – Ball mit seinen kostbarsten Klappersteinen, schlug mit der Faust hierhin, mit der Hand dorthin. Endlich wurden seine Nerven ruhiger und er sank erschöpft in seinen Lehnstuhl.

»Wie viel Uhr ist es gleich?«, fragte er nach einer kleinen Weile.

»Drei Uhr«, antwortete ich.

»Da ist aber die Zeit schnell vergangen. Ich habe Hunger zum Umfallen. Zu Tische. Danach ...«

»Danach ...«

»Du packst meinen Koffer!«

»Gut«, sagte ich.

»Und den deinigen!«, fügte der unbarmherzige Professor beim Eintritt in das Speisezimmer hinzu.

6. Hypothesen über das Innere des Erdballs

SECHSTES KAPITEL Hypothesen über das Innere des Erdballs

B

ei diesen Worten lief mir ein Schauder über den ganzen Rücken. Doch nahm ich mich zusammen. Ich entschloss mich sogar, mich wacker zu halten. Wissenschaftliche Gründe allein konnten den Professor Lidenbrock abhalten. Nun gab es deren, und zwar gewichtige, gegen eine solche Reise. Nach dem Mittelpunkt der Erde zu reisen! Welche Torheit! Ich sparte meine Einwendungen für einen günstigen Moment auf und machte mich ans Essen.

Wie fluchte mein Onkel, als er den Tisch nicht gedeckt sah. Alles klärte sich auf. Die gute Martha bekam wieder ihre Freiheit, eilte auf den Markt und rührte sich dergestalt, dass nach einer Stunde mein Hunger gestillt war und mir die Lage wieder zum Bewusstsein kam. Während der Mahlzeit war mein Onkel fast lustig; er ließ Scherze hören, die bei einem Gelehrten nie sehr gefährlich sind. Nach dem Dessert winkte er mir, ihm in sein Kabinett zu folgen. Ich gehorchte. Er setzte sich ans eine Ende des Tisches, ich ans andere.

»Axel«, sagte er mit ziemlich sanfter Stimme. »Du bist ein sehr gescheiter Junge; du hast mir da einen wackeren Dienst geleistet, als ich des Ringens müde, schon den Gedanken aufgeben wollte. Wohin wäre ich geraten? Niemand kann das wissen! Ich werde es dir niemals vergessen, und du wirst an dem Ruhm, den wir erlangen werden, deinen Anteil haben.«

Nun, dachte ich, ist er guter Laune; da ist es Zeit, über den Ruhm zu disputieren.

»Vor allem«, fuhr mein Onkel fort, »empfehle ich dir völliges Schweigen, verstehst du mich? Es fehlt in der Gelehrtenwelt nicht an Neidern, und es würden viele die Reise unternehmen wollen, die bis zu unserer Rückkehr nichts mitbekommen sollen.«

»Meinen Sie«, fragte ich, »die Zahl solcher Verwegenen sei so groß?«

»Ganz gewiss! Wer würde zögern, solch einen Ruhm gewinnen zu wollen?

Wäre dieses Dokument bekannt, so würde ein ganzes Heer von Geologen hineilen, Arne Saknussemms Spur zu verfolgen.«

»Davon bin ich aber gar nicht überzeugt, lieber Onkel, denn die Echtheit des Dokuments ist durch nichts erwiesen.«

»Wie? Und was ist mit dem Buch, worin wir es gefunden haben?«

»Gut! Ich gebe zu, dass Saknussemm diese Zeilen geschrieben hat, aber folgt daraus, dass er die Reise wirklich unternommen hat, und kann das alte Pergament nicht bloß eine Fopperei sein?«

Es tat mir fast Leid, dies letztere, etwas kecke Wort herausgesagt zu haben. Der Professor runzelte die Stirn, und ich fürchtete für die Fortsetzung unserer Unterhaltung Schlimmes. Zum Glück hatte es nichts zu bedeuten. Mein strenger Genosse entgegnete mit leichtem Lächeln:

»Das werden wir sehen.«

»Ach!«, sagte ich etwas verdutzt. »Aber erlauben Sie mir vorzubringen, was sich alles über das Dokument sagen lässt.«

»Rede, lieber Junge, geniere dich nicht. Ich lasse dir alle Freiheit, deine Meinung zu sagen. Du bist nun nicht mehr mein Neffe, sondern mein Kollege. Also vorwärts.«

»Nun, so will ich Sie erst fragen: Was sind diese Yokuls, Sneffels und Scartaris, wovon ich nie ein Wort habe reden hören?«

»Das ist ganz leicht. Ich habe just vor kurzem von meinem Freund August Petersmann in Gotha eine Karte bekommen, die mir gerade zu rechter Zeit kam. Nimm den dreißigsten Atlas im zweiten Fach der großen Bibliothek, Reihe Z Brett 4.«

Ich stand auf und fand in Entsprechung dieser genauen Angabe rasch den gewünschten Atlas. Mein Onkel schlug ihn auf und sagte:

»Hier ist eine der besten Karten von Island, die Handersonsche; ich glaube, die wird uns bei allen Schwierigkeiten helfen.«

Ich beugte mich über die Karte.

»Sieh diese aus Vulkanen bestehende Insel«, sagte der Professor, »und beachte, dass sie alle mit dem Namen Yokul bezeichnet sind. Dies Wort bedeutet im Isländischen ›Gletscher‹, und unter dem hohen Breitengrad Islands geschehen die meisten vulkanischen Ausbrüche durch die Eisdecke.«

»Gut«, entgegnete ich, »aber was ist dann Sneffels?«

Ich hoffte, er könne diese Frage nicht beantworten. Wie irrte ich mich! Mein Onkel fuhr fort:

»Folge mir auf die westliche Küste Islands. Siehst du seine Hauptstadt Reykjavik? Ja? Gut. Fahre über die unzähligen Fjorde dieser zerrissenen Seeküste, und halte etwas unter dem 65. Breitengrad an. Was siehst du da?«

»Eine Art Halbinsel, gleich einem abgenagten Knochen.«

»Der Vergleich ist richtig, lieber Junge; und weiter siehst du nichts auf dieser Halbinsel?« »Doch, einen Berg, der aus dem Meer emporgewachsen scheint.« »Gut! Das ist der Sneffels.«


»Der Sneffels?«

»Der ist es, ein 5.000 Fuß hoher Berg, einer der merkwürdigsten auf der Insel, und gewiss der berühmteste der ganzen Welt, wenn sein Krater den Eingang zum Zentrum der Erde bildet.«

»Aber das ist unmöglich!«, rief ich mit einem Achselzucken und mich gegen eine solche Annahme sträubend.

»Unmöglich!«, entgegnete der Professor Lidenbrock mit strengem Ton. »Und warum?«

»Weil dieser Krater offenbar mit Lava verstopft ist, die Felsen glühen, und dann ...«

»Und wenn es ein verloschener Krater ist?«

»Verloschen?«

»Ja. Die Zahl der noch tätigen Vulkane auf der Erdoberfläche beträgt gegenwärtig nur etwa 300. Aber es gibt eine noch weit größere Anzahl verloschener Vulkane. Unter die letzteren gehört der Sneffels, der seit langen Zeiten nur einen Ausbruch gehabt hat, und zwar im Jahre 1219. Seitdem ist er allmählich stille geworden und er gehört nicht mehr zu den tätigen Vulkanen.«

Auf diese genauen Angaben hatte ich durchaus nichts zu entgegnen; ich warf mich also auf die übrigen Schwierigkeiten, die das Dokument enthielt.

»Was bedeutet das Wort Scartaris?«, fragte ich. »Und was hat der erste Juli damit zu tun?«

Mein Onkel besann sich einige Augenblicke. Einen Moment lang hatte ich Hoffnung, aber auch nur einen Moment lang, denn bald antwortete er mir folgendermaßen:

»Was du Dunkelheit nennst, ist für mich Licht. Dies beweist die sinnreiche Sorge, womit Saknussemm seine Entdeckung genau bezeichnen wollte. Der Sneffels hat mehrere Krater und es war daher erforderlich, denjenigen, welcher zum Mittelpunkt der Erde führt, anzugeben. Wie hat es nun der gelehrte Isländer gemacht? Er hat bemerkt, dass beim Herannahen des ersten Juli, also gegen Ende des Juni, eine der Bergspitzen, der Scartaris, ihren Schatten bis zu der Mündung des fraglichen Kraters wirft, und er hat diese Tatsache in dem Dokument niedergeschrieben. Dies war die genaueste Angabe, sodass man, wenn man sich einmal auf dem Gipfel des Sneffels befindet, unmöglich mehr in Zweifel sein kann, welcher Weg einzuschlagen ist.«

Allerdings wusste mein Onkel eine Antwort auf alles. Ich sah wohl, dass ihm bei den Worten des alten Pergaments nicht beizukommen war. Ich setzte ihm daher von dieser Seite aus nicht mehr zu, und da ich ihn vor allem überzeugen musste, so ging ich zu den wissenschaftlichen Einwendungen über, welche meines Erachtens ganz andere Bedeutung hatten.

