Читать книгу: «Requiem für ein Kind»
Joseph Groben
Requiem für ein Kind
Trauer und Trost berühmter Eltern

© Dittrich Verlag ist ein Imprint
der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2021
Printed in Germany
ISBN 978-3-947373-68-0
eISBN 978-3-947373-74-1
Satz: Gaja Busch, Berlin
Cover: Helmi Schwarz-Seibt, Leverkusen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Dieses Buch ist dem Andenken der Unzähligen gewidmet, die allzu früh dahingegangen sind und ihre Eltern in tiefer Trauer zurückgelassen haben. Einige davon haben dem Autor nahegestanden, ihr Tod hat ihn betroffen.
Conny A. 1999–2020
Carole B. 1961–1982
Johny B. 1944–1967
Marc E. 1952–1995
Anne G. 1961–1992
Françoise G. 1965–2011
André H. 1943–1961
Viviane H. 1949–1986
Romain K. 1959–1982
Charlotte K.-E. 1956–2009
Pierre L. 1972–2017
Andrée L. 1963–1995
Franck L. 1969–2019
Dany M. 1963–1991
Dominique M. 1955–1992
Fernand M. 1935–1957
Florent M.1976–1997
Roudo M. 1934–1957
Michel S. 1967–1994
Marie-Jeanne S. 1957–1994
Daniel de S. 1946–1969
Frank S. 1948–1997
Laurent V. 1991–1993
Pascal V. 1977–1993
Peggy de W. 1969–2006
Tommy W. 1966
Mariette W.-B. 1948–1995
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Marcus Tullius Cicero Ein Tempel für Tullia
Plutarch und Timoxena Trostschreiben an seine Gattin
Jan und Dorota Kochanowski »Treny für Orszola«
René Descartes und Hijlena Jans »Der größte Schmerz seines Lebens«
Ludwig XIV. »Gott straft mich, ich habe es wohlverdient«
Peter der Große und Eudoxia Alexej – Zarewitsch und Absalom
Michael und Maria Magdalena Haydn Das Requiem in c-Moll
André-Ernest-Modeste und Jeanne-Marie Grétry Jenny, Lucile, Antoinette
Johann Wolfgang Goethe »Das Außenbleiben meines Sohnes drückte mich sehr heftig und widerwärtig …«
Klemens und Eleonore von Metternich Clementine, Maria Leopoldina, Viktor
Alessandro und Enrichetta Manzoni »Epigrafi« für Giulietta, Cristina, Sofia, Matilde, Filippo und Pietro
Joseph und Luise von Eichendorff »Auf meines Kindes Tod«
Friedrich und Anna Luise Rückert »Eine unsägliche Masse von Todtenliedern …«
Alphonse und Mary-Ann de Lamartine »Gethsemani oder der Tod Julias«
Victor und Adèle Hugo Das Drama von Villequier
Hector Berlioz »Es war an mir, an mir zu sterben«
Franz Liszt und Marie d’Agoult Blandine und Daniel, die »geopferten Kinder«
Robert und Clara Schumann Kinderszenen ohne Träumerei
Charles und Catherine Dickens »Dora, unser armer kleiner Liebling«
Giuseppe und Margherita Verdi Die ausgelöschte Familie
Theodor Storm »Du, der du ihn liebtest, hast nichts weiter du zu sagen?«
Karl und Jenny Marx »Erst jetzt weiß ich, was ein wirkliches Unglück ist«
Fjodor und Anna Dostojewski Sonja und Aljoscha
Louis und Marie Pasteur Die Kindergräber in Arbois
Bedřich und Katharina Smetana Trio g-Moll oder Trauermusik für Bedriska
Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth Die Tragödie von Mayerling
Antonin und Anna Dvořak Ein Stabat Mater für Josefa, Ruzena und Otakar
Stéphane und Maria Christina Mallarmé Ein Grabmal für Anatole
Leoš und Zdenka Janáček Eine Oper und eine Elegie für Olga
Sigmund und Martha Freud »Die Ungeheuerlichkeit, daß Kinder vor den Eltern sterben …«
Gustav und Alma Mahler Kindertotenlieder – »Du malst den Teufel an die Wand!«
Arthur und Olga Schnitzler »Das Wort Schmerz ist lächerlich geworden«
Rabindranath Tagore Madhurilata, Renuka, Samindranath
Käthe und Kollwitz Ein Denkmal für Peter
Else Lasker-Schüler »An mein Kind«
Hugo und Gertrud von Hofmannsthal Ein großes Unglück im Rodauner Haus
Thomas und Katja Mann »Klaus – Dem Todessehnsucht früh im Herzen keimte …«
Alma Mahler und Walter Gropius »Dem Andenken eines Engels«
Ernst und Gretha Jünger Ernstel – ein Opfer für den Frieden
Stefan und Dorothee Andres Requiem für Mechthild
Mascha Kaléko und Chemjo Vinaver Elegie für Steven
Joe Biden Naomi und Beau
Abbildungsverzeichnis mit Quellennachweis
Danksagung
EINLEITUNG
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, die von nichts wissen, wachsen auf und sterben. Hugo von Hofmannsthal
Dass wir alle sterben werden, dass unsere Existenz also nur ein »Da-Sein zum Tode« (Heidegger) ist, das ist die einzige Gewissheit, die das Leben uns beschert. Diese banale Wahrheit wird tagtäglich so tausendfach bestätigt, dass wir ihr kaum noch Beachtung schenken oder sie aber mit allen Mitteln aus unserem Bewusstsein zu verdrängen suchen. Dabei sterben bei weitem nicht alle wie in Deutschland im statistischen Durchschnittsalter von 78,9 Jahren für den Mann und 83,6 Jahren für die Frau (Statistisches Bundesamt, 2020). In Afrika und Asien wird wesentlich jünger gestorben.
Ein alter Spruch besagt, dass jeder Mensch, sobald er geboren ist, schon alt genug zum Sterben ist. Aber der frühzeitige Tod – »mors immatura«, »der unreife Tod«, wie die Römer sagten – wurde immer als besonders schmerzlich empfunden. Indem er die natürliche Ordnung umkehrt, zwingt er die Eltern, ihre eigenen Kinder zu begraben. Nichts ist tragischer als die Unterbrechung der Generationenkette, das Auslöschen der Zukunftsperspektiven.
Dank besserer Gesundheitssysteme, Impfungen, besserer Ernährung und Trinkwasserversorgung geht die weltweite Kindersterblichkeit glücklicherweise konsequent zurück. Laut einer aktuellen Schätzung der Vereinten Nationen (UNICEF, WHO) hat sie sich in den letzten 30 Jahren mehr als halbiert, d.h. von 12,5 Millionen Kindern unter fünf Jahren (1990) auf 5,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren (2019). Immerhin sterben weltweit täglich noch rund 14.000 Kinder in dieser Altersstufe. Hinter dieser Zahl von Verlusten verbirgt sich ein unvorstellbarer Abgrund menschlicher Tragödien, den der UNICEF-Bericht von 2001 treffend zum Ausdruck gebracht hat: »The true scale of the children injury tragedy should be gauged by its depth and its breadth – by asking not only how many families are affected but also how severely. And in this case the multiplier – the depth of grief and anguish involved in the death of a child – is beyond all measuring.« Der Schmerz über den Verlust eines Kindes übersteigt jegliches Maß.
»Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, die von nichts wissen, wachsen auf und sterben« – der unfassbar heimliche Übergang vom ahnungslosen Wachstum zum jähen Sterben kann nicht prägnanter zum Ausdruck kommen als in den bekannten Versen Hugo von Hofmannsthals. Unwissenheit und Unschuld sind die Eigenschaften, die man den Kindern in den meisten Kulturkreisen seit jeher zuschreibt. Sie haben sich nicht gegen göttliche oder menschliche Gesetze verfehlt oder »versündigt« und kehren makellos zum Ursprung zurück. Für die Kindergräber hat die Antike den schönen Spruch gefunden: »Die Erde sei dir leicht!«, da auch die Frühverstorbenen die Erde nicht belastet haben, weder durch ihr Gewicht noch durch ihre Taten.
Niobe beweint ihre Kinder.
Für die überlebenden Eltern indes bricht eine Welt zusammen. Der Mythos der Niobe illustriert es greifbar: Nach dem jähen Tod ihrer Kinder ist die Mutter so untröstlich, dass der Schmerz sie zu Stein erstarren lässt. Der geduldige Hiob akzeptiert den Tod seiner 50 Söhne und Töchter mit dem berühmten Satz: »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat es genommen.« Aber Hiob ist nur die paradigmatische Figur eines Lehrgedichts, kein Mensch aus Fleisch und Blut. Rachel beweint ihre Kinder, König Davids Klagerufe über den Tod des aufrührerischen Sohnes Absalom – »Absalom, Absalom, mein Sohn, o wäre ich doch an deiner Stelle gestorben!« – hallen durch den Palast und zeigen uns den biblischen Menschen in seinem ganz unheroischen Trauerschmerz. Maria gilt als die »Mater dolorosa«, als die schmerzensreiche Mutter schlechthin. Wie sie unter dem Kreuz steht oder den Leichnam ihres Sohnes auf ihren Knien trägt, das hat die abendländische Kunst zu zahllosen »Stabat mater«- und »Pietà«-Darstellungen inspiriert. Und nicht selten wird auf diese fast archetypischen Situationen unaussprechlichen Leides die Klage des Propheten Jeremias angewandt: »O vos omnes qui tansitis, animadvertite et videte, si quis dolor similis est dolori meo« (»O ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht, ob ein Schmerz meinem Schmerze ähnlich ist«). Gerade die Erfahrung des Leides erklärt, warum man Maria seit jeher als Trösterin in allen leidvollen Lagen anruft, warum der Marienkult so tiefe Wurzeln im Volk schlagen konnte.
Die zahlreichen Zeugnisse der Vergangenheit lassen vermuten, dass seit jeher der Verlust eines Kindes als das schlimmste Unglück empfunden wurde, das Eltern widerfahren kann. Das scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Noch einen Schritt weiter geht die französische Psychologin Ginette Raimbault, indem sie behauptet: »Der Schmerz über den Verlust eines Kindes ist in einer Epoche so intensiv wie in der andern.« Vielleicht drängt sich dennoch eine differenziertere Beurteilung auf, die den historischen Umständen Rechnung trägt.
Altertum
In fast allen Gesellschaften des Altertums hat das Kindersterben stumme, aber deutliche Zeugnisse hinterlassen.
Ramses II. (1303–1213 v. Chr.), der bedeutendste der ägyptischen Pharaonen, hat über die Hälfte seiner 110 Kinder begraben müssen. Um das Andenken seiner verstorbenen Söhne zu ehren, genauer »um ihr ewiges Leben zu sichern«, ließ der trauernde Pharao das umfangreichste Mausoleum des »Königstals« erbauen. Die Entdeckung dieses wahrhaften Labyrinths von über 100 Kammern durch Kent Weeks im Jahre 1995 gilt als eine der archäologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts. Ramses überlebte zwölf »Kronprinzen«, erst der 13. Dauphin lebte lange genug, um die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Ramses II. hat 67 Jahre lang regiert.
Die archäologischen Untersuchungen der altgriechischen Gräber belegen eine hohe Kindersterblichkeit; die meisten Kinder starben, bevor sie das dritte Lebensjahr vollendet hatten. Die Häufigkeit der Verluste und der Schwangerschaften hat vermutlich eine allzu starke Bindung der Eltern an die Kleinkinder verhindert. Aber die Gräber, die Grabstelen, die Beigaben (Statuetten, Keramiksaugfläschchen, Spielzeug, Puppen) sowie die attischen Inschriften zwischen dem 8. und 6. vorchristlichen Jahrhundert offenbaren teilweise eine tiefere Trauer bei Kindern als bei manchen Erwachsenen. Grundsätzlich war Trauer bei einem Kindertod eine pietätvolle Verpflichtung. Der athenische Redner Aischines (390–314) warf seinem Gegner Demosthenes (384–322) vor, diese Pflicht verletzt zu haben, weil er bereits sieben Tage nach dem Tod seiner Tochter die Trauerkleidung abgelegt hatte. Das galt als ein schlimmer Verstoß gegen eine religiöse Verpflichtung.
Der römische König Numa Pompilius (715–672), dem man die Vorschriften der religiösen Einrichtungen zuschreibt, begrenzte streng die Trauerdauer der Eltern. Gemäß Plutarch (Numa 12,3) soll er sogar die Trauer für ein Kind unter drei Jahren verboten haben. Jenseits dieses Alters durften die Eltern so viele Monate Trauer tragen, wie das Kind dieses Alter überschritten hatte, bei einem Maximum von zehn Monaten. Bis zum Alter von 40 Tagen, also bis zu den ersten Zähnen des Milchgebisses, wurden die Kinder nicht eingeäschert, aber sie wurden in einer Nische in der Hauswand begraben (Plinius nat., 7,72, Juvenal 139–140 »terra clauditur infans«).
Im 1. Jahrhundert vor Christus beruft sich Cicero noch auf Numa Pompilius, wenn er sich in seinen »Tusculanae disputationes« gegen jegliche Trauerkundgebung für ein Kind unter drei Jahren ausspricht. Aber diese stoische Haltung war weder repräsentativ für alle römischen Jahrhunderte noch für alle Eltern, nicht einmal für ihn selbst. Beim Tod seiner einzigen Tochter Tullia fiel er auf durch übermäßige öffentliche Schmerzensäußerungen, die von vielen Zeitgenossen als übertrieben kritisiert wurden.
Kaiser Augustus (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) wurde zutiefst getroffen durch den Tod von vier jungen Männern, die alle als Thronnachfolger galten: zuerst Marcellus (23. v. Chr.), der Sohn seiner Schwester Octavia, dann seine beiden Neffen Lucius Caesar und Caius Caesar, die Söhne seiner einzigen Tochter Julia, die in einem Abstand von zwei Jahren 2 und 4 nach Chr. dahinstarben. Zahlreiche Trauerdenkmäler, die an vielen Orten des Kaiserreichs errichtet wurden, zeugen von einem wahren Gedächtniskult und dass die römischen Städte an der tiefen Trauer des Kaisers Anteil nahmen, u.a. ein Traueraltar in Reims, ein Traueraltar in Trier, die berühmte »Maison carrée« in Nîmes, ein Tempel zu Ehren der beiden Brüder. Anlässlich des Todes von Drusus Nero, dem Schwiegersohn des Kaisers, schrieb Ovid eine lange »Consolatio«, eine Gattung, die auch von Seneca gepflegt wurde. In seiner »Consolatio ad Marciam« erwähnt er auch die Trauerfälle des Augustus, seiner Schwester und seiner Gattin. Die erste fand nur Trost in der Einsamkeit, während Livia ihren Schmerz schließlich überwand und ins gesellschaftliche Leben zurückkehrte.
Kaiser Mark Aurel (161–180) musste den Verlust von acht seiner dreizehn Kinder verschmerzen, die ihm seine Gattin Faustina, die Tochter des Kaisers Antoninus Pius, geboren hatte. Er gab sich die größte Mühe, diese Familientragödien mit stoischer Gelassenheit zu tragen, aber seine Biografen bezeugen, dass er bei jedem Verlust empfindlich getroffen wurde. In seinen philosophischen »Gedanken« versuchte er, sich unerschütterlich zu zeigen, indem er besonders Epiktet zitierte: »Es ist unsinnig, im Winter Feigen auf den Bäumen zu suchen, desgleichen ein Kind zurückzufordern, das geraubt wurde« (XI, 33), oder: »Wenn man ein Kind umarmt, soll man, wie Epiktet sagt, innerlich denken, ›morgen wirst du vielleicht tot sein‹« (XI, 34). Die meisten Kinder starben vor dem Alter von 10 Jahren: Annia Faustina, Gemellus Lucillae, Titus Antoninus, Titus Aurelius, Hadrianus, Domitia Faustina, Titus Fulvus, Marcus Annius. Das Kaiserpaar beweinte alle seine Kinder und setzte ihre Asche im imposanten Mausoleum des Hadrian bei, das später von den Päpsten zur Engelsburg ausgebaut wurde. Ob sie wohl Trost gefunden haben bei der Inschrift, die Kaiser Hadrian selbst verfasst und in der Grabkammer angebracht hatte, einer überraschend zärtlichen Apostrophe an die »Seele«?
ANIMVLA VAGVLA BLANDVLA / HOSPES COMESQVE CORPORIS / QVAE NVNC ABIBIS IN LOCA / PALLIDVLA RIGIDA NVDVLA / NEC VT SOLES DABIS IOCOS
Kleine Seele, schweifende, zärtliche, / Gast und Gefährtin des Leibes / Die du nun entschwinden wirst dahin / Wo es bleich ist, starr und bloß, / Und du nicht wie gewohnt mehr scherzen wirst …
In den Katakomben von Rom und in vielen römischen Städten, u.a. in Trier, dem »zweiten Rom« hat man unzählige Grabinschriften gefunden, die vom tiefen Schmerz der trauernden Eltern Zeugnis ablegen. Die heidnischen Eltern widmeten ihre Denkmäler für die verstorbenen Kinder ihren »Manen«, d.h. ihren Seelen oder guten Geistern, und verwendeten dabei eine stereotypische Formel: DIS MANIBVS POSVERVNT. Mehr als einmal drückten sie ihre Verzweiflung und ihr Unverständnis dadurch aus, dass sie hinzufügten: CONTRA VOTVM oder – INVITI – also »gegen ihren Wunsch«, »ungern, widerwillig«. Natürlich ließ der enge Raum der Marmorplatten nur wenig emotionale Ausdrücke zu. Die Epigraphie ist knapp, »lapidar«. Die Skulpturen, welche manchmal die Epitaphen begleiten, erinnern an liebenswürdige Züge der verstorbenen Kinder; so die Darstellung des Knaben Primulus, der dabei ist, seinen Hund zu streicheln und zu füttern.
Die christlichen Eltern verwendeten eine ganz andere Formel: HIC IACET, HIC QVIESCIT IN PACE (»Hier liegt«, »hier ruht in Frieden«). Außer dem Namen und den sehr genauen Angaben über die Lebensdauer –VIXIT ANNOS/MENSES/ DIES – enthalten die Inschriften oft ganz affektive Adjektive wie DVLCISSIMVS, CARISSIMVS (Süßester, Liebster). Generell wird das Alter des Kindes umso präziser angegeben, je kürzer die Lebensdauer war, als ob man den unschätzbaren Wert eines jeden Tages in dieser kurzen Existenz betonen wollte.
INFANTI DVLCISSIMO DEFVNCTO QVI VIXIT MENSES V DIES XX PATER ET MATER PIISS FECERUNT
Dem süßesten verstorbenen Kind, das 5 Monate und 20 Tage gelebt hat, haben Vater und Mutter aus tiefer Ehrfurcht (dieses Grabmal) errichtet.
Am Ende der Inschrift findet man die Angabe desjenigen, derjenigen, meist der Eltern – PARENTES –, welche die Grabstätte errichtet haben: QVI TITVLVM POSUERUNT. Die christlichen Texte werden oft durch Symbole und Zeichen illustriert, welche einerseits die Unschuld der Kinder und andrerseits ihre Zugehörigkeit zum Christentum betonen: Tauben, das Christus-Monogramm, die apokalyptischen Buchstaben Alpha und Omega. In seinem ersten Brief an die Thessalonicher mahnt der heilige Paulus die Christen, »sich nicht zu betrüben wie die anderen, die keine Hoffnung haben … sich gegenseitig zu trösten« (4,13). Dieser Text wird noch heute oft bei Begräbnissen und Leichendiensten gelesen. Ein Grabstein aus dem 5. Jahrhundert, der in Sion, der »Colline inspirée« von Maurice Barrès gefunden wurde, legt Zeugnis ab von diesem christlichen Glauben an die Auferstehung. Auf das Grab seines Sohnes Nicetius ließ der Vater folgende Inschrift gravieren: CVM CHRISTO IN COELO DEVOTA MENTE RESVRGET (Mit Christus im Himmel wird er nach seinem tiefen Glauben auferstehen).
Das Mittelalter
Das christliche Mittelalter, das von einem unerschütterlichen Glauben an die Unsterblichkeit der Seele geprägt war, bot den unglücklichen Eltern sicher mehr Trost und Hilfe an als die heidnischen Zeitalter mit ihrem weitverbreiteten Skeptizismus. In der Praefatio der Seelenmessen wird dies deutlich umschrieben: »ut quos contristat certa moriendi conditio, eosdem et consoletur futurae immortalitatis promissio …« (»Wenn auch das unabänderliche Todeslos uns niederdrückt, so soll die Verheißung künftiger Unsterblichkeit uns Trost spenden«.). Die Gewissheit der Auferstehung und des ewigen Lebens dämpfte den Schmerz des Verlustes. Wenn Kinder starben, wurden ihre Seelen von Engeln ins Paradies getragen, wo sie in der »Hand Gottes« geborgen waren. Die lateinischen Hymnen »In paradisum te deducant angeli« (»Die Engel sollen dich ins Paradies bringen«) und »Justorum animae in manu Dei sunt« (»Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand«) haben sich in den liturgischen Gesängen der Seelenmessen erhalten. In manchen Gegenden werden die Gottesdienste für früh verstorbene Kinder noch als »Engelsmessen« bezeichnet.
Chlotilde, die Gattin des Frankenkönigs Chlodwig, bietet ein erbauliches Beispiel christlicher Ergebenheit. Als ihr erster Sohn Ingomir im Jahre 496 starb, erklärte sie: »Ich danke Gott, dem Allmächtigen und Schöpfer aller Dinge, dass er mich nicht für unwürdig gefunden hat, Mutter eines Sohnes zu sein, der in sein himmlisches Reich aufgenommen wurde. Der Schmerz, den ich über seinen Verlust empfinde, trübt meine Seele nicht. Da er diese Welt im weißen Gewand seiner Unschuld verlassen hat, wird er sich ewig am Anblick Gottes weiden.« Ihre christliche Zuversicht trug nicht wenig dazu bei, dass Chlodwig sich 496 in Reims taufen ließ. Durch dieses Sakrament schwor er dem heidnischen Götzenglauben ab und »eröffnete den Weg für das Heil seiner Seele«.
Die ungetauften Kinder
Andererseits jedoch erwuchs gerade aus der christlichen Glaubenssituation ein besonders schmerzliches Problem bei Totgeburten oder beim Tod ungetaufter Kinder. Da diese Kinder nicht vom Makel der Erbsünde reingewaschen waren, konnten sie, gemäß der offiziellen Lehre der Kirche, die zu Beginn des 5. Jahrhunderts vom Bischof und Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) formuliert und von der Synode von Karthago 418 verfestigt wurde, der ewigen Seligkeit nicht teilhaftig werden. Sie gelangten in eine Art »Vorhölle« (»Limbus infantium«), in welcher sie von der ewigen Anschauung Gottes ausgeschlossen waren. Deshalb durften sie nicht einmal in »geweihter Erde« begraben werden. Die Kinder wurden meist heimlich nachts außerhalb des Friedhofs beigesetzt. So weinte man weniger über den physischen Verlust der Kinder selbst als über die Gefährdung ihres Seelenheils. Die Eltern fühlten sich schuldig, wenn Kinder ungetauft dahinstarben.

Die Familie van Miniau mit ihren 31 Kindern, die alle im August 1526 starben
Die brisante theologische Diskussion über das Los der ungetauften Kinder zog sich jahrhundertelang bis 2005 hin, als Papst Benedikt XVI. eine Kommission von Theologen einsetzte, die zur Auffassung gelangten, dass »die Seelen nicht getaufter, gestorbener kleiner Kinder direkt ins Paradies kämen« (2007).
Im Mittelalter führte die seelische Not der Eltern zu mehreren Auswegen oder »Ersatzlösungen«, die eher der populären Religiosität als der amtlichen Lehre der Kirche entsprachen. So fand man bei vielen archäologischen Grabungen in unmittelbarer Nähe der mittelalterlichen Kirchen Gräber von Tot- und Frühgeborenen, die man in der einschlägigen Literatur als »Traufkinder / Traufenkinder« bezeichnet. Diese ungetauften Kinder wurden von ihren unglücklichen Eltern oder Angehörigen möglichst nahe an den Kirchenmauern und beim Chor bestattet, in der Hoffnung oder im festen Glauben, dass das Regenwasser, das von der Traufe am Dach der Kirche herunterrann, bei ihnen im Laufe der Jahre die Taufe ersetzen könne. Das immer wieder herabtropfende oder fließende Wasser sollte eine Art »Nottaufe« darstellen.
Noch seltsamer und befremdlicher wirkt heute das hochmittelalterliche und frühneuzeitliche Phänomen der »Auferweckungsheiligtümer« (»sanctuaires à répit«), die sich besonders in Süddeutschland, Frankreich, der Schweiz und Belgien hundertfach entwickelten; eine »markante Erscheinung des christlichen Europas«, »un fait religieux et culturel majeur de l’Europe chrétienne«, wie Jacques Gélis 2006 urteilt. Diese Praxis erscheint zuerst im 12. Jahrhundert. Ab dem 14. Jahrhundert machten sich unzählige Eltern mit ihrem totgeborenen Kind auf den Weg zu einem Marienheiligtum in ihrer Nähe, wo sie den kleinen Leichnam vor einem Marienbild ausstellten in Erwartung eines »Wunders«, das heißt, eines Lebenszeichens. Um den Leichnam herum stellte man Kerzen auf und versuchte auch bisweilen mittels glühender Kohlen das Kind aufzuwärmen. Auf den Mund des Kindes legte man eine leichte Feder. Wenn diese sich bewegte, glaubte man, dass der Atem wieder einsetze, oder wenn die Wangen sich leicht röteten, wurde auch das als Lebenszeichen gedeutet, und das Kind wurde sofort getauft. Nachher verfiel es dann endgültig in den Todesschlaf, und die Eltern begruben es auch oft um das Heiligtum herum.
Bei archäologischen Ausgrabungen in den letzten Jahrzehnten fand man überall Hunderte von Kinderskeletten. Das meistbesuchte Heiligtum der frühen Neuzeit war das Kloster Ursberg in Süddeutschland. Die Zahl der dort getauften totgeborenen Kinder wird auf 24 000 geschätzt. Das Marienheiligtum von Oberbüren in der Westschweiz wurde 1992–1997 von Spezialisten exemplarisch untersucht, und die akribischen Ergebnisse der Ausgrabungen, die 247 Kinderskelette zutage förderten, in einer umfassenden Publikation 2018 zugänglich gemacht.
Ein gut erhaltenes Architektur-Zeugnis der populären Wiedererweckungspraxis stellt das Marienheiligtum im idyllisch gelegenen Wallfahrtsort Avioth in der altluxemburgischen Grafschaft Chiny dar. Auch hier wurde die Muttergottes als »Notre-Dame de Consolation« jahrhundertelang von den unglücklichen Eltern angefleht, ihren Kindern für eine kurze Zeit das Leben wiederzuschenken. Der Glaube an diese wundertätige Vermittlung Marias ließ im 13. und 14. Jahrhundert eine prachtvolle gotische Kirche erstehen, ein wahres Juwel der mittelalterlichen Architektur, mit einer einmaligen »Recevresse«. Hier konnten die dankbaren Eltern ihre Gaben niederlegen, indem sie gewöhnlich das Gewicht des Kindes in Korn oder Wachs aufwogen. Von weit und breit strömte man mehrere Jahrhunderte lang zur »Notre-Dame de la Consolation«. In einem Register wurden alle Wunder schriftlich festgehalten, u.a. vom Chronisten Jean Delhôtel, der zwischen 1625 und 1673 genau 135 »Wunder« gewissenhaft registrierte.
Die letzten »wunderbaren« Nottaufen in Avioth fanden kurz vor der Französischen Revolution statt, bis der aufgeklärte Weihbischof von Trier Johann Nikolaus Hontheim, der als »Febronius« in die Kirchengeschichte eingegangen ist, 1786 die Wallfahrten und die Taufen unter Strafe verbot. Die Haltung der katholischen Kirche zu den Wundertaufen, die für die Heiligtümer immer lukrativ waren, blieb lange Zeit ambivalent. Einige religiöse Orden und der lokale Klerus bedienten sich nur allzu gerne des reichlichen Segens der »Aufschubwunder«. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts, unter Papst Benedikt XVI., änderte sich die offizielle Haltung der katholischen Kirche gegenüber den ungetauften Kindern – und auch gegenüber der seelischen Not der trauernden Eltern. »Ungetaufte Kinder dürfen ins Paradies«, titulierte etwas reißerisch am 22. April 2007 die angesehene deutsche Tageszeitung »Die Welt«.
Die Kindersterblichkeit in früheren Jahrhunderten
In der Sankt-Nikolaus-Kirche in Gent hängt ein seltsames Gemälde: es stellt das Ehepaar Olivier van Miniau und Amelberga Stangen mit ihren 31 Kindern dar. Bei seinem Einzug in die Stadt war Kaiser Karl V. auf den wackeren Handwerker mit seiner ungewöhnlichen Kinderschar aufmerksam geworden und hatte ihm Hilfe bei der Erziehung zugesichert. Bereits einige Monate später, im August 1526, wurden alle 31 Kinder von einer Seuche dahingerafft. Die Eltern folgten ihnen unmittelbar in den Tod. Sicher ein Extremfall von Kinderfreundlichkeit und gehäufter Verlusttragik, aber nicht untypisch für diese Zeit.
Der junge Albrecht Dürer (1471–1528) musste erleben, wie fünfzehn seiner achtzehn Geschwister in niedrigem Alter dahinstarben. Der Stich, den er von seiner ausgemergelten Mutter im Alter von 63 Jahren mit starkem Realismus anfertigte, dokumentiert drastisch die Spuren, welche solch eine Geburtenhäufigkeit in den Gesichtszügen einer Frau hinterließ. Fast zur selben Zeit und am gleichen Ort musste Hans Sachs (1494–1576), der Held der »Meistersinger von Nürnberg« von Richard Wagner, den Verlust aller seiner sieben Kinder beklagen.
Es waren Zeiten, in denen man den Kindertod als eine »normale« Erscheinung hinnahm und sich damit abfand, dass etwa 40% der Kinder in jungen Jahren starben. Noch 1762 stellte Jean-Jacques Rousseau in seinem »Emile« fest: »Von allen Kindern, die geboren werden, erreichen nur die Hälfte das Jugendalter.« Die hohe Kindersterblichkeit wurde meist durch eine entsprechende Geburtenfreudigkeit aufgewogen. Der Verlust wurde in kurzen Abständen ersetzt, alle Kinder, so tröstete man sich, hätte man sowieso nicht ernähren oder erziehen können. Die Nachgeborenen erhielten oft die Namen der Frühverstorbenen, für die Kontinuität des Geschlechts oder des Familienbetriebes war meistens mehrfach gesorgt, »überzählige« Nachkommen fanden ihr Auskommen als Dienstpersonal, als Soldaten oder als Mönche und Nonnen.
Das Unglück wurde durchwegs als eine Prüfung angesehen oder als göttlicher Wille. Zwar gibt es auch Zeugnisse der Auflehnung gegen die unerbittliche Macht des Todes, u.a. das berühmte »Streitgespräch« des Johannes von Tepl, »Der Ackermann aus Böhmen« (1400), aber es endet mit der Unterwerfung unter den Willen Gottes. Dass ein früher Kindertod für die Eltern »unannehmbar«, »empörend« oder »ungeheuerlich« (Sigmund Freud) sei, das kommt in Dokumenten vor dem 19. Jahrhundert selten zum Ausdruck. Zu sehr überwog überall das Gefühl, dass man Gott nur »zurückgebe«, was er »geschenkt« habe. Und entsprechend dämpfte man auch Schmerz und Trauer. Konnten sie nicht als ein vermessenes Richten mit Gott gedeutet werden?
Bach hatte zwanzig Kinder, von denen er elf begraben musste; es ist nicht bekannt, dass er viel Aufhebens von einem solchen Verlust machte. Im Korpus seiner über tausend Werke gibt es keine Kantate, keine Motette, die er dem Andenken eines verstorbenen Kindes gewidmet hätte. Als tiefgläubiger Christ war es für ihn eine fraglose Selbstverständlichkeit, dass »Gottes Zeit die allerbeste Zeit« sei; zudem verblieben ihm noch neun Kinder, von denen vier musikalisch genial begabt waren.
Auch Mozart, von dessen sechs Kindern vier sehr früh wieder starben, nahm diese Verluste anscheinend – oder scheinbar? – gelassen hin. Seine »Prager Sinfonie« schrieb er im Juni 1788 in den Tagen, als seine Tochter Theresia Maria Anna im Sterben lag, man könnte jedoch bestenfalls die lange Moll-Einleitung als eine Spur seiner Trauer deuten. Aber die berühmte 40. Sinfonie in g-Moll KV 550, die genau einen Monat später entstand, wird als »das persönlichste Drama Mozarts« (Massin) angesehen. Der bekannte französische Musikologe weist hin auf den »unbarmherzig strengen« Rhythmus des Allegro-Satzes, auf die »unerbittliche« Verdüsterung im Andante, auf die »Verzweiflungsflut« des Menuetts und das »Angstklima« des Finalsatzes; starke emotionale Kennzeichen, die er als Symptome einer tiefen Depression deutet und die er in Zusammenhang mit dem kürzlichen Tod der Lieblingstochter Theresia Maria Anna bringen möchte.
