Читать книгу: «Lebe. Deinen. Traum.»

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Johannes Grassl

Lebe.Deinen.Traum.

Ausstieg aus dem Hamsterrad

Mit einem Vorwort

von Walter Kohl


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86506-709-8

© 2014 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: Keko64, fotolia

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

www.brendow-verlag.de

Friedhöfe sind die reichsten Plätze unseres Landes!

Jede Menge unerfüllter Träume,

Sehnsüchte und Lebenspläne liegen dort begraben.

Zu viele Menschen, die gelebt wurden, statt selbst zu leben.

Erfülltes Leben aber beginnt mit unseren Träumen.

Wir brauchen eine neue Idee, wofür wir leben wollen!

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Motto

Vorwort von Walter Kohl

I. AUFBRUCH IN DIE FREIE WILDBAHN

I have a dream

Die Sehnsucht nach mehr

Mein Traum – was ist gemeint?

Träumen wie ein Kind

Worauf´s ankommt: Stärke, Vorlieben und Mehrwert zusammenbringen

II. EIN BILD DER ZUKUNFT MALEN

Vom Ende her denken

Das Beispiel Eugene O´Kelly

Aus dem Leben gegriffen I: „Wenn ich noch einmal anfangen könnte …“ - Interview mit Mattias Schipper

Das innere Hamsterrad – warum viele Menschen innerlich leer bleiben

Ein sicheres Fundament für unser Leben: Identität, Selbstwert und Sicherheit erlangen

Im Spannungsfeld Potenzial-Position

III. HAMSTERRAD ADE

Aktivitäten–TÜV: Alles auf den Prüfstand

Freiräume schaffen

Arbeit und Leben – die richtigen Prioritäten setzen

Aus dem Leben gegriffen II: I want my life back. Von Christoph Senn

Schritt für Schritt – unser Aufbruch in ein neues Leben

Veränderung gestalten

Aus dem Leben gegriffen III: Gib nicht auf! Von Armin Ruser

Glück kann man nicht kaufen – vom der Wert von Beziehungen

Worauf es ankommt, wenn man seine Träume leben will – meine persönliche Geschichte

Aus dem Leben gegriffen IV: Leidenschaftlich leben! Von Gaby Wentland

Los!

IV. MARATHON STATT ZWISCHENSPRINT

Hat sich was verändert?

Navigationshilfen zum Ziel

Aus dem Leben gegriffen V: Mein Leben – meine Ziele. Von Siegfried Buchholz

Zum Abschluss: Die beste Zeit ist heute!

Anmerkungen

Weitere Bücher

Vorwort

„Wenn ich noch einmal anfangen könnte … …“ So beginnt ein Kapitel in diesem Buch und zeigt zugleich das zentrale Anliegen von Johannes Grassl auf: Lebe das Leben, das zu dir passt, sei du selbst – kurz „Lebe deinen Traum.“ In diesem Kapitel beschreibt ein beruflich erfolgreicher Mann, wie er viel zu oft in seinem Leben die falschen Kompromisse gemacht hat, wie er sich von übertriebenem Sicherheitsdenken, von der Last gefühlter Verantwortung hat leiten lassen, statt seine eigenen Interessen und Bedürfnisse die Führung seines Lebens übernehmen zu lassen.

Das klingt bekannt, oder? Kennen Sie dieses Gefühl auch? Ich kenne es (leider) nur zu gut. Und dann leuchtet dieser Gedanke in uns auf: Leben wir nicht manchmal zu wenig und werden allzu sehr von den Umständen, den Erwartungen anderer Menschen gelebt? Haben wir den Mut, unser Glück und unsere Lebensfreude in Freiheit und Verantwortung zu gestalten?

In seinem Buch hält uns Johannes Grassl einen Spiegel vor. Er will nicht belehren oder es besser wissen. Nein, er will uns helfen, aus dem Hamsterrad unseres Alltags einmal auszusteigen und wirklich vom Ziel, von unseren Träumen und Sehnsüchten her zu denken, zu fühlen und – ja – zu handeln.

Dabei provoziert Grassl ganz bewusst, aber stets wohl dosiert. „Die Friedhöfe sind die reichsten Plätze unseres Landes! Jede Menge unerfüllter Träume, Sehnsüchte und Lebenspläne liegen dort begraben.“ Ein Zitat, an dem man erst einmal kauen muss. Aber es zeigt uns eines auf: Unsere Endlichkeit und somit unser Auftrag zum Handeln, zum Gestalten. Sind wir die Lenker oder nur die Beifahrer unseres Lebens? Und was ist es genau, das unserem Sinn, unserer Berufung und somit unseren Träumen entspricht?

Von Karl-Heinz Böhm stammt der schöne Satz: „Das Glück ist ein Maßanzug.“ Ich finde diesen Gedanken sehr inspirierend, denn er ist für mich Appell und Mahnung zugleich. Die Schnittmuster anderer Menschen taugen zumeist wenig für unseren eigenen Maßanzug, unser eigenes Glück.

Jeder Weg beginnt mit den ersten Schritten. Durch seine praktischen und anschaulichen Beispiele macht es uns Grassl leicht, seine Impulse in unseren Alltag zu übertragen. Wie gehe ich mit meiner Zeit um? Was heißt Erfolg für mich – und, ganz wichtig, was nicht? Meine innere Stimme: ein Kompass oder ein Ärgernis?

Für mich war die Lektüre dieses Buches ein großer Gewinn, eine Anreicherung mit Gedanken und Impulsen, die im hektischen Getriebe des Alltages nur zu gerne verlorengehen. Ich empfand dieses Buch als eine kleine Reise zu mir selbst, eine Chance zum Innehalten und zur Selbstreflexion.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen, ein wenig Nachdenklichkeit und ein „gesundes Stolpern“ über so manche Wahrheiten und alteingefahrenen Gedankenmuster.

In diesem Sinne

Ihr Walter Kohl

I. AUFBRUCH IN DIE FREIE WILDBAHN

I have a dream

Denken Sie einmal daran zurück, als Sie das letzte Mal im Zoo waren und vor dem Löwengehege standen. Erinnern Sie sich an dieses prächtige Tier, seine Ausstrahlung, seine Augen? Früher einmal war er wild und unbezwingbar, heute wirkt er irgendwie zahm und angepasst. Die ursprüngliche Bestimmung dieses Löwen war es nicht, in diesem Käfig im Zoo zu sitzen, sondern in Freiheit zu leben als König der Tiere! Irgendwann aber wurde er herausgenommen aus seinem originalen Zustand und in diesen Käfig gesteckt. Dort fristet er nun sein Dasein, Tag für Tag, Woche für Woche, gefangen im Korsett der immer gleichen Umstände und Abläufe. Der größte Teil seiner früheren Dynamik und Abenteuerlust scheint ihm verloren gegangen zu sein. Äußerlich immer noch ein Löwe, ist tief in ihm drin längst etwas gestorben. Heute ist er – wenn man genau hinsieht – frustriert, einsam und: gelangweilt!

Immer abends, wenn der Zoo geschlossen hat, der Trubel des Tagesgeschäftes sich legt und es ruhig wird um das Gehege, ist in seinem Brüllen seine Sehnsucht nach der Savanne zu hören. Irgendwo in ihm steckt noch das Gen der Freiheit, der Traum vom Abenteuer, die Erinnerung an längst vergangene Zeiten! Er spürt, dass er an einen anderen Ort gehört. Regelmäßig kommt der Wärter, schiebt dem Löwen ein Stück Fleisch durch die Gitterstäbe, und das macht ihn für kurze Zeit ruhig. Die Sehnsucht seines Herzens aber bleibt ungestillt und wartet darauf, erfüllt zu werden.

Vielen von uns ergeht es wie diesem Löwen im Zoo. Im Hamsterrad unserer Umstände, Sachzwänge, privaten wie beruflichen Herausforderungen und aller möglichen Erwartungshaltungen anderer drehen wir täglich unsere Runden. Wir sind getrieben und werden gelebt, anstatt selbst zu leben. Nur wenn es ruhig wird um uns, beginnen wir, auf unser Herz zu hören. Eine innere Stimme meldet sich und fragt: Ist das alles? Ein dumpfes Gefühl von Unzufriedenheit und mangelnder Erfüllung lässt sich nicht verleugnen. Eine Sehnsucht nach „mehr vom Leben“ wird laut in uns. Diese Sehnsucht versuchen wir durch alle möglichen Reize und Ersatzbefriedigungen zu stillen. Mit allenfalls zeitlich begrenztem Erfolg. Die nächste Urlaubsreise, das größere Auto oder ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter können nicht geben, wonach wir wirklich suchen. Wir brauchen eine neue Idee, wofür wir leben wollen.

