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77 verstecke Orte in Berlin

Wo einst die Kanzlerin saunierte, Badeenten Gräber zieren und Meeresfrüchte im Tiergarten wachsen

Johannes Wilkes

Impressum

Alle Seitenangaben in diesem Buch beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.

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1. Auflage 2021

© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Redaktion / Lektorat: Anja Sandmann

Layout / Herstellung, Umschlaggestaltung: Laura Müller

E-Book: Mirjam Hecht

ISBN 978-3-8392-6782-0

Inhalt

Impressum

Widmung

Vorwort

Ein Denkmal für Sie!

Berlin und seine Bäume

Wenn die Spree rückwärts fliesst

Elisabeth Caland – Klavier spielen, aber richtig!

Die schönste Turnhalle

Kurt Tucholsky über Berliner auf Reisen

Rogacki – Fisch und mehr

Des Nachts in Charlottenburg

Joseph von Eichendorff – Politik statt Poesie

Das richtige Mitbringsel

Die Stalingradmadonna

Marlene Dietrich – Erinnerungen einer Schülerin

Tod im Morgengrauen – Clara Immerwahr

Das Leben der Anderen

Friedrich Rückert – Berlins erster Gruner

Pack die Badehose ein

Die beste Brezel Berlins

Felice Schragenheim – Vom Schwimmen und Untergehen

Der Un-Ort

Der Tunnel über der Spree

Alle Jahre wieder …

Die schonste Aussicht uber Berlin

We can be Heroes, just for one day

Der Himmel über Berlin

Die Heinzelmännchen von Berlin

Die Kreuzbergerhöhung

Maria Maltzan – die Tierärztin der Punker

Fontanes Apotheke

Ein Held, der keiner sein will

Dalli-Dalli – Wie Hans Rosenthal im Versteck überlebte

Werner von Siemens und die Elektrische

Eins, zwei, drei – der vielleicht witzigste Film uber Berlin

Wenn die Sehnsucht Flügel verleiht – Otto Lilienthal

Durch die Hintert[r – Lise Meitner

Berlins grösster Theaterskandal

Berlin oder München? – Ein Duell

Die Kongokonferenz – Bismarck als ehrlicher Makler

Auf der Terrasse des Café Josty

Von guten Mächten wunderbar geborgen

E.T.A. Hoffmann bei Lutter und Wegner

Wo leuchtete das erste Ampelmännchen?

Tanzen in der Schalterhalle

Wie Herbert von Karajan Ärger mit Hitler bekam

Heinrich Heine unter den Linden

Paul Gerhardt und Johann Crüger –Die Beatles von der Nikolaikirche

Der Berliner Stadtbar im Köllnischen Park

Faule Eier – Dieter Kunzelmann und Eberhard Diepgen

Unser Lieblingsitaliener – ein Nachruf

Frisch, fromm, fröhlich frei! – Turnvater Jahn auf der Hasenheide

Udo im Sonderzug nach Pankow

Die Schmerzen einer Mutter – Käthe Kollwitz

Alles im Eimer!

Angela Merkels legendärer Saunaabend

Albert Einstein und die Frauen

Ich bin ein Berliner

Der Brief der Maria D.

Die Brüder Grimm – Kämpfer für Recht und Freiheit

Wo die Spree die Havel küsst

Aus dem Jungen wird nie etwas! – Alexander von Humboldt

Onkel Wackelflügel

Die erste Berliner Gaslaterne

Eine Leiche im Landwehrkanal

Knautschke – eine ödipale Katastrophe

Form und Norm

Oans, zwoa, gsuffa

Die Hummer vom Tiergarten

Der Berliner Witz

Mit der Droschke von Berlin nach Paris

Der Soldat und das Mädchen

Der Jesus-Skandal

Die Ente kommt nicht aufs Grab!

Ringelnatz’ Lieblingskneipe

Grossstadtlichter – Blick vom Theo Richtung Osten

AVUS – das Raketenauto

Was ist der schönste U-Bahnhof?

Emil und die Detektive

Original und Fälschung – Wie ein Mann verschwindet

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Dank

Inhalt

Karte 1

Karte 2

Widmung

Für meinen Spatz vom Zille-Kiez

Vorwort

Janz Berlin is eene Wolke! – und unter dieser Wolke verbergen sich die erstaunlichsten Dinge. Kaum eine zweite Metropole hat so viele Ecken und Kanten wie Berlin und hinter den Ecken und Kanten verstecken sich Orte, die besondere Geschichten zu erzählen haben, tragische, leidenschaftliche, wissenswerte und humorvolle. Diese Geschichten zu sammeln, sie neu zu erzählen, das ist die Absicht dieses Buches. Mit Hilfe der beigefügten Karte kann man die versteckten Orte leicht selbst aufsuchen und sich auf Entdeckungsreise begeben, man muss es aber nicht. Auch vom heimischen Sofa aus oder in der Badewanne planschend kann man durch Berlin und seine Geschichte spazieren. Der Autor dieses Buches hat seine Touren alle mit dem Fahrrad gemacht, für ihn die schönste Art, Berlin zu erkunden. Und wenn Sie bei Ihren Touren eine neue Geschichte entdecken sollten, einen geheimen Ort, der etwas zu erzählen hat, teilen Sie Ihr Geheimnis doch dem Autor mit, dann wird es vielleicht schon bald einen Nachfolgeband geben. Aber nun ran an de Buletten!

Ein Denkmal für Sie!
1 Obelisk im Schlosspark Charlottenburg (Charlottenburg)


Schloss Charlottenburg


Obelisk, Marmor, im Schlossgarten Charlottenburg von Braco Dimitrijevic: 11. März, das könnte ein Tag von historischer Tragweite sein, 1976–79. Das Datum 11. März wählte Peter Malwitz, ein zufälliger Passant, denn es war sein Geburtsdatum. Collection Schloss und Garten Charlottenburg.

Obelisken errichtet man, um an ein bestimmtes Ereignis oder einen besonderen Menschen zu erinnern, an einen gewonnenen Krieg etwa oder einen speziellen Herrscher. Der Obelisk vom Schlosspark in Charlottenburg aber gibt Rätsel auf. In ihn gemeißelt ist nur ein Datum, und zwar nicht einmal ein komplettes. Nur Tag und Monat sind angegeben: »11. März«, das Jahr aber fehlt. Was will uns der Künstler damit sagen? Hat er an diesem Tag etwas Besonderes erlebt, hat er vielleicht seine Frau das erste Mal geküsst? Ist es das Tag seiner Abschlussprüfung an der Akademie oder wurde ihm gar am 11. März ein Kind geboren? Gerüchten zufolge hat Braco Dimitrijevic, als er 1979 den Carrara-Marmor bearbeitete, einen Passanten nach dessen Geburtsdatum gefragt. Es hätte also auch der 13. oder 28. Juli sein können oder der 14. November. Demnach hat er Lotterie gespielt und wollte mit dem Zufallsdatum nur ausdrücken: Alle steinernen Denkmäler sind eine Dummheit. Wenn der Menschheit oder einem Menschen ein Datum wichtig ist, dann ist es ihm ins Herz geschrieben, dann braucht es keinen Stein. Wie der 9. November, der 14. Juli oder der 24. Dezember, als der Welt ein Baby geschenkt worden ist, dessen Geburtstag heute noch viele Kinderaugen zum Leuchten bringt.

Wenn Sie romantisch veranlagt sind und dazu noch frisch verliebt (eine beneidenswerte Kombination) und zudem nach dem passenden Ort und der passenden Stunde suchen, ihrem Partner einen Hochzeitsantrag zu machen, dann kann ich Ihnen diesen Obelisken sehr empfehlen. Seien Sie sicher: Sie und Ihr Schatz werden den Tag nie vergessen! Und Sie dürfen gerne behaupten, der 11. März sei nur für Sie gemacht.

Der Litauer Vytautas Landsbergis wurde am 11. März 1990 zum Parlamentspräsidenten gewählt und erklärte am selben Tag die Unabhängigkeit seines Landes. Im Gegensatz zum Künstler hatte für ihn das Datum auf dem Charlottenburger Obelisken daher eine tiefere Bedeutung, und es ist ihm ein Bedürfnis gewesen, die Säule aufzusuchen. Bereits der erste Architekt von Schloss Charlottenburg, Johann Friedrich Eosander von Göthe, hatte 1717 einen Obelisken an der Spree vorgesehen.

Obelisk im Schlosspark Charlottenburg

Spandauer Damm 10–22

Nordöstlicher Zipfel des Parks

14059 Berlin

Berlin und seine Bäume
2 Schlosspark Charlottenburg (Charlottenburg)


Was unterscheidet Berlin von London, Paris oder New York? Viele sagen: Berlin ist grüner. Durch die weitsichtige Stadtplanung früherer Generationen hat man viele Freiflächen geschaffen, zudem wurde die Breite der Straßen auch aus feuerpolizeilichen Erwägungen so großzügig bemessen, dass genügend Platz für Bäume blieb. 439.000 Straßenbäume zählt Berlin heute, jeder Dritte ist älter als 40 Jahre. Das tut der Berliner Luft gut, filtern hohe Bäume doch nicht nur Schadstoffe, sondern produzieren darüber hinaus so viel Sauerstoff, wie zehn Menschen verbrauchen.

