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Frank G. Gerigk (Hrsg.)

Die Welten des Jörg Weigand

Die Welten der SF 2

Frank G. Gerigk (Hrsg.)

DIE WELTEN DES JÖRG WEIGAND

Die Welten der SF 2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Dezember 2020

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Rainer Schorm

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 222 5

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 874 6

Frank G. Gerigk: Vorwort

Bestürzt holte ich Atem! Was war geschehen? – Eine kleine Blume, aus Versehen auf einen frischen Kolonialplaneten geschmuggelt, bedeutete dessen Untergang! Ein zarter Blumenstrauß, vor Wut in den Boden getrampelt, war das beinahe intime Zeichen für eine weltumspannende, kaum zu überschätzende Tragödie, die sich da abzeichnete. Diese war dort, wo andere Autoren endlos fabuliert hätten, in nur sechs Seiten komprimiert dargestellt in einer Kurzgeschichte von Jörg Weigand.

Das las ich erstmals in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts; tief hat sich diese Geschichte in mein Gedächtnis eingegraben. Und immer wieder stieß ich seither auf solche Geschichten, und immer wieder waren sie von Jörg Weigand.

Seine Protagonisten sind nie die typischen Helden, sondern hadern mit ihrem Schicksal – überwiegend in Form von eindringlichen, oftmals fantastischen, vielfach schicksalshaften Begegnungen. So fällt es auch leicht, Weigand in die Fantastik einzuordnen. Er ist also kein typischer Autor der Science-Fiction; im Gegenteil gründen seine Geschichten in europäischen Genres, die um Jahrhunderte älter sind. Zusätzlich bedient er sich gerne aus dem Fundus der Fabeln und der fernöstlichen Mystik. Diese entkernt und renoviert er und versieht sie mit einem neuzeitlichen Gewand.

Weigand schreibt zeit- und genreüblich meist für männliche Leser: Die Protagonisten sind fast ausschließlich männlich, ebenso die Vorgesetzten und Kollegen. Frauen spielen entweder Nebenrollen oder sind mit den klassischen Figurenvarianten der Verführerin, der Hexe, der Stichwortgeberin usw. besetzt.

Weigands Geschichten sind meist umso kürzer, je älter sie sind – sieht man von den Kürzestgeschichten für die »Phantastischen Miniaturen« ab, die von Thomas Le Blanc für die Phantastische Bibliothek Wetzlar herausgegeben werden. Aus einer Idee kocht er die Essenz heraus, um diese dann oft auktorial, überwiegend nüchtern, teils dokumentarisch beschreibend, niederzulegen; bisweilen geschieht das in einer beiläufigen Brutalität, die den Leser erst im Nachhinein oder beim nochmaligen Lesen schockiert. Dies markiert Weigand auch als Autor des Realismus’ – scheinbar im Gegensatz zu seinen gewählten Genres, in denen es doch oft um genau den Bruch mit der Realität geht. In seinen späteren Geschichten mehren sich jene Elemente, die die einst eher beispielhaften Protagonisten individueller verorten, und charakterisieren bis hin zu schmückenden Erläuterungen, vor allem, wenn er für andere Herausgeberschaften schreibt als seine eigenen. Erst in seinem Spätwerk geht er zu Romanen über, in dem auch Frauen die Hauptrollen spielen – doch das ist ein Thema für außerhalb dieses Buches.

Die Plots entwickeln sich stringent, unverwickelt und geradlinig auf einen einzigen Höhepunkt zu.

Mehrfach reflektiert Weigand den jeweiligen Zeitgeist und greift brisante politische und gesellschaftliche Themen auf: Terrorismus, das Gefälle von Arm und Reich in den Entwicklungsländern, die Angst vor der Atombombe während des Kalten Kriegs, Militarismus, Bürokratismus, die Unterdrückung der Freiheit, Absolutismus in Diktaturen u. a. Sehr nützlich waren ihm hier seine eigenen Erfahrungen als langjähriger Politjournalist und Reporter, aber auch als Reserveoffizier.

Die Geschichten sind hauptsächlich in der Jetztzeit oder der nahen Zukunft angesiedelt, die für uns Leser inzwischen teilweise schon zur Vergangenheit geworden ist. Sie wurden absichtlich nicht dem heutigen Datum angepasst, sondern als Zeitdokumente im Original belassen. Zur besseren Einordnung der Werke wurden diese nicht nur in chronologischer Reihenfolge geordnet, sondern jedem sein Entstehungsjahr vorangesetzt. Lediglich die Schreibweisen nach der Rechtschreibreform wurden angepasst.

In dieser Reihe wollen der Verleger und ich herausragende deutschsprachige Autoren der Fantastik vorstellen und dabei Erzählungen präsentieren, die es wert sind, immer noch einmal gelesen zu werden.

Dass Jörg Weigand sehr früh hier vorgestellt wird, ist insofern geradezu zwingend. Wir freuen uns, dass er für dieses Buch zugesagt hat.

Schwierig war es, aus seinem breiten Fundus die besten und beispielhaftesten Geschichten herauszusuchen. Die Auswahl seitens des Herausgebers erfolgte unzweifelhaft etwas subjektiv; der Weigand-kundige Leser möge dies mit Nachsicht betrachten.

Das Geheimnis der Hakka (1973)

Bericht des Missionars Jens Lindgreen:

»Es ist uns aber zu Ohren gekommen, dass in den Hakka-Bergen ein recht kurioses Volk lebt. Dem Vernehmen nach kennen diese in Abgeschlossenheit lebenden Menschen ein Mittel zur Erlangung längeren Lebens. Sie züchten eine besondere Art von Affen, deren Hirn sie in mystischen Zeremonien bei lebendem Zustand der Tiere verzehren. Es wird dazu ein Trank gereicht, der besondere Kräfte wecken soll. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfuhren, sollen in jenen Bergen überaus zahlreiche Hundertjährige und Ältere leben.«

(Aus: Annalen des Museums für Völkerkunde, Stockholm 1898)

Mehrere Tage waren sie nun schon unterwegs. Pieter van Delden fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Zuerst das risikoreiche, nächtliche Überschreiten der Grenze zur Volksrepublik China und dann dieses mühsame Sichvorwärtsquälen durch fast unwegsames Gelände.

Der Holländer war Fußmärsche einfach nicht gewöhnt. Huang Pao-li dagegen, seinem chinesischen Begleiter und Führer, war noch keinerlei Müdigkeit anzumerken; im Gegenteil, je mehr sie vordrangen, desto beschwingter schien er vorwärtszustreben. Sein Schritt blieb gleichmäßig federnd und seine Stimmung ungebrochen gut. Van Delden beneidete ihn um diese Kondition. Keuchend zog er ein bereits feuchtes Tuch aus der Tasche und wischte sich die schweißüberströmte Stirn. Wenn nur die Sonne nicht so heiß brennen würde!

Angefangen hatte das Abenteuer in Hongkong. In diesem brodelnden Schmelztopf Südostasiens ist kein Verbrechen unbekannt, kann der Europäer sicher sein, für jedes seiner Laster Befriedigung und für alle ausgefallenen Ideen Verständnis zu finden. Daher hatte sich auch Pieter van Delden eines Tages hier eingefunden, voll Hoffnung auf die Erfüllung seines großen Traumes, dem er bereits sein halbes Leben lang nachjagte.

In einer relativ neuen, nichtsdestoweniger aber bereits arg verräucherten Kneipe, ganz in der Nähe des Dschunkenhafens, war er auf Huang Pao-li gestoßen. Reiner Zufall, dass sie am Tresen zusammenfanden. Huang verströmte Zuverlässigkeit, seine braunen Augen schufen Vertrauen und seine gedrungene Gestalt verhieß Sicherheit.

Der bereits stark angesäuselte van Delden war rasch mit dem Chinesen ins Gespräch gekommen und hatte sich innerhalb einer Stunde dem ihm bis dahin völlig Unbekannten in einem Anfall von Schutzbedürfnis anvertraut.

Er sprach von seinem verpfuschten Leben, den vielen Berufen, in denen er sich bereits vergeblich versucht hatte, seiner gescheiterten Ehe. Und er erzählte von seiner Angst vor dem Tode oder vielmehr vor dem Sterben und von seiner Suche nach einer Möglichkeit, dieser hässlichen Aussicht wenigstens zeitweise durch eine Verlängerung des Lebens zu entgehen.

Huang hatte für alles Verständnis gezeigt, ihm schienen solche Ängste nicht fremd zu sein. In fast akzentfreiem Englisch hatte er hin und wieder kurze Zwischenfragen eingeworfen und ihm schließlich – der neue Tag begann außerhalb der Kneipe bereits zu grauen – angedeutet, dass er vielleicht eine solche Möglichkeit wüsste, nach der Pieter van Delden so leidenschaftlich, so verzweifelt suchte.

»Wir werden eine Rast einlegen«, unterbrach der chinesische Führer seinen Begleiter in dessen stillen Überlegungen. »Wir haben es nun nicht mehr weit. Morgen, so gegen Abend, werden wir in dem Dorf T’ai-po, dem Ort der Erhabenen Weiße, eintreffen. Dort wartet bereits das Festmahl auf uns, und die Dorfbewohner stehen zu unserem Empfang bereit.«

Dankbar über die Marschpause ließ sich der Holländer ins spärliche Gras sinken. Er hatte Durst, und seine Füße schmerzten. Sie marschierten durch eine felsige Bergwelt ohne viel Wald, die hin und wieder von tiefen Schluchten durchzogen wurde. Schroffe Abgründe hatten mehr als einmal ihr Vordringen gestoppt und sie zu Umwegen veranlasst.

Der Pflanzenwuchs in der Region war spärlich. Harte, schilfige Gräser und verholzte Stauden bildeten fast den einzigen Niederwuchs; Flechten überzogen die freiliegenden Felsen. Selten, dass irgendwo eine Blüte zu sehen war.

Van Delden verkroch sich in den schmalen Schatten einer Zirbelkiefer und zog sich die Schuhe von den Füßen. Wohlig bewegte er die befreiten Zehen und nahm gleichzeitig einen tiefen Schluck aus der Feldflasche, die ihm Huang Pao-li reichte. Darin befand sich dünner grüner Tee. Der Europäer trank mit Genuss, auch wenn sein Körper nach Alkohol gierte.

»Erzähl mir bitte noch ein wenig von der Zeremonie, wie du es nennst«, bat er den Chinesen. »Mir sind noch nicht alle Einzelheiten klar geworden.«

Huang Pao-li hockte sich nieder und begann noch einmal geduldig mit seinen Erklärungen.

»Die Hakka kennen das Geheimnis des langen Lebens schon seit urdenklichen Zeiten; irgendwann in grauer Vorzeit haben ihre Urväter dieses Wissen erlangt. Das besagt, dass man das eigene Leben verlängern kann, wenn man die Lebenskraft eines anderen Lebewesens in sich aufnimmt. Diese Kraft, so sagen die Hakka, befindet sich im Gehirn. Und je höher entwickelt ein Geschöpf ist, desto größer ist auch die ihm innewohnende Lebenskraft, das ist klar.«

»Aber dann müsste man doch folgerichtig das Hirn eines Menschen zu sich nehmen, denn er ist das höchste aller Geschöpfe«, zog van Delden den Schluss aus der Erzählung des anderen, wobei es ihn innerlich schon beim bloßen Gedanken daran grauste.

»Stimmt!«, bestätigte Huang Pao-li und trank seinerseits einen kräftigen Schluck. »Doch darüber brauchen sich die Hakka nicht den Kopf zu zerbrechen, da in ihren Bergen eine besondere Art von Affen vorkommt, die ein außergewöhnlich großes Gehirn besitzt. Diese Affen werden von den Hakka-Leuten in Bambuskäfigen gehalten, die sie nur verlassen dürfen, um bei der heiligen Zeremonie ihre Lebenskraft weiterzugeben.«

»Du hast mir etwas erzählt von einem Getränk, das dabei gereicht wird. Weißt du, woraus es besteht?«

Pao-li schüttelte den Kopf.

»Das weiß niemand außer dem Dorfzauberer. Die Formel, nach der die Zutaten gemischt werden, wird vom Eingeweihten immer nur an seinen Nachfolger weitergegeben. Verständlich, wenn man daran denkt, dass der Trank magische Kräfte besitzen soll. Man erzählt auch, dass nur derjenige das Geheimnis der Hakka erfährt, der auch von dem Gebräu getrunken hat. Mir ist wenigstens bekannt, dass immer nur wenige Auserwählte während einer Zeremonie davon kosten dürfen.«

»Warum kannst du mir nicht mehr darüber erzählen?«, fragte der Holländer etwas unwillig, denn die vagen Andeutungen hatten ihn neugierig gemacht.

Der Chinese wurde verlegen und druckste herum, als sei es ihm unangenehm, auf diese Frage zu antworten.

»Weil nicht jeder auch nur an der einfachen Zeremonie teilnehmen darf«, gestand er schließlich, wollte sich aber nicht weiter dazu äußern, obwohl van Delden in ihn drang.

Doch der Europäer wollte noch mehr wissen. »Wie ist es eigentlich möglich«, fragte er, da er bemerkte, dass er über das andere Thema aus seinem Führer nichts herausbekommen würde. »Wie kommt es, dass die Hakka ihre alten Sitten und Gebräuche so total unbehelligt von der politischen Führung in Peking pflegen können?«

Diese Frage schien Huang Pao-li wieder genehm zu sein, denn seine Antwort darauf kam wie aus der Pistole geschossen.

»Peking liegt weit weg im rauen Norden, was wissen die dort oben schon von den Bräuchen des Südens! Die Hakka waren schon immer ein sehr eigenständiges Volk. Sie haben sich über zweitausend Jahre chinesischen Kaisertums ihre Unabhängigkeit bewahren können und auch die Fremdherrschaft der Mandschus überstanden, ohne in ihrem Eigenleben gestört zu werden. Und als 1911 das Kaiserhaus gestürzt wurde, lebten sie im Grunde immer noch so wie ihre Ahnen vor vielen hundert Jahren. Während des Bürgerkrieges bis zum Jahre 1949 zogen sie sich noch weiter in die unwegsame Wildnis ihrer Berge zurück, wohin ihnen niemand folgen mochte, denn wer sich zu weit vorwagte, der kehrte nicht mehr zurück. Und die neuen Machthaber in Peking haben zwar wiederholt versucht, den Widerstand der Hakka zu brechen, aber bis heute ohne Erfolg. Daran haben auch die Wirren während der Großen Proletarischen Kulturrevolution nichts ändern können.«

Pao-li schien gerne über die Hakka zu reden, denn seine Augen funkelten, wenn er immer wieder ihre Unabhängigkeit von den Mächtigen im Norden betonte. Doch dann schien er wie aus einem schönen Traum zu erwachen.

Er erhob sich.

»Wir sollten uns wieder auf den Weg machen, damit wir noch ein gehöriges Stück Wegs zurücklegen, ehe die Nacht anbricht.«

Und van Delden musste sich sputen, um ihm auf den Fersen zu bleiben.

Die mächtigen Bäume rund um den Talkessel warfen schon lange Schatten, als die beiden Wanderer am nächsten Tag endlich in T’ai-po eintrafen. Die Hütten des Dorfes schmiegten sich eng an den Hang. Auf dem Dorfplatz herrschte ein reges Treiben. Als sie näher kamen, erkannte van Delden, dass die Eingeborenen dabei waren, einen schweren hölzernen Tisch im Rund zwischen den Hütten aufzustellen.

Am Eingang des Dorfes kamen ihnen Kinder und Hunde in bunter Mischung entgegengerannt. Während die Dorfköter die beiden Ankömmlinge mit wildem Kläffen begrüßten, starrten die Kinder die zwei nur stumm aus großen Augen an. Huang Pao-li vertrieb die Hunde mit einigen Fußtritten und Steinwürfen und verscheuchte die Kinder durch wenige, rasch hingeworfene, zornige Worte, die der Holländer nicht verstehen konnte.

Sie kamen auf den Dorfplatz.

Van Delden fiel sofort die unverhältnismäßig große Zahl an uralten Männern auf, deren weiße strähnige Bärte fast bis zu den Knien reichten. Doch trotz des hohen Alters schauten ihre Augen noch wachen Sinns in die Welt. Er machte Pao-li darauf aufmerksam.

Dieser lachte selbstgefällig.

»Es gibt mindestens noch ebenso viele alte, ja steinalte Frauen im Dorf«, erklärte er. »Aber sie stecken in den Hütten und kommen erst am Abend, nach Sonnenuntergang heraus.«

Ehe sie sich versahen, war die Sonnenscheibe hinter den Berggipfeln verschwunden. Die Dämmerung wich rasch einer sternklaren Nacht; im Talkessel herrschte Dunkelheit, die von einem kleinen Holzfeuer auf dem Dorfplatz nur ungenügend erhellt wurde.

Alle Erwachsenen des Dorfes hatten sich inzwischen auf dem Platz versammelt. Der Holländer erblickte viele von den alten Frauen, die Pao-li erwähnt hatte; es schien ihm sogar, als gebe es mehr alte als junge Menschen hier versammelt. Alle umlagerten den mächtigen Tisch.

Huang Pao-li verabschiedete sich von seinem europäischen Gefährten mit dem Hinweis, dass er selbst auch diesmal nicht an dem magischen Zeremoniell teilnehmen könne. Pieter van Delden suchte sich daher einen Platz direkt neben dem Tisch, die Dorfbewohner wichen fast scheu vor ihm zurück. Nun, da er der Verwirklichung seines Traumes so nah war, wollte er aber auch keine Einzelheit versäumen!

Unter einem knorrigen Maulbeerbaum am Kopfende des Tisches hatte ein Trommler Platz genommen. Er begann nun sein Instrument zu bearbeiten; die Schläge mit der flachen Hand auf das gespannte Fell mündeten in einen Rhythmus, der van Delden langsam und schnell zugleich schien. Ein leises Raunen ging durch die versammelte Menge, die Menschen wandten ihren Kopf alle in die gleiche Richtung.

Der Zauberer war da!

Sein Gesicht steckte hinter einer hölzernen geschnitzten Drachenmaske, über die der spärliche Lichtschein des Feuers hin und her huschte und bizarre Schatten malte. Der Zauberer trug ein kleines irdenes Gefäß in der Rechten, aus dem ein betäubender Duft aufstieg, der sich in Windeseile über den ganzen Platz verteilte. Myrrhe und Zinnober, eine seltsame Mischung!

Hinter dem Dorfzauberer zerrten zwei Gehilfen einen riesigen Affen auf den Platz. Van Delden hatte den starken Eindruck, dass sich das Tier heftig sträubte, als wisse es, was auf es wartete. Einmal gelang es dem Affen fast, sich loszureißen. Der Holländer erkannte nun, dass das Tier praktisch die Größe eines ausgewachsenen Menschen erreichte.

In dem Bemühen, sich von den Fesseln und aus den Händen seiner Peiniger zu befreien, fiel der Blick des Affen auf den wie gebannt zuschauenden Europäer. Der tiefe Schmerz, der ihn aus den Tieraugen traf, was für van Delden wie ein Schlag. Der Affe schürzte die Lippen, bewegte den Mund, als wollte er dem ausländischen Gast im Dorf eine Botschaft mitteilen. Doch obgleich er sich verzweifelt wehrte, war sein Widerstand schnell gebrochen; die Gehilfen des Zauberers schleppten das Tier unter den Tisch.

Der Tisch besaß in der Mitte ein kreisrundes Loch, groß genug, dass der Kopf des Affen hindurchpasste. Das Tier wurde mit allen vier Gliedmaßen so unter der Tischplatte festgebunden, dass lediglich der obere Teil des Schädels – etwa bis zu den Augenbrauen – aus dem Loch hervorsah.

Unterdessen hatte der Trommler die Szene im Halbdunkel ununterbrochen leise begleitet. Nun ließ er ein heftiges, aufpeitschendes Stakkato folgen. Der Zauberer trat näher und ließ sich von einem seiner Gehilfen eine Säge mit feinem Blatt reichen. Er beugte sich über den Tisch, während die Umstehenden zum Trommelwirbel verschiedene magische Formeln rezitierten; van Delden verstand davon natürlich keine Silbe, doch der beschwörende Inhalt wurde auch so deutlich genug.

Mit geübten Bewegungen sägte der Zauberer die Hirnschale des Affen auf. Vorsichtig nahm er den abgesägten Knochenteil beiseite. Unter dem entfernten Knochendach konnte van Delden das pulsierende Gehirn erkennen.

