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Baupläne der Schöpfung
Hat die Welt einen Architekten?
Johannes Huber
Walter Thirring

Unter Mitarbeit von Cornelia Faustmann

unveränderte eBook-Ausgabe

© 2020 Seifert Verlag

2. Auflage der vollständig überarbeiteten und erweiterten Fassung der Ausgabe von 2011

ISBN: 978-3-904123-30-3

ISBN Print: 978-3-902924-84-1

Umschlaggestaltung: Markus Haralter, Union Wagner, Wien

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Inhalt

Vorrede zu dieser Ausgabe

1. Teil

1. Die Vermessung der Transzendenz

2. Weltwissen und Weltanschauung

3. Glaube und Wissen, ­lange Zeit eine Einheit

4. Spekulative Physik und gläubige Vernunft

5. Die Unschärfe des Augenblicks

6. Reicht die Quanten­physik bis in die Biologie?

7. Feuerbach und die Brandstifter

8. Prägende Umstände

9. Gehirn. Genom. Geheim

10. Der epigenetische Code

11. Die Entstehung einer Religion

12. Inkarnation – der Mensch wird Teil der Offenbarung

13. Die Subjektivität der Transzendenz

14. Die Entstehung der ­heiligen Schriften

15. Paulus der Aufklärer

2. Teil

16. Ist Ethik noch zeitgemäß?

17. Das egozentrische Weltbild

18. Rückkehr der religiösen Melodien

19. Schuld und Sühne, ein ­europäisches Motiv

20. Das vierte Gebot

21. Das fünfte Gebot

22. Das sechste Gebot

23. Das siebente Gebot

24. Das achte Gebot

3. Teil

25. ­­Naturwissenschaftliche Weltbilder

26. Zufall oder Plan

27. Der Urknall

28. Die Geburt der Materie

29. Die Sterne

30. Die Planeten

31. Evolution der Materie

32. Von Naturgewalten zu Göttern

Nachwort

33. Literatur

Vorrede zu dieser Ausgabe

Im Jahre 2010 durfte ich mit dem international angesehenen Physiker Walter Thirring in einen Diskurs über die Rechtfertigung des Gottesglaubens treten. Die Frucht dieser Auseinandersetzung fand ihren Nieder­schlag in dem 2011 erschienenen Buch »Baupläne der Schöpfung. Hat die Welt einen Architekten?«, das sich vornehmlich an eine akademische Lesergemeinde wandte.

Seither hat sich die allgemeine Debatte zu diesem Thema womöglich noch zugespitzt. Gretchens Frage an Faust »Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?« scheint brennender denn je. Dies machte es notwendig, das Thema, ergänzt um jüngste Erkenntnisse und in allgemein verständlicher Sprache, einem breiten Leserkreis anschaulich vorzutragen.

Noch vor seinem Tod 2014 hatte Professor Thirring angeregt, dieses Buch einer ergänzten Ausgabe zuzuführen. Diesem Wunsch komme ich jetzt, wenn auch verspätet, nach.

Professor Thirring und ich waren immer der Meinung, dass Religion und Naturwissenschaft zwar getrennt bleiben mögen, jedoch es nicht widervernünftig ist, in Lebenssinn stiftenden Fragen an Inhalte zu glauben, die jenseits des menschlichen Erfahrungshorizontes liegen. Dies darzustellen war eine Intention des Buches, das mit einem von Professor Thirring verfassten Memorandum zu dieser Frage schließt.

Das Buch vertritt auch die Meinung, dass unser alteuropäisches Erbe aus einer weltgeschichtlich einzigartigen Symbiose jener Geistesrichtungen entstanden ist, die an den drei geistigen Metropolen Jerusalem, Athen und Rom festgemacht werden können. Die daraus entstandene Weltsicht hält auch modernen Diskursen statt. Das Christentum ist meines Erachtens die an Reflexion tiefste Religion und die Unkenntnis seines jahrtausendelangen gedanklichen Ringens darf nicht dazu führen, dass es in den Rang einer Märchenerzählung hinabgestuft wird. Deshalb muss das empfangende Subjekt in die Interpretationen von Offenbarungsinhalten eingebunden werden, wie es Peter Sloterdijk in seinem Buch »Nach Gott« fordert und wie es eigentlich auch in der sogenannten »Tradition« des Christentums als zweite Offenbarungsquelle vorgedacht ist.

Vielleicht ist es heute schwieriger, Christ zu sein – aber es ist unverändert aufregend und tröstend zugleich.

Johannes Huber

Wien, im März 2018

1. Teil

EIN BISSCHEN GLAUBE

See the great Newton, He who first Survey’d

The Plan, by which the Universe was made.

Seht den großen Newton, der als Erster den Plan vermaß,

der dem Universum zugrunde liegt.

1
Die Vermessung der Transzendenz

Der große Pan ist tot. So steht es geschrieben. Der griechische Schriftsteller Plutarch, an sich ein umtriebiges Kerlchen, war weniger an historischen Details oder religiösen Spitzfindigkeiten interessiert, vielmehr ging es ihm um Charakterstudien und grundlegende Moralvorstellungen. Plutarch unternahm viele Reisen, die ihn nach Kleinasien und Ägypten führten; mehrmals besuchte er Rom. Er lebte zu einer Zeit, als das Römische Reich am Höhepunkt war, und lief Nero über den Weg; es muss so um 66 nach Christus gewesen sein. Uns hinterließ Plutarch eine merkwürdige Geschichte, sie liest sich so:

Eines Abends, als sie schon auf der Höhe der Echinaden-Inseln waren, sei der Wind eingeschlafen und das Schiff sei treibend in die Nähe der Paxos-Insel gelangt. Die meisten seien noch wach, einige nach beendigtem Mahl beim Trinken gewesen. Plötzlich habe man von der Paxos-Insel her eine Stimme gehört, die laut »Thamus!« rief, so daß man sich verwunderte. Thamus war aber ein Ägypter und Steuermann des Schiffes, doch nicht vielen der Fahrgäste mit Namen bekannt. Beim ersten und zweiten Anruf habe er geschwiegen, beim dritten Mal aber dem Rufer geantwortet. Dieser habe nun seine Stimme noch mehr erhoben und gerufen: »Wenn du auf die Höhe von Palodes kommst, dann melde, daß der große Pan tot ist!«

Als sie das gehört hätten, so erzählte Epitherses, seien sie alle sehr erschrocken und hätten sich darüber unterhalten, ob es besser sei, den Auftrag auszuführen, oder sich nicht darum zu kümmern, sondern es auf sich beruhen zu lassen, und Thamus habe sich dahin entschieden, wenn Wind wäre, stillschweigend vorbeizufahren, wenn aber Windstille und glatte See in dieser Gegend wäre, das Gehörte auszurichten.

Als sie auf der Höhe von Palodes angelangt waren und weder Wind noch Wellengang war, habe Thamus, vom Heck nach dem Land hin blickend, gerufen, wie ihm gesagt worden war: »Der große Pan ist tot!« Kaum aber habe er diese Worte geendigt, so habe sich, nicht von einer, sondern von vielen Stimmen, ein lautes Wehklagen, vermischt mit Ausdrücken der Verwunderung, erhoben. Da nun viele Menschen dabeigewesen seien, so habe sich die Geschichte schnell in Rom herumgesprochen, und Thamus sei vom Kaiser Tiberius zur Audienz befohlen worden.

Pan ist der Gott der Natur und des Waldes. Er, Sohn des Hermes, trägt einen gekrümmten Hirtenstab bei sich, dazu eine siebenröhrige Flöte, die Panflöte. Pan hat Ziegenfüße. Trotzdem lässt er sich die Freude an der Musik und auch am Tanz nicht nehmen. Er umgibt sich mit Nymphen, heute würde man sagen Groupies. Ja, er ist ein Gott der Gaudi, leutselig im Umgang und friedlich von der Gesinnung. Nur um die Mittagszeit, da will er seine heilige Ruh. Stört man Pan beim Mittagsschlaf, scheucht er alle Herdentiere in der Umgebung auf und jagt sie zum Teufel, die Stampede rennt und rennt und rennt davon. Daher kommt übrigens der Ausdruck Panik.

Und dann schrieb Plutarch Düsteres: Der große Pan ist tot. Was ihn zum ersten und einzigen Gott macht, der in irdischen Zeiten starb. Oder totgesagt wurde. Da hat sich in der Erzählung sogar Kaiser Tiberius geschreckt und wollte wissen, was los ist.

Um das zu rekapitulieren: Der Mensch wird sich eines Gottes bewusst, berichtet von ihm, huldigt ihm. Und lässt ihn dann über die Klinge springen. Der große Pan ist tot, und das ist schrecklich. Sagt die Erzählung. Sagt die Moralvorstellung.

Zweitausend Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Der große Pan ist tot, und das ist gut so. Sagt die Wissenschaft. Sagt die aufgeklärte Welt. Niemand braucht einen Glauben, der nicht beweisbar ist, die Naturwissenschaften am allerwenigsten. Der große Pan ist nicht belegbar. Es gibt keine Formel, die ihn beschreibt, kein Reagenzglas, das ihn untersucht, keine DNA, die seine Herkunft bestimmt. Die Wissenschaft geht in ihrer apodiktischen Denke einen Schritt weiter. Der große Pan ist nicht nur tot, es hat ihn nie gegeben. So will man es geltend machen. Die Vermessung der Transzendenz ist ein Hobby für Tölpel. Und jeder, der sich anschickt, zu diesem Thema Gedanken zu formulieren, und auch noch so dummdreist ist, sie auszusprechen, dem werden die Stimmbänder mit dem Skalpell des Hochmuts durchtrennt. Als Arzt weiß ich, wovon ich spreche. Als gläubiger Mensch sowieso.

Dabei wäre es nur recht und billig, die überdimensionale Frage des Seins zu stellen:

Hat die Welt einen Architekten?

Ich behaupte, ja.

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.

Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

Die Genesis, eine Science-Fiction-Story? Steht man vor den Kathedralen Europas, in denen jahrhundertelang Menschen den Kontakt zum Transzendenten suchten, und hört man darin, was große Musiker zu Gottes Ehren komponierten, so ergreifend, dass die gotischen Säulen des Kircheninnenraumes mitzuschwingen versuchen, dann hat das eine Wirkung, die tief unter die Haut geht und direkt in die Seele. Bestaunt man klassische Bilder in den großen Galerien der Welt, die nur verständlich werden, wenn man das Christentum kennt, dann hat es einen tieferen Sinn, alles weiterzudenken. Transzendenz ist der Schlüssel zu neuer Erfahrung, vielleicht sogar zu allem.

Zwei Jahrtausende haben christliche Denker um Antworten auf die großen Fragen der Menschheit gerungen. Was ist Schuld? Gibt es eine Vergebung? Wie verteilen sich die Rechte des Einzelnen gegenüber jenen des Staates? Was ist der Sinn des Lebens, und warum gibt es das Böse in der Welt?

Die Antworten schwammig bis gar nicht zu vermitteln, ist einer der Gründe, warum die Kirche in der Krise steckt und den weltanschaulichen Amtsträgern das Vokabular fehlt. Vor allem das moderne Vokabular, mit denen alte Geschichten, etwa die aus der Bibel, neu interpretiert werden könnten.

Stattdessen reißen die Verfechter der Gottlosigkeit die Brücken zur Transzendenz ab, und zwar mit einer Leichtigkeit und Nonchalance, als würde man sich endlich längst veralteter Gesinnungen entledigen. Oder eine alte Socke wegwerfen. Die Abkehr vom Glauben fällt in jenen Erdteilen leicht, die sich trotz globaler Armut zu Genusstempeln umstrukturieren und deswegen dem Diesseits treu bleiben müssen. Ich denke, also bin ich – vermögend. Materiell wirkt schnell. Um das auch intellektuell rechtfertigen zu können, beginnen die Reichen und Satten, die Wissenschaft zu vergöttern. Sie bestätigt ihnen, dass der große Pan wirklich tot ist. Jawoll. Es braucht keinen Gott, wenn etwas anderes Anbetungswürdiges da ist. Reichtum. Eine Schatztruhe, auf der Freiheit steht. Als könnte man sich das Glück kaufen. Paradoxerweise hat diese Apotheose, diese götzenhafte Verherrlichung der mechanistischen Aufklärung, schon Nietzsche beklagt. Wissenschaft ist das, was Wissen schafft. Mit der Weisung zwischen den Zeilen: In einem wachen Geist hat der Glaube keinen Platz. Glauben sollen die Nicht-Intellektuellen. Die Armen und die simplen Gemüter.

Und so reduziert sich heute bei vielen Menschen das Grundwissen über christliche Offenbarung und Tradition im besten Fall auf einige Geschichten, die man noch aus der Volksschulzeit kennt. Ein Phänomen, das nicht nur die Theologie, sondern auch andere Wissensgebiete betrifft, man möge nur gelegentlich im österreichischem Hörfunk über jene Antworten meditieren, die der sogenannte Mikromann, ein lustiger Reporter, auf seine Fragen bekommt.

Rund um Weihnachten ging er durch die Straßen und fragte wahllos Passanten:

Wie heißt der Sohn von Maria und Josef?

Eine ältere Dame wusste sofort: Lukas!

Eine andere war sich nicht ganz sicher: Johannes?

Der Mikromann hakte nach: Die Eltern von Jesus sind Maria und Josef. Wie heißt dann der Sohn von Maria und Josef?

Und wieder kam: Lukas!

Für den Hörer ist die Crux mit dem Jesukindlein komisch, für die Kirche zutiefst traurig. Obwohl das Christentum die reflektorisch intensivste Religionsmacht der Welt ist, unterliegt sie dennoch einer kommunikativen Schwäche. Aufklärung passiert nicht. Heute würde man sagen: Die Basis kennt die Basics nicht. Kreuzweg, Tod und Auferstehung sind, wenn sie nicht gerade von Hollywood aufgegriffen werden, etwas, das die Menschen kennen oder zu kennen glauben. Der Rest ist Nebensache. Medien erklären, was es mit dem Eiersuchen zu Ostern auf sich hat, wieso Halloween heuer besonders gruselig wird oder warum Kim Kardashian eine durchsichtige Bluse am Strand trägt und dem Fotografen ihr phänomenales Gesäß in die Linse hält. Mein Gott, die Bibel sollen die Leute selber lesen oder in die Kirche gehen. Die Kirche allerdings, so meine ich, könnte sich ein bisschen mehr aufs Marketing konzentrieren und ihr Image aufpolieren. Glauben ist cool, ja warum denn nicht? Stattdessen geht man den anderen Weg. Den eigenen Canossagang. Aus der Versuchung heraus, ihren Exilgedanken – das Zentrum der Botschaft – in Sozialarbeit, Solidarität und Caritas umzukodieren, um ja nicht ironisiert zu werden. Aber Church ist nicht gleich Charity. Mildtätigkeit für die Medien bringt nur kurzen Applaus.

Manche christliche Kirchen haben sich immer mehr zu einem Funktionärsverband mit spiritueller Ausrichtung entwickelt, mit festen Sitzen in Kommissionen und Rundfunkräten. Funktioniert prächtig, bringt den Gläubigen null, aber macht nichts. Was fehlt, ist ein eigenes, aus dem Glauben geschweißtes Bekenntnis, das durchaus provokant sein darf. Ein Leitsatz, der vielleicht sogar mahnt und zum Denken anregt, etwas in der Art:

Wir können uns auf diesem Planeten nicht einrichten wie in einem ewigen Haus.

Wenn jemand im Wald einen Baum umarmt, um sich mit dem Transzendenten zu vereinen, finden das viele mannhaft. Manager schmusen mit Fichten, recht so, lass es raus. Besucht man dagegen sonntags die Kirche, muss man es möglicherweise verschweigen, um sich nicht einem Augenverdreher auszusetzen. Du gehst in die Kirche? Da schau her!

Dabei wird oft mit zweierlei Maß gemessen: Während die Toleranzgesellschaft buddhistische und islamische Glaubensinhalte kommentarlos oder wohlwollend zur Kenntnis nimmt, gibt man christliche Werte mühelos der Lächerlichkeit preis – und das noch unter der vermeintlichen Assistenz der Naturwissenschaft.

Den großen Pan wird das nicht kratzen.

2
Weltwissen und Weltanschauung

Es ist ein Zielgebot der Moderne und appelliert an die Vernunft weltlicher Geisteshaltung: Wissenschaft und Religion sollen strikt getrennt bleiben. Sonst wird die Religion nur die Lücken der Wissenschaft ausfüllen. Kein Glaube darf die weißen Flecken auf der Landkarte der Erkenntnis schwärzen. Kein Zauber soll den Scharfblick der Forschung trüben. Kein Gebet soll dem Denker auf der Suche nach der Wahrheit die Hände binden.

Der Grat ist freilich ein schmaler. Mir ist es nie darum gegangen, Fragen, bei denen die Wissenschaft vielleicht heute noch ansteht, schlicht und einfach durch die Allmacht der Religion zu beantworten. Religion soll keinesfalls als Lückenbüßer für theoretisches oder praktisches Unwissen daherkommen. Ein Joker, der einsagt und immer recht hat. Der deus ex machina einer Theorie. Es soll jedem Menschen erlaubt sein, Agnostiker, Atheist oder Theist zu sein. Den religiös Musikalischen wird trotzdem oft die Frage gestellt, ob sie es – unter Berufung auf die Naturforscher – als vernünftig einstufen, an transzendente Inhalte zu glauben.

Die große Frage, ob es jenseits unseres Mesokosmos, also unserer greifbaren Welt, transzendente Wirklichkeiten gibt, kann und darf die Naturwissenschaft nicht beantworten. Wie umgekehrt auch die Theologie naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht vereinnahmen soll.

Einverstanden. Allerdings muss sehr wohl ein Blick auf unseren derzeitigen (auch naturwissenschaftlichen) Erkenntnisstand erlaubt sein, wenn die Vernünftigkeit des Glaubens erklärt wird. Genau diese Vernünftigkeit des Glaubens ist es, worum es geht.

Obwohl nun Glaube und Wissenschaft getrennte Wege gehen sollen, idealerweise ohne sich jemals gegrüßt zu haben, wurde die Wissenschaft immer wieder missbraucht, um Jenseitigkeiten zu ironisieren. Gott zeigt sich nicht durchs Mikroskop? Dann kann er nicht real sein. Andererseits haben große Naturforscher die Entschlüsselung von physikalischen und biologischen Gesetzen als Erkenntnis einer großen Ordnung, die ein Weltenbaumeister etabliert hat, erlebt.

Heute zeigt uns die spekulative Physik des 20. Jahrhunderts ihre Grenzen des menschlichen Erkenntnishorizonts auf und lässt es zumindest nicht unvernünftig sein, jenseits und unabhängig dieser Welt unsere persönliche, sinnstiftende Antworten anzusiedeln. Was lange Zeit von den intellektuellen Mechanikern der Aufklärung so stupid abgetan wurde wie Gretchens Frage an Faust.

Margarete: Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?

Du bist ein herzlich guter Mann,

Allein ich glaub’, du hältst nicht viel davon.

Faust: Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;

Für meine Lieben ließ’ ich Leib und Blut,

Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.

Margarete: Das ist nicht recht, man muß dran glauben.

Faust: Muß man?

Faust windet sich aus dem Gespräch heraus, gibt keine konkreten Antworten auf die Frage nach der Religion. Und Goethe schweigt auch schon seit geraumer Zeit.

Eine naturalistische Weltanschauung, die sich über letzte Gründe ausschweigt, wird von vielen als glatt, steril und zumutungsreich empfunden. Wie ein Loft, das riesig, hip und noch nicht fertig eingerichtet ist. Eine Künstlerwohnung, die sich an der Kargheit der Erkenntnis orientiert. Minimalistisch zieht. Es ist eine Art Nirosta-Bekenntnis mit Teflon-Beschichtung. Einem Nichts kann nichts anhaften. An einem Nichts perlt alles ab. Wer an keinen Gott glaubt, kann nicht enttäuscht werden. Wer braucht Gott überhaupt? Immerhin haben wir Facebook.

Mit dem Atheismus ist das so eine Sache. Einer Studie zufolge sagen sechzehn Prozent der Befragten, dass sie nicht an Gott zu glauben, aber nur fünf Prozent bezeichnen sich als Atheisten. Paradox, nicht? Wo hört der Unglaube auf, wo beginnt der Atheismus? In Simmering?

Mir erscheint es trotzdem intellektuell redlich, an einer religiösen Interpretation unserer Existenz festzuhalten. Allerdings wird es zur Aufgabe jeder Theologie, die transzendentale Botschaft so zu verkünden, dass sie erstens in die heutige Zeit passen, zweitens sie jeder versteht und drittens sie auch in der Reflexion auf das Weltbild der modernen Naturwissenschaften stimmen.

Zentrale christliche Glaubensinhalte wie die Menschwerdung und die Auferstehung müssen in ihrer Kernaussage begriffen und dargestellt werden. Das metaphorische Vokabular der Vergangenheit kann man ruhig infrage stellen, ohne dass man gleich auf die Botschaft verzichten müsste. Es ist, wie das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die alten Geschichten werden nicht neu überarbeitet, sondern schlichtweg für falsch erklärt. Heute hieße das: Man hätte sich mehr um ein modernes Storytelling mit einer fetzigen Dramaturgie und coolen Charakteren kümmern sollen. Jede Zeit hat ihre Sprache. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Plot schlecht ist. Die Handlung stimmt.

