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Knochenfeuer
Das Geheimnis hinter den goldenen Augen
Jenny Pieper

Copyright © 2020 by


Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Nina Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainsky

Bildmaterial: Shutterstock

Illustrationen: Jenny Pieper

ISBN 978-3-95991-510-6

Alle Rechte vorbehalten

Für meinen Mann

Dein Lachen bewegt

meine Welt.

Inhalt

1. Kindra

2. Kindra

3. Saki

4. Kindra

5. Saki

6. Kindra

7. Saki

8. Kindra

9. Saki

10. Kindra

11. Saki

12. Kindra

13. Saki

14. Kindra

15. Saki

16. Kindra

17. Saki

18. Kindra

19. Saki

20. Kindra

21. Saki

22. Kindra

23. Saki

24. Kindra

25. Saki

26. Kindra

27. Saki

28. Kindra

29. Saki

30. Kindra

31. Saki

32. Kindra

33. Saki

34. Kindra

35. Saki

36. Kindra

37. Saki

38. Kindra

39. Saki

40. Kindra

Epilog

Danksagung

1

Kindra
Geschichtenjagd


Neun Jahre zuvor

Zitternd griff ich nach der Kapuze und zog sie tiefer ins Gesicht. Ich presste mich an Noba, die rechts von mir stand. Sie legte mir einen Arm um die Schulter und drückte mich an sich, doch mein Körper bebte. Die Berührung beruhigte mich nicht. Banditen waren wie aus dem Nichts vor uns aufgetaucht und hatten uns den Weg abgeschnitten.

Während der Regen auf uns niederprasselte, donnerte Korks Stimme hart und bedrohlich durch die Luft.

»Was wollt ihr von uns?«

Unter dem Saum meiner Kapuze hindurch konnte ich Korks Füße sehen. Er trat vor mich und Noba. Das Leder seiner Stiefel war mit Matsch beschmutzt und aufgeweicht. Wasser spritzte bei seinen Schritten unter den Sohlen hervor und ich hörte das vertraute Klirren, als er sein Schwert zog. Er senkte die Hand und die Spitze tauchte funkelnd neben seinem linken Knöchel auf. Meine Hände zitterten und ich war in Versuchung, unseren Feind anzusehen. Doch ich hielt den Kopf gesenkt.

Ein düsteres Lachen erklang vor uns, bevor hinter uns weitere Stimmen in das Gelächter einfielen. Wir waren umzingelt.

»Was habt ihr denn zu bieten?«, wollte die fremde Stimme wissen.

Mit der Spitze der Klinge zog er kleine Kreise neben seinem Bein und verlagerte das Gewicht vom linken auf den rechten Fuß. Nobas Armmuskeln spannten sich an. Ihre Hand lag noch auf meiner Schulter, doch unter dem Stoff ihres Umhangs spürte ich, dass sie ihre rechte Hand an ihre Hüfte führte, wo sie ihren Dolch versteckt hielt. Sie bereitete sich auf einen Kampf vor.

»Wir sind arme Landstreicher«, log Kork. »Wir haben nichts.«

»Deine Klinge würde mir reichen«, sagte einer der Männer und kam näher.

Meine Beine zitterten. Plötzlich klirrte Metall auf Metall und ich schnappte nach Luft. Die Männer stürzten sich in den Kampf und ihre Schritte erzeugten eine schaurige Melodie. Ich beobachtete weiterhin den Matsch um mich herum, auch wenn ich am liebsten weggelaufen wäre. Noba ließ mich los und machte einen Schritt zur Seite. Ich zuckte zusammen und vermisste augenblicklich ihren Schutz.

»Links«, sagte sie und ich gehorchte, sprang nach links und wich ungesehenen Gefahren aus.

»Ducken«, zischte sie und ich duckte mich.

