Читать книгу: «Immer wenn es regnet»

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Das Buch

Kriminaloberkommissarin Esther Marquart wird mit den Ermittlungen in einem rätselhaften Todesfall betraut. Schnell wird sie auf die Psychologin Sandra Decker aufmerksam, eine Jugendfreundin der Toten.

Sandra, die eigentlich genug Probleme mit sich, mit der Welt und mit sich in der Welt hat, als dass sie sonderlich wild darauf wäre, sich mit Annas Tod auseinanderzusetzen, ahnt ihrerseits von Anfang an, dass dessen Aufklärung von großer Bedeutung für ihren eigenen Seelenfrieden ist.

Gemeinsam begeben sich die beiden Frauen daher auf die Suche nach der Wahrheit.

Die Autorin

Jessica Braun, Jahrgang 1978, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe von Landau an der südlichen Weinstraße. Nach dem Abitur begann sie ihr Studium der Psychologie und absolvierte dort ihren Abschluss als Diplompsychologin. Ihre fachlichen Kenntnisse aus ihrem Berufsleben als Psychotherapeutin finden sich in ihrem Debütroman wieder.

JESSICA BRAUN

IMMER WENN
ES REGNET

BADEN KRIMI


Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Personen und Sachverhalten sind rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Impressum

© 2020 Lauinger Verlag, Karlsruhe, 2. überarbeitete Auflage

Originalausgabe 2019 Lauinger | Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe

Projektmanagement, Umschlaggestaltung: Sonia Lauinger

Projektassistenz: Claudia Düppe, Miriam Bengert

Satz & Layout: Sonia Lauinger, Stephanie Achstetter

Lektorat: Eva Hogrefe, Miriam Bengert, Mara Wolf

Korrektorat: Hannah Kesenheimer, Claudia Düppe, Charlotte Alexander

Umschlagfoto: Rain1234522 audioboom.com,

Regenschirm Innenteil: Font: Mister K Dingbats OT

Druck: ARKA, Polen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes (auch Fotokopien, Mikroverfilmung und Übersetzung) ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt auch ausdrücklich für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen jeder Art und von jedem Betreiber.

ISBN: 978-3-7650-9138-4

Dieser Titel erscheint auch als E-Book:

ISBN: 978-3-7650-9139-1


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„Öch weuß nöcht, was soll ös bödeutön, dass öch so traurög bön …“ Seele Fant nach Heinrich Heine

Inhalt

Das Buch

Die Autorin

Karlsruhe, 10. September 2013

Sonntag, 08. Mai 2016, 4:15 Uhr Wohnung von Anna Henkes Karlsruhe, Hirschstraße

Sonntag, 08. Mai 2016, 9:10 Uhr Karlsruhe, Hirschstraße

Sonntag, 08. Mai 2016, 11:50 Uhr Waldstück in der Nähe von Landau/Pfalz

Sonntag, 08. Mai 2016, 17:00 Uhr Kripo Karlsruhe, Hertzstraße

Karlsruhe, 16. September 2013

Montag, 09. Mai 2016, 8:00 Uhr Kripo Karlsruhe, Hertzstraße

Karlsruhe, 27. Dezember 2013

Montag, 09. Mai 2016, 9:00 Uhr Dienstwagen von Esther Marquart, A 65, Fahrtrichtung Karlsruhe

Montag, 09. Mai 2016, 10:00 Uhr Untersuchungsgefängnis Karlsruhe, Riefstahlstraße

Montag, 09. Mai 2016, 11:30 Uhr Kripo Karlsruhe, Hertzstraße

Karlsruhe, 01. April 2014

Montag, 09. Mai 2016, 11:45 Uhr Kripo Karlsruhe, Hertzstraße

Karlsruhe, 14. Juli 2014

Montag, 09. Mai 2016, 12:00 Uhr Wohnhaus der Familie Decker Offenbach, Schillerstraße

Montag, 09. Mai 2016, 21:00 Uhr Wohnhaus der Familie Decker Offenbach, Schillerstraße

Karlsruhe, 23. November 2014

Montag, 09. Mai 2016, kurz vor 0:00 Uhr Wohnhaus der Familie Decker Offenbach, Schillerstraße

Dienstag, 10. Mai 2016, 8:00 Uhr Schreinerei Lang Karlsruhe/Neureut, Gewerbering

Dienstag, 10. Mai 2016, 10:00 Uhr Wohnhaus der Familie Liebig Karlsruhe/Palmbach, Ostpreußenstraße

Dienstag, 10. Mai 2016, 13:00 Uhr Wohnung von Jan Liebig Karlsruhe, Werderstraße

Karlsruhe, den 05. Juni 2015

Dienstag, 10. Mai 2016, 15:00 Uhr Bistro Barock Karlsruhe, Werderplatz

Dienstag, 10. Mai 2016, 17:00 Uhr Kripo Karlsruhe Hertzstraße

Dienstag, 10. Mai 2016, 20:00 Uhr Wohnung von Susanne und Martin Lomberg Karlsruhe, Gerwigstraße

Dienstag, 10. Mai 2016, 22:30 Uhr Karlsruhe, Schützenstraße

Karlsruhe, den 07. Juni 2015

Dienstag, 10. Mai 2016, 23:00 Uhr Kneipe Beer Corner Karlsruhe, Wilhelmstraße

Mittwoch, 11. Mai 2016, 8:30 Uhr Kripo Karlsruhe Hertzstraße

Karlsruhe, den 21. November 2015

Mittwoch, 11. Mai 2016, 10;00 Uhr Wohnung von Anna Henkes Karlsruhe, Hirschstraße

Mittwoch, 11. Mai 2016, 17:30 Uhr Karlsruhe, Hirschstraße

Mittwoch, 11. Mai 2016, 21:00 Uhr Untersuchungsgefängnis Karlsruhe, Riefstahlstraße

Karlsruhe, den 24. März 2016

Mittwoch, 11. Mai 2016, 22:00 Uhr Bar Giuseppe Karlsruhe, Schützenstraße

Karlsruhe, den 07. April 2016

Donnerstag, 11. Mai 2016, 8:00 Uhr Untersuchungsgefängnis Karlsruhe, Riefstahlstraße

Karlsruhe, den 07. Mai 2016

Zehn Tage später Hauptfriedhof Karlsruhe, Haid-und-Neu-Straße

Danksagung


„Ich lernte Anna in der fünften Klasse kennen. Wir besuchten das gleiche Gymnasium. Ich habe nicht allzu viele konkrete Erinnerungen aus dieser Zeit an sie. In meinem Kopf spuken nur ein paar verschwommene Episoden herum. Ich war damals schon total versessen darauf, erwachsen zu werden. Anna hingegen schien damit zufrieden zu sein, noch eine Weile Kind zu bleiben. Wir haben uns, vielleicht auch darum, nicht sofort angefreundet.“

Karlsruhe, 10. September 2013

Sunny!

Obwohl es mir leid tut, tut es mir nicht im Geringsten leid.

Es tut mir nicht im Geringsten leid, was ich zu Dir gesagt habe, denn ich hatte recht und habe es noch.

Du hast keine Ahnung, wie es mir ging und geht.

Natürlich waren Martin und ich glücklich miteinander!

Natürlich tut er mir gut!

Er hat mir immer gut getan!

Und darum ist er auch zu mir zurückgekehrt, reumütig, weil ich die bin, die er immer wollte und auch heute noch will.

Aber jetzt sitze ich hier ohne Dich. Und obwohl ich bis an mein Lebensende wütend auf Dich sein werde, spüre ich die Einsamkeit wie ein großes, klaffendes Loch an der Stelle, die zuvor Dein Platz in meinem Herzen war.

A.


Sonntag, 08. Mai 2016, 4:15 Uhr Wohnung von Anna Henkes Karlsruhe, Hirschstraße

Es ging Esther um das erste Gefühl, das ein Ort in ihr auslöste — darum, was der Ort mit ihr machte, wohin er sie mitnahm. Sie wusste, dass sich das total seltsam anhörte, aber es war ja eben so: Sie studierte den Negativabdruck einer Person und zog daraus ihre Schlüsse. Auf ihrer persönlichen Ordentlichkeitsskala erhielten die Räume eine mittlere Punktzahl: nicht wirklich ordentlich, aber auch nicht wirklich unordentlich. Die Besitzerin hatte es geschafft, mit offensichtlich wenigen Mitteln eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen.

Irgendwie, fand zumindest Esther.

So eine Mischung aus abgedreht-stylish und liebenswert-schrullig mit einem Quäntchen Glitzertrash. Auf jeden Fall interessant.

Die Einrichtung bildete eine wilde Mischung aus schwedischem Möbelhaus, Trödel, Sperrmüll und Einfallsreichtum. Die offenen Regale im Wohnzimmer waren voller Nippes. Esther erkannte unter anderem eine faustgroße bunte Murano-Glaskugel, eine kleine lasierte Tonschale voller Murmeln und eine Schneekugel, in der ein Foto zweier lachender junger Mädchen steckte. Als Tisch diente ein altes auf die Seite gedrehtes Aquarium, auf dem sich neben einer roten Friedhofskerze, einem überquellenden Aschenbecher und einer halbvollen Schachtel Zigaretten auch ein Tischfeuerzeug in Form einer auf einem Felsen sitzenden Meerjungfrau befand. Esther musste unwillkürlich grinsen. Sie warf einen kurzen Blick in die angrenzende Küche, einen gemütlichen Raum von vielleicht fünfzehn Quadratmetern Größe. Obwohl auch diese nicht aussah, als würde ihre Besitzerin übermäßig großen Wert auf Ordnung legen, bemerkte die Ermittlerin auf den ersten Blick, dass sich hier etwas Ungewöhnliches zugetragen haben musste. Zwei der drei Stühle waren umgekippt und lagen inmitten einer Wasserlache voller Scherben und Zigarettenkippen auf dem steinernen Fußboden. Eine leere Weinflasche war zwar unversehrt geblieben, befand sich aber ebenfalls zu ihren Füßen in einer teilweise bereits angetrockneten roten Pfütze. Als sie glaubte, genug gesehen zu haben, begab sie sich langsam in Richtung des Schlafzimmers, in dem sich, wie sie bereits wusste, die Tote befand. Der Raum war der einzige unbeleuchtete in der Wohnung und lediglich der spärliche Schein einer Straßenlaterne, der durch ein kleines Fenster fiel, ermöglichte es Esther, sich hier zu orientieren. Gerade dieses Detail aber machte einen Großteil der Atmosphäre des Tatortes aus. Auf der Schwelle atmete Esther noch einmal tief durch, um sich zu sammeln. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, machte sie einen beherzten Schritt vorwärts, hielt aber sofort wieder inne. Sie hatte von ihren Kollegen von der Streife erfahren, dass die Tote auf dem Bett lag. Die beiden hatten die Vermutung geäußert, dass die Leiche von jemand anderem so arrangiert worden war, doch hatten sie dies nicht begründet.

Jetzt wusste Esther, was sie zu dieser Einschätzung gebracht hatte: Anna Henkes war regelrecht aufgebahrt worden. Sie lag auf dem Rücken. Ihr Kopf ruhte auf einem Kissen, über das sich ihr langes schwarzes Haar in einem perfekten Fächer ergoss. Die Hände lagen auf ihrem Bauch, und jemand hatte versucht diese zu falten, was ihm aber nur leidlich gelungen war. Sie trug ein leichtes fliederfarbenes Sommerkleid, und ihre nackten Füße steckten in offenen hochhackigen Schuhen - beides nicht unbedingt die ideale Kleidung für diesen momentan noch recht kühlen Mai. Auf ihrem Hals lagen mehrere bunte Ketten aus Glasperlen.

Vielleicht war es zu schwierig, ihr die post mortem anzulegen.

