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Jiddu Krishnamurti

Das Licht in uns

Über wahre Meditation

Übersetzung ins Deutsche

von Christine Bendner

Neubearbeitung von Bernd Hollstein

edition steinrich

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

http://www.edition-steinrich.de

Titel der englischen Originalausgabe: This Light in Oneself, True Meditation

Erschienen bei: Shambhala Publications, Inc., Boston,

Massachusetts 02115, USA

© 1999 by Krishnamurti Foundation Trust, Ltd.

Eine frühere Ausgabe erschien 2000 unter dem Titel: Das Licht in dir. Über die wahre Meditation im Econ Ullstein Verlag

Die vorliegende Ausgabe erscheint in einer Neubearbeitung von Bernd Hollstein, die unter Hinzuziehung der ursprünglichen Transkripte erfolgte.

Textgrundlage dieses eBooks ist die gedruckte Version des gleichnamigen Titels.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright eBook: © 2015 edition steinrich, Berlin

Copyright der deutschen Ausgabe: © 2015 edition steinrich, Berlin

by arrangement with Shambhala Publications, Inc., Boston

Umschlaggestaltung: Ingeburg Zoschke, Berlin

Titelfoto mit freundlicher Genehmigung des Krishnamurti Foundation Trust Ltd.

Gestaltung und Satz: Traudel Reiß

Druck: Westermann Druck Zwickau

Printed in Germany

eBook ISBN 978-3-942085-52-6

Inhalt

Vorwort

Ein neues Bewusstsein

Das Wunder der Aufmerksamkeit

Ein Leben in Güte

Das Licht im eigenen Innern

Die Wahrheit erforschen

Die Schönheit der Tugend

Die Energie sammeln

Das ewige, zeitlose Heilige

Was ist Schöpfung?

Ohne Einsatz des Willens leben

Harmonie zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten

Ein heiliges Leben

Mit stillem Geist beobachten

Erleuchtung ist kein fester Endpunkt

Das Ende der Suche

Reines Beobachten

Das Licht kann kein anderer geben

Eine Dimension, die das Denken nicht berühren kann

Quellen

Vorwort

Wenn wir uns in dieser Phase der turbulenten Menschheitsgeschichte umschauen, sehen wir erstaunliche Fortschritte in den Naturwissenschaften, der Medizin, der Technik, im Zugang zu Informationen und Wissen – und ebenso Kriege, Armut, Hunger, politischen und religiösen Verfall und Korruption, Raubbau an der Umwelt, Terrorismus und tiefes Leid selbst unter den Wohlhabendsten. Jahrtausende lang hat sich unser Blick nach außen auf Philosophen, Wissenschaftler, Berater, Therapeuten, Erzieher, Lehrer und religiöse Führer gerichtet, um unsere persönlichen Schwierigkeiten und sozialen Probleme zu lösen. Doch unsere grundlegenden Probleme mit Ängsten, Konflikten, Beziehungen und einem inhaltsleeren Leben sind geblieben.

In den vielen Gesprächen mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und bei seinen zahlreichen öffentlichen Reden vor großem Publikum in aller Welt sprach Krishnamurti stets von der Notwendigkeit, nach innen zu schauen, sich selbst kennenzulernen, wenn wir die individuellen Konflikte verstehen wollen, die auch die tief verwurzelten Konflikte der Gesellschaft sind, denn »wir sind die Welt«. Unser individuelles Chaos verursacht das globale Chaos.

Die folgenden Seiten, deren Inhalt aus bisher unveröffentlichten Reden stammt, zeigen Krishnamurtis zeitlose Einsichten zu der Frage, wo wahre Freiheit, Weisheit und Güte entdeckt werden können – durch jeden von uns.

Ray McCoy

Ein neues Bewusstsein

Ein neues Bewusstsein und eine völlig neue Moral sind notwendig, wenn sich in unserer heutigen Kultur und Gesellschaftsstruktur ein radikaler Wandel vollziehen soll. Das ist offensichtlich. Und doch scheinen die Linken wie die Rechten und auch die Revolutionäre diese Tatsache zu übersehen. Jedes Dogma, jede vorgegebene Formel, jede Ideologie ist Teil des alten Bewusstseins – sie sind Erfindungen des Denkens, dessen Aktivität Bruchstücke erzeugt: die Linke, die Rechte, die Mitte. Diese Aktivität des Denkens wird unweigerlich zu Blutvergießen durch die Rechten oder Linken oder zum Totalitarismus führen. Das ist es, was um uns herum geschieht. Man sieht, wie notwendig eine gesellschaftliche, ökonomische und moralische Veränderung ist, aber die Reaktion kommt aus dem alten Bewusstsein, in dem das Denken die Hauptrolle spielt. Das Chaos, die Verwirrung und das Elend, in das die Menschen hineingeraten sind, spielt sich im Bereich des alten Bewusstseins ab. Ohne eine tiefgreifende Veränderung dieses Bewusstseins wird jede Aktivität des Menschen, sei es auf der politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Ebene, nur dazu führen, dass wir uns gegenseitig und die Erde zerstören. Für einen vernünftigen Menschen ist das ganz offensichtlich.

Man muss sich selbst ein Licht sein; dieses Licht ist das Gesetz. Es gibt kein anderes Gesetz. Alle anderen Gesetze sind Produkte des Denkens und führen daher zu Teilung und Trennung und zum Gegeneinander. Sich selbst ein Licht zu sein bedeutet, niemals dem Licht eines anderen zu folgen, wie vernünftig, logisch, geschichtlich belegt und überzeugend es auch sein mag. Man kann sich selbst kein Licht sein, wenn man im dunklen Schatten von Autoritäten, Dogmen oder Schlussfolgerungen steht. Wahre Moral ist kein Produkt des Denkens. Sie entsteht nicht durch den Druck des Umfeldes. Sie geht nicht aus dem Gestern, der Tradition hervor. Wahre Moral ist das Kind der Liebe, und Liebe ist weder Verlangen noch Lust. Sexuelles oder sinnliches Vergnügen ist nicht Liebe.

Freiheit bedeutet, sich selbst ein Licht zu sein. Dann ist sie keine abstrakte Idee, nichts vom Denken Fabriziertes. Echte Freiheit ist Freiheit von Abhängigkeit, vom Haltsuchen, vom Verlangen nach Erfahrungen. Freiheit von der gesamten Gedankenwelt ist, sich selbst ein Licht zu sein. In diesem Licht findet alles Handeln statt und führt daher niemals zu einem Gegeneinander. Gegeneinander existiert nur, wenn dieses Licht vom Handeln getrennt ist, wenn der Handelnde von der Handlung getrennt ist. Das Ideal, das Prinzip, ist das fruchtlose Vorgehen des Denkens, das nicht zugleich mit diesem Licht existieren kann. Das eine schließt das andere aus. Wo der Beobachter da ist, ist dieses Licht, ist diese Liebe nicht da. Der Beobachter ist ein Produkt des Denkens, das niemals neu ist, niemals frei. Es gibt kein »Wie«, kein System, keine Methode. Es gibt nur das Sehen, welches das Handeln ist.

Sie müssen sehen – aber nicht mit den Augen eines anderen. Dieses Licht, dieses Gesetz, ist weder Ihres noch das eines anderen. Es ist nur Licht da. Das ist Liebe.

Das Wunder der Aufmerksamkeit

Können wir alle Vorstellungen, Konzepte und Theorien beiseite lassen und für uns selbst herausfinden, ob es etwas Heiliges gibt – ich meine nicht das Wort, denn das Wort ist nicht das Tatsächliche, die Beschreibung ist nicht das Beschriebene –, können wir sehen, ob es etwas Echtes, Wirkliches gibt, kein Phantasiegebilde, nichts Illusionäres, Eingebildetes, keinen Mythos, sondern eine Wirklichkeit, die niemals zerstört werden kann, eine ewige Wahrheit?

