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Josef Scherz:

Der Herzenfresser

Alle Rechte vorbehalten

© 2017 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Gestaltung: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-90320-008-1

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

VORWORT

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war eine bewegte Zeit. Ganz Europa war im Umbruch: Die katholische Kirche verlor zunehmend ihre Macht, die Lutherischen marschierten unaufhaltsam vorwärts, das Gedankengut der Aufklärung verbreitete sich und die Industrialisierung begann.

Im österreichischen Kaiserreich regierte Maria Theresia und nachfolgend ihr Sohn Joseph II, der als ›Reformkaiser‹ in die Geschichte einging. Er drängte den Einfluss der katholischen Kirche zurück, entzog dem Adel Privilegien und baute das staatliche Bildungssystem aus. Während die Reformen in den Städten bald wirkten, ging es auf dem Land nur mühsam voran. Hier bestimmten noch immer Glaube, Aberglaube und der unheilige Verbund von Geistlichkeit und Adel das Leben und die Schicksale der Menschen.

Dieser Roman führt in diese Zeit, mitten auf dem Land, und basiert auf einem der grausamsten Fälle der europäischen Rechtsgeschichte. Einige Personen haben tatsächlich gelebt, andere sind frei erfunden.

1

(Anno 1753) Es war stockdunkel. Auf Zehenspitzen schlich Pfarrer Johannes vorsichtig durch den Flur seines Pfarrhauses. Er achtete auf seine Schritte. Schon ein leises Knarren des Dielenbodens konnte ihn verraten. Dann hielt er inne, atmete kurz durch, um gleich darauf seine Ohren zu spitzen. Lange vernahm er keinen Laut, doch auf einmal ein Rascheln. Und nun sah er auch den zuckenden Lichtschein einer Kerze, die durch den Türspalt der kleinen Kammer am Ende des Flurs schimmerte. Er näherte sich lautlos und spähte in die Kammer.

So ist das also.

Ein stattlicher Mann und eine junge Frau küssten sich innig und ließen sich dabei sanft aufs Bett niedergleiten. Der Mann begann, die Frau auszuziehen und liebkoste sie dabei zärtlich überall, wo er sie entblößte.

Dieses unschuldige Ding mit diesem Hurenbock!

Das Herz des heimlichen Beobachters pochte heftig, und er atmete schneller. Ob er es wollte oder nicht, was er sah, erregte ihn. In höchstem Maß. Er war ja auch nur ein Mann, selbst wenn er Gott diente. Verwirrt griff er nach dem Kruzifix an seiner Brust und küsste es – immer wieder.

Vergib mir, oh Herr!

Doch Pfarrer Johannes war unfähig, sich dem Anblick der Liebenden zu entziehen. Zärtlich streichelte der Mann nun die vollen Brüste seiner Gefährtin, fing an, daran zu saugen und schien nicht genug zu bekommen. Gleichzeitig streichelte er sie zwischen den Schenkeln und versuchte sie zu öffnen. Sie wehrte sich nur matt, was den Liebhaber ermutigte. Nun führte er ihre rechte Hand an sein erregtes Glied. Sie stöhnten beide auf, und er schob sich über sie. Ihr entfuhr ein kehliger Laut.

Dem Pfarrer stand der Mund offen, Speichel rann aus den Mundwinkeln. Er fuhr mit der Rechten unter seine Kutte und verschaffte sich Erleichterung. Dabei flehte er lautlos: Bitte, bitte vergib mir, oh Herr!

Als es vorbei war, schlich er hinaus in den Hof und richtete seinen Blick in den sternenklaren Himmel dieser lauen Sommernacht. Der Duft von Veilchen aus dem Garten stieg in seine Nase, und fröhlicher Lärm hallte zu der kleinen Anhöhe hinauf, auf der das Pfarrhaus stand. Es war der Tag des alljährlichen Dorffestes von Turnau, einem gottvergessenen kleinen Ort in den steirischen Bergen.

†††

Pfarrer Johannes hatte sich wieder unter die Feiernden im Dorf gemischt. Mitten im Gedränge packte ihn jemand von hinten am Arm und riss ihn herum. Noch ganz benommen, fühlte er sich wie ertappt.

»Endlich treffe ich Sie, Hochwürden«, sagte Gutsverwalter Hubertus Lafer, »der Herr Graf und ich wollten um diese Zeit längst wieder auf dem Rückweg nach Kindberg sein. Wissen Sie, wo er steckt?«

Pfarrer Johannes tat überrascht.

»Keine Ahnung. Er wird sich schon irgendwo hier finden.«

»Eben nicht. Ich habe ihn schon überall gesucht. Seine Frau Agnes wartet zu Hause, sie ist hochschwanger, sie bekommt bald ihr viertes Kind.«

Pfarrer Johannes schaute sich suchend um: »Wissen Sie was, wir beide trinken noch etwas zusammen, und inzwischen wird er schon wieder auftauchen.«

Lafer entspannte sich nicht: »Ihr Wort in Gottes Ohr! Aber Sie kennen die Gräfin nicht. Eine schwierige Person. Sie wird die Schuld bei mir suchen.«

Der Pfarrer hob beschwichtigend die Hand und schob Lafer in eine übervolle, verrauchte Wirtsstube. Am Schanktisch bestellte er zwei Schnäpse, die prompt serviert wurden, und erhob sein Glas. Kaum spürte er das wohlige Brennen in der Kehle, lallte ihm ein Kerl aus der Menge zu: »Grüß Gott, die Herren! Wohl bekomm’s!«

Pfarrer Johannes zuckte zusammen und zog Lafer zu sich heran.

»Ich glaube, wir sollten besser wieder gehen.«

Doch es war zu spät.

Der Kerl hatte sich schon zu ihnen durchgedrängt und streckte Lafer die Hand entgegen. »Gestatten, Bräuer mein Name, Andreas Bräuer. Ich versuche mich hier neuerdings als Dorflehrer.«

»Angenehm«, entgegnete Lafer, schlug ein, stellte sich vor und fügte hinzu: »Die Schulpflicht für alle hat Sie wohl zu uns geführt. Wozu diese verrückte Idee unserer Kaiserin gut sein soll, weiß wohl nur sie selbst.«

Bräuer ignorierte die spitze Bemerkung, grinste nur säuerlich und schaute um sich: »Und wo ist unser hochehrwürdiger Graf? Schließlich ist er ja der Ehrengast auf dem Fest.«

»Das habe ich mich auch schon gefragt«, sagte Lafer.

Pfarrer Johannes mischte sich nun ein: »Es war der Wunsch des Herrn Grafen, sich unter die Leute zu begeben.«

Bräuer runzelte die Stirn: »Aha, ganz allein?«

»Ja, ja, ganz allein«, antwortete Pfarrer Johannes.

Bräuer tat, als müsse er angestrengt überlegen, schnippte dann mit den Fingern: »Da fällt es mir justament wieder ein! Ich hab ihn gesehen. Da war er aber nicht ganz allein.«

»Wie, nicht ganz allein?«

Lafer war der süffisante Unterton nicht entgangen.

»Ach was«, sagte Pfarrer Johannes betont gelassen, »er war sicher nur in Begleitung von Maria, meiner neuen Magd am Pfarrhof … und … und hat sich von ihr ein wenig herumführen lassen. So, und nun wird Herr Bräuer wohl ohne uns auskommen müssen.«

Darauf zog er Lafer mit sich nach draußen.

»Was ist mit diesem Bräuer?«, fragte Lafer.

»Ach nichts weiter, nur ein unangenehmer Kerl«, antwortete Pfarrer Johannes und hätte sich dabei fast verschluckt.

†††

»Wir sollten uns wieder auf dem Fest sehen lassen, bevor es auffällt«, sagte Maximilian Graf zu Mürze zu seiner Bettgefährtin und schaute ihr liebevoll in die Augen. Dann erhob er sich und schlüpfte in seine schwarze Reithose.

»Dort sind um diese Zeit doch alle längst betrunken, und niemand kümmert sich darum«, entgegnete Maria, die aufgestanden war und nach seiner Hand griff. »Wie soll es mit uns weitergehn?«

Er entzog sich, knöpfte eilig sein weißes Hemd zu und fuhr in seine Stiefel. »Darüber muss ich nachdenken!«

»Nachdenken?«, fragte sie und bekam feuchte Augen.

Er wandte sich ihr zu, strich ihr über die Wangen und die langen blonden Haare. »Du weißt doch, ich habe Frau und Kinder.«

Nun rollten dicke Tränen über ihr Gesicht. Dieser Anblick war unerträglich für ihn. Er nahm sie in die Arme und drückte sie fest an seine Brust: »Beruhige dich doch. Ich verspreche dir, dass ich in Ruhe nachdenken werde, nach dem Fest. So, und jetzt zieh dich an und versprich mir, dass das hier unser kleines Geheimnis bleibt. Niemand darf davon erfahren.«

†††

Während in Turnau auch schon tagsüber gefeiert wurde, suchten nahe der kaiserlichen Hauptstadt Wien Johann Altmanner und seine schwangere Frau Rosa verzweifelt nach einem bestimmten Haus. Sie waren beide von ihrem langen Fußmarsch erschöpft, hungrig und durstig. Das wenige Hab und Gut, das ihnen gehörte, hatten sie in einem verschlissenen Rucksack verstaut, der jederzeit zu platzen drohte. Als sie schon aufgeben wollten, ratterte auf der staubigen Straße, irgendwo zwischen der Stadt und dem kaiserlichen Schloss Schönbrunn, eine prächtige Kutsche daher. Entschlossen stellte sich Altmanner mitten auf den Weg und brachte den Wagen abrupt zum Halten. Der höfisch uniformierte Kutscher ergriff seine Peitsche und schwang sie drohend: »Was fällt dir ein?! Aus dem Weg, oder du bekommst das hier zu spüren!«

Altmanner hob besänftigend seine Arme. »Ganz ruhig der Herr. Ich brauche nur eine Auskunft.«

Er hielt er einen Fetzen Papier hoch: »Ich suche ein Haus mit dieser Adresse?«

Der Kutscher überflog das Schreiben, lachte kurz auf und antwortete: »Brauchst dich nur umzudrehn, stehst direkt davor!«

Aus dem Inneren der Kutsche ertönte nun eine sonore Stimme: »Geben Sie diesen Bettlern eine Münze, und fahren Sie endlich weiter!«

»Sehr wohl Eure Exzellenz, aber ich habe keine Münze bei mir«, gab der Kutscher zurück.

Da beugte sich ein Mann im purpurnen Gewand eines Kirchenfürsten aus der Kutsche und musterte die beiden Gestalten auf der Straße mit scharfem Blick. Seine Augen blieben wohlwollend auf der schwangeren Rosa ruhen: »Na wenigstens belohnt der Herr euch armes Gesindel mit Fruchtbarkeit.«

Der Geistliche kramte in seinen Taschen herum und schnippte dann mit seiner behandschuhten Rechten, an der ein dicker Siegelring prangte, eine Münze auf den Boden. »Nehmt das als Zeichen meiner Barmherzigkeit, Gott sei mit euch!«

Dann gab er seinem Kutscher das Zeichen zur Weiterfahrt.

Rosa wollte sich schon bücken, doch Altmanner hielt sie zurück: »Lass gut sein! Alles, was uns noch geblieben ist, ist unsere Würde. Aber wenigstens wissen wir jetzt, dass wir hier richtig sind.«

Sie wandten sich dem gepflegten, einstöckigen Haus zu, das am ehesten an ein Herrenhaus erinnerte, wie sich die Leute auf dem Land gern ausdrückten. Die Fassade schimmerte in zartem Gelb, kunstvolle weiße Ornamente rahmten die Fenster. Ein paar Stufen führten hinauf zur herrschaftlichen Eingangstür aus schwerer Eiche. Jetzt, wo sie endlich am Ziel waren, war Altmanner plötzlich unsicher, ob sie es wirklich wagen sollten. In ihren staubigen, ärmlichen Kleidern, mit ihren ausgetretenen Schuhen sahen sie ja tatsächlich aus wie Bettler. Und völlig verschwitzt waren sie auch nach dem langen Marsch.

Er wäre froh gewesen, wenn sich alles doch noch als Irrtum herausgestellt hätte. Nachdenklich betrachtete er Rosa, die sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte, aber trotz allem versuchte, seinem Blick liebevoll lächelnd zu begegnen.

»Wir haben ohnehin nichts mehr zu verlieren«, sagte er dann entschlossen, stieg die Stufen hinauf und klopfte an.

