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Jon Kabat-Zinn

Meditation ist nicht, was Sie denken

Jon Kabat-Zinn

Meditation ist nicht, was Sie denken

Warum Achtsamkeit so wichtig ist

Aus dem amerikanischen Englisch

von Stephan Schuhmacher

und Lisa Baumann


Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel:

Meditation is not what you think.

Mindfulness and why it is so important

bei Hachette Books, New York, USA.

Dieses Buch wurde erstmal 2006 als Teil des Buchs

„Zur Besinnung kommen“ im Arbor Verlag 2005 veröffentlicht.

© 2019 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag GmbH, Freiburg

Copyright der Originalausgabe © 2018 by Jon Kabat-Zinn, Ph.D.

This edition published by arrangement with Hachette Books, New York, New York, USA. All rights reserved.

Lektorat: Ralf Lay

Titelfoto: ©2019 plainpicture/Cultura/Le Club Symphonie

Hergestellt von mediengenossen.de

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Alle Rechte vorbehalten

E-Book 2019

www.arbor-verlag.de

ISBN E-Book: 978-3-86781-269-6

für Myla

für Stella, Asa und Toby

für Will und Teresa

für Naushon

für Serena

in Erinnerung an Sally und Elvin

sowie Howie und Roz

und für all jene, denen das am Herzen liegt,

was möglich ist

was ist, wie es ist

die sich bemühen um

Weisheit

Klarheit

Güte

und Liebe

Inhalt


VorwortWas ist Meditation überhaupt?
EinführungDie Herausforderung eines Lebens – und eine lebenslange Herausforderung
Erster TeilMeditation ist nicht, was Sie denken
Meditation ist nichts für Feiglinge
Ein Zeugnis hippokratischer Integrität
Meditation ist überall
Ursprüngliche Momente
Odysseus und der blinde Seher
An nichts festhalten
Wie die Schuhe entstanden: Eine Fabel
Meditation ist nicht, was Sie denken
Zwei Sichtweisen der Meditation: instrumentell und nichtinstrumentell
Warum sich überhaupt die Mühe machen? – Die Bedeutung von Motivation
Ausrichten und aufrechterhalten
Präsenz
Ein radikaler Akt der Liebe
Gewahrsein und Freiheit
Übertragungslinien – Nutzen und Grenzen von Gerüsten
Ethik und Karma
Achtsamkeit
Zweiter TeilDie Macht der Aufmerksamkeit und das Un-Wohlsein der Welt
Warum Aufmerksamkeit so ungemein wichtig ist
Un-Wohlsein
Dukkha
Dukkha-Magneten
Dharma
Die Stress Reduction Clinic
Die unaufmerksame Gesellschaft
Rund um die Uhr verfügbar
Permanent geteilte Aufmerksamkeit
Das Gefühl verstreichender Zeit
Gewahrsein hat kein Zentrum und keine Peripherie
Leere
Danksagung
Literatur
Über den Autor

Vorwort

Was ist Meditation überhaupt?

Viele Menschen glauben zu wissen, was Meditation ist, insbesondere seit alle Welt darüber spricht und sie auf zahllosen Bildern, in beiläufigen Bemerkungen und Podcasts und Online-Konferenzen thematisiert wird. Doch tatsächlich haben die meisten von uns noch immer ein recht eng gefasstes oder unvollständiges Verständnis davon, was Meditation tatsächlich ist und was sie uns bringen kann, und das ist auch sehr nachvollziehbar. Nur allzu leicht verfällt man in bestimmte Klischees, wie etwa, Meditation bestehe darin, auf dem Boden zu sitzen und sämtliche Gedanken aus dem Geist zu verbannen, man müsse sie häufig und für lange Zeitspannen praktizieren, um einen positiven Effekt zu erzielen, oder mit der Meditation gehe unausweichlich einher, sich ein bestimmtes Glaubenssystem oder einen spirituellen Überbau aus einer sehr alten Tradition anzueignen. Manche Menschen scheinen auch zu glauben, dass sie geradezu magische positive Wirkungen auf Körper, Geist und Seele hat. All das trifft nicht wirklich zu, wenngleich in allem auch ein Fünkchen Wahrheit steckt. Aber in Wirklichkeit ist es noch weitaus interessanter.

Was also ist Meditation wirklich? Und warum könnte es sinnvoll sein, zumindest einmal den Versuch zu unternehmen, ihr einen Platz im eigenen Leben einzuräumen? Genau darum soll es in diesem Buch gehen.

Meditation ist nicht, was Sie denken wurde erstmals im Jahr 2005 als Teil des Buchs mit dem Titel Zur Besinnung kommen: Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt veröffentlicht (die deutsche Ausgabe erschien 2006). In der Zeit seit der Erstveröffentlichung ist Achtsamkeit unglaublich populär geworden und längst in den Mainstream eingegangen. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben die formale Meditationspraxis zu einem Bestandteil ihres Alltags gemacht. Meiner Meinung nach ist das eine sehr positive und vielversprechende Entwicklung, eine, auf die ich gehofft hatte und die ich über etliche Jahre hinweg und gemeinsam mit vielen anderen Menschen voranzubringen versucht habe, trotz der Tatsache, dass mit dem Eintritt in den Mainstream unausweichlich ein gewisser Hype, mitunter auch kommerzielle Ausbeutung und Opportunismus einhergehen, zum Beispiel indem einige Menschen sich für befähigt halten, Meditation zu lehren, obwohl sie wenig bis gar keine persönliche Erfahrung damit oder eine Ausbildung dazu haben. Dennoch kann selbst dieser Rummel als ein Zeichen des Erfolgs gewertet werden, wenn auch als eines, das hoffentlich eher kurzlebig und überschaubar ist, während die bemerkenswert heilsame und transformative Kraft der Achtsamkeit als Praxis und als Art und Weise, mit unserer lebendigen Erfahrung in Beziehung zu sein, langsam immer umfassender verstanden und angenommen wird.

Zwar geht es bei Meditation bei Weitem nicht bloß darum, still auf dem Boden oder auf einem Stuhl zu sitzen, doch ist es wortwörtlich wie auch metaphorisch ein wichtiges Element der Achtsamkeit, dass wir unseren Platz einnehmen. Man könnte sagen, dass es im Wesentlichen eine direkte und sehr praktische Weise ist, mehr Intimität mit dem eigenen, sich entfaltenden Leben zu entwickeln sowie mit der uns innewohnenden Fähigkeit zum Gewahrsein – und eine Möglichkeit, sich bewusst zu werden, wie wertvoll, leicht zu übersehen und zu wenig wertgeschätzt das Geschenk dieses Gewahrseins ist.

Eine Liebesgeschichte mit dem Leben

Der Akt, unseren Platz in unserem eigenen Leben oder, anders gesagt, eine bestimmte Haltung einzunehmen, und das immer wieder, ist schon an und für sich ein tiefgreifender Ausdruck menschlicher Intelligenz. Letztendlich ist es ein radikaler Akt der Vernunft und der Liebe – wenn wir nämlich all das Tun sein lassen, das uns durch den jeweiligen Augenblick trägt, ohne dass wir uns wirklich darin niederlassen, und ins Sein sinken, sei es auch nur für einen flüchtigen Moment. Dieses Hineinsinken ist der überaus einfache und zugleich auch absolut radikale Akt, der Achtsamkeit als Meditationspraxis und auch als Seinsweise ausmacht. Es ist einfach zu erlernen. Es ist einfach, es zu tun. Aber genauso leicht passiert es, dass man die Praxis vergisst, auch wenn diese Art von Hineinsinken so gut wie gar keine Zeit erfordert, sondern lediglich, sich daran zu erinnern.

Zum Glück interessieren sich immer mehr Menschen für ein solche Intimität mit dem eigenen Bewusstsein und dessen Kultivierung in der ein oder anderen Form, sodass sie langsam einen Weg in die verschiedensten Bereiche der Gesellschaft findet: von Schulkindern bis zu Senioren, von Akademikern bis zu Geschäftsleuten, von Ingenieuren bis zu Aktivisten, von Studenten bis zu – ob Sie es glauben oder nicht – Politikern und Sportlern aller Ränge. Und zum größten Teil ist Achtsamkeitspraxis dabei nicht Luxus oder Modeerscheinung, sondern wird in dem wachsenden Verständnis kultiviert, dass diese Qualität eine absolute Notwendigkeit ist, um das Leben in aller Fülle und mit Integrität zu leben. Man könnte auch sagen, um es auf ethische Weise zu leben, angesichts der sich deutlich abzeichnenden Herausforderungen, mit denen wir alle jeden Tag konfrontiert sind, sowie auch angesichts der ebenfalls enormen und faszinierenden Gelegenheiten und Möglichkeiten, die uns in dieser Zeit offenstehen. Dazu müssen wir zumindest einen Moment lang in der Lage sein, die selbst konstruierten und gewohnheitsmäßigen Einschränkungen unseres Geistes, die Geschichten, die wir uns selbst erzählen und die nicht oder nicht ganz wahr sind, sowie unsere epidemische Blindheit zu durchschauen und hinter uns zu lassen. Dieses Unterfangen ist letztlich ein einziges großes und bedeutungsvolles Abenteuer – voller Höhen und Tiefen, genau wie das Leben selbst. Doch die Art und Weise, wie wir mit diesen Höhen und Tiefen umgehen, wird entscheidend dafür sein, wie dieses Abenteuer, das Abenteuer unseres Lebens, sich entfaltet. Und dabei haben wir viel mehr Einflussmöglichkeiten, als wir vielleicht ahnen.

Es gibt viele verschiedene Wege, mittels einer formalen Meditationspraxis, aber auch im Alltags- und Arbeitsleben Achtsamkeit zu kultivieren. Wie Sie sehen werden, kann formale Meditation in den verschiedensten Haltungen praktiziert werden: im Sitzen, Liegen, Stehen oder Gehen. Und das, was wir „informelle Meditationspraxis“ nennen – letzten Endes die wahre Meditationspraxis –, bedeutet, das Leben selbst und die Meditationspraxis eins werden zu lassen und zu erkennen, dass alles, was darin auftaucht, das Erwünschte, das Unerwünschte und auch das Unbemerkte, den eigentlichen Lehrplan ausmacht. Wenn wir Meditation in einem so weiten Sinne verstehen, ist alles, was sich in unserem Geist, unserem Leben oder in der Welt zeigt, Teil davon, und jeder Moment ist ein perfekter Moment, um Bewusstheit in das zu bringen, was sich entfaltet, und daran zu lernen, zu wachsen und zu heilen.

Das Wichtigste ist, dass Sie mit der Zeit Ihren eigenen, authentischen Praxisweg finden, einen Weg, der sich intuitiv richtig und vertrauenswürdig anfühlt, der für Sie persönlich stimmig ist, aber auch noch mit der Essenz der alten Traditionen im Einklang steht, aus denen die Achtsamkeitspraxis hervorgegangen ist. Genau dabei soll dieses Buch Ihnen helfen, oder zumindest dabei, zu diesem lebenslangen Abenteuer aufzubrechen. Sie werden lernen, wie Sie eine tägliche Achtsamkeitspraxis entwickeln können, falls das etwas Neues für Sie ist, beziehungsweise Ihre Praxis zu vertiefen, falls Sie bereits eine haben. In beiden Fällen werden Sie lernen, sie als eine Liebesbeziehung zu betrachten statt als Aufgabe oder Bürde, ein weiteres „Sollte“, das Sie in Ihrem ohnehin schon viel zu vollen Tag unterbringen müssen. Was letztendlich dazu führt, dass Sie das Leben, das Ihnen gegeben wurde, im tiefsten Sinne bewohnen. Wie jahrzehntelange Forschungen gezeigt haben, kann Achtsamkeit im Laufe des Lebens zu einem machtvollen Verbündeten werden, wenn wir mit Herausforderungen wie Stress, Schmerz und Krankheit umgehen müssen.

Tun und Nichttun

Manchmal kann achtsam sein bedeuten, dass wir etwas tun. Und manchmal sieht es aus, als täten wir nichts. Von außen betrachtet, lässt sich das nur schwer sagen. Doch auch wenn es so aussieht oder sich so anfühlt, als täten wir nichts, ist es nicht so. Tatsächlich geht es gar nicht um irgendein Tun. Das mag sich ein wenig verrückt anhören, aber Achtsamkeitsmeditation ist eher eine Frage des Nichttuns, vielmehr davon, sich einfach ins Sein sinken zu lassen, in den einzigen Moment, den wir überhaupt haben – diesen einen Moment –, als davon, etwas zu tun oder irgendwohin zu gelangen. So, wie Sie in jedem beliebigen Moment sind und wo auch immer Sie sind, ist es gut genug, zumindest für jetzt. Es ist sogar perfekt, wenn Sie bereit sind, den Moment im Gewahrsein zu halten und dabei sanft mit sich umzugehen, ohne etwas zu erzwingen.

Die regelmäßige Praxis der Achtsamkeitsmeditation hilft uns, zu der inneren Weite und dem offenen Herzen Zugang zu finden, die reines Gewahrsein ausmachen, und dies darin zum Ausdruck zu bringen, wie wir in der Welt handeln. Achtsamkeit als regelmäßige Praxis kann Ihnen wortwörtlich und auch sinnbildlich Ihr Leben zurückgeben, insbesondere wenn Sie Stress oder Schmerzen haben oder in Ungewissheit und emotionalem Aufruhr gefangen sind – was natürlich auf uns alle bis zu einem gewissen Grad in manchen Momenten oder Situationen zutrifft.

Auch wenn Achtsamkeit gerade im Trend liegt und sehr populär, zuweilen auch verrufen sein mag, ist sie doch vor allem eine Praxis, und zwar mitunter eine mühselige. Für die meisten Menschen bedeutet dies, dass sie sie absichtsvoll und beständig kultivieren müssen. Dies geschieht schlicht und einfach durch die regelmäßige, disziplinierte Praxis der Meditation. Und einfach ist sie wirklich, wenn auch nicht immer leicht. Aber sie ist den Einsatz wert. Es lohnt sich, die Zeit und die Energie zu investieren. Sie ist heilsam, und sie kann sehr transformativ sein. Das ist einer der Gründe, weswegen Menschen oft sagen, die Praxis der Achtsamkeit habe ihnen ihr „Leben zurückgegeben“.