Goethe begrub vier seiner fünf Kinder, wovon er nie sprach und was in den meisten Biographien nicht einmal beiläufig erwähnt wird, obwohl er sich beim vierten Verlust auf dem Boden wälzte und sich mehrere Wochen einschloss. Nur der Tod seines erwachsenen Sohnes August 1830 in Rom löste eine starke öffentliche Erschütterung aus, die ihn an den Rand des Todes brachte. Der spanische Hofmaler Francisco de Goya (1746–1828) verlor dreiundzwanzig seiner vierundzwanzig Kinder, lediglich sein Sohn Xavier überlebte. Aber das Thema des Kindersterbens taucht nicht auf inmitten der schrecklichen Visionen der 80 »Caprichos« und seine Verluste werden auch von den Biographen kaum erwähnt.
Wichtige politische Folgen hatte die Tragik, dass die englische Königin Anna Stuart ihre sechzehn Kinder vor dem Alter von zehn Jahren verlor. Bei ihrem Tod im Jahr 1714 ging die englische Krone an die Hannover-Dynastie über. Ihr Gegenspieler, Ludwig XIV., hätte 1712/13, nach dem plötzlichen Tod dreier Dauphins, beinahe das Auslöschen der Capetinger-Dynastie erlebt. Wer die Kapuziner-Gruft in Wien besucht, ist betroffen von den vielen Kindersärgen, welche das Grabmal der Kaiserin Maria-Theresia umgeben.
Das Kindersterben war damals ein so allgemein übliches Phänomen, dass es nur selten Anlass zu einer starken Erschütterung bot. Jedenfalls gibt es wenige Künstler, die sich das Recht herausnahmen, ihren persönlichen Schmerz in einem Werk zu verewigen. Aber sie setzten ihr ganzes Talent ein, um Traueroden und -kantaten für ihre verstorbenen Fürsten zu schreiben. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Michael Haydn 1771 sein ergreifendes Requiem in c-Moll für den Verlust seiner einzigen Tochter komponierte; als aber sein Brotherr, der Fürstbischof von Schrattenberg, kurze Zeit später starb, wurde es dem hohen Herrn offiziell gewidmet und gelangte auf diese Weise zur Aufführung.
Der Kindertod als persönliche Tragik
Seitdem die Fortschritte von Hygiene und Medizin dem Kindersterben weitgehend Einhalt geboten haben, ist auch die Geburtenrate entsprechend zurückgegangen. Das Einzelleben hat dadurch eine nie dagewesene Aufwertung erfahren. Seit der Entwicklung der romantischen Gefühlskultur misst man jedem einzelnen Kind eine unverwechselbare und unersetzliche Bedeutung zu. Mit der Abnahme der Sterbefälle wächst zugleich ihre Tragik. Was einst »sors communis« war, ein Schicksal, das man mit fast allen Familien teilte, wird jetzt zum tragischen, schicksalhaften Ausnahmefall, der von den Betroffenen doppelt schmerzlich empfunden wird. »Das Unglück geschah auch mir allein«, klagt Rückert in einem seiner 446 »Kindertotenlieder«. Stefan Andres schreibt: »In den ersten Tagen und Wochen, da kam es mir so vor, als ob noch nie Eltern ein Kind hätten begraben müssen.« Der Verlust kann zum Trauma werden, der den Rest der Existenz überschattet und verdüstert. Jetzt gilt zusehends der berühmte Vers Lamartines: »Ein einziges Wesen fehlt, und alles ist wie ausgestorben.«
Kindergräber von 1581
In der modernen Kleinfamilie spitzt sich die Krise tragisch zu. Der Tod des einzigen Kindes führt zur Identitätskrise und zum Verlust des Lebenssinns. Plötzlich ist alles vorbei. Mit dem Kinde stirbt nicht nur die Zukunft des Kindes, sondern auch gewissermaßen die »Unsterblichkeit« der Eltern, deren Angst vor dem Tod jetzt panisch aufbricht. Häufige Begleiterscheinungen sind Dauerstress, Depressionen, Misstrauen, Hypochondrie, Wirklichkeitsverlust oder Wirklichkeitsflucht (Drogen Alkohol, Spiritismus), höhere Anfälligkeit für Krankheiten und Unfälle, Selbstmorde.
Sehr oft kommen Schuldgefühle hinzu, Selbstvorwürfe, falsch gehandelt, etwas Wichtiges unterlassen zu haben. Cicero bekennt sein »summa mea culpa«, Grétry verdammt seinen Künstlerehrgeiz, den er für den Verlust seiner drei Töchter verantwortlich macht, Dostojewski macht sich schreckliche Vorwürfe. Mallarme verflucht sein »Blut«, das seinem Sohn den Tod gebracht hat, Tagore klagt sich an wegen der Kinderheiraten. Nicht selten bedauern Eltern lebhaft, dass sie nicht anstelle ihrer Kinder gestorben sind. Schuldzuweisungen an den Ehepartner sind nicht selten, sodass es oft zur Entfremdung oder Trennung der Eltern kommt. Nach dem plötzlichen Tod seiner beiden Söhne – der eine war aus dem Fenster gestürzt – trennte sich Saint-Saëns von seiner Frau. Die Änderung der Wohnung gehört zu den häufigen Abwehrreaktionen der trauernden Eltern. Die Last der Erinnerung an quälende Einzelheiten, die sich in diesen Wänden abgespielt haben, wird auf die Dauer unerträglich und verhindert jeden Abstand zum Verlust. So empfanden es Dickens, Dvorak, Mahler, Metternich, Marx, Verdi und viele andere mehr.
Paradox erscheint, dass auch einzelne Betroffene, wie Victor Hugo und Alma Mahler, die traumatische Leere des Verlustes durch verstärkte sexuelle Kontakte und »erotisch-lüsterne Impulshandlungen mit Zwangscharakter« (G. Raimbault), bewusst oder unbewusst, zu überwinden trachteten.
Die Flucht in die Arbeit gehört zu den typischsten Versuchen, den Alptraum zu bannen. Cicero schuf fast sein ganzes philosophisches Werk nach dem Verlust der Tochter Tullia. Nach dem plötzlichen Tod seines einzigen Sohnes stürzte sich Goethe in sehr anstrengende Studien und vermeinte so, den Schmerz gewaltsam zu unterdrücken. Ein lebensgefährdender Blutsturz war die Folge. Ähnlich reagierte Pasteur nach dem Tod seiner Tochter Cécile. In aufreibender Forschungsarbeit glaubte er, »die einzige Ablenkung von so großen Schmerzen« zu finden.
Nicht selten bewirkt der Tod eines Kindes eine schockartige Reaktion. Hugo von Hofmannsthal starb am Begräbnistag seines Sohnes. Nach dem wechselvollen Überlebenskampf und dem Tod seiner Lieblingstochter verlor Charles Darwin endgültig den religiösen Glauben und entwickelte seine Lehre vom »Struggle for life«. Die Erschütterung über den frühen Tod seiner beiden Kinder Blandine und Daniel trug entscheidend dazu bei, dass Liszt zum »sündigen Büßer« wurde, sich 1865 in Rom zum Abbé weihen ließ und fortan vorwiegend verinnerlichte geistliche Musik schuf. Der Tod des Thronnachfolgers wurde zum »Desaster« für den belgischen König Leopold II., der in einer rastlosen und megalomanen Tätigkeit eine »Kompensation« für seinen Kummer suchte. Die private Kolonisierung des Congo wurde »zum einzig würdigen Memorial für seinen im Alter von neun Jahren verschiedenen Sohn.« (Patrick Roegier)
Für die Frauen bieten sich die Abwehr- und Fluchtstrategien selten im gleichen Ausmaß dar. Da ihre Bindung an das Kind biologisch-emotionaler, fast viszeraler Natur ist, empfinden sie die gewaltsame Trennung auch entsprechend schmerzlicher. »Was dem Vater bis an die Knie geht, geht der Mutter bis ans Herz«, lautet ein altes Sprichwort. Margarete Mitscherlich drückt denselben Sachverhalt in der Sprache unserer Zeit aus: »Mit dem Verlust eines Kindes tragen Mütter … einen Teil ihres Selbst zu Grabe, erleiden einen empfindlichen Wertverlust, der einer seelischen Amputation gleichkommt. Im schlimmsten Fall wird Trauer zur Trauerfalle, zum monotonen Kreisen um die Trauer, zum Gefangensein im totalen Selbstverlust.«
Immerhin, manche Mütter haben versucht, den Schlag aktiv zu bewältigen, nicht nur Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Mascha Kaléko und Else Lasker-Schüler, sondern auch »ungeniale« Ehefrauen wie Dorothee Andres, Anna Dostojewski, Alma Mahler und Luise Rückert haben in ergreifenden Darstellungen ihre Trauerarbeit dokumentiert. Bettina von Brentano wurde nach dem Tod ihres Sohnes Kühnemund, der 1835 bei einem Bad in der Spree umkam, zum »Anwalt der Armen und Unglücklichen, der Unterdrückten und Verfolgten«. Die »Schlüsselerfahrung« des eigenen Leides ließ sie »herzzerreißend … auch das schwere Leid der anderen« mitfühlen (Brief an den König von Preußen, 1846).
Kindergräber

Das »Schengener Kindchen«
Wer die Gräberzeilen eines Friedhofs durchwandert und die Lebensdaten der Epitaphen auch nur flüchtig liest, kann etwas von der Häufigkeit und der Tiefe dieser Familientragödien ahnen. Die Denkmäler sind meist anders, ausdrucksreicher, pathetischer als das schlichte Kreuz oder die glatte Marmorplatte. Sie tragen oft Abbildungen der Begrabenen oder allegorische Szenen, in denen die Engelsflügel ein übliches Attribut sind. Vielfach scheinen sie dem »Andenken eines Engels« gewidmet. Kindergräber werden mit größerer Sorgfalt und Innigkeit gepflegt, niemand besucht häufiger ein Grab als »verwaiste« Eltern. Solange sie leben oder ihre Füße sie tragen, sind sie ängstlich bemüht, um zu verhindern, dass »schon ernstes Moos« die »frühen Gräber« bewächst, wie Klopstock so empfindsam klagt.
In früheren Zeiten wurden die Kinder auch mancherorts an privilegierter Stelle beigesetzt, in geschlossenen oder geweihten Räumen. Unerträglich war für die Eltern die Vorstellung, dass der wehrlose Leichnam ihres Kindes »bösen Geistern« ausgeliefert oder einfach den Unbilden der Jahreszeiten ausgesetzt sei. Die Nähe des Altars und der Heiligenreliquien schenkte Schutz und Geborgenheit. Ein aufschlussreiches Beispiel unter zahlreichen anderen liefert das kleine luxemburgische Moseldorf Schengen, das durch den Vertrag über die Abschaffung der europäischen Grenzkontrollen 1985 zu unverhoffter Berühmtheit gelangte. Während der napoleonischen Zeit rügte der Geistliche in einer Klageschrift den »ordnungswidrigen« Brauch der Schengener, alle Kinder in der Kirche zu begraben, obwohl der Friedhof sich unmittelbar neben der Kirche befand – »… contre le bon ordre tous les enfants furent enterrés dans l’interieur de l’église.« – Der Präfekt des Departements Lacoste verhängte daraufhin ein strenges Verbot, und die Schengener mussten sich fügen, zähneknirschend. Kurze Zeit darauf erwirkten sie die Versetzung des missliebigen Geistlichen. Erhalten geblieben ist ein bedeutsamer Kindergrabstein aus dem Jahr 1616. Die sehr früh verstorbene Anna-Appolonia von Hous wird als kraushaariges Wickelkind dargestellt, umgeben von Familienwappen und geflügelten Engelsköpfen. Seit vielen Generationen umspinnt eine fromme Sage das »Schengener Kindchen«: Sofort nach seiner Geburt habe das Kind sprechen können, es habe seine Eltern angefleht, unverzüglich getauft zu werden und sei bald darauf »in Gott verschieden«.
Heute belegen auf manchen Friedhöfen die Frühverstorbenen eigene Grabfelder. Buntes Spielzeug erinnert an das harmlose Dasein der Kinder, die um das reife Leben betrogen worden sind. Dennoch, in den meisten Fällen künden nur die nackten Zahlen und Lettern der Epitaphen von den außergewöhnlichen Schicksalsschlägen. Sie überlassen es der Vorstellungskraft des Besuchers, sich das unsichtbare und unbekannte Schicksal der Betroffenen, der Toten wie der Trauernden, auszumalen.
Wie ein schöpferischer Mensch von einem Kinderfriedhof berührt und inspiriert werden kann, das bezeugt der französische Komponist Jérémie Rhorer (*1973), der 2005/2008 das Klavier- und Orchester-Werk »Le Cimetière des enfants« (»Der Kinderfriedhof«) geschrieben hat: »Die Idee zum ›Kinderfriedhof‹ ist mir in Venedig am Allerheiligenfest gekommen. Ich begab mich auf die Isola San Michele, auf den Insel-Friedhof, wo Igor Strawinsky ruht. Bei der Rückkehr verirrte ich mich in jenen Teil, der den Kindern gewidmet ist. Ihre Fotos, die auf den Gräbern erstarrt sind, haben mich erschüttert, und ich habe mir die Geschichte dieser geopferten Kinder ausgemalt, ihre Träume, ihre Augen, und ihren vergeblichen wie tragischen Kampf gegen das Schicksal.« (September 2005)
Kunst und Kindertod
Tieferen Einblick in das fremde Leid gewinnen die meisten Menschen heutzutage durch die Kunst, wenn ein Dichter, ein Maler, ein Bildhauer oder ein Musiker seinem persönlichen Schmerz einen öffentlichen Ausdruck verleiht oder das Kindersterben zum Thema wählt. Kein Leser der Buddenbrooks (1900) vergisst das unheimlich jähe Sterben des kleinen Hanno, mit dem Thomas Manns »Verfall einer Familie« abrupt endet; kein Leser des Romans »La peste« (1947) von Albert Camus kann die schreckliche Szene vergessen, als der Arzt Rieux ohnmächtig und empört der Agonie eines Kindes zusehen muss. Das Wiedersehen der Eltern in Athen, am Sterbe- und Todesbett ihrer Tochter Sabeth in Frischs Roman »Homo faber« (1959) ist von aufwühlender Tragik, trotz der unterkühlten Ausdrucksweise des Technikers Walter Faber. Anspruchsvolle Romane erreichen allerdings nur eine Elite von Lesern.
Dass aber auch eine breite Schicht der Bevölkerung für das tragische Thema empfänglich ist und davon unmittelbar ergriffen werden kann, davon zeugt exemplarisch der große Publikumserfolg des Filmes von Nanni Moretti »La stanza del figlio« (2001). »Das Zimmer des Sohnes« ist die Geschichte einer glücklichen Familie, die durch den jähen Verlust des 16-jährigen Sohnes Andrea zutiefst erschüttert wird und verzweifelt nach Trost und neuem Gleichgewicht sucht. Einzelne Szenen, wie die drastische Einsargung des Sohnes, der elementare Schmerzensausbruch des Vaters in der vergitterten Gondel des Lunaparks prägen sich unbarmherzig jedem Gedächtnis ein. Nach dem Urteil der Fachpresse hat der Film »ganz Italien zu Tränen gerührt«; er wurde dreifach mit dem »David de Donatello«, einer italienischen »Oscar« oder »Cäsar«-Variante, ausgezeichnet. Bei ihrer Vorführung auf dem Filmfestival von Cannes, am 17. Mai 2001, hinterließ die Familientragödie bei den Jury-Mitgliedern »Verunsicherung, Verwirrung, Verstörung«. Drei Tage später wurde »La stanza del figlio« mit der »Goldenen Palme« einstimmig – was äußerst selten ist – als bester Film des Festivals preisgekrönt.
Einige der hier dargelegten Fälle haben in jüngster Zeit durch Bühnenwerke das Interesse eines breiten Publikums wieder erregt. So wurden François Husters Schauspiele »Putzi« (1991) und »Mahler« (2000), die den Verlust der Tochter ergreifend thematisieren, mit großem Erfolg in Paris und verschiedenen Provinzstädten aufgeführt. In Wien geriet der Selbstmord von Lili Schnitzler und Franz von Hofmannsthal wieder in die öffentliche Diskussion dank des Salonstücks »Späte Worte« (2000) der österreichischen Autorin Michaela Ronzoni. Andre Link beschwört in seinem Monologdrama »Mein Flügel und ich, wir waren eins« (2001) die tragische Existenz Clara Schumanns, die hin- und hergerissen zwischen ihrer Künstlerkarriere und ihrer Mutterrolle, den Verlust von fünf Kindern beklagen musste. Der Selbstmord des Kronprinzen Rudolf hat nie aufgehört, die Gemüter zu beschäftigen, wie zahlreiche Darstellungen beweisen, von den populären Sissy-Filmfolgen bis zum Musical »Elisabeth«, in denen die Tragödie von Mayerling den tränenreichen Schwerpunkt bildet.
Viele erschütternde Kunstwerke spiegeln die Tragödien wider, die das Lebensgefühl der betroffenen Künstler beim Schaffensprozess geprägt haben. Die zahlreichen Trauermusiken, Totenmessen, Elegien, Nänien und Lamentos der Musikliteratur sind nicht selten das Ergebnis persönlicher Verluste, Zeugnisse echter Trauer. Michael Haydn, Bedrich Smetana, Franz Liszt, Antonin Dvorak, Leos Janacek, Jan Sibelius und zahlreiche andere Musiker haben ihren verstorbenen Kindern ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Zu den jüngsten Zeugnissen gehören auch das berühmte Lied »Tears in Heaven«, das der britische Songwriter Eric Clapton komponierte, nachdem sein Sohn Conor 1991 in New York aus dem Fenster eines 53. Stockwerks gefallen war, und das »therapeutische« Album »Skeleton Tree«, in dem der australische Musiker Nick Cave den tödlichen Sturz seines 15-Jährigen Sohnes Arthur von einer Klippe bei Brighton beschwört.
Jan Kochanowski, Joseph von Eichendorff, Friedrich Rückert, Stefan Andres, Victor Hugo, Léopold Senghor u.a.m. haben ganze Gedichtzyklen dem Andenken ihrer verstorbenen Kinder gewidmet. Die künstlerische Arbeit, das Ringen um den angemessenen Ausdruck, zwang zu einem gewissen Abstand und half den Schmerz zu dämpfen.
Für manche Künstler wird die »Monumentalisierung« des Gedenkens zu einer Art Lebensaufgabe. Cicero beabsichtigte, dem Andenken seiner Tochter Tullia einen öffentlichen Tempel zu errichten. Klemens von Metternich errichtete in Böhmen ein imposantes Mausoleum für seine früh verstorbenen Töchter Clementine und Marie. Käthe Kollwitz arbeitete fast zwanzig Jahre am Denkmal für ihren Sohn Peter, der 1914 als Freiwilliger in den Krieg gezogen war und zu den ersten Gefallenen zählte.
Wie besonders aus den letzten Beispielen ersichtlich, wird der Begriff »Kind« hier in seinem weiten Sinne aufgefasst. Auch erwachsene Söhne und Töchter bleiben die »Kinder« der Eltern, besonders wenn diese sie überleben. Und der Verlust eines Jugendlichen oder Erwachsenen ist für die Eltern gewiss schmerzlicher als der Tod eines Kleinkindes. Jahrelang haben sie einen festen Platz im Leben und im Herzen der Eltern eingenommen; wenn sie herausgerissen werden, zerbricht ein ganzer Lebensabschnitt voll gemeinsamer Erlebnisse, Erinnerungen und liebgewonnener Gewohnheiten. Der emotionale Verlust einer vertrauten entfalteten Person ist größer als jener einer nur knospenhaften Existenz ohne Individualität. Bei älteren Kindern ist der Tod auch deswegen oft tragischer, weil die Hinterbliebenen damit jegliche Hoffnung auf Nachkommenschaft begraben müssen. In mehr als einem Fall stirbt damit der »Stamm« aus: Hector Berlioz, Modest Grétry, Michael Haydn, Alphonse Lamartine, Giuseppe Verdi, Leopold II., Walter Gropius, Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler André Malraux, Romy Schneider u.a.m. starben einsam und »verwaist«.
Trauer ohne Tränen
Nicht allen ist es gegeben, ihre Trauer so elementar zu äußern wie Dostojewski oder Hugo. Manche tragen stumm an ihrem Leid, erstarren seelisch und verlieren den Kontakt zur Umwelt. Bei anderen weiß man nicht, ob das Schweigen echte Gefühlsscheu, Stoizismus oder Gefühlskälte ist. Der sonst so mitteilsame Michel de Montaigne verlor wenig Worte über den Tod seiner fünf Töchter, vermutlich weil es »nur« Mädchen waren, und schickte seiner Frau den Trostbrief des Plutarch.
Theodor Fontane schrieb nach dem Tode seines Sohnes: »Der Dritte, seines Todes froh / Liegt auf dem weiten Teltow-Plateau.« Dass der befremdliche Ausdruck nicht nur »des Reimes willen« zustande kam, belegt eine Tagebuchnotiz, die von geradezu bestürzender Unberührtheit des Gefühls zu zeugen scheint: »… Am Freitag schien es etwas besser, dann kam eine furchtbare Nacht (Mete pflegte ihn von Dienstag an) und am Sonnabend früh um 9 Uhr starb er. Als ich eintrat, war er eben tot. Das Begräbnis war herrlich, 4 Uhr Nachmittag, schönster Herbsttag, Exzellenzen und Generäle in Fülle. Kränze über Kränze, und die Gardeschützen gaben die drei Salven, die ihm als ›alten Krieger‹ zukamen. Er liegt nun auf dem Lichterfelder Kirchhof, einem umzäunten Stück Ackerland, und ich wünschte mir die gleiche Stelle …« Bei Effi Briests Tod offenbarte er eine ganz andere Wärme des Gefühls. Ob seine Romanfiguren ihm näher gestanden haben als der eigene Sohn oder ob der altersweise Schriftsteller seine Resignation hinter äußeren Fakten verbirgt oder neutralisiert, wer wagte es, darüber ein Urteil zu fällen?
Nach dem Tod seines einzigen Kindes und seiner Frau schrieb Lessing recht philosophisch und geistreich: »Die Freude war nur kurz. Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! Denn er hatte soviel Verstand! Soviel Verstand! – Soviel Verstand! … Glauben Sie nicht, dass die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu einem Affen von Vater gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. War es nicht Verstand, dass man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen musste? Dass er so bald Unrat merkte? War es nicht Verstand, dass er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? Freilich zerrt mir der Ruschelkopf auch die Mutter mit fort.« Wenn er dann noch hinzufügt: »Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen«, so verstehen wir, dass hier jemand in seinem Tiefsten getroffen ist, dass er aber seinen Schmerz heroisch-männlich niederkämpft. Nicht bei jedermann haben Tränen eine heilsame Wirkung.
Rabindranath Tagore zeigte äußerlich keine Trauer beim Verlust seiner drei Kinder, weil er sich schämte, vor aller Augen seinen Schmerz »zu erniedrigen«.
Igor Strawinsky verlor 1938 seine fast 30-jährige Tochter Ludmilla, deren Tragödie er hautnah am Krankenbett miterlebt hatte. Aber in seinem Konzert »Dumbarton Oaks«, das er gerade damals komponierte, findet sich keine Spur einer Trauerarbeit. Beim Tode bedeutender Persönlichkeiten schrieb er jedoch eine beachtliche Reihe von Elegien, von Rimsky-Korsakov bis Kennedy.
Thomas Mann ging 1948 sofort nach dem Freitod seines Sohnes Klaus zur »Tagesordnung« über und sagte keinen einzigen öffentlichen Auftritt ab. Offensichtlich wollte er sich nicht die Blöße geben, einem Fremden Einblick in sein innerstes Gefühlsleben zu gewähren. Die Trauer blieb seine Privatsphäre. Ihm war deutlich bewusst, was Platen so scharf und pessimistisch formuliert hat:
»Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,
Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts!«
André Malraux verlor am 23. Mai 1961 bei einem Verkehrsunfall seine beiden einzigen Söhne Gauthier und Vincent. Wenige Tage darauf nahm er an einem offiziellen Empfang bei de Gaulle teil und führte als Kulturminister den amerikanischen Präsidenten Kennedy durch die Prunkräume von Versailles, ohne ein einziges Wort über seinen Verlust zu verlieren.
Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang auch ein prominentes Gegenbeispiel anführen: Joe Biden, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten, kam immer wieder auf seine persönlichen Verluste zu sprechen, auf den frühen Tod seiner Frau und seiner Tochter, besonders auf den Tod seines erfolgreichen Sohnes Joseph Robinette Beau, der am 30. Mai 2015 an einem Hirntumor gestorben ist. Am Vorabend seiner Vereidigung, am 19. Januar 2021, würdigte er dessen Verdienste und fügte hinzu: »I only have one regret. Beau is not here. Because we should be introducing him as president.« Nur allzu gerne hätte er seinem Sohn die Präsidentschaft überlassen.
Die Gräfin von Nassau-Saarbrücken mit ihren drei Kindern.
Allerdings, in einer Gesellschaft, deren Wertmesser nur Glück, Schönheit und Erfolg gelten lassen, ist Trauer eine höchst unwillkommene Erscheinung. Ihre äußeren Zeichen werden als Störfaktor und Zumutung empfunden und müssen tunlichst in die Unsichtbarkeit verbannt werden. Wer dennoch Trauer bekundet, begibt sich ins Abseits der Isolation. Bei einem Großteil der Bevölkerung scheint die Fähigkeit zu trauern oder mitzuleiden völlig abhandengekommen zu sein. Für sie ist bereits der obligate alljährliche Friedhofsbesuch zu Allerseelen oder zum Totentag eine Belastung und ein leeres Ritual. Wie sollten sie echten Anteil am Schmerz anderer, fremder Menschen nehmen? Die Trauer gehört zu jenen einsamen Grenzerfahrungen, die man nur versteht, wenn man sie selbst durchleben muss.
Das Verhältnis des modernen Menschen zum Tod, auch wenn das Todesthema durch die grausigen Berichte des Bildschirms »enttabuisiert« scheint, bleibt höchst ambivalent, und meistens geradezu unaufrichtig. Jeder ist bereit einzusehen, dass der Tod der natürliche und unabwendbare Ausgang des Lebens ist. Dennoch versuchen alle, wie Freud scharfsinnig entlarvend formuliert, den Tod »totzuschweigen, denn im Unbewussten ist jeder von seiner Unsterblichkeit überzeugt« (Zeitgemäßes über Krieg und Tod, 1915).
Kleine Anthologie der trauernden Eltern
Die vorliegende Sammlung versucht, eine Reihe von authentischen Einzelschicksalen anhand von Dokumenten, seien es Tagebücher, Briefe, Gedichte, Romankapitel, Bildwerke oder musikalische Kompositionen, vorzustellen, die aus Anlass solch eines Verlustes entstanden sind. Es sind Berichte ohne Ausschmückung oder Wehleidigkeit, ohne psychologisierende Zergliederung oder Besserwisserei, rein faktographische Darstellungen, die für sich sprechen sollen. Jeder der chronologisch geordneten Artikel möchte gleichzeitig, obwohl er hauptsächlich auf den Verlust des Kindes und den Trauerprozess zentriert ist, auch ein knappes Lebensbild des Betroffenen vermitteln. Die Darstellung greift etwas weiter aus bei Persönlichkeiten, die zwar berühmt sind, deren Biographie aber beim Leser nicht ohne weiteres als bekannt vorausgesetzt werden kann.
Kinderfriedhof auf dem Berg Takao (Japan).
Die Auswahl der Beispiele, die auf einer breiten Recherche beruht, wurde aus verschiedenen Epochen und Ländern des abendländischen Kulturkreises – Tagore ist eine Ausnahme – mit Schwerpunkt auf dem 19. und 20. Jahrhundert getroffen. Alle diese Fälle erschütterten das Leben der Eltern – Hofmannsthal starb zwei Tage nach dem Freitod seines Ältesten, Kaiserin Elisabeth trug Trauerkleidung bis ans Ende ihres Lebens – und wurden Anlass zu einer langen »Trauerarbeit«, ob die Trauernden nun tiefgläubige Christen waren wie Andres, Eichendorff und Rückert, oder überzeugte Atheisten wie Marx und Freud. In solch tragischen Situationen ist auch der Unterschied zwischen einem Sonnenkönig und einem Revolutionär nicht gewaltig; wenn die Axt an die Wurzeln gelegt wird, erweist sich fast jedes Vaterherz als weich und verwundbar.
Die sprachliche Vielfalt der Texte hat zur Folge, dass alle nichtdeutschen Texte in Übersetzungen aufgenommen wurden. Um dennoch einen Hauch des Originals zu vermitteln, schien es angebracht, auch eine Reihe von Kern-Zitaten in der Originalsprache einzustreuen (mit Übersetzung oder Umschreibung). Zudem bedient sich der Trauernde meist nur des schlichten Grundwortschatzes, weithergeholte Ausdrücke und Metaphern sind dem Gegenstand wenig angemessen.
Eine besondere Aussagekraft kommt dem Bildmaterial zu. Wer z.B. das große Familienportrait A. Manzonis mit seinen Kindern sieht, von denen sieben ihm im Tode vorausgingen, ermisst mit einem Blick das tragische Familienleben des gefeierten Dichters; die Aufzeichnung der »letzten Worte« Olga Janaceks, deren »Sprechmelodien« teilweise in die Oper »Jenufa« eingeflossen sind, vergegenwärtigt fast unerträglich grell die Agonie des Mädchens und die Verzweiflung des Vaters.
Vielleicht hilft es Eltern, die einen ähnlichen Verlust erlitten haben, zu erkennen, wie sich andere Menschen, sogenannte »berühmte« Menschen, ihre Schicksalsgenossen in der »Brüderschaft der vom Schmerze Gezeichneten« (Schweitzer), zu einem Ausdruck durchrangen, oft wieder neuen Halt gewannen oder sich wenigstens mit ihrem Leid abfanden. Für den verschonten oder »ungeprüften« Leser können diese Artikel ein Anlass sein, ein besseres Verständnis für die Lage und das vielleicht andersartige Benehmen der trauernden Eltern zu finden, ein Benehmen, das man ihnen leicht übel nimmt: ihre Scheu, ihr Schweigen, ihre latente Schwermut, ihr unfrohes Lachen, ihr geringes Interesse am Treiben der Welt, am Jahrmarkt der Eitelkeiten. Der neuerdings gebrauchte Ausdruck von »verwaisten Eltern« umschreibt wohl am nächsten, in Ermangelung einer adäquaten sprachlichen Bezeichnung, ihre seelische Verfassung. Das Buch möchte auch Brücken schlagen zwischen den zwei Welten, über den Abgrund hinweg, der die glücklichen Eltern von den einst auch glücklichen, aber jetzt trauernden Eltern trennt.
Paul Badde: Ungetaufte Kinder dürfen ins Paradies. 22.4.2007. https://www.welt.de/politik/ausland/article827376/Ungetaufte-Kinder-duerfen-ins-Paradies.html (Zugriff: 8.7.2021).
Ninja Charbonneau: Kindersterblichkeit: Warum sterben eigentlich Kinder?. 18.9.2020. https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/kindersterblichkeit-weltweit-warumsterben-kinder/199492 (Zugriff: 8.7.2021).
Jean Delhôtel: Avioth. Bref recueil de l’état de l’églisede Notre-Dame d’Avioth (1668). Colmar 1981.
Peter Eggenberger, Susi Ulrich Bochsler, Kathrin Utz Tremp et al.: Das mittelalterliche Marienheiligtum Oberbüren. Chilchmatt. Hefte zur Archäologie im Kanton Bern 4. 2018.
Sigmund Freund: Zeitgemäßes über Krieg und Tod (1915). Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Hugo Heller. Wien 1915.
Martin Heidegger: Le Dasein Etre-pour-la-mort et angoisse. Gallimard. Paris 1986.
Jean et Brigitte Massin: Wolfgang Amadeus Mozart. Librairie Fayard. Paris 1970.
Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Piper. München 2007.
Ginette Raimbault: Lorsque l’enfant disparaît. O. Jacob. Paris 2011.
Statistisches Bundesamt: Entwicklung der Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland nach Geschlecht in den Jahren von 1950 bis 2060. Juli 2020. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/273406/umfrage/entwicklung-der-lebenserwartung-bei-geburt--in-deutschland-nach-geschlecht/ (Zugriff: 8.7.2021).