Sowohl auf dem Bett als auch auf dem Fußboden waren ungefähr ein dutzend Rosen verstreut worden.

Schneewittchen, schoss es Esther durch den Kopf.

Sie trat näher an das Bett heran und beugte sich über das Gesicht der Toten.

„Ach du Scheiße!“, entfuhr es ihr unwillkürlich. Hastig wich sie zurück.

Warum hat mir das keiner gesagt?

„Matthias“, rief sie mit fester Stimme nach dem einen ihrer beiden uniformierten Kollegen, „bitte geh so schnell wie möglich runter auf die Straße und schau, ob du da unten eine größere Blutlache findest! Ich glaube nicht, dass die Frau noch einen einzigen heilen Knochen im Leib hat. Ihr Körper ist völlig verschoben, und ihr Gesicht sieht aus, als hätte sie einen ICE geknutscht.“

Sonntag, 08. Mai 2016, 9:10 Uhr Karlsruhe, Hirschstraße

Erst als sie registrierte, dass die Mundwinkel ihres Chefs belustigt auf und ab hüpften, erwachte Esther Marquart aus ihrer Starre. Schnell schnappte sie nach dem Schlüssel, den Manfred Gartner ihr entgegenstreckte und stieg hinter das Steuer des Dienstwagens. Er selbst nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

„Hör zu Esther, ich bin bisher wirklich zufrieden mit deiner Arbeit. Du hast dich bei der ersten Teambesprechung heute Morgen gut geschlagen. Das ist der Grund, warum ich deinem Wunsch nachgebe, und du diese Aufgabe übernehmen darfst. Das ist jetzt also deine Spur und somit auch deine Befragung. Ich bin nur als stummer Zuhörer dabei, weil ich genau wie du glaube, dass diese Frau eine wichtige Zeugin sein könnte, und ich mir das nicht entgehen lassen will. Wenn es gut läuft, lasse ich dich danach allein weitermachen.“

Esther verstand und nickte stumm.

Jetzt also bloß nicht verkacken.

Sie bewunderte Manfred wirklich. Er war der beste Ermittler, der ihr jemals begegnet war, und sie und ihre Kollegen knobelten regelmäßig darum, wer seinen Verhören beiwohnen durfte. Manfred war Esthers direkter Vorgesetzter, und obwohl er offiziell nur der Leiter des Unterabschnittes Ermittlungen der Karlsruher Mordkommission war, galt dem Kriminalhauptkommissar der Respekt der gesamten Abteilung. Es war weithin bekannt, dass er das Amt des Kommissionsleiters nicht erst einmal abgelehnt hatte. So kam es, dass er regelmäßig die Rolle desjenigen übernahm, bei dem sämtliche Informationen zu einem Fall zusammenliefen und der die Ergebnisse der Arbeit der Kollegen der anderen Unterabschnitte sammelte und koordinierte, wobei er es sich jedoch nie nehmen ließ, selbst aktiv an der Ermittlungsarbeit teilzunehmen. Er war eine Größe, an der man in Karlsruhe nicht vorbeikam. Trotzdem fand Esther ihn bislang zu vorsichtig, was ihre Person anging. Zwar predigte Manfred ihnen andauernd, dass man im Voraus nie wissen konnte, welche Spur sich als entscheidend erweisen würde, doch sie hatte den Verdacht, dass er das nach über 35 Jahren im Polizeidienst eben doch konnte und sie ganz bewusst immer wieder in der Peripherie eines Falles abstellte.

Heute aber sah es endlich so aus, als würde sich das Blatt für sie wenden.

Es waren gerade einmal fünf Stunden vergangen, seit sie mit der Mitteilung, in der Südweststadt sei eine weibliche Leiche gefunden worden, und es bestehe der dringende Verdacht auf Fremdverschulden, zu der Wohnung von Anna Henkes gerufen worden war. Auf der kurzen Fahrt dorthin hatte sie versucht, Ruhe zu bewahren, was ihr aber nur schwer gelungen war. Natürlich wurde sie nicht das erste Mal zu einem Leichenfund gerufen, und natürlich hatte sie schon etliche Tatorte inspiziert. Es war auch schon vorgekommen, dass sie als diensthabende Beamtin der Mordkommission als erste vor Ort gewesen war. Allerdings war das schon verhältnismäßig lange her. Und da Esther es in der letzten Zeit das ein oder andere Mal geschafft hatte, richtiggehend zu glänzen – Manfred hatte sie mehrmals vor versammelter Mannschaft gelobt, was schon einiges hieß – machte sie sich nun Hoffnungen, dass sie, vorausgesetzt sie würde heute einen guten Job machen, bei dieser Ermittlung eine zentralere Rolle würde einnehmen können. Die Frage, ob sie womöglich geisteskrank war, weil sie sich darüber freute, dass hier ein ungeklärter Todesfall vorlag, dass eine junge Frau zu Tode gekommen war, schob sie dabei gekonnt beiseite. Sie freute sich ja schließlich nicht darüber, dass Anna Henkes gestorben war, sondern darüber, dass sie gerade Bereitschaftsdienst gehabt hatte, als das passiert war. Sie war eben gerne Polizistin.


Sonntag, 08. Mai 2016, 11:50 Uhr Waldstück in der Nähe von Landau/Pfalz

Sunny war mittlerweile recht gut trainiert und lief die 10 km in deutlich weniger als einer Stunde. Darum – und weil sie die Übelkeit eigentlich schon zuhause in sich hatte aufsteigen spüren – erhöhte sie ihr Tempo weiter. Sie lief gegen die Übelkeit und den Brechreiz an, die sie seit beinahe anderthalb Stunden quälten.

Ich werde nicht auf meine Laufrunde kotzen,

dachte sie verbissen. Doch in ihrem Kopf dröhnte es.

Po-ly-trau-ma, Po-ly-trau-ma, Po-ly-trau-ma.

Sie kannte das schon. Ab einem gewissen Grad der Anstrengung schaffte sie es nicht mehr, ihre Gedanken willentlich zu steuern. Ihr Gehirn nahm sie dann mit auf eine Reise durch ihre eigenen Assoziationen. Trotzdem startete sie einen Versuch.

Hör auf, hör auf, hör auf. Na bitte.

Es funktionierte. Aber Sunny wusste, dass sie all ihre Konzentration darauf würde verwenden müssen, dass ihre Gedanken nicht wieder dahin abglitten, wo es dunkel und fürchterlich war. Sie durfte sich jetzt noch keinen Triumph gönnen. Das schlechte Gefühl ließ zwar langsam nach, war aber noch immer da und lauerte aufs Neue hinter jedem Stein und jeder Unebenheit. Ihr brauner Pferdeschwanz wippte im Takt ihrer Schritte auf und ab, sodass ihre Haarspitzen im immer gleichen Rhythmus auf ihren verschwitzten Nacken tippten, was sie normalerweise ganz wahnsinnig machte, ihr heute aber, genau wie ihre Atmung und ihre Schritte, half, ihre Gedanken unter Kontrolle zu halten. Obwohl sie wusste, dass der direkte Heimweg von hier aus noch über zwei Kilometer betrug, bog sie nach links ab und verlängerte ihre gewohnte Runde so um dieselbe Strecke. Sie lief und lief und lief vor den Bildern davon, die sie verfolgten, um sich in ihr Gehirn einzubrennen, seit die beiden Polizisten am Morgen bei ihr gewesen waren.

Kurz nach 9 Uhr hatte das Telefon geklingelt, und eine Frau, die sich ihr als Kriminaloberkommissarin Esther Marquart vorstellte, hatte ihr erklärt, dass sie sich zusammen mit einem Kollegen auf dem Weg zu ihr befände und einige Fragen an sie habe. Soweit Sunny sich erinnern konnte, hatte die Frau sie nicht gefragt, ob sie Zeit habe oder zu einem Gespräch bereit sei. Sie hatte sie lediglich auf polternd-autoritäre Art darüber informiert, dass ein solches in weniger als einer halben Stunde stattfinden würde, ohne dabei Anstalten zu machen, ihr den Grund hierfür zu nennen. Wenn sie ihre kleine Tochter Felicitas, die in genau diesem Moment bereits im Auto ihrer Mutter saß, nicht noch durch das Fenster hätte sehen können, wäre sie wahrscheinlich auf der Stelle vor Schreck und Sorge um ihr Kind tot umgefallen. Aber was kümmerte das Kriminaloberkommissarin Esther Marquart, deren Beamtengehalt jeden Monat pünktlich überwiesen wurde? Sunny hatte den Telefonapparat beiseite gelegt und verächtlich das Gesicht verzogen.

Es braucht die Bullen nicht zu wundern, dass keiner sie mag.

Weil ihr ja aber nun nichts anderes übrig geblieben war, als ihren geplanten Waldlauf zu verschieben, hatte sie sich eine Tasse Kaffee genommen und sich an den Küchentisch gesetzt, um zu warten. Sie wäre in diesem Moment wirklich gerne gelaufen, denn ihr Schädel hatte noch vom vielen Rotwein gebrummt.

Unweigerlich waren ihre Gedanken zu Thomas gewandert, der ihr gestern Abend mal wieder über den Weg gelaufen war. Seit sie vor etwas über einem halben Jahr mit Fee zurück zu ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Bianca gezogen war, baggerte er sie ständig an. Immer vorausgesetzt natürlich, seine Alte war nicht in der Nähe. Vor Jahren hatte er sie wegen der Tussi sitzen lassen und jetzt dachte er wohl, sie hätte die ganze Zeit nur darauf gewartet, als Zweitfrau wieder in seine Arme sinken zu dürfen. Gut, sie war tatsächlich wieder mit ihm ins Bett gegangen, aber nur zweimal und nur aufgrund einer gefährlichen Mischung aus Alkohol und Rachlust. Zwischenzeitlich bereute sie das wirklich, denn das Gefühl, ihn jederzeit haben zu können, das sie anfangs genossen hatte, hatte sich heimlich und schleichend in das genaue Gegenteil verkehrt: in die Gewissheit, dass er sie hatte haben können.

Gestern auf der Geburtstagsfeier hatte er sie mit verstohlenem Blick in Richtung der Tür, durch die seine Tussi gerade entschwebt war, gefragt ob sie mit dem Auto da sei und dabei dreckig gegrinst. Was er damit gemeint hatte, hatte Sunny nur zu genau gewusst. Sie war innerhalb einer Sekunde rasend wütend geworden und hatte ihm zugezischt, er solle verschwinden. Er aber hatte sich mit diesem verständnislos-beleidigten Blick getrollt, den sie noch von früher kannte, und der ihr, zumindest im Nachhinein, deutlich machte, dass ihre Wut auf ihn nach so langer Zeit vielleicht doch etwas unverhältnismäßig war. „Verdammte Ausbildung“, murmelte Sunny vor sich hin und nahm einen weiteren großen Schluck Kaffee, den sie kurz im Mund behielt, um seinen Geschmack voll auszukosten. Sie hatte sich im Zuge der Psychotherapeutenausbildung, die sie nach ihrem Psychologiestudium absolviert hatte, stundenlang eingehend mit sich selbst beschäftigen müssen:

Sunny als Kind und als Heranwachsende, Sunnys zu dicker Hintern, Sunny von oben, von unten und von der Seite, Sunny mit und ohne Kirschen und blablabla.