Wie der Löwe sind auch wir nicht für den Käfig, sondern für die freie Wildbahn gemacht. Wie wäre es, auszubrechen und den Wind der Freiheit wieder zu genießen? Das Leben noch einmal zu beginnen und unserem Herzen eine zweite Chance zu geben? Zurückzuerobern, was uns im Laufe der Jahre verloren gegangen ist?

Klingt das zu verrückt? In diesem Buch lade ich Sie ein auf eine Reise. Eine Reise, die mit Ihren Träumen und Ihrer Bestimmung zu tun hat. Eine Reise, die Sie vielleicht schon immer einmal unternehmen wollten, bei der Sie es bisher aber nicht wagten, die ersten Schritte zu gehen. Eine Reise, die uns in neues Land, eine neue Dimension von Leben führen soll. Wie jede Reise besteht auch dieser Weg aus einzelnen Schritten, die Stück für Stück Veränderung bringen. Lassen Sie uns einfach mal beginnen …

Die Sehnsucht nach mehr

Es war Freitagnachmittag, und ich war unterwegs zu einem Vortrag irgendwo in Deutschland. Wie so oft würde ich das Wochenende damit verbringen, zu ganz unterschiedlichen Menschen zu sprechen. Ein Netzwerk von Führungskräften hatte mich eingeladen, einen Vortrag zum Thema „Lebe Deinen Traum“ zu halten. Ein Thema, über das ich gerne und oft spreche, weil es mich seit vielen Jahren begleitet und mein eigenes Leben prägt. Ein Thema, das bei vielen Menschen eine Herzens-Sehnsucht anspricht. So war es auch diesmal. Der Veranstaltungsort war gefüllt mit Menschen aller Altersgruppen aus den verschiedensten beruflichen Bereichen. Dynamische Anzugträger mittleren Alters, junge Erwachsene am Anfang ihres (Berufs-)Lebens, gereifte Persönlichkeiten mit viel Lebenserfahrung, kurz: Männer und Frauen „quer durch den Kuchen“. Diese Leute kamen nicht meinetwegen. Keine der Personen hatte ich je zuvor gesehen, und ich vermute, niemand hatte vorher von mir gehört. All diese Menschen kamen, weil sie angezogen wurden von den drei Worten in der Überschrift der Einladung: Lebe Deinen Traum!

Beim Vortrag schien es mir, als würde mir aus den Augen der Zuhörer die Sehnsucht nach Leben, Traum und Abenteuer förmlich entgegenspringen. Es war, als würden meine Worte durch den Kopf direkt in das Herz dieser Menschen fallen. Wie eine Saat auf vorbereiteten Boden, wie ein Tropfen Wasser auf den trockenen Schwamm. So ergeht es mir praktisch jedes Mal, wenn ich über dieses Thema spreche. Diese drei Worte üben eine besondere Faszination auf die Menschen aus. Ganz unabhängig von äußeren Umständen wie beruflichem Erfolg, gesellschaftlichem Status oder dem Stand des Bankkontos. Sie setzen unsere Fantasie in Gang, sie berühren Saiten in unserer Persönlichkeit, die nur darauf warten, bespielt zu werden, und vielleicht schon lange nicht mehr zum Klingen gebracht wurden.

Diese Sehnsucht der Menschen nach Leben bewegt mich. Sie bewegt mich deshalb so sehr, weil sie auf etwas bis dato Unerfülltes hinweist. Eine Dimension von Leben, nach der wir uns sehnen, die wir aber noch nicht ergriffen haben. Wir stehen vor diesem Thema und schauen es fasziniert, verwundert und zugleich irritiert an. Wie etwas Fremdes, von dem wir aber spüren, dass es eigentlich Teil unseres Lebens sein sollte.

Im Folgenden werde ich versuchen, dieser Sehnsucht in uns nachzuspüren und ihr den notwendigen Raum zu verschaffen, damit sie sich bemerkbar machen kann. Sie kann uns den Weg zeigen zu bisher unberührtem Terrain, zu mehr Erfüllung und Wirksamkeit, zu dem Leben, für das wir eigentlich geboren wurden. Alle folgenden Gedanken, Impulse und Fragen sollen dazu dienen, ihr Gehör zu verschaffen.

Jede Persönlichkeit ist einzigartig und jede Lebenssituation individuell. Deshalb gibt es nur wenige fertige Antworten, aber viele gute Fragen. Ich hoffe, dass dieses Buch einige davon aufwirft und wir den Mut haben, uns ihnen zu stellen. Dann wird jeder einzigartige Antworten finden.

Mein Traum – was ist gemeint?

Bild der Zukunft

Was bedeutet es, einen Traum zu leben? Ist das nicht viel zu unkonkret? „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, lautet das Zitat eines ehemaligen Bundeskanzlers.

Deshalb brauchen wir zunächst ein klares Verständnis, worum es geht. Nähern wir uns also dem Begriff. Traum in dem Sinne, wie ich ihn im Folgenden verwenden möchte, könnte man auch mit Vision beschreiben. Das Wort Vision kommt vom lateinischen visio und bedeutet Anblick, Erscheinung. Es geht darum, mit dem inneren Auge etwas zu sehen, das momentan noch nicht realisiert ist. Mit anderen Worten: Ein Traum ist ein Bild von der Zukunft. Und zwar eines, das begeistert!

Genau darum geht es: Ich möchte, dass wir im Folgenden ein begeisterndes Bild von unserer Zukunft entwerfen. Eine Skizze, wie unser Leben zukünftig aussehen soll, die wir dann, während wir auf dem Weg der Realisierung unterwegs sind, Schritt für Schritt in bunten Farben ausmalen.

Aufbruch aus dem Status quo

Ein Traum im hier verstandenen Sinn liegt immer außerhalb unserer momentanen Lebenswirklichkeit. Das heißt, es geht um einen Aufbruch aus dem Status quo hinein in etwas Neues. Deshalb bringt ein Traum immer Veränderung mit sich, gehört es zu seinem Charakter, uns herauszufordern. Das macht ihn so spannend, unwägbar – und hindert zugleich viele daran, sich auf Träume einzulassen.

Dabei geht es zunächst noch nicht um eine Veränderung unserer äußeren Umstände, sondern um eine Veränderung, die in unserem Inneren beginnt. Sie müssen weder morgen Ihren Job kündigen noch ihr Umfeld hinter sich lassen. Zunächst steht eine Neuausrichtung unserer bisherigen Denkmuster an. Träume sind innovativ und besitzen schöpferische Kraft, sie bringen neues Leben hervor.

Von innen nach außen

Wir dürfen an dieser Stelle ermutigt sein: Einen Traum zu leben ist machbarer, als es zunächst scheint! Vor der Veränderung äußerer Umstände kommt die Berücksichtigung unserer inneren Wünsche und Vorstellungen. Die Umgestaltung des großen Ganzen beginnt mit kleinen Schritten und ist innerhalb unserer momentanen Lebenssituation und des beruflichen Kontextes möglich. Einen Traum zu leben beginnt damit, an genau der Stelle, an der ich heute bin, meine Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte ernst zu nehmen und sie schrittweise, im Rahmen dessen, was möglich ist, umzusetzen. Damit wird mein Traum, das große Bild der Zukunft, heruntergebrochen auf gangbare Schritte, die eine sukzessive positive Veränderung des eigenen Lebens darstellen. Der Weg zum Traum ist ein Prozess, ein Prozess, der in uns beginnt und von innen nach außen verläuft.

Träumen wie ein Kind


Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang!