Da also war sie, die Verheißung eines langen Lebens! Gier erfasste ihn. Er wollte auch daran teilhaben! Er wollte auch länger leben! Er wollte auch davon essen!

Der Magier hatte einen kleinen Holzlöffel mit langem Stiel ergriffen, durchstach damit die das Hirn umhüllende Haut und fuhr in die pulsierende Masse. Erst nachdem er so den Anfang gemacht hatte, folgten die Dorfbewohner mit ihren Löffeln, die sie griffbereit in den Händen hielten.

Pieter van Delden sah mit einem Mal den Dorfzauberer vor sich. Er hielt ihm den langstieligen Löffel hin.

»Der erste Bissen!«, sagte dieser mit dumpfer Stimme, die durch die schwere Holzmaske bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wurde. »Der erste Bissen gebührt wie immer unserem Gast. Möge es dir das verleihen, was du dir und was wir uns wünschen.«

Hastig griff der Holländer nach dem Löffel und verschlang das Stückchen Hirn.

»Und nun noch der rituelle Schluck, der dir die Erkenntnis unserer Zeremonie vermitteln wird«, sagte der Zauberer drängend und hielt ihm eine Flasche entgegen.

Dieses aufdringliche Gehabe schreckte van Delden ab, doch war seine Gier größer als die angeborene und anerzogene Vernunft. Er fasste gehorsam die irdene Flasche und nahm einen tiefen Schluck daraus.

Es war wie ein Schock, ein Blitzschlag in seinem Magen. Das fremde Gebräu schien in ihm zu explodieren, Eiseskälte und Gluthitze wechselten sich in schneller Folge ab. Tränen schossen ihm in die Augen, er japste nach Luft, sein Gehirn schien sich zusammenzukrampfen. Mit verzweifelter Anstrengung riss er seine Augen wieder auf.

Der Zauberer stand vor ihm, er hatte sich die Drachenmaske vom Gesicht genommen. Dem Holländer verschwamm alles vor den Augen. Irritiert fragte er sich, wie der Zauberer auf einmal wie Huang Pao-li aussehen konnte, wie ein Huang Pao-li, der mit einem triumphierenden Grinsen vor ihm stand.

Dann versank seine Umgebung in einem dichten Nebel. Pieter van Delden versank in tiefem Schlaf.

Das Erwachen geschah in Etappen, lichte Momente wechselten mit Augenblicken ohnmächtigen Schlafs. Schließlich aber riss der Nebel vor seinem Gesicht auf. Er kam zu sich.

Er setzte sich auf. Verständnislos blickte er um sich.

Er befand sich in einem Käfig. Dicke Bambusstangen rings um ihn bildeten eine undurchdringliche Barriere zur Außenwelt. Er war gefangen, steckte hinter Gittern.

Verhaltenes Gemurmel ließ ihn aufmerksam werden. Er beugte sich vor, richtete sich noch mehr auf, starrte durch die Bambusbarriere hindurch. Links, etwas im Hintergrund, stand eine kleine Gruppe Menschen, Hakka, die sich dem Käfig nun gemächlich näherte. Huang Pao-li befand sich unter ihnen. Er trat als Einziger bis an die Bambusstäbe heran.

»Bist du nun zufrieden, Holländer?«, fragte er höhnisch. »Habe ich nicht als Zauberer des Dorfes gehalten, was ich dir als Fremdenführer in Hongkong versprochen habe?«

Wut wallte in van Delden hoch, dass er daran zu ersticken drohte. »Du Betrüger, du Lump!«, wollte er schreien, doch es kam nur ein dumpfes Heulen aus seiner Kehle.

»Sei nicht so undankbar«, lachte Huang erneut, als habe er verstanden, was der Europäer ihm entgegenbrüllen wollte. »Wolltest du nicht an der Zeremonie teilnehmen und erkennen, worin ihr Geheimnis besteht? Nun, die Gelegenheit hast du gehabt und hast sie genutzt. Und bald, sehr bald wirst du auch das lange Leben, ja die Unsterblichkeit erlangt haben – durch uns.«

Er lachte spöttisch auf und wandte sich ab. Für ihn war die Angelegenheit erledigt.

In ohnmächtiger Wut sprang der Gefangene auf und packte die Bambusstäbe, die seinen Käfig bildeten. Doch so sehr er auch daran rüttelte, sie gaben nicht nach. Ein Entrinnen war unmöglich. Sie hatten ihn in ihrer Gewalt.

Das Denken fiel ihm schwer. Was hatte Huang mit seinen Worten sagen wollen?

Sein Blick fiel auf seine Hände, die immer noch das Gitter gepackt hielten. Er erschrak.

Feiner Flaum, einem Pelz gleich, spross auf beiden Handrücken. Er sah an sich hinab. Außer einigen zerlumpten Fetzen trug er nichts mehr. Der Flaum war überall, am ganzen Körper.

Der Trank!

Es musste das scharfe Gebräu gewesen sein, das er zuletzt getrunken hatte. Machte es etwa auf eine ganz geheimnisvolle Weise aus Menschen …

Er ließ sich, wo er war, zu Boden fallen. Resignation überschwemmte ihn.

Jetzt verstand er auch, was ihm der sich verzweifelt wehrende Affe hatte mitteilen wollen.

Mandragora (1975)

Die Suche nach der magischen Untermauerung menschlichen Seins ist so alt wie die Menschheit selbst. Eine lange Tradition also. Doch wer diesem Drang nachgibt …

Zum wiederholten Mal hatte ich mir das rechte Knie an einem vorstehenden Felsbrocken blutig gestoßen, und mein Anzug war sicherlich auch bereits von oben bis unten voller Dreck. Da kroch ich in einer stockfinsteren Nacht auf allen vieren auf dem Erdboden herum und versuchte, diese verdammte Wurzel zu finden, die ich so dringend brauchte.

Mandragora nennt sie der Lateiner; im Volksmund kennt man sie eher unter dem Namen Alraune, ein geheimnisvolles, sehr seltenes Gewächs, das gewiss in absehbarer Zeit ausgerottet sein wird. Denn wo werden heute noch zum Tode Verurteilte gehenkt? Zwar ist noch nicht überall die Todesstrafe abgeschafft, doch dort, wo sie weiter ausgeführt wird, greift man eher zur Giftspritze oder jagt Stromstöße durch den Körper des Verurteilten; in Militärdiktaturen bevorzugen die Machthaber nach wie vor das Erschießungskommando.

Aber Hängen? Der Galgen mit seiner eindrucksvollen Silhouette gegen den grauen Morgenhimmel ist eine aussterbende Errungenschaft der menschlichen Kultur. Und mit ihr wird die Alraune aussterben; sie hat keine Überlebenschance mehr.

Denn nur an solchen Richtstätten, direkt unter dem Galgen, wächst das rare Kraut. Es heißt, die Alraune benötige kein Wasser und keinen Sonnenschein; lediglich ein wenig Sperma, das dem Gehenkten bei seinen letzten Todeszuckungen aus den Lenden tropft. Wo der Tropfen im Boden versickert, entwickelt sich noch in der gleichen Nacht die Mandragora, jene Pflanzenwurzel in Menschengestalt, die den magischen Künsten so heilig ist und für alle Alchimistenküchen des Mittelalters fast noch wichtiger war als der »Stein der Weisen«.

Es hatte sich als sehr schwierig erwiesen, in Europa einen Richtplatz zu finden, der noch genutzt wurde. Schließlich hatte mich die erfreuliche Nachricht aus dem serbischen Hochland erreicht. Dort nämlich, fernab jeder Zivilisation, hat sich der Brauch erhalten, unliebsames Gesindel nach einigen Tagen Haft ohne weitere Umstände aufzuhängen. Nach Eintreffen der Neuigkeit hatte ich mich sofort auf die Reise begeben und war auch wirklich zur rechten Zeit angelangt.

Nun kroch ich also in dieser Neumondnacht in einer mir unbekannten Gegend auf dem Boden herum und versuchte herauszubekommen, an welcher Stelle genau die Alraune aus dem Urgrund der Mutter Erde hervorschießen würde. Da Gehenkte oftmals noch ein wenig hin und her pendeln, war ein großer Radius abzusuchen.

Vom geduckten Kriechen schmerzte der Rücken, ich richtete mich auf, stieß aber sofort an die leicht schaukelnden Beine des unbekleideten Leichnams. Die alte Eiche, die zu seinem Galgen bestimmt worden war, hatte sehr niedrige Äste, sodass der Gehängte mit den Füßen fast den Erdboden berührte.

Seufzend bückte ich mich wieder, um meine beschwerliche Suche fortzusetzen. Gewisse Rituale sind nun einmal einzuhalten, will man die Zauberwurzel aufspüren; dazu gehört, dass Neumond herrschen muss und dass keinerlei künstliche Lichtquellen benutzt werden dürfen.

Ich wollte das blinde Herumtasten schon fast aufgeben, als ich mit den ausgestreckten Fingerspitzen der linken Hand an ein Büschel Blätter stieß, das mir in der Berührung irgendwie eigenartig vorkam. Vorsichtig tastete ich Blatt für Blatt ab. Richtig: Auf ihnen lagen kleine Erdkrümel. Sie waren darauf haften geblieben, als die Pflanze sich aus der feuchten Erde gebohrt hatte.

Das war sie. Mandragora!

Jetzt bedurfte es nur noch einer geringen Anstrengung, die kostbare Wurzel mit aller gebotenen Sorgfalt auszugraben. Keine der verästelten Nebenwurzeln durfte nennenswert beschädigt werden, wollte ich der Wurzel nicht einen erheblichen Teil ihrer magischen Kräfte rauben.

Der Rückweg in die bescheidene Landgaststätte, in der ich ein einfaches Zimmer bezogen hatte, war für mich eine Strecke des stillen Triumphes. Jetzt konnte ich, endlich, meine Experimente fortsetzen und, wenn alles gut ging, zu einem erfolgreichen Ende bringen.

»Jetzt bist du ein gemachter Mann«, sagte ich zu mir, denn der Fund beschäftigte mich sehr, und ich musste einfach einige Gedanken loswerden. »Du wirst in die Geschichte der Menschheit eingehen als einer der größten und mächtigsten Männer aller Völker und Zeiten. Die heutige Moderne mit all ihrer sogenannten Aufgeklärtheit – was wird sie staunen, wenn ihre Urängste, die lange verdrängten, wiederauferstehen! Denn in jedem Menschen steckt ein magischer Kern. Du kannst es ihnen zeigen, dass die Magie lebt und dass die Angst davor nicht unbegründet ist.«

So sprach ich mit mir, bis ich mit meiner Beute in meinem Zimmer war. Dort wickelte ich die Wurzel vorsichtig aus dem feuchten Tuch, in dem ich sie transportiert hatte, damit sie nicht austrocknete, und legte sie vor mich auf den Tisch. Liebevoll, ja fast zärtlich, säuberte ich sie von den letzten Erdkrumen, die ihr noch anhafteten.

Ich betrachtete sie aufmerksam, drehte und wendete sie nach allen Seiten.

Die Mandragora hatte tatsächlich große Ähnlichkeit mit einem winzigen, ungefähr acht Zentimeter großen Menschlein. Oben trug die Wurzel eine Verdickung, einem Kopf gleich; ich glaubte sogar, Augen und Mund erkennen zu können. Zwei stärkere Nebenwurzeln an den Seiten bildeten die Arme. Unten spaltete sich die Alraune, sodass auch für die Beine gesorgt war.

Total erschöpft, aber glücklich, legte ich mich schließlich aufs Bett und schlief wie ein Toter.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich sehr schwach. Die Anstrengungen der vergangenen Nacht waren wohl etwas zu viel gewesen. Auch schien das Herumkriechen auf dem feuchten Boden meiner Gesundheit nicht gerade zuträglich gewesen zu sein; ich hatte eine heißen, fiebrigen Kopf und einen rauen Hals.

Heute, in der selbstkritischen Rückschau, ist mir klar geworden, dass ich bereits damals unter dem Einfluss der Unheilwurzel stand, aber an jenem Morgen führte ich alles lediglich auf eine Erkältung zurück. Also beschloss ich, einige Tage länger in jenem Gasthof zu bleiben und mich auszukurieren. Ein Entschluss, der sich als verhängnisvoller Irrtum herausstellen sollte.

Die Tage vergingen, und es wollte mir noch immer nicht besser gehen. Mein Zimmer verließ ich praktisch überhaupt nicht mehr, kaum dass ich mich einmal zum Fenster schleppte und aus trüben Augen in die Ferne starrte – ohne etwas zu erkennen. Das Essen und was ich sonst noch benötigte, ließ ich mir jeden Tag von den Wirtleuten oder vom Hausknecht heraufbringen.

Schließlich muss mein Verhalten den guten Leuten, die sich im Laufe der Zeit offensichtlich Sorgen zu machen begannen, seltsam vorgekommen sein, denn eines Tages wartete man gar nicht mehr ab, bis ich die Tür geöffnet hatte. Als ich heraustrat, stand das Bestellte bereits vor mir auf der Fußmatte.

Aber auch das war mir inzwischen gleichgültig geworden. Ich versank immer mehr in einer die Glieder und das Denkvermögen beschwerenden Lethargie. Mein Sorgen und Hoffen galt einzig und allein der Mandragora, die ich täglich über Stunden hinweg betrachtete. Bis – ja, bis ich eines Morgens schweißgebadet erwachte.

Ein mehrfach wiederkehrender Albtraum hatte mich gequält, in dem die Alraunwurzel zum Leben erwacht war. In einer dieser Sequenzen hatte sie sich vor mir aufgebaut und gesagt:

»Du bist mein Meister, denn du hast mich aus dem Gefängnis der Erde befreit. Ich will getreulich meine Aufgabe erfüllen, die mir gestellt ist.« Und später, als ich immer wieder ungläubig und nicht verstehend den Kopf geschüttelt hatte, war sie in ihrer Rede fortgefahren.

»Es ist schon lange in Vergessenheit geraten, dass wir Wurzelwesen den Geist dessen übernehmen, aus dessen Todesschweiß wir entstanden sind. Der Gehenkte an der Eiche, unter der du mich nächtens ausgegraben hast, war ein Mörder. Und eben das wird meine Aufgabe sein: Ich muss dich töten, so wie jener getötet hat. Denn du bist zwar mein Meister, weil du mich der Erde entrissen hast, doch Macht über mich besitzt du nicht.« Und damit war die Wurzel an mir hochgesprungen und hatte versucht, mir in den Hals zu beißen.

Ich war aus dem Traum hochgeschreckt und hatte nach dem Licht getastet. Unter dem hellen Kegel der Lampe konnte ich mich sicher fühlen. Was für ein Unsinn auch, dieser Traum! Die Mandragora lag auf dem Tisch, wo sie hinge …

Halt doch! Wo war sie? Ich sprang aus dem Bett, die Wurzel war verschwunden. Nur das leere Tuch, in das ich sie immer gewickelt hatte, war noch vorhanden. Ein stechender Schmerz am Hals ließ mich zusammenzucken. Es war ein Schmerz, der vom Hals ausgehend bis in mein Herz stach und mich in Todesangst versetzte.

Ich fasste an den Hals – und griff auf Holz. Die Alraunwurzel! Mit einer wilden Bewegung wischte ich sie von der Haut. Und starrte entsetzt auf meine Hand, die voll Blut war. Voll von meinem Blut!

Das war kein Traum, das war die Wirklichkeit! Die schreckliche Wurzel war zum Leben erwacht und wollte mich töten. Auf meiner Stirn stand kalter Schweiß, der Mund war trocken. Ich spürte Ratlosigkeit, ja Verzweiflung.

Ich blickte an mir hinunter. Mein Pyjama war über und über blutbefleckt. Dann erstarrte ich, denn die Alraune versuchte es aufs Neue. Diesmal nagte sie an meinem freien, unbedeckten Knöchel. Ich schlug nach ihr, doch sie wich aus und sprang zur Seite. Nur um mich sogleich aus einer anderen Richtung wieder anzufallen.

Das ging die ganze lange Nacht hindurch so weiter. Kaum war es mir gelungen, die mörderische Wurzel abzuwehren, da musste ich schon wieder auf der Hut sein, wo sie es wohl diesmal versuchen würde.

Inzwischen bin ich am ganzen Körper von Bissen und blutenden Rissen übersät. Ich merke, wie ich zunehmend schwächer werde. Die Wunden schmerzen und das austretende Blut gerinnt nur noch sehr langsam. Von Zeit zu Zeit überkommt mich Resignation, aus der ich durch den nächsten Biss wieder aufgeschreckt werde.

Ich habe mehrfach versucht wegzulaufen, doch die Alraune ist gewandter und schneller als ich. Der Blutverlust macht mir zu schaffen. Ich habe mich zur Tür geschleppt und versuche sie zu öffnen. Aber die Wurzel sitzt auf dem Riegel und belauert mich; ich kann die Sperre nicht zurückschieben, ohne mich der Gefahr auszusetzen, dass meine Adern am Handgelenk aufgerissen werden. Ich habe Angst, nicht vor dem Tod, der unausweichlich scheint, sondern vor diesem Wurzelwesen.

Jetzt sitze ich am Tisch und schreibe mein Erlebnis auf, zur Warnung für alle, die nach Ähnlichem streben. Jeder soll wissen, wie gefährlich es ist, nach der magischen Basis des Seins zu forschen. Und welches unvermeidbare Risiko jeder eingeht, der sich im Eigeninteresse der Unnatur bedienen will.

Der Geist, den ich gerufen habe, lässt mich nicht mehr los. An meiner Brust hängt die Mandragora und beißt und zerrt an mir. Und ich habe nicht mehr die Kraft, sie abzuwehren. Bald wird sie sich bis zu meinem Herzen durchgefressen haben.

Dann werde ich endlich erlöst sein.

Sonnensegel (1978)

Der Überraum hatte sie ausgespuckt. Wie einen abgelutschten Pflaumenstein. Nun hingen sie da mit ihrem Schiff in der Leere zwischen den Galaxien. Drifteten zwischen den Welteninseln ab und mühten sich, das Leck zu finden, dass irgendein Stück kosmischen Drecks in die Schiffshülle geschlagen hatte.

Auch den Konverter hatte es getroffen. Mitten hinein ins empfindliche Aggregat. Die Maschine hatte daraufhin die überlichtschnelle Fahrt nicht mehr halten können. Sie waren in den Normalraum zurückgefallen.

Ausgespuckt. Wie ein Pflaumenstein.

Charles DuBonneau zwängte sich an einer der scharfen Spitzen vorbei, die das Leck säumten. Wenn nur der Schutzanzug nicht undicht wurde! Weiß der Himmel, wie viele Tage die Reparatur, das Auswechseln des beschädigten Teils dauern mochte.

Etwas hielt seinen Blick fest. Unbewusst noch. Dort in der schwarzen Leere. Rechts sah er die silberne Spirale der heimatlichen Milchstraße; links funkelten Sternhaufen, deren Namen wohl in der Kladde verzeichnet waren. Er selbst kannte sie auf Anhieb nicht.

Dazwischen Schwärze … Leere …

Nicht doch, da war etwas! Ein verwaschener Fleck. Genau in Fahrtrichtung.

»Piet«, sagte er ins Mikro. »Kannst du mal kommen? Da ist was.«

Nichts weiter sagte er. Doch Piet van Heelen, sein Partner auf dem Trip, kam. Denn wenn da was ist in der Leere, kann es Aufmerksamkeit verlangen. Das war ein ungeschriebenes Gesetz.

Dann standen sie da und starrten hinaus. Auf das schwach sich abzeichnende Objekt, das sie nicht identifizieren konnten. Sie standen und vergaßen die Reparatur, von der doch ihr Überleben abhing. Lange Zeit standen sie so.

Dann sagte Charles: »Los, an die Arbeit! Das Ding scheint uns entgegenzukommen. Morgen wissen wir mehr.«

Piet nickte. Und werkelte weiter an dem zerstörten Teil.

Am dritten Tag schließlich hielten sie es nicht mehr aus. Sie mussten wissen, was es war – das Ding da draußen. Sie zwängten sich in die Pinasse, die auf kurze Strecken immerhin was taugte. Und flogen dem rätselhaften Objekt entgegen.

Je näher sie kamen, desto andächtiger staunten sie. Staunten über die Meisterschaft einer unbekannten Rasse, die ein solches Wunderwerk hatte bauen können.

Sie sahen ein Segel aus feinstem Gespinst, wohl mehrere Quadratkilometer an Fläche. So fein waren die einzelnen Fäden, dass nur die angehäufte Vielzahl sie sichtbar machte. Wie feiner Nebel spannte sich das Segel über einer Plattform, die darunter hing; gehalten von gedrehten Klammern.