Sie hatte ihre Ausbildung nicht gemocht und letztlich nur aufgrund äußerer Zwänge absolviert. Noch immer konnte sie die beschwörende Stimme ihrer Mutter hören: „Kind, ohne Approbation, um Himmels Willen, Kind da bist du doch gar nicht konkurrenzfähig!“

Die Langeweile, die sie in jedem einzelnen der Seminare, die sie hatte besuchen müssen, verspürt hatte, hatte ihr recht gegeben. Das Ende vom Lied war nun aber jedenfalls, dass sie sich selbst viel besser kannte, als sie es jemals gewollt hatte. Sie konnte es meist recht schnell und zuverlässig erkennen, wenn ihre eigenen Reaktionen mehr mit ihr selbst als mit der aktuellen Situation zu tun hatten. Aber die Freiheitsgrade, die ihr dieses Wissen hätte verschaffen sollen, blieben reine Theorie, denn es war nun einmal nicht Sunnys größtes Talent nachzudenken, bevor sie handelte. Und so musste sie sich meist damit abfinden, dass sie den gleichen Mist machte wie alle anderen und hinterher noch nicht einmal die Verantwortung auf die äußeren Umstände schieben konnte, sondern sie zähneknirschend selbst übernehmen musste.

Wenigstens kann ich mich verstehen,

versuchte sie sich manchmal zu trösten. Was Thomas betraf, war die Lektion relativ einfach. Sunny wusste genau, warum sie ihn hasste. Doch noch ehe es ihren Gedanken möglich war, zum tausendsten Mal in Richtung dieses Themas zu wandern, was ihr den Morgen mit Sicherheit endgültig vermiest hätte, nahm sie schnell einen weiteren Schluck Kaffee und zwang sich, an etwas anderes zu denken.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass Frau Kriminaloberkommissarin Esther Marquart bereits zehn Minuten überfällig war, aber darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Ihre Laune war dank Thomas ohnehin schon im Keller.

Was also soll jetzt noch kommen, das es noch schlimmer machen könnte?

Doch noch im selben Moment klingelte die Antwort auf diese Frage an der Tür mit dem selbst gemachten, hölzernen „Herzlich willkommen bei Familie Decker“- Schild, das von einem hart erarbeiteten Idyll zeugte, welches eben jetzt wieder einmal auf eine ernste Probe gestellt werden sollte.

Sunny bat die Marquart und ihren Kollegen in die Küche, wo sie sich an den massiven Tisch setzten, an dem sich ein Großteil ihres Familienlebens abspielte. Sie schenkte Kaffee ein und ließ sich den Beamten gegenüber nieder, die sie ebenso forschend musterten, wie sie die beiden. In Situationen wie dieser, wenn sie weder wusste, wie ihr Gegenüber zu ihr stand, noch was auf sie zukam, hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, heimlich psychopathologische Befunde ihrer Gesprächspartner zu erstellen, wie sie es zu Beginn jeder Therapie routinemäßig bei ihren Patienten tat. Vordergründig machte ihr das Spaß und verlieh ihr eine gewisse Befriedigung und Macht. Aber eigentlich, so wusste sie, half es ihr vor allem dabei, nicht vor lauter Verunsicherung schreiend davonzulaufen.

Frau mit gepflegtem, jugendlich-sportlichem Äußeren,

begann es in Sunnys Kopf zu arbeiten.

Freundlich und kooperativ, dabei aber etwas burschikos und dominant. Spricht laut. Wach und orientiert. Kein Anhalt auf Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Antrieb und Psychomotorik weitestgehend unauffällig, leichte Tendenz zur Ungeduld, leichte Agitiertheit. Affekt weitestgehend unauffällig, stellenweise etwas gereizt. Punktuell umständliches Denken und Vorbeireden. Kein Anhalt auf Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen, jedoch thematische Einengung auf das Thema Verbrechen. Kein Anhalt auf Eigen- oder Fremdgefährdung.

Sunny musste zugeben, dass sie streng sein musste, um überhaupt etwas zu finden, das sie in den Befund der Marquart packen konnte. Die Frau machte leider einen geistig völlig gesunden Eindruck. Irgendwie war ihr die Polizistin sogar fast sympathisch. Sie war in ihrem Alter und hatte eine schlanke Figur. Ihr langes dunkles Haar fiel glatt über die Schultern und den Rücken. Sie trug wenig, gezielt angebrachtes Make-Up. Tatsächlich fand Sunny, dass die Marquart mit ihrem hübschen runden Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit mit der Gitarristin der Muppet-Show hatte. Dabei war sie etwas größer als Sunny selbst, die ihrerseits immerhin 1,73 m maß. Sie trug eine zerknitterte Jeanshose, wie man sie auch in Sunnys Schrank hätte finden können, und eine speckige schwarze Lederjacke, die ihre besten Tage vermutlich irgendwann in den frühen Achtzigern gefeiert hatte. Sie hatte eine für eine Frau ungewöhnlich tiefe, rauchige Stimme. Außerdem erinnerten ihre kantigen Bewegungen sie angenehm an ihre Schwester Bianca. Sunny glaubte deutlich zu erkennen, wie sehr die andere um ein sicheres, Vertrauen erzeugendes Auftreten bemüht war und vermutete, dass hinter diesem Verhalten eine gehörige Portion Unsicherheit steckte.

Warum eigentlich?,

fragte sie sich, doch dann kam ihr der Gedanke, dass der Kollege wahrscheinlich kein echter Kollege, sondern ein Vorgesetzter war. Diese Vermutung lag nahe, denn obwohl Sunny sich nicht mehr an den Dienstgrad erinnern konnte, den er ihr genannt hatte, war er doch mindestens zwanzig Jahre älter als sie und die Marquart. Außerdem strahlte er im Gegensatz zu dieser echte Sicherheit und Ruhe aus. Die Marquart wollte wahrscheinlich nicht nur vor ihr, sondern vor allem vor ihm eine gute Figur machen. Gerade als Sunny ansetzen wollte, um seinen Befund zu erheben, ergriff die Marquart das Wort.

„Okay, Ihr Name ist also Sandra Decker, wohnhaft hier in der Schillerstraße 14 in Offenbach. Ihr Geburtsdatum ist der 20.07.1981. Sie sind 34 Jahre alt, und Sie sind verheiratet mit Herrn Sven Kugler.“ Die Polizistin sah sie forschend an.

„Mhm“, Sunny presste die Lippen aufeinander, „nett, dass Sie mich an einem Sonntagmorgen daran erinnern.“

Im gleichen Moment bereute sie ihre Bemerkung.

Was, wenn Sven etwas zugestoßen ist? Was, wenn die Polizisten wegen ihm hier sind? Sven ist zwar unbestritten ein Arschloch, aber das müssen die ja nicht unbedingt von mir erfahren.

Zu ihrer Erleichterung sah Sunny dann aber, dass die Polizistin breit grinste.

„Sie haben eine gemeinsame Tochter: Felicitas, zwei Jahre alt. Von Beruf sind Sie Psychotherapeutin. Stimmt das soweit?“

Während Sunny nickte, fröstelte es sie leicht. Es war unglaublich, was diese Polizisten scheinbar mühelos über sie in Erfahrung hatten bringen können. Gut, nichts von alledem war geheim, und als sie darüber nachdachte, wurde ihr schnell klar, dass fast all diese Informationen in irgendwelchen offiziellen Datenbanken hinterlegt waren.

Aber trotzdem.

Sunny fand das gruselig. Sie war froh, als Esther Marquart sie anlächelte.

„Keine Sorge, Frau Decker, wir sind die Guten.“

Sunny musste unwillkürlich ebenfalls lächeln.

„Okay. Nachdem die Formalitäten geklärt sind, kommen wir nun zu dem eigentlichen Grund unseres Besuches.“

Die Polizistin hielt kurz inne und sah Sunny ernst an.

„Es geht um eine junge Frau namens Anna Henkes, die Ihnen nach unserem Wissen gut bekannt ist?“

Die Frage musste, ebenso wie alle zuvor, rhetorischer Natur gewesen sein, denn allein dass Sunnys Mimik bei der Erwähnung von Annas Namen sofort einfror, genügte offenbar als Antwort. Esther Marquart berichtete ihr in groben Zügen, was vorgefallen war. Anna war am frühen Morgen tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Die Situation vor Ort und die Leichenschau hatten aber deutliche Hinweise darauf ergeben, dass es sich bei der Todesursache um ein Polytrauma handelte, also eine Kombination schwerster, gleichzeitig entstandener Verletzungen, verursacht durch einen Sturz aus großer Höhe, vermutlich aus einem Fenster ihrer eigenen Wohnung im dritten Obergeschoss eines Karlsruher Altbaus. Diese widersprüchliche Sachlage warf natürlich viele Fragen auf.

Sunny war es, als würden die Worte der Polizistin sie ohne Vorwarnung unsanft irgendwohin katapultiert, wo sie ganz allein inmitten eines dichten Nebels zurückblieb. Sie fühlte sich augenblicklich völlig verwirrt und hilflos. Verwirrung und Hilflosigkeit umhüllten sie. Sie war Verwirrung und Hilflosigkeit. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie sogar, sich selbst inmitten dieses Nebels umherirren zu sehen, zu sehen wie sie sich hektisch immer wieder nach rechts und links drehte und doch nichts erkennen konnte, als eben diesen weißen undurchdringlichen Nebel. Sie meinte spüren zu können, wie die Räder, die ihren Verstand hätten antreiben sollen, immer wieder ins Leere griffen oder an etwas abglitten oder wie von unsichtbaren Fäden gehalten wurden oder was auch immer. Es war eigentlich vollkommen egal. Ihr Verstand arbeitete zu langsam, als dass sie vernünftige Fragen hätte stellen können, die ihr geholfen hätten, die Schwaden, die ihr die Sicht nahmen, zu vertreiben. Immer noch keines klaren Gedankens fähig, gelang es Sunny endlich, abwehrend die Hände zu heben. Diese Geste wiederum schien einigen Worten den Weg zu bahnen, die wie von selbst aus ihrem Mund kamen.

„Was? Halt. Langsam. Ich … langsam, bitte“, stotterte sie.

Sie kam nun Wort für Wort wieder zu sich, als könnte sie sich entlang eines Seils aus Silben in die Realität zurück hangeln. Esther Marquart war in der Zwischenzeit hektisch aufgestanden und hatte ein Glas Wasser vor sie auf den Tisch gestellt, während sie irgendetwas von „Schock“ und „gut tun“ murmelte. Sunny, die mittlerweile nur noch von einigen wenigen Nebelschwaden umgeben war, sich aber noch unangenehm benommen fühlte, wurde jetzt mit einem Schlag hellwach.

„Ich hab keinen Schock, aber wenn ich einen hätte, dann wäre das mit Sicherheit Ihre Schuld. Wissen Sie überhaupt, was das ist, ein Schock?“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe.

„Aber ich hab keinen Schock. Ich will einfach nur, dass Sie mir das Ganze in einem normalen Tempo erzählen und mich nicht so überrollen. Und wenn ich dann einen Moment brauche, dann wird mir gleich ein Schock angehängt. Am besten, ich nehme noch irgendwas zur Beruhigung, damit ich nicht merke, wie scheiße das hier alles ist.“

Sie klang ungewohnt schrill, und Sunny erschrak ein wenig über sich selbst. Normalerweise hatte sie sich besser im Griff. Es war nicht ihre Art, ausfallend zu werden und eigentlich war sie darauf bisher auch stolz gewesen.

„‘Tschuldigung“, murmelte sie daher nun etwas kleinlaut. „Ich bin auf einmal echt müde. Was ist also passiert? Anna ist tot. Und was … warum … ich meine, wie kann ich Ihnen denn jetzt helfen? Wir hatten nämlich wirklich schon lange keinen Kontakt mehr. Ich habe Anna kurz vor meiner Hochzeit das letzte Mal gesehen, und das war quasi in einem anderen Leben.“

Je mehr sie sprach, desto mehr fand Sunny zu ihrer gewohnten Form zurück. Die Müdigkeit verflogen langsam.

„Frau Decker, es tut uns sehr leid, dass die Nachricht von Frau Henkes‘ Tod Sie so hart trifft. Wenn Sie möchten, können wir dieses Gespräch gerne zu einem anderen Zeitpunkt …“, die Polizistin hielt mitten im Satz inne, als sie sah, dass Sunny heftig den Kopf schüttelte.