Konrad Adenauer

Jeder Mensch wird mit Träumen geboren. Ihre Hochkonjunktur haben diese in der Zeit unserer Kindheit. Als Kinder gehen wir in unseren Träumen geradezu auf – bis diese uns dann Stück für Stück aberzogen und abgewöhnt werden, bis wir sie aufgrund äußerer Umstände, Erwartungshaltungen anderer Menschen oder Sachzwängen aufgeben und vergessen. Nach einigen Jahren unseres Lebens, spätestens mit Mitte 20, sind wir endlich so weit auf Linie gebracht, unserem Leben eine „vernünftige“, das heißt möglichst berechenbare Richtung zu geben.

Dabei sind unsere Träume wertvoll. Sie wohnen noch immer in jedem von uns, und wir sollten sie entdecken und leben. Wie wäre es, neu zu träumen und unserem Herzen eine zweite Chance zu geben? Die Büchse der Kindheit nochmals zu öffnen und wieder einzutauchen in diese Zeit des unbeschwerten und hoffnungsvollen Lebens?

Es ist gar nicht so schwer. Schauen wir doch mal den Jungen im Bild genauer an. Zunächst lebt dieser in seinem Inneren etwas, das äußerlich noch nicht realisiert ist. Er trägt ein Bild der Zukunft seines Lebens mit sich. In diesem Fall das Bild, als Pilot über den Wolken zu fliegen. In seiner Vorstellung stecken Freiheit, Freude und Abenteuer – und kaum Rationalität. Seine Begeisterung für das, was er gerne tun möchte, stellt die logischen Denkmuster und das Abwägen menschlicher Möglichkeiten zur Realisierung dieses Traumes völlig in den Hintergrund. Das ist das Faszinierende an Träumen: Sie öffnen eine Dimension von Leben, die wir aus rationalen Erwägungen heraus kaum ergreifen würden. Träume sind revolutionär. Sie stellen den Status quo infrage, öffnen die Box unserer momentanen Lebenssituation und wagen es, uns in unserem bisherigen Leben herauszufordern.

Interessant ist, dass der Junge bereits ausgerüstet ist: Fliegerkappe, Brille, Schal und Pilotenjacke sitzen wie angegossen. Das hat etwas mit unseren Fähigkeiten und Begabungen zu tun. Jeder Mensch ist mit einzigartigen Stärken und Vorlieben ausgestattet. Stärken sind Dinge, die wir gut machen. Vorlieben sind Dinge, die wir gerne machen. In der Regel passen die in uns wohnenden Träume mit unserer „Ausrüstung“ zusammen. Wenn wir uns im Rahmen unserer Stärken und Vorlieben bewegen, fallen uns Dinge leichter. Wir bewegen uns in dem, was wir gut und gerne tun – das motiviert und verschafft eine gewisse Souveränität.

Und noch etwas steckt in diesem Bild vom jugendlichen Piloten: Obwohl nicht sichtbar, scheint es mir, als ob dieser Junge in wohlwollenden und liebevollen Beziehungen lebt, die ihm Geborgenheit und das feste Vertrauen geben, die Träume seines Lebens realisieren zu können. Er strahlt ein Grundvertrauen aus, das ihm Sicherheit gibt.

Dieses Bild beinhaltet viele Parallelen zu uns im Hier und Heute. In jedem von uns wartet ein kleiner Junge, ein kleines Mädchen darauf, in die Freiheit entlassen zu werden. Der Aufbruch in die freie Wildbahn – er beginnt in uns.

Dazu eine Geschichte: Ein Bauer fand eines Tages ein Adlerei und brachte dieses in den Hühnerstall. Sogleich erbarmte sich ein Huhn und nahm sich voll mütterlicher Fürsorge des neu entdeckten Schatzes an. Nach einiger Zeit des Brütens und Bemutterns war es dann so weit: Das junge Adlerküken schlüpfte und erblickte zum ersten Mal das Licht der großen weiten Welt. Von großen und kleinen Hühnern umgeben, lag die Annahme nahe, selbst ein Huhn zu sein. So lebte der kleine Adler mitten unter den Hühnern, benahm sich wie ein Huhn, fraß wie ein Huhn und hatte seine eigentliche Identität nie kennengelernt. Eines schönen Hühner-Tages aber, während er gerade damit beschäftigt war, auf dem Hof Krümel zu picken, hörte er hoch am Himmel den Schrei eines Adlers, der dort seine Kreise zog. Dieser Schrei löste etwas in seinem Inneren aus. Eine tief verborgene Identität wurde berührt und zu neuem Leben erweckt. Der kleine Adler spürte, dass er zu mehr geboren war, als unter den Hühnern ein armseliges Dasein zu fristen, ab und zu ein Ei zu legen und früher oder später im Suppentopf zu landen. In ihm stand etwas auf, das ihn dazu brachte, seine wahre Bestimmung zu entdecken. Er begann, seine Flügel zu trainieren, erst unbeholfen, mit der Zeit aber immer sicherer und souveräner. Eines Tages schließlich war es so weit: Aus dem verkappten Huhn war wieder der Adler geworden, der sich aufschwang in die Lüfte, um endlich das Leben zu leben, für das er geboren wurde.

Diese Geschichte hat viel mit unserem Leben zu tun. Wenn es um unsere Träume geht, dann muss der Zweikampf zwischen Kopf und Herz von Letzterem gewonnen werden. In diesem Sinn sollten die Träume und Wünsche der Kindheit nie nur Vergangenheit sein, sondern immer auch Teil unserer Zukunft. So wie die Kindheit mehr herz- als kopforientiert ist, braucht unser Herz auch im späteren Leben immer wieder Gelegenheiten, sich Raum zu verschaffen und gehört zu werden.

Worauf´s ankommt: Stärken, Vorlieben und Mehrwert zusammenbringen

Die Fähigkeiten, die in einem Menschen liegen,

sind größer, als er weiß;

und die Fähigkeiten, die Gott einem Menschen verleihen kann,

sind größer, als er träumt.

Charles H. Spurgeon

In uns liegt ein Potenzial verborgen, das darauf wartet, entdeckt und gelebt zu werden. Wie in der Geschichte vom kleinen Adler, der als falsches Huhn unterwegs war, leben auch viele Menschen an ihrer wahren Bestimmung und ihrem Potenzial vorbei. Oft sind wir in Berufen und Aufgaben gefangen, in die wir gar nicht gehören, die wir nur aufgrund der Erwartungshaltung anderer Menschen (oder weil es sich „halt so“ ergeben hat) übernommen haben. Wie dieser junge Mann, eigentlich ein leidenschaftlicher Handwerker, der aber Lehrer wurde, weil seine Eltern – beides Lehrkräfte – das von ihm erwarteten. Oder die junge Frau, kreativ und musikalisch, die Betriebswirtschaft studiert, weil das vermeintlich sicherer und zukunftstauglicher ist. Oder der ältere Herr, bereits am Ende seiner braven Beamtenlaufbahn, der sein Leben lang viel lieber unternehmerisch tätig gewesen wäre. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Zu oft beeinflussen falsches Sicherheitsdenken und die Erwartungen anderer unseren Werdegang und halten uns davon ab, einen erfüllenden Platz zu finden, an dem wir wirklich einen Unterschied machen können. Oft sind Lebensläufe aufgrund des familiären Umfeldes, der Erwartungen der Eltern oder anderer wichtiger Bezugspersonen vorgespurt. Allzu außergewöhnliche Zukunftsideen werden uns ausgetrieben, noch bevor wir uns an die Umsetzung machen können. Weil der Weg des geringsten Widerstandes leichter ist und die bequem eingerichtete Komfortzone eine zu hohe Attraktivität ausübt, begraben wir das Potenzial in uns, das nur darauf wartet, gehoben und entwickelt zu werden. Zwar können wir an der erreichten Stelle durchaus funktionieren – Glück, Erfüllung und Wirksamkeit aber sehen anders aus.

Ich denke an eine Postkarte, die ich kürzlich in den Händen hielt. Auf dieser Karte sieht man ein nettes kleines Schaf, das mit einer Mischung aus Vorsicht und Neugierde über den Gartenzaun lugt. Darüber die herausfordernde Überschrift: „Und eines Morgens sagte plötzlich eine Stimme: Spring über den Zaun, sei wild und frech, und lebe gefährlich …“ Wie diesem Schaf oder dem zitierten Löwen im Zoo ist uns in vielen Bereichen unseres Lebens die Wildheit abhandengekommen. Wir leben zu brav, zu stromlinienförmig, zu vorhersehbar. Warum nicht öfters etwas Verrücktes wagen? Warum nicht hin und wieder ein Risiko eingehen?

