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Josef Kallinikow
Frauen und Mönche
Historischer Roman
Translator: Wolfgang E. Groeger
e-artnow, 2021
Kontakt: info@e-artnow.org
EAN 4066338130006
Inhaltsverzeichnis
Band 1
Vorwort
1. Buch. Eitles Streben
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
2. Buch. Weltliche Wanderschaft
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
3. Buch. Der Stern von Bethlehem
I
II
III
IV
V
VI
VII
4. Buch. Der keusche Jüngling
I
II
III
IV
V
VI
VII
5. Buch. Stille Zuflucht
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
6. Buch. Die Reliquie
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
Band 2
7. Buch. Das Meer des Lebens
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
X
XI
XII
8. Buch. Ein demütiger Mönch
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
9. Buch. Im feurigen Ofen
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
Anhang
Band 1
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Schon wieder ein neuer Dichter? Schon wieder ein Russe? Ist es wirklich notwendig, ihn zu übersetzen?
Über Sinn und Unsinn des Übersetzens ist in dieser Zeit einer Überproduktion an Übersetzungen manches zu sagen: Kein Zweifel, es wird viel zu viel und viel zu viel Unnötiges und Halbwertiges übersetzt. Diese Erkenntnis beginnt sich heut durchzusetzen, nachdem zehn Jahre lang das deutsche geistige Leben sich auf alles, was jenseits der Grenzpfähle im Osten und Westen literarisch vor sich gegangen ist, gestürzt hatte. Man beginnt heut, bei aller Lust an fremder Literatur, doch wieder vor der Übersetzung die Qualitätsfrage zu stellen.
In doppelter Weise läßt sich heut die Übersetzung eines literarischen Werkes rechtfertigen: entweder muß eine große künstlerische Kraft in ihm lebendig und offenbar sein, oder es muß ein Stück Menschlichkeit in besonders fernem und fremdem Milieu darstellen. Große Kunst und Erkenntnis fremdartiger Menschlichkeit: das sind die beiden großen Werte, die Anspruch auf Übertragung aus einer fremden Sprache erheben dürfen.
Dies Werk des neuen und jungen russischen Dichters Kallinikow – er ist heut 38 Jahre alt – ist doppelt gerechtfertigt, wenn es jetzt auch in deutscher Sprache erscheint: es ist die Leistung eines großen Erzählers, und es bietet uns Erkenntnisse über den russischen Menschen, die ungewöhnlich und neuartig sind. »Frauen und Mönche« ist in doppeltem Sinn von Wert für die deutschen Leser: es läßt die Gestalt eines großen Gestalters menschlicher Schicksale und eines genauen Kenners und Deuters russischen Volkstums vor ihnen erscheinen.
*
Sprechen wir zuerst von dem großen Erzähler. Kallinikow legt einen zweibändigen Roman von über 1000 Seiten vor und doch liest dies Buch sich in einem Zuge: Zeichen einer großen Erzählkunst, die nicht in der Schilderung breit versinkt und stecken bleibt, sondern auf Handlung, Entwicklung von Charakteren, Entfaltung von Zuständen und Begebenheiten sich versteht.
Dabei ist die Komposition durchaus noch nicht meisterhaft, was sich vielleicht aus der durch das Schicksal des Autors – eines Emigranten – bedingten Entstehungsweise erklärt: einzelne Hauptfiguren verschwinden zu lange von der Bühne der Begebenheiten; die Handlung dehnt sich über Zeiträume, die nicht immer ganz klar umrissen werden; aber schließlich treten doch alle Figuren immer wieder rechtzeitig genug auf, um ihr Schicksal weiter zu leben und zu vollenden; schließlich entsteht aus der Dehnung der Zeit über Jahre und Jahrzehnte das Bild einer Epoche, die für die jüngste Geschichte Rußlands von größter Bedeutung war. (Es ist die Zeit zwischen der Revolution von 1905 und der Revolution von 1917.) Vor allem aber das Entscheidende: die innere Welt der Helden reift und wird älter, so daß am Ende, aus der Veränderung der inneren Landschaft, das Bild eines neuen Rußland entsteht und der Leser unmittelbar spürt, daß viel Zeit und wichtige Zeit der Vorbereitung vergangen ist.
Vielleicht ist es überhaupt unrichtig, dieses zweibändige Werk einen »Roman« zu nennen. Es ist ein breit hingemaltes Lebensbild: Frauen und Mönche. Es ist ein Lebensbild ohne einen eigentlichen individuellen Helden, aber in diesem Bilde einer Epoche und ihrer Lebensformen erscheinen alle die Heldengestalten der jüngsten Vergangenheit Rußlands. Doch damit kommen wir schon zum Ethnologischen dieses Werkes. Verweilen wir noch einen Augenblick bei der künstlerischen Leistung. Das Werk Kallinikows ist nicht von der Idee aus gestaltet, wie sehr viele russische Romane und gerade die der Größten, Tolstois und Dostojewskijs, sondern von der sinnlichen Anschauung aus. Zuerst und zuletzt interessiert diesen großen Epiker, wie ich mich nicht scheue, Kallinikow zu nennen, der Mensch in all seiner Vielfältigkeit und Widerspruchsfülle, in seiner Beweglichkeit, Gebundenheit und Freiheit. Es ist unglaublich, wie viele der Gestalten, wenn man die Lektüre des Romans beendet hat, dauernd ganz lebendig vor dem inneren Auge stehen. Und das gilt nicht etwa nur für die Hauptfiguren, sondern ebenso für eine große Zahl von Nebengestalten. Sicheres Zeichen einer großen und eindringlichen Darstellungskraft! Jede einzelne Gestalt in diesem weitschichtigen Roman – und es sind Dutzende, ja mehr als hundert! – hat ihre Atmosphäre um sich, wird dem Leser, dem Zuschauer dieses Lebensablaufes allmählich vertraut wie ein lebendiger Mitmensch, wird dem Leser bekannt mit all ihren Wünschen und Enttäuschungen, ihren kleinen Eigenheiten und großen Schwächen oder Vorzügen. Von wie vielen modernen Schriftstellern kann man sagen, daß sie so darzustellen wissen?
Das macht: Kallinikow ist eine erzählerische »Natur« von unerhörter Frische des sinnlich-seelischen Ausdrucks. Er setzt seine Gestalten hin ohne große und breite psychologische Analyse, ohne umständliche äußere oder innere Schilderung. Ein Mönch und eine Frau gehen durch den sommerlichen Wald; ein paar Gesprächsfetzen werden mitgeteilt; eine knappe stumme Szene wird geschildert und schon weiß der Leser etwas von den inneren Bindungen der beiden aneinander, von den Anziehungen und Abstoßungen, die zwischen diesen Menschen stattfinden.
Dabei hat Kallinikow, trotz der scheinbaren Länge des Romans, als Erzähler durchaus das Tempo unserer Zeit. Er liebt die Abkürzung, er sucht das bezeichnende Wort, die bezeichnende Geste, das, was die alte Ästhetik den »fruchtbaren Moment« zu nennen pflegte. Schon rein äußerlich zeigt sich das: viele kurze, fast skizzenhafte Impressionen stehen nebeneinander; ein flimmerndes Mosaik entsteht so, das fast zusammenhanglos erscheint und sich doch zu einem Bilde von äußerster Intensität zusammenschließt. Mit einer erstaunlichen Sparsamkeit wählt Kallinikow immer die bezeichnendste Situation, das gedrängteste Gespräch, das knappste Bild, um die Entwicklung eines Helden oder die Entfaltung einer Lebensphase zu geben. Nirgends spürt man ein breites Sich-Gehenlassen, immer den Wunsch und den Willen zu gedrängter Kürze, zu scharfer Profilierung, das Können künstlerischer Konzentration.
Soviel über den Künstler Kallinikow, der ein Erzähler von Geblüt ist. Und nun ein Wort über den Ethnologen, den Kenner und Deuter Rußlands in der Epoche von 1905 bis 1920.
*
Kallinikow bereichert durch diesen Roman unzweifelhaft unser Bild von Rußland. Wo lebten und litten denn die Helden Dostojewskijs? In den großen Städten oder im Ausland. Wo die Helden Tolstois? Auf dem Gut oder in den großen Städten. Aus welchen Schichten stammten die Helden Dostojewskijs, Tolstois? Aus der Intelligenzschicht, aus dem Bauerntum, aus dem Adel. Kallinikows Roman spielt in der tiefsten russischen Provinz, zwischen Mönchen und Kaufmannsfrauen, Kleinbürgern und Arbeitern. Ein Waldkloster, eine Provinzstadt geben den Hintergrund für die Ereignisse ab. Gelegentlich taucht Petersburg sozusagen am Rande des Horizontes auf. Es ist das Alltagsrußland ohne metaphysische Verklärung nach der einen oder anderen Richtung hin, das hier in Kallinikows Roman seine Gestaltung findet.
Dabei hat Kallinikow offenbar die Absicht gehabt, das ganze Rußland zu zeigen, und so spielen die Welt der Behörden, der Intellektuellen, der Großfürsten, der Studenten und der Revolutionäre in dieses Milieu des provinziellen Kleinbürgers und Arbeiters und in das Klostermilieu hinein. Überdenkt man den Roman im Ganzen, so hat man ein Bild des alltäglichen Provinz-Rußland in der Epoche der sich vorbereitenden Revolution, die 1905 sich versuchte und 1917 siegte.
Das aber ist gerade das jenseits aller Kunst Packende und Aufwühlende des Buches von Kallinikow: daß es zum Verständnis des heutigen Rußland hinführt, indem es die Entwicklung des revolutionären Zustandes im engen Blickfeld eines provinziellen Schauplatzes zu zeigen versucht. Der Autor wollte bewußt die innere und äußere Entwicklung zwischen der ersten und der zweiten proletarischen Revolution schildern, wollte die Vorgeschichte und Entstehung derjenigen Typen aufhellen, die durch den bolschewistischen Umsturz an die Macht kamen und die Revolution in diesem Riesenreich örtlich durchführten. Das ist, wenn man so will, der geistige Sinn dieses Lebensbildes, dessen wesentliche künstlerische und menschliche Werte im Sinnlichen und Seelischen liegen.
Ein Milieu vor allem ist es, das für den westeuropäischen Leser ebenso fremd- wie neuartig ist und das ihm dieser Roman greifbar deutlich macht: das russische Kloster in seiner Wirklichkeit, nicht in transzendentaler Verklärung wie in Dostojewskijs »Brüdern Karamasoff«. Kallinikow ist der Sohn eines russischen Geistlichen und er verbrachte seine Kindheit im Schatten eines Klosters, wie seine diesem Roman beigegebene höchst abenteuerliche Selbstbiographie aussagt. So kannte er das Milieu des klösterlichen Lebens in allen Einzelheiten. Mit größter Unparteilichkeit gegenüber den Schwächen wie den Vorzügen des Mönchswesens sucht er dies Klosterleben zu schildern. Die verschiedensten Typen von Mönchen stellt Kallinikow dar: den aufrichtig frommen Starezen und den geilen Durchschnittsmönch, den halbirrsinnigen religiösen Narren und den frömmelnden Streber in der Kutte, den reformierenden Zeloten und den weltklugen Kirchenpolitiker, den Bruder Wirtschafter mit seiner realistischen Gesinnung ebenso wie den Vater Abt, der sich um die Heiligsprechung des Klostergründers so große Verdienste erwirbt und doch nur ein ehrgeiziger und habgieriger Schürzenjäger ist. Dabei sind diese Schilderungen aus dem Klosterleben, in dem ja eine wesentliche Seite russischen Volkstums, die populäre Frömmigkeit und Devotion, sehr schön zum Ausdruck kommt, eingebettet in wundervolle Naturschilderungen aus dem russischen Wald mit seinen dunklen Mooren und verlorenen Seen, seinen undurchdringlichen Brombeerhecken und plötzlichen Lichtungen. In allen Jahreszeiten erleben wir das Treiben im Kloster und um das Kloster herum mit; alle Menschlichkeiten brechen auf und alle Tiefen des Glaubens und der frommen Spekulation werden offenbar.
Von diesem Kloster laufen, unter der Peitsche des Eros, die Schicksale aus, die das Gerüst der Handlung ausmachen: zwei Mönche entlaufen in die Welt um zweier Frauen willen. Der eine kehrt nach heftiger Enttäuschung in der Welt in sein Kloster zurück und wendet seinen Lebensdrang und Machthunger darauf, Abt zu werden und dem Kloster einen neuen Heiligen und großen Wohlstand zu verschaffen. Der andere geht durch die Welt hindurch auf der Suche nach der einen Frau, die er liebt, und gerät dabei erst in ein Kaufmannshaus, dann in die Zirkel studentischer Verschwörer, zuletzt in die Fabrik. So wird er allmählich, im Laufe der zwölf Jahre zwischen 1905 und 1917, ein Vorkämpfer revolutionärer Ideen aus einem ganz tief nach innen geschlagenen erotisch-sozialen Erlebnis mit einer Fabrikantentochter, das keine Lösung findet, sondern am Ende durch einen Schuß beendet wird. Mit diesem Schicksal eines »proletarischen Kämpfers« für die Revolution ist durch Eros und Haß der Lebensweg eines »intellektuellen Kämpfers« für die Revolution verbunden. Auch diese innere Entwicklung führt über Spannungen des Eros zu einer wilden Aktivität nach 1917. Man sieht: das zweite interessante Motiv dieses Romans ist die Darstellung der äußeren Umwelt und der inneren Entwicklung von Bolschewisten-Unterführern, als die sich diese beiden Kämpfer der Revolution gegen Ende des Romans hin auswirken.
Und noch ein drittes Milieu wird in diesem breiten Lebensbilde durchleuchtet: das Milieu der russischen Kaufleute. Wieder werden zwei Typen geschildert: der altrussische Kaufmann, der, altertümlich in seinen Sitten und Gewohnheiten, großen Reichtum aufhäuft, und der neurussische Unternehmer, der im Roman den Spitznamen »der Amerikaner« führt und der der industriellen Entwicklung seines Landes mit Aufbietung aller seiner Kräfte zu dienen versucht. Gerade in dieser Gegensätzlichkeit zwischen Alt und Neu, zwischen Mittelalter und Neuzeit offenbart sich eine ganz wesentliche Seite russischen Lebens in der Vorkriegszeit. Man spürt gerade bei der Schilderung dieser grundverschiedenen Milieus, wie überstürzt und unausgeglichen die »westlerische« Entwicklung Rußlands sich vollzogen hat, wie überall tiefes feudales Mittelalter im Zarenreich neben modernster kapitalistischer und sozialistischer Entwicklung steht.
Um das Ethnologische dieses Romanes abzurunden: die Schlußkapitel geben ein gutes Bild davon, wie der bolschewistische Umsturz sich in der Provinz vollzogen und ausgewirkt hat, und zwar sowohl in der Stadt wie auf dem Lande. Dabei ist Kallinikow hier wie überall durchaus Künstler geblieben, hat sich nirgends in eine spürbare Tendenz verirrt, obgleich er wohl sicher kein Bolschewist ist. Wie der Umsturz in den Schilderungen dieses Romanes vor sich geht, so ist er wahrscheinlich annähernd überall im weiten russischen Reich gewesen. Auch hier beleben wieder Typen allerverschiedenster Art – weißgardistische Verschwörer, gemeine Nutznießer der Revolution, opferwillige Idealisten, skrupellose Verbrecher, sich für das Volkswohl totarbeitende »Genossen« – die Schilderungen, so daß ein höchst lebendiger Eindruck entsteht.
Man sieht, hält man sich die Darstellung dieser vier sehr verschiedenen Milieus mit ihren Menschentypen einmal vor Augen, daß Kallinikow wirklich ein breites Bild russischer Lebenszustände mit möglichster Unparteilichkeit malt, ein Bild, das unsere Kenntnis vom wirklichen Rußland der jüngsten Zeit erweitert, unsere theoretische Erkenntnis von den im gegenwärtigen Rußland wirkenden Kräften belebt, vor allem aber das Bild Rußlands, wie es bei uns unter dem Einfluß Tolstois und Dostojewskijs entstanden ist, in wesentlichen Punkten richtigstellt.
*
Kallinikow ist unzweifelhaft einer der ganz großen erotischen Dichter nicht nur Rußlands, sondern der Welt: das eigentlich Bewegende in diesem Roman ist nicht die Politik, nicht der Geist, sondern die Liebe, die Liebe in allen ihren Verzerrungen und Auswüchsen, aber auch in ihren reinsten seelischen Formen. In keinem Werk eines russischen Autors, wenn man vielleicht von einigen der klassischen Novellen Ljesskows absehen will, tritt die Erotik des Slaven so klar und unverhüllt zutage. Auch dies noch bedeutet Entdeckung einer neuen Welt trotz des uralten Themas. Es ist die Entdeckung: zugleich durch die völlige Naivität der Darstellung, die von höchster Freiheit und Leichtigkeit ist, wie durch die allmenschliche Enthüllung des Trieblebens und seiner oft wunderlichen Umwege und Irrfahrten.
Nach dem Schluß des Romans hat der Übersetzer Wolfgang E. Groeger eine Art von Selbstbiographie des Dichters zum Abdruck gebracht. Sie liest sich wie der Aufriß zu einem Roman des Dichters. Ihr Abdruck erspart mir, einiges Tatsächliche über den Dichter und seinen Lebensweg zu sagen. Trotzdem ein Wort zum Schluß über den Menschen, der hinter dem Werk steht.
Kallinikow wirkt wie eine Naturbegabung: seine Darstellungsweise hat etwas Triebhaftes wie die Menschen, die er darstellt. Man hat das Gefühl: eine Übermacht von Anschauung umdrängt den Dichter; er hat Mühe, den Reichtum auch nur einigermaßen zu bändigen. Der Dichter mag nicht aufhören zu erzählen und der Leser hört ihm weiter und weiter zu. Die letzte Rundung fehlt diesem Talent noch, aber seine Überfülle ist so überwältigend, daß man diesen Mangel vergißt. So wirft Kallinikow mit diesem ersten Roman einen Block in die Masse der erzählenden Literatur, einen Block, der genügt, von seinem Schöpfer zu sagen: da ist ein großer Erzähler.
Berlin, August 1928.
Werner Mahrholz.
1. Buch.
Eitles Streben
Inhaltsverzeichnis
I
Inhaltsverzeichnis
Durch den Wald zieht ein Geruch von feuchtem, noch schneebenetztem Moos, von nassem Reisig, von grünen Nadeln würziger Kiefern und Fichten; ein köstlicher Duft!
Der Wald aber – kaum daß man durchkommt, die Hände kratzt man sich blutig dabei.
Nur in der Nähe des Klosters ist der Wald vom Unterholz gesäubert, soll doch der Pilger von geistiger Nahrung leben, sich der Schönheit des entlegenen Klosters hingeben; darum ist ja auch der Wald gesäubert, wird jede Fichte behütet, jede Tanne sorgsam gepflegt.
Das Gotteshaus allein genügt dem Pilger nicht, um sein Sinnen und Trachten emporzuheben in die höheren Gefilde; nach der Frühmesse, wenn die Zwischenmesse gelesen wird, tritt er wohl, in Erwartung des allgemeinen Gottesdienstes zu Ehren der Himmelskönigin in der neuen Kathedrale, hinaus ins Freie, schreitet zum Brunnen des Klostergründers auf der Waldlichtung; hat er den aber bereits besucht, so mag er sich im Walde ausstrecken, um über die Eitelkeit unseres Erdenlebens nachzusinnen. Dazu wurde also der Forst vom Unterholz gesäubert.
Im Herbst und Winter wurde diese Bußtat vom Abt auferlegt: die ganze Bruderschaft hatte den Wald zu säubern, nur die Klostergeistlichen und die Starezen waren von diesem Dienst befreit.
Aber kaum eine halbe Werst vom Kloster entfernt konnte wohl nicht einmal ein wildes Tier durch den Wald dringen, so dicht und dunkel war das Dickicht.
Zwar Nikolai und Waßja der Blöde, die finden überall ihren Weg.
Den ganzen Wald pflegen sie zu durchstreifen, wohl fünf Werst im Umkreis oder noch weiter; unbekümmert um die Entfernung schreiten sie über Reisig, sumpfige Stellen, federndes Moos.
Nach dem Mittagsmahl mit der Bruderschaft sind sie ja frei, haben bis zum Abendessen nichts mehr zu tun.
Da streifen sie denn durch den Wald, dringen ins tiefste Dickicht ein.
Der Wald steht da in seiner Herrlichkeit; wie Weihrauch strömen die Fichten im Sonnenschein würzige Düfte gen Himmel.
Waßja der Blöde liegt lang ausgestreckt auf dem Rücken und schnauft.
»Waßja, was schnaufst du?«
»Sie hauchen ja Weihrauch zum Himmel, rieche doch bloß, es ist so ergreifend …«
»Ach, Mann Gottes, du frommer Schafskopf!«
»Glaube nicht daran, Bruder, das ist bloß so ein Gerede von den Leuten …«
»Du hast wohl gedacht, ich gehöre auch zu den Dummen?!«
»Was beschimpfst du mich? Auch so schon beschimpfen mich ja alle, und der Abt schlägt mit seinem Krückstock auf mich ein!«
»Nichts geht dir recht ein, Waßja …«
»Oho, mir? Ich fühle alles, ich bin so empfindsam …«
»Meiner Treu, das sieht man dir an, daß du empfindsam bist! Wie gedörrt siehst du aus vom Überschwang der Gefühle, auf den Hund kommst du dabei.«
»Das kommt daher, weil ich den Satan aus mir vertreibe …«
»Zugrunde gehst du an deinem zähen Satan, Waßja, das sag' ich dir.«
»Versuch's doch auch du einmal, nur ein einziges Mal, dann wagt er sich nicht mehr an dich heran.«
»Ein Weib brauch' ich, ein sauberes Mädel, um meinen Satan zu bändigen.«
»Herrgott im Himmel, vergib uns und steh uns bei! Was redest du bloß! Teuflische Versuchung, das ist das Weib; der Teufel der Sinneslust steckt in jedem Weibe.«
Ächzend und stöhnend wirft sich der Blöde auf dem Gras- und Moosboden hin und her und fuchtelt abwehrend mit den ungelenken Händen.
Nikolka aber lacht röhrend, daß es durch den ganzen Wald schallt.
Von Fichte zu Fichte hüpft schallend das Echo, rollt durch den ganzen Wald.
Nikolka bricht ab, um Atem zu schöpfen, dann ertönt sein Gelächter von neuem.
Er hat einen saftigen samtenen Bariton; wenn er sich im Kirchenchor beim Kyrieeleison auf den hohen Noten wiegt, lauscht er selber verzückt seiner Stimme; nicht umsonst ist er Vorsänger beim Bischof gewesen.
Als er in der zweiten Klasse der geistlichen Schule war, hatte man ihn in den Chor des Bischofs aufgenommen und zum Vorsänger gemacht; so wurde er bald zum gehätschelten Liebling in Kaufmannshäusern.
Lud man die Solisten aus dem Bischofschor zu einem Hochzeits- oder Totengedenkmahl, so wurden auch die Vorsänger mitgenommen; ohne sie machte sich der Chor nicht recht, und so kam Nikolka überall hin.
Nikolai Wassiljewitsch Moissejew, Chordirigent und stimmlicher Beherrscher der hohen Oktave, nahm den kleinen Nikolka stets mit.
»Komm mit, Nikolka,« pflegte er zu sagen, »ohne Soprane dringt die Oktave nicht durch.«
»Ach, Nikolai Wassiljewitsch, ich habe Angst, mit Ihnen zu gehen …«
»Wovor denn, Hansnarr?«
»Sie trinken gewiß wieder zu viel.«
»Mein Namensvetter bist du und hast Angst, Dummkopf! Ich sage, komm mit, also hast du zu gehorchen, sonst gibt's eins hinter die Ohren.«
Zuerst war dem kleinen Nikolka bange, später fand er Gefallen an der Sache: süßen Beerenschnaps setzte man ihm vor, die Kaufmannsfrauen tätschelten ihm den Kopf und steckten ihm einen neuen blanken Zwanziger zu.
»Hier, Kleiner, nimm; kauf dir was zum Naschen, Liebling.«
Moissejew, die Oktave, erhielt für den schönen Gesang zum Seelenheil eines Entschlafenen oder zur Verherrlichung eines jungen Paares einen Rubel.
Die Oktave selber war ein Hüne von einem Kerl und seine Stimme so gewaltig, daß die Fensterscheiben klirrten, wenn er loslegte; selbst mit dem Oberdiakon pflegte er sich zu messen; nachher mußte dann der Glaser kommen, um den Schaden wieder heil zu machen.
Den Oberdiakon konnte sich nicht jedermann leisten; unter zehn Rubeln, bloß auf allerlei süße Schnäpse hin, machte er es nicht, während die Oktave auch für einen Rubel kam, um mit seiner Gegenwart eine Kaufmannshochzeit zu zieren, damit das junge Paar sich später voll Stolz des feierlichen Tages erinnere.
Die Oktave vertrank mit Freunden ihren Rubel an üblen Orten; zu guter Letzt machte er sich dann an Nikolka heran.
»Hast du Geld?«
»I wo, Nikolai Wassiljewitsch – all mein Geld ist futsch.«
»Wo hast du's denn gelassen?«
»Beim Murmelspielen verspielt.«
»Du lügst, Hundsfott! Her mit einem Zwanziger für einen Schnaps gegen meinen Kater, sonst nehme ich dich niemals mehr mit.«
Wie hätte er da der Oktave den Zwanziger verweigern können? Der konnte ja seine Drohung wahr machen und ihn wirklich nicht mehr mitnehmen! So holte denn Nikolka zitternd und bebend – so leid war's ihm um das schöne Geld – aus seiner kleinen Truhe einen Zwanziger heraus und reichte ihn dem Moissejew.
»Aber geben Sie ihn mir auch wieder zurück, Nikolai Wassiljewitsch.«
»Ha, die Geldgier! Ich hab's doch gesagt, du bekommst ihn wieder …«
»Ich geb' ihn nur her, damit Sie dran denken und mich nicht vergessen.«
So gewöhnte sich denn Nikolka Predtetschin daran, mit Moissejew Kaufmannshäuser zu besuchen und Geld beiseite zu legen, Zwanziger auf Zwanziger; die Gier nach Geld erwachte frühzeitig in ihm.
Hatten sie an einer Bestattungsfeierlichkeit teilgenommen, so kamen sie am neunten und vierzigsten Tage wieder ins Trauerhaus, aus Anhänglichkeit, um ein bißchen zu trinken und zu essen; nun und dann pflegten sie die Witwe auch späterhin zu besuchen.
Am vierzigsten Tage nach dem Hinscheiden ihres Gatten ist die Witwe schon ein wenig ruhiger geworden; ein Sehnen erwacht in ihr nach den Zärtlichkeiten des Mannes; da stellten sich denn die Oktave und Nikolka bei ihr ein, wenn der Bischofschor nicht gerade übte, um die arme Witwe in ihrer Vereinsamung zu trösten.
Man saß beisammen, trank Tee und Beerenschnaps, auch Nikolka machte mit – der süße Aufguß schmeckte so gut –, und dann verbrachte man die Zeit bis zum Abendessen mit Kartenspielen; »66« wurde gespielt.
Nach zwei, dreien solcher Besuche nahm die Oktave beim vierten Male das Gebetbuch mit; Nikolka spielte dann mit einer unverheirateten Schwester oder einer verarmten, im Hause lebenden Tante der Witwe Schwarzen Peter, während die Oktave sich mit der Witwe ins Bet- und Schlafzimmer zurückzog, um ihr die Gebete beizubringen, die eine trauernde Witwe nach der Vorschrift der Kirche vor dem Schlafengehen zu verrichten hat; dann kamen sie wohl aus dem Schlafzimmer erst zum Abendessen wieder zum Vorschein, still geworden, mit blassen Wangen – da merkte man, was es heißt, im warm geheizten Kämmerlein um das Heil einer gerechten Christenseele zu beten! …
Nikolka hatte sich bald daran gewöhnt, mit der Oktave herumzubummeln; nach der Schulweisheit stand ihm der Sinn nicht mehr; in jeder Klasse saß er zwei Jahre, und als er in die dritte Klasse kam1, blieb er hier ganze drei Jahre lang stecken, so daß der Schulvorsteher ihn an die Luft setzen wollte, der Bischof aber raunte dem Chordirigenten zu:
»Sag' mal dem Schulvorsteher, er möge den Jungen in die vierte Klasse versetzen – bei der Engelsstimme!«
»Solch eine Stimme finden wir so leicht nicht wieder, Eure Eminenz …«
»Das meine ich ja auch! Sag' dem Schulvorsteher, Meine Eminenz erteile ihren Segen dazu.«
Nikolkas Vater, ein Dorfdiakon, hatte ihn als Achtjährigen in die geistliche Schule gebracht; als Vierzehnjähriger kam der Junge erst in die vierte Klasse.
Als er dann glücklich so weit gekommen war, begann Nikolka auch allein den Kaufmannshäusern Besuche zu machen, nach Leckerbissen lüstern.
Nach einer gemeinsam mit der Oktave abgehaltenen Gedächtnisfeier stellte er sich am vierzigsten Tage ganz von alleine ein, um die Nacht durch Psalmen zu singen.
Hell klang seine Stimme durch das ganze Haus; die Witwe erwachte wohl aus dem Schlaf, lauschte seinem tönenden Eifer … »Herrgott im Himmel, erhöre mich …« – vergoß gerührt eine dicke Träne und schlief beruhigt wieder ein.
Am Morgen setzte sie ihm dann Tee und Frühstück vor …
»Komm nur wieder, Kolenka, mein Kleiner, auch ein Geschenk soll für dich bereit stehen.«
Aus dem langen Rock aus englischem Stoff ihres Seligen wurden ihm Kittel und Höschen genäht …
Neu eingekleidet stolzierte nun Nikolka einher – das Zeug, das die Kaufleute tragen, ist von allerbester Güte, ganze sieben Rubel fünfzig hatte seinerzeit die Elle gekostet.
Einst hatte er am vierzigsten Tage im Hause einer jungen Witwe psalmodiert; das war aber eine, die schon während der Bestattung ihres Mannes sich die Augen mit Zwiebeln eingerieben hatte, damit die Leute ihren Kummer sähen und nicht dächten, sie freue sich gar darüber, daß der Alte zu Grabe getragen wurde.
Sie hatte schon am neunten Tage nach dem Ableben ihres Gatten ein Auge auf Nikolka geworfen und ihn selber aufgefordert, er möge doch am Abend vor dem vierzigsten Tage kommen und Psalmen lesen.
Nach der üblichen Chorübung war er denn auch gekommen und hatte sich an die Psalmen gemacht. Sie aber hockt auf einem weichen Diwan, gerührt hingekuschelt, während sinnliches Verlangen sie stürmisch durchwogt und bedrängt.
»Kolenka, komm doch und trink Tee, erfrisch' deine Engelsstimme.«
Und wie sie ihn ruft, fährt es ihr durch den Sinn: Ein Dummchen ist er ja noch, ein kaum flügges Vögelchen, hat Frauenlust noch nicht kennengelernt.
»Schönen Dank, Olympiada Gawrilowna.«
»Komm, Liebling, trink Tee und iß Brezelchen dazu und Gedächtniskuchen.«
Ganz in den Anblick des Jungen versunken, schenkt sie ihm Tee ein; der mitternächtliche Versucher umstrickt sie lüstern.
Sie trinken zusammen Tee, dann liest er wieder Psalmen bis zum Abendbrot.
»Komm essen, Kolenka, stärke dich.«
»Ich will bloß den Psalm zu Ende singen …«
»Dazu hast du noch Zeit genug, Liebling; die Nacht ist lang; komm nur essen.«
Sie setzt ihn ganz nahe neben sich.
»Iß, Liebling, nimm dir Kaviar, er ist schön frisch …«
Sie streicht ihm über den Kopf, gerührt, und ganz heiß wird ihr dabei.
»Eine Gottesgabe ist deine Stimme, Kolenka, die himmlisch süße.«
Und immer wieder tätschelt sie ihn; sie hat ihm süßen Beerenschnaps eingeschenkt, und auch ihre Augen blicken honigsüß und schimmern ölig wie Fladen in Butter.
»Gott hab seine Seele selig! Darauf will ich eins trinken, Olympiada Gawrilowna.«
»Darauf will auch ich ein Gläschen leeren – das Himmelreich sei sein!«
Sie sitzt da, umarmt ihn, drückt ihn bewegt an ihre Brüste.
»Fünf Jahre habe ich mit meinem Seligen zusammen gelebt; Kinder hat Gott mir nicht geschenkt, und da habe ich dich nun in mein Herz geschlossen, als wärest du mein eigenes Söhnchen, Kolenka.«
Nach dem Abendbrot geht Nikolka wieder in den Salon an den Ikonenschrein, sie aber …
»Lies jetzt bei mir im Schlafzimmer, Kolenka – mein Seliger hat ja immer im Schlafzimmer gebetet, da wird es ihm angenehm sein, Gottes Wort bei sich zu vernehmen, kommt doch seine Seele heute dahin, um zum letzten Male bei mir zu verweilen.«
Heiß und schwül ist es im stark geheizten Schlafzimmer; ob es nun vom Weihrauch – von der Seelenmesse her – kommt, oder von Parfümdüften, oder von Frauengeruch, Nikolka wird ganz schwindelig.
Er beginnt zu lesen, sie aber entkleidet sich, macht sich zur Nachtruhe zurecht, und da drängt es ihn so, sie anzublicken, hat er die weibliche Wesenheit doch noch niemals gesehen. Muß er eine Seite umwenden, so gerät seine Hand ins Zittern, seine Stimme stockt, einzig, weil es doch so heiß im Zimmer ist; mit der Hand wischt er sich den Schweiß von der Stirn.
»Kolenka, du hast es heiß, zieh dein Kittelchen aus …«
Sie tritt selber heran, barfuß, im bloßen Hemdchen, hilft ihm beim Ausziehen, streicht ihm über den Kopf, über die schmalen Schultern, und plötzlich küßt sie ihn, ohne jeglichen Anlaß.
»Ach du mein herziges kleines Söhnchen! …«
Es gefiel ihm wohl, er hatte das noch nicht erlebt, hatte noch nie eine Frau geküßt, bloß gehört hatte er davon, die Solisten hatten einander darüber erzählt beim Schlafengehen – die Vorsänger schliefen zusammen mit den Solisten und hörten alles –, und auch Nikolka hatte alles gehört, wußte über alles Bescheid, und der Wunsch kam ihm, es einmal selbst auszukosten.
Es drängte ihn, sie zu küssen; er überschüttete sie mit Küssen, und sie war so froh darüber, drückte ihn an sich, sog sich fest an ihn, tätschelte ihn, preßte seinen Kopf an ihre weiche Brust – er konnte gar nicht mehr atmen –, führte ihn ans Bett, setzte sich auf den Bettrand, und zog ihn zu sich auf den Schoß.
»Kolenka, du mein zärtlicher Junge …«
»Olympiada Gawrilowna, ich muß doch lesen …«
»Erhol' dich ein Weilchen, bleib bei mir – und zieh deine Stiefel aus, deine Beine müssen ja ganz müde sein von dem langen Stehen.«
Sie entkleidete ihn, zog ihm auch selber die Stiefel aus, dann nahm sie ihn lächelnd auf die Arme, warf ihn auf das Daunenpfühl und stürzte sich lachend über ihn. Nikolka versank ganz in den Daunen, und vor seinen Augen drehten sich rote Kreise. Der süße Schnaps war ihm berauschend zu Kopf gestiegen. Bis zum Morgen ließ sie ihn nicht einschlafen, gab ihm keine Ruhe, reizte ihn immer wieder, bis er ganz schlaff, ganz erschöpft war.
Am Morgen begleitete sie ihn bis an die Haustür …
»Kolenka, komm immer wieder, hörst du?!«
»Wenn ich kann, will ich kommen … Ja, ich komme, Olympiada Gawrilowna!«
»Komm nur, Liebling, komm, wann du immer willst, besuche mich – ich warte auf dich.«
Einen ganzen Monat lang war Nikolka immer wieder gekommen, und er hätte es auch noch weiter getan, aber unerwartet war Unheil über ihn hereingebrochen: als er an einem Feiertag vor dem Altar das »Gelobt sei Jesus Christus«! hinausschmetterte, überschlug sich plötzlich seine Stimme, und er gab solch ein Ziegengemecker von sich, daß sich der Chordirigent verzweifelt an den Kopf griff.
Seit jenem ersten Male, da er das Weib erkannt hatte, war seine Stimme tiefer geworden; wenn er mit der Witwe redete, war ihm hier und da ein Baßton entfahren.
Der Chordirigent aber sagte zu ihm:
»Nun, Nikolai Predtetschin, jetzt mußt du warten, bis es Bariton oder Baß wird.«
Als die Messe zu Ende war, ließ ihn der Bischof in den Altarraum kommen.
»Na, Knecht Gottes, jetzt mach' dich ans Lernen und hüte deine Stimme; sitzt sie erst wieder ruhig und fest, so nehme ich dich aufs neue in meinen Chor.«
Nikolka aber war das Lernen ja nicht gewohnt, auch ließ ihm die Witwe keine Ruhe.
Der Schulvorsteher sah sich die Sache eine Weile an, dann ließ er Nikolkas Vater kommen.
»Nimm deinen Sohn aus der Schule raus, er taugt zu nichts; ein Tunichtgut von einem Jungen ist's.«
Der Diakon, Nikolkas Vater, ging geradeswegs zum Bischof.
»Richtet mir den Jungen nicht zugrunde, er ist doch mein Einziger! Und wieviel Mühe hat er sich gegeben, um Ihnen gefällig zu sein! Lassen Sie ihm ein Zeugnis ausstellen, daß er die vier Grundklassen beendet hat, dann kann er später meine Stelle bekommen.«
Nikolka erhielt das Abgangszeugnis für die vier Grundklassen.
Im Dorfe bei seinem Vater hatte Nikolka kaum einen Monat verbracht, als der Vater starb. Nikolka aber kannte den Gottesdienst nicht, so trieb er sich denn im Dorf umher, setzte den Weibern nach, deren Männer ihrer Wehrpflicht nachkamen, pfiff sich was unter die Nase, und als der Pfarrer schließlich doch nicht einwilligte, ihn zum Diakon zu machen, wandte er sich an den Bischof.
Er fuhr in die Gouvernementsstadt und bat den Bischof, ihn an die Stelle seines Vaters zu berufen.
»Geh mal zuerst ins Kloster«, sagte der Bischof. »Lern' den Gottesdienst gründlich kennen, nachher sollst du dann deines Vaters Stelle haben, sie soll dir sicher sein; vorher aber mache dich im Kloster mit der Sache vertraut; na, und bekommst du einmal eine gute Stimme, so nehme ich dich, wie gesagt, wieder in meinen Chor.«
Seit damals befindet sich Nikolka schon jahrelang im Kloster als Novize; er singt hier im Chor, hat einen samtenen Bariton.
Seit damals kommen ihm auch die Kaufmannsfrauen nicht aus dem Sinn. Immer, wenn welche aus der Stadt eintreffen, um im Kloster zu beten, zu fasten und das Abendmahl zu nehmen, schaut er sich vom Chor die Augen aus an ihrer molligen Leiblichkeit. Stiert Nikolka die Weiber an, so sagt Ippolit, der Chordirigent, ein gestrenger Mönch:
»Ärgert dich dein Auge, so reiß' es aus …«
»Ach was, bin ich denn ein Mönch? Nicht einmal gucken soll man?«
»Es ist deine Prüfzeit im Dienst des Herrn.«
»Ach, hat sich was! Noch ein Weilchen, und dann mache ich mich auf und bitte um das Amt eines Diakons und nehme mir eine Frau aus Kaufmannskreisen, und da soll ich nicht einmal gucken dürfen?«
Ippolit gab es schließlich auf, spuckte bloß aus vor dem Ärgernis.
Nikolka hatte sich herausgemacht, schlank und hoch war er geworden, sein Haar lockte sich und sank in lauter Ringeln auf die Schultern hinab, sein Gesicht blickte weihevoll, bloß aus den Augen sprach Gier.
Die Wallfahrer warfen ihm bewundernde Blicke zu.
Auch eben träumt Nikolka von einer Kaufmannsfrau.
Seine mächtige Stimme hallt durch den Wald, hüpft als tönendes Echo von Fichte zu Fichte.
»Du, Waßja, laß nur deine Redensarten. Bald beginnt's wieder mit den Wallfahrten nach unserm Kloster, dann geht der Spaß los!«
»Herr, erbarme dich meiner, deines unwürdigen Knechtes!«
»Ein Kaufmannsfrauchen such' ich mir aus … Na, ich sag' dir! Und auch du sollst eine haben zum Hochzeitmachen …«
»Dem Satan deiner Lust dienst du. Herr, führe mich nicht in höllische Versuchung, sondern erlöse mich von teuflischem Blendwerk!«
»Ein Schafskopf bist du, Waßka, das ist's. Ich aber suche mir ein sauberes Mädel aus, eine Kaufmannstochter, und heirate sie, und dann werde ich Pfarrer an der Kathedrale in der Stadt – du kannst dann kommen und Tee bei mir trinken …«
»Wie gar mächtig doch der Satan ist, was er nicht alles mit den Menschen anstellt! Scheuche ihn von dir, Knecht Nikolai, scheuche ihn von dir, auf daß der Höllenfürst dich nicht unterkriegt!«
1 »als er in die dritte Klasse kam«: In Rußland wird umgekehrt gezählt, die unterste Klasse, mit der der Unterricht beginnt, ist die erste, unsere Prima die achte.
II
Inhaltsverzeichnis
Nikolkas Bariton schallt durch den Wald, rauscht hallend durch den Wald, als hüpfe ein hellstimmiger Waldschrat von Wipfel zu Wipfel.
Vom Boden steigt ein erfrischender Duft auf – es riecht nach Lebendigem, nach keimendem Grün.
Es liegt sich weich auf dem Moose.
Die Kutte hat Nikolka zusammengerollt und sich unter den Kopf gelegt, das Käppchen baumelt an einem Zweig.
»Wenn du das freie Leben kenntest, Waßka, so bliebest du keine Stunde hier.«
»Auf dem Kloster ruht Gottes Gnade und Huld – wohin sollte der Mensch ohne sie?«
»Jene Kaufmannsfrau kommt mir nicht aus dem Sinn. Ein Junge war ich noch, ein Springinsfeld – jetzt sollte sie mir in die Hände kommen, ich würde sie schon lehren, springen müßte sie; damals aber war ich noch keine fünfzehn, nach einem Milchbart ging ihr Gelüsten. Jetzt würde ich nicht mehr so dumm sein, all ihr Geld würde ich an mich bringen, bis zum letzten Groschen; es würde schon den Weg in meine Tasche finden.«
»Damals hat sich in die engelgleiche Kinderseele der Satan eingenistet, und noch immer kannst du ihn nicht überwältigen …«
»Laß das, Waßka, mir machst du nichts weis, wir kennen das, spar' es für die Wallfahrer auf, denen kannst du was vormachen, ich aber bin mit allen Wassern gewaschen – ich sehe durch euch alle hindurch.«
»Was redest du da, was redest du da, Nikolai, ich mein' es doch ehrlich und aufrichtig …«
»Na also schön … Weißt du noch, im vorigen Jahr jenes Mädel aus der Gouvernementsstadt?«
»Jener mit den Schlangen mit zwiegespaltener Zunge im Rücken, jener Teufelin in Mädchengestalt gedenkst du? …«
»Jawohl, die ist's, die gerade meine ich; sie kommt mir nicht aus dem Sinn.«
»Die hat ja keine Zöpfe – züngelnde Schlangen stecken drin, ich habe selber gesehen, wie sie jede der beiden einzeln mit stinkendem Gifte bespritzte.«
»Das war Parfüm, nach Parfüm duftete sie, bei dir aber ist alles Höllengestank. Dabei riechst du selber nach Hund.«
»Die also meinst du? …«
»Das Mädel ist gerade erblüht, die Säfte gären in ihr; die möchte ich hier haben – da würde ich selbst meine Witwe vergessen! Schau doch nur um dich – der Wald hier bei uns, wohin man solch ein Mädel auch bringt, überall ist es herrlich … Und wenn erst die Beerenzeit anbricht, gehe ich mit ihr Beeren sammeln – wenn sie nur kommen möchte!«
»Soll ich dir mal was sagen? …«
»Sag's nur, Waßja, ich höre …«
»Ich hab' einen Traum gehabt!«
»Was hat dir denn geträumt?«
»Daß sie schon hergekommen ist, von dir aber gar nichts wissen will, weil du Hörner hast.«
»Das lügst du bloß, Waßja, denkst dir allerlei aus.«
»Gestern abend hat mir das geträumt, ein wundersamer Traum war's, und ihre Zöpfe, die züngelten nach mir und wollten mich beißen, da bin ich denn am Abend zu dir gelaufen.«
»Also ist sie wirklich da? Rede vernünftig!«
»Die Kutscher haben gestern die Pferde baden lassen, die glänzten nur so in der Sonne, das wahre Wunder Gottes!«
»Also ist sie da? So sprich doch endlich!«
»Frag' bei den Kutschern nach, ich weiß von nichts.«
»Willst du, so mach' ich dir ihre Mutter gefügig – sie ist ein molliges Weib.«
»Akindin ist gestern gleich zu ihr hingelaufen, geschwitzt hat er vor lauter Lüsternheit.«
»Also sind sie angekommen – hättest es mir längst sagen können, statt zu schwatzen!«
Der Wald steht da in seiner Herrlichkeit, von feuchtwarmen Hauchen durchweht, nur über die Wipfel hin streicht rauschend der Wind, und eigentlich ist es kein Wind, bloß ein leichtes Wehen, und die dunklen stachligen Nadelkronen der Fichten rauschen.
Ganz in Gold getaucht ist der Wald; ebenmäßig ragen die Stämme aus dem bronzenen Dickicht empor, und zwischen den dunklen Nadelkronen blinken hellblaue Lichtschachte; blickt man lange in solch einen Lichtschacht, so schwimmt der ganze Wald – es scheint, nicht die Wolken, sondern der Wald ziehe schwebend dahin.
Auch Nikolka, dem Novizen, wird schwindlig davon.
Er liegt weiß da, in Hemd und Unterhosen aus Hanfleinwand, und kalbsledernen Stiefeln.
Ihm ist schwindlig, und seine Gedanken kreisen, man kriegt sie nicht am Schwänzchen zu fassen, als seien es Eidechsen.
»Sind sie in der alten oder in der steinernen Herberge abgestiegen?«
»Sie sind beim Abt gewesen und haben um seinen Segen gebeten: eines der Landhäuser wollen sie für den ganzen Sommer beziehen.«
»Was hast du das denn nicht gleich gesagt? Tropfenweis muß man jedes Wort aus dir herauspressen.«
Nikolka stand auf, streckte sich; träge knackten die Knochen; er zog die Kutte an, fuhr sich mit allen fünf Fingern durch das Ringelhaar, warf es in den Nacken zurück, setzte das samtene Käppchen auf.
»Gehen wir, Waßja!«
»Wohin denn plötzlich, Nikolka, wohin? Ich komm nicht mit, geh nur allein – ein Satan bist du, Nikolka, ein Satan, führst mich in Versuchung! Ich bleib' hier in der Sonne liegen und wärme mich.«
Geradeaus durch den Wald schreitet Nikolka, die Richtung hat er im Gefühl.
Das Reisig am Boden knackt, die Stiefel schmatzen an sumpfigen Stellen, Farnkrautwedel huschen über seine Füße …
Bloß einen Blick will Nikolka auf die kleine Fenja, das Kaufmannstöchterchen werfen, sie nur einmal am Fenster erspähen.
Im Gehen singt er ein weltliches Lied.
»Wieder singst du teuflischen Singsang, Nikolka?«
»Das ist ein schönes, altes Lied, man singt es bei uns im Dorf – vom Hausmeister Wanja und der jungen Bojarin –, dir aber ist ja alles Teufelswerk, du bist selber ein Teufel, du Scheinheiliger! Nicht hinsehen will er und dabei hüpft er nur so im Trab, um bloß einen Blick auf ein Weib werfen zu können.«
»Am Abend komme ich zu dir, Nikolka, darf ich? Ich habe Angst, allein im Kämmerlein – sobald es dunkel wird, da kommt sie wieder; schon ein Jahr lang kommt sie immer wieder.«
»Sieh doch nicht hin, speie sie an – dann verschwindet sie.«
»Mit Gebeten such' ich sie zu vertreiben, sie aber setzt mir zu und läßt mich nicht.«
»Ich will dir ein Mittel sagen, wie du sie los wirst.«
»Sag mir's, ich will's versuchen.«
»Geh zu den Weibern in Polpenki.«
Wieder schallte dröhnendes Gelächter durch den Klosterwald.
Sie schritten zusammen dahin; da aber machte Waßja wie ein Hase jäh einen Seitensprung. Nikolka rief nach ihm, vergeblich; er war spurlos verschwunden. Allein ging Nikolka weiter, machte einen Bogen um die Herbergen und schritt geradeswegs auf die Landhäuschen zu; er hoffte, das junge Mädchen am Fenster zu erblicken.
Frau Grakina war mit ihrem Töchterchen Fenja eingetroffen, um für den Sommer eines der dem Kloster gehörigen Landhäuschen zu beziehen; sie hatte eine Freundin, Frau Klimowa, mitgebracht. Gleich nach ihrer Ankunft war Frau Grakina zum Abt gegangen, um bei ihm um ein Landhaus nachzukommen.
An Gönner des Klosters wurden die Landhäuschen von Vater Sawwa für den Sommer vermietet; man ging vor dem Abendessen in sein Empfangszimmer, und Vater Sawwa kam mit kleinen trippelnden Schritten heraus und erteilte dem Besucher seinen Segen …
»Sie kommen, um Ihre Andacht im Kloster zu verrichten?«
»Ich möchte mit meiner Tochter den Sommer hier verbringen; darf ich um Ihren Segen dazu bitten?«
»Von woher kommen Sie denn? Mein Gedächtnis ist schwach geworden und unsicher, nicht immer erkenne ich unsere Wohltäter gleich wieder.«
»Wir kommen aus der Gouvernementsstadt, Witwe Grakina und Tochter.«
»Der Herr segne Sie, Mütterchen. Warum sollte unser Herrgott nicht solch frommes Verlangen einer züchtigen Witwe segnen! So bleiben Sie denn hier, im Namen unsers Heilands. Haben Sie Dank, daß Sie uns, Armen des Geistes, Ihre Wohltaten nicht vorenthalten.«
Und aufs neue erteilt er seinen Segen, geschäftig und emsig, während seine listigen Äuglein nur so hin- und herlaufen, nur so betteln.
Vater Sawwa erwartet zur weihevollen Zier des dürftigen Klosters eine fromme Gabe von der Witwe Grakina, soviel sie stiften kann.
Drei Hundertrubelscheine hat sie auf den Tisch gelegt.
Er wollte das Geld zuerst gar nicht nehmen, bloß für Weihrauch und Kerzen nahm er es schließlich.
»Dürfen wir uns auch Milch vom Viehhof schicken lassen?«
»Da bin ich nicht zuständig; der Leidende hat ja wohl Gottes Segen dazu, ob aber bei den Viehmägden etwas an Milch übrigbleibt, darüber müssen Sie sich bei dem Vater Haushalter erkundigen.«
Dem Vater Haushalter steckte Frau Antonina Kirillowna Grakina einen Hundertrubelschein zu, zur Wohlfahrtspflege im Kloster, dafür wird man sie nun den ganzen Sommer über mit Milch, saurer Sahne, Quark und Butter versorgen.
Das war so Brauch im Kloster. Handelte es sich um einen angesehenen Wallfahrer – das Ansehen richtete sich nach dessen Wohlhabenheit –, so bemühte sich die Bruderschaft eifrig um ihn; waren es einfache Leute, so konnten sich die auch mit Kwas behelfen: sucht jemand das Kloster auf, so gehört es sich wohl, daß er fastet, Leckerbissen kann er sich zu Hause vorsetzen lassen. Der Frau Grakina aber durfte man schon Entgegenkommen erweisen, war sie doch eine angesehene Witwe, die zusammen mit ihrem Bruder einem Millionenunternehmen vorstand, das mehreren Tausend Arbeitern Unterhalt bot und mit dem Ausland in Geschäftsverbindung stand – auch Nikolka wußte das alles ganz genau, nicht bloß der Abt allein.
Der Diakonensohn hatte ein Auge auf die kleine Fenja geworfen, auf das schöne Mädchen mit der reichen Mitgift; ihr Onkel würde da gewiß nicht knickerig sein. Und sich ausleben, das wollte er, wollte es so ungestüm, daß er es gar nicht sagen konnte.
Als die Grakins zum ersten Male gekommen waren, hatte er sich vergeblich um die Witwe bemüht; im vorhergehenden Sommer hatte er sich dann an das Töchterchen herangemacht; wie Himmelsmanna hatte er sie dann aufs neue erwartet.
Aber auch Afonka, der dienende Bruder beim Abt, war hinter ihr her, hatte Spaziergänge mit ihr gemacht; keiner der beiden wollte vor dem andern zurücktreten; beide hatten das junge Mädchen einen ganzen Monat ergebnislos umworben …
Nikolka ging an ihrem Fenster vorüber, versicherte sich persönlich davon, daß die Grakins eingetroffen waren, und sprach in der Bude vor, um Teufelschrisam – Branntwein – zu kaufen.
Das Fläschchen verbarg er in der Hosentasche unter der Kutte und schritt wieder langsam an ihren Fenstern vorüber.
Bloß einmal; dann ging er in seine Zelle.
Er wußte schon, was er wert war, der schmucke Bursche, ein Bild von einem Novizen, übermittelgroß, schlank, ohne hager zu sein – mit dem kastanienbraunen Ringelhaar, das bis auf die Schultern herabfiel, der samtweichen Stimme; der einzige Mangel an ihm waren seine gierigen Augen; fiel sein Blick auf etwas, was er mochte, so umstrickten sie es, huschten hin und her, als wollten sie es an sich reißen – bloß hingen die Trauben meist zu hoch für ihn. Gierige Augen hatte Nikolka; sie waren gierig geworden seit der Zeit, da er als Vorsänger sich blanke Zwanziger zusammengespart hatte, und gespart hatte er, um dereinst ein sorgloses Dasein zu führen; in Wohlstand und Ruhe wollte er leben.
Auch jetzt noch waren Zwanziger da, zwar die neuen, blanken waren längst abgewandert, aber alte waren dafür in dreifacher Zahl zurückgekommen, sie wuchsen ihm unter den Händen und vermehrten sich.
Im Winter hatten die Brüder keine Einkünfte, während sie im Sommer so manche Gabe von den Wallfahrern erhielten, auch schenkten sie ihnen geschnitzte Löffel und bekamen dafür eine Kleinigkeit zum Dank. Der Winter jedoch brachte nichts ein; im Herbst wurden die Sommereinkünfte verzehrt, dann kamen die Brüder zu Nikolka, um Geld von ihm zu borgen.
Nikolka war immer bereit dazu – warum hätte er ihnen nicht borgen, den Brüdern nicht helfen sollen? …
Er streckte gern einen Rubel vor, nahm Handwerkszeug als Pfand, und begannen dann die Brüder im Frühjahr Löffel zu schnitzen, so bezahlten sie ihm in Waren, in geschnitzten Löffeln, das Zwei- und Dreifache.
Kam dann der Sommer, so hatten sich bei Nikolka wohl dreißig Dutzend Schnitzlöffel angesammelt. Er brachte sie als Erinnerungsgabe den Wallfahrern in die Herberge; die setzten ihm zum Dank Leckerbissen aus der Stadt vor und gaben ihm darüber hinaus zwanzig Kopeken für den geschnitzten Ahornlöffel, manch einer auch ganze fünfzig Kopeken, wenn er's hatte.
So wuchsen denn die Zwanziger bei Nikolka; er nahm keine Prozente von den Brüdern, die Zwanziger aber wuchsen und wuchsen, ohne daß er sie hätte begießen müssen.
Mit dem Löffelschnitzen begann die Bruderschaft gegen den Frühling, wenn die Tage länger wurden; im Winter wurden Ahornklötzchen getrocknet, im Frühjahr die trockenen Klötzchen dann ausgemeißelt; wenn die Sonne wieder wärmer schien, wurden die Vergißmeinnicht und Rosetten darauf mit Farbe bedeckt.
Auch Waßja der Blöde schnitzte Löffel von morgens früh bis abends spät und gab alles Nikolka ab, bei dem er tief in Schulden steckte. Er arbeitete sauber, wurde darin von niemand übertroffen; den Stiel versah er mit Schnitzwerk in beliebiger Gestalt: drei Finger, zum Kreuzschlagen vereint, oder ein Fischlein mit goldenen Schuppen, oder drei zum Bekreuzigen gekrümmte Finger, die ein kleines Ei hielten.
Als Nikolka in seine Zelle gekommen war, ließ er das Fläschchen an einem Bindfaden in den Vorratsraum unter dem Fußboden hinab, öffnete seine kleine Truhe und suchte unter Waßjas Kunsterzeugnissen ein Paar der schönsten Stücke aus.
Kaum war er damit fertig, als zur Messe geläutet wurde.
Nikolka holte seine neue Lüstrinkutte hervor, dazu ein neues Käppchen, kämmte sich das Haar mit einem breiten Kamm, träufelte auf diesen ein wenig Rosenöl und zerrte ihn aufs neue durch seine Mähne.
Während der Abendmesse stand er da und äugelte, ließ seine schwarzen Augen blitzen, warf der kleinen Fenja Blicke zu.
Fenja trat mit ihrer Mutter zusammen aus der Kirche; würdevoll ging er auf sie zu.
»Willkommen, Antonina Kirillowna! Sie haben geruht, zu uns zu kommen, um hier zu weilen und zu beten?«
»Fenja braucht Erholung, sie ist in die siebente Klasse versetzt worden; da sind wir denn hergekommen, um den Sommer hier zu verbringen.«
»Erinnern Sie sich noch, ich hatte Ihnen Löffel mit Goldfischstiel versprochen; gefallen Ihnen vielleicht diese?«
»Weshalb verwöhnen Sie uns so, Vater?«
»Wenn Sie mit diesen Löffeln essen, gedenken Sie unseres Klosters und der Bruderschaft.«
Er begleitete sie bis an das Häuschen und wurde zum Tee eingeladen.
»Wenn Sie gestatten, werde ich es für meine Pflicht erachten, morgen nach dem Mittagsmahl bei Ihnen vorzusprechen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.«
»Bitte schön, Vater, kommen Sie nur, es wird uns eine Freude sein.«
Nikolka verneigte sich würdevoll, blitzte die kleine Fenja gierig an und schritt gemessen seines Weges.
Unterwegs bog er in den Gemüsegarten des Klosters ein, riß sich heimlich grüne Zwiebeln ab – das Fläschchen war ihm in den Sinn gekommen. Als er in seine Zelle trat, saß Waßja wartend auf dem Bettrand.
Nikolka zog aus dem Kellerschlupf das abgekühlte Fläschchen hervor … Waßja saß da und schwieg, starrte bloß das Fläschchen an.
Nachdem er ein heiliges Lämpchen voll Schnaps bis auf den Grund geleert hatte, löste sich seine Zunge.
»Ich bin so verwirrt, habe solch einen Schreck gehabt!«
»Was hat dich denn so erschreckt, Waßja?«
»Ich habe rein Angst, es zu erzählen.«
»Trink man noch ein heiliges Lämpchen aus, dann vergeht die Angst schon, fort ist sie plötzlich, wie mit der Hand weggewischt. Also erzähle, mein lieber Freund.«
Es wurde noch je ein Lämpchen geleert, darauf aß man Brot mit Salz und grünen Zwiebeln.
»Na, also erzähl', Waßja, was hat's gegeben?«
»Wie so verschieden einem doch der Satan erscheint, in welch wechselnder Gestalt er einen nicht versucht!«
»Na?«
»Mutter Jewstafia kennst du doch?«
»Schwester Nikodimowa meinst du?«
»Ja, Kolenka, die meine ich, aber nicht sie war es – es war der Satan der Sinneslust.«
»Also, was war denn das für ein Satan?«
»Ins Gras hieß sie mich niedersetzen – nach dem Abendessen hatte sie mich gebeten, heilige Orte mit ihr zu besuchen: ›Du bist ein Mann Gottes‹, sagte sie, ›unsichtbar ruht die Gnade des Herrn über dir, komm mit mir‹.«
»Wohin wart ihr gegangen?«
»Nach dem fernen Brunnen des Eremiten, nach jenem bei dem Domänenwald.«
»Also an den abgelegensten Ort?«
»Ich erzählte ihr von dem Erdenwallen des Heiligen, sie aber setzte sich ins Gras und sagte: ›Ich höre dich schlecht, komm, setz' dich näher zu mir, Waßenka, Liebling.‹ Ich erzähle ihr von dem Eremiten, sie aber fängt plötzlich an, meine Hände zu küssen. Ich sage ihr, ich sei dessen nicht wert, sie aber antwortet: ›Du bist ein Mann Gottes, Segen ruht über dir … Deine Füße muß ich, sündige Magd, küssen, Offenbarung sendet mir der Herr durch dich, Waßenka, seinen Segen sendet er‹.«
»Was wollte sie denn von dir haben?«
»Ich weiß nicht, Kolenka, was sie von mir haben wollte, es war ja nicht sie, Satan äffte mich im Walde, Satan hat sich an mir ergötzt. ›Deine Füße will ich küssen‹, sagte sie, dabei aber … ›dann strömt der Segen des Herrn aus dir in mich über!‹ – dabei aber fuhr sie, die Jewstafia, mir in die Hosen, so daß ich tödlich erschrak. Ein Zittern befiel mich vor Schreck, ich rannte sogar davon, sie aber brach in Tränen aus, daß mich ihr Anblick dauerte, und doch war es bloß der Satan, der Verfluchte, und sie weinte so, bebte am ganzen Leibe. ›Um fromme Seligkeit bringst du mich mutwillig, der Herr sei dein Richter! …‹ schluchzte sie … Gib mir noch ein Lämpchen, Nikolka; gibst du mir noch eins?«
»Wo ist die Jewstafia denn geblieben?«
»Plötzlich war sie verschwunden, Kolenka, ganz plötzlich. Als ich vor ihr floh, war sie auf einmal nicht mehr da. Ich kehrte nachher zurück, um nachzuschauen, aber sie war verschwunden, bloß das Gras war niedergedrückt; ins undurchdringliche Dickicht ist sie geschlüpft.«
»Na, meine Jewstafia entschlüpft mir jetzt nicht mehr, Bruder!«
»Hast du sie denn gesehen? Hast sie im Walde getroffen, ja? … Ich gehe jetzt nicht weg von dir, sonst kommt sie mir noch in meine Zelle, die Ertrunkene. Ich habe sie ja nachher gesucht, bin durch den ganzen Wald gestreift, habe alle Schlupfwinkel abgesucht, bis zum Sumpf bin ich gelaufen, habe hineingeschaut, und da ist ein Loch, eine schwarze Grube … Mir war, als müßte Jewstafia wirklich da gewesen sein, aus dem Loch gluckste Schluchzen herauf – es zog mich, es drängte mich, hineinzuschauen, aber ich schlug nur das Kreuz über den üblen Ort. Da hörte das Schluchzen gleich auf, und das Loch verschwand – es war alles bloß Satanswerk. Satan versucht mich unablässig – ich habe solche Angst vor ihm, dem eklen Schmutzfink, er trippelt hinter mir her, zupft mich an der Kutte … Ich gehe nicht weg von dir, Kolenka, tu, was du willst, ich gehe nicht weg! Jage mich nur nicht davon, sonst kommt die Jewstafia in der Nacht wieder zu mir, wieder gerate ich in Versuchung – jage mich nicht weg, jage mich nicht weg, Kolenka!«
»Und meine war heute zur Abendmesse, Bruder!«
»Du mußt das Kreuz über sie schlagen, vor dem Kreuz haben sie Angst, das Kreuz mußt du über sie schlagen, hörst du, Kolenka!«
»Küssen muß ich sie, das Kreuz hilft mir nicht.«
»Die Teufelin küssen, Kolenka?!«
»Ach was, Teufelin – die kleine Fenja Grakina meine ich, du hast sie doch gesehen? Du selbst hast mir ja von ihr erzählt.«
»Fenja, die Tochter des Bösen, vertreib mit dem Besen …«
»Ach, Waßja, wenn du aus dem Lämpchen geschleckt hast, wirst du sofort ganz zum Idioten – du solltest zum Bruder Samariter gehen. Es ist bald aus mit dir, Waßja, aus und zu Ende; deine Löffel aber sind gut, Bruder, und dann bleib ich ohne Löffel.«
»Vertreib den Satan, Kolenka, vertreib ihn!«
»Die Löffel haben ihnen gefallen – zum Tee haben sie mich auf morgen eingeladen; komm mit! Zum Tee gibt's ja wohl Chrisam, und ihr Chrisam ist gut und stark.«
»Haben sie auch heilige Lämpchen zum Trinken? … Nimm deine mit, die sind so schön groß!«
»Na, trink dein Lämpchen aus und dann troll' dich in deine Zelle – kannst da den Teufel vertreiben mit deiner Jewstafia, sonst geht er nach innen.«
»Ich gehe nicht hin, Kolenka, ich habe Angst, schreck' mich nicht mit der Teufelin …«
»Also nun geh, sag' ich.«
»Aber in meine Zelle gehe ich nicht, da wartet Jewstafia auf mich.«
»Bald hängst du dich auf, Waßja; noch eine Weile geht's mit der Zersetzung weiter, und aus ist's mit dir, bei lebendigem Leibe verfaulst du. Du tätest besser, dich zu erhängen; ich will dir auch einen Strick als Gastgeschenk mitgeben, du tust einem schließlich leid – na, da hast du noch ein heiliges Lämpchen zum Abschied, Waßja.«
»Ich gehe schon, Kolenka, ich gehe schon, jage mich nur nicht fort, ich gehe schon von selbst – nur daß der Nachtteufel so fürchterlich ist, ach, wie fürchterlich! …«
Nikolka holte einen Strick hervor, reichte ihn Waßja, begleitete den Blöden bis an die Schwelle und legte sich dann selbst auf die Bank, um von der kleinen Fenja Grakina zu träumen. Es war eine Mondnacht, die Nachtigallen schlugen im Klostergarten, und sein ganzes Leben lag noch vor ihm – und die kleine Fenja stand da, wie lebendig, und lächelte …
Waßja irrte durch den schlafenden Klosterhof, Nikolkas Strick in der Hand, kam nicht zur Ruhe und dachte bei sich, daß er den Teufel wohl doch nicht dadurch vertreiben würde, daß er sich eine Schlinge um den Hals legt und sich aufhängt.
Zerzaust, betrunken, schwankte er die Holzstege entlang von Zelle zu Zelle.
Die Gedanken wogten ihm durch den Kopf wie schwelende Teufel.
»Dem Teufel mache ich eine Freude, ergötze den Satan mit diesem Strick hier, schände Gottes Wesenheit … Kasteiung des geilen Leibes, das ist's, wodurch man ihn vertreibt! Der Strick aber soll mir gute Dienste leisten zur Züchtigung des schwachen Fleisches, wenn es um eine Spende bettelt, wie der Blinde an der Kirchentür … Herr, ich flehe zu dir, erhöre mich … Erhöre mich, Herr!« sang er in trunkenem Fistelton und wankte zu dem Glöckner.
Die Tür zum Glockenturm des Klosters stand offen; dunkel stieg die Treppe hinan; unter der Treppe befand sich die Höhle des alten Glöckners.
Durch das hallende Dunkel zitterte Waßjas dünner trunkener Tenor, schlug an die verschlafenen Glocken, und bronzenes Geflüster zog durch die Finsternis.
»Der mitternächtige Teufel umstrickt deinen ruchlosen Knecht; er weiche von mir! Herr, erbarme dich meiner, Herr, sei mir Ruchlosem gnädig!«
Unter der Treppe wühlte er sich in das stickige Heu, lauschte, vor jedem tieferen Atemzug bange, dem bronzenen Gemurmel und schlief schließlich ein, den Strick um die Hand gewunden.
Nikolka dachte noch einmal an Waßja, drehte sich auf die andere Seite und begann in trunkenem Halbschlaf wieder von der kleinen Fenja Grakina zu träumen; so, unentkleidet, schlief er denn auch ein, in seiner neuen Lüstrinkutte.
III
Inhaltsverzeichnis
Schmetternd wie eine Nachtigall sang Nikolka während der Mittagsmesse, zur Freude des Chordirigenten.
Wie berauscht pochte Nikolkas Herz.
Er schwelgte in der Erwartung der bevorstehenden Zusammenkunft mit der kleinen Fenja nach dem Mittagsmahl. Schielte vom Chor hinab, suchte unter der betenden Menge nach Fenjas goldenen Löckchen.
Sie war nicht zur Messe gekommen, pflegte wohl der Ruhe; unnütz hatte er sich so angestrengt, seine machtvolle Stimme so schmetternd tönen lassen!
Zu Waßja ging er nicht mit heran, den langen Afonka, den Dienstbruder des Abtes, holte er sich in der Hoffnung, von ihm den Schlüssel vom Boot zu erlangen. Nikolka und Afonka – Afanaßij Timofejewitsch Kaljabin war sein voller Name – waren Freunde, richtige Busenfreunde.
Lang war Afonka, und lang und schlenkernd hingen ihm die Arme am Leibe hinab, auch war er ein wenig glotzäugig, die molligen Kaufmannsfrauen aber fanden Gefallen an ihm; er hatte eine gewaltige, kühn gebogene Nase, eine Hakennase, und einen Struwwelkopf – der reine Absalom aus der Bibel, ein ungefüger Waldschrat, dabei aber ganz versessen auf die Weiber und der rechte Mann für sie. Im ganzen Gouvernement war er seiner Talente wegen berühmt, im Flüsterton raunten vor hitzehauchenden Öfen die Kaufmannsfrauen einander zu, daß es in der ganzen Welt nichts Ähnliches gäbe, er spende einem solche Seligkeit, daß nichts Schöneres darüber hinaus denkbar sei.
Nikolka war durch seine Schönheit berühmt, Afonka durch seine Hakennase. Ihr Freundschaftsbund war stark und fest, und oft hatten sie untereinander zarte Vereinbarungen getroffen und die Kaufmannsweiber unter sich geteilt: der eine nahm sich des Töchterchens, der andere der Mama an – so wurde die Aufmerksamkeit der einen von der anderen abgelenkt.
Auch diesmal hoffte Nikolka auf Afonkas freundschaftliche Hilfe und forderte ihn darum auf, mit ihm zu den Grakins zum Tee zu gehen. Quer über den Hof vor den Pferdeställen schritten sie dem Landhäuschen zu.
Nikolka klopfte an die Tür, während er gewohnheitsgemäß eilig ein Gebet vor sich hinmurmelte:
»Um der Fürbitte unserer Heiligen willen sei uns gnädig, o Herre Jesu Christ …«
Die Mama, die man hinter der Tür mit Tassen klappern hörte, rief in singendem Tonfall zurück:
»Treten Sie ein, Vater!«
»Ich bringe einen Amtsbruder mit, meinen Freund …«
»Bitte schön, kommen Sie nur herein …«
Nikolka trat ein, blickte die kleine Fenja an und wußte nicht, worüber er mit ihr sprechen sollte. Bisher war es einfacher gewesen, er hatte immer nur auf kurze Zeit Bekanntschaften geschlossen, auf acht oder vierzehn Tage, bloß um eine junge Kaufmannsfrau oder ein Kaufmannstöchterchen zu umstricken und dann wieder fallenzulassen; das lag ihm näher. Hier aber wußte er gar nicht, wie er zu Werke gehen sollte, hatte er doch im Sinn, die kleine Fenja mit all ihrem Hab und Gut und allem Gelde an sich zu bringen: da fehlten ihm die Worte, sie wollten nicht über die Zunge, nicht aus der Kehle heraus, selbst alles Hüsteln brachte sie nicht hervor.
Um die Unterhaltung in Gang zu bringen, bemerkte Antonina Kirillowna:
»Welche Ruhe hier bei Ihnen herrscht, Vater!«
Afonka, der gierig nach dem Tisch schielte, auf allerlei dem Fastenden verbotene Leckerbissen, antwortete in salbungsvoll gedehntem Tonfall:
»Gesegnet sind die Lüfte hier, da haben Sie recht.«
»Der Frühling ist so mild in diesem Jahr; wir sind erst im Mai, und dabei ist es so warm, als wäre es schon Sommer.«
»Im Sommer wird's noch wärmer.«
»In der Stadt ist es stickig und staubig, hier aber tut einem jeder Atemzug wohl, so köstlich ist die Luft …«
»Zum Ersticken ist's in dem Gestein der Stadt …«
»Nehmen Sie etwas zu sich, Vater.«
»Wir fasten; was dagegen verstößt, essen wir nicht.«
Bei diesen Worten seines Freundes dachte Nikolka:
»Was tut der bloß so, der Hundsfott?«
Und er sagte rasch:
»Der heilige Tichon von Sadonsk pflegte bei Laien alles zu essen.«
»So nehmen Sie doch Bücklinge, Vater Afanaßij«, forderte Frau Klimowa auf.
Nach Bücklingen aß man gedörrten Stör, dann herrlichen Lachs, dann Wurst; dazu wurde Branntwein getrunken; darauf lösten sich allmählich die Zungen, und die Unterhaltung kam in Gang. Afonka und Frau Klimowa, die Freundin von Fenjas Mutter, gedachten des vergangenen Sommers, da Afonka die Gesellschaft in den Wald auf die Himbeersuche geführt hatte.
»Diesmal sind wir auf lange Zeit gekommen, Vater Afanaßij …«
»Im vorigen Jahr waren Sie bloß eine Woche hier.«
»Jetzt bleiben wir lange.«
Dabei blinzelte Frau Klimowa dem Langen mit einem Auge zu.
Als es dann ans Teetrinken ging, hatte auch Nikolka seine Scheu überwunden; die geistliche Schule, die er besucht hatte, war ihm in den Sinn gekommen, und so knüpfte er ein passendes Gespräch mit der kleinen Fenja an.
»Bei Ihnen nimmt das Lernen wohl überhaupt kein Ende, Fjokla Timofejewna?«
»Aber wieso denn, Vater Nikolai, ein Lyzeum ohne Ende, das gibt's doch gar nicht!«
»Werden Sie nachher weiter studieren?«
»Ich weiß nicht recht, Mama will nicht erlauben, daß ich die Hochschule besuche, und mich so aufs Geratewohl hin vorzubereiten, dazu bin ich zu faul.«
»Mir hat es leid getan, als ich die geistliche Schule verlassen mußte; ich wollte durchaus aufs Seminar, aber meinen Eltern fehlten die Mittel zu meiner Ausbildung, und so mußte ich abbrechen.«
»Mir ist es nur um die Trennung von meinen Freundinnen leid, sonst habe ich eigentlich genug vom Lernen; acht Jahre lang bin ich nun im Lyzeum, zweimal haben sie mich in derselben Klasse sitzen lassen – und jetzt ödet mich die Sache an.«
»Bei Ihren Mitteln ist das Lernen natürlich ganz überflüssig, das stimmt schon; ohne das viele Wissen lebt sich's heiterer; schließlich leidet bloß die Gesundheit darunter.«
Von seiner Einsamkeit wollte Nikolka reden, davon, daß er der Welt entsagt habe, aus eigenem Antrieb, seiner Berufung folgend ins Kloster gegangen sei, aber er spürte, daß das eben nicht gut angebracht wäre, es war noch zu früh dazu; darüber mußte man unter vier Augen sprechen, im Walde, um auf das Gefühl des Mädchens einzuwirken; und so wußte er wieder nicht, was er weiter sagen sollte …
Frau Grakinas kleine Freundin Klimowa aber saß da und lachte hell, neckte Nikolka und Afonka und machte sie verlegen; obwohl Nikolka ja ein vielerfahrener Bursche war und sie vom vorigen Jahr her kannte – trotzdem hatte sie ihn verlegen gemacht.
Akindin, der Vorsteher des Klosterladens, erschien als Retter in der Not; er klopfte ans Fenster und trippelte im Trab an den Tisch. Er war ein kleines, hageres Mönchlein mit einem schwarzen, graumelierten Spitzbart, einer spitzen Nase und huschenden, scharf beobachtenden Augen.