Die Theologie braucht sich nicht von der naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung zurückziehen und defensiv einstimmen, dass der Glaube eine schlechthin andere Wahrheitsform als das Wissen sei. Der Glaube kann Berge versetzen, heißt es. Heute vielleicht Bitcoins.

3
Glaube und Wissen, ­lange Zeit eine Einheit

Viele Naturforscher nährten ihren investigativen Ehrgeiz aus der Überzeugung, durch ihre Suche die Baupläne der Schöpfung besser verstehen zu können. Wissen und Existenzdeutungen waren keine Gegensätze, sie ergänzten einander.

In seinem Todesjahr 1543 publizierte Nikolaus Kopernikus, Astronom, Arzt und Domherr zu Frauenburg, sein Hauptwerk Über die Umschwünge der Himmlischen Kreise, lateinisch: De revolutionibus orbium cellestium. Dieses Buch, das die Umdrehungen der Hemisphären behandelt, hatte er dem damaligen Papst Paul III. gewidmet. Als Wissenschaftler erkannte Kopernikus, dass nicht die Erde im Mittelpunkt steht, also das geozentrische System, sondern die Sonne; um sie drehen sich die Planeten unseres heliozentrischen Systems. Als Theologe war Kopernikus der Meinung, mit seiner Theorie die Schöpfungsgeschichte besser interpretieren zu können.

Lange Zeit blieb seine Auffassung nur unter Astronomen ein Diskussionspunkt, die Kirche war noch nicht sensibilisiert. Erst als am Ende des 16. Jahrhunderts die heliozentrische Hypothese als naturwissenschaftliches Argument gegen die Schöpfungsgeschichte instrumentalisiert wurde, begann die Kirche – unklug ablehnend – zu reagieren.

Ähnlich war es beim Fall Galilei. Er machte dort weiter, wo Kopernikus mit seinem gewagten Vorpreschen begonnen hatte. Galileo Galileis Erkenntnisse wurden zunächst von der Amtskirche honoriert.

Zufällig hatte er 1610 von der Erfindung des Linsenfernrohres gehört, es nachgebaut und dann etwas gemacht, was vor ihm offensichtlich noch niemand getan hatte: Er richtete sein kleines Teleskop Richtung Himmel und machte Beobachtungen, die er zu deuten verstand. In seiner Schrift Sidereus Nuncius (Sternenbote) beschreibt er, wie sich die Milchstraße im Fernrohr in Myriaden einzelne Sterne auflöste und der Mond Gebirge und Täler besitzt, sprich dass der Himmel nicht ganz anders sein konnte als die Erde. Diese Ähnlichkeit, letztendlich zwischen Mond und Erde, machte für ihn ähnliche Gesetze im Himmel und auch auf Erden wahrscheinlich. Galilei knüpfte an die Theorien von Kopernikus an und erhärtete sie mit seinen Beobachtungen durch das Fernrohr. Wieder und wieder spähte er in den Nachthimmel und entdeckte die Jupitermonde, die ihm zeigten, dass das auf den Beobachtungen des antiken Astronomen Claudius Ptolemäus basierende geozentrische System nicht in allem stimmen konnte. Denn die Monde drehen sich nicht um die Erde, sondern um den Jupiter. Wenig später sah er mit seinem Teleskop, dass die Venus sich ähnlich verändert wie der Mond. Auch sie zeigt verschiedene Phasen, von der schmalen Sichel bis zur vollen Scheibe. Was nur damit zu erklären war, dass sie um die Sonne läuft.

Das heliozentrische System war mit dem Fernrohr bestätigt.

Quod erat demonstrandum.

Eine bahnbrechende Entdeckung. Ein Meilenstein in der menschlichen Forschergeschichte.

Galilei war in der Sekunde berühmt. 1611 wurde er von Papst Paul V. empfangen und vom Jesuitenkollegium, das sich sehr eindringlich mit der Astronomie befasste, ausgezeichnet. In allen Ehren. Kein Mensch dachte daran, dass es hier einen Widerspruch zur Bibel geben könnte. Der Papst nickte wohlwollend, die Jesuiten applaudierten.

Bis der Neid aufzog. In Form von lieben Kollegen. Es waren Physiker aus Mittelitalien, schmallippige Herren, die es nicht gerne sahen, dass Galileo Galilei mit seinen Fernrohren ein kleines Vermögen verdiente. Die Leute rissen sich um die Teleskope, kauften sie reihenweise und starrten in den Nachthimmel, als stünden dort die letzten Geheimnisse der Menschheit geschrieben. Galileo hatte sozusagen das iPhone seiner Generation entdeckt.

Den Physikern und Fachkonkurrenten stand der Schaum vor dem Mund. Sie waren es dann auch, die hergingen und sagten: Nein, die Jupitermonde gibt es doch gar nicht, und nein, die Phasenverschiebung der Venus gibt es auch nicht. Lug und Trug! Sie hielten am ptolemäischen System fest, als wäre es ihr letzter Wille.

Die verbohrten Professoren weigerten sich sogar, durch ein Fernrohr zu schauen. Geschweige denn den ganzen Humbug von wegen heliozentrischem Weltbild nachzubeten, nur weil dieser bärtige Geck Galilei antänzelte mit seinem ganzen Geld und die Leute irre machte. Galileo mochte diese Herren verständlicherweise nicht, er nannte alle, die Kopernikus und ihm widersprachen, »geistige Pygmäen, die es kaum verdienten, menschliche Wesen genannt zu, werden.«

Die geistigen Pygmäen antworteten mit einer Verschwörung. Sie drohten der römischen Inquisition, den rechten Glauben zu verlassen, wenn Galilei nicht verurteilt würde. Ketzer!

Dem Kardinal Großinquisitor Robert Bellarmin, einem Sympathisanten Galileis, blieb gar nicht anderes übrig, als ihn unter Hausarrest zu stellen. Für das Lehrgebäude war diese Auseinandersetzung wichtig, denn dadurch konnte die biblische Kosmologie neu verstanden werden.

Nach mehr als 20 Jahren der Auseinandersetzung mit der Inquisition hat man Galilei genötigt, seinen sogenannten Irrlehren abzuschwören. Sonst hätten sie ihn verbrannt. 1992 wurde er von der Kirche rehabilitiert. Manchmal braucht es eben 360 Jahre, um einen Fehler einzugestehen. Die Kirche ist kein Railjet.

Spannend war es auch, als Jahrzehnte später Isaac Newton die universalen Kraftgesetze mathematisch dokumentierte. Der Legende nach saß er anno 1666 in Cambridge unter einem Baum und ließ die Abendsonne auf sein Gemüt scheinen, als plötzlich Wind aufzog. Eine Bö erfasste die Äste und rüttelte an ihnen, bis ein Apfel herunterfiel, direkt vor Isaacs Füße, flop. Das gab ihm zu denken. Und zwar so sehr, dass sich aus der Idee ein Gesetz formte. Actio est reactio. Newton war desgleichen bewegt und der Meinung, Einblick in den großen Schöpfungsplan genommen zu haben. Daran erinnert heute noch die Gedenktafel in der Royal Society.

See the great Newton, He who first Survey’d

The Plan, by which the Universe was made.

So wie Galilei im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts wurde auch Newton von den Enzyklopädisten als modernistische Ikone hochstilisiert, als Vordenker einer Welt ohne Schöpfer. Es war kein Unterschied mehr zwischen himmlischer und irdischer Physik. Das Zeitalter der mechanistischen Weltdeutung hatte begonnen.

Das Planetensystem geriet zu einem gigantischen Uhrwerk, das exakt nach bestimmten mathematischen Gesetzmäßigkeiten ablief. Und die Welt wurde zur Maschine erklärt, zur Weltmaschine, in der Wunder eigentlich nicht notwendig waren und in der immer weniger Menschen eine Notwendigkeit sahen, die Existenz Gottes anzunehmen. In einem Staubsauger liegt auch keine höhere Bedeutung.

Wissenschaft wurde also nicht nur benützt, um Gott zu beweisen, sondern auch im Gegenteil: seine Nicht-Existenz darzustellen und den Religiösen als »dummes Gretchen« abzuqualifizieren. Dass sich die moderne Physik von der mechanistischen Wirklichkeitsinterpretation verabschiedete, klingt aus dem Ruf Einsteins nach: »Newton verzeih mir«. Die spekulative Physik des 20. Jahrhunderts beweist zwar auch keinen Schöpfer, lässt es aber als nicht mehr so unvernünftig erscheinen, wenn jemand in einer persönlichen Entscheidung für Transzendentes stimmt und denkt: Vielleicht hält er sich doch irgendwo im Hintergrund, der große Pan.

4
Spekulative Physik und gläubige Vernunft

Um es nochmals in aller gebotenen Deutlichkeit zu sagen: Die Naturwissenschaft soll und kann Gott nicht beweisen. Sie möge es aber als vernünftig gelten lassen, wenn sich jemand für Glaubensinhalte jenseits des Greifbaren entscheidet.

Das bleibt nicht unwidersprochen: So vertritt Arwin Schönberg die Meinung, dass der Glaubensakt ein ausschließlich subjektives Entscheidungsgebäude ist, in dem alles, auch Aliens, angesiedelt werden darf, und der moderne Verfassungsstaat schützt das mit gefälliger Toleranz.

Dem steht eine andere Meinung gegenüber: Glaubensinhalte sollen vernünftig sein. Diesbezüglich war der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie schmerzhaft, aber eigentlich erfolgreich. Die Offenbarungsinterpretation benötigt die Naturwissenschaft, um den Kern ihrer Botschaft der jeweiligen Zeit anzupassen, mithin in deren »Fleisch zu kriechen«, dem Begriff der »Inkarnation« entsprechend. So ist es mit der Kosmologie, mit Galilei, Darwin und all den anderen passiert. Die Theologie hat von ihnen, wenn auch mit Fehlern, gelernt und ihre Botschaft für die jeweilige Zeit ins richtige Kleid gepasst. Was früher ein Gleichnis war, bräuchte heute eine frischere Interpretation. Womöglich eine quantenphysikalische Entdeckung, die die Brücke zu früher schlägt. Das Ereignis von Bethlehem kann nicht jedes Jahrhundert neu stattfinden, es muss die Botschaft an das jeweilige »Fleisch« moduliert werden: alter Wein in neuen Schläuchen. Heute hieße das: Hey, Buddy, check ab, ob deine Message zum Story­telling passt, und mach ein gscheites Remake.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden alle Wissenschaften, ja alle Lebensbereiche von der mechanistischen, deterministischen Weltsicht erfasst, und damals erschien es als unvernünftig, an einen Weltenbaumeister zu glauben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts legte die Physik Erkenntnisse vor, die die nüchtern ausgerichtete Weltsicht, die sich seit Isaac Newton etabliert hatte, zu hinterfragen begann. Damit wurde Gott zwar nicht bewiesen, doch das Maß der Vernünftigkeit einer Glaubensentscheidung wuchs deutlich.

Der Mensch ist Bewohner des Mesokosmos, alle seine Sinne sind evolutionär durch die Umwelt geprägt, und seine Sinneswahrnehmungen beschränken sich darauf.

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk sagt sehr treffend: »Der sichtbare und berechenbare Raum ist nur ein kleiner Schlitz der Wirklichkeit.« Hier das Auge und die Neuronen, die etwas bemerken, dort die Wellen, die durch das Unendliche vagabundieren. »Zwischen beiden besteht kaum eine Berührungsfrequenz.«

Ich behaupte: Es ist unrichtig, wenn Wissensgockeln verkünden, dass im Weltanschaulichen nur das Festgestellte zählt. Denn Nichtwissen ist kein Einwand gegen das Wirkliche. Da braucht man gar kein Pflichtverteidiger der Transzendenz zu sein.

Es ist seltsam, dass dieses Nichtwissen nicht mehr verlegen macht. Die Hardcore-Positivisten und Anthropomorphisten scheren sich nicht um eine Lösung von übergeordnetem Rang. Eine Theorie, die Denkbares übersteigt? Pah. Ein Dialog, theologisch verwässert? Geh bitte! Her mit den Fakten, Fakten, Fakten. Doch Transzendentes ist keine Gerichtsverhandlung, bei der mit Beweisen oder Indizien alles geklärt werden kann. Es gibt nur Hinweise. Die meisten liegen außerhalb unseres Frequenzbereichs.

Katzen können einzelne Farben kaum unterscheiden, die Analyse ihres Sehpigmentes bestätigt das. Sie sehen die Wirklichkeit nur in Grau; trotzdem würde niemand behaupten, dass es Farben nicht gäbe, nur weil das Sensorium der Katzen sie nicht wahrnimmt.

Zwar ist das menschliche Gehirn (bei den meisten Leuten) weiter entwickelt als das der Katzen, trotzdem kann es keineswegs den Anspruch erheben, endgültige Realitäten zu erkennen.

Der Feinsinn in den Antennen erstreckt sich bei Weitem nicht auf das, was um einen kreucht und fleucht. Riechen wir Handywellen? Sehen wir Bazillen? Hören wir Überschall? Ertasten wir Sauerstoff? Schmecken wir eine Idee?

Für die Denker: Schnurrt Schrödingers Katze auch noch, wenn sie tot ist, oder gerade erst dann?

Dem menschlichen Gehirn bleibt in den jetzigen, aber auch in den zukünftigen neuralen Vernetzungen – solange wir an Raum und Zeit gebunden sind – manches verborgen, was dennoch existiert.

Seit Einsteins Relativitätstheorie wissen wir, dass es keine Erfahrungsmöglichkeit der Gleichzeitigkeit gibt. Alles, was wir sehen, ist bereits vergangen. Das resultiert aus der Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit. Das Universum ist ein virtueller Raum, der uns nur aus seiner Vergangenheit trägt und bestimmt – auch das kann als transzendent bezeichnet werden.

Im Verbund mit dem absoluten Limit der Lichtgeschwindigkeit, 300.000 Kilometer pro Sekunde, auf dem die Relativitätstheorie beruht, ergibt sich eine Sichtbarkeitsgrenze für das All, eine Art Welthorizont. Aber auch im Mikrokosmos stößt man zu immer kleineren Bereichen vor, bis schließlich mit der Quantenunschärfe ebenfalls eine limitierender Erkenntniswand erreicht wird. Der Welthorizont schützt uns vor den unendlich Großen genauso wie vor dem unendlich Kleinen.

Im Alltags haben wir es mit getrennten, kausal zusammenhängen Objekten zu tun, im Bereich der Quantenphysik sieht man, dass die Dinge ursachenlos miteinander verknüpft sind. Aber verknüpft ist alles. Alles scheint mit allem unauflöslich zusammenzuhängen.

Ein Orchester mit einem fast pantheistischen Klang.

Es muss nicht jede Regel, jede Lehre und jeder Leitsatz in Stein gemeißelt sein. Die Quantenmechanik räumte mit dem gesetzmäßigen Determinismus auf, in der Welt des ganz Kleinen gilt nur mehr die Wahrscheinlichkeit. Vor allem aber relativierte sich der Versuch, alles auf die Existenz und Wirkung kleinster Materieeinheiten zurückführen zu wollen. Denn von einer »festen« Materie kann man nach Meinung der modernen Physik nicht mehr sprechen. Sie hat sich förmlich in Luft, in Energie aufgelöst. Mit der revolutionierenden Perspektive, dass Subjekt und Objekt verbunden sind, ihre starre Trennung ist nicht mehr möglich.

Eindrücke sind letztendlich nichts anderes als elektronische Signale. Unsere Sinnesorgane erkennen sie und lösen Reaktionsketten aus, verbunden mit dem Objekt, von dem sie ausgehen. Der Beobachter selbst wird zu einer Funktion des Lichtes. Ein Botschafter der Sinne.

Und: Würde er versuchen, der Lichtgeschwindigkeit hinterherzulaufen so wird sich nicht der Abstand zu dem mit 300.000 Kilometer pro Sekunde eilenden Lichtkegel verkürzen, sondern die Masse und die Zeit des Beobachters würden sich ändern. Könnten wir eine Rakete von der Erde beobachten, die sich nahe an die Lichtgeschwindigkeit annähert, so würden in ihr die Borduhren fast still stehen, während sie auf der Erde weiterwandern, die Zeit passt sich der Geschwindigkeit an. Wenn die Astronauten wieder auf die Erde zurückkämen, wären alle ihre Freunde und Verwandte schon längst nicht mehr am Leben, weil seit ihrem Start Hunderte oder Tausende von Jahren auf der Erde verflossen wären. Allerdings gibt es in unserem Mesokosmos solche Experimente nicht.

Aber auch die Masse des Objekts ist von der Geschwindigkeit abhängig: Beträgt die Masse eines Steines in Ruhe 1 kg, so nimmt sie mit steigender Geschwindigkeit zu, bei halber Lichtgeschwindigkeit etwa beträgt sie das 1,155-Fache. Bei Lichtgeschwindigkeit hingegen würde die Masse so unglaublich groß sein, dass wir unendlich viel Energie aufbringen müssten, um sie dorthin zu beschleunigen. Prinzipiell kann nichts schneller sein als das Licht, obwohl die Energie genauso mit der Bewegung zunimmt wie die Masse.

Man berechnet, dass in einem ruhenden Körper latente Energie verborgen ist und dass umgekehrt Energie jeglicher Form eine gravitative Masse hervorbringen kann. Beides, Masse und Energie, sind von der Geschwindigkeit abhängig. Diese Ruheenergie ist das Produkt von Ruhe + Masse x Lichtgeschwindigkeit2. Sie gleicht einer extrem gespannten Feder, die in der ruhenden Materie schlummert, letztlich die Sonne zum Leuchten bringt und den Kosmos stabilisiert. Und es kann auch aus reiner Energie Ruhemasse erzeugt werden – darin liegt der Ursprung aller Materie.

5
Die Unschärfe des Augenblicks

Tatsächlich kann man sich die Quantenzustände eines Atoms mit dem Bild des Sonnensystems erklären: im Zentrum sitzt der Atomkern als kleine Sonne, drumherum kreisen die Elektronen wie Planeten auf ganz bestimmten Bahnen, die von vornherein genau festgelegt sind. Die Bahnen unterscheiden sich um eine mathematisch definierte Energiedifferenz. Ein Elektron kann die Bahn wechseln, dabei wird die Energie, die der Energiedifferenz der beiden Elektronenbahnen entspricht, entweder emittiert oder absorbiert.

Zu dem repräsentieren die Elektronen um die Atome »stehende Wellen«. Sie können damit Teilchen, aber auch Welle sein, was durch die Teilchen-Welle-Dualität beschrieben wird. Auf diesen Ideen aufbauend, entwickelte Erwin Schrödinger die eigentliche Wellenmechanik, jedes Teilchen wird dabei durch die Wellenfunktion Psi beschrieben. Die Schrödinger-Gleichung bestimmt, wie sich die Wellenfunktion räumlich und zeitlich in einer gegebenen physikalischen Umwelt entwickelt. Dabei wurde die Wellenfunktion als »Wahrscheinlichkeitsverteilung« interpretiert; die Elektronen laufen nicht mehr auf definierten Bahnen um den Atomkern herum, sondern umgeben diesen Kern in einer Art Wahrscheinlichkeitswolke.

Der Beobachtungsaspekt ist deswegen von zentraler Bedeutung. Weil sich ohne Beobachtungen keinerlei Aussagen über ein System machen lassen. Ein unbeobachtetes System existiert gewissermaßen gar nicht. Diese Erkenntnis drückt sich in der Heisenberg’schen Unschärferelation aus.

Einfach gesagt: Schaut man auf ein Experiment drauf, ändert das schon das Experiment.

Werner Heisenberg war ein deutscher Wissenschaftler und Nobelpreisträger, er zählt zu den bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts. Er fand heraus: Jeder Beobachtungsakt muss ein Quantensystem notwendig stören, wenn man versucht, Ort und Geschwindigkeit eines Elektrons im Atom durch Bestrahlung, das heißt durch eine Art Abtastung mit einem Photon zu messen. Dann kommt es bei dieser Messung zu einer Wechselwirkung zwischen dem Photon und dem Elektron, das bedeutet: Der Messvorgang selbst ist schon die Wechselwirkung, die man berücksichtigen muss. Das Photon wird das Elektron stoßen, unberechenbar, weil der Zustand des Elektrons eben gerade nicht bekannt ist, und zwar umso stärker, je kleiner die Wellenlänge, das heißt, je größer die Energie des Photons ist. Das wiederum führt zu einer unbestimmten Geschwindigkeitsänderung des Elektrons, soll heißen: Es lassen sich nie alle Zustandsparameter eines Quantensystems genau bestimmen. Es bleibt eine fundamentale Restunbestimmtheit, eben eine Unschärfe, die prinzipiell nicht unterlaufen werden kann. Das ist das Wesen des Heisenberg’schen Unschärfeprinzips.