Umair Haque, einer der aktuell einflussreichsten Management-Vordenker, fordert zu einem Lebens- und Arbeitsstil heraus, der die Grenzen des bisher Vertrauten überschreitet und das persönliche Potenzial stärker berücksichtigt.1 Unsere Art, zu leben, zu arbeiten und unsere Rolle zu spielen, beschert uns zwar materiellen Reichtum, lässt uns aber auf emotionaler Ebene, in Bezug auf Beziehungen und Soziales, physisch und spirituell unerfüllt. Haque plädiert dafür, sich über Folgendes unbedingt klar zu werden: Was ist mein persönliches Potenzial, und wie umfassend, authentisch und intensiv werde ich es im Laufe meines Lebens ausschöpfen? Sein Aufruf: „Erschaffen Sie etwas Gefährliches. Es lohnt sich nicht, nach Mittelmäßigkeit zu streben – sie ist eine einsame Todesfalle, die direkt in das Vergessen führt. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass Sie Ihr Leben nutzen sollten, Ihrer Leidenschaft zu folgen. Nicht halbherzig, zitternd und stockend. Sondern unerbittlich, mit aller Energie. Träumen Sie große Träume, und gehen Sie ein gewaltiges Risiko ein. Setzen Sie Ihr Heim aufs Spiel, bevor es zu einem Einfamilienhaus geworden ist – einem allzu bequemen Ort, wo Sie Ihren Hut an den Nagel hängen und Ihre Beine ausstrecken. Erschaffen Sie etwas Neues: Seien Sie nicht nur Arbeitnehmer, Manager oder ein anderer Typ eines Verwalters der Gegenwart. Seien Sie ein Erbauer, ein Schöpfer und Architekt der Zukunft. Es spielt keine Rolle, ob es eine Sonate, ein Buch, ein Start-up oder ein neuer Frisurenstil ist – erschaffen Sie etwas, das nicht nur fundamental neu ist, sondern auch eine unaufhaltsame Gefahr für die müden, schwerfälligen Beharrungskräfte der Gegenwart … Ziehen Sie Erfüllung und Leidenschaft vor gegenüber Geld und Erfolg. Das Letztere folgt dem Ersten. Ohne Erfüllung und Leidenschaft aber sind Geld und Erfolg schal und leer …“

Wie können wir nun das in uns liegende Potenzial entdecken, und wie sollen wir uns positionieren? Weil jede Person und jedes Leben individuell ist, gibt es keine fertigen Antworten. Aber Orientierungshilfen, anhand derer jeder seinen persönlichen Weg finden und überprüfen kann. Es ist vor allem ein Dreiklang, an dem wir uns orientieren können: Stärken, Vorlieben und Mehrwert. Wenden wir uns zunächst den Stärken und Vorlieben zu. Stärken sind all diejenigen Dinge, die wir besonders gut können und in denen wir besser sind als der Durchschnitt. Unsere Stärken meint unsere Fähigkeiten und Talente. Vorlieben sind die Dinge, die wir gerne tun und die uns Freude machen. Tätigkeiten, bei denen wir die Zeit vergessen. Stärken und Vorlieben können identisch sein, müssen es aber nicht. Manchmal mögen wir bestimmte Dinge, ohne besonders stark darin zu sein. Ich mag es etwa, hin und wieder Fußball zu spielen. Als Stärke würde ich das aber nicht bezeichnen, zum Geldverdienen reicht es jedenfalls nicht aus. Von Albert Einstein ist überliefert, dass er das Violinspiel liebte, allerdings wurde er kein berühmter Geiger, sondern einer der größten Physiker aller Zeiten. Nicht immer also stimmen unsere Stärken mit unseren Vorlieben überein. Jeder von uns aber hat eine Schnittstelle aus beidem. Diese Schnittstelle gilt es zunächst zu entdecken. Folgende Fragen sind dabei hilfreich:

 Was kann ich gut?

 Was halten andere Leute für meine größten Stärken?

 Worin bestätigen mich andere Menschen?

 Welche Talente habe ich, die bisher noch nicht entwickelt sind?

 Was liebe ich zu tun?

 Was macht mir am meisten Spaß?

 Wobei vergesse ich die Zeit?

Neben der Selbsteinschätzung ist auch die Fremdwahrnehmung wichtig, wenn wir unsere Stärken definieren wollen. Das heißt, wir beantworten diese Fragen zuerst für uns und suchen dann das Feedback von Menschen in unserem Umfeld. Eine Übereinstimmung von Eigen- und Fremdwahrnehmung gibt uns zusätzliche Bestätigung.

Wenn wir unsere Stärken und Vorlieben definiert und die Schnittstelle bestimmt haben, stellt sich die Frage, wie wir damit einen Mehrwert für andere schaffen können. Welchen Nutzen für andere Menschen kann ich kreieren, indem ich tue, was ich gut kann und was ich liebe zu tun?

Wenn jemand handwerklich begabt ist, dabei technikinteressiert und Spaß an Autos hat, kann er einen Mehrwert für andere Menschen schaffen, indem er als Kfz-Mechaniker arbeitet und die Autos anderer Menschen repariert. Ist jemand kreativ und innovativ und liebt es, unternehmerische Ideen zu entwickeln, wird er in einem trockenen Bürojob auf Dauer wenig glücklich sein, kann aber einen entscheidenden Unterschied machen, wenn er Produkte oder Dienstleistungen entwickelt, die für andere hilfreich sind. Der Verwaltungstyp mit einer Vorliebe für Zahlen und Daten braucht ein entsprechendes berufliches Umfeld, um seine Fähigkeiten wirkungsvoll einsetzen zu können und dabei Freude zu erleben.

Es geht also immer darum, dass unsere Stärken, Vorlieben und ein Mehrwert für andere zusammenkommen. Die Schnittstelle aus diesen drei Bereichen bildet das, was man im Marketing den „Unique Selling Point“ nennt, unser persönliches Alleinstellungsmerkmal. Wenn wir uns in diejenigen Aufgaben und Tätigkeiten investieren, in denen wir gut sind, die wir lieben und aus denen sich ein Nutzen für andere ergibt, verschafft uns das ein hohes Maß an Zufriedenheit.

Der Weg hin zu einem erfüllten Leben beginnt mit einer groben Skizze, einer Ahnung, einem vorsichtigen Tasten in ein neues Land hinein. Die hier skizzierten Stärken und Vorlieben bilden die Leitplanken, innerhalb derer wir uns dabei bewegen. Wir müssen und dürfen verschiedene Dinge probieren. Es ist wie bei der Auswahl von Kleidungsstücken im Geschäft: Im Regal sieht vieles gut aus, aber erst wenn wir die Kleidung tragen, können wir wirklich sagen, ob sie uns steht, zu uns passt und wir uns darin wohlfühlen. Sich bereits früh im Leben und zu Beginn der beruflichen Laufbahn mit diesen Fragen zu beschäftigen ist natürlich hilfreich. Aber auch später, vielleicht in verantwortungsvoller Position oder an dem seit Langem vertrauten Platz, verliert die Thematik nichts an Relevanz. Warum tue ich, was ich tue? Bin ich am richtigen Platz? Was möchte ich durch mein Wirken bewegen, und kann ich das in meiner aktuellen Position? Das sind Fragen, anhand derer wir uns jederzeit und an jedem Ort reflektieren können.

Menschen, die durch ihr Wirken und ihre Innovationen unser Leben geprägt und die Welt verändert haben, waren immer Menschen, die an eine Vision glaubten, sich in ihren Stärken und Vorlieben bewegten, dabei einen Nutzen für Dritte kreierten und in all ihren Prozessen und Herausforderungen nicht aufgaben. Gottlieb Daimler, der Erfinder des Automobils; Steve Jobs, Mitgründer von Apple; Alfred Herrhausen, legendärer Vorstandssprecher der Deutschen Bank – sie und viele andere sind Beispiele dafür. Dabei geht es nicht nur um die wenigen Spitzenführungskräfte und herausragenden Entwickler und Erfinder, sondern quer durch alle Gesellschafts- und Berufsbereiche sind immer diejenigen überdurchschnittlich wirksam und zufrieden, die einer Vision folgen und ihr persönliches Potenzial leben. Dauerhaft erfolgreiche Leute mit einer Erfüllung im Beruf sind Menschen, die tun, was sie lieben, und lieben, was sie tun. Wenn es uns gelingt, dadurch auch noch einen Nutzen für andere zu schaffen, leben wir unser Potenzial. Wir stellen die Weichen, unsere verfügbare Lebenszeit wirksam auszuschöpfen, und schwingen uns wie der Adler in neue Höhen auf.

