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Reihe zu Klampen Essay
Herausgegeben von
Anne Hamilton
Johannes Saltzwedel,
Jahrgang 1962, studierte in
Tübingen und Oxford. Heute betreut er kulturgeschichtliche Themen, Sachbücher und klassische Musik beim SPIEGEL in Hamburg. Im Mittelpunkt seiner privaten Interessen stehen Goethe und die klassisch-romantische Geistesgeschichte (»Das Gesicht der Welt. Physiognomisches Denken in der Goethezeit«, 1993), die Antike sowie Rudolf Borchardt und seine Epoche. 2004 veröffentlichte er ein ausführliches Register zu G. A. E. Bogengs Standardwerk »Die großen Bibliophilen«, 2009 edierte er die Mitschrift einer Vorlesung von Hermann
Diels über »Griechische
Philosophie«.
JOHANNES SALTZWEDEL
Finderglück
Mäßig unzeitgemäße
Betrachtungen

Inhalt
Cover
Titel
Reihe zu Klampen Essay
Ins Offene Vom Ideal sprachlicher Bildung
Abschied vom Sequentiellen Notizen zur digitalen Vielfalt (1999)
Vom Weltbild in der Goethezeit
»Die Consequenz der Natur tröstet schön über die Inconsequenz der Menschen« Karl Ludwig von Knebel und Weimar
Ein Billet Goethes vom 20. November 1797
Pünktlichkeit als geistige Lebensform Karl August Varnhagen von Ense und die Bürde der Akribie
Archimedische Dichtung Rudolf Borchardt und das Unzeitgemäße
Mit fortgehenden Noten Anmerkungen über Sinn und Zukunft des Kommentierens
Elementare Bibliophilie
Nachweise
Impressum
Anmerkungen
Ins Offene
Vom Ideal sprachlicher Bildung
Haben Sie schon einmal von einem Pensch gehört, ahnen Sie, was das ist? Die Antwort folgt sogleich – aber vorher zwei kleine wahre Geschichten.
Die erste spielt 1877 in Bingen am Rhein. Sie handelt von einem neunjährigen Jungen, der sich mit den Kameraden auf Dachböden und im Uferschilf ein Königreich ausdenkt. Der Regent im Rollenspiel ist natürlich er selbst, und um die Sache so richtig exklusiv zu machen, führt er in seinem imaginären Staat machthaberisch eine eigene Sprache namens »Imri« ein. Zwei Zeilen davon, nicht mehr, haben sich erhalten. Sie lauten: »co besoso pasoje ptoros/co es on hama pasoje boañ.« Die seltsam hispano-hellenisch klingenden Worte sind bis heute nicht enträtselt, denn ihr Erfinder, der spätere Dichter Stefan George, hat als echter Souverän im Reich von Laut und Sinn keinen Wink zu ihrer Deutung hinterlassen.
Auch in der zweiten Geschichte spielt ein Monarch die Hauptrolle. Am 10. Februar 1910 tritt im Hafen von Weymouth an der englischen Südküste eine farbenprächtige Gruppe orientalischer Würdenträger in Erscheinung: Der Kaiser von Abessinien und sein Gefolge wollen das Flaggschiff der britischen Heimatflotte besichtigen. Als an Bord der »Dreadnought« ein Admiral Uniformen erklärt, stockt der Dolmetscher nach drei Wörtern kurz, doch dann fährt er wie befreit fort: »Tahli bussor ahbat tahl aesqu miss. Erraema, fleet use«– und der Negus erwidert huldvoll, vermutlich etwas wie »Ahmavir umque canoe«. Erst zwei Tage später melden Schlagzeilen, welchem Scherz die Marine der Weltmacht aufgesessen ist. Studenten aus Cambridge, braungeschminkt, in langen Gewändern, mit Turbanen und falschen Bärten ausstaffiert, hatten sich einen riskanten Jux gemacht; mit dabei im kaiserlichen Gefolge war auch ein junges elegantes Wesen namens »Ras Mendax«, in Wahrheit Miss Virginia Stephen, aus der zwei Jahre später Mrs. Virginia Woolf werden sollte. Und geredet hatten die kecken Bildungsbürgerkinder, als ihre wenigen Brocken Kisuaheli erschöpft waren, vorzugsweise in antiken Versen, zum Beispiel aus dem vierten Buch von Vergils Aeneis, »Talibus orabat talisque miserrima fletus … «, oder vom Anfang des Epos, »Arma virumque cano«.
Natürlich soll der Spaß mit den ehrwürdigen Versen nicht als Vorbild hingestellt werden. Aber er zeigt, wie auch Georges seltsames Privatidiom, daß Laute und Sprachklänge ungeahnte Eigenkräfte entwickeln können, wenn sie losgelassen sind. Sprachliches Handeln ist für den Menschen ein durchaus elementarer Vorgang. Auch der ominöse Pensch gehört in diese Kategorie – immerhin ist er eines der ganz wenigen, scheuen Reimwörter auf »Mensch«. Leider verbirgt sich letztlich etwas recht Profanes dahinter, nämlich das unentbehrliche, zentrale Stück eines Lam-pensch-irms.
Zugegeben, die kleine Spielerei ist ziemlich angestaubt; ich habe sie schon als Kind von meinem Vater gehört, der ein Altphilologe ist, und heute wird sie im Internet hundertfach herumgereicht. Aber man spürt daran eben gut, worum es hier gehen soll: Sprache gliedert unsere Weltsicht; Sprache und Bildung gehören zusammen, sie bedingen und fördern einander; von der spielerischen Lust an der Offenheit lautlicher Möglichkeiten und der Neugier auf Bedeutung über die Freude am treffenden Ausdruck und das Horten eines Wortschatzes bis hin zum Bewußtsein poetischer Form erstreckt sich das, was zur Grundausstattung philologischen Sinnes gehört.
Kein Wunder, daß Vorläufer und Verwandte des Pensches schon in antiker Zeit ihr Wesen treiben. Da möchte Ciceros Freund Publius Nigidius Figulus das Wort ›frater‹ aus ›fere alter‹ herleiten (Gellius 13, 10, 4). Sein Zeitgenosse Marcus Terentius Varro, der stilistisch nicht allzu ehrgeizige Vielwisser der ausgehenden Republik, tadelt den Lucius Aelius Stilo, der behauptet hatte, ›lepus‹ rühre von ›levipes‹ her (Gell. 1, 18); Varro selbst wiederum war freilich überzeugt, daß ›ornatus‹ von ›os‹ und ›natus‹ abzuleiten sei (de lingua latina 5, 29, 129). Und auch sein pädagogisch weiserer Erbe, Bischof Isidor von Sevilla, meinte es nur gut, als er in seiner Realenzyklopädie namens »Etymologiae« das Wort ›lucus‹, Hain, analogisch vom Gegenteil herleitete, »quia umbra opacus parum luceat« (1, 29, 3) – übrigens ein direktes Zitat aus Quintilian (1, 6, 34), das seit langem zur spöttischen Formel »lucus a non lucendo« verdichtet ist. So gern wir über dergleichen Etymogelei lächeln, das brave Erklärungsmuster behält seinen Wert als Indiz, daß im Spielen und Spekulieren die Sprache besonders gut gedeiht. Der unermüdliche, unerbittliche Sprachdiagnostiker Karl Kraus hat gesagt: »Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück«– welch ein Ansporn, immer wieder aus verschiedenen Abständen hinzuschauen. Noch im Stammeln, Verhaspeln und verbalen Abarbeiten aneinander baut sich schließlich jeder aus Wörtern seine Welt.
Wie so vieles hat die Antike auch dies längst gewußt. Abenteuernd in ihrer begeisterten Lautsüchtigkeit haben die Griechen mit Wörtern oder Namen jongliert und Begriffswelten geschaffen; auch für die auf Regeln erpichteren Römer ist und bleibt der Kulturmensch in erster Linie ein zῷon lógon e ¢con. Am knappsten und vielleicht schönsten formuliert ist der Gedanke vom Epikureer Horaz, der beim Stichwort der Freundschaft mal eben die menschliche Zivilisation entstehen läßt, allein dank der Sprache:
Cum prorepserunt primis animalia terris,
mutum et turpe pecus, glandem atque cubilia propter
unguibus et pugnis, dein fustibus, atque ita porro
pugnabant armis, quae post fabricaverat usus,
donec verba, quibus voces sensusque notarent,
nominaque invenere; dehinc absistere bello,
oppida coeperunt munire et ponere leges,
nequis fur esset neu latro neu quis adulter.