»Ich komme ein wenig zu spät, aber ich hole mein Teil schon nach. Willkommen, Mütterchen Grakina! Empfangen Sie nochmals meine Glückwünsche anläßlich Ihrer glücklichen Ankunft!«
»Nehmen Sie Platz, Vater. Sie kommen nicht zu spät, setzen Sie sich und greifen Sie zu.«
»Leckerbissen aus der Stadt, die mag ich gern; bei uns gibt's ja immer nur Kohlsuppe und Kwas, Kwas und Kohlsuppe. Was Sie da für prächtige Fischlein haben, Bücklinge sind's; ein braves Fischchen ist das, der Bückling, ich mag's gern. Fleischsachen esse ich nicht, das können die da tun, Fischlein aber mag ich so gern – die Klosterregel verbietet uns Mönchen das nicht.«
»Lassen Sie sich's schmecken, Vater.«
»Beabsichtigen Sie längere Zeit bei uns zu verweilen?«
»Wir wollen den ganzen Sommer über bleiben.«
»Das lobe ich mir! Ich kenne all die beerenreichen Stellen; wenn die Beerenzeit kommt, führe ich Sie unbedingt hin – unsere Beeren sind ja ganz was anderes als die in der Stadt; Walderdbeeren gibt's auf den Lichtungen im Domänenwald in Unmengen: groß und von herrlichem Duft – der reine Weihrauch!«
Seiner Gewohnheit nach schwatzte Akindin nur so darauf los; es war ja nicht das erste Jahr, daß er bei Wallfahrern und Sommergästen Tee trank; aus Gewohnheit hatte er sich auch auf dem Sofa näher an die Hausfrau herangesetzt; nun begann er, sie mit angenehmen Gesprächen zu unterhalten.
»In diesem Winter hat ein Bär im Walde einen unserer Mönche zerrissen. Aber Sie können ganz ruhig sein, im Sommer rühren die Tiere niemand an, im Sommer sind sie immer satt – sie ernähren sich von allerlei Beeren. Im vorigen Jahr ist Vater Feognost – wissen Sie, jener, der während der Abendmesse mit der Sammelbüchse herumgeht und zur Verzierung der Kirche Spenden sammelt –, der also ist im Himbeergestrüpp auf einen Bären gestoßen und hat nicht einmal einen Schreck gekriegt, sondern hat sein Käppchen abgenommen und Meister Petz eine Verbeugung gemacht: ›Guten Appetit, mein ehrenwerter Herr‹, hat er gesagt; ›gestatten Sie, Ihnen Gesellschaft zu leisten!‹ Der Bär hat ihn angestarrt, ihn eingehend betrachtet, aber Vater Feognost hat ihm nicht gefallen: Meister Petz hat sich schließlich abgewandt und ist abgezogen – nach Hause, in den Wald.«
»Ach, Vater, das kann doch nicht wahr sein!«
»Es ist die lautere Wahrheit, Mütterchen – im Sommer sind die Bären immer ganz zahm. In der Nähe hier gibt's übrigens keine, etwa zwei Werst weiter, da trifft man gelegentlich noch einen; hier aber hat sie die Eisenbahn vergrämt, sie mögen das Ding nicht. Früher, da statteten sie zuweilen wohl auch dem Kloster einen Besuch ab; einer hat einmal im Frühjahr sogar bei einem unserer Klostergeistlichen an die Zelle geklopft – der Pförtner, der Kleingläubige, hatte einen Schreck vor dem Gast bekommen und war in seine Kammer geflüchtet, und da war denn Meister Petz durch das Allerheiligste ins Kloster eingedrungen. Der ganzen Bruderschaft fuhr der Schreck in die Glieder; das war vielleicht eine Aufregung! …«
»Ich gieße Ihnen noch ein Gläschen ein.«
»Ein Trunk aus Ihren Händchen? Da trink ich sogar mit dem allergrößten Vergnügen noch ein Glas – Ihr Tee ist prächtig, so aromatisch. Nikolka, du solltest mal unsere Gäste im Boot spazieren fahren und dem Fräulein unseren See zeigen. Wir haben einen herrlichen See, mein kleines Fräulein, auch Blumen gibt's da, Mummeln und Wasserblumen; bitten Sie nur Vater Nikolai, der bringt Sie bald hin, er tut's immer, und Vater Afanaßij gibt den Schlüssel dazu.«
Nach seiner Gewohnheit plapperte Akindin wie aufgezogen und rückte nach dem süßen Branntwein immer näher an die Witwe Grakina heran, die ihrerseits schon ganz bis an den Rand gerückt war; er aber kam ihr immer näher; seine Augen blickten stur und ölig; seine Hand streichelte ihre Schulter, während er mit der anderen an seinem Ziegenbärtchen zupfte.
»Ich mag das nicht, Vater Akindin.«
»Sie müssen mir nicht böse sein, Mütterchen – ich bin Ihnen von ganzem Herzen ergeben, so daß ich es gar nicht sagen kann; ich bitte um Ihr Händchen, um es ehrfurchtsvoll zu küssen.«
Er machte sich daran, ihr die Hand zu küssen, drückte einen Kuß darauf, streichelte sie, küßte sie wieder.
Afonka starrte auf den Fußboden, schielte böse auf Akindin – Eifersucht überkam ihn; auch er hatte sehnsüchtig auf Fenjas Ankunft gewartet.
Akindin forderte zu einem Spaziergang im Walde auf.
»Es ist jetzt so herrlich im Walde. Die Fichten treiben Harz, und ein weihevoller Wohlgeruch geht von ihnen aus. Ich kenne da eine Stelle, eine wunderbare Stelle, ganz von Gottes Herrlichkeit erfüllt! Eine Tanne steht da auf der Lichtung, wir nennen sie die Königstanne, und fürwahr sie ist eine Königin, sie überragt den ganzen Wald und ist von unsagbarer Schönheit; Maler sind aus der Hauptstadt hergekommen, nur um diese Tanne zu malen.«
Akindin zog mit der Witwe und ihrer lustigen Freundin los, um ihnen die Königstanne zu zeigen; Nikolai und Afonka schritten mit der kleinen Fenja hinterher.
Akindin suchte, sich bei beiden lieb Kind zu machen.
Bis zur Abendmesse streiften sie durch den Wald, bis zur Abendmesse plapperte Akindin darauflos, immer bemüht, die Kaufmannswitwe zu berühren: bald half er ihr über einen Graben, den Arm um ihre Taille geschlungen, bald war er ihr behilflich, an sumpfigen Stellen von Grasinsel zu Grasinsel zu springen.
Nikolka biß sich in die Lippen vor Neid und Ärger; kein Wort vermochte er hervorzubringen. Er sah die kleine Fenja bloß immer an, genoß ihren Anblick und sagte sich hartnäckig, daß der Sommer noch lang sei, daß er sein Ziel schon erreichen, das Mädel sich nicht entwischen lassen, es niemand abtreten würde; inzwischen bemühte sich Afonka eifrig um sie.
Afonka und Nikolka gingen zusammen nach Hause, in Schweigen versunken; zum erstenmal war es so gekommen, daß sie hinter ein und demselben Mädchen her waren, und da waren sie wütend aufeinander; weder der eine noch der andere wollte vor dem Freunde zurücktreten; das war beiden ohne Worte klar.
Als sie sich dem Kloster näherten, sagte Nikolka, als hätte er nichts bemerkt:
»Trinken wir eins, Afonka?! Hm? …«
Zögernd antwortete dieser:
»Wenn du mich freihältst, schön; ich gebe kein Geld aus.«
»Warte am Tor zum Wirtschaftshof, ich bin gleich wieder da.«
Nikolka kehrte mit einer Flasche zurück; im Laufen hatte er die ganze Zeit gedacht: Ich halte ihn zum Trinken an, ist er erst betrunken, dann beginnt ein besonderes Gespräch. Und schon formte sich ein Plan in seinem Kopfe, und der war etwas ganz Besonderes: er wollte den Freund überrumpeln, ihm ein verlockendes Angebot machen, und wenn er anbiß, wenn er bloß anbiß, dann würde schon alles gut gehen! Etwas Besonderes müßte es sein, damit er der Versuchung nicht widerstehen kann; ein Klotz ist Afonka, aber sein Wort hält er; das muß er ihm entreißen, sein Wort muß er haben.
In die Zelle gekommen, zündeten sie ein Kopekenkerzlein an und leerten schweigend ein heiliges Lämpchen, krächzten, kippten ein zweites hinunter, auch schweigend, bloß Afonkas zottiger Schatten vom Kopekenkerzlein an der Wand wogte unruhig hin und her, und seine Nase stak höckerig hervor, und es schien, daß es nicht Afonka war, dem der Branntwein den Atem verschlagen hatte, so daß er schnaufte, sondern als raschelte sein Schatten trunken an der Wand.
Ein drittes Lämpchen wurde gefüllt, da konnte Nikolka nicht länger an sich halten.
»Wie teilen wir uns in sie?«
»In wen?«
»In die kleine Fenja!«
»Die nehme ich.«
Die wohlbekannte Antwort hatte Nikolka vorausgesehen, aber trotzdem gefragt, weil er nicht wußte, wie mit dem Besonderen beginnen, das er zu sagen hatte; jetzt schoß er los:
»Bist du mein Freund oder bist du's nicht, Afonka? Also sage mir, bist du mein Freund? Nein, warte mal, ich will dir die Sache erst klarmachen, du aber höre zu; nachher wirst du dann selbst einsehen, daß du mein Freund bist. Ich habe die Absicht, das Kloster zu verlassen, endgültig, und nie mehr zurückzukehren. Bei meiner Stimme – ich wünschte, Gott gäbe auch anderen eine solche Stimme –, bei meiner Stimme macht mich der Bischof nicht bloß zum Diakonus, zum Oberpriester macht er mich; ich will mich aber nicht in irgendeinem Dorf vergraben und eine Popen- oder gar eine Diakonentochter heiraten. Gieß mal wieder ein, Afonka, trinken wir eins … Du dagegen hast keine Wahl, du bleibst sowieso im Kloster, während ich eine Braut haben muß – nein, warte noch, laß mich zu Ende sprechen – eine, die Geld hat, muß es sein, eine, die keinen Vater hat; du verstehst – Fenja Grakina meine ich.«
»Die wird mein.«
»Halt, Afonka, so warte doch! Ich will dir da einen Vorschlag machen, daß du staunen wirst: Ich gebe dir die Hälfte der Mitgift ab, was sagst du dazu? Die Hälfte soll dein sein, und du kannst als Freund auch bei mir wohnen, oder du machst ein Geschäft auf. Gieß mal noch ein Lämpchen voll, trinken wir eins.«
»Zuerst soll sie mein sein, nachher kannst du mit ihr machen, was du willst; ich trete sie dir dann ab.«
»Ich meine es ernst, Afonka; halt' mich nicht zum besten, sonst …«
»Bleibt dir denn da zu wenig übrig? Du nimmst das Geld, ich das Mädel. So hat jeder sein Teil; bist du einverstanden? Sprich! Das ist nur gerecht.«
»... sonst, sage ich …«
Nikolai erhob sich, packte die Flasche am Halse, stellte sie wieder hin. Afonka sprang auf. Gierig bohrten sich die Blicke der beiden ineinander, rot unterlaufen starrten die Augen. Afonka schob die Hand in die Tasche, tastete nach seinem Messer; Nikolai packte wieder die Flasche.
»Nun? …«
»Nun! …«
Es war Nikolai nicht gelungen, Afonka durch sein besonderes Angebot in Erstaunen zu setzen; für Nikolka war die halbe Mitgift etwas Besonderes, für Afonka aber gab es nichts »Besonderes« mehr in der Welt, wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte.
Noch einmal wiederholten sie:
»Nun? …«
»Nun! …«
So war es denn Afonka, der etwas Besonderes geäußert hatte, etwas, das Nikolka bis zur Raserei erbost hatte.
»Ziehen wir Tuchzipfel.«
»Das Los soll entscheiden?«
»Na …«
»Schön!«
Jeder der beiden hoffte, daß unbedingt er den Glückszipfel erwischen würde; das Blut flutete zurück aus den glühenden Schläfen. Nikolka holte sein Taschentuch hervor, machte einen Knoten; seine Hände zitterten, während er den Knoten knüpfte. Er goß die Lämpchen noch einmal voll, noch einmal wurden sie geleert. Dann zogen sie. Nikolai zog den Knoten – sein Glück, die kleine Fenja.
»Du siehst, das Schicksal will es so.«
»Das Schicksal! … Bloß, daß ich …«
»Was denn?«
»... sie dir nicht lasse.«
»Da hast du's denn! … Lump!«
Die Flasche flog sausend gegen Afonkas Nasenrücken, zertrümmerte den Höcker bis zum Knochen. Afonka schluckte schnappend rotes Naß, brach über dem Tisch zusammen, stürzte die Kerze um, stöhnte im Dunkeln und verstummte dann; man hörte nur, wie seine Lippen schmatzend das Blut von seinem roten Schnurrbart saugten und es ausspien. Nikolai scharrte in den Ecken umher, auf der Suche nach dem Lichtstümpchen; vor Schreck war sein Rausch verflogen. Mit der Schöpfkelle goß er Afonka Wasser über den Kopf, zerriß ein neues Hemd, legte ihm einen Verband an, und als Afonka schließlich wieder zu sich kam, flehte er ihn an, es niemand zu sagen, kein Wort davon verlauten zu lassen; er fürchtete, der Abt könnte ihm eine Kirchenbuße auferlegen, dann würde er nicht zu seinem Glücke kommen, würde die kleine Fenja überhaupt nicht sehen! Zu guter Letzt gelang es ihm: Afonka schwor bei Gott, seinem Freunde nicht in den Weg zu treten, da das Schicksal selbst für ihn entschieden hatte. Hätte Nikolai nicht das Glückslos gezogen, so wäre es ihm nie gelungen, Afonka dies Versprechen zu entreißen.
Seit jenem Tage verließ Afonka seine Zelle nicht mehr. Nikolka freute sich, brachte ihm Schnaps, fühlte aber, daß Afonka ihm die kleine Fenja nicht vergeben hatte, an seinen Augen sah er es. Den Schlüssel zum Boot hatte er aber von ihm erhalten und einen neuen Schlüssel zurückgebracht: er hatte nämlich das alte Hängeschloß ins Wasser geworfen und ein neues gekauft, mit zwei Schlüsseln dazu – einen für sich, einen für den Freund.
IV
Inhaltsverzeichnis
Nikolka kam mit dem Schlüssel zu der kleinen Fenja und forderte die Damen zu einer Bootfahrt auf.
»Ich habe den Schlüssel schon, Afonka hat ihn mir gegeben; nach dem Mittagessen hole ich Sie ab.«
Marja Karpowna Klimowa, kurz Maschenka genannt, sagte:
»Den Vater Afanaßij bringen Sie dann auch mit.«
»Dem ist ja ein Unglück zugestoßen, er muß das Bett hüten. Der Vater Abt hatte ihn nach dem Bienengarten geschickt, er sollte auf einen Bienenschwarm aufpassen; der Schwarm flog davon und hängte sich hoch oben an eine Fichte; Afanaßij holte eine Leiter herbei, stieg hinauf, aber die Leiter war zu kurz, so kletterte er denn an den Zweigen weiter und bemerkte nicht, daß er an einen dürren Ast kam; kaum hatte er ihn erfaßt und hing daran, als der Ast brach und Afanaßij, den Ast in den Händen, vom obersten Wipfel her den ganzen Baum entlang herabflog. Daß er dabei mit dem Leben davongekommen ist, das ist fürwahr ein rechtes Gotteswunder; wundersam hat ihn der Herr behütet; heil und ganz kam Afanaßij unten an, bloß die Nase hat er sich ein bißchen zerschlagen, und zwar an demselben Ast, an den geklammert er herabstürzte.«
Frau Grakina und Frau Klimowa beklagten das Unglück, Nikolai aber fuhr fort:
»Ich bringe Ihnen einen anderen Freund mit, ein braves Mönchlein, bloß sehr scheu, dafür aber ein goldenes Herz, eine Seele von einem Menschen.«
Kaum daß der Nebenbuhler verschwunden war, hatte sich Nikolkas Zunge gelöst, als hätte er das Glück bereits erwischt.
Er aß hastig zu Mittag, wühlte mit dem Löffel in der Kohlsuppe herum, konnte aber vor Aufregung nichts auf den Löffel bekommen und führte ihn leer zum Munde; die Fischsuppe ließ er stehen: der Fisch hatte so viel Gräten und war salzig, er angelte sich ein Fischlein heraus, stocherte mit dem Finger darin herum und ließ es auf dem Holzteller liegen; auch von der Grütze aß er nicht, bloß Brot mit Salz schlang er hinunter und trank Kwas dazu.
Während das Dankgebet gesungen wurde, stieß er den Kwasbrauer Vater Michail in den Rücken und forderte ihn zu der Bootfahrt auf:
»Komm mit, Michail, wir machen eine Kahnfahrt; du kommst dabei auch auf deine Rechnung …«
Marja Karpowna Klimowa, Maschenka, war ein fröhliches Frauchen, behend und leichtsinnig; ihr Gatte, Großkaufmann, war betagt, und so hatte sie eine Schwäche für Mönche; sie lachte hell – und dann hüpften die Grübchen in ihren Wangen nur so –, ließ ihre Glieder spielen, warf zuckend die Schultern zurück, lockte und umstrickte mit den Augen, als wollte sie sagen: Sieh doch mal, wie mollig ich bin!
Frau Grakina, Antonina Kirillowna, Fenjas Mutter, die war eine Frau, die etwas auf sich hielt; sie scherzte wohl mit den Mönchen und machte ihnen die Köpfe heiß, aber daß sie sich sonst etwas erlaubt hätte, das gab es nicht, da verstand sie keinen Spaß, war sich ihres Wertes bewußt und gab eifrigen Zungen keinen Anlaß zu müßigem Gerede. Es geschah ihrer Tochter wegen, die allmählich ins heiratsfähige Alter kam; sie wollte dem jungen Mädchen kein schlechtes Beispiel geben, und da hieß es, auf der Hut sein. Ist das Mädel erst verheiratet, so liegen die Sachen anders, dann ist die Tochter selbst für sich verantwortlich und die Mutter braucht ihr nichts mehr vorzumachen.
Doch einen Scherz zusammen mit Maschenka Klimowa, eine Neckerei mit den Klosterbrüdern, das hatte sie gern.
Frau Klimowa hingegen hatte eine Schwäche für das männliche Geschlecht. Hatte ein Getändel eine Woche gedauert, so konnte sie nicht länger an sich halten. Den Klosterbrüdern war sie schon seit langem gut bekannt.
Als Nikolai und Michail hinkamen, flüsterte dieser dem Freunde zu:
»Ah, diese … Weißt du denn nicht – im vorigen Jahr hat sie sich mit so manchem abgegeben.«
Die Gesellschaft schritt durch den Klosterhof und über die Wiesen dem Walde zu.
Vater Michail war ein rundlicher Bursche, bärenhaft, hatte rötlichen Haarwuchs; beim Lachen kniff er die Augen zusammen und schluchzte vor Vergnügen; furchte er die Stirn, so trafen die Brauen über der Nase zusammen, und die Nase sah aus wie ein platter Pfannkuchen; wenn er, die Stirn gefurcht, im Baß vor sich hin brummte, schien es: nicht aus seiner Kehle, sondern aus diesem Pfannkuchen käme das Gebrumm.
Mit Weibern war Vater Michail scheu und lüstern.
Wie angeklebt schritt er neben Maschenka Klimowa einher; ihre leichte Batistbluse verwirrte ihn, mit dem einen Auge starrte er auf ihre kleine rundliche Schulter, den Blick des anderen senkte er in den Halsausschnitt.
»Was schauen Sie denn da hinein, Vater Michail?«
»Es ist ein so leichter Stoff, ist Ihnen darin nicht kalt?«
»Kein bißchen, Vater Michail, ich bin heißblütig, mir ist niemals kalt; überzeugen Sie sich.«
Sie ergriff seine Hand, legte sie auf den Ausschnitt, wo die Brüste ansetzten, ließ sie dort einen Augenblick ruhen, schleuderte sie dann weg und brach in helles Lachen aus.
»Nicht wahr, ich bin ganz heiß? Glauben Sie's jetzt?«
Vater Michail glühte, abgerissen brummte er:
»Hohe Temperatur.«
»Und Sie meinten noch, mir wäre kalt! Erzählen Sie mir einmal, wer von den Sommerfrischlern gefällt Ihnen am besten?«
»Maschenka, versetz' Vater Michail nicht in solche Ängste, vor Schreck läuft er dir noch davon«, sagte Frau Antonina Grakina.
»Der läuft mir nicht davon, Tonja – ich habe ein Zaubertränklein, das fesselt ihn an mich.«
Vater Michail brummte verlegen, Nikolai mußte sogar lachen, auch die kleine Fenja lächelte schüchtern, Vater Michail war gar zu komisch.
»Vater Michail, Sie müssen am Abend zu mir kommen, ich setze Ihnen süßen Beerenschnaps vor.«
»Am Abend kann ich nicht kommen, das Klostertor wird bei uns früh geschlossen.«
»Ach, Ihr Klostertor! Nicht das erste Jahr bin ich hier Gast, ich weiß wohl nicht, daß man über die Umzäunung beim Wirtschaftshof klettern kann; das haben Sie wohl noch nie gemacht?«
»Am Abend kann ich nicht abkommen, der Vater Abt läßt mich nicht fort.«
»Wie Sie wollen, aber Sie werden's später bereuen.«
»Sie halten mich ja doch bloß zum besten.«
Und Vater Michail verstummte wieder brummig.
Nikolai bemühte sich inzwischen um die kleine Fenja.
Es kam ihr so sonderbar vor, sich mit einem Mönch zu unterhalten. Sie hätte ihn gern gefragt, warum er ins Kloster gegangen war und nicht in der Stadt lebte. Man ließ sie nirgends allein hin, immer war sie unter Aufsicht, selbst zu ihren Freundinnen wurde sie nur ungern gelassen; bloß im Lyzeum kam sie mit ihnen zusammen, und so überließ sie sich des Abends allein ihren Träumen. In Büchern hatte sie doch gelesen und auch sonst davon gehört, daß man oft wegen unglücklicher Liebe ins Kloster gehe; gewiß war das auch bei Vater Nikolai so. Er hatte ihr zwar gesagt, seinen Eltern hätte es an Mitteln zu seinem Studium gefehlt, aber vielleicht lag da etwas anderes vor, worüber er nicht sprechen mochte. Die kindliche Fenja liebte es, von tragischen Liebesabenteuern zu träumen, und sie meinte, jeder erglühe in verzehrender Liebe, wenn er keine Erhörung fände.
In Büchern hatte sie von solcher Liebe gelesen, und diese Bücher hatten ihr sehr gefallen. Bücher, in denen die Liebe zu einem glücklichen Ende führt, schienen ihr dumm und langweilig, jene aber, in denen der Liebende seinen Nebenbuhler oder sich selbst tötet, die mochte die kleine Fenja gar zu gern.
Auch sie wollte es ebenso machen wie jene, die den Geliebten abwiesen, um selber Liebesleid zu erfahren, zu schmachten und auch ihn schmachten zu lassen. Das mußte doch bestimmt die wahre Liebe sein, denn was ist das auch für eine Liebe, wenn zweie sich treffen, einander ihre Liebe gestehen, sich einen Kuß geben und vor den Altar treten! Von solch einer Liebe zu lesen, war langweilig, und ebenso zu lieben mußte langweilig sein. Wieviel Menschen sie auch kannte, alle heirateten immer, nie beging jemand Selbstmord, nie wurde jemand wahnsinnig vor Liebe, sondern die Leute lebten in aller Ruhe jahraus, jahrein nebeneinander her, machten Geschäfte, waren Beamte, gaben sich mit ihren Kindern ab, befragten an langen Winterabenden die Karten über ihr Schicksal, obgleich es ja eigentlich gar nichts mehr zu fragen gab, da ja bereits alles feststand und endgültig entschieden war. Heiratete er sie erst, so war es mit allen Geheimnissen aus und zu Ende; die Karten mochten fallen, wie sie wollten, immer würden sie dasselbe verkünden: Klatsch, Krankheiten, Erfolg, Begegnung mit dem König. In Wirklichkeit aber waren die Klatschgeschichten wohl frei erfunden, die Krankheiten so gewöhnlich – von Kurpfuschern ließ man sich behandeln –; Erfolg, das hieß ein gutes Geschäft. Was brauchte man da noch erst die Karten zu befragen! Und was die Begegnung mit dem König betrifft, so trat höchstens der Schutzmann am Kirchweihfeste in Erscheinung, der ins Haus kam, um seine Gratulation vorzubringen; sonst begegnete man nur noch Bekannten auf dem Markt; daß es aber einmal der Geliebte gewesen wäre, davon hatte Fenja nie gehört. Und was heißt denn überhaupt »Begegnung«?! Ist man erst einmal verheiratet, so ist's aus mit allen Begegnungen, von seinem Manne kommt man doch nicht los! Die Herbstabende waren so lang, in der Gouvernementsstadt gerade so wie in der Kreisstadt, endlos lang. Die kleine Fenja las einen schauerlichen Roman, Seite um Seite, und ging schließlich schlafen. Zusammengekringelt unter der Steppdecke wurde sie allmählich warm, der Schlaf wollte nicht kommen, so lag sie da und träumte.
Im Halbschlummer spannen sie die Träume wie ein Spinngewebe ein, daß sie nicht mehr aus noch ein wußte.
Wie sich's gehört, ist der Held von vornehmster Herkunft und titelgekrönt; er überschüttet sie mit Geschenken und drängt zur Flucht, sie aber bleibt unerbittlich, darum unerbittlich, weil sie den Traum weiter ausspinnen will, möglichst lang, und noch so manches, ganz Wunderbares hineinflechten möchte. Sie liebt ihn ja auch, aber ihr Stolz erlaubt es ihr nicht, ihm ihre Gefühle zu gestehen. Und ganze Zwiegespräche rollen sich ab, rein als läse sie ein Buch.
»Bis ans Ende der Welt will ich Ihnen folgen – bin ich denn Ihrer Liebe nicht wert?«
»Ich kann Sie nicht lieben, glauben Sie mir.«
»Ich bau' Ihnen ein herrliches Schloß, hülle Sie ein in sorgende Liebe, umgebe Sie mit Kurzweil und Vergnügungen …«
»Ich will nichts von Ihnen haben, quälen Sie mich nicht – bald lieben Sie ja wohl eine andere, eine vornehme Dame, ich bin ja bloß ein armes Mädchen, häßlich dazu; wer sollte mich lieben!«
»Ich schwöre Ihnen, die Welt birgt nichts Schöneres als Sie! Und nach Reichtum gehe ich nicht aus, Geld habe ich selber übergenug.«
Und es tut der kleinen Fenja so furchtbar leid, daß sie ihn nicht lieben kann, sie selber tut sich sogar leid, obwohl sie ja eigentlich fühlt, daß sie ihn liebt; bloß gestehen kann sie das nicht, darum ist sie grausam gegen ihn, unerbittlich.
Ein Sehnen überkommt sie, während sie endlos Luftschlösser baut; süßer Schlummer schleicht leise heran, sie will aber nicht einschlafen ohne Liebe. Ihre Grausamkeit, ihr Stolz schwinden dahin; sie gestattet ihm, ihre Hand zu küssen, und dann schlingt sie selbst ihre Arme um seinen Hals, und sie küssen sich in einem wunderbaren Garten, wo die Nachtigallen schlagen, der Mond scheint und üppige Blumen blühen. Und dann führt er sie in sein Haus, und dann … und dann wird der kleinen Fenja unheimlich vor dem Unbekannten, da sie nicht weiß, was dann mit ihr geschieht. Sie spürt bloß, daß es unheimlich schön sein muß, so schön, daß ihr das Herz im Leibe stillsteht bei der Vorstellung, wie er sie in seinem Hause mit Küssen überschüttet.
Wie die jungen Mädchen in den Büchern wollte sie sein und gab sich redlich Mühe, ihnen in allem nachzueifern.
Wenn sie aus der Schule heimgeht, so kommt ihr Petrowskij, Nikodim Alexandrowitsch, entgegen und begleitet sie bis ans Haus und spricht die ganze Zeit über von seinen Gefühlen; sie aber ist unerbittlich, grausam will sie gegen ihn sein, ihn schmachten lassen.
Bricht die Dämmerung an, so weiß Fenja selbst nicht recht, soll sie nun nach der Poststraße gehen oder soll sie's lieber bleiben lassen. Sie möchte ja gern gehen, aber ebenso gern möchte sie ihn quälen, und außerdem fürchtet sie auch, man möchte es zu Hause erfahren.
So sitzt sie denn da, und träumt, und dreht ein Schulbuch hin und her in der Hand, und schließlich meint sie, sie habe ganz vergessen, was aufgegeben sei, zieht sich an, um bei einer Freundin nachzufragen, und erklärt ihrer Mutter, sie habe vergessen, was zu morgen auf sei.
Kaum schnappt die Gartenpforte, da steht Petrowskij vor ihr, wie aus dem Erdboden emporgeschossen, und geht neben ihr her.
»Schon lange warte ich auf Sie, Sie kamen immer nicht.«
»Wir haben so viel zu morgen zu lernen, ich gehe zu meiner Freundin, um nachzufragen, was wir eigentlich aufhaben.«
»Darf ich Sie begleiten, Fenja?«
»Wie Sie wollen, aber kommen Sie mir nicht mit Ihren Dummheiten, die will ich gar nicht hören.«
»Fenja, Sie wissen ja gar nicht, wie schwer man es hat, wenn man so einsam ist! Lassen Sie uns wenigstens Freunde sein.«
Sie spricht bei ihrer Freundin vor, sitzt eine Weile, man plaudert, man lacht, während Petrowskij wie der Nachtwächter in der Gasse auf und ab geht – bei der Kälte wartet er auf sie.
Zusammen mit ihm geht sie nach Hause; er wagt es gar nicht mehr, von seinen Gefühlen zu sprechen, und so ist alles nur schales Gerede; unentschlossen und mühsam kommen ihm die Worte über die Lippen.
Da langweilt sie wieder das Zusammensein; sie schreitet neben Petrowskij einher und ärgert sich über ihn. Warum hat er nicht so schöne Worte, wie sie in Büchern stehen, warum ist er nicht berühmt und vornehm, sondern bloß ein Schüler des Lehrerseminars!
Erwartungsvoll hofft sie auf was Besonderes, aber es kommt ja nie, dieses Besondere, immer noch nicht! Entschieden hatten andere Mädchen mehr Glück, es war geradezu empörend! Einen ganzen Winter lang lauerte Petrowskij überall der kleinen Fenja Grakina auf, begleitete sie auf ihren Gängen, sprach von seiner Einsamkeit; weiter getraute er sich nicht. Und vielleicht brauchte die kleine Fenja nichts weiter als einen Kuß, um zu erwachen, um die angelesenen Träume zu verscheuchen, vielleicht hätte dann auch sie ihm einen herzhaften Kuß gegeben, ihn geküßt, wie nur die erste Liebe küßt. Aber Petrowskij hatte das nie gewagt, und in Fenjas Herz war alles ganz nebelhaft geblieben.
Doch wenn sie ihren Träumereien nachhing, dann hatten all die vornehmen und reichen jungen Männer seltsamerweise immer Petrowskijs Gesicht, und immer neigten sie sich küssend über sie, wenn sie in Schlummer sank.
Der Funke des ersten Gefühls glomm in Fenjas Herz, es aber zu wirklicher Liebe zu erwecken, das verstand Petrowskij noch nicht, das wagte er auch nicht.
So war sie denn, dieses leise glimmende Gefühl im Herzen, in die Sommerfrische ins Kloster gekommen.
Als sie mit Nikolai zusammentraf, erwachte in ihr wieder die Sehnsucht nach dem Besonderen, von dem so Schönes in den Büchern stand.
Im vorigen Jahr war er mit ihr ein paarmal im Walde umhergestreift, damals waren ihr aber solche Gedanken noch nicht gekommen. Jetzt aber wollte sie ihn gern fragen, warum er ins Kloster gegangen war, von jenem Besonderen hoffte sie zu hören.
»Vater, warum sind Sie ins Kloster gegangen?«
»Ich glaube nicht an die Menschen, Fjokla Timofejewna.«
»Nennen Sie mich einfach Fenja, wie die anderen.«
»Nie haben meine Gefühle bei den Menschen Erfüllung gefunden, hier aber ist gut sein; wenn man betet, scheinen einem auch die Menschen gut und mitfühlenden Herzens.«
»Haben Sie vielleicht etwas Schweres erlebt, über das Sie nicht hinweg können?«
Nikolai seufzte, blickte ihr innig in die Augen und sagte leise:
»Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen, fragen Sie lieber nicht.«
Ihre Augen trafen sich, ganz kurz, ganz flüchtig, aber es war wie ein Funke, der Fenjas Herz versengte.
»Wenn es Ihnen schwer fällt, darüber zu sprechen, dann tun Sie es nicht, und vergeben Sie, daß ich daran gerührt habe.«
»Vielleicht erzähle ich Ihnen ein andermal davon.«
Nikolai hatte aufrichtig gesprochen, weil er Fenjas Reinheit und Kindlichkeit spürte und weil ihm dabei in den Sinn gekommen war, wie die Kaufmannswitwe ihn als unreifen Knaben auf den Schoß genommen und ihn die Nächte durch mit ihrer Unersättlichkeit gequält hatte; die Erinnerung hatte ihn bedrückt, es verlangte ihn nach wirklicher Liebe, aus der ihm lebendiges Leben kam, und der er sein unsinniges Leben hingeben könne.
Darum hatte er so innig zu Fenja gesprochen, darum war auch ein heller Funke in Fenjas Herz gesunken und war neben dem noch glimmenden Funken zu liegen gekommen, den Petrowskij darin entzündet hatte.
An Fenjas Reichtum hatte Nikolai bei seinem Beschluß, ihr Mann zu werden, gedacht; jetzt aber hatte die kleine Fenja in ihm ein erstes tieferes Gefühl geweckt, das ihn noch ungestümer wünschen ließ, ihre jungfräuliche Liebe und ihr Geld zugleich an sich zu reißen.
Heißhungrige Liebesgier loderte in ihm auf.
Die Gesellschaft kam zur Mühle, Nikolai lief die Ruder holen, machte das Boot flott, schöpfte mit der Kelle das Wasser aus und forderte alle auf, einzusteigen und Platz zu nehmen.
Vater Michail und Frau Klimowa setzten sich hinten ans Steuer – er hatte mit Absicht ein recht enges Bänkchen gewählt –, Frau Grakina und die kleine Fenja saßen Nikolai gegenüber.
Langsam glitt man dahin, weiße Wasserrosen wurden gepflückt und Mummeln …
Nikolai zog mit dem Ruder die größten Blüten heran, um Fenja gefällig zu sein, und bemühte sich, den Ärmel bis über den Ellbogen zurückgestreift, die Stengel möglichst lang abzureißen.
»Ich pflücke Ihnen welche mit ganz langem Stengel.«
»Ich will auch Wasserrosen pflücken.«
»Wie schön es hier ist! Welch ein großer See!«
Wohl zwei Stunden lang fuhren sie auf dem See umher, blieben einmal im Schilfe stecken und kehrten erst zur Mühle zurück, als zur Abendmesse geläutet wurde.
Nikolai und Vater Michail begannen zu eilen, brachten die Damen bis an den Waldrand; dann trennten sie sich von ihnen.
»Wir kommen sonst zu spät. Verzeihung! Wir müssen laufen.«
»Hier ist's ja nicht gefährlich, der Weg führt gemütlich durch die Wiesen, und Wallfahrer kommen und gehen immerzu.«
Frau Klimowa lud Vater Michail wieder ein:
»Vater Michail, ich habe also ein Zaubertränklein für Sie, kommen Sie einmal am Abend heran!«
Und sie lachte wieder hell, und die Grübchen in ihren Wangen hüpften.
Als Nikolai sich von der kleinen Fenja verabschiedete, forderte auch sie ihn auf wiederzukommen – aber ganz schüchtern, als sei ihr bange.
Die schwarzen Kutten wogten über das saftig grüne Gras, die zottigen Mähnen flatterten im Winde nach allen Seiten, und bald waren die beiden hinter dem nächsten Hügel verschwunden.
Frau Grakina ging zusammen mit ihrer Freundin Maschenka, Fenja schritt langsam hinterdrein.
»Das ist mir auch ein Mönch!« sagte Frau Grakina.
»Sie sind alle so, Tonja; nicht zum ersten Male lerne ich sie kennen, ich habe ja schon viele … gekostet.«
Fenja hörte nicht hin und hatte nichts vernommen, sie suchte ihre Gedanken zu ordnen und die Stengel der weißen Wasserrosen.
Sie schritt dahin, und aus den goldenen Staubfäden der Wasserrosen blickten sie Nikolais Augen an.
Eine Sehnsucht erwachte in ihr, kennenzulernen, was sich in Büchern nicht ausdrücken läßt, was man nur selbst erleben kann. Wissen wollte sie, was ihm das Leben schwer machte.
Seine Augen hatten ihr etwas zugeraunt, was sie ganz wehmütig gestimmt hatte, und da wollte sie noch einmal hineinschauen.
V
Inhaltsverzeichnis
Nikolai wurde häufiger Teegast bei den Grakins.
Des Nachmittags bis zur Abendmesse und von der Abendmesse bis zum Anbruch der Nacht, wenn das Tor geschlossen wurde – zuweilen mußte er auch über die Umzäunung klettern.
Man trank Tee, streifte auf unerforschten Pfaden durch den Wald und genoß die Naturschönheiten des Klostergeländes, oder glitt im Nachen über den See; der zweite Schlüssel erwies sich als sehr nützlich; nicht umsonst hatte Nikolka dem Krämer ganze fünfundzwanzig Kopeken für das Schloß bezahlt.
Er fand auch gleisnerische Worte über seine von der eitlen Welt mißverstandene Seele, die in Einsamkeit und Sehnsucht dahinsieche; zuweilen glaubte er selbst an diese wehmütigen Ausführungen.
Tag um Tag spann er Fenjas Herz immer fester in ein Spinngewebe ein; ein zärtliches Mitgefühl hatte er in ihr wachgerufen. Zuerst kamen ihm die Worte dumpf und unbestimmt, unbeholfen brachte er sie hervor, bald aber strömten sie ihm sanft wie Weihöl von den Lippen und hüllten alles in warme Innigkeit.
Kehrte er am Abend in seine Zelle zurück und legte sich auf die harte Bank, die Augen voll Begierde ins Dunkel gebohrt, so stand die kleine Fenja Grakina wie greifbar vor ihm, mit ihren Tausenden, mit sattem Überfluß, Ansehen und unabhängigem Dasein.
Mit diesen Tausenden konnte man die Welt auf den Kopf stellen, sie fest in die Faust nehmen und zudrücken, daß langsam der Saft daraus tropfte wie Honig aus vollen Waben; – am Nektar des Lebens wollte er seinen Durst stillen.
Noch war es zu früh zum Handeln, fürchtete er; im richtigen Augenblick mußte er ihre jungmädchenhafte Harmlosigkeit umstricken, so daß es aus dem erregten Wogenwirbel keinen Ausweg mehr gab.
Es ging alles so schön und glatt, bloß die Mama war immer hinter der Tochter her, ließ sie nirgends allein hin.
Auf den Spaziergängen hielt sich die Mama mit Frau Klimowa hinter den beiden; immerhin konnte er dann wenigstens halblaut mit Fenja sprechen; aber allein mit dem Mädel zusammenzukommen, war ihm bisher noch nie gelungen.
An ihren Augen sah er wohl, daß es bloß noch an einem ungestörten Beisammensein zu zweit fehlte, damit er sein Ziel erreiche; glaubte sie ihm doch ohne Vorbehalt, hielt jedes seiner Worte für lautere Wahrheit; könnte er ihr jetzt von seiner Liebe sprechen, unter heißen Küssen, die ihr die Sinne benehmen, so würde unheimliches Sehnen sie ermattet zu Boden werfen …
Hatte er eine Weile auf sie eingeredet, so schloß er mit den Worten, daß er ihr so gern noch etwas sagen würde, etwas, was zu sagen ihm eine große Erleichterung wäre, wenn Fenja nur ihre Erlaubnis dazu gäbe.
Gar zu gern wollte auch Fenja sein Geheimnis wissen.
Einmal bat sie ihn selbst darum:
»Sprechen Sie, Vater, ich will es niemand sagen, und Ihnen wird dann leichter sein.«
»Ich müßte Sie ja in meine Seele hineinschauen lassen, und das kann man doch nicht, wenn andere dabei sind!«
Und seine begehrlichen Augen sprachen, sprachen so eindringlich, daß Fenja, da sich ihre Blicke getroffen hatten, die Lider senkte, und ihr Herz, in die Tiefe stürzend, eilig pochte; und über und über rot wurde die kleine Fenja.
Die Beeren reiften bereits, der ganze See war von Wasserrosen umsponnen, die Wildenten hatten Junge und schnatterten hell im Schilfe, und noch immer war es mit ihr zu keiner Zusammenkunft unter vier Augen gekommen.
Da stürzte einst Vater Michail in seine Zelle.
»Weißt du, was ich dir sagen will?«
»Wohl etwas über die Klimowa?«
»Keine Spur – die Grakina ist heute fortgefahren, Bruder.«
Nikolais Herz stand still, ganz kalt wurde ihm vor Schreck, während ihm der Gedanke durch den Sinn fuhr: Mein Glück habe ich mir entschlüpfen lassen!
»Was bist du denn so erschrocken? Sie ist doch allein fortgefahren, das Töchterchen und Maschenka schauen zum Fenster hinaus; also kommt sie bald zurück, Bruder.«
»Warum hast du das nicht gleich gesagt?«
»Was hast du denn? Läßt die kleine Fenja dir keine Ruhe?«
Nikolka antwortete nicht, aufgeregt lief er in seiner engen Zelle hin und her. Sich nur jetzt die Gelegenheit nicht entwischen lassen!
»Michail, du mußt mit der Klimowa in den Wald, mußt fort mit ihr …«
»Na, warum nicht? Das läßt sich schon machen.«
»Acht Tage bewirte ich dich dafür mit Schnaps …«
»Heute nach dem Mittagsmahl ziehe ich mit ihr los – aber reinen Mund gehalten!«
»Und bleib' möglichst lange weg …«
»Auch gut! Ich erkläre, ich wisse nicht zurück, wir hätten uns verirrt; erst am Abend sind wir wieder da.«
Wie benommen war Nikolka, während er zur Messe sang; seine Stimme setzte mehrmals aus; er konnte es nicht erwarten, ging nicht erst zum Mittagsmahl, sondern lief in den Wald zu den Landhäuschen und spähte aus einem Versteck nach Frau Klimowa und Vater Michail. Erregt schritt er auf und ab, in Erwägungen darüber versunken, ob es Michail wohl gelingen würde, die Klimowa zum Mitkommen zu bewegen, oder ob das durchtriebene Frauenzimmer nicht am Ende von der Sache Wind bekommen hätte? Dann würde sie ohne Fenja nirgendwohin gehen. Mochte sie sich noch so gerne vergnügen wollen, das Mädel würde sie nicht aus den Augen lassen, wenn sie die Wahrheit ahnen sollte – das war nun einmal so in Kaufmannskreisen: die verheiratete Frau konnte sich's einmal erlauben, über die Stränge zu schlagen, ein Mädel aber wurde scharf bewacht, damit ihr kein Schaden geschähe.
Eine ganze Stunde lang streifte Nikolka wartend umher, und als er schließlich Frau Klimowa mit Vater Michail kommen sah, verbarg er sich eilig hinter Bäumen, damit sie ihn nicht unversehens entdecke.
Als die beiden außer Sicht waren, lief er zu der kleinen Fenja.
»Welch herrlicher Tag! … Wo sind denn die Damen?«
»Marja Karpowna ist mit Vater Michail in den Domänenwald gegangen, und Mutter ist in die Stadt gefahren.«
»Ich wollte Sie zu einer Bootfahrt abholen; gestern war ich draußen auf dem See und habe im Wald eine neue Beerenstelle gefunden. Fahren wir hin, Fenja.«
»Wie denn, ohne Mama?«
»Ach, wir sind ja bald wieder zurück.«
Die kleine Fenja willigte ein. Aber bald wurde ihr bange, daß sie eingewilligt hatte, doch wollte sie ja Vater Nikolai ausfragen: vielleicht würde sie etwas über das Besondere erfahren!
Während sie über die Wiesen schritten, erzählte er ihr von einem heilkundigen Mönche, der die Leute mit allerlei Kräutern kuriere, von dem Walde, in dessen Tiefen einst Räuber hausten, die des Winters auf der Landstraße Kaufleute überfielen. Er bemühte sich, Fenja durch Gespräche abzulenken, damit ihr nicht bange werde, sie sich keine Gedanken mache, kein Vorgefühl sie erschrecke. Gedanken würde sie sich wohl kaum machen, aber ein ahnungsvolles Empfinden konnte ihr kommen und sie erschrecken, dann würde sie ängstlich aufpassen und auf der Hut sein, und dann würde es schwer sein, etwas zu erreichen; jäh und unerwartet mußte sie überrumpelt und bezwungen werden, so daß sie gar nicht erst zur Besinnung kam.
Als sie sich der Mühle näherten, erzählte er ihr langsam etwas über den See.
Bloß einmal huschte es der kleinen Fenja durch den Kopf, daß er ihr heute vielleicht sagen würde, was er bisher immer verschwiegen hatte …
Weit holten die Ruder aus, in schnellen Stößen schoß das Boot durchs Schilf, überquerte den See, bog in einen Waldbach ein; langsamer glitten die moosbewachsenen Uferhänge vorüber. Eine grünüberwucherte Fichte war ins Wasser gestürzt, er band das Boot an ihr fest, führte Fenja den Stamm entlang zum Ufer, wobei er ihre warme Hand sorgsam und fest mit der seinen stützte.
»Schön ist's hier, aber unheimlich: so düster; es gibt hier wohl Bären?«
»Im Sommer jedenfalls nicht, Fenja; Sie können ganz ruhig sein.«
»Es ist sogar kalt hier.«
»Dafür gibt's aber Erdbeeren im Überfluß, große süße Beeren.«
Sie schritten ins dunkle Schweigen über schütteres Moos; er hielt sie an der Hand, begann zu reden …
»Fenja, ich möchte Sie nie verlassen, möchte immer um Sie sein …«
Die kleine Fenja bekam einen Schreck, aber weniger vor diesen Worten als darum, weil ihr Herz plötzlich so unheimlich laut pochte; ihr kam nicht der Gedanke, daß ihr bange sei, aber in ihrem ganzen Sein, in all ihren Gliedern saß jäh ein beklemmender Schreck …
Sie sammelten Erdbeeren; an dünnen Stengeln schaukelten die großen Früchte, reif und duftig.
Die kleine Fenja hatte sich beim Pflücken auf die Knie niedergelassen; ihre Lippen waren von dem dunkelroten Saft wärmer, durch den feuchten Glanz scheinbar voller geworden; Nikolai starrte sie an, und seine Mundwinkel zuckten vor Begierde.
Gemeinsam sammelten sie Beeren, und wenn Fenja die schönsten und reifsten aus seiner Hand nahm, berührten seine Finger die ihren.
Er sprach erregt und im Flüsterton, und durch dieses Flüstern wurde auch Fenja erregt; gespannt hoffte sie, nun jenes Besondere zu vernehmen, und geriet immer mehr in Aufruhr.
»Fenja, Einsamkeit ist so schwer zu tragen; ich sehne mich doch auch nach Glück.«
»Sagen Sie es mir jetzt; Sie wollten mir doch etwas sagen …«
»Setzen wir uns; ich sag's Ihnen, ich will Ihnen alles erzählen, Fenja …«
Er setzte sich, setzte sich ganz dicht neben sie, legte den Arm um sie, leicht und leise, als fürchtete er, sie zu erschrecken, und zog sie an sich. Ein wenig beklemmend war es, dabei aber schön. Fenja stieß ihn darum nicht von sich, nur einmal machte sie einen schwachen Versuch zurückzuweichen, dann aber schmiegte sie sich ganz still an ihn. Da stürzte er jäh ihren Kopf zurück, grub seine Lippen in ihren nach Walderdbeeren duftenden Mund und küßte sie lange und ungestüm, so daß sie kein Wort hervorbringen konnte, hielt einen Augenblick inne, flüsterte immer wieder nur das eine: »Ich liebe dich!« um sie von neuem mit gierigen Küssen zu überschütten.
Es war nicht die kleine Fenja, ihre Lippen selber waren es, die sich unter seinen Küssen wie Blüten öffneten; ihr schwindelte, es war ihr, als schaukelte sie auf wogenden Wellen; pochend sank ihr Herz in die Tiefe, immer tiefer und tiefer.
Er kippte sie rücklings auf das knisternde Moos, nur instinktiv widerstrebten noch ihre Beine, wurden schwer, reglos. Mit knorrigem Knie drückte er zu, da öffneten sie sich.
Sie hörte, wie Wäsche riß, und als sein Körper auf ihr lastete, verschlug's ihr den Atem, ihr Herz setzte aus, und es blieb unklar, ob sie ihn anflehte, ihr nichts anzutun, sie zu verschonen, oder sie nicht länger in dieser fürchterlichen Bedrängnis vergehen zu lassen, sie schnell von diesem unheimlichen Ersterben zu befreien, damit sie, erlöst, wieder frei aufatmen könne. Sie stammelte bloß schwach: »Kolenka, Kolenka!!!«
Plötzlich schrie sie auf, wand sich zuckend, und ein scharfer, durchdringender Schmerz, dabei aber seltsam süß, da mit ihm zugleich ungeahnte Seligkeit ihren Körper durchströmte, erfüllte ihr ganzes Wesen und weckte ein wundersames Sehnen nach haschender, demütig ergebender Hingabe.
Dann wurde es dunkel vor ihren Augen und ganz still in ihr, und sie fühlte, wie ihr Blut warm und erlöst durch die Adern rann, und so erfrischend und beglückend war die Luft, und der beklemmende Druck im Nacken hatte sich gelöst.
Erst als ihr Körper zur Ruhe gekommen war und ihre Gedanken sich wieder geklärt hatten, begriff sie, daß etwas Schreckliches geschehen war, etwas, das alle Wege verschüttet hatte.
»Was hast du mit mir gemacht, Kolenka?!«
»Ich will, daß du meine Frau wirst.«
»Aber du bist doch Mönch, Kolenka!«
»Nicht Mönch, bloß Novize …«
»Wie soll ich das meiner Mutter sagen!«
»Brauchst ihr ja gar nichts zu sagen.«
»Kolenka, aber davon bekommt man doch … Kinder? …«
Bei diesen Worten durchfuhr es ihn – und der Gedanke setzte sich hartnäckig und bohrend in ihm fest –: Kommt ein Kind, verheiratet man sie bestimmt mit ihm, dann kann man sie ihm nicht mehr nehmen, dann kann ihm sein Glück nicht mehr entschlüpfen! Und da wollte er es so, ein Kind sollte, mußte kommen, dafür würde er sorgen, jetzt, gleich …
»Sei nicht bange, Fenja; gar nichts kommt; ich weiß doch Bescheid.«
»Und wenn Mutter es erfährt?«
»Wie sollte sie es denn erfahren? Niemand erfährt etwas davon.«
»Du wolltest mir doch etwas Wichtiges von dir erzählen? Tu es jetzt, Kolenka, jetzt kannst du mir doch alles sagen! Ich liebe dich ja auch, bisher habe ich noch nie jemand geliebt, jetzt aber liebe ich.«
»Ich habe eigentlich nichts zu erzählen, Fenja, bloß daß ich dich schon seit dem vorigen Jahr liebe, seitdem wir zusammen durch den Wald gestreift sind. Seit jener Zeit konnte ich dich nicht vergessen, den ganzen Winter über habe ich auf den Sommer gewartet und mich nach dir gesehnt und mich immerfort gefragt, ob du wohl im Sommer wieder herkommst.«
»Gesehnt hast du dich nach mir, wirklich?«
»Und wie gesehnt, Fenja! Wenn du wüßtest!«
»Und du wirst mich immer, immer lieben?«
»Bis ans Grab, Fenja; und auch unsere Kinder werde ich lieben, wenn wir welche bekommen.«
Der Wunsch, es möchte zur Empfängnis kommen, heute noch, unverzüglich, steigerte sich zu peinigendem Verlangen. Wieder begann er, Fenja zu liebkosen, bis ihr Herz aufs neue mühsam schlug und ihr Atem stockte, bis selige Glut und Erlösung sie wieder umfing, und ihre Glieder, schlaff und matt, erstarben; und wieder, und wieder, bis zur völligen Erschöpfung und Auflösung. Kaum vermochte sie sich noch von dem warm gewordenen Moose zu erheben, als die Dämmerung anbrach, von würzigen Hauchen durchströmt, und es im Walde ganz dunkel geworden war.
Kräftig und gleichmäßig hob und senkte Nikolka die breiten Ruder und sah der kleinen Fenja immerfort in die Augen, als wollte er ergründen: Kommt ein Kind? Kommt es bestimmt? …
Er ließ das Boot am Ufer auflaufen, der Kiel schnitt tief in den schlammigen Boden.
Die kleine Fenja konnte sich kaum bewegen. Es war so wunderbar, seiner samtenen, süß betörenden Stimme zu lauschen, und so unheimlich, nach Hause zu gehen: wie, wenn jemand etwas merkte?! Dann wäre es aus mit ihrem Glück, und ohne Nikolais Liebe würde sie vor Schmerz und Sehnsucht vergehen … Nein, das konnte nicht sein, wie in all den hastig verschlungenen Romanen würde alles ein glückliches Ende nehmen! … Zu Kolenka konnte sie gar nicht grausam sein, das war sie nur Nikodim Petrowskij gegenüber. Bloß flüchtig dachte sie an Nikodim; als der Geliebte den Arm um ihre Schultern schlang, verblaßte, erlosch, entschwand die Erinnerung an Nikodim, als wäre er nie gewesen. Plötzlich wurde ihr ganz, bange bei der Vorstellung, Nikolai könnte einmal aufhören, sie zu lieben …
Er brachte sie bis in ihr Zimmer – Marja Karpowna war noch nicht zu Hause –, küßte sie zum Abschied und bat leise:
»Komme morgen nach dem Mittagessen zur alten Einsiedelei, Fenitschka … Komme bestimmt, ich werde auf dich warten.«
Auf dem Rückwege trat er in den Klosterladen, kaufte zwei Flaschen Monopolschnaps, verbarg sie in den Taschen der Kutte und schlüpfte in seine kleine Zelle, wo er auf Vater Michail wartete.
Zufrieden, daß er endlich ein Kaufmannstöchterchen erworben hatte, malte er sich aus, wie er nun bald Oberpriester an der Kathedrale in der Stadt sein werde …
Die kleine Fenja lag schon im Bett, als Marja Karpowna spät am Abend heimkehrte. Sie fragte das junge Mädchen:
»Warum bist du denn so früh zu Bett gegangen?«
»Ich hatte Langeweile allein und wollte schlafen.«
Ganz leicht kam der kleinen Fenja die Lüge von den Lippen, galt es doch ihr erstes süßes Geheimnis zu hüten.
Bis Mitternacht saß Vater Michail bei Nikolai und trank Schnaps, wozu er Schwarzbrot mit Salz aß. Beim Aufbrechen brummte er mit trunkener Stimme:
»Hast es entsiegelt, das Mädel?«
»Was schert es dich?«
»Paß auf, sei kein Geizkragen, wenn du reich bist.«
Am nächsten Morgen suchte die kleine Fenja Marja Karpowna auszuweichen und kam auf den Gedanken, zur Morgenmesse zu gehen; dann kehrte sie zurück, aß Frühstück und wartete auf den Glockenruf zum Mittagsmahl.
Der Gang nach der kleinen Einsiedelei im Walde war ihr unheimlich, ein Bangen war in ihr, zugleich aber zog es sie hin. Angst kam sie an: vielleicht würde er gar nicht kommen, vielleicht liebte er sie nicht mehr – er war schön wie ein strahlender Ritter – keine Frau, kein Mädchen könnte ihm widerstehen!
Und wieder kehrte sie, ermattet, erschöpft, erst mit Anbruch der Dunkelheit nach Hause zurück.
Marja Karpowna fragte sie:
»Wo bist du denn gewesen, Mädel? Man sieht dich ja gar nicht.«
»Ich bin spazierengegangen, Marja Karpowna.«
»Mit wem?«
»Mit Vater Nikolai.«
»Nimm dich in acht, Mädel!«
»Ich bin müde, wir sind so weit gewandert … Gute Nacht!«
Und wieder ging die kleine Fenja zu Bett, noch ehe Licht gemacht wurde.
»Nimm dich in acht, Fenja! Ein Mädchen kann leicht zu Schaden kommen, und dann ist's um sie geschehen.«
Fenja stellte sich schlafend.
»Hörst du, Fenja?«
Die kleine Fenja blieb stumm.
»Sie sind alle über einen Kamm geschoren, diese Scheinheiligen hier! Sieh nicht auf mich – wenn ich mich mit ihnen einlasse, so ist das etwas anderes, ich bin eine Frau, du aber mußt auf dich acht geben: du wirst einmal heiraten wollen, und ein Mädel, das nicht mehr heil ist, nimmt niemand …«
Auch am dritten Tage eilte die kleine Fenja in den Wald, um mit Vater Nikolai zusammenzutreffen; aus freien Stücken lief sie zu ihm, es zog sie hin, unwiderstehlich, jäh erwachte Unersättlichkeit zog sie hin. Und zum dritten Male ließ sie Nikolai bis zum Abend nicht aus seinen Armen in dem heißen Bemühen, sicher zu gehen wenn kein Kind kam, würde er nie die Hand der kleinen Grakina erringen, würde er nie ihre reiche Mitgift erhalten.
Noch später als am Tage vorher kehrte das junge Mädchen heim. Marja Karpowna hatte bereits die Lampe angezündet und wartete mit dem Abendbrot auf sie. Das Licht erschreckte Fenja, sie schritt über die Schwelle, senkte die Augen und blieb unschlüssig stehen.
»Ich habe mit dem Abendbrot auf dich gewartet – wo treibst du dich herum?«
»Wir waren im Domänenwald; das ist so weit.«
»Sobald deine Mutter zurück ist, erzähle ich ihr alles – sie wird dich schon klein kriegen. Paß du mir auf, Fenka!«
Zögernd ließ das junge Mädchen sich auf einen Stuhl nieder, senkte die Stirn über der gefüllten Tasse, um Marja Karpowna nicht ansehen zu müssen. Sie fürchtete deren Blick, fürchtete, daß sie zu müde und abgespannt sei, um lügen zu können, und die Wahrheit durfte sie ja nicht gestehen – er hatte es untersagt, und auch sie hätte ihr süßes und unheimliches Geheimnis nicht gerne preisgegeben.
Marja Karpowna hatte ihre Tasse geleert, schenkte sich eine zweite ein und blickte zu Fenja hinüber.
»Himmel, Fenka, was ist mit dir?! Du bist ja aschfahl im Gesicht! Was hast du, Mädel?«
»Wir sind so weit gegangen, Marja Karpowna, dabei habe ich mich wohl ein bißchen überanstrengt …«
Die kleine Fenja saß reglos da, sie wagte nicht einmal richtig zu atmen.
»Gott, und diese Schatten unter den Augen!«
Marja Karpowna drang in das Mädchen, setzte ihr zu, wollte hinter die Wahrheit kommen.
»Also gestehe: hast du dich ihm freiwillig hingegeben oder hat er Gewalt gebraucht? So sprich doch, Mädel! Sitzt da stumm und starr, als hätte sie Wasser im Munde … Mir machst du doch nichts weis – ich bin eine Frau, ich kenne das, ich brauche nur hinzusehen, und ich weiß, woran ich bin. Solche schwarzen Ringe um die Augen, die tief in den Schädel gesunken sind – das kommt von nichts anderem her. Sieh mal in den Spiegel, damit du weißt, wie du aussiehst – ich bringe dir gleich einen!«
Marja Karpowna brachte einen Spiegel und stellte ihn vor dem jungen Mädchen auf den Tisch. Die kleine Fenja warf einen Blick hinein und senkte erschrocken die Stirn.
»Verloren bist du, Mädel, verloren … Wie sollen wir das der Mutter sagen – und es ihr verschweigen, geht nicht … du mußt die Frucht abtreiben …«
»Marja Karpowna! …«
»Was denn Marja Karpowna? Erst machst du dumme Streiche und nachher heißt's: Marja Karpowna! Jetzt aber rede, erzähle mir alles, die Frucht werden wir schon los, bevor du rundlich geworden bist – trinkst halt ein bißchen Wacholderaufguß – und auch einen Mann für dich finden wir schon. Mußt dich aber nicht wundern, wenn der junge Gatte dich des Nachts prügeln wird – bist selbst schuld, meine Liebe –, und daß er dich prügelt, da kannst du Gift darauf nehmen, denn das verzeihen sie uns nicht … Nimmst du dir aber einen Alten, so ist das Unglück zwar nur halb so groß, bloß du hast dann nicht viel davon … Ich bin ja auch an einen Alten geraten – prügeln tut er mich nicht, aber er quält mich weidlich …«
Die kleine Fenja weinte, weinte ganz still und leise, und immer ungestümer flössen ihre Tränen; sie schmiegte sich wie ein Kind an die junge Frau, das Köpfchen hilflos an ihre Brust gebettet.
»Ich liebe ihn, Marja Karpowna.«
»Auch ich habe geliebt, mein Mädelchen, lieben ist kein Kunststück – dazu sind wir ja da, um die Herren der Welt zu lieben. Aber was nun weiter geschehen soll, daran hast du wohl nicht gedacht, als du es so weit kommen ließest? …«
»Er wird mich doch heiraten.«
»Was? Dich heiraten? Er wird dich heiraten?! Wer wird dich ihm denn geben, Kind? Da hört aber doch alles auf, o Gott, o Gott! Was denkst du dir denn eigentlich? Wer wird denn das zulassen? Deine Mutter? Deine Mutter hat ihre festen und bestimmten Ansichten, ihre sehr festen, sehr bestimmten Ansichten, von denen bringt sie niemand und nichts ab, darin ist sie wie ein Stein. Sie braucht als Schwiegersohn einen Mann, der was kann und was hat, einen tüchtigen Geschäftsmann, der den Aufgaben eures Betriebes gewachsen ist, und du weißt ja selbst, daß eure Fabrik ein ganz großes Unternehmen ist, sogar mit dem Ausland steht ihr in Geschäftsverbindung. Oder meinst du, daß dein Onkel Kirill Kirillowitsch einen hergelaufenen Mönch als Schwiegersohn in seine Arme schließen wird? Kirill Kirillowitsch, der studierte Mann, der Diplom-Ingenieur, der Leiter eures großen Werkes? Nein, meine Liebe, mag er auch noch so gelehrt sein und allerlei Bücher lesen, die Ehre der Familie Drakin-Grakin vergißt er darum noch lange nicht! Nicht über die Schwelle eures Hauses setzt dieser Mönch seinen Fuß, solange deine Mutter und dein Onkel noch etwas zu sagen haben … Jetzt aber erkläre mir, wie denkst du dir denn die Sache?«
»Er liebt mich …«
»Er liebt dich! Das ist mir auch was Rechtes! Was willst du denn mit seiner Liebe anfangen? Keinen Pfifferling ist seine Liebe wert! Ach, Mädel, du tust mir wahrhaftig leid, das ist alles, was ich sagen kann. Der Mutter aber müssen wir beichten, da hilft alles nichts. Wie hast du dich nur so weit vergessen können? Und wo habe ich meine Augen gehabt?! Wann ist denn das Unglück geschehen? Hm?«
»Dienstag …«
»Also als ich mit Vater Michail im Domänenwald war? Da trifft mich die Schuld, niemand anders, ich muß deiner Mutter Antwort stehen, habe nicht acht auf dich gegeben, der Teufel der Sinneslust hat mich lüsternes Weibsbild umstrickt … Übrigens, geschickt haben die Mönche das eingefädelt – der eine zieht mit mir Leichtfuß in den Wald ab, und inzwischen stürmt der andere hier das Haus! Dazu nun hat sich der gefällige Helfer dann auch natürlich verirrt und mich bis zum Abend kreuz und quer im Walde herumlaufen lassen! … Nun aber hör' auf zu heulen, Tränen helfen hier nichts, trink lieber deinen Tee aus und iß was, und dann laß uns schlafen gehen – der Morgen ist weiser als der Abend. Vielleicht fällt uns über Nacht was ein!«
Die kleine Fenja trank folgsam ihren kalt gewordenen Tee, aß aber nur ein Stückchen Brot dazu, trotzdem sie eigentlich recht hungrig war; vom Morgen an hatte sie nichts gegessen. Sie ließen dann alles auf dem Tisch so stehen, wie es stand, und gingen zu Bett.
Marja Karpowna zog sich in zorniger Hast aus und schleuderte ihre Sachen auf einen Stuhl, daß es seine Art hatte; die kleine Fenja hingegen streifte alles langsam und leise ab, kaum hörte man ihr Kleidchen knistern. Die Kerze wurde ausgelöscht, aber keines konnte schlafen: sie lauschten auf das Summen der Mücken und beide dachten an das Vorgefallene, jede auf ihre Art.
Die kleine Fenja dachte, daß nun alles verloren, ihr Leben auf immer zerstört sei. Man würde sie von Nikolai trennen, ihr Vorwürfe machen, sie schließlich mit einem fremden, ungeliebten Manne verheiraten, und niemals würde sie den Geliebten wiedersehen! Sie liebte ihn, sie hatte sich ihm mit Herz und Seele hingegeben, an nichts als an ihre Liebe gedacht, versunken in Liebkosungen, in die Süße der ersten Hingabe, in diese unheimliche Seligkeit des begehrenden, beglückten und beglückenden Blutes. Alle Bücherträume waren verschwunden, wie fortgeweht, waren ihr gar nicht in den Sinn gekommen, auch an Nikodim hatte sie gar nicht gedacht; das alles war plötzlich in ein Halbdunkel entglitten, jenseits, in ihrer Jungmädchenzeit geblieben … Sie sehnte sich nach Kolenka, morgen sollten sie sich wiedersehen, er würde nach der Mittagsmesse auf sie warten, zur Einsiedelei sollte sie kommen. Und nun würde Marja Karpowna es nicht erlauben, würde sie nicht aus den Augen lassen, nie würde sie Kolenka wiedersehen! Einen fremden, ungeliebten Mann sollte sie heiraten! Bei diesem Gedanken kam sie ein solches Grauen an, daß sie erschauerte. Sie mußte einen Ausweg finden, aber nichts, gar nichts wollte ihr einfallen …
Marja Karpowna ihrerseits dachte daran, wie sie jetzt Antonina Kirillowna unter die Augen treten sollte; Tonja hatte ihr ihr Kind anvertraut, das junge Mädchen in ihrer Obhut zurückgelassen, und wie hatte sie das Vertrauen der Freundin gerechtfertigt?! Und die kleine Fenja tat ihr leid, sie dachte an ihr eigenes Schicksal, an ihre erste, heimliche Liebe, und wie man sie dann fast mit Gewalt an den Altar geschleppt und mit einem alten Manne verheiratet hatte, an dessen Seite ihr Leben zu einer endlosen Qual geworden war. Sollte nun wirklich auch der kleinen Fenja ein solches Los zuteil werden – immer einem alten Lüstling gefügig sein müssen, der einen nur gewaltsam aufreizt, mit seinen speichelnassen Liebkosungen einen besudelt und einschläft, während die Frau, durch sein greisenhaftes Unvermögen zerquält, sich ruhelos hin und her wirft? Und sich ihm verweigern, ihn davonjagen, darf man nicht wagen, er könnte in blinder Wut auf einen losschlagen, sich in Vorwürfen ergehen: er habe mit seinem unbescholtenen Namen fremde Schande bedeckt, und nicht einmal dankbar erweise man sich ihm dafür!
Sie lagen still da, in ihre Gedanken versunken, nur die Heimchen zirpten in den Ecken, und durch die geöffneten Fenster klang die Klapper des Nachtwächters.
»Schläfst du oder bist du noch wach?«
»Nein, ich schlafe nicht, Marja Karpowna. Liebe Marja Karpowna, was soll denn nun werden? Sie haben ein gutes Herz … Und Sie wissen ja selbst, was es heißt, an der Seite eines ungeliebten Mannes zu leben – helfen Sie mir! Liebste Marja Karpowna, helfen Sie mir …«
»Schlafe lieber … Ich will mir's überlegen. Du tust mir leid, Kind, von mir brauchst du keine Vorwürfe zu fürchten, auch mein Leben ist ja verfehlt um derselben Sache willen. Du bist jetzt eine Frau, vielleicht verstehst du mich da. Darum komme ich ja her, um mein Verlangen zu stillen; in dem dichten Walde sieht dich niemand, niemand kann nachher etwas erzählen, ob was war, ob nicht; hier kümmert sich niemand darum, die Leute kommen her, um zu beten, sind heute hier und morgen dort … Und die Frauen in den Landhäuschen machen es ebenso … So entgeh ich dem Klatsch in der Stadt, die Gevatterinnen haben keinen Anlaß ihre Zungen zu wetzen, und mein Alter weiß nichts davon. Der Wald ist dunkel und stumm und still … Aber du schlafe jetzt, ich will mal nachdenken.«
Hoffnung im Herzen, schlief die kleine Fenja ein. Es war spät geworden, und so erwachte sie auch am nächsten Morgen erst spät, als bereits zur dritten Messe geläutet wurde … Nach dem Mittagessen wurde sie erwartet, eilig stand sie vom Tisch auf.
Marja Karpowna bemerkte es, fragte:
»Wohin denn?«
»Marja Karpowna …«
»Damit ist's jetzt aber aus! Ich lasse dich nicht hin, was du auch anstellen magst …«
»Marja Karpowna, nur auf einen Augenblick, vielleicht ist's zum letzten Male, ich möchte ihn doch noch einmal sehen.«
»Deine Mutter kommt heute abend zurück, du aber siehst jetzt schon so aus, daß man einen Schreck kriegt.«
»Ehrenwort, ich bin gleich wieder da, Marja Karpowna.«
»Na, schön, sei es denn. Aber es ist das letzte Mal, das merke dir.«
Die kleine Fenja machte sich auf den Weg, als Marja Karpowna sie noch einmal zurückrief.
»Was ich sagen wollte, Mädel – bring ihn mal her, deinen Herzallerliebsten. Ich möchte mit ihm sprechen.«
Die kleine Fenja ging durch das Kloster, über die Flußbrücke und lief dann eilig der Einsiedelei zu; – es war spät geworden, die Mönche hatten ihre Mahlzeit schon längst beendet, lange wartete er wohl schon.
Vater Nikolai stand unter einer Fichte und war wütend; vor Ärger hatte er sich die Nägel blutig gebissen.
Als sie auf ihn zutrat, herrschte er sie an:
»Schon jetzt läßt du auf dich warten! Nächstens komme ich nicht mehr … Warum hast du dich so verspätet?«
»Marja Karpowna ließ mich nicht fort.«
»Komm tiefer in den Wald. Wieso kommt sie darauf?«
»Sie weiß …«
»Also hast du's ihr gesagt! Warum? Ich habe dich doch gebeten, nichts zu sagen!«
Als sie tiefer im Walde waren, umarmte sie ihn, wollte ihn küssen.
»Kolenka, Liebster, vielleicht sehen wir uns heute zum letzten Mal.«
Wut und Schreck überkam ihn – vielleicht war jetzt alles verloren, nie würde er etwas von dem Grakinschen Gelde sehen! Böse stieß er die kleine Fenja zurück.
»Küssen können wir uns nachher; erkläre mir zuerst, warum du es ihr gesagt hast?«
»Sie ist selbst dahinter gekommen – meine Augen sollen davon dunkler geworden sein, daran hat sie es gemerkt. Ich wußte nicht, daß man davon Schatten unter den Augen bekommt.«
»Und was sollen wir jetzt tun? Soll denn schon alles zu Ende sein?«
»Kolenka, Liebster, gib mir einen Kuß – vielleicht ist es noch nicht zu Ende, aber küsse mich, küsse mich nur ein einziges Mal! Marja Karpowna hat ein gutes Herz, sie wird uns helfen. Ich kann es nicht glauben, daß wir uns zum letzten Male sehen, aber dann kommt mich wieder die Furcht an, daß es vielleicht doch das letzte Mal ist?«
»Warum mußtest du auch gleich alles ausplaudern?! Habe ich dich nicht gebeten zu schweigen?«
Er küßte sie hart, rücksichtslos, drückte sie vor Wut so fest an sich, daß es ihr weh tat.
»Nie werde ich dich vergessen, Kolenka, nie …«
Sie schmiegte sich zärtlich an ihn, sehnte sich nach seiner Leidenschaft, weinte vor Liebe; er aber blickte sie böse an und küßte sie unwillig, nur um ihre Tränen zu stillen. Dann kam ihm der Gedanke, daß sie sich vielleicht wirklich zum letzten Male allein sähen, und daß es nicht so leicht sein würde, ein anderes Mädel, eine gleich günstige Gelegenheit zu erwischen. Böse, gierig küßte er sie, so daß ihr die Lippen schmerzten, und das Verlangen so verzehrend in ihr aufstieg, daß ihr schwindelte und sie um seine Zärtlichkeit warb. Er aber wich ihr aus, ließ sie lange warten, wollte ihr weh tun, sie quälen, um sich dann schließlich mit ungestümen Liebkosungen über sie zu stürzen, bis sie vollkommen erschöpft war. Seine Leidenschaft, durch seinen Ingrimm noch gesteigert, kannte keine Grenzen; sie sollte ein Kind von ihm empfangen – nachher mochten die Grakins sehen, ob sie ihn einfach abschütteln könnten …
Er stand von der zarten Moosdecke auf, fragte:
»Ich soll also nicht mehr kommen – wir sehen uns zum letzten Mal?«
»Vielleicht auch nicht, Kolenka, vielleicht bleiben wir zusammen, unser Leben lang!«
»Wie meinst du das?«
»Marja Karpowna hat gesagt, du sollst mitkommen zu ihr.«
»Wozu das?«
»Ich weiß nicht, Liebster. Komm, Kolenka. Marja Karpowna ist gütig, sie wird uns beistehen.«
Er schritt neben ihr durch den Wald und überlegte unterwegs, ob er wohl hingehen sollte oder nicht. Vielleicht konnte Marja Karpowna ihnen wirklich behilflich sein. Da wurde er wieder zärtlich zu der kleinen Fenja, umarmte sie sogar und flüsterte:
»Sei mir nicht böse, daß ich vorhin so schroff war! Es bringt einen so auf, daß man selbst das Recht zu lieben mir verweigern will, weil man mich für einen Mönch hält, ich bin ja aber noch gar nicht Mönch, nur Novize …«
Wieder kehrte die kleine Fenja matt und erschöpft nach Hause zurück. Marja Karpowna warf einen Blick auf sie und fiel dann über Nikolai her – den wollte sie sich einmal vornehmen!
»Du niederträchtiger Kerl, was hast du mit dem Mädel gemacht? Wie konntest du es wagen, dich an einer Unschuldigen zu vergehen? Du denkst wohl, als Mönch hättest du nichts zu fürchten? Du irrst – für deinesgleichen gibt es Verbannung nach Solowki.«2
»Darum haben Sie mich kommen lassen?«
»Du wagst es noch, mir frech zu antworten?«
»So sprechen Sie doch vernünftig – wozu sollte ich herkommen? Ich habe doch nicht Gewalt angewendet. Fragen Sie sie! Ich liebe sie doch und will sie heiraten.«
»Heiraten willst du sie? Ich aber sage dir, dein Fuß kommt nicht über die Schwelle des Drakinschen Hauses – weißt du das?«
»Ich bin ja nicht irgendwer – bin geistlichen Standes. Wenn ich heirate, ernennt mich der Bischof zum Diakonus.«
»Also höre, was ich dir sagen will. Laß dich nicht mehr hier blicken, und daß du es mir nicht wagst, das Mädel noch einmal anzurühren! Du siehst sie überhaupt nicht oder nur als deine Braut wieder. Brauchst dir dabei nichts einzubilden, nur das Mädel tut mir leid, um ihretwillen will ich mein möglichstes tun; vielleicht läßt sich was machen. Ihre Mutter ist in solchen Dingen zwar hart wie ein Stein, aber immerhin – sie ist ihre Mutter. Bis dahin aber bleibst du unsichtbar, verstanden? Wenn ich während der Mittagsmesse ganz nahe neben dem Chor stehe, so heißt das, du sollst herkommen. Und nun – troll' dich!«
Ohnmächtige Wut und freudige Hoffnung kämpften in Nikolai. Vor Ärger kaufte er auf dem Heimwege wieder Schnaps und lud Vater Michail zum Abend zu sich. Bis zum Anbruch des Morgens tranken sie. Nikolai wurde nur langsam betrunken, die Ungewißheit seiner Lage quälte ihn.
Vater Michail hatte sich auf der Bank ausgestreckt und schnarchte glucksend. Nikolai stürzte noch die Überreste hinunter, aß Brot mit Salz dazu, und als zur Frühmesse geläutet wurde, legte er den Kopf auf den Tisch, glitt vom Schemel herab und rollte auf den Fußboden, wobei er unbewußt mit dem Kopf gegen die Bank schlug.
2 »für deinesgleichen gibt es Verbannung nach Solowkij«: Solowkij, weltverlorenes Kloster auf der gleichnamigen Insel im Weißen Meer, dient seit altersher als Verbannungsort für Geistliche und Mönche, die sich etwas haben zuschulden kommen lassen.