II. EIN BILD DER ZUKUNFT MALEN

Vom Ende her denken

Was nicht ewig ist, ist auf ewig veraltet.

C. S. Lewis

Menschen, die in der Palliativmedizin arbeiten, berichten immer wieder von den Gedanken der Patienten, die den Tod vor Augen haben. Fragt man diese Menschen, was sie rückblickend auf ihr Leben am meisten bereuen, kommen häufig die folgenden Antworten:

Ich wünschte, ich hätte …

1. mehr meine Träume gelebt anstatt die Erwartungen anderer.

2. nicht so viel gearbeitet.

3. mehr meine Gefühle zum Ausdruck gebracht.

4. mehr Zeit in meine wichtigsten Beziehungen investiert.

5. öfter verrückte Dinge getan.

Traurig, aber wahr: Friedhöfe sind die reichsten Plätze unseres Landes. So viele unerfüllte Träume, Sehnsüchte und Lebenspläne liegen dort begraben. Zu viele Menschen, die gelebt wurden, statt selbst zu leben. Zu viele Menschen, von denen man dachte, dass sich die Welt ohne ihren dauerhaften, selbstaufopferungsvollen und selbstverständlich ehrenwerten Einsatz nicht weiterdrehen würde – und siehe da, sie dreht sich doch.

Der Italiener Bruno Bozzetto produzierte einen Zeichentrickfilm, der schon fast fünfzig Jahre alt, aber in seiner Thematik und Eindrücklichkeit aktueller denn je ist. Bezeichnenderweise gab er diesem Werk den Titel „Leben in einer Schachtel“.2 In den sieben Minuten dieses Kurzfilms geht es um das Leben eines durchschnittlichen Otto-Normal-Bürgers von der Wiege bis zur Bahre. Die Geschichte beginnt mit der freudvoll erwarteten Geburt des neuen Erdenbürgers. Ein neues Lebensbuch wird geöffnet und wartet darauf, in vielen verschiedenen Farben und Formen gestaltet zu werden. Schon bald aber nimmt das Leben den für so viele von uns typischen Verlauf. Die Zeit der Kindheit zeigt der Film noch mit vielen farbigen Sequenzen. Diese farbigen Szenen stehen für die Träume und die Sehnsucht nach Freude, Glück und Freiheit im Leben des Jungen. Der farbige Schmetterling, der ihm auf dem Weg von zu Hause in die Schule begegnet, lässt das kleine Männchen zu träumen beginnen von einer Welt voller Farbe, gleich einem blühenden Garten, in dem es viel zu entdecken gilt. Jäh wird er jedoch aus diesen Träumen gerissen, als ihm seine gewissenhafte Mutter, ihn vom Fenster aus beobachtend und dabei auf ihre Armbanduhr deutend, nachruft, sich gefälligst zu beeilen und seinen Pflichten nachzukommen. Die Farben verflüchtigen sich, und der triste Alltag nimmt seinen Lauf.

Dieses Muster zieht sich durch, von der Schule über die Universität bis zum Berufsalltag, immer seltener unterbrochen von immer kürzer werdenden farbigen Sequenzen, die sich jedes Mal aufgrund der jeweiligen Umstände und zu erfüllenden Pflichten schnell in Luft auflösen. Die farbige Traumphase erlebt noch einmal ein kleines Zwischenhoch, als sich das Männchen verliebt, bald darauf heiratet und mit den besten Absichten, sich jetzt mehr Zeit für seine Träume und Sehnsüchte zu nehmen, eine Familie gründet – nur um wenig später festzustellen, wieder im alten Fahrwasser gelandet zu sein. Der kurz darauf geborene Sprössling erleidet schon bald das gleiche Schicksal, das Lebensmuster wird – unterschiedlich gefüllt, aber mit den gleichen Leitplanken und Treibern – von Generation zu Generation weitergereicht.

Das Pendel zwischen Arbeitsplatz und Zuhause bewegt sich im Film nun immer schneller, nimmt dem Männchen zunehmend die Luft zum Atmen und Träumen, bis es schließlich, vom Herzinfarkt getroffen, nach einem getriebenen Leben auf dem Friedhof landet. Hier endlich, leider erst, als es zu spät ist, hat das Männchen Zeit für seine Träume – die Szene wandelt sich in Farbe, der Film schließt mit zarten bunten Blumen auf dem frisch errichteten Grab. Berührt verfolgt man die Geschichte und fragt sich, was das wohl mit dem eigenen Leben zu tun haben könnte …

Was ist mein Lebensziel?

Spätestens am Ende des Lebens stellt sich die Frage, ob uns das Leben gelungen ist. Um diese einmal zufriedenstellend beantworten zu können, ist es wichtig, schon jetzt vom Ende her zu denken. Wenn wir es wagen, vom Ende her zu denken, verändern wir unseren Standort, verändert sich der Blickwinkel. Wir sind nicht mehr nur von der Fülle der gerade anstehenden Aufgaben und Herausforderungen gefangen, sondern gewinnen eine weitere Perspektive. Dadurch können wir unsere Prioritäten besser überprüfen und neu ordnen. Wie sieht mein Leben aus vom Ende her betrachtet? Was zählt wirklich?

Anhand der richtigen Fragen können wir ein Lebensziel definieren und dann entsprechend handeln. Wir erhalten einen roten Faden, an dem wir uns orientieren können, und definieren unsere Kernwerte, die unserem Leben Sinn verleihen. Das hilft uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Herausforderung besteht darin, dass es zahlreiche verschiedene Lebensbereiche und jede Menge Aufgaben und Erwartungshaltungen gibt, wir aber nur über ein begrenztes Maß an Zeit und persönlichen Ressourcen verfügen. Wohinein also investiere ich mich, und wie verteile ich meine Ressourcen auf meine Lebensbereiche? Das Ziel muss die Strategie bestimmen.

Die Lebensstrategie hilft uns zu klären, wohinein wir unsere Ressourcen wie Zeit, Talente und Energie investieren. Das ist nicht kompliziert, sondern viel einfacher, als es vielleicht zunächst den Anschein macht. Es beginnt schlicht und einfach damit, sich selbst einmal die Frage zu stellen: Was ist mir wirklich wichtig? Das ist eine völlig ergebnisoffene Frage. Es gibt keine fertigen Antworten, jede Persönlichkeit und Lebenssituation ist individuell, und wir sollten uns in dieser wichtigen Fragestellung auch nichts von außen überstülpen lassen. Wichtig ist, für sich persönlich die Prioritäten zu klären. Die richtigen Fragen helfen uns dabei, sie öffnen unser Denken und lassen uns ein Ziel erkennen.

Als Berufseinsteiger könnte man sich beispielsweise fragen: Wie will ich leben? Auf welche Werte baue ich? Welchen Stellenwert soll meine berufliche Karriere einnehmen? Welchen Preis bin ich bereit, dafür zu bezahlen? Wie führe ich ein glückliches Familienleben?

Als Leistungsträger in beruflicher Verantwortung könnte man sich fragen: Wie beurteile ich meinen ganzheitlichen Lebenserfolg? Wie gelingt mir das Spannungsfeld Beruf und Familie? Wie kann ich mir, in meiner heutigen Situation und innerhalb des bestehenden Kontextes, zusätzlichen Freiraum für neue Träume, Hobbys, meine Familie schaffen?

In fortgeschrittenem Alter stellt sich die Frage: Was habe ich vor mit dem Rest meines Lebens? Was blieb bisher auf der Strecke – und gibt es Wege, das wiederzubeleben?