Und dabei wurde etwas Großartiges offenbar: Subjekt (Beobachter) und Objekt (Gegenstand) sind auf fundamentale Weise miteinander verknüpft. In der endgültigen Ausformulierung der Quantenmechanik schwebt sozusagen ein unbeobachtetes Quantensystem in einem unbeobachteten Zustand: Jeder Zustand ist im Prinzip möglich und wird mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angegeben. Erst durch die Beobachtung, beziehungsweise den Messvorgang, also durch den Eingriff des Subjekts, wird das System des Objekts in einen der vorher nur möglichen Zustände gedrückt und dadurch (aber nur in der gemessenen Größe) bestimmt. In einem gewissen Sinn wird es durch die Beobachtung erst real.

Angenommen, man wünscht sich etwas, und es geht in Erfüllung. Oder man denkt an jemanden, und kurz darauf ruft er an. Überspitzt formuliert, hieße das: Der Geist schafft die Materie. Formt sie erst, indem er Einfluss nimmt. Früher hat man es so erklärt: Der Glaube kann Berge versetzen.

Heute ist das halt der Heisenberg.

Das Elektron ist das älteste bekannte Elementarteilchen, dem im Atom ein sehr kompakter, schwerer, positiv geladener Atomkern gegenübersteht. Die Ladung eines darin enthaltenen Protons entspricht genau der des Elektrons, ist aber positiv, sodass es im Atom immer gerade so viele Protonen wie Elektronen gibt. Ihre Anzahl bestimmt das chemische Element des Atoms. Neutronen benötigt es, um die Protonen, die sich wegen der gleichen Ladung stark abstoßen würden, zusammenzuhalten.

Jetzt gibt es allerdings mehrere Sorten von Elektronen. Die Nyome, die zweihundertfach größer sind als die normalen Elektronen und Teilchen, mit einer dreitausendfachen Elektronenmasse. Die drei Sorten von Elektronen werden mit drei Sorten von Neutrinos verbunden. Neutrinos haben keine Ladung und fast keine Masse, ihre Wechselwirkung mit der übrigen Materie ist zu schwach, sodass sie, wenn sie im Sonneninneren bei der Kernfusion erzeugt werden, praktisch ungehindert und mit Lichtgeschwindigkeit durch die Erde hindurchfliegen. Diese sechs Teilchen bilden zusammen die Familie der sogenannten Leptone, Teilchen, die nicht der starken, sondern nur der schwachen Wechselwirkung unterliegen.

Denen gegenüber stehen die Hartrone, Teilchen wie das Proton und das Neutron, die der starken Wechselwirkung gehorchen. Die Unterelemente dieser Hartrone wurden als Quarks bezeichnet. Insgesamt gibt es, nach heutigem Erkenntnisstand der Physik, zwölf fundamentale Teilchen in der Natur: sechs Leptone und sechs Quarks. Allerdings müsste man die Botenteile der vier fundamentalen Wechselwirkungen hinzuzählen – bei der elektromagnetischen Wechselwirkung wäre es das bereits bekannte Photon.

Die Liste muss aber noch verdoppelt werden, denn zu jedem Teilchen gibt es auch noch ein Antiteilchen, das dieselbe Masse und denselben Spin besitzt, aber ansonsten in allen anderen Eigenschaften eine Spiegelversion des ursprünglichen Teilchens darstellt. Insbesondere trägt es die umgekehrte elektrische Ladung. So gehört zum negativ geladenen Elektron das positiv geladene Antielektron, das man Positron nennt (das einzige Antiteilchen mit einem eigenen Namen), zum positiven Proton das negative Antiproton, zum neutralen Neutron das ebenfalls neutrale Antineutron. Das Photon hingegen ist sein eigenes Antiteilchen.

Wenn ein Teilchen mit einem Antiteilchen zusammenstößt, kommt es zur völligen gegenseitigen Vernichtung, man nennt das auch Annihilation, bei der bloß Energie übrigbleibt, die durch Photonen weggetragen wird. Teilchen und Antiteilchen zerstrahlen sich. Dieser Prozess wird Paarvernichtung genannt, man kennt das von manchen Ehen, wobei es allerdings auch eine Paarerzeugung gibt. Wenn zwei Photonen mit genügend hoher Energie zusammenstoßen, kann ein Teilchen-Antiteilchenpaar erzeugt werden. Ein Prozess, aus dem die Materie des Universums hervorgezaubert wurde. Wobei in dieser Spiegelwelt auch stets Antiteilchen dafür notwendig sind.

Dieses Konzept der Teilchen-Antiteilchenerzeugung, beziehungsweise deren Vernichtung ist das Ende der atomistisch-reduktionistischen Sichtweise der Materie. Es gibt keine kleinsten unzerstörbaren Einheiten der Materie, jedes Teilchen kann erzeugt und vernichtet werden. Beim Versuch, ein Teilchen in seine Bestandteile zu zerlegen, indem man es etwa mit einem anderen Teilchen bombardiert, entstehen aus der Kollisionsenergie einfach noch mehr Teilchen. Jedes Teilchen kann so, im Prinzip, in jedes andere umgewandelt werden. Es stirbt nie, es verändert nur seine Form. Wie die Seele.

Aber auch im Makrokosmos scheint ein Übergang zwischen Energie und Materie sich ähnlich wie im Mikrokosmos abzuspielen. Würden wir unsere Milchstraße von außen betrachten, so befände sich die Sonne irgendwo am Rand, im Abstand von 25.000 Lichtjahren vom Zentrum entfernt. Obwohl sie sich mit einer unvorstellbar großen Geschwindigkeit von 220 km/Sekunde bewegt, benötigt sie für einen ganzen Umlauf ungefähr 230 Millionen Jahre. So lange dauert ein galaktisches Jahr. Aber auch alle anderen Sterne, man schätzt hundert Milliarden, werden in eine ähnliche Umlaufbahn gezwungen. Das ganze Sternensystem befindet sich dadurch in einer Rotation.

Galaxien sind die Bausteine des Universums und haben eine allgemeine Tendenz, sich in Galaxiegruppen oder Galaxiehaufen zusammenzutun. Auch unsere Milchstraße gehört, zusammen mit der Andromedagalaxie und 30 weiteren, viel kleineren Galaxien einer solchen Galaxiegruppe an. Dabei bleibt die Galaxiedichte annähern konstant.

Dann gibt es da noch das Phänomen der Rotverschiebung. Rotverschiebung heißt, dass die Wellenlänge des Lichts, das von einem Himmelskörper ausgestrahlt wird, dem Beobachter größer erscheint als bei der Ausstrahlung: Das Licht wird röter. Obwohl die Rotverschiebung den Beginn des Weltalls nahelegt, könnte das einfache Bild von der geplatzten Granate, sprich Urknall, durch ein neues ersetzt werden, das besser zur relativistischen Vorstellung von Raum und Zeit passt. Denn der Raum ist – entsprechend der Einstein’schen Gravitationstheorie – mehr als nur ein passives Gefäß für die Materie, die sich darin, von gewissen Kräften geschoben, ausweitet.

Der Raum selbst ist vielmehr eine dynamische Größe: Er kann sich krümmen und glätten, zusammenziehen und dehnen. Wahrscheinlich bleiben die Galaxien in all ihrer Galaxienflucht selbst mehr oder weniger in Ruhe, während sich bloß der Raum zwischen ihnen ausdehnt.

Dabei ist es wie der Luftballon, der Bemalungen trägt. Wenn man ihn aufbläst, wird sich der Raum gleichmäßig dehnen, und die darauf gemalten Punkte werden simultan auseinanderstreben. Damit kommt die Rotverschiebung einer Galaxie auch nur dadurch zustande, dass die Lichtwellen, die sie einst aussandten, während ihrer Reise durch den Weltraum zu uns kontinuierlich mitgestreckt wurden. Demnach hat sich bei der Weltschöpfung der Raum begonnen aufzublasen.

30 Prozent des Weltalls sind Materie, allerdings ist nur ein Prozent davon sichtbar, und 70 Prozent sind Energie. Das ist die kritische Größe des Universums.

Nach der gängigen Theorie der Strukturentstehung bildeten sich die ersten Galaxien dadurch, dass an Stellen geringer Überdichte die Expansion des Universums lokal abgebremst wurde, bis es schließlich zum Kollaps einer Gaswolke mit anschließender Sternbildung kam. Den Geburtsvorgang einer Galaxie kann man sich als ein Abschnüren vom kosmischen Hintergrund vorstellen.

Das frühe Universum war ein Plasma, eine Teilchensuppe von 3000 Grad Hitze. Dieser Zustand bedingt, dass Materie und Lichtteilchen, Photonen, miteinander in sehr engem Kontakt stehen und sich ständig stoßen, quasi anrempeln. Dadurch konnten sich die Atome noch nicht ausbilden. Als die Teilchensuppe unter 3000 Kelvin absank, entstand das atomare Gas, die Elektronen wurden dabei von den Protonen eingefangen, und es bildeten sich Wasserstoffatome. Gleichzeitig konnte sich die Strahlung im Universum erstmals frei ausbreiten, da die wichtigsten treuen Partner der Photonen, die Elektronen, jetzt wegfielen.

Ich muss mich entschuldigen, falls das alles einen Deut zu kompliziert rüberkommt, doch diese Dinge beschreiben das Wesen unseres Daseins im Kosmos. Physik im ganz Kleinen wie im ganz Großen. Die Basis von alldem, was wir im All sehen. Und darüberhinaus. Manchmal auch nur in uns selbst.

6
Reicht die Quanten­physik bis in die Biologie?

Wissenschaftler meinen, dass sogar in der DNA quantenphysikalische Prozesse wirken. Das Erbgut ist ein langer molekularer Faden, auf dem vier Basen aneinandergereiht sind. Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin. Dabei kuscheln sich Adenin mit Thymin und Cytosin mit Guanin zusammen. Die Informationen für all unsere Organe stecken in dieser Reihenfolge. Der Faden ist zu einer Spirale aufgezwirbelt, was der Stabilität dient, den Kopiermechanismus aber kaum beeinflusst. Diese Blaupause funktioniert nach dem Reißverschlussprinzip. Der Zipp wird geöffnet, und jeder Strang bildet einen weiteren Abbildstrang von sich selbst.

Möglicherweise verbirgt das Leben auch in seinem Erbgut Quantengeheimnisse, die noch nicht gelüftet werden wollen und die den Verstand tunlichst foppen. Ich seh, ich seh, was du nicht siehst! Trotzdem prägen sie unseren Organismus. Beim Kopieren der DNA müssen sich die Moleküle fest aneinanderschmiegen, damit jene Kräfte, die auf winzige Distanz wirken, ins Spiel kommen.

Solche Kräfte sind schon lange bekannt. Sie könnten über die Quantenmechanik erklärt werden: Wie man es heute oft formuliert, müssen die Moleküle entangled sein. Schrödinger hat das ursprünglich »verschränkt« genannt. Dass das Sprachgenie Schrödinger da kein schöneres deutsches Wort finden konnte, kommt nicht von ungefähr. In der Umgangssprache ist diese Eigenschaft nicht ausdrückbar, denn die Gegenstände des täglichen Lebens sind nicht auf erkenntliche Art entangled, also derart miteinander verbunden.

Beispiele illustrieren, wie Gesetzmäßigkeit und Konstanten, die jenseits unserer Erfahrungswelt liegen, sehr wohl in das Geschehen in unserem Körper eingreifen und es mitgestalten. Und der Urknall selbst, aus dem jene vier Elemente, die unseren Körper großteils bilden, nämlich Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff, hervorgingen, mag spekulativ in unserer Physis noch nachhallen: als jene hinter allem liegende Information, an die nicht wenige Physiker glauben. Laut sprechen nur die wenigsten darüber, um sich nicht der kollektiven Häme auszusetzen oder gar der medialen Lächerlichkeit preiszugeben.

Obwohl die Zahl der Moleküle, zu der sich diese vier Elemente zusammenfügen können, enorm ist, ist dieses Vervielfältigungsphänomen, kosmisch gesehen, die Ausnahme. Denn die sichtbare Materie steckt zum größten Teil in den Sternen, und in deren Innerem gibt es nur einen Stoff, das sogenannte Helium: eine Suppe ziemlich gleich verteilter Elektronen, in der Atomkerne schwimmen; hauptsächlich Wasserstoffkerne, also Protonen, sowie Heliumkerne (Alphateilchen), je nach Sternalter mehr oder weniger gewürzt mit einigen schweren Atomkernen. Die Eigenschaften dieser Einheitssuppe hängen von ihrer Temperatur und Dichte ab, weitere Strukturen oder Spezifika fehlen. Erst wenn man den Druck der Schwerkraft lindert, erwacht die Chemie, die Vielzahl der Moleküle blüht auf – die erste Schöpfungswoche beginnt. Und auch unsere Existenz hat dort ihren Anfang genommen.

Wenn der menschliche Geist darin eine Ordnung erkennt, die nach so raffinierten Gesetzen verläuft, dass er dahinter einen Weltenbaumeister vermutet, so ist dies intellektuell genauso legitim, wie es zulässig ist, den reinen Zufall anzunehmen. Wieso denn nicht?

Es ist zwar erlaubt, die Schöpfung als riesiges Roulette darzustellen und zu poltern, der rein zufällig daraus hervorgegangene Mensch schaffe sich in seiner Fantasie einen Gott. Damit er sich an diesen Strohhalm der Zuversicht klammern kann, um dem Tod nicht gleich ins Auge sehen zu müssen. Dabei gibt es diesen Gott nicht, er existiert nur in seiner Vorstellung. Basta.

Es ist aber umgekehrt genauso intellektuell annehmbar, die Gesetze des Kosmos, sei es, wir können sie erkennen, sei es, wir können sie nur erahnen oder auch nur noch berechnen, als Ordnung eines Architekten anzusehen, der letzten Endes auch uns prägte, weshalb wir von ihm tatsächlich eine Ahnung haben.

Eine Ahnung.

Ein Gefühl.

Der Körper, aber auch der Geist mit seinen Fantasien entstand nicht alleine und nur zufällig, sondern orientierte sich – einschließlich unserer Synapsen – an einem Gegenüber. Dieses Gegenüber folgt nicht notwendig den Gesetzen der klassischen Physik, sondern ist, wie ich meine, von einem Plan getragen, der für uns berechenbar, nicht aber vorstellbar ist. Fühlbar ist er allemal. Wagt jemand das zu glauben, weil wir diesbezüglich geprägt sind, so ist das – als Glaubensakt – naturwissenschaftlich nicht unvernünftig.

Mehr noch, ich meine, es ist legitim.

7
Feuerbach und die Brandstifter

Und dann kam Ludwig Feuerbach. Der deutsche Philosoph und Anthropologe führte einen privaten Glaubenskrieg gegen das Transzendente. Er war einer der ersten, der den »Geist der Theologie« dem »Geist der Naturwissenschaft« gegenüberstellte und es als intellektuell unschicklich empfand, die Hände zum Gebet zu falten.

Natürlich hatte er nicht unrecht, dass sich der Eskimo seinen Gott als Eskimo, der Indianer sich seinen Gott mit roter und der Europäer seinen Gott mit weißer Hautfarbe vorstellt, denn wir können über Göttliches nur in Form menschlicher Vorstellungen sprechen. Soll das ein Beleg für die religiöse Tumbheit des Menschen darstellen? Eine Wunschvorstellung, subjektiv bemalt und aufgeputzt wie die Erscheinung in einem Tagtraum? Ist Gott in Kenia farbig? Diesen Überlegungen schwingt immer ein leiser Zynismus mit. Hört auf zu dilettieren, Kinder, jetzt reden die Erwachsenen.

Konkret sagte er: »Es gibt keinen anderen Weg zur Erkenntnis und zur Wahrheit als durch den Feuerbach.«

Auch nicht die feine englische Art für einen Philosophen, sich als der Weisheit letzter Schluss zu bezeichnen.

So schrieb er, als er allen haltlosen Spekulationen religiöser Vorstellungen ein Ende bereiten wollte und sich als »Zeitenwender« in der Philosophie sah. »Der Feuerbach ist das Purgatorium des Denkens.«

Was für ein Fegefeuer von einem Ego. Der Mann war stark von Hegel beeinflusst. Seine brandredenhafte Religions – und Idealismuskritik hatte Auswirkungen auf die Bewegung des Vormärz. Obwohl Feuerbach nicht einen Bekanntheitsgrad wie Kant erreichte, mit dem er sich manchmal verglich, sind namhafte Philosophen der Meinung, dass seine Zeit noch käme. Das große Aufräumen mit allem, was nach Transzendenz riecht.

Seine Credo war: Nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, sondern der Mensch schafft sich Gott.

Das Gehirn wird zum Transformator, der sogar Wirklichkeiten erfindet. Eine anthropozentrische Vision, die ignoriert, dass unser Bewusstsein geprägt sein könnte. Für Feuerbach war das Weltall noch eine Maschine, der Mensch durch Zufall entstanden, eine Verkettung mehr oder weniger glücklicher Umstände. Er kannte allerdings auch noch nicht die Epigenetik, die bildhafte Anpassungsfähigkeit unseres Genoms und die Spiegelneuronen. Im 19. Jahrhundert war dieses Phänomen noch nicht einmal Science Fiction.

Daher die Maxime: Die Menschen schaffen sich ihre Götter entsprechend ihrem menschlichen Wesen. »Alle Theologie«, tönte Feuerbach, »ist in Wirklichkeit Anthropologie.« Das Mensch-Sein spiegelt sich in den theologischen Reflexionen wider. In transzendentalen Gedanken und Überlegungen erfahren wir nichts über Gott, sondern letzten Endes nur über den Menschen. Der Mensch projiziert seine Wunschvorstellungen auf eine Leinwand – und das ist Gott und die Theologie.

Nein.

Hier widerspreche ich ihm.

Der Mensch ist keine autonome und mit hoher Einbildungskraft ausgestattete Kreatur, sondern seinerseits wieder von der Umwelt und möglicherweise auch von Gesetzen, die uns nicht einsichtig sind, geprägt. Wenn Sehnsüchte und Erlösungsgedanken im Menschen wohnen, so spiegeln sie die Blaupause wider, nach der die Evolution den Menschen formte.

Für Feuerbach war das Bewusstsein über Gott nichts anderes als das Selbstbewusstsein des Menschen. Ich bin da. Ich weiß um meine Existenz Bescheid. Eine freigeistige Beschreibung der Inkarnation, die, ohne dass Feuerbach es beabsichtigte, auch gottnah gedeutet werden könnte: Denn ein Gott oder ein Überwesen wird sich nicht mit Lichtgeschwindigkeit schwere – und zeitlos dem Menschen offenbaren.

Nachdem unsere ganze Existenz Abbildcharakter hat, gibt es zur These, dass der Mensch Gott bloß erfand, auch die Antithese der Feinsinnigen: dass wir nämlich deshalb über Gott nachdenken, weil wir von ihm geprägt worden sind.

Da war etwas, und es hinterließ Spuren.

Prägemechanismen gibt es in der Natur unzählige.

Feuerbach bemüht die Fantasie des Menschen, der er eine eigenständige Spontaneität zuordnet, Dinge aus dem Nichts zu erfinden, so wie den Gottesbegriff. Gerade die Neurophysiologie lehrt uns aber, dass die Konstrukte der Fantasie von jenen Umständen geprägt sind, denen der Mensch gegenübersteht. Die Fantasie kann nur Begriffe schaffen oder neu verbinden, für die der menschliche Geist imprägniert wurde.

Als würde man gute Gedanken auf fruchtbarem Boden säen.

»Der Glaube an ein Jenseits ist«, so Feuerbach, »nicht nur aus der Trauer, nach dem Tode in Nichts aufzugehen, entstanden, sondern der Glaube an das Jenseits entspringt dem Glauben an die Freiheit des Subjekts, die Schranken der Natur überwinden zu können.«

Diese Naturschranken waren für Feuerbach die Gesetze der mechanistischen Physik. »Jenseitsvorstellungen sind«, nach Feuerbach, »der beste Beweis, dass der Mensch die Zwangsjacke der irdischen Existenz überschreiten möchte.« In der Annahme, dass es jenseits dieser Zwangsjacke keine Physik mehr gäbe. Ein Argument, das dem alten physikalischen Weltbild entsprach.

Feuerbach spricht indirekt immer wieder über die »Fantasie«, um zu erklären, warum Menschen auf die Idee kämen, dass es einen Weltenbaumeister gäbe. Die Hypothese, nach der sich unsere Fantasie einen Schöpfer erschafft, rührt aus einem alten neurologischen Konzept: dass der Geist alles, was er will und was ihm genehm ist, aus seiner Tüte hervorholt.

Unsere Fantasie ist aber keine Popcorn-Maschine, aus deren Ideen und Vorstellungen nur so hervorquellen, sondern lediglich Chiffre für neuronale Vernetzungen, die den Stempel eines Gegenübers trägt. Unsere Existenz hat einen Stempel, der unabhängig von uns existiert und dessen Abbild wir sind.

Ob der Mensch deswegen religiös projiziert, weil er dafür geistig durchsättigt worden ist, wäre eine Denkvariante, die man Feuerbach und seinen Brandstiftern als Antithese gegenüberstellen kann.

Ich tue das hiermit.

Feuerbachs Hypothese ist die Projektionswand, die der Mensch mit seinen Wünschen füllt. Allerdings, und das ist meine andere Hypothese, hat diese Wand eine Rückseite, die unabhängig vom Betrachter geprägt wird, ihn aber seinerseits prägen kann.