»Hinten!«

Ich wich zurück, rutschte auf einem nassen Ast aus, taumelte und fiel zu Boden. Bevor ich mich aufrappeln konnte, packten mich zwei kräftige Hände an den Schultern und zerrten mich auf die Beine. Die Gestalt riss mich herum und zog mir die Kapuze vom Kopf. Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Mann mich an. Er pfiff und drehte mich abermals um. Nun erblickte ich die Kampfszene, die sich mir auf dem Waldweg darbot. Kork kümmerte sich um drei Angreifer, einer davon lag gekrümmt am Boden, während die anderen zwei ihn umkreisten. Noba rammte einem Mann ihren Dolch in den Bauch. Er sackte auf die Knie, presste seine Hände gegen die Wunde und stöhnte, bevor er zu Boden fiel. Von rechts sprang eine Frau auf Noba zu und kratzte ihr übers Gesicht.

»Ihr werdet es nicht glauben«, rief der Mann, der mich festhielt. »Wir haben ein Goldkind gefangen!«

Chaos brach aus. Kork erstarrte für den Bruchteil eines Augenblicks. Einer seiner Angreifer nutzte diese Gelegenheit und schnitt ihm mit einem Messer ins Bein. Taumelnd wich Kork einen Schritt zurück, bevor er sich wieder fing. Er parierte die Klinge des zweiten Angreifers und duckte sich, um im nächsten Atemzug kräftig gegen das Knie des ersten zu treten. Es knackte laut, dann folgte ein schmerz­erfüllter Schrei. Die Frau neben Noba starrte meine goldenen Augen mit geöffnetem Mund an – ein Fehler, den sie büßen sollte. Noba schlug ihr mit dem Dolchknauf auf den Hinterkopf und die Frau sackte bewusstlos zusammen.

Mit gebeugten Knien und erhobenem Dolch stand Noba bereit wie eine Katze zum Sprung. Ihr schwarzes Haar klebte nass an ihren Wangen, umrahmte ihre geradlinigen Gesichtszüge. Sie blickte von mir zu Kork. Die Zeit schien stillzustehen, während mir das Herz in der Brust fast zersprang. Sie setzte den rechten Fuß nach vorn, um Kork zu Hilfe zu eilen.

Die Hände des Mannes zitterten auf meinen Schultern, dann zog er sein Messer und hielt es mir an die Kehle. Kühl traf das Metall auf meine Haut.

Noba duckte sich und sprang auf Korks Angreifer zu. Sie rammte ihm den Ellbogen in den Rücken. Gleichzeitig traf Kork ihn mit der Klinge an der Taille und der Mann sank zu Boden.

Einen Herzschlag lang verharrten ihre Blicke auf dem schlaffen Leib, dann lösten sie sich und kamen langsam auf mich und meinen Geiselnehmer zu. Bedrohlich und stark glänzten Nobas und Korks nasse Körper im schwachen Licht, das nur spärlich durch einzelne Risse der Wolkendecke brach. Wassertropfen funkelten auf dem Leder ihrer Kleidung und färbten die Umhänge dunkel.

»Lass sie los«, donnerte Korks Stimme.

Die Arme des Mannes hinter mir bebten, die eiskalte Klinge berührte zitternd meine Haut am Hals. »Ich bring sie um«, sagte er laut, doch seine Stimme brach.

»Wenn du sie gehen lässt, tun wir dir nichts.« Noba blickte dem Mann mit erhobenem Kinn entgegen. Das Funkeln in ihren Augen wirkte ehrlich. Selbst nach all den Jahren zweifelte ich für einen Moment an ihrer Lüge.

Der Mann zögerte, ließ dann aber von mir ab, schubste mich auf Noba zu und rannte davon. Kork zog ein Wurfmesser aus seinem Umhang und mit einer gekonnten Armbewegung warf er es dem Mann hinterher. Es fand sein Ziel im Rücken des Mannes, der hinfiel und reglos am Boden liegen blieb.

Kork ging zu den Verwundeten und tötete sie mit einem gezielten Stich in den Hals.