(Sat. 1,3)
In der klugen Übersetzung von Rudolf Helm:
Als aus der frühesten Erde die Lebewesen entschlüpften,
Stumm noch und häßlich wie Vieh, da stritt man
um Eicheln und Lager,
Erst mit Nägeln und Fäusten, mit Knütteln sodann
und so weiter
Mit den Waffen, die drauf das Bedürfnis ihnen
geschaffen,
Bis man für Dinge und Handlung Bezeichnungen fand,
um die Laute
Und Empfindung in Worte zu formen; vom Kampfe
zu lassen
Fing man da an und Städte zu baun und Gesetze
zu geben,
Daß sich nicht Diebe noch Räuber noch Störer der Ehe
mehr fänden.
Wenn das keine anfängliche Bildung ist, die hier im Zeitraffer von acht Versen vorüberhuscht, was dann? Das sprachhistorische Gegenstück findet sich bei einem Blick ins Deutsche Wörterbuch. Dort errichtet sein Begründer Jacob Grimm 1860 höchstpersönlich auf dem schönen alten Grundstück der ›Bildung‹ ein wohnliches Sinngebäude von vier Stockwerken, die er nach seiner Art mit lateinischen Äquivalenten belegt: Zunächst ist Bildung imago, dann auch forma und species, als nächstes (erst seit etwa 1750) cultus animi und humanitas, schließlich (ungefähr seit Grimms eigener Zeit) formatio und institutio.
Daß Humanitas sprachlich verfaßt sein muß, daß also die ›gebildeten Stände‹, an die schon Schleiermacher und Fichte in Buchtiteln appellieren, ihre Sonderstellung weniger einem materiellen Vorteil, sondern vor allem dem geschärften Bewußtsein für den Umgang mit Wort und Rede verdanken, wird in der liberalen Atmosphäre Berliner Salons, an der auch Jacob Grimm partizipierte, eigentlich als selbstverständlich angesehen. »Der wahre Zwek des Menschen […] ist die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen«, erklärt noch so ein preußischer Kulturbürger, Wilhelm von Humboldt, mit 25 Jahren. Daß dieses Ideal allseitiger Selbstformung in reflektierter Ausdrucksfähigkeit gründet, mußte man nicht mehr eigens hinzufügen.
Dabei kann das sogar ein eminent Sprachbewußter aus dem Blick verlieren. Martin Heidegger hat aus dem Concetto des Novalis, daß die Sprache »sich blos um sich selbst bekümmert«, sein Mantra »Die Sprache spricht« destilliert und von ihm aus zu orakeln begonnen, Sprache sei »lichtendverbergende Ankunft des Seins selbst«. Demgegenüber lohnt es sich vielleicht doch, in Erinnerung zu bringen, daß sich Humboldt als Schüler der Aufklärung von solchem Geschehenlassenmüssen und tendentiell entmündigendem Mystizismus nie anstecken ließ: Bewußter als die meisten hat er ein Leben lang die Sprache gerade in ihrer unüberschaubaren Vielfalt als Kontinuum des Humanen begriffen und ihr um der Bildung willen nachzudenken versucht.
An dergleichen kulturhistorische Einzelheiten könnte sich erinnern, wer das heutige Verhältnis von Sprache und Bildung umrißhaft in den Blick zu bekommen versucht. Fast jede der erwähnten Ansichten scheint nämlich zur gegenwärtigen Theorie und Praxis quer zu stehen. Wohl braucht man nicht gleich einen Zweck des Menschen zu postulieren. Aber daß das Ringen um Ausdruck als Arbeit am Gedanken (sofern man noch weiß, was das bedeuten könnte) etwas mit Humanität zu tun hat, wie Sprache individuellen Charakter und bürgerliches Miteinander erst ermöglicht und welch fundamentaler Wert um dieser Ziele willen dem Spiel mit Wörtern und der Freude an Lauten zukommt, all dies wird im öffentlichen Bewußtsein nahezu völlig verdrängt.
Von Sprachfreude ist sowieso kaum je die Rede, und an die Stelle so verdächtig vollmundiger Begriffe wie Humanität und Bildung sind um der scheinbaren Transparenz und Freiheit von Bevormundung willen nüchterne, nach Möglichkeit meßbare Größen wie etwa das Wissen getreten. Dessen Akkumulation kann man je nach geistiger Wetterlage feiern oder fürchten, sein Vorhandensein suggeriert beruhigende Konkurrenzvorteile, und sollte einmal etwas damit schiefgehen, ist immer ein Experte greifbar, der wenigstens die nötigen Vokabeln kennt; in schweren Fällen bittet man um einen Termin beim Epistemologen. Sprache als geistige Atmosphäre und schöpferischer Impuls, als Anreiz und Aufgabe läßt sich, so scheint es, weitgehend delegieren – in der noch immer gängigsten Sozialtheorie jedenfalls ist die Macht des Wortes virtuos ausgeblendet. Demokraten als Glieder der Wissensgesellschaft sollen da ihre gesellschaftliche Existenz (oder reicht uns für derlei vage Beschreibung etwa noch das ausgeleierte Wort Diskurs?) durch kommunikatives Handeln gestalten, in dem das gemeinsame Bemühen um Wahrheit immer schon vorausgesetzt ist. Ein derart zur Trainingshalle kollektiver Vernunft ernüchtertes Ideal der Öffentlichkeit stellt die Lust am formulierenden Überzeugen, selbst an der Frischluft guten Stils, unter den Generalverdacht der Manipulation und verbannt zugleich jedes ungesteuert freie Spiel der Wortkräfte ins Zwielicht des folgen- und somit nutzlosen Allotrias. Allerdings: Wer spricht, trägt Verantwortung; was ich sage, kann also prinzipiell gegen mich verwendet werden. Diese freudlose, ja angstbesetzte Einstellung hat sich in Sachen des Wortausdrucks während der vergangenen Jahrzehnte zur öffentlichen Normalität entwickelt.
Aus solchen und ähnlichen Gründen mutet das Eintreten für gehaltvollen Ausdruck, zunächst im Deutschen, momentan beklagenswert sektiererisch an. Die intellektuelle Kritik der Rede und Schreibe liegt fast gänzlich brach – rühmenswerte Ausnahmen wie die Bücher des Freiburger Germanisten Uwe Pörksen bestätigen es eher noch. Daß mancherorts für amüsante Ausflüge zwischen Dativ und Genetiv Eintrittspreise wie beim Kabarett verlangt werden, daß anderswo keine 25 Zeilen Sprachglosse mit flinken Ad-hoc-Meinungen der Pflicht genügen müssen, sind nur Randsymptome der Notlage. Die öde, geduckte Verlautbarungsprosa aus Wirtschaft, Politik und Akademie – denken Sie nur an die geradezu realsatirisch anmutende Terminologie der unvermeidlichen Förderungsanträge – scheint teufelskreisartig auch die Medien zu erfassen, um dann, anstatt geläutert zu werden, eilig wiedergekäut den nächsten Umlauf zu beginnen. Ähnlich wie es im Sport regelmäßig um die Bezichtigung neuer Dopingsünder geht, beschäftigt sich die Öffentlichkeit bei Fragen der Wortwahl fast nur noch mit der rituell ablaufenden Skandalisierung politischer Inkorrektheiten. Sich äußern ist riskant; wer Pech hat, dessen Sprachprägung wird vielleicht als »Unwort des Jahres« angeprangert. Also redet man lieber halblaut, en passant, unauffällig. Historisch angestaute Pathosscheu, Flüchtigkeit und fast völliger Mangel an Stilempfinden lassen in unheiliger Allianz die Sprache vergrauen.
Dabei blüht die Freude am pfiffigen Ausdruck gerade im unüberschaubaren elektronischen Mitteilungsalltag bunter denn je: Auf dem engen Raum von Rap-Reimen und SMS, in den 140 Zeichen von Tweets, den Twitter-Botschaften, im Rahmen sozialer Netzwerke, Blogs und anderswo toben sich Wortspieler bisweilen derart aus, daß kein Lexikograph mehr nachkäme. Abseits dieser zahllosen Sonderwelten jedoch scheinen die Sprachtechnologen der sechziger und siebziger Jahre mit ihrem Lernziel nüchterner Verständigungskompetenz einen späten, aber nahezu vollständigen Sieg errungen zu haben. Inmitten der multimedialen Getriebenheit, wo E-Mail und Blogging schon zu den behäbigeren Mitteilungsarten zählen, erschöpft sich die Spracherfindung heute so gut wie ausschließlich im eiligen Gag; Formbewußtsein und die Sicherheit von Kontinuität können erst gar nicht aufkommen.