Um das herauszufinden, es zu entdecken, muss jede Autorität gleich welcher Art, besonders die spirituelle, völlig außer Acht gelassen werden, denn Autorität bedeutet Anpassung, Gehorsam und Übernahme eines bestimmten Denkmusters.

Der Geist muss fähig sein, für sich allein zu stehen, sich selbst ein Licht zu sein. Einem anderen Menschen zu folgen, einer Gruppe anzugehören, von einer Autorität festgelegte Meditationstechniken zu praktizieren, ist ohne jede Bedeutung für einen Menschen, der die Frage untersucht, ob es etwas Ewiges, Zeitloses, etwas für das Denken nicht Ermessbares gibt, das in unserem täglichen Leben wirkt. Wenn das Ewige, Zeitlose nicht Teil unseres Alltagslebens ist, dann ist Meditation eine Flucht und absolut nutzlos. All das bedeutet, dass man selbstständig sein muss.

Es gibt einen Unterschied zwischen Isolierung und Alleinsein, zwischen Einsamkeit und der Fähigkeit, alleine dazustehen, völlig klar, unbeirrt und unverdorben.

Wir sind am ganzen Leben interessiert, nicht an einem Ausschnitt, einem Fragment des Lebens, sondern an allem, was Sie tun, was Sie denken, was Sie fühlen, wie Sie sich verhalten. Und da es uns um das Leben als Ganzes geht, können wir unmöglich ein Fragment wie das Denken nehmen und damit all unsere Probleme lösen. Auch wenn das Denken sich selbst für befugt hält, all die anderen Bruchstücke zusammenzufügen, ist dies nicht möglich, hat doch das Denken diese Bruchstücke selbst geschaffen.

Wir sind darauf konditioniert, im Sinne von Fortschritt, von allmählichem Erreichen eines Zieles zu denken. Die Menschen glauben an eine geistige Entwicklung, aber gibt es so etwas wie das »Ich«, das psychisch irgendetwas anderes erreichen kann als Projektionen oder Vorstellungen des Denkens?

Um herauszufinden, ob es etwas gibt, das keine Projektion des Denkens, keine Illusion, kein Mythos ist, müssen wir uns fragen, ob das Denken kontrolliert, in Schach gehalten, unterdrückt werden kann, so dass der Geist völlig still ist. Kontrolle bedeutet doch, dass es einen Kontrollierenden gibt sowie etwas, das kontrolliert wird, nicht wahr? Wer ist der Kontrollierende? Wird er nicht auch vom Denken erschaffen, ist er nicht auch eines der Fragmente des Denkens, das sich als der Kontrollierende Autorität angeeignet hat? Wenn Sie erkennen, dass dies wahr ist, dann ist der Kontrollierende das Kontrollierte, der Erfahrende ist das Erfahrene, der Denkende der Gedanke. Sie sind nicht voneinander getrennt. Wenn Sie das verstehen, besteht keine Notwendigkeit, etwas zu kontrollieren.

Was geschieht, wenn kein Kontrollierender da ist, weil der Kontrollierende und das Kontrollierte eins sind? Wenn eine Trennung zwischen dem Kontrollierenden und dem Kontrollierten besteht, gibt es einen Konflikt, es wird Energie verschwendet. Sind der Kontrollierende und das Kontrollierte eins, findet keine Energieverschwendung statt. Dann sammelt sich die ganze Energie an, die zuvor durch die Trennung zwischen dem Kontrollierenden und dem Kontrollierten in Unterdrückung und Widerstand vergeudet wurde. Wenn keine Trennung existiert, haben Sie diese ganze Energie zur Verfügung, um über das hinauszugehen, was Sie glaubten, kontrollieren zu müssen.

Es muss völlig klar sein, dass es in der Meditation keine Kontrolle und keine Disziplinierung des Denkens gibt, denn derjenige, der das Denken diszipliniert, ist selbst ein Fragment des Denkens; derjenige, der das Denken kontrolliert, ist ein Bruchstück des Denkens. Wenn Sie erkennen, dass dies wahr ist, steht Ihnen die ganze Energie zur Verfügung, die zuvor durch Vergleichen, durch Kontrolle und Unterdrückung vergeudet wurde, und Sie können über das, was tatsächlich ist, hinausgehen.

Wir fragen uns, ob der Geist absolut still sein kann, denn das, was still ist, hat viel Energie. Es ist die Ansammlung der Energie. Kann der Geist – der unablässig plappert, der immer in Bewegung ist, der als Denken ständig zurückschaut, sich erinnert, Wissen ansammelt, sich ständig verändert – vollkommen still sein? Haben Sie je herauszufinden versucht, ob das Denken zum Stillstand kommen kann? Wie werden Sie herausfinden, auf welche Weise diese Stille des Denkens zustande kommen kann? Denken ist Zeit, und Zeit ist Bewegung, Zeit hat mit Messen zu tun. Im täglichen Leben messen und vergleichen Sie materielle, physische und auch psychische Dinge. Das alles ist Messen. Vergleichen bedeutet messen.

Können Sie im täglichen Leben ohne Vergleichen auskommen? Können Sie ganz und gar aufhören zu vergleichen, nicht in der Meditation, sondern im täglichen Leben? Natürlich vergleichen Sie, wenn Sie zwischen zwei Materialien wählen müssen, zwischen diesem und jenem Stoff, wenn Sie zwei Autos vergleichen oder Wissen. Aber psychisch, im Inneren, vergleichen wir uns mit anderen. Können wir, wenn dieses Vergleichen aufhört – und es muss aufhören –, können wir dann vollkommen allein dastehen? Das gehört dazu, wenn kein Vergleichen mehr stattfindet – was nicht heißt, dass man nur noch vor sich hin vegetiert.

Können Sie also im Alltag, ohne zu vergleichen, leben? Tun Sie es einmal, und Sie werden feststellen, was es mit sich bringt. Sie werfen eine ungeheure Last ab. Und wenn Sie eine unnötige Last abwerfen, steht Ihnen Energie zur Verfügung.

Haben Sie schon einmal irgendeiner Sache Ihre ganze Aufmerksamkeit gewidmet? Widmen Sie dem, was der Redner sagt, Ihre ganze Aufmerksamkeit? Oder hören Sie mit einem vergleichenden Geist zu, der bereits ein bestimmtes Wissen erworben hat und das Gesagte damit vergleicht? Interpretieren Sie das Gesagte gemäß Ihres eigenen Wissens, Ihrer eigenen Neigungen und Vorurteile? Das hat nichts mit Aufmerksamkeit zu tun, nicht wahr? Wenn Sie völlig aufmerksam sind, mit Ihrem ganzen Körper, Ihrem Nervensystem, Ihren Augen, Ihren Ohren, Ihrem Geist, mit Ihrem ganzen Wesen, dann gibt es kein Zentrum, von dem aus Sie aufmerksam sind. Dann gibt es nur noch die Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit ist völlige Stille.

In dieser Aufmerksamkeit gibt es keine Grenze, keine Begrenzungen, und deshalb wird sie nicht gelenkt. Es gibt nur Aufmerksamkeit. Es gibt kein Ich und kein Du, keine Dualität, weder den Beobachter noch das Beobachtete. Das ist nicht möglich, wenn der Geist sich in eine bestimmte Richtung bewegt.