Ihr Boot stieß an die Plattform, federnd, sanft, wie auf Daunen auflaufend. Es gab Behausungen. Alle verlassen. Von den Bewohnern keine Spur.

»Wie lange es schon so treibt?«, flüsterte Piet. Die Andacht verschlug ihm fast die Sprache.

»Schau her«, antwortete Charles ebenso leise, denn ihm ging es ähnlich. Er rieb mit dem Handschuh über den Boden und streckte ihn dem Freund hin.

Millimeter dicker Staub.

»Wie lange braucht es wohl, bis kosmischer Staub sich in solcher Schicht absetzt?«

Nichts weiter musste gesagt werden. Das Sonnensegel mit der Lebensplattform war uralt. Wohl viel älter als die Menschheit.

Und keine Spuren, wie sie ausgesehen haben mochten, die Erbauer dieses technischen Wunders.

»Es wird getrieben durch kosmische Winde.« Charles DuBonneau sprach zu sich selbst. »Sonnenkorpuskel spenden die Energie. Hörst du das Singen, Piet?«

Und während er das sagte, wurde es ihm erst richtig bewusst – dieses Singen. Es war, als finge sich der Wind im feinen Geflecht der Fäden.

Fast unhörbar war dieses Klingen, am Rande des Vernehmbaren. Doch es fraß sich fest in ihrem Kopf. Wollte nicht mehr weichen. Ließ sie alles vergessen.

Sie saßen und lauschten. Und vergaßen ihr eigenes Sein. Waren eins mit dem Singen, waren eins mit dem Kosmos.

Und träumten.

Was sie weckte?

Vielleicht eine Bewegung ihrer Glieder. Oder ein fast unmerklicher Wechsel in der Geschwindigkeit, mit der das Sonnensegel die Plattform durchs All zog.

Sie erhoben sich wie in Trance. Kamen allmählich zu sich. Sie waren weit abgetrieben worden von ihrem havarierten Schiff.

Sie rissen sich mit Mühe los. Beide. Das kosmische Singen des Sonnensegels hielt sie in Bann. Immer noch. Charles war der Stärkere. Er packte Piet. Stieß ihn in die Pinasse.

Als das riesige Segel immer kleiner wurde, wieder zu jenem nebelhaften Fleck zu werden drohte, kamen sie zu sich.

Charles kauerte vor dem Schirm. Er starrte mit brennenden Augen hinaus. Neben ihm Piet, reglos. Gebannt von dem Wunder.

Charles merkte, dass er weinte. Doch er schämte sich der Tränen nicht.

»Wie sie wohl ausgesehen haben?« flüsterte er.

Piet blieb stumm.

Die Welt des Doo (1979)
1

Er kauerte verkrümmt im Schalensitz des Rettungssystems; seine vom Havarieschock verschleierten Augen sahen nichts als wechselnde Grautöne. Seine Lebensimpulse waren auf das absolut Notwendige reduziert. Sein verstörtes Ich suchte Zuflucht in der gekrümmten Wärme seines Körpers.

Das Unglück war unverhofft über den terrestrischen Luxusraumer hereingebrochen. Während eines der zahlreichen Bordfeste, die auf jeder überlichtschnellen Reise für die verwöhnten Passagiere ausgerichtet werden, um die nervtötende Eintönigkeit einer Fahrt zwischen den bewohnten Welten überbrücken zu helfen, hatte ein schwerer Stoß das Schiff erschüttert.

Während im Ballsaal alle über- und durcheinanderpurzelten, fielen nacheinander sämtliche Kontrollen aus. Der leitende Ingenieur war durch die Erschütterung gegen eine Seitenstrebe geschleudert worden und hing mit gebrochenem Genick über der Maschine.

Die Spannung ließ rapide nach. Durch den Energieausfall konnten die beiden QU-Konverter das Schiff nicht mehr im Überraum halten. Der Übertritt von der Dunkelzone in das Normaluniversum erfolgte ohne Vorwarnung. Innerhalb weniger Sekunden gab es im Maschinenraum verheerende Explosionen.

Valentin Fisher, Repräsentant eines multiplanetaren Großkonzerns für Maschinenbau, hatte gerade seinen zehnten Drink dieses Tages vor sich stehen, als die Panik ausbrach. Da er sich nichts aus Tanzen machte, woran ihn auch sein stattlicher Leibesumfang nicht unwesentlich gehindert hätte, war sein Platz bei solchen Bordfesten immer an der Bar.

Der erste Stoß, den das Schiff erhielt, hatte Fisher nicht aus seinem vom Whisky erzeugten Dösen herausreißen können. Doch die zunehmende Unruhe im Saal schreckte ihn schließlich auf. Gezielt steuerte er auf den Ausgang zu. Doch bereits nach wenigen Schritten erhielt er einen Schlag auf den Kopf und spürte danach nichts mehr.

Erst nach geraumer Zeit wurde sich das wimmernde Bündel im Schalensitz des Rettungssystems seiner Umgebung bewusster.

Langsam sickerten in seinen getrübten Geist Einzelheiten der Kabine: das Flackern der Lämpchen; das Graugrün des Bodenbelags; die viereckige Platte der Steuerkonsole; das fahle Rosa der eigenen verkrampften Finger.

Er musste sich übergeben.

Während Valentin Fisher würgte, wurde er sich mit plötzlicher Schärfe der Tatsache bewusst, dass er allein war. Allein in einer Notkapsel des beginnenden 22. Jahrhunderts, deren Funktionen ihm nicht vertraut waren; denn bei der allfälligen Instruktion zu Beginn der Reise hatte er selbstverständlich gefehlt. Die Möglichkeiten zu seiner Rettung waren ihm nicht einmal andeutungsweise bekannt.

Er würgte erneut. Und während er nichts als Schleim erbrach, wurde er wieder bewusstlos.

2

Als sie ihn fanden, war er nichts weiter als ein hilfloses Tier, bis auf die Knochen abgemagert, stammelnd wie ein Idiot.

Sie waren sanft, mit weichem, flaumigem Pelz und tiefbraunen, lidlosen Augen. Ihm zu helfen, war eine Selbstverständlichkeit, die ihnen von Geburt an durch ihren Glauben mitgegeben war. Sie schafften ihn in ihre Welt und linderten seinen Hunger, seinen Durst, seine Ängste. Schmale, vielgliedrige Finger wuschen ihn, salbten ihn und streichelten ihn, bis er sich, ruhig geworden, lang ausstreckte.

Als er schließlich aus seiner mehrtägigen Bewusstlosigkeit erwachte und seine Betreuer betrachten konnte, fasste er sofort Vertrauen zu ihnen. Diese freundlichen Wesen wollten nur das Beste, dessen war er mit einem Mal sicher.

Danach machte der Heilungsprozess rasche Fortschritte.

Als er wieder soweit hergestellt war, dass ihm das Aufstehen kaum noch Mühe bereitete, da begannen sie auch, mit ihm zu sprechen. Denn bis dahin hatten sie sich nur durch Gesten verständlich gemacht.

»Wir sind das Volk«, sagte unverhofft sein ständiger Pfleger, den er leicht an einer angegrauten Stelle des Pelzes unter dem rechten Auge erkannte. »Wir haben dich als unseren Gast aufgenommen. Wenn du aufstehen und dich umsehen willst, dann ist dir das gestattet.«

Valentin Fisher war durch die plötzliche Anrede so überrascht, dass es ihm zuerst an Worten fehlte. Als er stammelnd zu einer Antwort ansetzte, wurde er sanft unterbrochen:

»Wir wollten dir Zeit lassen, dich auch innerlich wieder zu fangen. Außerdem waren wir uns nicht ganz sicher, ob du in den Kreis des Doo gehörst wie wir alle. Offen gestanden sind wir uns immer noch nicht im Klaren darüber, doch die Zeit wird uns das wissen lassen.«

»Wo bin ich?«, war Fishers erste Frage.

»Unsere Heimat schwebt zwischen den Welten, in der Leere, die das Doo gebiert. Vor langen Jahren schon hat sich das Volk losgesagt von allem Verhaftetsein mit den Systemen des Universums. Wir haben uns eine eigene Welt geschaffen, die schweigend dahinzieht; hier leben und sterben wir.«

Während der Pelzige das erklärte, hatte der Mensch sich von seiner Lagerstatt erhoben. Das Fremdwesen ging ihm knapp bis an die Schulter, wie er mit Überraschung feststellte. Denn aus der Perspektive des Liegenden war ihm der andere viel größer vorgekommen.

Valentin Fisher fühlte sich leicht, fast unbeschwert, wie schon lange nicht mehr in seinem Leben, das ihn auf viele bewohnte Welten geführt hatte. Er merkte, dass diese Empfindung offensichtlich auch mit der Tatsache zusammenhing, dass hier eine geringere Schwerkraft als auf der Erde oder in den irdischen Raumschiffen herrschte.

»Wie soll ich dich nennen?«, erkundigte er sich bei seinem Gegenüber.

»Man nennt mich Lilisan.« Sein Pelz hatte, von oben gesehen, einen seidigen Schimmer. »Du als unser Gast darfst mich auch so anreden.«

Nach allem, was Lilisan bisher erzählt hatte, befanden sie sich in einer Art Raumstation, die zwischen den Galaxien schwebte und völlig autark war. Valentin Fisher schienen die Angehörigen des Volkes, wie sie sich nannten, etwas seltsam zu sein. Aber solange sie sich um ihn kümmerten und ihm halfen, wieder nach Hause zurückzukehren, sollte ihm das egal sein.

»Wir wollen einen Rundgang machen«, schlug Lilisan vor und wandte sich zur Tür. »So bekommst du am besten einen Eindruck von uns und von unserer Welt.

3

Die Welt des Doo, so nannten die Pelzigen ihre Heimat untereinander, war auch für irdische Begriffe riesenhaft, doch sie besaß nur einige tausend Bewohner. Ausgeklügelte Selbstversorgungsanlagen verhinderten, dass irgendjemand Not leiden musste. Auf mehreren Decks übereinander befanden sich Plantagen, in denen die verschiedensten Gewächse kultiviert wurden. Tiere sah Valentin Fisher keine. Und Fleischgenuss galt, das ergab eine vorsichtige Frage, als heiliges Tabu.

Im Verlauf langer Gespräche kam Fisher dahinter, dass das Volk weniger eine soziale als eine religiöse Ordnung kannte. Es gab keine Vorgesetzten und keine Bestrebungen Einzelner, sich gegenüber den anderen hervorzutun. Wo etwas zu entscheiden war, geschah dies einvernehmlich – oft ohne sichtbare Abstimmung. Dem Menschen schien es manchmal, als sei hier eine Gemeinschaft so ineinander verwachsen, dass das verbale Einholen der Zustimmung Einzelner gar nicht mehr vonnöten war.

Alles bestimmte das Doo, ein Begriff, unter dem sich Fisher lange Zeit überhaupt nichts vorstellen konnte. Manchmal erschien es ihm als abstrakter Begriff, doch fast ebenso oft wiederum hatte er den Eindruck einer Personifizierung. So, wenn Lilisan etwa in einer Diskussion einwarf: »Das Doo sagt, dass …« Meist folgten dann Äußerungen, die auf Geduld und Verständnis anderen gegenüber abzielten.

Erst allmählich merkte Valentin Fisher, dass jedes Gespräch, das er mit einem Vertreter des Volkes führte, gleichzeitig ein Test war.

Seine Gesprächspartner wechselten rasch, als wollte man ihn durch verschiedene Spezialisten prüfen lassen. Ihm freilich kam es so vor, als ginge es immer nur um das gleiche Thema: die meditierende Haltung des Einzelnen gegenüber dem Universum und die Einpassung des Individuums in die religiöse Gemeinschaft des Doo.

Zu Anfang hielt er sich bei den ausgedehnten Diskussionen zurück. War es zuerst mehr Unsicherheit darüber, worum es eigentlich ging, so merkte er rasch, dass es da Dinge gab, auf die das Volk großen Wert legte, die ihm jedoch ziemlich fremd waren. Doch merkte er mit Fortschreiten der Zeit, dass ihn eine geheime Ungeduld befiel, die anwuchs und durch nichts zu stoppen war.

Zum ersten Mal ging Fisher aus sich heraus, als sein neuer Gesprächspartner ihm eine Vorlesung zu halten begann über die Tugenden des Doo:

»Wer im Doo lebt, weiß, ohne zu wissen. Er ist ehrlich und weiß doch nicht, was Wahrheit ist. Er hilft aus eigenem Antrieb anderen, ohne Hilfe zu kennen. Er liebt das Volk über alles, und doch ist ihm Liebe unbekannt. Er tut seine Arbeit, doch was ist für ihn Pflicht? Er praktiziert Treue zum Doo und …«

Da riss der Geduldsfaden.

»Was soll das eigentlich?«, unterbrach er in scharfem Ton den vortragenden Tansetung.

»Was soll dieses Salbadern? Warum muss ich mir das immer wieder anhören? Einmal ist genug!«

Tansetung, aus seinem meditierenden Sprechen brutal in die Gegenwart gerissen, schaute ihn aus schreckgeweiteten Augen an. Fisher ließ sich nicht beirren:

»Wie lange muss ich eigentlich noch warten, ehe man mehr auf das eingeht, was ich will? Wann kann ich endlich nach Hause? Habe ich es hier nur mit lauter Verrückten zu tun?«

Er hatte sich bei diesem Gefühlsausbruch erhoben und schaute Tansetung wütend an. Doch nicht lange – dann war der Pelzige geflohen.

4

Zwar bereute Valentin Fisher im Nachhinein, dass er sich so hatte gehen lassen, doch beruhigte er sich schnell wieder bei der Überlegung, dass es eben einmal hätte sein müssen. Er hatte es doch gar nicht nötig, sich auf diese Weise schikanieren zu lassen! In seinem irdischen Beruf als Repräsentant von Großmaschinen galt auch nur das forsche Drauflosgehen; Rücksichten konnte sich bei dem Job keiner erlauben.

Im Übrigen ließ das Volk ihn nun in Ruhe. Er seinerseits hatte auch keine große Lust, auf die Pelzigen zu treffen; daher verließ er kaum noch sein Zimmer. Ein verschüchtertes Jüngelchen brachte ihm jeden Tag seine Mahlzeiten, ein nicht minder verängstigtes Mädchen machte seinen Schlafraum sauber und sorgte auch sonst für Ordnung. Er, Valentin Fisher, hatte endlich Ruhe vor diesem Geschwätz, das nur den Nerv tötete und zu nichts gut war.

Nun allerdings, den ganzen Tag auf sich allein gestellt, begann er den Whisky schmerzlich zu vermissen. Nicht, dass er in seinem normalen Leben unter die Säufer zu rechnen gewesen wäre. Wenn er auch keinen Tag ohne ein gutes Dutzend Schnäpse hatte verstreichen lassen, so hielt sich Fisher doch nicht für einen Trinker. Dass er freilich bis jetzt ohne Alkohol ausgekommen war, schien ihm nicht ganz begreiflich.

Dazu kam noch, dass ihm allmählich das Essen über wurde. Jeden Tag, morgens – mittags – abends, gab es Pflanzenkost. Zwar wurden die verschiedensten Gewächse meist sehr schmackhaft zubereitet, doch Fisher bekam immer mehr einen Heißhunger auf Fleisch. Die Gier nach tierischem Eiweiß wühlte in seinen Eingeweiden und konnte auch durch die köstlichen Salate und Gemüse nicht gestillt werden.

Eines Tages stand unverhofft Lilisan in der Tür. Fisher, der sich gerade einem Tagtraum hingab, in dem ein riesiges Steak auf einem Teller dampfte, schrak zusammen.

»Darf ich mich setzen?«, fragte Lilisan mit der allen Pelzigen eigenen sanften Stimme.

»Aber sicher, nimm nur Platz. Es ist schließlich eure eigene Welt, auf der ich mich befinde!«

Lilisan beachtete die Spitze nicht, die in den Worten des Menschen zu spüren war.

»Wir sind über dich zurate gegangen«, sagte er und richtete seine dunkelbraunen Augen auf Fisher, »und sind zu dem Schluss gekommen, dir noch eine Chance zu geben, ehe wir endgültig entscheiden.«

Valentin Fisher fühlte die Wut in sich aufsteigen. Sollte er sich etwa wieder dieses dumme Geschwätz anhören?

»Muss das denn ewig so weitergehen?«, fragte er böse. »Warum habt ihr nicht Interessen wie andere auch, zum Beispiel: Wann gibt es endlich etwas Richtiges zu essen? Fleisch beispielsweise.«

Lilisan erstarrte.

»Ich bitte dich, einen solchen Frevel nicht mehr auszusprechen!«, stieß er hervor, sichtlich aufgebracht.

»So ist das also! Hier darf man nicht einmal sagen, was man denkt.« Fisher dachte nicht mehr über seine Worte nach. Sie sprudelten über seine Lippen wie eigenständige Wesen.

»Hast du mich verstanden: Ich habe Hunger auf Fleisch!« Lilisan wich vor dem wütenden Menschen bis an die Tür zurück.

»Dann fürchte ich, dass hiermit das Urteil gefällt ist«, sagte er mit trauriger Stimme.

Fisher beachtete die Worte Lilisans überhaupt nicht. Er gab sich ganz seinem Zorn hin.

»Euer betuliches Geschwätz könnt ihr euch sparen. Damit werdet ihr auch nichts erreichen, wenn es einmal hart auf hart geht. Auf der Erde ist noch nie eine Auseinandersetzung oder ein Krieg entschieden worden, weil jemand klug dahergeredet hat!«

»Krieg!«

Man sah förmlich, wie der Pelzige sich versteifte. Er warf Fisher noch einen entsetzten – ja verstörten – Blick zu und stürzte dann hinaus.

Als die Tür hinter ihm zufiel, hörte Fisher zum ersten Mal ein Klicken, als ob ein Riegel einrastete. Er stürzte nach vorn, rüttelte an der Tür. Sie war fest verschlossen.

Er war eingesperrt.

Wie ein wildes Tier.

5

Er kauerte im Schalensitz vor der Steuerkonsole und kam langsam wieder zu Bewusstsein. Es war ihm, als rüttelte er immer noch an der verschlossenen Tür.

Ja, er erinnerte sich. Dann war es auf einmal dunkel um ihn geworden.

Und jetzt … Wo war er?

Sein Blick fiel auf den Sichtschirm. Dort war schwarze Leere. Ein verwaschener Fleck deutete eine Galaxis an, Millionen von Lichtjahren entfernt. Und von rechts schob sich nun ein riesenhaftes, eiförmiges Gebilde gegen die Bildmitte vor.

»Die Welt des Doo.« Nun sah er sie auch einmal von außen.

Da! Es kam ihm voll zu Bewusstsein, dass er ausgesetzt war. Das Volk hatte ihn wieder dorthin zurückgebracht, wo sie ihn aufgelesen hatten.

Und wie damals war seine Lage hoffnungslos. Ohne Aussicht auf Hilfe trieb er zwischen den Milchstraßensystemen in der drohenden, lebensfeindlichen Leere. Und konnte nur warten. Und draufgehen.

Aus dem Lautsprecher kam ein Kratzen. Fisher fuhr zusammen.

»Hörst du mich, Mensch?«

Das war Lilisans Stimme.

»Ja, verdammt. Warum habt ihr mich wieder in diesen Kasten gesetzt?«

»Es musste sein.« Aus der Stimme des Pelzigen sprach kein Mitleid.

»Aber ich werde sterben müssen. Hier hilft mir doch keiner!«

»Das ist richtig. Dir soll auch keiner helfen können. Denn du bist eine Gefahr für alle.«

»Ihr könnt mich doch nicht einfach zum Tode verurteilen!«

Fisher merkte, wie die Wut ihn übermannte.

»Ihr verdammten Heuchler!«, schrie er mit überschnappender Stimme. »Ihr redet von Liebe und Demut und lasst doch andere jämmerlich krepieren.«

»Wir wissen, dass du uns nicht verstehst«, sagte Lilisan, und: diesmal klang Mitgefühl aus seinen Worten. »Und du tust uns leid. Doch auch wir müssen uns treu bleiben. Wir helfen allen Lebewesen im Universum am meisten dadurch, dass wir dich dir selbst überlassen.«

Fisher schlug in ohnmächtigem Zorn um sich, fegte den Lautsprecher von der Wand, trampelte auf ihm herum. Ehe das Gerät zerbrach, hörte der Mensch noch die letzten Worte des Pelzigen:

»Wer im Doo lebt, hat die anderen vor Übel zu bewahren. Und du, du bist das schlimmste Übel, das wir kennen!«

Auf dem Bildschirm zog die Welt des Doo vorüber und entfernte sich in das schwarze Niemandsland zwischen den Galaxien.