Achtsamkeit erobert den Mainstream

Es gibt viele verschiedene Ursachen, warum die Meditationspraxis und insbesondere die Achtsamkeitsmeditation in den letzten vierzig Jahren immer mehr im Mainstream angekommen ist. Zum einen ist das der Arbeit des stetig weiterwachsenden, weltweiten Kreises von Kollegen zu verdanken, dem anzugehören ich das Privileg habe. Ich unterrichte MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction, Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion), ein Programm, das ich 1979 am Medical Center der University of Massachusetts entwickelt und eingeführt habe. Inspiriert durch MBSR, wurden in den darauffolgenden Jahren weitere achtsamkeitsbasierte Praktiken entwickelt und wissenschaftlich beforscht, wie etwa MBCT (Mindfulness-Based Cognitive Therapy) zur Anwendung bei Depressionen sowie andere spezialisierte Programme in Anlehnung an MBSR, deren Nutzen und Effektivität inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegt werden konnte.*

Die ursprüngliche Absicht von MBSR in Form eines achtwöchigen ambulanten Kurses bestand darin zu überprüfen, welchen Nutzen Achtsamkeitstraining potenziell dafür haben kann, das mit Stress, Schmerzen und Krankheit einhergehende Leid von Patienten mit chronischen Erkrankungen zu lindern, die nicht auf die medizinischen Standardbehandlungen ansprechen und daher durch das Raster des regulären Gesundheitssystems fallen. MBSR sollte eine Art Sicherheitsnetz sein, das die Menschen in solchen Fällen auffangen und sie dazu auffordern würde, etwas für sich selbst zu tun und daran mitzuwirken, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu verbessern. MBSR war nicht als eine neue medizinische Behandlung oder eine Therapieform gedacht. Vielmehr sollte es eine gesundheitsfördernde edukative Maßnahme sein, die im Laufe der Zeit und durch die Teilnahme von immer mehr Menschen das Potenzial haben könnte, für mehr Gesundheit, Wohlbefinden und Weisheit in der Gesamtbevölkerung zu sorgen. In einem gewissen Sinne brachten wir den Menschen bei, besser mit dem zu kooperieren, was auch immer die Ärzte und das Krankenhaus für sie tun konnten, indem sie durch die Achtsamkeitspraxis ihre eigenen inneren Ressourcen mobilisierten. Dadurch, so glaubten wir, würden sie nicht mehr oder zumindest sehr viel seltener ins Krankenhaus müssen, da sie lernten, sich besser um sich zu kümmern und neue Umgangsweisen mit ihrem Stress- und Schmerzpegel sowie ihren gesundheitlichen Problemen und chronischen Krankheiten zu entwickeln.

Wir wollten so genau wie möglich herausfinden und dokumentieren, ob meditative achtsamkeitsbasierte Praktiken (während der acht Kurswochen täglich 45 Minuten und an sechs Tagen in der Woche praktiziert) einen signifikanten Unterschied in der Lebensqualität und der Gesundheit der Teilnehmenden bewirken würden. Und bei der Mehrheit der Teilnehmenden bestand von Anfang an keinerlei Zweifel daran, dass das der Fall war. Wir konnten es den Menschen im Verlauf der acht Wochen geradezu ansehen. Im Kurs erzählten sie erfreut von einigen der Veränderungen, die sie erlebten und die ihnen ein Gefühl der Kraft gaben, und unsere Datensammlung bestätigte diese Entwicklung zusätzlich.

Im Jahr 1982 veröffentlichten wir unsere Erkenntnisse erstmals in der medizinischen Fachliteratur. Innerhalb weniger Jahre schlossen sich weitere Wissenschaftler und Ärzte der immer strengeren Kriterien genügenden Achtsamkeitsforschung an und leisteten ihren Beitrag zu dem inzwischen sehr umfassenden Kenntnisstand in der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

Heute floriert die Forschung zum Thema Achtsamkeit und deren potenziellem Nutzen in der Medizin, der Psychologie, der Neurowissenschaft und vielen anderen Feldern. Das ist schon an und für sich ziemlich bemerkenswert, da es die Zusammenführung von zwei Wissensbereichen repräsentiert, die sich noch nie zuvor begegnet sind: moderne Medizin und Wissenschaft auf der einen Seite und uralte kontemplative Praktiken auf der anderen.

Als die amerikanische Ausgabe im Januar 2005 erschien, gab es in der medizinischen und wissenschaftlichen Literatur lediglich 143 Veröffentlichungen, die den Begriff „Mindfulness“ im Titel trugen. Das entspricht gerade einmal 4,6 Prozent der über 4000 Veröffentlichungen zum Thema „Achtsamkeit“, die bis zum Jahr 2017 erschienen. In der Zwischenzeit ist in der Medizin und in weiteren Disziplinen ein ganzes Feld entstanden, in dem die Auswirkungen von Achtsamkeit auf so ziemlich alles untersucht werden, von der bemerkenswerten Fähigkeit des Gehirns, seine Gestalt zu verändern (Neuroplastizität), über die Auswirkungen auf die Gene und die Genregulation (Epigenetik), auf die Telomere und damit auch auf den biologischen Alterungsprozess, auf Gedanken und Gefühle (insbesondere im Hinblick auf Depressionen, Ängste und Süchte) bis hin zum Familien-, Arbeits- und Sozialleben.

Ein neues Format für eine neue Zeit

In Anbetracht all dessen, was seit 2005 geschehen ist, erschien es mir sinnvoll, das Buch für eine neue Generation von Lesern in vier kürzere Bände zu unterteilen. Da Sie gerade das erste dieser Bücher in der Hand halten, nehme ich an, dass Sie zumindest ein wenig neugierig auf Meditation im Allgemeinen und Achtsamkeit im Besonderen sind, sonst hätten Sie es wohl nicht aus dem Regal genommen und bis hierher gelesen. Aber selbst wenn Sie nicht mal besonders neugierig sind oder den Gedanken, Meditation in Ihren Alltag zu integrieren, eher abschreckend finden – noch etwas, was Sie tun müssen und was Zeit in Anspruch nimmt, kostbare Augenblicke, die Sie nicht zu haben glauben, oder die Sorge darüber, was Ihre Familie und Freunde denken könnten … vielleicht ist Ihnen auch bereits die bloße Vorstellung von formaler Meditation unangenehm, oder so etwas erscheint Ihnen weit hergeholt und unnütz –, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Das alles ist kein Problem. Denn Meditation, und ganz besonders Achtsamkeitsmeditation, ist wirklich nicht das, was Sie denken.

Was Meditation tatsächlich für Sie tun kann, ist, Ihr Verhältnis zu Ihrem Denken zu verwandeln. Sie kann Ihnen helfen, sich mit Ihrer Denkfähigkeit anzufreunden als eine, aber eben nur eine von verschiedenen Intelligenzen. Da Sie bereits darüber verfügen, können Sie sie zur Ihren Gunsten nutzen, statt sich davon gefangen nehmen zu lassen, wie es uns nur allzu oft mit unseren Gedanken geschieht, wenn wir vergessen, dass es sich dabei lediglich um Gedanken handelt, also um Ereignisse im Feld unseres Gewahrseins und nicht etwa um die Wahrheit. In diesem Sinne könnte man sagen, dieses Buch handelt von dem Was und dem Warum der Achtsamkeit.

Der nächste Band mit dem Titel Wach werden und unser Leben wirklich leben befasst sich ausführlich damit, wie sich Achtsamkeit im alltäglichen Leben systematisch kultivieren lässt. Die heilende und verwandelnde Kraft der Achtsamkeit liegt in der Praxis selbst. Achtsamkeit ist keine Technik. Sie ist ein Weg, eine weise Beziehung zu der Gesamtheit der inneren und äußeren Erfahrung zu pflegen. Das bedeutet, dass Ihre Sinne, und zwar all Ihre Sinne – denn es gibt weitaus mehr als nur fünf, wie Sie noch sehen werden –, eine große und bedeutsame Rolle spielen. Wir könnten also sagen, dass dieses zweite Buch detailliert von dem Wie der Achtsamkeit handelt, sowohl im Sinne einer formalen Meditationspraxis als auch im Sinne einer Seinsweise.

Band drei Das heilende Potenzial der Achtsamkeit ist ganz dem Versprechen gewidmet, das der Achtsamkeit innewohnt. Die potenziellen positiven Auswirkungen von Achtsamkeit werden darin aus verschiedensten Blickwinkeln geschildert, unter anderem aus dem zweier Studien, an denen ich unmittelbar beteiligt war. Ich habe darauf verzichtet, die Ergebnisse all der neuen wissenschaftlichen Studien vollständig zu dokumentieren, die seit 2005 erschienen sind; das würde nicht nur den Rahmen sprengen, es werden zudem auch ständig neue Studien veröffentlicht. Stattdessen finden sich im Vorwort dieses Bandes eine Zusammenfassung des derzeitigen Forschungsstandes und Verweise auf weiterführende Literatur, in der einige der spannendsten aktuellen Studien beschrieben werden.

Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen weckt dieses dritte Buch der Serie auch etwas von der Schönheit und der Poesie, die dem ganzen Spektrum von Perspektiven und Umständen innewohnen, die sowohl erhellend als auch heilsam für uns sein können. Einige basieren auf meditativen Traditionen, insbesondere auf Zen, Vipassanā, Dzogchen und Hatha-Yoga, die mich persönlich tief berührt und dazu bewegt haben, Achtsamkeit in mein eigenes Leben zu integrieren, seit ich einundzwanzig Jahre alt war. Sie alle deuten auf den Wert von verkörperter Wachheit und unserer intrinsischen wechselseitigen Verbundenheit hin, und ihre kraftvollen Perspektiven, Einsichten und Praktiken sind über Jahrhunderte hinweg weitergegeben worden.

Der vierte Band Achtsamkeit für alle handelt von der Verwirklichung von Achtsamkeit in Ihrem eigenen Leben, wobei mit „Verwirklichung“ hier gemeint ist, Achtsamkeit zu etwas Realem werden zu lassen und sie auf Ihre eigene Weise zu verkörpern, so gut es Ihnen gelingt, und zwar nicht nur als Individuum, sondern auch als Angehöriger der Menschheitsfamilie. Dieser Band konzentriert sich mehr auf den politischen als auf den physischen Körper sowie auf den Wert, den die Erkenntnisse der Medizin aus den letzten vierzig Jahren und die der kontemplativen Traditionen aus den letzten Tausenden Jahren für uns als Homo sapiens sapiens in diesem Augenblick auf der Erde haben könnten. Außerdem geht es darin um unser Potenzial als einzigartige, lebendige, atmende menschliche Wesen und um unseren ganz eigenen Platz in der Welt. Beides können wir finden, wenn wir unsere Fähigkeit zu Wachheit beständig kultivieren und einen Geschmack bekommen von der Kreativität, Großzügigkeit, Fürsorge, Leichtigkeit und Weisheit, die ganz natürlich daraus hervorgehen. Dieser Band dreht sich also nicht nur um individuelle Verwirklichung, sondern auch um ein Erwachen zu unserer vollen menschlichen Wirkungsfähigkeit, die die Gesellschaft und letztlich die ganze Spezies durchdringt.

Ich hoffe, mit diesen vier Büchern einer neuen Generation die zeitlose Kraft der Achtsamkeit und einen Einblick in die vielen verschiedenen Weisen vermitteln zu können, auf die man sie beschreiben, kultivieren und in der heutigen Welt verwirklichen kann. Ich vertraue darauf, dass die kommenden Generationen auf ihre eigene Weise viele neue Anwendungsfelder und Ansätze entwickeln und implementieren werden, die ihren jeweiligen Umständen gerecht werden. Beispiele aus unserer heutigen Zeit für diese Umstände wären etwa ein neues Bewusstsein für die globale Erwärmung, für die irrationalen Kosten und die Destruktivität von Kriegen und für Missstände wie die institutionalisierte ökonomische Ungerechtigkeit, Rassismus, Sexismus, die Diskriminierung älterer Menschen, implizite Vorurteile, sexuelle Belästigungen und Übergriffe, Mobbing, Fragen rund um Geschlechteridentitäten, Cyber-Hacking, die endlose Konkurrenz um Aufmerksamkeit (die sogenannte „Ökonomie der Aufmerksamkeit“), den allgemeinen Mangel an Anstand sowie die extreme Polarisierung und politische Hetze, die unsere Regierungen untereinander und mit uns betreiben – neben all den anderen Gräueln, aber auch der außerordentlichen Schönheit, die schon seit Anbeginn der Geschichte Teil des menschlichen Lebens waren.

Zugleich, und es ist wichtig, auch diese Perspektive nicht außer Acht zu lassen, hat sich in Wirklichkeit gar nicht so viel verändert. Wie die Franzosen gern sagen: „Plus ça change, plus c’est la même chose.“ („Je mehr die Dinge sich ändern, desto mehr bleiben sie, wie sie sind.“) Gier, Hass und Verblendung sind seit Anbeginn aller Zeiten im menschlichen Geist am Werk, und sie haben endlose Gewalt und unendliches Leid hervorgebracht. Somit ist eigentlich klar, was wir derzeit auf der Erde zu tun haben – insofern wir diesen Weg zum eigenen Wohl und zum Wohl der Welt wählen. Und zugleich können wir sagen, dass der menschliche Geist, so er sich denn in der Tiefe selbst erkennt, auch seit Anbeginn aller Zeiten Schönheit, Güte, Kreativität und Einsicht gekannt hat. Großzügigkeit und Güte, Zärtlichkeit und Mitgefühl gehören ebenso wesentlich zur menschlichen Natur, wie auch in der Kunst, Musik, Poesie und Wissenschaft schon immer herausragende Werke geschaffen wurden und wie die Möglichkeit zu Weisheit und beständigem inneren und äußeren Frieden seit jeher existiert.