Wir werden dazu erzogen und konditioniert, uns in bestimmte Richtungen zu bewegen – von hier nach dort. Wir haben eine Idee, einen Glauben, eine Vorstellung, ein Rezept, dass es eine andere Wirklichkeit gibt, eine Glückseligkeit, irgendetwas jenseits des Denkens, und wir fixieren das als Ideal, als Ziel, und gehen in diese Richtung. Wenn Sie in eine Richtung gehen, gibt es keinen Raum. Wenn Sie sich konzentrieren und in eine bestimmte Richtung gehen oder denken, ist in Ihrem Geist kein Raum. Sie haben keinen inneren Raum, wenn Ihr Geist gefüllt ist mit Dingen, an denen Sie hängen, mit Ängsten, mit der Jagd nach Vergnügungen, mit dem Verlangen nach Macht und Ansehen. Dann ist Ihr Geist übervoll und ohne Raum. Raum ist notwendig, und wo Aufmerksamkeit herrscht, gibt es keine Richtung, sondern nur noch Raum.

Meditation bedeutet, dass keinerlei Bewegung stattfindet. Das heißt, der Geist ist völlig still, er bewegt sich in gar keine Richtung. Es gibt keine Bewegung. Keine Bewegung, die Zeit ist, keine Bewegung, die Denken ist. Wenn Sie sehen, dass dies wahr ist – nicht die Worte der Beschreibung, sondern die Wahrheit, die nicht beschrieben werden kann –, dann ist dieser ruhige, stille Geist da. Und es ist notwendig, einen ruhigen Geist zu haben – aber nicht, um länger schlafen oder seinen Job besser machen oder mehr Geld verdienen zu können!

Das Leben der meisten Menschen ist leer und armselig. Selbst wenn sie über eine ganze Menge Wissen verfügen, ist ihr Leben armselig, widersprüchlich, nichts Ganzes, unglücklich. All das ist Armut, und sie vergeuden ihr Leben, indem sie versuchen, innerlich reich zu werden, verschiedene Tugenden zu kultivieren und all die anderen unsinnigen Dinge. Nicht, dass Tugend überflüssig wäre – aber Tugend ist Ordnung, und was Ordnung wirklich ist, kann man nur verstehen, wenn man sich die eigene innere Unordnung genau angeschaut hat. Wir führen ein unordentliches Leben. Das ist eine Tatsache. Unordnung ist Widersprüchlichkeit, ist Verwirrung, ist das Durchsetzen der verschiedenen Wünsche. Unordnung bedeutet, das eine zu sagen und etwas anderes zu tun, Ideale zu haben und von diesen Idealen getrennt zu sein. All das ist Unordnung, aber wenn Sie sich dessen bewusst sind und dem Ihre ganze Aufmerksamkeit widmen, dann geht aus dieser Aufmerksamkeit eine Ordnung hervor, die Tugend ist – etwas Lebendiges, nichts Ausgedachtes, nichts, was eingeübt und hässlich wurde.

Meditation im Alltag ist die Transformation des Geistes, eine psychische Revolution, wodurch wir im Alltag ein Leben führen – nicht theoretisch, nicht als Ideal, sondern tatsächlich in jedem Augenblick dieses Lebens –, in dem Mitgefühl und Liebe da sind sowie die Energie, um über die ganze Kleinlichkeit, die geistige Enge und Oberflächlichkeit hinauszugehen.

Wenn der Geist still ist – ich meine wirklich still und nicht mit Verlangen und Willen still gemacht –, dann ist da eine völlig andere Art der Bewegung, die nicht der Zeit entstammt.

Wissen Sie, es wäre absurd, darauf noch weiter einzugehen. Es wäre nur eine Beschreibung mit Worten und deshalb nicht real. Was wichtig ist, ist die Kunst der Meditation. Das Wort »Kunst« bedeutet unter anderem, alles an seinen richtigen Platz zu bringen, dass alles in unserem Leben, in unserem täglichen Leben, den richtigen Platz findet, so dass die Verwirrung ein Ende hat. Und wenn Ordnung herrscht, wenn man sich richtig verhält und der Geist im täglichen Leben völlig still ist, dann wird dieser Geist selbst herausfinden, ob es das Unermessliche gibt oder nicht. Solange Sie die höchste Form von Heiligkeit nicht finden, ist das Leben stumpfsinnig und bedeutungslos. Deshalb ist die richtige Art der Meditation absolut notwendig, damit der Geist jung, frisch, unschuldig wird. »Unschuldig« bedeutet unverletzbar. All das ist in der Meditation enthalten, die nicht von unserem täglichen Leben getrennt ist. Für das Verstehen unseres täglichen Lebens ist Meditation notwendig. Das bedeutet, bei allem, was man tut, völlig aufmerksam zu sein – wenn Sie mit jemandem sprechen, die Art, wie Sie gehen, wie Sie denken, was Sie denken – all dem Ihre Aufmerksamkeit zu widmen ist Teil der Meditation.

Meditation ist keine Flucht. Sie ist auch nichts Mysteriöses. Meditation führt zu einem Leben, das ganz ist, das heilig ist. Und daher behandeln Sie alle Dinge als etwas Heiliges.

Ein Leben in Güte

Warum ist der Mensch bisher nicht in der Lage gewesen, sich zu ändern? Er ändert sich lediglich hier und dort ein bisschen und stellt dennoch den Anspruch, die Gesellschaft möge »gut« sein. Er wünscht sich Ordnung, und zwar nicht nur in sich selbst und in seinen Beziehungen, wie intim oder oberflächlich sie auch sein mögen, sondern er wünscht sich auch Frieden auf der Welt, er will sich in Ruhe entfalten können. Die Menschheit hegt diesen Wunsch seit Urzeiten. Doch je zivilisierter der Mensch wird, desto mehr Unordnung schafft er, desto mehr Kriege gibt es. Zu keiner Zeit herrschte überall auf der Welt Frieden. Irgendwo haben immer Menschen andere Menschen getötet, hat eine Religion versucht, eine andere zu zerstören, hat eine Institution andere Institutionen beherrscht, eine Organisation andere Organisationen unterdrückt.

Fragen Sie sich eigentlich nie, wenn Sie sich dieses unaufhörlichen Kampfes bewusst sind, ob es möglich ist, in dieser Welt zu leben, ohne vor ihr zu fliehen, ohne in einer Kommune unterzutauchen oder Einsiedler oder Mönch zu werden – fragen Sie sich nie, ob man in dieser Welt vernünftig, glücklich und intelligent leben kann ohne diesen ständigen inneren und äußeren Kampf? Falls Sie sich das fragen – und ich hoffe, dass Sie das jetzt tun, weil wir gemeinsam darüber nachdenken –, dann müssen Sie zwangsläufig die Forderung nach einer guten Gesellschaft stellen. Eine gute Gesellschaft zu erschaffen war bereits der Traum der frühen Hindus, der alten Griechen und Ägypter. Aber eine gute Gesellschaft kann es nur geben, wenn der Mensch gut ist, denn dann bringt er das Gute hervor – in seinen Beziehungen, durch sein Handeln, seine Lebensweise. Mit »dem Guten« ist auch das Schöne gemeint und das Heilige. Es ist verbunden mit Gott, mit dem höchsten Prinzip. Man muss das Wort »gut« wirklich ganz klar verstehen. Wenn Güte in Ihnen ist, dann ist alles gut, was Sie tun; Ihre Beziehungen sind gut, Ihr Handeln, Ihre Art zu denken. Man kann die ganze Bedeutung dieses Wortes, die außerordentliche Qualität dieses Wortes unmittelbar erfassen.