Der Mensch kann die Rückseite der Wand nicht sehen.

Aber sie ist da.

8
Prägende Umstände

Fakten. Einheiten. Systeme. Ziffern. Klammern. Amplituden. Für die mesokosmische Welt, in der wir leben und die sich zwischen dem Mikro – und Makrokosmos bewegt, ist das Diesseits leicht zu beweisen: Elemente, physikalische Gesetze, Schwerkraft und Kausalität. Begriffe, die wir messen können und die sich unserer Vorstellung nicht entziehen, prägen unsere Existenz. Und auch die verändert sich stetig.

Die Atmung ist ein beeindruckendes Beispiel. Sie entstand nicht durch das Würfeln, sondern durch den Anstieg der Sauerstoffkonzentration in unserer Atmosphäre. Wenn wir atmen, wenn das Blut Sauerstoff transportiert und unsere Zellen Wasser bilden, das wir dann über die Niere ausscheiden müssen, dann sind das letztendlich alles Adaptionsmechanismen, die sich am Erscheinen des Sauerstoffs orientierten – aber gleichzeitig die Evolution gewaltig anspornten. Die rote Farbe des Blutes, unsere Lungen und Nieren, das Herz und die Blutgefäße spiegeln das Erscheinen des Sauerstoffs wider. So wurde er schließlich zur Droge.

Auch die Erdrotation prägte unsere Zellen: Der Tag-Nacht-Rhythmus beeinflusste einst den Lebensrhythmus von Einzellern. Dieses Metronom des Daseins hat sich im Laufe der Evolution bis zum Homo sapiens erhalten und weiterentwickelt. Reptilien bilden ein eigenes Organ, mit dessen Hilfe sie ihre Zellen in den Nacht – oder Tagzustand führen, entsprechend der Sonneneinstrahlung. Dieses sogenannte Pinealorgan befindet sich am Kopf unter einer dünnen, durchsichtigen, knöchernen Membran, die das Licht hindurchlässt. Bei den Säugetieren entwickelte sich daraus die Epiphyse. Man weiß genau, in welchen Hirnarealen der Säuger – und damit auch des Menschen – der Tag-Nacht-Rhythmus sich materialisierte: Vor allem ist es der nucleus suprachiasmaticus, der Neuronen heranwachsen ließ, die die Erdrotation widerspiegeln. Während des Tages geben sie andere Signale ab als während der Nacht, wobei sich das Auge nur untergeordnet dazwischenschiebt. Der Rhythmus selbst ist in biochemische Reaktionen gegossen, durch die Rotation der Erde. Erstaunlich, nicht? Jene Gene, die unsere Zellen zum Tagwerk anregen, lassen gleichzeitig auch Substanzen wachsen, die, wenn sie eine gewisse Schwelle erreichen, eben diese Tagesgene wieder abschalten, die sie letztendlich hervorgebracht haben. Dadurch bleibt der Tagzyklus zirka 12 Stunden erhalten, um dann in eine biochemische Ruhephase überzugehen, in der auch die Hemmstoffe des Tages weniger werden, sodass nach weiteren 12 Stunden die Tagesgene erneut zu arbeiten beginnen. Ein tagtägliches Phänomen und Beispiel, wie sich Umwelt in unseren Genen widerspiegelt.

Das ist kein Zufall. Das ist Evolution.

Aber selbst so banale Konstanten wie die Höhe über dem Meeresspiegel und der Sauerstoffpartialdruck prägen uns und unsere Gene. In Tibet leben die Menschen auf rund 4.000 Meter Höhe, was auch die Gene registrierten. Steigen Menschen aus unseren Breiten auf 4.000 Meter hohe Berge, bilden sich zum Ausgleich für den geringeren Sauerstoffgehalt deutlich mehr rote Blutkörperchen. Allerdings mit einer Nebenwirkung: Das Blut wird dicker. Weil mehr Blutkörperchen in die Gefäße abgegeben werden. Dadurch sinkt die Durchblutung der feinen Kapillaren, man wird schwindlig, mitunter ohnmächtig.

Wie kürzlich zwei klinische Gelehrte entdeckten, haben sich bei den Tibetern immerhin 30 Gene derartig verändert, dass sie nicht mehr überschießend Blutkörperchen bilden, dadurch die Mikrozirkulation nicht verändern, aber trotzdem ausreichend Sauerstoff transportieren. Nach Meinung der Wissenschaftler war diese spiegelbildliche Umstellung und Anpassung in nicht einmal 3.000 Jahren passiert, was nach dem derzeitigen Wissensstand der schnellste bekannte evolutionäre Anpassungsschritt der Menschheit wäre. Ein Wimpernschlag in der Entwicklung. Bisher war nur ein anderer, allerdings länger zurückliegender Spiegelreflex auf die Umwelt bekannt: die Laktosetoleranz, die die Nordeuropäer innerhalb von 7.500 Jahren in die Lage versetzte, auch als Erwachsene Milch trinken zu können.

Das heißt, der Mensch verändert sich permanent. Er wächst, wird größer und intelligenter. Er steht auf der Schwelle zur nächsthöheren Stufe. Zum Homo novus, dem neuen Menschen. Einer, der versteht, wie man die letzten Puzzleteile des Lebens ins Spiel bringt und zu einem Gesamtbild formt.

9
Gehirn. Genom. Geheim

Nicht nur das Hämoglobin und die Lunge, auch das Gehirn ist ein Abbild der Welt, die uns umgibt: So gehen die Genfer Neurowissenschaftler Pierre Magistretti und Delosan Lossana, aber auch der Kinderpsychiater François Ansermet davon aus, dass das Gehirn kein genetisch streng determiniertes Organ sei, sondern die Reizaufnahme aus der äußeren Wirklichkeit Spuren im Nervensystem hinterlässt. Das Gehirn wird dynamisch, der Epigenese folgend, interpretiert. Außenwelt und Erfahrung wirken sowohl auf neuronaler wie auch auf synaptischer Ebene prägend, was bis ins Unterbewusste reichen kann.

Synapsen regulieren die Erregungsübertragung zwischen den Nerven; daran sind einfache Moleküle, Neurotransmitter, dazu Elemente und Ionen beteiligt. Im Unterschied zur früheren Auffassung, dass das alles genetisch vorbestimmt wäre, neigt man heute eher zu der Meinung, die Plastizität sei so groß, dass unser Gehirn bei der Ausformung von Synapsen die Außenwelt mitpartizipieren lässt.

Dadurch wird die Neurogenese von der Umwelt mitgestaltet. Die Zahl der Neuronen ist keineswegs endgültig fixiert, wie das noch vor nicht allzu langer Zeit die Meinung der Schulmedizin war. Durch die Neuroplastizität bekommt das Gehirn eine hohe Anpassungsfähigkeit, die zum Abbild der uns umgebenden Wirklichkeit wird. Das würde auch gut mit Freuds Auffassung zusammengehen, der meinte: Die Erfahrung durch Prozesse der Assoziation, Verschmelzung und Verzerrung wird im Nervensystem mehrmals umgeschrieben, bis sie schließlich die Form unbewusster Fantasievorstellungen annimmt.

Das heißt, das Hirn passt sich nachweislich dem an, was es sieht und versteht. Es sind hochkomplexe mikrobiologische Vorgänge im Nervensystem, die an der Impulsvermittlung teilhaben. Je mehr neue Eindrücke entstehen, desto stärker können sich Rezeptoren ausbilden, wodurch sich auch die Leistungsfähigkeit der Neuronen verstärkt. Viele Signale sind so fein, dass wir sie nicht gleich zu deuten wissen. Aber es sind alles Informationen. Botschaften.

Der Empfangende, so könnte man Sloterdijk zitieren, hält mit dem Absender ein Zwiegespräch und ist andererseits von ihm geprägt.

In stillen Momenten könnte man es wortlose Kommunikation nennen. Manchmal auch Beten.

Dass an einen Abbildcharakter zu glauben nicht unvernünftig ist, weisen die vielen biologischen Instrumente aus, die nicht nur eine permanente Anpassung und eine gerichtete Evolution denkwürdig machen, sondern auch – für den Gläubigen – a priori eine Prägung durch einen Gott.

Zur Anpassung und zur Spiegelung der Außenwelt hat die Evolution eine eigene Logik und eine gefinkelte Logistik entwickelt, um über einen uns noch nicht bekannten Algorithmus Innen – und Außenwelt miteinander zu verbinden.

Einige Beispiele dazu: Unser Genom, dieser wunderbare, elektrostatische Würfel, der ununterbrochen oszilliert, um sich der Umwelt anzupassen, besitzt vielfältige Instrumente, um nicht nur die Verpackung, sondern selbst die Anatomie, also die Hardware des Genoms, so zu verändern, dass er Abbild der ihn umgebenden Umwelt wird, um überleben zu können. Man könnte sagen, es ist ein wundersamer Chamäleoneffekt in der DNA.

Es sind vor allem – und das alles wusste Feuerbach natürlich nicht – mobile, sprungfähige Erbgutteile, die einen Anteil des Genoms bei höheren Arten ausmachen und eine reaktive Plastizität der Gene ermöglicht. Sie haben nämlich die Fähigkeit, wie der Name schon sagt, zu springen. Hops. Und sich an neuen Stellen des Genoms zu platzieren. Diese Elemente beinhalten die sogenannten DNA-Transposons, autonome Retrotransposons und nichtautonome Retrotransposons. Mit Details möchten ich Sie nicht langweilen, das machen wir schon auf manchen Medizinerkongressen. Wichtig ist die Message: Dass dieses biologische Orchester nur nach den Noten des Zufalls spielt, ist die wissenschaftliche Hypothese der Atheisten. Dass es hingegen dahinter Gesetzmäßigkeiten geben könnte, ist eine andere Denkart, die nicht minder vernünftig erscheint. Wenn der Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger von einer »uns noch unbekannten Information spricht, die hinter der Physik ruht«, so könnte das auch in der Biologie der Fall sein und die ungeheuren Anpassungsmechanismen modulieren.

Die DNA-Sprünge ereignen sich nicht zufällig. Sie folgen einer unbekannten Kette von Information. Einem Code, den wir noch nicht entschlüsselt haben.

Die Werkzeuge für diese Spiegelung in unseren Genen entdeckte eine Frau. Barbara McClintock. Sie wurde 1902 in Hartford, Connecticut geboren. Ihre Eltern nannten sie zunächst Eleanor. Bald spürten sie, dass der Name für ihre Tochter zu zart war, und begannen sie Barbara zu nennen, was der Entschlossenheit des Kindes besser entsprach.

Im Jahr 1944 war sie die dritte Frau, die in die National Academy of Sciences gewählt wurde, und die erste Frau, die in den Vorstand der Genetics Society aufstieg. Kurz darauf entdeckte sie, dass bestimmte genetische Regionen in Mais springen können und dass dies Einfluss auf die Farbe der gesprenkelten Maiskolben hat, von Goldgelb bis hin zu Dunkelviolett. Sie nannte es »Controlling-Einheiten«, die später eben als ­Transposons bezeichnet wurden.

Mitte der 1950er-Jahre spürte McClintock, dass der wissenschaftliche Mainstream nicht bereit war, ihre Idee zu akzeptieren, und sie hörte auf, ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, um eine Entfremdung von der wissenschaftlichen Welt zu vermeiden. Denn man konnte sich nicht vorstellen, dass das Genom eine derartige Plastizität hat, um die Umwelt zu registrieren und sich ihr anzupassen.

Allerdings saß auch hier die Wahrheit am längeren Ast. Bald sah die geneigte Kollegenschaft, dass die smarte Barbara sehr wohl recht hatte: Unser Genom ist wie eine Drehtür, es kommen und gehen neue Erbgutabschnitte. Vorteil ist, dass dieser genetische Durchzug zur Evolution beiträgt. Nachteil ist, dass dabei auch Krankheiten entstehen. So werden manche Formen der Hämophilie von solchen mobilen Elementen ausgelöst, die bei der Geburt (oder sogar schon bei der Konzeption) bewirken, dass sich die Blutgerinnungskontrolle verändert.

Heute kennt man verschiedene Klassen von transponierbaren Elementen in den Genomen unterschiedlichster Arten, von der Fruchtfliege über den Eisbären bis hin zum Menschen. Ungefähr drei Prozent des menschlichen Genoms besteht aus Transposons der DNA – so wie sie McClintock im Mais studiert hat.

Eine weitere Art sind die Retrotransposons, häufiger in unserem Genom anzutreffen als Partygäste bei Charlie Sheen. Sie beinhalten transponierbare Elemente, die ihren Ursprung in Viren haben und rund 10 Prozent unseres Genoms ausmachen. Diese Elemente kann man Jahrtausende zurückverfolgen. Sie entstanden, als Viren sich in das Genom von Spermien oder Eizellen integrierten, und so von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden.

Bestimmte Retroposons sind auch in der Lage, sich selbst von einem Bereich des Genoms auf einen anderen zu kopieren und können dabei angrenzende genetische Sequenzen im Huckepack-Verfahren mitnehmen. Denn der Stopp-Befehl solcher Retrotransposons ist meist so schwach, dass die Enzyme der Transkription an diesem Signal nicht halten und weiter in das benachbarte Genstück hineinwirken.

Die Interaktion zwischen Genom und Epigenom – ein weiterer Berührungspunkt zwischen Erbgut und Umwelt.

Andere Mechanismen, die eine Korrespondenz zwischen Umwelt möglich machen, hat ein Forscherteam unter der Leitung des Molekularbiologen John Rinn von Harvard möglicherweise gefunden, als er die unnützen Chromosomenabschnitte, den genetischen Müll, durchsucht und dabei Codes für etwa 1.600 Ribonukleinsäuren fand, die linc-RNA genannt werden. Sie dienen nicht als Grundlage für die Proteinsynthese, sondern greifen regulierend in den Zellstoffwechsel ein. Wenn sich differenzierte Zellen teilen, müssen sie Informationen in sich tragen, die ihnen den Befehl geben, ähnlich wie oder anders als die Mutterzelle zu werden. Das Genom alleine kann das nicht übernehmen, da jede Zelle alle Gene mit sich schleppt. Man vermutet, dass es – neben der epigenetischen Information – diese linc-RNA sind, die das Schicksal der Zellen nach jeder Teilung determiniert und die bis zu einem bestimmten Grad von außen und auch epigenetisch geprägt werden können. Damit steht der Evolution ein wirksames spiegelhaftes Anpassungsinstrument zur Verfügung.

Dass es der Ablesemodus von einzelnen Genen ist, der die Entwicklung der Arten bestimmt, und dass dadurch ein weit besserer Mechanismus als die mutation per random, willkürlich, für die Anpassung und Adaption zur Verfügung stünde, haben vor kurzem US-amerikanische Forscher in Nature berichtet. Unmittelbar vor der Aufspaltung zwischen Homo sapiens und den übrigen Primaten gab es offensichtlich einen richtigen Tsunami im Erbgut des zukünftigen Menschen. Zahlreiche Genabschnitte wurden verdoppelt – allerdings ausschließlich solche, die als »dunkle Materie« zwischen den einzelnen Genen lokalisiert sind und die von früheren Forschergenerationen als junk DNA, als wertlose Pausenfüller, eingestuft wurden. Ihre Aufgabe besteht aber offensichtlich darin, die Formbarkeit einzelner Genabschnitte zu modulieren und mitzuentscheiden, ob manche Gene länger oder kürzer abgelesen werden. Sie sind Relais-Stationen zwischen »außen« und »innen« und scheinen für die Entwicklung der Arten von hoher Bedeutung gewesen zu sein.

Im Hinblick auf die junk DNA nimmt das Genom aller Säugetiere ohnedies eine Sonderstellung ein. Wie Axel Meier im Journal of Molecular Evolution (Hoegg et al., 1990) zeigte, ist die Verteilung dieser bedeutungslosen »Genhülsen« im Erbgut der Plazentatiere häufiger vorgekommen als bei Mikroben, Insekten und Pilzen. Sie bleiben in der weiteren Evolution hoch konserviert, ein Indiz für ihre wirkliche Bedeutung in der Evolution.

Die hohe Adaptionskraft von Lebewesen und der Dialog mit der Umwelt könnte durch viele weitere Beispiele illustriert werden: So informiert der als »Sigmafaktor« bezeichnete Transmitter die RNA-Polymerase darüber, dass bei ansteigender Wärme Schutzmaßnahmen notwendig sind. Die Frage war, woher der Bote die Nachricht erhielt, dass plötzlich eine gefährliche Temperatur eintritt. Die Information kommt, wie neueste Erkenntnisse zeigen, von der DNA.

Die Werkzeugkästen der Evolution sind voll mit genialen Instrumenten, um sich der Umwelt anpassen zu können.

Feuerbachs Religionskritik hatte noch eine Theologie vor sich, in der man davon ausging, dass der Weltenbaumeister in die Naturvorgänge eingreift. Dass dem nicht so ist, haben in der Zwischenzeit manche Theologen gelernt. Lernen musste aber auch die Naturwissenschaft, dass der Mensch zum großen Teil ein Spiegel von außen ist. Auch seine Gedanken und »Erfindungen«. Was bedeutet, dass jeder von uns, Sie und ich, möglicherweise geprimt, also beeinflusst wurde, bevor er einen Gedanken hervorbringt.

Die zündende Idee wäre dann nur das Ergebnis eines Wisperns aus der Unendlichkeit. Als würde jemand ganz leise flüsternd einsagen.

10
Der epigenetische Code

Dolly hat alles über den Haufen geworfen.

Lange waren sich die Philosophen einig gewesen: Objekt und Subjekt sind getrennte Wirklichkeiten. Die Entdeckung der Epigenetik, die zur philosophischen Hilfswissenschaft aufstieg, zeigte das Gegenteil.

In Form eines Experiments, das Määäh sagen konnte und die Medien auf der ganzen Welt abgraste: Schaf Dolly, das erste geklonte Säugetier. 1996 gelang der Durchbruch. Die Forschungen hatten ein pharmazeutisches Ziel: Man wollte mit Schaf-DNA eine Zellkultur anlegen. So manipulierte Euterzellen gewinnen, in denen sich über Milch Gerinnungsfaktoren bilden, um Medikamente herzustellen. Deshalb transplantierte man den Zellkern, das Genom einer Euterzelle, in das Zytoplasma einer Eizelle ohne Zellkern. In der Hoffnung, dass dadurch lang lebende Zellkulturen entstehen. Allerdings kam etwas völlig anderes heraus. Ein neues Schaf. Die Wissenschaftler stutzten: Wie konnten die Gene einer Milch produzierenden Zelle einen neuen Embryo erschaffen, anstatt, wie erwartet, eine weitere Euterzelle?

Antwort gab die Epigenetik: Die Gene der milchherstellenden Zelle wurden sozusagen von außen durch das Zytoplasma der Eizelle unerwartet so neu geordnet, dass nicht mehr Brustdrüsenzellen, sondern ein richtiger Embryo daraus wurde.

Das ist das Fantastische an der Wissenschaft. Forschung geht so weit, dass sie irgendwann Regeln, die bislang als unumstößlich galten, von der Platte fegt. Forschen heißt Thesen aufstellen und Bestätigungen suchen. Über den Tellerrand schauen und das Unmögliche nicht ausschließen. Dann passieren Wunder. Denkschulen ändern sich, neues Wissen erweitert den Horizont und macht die Sicht klar.

So hatte mit Dolly das Ende der rein genetisch-mechanistischen Betrachtungsweise des Lebens begonnen. Unter der Wucht dieser und anderer Erkenntnisse zerstob die bisherige Meinung, das Genom wäre ein erratischer Block, an dem im Normalfall nicht gerüttelt werden kann und in dem sich bis zum Lebensende nichts mehr verändert. Falsch. DNA ist nicht stur.

In unserem Erbgut ist viel in Bewegung: Gene lösen sich aus einer Position, um sich an einem anderen Ort hineinzuzwängen. Andere DNA-Abschnitte verschwinden in einem schwarzen Loch von Basen, die nicht in Proteine umgesetzt werden konnten. Die Biologie studiert das derzeit sehr genau. Was man heute mit ziemlicher Sicherheit weiß, betrifft die Verpackung der Gene: Sie ändert sich sowohl bei der Befruchtung wie auch in der Schwangerschaft. Dadurch wird vorherbestimmt, ob und welche Gene tatsächlich arbeiten dürfen und ihre Botschaft in Proteine umschreiben können.

Jede Zelle trägt die komplette Erbinformation in sich. Und zwar im DNA-Faden, auf dem die Buchstaben der Erbinformation wie auf einer Perlenkette hintereinander eingewoben sind. Der Faden ist lang, etwa zwei Meter beträgt er pro Zelle, würde man ihn vollkommen entfalten.

Dass diese Informationskette klug verpackt werden muss, versteht sich, sonst hätten die zwei Meter in dem mit freiem Auge gar nicht sichtbaren Zellkern unmöglich Platz. Deshalb ist der DNA-Faden zusammengerollt. Wie ein Seil, das man in einen kleinen Sack zwängen muss.