Eine Ewigkeit verstrich, bevor sich die Tür einen Spalt weit öffnete und eine Dame mittleren Alters mit dichtem blondem Haar, zu einer kunstvollen Frisur geflochten, herausschaute. Das Gesicht war sorgfältig gepudert, sie trug ein prachtvolles Kleid und duftete zart nach Rosenblüten. Misstrauisch beäugte sie Altmanner. Er konnte spüren, was sie dachte: Arme Leute vom Land, die es mit dem Betteln in der Stadt versuchen wollen. Gebe ich ihnen Almosen, kommen sie immer wieder.

»Wir sind keine Bettler«, beeilte sich Altmanner zu sagen, um dem unausweichlichen ›Wir-geben-nichts‹ zuvorzukommen.

»Ah so? Wer seid ihr dann?«

»Sind wir hier richtig bei Familie Ferdinand Ludowitz?«

Die Dame war sichtlich überrascht und bejahte mit einem Kopfnicken. Daraufhin überreichte er ihr ein versiegeltes Schriftstück mit den Worten: »Das soll ich euch geben!«

Sie löste das Siegel, überflog das Schreiben und rief dann sichtlich erregt ihren Gemahl Ferdinand zu sich. Ein gepflegter Mann mit feinen Gesichtszügen und gütigen Augen erschien kurz darauf. Er musterte rasch die Altmanners, die am Fuß der Treppe warteten, und las:

Mein lieber Freund Ferdinand!

Wenn Du dieses Schriftstück liest, werden Johann und Rosa Altmanner aus Turnau in der Steiermark vor Dir stehen.

Es sind brave Bauersleute, welche sich nichts zu Schulden haben kommen lassen und Hilfe brauchen. Ich verbürge mich für sie!

Wie alles hergegangen ist, können Dir diese Leute am besten selbst erzählen. Nimm Dir bitte die Zeit dafür.

Als ich damals von Wien weggegangen bin, hast Du mir versprochen, dass ich mich jederzeit auf Deine Unterstützung verlassen kann.

Ich hoffe, dass dieses Angebot auch für meine Freunde gilt.

Bitte hilf! Ich weiß, dass Du über ausreichend Einfluss verfügst.

Dein Freund

Andreas Bräuer

Ludowitz’ Gesicht hellte sich auf, er schmunzelte: »Andreas Bräuer, dieser alte Dickschädel und Weltverbesserer! Was macht er eigentlich?«

»Er versucht sich in Turnau als Dorflehrer«, antwortete Altmanner.

Ludowitz atmete tief durch, schaute fragend seine Gemahlin an, welche nur kurz nickte. »Tretet ein und folgt uns.«

Die Besucher wurden durch große Räume geführt, allesamt mit üppig verzierten, kostbaren Möbeln ausgestattet.

Überall an den Wänden hingen Gemälde von lieblichen Landschaften und Jagdszenen neben Portraits irgendwelcher Herrschaften. Alles blitzte vor Sauberkeit, und ein zarter Rosenduft lag in der Luft.

»Bitte nehmt doch Platz, Ihr seht sehr müde aus«, sagte Ludowitz freundlich.

Die Altmanners zögerten, doch der Hausherr deutete auf dick gepolsterte Stühle. »Bitteschön! Darf ich euch Tee und Kuchen anbieten?«

Sie zögerten abermals. Sie kannten diese Form der kultivierten Gastfreundschaft nicht.

»Etwas zu essen und zu trinken wird euch sicherlich guttun«, suchte der Gastgeber ihre Zweifel zu zerstreuen und lächelte freundlich.

»Vielen Dank«, brachte Altmanner verlegen hervor, »und entschuldigen Sie bitte unser Eindringen, aber in unserem Zustand …«

»Ihr braucht euch nicht zu entschuldigen. Meine Gemahlin Else und mich interessiert viel mehr, wer ihr seid und warum euch Bräuer zu mir geschickt hat. Nur so kann ich beurteilen, ob und wie ich euch helfen kann. Und sollte ich helfen, will ich später keine bösen Überraschungen erleben. Das hätte fatale Folgen für mich – in meiner Position.«

Seine Gattin hatte inzwischen Tee und Gebäck auf den mit Intarsien geschmückten Tisch gestellt. Altmanner ergriff vorsichtig eine Porzellantasse mit seinen geschundenen Händen. »Wo soll ich beginnen?«

»Ganz am Anfang!«, entgegnete Ludowitz.

Sein Besucher räusperte sich. »Das kann aber dauern.«

»Macht nichts. Wir haben Zeit!«

»Also gut. Meine Frau und ich hatten einen Bauernhof weit oben am Berg bei Turnau, einem kleinen Dorf, ein paar Kühe, Hühner und einen kleinen Wald. Es reichte für ein bescheidenes Leben.«

»Sie sind noch sehr jung«, warf Ludowitz ein.

»Ja, fünfundzwanzig. Aber ich hatte den Hof schon vor Jahren von meinen Eltern geerbt. Zu früh. Sie verbrannten hilflos, als während eines Unwetters der Blitz eingeschlagen war. Ich konnte mich gerade noch retten. Viele Leute vom Dorf sind zum Löschen herbeigeeilt, doch alles half nichts. Wir fanden unter den Trümmern nur mehr die verkohlten Leichen. Sie hatten sich im Todeskampf aneinandergeklammert. Mögen sie in Frieden ruhen.«

»Es muss sehr schlimm für Sie gewesen sein«, sagte Ludowitz mitfühlend.

Dieses unerträgliche Gefühl der Trauer von damals kam hoch, das Altmanner unendlich gequält und beinahe in den Wahnsinn getrieben hatte.

»Ich stand vor dem Nichts, doch die benachbarten Bauersleute haben mir Gott sei Dank geholfen, alles nach und nach wieder aufzubauen. Ich habe dann meine Frau Rosa kennengelernt und schon bald danach geheiratet. Seitdem haben wir gemeinsam den Hof geführt.«

Er warf Rosa einen liebevollen Blick zu.

Ludowitz nickte beeindruckt.

»Und die viele Arbeit? Nur ihr beide alleine?«

»Ja, zunächst, aber irgendwann stand eine verzweifelte junge Frau vor der Tür und suchte Obhut als Magd. Die hat uns Gott geschickt, meinte Rosa, und wir nahmen Maria bei uns auf.«

Altmanner schob sich ein Stück Kuchen in den Mund und schluckte hastig hinunter.

»Ein paar Jahre später lernten Rosa und ich den zugereisten Andreas Bräuer kennen. Er hat sich als Lehrer vorgestellt, der erste in unserem Dorf überhaupt!«

Ludowitz lächelte: »Jetzt wird es spannend. Freigeist Bräuer trifft auf gottesfürchtige Bauersleut! War es sehr schlimm mit ihm?«

»Er hatte keinen Respekt vor der Kirche und zweifelte sogar an Gott. Nur die Natur selbst sei die wahre Allmacht, erzählte er überall. Wir dachten zuerst, der Leibhaftige sei in ihn gefahren. Er tauchte dann sogar bei uns am Hof auf und redete auf uns ein. Wir haben ihn erst weggeschickt, doch er kam wieder und bot uns an, uns das Lesen und Schreiben beizubringen. Und damit er endlich Ruhe gab, haben wir zugestimmt, aber nur um die Bibel lesen zu können.«

»Und was war mit dieser Maria?«

»Sie wollte mit alldem nichts zu tun haben. Sie war der Meinung, es reicht, wenn unser Hochwürden, Pfarrer Johannes, lesen kann. Wir vom Volk sind dazu geboren, Gott und dem Adel zu dienen, meinte sie.«

Ludowitz räusperte sich lautstark. Altmanner wusste diese Geste gleich richtig zu deuten. »So war Maria eben. Aber am Ende hat sie es dieser Einstellung verdankt, dass sie nicht vertrieben worden ist, so wie wir!«

»Wie ist es dazu gekommen?«

»Rosa und ich haben immer öfter mit Bräuer beisammengesessen und über Gott und die Welt geredet, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben immer mehr unsere kirchlichen Pflichten vernachlässigt, immer seltener den Gottesdienst besucht. Bräuer hat uns mit seinen Gedanken verführt.«

»Was der Pfarrer im Dorf natürlich nicht goutierte!«, warf Ludowitz ein.

»Richtig! Er hatte Angst, auch andere im Ort könnten von diesem gottlosen Verhalten angesteckt werden. Und eines Tages hat er mich zu sich ins Pfarrhaus gerufen.«

Ludowitz zog die Augenbrauen hoch: »Was wollte er?«

Altmanner nickte, als ihm Tee nachgeschenkt wurde, nahm die feine Porzellantasse nun beherzter in die Hand und trank den Tee in einem Zug aus. »Er warf mir vor, dass er mich und meine Frau schon lange nicht mehr in der Kirche gesehen hätte, nur unsere Magd Maria. Angeblich machte er sich Sorgen, ob wir vielleicht krank wären?«

Ludowitz rieb sich die Hände: »Was haben Sie ihm geantwortet?«

»Ich verneinte und verwies auf die viele Arbeit. Er meinte, auch andere hätten viel Arbeit, vergessen dabei aber nicht ihre frommen Pflichten. Wie sonst sollten wir das Wort Gottes aus der Bibel vernehmen? Ich sagte dann, wir bräuchten es nicht zu vernehmen, wir könnten es auch selber lesen! Da war er ziemlich verblüfft und schrie mich an, selber lesen würde nicht den Gottesdienst ersetzen. Wir würden doch hoffentlich keine von diesen Lutherischen geworden sein?! Oder Naturgläubige?! Egal was, allesamt ganz üble Ketzer!«

Ludowitz schien nun amüsiert: »Schwere Vorwürfe, mein Herr! Auf alle Fälle reif für den Scheiterhaufen. Hat dieser Pfarrer Johannes nicht gefragt, wer euch das beigebracht hat?«

»Natürlich, aber ich habe es ihm nicht gesagt. Er war deshalb so zornig, dass er mich vom Pfarrhof gejagt hat. Es würde mir noch leidtun, vor Gott Geheimnisse zu haben! Aber er hätte ohnehin einen Verdacht.«

»Geheimnisse vor Gott?!«, rief Ludowitz aus, »da fehlen einem ja die Worte!«

»Aber damit nicht genug. Er hat dann in all seinen Predigten die Dorfbewohner vor uns gewarnt: Gott würde Ketzer und Frevler nicht dulden. Katastrophen würden hereinbrechen, Unwetter, Ernten würden zerstört, Krankheiten würden über alle kommen.

Die Turnauer haben allmählich einen weiten Bogen um uns gemacht. Wir sind sogar beschimpft und mit dem Tod bedroht worden. Dann hat der Pfarrer mich wieder zu sich gerufen und mir alte Schuldscheine vorgelegt.«

Ludowitz schüttelte den Kopf: »Schuldscheine? Welche Schuldscheine?«

Altmanner spürte, wie sein Hals trocken wurde vor Zorn. Er musste ein paar Mal heftig schlucken, damit ihm die Stimme nicht versagte.

»Das dachte ich auch! Angeblich hätten meine Eltern vor ihrem tragischen Tod eine beträchtliche Menge Geld von der Kirche für bestellte, aber nicht gelieferte Waren bekommen.«

»Welche Waren?«

»Das habe ich ihn auch gefragt. Er ist wieder wütend geworden und hat geschrien ›hör auf, hör auf, Gott zu hinterfragen! Das ist frevelhaft!‹ Das Einzige, was er mir zugestanden hat, war, dass alles wahrscheinlich nicht auf Unredlichkeit, sondern auf den unerwarteten und tragischen Tod meiner Eltern zurückzuführen ist und ich deshalb davon nichts weiß. Die Kirche hat aus Respekt ohnehin lange zugewartet, hat er gesagt. Doch auch die Kirche hat die eine oder andere weltliche Pflicht zu erfüllen und kann deshalb nicht auf etwas verzichten, was ihr zusteht. Da sie diese Waren aber nach so langer Zeit nicht mehr brauchen kann, soll ich einfach nur das Geld zurückgeben. Das ist der Wille Gottes, meinte er.«

»Sie hatten das Geld natürlich nicht?«, hielt Ludowitz fest.

»Natürlich nicht! Der Pfarrer hat nur gemeint, Gott ist barmherzig. Die Schulden werden mir im Tausch gegen den Hof gnädig erlassen.«

Altmanner traten Tränen in die Augen, und er fuhr sich mit dem staubigen Ärmel seines Hemds ins Gesicht.