Es wäre ungerecht, einen besonderen Baum herauszuheben. Viele stattliche Exemplare finden sich aufs Stadtgebiet verteilt, es wären noch mehr, wenn nicht in der bitterkalten Nachkriegszeit viele Berliner aus der Not heraus zu Axt und Säge gegriffen hätten. Der angeblich älteste Baum Berlins, die Dicke Marie, steht im Tegeler Forst, mein Liebling, eine Blutbuche, erhebt sich im Garten des Literaturhauses in der Fasanenstraße. Auch unter den mächtigen Kastanien im Biergarten des Zollpackhofs gegenüber dem Kanzleramt sitzt man wunderbar. Wenn wir dennoch einem Baum etwas mehr Platz widmen, dann nicht allein wegen dessen Schönheit, sondern mehr noch wegen des Gärtners, der ihn pflanzen ließ. Es handelt sich um die Sumpfzypresse im Schlosspark Charlottenburg. Aus Nordamerika stammend, fühlte sie sich an der Spree so wohl, dass sie auf einen Umfang von 5,40 Meter angewachsen ist. Man nimmt an, dass sie bei der Umgestaltung des ursprünglich barocken Gartens in einen englischen Landschaftsgarten von Peter Joseph Lenné gepflanzt worden ist. Kaum ein zweiter hat die Stadtstruktur von Berlin so geprägt wie der preußische Gartenkünstler und Landschaftsarchitekt. Im Zeitalter der wachsenden Fabriken und Mietskasernen machte er sich Gedanken, wie man ein grünes Berlin für alle gestalten könnte. Nicht nur die zahlreichen Potsdamer Parks gestaltete er, auch und insbesondere seine Berliner Projekte, die Anlage von Sichtachsen und die Schaffung begrünter Kanäle, erfreuen bis heute. Den Ehrentitel Lenné-Stadt würde Berlin zu Recht tragen.


Sumpfzypresse im Schlossgarten Charlottenburg

Schlossgarten Charlottenburg südlicher Teil

Spandauer Damm 10–22

14059 Berlin

Wenn die Spree rückwärts fliesst
3 Schloßbrücke Charlottenburg und überall entlang der Spree (Charlottenburg)


Die Spree ist eine Künstlerin. Nicht nur, dass an ihren Ufern mit den Umgebindehäusern die originellsten Handwerkerunterkünfte stehen, sich mehrere Dome in ihren Wassern spiegeln, im Spreewald sich aufs Schönste die Gurken krümmen, die Spree versteht sogar das Kunststück, rückwärts zu fließen. Gut, werden Sie einwenden, das kennt man auch von der Elbe in Hamburg oder der Themse in London. Diese Flüsse jedoch stehen unter dem Einfluss des nahen Meeres, also der Gezeiten. Fließt die Spree rückwärts aber, hat das gänzlich andere Ursachen. Verschiedene Faktoren müssen zusammenkommen: eine trockene Zeit am Oberlauf, der Lausitz also, Wasserentnahme aus der Spree durch die Flutung der ehemaligen Braunkohlegruben bei Bautzen und Cottbus, Niederschlag hingegen im nördlichen Brandenburg und auf der Mecklenburger Seenplatte, sodass die Havel gut gefüllt ist – und Millionen von Berlinern, die sich unter die Dusche stellen. Dann passiert es, dann staunen die Angler, die ihre Köder ins Wasser werfen, dann kehrt sich die Strömungsrichtung um und die Spree scheint zur Quelle zurückzufließen. Achten Sie mal drauf! (Vielleicht, weil besonders schön von der Charlottenburger Schloßbrücke?)


Schloßbrücke Charlottenburg und überall entlang der schönen Spreeufer

Elisabeth Caland – Klavier spielen, aber richtig!
4 Wohnhaus von Elisabeth Caland (Charlottenburg)


Ehemaliges Wohnhaus von Elisabeth Caland in der Nithackstraße

»Um besondere Tonfülle bei Akkorden und markig hervortretende Accente, die einzelne Stellen dieser oder jener Komposition verlangen, zu erzielen und wiederzugeben, ist es notwendig, die federleichte Hand, vom Rücken und Oberarm getragen, mit festgespannten Fingern über die zu spielenden Töne zu bringen. Man halte die Hand so gespannt und gerundet, als ob sie sich über einen, im Verhältnis zu derselben stehenden, großen Ball ausbreitet. Wenn die Finger, ohne sich in die Tasten zu senken, mit derselben Fühlung erhalten, drücke man die Hand vermittels der Rückenmuskeln plötzlich kraftvoll nieder.«

Klavierspielen mit Rücken und Schulter, diese zur damaligen Zeit revolutionäre Methode schildert uns Elisabeth Caland in ihren Technischen Ratschlägen für Klavierspieler aus dem Jahre 1912. Die gebürtige Rotterdamerin war 22 Jahre alt, als sie nach Berlin kam, um bei dem fortschrittlichen Musikpädagogen Ludwig Deppe zu studieren. Von ihm übernahm sie zahlreiche Anregungen und entwickelte sie weiter. Etablierte Pianisten waren entsetzt. Mit dem Rücken? Mit den Schultern? Allein mit den Fingern sollten die Töne erzeugt werden, wie beim Cembalospiel, das war gängige Lehre. Die Ideen der jungen Künstlerin aber fanden bald zahlreiche Nachahmer. Ungemein kraftvoll, ungemein farbig konnte die Musik klingen, wenn man aus dem ganzen Oberkörper heraus spielte. »Besonders betont werde hierbei, dass der ganze Arm, vom Schultergelenk aus, wie aus einem Stück, also gewissermaßen ohne Gelenke, gedacht werden soll.« Auf diese Weise gelang es der willensstarken Pianistin, allein durch Schüttelbewegungen der Schultern Tremolofiguren und Triller zu erzeugen.

Elisabeth Caland wohnte von 1909 bis 1913 in der Nithackstraße 22, in Sichtweite des Charlottenburger Schlosses. In diesen Jahren entstanden ihre einflussreichsten musikpädagogischen Schriften. Nach Jahren als Klavierlehrerin in Gehlsdorf und Rostock starb sie am 26. Januar 1929 in Berlin, ihre Lehre aber lebt durch ihre zahlreichen Anhänger fort: »Bleiben sämtliche Gliedmaßen in der vorgeschriebenen Stellung, so wird derselbe [musikalische Eindruck] um so größer und schwebender sein und eine so volle, reiche Tonfärbung haben, dass er dem Klang der Orgel zu vergleichen ist.«


Gedenktafel am Haus Nithackstraße

Wohnhaus Elisabeth Caland

Nithackstraße 22

10585 Berlin

Die schönste Turnhalle
5 Carl-Schuhmann-Sporthalle (Charlottenburg)


Turnhalle Schloßstraße 56

Seien wir ehrlich: Die meisten Turnhallen sind reine Zweckbauten, eckige Kästen, deren wenige Fenster meist aus Glasbausteinen bestehen, damit sie nicht von umherfliegenden Bällen zerschlagen werden. Dass es auch anders geht, zeigt die Sporthalle in einer der vornehmsten Gegenden der Stadt, der Schloßstraße von Charlottenburg. Dem Architekten Hinrich Baller gelang das Kunststück, in die bestehende Häuserzeile eine transparente Halle zu integrieren, besser gesagt, zwei übereinander angeordnete Hallen mit organisch wirkenden Fenstern und sich verzweigenden Metallstäben. Mintgrün lackiert wirken sie wie oxidiertes Kupfer. Ihren Namen trägt die Sporthalle nach Carl Schuhmann (1869–1946), dem erfolgreichsten Teilnehmer der Olympischen Spiele von Athen im Jahre 1896. Vier Goldmedaillen hat er dort errungen, und das im wörtlichen Sinnen, gewann er doch nicht nur die Mannschaftswettbewerbe am Barren und Reck, sowie den Einzelsprung am Pferd, sondern zugleich das Ringen. Nach Berlin zurückgekehrt aber wurde er nicht gefeiert, sondern von der offiziellen Turnerschaft verhöhnt, welche das Streben nach Höchstleistungen ablehnte und auch die übrigen englischen Sportarten. Carl Schuhmann hat sich in der Zeit des »Dritten Reichs« vergeblich für seinen Freund und Trainer Alfred Flatow eingesetzt. Weil Flatow jüdischen Glaubens war, wurde er von den Nazis umgebracht.


Häuser von Hinrich Baller finden sich über die ganze Stadt verstreut, man erkennt sie sofort an ihrem typischen Stil, den munter ausschwingenden Balkonen, der Vermeidung des rechten Winkels, der leichten, lichten Bauweise und dem markanten Mintgrün. Wer sich über den Standort seiner Turnhalle mokiert und sagt, das sei doch nichts für die altehrwürdige Schloßstraße, dem sei erwidert: Auch von gekrönten Häuptern ist bekannt, dass sie die Körperertüchtigung lieben. Kaiserin Sissi etwa hatte sich ihr eigenes Fitnessstudio in die Wiener Hofburg bauen lassen. Und wer weiß, würde Sophie Charlotte, die Bauherrin des nahen Schlosses, in unserer Zeit leben, würde man sie vielleicht durch den Schlosspark joggen sehen oder in der Carl-Schuhmann-Halle über den Balken schweben: Gymnastik royale.