VI
Inhaltsverzeichnis
Die kleine Fenja wußte nicht, was tun, wo bleiben. Am liebsten hätte sie den Kopf unter das Kissen gesteckt, damit niemand sie sähe, und wäre liegengeblieben, ohne sich zu regen, ohne sich zu rühren, bis das schreckliche Gewitter vorüber war und wieder klare frische Luft um sie wehte.
Marja Karpowna kam vorüber, sah sie an, sagte gleichsam zu sich selbst:
»Ja, ja, Fenitschka, wie hattest du dir denn das gedacht? Hattest wohl gemeint, das Glück würde dir nur so zufliegen? … Auch ich habe einst tagelang so herumgelegen … Mach' nur keine Dummheiten, wenn die Mutter zurückkommt. Vielleicht wird noch alles gut.«
Spät am Abend kehrte Antonina Kirillowna zurück, küßte ihre Tochter und machte sich daran, die mitgebrachten Pakete zu öffnen und die Lebensmittel kalt zu stellen.
Am nächsten Morgen stand Fenja auf und setzte sich auf die Bank vor dem Häuschen in die Sonne, um ihrer Mutter nicht unter die Augen zu kommen.
Der Wald spann sie ein in sein Leben und Weben, warme Hauche durchzogen ihn, brachten allerlei Beeren zum Reifen; unter leichten Winden wurden sie prall und trocken, flimmernde Sonnenstrahlen malten ihnen rote Bäckchen. Die Luft, die aus dem Walde strömte, war ganz durchzogen von dem Duft reifer Beeren, und aus der Ferne klangen, von Fichte zu Fichte hüpfend, Wechselrufe beerensammelnder Frauen.
Volle Körbchen am Arm kamen die Frauen gemächlichen Schrittes vorüber, als hätten sie nicht soeben im Walde getollt und gelacht.
»Beeren gefällig?«
»Frische Walderdbeeren? …«
Die kleine Fenja ließ sich ihr Taschentuch vollschütten, bezahlte einen Zehner dafür. Saß still da, steckte eine Beere nach der anderen in den Mund, zuerst die kleinen, dann die großen, tiefroten.
Jeden Tag ging sie aus dem Gärtchen hinaus, setzte sich auf die Bank, damit ihre Mutter sie nicht sähe und frage, weshalb sie so still und schwermütig sei.
Die kleine Fenja wollte so gern mit ihrem Kolenka zusammentreffen, ihm in die Augen blicken, seine weichen braunen Haare streicheln, ihn leise küssen – dann würde es wieder so stürmisch in ihr aufsteigen, daß ihr ganz schwindelig wurde. Sie hoffte, er würde vorüberkommen, sie würden von ferne einen Blick wechseln. Viele Tage saß sie wartend auf der Bank; er kam nicht. Verlassen und verletzt fühlte sich die kleine Fenja.
Sie ging früh zu Bett, um den prüfenden Blicken ihrer Mutter auszuweichen und aus Furcht, sie würde einmal nicht an sich halten können, würde verzweifelt in Tränen ausbrechen. Seltsame Träume kamen ihr. Sie sah Nikolai an ihrem Hause vorübergehen, Nikodim kam ihr entgegen, bei dessen Anblick Nikolai stiere Augen bekam und vor Zorn oder Angst ganz schwarz im Gesicht wurde. Nikodim blieb stehen und sah seinerseits Nikolai finster und durchdringend an. Sie litt unter diesen Träumen, die meist gegen Morgen kamen. Sie erwachte, und es lag ein Druck, schwer wie ein Stein, auf ihrer Brust. Sie spürte das Verlangen zu weinen und zu fliehen, sich vor allen Menschen zu verkriechen, und ganz wirr waren ihre Gedanken. Auch von Afonka träumte ihr, und er hatte nicht mehr seine zottige Mähne, sondern sein Haar war kurz geschnitten und stand aufrecht wie die Stacheln eines Igels. Und aufs neue erschien Nikolai und starrte Afonka mit rollenden Augen und dunkelrot im Gesicht wütend an. Die kleine Fenja erwachte und erinnerte sich plötzlich ungemein klar und deutlich, wie sie mit Marja Karpowna und Afonka im vorigen Sommer bei der Klostermühle standen und auf die Rückkehr des Bootes warteten. Und jetzt kam der kleinen Fenja unerwartet in den Sinn, daß Afonka bemüht war, ihre Arme zu berühren; sie, noch ein kleiner Backfisch, hatte dabei nur gelacht, hatte nicht verstanden, nicht gespürt, warum er ihre nackten Arme über den Ellenbogen gestreichelt hatte, als sie, an Marja Karpowna gelehnt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt hielt. Afonka hatte, neben ihr stehend, ihre Oberarme umfaßt und mit Schulter und Kopf ihre Brust, ihren Hals zu berühren versucht. Sie spürte jetzt noch den Geruch seiner Kutte, seiner Haare, seines Atems: es war ein Gemisch von erlöschenden Wachskerzen, Weihrauch, von Öl in heiligen Lämpchen, von Schwarzbrot und frischen Zwiebeln. Dann hatte sie gespürt, wie seine breiten, groben Hände an ihren Armen kitzelnd herabgeglitten waren und ihre verschlungenen Finger zu lösen versucht hatten. Sie entsann sich, daß sie ausgelassen gelacht hatte – es war so komisch und kitzelig gewesen! Und auch Marja Karpowna hatte gelacht, denn während Afonkas Hände Fenjas Arme streichelten, hatte er wohl zugleich mit Arm und Ellenbogen Marja Karpownas Hüfte gestreift, denn Marja Karpowna hatte nervös gelacht und Schauer waren durch ihre Glieder gehuscht. Und als Afonka Fenjas Hände beinahe gelöst hatte, war das Boot ans Ufer gestoßen und ein bildschöner Mönch war auf sie zugetreten. Es war Nikolai. Und Marja Karpowna, Afonka und sie hatten verlegene Gesichter gehabt und waren errötet. Um der Verlegenheit ein Ende zu machen, hatte Afonka ihnen Vater Nikolai vorgestellt. Und seltsam, Fenja hatte den jungen Mönch mit den großen schwarzen Augen nicht mehr vergessen können. Vater Nikolai hatte die Herrschaften, mit denen er Boot gefahren war, nicht begleitet, sondern sich an Fenjas Seite gehalten, war, ohne ein Wort zu sagen, ins Boot gesprungen, hatte mit der Kelle das Wasser ausgeschöpft, Schilf, Stengel von Wasserrosen, Wasserlinsen über Bord geworfen und Fenja, Marja Karpowna und Afonka aufgefordert einzusteigen. Während der Fahrt hatte Nikolai fast gar nicht gesprochen, hatte gerudert und sie nur immer mit einem verschlagenen Lächeln angeblickt. Fenja war unter seinen Blicken errötet und hatte eifrig mit Afonka gesprochen … Wie klar stand diese erste Begegnung mit Nikolai noch vor ihr! Seitdem war er immer zusammen mit Afonka zu ihnen gekommen, und sie hatte sich gefreut, den schönen Mönch wiederzusehen … Wenn sie aus unruhigen Träumen erwachte, kam ihr immer dieser sonnige Tag in den Sinn, da sie zum ersten Male mit Nikolai zusammengetroffen war. So viel Unausgesprochenes, Unklares lebte und webte in ihr, und es bewegte sie schmerzlich, daß sie alles stumm in sich tragen mußte, zu niemandem darüber sprechen konnte, ja ihrer Mutter nicht einmal ihre Liebe zu Nikolai gestehen durfte. Wie ein ständiger Druck war dieses Lockende, Verheißende, Unausgelebte und dabei so Aussichtslose!
Nur Marja Karpowna wußte, wie es um die kleine Fenja stand, und wartete auf einen günstigen Augenblick, um mit Frau Grakina zu sprechen. Als sie aber eines Tages beschloß, am Abend mit Antonina Kirillowna zu reden, fügte es sich so, daß am selben Tage Nikolai selbst Fenjas Mutter seine Liebe gestand und um Fenjas Hand anhielt. Vielleicht hatte er damit alles verdorben. Von sich aus hätte er wohl noch einige Zeit gewartet, aber sein Freund Afonka hatte ihm den guten Rat gegeben, sich selbst an Frau Grakina zu wenden.
Eines Abends hatte Nikolai Vater Michail zum Dank für seinen Dienst damals Schnaps vorgesetzt und danach seinen Freund Afonka aufgesucht, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. Nikolai war halb betrunken und hatte noch eine halbe Flasche Branntwein mitgebracht.
Neben dem Vorzimmer in der Abtei befand sich eine kleine Kammer, eine Art Vorratskammer, mit einem winzigen Guckfenster nach dem Klostergarten; hier lag Afonka mit einem Verband über der Nase und träumte auch von der kleinen Fenja. Schon lange hatte er sich im Kloster nicht blicken lassen, um sich nicht den Spötteleien der Bruderschaft auszusetzen. Den ganzen Tag rekelte er sich in der halbdunklen Kammer auf seinem Lager, und um sich die Zeit zu vertreiben, fing er Fliegen, die ihn nicht schlafen ließen. Die toten Fliegen tat er fein säuberlich in eine Schachtel, in der einmal billige Bonbons waren, und vermerkte jeden Abend mit einem Stückchen Kohle die Anzahl der Tagesbeute an der Wand.
Erst gegen Abend ließ die Fliegenplage nach, dann lag Afonka mit geschlossenen Augen im Halbschlummer und malte sich in ohnmächtiger Wut aus, wie Nikolka die kleine Fenja in den Wald führe und ihr in heißem Flüsterton von seiner Liebe spreche, immer auf einen günstigen Augenblick lauernd, da er sie überrumpeln könne. Und sobald Afonka in seinen Gedanken bis hierher kam und sich vorstellte, wie Nikolka das junge Mädchen niederdrückte und auf das Moos sinken ließ, pochte sein Herz vor Wut und Erbitterung. Er konnte sich nicht damit abfinden, daß er die kleine Fenja an Nikolka hatte abtreten müssen, und hätte es wohl auch nicht dazu kommen lassen, wenn er durch seine Krankheit – die gebrochene Nase – nicht ans Haus gefesselt gewesen wäre. Er hoffte, daß jemand bei ihm vorsprechen und ihm Neuigkeiten über Fenja und Nikolka bringen würde. Der eine oder der andere Novize würde die beiden im Walde schon erspähen und ihm seine Beobachtungen mitteilen.
Er konnte den Tag im vorigen Sommer nicht vergessen, da er bei den Balken an der Mühle Fenjas Arme geliebkost und Frau Klimowa durch seine Berührungen geneckt hatte; immer noch spürte er Fenjas frischen Atem, der nach Ananas-Äpfeln geduftet hatte, und den Duft ihres Haares und ihrer Haut, der ihm wie das Aroma eines feurigen Weins zu Kopf gestiegen war, und sein Herz hallte in einer dumpfen Leere laut bei dem Gedanken, daß nicht ihm, sondern dem gierigen Nikolka beschieden war, diesen feurigen Wein zu schlürfen.
Er lag am Abend auf seiner Bank und dachte an Nikolka, als dieser eintrat; Afonka war erfreut über den Besuch.
»Ich bin gekommen, um mit dir Frieden zu schließen, Afon. Ich hätte besser getan, das Mädel dir abzutreten, wenn ich gewußt hätte, daß nichts dabei herauskommen würde!«
Freudig erregt blickte Afonka auf; am Ende war es Nikolka gar nicht gelungen, die kleine Fenja zu erringen! Neugierig, mit freundschaftlichem Spott warf er hin:
»Läßt dich nicht heran? Ha, das ist mir ein Mädel! Und ich hatte gemeint, es sei schon längst geschehen, du habest bereits das Siegelchen erbrochen …«
Und Afonka lachte leise; es war ein girrendes, frohlockendes Kichern.
Nikolai furchte die Stirn und erwiderte nichts. Stumm setzte er sich auf die leere Kerzenkiste neben Afonkas Lager und zog die Schnapsflasche aus der Kutte.
»Es drückt mir die Seele ab, Afon – ganz schwermütig bin ich geworden … Trinken wir eins gegen die trüben Gedanken! Ich weiß gar nicht, was ich nun tun soll. Es ist alles aus.«
»Was ist denn aus – hat dich dieses nicht herangelassen, so suche dir einfach ein anderes Mädel. Bloß daß du mich unnütz verunstaltet hast, ich kann mich nirgends zeigen – sie lachen mich aus! Selbst der Abt glaubt nicht daran, daß ich mir die Nase im Fluß an einem Stein zerschlagen habe. Es muß wohl jemand gehört haben, daß wir uns in die Haare geraten sind, und der hat es dem Abt gesteckt … Aber erzähle mir lieber was von der kleinen Fenja, ich möchte alles wissen … Daß du Schnaps mitgebracht hast, ist nett von dir, lange schon habe ich keinen getrunken.«
Nach Bauernart öffnete Afonka die Flasche, indem er den Flaschenboden gegen die flache Hand stieß; der Pfropfen flog heraus, Afonka kniff die Augen zusammen und trank glucksend.
»Ich bleibe liegen, Nikolka – mir ist im Kopf ganz wüst von der Stubenhockerei, du aber erzähle alles der Reihe nach.«
»Was gibst's denn da viel zu erzählen? Beeren haben wir zusammen gesammelt, wir beide ganz allein, und alles ging wie am Schnürchen: Ich sage dir, das ist kein fischblütiges Mädchen – den Atem verschlägt's einem, wie der Monopolschnaps hier! …«
»Also hast du doch das Siegelchen erbrochen? So rücke doch endlich mit der Sprache heraus!«
»Zum Weibe habe ich sie gemacht …«
»Nu?«
»Was denn, nu?! Geheult hat sie, na, ich habe sie tüchtig getröstet … Liebt mich – Stricke kann ich aus ihr drehen. Dann hat sie sich aber verplaudert, hat es dieser Klimowa gestanden, und nun ist alles zu Ende. Ich sage dir das in aller Heimlichkeit, Afon – daß du mir reinen Mund hältst.«
Afonka ächzte, erhob sich sogar halb auf seinem Lager, lehnte sich auf den Ellenbogen und starrte mit bohrendem Blick Nikolai an, als wollte er in sein Inneres dringen, um besser herauszubekommen, was sich hinter Nikolais Worten in seiner dunklen Seele verbarg.
»Sie war erschrocken, fragte, ob man davon nicht ein Kind bekäme, und da kam mir in den Sinn, sie wirklich schwanger zu machen – vielleicht gibt man sie mir dann, dachte ich. Die Klimowa aber hats an ihren Augen gemerkt – kennt die Sache aus dem ff! – und mich kommen lassen. Zuerst fiel sie über mich her, schließlich aber versprach sie, uns zu helfen.«
»Die ist die Rechte! Da kannst du lange warten. Sie wollte dich einfach los werden, glaube ihr nur nicht. Die ist geil wie eine Katze, und auf solche Weiber ist kein Verlaß, mein Lieber, nur schaden wird sie dir …«
Afonka neigte sich zu seinem Freund hinüber und sprach in eindringlichem Flüsterton vertraulich auf ihn ein. Dabei glommen böse Fünkchen in seinen halb geschlossenen Augen, was Nikolka in dem Halbdunkel aber nicht bemerken konnte.
»Ich will dir einen guten Rat geben, Nikolai: du selbst mußt die Sache in die Hand nehmen, trau der Klimowa nicht, traue keinem Weibe! Lauere der Mutter im Walde auf und gesteh ihr alles, offen und ehrlich wie bei der Beichte. Suche ihr Herz zu rühren, und wenn sie weich wird, dann lege los: Ihr Töchterchen, die kleine Fenja, ist meine Frau geworden, und ich will sie heiraten, bin ich doch jetzt schon vor Gott ihr Mann.«
»Womit soll ich denn anfangen? Ich kann doch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen?«
»Dir braucht man doch nicht erst zu erklären, wie man das macht! Na, sagen wir, du erzählst ihr zuerst was über deine Vergangenheit, die mach' ein bißchen schön, dann sprich über deine Zukunftsaussichten, ein bißchen hochtrabend, na und dann lege los. Die Klimowa aber führt dich bestimmt bloß an der Nase herum. Eines schönen Tages sind sie dann alle ausgerückt, fort ist das Vögelchen, und du hast das Nachsehen.«
»Glaubst du das wirklich? Meinst du es auch ehrlich mit mir?«
»Da muß auch ich dich fragen, Nikolai: Bist du mein Freund oder bist du's nicht? Wenn du mein Freund bist, mußt du mir auch vertrauen. Daß wir uns mal geprügelt haben, macht doch nichts weiter aus, das kommt auch unter den besten Freunden vor … Mit der Wut hatte ich's bekommen, eifersüchtig war ich, wollte dir das Mädel nicht abtreten, jetzt aber ist das ja einerlei. Als Freund spreche ich zu dir – wende dich geradeswegs an die Mutter.«
Afonka berührte ihn sogar an der Schulter, blickte ihm fest in die Augen, und da glaubte ihm Nikolai, daß er es ehrlich meine.
Nun suchte er, Frau Grakina allein zu treffen. Zwei Tage lang lauerte er ihr auf, lief bald zur Einsiedelei, bald zur Königstanne, zum fernen Brunnen des Klostergründers, zu der alten Einsiedelei des frommen Starez – an all die Orte, wohin die Sommerfrischler Ausflüge zu machen pflegten; selbst das Mittagessen versäumte er, kaum sah er noch die Bruderschaft. Oft täuschte er sich, meinte Antonina Kirillowna zu sehen – zwischen den Stämmen flimmerte es –, lief der erspähten Gestalt nach, näherte sich ihr dann mit langen Schritten, aber immer wieder war es eine andere. Ärgerlich wandte er sich ab und verschwand aufs neue im Walde.
Einst eilte er nach dem Mittagessen nach der alten Einsiedelei, um nachzuschauen, ob sie nicht hingegangen sei. Da sah er sie auf dem Steg, der über das Flüßchen Swin führt, ein Handtuch über der Schulter – sie hatte gebadet und wärmte sich in der Sonne.
Frau Grakina lächelte ihm von fern freundlich zu.
»Warum besuchen Sie uns gar nicht mehr, Vater Nikolai?« richtete sie selbst das Wort an ihn. »Kommen Sie doch mal hin und holen Sie uns zu einem Spaziergange ab …«
»Ich möchte gern mit Ihnen über eine Angelegenheit sprechen, Antonina Kirillowna«, begann Nikolka entschlossen. »Vielleicht gehen wir ein wenig zurück, sonst langt die Zeit nicht … Und ich möchte es gleich vorbringen, ein anderes Mal fände ich wohl nicht den Mut dazu …«
Nikolai hatte die Stirn gefurcht und stieß die Worte kurz und schwer hervor, als ringe er sie sich mühsam ab. Sie bogen in eine junge Eichenschonung ein. Frau Grakina spitzte die Ohren und blickte ihm prüfend in die Augen, als schwante ihr Unheil.
»Ich will zu Ihnen sprechen offen und ehrlich, als wären Sie meine Mutter, als beichtete ich. Meine Mutter liegt schon lange im Grabe, auch mein Vater ist gestorben, ich habe niemand, dem ich mein Herz ausschütten könnte. So komme ich zu Ihnen, Antonina Kirillowna. Ich bin aus geistlichem Stande; mein Großvater und Urgroßvater waren Oberpriester, nur mein Vater fristete sein Dasein als armer Diakonus, zweimal ist unser Hof niedergebrannt, da konnten wir nicht mehr hochkommen, meine Mutter ist darüber gestorben …«
Nikolka stockte, grübelte, riß von einem Bäumchen einen trockenen Zweig, biß die dürren Sprößlinge ab, blieb stehen, wußte nicht, wie er fortfahren sollte, spuckte die Holzstückchen aus, als hinderten sie ihn am Sprechen.
»Ich stehe ganz allein in der Welt, Antonina Kirillowna, ganz allein. Ich bin ja nicht aus eigenem Antrieb ins Kloster gegangen, der Bischof hat mich hergesandt, ich sollte hier das Ritual lernen, nachher wollte mich Seine Eminenz dann zum Geistlichen erheben. Und nun bin ich hier schon so endlos lange … Als Achtzehnjähriger kam ich her, und jetzt sind seitdem bereits acht Jahre vergangen, als hätte sie ein dunkler Abgrund verschlungen. Ich bin ja noch nicht Mönch … Mir ist, als wäre ich in Sumpf, in Morast geraten – und finde den Weg nicht hinaus. Alles verschlingt der dunkle Abgrund.«
Frau Grakina konnte nicht verstehen, wo hinaus das sollte, und wurde unruhig. Vielleicht wollte er sie um seine Hilfe bitten oder ihr, der jungen Witwe, seine Liebe erklären, damit sie ihn tröste in seiner Einsamkeit. Und wirklich tat er ihr leid, sah sie doch, daß er litt; nicht Liebe, wohl aber Mitleid empfand sie mit ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte herzlich:
»Nun heraus mit der Sprache, was haben Sie?« Sie trat ganz nahe an ihn heran. »Reden Sie!«
»Ich liebe Fenitschka, liebe sie herzinniglich, Antonina Kirillowna …«
Hätte Frau Grakina ihm nicht die Hand auf die Schulter gelegt, so hätte er es wohl nicht gewagt. Als sie aber so warm zu ihm gesprochen hatte, machte er einen tiefen Atemzug, der ihm gleichsam durch alle Glieder ging, und da war es heraus. Nun sprach er hastig und überstürzt auf sie ein, aus Furcht, sie könnte ihn unterbrechen, ihm das Wort abschneiden. Er dachte in diesem Augenblick nicht an Fenjas reiche Mitgift, vielleicht darum nicht, weil ihn sein Geständnis ganz in Anspruch nahm und weil er sich hinaussehnte aus dem Hin und Her des Klosterlebens, hinaus in die freie Welt; so kam es, daß er aufrichtig sprach, so aufrichtig, wie vielleicht nie zuvor in seinem Leben. Wie ein Lichtstrahl durch ein frostbedecktes Fenster bricht, brach sich seine leidende Seele durch alle Hemmnisse hindurch, dem Licht entgegen.
Frau Grakina hob ihre Augen erstaunt zu ihm empor, der Strahl seiner Pupillen durchdrang die ihren und sank erstarrt in ihr kaltes Herz, schwer wie ein Stein, so schwer, daß ihr Atem stockte. Sie schwieg, und ihre kalten Augen schwiegen.
»Seit dem vorigen Sommer habe ich keine Ruhe mehr gefunden, den ganzen Winter über bis in das Frühjahr träumte mir von ihren Zöpfen und Augen. Ich konnte Ihre Ankunft gar nicht mehr erwarten! Endlich kamen Sie, und seitdem gehe ich wie verstört umher. Antonina Kirillowna, ich würde die Priesterweihen nehmen, der Bischof würde mich in die Stadt berufen … und ich würde Ihre Tochter auf Händen tragen. Ich will nichts, nichts, als nur die kleine Fenja! Nein, warten Sie, lassen Sie mich zu Ende sprechen, ich weiß ja, was Sie sagen wollen: Ein Mönch, ein Nichtstuer, ein Schürzenjäger! Antonina Kirillowna, beten lernen würde ich in der Welt, hier aber ist nichts als Habgier und Neid auf die Welt! Seit dem vorigen Sommer …«
»Fenja muß lernen, aber nicht heiraten …«
»Antonina Kirillowna, was nützt denn das viele Wissen, Liebe ist doch das Wichtigste für den Menschen, und Fenja ist …«
»Fenja ist noch ein unreifes Mädel!«
»Wenn sie mich nicht lieben würde, aber sie liebt mich ja, hat es mir selbst gesagt, hat mir selbst gesagt, daß sie mich ihr Leben lang lieben wird! Machen Sie uns nicht unglücklich …«
»Sie hat Ihnen das gesagt? Wann?«
»Als Sie fort waren, da hat sie es mir gesagt. Wir fuhren zusammen Boot, zu zweien …«
»Zu zweien?«
»Ich spreche zu Ihnen wie vor Gottes Angesicht – Fenja hat versprochen, meine Frau zu werden, wir lieben uns auf immerdar, und ich brauche gar keine Mitgift …«
Aus Angst, Frau Grakina könnte meinen, er habe es auf ihr Geld abgesehen, hatte er glatt herausgesagt: »Ich brauche gar keine Mitgift.« Wie ein Aufschrei waren ihm diese Worte entfahren, so daß Antonina Kirillowna zusammenzuckte.
»Antonina Kirillowna, ich liebe Fenja wie meine Frau, und unser Kindchen, wenn wir eins bekommen, werde ich ebenso herzlich lieben – ich stehe ja ganz allein in der Welt, ganz allein, ich habe ja niemand außer ihr. Und sie ist ja meine Frau, Fenitschka ist vor Gott meine Frau, bis an ihr Lebensende meine geliebte Frau …«
Wie Steine von einem Berghang rollten seine Worte klirrend in die Seele der Mutter, schlugen ihr gegen Kopf und Hände. Ohne ihn anzusehen, vor Entsetzen auf Du übergehend, herrschte sie ihn an:
»Deine Frau? … Also hast du sie unglücklich gemacht?! Hast es gewagt? …«
»Aus Liebe! Ich habe keine Gewalt angewandt, ich sage es Ihnen offen, wie vor Gottes Angesicht, wie meiner Mutter, und ich bin jetzt gleichsam Ihr Sohn, und ich will Fenja ehelichen in Treue und Ehrlichkeit …«
»In Treue und Ehrlichkeit? Und dabei hast du sie ehrlos gemacht? … Meine kleine Fenja? … Du hast es gewagt? Du?!«
Sie würdigte ihn weiter keines Blickes, wandte sich ab; es wurde dunkel vor ihren Augen, ihr war, als taumelte sie. Schweigend schritt sie davon.
Jammernd wie ein Hündchen lief ihr Nikolai nach.
»Wie der eigenen Mutter, wie vor Gottes Angesicht habe ich Ihnen alles gestanden. Ich liebe Ihre Tochter, liebe sie ewiglich, das Glück Ihrer Tochter, das Glück Ihrer kleinen Fenja, unser Glück ruht in Ihren Händen. Geben Sie mir Fenitschka!«
Sie wandte sich um, und es war, als sei etwas in ihr in Stücke gebrochen, fortgeschwemmt worden im Ansturm der Gefühle, als sie ausrief:
»Du Lump! Hörst du, was ich sage – ein gemeiner Lump bist du! Hast wohl Angst, daß ich mich bei dem Abt beklage, beim Bischof über dich beschwere … Heiraten will er sie! … Die Priesterweihen nehmen! … Braucht gar keine Mitgift, nur Fenja allein will er haben! Ausspeien werde ich vor dir, du Lump mit dem scheinheiligen Gesicht!«
Sie spie wirklich vor ihm aus und schritt hastig davon.
Nikolai war stehengeblieben und dachte: Nun ist alles zu Ende. Das ist keine Mutter, das ist ein Stein. Kein Mensch – eine Bestie. Entflammte Habgier sprach aus ihr. Hockt zitternd über ihrem Gelde! … Und nur ganz entfernt in einem Winkel seines Hirns tauchte flüchtig der Gedanke auf: Daß sie sich nicht beklagen will, ist übrigens gut … Dann überkam ihn Wut: Wie vor Gottes Angesicht hatte er vor ihr seine Seele ausgeschüttet, und sie hatte geantwortet: Du Lump! … und hatte vor ihm ausgespien! …
In ohnmächtigem Zorn warf er sich zu Boden, riß Erdstückchen mit Pflanzen und Wurzeln aus, schleuderte sie von sich. Seine Augen blickten höhnisch aus weitaufgerissenen Lidern, mit bitterem Hohne knirschte er:
»Mag sie jetzt ihre Tochter nur an den Mann bringen, mag sie nur! Solch eine prügelt der Mann, unglücklich macht die Alte ihr Kind. Mag sie, mag sie nur. Einen Mann wird sie schon finden, bei ihrem Geld ist das nicht schwer. Und um des Geldes willen wird er sie auch nicht prügeln, aber unglücklich macht sie ihre Tochter doch.«
Er lag, grübelte, verzehrte sich in Wut, tröstete sich mit erbitterten Worten, doch unerbittlich brannte die Erkenntnis auf seiner Seele: »Es ist aus, all meine Hoffnung auf ein besseres Leben ist aus und zu Ende. Es ist nichts draus geworden!«
Bis zum Abend lag er im Walde, bis es dunkel wurde; dann stahl er sich durch die Nebenpforte bei den Pferdeställen ins Kloster und hinten herum zu Afonka. Die ganze Nacht wurde wüst gezecht, Afonka stand schließlich von seiner Bank auf, hob den betrunkenen Freund auf sein Lager. Er selbst legte sich auf seine wattierte Winterkutte, die er auf dem Fußboden ausgebreitet hatte. Er war selig, daß er seinem Freunde so gut geraten hatte.
Nikolka erwachte, blickte wie irr um sich, hatte den Schlucken, stammelte, betrunken weinend:
»Ausgespien hat sie vor mir … Ich habe meine Seele vor ihr aufgetan, verstehst du, Afonka, meine Seele, sie aber hat mich einen Lumpen genannt und in diese Seele gespuckt. Wie zu meiner Mutter habe ich zu ihr gesprochen. Und die Mutter hat vor mir ausgespuckt – vor Fenja hat sie ausgespuckt …«
Nikolka ließ seine Zwanziger springen und trank zusammen mit Afonka ganze Tage lang …
Frau Grakina wußte nachher nicht, wie sie nach Hause gekommen, welchen Weg sie gegangen war. Verstört, ganz außer sich, trat sie ins Zimmer, es kochte alles in ihr, nur ihre Stimme war kalt und hart und ihre Worte vor Kummer grausam.
Marja Karpowna und die kleine Fenja tranken Tee, aßen dazu Weihbrot und Walderdbeeren. Frau Klimowa warf einen Blick auf ihre Freundin, und sofort war ihr alles klar; sie sammelte sich. Antonina Kirillowna wandte sich an ihre Tochter:
»Was hast du angestellt? Sprich! … Nun?«
Sie trat hart an die kleine Fenja heran. Das Herz des jungen Mädchens pochte laut, ihre Hände wurden kalt, ihre Stirn feucht.
»Aus dem Hause jag' ich dich, schamloses Geschöpf! Mit Männern läßt sie sich ein. Rede – wie, was ist geschehen?«
Flüsternd – vor Angst versagte ihr die Stimme – hauchte die kleine Fenja:
»Mütterchen … Mütterchen! …«
»Hat er dich geküßt?«
»Ja …«
»Und was war weiter? Hat er Gewalt gebraucht? Nein?! Du selbst hast dich ihm an den Hals geworfen! Wußtest du nicht, was das heißt, was das für Folgen hat? Hat er dir wirklich die Unschuld geraubt? Sprich!«
»Ich habe mich ihm selbst hinge … Ich liebe ihn!«
»Ach, du bildest dir noch was ein darauf?!«
Und sie schlug die Tochter ins Gesicht, links und rechts, mit beiden Händen, so daß das Köpfchen der kleinen Fenja hin und her taumelte. Im Nu wurden deren Wangen ganz rot, Tränen stürzten ihr aus den Augen, fluteten die Wangen herab, benetzten die Handflächen der Mutter. Frau Klimowa war emporgesprungen und stellte sich schützend vor das junge Mädchen.
»Nicht schlagen … komm zu dir, ich laß das nicht zu! Lieber schlage mich, mich! Ich bin schuld daran, mich kannst du zur Rechenschaft ziehen, mich kannst du schlagen.«
Die kleine Fenja hatte sich an den Tisch gesetzt und das Gesicht in die verschränkten Arme vergraben. Ihre Tasse war umgestürzt, die Erdbeeren aus dem Tellerchen über das Tischtuch verstreut, über welches farbige Bächlein liefen, und die zerdrückten Erdbeeren sahen aus wie blutige Tränen. Die kleine Fenja schluchzte so herzzerbrechend, daß ihr ganzer Körper zuckte.
Durch die Exekution hatte Frau Grakina ihrem bedrängten Herzen Luft gemacht, ihr Zorn war verraucht; gebrochen, tränenlos, aber mit schneidend harter Stimme sagte sie:
»Du hast nicht acht gegeben auf das Kind … Denkst immer nur an deine Mönche, darum kommst du ja auch her. Ich weiß, ich bin schuld. Ich habe dir vertraut. Aber was fangen wir jetzt mit ihr an? Sage mir das! Sollen wir sie jetzt zu der weisen Frau schleppen, die Frucht abtreiben, sie nach Moskau schicken – angeblich zu einem Besuch bei ihren Tanten?! Ach, verbergen kann man es doch nicht, und wieder gut machen kann man es auch nicht. Mit Geld die Schande bedecken? … Um ihre Hand hält er an – auch ein Bräutigam! Ausgespuckt hab' ich vor diesem Bräutigam. Oberpriester will er werden durch unser Geld. Nicht das erste Mädel hat er auf dem Gewissen. Von unserem Geld bekommt er nichts zu sehen, und auch das Mädel kommt ihm nicht mehr unter die Augen. Mit scheinheiliger Miene kam er auf mich zu, wollte mir was weismachen.«
Frau Klimowa sagte eindringlich:
»Tonja, sieh mich an! Auch mich hat man gegen meinen Willen verheiratet, um einen Fehltritt zu decken. Und du weißt, was daraus geworden ist … Gib sie ihm schon lieber … Sie lieben sich, so laß sie sich denn lieben, in Gottes Namen … Du weißt ja noch, wie lieb ich ihn hatte, unseren ersten Verkäufer … Hast ja zusammen mit mir geweint, als meine Brüder ihn in seiner Kammer halbtotschlugen. Ich hörte ihn stöhnen, die ganze Nacht durch. Hätten sie ihm lieber den Garaus gemacht! Hatten ihm die Nieren beschädigt und den Bewußtlosen in den Schnee auf den Hof hinausgeworfen. Einen ganzen Monat lang hat er sich gequält, bis der Tod ihn erlöste. Und dann haben sie mich verheiratet. Und haben Krokodilstränen geweint, als mein armer Waßenka starb, die Mörder! … Mach' dein Mädel nicht unglücklich, Tonja. Was habe ich denn vom Leben an der Seite meines Alten? Er bringt einem nur das Blut in Wallung, nachher liegt man da und weint das Kissen naß … Und am Morgen macht er einem Vorwürfe darüber, daß man nicht als unbescholtenes Mädchen in die Ehe getreten ist. Mein Leben lang habe ich keine rechte Freude gekannt. Wenn er mir nur einmal ein zärtliches Wort sagen wollte! Aber außer Vorwürfen höre ich nichts von ihm. Die Sehnsucht des Körpers kann man noch stillen, aber die Sehnsucht der Seele bleibt ewig ungestillt, daß es immer wie ein Stöhnen in dir ist. Du mußt nicht danach urteilen, daß ich leichtfertig bin, mich mit fremden Männern abgebe; nicht aus Übermut tue ich das, sondern so wie ein Trinker zur Flasche greift, es ist wie ein Rausch, ein Weiberrausch. Bei anderen mag es anders sein, bei mir ist es ein Dürsten nach Sinneslust, um die Seele zu betäuben, auf daß sie alles vergißt, im Rausch der Erbsünde sich selbst vergessend … Gib ihm das Mädel, mögen sie sich lieben. Wir leben nur einmal … Ich weiß, ich trage die Schuld, so strafe mich, aber laß das Mädel in Ruhe … Bist du ihr eine rechte Mutter oder eine Stiefmutter? … Und verheiratest du sie mit einem jungen Manne, so macht er ihr das Leben zur Hölle …«
Frau Klimowa verstummte. Sie hatte ausgesprochen, was sie als Lebenswahrheit erkannt hatte. Nun schwieg sie.
Die kleine Fenja schluchzte noch immer, über den Tisch gebeugt; die Tränen versengten ihr die Lider, ließen sich aber nicht aufhalten und flossen unaufhörlich die Wangen hinab auf die nassen Manschetten.
Frau Grakina erhob sich und verkündete ihren Entschluß:
»Morgen reise ich mit ihr fort von hier! Nachher werden wir weiter sehen …«
Eilig wurde gepackt. –
Aus dem Zuge rief Antonina Kirillowna der Freundin zu:
»Ich werde dir schreiben … Wie's auch werden mag! … Bleibe einstweilen hier.«
VII
Inhaltsverzeichnis
So blieb denn Marja Karpowna Klimowa im Klosterwalde, in der Hoffnung, ihre schwelende Seele zu betäuben.
Sie ging zur Mittagsmesse in die Kirche, stellte sich neben den Chor, wie sie es mit Nikolka vereinbart hatte. Dieser konnte kaum das Ende der Messe erwarten; freudig pochte sein Herz. Dann warf er seine Mähne zurück und eilte Frau Klimowa nach.
»Deine Herzenskönigin ist auf und davon, ihre Mutter hat sie heute mit dem Frühzug fortgebracht.«
Nikolka starrte sie wortlos an.
»Halt, nicht so eilig! Die Mutter will mit ihrem Bruder sprechen, vielleicht gibt man dir auch das Mädel. Antonina Kirillowna wollte mir schreiben, sprich dann und wann mal vor …«
Nikolka lief vor Freude zu seinem Freunde Afonka, der ihn verschlafen anblickte und ihm stumm zuhörte; danach setzte eine große Beratung ein, alle Möglichkeiten wurden erwogen. Afonka glaubte nun, daß die Angelegenheit sich glatt abwickeln würde, und versank in Nachsinnen. Was sollte dann aus ihm werden? Er konnte doch nicht sein Leben lang im Kloster bleiben!
»Nikol, ich will mal mit dir zu der Klimowa gehen. Du hast mir doch versprochen, mich nicht zu vergessen, wenn es dir gut geht … Vielleicht gelingt auch mir ein Stückchen – ich will's mal versuchen.«
Er dachte bei sich: Einmal wird ja der alte Klimow sterben; sie sagte schon mal im vorigen Jahre, es könne nicht mehr lange dauern. Sie muß sich bloß in mich verlieben. Ich will's ihr dann schon recht machen. Wie viele Weiber haben schon geweint, wenn sie von mir fort mußten. Ich muß nur mal rankommen, nachher läßt sie mich nicht mehr fort, verliebt sich in mich bis über die Ohren, dann kann ich mit ihr machen, was ich will. Der Alte kann ja nicht ewig leben und anderen Leuten im Wege stehen … Schließlich könnte man da vielleicht auch ein bißchen nachhelfen, damit es schneller geht …
Er sagte zu Nikolka:
»Ihr Alter wird wohl bald ins Gras beißen, und dann hab' ich sie. Einverstanden? Na, hole mich also ab, wir machen dann alles zusammen, fahren auch zusammen zu ihnen in die Stadt.«
Und irgendwo tief innen im Kopf kam ihm – eigentlich nicht der Gedanke – nur so eine nebelhafte Vorstellung: Da bin ich auch der kleinen Fenja näher … Ich werde ihn doch besuchen, den Nikolka, meinen Busenfreund … Er konnte es nicht vergessen, wie er vor den Balken bei der Mühle Fenjas Arme gestreichelt hatte. So nebenbei sagte er zu Nikolai, um in Zukunft keinen Verdacht in diesem aufkommen zu lassen:
»Erinnerst du dich noch – damals schon, als du die kleine Fenja kennenlerntest, am See, hatte ich mich bereits an die Klimowa herangemacht.«
Immer wieder kam ihm der heimliche Gedanke, nagte an seinem Herzen wie eine Maus: Tropfen auf Tropfen, das hält selbst ein Stein nicht aus, noch viel weniger das Herz einer jungen Frau … Mit Liebesworten will ich mich einfressen in das Herz der kleinen Fenja, wenn die Zeit kommt … Nikolka wird nichts merken, weil ich ja mit der Klimowa leben werde … Und Fenitschka muß so süß und zärtlich sein, wenn sie einen erst liebgewinnt – dann kann man alles mit ihr machen, was man will …
So beschlossen denn die beiden Freunde, ihre Pläne zusammen auszuführen und Vater Michail fallen zu lassen. Trotz seiner gebrochenen Hakennase ging der rothaarige Afonka zu Frau Klimowa. Nicht gleich beim ersten gemeinsamen Teetrinken wurde er zärtlich zu ihr, sondern ganz allmählich. Die ersten paar Male saß auch Nikolka dabei, schwieg aber meist, ließ den Kopf hängen und spielte den Unglücklichen, der auf Hilfe und Trost hoffte.
Nachher kam Nikolka zu Frau Klimowa, um hier Briefe an die kleine Fenja zu schreiben. Sollte eine Antwort kommen, bat er, so möge Marja Karpowna sie nicht in den Briefkasten werfen, der bei den Pferdeställen an einem Kiefernpfahl hing, sondern sie ihm persönlich übergeben. Für die Bruderschaft seien die Wallfahrer und Sommerfrischler eine große Versuchung, darum läse der Mönch, der die Klosterpost besorge, nicht nur Postkarten, sondern öffne auch sehr geschickt die einlaufenden und ausgehenden Briefe und läse bei dem Licht eines Kerzenstummels, was darin steht über kleine und große Vorkommnisse, über glückliche und unglückliche Liebschaften, und mache darüber, gegen ein besonderes Entgelt, Mitteilung an solche Mönche, die ein Interesse an den Neuigkeiten haben konnten. Das war so Brauch von alters her, und dem Abt berichtete der Vater Postmeister ausführlich, mit allen Einzelheiten wie bei der Beichte.
Mit den Briefen lief Nikolai zum Postzug, jagte vier Werst quer durch die Sümpfe (auf dem Wege hätte ihn leicht jemand sehen können, dann wäre der Fragen und der Vermutungen kein Ende gewesen!) und wartete auf den Zug. Er wartete aber nicht auf dem Bahnhof (eigentlich war es nur eine Haltestelle, mit einem kleinen Bahnhofsgebäude auf einer Seite des Schienenstrangs), sondern hinter den gegen Schneewehen errichteten Lattenzäunen; wenn dann der Zug einlief, schlüpfte Nikolka schnell über den Bahnsteig, steckte den Brief in den Briefeinwurf des Postwagens und verschwand; in dem Hin und Her fiel er nicht weiter auf. Im Walde wartete er, bis die Klosterwagen mit den Wallfahrern vorübergefahren waren, und machte sich dann wieder durch die Sümpfe auf den Heimweg.
Schließlich kam ein Brief von Antonina Kirillowna an Frau Klimowa.
»Maschenka, Liebste, ich weiß gar nicht, was ich machen soll! Kirill ist nach England gereist, in Geschäften, um den Hanf der nächsten Ernte zu verkaufen und Bindfadenmaschinen mitzubringen. Und nun kommt er noch immer nicht zurück. Ich flehe zur heiligen Jungfrau um ihren Beistand. Ich weiß nicht, was ich mit Fenka anfangen soll: sie schweigt, tagelang, geht auf und ab, nimmt so gut wie nichts zu sich, erklärt, ihr sei übel. Ob sie am Ende gar schwanger ist? Das wäre schrecklich! Hat sie ihn wirklich so lieb gewonnen?! Wenn ich mein Mädel anblicke und sehe, wie elend sie ist, bin ich bereit, zu allem ja und amen zu sagen; aber du weißt ja, ohne meinen Bruder vorher um Rat gefragt zu haben, kann ich doch nichts unternehmen. Obwohl er allen Neuerungen nachjagt – neue Maschinen, neue Fabrikanlagen – so achtet er im Hause doch darauf, wie die Eltern und Großeltern es gehalten haben. – Den Nikolai da nimm dir vor und mach' ihn ordentlich herunter: er hat es so weit gebracht, daß sowohl das Mädel als auch ich ganz zerquält sind.«
Dieser Brief war nicht ins Kloster adressiert, wo er in den Briefkasten bei den Pferdeställen gekommen wäre, sondern postlagernd auf den Bahnhof. Da hing neben der Fahrkartenausgabe ein Schränkchen mit einem Drahtgitter davor, und der Stationschef hatte den Schlüssel dazu, so konnte der Vater Postmeister vom Kloster die ausliegenden Briefe nur angucken und mit den Zähnen knirschen – heran kam er nicht. Deshalb hatte ja Frau Klimowa ihre Freundin gebeten, den Brief auf den Bahnhof zu adressieren. Bloß sie und Nikolai hatten den Brief gelesen, und dieser hatte den Inhalt seinem Freunde Afonka mitgeteilt.
Danach kam Afonka immer öfter zu Frau Klimowa, um die junge Witwe zu umstricken, bevor es zu spät war und sie abreiste. Ganz vorsichtig und allmählich näherte er sich ihr, machte ihr geradezu den Hof, schmachtend und unterwürfig, bis Marja Karpowna beschloß, das Gebot der ehelichen Keuschheit mit dem jungen Mönch zu übertreten und vor ihrer Abreise die Seligkeit einer neuen Liebe noch einmal auszukosten – hatte er sie doch schon im vorigen Jahre umworben. Vater Michail hatte ihr ja geholfen, sich zu betäuben, aber nun hatte sie beschlossen, nicht nur den ganzen Winter über bis zum Frühjahr keinen Abstecher ins Kloster mehr zu machen, sondern überhaupt nicht mehr, niemals mehr herzukommen. Darum wollte sie einmal noch die Süße der Sünde auskosten, um dann in der Klosterkirche ein Gelübde der Keuschheit abzulegen. Dazu kam, daß sie eine heimliche Neugierde plagte, genoß doch der Novize Afonka in den Kreisen der Kaufmannsfrauen im ganzen Gouvernement den Ruhm unerschöpflicher Manneskraft, da war es doch verzeihlich, wenn sie sich zuerst noch von Afonkas besonderer Begabung überzeugen wollte, bevor sie das feierliche Keuschheitsgelübde ablegte. Afonka war tief gerührt, ja er weinte sogar, als sie scheinbar plötzlich und unversehens nachgab, aus Mitleid mit ihrem rothaarigen Anbeter. Und wirklich versank nicht nur ihre dürstende Seele in Verzückung, als sie in seinen Armen lag, sondern um die ganze Marja Karpowna war es geschehen für immerdar – das Bodenlose schlug über ihr zusammen.
Nach acht Tagen hatte sie abreisen wollen, doch nach Ablauf dieser Woche blieb sie weitere vierzehn Tage.
Afonka suchte sie ganz zu umgarnen, zu betören; Tag für Tag wiederholte er – wie Tropfen fielen seine Worte:
»Maschenka, ich würde gern der letzte Knecht bei euch sein, wenn ich nur bei dir bleiben, dich nur immer sehen dürfte! Nicht für Geld würde ich bei dir dienen – wie der arme Lazarus wäre ich bereit, in einer Hundehütte zu wohnen und mich von Abfall zu nähren! Und ich würde sehen, es deinem Alten in allem recht zu machen! …«
»Ich habe Angst, Afonja, ich habe Angst, Liebster – mein Alter hat ein scharfes Auge und einen feinen Spürsinn …«
Hingegossen in Zärtlichkeit lag sie auf dem samtweichen Moose im Walde, nannte ihn kosend Afonja und strich über seine rote Ringelmähne. Ihr Herz pochte stürmisch bei dem Gedanken: Wie, wenn es möglich wäre?! Dann überkam sie ein Grauen: Er könnte sie erwürgen, ihr Kaßjan. Im Schlafe erwürgen. Und alles wäre aus und zu Ende. Aber wie schön wäre es, wenn es sich machen ließe … Ihr wurde ganz schwindelig bei der Vorstellung. Ob man es nicht versuchen könnte!
Sie rang mit sich, schließlich sagte sie unbestimmt:
»Vielleicht als Kellner in unserer Gastwirtschaft, was meinst du?«
»Gern! Auch ohne Gehalt, allein für freie Verpflegung … Wenn ich dich nur manchmal sehe.«
In ihm aber klang es: Ich werde in Fenitschkas Nähe sein! Sie wird die Mascha doch zuweilen besuchen, und wenn sie kommt, mache ich mich an sie heran!
Jetzt drang er selbst in Frau Klimowa, sie möchte schneller abreisen, um sich der Angelegenheit seines Freundes Nikolai anzunehmen.
Beim Abschied sprach sie im Flüsterton, und ihre Stimme bebte vor Angst, weil sie ihren Mann nun unter seinen Augen hintergehen wollte – vor Gott und den Menschen war er ihr Mann, auch wenn sie ihn nicht liebte – und dadurch sich und Afonja einer ewigen Pein aussetzte:
»Wenn du ihn um eine Anstellung bittest, so erkläre ihm, daß es eine höhere Glaubenstat sei, in der Welt die Unbeflecktheit des Gottgeweihten zu bewahren als hinter dem Schutz der Klostermauern. Dadurch gewinnst du ihn – das sind seine Worte. Er behauptet, daß es hundertmal schwerer sei, in der Welt der Versuchung zu widerstehen als in der Abgeschiedenheit des Klosters. Ringe die Versuchung durch fromme Gebete nieder, dann gebührt dir Ehre und Ruhm. Sage ihm, daß du das versuchen willst, Afonja. Wenn du ihn für dich gewinnst, macht er dich zum Verwalter der Gastwirtschaft; hat er einmal zu jemand Vertrauen gefaßt, so läßt er sich darin durch keinerlei Klatsch erschüttern. Dann werden wir es leichter haben. Und die Sache mit Nikolai will ich schon durchdrücken. Kommt also beide zusammen in die Stadt.«
Als Marja Karpowna abreiste, war sie krank vor Liebessehnsucht.
Die beiden Freunde machten sich an die Vorbereitungen zu ihrer Abfahrt.
Nikolka lernte vom Morgen bis zum Abend die Responsorien: stumm, laut, im singenden Tonfall des Diakons. Das ganze Buch war schließlich zerknittert, so eifrig studierte er.
Durch das Kloster zog die Neuigkeit:
»Nikolka bereitet sich zum Diakonus vor, heiratet eine Kaufmannstochter, Millionärin – alle Achtung!«
Er mied den Speisesaal – die Bruderschaft zog ihn auf, spöttelte neidisch, lachte bitter und zornig. Er suchte seine Siebensachen zusammen, gedachte der Vorschüsse, die er an die Mönche verteilt hatte, machte sich daran, die fälligen geschnitzten Löffel einzutreiben. Traf er einen Schuldner, so saß er ihm auf den Fersen, ließ nicht locker, verfolgte ihn bis in seine Zelle.
»Geld zu nehmen, versteht ihr alle, wenn's aber heißt abgeben, drückt ihr euch!«
»Du wirst doch bald ein reicher Mann sein, auf Daunenpfühlen herumliegen, in Überfluß leben, da könntest du mir meine Schuld auch erlassen – es sind ja bloß fünf Löffel!«
»Du denkst wohl, mir fliegt das Geld von selber zu, das ich dir geborgt habe? Versuch's doch, verdiene mal selbst … Habt hier im Kloster alles frei, und wenn ihr bummeln wollt, macht ihr eben Schulden!«
Den Bräutigam nannte ihn die Bruderschaft, den Diakonus. Nikolka schloß sich in seiner Zelle ein, ließ sich den ganzen Tag nicht blicken, sang die ganze Zeit in tiefem Bariton die verschiedenen Responsorien, bis es dunkel wurde. Am Fenster vorübergehende Mönche riefen ihm Spötteleien zu:
»He, Bräutigam, vor Eifer schnappt dir noch die Stimme über! …«
»Vater Diakonus, du platzt noch vor Anstrengung …«
Nikolka war eingefallen, daß auch Waßja ihm fünf Löffel schuldete. Er schaute lauernd durchs Fenster, ob der Blöde nicht vorüberkam. Eines Tages erblickte er ihn gegen Abend und ging ihm entgegen.
Als Waßja Nikolai auf sich zukommen sah, wackelte er mit dem Kopf, fuchtelte mit den Händen und wandte sich zur Flucht.
»Waßenka, warte mal!«
»Der Satan ist in dich gefahren – ich will fliehen vor dir. Höllengestank weht mir von dir entgegen. Wohin gehen, wohin flüchten vor dem Angesicht des Satans!«
»Gib mir deine Schuld ab, die fünf Löffel, hörst du, Lausekerl! …«
»In die tiefen Wälder will ich fliehen – den leibhaftigen Satan sehe ich in dir, er hänget an dir in Gestalt eines sündigen Weibes. Mit Steinen schlage ihr die Schlangenaugen ein, dein Geschlecht reiße aus gleich dem Stachel der Schlange, auf daß du gerettet werdest.«
So zeterte Waßenka, daß es über den Klosterhof gellte.
Die Mönche traten aus ihren Zellen auf die Treppenstufen heraus, um nachzuschauen, weshalb der Blöde ein solches Geschrei erhoben hatte. Als sie Nikolka erblickten, erhob sich ein lachendes Stimmengewirr.
»Vater Diakonus, du bist an die falsche Adresse geraten …«
»Das ist nämlich Waßenka – deine Braut ist auf und davon!«
Nikolka lief dem Blöden über den ganzen Klosterhof nach; Waßenka bemerkte die offene Tür der Backstube, schlüpfte hinein und sang von innen:
»Siehe, der Bräutigam kommet um Mitternacht, siehe, der Bräutigam kommet um Mitternacht gleichwie ein Tier, das vom Satan besessen ist!«
Nikolka ballte die Fäuste, Waßenka aber schlug die Tür zu, nachdem er noch durch den Spalt gerufen hatte:
»Der Satan ist in dich gefahren, der Satan! Vertreibe ihn, auf daß du die ewige Seligkeit erwirbst.«
In die Backstube einzudringen, wagte Nikolka nicht – der Vater Bäcker hatte kräftige Fäuste.
»So gib mir doch meine Löffel ab, Schmutzfink!«
Ärgerlich kehrte er in seine Zelle zurück, legte den Haken vor die Tür und vergewisserte sich vor dem Schlafengehen, ob auch alle Fensterriegel geschlossen waren. Er fürchtete, man könnte ihn berauben, gerade vor seiner Abfahrt könnten gottverlassene Diebe bei ihm eindringen und ihm seine mühsam zusammengescharrten Ersparnisse stehlen.
An einem naßkalten Abend im August – der Herbst hatte früh eingesetzt – stahl sich, seinen Rucksack über der Schulter, Nikolka zusammen mit seinem Freunde Afonka an den Pferdeställen vorüber aus dem Kloster und fuhr in die Gouvernementsstadt zu der kleinen Fenja.
Vor vierzehn Tagen war ein Brief von Frau Klimowa eingetroffen, darin stand:
»Vater Nikolai, kommen Sie her, jetzt dürfen Sie kommen – ihr Onkel ist einverstanden. Nehmen Sie auch Ihren Freund, Vater Afanaßij, mit, sagen Sie ihm, auch er könne kommen.«
Der Brief war an Vater Nikolai, postlagernd, adressiert, damit später einmal kein Verdacht auf die Briefschreiberin und Afonka falle.
Früher hatten sie nicht abkommen können.
Auf dem Bahnhof, hinter den Schneezäunen verborgen, warteten sie auf den Güterzug, der aufs Nebengeleis geleitet wurde, um den Schnellzug vorüber zu lassen. Für einen Zwanziger durften sie auf die offene Plattform eines Güterwagens steigen, wo sie die ganze Nacht über vor Kälte zitterten, bis sie schließlich am frühen Morgen in der Stadt eintrafen.
VIII
Inhaltsverzeichnis
Endlich war Frau Grakinas Bruder Kirill Kirillowitsch aus dem Auslande zurückgekehrt, doch getraute sie sich nicht, ihm gleich mit der unseligen Botschaft zu kommen, sie hoffte auf eine sich bietende Gelegenheit, eine günstige Stimmung.
Kirill Kirillowitsch sah die kleine Fenja im Laufe der Tage ein paarmal prüfend an und bemerkte, daß etwas nicht in Ordnung schien.
»Sage mal, Fenja, was hast du eigentlich? Bist du unglücklich verliebt, oder fühlst du dich nicht wohl?«
Er stellte die Frage bei Tisch. Das junge Mädchen errötete und kämpfte gegen aufsteigende Tränen.
Die Mutter kam ihr zu Hilfe.
»Ich möchte nachher mit dir sprechen, Kirill.«
»Also habe ich richtig geraten? Verliebt ist meine kleine Nichte? Da feiern wir wohl bald fröhliche Hochzeit?«
Nach dem Essen zerknüllte er eine Prise duftigen Tabaks zwischen den Fingern, stopfte seine Pfeife und bat seine Schwester in sein Arbeitszimmer.
Antonina Kirillowna – dieselbe, die noch vor wenigen Monaten so hart, steinhart gewesen war – hatte kaum die Schwelle überschritten, als sie in Tränen ausbrach, und zwar nicht in Weibertränen – sie weinte wie ein Mann, lautlos rannen ihr die Tränen aus den plötzlich geröteten Augen.
»Na, Tonja! … Setz' dich, sprich.«
Er ließ sich auch selbst in einen Lehnstuhl nieder und fuhr sich gewohnheitsgemäß mit der Hand über die Wangen, als wollte er feststellen, ob er auch frisch rasiert sei. Frau Grakina hatte beabsichtigt, ihm ruhig und gefaßt alles der Reihe nach zu berichten, es kam aber alles zusammen und kunterbunt durcheinandergemischt heraus; sie sprang von einem zum andern, begann mit der Mitte, schloß mit dem Anfang und vergaß das Ende.
»Wir waren also in der Sommerfrische im Klosterwald, wo wir ja auch im vorigen Jahr den Sommer verbracht hatten. Frau Klimowa war auch wieder mit uns. Du kennst sie ja … Läßt sich mit den Mönchen ein, und ich habe den Schaden davon. Dann fuhr ich auf ein paar Tage in die Stadt, um Wirtschaftseinkäufe zu machen. Als ich zurückkam, stellte sich heraus, daß sie da Boot gefahren waren, mit Mönchen. Unter ihnen war ein junger, hübscher … Er ist Vorsänger im Klosterchor.«
»Nun und Fenja hat sich in ihn verliebt? Das ist doch nicht so schlimm, dafür ist sie ja ein Mädel!«
»Er will herkommen und um ihre Hand anhalten.«
»Was? Ein Mönch will um die kleine Fenja anhalten?! Putzig!«
»Nicht das ist das Schlimme, aber verstehst du, die Klimowa hat nicht aufgepaßt. Ist im Walde spazierengegangen und hat das Mädel allein gelassen. Da hat er sie denn zu einer Bootfahrt zu zweien verlockt. Und … sie ist seine Frau geworden.«
»Hm, das gefällt mir weniger. Frau eines Mönches! …«
»Er ist noch nicht Mönch, bloß Novize, aus geistlichem Stande. Wenn man die nötigen Schritte tut, kann er Diakonus werden …«
»Unsere kleine Fenja Frau eines Diakons?!«
»So sage mir, was man tun kann? Sie liebt ihn … Verstehst du?«
»Warte mal, das muß ich mir überlegen …«
Kirill Kirillowitsch stopfte sich wieder die Pfeife mit wohlriechendem englischen Tabak, schloß halb die Augen, stieß Rauchwolken von sich und sann nach.
»Daß sie kein Mädchen mehr ist, ist schlimm … Tut mir leid, die Kleine … Ein liebes Mädel, große Schwärmerin, aber ein liebes Mädel …«
»Ich würde sie diesem Nikolai schließlich geben, mögen sie's versuchen. Ich will ihm schreiben, mag er herkommen.«
»Mag er kommen. Ich möchte mir diesen Bewerber aus geistlichem Stande in Gestalt eines angehenden Mönches einmal ansehen. Hat er wenigstens das Seminar absolviert?«
»Nein, nur die geistliche Schule. Er scheint aber ein guter Junge zu sein.«
»Bist wohl auch selbst ein bißchen verliebt in ihn?«
»Du machst Witze! Fenja ist schwanger von ihm.«
»Na, mag er kommen, nachher sehen wir weiter. Und mit der Kleinen will ich mal selbst sprechen.«
Der Ingenieur lächelte, wobei er die Augen halb schloß; in ihnen glommen Funken, als schmiede er heimlich Pläne.
Er geleitete seine Schwester zur Tür, wandte sich um, lächelte wieder mit zusammengekniffenen Augen, strich sich mit der Hand über die Wangen. Dann versank er aufs neue in einen Lehnstuhl, streckte die Beine von sich, überlegte.
Plötzlich stand er kurz auf, trat an den Schreibtisch, fertigte einen Scheck auf zehntausend Rubel aus und klingelte in seinem Büro an.
Ein Sekretär kam eilig die Treppe heraufgestürzt.
»Bringen Sie dies morgen früh in die Bank; die Summe ist mir telegraphisch nach Petersburg zu überweisen, Hotel Europe, Michailowskaja Straße … Wenn der englische Techniker eintrifft, soll er die neuen Maschinen montieren, aber vor meiner Rückkehr nicht anlassen. Ich bin in zehn Tagen zurück. Halt … Traber und Rennwagen.3 Der Kutscher Stephan geht auf den Bahnhof und bringt den Gaul zurück.«
Darauf schrieb Kirill Kirillowitsch einen Brief. Zuerst den vollen Titel, darauf folgte:
»Der Frau Direktorin des … Lyzeums.
Meine Nichte Fenja Grakina ist infolge einer Blinddarmentzündung, die einen operativen Eingriff erfordert, leider verhindert, zum Schulbeginn zu erscheinen. In vorzüglicher Hochachtung usw.«
Vergnügt verließ Kirill Kirillowitsch sein Arbeitszimmer und begab sich in die alte Hälfte des Hauses, wo hundertjähriger Weihrauchduft alles durchzogen hatte, Spinngewebe in verborgenen Winkeln hingen, aus eisenbeschlagenen Truhen ein Geruch von Tabak und Naphthalin aufstieg, und die gestärkten Röcke einer letzten im Hause aufgenommenen Waise, der nunmehr ehrwürdigen Pulcheria Jakowlewna, raschelten. Der Ingenieur schritt auf das Zimmer der kleinen Fenja zu.
In ihrem weißen Zimmer mit blaugeblümten Tapeten, Mullgardinen an den Fenstern, die auch blaue Blümchen trugen, lag die kleine Fenja mit geschlossenen Augen auf ihrem Bett, gedanken- und tränenlos, das Gesicht in das weiße Kissen gegraben. Sie antwortete nicht, als an der Tür geklopft wurde.
Kirill Kirillowitsch trat ein.
»Schläfst du, Fenja?«
»Nein, Onkel.«
»Darf ich herein? Ich bringe dir frohe Botschaft.«
Sie richtete sich auf, ihr goldener Zopf hatte sich halb gelöst. Sie hatte gebebt und gehofft … Ihr Onkel war einverstanden!
»Ich wußte ja gar nicht, daß du einen Bräutigam hast. Ich wünsche dir Glück. Aber darum braucht man doch das Essen und Trinken nicht aufzugeben … Du kleine Schwärmerin! … Fahren wir mal spazieren, willst du? Mit dem Traber? Wenn dir der Wind ordentlich um die Nase weht, fliegt alle Schwermut davon. Kommst du mit?«
Zaudernd, als wage sie noch nicht an ihr Glück zu glauben, blickte die kleine Fenja ihren Onkel Kirja an, ernsten Gesichts, nur aus den Augen brach ein schüchternes Lächeln. Sie warf den halbgelösten Zopf über Schulter und Brust und begann, ebenso zaudernd, langsam die Strähnen ineinanderzuflechten, doch allmählich ging es immer flinker und flinker, und unter den hurtigen Bewegungen ihrer Finger atmete, lebte sie wieder auf.
Onkel Kirja war ein seltener Gast in ihrem Zimmer, und dazu ein Gast, der Freude brachte. Es kam wohl vor, daß er sie hier und da einmal zu einer Ausfahrt aufforderte, wenn es sich gerade so machte, aber daß er selbst in ihr Zimmer gekommen wäre, um sie abzuholen, das war noch nicht dagewesen. Vielleicht hatte er ihr persönlich die freudige Nachricht bringen wollen? …
Sie konnte es noch gar nicht fassen …
Da trat er auf sie zu, legte ihr die Hand, die nach englischem Tabak und Maiglöckchen roch, zärtlich auf den Scheitel und sagte:
»Er darf auch herkommen …«
Die kleine Fenja merkte gar nicht mehr, daß ihr bis oben an den Hals jämmerlich übel war.
»Zieh deinen weißen Hermelinpelz an. Wir fahren weit, aus der Stadt hinaus, und noch weiter …«
Hanf und Stricke, Bauern und Geld, Schwinger und Maschinen, darin ging er auf, ihr Onkel – und nun hatte er plötzlich an seine Nichte gedacht!
Antonina Kirillowna lugte zum Fenster hinaus, sah die beiden abfahren, trat vor das Heiligenbild, bekreuzigte sich und seufzte erleichtert auf.
Hinaus zur Stadt ging's, mit angezogener Leine, wie der Wind stoben sie dahin. Es war ein sonniger Spätsommertag, glatt und eben der Weg …
Der Blick des Ingenieurs hing zwischen den Ohren des Hengstes, zuweilen warf er ein paar kurze Worte nach rückwärts, die die kleine Fenja hinter ihm aus dem Winde auffing.
»Wenn du erst Frau Diakon bist, gibt's das nicht mehr. Schickt sich nicht für die Frau eines Geistlichen. Es ist aber schön – diese endlose Weite! Nicht?«
Er dachte bei sich: Daß ich sie einem Mönch gebe? Nie! Habgierige Bande! Hat er sie erst, dann heißt's Geld und wieder Geld … Er wandte halb den Kopf.
»Dieses goldene Haar zu einem Zobelpelz? Muß schön sein! Eine Augenweide für einen Künstler, der etwas davon versteht.«
Und weiter spann er an seinem Gedanken: Noch fünf Jahre, und wir stehen gesichert da, mit Millionen … Ich soll Geld aus dem Betrieb ziehen? Und für wen? Für einen Mönch! Nie!
»Willst du, ich laß dein Bild malen! … Ich hatte einen Freund, jetzt ist er Akademiker, sieht aus wie ein Dichter, Tituskopf, schwarze Augen … Hast du schon mal ein Barett gesehen? Er trug ein Samtbarett …«
Nie. Dann mag sie schon lieber selbst ihr Geld vergeuden, mag sich zusammenkaufen, was ihr in den Sinn kommt, was nur ihr Herz begehrt. Ist noch jung – viel wird's nicht sein …
»Bist du erst Frau Diakon, hört's auch mit den bunten Lappen auf. In so' ner Art Schlafrock läufst du dann umher, hast einen Haufen Kinder … Was fängst du dann mit deinem Gelde an? … Die Freiheit kann man sich damit nicht kaufen. Du hast noch gar nichts von der Welt gesehen, warst noch nicht einmal im Ausland, in Übersee … Es liegt was darin, wenn man so über die Meere zieht! … Als Diakonsfrau sitzt du dein Leben lang am Fenster und siehst dir die Leute an, die vorübergehen. Du kennst doch die Frau unseres Diakons an der Kathedrale … Nicht übel, was? Dein Los!«
Der kleinen Fenja wurde recht unbehaglich zumute; ihr war, als preßte sich ihr Herz zusammen, ganz weh wurde ihr. Plötzlich fiel ihr ein, wie böse und schroff Nikolai gewesen war, als er erfuhr, daß sie Marja Karpowna alles gestanden hatte; er hatte ausgesehen, als hätte er sie schlagen mögen. Sie dachte: Er hat es nicht gewagt. Und da kam ihr das Empfinden, das sie zu unterdrücken suchte, als es fast zu einem Gedanken wurde: Er hätte es beinahe getan, er könnte es einmal tun …
Kirill Kirillowitsch fuhr hartnäckig fort:
»Ich möchte ein Bild von dir haben: dein Goldhaar über schwarzbraunem Zobel und grüne Seide dazu.«
Er ließ lockende Zukunftsbilder vor ihr erstehen, lockerte die Zügel, der Hengst, schaumbedeckt, fiel in Schritt, Kirill Kirillowitsch lachte vergnügt auf.
»Weiß du was, Fenka – wir brennen durch!«
»Wie das, Onkel? Wohin?«
»Wohin du willst! Was sagst du zu Petersburg, hm? … Deine Mutter wird warten, und wir kommen nicht. Sie schickt Boten auf die Suche aus – wir bleiben verschwunden. Da kommt ein Eiltelegramm: Wir bummeln in Petersburg!«
Der kleinen Fenja schien es ein lustiger Einfall, mit ihrem Onkel durchzubrennen.
»Zum letzten Male bietet sich dir eine solche Gelegenheit. Bist du erst verheiratet, so läßt dich dein Mann nicht fort, und auch du selbst wirst deine Kinder nicht im Stich lassen wollen. Verzeih – ich rede frisch von der Leber weg … Ich glaube, du sitzt auch jetzt schon nicht mehr ganz allein da hinter mir. Also, abgemacht?«
Er zog die Uhr.
»In einer halben Stunde geht der Schnellzug. Wir kommen gerade noch hin.«
Sie flogen dahin, ihr Onkel brüllte die Wagen und Leute an, die ihnen in den Weg kamen. Man sah sich nach ihnen um, tauschte Bemerkungen aus.
»Mit einem Mädel …«
»Der versteht die Sache – hat's wohl auf der Hochschule gelernt.«
»Ja, ja, sein seliger Vater hielt's anders.«
Die kleine Fenja hatte nicht geantwortet und so zugestimmt, ganz im Bann der Worte ihres Onkels. Nach der tollen Fahrt, bei der ihr in wehendem Winde der Atem gestockt hatte, schlief sie im Zuge bald ein und erwachte erst, als sie Twer bereits hinter sich hatten. Auch ihr Onkel war eingeschlafen, und um seine Lippen spielte ein Lächeln.
Durch die Snamenskaja Straße, von Straßenbahngeläute umschrillt, ging's auf einem Lichatsch4 den Newskij entlang …
Die kleine Fenja, der in dem Menschengewimmel vor den Augen ganz wirr geworden war, saß stumm an seiner Seite.
Neueingekleidet, in knisternder Seide, schlenderte sie am Arm ihres Onkels aus den Modehäusern ins Theater, jagte von den Inseln5 in die Museen.
Unangenehm war nur, daß die Übelkeit nicht weichen wollte.
»Bist du erst Frau Diakonus, so siehst du nichts mehr vom Petersburger Leben. Ich würde an deiner Stelle die Hochzeit einstweilen aufschieben, es hat damit doch keine solche Eile. Wenn du verheiratet bist, mußt du dir auch den Gedanken an den Besuch der Hochschule aus dem Kopf schlagen. Von siebzehn Jahren an sein Leben lang das gleiche einförmige Dasein …«
So philosophierte Onkel Kirja in einem hell erleuchteten Saal beim Abendessen, hob den geschliffenen Kelch, blickte mit zusammengekniffenen Augen durch das perlende Naß, goß auch Fenjas Glas wieder voll mit blondem Wein, der Wünsche und Gedanken durcheinander wirbelt und alle Grenzen verwischt.
»Als ich Student war, hatte ich mich auch in ein ungebildetes Mädchen verliebt; zum Glück rettete mich mein Vater – schickte mich nach dem Kaukasus auf den Bummel. Ich sage: zum Glück – ich bin ihm herzlich dankbar dafür. Zwanzig Jahre war ich alt, meine ganze Jugend stand noch vor mir! Um nichts und wieder nichts hätte ich beinahe mein Leben verpfuscht – und du bist erst siebzehn …«
Die kleine Fenja zuckte zusammen, drückte ihr Taschentuch an den Mund und verschwand im Laufschritt. Ganz blaß kehrte sie zurück …
Eine ganze Woche lang, vom Morgen bis in die Nacht hinein nagten sich Onkel Kirjas wohlüberlegte Worte in Fenjas Vorstellungswelt ein. Über das frische freie Leben an der Hochschule sprach er zu ihr, über die köstliche, ungebundene Jugendzeit, über jauchzende, freie Liebe. Und einst fragte er leise:
»Fenja, Mädel, willst du denn wirklich die Frau eines Diakons werden?«
»Ich weiß nicht, Onkel Kirja, ich finde mich nicht mehr zurecht … Ich möchte für mein Leben gern auf die Hochschule, und ich liebe ihn – und ich tu mir so leid – nicht um meine Liebe ist es mir leid, ich selbst tu mir leid. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll …«
»Schiebe die Hochzeit einstweilen auf. Vielleicht wird er auf dich warten, vielleicht auch nicht – dann bist du frei, gewinnst einmal einen anderen lieb, vielleicht einen Studenten – aus ganz Rußland strömen ja die jungen Leute hier zusammen zu dem großen Fest der welterobernden Jugend. Wenn dein Nikolai auf die Universität könnte …«
»Das will Petrowskij tun.«
»Da ist also noch einer? Noch ein Anbeter – vielleicht gewinnst du den einmal lieb? Es ist immer so – im kritischen Augenblick taucht stets noch ein zweiter auf. Also das hätten wir denn beschlossen – du gehst auf die Hochschule!«
»Bloß … mir ist immer so übel.«
»Fenja, als alter Onkel, der dich von Herzen lieb hat, will ich dir mal was sagen: wenn du willst, gibt's das mit der Übelkeit nicht mehr, gibt's überhaupt nichts mehr, verstehst du? Nichts … Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und ich helfe dir, du brauchst keinen Finger zu rühren.«
Ungestüm, ohne auch nur einen Augenblick der Überlegung, entfuhr es ihr:
»Onkel Kirja, ja!«
Am gleichen Abend ging's im Lichatsch auf den Wassilij-Ostrow6 in eine vornehme Klinik für heimlich Schwangere, Kostenpunkt zweieinhalbtausend, mit allen Bequemlichkeiten und ausgezeichneter Verpflegung … Nicht an Hand eines Zeitungsinserats, sondern auf Empfehlung eines berühmten Arztes, eines ersten Fachmannes auf dem Gebiet, hatte Kirill Kirillowitsch dieses Haus gewählt.
Er küßte die kleine Fenja zum Abschied, hätte sie in seiner Freude über den guten Abschluß ihres Ausfluges nach Petersburg sogar beinahe bekreuzigt, und drückte ihr eine Schachtel mit Kognakkirschen in die Hand.
»In vierzehn Tagen hole ich dich ab.«
Aus dem Krankenhaus jagte Kirill Kirillowitsch geradeswegs auf den Nikolajewskij-Bahnhof, hielt nicht einmal an, um sich englischen Tabak zu besorgen – die neuen Maschinen warteten, mußten angelassen werden, seine Millionenpläne warteten. Unterwegs sandte er an seine Schwester ein Telegramm: »Heimkehre, alles wohl.«
Er streckte sich auf der gepolsterten Wagenbank aus, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen, vertiefte sich mit seinen Gedanken in Zahlen, Berechnungen, Pläne, wobei sein Herz lauter schlug …
»Ich stecke alles Geld hinein, dessen ich habhaft werden kann. Das Grakinsche und Drakinsche Kapital zusammengeschmissen … Dann hab' ich die Börsenpreise in der Hand. Bis zu Fenjas Verheiratung arbeite ich auch mit ihrem Gelde, und nachher soll ich es einem Nichtstuer aus dem Kloster auszahlen? … Solange sie allein ist, verbraucht sie keine fünf Prozent von ihrem Reingewinn … Den heiratet sie nie – Mädchenschwärmerei.«
Zu Hause ging er, in Hut und Mantel, in die Wohnung der Schwester hinüber.
»Und wo ist Fenitschka?«
»Ich habe sie im Krankenhause gelassen. Sei ohne Sorge – die Leute sind zuverlässig. Und ihre Liebe, das ist ein Frühlingsvogel; solange es Sommer war, blühte sie, als aber der Herbst winkte, zog es sie in die Ferne, nach Übersee, da flatterte sie davon – auf Nimmerwiedersehen. Auf die Hochschule will sie. Die Hochzeit ist verschoben.«
»Wie soll denn das werden? Ich habe geschrieben, Nikolai soll herkommen.«
»Mag er; ich möchte ihn mir mal ansehen.«
»Und Fenja?«
»Wird bald zurückkehren, gesund an Körper und Seele. Sind die Maschinen montiert? Da werden wir denn unser eigenes elektrisches Licht haben. Fenja hole ich selbst aus Petersburg ab.«
Antonina Kirillowna war erfreut und bekümmert zugleich und weinte vor Freude und Sorge um die Tochter. Stumm hörte sie den Reden der Pulcheria Jakowlewna zu, die aus Enttäuschung über die so unselig verlaufene Liebe der beiden Trauer angelegt hatte: ein schwarzes Kaschmirkleid und ein schwarzes Seidentüchlein, und nicht mehr in gestärkten Röcken einherging, um kein Geräusch zu machen und durch das Rascheln der Röcke ihre Wohltäterin nicht zu beunruhigen. Am Abend sprach sie im Flüsterton auf Antonina Kirillowna ein:
»Das kommt in den besten Häusern vor, Mütterchen – gegen Armut und Unheil wächst noch kein Kräutlein. Seien Sie mir nicht bös, ich spreche aus vollem Herzen … Wir finden schon einen Mann für sie, einen jungen, schönen, so einen, wie ihr Bruder Kirill Kirillowitsch ist – einen gelehrten, aus der Hauptstadt. Unsereiner ist ja zäh, zäh wie die Katzen sind wir, das ist schon solch eine Zunft, das Weibsvolk, nicht unterzukriegen … Wird schon alles wieder gut werden. Bald feiert sie Hochzeit mit einem anderen. Und schließlich ist Fenitschka doch keine Nonne, um einen Mönch zu heiraten! Das aber war nicht recht, meine Gönnerin, daß man sie zum Arzt gebracht hat – da helfen Kräuterchen, ganz unmerklich, in aller Stille. Das da tut weh, ist eine wahre Qual, durch Kräuterchen hätten wir sie ganz ohne Schmerzen kuriert. Aber der Herr ist ja gnädig! Es wird schon alles wieder gut werden, wenn auch Kräuterchen besser gewesen wären …«
Einen Kräuteraufguß bekam die kleine Fenja nicht zu trinken, sondern man legte die angehende jungfräuliche Mutter auf einen weißen Tisch, band die gespreizten Beine mit Riemen fest, damit sie sich nicht sperren, nicht rühren könne, und schabte ihr zusammen mit Blut und dem atmenden Schleimklümpchen die Jungmädchenseele aus, warf alles zusammen in den Mülleimer.