Das ist sogar sehr verständlich: Wenn erkenntnisförmige Wahrheit, auch und gerade die der sprachlichen Mannigfaltigkeit, etwas ist, das jeder mit anderen für sich machen, über das man reflektieren, ja an dem man arbeiten muß, so wird man zu dieser Einsicht des Giambattista Vico schwerlich auf die Art gelangen, wie wir größtenteils unbewußt miteinander umzugehen trainiert sind, nach dem Muster technisch gestützter Sender-Empfänger-Modelle kognitionswissenschaftlicher, eo ipso kunstferner Prägung. Allenfalls innerhalb der Clique, In-Group oder Fangemeinde, dem Äquivalent der Horde aus grauer Vorzeit, bildet sich ein – dann um so eigenwilligerer – Code heraus, etwa wie viele signalhaft einen Popsong nachsummen; aber trotz der Verschriftlichung auf all den Displays verhallt der Wortaufwand meist im Nu. Sprache und Bildung, einst in der Königsdisziplin der Rhetorik aufs engste verknüpft, erscheinen so nahezu völlig entkoppelt. Ginge das auch anders?
Vor mehr als einem Vierteljahrtausend, im Januar 1757, begann ein siebenjähriger Junge in einer Stube des geräumigen Elternhauses sein erstes »Exercitium privatum« mit der Übersetzung eines Satzes ins Lateinische: »Wenn es regnet, fallen die Tropfen ins Wasser und machen viele Blasen, aus welchen Schaum wird«–»Si pluit incidunt guttae in aquam et faciunt multas bullas ex quibus spuma fit«. Etliche Seiten seines Schulheftes füllt er so mit säuberlicher Schrift. Etwas später hat der Lehrer ihm offenbar aufgetragen, möglichst viele lateinische Ausdrücke für »mori«, »sterben«, zu finden. Es werden stolze 23, von »Naturae debitum solvere« über »obdormire« und »decedere terris« bis zu »vivorum consortio eliminari«.
Nur eine Seite umfaßt diese Stilübung des kleinen Johann Wolfgang Goethe, und sein Lehrer Johann Jacob Gottlieb Scherbius hat ihm dabei mit Sicherheit kräftig geholfen. Dennoch: Hier entsteht eine Sprachwelt unmittelbar aus dem Arsenal rhetorischer Variationslust. Dialoge zwischen Vater und Sohn, die der kleine Wolfgang zur gleichen Zeit ins Lateinische überträgt, malen das behagliche Ambiente am Hirschgraben bis zur Unverwechselbarkeit aus: Da will der Vater in den Keller, um die »vina replenda« zu versorgen, sein Sohn möchte mitgehen, denn er will einmal wieder den »lapidem fundamentalem et clausularem« des Hauses sehen. Gesagt, getan: Beide steigen die Treppe hinab und erinnern sich amüsiert, wie damals beim Hausbau »der Obergeselle … nach Gewohnheit eine Rede« anfing (»Primarius nempe eorum murariorum Ciceronem |: ut solent:| agere voluerit«), aber steckenblieb und ausgelacht wurde. Sorgsam erklärt der Vater danach, welch seltene Weine hier in den großen Fässern lagern, wie man sie aufzufüllen hat und daß der Sohn nur ja mäßig von ihnen trinken solle, damit »solche auf die Zukunft überliefert werden« (»ut aliquando illis moderate utaris et in seram posteritatem illa transferri quoque studeas«).
Noch die säuberlich zweispaltige Reinschrift der kleinen Wechselrede zeugt von der Hingabe ans Detail, mit der hier nahezu spielerisch die Einsicht herangebildet wird, daß, mit Hölderlins unvergeßlicher Wendung, »ein Gespräch wir sind«, daß bis ins Geringste und Privateste der vorhin erwähnte cultus animi, den man doch wohl geistige Kultur nennen darf, nur in sprachlicher Gestaltung vorstellbar sein kann. Für Goethe ist der Fall klar: Wörter finden, Sätze bauen, Ausdruck schaffen, ob Aktennotiz oder freches Xenion, Zigeunerruf oder Sonett und Ghasel, versteifter Dankesbrief oder Großdichtung, das wird der Inhalt seines Lebens werden. Die Grundtatsache aber gilt weit über das zweifellos enorm privilegierte Söhnlein eines Kaiserlichen Rates in Frankfurt hinaus: Je früher einem Menschen bewußt ist, daß – um noch eine berühmte Wendung zu borgen – die Grenzen seiner Sprache die Grenzen seiner geistigen Welt sind, desto mehr kann und mag er dann selbst dafür tun, diese Grenzen immer weiter auszudehnen.
Warum ist dieser Gedanke so sehr in Vergessenheit geraten? Man wird kaum allein sogenannte Bildungsplaner verantwortlich machen können, die Wissensvermittlung nach dem Schema einer volkswirtschaftlichen Abfüllanlage über Kapazität und Auslastung kalkulieren – was beiläufig dazu geführt hat, daß heute nahezu jede größere Diskussion des Gegenstandes schnell auf die Tankstellenfrage eingeengt wird, wie hoch letztlich wohl der staatlich zu veranschlagende Finanzbedarf ausfallen dürfte. Wesentlich, wenn nicht gar entscheidend, beigetragen zur erstaunlichen Sprachvergessenheit ausgerechnet in Deutschland hat sicher weit mehr der prinzipielle Argwohn jedem fulminanten Wort gegenüber, den der doppelte moralische Zusammenbruch und das Schuldtrauma zweier Weltkriege ausgelöst hat. Die Folgen, eine Art Syndrom irreführender Vorbilder, sind rasch skizziert.
Öffentliche Äußerungen am Rednerpult, auf Kanzel oder Katheder folgen zumeist schon unbewußt im Bunde mit dem Publikum einem Komment, der sogenannte Inhalte – als ob die sich von ihrer sprachlichen Darbietung lösen ließen – prinzipiell über Eleganz stellt, ästhetische Formung somit als akzidentiell, als schmückendes Beiwerk begreift, das man nach Bedarf streichen kann wie ein klammes Geldinstitut sein Kultursponsoring. Literarische Anspielungen müssen heute fast immer mühsam erklärt werden, also verzichtet man besser gleich darauf. Clever bis in den Ausdruck hinein auftreten möchten allenfalls noch jargonkranke Akademiker, Manager mit Imponierzwang oder Matadore speziell des Bildschirms, kurz: habituelle Selbstdarsteller. Solchen Verdacht lenkt man ungern auf sich. Kommt hinzu, daß das Thesenragout von Talkshows und die leerlaufende Schlagfertigkeit von Comedy-Formaten ebenso wie der syntaxfeindliche Trott landläufiger Bildschirmpräsentationen jede Mühe um bleibende Worte gleichermaßen beschwerlich, unerheblich und somit aussichtslos erscheinen läßt. Das geschlossene Reiz-Reaktions-System der Wortwechsel reproduziert sich allem Anschein nach selbst; angebliche Originale wirken bestenfalls ein paar Minuten lang originell, dann ist der Zug der Aufmerksamkeitsproduzenten und geschäftigen Facebook-Lemminge auch schon vorüber.
Aber war die Lage früher wirklich weniger trüb? »So ein bißchen Bildung ziert den ganzen Menschen«, heißt es in bitterbös entlarvender, höchst sprachbewußter Rollenprosa schon bei Heinrich Heine – man hört geradezu die virtuellen Anführungszeichen der Ironie. Ganz unironisch hat dann 1872 der junge Philologe Friedrich Nietzsche, ehrlich empört über das »Zeitalter des Zeitungsdeutsches«, vorgeschlagen, in den Bildungsanstalten müßten die »sprachlich verwilderten Jünglinge« (!) einfach »mit Gewalt unter die Glasglocke des guten Geschmacks« gezwungen werden; die Lehrer sollten nicht ablassen, »bevor nicht die geringer Begabten in einen heiligen Schreck vor der Sprache, die Begabteren in eine edle Begeisterung für dieselbe geraten sind«. Was schon damals illusorisch klingen mußte, wirkt heute nur noch kurios – es sei denn, man übersetzt das Unbehagen in die gegenwärtigen Zusammenhänge und den allzu forschen Appell des Zöglings von Schulpforta in den keineswegs abwegigen Einfall, Individualität im Ausdruck wieder angemessen zu schätzen oder schlicht Gespräch und Geschwätz auseinanderzuhalten.