Carl-Schuhmann-Sporthalle

Schloßstraße 56

14059 Berlin

Kurt Tucholsky über Berliner auf Reisen
6 Redaktion der Weltbühne (Charlottenburg)


Sitz der ehemaligen Redaktion der Weltbühne in der Wundtstraße 65

Kennen Sie Peter Panter? Oder Theobald Tiger? Oder vielleicht Ignaz Wrobel? Hinter all den Pseudonymen steckt ein und derselbe: Kurt Tucholsky. Er war so produktiv, dass er den Großteil der Weltbühne füllte, der Berliner Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, und sich hinter anderen Namen versteckte, um nicht zu dominant zu erscheinen. Nach dem Tode des Gründers Siegfried Jacobsohn im Dezember 1926 wurde Tucholsky für kurze Zeit sogar selbst zum Herausgeber. Es war die Zeit der Wirtschaftskrise, des Ruhrkampfs. Mit scharfer Feder kämpfte der gebürtige Berliner gegen Revanchismus und Völkerfeindschaft, suchte den Friedenskurs und die Aussöhnung mit Frankreich. Die Weltbühne hatte nicht die höchsten Auflagen, ihr Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung aber war nicht zu unterschätzen. Gerne gelesen wurden nicht nur die politischen Artikel, sondern auch Tucholskys Glossen. Im Januar 1926, noch Korrespondent in Paris, beschrieb er das Benehmen seiner lieben Berliner im Ausland. Hier einige Auszüge aus der Weltbühne:

»Es gibt zwei Sorten von Berlinern: die ›Ham-Se-kein-Jrößern?‹-Berliner und die ›Na-faabelhaft‹-Berliner. Die zweite Garnitur ist unangenehmer. Der nörgelnde Berliner ist bekannt. Er vergleicht alles mit zu Hause, ist grundsätzlich nicht begeistert, und, viel zu nervös, um in Ruhe etwas Fremdes auf sich wirken zu lassen, bekleckert er, was er sieht, mit faulen Witzen. Seine Stadt hat das schöne Wort ›meckern‹ erfunden. Dieser Berliner meckert.

Sein Kollege, der ›Unerhöört‹-Berliner, tut etwas anderes, nicht minder Schauerliches. Ich hab jetzt seit etwa achtzehn Monaten lobende Berliner vor Augen gehabt, und wenn sie anerkennen, machen sie das so:

Der lobende Berliner hebt sich zunächst selbst, wenn er lobt. Sein Lob, das meist kritiklos und unbegründet ist, bringt ihn in innige Verbindung mit dem gelobten Objekt, nach der Melodie: ›Was ich mir ansehe, ist eben immer gut – sonst sehe ich's mir gar nicht erst an!‹

Hat der Berliner aber einmal gelobt, dann gibt’s keine Widerrede und vor allem nichts mehr am Ort, was nun noch des Lobes wert wäre. ›Wenn Se den nich jesehn ham, ham Se übahaupt nischt jesehn –! Dixit.‹

Die Form des Berliner Lobes lässt deutlich erkennen, wie sehr der Tadel in dieser Stadt das Primäre ist – es wirkt immer wie ein ins Freundliche umgebogener, für dieses Mal nicht anwendbarer Tadel. ›Das ist schon sehr begabt!‹ – wieviel Huld, wieviel Leutseligkeit steckt darin! Dies Lob grüßt wie eine dicke Hand aus einer hochherrschaftlichen Limousine.

Bevor der Berliner aber tadelt oder lobtadelt, setzt er sich gestrafft aufs Richterstühlchen, und niemals, unter keinen Umständen, ist er locker und unbefangen. Er will diss nu mal genau feststellen – und die eingezogenen Lippen und das leicht zurückgenommene Kinn demonstrieren, wessen sich das Objekt der Kritik zu gegenwärtigen hat. ›Na, nu zeijen Sie mal, was Sie könn!‹ Worauf sich Notre-Dame, Sacha Guitry, die Seine und die Sonne von Chantilly abzuschwitzen haben.

Und ewig werde ich an das Wort eines Landsmanns denken, der nach vierwöchigem Aufenthalt das Wort der Worte über Paris gesprochen hat. Dieses: ›Paris – wat ist denn det für ne Stadt! Hier jibts ja nich mah Schokoladenkeks –!‹«

Kurt Tucholsky wurde am 9. Januar 1890 in Moabit geboren. An seinem Geburtshaus in der Lübecker Straße 13 erinnert eine Tafel an den großen Publizisten, dessen großes Vorbild Heinrich Heine gewesen ist, eine weitere Tafel findet sich in Friedenau an der Bundesallee 79, wo er von 1920 bis 1924 lebte. Sein Einfallsreichtum war legendär. Um den Verkauf seiner Erzählung Rheinsberg: ein Bilderbuch für Verliebte zu fördern, hatte er auf dem Kurfürstendamm eine Bücherbar errichtet: Jeder, der ein Exemplar erwarb, bekam einen Schnaps dazu serviert. Sein Jurastudium brachte er nur mit Mühe zum Abschluss, er lebte schon ganz für die Schriftstellerei. Als er, zunehmend angefeindet, 1929 Deutschland verließ, schrieb er aus dem Exil Deutschland, Deutschland über alles, eine kritische Abrechnung mit dem dumpf-nationalen, bürgerlich-militärischen Denken vieler Deutscher. An deren Ende aber heißt es: »Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Feier, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.«


Gedenktafel am Haus Wundtstraße 65

Wer war der Mensch Tucholsky? Dazu die hübsche Anekdote einer Buchhändlerin. Ende der Zwanzigerjahre betrat ein sehr normal aussehender, untersetzter, etwas dicklicher Herr ihre Charlottenburger Buchhandlung, trat an den Tisch mit den Neuerscheinungen und suchte sich einige Bücher aus mit der Bitte, sie ihm zuzusenden. Als er seinen Namen nannte, sah die Buchhändlerin erstaunt auf. Kurt Tucholsky! Der bekannte Schriftsteller und Journalist! In ihrer Buchhandlung, konnte das sein? Er lachte und sagte: »Ja, es ist richtig, ich bin Tucholsky – ich seh’ nur nicht so aus!«

Wenig später machte sich Hermann, der kleine Lehrling, auf den Weg, die Bücher zu liefern. Es verging eine Stunde, es vergingen zwei Stunden – Hermann kam nicht zurück. Endlich aber erschien er, mit freudestrahlendem Gesicht. »Wo bist du denn gewesen?«, fragte ihn seine Chefin. – »Na, doch bei Tucholsky.« – »Was, so lange?« – »Ja, als ich ihm die Bücher gab, fragte er mich: ›Was willst du lieber haben, ein Trinkgeld oder dass ich dir was auf dem Klavier vorspiele?‹ Natürlich habe ich gesagt: ›Was vorspielen.‹ Da hat er mich auf den Stuhl gesetzt und sich ans Klavier und hat mir bis jetzt vorgespielt. Es war wunderbar.«

Redaktion der Weltbühne

Wundtstraße 65

14057 Berlin


Kurt Tucholsky

Rogacki – Fisch und mehr
7 Rogacki Feinkost (Charlottenburg)


Von außen unscheinbar: Rogacki Feinkost

Schon Großvater Paul, ein passionierter Angler, verkaufte Fisch. Seit dem Jahr 1928 bepackte er seinen Bollerwagen und zog vom Weddinger Hafen los ins vornehme Charlottenburg, um die Köchinnen der Großbürger mit Flossentieren zu versorgen, an den Freitagen vor allem. Die Nachfrage wuchs, der Bollerwagen wurde immer schwerer und der Weg zunehmend mühsamer. So entschloss sich Paul Rogacki, den Bollerwagen einzumotten und stattdessen in die Nähe seiner Kundschaft zu ziehen. 1932 war es so weit. Die »Erste Charlottenburger Aal- und Fischräucherei« öffnete ihre Pforte. Auch wer nicht mehr gut sah, konnte die Fischhalle nicht verfehlen. Immer nur der Nase nach, die köstlichen Düfte von Rogacki zogen verheißungsvoll durch die Wilmersdorfer Straße. Wer wollte, konnte seinen aus der Spree gefischten Aal zu Rogacki tragen, um ihn dort räuchern zu lassen. Kaum zu glauben: Die gusseisernen Räucheröfen sind immer noch in Funktion. Auf diese Weise, mit echtem Buchenholz, räuchert heute keiner mehr. Für Rogackis Räucherfisch kommen selbst Berliner nach Charlottenburg, die ihren Kiez nicht einmal für die eigene Beerdigung verlassen würden. Aber auch Freunde des frischen Fischs zieht es in das Traditionsgeschäft. Gleich neben dem Räucherofen befinden sich die Fischbecken, in denen Lachsforellen und Saiblinge lustig ihre finalen Runden ziehen. Wer will, kann seinem Mittagessen persönlich in die Augen schauen und mit dem Finger drauf deuten, dann saust der Käscher des Fischmeisters fröhlich hinterher und schon zappelt der Fang im Netz. Ein beherzter Hieb mit dem Schlagstock gegen den Schädel, und der Forelle wird schwarz vor Augen. So bekommt sie nicht mehr mit, wie ihr die Kehle durchtrennt wird, ein schneller, ein gnädiger Tod. Zwischen 70 Fischsorten hat man die Qual der Wahl. Viele Stammkunden kommen wegen einer anderen Meeresfrucht: Gemütlich steht man an den Rundtischen zusammen, lässt eine Zitrone spritzen und schlürft bei einem Fläschchen Weißen genüsslich eine Auster nach der anderen.


Doch nicht nur Freunde von Meeresfrüchten kommen bei Rogacki auf ihre Kosten. In dem weiträumigen Laden, dessen wahre Größe man von der Straße aus nicht vermutet, gibt es neben einem Käsestand auch eine Wursttheke. Ein echtes Kunstwerk ist das Hackepeter-Schwein. Nachdem man ein Schwein geschlachtet und zerlegt hat, wird es durch den Wolf gedreht und aus dem Gehackten sodann formvollendet ein neues Schwein modelliert. Ehrlicher geht’s nicht. Und nicht fröhlicher, blinzelt einem das Hackepeter-Schweinchen mit seinen Olivenaugen doch lustig zu. Auch das Ringelschwänzchen darf nicht fehlen, es ist sogar für Vegetarier geeignet, ist es doch liebevoll aus Paprika gedrechselt.