Valentin Fisher war allein mit sich selbst.

Eigentor (1979)

An: Ministerium für Kultus und Erziehungswesen

Referat IX b —

Terra-City

Verbund Besiedelter Welten

Von: Kommission für die Reform des Erziehungswesens

Der Sekretär für historische Studien –

Betr.: Vorschlag zur Textgestaltung des programmierten »Lehrbuchs zur Historie der Menschheit«.

Terra-City,

12. Tag im 9. Monat d. J. 1075

(neue Datierung)

In Ergänzung unseres Projektentwurfs zur Textgestaltung des programmierten »Lehrbuchs zur Historie der Menschheit« schlagen wir vor, den in Anlage als Kopie beigefügten Textauszug aus dem Tagebuch des cygnianischen Geschichtsschreibers Bythamele Ty Mnomeno in das o. a. Lehrbuch aufzunehmen.

Begründung:

Der vor ca. 200 Jahren verstorbene Cygnianer Mnomeno war der bislang bedeutendste Historiker seines Planeten. Sein Tagebuch galt lange Zeit als verschollen. Ein glücklicher Umstand ließ das auf einer Autografenauktion angebotene Dokument in den Besitz der »Kommission für die Reform des Erziehungswesens, Abteilung Historische Studien« gelangen.

Mnomenos Tagebuchauszug, der hiermit zur Aufnahme in das o. a. Lehrbuch vorgeschlagen wird, ist ein Dokument aus erster Hand und für einen gewissen Zeitraum unserer Geschichte von nicht unerheblicher Bedeutung. Der Text belegt das Schicksal unserer Expedition, die im Jahre 851 (neue Datierung) Cygni II befrieden und für menschliche Besiedlung öffnen sollte. Da damals die Gefahr bestand, dass das Capella-Reich ebenfalls Interesse an einer Kolonisierung des durch von Echsen abstammenden Intelligenzen nur spärlich besiedelten Planeten haben könnte, erfolgte das Unternehmen ohne große vorherige Erkundungsaktion. Man hielt die (recht spärlichen) Daten einer automatischen, unbemannten Sonde, die Cygni II mehrmals umkreist hatte, für ausreichend.

Die Expedition kehrte nie zurück. Spätere Untersuchungen (erst vor 100 Jahren gelang es, eine weitere Sonde auf dem Planeten zu landen und Messungen durchzuführen) ergaben einen erhöhten radioaktiven Strahlenbefall des ganzen Planeten. Man führte dies auf den Beschuss durch unsere Expeditionsflotte zurück. Die Wirren, die in den Jahren 859 bis 866 (nD) den Verbund Besiedelter Welten erschütterten und schließlich zur Eroberung des Capella-Reiches führten, ließen das Geschehen um Cygni II in Vergessenheit geraten. Neuerdings scheint der Planet wegen der erhöhten Strahlung sowieso nicht mehr zur Besiedlung geeignet zu sein.

Mnomenos Tagebuch erhellt das Schicksal jener Expedition. Wir halten den vorgelegten Auszug für geradezu beispielhaft und überaus geeignet, das historische Denken unserer Kinder zu formen, und bitten daher um Aufnahme in das o. a. Lehrbuch.

Dieser Antrag wurde von den Kommissionsmitgliedern gemeinsam formuliert und einstimmig gebilligt.

Kommission für die Reform des Erziehungswesens

Der Sekretär für historische Studien –

gez. S. R. Hoggins

(o. ö. Professor der Historie)

Erste Terranische Zentraluniversität

Anlage: Auszug aus dem Tagebuch des cygnianischen Historikers B. Ty Mnomeno.

ÜBERTRAGUNG DER HANDSCHRIFTLICHEN TAGEBUCHEINTRAGUNGEN VON BYTHAMELE TY MNOMENO (KOPIE DES COMPUTERS):

»Ganz plötzlich waren sie da.

Wenn auch mein Erinnerungsvermögen im Verlauf vieler Jahre nachgelassen hat, dieser Tag wird mir immer gegenwärtig bleiben. Es war strahlend schönes Wetter; die Zeit der Ernte stand vor der Tür. Wie gewöhnlich um diese Tageszeit – das Licht der Zweiten Periode begann am Horizont zu glühen – ging ich am nahegelegenen See spazieren. Ich begegnete niemandem, denn auch damals – wie heute – waren wir ein dünn besiedelter Planet, der dem Einzelnen genügend Raum zur persönlichen Entfaltung gewährt. Durch ein ungewöhnlich durchdringendes Aufblitzen im Gegenlicht wurde ich auf das Geschehen aufmerksam. SIE kamen. Nach einem Augenblick des Wartens sah ich eine ganze Flotte silberner Schiffe am Himmel über mir. Über der nahen Hauptstadt, in der ich damals noch meine Pflichtarbeitsstunden pro Dekade ableisten musste, verhielten die Schiffe – unbeweglich, drohend. Dann ging es los.

Tausende glitzernder Punkte lösten sich aus den Schiffsleibern und taumelten herab. Unübersehbare Mengen atomarer Sprengkörper, dazu bestimmt, unseren schönen Planeten zu versengen. In immer neuen Trauben sank die Vernichtung vom Himmel. Schon zischten die ersten Bomben in den See und ließen heiße, helle Dampfschwaden aufsteigen. Ich stand wie gelähmt. Das Unheil um mich her hatte mich handlungsunfähig gemacht. Ich beobachtete. An meinen eigenen Schutz dachte ich nicht. Durch eine glückliche Fügung kam ich unbeschadet davon – so kann ich als Chronist meiner Pflicht genügen.

Dann schaltete sich unsere Abwehr ein.

Die weitreichenden Geschütze und Energiebatterien holten sogleich Dutzende der silbernen Schiffe herunter. Die Formation geriet in Unordnung. Im Bestreben, dem konzentrierten Beschuss auszuweichen, wurden die Manöver der feindlichen Armada immer unkontrollierter. Schiffe stießen zusammen und stürzten trudelnd in dichten Knäueln ab. Schließlich wandte sich der Rest zur Flucht. Doch kein Schiff entkam. Unsere Abwehr leistete ganze Arbeit.

Aus den Trümmern der abgestürzten Maschinen aber, die zum Teil in unwegsamem Gelände niedergegangen waren, krochen die Überlebenden und flüchteten sich in die Wälder. Und wurden ihre eigenen Opfer.

Denn uns macht radioaktive Strahlung nichts aus. Im Gegenteil: Im Verlauf unserer sieben Entwicklungsphasen sind wir dringend auf sie angewiesen. So dringend, dass unsere Wissenschaftler bereits vor langen Jahren einen Schutzschirm errichtet haben, der das Entweichen der Strahlung in den Weltraum verhindert. Dieser Schutzschirm liegt weit heruntergezogen in der Atmosphäre, um eine Mindestkonzentration der Strahlung zu gewährleisten. Schade eigentlich, dass die feindlichen Schiffe nur Sprengkörper mit extrem kurzer Zerfallszeit einsetzten. Nun müssen wir wieder Mangel leiden.

Für die Angreifer aber wurde die Strahlung zum Verhängnis. Ihre Körper deformierten sich. Ihre Nachkommen glichen kaum noch den Eltern. Sie wurden zu Tieren. Heute noch ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen unserer Jugend in der zweiten Entwicklungsphase die Jagd auf die wilden Bestien, die sich einst ›Menschen‹ nannten.«

Kommission für die Reform des Erziehungswesens

An: Kommission für die Reform des Erziehungswesens

Der Sekretär für historische Studien –

Terra-City/BW

Von: Ministerium für Kultur und Erziehungswesen

Referat IX c –

Betr.: Vorschlag zur Textgestaltung des programmierten »Lehrbuchs zur Historie der Menschheit«

Ihr Schreiben vom 12. Tag im 9. Monat d. J. 1075 (nD)

Terra-City,

3. Tag im 11. Monat d. J. 1075 (nD)

Zuständigkeitshalber wurde uns das o. a. Schreiben von Referat IX b im Hause übergeben. Wir bitten, in Zukunft die Zuständigkeiten der Fachressorts besser zu beachten.

Der Antrag auf Aufnahme des Tagebuchauszugs des Cygnianers Mnomeno in das o. a. Lehrbuch für die Schulen im Bereich des VBW wird abgelehnt.

Begründung:

Nach sorgfältiger Prüfung des übersandten Tagebuchteils erscheint ein wünschenswerter Einfluss auf das Denken unserer Schulkinder nicht möglich. Unsere historische Wissenschaft hat als wichtigste Aufgabe und oberstes Ziel, eine positive Einstellung der Bevölkerung zur Geschichte der Menschheit und ihrer verschiedenen Entwicklungsphasen zu erreichen. Der vorgelegte Tagebuchauszug enthält jedoch eine Schilderung, die diesem Ziel entgegensteht. Unwesentliche Fehler politischer und militärischer Führung der VBW sind nicht geeignet, dadurch aufgebauscht zu werden, dass sie in Schulbüchern behandelt werden. Falls notwendig, erscheint eine Darstellung durch einen kompetenten Fachhistoriker möglich, der das Ereignis der Aufnahmefähigkeit der Schüler entsprechend aufarbeitet. Keinesfalls aber kann das Abhandeln solcher Ereignisse durch wörtliche Zitate aus – vermutlich verzerrten – Darstellungen Fremdrassiger erfolgen.

Gemäß § 135, Abs. 3, Unterzeile c, der »Verordnung zur Erneuerung des Gedankenguts an Schulen« wird der Antrag daher als unzumutbar zurückgewiesen und gleichzeitig der Kommission für die Reform des Erziehungswesens ein förmlicher Tadel ausgesprochen. Wir bitten, weitere dergl. Anträge zuvor genauer auf Eignung zu überprüfen.

Weiterhin wird gemäß § 18, Ziffer 7, Abs. 5, »Gesetz zum Schutz der Bürger im VBW« das diskriminierende Dokument beschlagnahmt. Das Tagebuch des Cygnianers Mnomeno ist unverzüglich der im Wohnbezirk zuständigen Unterstelle des Sicherheitsdienstes auszuliefern. Gemäß § 18, Ziffer 8, Abs. 3, steht auf Zuwiderhandeln die Todesstrafe.

Ministerium für Kultus und Erziehungswesen

Referat IX c –

gez. Smitt

(Oberverwaltungssekretär)

Durchschlag an: SD, Wohnbezirk E. T. Zentraluniversität.

Der Vogel (1980)

Der kleine Vogel hüpfte immer um den Pfeiler der Turbobahn herum und pickte im Staub. Das Getöse der Bahn über ihm wie auch die vielfältigen Straßengeräusche schienen ihn nicht zu stören. An dem graubraunen Gefieder erkannte der alte Mann auf der anderen Straßenseite, dass es sich um einen Spatz handelte. Nun war er zweiundneunzig Jahre alt, der Greis, und hatte seit Jahren keinen Spatzen mehr gesehen. Er hatte sich freilich noch nie viele Gedanken darüber gemacht, weswegen es immer weniger Vögel gab. Seit einigen Jahren ging er nicht mehr oft auf die Straße; der Lärm und das Gequirle der Menschenmassen stießen ihn ab. Nur manchmal, wenn er es in seinem Zimmerchen gar nicht mehr aushielt, traute er sich für einige Minuten außer Haus – um danach schleunigst wieder in die Geborgenheit seiner vier Wände zu fliehen.

Heute hatte er gerade die Hektik der Durchgangsstraße verlassen wollen, um auf seinem Zimmer die Nachmittagsnachrichten anzusehen, da erblickte er den Vogel.

Der Spatz schien im Straßendreck eine Menge Pickenswertes zu entdecken; denn er kam gar nicht zur Ruhe. Das Köpfchen ging auf und ab, stocherte den Schnabel in den Untergrund; dann ein Hüpfen seitwärts oder nach vorn, und wieder geriet das Köpfchen in Bewegung.

Diese stete Bewegung war es wohl auch, die einige Jugendliche auf den Vogel aufmerksam machte. Die etwa Vierzehnjährigen schlenderten langsam näher und hielten sich dabei im Sichtschatten des mächtigen Pfeilers der Turbobahn. Dabei sprachen sie miteinander, doch das Brausen des Straßenverkehrs war so intensiv, dass der alte Mann auf der anderen Seite der Straße nichts verstehen konnte. Plötzlich bückte sich der eine Jugendliche, für sein Alter hochgewachsen und von Mutter Natur mit einem wirren schwarzen Haarschopf bedacht, griff in den Staub und warf – eine Bewegung ging in die andere über – einen Steinbrocken auf den Vogel, der arglos herumpickte. Die vier Kumpane des Schwarzhaarigen taten es ihm nach, und im Nu prasselte ein Steinhagel auf das kleine Tier nieder.

Der erste Brocken musste bereits getroffen haben, denn als der alte Mann, von den vorbeifahrenden Wagen immer wieder irritiert, genauer hinschaute, lag der Spatz bewegungslos am Boden. Der Alte erkannte in der jugendlichen Gruppe nun auch ein Mädchen, das sich bückte und den Vogel aufhob. Unter der Berührung der menschlichen Hand bewegte der Spatz schwach seine Flügel.

»Lasst den Vogel in Ruhe!«, schrie der Greis mit zitternder, vor Erregung heiserer Stimme, konnte aber den Straßenlärm nicht übertönen. Doch drüben, unter der Turbobahn, bemerkte einer aus dem Augenwinkel das Gestikulieren des alten Mannes und machte die anderen darauf aufmerksam. Ein fast verachtungsvoller Blick herüber, dann wandten die fünf ihre Aufmerksamkeit wieder dem Tier in der Mädchenhand zu.

Ehe sich der Alte versah, befand er sich mitten auf der Fahrbahn des in dieser Fahrtrichtung dreispurigen Boulevards, getrieben von einer jäh aufschießenden Erregung. Er verursachte Notbremsungen und musste Verwünschungen anhören, doch er kam unbeschadet auf den Mittelstreifen unter der Turbobahn.

Die Jugendlichen gingen ihm nun langsam entgegen, das Mädchen hielt immer noch den Vogel.

»Na, Opa, was ist denn los?«, fragte der Schwarzhaarige grinsend.

Von dem waghalsigen Abenteuer der Fahrbahnüberquerung war der Alte außer Atem geraten.

»Lasst … den … Vogel … in Ruhe!«, stieß er hervor. Und dann, nachdem er tief Luft geholt hatte: »Ihr solltet euch schämen, mit Steinen nach dem armen Tier zu werfen und es zu verletzen!«

»Ach, reg dich ab!«, sagte ein anderer Bursche. »Was ist schon an so einem Ding dran!«

Dem Alten schossen wirre Erinnerungen durch den Kopf: an Nachmittage auf sonnenhellen Wiesen, während er den trillernden Lerchen lauschte; an Winternachmittage, wo er den Meisen an den Futterringen zugesehen hatte; an die zeternde und sich balgende Spatzenschar im Hinterhof seines Wohnblocks, wie er sie noch vor Jahren von seinem Fenster aus beobachten konnte. Nun gab es nichts mehr dergleichen.

Aber – wie sollte er diesen halben Kindern mit dem Blick von Erwachsenen dies alles deutlich machen, ihnen das Besondere an diesem einen Spatzen erklären? Sie kannten nur eine Welt voller Autos und Turbobahnen. Was bedeutete ihnen eine Wiese, ein Wald? Und was so ein Spatz?

Der Alte streckte die Hand nach dem Vogel aus, der ihn mit großen Augen ansah. Flehend ansah, so war sein Eindruck.

»Gebt ihn mir«, bat der Greis. »Ich werde ihn gesund pflegen.«

»Bah, so ein Quatsch!«, lachte da der Schwarzhaarige hellauf, die beiden bisher Stummen grienten.

»Aus welchem Jahrhundert stammst du denn, Opa?«

Er nahm dem Mädchen den Vogel aus der Hand. Seine Finger schlossen sich so fest um das Gefieder, dass der Greis selbst den Druck zu spüren glaubte.

Mit einer heftigen Bewegung schleuderte der Schwarzhaarige den Vogel vor sich auf den Boden. Das geschah so schnell, dass der alte Mann keine Zeit zur Reaktion hatte. Der Fuß des Jugendlichen schnellte vor und trat auf den Vogel, drehte sich auf dem Absatz: vor und zurück.

»Da siehst du, was von deinem Vogel übrigbleibt!«

Der alte Mann war zu Boden gesunken; er kniete vor den Überresten des Spatzes. Seine tränenverschleierten Augen nahmen nur undeutlich die Drähte, Schrauben und Blechteile wahr, die aus dem aufgeplatzten Tierkörper quollen.

Hinter ihm entfernten sich lachend die Jugendlichen.

Vater der Zukunft (1980)
Vorbemerkung des Herausgebers

Vieles aus der frühzivilisatorischen Geschichte der Menschheit, insbesondere vor Einführung der neuen Datierung (n. D.) im Gefolge der Gründung des »Verbundes Besiedelter Welten« vor nunmehr fast 1079 Jahren, liegt im Dunkeln. Zahlreiche Unterlagen: Dokumente, Register, Statistiken, Filme und Fotos sind selbst aus den zentralen Archiven verschwunden, in den Kriegswirren während der Einigungsbestrebungen zerstört oder durch Unachtsamkeit dem Verderb anheimgegeben worden. Dies ist bekannt und oftmals nicht nur in wissenschaftlichen Fachblättern wie der »Neuen Historiographischen Zeitschrift« oder der »Acta Omnium Planetarum Historica«, sondern auch in populären Journalen und Tageszeitungen beklagt worden.

Im Gesamtzusammenhang der uns berührenden Geschichte ist es freilich ebenso wichtig, aus der Frühzeit der Fremdrassen, auf die menschlicher Forschungsgeist bisher gestoßen ist, nähere Kenntnisse zu erlangen. Der Weg dahin erweist sich in der Regel als noch schwieriger als das Aufspüren von Einzelheiten der frühen Menschheitshistorie, deren Probleme gerade kurz angerissen wurden.

Zahlreiche Fremdrassen nämlich halten es geradezu für ihre Pflicht, dem Menschen selbst grobe Züge der Entstehung ihrer Kultur oder ihres Staatswesens vorzuenthalten. Uneinsichtigkeit, Ignoranz oder ganz einfach sture Abwehrhaltung erschweren derartige Forschung ungemein. Umso betrüblicher muss daher die Tatsache bewertet werden, dass Dokumente über die Entwicklung auf anderen Welten uns nach Erhalt wieder verloren gehen. Erfreulich aber auch, wenn eine glückliche Fügung solche Unterlagen wieder verfügbar macht.

Eine solche Wiederentdeckung ist dem Unterzeichner dieser Vorbemerkung bei der Durchsicht abgelegter, zur Verbrennung bestimmter Akten gelungen. Wie die wichtigen Unterlagen zwischen die vergilbten Verwaltungsanordnungen gelangen konnten, ist unbekannt. Das wiedergefundene Dokument, einschließlich Begleitpapier, soll hier mit vollem entzifferbaren Wortlaut abgedruckt werden.

Bei der geschichtlichen Quelle handelt es sich um ein Fragment der Stammesgeschichte einer intelligenten Spezies, die sich selbst »Maa« nannte. Die Papiere – es handelt sich um fünf handbeschriebene Blätter in der Rundbogenschrift der Maa, die teils stark verblichen sind – sowie deren Übersetzung wurden im Jahre 723 n. D. von dem Xenobiologen Heribert Polachewski an das damalige Zentralarchiv von Terra-City gesandt. Polachewski stand, wie in den Personalstammakten jener Zeit nachzulesen, in den Jahren 718 bis 731 im Dienst der irdischen Explorerflotte. Über die Art seiner Dienstverpflichtung, seinen Dienstgrad sowie sein weiteres Verbleiben nach 731 konnte nichts Genaueres in Erfahrung gebracht werden.

Das Dokument der Maa besteht aus zwei Teilen, die sicherlich im Zusammenhang stehen und das gleiche Ereignis – wenn auch zeitlich verschoben – beschreiben. Polachewski hat mit der Eingabe der Dokumentenblätter und deren Übersetzung zugleich in einem Begleitschreiben die Umstände der Auffindung aufgezeigt, darüber hinaus einige notwendige Anmerkungen zum Planeten Maa-do und zur Rasse der Maa gegeben.