Furchtlos und ergeben war sie hineingegangen, hatte nicht gedacht, daß sie, krampfdurchzuckt, schreien würde wie ein Tier: in ihr Innerstes drang der ausgeglühte schabende Stahl, zerfleischte Körper und Seele.
Still und teilnahmslos, mit blutlosem Gesicht lag die kleine Fenja zwischen den Laken; Nikolai und Nikodim waren zu Geistererscheinungen verblaßt. Im Krankenhaus tuschelte man:
»Halbwüchsiges Mädel … Hat sich sehr gequält – drei Monate … Liebe ist gnadenlos. Ob er sie hintergangen hat?«
In der Nacht redete sie irr.
Bis zum Morgen saß eine Schwester an ihrem Bett. Diese erzählte einer Kranken:
»Ihr Onkel hat sie hergebracht. Schwerreiche Leute … Millionäre.«
»Mit dem eigenen Onkel? Sollte es möglich sein?!«
»Ich weiß nicht, mir ist nichts Näheres bekannt, bloß daß es schwerreiche Leute sind. War sehr geheimnisvoll. Kommen aus der Provinz. Handeln mit Hanf …«
Mehrere Tage lang hatte die kleine Fenja hohes Fieber und redete in den Nächten irr. Eines Morgens aber erwachte sie wieder mit blanken blauen Augen.
Der Arzt, der einen sich weich kräuselnden Bart hatte und einen Kneifer trug, sagte nach dem Rundgang, erleichtert aufatmend:
»Alles steht gut – die Krise ist vorüber … Es sah recht bedenklich aus.«
Die kleine Fenja trank zur Kräftigung schluckweise Wein, wurde mit jedem Schluck kräftiger und – eine andere.
Eines Tages erschien Onkel Kirja, eine Samtschachtel mit Weinkirschen unter dem Arm und einen Ring mit einem Rubin, in ein Seidentüchlein gehüllt, in der Hand.
An der Isaak-Kathedrale vorüber ging's in einem lautlosen Ford, beim fröhlichen Singsang der Autohupe, den Newskij entlang auf die Michailowskaja Straße. Mit einem verschmitzten Augenaufschlag, wie eine Frau, sagte die kleine Fenja:
»Onkel Kirja, ich will die Verlobung auflösen. Ich will's ihm selbst sagen, aber Sie müssen dabei sein – gut? Wollen Sie mir beistehen?«
»Dafür küsse ich dich ab – bist ein vernünftiges Mädel. Wünsche dir was!«
»Hungrig bin ich – ein gutes Abendessen.«
Nach dem Mahl, beim Obst, sagte Fenja, lebhaft angeregt:
»Ich hasse ihn jetzt, hasse ihn für alles, alles. Mir ist, als wäre ich ein anderer Mensch geworden nach … Und ich will leben, eine Sehnsucht nach dem Leben ist in mir.«
Sie brach ab, schauerte im Gedenken an die überstandene Qual zusammen, warf dann entschlossen den Kopf zurück und sagte fröhlich, mit starker Betonung:
»Ich will auf die Hochschule, Onkel Kirja … Das eröffnet mir ein weiteres Leben.«
»Jetzt bist du frei, kannst tun und lassen, was du willst.«
Im Schnellzug ging es nach Hause.
Die kleine Fenja bezog nicht mehr ihr weißes Zimmerchen mit den Mullgardinen und Blümchen, sondern in der neuen Hälfte des Hauses ein Zimmer, das elektrisches Licht hatte und schwere Portieren, im englischen Geschmack ihres Onkels Kirja, und in diesem Zimmer saß sie nicht stumm und still und eingesperrt wie eine Nonne, sondern oft klang ihr und ihrer Freundinnen fröhliches Lachen in das Arbeitszimmer ihres Onkels hinüber.
3 »Traber und Rennwagen«: Gemeint ist ein leichter, vierrädriger Wagen mit langem Sitz, auf dem zwei Mann, einer hinter dem andern, rittlings sitzen können.
4 »Lichatsch«: Droschke mit flinkem Pferd und Pneumatiks an den Rädern.
5 »Inseln«: Die malerischen Newainseln, bekannt durch ihre Luxusrestaurants, sind beliebte Ausflugsorte der Petersburger.
6 »Wassilij-Ostrow« ( = Wassilij-Insel): Stadtteil in Petersburg.
IX
Inhaltsverzeichnis
Auf den Nebengeleisen des Güterbahnhofs, eine Werst vom Hauptbahnhof entfernt, stiegen von der Plattform eines Güterwagens Nikolka und Afonka und schritten, Rucksäckchen über der Schulter wie pilgernde Mönche, beim Schein der Signallaternen an den Weichen in der Morgendämmerung der Stadt zu.
In einer Gastwirtschaft, in der einfaches Volk, das in die Stadt kam, zur Erholung einzukehren pflegte, setzten sie sich an ein Tischchen.
Afonka sagte einschmeichelnd:
»Bezahle du schon, Nikolai …«
Mit dem Finger wies man gerade nicht nach ihnen, wohl aber wurden die seltenen Gäste mit verwunderten Blicken gemustert.
Nikolai sah sich nach allen Seiten um, tastete oft mit dem Fuß nach seinem Rucksack, den er unter den Tisch gelegt hatte, und lauschte auf die Gespräche der Nachbarn.
Gegen sieben Uhr füllte sich die Stube mit Schwingern; ein lautes Stimmengewirr hob an.
»He, Kellner, Tee für die Drakinschen – Beine, Mensch!«
Sie setzten ihre Gespräche fort:
»Das sind mir Sachen! …«
»So'n rothaariger Kerl aus dem Ausland, kein Wort versteht man von seinem Gebabbel, mit dem Finger tupft er hierhin und dorthin. Zum Totlachen!«
»Und der Chef selbst ist wieder fort? Nach Petersburg? Holt wohl seine Nichte ab?«
»Der Kutscher ist ein Landsmann von mir, der hat mir erzählt … ›Hat den Rennwagen anspannen lassen, ich sollte auf dem Bahnhof warten. Na, schön. Ich warte also und warte, schließlich kommt er angejagt, mit dem Fräulein. Wirft mir die Leine zu, hebt Fjokla Timofejewna vom Sitz – wie so 'ne Feder hob er sie hoch – stellt sie auf die Erde. Die Träger – alle die Mütze runter – gibt gute Trinkgelder. An die Kasse, zwei Hunderter raus, Petersburg. Das machte mich neugierig; muß mal rausbringen, was dahintersteckt, denke ich bei mir. Von einer Frau – seine Schwester ist ja so 'ne Wohltäterin alten Schlages, hat die Frau bei sich aufgenommen, Pulcheria Jakowlewna heißt sie – von der also erfuhr ich dann noch einiges. Im kleinen Wagen brachte ich sie mal ins Nonnenkloster. Na, ich frage also: Warum ist denn unser Fräulein, Fjokla Timofejewna, mit ihrem Onkel so plötzlich nach Petersburg gereist? Ganz im geheimen hat sie mir da erzählt, krank sei das Fräulein, müsse operiert werden, der ›Pendix‹ müsse ihr ausgeschnitten werden, habe daran gelitten, seit sie im Sommer mit der Mutter und der Klimowa, der Frau des Großkaufmanns, in der Sommerfrische im Kloster war. Was ist denn das für'n ›Pendix‹, frage ich, und die Kleinbürgerin, die Pulcheria Jakowlewna, sagt, mit so 'nem Lächeln: Was denn schon ein unvorsichtiges Mädel von euresgleichen für'n ›Pendix‹ kriegt …‹ Also abtreiben will sie in Petersburg.«
»Na, ihr Onkel, das ist mir auch einer – der kann alles!«
Afonka lauschte, stieß Nikolai unter dem Tisch mit dem Fuß an.
»Hast du gehört?«
»Ja – also sie ist fort!«
»Was wirst du denn da machen?«
»Die Mutter hat doch selbst geschrieben, ich solle kommen – da werd' ich schon hingehen.«
»Versuch' mal noch was von den Leuten hier herauszubekommen, vielleicht wissen sie noch mehr – damit du weißt, was du sagen sollst.«
Nikolka musterte die Sprechenden, die ihn ihrerseits aufmerksam betrachteten. Schließlich fragte einer von ihnen:
»Was bringt euch in die Stadt, Väter? Wo kommt ihr her?«
»Aus dem Kloster Belobereshsk …«
»Also so seht ihr da aus – darum werden anständige Mädchen bei euch im Kloster auch nicht in Ruhe gelassen? Vielleicht seid gerade ihr beide diejenigen, die Kaufmannstöchterchen zur Sünde verleiten?«
Ganz laut hatte er das gesagt, daß es durch die ganze Stube hallte und alle Anwesenden sich nach Nikolka und Afonka umsahen. Es kam diesen so unerwartet, daß sie rot wurden. Nikolka griff sogar nach seinem Rucksack; auch das bemerkten die Nachbarn. Lachen erscholl.
»Hallo, Vater, wohin denn so eilig? Bleib doch ein bißchen sitzen, erzählt uns mal von euren Heldentaten! Na, los, wie war das mit der kleinen Grakina?«
Nikolai stieß Afonka an, flüsterte unruhig:
»Komm, gehen wir. Es geschieht noch was – die reinen Halsabschneider sind's. Gehen wir lieber, Afon.«
Als der Freund noch zögerte, packte Nikolai kurz entschlossen seinen Rucksack und eilte zur Tür. Der Kellner lief ihm nach:
»He, Vater, zu bezahlen hast du wohl vergessen?«
Die Schwinger riefen lachend:
»Hat einen gelinden Schreck gekriegt! Laß ihn laufen, Mann, für ihren Tee bezahlen wir schon.«
Eilig schlüpften die beiden zur Tür hinaus, Lachen und Johlen scholl ihnen nach. Sie bogen um die Ecke; wo sollten sie hin in der Frühe? In einem kleinen Krämerladen erkundigten sie sich, wo sie unterkommen könnten. Man nannte ihnen die Adresse einer Witwe an der Sitny-Straße, die Zimmer vermiete. –
Nikolai konnte nicht einschlafen. Warum war Fenja nach Petersburg gereist? Es schien ganz unverständlich! Sein Mut sank.
»Sollten sie sie mir doch nicht geben? Sie haben mich doch aber kommen lassen! … Frau Grakina hat ja geschrieben, ihr Bruder sei einverstanden, und nun hat er sie fortgebracht … Sie erwartet mich und ist dabei weggereist … Des Kindes wegen oder wirklich wegen einer Operation?«
Er rechnete nach – drei Monate war es her. Da konnte nichts mehr gemacht werden, entschied er zu seiner Beruhigung.
Gegen Mittag eilte er hin, wagte es aber nicht, an der Vordertür zu klingeln, sondern ging in den Fabrikhof und sah sich um. Nach einer Weile bemerkte er den Schwinger, der sich in der Gastwirtschaft über ihn lustig gemacht hatte. Der Mann trat auf ihn zu.
»Tag, Vater – was suchst du hier?«
»Ich möchte Frau Grakina sprechen.«
»Tü-tü« stieß der Schwinger die Luft durch die Zähne. »Dann bist du's am Ende wirklich? Paß auf, Vater! … Aber wenn's dir damit Ernst ist, so klingle man lieber an der Vordertür, das gehört sich so. Bloß unser Fräulein ist noch nicht zurück … Was sagst du denn kein Wort, als hieltest du Wasser im Munde? Paß du mir auf, sonst ruf' ich ein paar Genossen heran, und wir fühlen dir ein bißchen auf den Zahn!«
Nikolai wich rückwärts zur Pforte zurück, als er ein Fuhrwerk auf Gummirädern heranrollen hörte. Der Schwinger setzte ein breites Lächeln auf, verstummte, riß die Mütze vom Kopf. Nikolai sah sich um – Fenitschka kam angefahren, in Zobelmütze und Hermelinpelz. Sein Herz erzitterte. Vor dem Schwinger hatte er jetzt keine Angst mehr. Er trat auf sie zu und begrüßte sie wie einen nahen vertrauten Menschen.
»Guten Tag, Fjokla Timofejewna – ich komme gerade zu Ihnen.«
»Onkel Kirja, dies ist Vater Nikolai …«
»Freut mich, Sie kennenzulernen. Also Sie kommen gerade zu uns? Bitte …«
Nikolai fühlte sich unsicher und verlegen, setzte darum eine unabhängige Miene auf und suchte durch ein ungezwungenes Auftreten seine Scheu zu verbergen. Doch noch in seiner anmaßenden Ungezwungenheit hatte er mächtige Angst vor dem Ingenieur, bloß auf sein Äußeres hin. Kirill Kirillowitsch war glatt rasiert, trug nur ein kurz gestutztes Schnurrbärtchen, und im linken Mundwinkel hing seine ewige Pfeife; die Unterlippe zog sich im rechten Mundwinkel beim Sprechen nach unten, so daß sein ganzer Mund schief schien und die Worte ein bißchen brummig aus der Kehle kamen, während die Augen unter dem breiten Schirm der Sportmütze scharf und durchdringend hervorblickten.
Der Ingenieur trat beiseite, Fenja und Nikolai den Vortritt lassend.
Die breite Hallentreppe hinauf ging's in die neue Hälfte des Hauses, Nikolai, trotz der Kälte, im Samtkäppchen und seiner alten Lustrinkutte, lang und schwarz, ein wenig vornübergebeugt, und neben ihm die kleine Fenja in ihrem weißen Pelzmäntelchen, schlank und schmal, leichtfüßig und lebhaft.
Sie wußten nicht, was sie miteinander reden sollten. Nikolai spürte, daß sie eine andere geworden war, fremd, ganz fremd. Trotzdem ging er weiter, auf Biegen und Brechen, und suchte die in ihm aufsteigende feige Bitterkeit zurückzudrängen, die sich weniger gegen Fenja als vielmehr gegen eine unbekannte feindliche Macht richtete, die ihm widerstrebte.
Verstört, in scheuer Hast, flüsterte er:
»Fenitschka! …«
Fenja antwortete nicht, blickte ihn nicht an, sondern ließ das Köpfchen noch tiefer hängen und eilte immer schneller die Treppe hinauf, als fürchtete sie, er könnte sie umschlingen und festhalten und sie peinigen, wie er sie im Sommer im Walde mit seinen Liebkosungen gepeinigt hatte, wie ihr jetzt schien. Mit einem großen Satz flog sie ihrer Mutter an den Hals, die ihr an der Zimmertür entgegenkam, und rief lachend:
»Mütterchen, ich komme mit meinem Bräutigam, habe ihn gleich mitgebracht!«
»Mein Kind! … Einen Bräutigam hast du mitgebracht?!«
»Ich meine Vater Nikolai, Mutter – da ist er.«
Nikolai steckte sein Käppchen in die Tasche der Kutte, fuhr sich mit den fünf Fingern durch die Lockenmähne und sah sich, durch Fenjas unerwartetes Lachen aus der Fassung gebracht, wie ein gehetztes Tier im Saale um; er war nahe an der Tür stehengeblieben. An seinen Füßen hingen Schmutzklumpen (vor Erregung hatte er vergessen, sich im Vorzimmer die Stiefel zu säubern), er trat von einem Fuß auf den anderen; zwei große dunkle Flecke erschienen auf dem alten Teppich. Durch die ungewohnte, nicht in Kaufmannshäusern, sondern in vornehmen Adelshäusern übliche Einrichtung, die Kirill Kirillowitsch selber in Moskau bestellt hatte, fühlte sich Nikolai noch unsicherer. Er zuckte wie unter einem Stoß in den Rücken zusammen, als der Ingenieur sagte:
»Warum so scheu, Vater Nikolai – ein Bewerber muß Mut haben.«
Gleichsam unter dem Einfluß dieser Worte ging er wieder in seinen früheren Ton frecher Ungezwungenheit über, den er dann auch beibehielt.
»Antonina Kirillowna, ich habe mit Fenitschka zu sprechen.«
Der Ingenieur antwortete statt der Mutter:
»Mit … Fenitschka?! Schön. Ich schicke sie Ihnen gleich. Komm, Tonja, wir wollen nicht stören.«
Nikolai blieb in der Mitte des stillen Zimmers stehen – selbst das Atmen fiel ihm schwer, und jeder Herzschlag währte wie das endlose Ticken eines Pendels eine schmerzliche Ewigkeit.
Mit hoher kronenartiger Frisur und kleinen Löckchen über Schläfen und Ohren, den Blick der üppig großen Augen durch das Erlebte vertieft, kein junges Mädchen mehr, fast schon eine Frau, kaum noch wiederzuerkennen als das halbreife Ding, das auf der Bank vor dem Landhäuschen weinend Walderdbeeren gegessen hatte, lachend, nachdem der Abgrund überschritten worden war – so trat die kleine Fenja zu Nikolai ins Zimmer.
»Ich war auf Ihren Besuch nicht vorbereitet, Vater Nikolai, und hatte nicht erwartet, daß Sie kommen würden. Was bringt Sie her?«
»Ich komme zu dir, Fenja, auf immer – das Kloster habe ich verlassen.«
»Sie wollen also nicht mehr Mönch sein? Aber nehmen Sie doch Platz, und ich will mich auch hinsetzen. Hier, in den Lehnsessel, ich setze mich aufs Sofa; wenn der Oberpriester uns besucht, sitzt er immer auf diesem Lehnstuhl.«
»Deine Mutter hat geschrieben, daß dein Onkel seine Einwilligung gibt. Morgen gehe ich zum Bischof, um ihn um seinen Segen zum Empfang der Diakonuswürde zu bitten. Du machst so, als verstündest du nicht, weshalb ich gekommen bin, Fenitschka! …«
Er erhob sich halb, streckte die Arme aus, um sie zu umarmen und zu küssen.
»Rühren Sie mich nicht an. Nichts verbindet uns mehr. Ich liebe Sie nicht mehr, habe Sie nie geliebt, merken Sie sich das. Sie haben sich meine Unwissenheit zunutze gemacht …«
»Aber wieso denn? Wir wollen uns doch heiraten, und dein Onkel ist ja einverstanden, und auch deine Mutter hat geschrieben, daß sie einwilligt!«
»Ich aber habe Ihnen nichts geschrieben. Und ich muß Sie bitten, nun zu gehen, Vater Nikolai. Ich liebe Sie nicht, ja – wenn Sie es wissen wollen – ich hasse Sie!«
»Du bist ja nicht nur meine Braut, du bist meine Frau, und ich bin dein Gatte und habe an dir die Rechte des Ehemanns … Ich will dir aber vergeben, will dir alles vergeben … Sage mir nur eins – erwartest du ein Kind? Sprich, du mußt es mir sagen! Sonst müßte ich fordern, daß du es mir sagst. Hörst du, ich fordere es! Ich bin dein Mann!«
»Niemand hat etwas von mir zu fordern oder mir zu befehlen. Ich bin niemandes Frau. Ich erwarte kein Kind. Sprechen wir nicht mehr darüber. Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, so sagen Sie es, aber ich möchte Sie bitten, mich nicht zu duzen. Sonst muß ich Sie noch einmal ersuchen, sich zu entfernen, Vater Nikolai.«
Sein Herz schlug heftig vor Wut und Empörung. Er wollte ein letztes Mittel versuchen, legte den Arm um ihre Schultern, sie stieß ihn zurück, wollte entschlüpfen, er umschlang ihre Taille, sie sank auf das Sofa zurück, er ließ sich auf ein Knie nieder und suchte seinen Kopf zwischen ihren abwehrenden Armen durchzustecken und an ihre Brust zu drücken. Sie kämpften stumm, lautlos, mit kurzen, gespannten Bewegungen, und als sich seine Stirn durch ihre Arme zwängte, lehnte sie sich zurück und begann vom Sitz herabzugleiten. Da stieß sie ihm die verschränkten Hände ins Gesicht und drückte ihm die Finger auf Wangen und Augen, als hielte sie sich an ihm fest, ohne zu wissen, woran sie sich hielt. Seine Hände packten ihre Beine unter den Knien.
Die kleine Fenja schrie, in einen Lachkrampf ausbrechend, laut auf:
»Onkel Kirja, zu Hilfe!«
Nikolai sprang auf die Füße und setzte sich in den Lehnstuhl, seine Wangen waren vom Druck ihrer Finger und Nägel dunkelrot.
Kirill Kirillowitsch trat ein, ruhig und gemessen.
»Onkel, er hat nach meinen Beinen gegriffen …«
Der Ingenieur schritt mit geballten Fäusten auf Nikolai zu.
»Schaffen Sie ihn hinaus, Onkel!«
Der Ingenieur zeigte mit den Augen stumm nach der Tür.
Die Wut schlug in Nikolai empor.
»Sie ist meine Frau. Ich bin ihr Herr und Gebieter. Niemand hat sich einzumischen zwischen Mann und Frau. Hinaus! Was ich für Recht befinde, werde ich mit ihr tun.«
»Das ist ja allerhand!« Ein Gedanke kam dem Ingenieur. »Fenja, geh und rufe im Kontor an; jemand soll herüberkommen, gleichviel wer.«
Nikolai sagte dumpf, wütend:
»Ich gehe …«
»Nirgends gehst du hin. Setz' dich auf einen Lehnstuhl. Wird's bald?!«
Kirill Kirillowitsch sprach mit dem rechten Mundwinkel, im linken hing die qualmende Pfeife. Als ein Büroangestellter eintrat, sagte Drakin kurz:
»Schicken Sie mir zwei zuverlässige Schwinger herauf.«
Als zuverlässig erwiesen sich gerade jene beiden, die sich in der Wirtsstube über Nikolai lustig gemacht hatten. Der eine von ihnen hatte ihm vorher auch auf dem Hofe zugesetzt.
»Den Mönch hier bringt auf den Bahnhof, löst ihm eine Fahrkarte und begleitet ihn nach dem Kloster Belobereshsk, wo ihr ihn dem Abt ausliefert. Verstanden? Den Brief hier übergebt auch dem Abt.«
Er händigte ihnen einen Brief, den er vorher geschrieben hatte, und Reisegeld aus.
Nikolai schrie abgerissen in hohem Fistelton:
»Du, du bist nicht meine Frau mehr, ich verfluche dich, verfluche dich! Ein Scheusal bist du! Mein Kind hast du abgetrieben, darum bist du nach Petersburg gereist. Eine Dirne willst du werden!«
Er wandte sich in demselben gellenden Ton an die Schwinger; seine Stimme überschlug sich:
»Bin ich denn ein Dieb, ein Einbrecher, daß man mich gleichsam in Gewahrsam nimmt, unter Bewachung, mit Gewalt aus der Stadt weist?! Ich habe es ehrlich gemeint, und sie hat mir gesagt, daß sie mich liebt. Dann aber ist dieser Teufel in Menschengestalt dazwischengekommen, dieser leibhaftige Satan … Laßt mich, ich gehe allein.«
Kirill Kirillowitsch blickte die beiden Arbeiter an und wies mit den Augen auf Nikolai, der darauf einige Schritte auf den Ingenieur zu machte und verstört, fast weinend rief:
»Ich habe mir doch ein Zimmer in der Stadt gemietet …«
»Bereits gemietet? …«
»Ja doch, und im voraus bezahlt. Dort befindet sich all mein Eigentum, und ich habe auch Ausgaben für Reise und Essen gehabt, das geht doch nicht, daß man mich so fortschleppt! Ich muß doch wenigstens meine Sachen und meine Wäsche abholen!«
Kirill Kirillowitsch sagte zu den Schwingern:
»Geht zuerst in seine Wohnung, damit er seine Sachen abholen kann.« Er entnahm seiner Brieftasche einen Hundertrubelschein und warf ihn, wie angewidert, Nikolai über den Tisch hin zu. »Danach bringt ihn auf den Bahnhof und ins Kloster, und wenn er Krach schlägt, packt ihn etwas derb an.« Er wandte sich wieder an Nikolai: »Gib dich zufrieden. Und wenn du Geschichten machst, lasse ich dich nach Solowki verbannen. Du weißt, du hast es reichlich verdient. Und nun marsch!«
Nikolai zog sein Käppchen heraus und begann wieder der kleinen Fenja zu fluchen. Die Arbeiter packten ihn von beiden Seiten unter den Arm. Fenja war aufgesprungen, hatte sich an die Tür zum Nebenzimmer gelehnt und klammerte sich mit den Händen am Türrahmen an; sie atmete schwer, hatte den Kopf zurückgeworfen und starrte mit weit aufgerissenen Augen, reglos, mit gläsernem Blick auf die Wand gegenüber.
Aus dem Vorzimmer drang Nikolais gellende Stimme:
»Sei verflucht, verflucht!«
Der unerquickliche Auftritt hatte sie tief erschüttert, und als Nikolais Schrei ertönte, brach sie, krampfgeschüttelt, in ein schluchzendes Lachen aus.
Feixend und einander belustigte Blicke zuwerfend, schritten die beiden Schwinger hinter dem Mönch einher. Nach seinem letzten Ausruf hatten ihn die Kräfte verlassen, stumpf und teilnahmlos fügte er sich. Die Arbeiter fragten ihn:
»Willst du deine Sachen abholen?«
»Ja.«
»Na, dann führe uns hin.«
Je näher er dem Häuschen der Maschinistenwitwe in der Vorstadt kam, desto tiefer bedrückte ihn die Vorstellung, Afonka unter die Augen zu treten, sich dem Freunde in Schimpf und Schande zu zeigen und seine Spötteleien hinnehmen zu müssen. Trotzdem ging er weiter; seine Sachen im Stich zu lassen, konnte er sich nicht entschließen. All die geschnitzten Löffel, die Geschenke seiner Verehrerinnen, Ringe mit Edelsteinen, goldene Broschen – jahrelang hatte es gedauert, bis er das alles zusammengebracht hatte, ein ganzes Vermögen war es für ihn! Die Löffel könnte er verkaufen, die glitzernden Andenken hatten Goldwert und so viele Erinnerungen waren mit ihnen verknüpft – an gottergebene und ihm ergebene Kaufmannsfrauen, denen seine Lockenmähne es angetan hatte. Bloß von der kleinen Fenja hatte er nichts zur Erinnerung erhalten; er hatte kein Andenken von ihr, hatte sie selbst mit all ihrem Gelde haben wollen. Und nun war das alles dahin, auch das Amt eines Priesters, auf das er gehofft hatte, und die goldene Freiheit … Wie ein verprügelter Hund zog er mit hängendem Kopf durch die Straßen.
Als sie in das Häuschen traten, sagte die Wirtin:
»Ihr Freund ist bereits umgezogen.«
»Umgezogen?!«
»Er hat eine Stellung in der Stadt gefunden. Die Sachen hat er gleich in die neue Wohnung mitgenommen.«
»Ich ziehe auch aus, will nur meinen Rucksack holen.«
»Es ist nichts zurückgeblieben im Zimmer, Vater. Ihr Freund sagte, Sie wüßten Bescheid und würden gleich zu ihm kommen, Sie hätten das untereinander so abgemacht. Aber Sie können ja selbst nachschauen – Vater Afanaßij hat bestimmt nichts hier gelassen.«
Verstört eilte Nikolai in das kleine Zimmer, blickte unter den Tisch, unter die Betten, streifte die Decken zurück. Seine Hände zitterten; er konnte es nicht fassen, nicht glauben, daß Afonka all sein Hab und Gut gestohlen habe! Er durchsuchte alle Ecken und Winkel, doch sein Rucksack war nicht mehr da.
Die beiden Arbeiter sahen zu und grinsten.
»Na, komm schon, Vater, gehen wir; es wird doch nichts daraus!«
»Hast Pech heute, Vater. Muß übrigens ein sauberes Früchtchen sein, dein Freund.«
»Ja, ja, der eine ist den anderen wert!«
»Laßt mich, ich laufe schnell hin und suche ihn auf! Ich weiß, wo er ist – bei der Klimowa.«
»Bei wem?«
»Bei der Klimowa, der Frau des Großkaufmanns.«
»Also ihre beide sucht euch in Kaufmannshäusern einzunisten? … Auch ein Beruf!«
»Bei Gott, ich bin gleich wieder da – laßt mich gehen.«
»Nein, Vater, das gibt's nicht, wir müssen uns an unseren Auftrag halten.«
»Ach Gott«, mischte sich die Wirtin ein. »Ich hatte ja keine Ahnung davon, sonst hätte ich ihn gewiß nicht fortgelassen, hätte den Schutzmann geholt. Vater Afanaßij meinte freundlich: Meinem Freunde sagen Sie, liebe Frau Wirtin, daß ich die Sachen in unsere neue Wohnung gebracht habe, Vater Nikolai weiß schon Bescheid.«
»Laßt mich gehen, ich gebe euch die hundert Rubel hier! Ich muß, ich muß ihn finden.«
»Was hast du denn in deinem Rucksack stecken?«
»Geschnitzte Löffel, allerlei Sachen …«
»Das müssen ja wertvolle Sachen sein, wenn du ganze hundert Rubel daran wenden willst, um sie wieder aufzutreiben! Trotzdem, wir können dich nicht freilassen, du hast ja den Befehl gehört, und mit unserem Ingenieur ist nicht zu scherzen, wir könnten unser Brot verlieren.«
»Hundert Rubel gebe ich euch, versteht ihr das: hundert Rubel!«
Er zog den zerknüllten Schein aus der Tasche und suchte ihn dem Arbeiter, mit dem er auf dem Fabrikhof gesprochen hatte, in die Hand zu drücken. Die Wirtin schlug die Hände zusammen, rief ächzend:
»So laßt ihn doch gehen! Hundert Rubel gibt er euch, die findet man doch nicht so auf der Straße … Das Geld wird euch schon zustatten kommen, wird euch sehr zustatten kommen, und auf ganz ehrliche Weise könnt ihr's haben!«
»Also komm, Vater, sonst müssen wir Gewalt gebrauchen. Du weißt, wir dürfen dich nicht freilassen. Du hast ihn ja gesehen, den Chef … Na also!«
Der andere Arbeiter packte Nikolai ohne weiteres am Arm.
»So, jetzt gehen wir.«
Sie führten ihn auf die Straße hinaus; Nikolai wollte sich losreißen, schreien.
»Daß du mir ruhig bist und dich anständig benimmst. Sonst erlebst du was, Vater.«
Auch der andere Schwinger packte ihn am Arm, und Nikolai erhielt einen Puff in den Rücken. Er ließ den Kopf hängen; offenbar waren diese Schwinger wirklich zuverlässige Leute, mit denen nicht zu spaßen war.
In dem Durcheinander auf dem Bahnhof ließen sie ihn nicht aus dem Auge. Einer blieb bei ihm, während der andere die Fahrkarten und Weißbrot zur Wegzehrung besorgte. Sie brachten ihn in einen Wagen, einer setzte sich neben ihn, der andere ihm gegenüber. Nikolai kaute hilflos an seinen Nägeln und wandte den Kopf in die Ecke; seine Augen wurden rot und naß.
Die kleine Fenja aber konnte sich den ganzen Tag über nicht beruhigen. Wie von einer unendlichen Leere umfangen, irrte sie verloren von Raum zu Raum, von Ecke zu Ecke durch das Haus. Sie wußte jetzt nicht mehr, was vorzuziehen wäre: Haß im Herzen, als Nikolais Frau, als Diakonsfrau ihr Dasein zu fristen, oder ihren Träumen von einem freien, ungebundenen Leben in Petersburg nachzuhängen. Schön ist die Welt, wenn man noch nichts weiß vom Leben, wenn es noch verlockende, unerforschte Geheimnisse birgt, und im Körper, dem die Erkenntnis der Sünde noch nicht gekommen ist, ein traumhaftes Sehnen webt. Dann liegen vor einem noch alle Wege offen, und welchen man auch wählt, es ist ein gerader Weg, der in das unerschlossene Land geheimnisvoller Liebesseligkeit und des Glückes führt. Ist aber der Schleier des Geheimnisvollen einmal von den Dingen gefallen, so ist auch die Liebe dahin; man starrt in eine Leere, man hat sein eigentliches Leben verloren; Schein und Trug ist das Dasein geworden.
Als die kleine Fenja sich niederlegte, bebte sie am ganzen Körper, der den Laut von Nikolais Stimme in sich trug. Ihr Leib zitterte, weil er ihr einst so nahe gestanden, und weil der Klang seiner Stimme ihr ganzes Wesen durchdrungen hatte. Das war in jenen erschauernden Stunden gewesen, als seine Stimme, die Stimme des Geliebten, in den Kreislauf ihres Blutes trat, und seitdem im Blute der Geliebten raunt und tönt und nicht mehr weichen wird bis in die Todesstunde. Auch heute, als er um ihre Liebe rang und flehte, war – obwohl sie nun wußte, daß sie ihn nicht liebte – ein Widerhall, ein Wiegen und Wogen in ihr erwacht, kaum daß er ein Wort gesagt hatte. Und selbst jetzt, als sie zu Bett ging, zitterte sie noch immer.
Sie legte sich hin, und da kamen die Tränen.
Am Tage war sie ihm kalt und höhnisch begegnet, jetzt in der Stille der Nacht aber schluchzte sie; nicht über ihr zerstörtes Glück, nicht über ihre verlorene Liebe – es war ja niemals Liebe, war bloß ein Blendwerk, durch Romane angeregte Einbildung gewesen –, sondern über ihre entweihte Seele und ihren entweihten Leib, die der Stahl des Arztes geschändet hatte. Denn jetzt fühlte sie erst und meinte es zu wissen: für sie gab es kein wahres Glück mehr im Leben, ihr war es nicht mehr beschieden, Seele und Herz in Reinheit auf unbeflecktem Ehebett dem Manne hinzugeben, den das Leben ihr einst zuführen mochte.
Die Kerze brannte nieder und erlosch, die kleine Fenja aber konnte nicht einschlafen; weinend dämmerte sie bis zum Morgen dahin.
2. Buch.
Weltliche Wanderschaft
Inhaltsverzeichnis
I
Inhaltsverzeichnis
Kaum war Nikolai zur Tür hinaus, als Afonka den Riegel vorschob und einen Augenblick horchte, ob nicht jemand komme oder die Wirtin in der Nähe sei. Am Morgen, als Afonka schlief, war Nikolai aufgestanden und hatte seinen Rucksack hervorgeholt. Afonka war erwacht, hatte sich aber schlafend gestellt. Nikolai hatte die Hand in den Sack gesteckt und nachgefühlt, ob alles an Ort und Stelle sei, dabei hatten die Löffel geklappert und etwas Hartes geklirrt, und Afonka hatte gedacht: Sieh mal einer an, wieviel Löffel er in diesen vierzehn Tagen zusammengebracht hat! Und das sind nicht nur Löffel allein, es muß noch was anderes drin sein, etwas Klirrendes …
Nun stellte Afonka Nikolais Rucksack auf den Tisch, schnallte in aller Gemächlichkeit die Riemen los, schüttete die Löffel heraus, griff hinein, ertastete Lappen, Wäsche, Spitzen, und ganz unten am Boden klirrte wieder etwas.
»Das ist's! Bloß, was sind das für Spitzen?«
Er holte die Sachen einzeln hervor, ein Haken verfing sich an seinem Ärmel, ein Bündelchen wickelte sich auf und ein Ring rollte heraus.
»Sieh mal einer an, was der alles hat!«
Er wickelte das Bündelchen auf – es war ein Damenhemdchen aus feinstem Batist mit Valenciennespitzen verziert; das gestickte Monogramm war ausgetrennt.
»Wem hat er das wohl ausgezogen? … Zum Andenken hat er's dann aufbewahrt. Komischer Kauz, dieser Nikolka.«
Noch andere Ringe mit Steinen, Armbänder mit Türkisen und Perlen kamen zum Vorschein.
»Diese Dingerchen können auch mir nützlich sein, wenn's einmal schief geht. Nikolai kriegt eine große Mitgift, ein ganzes Vermögen – für mich ist auch dies von Wert, wenn ich in Not gerate. Man kann nie wissen, plötzlich sitzt man da … Auch jetzt ist ja noch alles unsicher, so aufs Geratewohl gehe ich zu Maschenka … Diese Ringe, Armbänder und Broschen sind aber auch gar zu putzig – müssen ja wohl Geld gekostet haben, 's steckt allerlei Arbeit drin, in diesen Gewinden und Schnörkeln … Putzige Dinger!«
Er betrachtete die Schmucksachen, ließ sie durch die Finger gleiten …
»Die kleine Fenja wird man ihm schließlich doch nicht geben. Ihr Onkel hat sich der Sache angenommen. Das mit meiner Klimowa wird wohl sicherer sein … Muß mich schleunigst drücken. Seinen Rucksack nehme ich mit, er bringt's mit seiner Schönheit schon wieder zusammen. Für ein paar Tage steige ich wo in einer Herberge ab, da findet er mich nicht und zieht wieder ins Kloster, dann spreche ich bei der Klimowa vor, mache mich an ihren Alten heran …«
Er suchte die Schmucksachen zusammen, wickelte sie wieder in das Hemdchen, steckte alles in den Rucksack, kämmte sich die rote Mähne, rief die Wirtin und verabschiedete sich.
Afonka besaß keine Andenken von gottesfürchtigen Kaufmannsfrauen, hatte sie nie darum gebeten, verteilte auch nicht geschnitzte Löffel an alle Angehörigen seiner jeweiligen Liebsten. Diese führte er einfach in das Walddickicht, und das war denn alles. Er wußte, daß die Kaufmannsfrauen untereinander über ihn tuschelten: groß, Hakennase, unerschöpfliche Manneskraft, ungestüme Leidenschaft. So war es immer eine todsichere Sache, wenn er mit jemand im Walde verschwand; denn jede, die mitkam, wußte, weshalb sie ging. Um Geschenke bat er nicht, nahm auch keine an, ließ sich aber gern bewirten, aß und trank mächtig, damit seine rechtgläubige Kraft nicht versiegte. Auch an die Töchterchen der beglückten Mütter hatte er sich zuweilen gemacht, ihnen gab er sich dann ganz hin, war Feuer und Flamme, trug sie auf den Armen durch den Wald, küßte sie halbtot, war wie toll vor Glück und Leidenschaft. Es hatte ja doch immer gleich wieder ein Ende – seine Frau würde so ein Mädel niemals werden. An den Erwerb von Reichtum dachte er nicht, lebte in den Tag hinein, seit seinem fünfzehnten Jahr, als er ins Kloster gekommen war.
Wenn die Sache mit seinem Freund Nikolai nicht dazwischen gekommen wäre, wäre er wohl bis ans Ende seiner Tage als Mönch im Kloster geblieben. Als aber Nikolka sich auf die weltliche Wanderschaft begab, zog es auch ihn hinaus aus den Klostermauern, ins freie Leben. Da war es denn gut, daß er an Maschenka Klimowa einen Rückhalt gefunden hatte. So war er in die große Stadt gekommen, in der Hoffnung, die Wege der weltlichen Wanderschaft zu zwingen und einst seinen schwanken Nachen in den Hafen der Wohlgeborgenheit zu lenken.
Nun hielt er Ausschau nach Klimows Gastwirtschaft.
Am Heumarkt lag sie. Auf diesem Heumarkt war an drei Tagen in der Woche lauter Trubel. Montags wurden auf Ständen und Tischen an jener Seite des Platzes, wo des Kaufmanns Sobakin Getreidespeicher lagen, bis Mittag Gemüse, Federvieh, Ferkel an die Städter und die Bauern aus der Umgegend verkauft; Stimmengewirr, Gegackel und das Quietschen der Schweine gellte durch die Luft. Mittwochs war vor der Gastwirtschaft und dem großen Manufakturwarenladen des Kaufmanns Klimow Vieh- und Pferdemarkt; Rinder brüllten, Pferde wieherten, die Händler schlugen sich mit ihren Bauernfäusten zur Bekräftigung ihrer Anpreisungen dröhnend an die Brust, auf die Lederjoppen und langen Kittel. Und Freitags wurde inmitten des Platzes, rings um die große Stadtwage, Heu und Stroh wagenweis verkauft.
Am Mittwoch entschloß sich Afonka, in Klimows Gastwirtschaft einzukehren. Zum Schein bestellte er sich Tee und etwas zu essen. Vorher war er vor den Fenstern des Wohnhauses auf und ab gegangen, hatte hinaufgelugt, ob er wohl Maschenka zu sehen bekäme, doch von der Straße aus sah man tagsüber nichts als Fenstervorhänge und Blumen hinter den Scheiben; vielleicht hatte sie ihn aber doch bemerkt, ohne daß er davon wußte.
Wie stets an Markttagen war die Wirtsstube voll von den verschiedensten Leuten; niemand achtete auf Afonka, als er in der hintersten Ecke Platz nahm. Er konnte von hier aus die ganze Stube übersehen und befand sich nahe an der hinteren Tür, die auf den Hof, in die Küche oder sonstwohin führen mußte. Diese Tür hatte gleich seine Blicke angezogen, darum hatte er sich auch neben ihr in dem engen Winkel niedergelassen – wenn die Tür knarrte, wandte er halb den Kopf und schaute hin.
Afonka fühlte sich etwas unheimlich, er fürchtete, auf der Suche nach ihm könnte sein Freund Nikolai hereinkommen; auch darum hatte er sich hinten in der Ecke verborgen.
Durch die Tür liefen die Kellner mit warmen Platten hin und her, und hin und her ging Afonkas Kopf jedesmal, wenn die Tür knarrte. Zweimal kam eine Köchin herein und holte sich am Schenktisch vom Geschäftsführer Gewürz; im Vorübergehen blickte sie Afonkas große Zottelmähne an und feixte – gar zu komisch kam ihr der hakennasige Mönch vor.
Dann kam eine – sah fast wie ein herrschaftliches Fräulein aus – blieb in der halbgeöffneten Tür stehen, sah ihn an, machte klapp-klapp mit den Augen und lächelte; darauf winkte sie ihm mit einem Fingerchen und machte eine Bewegung mit dem Kopf, als wollte sie sagen: Komm du mal her! Afonka rückte auf seinem Stuhle hin und her, sah sich nach allen Seiten um, ob es auch niemand bemerkt habe, und nickte ihr darauf zu: Ich komme gleich, warten Sie ein bißchen.
Das Mädel verstand und blieb wartend hinter der Tür stehen.
Einer hatte es aber doch bemerkt, der Geschäftsführer an der Kasse hinter dem Schenktisch. Wenn er auch, wie andere Leute, nur zwei Augen im Kopf hatte, so sah er doch alle und alles, was ringsum geschah, vor und hinter ihm und zu beiden Seiten; dazu war er ja auch Geschäftsführer.
Eine Köchin aus der Herrschaftsküche kam ja zuweilen herein, das wäre ihm nicht weiter aufgefallen; aber warum hatte plötzlich das Dienstmädchen von oben durch die Tür geblickt, dachte der Geschäftsführer. Das mußte doch einen Grund haben! Er schaute nicht hin, sah aber ganz deutlich, wie sie dem zottelhaarigen Mönch mit dem Finger winkte.
»Also zur Gnädigen selber …« sagte er zu sich und fuhr in Gedanken fort: »Der Chef sitzt im Laden an der Kasse, da hat sie das Mädel über den Hof geschickt. So'n Weib!«
Afonka winkte dem Kellner, zahlte, trank langsam seinen Tee aus und schlüpfte hinter die Tür; die Blockrolle knarrte. Der Geschäftsführer rührte sich nicht, als hätte er nichts gesehen.
»Marja Karpowna läßt Sie nach oben bitten.«
Das Mädel führte ihn durch einen dunklen Gang, an einer Küche vorbei und eine steile Holztreppe hinauf. Afonka atmete erleichtert auf; er dachte: Nach oben kommt Nikolka nicht, das wagt er nicht wegen des Alten. Und da sie mich rufen läßt, ist alles in Ordnung, und Nikolka kann mir den Buckel runterrutschen.
Als sie die Treppe hinaufstiegen, fragte er – auf alle Fälle – das niedliche Fräulein ein bißchen aus.
»Was sind Sie denn hier?«
»Ich bin Marja Karpownas Dienstmädchen.«
Afonka dachte bei sich: Die Krabbe wird man vielleicht noch brauchen können.
Das Mädchen führte ihn nicht in die Wohnung, sondern wieder durch einen Gang in eine Rumpelkammer, wo allerlei alte Sachen herumlagen, zerbrochene Stühle, ausgediente Truhen mit abgerissenen Handgriffen ohne Deckel.
»Warten Sie hier, die Gnädige wird gleich kommen …«
Sie lächelte nicht, streifte ihn beim Fortgehen nur seitlings mit einem verschlagenen Blick, als wollte sie sagen: »Ich weiß nicht, warum sie dich hat kommen lassen. Da es aber in solcher Heimlichkeit geschieht, denke ich mir allerlei! …«
Nicht umsonst hatte Marja Karpowna sie in aller Eile hinunter in die Wirtsstube mit dem Auftrag gesandt, sie solle mal nachsehen, ob nicht ein rothaariger Mönch mit gebrochener Hakennase da sei, den solle sie zu ihr bringen, aber so, daß der Alte es nicht merkt …
Marja Karpowna trat ein, im Morgenkleid; alles wogte an ihr.
Ohne zu zögern, umschlang Afonka sie mit seinen sehnigen Pranken; eine Wärmewelle hüllte ihn ein. Maschenka saugte sich an seinen Lippen fest, stemmte aber gleich darauf die Hände gegen seine Schultern und stieß ihn mit aller Gewalt zurück.
»Warte doch, Afon, rühr mich nicht an! Ich bin ja doch dein, jetzt bin ich ganz dein, brauchst nicht zu fürchten, daß ich dich täuschen könnte. Wenn ich mich schon einmal dazu entschlossen habe, so soll es dabei bleiben, was auch daraus werden mag. Den Nikolai aber haben sie ins Kloster zurückgesandt.«
»Was, wirklich?« entfuhr es Afonka; die Freude verschlug ihm den Atem.
»Frau Grakina hat es mir telephonisch mitgeteilt. Ihrem Onkel ist es gelungen, die kleine Fenja irgendwie zu überrumpeln, er hat sie nach Petersburg gebracht, dort wurde die Frucht abgestoßen, und nun ist sie als ein ganz anderer Mensch zurückgekehrt. Nikolka kam gerade in dem Augenblick, als sie aus Petersburg eintrafen; er stürzte sich auf Fenja, worauf Kirill Kirillowitsch ihn mit zwei Arbeitern zum Abt zurückschicken ließ … Ich habe dich gleich bemerkt, Afonja, als du an unseren Fenstern vorübergingst; das hast du gut gemacht, daß du in die Wirtsstube einkehrtest. Und nun höre, Afonja. Miete dir ein Zimmer in der Vorstadt, ich will dir Geld geben, und gehe jeden Tag zur Abendmesse in die Johanniskirche am Friedhof. Sie gehört zu unserem Kirchspiel, und mein Alter ist der Kirchenvorsteher, geht jeden Abend hin. Bete eifrig und gehe immer als letzter fort; er wird dich bald bemerken und dich schließlich anreden – du wirst schon sehen. Dann also erzähl' ihm alles so, wie ich es dir im Kloster erklärt habe. Jetzt gib mir noch schnell einen Kuß und gehe. Dunja wird dich auf den Hof hinausführen, wo heute all die Fuhrwerke stehen; von da kommst du leicht auf die Straße.«
Marja Karpowna umschlang seinen Hals, schmiegte sich fest an ihn, legte den Kopf an seine Brust und sprang wieder flink zurück. Darauf drückte sie ihm einen Fünfundzwanzigrubelschein in die Hand und führte ihn den Gang hinab, an dessen Ende Dunja wartete.
Als sie wieder die steile Treppe hinabstiegen, fragte Dunja:
»Was hat sie denn die ganze Zeit geflüstert?«
»Das möchtest du wohl gerne wissen!«
»Ich vergehe vor Neugier …«
Sie lachte, blitzte Afonka mit den Augen an. Er dachte: Gar nicht übel sieht das Mädel aus. Na, die läuft mir nicht weg …
Ganz am Ende der Vorstadt, dort wo die dürftigen Zäune aus Brettern zusammengeschlagen sind, die man sich aus dem Fluß herausgeangelt hat, und die krummen, zwei- und dreifenstrigen Häuschen sich ihr durchlöchertes Dach schief auf die Seite geschoben haben, mietete sich Afonka ein Zimmerchen zu drei Rubel monatlich: ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett – kaum daß man sich noch umdrehen konnte.
Jeden Tag ging er in die Johanniskirche zur Abendmesse, lag auf den Knien, bis der Priester wegging, schlug mit der Stirn gegen den Boden, bekreuzigte sich voll Inbrunst, entfernte sich erst, wenn der Kirchenvorsteher die für Seelenmessen gespendeten Kupfermünzen gezählt hatte. Um ihm möglichst in die Augen zu fallen, verrichtete Afonka seine Andacht vor dem Tischchen, an dem Klimow Wachskerzen verkaufte. Eines Abends war Afonka so in seine Verneigungen vertieft, daß er nicht bemerkte, wie Klimow, Kaßjan Parmjonytsch, hinter ihn trat und ihm wohl eine Minute lang schweigend zuschaute.
»Du mußt jetzt gehen, Vater, ich schließe gleich ab.«
»Entschuldigen Sie, ich habe gar nicht gemerkt, daß der Gottesdienst bereits zu Ende ist. Hier betet es sich so schön, es ist still und feierlich. Die Seele erhebt sich ungehindert in weihevolle Höhe zu dem Thron des Allmächtigen.«
»Ich habe dich früher gar nicht bemerkt, wo kommst du her?«
»Aus dem Kloster Belobereshsk. Ich habe das Kloster verlassen, um in die Welt zu gehen.«
»Man hat dich wohl wegen irgendwelcher Vergehen hinausgeworfen?«
»Gott verhüte! … Wie können Sie das nur denken, wieso sollte man dazu kommen?! Nein, ich bin selbst fortgegangen. Im Schutz des Klosters wird jeder selig, dazu sind ja die Klöster da. Aber in der Welt, inmitten all der Versuchungen, im Getriebe des eitlen menschlichen Strebens, da soll der wahre Mönch um das ewige Seelenheil ringen. Unangefochten den Weg des Heils verfolgen, wenn rings die entfesselte Hölle tobt, das ist die Aufgabe, die eines Mönches würdig ist. Darum habe ich das Kloster verlassen. Ich will in der Welt Mönch bleiben, den Dornenpfad der weltlichen Wanderschaft beschreiten, das ist die Glaubenstat, die ich in demütigem Eifer wagen will.«
»Womit verdienst du denn da deinen Unterhalt?«
»Der Heiland selbst hat uns das Gebot gegeben: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; sehet die Vögel unter dem Himmel an; sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch … Was brauch' ich denn viel? Vielleicht finde ich auch wo Arbeit. Ich will gern der Geringsten einer auf Erden sein, wenn ich nur meinem Herrn dienen darf. Zu jeglicher Arbeit bin ich bereit, die mir ein Stück Brot gibt. Ein gesunder Mensch versündigt sich, wenn er um Almosen bittet … Finde ich Arbeit, so will ich für zweie schaffen, mit ebensolchem Eifer, mit dem ich demütig unserem Herrn diene.«
Er sprach, ohne sich von den Knien zu erheben, die Stirn gesenkt, halblaut, als fürchte er die Stille der Friedhofskirche zu verletzen. Der alte Kaßjan Parmjonytsch war ganz gerührt und beschloß, ihm Arbeit auf seinem Ausspannhof zu geben.
»Was für Leute Kind bist du denn?«
»Kleinbürger aus Briansk.«
»Kannst du lesen und schreiben?«
»Ich habe drei Klassen der Kreisschule besucht, und als meine Eltern starben, zog es mich ins Kloster. Mit einer alten Wallfahrerin pilgerte ich hin; von meinem fünfzehnten Lebensjahre an war ich im Kloster.«
»Kannst bei mir unterkommen, den Hof rein halten. Auch eine Zelle habe ich für dich, eine kleine Kammer unter der Treppe, da bist du auch gleich Wächter. Nachher werden wir dann weiter sehen.«
Afonka erhob sich und sank aufs neue in die Knie, sich tief vor dem Alten verneigend.
»Wie vor unserem Abt knie ich dankend vor meinem Gebieter auf dem Wege der weltlichen Pilgerschaft und preise den Herrn für die wunderbare Sendung eines Helfers und Gönners!«
Gerührt zog ihn der Alte von den Knien empor und sprach ermunternd auf den demütigen Mönch ein. Afonka hatte sein Vertrauen erworben. Gar inbrünstig und innig sprach dieser Novize, es griff einem geradezu ans Herz! … Der alte Klimow schloß die Kirchentür ab, brachte dem Oberpriester die Schlüssel ins Pfarrhaus und machte sich mit Afonka auf den Heimweg.
»Du wirst dir aber die Haare scheren müssen, sonst machen sie sich auch über mich lustig, und die Bauern, die einkehren, setzen dir zu – die reinen Halsabschneider sind's. Kaufe dir auch einen Kittel.«
Er gab ihm zehn Rubel als Vorschuß auf sein Gehalt. Die Lohnfrage hatte Afonka nicht berührt, wie er denn überhaupt für Geld wenig übrig hatte und nicht habgierig war; wenn ihm Geld in die Hände kam, machte er sich einen vergnügten Tag und gab es aus. Nicht um des Geldes willen war er Hausknecht bei dem Kaufmann Klimow geworden. Seine Liebe zu der kleinen Fenja hatte ihn in die Stadt geführt. Schön war sie wie eine Königin, die Sehnsucht nach ihr war in ihm nicht erloschen, trotzdem er das Mädchen seinem Freunde abgetreten hatte, war vielleicht darum nicht erloschen, weil er sie nicht errungen, sie nicht geküßt, sie nicht besessen hatte. Jetzt, seitdem er wußte, daß sie Nikolka nicht heiraten würde, war seine Hoffnung neu und stärker erwacht. Die Verbindung mit Maschenka Klimowa würde ihm nützlich sein; zusammen mit Maschenka war die Grakina im Kloster gewesen, also verkehrten sie wohl auch in der Stadt miteinander; er würde Fenja wiedersehen! Und wenn es nötig war, konnte er ja immer mit Maschenka brechen, sie war eine verheiratete Frau, durch nichts waren sie miteinander verbunden, er konnte tun und lassen, was er wollte.
Als sie sich dem Heumarkt näherten, sagte Kaßjan Parmjonytsch:
»Komm morgen nachmittag, vor der Vesper, und bring' deine Sachen mit; nachher gehen wir dann zusammen in die Johanniskirche. Ich werde auch was davon haben, daß du da bist – und es ist mir des Samstags abends nicht recht geheuer in der Vorstadt. Alles Spitzbuben da. Also du kommst morgen.«
Kaßjan Parmjonytsch war mit sich selbst zufrieden; er hatte ein gottgefälliges Werk getan, einem gottesfürchtigen Manne eine Unterkunft gegeben. Er schritt quer über den Platz, den Fuß immer auf die Mitte eines der runden Pflastersteine setzend und dachte: Jetzt trifft man solche Menschen gar nicht mehr. Trotzdem, meine bessere Hälfte werde ich davon nicht überzeugen können. Hat immer nur ihr Hihi und Haha im Sinn, sieht ewig zum Fenster hinaus und reist von einem Kloster zum andern. Gut, daß sie wenigstens den Herrn nicht vergessen hat. Sonst hat man nichts von ihr …
Ein mißtrauischer Gedanke kam ihm …
Aber nein, solch ein Unhold kann mir nicht gefährlich werden schon allein vor seiner gebrochenen Nase bekommt man einen Schreck, und diese Schnauze dazu! … Welch ein Mensch aber dabei – fürwahr die Seele eines Engels steckt in dieser rauhen Hülle! Sie aber ist nach kichernden Gecken, mit glatten Fratzen, aus. Einen Menschen auf seinen inneren Wert hin zu schätzen, kommt ihr gar nicht in den Sinn, und so einen Unhold sieht sie überhaupt nicht an. Ein Satan von einem Weib!
Er lächelte vergnügt und beruhigt vor sich hin.
Schon von fern erkannte Marja Karpowna am Gang ihres Mannes seine Stimmung: trat er fest und behäbig auf, so war er still zufrieden, knarrten aber die Bohlen unter seinen schleppenden Tritten, so wußte sie, daß er über sie herfallen würde mit ätzenden Worten. Hinter dem Samowar hervor blickte sie ihn prüfend an und wußte Bescheid.
»Mascha, ich habe einen Hausknecht gefunden, nein – einen Menschen.« Und er fügte dieselben Worte hinzu, die er unterwegs gedacht hatte: »Jetzt trifft man gar nicht mehr solche Menschen.«
Maschenka wußte natürlich gleich, wen er meinte, um aber keinen Verdacht in ihm aufkommen zu lassen, sagte sie unwillig:
»Am Anfang sind bei dir alle gut; wenn erst ein, zwei Monate vergangen sind, werden wir ja sehen, was für einen Kerl du dir da aufgegabelt hast.«
»Gott selbst hat ihn mir gesandt, in der Kirche auf ihn hingewiesen.«
»Gib acht, Kaßjan Parmjonytsch! …«
»Ich sage dir, eine Seele von Mensch!« Und um seiner Frau einen kleinen Stich zu versetzen und sie zu necken, fügte er hinzu: »Aber schauerlich sieht er aus, das Grauen kommt einen an! Du wirst da nichts zu gucken haben!«
Marja Karpowna frohlockte innerlich: den alten Kaßjan hatten sie fein überlistet!
Da sagte er:
»Übrigens hast du ihn vielleicht auch schon mal gesehen, er ist ein Novize aus dem Kloster Belobereshsk, das du oft besuchst.«
Es ging ihr wie ein Stich ins Herz. Wie, wenn er dahinter käme? Vielleicht wußte er es schon?! Dann würde er sie erwürgen! Wie oft hatte er ihr gedroht, sie im Schlafe zu erwürgen. Sie blickte auf seine dürren Finger, seine knochigen Hände …
Der Sicherheit halber wechselte sie das Gespräch. Die Furcht kam sie an, sie könne sich durch irgendeine Kleinigkeit verraten, Verdacht in ihm wecken – wie oft richtete nicht ein einziges kleines Wörtchen einen Menschen zugrunde! …
Als sie zu Bett ging, dachte sie an Afonka, streckte sich lang aus, träumte von ihrem letzten Sommeraufenthalt im Klosterwalde, sehnte sich nach ihm und lachte bei dem Gedanken, wie geschickt er ihren Alten durch seinen Glaubenseifer und seine inbrünstigen Gebete umgarnt hatte. Um so ungetrübter war ihre Freude, als sie allein war. Es war Freitag, der Alte aber hielt sich bei seinen Besuchen im ehelichen Schlafzimmer streng an die kirchlichen Vorschriften: Freitag war der Leidenstag des Heilands, Montag der Tag der Gottesmutter, und vor allem waren auch die Nächte vor einem Feiertag geheiligt.
Beim Einschlafen überrieselten sie Schauer, und mehrmals huschte es ihr durch den Kopf, beglückend und beunruhigend: Hübsch ist er ja nicht, aber von welch einer durchdringenden Zärtlichkeit … Wenn ich mich morgen nur nicht irgendwie verrate! …
II
Inhaltsverzeichnis
Vor der Vesper, um die Teestunde, kam Afonka: er suchte nicht im Hof nach dem Hintereingang, sondern klingelte an der Vordertür. Dunja öffnete, blickte ihn einen Augenblick zögernd an, erkannte ihn und sagte halblaut:
»Wie nobel du dich herausgeputzt hast! … Wen willst du sprechen, den Herrn selber oder die Gnädige?«
»Kaßjan Parmjonytsch, in Geschäften.«
»Nanu, ihn?« Und sie lächelte ihm wieder – nur mit den Augen – verschmitzt zu, als wollte sie sagen: Mir machst du nichts vor, mein Lieber – ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen.
Er hatte sich die Haare nach russischer Art rund um den Schädel schneiden lassen, so daß die roten Strähnen, in der Mitte gescheitelt, gleich lang um Ohren und Hals hingen und sich unter der Mütze hervor wild kräuselten – alles Wasser, das er darauf getan hatte, um sie glatt zu kriegen, hatte nichts geholfen. Als sie ihm in zottiger Mähne bis auf die Schultern herabhingen, war seine Nase nicht so aufgefallen, jetzt aber stak sie erschrecklich hervor; auch die Bruchstelle am Nasenbein war noch auffälliger geworden; die Stirn, entblößt, die Backenknochen, nicht mehr halb verdeckt durch das Haar wie früher, traten ebenfalls stark hervor, ja selbst seine kleinen Augen quollen ihm noch bemerkbarer als vorher aus den Höhlen. Die rote Mähne hatte seine Schultern verdeckt; jetzt, da sie gefallen war, schienen sie unverhältnismäßig breit. Er selbst fühlte sich so ungewohnt in seinem neuen Aufzug, daß er scheu an sich hinabsah und auf der Straße gefürchtet hatte, man würde mit Fingern auf ihn weisen. Im Vorzimmer blickte er in den Spiegel und dachte, nur ein Knüppel in der Hand fehle ihm noch, um sich als Straßenräuber unter der Brücke an der Landstraße auf die Lauer zu legen.
Der Hausherr erschien, sah Afonka lächelnd an.
»Meiner Treu, du siehst aber wirklich grausig aus! Komm herein, heut bist du Gast, von morgen an bitten wir um Nachsicht.«
Der Fußboden in der Stube, aus weißen ungestrichenen Bohlen, war mit im Hause geknüpften Teppichen und von Bauern geflochtenen Brücken bedeckt; wie üblich stand ein Ikonenschrein in einer Ecke und davor, nach alter Tradition, ein mit schwarzem Samt überzogenes Gebetpult, darauf silberne Leuchter prunkten.
Afonka bekreuzigte sich inbrünstig vor den Heiligenbildern und sah sich begeistert um.
»Ich trete in Ihr Haus wie auf ein Schiff, um über das Meer des weltlichen Lebens zu schwimmen.«
Er verschluckte sich beinahe, als Marja Karpowna eintrat. Mit scheuer Miene verneigte er sich von ferne vor ihr, mit einer Hand den Boden berührend.
»Die Hausfrau, meine Gattin – Marja Karpowna.«
Sie reichte ihm die Hand zur Begrüßung, und in seinen Augen glomm ein verschlagenes Flämmchen auf, als wollte er sagen: Na, spiele ich meine Rolle gut? Und all das tue ich für dich allein!
Vom Montag an begann für Afonka der werktätige Alltag in der kleinen Kammer unter der Hintertreppe. An den Markttagen hatte er von früh bis spät mit Besen und Schaufel auf dem Hofe zu tun. Wenn er sich des Abends in seine Kammer zurückzog, begann er gleich zu psalmodieren, um den alten Klimow zu rühren. Er streckte sich auf dem aus rohen Brettern gezimmerten Bett aus, auf dem eine Strohmatratze lag, und sang, bis er in Schlaf fiel, denn oben über seiner Kammer befand sich die Bet- und Schlafstube des alten Klimow. Auch wenn auf dem Hof der Alte oder sonst jemand vorüberkam, flüsterte er Gebete vor sich hin.
Kaßjan Parmjonytsch sagte bedauernd:
»Du hast jetzt gar keine Zeit mehr zum Beten.«
»Ich tu es des Nachts, Kaßjan Parmjonytsch.«
»Ja, ja, ich höre, ich höre es … Bist wahrlich ein frommer Mönch.«
Afonka zog züchtig die Lippen ein und senkte den Blick demütig zu Boden.
Des Sonnabends ging Afonka mit dem Alten in die Johanniskirche, stellte sich vor den Kerzenstand und machte kniefällige Verneigungen. Unterwegs erzählte er dem Hausherrn von der hohen Glaubenstat der Mönche im Kloster Solowki, die sich da oben auf einer kleinen Insel im Weißen Meer angesiedelt hatten; ganz gerührt wurde dem Alten dabei ums Herz.
III
Inhaltsverzeichnis
Zwei Monate war Afonka bereits im Hause, als der Alte nach Moskau reiste, um Waren einzukaufen. Marja Karpowna sandte Dunja am Abend nach Afonka.
Dunja trat in seine Kammer, wo eine kleine heilige Lampe in einem durch Ruß gelb gewordenen Glasbehälter trübe qualmte; Afonka lag auf seinem Bett und schnarchte.
Sie stieß ihn in die Seite, um ihn zu wecken, und redete ihn mit du an, wußte sie doch, weshalb die Gnädige ihn holen ließ, da konnte Dunja schon auf das vertrauliche Du übergehen; Geheimnisse verbinden, machen Menschen zu gemeinsamen Verschwörern gegen das Gewissen. Afonka wollte nicht erwachen; ihr wurde unheimlich beim Anblick des Schlafenden.
»Afanaßij Timofejewitsch, so steh' doch auf!«
Verschlafen murmelte er:
»Maschenka, du?«
Er sprang auf, starrte Dunja erstaunt an.
»So nennst du also die Gnädige – einfach Maschenka? …«
»Ich kann auch dich Dunjascha nennen, wenn du willst.«
Beide lachten zusammen, denn sie fühlten sich ein bißchen unruhig: Afonka darum, weil er nun zu Maschenka sollte und Dunja um ihr Geheimnis wissen würde; Dunja darum, weil ihr Herz angefangen hatte, heftig zu schlagen, als er sie Dunjascha nannte: Angst hatte sie überkommen. Wenn Kaljabin zudringlich wurde, so könnte sie sich gar nicht vor ihm retten – draußen lagen die dunkle Treppe und der lange schwarze Gang. Afonka war indessen sofort klar geworden, daß er Wohlwollen und Zuneigung des Mädchens gewinnen, am besten sie in sklavische Abhängigkeit von sich bringen müsse, um sicher zu sein, daß sie dem Alten nichts verraten würde, und um in Notfalle einen Verdacht von Marja Karpowna abzulenken und auf Dunja zu richten. Ja, auf meiner weltlichen Pilgerfahrt bin ich der Versuchung unterlegen, doch nicht auf die Gattin meines Gönners, sondern bloß auf ihre Zofe ist mein sündiges Auge gefallen …
Dunja dachte neugierig: Wodurch kann dieses Scheusal es ihr bloß angetan haben?! Hat sie denn wirklich keinen hübscheren Jungen finden können? Geradezu grausig ist er anzusehen, wie ein Unhold aus dem Morgenland! Das muß ich herausbringen, was sie an ihm gefunden hat … Ich will sie selbst fragen … Wird es mir schon sagen, jetzt, wo sie mich nach ihm geschickt hat …
»Also nach oben sollst du kommen – der Herr ist weg.«
»Das weiß ich, daß er weg ist.«
»Seid wohl vom Kloster her miteinander bekannt?«
Er trat zur Tür, ließ sie vorgehen und beugte sich tief zu ihr hinab, als fürchte er mit dem Kopf gegen den niederen Türrahmen zu stoßen.
»Ja, Dunjascha, vom Kloster her.«
Sie führte ihn schweigend die Treppe hinauf und durch den dunklen Gang. Die Nähe des jungen Mädels ließ sein Herz schneller schlagen. Ihm war es schließlich gleich, wer es sei, wenn er nur jemand umarmen, an sich drücken, sich in einem Frauenleib auflösen konnte. Das mit Fenja war eine besondere Sache, wie an etwas Heiliges dachte Afonka jetzt an die kleine Fenja; sie wollte er ganz haben, auf immer. Und obwohl er wußte, daß das eitle Träumereien waren, daß sie ihn nie lieben würde, träumte er doch von ihr. Wie oft baut der Mensch Luftschlösser und weiß, daß all sein heimliches Hoffen Wahn und Selbsttäuschung ist, und meint doch, eine innere Stimme zu vernehmen, die ihm zuflüstert: Vielleicht kommt es doch so, vielleicht! Noch ist nicht alles verloren …
Eben aber spürte Afonka das jungfräulich frische Mädel so nahe, daß seine Nüstern sich wie die eines Hengstes blähten und ihr wieder unheimlich wurde. Sie klammerte sich an das Geländer, suchte möglichst schnell die Tür zu gewinnen, die Klinke an sich zu reißen; doch ihre Füße wurden ihr schwer, sie stolperte über die Stufen wie trunken.
Der Filzbeschlag – als Schutz gegen die Kälte war die Tür von außen mit Filz bekleidet – fuhr raschelnd über den Boden; ein Seufzer der Erleichterung entriß sich Dunja, als wäre sie einer tödlichen Gefahr entronnen, und sie beschloß bei sich: Nie mehr gehe ich ihn holen, mag die Gnädige selbst hingehen, wenn sie ihn braucht. Sonst tut er mir eines Tages Gewalt an, ehe ich bäh sagen kann!
Er trat, den langen Kittel nachlässig geöffnet, in die herrschaftliche Wohnung ein. Eine Lampe in der Hand, kam Marja Karpowna heraus und rief ihn im Befehlston in ihr Zimmer, als hätte sie ihm im Auftrage ihres Mannes eine Bestellung auszurichten.
Dunja dachte bei sich: Sieh mal einer an! Als ob es sich um eine geschäftliche Angelegenheit handele! Na, mir machst du nichts weis, meine Liebe …
Bis kurz vor Morgengrauen blieb Afonka bei ihr; ganz matt und erschöpft war Maschenka schließlich. Als sie ihn hinausgeleitete, flüsterte sie ihm zu, während der Abwesenheit ihres Alten nur ja recht oft zu ihr zu kommen, sie nicht mit ihrer Weibessehnsucht allein zu lassen, die nächtliche Stille süß zu beleben, damit sie nicht Angst habe in dem leeren Hause so allein mit Dunja. Sie versprach auch, ihren Alten zu bitten, bei seiner nächsten Abwesenheit jemand zu ihrem Schutz zur Nacht nach oben zu schicken, der Wächter könnte im Vorzimmer schlafen; sie hoffte, daß Kaßjan Parmjonytsch unbedingt Afonka dazu wählen würde, weil er so grausig aussah, daß er keinem Weibe gefährlich werden könnte. Wenn er im Vorzimmer schliefe, brauche er des Morgens nicht aus den warmen Federn in seine kalte Kammer zu eilen; sie könnten beisammen bleiben unter dem weichen Daunenpfühl, bis die Sonne aufgeht. Dunja solle er wecken, damit sie den Riegel vor die Tür schiebe.
»Gib acht, stoß dich nicht, Afonja. Sie schläft im Gang auf der Truhe.«
Maschenka blieb noch eine Weile in der Tür stehen, dann zog sie sich seufzend zurück.
Afonka tastete sich im Gang zurecht, kam an die Truhe, steckte aus Übermut die Hand aufs Geratewohl unter die Decke und weckte Dunja, indem er ihre Brüste streichelte, auf die er gestoßen war.
Das Mädchen fuhr auf.
»Oi, laß! Rühr' mich nicht an!«
»Bist ja nicht aufzuwecken … Komm, schließe die Tür hinter mir!«
Das Mädel war wütend, zischelte ihn an:
»Sobald Kaßjan Parmjonytsch zurück ist, sage ich ihm alles, bei Gott! Hier, ich bekreuzige mich, alles sage ich ihm. Ich will dir das schon heimzahlen!«
Im bloßen Hemde ging sie im Dunkeln hinter ihm her, gab ihm Puffe in den Rücken und fauchte ihn böse an. Als sie die Tür zuziehen wollte und nach dem Riegel langte, packte er ihre Hand, und ehe sie Zeit hatte, sich irgendwo anzuklammern, hatte er sie auf den Treppenabsatz herausgezerrt. Mit der freien Hand schlug er die Tür zu und drückte das Mädchen gegen die Wand.
Er umarmte sie, ohne sich Unzüchtigkeiten zu erlauben, in aller Ehrbarkeit. Ihre Drohung hatte ihn erschreckt. Wenn sie es dem Alten steckte, würde Kaßjan Parmjonytsch ihn – wie Drakin seinen Freund Nikolka – unter sicherer Bewachung ins Kloster zurückschicken, und dann würde er die kleine Fenja niemals wiedersehen. Hastig sprach er auf das Mädchen ein:
»Ich habe doch bloß gescherzt, kleine Närrin! Ich rühre dich nicht an. Gleich als ich dich zum ersten Male sah, als du in die Wirtsstube kamst, mich zu rufen, habe ich dich lieb gewonnen. Du meinst wohl, ich halte es aus Liebe mit der Gnädigen? Hat sich was! Sie hat mich im Kloster überredet, in die Stadt zu kommen, hat mir das Blaue vom Himmel herunter versprochen, für meine Zukunft würde sie sorgen, und nun hat sie mich in dies dunkle Loch gestopft! Ich dulde und schweige, tue es darum, weil ich durch sie vielleicht wirklich einmal vorwärts komme. Sie ist ja schon lange bei uns berüchtigt. Um zu beten, fährt sie angeblich ins Kloster, Unsinn – jedem Mönch hängt sie sich an den Hals. Ich pfeife auf das Kloster. Nur aus Not bin ich Novize geworden. Als Vater starb, war ich noch ein Junge, Mutter hatte auch für mein Schwesterchen zu sorgen, da hat ihr dann eine Wallfahrerin vorgeschlagen, mich ins Kloster mitzunehmen, damit Mutter den hungrigen Mund los wird. So habe ich denn da gelebt all die Jahre und wäre wohl ganz dort geblieben, wenn deine Gnädige mich nicht in die Stadt gelockt hätte.«
Das Mädchen hörte aufmerksam zu, obwohl sie vor Kälte zitterte und ihre Zähne klapperten:
»Ich friere, lassen Sie mich.«
»Warte, ich decke dich zu. Laß mich zu Ende sprechen.«
Er schlug die Seiten seines langen Kittels um sie, hielt sie hinten zu. Dunja schmiegte sich vor Kälte an ihn und lauschte; warum, fragte sie sich nicht, doch nicht Weiberneugier allein bewegte sie, noch etwas anderes regte sich in ihr.
»Du denkst wohl, im Kloster sei alles Tugend und Heiligkeit? … Euch scheint es so, für uns ist es voller Sünde. Wir sind ja auch Menschen! … Das Weib, die verbotene Frucht, entflammt uns noch ärger. Jedem Weibsbild laufen die jungen Mönche nach, mit heraushängender Zunge, wie die jungen Hunde, können nicht genug bekommen. Und im Winter sind sie wie tolle Bestien. Und immer sind's diese Kaufmannsfrauen, die uns zur Sünde verführen. Und ich bin ja auch nicht aus Stein, bin auch ein Mensch aus Fleisch und Blut … Bloß hat Gott mir keine Schönheit gegeben. Die Kaufmannsfrauen sind ja meist hinter den hübschen Jungen her, mich haben sie gar nicht angeblickt, als wäre ich aussätzig. Diese aber hat sich auf mich gestürzt. Sie wechselte einen nach dem andern, auf der Suche nach dem kräftigsten. Darum hat sie mich denn auch in ihr Herz geschlossen, weil ich so stark bin in der Liebe, und ist in mich gedrungen, ich solle zu ihr in die Stadt kommen. Und nun muß ich um ihretwillen den Alten betrügen. Dich aber habe ich lieb gewonnen auf den ersten Blick. Als du heute in meine Kammer kamst, erschrak ich zuerst, ich dachte, sie sei es, aber du warst es, und wenn ich nicht nach oben gemußt hätte, wärst du nicht wieder von mir fortgekommen; ich hätte dich nicht fortgelassen, was auch daraus geworden wäre. Lieb hab ich dich gewonnen! Ich weiß ja, daß ich grausig aussehe, wer sollte mich lieben?! Könnte denn ein junges Mädel solch einen Unhold lieben? Sie wollen immer nur hübsche Jungens, mit Lockenköpfen …«
Er zog sie noch fester an sich, umschlang sie heiß und schlug plötzlich die Seiten des Kittels auseinander.
»Geh, Dunja – will ich denn Gewalt anwenden?! Mit Gewalt erwirbt man keine Liebe. Das ist die Sache … Aber zu ihr gehe ich aus Not allein …«
Er trat zurück, tastete sich langsam die Treppe hinab. Dunja stand in ihrem dünnen Hemdchen in der Kälte noch immer an der Tür, ganz benommen von seinen Worten, grübelte. Plötzlich riß sie sich von der Wand los, beugte sich über das Geländer und rief ihm leise nach:
»Ist das auch wahr, was du mir gesagt hast!«
Leise klang es zurück:
»Es ist wahr …«
Sie wollte ihm noch etwas nachrufen, öffnete den Mund und wußte nicht recht, war ihr ein unterdrückter Schrei entfahren oder hatte sie nur gemeint, sie hätte ihn ausgestoßen?