UNICEF: Rapport Innocenti. Firenze 2011.
MARCUS TULLIUS CICERO
Tullia war tot, vor einem Jahr gestorben, zum unbeschreiblichen Schmerz des Vaters, dem sie das Liebste auf Erden gewesen war. Max Brod. Armer Cicero, 1955
Marcus Tullius Cicero ist der berühmteste Redner, den das alte Rom hervorgebracht hat. Sein Aufstieg war das Produkt von Talent, Tüchtigkeit und Ehrgeiz. Als »homo novus«, als Aufsteiger oder Emporkömmling, der am 3. Januar 106 v. Chr. in einer bescheidenen Familie in Arpinum geboren wurde, gelang es ihm, die höchsten Ämter im Staat einzunehmen. Besonders stolz war er darauf, dass er alle Ämter zum frühestmöglichen Zeitpunkt (»suo anno«) bekleidete. Den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreichte er als Konsul, im Jahre 63 v. Chr., indem er die Verschwörung des Catilina aufdeckte und die Staatsfeinde mit großer Festigkeit unschädlich machte. Mit naiver Eitelkeit feierte der »Vater des Vaterlandes« seine Rettungstat in dem Gedicht »De consulatu«, worin er Rom dafür glücklich pries, dass es dank seines Konsulats wiedergeboren wurde: »O fortunatam natam me consule Romam!«
Dank der fast 1000 überlieferten Briefe, die er an seine Freunde schrieb – Ciceros Korrespondenz ist die umfangreichste und kunstvollste der lateinischen Literatur –, ist das Privatleben Ciceros ziemlich gut bekannt, mit Ausnahme seiner frühen Jahre, als er sich einen Namen als Gerichtsredner machte, Terentia, eine Frau aus altem und reichem Adelsgeschlecht heiratete und mit ihrer Mitgift einige Landgüter und Villen erwarb.
Tulliola deliciae nostrae
Die Forschung nimmt heute an, dass er Terentia im Jahre 77 heiratete und seine einzige Tochter Tullia am 5. August 76 geboren wurde. Cicero berichtete voller Stolz an seinen Freund Atticus, dass Tullia sehr aufgeweckt sei und schon mit fünf Jahren juristische Fachausdrücke wie »Sponsor« verwende. Alle Zeugnisse belegen, dass er diese Tochter unendlich liebte (»Tulliola deliciae nostrae« – die kleine Tullia ist unsere Freude«, schreibt er an Atticus, sie ist das »Licht seines Daseins«, die »Vielgeliebte«, und »Allersüßeste« – »suavissima«), Marion Giebel nennt die »väterliche Liebe zu Tullia eine Beziehung, die an Innigkeit in der Antike ohne Beispiel ist.« Cicero war narzisstisch in sie vernarrt, da er in ihr sein Ebenbild zu erkennen glaubte. Mit Entzücken entdeckte er bei dem »Töchterchen« dieselbe Intelligenz, dieselben Gesichtszüge, dieselbe Stimme, dasselbe Wesen. (»Quid quod … desidero filiam? … effigiem oris, sermonis, animi mei …«, berichtet er an den Bruder Quintus.) Wenn sie erkrankte, litt er Qualen (»excruciat me valetudo Tulliae nostrae«). Als sie acht Jahre alt war, verlobte er sie mit Calpurnius Piso. (»Tulliolam Pisoni despondimus«, ad Att. 1,3). Die Heirat fand fünf Jahre später statt, in einem Alter, das in Rom nicht unüblich war. Als Piso nach wenigen Jahren starb, litt Tullia sehr unter diesem Verlust. Nach dem Willen ihres Vaters heiratete sie ein Jahr später Furius Crassipes, der dem hohen Adel angehörte und über großen Reichtum verfügte. Cicero schätzte vor allem die ausgedehnten Gärten seines Schwiegersohnes und empfing dort seine Gäste. Diese zweite Ehe, die sich als wenig glücklich erwies, wurde nach zwei oder drei Jahren durch eine Scheidung wieder gelöst.
Die Gewissensbisse eines Vaters – »Summa culpa mea«
Da Cicero zu dem Zeitpunkt die Provinz Cilicien verwaltete, war es ihm nicht möglich, sofort persönlich nach einem neuen Mann für seine Tochter Ausschau zu halten. Er beauftragte mehrere Vertraute mit dieser Angelegenheit, die ihm sehr am Herzen lag (»gratissimum … quo nihil carius«). Aus politischem Opportunismus schlug einer von ihnen einen zehn Jahre jüngeren Mann vor, P. Cornelius Dolabella, der einen ziemlich üblen Ruf als Draufgänger und Lebemann genoss, aber erklärter Parteigänger Cäsars war. Zweimal schon hatte Cicero den dreisten jungen Mann verteidigt und eine Verurteilung abwenden können. Diese dritte Verbindung war von Anfang an wenig glückverheißend für Tullia, aber im Augenblick politisch vorteilhaft. Nach einigem Widerstreben fügte sich Cicero und fand schließlich sogar Gefallen an seinem neuen Schwiegersohn (»gener suavis est mihi, Tulliae, Terentiae …«). Als der Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Cäsar ausbrach, versuchten beide Parteien den angesehenen Redner, der eine moralische Autorität darstellte, für sich zu gewinnen.
Das Kind, das Tullia am 17. Mai 49 zur Welt brachte, war eine Frühgeburt, die nicht überlebte. Bald darauf suchte Tullia Zuflucht bei ihrem Vater und beklagte sich über das Benehmen Dolabellas, der sich als Trinker und Schürzenjäger erwies und die Mitgift seiner Frau mit einer Geliebten verschwendete. Im Herbst 46 kam es zur endgültigen Trennung, obwohl Tullia ein zweites Kind erwartete. Cicero fühlte sich schuldig am Unglück seiner Tochter, die jetzt zum dritten Mal, ohne irgendwelches persönliches Verfehlen, eine schreckliche Enttäuschung erlebte (»id-que accidere nullo ipsius Tulliae delicto, summa culpa mea«, bekennt er Atticus XI, 17). Als Vater hatte er versagt, er hätte diese Ehe verhindern oder wenigstens das Leiden Tullias durch eine rasche Trennung verkürzen müssen. Er machte sich bittere Vorwürfe, dass er so blind war (»caeci fuimus«, ad Att., XI, 25). Dieses Kind, das ihm teurer als das eigene Leben war (»Tulliola, quae nobis nostra vita dulcior est«, Ad fam. XIV, 7), war trotz seiner höchsten Tugendhaftigkeit und seiner Güte durch den Fehler des Vaters (»nostra neglegentia«) in ein Unglück geraten, das es keineswegs verdient hatte.
Mittlerweile war auch in Ciceros eigener Ehe eine Krise ausgebrochen, die damit endete, dass er sich nach rund 30 Jahren von Terentia trennte. Diese heiratete daraufhin den Historiker Sallust, während Cicero sein junges Mündel Publilia ehelichte, zum nicht geringen Befremden seiner Umgebung. Ob ihre »Jugendschönheit«, wie Plutarch schreibt, oder ihre Wohlhabenheit den Ausschlag beim verschuldeten Cicero gaben, ist unklar geblieben. Max Brod hat dieser »Spätliebe« des berühmten Redners den Roman »Armer Cicero« (1955) gewidmet.
Der Tod in Tusculum
Ende Januar 45 schenkte Tullia einem Jungen, Lentulus, das Leben. Cicero brach mit seiner Tochter und seiner jungen Frau nach seinem Landsitz Tusculum auf, in der Hoffnung, dass die gesunde Luft der Albaner Berge die geschwächte Tochter schneller auf die Beine bringe. Wenige Wochen später, Mitte Februar 45, starb Tullia, ohne Anzeichen einer Erkrankung, vor Kummer und Entkräftung. Sie war 31 Jahre alt. Cicero war zutiefst erschüttert über diesen herben Verlust (»fortunae gravissimo perculsus vulnere« Acad, post 1,3). An Sulpicius Rufus schrieb er, dass dieser Schicksalsschlag ihn um sein ganzes Glück gebracht habe. »Es ist aus mit mir … nachdem ich das Einzige, was mich noch gehalten hat, verloren habe«, bekannte er Atticus. Seit vielen Jahren war Tullia seine enge Vertraute gewesen. Die üblen Verleumdungen seiner Widersacher gingen sogar so weit, diese sehr innige Vater-Tochter-Beziehung als inzestuös hinzustellen. Bei allen Schwierigkeiten und Rückschlägen in der Politik hatte er stets bei Tullia einen Rückhalt gefunden, weit mehr als bei seiner Frau. Die Gespräche mit ihr hatten ihn immer wieder aufgerichtet und getröstet. Sofort nach Tullias Tod schickte er Publilia nach Rom zurück. Er wollte sie nicht mehr sehen, da sie auf Tullia eifersüchtig gewesen war und ihr jetzt nicht aufrichtig nachtrauerte.
Cicero selbst verließ fluchtartig Tusculum, das ihm unerträglich geworden war, und fand Zuflucht bei Atticus. Er suchte Trost in dessen Bibliothek, indem er sämtliche Werke über das Thema des Trauerschmerzes durchlas. »Auf diese Weise bleibt meine Trauer innerhalb der Grenzen, welche die Philosophen vorschreiben. Ich habe nicht nur alles gelesen, was sie zu diesem Thema geschrieben haben, was an sich schon Mut erfordert, sondern ich habe es in mein Werk übertragen …« Da er möglichst jeden Kontakt mit Besuchern meiden wollte, zog er sich schließlich auf ein Landgut zurück, das er in Astura, am Meer, gekauft hatte. Dort gab es einen dichten undurchdringlichen Wald, in dem er sich den ganzen Tag aufhielt, um zu lesen, zu meditieren und zu schreiben. In mehreren Briefen an Atticus teilte er seine Absicht mit, eine »consolatio«, eine Trostschrift, »an sich selbst« zu verfassen, um seinen Schmerz zu lindern (»librum de minuendo luctu«), »Ganze Tage schreibe ich, nicht damit ich dadurch etwas gewinne, doch es lenkt mich eine Weile ab. Freilich nicht genug – der Schmerz ist übermächtig – aber ich erhole mich doch dabei und bin nach Kräften bemüht, wenn nicht den Geist, so doch meine Miene so weit wie möglich in Fassung zu bringen. Wenn ich das tue, komme ich mir bisweilen vor, als beginge ich ein Unrecht; bisweilen glaube ich auch wieder, es sei unrecht, wenn ich es nicht tue.«
Die »consolatio«, die er »mitten in der Trauer und im Schmerz« verfasste, ist verschollen, nur einige Fragmente davon sind überliefert worden, u.a. vom hl. Hieronymus. Aber das große philosophische Werk der »Tusculanae disputationes«, das im August jenes Jahres entstand und verwandte Themen behandelt, ermöglicht es, den Inhalt dieser Trostschrift zu rekonstruieren, umso mehr als Cicero sich auf einige Autoren beruft, deren Ideen zum philosophischen Gemeingut des Altertums gehören. Als Einleitung entwickelt Cicero folgende »tröstliche« Hauptideen: Es ist kein Übel, jung zu sterben, das menschliche Dasein ist so traurig, dass es gut ist, daraus zu fliehen. Cicero kritisiert die Argumente gegen das Leid, die von den verschiedenen philosophischen Schulen des Altertums vertreten wurden, von den Peri-Patetikern, den Epikuräern, den Stoikern usw. Stichhaltig und wirksam erscheint ihm nur die Beweisführung Crantors, eines Akademikers, der sich an Platos Lehre anlehnt, vor allem an seine Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Seelen wie die Tullias können nicht vergehen, so wenig wie die Seelen großer Menschen der Vergangenheit, wie z.B. die Scipios. Mit dem Tode seiner Tochter wird diese Hypothese nicht bloß eine Hoffnung für ihn, sie wird ihm zur Gewissheit – oder zu einer notwendigen emotionalen Kompensation.
Die Apotheose Tullias
Vielleicht traute Cicero seiner Trostschrift nicht zu, ein zeitüberdauerndes Zeugnis, ein »monumentum aere perennius« zu sein. Jedenfalls unterbreitete er am 11. März seinem Freund Atticus sein Projekt, ein Marmordenkmal für Tullia zu errichten. Dieses Heiligtum sollte kein Grabmal sein, eher eine Kapelle oder ein kleiner Tempel, der von Säulen umgeben wäre (»De fano illo dico, de quo tantum, quantum me amas, velim cogites …« Ad Att, XII, 18). Als Begründung fügte er hinzu: »Vielleicht reißt das meine Wunden wieder auf, aber ich fühle mich wie durch ein Gelübde oder ein Versprechen gebunden.«
Bei den Griechen errichtete man solch ein Gebäude, das sie »heroon« nannten, zu Ehren von Personen, denen man eine göttliche Natur zusprach, z.B. Städtegründern, mythischen Vorfahren usw. Insgesamt sahen manche Philosophen damals in den überlieferten Gottheiten nur Sterbliche, die der Menschheit große Dienste geleistet hatten und dadurch »unsterblich« geworden waren. Sie argumentierten, dass ein Wesen, das mit einer außergewöhnlichen Intelligenz ausgestattet sei, nicht auf ewig verschwinden könne; dieselbe Überlegung war gültig für alle Wesen, die besonders geliebt und verehrt wurden. Die Toten besaßen, in ihren Augen, ein eigenes Leben, eine immaterielle Existenz, die sie halbwegs zwischen ihrem früheren Aufenthalt und jenem der überlieferten Gottheiten führten. So wurde Tullia heroisiert. Dank der Liebe, die sie verdiente und die ihr entgegengebracht wurde, hatte sie eine unvergängliche Daseinsform gewonnen.
Cicero ging unverzüglich an die Verwirklichung seines Planes heran. Bereits im Sommer gedachte er, das Heiligtum zu vollenden (»Cogito … ita tamen, ut hac aestate fanum absolutum sit«, ad Att. 14.3.45). Er beauftragte den Architekten Cluatius mit dem Entwurf, er beabsichtigte, den Bau »mit allen Verzierungen der griechischen und römischen Kunst zu dekorieren.« Atticus wurde beauftragt, wegen der Beschaffung von Marmorsäulen mit Apelles von Chio zu verhandeln.
Mehrere Monate lang suchte Cicero einen geeigneten Platz für das Heiligtum. Er dachte zuerst an die Insel Arpinas, seinen Geburtsort, dann an sein Landgut Tusculum, dann an den Meeresstrand von Ostia. Alle drei Standorte wurden schließlich verworfen, weil sie zu weit entfernt und abgelegen waren. Deshalb unternahm Cicero Schritte, um einen Garten in Rom selbst zu erwerben. Aber die angesprochenen Besitzer wollten nicht verkaufen, trotz der Bereitschaft Ciceros, einen sehr hohen Preis zu bezahlen. »Hab nur keine Angst wegen der Preise für diese Gartengrundstücke. Ich brauche kein Silbergeschirr mehr, keine Teppiche, keine schön gelegenen Villen wie einst: Nur dies Eine brauche ich noch.«
Am besten gefielen ihm die Gärten eines gewissen Scapula, weil dort immer viel Volk vorbeikam (»maxima celebritas«). Damit würde der Kult für Tullia eine echte Aussicht auf Popularität erhalten. Diesen Plan eines zentral gelegenen Standortes musste er aufgeben, als er hörte, dass die Gärten Scapulas im Perimeter der Urbanisierungspläne Cäsars lagen. Er konnte es sich nicht leisten, die Erweiterung des Marsfeldes zu behindern. Atticus gab zu bedenken, dass die Megalomanie des Tempelbaus Ciceros Vermögensverhältnisse überforderten. Vergeblich bemühte sich dieser um Anleihen (»video etiam a quibus adiuvari possim«). Angesichts der sich häufenden Schwierigkeiten bekräftigte er am 3. Mai 45 nochmals: »Ich will, dass dieser Tempel gebaut werde und nichts kann mich von diesem Vorhaben abbringen.« Deutlich betonte er, dass es ihm nicht um ein Grabmal gehe, sondern um eine »Apotheose«. Im lateinischen Text steht das griechische »αποθϵωσιν«.
Als Atticus die Befürchtung aussprach, dass Ciceros Trauer seinem Ansehen schaden könne, antwortete dieser mit der vorwurfsvollen Frage: »Ich sollte nicht trauern? Wie könnte man das?« Dennoch wurde es bald merklich still um das Anliegen. Im Spätsommer 45 verlor sich das Thema im Briefwechsel. War der Bau vollendet? Es ist eher wahrscheinlich, dass das Tempelchen nie gebaut wurde.
In Max Brods Roman wird das Projekt im Rückblick folgenderweise dargestellt: »Tullia war tot, vor einem Jahr gestorben, zum unbeschreiblichen Schmerz des Vaters, dem sie das Liebste auf Erden gewesen war … Hatte der Jammernde damals nicht einen Tempel zum Gedächtnis Tullias bauen wollen, – nicht etwa eine Grabstätte; denn für ihn sollte sie nicht tot sein, als Gottheit sollte sie weiterleben, verehrt von ihm und von allem Volk. Deshalb sollte ja auch der Tempel unbedingt an einer vielbefahrenen und begangenen Straße liegen. Monatelang hielt der Konsular Ausschau nach einem passenden Grundstück …« (S. 32) Im Roman sind es die »schrecklichen Zuckungen des Bürgerkriegs«, welche die Verwirklichung des Tempelbaus vereitelten.
Die philosophischen Werke
Der Tod seiner Tochter bedeutete auch eine Krise im Denken Ciceros. Er wurde zum Anlass, die großen Theorien kritisch zu überprüfen. Nie war Cicero philosophisch so produktiv wie in den Monaten nach Tullias Tod. Er betäubte seinen Kummer in einer ungeheuren Arbeitswut, die ihm fast keine Zeit zum persönlichen Grübeln übrigließ. Die lateinische Literatur verdankt dieser übermenschlichen »Trauerarbeit« einige ihrer besten Bücher, inhaltlich wie stilistisch. Es darf nicht vergessen werden, dass die Grammatik und Stilistik der lateinischen Sprache wesentlich auf den Werken Ciceros und Cäsars beruhen. Ciceros Reden und Abhandlungen bilden das Rückgrat der Latinität, er schuf die klassische lateinische Sprache, die für Jahrhunderte gültig blieb.
Schon am 16. Mai kehrte Cicero wieder nach Tusculum zurück, wo die Erinnerung an die letzten Tage Tullias keine unerträgliche Qual mehr darstellte. Er nahm eine ganze Reihe von philosophischen Abhandlungen in Angriff, die »Academica«, »De finibus bonorum et malorum«, und vor allem die »Tusculanae disputationes«, die er schon am 29. Mai begann. Das erste der fünf Bücher handelt vom Tod, das zweite vom Schmerz, das dritte vom seelischen Leiden, alles Themen, die Cicero jetzt, nach dem Verlust Tullias, mit besonderer Betroffenheit untersuchte und ergründete. Die im selben Jahre geschriebenen Bücher über die Natur der Götter (»De natura deorum«) und über die Weissagungen (»De divinatione«) offenbaren ebenfalls das Interesse Ciceros, sich mit metaphysischen Fragen auseinanderzusetzen und für sein Denken, für seine Weltanschauung neue Grundlagen zu finden. Er schuf eine Synthese der jüngeren griechischen Philosophen und wirkte so, besonders als Vermittler ihrer Ethik, auf die ersten christlichen Jahrhunderte.
Das Ende
Nach der Ermordung Cäsars an den Iden des März 44 v. Chr. versuchte Cicero wieder ins politische Geschehen einzugreifen, indem er den Tyrannenmörder Brutus als Befreier Roms hinstellte. Er setzte die staatspolitischen Ideen, die er in seinem »De re publica« vertreten hatte, der Praxis des machthungrigen Marcus Antonius entgegen. Mit großer Leidenschaft prangerte er die undemokratischen Methoden seines Gegners in 15 Reden, den berühmten »Philippica«, an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Octavian, der Adoptivsohn Cäsars, sich mit Antonius und Lepidus zum 2. Triumvirat zusammenschließen würde. Jetzt konnte Antonius Rache an Cicero nehmen.
Wahrscheinlich gegen den Widerstand Octavians, der ein gutes Verhältnis zum Redner unterhielt, wurde Cicero auf die Liste der Geächteten gesetzt. Die Häscher holten ihn ein, am 7. Dezember 43 v. Chr., nicht weit von Gaeta, als er in seiner Sänfte ans Meer flüchtete. Plutarch schildert ausführlich die barbarische Ermordung des großen Redners.
»Cicero befahl den Trägern, die Sänfte an Ort und Stelle niederzusetzen, und schaute selbst, indem er nach seiner Gewohnheit die linke Hand ans Kinn legte, mit starrem Blick auf die Mörder, von Staub bedeckt, mit ungeschorenem Haar und Bart und das Gesicht von Kummer verzehrt, so dass die meisten sich verhüllten, als Herennius ihn abschlachtete. Er erhielt den tödlichen Hieb in den Hals, den er aus der Sänfte vorstreckte, im vierundsechzigsten Lebensjahr. Dann schlugen sie ihm, gemäß Antonius’ Befehl, den Kopf und die Hände ab, mit denen er die Philippinischen Reden geschrieben hatte.«
Der Centurio Herennius schickte die »abgeschnittenen Teile« nach Rom zu Antonius, der sie auf dem Forum, auf der Rednertribüne, ausstellen ließ. Vor Jahren hatte Cicero seinen Mörder, der des Vatermordes angeklagt war, vor Gericht verteidigt und seinen Freispruch erwirkt.
Marcus Tullius Cicero: Ad Atticum/Ad Familiares/Tusculanae disputationes. Collection Budé. Paris.
Max Brod: Armer Cicero. Herbig. Berlin 1955.
Jérôme Carcopino: Les secrets de la correspondance de Cicéron. Paris 1947.
Marion Giebel (Hrsg, und Übers.): Cicero zum Vergnügen. Reclam. Stuttgart 1997.
Pierre Grimal: Cicéron. Fayard. Paris 1986.
Plutarch. Von großen Griechen und Römern. Doppelbiographien. DTV. München 1991.
PLUTARCH UND TIMOXENA
Ich schicke Ihnen den Trostbrief des Plutarch … Ich überlasse Plutarch die Aufgabe, Sie zu trösten Michel de Montaigne an seine Frau nach dem Tod der Tochter. 1570
Ich wohne in einer kleinen Stadt, und ich lebe gerne dort, damit sie nicht noch kleiner werde.« Chäronea, die Geburtsstadt Plutarchs, liegt in Böotien, in Zentralgriechenland. Sie war berühmt in der Antike wegen des Sieges, den Philipp II. von Mazedonien im Jahre 338 v. Chr. dort über die Thebaner errungen hatte. Hier verbrachte der im Jahr 46 n. Chr. geborene Plutarch seine Kindheit, hierhin kehrte er im reifen Alter zurück, um sich seinem Werk zu widmen. Sein Bildungsgang hatte ihn nach Athen und nach Alexandrien geführt. In Athen hatte er viele Jahre als hochangesehener Philosoph gelehrt und war Bürger der Stadt geworden. Er reiste auch mehrfach nach Rom, wo er lehrte, die Freundschaft bedeutender Römer gewann und auch die Bürgerrechte erhielt. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt bekleidete Plutarch verschiedene politische Ämter. Noch wichtiger war, dass er zum Priester des Orakels von Delphi ernannt wurde und häufig zwischen Chäronea und Delphi unterwegs war.
Verheiratet war Plutarch mit Timoxena, der Tochter Alexions aus Chäronea. Sie brachte wenigstens fünf Kinder zur Welt, von denen drei sehr früh verstarben. Da sie selbst eine philosophische Abhandlung verfasste, muss sie eine gebildete Frau und ebenbürtige Partnerin ihres berühmten Mannes gewesen sein.
Als Historiker, Moralist und Philosoph hat Plutarch ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, das große Verbreitung fand und daher auch weitgehend erhalten geblieben ist. Man unterscheidet meist zwei Gruppen von Schriften: die historischen Biographien und die so genannten »moralischen« Schriften. In seinen »Lebensbeschreibungen berühmter Männer« stellt er oft einen Griechen und einen Römer gegenüber, z.B. Alexander und Cäsar, Demosthenes und Cicero. Diese Doppelviten oder »parallele Biographien« mit ihrem Hang zur Heroisierung und Idealisierung prägten für viele Generationen das Bild der großen Gestalten der Antike. Sie hatten eine starke Nachwirkung, z.B. auf Shakespeare und Corneille, die sie als Quellen für ihre Römerdramen benutzten, auf Friedrich den Großen, Napoleon und Beethoven, denen sie als Musterbeispiele antiker Größe dienten.
In seinen »Moralia« untersucht Plutarch religiöse, ethische, politische, literarische, naturwissenschaftliche und medizinische Fragen, wobei er sich in seinen Ansichten stark an den Platonismus anlehnt. Sie sind ein wahres Kompendium, eine Enzyklopädie philosophisch-wissenschaftlicher Themen, wie sie in hellenistischer Tradition, meist in Dialogform, im kaiserlichen Rom und in Athen diskutiert wurden.
Zu den »moralischen Schriften« zählt man auch einen Text, der streng autobiographischen Charakter hat, den oft zitierten Trostbrief, den Plutarch an seine Frau Timoxena nach dem Tod ihrer gleichnamigen Tochter schrieb. Er gilt als ein exemplarisches Zeugnis für eine antike »Consolatio«. Für den hochgebildeten und feinfühligen Michel de Montaigne hatte er noch 1500 Jahre später eine solch zeitlos gültige Bedeutung, dass er seiner Frau eine Übersetzung davon zuschickte, als ihr ältestes Kind im Jahre 1570 starb. »Ich überlasse Plutarch die Aufgabe, Sie zu trösten … er wird Ihnen meine Absichten entdecken und was man in einer solchen Lage anführen kann, viel besser als ich es selbst tun könnte …«
Ich bin nicht aus Eichen und Steinen gemacht
Als rücksichtsvoller Philosoph und Gatte geht Plutarch kaum ein auf den Schmerz, den dieser Verlust ihm persönlich zufügt. Die Versicherung, dass er nicht unempfindlich wie Stein und Eiche sei, muss als Hinweis genügen. Sein Hauptanliegen ist die Tröstung und Ermunterung seiner Frau, deren Lieblingskind plötzlich gestorben ist.
»Plutarchus wünscht seiner Frau Glück! Der Bote, den du mir mit der Nachricht vom Tode unseres Kindes geschickt hast, hat mich wahrscheinlich auf dem Wege nach Athen verfehlt; ich habe es jedoch, als ich nach Tanagra kam, von der Nichte erfahren. Vermutlich ist die Bestattung schon vor sich gegangen: möge alles so geschehen sein, wie es dir jetzt und für die Zukunft am wenigsten Kummer macht. Falls du aber etwas, was du tun wolltest, unterlassen hast, weil du meine Meinung darüber abwarten willst, und, wenn ich bei dir bin, leichter zu tun glaubst, so magst du auch dieses noch besorgen, ohne jede Übertreibung und ohne Ängstlichkeit, was ja auch gar nicht deine Sache ist.
Nur erhalte mich, liebe Frau, und dich selbst bei diesem Schlage in gehöriger Fassung. Denn ich kenne und begreife die Größe unseres Verlustes; wenn ich aber finden sollte, dass du dich zu sehr darüber grämst, so würde mir dieses noch mehr leid tun als die Sache selbst. Dennoch aber bin ich nicht aus Eichen und Steinen gemacht, wie du selbst weißt, die du in Gemeinschaft mit mir so viele Kinder aufgezogen hast, weil wir alle zu Hause persönlich erzogen. Ich weiß, dass diese Tochter, deren Geburt nach vier Söhnen deinen sehnlichsten Wunsch erfüllte und mich veranlasste, ihr deinen Namen zu geben, dir ganz besonders lieb war. Was deine zärtliche Liebe zu dem Kinde noch besonders steigerte, ist die reine, unschuldige, niemals durch Ärger und Tadel getrübte Freude, die es uns machte. Es besaß von Natur eine wunderbare Gelassenheit und Sanftmut, und seine Gegenliebe und Hingebung machte uns Vergnügen und ließ zugleich sein liebreiches Wesen ahnen; wie es denn seine Amme bat, nicht nur andern Kindern, sondern selbst Gerätschaften und Spielsachen, an denen es eine Freude hatte, die Brust zu reichen, ganz so, wie wenn es sie aus Menschenliebe an seinen eigenen Tisch zur Teilnahme an seinen Genüssen einladen und mit denen, welche ihr Freude machten, sein Süßestes teilen wollte …«
Da die Tochter eine reine Freudenquelle war – »die allersüßeste Liebkosung … Augenweide und Ohrenschmaus« – soll ihr Andenken auch mehr Freude als Trauer erregen. Das sind die Eltern ihrem Liebling schuldig.
»So machen es edle Frauen, die ihre Kinder lieben«
Plutarch lobt seine Frau, dass sie weder Trauerkleidung angezogen, noch sich und den Mägden »Selbstquälung« gestattet hat. Die Bestattung hat sich in aller Stille, ohne »kostbaren und festlichen Prunk« abgespielt. Auch diese »maßvolle Einfachheit« passt zum Wesen seiner Frau, die auch nie bei einer freudigen Gelegenheit durch übertriebenes Vergnügen oder unsinniges Gelächter ihre Würde verloren hat. Sie hat stets alles Auffällige in Putz und Kleidung verschmäht. »Verwerflich« findet er »die unersättliche Neigung zum Jammern«, das Klageschreien, das Brüsteschlagen, das Abschneiden der Haare, die Vernachlässigung der Körperpflege. Timoxena war in diesen Punkten immer in Übereinstimmung mit ihrem Mann.
»Denn durch deine einfache Kleidung und unverzärtelte Lebensweise hast du bei allen Philosophen, die mit uns in Umgang und Bekanntschaft lebten, Bewunderung erregt, und alle unsere Mitbürger haben schon bei Festen, Opfern und Schauspielen dein bescheidenes Wesen beobachtet. Auch in ähnlichen Fällen hast du schon große Standhaftigkeit gezeigt, zuerst bei dem Verluste deines ältesten Kindes und dann wieder, als der gute Chäro uns verließ. Ich erinnere mich, wie ich damals, als ich die Nachricht vom Tode des Kindes erhielt, mit einigen Freunden auf dem Rückwege von einer Seereise war, welche dann, nebst anderen, mit mir nach meiner Wohnung gingen; wie sie nun hier alles in schönster Ordnung und Ruhe fanden, glaubten sie, es sei hier kein Unglück geschehen, sondern nur ein falsches Gerücht davon verbreitet worden. So verständig hattest du alles im Hause angeordnet, unter Umständen, wo selbst Unordnung ganz verzeihlich gewesen wäre. Und doch hattest du jenes Kind an deiner Brust gesäugt … So machen es edle Frauen, die ihre Kinder lieben.«
Plutarch dankt seiner Frau, dass er das »Schlimmste und Gefährlichste« nicht zu befürchten hat: »ich meine den Besuch und das Geschrei und Mitgeheul schlechter Weiber, welche die Trauer bloßlegen und noch steigern.« Dadurch bringen sie nur »noch Feuer zum Feuer«. »Wenn man das Haus eines Freundes brennen sieht, löscht jeder so schnell und so gut er kann, wenn aber Seelen im Feuer stehen, so tragen sie ihnen noch Brennstoff zu.«
Im nächsten Teil fordert der Philosoph seine Frau auf, sich in Gedanken »in jene Zeit vor der Geburt dieses Kindes zu versetzen.« Nach seinem Tode sind beide »wieder in gleiche Verhältnisse gekommen« und so dürfen sie nicht undankbar sein für die Lebensjahre des Kindes, »da sie uns den schönsten Genuss verschafften«. Er warnt davor, immer und überall mit dem Schicksal unzufrieden zu sein. »Denn es trägt immer gute und süße Früchte, wenn man von den Göttern nur Gutes redet und das Schicksal mit Gleichmut und Zufriedenheit erträgt …«
Zudem soll sie bedenken, dass sie noch von vielen Menschen wegen ihrer Kinder, ihres Hauses und ihrer Lebensart von andern Menschen beneidet wird. Es wäre falsch, nur über das Verlorene zu jammern und darüber zu versäumen, die Annehmlichkeiten, die sie besitzt, zu genießen.
Ein Ort, wo es keinen Schmerz mehr gibt
Timoxena war erst zwei Jahre alt, als der Tod sie hinwegraffte. Aus elterlicher Sicht war sie um die schönsten Lebensgüter betrogen worden, um Liebe, Ehe und Mutterschaft. Als Philosoph und Psychologe jedoch relativiert Plutarch diesen Verlust, indem er den Standpunkt des Kindes selbst einnimmt, das jetzt in einem schmerzlosen Zustand weilt und das nicht entbehrt, was es weder gekannt noch besessen hat.