Wunderbar nostalgisch ist die Inneneinrichtung, schönstes, altes Westberlin. Und so herrlich grün! Es grünt so grün, wenn Rogackis Fliesen blühn. Grüner ist kein Berliner Laden. 1972, zum 50. Firmenjubiläum, hat man die Wände neu gekachelt und damit den Charakter einer Markthalle unterstrichen. Unbestritten ist Rogacki Kult. Gestritten wird nur darüber, wie man den Namen eigentlich ausspricht. Rogakki? Oder polnisch Rogatz-ki? Egal, Hauptsache, es schmetz-kt!


Rogacki

Wilmersdorfer Straße 145/46

10585 Berlin

Des Nachts in Charlottenburg
8 Otto-Suhr-Allee (Charlottenburg)

Um ein Haar hätten wir sie überfahren. Es war schon nach Mitternacht, wir fuhren mit unseren Rädern die Otto-Suhr-Allee entlang, in nicht geringem Tempo, uns fror, wir wollten nach Hause, als wir den Schatten wahrnahmen, gerade noch rechtzeitig. Sie lag mitten auf dem Radweg. Regungslos. Eine Dame mit blondierten Haaren. Wir stiegen ab, berührten sie an der Schulter, sprachen sie an. Mühsam öffnete sie ihre Augen, erwiderte unseren Blick, nicht verwirrt, nicht verwundert, nur müde, sehr müde. Sie hatte getrunken, mehr als sie vertrug, das roch man. Musste auf dem Heimweg von irgendeiner Kneipe zusammengeklappt sein. Nun lag sie hier und machte keine Anstalten, aufzustehen. Was sollten wir tun? Die Sanitäter rufen? »Nein, nein«, sagte sie leise, »ich hab’s doch nicht weit, lasst mich liegen. Geht schon wieder.« Wir fragten nach, so erfuhren wir ihre Adresse, eine Querstraße, keine dreihundert Meter entfernt. »Wir bringen Sie heim.« So halfen wir ihr auf, hakten sie rechts und links unter, geleiteten sie über das Trottoir. Zum Glück schien sie sich nicht verletzt zu haben, ihr Gang aber war mehr als unsicher. Sie sah nicht aus wie jemand, der in U-Bahnhöfen schläft, im Gegenteil, sie machte einen gepflegten Eindruck. Die Kleidung geschmackvoll, Lippen und Lider dezent geschminkt, eine schimmernde Perlenkette, die Fingernägel sorgfältig lackiert. Dann begann sie zu reden. Es sei ihr Hochzeitstag, sie habe ihren Hochzeitstag gefeiert. Alleine. Ohne ihren Mann. Sie habe keinen Mann mehr, er hätte sie sitzengelassen. Es sei nicht seine Schuld, aber auch nicht die ihre. Man solle nicht immer nach der Schuld fragen, das sei ein Fehler.


Des Nachts auf der Otto-Suhr-Allee

Wir hatten die Seitenstraße erreicht. Ihre Wohnung befand sich zum Glück im Erdgeschoss. Wir halfen ihr noch, die Tür aufzusperren. Als wir uns verabschiedeten, drehte sie sich nochmal um. Manchmal würden sich die Dinge so ergeben, das sei eben so. Aber dennoch, wenn man Hochzeitstag habe, müsse man doch feiern, nicht wahr?

Otto-Suhr-Allee nahe Ernst-Reuter-Platz

10585 Berlin

Joseph von Eichendorff – Politik statt Poesie
9 Eichendorff-Denkmal vor der Eichendorff-Schule (Charlottenburg)

Frühjahr 1842. Eichendorff verzieht das Gesicht. Er hatte den Vorsitz des zu gründenden Berliner Vereins zur Förderung des Dombauwerks zu Köln zu übernehmen und nun sollte er auch noch eine Chronik schreiben! Preußischer Beamter im Kultusministerium, ein elender Beruf. Wo bleibt der Freiraum für die Poesie? Ärgerlich schiebt er die Korrekturfahnen seines Taugenichts zusammen. Also dann, eine Chronik des Dombaus! Es wird Abend, bis er endlich die müden Glieder strecken kann. Erschöpft liest er sich das Ergebnis seiner Arbeit nochmals durch:

»Kurze historische Übersicht des Kölner Dombaues von der ersten Grundsteinlegung bis jetzt (1842)

Der erste Grundstein zu dem gegenwärtigen Kölner Dome wurde im Jahre 1248 am fünfzehnten August von dem Erzbischof Konrad Graf von Hochstaden gelegt. Nach dem ursprünglichen noch vorhandenen Entwurfe des Meisters Gerhard, der die französischen Dome genau studiert hatte […]«


Joseph-von-Eichendorff-Denkmal vor der Eichendorff-Schule in der Goethestraße 19–24

Eichendorff stutzt kurz und streicht den Meister Gerhard wieder. Hinweise auf den französischen Ursprung der Baupläne passen wohl nicht so gut in die politische Landschaft.

»[…] sollte dieser ganz aus Quadern auszuführende Bau 500 Fuß lang, im Schiff und Chor 180 Fuß, im Kreuz 290 Fuß breit werden, bis zum Dachfirst über 200 Fuß Höhe, und neben seinem Hauptportale zwei Türme von mehr als 500 Fuß erhalten.

Schon die gleich folgenden Zeiten waren wegen innerer Zerwürfnisse aller Art dem Bau nicht günstig, doch konnte im Jahre 1322, also vierundsiebzig Jahre nachdem der erste Grundstein gelegt worden, am siebenundzwanzigsten September der hohe Chor eingeweiht werden.

Die Säulen des Kreuzes wurden dann bis zu den Kapitellen der Seitenschiffe ausgeführt, die Tür zu dem nördlichen Kreuzflügel wurde angelegt, und am Schiffe und an den Türmen, besonders an dem südlichen, gearbeitet, der im Jahre 1437 bis zum dritten Geschoss fertig war, so dass die neuen Glocken in denselben versetzt werden konnten […]«


Eichendorff betrachtet eine Radierung, auf der die Bauruine zu sehen ist. Sieht schon traurig aus, der Bau! Der nördliche Turm ist nur ein Stumpen, wirkt, als wenn er in sich zusammengeschrumpft wäre.

»[…] es ist derselbe, welcher den Kran, seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen Kölns, trägt. Im Jahre 1735 wurden zwei von den drei über der Orgel befindlichen Giebelfenstern vermauert; von 1739 bis 1742 wurden mehrere den Dächern und Gewölben gefahrdrohende Turmpyramiden ausgebessert oder auch ganz abgetragen und mit ähnlichen Ausbesserungen wurde in den Jahren 1748–1751 und 1788–1790 fortgefahren.«

So, denkt sich Eichendorff, jetzt wird es Zeit, politischer zu werden und die nationale Bedeutung des Bauwerkes herauszustellen.

»Am schlimmsten wirkte sich in diesem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts bei dem Kölner, wie bei fast allen altdeutschen Domen, der damalige sogenannte feinere italienische Baustil aus, der die wenigen verwendbaren Summen für ganz unpassende Verzierungen benutzte. Dann kam mit den französischen Kriegszügen eine schwere Zeit, in welcher während der Jahre 1769–1797 der Dom als Heumagazin diente. In der ganzen Epoche der nun folgenden französischen Herrschaft wurde nur ein Kostenanschlag über die notwendigsten Dachausbesserungen aufgestellt.«

Jawohl, erst bekommen die Italiener, dann die Franzosen ihr Fett ab. Das wird den König freuen! Der Dom, eine französische Scheune!

»So stand es um dieses kunstreiche, ehrwürdige deutsche Bauwerk, als das Rheinland von den Preußen besetzt wurde.«

Moment, stopp, so kann er das unmöglich lassen, »von den Preußen besetzt«, nein, das klang nicht gut. Wer lässt sich schon gerne besetzen? Eine angenehmere Formulierung muss gefunden werden. Hm, wie wär’s damit?

»So stand es um dieses kunstreiche, ehrwürdige deutsche Bauwerk, als das Rheinland mit der preußischen Monarchie verbunden wurde.«

Seltsam, zwar freuten sich die Rheinländer über den Abzug der Franzosen, aber mit den neuen preußischen Herren fremdelten sie noch. Das braucht seine Zeit, denkt sich Eichendorff. Auch in seiner Heimat, dem katholischen Schlesien, hat es eine Weile gebraucht, bis man sich an die Preußen gewöhnt hatte. Jetzt noch ein Hinweis auf den großen preußischen Architekten, der halb Berlin gebaut hatte.

»In welchem Umfang ein Ausbesserungsbau erforderlich sei, ergab sich erst nach wiederholten Untersuchungen, welche von unserem verewigten Schinkel mit ebenso großem Fleiße als eindringender Sachkenntnis vorgenommen wurden. Berechnungen ergaben, dass für die Vollendung des Bauwerks mit Kosten in Höhe von insgesamt fünf Millionen Talern zu rechnen ist. Zur Verwirklichung dieses Planes haben Seine Königliche Majestät schon durch die Allerhöchste Kabinettsorder vom sechsten November 1841 nicht nur für das Jahr 1842 eine außerordentliche Beihilfe von fünfzigtausend Reichstalern bewilligt, sondern auch Allerhöchstige Geneigtheit zu erkennen gegeben, für die folgenden Jahre ebenfalls einen jährlichen Zuschuss von dreißigtausend bis fünfzigtausend Talern zur Verfügung zu stellen, in der Erwartung, dass die von Einzelnen und Vereinen erfolgte Spendenbereitschaft auch weiter anhält.«

Ja, der König! Er hat durchaus etwas übrig für die Kunst, ohne Zweifel! Da fällt Eichendorff ein, er wollte ihm doch noch einen seiner Gedichtbände zuschicken:

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

Das wird dem König gefallen. Noch einige wohlklingende Widmungsworte, dann aber kommt der Taugenichts wieder an die Reihe!