Obwohl es beim Hinsehen chaotisch aussehen könnte, geschieht das nicht zufällig. Das Faltungsmuster der DNA gehorcht physikalischen Regeln, die auf chemischen Verbindungen beruhen: Methylreste, Acetylreste und Phosphatgruppen, drei häufige Moleküle, die an unterschiedlichen Stellen an die DNA angehängt werden, beziehungsweise an den Kristallisationskern, den Histonen, einem Teil des Verpackungsmaterials der DNA. Das verleiht der DNA-Perlenkette eine elektrische Ladung, die, physikalischen Anziehungs – und Abstoßungskräften folgend, ein Faltungsmuster ergibt. Das Wunder Leben, ein elektrisches Zittern.

Unser Erbgut ist ein Schatz, der aus unzähligen kleinen Magneten besteht, sich ununterbrochen bewegt und oszilliert. Das biochemische Origami dient nicht nur der Verpackung. Wird ein Gen, bildlich gesprochen, nach unten oder in das Innere des Knäuels geschoben, kann es bei Weitem nicht so aktiv bleiben und Proteine bilden, wie wenn es an der Oberfläche bleibt. Damit entscheiden besagte Methylphosphate und Acetylreste auch darüber, ob Gene arbeiten oder in einen Ruheschlaf versenkt werden.

Im Unterschied zur Basensequenz des DNA-Fadens, der im Großen und Ganzen konstant bleibt, ändert sich die Verpackung und steht offensichtlich mit der Außenwelt in permanentem Dialog. Was dem Überleben und der Erhaltung der Art dient. Dadurch gelingt es der Zelle rasch und ohne Gene verändern zu müssen, sich einer rastlosen Umwelt anzupassen – körperlich und auch charakterlich.

Was also die Biologie tut, könnte man ebenso von der Interpretation der Offenbarung erwarten.

Damit wird auch eine Denksportaufgabe gelöst, für die es in der Medizin lange Zeit keine Antwort gab: Wenn in unserem Körper jede Zelle die gleiche Erbinformation in sich trägt, warum bilden dann manche Zellverbände Haare, andere Knochen und wieder andere den Herzmuskel? Wie weiß die Zelle, welche Befehle sie an welchem Ort ausführen soll? Schließlich trägt sie das Genom für alle Organe unseres Körpers in sich. Die Antwort darauf ist: die Verpackung.

In Leberzellen sind Gene für die Netzhaut, für Nerven und Knorpeln durch die Verpackung versteckt und inaktiviert. Das Erbgut wird so gefaltet, dass es nur jene Proteine herstellt, die gerade für die Leber notwendig sind.

Während der Embryonalzeit sind zahlreiche Gene aktiv, die dem Heranreifen und der Neubildung unserer Organe dienen. Nach der Geburt, mitunter auch schon früher, werden diese Gene abgeschaltet, indem sie umgepackt und dadurch ruhiggestellt werden.

Manchmal verlieren diese Gene im Alter den Karton, in dem sie eingesperrt waren, und werden aktiv, so wie in der Embryonalzeit. In seltenen Fällen kann dadurch Krebs entstehen. Wird dieser Verpackungsmechanismus während der Schwangerschaft gestört, können schwere Missbildungen entstehen. Denn die veränderte Verpackung verhindert mitunter eine Genaktivität, bevor das Organ noch fertig ist.

Nach der Geburt werden Gene weiter umgepackt. Ihre Aktivität hängt letztlich davon ab, ob sie aufgeschnürt werden, was epigenetisch passiert. Manche Änderungen in der Genarchitektur sind durch äußere Reize ausgelöst und so nachhaltig, dass sie noch Jahrzehnte später ihre biologische Wirkung behalten. Das jahrelange Leiden an psychischen Traumen, auch physisch, lässt sich so erklären.

Die Schwangerschaft ist für das Kind, teils aber auch für die Mutter eine epigenetische Großleistung. Während dieser Phase prägt die Mutter das Kind. Manche epigenetische Veränderungen reichen bis zur Verpackung der Keimzellen-DNA. Dann werden erworbene Eigenschaften auch weitervererbt. Und das Spiel des Lebens geht in der Verlängerung.

Die tragende Rolle der Schwangerschaft

Junge Stare flüchten flinker, wenn sie schon im Ei dem Cortisol ähnlichen Stresshormon Corticosteron ausgesetzt waren. Das haben Forscher der kanadischen University of British Columbia bei Vögeln beobachtet, die sie in Kästen auf einer Farm eingenistet hatten. Zur Vortäuschung mütterlichen Stresses wurde der Corticosteron-Gehalt frisch gelegter Eier künstlich erhöht. Daraus geschlüpfte Nestlinge wuchsen zwar ebenso schnell heran wie Stare aus unbehandelten Eiern und wurden wie sie im Alter von drei Wochen flügge. Bei ihren ersten Flugversuchen schnitten sie aber merklich besser ab. Sie besaßen nicht nur größere Flügel, sie konnten auch kräftiger damit schlagen. Deutlich weiterentwickelt, enthielten ihre Flugmuskeln so viel Eiweiß und so wenig Wasser, wie es sonst für erwachsene Vögel typisch ist. Flugtechnisch derartig frühreif zu sein, dürfte sich vor allem dann auszahlen, wenn die Jungen in einem riskanten Umfeld aufwachsen. Vermutlich verbessern gestresste Starenweibchen, die ihre Eier mit Corticosteron anreichern, die Überlebenschancen der Brut.

Das erklärt: Die Umwelt greift über die Prägekraft der Hormone schon während der Schwangerschaft in unser Leben ein.

Dass Mütter ihren Stress an die Kinder weitergeben, noch ehe der Nachwuchs das Licht der Welt erblickt, ist zwar schon lange bekannt, bisher wurden meist negative Effekte entdeckt: gebremstes Wachstum etwa oder ein geschwächtes Immunsystem. Anscheinend können Stresshormone sehr wohl die positive Auswirkung haben, dass die Sprösslinge bei Zeiten für ein gefahrvolles Leben vorbereitet werden. Man könnte sagen, sie werden epigenetisch abgehärtet.

In der Geburtshilfe nimmt die Epigenetik der Schwangerschaft einen immer größeren Raum ein: die Folsäure ist ein epigenetischer Buchstabe, deswegen ist sie in der Schwangerschaft wichtig. Ein Vitamin-D-Mangel der Mutter kann Jahrzehnte später beim Kind eine Osteoporose beschleunigen. Ja selbst die Nahrung des Vaters vor der Zeugung kann sich ungünstig – noch Jahrzehnte nach der Geburt – auswirken. Hat sich der Herr Papa zeit seines Lebens von Schnitzel, Stelzen und Schweinsbraten ernährt, wird das Kind später wahrscheinlich leichter zunehmen. Sogar Mobbing kann über die DNA wie eine Portion Gift in die nächste Generation einfließen. Ist die Mutter während der Schwangerschaft boshafter Kritik ausgesetzt, beeinflusst ihre Angst das Stressverhalten des späteren Erwachsenen.

Die Natur gibt weiter, was der Mensch begonnen hat.

Schreien, Stillen, Schmusen: das Säuglingsalter

Die Wissenschaft der Spiegelungen, mit deren Hilfe sich die äußere Welt nicht nur in unser Bewusstsein eingraviert, sondern sich auch in der DNA verewigt, geht bis in die 1990er-Jahre zurück. Zwei kanadische Forscher, beide kamen aus Montreal, kannten einander aber nicht, trafen sich zufällig in Madrid in einer Bar. Michael Meaney, Neurowissenschaftler am Douglas Mental Health Institute, und Moshe Szyf, Genetiker an der McGill University, der sich mit chemischen Veränderungen an der DNA befasst, die sich auf die Aktivität auswirken. Meaney nahm eine kräftigen Schluck von seinem Bier und erzählte von seinen Beobachtungen.

»Ich habe da etwas entdeckt. Junge Ratten sind viel stressresistenter, wenn sich ihre Mütter beim Stillen um sie kümmern.«

»Tatsächlich?«

»Ja, ich verrate dir die Details. Nehmen wir noch eine Runde, Moshe?«

»Sicher, Michael.«

Bei diesem Gespräch soll Moshe Szyf – so berichtet Craig Miller am 2. Juli 2010 im Fachmagazin Science – die Erleuchtung gekommen sein. Es lag nicht am Bier. Das muss etwas mit der Methylierung an der DNA zu tun haben, dachte er. Ein Mechanismus, den Szyf bislang nur an Stammzellen und an Krebsgeweben hatte beobachten können. Das stand im Widerspruch zur üblichen Meinung, dass sich Impressionen über Neuronen manifestieren. Diese Neuronen bilden bei entsprechenden Reizen mehr Synapsen, die dann umso leichter wieder bemüht und aktiviert werden können. 2004 publizierten beide in Nature Neuroscience einen Artikel, der zu den meistzitierten dieses wissenschaftlichen Journals zählt.

In ihm berichteten sie von einer Hormonuntersuchung, die sie an jungen Ratten vorgenommen hatten. An Nagern, die nach ihrer Geburt ausreichend gestillt wurden, und an einem zweiten Kollektiv, dem es nicht so gut ging. Wurden diese Tiere später mit Stresssituationen konfrontiert, schütteten die Ratten, denen in der Kindheit wenig Zuwendung zuteil geworden war, reichlich Cortisol, also Stresshormone, aus. Die Nebenniere, in der das Cortisol gebildet wurde, reagierte damit überschießend. Mit all den körperlichen Reaktionen, die ein hohes Maß an Stresshormonen mit sich bringt. Der Grund für diese massive Cortisolbildung bei den kindlich vernachlässigten Tieren: In bestimmten Bereichen des Hirns fehlten die Cortisolrezeptoren, die normalerweise die Stressreaktionen ausbalancieren. Durch die fehlende Zuwendung und das kümmerliche Stillen waren diese Rezeptoren methyliert – und damit außer Kraft gesetzt.

In der Folge erzielte eine zweite Publikation enormes Interesse: Studenten von Michael Meaney untersuchten das Östrogenrezeptorgen und seinen Methylierungszustand. Wurde den Labortieren nach ihrer Geburt der Zugang zum Stillen erschwert, dann besaßen sie auch im Erwachsenenalter einen methylierten Östrogenrezeptorgenabschnitt, der die Ablesung erschwerte. Und vor allem verhinderte, dass ein weiteres Hormon, Oxytocin, im Gehirn ausgeschüttet wird. Dieses Hormon regelt die Zuwendung und das Vertrauen – auch beim Menschen –, und es ist für das Stillen mitverantwortlich. Ratten, die kaum gestillt wurden, zeigten dadurch ein ähnliches Verhalten, wenn sie selbst Kinder zur Welt brachten.

Aber auch das Gen für den Brain Derived Nerve Growth Factor der Jungen wird hypermethyliert und inaktiv gesetzt, wenn Muttertiere während ihrer Schwangerschaft mit sozialem Stress konfrontiert sind. Das Methylierungsmuster bleibt später erhalten. Interessanterweise greifen bestimmte Psychopharmaka in den epigenetischen Code ein und acetylieren das Gen für den Brain Derived Nerve Growth Factor, wodurch sie es aus der Lethargie wieder herausholen und – schnipp! – aktivieren.

Während für die Verhaltensforscher die Epigenetik eine willkommene Erklärung für Phänomene darstellt, die sie beobachten, aber naturwissenschaftlich bis dato nicht zuordnen konnten, stehen Biochemiker und Molekularbiologen den epigenetischen Interpretationen noch abwartend bis skeptisch gegenüber. Timothy Bestor, ein Genetiker der Columbia University, meint, dass mehr naturwissenschaftliche Studien notwendig seien, um tatsächlich derartige verhaltensbiologische Schlüsse zu ziehen. Was man, so der Einwand, bei Einfachmechanismen wie der Hefe nachweisen kann, muss nicht zwangsläufig in der Komplexität des Gehirns stattfinden. Allerdings können selbst die kritischsten Molekularbiologen nicht leugnen, dass es Prägephänomene gibt, die den Menschen klinisch über Jahrzehnte begleiten. Die Suche nach dem Alphabet für diese Phänomene ist noch nicht abgeschlossen. Die Tendenz scheint in die Richtung zu gehen, dass epigenetische Mechanismen ihre Hand im Spiel haben.

Für den Geburtshelfer ist eines wichtig: Die Neugeborenen müssen von der Mutter liebkost und gestreichelt werden. Das prägt sie ein Leben lang und hilft, Stresssituationen mit Gelassenheit entgegenzutreten. Die ersten Lebensjahre sind das zweite epigenetische Fenster, währenddessen sich die Außenwelt im Kind niederschlägt, vor allem in der Zuneigung, die man dem Kind über taktile Reize entgegenbringt. Das Kind speichert sie und gibt sie später an die eigenen Kinder weiter.

Uns zeigt das etwas sehr Schönes. Liebe lässt sich vererben.

Die Pubertät und der Prägestempel

Schwierig, schwierig. Und doch so aufschlussreich. Die Zeit der inneren Irritationen. Sturm und Drang ohne Maß und Ziel. Wo geht die Reise hin, hm? Man weiß es nicht zu richtig zu deuten, woher auch, wozu auch. Der Geist der Rebellion erwacht.

Gesellschaftliches, soziales und weltanschauliches Verhalten entscheidet sich meist in der Kindheit und in der Pubertät. Es ist die Prägephase, in der die elektronischen Medien zunehmend die Funktion des Idols übernehmen. Dazu die sozialen Medien, die Wertungen, die Mahnstimmen der bloggenden Umwelt. Alles Weichen, wichtige Weichen. Da diese Kurseinstellung junger Menschen jahrzehntelang anhält und nicht den Genen selbst zugrunde liegt, darf man eine epigentische Wirkung der elektronischen Medien vermuten.

Eine internette Auswirkung.

Der epigenetische Einfluss der Medien ist gut untersucht. Daneben gibt es viele andere Varianten, die unsere Physiologie und unsere Lebenseinstellungen prägen.

Die härtesten Daten gibt es derzeit aus der TV-Welt. Seit 17 Jahren testet Peter Winterstein, Kinderarzt in Baden-Württemberg, fünf – bis sechsjährige Kinder und lässt sie dabei zeichnen. Dieser Blick in die Kinderseele hat eine Überraschung gezeigt: Während Vorschulkinder mit einem TV-Konsum von weniger als 16 Minuten pro Tag Männchen mit Haaren, Kleidern und Schuhen zeichnen, begnügen sich gleichaltrige Kinder, die täglich drei Stunden und mehr fernsehen, mit der Darstellung verkrüppelter Strichmännchen, denen Glieder aus der Hüfte wachsen oder Beine aus dem Kopf. Winterstein macht für solche Entwicklungsdefizite vor allem den Medienkonsum verantwortlich. Dabei besuchten aber alle Untersuchten eine Schule und ab dem Alter von drei Jahren mindestens halbtags den Kindergarten.

Winterstein gehört mit seinen Untersuchungen zu jenen Medizinern, die nicht müde werden, vor den Folgen kindlichen TV-Konsums zu warnen. Er schrie es geradezu heraus: Passt auf, liebe Mütter und Väter, der Flachbildschirm ist nicht so harmlos, wie er ausschaut. Fernsehen verändert.

Ähnlich der deutsche Neurophysiologe Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Uniklinik Ulm. Er liefert Erklärungen, wie es zu medialen Schäden kommt: In einem Gehirn prägen sich nur jene Dinge besonders gut ein, die über mehrere Sinne erfasst werden können, die also Ohr, Auge, Nase, Tast – und Geschmacksinn beschäftigen. Fernsehen sei dagegen eine, verglichen mit der wirklichen Welt, armselige Angelegenheit. Sie führe zu einer Reduktion der Vorstellungswelt. Sprich: Beim Zappen geht die Fantasie flöten.

Solche Erkenntnisse haben sich längst in einer Empfehlung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung niedergeschlagen. Demnach sollten Kinder im Vorschulalter nicht länger als 30 Minuten pro Tag fernsehen, für Grundschulkinder sei eine Stunde akzeptabel. Daran halten sich nur wenige Eltern. Manche, die es dank ihrer Ausbildung besser wissen sollten, bezeichnen scherzhaft das Fernsehen als ihr Kindermädchen. Vor dem die Kinder ruhig gehalten werden können. Wozu mit den Rackern reden, wenn es die Teletubbies gibt.

Obwohl die Faktenlage erdrückend scheint, tut sich, wie Christian Seel in Die Welt schrieb, die Forschung immer wieder schwer, einen Wirkungszusammenhang zwischen TV-Konsum und Bildungschancen zu belegen. Zum einen sind Fernsehabstinenzler als Vergleichsgruppe kaum verfügbar, zum anderen kann man den hohen TV-Konsum auch als Symptom für andere Dinge werten, die im kindlichen Umfeld schief laufen. So ergab vor kurzem eine große Studie in Nordrhein-Westfalen an 5.500 Kindern, dass der Medienkonsum umso geringer ist, je wohler sich die Kinder in ihrer Familie fühlen. Bekannt ist, dass in bildungsferneren Schichten besonders exzessiv ferngesehen wird. Wer sich nichts zu sagen hat, gibt der Fernbedienung einen Ruck. Netflix ist die neue Religion.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Pro 7, Thomas Ebeling, beschrieb seine Zuschauer so: »Sie sind Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen.« Ebeling hat nach dieser seiner Analyse den Hut nehmen müssen.

In Österreich und Deutschland ist Fernsehen wie Alkohol. Absolut okay. Es kann hin und wieder sogar mehr sein, schadet nicht und bringt gute Laune. Diese Denke ist nicht unproblematisch. Die Mehrheit der Leute legt über diesen Missbrauch den Schleier der Toleranz, ein neuer OLED-3D TV soll ja ausgiebig eingeweiht werden. Wenige sind bemüht, den Off-Knopf zu drücken. Anstatt die Probleme primär zu verhindern, wird für die Spätfolgentherapie ein Trupp von Logopäden und Therapeuten zu Hilfe gerufen. In langen Gesprächen sollen sie die Sünden wiedergutmachen. Und dann macht man natürlich auch die Lehrer für die schlechten Leistungen der Schüler verantwortlich. Ich will hier keine PISA-Diskussion anzetteln, nur anmerken, dass manche Schwierigkeiten hausgemacht sind.

Zu den größten Untersuchungen, die sich dem Thema Wie Fernsehen die Menschen formt widmeten, gehört die UNESCO Global Media Violence Study. Sie hat das Verhalten von Kindern vor dem Bildschirm in 23 Ländern untersucht. Ein Resultat ließ schon am Beginn der Untersuchungen aufhorchen: Rund 93 Prozent der schulpflichtigen Kinder, die in elektrifizierten Städten wohnten, verbrachten mehr als 50 Prozent der Freizeit vor dem TV-Schirm. Mehr als die Hälfte ihrer gesamten Freizeit.

Die unabhängige Television Commission aus England notierte bereits 1998, dass 46 Prozent aller Kinder einen Fernsehempfänger in ihrem Schlafzimmer haben und nur 43 Prozent aller Eltern willens sind, die Programme der Kinder zu überprüfen oder gar zu steuern. Das, obwohl die meisten englischen Eltern wissen, dass Fernsehen das Benehmen und die Kommunikation ihrer Kinder nachhaltig verändert.

Die Abhängigkeit der Kleinen vom Fernsehschirm wird durch eine weitere Untersuchung illustriert: Wie die US-National Television Study berichtet, beinhalten 61 Prozent der ausgestrahlten Programme gewalttätige Akte, nur 4 Prozent strahlten Inhalte aus, die sich gegen Gewaltaktionen richteten. In 39 Prozent wurde Gewalt, die den Tod brachte, von attraktiven und sympathischen Menschen präsentiert.

Bei Daniel Craig schaut das, wenn er den Abzug seiner Walther PPK zieht, einfach lockerer aus, er hat ja die Lizenz zum Töten. Jennifer Lawrence darf genauso ihre Widersacher im Wald mit Pfeil und Bogen jagen, schließlich ist sie die Gute von Panem. Es soll Männer geben, die sich freiwillig von ihr den Oberschenkel aufspießen lassen würden.

Jedenfalls, mehrere Studien waren tatsächlich in der Lage, über viele Jahre Menschen, die in ihrer Kindheit vor dem Fernseher saßen, zu untersuchen. Eine große US-amerikanische Evaluierung beobachtete 707 Menschen über 17 Jahre hindurch. 20 bis 25 Gewaltakte wurden pro Stunde im Kinderfernsehprogramm registriert. Fernsehen bringt auch jede Menge Action mit sich. Tatsächlich bestätigte sich, dass früh erlebte Gewaltdarstellungen später mit antisozialem Verhalten, einer Neigung zu physischer Verletzung und aggressivem Benehmen verbunden waren. Eine zweite Studie, die 1977 begann, nahm Kinder zwischen sechs und neun Jahren unter die Lupe, verfolgte sie 15 Jahre und kam zum gleichen Ergebnis. Wer viel Rambo schaut, wird kein Kuschelbär.

Burschen sind gefährdeter als Mädchen. Vor allem wenn sie in den ersten fünf Lebensjahren Gewalt unter den Menschen miterleben. Wird Brutalität mit Erotik kombiniert, hat das einen besonderen Erregungseffekt, der ins Asoziale, Egoistische, irgendwann vielleicht ins Kriminelle führt. Je höher die optische Dosis, desto stärker die Wirkung. Internetpornos und Egoshooter lösen ganz spezielle Reize aus. Dieser Effekt ist, statistisch gesehen, gefährlicher als das Passivrauchen.