»Ich habe dem Pfarrer geantwortet, dass der Hof mit allem, was dazugehört, doch viel mehr wert sein muss. Da hat er gesagt, dass ich mit Gott nicht verhandeln kann. ›Auch das ist schon wieder ein Frevel‹.«

»Und eure Magd?«

»Sie war für ihn von Anfang an unschuldig. Damit sie keine Nachteile erleiden muss, soll sie als Magd auf seinem Pfarrhof arbeiten.«

»Und da haben Sie Bräuer um Hilfe ersucht.«

»Ja! Er war schließlich der Einzige, der verstanden hat, was vor sich ging. Er meinte, die Kirche gibt ohnehin keine Ruhe und setzt alles daran, uns zu vertreiben. Mit dem Vorwurf, Lutherische zu sein, findet sie viel Gehör, hat er gesagt. Spätestens nach dem nächsten Unwetter wären wir unseres Lebens nicht mehr sicher. Er hat uns deshalb geraten, irgendwo neu anzufangen. Dann hat er uns Ihre Adresse und dieses Schreiben gegeben.«

Altmanner bemerkte, wie Ludowitz seiner Gemahlin einen fragenden Blick zuwarf und sie ihm darauf wohlwollend zuzwinkerte.

»Sehr schlimm, was euch beiden widerfahren ist«, sagte er dann. »Ich will mich dazu vorläufig nicht weiter äußern, aber ich werde euch helfen. Schon meinem Freund Andreas Bräuer zuliebe. In den kaiserlichen Hofställen brauche ich jemanden mit Kraft und Verstand! Jemanden, der es versteht, mit Tieren umzugehen, und der es versteht, zu arbeiten.«

Er hob mahnend den Zeigefinger: »Ich brauche aber niemanden, der mit seinem Mundwerk arbeitet und unbedachte Äußerungen macht. Wir haben einzig und allein den kaiserlichen Hoheiten zu dienen!«

Nun erhob er sich, öffnete ein Fenster und blickte nachdenklich hinaus. Er ließ sich Zeit, schien mit sich zu ringen. »Bräuer und ich kennen uns seit dem Studium. Wir waren beide fasziniert von den neuen Erkenntnissen der Wissenschaften, welche viele althergebrachten Lehrmeinungen und das bisherige Gottesbild ordentlich erschüttert haben. Uns verbindet eine tiefe Freundschaft, obwohl wir unterschiedlicher nicht sein können. Er hat es schon immer als seine Pflicht betrachtet, die Leute endlich aufzurütteln, zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten. Religiöse Gefühle hält er für Humbug, auch sieht er keinen Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube. Ich bin da eher ein Mensch, der an die Kraft und Wirkung der gemäßigten Worte glaubt. Anders wäre es auch gar nicht möglich, hier zu überleben. Immer und überall lauert die Gefahr, dass sich die vielen Damen und Herren am Hofe über irgendetwas empören und jede Kleinigkeit zu einem riesigen Skandal auswalzen.«

Altmanner war erstaunt über diese offenen Worte seines Gastgebers ihm, dem kleinen Bauern gegenüber. Er hatte dies nicht erwartet, es gefiel ihm.

»Da ich davon ausgehen kann, dass ihr ohne Unterkunft seid, könnt ihr vorläufig bei uns im Gästezimmer bleiben.«

Ludowitz deutete mit gespielt ernster Miene auf das Bäuchlein der schwangeren Rosa.

»In Zukunft sind anstrengende Fußmärsche tunlichst zu unterlassen, schließlich wollen wir ja alle, dass ein gesundes Kind zur Welt kommt!«

2

(Monate später …) Vom mächtigen Gebirgsstock des Hochschwab wehte ein unangenehmer, kalter Wind. Ein Vorbote des nahenden Winters. Für November nicht allzu ungewöhnlich in dieser Gegend.

»Was stehst du da vor der Tür herum? Komm doch endlich herein«, sagte Pfarrer Johannes fröstelnd und hielt die Tür auf.

Maria reagierte nicht.

»Komm doch rein, mein Kind!«

Maria trat mit gesenktem Haupt an ihm vorbei in die Stube.

»Was ist denn los? Du wirkst so betrübt?«

Er versuchte sie am Arm anzufassen, doch sie zog ihn schnell zurück. Er wusste sich nicht anders zu helfen, als nach seiner Köchin Edeltraud zu rufen. Sie eilte herbei und bemerkte sofort die angespannte Situation.

»Was ist denn passiert?«, fragte Edeltraud.

»Ich bin so traurig!«, schluchzte Maria und fiel ihr in die Arme.

»Aber was ist denn los?«, fragte Pfarrer Johannes mit betont ruhiger Stimme.

Maria antwortete nicht.

»Du hast doch keinen Grund unglücklich zu sein«, sagte Pfarrer Johannes beschwichtigend und lenkte ab: »Wir sollten uns alle freuen, denn die Ernte ist in diesem Jahr besonders gut ausgefallen, die ganz großen Unwetter haben einen weiten Bogen um die Gegend gemacht. Gott hat uns dafür belohnt, dass diese gottlosen Altmanners verschwunden sind!«

Maria riss sich los und rannte aus der Stube. Edeltraud wollte ihr folgen, doch Pfarrer Johannes hielt sie zurück: »Lass mich machen! Sie braucht jetzt göttlichen Beistand.«

Edeltraud sah ihn mit großen Augen an und murmelte fast unhörbar: »So, so. Göttlichen Beistand.«

»Jawohl, göttlichen Beistand!«, sagte er betont, schickte Edeltraud in die Küche und vergewisserte sich im Flur, dass sie an ihren Arbeitsplatz zurückgegangen war. Dann suchte er Maria in ihrer Kammer auf.

»Ich will allein sein«, greinte Maria, die bäuchlings auf ihrem Bett lag, das Gesicht ins Kissen vergraben.

Er ignorierte ihren Wunsch, zog einen Hocker ans Bett und setzte sich. »Sag mir endlich, was geschehen ist? Ich bin schließlich auch dein Beichtvater. Ich werde nicht eher gehen, als bis du mir erzählt hast, was dir widerfahren ist.«

Maria drehte sich ruckartig um.

»Der Herr Graf und ich werden uns nicht mehr sehen. Es wird keine weiteren Treffen mehr mit ihm geben. Sein Stand erlaube es nicht. Ich verstehe das nicht. Ich liebe ihn doch, und er liebt mich. Ich weiß es, und ich spüre es.«

Pfarrer Johannes wurde zornig: »Du weißt wohl, dass das alles eine Sünde ist?!«

Sie verschränkte trotzig ihre Arme: »Hochwürden sprechen von Sünde?! Wenn das so ist, dann …«

»Aufhören!«, schrie er sie an und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige.

Sie lachte auf: »Züchtigen Sie mich ruhig weiter.«

»Nicht ich habe dich gezüchtigt. Es war Gott. Er hat mich angeleitet.«

Daraufhin bekreuzigte er sich und rannte aus der Kammer nach draußen auf den Hof. Er atmete schwer und betrachtete seine Hände. Er konnte nicht glauben, was er soeben getan hatte.

»Hochwürden?«

Er reagierte nicht.

»Hochwürden?«

Widerwillig drehte er sich um: »Was ist, Edeltraud?«

»Gott sieht alles.«

Mit einem kräftigen Ruck stieß er die Köchin zur Seite und kehrte zu Maria in die Kammer zurück, die sich wieder aufs Bett gelegt hatte und schluchzte.

»Mein Kind, ich glaube, wir sollten miteinander reden.«

Er bemühte sich um einen gütigen Tonfall und strich ihr zärtlich übers Haar. Unwillig drehte sie sich weg. Das schmerzte ihn.

Maria zitterte nun am ganzen Körper, sie war bleich und wimmerte: »Ich fühle mich nicht wohl!«

Einen Moment später wurde sie ohnmächtig.

Nun war es Johannes, der erschrak. Hilflos tätschelte er ihre Wangen, um sie wach zu bekommen. An diesem schönen, bleichen Gesicht konnte er sich kaum sattsehen. Er hielt kurz inne, rief aber dann nach Edeltraud. Und diesmal war sie es, die ihn zur Seite schubste. Sie legte eine Hand auf Marias Stirn, beugte sich über ihre Brust und horchte, ob sie noch atmete.

»Sie braucht kalte Umschläge«, sagte sie dann, »wenn Hochwürden so gütig wären und schleunigst den Dorfbader holen könnten?«

»Den Dorfbader?«, fragte er ängstlich, denn er war es gewohnt, dass Edeltraud für alles immer selbst ein Heilkraut zur Hand hatte.

»Ja, den Dorfbader«, antwortete sie ungeduldig.

»Ich hoffe doch nichts Schlimmes?«

Anstatt zu antworten, bedachte Edeltraud ihn mit einem strengen Blick und bedeutete ihm, endlich zu gehen. Im Gehen hörte er Edeltraud noch sagen: »Oh mein Gott, warum lässt du das alles nur zu?«

†††

»Sie kommt wieder zu sich. Geht und lasst mich jetzt mit ihr allein«, vernahm Maria eine Stimme. Gleich darauf waren hektische Schritte und der dumpfe Knall einer zuschlagenden Tür zu hören.

Langsam öffnete sie ihre Augen und starrte zur hölzernen Decke ihrer Kammer. Da beugte sich jemand mit schmalem, faltigen Gesicht und braunem Vollbart über sie. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln und gewährte ihr einen Blick auf Zahnlücken und allerlei gelbe und verfaulte Zähne, an denen Essensreste klebten.

»Hab keine Angst, Maria. Ich werde dich jetzt untersuchen«, sagte der Dorfbader und verbreitete dabei einen so üblen Mundgeruch, dass sie beinahe erbrechen musste.

Gekonnt öffnete er ihr Kleid und begann den Unterleib mit seinen kalten, rauen Händen abzutasten.

Manchmal zuckte sie ein wenig zusammen, was er mit einem wissenden Brummen quittierte. Er hatte offenbar einen Verdacht.

»Wann hattest du deine letzte Blutung, mein Kind?«

Als sie die Frage mit zitternder Stimme beantwortete, war die Sache für ihn klar: »Liebe Maria, du bist in anderen Umständen, du wirst Mutter!«

Sie konnte seinem schlechten Atem noch immer nicht ausweichen. Nun war es zu viel. Sie begann zu würgen. Er half ihr, sich aufzurichten, und sie erbrach sich.

»Ja, ja! Das ist jetzt ganz normal«, sagte er.

†††

Pfarrer Johannes hatte sich auf einen Stuhl in eine dunkle Ecke seiner Stube zurückgezogen und dachte in sich zusammengesunken nach. So sehr er sich auch bemühte, er konnte keinen klaren Gedanken fassen und starrte reglos auf den Boden. Erst allmählich fand er wieder zu sich. Er war die oberste Autorität im Dorfe. Er war es, der jedes Fehlverhalten schonungslos anprangerte, und nun würde ausgerechnet auf seinem Pfarrhof eine junge, unverheiratete Mutter mit einem Kind der Sünde leben. Noch dazu durfte der Kindsvater niemals öffentlich werden. Aber was, wenn sie es irgendwann doch verriet? Würden die Leute ihr glauben? Die Folgen wären unabsehbar. Sein Blick richtete sich auf das Kreuz an der Wand.

Oh mein Gott! Was soll ich nur tun? Hilf mir!

Da klopfte es an die Tür.

»Ja bitte?«

Edeltraud trat mit einer flackernden Kerze ein und stellte sie auf den Tisch.

»Hochwürden sitzen so ruhig im Dunkeln. Ist ihm nicht ganz wohl zumute?«

Ihre Stimme hat einen gefährlichen Unterton.

»Ich will mit Gott alleine sein«, zischte er und faltete die Hände, als wolle er sich einem stillen Gebet hingeben. In Wahrheit war ihm nicht danach zumute.

Die sonst so bockige Edeltraud folgte seinem Wunsch und wandte sich zur Tür.

»Halt!«, rief er ihr nach, »niemand darf erfahren, was hier los ist.«

Sie drehte sich um.

»Hochwürden, die Schwangerschaft wird sich aber auf Dauer nicht verbergen lassen, und jeder wird sich fragen, wer wohl der Vater ist.«

Er zuckte zusammen.