Der Taugenichts erschien 1826 in der Berliner Vereinsbuchhandlung. Eichendorff weilte erstmals im Winter 1809/10 in Berlin. Ab 1831 wohnte er mit seiner Frau und drei Kindern zunächst in der Potsdamer Straße 41 (heute 102), ab 1839 in der Bellevuestraße 7 und in einem Gartenhaus Am Karlsbad 4, nahe der heutigen Staatsbibliothek. 1841 ging es in die Tiergartenstraße 5. Die Häuser sind zerstört und überbaut, das Denkmal vor der Eichendorff-Schule ist frei zugänglich. Ein weiteres Kunstwerk findet sich im Treppenhaus West. Schülerinnen und Schüler haben Joseph Eichendorff viele hundert Mal mit dem Bleistift porträtiert, diese Zeichnungen wurden wie Mosaiksteine zu einem großen Porträt des Dichters zusammengesetzt. Unbedingt sehenswert!

Eichendorff-Denkmal

Goethestraße 19–24

10623 Berlin

Das richtige Mitbringsel
10 Fabrik der Königlichen Porzellanmanufaktur (Charlottenburg, nahe Tiergarten)

Als unsere Eltern Ende der 1960er-Jahre von einem Berlin-Wochenende zurückkamen, brachten sie uns einen gelben Doppeldeckeromnibus mit, der zum Stolz unserer Modelleisenbahnlandschaft avancierte. Über die grüne Rauhaarwiese beförderte er die Passagiere der kleinen Bahnstation zum Berggasthof und brachte echten Großstadtflair in das triste Landleben.


KPM-Porzellanschale

Hat man Kinder zu beschenken, ist der Berliner Omnibus sicherlich immer noch eine gute Idee. Was aber bringt man jungen Leuten mit, die heute doch alles schon haben? Einen Berliner Stoffbären? Das Brandenburger Tor in der Schneekugel? Ein Brösel von der Berliner Mauer, in Gold gefasst?


KPM-Quartier

Entscheiden Sie sich anders. Fahren Sie zum Charlottenburger Tor an der Straße des 17. Juni, in der Nachbarschaft befindet sich KPM, die Königliche Porzellan-Manufaktur. Edle Sachen gibt es hier zu kaufen, den Schinkelkorb zum Beispiel, farbig dekoriert schon für schlappe 15.000 Euro zu haben. Aber natürlich gibt es auch günstigere Porzellankunst, am witzigsten und originellsten die Currywurstschale. Über dieses Mitbringsel freut sich jeder Liebhaber der gehobenen Straßengastronomie. Gekonnt wurden die gewellten Ränder der Pappschachtel von den KPM-Designern nachgeformt, jede Currywurst wird vor Vergnügen platzen, in eine solch edle Schale gelegt zu werden. Natürlich könnte ein Purist einwenden, eine echte Currywurst gehöre in echte Pappe. Porzellan in Wellen zu legen, sei zudem ein Verstoß gegen jedes Formprinzip, die Wellen gäben nur gepappt einen Sinn, weil ungewellte Pappe nun mal nicht stabil sei, Porzellan hingegen schon. Diesen Einwand finde ich kleinlich, besonders zum Ende der Mahlzeit hin. Schon als Kinder habe ich es geliebt, mit den Fingern über die Wellen zu fahren, um auch noch die letzten Reste der von Hertha Heuwer am Stuttgarter Platz in Charlottenburg erfundenen Soße genießen zu können. Finger aber, die über gewelltes Porzellan streichen, wollen gar nicht mehr damit aufhören. Man schließt unwillkürlich die Augen, ein kontemplatives Lächeln umspielt die Lippen und man fühlt sich in den siebten Currywursthimmel gehoben. Einfach mal ausprobieren!


Wurstbude am Stutti


Erinnerungstafel Hertha Heuwer am Stuttgarter Platz

KPM-Fabrik

Wegelystraße 1

10623 Berlin

Die Stalingradmadonna
11 Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (Charlottenburg)

Ostfront. Stalingrad, eisiger Winter, Weihnachten 1942. Die Rote Armee hat die Deutschen eingekesselt, doch noch ergeben sie sich nicht. Im Lazarett steht Dr. Reuber, unaufhörlich werden neue Verletzte in die Zelte getragen, stöhnen und schreien. Dr. Reuber operiert zwölf Stunden am Tag, holt Kugeln und Granatsplitter aus den zerfetzten Körpern, stillt blutende Wunden, amputiert Arme und Beine, versorgt schwere Kopfverletzungen. Vielen ist nicht mehr zu helfen, die Verluste sind ungeheuer.


Stalingradmadonna

Kurt Reuber stammt aus Kassel, wo er am 26. Mai 1906 geboren wurde, als Kind einer pietistischen Familie. Prägend wurde für den Heranwachsenden eine Begegnung mit Albert Schweitzer, der ihm zum Freund, zum Vorbild wurde. Nach dem Abitur entschloss sich Reuber, Theologie zu studieren, 1930 wurde er Vikar in Loshausen, dann in Marburg. Vielseitig interessiert und seit Kindheitstagen gerne zeichnend, besuchte er die nahe Willingshäuser Malerkolonie. Im Jahr 1933 promoviert er an der Marburger Universität zum Doktor der Theologie.

Die Theologie ist ihm nicht genug. Als er im April 1933 Pfarrer in Wichmannshausen bei Eschwege wird, nimmt Kurt Reuber zugleich das Medizinstudium in Göttingen auf. Kein Zufall sicherlich, dass er sich 1938 auch für seine medizinische Promotionsarbeit ein besonderes Thema wählt, Die Ethik des heilenden Standes in den Ordnungen des hessischen Medizinalwesens von 1564 bis 1830.

Dann bricht der Krieg aus. Im November 1942 wird Reuber nach Stalingrad geschickt, wo Ärzte dringend benötigt werden. Kälte und Hunger herrschen bei der Truppe, tief hat man sich in die harte Erde eingegraben, sucht Schutz vor dem ständigen Beschuss, ohne Unterlass steht Kurt Reuber am improvisierten Operationstisch, die Stimmung in der Truppe ist hoffungslos.

Das Weihnachtsfest ist gekommen. Doch wie soll man Weihnachten feiern, hier im Kessel von Stalingrad? Wo nichts mehr durchkommt von der Heimat, keine Briefe, keine Pakete? Dennoch, Kurt Reuber beschließt, die Heilige Nacht zu feiern. Trotz allem, wegen dem allen. Er betritt den Bunker, einen schmucklosen, betonkalten Raum. Kurt Reuber schüttelt den Kopf. So geht das nicht. Ein religiöses Zentrum muss geschaffen werden, etwas, was die Herzen der Männer erreicht und tröstet. Wenn er wenigsten seine Malsachen hätte! Dann würde er ein Ölbild malen, ein Weihnachtsbild. Aber Ölfarben und Leinwand hier im Kessel von Stalingrad? Unmöglich!

Und selbst wenn er was zum Malen findet, was soll er denn malen, was soll das Bild zeigen? Den Klassiker? Den Stall mit der Krippe, die heilige Familie, Ochs und Esel, die Hirten, die Engel, die Könige? Was ist denn das Eigentliche der Weihnachtsbotschaft, worauf kommt es an? All die Schreie der verletzten Kameraden klingen dem Arzt im Ohr. Wonach rufen sie, was flehen sie herbei, wenn sie im Sterben liegen? Die meisten rufen nur nach einem einzigen Menschen, rufen nach der Mutter, ihrer Mutter. Die Mutter soll da sein, soll sie in den Arm nehmen, soll trösten. So wie damals als Kind, wenn man Kummer hatte und Schmerzen litt, wenn man nicht mehr weiter wusste. Die Mutter soll da sein. Dann wird alles wieder gut, dann wird alles, alles wieder gut.

Kurt Reuber beginnt zu improvisieren. Als Papier nimmt er eine Landkarte von Russland, als Stift ein Stück Kohle. Damit beginnt er zu zeichnen, zeichnet ein unendlich zartes, ein geschlossenes Bild, zeichnet nichts anderes als Maria mit dem Kind. Maria hat sich hingesetzt, hält in ihren Armen ihr neugeborenes Kind, hält es eng, hält es warm. Die Gesichter sind einander zugewandt. Um sich und das Kind hat Maria einen Mantel geschlungen, einen Schutzmantel. Ein Bild des Friedens und der Innigkeit. So dünn der Stoff des Mantels auch sein mag, so schützt er doch, hält alles ab, was droht und ängstigt: die Nacht, den Schrecken, den Hass, den Tod. Innerhalb dieses Mantels gibt es nur drei Dinge: Licht, Leben und Liebe. Das ist Weihnachten, das ist die Weihnachtsbotschaft. Kurt Reuber schreibt die Worte neben die Zeichnung: Licht, Leben, Liebe. Dann stellt er das Bild auf und feiert mit den anderen die Heilige Nacht. Für seine Frau notiert er über dem Bild: »Schau in dem Kind das Erstgeborene einer neuen Menschheit an, das unter Schmerzen geboren, alle Dunkelheit und Traurigkeit überstrahlt.«


Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

1943 gerät Kurt Reuber in russische Kriegsgefangenschaft und wird in ein Lager transportiert. Dort arbeitet er weiter als Arzt, versorgt die mitgefangenen Kameraden. Der Hunger schwächt die Gefangenen, die hygienischen Verhältisse sind desolat. Seuchen brechen aus, es fehlt an allem, an Nahrung, an sauberem Wasser, an Medikamenten. Kurt Reuber steckt sich an, wird selbst zum Patienten, bekommt hohes Fieber. Flecktyphus. Es geht über seine Kräfte, am 20. Januar 1943 stirbt Kurt Reuber im Lager.