Bitte lassen Sie uns das gemeinsam ganz sorgfältig anschauen, denn wenn Sie dieses Wort wirklich in seiner Tiefe erforschen, wird es Ihr Bewusstsein beeinflussen, Ihre Art zu denken, Ihre Lebensweise. Widmen Sie dem Verstehen dieses Wortes also ein wenig Aufmerksamkeit. Das Wort ist nicht die bezeichnete Sache. Ich kann einen Berg wunderschön beschreiben, kann ihn malen, ein Gedicht über ihn verfassen, aber das Wort, die Beschreibung, das Gedicht ist nicht der tatsächliche Berg. Im Allgemeinen werden wir emotional und auf irrationale Weise von dem Wort, von der Beschreibung mitgerissen.

Das Gute ist nicht das Gegenteil vom Bösen. Das Gute steht mit dem Hässlichen, Bösen, Schlechten, Unschönen in keiner Weise in Zusammenhang. Das Gute steht allein für sich. Wenn Sie sagen, das Gute geht aus dem Schlechten, dem Bösen, dem Hässlichen hervor, dann trägt das Gute das Böse, das Hässliche und Brutale in sich.

Das Gute muss also völlig unabhängig von dem sein, was nicht gut ist – und das ist es auch.

Das Gute kann unmöglich existieren, wenn irgendeine Form von Autorität akzeptiert wird. Autorität ist etwas sehr Komplexes. Da gibt es die Autorität der Gesetze, die sich der Mensch seit Jahrtausenden geschaffen hat. Dann gibt es die Naturgesetze und das Gesetz unserer eigenen Erfahrung, dem wir gehorchen, sowie das Gesetz unserer eigenen kleinlichen Reaktionen, die unser Leben beherrschen. Außerdem gibt es die Gesetze der Institutionen, der organisierten Glaubenssysteme, die wir Religionen oder Dogmen nennen. Wir sagen, dass das Gute keinerlei Beziehung zu irgendeiner Form von Autorität hat.

Untersuchen Sie das, schauen Sie es sich an. Das Gute hat nicht das geringste mit dem Streben nach Konformität zu tun. Wenn Sie sich einem Glauben, einer Vorstellung, einer Idee, einem Prinzip anpassen, ist das nicht gut, weil es einen Konflikt erzeugt. Das Gute kann nicht durch irgendjemand anderen zum Erblühen gebracht werden, durch keine religiöse Persönlichkeit, kein Dogma, keinen Glauben. Das Gute kann nur auf dem Boden umfassender Aufmerksamkeit erblühen, da, wo es keine Autorität gibt. Die Essenz des Guten ist ein konfliktfreier Geist. Das Gute umfasst auch große Verantwortung. Man kann nicht gut sein und gleichzeitig zulassen, dass Kriege geführt werden. Ein Mensch, der wirklich gut ist, ist absolut verantwortlich für sein ganzes Leben.

Wir fragen uns, ob jemand, der in einer Gesellschaft mit dem ganzen Druck der Institutionen, der Glaubensvorstellungen, der autoritären religiösen Menschen aufgewachsen ist, überhaupt gut sein kann; denn nur, wenn Sie gut sind, wenn Sie, als menschliches Wesen, vollkommen und uneingeschränkt gut sind – vollkommen, nicht nur teilweise –, dann können wir eine andere Gesellschaft schaffen. Kann man in dieser Welt leben, verheiratet sein, Kinder haben, einen Beruf ausüben, und dabei gut sein? So wie wir das Wort »gut« benutzen, steht es für große Verantwortlichkeit, Fürsorglichkeit, Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Liebe. All das ist in diesem Wort enthalten. Ist Ihnen das möglich? Wenn nicht, dann akzeptieren Sie die Gesellschaft, wie sie ist. Eine andere Gesellschaft zu erschaffen, eine Gesellschaft, die von Grund auf gut ist, in dem Sinne, wie wir das Wort »gut« gebrauchen, erfordert viel Energie. Es erfordert Ihre ganze Aufmerksamkeit, das heißt Ihre Energie. Menschen haben eine Menge Energie; wenn sie etwas wirklich machen wollen, dann tun sie es.

Was hält alle Menschen davon ab, absolut gut zu sein? Was ist das Hindernis? Wo ist die Blockade? Warum sind die Menschen – sind Sie – nicht auf normale, gesunde Weise absolut gut? Ein Mensch, der die Dinge beobachtet, erkennt, was die Welt ist und dass er die Welt ist. Er sieht, dass die Welt nicht anders ist als er, dass er diese Welt erschaffen hat, dass er die Gesellschaft und die Religionen mit ihren unzähligen Dogmen, Glaubenssystemen, Ritualen, mit ihren Aufspaltungen in Gruppen und Untergruppen erschaffen hat. Menschen haben das geschaffen. Ist es das, was uns daran hindert, gut zu sein? Ist es, weil wir an etwas glauben oder weil wir so sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt sind, unseren sexuellen Schwierigkeiten, unseren Ängsten, unserer Einsamkeit, unserem Verlangen nach Erfüllung, unserem Wunsch, uns mit irgendetwas zu identifizieren? Ist es das, was ein menschliches Wesen davon abhält, gut zu sein? Wenn diese Dinge uns daran hindern, dann sind sie wertlos. Wenn Sie sehen, dass die Entfaltung des Guten durch jeglichen Druck gleich welcher Art – Ihr Glaube, Ihre Prinzipien und Ideale eingeschlossen – absolut verhindert wird, werden Sie all das ganz einfach ohne zu zweifeln und ohne inneren Konflikt ablegen, denn Sie erkennen, wie dumm das ist.

Das große Chaos und die Unordnung auf der Welt sind eine Bedrohung für das Leben. Sie breiten sich überall aus. Daher muss sich jeder ernsthafte Beobachter, der sich selbst und die Welt betrachtet, diese Fragen stellen. Die Wissenschaftler, die Politiker, die Philosophen, die Psychoanalytiker und die Gurus – ob sie nun aus Indien, aus Tibet oder aus Ihrem eigenen Land stammen – haben die Probleme der Menschheit nicht gelöst. Sie haben alle möglichen Theorien entwickelt, aber die Probleme haben sie nicht gelöst. Das kann niemand anderes tun. Wir selbst müssen diese Probleme lösen, weil wir sie geschaffen haben. Doch unglücklicherweise sind wir nicht bereit, uns unsere eigenen Probleme anzuschauen, den Dingen einmal wirklich auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, warum wir ein so absolut selbstbezogenes, egoistisches Leben führen.

Wir fragen uns, ob wir ein Leben im Guten mit seiner Schönheit und Heiligkeit führen können. Wenn wir es nicht können, dann werden wir die zunehmenden Bedrohungen durch das Chaos in unserem eigenen Leben, im Leben unserer Kinder und weiteren Nachkommen akzeptieren.

Sind wir bereit, uns damit zu befassen, uns selbst zu erkennen? Denn wir selbst sind die Welt. Überall auf der Welt leiden die Menschen psychisch, innerlich – Menschen aller Hautfarben, aller Religionen, aller Nationen. Sie leiden unter furchtbaren Ängsten, großer Einsamkeit, Verzweiflung, Depression; sie spüren die Sinnlosigkeit unserer Lebensweise. Psychologisch betrachtet sind sich die Menschen überall auf der Welt ähnlich. Das ist die Wirklichkeit, das ist die Wahrheit, das ist eine Tatsache. Psychologisch betrachtet sind Sie also die Welt, und die Welt sind Sie; und wenn Sie sich selbst verstehen, verstehen Sie die gesamte innere Struktur und Natur des Menschen. Das ist kein selbstbezogenes Untersuchen, denn wenn Sie sich selbst verstehen, gehen Sie über sich selbst hinaus, dann zeigt sich eine andere Dimension.