»Bedauerst du aber unsere Tochter vielleicht darum, weil sie ehelos und kinderlos aus dem Leben ging, so kannst du dich andrerseits wieder darüber freuen, dass du jener beiden Vorzüge nicht hast entbehren dürfen. Denn es ist nicht so, als ob diese Güter für die, welche dieselben verlieren, großen Wert hätten, und nur geringen für die, welche sie besitzen. Unsere Tochter aber, welche sich an einem Ort befindet, wo es keinen Schmerz mehr gibt, braucht uns keine Sorge zu machen; denn wie sollte uns von ihr aus etwas Schlimmes zukommen, wenn sie selbst keinen Kummer mehr hat; verliert ja auch der Verlust großer Güter seinen Stachel, wenn man dahin kommt, wo man sie nicht mehr braucht. Deine Timoxena aber hat nur einen unbedeutenden Verlust erlitten, denn sie hat nur Unbedeutendes gekannt und an Unbedeutendem Freude gehabt; was aber ihrer Empfindung, ihren Gedanken und ihrem Willen ferne lag, wie sollte man sagen können, sie habe dies verloren?«
Der Kindertod – eine Gnade für die unsterbliche Seele
Im letzten Teil seines Trostschreibens beruft sich Plutarch auf ihren gemeinsamen Glauben an die Unsterblichkeit. Dieser Glaube wird von vielen Zeitgenossen nicht geteilt, die überzeugt sind, dass mit der »Auflösung des Körpers« alles definitiv zu Ende ist. Timoxena und er werden von diesem Unglauben bewahrt »durch die von den Vätern überlieferte Lehre und die mystischen Sinnbilder der orgiastischen Dionysoszeremonien – die uns beiden als Eingeweihten bekannt sind.« Dank dieser religiösen Zuversicht kann Plutarch so weit gehen, zu behaupten, dass der frühe Tod für die unsterbliche Seele einen unzweifelhaften Vorteil darstelle. Wer lange lebt, verwickelt sich in »irdische Leidenschaften und Zufälle«, das Leben »entfremdet die Seele der Erinnerung an die jenseitigen Dinge und fesselt sie an die diesseitigen Dinge. … Diejenige Seele dagegen, welche zwar auch an den Körper gefesselt, aber nur kurze Zeit mit ihm verbunden war, wird von den höheren Geistern befreit und gelangt gleichsam durch eine sanfte und geschmeidige Umbiegung wieder in ihren natürlichen Zustand zurück.«
Plutarch belegt die Richtigkeit seiner Überzeugung durch die überlieferten Gewohnheiten und Gesetze. Wenn Kinder sterben, bringt man ihnen keine Totenopfer dar, man unterlässt die meisten Handlungen, die beim Begräbnis eines Erwachsenen üblich sind. Die Kinder nämlich hatten »noch keine Gemeinschaft mit der Erde und den irdischen Dingen«, infolge ihrer Unschuld kehren sie sofort zu ihrem göttlichen Ursprung zurück. Trauer ist also nicht angebracht, wenigstens nicht für den Gläubigen:
»Denn die Gesetze gestatten nicht, Tote von solchem Alter zu betrauern, weil dies bei solchen, welche in einen besseren und göttlicheren Zustand und Ort übergehen, nicht recht wäre. Ich weiß freilich wohl, dass diese Sache viele Schwierigkeiten bietet; weil aber der Unglaube noch mehr Schwierigkeiten macht als der Glaube daran, so wollen wir das Äußerliche dabei, wie es die Gesetze vorschreiben, beobachten, das Innerliche aber noch viel mehr unbefleckt und rein und leidenschaftslos erhalten.«
Der Brief scheint nicht vollständig erhalten zu sein, dennoch ist er reich genug, um wichtige Aufschlüsse über die Haltung der antiken Gebildeten dem Kindertod gegenüber zu vermitteln. Er verrät, neben seiner tiefen Menschlichkeit, eine Erhabenheit der Gedankenführung, die das Klischee einer dekadenten heidnischen Welt Lüge zu strafen scheint. Als Priester des Apollo in Delphi glaubt Plutarch zweifellos an die Wahrheit der Orakel. Sie wird ihm bescheinigt durch die geistige und materielle Wiedergeburt des Apolloheiligtums. In seinem Dialog »Über die Orakel der Pythia« beschreibt er den rezenten Aufschwung Delphis, der beispiellos seit tausend Jahren sei, und schlussfolgert: »Es ist nicht möglich, dass eine so vollständige Veränderung in so kurzer Zeit allein durch Menschenhand sich ereignet hat, ohne die Gegenwart eines Gottes, der dem Orakel seine göttliche Autorität verleiht.«
Bezeichnend für diesen hochgebildeten und toleranten Philosophen ist auch, dass er Dionysos mit der ägyptischen Gottheit Osiris und mit dem Gott der Juden identifiziert und den gemeinsamen Jenseitsglauben unterstreicht. Infolge dieses erstaunlichen Gedankengutes, das sich hauptsächlich aus dem Platonismus speist, glaubten manche Kirchenväter, in Plutarch einen Vorläufer des Christentums zu erkennen. So wurden seine Texte in großer Zahl überliefert und konnten eine starke Nachwirkung ausüben.
1929 schrieb Carl J. Burckhardt an Hugo von Hofmannsthal: »Plutarch: die ganze virtù von der Renaissance bis zum napoleonischen Epos ist durch ihn bestimmt, und er wirkt noch weit ins 19. Jahrhundert hinein, bei den Engländern, den Preußen. Er ist eine eminent europäische Kraft.«
Friedrich Dübner: Plutarchi Chaeronensis scripta moralia. Berlin 1841.
Robert Flaceliere/Jean Irigoin: Plutarque. Oeuvres morales. Paris 1987.
Richard Volksmann: Leben, Schriften und Philosophie des Plutarch von Chaeronea. Berlin 1869
Reprint: Hildesheim 1980.
JAN UND DOROTA KOCHANOWSKI
Große Leere ist im Hause eingezogen, Seit du, Ursula, dich hast davongestohlen.
Obschon der polnische Dichter Kochanowski im Westen nicht besonders bekannt ist, besitzt er in Polen wie in anderen slawischen Ländern einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Literaturkenner sehen in ihm nicht nur den »Vater der polnischen Lyrik«, sondern den wichtigsten slawischen Dichter der Renaissance. Der Zyklus »Treny« (Klagelieder), der dem Andenken seiner Tochter Orszola (Ursula) gewidmet ist, ist sein lyrisches Meisterwerk und sein Schwanengesang. Es zählt zu den klassischen Werken der Weltliteratur. Als ergreifendes Zeugnis einer persönlichen Trauer stellt dieser Zyklus einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung der modernen elegischen Dichtkunst dar. Indem er sich an den klassischen Ideen orientiert, stellt er auch die Verbindung her mit der griechischlateinischen Tradition der Trauergesänge oder »Threnodien« sowie mit den antiken Autoren Cicero und Plutarch.
Ein Dichter der Renaissance
Jan Kochanowski wurde im Jahr 1530 in Sycyna, einem kleinen Dorf bei Radom in Südpolen als Sohn eines adligen Richters geboren. Dank der künstlerischen Ermutigungen ihrer Mutter zeichneten sich auch mehrere Brüder durch bemerkenswerte Leistungen aus: Mikolaj komponierte Lieder und übersetzte die »Moralia« Plutarchs, Andrzej übersetzte Vergils »Äneis« ins Polnische.
Jan Kochanowski begann seine Studien zunächst 1544 in Krakau und in Krolewiec. Auf einer langen »Bildungsreise«, die ihn nach Königsberg und Padua führte, studierte er die alten Sprachen, Griechisch, Latein und Hebräisch. Zahlreiche lateinische Gedichte, Elegien und Epigramme, die in dieser Zeit entstanden, weisen Kochanowski als bedeutenden klassischen Dichter aus. Als seine Mutter starb, kehrte er nach Polen zurück und erhielt als Erbteil das Gut von Czarnolas nahe bei Radom.
Auf einer Frankreichreise suchte er auch Pierre Ronsard, den Hauptvertreter der »Pléïades«, auf und notierte stolz: »Ronsardum vidi!« Indem er Ronsard mit dem antiken Sänger Orpheus verglich, träumte er davon, ein polnischer Orpheus zu werden und Werke hervorzubringen, die seines Vorbildes würdig wären. Tatsächlich wurde er schon sehr früh berühmt. 1560 wurde er Sekretär des Königs Sigismund August und er lebte am Königshof von Krakau, wo er sein literarisches Werk in den Dienst der nationalen Politik seines Herrschers stellte. Seine geistreichen »Fraszki« (Geschichtchen) zirkulierten in den gebildeten Kreisen des Hofs und des Adels.
Seit der Veröffentlichung seines Werkes »Satyr« (1564) galt Kochanowski allgemein als der größte Dichter Polens. Der König schenkte ihm einträgliche Pfründe, verlieh ihm mehrere Pfarreien, obwohl der Dichter nie eine Weihe empfangen hatte. Kurz nach dem Tod des Königs verzichtete Kochanowski auf alle politischen Ambitionen. Er verließ den Hof und zog sich auf sein Landgut von Czarnolas zurück, »um dort seine poetische Ernte einzubringen … unter der Linde, fern von den Geräuschen der Welt«.
Der Landedelmann und Familienvater in Czarnolas
1575 heiratete Kochanowski dort die Tochter eines adligen Gutsbesitzers, Dorota Podlowska. Sie schenkte ihm drei Töchter sowie einen Sohn. Trotz Einladungen und verlockender königlicher Angebote, zog Kochanowski es vor, das beschauliche Leben eines Landbesitzers zu führen, wo er sich seiner Familie und seinem poetischen Schaffen widmen konnte. Er besang sein Landgut von Czarnolas als sein »Tusculum«:
Im Marmorschlosse mögen andre residieren
Und mit lautrem Gold ihre Wände zieren,
Mich dagegen, Herr, heiß hier zu Hause sein.
Mir gib Gesundheit, das Gewissen lass rein,
Die Menschen sein mir gut, stets reichlich Trank und Speise,
Erträglich sei das Alter und der Umwelt Weise.
Dennoch blieb er auch politisch tätig. Er setzte sich im Sejm in Warschau für die Kandidatur von Kaiser Maximilian II. als König von Polen sein. Er schrieb eine klassische Tragödie »Odprawa poslow greckich« (Die Abfertigung der griechischen Gesandten), die 1578 in Warschau in Gegenwart des Königs und der Königin aufgeführt wurde. In diesem »pazifistischen« Werk benutzte der Dichter ein historisches Gewand, um die Polen vor einem drohenden Krieg zu warnen. Er zeigte die Gefahren, die zum Untergang einer Gemeinschaft führen können. Zehn Jahre lang arbeitete er an einer polnischen Übertragung der 150 Psalmen Davids, an seinem umfangreichsten Werk. »Psalterz Dawodow« erschien 1579 in Krakau. Während Kochanowski die Gesamtausgabe seiner Werke vorbereitete, traf ihn ein Schicksalsschlag, der die vorgesehene Editionsreihenfolge unterbrach. Wahrscheinlich Ende 1579 starb unerwartet seine Tochter Ursula (Orszula) im Alter von 30 Monaten und stürzte den Dichter und seine Frau in tiefe Verzweiflung. Um seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, schrieb er einen Zyklus von 19 Klageliedern, »Treny«, sein letztes, und nach übereinstimmendem Zeugnis, sein ausdrucksstärkstes lyrisches Werk. Dieser Zyklus erschien 1580 in Krakau.
Die »Treny«
Mit den »Treny« brach Kochanowski ein doppeltes Tabu seiner Zeit. Indem er ein so großes Aufheben vom Tod seines kleinen Kindes machte, verstieß er gegen die gesellschaftliche Verhaltensregel, dass man den Verlust der Kinder als eine natürliche Erscheinung, als einen normalen Schicksalsschlag gelassen, d.h. wortlos, hinnehmen solle. Kochanowski scheute sich nicht, vom »unendlichen Schmerz der Eltern« zu schreiben, sich zu seiner Trauer, zu den »Tränen des unglücklichen Vaters« zu bekennen. Noch gravierender war die Tatsache, dass er es wagte, mit den Zeugnissen seines privaten Trauerschmerzes an die Öffentlichkeit zu treten. Die unmittelbare Drucklegung der »Treny« war eine Zumutung für die damalige Gesellschaft und zudem eine Verletzung der literarischen Konvention, die nur zuließ, dass man das Andenken einer bedeutenden Persönlichkeit, einer »persona gravis«, in einem Kunstwerk verewigte. Ursula, das junge, völlig unbekannte Kind, von dessen Existenz nur der engste Familienkreis wusste, war eine »persona levis«, ein unbedeutendes Wesen, kein Gegenstand also für einen Trauergesang, geschweige denn für einen gewaltigen Zyklus, der noch heute in seinem Umfang und in seiner Intensität einmalig in der polnischen Literatur dasteht. Mickiewics ging sogar soweit, in seinen Pariser Vorlesungen drei Jahrhunderte später zu urteilen: »Von seinen Werken ist unstreitig als originale Schöpfung am ergreifendsten der Zyklus der nach dem Tod eines seiner Kinder verfaßten ›Treny‹. Wir werden nichts Gleiches in der Literatur irgendeines anderen Landes finden.« Damals waren weder die »Kindertotenlieder« Rückerts noch die »Pauca meae« Victor Hugos veröffentlicht, sodass Kochanowskis persönliche Klagelieder noch viel stärker hervorragten.
Die Zeugnisse über die Aufnahme beim zeitgenössischen polnischen Publikum sind nicht übereinstimmend. Einerseits wird berichtet, die Öffentlichkeit habe kühl auf den Zyklus reagiert. Andrerseits gibt es die unumstößliche Tatsache, dass der Verleger in kurzen Abständen, 1583 und 1585, zwei Neuauflagen des Zyklus in Krakau folgen ließ. Hätte er das getan, wenn das Werk keine Käufer und Leser gefunden hätte? Der Krakauer Verleger Jan Januszowski war ein normaler, d.h. gewinnorientierter Unternehmer, der sicher nur druckte, weil eine rege Nachfrage nach dem Buch bestand, die ein gutes Absatz-Geschäft versprach. Die Neudrucke in kurzen Abständen lassen also eher auf eine ungewöhnlich starke Resonanz schließen.
Die pathetische Widmung in Kapitallettern, die der Dichter seinen Klageliedern voranstellte, lautet:
FÜR URSULA KOCHANOWSKA,
DAS ANMUTIGE, ENTZÜCKENDE, UNGEWÖHNLICHE KINDLEIN, WELCHES, NACHDEM ES DAS AUFBLÜHEN ALLER TUGENDEN UND FERTIGKEITEN EINES MÄDCHENS GEZEIGT, UNVERSEHENS UND WEIT VOR DER ZEIT, ZUM UNENDLICHEN SCHMERZ SEINER ELTERN, DAHINGING – HAT SIE JAN KOCHANOWSKI, IHR UNGLÜCKLICHER VATER, UNTER TRÄNEN GESCHRIEBEN.
DU BIST NICHT MEHR, O MEINE URSULA !
Die Gedichte sind vermutlich nicht in der Reihenfolge entstanden, die sie im Zyklus einnehmen. Die Forschung ist der Auffassung, dass die persönlichsten Klagen, die fast ganz frei von mythologischen Anspielungen sind, unmittelbar nach dem Verlust des Kindes niedergeschrieben wurden. Zu ihnen gehören die Treny VII und VIII, welche die Intimität der Familie und die Erschütterung des häuslichen Glücks ergreifend widerspiegeln:
Kochanowski beweint seine Tochter Ursula. Gemälde von Jan Matejko (1838–1893)
Tren VII
Unglückselige Kleider, traurig Band, geflochten,
Meiner allerliebsten Tochter !
Warum lenkt ihr auf euch meine Kummerblicke,
Spielet mit verlornem Glücke?
Ihre Glieder wird sie nicht mehr in euch hüllen,
Keine Hoffnung je erfüllen !
Dumpf und bleiern packte sie der Schlaf des Todes …
Schon ist dieses Kleid, das rote
Für den Sommer, sind die Kränze, goldnen Bänder –
Eitel alle die Gewänder.
Nicht in solches enge Brautgemach, du Holde,
Dich die arme Mutter sollte
Führen ! Jener Brautschatz ward dir nicht verheißen,
Ach, nun gab sie dir das weiße
Hemdchen nur und ein erbärmlich dünnes Linnen,
Und es legt mit düstrem Sinnen
Ihr zu Häupten Erdklümpchen der Vater. Ach, verdrossen
Sehn wir sie im Schrein verschlossen !
Das Motiv der zurückgelassenen, unnütz gewordenen Kleider, die den Schmerz der Eltern stets erneuern, wird noch des Öfteren anklingen, am pathetischsten wohl bei Dostojewski. Das nächste Klagelied wirkt teilweise wie eine Vorwegnahme gewisser romantischer Verse, von Rückert oder V. Hugo etwa.
TREN VIII
Große Leere ist im Hause eingezogen,
Seit du, Ursula, dich hast davongestohlen.
Zahlreich sind wir, und doch scheints, das Leben fehle:
Soviel ist verlorn mit einer kleinen Seele !
Hast geplaudert für uns alle, hast gesungen,
Bist mit flinkem Schritt durch Haus und Hof gesprungen.
Hast die Mutter keine Stund sich grämen lassen,
Noch den Vater grübelmüd beim Kopf sich fassen,
Da du diesen bald, bald jene sanft umarmtest.
Ihrer dich mit Lachen und mit Scherz erbarmtest.
Stumm ist alles nun im Haus und öde Leere :
Keiner, der mit Spiel und Lachen ihrer wehrte.
Leid starrt jetzt den Menschen an aus jedem Winkel.
Das Herz blickt sich vergebens um, wo Trost noch winke.
In andern »Treny« erweist sich Kochanowski auch als ein typischer Dichter seiner Zeit, d.h. als ein »poeta doctus« der Renaissance. So ruft er gleich zu Beginn die Tränen des griechischen Philosophen Heraklit und die Lamenti des griechischen Lyrikers Simonides dazu auf, ihm zu helfen, um sein »kleines Mädchen, seine teure Tochter zu beweinen, die der grausame Tod mit wilder Gewalt aus seinem Leben gerissen … «. Er vergleicht den Tod mit einer giftigen Schlange, die in das Nest einer Nachtigall einbricht; die Mutter wehrt sich verzweifelt, aber ihr Widerstand kann die Kleinen nicht vor dem tödlichen Biss retten.
Er wendet sich an Persephone (Proserpina), die Göttin der Unterwelt. Seine musikalisch begabte Tochter bezeichnet er als »slawische Sappho«. Wie Orpheus sucht er nach dem Tor des Hades, um mit seiner Laute Pluto zu rühren, dass er sein Kind vom Tode entbinde. Er beschwört die unglückliche Mutter Niobe, die zu Stein ward nach dem Tod ihrer vierzehn Kinder.
Dazwischen ersteht das unvergleichlich vollkommene Bild Ursulas, so verklärt, wie es nur ein verletztes Vaterherz entwerfen kann:
Reinlich, gehorsam, züchtig, immer sich bescheidend,
Gewandt, als hätte sie’s gelernt, im Singen, Reimen …
Verständig, wohlerzogen, gütig, ganz und ohne Grillen,
Höflich, bescheiden, schamhaft und stets von gutem Willen.
Des Weiteren preist er ihre Frömmigkeit, ihre Hilfsbereitschaft, ihre Tugend, ihre Anmut …, aber alle Vorzüge haben nichts geholfen. Ursula ist unwiederbringlich tot, er muss die Hoffnung eines Wiedersehens mit ins Grab nehmen, »Weil du in alle Ewigkeit nie wieder aufgehn / Und aufblühen wirst nie mehr vor meinen Kummeraugen.« In seinem Schmerz erweisen sich auch Weisheit und Verstand als ohnmächtig. Cicero behauptete, dass ein Philosoph nur durch die Schmach unglücklich werden könnte. Und Kochanowski stellt dem Philosophen aus Arpinum jetzt die unbequeme Frage: »Warum beklagst du so bitter die Tochter?« (XVI). Hat Cicero nicht selbst seine philosophische Gelassenheit ad absurdum geführt, als er so unbändig um Tullia trauerte?
Immer wieder wendet er sich an Ursula selbst: »Ursula, mein süßes Kind, wohin bist du gegangen? Bist du im Paradies? Bei Charon? Im Fegefeuer? Wohin auch immer du gegangen bist, hab Mitleid mit mir, komm zurück, als Schatten, Traum oder Geist.« Er fühlt sich so stark von ihrem Tod getroffen, dass er eine schreckliche Alternative ausspricht, die von den meisten Eltern nicht geteilt wird: »Ich wünschte, du wärest nie geboren worden oder du wärest nicht gestorben!« Wie viele drücken gerade ihre Dankbarkeit dafür aus, dass sie das Glück hatten, wenigstens ein paar Jahre die Existenz ihres Kindes teilen zu können. Sie wären nie bereit, diese kurze Existenz selbst infrage zu stellen.
Am Schluss des XIII. Tren entwirft er den Grabspruch für seine Tochter, die eigentlich glücklicher ist als ihr Vater, der mit ihrem Tode leben muss, eine Idee, die später so prägnant von Mascha Kaléko ausgedrückt wurde: »Den eignen Tod, den stirbt man nur, / Doch mit dem Tod der andern muss man leben.«
Steinmetzen, diesen Stein stellt auf, kunstvoll behauen,
Und meißelt ein den Denkspruch meiner schwarzen Trauer:
»Ursula Konanowska, ihres Vaters Liebe,
Ruht hier, ach: seine Tränen und der Wehmut Lieder.
Wie will, o unbedachter Tod, sich solches reimen:
Nicht sollt ich sie, sie sollte wohl eher mich beweinen.«
Nachdem der Dichter alle rein menschlichen Aspekte der Tragödie beleuchtet hat, sie mit mythologischen und klassischen Beispielen verglichen hat, betrachtet er gegen Ende seines Zyklus den Verlust von religiöser Warte aus, und er bewertet ihn neu, im großen Zusammenhang. In den letzten Treny geht es nicht mehr um die antiken Götter oder das Schicksalsgesetz, es geht um den einen christlichen Gott. Kochanowski stellt fest: »Gott gab mir diese harten Schläge.« Seine Seele ist tief verwundet, er sieht ein, dass von der Vernunft keine Linderung oder Rettung kommen kann, deshalb endet Tren XVII mit der Feststellung: »Gott ist meine einzige Hoffnung.«
Das zweitletzte Klagelied erinnert überdeutlich daran, dass Kochanowski vor kurzem die Bußpsalmen Davids übersetzt hat, u.a. das »De profundis … Aus tiefer Not schrei ich zu Dir.« Hier ist nur noch die Rede von der Schuld der Menschen, von ihrer Undankbarkeit für die Wohltaten Gottes. »Wir, deine widerspenstigen Kinder, Vater … gedenken deiner selten.« Und die Schlussstrophe fasst noch einmal das Versagen der Menschen und die Bitte um göttliche Barmherzigkeit zusammen:
Groß sind vor dir meine Missetaten.
Doch dein sanftes Walten
Schwebt ob allem Bösen.
Heute, Herr, mag mich dein Mitleid lösen!
Ohne dass es explizit gesagt wird, erscheint der Tod des Kindes jetzt als eine Prüfung, wenn nicht gar eine Strafe Gottes für seine Sünden, eventuell für seine Hybris, dass er sich so sicher wähnte, als er ein einfaches, bescheidenes Leben auf dem Lande führte. Aber der Schmerz um das Kind lässt nicht nach.

Denkmal für Kochanowski mit seiner Tochter Ursula in Radom
Tren XIX: Der Trost der Traumvision
In der letzten Tren, deren Volumen weit über jenes der übrigen hinausgeht und die daher ein besonderes Gewicht gewinnt, wird die natürliche Erlebnissphäre transzendiert. Es ist eine Vorwegnahme der »Apokatastasis« des Kirchenvaters Origines, des Wiederfindens aller Menschen in der Ewigkeit, wie sie später so deutlich von Stefan Andres verkündet wird. In einer Traumvision sieht der Dichter seine verstorbene Mutter, welche die verstorbene Tochter auf dem Arme trägt. Sie verkündet ihm (in sehr geraffter Fassung) folgendes: »Hier ist deine Tochter, sieh ihr lächelndes Gesicht und sei getröstet. Deine allerliebste Ursula ist am Leben. Sie schwebt unter Engeln und betet täglich für ihre Eltern. Gräme dich nicht länger über ihren frühen Tod. Was ist ihr denn entgangen? Kummer, Sorgen, die Qualen der Geburtswehen, das Weinen über Kindersterben, Einsamkeit, harte Arbeit, Sklaverei, Todesangst, die ›Leckerbissen‹ des Lebens. Hier im Himmel aber gibt es nur edle und ewige Freuden, keine Krankheit, kein Alter, keinen Tod, ewigen Sonnenschein. Ursula lebt jetzt im majestätischen Anblick des Schöpfers aller Dinge. Sie hat das bessere Los gewählt. Sie gelangte früh ins Paradies, da ihre Seele im Leben nicht zu Schaden kam. Im Übrigen hat es keinen Sinn, über die kurze Lebenszeit nachzugrübeln. Dunkel und unergründlich sind die Ratschlüsse des Herrn, was ihm zweckvoll scheint, soll auch uns gefallen. Du musst das universale Gesetz annehmen. Wozu hast du soviel Bücher studiert, wenn deine Bildung und Weisheit dir jetzt nicht hilft. Sei dein eigner Arzt. Die Zeit heilet alle Wunden.« Zum Schlusse verweist sie ihn noch einmal auf die »conditio humana« und fordert ihn auf, sein Los zu akzeptieren:
Das, Sohn beherzige; Des Menschen Missgeschicke
Trag menschlich. Einer befiehlt der Trauer und dem Glücke
Dank dieser Gegendarstellung »sub specie aeternitatis« erscheint der frühe Tod in einem andern Licht. Viele Argumente erinnern überraschend an jene des Trostbriefs Plutarchs, aber sie werden verstärkt durch die christliche Heilsbotschaft.
Epitaph für Hanna Kochanowska
Welch’ starken Trost der Dichter tatsächlich in seiner 19. Tren fand, ist durch kein Dokument oder Zeugnis belegt. Dass er noch nicht am Ende seines Leides war, geht aber daraus hervor, dass er der zweiten Auflage der Treny einen Vierzeiler hinzufügte über den Verlust seiner ältesten Tochter.
Du auch, o Hanna, bist der Schwester nachgegangen,
Siehst vor der Zeit dich schon in unterirdischen Landen,
Auf dass der Vater neuerlich in Schmerz versinke
Und endlich an die Freude, die immer währt, gedenke.
Im Jahr 1584 wurde Kochanowski von König Bathory in sein Hoflager nach Lublin eingeladen. Dort erlag er am 22. August einem Herzschlag. Der Chronist Joachim Bielski vermerkt in seiner »Polnischen Chronik«: »Auf eben dieser Konvokation in Lublin starb Jan Kochanowski aus dem Geschlecht Korwin, ein polnischer Poet, wie es ihn in Polen noch nicht gegeben hatte und wie wir einen anderen seinesgleichen nicht erwarten können.«
Er wurde in der Familiengruft in Zwolen beigesetzt. Seine Frau starb entweder 1599 oder 1600.
Nachwirken
Die Äußerungen des Nationaldichters Mickiewics haben bereits gezeigt, dass die polnische Literatur für sich in Anspruch nahm, mit dem Zyklus der »Treny« etwas Einmaliges zur Weltliteratur beigesteuert zu haben.
Kochanowskis Biograph Jastrun beschreibt folgenderweise die emotionale Wirkung der Treny: »Der Dichter … hat den Verlust seiner Orszula mit soviel Wahrheit und Kraft des Wortes beweint, dass von Stund an alle Eltern in Polen ihre eigene Kinderliebe in diesen wunderbaren Versen wiederfinden konnten, in Versen, die über Jahrhunderte hinweg echte Trauer vergießen und vom Glück der ersten Kinderspiele und des ersten Lächelns eines Kindes beseelt sind … Der ganze Zyklus ist von einer sehr leisen, den Text nicht nur umwebenden, sondern ihm auch entströmenden Musik durchdrungen.«
Jan Kochanowski: Thren Nr. 5
So darf es nicht verwundern, dass die Wortmusik auch eine entsprechende Vertonung hervorrief. Stanislaw Moniuszko (1819–1872), der Schöpfer der polnischen National-Oper »Halka«, vertonte die »Treny«, da er selbst einen ähnlichen Trauerfall zu beweinen hatte, den Tod seines ältesten Sohnes Casimir (1841–1842), Opfer der Ruhr-Seuche, die um 1840 in Vilnius wütete. Moniuszkos hochdramatische Vertonungen der klassischen Verse Kochanowskis nehmen im Liedschaffen Polens einen Ehrenplatz ein. Die vier Lieder für Bass und Klavier zum Tode der Tochter Orszola werden gerne mit dem Schwanengesang von Johannes Brahms »Vier ernste Lieder« verglichen, seiner ergreifenden biblischen Meditation über den Tod.
Das große Denkmal, das die Stadt Radom zu Ehren des Dichters errichtet hat, zeigt Kochanowski zusammen mit seiner Tochter Orszola.
Die 1969 gegründete Universität der Stadt Kielce trägt den Namen »Kochanowski«.
Jan Kochanowski: Ausgewählte Dichtungen. Übersetzung der Treny von Roland Erb. Reclam. Leipzig 1980.
Jan Kochanowski: Laments. Übersetzt von Seamus Heaney and Stanislaw Baranczak. Faber. London 1995. Janusz Pele: Jan Kochanowski. UNESCO. Paris 1986.
RENÉ DESCARTES UND HIJLENA JANS
Ich zähle nicht zu jenen, die der Meinung sind, dass Tränen und Trauer nur zu den Frauen gehören. Descartes, 1640
Als Philosoph und Mathematiker ist Descartes einer der genialsten Denker der Menschheitsgeschichte. Sein Werk stellt den Übergang von der mittelalterlichen Scholastik zur modernen Philosophie dar. Als Mathematiker begründete er die analytische Geometrie.
René Descartes wurde am 31. März 1596 in der Touraine, in La Haye – heute La Haye Descartes – als jüngster Sohn eines Juristen geboren. Der Vater nannte seinen geistig sehr frühreifen Sohn »mon philosophe« und schickte ihn bereits mit zehn Jahren an das Jesuitenkolleg von La Flèche, wo er acht Jahre lang studierte. 1618 reiste Descartes nach Holland, um eine militärische Ausbildung zu erhalten. Zu Beginn des 30-jährigen Krieges nahm er vorübergehend Kriegsdienste in der Armee des Herzogs von Bayern. Im November 1619 träumte er von einer »wunderbaren Wissenschaft« (»science admirable«) und erblickte darin ein Zeichen des Himmels, dass er den Rest seines Daseins der Wahrheitssuche widmen solle. Von 1628 bis 1649 lebte er in verschiedenen Städten in Holland, wo er, ungestört von allen Verwandten und Bekannten, die vollkommene Muße zum Forschen wie auch Sicherheit und Forschungsfreiheit fand. Als Galilei 1633 von der Inquisition verurteilt wurde, verzichtete Descartes aus Vorsicht auf die Veröffentlichung seines »Traité du Monde«.
Seine Devise lautete: »Hoc theatrum mundi conscensurus, larvatus prodeo.« (»Wenn ich diesen Schauplatz der Welt betrete, trage ich eine Maske.«) Gemäß diesem Wahlspruch versuchte Descartes, ein eher zurückgezogenes Leben zu führen und wenig Einblick in sein Privatleben zu gewähren. In einem Brief des Jahres 1647 befindet sich ein kurzer Satz über seine Kindheit: »Als ich noch ein Kind war, liebte ich ein Mädchen meines Alters, das ein wenig schielte …« (»Lorsque j’étais enfant, j’aimais une fille de mon âge qui était un peu louche …«). In den Taufregistern von La Haye des Jahres 1596 befinden sich zwei Mädchen, die beide Françoise hießen. Man vermutet, dass eine davon seine Kindheitsfreundin war, denn als ihm später eine Tochter geboren wurde, ließ er sie auf den Vornamen Francine taufen.
Helene und Francine
Nach einem Aufenthalt in Deventer wohnte Descartes in den Jahren 1633 bis 1635 am Westermarkt in Amsterdam, zwischen der Prinsengracht und der Kaisergracht. Den Haushalt führte eine holländische Dienstmagd aus Deventer, Helene, die der Gelehrte seit einigen Jahren kannte und mit der er ein Verhältnis hatte. Sein Biograph, der Geistliche Baillet, schrieb 1691, dass es eine »so geheime Eheverbindung« gewesen sei, dass auch die subtilsten Kanoniker sie beim besten Willen nicht vom Konkubinat unterscheiden könnten. Entschuldigend fügte er hinzu, dass es »für einen Mann, der sein ganzes Leben die seltsamsten Operationen der Anatomie durchführen musste, schwierig war, die Tugend des Zölibats streng zu praktizieren.«
Als »cartesianischer« Mensch notierte Descartes gewissenhaft die wichtigen Ereignisse seiner Existenz. So hielt er auf der ersten Seite eines Buches fest, dass er am Sonntag, dem 15. Oktober 1634, mit seiner Magd Helene ein Kind gezeugt hatte.