Und sein Bild? Die Stalingradmadonna? Mit einer letzten Transportmaschine, einer JU 52, wurde es in den Händen eines schwerverwundeten Wehrmachtoffiziers in die Heimat geflogen. Der verletzte Soldat brachte es zu Kurt Reubers Frau.

Viele Jahre später. Bundespräsident Karl Carstens erfährt von dem Bild. Auf seine Anregung wird es am 26. August 1983 der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nahe des Berliner Bahnhofs Zoo übergeben. Betritt man den Neubau der Kirche, diesen in tiefes Blau getauchten Raum, so findet man sie auf der rechten Seite, die Stalingradmadonna.


Innenraum der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (Nachkriegsbau)

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

Breitscheidplatz

10789 Berlin

Marlene Dietrich – Erinnerungen einer Schülerin
Auguste-Viktoria-Schule (Charlottenbrug)

Das Schultor war schwer, erinnerte sich Marlene Dietrich. Man hatte das kleine Mädchen zu früh eingeschult, bereits 1907, sie musste sich mit ihrer ganzen Kraft gegen das Tor stemmen, um es zu öffnen. Schon in der Früh, wenn sie die elterliche Wohnung in der Kaiserstraße verließ und zur Auguste-Viktoria-Schule in der Nürnberger Straße lief, war ihr flau im Magen. Fiel die Schultür hinter ihr wieder zu, fühlte sie sich wie gefangen und die Angst stieg in ihr auf. Nicht, weil das Lernen ihr schwergefallen wäre, im Gegenteil, sie konnte ja schon lesen und schreiben. Marlene hatte vor anderen Dingen Angst: vor den Lehrern und ihren Strafen, vor dem Verlust der Freiheit, vor der Einsamkeit vor allem. Einsam blieb sie nicht nur, weil sie so jung war, einsam blieb sie wegen ihrer natürlichen Scheu, sich einer Gruppe anzuschließen. Unterhielten sich die Kameradinnen in der Pause, tuschelten und alberten sie herum, blieb Marlene alleine. Sie litt darunter, obwohl sie nichts danach drängte, dazuzugehören. Zwar war sie eine gute Schülerin, jedoch ohne Freude am Unterricht. Bereitwillig ließ sie ihre Mitschülerinnen abschreiben, doch auch dadurch änderte sich nichts, sie blieb die stille Beobachterin, die sich nur eines herbeisehnte: die Glocke, die das Ende des Unterrichts bedeutete. Als Gefängnis empfand sie die Schule. Sie sehnte sich nach einem Menschen, der sie verstand, der zu ihr hielt und ihr die Einsamkeit nahm.

Eines Tages, als das schlanke Mädchen mit dem rotblonden Haar in der Pause alleine an einem der großen Fenster des langen Flurs stand und traurig in den Regen blickte, trat eine Lehrerin an ihre Seite, sah eine Weile mit ihr gemeinsam hinaus und sagte dann mit leichtem französischem Akzent: »Hast du einen ernsten Grund dafür, traurig zu sein?«

Marlene schüttelte den Kopf.

»Dann ist Traurigsein eine Sünde.«


Auguste-Viktoria-Schule, ehemalige Schule von Marlene Dietrich in der Nürnberger Straße 63

Es klingelte, die Pause war vorüber und die Lehrerin ging fort. Marlene sah ihr nach. Madame Breguand hatte dunkle Augen und trug ihr schwarzes Haar zu einem lockeren Knoten gebunden. Ihre Worte hatten großen Eindruck auf Marlene gemacht und verwunderten sie zugleich. Madame Breguand kannte sie doch kaum, hatte sie bislang nicht als Schülerin gehabt. Warum hatte sie sie angesprochen?

Ob Madame Breguand mehr gewusst hatte, als die kleine Marlene vermuten konnte? Ob sie gewusst hat, dass Marlene bereits Halbwaise war, dass ihr Vater, der schönste Polizist von Berlin, nach langem Leiden verstorben war? Ob sie ahnte, was Marlene mitgemacht hatte, als sie den geistig umnachteten Vater in der Klinik besucht, ihm zum Abschied die gelbe Haut gestreichelt hatte? Dass man ihr eingetrichtert hatte, ein echtes Berliner Mädchen würde nicht weinen?

Madame Breguand kam jetzt in jeder Pause vorbei, um ein wenig zusammen zu plaudern. Sie war entzückt, als sie hörte, wie gut Marlene schon Französisch konnte. Interessierte sie sich für Marlene, weil sie deren Einsamkeit spürte, weil sie merkte, dass Marlene anders war? Marlene blühte auf. Zum ersten Mal ging sie gerne zur Schule, zum ersten Mal fiel es ihr leicht, das Schultor zu öffnen. War die Pause vorüber, half sie Madame Breguand, die Bücher zu tragen, sprach ein paar Sätze Französisch mit ihr. Bevor sie die Tür zum Klassenzimmer schloss, sah die Lehrerin Marlene noch einmal dankbar an. So leicht war Marlene dann zumute, sie hätte jubeln, hätte singen können. All ihr Bestreben war es nun, ihrer neuen Freundin Zeichen der Dankbarkeit zukommen zu lassen. Sie lernte immer neue Vokabeln, machte ihr heimlich Geschenke: ein blau-weiß-rotes Band, das die Mutter auf einem Ball getragen hatte, einen Strauß Maiglöckchen, leuchtenden Klatschmohn zum 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Als Marlene ihrer Lehrerin ein Parfum kaufen wollte, aber schritt die Mutter ein. Ein solch teures Geschenk würde nur für Verlegenheit sorgen. Oft wartete Madame Breguand nach dem Unterricht noch mit Marlene vor der Schule auf deren Gouvernante. Hoffentlich verspätet sie sich heute, wird sich Marlene heimlich gewünscht haben.


Nicht nur für Blaue Engel: Budapester Straße 2

Marlenes Glück war perfekt, als sie ihren Schutzengel endlich zur regulären Lehrerin bekam. Bei ihr im Unterricht zu sitzen, ihre Stimme zu hören, Geschichten und Märchen aus Frankreich zu lauschen, kein größeres Glück konnte sich Marlene denken. Auch wenn Madame Breguand sie im Unterricht nicht anders behandelte als die Mitschülerinnen, spürte Marlene doch das geheime Band der Sympathie, das jede Französischlektion zum Fest werden ließ.

So freute sich Marlene auch im Sommer 1914 auf den Beginn des neuen Schuljahres. Doch wie groß war ihr Schreck, als sich Lehrer und Schüler in der Aula versammelten. Wo war Madame Breguand? Wo war ihr Schutzengel, ihre Vertraute? Hatte sie die Schulglocke nicht gehört, stand sie vielleicht in der hintersten Reihe? Marlene stellte sich auf die Zehenspitzen, vergebens, das liebe Gesicht fehlte. Dann wurden pathetische Reden gehalten, von Reich und Ehre, vom Krieg, dem großen vaterländischen, der jetzt ausgebrochen war, vom Erzfeind Frankreich, den man bezwingen, von Paris, in das die deutschen Soldaten bald einmarschieren würden. Marlene fing an zu zittern. Plötzlich wurde ihr klar, warum ihre Lehrerin fehlte. Sie ist Französin. Deutschland kämpft gegen Frankreich. Deshalb fehlt sie. Weil sie zum Feind gehört.

Ohnmächtig sank Marlene zu Boden. Man achtete nicht weiter darauf, schob es auf die schlechte Luft in der Aula, flößte ihr Wasser ein. Marlene war eines der ersten Opfer des Krieges. Sie hatte ihre beste Freundin verloren. Sie hasste den Krieg, hasste ihn von der ersten Minute, hasste die Soldaten, die singend durch Berlin zogen, die Frauen küssten, Blumen in ihre Gewehrläufe steckten. Die Schule wurde wieder zum Gefängnis. Aber Marlene fand ihren Weg in die Freiheit: Sie hielt Madame Breguand weiter die Treue, sprach weiter Französisch, auch wenn sie dafür jedes Mal zehn Pfennig in die Klassenkasse zahlen musste. Tief im Herzen bewahrte sie ihr Geheimnis, die Liebe zu Frankreich, zur sanften, vertrauten Sprache, zu einem Menschen, den sie liebte.

Auguste-Viktoria-Schule

Nürnberger Straße 63

10787 Berlin

Tod im Morgengrauen – Clara Immerwahr
13 Haber-Villa (Dahlem)

Sie war nicht gleich tot. Der Schuss war ihr durchs Herz gegangen, noch lebend aber hatte man sie gefunden, in den Morgenstunden des 5. Mai 1915, auf dem Rasen vor dem Wintergarten ihrer Dahlemer Villa. Die Rettung kam zu spät. Clara Immerwahr starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, neben ihr der Armeerevolver ihres Mannes. Eigentlich trug sie seinen Namen, sie ist ja seine Ehefrau gewesen, die Frau eines der größten Chemiker seiner Zeit, Fritz Haber, seit 1911 Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie. Die Ehe ist unglücklich verlaufen, Fritz Haber, zwei Jahre älter, ebenfalls jüdischer Herkunft, hatte die Nähe einer anderen Frau gesucht, hatte am Abend zuvor bei einem Gartenfest intensiv geflirtet, als Clara ihn überraschte. Sie ist in ihr Zimmer, an ihren Schreibtisch, hat Abschiedsbriefe geschrieben. Dann nahm sie den Revolver und trat hinaus ins Freie.