„Nein, nein. Ich weiß zwar jetzt, warum es üblich ist, dass man die Leute, denen man so eine Nachricht überbringt, immer erst bittet, sich zu setzen, aber es geht schon wieder. Ich möchte schon wissen, warum Sie hier sind, sonst plagen mich nur den ganzen Tag die schlimmsten Horrorvisionen … Entschuldigung, meine Ausdrucksweise … Ich meine …“, nun war es Sunny, die mitten im Satz abbrach, weil sie die andere verständnisvoll lächeln sah. Die beiden Frauen sahen sich kurz in die Augen, die Polizistin nickte langsam und fuhr dann fort.

Sie berichtete Sunny, dass man in einem Schuhkarton in Annas Wohnung dutzende Fotos und Briefe von ihr gefunden habe, die sie der Freundin zwischen 1991 und 2013 geschrieben hatte. Sunny stiegen bei den Worten der Polizistin Tränen in die Augen. Anna hatte all diese Briefe tatsächlich aufbewahrt: Briefe auf rosafarbenem Briefpapier in passenden Umschlägen, die von der langsam näher rückenden Pubertät zeugten, Briefe auf herausgerissenen Matheheftseiten, die ihre Freundschaft in flammenden Reden beschworen, zwischen zwei Vorlesungen geschriebene Briefe, die um Orientierung und Sinn flehten und zuletzt ihre und Svens Hochzeitseinladung. So ernüchternd konnte Romantik sein.

Sunny kannte diese Schachtel und sah sie vor sich: ein großer Schuhkarton, in dem sich ursprünglich Annas erstes Paar Doc Marten‘s, damals ihr wertvollster Besitz, befunden hatte, beklebt mit den Seiten eines 90er-Jahre-Oilily-Katalogs, von dessen Inhalt die Mädchen nur hatten träumen können, verziert mit Glitzersteinchen, die Anna in ihrem gemeinsamen Urlaub nach dem Abitur in Spanien auf einem Markt erstanden hatte. Dieser Karton enthielt Zeugnisse all dessen, was ihre Freundschaft je gewesen war. Denn außer den Fotografien und Briefen, das wusste Sunny, beherbergte er auch heimlich im Schulunterricht geschriebene Zettelchen, kleine Geschenke, alte Fahrkarten, die Konzertkarten für das Freundeskreis-Konzert, das Anna und sie heimlich besucht hatten, und ein Queen-Tape in miserabler Qualität, das die Mädchen damals Annas älterer Schwester geklaut hatten. Ein bitteres Lächeln umspielte Sunnys Lippen, als sie sich daran erinnerte, wie sie mit klopfendem Herzen auf dem Flur Schmiere gestanden hatte, während Anna die Schubladen ihrer Schwester auf der Suche nach Schätzen durchwühlte. Mit einem triumphierenden Grinsen war die kleine Anna damals mit der Kassette, einer Packung Fritt mit Kirschgeschmack und zwei Gauloises wieder aus dem Raum geschlüpft, und sie hatten einen wunderbar glücklichen Nachmittag in Annas Baumhaus verbracht, an dessen Ende es ihnen beiden allerdings leider fürchterlich übel gewesen war.

Friends will be friends,

When you’re in need of love, they give you care and attention,

Friends will be friends,

When you’re through with life and all hope is lost,

Hold out your hands ‘cause right till the end, friends will be friends.

Gerade die verbotenen Dinge waren es auch Jahre später noch gewesen, die Anna und Sunny am meisten gereizt hatten.

Sunnys Gedanken wanderten unwillkürlich zum April 1997.

Mit fünfzehn Jahren war es der sehnlichste Wunsch der Mädchen gewesen, ein Konzert ihrer Lieblingsgruppe Freundeskreis zu besuchen. Dass sie hierbei keinerlei Wert auf irgendwelche Aufpasser gelegt hatten, verstand sich natürlich von selbst. Man stelle sich nur vor, es hätte sich eine Gelegenheit ergeben, dem Leadsänger Max näher zu kommen. Ihren Eltern hatten sie daher beide erzählt, sie würden bei der jeweils anderen übernachten. In Wirklichkeit waren sie aber bereits am Nachmittag mit dem Zug nach Karlsruhe gefahren und hatten sich stundenlang in der Stadt herumgetrieben. Sie hatten sich in einer Umkleidekabine im Woolworth umgezogen und sich richtig aufgedonnert. Dann waren sie noch einmal mehrere Stunden auf einer Parkbank vor dem Subway gesessen (damals war die Welt, was das betraf, noch in Ordnung gewesen) und hatten sich eine Flasche Sekt geteilt, bis sie endlich eingelassen worden waren. Während die Band gespielt hatte, waren sie sich in den Armen gelegen und als die ersten Töne ihres Liedes erklangen, hätte die Welt nicht vollkommener sein können.

„Immer, wenn es regnet, muss ich an dich denken,

Wie wir uns begegnen, kann mich nicht ablenken …“

Nachdem sie weit nach 1 Uhr wieder hoch in die Welt gekommen waren, waren sie zum Schloss spaziert und hatten sich eng umschlungen auf eine Parkbank gesetzt.

… Die Kleidung ganz durchnässt, klebte an ihr fest

Die Tasche in der Hand stand sie an der Wand

Die dunkeln Augen funkelten wie ’ne Nacht in Asien

Strähnen im Gesicht nehmen ihr die Sicht …

Dort hatten sie immerhin bis etwa 3 Uhr morgens ausgeharrt. Dann war es ihnen aber doch ein wenig kalt geworden. Sie hatten sich schlichtweg keinen sonderlich guten Plan dahingehend zurechtgelegt gehabt, wie das Ende ihres kleinen Abenteuers aussehen sollte. Ihre Eltern hatten sie erst am Nachmittag zurück erwartet, und in ihrer Naivität hatten sie geglaubt, sie könnten einfach so lange umherstromern. In der wirklichen, echten Welt war es aber im April noch etwas zu frisch gewesen, um eine Nacht im Freien zu verbringen. Also hatten sie ihr letztes Kleingeld zusammengekratzt, waren zum Europaplatz gelaufen und hatten Bianca angerufen, die sie im Morgengrauen mit ihrem alten Golf aufgesammelt und in ihrem Zimmer versteckt hatte, bis ihre Mutter um 7 Uhr zur Arbeit gegangen war.

… Manchmal lach‘ ich drüber, doch dann merk ich wieder wie‘s mich trifft,

Komik ist Tragik in Spiegelschrift …

Sunny konnte nicht verhindern, dass ihr in Gegenwart der Polizisten Ströme von Tränen über die Wangen liefen. Sie wollte später weinen, hysterisch schluchzend, schreiend, Haare raufend, aber vor allem alleine und in Ruhe. Und wenn sie genug geweint hatte, wollte sie sich von Bianca trösten lassen. Komischerweise war der erste klarere Gedanke, zu dem Sunny schließlich wieder fähig war der, dass es doch eigentlich etwas seltsam war, dass sie in jener Nacht nicht von der Polizei aufgegriffen worden waren.

Zwei minderjährige Herumtreiberinnen, fünfzig Meter entfernt vom Bundesverfassungsgericht.

Esther Marquart fuhr fort und riss Sunny so aus ihren Gedanken. Kurz ging dieser durch den Kopf, wie gut die andere doch ihre Arbeit machte. Sie ließ ihr genug Raum für die Gedanken, die nötig waren, holte sie dann aber rechtzeitig in die Gegenwart zurück, bevor das Gewesene, das Nichtgewesene und der Schmerz über beides vollständig Besitz von ihr ergreifen konnten. Außerdem, so sagte sie nun, gäbe es auf Annas Rechner eine Datei mit dem Titel ‚Briefe an S.‘, die ebenfalls mehrere Dutzend Dokumente enthalte, die offensichtlich an Sunny gerichtet seien. Der älteste Text, den Anna hier abgelegt habe, sei von 2013, der jüngste von der vergangenen Woche. Augenblicklich spürte Sunny ein unangenehmes Kribbeln im Bauch, und ihr Herz schien plötzlich schneller zu schlagen. Anna hatte ihr geschrieben, immer geschrieben. Sie konnte sich die Inhalte dieser Briefe vorstellen. Ihre Freundschaft war zu Ende gegangen.

Was gab es da wohl zu sagen?

Anna hatte ihre Wahrnehmungen und Gefühle formuliert. Sunny war froh darüber, diese Briefe nie erhalten zu haben. So viel Kritik, berechtigte und unberechtigte, spiegelvorhaltende und realitätsverzerrende, mit Sicherheit messerscharfe, pfeilspitze, schmerzende Kritik, die sie jetzt mit der Wucht der Endgültigkeit mitten ins Herz treffen würde. Allein ihre Vorstellung der Inhalte schmerzte Sunny und machte ihr Angst vor einer möglichen Konfrontation, die jetzt keine Konfrontation mehr mit Anna selbst, die eine Aussöhnung zumindest theoretisch möglich gemacht hätte, wohl aber eine mit ihren eigenen Fehlern gewesen wäre. Fehlern, die sie in Annas Augen gemacht hatte, und ganz anderen Fehlern, die sie ihrer eigenen Meinung nach begangen hatte, die sie gelebt hatte, die sie gewesen war. Doch wenn sie sich auch sicher war, dass das, was Anna ihr vorzuwerfen gehabt hatte, andere Dinge gewesen waren als die, die sie sich selbst vorwarf, so war sie sich doch auch sicher, dass das keine große Rolle spielte. Ein Vernichtungsschlag war ein Vernichtungsschlag. Vernichtend. So war Anna gewesen, zumindest später, das glaubte Sunny zu wissen. Und was sie definitiv nicht leugnen konnte war, dass sie, wann und warum auch immer, aufgehört hatte für Anna da zu sein. Dies war bereits zu einem Zeitpunkt geschehen, als das offizielle Ende ihrer Freundschaft noch in weiter Ferne gelegen hatte.

Wieder hielt die Polizistin kurz inne, um Sunny Zeit zu geben, das Gesagte zu verarbeiten.

„Was wir uns von Ihnen erhoffen“, fuhr sie dann fort, „sind zunächst ein paar Informationen.“

Sunny nickte.

„Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt zu Frau Henkes?“

„Wie bereits gesagt, das war kurz vor meiner Hochzeit, also im Frühsommer 2013.“

Sunny glaubte, einen Anflug von Enttäuschung bei der Polizistin wahrzunehmen, war sich ihrer Sache jedoch nicht sicher.

„Seither war da kein Kontakt mehr? Auch keine Briefe oder E-Mails oder irgendwelche anderen Nachrichten?“

Sunny schüttelte den Kopf.

„Haben sie denn etwas über Frau Henkes gehört? Ich meine, gab es mittelbaren Kontakt über Dritte?“

Sunny blies nachdenklich gegen ihre Finger.

„Naja, bestimmt, aber ich erinnere mich an nichts Konkretes. Wir haben, äh, wir hatten ja viele gemeinsame Bekannte. Sicher hat da mal jemand was erwähnt, aber ich erinnere mich weder an bestimmte Situationen noch an Inhalte.“

„Und trotzdem waren Sie ihr auf diese besondere Art eine Ansprechpartnerin.“

„Ja. So war Anna.“ Sunny zog die Brauen nach oben. Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Rätselhaft bis zum Schluss.“

Die Polizistin, der die Bitterkeit dieser Worte nicht entgangen war, sah sie fragend an.

„Ach nichts“, wehrte Sunny ab.