Im Folgenden soll zunächst dieses Begleitschreiben Polachewskis vorgelegt werden, da erst nach dessen Lektüre einige Einzelheiten des Maa-Dokuments begreiflich erscheinen. Danach folgen die beiden Teile des Dokuments in der Übersetzung Polachewskis, die der Schreiber dieser Zeilen nur an einigen wenigen Stellen stilistisch etwas geglättet und modernisiert hat. In einer abschließenden Bemerkung sollen dann noch die kargen Ergebnisse eigener Recherchen über den heutigen Stand auf Maa-do aufgezeigt werden.

Eine Einordnung in den geschichtlichen Gesamtzusammenhang ist auf Grund dieser doch sehr spärlichen Unterlagen selbstverständlich nicht möglich, doch kann vorsichtig formuliert werden, dass das Maa-Dokument trotz aller Vorbehalte bereits wertvolle Einblicke in die psychologische Konstitution einer Fremdrasse gewährt. Bleibt zu hoffen, dass eventuelle weitere Funde, so unwahrscheinlich sie im Augenblick auch erscheinen mögen, hier irgendwann für zusätzliche Aufhellung sorgen werden.

Lund Samwall, Oberarchivar

Zentralstelle für Dokumentation von Fremdrassen

Terra-City, 19. Tag im 3. Monat d. J. 1078 n. D.

Polachewskis Begleitbrief

Maa-do, im siebenten Monat d. J. 723 n. D.

An Zentralarchiv

Dokumentation Fremdrassen

Terra-City, VBW

In Erfüllung von § 5 meines Arbeitsvertrages mit der Explorerflotte, der mir das Sammeln von Dokumenten über Fremdrassen und deren Weitergabe an das Zentralarchiv zur Aufgabe macht, reiche ich in Anlage die Fragmente eines Berichtes ein, der auf dem Planeten Maa-do (d. i. »Welt der Maa«) entstanden ist.

Maa-do ist der fünfte Planet der Sonne Mi-ra (d. i. »Gott des Lichts«), etwa 860 Lichtjahre von unserem eigenen Sonnensystem entfernt. Vor rund zwei Jahrzehnten erkundete ein Scoutschiff der Explorerflotte zum ersten Mal das Mi-ra-System und katalogisierte in groben Zügen den fünften Planeten, der sich als einziger als bewohnbar und bewohnt erwies. Vor zwei Jahren wurde ich als Xenobiologe auf Maa-do abgesetzt, um mittels einer Feldstudie das Verhalten der Eingeborenen, der Maa (d. i. »Geschöpfe«), zu untersuchen.

Die Maa gehören zu den Hominiden; sie messen zwischen 90 und 120 Zentimetern Körpergröße, gehen aufrecht und haben sechs Finger an jeder Hand und sechs Zehen an den Füßen. Sie verfügen über unwesentlich mehr Haarwuchs als wir Menschen. Die Sprache der Maa ist reich an Worteinheiten und erinnert in der Sprachstruktur ein wenig an das irdische klassische Chinesisch, das heißt, die Sprache kennt so gut wie keine Grammatik; lediglich über die Syntax wird dem einzelnen Wort der genaue Bedeutungsinhalt und seine Funktion im Satzzusammenhang zugewiesen.

Maa-do, der Planet, besitzt eine Achsneigung ähnlich Terra, der breite Mittelgürtel quer zur Polachse verfügt durchschnittlich über ein fast mediterranes Klima; gegen die beiden Pole hin allerdings nimmt die Wärme rasch ab bis hin zu erbitterter, ewiger Kälte. Die Maa, einzige intelligente Spezies dieser Welt, leben in jenem Mittelstreifen. Technische Errungenschaften sind ihnen fremd, selbst das Rad ist noch nicht erfunden. Dennoch verfügen sie über eine – auf mehr geistiger Ebene basierende – Zivilisation. Sie führen ein ruhiges Leben als Bauern und sporadische Jäger.

Dieses eben Geschriebene basiert weitgehend auf Vermutungen bzw. auf den Beobachtungen einer einzigen Großfamilie von genau siebzehn Individuen. Es ist mir in den zwei Jahren meines Aufenthalts auf Maa-do nicht gelungen, weitere Maa-Leute aufzustöbern, obwohl ich mit dem Schweber weite Vorstöße in alle Himmelsrichtungen unternommen habe.

Die Maa leben dem Jahresrhythmus angepasst, der ihnen drei Ernten schenkt. Nahrungsmangel scheint demnach nicht die auslösende Ursache für die gravierende Dezimierung an Individuen zu sein. Ich vermute, dass das beigelegte Dokument dem Kundigen einen Schlüssel zum Verständnis des Maa-Schicksals bietet.

Ich erhielt die fünf Blätter während einer der drei jährlichen Erntedankfeste, die dem Gott Mi-ra, also der Sonne dieses Planeten, gelten. Zuvor schon hatte ich ab und an vom »Vater der Zukunft« gehört, wenn ich bei abendlichen Gesprächen oder auch während der täglichen Feldarbeit versuchte, Einzelheiten der Vergangenheit zu ergründen. Der »Vater der Zukunft« scheint im Denken der Maa, zumindest aber dieser Großfamilie, eine tragende Rolle zu spielen. Einzelheiten aus dem Dokument, das die Flucht in den Norden anlässlich einer Seuche beschreibt, vermögen Aufschlüsse über den Mann zu geben, der später mit dem Ehrennamen »Vater der Zukunft« bedacht wurde.

Die fünf Blätter des Dokuments, in der Rundbogenschrift der Maa abgefasst, sind vor und während des Marsches in den Norden beschrieben worden. Der Mittelteil des Berichts fehlt leider, er scheint verloren gegangen zu sein. Wenigstens förderte eine auf meinen Wunsch durchgeführte Suche keine weiteren Blätter zutage.

Die dem Maa-Dokument beigegebene Übersetzung habe ich zusammen mit meinem alten Freund Lu-a, dem Oberhaupt der Großfamilie, angefertigt. In strittigen Fragen habe ich seinen Anregungen und Interpretationen Folge geleistet. Im Übrigen wurde darauf geachtet, den Inhalt der Papiere mit der gebührenden Sorgfalt wiederzugeben.

In Erwartung des Schiffes, das mich ins Plaje-System zu einem neuen Einsatz befördern soll,

Heribert Polachewski

Das Maa-Dokument, erster Teil

»… schlechte Kunde aus allen Himmelsrichtungen: Es scheint, als sei die Rote Seuche wieder ausgebrochen. Die Stammesältesten haben sich bereits gestern zu einer Beratung zurückgezogen, die – wie üblich – mehrere Tage beanspruchen wird. Bo-o, unser noch junger Anführer, wird sich bei diesen Beratungen zum ersten Mal richtig bewähren müssen. Wer aber kann sagen, was wird, wenn die Rote Seuche nicht zum Stillstand kommt?

(Einige Zeilen im Original nicht mehr zu entziffern. H. P.)

Wir opfern jeden Tag mehrmals; Mi-ra möge uns gnädiger gestimmt werden! Seit Tagen regnet es, die Ernte verfault auf den Feldern. Unser Gott zürnt mit seinem Volk. Die Weise Urfrau möge uns helfen, einen Weg zur Besänftigung des zürnenden Mi-ra zu finden.

Die Ältesten haben ihre Beratungen beendet. Bo-o konnte sich mit seinem Vorschlag nicht durchsetzen. Seine Idee war, vor der Roten Seuche nach Norden auszuweichen. Er verweist auf die Heilige Überlieferung, die davon spricht, dass in den Nordgebieten das Heilmittel zu finden sei, falls einmal die Große Krankheit ausbrechen sollte. Doch weiß man, ob mit dem Begriff ›Große Krankheit‹ die Rote Seuche gemeint ist? Darauf hat Ta-u, der Rivale Bo-os nicht nur im Rat der Stammesältesten, sondern auch um die Gunst von Ba-i, der Tochter von Sa-a, dem Breitkornanbauer, zu Recht hingewiesen. Die Heilige Überlieferung sei nur eine Sage, und im hohen Norden gebe es keine Möglichkeit zu überleben. Ich warte, dass … (Unleserlich. H. P.)

Sa-a ist gerade aus dem Nachbardorf gekommen. Dort sind alle tot. Sa-a hat geschworen, dass er nichts und niemanden berührt hat, aber alle hier haben Angst. Wir haben ihn gezwungen, wegzugehen. Ba-i, seine schöne Tochter; hat sich ihm angeschlossen, nachdem es ihr nicht gelungen war, das Dorf umzustimmen. In der Angst waren sich alle einig. Am ärgsten hat sich Ta-u, der immer um Ba-is Gunst buhlte, gegen das Verbleiben ihres Vaters im Dorf ausgesprochen.

Doch vielleicht ist es schon zu spät, und Sa-a hat die Ansteckung bereits eingeschleppt. Möglicherweise hat Bo-o mit seinem Vorschlag doch recht, auf jeden Fall wird sich der Rat der Ältesten noch einmal damit befassen.

Seit gut zehn Wochen sind wir auf der Wanderung. Bo-o führt uns in die Gebiete des Nordens, nachdem der Ältestenrat nach nur eintägiger Beratung beschlossen hat, seinem Vorschlag zu folgen. In den letzten Wochen war wenig Gelegenheit auszuruhen, daher musste diese Niederschrift warten. Heute haben wir eine etwas längere Rast eingelegt, denn wir haben die ersten Ausfälle. Für viele Maa sind die Anstrengungen zu groß, sie bleiben zurück, denn tragen können wir sie nicht. Wir haben die Rote Seuche hinter uns gelassen, doch die Angst begleitet uns und treibt uns weiter vorwärts.

Es ist kalt geworden. Wir haben festgestellt, dass wir nicht genügend Kleidung mitgenommen haben, um uns zu wärmen. Wir Männer sind da noch in einer besseren Lage, wir sorgen uns um die Jagd und sind daher immer in angestrengter Bewegung, doch Frauen und Kinder leiden stark an der Kälte.

Auch Bo-o weiß keinen Ausweg; so weit im Norden war noch keiner von uns. Ta-u triumphiert wieder einmal. Zwar hatte er sich bei der letzten Ratssitzung der Stammesältesten nicht durchsetzen können, doch nun scheint es, als behielte er recht.

Die Nahrung wird immer knapper, das wilde Breitkorn ist kaum noch zu finden. Wovon sollen unsere Frauen in Zukunft die Fladen zubereiten? Doch schlimmer noch: Auch mit der Jagd geht es nicht mehr wie zu Beginn. Seit Tagen haben wir keinen Wa-bo (d. i. eine Art Springbock, das Hauptjagdtier der Maa. H. P.) mehr erlegen können. Wir leben von den Vorräten, doch wir brauchen dringend frische Nahrung …«

Das Maa-Dokument, Zweiter Teil

»… haben sie Ta-u entseelt gebracht. Er ist in eine Felsspalte eingebrochen und tief gestürzt.

Ich weiß nicht, wie lange wir uns schon wieder gegen Süden schleppen. Es gibt Stimmen unter uns, die meinen, es wäre besser gewesen, im Norden umzukommen. Doch Bo-o treibt uns vorwärts. Es ist erstaunlich: Freimütig gibt unser Anführer zu, dass er sich geirrt hat, was die Überlebensmöglichkeiten hier im Norden angeht. Doch Ta-us Triumph hat nicht lange gedauert, nun ist er tot. Bo-o dagegen ergeht sich in Andeutungen; immer wieder betont er, im Süden warte die eigentliche Entscheidung auf uns, wichtiger als alles, was der Stamm bisher durchgemacht hat. Bo-o hat wieder einmal eine Idee, doch noch will er nichts davon verraten.

Wir sind nur noch insgesamt sechsundzwanzig Männer, Frauen und Kinder. Allmählich nähern wir uns wieder fruchtbaren Gefilden. Gestern gelang es unseren Jägern zum ersten Mal seit vielen Wochen, einen Wa-bo zu erlegen. Groß war die Freude, wir haben haltgemacht, um neue Kräfte zu sammeln. Das gibt Gelegenheit, diese Aufzeichnungen zu vervollständigen.

Es scheint, wir haben den kalten Norden überlebt, nur um hier auf den fruchtbaren Äckern unseres Heimatdorfes zu sterben. Es ist Bo-os Idee.

Kaum näherten wir uns wieder bekannten Tälern und Hügeln, da wuchs die Angst in uns vor der Roten Seuche. Je mehr Tage wir wieder zu Hause waren, umso größer wurde diese Angst. Apathisch saßen wir alle herum und warteten, dass die Krankheit uns packte. Es war Erntezeit, doch keiner dachte daran, die Früchte einzubringen oder für Mi-ra das Dankfest zu feiern.

Da trat Bo-o mit jenem Vorschlag unter uns, der uns entsetzte, der aber gleichzeitig uns allen in der Tat der einzige Ausweg zu sein scheint. Bo-o schlug vor, wir sollten uns freiwillig mit der Roten Seuche infizieren, denn ein solches Leben in Angst sei in Wahrheit kein Leben mehr. Und nur der könne in Zukunft ohne Furcht weiterleben, der die Krankheit überwunden habe. Was schade es, wenn ein großer Teil des Stammes an der Seuche sterbe, wenn nur einige wenige als Immune die Krankheit überlebten. Bo-o hat uns klar gemacht, dass auf diese Weise das Volk der Maa wieder eine Zukunft haben werde.

Und Bo-o hat recht. Denn schon mehren sich bei den restlichen Angehörigen des Stammes die Anzeichen des Wahnsinns, eines Wahnsinns, der seine Wurzeln in der erdrückenden Angst hat, die auf allen lastet. Natürlich gab es zuerst gegen Bo-os Idee Widerspruch, doch die meisten haben die Berechtigung seines Vorschlags rasch eingesehen. Die wenigen noch Entschlusskräftigen haben die Initiative ergriffen, morgen schicken wir drei unserer kräftigsten Jäger in die Nachbardörfer, um die Krankheit in unser Dorf zu schaffen …«

(Hier beginnt das letzte Blatt, in einer anderen Handschrift abgefasst. Hier wie auch auf den Blättern zuvor ist nicht vermerkt, wer diese chronikartigen Aufzeichnungen verfasst hat. H. P.)

»Bo-o ist tot. Heute Morgen erlag er der Roten Seuche. Zuletzt war sein Antlitz ganz mit jenen grässlichen Beulen übersät, die das Fleisch aushöhlen und zum Zusammenbruch führen. Bo-o starb, ein Lächeln auf den Lippen. Denn kurz zuvor haben wir ihn mit dem Ehrennamen ›Vater der Zukunft‹ geschmückt.

Es ist nicht nur so, dass er uns eine neue Verheißung geschenkt hat, Bo-os Voraussage ist eingetroffen: Zwei unter uns, Nu-o der Starke und De-a die Üppige, sind offensichtlich unempfindlich gegenüber der schrecklichen Krankheit. Beide machen sich zum Aufbruch fertig. Lange kann es nicht mehr dauern, bis auch der Letzte von uns Kranken tot ist. Auch ich spüre bereits die Kälte in meinem Blut, kaum vermögen meine Finger den Stift zu halten.

Nu-o und De-a mögen lange leben und ihre Nachkommenschaft ohne Furcht vor der Roten Seuche aufwachsen.

Gesegnet sei Bo-o, der ›Vater der Zukunft‹.«

Schlussbemerkung

Soweit die Dokumente, die ein glücklicher Zufall wieder der Wissenschaft zugänglich machte. So dürftig diese Unterlagen sind, sie ermöglichen dennoch einige Einblicke in die Psyche einer Rasse, über die keine Annalen weitere Informationen enthalten. Auch die eigentlichen Berichte des Xenobiologen Heribert Polachewski, die er alle drei Monate abzuliefern hatte, sind nicht mehr auffindbar.

Dass wir über jene wenigen Informationen verfügen, ist umso wichtiger, als eigene Recherchen des Herausgebers dieser Papiere ergeben haben, dass die Prophezeiung jenes Stammesführers mit Namen Bo-o, den die sterbenden Maa zum »Vater der Zukunft« ernannten, sich nicht erfüllt hat. Der Planet Maa-do ist entvölkert, von den Maa ist nichts mehr aufzufinden außer einigen Überresten ihrer nicht weit fortgeschrittenen Zivilisation.

Die Ursachen für das endgültige Aussterben dieser Rasse sind unbekannt. Mag sein, dass die Nachkommen der beiden ursprünglich Resistenten dann doch nicht gegen die Rote Seuche immun waren. Ebenso möglich ist, dass Auswirkungen des Inzestes zur Degeneration und damit zum Aussterben führten; ein einziges Paar ist eben doch eine allzu schmale Basis für die Gründung einer neuen Volksgemeinschaft. Es kann aber natürlich auch noch andere Gründe für das Aussterben der Maa geben; diese sind uns jedoch unbekannt.

Objekt der Verehrung (1981)

Als sich die Abenddämmerung allmählich über die ausgedörrte Steppe senkte, begannen die Schakale zu heulen und die Frauen des Stammes stampften die letzten Körner für den Fladenteig. Zwei erfahrene Jäger erhoben sich aus der kauernden Runde, die der vorzeremoniellen Meditation gewidmet war, und begaben sich auf Posten für die erste Wache. Um die Mitte der Nacht, wenn der Mond sich über den Berg der Blitze erhob, würden sie von zwei anderen Stammesangehörigen abgelöst werden.

Tarak, der Jungjäger, war für diese Nacht von der turnusmäßigen Wache befreit. Als Jüngster im Mannesalter, er zählte gerade sechzehn Sommer, wurde er zwar öfter als die Alterfahrenen zu Diensten und Pflichten herangezogen, doch hatte die Erfahrung den Stamm gelehrt, dass man selbst die Zähesten und Ausdauerndsten unter den Jungen nicht unbegrenzt belasten konnte. So waren auch Tarak fünf von zehn Nächten zum unbegrenzten Schlaf gestattet worden.

Tarak reckte seine breiten Schultern, griff hinter sich zum abgelegten Bogen und dem Köcher und erhob sich aus der gebückten Haltung. Bis zur Zeremonie war noch ein wenig Zeit. Seine Augen suchten Malia, die vierzehn Sommer zählte; ihre tiefbraunen, glutigen Augen und ihr schlanker Körper hatten es ihm angetan. Nach den Regeln des Stammes galt zwar die Verbindung von Mann und Frau innerhalb der Stammeseinheit als nicht erwünscht, doch handelte es sich dabei nicht um ein direktes Tabu – sodass Tarak fest entschlossen war, Malia nach allen Kräften zu umwerben, um sie im nächsten Sommer, wenn sie das heiratsfähige Alter erreichen würde, in seine Hütte zu führen.

Der Stamm der Hundskrieger lagerte seit Generationen am Rande der großen Ebene, die auch jetzt noch – nach so langer Zeit – von den Narben der Großen Katastrophe gezeichnet war. Diese Steppe dehnte sich über den ganzen nördlichen Teil Elopas aus; tundraartiger Bewuchs sorgte für nur wenig Abwechslung. Dennoch: die Steppe gab ihnen Nahrung, und in den Randgebieten gegen Süden hin ließ sich sogar während der Trockenzeit noch etwas Wasser finden. Und der hochstämmige Wald auf den Hängen der Berge, die den Südwesten der Ebene einfassten, bot den idealen Standort für die Behausungen der Hundskrieger.

Malia bewohnte mit ihren Eltern und sechs wesentlich jüngeren Geschwistern eine der größeren Laubhütten. Als noch Unberührbare durfte sie bei der allabendlichen Zeremonie natürlich nicht dabei sein; ebenso wenig war es ihr gestattet, der vorzeremoniellen Meditation beizuwohnen. Und da außerdem der Abend nun rasch kam, war Tarak sicher, das Mädchen in oder bei der elterlichen Behausung anzutreffen.

Betont unauffällig schlenderte der Jungjäger, den Federschmuck des ersten Jahres keck aus der Stirn geschoben und den Bogen geschultert, vom Feuer weg; den Köcher mit den langfiedrigen Giftpfeilen schleifte er lässig hinter sich her. Noch wollte er sein Interesse nicht zu deutlich zeigen; denn auch andere Jungjäger hatten Malias Liebreiz entdeckt. Tarak wollte weder Unghu noch Peta allzu früh darauf aufmerksam machen, dass er, Tarak, sich um die Tochter von Nabar, dem Bärentöter, bemühte.