»Nun«, sagte ich, »die Phrase Saknussemms, ich muss es zugeben, ist klar und lässt über ihren Sinn keinen Zweifel mehr. Ich gebe sogar zu, dass das Dokument denn Anschein völliger Echtheit hat. Dieser Gelehrte ist in das Innere des Sneffels hinabgestiegen, hat gesehen, wie der Schatten des Scartaris den Rand des Kraters vor dem ersten Juli bestrich; er hat sogar aus den sagenhaften Erzählungen seiner Zeit entnommen, dass dieser Krater zum Zentrum der Erde führe; aber dass er selbst dahin gedrungen, dass er von einer Reise dahin wieder zurückgekehrt sei, das glaube ich durchaus nicht!«

»Und warum nicht?«, fragte mein Onkel mit ausnehmend spöttischem Ton.

»Weil alle Theorien der Wissenschaft beweisen, dass eine solche Unternehmung undurchführbar ist!«

»Alle Theorien sagen das aus?«, fragte der Professor mit gutmütiger Miene. »Ja, die schlechten Theorien! Die armseligen Theorien werden uns genieren!«

Ich sah, dass er sich über mich lustig machte, aber ich fuhr dem ungeachtet fort:

»Ja! Es ist eine ausgemachte Sache, dass die Wärme unter der Erdoberfläche mit 70 Fuß Tiefe um einen Grad zunimmt; nehmen wir nun dies steigende Verhältnis als sich gleich bleibend an, so muss, da der Erdradius 1.500 Meilen beträgt, im Zentrum eine Temperatur von mehr als 200.000 Grad herrschen. Die Stoffe im Innern der Erde befinden sich daher im Zustand des glühenden Gases, denn die Metalle, Gold, Platin, die härtesten Steine halten einer solchen Hitze nicht stand. Ich darf also fragen, ob es möglich sei, in eine solche Umgebung zu gelangen!«

»Also, Axel, die Hitze macht dir zu schaffen?«

»Allerdings. Kämen wir bis zu einer Tiefe von nur zehn Meilen, so wären wir an der Grenze der Erdrinde, denn da ist die Temperatur bereits über 1.300 Grad.« »Und du hast Angst zu zerschmelzen?« »Ich überlasse Ihnen die Entscheidung der Frage«, antwortete ich mit Humor.

»So will ich dir meine Meinung genau sagen«, entgegnete der Professor Lidenbrock, indem er einen hohen Tonfall annahm: »Weder du noch irgendein Mensch weiß einigermaßen zuverlässig, was im Innern des Erdballs vorgeht, da man kaum erst den zwölftausendsten Teil ihres Radius’ kennt; daher ist die Wissenschaft außerordentlich vervollkommnungsfähig und jede Theorie wird von einer neuen umgestürzt. Hat man ja bis auf Fourier geglaubt, die Temperatur der Planetenräume sei stets abnehmend, und jetzt weiß man, dass die höchste Kälte der Ätherregionen nicht über 40 bis 50 Grad unter Null steigt. Warum könnte es mit der Wärme im Innern nicht ebenso der Fall sein? Weshalb sollte sie nicht in einer gewissen Tiefe eine nicht mehr zu übersteigende Höhe erreichen, anstatt bis zu einer Höhe zu steigen, wo die störrischsten Metalle schmelzen?«

Da mein Onkel die Frage auf das Gebiet der Hypothesen verpflanzte, so hatte ich nichts darauf zu entgegnen.

»Nun denn, ich will dir nur sagen, dass echte Gelehrte, wie unter anderen Poisson, bewiesen haben, dass, wenn im Innern des Erdballs eine Hitze von 200.000 Grad herrschen würde, das aus den zerschmolzenen Stoffen erzeugte glühende Gas eine solche Spannkraft erlangen würde, dass die Erdrinde nicht mehr Widerstand zu leisten vermöchte und zerspringen würde, wie die Wände eines Dampfkessels durch die Ausdehnung des Dampfes.«

»Das ist Poissons Ansicht, lieber Onkel, nichts weiter.«

»Einverstanden, aber es ist auch die Ansicht anderer ausgezeichneter Geologen, dass das Innere des Erdballs weder aus Gas, noch Wasser, noch schwereren Steinen besteht, als die wir kennen, denn in diesem Fall würde die Erde ein zweifach geringeres oder doppelt so hohes Gewicht aufweisen.«

»Oh! Mit Zahlen lässt sich alles beweisen!«

»Und ist es mit Tatsachen, lieber Junge, ebenso? Ist es nicht ausgemacht, dass die Zahl der Vulkane seit den ersten Tagen der Welt beständig abgenommen hat? Und wenn es eine Zentralwärme gibt, kann man daraus nicht schließen, dass sie immer schwächer wird?«

»Lieber Onkel, wenn du dich aufs Feld der Vermutungen begibst, habe ich nichts mehr zu sagen.«

»Und ich habe zu sagen, dass die Ansichten der berufensten Männer mit der meinigen übereinstimmen. Erinnerst du dich, wie mir im Jahre 1825 der berühmte englische Chemiker Humphry Davy einen Besuch abstattete.«

»Durchaus nicht, denn ich kam erst neunzehn Jahre später auf die Welt.«

»Nun, Humphry Davy besuchte mich auf einer Durchreise in Hamburg. Wir besprachen uns lange, unter anderem über die Hypothese der Flüssigkeit des inneren Kerns der Erde. Wir stimmten darin überein, dass das Erdinnere nicht flüssig sein kann, und zwar aus einem Grunde, auf den die Wissenschaft nie eine Antwort gefunden hat.«

»Und welcher ist das?«, fragte ich etwas verunsichert.

»Weil diese flüssige Masse gleich dem Ozean der Anziehung vonseiten des Mondes ausgesetzt wäre, und folglich zweimal täglich im Innern Ebbe und Flut herrschen müsste, welche durch Emporheben des Erdbodens zu periodischen Erdbeben Anlass gäben.«

»Aber es ist doch unverkennbar, dass die Erdoberfläche der Verbrennung ausgesetzt gewesen ist, und man darf annehmen, dass die äußere Kruste sich erst abkühlte, während sich die Hitze ins Zentrum zurückzog.«

»Irrtum«, entgegnete mein Onkel. »Die Erde ist erst durch Verbrennung ihrer Oberfläche in Hitze geraten, nicht anders. Ihre Oberfläche bestand aus einer großen Menge an Metallen, wie Kalium und Natrium, welche die Eigenschaft haben, bei der bloßen Berührung mit Luft und Wasser in Brand zu geraten. Diese Metalle gerieten in Brand, als die atmosphärischen Dünste als Regen auf den Boden herabkamen; und allmählich, als die Gewässer durch die Ritzen der Erdrinde drangen, veranlassten sie abermals Brand mit Explosionen und Ausbrüchen. Daher die zahlreichen Vulkane in der ersten Zeit der Welt.«

»Das ist doch eine geistreiche Hypothese!«, rief ich etwas widerwillig.

»Und Humphry Davy machte mir es durch ein sehr einfaches Experiment nachvollziehbar. Er fertigte eine metallene Kugel hauptsächlich aus den Metallen an, von denen ich gerade sprach, als ein vollständiges Ebenbild unseres Erdballs. Als man dieselbe mit einem feinen Tau auf ihrer Oberfläche benetzte, schwoll sie auf, oxydierte und bildete ein kleines Gebirge; an dessen Spitze öffnete sich ein Krater, es fand ein Ausbruch statt und setzte die Kugel einer derartigen Hitze aus, dass man sie nicht mehr in der Hand halten konnte.«

Wahrlich, die Beweisgründe des Professors fingen an, auf mich Eindruck zu machen; er machte sie zudem mit seiner gewöhnlichen Leidenschaft und seinem Enthusiasmus geltend.