»Könnte man das Kind nicht …«

»… wegmachen lassen?«, beendete sie empört den Satz und bekreuzigte sich. »Was für eine Sünde! Außerdem ist Hochwürden wohl nicht bewusst, dass es sich hierbei um eine ziemlich brutale Methode handelt, bei der auch für die werdende Mutter Todesgefahr besteht. Oder will Hochwürden die eine Sünde mit zwei Toten tilgen?! Und das vor dem Angesicht Gottes?«

Sie wies auf das Kreuz an der Wand.

»Was weißt du schon von Gott, du einfältiges Weib? Hier im Dorf bin ich es, der weiß, was Gott will! Hier handele ich nach seinem Willen.«

Edeltraud stürmte zornig aus der Stube und schlug die Tür hinter sich zu.

Pfarrer Johannes war wohl zu weit gegangen. Wieder einmal.

Diese Weiber sind das reinste Unglück auf Erden.

Er erhob sich und begann nervös auf und ab zu gehen. Er hasste es, wenn der Holzboden unter jedem seiner Schritte knarrte, und er hasste es, wenn er dabei im schwachen Kerzenschein seinen eigenen Schatten an der Wand wie einen bösen Geist umherwandeln sah.

Es muss doch noch eine Lösung geben!

Lieber Gott, bitte hilf mir doch!

Er versuchte sich zu konzentrieren, und nach einer Weile erhellte sich sein Gesicht.

»Ja, so könnte es gehen!«, murmelte er und schaute auf das Kreuz. »Ich danke dir, oh Herr!«

†††

Am nächsten Tag ging es Maria schon etwas besser. Pfarrer Johannes rief sie zu sich in die Stube und rückte ihr einen Stuhl zurecht. Er selbst zog es vor, stehen zu bleiben. Mit strenger Miene baute er sich vor ihr auf.

»Du wirst also ein Kind der Sünde gebären.«

Vor Scham verbarg sie das Gesicht in ihren Händen.

Er wandte ihr den Rücken zu und starrte aus dem Fenster.

»Du hast mit deinen Reizen verführt, nur um deine niedrigen Gelüste zu befriedigen. Du hast damit eine große Sünde begangen. Du hast dich vom Teufel leiten lassen.«

Die Worte schlugen auf sie ein wie Fausthiebe. Sie begann zu schluchzen.

»Halte dich zurück!«, forderte er scharf, »dein Geheule nützt dir nichts. Du kannst es nicht mehr ungeschehen machen.«

Er drehte sich wieder zu ihr um, baute sich abermals bedrohlich vor ihr auf und schrie: »Auf einem Pfarrhof ist kein Platz für eine elende Sünderin! Du trägst ein Kind der Schande in dir. Gott wird dich dafür bestrafen. Und wenn es ihm gefällt, bricht auch noch über uns alle, über das ganze Dorf, ein Unglück herein.«

Sie sackte in sich zusammen.

Plötzlich sagte er mit sanfter Stimme: »Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, Gott gnädig zu stimmen. Du hast es in der Hand.«

Sie schaute zu ihm auf, zog ein kleines Tüchlein unter ihrer Schürze hervor und schnäuzte sich.

»Wie könnte ich Gott gnädig stimmen? Was muss ich dafür tun?«

»Hm … ja … du musst … heiraten. Und zwar so früh wie möglich. Das Kind muss in aufrechter Ehe geboren werden-«

»Heiraten?«, wimmerte sie. »Aber Hochwürden wissen doch, dass es völlig ausgeschlossen ist, den Kindesvater zu heiraten.«

Abrupt drehte er sich wieder um. »Ich weiß, ich weiß. Aber ich … eh … Gott hat jemanden für dich.«

Sie seufzte: »Ich soll einen völlig fremden Mann heiraten?«

»Du wirst wohl ein Opfer bringen müssen«, sagte er schroff, »Gott will es so. Es gibt da jemanden, der sich nach einer Frau sehnt, aber zu schüchtern ist, eine anzusprechen. Er hat es mir einmal bei passender Gelegenheit gestanden. Du brauchst einen Mann, und dieser Mann sucht eine Frau. Gott führt auf diese Weise zusammen, was zusammengehört.«

»Ich kann das nicht«, heulte sie auf.

Er fuchtelte wild mit seinen Armen.

»Das ist doch die Höhe! Willst du dich etwa dem Wunsch Gottes verweigern? Begreifst du nicht, du dumme Gans? Du kannst Gott damit milde stimmen. Wenn schon nicht für dich, dann tue es wenigstens für das Dorf. Du musst für deine Sünden die Verantwortung übernehmen.«

»Was verlangt Gott denn da von mir? Warum habe ich die Last dieser Sünde alleine zu tragen? Warum nicht auch der Kindesvater?«

Er lief hochrot an und spuckte bei jedem seiner Worte: »Weil der Kindesvater ein hilfloses Opfer deiner Reize geworden ist. So ist das.«

†††

Wahrscheinlich hat der liebe Gott meine innigen Gebete erhört und alles wird gut, dachte Maria.

Pfarrer Johannes hatte sich in den letzten Tagen rar gemacht, und auch sonst hatte alles seinen üblichen Lauf genommen. Nur diese lästigen Kreuzschmerzen und diese Übelkeit erinnerten sie immer wieder daran, dass sehr wohl alles anders war als sonst. Gelegentlich musste sie sogar ihre Arbeit unterbrechen, um sich in ihre Kammer zurückzuziehen. Sie achtete aber stets darauf, nicht allzu lange abwesend zu sein. Weder Pfarrer Johannes noch der liebe Gott sollten Anlass zur Klage haben.

Als sie sich wieder einmal ausruhte, klopfte es heftig an die Tür ihrer Kammer und Edeltraud trat aufgeregt ein.

»Maria, ein Mann ist soeben hier aufgetaucht und trifft sich mit unserem Herrn Pfarrer in der Stube!«

Maria fuhr erschrocken auf.

»Wer ist es?«

»Ich hab ihn nicht genau gesehn«, antwortete ihr Edeltraud zögernd.

Maria glaubte ihr nicht. Wahrscheinlich wollte sie sie nur vor der furchtbaren Wahrheit verschonen. Sie begann zu schluchzen: »Was ist das für ein ungerechter Gott, der so etwas zulässt?«

»Maria, versündige dich nicht«, warnte Edeltraud und bekreuzigte sich, »Gott ist allmächtig und weiß, was er tut.«

»Warum verschließt er dann seine Augen vor meinem Unglück?«

»Gott sieht dein Unglück, weil er alles sieht. Du musst ihm einfach vertrauen. Er hat sicherlich nur Gutes mit dir vor.«

In diesem Augenblick rief Pfarrer Johannes nach Maria, worauf sie sich schwerfällig erhob und sich die Tränen aus den Augen wischte. Edeltraud warf ihr einen liebevollen Blick zu.

»Fürchte dich nicht.«

Mit gesenktem Haupt schlich Maria hinüber in die Pfarrstube und würdigte weder Pfarrer Johannes noch diesen Mann eines Blickes. Sie sollten ruhig spüren, was sie dachte.

»So mein Kind, setz dich zu uns an den Tisch«, sagte Pfarrer Johannes – und nach einer kurzen Pause fragte er den Mann: »Na, was sagst du zu ihr?«

»Ein … ein ganz schönes Weib«, antwortete dieser stark lispelnd.

»Siehst du, Gott hat deine Gebete erhört und schenkt dir gerne dieses Weib«, sagte der Pfarrer.

Sie hörte mit immer noch gesenktem Kopf, wie Pfarrer Johannes ihrem künftigen Mann auf die Schulter klopfte. Ihr wurde klar, dass sie nicht weiter so tun konnte, als ginge sie das alles nichts an und wagte aufzuschauen.

Ein kleiner, unscheinbarer Mann lächelte ihr entgegen. Sein Gesicht war sonnengegerbt, sein dunkles Haar hing in fettigen Strähnen bis zu den Schultern herab. Über der Oberlippe wuchs ein kümmerlicher Bart. Seine Kleidung war abgetragen, hier und da zerrissen und dürfte schon länger nicht mehr gewaschen worden sein – so wie der Kerl selbst. Er verbreitete den Geruch von abgestandenem Schweiß, Stall und kaltem Rauch. Es war ihr nicht möglich, sein Alter einzuschätzen.

»Ich werde mich persönlich um die Hochzeit kümmern«, sagte Pfarrer Johannes. »Zuvor solltet ihr euch aber schon ein wenig im Dorf zeigen. Gemeinsam. Die Leute sollen schließlich sehen, dass ihr zusammengehört und Brautleute seid.«

Bei diesen Worten senkte Maria wieder den Kopf und begann bitterlich zu weinen. Pfarrer Johannes ließ sich nicht beeindrucken und wandte sich wieder dem Mann zu: »Wirst sehen, die wird schon noch. Aber jetzt geh hinaus vor das Pfarrhaus und warte, ich komm gleich nach.«

Als der Mann verschwunden war, sagte Johannes: »Na, was sagst du zu deinem zukünftigen Gemahl?«

Ihr gruselte bei dieser Vorstellung.

»Wer ist das überhaupt?«

»Rudolf Reininger.«

Sie hatte von diesem Reininger bisher nur gehört, doch das war schockierend genug gewesen. Im Sommer lebte er als Hirte auf der Turnauer Alm, und die Leute im Dorf erzählten, dass er in seiner Einsamkeit ein Eigenbrötler geworden sei. Einige behaupteten sogar, dass er gar keine Frau bräuchte, weil er es ohnehin mit seinen Tieren treibe.

»Ausgerechnet Reininger soll als mein Ehemann herhalten und als Vater meines Kindes ausgegeben werden?«, fragte sie verzweifelt.

»Beruhige dich, mein Kind! Ich weiß, was die Leute über ihn reden. Doch er hat mir hoch und heilig versprochen, dass dies nur Gerüchte sind. Er spricht mit Tieren, aber nur, weil er sonst niemanden hat, der ihm zuhört.«

†††

»Hast ja selbst gesehen. Maria ist eine fesche und liebe Frau. Du musst gut auf sie aufpassen. Und vergiss nicht, es ist dein Kind, das sie gebären wird. Die wahre Vaterschaft geht dich nichts an. Wehe dir, du hältst dich nicht daran, dann Gnade dir Gott. Hast du das verstanden?«, mahnte Pfarrer Johannes und legte seinen Arm freundschaftlich auf Reiningers Schulter, worauf dieser nur aufgeregt nickte.

Pfarrer Johannes wusste, dass es Reininger in Wahrheit egal war, denn er würde froh sein, bald ein Weib an seiner Seite zu haben, bei ihm auf der Turnauer Alm in seiner armseligen Hütte.

»Brauchst bald nicht mehr mit den blöden Tieren reden. Die verstehen dich sowieso nicht.«

»Die mögen es aber, wenn ich mit ihnen rede«, widersprach Reininger.

»Natürlich. Hast ja recht. Aber mit dir selber reden brauchst dann nicht mehr.«

Pfarrer Johannes spielte dabei auf eine Geschichte an, die ihm zugetragen worden war. Reininger war einmal von einem Dorfbewohner bei einem Selbstgespräch beobachtet und dann ausgelacht worden. Reininger war damals zuerst erschrocken und dann wütend geworden und hatte den unliebsamen Gast mit kräftigen Stockhieben von der Alm vertrieben.

›Der selbstredende Reininger‹, wurde alsbald in den Wirtshäusern zur allgemeinen Belustigung unbarmherzig veralbert.

»Und wenn sie mir davonläuft?«, fragte Reininger.

»Wohin soll sie denn laufen?«

»Naja … weg!«

Pfarrer Johannes tätschelte ihm die Wange.

»Keine Angst, die kommt nicht weit, da passen ich und Gott schon auf.«

Jetzt machte Reininger ein glückliches Gesicht und leckte sich mit der Zunge über seine ausgetrockneten Lippen.

†††

»Oh, der Herr Bräuer!«, Pfarrer Johannes hob eine Hand zum Gruß. »Was für eine Überraschung!«

Bräuer rang sich ein Lächeln ab.

»Darf ich reinkommen oder reden wir zwischen Tür und Angel?«

Pfarrer Johannes machte keine Anstalten, ihn ins Pfarrhaus zu bitten. Dieser Bräuer sollte ruhig spüren, was er von ihm hielt.