Computerspiele sind gefinkelter als Actionfilme, weil das Kind aktiv als Aggressor mitwirkt. Drei Metaanalysen bestätigen das. Die Unterhaltungsindustrie, die diese Spiele herstellt, wehrt sich geschickt gegen Vorwürfe, die immer dann aufkommen, wenn Jugendliche zum Gewehr greifen und Amok laufen. Viele dieser jugendlichen Täter hatten eine Spielsucht entwickelt.

Manche Kids finden den IS geil. Die Tatsache, dass Kinder über Handys Hinrichtungsvideos aus dem Irak auf europäischen Schulhöfen untereinander austauschen, wissen Eltern höchstens aus der Boulevardzeitung.

Ich darf an dieser Stelle beruhigen. Die Technik ist nicht böse. Es war früher nicht besser. Die Digitalisierung ist das Dogma unserer Zeit. All diese Errungenschaften, vom Flatscreen bis zum Web, bieten die Möglichkeit der Information, Bildung und Kontakterweiterung. Analog lässt sich hier der alte Spruch des Gelehrten Paracelsus anwenden: Ob etwas Medizin oder Gift ist, hängt von der Dosis ab.

Natürlich spielen die Umwelt, das Geschlecht, Bildung, dazu Alkohol und Drogen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Burschen sind auch hier gefährdeter als Mädchen. Und Kinder, die gleichzeitig zu Hause den dreidimensionalen, weil realen Aggressionsakt der Eltern erleben. Sie werden durch die zweidimensionale TV-Darstellung in ihrem charakterlichen Programmierungsprozess weiter bestärkt.

Die US-Forscherin Su Bailey untersuchte in einer aufsehenerregenden Studie 40 adoleszente Mörder sowie 200 junge Menschen, die sexuelle Verbrechen begangen hatten, und sah einen starken Zusammenhang zwischen aggressiven und pornografischen Videos auf der einen Seite und den Straftaten, die folgten.

In ähnlicher Weise analysierte eine britische Studie 18 Jugendliche, die zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Hier zeigte sich klar, dass es die elektronischen Medien waren, die das Gewissen und die Geistigkeit der späteren Straftäter prägten: Sie hatten keinerlei Sensibilität für das Wohl anderer Menschen. Und das sei kein Wunder, resümierte vor kurzem ein angesehenes wissenschaftliches Journal: Wenn der Leitfilm für aggressives Verhalten Natural Born Killers, der strengen Jugendschutzbedingungen unterliegt, von jungen Menschen gesehen wurde, die zu 45 Prozent unter 18 Jahren waren, darf es nicht wundern, dass Friedenstauben aussterben. Selbst wenn uns vorgegaukelt wird, soziale Medien brächten die Menschen zusammen. In Wahrheit begibt man sich in eine hübsch animierte Isolation, in eine selbst gewählte Matrix.

Ich meine: Für viele Dinge im Leben braucht man eine Lizenz. Für das Spritzen eines Weingartens mit Pestiziden, für das Fischen, für das Handeln mit Gütern, für das Lehren. Eigentlich wäre auch eine Qualifikation notwendig, Kinder und vor allem Pubertierende erziehen zu dürfen. Die Bedürfnisse von Jugendlichen sind mannigfaltig, man kann so viel falsch und nur so wenig richtig machen.

Die Plastizität des pubertierenden Gehirns – und damit auch seine Beeinflussbarkeit – lässt sich sogar bildgebend verfolgen. Ungefähr im Alter von zwölf Jahren hat das kindliche Gehirn von der Größe, dem Faltungsmuster, dem Gewicht und der regionalen Spezialisierung den Status eines Erwachsenen erreicht.

Kognitiv allerdings sind sie noch nicht auf dem Niveau. In einer groß angelegten Arbeit überprüfte das National Institute of Mental Health in Bethesda, es gehört zum US-Gesundheitsministerium, 2.000 Jugendliche vom 3. bis zum 25. Lebensjahr. Alle zwei Jahre wurde an ihnen ein Gehirnscan vorgenommen. Die Arbeit verwendete eine Magnetresonanzmethodik (MRI), um den Wasser-Fett-Gehalt im Gehirn zu dokumentieren. Im Gehirn besteht die graue Substanz vor allem aus wasserreichen Nervenzellen, während die weiße Substanz Fette beinhaltet, die die einzelnen Nerven voneinander isolieren, das Myelin. Myelin ist das griechische Wort für Gehirn. Im Hirn eine Biomembran, reich an Nervenfasern.

Die Untersuchung brachte überraschende Erfolge. Sie zeigte, dass die graue Substanz zunächst in der Kindheit stark zunimmt, dann sich wieder zu verdünnen beginnt. Wobei diese Welle im Hinterhirn beginnt und bis zum frühen Erwachsenenalter anhält. Dieser Prozess läuft bei Mädchen schneller ab als bei Buben und wird mit dem »Waking-up«-Schritt in Zusammenhang gebracht; Mädchen erreichen wesentlich früher die Reife des Erwachsenenalters. Je schneller diese Welle vorangeht – und das scheint ein interessantes Nebenprodukt dieser Untersuchung zu sein –, umso höher ist die Intelligenz.

Diese Zeit der frühen Adoleszenz, die mit dem dritten epigenetischen Prägefenster zusammenfällt, entscheidet über Wichtiges im weiteren Leben: die synaptische Vernetzung und die Auswahl der Nerven. Welche gebrauchten verwendet und welche nicht gebrauchten man eliminiert. Die Stimulierung von außen scheint so an der Gehirnentwicklung entscheidend beteiligt zu sein.

Der Spruch »Use it or lose it« gilt in besonderer Weise für das Oberstübchen. Wird in dieser Lebensphase das heranreifende Gehirn angehalten, schwierige Situationen zu meistern und Konflikte zu lösen, bleibt ihm diese Begabung für das spätere Leben.

Der US-Neurowissenschaftler Jay Giedd, der diese Untersuchung leitete, schließt daraus, dass in dieser Lebensphase die Begegnung des Kindes mit Musik, Eindrücke durch Reisen, fremde Sprachen, aber auch die sportliche Balance von enormer Wichtigkeit sind. Das Gleiche gilt für Konfliktlösungsmodelle, die das Kind in diesen Lebensphasen erlernt und sich dabei an Prägedarstellungen in elektronischen Medien orientiert. Im Alter scheint wiederum eine zunehmende Myelinisierung wichtig zu sein. Sie ermöglicht, dass Nervensignale schneller weitergegeben werden und die Zeit zwischen zwei neuronalen Impulsen kürzer wird. Deswegen verlangt Weisheit ein Maximum an Myelinisierung. Das ist jener Prozess, bei dem Axome mit einer Myelinschicht umhüllt werden. Gewissermaßen das Motoröl für den Denksport.

Die molekulare Neurologie hat demnach eindrucksvolle Beispiele geliefert, wie plastisch und formbar unser Gehirn ist. Und wie nachhaltig Prägung sein kann.

Was die großen Fragen aufwirft: Gibt es den freien Willen? Ist er vorbestimmt? Und wenn ja, gibt es in einem determinierten freien Willen Freiräume? Das wären dann Nischen des Glaubens.

Gibt es einen genetischen Auftrag von Gott?

Alles eine Frage der Bestimmung. Glaube und Unglaube hängen weder von Intelligenz noch von Argumenten ab, sondern sind – und das ist ebenfalls meine Hypothese – epigenetisch determiniert.

Vor allem in den drei biologischen Fenstern wird das spätere Leben vorentschieden: In diesen Perioden gibt es Freiheiten, zu formen: unsere hormonellen und sensitiven Reaktionen, unsere Neurotransmitter und damit das, was wir Charakter und Einstellung nennen. Hier fällt auch die epigenetische Entscheidung darüber, ob man einen Weltenbaumeister akzeptiert oder nicht.

Nachher ändert sich das kaum mehr. Deshalb ist es nahezu sinnlos, epigenetisch entschiedene Menschen missionieren zu wollen, in die eine oder andere Richtung; da tut sich nichts mehr.

Die religiöse Prägung muss nicht von den Eltern kommen: Es gibt gläubige Eltern mit nichtglaubenden Kindern und umgekehrt. In den Prägemomenten können völlig unterschiedliche Variablen auftreten. Dafür gibt es jede Menge Beispiele, wie etwa eine bekannte Molekularbiologin aus Wien, die sich – auch öffentlich – an den Zeitpunkt erinnert, ab dem sie sich gegen einen Weltenbaumeister entschied. Ihre bornierten Religionslehrer verstörten sie derart, dass sie sich gegen Gott aussprach und diesen Moment heute noch weiß. Argumente oder wissenschaftliche Erkenntnisse waren nicht ausschlaggebend. Natürlich hinterfragt die europäische Geistesgeschichte diese epigenetische Determinierung und versucht Erklärungsmodelle zu finden, warum sich der eine für und der andere gegen Gott entscheidet. Warum in den Prägemomenten gerade dieser oder jener Würfel so oder anders fiel.

Der Kirchenvater Augustinus wählte dafür das Wort gratia, Geschenk, Gnade: Man hat es, oder man hat es nicht. Was für den österreichischen Verhaltensforscher Konrad Lorenz das Pfeifen oder Berühren war, mit denen die eben geschlüpften Küken auf ihn und für ihn geprägt wurden, das ist bei der weltanschaulichen Prägung zweifellos komplizierter. Menschen vermitteln Argumente für oder gegen Gott. Die oft bemühte Blutspur der Religionen ist ein Prägedetail, das offene junge Menschen epigenetisch imprägnieren kann. Dieser Gott ist grausam, denken sie, herzlos und blutrünstig. Entsetzt vom Mittelalter, wenden sie sich ab vom Glauben.

Ethik und Epigenetik

Wissenschaftler meinen, wir kämen mit einem angeborenen ethischen Kompass zur Welt. Meine Frage geht weiter: Gibt es so etwas wie eine epigenetische Codierung ethischen Verhaltens?

Eine Erbmoral?

Die gängige Meinung: Das Ethische hat sich evolutionär nur deshalb behauptet, weil es sich für die Genprogramme auszahlte, ethisch zu handeln. Die Moral hatte weniger Verlierer. In der allgemeinen Konkurrenz waren jene Gruppen im Vorteil, die über eine effiziente Binnenmoral verfügten. Das ermöglichte ihre Stärkung nach außen. Demnach würden Überlebensdeterminanten – epigenetisch – bestimmen, was ethisch wäre.

Dieser soziobiologische Standpunkt wurde durch das Christentum überhöht. Die Vertreter der epigenetisch Glaubenden verweisen darauf, dass mit dem Christentum, vor allem auch zur Zeit der Aufklärung, ein weiteres Erklärungsmodell für die Wurzeln der Ethik in die geistige Landschaft Europas kam. Etwas, das von den Soziobiologen völlig ausgeblendet wird: Die Brüderlichkeit sei deswegen zu akzeptieren, weil alle Menschen ihre Existenz einem gemeinsamen Weltenbaumeister verdanken und deshalb Brüder im wörtlichsten Sinn des Wortes seien.

Nicht nur Brüder im Geiste, sondern tatsächlich.

Damit begann ein zusätzliches Argument, unabhängig von theologischen Überlegungen, in die geistesgeschichtliche Diskussion einzufließen: Was Ethik ist und wodurch sie entsteht. Für die Entstehung mögen die Soziobiologen recht haben. Mittlerweile gibt es in der Interpretation ethischer Normen einen Fortschritt, der den reinen Überlebensvorteil auf eine brüderliche, gotteskindhafte Ebene hievt.

Mit Epigenetik und Ethik betritt ein weiterer naturwissenschaftlicher Vorgang die Bühne, der das unterstreicht: die Spiegelneuronen.

Inverse Information: Abbild und Spiegelungen

Männer haben ein Gehirn. Erstaunlich, aber wahr.

Elferfrage an alle: Was sind Erinnerungen, und wo sind sie gespeichert?

Medizin und Biologie siedelten in vergangenen Jahrzehnten das Gedächtnis ausschließlich im Gehirn an, in den Neuronen. Bis die junge Wissenschaft der Epigenetik erklärte: Sorry, folks. Nicht nur jede Zelle, sondern das Genom selbst hat – von Nerven unabhängig – ein Gedächtnis. Und das reagiert auf die Umwelt, die es im weitesten Sinn widerspiegelt.

Natürlich ist für den Alltag unser Gedächtnis im Kopf angesiedelt. Sollte es zumindest sein. Aber selbst dort fand man schon vor einiger Zeit Mechanismen, die im neuronalen Bereich das bestätigen, was im epigenetischen für intellektuelle Aufregung gesorgt hatte. Dass sich nämlich im Gehirn die Umwelt abbildet und widerspiegelt. Konkret: Über Spiegelneuronen haben wir ein mental universe.

Im Kopf eines Menschen, der leidet, und im Kopf eines Menschen, der ihn dabei beobachtet, feuern die gleichen Neuronen. Dadurch kann der Mensch die Empfindungen seines Gegenübers im eigenen Kopf ablaufen lassen. So entwickelt er seine Gefühlswelt. So entsteht seine Ethik.

Diese Spiegelung wird auch dann registriert und akzeptiert, wenn man momentan und pro futuro, also zeitlos, agiert und weder für sich noch für die Gruppe einen egozentrischen Vorteil erwirbt. Das ist dann Mut zur Mitmenschlichkeit.

In dieser Ethik ist eine evolutionäre Zweckorientiertheit veraltet, ja längst überholt. Die neue Begründung sieht nicht mehr den Nutzen allein, sondern die Brüderlichkeit unter der Schirmherrschaft eines Schöpfers.

Der Naturforscher Charles Darwin begriff schon im 19. Jahrhundert: In jedem Erdzeitalter haben sich die Arten immer zum Höheren entwickelt. Warum sollte das nur für körperliche Merkmale gelten? Warum kann der Mensch nicht das Konrad-Lorenz-Steinzeitkorsett seiner Ethik ablegen und seine Art ebenfalls zu Besserem führen? Vom Egoismus zum Altruismus. Man kann es Schicksal nennen oder Karma. Der Mensch, der Gutes tut, sieht: Es lohnt sich. Gutes kommt auf anderen Wegen zurück.

Spiegelneuronen, auch wenn sie im Detail noch kontrovers beurteilt werden, sind weitere Hinweise dafür, dass unsere Vorstellungen ein Gegenüber haben. Die Zellen, der Körper, die Neuronen, unsere Gedanken spiegeln eine Wirklichkeit wider. Nicht wir schaffen uns die Wirklichkeit oder die Vorstellung eines Weltenbaumeisters, sondern die Wirklichkeit – die primär uns umgibt – schafft uns, unser Genom, unser Bewusstsein und auch unsere Vorstellungen. Das Denken ist nicht die Präsentation von realen oder irrealen Möglichkeiten.

Denken ist Teilhaben am Wirklichen.

Wir denken in Kausalitätskategorien, weil die Physik unseres Alltags kausalitätsbezogen ist. Alle unsere biologischen Reaktionen spiegeln die Schwerkraft wider, weil sie bei der Entstehung des Lebens a priori vorhanden war.

Für den Weltenbaumeister gilt Gleiches: Gäbe es ihn nicht, wir hätten von ihm keine Ahnung.

Dem Begründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, war dieser Einblick schon ersichtlich, als er seinen Missionaren den Rat mitgab: »Wo immer ihr auch hinkommt, vergesst nicht, dass Gott schon vor euch da war.«

Die Evolution, eine Spiegelung unserer ­Umgebung

Der Zufall sollte dem Glauben ins Gesicht spucken. Biologische Systeme, hieß es trotzig, seien durch reinen Zufall entstanden. Mutation per random auf Wissenschaftsdeutsch. Gott existiert nicht, es regiert der Zufall. Allerdings war das keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine Propagandathese. Sie sollte Gedanken an ein »Design« hinter der Evolution im Keim ersticken.

Ausgerechnet im Charles-Darwin-Jubiläumsjahr 2009 mehrten sich die Hinweise, dass es neben der genetischen Evolution auch eine schneller wirksame Adaptionsstrategie gäbe: die gerichtete Verpackung der Gene, die deren Aktivität beeinflusst und den akuten Bedürfnissen der Umwelt rascher Rechnung trägt als zufällige Mutationen. Und dass es natürlich eine Höherentwicklung der Arten und damit eine Evolution gibt, die bestimmten Gesetzen unterliegt und sich keineswegs nur per random ereignet – wenn das Schicksal Schnackerl hat.

Anstelle der zufälligen Evolution thematisiert die Naturwissenschaft immer öfter die gerichtete Entwicklung, genannt directed evolution. Wobei die Blaupause für die Entfaltung der Arten die Außenwelt ist. Somit wird die Evolution selbst zu einem Spiegel. Viele Argumente sprechen für diese directed evolution, in der erworbene Eigenschaften weitervererbt werden. Es handelt sich um das Resultat eines wundersamen Gesprächs zwischen Genom, Epigenom und Umwelt. Wobei gezielt auf verborgene Genprogramme zurückgegriffen wird, wenn die Umwelt das fordert.

Begonnen hatte es mit der Beobachtung eines ungewöhnlichen Typs von Genmutation bei E.coli-Bakterien. Es wird jetzt ein bisschen kompliziert: Bei der Mutation mit der unverständlichen Bezeichnung lac – fehlt den Bakterien die Fähigkeit, Laktose abzubauen. Würde ein E.coli-Stamm des Typs lac-, dem das für die Ernährung mit Laktose notwendige Enzym fehlt, nur mit Laktose versorgt werden, müssten die meisten Zellen absterben. Ein paar wenige dürften sich zufällig in den Typ lac+ verwandeln, der von Laktose leben, daher wachsen und sich vermehren kann. Die Realität verblüffte die Forscher im Labor: Deutlich mehr E.coli-Zellen des Types lac – mutierten zu lac+, wenn Laktose vorhanden war, als im anderen Fall, obwohl sie vordergründig keine Informationen darüber hatten, dass Laktose auch nach der Mutation zur Verfügung stehen würde.

Das sah, wie eine breite Diskussion damals vermeinte, nach »Magie« aus. Ähnlich wie manche physikalische Phänomene, die schwer erklärbar sind, als »Spuk« bezeichnet wurden; übrigens auch von Einstein (seine These von der »spukhaften Fernwirkung« wurde 2015 bei einem Quantenexperiment überprüft, das nur nebenbei).

In Wirklichkeit greift die Evolution auf ein, sagen wir, »schlafendes«, noch nicht aktiviertes, aber vorhandenes Genprogramm zurück, das den Laktoseabbau ermöglicht. Reaktionen in der Genverpackung, also epigenetische Mechanismen, könnten den Effekt auslösen.

Ein anderes Erklärungsmodell für dieses Phänomen bedient sich des Superposition-Prinzips. Superposition bedeutet: Im Quantenkosmos können sich einander ausschließende Zustände überlagern. Sinngemäß: Plus und Minus existieren gleichzeitig. Tot und lebendig zur selben Zeit.

Das Paradoxon demonstrierte der österreichische Physiknobelpreisträger Erwin Schrödinger, einer der Urväter der Quantenmechanik, in seinem berühmten Gedankenexperiment mit der Katze. Man sperre, schlug Schrödinger 1935 vor, eine Katze zusammen mit einem radioaktiven Atom in eine geschlossene Kiste. Das Atom zerfällt mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, worauf ein Hammer eine Giftampulle zerschlägt und die Katze umbringt. Solange man den Deckel dieser Höllenmaschine nicht öffnet, befindet sich das Tier in einem Überlagerungszustand von tot und lebendig. Erst wenn jemand nachschaut, löst sich der duale Zustand der Katze auf. Miau. Oder aus die Maus.

Im konkreten Fall, bei unseren E.coli-Zellen, hieße das: In jeder Zelle könnte bei der Mutation von lac – nach lac+ ein einzelnes Proton von einem Ort in einen benachbarten hineintunneln. Der Tunneleffekt beschreibt das Phänomen, wenn ein atomares Teilchen eine Barriere überwinden kann, obwohl seine Energie geringer ist als die Höhe der Stufe. In der klassischen Physik wäre das undenkbar, in der Quantenmechanik ist es möglich.

Die Wellenfunktion des Protons beinhaltet quantenmechanisch eine bestimmte Wahrscheinlichkeit für beide Orte: eine Superposition von getunnelt und nicht-getunnelt. Es tanzt auf zwei Bällen gleichzeitig.

Sofern sich diese Quantenkohärenz – eine Art wellenartiger Tanzschritt, ein Teilchensamba – in der Zelle lange genug aufrechterhalten lässt, sollte sich die gesamte DNA als Superposition von mutiert zu nicht-mutiert entwickeln. Die Laktose würde es sozusagen übernehmen, den Kasten mit Schrödingers Katze zu öffnen und den Zustand der Zelle in der einen oder der anderen Richtung kollabieren zu lassen.

Der Grund ist, dass beim richtigen E.coli-Stamm chemische Reaktionen stattfinden, die auch die Laktose betreffen und Dekohärenz bewirken. Geschieht das bei vorhandener Laktose schneller als bei fehlender, dann wäre das eine Erklärung für die überraschenden Ergebnisse der Mutation, die sich anpasst.