Sie hätte ihm nachstürzen mögen, ihm, der solche Worte zu ihr gesagt hatte. Dem schwarzhaarigen Mädel waren sie ins Herz gedrungen. Ihr Leben lang hatte sie nur Befehle und Scheltworte gehört; so hatte noch niemand zu ihr gesprochen. Als Vierzehnjährige hatte ihre Mutter sie aus dem Dorf in die Stadt gebracht, und seitdem war sie von Stelle zu Stelle gewandert. Bei Frau Klimowa hatte sie es besser als bisher sonstwo. Schlimm war nur, daß all die Angestellten, Verkäufer und Arbeiter ihr keine Ruhe gaben, seit sie herangereift war, ihre Formen sich gerundet hatten, die Brüste prall wie Äpfel leise bebten und das ganze Mädel selber wie ein frischer Apfel roch. Kaum daß so einer im Jakettanzug ihr in die Nähe kam, so suchte er schon, sie in die Hüfte zu zwicken, ihre Brust zu streicheln. Sie hatte sich bei der Hausfrau beklagt, aber die hatte bloß gelacht.
»Einem hübschen Mädel stellen die Burschen immer nach, Dunja. Brauchst nur ein wenig zu warten: wenn du alt geworden bist, wird dich niemand mehr anrühren; dann würdest du froh sein, wenn jemand dir den Hof machen wollte, aber dann ist's zu spät …«
Afonka war weitergegangen, war nicht zurückgekehrt. Dunja schob den Riegel vor und legte sich auf die Truhe unter die Steppdecke. Sie konnte aber bis zum Morgen nicht mehr einschlafen. Auch den ganzen Tag über mußte sie immer an Afonkas Worte denken, die Arbeit wollte ihr gar nicht von der Hand gehen.
Ob er es aufrichtig meinte?! Vielleicht hatte er bloß gescherzt? …
Am Abend rief Marja Karpowna Dunja wieder in ihr Zimmer, unter dem Vorwand, sie solle ihr beim Ordnen der Kommode behilflich sein. Nachdem die Kommode in Ordnung gebracht worden war, machte sie sich an die Kleider in der Truhe, die sie aber nicht ordnete, sondern nur durchsah, um dann Dunja ein älteres Stück für ihr Schweigen, für das nächtliche Geheimnis zu schenken.
»Hier nimm, laß es dir umarbeiten; ich brauch's nicht mehr, das Kleid ist nicht mehr modern.« Sie kämpfte mit sich, dann fügte sie hinzu: »Dunja, aber zu niemandem ein Wort über Afanaßij Timofejewitsch! Mit dem Alten zu leben ist eine Pein – du bist kein kleines Mädchen mehr, mußt das verstehen. Wenn du dich brav hältst, will ich mich dankbar erweisen, verheirate dich auch, ich werde schon jemand finden, der dir gefällt.«
»Seien Sie ganz ruhig, Marja Karpowna, wie sollte ich dazu kommen, etwas über Sie zu sagen!«
»Stell' jetzt den Samowar auf und ruf ihn zum Tee. Du kannst ausgehen, wenn du willst. Hast wohl auch Bekannte?«
»Wohin sollte ich denn gehen, Marja Karpowna? Sie wissen ja, ich habe niemand.«
Ihr waren die Hände ganz schwer geworden, kaum konnte sie den Samowar aufheben. Sie hatte Angst, in Afonkas Kammer zu gehen, und doch zog es sie hin: Vielleicht würde er ihr wieder solche Worte sagen, von denen einem Mädel ganz schwindelig wurde! Kaum ging es mit dem Tischdecken vorwärts – sie wollte den Augenblick, da sie über seine Schwelle trat, möglichst hinausschieben. Als spräche sie ein Verdammungsurteil über sich aus, meldete sie endlich:
»Gnädige Frau, der Tisch ist gedeckt.«
Wieder tastete sie sich die dunkle Hintertreppe hinab. Im engen Gang schien ihr, als wollten die Wände sie erdrücken. Sie trat nicht einfach ein wie gestern, sondern klopfte zuerst. Afonka schlief nicht, er lag auf seinem Bett und wartete darauf, daß Dunja nach ihm käme; er richtete sich auf, blieb auf dem Bett sitzen.
»Sollst du mich wieder holen, Dunja?«
»Ja, Afanaßij Timofejewitsch. Sie möchten Tee trinken kommen.«
Bevor er ihr von seiner Liebe gesprochen hatte, hatte sie ihn geduzt wie alle Angestellten und Arbeiter; nun, da eine Unruhe in ihr erwacht war, redete sie ihn scheu mit Sie an.
»Setz' dich doch, sei nicht so bange. Erzähle mir mal, hat sie heute was über mich gesagt?«
»Ein Kleid hat sie mir geschenkt, hat Angst vor dem Alten. Aber kommen Sie, Afanaßij Timofejewitsch, sonst denkt sie sich noch was …«
»Weißt du noch, was ich dir gestern gesagt habe? … Vergiß es nicht. Ich verstehe nicht zu scherzen, was ich sage, meine ich. Daß ich dich gestern ein bißchen unbeholfen geweckt habe, darum brauchst du mir nicht böse zu sein, ich will's nicht mehr tun. Mit keinem Finger rühre ich dich an, bevor du mich nicht lieb gewinnst.«
»Gehen wir jetzt lieber, sonst schilt sie noch.«
Er hatte sie nicht angerührt, ganz fröhlich wurde Dunja; ein Stein war ihr vom Herzen gefallen. Als sie sich nachher auf der Truhe ihr Lager richtete, war ihr ganz weh ums Herz. Es war nicht Eifersucht, aber sie fühlte sich schmerzlich verletzt. Sie liebte ihn ja nicht, wenn es sie auch zu ihm zog. Nach seinen zärtlichen Worten hätte sie sich gern wieder bei ihm, dem breitschultrigen Unhold, der sie fast um Hauptes Länge überragte, versteckt, an seiner Brust, unter seinem Kittel, wie vorige Nacht; da würde ihr nichts geschehen, niemand würde ihr zu nahe treten.
Wieder weckte Afonka sie, zupfte sie am Ellenbogen. Wärme ging von ihm aus, er roch ein bißchen nach Eau de Cologne der Gnädigen, und wieder zog es sie in seine Wärme unter seinen sicheren Schutz. Er rührte sie aber gar nicht an, sagte ihr nichts Zärtliches.
Und immer wieder ging sie zu ihm, um ihn zu Marja Karpowna zu rufen, und jeden Abend versicherte er sie, daß er sie liebe und schwer unter der aufgezwungenen Verbindung mit der gierigen Kaufmannsfrau leide. Er wollte das Mädchen warm halten, sie an sich gewöhnen, um ihr Herz zu erringen, ihre Ergebenheit, um im Notfalle einen Rückhalt an ihr zu haben. Darum veranlaßte er auch Marja Karpowna, immer Dunja nach ihm zu schicken – er wolle nicht aufdringlich erscheinen und könne nur dann zu Maschenka kommen, wenn er sicher sei, daß er ihr nicht lästig falle. Vierzehn Tage lang verbrachte er jede Nacht bei ihr. Niemand wußte davon, denn die Angestellten und Arbeiter wohnten zusammen mit der übrigen Dienerschaft in einem Flügel im Hofe. Afonka hielten sie für halb verrückt, weil er bis Mitternacht Psalmen sang und auf dem Hofe Gebete vor sich hin murmelte. Afonka seinerseits mied sie, war schweigsam und verschlossen, zog sich in seinen Freistunden in seine Kammer zurück und träumte von der kleinen Fenja.
Als der Alte zurückkehrte, weinte Maschenka und verbrachte schlaflose Nächte; immer schien ihr, es schleiche jemand durch die Zimmer.
»Wenn du wieder verreist, schicke doch jemand zur Nacht nach oben, ich fürchte mich allein mit Dunja in dem leeren Hause: Wie leicht könnten Diebe eindringen und mich niedermachen, und alles Schreien nützte nichts.«
»Meinetwegen, wenn ich nächstens fort muß, mag jemand oben schlafen.«
Tag für Tag arbeitete Afonka mit Schaufel und Besen auf dem Hof und psalmodierte in seiner Kammer bis in die Nacht hinein. Ein halbes Jahr lang rührte sich Kaßjan Parmjonytsch nicht vom Hause fort; nur des Sonnabends unterhielt er sich mit Afonka auf dem Wege zur Johanniskirche.
Einst beklagte sich der Geschäftsführer bei dem Alten darüber, daß er an den Markttagen nicht mehr allein durchkomme in der Gastwirtschaft, nicht alle Leute im Auge halten könne, eine ganze Menge Geld gehe dadurch verloren.
»Warte mal, Petrowitsch, ich habe da schon lange jemand im Auge – einen zuverlässigen Menschen, für den ich bürgen kann. Er kann auch lesen und schreiben – gerade der rechte Gehilfe für dich.«
»Wer ist es denn, Kaßjan Parmjonytsch?«
»Du mußt ihn ja wohl schon gesehen haben – Afanaßij, der Hausknecht.«
»Jawohl, Kaßjan Parmjonytsch, den habe ich gesehen …«
»Scheint dir nicht zu gefallen, sieht grausig aus, was?«
»Ja, er gefällt mir nicht recht … Das ist Sache des Hausherrn, aber mir gefällt er nicht.«
Petrowitsch zog die Worte nachdenklich in die Länge. Damals hatte er Dunja gefragt, weshalb sie den Mönch gerufen habe, hatte aber nichts Gescheites aus dem Mädel herausgebracht. Niemand hatte während der ganzen Zeit etwas Schlechtes über Afonka gesagt, bloß daß man sich über seinen frommen Singsang lustig machte. Trotzdem, Petrowitsch hatte seine Zweifel … Er dachte: Vielleicht liegt auch gar nichts vor. Warum hat aber dann die Gnädige nach ihm geschickt? Verdächtig bleibt's doch. Entweder ist er nicht ganz gescheit im Kopf oder ein abgefeimter Spitzbube … Man kann das bei einem Mönch nie wissen. Und diese Frömmigkeit – ob er es auf den Alten abgesehen hat? Sonst ist nichts zu sagen über den Mann, er trinkt nicht und soll tüchtig sein. Ich kann mir das nicht zusammenreimen …
Petrowitsch hatte ein geübtes Auge, war ein großer Menschenkenner, brauchte einen Menschen bloß anzusehen, um zu wissen, mit wem er es zu tun hatte. Schon viele Jahre stand er hinter dem Schenktisch in der Wirtsstube am Markt. Mancherlei Leute waren an ihm vorübergezogen, mancherlei heimliche Geschäftchen hatte er gemacht: Käufer an den richtigen Pferdehändler gebracht, Gauner der Polizei ausgeliefert, Freundschaften mit Viehhändlern geschlossen …
Als Kaßjan Parmjonytsch von der Abendmesse zurückkam, teilte er Afonka die freudige Botschaft mit.
»Kannst ins Gesindehaus umsiedeln, zu den Angestellten – von morgen an hilfst du Petrowitsch hinter dem Schanktisch aufpassen.«
Afonka blieb stumm.
»Was sagst du denn nichts – paßt es dir etwa nicht?«
»Ich kann's ja gar nicht sagen, wie sehr ich Ihnen, meinem Gönner, dankbar bin, bloß mein Kämmerlein unter der Treppe möchte ich nicht gern verlassen, das ist's. Wenn ich da bei den andern wohne, kann ich überhaupt nicht mehr beten, keine Psalmen singen … Sie spotten ja auch so schon über mich.«
»Ich wollte dir einen Gefallen tun. Meinetwegen kannst du in der Treppenkammer bleiben, mir ist das gleichgültig …«
So stand denn Afonka zusammen mit Petrowitsch hinter dem Schenktisch, arbeitete sich allmählich ein, paßte auf, daß niemand sich auf Kosten seines Brotherrn gütlich tue. Und immer schwieg er, was der Geschäftsführer ihm auch sagen mochte; stumm und still tat er alles, was von ihm verlangt wurde. Petrowitsch mochte ihn nicht, Afonka spürte das und hütete sich, einen Grund zur Klage zu geben.
Einmal fragte Kaßjan Parmjonytsch seinen Geschäftsführer:
»Nun, Petrowitsch, wie macht sich dein Gehilfe?«
»Ich kann nichts gegen ihn sagen, aber er gefällt mir nicht. Wo haben Sie den nur her?«
Auf dem Heimwege von der Abendmesse sagte Klimow zu Afonka:
»Der Petrowitsch mag dich nicht – was hat er gegen dich?«
»Ich weiß nicht, Kaßjan Parmjonytsch. Ich habe ihm nichts getan, begegne ihm im Gegenteil mit Achtung und Zuvorkommenheit. Ich spreche offen und ehrlich zu Ihnen, wie zur Beichte, und da muß ich sagen, auch er gefällt mir nicht. Er mag ja schon lange in Ihrem Dienst sein, und Sie vertrauen ihm wohl, weil er schon so lange da ist, wenn man aber so daneben steht, bemerkt man allerlei und macht sich Gedanken … Er macht Sachen, die nicht recht, nicht gottgefällig sind. Vielleicht aber scheint es mir nur so in meiner Dummheit, vielleicht ist das im Geschäftsleben so üblich …«
Der Alte horchte auf; es konnte schon sein, daß Petrowitsch nicht ganz ohne Sünde war. Er unterbrach Afonka nicht, fragte nur:
»Um was handelt es sich?«
»Ich habe es noch nicht recht begriffen. Wenn ich klar sehe, will ich's Ihnen sagen.«
»Er traut dir nicht, meint, du seist zu schweigsam.«
»Als Novize erfülle ich das Gebot unseres Abts, keine Widerrede zu tun und auszuführen, was mir geheißen wird von meinem Vorgesetzten; um aber von mir aus Gespräche zu führen, bin ich noch zu jung und unerfahren.«
Zu Hause erwartete den Großkaufmann ein Telegramm, das ihn auf eine längere Reise berief. Marja Karpowna erklärte wieder, daß sie sich fürchte, allein mit Dunja im Hause zu bleiben.
»Ich will Afonka schicken, er mag während meiner Abwesenheit im Vorzimmer schlafen. Er sieht zwar grausig aus, dafür aber streckt er drei Mann zu Boden, wenn's darauf ankommt.«
»Schicke lieber jemand anders, vor dem habe ich selber Angst.«
»Der ist nur anderen gefährlich, uns gegenüber ist er harmlos wie ein Schaf. Dunja, geh in die Wirtschaft und rufe Kaljabin herauf.«
Wieder winkte Dunja lächelnd Afonka mit dem Finger. Petrowitsch zuckte zusammen; wie beim ersten Male schwante ihm Unheil. Ungeduldig wartete er auf Afonkas Rückkehr; er hoffte von ihm zu erfahren, um was es sich handelte. Afonka, der Petrowitschs Verdacht spürte, wollte ihn necken. Als er zurückkam, begann er eifrig Gläser zu waschen, als wäre gar nichts vorgefallen, was den Geschäftsführer nur noch mehr reizte.
»Warum hat man dich nach oben gerufen, Afanaßij?«
»Der Chef hatte geschäftlich mit mir zu sprechen.«
»Na sag' doch einer! Wieviel Jahre bin ich schon hier, noch nie aber bin ich nach oben gerufen worden. Wie sehr ist er hinter dem Gelde her, aber immer kommt er selbst herunter, um die Kasse zu holen. Dir aber erweist er diese Ehre!«
»Ich soll während der Abwesenheit des Chefs oben schlafen, um Marja Karpowna zu schützen.«
Die Nuß war noch härter zu knacken! Petrowitsch stand fast bis Toresschluß in Gedanken versunken und suchte, sich das zurechtzulegen. Er entschied schließlich, daß gewiß die Gnädige dahinterstecke, sie mußte den Alten umgarnt haben. Er, Petrowitsch, würde die Augen offen halten und sehen, hinter Afonkas Schliche zu kommen, und wenn er was merkte, es dem Alten stecken, um ihn vor Schande zu bewahren.
Bei der Abfahrt kam Kaßjan Parmjonytsch durch die Wirtschaftsstube und sagte brummig über den Schenktisch hin, ohne Petrowitsch anzusehen:
»Den Afanaßij Timofejewitsch entläßt du des Abends früher, er wird oben schlafen. Verstanden?«
»Jawohl, Kaßjan Parmjonytsch.«
Kein weiteres Wort sagte der Chef, schlug die Tür hinter sich zu. Früher pflegte er Petrowitsch zu fragen, was sich im Laufe des Tages ereignet habe, wie das Geschäft gewesen sei – jetzt hatte er ihn nicht einmal eines Blickes gewürdigt! …
Wieder knarrte die Blockrolle an der Tür, und Dunja erschien aufs neue, winkte diesmal aber nicht von der Tür aus, sondern lief auf den Schenktisch zu, dasselbe schelmische Lächeln auf den Lippen, und warf Petrowitsch einen verschmitzten Blick zu.
»Afanaßij Timofejewitsch, Marja Karpowna läßt Sie nach oben rufen, sie geht schlafen, wir schließen gleich ab.«
Über den Hof und durch den dunklen Gang schritten die beiden. In Dunja war eine quälende Eifersucht erwacht, als sie erfahren hatte, daß Afanaßij ganz bei der Gnädigen schlafen werde, nicht im Vorzimmer, wo Dunja ihm zum Schein ein Lager bereitet hatte, sondern bei ihr, bei der Gnädigen.
»Also jetzt sind Sie gleichsam ihr Mann geworden? … Da sind Sie wohl glücklich?«
Oben auf der Treppe, vor der filzbeschlagenen Tür, umschlang Afonka das Mädchen in der Dunkelheit, drückte sie so fest an sich, daß ihre Knochen knackten, und küßte sie auf den Mund. Sie schmiegte sich erwidernd an ihn, wunderte sich selbst darüber.
»Dunja, ich habe es dir doch gesagt, und nun glaubst du mir wieder nicht! Wenn ich dich jetzt heiraten wollte, so wäre alles verloren. Wir müssen warten, sonst jagt sie dich fort oder läßt auch mich an die Luft setzen. Ich bin Petrowitschs Gehilfe geworden – die Zeit wird kommen, da werde ich an seinem Platz sitzen. Nach ein, zwei Jahren kann ich dann eine eigene Wirtschaft aufmachen. Dann steht uns nichts mehr im Wege, dann heiraten wir.«
»Afanaßij Timofejewitsch! Ist das auch wirklich wahr? Ich kann es noch gar nicht glauben …«
»An dich denke ich, wenn ich bei ihr bin, du aber glaubst mir nicht! Ich habe dich doch lieb.«
Da glaubte sie ihm und suchte selbst zärtlich nach seinen Lippen.
Jeden Abend holte Dunja ihn nach oben, von acht bis acht bewachte er die Frau des Großkaufmanns Klimow, und jeden Abend küßte er das Mädchen auf der Treppe. Weiter erlaubte er sich nichts, obwohl er spürte, wie prall ihre Brust sich an ihn drückte. Sie sehnte sich jetzt nach seinen Küssen und warf sich nachher unruhig auf ihrem Lager hin und her und träumte von Liebesglück.
Petrowitsch aber konnte sich nicht beruhigen, wollte herausbringen, was dahinterstecke, und so beschloß er eines Abends, die Tageseinnahme der Gnädigen selber heraufzubringen, aber so, daß er dabei etwas erspähen, etwas erlauschen könnte.
Afonka wurde nach oben gerufen, und eine halbe Stunde später folgte ihm Petrowitsch auf demselben Wege, durch den hinteren Eingang; auf der dunklen Treppe zündete er Streichhölzchen an, blies sie aber sogleich wieder aus, damit oben niemand den Lichtschimmer bemerke. Die Tür war noch nicht abgeschlossen. Durch den Gang schlich er sich ins dunkle Anrichtezimmer, in das ein Lichtstrahl aus dem Schlüsselloch der Speisezimmertür drang. Dunja war nicht da, sie war in die Kammer gegangen, um Konfitüre zu holen. Petrowitsch beugte sich zum Schlüsselloch herab und blickte hindurch. Marja Karpowna saß hinter dem Samowar, Afonka ihr schräg gegenüber; er trank Tee aus der Untertasse. Petrowitsch horchte; Marja Karpowna sprach:
»Heute habe ich von Fenjas Mutter einen Brief erhalten; sie bittet mich, mit meinem Alten über eine Geldaufnahme zu sprechen. Ihr Bruder Kirill Kirillowitsch, der Ingenieur, hat wieder neue Pläne. Kurz vordem Vater Nikolai herkam, hat Drakin eine neue Bindfadenfabrik gebaut, mit dem Gelde seiner Schwester Grakina, und jetzt will er noch eine neue Taufabrik bauen, und da reicht das Geld nicht. Alles, was er besitzt und verdient, steckt er in den Hanf; nicht nur in unserem Gouvernement, auch in den anstoßenden Gouvernements kauft er bei den Bauern die ganze Ernte noch auf dem Felde zusammen, und immer noch ist's ihm nicht genug. Auch eine neue Taufabrik will er jetzt bauen, neue Gebäude, neue Maschinen, die er aus England beziehen will, sind nötig, und da will er nun bei meinem Alten Geld auf Häuser aufnehmen, auf Fenjas Häuser. Mein Alter wird ihm das Geld schon geben, warum sollte er nicht, das Geschäft ist sicher, aber so, wie ich ihn kenne, bringt er die Häuser dann an sich: fromm ist er, aber wo sich's ums Verdienen handelt, da schrickt er vor nichts zurück … Mit den Wechseln wird er bestimmt was anstellen, vielleicht mit Hilfe von irgendwelchen dunklen Mittelmännern, denen er sie zum Schein verkauft oder sonst irgendwie …«
Petrowitsch wartete gespannt, ob Afonka nicht etwas sagen, die Gnädige vertraulich anreden würde. Er sah, daß ihr Blick strahlend auf ihm ruhte, sie sprach aber ganz unbefangen. Der gekrümmte Rücken schmerzte dem Lauschenden, sein Blut summte laut, aber er war ganz Auge und Ohr, ganz versunken in das Bild vor sich, als er plötzlich mit Stirn und Nase gegen die Tür prallte. In der Dunkelheit war Dunja, ein Tablett in der Hand, auf ihn gestoßen, wobei die Schale mit Konfitüre hinabglitt und sich über Petrowitschs Rücken ergoß. Vor Schreck kreischte das Mädchen gellend auf.
Marja Karpowna sprang vom Tisch auf und lief zur Tür, Afonka eilte ihr nach. Die Tür wurde aufgerissen und Dunja sah den Geschäftsführer, der ganz mit Johannisbeerkonfitüre bekleckst war, auf den Knien zurückschnellen.
»Was schreist du, was ist geschehen? Dunja?«
Vor Erregung weinend, rief Dunja:
»Er stand hier … Ich wäre fast gestorben vor Schreck! …«
»Was machen Sie hier, Petrowitsch?«
Petrowitsch, der mit den Händen die klebrige Masse von den Schößen seines Rockes abzustreifen suchte, antwortete dumpf:
»Ich bringe die Kasse …«
»Warum standen Sie dann hinter der Tür? Gelauscht haben Sie? Ja? Die Stellvertreterin des Chefs darf nicht einmal Tee mit ihrem Angestellten trinken, gleich wird geschnüffelt?! Afanaßij Timofejewitsch, begleiten Sie ihn in die Wirtsstube zurück, er hat Nasenbluten.«
Um sich nicht zu beschmutzen, hielt Afonka den Geschäftsführer am Rockkragen, als er ihn die dunkle Treppe hinabführte. Er brachte ihn bis an die Tür der Schenkstube.
»Na, Petrowitsch, hast nicht viel erfahren – der Teufel hatte seine Hand mit im Spiele! Ich gehe nicht mit hinein, kannst dich allein in diesem Aufzuge zeigen – die Kellner können dich wieder rein machen und waschen.«
Um ihn zu ärgern, stieß Afonka die Tür auf und rief hinein:
»He, ist jemand da? Wassilij, komm her, hilf mal dem Petrowitsch seinen Rock von der Konfitüre reinigen.«
Der Geschäftsführer konnte ihn nur wütend anzischeln:
»Diesmal bin ich unterlegen … Aber warte nur … ich fange dich schon ab. Ich werde dir das nicht vergessen! …«
Als Klimow zurückkehrte, stürzte Marja Karpowna auf ihn zu, ehe er noch recht ins Zimmer gekommen war, und beklagte sich über die ihr angetane Beleidigung – entweder habe sich Petrowitsch selbst berufen gefühlt, den Spion zu spielen, zu schnüffeln und an Türen zu horchen, oder er habe es im Auftrage ihres Mannes getan.
»Also wenn ich dem Afanaßij mal eine Tasse Tee gebe, so werde ich gleich solchen Beleidigungen ausgesetzt?! Ist er denn kein Mensch, bloß weil er solch ein Unhold ist? Von früh bis spät auf den Beinen und des Nachts wie ein Hund im Vorzimmer – und dann solche Geschichten wegen einer Tasse Tee!«
Kaßjan Parmjonytsch fragte Petrowitsch aus; dieser mußte gestehen, daß alles in Ehrbarkeit vor sich gegangen sei, Afanaßij hätte nicht einmal neben der Hausfrau gesessen und züchtig seinen Tee getrunken, stumm wie immer. Klimow ärgerte sich, ernannte den Kleinbürger Afanaßij Kaljabin zum Geschäftsführer und Petrowitsch zum ersten Hausknecht auf dem Ausspannhofe, falls er es nicht vorziehen sollte, ganz zu gehen. Afonka, dessen Zuverlässigkeit so klar zutage getreten war, erwarb in noch größerem Maße das Vertrauen seines Brotherrn, der nun wieder seine alte Gewohnheit aufnahm und des Abends zuweilen in der Wirtsstube einkehrte, um ein Weilchen hinter dem Schenktisch zu sitzen und mit ihm über die Geschäfte zu sprechen; ja einmal forderte er ihn sogar auf, sich seine Betstube anzusehen.
IV
Inhaltsverzeichnis
Marja Karpowna erzählte ihrem Manne von dem Brief der Frau Grakina.
»Auf die Häuser, sagst du? Die Häuser kenne ich. Fünfhunderttausend gebe ich ihnen nicht, aber dreimalhunderttausend kann er haben. Er arbeitet in großem Stil, der Herr Ingenieur, arbeitet vergnügt mit seinem Gelde und mit dem Gelde seiner Schwester, und nun will er sich auch noch an das Geld seines Mündels heranmachen, hm …«
Er überlegte …
Selbst gehe ich nicht hin, schicke ihm meine Antwort mit einem Vertrauensmann, der soll auch über Fenjas Unterschrift sprechen; sie ist bald mündig und darf Wechsel in Gegenwart zweier Zeugen und eines Bürgen unterzeichnen …
Am nächsten Abend ließ er Afonka zu sich in die Betstube kommen und unterrichtete ihn, daß er zu Drakin gehen solle und wie und was er zu sagen habe.
»Ich vertraue dir – verstehst du das? Gib acht, laß kein unnützes Wörtchen fallen. Ich sei bereit, das Geld zu geben – zu 12 Prozent jährlich, auf drei Jahre. Im Brief hier steht das Nähere. Fjokla Timofejewna muß aber ihre Einwilligung dazu erteilen, es sind ihre Häuser. Die Häuser sind ja wohl mehr wert, wir bringen sie aber auch für dreimalhundertausend Rubel an uns … Wir nehmen Wechsel, und nach einem Jährchen hat sie jemand, der damit umzugehen weiß. Du bist Zeuge meinerseits, erhältst als dir zukommende Prozente dreitausend Rubel.«
»Kaßjan Parmjonytsch, aber wieso denn! Ich bin doch kein Heide, daß ich dafür Geld von Ihnen nehmen sollte! …«
»Solche Geschäfte werden nicht umsonst gemacht, mein Lieber. Bist noch jung, bei mir kannst du was lernen. Gehe jetzt, und der Herr sei mit dir.«
»Ich kann mich gar nicht trennen von Ihren Heiligenbildern, Kaßjan Parmjonytsch. Die ganze Zeit mußte ich sie ansehen – vor solchen Heiligenbildern beginnt die Seele von selbst zu beten.«
»Wenn ich mal wieder verreise und du oben schläfst, darfst du hier beten.«
So wurde Afonka Vertrauensmann des Großkaufmanns Klimow. Als er das erste Mal in Klimows Betstube gewesen war, hatte er sich nicht recht umgesehen, diesmal aber hatte er außer den mit Perlen und Saphiren geschmückten Heiligenbildern auch ein Schreibpult aus Nußbaumholz entdeckt. Es stand neben dem Gebetpult und war wie dieses von einer mit silbernen Kreuzen bestickten Samtdecke bedeckt. Unter dem Deckel aber lagen auf einer Seite eigene und fremde Wechsel, in den Ecken Schreibzeug, ganz unten das Kassen- und Hauptbuch und ein Lineal. Bargeld hielt Klimow nicht viel im Hause – das lag in der Kommerzbank in Wertpapieren und auf laufende Rechnung –, nur so viel, als für die täglichen Ausgaben nötig war, hob er in dem Pult auf; dicke Päckchen, nach der Farbe geordnet und mit Bindfaden verschnürt, lagen in langer Reihe an der Vorderwand des Fachs und zu beiden Seiten Goldstücke in kleinen Säulen. Noch seine Großeltern hatten den Ausspannhof eröffnet, Pferde- und Viehställe am Marktplatz gebaut, die Herberge, die Gastwirtschaft, das Manufakturwarengeschäft angelegt, um es den Bauern und Händlern möglichst bequem zu machen: war ein Pferdchen verkauft, so konnte man den Handel gleich mit einem Tröpfchen begießen und der Frau Stoff zum Kleide oder ein Tuch kaufen, es war alles gleich nebenan zu haben. Im Auftrag des Großkaufmanns pflegten zuverlässige Viehhändler den Markt abzuschreiten und den Bauern die besseren Pferde wegzukaufen, zur Ausfuhr ins Ausland oder zum Verkauf an die Remontekommission. Das Haupteinkommen Klimows floß aber aus dem Pfandgeschäft. Hier war ihm alles recht, mit gleicher Bereitwilligkeit streckte er Geld auf ein armseliges Häuschen vor oder an die Herren Edelleute auf ihre Güter oder den Kollegen vom Fach, den Herren Kaufleuten. Wurde die Zahlung – nicht nur des aufgenommenen Geldes, sondern selbst der fälligen Zinsen – nicht prompt entrichtet, so brachte er unverfroren und vor nichts zurückschreckend das verpfändete Gut unter den Hammer. Durch Mittelsmänner kaufte er es meist selbst, erwarb Sachwerte für ein Butterbrot und verkaufte sie in Ruhe zu einem günstigen Zeitpunkt mit einem schönen runden Gewinn weiter. So kam es denn, daß er bei seinen Leihgeschäften nicht nur die gesetzlichen 12 Prozent verdiente, sondern 25 Prozent und darüber, die Auslagen abgerechnet. Nun bot sich ihm die Möglichkeit, sich auf Kosten der kleinen Fenja zu bereichern.
Afonka hatte aufmerksam auf Klimows Ausführungen gelauscht, aber nicht recht begriffen, worum es sich handelte, doch fand sich ein guter Ratgeber, der ihm die Sache auseinandersetzte.
In der Wirtsstube erschien oft, eine Aktenmappe unter dem Arm, ein kleines Männchen in abgetragenem Mantel und ausgefransten Hosen – der Zivilanwalt7 Iwan Matwejewitsch Lossew. Er saß an seinem Tischchen, beobachtete, verfaßte Klageschriften für die Bauern, sein eigentliches Gebiet aber war, die Leute zusammenzubringen, die etwas verkaufen, versetzen, verpfänden wollten, und ihnen bei der Abwicklung ihrer Geschäfte behilflich zu sein. Er war in Klimows Gastwirtschaft eine bekannte Persönlichkeit und stand mit der Polizei auf vertraulichem Fuß.
Afonka trat hinter den Schenktisch, Klimows Brief an den Ingenieur Drakin in der Hand; nachdenklich drehte er das Schreiben hin und her und suchte sich alles zurechtzulegen. In der Ecke gegenüber aber – in jener selben Ecke, in der Afonka einst in Mönchstracht gesessen hatte – saß Iwan Matwejewitsch Lossew und beobachtete ihn aufmerksam. Lossew hatte einen feinen Spürsinn und dachte sich gleich, daß es nicht ein einfacher Brief war, den der neue Geschäftsführer da in der Hand wog, sondern daß es sich um einen Auftrag des alten Klimow handelte. Früher führte Petrowitsch dessen Geheimaufträge aus, jetzt genoß aber wohl Afanaßij Timofejewitsch das Vertrauen des Chefs, reimte sich Lossew zusammen.
Lossew trat an den Schenktisch, als wollte er einen Schnaps trinken, und fragte so nebenbei:
»Es ist wohl zum ersten Male, daß Sie einen vertraulichen Auftrag vom Chef erhalten haben, Afanaßij Timofejewitsch?«
»Ja, zum ersten Male …«
Afonka hatte geantwortet, ohne zu überlegen, ganz vertieft in sein Nachsinnen über die Angelegenheit, die sich ja nicht auf irgendwen bezog, sondern auf die kleine Fenja Grakina … In Gedanken versunken, fügte er hinzu:
»Zu der Grakina soll ich …«
»Also um eine Geldangelegenheit handelt es sich! Habe davon gehört – der Herr Ingenieur Drakin sucht Geld. Sie brauchen sich nicht so zu wundern, Afanaßij Timofejewitsch, das gehört doch zum Beruf eines Anwalts, alles zu wissen und aller Welt Vertrauen zu genießen. Tja … Darum bleibt mir nicht so leicht etwas verborgen, denn ein jeder schüttet mir gern vertraulich sein Herz aus …«
Afonka kam der Gedanke, Lossew zu bitten, er möge ihm die Sache auseinandersetzen und ihm erklären, weshalb Fenjas Unterschrift nötig sei und wieso der alte Klimow ihre Häuser an sich bringen könne. Fenja war ihm der teuerste Mensch auf Erden – »mein Stern von Bethlehem auf meiner weltlichen Pilgerfahrt« nannte er sie bei sich. So eigentümlich hatte der alte Klimow seine ohnehin schon kleinen, farblosen Augen ein wenig zusammengekniffen, als er zu ihm sprach, daß Afonka sich über das Schicksal der kleinen Fenja beunruhigt fühlte. Wenn er etwas für sie tun könnte, so wäre das ein Schritt auf sein Ziel zu, um ein Kleines würde es ihn dem ersehnten Hafen auf der irdischen Pilgerfahrt näher bringen.
»Ich würde gern mit Ihnen sprechen, Herr Lossew, aber es ist bald sieben, und dann muß ich mit diesem Brief fort.«
»Mit dem allergrößten Vergnügen stehe ich meinem neuen Gönner zu Diensten, denn da ich bei Petrowitsch einen kleinen Kredit genoß, hoffe ich, daß auch Sie mir einen einräumen werden. Ich bin nicht immer bei Kasse, das bringt schon unser Beruf so mit sich: heute geht's hoch her und morgen herrscht tiefste Ebbe, tja … Es wird mir ein ganz außerordentliches Vergnügen bereiten, Ihnen dienlich zu sein, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich Sie aufs beste beraten werde. Es ist nun schon mal so Brauch hier, daß ich dem Geschäftsführer bei den Geschäften behilflich bin. Sie haben hier alle Leute vor Augen, und Ihnen sind die Kellner unterstellt, die in solchen Sachen durchaus zuverlässig und gewitzt sind. Man zahlt ihnen einen kleinen Prozentsatz, und dann hat man nichts zu fürchten … Die Kellner flüstern Ihnen ein Wort zu, und Sie winken mich mit den Augen heran – ich weiß schon, wie man die Sache dann einfädelt. Also, um einen Anfang zu machen, Afanaßij Timofejewitsch, kommen Sie, setzen Sie sich zu mir an meinen Tisch, da können wir ungestört plaudern.«
Der Kellner Wassilij wußte gleich, daß Lossew sich den neuen Geschäftsführer vorgenommen hatte, um ihn zu bearbeiten, und brachte dem Anwalt eine kleine Karaffe Schnaps, kalten Aufschnitt und Fischpastete.
»Darf ich auch Ihnen was bringen, Afanaßij Timofejewitsch, damit Sie anstoßen können auf gutes Gelingen?«
»Ich habe jetzt keine Zeit.«
Afonka berichtete von Drakins Wunsch, Geld aufzunehmen, von Kaßjan Parmjonytschs Absichten und darüber, daß er Fenja Grakinas Unterschrift wünsche; vorsichtig fragte er schließlich:
»Ich verstehe nicht recht, wohinaus das soll?«
»Einen Augenblick Geduld, ich bin gleich mit meiner Pastete fertig und begleite Sie dann, damit Sie nicht zu spät kommen. Kaßjan Parmjonytsch ist in solchen Dingen sehr streng, und hier haben jetzt auch die Wände Ohren. Draußen sind wir allein, da erkläre ich Ihnen alles unter vier Augen. Sie sollten aber lieber allein aufbrechen – an der Ecke vor dem Krämerladen warten Sie auf mich; ich bin gleich da.«
Afonka übergab die Kasse dem ältesten Kellner und ging; hinter der Straßenecke wartete er auf Lossew, der bald erschien, Afonka zurief, er möge ihm langsam folgen und sich ihm an der nächsten Querstraße zugesellen.
»Also Sie sagen, dreihunderttausend will der Alte geben? Und wieviel hat er Ihnen für Ihre Dienste versprochen – wenn es kein Geheimnis ist?«
»Dreitausend.«
»Bei dem Objekt ein bißchen wenig, unter zehntausend hätten Sie es nicht machen sollen! Na, beim ersten Male muß man Lehrgeld zahlen, da ist jetzt nichts weiter zu machen. Wie nun das Fräulein Grakina um ihre Häuser kommen wird, das will ich Ihnen denn auseinandersetzen. Tja … Der Herr Ingenieur erhält also das Geld und steckt es in den Betrieb, wie er alles Geld, das er einnimmt, in den Betrieb steckt; für den Fall der Not ist nichts vorgesehen. Ein Unglückstag kommt aber einmal, er kommt unausweichlich … In drei Raten muß er die Anleihe zurückzahlen und die Prozente dazu. Wenn die erste Zahlung fällig wird, geschieht plötzlich etwas Unvorhergesehenes, das Hanflager geht in Flammen auf, oder auf der Fabrik bricht ein Feuer aus, jedenfalls geschieht ein Unglück gerade um diesen Zeitpunkt: das ist nun mal so! Tja … Man sendet einen Mann, der im Versehen ein bißchen Petroleum auf den Hanf gießt, an einer Ecke – dazu ist gar nicht viel Petroleum nötig, für einen halben Rubel, was sag' ich – für zwanzig Kopeken Petroleum genügt: eine ganz geringe Ausgabe, nicht? … Dann zündet sich jemand zufällig gerade an dieser Ecke eine Zigarette an, läßt das brennende Streichholz fallen – bestimmt wird jemand an jener Stelle rauchen, das ist so eine Art Naturgesetz, das auch nur einer unbedeutenden Anregung bedarf, um in Erscheinung zu treten, ein paar bunte Scheine – und fertig ist die Laube! Tja … Ist auch keine schwere Arbeit, denn wir haben es da mit einer so leicht brennenden Ware zu tun, daß in einer halben Stunde nichts mehr von dem ganzen Speicher übrigbleibt; wenn die Feuerwehr eintrifft, sind bloß noch qualmende Balken da. Und der Zahlungstag steht vor der Tür … Tja … Geld ist natürlich da, kann auch aufgetrieben werden, aber das erfordert Zeit, die Versicherungsgesellschaft macht Schwierigkeiten, leitet eine Untersuchung ein, inzwischen muß der Hanf abgeliefert, also neu und teuer eingekauft werden … Wenn das Unglück aber auf der Fabrik geschieht, so sind unverzüglich Neuanschaffungen zu machen – die Ware muß ja zum Termin fertiggestellt werden … Kurz, es entstehen große Schwierigkeiten, und das Ergebnis ist, daß am Zahlungstage kein Geld vorhanden ist. Kaßjan Parmjonytsch wartet den gesetzlichen Termin ruhig ab und läßt das Geld dann eintreiben, und siehe da, die Häuschen des Fräuleins sind gewesen! Tja … Vielleicht wird auch nicht Klimow selbst den säumigen Schuldner so arg bedrängen, er hat die Wechsel einfach verkauft, und sein Mittelsmann zieht dann die Schlinge zu; es kann ja bloß ein Scheinverkauf gewesen sein, um kein Gerede aufkommen zu lassen. Tja … Und das Geld wird nicht vom Ingenieur gefordert, sondern von dem Fräulein, die Mutter ist ihr Vormund, wie soll eine Frau da mit? Der Ingenieur aber hat die Hände voll zu tun, um den Schaden wieder gutzumachen, und glaubt nicht daran, daß der alte Klimow ihr das Messer an den Hals setzen wird, bis es plötzlich geschieht, und dann ist's zu spät … Und das Fräulein, das die reichste Braut in der Stadt war, hat plötzlich gar nichts; ein paar tausend mögen ihr ja bleiben fürs Alter, aber ihre Häuser sind fort, auf immer! Tja … Das ist eine feingesponnene Sache, Afanaßij Timofejewitsch, nicht umsonst ist der Alte so willig, das Geld herzugeben. Er ist ein gescheiter Kopf. Wenn er dabei nicht sicher und gut verdiente, würde er sich nicht darauf einlassen, die 12 Prozent reizen ihn nicht. Verstehen Sie jetzt, warum ich sagte, daß dreitausend für Sie zu wenig ist? Wenn er Sie schon einmal mit der Sache betraut hat, werden Sie sie auch weiterführen. Einen Mann werden Sie zu finden haben, der eine Schwäche fürs Rauchen hat, und sonst allerlei zu tun haben. Lassen Sie aber nur ja nichts darüber verlauten, daß wir miteinander darüber gesprochen haben. Wenn ich Ihnen in Zukunft behilflich sein kann, etwa um den nötigen Mann zu finden, so stehe ich Ihnen immer gern zu Diensten, denn nun sind Sie mein Gönner, statt des Petrowitsch. Einstweilen leben Sie wohl, Afanaßij Timofejewitsch, ich will Sie nicht länger mit meiner Gegenwart belästigen. Tja … Wünsche Ihnen viel Erfolg …«
7 »Zivilanwalt«: Infolge der Knappheit an juristisch gebildeten, »vereidigten« Rechtsanwälten in Rußland wurden, insbesondere in den Provinzstädten und auf dem flachen Lande, auch Leute mit nicht abgeschlossener juristischer Bildung in den niederen Instanzen als Anwälte zugelassen, die sogenannten »privaten« oder »Zivil«-Anwälte, kleine Winkeladvokaten wie Lossew.
V
Inhaltsverzeichnis
Da hatte ihm der Zivilanwalt Lossew eine harte Nuß zu knacken gegeben! Den ganzen Weg über grübelte Afonka.
»Das erstemal habe ich sie ins Unglück gestürzt, habe sie selbst dem Nikolka abgetreten, ihn mit ihr an der Mühle bekannt gemacht – und nun bin ich es wieder, der sie an den alten Kaßjan verrät … Ich bringe sie an den Bettelstab durch diesen Brief!«
Er tastete nach dem Schreiben in seiner Rocktasche, seine Hände glühten – er hätte es zerreißen, vernichten mögen, doch was wäre dadurch gewonnen! Kaßjan Parmjonytsch würde sich einen anderen, zuverlässigen Vertrauensmann nehmen, und er, Afonka, würde überhaupt nicht wissen, wie sich das Schicksal der kleinen Fenja gestaltete.
»Wenn ich die Sache in der Hand behalte, kann ich vielleicht was tun, das Unglück von ihr abwenden …«
Er hatte gar nicht bemerkt, wie er bis an das Drakinsche Haus gekommen war, das mit den Fabriken fast ganz am Ende der Stadt lag. Es war ein rotes Ziegelgebäude, nicht mit Stuck verziert, massig wie ein Gefängnis oder ein Altersheim; in der Vorstadt Penji lag die Fabrik.
Als Afonka klingelte, zitterten seine Hände, und während er auf die Schritte lauschte, die die Treppe hinabeilten, schlug sein Herz heftig, und er wiederholte in gleichem Takt: »Verräter, Verräter … Du verrätst, verrätst sie … du, du …« Und während er die Treppe hinaufstieg, klang es: »Ich werde sie gleich sehen, sehen, sehen …«
Er traf Fenja im Vorzimmer. Sie gab dem Primaner Nikodim Alexandrowitsch Petrowskij das Geleit, der ihr bei der Vorbereitung zum Abitur Nachhilfestunden gab; es war jener selbe Nikodim, der Fenja noch vor ihrer Bekanntschaft mit Vater Nikolai schüchtern den Hof gemacht hatte, als sie von edlen Rittern träumte. Die Mädchenträume waren verflogen, seit Nikolais Liebkosungen den Schleier der Erkenntnis von den Dingen gestreift hatten. Sie suchte nicht mehr einen edlen Ritter in Nikodim zu sehen, sondern sah ihn, wie er war: mittelgroß, mit einem scharfzügigen, eckigen Gesicht, glatt rasiert, großen grauen Augen, eine ewige Zigarette im Munde. Vielleicht träumte sie auch jetzt noch, aber nicht mehr von einem edlen Ritter, der ihr in einem Märchengarten bei Nachtigallenschlag von seiner Liebe spricht und sie in sein Zauberschloß führt, sondern von einem sterblichen Mann, in Sünde geboren, dessen Liebkosungen sie fürchtete und nach denen sie sich zugleich sehnte, nicht mehr in schwärmerischer Mädchenliebe, sondern mit wissendem Verlangen. Sie hatte erst jetzt begriffen, daß sie schon früher ein bißchen in Nikodim verliebt war, und das war wohl so geblieben. Doch ganz andere Liebesträume kamen ihr jetzt, die ihren Leib des Nachts süß und sehnsüchtig erschauern machten.
Statt der scheuen Blicke bei ihren Begegnungen auf der Straße, wenn sie zu einer Freundin eilte, unter dem Vorwand, sie habe vergessen, was aufgegeben sei, war ihr ein frauliches Lachen gekommen, lockend und abweisend und verschlagen.
Afonka erkannte die kleine Fenja nicht gleich, und auch sie erkannte ihn nicht in dem langen blauen Kaftan, mit dem geschorenen Haar und dem kleinen Ziegenbärtchen. Er wurde ins Nebenzimmer geführt, wo er auf Antonina Kirillowna wartete, dabei hörte er Fenja mit Petrowskij im Vorzimmer sprechen.
»Wenn man keine gründlich durchgearbeiteten Aufsätze schreiben will, sollte man nicht auf die Hochschule gehen, Fenja. In der Prima muß man Rudin und Basarow8 kennen: es sind die ersten Typen der zukünftigen Revolutionäre.«
»Wie können Sie nicht verstehen, Nikodim Alexandrowitsch, daß ich auf die Hochschule will, um das Leben kennen zu lernen! Sie träumen immer von einer Revolution, ich bin auch ohne Revolution mit dem Leben zufrieden. Als angehender Revolutionär haben Sie sich auch schon lange Haare wachsen lassen … Die Studentinnen mit Pagenköpfen könnten Sie darum beneiden.«
»Die scheren sich ja jetzt die Haare nicht mehr. Aber Aufsätze müssen Sie trotzdem schreiben.«
»Ich will's versuchen, Nikodim Alexandrowitsch. Und wenn ich erst Studentin bin, machen Sie mir den Hof. Sie werden dann ja auch die Studentenmütze tragen.«
»Den Hof können Ihnen junge Gecken machen, ich werde keine Zeit dazu haben. Regt es Sie nicht auf, daß hundertdreißig Millionen Menschen unter der Zarenknute schmachten? Für mich ist dieser Kampf das Leben!«
»Also ich bin so wenig ansprechend, daß man mir nicht einmal den Hof machen will?«
»Darüber wollen wir nicht reden. Leben Sie wohl, Fenja …«
Bevor er ging, warf Petrowskij noch einen Blick durch die offene Tür in das Empfangszimmer auf Afonka; ihre Augen trafen sich, und beide fühlten, daß sie Feinde seien. Vielleicht würden sie sich nie mehr wiedersehen, aber das Gefühl der gegenseitigen Feindseligkeit würde bleiben. Petrowskij dachte sich nichts weiter beim Anblick des ungefügigen rothaarigen Mannes, wunderte sich nur über das feindselige Gefühl, das er in sich aufsteigen fühlte, während in Afonka Eifersucht und Haß emporschlugen. Er spürte, daß er Petrowskij nicht gleichgestellt war und sich nicht so unbefangen wie er mit der kleinen Fenja unterhalten könnte; nur von seiner hartnäckigen Liebe könnte er zu ihr sprechen, würde gar nicht wissen, was er ihr sonst noch sagen sollte; Komplimente zu machen, etwas Lustiges zu erzählen, verstand er nicht, und wenn er das nicht konnte, so war er in ihren Augen überhaupt kein Mensch, bloß so ein Angestellter in Klimows Gastwirtschaft. Zurückgesetzt, verletzt fühlte sich Afonka vor dem Hauslehrer mit der üppigen Mähne. Fenja konnte wohl den schönen Nikolai noch immer nicht vergessen, dachte er, darum hat sie sich wieder einen Langmähnigen ausgesucht. Jede ihrer Bewegungen verfolgte er aufmerksam.
Die Tür fiel hinter Petrowskij ins Schloß. Fenja, ein herausforderndes Lächeln auf den Lippen, schritt durch das Zimmer und fragte im Vorübergehen:
»Wen wünschen Sie zu sprechen?«
»Ihre Frau Mutter, Fjokla Timofejewna, und auch Ihren Onkel, Kirill Kirillowitsch, den Herrn Ingenieur.«
»Ich schicke Ihnen Mutter gleich her, warten Sie einen Augenblick.«
Frau Grakina erkannte Afonka sofort, hatte auch davon gehört, daß er bei Marja Karpowna untergekommen war und das Vertrauen des alten Klimow genoß.
Eine ganze Stunde lang unterhandelte Afonka mit Frau Grakina und dem Ingenieur über Klimows Brief. Kirill Kirillowitsch willigte schließlich ein, sich mit dreihunderttausend Rubeln zufrieden zu geben, und ein Tag wurde zum Abschluß des Geschäftes festgesetzt.
Als dieser kam, wurde ein Wechsel, der Fenjas Unterschrift trug und durch die Verpfändung ihrer Häuser gesichert war, in aller Form ausgefertigt, und der alte Klimow verwahrte das Dokument sorgfältig in seinem Nußbaumpult in der Betstube; dankend bekreuzigte er sich vor dem mit Perlen und Saphiren geschmückten Bilde der Mutter Gottes von Kasan und hängte darauf den Schlüssel zum Pult wieder hinter das Heiligenbild.
Afonka aber verbrachte in seiner Kammer unter der Treppe schlaflose Nächte und grübelte darüber nach, wie er das Unheil von der kleinen Fenja abwenden, den Wechsel an sich bringen könnte. Er sang Psalmen und hing seinen Gedanken nach. Immer ungezwungener trat er dem alten Kaßjan Parmjonytsch gegenüber auf. Zuweilen ging er mit ihm nach der Abendmesse in die Betstube, weniger, um vor den Heiligenbildern, die Hunderttausende wert waren, zu beten, als vielmehr darum, um hier Umschau zu halten und das Pult prüfend zu betrachten, während der Kaufmann ihm von seinen jahrhundertealten Heiligenbildern erzählte. Jedes hatte seine Geschichte; das eine hatte eine Feuersbrunst von seinem Hof abgewehrt, ein anderes ihn vor Einbrechern geschützt, noch ein anderes ihn bei einer Überschwemmung aus den Fluten gerettet.
Einst machte der Alte eine Geschäftsreise auf dem flachen Lande und ließ seine Frau wieder von Afonka bewachen. Eines Abends erklärte dieser seiner Maschenka, er wolle vor dem Schlafengehen beten und die heiligen Lämpchen vor dem Ikonenschrein anzünden. Er entnahm dem Gebetpult eine Flasche Öl, füllte die Lämpchen und putzte die Dochte. Als er den Arm ausstreckte, um die Lämpchen wieder in die Ringe zu setzen, stieß er zufällig gegen das Bild der Mutter Gottes von Kasan. Da war es ihm, als hätte er hinter dem Bilde etwas pendeln und klirren gehört. Was konnte das sein? Er blickte hin, konnte aber nichts sehen, fuhr mit der Hand hinter das Heiligenbild und stieß auf einen Schlüssel.
»Seltsam! Ein Schlüssel an einem Bindfaden … Für das Schloß im Rahmen eines Heiligenbildes ist er zu klein, wo mag er her sein?«
Wie eine Erleuchtung kam es ihm: »Am Ende ist es der Schlüssel vom Pult?! Dann könnte ich die kleine Fenja retten, brauchte es nur zu wollen … Und sie würde mir ihr Leben lang dankbar sein«. Der Schlüssel paßte. »Ihr Schicksal liegt jetzt in meinen Händen, ihr ganzes Leben hängt von diesem Schlüssel ab …«
Doch Maschenka wartete auf ihn. Er hängte den Schlüssel wieder hinter das Heiligenbild. »In deine Hut befehl ich ihn, heilige Mutter Gottes, auf daß er nicht fortkommt!«
In dieser Nacht war er wenig zärtlich zu Maschenka, immer wieder mußte er an den Schlüssel denken. Marja Karpowna fragte ihn, warum er so finster sei? Er erklärte, daß er sich nicht wohl fühle, Schwermut habe ihn überkommen. Dabei fühlte er zum ersten Male, daß diese dienstpflichtige Liebe ihm allmählich zur Last wurde. Anfangs hatte ihn das Spiel mit dem Alten gereizt, da das Prickelnde des Geheimnisvollen etwas der Liebe Ähnliches in seinem Blut entzündete, eine ungestüme Gier. Jetzt aber, da er den Schlüssel zum Pult in der Hand gehalten hatte, war ihm klar geworden, daß er sich nur Fenjas wegen mit Maschenka abgab. Auch früher hatte er sich das gesagt, doch die Leidenschaft der jungen Frau hatte ihn mit fortgerissen, jetzt aber, da er Fenja wiedergesehen hatte, da sie wieder in sein Leben getreten war, hatte er für Maschenka gar nichts mehr übrig. Trotzdem verbrachte er jede Nacht bei ihr, denn nur dadurch sicherte er sich den Zugang zu der Betstube. Vor der Rückkehr des Alten ging er noch einmal hin und tastete nach dem Schlüssel, als wollte er sich vergewissern, daß dieser immer noch da sei, daß ihm damals nicht bloß eine Sinnestäuschung etwas vorgegaukelt habe. Fürsorglich rückte er das Heiligenbild gerade, damit der Alte nichts merke, und bekreuzigte sich inbrünstig nach alter Klostergewohnheit.
Klimow kehrte zurück, und der Alltag setzte wieder ein. Afonka saß den ganzen Tag hinter dem Schenktisch und dachte an den Schlüssel; selbst Lossew fiel seine Nachdenklichkeit auf.
»Sie sehen so besorgt aus, Afanaßij Timofejewitsch? Hat's mit dem Chef was gegeben?«
»Nein, nichts ist vorgefallen.«
»Dann macht Ihnen wohl das Geld Sorge, haben gewiß noch nichts vom Alten erhalten? Bei Kaßjan Parmjonytsch ist das immer so, er liebt es, die Dinge hinauszuziehen und wird es auch hier tun, bis er Sie schließlich notwendig braucht, sagen wir, um einen Mann mit einer Schwäche fürs Rauchen aufzutreiben, wie ich Ihnen bereits erklärt habe. Zu Weihnachten wird er Ihnen gleichsam als besondere Aufmerksamkeit zu dem hohen Fest einen Teil des Geldes auszahlen und nach Neujahr Sie daran erinnern, daß man sich heutzutage auch einen Zehner erst verdienen müsse – für nichts ist nichts – und wird andeuten, daß zum Herbst ein Feuerschaden bei dem Industriellen Drakin ausbrechen müsse. Und da möchte ich gleich sagen – seien Sie mir nicht böse, Afanaßij Timofejewitsch, daß ich die Ereignisse sozusagen vorwegnehme –, Sie dürfen dann nicht wieder Fehler machen und die bevorstehenden Ausgaben zu niedrig veranschlagen. Sie werden da Werbeunkosten haben, jemand bewirten, jemand in betrunkenem Zustande zu den Mädels in die Vorstadt bringen müssen. Natürlich brauchen für einen einfachen Mann Bewirtung und Mädels nicht erstklassig zu sein. Aber immerhin … Und für seine Bemühungen muß der Mann ja auch was erhalten. So ohne weiteres finden wir den passenden nicht, werden zuerst vorsichtig bei dem einen und dem andern antippen müssen. Es ist ja schließlich ein Kriminalfall, riecht nach Zuchthaus, da heißt es, auf der Hut sein. Tja … Und wenn Sie dann jemand gefunden haben, werden Sie sich mit ihm wochenlang abgeben müssen, um sicherzugehen. Bis zum Herbst haben Sie ja Zeit, vorher ist nichts zu machen, erst muß der neue Hanf herein und die Fabrik in vollem Gange sein. Und der Mann wird anfangs bestimmt eine unvernünftig hohe Summe verlangen. Da will ich Ihnen denn gleich sagen – aus besonderer Hochachtung zu Ihnen, Afanaßij Timofejewitsch, und unter dem Siegel der Verschwiegenheit –, Sie müssen ihn, wenn er betrunken ist, mit einem Mädel zusammenbringen, die ihm gefällt, und sich hinter das Mädel stecken. Die muß ihn überreden – erhält natürlich selbst etwas dafür – sich mit einer Summe zufrieden zu geben, die Sie festgesetzt haben. Das Mädel paßt dann einen zärtlichen Augenblick ab und erhält seine Zustimmung, und dann ist die Sache gemacht. Tja … Also Afanaßij Timofejewitsch, wenn der Chef darauf zu sprechen kommt, so sorgen Sie vor. Da können Sie zu Ihren dreitausend noch weitere fünftausend verdienen … Der Petrowitsch – streng vertraulich teile ich Ihnen das mit – hat im Laufe der Jahre genug zusammengebracht, um eine eigene Wirtschaft aufzumachen. Weshalb er hier Hausknecht geworden ist, kann ich mir nicht zurechtreimen; ich denke aber, der Mann hat's auf Sie abgesehen und wartet seine Zeit ab. Ihr Wohl, Afanaßij Timofejewitsch, und auf gutes Gelingen des Unternehmens, prost! … Nehmen Sie sich in acht vor diesem Petrowitsch, wenn er Wind von der Sache bekommt, mischt er sich ein, auch wenn's gegen den Chef geht, um sich zu rächen, und da kommt's ihm dann auch nicht aufs Geld an, um den Mann für sich zu gewinnen, den Sie nach langen Mühen mit der Sache betraut haben. Ihr Wohl, Afanaßij Timofejewitsch!«
Als Afonka am Abend in seine Kammer kam und sich auskleiden wollte, war ihm, als rühre jemand an seine Tür. Er lauschte – ganz leise klopfte jemand. Er öffnete. Es war Dunja.
»Was willst du, Dunja?«
»Ich habe mich in aller Heimlichkeit hergeschlichen, konnte es kaum erwarten, bis die Herrschaft zu Bett ging; er schläft heute bei ihr, trotzdem es ein Fastentag ist. Es hat zwischen ihnen Krach gegeben – Ihretwegen.«
»Komm herein, erzähle.«
Er umarmte sie nicht; sein Herz schlug unruhig vor Schreck.
»Sie sind heute gar nicht zärtlich zu mir …«
»Später … Erzähle mir zuerst, was geschehen ist!«
»Ich weiß gar nicht, ob ich es sagen soll. Petrowitsch hat da was über Sie erzählt.«
»So sprich doch endlich, Dunja!«
Ärgerlich nahm er sie auf den Schoß – zum erstenmal. Sie schlang den Arm um seinen Hals und sprach im Flüsterton, wobei sie du zu ihm sagte und ihn Afonja nannte.
»Petrowitsch hat dich in ihrem Schlafzimmer gesehen; ich habe gelauscht und alles gehört. Also er hat gesagt: ›Die Fenster waren nicht verhängt und die Läden nicht geschlossen, und da habe ich den neuen Geschäftsführer in Marja Karpownas Schlafzimmer gesehen, ohne Kaftan, in Hemdsärmeln, und die Hausfrau war auch dabei, aber dann hat Kaljabin die Fensterläden geschlossen, sehr sorgfältig …‹ Da bin ich schnell zu der Gnädigen gelaufen und habe es ihr erzählt, und sie hat befohlen, ich solle sagen, daß ich einen freien Abend hatte und im Zirkus war. Darum sei niemand dagewesen, der die Läden hätte schließen können, sie allein sei damit nicht fertig geworden. Darum habe sie schließlich dich gerufen, du hättest den Kaftan bereits ausgezogen, weil du ihn zur Nacht über die Decke wirfst. Und die Gnädige hat mich zu dir geschickt, damit ich dir die Sache erzähle. Und dann hat sie noch gesagt, ich solle über Nacht bei dir bleiben. ›Rette mich, Dunja‹ hat sie gesagt, ›bleibe bei ihm, als wäret ihr ineinander verliebt, und ich werde dich suchen lassen, und wenn man dich bei ihm findet, wird mein Alter sich beruhigen: Er hält's also mit der Dunja, wird er denken, nicht mit meiner Frau …‹ Also ich soll bleiben, Afonja? Soll ich? …«
Sie umarmte ihn beglückt, als er zustimmte.
»Nun hat sie mich selbst zu dir gesandt, Afonja. Von mir aus wäre ich wohl nicht gekommen, aber nun will es wohl das Schicksal so.«
»Lege dich aufs Bett, Dunja, ich setze mich auf den Stuhl oder strecke mich nachher auf dem Fußboden aus.«
»Ich wollte dir noch etwas erzählen, aber du bist sowenig zärtlich, als liebtest du mich gar nicht … Vielleicht liebst du mich auch wirklich nicht, hast bloß gescherzt?«
Afonka, besorgt um sein und Fenjas Schicksal, mußte sich zwingen, den Zärtlichen zu spielen; er küßte sie.
»Wenn ich dich nicht liebte, wäre ich nicht gekommen, Afonja … Ich wollte dir noch sagen, der Petrowitsch hat sich heute an mich herangemacht, ins Theater sollte ich mit ihm gehen. ›Zwischen dem Afonka und der Gnädigen scheint ja eine merkwürdige Vertraulichkeit zu herrschen‹, hat er gesagt und dabei gegrinst, der Verdammte, als ahne er alles – hat einen feinen Riecher. Ich habe ihm geantwortet, Neid spräche aus ihm, weil der Herr ihn von dem warmen Platz hinter dem Schenktisch verjagt hat … Und ins Theater kann ich mit Afanaßij Timofejewitsch gehen, wenn ich Lust habe, habe ich gesagt, um auch ihn auf die falsche Spur zu leiten …«
Noch am gleichen Abend brachte Marja Karpowna das ganze Haus in Aufregung. Sie rief nach Dunja, und als das Mädchen nicht kam, stellte sie fest, daß Dunjas Bett leer war. Darauf schickte sie Kaßjan Parmjonytsch selbst nach dem ersten Hausknecht, dem Petrowitsch, er solle nach Dunja suchen und mal bei Afonka, dem Heiligkeitskrämer, nachschauen. Zusammen mit Petrowitsch erschien das zerknirschte Mädchen vor ihrer zürnenden Herrin. Kaum hatte Petrowitsch das Zimmer verlassen, als Marja Karpowna sich grollend an ihren Mann wandte.
»Da siehst du nun, was dein neuer Geschäftsführer für Stückchen macht! In der Wirtschaft, wo er immer mit Getränken zu tun hat, hat er wohl auch selbst zu trinken angefangen, und das hat ihn dann auch an das Mädchen gebracht. Da siehst du, was diese Mönche, die Scheinheiligen, wert sind! Du aber kommst mir mit albernen Verdächtigungen, weil ich ihn einmal hier die Fensterläden schließen ließ! Dieser Petrowitsch steckt dahinter; du hast ihn von seiner Stelle gejagt, und in seinem Groll wütet er gegen die ganze Welt, nicht nur auf deinen Kaljabin, auch auf mich ist er wütend. Aber was habe ich denn mit der ganzen Sache zu schaffen, warum muß ich darunter leiden, daß du ihm Kaljabin vorgezogen hast? Erkläre mir das, Kaßjan Parmjonytsch!«
Der Alte schnaufte nur und wandte den Kopf hin und her. Dazu war Marja Karpowna in Gegenwart des Dienstmädchens über den Hausherrn hergefallen, um ihm die Sache noch peinlicher zu machen. Dunja heulte und stammelte schluchzend, als fühlte sie sich wirklich schuldig und zerknirscht:
»Er hat mich an sich gelockt, Marja Karpowna, gnädige Frau, teuerste; ich wollte ja zuerst gar nichts von ihm wissen! Aber er sagte mir immer wieder, daß er mich liebe, mich gleich lieb gewonnen habe, als er herkam. Heiraten will er mich …«
Der alte Klimow fuhr sie an:
»Und das soll er auch, das soll er gleich morgen tun! Geh jetzt und hör' auf mit dem Geheul! Wenn ich's ihm befehle, wird er dich schon heiraten.«
Kaßjan Parmjonytsch zog sich zusammen mit seiner Frau in ihr Schlafzimmer zurück. Er lachte gutmütig.
»So sind sie alle, die heiligen Männer! Sobald sie an euresgleichen kommen, ist's vorbei mit der ganzen Heiligkeit! Na, leg' dich hin, Maschenka, es ist spät geworden.«
»Jage ihn darum nicht fort, Kaßjan Parmjonytsch. Als Mönch hat er sich das wohl anders gedacht. Hier in der Stadt, wo er sieht, wie es die übrigen machen, hat er vor ihnen nicht zurückbleiben wollen – ist ja schließlich auch ein Mensch. Dabei ist er doch tüchtig und still.«
»Heiraten soll er sie; tut er's nicht, so jag' ich ihn davon.«
Am nächsten Morgen saß Afonka in Erwartung des Chefs und der bevorstehenden Auseinandersetzung finster hinter dem Schenktisch, doch es wurde Mittag und Kaßjan Parmjonytsch kam nicht. Erst am Abend nahm er Afonka vor.
»Was sind mir das für Sachen?! Du, ein Mönch, frönst dem Laster und dazu noch in meinem Hause?«
Afonka schwieg; er hatte beschlossen, kein Wort zu sagen, damit der Alte sich seinen Zorn von der Seele spreche. Kaßjan Parmjonytsch hielt ihm eine lange Erbauungsrede und schloß mit der Erklärung, Afonka müsse das Mädel heiraten.
Das gute Einvernehmen zwischen den beiden hatte keinen Abbruch erlitten; nach wie vor begleitete Afonka den Alten des Sonnabends in die Kirche und erging sich dabei in frommen Betrachtungen. Natürlich würde er das Mädchen heiraten, das habe er ihr ja gleich gesagt, aber im Augenblick ließe es sich nicht machen, er müsse sich doch erst einiges Geld zusammensparen, um einen Hausstand gründen zu können; er allein sei auch mit der Treppenkammer zufrieden, aber Frau und Kind könne man doch nicht in die dunkle Kammer einsperren. Als der Alte dann von seiner Frau noch erfuhr, daß Afonka sich an dem Mädchen nicht vergriffen habe, und daß Dunja, die nach der Einmischung des Hausherrn ihrer Sache sicher war, als züchtige Braut nur in Gegenwart anderer mit ihrem Verlobten zusammenkäme, bestand er nicht mehr auf der unverzüglichen Heirat.
Marja Karpowna hatte Dunja wirklich ausgefragt und vor Eifersucht dem Mädchen scharf zugesetzt.
»Ist es auch tatsächlich wahr, hat er dich wirklich nicht angerührt? Du sollst mir die ganze Wahrheit sagen!«
»Wie vor Gottes Angesicht spreche ich, Marja Karpowna. Denken Sie denn, daß ich mich ihm gleich an den Hals geworfen habe, gnädige Frau? Für nichts in der Welt täte ich das … Was ist er mir denn?! Weiß ich denn nicht, daß er mit Ihnen lebt? Sollte ich so wenig auf meinen Vorteil bedacht sein, daß ich Ihnen in die Quere komme? Auch gefällt er mir ja gar nicht, grausig sieht er aus, und riesig und schwer ist er, daß es einem ganz unheimlich wird bei dem Gedanken, er könnte einen lieben – er müßte einen ja zerdrücken! Ich werde doch nicht selbst in mein Verderben rennen, was denken Sie nur! …«
So ging denn alles seinen gewohnten Gang weiter; Tag folgte auf Tag, Sonnabend auf Sonnabend, Kaßjan Parmjonytsch war bald zu Hause, bald verreist. Nur Petrowitsch hatte seine Aufmerksamkeit verdoppelt und beobachtete Afonka, die Gnädige und Dunja unablässig.
Zu Weihnachten – rein als hätte er es mit Lossew so abgemacht – schenkte Kaßjan Parmjonytsch Afonka für seine Bemühungen in der Angelegenheit Drakin und als Ansporn zu weiteren Dienstleistungen die Hälfte der versprochenen Belohnung; die zweite Hälfte würde er erhalten, wenn er die Sache erfolgreich zu Ende gebracht habe. Afonka spürte mit Unbehagen, daß der Zeitpunkt, da er sich über Fenjas Schicksal werde entscheiden müssen, immer näher rückte.
8 »Rudin« und »Basarow«: Helden in Turgenews Romanen »Das Adelsnest« und »Väter und Söhne«.
VI
Inhaltsverzeichnis
In der Fastnachtswoche geschah es dann. Der Hausherr lud Afanaßij Timofejewitsch zu einem Bliny-Essen ein, wobei sich auch Afonka – zum erstenmal, seitdem er im Hause war – erlaubte, dem Schnaps zuzusprechen, was ihn rührselig stimmte. Deshalb ging er denn nach dem Essen mit dem Hausherrn in die Betstube, um sich ein wenig zu verschnaufen. Sie redeten über dieses und jenes, schließlich aber, kurz vor dem Tee, kam Kaßjan Parmjonytsch auf die Drakinschen Häuser zu sprechen.
»Ja, Afanaßij, was ich dir sagen wollte – die Häuschen müssen wir mobil machen. Die erste Ratenzahlung wird im Herbst fällig, aber an dem Geld liegt mir nichts. Geld ist Dunst, zerfließt einem unter den Händen. Auch der Drakin weiß nicht damit umzugehen, hat die neue Fabrik, hat den Handel mit Hanf, hat die Häuser, das ist ihm aber noch nicht genug, muß noch fremdes Geld aufnehmen … Die Häuser gehören ja eigentlich nicht ihm, aber das bleibt sich gleich, er hat den Nutzen davon … Wie aber, wenn ihm nun im Herbst der Hanf verbrennt – eine Feuersbrunst kann leicht ausbrechen … Es gibt schlechte Menschen … Und der Hanf ist gewesen! Dann heißt's, entweder die Fabrik halten oder die Häuser. Mit meinem Gelde läßt sich's ja ganz schön arbeiten, aber das können wir auch selbst tun, Afanaßij Timofejewitsch – Timofejewitsch, so heißt du doch, nicht? Wir können dieses Geld ein bißchen mehr werden lassen – zu Gottes größerem Ruhm. Das käme auch dir zustatten, machst dann selber eine eigene kleine Wirtschaft auf, eine saubere kleine Wirtschaft – da kommen wir Alten bald nicht mehr nach … Ha-ha-ha! … Dann bist du dein eigener Herr, brauchst dir nichts mehr von dem brummigen Kaßjan Parmjonytsch sagen zu lassen, und ein gutes Werk ist es auch, wenn du die Leute fütterst. Da bei Drakins Fabriken ist noch keine einzige Wirtschaft vorhanden, dabei beschäftigt er Tausende, und so mancher von diesen kommt dann in deine Wirtschaft, um sich durch ein Glas Tee den Staub von der Seele zu spülen oder durch ein Schnäpschen das Herz zu erfrischen … Du darfst dabei auf meine Hilfe rechnen, und ich habe eine leichte Hand in solchen Dingen … Aber warum sagst du nichts, schweigst die ganze Zeit? Bist du gegen mich oder hast du anderes im Sinn? Dann laß mal hören, wie du dir die Sache denkst, vielleicht finden wir zusammen noch etwas Besseres.«
»Ich verstehe nicht recht was Sie meinen, Kaßjan Parmjonytsch. Vielleicht können Sie es einfacher und klarer sagen.«
»Einfacher, sagst du, klarer? Na schön, ich kann es auch einfach und klar sagen. Also zum Zahlungstermin muß Drakins Hof in Flammen aufgehen oder auf seiner Fabrik eine Feuersbrunst ausbrechen – je nachdem, was sich als wirksamer erweist. Dann muß er entweder die Fabrik eine Weile stillegen, was ihm um diese Zeit verdammt teuer zu stehen käme, oder er muß das Geld, das er zur Zahlung zusammengebracht hat, in den Betrieb stecken. Hast du jetzt begriffen? Du hast nichts weiter zu tun, als einen zuverlässigen Mann aufzutreiben, der ein bißchen unvorsichtig mit Feuer umgeht. Dafür richte ich dir eine Wirtschaft ein und gebe dir auch das nötige Betriebskapital für den Anfang. Vergiß auch nicht, daß du fünfzehnhundert Rubel bereits erhalten hast. Weitere dreitausend stehen dir gut.«
»Na, da ist ja dann weiter nichts zu sagen, Kaßjan Parmjonytsch; ich stehe in Ihrem Dienst und tue, was der Herr befiehlt. Also ich führe die Sache zu Ende.«
Rot wie ein gekochter Krebs war Afonka, als er aus der Betstube zum Teetisch kam. Ihm war bei den Eröffnungen des Alten nicht recht geheuer gewesen, hin und her war er auf seinem Stuhle gerückt. Gespannt hatte er sich gefragt, ob Kaßjan Parmjonytsch es wirklich sagen würde, und hatte es nicht glauben wollen, daß es geschehen könnte, hatte die Entscheidung verzögern, hinausziehen wollen, die die Schlinge um seinen Hals zuziehen würde. Und dann war es tatsächlich geschehen! Es drängte ihn, dem Alten entgegenzuwirken, aber da in dem Nußbaumpult lag unter dem schwarzen Samt mit den gestickten Silberkreuzen das Schicksal der kleinen Fenja und vielleicht auch sein eigenes, und der Schlüssel zu diesem Schicksal hing hinter dem Heiligenbild der Mutter Gottes von Kasan. Das Verlangen überkam ihn, hinter das Heiligenbild zu blicken, um sich zu vergewissern, daß das Schlüsselchen noch da sei; am Ende hatte es der Alte jetzt an einem anderen Orte verborgen? … Klimow würde nicht ärmer werden, wenn er die dreihunderttausend verlöre und die Häuser der unmündigen Fenja verblieben – was waren dreihunderttausend für einen schwerreichen Mann! Der Hausherr, in bester Stimmung, trank gemächlich seinen Tee und klatschte über die Nachbarn und hätte es wohl noch lange getan, wenn im Vorzimmer nicht die Glocke ertönt wäre.
»Wen bringt uns der Herr da ins Haus? Aber bleibe nur, Afanaßij Timofejewitsch, Wassilij wird unten auch ohne dich fertig.«
Es waren Antonina Kirillowna und Herr Drakin, der Ingenieur, seltene Gäste bei den Klimows seit dem Vorfalle im Klosterwalde; ob sie nun im Augenblick willkommen waren oder nicht, man mußte ihnen freundlich begegnen.
Während Marja Karpowna ins Vorzimmer ging, um die Gäste zu begrüßen, kniff der Alte ein Auge zu und sagte zu Afonka:
»Eben haben wir von ihnen gesprochen, und schon sind sie da … Haben eine Witterung wie die Windhunde! Na, hören wir mal zu, was sie uns zu erzählen haben … Aber denke an mein Wort: sie kommen des Geldes wegen …«
Afonka freute sich; er hoffte etwas über die kleine Fenja zu hören. Ein paar Worte über Fenja würden sie doch sagen, wenn nicht der Ingenieur, so doch gewiß ihre Mutter.
Der Alte gab sich wohlwollend und gelassen, lobte Drakins Unternehmungsgeist, bloß kniff er beim Lachen verschmitzt die Augen zusammen, in denen hämische Fünkchen glommen.
»Geradezu großartig hast du deine Fabrik ausgebaut, Kirill Kirillowitsch. Dem Engländer wird das wohl gegen den Strich sein, hm? Der wird brummen, daß er statt des Hanfs fertige Seile und Taue bei dir kaufen muß. Welch eine Menge von Leuten du allein beschäftigst!«
»Viel Geld erfordert solch ein Betrieb, Kaßjan Parmjonytsch. Gelänge es mir, noch eine halbe Million aufzunehmen, so könnte ich im Herbst auch im Gouvernement Kaluga den Hanf aufkaufen – ein Drittel der Kaufsumme genügt, für die übrigen zwei Drittel erhalte ich dann von der Kommerzbank Kredit.«
»Ja, willst du denn den ganzen russischen Hanfhandel monopolisieren? Gib acht, Kirill Kirillowitsch, übernimm dich nicht!