Die Kraft von Gewahrsein und Präsenz

Es steht außer Frage, dass Achtsamkeit, Mitgefühl und Weisheit wichtiger sind als je zuvor – auch wenn die Essenz der Achtsamkeit zeitlos und schon immer aktuell gewesen ist, zumal sie mit unserem Verhältnis zu diesem Moment und zu einem jeden anderen zu tun hat, wie auch immer er beschaffen sein mag. Nur in diesem gegenwärtigen Moment ist uns die Vergangenheit zugänglich. Und genauso ist es mit dem, was sich noch entfalten wird in einer Zukunft, die wir uns stetig vorzustellen und zu kontrollieren versuchen. Wenn Sie die Zukunft beeinflussen möchten, besteht Ihre einzige Möglichkeit darin, sich vollständig in den gegenwärtigen Moment zu begeben, was bedeutet, sich achtsam und mit ganzem Herzen darin niederzulassen. Das ist bereits eine Handlung, wenn es auch wirken mag wie Nichttun. Schon der nächste Moment wird voller neuer Möglichkeiten sein, wenn Sie bereit sind, in diesem ganz da zu sein. Lässt man sich vollständig im gegenwärtigen Augenblick nieder, zeigt sich, dass bereits der nächste (die Zukunft) ganz anders sein kann. Ein jeder Moment im Jetzt ist eine Weggabelung: Im nächsten kann sich alles Mögliche entfalten. Doch was sich entfaltet, hängt davon ab, ob und zu welchem Ausmaß man gewillt ist, in diesem Moment ganz, und ganz wach, da zu sein. Natürlich ist es mitunter wichtig, im Dienste von Weisheit, Mitgefühl, Gerechtigkeit und Freiheit zu handeln. Aber die Handlungen an sich können achtlos oder wirkungslos sein, wenn wir unser Tun nicht aus unserem Sein kommen lassen. Denn dann entsteht eine vollkommen andere Form von Tun … das, was wir „weises Tun“ oder „weises Handeln“ nennen, ein authentisches Tun, das in Achtsamkeit geformt wird.

Welchen besseren Zeitpunkt als jetzt könnte es geben, um in die Gewässer der Achtsamkeit als Praxis und Seinsweise zu steigen und damit einen lebenslangen Weg des Lernens, Wachsens, Heilens und der Transformation zu beginnen, fortzusetzen oder neu zu beleben? Dabei werden Sie paradoxerweise nirgendwo „hingehen“, da Sie schon sind, wer Sie sind, und zwar mit allem, was Sie ausmacht. Bei der Achtsamkeit kann und darf es nicht um eine Selbstoptimierung gehen, weil Sie bereits ganz, bereits vollständig, bereits vollkommen sind (mitsamt all Ihren „Unvollkommenheiten“). Vielmehr gibt Achtsamkeit Ihnen die Gelegenheit, sich genau so zu erkennen, trotz jeglicher Gegenargumente, die ein cleverer Teil Ihres Verstandes in ebendiesem Moment mobilisieren mag. Es geht darum, sich die volle Dimensionalität und Potenzialität dieses einen Lebens zurückzuerobern, welches das Ihre ist, um es zu leben, solange Sie die Möglichkeit dazu haben, und es auf eine oder mehrere von unendlich vielen kreativen Weisen zu verkörpern. Es birgt eine enorme Entscheidungsfreiheit und Kreativität, wenn wir unser Dasein Moment für Moment wach und bewusst leben.

Ein evolutionärer Bogen

Die Praxis der Achtsamkeit reicht über Tausende von Jahren in die indische und chinesische Kultur zurück, sogar noch vor Lebzeiten des historischen Buddha, obschon er und seine späteren Anhänger es waren, die die Praxis am klarsten und detailliertesten beschrieben haben. Der Buddha sprach von Achtsamkeit als dem „direkten Pfad“ zur Befreiung von Leid. Wie wir gesehen haben, kann man Achtsamkeit als eine Seinsweise betrachten, bei der immer wieder neu untersucht und neu artikuliert wird, was Wachsein ausmacht und wie diese Qualität in der jeweiligen Zeit und Kultur und angesichts neuer Herausforderungen verkörpert werden kann. Der Begriff „Achtsamkeit“ steht inzwischen für einen evolutionären Weisheitsbogen, der über die Jahrhunderte entstanden ist und nun neue Wege und Formen findet, um uns dabei zu helfen, die intrinsische Ganzheit unserer Leben als in hohem Maße miteinander verbundene Erdenbewohner zu erkennen und somit die Weiterentwicklung unserer äußerst jungen und frühreifen Spezies voranzubringen. Durch stetige Forschung und den Dialog zwischen Wissenschaftlern und Menschen, die sich der Kontemplation widmen, sowie durch die Arbeit einer steigenden Zahl von engagierten und gut ausgebildeten Achtsamkeitslehrern aus verschiedenen Traditionen und Kulturen können wir Achtsamkeit und ihre heilsamen und transformativen Auswirkungen auf immer fundiertere Weise verstehen und finden neue Wege, sie in verschiedenen Bereichen zu implementieren. Selbst Politiker und Regierungsinstitutionen werden auf die Qualität der Achtsamkeit aufmerksam. Sie bemühen sich um ihre Kultivierung und Praxis und setzen auf ihr Potenzial, um die Gesundheit bestimmter Bevölkerungsgruppen oder einer ganzen Nation zu fördern. Aber natürlich sollten wir nicht zu viele Hoffnungen auf die Politik setzen, außer vielleicht darauf, dass auch Politiker Menschen und unter Umständen in der Lage sind, für das größere Gute zu handeln und denjenigen zu helfen, die in der Gesellschaft systematisch entrechtet und entmachtet wurden.

Herausforderung und Hoffnung

Letztendlich kann man vielleicht sagen, dass die wichtigste Herausforderung für uns alle darin besteht, wenigstens ein klein wenig mehr aufzuwachen und zur Besinnung zu kommen, in welchem Ausmaß auch immer wir das können und wollen – sowohl ganz konkret als auch im übertragenen Sinne. Das gilt ganz besonders dann, wenn uns klar wird, dass Achtsamkeit im Grunde eine Liebesbeziehung mit dem tiefsten und besten Potenzial in uns Menschen ist. Dann werden wir besser in der Lage sein zu sehen, was gesehen werden muss, und zu fühlen, was gefühlt werden muss, und durch all unsere Sinne bewusster zu werden. Alles, was wir als Menschen erfahren, wartet im Grunde darauf, dass wir es ganz in unser Leben einladen, uns dessen bewusst werden und es zum Experiment oder Abenteuer unseres Lebens machen, mitzuerleben, wie es sich entfaltet, solange wir die Chance dazu haben. Damit treten wir ein in einen sich stetig ausweitenden Kreis von Intentionalität und gelebter Wachheit.

Möge Ihr Interesse für und Ihr Verständnis von Achtsamkeit wachsen und erblühen und eine Unterstützung und Bereicherung für Ihr Leben, Ihre Arbeit, Ihre Familie, Ihren Bekanntenkreis und diese Welt sein, der wir alle angehören, in jedem neuen Moment und an jedem neuen Tag.

Jon Kabat-Zinn

Northampton, MA

* Dazu zählen unter anderem MBCP (Mindfulness-Based Childbirthing and Parenting), MBRP (Mindfulness-Based Relapse Prevention) bei exzessivem Trinkverhalten, MBSPE (Mindfulness-Based Sport Performance Enhancement) und MBWE (Mindfulness-Based Wellness Education).

Einführung

Die Herausforderung eines Lebens – und eine lebenslange Herausforderung

Vielleicht ist es so,

dass wir dann zu unserer wahren Arbeit gelangt sind,

wenn wir nicht mehr wissen, was wir tun sollen,

und dass wir dann unsere wirkliche Reise angetreten haben,

wenn wir nicht mehr wissen, wohin wir gehen sollen.

WENDELL BERRY

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber meinem Eindruck nach sind wir auf diesem Planeten an einem kritischen Punkt angelangt. Von hier aus könnte sich unser aller Leben in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln. Die Welt scheint in Flammen zu stehen, und es sieht ganz danach aus, als hätten auch unsere Herzen Feuer gefangen – sie sind vielfach entflammt von Furcht und Ungewissheit, sie kennen häufig keine Überzeugungen mehr, und oft sind sie von einer leidenschaftlichen, aber unklugen Intensität erfüllt. Wie wir an diesem kritischen Punkt auf uns selbst und die Welt blicken, wird für unsere weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung sein. Was uns als Individuen und als Gesellschaft in der Zukunft widerfahren wird, hängt in beträchtlichem Ausmaß davon ab, ob und wie wir die uns von Natur aus innewohnende Gabe des Gewahrseins in diesem Augenblick nutzen. Es wird entscheidend darauf ankommen, was wir tun, um das Unbehagen, die Unzufriedenheit und das deutliche Unwohlsein, die unser Leben und unser Zeitalter durchdringen, zu heilen und gleichzeitig alles in uns und in der Welt zu nähren und zu beschützen, was gut, schön und gesund ist.

Die Herausforderung besteht meiner Ansicht nach darin, zur Besinnung zu kommen, als Individuen und auch als Spezies insgesamt. Man kann wohl sagen, dass es weltweit eine beträchtliche Bewegung in diese Richtung gibt, bestehend aus bislang nur wenig beachteten und noch weniger verstandenen kleinen Strömen und Flüssen menschlicher Kreativität, Güte und Fürsorge, die zu einem stetig wachsenden Strom der Wachheit, des Mitgefühls und der Weisheit zusammenfließen, selbst angesichts der vielen Herausforderungen in der Welt. Aber wohin dieses Abenteuer uns als Spezies und als Individuen führen wird, ist noch völlig ungewiss, selbst von einem auf den nächsten Tag. Die Endstation dieser kollektiven Reise, der wir uns nicht verweigern können, ist weder festgelegt noch vorherbestimmt. Es gibt kein Ziel, nur die Reise selbst. Das, was wir jetzt erleben, und wie wir diesen Augenblick verstehen und damit umgehen, prägt das, was im nächsten Augenblick auftaucht, und im übernächsten, und zwar auf eine Art und Weise, die nicht festgelegt ist, die letztlich unbestimmbar und geheimnisvoll bleibt.

Doch eines ist sicher: Wir alle befinden uns auf dieser Reise, ein jeder auf diesem Planeten, ob es uns nun gefällt oder nicht, ob wir uns nun dessen bewusst sind oder nicht, ob die Reise nach Plan verläuft oder nicht. Es geht dabei um nichts weniger als unser Leben, und die Herausforderung besteht darin, es so zu führen, als käme es wirklich darauf an. Wir haben in dieser Hinsicht immer eine Wahl. Wir können uns entweder von Kräften und Gewohnheiten mitreißen lassen, die zu hinterfragen wir uns beharrlich weigern und die uns in verstörenden Träumen und potenziellen Albträumen gefangen halten, oder wir können unser Leben in die Hand nehmen, indem wir darin erwachen und es aktiv mitgestalten, unabhängig davon, ob uns das, was gerade geschieht, gefällt oder nicht. Nur wenn wir aufwachen, wird unser Leben real, und nur dann haben wir eine Chance, uns von unseren individuellen und kollektiven Verblendungen, Krankheiten und Nöten zu befreien.

Vor vielen Jahren fragte mich ein Meditationslehrer während eines zehntägigen, fast vollständig in Stille stattfindenden Meditationsretreats zu Beginn einer Einzelunterweisung einmal: „Wie behandelt die Welt dich denn so?“ Ich murmelte etwas wie, es sei „schon ganz in Ordnung“. Dann fragte er mich: „Und wie behandelst du die Welt?“

Ich war ziemlich verblüfft. Dies war die letzte Frage, mit der ich gerechnet hätte. Es war offensichtlich, dass sie nicht in einem allgemeinen Sinn gemeint war. Schließlich war das hier nicht bloß eine nette Plauderei. Der Lehrer wollte wissen, wie ich genau hier, während des Retreats, an diesem Tag und in Angelegenheiten, die mir damals vielleicht banal oder gar trivial vorkamen, mit „der Welt“ umging. Eigentlich hatte ich gedacht, ich würde mich während des Retreats mehr oder weniger aus der „Welt“ ausklinken. Diese Bemerkung machte mir jedoch klar, dass es nicht möglich ist, sich aus der Welt auszuklinken, und dass die Art und Weise, wie ich in jedem einzelnen Augenblick mit ihr umging, selbst in jener künstlich vereinfachten Umgebung, wichtig, ja sogar wesentlich war für das, weswegen ich letztlich da war. In diesem Augenblick verstand ich, dass ich noch viel darüber herauszufinden hatte, warum ich überhaupt hier war, also worum es bei der Meditation ging und, alldem zugrunde liegend, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen wollte.

Im Laufe der Jahre erkannte ich dann allmählich das Offensichtliche, nämlich dass diese beiden Fragen lediglich zwei Seiten einer Medaille sind. Schließlich stehen wir in jedem Augenblick in einer intensiven Beziehung zur Welt. Diese Beziehung, in der wir geben und nehmen, bestimmt und definiert unser Leben sowie auch eben diese Welt, in der wir uns befinden und in der sich unsere Erfahrungen entfalten. Allerdings betrachten wir diese beiden Aspekte – wie die Welt uns behandelt und wie wir sie behandeln – meist als voneinander unabhängig. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie leicht wir von der Vorstellung eingenommen werden, wir seien Akteure auf einer ansonsten leblosen Bühne, so als sei die Welt nur „dort draußen“ und nicht genauso „hier drinnen“? Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir uns oft so verhalten, als gäbe es eine eindeutige Trennung zwischen „da draußen“ und „hier drinnen“, auch wenn unsere Erfahrung uns sagt, dass da nur eine ganz dünne Membran sein kann, im Grunde also keine wirkliche Trennung? Selbst wenn wir uns der engen Beziehung zwischen innen und außen bewusst sind, kann es sein, dass wir nur wenig Gespür dafür haben, auf welche Weise unser Leben die Welt und wie die Welt wiederum unser Leben in einem symbiotischen Tanz der Gegenseitigkeit und Interdependenz beeinflusst und gestaltet. Das reicht von der intimen Beziehung zu unserem Körper und unserem Geist bis hin zu den Beziehungen zu unseren Familienmitgliedern, von unseren Kaufgewohnheiten über das, was wir von den Fernsehnachrichten halten, bis hin zu der Art und Weise, wie wir uns im größeren Kontext der politischen Welt verhalten.