»Sie schwänzen regelmäßig meine Gottesdienste, und nun wollen Sie so einfach zu mir hereinkommen, in mein geweihtes Haus? Was gibt’s?«

»Ich will wissen, was hier los ist?«

»Was soll denn los sein?«

»Die Turnauer kommen aus dem Staunen nicht heraus. Ehrlich gestanden, ich auch nicht. Der eigenbrötlerische Reininger heiratet Maria? Wie ist das denn hergegangen?«

Pfarrer Johannes lehnte sich lässig an den Türstock und verschränkte die Arme.

»Haben Sie dagegen etwas vorzubringen?«

»Stecken gar Hochwürden dahinter?«

»Was erlauben Sie sich! Auch ich war überrascht. Die Brautleute sind von sich aus zu mir gekommen und haben um meinen Segen gebeten. Da sie mich von ihrer tiefen Liebe überzeugen konnten, ist es meine göttliche Pflicht, diesen braven Leuten das heilige Sakrament der Ehe zu spenden.«

Bräuer schüttelte den Kopf.

»Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!«

Pfarrer Johannes hob warnend den Zeigefinger.

»Wollen Sie mich gar der Lüge bezichtigen? Gott ist mein Zeuge!«

»Gott ist Ihr Zeuge?«, rief Bräuer belustigt aus. »Soll ich jetzt vielleicht in die Kirche rübergehen und ihn fragen?«

»Warum nicht? Vielleicht schadet es gar nicht, wenn Sie einmal in die Kirche gehen«, brüllte Pfarrer Johannes zurück.

Bräuer tippte sich an die Stirn.

»Was soll ich dort? Ich rede doch nicht mit einer Holzfigur!«

Pfarrer Johannes holte tief Luft.

»Sie sind ein Frevler und Ketzer! Sie sollten brennen! Sie glauben wohl, Sie können hier einfach in unser Dorf kommen und die Leute durcheinanderbringen.«

»Von welchen Leuten reden Sie?«

»Ach, tun Sie doch nicht so unschuldig, Herr Bräuer! Sagt Ihnen der Name Altmanner etwas?«

Bräuer wurde zornig.

»Sie sind wohl noch stolz darauf, diese Menschen um ihr gesamtes Hab und Gut gebracht zu haben!«

»Ich habe niemanden um sein Hab und Gut gebracht. Es lag nicht in meiner Hand.«

»Ah so? In wessen Hand lag es dann? Aber kommen Sie mir jetzt nicht mit Gott!«

»Auch, wenn es Ihnen nicht gefällt: Es lag in der Hand dieser Holzfigur, wie Sie es nennen. So, und nun sollten Sie gehen, Herr Bräuer!«

Darauf drehte sich Pfarrer Johannes um und knallte Bräuer die Tür vor der Nase zu.

3

(Wochen Später …) Maria trat vor das Pfarrhaus, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Sie betrachtete ringsum die Berggipfel, von denen mittlerweile schon der erste Schnee herabblinzelte. Alle Jahre wieder. Manchmal ein wenig früher, manchmal ein wenig später. Sie genoss diesen Anblick. Auch genoss sie es, dass Pfarrer Johannes gemeinsam mit Edeltraud an diesem Nachmittag in den Nachbarort aufgebrochen war, um Besorgungen zu machen.

Es tat ihr einfach gut, einmal alleine zu sein, nur mit sich selbst und ihren Gedanken. Und derlei schwirrten viele in ihrem Kopf herum, war es doch der letzte Tag vor ihrer befohlenen Hochzeit.

Was wird wohl der Herr Graf dazu sagen? Oder Altmanner, sofern er jemals davon erfährt?

Sie zog sich wieder vor den Kamin der Pfarrstube zurück, schob ihren Stuhl näher an das knisternde Feuer und schloss die Augen. Sie versuchte, sich ihr zukünftiges Leben vorzustellen, als sie plötzlich auf ein leises Knarren aufmerksam wurde. In diesem Hause knarzte und knarrte es andauernd irgendwo. Das lag am vielen Lärchenholz im Gebälk. Doch dieses Knarren war anders. Unnatürlich.

Es knarrte schon wieder. Sie bekam ein mulmiges Gefühl. Schritte. Die Türklinke senkte sich. Ganz langsam wie von Geisterhand. Gänsehaut. Ohne weiter zu überlegen, huschte sie ängstlich hinter die Tür. Dort, so hoffte sie, würde sie nicht bemerkt werden und könnte in einem geeigneten Augenblick fliehen.

Zaghaft öffnete sich die Tür einen Spalt weit, verharrte und ging dann weiter auf. Ganz langsam. Eine Gestalt mit dunklem Umhang und schlapprigem Hut schlich herein. Sofort kroch Maria ein verräterischer Geruch in die Nase.

»Reininger!«, schrie sie auf. »Was willst du hier?«

Die Gestalt fuhr herum.

»Kannst es wohl nicht mehr erwarten, mich zu holen? Bis zur Hochzeit morgen musst du dich schon noch gedulden!«, schimpfte sie.

Reininger hatte Augen und Mund weit aufgerissen und brachte keinen Ton heraus. Sie konnte erkennen, dass er irgendetwas unter seinem Umhang verborgen hielt.

»Was hast du da?«

Er zögerte.

»Hast du nicht gehört? Heraus damit!«

Langsam holte er einen kunstvoll verzierten Stab aus Holz hervor und bot ihn ihr mit zitternden Händen an. Er schluckte ein paar Mal.

»Bitte, nimm diesen Hirtenstab als Geschenk«, stammelte er, »mehr kann ich meiner zukünftigen Frau nicht geben. Es ist alles, was ich hab.«

Er wischte sich Tränen aus den Augen.

Der Auftritt rührte sie.

»Rudolf, ich kann das nicht annehmen.«

Er senkte seine Augen traurig zu Boden und rang nach Worten.

»Ich … ich bin kein schlechter Mensch. Ich will dir ja nichts tun!«

Sie spürte, dass er es ernst meinte und hatte Mitleid mit diesem vereinsamten Menschen, von den anderen wenig geachtet und bei jeder Gelegenheit verhöhnt. Deshalb streckte sie nun doch ihre Hand nach dem Geschenk aus. Er begriff und lächelte überglücklich. Dann machte er sich sofort wieder auf den Weg hinaus.

»Rudolf!«, rief sie ihm nach, »warte!«

Sie trat nah an ihn heran und sah ihm tief in die Augen.

»Durch die Vermählung werde ich zu deiner Frau. Ich werde für dich da sein, aber ich werde dich nicht lieben.«

Er nahm es ohne eine Regung zur Kenntnis und verschwand.

†††

Niemand wusste, wo Reininger steckte. Auch nicht Pfarrer Johannes. Und das ausgerechnet an diesem Tag. Umso peinlicher als Pfarrer Johannes die Vermählung ganz bewusst gleich nach dem allgemeinen Gottesdienst eingefädelt hatte. Alle Turnauer sollten schließlich Zeugen dieses Ehebunds werden. Er kannte seine Schäfchen ganz genau und wusste, dass sie sich dieses einmalige Ereignis nicht entgehen lassen würden.

Nervös blickte er zwischen den Gebeten immer wieder in Richtung Sakristei zu seinem Messdiener, der ihm von dort ein Zeichen geben sollte, wenn Reininger endlich eintraf. Der Messdiener zuckte nur mit der Schulter. Pfarrer Johannes wurde wütend. Innerlich.

Wenn dieser Eigenbrötler nicht kommt, schicke ich ihn persönlich zur Hölle!

Aber irgendwann gegen Ende des Gottesdienstes kam dann doch das erlösende Zeichen, worauf Pfarrer Johannes erleichtert seine Augen nach oben zu Gott richtete und ihm dabei mitten im Vaterunser ein lautes ›Halleluja!‹ entfuhr. Ungewollt störte er damit den monotonen Gebetsfluss der Leute – der schließlich stockte. Alle Augen waren nun nicht mehr auf das große Kreuz am Altar gerichtet, sondern erwartungsvoll auf ihn, den Pfarrer.

»Fürchtet euch nicht!«, verkündete er. »Mir hat soeben Gott eine Frohbotschaft übermittelt!« Etwas Besseres war ihm nicht eingefallen, aber es wirkte, denn die Leute lächelten verzückt.

†††

Reininger hatte sich ordentlich gewaschen, die Haare geschnitten und den Bart sorgfältig gestutzt. Seinen ganzen Körper hatte er über und über mit frischem Rosenwasser eingerieben. Irgendwo in seiner Hütte war er ausgerechnet an diesem Tag auf dieses Fläschchen gestoßen. Weiß der Teufel, von wem er es einmal bekommen hatte. Überdies hatte er sich eine dunkle Festtracht mit einem weißen Hemd und ziemlich steifen Lederschuhen angezogen, die bei jedem Schritt klapperten und seine Füße blutig rieben. Doch er biss die Zähne zusammen. Es waren natürlich nicht seine eigenen Sachen. Woher auch? Er musste dafür einen Bauern beknien und ihm hoch und heilig versprechen, nicht hineinzufurzen und alles gleich am nächsten Tag sauber wieder zurückzubringen. Aber Reininger hätte es sich so oder so nicht unter den Nagel gerissen, denn die Sachen waren ihm viel zu groß. In die Jacke hätte er ohne Probleme ein weiteres Mal hineingepasst, und die Hose musste er am Bund wie einen Sack zusammenschnüren, damit sie ihm nicht hinunterrutschte.

»Hast dich fein rausgeputzt!«, sagte der Messdiener und nickte ihm anerkennend zu.

Reininger verzog keine Miene.

»Wenn die heilige Messe gleich vorbei ist, wird der Herr Pfarrer in die Sakristei kommen und dir den Ablauf deiner Hochzeit erklären!«

Reininger atmete aufgeregt durch.

»Na, na, so schlimm ist es nicht«, beruhigte ihn der Messdiener und grinste schelmisch. Dann trat er näher an Reininger und flüsterte ihm ins Ohr: »Denk einfach an die Hochzeitsnacht! Da kannst du deine Alte so richtig rannehmen und ihr dabei auf die Tutteln greifen! Naja, allzu große Tutteln hat die Maria ja nicht, was man so sieht. Aber macht nichts. Für dich wird’s schon reichen. Glaub mir, das tut gut! Naja, vielleicht nicht gleich beim ersten Mal, aber mit der Zeit wird’s dann. War bei mir und meiner Alten auch so. Jedenfalls viel besser als Selbermachen oder mit deinen Viechern auf der Alm! Hahaha!«

Reininger schob den Messdiener von sich weg, schaute verärgert und beschämt auf ein großes Gemälde an der Wand, das Jesus Christus mit riesigem Heiligenschein zeigte.

Ob der Heiland das wohl auch gehört hat? Noch dazu aus dem Mund eines Messdieners und ausgerechnet hier an diesem geweihten Ort?

Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Pfarrer Johannes schnellen Schrittes hereinpolterte und sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn wischte.

»Grüß Gott, mein lieber Reininger! Wo warst eigentlich so lange? Egal. Hauptsache, du bist da. Aufgeregt?«

Er nickte.

»Brauchst nicht zu sein! Mache einfach nur, was ich dir jetzt sage. Also: Zuerst gehst du von hier aus vor den Altar, machst eine Verbeugung und bekreuzigst dich. Dann trittst du ein paar Schritte zurück und wartest. In der Eile habe ich den Messdiener zum Brautvater auserkoren, und er wird Maria vom Haupteingang herein bis zu dir vor den Altar geleiten. Die Orgel wird spielen, und wenn sie verstummt, rede nur mehr ich. Du brauchst dann auf meine Aufforderung hin nur mit einem ›Ja‹ zu antworten. Ist doch nicht so schwer, oder?«

Pfarrer Johannes bedeutete dem Messdiener hektisch, endlich die Braut zu holen, die gleich nebenan im Pfarrhof von Edeltraud geschmückt wurde. Unbemerkt von Pfarrer Johannes zwinkerte der Messdiener noch rasch Reininger zu und erinnerte ihn mit einer eindeutigen Handbewegung an das genussvolle Kneten der Brüste.

Pfarrer Johannes ergriff einen Becher, füllte ihn mit Wein und trank ihn in einem Zug aus. Er rülpste herzhaft und schenkte sich noch ein paar Mal nach.

»Wenn alles vorbei ist, lieber Reininger, darfst auch einen Schluck von meinem Messwein trinken. Aber erst danach, denn sonst wirst du mir noch übermütig.«

Jetzt wurde ihm der Becher lästig. Er stellte ihn zur Seite und trank direkt aus der Flasche.

»Heute bin ich ganz trocken im Mund.«

Schon drang der wuchtige Klang der Orgel in die Sakristei.