Wenn es einmal schief geht, bist du in einem halben Jahre erledigt.«
»Überlegen Sie mal: unser Gouvernement liefert 18 Prozent der gesamten Hanfernte, das Gouvernement Kursk 16 Prozent, wenn ich nun noch das Gouvernement Kaluga hinzunehme, so macht das 50 Prozent der Gesamternte aus. Bis zur Monopolisierung ist es auch dann noch weit, aber die Preise habe ich dann in der Hand. Selbst wenn ich nur 30 Prozent der Gesamternte in Händen habe, kann ich die Preise beeinflussen, und wenn ich eine Kopeke billiger verkaufe als die übrigen, schlage ich alle aus dem Felde. Bloß Geld, Geld brauche ich! … Und da wollte ich Sie bitten, mir für die erste Ratenzahlung ein halbes Jahr Aufschub zu gewähren, das brächte mich über den Herbst hinüber, und wenn dann die Zahlungen einlaufen, erstatte ich Ihnen gleich die Hälfte der aufgenommenen Summe und bezahle die Prozente für die Restsumme im voraus.«
»Tut mir leid, Kirill Kirillowitsch, läßt sich aber nicht machen. Du weißt ja selbst, Freundchen, im Herbst muß ich der Remontekommission Pferde für zwei Regimenter liefern und die zurückgewiesenen Gäule muß ich ins Ausland abschieben. Pferdchen kosten ja auch was, Bruder.«
Afonka bemerkte, daß der Alte stillvergnügt war, er zupfte an seinem spärlichen Bärtchen – ein sicheres Zeichen, daß er zufrieden und schadenfroh war. Gespannt folgte er dem Gespräch der beiden Männer, lauschte aber zugleich auch auf die Unterhaltung der Damen, die links von ihm saßen und eben von der kleinen Fenja sprachen.
»Im Herbst fährt Fenitschka nach Petersburg auf die Hochschule, Mascha. Ihr Onkel hat ihr damals in Petersburg den Kopf verdreht, im Schlaf und im Wachen träumt sie von Petersburg.«
»Hast du nicht Angst, sie allein fortzulassen?«
»Jetzt brauche ich ja für sie nichts mehr zu fürchten, wie du weißt …«
»Hat sie es denn nicht satt, das endlose Lernen?«
»Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, aber ich hoffe, daß sie in Petersburg einen passenden Mann findet. Mein Mädel kann doch nicht einen unserer hiesigen Kaufleute heiraten – übrigens schicken ja auch die jetzt ihre Söhne auf die Hochschule, sogar ins Ausland, um ihnen den europäischen Schliff beizubringen – oder gar ihren Hauslehrer! Petrowskij mag ja sonst auch ein anständiger Mensch sein, bloß daß er unter Polizeiaufsicht steht; und er macht gar kein Hehl daraus, fühlt sich als Held.«
Afonka verstand aus diesem Gespräch nur, daß Fenja im Herbst nach Petersburg reisen würde, und daß zwischen ihr und Petrowskij etwas nicht stimmte. Des Hauslehrers und daran, wie dieser mit der kleinen Fenja damals im Vorzimmer gesprochen und wie er sie angeblickt hatte, erinnerte sich Afonka nur zu gut … Ja, und das verhängnisvolle Ende kam immer näher! Er mußte Fenja aus den Klauen des alten Klimow retten und ihr nach Petersburg folgen, mußte etwas tun, bevor es zu spät war. Jeden Schritt des Alten mußte er verfolgen, auf jedes Wort, das er in der Angelegenheit verlauten ließ, horchen. Dunja kam ihm in den Sinn – die könnte ihm dabei behilflich sein.
Gleich am selben Abend, als er aus dem Speisezimmer nach seiner Kammer ging, winkte er Dunja im Gang mit den Augen zu; das Mädchen folgte ihm auf den Treppenabsatz hinaus.
»Was ist?«
»Warum kommst du denn gar nicht mehr zu mir, Dunja?«
Er umarmte und küßte sie.
»Wozu sollte ich denn kommen? Einmal war ich da – ganz nutzlos. Nur in Verruf haben Sie mich gebracht; wenn wirklich was gewesen wäre, wäre das Gerede der Leute nicht so kränkend …«
»Damals wußte ich doch, daß man dich mit Absicht zu mir geschickt hatte und daß man dich jeden Augenblick holen konnte! Komm heute, ich werde auf dich warten.«
Er schritt die Treppe hinab, bevor sie geantwortet hatte; aus dem Dunkel tönte es noch einmal herauf:
»Also komm, Dunja …«
Ihr war, als fühle sie sich eigentlich noch verletzt, aber seine Küsse hatten ihr wieder Hoffnung gemacht; leise rief sie ihm nach:
»Ja …«
Als sie dann hinging, war ihr unheimlich zumute, und es wurde noch schlimmer, als er sie auf den Schoß nahm und sie mit Küssen und Liebkosungen erregte; in seinen Armen liegend, hatte sie den Kopf zurückgeworfen, und unter heißen Küssen flüsterte er:
»Bis zum Herbst müssen wir warten, das ist nicht mehr lange, Dunja! Bloß bis zum Herbst, dann mache ich meine eigene Wirtschaft auf, der Alte hat es mir selbst versprochen – ich soll ihm da ein Geschäft drechseln. Wenn er mich nur nicht anführt, das ist's, wovor ich Angst habe. Wenn die Sache nicht gelingt, wird's auch im Herbst nichts mit unserer Heirat.«
Dunja hörte zu und kam langsam wieder zu sich; ihr war, als erwache sie aus einem Traume.
»Bis zum Herbst, Afonja?! … Und ich hatte gemeint …«
»Denke doch nach, Dunja! Jetzt geht's ja nicht. Sie würde es erfahren und auf dich eifersüchtig werden; dann jagt sie dich davon, und niemand kann mir helfen. Ohne deine Hilfe aber wird nichts aus der Sache. Ich spreche jetzt so zu dir, als wären wir schon Mann und Frau, hörst du, Dunja? Die Drakins kennst du doch?«
»Nun, und?«
»Der Alte hat ihnen Geld geliehen und will nun die Schlinge zuziehen. Er hat mir goldene Berge versprochen, aber ich traue ihm nicht; wenn's ans Zahlen geht, weiß er vielleicht von nichts mehr … Und da hab ich mir eine Sache ausgedacht … Wenn die gelingt, bin ich ein gemachter Mann; nicht nur eine Wirtschaft, ein Hotel an der Hauptstraße können wir dann aufmachen! Aber du mußt mir helfen, sonst wird nichts draus.«
»Was soll ich denn tun?«
»Du mußt auf jedes Wort aufpassen, das er sagt. Die Gnädige erzählt mir ja nichts. Solange es ihr behagt, lebt sie mit mir; was aber die Geschäfte betrifft, da ist sie bloß auf ihren Vorteil bedacht, eine Geriebene ist sie. Darum lebe ich ja auch mit ihr, um dieser selben Sache willen. Wenn sie aber Verdacht schöpft, eifersüchtig wird, dann ist alles aus. Jetzt habe ich dich, du mußt mir helfen. Du siehst, ich vertraue dir, ich weihe dich in meine Pläne ein – wenn ich dich nicht liebte, täte ich's nicht. Der Alte darf um Himmelswillen nichts davon erfahren, daß sie mit mir lebt, sonst bin ich erledigt und um unsere Zukunft ist's geschehen. Du siehst, auch hier komme ich nicht ohne deine Hilfe aus. Und den Petrowitsch mußt du auch im Auge haben, er lauert uns auf, um mich los zu werden und wieder seine alte Stelle zu erhalten. Also auch da paß auf, Dunja. Verstehst du, Dunja?«
»Ich verstehe schon, aber ich habe Angst, Afonja. Das Blut des Alten willst du auf dich nehmen, so meinst du's doch?«
»Nicht doch, Dunja! Hier, ich bekreuzige mich: niemand will ich ums Leben bringen, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen! Da kannst du ruhig sein, niemand krümme ich ein Haar, solch eine Sünde nehme ich nicht auf mein Gewissen. Du mußt mir nicht böse sein, daß ich so nachdenklich bin, ich leide ja auch darunter, daß wir uns bloß heimlich, wie Diebe, immer nur auf so kurze Zeit sehen können. Ich liebe dich doch. Da fällt es mir schwer, an mich zu halten, aber es muß sein. Du aber spielst die Beleidigte, statt mir zu helfen.«
»Wenn ich dich nicht liebte, wäre ich damals am Abend nicht zu dir gekommen und auch heute nicht, du aber bist so kalt zu mir! … Na schön, ich will mir Mühe geben, um alles so zu machen, wie du sagst, bloß lieb haben sollst du mich!«
Er begleitete sie mit Küssen die Treppe hinauf und lag dann lange schlaflos auf seinem Lager und grübelte.
Dunja war wieder als Mädchen auf ihre Truhe zurückgekehrt. Daß Afonka etwas Gefährliches unternehmen wollte, erfüllte sie mit Unruhe, doch nun zweifelte sie nicht mehr daran, daß er sie wirklich heiraten wollte: wenn sie die Sache, die das Licht scheute, zusammen machten, waren sie dadurch miteinander verknüpft, sein Leben lang würde er von ihr abhängen. Das wußte er, und wenn er sie trotzdem mit herangezogen hatte, so liebte er sie und vertraute ihr, meinte es wirklich ernst.
Am nächsten Morgen beehrte Kaßjan Parmjonytsch Afonka in der Wirtsstube mit seinem Besuch. Er streichelte sein spärliches Bärtchen, kniff verschlagen die Augen zusammen und kicherte hämisch.
»Hast du gehört gestern abend? Hm? Die lieben Gäste? Er streckte die Fühler aus, hätte gern noch Geld aufgenommen, wenn ich darauf eingegangen wäre. Du bist früher fortgegangen, nachher stellte sich heraus, daß er auch die neue Bindfadenfabrik verpfänden will … Jetzt haben wir ihn in der Hand, bloß aufpassen heißt's. Also, Afanaßij Timofejewitsch, mach' dich mal an die Arbeit, treibe einen zuverlässigen Mann auf! …«
»Ich weiß nicht recht wie ich das machen soll, Kaßjan Parmjonytsch.«
»Mußt dich umsehen! … Ich kann dir dabei doch nicht helfen … Hier lungert doch so ein Männchen herum, der Klageschriften für die Bauern schreibt – sprich mal mit dem.«
»Lossew meinen Sie, den Anwalt?«
»Jawohl, den Anwalt, mein Lieber! Den meine ich … Und schiebe die Sache nicht auf die lange Bank, in einem halben Jahr muß alles gemacht sein. Im August, gerade wenn die scharfe Arbeit einsetzt, springt ihm dann der rote Hahn aufs Dach. Wenn du Ausgaben hast, so komm zu mir nach Geld, aber nicht in den Laden, sondern abends in die Betstube. Gott helfe dir! …«
Lossew saß jeden Abend in der Ecke am Tischchen und beobachtete Afonka, wartete seine Zeit ab. An den Markttagen trieb er sich den ganzen Tag in der Wirtsstube herum, Ausschau nach Arbeit haltend, des Abends saß er an dem Tischchen in der Ecke und lugte zu Afonka hinüber. In der Fastnachtswoche trat denn auch das erwartete Ereignis ein. An diesem Abend erhielt der Kellner Wassilij von Afonka den Befehl, dem Anwalt Bliny und eine kleine Flasche Schnaps aufzutischen. Wassilij begriff gleich, daß der Geschäftsführer nicht von sich aus den Freigebigen spielte, sondern wohl im Auftrage des Chefs handelte. Eine Fischpastete erhielt Lossew auch sonst vorgesetzt, heute aber wurde er mit Schnaps, Bliny und allem was dazu gehört bewirtet. Auch Lossew war sich sofort klar darüber, daß es nun ernst wurde mit der Arbeit, und trippelte zum Schenktisch, um sich bei Kaljabin für die Bewirtung zu bedanken.
»Ich bin Ihnen sehr verbunden für die Aufmerksamkeit, Afanaßij Timofejewitsch, Ihre Bliny sind ganz ausgezeichnet geraten, tja … Gern würde ich noch einmal von vorn anfangen, aber so allein hat man Langeweile …«
»Na schön, ich will Ihnen Gesellschaft leisten, muß sowieso zu Abend essen, da setze ich mich denn zu Ihnen.«
Eine zweite Portion Bliny mit allem Zubehör wurde gebracht, ja selbst frischen Salmonkaviar stellte Wassilij auf den Tisch.
»Wie steht's eigentlich mit den Grakinschen Häuschen?«
»Ich soll also einen zuverlässigen Mann auftreiben …«
»Na, was habe ich Ihnen gesagt? Es geht alles wie nach Noten …«
Nachdem Afonka ihm von Klimows Auftrag berichtet hatte, sagte Lossew:
»Seien Sie ganz ruhig, Afanaßij Timofejewitsch, ich stehe Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung. Ein derartiges Geschäftchen kommt auch bei dem alten Klimow nicht alle Tage vor … Es ist ein niedliches Geschäftchen, das ihm einen hübschen Batzen Geld einbringen wird, bloß vorsichtig muß man sein, tja … Na, wir haben ja Zeit. Und daß wir beide auch was dabei verdienen, versteht sich von selbst. Also ruhig Blut, und schlagen Sie meine Empfehlungen nicht in den Wind. Auf Ihr Wohl, Afanaßij Timofejewitsch!«
Den ganzen Abend hörte Afonka Lossews Litaneien zu, bis die Wirtschaft geschlossen wurde.
Am nächsten Tage erfuhr auch Petrowitsch durch Wassilij, daß Lossew von dem neuen Geschäftsführer Bliny vorgesetzt bekommen hatte – also mußte der Alte Kaljabin einen Geheimauftrag erteilt haben. Täglich erkundigte sich Petrowitsch bei Wassilij:
»Nun, was macht der Rothaarige?«
»Sitzt hinter dem Schenktisch …«
»Nichts von irgendwelchen Geschäften zu bemerken?«
»Bisher nichts.«
Petrowitsch saß nun jeden Abend – solche Geschäfte wurden gewöhnlich des Abends abgewickelt, das wußte er von seiner Praxis her – auf der Bank vor der Pforte und wartete, ob Kaljabin nicht ausgehen würde. Dann folgte er ihm verstohlen von fern. Mochte es gegen den Chef und Lossew gehen, wenn er nur dem neuen Geschäftsführer den Hals brechen konnte!
VII
Inhaltsverzeichnis
Es war März geworden – nicht mehr Winter und noch nicht Frühling; bald taute es, bald trat wieder Kälte und Frost ein. Da wäre es schön gewesen, zu Hause zu sitzen oder hinter dem Schenktisch; statt dessen aber mußte sich Afonka mit allerlei verdächtigen Leuten aus der Vorstadt in Vergnügungslokalen herumtreiben, und das während der großen Fasten! Aber der nötige Helfer mußte gefunden werden. Lossew hatte auf drei Mann hingewiesen, die an den Markttagen die Preise der Pferde in die Höhe zu treiben pflegten, wenn es nötig war, hatte sich selbst aber zurückgezogen: er sei immer bereit, seinen Klienten einen guten Rat zu erteilen, doch sich an Kriminalsachen beteiligen, das tue er nicht, das erlaube ihm seine Berufsehre nicht, erklärte er.
Dazu war der alte Klimow wieder verreist, und Afonka mußte Maschenka des Nachts bewachen und zärtlich zu ihr sein. Bisher hatte sie sich wenigstens mit den nächtlichen Zusammenkünften im Hause begnügt, jetzt aber war ihr in den Sinn gekommen, sich mit ihm in Badestuben zu treffen. In der molligen Wärme, im Anzug des ersten Menschenpaares fühlte man sich dort geradezu wie im Paradiese, ja man vergaß ganz, daß man noch auf Erden weilte, wenn die Wellen der Seligkeit, der süßen Erbsünde über einem zusammenschlugen. Einst lag Maschenka nach dem Bade erschöpft und beglückt auf dem Diwan im Ankleideraum der Badestube und bemerkte wehmütig:
»Ach, Afonja, wie dumm wir doch waren … Das hätten wir ja auch machen können, wenn mein Alter da war! In Zukunft wollen wir klüger sein und unsere Liebe genießen, auch wenn er in der Stadt ist – noch süßer ist die Liebe, wenn ringsum Gefahren lauern!«
Als Klimow zurückkehrte, fragte er Afonka:
»Nun, hast du jemand gefunden?«
»Ich habe drei Mann ins Auge gefaßt, muß sie mir aber erst näher ansehen. Über das Nähere und den Preis ist noch nicht verhandelt worden.«
»Sieh zu, daß du zur Zeit fertig wirst.«
Dunja kam oft des Abends zu Afonka in die Kammer und hinterbrachte ihm jedes Wort, das der Alte gesagt hatte. Beim Abschied zögerte sie dann, schmiegte sich eifersüchtig an ihn, erschauerte unter seinen Küssen, flüsterte:
»Wenn es doch bald zu Ende wäre, Afonja! Bis zum Herbst ist es ja nicht allzu weit, aber ich kann Ihren Verkehr mit der Gnädigen gar nicht mehr ruhig mit ansehen – es verletzt mich so, und Sie verausgaben nur unnütz Ihre Kraft. Für die Gnädige ist es bloß Spiel, für mich ist es das Leben, und wenn Sie Ihre ganze Kraft ihr hingeben, was bleibt dann schließlich für mich übrig?! … Sie werden nachher gar nichts mehr von Zärtlichkeiten wissen wollen …«
»Jetzt haben wir nicht mehr lange zu warten …«
»Nicht mehr lange! Inzwischen aber vergnügen Sie sich mit der Gnädigen und gehen jetzt sogar mit ihr in die Badestube. Sie ißt jetzt kein Fleisch, hält streng die Fasten, aber wenn sie sich mit einem Manne in der Badestube austobt, dann denkt sie nicht ans Fasten.«
»Was macht es dir aus?«
»Mir?! Ich kann das nicht länger mit ansehen, hat sie mir doch gesagt, daß sie jetzt auch dann mit dir in der Badestube zusammenkommen will, wenn der Alte zu Hause ist. ›In der Seitzewschen Badestube treffen wir uns, Dunja‹, hat sie mir erklärt, ›ich sage es dir auf alle Fälle, damit du Bescheid weißt, wenn etwas vorfällt‹.«
Eines Abends teilte sie Afonka mit:
»Heute haben sie über die Drakins oder Grakins gesprochen, ich habe an der Tür gelauscht, konnte aber nicht alles verstehen. Um einen Wechsel handelte es sich. Er sagte, er wüßte nicht recht, was mit ihm machen, ob er ihn zum Schein verkaufen oder lieber bei sich behalten solle. Es sei keine Kleinigkeit, dreihunderttausend Rubel in fremde Hände zu legen, auch wenn es ein Vertrauensmann ist – wenn er nun mit dem Wechsel losziehe oder sonst was anstelle?«
»Was haben sie denn beschlossen?«
»Ich habe weiter nichts gehört, sie waren ans Fenster getreten … Der Alte brummte aber noch lange vor sich hin …«
Wieder verzehrte sich Afonka in Unruhe. Würde Klimow den Wechsel abschieben oder nicht? Wenn der Wechsel aus dem Schreibpult verschwand, war alles verloren, sein Leben lang würde er dann hinter dem Schenktisch sitzen und Maschenkas Gelüste stillen müssen! … Als er herkam, hatte er nicht gedacht, daß ihm das einmal zur Last fallen könnte. Im Kloster, bei dem satten Leben, waren die Mönche zum Frühling hin so liebesgierig, so ausgehungert, daß sie im Sommer lüstern durch den Wald streiften, sich wie reißende Tiere auf Kaufmannsfrauen stürzten. Zwar hatte er Atempausen während der Anwesenheit des Alten, aber sobald er wieder mit Maschenka zusammenkam, setzte sie ihm so ungestüm zu, daß selbst seine unerschöpfliche Manneskraft schließlich nachzulassen schien. Nein, seine Freiheit müßte er zurückhaben, mußte sie sich abringen vom Schicksal und zugleich Fenjas Retter werden!
In der Vorstadt besuchte Afonka mit den drei Burschen, die er ins Auge gefaßt hatte, verschiedene Lokale, spielte mit ihnen Karten, ließ sie zur Aufmunterung gewinnen, deutete bald dem einen, bald dem anderen an, daß er eine Sache für ihn habe – der rote Hahn müsse jemand aufs Dach gesetzt werden. Sie schraken zurück, erklärten, sie hätten keine Lust, ins Zuchthaus zu kommen, auch würde die Arbeit einen Batzen Geld kosten. Einer schien willig, trat sogar als Hanfschwinger in Drakins Fabrik ein, kundschaftete in der Fabrik und in den Speichern alle Ecken und Winkel aus.
»Sie haben da überall zuverlässige Wächter, Afanaßij Timofejewitsch, und feste Schlösser – es wird ein schweres Stück Arbeit sein.«
»Rück' mit dem Preis heraus.«
»Unter zwanzigtausend kann ich's nicht machen. Komme ich ins Zuchthaus, so ist's aus mit meiner Karriere, sie schreiben's einem in den Ausweis hinein … Gut, wenn ich mich aus dem Staube machen kann, sonst gelte ich mein Leben lang als Zuchthäusler.«
Petrowitsch hatte bald heraus, mit wem Afonka Unterhandlungen führte, und sandte den Kellner Wassilij zu den Burschen, um eine Zusammenkunft mit ihnen zu verabreden. Diese kam zustande, doch erfuhr Petrowitsch nur wenig von ihnen.
»Wir haben noch nichts Bestimmtes abgemacht, können uns über den Preis nicht einigen.«
»Laß die Hälfte ab, den Rest zahle ich dir.«
»Wofür das?«
»Ich will den Afonka ins Zuchthaus bringen, hat mich um meine Stelle gebracht, lebt mit der Gnädigen, und immer, wenn ich ihn überführen wollte, hat er mich hineingesetzt, ein geriebener Gauner! Ich will ihm den Garaus machen.«
Die Burschen grinsten, sagten ihm aber nichts Näheres. Sie wandten sich an Lossew um Rat, was sie tun sollten: Petrowitsch wolle es dem alten Klimow und Afonka einbrocken – wessen Partei sollten sie ergreifen?
Lossew erwiderte hitzig:
»Schafsköpfe seid ihr, das sieht man auf den ersten Blick! Von dem jungen, unerfahrenen Afonka könnt ihr doch mehr herausreißen; zieht die Sache in die Länge, um einen Druck auf ihn auszuüben. Eine Bombensache ist's, sage ich euch, so was kommt einem nicht jeden Tag unter die Hände; an solch einen Menschen muß man sich halten … Petrowitsch aber ist alt und gerieben, mit allen Hunden gehetzt, der zieht euch das Fell über die Ohren, während ihr noch mit ihnen wackelt – keinen roten Heller seht ihr von dem.«
So hatte Petrowitsch nichts ausrichten können, doch erhielt er auch weitere Nachrichten über die Angelegenheit durch Wassilij, dem es gelungen war, das Vertrauen der Burschen zu erwerben, indem er sich als Afonkas Anhänger ausgab – Petrowitschs Absichten seien ihm nicht bekannt gewesen – und den Burschen zuredete, sie möchten Afanaßij Timofejewitsch nicht zu arg mit dem Preise zusetzen, er sei ein gar zu guter Mensch.
Hin und her wurde Afonka gezerrt, drehte und wand sich wie ein Eichhörnchen im Rad zwischen Schenktisch, Maschenka und der Drakinschen Angelegenheit. Maschenka bestellte ihn sich jetzt, auch wenn der Alte zu Hause war, in die Seitzewsche Badestube, die an der Adelsstraße lag; durch die ganze Stadt mußte man fahren, um hinzukommen. Es war ein dreistöckiges Ziegelgebäude, dem gegenüber das neue Gefängnis, auch aus roten Ziegelsteinen gebaut, emporragte; auf beiden Seiten der Straße aber, zum Stadtinnern hin, wohnten die Adelsfamilien in ihren von Gärten umgebenen Villen. Petrowitsch war es nicht in den Sinn gekommen, Marja Karpownas Gänge zu beobachten, und wenn Afonka zu ihr in die Badestube ging, fuhr er mit der Straßenbahn hin. Wenn Petrowitsch ihn einsteigen sah, wußte er, daß es sich nicht um die Drakinsche Angelegenheit handelte, sondern wohl um Wirtschaftseinkäufe; das ging ihn nichts weiter an.
Kurz vor der Karwoche begann Kaßjan Parmjonytsch zu fasten und sich zum heiligen Abendmahl vorzubereiten, Marja Karpowna aber beschloß in die Badestube zu fahren und rief Dunja.
»Geh und sage Afanaßij Timofejewitsch, daß ich in die Badestube fahre, er weiß schon Bescheid.«
Dunja eilte hinunter in die Wirtschaft und flüsterte Afonka die Mitteilung zu. Afonka machte sich auf den Weg, und da es ein freundlicher Abend im April war, empfand er nach dem Tabaksqualm und dem Spirituosengeruch in der Wirtschaft den Wunsch, ein bißchen frische Luft zu schöpfen, und beschloß, zu Fuß hinzugehen. Petrowitsch folgte ihm von fern. Wenn man über den Hügel durch die Vorstadt ging, war es ganz nah. Der Weg führte durch stille Gäßchen an Zäunen und Gärten vorüber. Es war ein angenehmer Spaziergang; die Knospen waren im Entfalten, und von den Feldern draußen trug der Wind den Geruch frischgepflügter Erde herüber. Afonka schritt den Hügel hinauf, bog in die Adelsstraße ein; vor der Badestube ging er wartend auf und ab.
Petrowitsch stand im Schatten einer Pforte und dachte bei sich: Wie kommt er darauf, zu dieser Zeit in die Badestube zu gehen? … Er erwartet jemand. Den muß ich mir mal ansehen!
Eine kleine Weile war vergangen, da kam Marja Karpowna in einer Droschke vorgefahren. Petrowitsch erkannte sie am Gang, auch sah er Afonka auf sie zugehen. Die Freude verschlug ihm den Atem.
»Jetzt habe ich dich in der Falle! Mit dem Beweisstück in der Hand, sozusagen …«
So schnell er laufen konnte, eilte er den Berg hinauf. Als er zu Hause ankam, brannte in der Betstube des Alten Licht, also war er von der Abendmesse zurückgekehrt und betete. Petrowitsch schlich die Hintertreppe hinauf, die Tür war noch nicht abgeschlossen, schlüpfte in den Gang und klopfte an die Tür der Betstube.
Der Alte, in seiner Andacht gestört, trat zornig heraus.
»Was willst du?«
»Ich komme in einer vertraulichen Angelegenheit, Kaßjan Parmjonytsch.«
»Sprich gleich hier, niemand ist da. Was ist das wieder für eine vertrauliche Angelegenheit?«
»Ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll – es will mir nicht über die Zunge. Um Afonka handelt es sich … Damals habe ich Ihnen mitgeteilt, daß ich ihn im Schlafzimmer der gnädigen Frau gesehen habe, und heute bringe ich eine noch schlimmere Nachricht …«
»Nun?«
»Ich habe die beiden vor der Seitzewschen Badestube gesehen – sie sind zusammen hineingegangen.«
»Unsinn! Das kann nicht sein!«
»Ich kann es beschwören.«
»Laß anspannen, ich fahre hin. Du wartest hier.«
Petrowitsch eilte in den Stall, der Alte schlug die Tür zur Betstube zu, Dunja aber, die im dunklen Vorzimmer gelauscht hatte, warf ihr Jäckchen um und stürmte, so schnell wie die Füße sie tragen wollten, den Hügel hinauf, um vor dem Alten da zu sein. Wie ein Sturmwind eilte sie durch das Stockwerk, in dem die Einzelbäder lagen, und flehte fast weinend den Bademeister an, ihr zu sagen, in welchem Zimmer sich die beiden befänden.
»Du kennst sie ja, die Frau des Großkaufmanns Klimow, sie kommt oft her. Ich muß sie sprechen, zu Hause ist ein Unglück geschehen …«
Der Bademeister wies sie zurecht. Dunja klopfte. Marja Karpowna fragte hinter der Tür:
»Wer ist da?«
»Ich bin es, Dunja. Öffnen sie schnell, gnädige Frau – ein Unglück! …«
Die beiden hatten noch nicht gebadet, vorerst im Ankleidezimmer geplaudert. Marja Karpowna hatte noch ihren Rock an. Afonka mußte sich aber wohl schon entkleidet haben, denn man hörte ihn im Nebenraum mit den Messingschlüsseln klirren.
»Was ist geschehen, sprich!«
»Petrowitsch hat Ihnen nachgespürt, kam schnaufend zu Hause an, der gnädige Herr hat anspannen lassen, er muß jeden Augenblick eintreffen. Ziehen Sie sich rasch an.«
»Was tut man da?!«
»Ich bleibe hier und erkläre dem Herrn, Petrowitsch habe sich in der Dunkelheit geirrt. Mag Kaßjan Parmjonytsch mich anschreien, ich nehme es gern auf mich … Vergessen Sie nicht, dem Bademeister ein gutes Trinkgeld zu geben.«
Hastig zog Marja Karpowna sich an, klingelte dem Bademeister – er kam im Trab herbeigeeilt – und drückte ihm einen Zehnrubelschein in die Hand.
»Wenn jemand nach mir fragt, sagst du, ich sei nicht hier gewesen, verstehst du? Ich komme bald wieder, dann bekommst du ebensoviel. Wenn er durchaus hinein will, zeige ihm die beiden.«
»Seien Sie ganz unbesorgt, ich verstehe schon … Meine Hochachtung! …«
Die Badestube ist verschwiegen wie ein Grab, und die Bademeister sind stumm, als wären sie die Beichtiger der menschlichen Schwäche. Nimmt ein ehrwürdiger Familienvater ein Bad und drückt zweimal auf die Klingel, so erscheint statt des Bademeisters ein Mädel, man braucht bloß zweimal auf die Klingel zu drücken, und der Bademeister erhält zur Belohnung ein Trinkgeld von dem Herrn und einen Prozentsatz vom Verdienst des Mädels. Speziell zu diesem Zweck hielten sich immer einige Mädchen aus feinstem Hause in der Nähe auf, und wenn einmal alle belegt waren, jagte der Bademeister in einer Droschke in die Vorstadt nach einem Hause mit einer roten Laterne. Nach einigen Tagen kam dann wohl auch die Gattin mit den Töchtern, um ein Bad zu nehmen, und der Bademeister blickte so unbefangen, als wüßte er nichts davon, daß ihr Gemahl vor kurzem mit einem Mädel da war. Und kam die Gattin in aller Heimlichkeit mit dem Hausfreund, so erhielt der Bademeister ganze zehn Rubel, und das schloß ihm den Mund so fest, daß selbst der Untersuchungsrichter kein Wort aus ihm herausbringen konnte, geschweige denn der Herr Gemahl.
»Ich weiß nicht, wen Sie meinen, es kommen viele Leute her – wie soll man sich da zurechtfinden!«
Das Äußere der Verdächtigen wird beschrieben, ihr Gang, die Form der Nase, die Farbe der Augen, doch der Bademeister antwortet unbeirrt:
»Solche eine habe ich hier niemals gesehen.«
Nie verrät einen der Bademeister, denn wenn der Besitzer der Badeanstalt erfährt, daß der Mann unzuverlässig ist, wird er ohne weiteres entlassen, während er sehr an seiner Stelle hängt, hat er doch gerade durch solche Gäste hübsche Nebeneinkünfte. Sie bestellen sich Obst und Wein in die Badestube, woran er auch gut verdient, und geben reichliche Trinkgelder; schon um ihr Gewissen zu entlasten, sind sie gern bereit, ein Sühneopfer zu bringen …
Kaum war Marja Karpowna in der Dunkelheit hinter der Ecke verschwunden, als Kaßjan Parmjonytsch in seinem Wagen heranjagte.
Unterwegs überkam Maschenka zehrende Eifersucht. Bis jetzt war Dunja Mädchen geblieben – nach jener Nacht, als Maschenka sie selbst zu Afonka geschickt hatte, hatte sie Dunja mit aller Schärfe auf den Zahn gefühlt und wußte Bescheid. Und nun hatte sich Dunja selbst als Retterin angeboten, war aus eigenem Antrieb dageblieben; Maschenka biß sich grollend auf die Lippen. Wegen des Alten machte sie sich keine Sorgen, er hatte sie nicht erwischt und konnte ihr nichts nachweisen, im Gegenteil: Petrowitsch würde einen Denkzettel erhalten, was ihm sehr zu wünschen war. Und wenn der Alte sich heimlich Gedanken machte, so würde er doch nicht darüber hinweg können, daß er die beiden zusammen in der Badestube getroffen hatte. Nur eines fürchtete Maschenka, daß ihr Alter nun auf der Heirat der beiden bestehen würde. Dann wäre sie genötigt, wieder Pilgerfahrten nach dem Kloster zu unternehmen, um ihre Andachten zu verrichten, oder sich sonstwie einrichten.
Dunja hatte sich die Sache bereits unterwegs zurechtgelegt, als sie durch die Nacht stürmte. Alle ihre Besuche bei Afonka hatten bisher zu nichts geführt, bloß halb tot geküßt war sie immer von ihm auf ihre Truhe zurückgekehrt. Jetzt mußte es sich entscheiden: entweder liebte er sie nicht oder sie wurde sein, und er mußte sie heiraten.
Als die Tür sich hinter Maschenka geschlossen hatte, kleidete Dunja sich eilig aus. Während sie die Wäsche abstreifte, wurde ihr so bange, daß ihr Herz still stand und sie an nichts zu denken wagte. Ihr war, als stürze sie in einen Abgrund, als sie den Schlüssel zur Korridortür noch einmal umdrehte.
Afonka hatte Wort für Wort das Gespräch der beiden gehört, hatte etwas sagen wollen, aber nicht gewagt, nackt im Adamkostüm zu erscheinen – vor beiden – er wäre vor Scham gestorben! Die Tür schlug hinter Maschenka zu; nun mochte kommen, was kommen wollte … Abgerissen und wirr stürzten ihm die Gedanken durch den Kopf: Sich über das Mädel stürzen, sie müde, sie krank lieben? Sie nicht anrühren, sich nicht einlassen mit ihr? Und als er daran dachte, daß bald der Alte erscheinen würde und er Maschenka retten müsse, um sich selbst zu retten, wurde ihm ganz wirr im Kopf. Schließlich entschied er wütend, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wenn Dunja sich ihm selbst an den Hals warf, konnte er sie nicht zurückweisen, sie waren alle miteinander verknüpft, und er brauchte das Mädchen als Helferin, wenn er den Schlüssel in der Betstube benutzen wollte. Und wenn sie erst sein war, würde sie mit ihm durch dick und dünn gehen als seine Braut, die Hoffnung auf eine baldige Heirat im Herzen.
Halb tot vor Angst und Bangigkeit schlüpfte Dunja in die Badestube und hing sich ihm mit geschlossenen Augen an den Hals. Die Kühle ihrer rosigen Haut versengte seinen Leib – die köstliche Nähe des sterblichen Fleisches fegte alles Grübeln hinweg …
Dann, als der Alte gegen die Tür zu donnern begann, wollte Afonka nicht mehr von dem Mädchen lassen; alles war vergessen – die kleine Fenja, Maschenka, der Alte, sich selbst und seine Pläne hatte er in den Armen des Mädels vergessen. Dunja kam erst zu sich, als das Gepolter an der Tür immer lauter wurde.
»Das ist er selbst, geh, Afonja, öffne. Mag er sie hier suchen.«
Kaßjan Parmjonytsch war schnaufend die Treppe hinaufgestiegen und hatte den Bademeister erwischt.
»Ist meine Gattin hier?«
»Ihre Gattin? Wer ist denn das?«
»Die Frau des Kaufmanns Klimow!«
»Eine ganze Menge Leute sind da – wie soll ich wissen, ob Ihre Gattin darunter ist? Vielleicht ist sie hier, warten Sie, allmählich kommen die Leute ja heraus.«
»Machst du dich lustig über mich? Antworte, sonst lasse ich die Polizei holen und schlage Krach.«
»Das gibt's bei uns nicht – wir müßten Sie hinausweisen.«
Der Alte ächzte vor Aufregung, zog einen Fünfrubelschein heraus, drückte ihn dem Bademeister in die Hand.
»Sie ist nicht allein hier, ein Mann ist mit ihr, ein rothaariger, baumlanger Kerl …«
»Stimmt, der ist mir aufgefallen – Zimmer fünf – da ist auch jemand bei ihm drinnen …«
Der alte Klimow stürzte hin, klopfte, donnerte dann gegen die Tür.
Die Leute steckten die Köpfe aus den Türspalten heraus, wechselten Flüsterworte, sahen dem Alten kichernd zu. Der Bademeister stand stumm wie eine Mumie daneben, bloß in seinen Augen hüpften lustige Fünkchen.
Schließlich erklang Afonkas Stimme wütend hinter der Tür:
»Was ist denn los?«
»Mach' auf, ich bin es, der Chef, Kaßjan Parmjonytsch.«
»Ich bin nicht allein, kann niemand hereinlassen.«
»Öffne, hörst du, was ich sage? Öffne oder ich schlage die Tür ein!«
»Na, schön, aber warten Sie einen Augenblick, ich will wenigstens ein Laken überwerfen … Was wollen Sie von mir? …«
Die Tür fiel hinter dem Alten ins Schloß; im Gang erscholl lautes Lachen; der Bademeister schmunzelte …
Kaßjan Parmjonytsch trat auf Afonka zu:
»Zeige sie mir, wo ist sie? Marja Karpowna, komm heraus, sonst hole ich dich! …«
Afonka stellte sich vor die Tür zum Baderaum.
»Kaßjan Parmjonytsch, ich lasse Sie da nicht hinein, versuchen Sie's lieber nicht. Nicht Marja Karpowna ist hier, wie kommen Sie nur auf den Gedanken?!«
»Ich muß sie sehen, ich gehe nicht eher fort von hier! Mascha, komm augenblicklich heraus, hörst du? Sonst komme ich hin und schlage dich tot.«
»Schämen Sie sich, Kaßjan Parmjonytsch! Zugegeben, ich habe gefehlt – wenn man den ganzen Tag im Wirtshaus sitzt, könnte man es leicht auch ärger treiben. Aber daß ich meinem Herrn und Gönner eine solche Schmach antun könnte – das ist doch undenkbar! Ich müßte ja selbst mein ärgster Feind sein, wenn ich so etwas täte! Ihr Vertrauen ist alles, was ich habe, das werde ich doch nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen. In Ihrem Auftrage muß ich mit den Burschen in der Vorstadt bummeln, Mädels sind dabei, und da habe ich's denn selbst einmal nicht mehr ausgehalten. Aber meinem Gönner werde ich darum doch keine Schande antun! … Warten Sie hier, ich will ihr wenigstens ein Laken bringen, damit sie sich etwas zudecken kann.«
Doch der Alte konnte nicht mehr an sich halten … Als Afonka die Tür freigab, um das Laken zu holen, stürzte er in den Baderaum.
»Verdammte, wieder du! Du warst doch zu Hause?«
»Die gnädige Frau war in die Stadt gefahren, und Sie waren in die Betstube gegangen, da dachte ich, niemand würde es merken, wenn ich auf ein Stündchen verschwinde …«
»Afonka, komm her!«
»Seien Sie mir nicht böse, Kaßjan Parmjonytsch, im Herbst heirate ich sie … Dunja ist doch meine Braut.«
»Ach, das meine ich nicht! Sage mir offen und ehrlich: war sie hier? Ja, ja, meine Frau, Marja Karpowna?«
»Gott, Kaßjan Parmjonytsch, was meinen Sie denn eigentlich, wir wären alle drei zusammen hier gewesen?!«
»Da finde sich der Teufel zurecht!«
Als Kaßjan Parmjonytsch heimkehrte, saß Petrowitsch im Vorzimmer und wartete.
»Ist meine Frau nach Hause gekommen?«
»Nein, bisher nicht …«
Kaßjan Parmjonytsch stürzte über Petrowitsch her, denn an irgend jemand mußte er seine Wut auslassen, die ihn zu ersticken drohte.
»Du scheinst es dir in den Kopf gesetzt zu haben, mich vor der ganzen Stadt lächerlich zu machen. Sobald Afanaßij mit einem Weib zusammen ist, spukt meine Frau in deinem Duselkopf! … Einen schönen Freundschaftsdienst hast du mir da vor dem heiligen Abendmahl erwiesen!«
»Bei Gott, ich meinte, die gnädige Frau gesehen zu haben …«
»Was, du redest noch?«
Rasend vor Wut schlug ihm der Alte blindlings mit den Fäusten ins Gesicht.
»Daß dein Fuß morgen nicht mehr in meinem Hause ist!«
Über eine halbe Stunde lang schritt Kaßjan Parmjonytsch in der guten Stube erregt auf und ab, zerrte an seinem spärlichen Bärtchen, dachte laut:
»Sie war da, sie war bestimmt da … Steckt mit Dunja unter einer Decke …« Dann überkam ihn wieder Zweifel. »Aber das ist doch unmöglich! Dunja ist doch seine Braut … Mascha wird sich doch nicht mit ihrem Dienstmädchen in ihn teilen! Seine Dirne schmeiß ich hinaus, und meine soll auch was erleben …« Seine alte Regel kam ihm in den Sinn. »Man hängt den Dieb nicht, ehe man ihn gefangen hat … Will selber aufpassen … Soll einen Denkzettel kriegen, werde sie schon abfangen …« Ein anderer Gedanke warf wieder alles über den Haufen. »Wenn ich die Dunja fortjage, wird Afanaßij sich rächen, verrät mich noch an Drakin. Die Sache scheint vor dem Abschluß zu stehen, sie feilschen jetzt um den Preis …« Zuletzt beschloß er: »Im Herbst setze ich beide, Afonka und Dunja, vor die Tür. Werfe ihm die letzten Fünfzehnhundert hin … Troll' dich, Schweinehund, und sei mir, verdammtem Knechte Gottes, nicht böse darum …« Verletzt, im Innersten gekränkt fühlte er sich; Bitterkeit erfüllte ihn ganz, verdrängte alles andere. »Aus dem Schmutz habe ich ihn emporgehoben, zu einem Menschen gemacht. Nach zehn Jahren wäre er hier Herr gewesen – und so hat er mir gedankt! Die Stirn schlug er sich blutig bei seinen Verneigungen, bis Mitternacht sang er Psalmen …« Dann überkam ihn eine reumütige Stimmung, hatte er doch vor kurzem gebeichtet; seine eigenen Versündigungen, seine belastete Seele kamen ihm in den Sinn. »Vielleicht hat ihn wirklich das Wirtshaus vom rechten Pfade abgebracht – er wäre nicht der erste, den die Schenke auf dem Gewissen hat … Die Leute hier sind die wahren Halsabschneider, und die Sache mit Drakin, das Bummeln mit den Burschen aus der Vorstadt ist wirklich eine Versuchung … Ich verheirate ihn mit seiner Dunja. Wenn er aufmuckt, schleppe ich ihn selbst zum Pfaffen. Dann habe ich wenigstens ein gutes Werk im Leben getan …« Ganz in der Tiefe, nur halb bewußt, kam ihm der beruhigende Gedanke: »Wenn er erst verheiratet ist, brauche ich mir auch keine Sorgen mehr um meine Marja Karpowna zu machen, nicht mehr die Schande zu fürchten …«
Er bemerkte nicht, wie seine Frau zurückkehrte. Als sie ins Zimmer trat, sah er sie einen Augenblick verwundert an, fragte dann dumpf:
»Wo warst du so lange? …«
»Ich habe dir doch gesagt, daß ich in die Stadt gehe, Besorgungen machen … Ein Kleid zum Abendmahl habe ich mir bestellt.«
Und wieder sagte er wie damals beim ersten Male:
»Paß auf, Marja! Man hängt den Dieb nicht, ehe man ihn gefangen hat – fange ich dich aber, so klage dich selbst an!«
Bis Mitternacht betete der alte Klimow vor dem Bilde der Gottesmutter von Kasan.
Maschenka schluchzte in ihre Kissen. Wenn sie Afonka auch nicht wirklich liebte, so hatte sie sich doch an ihn gewöhnt, er war ihr unentbehrlich geworden mit seiner stürmischen Zärtlichkeit. Beruhigt lebte sie an seiner Seite dahin, war freundlich zu ihrem Manne, und wenn dieser des Nachts zu ihr kam, zärtlich wurde, sie aber nicht zu befriedigen vermochte, grollte sie ihm nicht, weil ihr Blut ruhig und gesättigt war. Wenn der Mensch das sinnliche Verlangen des Blutes gestillt hat, ist er gütiger, menschlicher, ist bereit, alles Kränkende zu vergessen, das aus unbefriedigter Sinnlichkeit entsteht, die wie ein Dämon in uns rast. Bitter schwer würde es ihr fallen, sich von Afonka zu trennen! Dunja liebte ihn, darum war sie in der Badestube bei ihm geblieben. Das hatte Maschenka gleich gespürt, als sie in jener Nacht das Mädchen zu ihm geschickt und dieses unberührt zurückgekommen war. Bitterer Schmerz hatte in ihrer Stimme gebebt, die tiefste Kränkung, die einem Mädchen widerfahren kann, das sich liebend hingeben wollte und von dem Geliebten verschmäht worden ist. Es gibt keine tiefere Kränkung als verschmähte Liebe; nur blindergebene Leidenschaft kann darüber hinweghelfen und der verzweifelte Entschluß, bis zum äußersten zu gehen. Diese verzweifelte Entschlossenheit hatte Maschenka an Dunja gespürt, als das Mädchen sich in ihrer Gegenwart in der Badestube zu entkleiden begonnen hatte. Nicht, daß Dunja als Siegerin über ihre Herrin frohlockt hätte, aber aus ihren Blicken hatte das Bewußtsein der Überlegenheit ihres Mädchentums gesprochen, dieser geheimnisvollen, sieghaften Macht über den Mann. Dem Anblick ihrer jungfräulichen Nacktheit würde Afonka nicht widerstehen können, das war Maschenka klar, und dann würde ihr die erlösende Befreiung ihres schwachen Fleisches durch seine Leidenschaft nicht mehr zur Verfügung stehen …
Erst um Mitternacht kehrte Afonka mit Dunja in seine Kammer zurück. Er behielt das Mädchen bis zum Morgen bei sich, nicht, weil er sie liebte, sondern weil er wie ein Rauschsüchtiger sich nicht satt trinken konnte an ihrer Unschuld.
Am nächsten Morgen fragte Maschenka Dunja bloß:
»Er hat dich genommen? … Ja?«
Das Mädchen antwortete nicht, blickte ihre Herrin nur kurz und böse an, als hätte Maschenka mit schmutzigen Händen an etwas Zartes in ihrem Herzen gerührt, doch nicht verletzt fühlte sich Dunja, Haß gegen ihre Herrin erwachte in ihr.
Maschenka hatte der Blick genügt, um klar zu sehen. Trotzdem holte sie aus ihrer Kommode ein altertümliches gestanztes Schmuckkästchen hervor, setzte sich auf einen Schemel am Ofen, öffnete das Kästchen und rief Dunja zu sich.
»Komm her, Dunja, wähle dir aus, was dir gefällt, es soll mir um nichts leid sein – du hast mir gestern das Leben gerettet … Verstehst du – das Leben …«
»Ich will nichts haben … Was sollte ich damit!«
»Wenn du dafür nichts annehmen willst, so wähle dir ein Schmuckstück als Hochzeitsgeschenk.«
Maschenkas Stimme bebte; die ganze Bitterkeit, die sich in ihrem Herzen angesammelt hatte, klang aus ihren Worten. Dunja spürte es und trat, obwohl zögernd und unwillig, näher und wählte ein schlichtes Ringlein mit Türkisrosetten.
Beide fühlten, daß sie Feinde und doch miteinander verknüpft waren.
VIII
Inhaltsverzeichnis
Es schien, als hätte Kaßjan Parmjonytsch den Vorfall in der Badestube vollkommen vergessen; wie früher kam er bald am Tage, bald am Abend in die Wirtsstube, saß hinter dem Schenktisch, sprach mit Afonka über die Geschäfte. Afonka begegnete er ungezwungen, erwähnte Dunja gar nicht, als hätte es nie eine Dunja gegeben. Nur seine Anweisungen erteilte er in eigentümlich trockenem Tone; nicht mehr väterlich streng wie früher klang seine Stimme dabei, sondern barsch, im Tone des Chefs sprach er. Wenn es nicht gerade ein Fastentag war, besuchte er auch seine Frau öfter des Nachts, und wenn er neben dem mollig warmen Frauenkörper in Schlaf sank, stieß er sie wohl in den Rücken und brummte: »Rück' weiter, erdrückst mich ja!«
Im Halbschlummer spürte Maschenka seinen Atem an ihrem Rücken und hörte ihn murren:
»Wenn ein junger Kerl hier läge, würdest du ihm wohl nicht den Rücken zuwenden …«
Seit jenem Tage schlief Dunja jede Nacht bei Afonka – Maschenka selbst hatte es ihr erlaubt und schloß jeden Abend die Tür hinter dem Mädchen. An Fastentagen lag sie dann allein in ihrem Bett und fand keinen Schlaf, verzehrte sich in Eifersucht und weinte, und an den fastenfreien Tagen quälte sie sich mit ihrem Alten ab.
Dunja erzählte ihrem Liebhaber von dem gestanzten Schmuckkästchen und den Kleinodien, den Ohrringen und dem Granatenhalsband. Als sie sich den Ring ausgewählt hatte, hatte sie, innerlich in Anspruch genommen, kaum einen Blick für all die Herrlichkeiten gehabt. Nun, da sie zu Afonka sprach, glühten ihre Augen bei der Erinnerung an das farbige Strahlenspiel; wenn sie das Kästchen jetzt vor sich hätte, würde sie sich gar nicht von ihm trennen können, jedes einzelne Stück würde sie durch die Finger gleiten lassen und lange betrachten …
»Ach, Afonka, wo hat sie das alles nur her! Gern würde ich noch einmal hineinschauen, gar zu hübsch sind all die Steinchen. Besonders hat mir ein Paar Ohrringe gefallen – es tut mir jetzt leid, daß ich die nicht genommen habe, solche langen hellblauen Anhänger baumelten daran. Ich träume sogar davon … Und dann hat sie Granaten da, so groß wie Kirschen, und Perlen dazwischen. Wenn ich die zu meiner Hochzeit tragen könnte oder bei Besuchen – wir werden doch manchmal auch zu Besuch gehen, Afonka – wie würden mich alle beneiden! Ich Dumme, warum habe ich die nicht genommen! Der Ring mit den Vergißmeinnicht hatte es mir angetan, ich habe die blauen Blümchen so gern, darum habe ich ihn wohl auch gewählt. Was hat sie denn von all den Herrlichkeiten, trägt ja fast nie etwas davon, ganz vergessen und verlassen liegen sie da, wie Waisenkinder …«
Immerfort mußte Dunja an die Ohrringe mit den Anhängern und die Granaten denken. Wenn sie im Schlafzimmer aufräumte, zog die Kommode immer wieder ihre Blicke an. Marja Karpowna öffnete sie oft in ihrer Gegenwart und ließ die Schlüssel achtlos liegen oder steckte sie hinter den Spiegel, wenn sie fortging oder im Hause zu tun hatte. Die Schlüssel gaben Dunja keine Ruhe, gar zu gern hätte sie sich die bunten Steine noch einmal angesehen. An einem Samstag Abend ging Marja Karpowna zur Abendmesse. Dunja blickte hinter den Spiegel – die Schlüssel waren da. Sie ging wieder hinaus, nach einer Weile aber zog es sie aufs neue hin – nur auf einen Augenblick wollte sie die Kommode öffnen, das Schmuckkästchen hervorholen und einen Blick hineinwerfen. Als sie das Kästchen aufschlug, lagen die Ohrringe mit den Anhängern ganz oben. Sie nahm sie in die Hand, konnte sich aber nicht entschließen, sie gleich wieder zurückzulegen. Zögernd hielt sie die glitzernden Dingerchen an ihre Ohren; sie standen ihr gut, hübscher sah sie aus als sonst, vielleicht darum, weil ihre Augen vor Angst und Verlangen fieberhaft glänzten. Sie wußte nicht, wie lange sie bewundernd vor dem Spiegel gestanden hatte, als die Glocke im Vorzimmer läutete – die Hausfrau war zurückgekehrt. Sie warf die Ohrringe auf die Kommode, stellte das Kästchen in die Schublade, schloß diese ab, steckte die Schlüssel wieder hinter den Spiegel und warf vor dem Fortgehen noch einen prüfenden Blick zurück – ob auch alles in Ordnung sei. Da lagen die Ohrringe! Wie hatte sie die nur vergessen können! Rasch ließ sie die Steine in der Tasche verschwinden – bei nächster Gelegenheit würde sie sie wieder an Ort und Stelle zurücklegen – und eilte zur Tür, um zu öffnen. Am Abend, als sie bei Afonka war, wollte sie ihm die glitzernden Dinger zeigen, legte sie an, drehte den Kopf hin und her …
»Hübsch, Afonja, nicht?«
»Schön sind sie, das muß man sagen, müssen einen ganzen Haufen Geld gekostet haben – dafür könnte man Haus und Hof kaufen, mit allem, was dazu gehört.«
»Stehen sie mir gut? Gefalle ich dir so?! …«
»Hat sie dir denn die Ohrringe geschenkt?«
»Ja, bevor sie zur Abendmesse ging … Hübsch sind sie!«
Dunja hatte ihm die flimmernden Steine nur zeigen wollen, aber auf seine Frage hin hatte sie sich geschämt, ihm die Wahrheit zu gestehen, und als ihr die Lüge entfahren war, konnte sie sich von dem Geschmeide gar nicht mehr trennen und behielt die Ohrringe über Nacht an. Am nächsten Morgen gab sie sie Afonka zur Aufbewahrung. Afonka dachte bei sich, Maschenka sehne sich nach ihm an der Seite ihres Alten und suche durch Geschenke seine Braut zur Dankbarkeit zu verpflichten, um sie gefügig zu machen … Er überlegte, wo er den Schmuck wohl aufbewahren könnte, und da kam ihm Nikolkas Rucksack in den Sinn. Der lag seit bald zwei Jahren unter seinem Bett, Afonka hatte ihn ganz vergessen. Nun holte er den Sack, der mit einer zolldicken Staubschicht bedeckt war, unter dem Bett hervor und steckte die Ohrringe zu den anderen Schmucksachen in das rosa Hemdchen. Als er den Sack mit dem Fuß wieder unter das Bett schob, beschloß er, ihn mit allen Sachen Dunja zu lassen, wenn er sich davon machte, vielleicht würde das ihre Enttäuschung und Empörung ein wenig lindern.
Kaßjan Parmjonytsch war auf drei Tage verreist. Als es Abend wurde, war Maschenka ganz verstört: sollte sie nach Afonka schicken, damit er zu ihrem Schutz oben schliefe? Ließ sie ihn zusammen mit Dunja im Vorzimmer schlafen, so würde sie vor Sehnsucht und Eifersucht vergehen, schon bei der Vorstellung allein wollte ihr Herz brechen, rief sie ihn aber zu sich, so würde Dunja vor Eifersucht platzen. Ob sie es versuchen sollte? …
Als Dunja das Bett machen kam, sagte Marja Karpowna in bittendem Tone, fast flüsternd:
»Dunja, würdest du wohl Afanaßij heraufrufen? …«
»Ich will ihn gleich holen.«
Sie lief hinunter in die Wirtschaft und flüsterte Afonka eifersüchtig zu:
»Sie läßt dich rufen – wirst du gehen? …«
»Na, es ist zum letzten Male, da will ich schon gehen. Du hast ja auch schon im voraus ein Geschenk von ihr bekommen, so daß du auch nichts sagen kannst – hat sich losgekauft, also schweige schon, halt durch …«
Dunja gab es einen Stich ins Herz. Dann dachte sie: Jetzt gebe ich ihr ihre Ohrringe aber wirklich nicht mehr zurück, behalte sie als Lösegeld für ihn … Zu Afonka sagte sie:
»Du hast recht, Afonka. Aber es ist zum letztenmal.«
»Ja doch, in ein paar Tagen ist alles zu Ende. Ich kann dir einstweilen nicht mehr sagen, es ist ein Geheimnis, aber ich darf mich jetzt, kurz vor der Entscheidung, nicht mit ihr überwerfen. Also sei schon ein braves Mädel …«
Dunja antwortete nicht, aber die ganze Nacht warf sie sich auf ihrer Truhe im Gang unruhig hin und her, die ganze Nacht lauschte sie in die Dunkelheit und meinte durch sieben Wände hindurch zu hören, wie sich die beiden küßten, durch sieben Wände hindurch alles zu sehen …
Auch Marja Karpowna konnte bis zum Morgengrauen nicht einschlafen. Sank sie nach stürmischen Liebkosungen erschlafft in stille Vergessenheit, so fuhr sie doch gleich wieder auf; heiße Tränen strömten ihr aus den Augen, die sie mit ihrem Haar von Afonkas Brust fortwischte und mit trockenen, glühenden Lippen fortküßte.
»Afonitschka, jetzt erst ist mir klar, wie teuer du mir bist, Liebster. Und ich selbst habe dich ihr abgetreten! Das Schicksal wollte es wohl so! Früher wußte ich gar nicht, daß ich dich liebe, jetzt aber, da du von mir gegangen bist – sage nichts, ich weiß es ja! – fühle ich, daß du mir teurer bist als das Leben. Ich hatte nie daran gedacht, daß du mich verlassen könntest! … Nicht wahr, jetzt liebst du mich nicht mehr? Sprich offen, du brauchst nichts zu fürchten – mir ist jetzt alles einerlei. Nur wissen möchte ich es, die Wahrheit möchte ich wissen; du liebst mich nicht mehr?«
Nicht aus Mitleid, sondern durch die Liebe der einsamen Frau gerührt, antwortete Afonka:
»Doch, Maschenka, ich liebe dich!«
»Und sie – sie liebst du auch? …«
»Ja, sie liebe ich auch.«
»Ist denn das möglich – gleich zwei auf einmal?! …«
»Ich liebe euch beide, weil ihr mich so liebt. Sie ist ja damals aus eigenem Antrieb in der Badestube geblieben, hat dich vielleicht nur gerettet, um zu bleiben. Bei dir aber ruhe ich innerlich aus, ganz nah und traut bist du mir, Maschenka …«
Er sprach aufrichtig. Dunjas Liebe war ihm zur Qual geworden. Er hatte sie genommen, weil er ihrem Mädchentum nicht hatte widerstehen können. Auch Maschenka liebte er nicht, und doch fühlte er sich beruhigt und geborgen in ihren Armen, und weil er sie nicht liebte, hatte er gemeint, auch sie liebe ihn nicht, vergnüge sich nur mit ihm. Ihre Tränen hatten ihn gerührt, ihre Zärtlichkeit ihn ergriffen. So sprach er denn bewegt von seiner Liebe zu beiden, während in seiner Seele nur ein Stern leuchtete, sein Stern von Bethlehem, die kleine Fenja.
Die zweite und dritte Nacht vergingen wie die erste. Dunja blickte verstört, zischte ihre Herrin wie eine Schlange an, würdigte Afonka keines Blickes. Wenn sie in Maschenkas Schlafzimmer trat, schlug ihr das Herz vor Schmerz und Empörung und vor Verlangen nach den Granaten und Perlen: wenn sie das Schmuckstück nahm, wäre es nicht Diebstahl – Rache wäre es an der Gnädigen um Afonkas willen! Trotzig holte sie das Schmuckkästchen hervor und steckte das Geschmeide – diesmal ohne es vorher anzulegen – in die Tasche und übergab es am Abend wieder Afonka in seiner Kammer.
»Die ist ja so freigebig geworden? … Sie hofft wohl auf noch einmal – wenn es dazu kommt, werde ich gehen müssen, nichts zu machen!«
Er legte den Schmuck zu den übrigen Sachen in Nikolkas Rucksack.
Der Herbst rückte heran – Kaßjan Parmjonytsch wurde unruhig, fragte mehrmals:
»Na, seid ihr endlich zum Abschluß gekommen?«
»Jawohl, Kaßjan Parmjonytsch, es ist jetzt alles so weit; nächste Woche werde ich wohl die Anzahlung hinbringen können.«
»Auf welche Summe habt ihr euch geeinigt?«
»Er wollte anfangs zwanzigtausend, ging auf fünftausend herunter, schließlich einigten wir uns auf tausend; dafür sind viertausend an Unkosten ausgegeben, dazu fünfhundert an Lossew, der auch als Zeuge bei der Anzahlung zugegen sein soll – sicher ist sicher.«
Afonka erhielt die nötige Summe und versprach, daß im September das Unglück auf Drakins Fabrik eintreten würde. Der Alte mußte in Bälde wieder aufs Land fahren, um Pferde einzukaufen; damit rechnete Afonka, um während seiner Abwesenheit das Pult zu öffnen und – dann war er wieder frei! Was er mit dem Wechsel machen sollte, hatte er noch nicht entschieden.
Kurz vor seiner Abreise, zu Mariä Himmelfahrt, wurden die Klimows zu Bekannten zu Gast geladen, und da anläßlich des Feiertags ein großes Fest gegeben wurde, bat der Alte seine Frau, sie möchte ihre besten Schmucksachen anlegen, um vor den Frauen der übrigen Kaufleute nicht zurückzustehen. Marja Karpowna machte sich schön … Dunja hatte ihr die Druckknöpfe des neuen Seidenkleides zugedrückt, und Maschenka holte ihr Schmuckkästchen hervor – ihr Lieblingsstück, die Ohrringe mit den Anhängern und das Granatenkollier fehlten! … Sie sah Dunja scharf an – das Mädchen wurde über und über rot …
»Du hast die Sachen genommen – gesteh!«
»Was soll ich genommen haben, Marja Karpowna?«
»Die Ohrringe und die Granaten …«
»Nichts habe ich genommen, was sollte ich damit! …«
»Wenn ich zurückkomme, müssen die Sachen wieder da sein, sonst werde ich anders mit dir reden.«
Dunja ließ sich nicht einschüchtern, sagte ihr ins Gesicht:
»Ich weiß von nichts – vielleicht hat Afanaßij die Sachen genommen, er schläft ja bei Ihnen und ist mit all Ihren Gewohnheiten vertraut. Oder Sie selbst haben die Schmucksachen irgendwohin getan, und nun bin ich schuld daran. Meinetwegen können Sie es dem Herrn sagen – ich werde auch nicht stumm bleiben, sage ihm die lautere Wahrheit. Was denken Sie von mir – jahrelang bin ich bei Ihnen im Dienst, und da muten Sie mir so etwas zu! …«
Marja Karpowna wußte nicht, was tun. Der Alte hatte ihr die Sachen geschenkt, wenn er merkte, daß sie sie nicht trug, würde er schließlich fragen – was sollte sie dann antworten? Auf Dunja konnte sie nicht hinweisen, die würde dann alles verraten, auch das mit der Badestube, war doch das Mädchen auch so schon vor Eifersucht halb toll. Und wenn es der Alte erfährt, würde er ihr den Garaus machen! … Als Maschenka von der Gesellschaft zurückkehrte, wollte sie eine vertrauliche Aussprache mit Dunja herbeiführen, doch diese zischte sie wütend an, worauf Maschenka sie aus dem Zimmer jagte:
»Geh, ich ziehe mich allein aus – und daß dein Fuß nicht mehr über meine Schwelle kommt! …«
Der August ging allmählich zu Ende, doch Kaßjan Parmjonytsch rührte sich nicht von Hause fort, und Afonka war ratlos – im September sollte er Drakins Hanf einäschern; um die gleiche Zeit begannen die Vorlesungen an der Hochschule, dann würde sein Stern von Bethlehem über Petersburg aufgehen, sein Leben aber vor einem jähen Ende stehen. Finster saß er hinter dem Schenktisch, suchte Gesprächen mit Lossew auszuweichen, der auf Kosten des Wirtes trank und aß und sich oft nach dem Stand der Angelegenheit erkundigte. Als er ihn wieder einmal fragte, warf Afonka dem Anwalt einen Seitenblick zu und brummte unwillig:
»Im September, hat er gesagt.«
»Sie machen so etwas zum erstenmal, Afanaßij Timofejewitsch, und da geht Ihnen die Sache auf die Nerven, tja … Allmählich arbeitet man sich ein, jede Sache will erst gelernt sein … Sie tun aber Unrecht, wenn Sie sich mit mir nicht beraten wollen; wenn ich Ihnen alles klar auseinandersetze, würden Sie nachher ruhiger sein. Also bei seiner Rückkehr wird der Hausherr mit einer Illumination empfangen?«
Afonka gab es geradezu einen Ruck.
»Wann reist er denn?«
»Wohl in diesen Tagen, hat seine Leute zur Besichtigung der Pferde bereits vorausgeschickt. In acht Tagen ist er dann wohl wieder zurück, um rechtzeitig zur Illumination einzutreffen. Die Sache regt ihn auch auf – sonst pflegte er zwei, ja drei Wochen daranzuwenden, diesmal will er die Ware nur einmal flüchtig besichtigen, Anzahlungen machen und gleich wieder zurückkehren, tja …«
Schwer und drückend schlichen die Tage dahin. Endlich reiste Kaßjan Parmjonytsch ab. Erregt wartete Afonka: würde Maschenka ihn rufen lassen? …
Ihr waren in dieser Zeit – zum ersten Male – unerquickliche Gedanken gekommen. Wie, wenn Afonka mit Dunja unter einer Decke steckte und ihr nur was vormachte? Vielleicht waren auch die Ohrringe und das Granatenhalsband mit seinem Wissen entwendet und von den beiden gemeinsam auf die Seite gebracht worden?! Sie konnte es nicht glauben – gar zu zärtlich war er das letzte Mal zu ihr gewesen, aufrichtige Rührung hatte aus seiner Stimme geklungen, woraus ihre dumpfe Seele freudigen Trost geschöpft hatte. Den ganzen Tag kämpfte sie mit sich – sollte sie ihn rufen lassen oder nicht? Bis spät in den Abend ging sie unentschlossen von Zimmer zu Zimmer, Sehnsucht nach ihm zehrte an ihr, so leer war es um sie geworden! … Sie brauchte nur Dunja nach ihm zu schicken, um aufs neue in Rausch und Betäubung zu versinken! Doch sie konnte sich nicht dazu entschließen, gar zu schwierig war die Lage geworden; unter Tränen schlief sie spät nach Mitternacht ein. Dunja hatte auf ihren Ruf gewartet, und als sie schließlich das Bett knarren und die Gnädige sich unruhig hin und her werfen hörte, war sie glücklich und flüsterte selig vor sich hin, die Gnädige wolle sich nicht mit Schmucksachen von ihr loskaufen, der Spaß käme ihr wohl zu teuer.
Afonka hatte unruhig nach der Uhr geschaut; die Zeit verstrich, es schlug zehn – sie hatte nicht nach ihm geschickt! Wie ein Keulenschlag traf es ihn. Was konnte das bedeuten? Würde sie ihn überhaupt nicht mehr kommen lassen? Dann war es um ihn geschehen, dann konnte er das Unheil nicht von der kleinen Fenja abwenden! Er konnte nicht verstehen, warum sie ihn nicht hatte rufen lassen … Er schrie die Kellner, schrie Wassilij an, ja beschloß, am nächsten Tage nicht mit Lossew zu Wanja Kain, dem Brandstifter, zu gehen, zur letzten Besprechung in der Angelegenheit – er wollte abwarten, was kommen würde.
Am nächsten Morgen stand er nicht auf, Wassilij kam schließlich zu ihm, um Kleingeld zum Wechseln zu holen; Afonka erklärte, er sei krank, habe Kopfschmerzen, und blieb den ganzen Tag über bis zum Abend in seiner Kammer im Bett. Als er schließlich in der Wirtsstube erschien, trat Lossew ungeduldig auf ihn zu.
»Was haben Sie denn, Afanaßij Timofejewitsch? Vom frühen Morgen an warte ich auf Sie. Habe mich bei Wassilij nach Ihnen erkundigt, er sagte, Sie wären krank. Ich war schon daran, bei Ihnen einzudringen, sozusagen um nachzuschauen, was mit Ihnen geschehen ist …«
»Heute kann ich nicht hin, auch morgen nicht – ich bin krank.«
»Der Herbst steht vor der Tür, da herrscht Krankheit überall, tja … Aber Sie müssen sich schonen, Afanaßij Timofejewitsch, Sie müssen sehen, schnell gesund zu werden, in diesen Tagen dürfen Sie nicht krank sein – man kann nie wissen … der rechte Zeitpunkt ist bald verpaßt, und ohne Sie läßt sich nichts machen. Ich tauge ja nur dazu, um einen guten Rat zu erteilen; den Befehl geben, den Abschluß machen, das müssen Sie, tja … Versuchen Sie's mal mit Schnaps auf rotem Pfeffer – ein bewährtes Heilmittel; sobald ich mich nicht ganz auf der Höhe fühle, kippe ich ein Gläschen hinter den Kragen, und fort sind alle Krankheiten; Sie sehen, munter wie ein Spatz hüpfe ich in der Welt umher …«
Lossews Schwäche war es, sich in langatmigen Tiraden zu ergehen; wenn er einmal zu sprechen angefangen hatte, konnte er niemals aufhören. Der kleine Anwalt plapperte endlos, Afonka hörte kaum zu, der Gedanke kam ihm: Ob ich ihn nicht frage, was ich tun soll? … Was er ihn fragen wollte, war Afonka selbst nicht klar, aber er befand sich in solcher Unruhe, daß ihm schien, jeder Gedankenaustausch müßte eine Erleichterung bringen. Er rief Wassilij zu:
»Dem Herrn Rechtsanwalt Fischsuppe und Kotelettes, als Vorspeise Hering und Rührei, mir dasselbe, und dazu eine große Karaffe Schnaps mit rotem Pfeffer und zwei Gläschen!«
Als sie dann zusammen an Lossews Tischchen saßen, fragte Afonka:
»Iwan Matwejewitsch, was soll Ihrer Ansicht nach ein Mensch tun, der kurz vor seinem Ziele steht, einem Ziele, nach dem er lange Jahre gestrebt hat, um dessentwillen er vielleicht so manches Üble auf sich genommen hat in der Hoffnung, daß nach Erreichung dieses Zieles sein Leben eine glückliche Wendung nehmen würde, und dem im letzten Augenblick etwas dazwischen gekommen ist, so daß er sich unnütz beschmutzt und andere unglücklich gemacht hat – für nichts und wieder nichts? …«
»Mein Rat wäre da … Ihr Wohl, Afanaßij Timofejewitsch und aufs Gelingen unseres Unternehmens! … Also mein Rat wäre – nicht den Mut verlieren und gegen die Wand – wäre sie auch aus Stein – unverdrossen anrennen; zu guter Letzt gibt sie nach, verlassen Sie sich darauf – insbesondere, wenn ein Wesen weiblichen Geschlechts daran beteiligt ist … Immer wieder vorgehen – das hält zuletzt niemand aus …«
»Läßt sich hier nicht machen, Iwan Matwejewitsch … Dazu ist es zu spät, verstehen Sie – zu spät!«
Afanaßij hätte wohl noch lange gefragt und geredet, wenn nicht plötzlich Dunja in der Tür erschienen wäre. Mit hochroten Wangen, blitzenden Augen und einem Zug bitterer Empörung im Gesicht eilte sie auf das Tischchen der beiden zu und zischte, ohne auf Lossew zu achten:
»Geh nach oben, Afanaßij, sie läßt dich rufen …«
Sie wartete nicht auf ihn, wandte sich kurz um, krachend schlug die Tür hinter ihr zu.
Afonka erhob sich.
»Na, wir trinken ein anderes Mal zusammen – die gnädige Frau wartet auf mich …«
Lossew hatte die kleinen Äuglein zusammengekniffen, schüttelte ihm freundschaftlich die Hand und sagte in vertraulichem Flüsterton:
»Na, sehen Sie, Afanaßij Timofejewitsch, da haben Sie doch erreicht, was Sie wollten – und es ist gar nicht zu spät – erst zehn Uhr … Nicht wahr, Sie haben's erreicht? Gestehen Sie!«
»Stimmt, Iwan Matwejewitsch – jetzt hab ich's erreicht …«
Sein Blut, durch den Pfefferschnaps erregt, wallte ungestüm bis in die Morgenstunden.
Beglückt und erschöpft, fragte Maschenka zärtlich:
»Du hast heute getrunken, nicht?«
»Ich dachte, du liebtest mich nicht mehr – vor Verzweiflung wollte ich mir einen Rausch antrinken. Ich fürchtete, du hättest meinen Worten voriges Mal nicht geglaubt, und das war so bitter; da hab' ich zur Flasche gegriffen …«
»Das hättest du nicht tun sollen …«
»Aber so versteh doch, es sind ja die letzten Tage, die wir haben, vielleicht kommen wir nachher nie mehr zusammen – und da hast du mich nicht gerufen! Wenn ich die Sache zu Ende gebracht habe, wird Kaßjan mich zwingen, Dunja zu heiraten …«
»Was für eine Sache?«
»Hat dir der Alte denn nichts davon gesagt?«
»Über seine Geschäfte spricht er selten mit mir. Aber sage du mir, Afonja, worum es sich handelt, wenn ich es weiß, wird uns beiden leichter sein.«
»Brandstiftung bei Drakin.«
Maschenkas Liebesrausch war plötzlich verschwunden. Um die kleine Fenja handelte es sich!
»Fenjas Häuser stecken dahinter, ja?«
»Ja.«
»Kann man sie nicht retten? Denke nach!«
»Man kann es wohl.«
»Dann tu es, rette sie!«
»Du mußt mich aber lieben, darfst mich nicht abschütteln.«
»Alles, was du willst, kannst du mit mir tun, aber rette Fenja! Wieder wäre ich mit an ihrem Unglück schuld! Damals ist sie durch meinen Leichtsinn zu Schaden gekommen, und wenn jetzt das Unglück geschieht, fällt es wieder auf mich zurück. Ich kann das nicht auf mein Gewissen nehmen, ich war mit ihrer Mutter befreundet, erst seit jenem Vorfall verkehren wir nicht mehr miteinander.«
Demütig gab sie sich dem Ungestümen hin. Am nächsten Tage schwankte sie wie trunken. Nicht erst um zehn, sondern wie im Winter um sieben ließ sie ihn zum Tee rufen. Nachher richtete sie selbst das Bett, um Dunja nicht sehen zu müssen, und schloß die Tür zum Gang ab, damit niemand sie störe in dieser Nacht, vielleicht ihrer letzten Liebesnacht.
Als sie sich auszukleiden begann, sagte Afonka:
»Ich will mal in die Stube des Alten beten gehen … Vielleicht sehe ich auch die schönen Heiligenbilder zum letzten Mal.«
»Tu, was du willst, Afonja. Solange er fort ist, bist du hier der Herr.«
In der dunklen Betstube tastete er nach dem kleinen Betpult – er erinnerte sich, daß Kopekenkerzen und Zünder dort zu liegen pflegten –, zündete eine Kerze an und setzte das große blaue heilige Lämpchen in Brand. Dann stieg er auf den Fußschemel des Alten, um es bequemer zu haben, und steckte die Hand hinter das Bild der Gottesmutter von Kasan – der Schlüssel hing an seinem gewöhnlichen Platz. Er schloß das Schreibpult auf, suchte aus der ledernen Brieftasche Fenjas Wechsel heraus und steckte ihn in die Tasche. Darauf brachte er wieder alles in die frühere Ordnung, hängte den Schlüssel hinter das Heiligenbild und machte sogar aus einem dunklen Antrieb eine kniefällige Verneigung vor der Mutter Gottes von Kasan. Ebenso ruhig, wie er in die Betstube getreten war, kehrte er zu Maschenka zurück, nur in seinen Augen war ein eigentümlicher Glanz, als wäre der Tod soeben an ihm vorübergestreift.
»Was hast du, Afonka?«
»Wieso?«
»Du bist so blaß, unheimlich blaß! Grauenhaft siehst du aus.«
»Ich habe um Fenitschkas Rettung gebetet …«
Wortlos verstand sie, daß der entscheidende Schritt getan war. Und zum letzten Male lachte und weinte Maschenka im Liebestaumel. Als er am Morgen Abschied nahm, fragte sie flüsternd:
»Hast du sie gerettet? …«
»Ja, ich habe sie gerettet …«
Er sagte es so, daß ihr der Gedanke kam, nein – nur das Empfinden, das wie ein glühender Funken ihr Herz schmerzlich versengte, kurz und flüchtig, die vage Ahnung davon, weshalb Afonja zusammen mit seinem Freunde das Kloster verlassen und sich auf die weltliche Wanderschaft begeben, weshalb er, ohne Liebe zu ihr, ihr Liebe gegeben hatte. So sonderbar hatte Afonjas Stimme geklungen, so schmerzlich seine Antwort ihr Herz durchzuckt, daß Maschenka plötzlich fühlte, daß sie ihn niemals mehr würde zu sich rufen können, daß plötzlich ihn nichts mehr mit ihr verband.