Das Kind kam am 19. Juli 1635 in Deventer zur Welt und wurde am 7. August in der dortigen reformierten Kirche auf den Namen »Fransintge« getauft. Im Taufregister finden sich folgende Eintragungen: »Vader: Reyner Jochems (René, Sohn des Joachim). – Moeder: Hijlena Jans (Helene, Tochter des Johannes). – Kint: Fransintge«. Es wird allgemein angenommen, dass die Jahre, die Descartes als Vater einer kleinen Tochter verbrachte, zu den glücklichsten seines Daseins zählten. Seine Korrespondenz in diesen Jahren ist von einer seltenen Heiterkeit geprägt. Auffallend ist ebenfalls, dass er in diesem kurzen Zeitraum von 5 Jahren seine bedeutendsten Werke schrieb: »Discours de la Methode«, die drei »Essais«: »La Dioptrique«, »Les Météores«, »La Géométrie« und »Les Méditations métaphysiques«. Als französischer Edelmann hatte er allerdings Bedenken, sich öffentlich zu dieser »unebenbürtigen« Beziehung zu bekennen und das uneheliche Kind zu legitimieren. Immerhin hatte er die Absicht, Francine später nach Paris zu schicken und einer Verwandten anzuvertrauen. Da Madame du Tronchet die Mutter eines Kanonikus der Sainte-Chapelle war, nimmt man an, dass Descartes seiner Tochter eine katholische Erziehung geben wollte, oder, wie der Biograph de Sacy schreibt, sie der »Religion seiner Amme und seines Königs« zurückzugeben. (»La rendre à la religion de sa nourrice et de son roi.«)
Nach der Veröffentlichung des »Discours« im Sommer 1637 ließ Descartes sich in Sandport am Meer nieder und gab Francine als eine Nichte aus, die er um sich haben wollte. Der Vermieterin stellte er Helene als die Erzieherin des Kindes vor. So hatte diese nichts gegen die Anwesenheit der beiden einzuwenden. Ähnliche Verhältnisse waren im toleranten Holland damals keine Seltenheit. Auch Rembrandt lebte in Amsterdam mit seiner Dienstmagd Hendrikje Stoffels zusammen, die ihm die Tochter Cornelia gebar.
Dennoch gab es Menschen, die Anstoß an der freien Beziehung des Philosophen nahmen, die hässliche Verleumdungen und Gerüchte darüber ausstreuten. So unterstellten sie ihm z.B., er habe mehrere uneheliche Kinder. Darauf erwiderte Descartes mit entwaffnender Offenheit in einem Brief an Voetius: »Und wirklich, wenn ich solche hätte, würde ich sie nicht verleugnen: vor kurzem noch war ich ein junger Mann und auch jetzt noch bin ich ein Mensch und ich habe nie ein Keuschheitsgelübde abgelegt (›neque umquam castitatis votum feci‹).«
Die Trauer eines Philosophen
In einem 1996 erschienenen pseudo-autobiographischen Werk von Brigitte Hermann »Histoire de mon esprit« schildert Descartes seine Vaterfreuden mit Francine, seine Spiele, seine Spaziergänge mit dem Kind am Meeresstrand … Das Familienidyll dauerte jedenfalls nicht sehr lange. Als er 1640 in Leiden weilte, um einen Verleger für seine »Méditations« zu finden, erreichte ihn am 30. August ein ängstliches Schreiben von Helene, der Körper Francines sei ganz von Röte bedeckt. Descartes eilte nach Hause, aber er musste ohnmächtig zusehen, wie das Scharlachfieber sich verschlimmerte und das Kind dahinraffte. Francine starb in Amersfoort am 7. September 1640.
Der schon erwähnte Roman widmet dieser Agonie mehrere ergreifende Seiten, die sicher nicht weit an der Wirklichkeit vorbeitreffen. »Es war ein leises Absteigen in den Tod, und diese beiden Wesen, die ich liebte, Helene und Francine, die ich nur gewagt hatte, Dienstmagd und Nichte zu nennen, teilten meinen Schmerz und meine Verzweiflung. Sie lag im Sterben! Ich hoffte noch auf das Unmögliche, und dennoch sah ich sie vor meinen Augen ersticken, ohne dass ihre Lungen sich noch entfalten konnten. Mein Herz zersprang beim Gedanken, dass ich auf immer von diesem kindlichen und liebenden Geschöpf getrennt würde, dass ihm die Zukunft und das Leben verweigert würden … Ich empfahl meine geliebte Kleine der Muttergottes, ich rief Christus und alle Heiligen an, über sie zu wachen und sie zu retten … Ich warf mir heftig vor, meine Tochter vernachlässigt zu haben …«
Der erste Biograph, der Geistliche Baillet, erwähnt diese Vaterschaft des Philosophen nur sehr kurz, man spürt seine Verlegenheit bei dieser »fleischlich-sündigen Verirrung« des großen Gelehrten. Dennoch muss er bekennen: »Er beweinte sie mit einer Zärtlichkeit, die ihm zu fühlen gab, dass die Philosophie die natürlichen Gefühle nicht erstickt.« (»II la pleura avec une tendresse qui lui fit éprouver que la philosophic n’étouffe point le naturel.«) Dann folgt eine Aussage, die eindeutig belegt, dass hier der Philosoph des »Cogito ergo sum«, des gefühlsscheuen Rationalismus, zutiefst getroffen war, wie nie mehr sonst in seinem Leben: »Er beteuerte, dass sie ihm durch ihren Tod den größten Schmerz gegeben, den er je in seinem Leben empfunden habe.« (»Le plus grand regret qu’il eût jamais senti de sa vie.«) In einem vier Monate später geschriebenen Brief machte er auch das bezeichnende Eingeständnis, dass »er nicht zu jenen zähle, die der Meinung seien, dass Tränen und Trauer nur zu den Frauen gehören.«
Mitte Januar 1641 schrieb Descartes über seine Trauer: »Ich habe seit kurzem den Verlust von zwei Personen erfahren, die mir sehr nahe standen (der Vater Joachim war am 27. Oktober im 78. Jahr verstorben). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die mir die Trauer verbieten wollten, diese hervorriefen, wohingegen ich getröstet wurde durch das Mitgefühl jener, die ich von meinem Unglück betroffen sah.« (»J’ai senti depuis peu la perte de deux personnes qui m’étaient très proches et j’ai éprouvé que ceux qui me voulaient défendre la tristesse, l’irritaient, au lieu que j’étais soulagé par la complaisance de ceux que je voyais touchés par mon déplaisir.«)
Descartes am Sterbebett seiner Tochter
In seinem Briefwechsel mit der Prinzessin Elisabeth, der Tochter des abgesetzten Königs von Böhmen, vertiefte Descartes gewisse Punkte seiner Philosophie. Vor allem legte er dar, fast wie ein Beichtvater, wie die Seele aus eigener Kraft alle Widrigkeiten des Schicksals überwinden könne. Er bemühte sich, die souveräne Überlegenheit der Tugendübung über alle irdischen Güter, wie Ehre, Reichtum und Macht, zu beweisen. Als unmittelbare Folge dieser fast stoischen Tugendlehre trennte er sich von Helene. Baillet stellte erleichtert fest, dass sein Geistes- und Tugendheld sich schnell von seinem Fall erhoben habe (»relevé promptement de sa chute«) und dass er »sein Zölibat in seiner ersten Vollkommenheit wiederhergestellt habe.«
In seinem letzten Werk, dem Traktat der Leidenschaften (»Les Passions de l’âme«, 1649) kam er zwar zur Schlussfolgerung, dass alle Leidenschaften gut seien (»elles sont toutes bonnes«), d.h., dass sie eine nützliche Rolle bei der Erhaltung des Lebens spielten, aber man müsse auch die Mittel kennen, um sie geschickt zu beherrschen. So könnten sie den Menschen berühren, ohne ihn zu versklaven. Dann gesteht er den Leidenschaften zu, dass sie dem Menschen erlauben, »die größte Süßigkeit in diesem Leben zu kosten« (»de goûter le plus de douceur en cette vie«).
Descartes starb in Stockholm, wohin ihn die schwedische Königin Christine eingeladen hatte. Jeden Morgen früh um 5 Uhr ließ sie ihn zu sich kommen, um mit ihm zu philosophieren und die Pläne einer Akademie zu besprechen. Der Philosoph erkältete sich im »Lande der Bären«. Am 2. Februar verrichtete er noch alle Frömmigkeitsübungen, nahm das Abendmahl und wurde bettlägerig. Er starb an einer Lungenentzündung am 11. Februar 1650, im Alter von 53 Jahren. Ironie des Schicksals: Der Hauptbegründer der modernen Verstandesphilosophie wurde als Katholik auf dem »Friedhof für ungetaufte und verstandesunreife Kinder« beigesetzt. Seine sterblichen Überreste wurden später getrennt – der Körper 1667, der Schädel 1821 – nach Frankreich übergeführt.
Descartes unterrichtet die Königin von Schweden
Im Jahr 1798 (An VII) gab Nicolas Ponce (1746–1831) sein Werk »Les Illustres Français« heraus. Das Portrait des Philosophen ist von einigen Szenen umgeben. Die ergreifendste davon zeigt Descartes, wie er seine Arme nach seiner Tochter ausstreckt, die sich auf ihrem Sterbebett ihm entgegenhebt. Der Bildtext lautet: »Seine fünfjährige Tochter stirbt in seinen Armen. Er ist untröstlich darüber.« (»Sa fille âgée de cinq ans meurt dans ses bras. II en est inconsolable.«) Ein anderes Bild illustriert die Ursache seiner tödlichen Erkältung: »Er erteilt der Königin Christine von Schweden Unterricht um 5 Uhr morgens im Winter.«
Adrien Baillet: La vie de Monsieur DesCartes. Paris 1691.
Brigitte Hermann: Histoire de mon esprit ou le roman de la vie de René Descartes. Bartillat 1996.
Andre Glucksmann: Descartes, c’est la France. Flammarion. Paris 1987.
Germaine Lot: René Descartes. Esprit-Soleil. Seghers. Paris 1966.
Geneviève Rodis-Lewis: Descartes. Calmann-Lévy. Paris 1995.
Samuel de Sacy: Descartes. Seuil. Paris 1996.
LUDWIG XIV.
In den letzten Jahren seiner Regierungszeit war Ludwig XIV. nicht mehr der europaweit bewunderte und nachgeahmte Sonnenkönig. Das Kriegsglück war nicht mehr auf seiner Seite, die meisten seiner Eroberungen hatte er zurückgeben müssen und seinen Traum vom Rhein, als der natürlichen Grenze Frankreichs, endgültig begraben. Er musste sogar befürchten, dass die feindliche Armee des Prinzen Eugen nach Paris vorstoßen würde. Mit dem Marschall Villars erwog er die Möglichkeit, sich selbst an die Spitze seines letzten Heeres zu stellen, um den Feind an der Somme aufzuhalten: »Ich rechne damit … einen letzten Versuch mit Ihnen zusammen zu machen und mit Ihnen unterzugehen oder den Staat zu retten.«
Nach mehr als 50 Jahren Krieg war das Königreich ausgeblutet, die großen Feldherren der ersten ruhmreichen Jahrzehnte waren tot oder im Ruhestand. Die große Hungersnot, die nach dem schrecklichen Winter 1709 ausbrach, erzeugte eine gefährliche Aufruhrstimmung im Volk. Eine auf die Mauern der Hauptstadt geschriebene Parodie des »Vaterunser« zeugt von der angestauten Unzufriedenheit mit dem Herrscher von Gottes Gnaden: »Vater unser, der du bist in Marly, dein Name ist nicht mehr glorreich, dein Wille geschieht weder auf Erden noch auf dem Meere; unser Brot gib uns heute zurück, denn wir sterben vor Hunger; vergib deinen Feinden, die dich geschlagen haben, aber vergib deinen Generälen nicht und führe uns nicht in Versuchung, unsern Herrn zu ändern, sondern erlöse uns von der Maintenon. Amen.«
Die Dämmerung einer Glanzherrschaft
Längst waren die glänzenden Versailler Feste verrauscht, der Monarch hielt sich jetzt meist in der kleinen Residenz von Marly auf und hatte seinen Hofstaat stark reduziert. Seine letzte Maitresse, Madame de Maintenon, jetzt seine Gattin in morganatischer Ehe, war der Bigotterie verfallen, sie hatte allen Froh- und Leichtsinn vom Hof verbannt.
Die berühmten Bühnenklassiker Corneille, Molière und Racine waren längst gestorben. An die Stelle der prunkvollen Opernaufführungen Lullys mit ihren schmetternden Fanfaren waren die wehmütigen Violenklänge des François Couperin getreten, der dem alternden König in kleinem Kreis an den Sonntagnachmittagen seine »Concerts royaux« vorspielte.
Wenn Frankreich in diesen Jahren auch militärisch, politisch und kulturell viel an Glanz eingebüßt hatte, so war die königliche Familie als solche fast vollkommen intakt. Zwar waren von seinen sechs ehelichen Kindern nur ein Sohn am Leben geblieben und von den zehn unehelichen nur fünf, aber als wahrer Patriarch durfte Ludwig XIV. auf eine zahlreiche Nachkommenschaft herabblicken. Er war Urgroßvater und wusste, dass seine Thronfolge mehrfach, durch drei Generationen von männlichen Nachkommen, gesichert war. Da wurde auch dieses Vertrauen durch eine unerhört grausame Reihe von Schicksalsschlägen erschüttert, welche die uralte Dynastie der Capetinger, deren Herrschaft bis ins 10. Jahrhundert zurückreichte, auszulöschen drohten. In weniger als einem Jahr starben drei Thronfolger, in der natürlichen Reihenfolge ihres Anspruchs auf den Thron. Sie waren normalerweise dazu berufen, Ludwig XV., Ludwig XVI. und Ludwig XVII. zu werden. Das Schicksal entschied anders und übertrug anderen Personen diese Rollen. Gerade eine solch unheilvolle Zukunftsentwicklung war dem Sonnenkönig in seinen glücklichen Tagen als ein Gespenst erschienen, »eine Möglichkeit, die Gott immerdar abwenden möge.«
Der Tod des »Grand Dauphin«
Im April 1711 verlor Ludwig seinen einzigen legitimen Sohn, den »Grand Dauphin«, den Liebling der Pariser, der Armee und der einfachen Menschen. Er war der Einzige, der es wagte, vor dem König das Thema der verelendeten Bauern aufzuwerfen. Bis dahin war er fast nie krank gewesen, und jeder erblickte in ihm den zukünftigen König. Aber in seiner Residenz von Meudon wurde der Dauphin am Abend des 8. April plötzlich von heftigen Kopfschmerzen befallen. Am nächsten Tag zwang die Migräne den leidenschaftlichen Jäger, eine Jagdpartie abzubrechen und sich niederzulegen. Die herbeigeeilten Hofärzte befürchteten, dass er von den Pocken angesteckt sei, und ihre Diagnose erwies sich als zutreffend. Schon am nächsten Tag war das Schlimmste nicht mehr auszuschließen. Der Dauphin träumte mit offenen Augen. Die Ärzte ließen ihn mehrfach zur Ader. Der König verbot den Zugang zum Zimmer des Dauphins. Nach einer kurzen Besserung erfolgte dann das jähe Ende am 14. April. Monsieur de Sourches schreibt: »Gegen sieben Uhr abends begann er mit dem Tod zu ringen, er starb um elf Uhr.« Schon eine halbe Stunde später ließ der König seine Karosse vorfahren und kehrte zurück nach Marly. Erst drei Stunden nach seiner späten Ankunft konnte er sich niederlegen, da er fürchtete, vor übergroßem Schmerz zu ersticken (»appréhendant d’étouffer, tant sa douleur était grande«.)
Zwei Tage später schrieb Madame: »Ich habe den König gestern abend um elf Uhr gesehen, er ist so niedergeschlagen, daß es einen Felsen erweichen könnte; (»il est en proie à une telle affliction qu’elle attendrirait un rocher«) … er spricht mit jedermann mit einer gefaßten Traurigkeit und gibt seine Befehle mit großer Festigkeit, aber jeden Augenblick steigen die Tränen ihm in die Augen, und er erstickt sein Schluchzen. Ich habe einen tödlichen Schrecken, daß er selbst krank werde, denn er sieht sehr schlecht aus. Ich bedaure ihn mit ganzer Seele.« – Bei einer Sitzung des Staatsrates war das Gesicht des Monarchen tränenüberströmt, so dass auch die Minister alle zu weinen begannen.
Auch Personen, die sich früher über seine Frömmigkeit lustig gemacht hatten, waren tief beeindruckt von seiner Ergebenheit, seiner Unterwerfung unter den Willen Gottes. Ein großer Trost für den König war, dass der Beichtvater seines Sohnes ihm versicherte, dieser habe vor seinem christlichen Ende noch seine Ostern gehalten. Sobald der König sich über das Seelenheil seines Sohnes beruhigt hatte, führte er selbst so fromme Gespräche, dass sie vielen zu Herzen gingen.
Der Dauphin wurde schnell und fast heimlich in der königlichen Nekropole von Saint-Denis beigesetzt. Einerseits bestand große Ansteckungsgefahr. Andrerseits bemühte sich der König, seine Tränen in der Öffentlichkeit zu verbergen. Als Familienvater und sehr empfindlicher Mensch war er zutiefst von diesem Verlust betroffen. Er durfte seiner persönlichen Trauer indes keinen zu starken Ausdruck verleihen, sonst hätte man ihm vorgeworfen, die zahllosen Schwierigkeiten und Unglücksfälle seines Königreichs zu vergessen.
Manche Historiker glauben, dass Frankreich mit diesem sehr humanen und beliebten Dauphin seinen vielleicht besten König verloren habe, trotz der abfälligen Urteile, die Saint-Simon in seinen »Memoires« über ihn gefällt hat.
»Gott straft mich, ich habe es wohlverdient«
Zu Beginn des nächsten Jahres wurde der nächste Thronanwärter, der älteste Sohn des Grand Dauphin, der Duc de Bourgogne, zusammen mit seiner Gattin Marie-Adelaïde, der Dauphine, von einer geheimnisvollen und jähen Krankheit, – man vermutet, dass es die Masern waren –, dahingerafft. Die Dauphine starb als Erste, am 12. Februar. Ludwig XIV. schrieb über diesen Verlust an seinen Enkel, den spanischen König Philipp V, am 16. Februar 1712:
»Ich habe meine Tochter, die Dauphine, verloren, und obschon Sie wissen, wie sehr sie mir immer lieb gewesen ist, können Sie sich den Schmerz nicht richtig vorstellen, den ihr Verlust mir verursacht …« (»J’ai perdu ma fille, la Dauphine, et quoique vous saviez à quel point elle m’a toujours été chère, vous ne pouvez encore vous représenter assez la douleur que sa perte me cause.«) Die Dauphine, eine Prinzessin von Savoyen, war noch keine 26 Jahre alt. Ihr jugendfrischer Charakter hatte die allzu ernste Atmosphäre des Hofes stark gelockert, zur großen Freude des Königs. Sogar Madame de Maintenon musste zugeben, nicht ohne Neid, dass die junge Frau von jedermann geliebt wurde. (»Elle se fait aimer de tout le monde.«)

Ludwig XIV. umgeben von den drei Thronfolgern
Einige Tage später, am 18. Februar, folgte der Dauphin seiner Gattin in den Tod. Über diese neue Hiobsbotschaft schrieb der Monarch: »Sie werden die Mehrung meines Schmerzes verstehen, wenn Sie den Tod des Dauphins erfahren. Das sind in wenig Tagen zwei schreckliche Prüfungen, die Gott über mich verhängt hat, um mich seinen Befehlen zu unterwerfen.« (»Ce sont en peu de jours deux terribles épreuves que Dieu a voulu faire de ma soumission à ses ordres.«) Lieselotte von der Pfalz schrieb an ihre Tochter, dass die Ärzte die arme Prinzessin auf dem Gewissen hätten.
Der zweite Dauphin war von Fénelon erzogen worden, der danach getrachtet hatte, aus ihm einen modernen Telemachos zu machen. Auch er hatte hohe Hoffnungen geweckt, vor allem in der gebildeten Klasse. Ein Satz, den er im Salon von Marly ausgesprochen hatte, hatte für beträchtliches Aufsehen gesorgt: »Die Könige sind für die Völker da, nicht die Völker für die Könige.« Der Abstand zum berühmten Ausspruch des absolutistischen Sonnenkönigs »L’État, c’est moi!« war gewaltig. Der Akademiker Dangeau schrieb über diesen Verlust: »Mit ihm ist der weiseste und frömmste Fürst gestorben, den es vielleicht auf Erden gegeben hat.« Der Maréchal de Tessé schrieb, die Hand Gottes sei schwer über Frankreich niedergefallen, indem sie dem Land einen Fürsten von so hohen Tugenden geraubt habe.
Kurze Zeit später, am 8. März 1712, starb der älteste Sohn des zweiten Dauphins, der Urenkel des Königs und dritte Thronanwärter, der Duc de Bretagne, im Alter von 5 Jahren. Er war nur 19 Tage lang Dauphin gewesen.
Dem Marschall Villars gegenüber äußerte sich der König über seine Verluste: »Es gibt wenig Beispiele dessen, was mir zustößt, daß man in derselben Woche (sic) seinen Enkel, seine Schwiegertochter und deren Sohn verliert, in die alle ich hohe Hoffnungen gesetzt hatte und die ich zärtlich liebte. Gott straft mich, ich habe es wohlverdient; ich werde darum weniger im Jenseits leiden …« (»Il y a peu d’exemples de ce qui m’arrive, et que l’on perde dans la même semaine son petit-fils, sa belle-fille et leur fils, tous de très grande espérance et tendrement aimés. Dieu me punit, je l’ai bien mérité; j’en souffrirai moins dans l’autre monde …«).
Die Pfalzgräfin notierte: »Man spricht ›im Allerheyligsten‹ weder vom Krieg noch vom Frieden. Man spricht ebenfalls nicht von den drei Dauphins und der Dauphine aus Angst, den König ins Grübeln zu bringen … Sobald er dieses Kapitel berührt, spreche ich sofort von andern Dingen, und ich tue, als ob ich nichts vernommen hätte.« (24.3.1712)
Die wiederholten Todesfälle in der königlichen Familie riefen Angst und Bestürzung auch beim französischen Volk hervor. Die einen erblickten darin einen »Fluch«, den Zorn Gottes gegen den König und gegen die Zustände am Hofe, andere erwogen die Hypothese von Giftmorden. Vor allem Philippe von Orleans, der zukünftige Regent, den jeder Sterbefall näher an den Thron rückte, wurde von manchen verdächtigt, die Hand im Spiel zu haben. Aber der König nahm kaum Notiz von diesen bösen Gerüchten.
Die heutige Geschichtsschreibung glaubt, für die mysteriöse Serie von Todesfällen eine plausible Erklärung gefunden zu haben: Die Ignoranz der Leibärzte Fagon und Boudin. Die königlichen Patienten sind das Opfer ihrer Ärzte geworden, die bei hohem Fieber zu einem probaten Allheilmittel griffen: zum Aderlass. Dadurch verhinderten sie, dass die Krankheit ausbrach und normal bis zur Heilung verlief – aber sie sprachen damit ein Todesurteil über die Kranken aus. Dieser Verdacht wurde schon damals geäußert, aber die Leibärzte, in die Enge getrieben, behaupteten, die Autopsie habe den Beweis einer Vergiftung erbracht. Molières Farcen über die Scharlatanerie und Wichtigtuerei der Ärzte, vor allem in seinem »Malade imaginaire« (1672) mit den standardisierten Prüfungsantworten von »seignare und purgare«, haben durch die Ereignisse des Jahres 1712 eine tragische Aktualität gewonnen, fünfzig Jahre nach der Aufführung des »Eingebildeten Kranken«, die Molière selbst das Leben kostete.
Das geistige Vermächtnis
Ab März 1712 hing die ganze Zukunft der Dynastie von dem vierten Dauphin, Louis duc d’Anjou, ab, der am 15. Februar 1710 geboren worden war. Auch er wurde von den Röteln befallen, genas aber paradoxerweise, – oder ganz natürlich – weil seine Gouvernante, die Herzogin von Ventadour, das Krankenzimmer absperrte und die Ärzte nicht zu ihm ließ. (»S’est opposée catégoriquement aux médecins«.) Die Krankheit nahm einen normalen Verlauf, und das Kind blieb am Leben, zur großen Schande der Ärzte. (»Cet enfant a été sauvé à la honte des médecins«, wie Lieselotte schrieb.) Nach der Régence wurde dieser vierte Dauphin im Jahre 1725 in der Kathedrale von Reims als Ludwig XV. gesalbt und gekrönt.
Ludwig XIV. traute dem Schicksal nicht mehr. Im Jahre 1714 änderte er das Grundgesetz über die Thronnachfolge, indem er auch seine unehelichen Nachkommen als erbberechtigt anerkannte. Auch sie waren von »königlichem Blute«, und wenn es um das Überleben der Dynastie ging, glaubte der König sich zu diesem ungewöhnlichen Schritt berechtigt.
Als der Sonnenkönig sein Ende nahen spürte, erhielt er am 24. August 1715 die Sterbesakramente und nahm in seltsamer Gelassenheit Abschied von seinen Höflingen. Dann ließ er seinen fünfjährigen Urenkel an sein Sterbebett kommen, um ihm sein geistiges Vermächtnis mitzuteilen, das auch ein vernichtendes Urteil über seine Herrschaft beinhaltete: »Mein Kind, Sie werden ein großer König sein. Ahmen Sie mich nicht nach in der Freude, die ich an Gebäuden und an Kriegen hatte; bemühen Sie sich im Gegenteil, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Geben Sie Gott, was Sie ihm schuldig sind; erkennen Sie die Verpflichtungen an, die Sie ihm gegenüber haben; lassen Sie ihn durch Ihre Untertanen ehren. Folgen Sie immer den guten Ratschlägen; bemühen Sie sich, das Leben Ihrer Völker zu erleichtern, was ich nicht fertiggebracht habe und worüber ich sehr unglücklich bin.«
Als am 31. August die Sterbegebete für ihn gesprochen wurden, betete der König mit lauter Stimme das Ave Maria und das Credo. In seinen Memoiren überliefert Saint-Simon, dass die letzten Worte des Sonnenkönigs gewesen sind: »O mein Gott, komm mir doch schnell zu Hilfe!«
Ludwig XIV. starb in Versailles am 1. September 1715 im Alter von 77 Jahren. Er hinterließ ein durch seine Eroberungskriege und seine maßlose Prunksucht völlig ruiniertes Königreich. »Niemand weinte ihm eine Träne nach«, wird berichtet. Die Nachwelt vergaß schnell den ruhmvollen Titel »Louis le Grand«, den man ihm in den Glanztagen seiner Herrschaft verliehen hatte.
François Bluche: Louis XIV. Fayard. Paris 1986.
Michel de Grèce: L’envers du Soleil. Louis XIV. Paris 1979.
Nancy Mitford: Le Roi-Soleil. Gallimard. Paris 1968.
Dirk Van der Cruysse: Madame Palatine, princesse européenne. Fayard. Paris 1998.
Bernd-Rüdiger Schwesig: Ludwig XIV. Rowohlt. Reinbek 1986.
Ziegler: Les coulisses de Versailles. Paris 1963.
PETER DER GROSSE UND EUDOXIA
Der tragische Tod des russischen Thronerben ist ein untypischer Extremfall im Rahmen dieser Darstellungen. Wo sonst in der Regel ein unabwendbares und unerbittliches Schicksalsgesetz den Verlust des Kindes verursachte, stand in diesem Fall eine persönliche Entscheidung des Vaters. Vor das Dilemma gestellt, entweder sein gesamtes politisches Lebenswerk, die radikale Reformierung des russischen Imperiums, oder seinen Sohn zu opfern, glaubte sich der Zar gezwungen, der Staatsraison zu gehorchen. Er wurde damit, notgedrungen und widerwillig, selbst mitverantwortlich für den Untergang des Zarewitschs. Der ungewöhnlich komplexe Sachverhalt erfordert ein weiteres Ausgreifen der Vorgeschichte.
Nach dem Tod seines Vaters, des Zaren Alexej (1645–1676), und seines Halbbruders, des Zaren Theodor (1676–1682), wurde Peter 1682, im Alter von zehn Jahren, zum Zaren gekrönt, gemeinsam mit seinem Halbbruder Iwan. Diese Doppelherrschaft war ein Kompromiss zwischen den Familien der beiden Gattinnen des Zaren Alexej, den Miloslawskis und den Naryschkins, die einen unerbittlichen Kampf um die Macht im Kreml führten. Da beide Jungzaren aber nicht imstande waren, die Herrschaft wirklich anzutreten, setzte ihre 25-jährige Schwester Sophie, eine sehr ehrgeizige und intelligente Frau, es durch, dass sie zur Regentin bestellt wurde und so die Macht jahrelang ausüben konnte.
Kurze Zeit später ließ sie das Gerücht ausstreuen, ihr Bruder Theodor sei von der Naryschkin-Familie vergiftet worden und auch ihr Bruder Iwan sei bedroht. Daraufhin brach ein Aufstand der Strelitzen aus, der Garde des Kremls, die sich der meisten Mitglieder und Anhänger der Naryschkin-Familie bemächtigten und sie niedermetzelten. Seit der 10-jährige Thronfolger diese Schreckensszenen im Kreml erlebt und selbst um sein Leben gezittert hatte, hasste er die Hauptstadt Moskau, wo er sich nur noch ungerne aufhielt. Dieses Jugendtrauma gehörte mit zu den Gründen, die ihn später an der Ostsee eine neue Hauptstadt gründen ließen. (Ähnlich war der 10-jährige Ludwig XIV. durch den Aufstand der Fronde (1642) traumatisiert worden, was auch die Gründung der neuen Königsresidenz Versailles stark beeinflusste.)
Bis zu seinem 17. Lebensjahr hielt sich Peter fast ausschließlich auf dem Lande, in Kolomenskoje, auf und kam nur nach Moskau, um protokollarische und repräsentative Pflichten auszuüben. Er erhielt zwar keine geordnete geistige Ausbildung, aber er erlernte zahlreiche Handwerke und füllte seine Zeit mit Kriegsspielen aus. Er ließ immer neue Waffen, Kanonen und Pulver kommen und hielt wahre Manöver ab. Immer mehr junge Adlige scharten sich um ihn, unterwarfen sich einer eisernen militärischen Disziplin und bildeten schließlich zwei Regimenter von je 300 Soldaten, die den Kern der späteren Armee Peters darstellten. Auf einem See, 120 km nördlich von Moskau, baute er mit zwei holländischen Seeleuten mehrere kleine Schiffe und manövrierte mit ihnen wie mit einer Kriegsflotte. Die Regentin Sophie, die auf die Treue der 20.000 Strelitzen zählte, sah mit Nachsicht und Geringschätzung auf die »Spiele« des jungen Zaren herab.
Im August 1689, als Peter 17 Jahre alt war, kam es zur Kraftprobe zwischen den beiden »Gegnern«. Viele Strelitzen schlugen sich auf die Seite des Zaren, so dass Sophie schließlich abdanken und sich in das »Neujungfrauenkloster« bei Moskau zurückziehen musste, wo sie ihre letzten 15 Lebensjahre verbrachte.
Der Aufstieg Russlands zur Großmacht
In wenigen Jahren revolutionierte Peter den rückständigen russischen Staat. Zuerst unternahm er – »inkognito« mit einem großen Gefolge, aber schnell erkannt wegen seiner außergewöhnlichen Größe von 2 Metern – eine zweijährige Reise nach dem Westen, um alle technischen und kulturellen Errungenschaften gründlich kennenzulernen und um geschulte Spezialkräfte für seine Reformpläne anzuwerben. In Holland arbeitete er als einfacher Zimmermann auf einer Schiffswerft. Er besuchte England, Deutschland, Polen, Österreich. Um einen Zugang zum Meer zu finden, führte er jahrelang Kriege mit der Türkei, wobei ihm fast der Durchbruch zum Schwarzen Meer gelang. Der »große nordische Krieg« (1700–1721) gegen Schweden, die führende Seemacht in der Ostsee, begann mit der Niederlage von Narwa (1700). Aber in der Schlacht von Poltawa (1709) wurde der Schwedenkönig Karl XII. vernichtend geschlagen und musste in die Türkei fliehen. Beim Friedensschluss von 1721 gewann Russland große Teile der baltischen Staaten. An der sumpfigen Newa-Mündung hatte Peter schon 1703 Sankt Petersburg gegründet, die neue Hauptstadt, das »Fenster nach dem Westen«.