Eine Auseinandersetzung mit und Klärung dieser elementaren Fragen liegt eigentlich auf der Hand, ist im wirklichen Leben aber alles andere als selbstverständlich. Clayton M. Christensen, Unternehmer und Professor an der renommierten Harvard Business School, schreibt: „Ich finde es erschreckend, dass sich so viele der neunhundert Studenten, die die Harvard Business School Jahr für Jahr aus den besten Kandidaten der Welt auswählt, so wenig Gedanken über den Sinn ihres Lebens gemacht haben.“3

Auch in meiner eigenen Arbeit mit Führungskräften, in Seminaren und Coachings, stelle ich immer wieder fest, dass wir uns zu wenig Gedanken darüber machen, was uns wirklich wichtig ist. Wenn ich gestandenen Unternehmern und Führungskräften die Frage stelle, was das Wichtigste in ihrem Leben sei, haben die allermeisten ziemliche Schwierigkeiten, darauf eine schlüssige Antwort zu geben. Der Grund dafür ist, dass diese Fragen nicht ausreichend reflektiert worden sind. Ich denke, das hat mit einem Dilemma zu tun, das uns den Blick für das große Ganze unseres Lebens vernebelt: Selbstopferung. Im Spannungsfeld zwischen äußeren Aufgaben und Erwartungen einerseits und den eigenen Bedürfnissen und Werten andererseits zieht zu oft Letzteres den Kürzeren. Wenn wir in einen Engpass kommen – zum Beispiel die Wahl, uns ein seit Langem blockiertes freies Wochenende zu gönnen oder diese Zeit doch wieder zur Abarbeitung eines plötzlich aufgetretenen Problems einzusetzen –, machen wir zuerst Abstriche bei uns selbst. Auf dem Altar der Selbstaufopferung nehmen wir nur zu gerne Platz. Nach außen scheint das heldenhaft und verantwortungsvoll, ist aber gefährlich, weil wir aus den Augen verlieren, was wirklich zählt in unserem Leben.

Der Vergleich zur Wirtschaftswelt sei erlaubt: Jeder Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzende muss über die Ziele seiner Firma sowie die Strategien, diese zu erreichen, informiert sein. Andernfalls kann er das Unternehmen nicht leiten und ist fehl am Platz. Was im Geschäftsleben selbstverständlich ist, übersehen viele Leute – darunter auch häufig im Geschäft erfolgreiche – für ihr persönliches Leben. Wie ein Bildhauer immer wieder den Schritt zurück braucht, um das große Ganze seines Werkes in Augenschein zu nehmen, brauchen auch wir immer wieder den Schritt zurück aus unseren täglichen Herausforderungen, um das große Ganze unseres Lebens zu sehen. Hilfreich ist, sich immer wieder einmal Zeitfenster zu nehmen – einen Spaziergang, einen ruhigen Abend oder einmal einen ganzen Tag –, um diese Fragen zu klären, das persönliche Leben neu auszurichten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Wirklich wichtig im Leben ist im Endeffekt nur das, was vom Ende her betrachtet noch zählt.

Fragen zur Selbstreflexion

 Wie sieht mein Leben aus, wenn ich es vom Ende her denke?

 Was soll einmal auf meinem Grabstein stehen?

 Wie beurteile ich ganzheitlichen Lebenserfolg?

 Wo schlage ich falsche Wege ein?

Das Beispiel Eugene O´Kelly

Warum ist es so schwierig, sich einmal selbst diese einfache

Frage zu stellen: Warum tue ich, was ich tue?

Eugene O‘ Kelly

Eugene O`Kelly war Vorsitzender der Geschäftsleitung der weltweit operierenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Er galt als einer der einflussreichsten Manager und führenden Finanz- und Wirtschaftsexperten in den USA. Er hatte alles, was man sich landläufig unter einem erfolgreichen Leben vorstellt: einen hervorragenden Job, der ihm viel Anerkennung brachte, eine schöne Frau und eine kleine Tochter, Status und viel Geld. Im Alter von 53 Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, ereilt ihn aus heiterem Himmel eine Diagnose, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte: Gehirntumor, Lebenserwartung noch wenige Monate. Die Krankheit bringt ihn zum ersten Mal dazu, sein Leben wirklich zu reflektieren und die bisherige Sichtweise über Erfolg und Prioritäten auf den Prüfstand zu stellen. In den verbleibenden dreieinhalb Monaten zwischen Diagnose und Tod ordnet O´Kelly sein Leben völlig neu. In seinem Buch „Chasing Daylight“4, das er in dieser Zeit verfasst, beschreibt er, wie sich seine Lebensprioritäten angesichts der todbringenden Krankheit völlig verschieben und er zu ganz neuen Erkenntnissen darüber kommt, was ihm wirklich wichtig ist. Sein Leben bis zum Zeitpunkt der Diagnose beschreibt er so:

„Ich führte ein Leben in höchster Geschwindigkeit, immer das Gaspedal durchgedrückt. Mein Kalender war immer über 18 Monate im Voraus ausgebucht. Ich arbeitete immer, an den Wochenenden, in den Nächten. Ich reiste über 200.000 km pro Jahr, wir hatten fast nie Urlaub. Ich habe jede Schulveranstaltung meiner Tochter versäumt. Die letzten zehn Jahre habe ich es tatsächlich geschafft, mit meiner Frau (während der Woche) Essen zu gehen: ganze zwei Mal!“

Sein wirkliches Leben beginnt erst, als ihm die Ärzte seinen Tod ankündigen. Dadurch kamen neue Erkenntnisse: über die Bedeutung der Beziehungen; darüber, jeden Moment zu genießen; wie wichtig es ist, sein Leben klar und einfach zu gestalten; über den Verlust der Spontaneität und die Notwendigkeit, sie wiederzubeleben. In der verbleibenden Zeit investiert er sich in diejenigen Menschen, die ihm wirklich wichtig sind – seine Frau, seine Tochter, die Familie und seine engsten Freunde. Über die letzte Phase seines Lebens sagt er: „Die Diagnose war ein Geschenk, weil sie mich zwang, intensiv über meinen Tod nachzudenken. Das brachte ein Bewusstsein und eine Klarheit in mein Leben, wie ich es nie vorher hatte. Es hat einen hohen Wert, sich seiner Sterblichkeit bewusst zu werden … All denjenigen, die irgendwann später darüber nachdenken wollen, rate ich: TUE ES JETZT!“

Aus dem Leben gegriffen I

„Wenn ich noch einmal anfangen könnte …“

Matthias Schipper ist verheiratet mit Andrea, beide haben einen erwachsenen Sohn und leben in Berlin. Matthias Schipper ist Mitglied der Geschäftsleitung eines mittelständischen Produktionsunternehmens. Im Interview mit Johannes Grassl spricht er über die Suche nach seinem Traum und wie eine schwere Erkrankung seine bisherigen Prioritäten grundlegend infrage stellte.

Herr Schipper, was würden Sie heute anders machen, wenn Sie Ihr Leben noch einmal leben könnten?

Wenn ich die Möglichkeit hätte, noch einmal zu beginnen, würde ich in meinem Leben viele Dinge anders machen! Selbst wenn es manchmal nur um Nuancen und nicht um die großen, fundamentalen Richtungsänderungen geht. Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich mehr an mich selbst denken, ohne dabei egoistisch sein zu wollen. Ich würde gelassener sein wollen, ohne damit gleichgültig zu sein. Vor allem würde ich mich mehr in Beziehungen investieren, privat genauso wie geschäftlich. In erster Linie gilt das natürlich für die Beziehung zu meiner Frau und unserem Sohn. Beide haben mir ein Familienleben geschenkt. Trotzdem bleibt das Eingeständnis, nicht genug Zeit in familiäre Beziehungen und die Pflege von Freundschaften investiert zu haben. Wenn ich einen zweiten Anlauf nehmen dürfte, würde ich das ändern.

Meine eigenen Wünsche habe ich zu oft dem Sicherheitsdenken und der vermeintlich von mir gegenüber anderen zu tragenden Verantwortung geopfert. Könnte ich noch einmal anfangen, würde ich deshalb meine persönlichen Bedürfnisse und Interessen stärker berücksichtigen. Ich würde mich nicht mehr so sehr von den Erwartungen anderer bestimmen lassen. Meine persönlichen Prioritäten habe ich zu oft geändert. Ich war der Meinung, für vieles auch später noch genügend Zeit zu haben. Für Erkenntnisse und Veränderungen ist es nie zu spät. Trotzdem bin ich inzwischen über 50 Jahre alt, und damit ist es für einige Dinge de facto doch bereits zu spät. Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich auch mehr Risiko eingehen. Ich würde mehr wagen, um das Leben mit all seinen Facetten noch intensiver zu leben. Ich würde mich nicht so oft durch die Vernunft bremsen lassen und mehr meinen Träumen folgen.