Was kann uns dazu bringen, uns zu ändern? Noch mehr Schocks? Noch mehr Katastrophen? Andere Regierungsformen? Andere Vorbilder? Andere Ideale? Davon hatten Sie schon eine ganze Menge, und trotzdem haben Sie sich nicht geändert. Je ausgeklügelter unser Bildungssystem wird, je zivilisierter wir werden – zivilisiert im Sinne einer Entfremdung von der Natur –, desto unmenschlicher werden wir. Was sollen wir also tun? Da nichts außerhalb von mir helfen kann – einschließlich aller Götter –, ist es offensichtlich, dass ich mich alleine selbst verstehen muss. Ich muss erkennen, was ich bin, und mich radikal ändern. Denn daraus entsteht das Gute. Dann kann man eine gute Gesellschaft schaffen.

Das Licht im eigenen Innern

Man kann reden und reden, endlos Worte aneinanderreihen, alle möglichen Schlüsse ziehen, aber wenn es neben all dieser verbalen Verwirrung auch nur eine einzige klare Handlung gibt, dann wiegt diese Handlung zehntausend Worte auf. Die meisten von uns haben Angst davor, zu handeln, weil wir verwirrt, chaotisch, widersprüchlich und verzweifelt sind. Wir hoffen, dass trotz dieser Verwirrung und Unordnung eine gewisse Klarheit entstehen kann: eine Klarheit, die nicht von jemand anderem stammt, die nicht vernebelt werden kann; eine Klarheit, die einem weder gegeben oder aufgedrängt wurde noch genommen werden kann; eine Klarheit, die ohne Willensanstrengung und ohne Absicht bestehen bleibt; eine Klarheit, die kein Ende und deshalb auch keinen Anfang hat.

Die meisten von uns – wenn wir uns überhaupt unserer inneren Verwirrung bewusst sind – wünschen sich das, wir möchten so eine Klarheit. Wir wollen sehen, ob wir zu dieser Klarheit gelangen können, so dass unser Kopf und Herz ganz klar und ungetrübt sind, ohne Probleme und ohne Angst. Es wäre außerordentlich lohnend herauszufinden, ob man sich selbst ein Licht sein kann, ein Licht, das von niemand anderem abhängt und vollständig frei ist. Man kann ein Problem intellektuell untersuchen und analysieren, indem man Schicht für Schicht die Verwirrung und Unordnung abträgt, viele Tage, viele Jahre darauf verwendet, vielleicht ein ganzes Leben lang, und selbst dann möglicherweise gar nichts findet. Sie können also diesen analytischen Prozess durchlaufen und Ursache und Wirkung untersuchen, oder Sie können all das vielleicht auch umgehen und direkt dorthin kommen, ohne die Vermittlerrolle des Verstandes.

Dazu ist Meditation notwendig. Das Wort »Meditation« wurde ziemlich verfälscht; wie das Wort »Liebe« ist es beschmutzt worden. Dabei ist es ein wunderbares Wort, es hat eine tiefe Bedeutung. Es liegt eine große Schönheit darin, nicht in dem Wort an sich, sondern in seiner Bedeutung.

Wir werden für uns selbst herausfinden, ob wir in einen Zustand gelangen können, in dem der Geist ständig in Meditation ist. Um aber das Fundament für diese Meditation legen zu können, muss man verstehen, was Leben ist – Leben und Sterben. Das Verstehen des Lebens und der außerordentlichen Bedeutung des Todes ist Meditation. Meditation ist nicht die Suche nach irgendeiner tiefen mystischen Erfahrung, sie ist keine ständige Wiederholung einer Reihe von Wörtern, wie geheiligt, wie alt sie auch sein mögen. Dadurch wird der Geist nur ruhig gestellt, aber er wird auch abgestumpft, benommen, hypnotisiert. Da können Sie genauso gut eine Beruhigungspille schlucken, das ist viel bequemer. Das Wiederholen von Wörtern, diese Selbsthypnose, das Befolgen einer Technik oder Methode ist keine Meditation.

Etwas erfahren beinhaltet einen Vorgang des Wiedererkennens. Gestern habe ich eine Erfahrung gemacht, die mir entweder Vergnügen oder Schmerz bereitete. Um ganz bei der Erfahrung zu sein, muss man sie wiedererkennen. Wiedererkennen geht aus etwas hervor, das bereits geschehen ist, und deshalb ist Erfahrung niemals neu.

Die Wahrheit kann nie erfahren werden, darin besteht ihre Schönheit. Sie ist immer neu. Sie ist nie das, was gestern geschah. Was gestern geschah, die Ereignisse von gestern, müssen völlig vergessen werden oder gestern durchlebt und abgeschlossen worden sein. Sie als Erfahrung mit sich herumzutragen, um sie als Erfolg werten zu können oder andere damit beeindrucken oder überzeugen zu wollen, erscheint absolut unsinnig. Mit dem Wort »Erfahrung« muss man sehr vorsichtig sein, achtgeben, denn Sie können sich an eine Erfahrung nur erinnern, wenn sie Ihnen bereits widerfahren ist. Das bedeutet, dass es ein Zentrum geben muss, einen Denkenden, einen Beobachter, der das Ereignis, das vorbei ist, bewahrt oder festhält. Wahrheit kann man nicht erfahren. Solange es ein Zentrum gibt, das sich als »Ich« erinnert, ist Wahrheit nicht da. Und wenn jemand behauptet, er hätte die Wahrheit erfahren, begegnen Sie ihm mit Misstrauen. Glauben Sie nicht an seine Autorität.

Wir alle wollen jemandem glauben, der uns etwas verspricht, denn wir haben kein Licht in unserem eigenen Innern. Aber dieses Licht kann Ihnen niemand geben: kein Guru, kein Lehrer, kein Erlöser, niemand. In der Vergangenheit haben wir an viele Autoritäten geglaubt, haben anderen vertraut, und sie haben uns entweder ausgebeutet oder haben vollkommen versagt. Man muss also misstrauisch sein und jegliche spirituelle Autorität verwerfen. Niemand kann uns jenes Licht geben, das nie erlischt.

Einem anderen zu folgen heißt, ihn nachzuahmen. Jemand zu folgen heißt, dass man die eigene Klarheit verneint, die eigene Fähigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen, die eigene Integrität und Aufrichtigkeit; aber es heißt auch, dass der Beweggrund eine Belohnung ist. Die Wahrheit ist keine Belohnung! Wenn man verstehen will, was Wahrheit ist, muss jede Form von Belohnung oder Bestrafung völlig außer Acht gelassen werden. Autorität wird von Angst begleitet, und diszipliniert man sich aus Angst, dass man nicht bekommt, was ein Ausbeuter im Namen der Wahrheit oder als Erfahrung verspricht, so verneint man damit seine eigene Klarheit und Aufrichtigkeit.

Wenn Sie sagen, Sie müssen meditieren, Sie müssen einem bestimmten Weg folgen oder eine bestimmte Technik praktizieren, dann konditionieren Sie sich ganz offensichtlich im Sinne dieses Systems oder dieser Technik. Vielleicht erreichen Sie das, was die Methode verspricht, aber es wird Asche in Ihren Händen sein, denn das dahinterstehende Motiv ist das Streben nach Erfolg, und dieses Streben entspringt der Angst.

Zwischen Ihnen und mir gibt es keine Autorität. Der Redner beansprucht keinerlei Autorität. Er versucht nicht, Sie von irgendetwas zu überzeugen, und fordert Sie nicht auf, ihm zu folgen. Wenn Sie jemandem folgen, zerstören Sie diese Person. Der Jünger zerstört den Meister, und der Meister zerstört den Jünger. Sie können das in der Geschichte sehen und auch im täglichen Leben: Wenn Eheleute einander dominieren, zerstören sie sich gegenseitig. Darin gibt es keine Freiheit, keine Schönheit und keine Liebe.