Nach der Meditation musste Bernar, der vom Großen Rat der Stämme in der Elopa-Steppe eingesetzte Oberpriester, mit der Vorbereitung der Zeremonie beginnen. Die Regeln schrieben vor, dass der Ritus noch vor der Einnahme der abendlichen Mahlzeit, des einzigen gemeinsamen Essens am gesamten Tage, ausgeübt werden musste. Bernar seufzte. Es waren immer die gleichen Vorbereitungen zu treffen, die Handgriffe waren ewig dieselben, und ob der Große R dadurch gnädiger gestimmt würde und dadurch das verheißene glorreiche Zeitalter der Technik wiederkommen würde – der Oberpriester zuckte insgeheim mit den Achseln, erschrak aber gleichzeitig vor seiner eigenen Reaktion und seinen blasphemischen Gedanken.

Es durfte kein Zweifel aufkommen, dass der Große R gelebt hatte! Denn so stand es geschrieben. Und auch, dass er, zusammen mit seinen treuesten Jüngern und Chronisten, die Unsterblichkeit erlangt hatte.

Nie durfte er, der Oberpriester Bernar, am Wahrheitsgehalt der Hoffnung auf Wiederkehr des Großen R zweifeln! Und beschlichen ihn doch Zweifel, dann musste er sie gut verbergen, denn bei den Stammesangehörigen der Hundskrieger, wie bei den Angehörigen der übrigen Stämme in der Elopa-Steppe, musste der Glaube fest sein wie gewachsener Fels. Und dafür wollte er immer sorgen.

Und wehe, es wagte einer, gegen den Kult zu lästern, wie vor wenigen Sommern der Jungjäger Jew. Er hatte doch wirklich die Frechheit besessen, zu behaupten, möglicherweise habe der Große R – gelobt sei sein Name, der nur auf dem heiligen Artefakt gelesen, aber nie ausgesprochen werden durfte, und gepriesen seine fünf Chronisten – gar nie gelebt; die Zeremonie sei daher ohne Wert. Bernars ganzer Zorn hatte Jew getroffen, und er hatte den Jungjäger mit einem harten Bann belegt, sodass in der Folge niemand unter den Stammesangehörigen es wagte, ihn mit Nahrung oder Kleidung zu versorgen, ihm Unterschlupf zu gewähren oder auch nur das Wort an ihn zu richten.

Ja, so wacker verteidigte der Oberpriester Bernar seinen Gott, den Großen R, denn dass die Stammesangehörigen bereit waren, ihn jeden Tag aufs Neue mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen, war abhängig davon, dass er ihnen den rechten Glauben erhielt und ihnen das »Objekt der Verehrung« präsentierte.

Das »Objekt der Verehrung«!

Bernar schlug sich an den Kopf. Er musste sich beeilen, die Zeremonie würde sogleich beginnen.

Schweißperlen auf der Stirn und der Nasenspitze, eilte der Oberpriester, so schnell ihn seine Füße trugen, zur Hütte der Verehrung, in der das Heiligste aufbewahrt wurde.

Und mit aller gebotenen Sorgfalt machte er sich daran, die Schachtel aus Eichenrinde mit dem wertvollen Inhalt, der den Hundskriegern vom Großen Rat der Stämme zugeteilt worden war, vor der Hütte aufzubauen.

Aus den anderen Hütten näherten sich schon die erwachsenen Männer und Frauen des Stammes. Alle machten feierliche, erwartungsvolle Gesichter.

»Von meinem nächsten erlegten Bock bringe ich dir eine Keule.« Mit diesem Versprechen trennte sich Tarak, der Jungjäger, von Malia. Gleich begann die Zeremonie. Bernar, der Oberpriester, wurde rasch unwirsch, wenn ein Angehöriger des Stammes zur abendlichen Kulthandlung zu spät kam. Entschuldigt waren nur die Jäger, die auf einem ausgedehnten Streifzug nach Wild außerhalb der Ansammlung von Hütten übernachten mussten.

Tarak beeilte sich, vor die Hütte der Verehrung zu gelangen, wo Bernar das »Objekt der Verehrung« bereits auf einem Gestell aus Weidenschößlingen zur Schau stellte, sodass auch alle es sehen konnten.

Als alle Angehörigen des Stammes der Hundskrieger, die berechtigt waren, an der Zeremonie teilzunehmen, versammelt waren, begann der Oberpriester mit der Kulthandlung.

»Großer R, wir danken dir!« Bernar rezitierte diese Eingangsworte mit erhobener Stimme.

»Wir danken dir für alles, worauf wir noch hoffen dürfen«, antwortete der Stamm im Chor.

»Ewiglebender Einiger der Menschheit, du wachst über uns mit deinen Jüngern und Chronisten.« Das war Bernar.

Und die Gemeinde: »Chronisten des Großen R, mit Namen Khascher, Cladatn, Kutma, Weweh und Kubran gerufen, nehmt euch des Stammes der Hundskrieger an.«

Und wieder Bernar: »Du bist der Erbe des Universums, wir warten auf dich!«

»Einige die Stämme der Steppe in Elopa, so wie du die Völker des Alls geeinigt hast, auf dass wir aufs Neue erobern fremde Welten.«

Deutlich konnte Tarak aus dem Chor die Stimme von Unghu, seinem möglichen Rivalen bei Malia, heraushören. Als er hinüberblickte, rezitierte dieser offensichtlich voller Inbrunst den vorgeschriebenen Text. Tarak verzog leicht das Gesicht.

Doch schon war da wieder Bernars eindringliches Rufen:

»Großer R, dessen Namen nicht ausgesprochen werden darf, hier vor dem ›Objekt der Verehrung‹ bringen wir dir unseren Glauben dar!«

»Denn wir glauben an dich, Großer R, und an deine Wiederkunft und an die von den fünf Chronisten niedergeschriebene Geschichte deines Lebens und Wirkens.«

Wie immer bei diesen Worten fühlte Tarak Ehrfurcht in sich aufsteigen. Glaubte man den heiligen Worten, dann war die Leistung, die der Große R vollbracht hatte, wahrhaft gigantisch. Abgesehen von allem anderen, konnte es sich Tarak einfach nicht vorstellen, dass ein Mensch sich vom Erdboden erhob und zum Mond flog, jenem nächtlichen Begleiter der Erde, von dem der Oberpriester Bernar manchmal behauptete, der Große R habe dort oben immer noch eine Hütte für sich und warte nur darauf, wieder zur Erde herabzusteigen und die Stämme der großen Ebene zu einigen.

Bei solchen Gelegenheiten der gemeinsamen Anrufung vergaß Tarak leicht seine Zweifel, die ihn manchmal befielen. Wenn er während der Jagd im Wald außerhalb des Dorfes übernachten musste, dann kamen ihm wohl skeptische Gedanken. Etwa, warum es denn zu der Großen Katastrophe gekommen sein mochte, wenn der Große R doch allmächtig und allwissend und dazu noch ewig lebend war.

Schon als Kind hatte er einmal während der »kleinen Unterweisung« solche Einwände vorgebracht, war aber von Bernar mit dem Hinweis zum Schweigen gebracht worden, der Große R habe die Menschen für begangene Fehler bestraft, und wenn Tarak jetzt nicht den Mund halte, werde der Große R auch ihn bestrafen.

Und dann hatte Tarak den Mund gehalten, doch die Zweifel meldeten sich immer wieder einmal, in letzter Zeit traten sie immer öfter auf. Das ging so weit, dass Tarak inzwischen bezweifelte, in jener geheimnisvollen Schachtel aus Eichenrinde könne wirklich etwas aus der Hinterlassenschaft des Großen R stecken.

Tarak schrak auf. Die Schlussformel. Seine Augen begegneten dem wütenden Blick des Oberpriesters, der offensichtlich Taraks Geistesabwesenheit bemerkt hatte. Während er die heiligen Worte sprach, überlegte Bernar, was gegenüber dem renitenten Jungjäger zu tun sei.

Er wollte ihm noch eine Chance geben. Aber nur eine.

Nach der Zeremonie versuchte Tarak, rasch zu verschwinden. Er wollte sich einen Platz neben Malia sichern, wenn es gleich ans gemeinsame Abendessen ging. Doch Bernar hatte ihn nicht aus den Augen verloren.

»Tarak!«

Der Ruf war ein Befehl, und eine winkende Hand bedeutete ihm, dem Oberpriester zu folgen.

Die Rindenschachtel vorsichtig tragend, betrat Bernar die Hütte der Verehrung. Tarak war draußen stehen geblieben, doch der Ältere zog ihn hinein, nachdem er die Schachtel vorsichtig auf dem Tisch im Innern abgestellt hatte.

»Tarak, ich mache mir Sorgen um dich«, begann der Oberpriester.

Tarak sah ihn nur stumm an; in seinen Augen glomm Auflehnung, die trotz des schummrigen Lichts, das von einer Kiefernfackel herrührte, erkennbar war.

Bernar ließ sich nicht beirren.

»Wenn ich dich so sehe, dann muss ich an den unglücklichen Jew denken …«

Tarak durchzuckte es wie ein Stich. Nein, wie Jew wollte er nicht enden. Er dachte an Malia, dann blickte er Bernar offen an.

»Was betrübt dich, Bernar?«

»Erzähl’ mir etwas über das Objekt der Verehrung«, forderte der Oberpriester den Jungjäger auf.

»Nun …« Tarak fühlte sich überrumpelt, darauf war er gewiss nicht vorbereitet. »Jahrhunderte nach der Katastrophe fanden Jäger des Stammes der Hundskrieger in einer Höhle eine Metallkassette. Darin waren Druckschriften, die über den Großen R erzählten. Bis dahin war den Stämmen der Ebene nichts von dem Großen R bekannt gewesen. Nun wurden die Fundstücke gesichtet und schließlich auf die einzelnen Stämme verteilt. Doch bei der Verteilung kam es zum Streit; seitdem gibt es zwar noch den Großen Rat, doch der ist nur noch für die religiösen Belange zuständig. Sonst herrscht Krieg auf der Steppe.«

Bernar nickte beifällig zu Taraks Darstellung: »Einiges hast du aus der ›kleinen Unterweisung‹ richtig behalten, aber natürlich ging das mit der Auswertung und der Verteilung nicht so schnell. Darüber allein vergingen etwa zwanzig Jahre, bis sich die Weisen der Stämme über den Wahrheitsgehalt der Papiere im Klaren waren.«

Der Oberpriester zeigte auf die Schachtel:

»Was, meinst du, ist da drin?«

Tarak zögerte mit der Antwort.

»Ich weiß nicht. Wenn Schriften darin sind, heilige Schriften – ich kann sie nicht lesen. Nur Priestern ist es erlaubt, diese Kunst zu erlernen.«

»So ist es. Da ich seit einiger Zeit den Eindruck habe, dass du Zweifel hegst, ob überhaupt etwas darin ist, will ich dir den Inhalt zeigen.«

Bernar öffnete den Deckel der Schachtel und erklärte:

»Vielleicht kannst du dich erinnern: In der Höhle fand man insgesamt fünfzig Schriften in jener Metallkassette; dazu noch einen Brief desjenigen, der dafür gesorgt hat, dass die Kunde vom Großen R uns erreicht hat. Es ist fast ein Wunder, dass dies alles den Feuersturm der Katastrophe überdauern konnte. Jene fünfzig Schriften sind die Aufzeichnungen der Chronisten Khascher, Cladatn, Kutma, Weweh und Kubran – die einzigen schriftlichen Dokumente aus der Zeit vor dem Untergang der alten Welt.«

Bernar entnahm der Schachtel zwei Papierstücke.

»Diese zwei Teile erhielt der Stamm der Hundskrieger. Es sind wichtige Beweisstücke für die wahre Existenz des Großen R. Dies hier ist die erste der insgesamt fünfzig Schriften; sie ist allerdings im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte immer mehr beschädigt worden. Das Papier zerfällt einfach – auch bei den anderen Stämmen wurde das festgestellt. So ist uns nur noch dieses letzte Stück des Umschlages geblieben. Hier!«

Vorsichtig nahm Tarak den Beweis für die Existenz des Großen R in Empfang.

Das Bild zeigte drei Männer, die in seltsam fremdartigen Anzügen steckten; sie liefen vom Beschauer weg ins Bild hinein, über eine kahle, schroffe Fläche hinweg. Ihre Köpfe steckten in kugelartigen Behältern. Auf ihrem Rücken erkannte Tarak gurkenförmige Gebilde. Hinter den drei Männern gab es technisches Gerät, mit dem der Jungjäger nichts anfangen konnte.

Das Bild war schon stark ausgeblichen, dennoch hatte Tarak den Eindruck, dass früher einmal die Farben sehr grell gewesen sein mussten. An den Seiten gab es überall Ausrisse; die Seite war unvollständig. Links oben waren Teile einer Schrift zu erkennen.

»Was heißt das?«, fragte Tarak.

»Das ist der vollständige Name des Großen R«, sagte der Oberpriester feierlich. »Du weißt, dass der Große Rat der Stämme uns allen verboten hat, den Namen auszusprechen und dadurch zu beflecken.«

Tarak war überwältigt, nie hätte er das für möglich gehalten, dass Bernar solche Kostbarkeiten in seiner Hütte barg.

»Wer sind die drei Männer auf dem Bild?«, fragte er fast schüchtern.

»Das kann ich dir nicht sagen, aber die Weisen der Stämme vermuten, dass höchstwahrscheinlich einer der drei der Große R sein muss.«

Tarak verschlang das Bild fast mit den Augen. Der Große R leibhaftig vor seinen Augen – wenn auch nur auf einem Bild!

»Und was ist das da?«, fragte der Jungjäger und deutete auf das zweite, gefaltete Papier in der Hand Bernars.

»Das ist der Begleitbrief, wie er zusammen mit den fünfzig Schriften der Chronisten gefunden wurde. Auf seinem Inhalt fußt zu einem erheblichen Teil die Beurteilung der Schriften. Denn daraus geht eindeutig hervor, dass der Große R gelebt hat, dass er die Menschheit lange vor der Katastrophe geeint und zahlreiche ferne Welten erobert hat.«

Der Oberpriester machte keine Anstalten, Tarak den Brief zu geben, und dieser verstand. Denn der Brief war von unschätzbarem Wert, darauf basierte die Verehrung des Großen R. Tarak gab Bernar das Umschlagbild zurück, sichtlich beeindruckt.

Bernar bemerkte, in welchem Zustand sich der junge Mann befand. Ziel erreicht, dachte er zufrieden.

»Du kannst wieder gehen«, sagte der Oberpriester. »Aber sprich mit keinem über das, was ich dir soeben gezeigt habe.«

»Ja, Bernar. Und danke auch. Nie wieder will ich zweifeln«, stammelte Tarak und stürzte aus der Hütte, denn er schämte sich zu zeigen, wie ihm vor Rührung die Tränen in die Augen schossen.

Hinter ihm lächelte Bernar zufrieden in sich hinein. Das war geschafft. Liebevoll strich er über den Brief; er hatte ihn Tarak nicht gegeben, denn lesen konnte ihn dieser doch nicht. Er hätte ihn ihm vortragen können, schließlich kannte er ihn auswendig.

Er schloss die Augen und sah den Brief vor sich:

Oktober 1980

Er ist der größte Held – ich bete ihn an.

Er ist der Retter der Menschheit und der Erbe des Universums, er hat den Frieden gesichert und zahlreiche ferne Welten besucht: Perry Rhodan.

Damit seine Geschichte nie vergessen wird und auch spätere Generationen ihn so wie ich verehren können, verstecke ich die ersten fünfzig Folgen in einer feuersicheren Kassette.

In diesem Jahr feiern wir sein Jubiläum. Perry Rhodan wird ewig leben!

Friedrich Wilhelm Baumann, 14 Jahre

Oberpriester Bernar steckte die beiden Papiere wieder in die Schachtel zurück.

Er war zufrieden. Tarak war bekehrt, der Stamm der Hundskrieger bekannte sich vollständig zur Verehrung des Großen R.

Bernar würde auch in der nächsten Zeit nicht hungern müssen.

Bellinda Superstar (1981)
1

Das Gebäude der Staatlichen Fernsehgesellschaft ragte mit seinen dreißig Stockwerken fast bedrohlich vor mir in den morgendlichen Januarhimmel. Mit zweiundzwanzig Jahren wird wohl ein jeder allein von der Demonstration der Macht, die solch ein Klotz aus Beton und Glas darstellt, beeindruckt. Nur mit einiger Mühe konnte ich meinen Blick losreißen und betrat durch die Drehtür die weite Empfangshalle.

»Sie wünschen?«

Ein Fernsehtraum kümmerte sich um mich: tiefschwarzes, schulterlanges Haar; blaugraue Augen; hochgeschlossenes, enganliegendes Kleid in den Tricolorfarben der neuesten Mode, das eine tadellose Figur erkennen ließ. Es stimmte also, ich war beim Fernsehen, und heute sollte ich meine erste Stellung antreten.

»Mein Name ist Mark Lehlein«, stotterte ich ein wenig, fing mich dann aber schnell, als ich ein spöttisches Verziehen des Mundwinkels bei der Schwarzhaarigen bemerkte; schließlich war ein ausgebildeter Computertechniker auch wer, oder?

»Ich habe für zehn Uhr eine Verabredung mit Herrn Sommer.«

»Mit Herrn Sommer, oh!«

Anscheinend ein wichtiger Mann, dieser Herr Sommer. Ich war offensichtlich im Urteil des Fernsehtraums um etliche Sprossen die Leiter hinaufgerutscht.

Während die Empfangsdame telefonierte und mich anmeldete, blickte ich mich in der Halle um. Mehrere Sitzgruppen teilten den Raum auf. An den Wänden hingen Poster und Fotos, die Szenen aus der Arbeitswelt des Fernsehens zeigten. Ich erkannte Bilder von der ersten Liveübertragung vom Mars durch Jonny Cartier, den damaligen Starreporter, der von seinem anschließenden Trip zum Japetus nicht zurückgekommen ist. Vor nicht einmal zehn Jahren war die Übertragung vom Roten Planeten sieben Tage lang ohne Unterbrechung ausgestrahlt worden. Cartier konnte natürlich nur einen kleinen Teil davon bestreiten; wenn er schlief oder sich sonst wie erholte, übertrugen die automatischen Kameras, ab und an mit vorbereiteten, kommentierenden Texten unterlegt, in jedem Falle aber des atemlosen Staunens der ganzen Erde sicher.

Die Computerisierung dieser sieben Tage dauernden Übertragung hatte über ein Jahr lang die Programmierer und Techniker in Atem gehalten – ein Glanzstück des modernen Fortschritts, das uns auf der Schule für Fernsehtechnik immer wieder als beispielhaft vor Augen gehalten worden war.

Ich wurde ziemlich abrupt aus meinen Träumen gerissen, als mir die Schwarzhaarige in den Tricolorfarben auf die Schulter klopfte und mir mitteilte, Herr Sommer sei im Augenblick anderweitig beschäftigt und könne daher den abgesprochenen Termin nicht einhalten.

»Wissen Sie«, flötete sie, »heute fällt die Entscheidung über unseren nächsten großen Star, den die Gesellschaft aufbauen will. Eine höchst wichtige Entscheidung, nicht wahr? Schließlich will das Publikum ja nur das Beste vorgesetzt bekommen …«

Sie schaute mich unter ihren verlängerten Wimpern an, als erwartete sie, ich solle sie als nächsten großen Star vorschlagen. Sicherlich war sie davon überzeugt, dass sie das alles viel besser konnte als die vom Publikum und den Fernsehgewaltigen hofierten Schönheiten.

Ich begnügte mich damit, sie nach dem Weg in die Computerzentrale zu fragen, und überließ sie ihren Träumen.

Mein Gespräch mit Herrn Sommer, dem technischen Leiter der Computerabteilung, hatte offensichtlich Zeit. Jetzt wollte ich mich erst einmal mit meinen neuen Kollegen bekannt machen.

2

Es ist eben doch ein himmelweiter Unterschied zwischen dem, was man auf der Schule lernt, und den Anforderungen, die dann in der Praxis gestellt werden. Der gleichmäßige Trott, an den wir uns auf der Schule für Fernsehtechnik in den vergangenen drei Jahren gewöhnt hatten, wurde bei der Staatlichen Fernsehgesellschaft abgelöst durch ein Stoßgeschäft mit hektischen Aktivitäten, worauf dann lange Zeiten der Pause folgten. Ebenso plötzlich flammte dann wieder Arbeitswut auf, bedingt durch Termine oder auch nur menschliche Unzulänglichkeiten, da niemand in den oberen Etagen in der Lage zu sein schien, für eine gleichmäßige Auslastung der Mitarbeiter zu sorgen.