Noba nahm mich in den Arm und mein Herzschlag beruhigte sich. In einer fließenden Bewegung zog sie mir die Kapuze über den Kopf, wo sie hingehörte. Der feuchte Stoff klebte an meiner Haut und verbarg das einzig sichtbare Zeichen für meine Absonderlichkeit – meine goldenen Augen.

»Es ist besser so«, murmelte sie.

Tränen liefen mir über die Wangen und vermischten sich mit dem Regen. Noba schob mich zu Kork.

»Bist du verletzt?«, fragte sie ihn.

Er brummte und fuhr mit dem Finger über den Riss in seiner Hose. Der Stoff war blutgetränkt und klaffte über dem tiefen Schnitt auf. Ich strich mir mit den Händen die Tränen und den Regen aus dem Gesicht, dann berührte ich Korks Wunde. Das Blut wärmte meine Finger. Darunter begann die Haut zu vibrieren und die Verletzung verheilte.

Noba ging neben mir in die Hocke.

»Danke«, sagte sie und Kork drückte mir einen Kuss auf den Kopf.

In Nobas Gesicht leuchteten die Kratzer in verschiedenen Rot­tönen. Ich drückte meine Wange an ihre und die Wunden verschwanden unter meinen Tränen. Noba schlang die Arme um mich und hob mich hoch. Sie wiegte mich ein paar Mal hin und her, ehe sie mich zurück auf den Boden sinken ließ.

Schweigend setzten wir unsere Reise fort.


Dicke Tropfen fielen vom dunklen Himmel herab. Der Wind blies stärker als sonst und heulte melodisch durch die Höhle, in der wir Schutz gesucht hatten. Seit einem Jahr reisten wir nun schon durch das Gebiet des Ewigen Regens. Meine Kleider waren nass und in dieser Zeit nie richtig getrocknet. Ich rieb mir über die Arme, um das klamme Gefühl zu vertreiben. Vergeblich.

Neben der Kälte nistete sich etwas Neues in mir ein. Weitere Bilder von Toten, die aufgrund meiner Existenz ins Verderben getrieben worden waren.

Ich krabbelte zu Noba, die an einer Wand auf dem Boden saß, und kuschelte mich an sie. »Erzählst du mir eine Geschichte?«

Noba strich mir sacht übers Haar und nahm mich in den Arm. »Was möchtest du denn hören?«

»Wie ihr euch kennengelernt habt!«, rief ich und machte es mir an Nobas Brust bequem. Kork brummte im Schlaf und drehte sich um.

»Also gut«, begann Noba. »Es begann alles vor neun Jahren. Kurz bevor wir dich gefunden haben.« Mit ihren Fingern fuhr sie über meinen Arm, während mich ihre Stimme leise in eine andere Zeit entführte. »Kork und ich jagten der Legende der Golddüne hinterher, durch die wir uns Vergebung unserer Fehler und neuen Ruhm erhofften. Er für seinen Clan und ich für meinen. Wir begegneten uns in der Wüste, und wie du weißt, wollte keiner dem anderen den Schatz überlassen.« Ein Lächeln schwang in ihrer Stimme mit und ich schloss die Augen.

»Wie war es an diesem Tag in der Wüste?«, fragte ich.

»Es war heiß und der Sand peitschte uns gegen die Beine, während wir unermüdlich gegeneinander kämpften.«

»Du hast gewonnen«, sagte ich. Die Geschichte kannte ich bereits auswendig. Trotzdem hörte ich sie gern.

Noba lachte. »Ja, ich habe gesiegt und Kork davongejagt.«

»Und dann?«, fragte ich, um die Erzählung wieder Noba zu übergeben. Ich öffnete die Augen und suchte ihren Blick, doch die Dunkelheit der Höhle verschluckte uns und verhüllte Nobas Gesicht vor mir.