„Sehen Sie“, hakte die Marquart nach, „unsere Aufgabe besteht im Moment zunächst einmal darin festzustellen, ob ein Verbrechen vorliegt, ob wir es mit einem Unfall zu tun haben oder ob Frau Henkes sich suizidiert hat. Sollte ersteres zutreffen, werden wir dann den Täter und die Tatumstände ermitteln“, erklärte Sie geduldig weiter. „Im zweiten Fall klären wir ebenfalls die näheren Umstände und prüfen, ob und inwieweit Fremdverschulden vorliegt. Trifft letzteres zu, ist unsere Arbeit hier beendet. Natürlich sind diese inhaltliche Trennung und die Festlegung einer zeitlichen Abfolge der Arbeitsschritte aber eher theoretischer Natur.“ Die Polizistin holte an dieser Stelle vernehmlich Luft. „ Auf jeden Fall benötigen wir aber zur Beantwortung all dieser Fragen jegliche verfügbare Information. Und gerade solche Informationen, die uns Einblicke in die Persönlichkeit der Verstorbenen gewähren, sind besonders wertvoll. Wir müssen wissen, wer Anna Henkes war, um die richtigen Schlussfolgerungen ziehen zu können.“

Die Marquart sah Sunny fest in die Augen.

„Okay. Und jetzt?“

Sunny war irritiert.

„Natürlich möchte ich Ihnen helfen, das steht außer Frage. Aber ich kann Ihnen nichts über Anna sagen, das wirklich aktuell wäre.“

„Frau Decker“, die Polizistin atmete erneut tief ein und Sunny glaubte zu merken, dass sie die Geduld der anderen im Moment etwas strapazierte, „natürlich muss ich zugeben, dass wir uns etwas anderes erhofft hatten. Aber wir müssen eben nehmen, was wir kriegen können.“

Sie lächelte, bevor sie einen kurzen Blick mit ihrem Kollegen wechselte, sprach dann aber sofort weiter.

„Sie als Psychologin wissen doch hundertmal besser als ich, dass sich die Persönlichkeit eines erwachsenen Menschen ohnehin nicht binnen zwei oder drei Jahren von Grund auf ändert. Wenn Sie uns ein Bild der Person Anna Henkes, die Sie kannten, zeichnen könnten, dann könnten wir dieses anhand der Informationen, die wir noch sammeln werden, ergänzen. Sie können uns da wirklich vertrauen.“

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie also einfach nur, dass ich Ihnen von Anna erzähle?“

„Ja, im Grunde genommen schon. Wir möchten Sie allerdings bitten, uns dazu noch heute auf dem Präsidium in Karlsruhe aufzusuchen, damit wir Ihre Aussage gleich zu Protokoll nehmen können. Bis heute Nachmittag werden wir es auch geschafft haben, die Dinge in Frau Henkes‘ Wohnung zu sichten. Es ist gut möglich, dass sich hieraus dann wieder neue Fragen an Sie ergeben.“

Sunny zuckte kurz zusammen. Es war ihr bis jetzt noch gar nicht in den Sinn gekommen, dass die Polizisten ja auch all ihre Briefe lesen würden.

Na, das ist dann wohl mal so.

Was sollte sie auch machen?

„Werde ich die Briefe von Anna an mich lesen müssen?“, wollte sie nun wissen.

Die Marquart war sichtlich verwundert über diese Frage und Sunnys plötzlich so abwehrende Haltung.

„Es ist möglich, dass wir Sie bitten werden, sich das ein oder andere Schriftstück anzusehen.“

Sunny presste die Zähne aufeinander und nickte stumm.

Als das Gespräch mit den Polizeibeamten endlich beendet gewesen war, hatte Sunny eine Visitenkarte von Frau Kriminaloberkommissarin Esther Marquart in der Hand gehalten, auf deren Rückseite die Worte „heute 17 Uhr“ vermerkt waren. Doch an den Rändern ihres Gesichtsfeldes hatten immer noch Nebelschwaden gewabert.

Und auch als sie jetzt von einer Horde ihrer schlimmsten Dämonen, wiedererweckten und neu erworbenen, durch den Wald gejagt wurde, wollte ihre Sicht nicht wieder völlig aufklaren.

Vielleicht ist das aber auch gar kein Nebel. Vielleicht ist das Schwefeldampf, der durch irgendwelche Ritzen im Boden aufsteigt, weil die Hölle kurz davor ist, sich aufzutun.


Sonntag, 08. Mai 2016, 17:00 Uhr Kripo Karlsruhe, Hertzstraße

Sunny hatte Glück gehabt und auf Anhieb einen Parkplatz gefunden, sodass sie das Polizeigebäude in der Hertzstraße pünktlich betreten und an die Tür klopfen konnte, neben der das Schild mit Esther Marquarts Namen und Dienstgrad angebracht war. Die Polizistin öffnete ihr prompt, bat sie aber noch einen Moment auf dem Gang Platz zu nehmen. Da sie sich das Büro mit zwei ihrer Kollegen teilte, mussten sie sich in einem anderen Raum unterhalten. Hier hatten sie weder den Platz noch die nötige Ruhe.

Als Sunny vom Laufen nach Hause gekommen war, hatte Bianca sie in der Küche mit einem zweiten Frühstück erwartet. Ihre Schwester hatte ihr sofort angesehen, dass etwas Schlimmes vorgefallen war und ihr einen fragenden Blick zugeworfen. Allein das hatte ausgereicht, um Sunny auf der Stelle in Tränen ausbrechen zu lassen. Sie hatte Bianca schluchzend berichtet, was vorgefallen war. Die beiden hatten dann den restlichen Tag miteinander verbracht. Sie hatten geredet und Kaffee getrunken, bis es für Sunny schließlich an der Zeit gewesen war, aufzubrechen. Biancas Angebot sie zu begleiten, hatte Sunny dankend abgelehnt. Aus irgendeinem Grund war es ihr wichtig gewesen, allein nach Karlsruhe zu fahren, vielleicht, um ihre Gedanken noch ein wenig zu sortieren, vielleicht aber auch um sich zu beweisen, dass sie das allein konnte. Sie wusste es selbst nicht genau.

Fee hatte von all dem zum Glück nichts mitbekommen, denn ihre Mutter hatte ihren Ausflug mit dem Kind kurzerhand bis in die Abendstunden verlängert. Bei dem Gedanken an ihre Mutter musste Sunny unwillkürlich lächeln. Maria Decker war für ihre Töchter von jeher der sprichwörtliche Fels in der Brandung gewesen. Als Sunny im vergangenen Jahr von Svens Affäre erfahren und sich Hals über Kopf von ihm getrennt hatte, war es daher überhaupt keine Frage gewesen, dass sie mit Fee in das Haus ihrer Mutter zurückkehrte.

Sunny wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als Esther Marquart die Tür neben ihr aufriss und schwungvoll auf den Flur hinaustrat. Die Frau war wirklich erstaunlich. Sie strahlte eine Energie aus, die Sunny richtiggehend neidisch machte. Jetzt nickte sie ihr lächelnd zu, und Sunny folgte ihr den Gang entlang und ein Stockwerk nach oben in einen Konferenzraum von circa 30 qm Größe, in dessen Mitte mehrere Tische zu einer großen Arbeitsfläche zusammengeschoben worden waren. An der Wand gegenüber der Fensterfront hingen vier große Whiteboards. Außerdem gab es zwei Flipcharts, einen Beamer und einen alten Overheadprojektor.

Wie an der Uni oder wie an der Schule oder wie überall.

Auf den Tischen lagen bereits mehrere Aktenordner. In diesem Moment klopfte es kurz an der Tür und jemand, dessen Gesicht Sunny nicht erkennen konnte, reichte Annas Schachtel herein. Die Marquart, die nun viel weniger unsicher wirkte als am Vormittag, bat Sunny freundlich, sich zu setzen und versorgte sie mit Kaffee.

„Wir haben unsere eigene Maschine. Den von unten kann man nämlich nicht trinken“, bemerkte sie trocken. Wieder musste Sunny beinahe erstaunt feststellen, dass die Marquart ihr tatsächlich sympathisch war.

„Frau Decker“, begann diese nun abrupt, „ich muss Sie bitten, mir zu gestatten, Ihren Bericht auf Tonband aufzuzeichnen, denn ich brauche das für die Akte.“

Sunny nickte, und die Marquart startete ein Aufnahmegerät, dessen Existenz Sunny bislang entgangen war, obwohl es mitten auf dem Tisch stand.

„Okay, dann jetzt zum hochoffiziellen Teil.“ Die Polizistin lächelte wieder ihr gewinnendes Lächeln. „Frau Decker, Sie stehen nicht unter Verdacht, etwas mit Frau Henkes Tod zu tun zu haben. Das heißt also, dass ich Sie hier als Zeugin vernehme. Als Zeugin ist es Ihre Pflicht, wahrheitsgemäße Angaben zu machen und uns nichts zu verschweigen, sonst könnten Sie sich strafbar machen. Ich weise Sie aber ausdrücklich darauf hin, dass Sie weder sich selbst noch Angehörige belasten müssen und auf entsprechende Fragen die Aussage verweigern dürfen. Haben Sie das verstanden und sind Sie bereit, wahrheitsgemäß auszusagen?“

Die Marquart sah Sunny jetzt fest in die Augen und obwohl diese nicht wusste, was sie von den letzten Worten halten sollte, antwortete sie brav mit „Ja“.

Gesetz war Gesetz, das war das eine, aber die partnerschaftliche Atmosphäre, die eben noch geherrscht hatte, hatte sich augenblicklich in etwas anderes verwandelt.

Abwärtskommunikation.

Sunny merkte, dass sie bockig wurde.

„Ich weiß, das klingt alles nicht so richtig nett. Aber ich muss Sie an dieser Stelle als Zeugin belehren, sonst darf ich Ihre Aussage später nicht verwerten.“

Offenbar hatte die Marquart bemerkt, was in Sunny vorging, was diese augenblicklich wieder versöhnlich stimmte.

„Es ist Ihnen sicherlich klar, dass ich Ihnen nicht alle Informationen geben darf, die uns derzeit zur Verfügung stehen. Was ich aber sagen kann ist, dass wir immer noch nicht wissen, ob ein Verbrechen vorliegt, oder ob es sich bei Frau Henkes‘ Tod um einen Suizid handelt. Ein Unfall ist nach unserem derzeitigen Kenntnisstand zwar unwahrscheinlich, wir können diese Möglichkeit jedoch auch noch nicht mit Sicherheit ausschließen.“

Sie blickte kurz auf die Tischplatte und holte tief Luft, als müsse sie sich sammeln. „Auch die Obduktion hat uns hier keine eindeutige Antwort geliefert. Was wir wissen ist, dass Frau Henkes durch einen Sprung oder Sturz aus ihrem Wohnzimmerfenster ums Leben gekommen ist. Es handelt sich hierbei um ein knietiefes Erkerfenster. Für eine Selbsttötung spricht unter anderem, dass wir an Frau Henkes‘ Körper keine eindeutigen Abwehrverletzungen gefunden haben. Für ein Verbrechen spricht wiederum die Tatsache, dass es keinen Abschiedsbrief zu geben scheint. Da Frau Henkes dieses Medium oft und gerne genutzt hat, wiegt dieser Sachverhalt schwer. Außerdem, und das ist der eigentliche Knackpunkt, wurde ihr Leichnam, wie Sie wissen, in ihrer Wohnung gefunden. Das heißt also, dass jemand ihn dorthin gebracht haben muss. Nach dem Sturz, Sie verstehen? Selbstverständlich gehen wir derzeit noch etlichen Hinweisen nach. Zum Beispiel ist die Befragung der Nachbarschaft noch nicht ganz abgeschlossen und wir sprechen natürlich auch mit allen anderen Freunden und Bekannten und der Familie von Frau Henkes. Worum ich Sie nun bitte, ist mir zu helfen, eine Vorstellung von der Persönlichkeit der Toten zu bekommen. Bitte berichten Sie mir von Frau Henkes. Erzählen Sie mir von Ihrer Freundin und zwar der Reihe nach und von Anfang an.“

Sunny nickte beinahe automatisch, denn sie glaubte inzwischen wirklich, dass die Marquart eine gute Polizistin war und wusste, welches das beste Vorgehen war. Ganz offensichtlich wollte sie sich Anna langsam annähern um verstehen zu können, was vorgefallen war. Sunny hatte nicht gewusst, dass ihre Berufe sich in diesem Punkt so sehr ähnelten. Beiden ging es darum, eine Beziehung zu einem Menschen aufzunehmen, um ihn zu verstehen, und in diesem speziellen Fall, bei Anna, war es Sunny ein Herzenswunsch zu verstehen. Sie und die Polizistin spielten also definitiv im selben Team.