Dieser Mangel an Gespür wird dann besonders beschwerlich, ja sogar zerstörerisch, wenn wir versuchen, die Dinge so hinzubiegen, wie wir sie gern hätten. Dabei kümmert es uns nicht, dass ein solches Verhalten, mit dem wir ihren natürlichen Rhythmus unterbrechen, etwas Gewalttätiges hat, so subtil es auch sein mag. Früher oder später leugnet ein solches Erzwingen die wechselseitige Abhängigkeit, die Schönheit des Gebens und Nehmens und die Komplexität des Tanzes selbst. Am Ende treten wir damit gewollt oder ungewollt vielen Menschen auf die Zehen. Wenn wir derart unsensibel geworden sind und den Kontakt zur Wirklichkeit verloren haben, isoliert uns das von unseren eigenen Möglichkeiten. Wenn wir uns weigern anzuerkennen, wie die Dinge tatsächlich sind, und versuchen – aus Angst, dass unsere Bedürfnisse sonst nicht befriedigt werden –, eine Situation oder eine Beziehung gewaltsam so zu manipulieren, wie wir sie haben wollen, dann vergessen wir dabei, dass wir gewöhnlich ohnehin kaum wissen, was wir wirklich wollen. Wir glauben nur, es zu wissen. Und wir vergessen, dass dieser Tanz von einer außerordentlichen Komplexität und zugleich Einfachheit ist und Neues, Interessantes geschieht, wenn wir nicht vor unseren Ängsten kapitulieren und, statt etwas erzwingen zu wollen, einfach unsere Wahrheit leben. Das, was dann geschehen kann, geht weit über unsere begrenzten Möglichkeiten hinaus, die Welt kurzfristig zu kontrollieren.

Als Individuen und als Spezies können wir es uns nicht länger leisten, die Tatsache unserer wechselseitigen Verbundenheit und Abhängigkeit zu ignorieren. Ebenso wenig dürfen wir übersehen, welche neuen Möglichkeiten sich aus unseren Sehnsüchten und Intentionen ergeben, wenn wir, jeder auf seine eigene Weise, hinter ihnen stehen, so mysteriös oder undurchsichtig sie uns zeitweise auch erscheinen mögen. Die Naturwissenschaften, die Philosophie, die Geschichte und die spirituellen Traditionen haben uns gelehrt, dass unsere individuelle Gesundheit, unser Wohlergehen und unser Glück davon abhängen, wie wir unser Leben gestalten, solange wir die Gelegenheit dazu haben – und sogar unser Fortbestehen als menschliche Spezies, dieser Lebensstrom, in dem wir nicht viel mehr sind als eine vergängliche Blase, in dem wir das Leben an die kommende Generation weitergeben und ihre Welt erschaffen, abhängig davon, welches Leben wir zu führen wählen, während wir es leben.

Gleichzeitig wird uns, als eine Kultur, langsam klar, dass diese Erde, auf der wir zu Hause sind, ganz zu schweigen von all den anderen Kulturen und Lebewesen darauf, wesentlich beeinflusst wird von ebendiesen Entscheidungen, die durch unser kollektives Verhalten als soziale Wesen noch viel deutlicher zutage treten.

Um nur ein Beispiel zu nennen, das inzwischen so gut wie jeder kennt und anerkennt, wenn es auch ein paar namhafte Ausnahmen gibt: Die globalen Temperaturen lassen sich mindestens 400000 Jahre ziemlich exakt zurückverfolgen, und es zeigt sich, dass sie zwischen extremer Hitze und extremer Kälte fluktuieren. Wir befinden uns in einer relativ warmen Phase, die bis vor Kurzem nicht wärmer als andere Wärmephasen war, die die Erde bereits durchgemacht hat. Doch zu meinem Erstaunen erfuhr ich bei einem Treffen zwischen dem Dalai Lama und einer Gruppe von Wissenschaftlern im Jahr 2002, dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre in den vergangenen 44 Jahren sprunghaft um 18 Prozent angestiegen ist – auf das höchste Niveau der letzten 160 000 Jahre, gemessen am Kohlendioxidgehalt in Schneeproben in der Antarktis. Und der Spiegel steigt weiter, mit stetig zunehmender Geschwindigkeit.* Jahr für Jahr werden Hitzerekorde gebrochen.

Die dramatische und alarmierende jüngste Zunahme des CO2-Gehalts in der Atmosphäre ist einzig und allein auf menschliches Handeln zurückzuführen. Wenn diese Entwicklung anhält, wird sich der Anteil an Kohlendioxid in der Atmosphäre nach Vorhersage des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) bis zum Jahre 2100 verdoppelt haben, und in der Konsequenz dürften die globalen Durchschnittstemperaturen weltweit dramatisch ansteigen. Wie wir wissen, hat der Temperaturanstieg unter anderem zur Folge, dass es bereits jetzt im Sommer offenes Wasser am Nordpol gibt, dass das Eis beider Polarkappen immer mehr abschmilzt und die Gletscher weltweit rasch verschwinden. Die potenziellen Konsequenzen in Form einer Auslösung chaotischer Fluktuationen, die das Klima weltweit destabilisieren, sind besorgniserregend, wenn nicht gar erschreckend, und wir sehen die Folgen dieser Destabilisierung in den zunehmend schweren Stürmen, die auch auf unsere Städte treffen. Selbst wenn diese Prozesse an sich nicht vorhersehbar sind, so ist doch wahrscheinlich, dass es in relativ kurzer Zeit zu einem dramatischen Anstieg des Meeresspiegels kommen wird und die bewohnten Küstenregionen und Küstenstädte weltweit überflutet werden.

Wir könnten diese Temperaturveränderungen und Wettermuster als eines von vielen Symptomen einer Art „Autoimmunerkrankung der Erde“ bezeichnen, bei der ein Aspekt menschlichen Handelns das dynamische Gleichgewicht des „Körpers der Erde“ als Ganzes ernsthaft unterminiert. Ist uns das bewusst? Kümmert es uns? Ist es das Problem von irgendjemand anderem? Ist es „deren“ Problem, wer auch immer damit gemeint sein mag … die Naturwissenschaftler, die Regierungen, die Politiker, die Versorgungsbetriebe, die Autoindustrie? Ist es möglich, dass wir alle als Teil eines einzigen Körpers in Hinblick auf dieses Thema kollektiv zur Besinnung kommen, um wieder ein dynamisches Gleichgewicht herzustellen? Können wir das auch in Bezug auf andere Verhaltensweisen, mit denen wir als Spezies unser Leben und das der kommenden Generationen sowie auch das Leben vieler anderer Spezies auf Spiel setzen?

Ich denke, es ist höchste Zeit, dass wir dem Aufmerksamkeit schenken, was wir bereits wissen oder spüren – nicht nur was die äußere Welt unserer Beziehungen zu anderen und zu unserer Umwelt angeht, sondern auch was unsere eigenen Gedanken und Gefühle, Wünsche und Ängste, Hoffnungen und Träume betrifft. Wir alle, ganz gleich, wer wir sind und wo wir leben, haben einiges gemeinsam. Die meisten von uns eint der Wunsch, in Frieden zu leben, unseren eigenen Sehnsüchten und kreativen Impulsen nachzugehen und auf sinnvolle Weise zu einem größeren Zweck beitragen zu können. Wir möchten Zugehörigkeit empfinden, Wertschätzung dafür bekommen, wie wir sind, und als Individuen sowie Familien ein gutes Leben führen. Wir möchten in einer Gesellschaft leben, in der Sinnhaftigkeit und gegenseitige Achtung herrschen, wir wollen als Individuen in einem dynamischen Gleichgewicht leben, das man „Gesundheit“ nennt, und auch in einem kollektiven Gleichgewicht, das man früher „Gemeinwohl“ nannte. Es sollte ein Gleichgewicht sein, das unserer Verschiedenheit Rechnung trägt, unsere jeweiligen kreativen Potenziale fördert und uns die Möglichkeit eröffnet, frei zu sein von willkürlicher Gewalt und von dem, was unsere wichtigsten Lebensgrundlagen bedroht.

Ich glaube, dass sich ein solches kollektives dynamisches Gleichgewicht fast so anfühlen würde, als seien wir im Himmel – oder zumindest wie in einem behaglichen Zuhause. So fühlt sich Frieden an, wenn wir wirklichen Frieden erleben, im Innen wie im Außen. So fühlt es sich an, gesund zu sein. So fühlt sich wahres Glück an. Es ist, wie zu Hause zu sein, und zwar im tiefsten Sinne des Wortes. Ist es nicht das, was wir alle auf die ein oder andere Art wirklich wollen?

Ironischerweise ist ein solches Gleichgewicht jederzeit zum Greifen nah: in den „kleinen Dingen“, die in Wirklichkeit gar nicht so klein sind und nichts mit Wunschdenken, starrer oder autoritärer Kontrolle oder Utopien zu tun haben. Eine solche Balance ist bereits vorhanden, wenn wir uns auf unseren Körper und unseren Geist einstimmen, auf die Kräfte, die uns durch die Tage und Jahre vorwärtstragen, also auf unsere Motivation und unsere Vision dessen, wofür es sich zu leben lohnt und was getan werden muss. Sie ist vorhanden in den kleinen guten Taten des Alltags – innerhalb der Familie, aber auch unter Fremden, und in Kriegszeiten mitunter sogar unter angeblichen Feinden. Sie ist auch immer dann vorhanden, wenn wir unseren Müll recyceln, wenn wir Wasser sparen, mit anderen daran arbeiten, unsere Nachbarschaft lebenswerter zu machen, oder die vom Aussterben bedrohte Wildnis oder eine Spezies schützen, mit der wir die Erde teilen.

Wenn wir also unter einer Autoimmunerkrankung des Planeten leiden und die Ursache dieser Autoimmunerkrankung in den Taten und Bewusstseinszuständen der Menschheit zu suchen ist, dann sollten wir in Erwägung ziehen, was die Pioniere der modernen Medizin über den wirkungsvollsten Umgang mit solchen Erkrankungen zu sagen haben. In den letzten vierzig Jahren hat es umfangreiche Forschungen und klinische Erfahrungen im Bereich der sogenannten Geist-Körper-Medizin gegeben, in der Verhaltens-, der psychosomatischen, der integrativen und der Komplementärmedizin. Aus ihnen wird deutlich, dass das geheimnisvolle dynamische Gleichgewicht, das wir „Gesundheit“ nennen, sowohl vom Körper als auch vom Geist abhängt (wenn wir das Vokabular der merkwürdigen und künstlichen Spaltung, durch die wir diese beiden voneinander trennen, benutzen wollen) und dass es möglich ist, dieses Gleichgewicht durch spezifische Aufmerksamkeitsqualitäten, die unterstützend, erholsam und heilend wirken können, zu verbessern. Wie sich zeigt, haben wir alle tief in unserem Inneren das Potenzial zu einem dynamischen und lebenserhaltenden inneren Frieden und Wohlsein, zu einer vielseitigen, uns angeborenen Intelligenz, die weit über unser begriffliches Fassungsvermögen hinausreicht. Wenn es uns gelingt, diese Kapazitäten zu mobilisieren und weiterzuentwickeln, dann sind wir körperlich, emotional und spirituell gesünder. Und dazu noch glücklicher. Selbst unser Denken wird klarer, und wir werden weniger von Stimmungsschwankungen geplagt.

Diese Fähigkeit, aufmerksam zu sein und intelligent zu handeln, lässt sich mit der nötigen Motivation weit über unsere kühnsten Vorstellungen hinaus entwickeln. Es ist traurig, dass wir diese Motivation oft erst dann finden, wenn wir bereits lebensbedrohlich erkrankt sind oder einen Schock erlitten haben, der enorme körperliche und seelische Schmerzen hervorruft. Sie entsteht vielleicht erst, wie es bei so vielen der Patienten im MBSR-Programm unserer Stress Reduction Clinic der Fall war, wenn wir uns durch einen solchen Schock unsanft der Tatsache bewusst werden, dass die Möglichkeiten der sich auf moderne Technologie stützenden Medizin trotz ihrer bemerkenswerten Fortschritte doch äußerst begrenzt sind und vollständige Heilung eher selten vorkommt, dass Behandlungen oft bloß dazu dienen, den Status quo wiederherzustellen, falls es überhaupt eine wirksame Behandlung gibt, und dass selbst die Diagnose des Problems eine wenig exakte und nur allzu oft eine kläglich unzulängliche Wissenschaft ist.

Wie neuere Entwicklungen in der Medizin, der Neurowissenschaft und der Epigenetik gezeigt haben, kann man ohne Übertreibung sagen, dass es uns Menschen möglich ist, tiefe innere Kraftquellen anzuzapfen, die uns von Natur aus zu eigen sind: Ressourcen des Lernens, des Wachsens, der Heilung und der Transformation, die uns während unseres gesamten Lebens zur Verfügung stehen. Diese Fähigkeiten sind in unseren Chromosomen, Genen und Genomen angelegt, in unseren Gehirnen, Körpern und Geistern und auch in unseren Beziehungen zueinander und zu der Welt. Zugang zu ihnen bekommen wir immer nur von dem Punkt aus, an dem wir uns gerade befinden, nämlich „hier“, und in dem einzigen Augenblick, der uns zur Verfügung steht, nämlich „jetzt“. Wir alle haben das Potenzial zu Heilung und Transformation, ganz gleich, in welcher Situation wir uns befinden und ob diese Situation schon lange anhält oder erst kürzlich entstanden ist, ob wir sie als „gut“, „schlecht“, „unschön“, „hoffnungslos“ oder „hoffnungsvoll“ betrachten, ob wir die Gründe im Inneren oder im Außen vermuten. Diese inneren Ressourcen sind unser Geburtsrecht. Sie stehen uns während unseres ganzen Lebens zur Verfügung, da sie in keiner Weise etwas von uns Getrenntes sind. Es liegt in unserer Natur als Spezies, zu lernen, zu wachsen, heil zu werden und mehr Weisheit in unserer Sichtweise und in unseren Handlungen sowie mehr Mitgefühl mit uns selbst und anderen zu entwickeln.

Dennoch müssen diese Fähigkeiten erst einmal entdeckt, entwickelt und genutzt werden. Darin liegt die Herausforderung unseres Lebens: die Chance zu nutzen, aus den Augenblicken, die uns gegeben sind, das Beste zu machen. Nur allzu leicht vergeuden wir die kostbaren Momente unseres Lebens mit allem möglichen Kram, sei es beabsichtigt oder unabsichtlich. Doch es ist ebenso leicht, uns bewusst zu werden, dass uns im Leben nun einmal nicht mehr zur Verfügung steht als ebendiese Augenblicke, dass es ein Geschenk ist, wirklich darin gegenwärtig zu sein, und dass interessante Dinge geschehen, wenn wir es sind.