»Du siehst, Axel«, fügte er hinzu, »dass der Zustand des inneren Kerns zu unterschiedlichen Hypothesen bei den Geologen geführt hat; nichts ist weniger bewiesen, als die Tatsache einer inneren Hitze; meiner Ansicht nach ist sie nicht vorhanden, kann gar nicht vorhanden sein; doch, wir werden es sehen und wir werden dann wissen, wie Arne Saknussemm, woran man sich hinsichtlich dieser Frage zu halten hat.«

»Nun ja!«, entgegnete ich, indem ich diesen Enthusiasmus zu teilen anfing. »Ja, wir werden es sehen, wenn man dort überhaupt sehen kann.«

»Und warum sollte man nicht? Können wir nicht auf elektrische Erscheinungen rechnen, die uns Licht geben, und selbst auf die Atmosphäre, die bei Annäherung an das Zentrum durch ihren Druck erleuchtet werden kann?«

»Ja!«, antwortete ich. »Ja! Das ist möglich, nach allem, was du gesagt hast!«

»Das ist sicher!«, entgegnete mein Onkel triumphierend. »Aber sei bloß schweigsam, verstehst du? Kein Wort von all diesem; kein Mensch soll auf die Idee kommen, das Zentrum der Erde vor uns entdecken zu wollen.«

7. Reisevorbereitungen

SIEBTES KAPITEL Reisevorbereitungen

S

o schloss diese merkwürdige Unterredung. Ich war fieberhaft erregt. Ich verließ das Kabinett meines Onkels total verblüfft und Hamburgs Luft reichte nicht aus, um mich darin zu erholen. Ich eilte daher an das Elbufer nach der Dampffähre hin, welche als Verbindung der Stadt mit der Hamburger Eisenbahn dient. War ich von dem, was man mich eben gelehrt hatte, überzeugt? War ich nicht vielmehr dem Professor Lidenbrock erlegen? Sollte ich im Ernst annehmen, dass er entschlossen sei, zum Zentrum der Erde zu kommen? Hörte ich soeben die tollen Spekulationen eines Narren oder die wissenschaftliche Darlegung eines großen Genies? Und vor allem, wo hörte die Wahrheit auf, wo begann der Irrtum? Ich schwankte zwischen tausenden sich widersprechenden Hypothesen, ohne mich an einer festhalten zu können. Doch erinnerte ich mich, dass ich überzeugt war, obwohl mein Enthusiasmus anfing geringer zu werden; aber ich hatte unverzüglich abreisen wollen, ohne mir Zeit zum Überlegen zu lassen. Ja, es hätte mir nicht an Mut gefehlt, augenblicklich meinen Koffer zu packen. Doch muss ich gestehen, eine Stunde danach war diese Überreizung schon abgeflaut, die Spannung meiner Nerven ließ nach und kam wieder aus den Abgründen der Erde zur Oberfläche hoch.

›Das ist ja lächerlich!‹, sagte ich zu mir. ›Es hat keinen rechten Sinn! Solch einen Vorschlag kann man einem verständigen Jungen nicht im Ernst machen. Das alles ist eitel Sonnenschein! Ich habe nur schlecht geschlafen, einen schlimmen Traum gehabt.‹

Inzwischen war ich am Ufer der Elbe entlang um die Stadt herum- und auf die Straße nach Altona gekommen. Eine richtige Ahnung hatte mich auf diesen Weg geführt, denn ich bemerkte bald mein liebes Gretchen, das raschen Schrittes tapfer nach Hamburg heimging.

»Gretchen!«, rief ich ihr von Weitem zu.

Das Mädchen stand still, etwas betroffen, schien es, auf offener Straße so angerufen zu werden. Mit zehn Schritten war ich bei ihr.

»Axel!«, sagte sie überrascht. »Du bist mir entgegengegangen, das ist ja wirklich nett.«

Als mich Gretchen aber nun anschaute, entging ihr meine unruhige, verstörte Miene nicht. »Was ist mit dir?«, fragte sie, indem sie mir die Hand reichte. »Was mit mir ist, Gretchen?«, fragte ich zurück.

Und in zwei Sekunden, in drei Sätzen hatte ich meine hübsche Vierländerin über die Lage der Dinge in Kenntnis gesetzt. Einige Augenblicke schwieg sie. Ob ihr Herz gleich dem meinigen klopfte, weiß ich nicht, aber ihre Hand in der Meinigen zitterte nicht. Hundert Schritte gingen wir stumm nebeneinander her.

»Axel!«, sagte sie endlich.

»Liebes Gretchen!«

»Das wird eine schöne Reise werden.«

Bei diesen Worten sprang ich auf.

»Ja, Axel, eine Reise, des Neffen eines Gelehrten würdig. Ein Mann muss sich durch ein großes Unternehmen beweisen!«

»Wie? Gretchen, du rätst mir nicht von solch einem Unternehmen ab?«

»Nein, lieber Axel, und ich würde euch gerne begleiten, wenn nicht ein armes Mädchen ein Hindernis für euch wäre.«


»Ist das wirklich dein Ernst?«

»Wirklich.«

Ach. Wie sind doch Frauen, junge Mädchen, weibliche Herzen stets unbegreiflich! Seid ihr nicht die schüchternsten Wesen, so seid ihr die Tapfersten! Vernunft hat bei euch keine Geltung. Wie? Dieses Kind ermunterte mich, die Reise mitzumachen! Sie hatte keine Furcht vor einer abenteuerlichen Fahrt! Sie drängte mich dazu, den sie doch liebte. Ich war verlegen und, um es offen zu sagen, schämte ich mich.

»Gretchen«, fuhr ich fort, »wir wollen sehen, ob du morgen noch genauso sprichst.«

»Morgen, lieber Axel, werde ich reden wie heute.«

Wir gingen Hand in Hand, aber in tiefem Schweigen unseres Weges weiter. Die Gemütsbewegungen des Tages hatten mich kleinlaut gemacht.

›Immerhin‹, dachte ich, ›ist der erste Juli noch weit entfernt, und bis dahin kann sich noch manches ereignen, was meinen Onkel von der tollen Lust, eine Reise unter die Erde zu machen, abbringen mag.‹

Es war schon dunkel geworden, als wir bei dem Hause in der Königstraße anlangten. Ich hatte vermutet, wir träfen die Wohnung ruhig an, meinen Onkel, wie gewöhnlich, schon zu Bette und Martha mit Abstauben des Speisezimmers beschäftigt. Aber ich hatte die Ungeduld des Professors nicht berücksichtigt. Ich fand ihn unter einer Truppe Lastträger, welche allerhand Waren in die Allee brachten, mit lautem Geschrei hin- und herrennend; die alte Dienerin wusste nicht, wo ihr der Kopf stand.

»Aber, so komm doch, Axel; eile doch, Unglückseliger!«, rief mein Onkel schon von Weitem, als er mich erblickte. »Und dein Koffer ist auch noch nicht gepackt, und meine Papiere sind noch nicht geordnet, und der Schlüssel meines Reisesacks ist nicht zu finden, und meine Gamaschen fehlen noch!«

Ich war wie vom Donner gerührt, die Stimme versagte mir. Kaum vermochten meine Lippen die Worte hervorzubringen: »Also reisen wir ab?«

»Ja, Unglückseliger, und du gehst spazieren, anstatt bei der Hand zu sein!«

»Wir reisen ab?«, fragte ich nochmals mit schwacher Stimme.

»Ja, übermorgen in aller Frühe.«

Ich wollte nichts weiter hören und flüchtete in mein Zimmerchen. Es war nicht mehr daran zu zweifeln. Mein Onkel hatte den Nachmittag dazu verwendet, einen Teil der Reiseutensilien anzuschaffen: Die Allee lag voller Strickleitern, Fackeln, Reiseflaschen, eisernen Haken, Spitzhacken, beschlagenen Stöcken, Spaten – wofür man mindestens zehn Mann zum Herbeischleppen brauchte. Ich brachte eine entsetzliche Nacht zu. Am folgenden Morgen hörte ich schon früh, wie man mich rief. Ich war entschlossen, meine Tür nicht zu öffnen. Aber wie hätte ich einer so süßen Stimme widerstehen können, die mir zurief: »Lieber Axel!« Ich ging aus meiner Kammer und dachte, mein verstörtes, blasses Aussehen, meine roten Augen würden auf Gretchen wirken, sodass sie ihre Gedanken änderte.

»Nun! Mein lieber Axel«, sagte sie zu mir. »Ich sehe, du befindest dich besser und die Nacht hat dich beruhigt.«

»Beruhigt?«, fragte ich.

Ich eilte vor meinen Spiegel. Ei nun! Ich sah nicht so übel aus wie ich gedacht hatte. Kaum zu glauben.

»Axel«, sagte Gretchen zu mir. »Ich habe gestern lange mit meinem Vormund geplaudert. Er ist ein kühner Gelehrter, ein mutiger Mann, und du wirst dich erinnern, dass sein Blut in deinen Adern fließt. Er hat mir von seinen Plänen erzählt, von seinen Hoffnungen, weshalb und wie er sein Ziel zu erreichen gedenkt. Ich zweifle nicht, dass er es erreichen wird. Ach! Lieber Axel, wie schön ist es, sich so seiner Wissenschaft hinzugeben! Welcher Ruhm wird Herrn Lidenbrock zuteil werden und auf seinen Genossen abfärben! Bei der Rückkehr wirst du ein Mann sein, seinesgleichen, frei zu reden, zu handeln, frei endlich zu ...«

Errötend stockte das Mädchen. Seine Worte machten mir wieder Mut. Dennoch wollte ich noch nicht an unsere Abreise glauben. Ich zog Gretchen mit mir in das Arbeitszimmer des Professors.