»So, Reininger, es ist soweit! Du musst jetzt hineingehen«, befahl Pfarrer Johannes, »und denke daran, was ich dir gesagt habe.«

Dem Bräutigam wurde unerträglich heiß, und er begann zu schwitzen. Bald roch er trotz des vielen Rosenwassers seinen eigenen Schweiß und schämte sich erstmals in seinem Leben dafür. Unsicheren Schrittes schlurfte er vor den Altar. Schneidende, dicke Luft. Gelegentliches Husten und Räuspern. Er vermied es, sich zum Kirchenschiff umzudrehen. Er spürte jedoch die vielen bohrenden Blicke im Nacken. Er, der einsam auf einer abgelegenen Alm lebte und bislang von niemandem beachtet worden war, stand plötzlich im Mittelpunkt des Dorfs. Doch er hatte sich nichts vorzuwerfen. Schließlich war es ja kein Geringerer als der Herr Pfarrer höchstpersönlich, der ihn zu dieser Eheschließung angehalten hatte, und damit war ihm der Segen Gottes gewiss.

Pfarrer Johannes folgte betend aus der Sakristei, kniete feierlich vor dem Altar nieder und bekreuzigte sich. Dann wandte er sich um, baute sich mächtig vor Reininger auf und lächelte verzückt.

Ein schwacher Luftzug verriet, dass das Kirchentor geöffnet und die Braut vom Messdiener unter der dröhnenden Orgelmusik hereingeführt wurde. Neugierig wagte Reininger jetzt einen Blick nach hinten, doch Marias schönes Gesicht zeigte keine Regung. In einem bäuerlichen Festtagsgewand schritt sie würdevoll auf ihn zu, mied dabei jeglichen Augenkontakt, schaute nur starr geradeaus. Als sie vor dem Altar angekommen war, ließ der Messdiener ihre Hand los und trat zur Seite. Die Orgel verstummte. Kein Räuspern mehr. Kein Schnäuzen. Kein Husten. Es war absolut still.

Nun streckte Pfarrer Johannes beide Hände nach oben und verkündete mit lauter Stimme und ernstem Gesichtsausdruck: »Der Herr sei mit euch!«

»Und mit deinem Geiste!«, kam es wie aus einem Munde zurück.

†††

Der Graf zu Mürze saß mit seiner Familie beim Mittagessen, als ein Diener eintrat und ihm diskret etwas ins Ohr flüsterte. Es fiel nicht weiter auf, weil die Kinder für hinreichend Lärm und Aufmerksamkeit sorgten und des Grafen Gemahlin Agnes ihr Augenmerk den Kindern schenkte. Außerdem war es nicht ungewöhnlich, dass ihr Gatte beim Essen gestört wurde und in der Folge irgendwelche Pflichten zu erfüllen hatte. Agnes hatte es längst aufgegeben, dagegen zu protestieren. Er hatte ihr bei einem früheren Anlass klarmachen können, dass es eben zu den Aufgaben ihres Standes gehörte, dem Volk Halt und Ordnung zu geben. Und das erforderte manchmal eben Opfer.

Der Diener war kaum gegangen, als sich der Graf mit gespielter Gelassenheit vom Tisch erhob und sich den Mund abtupfte. »Wenn ihr mich bitte entschuldigt. Ich habe mit Lafer etwas zu besprechen.«

Darauf eilte er von dannen. Er lief durch die hohen Flure seines Schlosses ins Freie und überquerte im Laufschritt den weitläufigen Hof. Gleich dahinter gelangte er zum Gutshof, wo ihn Lafer bereits ungeduldig erwartete.

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Graf, aber mir ist eine Nachricht von höchstem Interesse zugetragen worden.«

»Worum geht es?«, fragte der Graf.

»Maria hat gestern einen gewissen Rudolf Reininger geheiratet«, antwortete Lafer.

Den Grafen durchfuhr ein kalter Schauer.

»Geheiratet? Rudolf Reininger? Wer soll das sein?«

»Er ist Hirte auf der Turnauer Alm. Unbedeutend. Soll ein ziemlicher Eigenbrötler sein. Niemand im Dorf kann sich so recht vorstellen, wie und wann die beiden ein Paar geworden sind. Nur Pfarrer Johannes tut so, als wäre alles den üblichen Weg gegangen.«

Der Graf seufzte. Er liebte Maria wirklich – noch immer. Manchmal quälte ihn die Sehnsucht nach ihr. Seit der Trennung hatte es Tage gegeben, da wäre er am liebsten unter irgendeinem Vorwand nach Turnau geritten, um sie zu sehen. Und nun konnte und wollte er nicht glauben, dass sie ihn schon vergessen hatte. Die Trennung war zwar auf sein Betreiben hin erfolgt, dennoch fühlte er sich nun in seinem Stolz verletzt.

»Ein eigenbrötlerischer Hirte«, murmelte er vor sich hin und versuchte, sich das bildlich vorzustellen.

»Was hat das alles zu bedeuten? Wir müssen nach Turnau. Ich muss zu ihr! Ich muss wissen, ob sie diesen Hirten wirklich liebt. Ich will wissen, was da dahintersteckt.«

Lafer schüttelte verneinend den Kopf.

»Herr Graf, ich weiß, was Sie empfinden, doch was erwarten Sie sich von einem Treffen? Sie hat geheiratet. Dieser Bund der Ehe wurde vor Gott geschlossen. Sie ist nun die Frau eines anderen Mannes, bis dass der Tod sie scheidet! Ob sie den Hirten liebt oder nicht, ist ohne Bedeutung. Sie haben mit ihr keinen gemeinsamen Weg. Sie haben diesen gemeinsamen Weg nie gehabt. Vergessen Sie diese Frau!«

»Wenn das nur so einfach wäre, mein Lieber«, erwiderte er und kehrte grübelnd zu seiner Familie zurück.

†††

»Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr erschreckt«, sagte der schmächtige Mann in schwarzen Reitstiefeln, weißer Reithose und grauem Rock. Seine braunen Haare hatte er hinter dem Kopf zu einem modischen Schwanz zusammengebunden. Altmanner musste kräftig durchatmen.

»Oh doch! Ich hab dich gar nicht kommen gehört. Ich war so sehr in meine Arbeit vertieft.«

Der Besucher verbeugte sich höflich: »Dann bitte ich vielmals um Verzeihung!«

»Schon gut. Kann ich dir irgendwie helfen?«

Der junge Mann überlegte. »Helfen? Nein! Aber vielen Dank für das Angebot. Ich wollte nur ein wenig allein sein.«

»Die kaiserlichen Hofställe sind aber dafür kein guter Ort, noch dazu jetzt am Abend. Es ist nämlich strengstens untersagt, hier ohne Begleitung herumzuschleichen.«

Der junge Mann schmunzelte und sagte: »Dann begleiten Sie mich doch beim Herumschleichen.«

Altmanner gefiel diese Schlagfertigkeit.

»Zuerst musst du mir aber sagen, wer du bist und woher du kommst.«

»Mein Name ist Joseph und ich komme von dort drüben«, sagte er und zeigte dabei auf Schloss Schönbrunn.

Altmanner wurde verlegen.

»Joseph? Der Joseph?«

»Ja genau, der Joseph!«, entgegnete der junge Mann und lachte spitzbübisch.

Altmanner war darauf überhaupt nicht vorbereitet und merkte, wie er feuchte Hände bekam. Er wusste nicht recht, wie er sich nun verhalten sollte und entschied sich schließlich für einen ziemlich uneleganten Hofknicks, bei dem er fast gestolpert wäre.

»Wie muss ich jetzt zu dir … äh … zu Ihnen sagen? Von dort, wo ich herkomme, haben wir keine Erfahrung im Umgang mit kaiserlichen Hoheiten. Die lassen sich dort nämlich nicht blicken.«

Joseph schien amüsiert und fragte: »Woher kommen Sie denn?«

»Aus der Steiermark.«

»Die Steiermark ist groß.«

»Turnau heißt das Dorf am Fuß des Hochschwab-Gebirges.«

Joseph kratzte sich an der Stirn.

»Ich glaube, ich habe davon schon mal gehört. Schließlich und endlich werde ich von meinem strengen Hauslehrer jeden Tag in Heimatkunde unterrichtet – oder vielmehr gequält. Er pflegt immer zu sagen: ›Wer einmal ein Land regieren will, soll es zumindest auf der Landkarte kennen!‹«

Nun mussten beide herzlich lachen.

»Wie sagen die Leute bei euch zu jemandem, der Joseph heißt?«

»Sepp! Einfach Sepp!«, antwortete Altmanner.

»Sepp? Warum das?«

»Ich weiß auch nicht, woher das kommt.«

Joseph streckte ihm die Hand entgegen: »Gut! Dann bin ich für dich der Sepp. Und wie heißt du?«

»Johann! Johann Altmanner. Bei uns sagt man dazu einfach …«

»… Hans. Ich weiß. Das sagt man hier auch«, warf Joseph ein, »die Sache bleibt aber unter uns. Meine Mutter sieht es nämlich gar nicht gern, wenn ich mich allzu nah beim Volk herumtreibe. Ich glaube, sie hat einfach nur Angst, dass mir etwas zustoßen könnte, weil ich ein gutes Faustpfand abgeben würde. Aber was soll’s, jetzt bin ich nun mal da.«

Altmanner war angetan von dem jungen Mann und seiner Art zu reden.

»Hans, wie bist du zu uns nach Wien gekommen?«

»Interessiert dich das wirklich?«

»Ja, sehr sogar!«

Altmanner fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut. Sollte er wirklich von seiner Vertreibung erzählen? Wie würde es der junge Thronfolger wohl aufnehmen? Er musste an die Worte von Ludowitz denken, wonach er niemanden bräuchte, der mit dem Mundwerk arbeitet und unbedachte Äußerungen macht.

»Erzähle! Ich hör dir zu«, sagte Joseph ermunternd, doch Altmanner hegte weiterhin Zweifel, was Joseph zu bemerken schien.

»Mache dir keine Sorgen, Hans, es bleibt unter uns.«

»Unter uns dreien«, korrigierte Altmanner.

»Wer noch?«

»Ludowitz!«

Joseph lachte auf.

»Bestens! Ludowitz und ich sind Freunde. Und alle Freunde von Ludowitz sind auch meine Freunde.«

Altmanner war erleichtert, doch blieb er vorsichtig. Konnte er Joseph wirklich trauen? Nur weil er Thronfolger war, bedeutete das lange nicht, dass sein Wort auch galt.

»Lieber Hans, jetzt hast du mich neugierig gemacht, und du wirst mich nicht eher los, bevor du mir deine Geschichte erzählt hast.«

Altmanner musste einsehen, dass ihm keine Wahl blieb. Sie setzten sich in eine schummrige Ecke, und er begann zu erzählen. Joseph hörte aufmerksam zu und schüttelte zwischendurch immer wieder den Kopf.

»Vielen Dank für deine offenen Worte. Wirklich unglaublich«, sagte Joseph am Ende, »ich werde alles für mich behalten. Behalte aber auch für dich, was ich dir zu sagen habe.«

Altmanner hob eine Hand zum feierlichen Schwur und war gespannt, was ihm ein junger Thronfolger wohl so Geheimes zu berichten hatte.

»Der kaiserliche Hof ist eine Schlangengrube. Viele Menschen hier sagen nicht das, was sie denken. Ich bin aber daran interessiert, Leute wie dich und Ludowitz als Freunde zu haben. Leute, die mit mir offen reden, die mir sagen, was das Volk denkt, was das Volk wirklich will!«

Altmanner musterte aufmerksam das Gesicht des Thronfolgers, und ihm wurde klar, dass er einen ungewöhnlichen Menschen vor sich hatte, der sich nach selbstbestimmter, wahrer Freundschaft sehnte.

Ein Knarren der Stalltür ließ die beiden aufhorchen. Jemand trat ein und lief umher.

Es blieb ihnen keine Zeit, sich zu verkriechen, weshalb sie regungslos in ihrer Ecke verharrten. Die Schritte kamen immer näher. Dann ein Schatten.

»Oh, ich hoffe doch, ich störe die beiden Herren nicht?«

Ludowitz wirkte erstaunt, dass er ausgerechnet auf Altmanner mit dem Thronfolger traf.

»Naja, ein wenig schon. Wir waren gerade mitten in einer spannenden Geschichte«, antwortete Joseph mit einem Augenzwinkern.

»Spannende Geschichte?«, wiederholte Ludowitz und warf Altmanner verstohlen einen Blick zu.