Wer sich das Tag für Tag zumuten mag, hat viel zu tun. Vom sensiblen Erkennen wirklich profunden Ausdrucks bis zur periodischen Zielübung im Kalauern, vom Abschalten des Fernsehers bis zur innerlichen Simultanübersetzung politischer Plastikwörter, vom Zögern vor der Tastatur bis zur Begeisterung über den neuesten Wort- oder Lektürefund: Überall heißt es der bequemen Selbstmechanisierung entgehen, den gewohnten Sozialkorsetten widerstreben, vorgefertigten Wortkonstrukten mißtrauen, unentwegt auf das Seltsame der Rede horchen. Werden Leistungen ausgezahlt oder doch besser erbracht? Hat das Huftsteak etwas mit dem Hifthorn zu tun? Wann wurde aus der Kreuzfahrt ins Heilige Land die Kreuzfahrt rund ums Mittelmeer? Darf man Frau Luna für die schlechte Laune verantwortlich machen? Sind Dutzende Beispiele wirksamer als Dutzende von Beispielen? Einiges läßt sich nachschlagen, doch über vieles kann man nur nachdenken. Auf Schritt und Tritt zeigt sich, daß das, was Robert Musil einmal über die Wahrheit geschrieben hat, mehr noch von der Sprache gilt: Sie ist »kein Kristall, den man in die Tasche stecken kann, sondern eine unendliche Flüssigkeit, in die man hineinfällt«, etwas faszinierend Fluktuierendes, Offenes. Niemand kann pausenlos mit dieser Einsicht existieren. Aber jeder Moment, in dem sie wieder neu zum Vorschein kommt, könnte dauerhaftere oder mit dem neuen Modewort: nachhaltigere Wirkung entfalten als viel geschickte Lehrstoffpaukerei.
Selbst wo sie völlig unbewußt bleibt, kann sich keiner der Tatsache entziehen, daß sprachliche Prägung und sprachliches Vermögen entscheidend sind für Stil und Charakter, ja Kultur und Weltbild. Genaue Sprache gibt weiteren Blick, ein geübtes Mundwerk steigert die Sensibilität und umgekehrt, gute Sprache schärft das Traditionsempfinden, bedachte Rede verdichtet sich zur Individualität. »Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache« schreibt der alte Wilhelm von Humboldt lapidar. »Mit der richtigen Gangart der Sprache … beginnt die Bildung«, ergänzt der junge, tief wissensskeptische Nietzsche. Wohl am einfachsten hat es Kants Gesprächspartner, der sonst so geheimniskrämerische Johann Georg Hamann, formuliert, in einem apokryphen Sokrateswort, das die Kommentatoren bislang nur bei Erasmus entdeckt haben: »Rede, daß ich dich sehe.« Wer sich Maximen wie diese bisweilen in Erinnerung ruft, kann sie als Schnelltest gegen die Floskelflut der verschalteten Welt anwenden.
Zu solcher Arbeit am Logos können nun die alten Sprachen mehr beitragen als wohl jedes andere Fach – gerade weil keiner mehr mit ihnen anfängt, um später sichere Verträge zu entwerfen oder besser in der Welt voranzukommen (obwohl beides auf lange Sicht ziemlich wahrscheinlich ist), weil sie zum Denken in erzählbaren Zusammenhängen und zum Hinhorchen zwingen, weil sie sich vom geheimnisvollen, anfangs vertrackten grammatischen Baukasten bis zur Gründungsinstanz westlicher Poesie und Weltdeutung auf jeder Verständnisebene neu erschließen. Das britische Empire hat gut gewußt, warum es mit Vorliebe altsprachlich Trainierte als Kolonialoffiziere nach Indien oder Afrika sandte: Das Vermögen, Systematik von Wildwuchs, Dissonanz von Einklang zu unterscheiden, dazu Geschmack und Temperament, erst recht die allmähliche Verfertigung witziger oder entscheidender Gedanken beim Reden, all diese nahezu universalen Maßstabsgrößen vermitteln die alten Sprachen in nuce. Der endlos diskutierte, mitunter bis auf Buchlänge ausgedehnte Katalog von Argumenten, mit denen man Eltern überzeugen will, daß ihre Kinder Latein und Griechisch lernen sollen, erscheint mir letztlich als die Entfaltung dieses einen Gedankens: Wer auf Sprache achten lernt und an ihr Freude hat, wird achtsam für die gewachsene, auf Wachstum angelegte Vielfalt des Lebens, und genau das macht Bildung aus.
Natürlich sind die »Jünglinge«, um deren geistiges Wohlergehen der Juniorprofessor Nietzsche ehedem so mächtig besorgt war, nicht nur lexikalisch längst eine Antiquität. Von den vielen, die jeden Tag auch für sich selbst am Begriff sinnvollen Übersetzens arbeiten, werden sich die wenigsten dazu durchringen mögen, den adulescens einfach mal wieder Jüngling zu nennen – es tönt eben allzu deftig nach den Zeiten von Rauschebart und Droschkenfahrt. Wer es aber doch probiert, kann plötzlich einen ganzen sozialgeschichtlichen Mikrokosmos darin wiederfinden, die leise Melodie entschwundener Epochen. Mit Nostalgie hat das nichts zu tun. War denn nicht auch im Wilhelminismus der Jüngling eigentlich schon ein verflixt unalltägliches Wesen – und deshalb für den Blick auf Antikes gerade recht? War er nicht vielleicht schon lange zuvor eine künstliche Figur, silhouettenhaftes Formschema entschlossener Idealisierer? Mag er also ruhig in Anführungsstrichen stehenbleiben, der Gast aus dem muttersprachlichen Jenseits, unwillkommen sollte er nicht sein. Denn wer sich bisweilen solche Auftritte leistet, hält ganz nebenbei sein Gespür für Historizität und Tradition geschmeidig. Ich zumindest bin froh, das Wort Jüngling nicht erst bei Schiller, sondern in einer der frühesten, simplen Lektionen des »Ludus Latinus« kennengelernt zu haben, wo übrigens die deutschen Vokabeln listigerweise noch in Fraktur gedruckt waren. Durchblicke wie dieser führen ganz nebenbei vor Augen, daß, mit Egon Friedells Bonmot, das Altertum keineswegs antik zu sein braucht.
Philologen, speziell Altphilologen, haben die ungeheure Chance, solche Entdeckungen humaner Echoräume spielerisch zu fördern – deshalb ist vorhin der absurde Pensch aufgetreten. Denn Experimentierfreude, Lust auf lautliche Entdeckungen, Spaß an Wortgeschichten, Wortwitz und, jawohl, Redekünste (bei Nietzsche ganz selbstverständlich »Sinn für die Form«) sind nicht nur die besten Helfer dabei, Pensumsdruck zu verscheuchen. Es passiert hier etwas Entscheidendes. Im genießenden Erleben auch der einfachsten sprachlichen Schöpfung fernab aller instrumentellen, taktischen Äußerung tritt die natürliche Poiesis des Wortes hervor, das, was Humboldt gegenüber dem érgon als enérgeia bezeichnet hat, die tätige Offenheit des Ausdrucks selbst. Und es bedarf wohl keiner umständlichen Erklärung, daß diese Offenheit, der im Sprachlichen gründende Möglichkeitsmodus des Denkens, letztlich gleichbedeutend mit dem Humanum an sich ist.
Wie oft und wie gewunden haben die geisteswissenschaftlichen Fächer in den vergangenen Jahrzehnten ihr Dasein rechtfertigen müssen! Wie lange schon glauben sich Sprachen, vor allem die alten Sprachen – vom kleinen Zwischenhoch gerade in den letzten Jahren sollte man sich nicht täuschen lassen – schulpolitisch in der Defensive! Es muß wohl erst wieder bewußt werden, daß es die Aufgabe von Geisteswissenschaften bis hin zur Philosophie nicht sein kann, überlieferte Fragestellungen zu erledigen, sondern sie offenzuhalten für die sprachliche, also gedankliche Vielfalt. Nicht Problemlöser, sondern Problemversteher und Problemgestalter sind hier gefragt. Ist endlich auch die fatale Ungleichung von Bildung und Wissen überwunden, dann wird das lebendige Interesse an Sprache als der Basis jeder menschlichen Offenheit wie von selbst in sein Recht treten – und damit der Eigenwert der alten Sprachen als Uratmosphäre und Ferment europäischen Geistes.
Ein 20jähriger Feuerkopf, der zu einem der am weitesten blickenden, sprachbewußtesten Intellektuellen und Poeten seiner Zeit werden sollte, hat 1754 in Zürich geschrieben, Bildung sei die »Kunst, welche junge Leute lehret, das Gute und Böse vermittelst des bloßen Geschmacks richtig zu unterscheiden«. Ästhetisch fundierte Moral, cultus animi, kein Wissen. Daß dazu Vermögen und Anstrengung der Rede nötig waren, folgte für Christoph Martin Wieland, den Pastorensohn, ganz selbstverständlich aus dem Humanum schlechthin; Sprache als Energie des Miteinander und zivilisierendes Substrat der Bildung eigens vorzustellen wäre ihm, auf den der Gedanke der »Weltliteratur« ursprünglich zurückgeht, und den meisten wachen, rhetorisch versierten Zeitgenossen wie ein seltsam tautologisches Bemühen vorgekommen. In einer Zeit jedoch, da die Begeisterung für guten oder wenigstens treffenden Ausdruck so sehr von Schaltkreisen eingeschnürt ist und der flüchtigen Privatexistenz überlassen bleibt, scheint es geboten, einmal die Stimme dafür zu erheben, daß nur ein bis zum Spielerischen freier, mutig gestalterischer Gebrauch der Sprache kulturelle Neugier und somit Bildung überhaupt gedeihen läßt. Wenn sich die alten Sprachen und ihre zum Glück zahlreichen Fürsprecher dieser Zusammenhänge bewußt bleiben, dann wird die Zukunft ihnen offenstehen.