Am nächsten Tage starrte sie mit Augen, die tief in die Höhlen gesunken und von schwarzen Ringen umgeben waren, stumm und tränenlos ihrer verlorenen Liebe nachtrauernd, in das Schmuckkästchen: jetzt wußte sie, daß nicht Afonja die Schmucksachen genommen, sondern Dunja sie gestohlen hatte …
Und Afonka fühlte sich plötzlich fremd in diesem Hause und wußte nicht, was er mit Fenjas Wechsel tun sollte.
Gegen Abend schickte Maschenka Dunja ins Nonnenkloster nach ihrer Wäsche, die sie zum Besticken dorthin gegeben hatte. Wie eine Nachtwandlerin wühlte sie darauf in Dunjas Korb, fand aber ihre Sachen nicht darin. Wie eine Nachtwandlerin schritt sie die dunkle Hintertreppe hinab und klopfte an der Tür von Afonkas Kammer; niemand war da. Und wie eine Nachtwandlerin schritt sie weiter, trat in die Wirtsstube und rief Afonka heraus – die Kellner wechselten vielsagende Blicke.
»Ich muß dich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen … Komm in dein … Zimmer.«
Sie schritten durch den dunklen Gang; in seiner Kammer zündete er die kleine qualmende Lampe an und fragte sie stumm mit den Augen:
»Warum bist du hierher gekommen? Was willst du von mir? Tut es dir jetzt leid, daß du sie hast retten helfen?! …«
Hastig, als bitte sie ihn um Verzeihung, als beeile sie sich zu versichern, daß nicht das der Grund ihres Kommens war, sagte Maschenka:
»Afonja, mir sind Schmucksachen abhanden gekommen – gerade die, die mir der Alte geschenkt hat; wenn er davon erfährt, weiß ich nicht, was tun; ein Grauen überkommt mich bei dem Gedanken. Ein Paar Ohrringe und …«
»Aber die hast du doch Dunja geschenkt?«
»Ich? Dunja?«
»Jawohl, du! Dunja hat sie mir zur Aufbewahrung gegeben. Ich dachte bestimmt, du hättest sie ihr geschenkt, um sie zu bestechen, ihr den Mund zu schließen …«
»Sie hat die Sachen gestohlen. Ich habe sie ihr nicht gegeben, das ist eine Lüge. Wie hast du denken können, daß ich um meiner Liebe willen jemand bestechen könnte! Ich bin ein Weib, ein schwaches Weib, das weiß ich sehr wohl, aber wenn ich liebe, bin ich stolz. Einen Ring zwar habe ich ihr geschenkt, aber nicht, um sie zu bestechen, sondern aus Dankbarkeit für ihre Hilfe. Vielleicht habe ich damals auch auf ihr Schweigen gehofft, aber das ist längst vorüber, jetzt bin ich eine andere, stolz bin ich geworden und fürchte mich nicht wegen meiner Liebe.«
»Verzeih, daß ich schlecht von dir gedacht habe. Ich will dir die Sachen gleich abgeben.«
Er zog wieder den staubigen Rucksack unter dem Bett hervor, wickelte gedankenlos das spitzenbesetzte Frauenhemdchen mit den dunkelbraun gewordenen Blutflecken auf und suchte unter den anderen Schmucksachen Maschenkas Ohrringe und Granatenhalsband heraus. Marja Karpowna schrie auf, als sie all die Schmucksachen sah.
»Wo hast du das alles her? … Also bist auch du ein Dieb?! Von wem hast du das zusammengestohlen? Und da sagst du noch, du wüßtest nichts von meinen Sachen …«
»Das sind nicht meine Sachen.«
»Wessen Sachen sind es denn, die du unter deinem Bett verstecktest?! Und wessen Hemd ist das, sage mir sofort, wessen Hemd ist das?«
»Es sind Nikolkas Sachen, du weißt doch noch – Nikolka, der so plötzlich fort mußte? Er hat sich diese Sammlung angelegt – Geschenke von Verehrerinnen. Auch seine geschnitzten Löffel sind noch da, die er an die Wallfahrerinnen zu verschenken pflegte. Sein Rucksack ist hier geblieben und hat die ganze Zeit unter meinem Bett gelegen …«
»Nikolkas Sachen sind's! … Ach Gott! Nun muß ich dich um Verzeihung bitten, Afonja. Afonja – mein Herz blutet, ich kann keinen zusammenhängenden Gedanken fassen … Vergib mir …«
Ihr Blick fiel wieder auf das Hemdchen, und wieder schrie sie leise auf.
»Und das Hemd, wem gehört das Hemd? Sprich! …«
Nikolkas und Fenjas Liebe fiel ihr ein; leise, mit belegter Stimme sagte sie:
»Vielleicht ist es ihr Hemdchen …«
Afonka verstand die Anspielung auf Fenja; auch ihm war dieser Gedanke gekommen …
Maschenka stellte keine weiteren Fragen; erst als sie sich verabschiedete, fragte sie:
»Hast du sie gerettet? … Kann ich mich darauf verlassen? …«
»Ich habe sie gerettet!«
»Dann mußt du fort von hier! … Gehe hin zu ihr!«
Sie schieden, herzlich wie Bruder und Schwester und doch bereits wie entfremdet – etwas Trennendes war zwischen sie getreten. Ruhig und gefaßt gingen sie auseinander, nur das Herz schlug beiden heftig – aus verschiedenem Grunde.
Maschenka hatte gesagt, er solle zu Fenja gehen – da war ihm die Erleuchtung gekommen; klar und deutlich lag sein Weg jetzt vor ihm.
Er kehrte in die Wirtsstube zurück, saß ruhig die Zeit bis zu Geschäftsschluß ab, nahm die Tageskasse an sich und ging zum letztenmal in seine Kammer, um seine Habseligkeiten einzupacken. Er wickelte das Hemdchen auf, schüttete die Schmuckstücke in eine alte Socke, die er in Nikolkas Rucksack warf, und verbarg das Hemdchen ganz unten in seinem eigenen Rucksack. Die Tageseinnahme ließ er auf dem Tisch liegen, schloß das verbogene Hängeschloß an der Kammertür ab und ging über den Hof, am Häuschen des Hausknechts vorbei, nach Penji – zu ihr, zu seinem Stern von Bethlehem, zu der kleinen Fenja.
Auf der Brücke über die Oka sah er sich um – niemand war in der Nähe – und warf Nikolkas Rucksack in den Fluß. Damals, als er seinem Freunde die Sachen entwendete, hatte er sich für den Fall der Not sichern wollen; jetzt, an diesem feierlichen Tage, da sein Stern von Bethlehem im Aufgehen war, wollte er saubere Hände haben; jetzt gab es für ihn nichts weiter auf der düsteren Welt als sie. Als er das schwarze Rucksäckchen in die Fluten geworfen hatte, war ihm, als hätte er endgültig den Klosterstaub von den Füßen geschüttelt.
IX
Inhaltsverzeichnis
Dunja kehrte am Abend mit Maschenkas schön gestickter Wäsche zurück und wunderte sich, daß Afonja, der nächtliche Wächter, nicht zu sehen war. Vor Freude bat sie Marja Karpowna um Urlaub und lief schnell zu ihm hinunter. An seiner Tür hing ein Schloß. Sie meinte, er sei auf die ganze Nacht in die Vorstadt gegangen, um mit den Burschen zu bummeln, und ging ruhig zu Bett.
Am nächsten Morgen rief Marja Karpowna sie in ihr Schlafzimmer; sie sollte das Bett richten. Dunja trat ein.
»Hier hast du deinen Ring …«
Maschenka reichte ihr den Ring mit den Vergißmeinnichtrosetten. Dunja sperrte vor Entsetzen den Mund auf.
»Woher haben Sie ihn?«
»Afanaßij Timofejewitsch hat mich gebeten, ihn dir zu übergeben.«
»Mir zu übergeben?! Wo ist er denn selbst?«
»Ich weiß nicht. Er ist fortgegangen.«
»Wohin ist er denn gegangen?«
»Ich weiß nicht.«
»Und wann kommt er zurück?«
»Nie.«
»Was?!«
Das Mädchen brach jäh zusammen. Auf dem Fußboden hockend, stammelte sie, tränenüberströmt:
»Wie ist denn das so plötzlich gekommen? Zu Mariä Schutz, am ersten Oktober, ist doch unsere Hochzeit! … Das kann ja nicht sein … Ich bin im vierten Monat, und da hat er mich verlassen … Was soll ich denn nun mit dem Kinde tun? … Wie ist denn das nur möglich! … Ich sage es dem Herrn selbst, der wird ihn schon finden, der wird ihn zwingen, mich zu heiraten … Und was soll denn das mit dem Ring? Wie kommt mein Ring in Ihre Hände? … Was bedeutet das alles? Was soll ich denn jetzt tun? …«
Halb irr vor Schmerz, raufte sie sich die Haare, zerrte am Blusenkragen, – die weißen Knöpfchen sprangen ab, das Hemd riß, sie beugte den Kopf bis an die Knie hinab und kroch auf Maschenka zu, wollte sie bitten, sie anflehen, ihr ihren Afonka zurückzugeben, denn in ihrem Hirn brannte der Gedanke, daß Marja Karpowna an allem schuld sei, daß sie wisse, wo er sei, daß sie ihn selbst fortgeschickt, ihn verborgen habe, um ihn von ihr, seiner Braut, zu trennen und für sich allein zu haben.
Es war, als hätte Maschenka alle Tränen, alles Mitgefühl in den letzten Nächten verausgabt, als sie so viel geweint, so schwer unter der bevorstehenden Trennung gelitten hatte. Sie nahm – nicht aus Wut oder Eifersucht, sondern in aufwallender Erbitterung über ihre eigene Qual – aus ihrer Tasche die Ohrringe und Granaten heraus, schüttelte sie klirrend vor Dunjas Ohren und flüsterte:
»Auch die Granaten und Ohrringe hat er mir zurückgegeben. Er wußte nicht, daß es gestohlenes Gut war, dachte, ich hätte dich durch Geschenke bestechen wollen … Da sind sie, siehe sie dir an … Herrlich diese Saphire … Er hat sie mir selbst gebracht, mein Afonja, denn mein war er, mein, nicht dein, war immer mein, all die Zeit über … Hier, da sind auch die Granaten … Mir hat er sie gebracht!«
Irgendwo in der Tiefe huschte es Dunja durch das Bewußtsein, daß Afonja weder sie noch die Gnädige geliebt habe, daß da noch etwas sei, wovon sie nichts wußte und was sie sich nicht vorstellen konnte. Dann aber überkam sie tierische Eifersucht, sie sprang vom Fußboden auf und drückte ihrer Herrin ihre Nägel in die Augen. Maschenka ächzte, warf die Arme empor und umklammerte Dunjas Hände, um sie von ihrem Gesicht zu lösen. So unerträglich war der Schmerz in ihren Augen, daß sie nicht merkte, wie sie Dunjas Hände noch fester auf ihr Gesicht preßte, bis sie plötzlich, ebenfalls mit tierischer Wut, den Kopf zurückschnellte und ihre Zähne tief in eine Hand des Mädchens grub.
Vor Wut kreischend schrie Dunja:
»Das hast du gemacht … Du hast ihn vor mir versteckt, Hure! … Sprich, wohin hast du ihn geschafft? … Sonst lasse ich dich nicht lebend frei … Sprich, wo ist er?«
Wie eine Irre – eine krampfhafte Kraft spannte ihre Arme – warf sich Dunja aufs neue auf ihre Herrin, umkrallte ihre Kehle, so daß Maschenkas Atem stockte, und stürzte sie rücklings auf das Bett. Instinktiv spürte Maschenka, worin ihre Rettung lag, und suchte ihrer Angreiferin mit den Füßen einen Schlag gegen den Leib zu versetzen. Gleich beim ersten Fußtritt, der sie traf, krallte Dunja vor Schmerz ihre Finger noch ungestümer zusammen, so daß sie fühlte, wie ihre Fingerspitzen glühten und es wie unter Nadelstichen in ihnen prickelte, während sie mit der anderen Hand Maschenkas ausschlagende Füße abwehrte. Maschenka schien es jetzt nur so, als versetze sie Dunja Tritte gegen den Leib und schlüge sie mit den Händen ins Gesicht, auf die Augen, weil ihre eigenen Augen noch immer sinnbenehmend schmerzten. In Wirklichkeit aber zuckten nur noch die Muskeln ihrer Beine, die hilflos über den Bettrand herabhingen, und ihre Arme regten sich nicht, nur ihre Finger bewegten sich krampfhaft. Ihr war, als sinke sie in einen Abgrund, in eine Leere, und brauche nur etwas zu ertasten, woran sie sich anklammern könne, um sich zu retten, ihren Sturz aufzuhalten. Und jede Empfindung, jeder Gedanke flammte blitzschnell auf, bohrte sich ins Bewußtsein und erlosch ebenso schnell, von neuen, sich hastig überstürzenden zahllosen Bewußtseinsblitzen verdrängt, dessen letzter der Tod war.
Erst als Dunja Maschenkas heiseres Röcheln vernahm, begriff sie, daß sie ihre Herrin erwürgt hatte. Sie zog ihre Hand zurück, riß sie mit einem Ruck gleichsam aus Maschenkas Kehle, so fest hatten sich ihre krampferstarrten Finger in den Hals ihres Opfers gebohrt. Auf der weißen Haut traten rote Kreise hervor, fünf an der Zahl, glühten dunkelrot auf und wurden langsam lilafarben.
Stundenlang, bis zum Anbruch der Dunkelheit, kauerte Dunja, zerzaust, in zerrissener Bluse, auf dem Teppich neben dem Bette, den Blick auf die in schwarzen Lackschuhen steckenden herabhängenden Füße ihrer Herrin gerichtet. Sie hatte die Ohrringe und das Granatenhalsband, die Maschenkas Hand entglitten waren, als Dunja ihr die Finger in die Augen bohrte, vom Fußboden aufgehoben, die Ohrringe fest in eine Hand gepreßt und fingerte die Granaten und Perlen wie einen Rosenkranz.
Sie hörte nicht, wie Kaßjan Parmjonytsch nach Hause kam, der, verlegen über seine überstürzte Rückkehr, brummend sagte, als er über die Schwelle des Schlafzimmers trat:
»Was ist das hier für eine Todesstille? Hat man euch alle erdrosselt?«
Dunja, durch seine Worte aus ihrer Erstarrung aufgeschreckt, sprang vom Fußboden auf und stammelte wie irr:
»Ja, ich habe sie erwürgt, Kaßjan Parmjonytsch – erwürgt.«
Im Halbdunkel konnte der Alte noch nichts sehen, er fragte zornig:
»Wen hast du erwürgt?«
»Marja Karpowna, Ihre Gattin …«
»Wie? Erwürgt hast du sie?! …«
»Ja, mit diesen Händen … Sie hat's mit meinem Afonka gehalten. Auch dann noch, als ich seine Braut, seine Frau geworden war, auch dann noch hat sie ihn immer zu sich kommen lassen, hat mit ihm geschlafen … Darum habe ich sie … ich sie … mit diesen Händen …«
Sie hob und schüttelte die Hände, wobei die Schmucksachen klirrten, was ihre Aufmerksamkeit auf diese lenkte.
»Um mich schweigen zu machen, hat sie mich bestochen, machte mir allerlei Geschenke, hier, diese Ohrringe hat sie mir geschenkt, als Sie, Kaßjan Parmjonytsch, neulich auf drei Tage verreisten. ›Hier, Dunja‹, sagte sie, ›da hast du was zum Andenken‹. Schweigen sollte ich dafür und Afonja in der Nacht zu ihr lassen. Ich gab sie ihm zur Aufbewahrung und dachte, na, mag er denn zum Schluß noch einmal hingehen, mag sie vor meiner Hochzeit ihn noch einmal umarmen, durch die paarmal werde ich nicht ärmer werden … Und ein anderes Mal schenkte sie mir die Granaten, hier – diese –, das war ganz vor kurzem, in diesen Tagen, die gab ich auch Afonka zur Aufbewahrung und ließ ihn wieder zu ihr – zum letzten, allerletzten Male sollte es sein. Und wieder hat er dann hier bei ihr geschlafen … Petrowitsch hat Ihnen die Wahrheit gesagt, aber Afonka hatte mir den Kopf verdreht … ›Laß, Dunja‹, hat er gesagt, ›ich liebe die Gnädige ja doch nicht, ich liebe nur dich allein, ich muß aber nett zu ihr sein, weil der Chef mir ein wichtiges Geschäft anvertraut hat, und da muß ich mich an die Gnädige halten, um über die Angelegenheit immer unterrichtet zu sein. Gedulde dich noch ein wenig, zu Mariä Schutz heiraten wir, und dann bin ich mein eigener Herr, gebe meine Stelle auf, und die Gnädige sieht mich nicht wieder.‹ Und auch in der Badestube war sie mit ihm, da hatte er, der Halunke, mir auch wieder zugesetzt. ›Rette sie‹, hat er gesagt, ›wenn etwas vorfällt. Bevor die Sache mit dem Alten nicht zu Ende gebracht ist, mußt du mir beistehn‹. Seit jenem Tage bin ich schwanger von ihm, in der Badestube damals haben wir uns geliebt – jetzt bin ich im vierten Monat. Was soll ich denn nun machen, Kaßjan Parmjonytsch? … Mein Afonka ist ja nicht mehr da …«
»Nicht mehr da? Was heißt das? Wo kann er denn geblieben sein?«
»Sie hat mir selbst gesagt, daß er nicht mehr zurückkommt … So ein Halunke! Hat sich mit mir vergnügt, und nun ist er fort … Sie steckten beide unter einer Decke, und sie hat ihn fortgeschickt … Denn ihre Geschenke, die Ohrringe und Granaten, hat er ihr zurückgegeben, es war ihr leid um sie geworden … Das haben sie zusammen ausgeheckt. Gestern abend ist er verschwunden. Mich hatte sie zu den Nonnen nach ihrer Wäsche geschickt, und während meiner Abwesenheit haben sie hier reinen Tisch gemacht. Und heute früh hat sie mich dann noch verhöhnt, mir die Ohrringe und Granaten unter die Nase gehalten … Das war wie ein Messerstich ins Herz, und als sie dann noch sagte, mein Afonja sei fort, und ich würde ihn nie wiedersehen, da überkam mich Wut und Verzweiflung. Ich krallte ihr die Finger in die Augen, da biß sie mich in die Hand. Um mich zu wehren, packte ich sie an der Gurgel, und ich weiß gar nicht, wie es gekommen ist, plötzlich war sie tot, ich hatte sie erwürgt … Die lautere Wahrheit habe ich Ihnen gesagt, Kaßjan Parmjonytsch, wie vor Gottes Angesicht – jetzt machen Sie mit mir, was Sie wollen.«
Der Alte schwieg, zupfte an seinem Bärtchen, kniff die Augen zusammen, atmete schwer, lächelte höhnisch … Als Dunja verstummte, sagte er:
»Ist ihr recht geschehen …«
»Und was wird nun aus mir? … Kaßjan Parmjonytsch, Väterchen! …«
Mühsam atmend, brummte der Alte:
»Geheiratet habe ich sie, ihren Fehltritt gedeckt, geschworen hat sie mir, ein ehrbares Leben zu führen, und wie eine Dirne hat sie dann gelebt … Was mit dir geschehen wird?« Ihm war der Gedanke gekommen, ob er die Schuld nicht auf sich nehmen sollte, denn ihm, dem betrogenen Ehemann, würde nichts geschehen. Die Vorstellung, es könne bekannt werden, daß seine Frau sich mit ihrem Dienstmädchen in den Hausfreund geteilt hatte, war ihm unerträglich. Aber er mußte sich erst überlegen, ob er sich durch einen solchen Schritt wirklich nicht gefährdete. So fuhr er denn fort: »Vielleicht gar nichts, wollen mal sehen … Rufe Wassilij herauf und bringe mir Tee! Vorerst bist du jetzt Hausherrin hier, kennst ja alle meine Gewohnheiten … Nachher sehen wir weiter.«
Dunja brachte ihm Tee ins Speisezimmer, ging in die Wirtsstube und kehrte mit Wassilij zurück.
»Wo ist der Geschäftsführer?«
»Von heute Morgen an war er nicht da, hat auch kein Kleingeld zum Wechseln dagelassen; ich habe mehrmals nachgeschaut – die Tür zu seiner Kammer ist abgeschlossen.«
»War er gestern da?«
»Bis zu Geschäftsschluß … Heute aber hat ihn niemand gesehen.«
»Reiß' das Schloß ab, schau' nach in seiner Kammer.«
Wassilij öffnete die Kammer; auf dem Tisch lag Geld, daneben ein dicker Brief mit der Aufschrift: »An den Chef Kaßjan Parmjonytsch. Abrechnung über die Brandstiftung auf Drakins Fabrik. Afanaßij Kaljabin.«
Wassilij brachte Geld und Brief dem Chef. Dem Alten trat der Schweiß auf die Stirn.
»Geh! Wenn ich dich brauche, werde ich dich rufen lassen … Ausgerissen ist der Halunke, daran läßt sich jetzt nicht mehr zweifeln …«
Dunja sagte in weinerlichem Tone:
»Sie, sie steckt dahinter, sie hat das alles mit ihm verabredet … Aber ein Halunke ist er, da haben Sie recht! …«
Den Alten durchzuckte der Verdacht, ob seine Frau nicht mit Afonkas Hilfe Fenja Grakina habe beistehen wollen, ja vielleicht deshalb ein Verhältnis mit ihm unterhalten habe? Vielleicht hatte Afonka ihn an der Nase herumgeführt und sich dann schließlich aus dem Staube gemacht, ohne die Sache zu Ende zu bringen! Hm … Er würde das Feuerchen wohl bis zur zweiten Ratenzahlung aufschieben und Petrowitsch wieder zu seinem Vertrauten machen müssen … Plötzlich drängte es ihn – wie eine Einflüsterung kam es ihn an –, doch einmal in seinem Schreibpult nachzuschauen … Sein Herz hallte schwer und dumpf in banger Vorahnung, während er zur Betstube schritt.
Dunja räumte das Geschirr vom Tisch ab; sie weinte vor Erbitterung und vor Grauen über ihre Tat; ihre fahlen Wangen herab rannen die Tränen und fielen in das Teeglas.
Kaßjan Parmjonytsch zündete eine Kopekenkerze an, mit deren Hilfe er, wie Afonka, das blaue heilige Lämpchen zum Brennen brachte, nachdem er den Docht fürsorglich höher herausgezupft hatte. Gewohnheitsgemäß stieg er darauf auf den Schemel und steckte die Hand hinter das Muttergottesbild – der Schlüssel hing an seinem gewöhnlichen Ort. Alles ist in Ordnung, dachte er hastig, schloß aber trotzdem das Pult auf. Auch hier war alles in gewohnter Ordnung, auch das Kleingeld lag unberührt in sauberen Päckchen da. Er holte die Lederbrieftasche hervor und stöberte darin herum – der Wechsel der kleinen Fenja Timofejewna Grakina war fort!
Eine heiße Blutwelle stieg ihm jäh zu Kopf.
»Ihr Werk, Mar... Ah, ah! …«
Dumpf röchelnd brach er unter den Heiligenbildern zusammen, riß im Sturz das Betpult um, das mitsamt dem blauen Lämpchen auf ihn fiel; das Öl ergoß sich über seinen neuen Kaftan, die Kerzen brachen aus den Haltern und rollten ihm zu Füßen … Dunja hatte das Gepolter gehört und kam, die Lampe in der Hand, eilig herbeigestürzt. Der Hausherr lag reglos auf dem Fußboden. Sie legte die Hand auf seine Brust – das Herz schlug, also lebte er noch. Sie lief in die Küche, holte Wasser, netzte ihm den Kopf, entkleidete ihn und zerrte den schweren Körper mühsam auf das Bett. Der Alte kam zu sich, stieß brummende Töne aus und bewegte die Finger, als riefe er sie heran. Dunja trat auf ihn zu, beugte sich über ihn. Er wies mit den Augen immer wieder nach Maschenkas Schlafzimmer nebenan und dann auf sich, indem er die Lider schwerfällig senkte.
Schließlich begriff das Mädchen.
»Die gnädige Frau? … Ich soll sagen, nicht ich habe sie …«
Der Kranke nickte zustimmend mit dem Kopf.
»Also – Sie selbst haben sie umgebracht?!«
Wieder nickte der Alte.
Dunja sank vor seinem Bett in die Knie.
»Väterchen! Wodurch habe ich diese Gnade verdient?! Vor der Katorga, vor dem Zuchthaus retten Sie mich … Mein Leben lang will ich für Sie, meinen Wohltäter, zum Herrn beten … Bis an mein Lebensende will ich Ihre ergebene Sklavin sein …«
Der alte Kaßjan bewegte krampfhaft den Unterkiefer, wodurch sein weißgraues Bärtchen ins Zittern kam, und kniff die Augen zusammen, so daß sich an der Nasenwurzel feine Fältchen bildeten.
Wassilij war heraufgekommen, um mit dem Alten über die laufenden Angelegenheiten zu sprechen; im Speisezimmer fand er niemand vor, hörte Dunja in der Betstube jammern und eilte hin. Stumm breitete er die Arme aus bei dem Anblick, der sich ihm bot. Der Alte sah ihn an und wies mit den Augen auf Dunja, als wollte er sagen: Sie wird dir alles erzählen … Dunja begann hastig zu sprechen, halb an den Alten gewandt, damit er sie hören und wenigstens durch Brummen bekräftigen könne, daß sie die Wahrheit sage. Dunja berichtete, Kaßjan Parmjonytsch sei unerwartet nach Hause zurückgekehrt, habe durch einen zuverlässigen Menschen erfahren, daß Marja Karpowna mit Afonka, dem nächtlichen Wächter, ein Verhältnis unterhalte, und seine Frau daraufhin eigenhändig erwürgt; sie, Dunja, habe gar nichts gehört, Marja Karpowna habe wohl keinen Ton von sich geben können. Darauf sei Kaßjan Parmjonytsch in seine Betstube gegangen und vor den Heiligenbildern zusammengebrochen, wobei er das Betpult umgestürzt und seinen Kaftan mit Öl befleckt habe; seitdem könne er nicht sprechen, brumme nur. Der Alte lallte nach jedem Satz des Mädchens zustimmend und suchte auch durch die Bewegungen seiner Finger auszudrücken, daß sie die Wahrheit sage.
Lange konnten die beiden nicht begreifen, warum der Alte hartnäckig mit den Augen nach der Ecke wies und dabei krampfhaft brummte; vielleicht störte ihn das umgestürzte Betpult und das geöffnete Schreibpult. Um ihn zu beruhigen, brachten sie alles in Ordnung, legten die Brieftasche in das Fach, klappten den Deckel zu, deckten die lange Samtdecke darüber, hoben das Betpult auf, stellten die Kerzen wieder in die Halter, gossen frisches Öl in das blaue heilige Lämpchen und zündeten dieses sogar an. Afonkas dicker Brief aber, den der Alte in die Brieftasche hatte stecken wollen, war unter das Schreibpult gefallen und hier unbemerkt liegen geblieben.
Wassilij lief verstört in die Wirtsstube hinab und rief den Kellnern zu:
»Schließt die Wirtschaft, bittet die Gäste fortzugehen – ein Unglück ist im Hause geschehen! …«
Er winkte einen Kellner herbei und flüsterte ihm zu:
»Lauf schnell nach einem Arzt! Den ersten, den du antriffst, bring gleich mit, in einer Droschke. Mach' schnell – es steht schlecht mit dem Chef!«
In der Ecke neben der Tür aber saß Lossew und wartete auf Afanaßij Timofejewitsch – es war der letzte Tag heute, da alles endgültig mit dem Brandstifter abgemacht werden sollte; auch so schon waren zwei Monate mit Handeln und Feilschen vergangen, mit Zechereien bei Mädeln in Häusern, vor denen eine rote Laterne brannte. Wenn jetzt im letzten Augenblick etwas dazwischen kam, würde man die ganze Sache von neuem aufziehen müssen …
»Wassilij« – um den Kellner freundlicher zu stimmen, setzte Lossew sogar das Patronymikum hinzu, »Wassilij Nikanorytsch, könnte ich nicht noch hier bleiben? … Ich muß auf Afanaßij Timofejewitsch warten, es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit, Vertrauenssache … im Auftrage des Chefs …«
»Wo sind Sie denn früher gewesen, Iwan Matwejewitsch? …«
»Wie meinen Sie das?«
»Der Rothaarige ist ja gestern schon ausgekniffen.«
»Ausgekniffen? … Kann nicht sein … Wo ist er denn geblieben?«
»Das hat er uns nicht gesagt … Durch seine Schuld ist auch das Unglück geschehen. Ganz im geheimen will ich's Ihnen sagen: Der Chef hat seine Frau erdrosselt … Und ist nachher selbst zusammengebrochen … Liegt starr da, beide Arme gelähmt, auch die Zunge … Lallt nur … Ich habe nach dem Arzt gesandt …«
»Darf ich nicht nach oben, Wassilij Nikanorytsch? Vielleicht ist da nicht nur der Arzt nötig … Der Ausreißer hat eine wichtige, hochvertrauliche Angelegenheit, die vom Chef ausgeht, in meinen Händen gelassen, – die Sache duldet keinen Aufschub … Nur einen Augenblick müßte ich den Chef sehen …«
»Er kann ja nicht sprechen … Aber ich will ihn selbst fragen …«
»Dann warte ich also hier …«
Der Arzt erschien, untersuchte den Kranken, fragte Wassilij: »Wie ist das gekommen?«
Dunja wiederholte, in Gegenwart des Kranken, ihren Bericht in allen Einzelheiten.
»Vielleicht kommt es davon, möglich wäre es schon – die Sache ist grausig genug … Geben Sie mir ein Blatt Papier, ich möchte ein Rezept aufschreiben.«
Wassilij sagte dienstbeflissen:
»Sofort, ich hole gleich welches …«
Er lief in die Wirtsstube hinab. Der Doktor – er war Stadtarzt, hatte so manches gesehen und erlebt – musterte aufmerksam, mit geübtem Blick, das Zimmer. Unter dem Schreibpult – die Samtdecke reichte nicht bis an den Fußboden – sah er etwas Weißes hervorblicken, hob es auf – es war ein dicker, unverschlossener Brief der die Aufschrift trug: »An den Chef Kaßjan Parmjonytsch. Abrechnung über die Brandstiftung auf Drakins Fabrik« … Der Arzt stutzte, schüttelte den Kopf, öffnete den Brief, warf einen Blick auf die Schriftstücke darin, riß ein unbeschriebenes Viertelblättchen ab, auf das er ein Rezept niederschrieb, und ließ das Päckchen in seiner Rocktasche verschwinden. Er war mit dem Kranken, der mit geschlossenen Augen halb bewußtlos dalag, allein im Zimmer.
Wassilij brachte aus der Wirtsstube Papier, Tinte und Feder.
»Verzeihung, eine neue Feder habe ich nicht aufgetrieben.«
»Ich habe hier schon ein Stückchen Papier gefunden und das Rezept mit Bleistift geschrieben, es geht auch so … Nun lassen Sie mich mal die Tote sehen; ich werde sowieso die Obduktion zu machen haben … Vielleicht kann ich da etwas feststellen, noch bevor der Untersuchungsrichter eintrifft …«
Das Blatt Papier für den Arzt hatte Wassilij von Lossew erhalten, der dann zusammen mit dem Kellner nach oben gekommen war. Bloß um fünf Minuten hatte er sich verspätet – seine Quittung an Afonka über den Empfang von fünfhundert Rubeln in der Drakinschen Angelegenheit lag mit den übrigen Papieren in der Tasche des Arztes.
Der Arzt warf einen Blick auf Marja Karpowna – die Sache war klar, offenbar hatte sich alles in der üblichen Weise abgespielt. Er untersuchte die Tote nicht näher, nahm eine Droschke und fuhr zu Kirja Drakin, seinem alten Freunde …
Nachdem der Arzt die Betstube verlassen hatte, stand Lossew über eine Stunde wartend am Bett des Kranken, bis dieser schließlich wieder zu sich kam und zu trinken bat, indem er die Lippen schmatzend bewegte. Dunja hielt ihm ein Glas Wasser an den Mund, Kaßjan Parmjonytsch trank, sank in die Kissen zurück und bemerkte Lossew; ein freudiges Lächeln deutete sich durch kleine Fältchen an der Nasenwurzel an.
»Wie ist das nur gekommen, Kaßjan Parmjonytsch?«
Der Alte wies mit dem Kopf nach dem Schreibpult … Lossew kam gleich der Gedanke an Afonka, als er begriffen hatte, daß der verzweifelt brummende Alte auf das Pult wies.
»Ich würde gern allein mit Ihnen sprechen, Kaßjan Parmjonytsch, unter vier Augen … Mir ist da etwas in den Sinn gekommen, eine Frage hätte ich an Sie zu stellen … Vielleicht soll Ihr Dienstmädchen hinausgehen?«
Der Alte nickte.
»Bloß auf einen Augenblick … Ich habe nicht viel zu sagen …«
Dunja ging hinaus und blieb lauschend hinter der Tür stehen: vielleicht würde sie jetzt Afonkas eigentliches Geheimnis erfahren … Doch Lossew hatte sich über den Kranken gebeugt und sprach im Flüsterton:
»Vermissen Sie nicht am Ende etwas? …«
Wieder nickte der Alte.
Jäh kam Lossew die Erleuchtung:
»Sollte etwa der Wechsel des Fräulein Grakina verschwunden sein? …«
Der ganze Körper des Alten zuckte zusammen; bejahend brummte er.
»Habe ich Ihnen nicht gesagt – seien Sie mir nicht böse, Kaßjan Parmjonytsch, daß ich es in einer für Sie so schrecklichen Stunde erwähne – habe ich Sie damals nicht gewarnt? Tja … Aber Sie wollten sich durchaus nach altem, freundschaftlichem Brauch mit einem einfachen Wechsel zufrieden geben, ich aber riet Ihnen, eine Hypothek auf die Häuser zu nehmen, beim Notar ausgefertigt; dann hätten Sie nichts zu fürchten gehabt, jetzt aber ist Ihr Geld fort … Zwar das große Geschäft mit der Kombination wäre dann nicht möglich gewesen … Aber ich verspreche Ihnen hier, vor Gottes Angesicht verspreche ich Ihnen, ihn zu finden … Mir soll er nicht entwischen, der Lump …«
Er rief Dunja zu dem Kranken, die ihm wieder alles der Reihe nach erzählte, um noch einen Zeugen zu haben, daß der Hausherr selbst seine Frau erdrosselt habe, und der Alte nickte wieder bestätigend mit Kopf und Augen und brummte zur Bekräftigung …
»Es ist spät geworden, Kaßjan Parmjonytsch, ich komme morgen früh wieder vor, wir überlegen dann, was tun, bevor noch der Untersuchungsrichter da ist. Jetzt muß ich nach Hause zu Frau und Kind, tja … Wünsche Ihnen gute Besserung …«
Es war nach Mitternacht, als Lossew sein Häuschen an der Kleinbürgerstraße erreichte und an einem Fensterladen klopfte, zum Zeichen, daß er es selbst sei. Seine Frau ließ ihn ein und erzählte erregt:
»Wanja, ein Arzt war hier, hat nach dir gefragt, er müsse dich unbedingt noch heute in einer dringenden Angelegenheit sprechen … Er wollte noch einmal herankommen …«
»Was für ein Arzt, wie heißt er?«
»Ich weiß nicht, ich kenne ihn nicht.«
Lossew stand noch überlegend im Vorzimmer, als der Stadtarzt Bolotow wieder erschien; er sagte zu Lossew:
»Ziehen Sie sich nicht aus, begleiten Sie mich ein Stückchen. Wir können draußen sprechen – ich habe noch einen Gang zu machen.«
Draußen auf der dunklen Straße sagte der Arzt kurz angebunden:
»Hören Sie, Lossew, ich komme soeben von dem Herrn Ingenieur Drakin. Die Angelegenheit mit der Brandstiftung ist ihm bekannt. Sie wissen ganz genau, wovon ich spreche, denn Sie sind an der Sache beteiligt. Wir haben eine von Ihnen ausgestellte Quittung über den Empfang einer größeren Geldsumme als Teilzahlung für Ihre Bemühungen in der Sache; auch auf der Quittung eines gewissen Wanja Kain – den Sie ja wohl sehr genau kennen – über eine Anzahlung befindet sich Ihr Name; außerdem, hatten Sie auch allerlei Ausgaben in Verbindung mit der Angelegenheit – an eine gewisse Manja Dohlchen, und anderes mehr … Alle Einzelheiten, bis auf die geringste Kleinigkeit hinab, sind uns aufs genaueste bekannt. Außer den unmittelbar Beteiligten wissen von dem Wechsel nur Kaljabin, Sie und noch eine Persönlichkeit auf Drakins Seite, die ich nicht nennen will. Also nun hören Sie zu: Falls Sie zusammen mit Ihrem Auftraggeber, der sich wohl erholen dürfte, in Sachen der Brandstiftung auf Drakins Fabrik nicht auf die Anklagebank kommen wollen – und was Ihnen in diesem Falle bevorstünde, ist Ihnen als Rechtsanwalt wohl nur zu gut bekannt – so merken Sie sich, daß es Ihres Wissens nie einen von Fjokla Timofejewna Grakina unterzeichneten Wechsel auf den Namen des Großkaufmanns Klimow gegeben hat – solange der Großkaufmann schweigt. Falls dieser es vorziehen sollte, die Gerichte anzurufen, sind Sie Ihres Wortes natürlich entbunden. Ist Ihnen das klar? Haben Sie irgendwelche Einwände zu machen?«
Ganz vernichtet stammelte Lossew:
»Nein, Herr Doktor, ich habe nichts zu sagen … Sie haben ja gesehen – ich bin Familienvater.«
»Schön. Und für Ihre Bemühungen in der Brandstiftungssache erhalten Sie hiermit dreitausend Rubel ohne Zeugen und Quittung. Habe die Ehre!«
Kopfschüttelnd kehrte Lossew in sein Häuschen zurück. Er konnte nicht begreifen, wie selbst solche Einzelheiten, wie der lustige Abend mit der Manja – aus einem Hause mit roter Laterne –, bekannt geworden waren. Die Freude über das unerwartete Geschenk von dreitausend Rubeln aber verdrängte alles andere. Das sind mir Leute, dachte er bei sich auf dem Rückwege, mit denen müßte ich sehen eine Sache zu drechseln, die würden anders bezahlen als der alte Klimow …
Am nächsten Tage ging er nicht zu Kaßjan Parmjonytsch, blieb bis neun Uhr im Bett liegen, was er sich sonst selbst an Feiertagen nicht erlaubte, ja gab sogar seine Frau erst um acht frei, war so zärtlich wie ein verliebter Junge in der Hochzeitsnacht. Seine Frau wunderte sich und war glücklich …
»Aber Wanja, was ist bloß in dich gefahren? Du strahlst, als hättest du Geburtstag? … Lange schon bist du nicht so ungestüm gewesen und hast mich ganz verrückt gemacht … auf meine alten Tage!«
»Mit fünfunddreißig Jahren hältst du dich für alt? Lächerlich, meine Liebe! … Und heute ist wirklich ein Festtag für mich, tja – was für einer, kann ich dir nicht sagen, es ist ein Geheimnis! Aber du hast recht, ich fühle mich wahrhaftig wie ein Geburtstagskind … Dies Hochgefühl kommt einem ganz von selbst, wenn einem unerwartet dreitausend Rubel in den Schoß fallen …«
Klimow brummte und lallte, wies auf die Tür, wartete ungeduldig auf Lossew, doch Lossew kam und kam nicht. Nach zwei Monaten konnte Kaßjan Parmjonytsch wieder die Hände bewegen, kritzelte seine Wünsche auf Papierfetzen und ließ den Notar kommen. In Gegenwart seines Arztes und eines Priesters machte er feierlich sein Testament, damit es später nicht angefochten werden könnte; bei klarem Bewußtsein und im Besitz seiner vollen Geisteskräfte, wie der sakramentale Schlußsatz lautete, vermachte er sein ganzes Vermögen der Bauernwaise Jewdokia Semjonowna Denißowa, bisher einfach Dunja genannt.
Der Arzt der ihn behandelte – es war nicht mehr der simple Stadtarzt, sondern eine medizinische Berühmtheit –, sagte nach dem feierlichen Frühstück, als die übrigen Teilnehmer bereits fortgegangen waren, nach einem Blick auf ihren gerundeten Bauch, im Vorzimmer zu Dunja:
»Sehen Sie sich vor, Sie dürfen mit Kaßjan Parmjonytsch jetzt nicht in geschlechtlichen Verkehr treten, sonst würde sein Tod auf Ihr Gewissen fallen … Verstehen Sie? …«
Dunja sah ihn verständnislos an und schüttelte verneinend den Kopf.
»Sie dürfen fürs erste nicht mit Kaßjan Parmjonytsch schlafen. Vergessen Sie das nicht.«
Dunja wurde rot und dachte: Er meint, ich hätte den Bauch von dem Alten …
Die Worte des Arztes hatten sich ihr fest eingeprägt und gaben ihr keine Ruhe – möglichst bald wollte sie hier unabhängig als Herrin walten. Vom ersten Tage an, seit er sie zur Hausfrau bestellt hatte, hatte sie auch die Pflege des Kranken übernommen und wurde von allen voll Ehrfurcht Jewdokia Semjonowna tituliert. Das Schmuckkästchen der Verschiedenen hatte sie als ihr Eigentum an sich genommen und war aus dem Vorzimmer in das eheliche Schlafgemach übergesiedelt, trotzdem ihr der Gedanke unangenehm war, daß Afonka die Gnädige auf dem Bette, in dem sie jetzt schlief, geküßt und umarmt hatte. Sie schlief abwechselnd eine Nacht im Schlafzimmer, die nächste auf dem Fußboden neben dem Bette des Alten, damit er, allein mit seinen Heiligenbildern, sich nicht gar zu vereinsamt fühle. Nach der Warnung des Arztes blieb sie noch öfter die Nacht über bei Klimow, betete beim Schein der Krankenlampe, die die ganze Nacht über brannte, vor den Heiligenbildern und zog sich dann langsam und umständlich aus, damit der Alte etwas zu sehen bekäme, denn wenn ihr Leib sich auch merklich wölbte, so war sie doch sonst rund und mollig wie eine echte Kaufmannsfrau geworden. Einmal sah sie der Alte wieder lange und aufmerksam an, rief sie schließlich an sein Bett und sagte stotternd:
»D-du k-könn-tt-est einmal auch ein b-bißchen n-nett zu m-mir sein-n-n …«
Er lächelte, kniff die Augen zusammen, Fältchen hüpften um die Nasenwurzel …
So war sie denn nett zu ihm, und zwar so gründlich, daß Kaßjan Parmjonytsch am nächsten Morgen einen zweiten Schlaganfall bekam und nicht mehr sprechen konnte.
Der berühmte Arzt wurde geholt, sah den Kranken an und sagte, als er im Vorzimmer seinen Pelz anzog, scherzend zu Dunja:
»Gestehen Sie mal … Sie haben was mit dem Alten gehabt? …«
Dabei blickte er wieder auf ihren Bauch, als handelte es sich darum.
Einen Monat später trat der dritte Schlaganfall ein, und Kaßjan Parmjonytsch wurde auf den Johannisfriedhof gebracht.
Als ihr Sohn Wassilij Afanaßjewitsch Kaljabin geboren wurde, war Jewdokia Semjonowna Denißowa alleinige Besitzerin des Klimowschen Vermögens und seiner Unternehmungen und Kauffrau der ersten Gilde, entsprechend den Satzungen und Gesetzen des Russischen Reiches.
3. Buch.
Der Stern von Bethlehem
Inhaltsverzeichnis
I
Inhaltsverzeichnis
Eine Laterne stand vor dem Hause, eine ganz gewöhnliche Petroleumlaterne auf einem knorrigen Eichenpfosten, und blinkte Afonka zu, als er nach Penji kam. Schmutz gluckste unter seinen Füßen, der lange Kaftan wurde vom Winde aufgerissen – in der Dunkelheit konnte man sich in den Haken nicht zurechtfinden; unter den Mützenschirm drang ein feiner Herbstregen. Niemand kreuzte seinen Weg, keine Menschenseele war zu sehen, frei lag die Welt vor ihm. Er schritt über den Platz und stieß gerade auf die Laterne.
Er betrachtete die Gebäude – ein zweistöckiges Backsteinhaus und ebensolche Speicher; es stimmte, das war Drakins Fabrik.
»Was suchst du hier?«
Es war Wanja Kain, der Kaljabin in der Dunkelheit anfuhr.
»Hast mich wohl nicht erkannt?«
»Ah, Afanaßij Timofejewitsch! Wo haben Sie denn die ganze Zeit gesteckt? Wir haben mit Lossew gewartet und gewartet. Jetzt wache ich hier auf der Straße, in acht Tagen werde ich Nachtwächter auf der Fabrik.«
»Ausgezeichnet, Wanja, halt' gute Wacht. Schlafen sie schon?«
Er wies mit dem Kopf nach den dunklen Fenstern des Hauses, klingelte lange, bis es hinter den Fenstern hell wurde.
»Wer ist da?«
»Ich muß Fjokla Timofejewna sprechen oder den Herrn Ingenieur selbst.«
»Wer sind Sie denn?«
Wanja Kain, der sich hier bereits zu Hause fühlte, stand ihm bei:
»Machen Sie auf, ich kenne den Mann.«
Die Kette klirrte, knarrend ging die Tür auf. Mit wehendem Kaftan, den Rucksack über der Schulter, stapfte Afonka ins Vorzimmer hinauf. Zwei Türen weiter hörte er den Ingenieur in seinem Zimmer hin und her laufen, hüsteln, ausspucken, Streichhölzchen anzünden, bis dieser schließlich, mit verschlafenem Gesicht, im Schlafrock, die Pfeife im Munde, herauskam und unzufrieden brummte:
»Was wollen Sie? Wer sind Sie?«
»Kaljabin ist mein Name, ich bin Geschäftsführer bei Klimow – ich war im vorigen Jahr zugegen, als Fjokla Timofejewna den Wechsel unterzeichnete. Ich möchte in einer vertraulichen Angelegenheit das Fräulein oder Sie sprechen – unter vier Augen.«
Kirill Kirillowitsch stieß eine Rauchwolke hervor und sagte ebenso brummig und verschlafen:
»Sprechen Sie hier. Um was handelt es sich?«
»Es ist eine umständliche Sache, in zwei Worten läßt sich das nicht sagen.«
Kirill Kirillowitsch wandte sich zum Gehen, Afonka flüsterte ihm zu:
»Es handelt sich um eine Brandstiftung …«
Die verschlafenen Augen des Ingenieurs öffneten sich plötzlich groß und weit.
»Eine Brandstiftung? Bei wem?«
Er führte ihn in sein Arbeitszimmer.
Afonka berichtete wahrheitsgetreu, wie Klimow durch ihn Leute hatte dingen lassen, um vor dem Zahlungstermin die Taufabrik und die Hanflager in Brand stecken zu lassen – daß der neue Nachtwächter eben jener gedungene Brandstifter sei – von den übrigen Beteiligten, von Lossew, dem Kuppler, von Manja Dohlchen, die mit Wanja Kain gebummelt und ihn betrunken gemacht hatte, von den beiden anderen Burschen aus der Vorstadt.
»Die Hauptsache aber kann ich nur in Gegenwart des Fräuleins sagen, weil die Angelegenheit ja vor allem sie angeht; Sie tragen nur die Verantwortung vor ihr … Man wird das Fräulein wecken müssen …«
»Fjokla Timofejewna ist müde, sie hat Besuche gemacht und gepackt, übermorgen reist sie nach Petersburg … Sagen Sie es mir.«
»Und wenn auch, geweckt muß sie werden. Ich gehe nicht eher fort.«
Wütend über den aufdringlichen Störenfried, dem er Dank schuldete, und von Neugier geplagt, entschloß sich Kirill Kirillowitsch, seine Nichte zu wecken.
Als er mit ihr zurückkehrte, hörte man ihn im Gang unwillig brummen:
»Weiß der Teufel, was er will – scheint halb verrückt zu sein … Die Hauptsache, wie er sich ausdrückt, will er nur in deiner Gegenwart sagen …«
Die kleine Fenja hielt beim Eintreten den Kimono über der Brust zusammen, unter dem sie nur Hemd und Strümpfe anhatte. Den Rücken hinab hingen zwei pralle Zöpfe, unter dem Häubchen hervor guckten, kleinen Hörnern ähnlich, Papierpapilloten. Auch ihre Augen waren verschlafen und blickten, im Träumen unterbrochen, traumverloren. Ihre Hände fühlten sich noch bettwarm an.
»Also hier ist Fräulein Grakina, sprechen Sie.«
»Sie haben mich wohl ganz vergessen, Fjokla Timofejewna? Erkennen mich nicht mehr?«
»Doch …« sagte Fenja ein wenig unsicher.
»Na, es wird Ihnen schon einfallen … Ich habe Ihnen da einen Fetzen Papier gebracht, den lesen Sie durch und behalten ihn – Sie werden mich dann nie mehr vergessen … Ich weiß, was ich sage. Gleich …«
Die kleine Fenja und Kirill Kirillowitsch sahen ihn verwundert an; der Ingenieur dachte bei sich, der Mann sei verrückt oder ein abgefeimter Spitzbube, und biß ungeduldig auf seine Pfeife, die auf und ab zuckte.
Afonka schlug den Kaftan auseinander, zog aus der Westentasche ein doppelt zusammengefaltetes Stück Papier hervor und reichte es ihr. Kirill Kirillowitsch warf über Fenjas Schulter einen Blick darauf und nahm ihr das Schriftstück aus der Hand.
»Wie kommen Sie zu Fjokla Timofejewnas Wechsel?«
»Ich gebe ihn also Fjokla Timofejewna zurück, damit sie mich nie mehr vergesse.«
Er schnappte den Wechsel aus Drakins Fingern, riß ihn mitten durch und reichte die eine Hälfte der kleinen Fenja.
»Es ist nun aus und zu Ende mit ihm; hier, bitte schön, Fräulein. Das war denn also die Hauptsache, und nun muß ich gehen. Vielleicht werde ich schon gesucht, muß auch fortreisen …«
Fenja sah ihn verständnislos an, drehte sich um und verließ wortlos das Zimmer. Afonka fühlte sich verletzt – er hatte ihr Vermögen gerettet, und nicht einmal danke hatte sie ihm gesagt! …
Kirill Kirillowitsch sagte im Geschäftston:
»Setzen Sie sich, Kaljabin. Der Wechsel ist vernichtet und hat seine Gültigkeit verloren. Dadurch allein aber wäre meine moralische Verpflichtung, das aufgenommene Geld zurückzuzahlen, nicht erloschen. Jedoch fühle ich mich in keiner Weise einem Manne gegenüber gebunden, der sich durch ein Verbrechen auf meine Kosten bereichern wollte. Der Schaden, der mir dadurch entstanden wäre, läßt sich nicht überschauen, jedenfalls hätte das meine Lebensarbeit vernichtet, und was ich noch übrig behalten hätte, wäre drauf gegangen, meiner Nichte den Verlust ihrer Häuser zu ersetzen, die das Mehrfache dessen wert sind, wofür Klimow sie an sich bringen wollte. Falls Klimow sich zu Unrecht geschädigt fühlen sollte, kann er mich verklagen; er wird sich aber wohl hüten, das zu tun, und einsehen, daß er den Denkzettel reichlich verdient hat .. Nun komme ich zu Ihnen. Wieviel verlangen Sie für Ihren Dienst?«
»Nichts.«
»Wie meinen Sie das? Es handelt sich um eine Summe von dreimalhunderttausend Rubeln.«
»Das weiß ich, ich kenne die Sache ja besser als Sie. Aber Geld nehme ich nicht. Nicht deshalb bin ich hergekommen.«
»Würden Ihnen zwanzigtausend genügen?«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, ich brauche nichts. Lassen Sie mich jetzt gehen. Auch für hunderttausend hätte ich es nicht getan, wenn ich nicht … Na, einerlei. Ich gehe jetzt …«
»Zum Teufel noch einmal, so reden Sie doch vernünftig! Also wieviel wollen Sie haben? Genügen Ihnen fünfzigtausend? Was soll das Theater?!«
»Schön denn, von dem Fräulein selbst würde ich schließlich tausend Rubel annehmen, als Notgroschen für die erste Zeit …«
»Wiederum nur von ihr selbst? Weiß der Kuckuck, was mit Ihnen los ist! Warten Sie hier, ich hole sie.«
Aufs neue kehrte Kirill Kirillowitsch mit der kleinen Fenja zurück. Sie hatte noch nicht Zeit zum Einschlafen gehabt, und das Blinkfeuer ihrer Träumereien, die um Petrowskij schwebten, war noch nicht erloschen, als sie wieder in ihren Kimono schlüpfen mußte.
»Was will er denn von mir?«
»Nur aus deinen Händen will er eine Dankesgabe annehmen. Ich werde dir fünftausend Rubel zustecken, überreiche sie ihm …«
Sie trat ärgerlich in das Zimmer; böse Fünkchen glommen in ihren verschlafenen Augen; sie sah Afonka gar nicht an.
Der Ingenieur öffnete eine Schublade seines Schreibtisches, zählte mit geübter Hand fünftausend Rubel in Hunderterscheinen ab, steckte sie in einen Umschlag, den er zuklebte – das alles tat er verstohlen, indem er sich den Anschein gab, als zeige er Fenja bloß, wo das Geld lag –, drückte ihr das Päckchen in die Hand und flüsterte ihr zu, sie solle sich bedanken.
»Von Ihnen allein, Fjokla Timofejewna, kann ich das annehmen – von niemand anderem hätte ich es genommen …«
Er nahm das Päckchen mit der Linken in Empfang, ergriff mit der freien Rechten ihre Hand und küßte sie. Hilflos zuckte die geküßte Hand, und hilflos blickte die kleine Fenja ihren Onkel an, wie Schutz suchend, denn ihr war, als streifte sie der Hauch des Schicksals unter diesem Handkuß. Ihr Onkel stand neben ihr und sah ruhig zu, als vollziehe sich etwas Unvermeidliches, und dachte bei sich, der Mann müsse wohl nicht ganz normal sein. Nach seinem Kusse stieß Afonka ihre Hand mit einem Ausdruck der Verzweiflung zurück … An den Ingenieur gewandt, sagte er:
»Lassen Sie mich hinaus, ich gehe … verreise …«
Die kleine Fenja war nicht dazu gekommen, ihm zu danken; vor Schreck hatte sie es vergessen. Sie wartete auf die Rückkehr ihres Onkels, der selbst Kaljabin nach unten geleitete. Als er die Haustür öffnen wollte – draußen herrschte bereits fahler Dämmerschein – hielt Afonka ihn zurück und flüsterte:
»Haben Sie vor allem ein Auge auf Wanja Kain, und zweitens befolgen Sie meinen Rat, und lassen Sie durch einen Vertrauensmann dem Anwalt Lossew, sagen wir, dreitausend Rubel auszahlen; Sie schließen ihm damit den Mund und sind vor Klatschereien gesichert; der Alte hätte ihm für seine Dienste in der Angelegenheit sicher nicht einmal tausend Rubel gegeben. Vergessen Sie das nicht – außer ihm weiß niemand etwas von dem Wechsel.«
In der Morgendämmerung schritt Afonka zum Bahnhof.
Der Ingenieur Drakin setzte bedächtig einen Fuß vor den anderen auf den Läufer; ihm war ganz wirr im Kopf. Er konnte sich die Geschichte nicht zusammenreimen … Als er in sein Arbeitszimmer trat, war er so in seine Gedanken vertieft, daß er die kleine Fenja nicht gleich bemerkte und vor sich hinmurmelte:
»Dreihunderttausend für fünftausend … Das ist mehr, als wenn ich das große Los gewonnen hätte … So ein Idiot!«
»Wer ist ein Idiot, Onkel?«
»Du bist noch hier, Fenja? … Dieser Klimowsche Geschäftsführer. Woher kennt er dich? Bist du denn noch vor der Unterzeichnung des Wechsels damals irgendwo mit ihm zusammengekommen?«
»Ich weiß nicht, Onkel Kirja. Mir war, als hätte ich ihn bereits früher gesehen, kann mich aber eben nicht entsinnen …«
Onkel Kirja legte den Arm gerührt um ihre Schultern und küßte die kleine Fenja kräftig auf die Lippen, die wie ihr ganzer Körper noch schlafwarm waren. Mit ein wenig nervöser Stimme sagte er, ihre Hand schüttelnd:
»Nun, Fenitschka, ich gratuliere dir! Dreimalhunderttausend Rubel hast du gewonnen … Häuser und einen hübschen Batzen Geld hast du jetzt, besitzt die reichste Mitgift von allen Mädeln der Stadt. Es scheint mir noch wie ein Weihnachtstraum … Ich schulde dir also bis auf ein Kleines dreimalhunderttausend Rubel. Soll ich dir einen Wechsel ausstellen?«
»Nichts Derartiges ist nötig.«
»Na, dann kriech ins Bett. Übermorgen früh geht's auf die Reise.«
Fenja legte sich hin, konnte aber nicht mehr einschlafen, wenn sie sich auch vor sich selbst den Anschein gab, als schliefe sie. Sie würde Petrowskij noch einmal daran erinnern, ihm schreiben, daß sie übermorgen abreiste, damit er zur Stelle sei. Er hatte versprochen, ihr beim Zimmersuchen behilflich zu sein, und wenn sie zusammen mit ihm in Petersburg ankam, würde sie sich in der großen Stadt nicht so einsam fühlen. Gerade die ersten Tage unter fremden Menschen, in der ungewohnten Umgebung, schreckten sie ein wenig, da war es denn gut, jemand zu haben, der ihr nah stand. Ihre Gedanken, halb mädchenhaft, halb fraulich, gehörten ihm. Nicht mehr phantastischen Schwärmereien hing sie im Halbschlummer nach, sondern suchte, sich das bevorstehende freie Leben auszumalen. Sie wollte Petrowskij an sich fesseln und sein werden, dabei aber ihre Freiheit bewahren. Der Gedanke schreckte sie, er könnte sie nach ihrer Vergangenheit fragen, wenn er merkte, daß sie kein Mädchen mehr war. Er hatte zwar immer von freier Liebe gesprochen und nannte die Forderung der Jungfräulichkeit ein atavistisches Vorurteil, vielleicht darum, weil er selbst keusch war oder noch nie ein Mädchen besessen hatte. Sie hätte gern an die Aufrichtigkeit seiner Behauptungen geglaubt, fürchtete aber, daß diese nicht standhalten würden, wenn er einmal selbst liebte. Vielleicht würde er auch nichts sagen, würde Schmerz und Enttäuschung darüber, daß sie vor ihm einem anderen gehört hatte, stumm in sich tragen und ihr dadurch entfremdet werden … Und sie wollte ihn nicht verlieren, ihn, der schon das Schulmädel Fenja zu ihren Freundinnen begleitet, ihr die Bücher getragen, in ihren Heften wie in ihrer Seele geblättert hatte. Nachher war er anders geworden, männlicher, kühl, vernünftig, betrachtete das Leben kalt und wägend, behauptete, das Gefühl sei auf dem Schachbrett des Lebens Königin, König aber müsse der Verstand sein, dem sich die Königin zu fügen, ja zu opfern habe. Daran konnte sie nicht glauben, daß Liebe nur eine Schachfigur in einem Verstandesspiele sei … In die Decke gekuschelt, hing sie ihrem Sinnen nach, und gegen ihren Wunsch und Willen tauchte immer wieder die Gestalt jenes rothaarigen Mannes vor ihr auf. Sie wollte nicht an ihn denken, suchte aber gleichzeitig, sich zu erinnern, wo sie ihn schon gesehen haben mochte. Wie eine Flechte spürte sie noch immer seine Lippen auf ihrer Hand. Kaum erklangen die ersten Schritte der Dienstboten im Hause, als sie aufsprang, den Kimono überwarf und an Petrowskij ein paar Zeilen schrieb und ihn bat, sich am nächsten Morgen zum Schnellzug auf dem Bahnhof einzufinden; den Brief sandte sie ihm mit einem Dienstmädchen in die Wohnung.
Den ganzen Tag über streifte sie nichtstuend im Hause umher. Die bevorstehende Reise, das neue, selbständige Leben in der Fremde nahmen ihre Gedanken in Anspruch und machten sie ruhelos; dazu kam noch die Erinnerung an den geheimnisvollen nächtlichen Besuch, von dem Kirill Kirillowitsch auch seiner Schwester auf seine Weise erzählt hatte. Als es Abend geworden und Ruhe im Hause eingetreten war, versammelte sich die Familie auf Wunsch von Fenjas Mutter um den Teetisch in der alten Hälfte des Hauses. Die drei saßen erst eine kleine Weile beisammen, als im Vorzimmer die Glocke ertönte. Frau Grakina ordnete an, niemand zu empfangen. Das Dienstmädchen kehrte zurück und meldete:
»Herr Doktor Bolotow wünscht den gnädigen Herrn zu sprechen, er läßt sich nicht abweisen.«
Ärgerlich gestattete Antonina Kirillowna, den ungelegenen Gast heraufzubitten.
Bolotow trat erregt ein, begrüßte die Damen und wandte sich an den Ingenieur:
»Komm in dein Arbeitszimmer, Kirill, ich habe mit dir zu sprechen – du wirst den Mund aufsperren!«
Als sie allein waren, berichtete Bolotow:
»Der alte Klimow hat seine Frau erdrosselt, aus Eifersucht auf seinen Geschäftsführer, und hat darauf einen Schlaganfall erlitten; er liegt gelähmt in seiner Betstube, lallt nur. Ein Kellner holte mich hin; sein Dienstmädchen hat mir die Sache in seiner Gegenwart erzählt. Ich habe ihn untersucht; er wird sich wohl wieder erholen, mehr oder weniger … Und da fand ich ein geheimnisvolles Päckchen – verstehst du?«
»Kein Wort – was für ein Päckchen?«
»Hier lies: »An den Chef Kaßjan Parmjonytsch, Abrechnung über die Brandstiftung bei Drakin, Afanaßij Kaljabin«. Und jetzt blick' mal hinein.«
Kirill Kirillowitsch sah die Dokumente durch und staunte auch, trotzdem er ja bereits unterrichtet war. Ausführlich erzählte er seinem Freunde von Kaljabins nächtlichem Besuch, von seinen anfänglichen Bedenken und seinem Entschluß, es dem alten Klimow zu überlassen, sich an das Gericht zu wenden, falls er sich zu Unrecht geschädigt fühlen sollte …
»Mein Lebenswerk wäre vernichtet gewesen, wenn dem Lumpen das Gaunerstück gelungen wäre,« schloß er seinen Bericht und ballte die Fäuste.
Bolotow, ebenso empört wie sein Freund, gab ihm recht.
»Übrigens habe ich diesen sauberen Lossew bei dem Alten gesehen, er hat sich mir als dessen Anwalt vorgestellt. Ein Galgengesicht, sage ich dir – nicht umsonst liegt da auch eine Rechnung von ihm vor über einen vergnügten Abend mit einem Mädel … Meiner Ansicht nach hast du nichts zu fürchten, der Alte wird sich schwer hüten, etwas zu unternehmen, aber Lossew, dem sein Judaslohn entgangen ist, könnte allerlei Klatschgeschichten aufbringen. Was meinst du?«
Kirill Kirillowitsch dachte an Kaljabins Rat; sein Freund, der ja bereits mit der Sache verknüpft war, mußte ihm beistehen.
»Man könnte dem Mann den Mund schließen …«
»Wie?«
»Da du mir so weit geholfen hast, so bring' die Sache nun auch zu Ende, wenn du mir einen Freundschaftsdienst erweisen willst.«
»Gott – sonst hätte ich ja nicht dir das Paket gebracht, sondern es einfach dem Untersuchungsrichter übergeben.«
»Ich kann das nicht irgend jemand überlassen und kann auch nicht gut selbst zu Lossew gehen.«
»Und da willst du, daß ich es tue?«
»Ja, wenn es dir nicht unangenehm ist.«
»Na, angenehm ist es ja nicht, aber ich will es tun.«
Kirill Kirillowitsch übergab seinem Freunde dreitausend Rubel und lud ihn zum Tee ein. Bolotow lehnte ab. Der Ingenieur begleitete ihn zur Tür; sie schieden mit einem stummen Händedruck.
Kirill Kirillowitsch kehrte ins Speisezimmer zurück und sagte, gleichsam als wollte er den Freund entschuldigen:
»Bolotow hatte geschäftlich mit mir zu sprechen … Es handelte sich wieder um diesen Rothaarigen.«
Der kleinen Fenja wurde unheimlich zu Mute. Antonina Kirillowna fragte:
»Und was weiter?«
»Der alte Klimow hat aus Eifersucht auf seinen Geschäftsführer seine Frau erwürgt und ist darauf selbst zusammengebrochen – Schlaganfall.«
Als Kirill Kirillowitsch den Bericht des Arztes wiederholte, spürte er plötzlich, daß bei dem traurigen Vorfall auch die beabsichtigte Brandstiftung eine Rolle gespielt haben mußte, ja das Verschwinden des Wechsels den Schlaganfall vielleicht herbeigeführt hatte … Antonina Kirillowna aber dachte an Nikolkas Freund, den rothaarigen Mönch … Also der steckte dahinter …
»Wie entsetzlich, Kirill, die arme Maschenka …«
Die kleine Fenja blickte ganz verstört drein.
»Geh schlafen, Kind. Morgen mußt du früh aufstehen.«
Fenja begann plötzlich, Mutter und Onkel inständig zu bitten, sie morgen unbedingt auf den Bahnhof zu begleiten.
Kirill Kirillowitsch ging in sein Arbeitszimmer, schritt auf und ab, die Pfeife im Munde; seine Lippen zuckten. Er würde sich morgen früh bei Bolotow erkundigen müssen, wie die Sache mit Lossew abgelaufen war. Wenn die Angelegenheit ruchbar und sein Name in den Kriminalfall mit hineingezogen wurde, könnte das seinem Ansehen Abbruch tun und seinen Kredit im Crédit Lyonnais erschüttern … Gleich morgen früh mußte er Bolotow aufsuchen. Er trat an den Schreibtisch, öffnete ihn, bemerkte ein Häufchen Fünfhundertrubelscheine, die die zum Zahlungstermin vorbereitete Summe hatten auffüllen sollen, und dachte: Vom Himmel gefallenes Geld … Davon mußte er der kleinen Fenja etwas abgeben, dann würde sie Geld haben, von dem ihre Mutter nichts wußte, und konnte sich einen vergnügten Tag machen.
Er klopfte an ihre Tür.
»Schläfst du schon, Fenitschka?«
»Ich ziehe mich aus, Onkel Kirja.«
»Ich wollte mich von dir verabschieden … Hatte vergessen, daß ich morgen früh in einer dringenden Angelegenheit in die Stadt muß.«
»Gleich …«
Er hörte das Rascheln ihres seidenen Kimonos.
»Also jetzt darf ich hinein?«
Wie in der vorigen Nacht küßte er sie herzhaft auf die Lippen.
»Wie fest Sie einen küssen, Onkel Kirja …«
»Hier hast du Geld, Mädel, kannst es ausgeben, wofür du willst, es ist ja wie vom Himmel herabgefallen! Wenn es zur Neige geht, schreibe, aber so, daß Mutter nichts merkt; schreibe, du hättest kein Geld fürs Theater. Ich schicke dir dann mehr …«
Viel zu früh erwachte die kleine Fenja und konnte nicht wieder einschlafen. Sie dachte an Petrowskij, und aufs neue kam ihr der Rothaarige in den Sinn – auf ihrer Hand saß sein Kuß noch immer wie eine Flechte. Auch auf dem Bahnhof konnte sie sich nicht beruhigen, zerbrach sich den Kopf darüber, wo sie ihn gesehen haben mochte. Als sie auf dem Bahnsteig von ihrer Mutter Abschied nahm, fragte sie unruhig:
»Mama, wer ist dieser Rothaarige? Ich quäle mich ab, komme aber nicht darauf, wo ich ihn gesehen habe …«
Die Mutter antwortete, auch ein wenig beunruhigt, während sie ihre Tochter auf die Wangen küßte:
»Er ist doch der Freund … jenes … Der rothaarige Mönch, Vater Afanaßij …«
Gleichsam erfreut darüber, daß sie endlich Bescheid wußte und nun den rothaarigen Mönch deutlich vor sich sah, der an der Mühle nach ihren Händen gehascht und nun ihre Hand auch geküßt hatte, rief sie aus:
»Ah, ich erinnere mich!«
II
Inhaltsverzeichnis
Schon in aller Herrgottsfrühe war Afonka auf den Bahnhof gekommen. Im Dämmerschein blinkten noch die halb erblindeten Laternen, und die Träger waren noch nicht erschienen. Auf dem Tisch im Schalterraum schnarchte der Wiegemeister und im Wartesaal dritter Klasse hoben und senkten sich gleichmäßig auf den Bänken die Kittel der Bauern. Vor dem Einlaufen des Schnellzugs geriet der Bahnhof in Bewegung, die Bauern erwachten, und Afonka fragte jeden Mann mit einer Kokarde an der Mütze, ob der Postzug nach Mzensk bald abgehe.
Zusammen mit den Bauern, an demselben Tisch, aus einem Kessel mit ihnen trank Afonka Tee. Das Päckchen, das die kleine Fenja ihm gegeben hatte, lag unberührt in seiner Tasche; er hatte nicht einmal nachgesehen, wieviel darin war; dieses Geld wollte er sich für den Fall der Not aufheben. Er zog seinen speckigen ledernen Geldbeutel hervor, dem er zum Bezahlen Kleingeld entnahm – von jenen fünfzehnhundert, die er als Vorschuß von Klimow erhalten hatte.
»Was sind Sie von Beruf? …«
»War bei einem Kaufmann angestellt …«
»Und wohin geht die Reise?«
»Nach Petersburg.«
»Für sich selbst oder für den Chef?«
»In eigener Angelegenheit …«
»Ich habe da auch einen Sohn.«
Afonka rückte näher zu dem Bauern heran, um sich jemand zu sichern, an den er sich in der fremden Stadt wenden könnte.
»Was treibt er da?«
»Er arbeitet im Hafen, Lastträger ist er … Vielleicht könnten Sie ihm einen Gruß von mir bestellen? Schade, daß ich Ihnen nicht ein Geschenk für den Jungen mitgeben kann – habe gerade nichts bei mir.«
»Wo wohnt er denn? Ich bringe ihm schon was hin.«
Der Bauer zog einen schmutzigen Briefumschlag aus dem Busen.
»Da steht es drauf … Ich kann nicht lesen.«
So reiste denn Afonka, die Adresse des Lastträgers in der Tasche, in die Hauptstadt, um der kleinen Fenja näher zu sein. In Moskau bummelte er einen Tag durch die Straßen, ging am Abend auf den Nikolaibahnhof und wartete auf den Postzug nach Petersburg. Er fühlte sich jetzt sicherer, sah sich um und wagte sich in den Speisesaal zweiter Klasse, um zu Abend zu essen. Züge liefen ratternd ein und aus, Träger bemühten sich um Herrschaften von wichtigem und weniger wichtigem Aussehen. Eine Flasche Bier vor sich, saß Afonka an einem Tischchen, und musterte die Vorübergehenden, als erwarte er jemand.
Lachend strömte eine Schar fröhlicher junger Leute herein.
Der Herr an Afonkas Tisch, in breitkrempigem Schlapphut, unter dem die Haare üppig hervorquollen, bemerkte, offenbar von dem Wunsche beseelt, sich die Langeweile durch eine Unterhaltung zu vertreiben:
»Die Studenten reisen jetzt in die Hauptstadt, lachen und scherzen; um den Krieg kümmern sich die jungen Leute nicht, sind lustig und vergnügt, als gingen sie die Japaner nichts an …«
Als Afonka Studenten erwähnen hörte, wurde er unruhig; sofort schoß ihm durch den Kopf, daß die kleine Fenja unter ihnen sein könne. Er sah sich um und erkannte sie schon von fern. Er ging ans Bufett, als wollte er einen Schnaps trinken, und schritt dann an ihr vorüber. Erfreut riß er die Mütze vom Kopfe und begrüßte sie wie eine alte Bekannte:
»Fjokla Timofejewna, meine Hochachtung! Sie reisen auch nach Petersburg? Da haben wir denselben Weg.«
Die kleine Fenja wandte den Kopf, prallte zurück und klammerte sich hilflos an Petrowskijs Ärmel; Entsetzen durchzuckte sie. Sie hätte fliehen, sich vor diesem Menschen verbergen mögen, der sie die letzten zwei Tage in ihrer Vorstellung gequält, verfolgt hatte, und der nun plötzlich leibhaftig vor ihr stand und sie wie eine alte Bekannte ansprach! Wieder sah sie die Mühle und die Balken vor sich und den rothaarigen Mönch im schwarzen Käppchen, der sie durch seine Berührungen an Marja Karpowna drängte; damals war ihr noch nicht klar gewesen, daß er sich nicht dieser, sondern ihr zu nähern gesucht hatte.
Petrowskij wandte sich um, fragte:
»Was ist, Fenja, was haben Sie?«
»Wieder dieser … Mönch, Nikodim Alexandrowitsch!«
»Wer? Wo?«
»Da steht er, jener, der mich eben begrüßt hat.«
»Wer ist das denn?«
»Ach, einerlei, es ist schon vorbei …« Dabei schmiegte sie sich an Petrowskij und zog ihn am Arm mit sich fort. »Steigen wir in den Zug, wir verspäten uns noch.«
Die übrigen jungen Leute wandten auch die Köpfe nach Afonka um und richteten Fragen an Fenja.
»Ach, es ist nichts von Belang … Gehen wir. Ich erkläre es Ihnen gleich … Vor zwei Jahren war zu Weihnachten eine Gesellschaft Kostümierter9 bei uns, darunter auch dieser Rothaarige, als Mönch oder Pilger verkleidet, ich weiß nicht mehr recht. Er hat mich damals so erschreckt, daß ich seitdem diese rote Perücke nicht mehr vergessen kann – immer scheint mir, als wolle er wieder meine Hand ergreifen, wie damals …«
Die kleine Fenja, ein nervöses Lächeln auf den Lippen, sprach schnell und hastig, an Petrowskij gewandt, als richtete sie ihre Worte ausschließlich an ihn. Als sie ins Abteil traten, ließ sie Petrowskij neben sich Platz nehmen und fuhr, um nicht denken zu müssen, lachend fort:
»Eine ganze Gesellschaft Kostümierter überfiel uns, einige trugen Masken – Sie wissen doch, solche Pappmasken – andere nicht. Ich kam aus den hinteren Zimmern gelaufen, als Bauernmädchen verkleidet, auch ohne Maske, und dieser rote Mönch – ich dachte zuerst, er trage eine Maske, so schauerlich sah er aus – machte sich an alle heran, um festzustellen, ob sich ihnen nicht neue Vermummte zugesellt hatten. Er erblickte mich mit Frau Klimowa …«
Eines der jungen Mädchen fragte:
»War das jene Klimowa, die von ihrem Manne erwürgt worden ist? Auf seinen Kellner oder Geschäftsführer soll er eifersüchtig gewesen sein?«
Noch unruhiger wurde die kleine Fenja, noch hastiger sprudelte sie ihre Lügengeschichte hervor, was sie immer fassungsloser machte:
»Ich glaube, er, er hat sie erwürgt … Also ich stand da und plauderte mit Frau Klimowa, als er plötzlich von hinten meine Hände erfaßte. Ich wandte mich um – rothaarig, mit roten Augenbrauen, gebrochenem Nasenbein stand er da und starrte mich an, entsetzlich anzusehen – wie eine abstoßende Maske sah sein Gesicht aus – und lachte mich an: ›Ah, ein neues Mädel,‹ rief er, ›und ohne Maske dazu! Aus welchem Dorfe bist du, Kleine?‹ Ich drängte mich an Frau Klimowa, um ihm auszuweichen, er aber umschlang uns beide zusammen und rief: ›Mir entkommt ihr doch nicht, meine Schönen …‹ Marja Karpowna sagte schließlich: ›Genug, Kaljabin, lassen Sie das‹ …«
Petrowskij fuhr auf:
»Wie, das also war Kaljabin, jener Kaljabin? Warum haben sie mir das nicht gleich gesagt, Fenja – dann hätte ich ihn mir doch ordentlich angesehen.«
Die kleine Fenja verstummte, brach ihre Erzählung kurz ab und rückte im blauen Halbdunkel – der Fahrgast oben hatte sich bereits zur Ruhe gelegt und den Lampenschirm herabgezogen – näher an Petrowskij heran. Die übrigen jungen Leute fragten nicht weiter, sondern zogen sich in ihre Abteile zurück; nur Petrowskij blieb an ihrer Seite. Nikodim fühlte, daß Fenja innerlich unruhig war, konnte aber nicht begreifen, was sie so erregt hatte. Die Geschichte mit den Kostümierten klang ganz glaubwürdig, und doch hatte ihn der Ton, in dem Fenja sie vorgetragen hatte, eigentümlich berührt. Er saß grübelnd da und sann darüber nach, wo er Kaljabin bereits getroffen haben könnte. Schließlich sagte er:
»Wo kann ich ihn gesehen haben? Ich weiß genau, daß ich ihn schon einmal gesehen habe …«
Die kleine Fenja, noch immer erregt, antwortete halblaut:
»Bei uns, im vorigen Frühjahr … Wissen Sie noch, wir standen nach einer Aufsatzstunde im Vorzimmer, da kam er die Treppe herauf und ging ins Empfangszimmer.«
Sie schwiegen wieder.