Obwohl das noch Spekulation ist, unterstreicht es eines: Mutationen und Evolution könnten nicht nur zufällig stattfinden, sondern auch »gerichtet« verlaufen, directed. Und damit nicht mehr vom Zufall allein abhängig sein, sondern von einem epigenetischen Dialog, möglicherweise mit quantenmechanischem Design.

Auch Pflanzen registrieren die Umwelt. Sie können genauso in ihrer Genanordnung directed sein und geben diese Information dann an ihre Nachkommen weiter. Seit langem weiß man, dass Stresssituationen, pathogene Infektionen oder ultraviolettes Licht die Mutationsgeschwindigkeiten in Pflanzen beschleunigen. Sie passen sich epigenetisch der Umwelt an. Dass diese erworbene Eigenschaft weitervererbt wird und nach Generationen, wenn der Korrekturbedarf sinkt, wieder verschwindet, definiert genau das Modell der adaptiven Mutation.

Diese Weitervererbung erworbener Eigenschaften wurde von Neodarwinisten scharf bekämpft. Aus dem einfachen Grund, weil es einen »Dialog« zwischen Umwelt und Genom nahelegt und damit der reinen Zufälligkeit abträglich ist. Kurzum, es passt nicht in deren Weltbild.

Mit Verlaub: Die Kommunikation zwischen Umwelt und Genom reicht, ohne dass man mit diesem Gedanken eine intellektuelle Sünde begeht, über die reine Zufälligkeit hinaus. Das Erbgut tastet die sie umgebende Umwelt ab und führt, im Interesse des Überlebens, gezielte Veränderungen durch, die mit einer lottospielartigen Zufälligkeit allein nicht zu erklären sind. Es muss einen Grund haben.

Die adaptive Evolutionstheorie wäre wert, weiter­verfolgt zu werden, allerdings hat sie viele Gegner: Jeder, der diese Zufälligkeit der Evolution in Frage zu stellen versuchte, wurde in der Vergangenheit von der wissenschaftlichen Gemeinde dem Scheiterhaufen übergeben. Der prominenteste war der französische Botaniker Jean-Baptiste de Lamarck. Er formulierte noch vor Charles Darwin eine Evolutionstheorie, deren Hauptprinzip ist: Es gibt eine gerichtete Höherentwicklung von Organismen, die durch sogenannte wiederholte Urzeugung, also spontan, entstandenen sind. So bilden sich die einzelnen Klassen. Als Nebenprinzip nahm er die Vererbung erworbener Eigenschaften an, die zur Artenvielfalt führt.

Lamarck hatte einen Gedanken ins Spiel gebracht, der später in der Zeit des Kulturkampfes erst abgelehnt, dann aggressiv bekämpft wurde. Sein dreistes Vorpreschen hätte die reine Zufälligkeit der Evolution beschnitten. Trotz Gegenwindes vertrat er die Meinung, dass nicht alleine das Zufallsprinzip die Evolution steuert, sondern exogene Designerfaktoren für Richtung und Geschwindigkeit mitverantwortlich seien. Obwohl Lamarck ein äußerst verdienter und kundiger Naturwissenschaftler war, verzieh man ihm die Wortmeldung über eine »designte Evolution« nicht. Er wurde dem wissenschaftlichen Anathema übergeben, der Verfluchung, und das Wort »Lamarckismus« wurde zum Synonym für »Unwissenschaftlichkeit«.

Ein ähnliches Schicksal ereilte den Gelehrten Paul Kammerer aus Wien. Auch er vertrat die Meinung, dass die Evolution nicht nur würfle, sondern dass es Umweltdesigner gäbe, die für die Ausbildung von Phänotypen, Erscheinungsbilder in der Genetik, und damit für die Richtung der Evolution verantwortlich seien. Wenn man die neuen Aufarbeitungen des damaligen Skandals studiert, mutet der Fall wie eine kleine Dreyfuss-Affäre an, deren Hauptakteur, der französische Offizier Alfred Dreyfuss, einer Intrige und einem gehörigen Antisemitismus zum Opfer gefallen war. Die Zuhilfenahme von einfachen grafischen bildunterstützenden Maßnahmen wurde Kammerer als Fälschung vorgeworfen. Man überschüttete ihn mit Schmutz und Schmach, Schimpf und Schande.

Späte Unterstützung bekamen beide Herrschaften durch eine kürzlich publizierte Arbeit, die ein reproduktionsmedizinisches Phänomen näher untersuchte, nämlich die Abnahme der Spermienqualität. Dass das auch im Säugetierbereich stattfindet, weiß man seit Jahrzehnten, und immer wieder wird die Umweltbelastung als Grund dafür präsentiert. Jetzt ist es durchaus verständlich, dass freie Radikale, aber auch Xenosteroide die Spermatogenese schädigen können. Dass dieser Schaden zukünftigen Generationen weitergegeben wurde, war für die wissenschaftliche Welt nicht nur neu, sondern überraschend. Angeborene Eigenschaften galten bis dato nicht als im Genom verankert. Also doch kein Zufall?

In der Zwischenzeit scheint man sogar den Ort gefunden zu haben, wo die Umwelt »designtt« wird. In den Methyl – und Acetylresten des epigenetischen Codes. Das beweist immerhin eines: Was emotional und dogmatisch als »reiner Zufall« interpretiert wurde, dürfte viel hintergründiger sein. Die Evolution läuft nicht blind umher, sondern orientiert sich über die Epigenetik an einem vorgegebenen Design, das man im Environment findet. Lange bevor sie die entstandene Spezies dem Überlebenskampf überlässt.

Übrigens war auch Darwin von einer gerichteten Evolution überzeugt, zumal er den natürlichen Ausleseprozess weniger im Lichte des Überlebenskampfes, sondern mehr in Anlehnung an die fortlaufende Anpassung an die Umwelt zu erklären suchte. In seinem Grundsatzwerk Von der Abstammung des Menschen schreibt er über das Prinzip der Nachahmung, des Verstandes und der ständigen Modifizierung dieser intellektuellen Kräfte, ohne dass er sie nachweislich darstellen konnte.

In gewisser Weise war er auch Lamarckist.

Gesprengte Ketten, freier Wille: Was ist uns bestimmt?

Das antike Hellas war vom Schicksal geprägt und nicht vom Willen. Die sokratische Lehre, dass niemand mit Absicht Böses tue, war tief im griechischen Denken verwurzelt. Vorstellungen von einem guten freien Willen, der auch bei eingeschränktem Erkenntnisvermögen den Menschen davor bewahren könnte, moralisch schlecht zu handeln, gab es nicht.

Tatsächlich determinieren uns Physik und Biologie. Zwar ist, wie Voltaire es formulierte, Freiheit »das Vermögen, etwas zu tun, was man will«, aber »in keines Wesen Macht steht es zu wollen, was es will«, wie schon Leibniz gesagt hat.

Allerdings ist das Kohlenwasserstoff-System der belebten Welt mobiler als das des Diamanten. Weil es aufgrund eines thermodynamischen Segmentes einerseits die Bereitschaft, sich zu vergrößern und zu vermehren, besitzt, andererseits bemüht ist, das effizient vorzunehmen, sich immer wieder anzupassen an eine Umwelt, die letztendlich der Spiegel der biologischen Existenz ist. Dort gibt es Freiheit, in dem immerwährenden Versuch, sich erfolgreich zu reproduzieren. Das ist tatsächlich ein apartes liberum arbitrium, ein kleines Stück echten freien Willens.

Um ein schnelles Anpassungssystem zur Verfügung zu haben, entwickelten die höheren Säuger drei Prägephasen, in denen dieses liberum arbitrium ruht: die Schwangerschaft, die ersten fünf Lebensjahre und die Pubertät. In diesen biologischen Fenstern herrscht insofern Freiheit oder auch Zufall, da es unterschiedliche Prägedeterminanten gibt, die bis zu einem gewissen Grad gewählt werden können. Und es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, auf Stress und Belastung zu reagieren. Das Gehirn hat verschiedene Reaktionsoptionen, wenn das Testosteron oder andere Substanzen aus den Geschlechtsdrüsen den Hypothalamus oder den Cortex betreten, und letztendlich entscheidet sich in diesen Lebensphasen auch, mit wie viel Vertrauen man Geschäfte abwickelt, dem Ehepartner begegnet oder seinen Mitarbeitern entgegentritt. Das alles ist durch die Epigenetik formbar. Damit existiert ein Generator für Plastizität, und dadurch gibt es im System ein kleines Stück Freiheit – allerdings mit großen Folgen für später.

Unterstützt wird das alles durch die bereits erwähnten Spiegelneuronen. Durch sie lernen die Vögel das Singen und Fliegen: Wenn sie die Eltern dabei ansehen, werden in ihrem Gehirn die gleichen motorischen Neuronen aktiv, die bei den Eltern den Singakt bewirkten.

Ultraschallbilder zeigten bei Menschen Ähnliches: Singt die schwangere Mutter, dann formieren sich mitunter die Lippen des Kindes in der Gebärmutter, als wolle es mitsingen. Diese sonografischen Bilder gingen um die Welt.

Nun gibt es Menschen mit unterschiedlichen Spiegelneuronen, und dadurch gibt es auch unterschiedliche Empathien. Die Freiheit liegt weniger im empathischen Akt, vielmehr im Augenblick, in dem entschieden wurde, wie viele Spiegelneuronen man bekäme.

Der holländische Psychiater Christian Keysers versuchte in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten die Basis des Einfühlungsvermögens zu beschreiben. Er stellt dabei die These einer Spiegelaktivität unseres Gehirnes auf, die Ereignisse und Eindrücke, die wir aus unserer Vergangenheit aufnehmen, widerspiegeln. Emotionen, die wir bei anderen Menschen beobachten, können in unserem Gehirn analog abgerufen werden. Diese Spiegelaktivität sei Teil jener neuronalen Mechanismen, die Empathie erzeugen.

In weiteren Untersuchungen konnte Keysers nachweisen, dass selbst das Hören von bestimmten Geräuschen Spiegelaktivitäten hervorruft. Werden bestimmte Laute, zum Beispiel vom Kauen, wahrgenommen, so regt das Hirnareale an, die in einer ähnlichen Aktivität involviert wären. Diese auf Hörsignale beruhenden Spiegelaktivitäten sind vor allem in der linken Seite des Gehirns angesiedelt, dort wo auch die Sprachbegabung zu Hause ist. Das unterstreicht die Hypothese, dass – ähnlich wie das Erlernen des Gezwitschers von Singvögeln – auch die Aneignung der Sprache und der Gestik von Kindern über Spiegelneuronen erfolgt. Kinder machen es nicht bloß nach, sie aktivieren bestimmte Hirnneuronen, in denen das Imitierte gespeichert bleibt. Damit wird selbst die Sprache gespiegelt.

Das bestätigt frühere Meinungen, dass Menschen mit einer höheren Empathie auch über eine höhere Spiegelaktivität verfügen.

Im mittleren präfrontalen Gehirn gibt es unterschiedliche, von den Spiegelaktivitäten in Anspruch genommene Regionen. Stimmt man mit einem Menschen überein, so wird eine bestimmte Region aktiviert und dort zu spiegelbildlichen Reaktionen angeleitet. Die Ablehnung ist an einer anderen Stelle im medialen präfrontalen Cortex beheimatet. Dort, wo sich ebenfalls ein Spiegelphänomen ereignet, wenn man mit seinem Gegenüber nicht einer Meinung ist.

Zweifellos hängen Empathie und soziales Verhalten zusammen. Aktiviert man im eigenen Gehirn jene Enttäuschungsgefühle und Schmerzen, die man durch eigene Aktivitäten dem anderen zuführt, so wird das soziale Gewissen präziser ausgeprägt sein. Die Hemmungen sind dann größer, andere Menschen zu verletzen. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Spiegelneuronale Reflexe benötigen epigenetische Nahrung. Die Rezeptionsfähigkeit der jungen Amsel, wenn sie das Singen der Mutter erlernt, entspricht der Musikalität für Altruismus und Nächstenliebe. Diesen Feinsinn, Gutes zu tun, kann sich höchstwahrscheinlich auch der Mensch epigenetisch aneignen, wenn er die entsprechenden Determinanten antrifft.

Dabei ist man selbst nicht immer Herr des spiegelbildlichen Prägeverfahrens. Die Umwelt, die Eltern und die Umgebung tragen gehörig dazu bei, um einen Menschen die Empathie erlernen zu lassen oder nicht. Vor allem dem Elternhaus scheint eine entscheidende Prägefunktion zuzukommen. Fehlen Menschen ausreichend positive Einflüsse, kann sich das mangelnde Einfühlungsvermögen in der stillen Kommunikation mit den Mitmenschen zeigen: Nächstenliebe wird defizitär. Oder überhaupt durch andere Motive ersetzt. Gier zum Beispiel.

Deswegen hat sich die christliche Tradition in ihrem jahrtausendalten Ringen um Gut und Böse und um deren Beurteilung langsam, mit vielen Kriegen und Schmerzen von der Überzeugung gelöst, dass es ausschließlich Taten im Namen des Herrn wären, die das Himmelreich öffnen. Gläubige wissen: Letztendlich kann das nur die Barmherzigkeit Gottes schaffen. Denn ob man über ausreichende Spiegelneuronen verfügt oder nicht, entzieht sich der Kompetenz des einzelnen Menschen. Und kann nicht Richtschnur für die Moral sein.

Es ist ein Geschenk, das man nicht einfordern kann. Man hat es bekommen, oder man besitzt es nicht. Warum, entzieht sich unserem Forderungskatalog. Im Gebet Der Engel des Herrn heißt es: »Gratiam Tuam, quaesumus, Domine, mentibus nostris infunde …« Zu deutsch: »Allmächtiger Gott, gieße Deine Gnade in unsere Herzen ein.«

Trotzdem soll einem charakterlichen Egalitarismus nicht das Wort geredet werden. Dass eine Empathie, die sich an der Nächstenliebe orientiert, besser ist als eine Veranlagung, die das nicht kann, ist die Kernaussage der Bergpredigt, die seit Jahrtausenden nichts an Faszination eingebüßt hat. Es ist letztlich unchristlich – und auch das hat das Christentum erst mühevoll und durch viele Opfer erlernen müssen –, mit Steinen zu werfen, wenn jemand über wenige Spiegelneuronen verfügt, wiewohl das Zielgebot nie verdrängt werden darf: Der Altruismus, und sei er durch Spiegelneuronen bedingt, ist der goldene Schnitt des christlichen Denkens. Ihn zu erreichen, selbst wenn man in den Prägephasen nicht die Gnade der »Bespiegelung« hatte, ist zwar schwer, aber nicht unmöglich. Der Mensch kann sich ändern, wenn er wirklich will. Bis zu einem gewissen Grad.

Denn dieser freie Wille, auf den Menschen stolz sind, ist womöglich nur Illusion. Oft hat das Gehirn sich schon auf eine Handlungsalternative festgelegt, wenn der Mensch noch fest glaubt, seine Optionen seien offen. Allerdings muss der freie Wille differenzierter gedeutet werden: Im Endeffekt dient auch er der Erhaltung der Art und ist einer Anpassung und damit einem dafür notwendigen Freiraum unterworfen.

In der Hirnforschung entwickelt sich eine Dialektik der Interpretation: eine materialistische und eine für das Metaphysische offene Deutung. Der deutsche Neurophysiologe Wolf Singer ist vermutlich ein Vertreter materialistischer Zuspitzung und überzeugt, »dass menschliche und tierische Gehirne sich fast nicht unterscheiden, dass ihre Entwicklung, Aufbau und Funktion den gleichen Prinzipien gehorchen«. Zunächst diagnostiziert er, von niemandem so wirklich bezweifelt, die materielle »Bedingtheit« des Verhaltens. Die Verfeinerung neurobiologischer Messverfahren lasse »die als psychisch bezeichneten Phänomene zu objektivierbaren Verhaltensleistungen werden«.

Darunter fallen Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern und Vergessen, Bewerten, Planen und Entscheiden, und schließlich die Fähigkeit, Emotionen zu haben. Alle diese Verhaltensmanifestationen lassen sich objektivieren und im Sinne kausaler Verursachung auf neuronale Prozesse zurückführen. Somit erweisen sie sich als Phänomene, die in kohärenter Weise durch naturwissenschaftliche Beschreibungssysteme erfasst werden können.

Gegen diesen Denkanspruch richtet sich der Neurologe Gerhard Roth. »Die ernstzunehmende Gefahr«, schreibt er, »liegt in der von Neurowissenschaftlern nicht selten vertretenen Auffassung, es gäbe jenseits der neuronalen Vorgänge nichts mehr zu erklären.«

»Was soll denn da noch zu erklären sein?«, fragen dann die Hirnbiologen. Das ist doch gerade unser Ziel, dass wir den Menschen exakt und sicher mit unseren Messverfahren verstehen. Dass es für Spekulationen keinen Raum mehr gibt.

Die Freiheitserfahrung sei eine frühkindliche Illusion, denn unser Verhalten wird durch die sogenannte Autopoiese, die Selbsterschaffung des psychischen Systems, von einem sich selbst organisierenden Wettbewerb der neuronalen Erregungsmuster reguliert. Diese Autopoiese würde gleichzeitig den freien Willen töten.

Dabei scheint sich Wolf Singer selbst zu relativieren, wenn er schreibt: »Offen bleibt, nach welchen Kriterien unser Gehirn seine internen Zustände, in denen sich die Ergebnisse von Datenerfassung und logischen Schlüssen letztlich manifestiert, kohärent und stimmig beurteilt.« Also was jetzt?

Mag sein, dass unser Gehirn und unser Bewusstsein operational geschlossen sind. Ein Schnellkochtopf für Ideen und Sonstiges. Evolutionär bleibt es jedoch offen – ein Grundgesetz der adaptiven Evolution. Dafür kann mit gutem Gewissen die epigenetische Plastizität als Erklärungsmodell verwendet werden, die auch das Gehirn zu einem permanenten Zwiegespräch mit der Außenwelt öffnet. Natürlich in Grenzen, aber mit seiner anatomischen, epigenetischen Struktur.

Die Auffassung Singers, unser Gehirn wäre ein Paralleluniversum, das mit dem externen Universum nichts mehr zu tun hätte, ist evolutionsbiologisch schwer zu halten.

Der Geist, gegen den sich Singer wendet, ist die »immaterielle« geistige »Identität«, nicht eine materiell integrierte geistige Formung. Er verharrt dabei in einem Physikalismus, allerdings muss offen bleiben, ob nicht auch in unserem Gehirn Prozesse ablaufen, die nicht unbedingt der »Teilchen« bedürfen. Vor allem liegt dem Weltbild Singers eine abgelaufene Auffassung des Transzendenten zu Grunde: Er schlussfolgert offenbar, dass der »Geist« jenes Rückzugsgebiet ist, das gottgläubige Menschen als Beweis des Göttlichen brauchen.

Dem ist nicht so. Der Mensch könnte auch mit einem auf Materie fußenden Geist geschaffen sein, ohne dass es das Konzept eines Weltenbaumeisters berührte. Er aber bedient sich einer im Stoff begrenzten Geistigkeit.

Neuronale Vorgänge lassen sich klassifizieren. In solche, die grundsätzlich zum Bewusstsein keinen Zugang haben, und in solche, die uns bewusst sind. Offenbar beurteilen wir eine Entscheidung als frei, wenn sie auf der bewussten Abwägung von Variablen gründet, also auf der rationalen Verhandlung von bewusstseinsfähigen Inhalten. Selbst wenn dieser Entscheidungsvorgang auf vorgegebenen neuronalen Prozessen beruht.

Singer steht der epigenetischen Freiheit offen gegenüber. Obwohl er sie nicht zur Freiheit erhebt. Denn unterschiedlich ist nach ihm die Herkunft der Variablen und die Art ihrer Verhandlung: genetische Faktoren, frühe Prägungen, soziale Lernvorgänge und aktuelle Auslöser, zu denen auch Wünsche und Emotionen zählen, wirken stets untrennbar zusammen und legen das Ergebnis fest, gleich, ob sich Entscheidungen in eher unbewusste oder bewusste Motive verkleiden.

Genetische Dispositionen können Fehlschaltungen bedingt haben, die das Speichern oder Abrufen sozialer Regeln erschweren. Oder soziale Regeln werden nicht rechtzeitig und tief genug eingeprägt. Oder es wurden von der Norm abweichende Regeln erlernt. Oder die Fähigkeit zu rationaler Abwägung wurde wegen fehlgeleiteter Prägung ungenügend ausdifferenziert.

In der Argumentation gegen den freien Willen scheint die Genetik stärker bemüht zu werden als die Epigenetik. Diese Einsicht führt zu einer humaneren, weniger diskriminierenden Beurteilung von Mitmenschen, die das Pech hatten, einem Zufall ausgeliefert gewesen zu sein, dessen funktionelle Architektur ihnen kein angepasstes Verhalten erlaubt. Menschen mit problematischen Verhaltensmustern als schlecht oder böse abzuurteilen, bedeutet nichts anderes, als das Ergebnis einer schicksalhaften Entwicklung des Organs, das unser Wesen ausmacht, zu bewerten. Auch nicht die feine englische Art.

Sind Sie noch normal?