»Lieber Onkel«, fragte ich. »Es ist also ausgemacht, dass wir abreisen?«

»Wie? Du zweifelst noch daran?«

»Nein«, sagte ich, um ihm nicht zu widersprechen. »Nur möchte ich Sie fragen, ob es solch eine Eile damit hat.«

»Jawohl! Die Zeit drängt! Die Zeit, die unwiederbringlich schnell entflieht!«

»Wir haben ja doch erst den 26. Mai und bis Ende Juni ...«

»Hm! Meinst du denn, Unwissender, dass man so leicht nach Island kommt? Wärest du nicht wie ein Narr vor mir weggelaufen, so hätte ich dich mit auf das Kopenhagener Büro zu Liffender & Cie. genommen. Da hättest du erfahren, dass von Kopenhagen nach Reykjavik nur einmal monatlich, am 22., ein Boot abgeht.«

»Und?«

»Und? Wenn wir bis zum 22. Juni warten würden, würden wir zu spät ankommen, um zu sehen, wie ›des Scartaris Schatten den Krater des Sneffels liebkost‹. Wir müssen daher so schnell wie möglich nach Kopenhagen kommen, um daselbst für die Überfahrt ein Beförderungsmittel zu finden. Geh und pack deinen Koffer!«


Darauf war kein Wort zu entgegnen. Ich begab mich wieder in mein Zimmer. Gretchen folgte mir nach und bemühte sich selbst, meine Reiseutensilien in einen kleinen Ranzen zu packen. Das betrübte sie doch weniger, als wenn es sich um einen Ausflug nach Lübeck oder nach Helgoland gehandelt hätte. Ihre kleinen Hände bewegten sich ohne Eile hin und her. Sie redete ruhig und zählte mir die plausibelsten Gründe zugunsten unserer Unternehmung auf. Sie wirkten zauberhaft auf mich und ich konnte ihr nicht zürnen. Manchmal, wenn ich aufbrausen wollte, achtete sie nicht darauf und setzte mit methodischer Ruhe ihre Arbeit fort. Endlich war der letzte Riemen des Ranzens geschnallt und ich kam herab ins Erdgeschoss.

Diesen Tag über kamen die Lieferungen von physikalischen Instrumenten, Waffen, elektrischen Apparaten noch häufiger. Die gute Martha verlor den Kopf.

»Ist der Herr ein Narr geworden?«, fragte sie mich.

Ich machte ein Zeichen der Bestätigung.

»Und er nimmt Sie mit?«

Gleiches Ja.

»Wohin soll es denn gehen?«, fragte sie.

Ich deutete mit dem Finger nach dem Innern der Erde.

»In den Keller?«, fragte die alte Dienerin.

»Nein«, antwortete ich, »noch tiefer hinab!«

Der Abend kam. Ich wusste gar nicht mehr, wie die Zeit verflossen war.


»Morgen früh«, sagte mein Onkel, »exakt um sechs Uhr reisen wir ab.«

Um zehn Uhr sank ich wie eine träge Masse auf mein Bett. Während der Nacht kam mir wieder die Angst. Ich träumte in einem fort von Abgründen! Ich verfiel dem Wahnsinn. Ich fühlte mich von des Professors starker Hand ergriffen, fortgezogen, in einen Schlund gestürzt. Ich fiel in unergründliche Schluchten hinab mit der wachsenden Schnelligkeit fallender Körper. Mein Leben war nur noch ein endloses Fallen. Um fünf Uhr wachte ich auf, zerschlagen von Erschöpfung und Aufregung. Ich begab mich ins Speisezimmer hinab. Mein Onkel saß am Tisch und schlang sein Frühstück hinunter. Ich blickte ihn mit einer Art Grauen an. Aber Gretchen war zugegen. Ich sprach nichts, konnte auch nichts essen. Um halb sechs Uhr hörte man das Rattern eines Wagens in der Straße. Es kam eine große Kutsche, die uns zur Altonaer Eisenbahn bringen sollte. Sie war bald mit den Koffern meines Onkels bepackt.

»Und dein Koffer?«, fragte er mich.

»Er ist gepackt«, antwortete ich und es wurde mir schwach.

»So bring ihn schnell herunter oder du bist schuld, wenn wir den Zug verpassen!«

Gegen mein Schicksal anzukämpfen, schien mir damals unmöglich. Ich begab mich wieder in meine Kammer, ließ meinen Ranzen die Treppe hinabrutschen und folgte hinterdrein. In diesem Augenblick gab mein Onkel die ›Zügel‹ seines Hauses in Gretchens Hände. Meine hübsche Vierländerin bewahrte ihre gewohnte Ruhe. Sie umarmte ihren Vormund, konnte aber, als sie meine Wange mit ihren süßen Lippen berührte, eine Träne nicht zurückhalten.

»Gretchen!«, sprach ich.

»Geh, lieber Axel, geh!«, sagte sie zu mir. »Du verlässt deine Braut, aber bei der Rückkehr findest du deine Frau.«

Ich schloss Gretchen in meine Arme, dann setzte ich mich in den Wagen. Martha und das junge Mädchen sagten uns von der Schwelle des Hauses aus Lebewohl. Darauf rannten die Pferde, durch das Pfeifen ihres Kutschers auf Trapp gebracht, im Galopp über die Altonaer Straße.

8. Auf dem Weg nach Island

ACHTES KAPITEL Auf dem Weg nach Island

V

on Altona aus, welches zu den Außenbezirken Hamburgs gehört, führt eine Eisenbahn nach Kiel, von wo wir ans Ufer des Belts gelangten. In zwanzig Minuten kamen wir auf holsteinisches Gebiet. Um halb sieben hielt der Wagen vor dem Bahnhof; die zahlreichen Gepäckstücke meines Onkels, seine umfangreichen Reiseartikel wurden abgeladen, transportiert, gewogen, etikettiert, in den Gepäckwagen verladen und um sieben Uhr saßen wir uns im selben Eisenbahnabteil gegenüber. Der Dampf zischte, die Lokomotive setzte sich in Bewegung. Wir befanden uns auf dem Weg. Ich hatte mich immer noch nicht damit abgefunden. Doch wirkten die frische Morgenluft, die bei der Schnelligkeit der Fahrt rasch erneuerten Eindrücke darauf hin, mich durch Zerstreuung aus meiner großen Befangenheit zu reißen. Die Gedanken des Professors eilten dem Zug, der für seine Ungeduld zu langsam fuhr, offenbar voraus. Wir befanden uns allein im Abteil, sprachen aber kein Wort miteinander. Mein Onkel überprüfte seine Taschen und seinen Reisesack mit sorgfältiger Aufmerksamkeit. Ich sah wohl, dass es ihm für die Ausführung seiner Pläne an nichts mangelte. Unter anderem hatte er ein sorgfältig zusammengelegtes Blatt Papier mit dem Wappen des dänischen Konsuls aus Hamburg, der ein Freund des Professors war. Mit Hilfe desselben konnten wir in Kopenhagen leicht Empfehlungen an den Gouverneur von Island bekommen. Ich bemerkte auch das merkwürdige Dokument in der geheimsten Tasche des Portefeuilles aufs Sorgfältigste verstaut. Ich verfluchte es aus tiefstem Herzen und sah mir das Land an. Es war eine ungeheure Reihe wenig abwechslungsreicher Ebenen, die einförmig, schlammig und ziemlich fruchtbar waren: Eine Landschaft, die zur Anlage von Eisenbahnen sehr geeignet war und gerade Linien zuließ, welche den Eisenbahngesellschaften so erwünscht sind. Aber diese Einförmigkeit konnte mir nicht einmal langweilig werden, denn bereits drei Stunden nach unserer Abfahrt hielt der Zug in Kiel zwei Schritte vom Meer entfernt. Da unser Gepäck nach Kopenhagen eingeschrieben war, brauchten wir uns nicht darum zu kümmern. Doch wurde es vom Professor während des Transports zum Dampfboot mit prüfenden Augen überwacht. Hier wurde es im unteren Schiffsraum eingelagert.

Mein Onkel hatte bei seiner übermäßigen Eile die Stunden des Anschlusses von Dampfboot und Eisenbahn so wohl berechnet, dass wir einen vollen Tag zu verlieren hatten. Das Dampfboot ›Ellenora‹ ging nicht vor Abend ab. Daraus entsprang ein neunstündiger Fieberzustand, währenddessen der zornwütige Reisende die Schiffs- und Eisenbahnverwaltung zum Teufel wünschte, samt den Regierungen, welche dergleichen Missstände gestatteten. Ich musste darin einstimmen, als er den Kapitän der ›Ellenora‹ darüber zur Rede stellte. Er wollte ihn nötigen, unverzüglich heizen zu lassen. Der aber hieß ihn seines Weges gehen.