»Ich setzte meinen Weg fort und erreichte die Schlucht, in der der Schatz der Legende nach verborgen war. Doch sie war leer. Ich weiß nicht, ob der Schatz jemals existiert hat oder ob ihn jemand vor mir gefunden hat.«

Ich verschränkte die Finger mit ihren und dankte ihr still. Die Legende hatte Noba fort von ihrer Heimat und hin zu mir geführt.

»Ohne den Schatz konnte ich nicht zurück. Zu groß wäre die Schande gewesen. Während ich umherirrte, wurde ich vom Sandvolk überfallen, ein Pfeil traf mich in die Schulter und ich stürzte eine Düne hinab.« Noba legte ihre Wange auf mein Haar und lachte kaum hörbar. »Kork war mir gefolgt, weil er dachte, er könne mir den Schatz abnehmen. Doch er rettete mich. Er trug mich zwei Tage lang durch die Wüste.« Beim Klang seines Namens gab Kork ein brummendes Geräusch von sich. Ob er uns zuhörte?

In Nobas Stimme schwang Zuneigung mit, als sie weitersprach: »Er hätte mich zurücklassen können, aber er hat es nicht getan. Stattdessen floh er mit mir vor dem Sandvolk. Wir rasteten in einer kleinen Ruine im Westen der Wüste und Kork fand dort ein großes goldenes Ei.«

Ich hielt die Luft an, wie jedes Mal an dieser Stelle, bevor Noba die Worte aussprach, mit der sie die Geschichte beendete und mein Leben begann.

»In diesem Ei warst du.«


Am nächsten Morgen rüttelte mich Kork wach. Ich rieb mir die Augen und setzte mich auf. Der Feuerschein tanzte in den Schatten der Höhle. Ich robbte näher und rieb die Hände gegeneinander, bevor ich sie vor den Flammen wärmte. Draußen herrschte diesiges Licht und langsam herabfallende, schwere Tropfen perlten vom Eingang der Höhle.

»Wir gehen bald weiter«, sagte Kork und ich rollte als Antwort meine Decke zusammen. Nachdem ich das Bündel festgeschnürt hatte, stopfte ich es in meinen Beutel und legte diesen an die Wand.

»Hast du schon Frühstück gemacht?«, fragte ich ihn und sah wieder nach draußen. Der Regen hatte fast aufgehört, aber nur fast. Weniger als jetzt wurde es nie. Ich hatte den Ewigen Regen satt. Viel mehr mochte ich die Wüste, in der wir die ersten Jahre verbracht hatten. Am liebsten würde ich dorthin zurückkehren. Doch im Regen konnte ich mich gut unter meiner Kapuze verstecken. Trotzdem war das steinerne Tal, in dem dieses schreckliche Wetter herrschte, unsicher. Es war egal, wo ich mich aufhielt. Überall lebte ich in Gefahr.

Kork brummte und schüttelte seine nassen Haare. Der spitze Bart, der ihn als Krieger auszeichnete, war verwachsen und krumm, während sein Körper weiterhin verriet, wie unglaublich stark er war.

»Ich bin bestimmt eine Stunde in der Kälte herumgeirrt. Ohne Erfolg.«

Ich seufzte, setzte mich nah ans Feuer und starrte in die Flammen. Noba war noch unterwegs und ich hoffte, dass sie fündig wurde. Mein Magen zog sich bei dem Gedanken zusammen, schon wieder auf Essen verzichten zu müssen.

Kork ließ sich neben mir nieder und reichte mir einen dicken, kurzen Ast, der neben dem Feuer zum Trocken gelegen hatte. »Zirbel­holz«, sagte er und nahm sich einen zweiten. Aus einer kleinen Scheide an meiner Hüfte holte ich das Messer hervor, das ich mit Kork zusammen hergestellt hatte. Die Klinge war aus einem schimmernden schwarzen Stein, den wir in der Wüste gefunden hatten. Das Material war so fest, dass wir es nur bearbeiten konnten, weil der Stein aus mehreren robusten Scheiben bestand, die wir voneinander trennen konnten.