Diese lebenslange Herausforderung – die Entscheidung für das Lernen, Wachsen, Heilen und die Transformation in genau diesem Augenblick – ist zugleich auch das Abenteuer des Daseins. Hier beginnt der Weg zur Erkenntnis dessen, was wir wirklich sind, und dazu, unser Leben so zu führen, als käme es wirklich darauf an. Es zählt tatsächlich – viel mehr, als wir glauben mögen oder uns vorstellen können, und zwar nicht bloß im Hinblick auf unser eigenes Vergnügen oder unsere Leistung, auch wenn diese Erkenntnis unserer Freude, unserem Wohlbefinden und unserer Leistungsfähigkeit ebenfalls zugute kommt.

Dieser Weg zu mehr Gesundheit und geistiger Klarheit beginnt damit, dass wir die Ressourcen, die wir bereits besitzen, mobilisieren und weiterentwickeln. Die wichtigste davon ist unsere Fähigkeit, aufmerksam zu sein, insbesondere für jene Aspekte unseres Lebens, um die wir uns bisher wenig gekümmert haben, von denen wir vielleicht sagen würden, dass wir sie schon eine gefühlte Ewigkeit ignorieren.

Wenn wir aufmerksam sind, kommen wir unserem Bewusstsein näher, jenem Aspekt unseres Daseins, der neben der Sprache das Potenzial unserer Spezies zum Lernen und zur Transformation ausmacht. Wir entwickeln und verändern uns, wir lernen und werden uns gewahr durch die direkte Wahrnehmung mittels unserer fünf Sinne in Verbindung mit der Kraft des Geistes, der im Buddhismus als ein eigenständiger Sinn betrachtet wird. Wir sind fähig wahrzunehmen, dass jeder einzelne Aspekt unserer Erfahrung innerhalb eines unendlichen Geflechts von Beziehungen existiert, von denen einige für unser unmittelbares und langfristiges Wohlergehen von großer Bedeutung sind. Zwar mögen wir viele dieser Beziehungen nicht sofort erkennen, und vielleicht handelt es sich dabei um bislang eher verborgene Dimensionen im Gefüge unseres Lebens, die noch der Entdeckung harren. Aber dennoch sind diese verborgenen Dimensionen – oder das, was wir „neue Grade der Freiheit“ nennen könnten – uns potenziell zugänglich, und sie werden sich nach und nach enthüllen, wenn wir unsere Fähigkeit zum bewussten Gewahrsein kultivieren und darin verweilen, indem wir unsere Aufmerksamkeit staunend und liebevoll auf das verblüffend komplexe und doch grundlegend geordnete Universum gerichtet halten, auf das Terrain – sei es die Welt, das Land, den sozialen Kreis, die Familie, den Körper, den Geist –, innerhalb dessen wir uns befinden und orientieren. All das ist auf allen Ebenen in einem ständigen Wandel und Fluss, ob wir uns dessen nun bewusst sind oder nicht, ob es uns gefällt oder nicht, und gibt uns somit unzählige und unerwartete Möglichkeiten, aufzuwachen und klarer zu sehen. Dann können wir wachsen, in unseren Handlungen mehr Weisheit verkörpern und das quälende Leid in unserem aufgewühlten Geist lindern, der für gewöhnlich so weit von seiner Heimat, von innerer Ruhe und Frieden, entfernt ist.

Diese Reise hin zu Gesundheit und geistiger Klarheit ist nicht weniger als die Einladung, zur Fülle unseres Lebens zu erwachen, solange wir noch Zeit dazu haben, statt dies erst, wenn überhaupt, auf unserem Totenbett zu tun. Davor hat uns schon Henry David Thoreau so eindringlich gewarnt, als er in Walden schrieb:

Ich bin in den Wald gezogen, weil mir daran lag, bewusst zu leben, es nur mit wesentlichen Tatsachen des Daseins zu tun zu haben. Ich wollte sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, um nicht, wenn es ans Sterben ging, die Entdeckung machen zu müssen, nicht gelebt zu haben.

Zu sterben, ohne wirklich gelebt zu haben, ohne zu unserem Leben erwacht zu sein, stellt eine stetige und ernste Gefahr für uns alle dar angesichts unserer automatisierten Gewohnheiten und des gnadenlosen Tempos, in dem sich die Dinge heutzutage entwickeln, viel schneller als noch zu Thoreaus Zeiten. Dazu trägt auch die Achtlosigkeit bei, die so oft unsere Beziehungen zu dem prägt, was uns vielleicht das Allerwichtigste im Leben, zugleich aber auch das am wenigsten Offenkundige ist.

Doch wie schon Thoreau uns rät, können wir lernen, uns in der uns innenwohnenden Fähigkeit zu weiser und offenherziger Aufmerksamkeit zu verankern. Er weist darauf hin, dass es sowohl möglich als auch äußerst erstrebenswert ist, das weite Gewahrsein in Herz und Geist zunächst zu kosten und dann darin zu verweilen. Wenn wir dieses Gewahrsein auf die richtige Weise kultivieren, kann es die Schleier unserer zur Routine gewordenen Gedankenmuster, Sinneswahrnehmungen und Beziehungen durchdringen und uns von ihnen sowie auch von den häufig sehr turbulenten und destruktiven Bewusstseinszuständen und Emotionen befreien, die mit ihnen einhergehen. Solche Gewohnheiten sind stets von der Vergangenheit bestimmt, nicht nur von unserem genetischen Erbe, sondern auch von unseren Erfahrungen: von Traumata und Ängsten, vom Mangel an Vertrauen und Sicherheit, von Gefühlen der Wertlosigkeit, die daher rühren, dass wir nicht gesehen und wertgeschätzt wurden, sowie von lange gehegtem Groll aufgrund alter Kränkungen, Ungerechtigkeiten oder ganz offensichtlichen und überwältigenden Verletzungen. Es sind diese Gewohnheiten, die heute unsere Sicht einschränken, unser Verständnis verzerren und uns, wenn wir uns ihnen nicht zuwenden, daran hindern, zu wachsen und heil zu werden.

Um zur Besinnung zu kommen, im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne, sowohl im Großen und Ganzen als Spezies als auch im Kleinen als Individuum, müssen wir als Erstes zum Körper zurückkehren, zu jenem Ort, an dem unsere biologischen Sinne und das, was wir den „Geist“ nennen, lebendig sind. Der Körper ist etwas, was wir meist ignorieren, mitunter bewohnen wir ihn kaum, wir schenken ihm zu wenig Aufmerksamkeit und achten ihn nicht genug. Unser eigener Körper ist seltsamerweise eine Landschaft, die uns sowohl vertraut als auch erstaunlich fremd ist. Manchmal fürchten wir uns vor ihm oder verabscheuen ihn geradezu, je nachdem, was wir erlebt haben oder zu erleben fürchten. Dann wiederum sind wir völlig eingenommen von ihm; wir sind besessen von seiner Größe, seiner Form, seinem Gewicht, seinem Aussehen und laufen Gefahr, in unbewusste und anscheinend endlose Selbstverlorenheit und Narzissmus zu verfallen.

Wie wir aus den zahlreichen Studien wissen, die in den letzten vierzig Jahren im Bereich der Geist-Körper-Medizin durchgeführt wurden, ist es auf der Ebene des Individuums möglich, zu einem gewissen Ausmaß Frieden in Körper und Geist zu finden – und damit mehr Gesundheit, Wohlbefinden, Glück und Klarheit, selbst inmitten großer Schwierigkeiten und Herausforderungen. Mittels des MBSR-Ansatzes sind bereits Tausende zu dieser Reise aufgebrochen und haben berichtet, wie viel sie für sich selbst, aber auch für ihre Mitmenschen daraus gewinnen konnten. Es hat sich gezeigt, dass Aufmerksamkeit ein Weg ist, auf dem wir Zugang zu diesen verborgenen Dimensionen und diesen neuen Graden von Freiheit finden können, ein Weg, der nicht bloß einigen wenigen Auserwählten offensteht. Jeder kann sich auf diesen Pfad begeben und dort sehr vieles finden, was ihm nützlich ist und ihm wohltut.

Zur Besinnung kommen ist etwas, was keinerlei Zeit erfordert, einzig und allein unsere Präsenz und Wachheit hier und jetzt. Paradoxerweise ist es zugleich eine lebenslange Aufgabe. Man könnte sagen, dass wir uns dieser Aufgabe „für unser Leben“ widmen – in jedem denkbaren Sinne.

Wollen wir auf allen nur möglichen Ebenen zur Besinnung kommen, dann besteht der erste Schritt darin, dass wir Intimität mit unserem Bewusstsein an sich entwickeln. „Achtsamkeit“ ist ein Synonym für „Gewahrsein“. Meine Arbeitsdefinition von Achtsamkeit lautet: „das Gewahrsein, das entsteht, wenn man absichtsvoll aufmerksam ist, im gegenwärtigen Moment und ohne zu urteilen“. Sollten Sie einen weiteren guten Grund brauchen, ließe sich dem noch hinzufügen: „im Dienste der Weisheit, des Verständnisses für uns selbst und des Erkennens unserer intrinsischen Verbundenheit mit anderen und der Welt und somit auch im Dienste von Güte und Mitgefühl“. Achtsamkeit hat eine intrinsische ethische Dimension, wenn man versteht, was „ohne zu urteilen“ wirklich bedeutet. Ganz sicher bedeutet es nicht, dass Sie keine Urteile mehr haben sollen – Sie werden weiterhin jede Menge Urteile haben. Es ist vielmehr eine Einladung, sich mit den Urteilen zurückzuhalten, so gut Sie können, und sie einfach zu erkennen, wenn sie auftauchen, aber dann auch das Urteilen selbst nicht zu verurteilen.

Unsere Fähigkeit zu Gewahrsein und Selbsterkenntnis könnte man als die „ultimative Gemeinsamkeit auf dem Weg zu unserem eigentlichen Menschsein“ bezeichnen. Durch die Kultivierung von Achtsamkeit bekommen wir Zugang zu der Kraft und Weisheit unseres Gewahrseins. Und mittels Achtsamkeitsmeditation kann man Achtsamkeit als Praxis und als Seinsweise sorgsam und systematisch kultivieren, entwickeln und verfeinern.

Die Achtsamkeitspraxis hat sich in den letzten vierzig Jahren – nicht zuletzt aufgrund der stetig steigenden Zahl an wissenschaftlichen und medizinischen Studien zu ihren vielfältigen Wirkungen – rasch in der ganzen Welt ausgebreitet und ist zu einem Bestandteil der westlichen Kultur geworden, und in verschiedensten Bereichen ist ein explosionsartig ansteigendes Interesse zu verzeichnen, sei es an weiterführenden Schulen und Hochschulen, in der Geschäftswelt, im Sport, in der Justiz, im Militär und in Regierungsinstitutionen, von Psychologie und Psychotherapie ganz zu schweigen. Wie bereits erwähnt: Falls Sie allerdings zu den Menschen gehören sollten, die bereits ein seltsames Gefühl beschleicht, wenn sie den Begriff „Meditation“ auch nur hören, oder falls Sie aufgrund Ihrer Vorstellungen davon denken, das sei ohnehin nichts für Sie, dann ziehen Sie in Betracht, dass Meditation, und ganz besonders Achtsamkeitsmeditation, nicht das ist, was Sie denken.

An Meditation ist überhaupt nichts Außergewöhnliches oder Seltsames. Es geht im Wesentlichen nur darum, dass wir in unserem Leben so aufmerksam sind, als käme es wirklich darauf an – denn wie ebenfalls schon gesagt wurde: Es kommt darauf an, und zwar mehr, als Sie vielleicht denken mögen. Trotzdem kann es hilfreich sein, wenn wir im Gedächtnis behalten, dass Meditation zwar nichts Außergewöhnliches, zugleich aber etwas ganz Besonderes und Transformierendes ist, auf eine Weise, die man sich nicht wirklich vorher vorstellen kann – was uns aber nicht davon abhält, es uns dennoch vorzustellen.

Wenn man Achtsamkeit entwickelt und sie immer feiner werden lässt, kann sie auf jeder Ebene des Lebens eine positive Wirkung entfalten, auf der privaten und der beruflichen, der gesellschaftlichen, politischen und globalen. Allerdings setzt das voraus, dass wir motiviert sind herauszufinden, wer wir wirklich sind, und unser Leben in dem Bewusstsein zu leben, dass es einen Unterschied macht, nicht nur für uns selbst, sondern auch für die anderen und die Welt. Denn wenn wir aufwachen, realisieren wir, dass die Realität an sich und damit auch die Welt, die wir bewohnen, zutiefst von Verbundenheit durchzogen ist. Nichts ist wirklich von irgendetwas anderem getrennt. Und diese Verbundenheit wird umso offensichtlicher, je mehr wir uns darin üben, wach und bewusst zu sein.

Dieses lebenslange Abenteuer beginnt genau dann, wenn wir unseren ersten Schritt machen. Indem wir diesen Pfad beschreiten, wie wir es mit diesem Buch und den folgenden drei Bänden gemeinsam tun, werden wir sehen, dass wir mit unseren Bemühungen nicht allein sind, ebenso wenig wie mit unseren Schwierigkeiten im Leben. Denn wenn Sie mit der Praxis der Achtsamkeit beginnen, dann werden Sie Teil einer wachsenden, immer stärkeren globalen Gemeinschaft, die sich darum bemüht, absichtsvoll und offen zu leben, und die letztendlich uns alle mit einschließt. Eine Sache noch, bevor wir uns auf den Weg machen. Soviel wir auch an uns arbeiten mögen, um durch die Kultivierung von Achtsamkeit zu lernen, daran zu wachsen und das zu heilen, was der Heilung bedarf: Völlige Gesundheit ist unmöglich in einer Welt, die in vielerlei Hinsicht zutiefst ungesund ist und in der es offensichtlich so viel Leiden und Not gibt, sowohl bei denen, die uns nahestehen, als auch bei jenen, die wir gar nicht kennen, sei es gleich nebenan oder auf der anderen Seite der Erde. Da wir mit allem verbunden sind, ist das Leiden der anderen zugleich unser eigenes Leiden, selbst wenn wir uns manchmal gern davon abwenden würden, weil es so schwer zu ertragen ist. Dies muss jedoch kein Problem sein; es kann vielmehr zu einer starken Motivation für innere und äußere Transformation in uns selbst und in der Welt werden.

Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die Welt an einer ernsthaften und fortschreitenden Krankheit leidet. Ein Blick zurück in die Geschichte überall und zu jeder Zeit, auch auf das heutige Leben, zeigt ganz deutlich, dass unsere Welt immer wieder von Krämpfen des Irrsinns geschüttelt wird, von Phasen, die wie eine Art kollektiver Wahnsinn wirken, in denen Engstirnigkeit und Fundamentalismus das Ruder übernehmen und großes Elend, Verwirrung und die Gesellschaft zersetzende Kräfte den Status quo beherrschen. Diese Eruptionen sind das genaue Gegenteil von Weisheit und Gleichgewicht. Nicht selten gehen sie mit einer arroganten Verherrlichung der eigenen Position und der schamlosen Ausbeutung anderer einher, und fast immer beruhen sie auf einer Ideologie politischer, kultureller, religiöser oder wirtschaftlicher Überlegenheit, selbst wenn diese sich sprachlich hinter der Fassade von Humanismus, wirtschaftlicher Entwicklung und Globalismus versteckt sowie des allzu verführerischen Köders des zu eng gefassten materiellen „Fortschritts“ und der Demokratie nach westlichem Vorbild. Unter der Oberfläche haben diese Kräfte oft eine kulturelle Gleichschaltung und die Zerstörung der Umwelt zur Folge, ebenso wie die grobe Missachtung der Menschenrechte, was zusammengenommen tatsächlich einer Krankheit gleichkommt. Das Pendel scheint immer schneller auszuschlagen, sodass es kaum Zeiten gibt, in denen der Irrsinn zumindest vorübergehend aussetzt und wir tatsächlich einmal zu innerer Ruhe und einem Gefühl tiefen Friedens finden können.

Im 20. Jahrhundert gab es bekanntlich mehr systematisches Morden im Namen des Friedens und der Beendigung von Kriegen als in allen Jahrhunderten davor zusammengenommen, wobei die große Mehrheit davon, vielleicht ironischerweise, in Europa und dem Fernen Osten stattfand, in den damaligen großen Zentren der Bildung und der Hochkultur. Und im 21. Jahrhundert geht es gerade so weiter, selbst wenn dies in anderen, nicht minder verstörenden Erscheinungsformen geschieht. Wer auch immer die Protagonisten sind und um welche rhetorischen und konkreten Themen der Streit sich auch dreht, werden Kriege, zu denen ebenso verdeckte und Antiterrorkriege gehören, auf allen Seiten stets im Namen überaus hehrer Ideale und Prinzipien ausgetragen. Selbst wenn die Auseinandersetzungen unvermeidbar erscheinen, führen sie stets zu einem mörderischen Blutvergießen und schaden am Ende sowohl den Angegriffenen als auch den Aggressoren. Und sie gehen immer auf Störungen im menschlichen Geist zurück. Doch wenn wir uns zur Lösung von Problemen der Anwendung von Gewalt bedienen, statt auf andere, kreativere Mittel zurückzugreifen, macht uns das blind für die Tatsache, dass Krieg und Gewalt selbst Symptome jener Autoimmunerkrankung sind, unter der unsere gesamte Spezies zu leiden scheint. Es macht uns blind dafür, dass andere Wege zur Wiederherstellung von Harmonie und Balance möglich sind, wenn diese durch ganz reale, sehr gefährliche und sogar virulente Kräfte unterbrochen werden, an deren Erstarken und Verbreitung wir vielleicht unfreiwillig mitwirken, selbst wenn wir sie ansonsten verabscheuen, ihnen entschlossen entgegentreten und sie bekämpfen.

Es ist heutzutage sehr viel leichter, einen Krieg zu „gewinnen“, als in den Wirren, die auf den Krieg folgen, wirklichen Frieden zu erreichen, wie beispielsweise die Vereinigten Staaten im Irak und in Afghanistan erfahren mussten. Denn dazu ist eine völlig andere Art des Denkens, des Bewusstseins und der Planung erforderlich, eine Denkart, die nur daraus erwachsen kann, dass wir uns selbst besser verstehen und ein mitfühlendes Verständnis für andere entwickeln, die vielleicht nicht nach dem streben, was wir für das Wichtigste halten, die ihre eigene Kultur haben, ihre eigenen Gebräuche und Werte und die dieselben Ereignisse vielleicht ganz anders wahrnehmen als wir, so schwer es uns manchmal fallen mag, das zu glauben. De facto ist dies den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Marshallplan und seinem mitfühlenden Geist sowie seiner Weisheit auf bemerkenswert vorausschauende Weise gelungen.

Dennoch müssen wir immer wieder erkennen, dass sowohl die Wahrnehmung als auch die Beweggründe, welche die Wahrnehmung prägen und aus ihr resultieren, subjektiv, selektiv wie auch relativ und bedingt sind, dass sie zudem in engen Schleifen gefangen sind, die einer weiteren, integrativeren und sicherlich realistischeren Sichtweise im Weg stehen. Angesichts des Zustands der Welt ist es vielleicht an der Zeit, dass wir Zugang zu den tieferen Dimensionen der menschlichen Intelligenz und Verbundenheit finden, die unseren unterschiedlichen Weltanschauungen zugrunde liegen. Das legt die Vermutung nahe, dass es höchst unklug ist, einzig und allein nach unserem individuellen Wohlergehen und unserer eigenen Sicherheit zu streben. Sind doch unser Wohlergehen und unsere Sicherheit in dieser zunehmend kleiner werdenden Welt ganz eng an das Wohlergehen und die Sicherheit aller anderen Menschen gekoppelt. Zur Besinnung kommen bedeutet unter anderem, dass wir ein umfassendes Bewusstsein all unserer Sinne entwickeln, einschließlich unseres Geistes und seiner Begrenztheit, und dass wir, wenn wir verunsichert sind oder über viele Ressourcen verfügen, der Versuchung widerstehen, alle Variablen in der äußeren Welt so weit wie nur möglich kontrollieren zu wollen. Das ist ein aussichtsloses Unterfangen, das in sich gewaltsam ist, letztlich unsere Kräfte aufzehrt und sich selbst erschöpft.

Auch was die Gesundheit des Planeten Erde angeht, müssen wir ein Bewusstsein für den Körper erlangen, in diesem Fall für den „politischen Körper“, der aus verschiedenen Gruppen, Unternehmen und Nationen besteht, die jeweils ihre ganz eigenen Sorgen, Anfälligkeiten und besonderen Perspektiven pflegen. Im Rahmen ihrer jeweiligen Tradition und Kultur verfügen sie aber auch über Ressourcen zur Förderung von Selbstgewahrsein und Heilung, und nicht zuletzt ergeben sich aus dem Zusammentreffen verschiedener Kulturen und Traditionen – eine der Besonderheiten der heutigen Welt – ganz neue Möglichkeiten.

Eine Autoimmunerkrankung bedeutet, dass das Immunsystem, das eigentlich für die Sicherheit des Körpers sorgen soll, Amok läuft und der Körper seine eigenen Zellen, sein Gewebe und somit sich selbst angreift. Kein Körper, auch kein politischer Körper, kann unter solchen Bedingungen lange weiter bestehen, ganz gleich, wie gesund und vital er sonst sein mag. Genauso wenig kann es einem Land auf lange Sicht in der Welt gutgehen, wenn seine Außenpolitik zu weiten Teilen von einer allergischen Reaktion bestimmt wird, eines der Symptome für ein entgleistes Immunsystem – auch nicht unter der Entschuldigung, selbst wenn etwas dran sein mag, dass wir kollektiv unter schwerem posttraumatischem Stress leiden, wie etwa durch die Angriffe am 11. September 2001, der Entstehung des IS sowie des globalen Terrorismus. Das Erblühen verschiedener Strömungen von toxischem und rassistischem Populismus lässt da nicht lange auf sich warten. Solche Bedingungen können wohlmeinende wie auch zynische politische Führer dazu verführen, die Ereignisse für bestimmte Zwecke auszubeuten, die wenig bis gar nichts mit Heilung, tatsächlicher Sicherheit oder authentischer Demokratie zu tun haben.

Wie es bei Menschen der Fall ist, die durch einen Herzanfall oder eine unerwartete Diagnose ganz plötzlich auf den Weg der Suche nach mehr Gesundheit und umfassenderem Wohlergehen gestoßen werden, kann ein solcher Schock, wie schrecklich er auch sein mag, zu einem Weckruf werden, wenn man ihm mit Fürsorge und Aufmerksamkeit begegnet. Auf diese Weise können tiefe und machtvolle Ressourcen der Heilung und Neuorientierung mobilisiert werden, durch die wir unsere Energien und Prioritäten neu ausrichten können, die wir vielleicht für lange Zeit vernachlässigt oder sogar ganz vergessen haben, und zugleich können wir achtsam und entschlossen handeln, um uns für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen einzusetzen.

Die Heilung der Welt als Ganzes ist das Werk zahlreicher Generationen. An vielen Stellen hat sie bereits begonnen, indem Menschen sich bewusst geworden sind, welch enormes Risiko wir eingehen, wenn wir die lebensbedrohliche Erkrankung des „Patienten Erde“ weiterhin ignorieren, wenn wir der Geschichte des Patienten keine Aufmerksamkeit widmen, also dem Leben auf dem Planeten und insbesondere dem menschlichen Leben, da das Handeln des Homo sapiens in der heutigen Zeit das Schicksal der Lebewesen auf dieser Erde für viele kommende Generationen bestimmt, und auch wenn wir der so offensichtlichen Diagnose Autoimmunerkrankung keine Beachtung schenken, weil wir uns schwertun, sie zu akzeptieren, und uns nicht um eine mögliche Heilung bemühen, solange noch die Möglichkeit dazu besteht, was mit einschließen würde, unsere tiefste und beste Natur als lebendige und daher fühlende Wesen zu integrieren.

Die Heilung unserer Welt, und sei es auch nur im Ansatz, verlangt, dass wir unsere vielfältige Intelligenz in den Dienst des Lebens, der Freiheit und des Strebens nach wahrem Glück stellen, für uns selbst und für zukünftige Generationen – und nicht nur für die Amerikaner und die anderen Menschen des Westens, sondern für alle Bewohner dieses Planeten, auf welchem Kontinent oder welcher Insel auch immer, und nicht nur für Menschen, sondern auch für alle anderen Kreaturen, die im Buddhismus oft „fühlenden Wesen“ genannt werden.

Denn am Ende ist das Fühlen der Schlüssel, wenn wir zur Besinnung kommen und zu dem erwachen wollen, was möglich ist. Wir müssen lernen, wie wir unsere Bewusstheit sowie unser Vermögen zur klaren Sicht der Dinge und zum selbstlosen Handeln nutzen, entwickeln und uns zu eigen machen, sowohl als Individuen wie auch in unseren Institutionen – zum Beispiel in Unternehmen, Regierungsinstitutionen und größeren internationalen Zusammenschlüssen wie den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union. Ansonsten verdammen wir uns selbst zur Autoimmunkrankheit unserer Unbewusstheit, aus der endlose Kreisläufe von Illusion, Verblendung, Habgier, Angst, Grausamkeit, Selbsttäuschung und letztlich auch willkürlicher Zerstörung und Tod resultieren. Die menschliche Spezies selbst ist die Autoimmunkrankheit des Planeten Erde. Wir sind sowohl der Krankheitserreger als auch ihr erstes Opfer. Aber das ist keineswegs das Ende der Geschichte, zumindest noch nicht, nicht jetzt.

Solange wir atmen, ist noch Zeit, dass wir uns für das Leben entscheiden und darüber nachdenken können, was eine solche Wahl von uns verlangt. Diese Wahl ist etwas ganz Konkretes, von Augenblick zu Augenblick, nicht irgendeine gewaltige und einschüchternde Abstraktion. Sie ist ganz nah an der Substanz und dem Substrat unseres sich entfaltenden Lebens, im Inneren in unseren Gedanken und Gefühlen und im Äußeren in unseren Worten und Taten, in einem jeden Moment.

Die Welt braucht all ihre Blumen genauso, wie sie sind, selbst wenn sie nur für einen ganz kurzen Augenblick erblühen, die wir „Lebenszeit“ nennen. Es ist unsere Aufgabe, für jeden Einzelnen und als Kollektiv, herauszufinden, was für eine Art Blume wir sind, in der kostbaren Zeit, die wir haben, unsere einzigartige Schönheit mit der Welt zu teilen und unseren Kindern und Enkeln ein Vermächtnis von Weisheit und Mitgefühl zu hinterlassen, das wir durch unseren Lebensstil verkörpern, durch unsere Institutionen, und in Anerkennung unserer Verbundenheit, zu Hause und auf der ganzen Welt. Warum sollten wir es nicht riskieren, uns für geistige und seelische Gesundheit in unserem eigenen Leben und in der Welt einzusetzen, in der das Innen und das Außen sich gegenseitig und unser Genie als Spezies widerspiegeln?

Dabei kommt es auf die kreativen Bemühungen und Handlungen eines jeden von uns an, und es steht nicht weniger auf dem Spiel als die Gesundheit unseres Planeten. Man könnte sagen, dass die Welt – buchstäblich und metaphorisch – für uns als Spezies stirbt, damit wir zur Besinnung kommen. Darum ist es jetzt an der Zeit, dass wir ganz zu unserer Schönheit erwachen, dass wir das Werk unserer Selbstheilung, der Heilung unserer Gesellschaften und der Erde angehen, es vorantreiben und dabei auf alles Wertvolle aufbauen, was bereits da ist und jetzt zur Blüte kommt. Keine Absicht ist zu klein und keine Bemühung zu unbedeutend. Jeder Schritt auf diesem Weg macht einen Unterschied. Und wie Sie sehen werden: Jeder Einzelne von uns zählt. Wie im Vorwort beschrieben, ist dieses Buch der erste von vier Bänden, die jeweils in zwei Teile gegliedert sind. In alle vier Bände habe ich hier und da Geschichten aus meiner eigenen Erfahrung eingewoben. Damit möchte ich Ihnen einen Eindruck von dem Paradoxon vermitteln, dass Meditation einerseits etwas ganz Persönliches und Individuelles ist, andererseits aber sehr unpersönlich und universell jenseits all der selbstbezogenen Skripte über „mein“ Leben und „meine“ Erfahrung, die von der ichbildenden Gewohnheit des Geistes unablässig ausgeheckt werden. Ich möchte ein Gefühl dafür vermitteln, wie wichtig es ist, die eigene Erfahrung zwar ernst, nicht aber persönlich zu nehmen und ihr mit einem gesunden Maß an Unbekümmertheit und Humor zu begegnen, gerade angesichts des ungeheuren Leids, in das wir unentrinnbar verwickelt sind, und im Lichte der Vergänglichkeit all jener Zerrbilder, die wir „unsere Meinungen und Ansichten“ nennen und an denen wir verzweifelt festhalten, um der Welt und unserem Dasein irgendeinen Sinn abzugewinnen.