Warum haben Sie Ihr Leben dann so gelebt, wie Sie es gelebt haben?

Zunächst ist die Erkenntnis wichtig, dass wir alle durch unsere Kindheitserlebnisse geprägt worden sind, vor allem durch die Umgebung des Elternhauses. Neben der individuellen Prägung der einzelnen Person gibt es aber auch Prägungen, die im historischen Kontext, im Sinn einer Typisierung der jeweiligen Generation, gesehen werden müssen. Die Generation meiner Eltern, die durch Kriegserlebnisse, Leid und Entbehrung gekennzeichnet ist, hat sich mit dem Wirtschaftswunder auf materielle Sicherheit und den Erhalt des Friedens ausgerichtet. Das Wertesystem, die Prioritäten im persönlichen Verhalten und die damit auch anderen gegenüber erzeugten Erwartungshaltungen entsprangen einer ganz anderen Ausgangsbasis, als dies heute der Fall ist. In unserer Familie war es wichtig, den eigenen Wohlstand zu mehren und sich gegen Eventualitäten abzusichern. Nach außen hin war eine „heile Welt“ zu dokumentieren, die keine Angriffsfläche für Kritik bieten sollte. „Was sollen denn die Nachbarn denken?!“ – in dieser Haltung bin ich groß geworden.

Meiner Erziehung folgend, war es für mich deshalb selbstverständlich, den in mich gesetzten Erwartungshaltungen zu entsprechen. Aus heutiger Sicht habe ich mich erst viel zu spät aus diesem Korsett lösen können. Wenn ich also mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich frühzeitiger versuchen, eigene Ziele zu definieren und meinen eigenen Weg zu gehen.

In meinem Leben habe ich immer versucht zu funktionieren. Als junger Mensch erschien mir das Leben noch so lang; die Möglichkeiten, später noch dies oder jenes machen zu können, ließen mich einiges aufschieben. Heute weiß ich, dass ich durch diese Haltung in erster Linie mir selbst geschadet habe. Heute ist mir bewusst, dass Zeit ein sehr knappes Gut ist!

Vor einigen Jahren besuchten Sie einen Vortrag des Autors zum Thema „Lebe deinen Traum“. Was hat Sie damals an diesem Thema so angesprochen?

Dieses Thema hat eine Sehnsucht in mir berührt, gerade weil ich mich schon oft mit der Frage beschäftigte, was denn eigentlich der Traum meines Lebens ist. Weil ich nur schwer „Nein“ sagen konnte und schnell Verantwortung übernommen habe, habe ich schlussendlich funktioniert, meine eigenen Bedürfnisse und Interessen aber fast aufgegeben. Wo war noch Zeit, mich um meine Ehe, um Familie, geschweige denn um mich selbst zu kümmern? Kultur, Sport, ein gutes Buch, eigene Interessen, Freunde – alles blieb auf der Strecke. Aber ich hatte Erfolg, war von Kollegen und Geschäftspartnern geschätzt.

Beruflich war ich damals als Geschäftsführer in einer Unternehmensberatung tätig und auf Interimsmanagement spezialisiert. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Unternehmen in Krisen zu begleiten bedarf aber der Bereitschaft, praktisch ständig erreichbar zu sein. Über die Jahre hatte ich mich dadurch zum Workaholic entwickelt. Ich wollte in schwieriger Zeit den Mitarbeitern des zu betreuenden Unternehmens wie auch meinen eigenen Mitarbeitern mit gutem Beispiel vorangehen. Also gehörte ich zu denen, die nachts um 1 Uhr noch E-Mails verschickten, um mit hoher Wahrscheinlichkeit in der darauffolgenden Stunde auch noch eine Antwort zu erhalten. Morgens zwei bis drei Stunden Anfahrt zum Kunden, eigentlich immer mehr als acht Stunden Arbeit, dann wieder zwei bis drei Stunden Rückfahrt oder gleich weiter zum nächsten, mehrere hundert Kilometer entfernten Einsatzort. Da ist es nur verständlich, dass sich irgendwann die Frage stellt, wie man aus diesem Hamsterrad wieder herauskommen kann. Manch ein Kollege hat die Warnzeichen erst nach dem Scheidungsantrag seiner Frau zu interpretieren gewusst. Auch bei mir bestand diese Gefahr: meine Frau, Familie, Freunde und ich selbst standen viel zu oft hintenan, weil ich glaubte, im Rahmen eines überzogenen Verantwortungsbewusstseins funktionieren zu müssen.

So drehte sich die Spirale weiter. Ich war auf dem Weg, alles zu verlieren, was mir im Grunde wichtig war: Ehe und Familie. In meinem Innersten wusste ich das, doch gelebt habe ich als Getriebener nach ganz anderen Prioritäten. Durch eine schwere Erkrankung meiner Frau wurde ich aufgerüttelt. Unsere Gespräche wurden intensiver, ich selbst war auf der Suche. Es musste da noch mehr geben als Beruf, materiellen Erfolg und das persönliche Funktionieren. Als sich unsere Diskussionen wieder einmal zuspitzten, erhielten wir unerwartet die Einladung zu diesem Vortrag „Lebe deinen Traum – Ausstieg aus dem Hamsterrad“. Der Titel elektrisierte mich förmlich. Meine Frau und ich waren uns sofort einig, die Fahrtstrecke von 400 km in Kauf zu nehmen.

Was war Ihre wichtigste Erkenntnis aus diesem Vortrag? Gab es einen Impuls oder „Aha-Effekt“, den Sie mit nach Hause nehmen konnten?

Der Vortrag hat mich mitgerissen! Deshalb suchte ich das vertiefende Gespräch mit dem Referenten. Ich wollte das Rezept erhalten, mein persönliches Leben zu verändern und lösungsorientiert auf den Titel des Vortrages auszurichten.

Die Umsetzung einer gewonnenen Erkenntnis in die Praxis ist immer eine große Herausforderung. Ist Ihnen das gelungen?

Erkenntnisgewinn ist die eine Seite der Medaille. Die andere, schwierigere Seite ist die Einsicht, dass Veränderung Zeit braucht und meist nur mit Geduld erreicht werden kann. Wichtig scheint mir nicht nur, sich ein grundsätzliches Ziel zu setzen, sondern den Weg dahin mit Teilzielen zu versehen, die in realistischer Weise erreicht werden können. Ich befinde mich – glaube ich – auf einem guten Weg. Ich habe heute mehr Gelassenheit und nehme mich selbst, meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse ernster.

Es geht um einen Ausstieg aus dem Hamsterrad. Was ist das Hamsterrad in Ihrem Leben?

Einige Elemente des Hamsterrades in meinem Leben habe ich bereits beschrieben. Das Funktionieren und Getriebensein; ständig zu versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Für mich manifestierte sich das Hamsterrad in dem Augenblick, als ich erkannte, mein Leben nicht mehr selbst bestimmen zu können. Die Freiheit der Selbstbestimmung war verloren. Die Erwartungshaltungen und Abhängigkeiten waren so groß geworden, dass mein Leben nicht mehr im Gleichgewicht war. Ich musste Kompromisse eingehen, die im Zeitverlauf immer größer wurden und damit auch an innerer Problematik zunahmen. Die Frage ist aber nicht nur, ob und wie ich mich im Hamsterrad bewege. Ich stelle mir auch die Frage, ob ich nicht selbst am Bau des Hamsterrades entscheidend mitgewirkt habe!? Wenn man also selbst den Bauplan des Hamsterrades kennt, ist es auch leichter möglich, den Ausgang zu finden.

Welche konkreten Schritte kann man tun, um aus dem Hamsterrad auszusteigen?