Russland wurde gewaltsam, gegen manche Widerstände im Adel, im Klerus und im Volk, und unter unermesslichen Opfern, zu einem modernen Imperium mit einer starken Armee, einer großen Flotte. Die übermenschliche Leistung, die größtenteils das persönliche Verdienst des Zaren war, brachte ihm 1721 offiziell den Beinamen »der Große« ein.
Eudoxia und Katharina
Die Bilanz im privaten Bereich ist weit weniger glänzend. Als Peter 17 Jahre alt war, suchte ihm seine Mutter eine Frau unter den adligen Mädchen Moskaus aus, Eudoxia Lopuchin, die drei Jahre älter war. Es wurde eine in jeder Hinsicht unglückliche Verbindung. Zwar gebar Eudoxia dem jungen Peter zwei Söhne, den Zarewitsch Alexej im Jahre 1690 und Alexander (1692), der schon nach einigen Monaten starb, aber der Zar nahm so wenig Anteil am Schicksal seiner ungeliebten Gattin, dass er nicht einmal zum Begräbnis seines jüngsten Sohnes erschien. Jahrelang mied er Eudoxia und suchte nur nach einer Gelegenheit sich ihrer zu entledigen. Als Alexej acht Jahre alt war, wurde er seiner Mutter gewaltsam entrissen, sie selbst wurde in ein Kloster nach Susdal gebracht. Zehn Monate später nahm Eudoxia den Schleier unter dem Namen Helene. So hatte Peter seine Freiheit wiedergewonnen.
1703 begegnete ihm ein junges litauisches Bauernmädchen, Martha Skawronski, das seine Geliebte wurde. Sie hatte sich zur Orthodoxie bekehrt und den russischen Namen Katharina angenommen. In ihr fand der Zar die »ebenbürtige« Frau: mutig, aufgeschlossen, tatenfreudig. In seinen epileptischen Anfällen war sie es, die ihn beruhigte, in kritischen Lagen war sie es, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stand. 1712 heirateten Peter und Katharina mit großem Pomp und sie wurde jetzt offiziell als Zarin anerkannt. Sie gebar zwölf Kinder, sechs Knaben und sechs Mädchen. Zehn davon starben sehr jung. Es überlebten Anna, die Mutter des späteren Zaren Peters III., und Elisabeth, die von 1740 bis 1762 als Zarin herrschte. Katharina selbst folgte ihrem Mann auf dem Thron als Katharina I. (1725–1727).
Die Erziehung des Zarewitschs
Das Verhältnis Peters zum Thronfolger war nie sehr herzlich, allmählich wurde es immer schwieriger. Zuerst vernachlässigte der Zar das Kind, da er zu sehr mit seinen Schiffen, seinen Kriegen und seinen Reformen beschäftigt war und die Mutter seines Sohnes verachtete. Später ließ er ihn durch deutsche Gelehrte erziehen, die ihm große sprachliche und wissenschaftliche Kenntnisse sowie moralische Grundsätze beibrachten. Einer seiner Erzieher berichtete an Leibniz über die Anlagen und Fortschritte des Prinzen: »Ich finde bei ihm einen großen Hang zur Frömmigkeit, zur Gerechtigkeit, zu geradem Sinn und zu sittlicher Reinheit. Er liebt die Mathematik und die Fremdsprachen und zeigt einen starken Wunsch, fremde Länder zu besuchen. Er möchte Deutsch und Französisch gründlich beherrschen. Er hat schon Tanzstunden zu nehmen begonnen und unternimmt militärische Übungen, die ihm viel Vergnügen bereiten. Der Zar hat ihm erlaubt, das Fasten nicht streng einzuhalten, aus Angst, seine Gesundheit und seine körperliche Entwicklung zu gefährden, aber aus Frömmigkeit weist der Prinz jede Vergünstigung in dieser Hinsicht zurück.«
Aber der Zarewitsch konnte sich nie für die kriegerischen Pläne seines Vaters begeistern. Nur ungern wohnte er dem Stapellauf eines neuen Schiffes bei. Er liebte die alten Traditionen, verkehrte viel mit orthodoxen Geistlichen und weilte lieber in Moskau mit seinen unzähligen Kathedralen, Kirchen und Klöstern als in Sankt Petersburg mit seiner westlichen Architektur und seinem Hafen. Infolgedessen beschloss der Zar, seinen Sohn noch stärker westlich erziehen zu lassen und ihm eine Frau aus dem Westen zu suchen.
Die Hochzeit in Torgau
Der Zarewitsch traf seine »Auserwählte«, Charlotte von Wolfenbüttel, im Winter 1710 und schrieb darüber an seinen Beichtvater: »Ich weiß also jetzt, dass er (Peter) mich nicht mit einer Russin verheiraten will, aber mit einer dieser Personen … Ich habe ihm geschrieben, dass, wenn es sein Wille ist, dass ich eine Fremde heiraten soll, ich diese Prinzessin heiraten werde, die ich gesehen habe und die mir gefällt und die eine gute Person ist und solcherart, dass ich keine bessere werde finden können. Ich flehe Sie an, für mich zu beten, wenn es der Wille Gottes ist, dass es so geschehe; wenn nicht, dass es verhindert werde, denn meine Hoffnung ist in ihm …«
Am 25. Februar 1711 erklärte Peter vor den im Kreml paradierenden Regimentern den »heiligen Krieg gegen die Feinde Christi« und brach mit einem Heer gegen den Sultan auf. Er rief alle Christen des Balkans auf, sich gegen ihre mohammedanischen Herrscher zu erheben, »damit die Nachkommen des Heiden Mohammed in ihr altes Gebiet, in den Sand und die Steppen Arabiens zurückgeworfen würden.« Bevor der eigentliche Feldzug begann, unterzeichnete er den Heiratsakt des Zarewitschs mit der Prinzessin Charlotte von Wolfenbüttel. Bei diesem Anlass erklärte er: »Ich will das Glück meines Sohnes nicht länger aufschieben … Er ist mein einziger Sohn und ich möchte das Vergnügen haben, bei seiner Hochzeit zugegen zu sein, am Ende des Feldzugs. Die Hochzeit wird in Braunschweig stattfinden.«
Am Prut, in Moldawien, wurde Peter von den Türken umzingelt und wäre beinahe in Gefangenschaft geraten. Er überließ dem Sultan alle seine früheren Eroberungen, um freien Abzug zu erhalten. Im Schloss von Torgau fand am 14. Oktober 1711 die Hochzeit seines Sohnes statt. Ein zeitgenössischer Chronist berichtet: »Ihre Große Majestät, der Zar, erteilte den Jungvermählten seinen väterlichen Segen auf eine überaus rührende Weise und geleitete sie selbst in ihr Schlafgemach.«
Diese politische Ehe mit einer deutschen Prinzessin, die nach Peters Plänen seinen Sohn für die westliche Lebensart gewinnen sollte, wurde ein völliger Fehlschlag. Der Zarewitsch vernachlässigte schon nach kurzer Zeit seine Gattin und begann ein öffentliches Verhältnis mit Euphrosine, einer finnischen Kriegsgefangenen, der er einen Flügel seines Hauses überließ. Zudem begann er zu trinken und seine Frau in betrunkenem Zustand vor dem Personal in derbster Weise zu beleidigen. Als er an Tuberkulose erkrankte, schickten ihn die Ärzte nach Karlsbad in die Kur. Mittlerweile brachte Charlotte eine Tochter zur Welt, aber Alexej reagierte mit keinem Wort auf die Nachricht, während der sechs Monate seiner Kur schickte er keinen einzigen Brief an seine junge Frau. Charlotte ertrug ihr Los still und resigniert. Peter machte seinem Sohn wütende Vorwürfe, aber ohne sichtbares Ergebnis. Nur widerwillig ging Alexej seinen ehelichen Pflichten nach, um den gewünschten Thronnachfolger zu bekommen. Im Oktober 1715 gebar die unglückliche Charlotte einen Sohn, den späteren Zaren Peter II., und starb wenige Tage später. Kurz darauf gebar auch Katharina dem Zaren einen Sohn.
»Lieber ein Rosenkranz als eine Pistole«
Die Spannungen zwischen Peter und seinem Sohn wuchsen. Alexej fühlte sich den Ansprüchen seines Vaters keineswegs gewachsen und suchte seine Zuflucht immer häufiger im Alkohol. Um sich der Verantwortung zu entziehen, die er nicht übernehmen konnte, stellte er sich häufig krank. Um offiziellen Aufträgen und Zeremonien aus dem Weg zu gehen, nahm er Medikamente, die ihn krank machten. Als Peter seine Fortschritte in Geometrie überprüfen wollte und eine Zeichnung einer Befestigung wünschte, geriet Alexej in solche Aufregung, dass er sich selbst verstümmeln wollte, indem er sich mit einer Pistole in die Hand schoss. Seine Schwiegermutter sagte von ihm: »Er hält lieber einen Rosenkranz als eine Pistole in der Hand.«
Alexej begann seinen Vater zu hassen, seinen Tod zu wünschen, wie er seinem Beichtvater gestand. Ohne es vielleicht wirklich zu wollen, stand der Zarewitsch allmählich im Zentrum einer Oppositionsbewegung. Alle Gegner Peters erhofften sich von ihm eine Wende: der Klerus eine Restauration seiner alten Macht, der Adel die Wiedererlangung der alten Privilegien, das Volk eine Erleichterung von Lasten wie Militärdienst, Zwangsarbeit, Steuern …
Das Ultimatum
Am Tage des Begräbnisses von Charlotte ließ Peter seinem Sohn einen ultimativen Brief überreichen, in dem er ihm bittere Vorwürfe über sein Betragen machte und über seinen mangelhaften Willen, sich die Fähigkeit zu erwerben, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Am Schluss des langen Schreibens gestand er ihm noch eine kurze Zeit zu, sich zu bessern, andernfalls drohte er, er werde ihm das Nachfolgerecht entziehen, »wie man ein unnützes Glied abschneidet«. Er solle nicht glauben, es sei nur eine leere Drohung, da er keinen andern Sohn habe. »Ich werde es vorziehen, sie (die Herrschaft) eher einem Fremden zu übergeben, der ihrer würdig ist, als meinem eigenen Sohn, der sich ihrer unwürdig macht.«
Die Reaktion war ganz anders, als Peter sie erhofft hatte. Statt Besserung zu geloben, flehte der Zarewitsch seinen Vater an, ihn auf die Thronnachfolge verzichten zu lassen, um den Rest seiner Tage ruhig auf einem Landgut zu verbringen: »Sehr milder Herr und Vater, ich habe gelesen, was Ihre Majestät mir am 27. Oktober, nach dem Begräbnis meiner verstorbenen Gattin geschrieben hat. Ich habe darauf nichts zu antworten, als dass Ihre Majestät mich der Nachfolge auf die Krone Russlands berauben will wegen meiner Unfähigkeit. Ihr Wille soll geschehen. Ich flehe Sie sogar sehr inständig darum an, weil ich mich selbst nicht fähig halte zu regieren.« Er schwur bei Gott und seiner Seele Seligkeit, dass er auch in Zukunft keinen Anspruch auf den Thron erheben werde.

Der Zarewitsch Alexej
Trotz des feierlichen Schwurs war Peter nicht beruhigt für die Zukunft. Er fürchtete vor allem den Einfluss der »langen Bärte«, der Geistlichen, die nach Peters Tod seinen Sohn umstimmen könnten. Eine »letzte Mahnung« sollte eine endgültige Klärung herbeiführen. Am 17. Januar 1717 stellte Peter seinen Sohn vor die Wahl, entweder sich zu ändern und ein würdiger Nachfolger zu werden, oder vollständig auf die Welt zu verzichten und ins Kloster einzutreten. Das Schreiben schloss mit der dringenden Aufforderung: »Sobald Sie meinen Brief erhalten haben, geben Sie mir eine Antwort darauf, schriftlich oder mündlich. Falls Sie es nicht tun, werde ich Sie wie einen Übeltäter behandeln.«
Alexej wurde von diesem Ultimatum überrumpelt, auf keinen Fall wollte er auf Euphrosine verzichten. Dennoch antwortete er unverzüglich, dass er sich ins Kloster zurückziehen werde. Diese sofortige und völlige Unterwerfung hatte Peter nicht erwartet und auch nicht gewünscht. Er besuchte seinen fiebernden Sohn an seinem Krankenbett und gewährte ihm noch einmal sechs Monate Bedenkzeit. Anschließend trat er eine große Reise in den Westen an.
Die Flucht zum Kaiser
Als die Frist verstrichen war, wich Alexej der Entscheidung aus, indem er heimlich mit Euphrosine und einigen Dienern nach Wien floh. Kaiser Karl VI. hatte seine Schwägerin geheiratet. Er stellte dem unbequemen Flüchtling das Schloss Ehrenberg in Tirol als Versteck zur Verfügung.
Als Peter in Amsterdam vom Verschwinden seines Sohnes erfuhr, geriet er in große Wut. Vor allen Höfen fühlte er sich bloßgestellt und beschämt. Seine Diplomaten und Häscher benötigten 5 Monate, um das Versteck ausfindig zu machen. Alexej floh weiter nach Neapel, wo er sich in der Festung Sant’Elmo fünf Monate verborgen hielt. Peter forderte vom Kaiser die Auslieferung des Abtrünnigen, er schickte seinen besten und verschlagensten Diplomaten, Peter Tolstoi, nach Neapel, um Alexej zur Rückkehr zu bewegen. Durch große Geschenke und Versprechungen wurde Euphrosine gewonnen. Alexej wollte noch beim Papst Zuflucht suchen, kapitulierte aber schließlich unter der Bedingung, dass er auf dem Lande mit Euphrosine leben dürfte. Am 21. Januar 1718 erreichte er in Riga wieder russisches Territorium und erwartete die Befehle seines Vaters. Euphrosine, die hochschwanger war, folgte in kleineren Etappen.
Die Stunde des Gerichts
Am 3. Februar 1718 versammelten sich alle Großen des Reiches im Audienzsaal des Moskauer Kremls, um einem historischen Akt beizuwohnen: der Absetzung des Zarewitschs Alexej und der Ausrufung eines neuen Thronerben in der Person seines 3-jährigen Halbbruders Peter. Alexej wurde als Gefangener hereingeführt, fiel auf die Knie und bekannte seine Fehler. Peter selbst führte die Anklage, deren Hauptpunkte lauteten: Missachtung der väterlichen Befehle, Vernachlässigung seiner Gemahlin, unerlaubte Beziehungen zu Euphrosine, Desertion und Flucht in ein fremdes Land.
Alexej bat feierlich um Verzeihung und schwor in der Uspjenski-Kathedrale auf die heiligen Reliquien, dass er beim Tode seines Vaters seinem Halbbruder huldige und nie mehr nach der Krone strebe. Peter hatte ihm Verzeihung versprochen, jetzt aber knüpfte er daran die Bedingung, dass der Sohn ihm alle seine »Komplizen« nenne. Alexej nannte alle Personen, mit denen er Kontakt gepflegt hatte. Die meisten davon, Adlige, Geistliche, Offiziere, wurden sofort verhaftet, gefoltert und auf dem Roten Platz öffentlich, vor rund 250.000 Zuschauern, hingerichtet. Auch Peters erste Gattin, Eudoxia, die seit 19 Jahren in Susdal lebte, wurde bestraft und in ein einsames Kloster verbannt. Ihr Liebhaber, durch den sich Peter persönlich in seiner Ehre beleidigt fühlte, wurde mit glühenden Zangen gekniffen, auf ein Nagelbett geheftet und anschließend gepfählt. Seine Agonie dauerte mehrere Tage.
Daraufhin nahm Peter seinen Sohn und dessen Geliebte ins Verhör. Euphrosine verriet alle Einzelheiten der Flucht und belastete Alexej mit ihren Aussagen: Alexej habe nie auf den Thron verzichten wollen und sich über die Rebellion russischer Truppen gefreut. Als Zar wolle er auf alle Eroberungen Peters verzichten und Moskau wieder zur Hauptstadt machen. Er beabsichtige, die Flotte aufzugeben und die Schiffe verfaulen zu lassen. Die Armee solle auf wenige Regimenter reduziert werden, die Kirche ihre alten Rechte wiedererhalten … Das genügte Peter vollauf, um einen Hochverratsprozess einzuleiten. Ein doppeltes Hochgericht wurde eingesetzt, um diese Verbrechen, die Peters Lebenswerk zunichtemachen wollten, gebührend zu bestrafen. Peter fragte das geistliche Gericht, wie er mit diesem modernen Absalom umgehen solle. Die Referenzen des Alten Testamentes verlangten alle die Todesstrafe, im Neuen Testament verwiesen sie auf das Gleichnis des verlorenen Sohnes.
Alexej wurde gefoltert, erhielt 40 Peitschenhiebe und gab zu, seinem Beichtvater bekannt zu haben, er wünsche den Tod seines Vaters. Am 24. Juni wurde einstimmig das Todesurteil über Alexej verhängt, wegen beispielloser Rebellion, wegen schrecklichen »doppelten Vatermordes«.
Bevor der Zar das Urteil bestätigen oder eine Begnadigung aussprechen konnte, überstürzten sich die Ereignisse. Alexej erlitt eine Art Schlaganfall, bat um Verzeihung und um den väterlichen Segen. Peter besuchte den Verurteilten in seiner Zelle in der Peter-und-Pauls-Festung und erfüllte die Wünsche des völlig zerrütteten Sohnes. Alexej starb einige Stunden später unter Umständen, die nie restlos geklärt wurden und die zu schrecklichen Gerüchten Anlass gaben.
Schon am folgenden Tag sandte Peter ein Schreiben an alle europäischen Höfe, um eine offizielle Version der Todeserklärung zu verbreiten und so den schlimmsten Spekulationen zuvorzukommen, die ihn persönlich als den Henker seines Sohnes darstellten. Alles geschah durch Gottes Willen und durch seine Gnade. In christlicher Demut musste alles ertragen werden.
Am 30. Juni fanden der Leichendienst und das Begräbnis statt. Gemäß Peters Anordnungen trug niemand Trauerkleidung, da der Zarensohn als Verbrecher gestorben war. Dennoch hatte der Prediger die Worte Davids »O Absalom, mein Sohn, mein Sohn« für die Trauerrede gewählt und rührte damit Peter bis zu bittern Tränen. Alexej wurde neben seiner Frau Charlotte in der Kaisergruft der Festung beigesetzt.
Die Geschichte ist voll von Gräueltaten, aber die Fälle, wo jemand seine eigenen Kinder umbringt, sind selten. Iwan der Schreckliche hatte seinen Sohn getötet, aber in einem Anfall von blinder Wut. Peter hat seinen Sohn angeklagt und foltern lassen, diese Episode wird als die hässlichste seines Lebens angesehen, eines Lebens, das sehr viele blutige Szenen gekannt hat …
Peter, der zweite Zarewitsch
Peter trauerte seinem Sohn wenig nach, er glaubte, die Staatsraison habe dieses Opfer gefordert. Aber weniger als ein Jahr später wurde er von einem Schlag getroffen, der ihn wirklich niederschmetterte. Peter, der dreieinhalbjährige Sohn des Zaren und Katharinas, starb plötzlich im April 1719. In diesen einzigen überlebenden Sohn hatte Peter alle Hoffnungen der Dynastie gesetzt. Er rannte mit dem Kopf so heftig gegen die Wände, dass er einen Krampfanfall erlitt. Während drei Tagen und drei Nächten sperrte er sich in seinem Zimmer ein, aß nichts, sprach kein Wort. Erst als der Senat sich vor seiner Tür versammelte und ihm vorwarf, der ganze Staatsapparat leide Schaden durch seine übermäßige Trauer, öffnete er, umarmte Katharina sanft und sagte: »Wir haben uns zu lange betrübt. Wir dürfen nicht gegen den Willen Gottes murren.«
Von den zwölf Kindern, die Katharina geboren hatte, blieben nur noch zwei Töchter am Leben, Anna und Elisabeth.
Peter der Große starb am 28. Januar 1725 an einem Blasenleiden. Nach der letzten Ölung und der Absolution sagte er: »Ich hoffe, dass Gott mir meine zahlreichen Sünden verzeihen wird wegen des Guten, das ich versucht habe meinem Volke zu tun.« Er stand im 53. Lebensjahr.
Robert K. Massie: Peter the Great. Knopf. New York 1980.
MICHAEL UND MARIA MAGDALENA HAYDN
Der Tod seines Kindes veränderte zutiefst Haydns Lebensweise … Schwermut überschattete seitdem sein sonst stets heiteres Gemüt. Charles Shermann, 1989
Michael Haydn hat immer im Schatten seines berühmten und erfolgreicheren Bruders Joseph gestanden; sein Talent, das nur in provinzieller Enge zur Geltung kam, ist dennoch fast ebenso hoch einzustufen. Auf einem Gebiet zumindest, dem der geistlichen Musik, ist Michael, nach dem Urteil namhafter Musikologen, seinem Bruder nicht nur ebenbürtig, sondern sogar überlegen. Joseph Haydn selbst hat an seinem Lebensende neidlos zugegeben, dass die religiösen Werke seines Bruders seine eigenen an Schönheit und Tiefe übertreffen. Mehr als ein Kenner geht so weit, Michaels Beitrag zur sakralen Musik über die kirchenmusikalischen Werke Mozarts zu stellen.
Der hohe Rang der über 40 Messen und etwa 200 geistlichen Chorkompositionen Haydns hängt sicher zusammen mit seiner ernst-grüblerischen Religiosität; sie führte ihn in Tiefen, die seinem Bruder, dem Gott einen unverwüstlichen Optimismus und ein so »fröhliches Herz« geschenkt, dass er ihm auch »fröhlich« dienen musste, verborgen blieben. Das klarste Beispiel, das diese Verschiedenheit illustriert, ist die Tatsache, dass Michael zwei oder drei Totenmessen komponierte, wohingegen Joseph sich nicht vom Requiem-Text inspirieren ließ. Die existenzielle Grundlage und Voraussetzung der ergreifenden Qualität des ersten Requiems (1771), eines »epochemachenden Meisterwerkes« (Carl de Nys), ist mit größter Wahrscheinlichkeit ein persönlicher Schicksalsschlag: der Tod seiner einzigen Tochter Aloisia Josefa, eine bittere Erfahrung, die seinem kinderlosen Bruder erspart blieb.
Kapellmeister in Salzburg
Der 1737 in Rohrau geborene Johann Michael war zunächst in die Fußstapfen seines fünf Jahre älteren Bruders getreten. Von 1745 bis zu seinem Stimmbruch im Jahre 1755 war er Sängerknabe am Wiener Stephansdom. 1757 wurde er bischöflicher Kapellmeister in Großwardein, dem heutigen rumänischen Oradea. 1763 wurde ihm die Stellung angeboten, die er dann über 40 Jahre lang innehatte und auch nicht gegen vorteilhaftere Positionen vertauschen wollte, er wurde als Konzertmeister an den Hof des Salzburger Fürsterzbischofs Sigismund von Schrattenbach berufen. Der bescheidene und umgängliche Konzertmeister pflegte gute Beziehungen zu all seinen Kollegen. Ein besonders herzliches Verhältnis unterhielt er zum jungen Wolfgang Amadeus Mozart, den er neidlos bewunderte und an dessen stilistischer Entwicklung er maßgeblich beteiligt war. Sein Einfluss war unvergleichlich stärker und fruchtbarer als der des Vaters Leopold. Der junge Mozart hat in Salzburg eine Reihe von Kompositionen regelrecht im Fahrwasser seines väterlichen Freundes und Kollegen Michael geschrieben, so z.B. eine Sinfonie in A-Dur, das Streichquintett KV 174, einige Divertimenti. Die Stilverwandtschaft war zeitweilig so groß, dass einige Werke Michael Haydns 200 Jahre lang Mozart zugeschrieben werden konnten, so die 37. Sinfonie KV 444. Flaydn hat insgesamt 43 Sinfonien geschrieben, von denen manche von Mozart aufgeführt wurden und Spuren in seinem Schaffen hinterlassen haben. So wurde die Finalfuge der 41. Sinfonie Haydns zum unmittelbaren Vorbild für die entsprechende Fuge in Mozarts 41. Sinfonie, der so genannten »Jupiter-Sinfonie«.
Der Tod der Tochter
Als Konzertmeister und Orchesterdirektor der fürsterzbischöflichen Kapelle hatte Michael Haydn mit seinem Jahresgehalt von 300 Gulden und freier Kost an der »Offiziers-Tafel bey Hof« ein gutes Auskommen. Am 17. August 1768 heiratete er die 23-jährige Hofsängerin Maria Magdalena Lipp, die Tochter des Hoforganisten, eine ausgezeichnete Musikerin. Als sie 16 Jahre alt war, hatte der Erzbischof sie zur Ausbildung ihrer prächtigen Stimme nach Venedig geschickt, wo sie drei Jahre lang die »Singkunst« studierte. Die erste Biographie, die 1808 in Salzburg erschien, kennzeichnet Haydns Gattin als ein »vortreffliches«, von ihm selbst »vorzüglich geschätztes Weib«. Die gemeinsame Liebe zur Musik war vermutlich ein engeres Band als die wenig ausgeprägten Eigenschaften der Hausfrau, die nicht wirtschaften konnte und immer wieder Schulden anhäufte.
Am 31. Januar 1770 brachte Maria Magdalena ihr einziges Kind zur Welt. Auf Befehl des Erzbischofs wurde es noch am selben Tag »solemniter« auf den Namen Aloisia Josefa getauft. Der »überglückliche« Vater hing mit »wahrhaft inniger Liebe« an seinem »Töchterchen«, für das er die schönsten Zukunftspläne schmiedete. Aber schon am 27. Januar 1771 wurde ihm das einjährige Kind durch den Tod entrissen und auf dem Sankt-Peters-Friedhof begraben. Das Wohnhaus der Familie Haydn lag unmittelbar neben dem Friedhofseingang, so dass die Eltern das Bild des frischen Grabes stets vor Augen hatten. Beide waren gleicherweise tief getroffen und betrauerten diesen Verlust viele Jahre lang. Wenn wir W. A. Mozart Glauben schenken dürfen, wurde Maria Magdalena kränklich und verfiel in eine überstreng frömmelnde Lebensart: »Mich wundert, dass sie durch ihr beständiges geiseln, Peitschen, Cilicia-tragen, übernatürlich fasten, nächtliches betten – ihre Stimme nicht schon längst verlohren hat.« (7. August 1778) Zu welch hohen Leistungen diese Stimme fähig war, erkennen wir aus den herrlichen Solopartien der Marienantiphon »Regina coeli« KV 127, die der junge Mozart einst für die »Haydin« komponiert hatte.
Wir besitzen keine schriftlichen Zeugnisse Haydns mehr über seinen Schmerz, da die meisten Briefe verschollen sind. Nur die Berichte der ersten Biographen belegen die Erschütterung des Komponisten. Als »untröstlicher« Vater, der Tag und Nacht sein Töchterlein und dessen Spiele vermisste, hielt es ihn nicht in den Mauern des verödeten Hauses am Friedhofseingang. Sobald es der Dienst erlaubte, verließ er die Wohnung und unternahm anstrengende Wanderungen durch die Umgebung, um in der freien Natur Ablenkung von seinem Schmerz zu suchen. »Haydn war wie vernichtet, er erholte sich niemals mehr ganz von diesem Kummer«, schreibt ein früher Biograph. Die Schwermut begann sich über sein sonst stets heiteres Gemüt auszubreiten. Aber musikalisch verlieh Michael Haydn seiner Trauer einen überwältigenden Ausdruck, er setzte seinem »Töchterchen« ein unvergängliches Denkmal, wenn auch gewissermaßen unter fremdem Namen.
Missa pro defuncto archiepiscopo …
Rund zehn Monate nach diesem Sterbefall in der Familie Haydn, am 16. Dezember 1771, verschied der Fürsterzbischof, Graf Sigismund von Schrattenbach. Knapp zwei Wochen später, am 31. Dezember 1771, führte Haydn im Salzburger Dom sein Requiem in c-Moll als »Missa pro defuncto Archiepiscopo Sigismundo« auf. Auch die beiden Mozarts, Vater und Sohn, wirkten als Mitglieder der Hofmusik bei der Aufführung im Dome mit. Das monumentale Werk erregte sofort Aufsehen, es wurde bei so manchen ernsten Anlässen gesungen, nicht nur in Salzburg. Michael Haydn hatte sein erstes bedeutsames Chorwerk komponiert, sein Ruhm verbreitete sich in Österreich und in Süddeutschland. Sowohl sein Bruder wie Mozart zitierten kurze Zeit später das Thema der Schlussfuge »Cum sanctis tuis« in Kammermusikwerken.
Alle Musikologen wundern sich über die Ausdruckstiefe des Werkes, über die plötzliche Meisterschaft des 34-jährigen Haydn und über die unglaubliche Schnelligkeit der Komposition. Es gibt dafür nur eine plausible Erklärung: Michael Haydn hat das Werk, wenigstens teilweise, schon früher geschrieben, unter dem unmittelbaren Eindruck des Verlustes seines eigenen Kindes. Kein Text kam seiner seelischen Verfassung so entgegen wie die pathetischen Bitten um ewige Ruhe oder die düstere Weltgerichtsstimmung der Dies-irae-Sequenz. Die altehrwürdigen Verse, die ihm schon seit seiner Zeit als Sängerknabe vertraut waren, griffen unmittelbar ans Herz, aus ihnen schöpfte Haydn Trost und Hoffnung. Als der Erzbischof starb, brachte er sein Requiem schnell zum Abschluss. Die Trauerfeier für den Fürsten war die willkommene Gelegenheit, die insgeheim private Totenfeier bei einem »erlauchten« Anlass zur öffentlichen Aufführung zu bringen. Zu dieser Zeit hatte man wenig Sinn für den persönlichen Schmerz eines Untergebenen, eines nichtadligen Menschen. Nur hohe Persönlichkeiten hatten einen Anspruch auf eine große Trauerfeier. Unter dem Deckmantel des Namens des Erzbischofs war es Haydn vergönnt, die Trauer um seine Tochter gebührend auszudrücken. Andrerseits wäre es für den Musiker auch finanziell nicht leicht gewesen, den festlichen Klangkörper, Soli, Chor und Orchester mit Trompeten, Posaunen und Pauken für eine eigene Aufführung zu engagieren, als »Totenmesse für das verstorbene Töchterchen Aloisia Josefa«, wie er das Werk vermutlich in seinem Herzen nannte.
Requiem. Erste Seite der autographen Partitur
Missa pro defuncta filiola Aloisia Josefa …
Zwei gewichtige Gründe sprechen dafür, dass die Dinge sich tatsächlich so entwickelt haben. Es war praktisch unmöglich, innerhalb des knappen Zeitraums von zwei Wochen ein Werk dieses Umfangs – es dauert etwa 40 Minuten – zu schreiben und einzustudieren, trotz der drei Kopisten, die das Aufführungsmaterial herstellten. Selbst Mozart, der unvergleichlich schneller komponieren konnte, war nicht imstande, innerhalb von vier Monaten sein Requiem zu vollenden, an dem er allerdings nicht ununterbrochen arbeitete.
Noch bedeutsamer ist das innere Kriterium: Plötzlich, sprunghaft, schuf Haydn ein so ergreifend persönliches Werk wie nie zuvor – und man möchte hinzufügen – und wie vielleicht auch nie mehr nachher. Die Stimme des echten Trauerschmerzes durchdringt das schwerblütige Werk. Es ist kaum anzunehmen, dass der Tod seines bejahrten Brot- und Landesherrn – er stand im 75. Lebensjahr – ihn tiefer erschüttert hat als der kürzliche Verlust seines geliebten einzigen Kindes. »Nothing else adequately explains the depth and passionate intensity that illuminate this work«, schrieb der große Haydn-Forscher Charles H. Sherman 1991 anlässlich der Neuherausgabe des Werkes.
Hier ist etwas Einmaliges in Haydns Werk geschehen, das nur verständlich wird, seelisch wie musikalisch, wenn wir einmalige Lebensumstände voraussetzen.
Der Tod der Tochter stellt die größte Erschütterung in der ereignisarmen Biographie des Salzburger Kapellmeisters dar. In der provinziellen Enge der Salzachstadt verlief das Leben in sehr geruhsamen Bahnen, ein Schicksalsschlag löste ein stärkeres seelisches Beben aus als in einer Stadt mit zahlreichen Ablenkungen.