Kork zeigte mir, wie man schnitzte, und ich ahmte ihn nach. Langsam verwandelte sich das Holz in meinen Händen zu einem Vogel.

Wir versanken in unseren Gedanken und sahen erst wieder auf, als Noba eine Stunde später in die Höhle trat. Grinsend hielt sie zwei Hasen in die Höhe. Kork verdrehte die Augen, aber seine Mundwinkel zuckten verräterisch. »Angeberin«, meinte er mit einem Schmunzeln.

Zur Antwort hob Noba provozierend eine Augenbraue und entlockte Kork damit ein brummendes Lachen.

Wir grillten die Hasen über dem Feuer. Einen packten wir für unterwegs ein und den zweiten teilten wir direkt auf.

»Gehen wir weiter nach Osten?«, fragte ich.

Noba nickte und presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. »Wir können auch umkehren«, sagte sie, doch ich hörte die Hoffnung ihrer Stimme, die verriet, wie sehr sie sich einen Ort wünschte, an dem sie ankommen konnte. Und der lag im Osten, wenn wir der Geschichte glaubten.

»Nein«, sagte ich schnell. Ich drehte das Fleisch in den Händen, froh über das Essen. Doch die Unsicherheit über die Existenz unseres Ziels ließ sich damit nicht vertreiben. »Glaubt ihr, dass die Geschichte vom Versteckten Dorf stimmt? Dass die Sonne das Dorf tatsächlich beschützt?« Ich sah erst in Nobas und dann in Korks Augen, die einen Funken Hoffnung enthielten, seit wir vor einigen Wochen von diesem Ort gehört hatten. Ihr Blick löste in mir den Wunsch aus, Noba und Kork etwas zurückzugeben. Seit vielen Jahren zogen sie gemeinsam mit mir rastlos durch das Land, aus Angst, jemand würde mich erkennen und an die Eisendynastie verkaufen. Noba und Kork hatten viel für mich aufgegeben. Nun war ich an der Reihe.

Trotzdem behagte es mir nicht, weiter nach Osten zu ziehen – geradewegs auf das feindliche Land zu.

»Ich glaube, dass es einen Versuch wert ist, das Dorf zu suchen«, meinte Kork. Er zuckte mit den Schultern. »Auch wenn wir unterwegs Eisenmännern begegnen könnten. Aber mit ihnen werden wir im Notfall schon fertig.«

Der Name der Einwohner der Eisendynastie jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich hatte noch nie einen gesehen, doch ich stellte sie mir als große Männer vor, kalt wie Eisen und mit gierigen Augen. Sie verschleppten Goldkinder wie mich und brachten sie ihrem König. Bisher hatten sie sich noch nicht über die Grenze gewagt und nur in ihrem eigenen Land Jagd auf meinesgleichen gemacht. Hatte sich das geändert? Ein mulmiges Gefühl lag in meinem Bauch. Das Versteckte Dorf befand sich angeblich direkt am Grenzfluss. Ob die Kraft der Sonne es wirklich vor der Eisendynastie schützte?

»Es gibt Eisenmänner im Gezeitenreich?«, flüsterte ich ungläubig.

»So ein Blödsinn. Warum sollten wir auf unserem Weg Eisen­männern begegnen?«, fragte Noba. Sie warf einen abgenagten Knochen ins Feuer und starrte Kork herausfordernd an.

»Es gab immer wieder Überfälle.« Kork verschränkte die Arme. »Die Eisenmänner sind unter uns. Auf dieser Seite der Grenze!«

Noba lachte kurz. »Gibt es dafür Beweise?« Sie stand auf und stemmte die Hände in die Hüfte. Sie tat selbstsicher, aber ihre Unruhe war durch ihre Angst begründet, Kork könnte recht haben.