Als Neurophysiologe ist Wolf Singer der Meinung: Vorschaltungen legen uns fest. Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden. Stopp. Gleichzeitig räumt er ein, dass es die Gesellschaft in der Hand hat, diese Vorschaltungsmuster festzulegen. Das moralische Vorwissen hängt von der Gruppe, von der Bevölkerung ab, in dem sich der einzelne Mensch befindet. Von seinem Soziotop.

Die Gesellschaft darf nicht davon ablassen, sagt Singer, Verhalten zu bewerten, sie muss weiterhin versuchen, durch Erziehung, Belohnung und Sanktionen Entscheidungsprozesse derart zu beeinflussen, dass unerwünschte Entscheidungen unwahrscheinlicher werden. Allerdings – nach welchem Code findet die Prägung der sogenannten normalen Gesellschaft statt? Wer ist denn heute noch normal?

Zwar weiß man um die Wichtigkeit von Ethik und Moral, die konkrete Einforderung dieser Spielregeln wird aber rasch ironisiert.

Wenn unser Tun und Denken mit dem Ablauf neuronaler Prozesse zu erklären ist, die sich nach dem Muster einer ausgeglichenen Haushaltsbilanz selbst organisiert, dann kommt jenen Determinanten enorme Bedeutung zu, die diese ausgeglichene neuronale Haushaltsbilanz beeinflussen.

Schopenhauers ganz bestimmte Ahnung

Die großen Denker haben sich alle den Kopf zerbrochen. Arthur Schopenhauer wollte mit seiner Schrift über die Willensfreiheit beweisen, dass Charakter und Motiv unsere Handlungen restlos bestimmen.

Konsequenterweise müsste man fordern: Wer die Willensfreiheit bestreitet, muss im Grunde das Strafrecht abschaffen.

Schopenhauer hatte zwar die Idee, die Willensfreiheit zu verabschieden, eliminierte dabei aber nicht gleichzeitig Begriffe wie Schuld und Verantwortung. Er gab der königlichen norwegischen Gesellschaft der Wissenschaft auf ihre Frage: »Lässt die Freiheit des menschlichen Willens sich aus dem Selbstbewusstsein beweisen?« eine Antwort, die in der Schrift Über die Freiheit des menschlichen Geistes am 26. Januar 1839 preisgekrönt wurde (mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass Schopenhauer der Einzige war, der auf diese Frage geantwortet hatte).

Mit der Nüchternheit des Logikers und der Genauigkeit des Naturwissenschaftlers entwarf Schopenhauer ein Menschenbild, das für sittliche Autonomie keinen Raum mehr zu lassen schien. Und er wusste, welche Tragweite das hatte. Schopenhauer wollte den Menschen keine Ausnahmestelle in der Natur zuteilen – was ihm neben der pessimistischen Tendenz seiner Philosophie den Ruf als Menschenfeind eingetragen hat. Jede Tat erklärt er als unausbleibliches Ergebnis von Charakter und Motiven. Aus derselben Notwendigkeit heraus, mit der ein Stein aufgrund der Schwerkraft zu Boden fällt, handelt ein Mensch mit bestimmten charakterlichen Anlagen unter bestimmten Umständen. Er ist, wie er ist. Basta.

Die Resultate der Hirnforschung legen nahe, dass es zu jedem Handlungsentschluss, zu jedem Wollen eine physiologische Entsprechung gäbe, die durch Versuchsanordnungen im Gehirn sichtbar gemacht wird. Und das stimmt auch mit Schopenhauers Idee überein, dem Charakter müsse etwas Körperliches zugrunde liegen. Zorn braucht eine Faust.

Der US-amerikanische Physiologe Benjamin Libet untersuchte das Gehirn und behauptete, es habe schon Sekunden vor einer Handlung eine unbewusste Entscheidung gefällt, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Sie offenbart sich also erst im Nachhinein und stand schon fest, bevor wir das gewusst haben. Das Hirn trickst uns aus. Du glaubst, du sitzt am Steuer, in Wahrheit lenkt schon lange der Autopilot.

Und das wird als weiteres Argument gegen die christliche Ethik verwendet: Wenn nämlich unsere Entscheidungen schon determiniert sind, dann fällt die gesamte Diskussion um Moral und Schuldfrage zusammen, und die europäische Geistesgeschichte hätte ein Hauptthema ihrer gedanklichen Reflexionen verloren.

Genau hier soll das Verständnis der christlichen Ethik erneuert werden. Denn selbst wenn Entscheidungen – im Augenblick förmlich unfrei – noch im Unbewussten festgelegt werden, so unterliegen andererseits diese Entscheidungen anderen Determinanten, die aus einem Vorwissen, aus einem Vorbewusstsein herrühren.

Das ist teilweise genetisch bestimmt, teilweise epigenetisch geformt. Prägephasen in entscheidenden Entwicklungsmomenten, Identifikationsprozesse mit Idolen, der Stallgeruch einer intakten Familie. Das macht jene Entscheidungshilfen aus, aus denen, wenn zunächst noch unbewusst, der einzelne Mensch seine Taten folgen lässt. Demnach gibt es Freiheit sehr wohl, nur geboren aus einem komplexeren Hintergrund.

Wäre es leicht, könnte man es sich ja aussuchen.

Das Gewissen und die Entscheidung

Die mechanistische Auffassung des freien Willens kann zu Grabe getragen werden. Ohne dass die christliche Ethik darunter leidet. Denn es ereignet sich noch ein weiteres Detail. Selbst wenn eine Entscheidung unbewusst gefällt worden ist und erst später in das Bewusstsein zurückschleicht, wird sie dann, beim Auftauchen, auf ihre Richtigkeit abgetastet. Wobei neben den Prägungen der Kindheit eine weitere Schicht Erkenntnis dazukommt: das Bewusstwerden der Tat.

Dieser Ich-war’s-Effekt kann mit anderen Bewusstseinsinhalten zusammenhängen und daraufhin einer Feineinstellung unterzogen werden. Denn der freie Wille ist so wie der genetische Code: nicht erratisch, nicht festgelegt für uns, nicht programmiert für immer, sondern einer kontinuierlichen Plastizität unterworfen. Anders ausgedrückt: Der freie Wille ist nicht in Stein gemeißelt.

Freiheit atmet.

Zwar wird das Gehirn in den Händen der Hirnforscher zum Sitz des Unbewussten, zur Dunkelkammer, die das vorbereitet, was der Mensch später als seine Tat erkennt. Allerdings wirkt diese Erkenntnis über die Dunkelkammer zurück und arbeitet an der nächsten, wenn auch unbewussten, Vorentscheidung mit. Damit wird der Charakter, den Schopenhauer noch als unveränderliche Größe benützt hat, veränderlich und dreidimensional; auch durch das Gewissen.

Der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth sagte vor geraumer Zeit: »Je verabscheuungswürdiger das ist, was jemand getan hat, desto klarer wird die Einsicht, dass die Leute nichts dafür konnten. Sie haben sich nicht freiwillig dazu entschieden, sondern sie wurden aus extrem starken Motiven dazu getrieben.«

Dem muss entgegengesetzt werden: Um überleben zu können und sich permanent einer stets sich ändernden Umgebung anzupassen, hat die Evolution einen zweiten, mobilen Code eingerichtet, der vor allem in Prägeperioden, aber auch später modulierbar bleibt. Auf ihn zu vergessen heißt, nur die halbe Wahrheit zu präsentieren, um – ebenfalls aus vorgefassten Motiven – eine bestimmte Botschaft zu verkünden. Zwar war Schopenhauer noch überzeugt: »Tugend und Laster sind angeboren.« Im Licht der neurobiologischen Ergebnisse könnte man demnach das menschliche Hirn als den Sitz des Bösen ausmachen, der immer so bleibt, wenn er einmal festgeschrieben wurde. Bad brain – your pain.

Auffallend ist allerdings, dass gerade die Neurophysiologen, die um die hohe Plastizität des Gehirns und um den Einfluss, den Stressfaktoren, das Oxytocin, das Prolaktin und die Sexualsteroide wissen müssten, dass genau sie diesen Freiheitsraum unseres Denkens nicht ausreichend würdigen. Möglicherweise deshalb, weil sich niemand aus dem Fenster lehnen will. Der Wind dort ist eisig.

Gibt es eine angeborene Moral?

Vor dem Hintergrund der Vererbung angeeigneter Eigenschaften wird die Mitteilung bemerkenswert, dass auch die Neigung zum Guten vorherbestimmt sein kann. Möglicherweise kommt der Mensch mit einem moralischen Kompass zur Welt. Norden gut, Süden böse, Osten und Westen naja. Ein Leuchtfeuer, das einem von der Wiege bis zur Bahre den richtigen Weg weist. Dorthin, mein Freund, dann wird alles gut.

»Paradigmenwechsel im Strafverfahren! Neurobiologie auf dem Vormarsch« oder »Neuhirnforschung – neues Strafrecht?«, so lauten die Titel von Tagungen, auf denen Hirnforscher und Juristen mit gefletschten Zähnen aneinandergeraten.

»Unser gesamtes Handeln ist durch die Vorschaltungen in unserem Gehirn determiniert«, erklärte Hans Markovic 2007 in einem Spiegel-Streitgespräch. Und beantwortet damit die Frage, inwieweit der Mensch für sein Tun verantwortlich ist. Dem Grundpfeiler des modernen Rechtssystems, dem Strafmaß nach dem Schuldprinzip, liege ein fundamentaler Irrtum zugrunde, lautet die Meinung der bereits zitierten Forscher Wolf Singer aus Frankfurt am Main, Gerhard Roth aus Bremen oder eben Hans Markovic aus Bielefeld. Kein Mensch habe überhaupt die Wahl, moralisch gut oder böse zu agieren. Der freie Wille sei bloße Illusion. Täuscht euch ja nicht, Kameraden!

Eine These lautet, das Gehirn sei bei der Geburt wie eine tabula rasa, eine leere Tafel, ein weißes Blatt Papier, das durch Erziehung und Umweltfaktoren durch Zufall und nach Gutdünken beschrieben werden könnte. Wenn dem so wäre, hätte der epigenetische Code, die Verantwortung der Eltern, eine enorme Bedeutung. Der freie Wille würde sich demnach in dem epigenetischen Fenster abspielen, das die Betroffenen beeinflussen, plus Umwelt, Familie und das soziale Netzwerk, in dem sich das Kind befindet.

Der Harvard-Psychologe Marc Hauser hebt die Hand zum Einspruch. Moment! Er behauptet, dass der Mensch sehr wohl mit einem moralischen Echolot auf die Welt käme. Einem angeborenen Sinn für Recht und Unrecht, der sich seit Kain und Abel in der Menschheitsgeschichte entwickelt hat und (ebenfalls epigenetisch geprägt) den späteren Generationen weitervererbt wird.

Ähnliches sagt der Bonner Neurologe Jochen Walter, für den der Moralsinn eine angeborene Struktur ist. Eine, die sich »unter den richtigen Bedingungen richtig entwickelt.«

Hinter dieser Meinung ist die Epigenetik doppelt gefordert: Einerseits spielen die eigenen Prägeerfahrungen eine Rolle, die man nicht unterschätzen sollte. Andererseits bringt das Kind, wenn es den Geburtskanal verlässt, das epigenetische Erbe schon mit sich, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Diese These von einem »Moralsinn« wird vor allem durch die Beobachtung untermauert, dass überall auf der Erde ein mehr oder weniger gleiches Gespür für Gerechtigkeit, Fairness und Dankbarkeit wohnt. Jemandem mit Absicht Schmerz zuzufügen, wird in allen Kulturen als schlimmer erachtet, als wenn das ohne Vorsatz geschieht. Sogar Neugeborene verfügen über diese Grundurteile.

Mit diesem Moralsinn wäre es so wie mit den Urregeln unserer Sprache, die in allen Kulturen gleich sind. Sie haben sich im Laufe der Evolution im menschlichen Gehirn etabliert. Eine faszinierende Idee, die der US-Linguist Noam Chomsky aufstellte. Die naturwissenschaftliche Erklärung liege auch hier in der epigenetischen Prägung, die über Generationen – möglicherweise über Jahrtausende – weitergegeben werde. Chomskys Idee verblüffte nicht nur die Linguistik, sondern die moderne Kognitionswissenschaft überhaupt. »Da Sprache zu den entscheidenden Fähigkeiten des Menschen zählt, lieferte die Annahme einer Universalgrammatik ein neues Erklärungsmodell dafür, wie der menschliche Geist auch in anderer Hinsicht funktionieren kann. Tatsächlich können Menschenkinder nicht nur schon vergleichsweise früh im Leben Wörter brabbeln, vielmehr scheinen sie auch mit einem Grundverständnis für Zahlen und Objekte, Personen und Räumlichkeiten auf die Welt zu kommen.«

Das wäre übrigens eine interessante Deutung von Platons Ideenlehre. Wir tragen ein Vorwissen der Dinge in uns, die sich erst im Laufe des Lebens gegenständlich materialisieren.

Natürlich haben »Babys nicht schon das bürgerliche Gesetzbuch im Kopf, aber im Windelalter, zwischen eineinhalb und drei Jahren, wachsen grundlegende Besitz – und Eigentumsnormen heran, und Erstklässler sind dann bereits in der Lage, die Goldene Regel ›was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu‹ als Urgesetz menschlichen Miteinanders zu sehen.«

Das würde tatsächlich bedeuten, dass es so etwas wie einen Moralsinn gibt, der im Rahmen der Menschheitsgeschichte sich ähnlich entwickelte wie die Sprache und, im Gehirn des Homo sapiens imprägniert, an Hunderte von späteren Generationen weitergegeben wird. Ein Wanderpokal der hehren Motive. Real und doch formbar wie Plastilin. Die Humanisierung über Jahrtausende scheint sich im Gehirn des Menschen epigenetisch niedergeschlagen zu haben und wird in den ersten Lebensjahren abgerufen.

Ernst Joachim Lampe, ein deutscher Rechtswissenschaftler und ehemaliger Hochschullehrer an der Universität Bielefeld, hat das konkret beschrieben: »Aug’ um Aug’ – im biblischen Israel galt Rache als absolut legitim. Bis weit ins Mittelalter herrschte in Europa Faustrecht und Fehde. Erst 1495, beim Reichstag zu Worms, gelang es im Heiligen Römischen Reich, die Rache per Privatkrieg im ganzen Reich zumindest auf dem Papier abzuschaffen – von nun an sollte ewiger Landfrieden herrschen. Ähnlich entwickelten sich, soweit bekannt, in anderen Regionen der Welt die Regelwerke über Jahrhunderte hinweg, vom intuitiven Urrecht zu jener Rechtsordnung, die teilweise das Leben ihrer Bürger bis ins kleinste Detail regeln soll.«

Die Parallele zwischen historischer und kindlicher Entwicklung des Rechtsbewusstseins sieht Ernst Joachim Lampe als starkes Indiz dafür, dass menschliche Rechtsordnung auf universell angeborenen, vorrechtlichen Überzeugungen aufbaut.

John Mikhail, Professor für Recht an der Georgetown University, sagt: »Die Menschen sind Juristen aus Intuition.« (Der Spiegel, Nr. 31, 2007)

Aber wo wäre dieser embryonale Sittenkodex gespeichert? Nach der Dechiffrierung des menschlichen Genoms war man immer mehr enttäuscht, dass die Basenpaare unserer Gene nicht jene Geheimnisse beinhalteten, die im Besonderen die Mediziner beschäftigten: Wie läuft die Embryogenese ab, warum altern wir, wie entwickeln sich Krankheiten, warum bekommt man Krebs? Es ist, als hätte man beim Bergsteigen gedacht, den Gipfel schon bezwungen zu haben, als sich plötzlich – dahinter – ein weiterer Gipfel und dann die ganzen Alpen offenbart.

Forscher stehen immer vor einem Berg Fragen.

Dabei erschien in den biologischen Fächern hinter dem genetischen Code die epigenetische Ordnung, die ein klares Muster aufweist: Methyl-, Acetyl – und Phosphat-Reste, die die Lagerung der DNA ununterbrochen verändern. Das Genom als kleine Kugel unzähliger Magneten, die permanent ihre Pole verändern und damit erst den Lebensprozess in Gang bringen. Diese elektrische Ladung trägt die Fähigkeit in sich, auf Eindrücke von außen zu reagieren, sie in andere Ladungsverhältnisse umzusetzen und diese neue magnetische Ordnung zu speichern.

Die Evolution der Ethik scheint auf diesem Prinzip zu beruhen.

Zeitgenossen, die Wert darauf legen, ihre Gottgläubigkeit in einem intellektuell vernünftigen Freiraum leben zu dürfen, weisen mit Recht darauf hin: Es war auf der ganzen Welt immer das Vorwissen um Transzendentes, das letztlich die Evolution der Humanität vorantrieb. Und das ist auch der Auftrag der Religionen: mitzuarbeiten – möglicherweise federführend –, um die Epigenetik unseres Bewusstseins für eine humanere Welt zu formieren.

Gegen die Ursünde zu kämpfen, hatte die vorwissenschaftliche Weisheit der Menschen schon seit Jahrtausenden im Sinn. Den Griechen war die wirkliche Sünde nicht so sehr das Übertreten eines Gebotes (obwohl das später von der römischen Rechtsordnung kultiviert wurde), sondern vor allem die Anmaßung, die Hybris – die Versuchung, die Götter übertölpeln zu wollen.

Das Alte Testament kannte bereits diese Versuchung des Menschengeschlechts, die bis heute eine Gefahr darstellt, den ganzen Planeten zu pulverisieren. Auf der Suche nach dem Urübel unserer Schöpfung wählten die alten Semiten eine Geschichte, die das Problem in Worte kleidete: Es war eine Kraft, die neben dem Schöpfer sich aufbaute und deren Absicht es war, die eigenen Grenzen zu durchbrechen, um selbst Schöpfer zu werden – sicut erit deus. Ihr werdet sein wie Gott. Die Geschichte vom Apfel und dem Baum der Erkenntnis beschreibt die Folgen. Je höher sich die Zivilisationen entwickeln, umso deutlicher kommt diese Versuchung aus den menschlichen Abgründen hervor. Es ist aber auch nicht alles schlecht, was auf den ersten Blick düster anmutet.

Politische Ereignisse und naturwissenschaftliche Erkenntnisse beeinflussen philosophisches Denken. Die Entdeckung der Epigenetik wird in Zukunft den philosophischen Diskurs bereichern. Die großen Themenkomplexe des freien Willens, der persönlichen Schuld, die Interaktion zwischen Subjekt und Objekt und die geheimnisvolle Frage, warum jemand an Gott glaubt und ein anderer nicht – das alles darf man auch von Seiten der Epigenetik beleuchten.

Forschen, vorausgehen, Fragen stellen und Antworten suchen. Das ist der Pioniergeist, der den Menschen ausmacht und zu Höchstleistungen antreibt. Ich habe mich zeit meines Lebens mit dem Sinn des Lebens und anderen Lappalien auseinandergesetzt. Ja, ich habe Antworten gefunden. Antworten, die mir das Leben erleichtert haben. Die mir Zuversicht in schwierigen Zeiten gaben, ebenso wie Glück in den richtigen Momenten.

Natürlich ist das die größte Frage von allen. Die Frage, die über allem steht. Und je mehr man sich mit dieser Frage beschäftigt, desto eher wird eines klar. Es sind vier Wörter, die den Sinn vorgeben und das Sein bestimmen. Vier Wörter, die gleichzeitig beruhigen und glücklich machen. Der große Pan lebt.

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Die Entstehung einer Religion

Den Glauben brauchen nur Idioten. Kniet nieder und tut, was ihr nicht lassen könnt. Betet und seid still, ihr habt es nicht anders verdient. Karl Marx wollte uns das 1843 weismachen, indem er Religion als »Opium des Volkes« herabwürdigte. Gott-Junkies brauchen eine Droge, um ihren Verstand zu trüben und glücklich zu bleiben. Marx war ein Adept Feuerbachs, daher rührt seine Abneigung gegen das Kreuz.

»… weil die Einbildungskraft ihr Herz und ihr Kopf ist, so greifen sie, in der Praxis unbefriedigt, notwendig zur Theorie, aber zur Theorie des Jenseits, zur Religion.«

Lenin hat das 60 Jahre später noch deftiger ausgedrückt:

»Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.«

Na sdorowje, meine Herren! Den Kelch lasse ich nicht vorübergehen, ich muss hier energisch widersprechen. Religion ist kein Wodka für Stümper, die den Rubel anbeten, nein, Religion entsteht aus einer Möglichkeit heraus. Aus dem Feinsinn einer Ahnung. Wenn eine Botschaft von übergeordneter Bedeutung Gestalt annimmt, um sich mitzuteilen. Christen nennen das eben Offenbarung. Alles Weitere dient der Überlieferung. Damit die Menschen es nicht vergessen.

Die soziologische Nachzeichnung einer Religionsgenese muss nicht automatisch gegen einen transzendenten Ursprung sprechen. Anders würde es in unserem Mesokosmos nicht gehen. Einen Golden Retriever kann man auch nicht mit dem Handy anrufen, um ihm zu sagen, hey, Max, hol dir dein Leckerli um halb drei im Wohnzimmer ab. Man muss es ihm so vermitteln, dass er es versteht.

Verschiedene menschliche Modelle, die sich des »Extraterrestrischen« bedienen, wurden entwickelt.

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