In Kiel muss wohl, wie anderwärts, ein Tag hinzubringen sein. Wir gingen an den grünen Ufern des Hafens entlang, in deren Hintergrund sich das Städtchen erhebt, spazieren, durchliefen die belaubten Gebüsche, welche ihm das Aussehen eines Nestes unterm Gezweig geben, die Villen zu bewundern, welche sämtlich mit Badehäuschen versehen sind; so kam unter Herumlaufen und Fluchen zehn Uhr abends heran.

Die Rauchwolken der ›Ellenora‹ wirbelten in die Lüfte; das Verdeck zitterte unter den Stößen des Dampfkessels; wir befanden uns an Bord im Besitz von zwei Lagerstätten übereinander in der einzigen Kammer des Bootes. Um zehn Uhr fünfzehn Minuten wurden die Anker gelichtet und der Dampfer fuhr rasch über die dunklen Fluten des Großen Belts. Es war dunkle Nacht, ein hübscher Seewind, und das Meer wogte stark; einige Feuer an der Küste schimmerten durch die Finsternis; später, ich weiß nicht wo, glänzte ein Leuchtturm hell über die Fluten. Um sieben Uhr früh landeten wir in Korsör, einem Städtchen an der Westküste Seelands. Hier stiegen wir unverzüglich in den Waggon einer weiteren Eisenbahn und fuhren durch eine Landschaft, die nicht minder flach war, als die Ebenen Holsteins. Nach drei Stunden gelangten wir in der Hauptstadt Dänemarks an. Mein Onkel hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Ich glaube, in seiner Ungeduld trat er den Waggon mit Füßen. Endlich gewahrte er eine Mündung ins Meer.

»Der Sund!«, rief er.

Zu unserer Linken befand sich ein ungeheurer Bau, der einem Spital glich.

»Das ist ein Irrenhaus«, sagte einer unserer Reisegefährten.

›Gut‹, dachte ich, ›da sollten wir bis ans Ende unserer Tage bleiben! Und so groß dies Spital ist, so wäre es doch zu klein für alle Narrheit des Professors Lidenbrock!‹

Endlich, um zehn Uhr, stiegen wir in Kopenhagen aus; das Gepäck wurde auf eine Kutsche geladen und mit uns zum Hotel ›Phönix‹ an der Bredgade gefahren. Das dauerte eine halbe Stunde, denn der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt. Darauf nahm mich mein Onkel, nachdem er ein wenig seine Toilette geordnet hatte, mit sich. Der Portier des Hotels sprach deutsch und englisch, aber der Professor, der vieler Sprachen kundig war, fragte ihn in gutem Dänisch und auf Dänisch gab ihm der Mann an, wo das Museum der Nordischen Altertümer lag. In dieser merkwürdigen Anstalt sind eine Menge wunderbarer Dinge aufgestapelt, woraus man die Geschichte des Landes mit seinen alten Steinwaffen, seinen Humpen und Schmucksachen wieder aufbauen könnte. Der Direktor desselben, der gelehrte Professor Thomson, war ein Freund des hamburgischen Konsuls. Mein Onkel hatte einen Brief an denselben, der ihn warm empfahl. Im Allgemeinen empfängt ein Gelehrter den anderen ziemlich schlecht. Aber hier war es ganz anders. Als dienstfertiger Mann ließ Herr Thomson dem Professor Lidenbrock und selbst seinem Neffen einen herzlichen Empfang zuteil werden. Dass mein Onkel dem trefflichen Direktor gegenüber sein Geheimnis bewahrte, brauche ich wohl kaum zu sagen. Unsere Absicht bestand ganz einfach darin, Island als Liebhaber ohne Interesse zu besuchen. Herr Thomson stellte sich uns ganz zur Verfügung und wir liefen über die Quais, um ein abfahrendes Schiff zu finden. Ich hoffte, es werde ganz an Beförderungsmitteln fehlen, aber ich täuschte mich. Eine kleine dänische Corvette, die ›Valkyrie‹, sollte am 2. Juni nach Reykjavik in See stechen. Der Kapitän, Herr Bjarne, befand sich an Bord. Sein baldiger Passagier drückte ihm in seiner Freude tüchtig die Hände. Der wackere Mann war über diese Herzlichkeit etwas perplex. Er fand es ganz natürlich, dass er, wie es seine Aufgabe war, nach Island fahre. Meinem Onkel kam das als etwas Erhabenes vor. Der würdige Kapitän benutzte diesen Enthusiasmus, um uns für die Überfahrt doppelt bezahlen zu lassen. Aber wir machten uns daraus nicht viel. Herr Bjarne strich eine ansehnliche Summe Speziestaler ein und sagte: »Erscheinen Sie Dienstag um sieben Uhr früh an Bord.« Wir dankten Herrn Thomson für seine Bemühung und begaben uns ins Hotel ›Phönix‹ zurück.

»Das läuft ja prima! Prima!«, sprach mein Onkel. »Welch glücklicher Zufall, dass wir dieses Schiff zur Abfahrt bereit fanden! Jetzt wollen wir frühstücken und dann die Stadt besichtigen.«

Wir begaben uns zum Kongens-Nytorv, einem großen Platz, wo sich ein Posten befand mit zwei aufgemotzten unschuldigen Kanonen, die keinem Menschen Angst machen. Dicht daneben, im Haus Nr. 5, befand sich ein französisches Speiselokal, das von einem Koch namens Vincent geführt wurde. Dort frühstückten wir ausgiebig für den mäßigen Preis von vier Mark. Danach freute ich mich wie ein Kind darauf, die Stadt zu besichtigen; mein Onkel ließ sich führen; übrigens sah er nichts, weder den unbedeutenden Königspalast, noch die hübsche Brücke aus dem 17. Jahrhundert, die vor dem Museum über den Kanal führt, noch das ungeheure Grabmal Thorwaldsens, das an den Wänden mit abscheulichen Gemälden verziert ist und die Werke dieses Bildhauers enthält, noch in einem ziemlich schönen Park das allerliebste Schloss Rosenberg, noch den bewundernswerten Renaissance-Bau der Börse, noch deren Turm, der aus den verschlungenen Schwänzen von vier bronzenen Drachen gebildet ist, noch die großen Mühlen der Festungswerke, deren ungeheure Flügel gleich den Segeln eines Schiffes im Seewind schwellen. Was hätten wir da, meine hübsche Vierländerin und ich, für herrliche Spaziergänge entlang des Hafens machen können, wo die Zweidecker und Fregatten unter ihrer roten Bedachung ruhten, an dem grünen Gestade der Meerenge, durch das schattige Buschwerk, in dessen Schoße sich die Zitadelle birgt, deren Kanonen zwischen Holunder- und Weidenzweigen ihre schwarzen Mündungen hervorstrecken! Aber ach! Mein armes Gretchen war fern und konnte ich hoffen, sie jemals wiederzusehen?


Mein Onkel jedoch hatte kein Auge für diese Schönheiten. Umso mehr aber gefiel ihm ein Glockenturm der Insel Amak, welche den südwestlichen Teil Kopenhagens bildet. Wir richteten unsere Schritte dorthin, bestiegen ein kleines Dampffahrzeug, welches zum Verkehr auf den Kanälen diente, und in einigen Augenblicken legte es am Quai Dock-Yard an. Nachdem wir durch einige enge Straßen gekommen waren, wo Galeerensträflinge in halb gelben, halb grauen Hosen unter dem Stock der Aufseher arbeiteten, kamen wir zur Vor-Frelsers-Kirk. Diese Kirche bietet nichts Auffälliges. Dagegen wurde die Aufmerksamkeit des Professors durch einen ziemlich hohen Turm angezogen, um dessen Spitze sich von der Plattform an außen im Freien eine Treppe spiralförmig windet.

»Steigen wir hinauf!«, sagte mein Onkel.

»Und was ist mit meinem Schwindel?«, fragte ich.

»Dann umso eher, man muss sich gewöhnen.«

»Doch ...«

»Komm, sag ich dir, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Ich musste mich fügen. Der Küster, der gegenüber wohnte, gab uns einen Schlüssel und wir begannen hinaufzusteigen. Mein Onkel ging mit munterem Schritt voran. Ich folgte nicht ohne Angst nach, denn es wurde mir sehr leicht schwindelig. Die Haltung eines Adlers und die Unempfindlichkeit seiner Nerven besaß ich nicht. Solange wir uns in der inneren Schnecke befanden, ging alles gut. Aber nach etwa 150 Stufen wehte mir die Luft ins Gesicht; wir waren bis zur Plattform gekommen, von wo aus die Treppe in freier Luft begann, mit einem schwachen Geländer und Stufen, die stets enger wurden und bis zum Unendlichen zu führen schienen.

»Es ist mir nicht möglich! Niemals!«, sprach ich.

»Solltest du wohl so feige sein? Steig hinauf!«, entgegnete der Professor unnachgiebig.