Haydns Requiem stellt einen Markstein in der geistlichen Musik der Klassik dar. Trotz seines Festhaltens am ernsten kontrapunktischen Stil des Johann Joseph Fux – bereits 1757 hatte Haydn dessen »Missa canonica« eigenhändig kopiert, und später sein Lehrwerk »Gradus ad Parnassum« autodidaktisch studiert – gelingt dem Komponisten etwas Bahnbrechendes, etwas Mustergültiges, das neue Maßstäbe setzt. Bester Beweis dafür: Als Mozart 20 Jahre später sein Requiem komponierte, nahm er kein anderes Werk zum Vorbild als jenes seines früheren Kollegen aus Salzburg, das ihm nachweislich durch mehrere Aufführungen vertraut war. Zahlreiche Gemeinsamkeiten belegen Mozarts Anlehnung: die unüberhörbare Ähnlichkeit einzelner Themen, z.B. der Chorfuge »Quam olim Abrahae«, die innere Struktur und Gliederung bestimmter Sätze, dieselben Auslassungen im Text, eine als »emotional echt« empfundene Tonsprache, die den Hörer unmittelbar berührt und ergreift. Es ist offenkundig, ohne Michael Haydns Requiem von 1771 hätte Mozart ein völlig anderes Werk hinterlassen. Beide Totenmessen bilden die Höhepunkte dieser Textvertonung im Zeitalter der Klassik. So wurden beide kurz nacheinander im Juni 1809 bei den Wiener Totenfeiern für Joseph Haydn aufgeführt.
Michael Haydn starb an Schwindsucht in Salzburg, am 10. August 1806. Er hinterließ den Torso einer Totenmesse, die ihm die Kaiserin Maria-Therese in Auftrag gegeben hatte. Bei seiner Leichenfeier wurden die fehlenden Teile des unvollendeten Werkes durch Sätze aus dem Requiem von 1771 ergänzt.
Mozarts Komposition gilt heute als genialer als jene Michael Haydns. Dank des Nimbus seiner Entstehungsgeschichte wurde es das populärste Requiem der Musikgeschichte schlechthin. Dennoch erscheint es ungerechtfertigt, dass es Haydns Werk fast völlig verdrängt hat. Dessen musikalisch-emotionaler Wert ist so außergewöhnlich, dass einer der besten Kenner der Klassik, Carl de Nys, sein Befremden folgenderweise äußert: »Man muss sich immer wieder fragen, warum seine (Haydns) Totenmesse nicht ebenso oft aufgeführt wird wie Mozarts Requiem.«
Gerhard Croll, Kurt Vössing: Johann Michael Haydn. Salzburg 1987.
Michael Haydn: Requiem in c. Herausgegeben von Charles H. Sherman. Carus. Stuttgart 1991.
Hans Jancik: Michael Haydn. Ein vergessener Meister. Amalthea Verlag. Wien 1952.
Carl de Nys: Requiem c-moll. Aufnahme der Mozartwoche 1980. Schwann AMS 3529 F.
Georg Otter und Franz Schinn: Biographische Skizze von Michael Haydn. Salzburg 1808.
Otto Schmid: Johann Michael Haydn. Sein Leben und Wirken. Beyer. Langensalza 1906.
Marc Vignal: Michael Haydn. In: Guide de la Musique sacrée. Fayard. Paris 1993.
ANDRÉ-ERNEST-MODESTE UND JEANNE-MARIE GRÉTRY
Grétry war der erfolgreichste Opernkomponist Frankreichs im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Als er nacheinander seine drei Töchter verlor, lähmte der Kummer darüber seine musikalische Inspiration. Daraufhin wandte sich Grétry allmählich von der Musik ab und suchte ein neues, lohnenderes Tätigkeitsfeld in der Literatur. Wie er in ergreifenden Ausdrücken die Zerstörung seines Familienglückes schildert, das gilt als das persönlichste und lesenswerteste Kapitel seines umfangreichen Memoiren-Werkes.
Grétry wurde am 8. Februar 1741 in der belgischen Bischofsstadt Liège (Lüttich) geboren, die in ihm ihren berühmtesten Sohn erkannte und die ihn durch zahlreiche Auszeichnungen ehrte. 1750 wurde er Sängerknabe in der Stiftskirche Saint-Denis, mit 18 Jahren wurde er Violinist im Orchester derselben Stiftskirche seiner Geburtsstadt. Für eine heimlich komponierte Messe erhielt er den »Prix de Rome«. Ein längerer Aufenthalt in Italien (1761–1765) ermöglichte ihm, bei verschiedenen Komponisten (Casali, G.B. Martini) zu studieren. In Bologna wurde er in die berühmte Akademie aufgenommen.
Paris und Versailles
Auf Anraten Voltaires ging Grétry 1767 nach Paris, wo er schon bald nachhaltige Erfolge verzeichnen konnte, vor allem mit den komischen Opern »Lucile« (1769) und »Le tableau parlant«. Fortan brachte er jährlich mehrere neue Opern zur Aufführung, von denen ihm viele stürmische Huldigungen einbrachten. 1770 wurde seine erste Tochter, Andriette-Marie-Jeanne, genannt Jenny, geboren. Im folgenden Jahr heiratete Grétry die Mutter Jennies, Jeanne-Marie Grandon (1746–1807). Seine Erfolge ebneten ihm den Weg an den Hof von Versailles, wo er enge Beziehungen zu Marie-Antoinette, der zukünftigen Königin, knüpfte und wo zahlreiche seiner Opern zuerst aufgeführt wurden. Der Graf der Provence, der spätere König Ludwig XVIII., schrieb für ihn den Text zur Oper »La Caravane du Caire«, seinem bedeutendsten Werk. 1772 wurde die zweite Tochter, Angélique-Dorothée-Lucie, geboren, die er nach seiner Erfolgsoper »Lucile« nannte. Bei der Geburt der dritten Tochter, Charlotte-Antoinette-Philippine, war Marie-Antoinette Taufpatin. Kurze Zeit darauf wurde Grétry Musikdirektor der jungen Königin.
Sein Ruhm gelangte bald in seine Heimatstadt, wo mit großer Feierlichkeit seine Büste eingeweiht wurde. 1782 folgte er einer weiteren Einladung nach Lüttich und wurde offiziell geehrt und gefeiert. Äußerer Höhepunkt seiner Karriere in Frankreich war 1784 die Ernennung zum königlichen Zensor der Musik. Trotz seiner belgischen Herkunft – und seines breiten Lütticher Dialekts – galt Grétry allgemein als der »geistreichste und französischste« Komponist seiner Zeit, dessen Opern überall in Europa gespielt und nachgeahmt wurden. In einer einzigen Spielsaison wurden in Wien nicht weniger als elf verschiedene Opern Grétrys aufgeführt.
1786 erlebte er als Vater und als Komponist eine seltene Freude, die erste Talentprobe seiner Tochter Lucile. Mit sichtlichem Stolz schrieb er an das »Journal de Paris«: »Ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, dass das kleine Stück in einem Akt mit dem Titel ›Le mariage d’Antonios‹, das man heute in der Italienischen Komödie geben wird, von einer meiner Töchter, dreizehn Jahre alt, komponiert worden ist.« Er war sich der Zweischneidigkeit dieser frühen Leistung für den Charakter seiner Tochter bewusst und fügte deshalb hinzu: »Da ich jedoch keineswegs die Reinheit ihrer Jugend gefährden will, indem ich in ihr einen trügerischen Dünkel erwecke, muss ich hinzusetzen, dass ich, nachdem sie selbst alle Melodien mit Bass und einer einfachen Harfenbegleitung komponiert hat, die Partitur geschrieben habe, wozu sie selbst nicht in der Lage war.« (29. Juli 1786)
Grétrys Familienglück schien vollkommen zu sein. Gerne zeigte er sich mit seinen schönen Töchtern in der Opernloge und genoss »die Wonnen der Vaterschaft«. Nicht zufällig war es eine Lobeshymne auf das Familienglück gewesen, die ihn zu seiner berühmtesten Melodie inspirierte: »Où peut-on être mieux qu’au sein de la famille?« (»Wo lässt sich’s wohler sein als im Schoße der Familie?«) Bei zahlreichen öffentlichen Gelegenheiten wurde das Lied gesungen, während der Revolution, beim Russlandfeldzug Napoleons, bei der Rückkehr der Bourbonen, die Melodie hielt sogar Einzug in die Kirchenmusik, als Gesang der Glückseligen beim Weltgericht. Dass Grétry so vernichtend in seinem Heiligsten, seinem Familienglück, getroffen wurde, das macht die Tragik seiner Existenz aus. Noch im Jahre 1786 begann die Serie seiner Familientragödien und damit auch der künstlerische Niedergang des Erfolgskomponisten Grétry.
Der unglückliche Vater
In der Einleitung zum zweiten Band seiner »Memoiren oder Essays über die Musik« fasst Grétry seine Schicksalsschläge zusammen: »Ich habe in sehr kurzer Zeit drei Kinder verloren, mein Glück und das ihrer Mutter, die Hoffnung unseres Alters.« (»J’ai perdu en fort peu de temps trois enfants, qui fesaient mon bonheur et celui de leur mère, et l’espoir de notre vieillesse.«) Er zählt mehrere Auswirkungen auf: Infolge seines »tödlichen Kummers« hat er fast keine künstlerischen Einfälle mehr; seine Freude an der Musik hat abgenommen; er ist dickleibig geworden (»J’ai pris de l’embonpoint«).
Die ausführliche Darstellung der persönlichen Tragödie folgt im Schlusskapitel des Bandes, das den »Frühbegabungen« gewidmet ist. Im ersten, theoretischen Teil stellt Grétry die pauschale Behauptung auf, dass die frühen Talente weder der Kunst noch dem jungen Künstler nützen, ja sogar im Gegenteil, dass sie beiden schaden: Der Beifall erstickt beim Künstler den Wunsch sich zu vervollkommnen, die jugendliche Natur wird vergewaltigt, der Ehrgeiz wird zu einer verhängnisvollen Leidenschaft …
Als natürlichste »Anwendung« (»Application«) wählt der »unglückliche Vater« (»le père malheureux«) das Beispiel seiner eigenen Kinder. Mit geradezu beschwörenden Worten leitet er die Darstellung über sein Leid und seine Schuldgefühle ein: »Wer hat mehr als ich, wer hat mehr als ein unglücklicher Vater das Recht, die Leiden zu beklagen, die vor seinen Augen drei reizende Kinder ergriffen, welche alle die Beute eines ebenso frühen wie unerwarteten Todes geworden sind ? Könnte ich noch einmal die Zeiten zurückrufen, da sie mit nichts anderem als ausgelassenen kindlichen Spielen beschäftigt waren! Ich schwöre, ja ich schwöre es bei meiner Ehre – kein Lehrer, kein Buch sollte ihren Eifer anstacheln noch sie zu übergroßen Anstrengungen verleiten, die ein allzu zartes Wesen schwächen, den gesunden Instinkt abtöten und uns das Gift des Ehrgeizes (›le poison de l’amour-propre‹) einflößen, den schrecklichsten Feind, den wir zu bekämpfen haben.«
Jenny – die Stütze meines Alters
Über den ersten Verlust schreibt er am ausführlichsten. Jenny, die Älteste, »hatte das Antlitz einer Heiligen; ihre Sanftmut und Treuherzigkeit unterschied sie von den beiden Jüngeren. Oft sagte ich zu meinen Freunden: ›Dies ist die Stütze meines Alters. Sie wird, einer Antigone gleich, ihren Vater in die Sonne führen, um seine alten Tage zu erhellen.‹ – Die weitere Analyse beweist eine erstaunliche psychologische Intuition, die er allerdings erst im Nachhinein gewonnen hat, zu spät, um noch etwas zu ändern, aber nicht zu spät, dass seine Leser eventuell noch aus seinem Unglück lernen mögen. »Möge euch mein Beispiel eine Lehre sein! … Sie (Jenny) kam jedermann mit kleinen Gefälligkeiten zuvor, doch zeigten diese ihre Aufmerksamkeiten nur an, dass sie selbst ihrer bedurfte, damit man ihr ihre Schwächlichkeit erleichtere. Man hätte sie ganz für sich in einer süßen Trägheit dahinleben lassen sollen. Alles deutete darauf hin, dass sie dessen bedurfte, um sich entwickeln zu können. Ich erinnere mich, dass ihre hübschen Züge sich beim Lernen des Alphabets sichtlich entstellten. Aber, so meint man, wo gibt es Kinder, die man nicht mit sanfter Gewalt zur Arbeit zwingen muss? Alle würden in einer tiefen Unwissenheit verbleiben, wenn man sie nicht zwingen würde, etwas zu lernen. Was für eitle Täuschungen sind diese gouvernantenhaften Ratschläge! Die Kindheit ist die Zeit der Aktivität, aber der des Körpers und nicht des Geistes. Spielen, Springen, Herumtollen – das ist alles, was ihr ansteht. Wenn das Kind nichts Derartiges tun will, ist es krank …«

Jenny, Lucile und Antoinette Grétry
Grétry erweist sich als ein aufmerksamer Leser des »Emile« von Jean-Jacques Rousseau, dessen Ermitage in Montmorency er 1798 erwarb und wo er auch starb. Grétry hat seine Tochter nicht wie »Émile« erzogen: »O unglückselige Erfahrung! Vergebliches Klagen! Man tat nichts von dem, was zu tun nötig gewesen wäre. Man sagte zu meiner Tochter, dass alle hübschen Frauenzimmer im allgemeinen dumm seien und dass sie doch zweifellos nicht zu diesen zählen wolle. Man gab ihr Lehrer, die ihre Neigungen über Gebühr strapazierten, die sie töteten, vielleicht nur, damit sie ihre Aufgaben besser erledige.«
Der pädagogische Zwang war kontraproduktiv, nur Freiheit und Neigung hätten die Selbstverwirklichung des jungen Mädchens ermöglicht: »Mit fünfzehn Jahren konnte meine älteste Tochter nur unvollkommen, was man ihr mit Mühe eingeschärft hatte: Lesen, Schreiben, Geographie, Cembalospielen, Notenlehre, die italienische Sprache. Aber sie sang mit dem Wohllaut eines Engels, und diese Kunst des Gesangs war das einzige, was man sie nicht gelehrt hatte.«
Die Fehlentwicklung, die Grétry auf seine »Irrtümer« und »Versäumnisse« als Vater und Erzieher zurückführt, wirkt sich tragisch aus: »Mit sechzehn Jahren hatte ihre Natur nicht mehr genug Kraft, sich weiter zu entfalten. Die Kraft, die sie für ihre Studien gebraucht hatte, war nun nötig, um dem Kampf zu begegnen, der ihr bevorstand. Mit sechzehn Jahren erlosch sie sanft, in dem festen Glauben, dass ihre Schwäche ihre sichere Genesung ankündige … Sie entschlief für immer auf meinen Knien, genauso schön wie im Leben. Ich drückte sie noch einmal an mein verzweifeltes Herz, wohl eine Viertelstunde lang; aber die Schreie ihrer Schwestern, die ihr bald folgen sollten, trennten mich von dieser kostbaren Last.«
Lucile – das frühe Talent
Vom »geradezu überragenden musikalischen Talent« seiner zweiten Tochter, seines Lieblingskindes, erwartete Grétry sich sehr viel. 1787 war bereits eine zweite Oper Luciles, »Toinette et Louis« (1787), aufgeführt worden. In seinen »Memoiren« (1798) werden diese Erfolge, die ihn einst mit Stolz erfüllt hatten, nur noch Anlass zu bitteren Selbstvorwürfen und zu Warnungen an verblendete Eltern: »Misstraut, o ihr allzu unglücklichen Mütter, den Begabungen, die sich in euren Kindern allzu leicht und ungestüm entwickeln, denn für mein Kind stand am Ende dieser Entwicklung der Tod! Möge euch mein Beispiel eine Lehre sein! Ich hatte drei Kinder, ich hatte drei Töchter, die man bewunderte. Nun habe ich keine mehr, ich bin allein. Dieses Unglück begreift nur, wer es erlitten hat. Ich werde Ihnen sagen, was ich getan und was ich zu bereuen habe, und werde Ihnen auch sagen, was ich hätte tun sollen …«
Lucile war sehr verschieden von ihrer älteren Schwester, sie erfreute sich einer guten Gesundheit, sie war energisch, wissbegierig, ehrgeizig und immer aktiv. »Sie in ihrem Tatendrang zu hindern, hätte bedeutet, sie zu töten. Ihr Geist war ständig beschäftigt, ihre Mienen immerzu in Bewegung … Ihr außergewöhnlicher Charakter (der in jeder Hinsicht dem meinen ähnlich war,) empörte sich gegen jede Ungerechtigkeit, die sie mit Abscheu erfüllte, und immer mäßigte die Wahrheitsliebe, die sie tief im Herzen trug, ihren jähzornigen Charakter. Ich war stets ihr Zufluchtsort in allen Lebenslagen.« Grétry schildert sie beim Komponieren, wie sie zornig und ungeduldig die Harfe zupfte, wenn ihr nichts einfiel, wie er sie korrigierte, vorsichtig, um »das heilige Feuer nicht auszulöschen«, wie »das kleine Wesen« im Schaffensrausch weinte, sang und seine ganze Umgebung vergaß. Ihre Leistung bewies, »dass ihr Geschlecht mit jenem Genie begabt sein kann, das man ihm noch bestreitet«.
Diese zweite Tochter schien alle Erwartungen des Vaters zu übertreffen, intellektuell und charakterlich: »Gibt es eine schönere Wesensart, einen kostbareren Charakter als den ihren? Kann man mehr Reinheit, Einfachheit und Kraft zugleich besitzen? Man brauchte ihr gegenüber weder Nachsicht noch Strenge zu üben. Man musste nur gerecht sein.« Er vermisste bei ihr die typisch weibliche Eitelkeit, die Zeit war ihr zu kostbar, um sie mit Äußerlichkeiten zu verlieren: »Ich glaube bemerkt zu haben, dass die Zeit, die sie bei einer sorgfältigen Toilette verlieren musste, ihr diese gleichgültig machte. All ihr Glück lag in der Lektüre, besonders der von Versen, und in der Musik, die sie leidenschaftlich liebte.«
Grétry vermeinte ein gesundes Gegengewicht zu diesem einseitigen Glück zu schaffen, indem er Lucile mit einem jungen Mann, einem ausgezeichneten Musikliebhaber, verheiratete. Er erlebte eine bittere Enttäuschung. Der allzu streng erzogene junge Mann fand es normal, jetzt seine Frau zu tyrannisieren. »Für ihn war es nur natürlich, seine Frau so zu behandeln, wie er selbst behandelt worden war. Er zerriss das Herz, in dem er hätte herrschen sollen; zwei kummervolle Jahre brachten sie ins Grab.« Was Gretry hier so pauschal und ohne Einzelheiten darstellt, als die seelische Folge einer unglücklichen Ehe, war andrerseits auch bedingt durch die Tuberkulose, von der alle seine Töchter befallen wurden und der sie alle im fast selben Alter erlagen.
Antoinette – »Wofern du nur lebst! Wofern du uns nur bleibst!«
Nach dem frühen Tod der beiden Ältesten hatten die Eltern nur noch einen Gedanken und eine Sorge: wie sie ihr jüngstes Kind vor demselben Schicksal bewahren könnten. Bei der geringsten Unpässlichkeit, die das Kind befiel, gerieten sie in Panik. Antoinette aber versuchte, ihre Befürchtungen zu zerstreuen und benahm sich bisweilen übermütig und forciert lebensfroh: »Oft lächelte sie über unsere übertriebene Fürsorge und machte absichtlich einige Streiche, einen Fehler, um unsere übergroße Sorgfalt zu mäßigen.« Vor ihren Eltern verbarg sie auch rücksichtsvoll, wie sehr sie selbst durch den Verlust der Schwestern erschüttert war, und bemühte sich stattdessen, ihren Schmerz durch allerlei Vernunftgründe zu lindern. Über den Tod Luciles äußerte sie sich folgendermaßen: »Tröstet Euch … indem Ihr Euch vor Augen haltet, dass der Tod den schweren Leiden, die die Ehe ihr bereitete, ein Ende gemacht hat.« Grétry kommentiert: »Ich fühlte die Wahrheit dieser traurigen Überlegung, und mein Herz antwortete ihr ganz leise: »Wofern du nur lebst! Wofern du uns nur bleibst! Dann werden deine Mutter und ich noch einige schöne Tage haben.«
Ihre Erziehung war schonend, frei und wenig anspruchsvoll: »Ich bat unsere liebe Antoinette, sich mit keinerlei Wissenschaft zu beschäftigen, die sie anstrengen könnte. Ich beschwor meine Frau, sie ganz frei nach ihren Wünschen handeln zu lassen.« Sie war »schön wie die Morgenröte«, als einzige Tochter eines wohlhabenden Vaters eine gute Partie, so dass es nicht an Bewerbern fehlte, aber Antoinette war durch das schreckliche Beispiel ihrer Schwester allzu ernüchtert worden und wies jeden »Kavalier« zurück. So liest man wenigstens in den »Memoiren«. Tatsächlich verlobte sie sich mit Nicolas Bouilly, dem nachmaligen Librettisten des »Fidelio«, der einzigen Oper Beethovens.
Als sie im Frühling den Wunsch äußerte, nach Lyon zu reisen, wo sie schon einmal in glücklicheren Tagen gewesen war, willigten die Eltern sofort ein und fuhren mit ihr zur Ablenkung nach Lyon. Grétry erwog sogar den Plan, solange auf Reisen zu bleiben, bis ihre Tochter das gefährliche Alter hinter sich hätte, in dem sie die beiden ältesten Töchter verloren hatten. Bereits im Herbst desselben Jahres kündigte sich die Katastrophe an: Antoinette verlor ihren Frohsinn und nahm fast keine Nahrung mehr zu sich. »Ohne zu wagen, uns unser Entsetzen mitzuteilen, beobachteten wir sie unablässig. Schliesslich nahm ich meine Frau beiseite und sagte: ›Du siehst, dass deine Tochter …‹ und allein bei diesen Worten wurde sie von eisiger Kälte erfasst, und ihre und meine Tränen ließen sich nicht länger zurückhalten. Ein Strom entfloss unseren Augen, während wir uns fest umarmt hielten, ohne uns das Schreckliche unseres Schicksals erklären zu können …« Man beschloss, bald nach Paris zurückzukehren. Antoinette machte sich keine Illusionen über ihre Lage, aber sie war so selbstlos, nur an das Wohlergehen ihrer Eltern zu denken: »Von diesem Zeitpunkt an bis zum letzten Augenblick ihres Lebens beschäftigte sich dieses liebe Kind nur noch damit, uns von der Vorstellung, sie zu verlieren, abzubringen. Es war offensichtlich, dass sie nicht danach trachtete, sich selbst zu beruhigen; erst von da an begann sie uns von ihrer Zukunft, ihrer Hochzeit, ihren Kindern zu reden, die uns, wie sie sagte, so liebhaben würden wie sie selbst. Und ich merkte wohl, dass sie nur dann so sprach, wenn sie unserer Traurigkeit gewahr wurde, die zu verbergen wir nicht täglich die Kraft hatten.«
In Paris kaufte sie sich ein elegantes Kleid und ging damit zu einem Ball. Rouget de l’Isle, der Autor der Marseillaise, machte dem »glücklichen« Vater Komplimente für seine schöne Tochter. Die Antwort Grétrys ließ ihn erschauern: »›Ja‹, sagte ich ihm ins Ohr, ›sie ist schön und noch liebenswerter. Sie geht zum Ball, und in wenigen Wochen wird sie im Grabe liegen.‹ – Was für ein schrecklicher Gedanke!, sagte er zu mir. – ›Ich habe ihre beiden Schwestern gesehen‹, sagte ich, ›und mein Unglück ist nur allzu gewiss‹.« Er sollte Recht behalten, denn schon bald begann Antoinette zu fiebern. Sie starb ohne eigentliche Agonie, fast »heiter«, wie es in Grétrys ergreifender Darstellung heißt: »Sie nahm meine Hand und die ihrer Mutter und sagte mit einem sanften Lächeln: ›Ich sehe wohl, dass ich Abschied nehmen muss. Ich fürchte den Tod nicht – aber Ihr beiden, was wird aus Euch werden!‹ Sie saß aufrecht im Bett, als sie zum letzten Mal zu uns sprach. Dann legte sie sich nieder, schloss ihre schönen Augen und ward mit ihren Schwestern vereint.«
Verwaiste Eltern
Der Euphemismus des letzten Satzes kann nicht darüber hinwegtäuschen, in »welch entsetzlichem Zustand« die Eltern zurückblieben. Sie richteten sich einer am andern auf: »Aus Mitleid mit mir hatte meine Frau die Kraft, das Leben zu ertragen, und zwang mich dadurch, es ihr nachzutun.« Beide durchlebten »eine lange und tiefe Trauer«. Die verwaiste Mutter übertrug alle ihre Liebe auf ihren Gatten, sie griff ihre Jugendbeschäftigung, das Malen, wieder auf und portraitierte zuerst ihre drei Töchter, später malte sie dann »öffentlich«, d.h. für den Lebensunterhalt der Familie, denn die Revolution hatte mittlerweile die Gehälter des einstigen »königlichen« Komponisten gestrichen.
Nach 1790 geriet Grétry in Schwierigkeiten wegen seiner früheren Beziehungen zum Königshaus. Eine seiner »royalistischen« Partituren wurde öffentlich verbrannt. Er hatte nur die Wahl, sich in den Dienst der neuen Ideen zu stellen oder sich Verfolgungen auszusetzen. Die Königin Marie-Antoinette, seine ehemalige Gönnerin, bestieg im Jahre 1793 das Schafott. Grétry glaubte, dass er einen genügend »hohen Tribut an das Schicksal gezahlt« habe und schrieb einige republikanische Opern, ohne große Begeisterung und ohne sonderlichen Erfolg, sowie eine Reihe von opportunistischen Gelegenheitswerken für die Französische Revolution, u.a. eine »Hymne zum Pflanzen des Freiheitsbaumes«. Sie trugen nichts zu seinem Ruhme bei und sind allesamt vergessen. Dem »aimablen« Grétry blieben die allzu lauten Revolutionsfanfaren eigentlich fremd.
Wesentlicher für Grétry war in diesen Jahren vermutlich das Redigieren seiner Memoiren. Das Kapitel 67 des zweiten Bandes, in dem er seine Tragödien schildert, kostete ihn am meisten Mühe. »Seit ich an diesem Kapitel schreibe, verdunkeln mir oft die Tränen den Blick. Drei Jahre ist es her, dass ich aufgehört habe, Vater zu sein … Zwanzigmal habe ich die Feder fortgeworfen, während ich dies schrieb.« In einer Fußnote präzisiert er, dass das Kapitel »im Verlauf dreier Jahre entstanden« sei. Kein Wunder, dass Romain Rolland gerade in diesen Bekenntnissen eines Erschütterten »das Lesenswerteste und Wertvollste« des riesigen Memoiren-Werkes erblickte, das in der Originalfassung 1376 Seiten umfasst.
Dass Grétry überhaupt darauf bestand, diese schmerzlichsten Episoden aus seinem Leben in seine musikästhetischen, moralischen und philosophischen Erörterungen zu integrieren, erklärt er aus zwei Gründen: einerseits aus der »väterlichen Schwäche«, seine Freunde dazu zu bewegen, »über dem teuren Grab meiner drei reizenden, für den Tod bestimmten Blumen eine Träne zu vergießen«, andrerseits aus der Furcht, ein anderer könnte sein Schicksal teilen.
Der Preis des flüchtigen Ruhms: »Dein Stamm aber sei ausgelöscht«
Grétry leitete sein ganzes Unglück von seinem Ehrgeiz ab. »Ich wollte den Ruhm, ich wollte arme Eltern unterstützen, eine Mutter, die mir teuer war.« Wenn er jetzt daran denkt, stößt er bittere Rufe aus: »O grausames Schicksal! Mitleidlose Natur … Unerbittliche Natur! Zwar gestandest du mir zu, worum ich dich inständig und unter Schmerzen bat, aber nur, um dich an meinen Kindern zu rächen.«
Der zweite Teil der »Memoiren« schließt mit einem pathetischen Appell an alle Väter, ihr wahres Glück zu erkennen und seinem Beispiel nicht zu folgen: »O ihr allzuglücklichen Väter, hört auf mich: Genießt das Glück, euch in euren Kindern wiederzufinden! Möget ihr niemals den Kummer, sie verloren zu haben, kennenlernen. Ohne sie ist das Leben ein Nichts. Es gibt keinen Trost, keine wahre Freude mehr, weil man keinerlei Halt mehr hat, der eine schöne Zukunft erhoffen ließe. Wir alle wissen: Die Hoffnung ist es, die uns aufrecht hält und den Reiz unseres gegenwärtigen Glückes ausmacht, und alle Hoffnung ist zerstört, wenn man nicht mehr den süßen Namen Waten hören kann. Wacht daher über eure Kinder, mehr, als ich es getan habe! Glaubt nicht, dass besondere Talente ihr Glück bedeuten müssten; sie geben ihnen, im Gegenteil, einen zerstörerischen Ehrgeiz …«
Die Einmaligkeit seines Unglücks zwingt ihn zur Einsicht in sein fehlerhaftes Verhalten und zum Anerkennen der »Strafe«. Das Verdikt der »Natur« ist unerbittlich und unwiderruflich. Als Freund und Anhänger der Philosophen der Aufklärung erwartet er keinen Trost von der Religion und den Jenseitsverheißungen: »Gibt es wohl viele Beispiele für eine Verkettung von Unglücken denen vergleichbar, die ich erlitten habe? … Ich rufe das Vaterherz, das mehr als ich die Wonnen der Vaterschaft gekostet hat und die Qualen, ihrer beraubt zu sein. O unerbittliche, grausame Natur! Ich höre deine Stimme: ›Du willst‹, sagst du zu mir, »ausgezeichnet sein vor deinesgleichen? Durch Anstrengungen, die ich verdamme, willst du die Grenzen einer heilsamen Unwissenheit überschreiten? Es sei denn: Laufe der Chimäre einer Unsterblichkeit nach, aber erleide meine unwiderruflichen Beschlüsse (›l’irréfragabilité de mes décrets‹), die verlangen, dass das künstliche Glück erkauft sei mit dem Verlust des wahren Glücks. Lebe für einige Zeit im Gedächtnis der Menschen fort, aber sei tot in deiner Nachkommenschaft« (›Sois mort dans ta postérité.‹) – oder »Dein Stamm sei ausgelöscht!«, wie Dorothea Gülke frei und pointiert übersetzt.
Der Stamm war endgültig ausgelöscht. Ob er durch ein ehrgeizfreies Dasein Grétrys sich erhalten hätte, ist eine offene Frage. Die moderne Wissenschaft würde wohl kaum die selbstquälerische Analyse des Komponisten bestätigen, sondern andere Gründe ins Feld führen.
Als Grétry seine Selbstverdammung aussprach, glaubte er wohl kaum, dass er so schnell in Vergessenheit geraten würde. Seine Opern werden kaum noch aufgeführt, sie sind praktisch vergessen, wenigstens vom großen Publikum. Jedoch seine Memoiren, ein musikästhetisches Dokument ersten Ranges, werden immer wieder aufgelegt. Im Jahre 1798, nachdem er dieses Werk veröffentlicht hatte, erwarb er die berühmte Ermitage von Jean-Jacques Rousseau in Montmorency und verbrachte dort einen großen Teil seines Lebensabends. Das monumentale Werk, an dem er bis zu seinem Ende arbeitete, die »Réflexions d’un solitaire«, blieb unvollendet. André-Ernest-Modeste Grétry starb am 24. September 1813 in Montmorency und wurde unter großer Teilnahme der Bevölkerung begraben. Seine Manuskripte wurden an seine sieben Erben verteilt. Der kleine Teil, der nicht verloren ging, wurde mehr als 100 Jahre später veröffentlicht. Sic transit …
André-Ernest-Modeste: Grétry: Mémoires ou Essais sur la musique. Paris 1797.
Memoiren oder Essays über die Musik. Deutsch von Dorothea Gülke.
Leipzig 1973.
Réflexions d’un solitaire. Bruxelles 1919/1922.
Martin Witteck: Documents Grétry dans les collections de la bibliotheque royale Albert Ier. Bruxelles 1989.