Wenn wir nicht das richtige Fundament legen, ein Fundament der Ordnung, mit klarer Linie und Tiefe, wird das Denken unweigerlich quälend, trügerisch, unwirklich und daher wertlos werden. Das Schaffen dieser Grundlage, dieser Ordnung ist der Anfang der Meditation. Unser Leben, dieses tägliche Leben, das wir vom Augenblick unserer Geburt bis zu unserem Tode führen, mit Heirat, Kindern, Beruf, Erfolgen, ist ein Schlachtfeld, nicht nur in uns selbst, sondern auch in der Außenwelt, in der Familie, im Büro, in Gruppierungen, in der Gesellschaft. Unser Leben ist ein ständiger Kampf. Das nennen wir Leben. Schmerz, Angst, Verzweiflung, Sorgen, ständig von unendlichem Leid überschattet.

Eine kleine Minderheit kann vielleicht dieses Chaos betrachten, ohne äußerliche Entschuldigungen für dieses Durcheinander zu finden, obwohl es auch äußere Ursachen gibt. Eine kleine Minderheit kann vielleicht dieses Chaos betrachten, es erfassen, es nicht nur auf der bewussten Ebene anschauen, sondern auch auf einer tieferen und dabei diese Unordnung, diese Verwirrung, dieses beängstigende Chaos im Innern und in der Welt weder hinnehmen noch ablehnen. Es ist immer eine kleine Minderheit, die eine entscheidende Veränderung bewirkt.

Insbesondere im Westen ist schon viel über das Unbewusste geschrieben worden. Man hat ihm eine außerordentliche Bedeutung beigemessen. Aber es ist genauso trivial, genauso oberflächlich wie der bewusste Geist. Das können Sie selbst beobachten. Und wenn Sie das tun, werden Sie sehen, dass das, was wir das Unbewusste nennen, Überbleibsel des ethnischen, kulturellen und familiären Hintergrundes, der eigenen Antriebe und Sehnsüchte sind. Sie sind da, im Verborgenen. Und der bewusste Geist ist mit den Gewohnheiten des Alltagsleben beschäftigt: ins Büro gehen, Sex und so weiter. Es scheint ziemlich sinnlos, der einen oder anderen Bewusstseinsebene besondere Bedeutung beizumessen. Beide sind ziemlich bedeutungslos, abgesehen davon, dass der bewusste Geist technisches Wissen besitzen muss, um damit einen Lebensunterhalt zu verdienen.

Dieser ständige Kampf im Innern, sowohl auf der tieferen Ebene als auch an der Oberfläche, ist unsere Art zu leben. Es ist eine Art und Weise voll Unordnung, voll Disharmonie, Widersprüchlichkeit und Leid, und für einen Geist, der darin verstrickt ist, ist der Versuch zu meditieren bedeutungslos, ja infantil. Meditieren heißt, Ordnung in dieses Chaos zu bringen, aber nicht durch Bemühen, denn jegliche Form von Bemühen oder Anstrengung trübt den Geist. Um Wahrheit erkennen zu können, muss der Geist absolut klar sein, ohne jegliche Verzerrungen, ohne irgendeinen Zwang, ohne irgendeine Richtung.

Man muss also die Grundlage schaffen. Das heißt, dass Tugend notwendig ist, und Ordnung ist Tugend. Diese Tugend hat nicht das geringste mit der gesellschaftlichen Moral zu tun, die wir gemeinhin akzeptieren. Die Gesellschaft hat uns eine bestimmte Moral aufgezwungen, aber die Gesellschaft ist nichts anderes als das Produkt jedes einzelnen Menschen. Die Gesellschaft mit ihrer Moral sagt, dass Sie gierig sein können, dass Sie andere im Namen Gottes, im Namen ihres Landes, im Namen eines Ideals töten dürfen, dass Sie ehrgeizig und neidisch sein können, im Rahmen der Gesetze. Aber eine solche Moral ist überhaupt keine Moral. Diese Moral müssen Sie in Ihrem Innern völlig verwerfen, um tugendhaft zu sein. Das ist die Schönheit der Tugend; Tugend ist keine Gewohnheit, nichts, was Sie Tag für Tag praktizieren. Das wäre etwas Mechanisches, eine Routine und ohne Bedeutung; aber echte Tugend bedeutet, die Unordnung zu verstehen, die Unordnung der Widersprüchlichkeit in uns selbst, die Unordnung durch die Tyrannei der verschiedenen Wünsche und Bestrebungen, der Gier, des Neids und der Angst. Das sind die Ursachen für das Chaos in uns selbst und in der Außenwelt. Wenn man sich dessen bewusst ist, ist man in Kontakt mit der Unordnung. Und Sie können damit nur in Kontakt sein, wenn sie von Ihnen nicht abgestritten wird, wenn Sie dafür keine Entschuldigungen finden, wenn Sie nicht anderen die Schuld daran geben.

Ordnung ist kein Zustand, den man schaffen kann – allein im Verwerfen der Unordnung ist Ordnung da. Tugend, die gleichbedeutend mit Ordnung ist, ergibt sich aus dem Verstehen der ganzen Natur und Struktur der Unordnung. Das ist ziemlich einfach, wenn wir in unserem eigenen Innern beobachten, wie konfus und widersprüchlich wir sind: Wir hassen, und wir glauben, dass wir lieben – das ist der Beginn der Unordnung, der Gegensätzlichkeit, und Tugend geht nicht aus der Gegensätzlichkeit hervor. Tugend ist etwas Lebendiges, das täglich wieder aufzugreifen und niemals eine Wiederholung dessen ist, was Sie gestern Tugend nannten. Das wäre etwas Mechanisches, Wertloses. Es muss also Ordnung da sein, und das ist Teil der Meditation.

Ordnung ist Schönheit, und es gibt so wenig Schönheit in unserem Leben. Schönheit ist nicht vom Menschen geschaffen; sie ist nicht in einem Bild zu finden, wie modern oder alt es auch ist: sie ist nicht in einem Gebäude, einer Statue, einer Wolke, einem Blatt oder auf dem Wasser. Schönheit ist dort, wo Ordnung ist – ein Geist, der nicht verwirrt ist, in dem absolute Ordnung herrscht. Und Ordnung kann nur dort sein, wo es zur völligen Selbstverleugnung kommt, wenn das »Ich« keinerlei Bedeutung hat. Das Ende des »Ich« ist Teil der Meditation, das ist die einzig wahre Meditation.

Sie haben im Denken gelebt. Sie haben dem Denken ungeheure Bedeutung verliehen, doch das Denken ist alt; es ist niemals neu, sondern einfach nur das Festhalten an Erinnerungen. Wenn Sie so leben, gibt es natürlich eine gewisse Art von Kontinuität. Aber es ist eine Kontinuität, die tot ist, vergangen, beendet. Es ist etwas Altes, aber nur, wenn etwas endet, kann etwas Neues entstehen. Es ist also sehr wichtig, das Sterben zu verstehen. Gegenüber allem zu sterben, was man weiß. Haben Sie das je versucht? Frei von Bekanntem, frei von den eigenen Erinnerungen zu sein, wenn auch nur für ein paar Tage; frei von Ihren Vergnügungen zu sein, ohne Ängste oder Einwände; Ihrer Familie, Ihrem Haus, Ihrem Namen zu entsagen, völlig anonym zu werden? Nur der Mensch, der völlig anonym, namenlos geworden ist, der sich in einem Zustand der Gewaltlosigkeit befindet, trägt keine Gewalt in sich. Sterben Sie also jeden Tag, nicht fiktiv, sondern wirklich. Tun Sie es einmal.