Ich musste ihm durchaus folgen und klammerte mich an. In der freien Luft schwand mir die Besinnung; bei den heftigen Windstößen fühlte ich den Turm schwanken, meine Beine versagten mir den Dienst; ich rutschte bald auf den Knien, dann auf dem Leib; ich schloss die Augen, es wurde mir übel. Endlich, indem mein Onkel mich am Kragen fasste, kam ich bei der Kuppel an.

»Jetzt schau«, sagte er, »und schaue genau hin! Du musst lernen, in einen Abgrund zu blicken!«

Ich öffnete die Augen. Ich sah die Häuser platt und zusammengedrückt, wie mitten im Nebelrauch. Über meinem Kopf zog flockiges Gewölk und durch eine optische Täuschung schien es mir unbeweglich, während der Turm, die Kuppel, wir zugleich mit in fantastischer Eile fortgezogen wurden. In der Ferne sah man auf der einen Seite grüne Felder, auf der andern das im Sonnenlicht schimmernde Meer. Bei der Spitze von Helsingör breitete sich der Sund aus, mit etlichen weißen Segeln, und östlich zeigten sich im Nebel wogend die halb verwischten Gestade Schwedens. Dies alles zusammen wirbelte vor meinen Augen. Dem ungeachtet musste ich aufstehen, mich gerade halten, schauen. Meine erste Schwindel-Lektion dauerte eine Stunde. Als ich endlich wieder hinabsteigen und den festen Boden des Pflasters betreten durfte, war ich in allen Gliedern steif.

»Morgen wiederholen wir die Lektion«, sagte mein Professor. Und wirklich, fünf Tage wurde diese Schwindelübung fortgesetzt und ich machte, mit meinem und gegen meinen Willen, spürbare Fortschritte in der Kunst, von einem hohen Standort aus zu blicken.

9. Ankunft auf Island

NEUNTES KAPITEL Ankunft auf Island

D

er Tag der Abreise kam heran. Tags zuvor überbrachte uns der hilfsbereite Herr Thomson dringende Empfehlungsbriefe an den Statthalter Islands, den Grafen Trampe, den Koadjutor des Bischofs, Herrn Pictursson, und den Bürgermeister von Reykjavik, Herrn Finsen. Mein Onkel dankte ihm mit wärmstem Händedruck. Am 2., sechs Uhr früh, befand sich unser kostbares Gepäck an Bord der ›Valkyrie‹. Der Kapitän führte uns in ziemlich enge Kabinen.

»Haben wir günstigen Wind?«, fragte mein Onkel.

»Vorzüglichen«, antwortete Kapitän Bjarne. »Südost. Wir werden mit vollen Segeln aus dem Sund in die weite See stechen.«

Nach einer kleinen Weile stach die Goelette, mit Fockmast, Mars-, Brigg- und Bramsegel, in See und fuhr unter vollem Wind in die Meerenge ein. Eine Stunde danach schien die Hauptstadt Dänemarks fern in den Fluten zu versinken und die ›Valkyrie‹ fuhr entlang der Küste von Helsingör. Ich befand mich in gereizter Stimmung, glaubte Hamlets Schatten auf der Terrasse des alten Schlosses zu sehen, das übrigens weit jünger ist, als der heroische Prinz von Dänemark. Es dient gegenwärtig als noble Behausung des Pförtners am Sund, an der jährlich 15.000 Schiffe aller Nationen vorbeifahren. Das Schloss Kronborg verschwand bald im Nebel, ebenso der Turm von Helsingborg auf dem schwedischen Gestade, und die Goelette neigte sich ein wenig unterm Wehen der Seewinde des Kattegats. Die ›Valkyrie‹ segelte ausgezeichnet, aber auf ein Segelschiff kann man sich nie sehr verlassen. Es war für Reykjavik mit Kohlen, Haushaltsgegenständen, Töpferwaren, wollenen Kleidungsstücken und einer Ladung Getreide befrachtet. Fünf Mann, lauter Dänen, genügten als Besatzung.

»Wie lange wird die Überfahrt dauern?«, fragte mein Onkel den Kapitän.

»Zehn Tage etwa«, entgegnete dieser, »wenn wir nicht bei den Färöerinseln mit allzu viel Gegenwind aus Nordwest zu kämpfen haben.«

»Aber Sie werden sich dadurch doch nicht bedeutend verspäten?«

»Nein, Herr Lidenbrock; seien Sie beruhigt, wir werden schon zur rechten Zeit ankommen.«

Gegen Abend fuhr die Goelette um das Kap Skagen an der Nordspitze Dänemarks, dann während der Nacht durch den Skagerrak, streifte beim Kap Lindenäs an der Südspitze Norwegens vorüber und stach ins Nordmeer. Zwei Tage danach sichteten wir die schottische Küste bei Petterhead und die ›Valkyrie‹ fuhr zwischen den Orkney- und Shetlandinseln auf die Färöer zu. Bald glitt unsere Goelette über die Wogen des Atlantischen Ozeans; sie musste gegen den Nordwind lavieren und kam mit Mühe bei diesen Inseln an. Am 8. erkannte der Kapitän Myggenäs, die östlichste Insel dieser Gruppe, und von nun an fuhren wir gerade auf Kap Portland an der Südküste Islands zu. Es kam nichts Ungewöhnliches bei der Fahrt vor. Ich überstand leicht die Seekrankheit; mein Onkel war zu seinem großen Leidwesen beständig unwohl und schämte sich dessen. Er konnte also den Kapitän Bjarne nicht über den Sneffel, über die Verkehrsmittel und den Transport befragen. Er musste dies also auf seine Ankunft verschieben und brachte seine ganze Zeit liegend in seiner Kabine zu, deren Scheidewände vom Wogenschlag krachten. Er verdiente auch wirklich sein Schicksal ein wenig. Am 11. sichteten wir Kap Portland. Das damals helle Wetter ließ Myrdals Yokul, der es beherrscht, erkennen. Das Kap besteht aus einer starken, sich vereinzelt am Ufer erhebenden Anhöhe mit steilen Abhängen. Die ›Valkyrie‹ hielt sich in mäßiger Entfernung von den Küsten, indem sie entlang derselben westwärts mitten durch Schwärme von Hai- und Walfischen fuhr. Bald zeigte sich ein ungeheurer durchbrochener Felsen, durch welchen das schäumende Meer mit wütendem Brausen spritzte. Die Westman-Inselchen schienen wie hingesäte Felsen über dem Meeresspiegel emporzuragen. Von hier fuhr die Goelette weiter vom Land ab, um das Kap Reykjanäs, welches die Westspitze von Island bildet, in gehöriger Entfernung zu umsegeln. Mein Onkel war durch das starke Wogen des Meeres gehindert, das Deck zu betreten, um die ausgezackten Küsten zu bewundern. 48 Stunden später, nach einem Sturm, der mit eingeholten Segeln zu fliehen zwang, gewahrte man östlich die Boje der Spitze Skagen, deren gefährliche Felsen sich weithin unter dem Wasserspiegel ziehen. Es kam ein isländischer Lotse an Bord und nach drei Stunden ankerte die ›Valkyrie‹ in der Bucht Faxa vor Reykjavik. Nun kam der Professor endlich aus seiner Kabine heraus, etwas blass und zerschlagen, aber immer noch enthusiastisch, und aus seinen Augen leuchtete Befriedigung.

Am Kai strömte die Bevölkerung der Stadt, die sich für das ankommende Schiff ungemein interessierte, zusammen. Mein Onkel beeilte sich, um sein Gefängnis, um nicht zu sagen, sein Krankenhaus, zu verlassen. Bevor er aber von Deck stieg, zog er mich in den Vordergrund und zeigte mir mit dem Finger auf der Nordseite der Bucht einen hohen Berg mit zwei Spitzen, einen doppelten, mit ewigem Schnee bedeckten Kegel.

»Der Sneffels!«, sagte er. »Der Sneffels!«

Darauf, nachdem er mir mit einem Wink unbedingtes Schweigen anbefohlen hatte, stieg er in das Landungsboot, ich ihm nach, und bald betraten wir den Boden Islands. Sofort erschien ein stattlicher Mann in Generalsuniform. Es war jedoch nur ein Magistrat, der Statthalter der Insel, Baron Trampe, in eigener Person. Der Professor überreichte ihm seine Briefe aus Kopenhagen und es entspann sich eine kurze Unterhaltung in dänischer Sprache, woran ich mich, aus gutem Grunde, durchaus nicht beteiligte. Das Resultat war, dass der Baron Trampe sich dem Professor Lidenbrock völlig zur Verfügung stellte. Ein herzlicher Empfang wurde meinem Onkel von dem Bürgermeister Finsen zuteil, der gleich dem Statthalter in militärischer Uniform ebenso friedlichen Charakters war. Der Koadjutor Pictursson befand sich eben auf einer bischöflichen Rundreise im nördlichen Bezirk; wir mussten vorerst darauf verzichten, ihm vorgestellt zu werden. Aber der Professor der Naturwissenschaften an der Schule von Reykjavik, Herr Fridrickson, ein sehr hilfsbereiter Mann, gewährte uns einen sehr schätzbaren Beistand. Dieser bescheidene Gelehrte sprach nur Isländisch und Latein; er bot mir in letzterer Sprache seine Dienste an und wir konnten uns in derselben leicht verständigen. Er war auch in der Tat der einzige Mann, mit dem ich mich während meines Aufenthalts auf Island unterhalten konnte. Von den drei Zimmern, welche seine Wohnung enthielt, stellte uns der zuvorkommende Mann zwei zur Verfügung und wir richteten uns flugs bei ihm ein, über die Menge unseres Gepäcks waren die Bewohner von Reykjavik etwas erstaunt.