JOHANN WOLFGANG GOETHE
Der Tod … dieser Übergang aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch gar nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, dass es für die Zurückbleibenden nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht. Goethe zu Eckermann am 15. Februar 1830
Die meisten Biographen hat der Ehemann Goethe weit weniger beschäftigt als der große Liebende, dem die Frauen fast zum Lebenselixier wurden, angefangen beim Frankfurter Gretchen bis zur 17-jährigen Ulrike von Levetzow, um deren Hand er noch mit 74 Jahren anhielt. Dazwischen windet sich ein duftiger Kranz von »holdseligen Geschöpfen«: Friederike Brion, Charlotte Buff, Lily Schönemann, Charlotte von Stein, Maddalena Riggi, Faustina Antonini, Minchen Herzlieb, Sylvie von Ziegesar, Ludovika von Österreich, Marianne Willemer … Sie alle standen ihm einmal herzlich nahe, einigen hat er »liebend Leid zugefügt«, bei andern hat er selbst erfahren, dass »Leidenschaft Leiden schafft.«
Christiane Vulpius
Alle diese Frauen jedoch überragt bei weitem Christiane Vulpius, die Lebensgefährtin, mit der er 27 Jahre zusammengelebt hat und die sein Schicksal wirklich geteilt hat. Bei der Plünderung Weimars durch die französischen Soldaten im Oktober 1806 bewies sie so viel Tapferkeit, dass Goethe, der sich ängstlich auf dem Dachboden verborgen hielt, einen alten Vorsatz in die Tat umsetzte: »Ich will meine kleine Freundin, die so viel an mir getan und auch diese Stunden der Prüfung mit mir durchlebte, völlig und bürgerlich anerkennen, als die Meine.« Zwei Tage später ließ er sich in der Jakobskirche bei Weimar, in aller Stille, mit Christiane trauen. Schließlich nimmt Christiane noch eine andere entscheidende Sonderstellung ein: sie hat dem Dichter fünf Kinder geboren.
Goethes Beziehung zu Christiane nahm einen ungewöhnlichen Anfang. Als er nach seiner großen Italienreise im Juni 1788 nach Weimar zurückkehrte, war er völlig verwandelt, als Dichter wie als Mensch »neu geboren«. In Rom hatte er ein heidnisches Lebensgefühl entwickelt und seine Erlebnisse in den »Römischen Elegien« – die bezeichnenderweise zuerst »Erotica Romana« hießen – ziemlich unverschleiert geschildert. Im Juli 1788 bat ihn im Park von Weimar ein 23-jähriges Mädchen aus kleinbürgerlicher Familie um Unterstützung für ihre verarmten Verwandten. Goethe fühlte sich sofort durch das südländisch anmutende Aussehen, durch den natürlichen Liebreiz, die »naturhafte Persönlichkeit« und Naivität des Mädchens angezogen. Christiane wurde seine Geliebte und bald seine ständige Hausgenossin. Dass die Gesellschaft von Weimar, einer Kleinstadt von 6000 Einwohnern, Anstoß an diesem Verhältnis des Ministers mit einer einfachen Blumennähterin nahm, ist kaum überraschend. Goethe jedoch nahm wenig Notiz vom Klatsch, er empfand die Gemeinschaft als gleichwertig mit einer Ehe und stellte sie auch als solche hin: »Ich bin verheiratet, nur nicht durch Zeremonie.«
» … so hab’ ich vorerst nichts weiter zu wünschen«
Der Sohn August wurde Weihnachten 1789 geboren. Dieses Geburtsdatum war nicht ohne Bedeutung für Goethe, wie ein 1815 an Charlotte von Stein gerichtetes Gedicht belegt, in dem er beide Geburten als glückliche Fügung feiert: »Daß Du zugleich mit dem heilgen Christ / An diesem Tag geboren bist, / Und August auch der werthe Schlancke / Dafür ich Gott im Herzen dancke –« Am 27. Dezember wurde das Kind auf den Namen Julius August getauft, eine »heilige Handlung«. Von nun an wurde Goethe immer häuslicher, sesshafter, »kein Zugvogel mehr«. Nur ungern entfernte er sich aus Weimar, er empfand die Dienstreisen als Störungen seines Familienlebens. Wie sein Wilhelm Meister hatte er »mit dem Gefühl des Vaters … auch alle Tugenden eines Bürgers erworben.« Unterwegs bangte er um die Sicherheit seiner kleinen Familie: »Mein Mädchen und mein Kleiner ganz und gar verlassen sind, wenn ihnen irgend etwas zustieße …«
Den Herzog bat er, sich der wehrlosen Angehörigen anzunehmen: »Meine Neigung zu dem zurückgelaßnen Erotio und zu dem kleinen Geschöpf in den Windeln, die ich Ihnen beyde … bestens empfehle.« (Mai 1790) Noch deutlicher offenbarte er sein Gefühl dem Ehepaar Herder gegenüber: »Meine Zurückgelaßnen … liegen mir sehr nahe und ich gestehe gern, daß ich das Mädchen leidenschaftlich liebe. Wie sehr ich an sie geknüpft bin, habe ich erst auf dieser Reise gefühlt. Sehnlich verlange ich nach Hause …« (Mantua, 28. Mai 1790) Im selben Jahr schrieb Schiller an Körner: »Sein Mädchen ist eine ziemlich berüchtigte Mlle Vulpius, die ein Kind von ihm hat.«
Aus Schlesien teilte Goethe dem Ehepaar Herder mit, dass sich seine »vis centripeta mehr als die vis centrifuga vermehrt« habe. Was er sich von der Zentripetalkraft ersehnte, zählt er ganz unbefangen auf: »Ich habe gewiß keine eigentlich vergnügte Stunde, bis ich mit Euch zu Nacht gegessen und bei meinem Mädchen geschlafen habe. Wenn Ihr mich lieb behaltet, wenige Gute mir geneigt bleiben, mein Mädchen treu ist, mein Kind lebt, mein großer Ofen gut heizt, so hab’ ich vorerst nichts weiter zu wünschen.« (11. September 1790) Der ganz unfaustische Goethe wünschte sich die Wonnen der bürgerlichen Behaglichkeit. Ein Zeitgenosse beschreibt seine Spitzweg-»Häuslichkeit«: »Abends sitzt er in einer wohlgeheitzten Stube, eine weisse Fuhrmannsmütze auf dem Kopf, ein Moltumjäckchen und lange Flauschpantalons an, in niedergetretenen Pantoffeln und herabhängenden Strümpfen im Lehnstuhl, während sein kleiner Junge auf seinen Knien schaukelt … auf der andern Seite die Dame Volpia mit dem Strickstrumpf.« (Grumach)
Dieses Nestglück konnte von außen bedroht werden, durch Krieg oder Unglück, aber auch innerlich lauerte Gefahr. Goethe wurde nicht müde, vor Christianes Augen die Familienidylle zu beschwören, ihr die Hausfrauen- und Mutterrolle schmackhaft zu machen, ihre kleine Welt zu idealisieren, »alles, was um dich ist, … unsere gepflanzten Kohlrüben.« Während der »Campagne in Frankreich« verkündete er: »Ach! mein Liebchen! Es ist nichts besseres als beysammen zu seyn. Wir wollen es uns immer sagen wenn wir uns wieder haben …« Vor allem wiederholte er unablässig: »Behalte mich lieb!« Manchmal mit einer Mahnung verbunden: »Du mußt mich aber nur lieb behalten und nicht mit den Äugelchen zu verschwenderisch umgehen.« Aus dem »Lager bey Verdün« bettelte der berühmte Dichter und Minister Goethe um die Liebe des ungebildeten Mädchens: »Sorge für das Bübchen und behalte mich lieb. Behalte mich ja lieb! denn ich bin in Gedancken manchmal eifersüchtig und stelle mir vor: daß dir ein anderer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst. Das mußt du aber nicht sehen, sondern du mußt mich für den besten halten, weil ich dich ganz entsetzlich lieb habe und mir außer dir nichts gefällt. Ich träume oft von dir, allerley konfuses Zeug, doch immer daß wir uns lieb haben. Und dabey mag es bleiben.« (10. September 1792)
Mehrfach ist in den Briefen die Rede von der »Krabskrälligkeit« Christianes, einer privaten Chiffre für ihre Schwangerschaften. Denn auf August folgten noch vier Kinder, oder wenigstens vier Geburten: zuerst eine Totgeburt (1791), dann Carolina (1793), Carl (1795) und Kathinka (1802); alle Kinder starben in sehr niedrigem Alter, wahrscheinlich wegen einer Blutgruppenunverträglichkeit der Eltern. Nach außen hin machte Goethe wenig Aufhebens von diesen vier Todesfällen, seine starke Betroffenheit steht aber außer Zweifel. Als Caroline starb, »wand sich Goethe weinend am Boden, massig wie er war, mit seinen 44 Jahren und vor den Augen Meyers.« (N. Boyle). Nach dem Tod seines letzten Kindes, des winzigen Töchterchens Kathinka, verfiel Goethe in die tiefste Depression seines Lebens. »Sieben Wochen lang, bis Ende Februar, verließ er nicht das Haus, angeblich nicht einmal sein Zimmer, und als er sich schließlich ins Freie wagte, brach er zusammen und schloß sich für weitere zwei Wochen ein.«
August, der einzige Sohn, »ein göttliches Kind«
Goethe war sehr darum bemüht, seinem einzigen Kinde eine gute Erziehung und Ausbildung zu geben. Die rührende Sorgfalt, mit der Wilhelm Meister seinen Sohn Felix in den beiden »Meister«-Romanen umgibt, ist sicher der dichterische Niederschlag der innigen Gefühle, die Goethe für den ausnehmend schönen Knaben in diesen Jahren empfand.
Über den fünfjährigen August berichtet David Veit an Rahel Levin: »Ein göttliches Kind hat Goethe. Kohlschwarze Augen, sprechende Physiognomie und wahres Goldhaar, das gar keine Lust zum Dunkelwerden hat.« (20./21. Oktober 1794)
Louise Seidler, eine Spielgefährtin Augusts, schreibt in ihren Erinnerungen: »August war ein wunderschöner Knabe und sah in der schwarzen idealen Bergmannstracht, die ihm sein Vater hatte anfertigen lassen, besonders reizend aus.
Goethe hing mit unendlicher Liebe an ihm; oft fütterten beide miteinander die Tauben; noch öfters versüßte der Dichter des Götz und Werther unsere Kinderspiele dadurch, dass er Stückchen Torte, an einem Bindfaden gebunden, aus dem Fenster seines Arbeitszimmers (im Jenaer Schloß) in den Schloßhof, wo wir uns tummelten, herniederließ, damit wir danach haschten.«
Als Goethe in der Schweiz weilte, schrieb ihm sein 7-jähriger Sohn einen Brief: »Lieber Vater! Ich spiele jetzt in meinen freien Stunden mit Kastanien, die ich mit dem kleinen Kästner bei Ober-Weimar aufsuche. Wir tragen sie in großer Menge nach Hause, durchbohren sie, reihen sie an einen Bindfaden und behängen unsern ganzen Körper mit Kastanienketten. – Am ersten October feierte Herttels Wilhelm seinen Geburtstag, er bat mich auch dazu und tractirte mich mit Milch, Zucker und Kuchen. Auf den Abend spielten wir ein Schattenspiel …« Die Hauptpersonen sind Columbine, der Hanswurst, Doctor Faust und der Teufel. »Leben Sie wohl und behalten Sie mich lieb. August Göthe.«
Aus solchen unbedeutenden kindlichen Szenen gewinnen wir einen kleinen Einblick in den bürgerlichen Alltag des »Olympiers« und in das Vaterherz Goethes. Goethe legitimierte seinen Sohn am 15. März 1800 und ließ ihn zwei Jahre später durch Herder konfirmieren. Mehrere Hauslehrer erteilten dem Knaben Privatunterricht, aber Goethe nutzte jede Gelegenheit, um August mit auf Reise zu nehmen, da er den Reisen einen sehr hohen Bildungswert zusprach.
Im Schatten des Vaters
Nach drei Jahren Gymnasium studierte August, »vom Vater ferngelenkt«, Jura in Heidelberg und Jena. Als die deutsche Jugend sich in den Befreiungskriegen gegen Napoleon erhob, verbot Goethe seinem Sohn die Teilnahme. August blieb stets in einem Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Vater, dessen geistige Größe ihn zu stark überragte und fast keine Selbstverwirklichung des Sohnes ermöglichte. Als ziemlich schwache Persönlichkeit schlug er die Beamtenlaufbahn ein und wurde, dank der väterlichen Protektion, Kammerassessor, Hofjunker, Kammeradjunkt, Kammerrat und schließlich, im Jahre 1823, Geheimer Kammerrat. Als praktischer, gewissenhafter und ordnungsliebender Kanzleibeamter war er sehr hilfreich, um Goethes Akten und Sammlungen zu ordnen. August bildete auch ein gesundes Gegengewicht zum ziemlich ungeordneten Dasein seiner Mutter, die durch ihre Vergnügungssucht, ihre Tanzlust und ihre laute Trinkfreude für manchen Ärger im Hause und in der Öffentlichkeit sorgte.
Nach dem Tode Christianes im Jahre 1816 wurde er zur wichtigsten Stütze in Goethes Dasein, der ihn folgenderweise beschreibt: »Helfer, Ratgeber, ja einzig haltbarer Punkt in dieser Verwirrung.«
August heiratete im Juli 1817 Ottilie von Pogwitsch, eine ebenso intelligente wie exaltierte und kapriziöse Frau aus verarmtem Adelsgeschlecht, das erst mit dieser Verbindung einverstanden war, als die »plebejische« Christiane das Zeitliche gesegnet hatte. Zu ihrem Schwiegervater, den sie verehrte, gewann sie ein herzliches Verhältnis, das pedantisch-phlegmatische Wesen ihres Mannes hingegen – sowie auch sein Hang zur Trunksucht – führten zu einer allmählichen Entfremdung der Ehepartner. Da Goethe dem jungen Paar eine bequeme Wohnung im Dachgeschoss eingerichtet hatte, musste er mehr als einmal Zeuge der lautstarken, turbulenten Eheszenen werden. Kleinlaut verschloss er sich in seinen Arbeitsräumen, bis der Sturm sich legte. Dass die Wut des vereinten Ehepaars sich auch einmal gegen ihn selbst richten konnte, erlebte er 1823, als August und Ottilie sich entschieden seinem Heiratsprojekt mit der 19-jährigen Ulrike von Levetzow widersetzten. Der Sohn, der auch sein Erbe gefährdet sah, drohte, mit seiner Familie nach Berlin zu ziehen.
Ottilie gebar drei Kinder: Walter (1818), Wolfgang (1820) und Alma (1827) und gab Goethe die willkommene Gelegenheit, sich als vorzüglicher Großvater zu bewähren. Alle drei Enkelkinder starben übrigens, ohne Nachkommen zu hinterlassen, so dass Goethes Geschlecht schon vor 1900 erloschen war.
Die Italienreise
»Wie gelähmt von der väterlichen Übergröße, entwickelte er (August) nie die Aktivitäten, die ihn (vielleicht) zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit hätten bringen können.« (K.O. Conrady) Nur in seinem letzten Lebensjahr unternahm er zwei Befreiungsversuche, einen poetischen und eine große Reise. In Ottiliens Zeitschrift »Chaos« veröffentlichte er ein Gedicht, in dem er gegen die Bevormundung, gegen das »Gängelband«, aufbegehrte:
»Ich will nicht mehr am Gängelbande
Wie sonst geleitet seyn,
Und lieber an des Abgrunds Rande
Von jeder Fessel mich befrein …«
Konsequenter – und leider auch tragischer – war der zweite Versuch, größere Selbstständigkeit zu gewinnen: die große Italienreise, zu der er im April 1830 aufbrach. Der Vater, der ihm 2000 Taler zur Verfügung stellte, hatte ihn sogar lebhaft dazu ermuntert und erwartete regelmäßig Bericht von den Eindrücken seines Sohnes. Er überhäufte ihn mit guten Ratschlägen: »Die Hauptsache bleibt, daß du von fremden Gegenständen und von fremden Menschen berührt werdest … Deine Absicht sei, eine große Welt in Dich aufzunehmen und jede in Dir verknüpfte Beschränktheit aufzulösen.« (29. Juni 1830) »Ich freue mich schon auf alle Fortschritte im Guten und Heilsamen.« (5. Juli).
August reiste mit den Schriften seines Vaters im Kopf und erlebte nur, um seine Eindrücke in tagebuchartigen Briefen festzuhalten, die er seinem Vater wie ein Tagespensum nach Weimar schickte. Seine Briefe lagen bis 1999 unentziffert im Weimarer Archiv und wurden erst dann transkribiert und auszugsweise in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« veröffentlicht. Sie dokumentieren, wie schwierig es ist, aus dem Schatten eines großen Vaters herauszutreten. Vom Comer See berichtete August pflichtgetreu nach Weimar: »Hier fand man alles, was in Ihrem Gedicht ›Kennst Du das Land?‹ so schön ausgedrückt ist, weiter brauche ich nichts zu sagen.«
Am 1. August schrieb August aus Spetia: »Sie werden sich wundern, daß Sie Brief an Brief von mir erhalten! Doch es ist mein einziger Trost, Ihnen zu schreiben, und immer liegt ein Blatt auf dem Tische an welchem ich schreibe wenn trübe Gedanken kommen wollen.«
Der Brief aus Rom vom 16. Oktober wirkt wie eine Bilanz und ein Abschied: »Ich sitze in einem kleinen Zimmerchen am Caminfeuer und erfreue mich der Vergangenheit, wie der Zukunft. Ich habe Italien gesehen und genossen … Bis jetzt war ich so unschuldig wie das Kind im Mutterleibe. Doch sehe ich, daß es überall Toll gegangen, da man aber keine Actio in Distanz hat so kann man auch nicht helfen! Deßwegen verfolge ich meine Zweke, Italien zu sehen und kennen zu lernen, ich hoffe es gelingt mir und ist für meine ganze künftige Existenz sehr wichtig. Menschenkenntniß und höhere Kunst- und Naturbildung sind etwas Großes. Es ist das erste mal, im 40t Jahre, daß ich zum Gefühle der Selbständigkeit gekommen, und unter fremden Menschen Lazaronis, sogar Räubern, Barcaroles und andern, auch vornehmen Gesindel. Man wollte mich heranziehen, Spiel, Mädchen, Frauen. Die drei letzteren Dinge hatte ich verschworen. So kehre ich frey und frank zurük, wenn ich auch bei andern Gelegenheiten etwas mehr Geld ausgegeben als andere. Kunst, Natur- und Volks-Leben kennen zu lernen war mein Zwek und den habe ich soweit meine Kräfte reichen, erreicht. ›Vieler Menschen Städte gesehen und Sitten gelernet.‹ Und so will ich heute diesen Brief schließen und wünschen, daß es Ihnen, dem ich dieß Glük danke so wie allen den Uebrigen wohl ergehe. Leben Sie wohl und grüßen Sie Frau, Kinder, Verwandte u. Freunde. Ihr treuer Sohn A. v. Goethe.«
Dieser Brief, einer der letzten, die August pflichtschuldig nach Weimar schrieb, entsprach sicher voll den optimistischen Erwartungen, die der Vater in diese Bildungsreise gesetzt hatte. Auch Goethe hatte einst euphorisch geschrieben, dass er in Rom zum ersten Male zu sich selbst gefunden habe und als ein anderer Mensch zurückkehren werde.
Mit einem gewissen Vaterstolz berichtete er an Wilhelm von Humboldt: »Mein Sohn nimmt nun schon seit sechs Monaten an der Fülle teil, die, auf der unschätzbaren Erdzunge, Natur und Jahrhunderte an Leben gehäuft und zerstört, an Künsten erbaut und eingerissen, an Menschenschicksalen, Nationalität und Persönlichkeiten auf das wunderbarste durcheinander gewürfelt haben.«
Nemo ante obitum beatus – »Prüfungen erwarte bis zuletzt«
Jedoch, als Goethe den Brief Augusts in Händen hielt und sich über dessen glückliche Entwicklung freute, war das Unheil schon in Rom über den Sohn hereingebrochen: August lag bereits auf dem protestantischen Friedhof, bei der Cestiuspyramide, begraben, unweit von Keats und Shelley. In der Nacht vom 26. zum 27. Oktober war er im Hause Kestners, des Sohnes von Charlotte Buff, der hannoverscher Gesandtschaftssekretär beim päpstlichen Stuhl war, durch einen Schlaganfall (oder Meningitis) plötzlich gestorben. Auf den Grabstein schrieb man lakonisch: GOETHE FILIUS. Damit war alles gesagt über das Schattendasein Augusts.
Die Todesnachricht wurde nach Weimar durch einen Brief Kestners an den Kanzler von Müller übermittelt. Durch diesen erhielt Goethe am 10. November die traurige Mitteilung. In einem Brief an Rochlitz berichtet der Kanzler, wie der 81-jährige Dichter auf die Hiobsbotschaft reagierte: »Sie können leicht ermessen, welche bittere Aufgabe es für mich war, solche Schreckenskunde dem ehrwürdigen Vater beizubringen! Doch er empfing sie mit großer Fassung und Ergebung. ›Non ignoravi, me mortalem genuisse‹, rief er aus, als seine Augen sich mit Thränen füllten.« Im Augenblick des höchsten Schmerzes nahm Goethe, angesichts des Unaussprechlichen, seine Zuflucht zu einer lateinischen Sentenz: »Ich wußte wohl, daß ich einen Sterblichen gezeugt hatte.«
Das erste schriftliche Zeugnis, das seine Erschütterung dokumentiert, ist sein Brief an Zelter, dem er selbst erst sechs Wochen früher sein Beileid ausgedrückt hatte zum Tod seiner jüngsten Tochter Clara – eines der zwölf Kinder, von denen Zelter zehn begraben musste. Wieder fällt auf, dass Goethe mit einem klassischen Zitat – ›Niemand kann vor dem Tode als glücklich gepriesen werden‹ – die Schwelle des Schweigens überwindet. Am 21. November schrieb er: »›Nemo ante obitum beatus‹ ist ein Wort, das in der Weltgeschichte figurirt, aber eigentlich nichts sagen will. Sollte es mit einiger Gründlichkeit ausgesprochen werden, so müßte es heißen: ›Prüfungen erwarte bis zuletzt‹.
Dir hat es, mein Guter, nicht daran gefehlt, mir auch nicht, und es scheinet, als wenn das Schicksal die Überzeugung habe, man seye nicht aus Nerven, Venen, Arterien und andern daher abgeleiteten Organen, sondern aus Draht zusammengeflochten.
Dank für Deinen lieben Brief! Hatt ich Dir doch auch einmal eine solche Hiobsbotschaft als gastlichen Gruß einzureichen. Dabei wollen wir es denn bewenden lassen.
Das eigentliche Wunderliche und Bedeutende dieser Prüfung ist, daß ich alle Lasten, die ich zunächst, ja mit dem neuen Jahre abzustreifen und einem jünger Lebigen zu übertragen glaubte, nunmehr selbst fortzuschleppen und sogar schwieriger weiter zu tragen habe.
Hier nun allein kann der große Begriff der Pflicht uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich physisch im Gleichgewicht zu bewegen; alles andere gibt sich von selbst. Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die notwendigste Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu besinnen.
Weiter will ich nicht gehen, behalte mir aber doch vor, von diesem Punkte gelegentlich fortzuschreiten. Meine herzlichsten dankbaren Grüße an alle so treulich Teilnehmende.«
Der Brief enthält nur Umschreibungen, ein Uneingeweihter könnte den Sachverhalt höchstens erraten. Der Sohn bleibt unerwähnt.
Dasselbe bewusste Ausweichen, ja Verschweigen, berichtet Eckermann, der Goethe am 23. November besuchte. Er ging zuerst zu Augusts Frau. »Ich fand sie bereits in tiefer Trauerkleidung, jedoch ruhig und gefaßt, und wir hatten viel gegeneinander auszusprechen.« Ottilie war nicht verzweifelt wegen des jähen Todes ihres Ehemannes. An Adele Schopenhauer schrieb sie: »Ich beklage mehr die Art unseres Zusammenlebens wie seinen Tod … wie waren gewiss beide grenzenlos unglücklich.« Am Vortage hatte Eckermann notiert: »Meine größte Besorgnis war, daß Goethe in seinem hohen Alter den heftigen Sturm väterlicher Empfindungen nicht überstehen möchte.« Jetzt erlebte er eine Überraschung: »Ich ging sodann zu Goethe hinunter. Er stand aufrecht und fest und schloß mich in seine Arme. Ich fand ihn vollkommen heiter und ruhig. Wir setzten uns und sprachen sogleich von gescheiten Dingen … seines Sohnes jedoch ward mit keiner Silbe gedacht.«
»Der unterdrückte Schmerz«
Die bewusste Verdrängung der Trauerarbeit erzeugte solch einen Druck, dass Goethe drei Tage später »mit einem heftigen Blutsturz erwachte, so daß Sein Leben in Gefahr schwebte und nur ein schneller Aderlaß und eine so kräftige Natur wie die Seine Ihn retten konnte.« (Eckermann an Thomas Carlyle)
Als Goethe am 10. Dezember an Zelter über diese lebensbedrohliche Krise berichtete, analysierte er auch scharfsinnig die Ursachen: »Das Außenbleiben meines Sohnes drückte mich, auf mehr als Eine Weise, sehr heftig und widerwärtig; ich griff daher zu einer Arbeit, die mich ganz absorbieren sollte …« Er schlussfolgert über diese Arbeitstherapie: »Es dürfte wohl kein Zweifel sein, daß der unterdrückte Schmerz und eine so gewaltsame Geistesanstrengung jene Explosion, wozu sich der Körper disponiert finden mochte, dürften verursacht haben. Plötzlich, nachdem keine entschiedene Andeutung, noch irgendein drohendes Symptom vorausging, riß ein Gefäß in der Lunge und der Blutauswurf war so stark: daß, wäre nicht gleich und kunstgemäß Hülfe zu erhalten gewesen, hier wohl die ultima linea rerum sich würde hingezogen haben.«
Zu Beginn desselben Jahres hatte Goethe sich mit Eckermann über den Tod an sich unterhalten und ihn als eine fremde, gewaltsame, unvorstellbare Macht hingestellt. Der Verlust eines geliebten Menschen erschien ihm als etwas Unmögliches, das »die tiefste Erschütterung« hervorrufen würde: »Der Tod ist doch etwas so Seltsames, dass man ihn, unerachtet aller Erfahrung, bei einem uns teuren Gegenstände nicht für möglich hält und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaßen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser Übergang aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch gar nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, dass es für die Zurückbleibenden nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht.« (15. Februar 1830)
Kurze Zeit nach dem Tod seines Sohnes ordnete Goethe seine irdischen Angelegenheiten. In einem umfangreichen Testament traf er »die möglichste Fürsorge« für seine »geliebte Schwiegertochter Ottilie« und seine Enkelkinder.
»Hülflos klaget ein Greis Kinder und Enkel umsonst«
Der 81-jährige Goethe hat seinem Schmerz keinen besonderen dichterischen Ausdruck mehr verliehen, er verstummte in seiner Qual. Oft genug hatte er die Erschütterung der Überlebenden nachempfunden und gestaltet, zuletzt bei Helena, die freiwillig ihrem Sohn Euphorion in den Tod folgte. In seinen letzten Werken betonte er auffallend seinen Glauben an die Unvergänglichkeit. Sei es der ätherische Makarien-Mythos oder das philosophische Gedicht »Vermächtnis« (›Kein Wesen kann zu nichts zerfallen,/Das Lebendige regt sich in allen… ‹) im Wilhelm-Meister-Roman von 1829, sei es Fausts Tod und Verklärung (›Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis …‹), alles deutet daraufhin, dass Goethe sich an die tröstliche Vorstellung der Unsterblichkeit und die Idee der Erlösung ernsthaft klammerte, ohne sich zu den Dogmen einer Religion zu bekennen. Er blieb »Hypsistarier«, d.h. er wählte sich das ihm Passende aus mehreren Religionen aus.
Früher hatte Goethe auch in mehreren Werken das Thema des »unzeitgemäßen« Todes behandelt, u.a. in dem Melodrama »Proserpina«, das 1776 als Auftragswerk für Christoph Willibald Gluck nach dem Tod seiner Nichte gedichtet worden war. Und Goethe, der den frühen Tod seiner Schwester Cornelia verschmerzen musste, hatte dem Werk die explosive Kraft des Protestes verliehen, der auch heute noch nichts an Wucht eingebüßt hat, wie rezente Aufführungen in der Vertonung von Eberwein (1815) bewiesen haben.
Rund 20 Jahre später dichtete Goethe »Euphrosyne«, »den vollendetsten Totengesang in der deutschen Dichtung, was die Form anbelangt« (R. Petsch), anlässlich des Todes der 19-jährigen Schauspielerin Christiane Becker (1778–1797). Die Verstorbene war dem Dichter als die Verkörperung von Anmut und jugendlichem Frohsinn erschienen. Die Elegie spricht deutlich das Widernatürliche aus, – also den Widerspruch zu den ewigen und zuverlässigen Gesetzen der Natur – das im frühen Hinscheiden der Kinder liegt und die Eltern verwaist zurücklässt. In erhabener klassischer Form formuliert der Mittelteil der Elegie eine zeitlos gültige Aussage über die Umkehr der natürlichen Reihenfolge, wenn die Naturgesetze »schwankend« werden:
Ach, Natur, wie sicher und groß in allem erscheinst du!
Himmel und Erde befolgt ewiges, festes Gesetz,
Jahre folgen auf Jahre, dem Frühling reichet der Sommer,
Und dem reichlichen Herbst traulich der Winter die Hand.
Felsen stehen gegründet, es stürzt sich das ewige Wasser,
Aus der bewölkten Kluft, schäumend und brausend hinab.
Fichten grünen so fort, und selbst die entlaubten Gebüsche
Hegen, im Winter schon, heimliche Knospen am Zweig.
Alles entsteht und vergeht nach Gesetz; doch über des Menschen
Leben, dem köstlichen Schatz, herrschet ein schwankendes Los.
Nicht dem Blühenden nickt der willig scheidende Vater,
Seinem trefflichen Sohn, freundlich vom Rande der Gruft;
Nicht der Jüngere schließt dem Älteren immer das Auge,
Das sich willig gesenkt, kräftig dem Schwächeren zu.
Öfter, ach! verkehrt das Geschick die Ordnung der Tage;
Hülflos klaget ein Greis Kinder und Enkel umsonst,
Steht ein beschädigter Stamm, dem rings zerschmetterte Zweige
Um die Seiten umher strömende Schloßen gestreckt.
Goethe hat sich immer als einen vom Schicksal besonders Begünstigten angesehen. Im ersten Satz seiner Autobiographie »Dichtung und Wahrheit« erklärt er, dass seine Geburt unter einem besonders glücklichen Stern stand – »Die Konstellation war günstig …« Auch später hat er gerne die Seite des Götterlieblings gezeigt. »Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten«, äußerte er sich noch 1824 gegenüber Eckermann.
Seine letzten Lebensjahre waren indes verdüstert durch das Gefühl der Vereinsamung. Der 82-Jährige zog es vor, seinen letzten Geburtstag nicht mehr zu feiern und sich in die Einsamkeit des Harzes zurückzuziehen, wo er nach der »Urschrift« seines berühmten Gedichtes »Über allen Gipfeln ist Ruh« suchte, das er im September 1780 einst in einer Jagdhütte auf einen Holzbalken geschrieben hatte. Als er sich den Schluss halblaut vorlas: »Warte nur, balde ruhest du auch«, rollten ihm dicke Tränen über die Wangen, da seine Verse jetzt für ihn eine bestürzend aktuelle Bedeutung erhalten hatten.
Goethe starb am 22. März des Jahres 1832, in seinem Sessel sitzend. Nur die Schwiegertochter Ottilie war bei ihm, als er Atemnot verspürte und sie bat, das Fenster zu öffnen. Seine letzten Worte waren keine bedeutsame Botschaft für die Menschheit, aber das Zeugnis eines liebenden Menschen, der sich in seiner Todesangst nach menschlicher Wärme und Geborgenheit sehnte: »Nun, Frauenzimmerchen, gib mir dein gutes Pfötchen.«
Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt 1999.
August Goethe: Es ist mein einziger Trost, Ihnen zu schreiben. F.A.Z. – 16.1.1999.
Peter Boerner: Goethe. Rowohlt. Reinbek 1980.
Nicholas Boyle: Goethe. Beck. München 1999.
Carl Otto Conrady: Goethe.
Johann Peter Eckermann: Goethes Gespräche mit Eckermann.
Christian Michel: Goethe – Sein Leben in Bildern und Texten. Insel. Wiesbaden.
Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon. Kröner. Stuttgart 1998.
KLEMENS UND ELEONORE VON METTERNICH
»Was für Schicksalsschläge hat mein Herz zu erdulden gehabt, und Alles ist mir widerfahren, den die Welt einen Glücklichen nennt. Wie mag es erst den sogenannten Unglücklichen ergehen?« (1825)
Unter den Staatsmännern, die die Geschichte des 19. Jahrhunderts nachhaltig geprägt haben, nimmt Klemens von Metternich einen besonderen Platz ein. Einige Historiker zögern nicht, die Zeitspanne der Restauration von 1815 bis 1848 als die »Ära Metternich« zu bezeichnen. Metternich war Präsident und treibende Kraft des Wiener Kongresses (1814–1815). Als österreichischer Staatskanzler war er ein ausgesprochener Gegner jeglicher revolutionären Bewegung, und es gelang ihm, das Gleichgewicht der Mächte in Europa wiederherzustellen und mit einer konservativen Bündnispolitik alle liberalen und nationalistischen Bestrebungen im Keim zu ersticken.
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