Abschied vom Sequentiellen
Notizen zur digitalen Vielfalt (1999)
Die Probleme lösen sich
nicht im Begriff,
nur in der Gestalt.
Hugo von Hofmannsthal
In den siebziger Jahren schätzten Fachleute, etwa ein Mensch unter einer Million leide an echter Persönlichkeitsspaltung. Es gab so gut wie keine Literatur, keine Therapie, kaum Fachvokabular. Um 1995 hatte sich die Lage dermaßen verändert, daß Kulturkritiker aufmerksam wurden. Mit kuriosen Fällen von »Multiple Personality Disorder« (MPD) konnte der Psychiater Oliver Sacks ein großes Lesepublikum unterhalten. Der psychische Zerfall in autonome Selbste zur Abschottung meist traumatischer Erinnerung wurde in Boulevardblättern und Talkshows vor allem der USA zum gängigen Thema, für Sozialarbeiter und Psychologen gehörte das Erkennen der Seelenstörung zur Routine, im Internet entstanden Selbsthilfegruppen namens »Divided Hearts« oder »Shattered Selves«, und man schätzte, nicht jeder millionste, sondern jeder zwanzigste US-Bürger zeige entsprechende Symptome. Sozialwissenschaftler suchten den naheliegenden Verdacht zu belegen, daß die angebliche Epidemie, ähnlich wie die Hypochondrie im ausgehenden 18. oder die Hysterie im ausgehenden 19. Jahrhundert, mindestens zum guten Teil ein Produkt veränderter Diagnosemethoden sei. Der Streit um die »Wirklichkeit« von MPD spiegelt, wie der Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking dargestellt hat, auch den Kampf zwischen Berufsgruppen von Therapeuten und ihrem jeweiligen Traditionsanspruch.
Inzwischen ist das Interesse am Krankheitsbild der multiplen Persönlichkeit stark abgeklungen. Aber verwandte Symptome zeigen sich immer wieder. Mindestens so lange wie die Moderne gibt es den Argwohn, »daß der Gedanke von der Simplizität unserer Seele ein geborgter Begriff ist« (Lichtenberg). Doch nun scheint die Furcht nicht nur bestätigt: Der Umgang mit einer Vielzahl paralleler Wahrnehmungswelten ist geradezu die Normalform aktiven Daseins geworden. Von der Installation elektronischer Schrifttafeln oder Bildschirmanzeigen im öffentlichen Verkehr bis zur Steigerung der Beatfrequenz in der Technomusik, vom wirtschaftlichen Gebot für Radiosender, alle paar Minuten die »Klangfarbe« zu ändern, auf daß die Hörer dem Abschaltknopf fernbleiben, über die hakenschlagende Prosa der Vernetzungspropheten bis zur Ästhetik unausgesetzter Bewegung und raschester Schnitte in Actionfilmen und Videoclips: Wo Verzeitlichung nicht unmittelbar in das Nebeneinander mehrerer separater Reize übergehen kann, muß wenigstens ein pausenloser Wechsel der Bilder, Sujets und Intensitätsebenen den Schein aufrechterhalten, daß die aktuelle Erlebnisspanne mitreißend gefüllt sei.
Reizüberflutung zu beklagen ist spätestens seit den zwanziger Jahren ein Topos der Eigentlichkeit geworden. Jenseits solcher Floskeln aber scheint sich unser Verhalten in der und zur Welt tatsächlich zu wandeln: Wir gewöhnen uns an dauerndes Umschalten, an einen Alltag paralleler oder zumindest simultan vorstellbarer Sinneserregungen diversester Art, wie ihn schon die Kaufhausmusik oder ein Telephonat mit dem Handy aus dem fahrenden Zug darstellen. Vorgreifend könnte man behaupten: Die innere Haltung, die solchen für Bürger Westeuropas fast unausweichlichen Situationen entspricht, ist eine im höchsten Grade antimeditative und somit ein Inbegriff, wenn nicht gar die Übersteigerung dessen, was als westliche Lebensform seit etlichen Jahren in die Kritik geraten ist. Eine weitere Entfernung vom asketischen Ideal der Selbstfindung als die momentan im Ästhetischen grassierende Neuigkeitsversessenheit scheint kaum denkbar.
Leicht könnte nun der Multimedia-Mensch als künftiger MPD-Patient porträtiert werden, der zu gesammeltem Aufmerken und entsprechender Hypotaxe in Gedanken und Wortwahl schon heute unfähig ist, weil er seine Umgebung gewohnheitsmäßig als Feld universellen Zappings begreift. Ein Gegenwartskundler könnte die Nervosität schon unter Kleinkindern, das allseits beklagte Abnehmen der Konzentrationsfähigkeit im Schulalter wie des verständnisvollen Lesens unter Studenten mühelos im Typus eines Weltverhaltens summieren, das die kurze rezeptive Aufmerksamkeit, den raschen Konsum fertiger, meist bildförmiger Eindrücke zur Norm erhoben hat. Er könnte hervorheben, daß das pure Aushalten eines möglichst großen Quantums solcher Eindrücke entscheidend geworden ist, daß mithin Bewältigung, und zwar quantitative, das qualifizierende Verstehen übertrumpft oder es wenigstens versucht. Es brauchte nur jemanden diese Flüchtigkeit, dies Schwinden intellektueller Ausdauer postmoderne Zerfahrenheit zu nennen, schon wäre die Bahn frei für reaktionäre Lamenti. Das aber hieße eine Chance vergeben für die Wahrnehmung, wie umfassend die Abkehr von sequentieller Vermittlung, der Hang zur gestückelten Wahrnehmungsvielfalt in unausgesetzten plötzlichen Schnitten unsere ästhetische Situation prägt.
Als Georg Simmel im Winter 1902/03 einen Vortrag über »Die Großstädte und das Geistesleben« ausarbeitete, begann er wie selbstverständlich mit der »Steigerung des Nervenlebens«, die das »Unterschiedswesen« Mensch im Getümmel der Metropolen erfährt. Umdrängt vom »raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke«, kämpft das Individuum auf neue, härtere Art um »die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins«, es setzt dem großstädtischen Panoptikum einen Verstandespanzer der »Reserve« entgegen, hinter dem das seelenhafte Ich als unverwechselbares fortexistieren kann. So sehr es von äußeren Reizen »brutal hin und her« gerissen wird, wahrt es noch im dichtesten Trubel distanzierte Erkenntniseinheit. Simmel, dessen eigener Prosastil bei all solcher Distanz ein Höchstmaß ästhetischer Sensibilität zu bewahren sucht, hat das »sich umgrenzende Ich« (Benn) fraglos zur einzig sinnvollen Antwort auf die unausgesetzte Affektion erklärt: »Wenn der fortwährenden äußeren Berührung … so viele innere Reaktionen antworten sollten … so würde man sich innerlich völlig atomisieren und in eine ganz unausdenkbare seelische Verfassung geraten.« Genau diese unausdenkbare Lage aber ist seit langem auch abseits der Metropolen eingetreten, ja sie gilt heute als unvermeidlich, wenn nicht gar erstrebenswert – wesentlich infolge elektronischer Medien, deren Siegeszug und Definitionsmacht Simmel nicht ahnen konnte.
Unter den Geisteswissenschaftlern sind es zuerst die Linguisten gewesen, die den dynamischen, auf ein jeweiliges Kontinuum zurückgehenden Theoriemodellen der Jahrhundertwende Bestimmungsraster entgegenstellten, die auf diskrete Werte, möglichst gar binäre Oppositionen setzten. Der Strukturalismus, mochte er sich in Randzonen auch gern spielerisch geben, versprach sich von dieser Quantelung geistiger Inhalte viel. Ließe sich die Physik menschlichen Ausdrucks, der Zentralkalkül ideeller Arbeit, mit dem ja schon ein Musil ironisch geliebäugelt hatte, tatsächlich ins Werk setzen, dann verwandelten sich plötzlich viele alte Geistesfragen zu Problemen, denen allein noch die technische Lösung mangelte. Die Folgen dieser Haltung zeigen sich schon in den mannigfachen Spielarten des europäischen Nouveau Roman: Erzählung muß in den Untergrund flüchten, weil eine Versuchsanordnung, vom fingierten Stilleben über die Tonband-Imitation bis zur Inventarliste, die Textoberfläche bildet; diskrete Einzelheiten, statische Szenen und musivisches Dasein sollen authentisches Datenmaterial liefern. Kaum einem der Autoren, die mit avantgardistischem Selbstbewußtsein auftraten, war bewußt, wie präzis ihr gewitztes Kunstwollen wirklich die technische Entwicklung der Erkenntnismittel nachvollzog. Erst heute zeigt sich, daß die Sprachingenieure bloß Teil einer weit umfassenderen ästhetischen Umwälzung waren. Denn heute hat sich die Bevorzugung diskreter statt kontinuierlicher Eindrücke zum Vorwalten digitaler über analoge Darstellung und Wahrnehmung verschärft. Oswald Wiener, der 1970 das durchtrieben komische Experimentalwerk »die verbesserung von mitteleuropa, roman« veröffentlichte, weiß davon. In seinen 1998 erschienenen Vorlesungen zur Theorie der Turing-Maschinen fällt gleich am Anfang so lapidar wie unauffällig der Satz: »Die Zeit teilen wir im Hinblick auf die Maschine zweckmäßigerweise in diskrete Abschnitte, Zeiteinheiten.«–»Im Hinblick auf die Maschine«: Da braucht man noch nicht einmal an die menschlichen Roboter aus den Industriekavernen von Fritz Langs »Metropolis« zu denken, die zur Bewegung im mörderisch rasanten Einheitstakt verdammt sind. Es genügt schon, sich an die Rede vom Ruck erinnert zu fühlen, der durch Deutschland gehen müsse.