»Ja, spannende Geschichte«, betonte Joseph abermals. »Warum hast du mir Hans und sein unglaubliches Schicksal vorenthalten? Ich hätte schon erwartet, dass wir unter Freunden offen miteinander reden!«

Ludowitz rieb sich verlegen die Nase.

»Naja, ich dachte …«

»Ist schon recht!«, sagte Joseph, »aber so gut müsstest du mich schon kennen, dass du mir vertrauen kannst.«

Ludowitz schien es peinlich zu sein.

»Verstehe mich bitte nicht falsch, aber ich war mir nicht sicher, wie der Hof auf einen Vertriebenen reagiert. So etwas könnte Unruhe stiften oder gar einen Skandal auslösen.«

Joseph nickte.

»Das stimmt allerdings. Aber von mir wird niemand etwas erfahren.«

Doch Ludowitz’ Sorgenfalten verschwanden nicht von seiner Stirn, und Altmanner verstand warum. Die Geschichte könnte auf unglaublichen Wegen, vielleicht auch nur durch einen dummen Zufall, an die falsche Adresse gelangen. Endlich hätte es dann einen Grund gegeben, Ludowitz in Frage zu stellen und seine begehrte Position durch irgendeinen Günstling neu zu besetzen. Joseph war noch zu jung, um das verhindern zu können.

4

(Monate später …) »Es ist Zeit aufzubrechen!«, sagte Reininger und blickte besorgt auf Marias Bäuchlein, das beträchtlich angewachsen war. »Wirst du es wohl schaffen, hinauf zur Alm?«

Maria nickte nur. Was blieb ihr auch anderes übrig, als mit ihm zwischen Frühling und Herbst als Hirtin dort oben zu leben? Den Winter hatten sie unten in Turnau in einer kleinen Kammer zugebracht, die ihnen ein Bauer in seinem Haus gnadenhalber zur Verfügung gestellt hatte. Mehrmals hatte er die Brautleute ermahnt, es nur ja nicht allzu oft und zu heftig knarren zu lassen, weil seine Alte sonst ziemlich unrund würde und auch er dann wieder einmal antreten müsse. Er wäre aber lieber im Wirtshaus.

Die Sorge des Bauern war unbegründet, denn Reininger hatte Maria das Bett allein überlassen, während er selbst auf dem harten Boden schlief. Er hatte nicht ein einziges Mal versucht, sich ihr zu nähern, obwohl er ihr ansonsten ein guter und fürsorglicher Ehemann war. Sie hatte sich insofern seiner angenommen, als sie seine Kleidung sauber hielt, flickte und ihren Mann zu regelmäßiger Körperpflege anhielt. Die Veränderung des Hirten entging den Leuten im Dorf nicht. Machten sie sich anfänglich noch darüber lustig, so verstummten sie allmählich. Und nachdem die Schwangerschaft sichtbar geworden war, deuteten sie dieses untrügliche Zeichen: Die Hochzeit dieses ungleichen Paares musste doch etwas mit Liebe zu tun gehabt haben. Genau so, wie es Pfarrer Johannes ja immer behauptet hatte.

Maria verstaute ihre paar Habseligkeiten und Vorräte in einem größeren Rucksack, den Reininger schulterte, und die beiden wanderten los. Der Weg zur Alm war um diese Jahreszeit viel beschwerlicher als sonst, denn abgesehen vom steilen Anstieg war es ein Marsch zurück in den vergangenen Winter, je höher sie hinaufkamen. Im Tal war nämlich alles schon grün, doch hier oben gab es noch reichlich Schnee und Eis. Die wenigen aperen Stellen dazwischen waren zumeist mit Geröll bedeckt und konnten nur mit größter Vorsicht überquert werden. Ein falscher Tritt und die beiden wären verloren.

So ging es stundenlang dahin, bis sie am Ende unversehrt ihr Ziel, die Turnauer Alm, erreichten. Irgendwo zwischen den weißen, hügeligen Weiden fand sich die völlig zugewehte kleine Almhütte.

»So, da wären wir«, sagte Reininger mit einem Anflug von Stolz, als würde sich die Hütte bei näherem Hinsehen als Märchenschloss entpuppen. »Ich werde gleich einmal den Eingang freischaufeln!«

Sie bemerkte, dass er seine Erschöpfung zu überspielen versuchte.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«

»In deinem Zustand? Das lasse ich nicht zu! Suche dir inzwischen ein sonniges Plätzchen«, sagte er und tat so, als müsse er angestrengt überlegen, wie er die Arbeit wohl am besten anginge. In Wahrheit versuchte er Zeit zu gewinnen, um Kräfte zu sammeln. Irgendwann war es dann soweit, und er legte los. Er schuftete ohne Unterlass. Der Frühjahrsschnee war ziemlich widerspenstig, zusammengepappt und hart wie ein Brett. Gelegentlich musste Reininger ihn mühevoll abkratzen. Aber irgendwann hatte er es geschafft, stemmte sich mit seinem ganzen Körper gegen die Tür und drang in die Hütte ein. Gleich darauf machte er sich daran, den Kamin einzuheizen, denn obwohl tagsüber die Sonne schon angenehm warm vom Himmel schien, würde es in der Nacht stark abkühlen und draußen wieder alles gefrieren. Bis dahin musste die Stube durchwärmt sein.

»Bitte einzutreten!«, sagte er dann stolz und führte Maria zur einzigen kleinen Kammer gleich neben der Stube. »Das ist ab jetzt dein Reich.«

»Und wo schläfst du?«, fragte sie verwundert.

»Ich mach es mir auf der Holzbank in der Stube gemütlich.«

Sie bekam ein schlechtes Gewissen.

»Rudolf, du bist mir so ein guter Mann, und ich gebe dir nichts zurück. Noch dazu werde ich bald ein Kind gebären, das nicht von dir ist. Wie kannst du damit bloß leben?«

Er begann leicht zu zittern, und seine Augen wurden feucht. Verzweifelt rang er nach Worten. Sie ergriff seinen Arm und sagte tröstend: »Du musst mir nicht antworten.«

Das brachte ihn zum Weinen. Er setzte sich, hielt sich die Hände vors Gesicht, zögerte, legte sie in den Schoß und sah sie an. Dann erzählte er ihr immer wieder stockend seine Geschichte.

»Ich kam auf einem Bergbauernhof weit weg von hier zur Welt und musste schon als Kind hart arbeiten. Mein Vater war ein Trunkenbold, und wenn es ihm gefiel, prügelte er auf alles ein, was ihm in die Quere kam. Auf mich, meine Mutter, die Tiere … alle! Es machte ihm Spaß, wenn wir uns vor ihm fürchteten. Irgendwann, nach einer ausgiebigen Zecherei im Wirtshaus kam er nach Hause und verlangte von mir, dass ich mich ausziehe. Ich sehe ihn noch heute mit geöffneter Hose vor mir, Er sagte, er will mir nun zeigen, wie er es den Weibern von hinten besorgt. Ich musste mich bücken, und er besudelte mich, damit ich schön feucht bin, ›so wie die Weiber‹.«

»Das ist ja furchtbar!«, rief sie aus.

Er nickte.

»Ja, aber Gott sei Dank konnte ich ihm entwischen. Da hat er sich meine Mutter geschnappt. Doch weil auch sie nicht wollte, hat er sie fast zu Tode geprügelt. Sie brauchte viele Wochen, um wieder auf die Beine zu kommen. Auf einem Auge blieb sie blind. Später hat er im Suff immer wieder damit rumgeprahlt, ›das hat das Luder nun davon, wenn es beim Wetzen nicht stillhält‹.«

Reininger griff nach einem Holzscheit und schob es in den Ofen.

»Er hat sie auch später immer wieder geschlagen, bis sie zum Krüppel geworden ist. Eines Tages, ich war grad auf der Weide, ist er wieder mal stockbesoffen herumgetorkelt und hat gemeint, ich soll mir was ansehn. Ich bin ihm nach in die Scheune … Mutter hatte sich an einem Balken erhängt. Ab und zu hat ihr Körper noch gezuckt, aber es war zu spät. Er hat nur höhnisch gegrinst und gesagt, ›das ist der Teufel, der sich aus dem nutzlosen Kadaver davonmacht!‹«

Maria saß mit weit aufgerissenen Augen da, musste immer wieder schlucken und hielt sich entsetzt die Hände vor den Mund. Reiningers Stimme hatte versagt. Er holte tief Luft und fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen.

Zum ersten Mal erzählte er seine Geschichte, und Maria hörte ihm zu. Nun musste er alles loswerden. Es tat so gut, sich jemandem anvertrauen zu können, noch dazu einer Frau, die Mitgefühl zeigte, noch dazu seiner Frau.

Er sammelte sich und fuhr fort: »Weil es eine Sünde war, sich zu erhängen, durfte meine Mutter nicht auf dem Friedhof beerdigt werden. ›Lasst sie doch einfach irgendwo verschwinden‹, hat uns der dortige Pfarrer geraten. Vater und ich haben eine Grube am Waldrand ausgehoben und sie hineingelegt. ›Jetzt hat das Luder auch noch Schande über uns gebracht‹, hat mein Vater gesagt. Danach hat er sich bis zur Ohnmacht betrunken, und ich hab meinen Rucksack genommen und bin fortgegangen. Ich bin viele, viele Tage gelaufen, vielleicht sogar Wochen, und irgendwann bin ich hierhergekommen, nach Turnau. Der alte Hirte von hier oben hat sich meiner erbarmt und mich zu sich genommen. Aber nur für ein paar Tage, hat er gesagt. Daraus sind dann Wochen, Monate und Jahre geworden. Er ist mir ein lieber Vater geworden. Als er gestorben ist, hab ich seine Arbeit ganz übernommen.«

Reininger beteuerte, dass er hier auf der Alm immer eine schöne Zeit gehabt hatte. Hier war er frei, hatte die Natur und die Tiere. Aber trotz allem hatte er sich immer nach einer lieben Frau und nach einer eigenen Familie gesehnt, für die er sorgen konnte. Als diese Sehnsucht unerträglich wurde, nahm er seinen ganzen Mut zusammen und vertraute sich Pfarrer Johannes an. Der versprach ihm, die Sache dem lieben Gott vorzutragen. Allerdings müsste er hierfür eine günstige Gelegenheit abwarten, denn Gott wäre ein vielbeschäftigter Herr und müsste sich um viel wichtigere Dinge kümmern.

Maria war sehr traurig geworden. Als Reininger das sah, sagte er sanft: »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich bin kein böser Mensch. Ich werde für dich sorgen und auch für dein Kind, als wäre es mein eigenes.«

»Und du willst gar nicht wissen, wer der richtige Vater ist?«, fragte sie und schüttelte dabei ungläubig den Kopf.

Er machte eine abwehrende Handbewegung und meinte: »Wichtig ist doch nur, dass wir glücklich sind.«

†††

Mit jedem Tag schmolz jetzt auch auf den Bergen der Schnee dahin. An sich harmlose Bäche füllten sich mit milchigem Schmelzwasser und wurden unten im Tal zu reißenden Fluten. Nur an den sonnenabgewandten Abbrüchen blieben mächtige Schneefelder zurück, die gelegentlich mit ohrenbetäubendem Getöse als Lawinen abfuhren und alles unter sich glatt hobelten. Mitunter rissen sie auch unachtsame Tiere mit, ja, sie ›saugten‹ diese geradezu in sich hinein. Die Turnauer Alm verwandelte sich in wenigen Wochen auf wundersame Weise in saftige grüne Weideflächen, übersät mit duftenden Kräutern und bunten Blumen.

»Rudolf!«, rief Maria, die es sich auf der hölzernen Bank vor der Hütte in der Frühlingssonne gemütlich gemacht hatte, »komm schnell!«

Er stürmte aus der Hütte, wo er gerade Asche aus dem Kaminofen geholt hatte, und fragte besorgt: »Ist es soweit?«

»Ach nein!«, beruhigte sie ihn. »Etwas ganz anderes. Hörst du das?«

Er lauschte: »Sie kommen!«

Eine leichte Brise trug das hohle Scheppern vieler Glocken heran. Es kam immer näher. Die Zeit des Almauftriebs war gekommen. Ein großes Spektakel. Schon viele Stunden zuvor hatten sich die Bauern aus dem Tal mit ihren Tieren auf dem Dorfplatz versammelt und waren von dort losgezogen.