Später hieß es, die begabte Wissenschaftlerin, die erste deutsche Frau, die in Chemie promovierte, sei mit dem Kriegswahn ihres Mannes nicht klargekommen, damit, dass er seine Forschungen in den Dienst der Armee gestellt hatte, in einen teuflischen Dienst. Um die Franzosen an der Westfront in ihren Gräben zu töten, hatte er das Verfahren perfektioniert, Giftgas einzusetzen, Tausende junge Franzosen waren dabei ums Leben gekommen, elend erstickt. Aufgewühlt von dieser Nachricht hatte die Pazifistin protestiert, zum großen Ärger ihres Mannes. Hautnah hatte sie mitbekommen, wie das Gift wirkt, bei Tests in unmittelbarer Nähe der Dienstvilla waren Affen grauenvoll krepiert. Auch bekam sie das Bild der entstellten Leiche ihres Freundes Otto Sackur nicht aus dem Kopf; bei geheimen Forschungen an kriegswichtigen Sprengstoffen im Labor ihres Mannes war es zu einer Explosion gekommen. Liebeskummer, Enttäuschung, das Gefühl, als Ehefrau keine eigene Karriere machen zu können, der furchtbare Giftkrieg … es wird eine Melange von Gefühlen gewesen sein, die Clara Immerwahr in den Tod getrieben hat. Ob sie heute, hundert Jahre später, ihr Glück gefunden hätte?


Haber-Villa, Rasen vor dem Wintergarten

Haber-Villa

Faradayweg 8

14195 Berlin

Das Leben der Anderen
14 Wohnhaus von Georg Dreyman (Friedrichshain)

Ein Oskar. Für einen deutschen Film. Ein seltener Moment in der Filmgeschichte. Im Jahr 2006 wurde er dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck überreicht, für den besten fremdsprachigen Film des Wettbewerbs. Kaum einer, den dieses Meisterwerk nicht angerührt hätte. Es erzählt die Geschichte eines kleinen Schnüfflers, eines grauen, einsamen Menschen, des Stasi-Hauptmanns Gerd Wiesler, gespielt von Ulrich Mühe. Wiesler wird beauftragt, den als politisch unzuverlässig geltenden Theaterschriftsteller Georg Dreyman zu observieren. Hierzu verwanzt er dessen Wohnung und richtet eine Abhöranlage auf dem staubigen Speicher ein. Was Wiesler erst im Laufe der Zeit merkt: Es geht dem DDR-Kultusminister, der die Aktion initiiert, gar nicht um den Theatermann, es geht ihm um dessen Freundin, die Schauspielerin Christa-Maria Sieland. Hinter ihr ist er her, sie will der feiste Mensch ins Bett kriegen. Fein gezeichnet wird der Charakter des im Leben der Anderen schnüffelnden Wieslers, wie er neugierig wird auf eine Welt, die ihm fremd ist, die Welt der Literatur und Musik, wie er Sympathie entwickelt für das Liebespaar, wie er anfängt, an seiner Arbeit zu zweifeln und sie dennoch pflichtgemäß erledigt, bis er beginnt, als unsichtbarer Geist in die Geschichte einzugreifen, den Verfolgten zu helfen und doch die Katastrophe nicht verhindern kann, den Tod der Schauspielerin. Versöhnlich dann die Schlussszene: Nach der Wende entdeckt Dreyman, der in der Wedekindstraße 21 wohnt, dass man ihn überwacht hat. Mithilfe seiner Stasi-Akte identifiziert er Wiesler, der sich sein Geld mit dem Austragen von Wurfsendungen verdient. Dreyman beobachtet Wiesler, nimmt keinen Kontakt zu ihm auf, widmet ihm aber seinen Roman Die Sonate vom guten Menschen unter Benutzung seines Stasikürzel: »Für HGW XX/7 gewidmet, in Dankbarkeit.« Wiesler entdeckt das Buch in einer Auslage, kauft es und schaut hinein.


Wohnhaus Wedekindstraße 21

»Soll ich es als Geschenk verpacken?«, fragt ihn die Verkäuferin.

»Nein«, antwortet Wiesler, »es ist für mich.«


Wohnhaus von Georg Dreyman

Wedekindstraße 21

10243 Berlin

Friedrich Rückert – Berlins erster Gruner
15 Oberbaumbrücke (Friedrichshain-Kreuzberg, verbindet die beiden Ortsteile)

Einer der frühen Ankläger der mit der Industrialisierung einsetzenden Umweltverschmutzung ist der Dichter und Sprachgelehrte Friedrich Rückert gewesen. 1841 von Erlangen an die Berliner Universität berufen, war der geniale Weltpoet, der aus 44 Sprachen übersetzen konnte, entsetzt darüber, wie es in der preußischen Hauptstadt stank, und fand dafür deutliche Worte:

Der Spree ist’s weh;

Sie kann sich nicht entschließen,

In Berlin hineinzufließen,

Wo die Gossen sich ergießen.

Wer mag ihr verdenken?

Sie möcht' lieber, wenn sie dürft’ , umlenken.

Hindurch doch muss sie schwer beklommen;

Sie kommt beim Oberbaum herein,

Rein wie ein Schwan,

Um wie ein Schwein,

Beim Unterbaum herauszukommen.

Oberbaum und Unterbaum dienten einst der Abwehr von Schmugglern. Damit auch die Schiffer ihre Waren ordnungsgemäß verzollten, versperrte man ihnen den Weg über die Spree mit eisenbeschlagenen Baumstämmen. Der Oberbaum versperrte im Südosten beim Eintritt des Flusses die Stadt, flussabwärts sein Pendant, der Unterbaum, im Nordwesten. Die stattliche Oberbaumbrücke erinnert heute noch an die alte Zollstation. Die Unterbaumbrücke befand sich auf der Höhe der jetzigen Friedrichsbrücke nahe des Tränenpalastes.



Oberbaumbrücke

Friedrich Rückert muss man sich als unkonventionellen Menschen vorstellen. Selbst bei Hofe scherte er sich nicht um gesellschaftliche Gepflogenheiten, das bekam auch Friedrich IV. zu spüren, der seine Universität zur bedeutendsten Deutschlands machen wollte. Gerne schmückte der König seine Tafel mit seinen Gelehrten. Als auch Rückert – nolens volens – der Einladung folgte, flüsterte Alexander von Humboldt ihm zu, wo denn der Orden sei, mit dem ihn der König ausgezeichnet hatte. Rückert zuckte die Schultern und erwiderte, das Ordensband habe seiner Frau gefallen, er habe es abgeschnitten, damit es ihren neuen Hut ziere.

Friedrich Rückert ist in Berlin nie recht heimisch geworden und war froh, 1848 in sein geliebtes Frankenland zurückzukehren. Eine steinerne Büste, die einst auf dem Kreuzberg stand, ist leider verschwunden, eine Rückertstraße in Charlottenburg erinnert noch an den frühen Grünen, außerdem existieren Autographen in der Staatsbibliothek.


Friedrich-Rückert-Denkmal, nicht in der Hauptstadt, dafür in Schweinfurt

Oberbaumbrücke

10243 Berlin

Pack die Badehose ein
16 Wohnhaus der Familie Froboess in den 1950er Jahren (Gesundbrunnen)

Eigentlich hatte der Papa das Lied für die Schöneberger Sängerknaben komponiert. Eigentlich. Dann aber besuchte Gerhard Froboess in Begleitung seiner kleinen Tochter Cornelia das Studio von RIAS Berlin. Es war im Mai 1951. Der Sendeleiter, Hans Carste, schenkte der Kleinen eine Tafel Schokolade und wünschte sich dafür im freundlichen Onkelton ein Lied als Gegengabe. Spontan und unbeschwert, wie Conny nun mal war, fing sie sogleich an, drauflos zu trällern. Der Sendeleiter lachte und war begeistert. Daraus musste sich doch was machen lassen! Kurz darauf wurde das gerade mal sieben Jahre alte Mädchen in die Quizsendung Mach' mit eingeladen, Quizmaster war Hans Rosenthal. Ein Lied oder zwei? Warum nicht! Doch das Mikrofon war elend hoch, Conny musste auf einen Stuhl klettern. Dann fing sie an zu singen: O, diese Göre und Pack' die Badehose ein …

Mit dem kleinen Schwesterlein nischt wie raus nach Wannsee! Die Reaktionen waren überwältigend, die Hörer begeistert. Das traf genau den Ton, Berliner Schnauze mit Herz. Sofort meldete sich auch die Plattenfirma bei ihrem Vater. Das war ja viel besser als die Aufnahme mit dem Chor! Da musste unbedingt eine Neuaufnahme her! In einer Kirche wurde der Schlager erneut eingespielt und brach sämtliche Rekorde. So früh zum Star zu werden, ist für viele Kinder eine große Hypothek. Cornelia Froboess aber stieg der Ruhm nicht zu Kopfe. Sie absolvierte erfolgreich eine Schauspielschule und wurde zu einer gefragten Darstellerin. Wie oft sie noch die Badehose einpackt und zum Wannsee hinausradelt, aber bleibt ihr Geheimnis. Vom Haus ihrer Kindheit in der Gottschalkstraße im Ortsteil Gesundbrunnen ist eine Radtour nach Wannsee keine unsportliche Leistung gewesen.