Die sinnlichen Aspekte der digital zerlegten Weltauffassung sind oft genug beschrieben worden. Sei es das sprunghafte Auftauchen, Verschwinden und Wechseln von Information, die ihrer Tendenz nach statt sequentieller Erschließung ein graphisch-piktographisches Erfassen im Moment verlangten; seien es Menge, Präzision und im gleichen Maße primäre Beliebigkeit von Zahlgrößen, denen auch dem Gefühl nach der Lebenswert von Berechenbarkeit und Wissen zuerkannt wird: Komplett wie nie zuvor und austauschbar wie nie zuvor, stellen digitale Daten ein Äußerstes an Exaktheit wie an Flüchtigkeit dar, ein präsentisches Perfektum, das allein noch zu vergehen taugt. Der Druckpunkt auf Tastaturen gab einen Vorgeschmack. Inzwischen läßt die Standbildtaste, am Videorecorder selbstverständlich, auch auf normalen Heimfernsehern die Bildpunkte gefrieren und löst so aus der scheinbaren Folge das diskrete Rasterbild eines Moments – verräterischerweise meist des falschen. Mechanisch wechselnde optische Elemente hingegen, Werbebanden im Fußballstadion zum Beispiel, streifenförmig aufgeteilte Plakatanzeigen an Flughäfen oder das Senkrecht-Windrad an der Tankstelle, wirken dank ihrer nachvollziehbaren Kontinuierlichkeit schon zart nostalgisch, so selbstverständlich rechnen die Sinne mit verzögerungsfreiem, digitalem Bildwechsel. Daß sich zwei völlig verschiedene elektronische Porträts durch sogenanntes Morphing computergesteuert ineinander verwandeln lassen, bestätigt durch seine satirische Vortäuschung eines schöpferisch-dramatischen Werdegangs nur, wie weitgehend unsere Eindruckswelt sich jenseits von kausalen und historischen Bezügen in primär zeitlos empfundene Zustandsdaten aufgelöst hat, in ein – anstatt auf Begeisterung – auf rasche, grundlose Faszination angewiesenes Kaleidoskop vieler, vieler bunter ›stills‹.
Aus dieser Richtung gesehen wirken etliche Accessoires der jüngsten Vergangenheit wie Vorboten der kommenden Totalzerlegung. Stroboskoplichter beispielsweise, die Grundausstattung von Discos der siebziger Jahre, gewöhnten mehr als eine Generation an die Entzeitlichung des Moments. Selbst daß Verzeichnisse der Namen, Dinge oder Verhaltensweisen, die gerade als modisch oder überholt gelten sollten, In-und-out-Listen heißen, gemahnt seltsam daran, auf welch dualen, ja nahezu manichäischen Grundlagen das Starsystem beruht, das weithin an die Stelle einer kritischen Öffentlichkeit getreten ist.
Auf den ersten Blick scheint nun die in potentiell unendlich viele Einzelbilder zerteilte Wahrnehmung und Wertung folgerecht zu vollenden, was um die Jahrhundertwende verblüffend einhellig zum Signum moderner Kunst erklärt wurde. Der diskursiv uneinholbare, vom schockhaften Hereinbrechen neuen Sinns schier berstende Augenblick, hier scheint er verwirklicht. Plötzlichkeit der Epiphanie in jedem neuen elektronischen Zeittakt, welch höhere Intensität ästhetischer Erfahrung hätten die Künder momenthafter Kunst noch anstreben können? Erst im Nahblick wird deutlich, daß ihnen nahezu das Gegenteil vorgeschwebt haben dürfte. Ein nur eben noch erfaßbarer diskreter Bildquant, sofort von einem vollständig anderen ersetzt, bringt vielleicht Adrenalin, Rückenmarksnerven und Körpermotorik in Gang. Aber er trägt keine Prägnanz und somit keine Erhellung oder gar Offenbarung, schon, da kein Erfahrungsweg auf ihn zu oder von ihm fort führt. Der unausgesetzte abrupte Wechsel solcher in Daten erfaßter Zustände drängt, indem er die Aufmerksamkeit durch reine Unterschiedsfülle auslastet, ihren Gehalt zurück, bis nur noch ein flackerndes Hintergrundrauschen in der Wahrnehmung übrigbleibt.
Die Apostel ästhetischer Epiphanie, von Cézanne bis Doderer, konnten den Moment des Umschlagens der Einzelheiten in lichtvolle Sinngestalt allein vor dem Horizont sequentiell-narrativen Fortschreitens zum Ziel ihres Werks erheben, einem selten und mit Anstrengung errungenen Ziel. Müheloses, pausenloses Umschalten von Datenquantum zu Datenquantum hingegen wirkt nivellierend; es ist aurafeindlich – und ironiefrei ohnehin. Besonders leicht ließe sich dies übrigens an der sogenannten Archäologie Michel Foucaults zeigen, einer Doktrin, die hierzulande ihren akademischen Einfluß noch keineswegs verloren hat: Scheinbar den Quellen verpflichtet, expliziert man einen ›Diskurs‹, den man dann anderen ›Diskursen‹ wie in einem Maschinenpark entgegenstellen kann; sprachliche Verfaßtheit als solche aber und erst recht der Übergang von einem zum anderen Diskurs bleiben Mysterien, die nur noch mit dem dunklen Faktor der Macht benannt werden können. Wenn aber unfaßbare dämonische Mächte das historische Werden im Vergehen regieren, dann stehen für die Erkenntnis bestenfalls Eindeutigkeiten gegen Eindeutigkeiten: Das in seiner Wandelbarkeit zu Erkennende, Geschichte wie Gesellschaft, zerfällt zu Momentaufnahmen der Fatalität. Als hätte diese schicke Methodik, die unter der Hand das historische Denken abschafft, erzeugt, was sie zu beschreiben angetreten war, so trist mutet zuweilen die Entropie der unzähligen Diskurse an, die mittlerweile nicht nur akademisch ergründet, sondern auch lebensweltlich praktiziert werden.
Beispiele für das alltägliche Nebeneinander der Diskurse gibt es genügend, zumal auf dem Sektor elektronischer Medien. Zwar wird es gern an hochreflektierten Formen erörtert wie den vor Bedeutungskanälen schier berstenden und doch dramatisch-emotional stillgestellten Filmschaukästen Peter Greenaways. Schon ganz alltägliche Umstände jedoch sind lehrreich genug. Mit dem Aufkommen von Bildschirmarbeitsplätzen beispielsweise war ein wichtiger Schritt weg von der sequentiellen, nach der Einfalt der Schreibhierarchie geordneten Verwaltung getan. Sofortige Verfügbarkeit schien dem Sachbearbeiter in manchen Momenten Zauberkräfte zu verleihen. Doch mit der Machbarkeit kam die technische Entfremdung vom Gegenstand. Fiel das Computersystem aus, blieb nur der Ruf nach dem Fachmann, während die Arbeitsleistung der Terminalnutzer zwischenzeitlich auf den Binärwert Null fiel. Seit von 1981 an der PC geläufig wurde, sind wir über diese frustrierend diskreten Zustandsgrößen hinaus mit einer Fülle weiterer Grundeigenschaften digital zerlegter Wahrnehmung vertraut geworden: Zeichen auf dem Bildschirm brauchen keineswegs einer inneren Realität zu entsprechen, ebensowenig dem, was hernach ein Drucker zu Papier bringt; es empfiehlt sich, vom Tätigkeits- und Gedankenfluß des öfteren ein Zwischenbild in Form der Sicherheitskopie zu hinterlegen, denn bei einem »Absturz« könnten ungesicherte Daten, gar Gedankenblitze, spurlos verschwinden. An die plötzliche Verfügbarkeit von Informationen über eine Datenbank wie an das plötzliche Ende solcher Verfügbarkeit – etwa weil die Zugangssoftware nicht mehr mit dem neuen Betriebssystem des Computers harmoniert – hat man sich binnen weniger Jahre bis zur Gleichgültigkeit gewöhnt; ebenso daran, daß die Elektronik einen im Moment des Manipulierens absorbiert, zwischendurch jedoch gelangweilt läßt – weswegen bei Computerspielen die zu meisternden Abenteuer als Trommelfeuer hereinbrechen.