„Ich lernte Anna in der fünften Klasse kennen“, begann sie daher ihren Bericht, und ihr Blick wanderte zunächst zum Fenster und dann an einen Punkt weit außerhalb des Raumes.


Karlsruhe, 16. September 2013

My Sunny One,

hier sitze ich und weine, denn ich habe gehört, Du hast Dein Baby zur Welt gebracht. Dein kleines Mädchen ist endlich auf der Welt angekommen. Deine kleine Fee. Und ich werde niemals ihre Tante Anna sein.

Immer wenn es regnet,

Deine Anna



„Anna war niemand, der sich anderen unterordnete. Sie ging schon immer ihren eigenen Weg. Dabei war sie ein unglaublich verträumtes Mädchen. Und weil sie so verträumt war, war sie auch sehr oft verwirrt oder verwundert oder überrascht. Ich denke, das hatte wirklich direkt mit ihrer Verträumtheit zu tun. Die Realität überraschte Anna immer wieder, weil sie sich so wenig mit ihr befassen mochte. Sie war dabei aber nicht komisch oder lächerlich, sondern wirklich bezaubernd. Und bei alledem wirkte sie immer irgendwie zerbrechlich, porzellanpuppenprinzessinnenzerbrechlich. Manchmal gibt unsere Sprache das, was man zum Ausdruck bringen will, einfach nicht her. Kennen Sie das? Vielleicht kann man sagen, dass Anna staunend durch die Welt ihrer Kindheit wandelte. Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass sie oft aussah wie jemand, der versucht sich inmitten einer Menschenmenge zu orientieren oder trotz großen Lärms auf etwas zu lauschen.“

Montag, 09. Mai 2016, 8:00 Uhr Kripo Karlsruhe, Hertzstraße

Esther konnte diese Art von Aufgaben nicht einfach nur nicht leiden, sie hasste sie regelrecht. Ja natürlich, sie selbst war es gewesen, die Anna Henkes‘ Psychologenfreundin – Psychologenexfreundin – hatte befragen wollen, und die Frau war wirklich nett und hilfsbereit gewesen, aber das machte es weder besser noch einfacher. Sie musste sie um einen Gefallen bitten, was allein schon unangenehm genug war, aber die Art des Gefallens, um den sie sie bitten musste, machte die Sache wirklich richtig ätzend, fand zumindest Esther.

Boah Manfred …

Warum kann er nicht einfach Barbara bei ihr anrufen lassen?

Barbara war die Sekretärin der Mordkommission und wurde dafür bezahlt, Leute anzurufen und her zu bitten.

Aber nein, das muss jemand von uns machen. In so einem scheißwichtigen … Scheißfall …

Im Geiste ahmte Esther die Tonlage ihres Chefs nach, während sie weg von dem Konferenzraum, in dem eben die morgendliche Teambesprechung geendet hatte, und durch den Flur in Richtung ihres Büros rauschte. Dort angekommen ließ sie sich in ihren Drehstuhl fallen und warf einen Blick auf die Uhr. Sie hoffte inständig, Sandra Decker möge bereits wach sein und nicht erst durch ihren Anruf aus dem Schlaf gerissen werden. Esther konnte gut darauf verzichten, dass die Decker auch noch sauer auf sie wurde, weil sie sie aus dem Bett schmiss. Doch es war egal, wie intensiv sie die Zeiger der Wanduhr anstarrte, es war erst kurz vor 8 Uhr und sie hatten definitiv keine Zeit zu verlieren.

Als sie gegen 5 Uhr heute Morgen vom Klingeln ihres Telefons aus dem Schlaf gerissen worden war, und Manfred ihr mitgeteilt hatte, dass er sie in 20 Minuten abholen würde, war Esther noch hundemüde gewesen, denn nach der Festnahme von Anna Henkes‘ derzeitigem Freund, die sie mitten in der Nacht vorgenommen hatten, war sie viel zu aufgekratzt gewesen, um nach Hause zu gehen und sich schlafen zu legen. Abgesehen davon hatte es einfach noch zu viele Ungereimtheiten gegeben, und sie war alles andere als zufrieden gewesen. So hatte sie bis nach 2 Uhr zunächst über dem Obduktionsbericht und dann über den Schriftstücken, die sie in der Wohnung der Toten sichergestellt hatten, gesessen. Schließlich hatte sie aber doch Feierabend gemacht, wenn auch nur, weil sie gewusst hatte, dass sie es nur durchhalten würde, diesen Fall gemeinsam mit Manfred als dessen rechte Hand zu bearbeiten, wenn sie sich ihre Kräfte einteilte. Mit Sicherheit würde sie ihren neu gewonnenen Status noch bitter mit Freizeit und Nachtschlaf bezahlen müssen.

„Jan Liebig“, sagte Manfred nur, als Esther zu ihm in den Wagen stieg.

„Will der jetzt etwa doch reden?“

Esther musste ein Gähnen unterdrücken. Sie wunderte sich zwar nicht wirklich über den Sinneswandel des Verdächtigen, denn eine Nacht in Haft konnte immer wieder Wunder bewirken, wohl aber darüber, dass Manfred gewillt war, den Wünschen Jan Liebigs so früh am Morgen nachzugeben.

„Ja. Aber nicht mit uns. Er brüllt schon seit über einer Stunde rum, er wolle Sandra Decker sprechen. Und bevor ich hier irgendetwas entscheide, will ich wissen, was da los ist.“

Esther war völlig verwirrt. Jan Liebig wollte mit Sandra Decker sprechen.

Aber die beiden kannten sich nicht, das hatten sowohl er als auch die Decker bestätigt.

Es war kurz nach 6 Uhr, als sich Esther, Manfred und Jan Liebig schließlich gegenüber saßen. Der Verdächtige wirkte völlig überdreht. Vermutlich hatte er die ganze Nacht kein Auge zugemacht.

„Guten Morgen, Herr Liebig. Wie ich höre, wollten Sie uns sprechen?“, begann Manfred höflich.

„Nee, wollte ich eigentlich gar nicht“, war die patzige Antwort.

„Nun gut, dann lassen Sie es mich anders formulieren. Wie ich höre, haben Sie einen Wunsch. Also bin ich mit meiner Kollegin hierhergekommen, um von Ihnen persönlich zu erfahren, was es damit auf sich hat?“ Manfred lächelte geduldig.

„Ja schon. Sie wollen jetzt also von mir hören, was ich will?“

Manfreds höfliche Art irritierte Jan Liebig sichtlich. Er schien für einen Moment nicht zu wissen, wohin mit seiner aggressiven Energie, die ihn zunächst hatte vorwärts preschen lassen.

„Ich will mit der Sunny sprechen. Mit der Sunny Decker. Mit der Psychologin. Mit der Psychosunny.“

Manfred nickte.

„Okay, Herr Liebig. Sie verstehen sicher, dass ich mit diesem Wunsch meine Schwierigkeiten habe.“

Er hob beschwichtigend beide Hände, denn Jan Liebig hatte schon wieder begonnen ihm vernichtende Blicke zuzuwerfen und sichtlich empört nach Luft zu schnappen.

„Nein, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich finde Ihr Anliegen durchaus legitim. Warum sollten Sie nicht mit Frau Decker sprechen? Natürlich dürfen Sie grundsätzlich mit ihr sprechen. Das Problem dabei ist nur, dass es letztlich Frau Deckers Entscheidung ist, ob sie mit Ihnen sprechen will. Ich kann da höchstens als Mittelsmann fungieren. Und das kann ich eben nur dann vernünftig, wenn Sie mir sagen, was Sie von der Dame wollen.“

Jan Liebigs Züge hatten sich zunächst entspannt, jetzt blickte er aber wieder finster drein.

„Sagen Sie mal, halten Sie mich eigentlich für völlig bekloppt? Das glaubt Ihnen ja kein Mensch. Natürlich können Sie der einfach sagen, dass ich mit ihr sprechen will, und die entscheidet dann selber. Da brauchen Sie doch gar nix zu wissen.“

„Aber vielleicht würde Frau Decker sich ja eher zu einem Gespräch bereit erklären, wenn sie wüsste, was auf sie zukäme“, argumentierte Manfred gleichbleibend freundlich. „Und ja, natürlich haben Sie recht damit, dass ich nicht wissen muss, was Sie von ihr wollen. Aber Sie können doch nicht allen Ernstes glauben, dass ich die Frau einfach so hierher hole und dann dafür gerade stehe, wenn Sie ihr irgendeinen Blödsinn erzählen?“ Manfred lächelte noch immer. „Ich müsste mich da ja sowieso auf Ihr Wort verlassen, und das würde ich auch tun. Aber einen Fingerzeig bräuchte ich schon.“

„Boah“, stöhnte Jan Liebig genervt, „also gut. Ich versprech‘, dass ich nicht gemein zu eurer Frau Decker bin.“ Er zog den Namen provokativ in die Länge. „Ich will bloß mit der sprechen, über die Anna und wie das am Schluss alles war.“

Manfred war hellhörig geworden und sah Jan Liebig forschend an, was diesem nicht entging.

„Ja, wenn ihr mir die Sunny herbringt, die ist ja immerhin Psychologin, mit der würd‘ ich sprechen. Der würd‘ ich erzählen, was da gestern passiert ist. Was ich da gemacht hab‘ und so.“

Seufzend griff Esther nun zum Telefonhörer und wählte Sunnys Nummer.

„Decker“, die Stimme am anderen Ende der Leitung klang zwar verwundert, aber Gott sei Dank nicht schläfrig. Sunny Decker war es ganz offensichtlich nicht gewohnt so früh am Morgen gestört zu werden, aber zumindest war sie schon wach gewesen.

„Guten Morgen Frau Decker, hier ist Esther Marquart. Bitte verzeihen Sie die frühe Störung. Ich rufe Sie an, weil ich eine Bitte an Sie habe, die keinen Aufschub duldet.“



„Andererseits merkte man aber, wenn man Anna näher kennenlernte, recht schnell, dass sie schon in jungen Jahren unglaublich reflektiert war. Ich weiß, dass sich meine Ausführungen widersprüchlich anhören, dass das nicht zusammenzupassen scheint. Aber wahrscheinlich spiegeln sie einfach nur wieder, wie facettenreich Anna war, und dass sie scheinbar widersprüchliche Seiten in sich vereinte. Vielleicht wirkte Anna deswegen auch oft ein wenig planlos, weil sie viel mehr Dinge bedachte, wenn sie eine Entscheidung zu treffen hatte, als andere Kinder ihres Alters. Die Anna von damals war nicht impulsiv. Gerechtigkeit war ihr über alle Maßen wichtig. Sie hätte sich niemals vorschnell eine Meinung zu irgendetwas oder über irgendjemanden gebildet. Sie betrachtete die Dinge immer von allen nur erdenklichen Seiten. Während wir anderen alles daransetzten, äußerlich erwachsen zu wirken, in unseren Herzen aber noch Kinder in einer schwarzweißen Welt waren, hatte die auf den ersten Blick noch sehr kindlich erscheinende Anna eine Reife, die wir anderen nur erahnen konnten.