Im ersten Teil dieses Bandes geht es darum, was Meditation ist, was sie nicht ist und wie die Kultivierung von Achtsamkeit aussehen kann. Im zweiten Teil werden die ursprünglichen Quellen unseres Leidens und unseres „Un-Wohlseins“ untersucht. Und es wird gezeigt, dass Aufmerksamkeit an sich eine befreiende Wirkung hat, wenn wir sie bewusst und ohne zu urteilen einsetzen, wie Meditation in die Medizin integriert wird und wie sie neue Dimensionen unseres Geistes und unseres Herzens offenbart, die zutiefst heilend und transformierend sein können.

Der erste Teil des zweiten Buchs Wach werden und das Leben wirklich leben ist der Erkundung der „Sinneslandschaften“ gewidmet und geht der Frage nach, wie bewusstere Sinneswahrnehmung unser Wohlergehen fördern und unser Leben bereichern kann. Im zweiten Teil erhält der Leser detaillierte Anleitungen zur Entwicklung von Achtsamkeit durch die verschiedenen Sinne. Dabei wird ein Spektrum unterschiedlicher Meditationsmethoden vorgestellt und ein Geschmack für ihren außerordentlichen Reichtum vermittelt, der uns in jedem Moment zugänglich ist.

Im dritten Buch Das heilende Potenzial der Achtsamkeit geht es im ersten Teil darum, wie die Entwicklung von Achtsamkeit zu Heilung und größerem Glück führen kann, und zwar durch eine „orthogonale* Rotation im Bewusstsein“ in der Weise, wie wir die Welt begreifen und uns in ihr verhalten. Der zweite Teil befasst sich vertiefend mit der Kultivierung von Achtsamkeit und gibt Beispiele dafür, wie sie in verschiedene Aspekte unseres täglichen Lebens hineinwirken kann. Das reicht vom echten Erleben des gegenwärtigen Augenblicks über ganz und gar weltliche Aspekte bis dahin, zu „sterben, bevor wir sterben“.

Das vierte Buch Achtsamkeit für alle befasst sich im ersten Teil aus der Perspektive der Geist-Körper-Medizin mit der Welt der Politik und den Belastungen, denen die Welt ausgesetzt ist, und bietet einige Vorschläge dazu, wie Achtsamkeit helfen könnte, die Gesundheit des politischen Körpers und der gesamten Erde zu verbessern und zu transformieren. Der zweite Teil stellt unser Leben und die Herausforderung, mit der wir heute konfrontiert sind, in den größeren Kontext der Evolution der menschlichen Spezies und enthüllt verborgene Dimensionen dessen, was möglich ist, damit wir unser Leben von Augenblick zu Augenblick und von Tag zu Tag in dem Bewusstsein leben können, dass es wirklich darauf ankommt.

Wie bereits angemerkt gibt es eine Abfolge durch die vier Bände, von dem „Was“ und dem „Warum“ der Achtsamkeit darüber, „wie“ wir sie in unserem Leben kultivieren können, über die Gründe, die uns dazu motivieren mögen – in anderen Worten das „Versprechen“ der Achtsamkeit –, bis zu deren Verwirklichung darin, wie wir von Moment zu Moment unser Leben leben. Ich hoffe, dass Sie darin viel Wertvolles für sich entdecken werden!

* Steven Chu, Stanford University, Physiknobelpreisträger, Mind and Life Institute, Dialogue X, Dharamsala, Indien, Oktober 2002.

* Lassen Sie sich von dem Begriff „orthogonal“ nicht einschüchtern. Er bedeutet einfach „um neunzig Grad“ im Verhältnis zu dem verwendeten Koordinatensystem. Er soll eine neue Dimension jenseits der konventionellen beschreiben, mit denen wir vertraut sind, um uns eine neue Perspektive auf das Ganze zu geben, die auf dieser größeren Dimensionalität beruht.

Erster Teil


Meditation ist nicht, was Sie denken

Die Bandbreite dessen,

was wir denken und tun,

wird von dem begrenzt,

was wir wahrzunehmen versäumen.

RONALD D. LAING

Da gibt es dieses Etwas in mir …

Ich weiß nicht, was es ist …

aber ich weiß, es ist in mir.

WALT WHITMAN

Meditation ist nichts für Feiglinge

In einer Zeit, in der die Dinge sich so schnell verändern wie heute, ist es gar nicht so leicht, von der zeitlosen Schönheit und dem Reichtum des gegenwärtigen Augenblicks zu sprechen. Doch je schneller die Umstände sich verändern, desto wichtiger ist es, dass wir gelegentlich in das Zeitlose eintreten und uns sogar darin niederlassen. Sonst könnten wir den Kontakt zu Dimensionen unseres Menschseins verlieren, die den Unterschied zwischen Glück und Elend ausmachen, zwischen Weisheit und Torheit, zwischen Wohlsein und dem kraftraubenden Tumult im Geist, im Körper und in der Welt, den ich „Un-Wohlsein“(dis-ease) nenne. Denn unsere Unzufriedenheit ist tatsächlich eine Krankheit (disease), selbst wenn sie uns nicht als solche erscheint. Manchmal bezeichnen wir diese Gefühle und Zustände, dieses Un-Wohlsein, das wir so oft empfinden, umgangssprachlich als „Stress“. Gewöhnlich sind sie unangenehm, sie belasten uns. Und sie gehen immer mit einem subtilen Gefühl des Unbefriedigtseins einher.

Im Jahr 1979 habe ich am Medical Center der University of Massachusetts in Worcester die Stress Reduction Clinic gegründet. Denke ich heute an jene Zeit zurück, dann frage ich mich allerdings: „Welcher Stress?“ So sehr hat sich die Welt inzwischen verändert, so sehr hat sich das Tempo unseres Lebens beschleunigt, und so nah sind die Wechselfälle und Gefahren des Lebens an unsere Haustür herangerückt. Wenn es damals bereits wichtig war, unsere persönliche Situation und unsere Umstände nüchtern zu betrachten und im Interesse von Gesundheit und Heilung neue und kreative Umgangswege zu finden, so ist es heute, da wir in einer Welt leben, die in zunehmendes Chaos und wachsende Geschwindigkeit hineinkatapultiert worden ist, während sie gleichzeitig wesentlich vernetzter und kleiner wurde, noch unendlich viel wichtiger und dringlicher.

In einer Zeit mit solch exponentieller Beschleunigung und zunehmender Destruktivität ist es wichtiger und dringlicher denn je, dass wir lernen, im Zeitlosen zu Hause zu sein und daraus Trost zu schöpfen und Klarsicht zu gewinnen. Das war von Beginn an das zentrale Anliegen des Curriculums unserer Stress Reduction Clinic, das inzwischen als MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) bekannt ist. Ich spreche dabei nicht von einer fernen Zukunft, in der Sie nach jahrelangem Bemühen endlich irgendwo angelangen, den Geschmack von der zeitlosen Schönheit und der Wirkung meditativen Gewahrseins kosten, um dann fortan ein effektiveres, befriedigenderes und friedlicheres Leben führen zu können. Ich spreche davon, dass Sie in ebendiesem Augenblick zum Zeitlosen Zugang finden können – weil es sozusagen schon immer genau vor unserer Nase liegt – und dass Sie damit auch Zugang zu jenen Dimensionen des Möglichen erhalten, die uns gegenwärtig verborgen bleiben, weil wir uns weigern, präsent zu sein, weil wir so sehr verführt, konditioniert, hypnotisiert oder verschreckt sind, dass wir uns in die Zukunft oder die Vergangenheit flüchten. Wir lassen uns davontragen vom Strom der Ereignisse, von den Wetterumschwüngen unserer Reaktionen und unserer eigenen Taubheit, ständig mit dem beschäftigt, wenn nicht gar von ihm besessen, was wir oft gedankenlos als „dringend“ bezeichnen, während wir zugleich den Kontakt zu dem verlieren, was für unser Wohlergehen, für unsere geistige Gesundheit und sogar für unser Überleben wirklich wichtig, überaus wichtig, ja geradezu lebenswichtig ist. Dieses Eingenommensein von der Zukunft und der Vergangenheit ist uns dermaßen zur Gewohnheit geworden, dass wir meistens über keinerlei Gewahrsein des gegenwärtigen Moments verfügen. Die Folge davon ist, dass wir wenig oder überhaupt keine Kontrolle über die Höhen und Tiefen in unserem Leben und in unserem Geist zu besitzen meinen.

Viele Jahre lang bot unser Institut, das Zentrum für Achtsamkeit in Medizin, Gesundheitswesen und Gesellschaft (Center for Mindfulness in Medicine, Health Care, and Society [CFM]), eine Broschüre für Führungskräfte in der Wirtschaft an, in der die Achtsamkeitskurse und Schulungsprogramme beschrieben wurden. Darin hieß es zu Beginn: „Meditation ist nichts für Feiglinge, nichts für Menschen, die aus Gewohnheit die leise Stimme der Sehnsucht ihres Herzens ignorieren.“ Dieser Satz stand dort natürlich mit voller Absicht; er sollte all jene von der Teilnahme abschrecken, die noch nicht bereit sind für das Zeitlose, die es nicht verstehen würden oder die noch nicht genügend Raum in ihrem Herzen und ihrem Verstand schaffen könnten, um einer solchen Erfahrung oder einem derartigen Gedanken überhaupt eine Chance zu geben. Wären solche Menschen zu einem unserer fünftägigen Programme gekommen, dann hätten sie wahrscheinlich die ganze Zeit gegen ihren eigenen Geist angekämpft und die Meditationspraxis als unsinnig, als reine Folter, als extrem langweilig oder einfach als Zeitverschwendung erlebt. Höchstwahrscheinlich wären sie so sehr mit ihrem Widerstand und ihren Einwänden beschäftigt gewesen, dass sie niemals in den kostbaren und dabei so kurzen Momenten angekommen wären, die wir erleben können, wenn wir auf diese Weise unsere tatsächliche Erfahrung von Moment zu Moment erkunden.

Von den Menschen, die dann tatsächlich zu den Retreats auftauchten, konnten wir hingegen annehmen, dass sie entweder wegen oder trotz dieses Satzes gekommen waren. So oder so wäre bei ihnen – so war unsere strategische Überlegung – eine implizite, wenn nicht gar unerschrockene Bereitschaft vorhanden, die innere Landschaft des Geistes und des Körpers zu erkunden, jenen Bereich, den die alten chinesischen Daoisten und Chan-Meister „Nichttun“ genannt haben. Dies ist die Domäne der wahren Meditation, in der es so aussieht, als würde hier nichts oder nicht viel passieren oder getan werden, in der jedoch gleichzeitig nichts Wichtiges ungetan bleibt, sodass sich als Konsequenz auf bemerkenswerte Weise jene geheimnisvolle Energie eines offenen, wachen Nichttuns in der Welt des Tuns manifestieren kann.

Wir schwimmen Tag für Tag im Strom des Lebens, und wie es halt so ist, hören wir dabei die meiste Zeit nicht auf die geflüsterte Sehnsucht unseres eigenen Herzens, insbesondere da unsere Aufmerksamkeit in so viele verschiedene Richtungen gezogen wird und wir zunehmend abgelenkt sind. Und ich will auch keineswegs behaupten, dass Meditation immer leicht oder angenehm ist. Sie ist einfach, aber durchaus nicht immer leicht. So wird es nicht leicht sein, in einem geschäftigen Leben regelmäßig auch nur eine kurze Zeitspanne für eine formelle Meditationsübung aufzubringen, ganz zu schweigen davon, sich daran zu erinnern, dass Achtsamkeit, wie man sagen könnte, auf „informelle“ Weise in jedem der sich entfaltenden Augenblicke unseres Lebens zugänglich ist. Doch manchmal können wir das, was unser Herz uns zuflüstert, nicht länger ignorieren. Und manchmal fühlen wir uns durch die lebenslange Sehnsucht unseres Herzens, sich selbst zu begegnen, irgendwie und auf geheimnisvolle Weise dazu hingezogen, uns an Orte zu begeben, die wir normalerweise nicht aufsuchen würden. Vielleicht zieht es uns in eine Gegend, in der wir als Kind eine Zeitlang gelebt haben, in die Wildnis, zu einem Meditationsretreat, zu einem Buch, einem Kurs oder einem Gespräch – kurz: zu allem, was es dieser lange ignorierten Seite in uns selbst ermöglichen könnte, sich dem Sonnenlicht zu öffnen, sodass wir sie sehen, hören, fühlen, erkennen und uns zu eigen machen können, ganz gemäß der lebenslangen Sehnsucht unseres Herzens, sich selbst zu begegnen.

Das Abenteuer, welches das Universum der Achtsamkeit für uns bereithält, kann uns den Zugang zu den Dimensionen unseres Seins eröffnen, die wir vielleicht allzu lange nicht beachtet oder verleugnet haben. Wie wir sehen werden, hat Achtsamkeit das große und vielschichtige Potenzial, sich auf die Entfaltung unseres Lebens auszuwirken. Genauso kann sie in die größere Welt hineinwirken, in die wir so übergangslos eingebettet sind – in unsere Familien, unsere Arbeit, die gesamte Gesellschaft, unser Selbstverständnis als ein Volk, also als das, was ich den „politischen Körper“ nenne, und den Körper der Welt, also alle Bewohner des Planeten Erde als Gemeinschaft. Und all das kann deshalb durch Ihre eigene Achtsamkeitspraxis geschehen, eben weil Sie so eingebettet sind und weil es diese wechselseitigen Beziehungen zwischen dem Inneren und dem Äußeren, zwischen dem Dasein und dem Tun gibt.