»Nun, Axel«, sagte mein Onkel. »Es wird gut gehen; die Hauptschwierigkeit liegt schon hinter uns.«

»Wie, die Hauptschwierigkeit?«, fragte ich verblüfft.

»Allerdings, wir brauchen nur noch hinabzusteigen.«

»Wenn Sie es so verstehen, haben Sie Recht; aber am Ende, denke ich, müssen wir auch wieder heraufkommen.«

»Oh! Das bereitet mir keine Sorgen! Wohlan! Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich gehe nun in die Bibliothek, da findet sich vielleicht ein Manuskript von Saknussemm, das ich sehr gerne zu Rate ziehen würde.«

»Dann besichtige ich unterdessen die Stadt. Wollen Sie das nicht auch tun?«

»Das interessiert mich sehr wenig. Die Besonderheiten dieses Landes liegen nicht über, sondern unter der Erde.«

Ich ging aus und streifte umher. Sich in den zwei Straßen Reykjaviks zu verirren, wäre nicht leicht gewesen. Ich brauchte daher nicht nach dem Weg zu fragen, was in der Gebärdensprache auch zu Missverständnissen hätte führen können. Die Stadt zieht sich auf ziemlich niederem und sumpfigem Boden zwischen zwei Anhöhen hin. Auf der einen Seite ist sie von einer ungeheuren Lavaschicht bedeckt, die in allmählichen Stufen nach dem Meer zu abfällt; auf der andern erstreckt sich die ungeheure, nördlich von dem großen Gletscher des Sneffels begrenzte Bucht Faxa, worin eben die ›Valkyrie‹ das einzige vor Anker liegende Schiff war. Gewöhnlich liegen hier die englischen und französischen Fischerboote in Mengen; diese waren aber damals auf der Nordküste der Insel beschäftigt. Die längere der beiden Straßen von Reykjavik verläuft parallel zum Ufer; in derselben wohnen die Kauf- und Geschäftsleute in hölzernen Hütten, die aus roten, horizontal gelegten Balken aufgebaut sind; die andere läuft westlicher zwischen den Häusern des Bischofs und der anderen, nicht dem Handel angehörigen Personen einem kleinen See zu. Die trübseligen, düsteren Straßen hatte ich rasch durchschritten. Ich sah darin mitunter ein Stückchen farblosen Rasen gleich einem alten abgetragenen Teppich oder auch ein Fleckchen, das wie ein Nutzgarten aussah, mit etwas Gemüse, Kartoffeln, Kohl und Lattich, welches wohl für eine Liliputanertafel ausgereicht haben würde; einige kränkelnde Levkojen suchten auch am Sonnenstrahl Erquickung. Ungefähr in der Mitte der nicht geschäftlichen Straße fand ich, umgeben von einer Erdmauer, den öffentlichen Friedhof, bei dem es an Platz nicht mangelte. Hierauf, nach einigen Schritten, gelangte ich zur Wohnung des Statthalters, einem Gemäuer gleich dem Stadthause in Hamburg, einem Palast neben den Hütten der isländischen Bewohner. Zwischen dem kleinen See und der Stadt erhob sich die Kirche, die im protestantischen Stil aus verkalktem, von den Vulkanen ausgeworfenem Gestein erbaut war; durch die argen Westwinde wäre ihr Dach aus rotem Ziegelstein augenscheinlich in alle Lüfte zerstreut worden. Auf einer nahen Anhöhe erblickte ich die Nationalschule, wo man, wie ich danach von unserem Hauswirt hörte, die hebräische, englische, französische und dänische Sprache lehrte, von welchen vier Sprachen ich, zu meiner Schande, nicht ein Wörtchen verstand. Ich wäre unter den vierzig Schülern dieses kleinen Gymnasiums der schlechteste gewesen, und nicht würdig, mit ihnen in den Schränken mit zwei Abteilungen zu schlafen, worin die schwächeren in der ersten Nacht ersticken konnten.


In drei Stunden hatte ich nicht allein die Stadt, sondern auch ihre Umgebung gemustert. Im Allgemeinen ein höchst trauriger Anblick. Keine Bäume, sozusagen keine Vegetation. Überall lebende Spitzen vulkanischen Gesteins. Die Hütten der Isländer sind aus Erde und Torf gebaut, ihre Wände nach innen geneigt. Sie sehen wie Dächer aus, die unmittelbar auf dem Boden ruhen. Nur sind diese Dächer Wiesen, die einigermaßen sprießen. Infolge der Wärme ihrer Bewohner sprießt das Gras darauf sogar ziemlich gut und man mäht es zur Zeit der Heuernte sorgfältig ab, sonst würden die Haustiere auf den grünen Dächern weiden.

Während meines Spaziergangs begegneten mir nur wenige Leute. Auf dem Heimweg durch die gewerbliche Straße fand ich die meisten Einwohner beschäftigt, Kabeljau zu trocknen, zu salzen und einzuladen; denn dies ist der Hauptausfuhrartikel. Die Menschen schienen kräftig, aber schwerfällig, Musterstücke von blonden Deutschen mit bedachtem Auge, die sich etwas außerhalb der menschlichen Gesellschaft fühlen, arme, in dieses Eisland verwiesene Verbannte, welche die Natur dazu verurteilte, auf dieser Grenze des Polarkreises zu leben! Ich bemühte mich vergebens, ein Lächeln auf ihrem Antlitz wahrzunehmen; manchmal lachten sie wohl aus unwillkürlicher Muskelbewegung, niemals aber kam es zur Freundlichkeit eines Lächelns. Ihre Tracht bestand in einem groben Rock aus schwarzer Wolle, die in den skandinavischen Ländern unter dem Namen ›vadmel‹ bekannt ist, einem breitrandigen Hut, Hosen mit roter Borde und einem Stück Leder, das zu einer Art Fußbekleidung zusammengelegt ist. Die Frauen, von traurigem Aussehen, zeigten ziemlich angenehme, aber ausdruckslose Züge; ihre Kleidung bestand aus Leibchen und Rock aus dunklem ›vadmel‹; die Mädchen trugen ihr Haar in Zöpfen geflochten unter einem braunen gestickten Häubchen; die Verheirateten hatten als Kopfbedeckung ein buntes Tuch, worüber sich eine Verzierung aus weißem Leinen befand.

Als ich nach diesem hübschen Spaziergang in die Behausung des Herrn Fridrickson zurückkam, fand ich meinen Onkel bereits in Gesellschaft seines Hauswirts.

10. Professor Fridrickson

ZEHNTES KAPITEL Professor Fridrickson

D

as Mittagessen war fertig. Professor Lidenbrock verschlang es mit großem Appetit, denn sein Magen war infolge des Fastens an Bord zu einem Schlund geworden. Diese mehr dänische als isländische Mahlzeit hatte an sich nichts Befremdendes; aber unser Wirt, der mehr Isländer als Däne war, erinnerte mich an die alte Gastfreundschaft, welche den Gast mehr gelten lässt. In die Unterhaltung, welche in der Landessprache geführt wurde, mischte mein Onkel deutsche Brocken und Herr Fridrickson lateinische, damit auch mir etwas verständlich sei. Sie betraf wissenschaftliche Fragen, wie es bei Gelehrten der Fall ist; aber Professor Lidenbrock hielt sich äußerst zurück und seine Augen befahlen mir bei jedem Satz unbedingtes Schweigen über unsere Ziele. Zuerst erkundigte sich Herr Fridrickson bei meinem Onkel über das Resultat seiner Nachforschungen in der Bibliothek.