Karlsruhe, 27. Dezember 2013

My Sunny One,

Weihnachten war trostlos. Meine Schwester war mit ihren drei verklebten Bälgern der Mittelpunkt des Abends. Und auch im Bekanntenkreis meiner Eltern sind alle glücklich und perfekt. Ich konnte den Blick meiner Mutter kaum ertragen, als sie mir erzählt hat, welche biedere Tochter welcher verknöcherten Freundin schon wieder schwanger ist oder wo demnächst ein rauschendes Hochzeitsfest ins Haus steht. Meine einzige Leistung ist die, mehr Rotwein zu vertragen, als alle anderen zusammen. Hurra.

Aber das Beste kommt noch: Susanne bekommt ein Kind von Martin. Und ich kotze.

Auch mein Lover kann mich in diesen Tagen nicht trösten. Und wo bist Du? WO BIST DU? Verdammt, ich bin hier allein und verzweifelt und verlassen, und Du bist nicht da! Niemand ist da.

Immer wenn es regnet,

Deine Anna


Montag, 09. Mai 2016, 9:00 Uhr Dienstwagen von Esther Marquart, A 65, Fahrtrichtung Karlsruhe

Sunny war nervös. Vielleicht war sie sogar ängstlich, aber das würde sie mit Sicherheit nicht zugeben, nicht vor sich selbst und gleich dreimal nicht vor der Marquart oder vor sonst irgendjemandem. Sie hatte sich dazu bereit erklärt mit Annas Freund zu sprechen, und genau das würde sie jetzt auch tun.

Annas Freund.

Vor 24 Stunden hatte sie noch nicht einmal gewusst, dass es ihn gab, und jetzt war sie auf dem Weg zu ihm, weil er mit ihr sprechen wollte, weil er anscheinend angedeutet hatte, ihr gegenüber ein Geständnis ablegen zu wollen. Sunny hätte wirklich gerne gewusst, was Anna ihm über sie erzählt hatte.

Esther Marquart, die neben ihr am Steuer saß, gab sich alle Mühe, zuversichtlich zu wirken, aber Sunny war sich ziemlich sicher, dass die andere noch unruhiger war, als sie selbst. Es war offenkundig, wie wichtig das bevorstehende Gespräch für die Polizei war, wie viel sie sich davon erhoffte. Und letztlich war es doch so, dass sie sie, Sunny, nicht wirklich kannten und sich somit blind darauf verlassen mussten, dass sie das hinbekam.

„Frau Marquart“, begann Sunny nun, „ich weiß, ich habe mich spontan zu diesem Gespräch bereit erklärt, aber ehrlich gesagt wüsste ich vorab doch gerne noch ein paar Dinge. Bisher haben Sie mir außer dem Namen des Mannes nur verraten, dass er Annas Freund war und dass Sie ihn gestern verhaftet haben, weil Sie glauben, er habe Anna aus diesem Fenster gestoßen.“

Die Marquart warf ihr einen kurzen Seitenblick zu.

„Naja, also ich persönlich glaube gar nichts. Aber auf jeden Fall spricht einiges für ihn als Täter.“

„Das heißt, Sie haben ihn verhaftet, obwohl sie nicht glauben, dass er Anna gestoßen hat?“

Esther Marquart verzog das Gesicht.

„Leider interessiert es den Staatsanwalt nicht, was ich glaube. Die Sachlage ist, wie sie ist, und uns ist nichts anderes übrig geblieben, als ihn festzunehmen. Er wird beschuldigt, weil die Spuren am Tatort und in seiner Wohnung auf ihn als Täter hinweisen und er sich bei seinen Aussagen in Widersprüche verstrickt hat. Außerdem hat er nicht nur kein Alibi, sondern wurde in der Nacht sogar in dem Haus, in dem Frau Henkes gewohnt hat, gesehen. Und er hat ein Motiv – Mittel, Motiv und Gelegenheit, Sie verstehen?“

Nun war es an Sunny das Gesicht zu verziehen, denn sie wurde langsam ungeduldig. Sie mochte die Marquart, keine Frage, aber sie merkte sofort, wenn ihr jemand auswich.

„Na, das wüsste ich aber gerne etwas genauer. Sie können doch nicht allen Ernstes von mir verlangen, dass ich dieses Gespräch führe und Sie mir im Vorfeld nichts verraten. Ich meine, der will doch nicht mit mir reden, weil er mich auf den Fotos in Annas Wohnung so hübsch fand. Der Verdächtige kriegt die Decker, wir kriegen das Geständnis. Oder wie?“

Bereits zum zweiten Mal innerhalb der letzten beiden Tage erschrak Sunny über sich selbst. Sie hatte Esther Marquart eigentlich gar nicht so hart angehen wollen, doch seit sie von Annas Tod erfahren hatte, war sie fix und fertig. Und die Marquart hatte so eine herrische, bevormundende Art, mit der sie sie innerhalb weniger Sekunden von Null auf 100 brachte.

Verdammt.

„Entschuldigung. Ich bin im Moment einfach nicht besonders ausgeglichen.“ Sunny versuchte zu lächeln. „Aber auch wenn ich mich gerade im Ton vergriffen habe, möchte ich doch trotzdem genauer wissen, wie der Stand der Dinge ist. Sie haben mir bis jetzt so gut wie gar nichts verraten. Was Sie von sich geben, sind vage Andeutungen. Ich komme mir vor wie ein Bauernopfer. Ich habe eine Ausbildung in Gesprächsführung, und ich kann das gut machen, wenn Sie mich da nicht völlig unvorbereitet rein schicken.“

Sunny sah die Polizistin beschwörend an.

„Und außerdem – eine Hand wäscht die andere. Wenn Sie meine Hilfe wollen, will ich gefälligst auch wissen, was hier los ist“, schloss sie trotzig.

Esther Marquart zögerte kurz.

„Also gut, ich denke, das ist nur fair. Ich hoffe aber, Ihnen ist klar, dass Sie die Informationen, die ich Ihnen jetzt gebe, nicht offen verwenden dürfen. Mein Chef reißt mir den Kopf ab und geht damit kegeln, wenn er rauskriegt, dass ich Ihnen das erzählt habe.“

Sunny nickte.

„Wie Sie bereits wissen, haben wir Jan Liebig heute kurz nach Mitternacht festgenommen. Auf die Gründe hierfür werde ich gleich noch eingehen. Im Moment bedeutet diese Festnahme aber vor allem, dass wir ihn spätestens am morgigen Dienstagabend, mit Ablauf des auf die Verhaftung folgenden Tages, dem Haftrichter vorführen müssen. So wie es im Moment aussieht, könnte das aber eine wackelige Angelegenheit werden. Es wäre möglich, dass wir ihn danach wieder laufen lassen müssen. Und dann wird es umso schwerer, einen erneuten Haftbefehl gegen ihn zu erwirken. Das heißt, wir stehen im Moment wirklich unter Zeitdruck und brauchen alle Informationen, die wir kriegen können. Die Gründe, die zu seiner Festnahme geführt haben, verständlich darzulegen, ist ehrlich gesagt gar nicht so einfach, weil es noch viel zu viele Unklarheiten gibt. Nicht zuletzt darum erhoffen wir uns ja auch so viel von dem Gespräch, um das wir Sie gebeten haben.“

Die Polizistin machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach.

„Bei einem nicht natürlichen Todesfall ist es zunächst einmal so, dass wir alle möglichen Hypothesen aufstellen. Bei einem Tötungsdelikt ist eine der ersten Fragen die, ob es sich um einen Fremd- oder um einen Beziehungstäter handelt, das heißt um jemanden, mit dem das Opfer bekannt war. Wobei tatsächlich 80% der Tötungsdelikte Beziehungstaten sind.“

„Heißt das, Sie wissen jetzt, dass Anna umgebracht wurde? Das wussten Sie gestern noch nicht.“

Die Polizistin wiegte ihren Kopf hin und her, während sie ihr Fahrzeug gleichzeitig auf die linke Spur lenkte, um einige Lastwagen zu überholen.

„Sagen wir einfach, es spricht vieles dafür.“

Esther Marquart räusperte sich, bevor sie weitersprach.

„Jan Liebig ist als Frau Henkes‘ Partner natürlich besonders interessant für uns. Sie wissen schon, die Statistik. Daher haben wir ihn mehrmals befragt. Wir wollten sehen, ob er sich in Widersprüche verstrickt.“

Die Polizistin berichtete, dass Annas Freund am Sonntagmorgen ausgesagt hatte, er habe den Vorabend mit Freunden in einer Kneipe verbracht und sei dann zwischen 0:30 Uhr und 1 Uhr zu Annas Wohnung aufgebrochen. Seine Begleiter hatten dies bestätigt. Von der Kneipe aus hatte er nur wenige Minuten gehen müssen, und zunächst hatte er angegeben, wie verabredet bei seiner Freundin geklingelt zu haben.

„Nachdem diese ihm nicht geöffnet hat, will er nach Hause gegangen sein und den Rest der Nacht allein und schlafend verbracht haben.“

Die Kommissarin holte vernehmlich Luft.

„Die Sache ist aber die, dass der Kerl laut meinen Kollegen morgens gestunken hat wie ein Iltis. Und siehe da: Er hatte um 9 Uhr früh noch 0,8 Promille. So was wirft natürlich Fragen auf“, dozierte sie weiter.

„In einer zweiten Befragung sonntagnachmittags auf dem Präsidium hat mein Chef Jan Liebig dann mitgeteilt, dass wir DNA-Spuren an der Leiche gefunden haben, die auf einen anderen Ablauf der Ereignisse hindeuten. Dass die Ergebnisse der Analyse noch ausstanden, hat er dabei natürlich nicht erwähnt. Jan Liebig hat seine Aussage jedenfalls sofort geändert und behauptet, er habe Anna Henkes tot auf ihrem Bett liegend vorgefunden, aber zunächst gedacht, sie würde nur schlafen. Also habe er sie wecken wollen und daher berührt. Dass er das eingeräumt hat, heißt für uns, dass er sich vorstellen kann, dass wir seine DNA an der Leiche gefunden haben. Als ihm klar wurde, dass Frau Henkes tot war, will er einen Schock erlitten haben und weggerannt sein. Er gab an, sich zu Hause noch eine Flasche Wodka hinter die Binde gekippt und dann geschlafen zu haben, bis die Kollegen ihn rausgeklingelt haben. Spätestens nach dieser Aussage ist der Liebig also tatverdächtig. Die Geschichte war aber schon einfach deshalb unglaubwürdig, weil, …wie soll ich das beschreiben, …weil sie eben einfach irgendwie holprig war.“

Esther Marquarts Blick war nach wie vor konzentriert auf die vor ihnen liegende Autobahn geheftet, während sie erklärte, dass Jan Liebig auf Nachfrage sehr eilig versichert hatte, dass er keinen Schlüssel zu Annas Wohnung besäße. Da das Türschloss beim Eintreffen der Streifenpolizisten jedoch unversehrt gewesen war, hatte man nachgehakt und Annas Freund hatte angegeben, die Tür habe bei seinem Eintreffen offen gestanden und er habe sie auch beim Gehen offen gelassen. Natürlich war es laut Esther Marquart nicht undenkbar, dass es sich genau so abgespielt hatte, aber die Art und Weise wie er das alles berichtet hatte, so erklärte sie Sunny nun, hatte sie und ihre Kollegen misstrauisch werden lassen.