Diesen Äußerlichkeiten entspricht ein Wandel im Verhältnis zu geistigen Inhalten. Daß Ideen immer selbstverständlicher wie temporär funktionale Zustandsgrößen aufgefaßt werden, braucht nicht erst ein Kunsthistoriker zu demonstrieren. Galt früher der Wechsel von Theorien als mühsam gebahnter, ja durch Gewissensnöte freigekämpfter Weg, so muß heute kein Intellektueller seine Bahn im edlen Streit ums Richtige und Gute rechtfertigen, da es niemandem mehr auf- oder gar mißfällt, daß er schlagartig seine Voraussetzungen gewechselt hat. Selbst kanonische Bild- und Sprachformeln können angesichts dieser immer nur für den Augenblick stabilen Fixierung ihre äußere Beständigkeit einbüßen. Momentane Wirkung zählt, nicht gesicherte Form. Zu einem Text, also einer Menge per se arbiträrer Zeichen erklärt, damit aller Schwere von Endgültigkeit ledig, geht die äußere Erscheinung auf Distanz vom eigentlichen Ausdrucksgehalt. Sie wird ein jederzeit verbesserbares Make-up, ein Film, der Umschnitte verkraften muß. Sinn dagegen hält sich fortan hinter vielen möglichen Versionen skizzenhafter Ausfertigung verborgen. Zwangsläufig löst er sich so von dramaturgisch-sequentieller Eindeutigkeit und wandert ab in die kleineren Bestandteile, die jeder für sich, aber nie über sich hinaus Geltung beanspruchen können. Textbausteine für Geschäftsbriefe wie auch die Modularisierung ganzer Firmenstrukturen sind nur erste Spuren dieser Denkhaltung. Die Separation in momentane Machbarkeiten wird weitergehen – wohin, bleibt offen. Sicher freilich ist, daß ein Werkzeug den Umgang mit mentalem Gut wesentlich in die Richtung einer pluralistischen und punktualistischen Ästhetik treibt: das Betriebssystem Windows und seine elektronischen Verwandten.
Wer Windows nutzt, kann dank Multitasking prinzipiell so viele Programme starten, wie der Hauptspeicher seines Computers bewältigt; er kann sich praktisch verzögerungsfrei gleichzeitig als Briefschreiber, Buchhalter, Konstruktionszeichner und Golfspieler betätigen. Nahezu jede Art beruflicher und privater Rolle ist parallel verfügbar. Eifrig studieren Soziologen die künstlichen Welten sogenannter MUDs (Multiple User Dungeons, vornehmer Domains), sozialer Phantasiereiche im globalen Datenverbund, die sich aus Anfängen in Kampfspielform zu regelrechten Gruppenexperimenten entwickelt haben, ja sogar schon gelegentlich Ausbildungszwecke erfüllen. Zumindest jemand, der solche Rollenwelten ins Leben ruft, kann die Mitspieler und ihr Schicksal jederzeit überwachen. Selbstbestimmung gestattet der Datenraum stets nur mittelbar, dafür jedoch unbegrenzt – um den Preis, daß noch die absorbierendste Betätigung in der elektronischen Kulissenwelt lediglich das Manipulieren von Bytes bedeutet und der Ausführende das auch weiß. Wie hoch dieser Preis für den Begriff von menschlicher Identität tatsächlich ist, zeigt neben vielem anderem das beharrliche Fortleben einer Kognitionswissenschaft, in der durch Rückschluß menschliche Einsicht und Schöpferkraft allen Ernstes analog zur Häufung und Umwälzung diskreter Daten gedeutet werden. In solcher a priori endlichen Welt aus immer schon potentiell bekannter, da irgendwo gespeicherter Information kann nur die möglichst rasche Verknüpfung möglichst entlegener Daten Originalität beanspruchen, womit man noch vor das frühaufklärerische Denkmodell vom ›Witz‹ als Inventionskraft zurückgefallen ist. Die Münchhausen-Ideologie der radikalen Konstruktivisten vollendet diesen abgeschlossenen Bau zu klinischer Reinheit.
Aber das datentechnisch fundierte Denkmuster beliebig umschaltbarer Zustandsbilder hält nicht bloß einige Spielsüchtige und Theoretiker gebannt. In nahezu allen aktuellen Erkenntnisfragen setzt die öffentliche Argumentation »Grundwerte« als diskrete Größen voraus, die, Parametern vergleichbar, primär wertfrei statuiert und umgeordnet werden können. Ob es um die Ozonschicht geht oder um den Arbeitsmarkt: Alles hängt von den Prämissen ab, und die scheinen dem geläufigen Dezisionsdenken zunächst und im Prinzip frei wählbar. Auch daß jeder Eingriff das unüberschaubare Ganze betreffen muß, daß Kalkulierbarkeit folglich nie mehr als eine schöne Hoffnung bleiben kann, gilt unter den Klein-Demiurgen aller Couleur längst als technologische Binsenweisheit. Wirkung bleibt mittelbar, darum kommt es so sehr auf die Wahl der Grundelemente an – eine Spätversion des axiomatischen Optimismus vom Anfang des Jahrhunderts, die vergessen läßt, daß ihre unbekümmerte Resignation aufs Vielfältige ein Schema digitaler, als Nebeneinander imaginierter Wertigkeiten geradezu voraussetzt.
So möchten beispielsweise ungezählte Schreibende und Redende durch politisch korrekten Sprachgebrauch dazu beitragen, angebliche Diskriminierungsnachteile auszugleichen. Ob die bewußte Entscheidung fürs schriftliche und mündliche Tabu tatsächlich im angestrebten Sinne wirkt, würden zwar höchstens einige Aktivisten beschwören; alle übrigen hoffen mit systemischer Ungewißheitsmarge. Doch selbst ihren Gegnern wird kaum je bewußt, daß schon die Annahme, sich im Ausdruck frei entscheiden zu können, auf der Verengung kultureller Zeichenhaftigkeit zu diskreten Größen beruht. Wer aus unbewußter Überzeugung die Geschlechterpolarität als feste Werte wie Null und Eins, oder weniger freudianisch als A und B, beschreibt, benötigt etwa für die darin zunächst nicht vorgesehenen Übergänge plötzlich eine komplizierte Mehrwertigkeit, die auszutüfteln so viel Zeit kostet, daß das Ergebnis mit entsprechend scholastischem Stolz verkündet wird. Das Weltknäuel aus Hautfarben und Herkunftsregionen fordert, sobald unser Gleichheitsideal ihm präzise Individualwerte abverlangt, erst recht einen sprachtheoretischen Vorbehalt, der oberflächlich gesehen zu universaler Einfühlung, tatsächlich aber zu sprachlichen Billiglösungen führt – schon deswegen, weil für wirklich humane Praxis, für eine Haltung der Wesentlichkeit schlicht die Zeit fehlt. Paradoxerweise schlägt so das unabschließbare, eben historisch offene Bemühen, Individuelles zu respektieren, in Pauschalisierung um, und es beginnt, fatal an die Hoffnung zu erinnern, daß zur Aufklärung, ganz gleich was man so nennt, bloß der rechte Lichtschalter gefunden werden müsse – einer dann natürlich dauerhaft, also endzeitlich, undialektisch, ja unhistorisch gedachten Aufklärung.