Ganz schön aufreibend, eine solch sporadische Hektik. Das geht an die Nerven; kaum einer, der nicht gereizt reagiert, wenn ihn ein anderer nur schräg ansieht.

Bald war ich in diesem Chaos, das wunderbarerweise immer wieder mit wirklich bemerkenswerten Resultaten aufwarten konnte, voll integriert. Ich schimpfte wie meine Kollegen auf »die da oben«, war dennoch ganz zufrieden, mein gutes Geld auch für streckenweises Nichtstun zu erhalten, und maulte, wenn Terminarbeiten dieses Nichtstun unterbrachen.

Bereits in die ersten Wochen fiel meine entscheidende Begegnung mit Bellinda. In jenen Tagen wurde ich in der Abteilung herumgereicht, um überall einmal hineinschnuppern und mich akklimatisieren zu können – so der technische Leiter Sommer, mit dem ich am Tag nach meinem Arbeitsantritt eine kurze Unterredung gehabt hatte. Sommer war mir herzlich unsympathisch, ein diensteifriger Strebertyp, wie ich sie noch nie habe leiden können. Ich war auf dem Weg zur Computerzentrale, da wurde ich auf dem Gang von einem jungen Mädchen angesprochen. Sie war höchstens achtzehn Jahre alt und lächelte mich etwas schüchtern an.

»Können Sie mir sagen, wo ich Herrn Peter Melchior finde?«, fragte sie.

Ich musterte das Mädchen etwas erstaunt. Peter Melchior ist unser Chefprogrammierer, ein serviler Typ. Was konnte sie von ihm wollen …

»Es geht um die Anlage der Programme«, fügte das Mädchen wie als Antwort auf meine unausgesprochene Frage hinzu. Es war etwas kleiner als ich, also etwa einen Meter siebzig groß, hatte ziemlich kurzgeschnittenes, kastanienbraunes Haar und hellblaue Augen, die mir sofort auffielen. Ihre Figur war vielleicht nicht üppig zu nennen, doch saß da alles am richtigen Fleck. Es ging eine natürliche, eine selbstverständliche Anmut von ihr aus.

»Na, genug gesehen?« Mit einem Mal wirkte sie nicht mehr schüchtern. Ein schneller, prüfender Blick aus den umwerfend blauen Augen begleitete die kecke Frage.

»Hm, ja.« Jetzt war ich verlegen. »Ich habe mir gerade überlegt, was Sie wohl bei Melchior … ich meine, Herrn Melchior …«

»Warum ich ihn suche? Nun, ich bin Beate Michalowski …«

Sie sah mich an, als müsste mir nach dieser Eröffnung alles klar sein. Wahrscheinlich starrte ich ihr nur blöde wie ein Rindvieh auf der Weide entgegen, denn der Name sagte mir gar nichts.

Sie lachte hell auf.

»Ach so! Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, ich bin Bellinda.«

Nun staunte ich erst recht. Das also war sie, unser neuer Superstar. Aus Tausenden von Bewerberinnen ausgewählt, die selbst bereits mehrere Wettbewerbe erfolgreich hinter sich gebracht hatten. Man erzählte sich bereits Wunderdinge von Bellindas Talent vor der Kamera, von ihrer Ausstrahlungskraft, ihrem Charme.

Nun konnte ich mich selbst davon überzeugen.

Ich glaube, ich war in jenem Moment der Überraschung keines gescheiten Gedankens mehr fähig. Immerhin war ich noch ausreichend bei Verstand, um Bellinda bei Melchior abzuliefern.

Dann aber war für den Rest des Tages nicht mehr viel mit mir anzufangen. Immer wieder sah ich jene hellblauen Augen vor mir, im Kontrast dazu die kastanienfarbenen Haare, die kleine gerade Nase … Ich glaube, ich hatte mich damals schon, gleich bei der ersten Begegnung, hoffnungslos in Bellinda verknallt.

Ob da nun bei mir ein besonderer Funke gezündet hatte oder ob die Auswahl der Fernsehanstalt so zielsicher erfolgt war, dass einfach alle Männer auf die Ausdruckskraft des lieben Gesichts ansprangen, darüber möchte ich nicht zu lange nachdenken. Die erste Erklärung ist mir lieber, sie lässt mir mehr individuelle Befriedigung; andererseits ist der große, ja überwältigende Erfolg von »Bellinda Superstar« eine Tatsache.

Damals freilich konnten alle nur auf so einen Erfolg hoffen. Bellinda wäre, bei all ihrer Bescheidenheit, sicherlich auch mit weniger Erfolg zufrieden gewesen – zumindest am Anfang, denn im Laufe des Aufbaujahres entwickelte sie einen recht beachtlichen Ehrgeiz. Vielleicht hätte sie sonst die folgenden Monate auch gar nicht durchhalten können.

3

In der Folgezeit traf ich, auch in meiner Eigenschaft als Computertechniker, öfter mit Bellinda zusammen. Zwar war ich der Jüngste in der Mannschaft der Computerzentrale, doch bei uns muss jeder, ohne Ansehen der Person und seiner Dienststellung, überall einsetzbar sein. Daher wurde ich auch zur Gesamtfeldprogrammierung von »Bellinda Superstar« herangezogen.

Man hatte das Programm einfach nach dem Star genannt, um den sich zwölf Monate lang alles drehte. Eigentlich müsste ich sagen: nach dem zukünftigen Star, doch für mich war Bellinda von Anfang an etwas Besonderes.

Bei dem Programm, das mit der bei uns üblichen sporadischen Hektik durchgezogen wurde, ging es um Folgendes:

Die Gesamtpersönlichkeit Bellindas, ihr Verhalten, ihre Gesten, ihre Mimik, ihre Sprachgewohnheiten – all das und noch vieles mehr mussten eingespeichert werden, um schließlich nach Beendigung des Programms im Personality-Generator ein hundertprozentiges Bild der Person Bellinda zu ergeben. Das hört sich sehr kompliziert an, aber so schlimm war es eigentlich nicht. Es dauerte nur seine Zeit und verlangte eine ungeheuer konzentrierte Kleinarbeit.

Das fing damit an, dass Bellinda bei allen nur irgend denkbaren Bewegungen und Tätigkeiten des täglichen Lebens mit der E-Kamera beobachtet und das Ganze auf Magnetband aufgezeichnet wurde. Die Elektronik erlaubt schärfere Konturierung als der Film, und auch kleinste Details erfahren so eine einwandfreie Wiedergabe. Dazu noch wurde das Geschehen auf dem Einzollband gespeichert und nicht auf dem Viertelzoll, das wir eigentlich seit vielen Jahren auch professionell nutzen. Ich bin kein Techniker der magnetischen Aufzeichnung, aber wie die Kollegen mir das erklärt haben, scheint die Viertelzoll-MAZ aus schnitttechnischen Gründen für die Gesamtfeldprogrammierung weniger geeignet zu sein als das Einzollband.

Bei den Aufnahmen im Freien, in irgendwelchen Autos, Flugzeugen oder Eisenbahnabteilen, aber auch bei der Arbeit im Studio erwies sich Bellindas schauspielerische Begabung. Sogar die schwierigsten Rollen meisterte sie auf Anhieb mit einer Selbstverständlichkeit, die selbst alte Füchse im Fernsehgeschäft staunen machte. Ich konnte ihr immer wieder zusehen oder ihre Leistung auf den Bändern während des Schnitts beobachten; ich war ihr von Herzen zugetan, doch noch darüber hinaus war ich von ihren Fähigkeiten tief beeindruckt.

Diese Arbeit beanspruchte während der Dreharbeiten Bellindas volle Aufmerksamkeit; es war nicht leicht, den Wünschen der Regie, der Aufnahmeleitung, der Technik oder der Kamera immer gerecht zu werden. Oft ging es um winzige Kleinigkeiten, um Nuancen wie einen Augenaufschlag, ein Lächeln, ein Herabziehen der Mundwinkel.

Waren die Aufnahmen im Kasten, dann begann unsere Aufgabe. Jede Bewegungseinheit wurde in kleinste Aufbauteilchen zerlegt, sogenannte »Bits«, aus denen man umgekehrt wieder ganz neue Bewegungsabläufe zusammensetzen konnte, vorausgesetzt, man hatte vorher alle nötigen Bits gespeichert. Oft mussten neue Kameratermine anberaumt werden, da wichtige Zwischenglieder fehlten.

Diese Bits nun mussten nach Art, Rhythmus, Schnelligkeit, Bewegungsrichtung usw. klassifiziert und anschließend zum Verbleib in den Fixwertspeicher eingegeben werden. Von dort waren sie dann jederzeit abrufbereit.

Für Bellinda war das eine ungeheure physische, aber auch psychische Anstrengung; ihr wurde das Letzte abverlangt. Doch sie ertrug alles mit gleichbleibend guter Laune, ihre Kraftreserven waren erstaunlich.

Doch nach einem halben Jahr war es mit ihrer Kraft zu Ende. Sie konnte nicht mehr.

4

Es war ein heißer Augusttag. Die Sonne brütete über der Stadt, schon beim Aufstehen hatte ich einen Schweißausbruch. Ich war zur Spätschicht eingeteilt, musste also nicht vor vierzehn Uhr im Dienst erscheinen. Als ich den technischen Trakt betrat, kam mir Bellinda entgegen.

Wir hatten uns in den letzten Monaten angefreundet, waren vertraut miteinander geworden. Wie es um sie stand, war mir nicht klar, da sie sich nie dazu äußerte, ich jedenfalls war hoffnungslos in sie verliebt.

Sie trug ein luftiges Kleidchen aus blauem Stoff, passend zu den Augen. Ein viereckiger Ausschnitt ließ mehr von ihrem wohlgeformten Körper sehen als üblich. Sie sah so reizvoll aus, dass mir das Blut ins Gesicht schoss. Obgleich ich längeres Haar vorgezogen hätte, trug sie immer noch ihre kurze Frisur.

»Das gehört zu meinem Typ«, hatte sie mir einmal erklärt. Ich dagegen war davon überzeugt, dass zu ihrem Typ ebenso langes Haar passen würde. Aber einem Argument musste ich mich schließlich beugen: Die Aufnahmen verlangten immer gleiches Haar.

»Ich habe eine Stunde Zeit«, sagte Bellinda zur Begrüßung. »Wollen wir ein wenig durch die Anlagen laufen?«

Ein Gedanke, der mir sehr gefiel. Ein kurzes Telefonat, und ein Kollege übernahm für die nächste Stunde meinen Job am Eingabepult des Computers. Irgendwann einmal würde ich ihm zum Ausgleich auch einen Gefallen erweisen können.

Wir schlenderten unter den hohen Pappeln und Birken dahin, die in einem breiten Parkgürtel an der Hinterfront des Gebäudes der Fernsehgesellschaft angesetzt sind. Schon bald schien Bellinda müde zu werden, sie wollte sich auf eine Bank setzen. Ich merkte ihr die Erschöpfung an; sie saß mit geschlossenen Augen und atmete tief die Luft ein, die hier im Schatten der Bäume frischer war als in den Häuserschluchten.

»Hat es heute etwas Unangenehmes gegeben?«, fragte ich sie besorgt, legte meinen Arm um ihre Schulter und zog sie an mich.

Sie sträubte sich nicht, schüttelte nur mit dem Kopf und sah mich an. Ihr Blick besaß nicht die gewohnte Kraft der Ausstrahlung. Und als ich ihr in die Augen schaute, nach Anzeichen irgendwelchen Ärgers oder Schwierigkeiten forschte, da lehnte sie plötzlich ihren Kopf an meine Schulter und begann zu weinen. Ich fühlte mich hilflos, wusste nicht, was tun, wischte dann ihre Tränen ab und fuhr ihr mit der Hand übers Haar, bis sie sich schließlich wieder beruhigte.

Ich wartete ab, dann begann sie, zu erzählen.

»Weißt du, Mark, wahrscheinlich kann sich das niemand vorstellen, was das heißt, jeden Tag – manchmal ohne Unterbrechung stundenlang – vor dem Fischauge der Kamera zu stehen, sich zu bewegen, wie man es dir sagt, irgendwelchen Anweisungen des Regisseurs oder des Kameramanns zu folgen. Du verlierst mit der Zeit den Sinn für die Wirklichkeit. Am schlimmsten ist, dass du immer wieder die gleichen Gesten ausführen, die gleiche Szene spielen musst.«

Ich konnte mir das schon vorstellen, hatte ich doch so manches Mal ihre Geduld, ihre Zähigkeit bewundert. Es erschütterte mich dennoch, Bellinda so niedergeschlagen zu erleben.

»Du musst daran denken, dass dies ja nicht in alle Ewigkeit so weitergeht«, versuchte ich sie aufzumuntern. »Schau, dein Vertrag für das Aufbaujahr läuft bald ab. Dann werden sie dir den eigentlichen Vertrag vorlegen, da bin ich ganz sicher. Und das bedeutet den Erfolg, darauf kannst du dich doch jetzt schon freuen.«

»Aber ich kann nicht mehr. Mark, ich möchte weg von hier, mich irgendwo verkriechen, wo es keine Kameras und kein Studio gibt.«

»Wenn du es dir ganz fest vornimmst, dann kannst du auch weitermachen«, behauptete ich, war davon aber gar nicht so fest überzeugt.

Sie versuchte ein zaghaftes Lächeln.

»Meinst du?«

»Davon bin ich überzeugt. Die Programmierung steht zum großen Teil, jetzt geht es um die Feinheiten. Oder willst du jetzt vielleicht aussteigen, nachdem du bereits so viel durchgemacht hast?«

Sie schien sich wieder etwas beruhigt zu haben und schüttelte energisch den Kopf. Eine Zeitlang schwieg sie. Ich saß ruhig neben ihr und hielt sie im Arm.

»Mark?«, sagte sie dann.

»Ja, Liebes?« Das rutschte mir so heraus, aber sie schien es nicht bemerkt zu haben.

»Warum müssen eigentlich zwölf Monate lang diese Aufnahmen gemacht werden? Man hat mir gleich zu Beginn gesagt, dass sie Voraussetzung dafür sind, dass später in jedem Fall gesendet werden kann. Damals hat mir das als Antwort genügt, heute frage ich mich, ob das alles eigentlich notwendig ist.«

Jetzt war ich in meinem Element, denn über diesen Punkt hatte ich inzwischen nicht nur mit Sommer und Melchior, sondern auch mit zahlreichen Kollegen gesprochen. Denn auch ich hatte mir diese Frage gestellt, um deren Beantwortung mich nun Bellinda bat.

»Nimm einmal an, aus dir ist bereits der große Star geworden, ich persönlich zweifle überhaupt nicht daran, dass du das schaffen wirst, dann bedeutest du für die Fernsehgesellschaft ein ungeheures Kapital, mit dem gearbeitet werden muss. Nun ist es ja möglich, dass du mitten in einer wichtigen, dazu noch terminlich engen Produktion krank wirst. Du brichst dir ein Bein oder kriegst die Gelbsucht, auf jeden Fall ist es etwas Ernstes, das dich daran hindert, weiterzuspielen. Du fällst also aus, die Gesellschaft müsste das Projekt aufgeben, da sie unmöglich termingerecht fertig werden kann. Das wären ungeheure Verluste, denn schließlich hat man ja bereits ein Jahr lang in dich investiert und in die laufende Produktion auch noch eine ganze Menge Geld gesteckt. Dann greifen wir von der Computertechnik auf das Gesamtfeldprogramm mit deinen Bits zurück und simulieren die Szenen, die du wegen deiner Krankheit nicht spielen kannst. Die von uns aus Tausenden von Bits zusammengesetzten Bewegungsabläufe der Bellinda werden dann über Bildmischpult in die jeweilige Bildsituation eingestanzt. Das ist eine kniffelige Arbeit, sicherlich, aber es geht, vorausgesetzt wir verfügen über viele Hunderttausende, ja Millionen von Bits, die es uns ermöglichen, jede nur denkbare Situation aufzubauen.«

Bellinda hörte aufmerksam zu, an dieser Stelle hatte sie eine Frage:

»Du sagst, mein Bild wird in die jeweilige Szene eingestanzt. Wie geht das denn, ich habe doch in den Spielszenen, in den zukünftigen Spielhandlungen sicherlich nicht immer dasselbe Kleid an.«

»Das ist ein Problem, an dem haben die Leute von der MAZ und vom Mischpult lange geknabbert. Seit etwa zwei Jahren gibt es auch dafür eine Lösung. In der Tat können sie dir – das heißt, der Bellinda in der simulierten Szene – jedes beliebige Kleidungsstück anpassen. Das verlangt eine sehr genaue Adaptation, doch kannst du danach keinen Unterschied zwischen den Originalszenen und den simulierten Passagen erkennen.«

»Es muss also sein, meinst du?«, fragte sie.

»Aber natürlich. Alle sagen das bei uns.«

»Aber wenn nun das gesamte Programm steht, wenn alle Bits eingespeichert sind, brauchen die mich dann überhaupt noch?«

Eine Überlegung, an der etwas dran war. Allerdings hatte ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. In der Tat, was war, wenn die Programmierung stand? Eine Frage, die unangenehme, ja schreckliche Konsequenzen andeutete. Alles Unsinn, sagte ich mir, es handelt sich hier schließlich nicht um irgendeine Hintertreppenfirma. Das sagte ich auch zu Bellinda und fügte hinzu:

»Sie werden dich immer brauchen, denn schließlich will dich das Publikum auch einmal in natura sehen.«

Doch in mir nagte nun der Zweifel, denn es gab genügend Fernsehstars, die nie auf der Bühne zu sehen waren. Es gab Gesangsgruppen, die überhaupt nicht singen konnten und deren angeblicher Gesang vom Computer kam, die Künstler sangen nichts als Playback.

Doch ich hielt den Mund, ich wollte Bellinda nicht noch mehr verunsichern.

»Ich danke dir, Mark«, sagte sie, nun schon wieder mit einem Lächeln auf dem schönen Gesicht. »Auch ich mag dich gern.«

Also hatte sie vorhin doch gut zugehört. Ich war glücklich.

5

Eines Tages, Anfang Dezember, bekam ich durch Zufall Teile eines Gesprächs zwischen dem technischen Leiter der Computerabteilung, Ludwig Sommer, und unserem Chefprogrammierer Peter Melchior mit. Ich glaube, ich habe schon einmal festgestellt, dass ich beide nicht leiden kann. Das sind servile, karrieregeile Typen, die dauernd den Vorgesetzten herauskehren und von Kollegialität wenig halten.

Ich befand mich im Ablageraum, in dem die Magnetbänder gelagert werden; die Tür zum Computerraum stand angelehnt. Da hörte ich die beiden hereinkommen, offensichtlich mitten in einem Gespräch.

Melchior: »… kann ich bestätigen, dass es soweit ist. Wir werden unser Programm einhalten können.«

Sommer: »Wie macht sich das Mädchen?«

Melchior: »Sie besitzt eine erstaunliche Spannbreite an Ausdruckskraft. Ihre physische Konstitution ist hervorragend.«

Sommer: »Wie ist es mit ihrer psychischen Resistenz?«

Melchior: »Neuerdings ist sie starken Gefühlsschwankungen unterworfen. Ab und an kriegt sie schon mal einen hysterischen Anfall. Aber sie fängt sich immer wieder sehr schnell.«

Sommer: »Hm, das ist schlecht, Sie müssen sie mehr unter Druck setzen.«

Melchior: »Natürlich, das versuchen wir auch. Ich bin ziemlich sicher, dass wir sie dahin bekommen, wo wir sie haben wollen.«

Sommer: »Wie lange haben Sie mit ihr noch zu tun?«

Melchior: »Nur noch wenige Tage. Zwischen Weihnachten und Neujahr werden wir fertig.«

Stille, dann Sommer: »Ich verlasse mich ganz auf Sie. Es darf nichts schiefgehen. Denken Sie bei Beendigung des Programms an § 17 c unserer vertraulichen Dienstanweisung. Das Haus kann sich unnötige Folgekosten nicht leisten. Die finanzielle Lage ist angespannt, wir alle müssen unser Bestes tun, da Abhilfe zu schaffen.«

»Klar, Herr Sommer, ich …«

Dann waren die beiden wieder draußen, sodass ich ihr Gespräch nicht weiter verfolgen konnte.