Wohnhaus der Familie Froboess, Gottschalkstraße 27


Conny Froboess als Kinderstar

Wohnhaus der Familie Froboess in den 1950er Jahren

Gottschalkstraße 27

13359 Berlin

Die beste Brezel Berlins
17 Teufelssee im Grnewald (Grunewald)

Über die Qualität der Berliner Backwaren gibt es höchst unterschiedliche Urteile. Gäste aus dem Frankenland, dem Land der Bäcker und Brauer, gehen manchmal recht kritisch mit der Berliner Backqualität ins Gericht. Umso erstaunter war ein fränkisches Pärchen, als es an einem heißen Sommertag mitten im Grunewald am Ufer des Teufelssees lag und ein fliegender Händler Brezeln anbot. Nur weil der Hunger groß war, entschloss man sich zum Kauf – und siehe da! – man wurde auf das Angenehmste überrascht. Warm, duftend, knusprig und dezent mit Salz bestreut, was will man mehr! Von überall strömten die Sonnenbadenden herbei, nackt, halbnackt oder in Textilien, und kauften dem Mann den Korb leer. Witzigerweise ist der Teufelssee ein Himmelsteich, ein Gewässer also, dass allein vom Regen gespeist wird. Unbedingt mal hinausradeln! Die Wasserqualität ist wunderbar, ebenso wie die Qualität der angebotenen Backwaren. Bitte jedoch beachten: Die Brezel nicht aus dem Auge lassen! Und auch nicht Ihr technisches Gerät. Bekanntlich treibt ein Wildschwein am Teufelssee sein Unwesen. Es ist nicht nur hungrig, sondern darüber hinaus auch äußerst bildungshungrig: Das Youtube-Filmchen, wie die Sau einen Laptop klaut, verfolgt von dem nackten Besitzer, hat international für Furore gesorgt.


Am Teufelssee frisch erstandene Brezel samt Pizzazunge

Teufelssee im Grunewald

Im Jagen (am Ende der Teufelsseechausses)

14193 Berlin

Felice Schragenheim – Vom Schwimmen und Untergehen
18 Schwimmhalle am Lunapark (kriegszerstört) (Halensee)

Es stimmt, dass es Theater ist, das Leben,

doch Hauptdarsteller sind wir nicht geblieben;

an Auserwählte werden Rollen nur vergeben,

wir andern dürfen die Kulissen schieben.

Felice Schragenheim


Das Schwimmzeugnis von Felice Schragenheim

Bornimer Straße, Ecke Kronprinzendamm. Ein versteckter Zwickel im Verkehrsgewirr nahe des Halensees. Hier amüsierte man sich einst auf dem Lunapark, Europas größtem Vergnügungspark. An dessen Rand, mit dazugehörend ein beliebtes Wellenbad, die größte europäische Schwimmhalle.

Montag, 4. September 1933. Unbeirrt zieht ein junges Mädchen seine Bahnen, den Blick immer wieder zur Uhr gerichtet. Heute wagt sie den Versuch, heute will sie sich ihr Zeugnis verdienen, die Urkunde im Dauerschwimmen. Die Aufgabe ist nicht einfach. Sie muss es schaffen, ohne Pause 75 Minuten durchzuhalten. Dafür braucht es nicht nur Kondition, dafür braucht es einen starken Willen. Einen starken Willen besitzt Felice. Elf Jahre ist sie alt, die Tochter eines Zahnarztehepaars. Ihr Wille hilft ihr nicht nur beim Schwimmen, er hilft ihr auch, als ihre Eltern tragisch früh sterben.

Die erste halbe Stunde geht schnell vorbei, dann aber wird es anstrengend. Das Wasser ist zwar temperiert, Felice jedoch ist gertenschlank, da kühlt man schnell aus. Zu langsam darf man nicht werden, nur kräftige Schwimmzüge halten einen warm. Felice ist ein sportliches Mädchen, nicht nur im Wasser.

Eine Fotosammlung, Familienbilder. Eine Aufnahme zeigt Felice im Garten, scheinbar mühelos macht sie einen Handstand, lächelt dabei noch. Felice, die Glückliche? Oft macht sie auf den Fotos ein ernstes Gesicht, entschlossen aber und durchaus selbstbewusst. Schon als kleines Mädchen blickt sie so in die Kamera, als Kind am Strand von Norderney im weißen Sommerkleidchen. Unter dem Arm hält sie einen großen Ball, der Schatten eines Menschen zeichnet sich auf dem feinen Sand vor ihren Füßen ab, der Fotograf. Ihre Mutter, ihr Vater? Oder ihr Onkel gar, der große Schriftsteller Lion Feuchtwanger?

Beim Dauerschwimmen muss man zum Kämpfer werden. Der Minutenzeiger kriecht immer langsamer. Noch liegen gut 30 Minuten vor ihr, nun kommt es auch auf die richtige Technik an, nur nicht überanstrengen, nur keinen Krampf bekommen.

Früh schon weiß Felice, was sie werden will, Schriftstellerin und Journalistin. Wer anders kann von der Welt erzählen, von den vielen schönen Dingen, aber auch von den Ungerechtigkeiten? Immer ungerechter geht es auch in Berlin zu. Ein Erlass, wenige Wochen alt: »Badeverbot für Juden am Strandbad Wannsee.« Neben dem Sport sind Bücher ihre Leidenschaft, alles Gedruckte verschlingt sie, mit besonderer Freude auch Gedichtbände, Inspirationen für eigene Verse. Im Jahr 1938, gerade 16 geworden, stellt sie Betrachtungen über ihre Zukunft an. Die Zukunft kann nicht mehr Deutschland heißen, die Zukunft muss woanders liegen, irgendwo in der weiten Ferne, unerreichbar. Was ihr keiner nehmen kann: den Atlas aufzuschlagen und auf Fantasie-Reisen zu gehen, zu träumen, was wäre, wenn: »Es ist gut, dass uns ein Hoffen gegeben, ein Selbstbetrug, durch den man vergisst […]«


Das letzte Foto von Felice Schragenheim zusammen mit ihrer Freundin am Wannsee

Beim Dauerschwimmen muss man die Zeit vergessen, die blöde Uhr. Man muss sich in einen Flow hineinschwimmen, muss an andere Dinge denken, nicht ständig an das, was noch vor einem liegt. Vielleicht ist es ja wirklich so, wie manche sagen, vielleicht ist Hitler bald wieder weg, verschwunden der ganze Spuk, die schrecklichen Geschichten, die ihren jüdischen Freunden passieren. Es gibt doch so viele nette Deutsche, so viele Vernünftige. Sie sind doch nicht alle gleich, nicht alle stramme Nazis. Hat sie selbst nicht viele Freundinnen unter den Deutschen? Überhaupt: Ist sie selbst nicht ebenfalls eine Deutsche? Sie spricht deutsch, sie singt deutsch, sie dichtet deutsch. Was ist man dann, wenn nicht eine Deutsche?

Der Spuk aber verschwindet nicht. Der Krieg bricht aus. Immer mehr Juden verschwinden, wer kann, versucht zu fliehen. Felice stellt einen Ausreiseantrag, will in die USA. Die Antwort der Botschaft: »Bezüglich Ihrer Anfrage wird Ihnen mitgeteilt, dass die Bearbeitung von Visumangelegenheiten bis auf Weiteres eingestellt worden ist.«

Felice kann nicht stillsitzen, kann nicht abwarten. Alles in ihr drängt nach Aktivität. Man muss doch was tun, muss versuchen, den Irrsinn zu stoppen. Schreiben nützt nichts mehr, wer soll es lesen? Mit einer Freundin macht sie einen verrückten Plan. Sie bewerben sich unter falschem Namen bei der National-Zeitung. Ausgerechnet! Der Plan geht auf, sie erhalten Zutritt zur Redaktion, kommen an geheime Informationen, leiten sie weiter an Widerstandskreise.

20. Januar, eine Villa am Wannsee. Unter einem Vorwand treffen sich hohe Nazi-Funktionäre, die Leitung hat SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich. Es geht um die letzten europäischen Juden, um deren Deportation in die Gaskammern. Um das, was die Männer »Endlösung« nennen.

Von all dem kann Felice noch nichts ahnen, als sie am 4. September 1933 ihre Bahnen zieht. Eine Stunde ist herum, der Endspurt beginnt, die letzten 15 Minuten. Was sind schon 15 Minuten, wenn man bereits eine Stunde geschafft hat? Wenn man das Ziel vor Augen hat, wachsen einem neue Kräfte, dann gibt man doch nicht auf, auch wenn es schmerzt, dann kämpft man weiter, Bahn für Bahn.

Nach der Wannseekonferenz jagt man die letzten Juden. Viele halten den Druck nicht aus, begehen Selbstmord. Felice aber hängt am Leben, selbst und gerade jetzt. Als der Deportationsbefehl kommt, täuscht sie den Suizid nur vor und taucht unter. Bei Freunden kann sie eine Weile bleiben, dann lernt sie Lilly kennen, eine junge Mutter, ihr Mann ist an der Front. Lilly und Felice verlieben sich, heftig, leidenschaftlich, Lilly nimmt sie bei sich auf. Jaguar und Aimée nennen sie sich. Manchmal muss Felice heimlich los. Lilly wird misstrauisch, eifersüchtig, macht ihr Szenen, bis Felice ihr gesteht, dass sie Jüdin ist.

Die letzte Bahn, die letzte Minute. Geschafft! Erschöpft steigt Felice aus dem Wasser. Dann hält sie es stolz in der Hand: ihr Dauer-Schwimmer-Zeugnis.

Das letzte Foto. 21. August 1944 am Wannsee. Felice und Lilly in Badeanzügen, nebeneinander, sich liebend in die Augen schauend Am gleichen Tag steht die Gestapo vor der Tür, führt Felice ab. Sie wird deportiert, nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz. Dort verliert sich ihre Spur.

Der abgeschossene Pfeil kehrt nie zurück.

Da ist kein Gott, der seine Spitze wendet –

und was man kühn für ein »Vielleicht« verschwendet,

ist oft das Glück …

Felice Schragenheim


Schwimmhalle am Lunapark (abgerissen)

Ehemaliger Standort Bornimer Straße / Ecke Kronprinzendamm

10711 Berlin

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1 166,72 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
Объем:
285 стр. 176 иллюстраций
ISBN:
9783839267820
Издатель:
Правообладатель:
Автор
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