Ein Lächeln huschte über Rudolfs Gesicht: »Die Tiere sind mein Leben. Und von nun an, darf ich es mit dir teilen.«

Bald waren sie von der Herde umringt, und einer der Treiber, ein gedrungener kräftiger Bauer, kam auf die beiden zu: »Passt mir schön auf unsere Viecher auf. Wir wollen sie wieder vollzählig zurückhaben!«

»Wie immer«, sagte Reininger.

»Da wäre noch was«, sagte der Bauer und kratzte sich am Hintern. »Ich hab meine ausgediente Magd, die alte Weinberger Resl, mit raufgenommen.«

»Ah so … und warum?«, fragte Reininger ahnungslos.

Der Bauer schien nicht zu verstehen, was es hier zu fragen gab, kratzte sich am Bauch und sagte: »Dann machst du’s also selber.«

Reininger war noch immer ahnungslos: »Was mache ich selber?«

Maria hatte längst begriffen und grinste in sich hinein.

»Na, die Geburt!«, fuhr ihn der Bauer an und kratzte sich im Schritt. »Die Resl soll der Maria eine gute Hebamme sein. Sie kennt sich da aus. Sie hat schon einigen Weibern im Dorf beigestanden. Ich kann sie entbehrn, denn für’s Arbeiten bei mir taugt sie ohnehin nicht mehr.«

Inzwischen hatte sich auch die Resl keuchend heraufgeschleppt. Der lange Fußmarsch steckte ihr offensichtlich noch in den Knochen. Sie ignorierte Reininger, ging gleich auf Maria zu und sagte: »Grüß dich Gott schön! Lass dich anschaun, das Kindchen kommt wohl bald.«

»Dann ham wir das wohl geklärt und ich kann wieder gehn«, sagte der Bauer.

Aber etwas musste er noch loswerden: »Weiß der Teufel, warum mich heut der Schweiß so juckt.«

Auf dem von vielen feinen Linien gezeichneten Gesicht der Resl erschien ein schadenfrohes Grinsen: »Dich juckt nicht der Schweiß, dich jucken deine Läuse. Du solltest dich mal ordentlich waschen und deine Kleider wechseln«, krächzte sie. »Du riechst übler als deine Viecher!«

»Meinem Weib macht’s nichts aus«, brummte der Bauer missmutig und machte sich auf den Weg.

†††

Gleich als erste Handlung verscheuchte die alte Resl den Reininger von seiner Schlafstelle auf der Holzbank, um sich dort selbst breitzumachen. Seinen viel zu zaghaften Protest ignorierte sie, indem sie sich taub stellte. Ihm blieb also nur der knorrige Bretterboden, der ihm in jeder Nacht ein steifes Genick bescherte. Doch am schlimmsten war Resls lautes Geschnarche und ihr ständiges Furzen, das ihn auch schon mal mitten in der Nacht vor die Hütte trieb. Ansonsten war die Anwesenheit der Alten ein Segen. Sie unterstützte Maria, wo sie nur konnte, und sie hatte für die bevorstehende Niederkunft allerlei bereitgestellt: Eine Schüssel für heißes Wasser, frische Tücher und was sie sonst noch brauchte. Sie ließ Maria niemals aus den Augen, und so konnte Reininger beruhigt seiner Arbeit auf den Bergwiesen nachgehen.

Tage vergingen, und als er irgendwann an einem Vormittag weiter wegmusste, um ein paar verirrte Tiere zu suchen, und erst am späten Nachmittag wieder zurückkam, konnte er schon aus einiger Entfernung erkennen, dass Rauch aus dem Kamin aufstieg. Die Resl hatte offenbar Feuer gemacht. Er hatte so eine Vorahnung und begann zu rennen. Rasch erreichte er die Hütte und hörte schon Marias Wehklagen. Hastig riss er die Tür auf, doch die Resl schrie ihm entgegen: »Draußen bleiben. Es ist soweit.«

Aufgeregt wich er zurück und wartete vor der Hütte. Immer wieder hörte er Marias Stöhnen und Wimmern und die Resl, die Maria dazu anhielt, ruhig zu atmen und zu pressen. Dann polternde Schritte, und das alte Weib schaute kurz nach ihm und meinte: »Es wird schon gutgehn.«

»Aha!«, war alles, was er mit Mühe herausbrachte.

Dann ein Aufschrei. Er lugte besorgt und gleichzeitig neugierig durchs kleine Fenster in die Stube, wo die Resl mit Tüchern geschäftig hin und her huschte, im Topf rührte und sich zwischendurch den Schweiß von der Stirn wischte. Für ihr hohes Alter war sie ziemlich wendig. Er wandte sich wieder ab und spürte, wie sein Herz bis in die Schläfen hinein pochte. Sein Mund war trocken, aber ihm war nicht nach Wasser zumute. Er hätte es ohnehin nicht hinunterbekommen.

Dann wurde es plötzlich ruhig. Unerträglich ruhig. Eine Ewigkeit lang. Und dann ein herzzerreißendes Plärren, das nicht aufhören wollte. Nun ging ein Lächeln über sein Gesicht, und er spürte, wie er sich entspannte. Nie zuvor empfand er solch ein Glück wie in diesem Moment. Er war auf einmal so schwach, dass ihm fast die Beine versagten. Nun wollte er nicht länger warten und öffnete die Tür zur Hütte.

Die Resl bemerkte ihn sofort, obwohl sie noch in Marias Kammer beschäftigt war, und rief ihm zu: »Du bist Vater geworden. Es ist ein gesunder Bub. Auch Maria geht es gut! Der liebe Gott meint es gut mit euch. Aber nun wart noch einen Moment draußen, ich hol dich rein, wenn wir fertig sind.«

Ihm wurde schwindelig vor Aufregung, und er wäre fast zusammengeknickt, wenn er sich nicht gleich wieder draußen auf die Holzbank gesetzt hätte. Wieder verging einige Zeit, bis die Resl ihn holte. Als sie sah, wie bleich er geworden war, herrschte sie ihn an, er solle sich zusammenreißen. Schließlich habe nicht er, sondern Maria ein Kind geboren. Er nickte nur und wankte ehrfürchtig in Marias Kammer, atmete dabei tief durch.

Sie lag schweißgebadet und erschöpft, aber glücklich mit dem schlafenden Neugeborenen im Arm im Bett und lächelte. Dieser Anblick rührte ihn so sehr, dass ihm die Tränen aus den Augen rollten: »Du hast mir einen Buben geschenkt«, sagte er mit zitternder Stimme und strich ihr zärtlich über die Wange.

»Wie wird er denn heißen?«, rief die Resl durch die offene Tür in die Kammer herein. Sie war am Herd damit beschäftigt, Tücher in einem großen Topf einzuweichen. »Ich muss es ja gleich unserem Herrn Pfarrer melden, damit der Bub anständig getauft wird, weil sonst kann er nach seinem Tod nicht ins Himmelreich kommen.«

»Paul«, sagte Maria mit schwacher Stimme und lächelte Rudolf an, »Paul Reininger.«

Die Resl juchzte begeistert auf.

»Wie unser heiliger Apostel Paulus. Da wird sich unser Herr Pfarrer aber ganz besonders freun.«

†††

Pfarrer Johannes tropfte vor Anstrengung der Schweiß vom Gesicht, und auch seine Kutte war vollgesogen. Er konnte nicht ablassen, daran zu schnuppern und sich zu ekeln.

Was soll’s. Wenn’s getrocknet ist, riecht’s eh wieder erträglicher!

Immer wieder blieb er stehen und holte tief Luft. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt auf die Alm hochgestiegen war. Es musste Jahre her sein. Aber gleich hatte er es geschafft, er konnte schon das Dach von Reiningers Hütte erkennen. Und dann traf er ihn auch schon draußen auf der Weide an, wo Reininger damit beschäftigt war, etwas zu zimmern. Es sah ganz nach einer Wiege aus.

»Grüß Gott, Rudolf!«, sagte Pfarrer Johannes, und kam dabei nicht aus dem Schnaufen heraus. »Ich komm wegen eurem Bub.«

»Grüß Gott, Hochwürden«, strahlte Reininger und legte den Hammer nieder. »Wenn Hochwürden den beschwerlichen Weg hier herauf zur Alm auf sich nimmt, muss der Bub ja was ganz Besonderes sein …«

»Lieber Rudolf, jetzt ist nur wichtig, dass du hast, was du immer wolltest. Eine liebe Frau und einen gesunden Bub. Sei glücklich und denk nicht dran, wie alles kam. Meinen Segen habt ihr.«

»Na dann vergelt’s Gott.«

»Schon gut, schon gut«, winkte Pfarrer Johannes ab. »Wie steht’s um die beiden?«

»Paul ist ein gesunder Bub, und Maria geht’s auch gut.«

»Das hör ich gern.«

»Kommen Sie Hochwürden, ich geh mit Ihnen zur Hütte.«

»Nein, nein. Ist nicht notwendig. Lass dich nicht von deinem Tagwerk abhalten.«

Pfarrer Johannes schritt auf einmal eilig weiter und konnte schon bald darauf Maria vor der Hütte sitzen sehen. Sie wiegte liebevoll ein weißes Bündel in ihren Armen.

»Grüß Gott, Maria!«, rief er laut und winkte ihr mit beiden Armen wedelnd zu.

Sie sah nur kurz auf und legte den Zeigefinger an den Mund. Er verstand und näherte sich leise mit einem breiten Grinsen. Sie sah glücklich aus. Maria hob einen Zipfel des weißen Tuchs ein wenig an und gab ihm einen Blick auf den friedlich schlafenden Säugling frei. Er musterte das Gesichtchen und nickte zufrieden.

»Sieht ein wenig aus wie der Vater«, bemerkte sie spitz. Doch er ließ sich nicht provozieren und bewahrte Haltung. Lediglich ein leichtes Kratzen im Hals ließ ihn hüsteln. Sie rückte den Zipfel wieder schützend zurecht, hob das Bündel hoch, legte es behutsam in den Weidenkorb, der neben ihr auf der Bank stand, und brachte diesen in die Stube. Kurz darauf erschien sie wieder, vermied es aber, sich neben ihn zu setzen. Sie blieb direkt vor ihm stehen, verschränkte die Arme und wartete ab, was Pfarrer Johannes wohl vorzubringen hätte.

»Ich spüre, dass du noch immer ein wenig böse auf mich bist. Aber irgendwann wirst du mein Handeln verstehen. So wie es aussieht, ist doch alles zu deinem Besten verlaufen. Rudolf scheint dir ein guter Mann zu sein, und du hast ein Zuhause.«

Er hielt inne und hoffte auf eine zustimmende Geste. Doch Maria erlöste ihn nicht von seinem schlechten Gewissen.

»Liebe Maria, ich bin stolz auf dich, und ich bewundere dich für das, was du alles ertragen hast. Ich werde für dich, deinen Bub und Rudolf beten, damit euch Gott für immer und ewig gnädig ist.«

Da bekreuzigte sie sich und erwiderte scharf: »Und ich bete dafür, dass Gott eurer Seele gnädig ist, Hochwürden!«

Er fuhr erschrocken zusammen. So eine Antwort in diesem scharfen Ton hatte er von ihr nicht erwartet. Doch er fasste sich schnell wieder und tat so, als sei nichts gewesen. Stattdessen öffnete er seine Hand und übergab ihr ein zartes goldenes Halskettchen mit einem kleinen goldenen Kreuz als Anhänger. Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.

»Nein, nein! Es ist nicht von mir«, sagte er, »es ist ein Geschenk von ihm. Er ist sehr an deinem Wohlergehen interessiert. Als er von deiner Schwangerschaft erfahren hat, hat er es mir durch Gutsverwalter Lafer überbringen lassen mit dem Auftrag, es dir sofort nach der Geburt für das Kind zu überreichen.«

»Bestellen Sie ihm, ich kann dieses Geschenk nicht annehmen«, sagte sie schroff.

»Aber warum denn nicht?«

»Muss ich das wirklich erklären?«

Er tat so, als hätte sie all sein Mitgefühl.

»Du musst vergessen und vergeben, mein Kind! Sei doch klug, dieses Geschenk könnte dir und deinem Sohn einmal nützlich sein.«

Sie überlegte.

Seine Stimme wurde sanft: »Komm Maria, nimm es an. Wir können ohnehin nichts mehr ungeschehen machen. Und ich bin mir sicher, dass alles mit dem Wohlwollen Gottes geschehen ist, sonst hätte er schon längst ein Unglück über uns hereinbrechen lassen.«

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9783903200081
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