Aber ich machte mir so meine Gedanken. Bellinda hatte es nun also bald geschafft. Ich freute mich für sie, hatte aber auch Angst vor dem Tag, an dem der Anschlussvertrag, der das große Geld und den Starruhm bringen würde, unterzeichnet wurde. Denn mit Anlaufen der ersten großen Produktion für das Publikum würde sich für Bellinda eine neue Welt auftun. Und damit, fürchtete ich, würde sie mir immer fremder werden. Denn wie sollte ich gegen den Glanz und die Verlockungen einer solchen Karriere anstehen können?

Meine Zweifel trieben mich zu ihr, ich fand sie in der Garderobe, einem ihrer Lieblingsplätze. Sie wurde gerade von der Maskenbildnerin für den nächsten Auftritt im Studio hergerichtet. Anscheinend sah sie mir den Sturm der Gefühle an, der in mir tobte, denn Bellinda entschuldigte sich kurz bei der Maskenbildnerin und zog mich auf den Gang hinaus.

»Was ist los mit dir?«, fragte sie und sah mich forschend an.

Ich beichtete ihr meine Bedenken, doch sie lachte mich mit ihrer glockenhellen Stimme aus.

»Du bist ein rechter Dummkopf, da brauchst du doch keine Angst zu haben. Schlimm wäre mir nur, wenn ich über dieses Jahr hinaus weiter so schuften müsste. Das könnte ich nicht mehr verkraften, ich glaube, dann würde ich lieber …«

Ich schämte mich ein wenig, denn in Wahrheit war ja sie die Belastete, und jetzt machte ich ihr mit meiner egoistischen Eifersucht auch noch das Leben schwer. Ihre Nerven waren lange nicht mehr die besten. Oft genug in den vergangenen Wochen war sie in Heulkrämpfe ausgebrochen und hatte mir anschließend ihr Leid ausgeschüttet. Mein Versuch, ihr Trost zuzusprechen, endete meist in der Prophezeiung vom baldigen Ende der Tortur. Doch was, wenn es weiterging?

Sonst fühlte ich mich in jenen Tagen beschwingt. Ich war glücklich, denn ich liebte Bellinda. Und ich war zufrieden darüber, dass sie mich mochte. Das Wort »Liebe« freilich gebrauchte sie mir gegenüber nie, doch war mein Gefühl für sie so stark, dass ich über ihre Zurückhaltung hinwegsah.

6

Am dreißigsten Dezember lief Bellindas Vertrag über das Aufbaujahr ab. Ich hatte in den vergangenen Tagen wenig Gelegenheit gehabt, sie zu sehen; zwischen den Feiertagen fuhren wir nur halbe Schichten, doch das Programm lief weiter, und so hatten wir alle Hände voll zu tun – mehr als gewöhnlich.

An jenem Dreißigsten kam ich in den Computerraum gestürzt, denn ich war etwas spät dran. Mein Wagen war nicht angesprungen, und ich hatte zuletzt ein Taxi rufen müssen. Peter Melchior saß an der Eingabetafel und begrüßte mich freundlich, eigentlich freundlicher, als es sonst seine Art war.

»Wir haben das Bellinda-Programm abgeschlossen«, rief er mir entgegen. »Jetzt wird die Arbeit für uns noch interessanter. Ab Januar werden wir simulieren, die erste Produktionsanmeldung liegt schon vor.«

Ich grüßte zurück, achtete dabei wenig auf das, was er mir sagte, und betrat den Ablageraum, um mich um die neuangelieferten MAZ-Bänder zu kümmern.

Da wurde die Tür wieder aufgerissen, und Sommer stürzte herein. Ich stand verdeckt hinter der Ablage, sodass er mich nicht sehen konnte.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er Melchior.

»Aber sicher.«

»Was macht das Mädchen?«

»Es hat sich bereits nach dem Folgevertrag erkundigt.«

»Verdammt.« Sommers Stimme wurde wütend, steigerte sich in der Lautstärke. »Das Direktorat hat erst vor wenigen Tagen noch einmal darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns einen solchen Starvertrag über Jahre hinweg nicht erlauben können. Im Parlament wollen sie uns sowieso den Etat zusammenstreichen. Und nach einer solchen Ausbildung, wie sie das Mädchen bei uns bekommen hat, und vor allem bei ihrer Wirkung auf Männer könnte die doch verlangen, was sie will.«

»Vorsicht, da …« Melchior versuchte offensichtlich, seinen Vorgesetzten auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Doch dieser achtete nicht darauf.

»Haben Sie an Paragraph 17 c gedacht?«

»Ja, Herr Sommer.«

»Na, und?«

»Ich habe sie informiert, dass unser gesamtes Programm durch einen technischen Defekt unbrauchbar geworden ist und dass wir die nächsten zwölf Monate dazu benützen müssen, das Programm neu zu erstellen.«

Aber das stimmt doch gar nicht, wollte ich rufen, besann mich aber. Hatte nicht Melchior gerade noch fröhlich verkündet, dass wir mit Beginn Januar mit der Simulation beginnen würden? Simulation?

In meinem Magen krampfte sich plötzlich alles zusammen. Die Angst griff nach mir.

Bellinda!

Wo war sie? Sofort musste ich sie darüber informieren; dass das alles gar nicht stimmte, was Melchior ihr erzählt hatte. Dass alles Lüge war …

Ohne auf Sommers erstaunte Blicke zu achten, drückte ich mich an ihm vorbei und stürzte hinaus.

7

Ich fand sie in der Garderobe. Mit der Nagelschere hatte sie sich der Länge nach die Pulsadern aufgeschnitten. Sie wusste, wie man das sachgemäß anstellen musste, denn erst kürzlich hatte sie vor der Kamera eine solche Szene spielen müssen.

Sie saß vor dem Spiegeltisch, ihr Kopf war nach vorne gefallen, die kastanienbraunen Haare schwammen im blutigen Wasser des Waschbeckens, in das ihre Hände hineinhingen.

Ich griff nach dem Puls. Nichts.

Ich alarmierte unseren Hausarzt. Zu spät.

Am Boden fand ich ein Blatt Papier. Sie hatte nur wenige Sätze darauf geschrieben.

Mark.

Sei mir nicht böse. Aber noch ein ganzes Jahr kann ich das nicht ertragen. Bitte, versteh mich. Ich hatte gehofft, doch das ist zu viel. Ich bin auch nicht mehr Beate Michalowski.

Bellinda

Ich war wie betäubt.

Kein Wort der Liebe. Keine Bemerkung, die uns beide betraf. Ihr Beruf war ihr doch über alles gegangen, und sie war so bitter enttäuscht worden.

Ich dachte an Sommers Erwähnung der vertraulichen Dienstanweisung, die ich als kleiner Subalterner nicht kannte. Und ich dachte an Melchiors fröhliches Gesicht, als er mir die Simulation für Januar angekündigt hatte.

Ja, jetzt konnten wir Bellinda simulieren.

Ich stürzte hinaus, ich hielt es nicht mehr aus in diesem Raum, in diesem Gebäude, unter diesen Menschen.

Draußen war ein klarer Wintertag. Gegenüber dem Fernsehgebäude errichteten Arbeiter eine riesige Anschlagwand, die Bellinda, meine Bellinda, zeigte. In übergroßen Lettern schrie es mir entgegen:

SENSATION!

IM NEUEN JAHR

BELLINDA SUPERSTAR

DIE GROSSE ENTDECKUNG

DER KOMMENDEN JAHRE!

Sie hatte erreicht, wovon sie geträumt hatte: Sie war Bellinda Superstar …

Immer am Ball (1981)
27. Mai

Heute Vormittag kam Order von der World Wide TV-News: auf dem schnellsten Wege nach Indien. Da ich die vergangenen Tage vor der kanadischen Küste das Abschlachten der allerletzten Robben gedreht habe (tolle Bilder; die neue 4-DX-Video-Kamera vermittelt den Eindruck, als spritze einem das Blut direkt ins Gesicht), bin ich nicht auf dem Laufenden. Nach allem, was ich bisher weiß, scheinen in Bangladesch wieder eine Menge Menschen am Verhungern zu sein. Eigentlich scheußlich, solche Verhungernden, aber ich habe das schon einmal mitgemacht. Man gewöhnt sich an alles; nichts als Routine.

WW-TV hat mehrere aktuelle Berichte und ein Fünfundvierzig-Minuten-Feature bestellt. Feine Sache, damit ist eine Menge Geld zu machen. Vor der Abreise muss ich aber noch mit Wolf Maier von der WW-TV sprechen, diesmal sollen die mir nicht die Butter vom Brot nehmen; die ausländischen Verwertungsrechte müssen bei mir bleiben. Besonders da ich mir vorstelle, das Feature diesmal um den Themenkreis »Mutter – Kind« herumzubauen. Wenn so ein halbverhungertes Kleines mit brauner Haut über dem aufgequollenen Bauch an den schlaffen Brüsten der auch schon fast toten Mutter kaut – das sind Bilder, die den Zuschauer ansprechen. Und so was lässt sich auch spielend international vermarkten.

28. Mai

Vor der Abreise.

Gerade war ich bei Maier. Alles geregelt. Zuerst wollten die bei WW-TV einen Aufstand veranstalten, aber dann haben sie doch klein beigegeben. Besonders als ich ihnen das Telex unter die Nase hielt, auf dem International Sensation mich aufforderte, für sie in Bangladesch zu drehen. Gut, dass ich Ted bei IS-TV kenne; irgendwann werde ich ihm den kleinen Freundschaftsdienst mit dem getürkten Telex schon vergelten können.

Habe die Kamera noch einmal durchgecheckt. Alles okay. Nur das Zoom wollte zuerst nicht recht; irgendein Schmutzpartikelchen muss sich an der Schiene festgesetzt haben. Mit dem Staubpinsel war schließlich auch das in Ordnung zu bringen. Seitdem die TV-Anstalten sparen und nur noch Einmann-Berichterstatter bezahlen wollen, muss ich besonders sorgfältig darauf achten, dass mit der Kamera immer alles in Ordnung ist.

Früher, als ich gelernt habe, bestand ein Team immerhin aus vier Leuten: Kameramann, Kameraassi, Toningenieur und (eventuell) Beleuchter. Dazu kam dann noch der Reporter, der oft genug abseits vom Team seine Recherchen anstellte. Seit zehn Jahren, also seit etwa 1985, mit der Einführung der ersten Allroundkameraausrüstung mit Einmannbedienung, ist das alles überflüssig geworden. Nun bin ich mit meiner Kamera allein vor Ort: Als Reporter und Kameramann in einer Person; das eingebaute Richtmikro auf Schwenkachse sowie der automatische Lichtausgleich, der selbst bei schlechtesten Lichtverhältnissen das Drehen noch erlaubt, haben auch die restlichen Teammitglieder überflüssig gemacht. Manchmal stört mich freilich das Reportagemikro direkt vor meiner Nase, aber da die neue 4-DX-Video praktisch selbsttätig arbeitet, sobald ich sie auf ein lohnendes Motiv gerichtet habe, kann ich mich doch sehr auf den Text konzentrieren, den ich auf das fertig geschnittene Material spreche, wie ich es auf dem (leider etwas zu kleinen) Monitor sehe.

30. Mai

Gestern kam ich nicht dazu, wenigstens einige Eindrücke festzuhalten.

Der Flug verlief ruhig, der Service an Bord der Maschine war, wie immer in den letzten Jahren, miserabel. Der Zoll in Dakka machte einige Schwierigkeiten, aber auch daran habe ich mich schon gewöhnt. Bis ich dann in meinem Hotel – dem »Metropol« – war, ging gerade die Sonne unter. Nach einem schnellen Imbiss und einem erneuten Checking der Kamera, die (toi, toi, toi) die Reise gut überstanden hat, blieb gerade noch Zeit für einen Drink an der Bar. Dort traf ich dann einige Kollegen, die bereits seit Tagen hier sind, darunter José Amadillo von Brazil Inter und Hajime Suzuma von Nippon Standard TV sowie Terry Marx, der für eine Privatfirma an einer Dokumentation über »Katastrophen 1995« arbeitet. José und Terry kenne ich von mehreren Einsätzen her, unter anderem aus Zentralafrika von der großen Flut und von dem Erdbeben vor zwei Jahren auf den Ryukyu-Inseln. Hajime Suzuma war mir bisher nur vom Hörensagen bekannt; er gilt als scharfer Hund, der überall hart am Ball bleibt. Alle drei Konkurrenten, gewiss, aber auch prima Kumpels.

Heute habe ich als Erstes einmal die Stadt in Augenschein genommen. Sie ist total überfüllt, da die Bevölkerung vom Lande hereinströmt in der Hoffnung, hier etwas zu essen zu bekommen. Doch da die Stadtverwaltung Rationierungsbons ausgegeben hat, die nur für alteingesessene Stadtbewohner gelten, krepieren die Bauern schon direkt vor der Hoteltür. Habe einige nette Motive gesehen (bei einer Rauferei um einen schimmligen Reisfladen hat ein Jugendlicher einem Greis das linke Auge ausgekratzt). Habe mich geärgert, dass ich die Kamera im Hotel gelassen habe.

Zurück im Hotel, musste ich feststellen, dass diese Flaschen noch nicht einmal in der Lage sind, ihren Gästen ein Steak vorzusetzen. Musste mich mit Spiegeleiern auf Toast begnügen. Die Eier schmeckten schauderhaft nach Fischmehl, ich habe die Hälfte stehenlassen und eine geharnischte Beschwerde angebracht. Doch diese sturen Hunde kann nichts beeindrucken. Der schiefnasige Kellner hat nur mit der Achsel gezuckt und abgeräumt. Als ich gleich darauf den Speisesaal verließ, sah ich ihn in einer Ecke meinen Teller leeren. Na, wohl bekomm’s!

31. Mai

Ich bin rechtschaffen müde. Dieser Tag hatte es in sich. Gleich am Morgen sind Terry Marx und ich in die Umgebung von Dakka gefahren, auf der Suche nach lohnenden Motiven. Ich glaube, ich habe erstklassiges Material bekommen.

Etwa neun Kilometer außerhalb trafen wir in einem Dorf mit unaussprechlichem Namen auf ein Notaufnahmelager. Ein unerwarteter nächtlicher Platzregen hatte die Wege des Lagers zum Teil bis in Kniehöhe unter Wasser gesetzt. Die Leute hocken wahllos in irgendwelchen schlammgefüllten Löchern; das Wasser steht ihnen bis zum Hals – doch sie rühren keinen Finger, um sich selbst zu helfen. Dazwischen liegen die Leichen der Verhungerten, keiner kümmert sich um ihre Beseitigung. Sicher, das gibt Bilder, doch etwas mehr »Action« wäre mir lieber. Schließlich kann ich hier nicht so lange warten, bis die Cholera ausbricht (und Anzeichen dafür gibt es). Schön und gut: Die Mutter, die in der vergangenen Nacht ihr Baby nicht schnell genug aus den einströmenden Fluten geborgen hat und nun, das ertrunkene Mädchen im Arm, in ihrem Dreckloch sitzt und vor sich hinstarrt, ist vielleicht als Einstieg für mein Feature nicht schlecht. Aber eigentlich hatte ich mir mehr erhofft …

Da lobe ich mir die Überschwemmung letztes Jahr in Zentralafrika. Der Dauerregen prasselte dreiundsechzig Tage lang herunter, und die Wassermassen, die sich durch das Hochtal wälzten, über dem wir unser Standquartier bezogen hatten, besaßen eine solche Wucht, dass sie selbst die riesigsten alten Baumknorren mit sich fortrissen. Damals drehte ich für die kanadische Gesellschaft TT-TV. Besonders begeistert war man in Ottawa von meinem Kurzbericht – ich möchte es eine Impression nennen – über das Knäblein, das versuchte, seinen vom Wasser hinweggeschwemmten Hund zu retten. Ich stand unmittelbar neben dem Buben, als er selbst abgetrieben wurde. Mit dem Zoom habe ich alle Details haarscharf mitbekommen. Beinahe hätte ich dafür auch noch einen Preis erhalten; das sind eben Bilder, wie sie das Publikum sehen will.

Ich glaube, wir müssen weiter ins flache Land hinein, um genügend Stoff für unsere Berichte zu erhalten. Auch Terry ist nicht recht zufrieden; vorhin schimpfte er, das sei doch alles Routinequatsch. Unmittelbar vor der Hauptstadt sieht eben alles noch viel zu geordnet aus. Das hat mir auch Pierre Mireau bestätigt, den ich auf dem Rückweg vom Notaufnahmelager traf. Pierre ist noch einer von den Altmodischen. Er arbeitet immer noch mit der ARRI, hat ein komplettes Team dabei, wie wir es seit Jahren nicht mehr kennen – und er arbeitet mit einem Reporter zusammen, dem es aber hier in Bangladesch zu blöd ist, mit vor Ort zu fahren. So hat Pierre freie Hand beim Drehen; getextet wird dann am Abend in der Hotelbar.

1. Juni

Mann, bin ich geschlaucht.

Gestern Abend bin ich mit Pierre und Hajime in einer Bar der Altstadt versackt. Hajime hat mir ein paar Tipps gegeben, wo für meine Featurestory eventuell noch etwas an Bildteppich zu holen ist. Ich habe zwar den Verdacht, dass er selbst dort schon fleißig abgegrast hat, aber ich denke, wir werden uns dennoch nicht ins Gehege kommen.

Als angenehme Überraschung stellte sich heraus, dass Pierre Mireau vor sieben Jahren ebenfalls in Saudi-Arabien war, als die amerikanische Eingreiftruppe die Ölquellen besetzte. Komisch, dass wir uns damals nicht gesehen haben. Andererseits herrschte dort damals ein solches Durcheinander …

Saudi-Arabien war ein toller Job. Es war mein erster Versuch als Freelancer. Ich hatte in der International Prop Oil einen potenten Geldgeber gefunden; die amerikanische Ölfirma wollte Bildmaterial für den hausinternen Gebrauch. Das hat sie auch bekommen, zur Genüge. Leider ist davon natürlich nie etwas über den Sender gegangen. Das gesamte Material liegt noch bei der Firma – was die daraus gemacht haben, ist mir unbekannt. Eigentlich schade, denn ich hatte zum Beispiel exklusiv, wie die Eingreiftruppe das Erdölministerium »gesäubert« hat. Mann, war das ein Spektakel, die Jungs haben ganz schön gewütet. Starkes Material war das. Na ja, wenigstens hat die Ölgesellschaft gut bezahlt. Und weiterempfohlen hat sie mich auch. Seitdem bin ich gut im Geschäft und habe, glaube ich, inzwischen einen prima Riecher für zuschauerwirksame Bilder entwickelt. Das kommt einem bei einem Einsatz wie hier in Bangladesch, wo so gar nicht viel los ist, gut zustatten. Wo nichts ist, muss man halt was zaubern.

Heute sind José und ich weiter von Dakka ins Landesinnere gefahren. Etwa fünfzig Kilometer, dann fanden wir, wonach wir suchten. Hier auf dem flachen Land ist die Not in der Tat schlimmer als dicht vor den Toren der Hauptstadt. Mein Feature nimmt immer mehr Gestalt an. Von den Kurzberichten habe ich bereits einige abgeschickt. Die 4-DX-Video bewährt sich wieder einmal, auch bei solchem Routinekram.

Die Erde ist hier knochentrocken und hat teilweise mehrere hundert Meter lange Risse. Wo man hintritt, wallt feinpulvriger Staub auf. Den Regen vorletzte Nacht muss das Land wie ein Schwamm geschluckt haben. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Durch meine Sauferei gestern Abend, aber auch wegen des verteufelten Staubs überall, habe ich einen solchen Brand, dass ich schon fast eine ganze Flasche Bourbon ausgetrunken habe. Mein Kopf fühlt sich an wie ein wattegefüllter Ballon.

Die Menschen liegen hier auf den Straßen, auf den Feldern, in den Häusern, kurz überall herum und regen sich nicht mehr. Ausgemergelte Gestalten, denn flüssige und feste Nahrung fehlt. Was mir fehlt, ist »Action«! Ich traf einen UN-Beauftragten, der sich vor Ort ein Bild von der Katastrophe machen wollte. José war gerade am anderen Ende und versuchte, ein Interview mit einem Bauern zu erhalten. Der UN-Beauftragte schätzt die Zahl der bisherigen Toten auf über hunderttausend. Ich habe ihn sofort vergattert, dass er diese Zahl vorerst – zumindest bis morgen – zurückhält. So habe ich sie exklusiv und kann drum herum eine tolle Rührstory bauen. Den Bildteppich dazu habe ich hier vor der Nase.

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9783957658746
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