Man hat so viel angesammelt, nicht nur Bücher, Häuser, Bankkonten, sondern auch innerlich: die Erinnerungen an Beleidigungen, an Schmeicheleien, an bestimmte eigene Erfahrungen und ichbesessenen Erfolge, die Ihnen Status verleihen. All dem gegenüber sterben, ohne Einwände, ohne Diskussion, ohne jede Angst, es einfach aufgeben – tun Sie es einmal, und Sie werden sehen.

Das im Geiste zu tun – nicht real Ihre Frau oder Ihren Mann, Ihre Kinder oder Ihr Haus zu verlassen oder Ihre Kleider wegzuwerfen – heißt, an nichts mehr zu hängen. Darin liegt große Schönheit. Das ist Liebe, nicht wahr? Liebe ist kein Festhalten. Wo festgehalten wird, existiert Angst. Und Angst führt unweigerlich zu autoritärem, besitzergreifendem, unterdrückendem, dominantem Verhalten.

Meditation ist das Verstehen des Lebens, das zur Ordnung führt. Ordnung ist Tugend, und Tugend ist Licht. Dieses Licht kann nicht von irgendjemand anderem entzündet werden, wie erfahren, wie klug, wie gelehrt, wie spirituell er auch sein mag. Niemand auf der Erde oder im Himmel kann dieses Licht entzünden – das können nur Sie selbst, in Ihrem eigenen Verstehen und Ihrer Meditation.

Innerlich allem gegenüber sterben! Denn Liebe ist jung und unschuldig, rein und klar. Wenn man dann diese Ordnung, diese Tugend, diese Schönheit, dieses Licht im eigenen Innern geschaffen hat, dann kann man darüber hinausgehen. Das bedeutet, dass der Geist – der eine Ordnung als Grundlage hat, die nicht dem Denken entspringt – absolut still wird, und zwar auf ganz natürliche Weise, ohne jeglichen Zwang, ohne jegliche Disziplin. Und im Licht dieser Stille kann alles Handeln stattfinden, das tägliche Leben geschieht aus dieser Stille.

Und wenn man das Glück hat, so weit gekommen zu sein, dann findet in dieser Stille eine ganz andere Bewegung statt, die nicht aus der Zeit kommt und nicht aus Worten, die das Denken nicht ermessen kann, weil sie stets neu ist. Es ist dieses unermessliche Etwas, das der Mensch von jeher gesucht hat. Aber Sie müssen es selbst entdecken, niemand kann es Ihnen geben. Es hat nichts mit Worten oder Symbolen zu tun, denn die sind destruktiv. Doch damit es zum Vorschein kommen kann, brauchen Sie vollkommene Ordnung, Schönheit und Liebe. Und deshalb müssen Sie gegenüber allem sterben, was Sie über Geist und Psyche wissen, damit Ihr Geist klar und unbelastet ist, damit er die Dinge im Inneren und im Äußeren sieht, wie sie wirklich sind.

Die Wahrheit erforschen

Gibt es irgendetwas Heiliges im Leben, das keine Erfindung des Denkens ist? Seit undenklichen Zeiten hat sich der Mensch diese Frage gestellt. Gibt es etwas, das anders ist als all diese Verwirrung, dieses Elend, diese Dunkelheit, diese Illusionen, anders als die Institutionen und Reformen? Gibt es etwas wirklich Wahres, etwas, das über Zeit und Raum hinausgeht, etwas, das so unermesslich ist, dass das Denken es nicht erfassen kann? Der Mensch hat versucht, das herauszufinden, und offensichtlich waren nur ganz wenige Menschen frei genug, einen Zugang zu dieser Welt zu bekommen. Seit alter Zeit steht der Priester zwischen dem Suchenden und dem, was dieser zu finden hofft. Der Priester interpretiert; er wird zu der Person, die weiß oder zu wissen glaubt, und der Suchende gerät aufs Nebengleis, wird umgelenkt, verirrt sich.

Das Denken ist nicht heilig, was immer es auch unternehmen mag. Es ist ein materieller Vorgang, so wie auch wir Materie sind. Das Denken hat die Menschen in Religionen und in Nationalitäten gespalten. Das Denken entsteht aus dem Wissen, und Wissen ist niemals vollständig, deshalb ist das Denken immer begrenzt und wirkt sich trennend aus. Wo sich etwas trennend auswirkt, gibt es zwangsläufig Konflikte: zwischen Kommunisten und Kapitalisten, Arabern und Juden, Hindus und Moslems. Diese Trennungen sind alle auf Denkprozesse zurückzuführen, und wo Trennung herrscht, entsteht Konflikt. Das ist eine Gesetzmäßigkeit. Nichts, was das Denken konstruiert hat, ist heilig – sei es in Büchern, in Kirchen, in Tempeln oder Moscheen. Kein Symbol ist heilig; das hat nichts mit Religion zu tun, sondern nur mit einer bestimmten Form des Denkens, einer oberflächlichen Reaktion auf das, was wir heilig nennen.

Um die Wahrheit erforschen zu können, muss man seine ganze Energie sammeln. Man muss gewissenhaft sein und darauf achten, dass man keinem Muster folgt, sondern die eigenen Gedanken, Gefühle, Abneigungen und Ängste beobachtet und weit über sie hinausgeht, so dass der Geist völlig frei ist. Um das Heiligste, das Namenlose, Zeitlose erforschen zu können, darf man zweifellos keiner Gruppe, keiner Religion, keinem Glauben angehören, weil ein Glauben Dinge als wahr akzeptiert, die vielleicht überhaupt nicht existieren. Es ist das Wesen des Glaubens, dass man etwas als wahr betrachtet, ohne es durch eigenes Forschen, durch die eigene lebendige Kraft, die eigene Energie herausgefunden zu haben. Sie glauben, weil der Glaube eine gewisse Sicherheit und Trost bietet; aber ein Mensch, der nur seelischen Trost sucht, wird niemals auf das stoßen, was über die Zeit hinausgeht. Daher muss völlige Freiheit herrschen. Ist es möglich, frei von allen psychischen Konditionierungen zu sein? Die biologische Konditionierung ist etwas Natürliches, aber die psychische Konditionierung – der Hass, die Feindseligkeit, der Stolz, all diese Dinge, die Verwirrung stiften – ist das Wesen des Selbst, das aus Denken besteht.

Um etwas herauszufinden, ist Aufmerksamkeit erforderlich – nicht Konzentration. Es ist wirklich wichtig zu meditieren, denn ein Geist, der rein mechanisch funktioniert, wie es das Denken tut, kann nie auf das stoßen, was vollständige, höchste Ordnung und daher vollkommene Freiheit ist. Im Universum herrscht vollkommene Ordnung. Im menschlichen Geist dagegen herrscht Unordnung, aber man braucht einen außerordentlich klaren Geist, einen Geist, der das Wesen der Unordnung verstanden hat und frei von Widersprüchlichkeit, Nachahmung und Konformität ist. Ein solcher Geist ist aufmerksam. Er ist vollkommen aufmerksam bei allem, was er tut, bei allen Handlungen und in allen Beziehungen. Aufmerksamkeit ist keine Konzentration.