In der schläfrigen Stille, durch die das gleichmäßige Pochen der Räder hallte, saß die kleine Fenja in der Entrücktheit des Einschlafens an Petrowskij wie an eine feste Mauer gelehnt, Schulter an Schulter, und fühlte sich vor Kaljabins Nachstellungen geborgen. Allmählich entschwanden die Gedanken an ihn, nichts blieb zurück als das Gefühl des Alleinseins, der Hilflosigkeit, weshalb sie sich noch fester an Nikodims Schulter schmiegte. Er saß schweigend und reglos da; am Arm, durch sein Blusenhemd hindurch, spürte er ihren atmenden Körper.
Schon vor langer Zeit, damals noch, als die kleine Fenja zwei durch ein breites Band verknüpfte Zöpfe trug, hatte er oft sehnsüchtig in der Nähe ihres Hauses gestanden und hoffend und bangend auf ihr Erscheinen gewartet; zwei Querstraßen von ihrem Lyzeum entfernt hatte er sie immer gleich an ihrem Gang erkannt und war ihr entgegengeeilt. Dann war sie mit ihrem Onkel auf kurze Zeit nach Petersburg gereist und als eine unbegreiflich andere zurückgekehrt. Scheinbar schamhaft verschlossen wie früher, funkelte doch ihr Blick jetzt zuweilen auf, ertönte ein girrendes Lachen; ja, auch ihre Augen hatten sich verändert, ihr mädchenhaft naiver Ausdruck war verschwunden, bald sprach Schwermut, bald Sorglosigkeit aus ihnen. Selbst ihr Gang war anders geworden, sie trippelte nicht mehr mit kleinen eiligen Schritten dahin, sondern ging, in den Knien federnd, freier und bestimmter. Und über Liebe sprach sie wie über etwas Alltägliches und machte sich über Verliebte lustig. Als er ihr dann Nachhilfestunden gab und sie veranlaßte, Aufsätze zu schreiben – nicht nur über literarische Fragen, sondern oft auch auf das Persönliche übergehend –, erschien sie ihm sogar spießbürgerlich, weil sie an keine hohen Menschheitsideale glauben wollte. Bereits in der Prima des Lehrerseminars hielt Petrowskij sich für einen Revolutionär und Menschheitsbeglücker, und als er nach dem Abitur die Studentenmütze aufsetzte, trat er in die Partei ein. Danach erschien ihm die kleine Fenja noch spießiger, hatten doch alle seine Bemühungen, den Funken der Menschheitsbeglückung in ihr zu entdecken und zu entfachen, zu nichts geführt. So hielt er denn das Gefühl, das er ihr entgegenbrachte, bloß für einen Nachklang knabenhafter Schwärmerei. In ihren Worten über den Besuch der Kostümierten hatten heimlich schmerzlich klagende Töne mitgeklungen; das hatte ihn aufhorchen gemacht. Wieso eine zufällige Begegnung sie nicht nur erschreckt, sondern geradezu auf fast anstößige Weise aus der Fassung gebracht hatte, konnte er sich nicht zusammenreimen. Aus seinem Grübeln erwachend, fragte er leise:
»Warum hat Sie die Begegnung mit diesem … Kaljabin so erregt, Fenja?«
Sie antwortete nicht gleich. Der unheimliche Gedanke an Nikolai huschte ihr durch den Kopf; sie zog die Schultern ein, als fürchtete sie, Nikodim könnte sie in dieser Stille durch plötzliche Zärtlichkeit, vielleicht durch einen einzigen Kuß veranlassen, ihm ihr Herz auszuschütten, ihm alles zu gestehen, was sie wieder zur Verzweiflung bringen würde: wenn er sich daraufhin von ihr abwandte, würde sie es nicht überleben. Sie zog sich in sich selber zurück, lachte aufreizend, blickte ihm in die Augen, als wollte sie sagen: Warum fragst du? Ich bin doch hier bei dir, allein und frei, und zusammen fahren wir nach Petersburg … Sie sagte aber:
»Warum fragen Sie, Nikodim Alexandrowitsch? … Setzen Sie vielleicht gar etwas Romantisches voraus? …«
Er antwortete ebenso leise wie vorher:
»Mir scheint, als versteckten Sie sich und noch etwas anderes hinter Ihrem Lachen und hinter Ihren – wie soll ich es sagen? – nicht hinter Ihren Augen – hinter Ihren Blicken …«
Er berührte ihre Hand an jener Stelle, wo sie noch Kaljabins Kuß spürte. Sie entriß ihm die Hand und lachte laut.
»Nikodim Alexandrowitsch, was tun Sie? …« Sie lachte wieder und fügte fast flüsternd hinzu: »Wenn jemand von unseren Landsleuten es gesehen hätte? …« Laut sagte sie dann und stand auf: »Es ist spät geworden … Wir müssen uns schlafen legen.«
Er strich sich mit der Hand die Haare aus der Stirn und stand kurz, wie erwachend, auf.
»Ja, es ist spät. Sie haben recht. Ich gehe noch eine Zigarette rauchen. Legen Sie sich indessen nieder.«
Er stand auf der Plattform am Fenster, blickte in das Dunkel; Laternen glitten vorüber. Er bemühte sich an Petersburg, an sein Studium, an die Partei zu denken.
Fenja streckte sich aus, lag still und reglos, fühlte, ohne zu denken, daß das neue Leben begonnen hatte. Ihre Lider waren heiß, obwohl sie nicht weinte. Sie hörte, wie Nikodim hereinkam, Plaidriemen löste, mit kurzen Bewegungen eine Decke entfaltete. Er legte sich hin und seufzte tief.
9 »Zu Weihnachten eine Gesellschaft Kostümierter«: Nach altrussischer Sitte tun sich zu Weihnachten oft junge Leute in Maskenkostümen zusammen und besuchen Bekannte – es genügt, wenn der eine oder der andere der Teilnehmer im Hause verkehrt –; es wird getanzt und gesungen und sonst allerlei Kurzweil getrieben. Oft schließen sich die jungen Leute aus dem betreffenden Hause der früheren Schar an, falls sie nicht bereits zu ihr gehörten, und gemeinsam wird dann das nächste bekannte Haus überfallen.
III
Inhaltsverzeichnis
Jenseits der Wassilij-Insel wohnten am Fluß die Lastträger, bunt zusammengewürfeltes Volk aus allen Himmelsgegenden. Sie lebten von der Hand in den Mund. Brot und Kwas war ihre Hauptnahrung. Von Straßenmädchen, die in der Nähe der Baracken herumlungerten und für fünf Kopeken »mit Übernachten« zu haben waren, ließen sie sich ihre Lumpen stopfen und vertranken zusammen mit ihnen ihren Lohn; die Fünfer zahlten sie nicht, genossen die abgenutzten Reize als Dank für die Bewirtung.
Gegen Mittag fand Afonka Jakow Rjabin, den Sohn jenes Bauern. Rjabin war ein stämmiger Bursche mit ellenbreiten Schultern – die Säcke und Kisten hatten sie ihm geweitet. Er wohnte in einem armseligen Häuschen, das vollgepfropft war von allerlei Leuten.
»Ich bringe Ihnen einen herzlichen Gruß von Ihrem Vater.«
»Woher sind Sie denn?«
»Ich bin Ihr Landsmann, obwohl ich aus der Stadt komme.«
»Wenn er mir ein bißchen Geld geschickt hätte, könnten wir eins trinken, um unsere Bekanntschaft zu begießen; aber er ist mehr dafür, daß ich ihm welches sende.«
»Um die Wahrheit zu sagen – er schickt Ihnen zehn Rubel.«
Afonka hatte beschlossen, diese zehn Rubel aus seiner Tasche zu spenden, um den Mann zugänglicher zu machen, von dem er allerlei über die Stadt und die Sitten und Bräuche hier zu erfahren hoffte.
»Das laß ich gelten … Na, gehen wir auf die Wassilij-Insel, da sind auch die Mädel ganz was anderes als unsere hier; Sie haben wohl noch keine Petersburger Mädel kennengelernt? …«
Nach einem halben Dutzend Flaschen Bier, zu dem sie gedörrte Pilze mit Salz und Brezeln aßen, lösten sich bei den Klängen eines Grammophons die Zungen. Afonka erzählte seinem neuen Freunde dieses und jenes, hütete sich aber zu viel zu sagen und vor allem etwas davon merken zu lassen, daß er Geld hatte.
»Wir sind hier alles Arbeiter, Proletarier, wie uns die Herrschaften nennen, die in den Flugblättern schreiben.«
Afonka, der durch Lossew – wenn auch in anderer Beleuchtung – einiges von diesen Dingen gehört hatte, wollte nicht zurückstehen und sagte:
»Ja, ja, Jakow Petrowitsch, die Zeiten sind schwer. Wie sieht's denn bei uns aus? In der Zeit, da er auf dem Felde arbeiten müßte, hat der Bauer Lohnarbeit zu leisten und verdient einen halben Rubel mit Pferd und Wagen, und was kostet ihm dabei allein der Unterhalt des Pferdes! … Und von dem Verdienst der Arbeiter in der Stadt lohnt es sich ja überhaupt nicht zu sprechen …«
Als Afonka hinter dem Schenktisch in Klimows Wirtschaft saß, hatte er wenig für diese Dinge übriggehabt. Die Klagen der Arbeiter und Bauern hatten ihn nicht näher berührt; seine eigenen Angelegenheiten hatten ihn in Anspruch genommen. Jetzt erst, da er selbst erwerbslos war, kam ihm im Gespräch mit Rjabin zum Bewußtsein, daß hier eine Wahrheit lag, die auch für ihn von größter Bedeutung war.
»Sagen Sie, Afanaßij Timofejewitsch, gehören Sie nicht zu jenen Leuten, die den Ministern mit Bomben auflauern? Hier haben sie vor kurzem einen in die Luft fliegen lassen, mitsamt seinem Kutscher, der ja eigentlich schuldlos war …«
»Ich habe das nur so gemeint, weil wir gerade davon sprachen. Ich gehöre nicht zu jenen Leuten, möchte die Herrschaften aber gerne kennenlernen …«
»Da in der Ecke sitzt ja eine ganze Gesellschaft – brauchen nicht erst lange zu suchen.«
»Das sind doch Studenten.«
»Meinen Sie denn, jene wären eine besondere Art von Menschen? Studenten sind's ja gerade. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen – es sind gute Kerle, rechtschaffene … Daß sie andere aufwiegeln, kommt daher, weil in ihnen selbst alles in Aufruhr ist, sie selbst keine Ruhe finden, wie die Seelen der Verdammten. Wie viele von ihnen sitzen im Gefängnis! Und sie machen so, als wäre das nichts. Jeder andere würde die Sache unter diesen Umständen aufgeben, sie aber – man fängt sie ab, und sie scheren sich den Kuckuck darum: neue Scharen schießen empor, wie Pilze über Nacht, und setzen die Sache fort. Ich glaube wahrhaftig, daß sie sich für unsereins abmühen. Wenn sie noch jemand für ihre Mühen bezahlen würde, aber sie tun es ja freiwillig, ganz selbstlos! Das einfache Volk hat es schwer, und darum leiden wir auch, sagen sie, das Gewissen quält uns …«
Afanaßij kam in den Sinn, daß der Student, den er an Fenjas Seite gesehen hatte, gewiß auch zu jenen gehörte, deren Gewissen unter der Not des Volkes litt. Er müßte sehen, ihn kennenzulernen; vielleicht würde sich durch diese Bekanntschaft ein gelegentliches Zusammenkommen mit der kleinen Fenja ergeben.
Vorerst suchte er nach einer Unterkunft. Die erste Nacht schlief er bei Rjabin; in der zweiten Nacht bummelte er mit Mädeln von der Wassilij-Insel und kehrte am Morgen wieder bei Rjabin ein; so blieb er denn vorläufig bei ihm wohnen. Nach Arbeit hielt er noch nicht Ausschau – das Geld von Klimow war ja noch nicht verzehrt. Jeden Abend trieb er sich in Wirtshäusern herum, bemüht, solche Lokale aufzuspüren, in denen möglichst viele Studenten verkehrten; dann setzte er sich in ihre Nähe und lauschte auf die Gespräche der jungen Leute. Nach der Wassilij-Insel durchwanderte er auf diese Weise auch die Petersburger Seite, den Kleinen Prospekt, immer auf der Suche nach jenem Studenten. Um mitsprechen zu können, wenn es einmal so kommen sollte, las er eifrig Zeitungen und grübelte lange über jedes Wort nach. Die Studenten warfen ihm scheue Blicke zu; trat er heran und setzte sich neben sie, so verstummten sie oder begannen von nichtssagenden Dingen zu sprechen.
Einen ganzen Monat lang suchte er bereits in Wirtshäusern und Teestuben nach jenem Studenten. Die kleine Fenja wurde ihm immer teurer dabei: wenn sie mit solchen Menschen befreundet war, mußte auch sie auf Seiten jener stehen, die nach Recht und Wahrheit strebten.
Endlich entdeckte er ihn in einer Bierhalle auf der Kleinen Spasskaja Straße und setzte sich in seine Nähe. Einer der Studenten flüsterte seinen Freunden zu:
»Meine Herren, dieser Spitzel ist wieder da …«
Petrowskij sah sich um.
»Wo?«.
»Am Tisch neben dir, der Rothaarige – welch ein Scheusal! Ein Neuer …«
Petrowskij erkannte Afonka gleich und lächelte; das Lächeln galt nicht Kaljabin, sondern der Vermutung, daß er ein Spitzel sei. Er wandte sich an die Studenten:
»Das ist kein Spitzel, meine Herren, ich weiß es bestimmt.«
Afonka erwiderte das Lächeln und wandte sich an Petrowskij:
»Wenn ich nicht irre, sind wir Landsleute?«
»Ich glaube, ja.«
»Um es gleich zu sagen: schon seit einem Monat suche ich nach Ihnen in allen Wirtshäusern.«
»Sie suchen nach mir? Was wollen Sie von mir, Kaljabin? … Sie heißen doch Kaljabin?«
»Ja, Afanaßij Timofejewitsch Kaljabin. Ich habe kein eigentliches Anliegen an Sie, wohl aber ein besonderes Interesse an einer gewissen Sache. Wenn Sie eben nicht zu sehr in Anspruch genommen sind, setzen Sie sich vielleicht auf ein paar Minuten an meinen Tisch.«
Er klopfte und ließ zwei Flaschen Helles bringen.
Petrowskij lächelte wieder. Der Gedanke huschte ihm durch den Kopf, daß ihm offenbar das Schicksal selbst helfen wollte, hinter Fenjas Geheimnis zu kommen. Er setzte sich zu Afonka.
»Sehen Sie mal, Herr Student – Ihren Namen zu kennen, habe ich nicht die Ehre …«
»Nikodim Alexandrowitsch Petrowskij.«
»Also sehen Sie mal, Nikodim Alexandrowitsch, das Leben führt mich mancherlei Wege der irdischen Wanderschaft. Nie hätte ich geglaubt, in dieses Babel verschlagen zu werden, doch um Mitternacht ist mein Stern aufgegangen und hat mich meinem Bethlehem zugeführt, wie jene Könige aus dem Morgenlande – geradeswegs nach Petersburg, will ich sagen. Ich treibe mich hier nicht zwecklos umher, denken Sie das nicht von mir. Nein, jeder Mensch hat seinen Weg zu gehen, und ich gehe den meinen, wie ich ihn erkannt habe. Da möchte ich Ihnen gleich sagen, daß ich an ein Schicksal nicht glaube, sondern ich schmiede mir – wie es in Büchern heißt – mein Schicksal selbst. Ich selbst habe auch meinen Stern entdeckt – dort leuchtet er mir« – er wies mit dem Finger in eine unbestimmte Richtung, halb auf die Decke, halb zur Tür hin.
»Er wandelt dahin auf seinem Wege, und ich folge ihm … Noch als ich in Klimows Wirtshaus saß, unter dem lärmenden Volk, das vom Markt hereinströmte und hart miteinander um jede Kopeke rang, habe ich Unrecht über Unrecht gesehen. Allein schon mein Großkaufmann ist eine Nummer … Wenn Sie wüßten! Der zieht den Menschen den letzten Zehner aus der Tasche, bloß daß er sie nicht erwürgt – wenn es anginge, würde er auch davor nicht zurückschrecken …«
»Schließlich hat er's ja auch getan, ich weiß nur nicht recht, aus welchem Grunde.«
Afonka, in seine Gedanken vertieft, achtete kaum auf Petrowskijs Bemerkung und fragte nur so nebenbei, in der Meinung, der Student bekräftige seine Ausführungen:
»Was hat er getan?«
»Einen Menschen erwürgt …«
»Erwürgt?! Wen denn?«
»Aber doch seine Frau, Marja Karpowna … Wissen Sie denn das nicht?!«
Er sah Afonka prüfend an: wußte er es wirklich nicht oder stellte er sich bloß so? Kaljabin fuhr zusammen und begann vor Verwirrung hastig die Gläser zu füllen.
»Marja Karpowna hat er erwürgt? … Aber warum denn?«
Es klang fast wie ein Aufschrei. Um seine Erregung zu verbergen, verschüttete er Bier und gab sich den Anschein, als hätte ihn seine Ungeschicklichkeit erschreckt.
»Ach Himmel, da habe ich alles daneben gegossen! … Ja, also … Sie war eine liebe Frau, gütig …«
Um Afonka noch mehr zu verwirren und ihn dadurch wenn nicht zu Vertraulichkeit, so doch zu größerer Offenheit zu veranlassen, beugte sich Petrowskij zu ihm und sagte langsam im Flüsterton, als fürchtete er, die Leute an den Nachbartischen könnten ihn hören:
»Man sagt, er hat es aus Eifersucht auf Sie getan, Kaljabin …«
Afonka streckte wieder die Hände aus, packte sein Glas und trank es mit geschlossenen Augen in einem Zuge leer.
»Aus Eifersucht auf mich? … Aber wer hat ihm denn gesagt …«
»Sie meinen, wer ihm die Sache erzählt hat? …«
»Ja, ja, das gerade meine ich – angenommen, daß etwas zwischen uns gewesen wäre (was ja keineswegs der Fall ist) – wer hat ihm denn von solchen geheimen Dingen berichten können? …«
»Von seinem Dienstmädchen hat er es erfahren; nachher hat das Mädchen dann auch einem Arzte alles ausführlich erzählt.«
»Einem Arzte? Wieso einem Arzte?«
»Weil … Aber wissen Sie denn auch davon nichts, Kaljabin?«
Wieder sah er Afonka prüfend an. Während er sprach, wurde ihm klar, daß Kaljabin wirklich nichts von den Vorfällen gewußt hatte – vielleicht hatte er sich gerade deshalb aus dem Staube gemacht, um den Ereignissen zu entgehen …
»Weil der alte Klimow, nachdem er seine Frau ermordet hatte, in seinem Zimmer unter einem Schlaganfall zusammengebrochen ist; er liegt gelähmt da, kann keinen Finger rühren, hat die Sprache verloren …«
Die Nachricht kam ihm so unerwartet, daß Afonka die Fassung verlor; er riß die Augen auf und streckte die Arme komisch vor, die Handflächen nach oben gekehrt.
»Er? Der Kaßjan? Schlaganfall …«
»Ich sehe jetzt, daß Sie wirklich von nichts gewußt haben.«
»Bei Gott, ich hatte keine Ahnung.«
Petrowskijs Kameraden sahen sich ungeduldig nach ihm um und warfen ihm und dem rothaarigen Burschen im blauen Kaftan verwunderte Blicke zu; schließlich blickten sie auf die Uhr.
Petrowskij stand auf, setzte sich aber gleich wieder, wie unter dem Zwang eines plötzlichen Gedankens. Die Gelegenheit, vielleicht etwas von der kleinen Fenja zu erfahren, wollte er sich nicht entgehen lassen. Er wandte sich zu seinen Freunden um:
»Geht allein, meine Herrschaften, ich komme später nach.«
Afonka hatte sich inzwischen gesammelt, ordnete seine Gedanken und lächelte insgeheim bei der Vorstellung, daß der alte Klimow stumm und hilflos darniederlag. Da würden auch seine Geschäfte still liegen und das Verschwinden des Wechsels nicht so bald bemerkt werden. Als Petrowskij wieder näher an ihn heranrückte, um das unterbrochene Gespräch fortzusetzen, gab sich Afonka den Anschein treuherziger Offenheit und sagte:
»Das sind mir Sachen! … Aber ich will mit meiner Erzählung fortfahren. Sie eilen; ich werde mich kurz fassen. Wenn es denn schon so gekommen ist, daß Sie mir die Nachricht als erster mitgeteilt, mich damit ganz verstört haben – ich hätte nie gedacht, daß es dazu kommen könnte – so will ich auch zu Ihnen offen und ehrlich sprechen. Es hat wirklich zwischen mir und der Frau des Kaufmanns etwas gegeben, aber auch mit ihrem Dienstmädchen, der Dunja, habe ich gelebt, und die hat dann wohl aus Eifersucht dem Alten die Augen geöffnet. Ich aber suche einen ganz anderen, meinen eigenen Weg … Ich will dahinterkommen, warum das einfache Volk verurteilt ist, solch ein Hungerleben zu führen; nach der Wahrheit strebe ich … Man hat mir gesagt, die Studenten könnten mir da helfen, und da habe ich denn an Sie gedacht. Daß Sie in Petersburg sind, wußte ich, ich habe Sie ja in Moskau auf dem Bahnhof gesehen, auch schon früher einmal, bei Fjokla Timofejewna, als ich in Geschäften zu dem Herrn Ingenieur kam. Also die Wahrheit will ich wissen: warum darf ein Mensch den anderen ungestraft bis aufs Blut aussaugen und wird schwer und fett dabei, ebenso wie sein Geldbeutel? Und warum darf der einfache Mann nicht einmal den Mund aufmachen, wenn er nicht ins Kittchen kommen will?«
»Sprechen Sie deutlicher, Kaljabin. Was wollen Sie von mir?«
»Ich möchte den Menschen, die für die Wahrheit einstehen, behilflich sein, Nikodim Alexandrowitsch. Vielleicht kennen Sie solche Menschen und könnten mich mit ihnen bekannt machen?«
»Eben habe ich keine Zeit; wenn Sie wollen, können wir ein anderes Mal darüber sprechen. Vielleicht finden wir jemand, der Ihren Erwartungen entspricht. Ich selbst kenne solche Menschen nicht, will aber bei meinen Kameraden nachfragen.«
Wenn Afonka auch kein Spitzel war, so fürchtete Petrowskij doch, er könnte im Wirtshaus vor dem ersten besten alles ausplaudern, was er über die »Wahrheit«, wie er es nannte, erfahren würde, nicht aus Dummheit – daß Kaljabin nicht dumm war, hatte Petrowskij sehr wohl gemerkt –, sondern aus Unerfahrenheit: ein Spitzel könnte im Handumdrehn alles aus ihm herausbringen, was er wissen wollte, und ihn so ins Bockshorn jagen, daß Kaljabin nicht mehr aus noch ein wissen würde und leicht zu Spionagediensten mißbraucht werden könnte. Andererseits wollte er Kaljabin nicht ohne weiteres fallen lassen; der Mann kannte das Volk und konnte unter gewissen Voraussetzungen nützlich sein; außerdem hoffte er durch ihn zu erfahren, warum die kleine Fenja bei seinem Anblick so erschrocken war.
Petrowskij wollte aufbrechen, doch Afonka bestellte noch zwei Flaschen Bier, schenkte ein und sagte:
»Nikodim Alexandrowitsch, zur Feier unserer Bekanntschaft lassen Sie uns noch eins trinken. Ich will Sie nicht mehr lange aufhalten. Ich darf wohl sagen, daß ich jetzt auf dem rechten Wege zu meinem Stern von Bethlehem bin; wenn ich ihn gefunden habe, bin ich in Bethlehem …«
Petrowskij, seinen Gedanken nachhängend, trank hastig, um schneller von Kaljabin loszukommen. Um etwas zu sagen, fragte er:
»Was meinen Sie damit, Kaljabin? Ihr Stern von Bethlehem – ist das ein bestimmtes Ziel, das Sie ins Auge gefaßt haben, ein Ideal, das Ihnen vorschwebt?«
»Aus Gewohnheit, noch vom Kloster her, spreche ich noch immer wie ein Mönch. Die Sprache der Städter ist mir noch fremd, trotzdem ich die letzten zwei Jahre in der Stadt gelebt habe.«
»Waren Sie denn Mönch?«
»Ja … Novize …«
Petrowskij dachte: Der rothaarige Mönch … Lag hier der Schlüssel zu Fenjas seltsamer Veränderung nach der Begegnung mit Kaljabin?
»Ich war noch nie in einem Kloster … Ich wüßte nicht recht, was ich da hätte anfangen sollen …«
»Da haben Sie recht, Klosterbesuche sind nichts für einen Mann.«
Vielleicht war Kaljabin nahe daran, etwas Wichtiges zu sagen, das, worauf es ihm, Petrowskij, ankam; er wollte versuchen, ihn zum Sprechen zu bringen.
»Und warum sollen Frauen Klöster besuchen – um zu beten?«
»Ja, um zu beten.«
»Kommen auch Damen aus der Stadt?«
»Doch, meist aber einfaches Volk.«
»Man sagt, die Mönche machen den Wallfahrerinnen oft den Hof?«
»Davon weiß ich nichts, zu uns kam meist nur Bauernvolk.«
Afonka spürte, daß Petrowskij ihn nicht zufällig über das Leben im Kloster ausfragte. Eben noch hatte der Student Eile gehabt, möglichst schnell fortzukommen, jetzt goß er selbst wieder die Gläser voll. Er ahnte, daß Petrowskij wohl Näheres über Fenjas Aufenthalt im Kloster erfahren wollte. Vielleicht hatte er darüber munkeln hören, wußte aber nichts Bestimmtes und stellte ihm darum Fragen. Afonka war auf der Hut; kein Wort würde er über sein Kloster sagen.
»Vielleicht gibt's das in den Klöstern Troizk und Kijewo-Petschersk … Dahin kommen allerlei Leute, mit der Bahn und zu Fuß, und die Mönche dort sind anders als bei uns, bekommen ein Gehalt vom Kloster, ihre Arbeit aber besteht darin, daß sie den Wallfahrern was vorerzählen zum größeren Ruhme ihres Klosters. Bei uns aber heißt's – büßen und beten …«
Petrowskij begriff, daß er sich übereilt hatte; nicht gleich beim ersten Male hätte er damit beginnen sollen, sondern gelegentlich später einmal. Es war klar, daß eben aus Kaljabin nichts weiter herauszubringen war, nicht umsonst war er Mönch gewesen. Petrowskij trank sein Glas aus.
»Ein anderes Mal erzählen Sie mehr über das Klosterleben, Kaljabin. Wenn ich auch niemals in einem Kloster war, so interessiert es mich doch, was diese Nichtstuer treiben. Ich hatte darüber ganz vergessen, daß ich gehen muß …«
»Gern erzähle ich Ihnen davon, Nikodim Alexandrowitsch, weshalb nicht! … Ich hätte viel Interessantes zu berichten … Also bis zum nächsten Male.«
Sie verließen zusammen das Wirtshaus und trennten sich auf den Stufen beim Laternenschein. Wieder wie damals fühlte Afonka, daß sie Feinde seien, Feinde um der kleinen Fenja willen, und beschloß dem Studenten nichts von ihr, vom Kloster, von Nikolka und Marja Karpowna zu erzählen. Es war besser, in Fenja nicht die Meinung aufkommen zu lassen, er habe über sie geklatscht; etwas anderes sollte ihn mit Petrowskij verbinden, das würde ihm mehr bei ihr nützen.
An den beiden folgenden Abenden wartete Afonka in derselben Schenke an der Kleinen Spasskaja Straße, bis das Lokal geschlossen wurde; doch erst am Sonnabend erschien Petrowskij wieder. Wie das vorige Mal kam er in Gesellschaft von Studenten, setzte sich aber gleich an Afonkas Tisch und fragte gerade heraus: »Sagen Sie mir die Wahrheit, Kaljabin; sind Sie bestimmt kein Spion, kein Polizeispitzel?«
»Nein, Nikodim Alexandrowitsch, bei Gott nicht.«
»Ich glaube Ihnen. Hören Sie zu: Wenn Sie mit Menschen zusammenkommen wollen, die, um Ihr Wort zu gebrauchen, der Wahrheit dienen, müssen Sie vor allem sehen, Arbeit zu finden, damit Sie keinen Verdacht erregen. Wenn Sie ohne Beschäftigung in der Stadt herumbummeln, lenken Sie die Aufmerksamkeit auf sich. Lassen Sie sich irgendwo in einer Fabrik anstellen.«
»Was sollte ich denn da machen, Nikodim Alexandrowitsch? Ich verstehe ja nichts anderes, als hinter dem Schenktisch zu sitzen …«
»Treten Sie bei Leßner ein, in der Wiborger Vorstadt. Kraft haben Sie ja eher zuviel als zuwenig – lassen Sie sich als Hammerschwinger einstellen, das ist bald gelernt. Sehen Sie sich Ihre neuen Kameraden genau an, horchen Sie auf ihre Gespräche, nachher reden wir dann weiter. Ich bin des Samstags abends immer hier. Sie müssen sich als Arbeiter aber anders kleiden, in Ihrem langen Kaftan sehen Sie aus wie ein Kaufmann.«
Petrowskij hatte auf einer Parteiversammlung von Kaljabin erzählt und darauf hingewiesen, daß dieser das einfache Volk gut kenne; er könnte sich darum als nützlich erweisen, von der Stimmung in Arbeiterkreisen berichten, auch zu allerlei Aufträgen verwendet werden. Es war beschlossen worden, Kaljabin auf seine Tauglichkeit hin zu prüfen, aber ihn einstweilen nicht in die revolutionären Kreise einzuführen. Mit der Zeit würde er sich selbst zurechtfinden. Petrowskij, der die Verantwortung für Kaljabin tragen sollte, erhielt den Auftrag, ihn anzuleiten.
Bei einem Alttrödler auf der Sennaja Straße tauschte Afonka seinen Kaftan gegen Rock und Weste ein, behielt aber seine hohen Stiefel und seine Mütze, und ging in die Wiborger Vorstadt.
Afonka bekam eine blaue Schürze um, einen Hammer in die Hand und wurde in die Werkstatt geführt, wo er Eisenstangen plattschlagen mußte. Nach zwei Tagen war er schwarz von Rauch und Ruß, die in jedes Fältchen drangen und sich in die Haut einfraßen, und begann auf die Gespräche seiner Arbeitsgenossen zu lauschen. Mit seinen neuen Freunden besuchte er Kneipen und Teestuben, wo er Zeitungen las, meist in dem Wirtshaus »Treffpunkt für Freunde«. Er wohnte jetzt zusammen mit einem Schlosser in einem kleinen Zimmer, lebte bescheiden; von dem Klimowschen Gelde nahm er nur, um seine Freunde zu bewirten, hatte ihm Petrowskij doch eingeschärft, den Genossen auf den Zahn zu fühlen.
Wenn man zu zweien in einem Zimmer wohnt, macht man zusammen Jagd auf Wanzen und verbringt auch seine Mußestunden zusammen.
»Wird's dir sauer, Afanaßij?«
»Das Kreuz tut einem weh; am Abend kriegt man den Rücken nicht mehr gerade, es zieht einen krumm …«
»Sein Brot verdient sich unsereiner wahrlich im Schweiße seines Angesichts …«
»Ja, arbeiten tun wir schon …«
»Die einen arbeiten, die anderen gehen auf dem Newskij spazieren …«
So hatte ihr erstes Gespräch begonnen, daraufhin hatten sie Freundschaft geschlossen. Bald begann der Schlosser ihm des Abends Flugblätter und Broschüren zum Lesen zu geben.
»Lies das mal durch, Afanaßij; da wirst du gleich merken, woran es hapert. Arbeiten soll der Mensch … gewiß, ohne Arbeit ist der Mensch nichts … Aber Arbeit macht einem nur dann Freude, wenn man dafür auch seine Rechte hat und anderen gleichgestellt ist … Dem Kapital müssen Fesseln angelegt werden, sonst verdient der Bourgeois, der Besitzer, der Aktionär seine zweihundert Prozent durch unserer Hände Arbeit und fährt im Auslande spazieren. Es ist so, wie es im Lied heißt: ›Sie mästen sich an unserm Schweiß‹.«
»Wer stark ist, dem gehört die Welt, und wer Geld hat, der ist stark …«
»Das wollen wir erst mal abwarten, wer der Stärkere ist, jene, die das Geld haben, oder jene, die keins haben … Nimm diesen Krieg, Afanaßij: wer von uns hat einen Vorteil davon, daß sie mit den Japanern Krieg führen? Was gehen uns die Japaner an? Da hieß es: Wir begraben sie unter unseren Mützen 10; es stellt sich aber heraus, daß man mit Mützen allein nicht weiter kommt, sondern auch Geschütze nötig sind.«
In den Werkstätten führten die Arbeiter ähnliche Reden. Allmählich, Tropfen um Tropfen, durchdrangen solche Ansichten auch Afonkas Vorstellungswelt. Wenn man Minister totschlug, so hatten sie es reichlich verdient – da mußte er, Afonka, zum Beispiel mit schmerzendem Kreuz umherlaufen, selbst seine Riesenkraft genügte noch nicht, um das zu leisten, was verlangt wurde! Jeden Schutzmann begann er zu hassen und sich überall vorsichtig umzusehen: vielleicht horchte jemand, vielleicht könnte ihn jemand bei der Polizei anschwärzen! Den Werkmeister betrachtete er, wie die übrigen Genossen, mit scheelen Blicken; der dachte wohl nur an den Vorteil des Chefs. Im Kloster, auf dem Ausspannhof, im Wirtshaus war er jahraus, jahrein mit den verschiedensten Leuten zusammengekommen, aber erst seit er auf der Fabrik arbeitete, waren ihm die Augen aufgegangen: solch eine Sträflingsarbeit hatte er bisher nicht gesehen … Des Sonnabends ging er, rußbedeckt und ölbeschmiert, gleich von der Fabrik in das Wirtshaus an der Kleinen Spasskaja, bestellte sich zwei Flaschen Bier und wartete auf Petrowskij.
»Na, was haben Sie gehört, Afanaßij Timofejewitsch?«
»Was ich gehört habe? Immer dasselbe, wer auch sprechen mag. Jeder hängt denselben Gedanken nach. Welchen, wissen Sie ja.«
»So will ich Ihnen denn jetzt sagen – von der Partei werden Sie ja bereits gehört haben – auch ich gehöre zur Partei. Ihnen hat ja die Arbeit im Handumdrehen die Augen geöffnet; nicht wir haben das getan, sondern die Verhältnisse.«
»Geben Sie mir Parteiarbeit; ich stehe schon meinen Mann.«
»Arbeit können wir Ihnen noch nicht geben, das kommt mit der Zeit, gedulden Sie sich. Aber wenn Sie diese Flugblätter gegen den Krieg in Ihrer Werkstatt unbemerkt verstreuen könnten, so wäre uns damit gedient; das ist auch Parteiarbeit. Aber geben Sie acht, seien Sie vorsichtig; Sie wissen ja selbst, als Genosse gilt nur, wer zur Partei gehört; auf die übrigen ist kein Verlaß.«
»Könnte ich nicht auch in die Partei eintreten?«
Am nächsten Sonnabend wurde er unter dem Spitznamen »Der Mönch« in die Partei aufgenommen, unter Petrowskijs Verantwortung, der für ihn gebürgt hatte. Unberührt geblieben von den neuen Erlebnissen war nur Afonkas Schwäche für die Mädel; jene der Wiborger Vorstadt suchte er zuweilen auch in Gesellschaft seines Freundes, des Schlossers, auf; er machte sich auch an die Arbeiterinnen der nahegelegenen Trikotagenfabrik heran, aber mit wenig Erfolg; es fehlte ihm an Zeit, um sich eingehender mit ihnen abzugeben; auch schreckte sie der rothaarige Unhold in der blauen Mütze, die er noch von den Klimowschen Zeiten her trug.
In den Werkstätten wurde davon getuschelt, daß das Volk beabsichtige, sich an den Zaren zu wenden11, in hellen Haufen zu ihm zu ziehen, um ihn um Hilfe und Erbarmen zu bitten – wie es in früheren Zeiten üblich gewesen war – mit Kreuzen und Kirchenbannern, von einem Priester geleitet, dem Zaren eine Bittschrift zu überreichen und sich über die Minister und die Generale zu beschweren.
Afonka erzählte davon Petrowskij, mit dem er als seinem Bürgen regelmäßig zusammenkam.
»Ich weiß, Mönch; ich weiß auch, daß es zu nichts führen wird; trotzdem muß es geschehen, damit einmal angefangen wird. Dies ist ein Anfang. Das ist noch nicht versucht worden. Wie es ablaufen wird, wissen wir selbst nicht. Es muß aber ein Stoß kommen, um die Sache in Gang zu bringen; nachher breitet es sich dann aus wie eine Überschwemmung.«
Wenn die starken Fröste um die Weihnachtszeit das werktätige Volk in die Wirtshäuser und Kneipen treiben, wo die Leute beim Schnarren eines heiseren Grammophons hinter einer Flasche Bier sitzen, um in ein warmes, erleuchtetes Zimmer und unter Menschen zu kommen, statt in dumpfer Schwermut in ihren rußgeschwärzten Winkeln zu hocken, dann lösen sich die Zungen, werden die Gespräche freier und ungehemmter. Im Licht der zischenden Azetylenlampe wird es auch in der Seele lichter; die Hoffnung auf ein besseres Leben erwacht.
Durch die Kneipen und Schenken zog das Gerücht, das Volk beabsichtige zum Zaren zu gehen, um sich vor dem Selbstherrscher zu verneigen und ihn um die Gnade zu bitten, er möge die übermütigen großen Herren und Minister zur Ordnung rufen. In allen Herzen glomm Hoffnung auf Erfolg; das war noch nicht versucht worden; vielleicht gelang es. Im Volk lebte noch die Erinnerung an die märchenumwobene Zeit, da die Moskauer Zaren schuldig Befundene eigenhändig verprügelten, selber zu Gericht saßen und mit Leuten aller Stände über deren Nöte sprachen. Es würde sich alles schon wieder einrenken lassen, denn – wie das Sprichwort sagt – weiß der Zar erst die Wahrheit, so bricht die Sonne wieder aus den Wolken hervor. Niemand hatte den Tag bestimmt; eines Sonntagmorgens geschah es ganz von selbst, wie es im Märchen heißt, daß das Volk von allen Seiten dem Winterpalais zuströmte, bis zur Heiserkeit »Herrgott, erlöse die Menschen dein« singend. Verzweiflung veranlaßte die Leute ununterbrochen das Gebet zu singen, damit die Angst sie nicht überwältige und sie zurückdränge in ihre armseligen Behausungen.
Vom frühen Morgen an irrte auch Afonka durch die Straßen, um sich die Menschen anzusehen. Nach einer Zusammenkunft mit Petrowskij in unmittelbarer Nähe von dessen Wohnung, schritt Afonka aus ihm selber unklaren Gründen noch eine Weile auf der Kleinen Spasskaja Straße auf und ab, als warte er auf jemand. Und es fügte sich so, daß sein Warten nicht vergeblich war; die kleine Fenja trat aus einer Pforte gleich neben jener Bierhalle, in der Afonka sich mit Petrowskij des Sonnabends zu treffen pflegte. Beim ersten Blick meinte er, sie erkannt zu haben, lief auf die andere Seite und eilte ihr nach; sie war es wirklich. In einiger Entfernung folgte er ihr, bloß weil er seinem Stern von Bethlehem näher sein wollte. Auch Petrowskij wohnt wohl hier, dachte er; wenn nicht in einem Hause mit ihr, so doch in der Nähe; darum besucht er auch jene Schenke. Auch die kleine Fenja wollte sich die Sache ansehen, trotzdem Petrowskij sie am Abend vorher gebeten hatte, zu Hause zu bleiben; aus zuverlässiger Quelle sei ihm bekannt, daß die Demonstranten ein schlimmer Empfang erwarte; darum beteilige sich auch fast niemand von der Partei an dem Zuge, bloß einige Beobachter seien hinbeordert worden. Die kleine Fenja beachtete die Warnung nicht; sie hatte noch niemals eine Massendemonstration gesehen und war neugierig. Beim Anblick der frohen, hoffnungsvollen Gesichter der dahinströmenden Menge wurde auch ihr froh und licht ums Herz, zumal es ein klarer sonniger Tag war, was die Stimmung noch erhöhte. Auf dem Konnogwardejskij-Prospekt wurde die Menge dichter und zugleich auch die Reihen der Schutzleute, die in ihrem besten Zeug ebenfalls strahlten und den Kosakenabteilungen blinzelnd zulächelten. Afonka hielt sich jetzt nur drei Schritte hinter der kleinen Fenja, um sie nicht aus dem Auge zu verlieren. Auch sein Gesicht strahlte festtäglich, während er die vor den Torwegen stehenden Hausknechte musterte, deren Messingschildchen auf der Brust glänzten wie die Knöpfe der Offiziere bei einer Truppenschau. Gedankenlos schlenderte Afonka hinter der kleinen Fenja durch die Menge, in der jeder dem anderen zugleich Feind und Freund ist.
Von der Millionnaja Straße kommend, traten sie unter den Bogen der Senatoren und blieben etwas abseits stehen; in einiger Entfernung rauschte Betgesang über den Köpfen der grauen Menge. Einer dichten Mauer gleich war sie bis zur Alexandersäule vor dem Zarenpalais vorgedrungen und wäre noch weiter gerollt, doch die Granitsäule versperrte ihr den Weg – als Grenze menschlichen Begehrens und eitler Hoffnungen.
Die Menge verdeckte vor der kleinen Fenja und Afonka die Bajonette der Soldaten; hinter der barhäuptig Gebete singenden Menschenmasse sahen sie nicht die in Anschlag gebrachten Gewehre, hörten nicht die verhängnisvollen Worte:
»Kompanie … Feu-er!«
Sie hörten nur das tierische Aufheulen der zurückdrängenden Menschen. Wie ein Funken stob es durch die Reihen: »Rette sich, wer kann!« Unter demselben feierlichen Bogen hindurch liefen sie auf den Newskij hinaus, bogen aber hier nicht zur Admiralität ab, weil auch von dort her schreiende Massen heranströmten, sondern nach der Kasaner Kathedrale. Afonka, der sich dicht neben Fenja hielt, schonte seine Ellenbogen nicht, stieß in die Quere Kommende beiseite und schützte das junge Mädchen mit seinem Körper vor den von hinten heranflutenden Scharen, die von Kosaken verfolgt wurden, deren schwere Lederpeitschen auf die Köpfe und Rücken der Fliehenden niedersausten. Afonka stolperte, wurde dabei beiseite gedrängt und sah, wie der kleinen Fenja der Hut durch eine Kosakenpeitsche heruntergerissen wurde und wie sie in Erwartung eines zweiten Schlages den Kopf duckte. Er warf seinen schweren Wintermantel ab, war mit einem Sprung an ihrer Seite und deckte sie mit seinem breiten Rücken. Die herabsausende Peitsche traf statt ihres Kopfes seine Schulter, fraß sich durch Kleider und Haut bis auf den Knochen durch und riß, jäh zurückgeschnellt, Fleischfetzen mit heraus. Afonka spürte keinen Schmerz, schob die Hände unter Fenjas Achseln und bugsierte sie vom Fahrdamm auf den Bürgersteig und weiter in eine Nebenstraße, wobei er sie halb emporhob, so daß sie im Laufen nur mit den Zehenspitzen den Boden berührte. Erst im halbdunklen Torweg eines gelben fünfstöckigen Amtsgebäudes blickte er sich um und blieb vor Schmerz stehen: beim Laufen mit ausgestreckten Armen wurde die Wunde durch die blutdurchnäßte Kleidung gerieben.
Während sie lief, hatte Fenja nichts mehr von all dem wahrgenommen, was um sie her vorging, nur den einen Gedanken im Kopf: Fliehen! Im Gedränge war ihr ein Strumpfband aufgegangen und der Strumpf bis an den Knöchel herabgeglitten, ohne daß sie es gemerkt hätte; ihre Haare hatten sich unter dem Hieb, der ihr den Hut vom Kopf riß, gelöst und waren vom Laufen zerzaust. Als ihr Retter stehen blieb, wandte sie sich, vor Schreck und Entsetzen halb benommen, zu ihm um, schlang schnell die Arme um seinen Hals und küßte ihn mit geschlossenen Augen auf die stopplige Wange, wobei sie sich die Lippen zerstach.
»Sie haben mir das Leben gerettet; danke, Kamerad.«
Kamerad hatte sie ihn genannt – wie einen Studenten!
»Schicksal, Fenitschka!«
Vor Überraschung, sich beim Namen genannt zu hören, fuhr die kleine Fenja zusammen und schlug erschrocken die Augen zu ihm auf, während ihre Finger etwas Nasses, Klebriges an ihrer Handfläche abtasteten. Wie erwachend sagte sie:
»Er! Sie sind es, Sie, Afanaßij Kaljabin! …«
»Ja, Fjokla Timofejewna – es ist wohl Schicksalsfügung …«
Ihre Finger tasteten noch immer hilflos die nasse Handfläche ab; verwirrt hob sie die Hand, blickte diese, dann Kaljabin an.
»Blut, sehen Sie, Blut … Woher kann das kommen?«
Sie entsann sich, daß sie Kaljabin die Hände auf die Schultern gelegt hatte, als sie sich zu ihm emporreckte und ihn küßte.
»Es kommt gewiß von Ihnen, Kaljabin, Sie müssen verwundet sein …«
»Stimmt, Fjokla Timofejewna.«
Er strich mit den Fingern prüfend über die Wunde, die Zähne zusammenbeißend, um nicht aufzustöhnen. Leise sagte er:
»Macht nichts, das vergeht schon wieder … Bis auf die Knochen …«
Schweiß trat ihm auf die Stirn, als er die frierende Achsel bewegte. Während des Laufens hatte er geschwitzt, im Stehen fror ihn jetzt, und an der Schulter nagte der Schmerz.
»Sie sind ohne Mantel?«
»Ich habe ihn während der Flucht abgeworfen, er störte beim Laufen.«
»Man müßte Ihnen einen Verband anlegen … Einen Verband …«
Suchend blickte sie an sich hinab, bemerkte den hinabgeglittenen Strumpf und errötete. Dann aber knöpfte sie entschlossen ihren Pelz auf, brachte den Strumpf in Ordnung und riß von ihrem Unterrock einen Streifen und von diesem den Spitzenbesatz ab, den sie fortwarf. Im halbdunklen Torweg des stummen Hauses legte sie ihm, die warmen Hände unbeholfen unter sein Hemd steckend, einen notdürftigen Verband an und half ihm dann behutsam wieder in seinen Rock. Vor Erregung und Kälte klappten ihre Zähne nervös gegeneinander.
Auf Umwegen, durch unbekannte Straßen, suchten sie die Kleine Spasskaja zu erreichen; beide froren. Durch die überstandenen Schrecken und die Begegnung mit Kaljabin noch immer verstört, dachte die kleine Fenja nicht daran, eine Droschke zu nehmen. Als sie an einer Schenke vorübergingen, blieb Afonka plötzlich stehen, als wäre ihm etwas Wichtiges in den Sinn gekommen, und sagte:
»Warten Sie hier … Ich bin gleich wieder da.«
Nach wenigen Augenblicken kam er, eine halbe Flasche Branntwein in der Hand, aus dem Wirtshaus geeilt.
»Trinken Sie. Sie müssen warm werden.«
Wortlos, gleich einem Befehl, kam Fenja seiner Aufforderung nach und trank ein paar Schluck, die ihr die Kehle versengten; hustend reichte sie ihm die Flasche zurück.
»Mehr kann ich nicht.«
»Das reicht für Sie, ich trinke den Rest.«
Ganz heiß wurde es der kleinen Fenja in der Brust, so daß ihr der Atem stockte. Dann aber schritt sie munterer neben Afonka einher.
Über den Litejny Prospekt und dann wieder durch verlorene Gassen strebten sie der Petersburger Seite zu.
Nach einer Weile bemerkte Afonka, daß sich die kleine Fenja nur noch mit Mühe vorwärts bewegte. Stumm schlang er den Arm um ihren Rücken und schob ihr die Hand unter die Achsel. So gestützt, ging es besser, wenn auch seine Wunde dabei heftiger schmerzte.
Die kleine Fenja, die sich sehr schwach fühlte, fügte sich schweigend. Als sie schließlich die Kleine Spasskaja erreichten, sagte sie leise:
»Als wir vom Newskij flüchteten, haben Sie mich beinahe getragen …«
»Wenn es nötig wäre, würde ich Sie auf den Armen tragen, wohin Sie nur wollten.«
Schweigend setzten sie ihren Weg fort und kamen an jener Schenke vorüber, in der Afonka sich des Sonnabends mit Petrowskij zu treffen pflegte. Zwei Häuser weiter blieb die kleine Fenja stehen.
»Ich danke Ihnen, Kaljabin … Sie haben mich gerettet …«
»Schicksal, Fjokla Timofejewna – zum zweiten Male … Nun muß ich es noch ein drittes Mal tun.«
»Ich wohne hier … Leben Sie wohl.«
Wieder nannte er sie mit ihrem Kosenamen:
»Leben Sie wohl, Fenitschka …«
Er warf einen Blick auf die Haustür und schritt, in Gedanken über sein Schicksal vertieft, mit gesenktem Kopfe davon, beglückt durch ihren Kuß, den er noch auf seiner unrasierten Wange spürte.
Die kleine Fenja, die sich wieder ganz schwach fühlte, stieg mit Anstrengung die zwei Treppen hinauf, und während sie mühsam Stufe um Stufe erklomm, dachte sie an Afonkas ungeheure Kraft, der sie sich unwillkürlich gefügt hatte, als sie durch die einsamen Gassen schritten; ihr kam sogar der Gedanke, daß man unter dem Schutz eines solchen Menschen niemals für sein Leben zu fürchten hätte. Bei dem Gedanken an den Wechsel und Kaljabins Handkuß zuckte sie zusammen, obwohl sie den unangenehmen Fleck an ihrer Hand nicht mehr spürte; ein Tag wie dieser konnte einen selbst mit so unheimlichen Dingen aussöhnen. Obwohl sie in ihrem Zimmer Petrowskij vorfand, der auf sie wartete, warf sie sich, nachdem sie den Pelz abgestreift hatte, erschöpft auf ihr Bett und erzählte kurz, abgerissen, das Gesicht halb in die Kissen vergraben, flüsternd und oft zusammenschauernd, von ihren Erlebnissen.
»Und wissen Sie, wer mich gerettet hat?«
»Wer, Fenja?«
»Kaljabin … Er, er hat mir das Leben gerettet! … Mit seinem Leibe hat er mich gedeckt und den fürchterlichen Hieb aufgefangen.«
Nur daß sie ihn geküßt und er sie gezwungen hatte, Schnaps zu trinken, verschwieg sie. Dann lag sie still und stumm da und wartete; vielleicht würde Nikodim zu ihr treten, sie umarmen, sie leise küssen; so müde und hilflos fühlte sie sich; ganz verstört war sie; er würde sie wieder aufrichten und das aufdringliche Bild des rothaarigen Mönches verscheuchen.
Und da er nicht kam, nicht gleich kam, wie ihre Seele, entblößt und erschüttert durch das Erlebte, sich sehnend auftat, sagte sie, die aufsteigenden Tränen zurückdrängend, ins Kissen hinein:
»Gehen Sie … Ich bin müde und möchte schlafen.«
»Ich komme morgen wieder mit heran, Fenitschka.«
»Ja … Morgen …«
Vor Enttäuschung, daß er den Augenblick nicht wahrgenommen hatte, da ihre Seele sich nach Hingabe sehnte, da er sie durch ein Wort, eine kleine Liebkosung, für immer hätte gewinnen, zu seinem Geschöpf machen können, schluchzte sie verzweifelt in die Kissen. Warum war er es gewesen, wieder er, der rothaarige Mönch, der sich zwischen sie und den Tod geworfen hatte, und nicht der Geliebte, der Ersehnte!
10 »Wir begraben sie unter unseren Mützen«: Volkstümliche Redensart, deren Sinn etwa ist: Wir sind ein so ungeheuer großes Volk, daß wir nur unsere Mützen nach dem Feinde zu werfen brauchen – er würde unter der Last ersticken, wie unter einer Lawine begraben.
11 »das Volk beabsichtige, sich an den Zaren zu wenden usw. ...«: Gemeint ist der historische Zug der revolutionären Elemente der Hauptstadt zum Winterpalais unter der Führung des Priesters Gapon am 9. Januar 1905. Die Demonstranten wurden durch Schüsse zerstreut. Der Tag gilt als Beginn der russischen Revolution.
IV
Inhaltsverzeichnis
In der Wiborger Vorstadt, auf dem alten Newskij, in den dunklen Gassen der Wassilij-Insel warfen rußgeschwärzte Menschen schweigend scheue Blicke um sich, in den Kneipen und Schenken kamen sie zusammen, starrten auf die vorüberziehenden Feldgrauen, grübelten und flüsterten …
Blut war geflossen; eine ungestüme Woge schlug empor und zog, an den granitenen Ufern hinaufleckend, über das flache Land flammengleich dahinschnellend, durch die dürftigen Dörfer, von machtlos prasselnden Gewehrsalven verfolgt, wühlte das unendliche Menschenmeer auf, brandete gegen die Gebirgsketten und verebbte, bis der Zeitpunkt kam, da die in die Herzen gestreute Saat aufging.
Eine Woche später, am Sonnabend, als Afonka und Petrowskij in der Schenke zusammenkamen, machte Kaljabin nicht mehr den Eindruck eines täppischen Kleinbürgers. Er saß mit gefurchten Brauen da, nach der ersten Taufe mit Kugeln und Peitsche heimliche Erkenntnisse in sich hineinfressend. Er sah Petrowskij an und empfand ihn wieder als Feind. Nur eines verknüpfte sie: die Sucht nach ungezügelter Freiheit, die aus den Steppen von Polowezk noch vor dem Tatarenjoch ins Land eingedrungen war, da Glockenklang die freien Bürger sich selbst verwaltender Gemeinden zur Volksversammlung auf den Marktplätzen zusammengerufen hatte.
Afonka berichtete kurz über die Ereignisse am 9. Januar.
»Dann bemerkte ich Fjokla Timofejewna in der Menge und stellte mich hinter sie. Und als die Schießerei losging, half ich ihr bei der Flucht; wie hätte sie sich in dem Durcheinander auch allein zurechtfinden sollen! Na, und die Kosakenpeitsche fing ich mit meinem Rücken auf; der Hieb traf statt ihres Kopfes meine Schulter und riß mir ein Stück Fleisch von den Knochen; es schmerzt heute noch. So ist es denn gekommen, daß meine erste Begegnung mit unserer Landsmännin in Petersburg nicht ganz belanglos war.«
»Gut, daß es so gekommen ist. Ich hatte Fjokla Timofejewna gewarnt, aber die weibliche Neugier war stärker.«
Es war, als bohrte etwas in Afonka; hämisch sagte er:
»Warum haben Sie sich denn nicht um sie gekümmert, da Sie doch nicht sicher waren, ob sie Ihren Rat befolgen würde? Wie, wenn der Kosak ihr den Schädel zertrümmert hätte?«
»Da es nicht geschehen ist, hat es keinen Sinn darüber zu reden.«
»Immerhin, was hätten Sie gesagt?«
»Sie wäre selbst schuld daran gewesen. Als erwachsener Mensch ist sie für ihre Taten allein verantwortlich.«
»Und es hätte Ihnen gar nicht leid getan um Fjokla Timofejewna, Nikodim Alexandrowitsch? …«
»Was soll das Verhör, Kaljabin? Was bezwecken Sie damit? Das geht Sie doch gar nichts an.«
»Ich meine nur so … Fjokla Timofejewna ist uns ja keine Fremde, sie ist doch unsere Landsmännin …«
»Lassen wir das … Dem Himmel sei Dank, daß es glücklich abgelaufen ist, und Ihnen sei Dank für Ihren Beistand.«
Petrowskij saß eine Weile stumm da; unvermittelt fragte er:
»Sagen Sie, Kaljabin, wo sind Sie Fjokla Timofejewna zum ersten Male begegnet?«
»Das wissen Sie ja; im Drakinschen Hause, als ich im Auftrage des alten Klimow in einer geschäftlichen Angelegenheit hinkam; ich habe Sie ja damals auch zum ersten Male gesehen.«
»Waren Sie denn erst nachher als Kostümierter da?«
»Als Kostümierter? Was meinen Sie damit, Nikodim Alexandrowitsch?«
»Erinnern Sie sich nicht mehr an das Bauernmädel?«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Waren Sie denn nicht zu Weihnachten als Kostümierter im Drakinschen Hause?«
»Davon höre ich zum ersten Male.«
Petrowskij fühlte sich ganz wirr. Einer von ihnen hatte die Unwahrheit gesagt, vielleicht beide; doch wessen Erklärungen kamen der Wahrheit näher? … Fenjas Angst, als sie in Moskau Kaljabin erblickt und sich erschrocken an Petrowskij gedrängt hatte, war gewiß ehrlich gewesen, und ihre Erklärung hatte sich um den roten Mönch gedreht. Sollte sie ihn schon früher kennengelernt haben? Das konnte nicht sein, auch Kaljabin hatte bestätigt, daß er sie zum ersten Male in der Stadt gesehen hatte; zweifellos aber war er nicht als Kostümierter bei ihr im Hause gewesen.
»Sprechen wir jetzt über die Geschäfte, Kaljabin. Sie werden von der Partei abkommandiert.«
»Wohin?«
»In eine andere Stadt.«
»Und die Fabrik? Sie machen da Abzüge, wenn man die Arbeit schwänzt.«
»Die werden Ihnen von der Partei ersetzt. Auf drei Tage ist Ihre Reise berechnet. Ablehnen darf man nicht. Verstanden?«
»Wohin soll ich denn fahren, Nikodim Alexandrowitsch?«
»Das erfahren Sie bei der Erteilung des Auftrages. Ich muß jetzt fort. Also bis Sonnabend.«
Petrowskij ließ sein Glas halb geleert stehen und ging, in seine Gedanken vertieft, ohne sich von Afonka zu verabschieden. Dieser sah ihm nach und wunderte sich, daß ihm der Student nicht einmal die Hand gegeben hatte. Solche Zerstreutheit könne nicht ohne Grund sein … Afonka erinnerte sich, daß Petrowskij mehrmals das Gespräch auf die kleine Fenja gebracht, Fragen gestellt hatte. Dahinter mußte irgend etwas stecken, vielleicht hatte Fenja zu Petrowskij über ihn gesprochen; doch was hatte sie denn von ihm erzählen können? … Es war ärgerlich, daß er verreisen sollte und nicht ablehnen durfte; zugleich kam ihm der Gedanke, daß Petrowskij ihn vielleicht absichtlich aus Petersburg entfernen wollte. Seine Eifersucht wurde noch quälender. Er mußte immer an Fenjas unerwarteten Kuß denken, diesen rein menschlichen Kuß. Ein Kuß anderer Art hätte vielleicht keinen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wie dieser schlichte, von Herzen kommende Kuß aufrichtiger Dankbarkeit. Sie hat ein gutes Herz, hatte er freudig empfunden. Das Körperliche war entschwunden, das Seelisch-Schöne allein blieb zurück und ließ seinen Stern von Bethlehem noch heller erstrahlen. Die Berührung ihrer reinen Menschlichkeit hatte seine Seele geläutert, und die Berührung ihrer Hände und Finger, als sie ihm mit einem Streifen ihres Unterrocks die Schulter verband, eine solche Seligkeit in ihm ausgelöst, wie keine Liebkosung sie ihm hätte geben können. Kein Glück ließ sich mit dem einfachen Empfinden vergleichen, das ihn bei der Berührung ihrer warmen Hände durchdrungen hatte; er wäre bereit gewesen, sich zum Krüppel schlagen zu lassen, um noch einmal die schmerzstillende Samariterhand der kleinen Fenja zu spüren.
Vielleicht hatte dieses kraftstrotzende Tier zum erstenmal in seinem Leben das Gefühl tieferer Menschlichkeit erlebt, vielleicht nur einen Augenblick lang – und das in jener Stunde, als er mit vielen anderen, Hoffnung im Herzen, Kugeln entgegengeschritten war und unter der bitteren Enttäuschung gelitten hatte. Da hatte sie ihn wieder aufgerichtet; der Mensch, dem er das Leben gerettet, hatte Hoffnung und Glaube an ein besseres Leben, an seine Wahrheit, an jene Menschen, denen er um dieser Wahrheit willen dienen wollte, wieder aufleben lassen. Heller als je strahlte sein Stern von Bethlehem!
Petrowskij ging aus dem Wirtshaus geradeswegs zu der kleinen Fenja, um das wirre Rätsel zu lösen. Wie immer empfing ihn Fenja mit der Frage:
»Wollen Sie essen, Nikodim Alexandrowitsch? Trinken Sie Tee?«
»Ich komme aus der Bierstube, habe Bier getrunken, wieder mit Kaljabin.«
»Haben Sie Hunger? Ich habe von Hause ein Eßpaket erhalten.«
Ohne auf seine Einwände zu achten, legte sie ihm allerlei appetitliche Sachen auf den Teller, den sie vor ihn hingestellt hatte, goß ihm warmen Tee ein und kuschelte sich darauf mit untergeschlagenen Beinen in die Diwanecke, die Schultern in einen gehäkelten Schal gehüllt, und sah zu, wie er anfangs zögernd und gleichsam unwillig, dann aber mit immer wachsendem Genuß sich über die schönen Dinge hermachte, die vor ihm standen. Er fragte sie nach der Stimmung auf der Hochschule.
»Davon weiß ich nichts, Nikodim Alexandrowitsch, das habe ich Ihnen schon tausendmal gesagt. Sie brauchen mich gar nicht danach zu fragen. Ich bin nicht hergekommen, um mich an irgendeiner Ihrer Parteien da zu beteiligen, sondern um zu leben und fröhlich zu sein, nur daß ich nicht recht weiß, wie man das macht. Wenn nur Onkel Kirja hier wäre! … Allein wage ich mich nicht hervor, mag nicht einmal allein ins Theater gehen, und Sie gehen ja nicht mit mir, haben niemals Zeit, sind immer mit Ihrer Parteiarbeit beschäftigt. Und mein Studium – es ist fast wie im Lyzeum, am liebsten ließe ich mir wieder von einem Hauslehrer Nachhilfestunden geben, wenn das nicht lächerlich wäre. Eigentlich langweile ich mich dabei …«
»Schämen Sie sich, Fenja; Blut ist geflossen, Ihnen aber ist es ganz einerlei. Menschen werden in der Mandschurei hingeschlachtet, Ihnen ist es einerlei. Die Arbeiter verkommen unter den menschenunwürdigen Verhältnissen, Ihnen aber ist es einerlei.«
Er hatte seinen Tee ausgetrunken und setzte sich zu ihr auf den Diwan. Ein wenig vornübergebeugt, grübelte er, wie er ihr näherkommen, tiefer in sie hineinschauen könnte.
»So belehren Sie mich eines Besseren, Nikodim Alexandrowitsch, vielleicht lerne ich dann auch Ihre Sache lieben. Ich bin hergekommen, um das Leben kennenzulernen und mich zu vergnügen, und nun weiß ich nicht einmal, wie ich das anfangen soll.«
»Sie müssen das Leben fühlen lernen, dann werden Sie es auch lieben. Man kann einen Menschen über das Leben nicht belehren, wenn er es nicht überall und in allem als sein Leben fühlt.«
Gleichsam als hätte ihn ihr Lebensdurst tiefer ergriffen, als verstehe er, daß der Mensch nicht immer das Leben in sich und sich im Leben als Teil einer ewigen Bewegung empfinden könne, neigte er sich zu ihr, ergriff ihre unter dem Schal verborgenen Hände, zog sie an sich, drückte sie mit seinen breiten derben Händen, so daß auch Fenja sich zu ihm hinbeugte und ihm unruhig in die nachdenklichen, ernsten Augen blickte.
»Fenja, wie könnte ich Sie leben lehren? Wie? … Lieben Sie jemand, vielleicht werden Sie durch die Liebe auch das Leben lieben lernen … Lieben Sie selbstvergessen …«
Stumm fühlt der Mensch, was in solchen Worten verborgen liegt; auch spürte die kleine Fenja, daß er ihre Hände stärker drückte und, vielleicht ohne es selbst zu wissen, sie langsam immer näher an sich zog. Sie blickte ihn an; in seinen Augen, die prüfend und ohne zu blinzeln – nur leise bebten die Lider – auf sie gerichtet waren, sprühten Fünkchen. Sie dachte nicht über seine Worte nach, sie kämpfte noch mit sich, als er sie plötzlich entschlossen an sich zog. Diese Bewegung entschied ihr Schwanken; willenlos überließ sie sich ihm. Sie atmete tiefer, ihr Herz schien zuweilen im Schlage auszusetzen, um dann um so heftiger zu pochen, was unheimliche Schauer durch ihren Körper jagte. Seit jenem Abend, da sie, von Afonka nach Hause gebracht, ermattet auf ihr Bett gesunken und darauf gewartet hatte, daß Petrowskij herantreten und sie nehmen würde, Leib und Seele, lag es wie ein Druck über ihr – die Schwere von etwas Unausgesprochenem, das eben das wichtigste im Leben war.
»Lieben Sie mich, Fenja …«
Über sie gebeugt, küßte er sie; ihre Hände hatte er freigegeben und sie umarmt.
An das Rückenpolster des Diwans gelehnt, halb liegend, schlang sie die Arme um seinen Hals und erwiderte stumm seine Küsse, bereit, sich ihm hinzugeben, sehnsüchtig auf den Augenblick wartend, da sie, die Lider gesenkt, unter seiner Liebkosung erzittern würde, bis das Herz, müde und befriedigt, langsamer und leiser schlug …
Petrowskij küßte sie zärtlich, spürte aber nicht, daß sie ihm entgegenstrebte, weil sein Kopf, durch seine bohrenden Gedanken in Anspruch genommen, klar blieb; er wollte das Rätsel lösen.
»Liebst du mich?«
»Fühlst du es nicht? …«
Stürmisch zog er sie an sich, riß aber gleich wieder, wie aus einer Betäubung erwachend, seine Lippen von ihrem Munde.
»Fenja, warum hat dich auf dem Bahnhof in Moskau die Begegnung mit Kaljabin so erschreckt? Du hast mir nichts Näheres darüber gesagt; vielleicht tust du es jetzt?«
Noch immer erwartungsvoll, aufgelöst, schmiegte sie sich an ihn und flüsterte:
»Rette mich vor ihm, rette mich! Ich weiß selbst nicht, warum ich ihn fürchte …«
Als läge die Rettung darin, daß sie sich Nikodim hingab, als hoffte sie, durch die Verschmelzung mit ihm von der drückenden Angst vor Afonka erlöst zu werden, umschlang sie den Geliebten noch fester und suchte selbst nach seinen Lippen.
»Er verreist bald.«
»Wohin?«
»Im Auftrage der Partei.«
»Auf immer?«
»Auf drei Tage.«
Noch zärtlicher, noch inniger schmiegte sie sich an Nikodim.
»Könnte man es nicht so einrichten, daß er auf längere Zeit fort muß, auf immer? …«
»Ich weiß nicht …«
»Tu es, tu es, um meinetwillen …«
»Warum, Fenja? Ist etwas zwischen dir und ihm vorgefallen? Warum hat es dich so erschreckt, ihn als Mönch vermummt zu sehen? … Er war ja wirklich Mönch, trägt auch den Parteinamen ›Mönch‹. Warum liegt dir daran, daß er aus Petersburg verschwindet?«
Vielleicht war es nur das eine Wort »Mönch«, was die kleine Fenja jäh ernüchterte. Die Erinnerung an Nikolai überkam sie, die Ahnung, daß Nikodim etwas gehört haben mußte, offenbar aber etwas sehr Unbestimmtes, da es Afonka war, der seine Unruhe erregte; darum wollte er um ihre Vergangenheit wissen. Gleichzeitig gedachte sie des unerträglichen Schmerzes unter dem Messer des Arztes damals und rückte von Nikodim ab.
»Laß einen Augenblick, ich sitze unbequem …«
Sie blieb kalt und verschlossen, trotzdem er sie wieder umarmte, ließ sich nur widerstrebend küssen, stand bald auf, ohne auch nur auf eine seiner Fragen geantwortet zu haben, und sagte ruhig, während sie ihr Haar in Ordnung brachte:
»Ich werde mich ruhiger fühlen, wenn er nicht hier ist. Wenn du kannst, erfülle meine Bitte.« Sie blickte auf die Uhr. »Wie spät es schon geworden ist, elf Uhr. Die Wirtin wird wieder unzufrieden sein.«
Als Petrowskij sich im Vorzimmer verabschiedete, fragte er:
»Wirst du zu mir kommen, wenn Kaljabin fort ist?«
»Falls er auf längere Zeit verreist, ja.«
Als die kleine Fenja in ihr Zimmer zurückkehrte, lachte sie laut auf. Beim Einschlafen fühlte sie sich nicht verletzt, wie an jenem ersten Abend; sie zürnte ihm, weil er sie auch diesmal nicht verstanden, sie nicht hatte lieben wollen, wie sie war, nicht gespürt hatte, daß das Weib, das Liebe bereits erkannt hatte, in ihr erwacht war.
Auch Petrowskij lag grübelnd in seinem Bett, dachte an Afonka, fühlte noch Fenjas Lippen auf den seinen und ihre zärtlichen Arme um seinen Hals und bedauerte, daß es so gekommen war, daß er sie nicht genommen hatte. Wenn sie heute sein geworden wäre, schien ihm jetzt, so hätte sie ihm wohl alles über Afonka erzählt. Er beschloß, bei der Partei einen Auftrag an Afonka auszuwirken, der diesen längere Zeit von Petersburg fernhielt, und sich in seiner Liebe zu der kleinen Fenja über alle Hemmungen hinwegzusetzen; wenn sie zu ihm kam und sein geworden war, würde sie ihm aus eigenem Antrieb alles sagen.
Als er am Sonnabend in der Bierhalle mit Kaljabin zusammentraf, erklärte er ihm in trockenem Geschäftstone:
»Kommen Sie morgen nach der Selenina Straße, um Flugblätter und Drucktypen in Empfang zu nehmen, die Sie dem Werkmeister Stepan Gruschin auf Drakins Fabrik abliefern. Hier haben Sie Geld, unterzeichnen Sie die Empfangsbescheinigung. Als Zeichen besonderen Vertrauens erhalten Sie außerdem den Auftrag, die auf dieser Liste genannten Genossen aufzusuchen, die Ihnen Briefe übergeben werden; die Briefe stecken Sie in einen gemeinsamen Umschlag, den Sie schließen und versiegeln. Das Paket wird von Ihnen abgeholt werden. Danach nehmen Sie dort eine Stelle auf einer Fabrik an; wir brauchen einen zuverlässigen Mittelsmann als Bindeglied zwischen der Provinz und dem Zentrum. Zum Herbst muß alles zum Losschlagen vorbereitet sein. Verstehen Sie, Kaljabin?«
»Ich verstehe sehr wohl, Nikodim Alexandrowitsch, warum aber soll ich plötzlich dort bleiben? Ich bin aus unserer Heimatstadt gewissermaßen geflohen, und nun soll ich wieder dahin zurück? …«
»Da läßt sich nichts machen, Kaljabin. Ich habe Ihnen bereits gesagt, die Partei erweist Ihnen als einem zuverlässigen Parteigenossen besonderes Vertrauen durch die Erteilung dieses Auftrages, der Sie auf einen verantwortungsvollen Posten stellt. Die Folgen einer Ablehnung sind Ihnen wohl klar?«
»Na schön, Nikodim Alexandrowitsch, ich will mich fügen. Es sieht aber so aus, als schickten Sie mich absichtlich von hier fort; warum nur? …«
Sie vermieden es, einander in die Augen zu sehen; obwohl durch die gemeinsame Arbeit verknüpft, fühlten sie, daß sie Feinde waren.
»Leben Sie wohl, Kaljabin; ich wünsche Ihnen Erfolg. Auf den Bahnhof begleitet Sie der ›Schuster‹.«
»Wozu ist denn ein Begleiter nötig? … Zweifeln Sie etwa daran, daß ich abreisen werde?«
»Der Ausschuß hat es so bestimmt. Leben Sie wohl.«
Afonka beschloß, den Auftrag auszuführen, aber um keinen Preis in seiner Heimatstadt zu bleiben, die er verlassen hatte, um seinem Stern von Bethlehem näher zu sein.
Am Tage nach Afonkas Abreise erhielt die kleine Fenja einen Brief von Petrowskij, in dem er sie bat, ihn am Abend zu besuchen; in einem P. S. teilte er ihr noch mit, daß Kaljabin abgereist sei und wohl überhaupt nicht mehr nach Petersburg zurückkehren werde; ihre Bitte sei erfüllt.
Sie wußte, weshalb Nikodim sie zu sich bat, und ging hin, hatte aber das Empfinden, daß sie sich an diesem Abend durch nichts bewegen lassen würde, sich ihm hinzugeben. Vielleicht später einmal, wenn es sich von selbst so machte. Es war nur ein unbestimmtes Gefühl; sie konnte nicht voraussehen, was geschehen würde, denn sie liebte ihn ja. Alles in ihr war ruhig und klar, als sie zu ihm ging, auch die glühendste Liebkosung würde sie nicht erschüttern.
Sie trat ein, gefaßt und still. Petrowskij hatte sie erwartet und öffnete selbst.
»Da wär' ich denn bei dir.«
Auch Petrowskij, aus seinem Entschluß heraus, begegnete ihr sicher, obwohl die Erwartung des Kommenden ihn erregte. Wie zwei gute Freunde plauderten sie den ganzen Abend über von ihrer Heimatstadt, von gemeinsamen Bekannten und Freunden, doch machte sich eine gewisse Spannung, etwas Unausgesprochenes, ja Unaufrichtiges fühlbar und eine besondere Innigkeit infolge der schmerzlichen Hemmungen. Um zehn sagte Fenja, sie wolle nun gehen; da trat Petrowskij auf sie zu und umarmte sie.
»Geh nicht fort, Fenja.«
»Warum nicht?«
»Bleib heute bei mir … Ich möchte mit dir zusammen sein.«
»Weshalb, Nikodim? …«
»Verstehst du denn nicht? …«
»Ich verstehe, ich weiß; ich will bleiben, aber du sollst nichts fragen; es gibt keine Vergangenheit, es gibt nur eine Gegenwart, nur den heutigen Tag, nur meine Liebe zu dir. Wenn du das verstehen kannst, wenn du mich lieben kannst, so wie ich bin, so wie du mich vor dir siehst, will ich bleiben, will ich dein sein; dann laß uns zusammen an unserer Zukunft bauen.«
Während sie sprach, schmiegte sie sich zärtlich an ihn und wäre wohl geblieben, wenn er sie nicht wieder mit Fragen bedrängt hätte.
»Fenitschka, Liebste, so versteh doch! Siehst du, wenn man einen Menschen durch und durch kennt, wenn sein ganzes Leben offen und klar vor einem liegt, dann erst ist man seiner ganz sicher, dann sind keine heimlichen Zweifel mehr möglich. Ich bin kein Unmensch, es liegt mir fern, auf deine Vergangenheit eifersüchtig zu sein, aber siehst du, ich würde es als schmerzlich empfinden, würde mich vielleicht mein Leben lang verletzt fühlen, wenn in dieser Stunde etwas Fremdes, Unausgesprochenes zwischen uns bliebe, wenn deine Seele sich mir nicht vertrauensvoll öffnete.«
»Genügt es dir denn nicht, daß ich dich liebe und dich nicht nach deiner Vergangenheit frage? Ich liebe den, der du jetzt bist, nicht den, der du vielleicht einmal warst. Und ich bin aus freiem Antrieb zu dir gekommen und wußte doch, weshalb ich kam. Willst du mich so, wie ich bin?«
Sie schmiegte sich an ihn, als wollte sie sagen, er solle sie nicht von sich stoßen, nachher würde es vielleicht zu spät sein, dann würde sie vielleicht niemals wiederkommen, wie sehr sie ihn auch liebte … Beide schwiegen, als warteten sie darauf, wer nachgeben, wer sich ergeben würde. Wohl eine Minute saßen sie stumm aneinandergeschmiegt und fühlten, daß keiner von ihnen weichen wollte. Da stand Fenja auf und sagte ruhig:
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