Es steht außer Frage, dass wir in das Gewebe des Lebens selbst eingebettet sind, ebenso wie in das Gewebe dessen, was wir „Geist“ nennen könnten, eine unsichtbare und nicht greifbare Essenz, die es unserem Empfinden, unserem Bewusstsein und dem Gewahrsein ermöglicht, Unwissenheit in Weisheit und Zwietracht in Versöhnung und Harmonie zu verwandeln. Das Gewahrsein bietet uns einen sicheren Hafen, in dem wir uns ausruhen und erholen können – in einer vitalen und dynamischen Harmonie, Gelassenheit, Kreativität und Freude, und zwar jetzt und nicht erst in einer fernen und lediglich erhofften Zukunft, in der die Umstände „besser“ geworden sind, in der wir alles unter Kontrolle haben oder zu „besseren Menschen“ geworden sind. So seltsam es sich anhören mag: Unsere Fähigkeit zur Achtsamkeit erlaubt es uns, das zu schmecken und zu verkörpern, was wir uns am tiefsten ersehnen, das, was uns so häufig entgleitet und erstaunlicherweise doch immer so nah ist – mehr geistige Stabilität, mehr Gemütsruhe und alles andere, was damit einhergeht, und zwar in jedem Augenblick unseres Lebens.

Im Mikrokosmos ist Frieden nicht ferner als ebendieser Augenblick. Im Makrokosmos ist Frieden etwas, was im kollektiven Sinne fast jeder von uns auf die eine oder andere Weise anstrebt, insbesondere dann, wenn dieser Frieden mit Gerechtigkeit, der Anerkennung der unserer Ganzheit innewohnenden Diversität, der Menschlichkeit und der Rechte eines jeden Einzelnen einhergeht. Frieden ist etwas, was wir hervorbringen können, wenn wir tatsächlich lernen, als Individuen ein wenig mehr aufzuwachen und noch sehr viel mehr als Spezies; wenn wir lernen können, voll und ganz das zu sein, was wir wirklich sind, und unser angeborenes menschliches Potenzial zu verwirklichen. Wie ein Sprichwort sagt: „Es gibt keinen Weg zum Frieden – Frieden ist der Weg.“ Das gilt für die äußere Landschaft der Welt und auch für die innere Landschaft des Herzens. Denn diese beiden sind, in einem tieferen Sinne, eigentlich eines.

Achtsamkeit, die wir uns als ein offenes, nichturteilendes Gewahrsein von Augenblick zu Augenblick vorstellen können, wird am besten durch Meditation kultiviert und nicht, indem wir lediglich über sie nachdenken und philosophieren. Und weil sie im Rahmen der buddhistischen Tradition, in der Achtsamkeit oft als das „Herz der buddhistischen Meditation“ beschrieben wird, am ausführlichsten und vollständigsten artikuliert wurde, habe ich mich entschlossen, im Verlauf dieses Buches hier und dort etwas über den Buddhismus und seine Beziehung zur Achtsamkeitspraxis zu sagen. Das geschieht, damit wir aus dem, was diese außerordentliche Tradition auf der Grundlage ihrer inzwischen 2600 Jahre andauernden Inkubation in verschiedenen Kulturen an diesem Punkt in der Geschichte der Welt anzubieten hat, mehr Verständnis gewinnen und Nutzen ziehen können.

So wie ich es sehe, geht es dabei gar nicht um den Buddhismus als solchen. Man kann sich den Buddha auch wie ein Genie unseres Zeitalters vorstellen, wie einen großen Wissenschaftler, eine mindestens ebenso überragende Gestalt wie Darwin oder Einstein, der, wie es der buddhistische Gelehrte Alan Wallace gern sagt, kein anderes Instrument zur Verfügung hatte als seinen eigenen Geist, um das Wesen von Geburt und Tod und des anscheinend unvermeidlichen Leidens bis in die Tiefe zu erforschen. Um diesen Fragen nachgehen zu können, musste er das Instrument – also seinen eigenen Geist – zunächst verstehen, entwickeln und verfeinern, er musste lernen, es zu eichen und zu stabilisieren. Genau das ist es, was auch Wissenschaftler mit den Instrumenten tun müssen, die sie zur Erweiterung ihrer Sinnesorgane benutzen, zum Beispiel gigantische Teleskope, Radio- oder Elektronenmikroskope, Scanner zur funktionellen Magnetresonanz- (fMRT) oder zur Positronen-Emissions-Tomografie (PET), um damit die Natur des Universums und des riesigen Spektrums der wechselseitig verbundenen Phänomene zu erforschen, die sich darin entfalten – sei es im Bereich der Physik und der physischen Phänomene, in der Chemie, Biologie, Psychologie oder in irgendeinem anderen Forschungsbereich.

Um sich dieser Herausforderung zu stellen, nahm der Buddha es auf sich – und mit ihm all jene, die in seine Fußstapfen traten –, tiefschürfende Fragen im Hinblick auf das Wesen des Geistes und die Natur des Lebens zu erforschen. Ihre gemeinsamen Bemühungen der Selbsterforschung führten zu bemerkenswerten Entdeckungen. Es gelang ihnen, eine genaue Kartografie jenes Territoriums zu erstellen, das die Quintessenz des menschlichen Daseins ist. Es ging dabei um Aspekte des Geistes, die uns allen gemein sind, unabhängig von unseren individuellen Gedanken und Überzeugungen und der Kultur, in der wir leben. Sowohl die Methode, die sie benutzten, als auch die Früchte dieser Forschungsarbeit sind universell und haben nichts mit Ismen, Ideologien, Religionen und anderen Glaubenssystemen zu tun. Was sie entdeckten, ist eher mit medizinischen oder naturwissenschaftlichen Einsichten vergleichbar, also mit Bezugssystemen, die jedermann an jedem Ort untersuchen kann. Ein jeder kann sie unabhängig von anderen für sich selbst auf die Probe stellen, was der Buddha seinen Anhängern von Anfang an auch nahelegte.

Weil ich Achtsamkeit praktiziere und lehre, mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen mich für einen Buddhisten halten. Wenn man mich danach fragt, sage ich für gewöhnlich, ich sei kein Buddhist (auch wenn ich ab und an auf Retreats mit buddhistischen Lehrern praktiziere und für einige buddhistische Traditionen und Praktiken großen Respekt und Zuneigung empfinde). Ich bin vielmehr ein Schüler, der sich mit eifrigem Interesse der buddhistischen Meditation widmet, und zwar weniger, weil ich per se ein Anhänger des Buddhismus wäre, sondern weil ich seine grundlegenden Lehren und Praktiken als so tiefgründig, universell anwendbar, erhellend und heilsam erfahren habe.* Das fand ich während der vergangenen fünfzig Jahre beständiger Praxis nicht nur in meinem eigenen Leben bestätigt, sondern auch bei vielen anderen Menschen, mit denen ich im Center for Mindfulness und dem globalen Netzwerk von MBSR-Lehrern zusammenarbeiten und praktizieren durfte. Und immer wieder bin ich zutiefst von Menschen berührt und inspiriert – Lehrern oder Nichtlehrern, Leuten aus dem Osten oder aus dem Westen –, die in ihrem eigenen Leben Weisheit und Mitgefühl verkörpern, beides zentrale Inhalte der buddhistischen Lehren und Praktiken.

Für mich ist die Praxis der Achtsamkeit im Grunde eine Liebesgeschichte, und zwar mit dem Grundlegendsten im Leben: mit dem, was ist, mit dem, was man „die Wahrheit“ nennen könnte (die für mich die Schönheit, das Unbekannte und das Mögliche einschließt), mit dem, wie die Dinge wirklich sind. Und das alles eingebettet ins Hier, in diesen Augenblick (denn es ist alles bereits da), und gleichzeitig ins Überall. Denn hier kann tatsächlich überall sein. Achtsamkeit ist zudem immer jetzt, denn wie wir bereits festgestellt haben und immer wieder feststellen werden: Nur diese eine Zeit, das Jetzt, gehört uns.

Hier und jetzt, überall und immer, das gibt uns viel Raum zur Zusammenarbeit, zumindest wenn Sie interessiert und bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln und die Arbeit des Zeitlosen zu tun, die Arbeit des „Nichttuns“, die Arbeit des Gewahrseins, das Ihrem eigenen Leben innewohnt, so wie es sich von Moment zu Moment entfaltet. Es ist in der Tat sowohl eine zeitlose Arbeit als auch die Arbeit eines ganzen Lebens.

Keine Kultur und keine Kunstform hat ein Monopol auf die Wahrheit oder die Schönheit, auch wenn sie noch so große Worte dafür findet. Doch finde ich es sinnvoll und aufschlussreich, bei der besonderen Erkundung, die wir auf diesen Seiten und in unserem Leben unternehmen wollen, einen Blick auf das Werk jener außergewöhnlichen Menschen auf unserer Erde zu werfen, die sich der Poesie als Sprache des Herzens und des Geistes widmen. Die größten Dichter haben sich – so wie die größten Yogis und Lehrer der meditativen Traditionen – einer tiefen inneren Erforschung des Geistes und der Begrifflichkeiten sowie der engen Beziehungen zwischen inneren und äußeren Landschaften gewidmet. Es ist in den meditativen Traditionen in der Tat keine Seltenheit, Augenblicke der Erleuchtung und Einsicht mittels Poesie zum Ausdruck zu bringen. Yogis und Dichter sind unerschrockene Erforscher dessen, was ist, und wortgewandte Hüter des Möglichen.

Die Perspektive, die uns große Poesie eröffnet, hat wie jede authentische Kunst das Potenzial, unsere Sehfähigkeit zu verbessern. Noch wichtiger ist jedoch, dass sie uns in die Lage versetzen kann, die Dringlichkeit und Bedeutsamkeit unserer eigenen Situation, unserer eigenen Psyche, unseres Lebens deutlicher wahrzunehmen, und zwar indem sie uns hilft zu verstehen, wohin die Meditationspraxis unsere Aufmerksamkeit lenken will, damit wir hinschauen und sehen, wofür wir uns öffnen und, am allerwichtigsten, was wir dadurch fühlen und erkennen können. Alle Kulturen und Traditionen dieser Erde bringen Poesie hervor. Man könnte sagen, die Dichter sind und waren schon immer die Hüter des Gewissens und der Seele des Menschseins. Oft bringen sie Aspekte einer Wahrheit zur Sprache, die zu beachten und zu kontemplieren sich lohnt. Alle Poeten, ob aus Nord-, Mittel- oder Südamerika, aus China, Japan, Europa, der Türkei, Persien, Indien oder Afrika, gleich, ob christlich, jüdisch, islamisch, buddhistisch, hinduistisch oder jainistisch, animistisch oder klassisch, weiblich, männlich oder transidentitär, antik oder modern, heterosexuell, schwul oder lesbisch – sie alle halten unter den richtigen Umständen, nämlich dann, wenn wir offen und uns selbst wirklich nah sind, eine geheimnisvolle Gabe für uns bereit. Sie geben uns eine neue Perspektive, aus der heraus wir jenseits unserer jeweiligen Zeit und Kultur auf uns selbst blicken und uns erkennen können. Sie bieten uns etwas Grundlegenderes und Menschlicheres an als das, was wir bereits erwarten oder kennen. Eine solche Perspektive ist vielleicht nicht immer bequem. Manchmal kann sie sogar ausgesprochen aufrüttelnd und verstörend sein. Und vielleicht ist es gerade Poesie dieser Art, die wir eine Weile auf uns wirken lassen sollten, weil sie das gesamte, sich stets verändernde Spektrum von Licht und Schatten offenbart, das ständig über die Leinwand unseres Geistes huscht und die untergründigen Strömungen unseres Herzens bewegt. In ihren besten Momenten bringen Dichter das eigentlich Unaussprechliche zum Ausdruck. In solchen Momenten werden sie durch eine geheimnisvolle Gnade der Muse und des Herzens zu Meistern der Worte jenseits aller Worte. Das Unaussprechliche, um das sie gerungen, dem sie eine Gestalt verliehen haben und auf das sie uns hinweisen, wird nicht zuletzt dadurch lebendig, wie wir ihre Gedichte auf uns wirken lassen. Poesie erwacht dann zum Leben, wenn wir sie beim Lesen und Hören wirklich berühren und uns berühren lassen, wenn wir mit all unserer Feinfühligkeit und Intelligenz bei jedem Wort verharren, bei allem, was es in uns auslösen mag, bei jedem Atemzug, den wir dabei machen, bei jedem Bild, das kunst- und klangvoll evoziert wird und jenseits aller Künstlichkeit zu uns selbst und zu der Wirklichkeit der Dinge zurückbringt.

Aus diesem Grund werden wir auf unserer gemeinsamen Reise durch diese vier Bände gelegentlich innehalten, um in solche Wasser der Klarheit einzutauchen. Dabei werden wir uns von dem unvermeidlichen Streben der Menschheit nach Selbsterkenntnis berühren lassen, dem manchmal von Erfolg gekrönten Verlangen, sich an ihr tieferes Wissen zu erinnern, und in einem zutiefst freundlichen, großzügigen und mitfühlenden Akt (auch wenn dieser kaum je zu diesem Zweck unternommen wird) auf mögliche Wege der Vertiefung unseres Lebens, unseres Sehens und unseres Fühlens hinzuweisen. Dadurch werden wir vielleicht mehr wertschätzen, ja zelebrieren, wer und was wir sind und werden könnten.

Mein Herz erhebt sich,

gedenkt, dir Neuigkeiten zu bringen

von etwas,

das dich angeht

und das viele Menschen angeht. Sieh dir doch an,

was heute als Neuigkeit durchgeht.

Dort wirst du es nicht finden, vielmehr in

missachteten Gedichten.

Es ist nicht leicht,

aus Gedichten die Neuigkeiten zu erfahren,

und doch sterben täglich Menschen kläglich

an einem Mangel dessen,

was dort zu finden ist.

WILLIAM CARLOS WILLIAMS

Draußen die frostige Wüstennacht.

Diese andere Nacht wird warm, lodernd.

Mag die Landschaft bedeckt sein von einer dornigen Kruste.

Hier drinnen haben wir einen sanften Garten.

Wenn die Kontinente explodieren,

werden die Metropolen und Städte, alles,

zu einem versengten schwarzen Ball.

Die Neuigkeiten, die wir hören, sind voller Jammer für

diese Zukunft,

doch die wahren Neuigkeiten hier drinnen sagen,

dass es durchaus nichts Neues gibt.

RŪMĪ

(nach der englischen Übertragung von Coleman Barks und John Moyne)

* Vgl. Robert Wright, Why Buddhism Is True; dt. Warum Buddhismus wirkt (siehe Literaturverzeichnis).

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