»Ihre Bibliothek«, sagte er, »besteht nur aus unvollständigen Werken, aus fast leeren Fächern.«

»Wie?«, entgegnete Herr Fridrickson. »Wir besitzen 8.000 Bände, worunter sich viele wertvolle und seltene Werke in altskandinavischer Sprache befinden, und alle neueren Erscheinungen, womit wir von Kopenhagen aus jährlich versorgt werden.«

»Wo sind denn diese 8.000 Bände? Meiner Schätzung nach ...«

»Doch, Herr Lidenbrock, sie sind im Umlauf im Land. Man hat auf unserer alten Eisinsel Lust am Lesen! Es gibt keinen Bauern, keinen Fischer, der nicht lesen könnte und nicht liest. Wir meinen, Bücher seien dazu bestimmt, anstatt hinter eisernen Gittern zu verschimmeln, unter den Augen der Leser nützlich zu sein. So sind denn auch diese Bände von Hand zu Hand im Umlauf, werden durchblättert, gelesen und wieder gelesen; und manchmal sind sie ein Jahr oder zwei unterwegs, bis sie wieder in ihr Fach kommen.«

»Doch«, entgegnete mein Onkel etwas ärgerlich, »die Fremden ...«

»Was meinen Sie! Die Ausländer haben in ihrer Heimat Bibliotheken und vor allem bedürfen unsere Landsleute der geistigen Nahrung. Ich wiederhole, Freude an der Belehrung liegt dem Isländer im Blute. Auch haben wir 1816 eine literarische Gesellschaft gegründet, die in voller Blüte steht; ausländische Gelehrte machen sich eine Ehre daraus, derselben anzugehören; sie veröffentlicht Schriften für Erziehung und Bildung unserer Landsleute und leistet dem Land wirkliche Dienste. Wenn Sie, Herr Lidenbrock, uns als korrespondierendes Mitglied angehören wollen, bereiten Sie uns damit eine große Freude.«

Zur dankbaren Befriedigung des Herrn Fridickson nahm mein Onkel, der bereits hunderten von wissenschaftlichen Gesellschaften angehörte, freundlich an.

»Jetzt«, fuhr dieser fort, »geben Sie mir bitte die Bücher an, die Sie in unserer Bibliothek zu finden hofften, und ich kann Ihnen darüber vielleicht Auskunft erteilen.«

Ich sah meinen Onkel an. Er zögerte mit der Antwort. Das berührte direkt seine Pläne. Doch entschloss er sich nach einiger Überlegung, zu reden.

»Herr Fridrickson«, sagte er, »ich möchte wissen, ob Sie unter Ihren alten Büchern auch die von Arne Saknussemm besitzen?«

»Arne Saknussemm!«, entgegnete der Professor aus Reykjavik. »Sie meinen den Gelehrten des 16. Jahrhunderts, der ein großer Naturforscher, Alchimist und Reisender war?«

»Den genau meine ich.«

»Eine der Zierden der Wissenschaft und Literatur Islands?«

»Wie Sie sagen.«

»Ein weltberühmter Mann?«

»Das gestehe ich ein.«

»Von ebenso großem Mut wie Genie?«

»Ich sehe, dass Sie ihn genau kennen.« Mein Onkel hörte mit Entzücken so von seinem Helden sprechen. Seine Blicke hingen gebannt an Herrn Fridrickson.

»Nun?«, fragte er. »Und seine Werke?«

»Seine Werke haben wir nicht.«

»Wie? Auf Island?«

»Sie existieren weder auf Island noch sonst wo.«

»Und warum nicht?«

»Weil Arne Saknussemm als Ketzer verfolgt wurde und seine Werke im Jahre 1573 in Kopenhagen verbrannt wurden.«

»Vorzüglich!«, sagte mein Onkel zum Ärgernis des Professors der Naturwissenschaften.

»Wie bitte?«, fragte dieser.

»Ja! Alles erklärt sich, alles verknüpft sich, alles ist verständlich und ich begreife, weshalb Saknussemm, nachdem seine Schriften verbrannt wurden und er dazu genötigt wurde, die Entdeckung seines Geistes zu verbergen, sein Geheimnis in unverständliche Geheimschrift verhüllen musste ...«

»Was für ein Geheimnis?«, fragte Fridrickson lebhaft.

»Ein Geheimnis ... das ...«, entgegnete mein Onkel stotternd.

»Haben Sie vielleicht ein besonderes Dokument?«

»Nein ... Es war eine reine Vermutung.«

»Gut«, versetzte Herr Fridrickson, der, als er seine Verlegenheit bemerkte, so freundlich war, nicht weiter in ihn zu dringen. »Ich hoffe«, fuhr er fort, »Sie werden unsere Insel nicht verlassen, ohne aus ihren mineralogischen Schätzen zu schöpfen?«

»Natürlich nicht«, entgegnete mein Onkel, »aber ich komme vielleicht zu spät. Sind schon andere Gelehrte hier gewesen?«

»Ja, Herr Lidenbrock; die auf königlichen Befehl ausgeführten Arbeiten der Herren Olafsen und Povelsen, die Studien Troils, die wissenschaftliche Mission der Herren Gaimard und Robert an Bord der französischen Corvette ›La Recherche‹[1], und zuletzt die Beobachtungen der auf der Fregatte ›La Reine Hortense‹ befindlichen Gelehrten haben zur Kenntnis Islands sehr viel beigetragen. Aber, glauben Sie mir, sie haben noch etwas zu tun übrig gelassen.«

»Das meinen Sie?«, fragte mein Onkel mit gutmütiger Miene, indem er das Feuer in seinen Augen zu mildern bemüht war.

»Ja. Was sind da für Berge, Gletscher, Vulkane, die noch wenig bekannt sind, zu erforschen! Sehen Sie da, um nicht weiter zu gehen, diesen Berg am Horizont emporragen. Das ist der Sneffels.«

»So«, sagte mein Onkel. »Der Sneffels also!«

»Ja, einer der merkwürdigsten Vulkane, dessen Krater selten besucht wird.«

»Ist er erloschen?«

»Oh! Seit fünfhundert Jahren schon.«

»Nun denn!«, entgegnete mein Onkel, der, um nicht aufzuspringen, krampfhaft die Beine übereinander schlug. »Ich habe Lust, meine geologischen Studien mit diesem Seffel... Fessel... wie sagten Sie, zu beginnen.«

»Sneffels!«, fuhr der strahlende Herr Fridrickson fort.

Dieser Teil der Unterhaltung hatte in lateinischer Sprache stattgefunden; ich hatte alles verstanden und konnte kaum meine ernsthafte Miene bewahren, als mein Onkel seine freudige Befriedigung zu verbergen suchte, die aus ihm herausstrahlte. Indem er sich unschuldig stellen wollte, glich er einem alten Teufel.

»Ja«, sagte er. »Ihre Worte sollen mich bestimmen! Wir wollen den Sneffels zu ersteigen versuchen, vielleicht auch seinen Krater untersuchen!«

»Ich bedaure sehr«, erklärte Herr Fridrickson, »dass meine Geschäfte mir nicht gestatten, mich zu entfernen; ansonsten hätte ich Sie gerne dorthin begleitet.«

»Oh nein! Nein!«, entgegnete mein Onkel lebhaft. »Wir wollen durchaus nicht stören, Herr Fridrickson; ich danke Ihnen herzlich. Die Beteiligung eines so gelehrten Mannes, wie Sie es sind, wäre sehr nützlich, aber die Pflichten Ihres Amtes ...«

Ich denke mir gerne, dass unser Wirt in der Unbefangenheit seiner isländischen Seele von der großen Schalkheit meines Onkels keinen Begriff hatte.

»Ich schätze es sehr, Herr Lidenbrock«, sagte er, »dass Sie mit diesem Vulkan anfangen. Sie werden da an eigenartigen Beobachtungen eine reiche Ernte erhalten. Aber sagen Sie mir, wie denken Sie auf die Halbinsel des Sneffels zu gelangen?«

»Über die See, über die Bucht. So geht es am schnellsten.«

»Allerdings; aber das ist zurzeit unmöglich.«

»Warum?«

»Weil wir nicht ein einziges Boot in Reykjavik haben.«

»Teufel!«

»Sie müssen entlang der Küste über das Land reisen. Das ist zwar ein Umweg, aber er ist interessant.«

»Gut. Ich werde versuchen, einen Führer zu bekommen.«

»Ich kann Ihnen gerade einen empfehlen.«

»Ist es ein zuverlässiger, verständiger Mann?«

»Ja, ein Bewohner der Halbinsel. Es ist ein sehr geschickter Eiderjäger, mit dem Sie zufrieden sein werden. Er spricht fließend dänisch.«

»Und wann kann ich ihn sehen?«

»Morgen, wenn es Ihnen beliebt.«

»Warum nicht heute?«

»Weil er erst morgen ankommt.«

»Morgen also«, entgegnete mein Onkel seufzend. Kurz darauf endigte diese bedeutsame Unterhaltung und der deutsche Professor dankte dem isländischen aufs Wärmste.

Mein Onkel hatte bei der Mahlzeit wichtige Dinge erfahren, unter anderem die Geschichte Saknussemms und den Grund seines geheimnisvollen Dokuments, sowie die Aussicht, morgen einen Führer zur Verfügung zu haben.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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295 стр. 60 иллюстраций
ISBN:
9783868209532
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