Konzentration ist eingeschränkt, eng und begrenzt, während Aufmerksamkeit grenzenlos ist. In der Aufmerksamkeit ist eine bestimmte Stille da – keine vom Denken erfundene Stille, nicht die Stille, die auf Lärm folgt, nicht die Stille nach einem Gedanken, der auf den nächsten wartet. Es muss die Stille da sein, die nicht vom Verlangen, vom Willen oder vom Denken erzeugt wurde. In dieser Meditation gibt es niemand, der kontrolliert. In allen Systemen, die von Gruppierungen erfundenen wurden, ist Anstrengung, Kontrolle, Disziplin enthalten. Aber Disziplin bedeutet lernen – nicht sich anzupassen, sondern zu lernen –, so dass der Geist ein immer feineres Gespür bekommt. Lernen ist eine ständige Bewegung; es beruht nicht auf Wissen. Meditation ist Freiheit vom Bekannten, Messbaren. In dieser Meditation herrscht absolute Stille.

Allein in dieser Stille ist das da, was namenlos ist.

Die Schönheit der Tugend

Das Denken ist die Bewegung zwischen dem, »was ist«, und dem, »was sein sollte«. Denken ist die Zeit für das Durchqueren dieses Zwischenraums, und solange es in der Psyche die Trennung zwischen »da« und »dort« gibt, ist die Bewegung vom Denken erzeugte Zeit. Denken ist also Zeit in Form von Bewegung. Gibt es überhaupt Zeit in Form einer Bewegung, in Form von Denken, wenn nur beobachtet wird, »was ist«? Das heißt kein Beobachten mit einem Beobachter und einem Beobachteten, sondern nur ein Beobachten ohne die Bewegung, über das, »was ist«, hinauszugehen. Es ist sehr wichtig, dass der Geist das wirklich versteht, denn das Denken kann wunderbare Bilder von dem, was heilig ist, erzeugen; das haben alle Religionen getan. Alle Religionen beruhen auf Denken. Alle Religionen sind eine Konstruktion des Denkens, in Form von Glaubensvorstellungen, Dogmen, Ritualen. Solange also das Denken als Zeit und Bewegung nicht vollständig verstanden ist, kann der menschliche Geist unmöglich über sich selbst hinausgehen.

Wir sind dazu erzogen, darauf gedrillt worden, das, »was ist«, in das umzuwandeln, »was sein sollte«, in das Ideal, und das braucht Zeit. Diese ganze Bewegung des Denkens, um den Raum zwischen dem, »was ist«, und dem, »was sein sollte«, zurückzulegen, ist die [gedachte] Zeit, die erforderlich ist, um »was ist«, in das, »was sein sollte«, umzuwandeln. Dabei ist der Beobachter das Beobachtete, und deshalb gibt es nichts zu verändern; es gibt nur das, »was ist«. Der Beobachter weiß nicht, was er mit dem, »was ist«, anfangen soll, und versucht es deshalb mittels verschiedener Methoden zu verändern, zu kontrollieren oder zu unterdrücken. Aber der Beobachter ist das Beobachtete: Das, »was ist«, ist der Beobachter selbst. Er ist auch Wut und Eifersucht. Es gibt keine vom Beobachter getrennte Eifersucht – beide sind identisch. Wenn es keine Bewegung in Form von gedachter Zeit gibt, um das, »was ist«, zu verändern, wenn das Denken erkennt, dass es keine Möglichkeit gibt, das, »was ist«, zu ändern, dann endet das, »was ist«, vollständig, weil der Beobachter das Beobachtete ist.

Wenn Sie dieser Sache richtig auf den Grund gehen, werden Sie das selbst sehen. Es ist wirklich ganz einfach. Wenn ich jemanden nicht mag, ist diese Abneigung nicht vom »Ich« oder vom »Du« getrennt. Derjenige, der etwas nicht leiden kann, ist selbst die Abneigung; sie ist nichts Abgetrenntes. Und wenn das Denken sagt: »Ich muss meine Abneigung überwinden«, so ist das eine Bewegung in der Zeit, die vom Denken ausgeht, um das zu überwinden, was tatsächlich ist.

Der Beobachter – das eigenständige Gebilde – und das, was »Abneigung« genannt wird, sind ein und dasselbe. Deshalb herrscht völlige Bewegungslosigkeit. Es ist keine Bewegungslosigkeit, die statisch ist, sondern völlige Unbewegtheit und daher vollkommene Stille. Zeit als Bewegung, Zeit als Denken, das ein Ziel erreichen will, ist völlig zum Stillstand gekommen, und deshalb ist Handeln unmittelbar. Der Geist hat die Grundlage geschaffen und ist frei von Unordnung. Nun erblüht Tugend in all ihrer Schönheit. Dieses Fundament ist die Basis für Beziehungen zwischen Ihnen und anderen Menschen. In einer solchen Beziehung sind keine Bilder aktiv, es gibt nur die Beziehung, ohne dass sich ein Bild an das andere Bild anpasst. Es gibt nur das, »was ist«, und kein Verändern von dem, »was ist«. Das Verändern oder Transformieren von dem, »was ist«, ist die Bewegung des Denkens in der Zeit.

Wenn Sie an diesen Punkt gekommen sind, werden der Geist und sogar die Gehirnzellen vollkommen still. Das Gehirn, das Erinnerungen, Erfahrungen, Wissen gespeichert hat, kann und muss im Bereich des Bekannten tätig sein. Aber jetzt ist dieser Geist, dieses Gehirn, frei von Zeit und Denken. Nun ist der Geist vollkommen still. All das geschieht völlig mühelos. All das muss ohne Disziplin und Kontrolle geschehen, denn diese sind Teil der Unordnung.

Sie wissen, was wir sagen, unterscheidet sich völlig von den Aussagen der Gurus, der »Meister«, der Zen-Philosophen, denn darin gibt es keine Autorität, hier folgt niemand einem anderen. Wenn Sie jemandem folgen, zerstören Sie nicht nur sich selbst, sondern auch den anderen. Ein religiöser Geist erkennt keinerlei Autoritäten an. Aber er besitzt Intelligenz und wendet diese Intelligenz an. In der Welt des Handelns gibt es die Autorität des Wissenschaftlers, des Arztes, des Fahrlehrers, aber darüber hinaus gibt es keine Autorität, keinen Guru.

Wenn Sie also so tief vorgedrungen sind, hat der Geist Ordnung in seine Beziehungen gebracht und versteht die gesamte komplexe Unordnung in unserem Alltag. Aus dem Verstehen dieser Unordnung, aus dem Gewahrsein, in dem kein Auswählen stattfindet, entspringt die Schönheit der Tugend, die nicht kultiviert wurde, die nicht vom Denken hervorgebracht wurde. Diese Tugend ist Liebe und Ordnung, und wenn der Geist dies tief in sich verwurzelt hat, dann ist sie unbewegt und unveränderbar. Dann können Sie die gesamte Bewegung der Zeit erforschen. Dann ist der Geist vollkommen still. Es gibt keinen Beobachter, keinen Erfahrenden, keinen Denkenden.

Es gibt verschiedene Formen sinnlicher und außersinnlicher Wahrnehmung. Hellsehen, Heilen, alle möglichen Dinge spielen sich ab, aber sie sind alle nebensächlich, und ein Geist, dem es wirklich darum geht, die Wahrheit, das Heilige zu entdecken, wird sich nie mit diesen Dingen abgeben.

Der Geist ist dann frei und kann beobachten. Dann ist das da, was der Mensch seit Jahrtausenden sucht, das keinen Namen hat, das Zeitlose. Aber es lässt sich nicht in Worte fassen. Das vom Denken erschaffene Bild verschwindet vollständig, weil es keinen Jemand mehr gibt, der es mit Worten beschreiben will. Ihr Geist kann es nur entdecken, kann nur darauf stoßen, wenn Sie dieses eigenartige Etwas haben, das Liebe und Mitgefühl genannt wird – nicht nur für Ihren Nächsten, sondern auch für die Tiere, die Bäume, für alles.

Dann wird so ein Geist selbst zu etwas Heiligem.

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