Am Anfang muss die selbstkritische Analyse stehen. Was ist das Hamsterrad in meinem Leben, und wie bin ich hineingeraten? Den Ausstieg sollte man nicht durch den Versuch eines spontanen Absprungs versuchen. Ich bin überzeugt, dass ein solcher Absprung gelingen kann, das Risiko, sich dabei massive Verletzungen zuzufügen, ist aber groß. Ich treffe durchaus spontane Entscheidungen, neige aber dazu, mir im Vorfeld zu überlegen, was zu tun ist. Ein Plan muss her! Ich habe mir bei der Konzeption meines Planes überlegt, ob ich den Ausstieg eigenständig schaffen kann oder ob ich mir Hilfe hole. Diese Hilfe kann professioneller Natur sein, ein Coach zum Beispiel, oder aber einfach das Gespräch mit guten Freunden. Ich selbst komme aus einem Familienumfeld, in dem wir durch unsere Eltern christlich geprägt worden sind. Sollte es die Möglichkeit geben, all die Ansprechpartner einfach mal dadurch zu ergänzen, dass man seinen Wunsch um Hilfe in ein Gebet fasst?

Ehrlich werden, sich öffnen können und das Gespräch mit jemandem suchen sind die ersten Schritte beim Ausstieg aus dem Hamsterrad. Wir brauchen einen Ansprechpartner, eine Vertrauensperson, mit der wir kritisch konstruktiv, ja, konträr diskutieren können. Konstruktive Kritik war mir oft eine Hilfe, über mein Leben nachzudenken. Und ich habe festgestellt, dass ich nicht alleine bin mit meinen Fragen. Die Einladung zu einer Zusammenkunft von Führungskräften im kleinen Kreis – um gemeinsam eine Auszeit zu genießen und das eigene Leben zu reflektieren – habe ich schon mehrmals gerne angenommen. Fernab vom großen Trubel konnte ich dort ehrliche Gespräche mit Menschen führen, denen es ähnlich erging. Weltliche und geistliche Gespräche bis hin zur gemeinsamen Andacht haben mich abschalten lassen und mich ermutigt.

Und dann war da in meinem Fall das plötzliche Angebot zur Übernahme einer neuen beruflichen Aufgabe. Ich gab meine langjährige Position als Geschäftsführer auf, um an anderer Stelle eine neue Aufgabe zu übernehmen. Ich sah die Möglichkeit eines Neuanfangs und die Chance, eigene Pflöcke der Arbeits- und Lebensbedingungen einschlagen zu können. Ob ich damit schon das Hamsterrad verlassen würde, konnte ich nicht sicher beantworten. Doch mir war klar, dass diese neue Perspektive dadurch möglich geworden war, dass ich mich geöffnet hatte und neuen Aufgaben offen gegenüberstand.

Vor wenigen Jahren sind Sie ernsthaft erkrankt. Die Überlebenschancen standen nicht gut. Wie empfinden Sie diese Zeit zurückblickend?

Natürlich war meine Erkrankung eine einschneidende Erfahrung. Mir wurde klar, dass mein Leben viel schneller zu Ende sein kann, als ich dachte. Das führte zu einer Überprüfung meiner Lebensweise, meines Verhaltens und meines Umgangs mit allen Ressourcen, die mir dieses Leben bietet. Dann kam die Erkenntnis der eigenen Machtlosigkeit. Die Tatsache, dass mir auf einmal die Möglichkeit zum selbstbestimmten Handeln entzogen war. Und dann war da wieder das nüchterne Einsetzen des Gefühls, nun wieder funktionieren zu müssen. Ich wollte erst einmal nach Hause und meine persönlichen Dinge ordnen. Ich wollte meiner Frau so wenig Sorgen und Nöte hinterlassen wie möglich.

Hat die plötzliche Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Leben überraschend schnell enden könnte, besondere Erkenntnisse bewirkt?

Zunächst einmal die nüchterne Erkenntnis, dass es nicht nur andere trifft. Ich war nun selbst betroffen. In diesen Tagen habe ich mein Leben Revue passieren lassen. Die persönlichen Sorgen und Probleme erschienen mir plötzlich in einem ganz anderen Licht. Was gestern noch gewaltig und nur schwer überwindbar schien, war plötzlich klein und nichtig. Ich habe in dieser Zeit sehr viel nachgedacht und mit vielen Sachverhalten meinen Frieden gefunden. Es war weniger eine bestimmte Erkenntnis als vielmehr Fragen, die mich plötzlich nicht mehr losgelassen haben. „Warum lässt Gott das zu? Was habe ich getan, dass mir das passiert?“

Mir wurde bewusst, dass es nur sehr wenige Menschen in meinem Umfeld gibt, mit denen ich diese tiefen inneren Fragen besprechen konnte. Ich wusste nicht, wie viel Zeit mir bleibt, wollte ihnen aber auf den Grund gehen. Im Wesentlichen waren es zwei Freunde, die mir in dieser Zeit telefonisch, im E-Mail-Kontakt und durch ermutigende Briefe geholfen haben. Zwei Erkenntnisse wurden mir im Hinblick auf meinen Glauben besonders wichtig. Erstens: „Denke immer daran, dass Jesus Christus für uns Menschen zur Vergebung unserer Sünden am Kreuz gestorben ist.“ Auf dieser Basis habe ich meine Gebete an Gott gerichtet. Zweitens die Überlegung, ob die Frage, warum Gott Leid zulässt, überhaupt berechtigt ist. Ich habe mit dieser Frage einen Vorwurf an Gott verbunden. Sollte ich aber nicht zunächst bei mir selbst beginnen? Sollte ich mich nicht zunächst hinterfragen, welchen Eigenanteil ich an meiner Situation habe? Mich hat das herausgefordert, über meine Eigenverantwortung nachzudenken.

Was hat sich dadurch in Ihrem Leben verändert?

Als Erstes bin ich dankbar, dass mir eine lange Zeit des Nachdenkens zuteilwurde. Natürlich hätte ich gerne auf diese schwere Krankheit verzichtet. So danke ich Gott, dass die medizinische Behandlung mich hat gesunden lassen. Die ursprüngliche Diagnose ließ zunächst nur eine begrenzte Hoffnung zu. Gleichzeitig muss ich auch für mich konstatieren, dass durch Verdrängung und eine vermeintlich wiederhergestellte Normalität die guten Vorsätze schnell wieder über Bord geworfen werden. Alte eingeschliffene Verhaltensmuster drohen, wieder die Oberhand zu gewinnen. Heute versuche ich, bewusster zu leben, mich auch bewusster zu ernähren. Ich habe mir mehr Gelassenheit auf die Fahnen geschrieben. Ich behandele alle Aufgaben etwas entspannter, und trotz der Tatsache, dass meine Bürotür immer für jedermann offen steht, sage ich konsequent auch einmal „Nein“.

Wovon träumen Sie, wenn Sie an den Rest Ihres Lebens denken?

Ich möchte alte Verhaltensmuster korrigieren und mehr als bisher meine Träume leben. Dabei habe ich mir vorgenommen, erreichbare Ziele zu setzen. Aufgrund der Krankheit meiner Frau werden wir den Traum einer Weltreise wahrscheinlich nicht mehr realisieren können – ich weiß nicht, ob wir überhaupt jemals wieder eine Reise in die Ferne unternehmen können. Deshalb träume ich davon, dass meine Frau trotz ihrer Erkrankung ein lebenswertes Leben führen kann. Ich träume davon, dass wir unser Leben gemeinsam in Frieden und Sicherheit leben können. Ich wünsche mir, dass Gott mir nach meiner schweren Krankheit das wiedergewonnene Leben erhält. Wenn man erst einmal erkannt hat, dass man seine Wünsche einer übergeordneten Instanz, nämlich Gott, vortragen kann, und wenn man daran glaubt, dass man sich auf Gott verlassen kann, dann wird es auch gelingen, sich aus der eigenen Verkrampfung, aus den eigenen Fesseln zu lösen. Es ist doch immer so, dass wenn man locker und unverkrampft an die Lösung einer Sache herangeht, die Chance des Erfolgs steigt. Den unerfüllten Wünschen aus der Vergangenheit nachzutrauern macht keinen Sinn. Die Frage ist: Was entscheide ich heute für den Rest meines Lebens? Niemand von uns weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt.

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
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154 стр. 8 иллюстраций
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9783865067098
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