Selbst die so kraftvoll wiedererwachte Sehnsucht nach Moralstandards ist anfällig für derlei digitale Schemata. Kataloge von Primär- und Sekundärtugenden, ob an Umfragezahlen erläutert oder vom Katheder deduziert, wirken schon wegen der Einteilung menschlichen Verhaltens nach diskreten Kategorien wie unverbindliche Augenblicksmodelle. Ihre Wirksamkeit kommt der Art nahe, wie das Stadtplanungsspiel »SimCity« soziale Standards repräsentiert: In diesem schon klassischen Computerspiel, zumindest seinen frühen Versionen, bemißt sich Wohlergehen an Produktionsziffern, Verkehrsströmen und Siedlungsvortrieb, die öffentliche Moral ist an der Dichte der Polizeiwachen abzulesen, und der allmächtige virtuelle Bürgermeister – de facto der Spieler am Bildschirm – muß mit Unruhen höchstens dann rechnen, wenn er die Steuern erhöht. Und steckt nicht auch im vieldiskutierten Begriff »Multikulturalismus« schon die Annahme, daß kulturelle Eigenarten eine in sich wertentrückte Grundmenge gleichrangiger Optionen bilden? Läßt nicht der vornehm desinteressierte Ton all die vielen historisch erstrittenen und erlittenen Konturen von Identität so abgrenzbar erscheinen wie Programmkanäle im Kabelfernsehen und ihre Pluralität so erhaltenswert wie die bestialische Artenfülle im Zoo? Drängen wohlmeinende Toleranzformeln à la »Weltethos« das Charakteristische der angeblichen Kulturen nicht derart zusammen, daß vom Schicksal des Werdens eine Kollektion von Vorurteilsmasken übrigbleibt, nach deren befremdender Besichtigung man höchst indigniert ist, daran erinnert zu werden, daß auch die eigene schwerlich abnehmbar oder gar auszuwechseln wäre?
Wie in diesen Fällen die Menge des scheinbar Verfügbaren, Fertigen, Optionalen unbemerkt zu schlechter Pluralität gemindert wird, so neigt unsere digital brüchig gewordene Wahrnehmung zur Radikalform jener »Blasiertheit«, die Georg Simmel am überforderten Metropolenbewohner gewahrte. Abgebrüht davon, daß niemand mehr ihm garantieren kann, ob die neue Version seines PC-Betriebssystems »stabil« läuft oder nicht, überrascht es den Manipulateur von Datenzuständen kaum noch, daß soziale und geistige Betriebssysteme zuweilen ebenfalls abstürzen. Unwillkürlich nimmt er an, daß auch jenseits der Festplatten für den nötigen Ersatz an Lebens- und Gedankensoftware gesorgt sein dürfte: Die Experten werden schon ein neues Modell liefern, auch wenn ihr nächstes Produkt genauso eine mit Fehlern durchsetzte Betaversion sein mag. Wer dennoch, statt sich cool dieser entbürgerlichenden Vergleichgültigung zu fügen, Wahrheit im Singular verlangt, ist wirklich selber schuld – vielleicht ohnehin jeder, der von irgendeinem der vielen Zustände auf dem geistigen Bildschirm mehr verlangt als ein meßbares Quantum Hirnstimulation. Charakteristischerweise sind Aufsatzsammlungen, in denen Widersprüchliches nach Proporzregeln nebeneinander stehenbleibt, in fast allen Geisteswissenschaften zur beliebtesten, da raschesten Publikationsart avanciert: Wähle jeder, aus welchen Gründen und Traditionen auch immer, die ihm gerade genehme Les- und Denkart, ganz wie in seiner restlichen Wahrnehmungswelt üblich; übermorgen werden neue Bilder die heutigen ohnehin vollständig überschreiben. In den Künsten ist diese Verabschiedung des Unbedingten zugunsten der Resignation auf ein virtuelles System schon alltäglich. Kaum absehbar, was solche Haltung aus dem Begriff der Geschichte insgesamt macht.
Am nachhaltigsten aber wirkt sich das digitale Flimmern, der Abschied vom Sequentiellen, auf den Begriff des Wissens selbst aus. Wissen steht der diskret meßbaren Akkumulationsgröße Information so nahe, daß schon aus praktischen – von physikalischen bis administrativen – Gründen seine Verwaltung und Verfügbarkeit wichtiger werden als jede inhaltliche Klärung. Nicht was und wozu, sondern wieviel und wie rasch man weiß, gilt als Stärke, ja noch die Geschwindigkeiten der Informationsströme oder die Angabe, in wie wenigen Jahren sich »das Wissen« der Menschheit schon wieder verdoppelt habe, signalisieren beruhigenden Reichtum. In vielen, auch der Wortwahl nach repräsentativen Studien ist vom kulturellen Kapital des Wissens die Rede, vom Aufbruch in die Wissensgesellschaft und davon, daß Wissen als Problemlösungsmittel füglich »vernetzt« werden müsse wie die Computer. Solch von Experten verschaltetes Wissen, dessen einheitliche Intensität und freie Abrufbarkeit seine Hauptvorzüge ausmachen, ein positivistisch egalitäres Wissen im krudesten Sinne der »natural sciences«, ist von Erkenntnis längst auch seiner Anmutung nach so verschieden, daß der gelehrten Betrachtung allenfalls seine Strukturen (mit Foucault gesprochen) und Stadien – Entwicklungsphasen wäre schon zuviel gesagt – einer Untersuchung würdig erscheinen. Konnte Robert Musils General Stumm von Bordwehr noch über dem endlosen Prospekt geistiger Gehalte und Hierarchien in der Staatsbibliothek tragikomisch resignieren, so hinterläßt die endlose Parataxe des Wissens von heute nur mehr vagen Appetit auf ein ganz anderes. Das leichthin verkündete Wort von der Entwertung des Wissens gewinnt Profil, sobald man sich klarmacht, mit welcher Mühe etwa Philosophen gegenwärtig eine Ahnung davon zurückzugewinnen trachten, was ein Sonnenuntergang ist. Noch das am wenigsten digital erfaßbare Grundverhalten des Menschen, seine urtümlichste Traditionalität, das Erzählen, gerinnt durch die postmoderne Rede von sinnstiftenden »großen Erzählungen« zur Sammlung austauschbarer, verwechselbarer, wiewohl angeblich magisch bindekräftiger Bilder.
All diese Aspekte erscheinen gebündelt in der ästhetischen Form des Internets. Seine jederzeit abrufbaren Datenzustände tragen Zeit-, also Verfallsstempel. Seine kaum begrenzten Wachstumsreserven zwingen dazu, möglichst exotische, unverwechselbare Namen für Personen und Institutionen zu verwenden, damit sie im ungeheuren Zeichenindex der Suchmaschinen nicht begraben werden. Häufigste Erscheinungsarten historischer Kontinuität im Internet sind Katalog und Update, also pures Nebeneinander und totaler Ersatz – jene beiden Formen von Vielfalt, die am wenigsten Sequentialisierungsmühe erfordern. »achtung: was besteht, ist veraltet«, schrieb der schlitzohrige Oswald Wiener 1969 – sein subversiv gemeinter Satz, hier ist er Ereignis, ja Prinzip geworden. Kaum etwas fürchten Anbieter im World Wide Web so sehr wie das Image, ein Klassiker zu sein. Was schon vergangenes Jahr »ins Netz gestellt« wurde, trägt unwillkürlich den Makel des rettungslos Überholten, selbst wenn es ein Verzeichnis aller römischen Konsuln sein sollte. Mit moderaten, periodischen Überarbeitungen ihres Layouts versuchen die gefragtesten Websites, dieser vor dem Fernsehschirm antrainierten kleinen Neugier aufs optisch Ungewohnte entgegenzukommen. Als kameradschaftliches »work in progress« auftretend, sehen die weniger dilettantisch geplanten Wissensreserven im Internet sich gezwungen, in möglichst kurzen Abständen ein frisches »What’s new«-Angebot zu präsentieren: Wissen folgt hier dem Vorbild des Nachrichtentickers. Das Internet ein »kulturelles Gedächtnis« zu nennen, das sagt einiges über den Zustand von Kultur und Gedächtnis.
Verwechsle darum niemand den Internet-Surfer vorschnell mit jenem scheinbar ähnlich verpflichtungslosen Helden der Moderne, dem Flaneur. Beschritt dieser seine Passage vor dem Hintergrund historischer Identitäten, der beobachteten wie der eigenen, nahm er sie wahr als ein Kontinuum und Ensemble von Stimmungen und Nuancen, so vollzieht sich das angebliche Gleiten des Surfers tatsächlich als von Klick zu Klick diskontinuierliches Springen ins Ungewisse der nächsten digitalen Bildinformation. Spähte der Flaneur nach Valeurs, so ist der Surfer ein habitueller Umblätterer von selbstzweckhafter Eile und Zerstreutheit, ein »user«, der von Schlagzeilen oder optischen Effekten aufgehalten werden möchte und dem alles, was die Zeichenmenge eines Bildschirms überschreitet, suspekt werden muß. Die pure Vielfalt des Verfügbaren läßt sehende oder gar engagierte Betrachtung einfältig erscheinen; zum Ziel führt allein kühles, rasantes Durchmustern. Und weil das Internet ein All allzeit scheinbar aktueller Resultate ist, ein Arsenal des Fertigen, mit dessen Fülle jeder Nutzer nur noch fertig werden, zurecht und zu Rande kommen will, entspricht es aufs Genaueste einer Auffassung von Wissen, der Geltung, Gehalt und Gestalt vorderhand gleichgültig, Verfügbarkeit und Vielfältigkeit indessen heilig sind.
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