„Zum Beispiel, dass wir ihm die Erklärungen für Details immer wieder aus der Nase ziehen mussten, hat nicht gepasst. Wenn jemand die Wahrheit erzählt, handelt es sich dabei in der Regel um eine schlüssige runde Geschichte, in die sich alle Fakten glatt einfügen. Wenn jemand lügt, dann wird es dagegen oft holprig. Eine Lüge macht oft riesige Konstrukte nötig, um Kleinigkeiten noch irgendwie passend zu machen. Sie verstehen?“

Sunny nickte beflissen.

„Als wir ihn fragten, warum er uns nicht sofort verständigt hat, bestand er erneut darauf, schließlich einen Schock gehabt zu haben. Auf die Frage, warum er sonntagmorgens nicht gleich die Wahrheit gesagt hat, meinte er, er habe ‚in nichts reinkommen‘ wollen. So eine dünne und abgegriffene Fernsehkrimi-Ausrede ist wirklich nicht sonderlich überzeugend. Abgesehen von alledem hat aber natürlich auch seine Schilderung davon, wie er versucht haben will Frau Henkes zu wecken, vorne und hinten nicht zu dem Szenario und den Spuren gepasst, die sich uns in der Wohnung geboten haben.“

Die Polizistin zögerte kurz, ehe sie weitersprach. „Frau Henkes wurde in ihrem Schlafzimmer auf dem Bett regelrecht aufgebahrt. Sie wurde hergerichtet. Da hat sich jemand viel Mühe gegeben. Wir haben also die Daumenschrauben etwas angezogen und ihn gefragt, wie denn sein Schock ausgesehen haben soll, und da ist er so richtig ins Schwafeln geraten. Hätte er uns einfach gesagt, er wisse auch nicht, er sei einfach nur nicht er selbst gewesen oder irgend so etwas, das hätten wir ihm vielleicht abgenommen. Aber er hat uns eine richtige Story erzählt. Es klang, als hätte er versucht, Wikipedia auswendig zu lernen, dabei aber die Hälfte verwechselt. Da kamen solche Dinger wie, sein Herz habe so schnell geschlagen, dass ihm ganz schwarz vor Augen geworden sei und so ein Blödsinn.“

„Naja“, unterbrach Sunny den Redeschwall der Polizistin, „sollte er tatsächlich unter Schock gestanden haben, wäre es doch durchaus plausibel, dass er diesen Zustand im Nachgang nicht angemessen beschreiben konnte.“

„Vielleicht“, lenkte diese ein, „aber er klang wirklich wie ein schlecht informierter Schauspieler. Der eigentliche Knackpunkt bei der ganzen Geschichte ist aber sowieso die Aussage einer Nachbarin, die gegen 2 Uhr erst ein krachendes Geräusch im Haus gehört und ihn dann durch ihren Türspion im Treppenhaus gesehen haben will. Obwohl die Frau im gleichen Haus wie Anna Henkes wohnt, wurde sie erst parallel zur Vernehmung von Jan Liebig und nicht schon früher befragt. Ich habe keine Ahnung, was da schief gelaufen ist.

Jedenfalls ist er laut ihr die Treppe runtergepoltert, als sei der Teufel selbst hinter ihm her. War wohl völlig aufgelöst. Und das würde dann bedeuten, dass der gute Herr Liebig anderthalb Stunden gebraucht hat um festzustellen, dass seine Freundin nicht mehr lebt, um dann mit viel Getöse davonzulaufen. Er ist sicherlich keiner von der schnellen Truppe, aber anderthalb Stunden? Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als ihn zum Beschuldigten zu erklären. Natürlich haben wir ihn damit konfrontiert, dass der zeitliche Ablauf, den er uns berichtet hat, nicht stimmen kann und dass das Spurenbild eindeutig darauf hinweist, dass mit dem Leichnam von Frau Henkes mehr geschehen sein muss, als nur ein vergeblicher Versuch sie aufzuwecken. Aber er ist bei seiner Geschichte geblieben.“

Esther Marquart berichtete weiter, dass die Polizisten parallel zu seiner Befragung Jan Liebigs Wohnung durchsucht und dabei einen Satz blutiger Männerkleidung gefunden hatten, zusammengeknüllt und in eine Plastiktüte gestopft. Hiermit konfrontiert hatte Jan Liebig aber nur angefangen, wild herumzuschreien und sich schlussendlich geweigert auch nur ein einziges weiteres Wort mit den Beamten zu sprechen.

„Damit war das Verhör beendet, nach über acht Stunden um 0:20 Uhr. Mein Chef hat den Liebig festgenommen, und heute Morgen hat er sein Schweigen gebrochen, um uns mitzuteilen, dass er mit Ihnen sprechen will.“

„Wenn ich Sie also richtig verstehe, heißt das, die Aussage, die dieser Liebig gemacht hat, kann so nicht stimmen?“

„Nein … doch … das ist ja im Moment das Problem. In unseren Augen ist seine Aussage vollkommen unglaubwürdig und unrealistisch. Aber wenn man es genau nimmt, können wir auch nicht zu 100% ausschließen, dass er die Wahrheit sagt. Rein theoretisch wäre es schon möglich, dass jemand anderes Anna aus dem Fenster gestoßen und wieder hoch getragen hat, und dass dann nach dem Liebig jemand in Annas Wohnung war und sie aufgebahrt hat. Das würde dann eben bedeuten, dass die Nachbarin sich geirrt hat, entweder in der Zeit oder in der Person“, knurrte die Marquart unzufrieden.

„Und dass er Anna gestoßen hat, nur um sie danach wieder hochzutragen und aufzubahren ist nicht unrealistisch?“, fragte Sunny vorsichtig.

„Nein, eigentlich gar nicht. Dieses Verhalten stellt so etwas wie eine Wiedergutmachung dar, den Versuch, die Tötung emotional zurückzunehmen. Man nennt das Undoing. So etwas sieht man immer wieder. Gerade wenn Täter und Opfer sich gut gekannt haben, kann es sein, dass der Täter im Nachhinein Schuldgefühle bekommt und seine Tat bereut. Er deckt dann zum Beispiel die Verletzungen des Opfers ab oder faltet dessen Hände. Sein Ziel ist es, so ein friedliches Bild zu schaffen.“

„Und die DNA, die Sie gefunden haben, von der Sie aber noch nicht wissen, wem sie gehört, die ist doch in dem Fall sicherlich sehr wichtig? Ich meine, wenn man weiß, von wem die stammt, weiß man dann nicht auch, wer dieses Undoing mit Anna veranstaltet hat und sie somit auch höchstwahrscheinlich umgebracht hat?“

„So sieht‘s aus. Das ist auch der Grund, warum mein Chef so sehr darauf bedacht war, den Liebig erst montags festzunehmen. So bekommt er nämlich noch vor der ersten Haftprüfung das Ergebnis der DNA-Analyse. Wenn das dann zeigt, dass wir es mit Liebigs DNA zu tun haben, wird es natürlich eng für den Kerl. Wenn es aber nicht seine DNA ist, werden wir ihn wohl laufen lassen müssen. Außer natürlich, er würde heute ein Geständnis vor Ihnen ablegen. Dann wären die Karten allerdings trotz allem völlig neu gemischt, denn es stünde ja immer noch die Frage im Raum, wer der oder die unbekannte Dritte ist.“

„Was ich bei all dem überhaupt nicht verstehe ist, hat der Kerl denn keinen Anwalt, der ihn davor bewahrt sich um Kopf und Kragen zu reden? Ich dachte immer, jeder Verdächtige hätte das Recht auf einen Anwalt?“

Esther Marquart schmunzelte.

„Sicher hat er das Recht auf einen Anwalt, aber Sie wären überrascht, wie viele Leute auf diese Unterstützung verzichten. Das Witzige dabei ist, dass es oft die Schuldigen sind, die dieses Angebot ausschlagen. Die glauben dann, sie würden sich verdächtig machen, wenn sie einen Anwalt wollen und ihr Verzicht wäre ein Beweis für ihr reines Gewissen.“

„Das würde dann also im Umkehrschluss bedeuten, dass die Tatsache, dass er auf einen Anwalt verzichtet hat, den Liebig nur umso verdächtiger macht?“

Esther Marquart nickte zwar, zuckte aber gleichzeitig mit den Schultern, was Sunny stutzig machte.

„Was ist los?“, fragte sie die andere daher geradeheraus.

„Der Liebig ist ein ätzender Typ, unverschämt, aggressiv. Am meisten ärgert mich an ihm, dass er sich tatsächlich einbildet, er könnte uns für dumm verkaufen. Alles in allem ist er einer, den dranzukriegen auf jeden Fall Spaß machen würde. Aber so wenig ich ihn auch leiden kann, ich glaube ihm, dass er sie nicht gestoßen hat. Nicht, dass ich es ihm nicht zutrauen würde. Um Himmels Willen, ich traue jedem alles zu. Aber ich habe ihm einfach geglaubt, als er uns das so entgegen gebrüllt hat. Ich fand ihn da einfach“, sie stockte kurz und suchte nach den richtigen Worten, „sehr authentisch. Blöd, was?“

„Nein, das finde ich jetzt gar nicht.“

„Ich habe versucht, das mit meinem Chef zu besprechen. Der hat mich fast ausgelacht.“

„Aber was glauben Sie denn dann?“

„Ich glaube, dass der KSC bald wieder in der ersten Liga spielt.“ Esther Marquart grinste. „Ganz ehrlich? Im Moment möchte ich lieber noch gar nichts glauben. Denn trotz meines Bauchgefühls muss ich natürlich zugeben, dass der Liebig sich nicht wie jemand verhält, der unschuldig ist. Damit meine ich nicht nur, dass er uns angelogen hat, und seine Geschichte dünn ist. Es sind auch die kleinen Dinge. Zum Beispiel hat er nur sehr wenige Fragen gestellt. Sehen Sie, ein Unschuldiger stellt in der Regel recht viele Fragen, weil er ja eben keine Ahnung hat, was passiert ist und er unter Umständen sogar vollkommen von uns überrascht wird. Er fragt nach, wenn wir vage Andeutungen machen, oder er will wissen, warum er von einem Streifenwagen abgeholt und nicht telefonisch auf das Revier bestellt wird.“

„Oh!“ Sunny runzelte die Stirn.

„Und warum werde ich von Ihnen persönlich abgeholt?“

Die Polizistin grinste erneut.

„Weil wir Ihnen so wenig Unannehmlichkeiten wie irgend möglich bereiten wollten, weil es so am schnellsten geht, denn ich kann Sie während der Fahrt über die wichtigsten Dinge in Kenntnis setzen, und weil ich ohne Sie ohnehin nicht hätte weiterarbeiten können.“

„Und warum soll er es getan haben?“, fragte Sunny nun abrupt. „Sie sprachen vorhin von einem Motiv.“

„Eifersucht. Einige Personen aus Anna Henkes‘ Umfeld haben berichtet, er habe regelrecht versucht sie zu kontrollieren, und es sei wegen seiner Eifersucht immer wieder zum Streit gekommen. Scheinbar war er sogar schon eifersüchtig, wenn sie sich für seinen Geschmack zu oft mit ihren Freundinnen traf, oder wenn sie mal allein shoppen war. Anna Henkes war nicht unbedingt der Typ Frau, der sich gerne Vorschriften machen ließ. Es muss bei den beiden regelmäßig gekracht haben.“

Sunny konnte ein kurzes Lachen nicht unterdrücken. Wenn er wirklich versucht hatte Anna vorzuschreiben, mit wem sie sich wie oft treffen durfte, hatte es bei den beiden mit Sicherheit gekracht. Allerdings verstand sie beim besten Willen nicht, warum Anna überhaupt mit jemandem wie diesem Jan Liebig zusammen gewesen war.

Aber gut, das ist ja nun auch nicht das erste Mal.

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0+
Дата выхода на Литрес:
04 августа 2024
Объем:
233 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783765091391
Правообладатель:
Bookwire
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