»Natürlich gibt es die!« Kork sprang auf die Füße. »Verschwundene Goldkinder. Brennende Städte. Das ist das Werk der Eisenmänner.«

Noba stieß ihm mit dem Finger gegen die Brust. »Das könnten auch einfache Banditen gewesen sein«, meinte sie.

Ich stand auf und schulterte meinen Beutel. Das Seil drehte ich zwischen den Fingern. »Aber das Dorf ist sicher, oder?« Augenblicklich beruhigten sich die beiden.

Kork stahl sich einen schnellen Kuss von Noba und beendete damit ihre Diskussion. Seine Gesichtszüge wurden weich und er legte mir die Hände auf die Schultern. »Sicher und von Magie umgeben.«

»Und schlecht zu finden«, ergänzte Noba. »Das Dorf lässt nicht alle Besucher eintreten.«

»Und wir dürfen passieren?« Ich schluckte, gespannt auf ihre Antwort.

Noba streichelte mir über die Wange. »Du bist etwas Besonderes. Die Sonne wird dich sicher schützen wollen.«

Ungesagt blieb ein Satz in der Luft hängen, den keiner von uns erneut aussprechen wollte: Wenn die Geschichte wahr ist.

Schweigend traten wir aus der Höhle in die kalte Umarmung des Regens.


Bei dem Anblick der verschütteten Straße sammelten sich Tränen in meinen Augen und ich presste die Hände dagegen. Zu wertvoll war die heilende Magie meiner Tränen, die ich vergeudete. Das Einzige, was ich Noba und Kork bisher hatte zurückgeben können.

»Wir finden einen anderen Weg«, krächzte Kork. Seine Stimme wurde vom Regen beinahe übertönt, doch ich erkannte die Unsicherheit, die sich mittlerweile eingeschlichen hatte. Wie oft hatte er das bereits gesagt? Sieben Mal?

Ich schluckte und versuchte stark zu sein, so wie Noba und Kork es für mich waren. Also nahm ich die Hände von den Augen und betrachtete den versperrten Weg vor uns. Schon wieder eine Sackgasse. Mein Blick wanderte über die Felswände, die sich unüberwindbar hoch zu beiden Seiten erstreckten, so weit wir sehen konnten.

»Ziehen wir weiter!«, rief uns Noba zu. Der Regen wurde stärker und eine Windböe peitschte die Tropfen in unsere Gesichter. In Strömen floss das Wasser den Weg runter, den wir heraufgekommen waren.

»Seht, dort.« Kork deutete auf eine Stelle an der Felswand, die uns den Weg zu unserem Ziel versperrte.

Wir kämpften uns näher heran und erkannten eine Öffnung.

»Vielleicht eine Höhle?«, fragte Noba und zwängte sich hinein. Wir warteten einige Herzschläge, bis sie uns zurief, dass wir ihr folgen sollten. Hatte ich mir vor Tagen noch über Korks abgemagerten Zustand Sorgen gemacht, so war ich nun froh, dass er durch die Felsspalte passte.

Ich rollte mich in der kleinen Höhle zusammen, während Noba und Kork noch einmal loszogen, um Feuerholz und etwas zu essen zu suchen.

Sie kehrten mit leeren Händen zurück.

Als die Nacht kam, erlosch auch das letzte diesige Licht, das durch die Spalte in die kleine Höhle gefallen war.

»Wieso?«, jammerte ich. »Wieso ist es so schwer?«

»Es heißt nicht umsonst das Versteckte Dorf.« Noba regte sich, strich über meine Schulter und suchte nach meiner Hand. Als sie sie gefunden hatte, drehte sie die Handfläche nach oben. »Stell dir vor, deine Hand ist Odre, unsere Welt.«

Ihre Fingerspitzen kitzelten, als sie mir über meine Haut strich.

»Odre ist eine Scheibe wie deine Hand. Am Rand befindet sich ein Gebirge, hinter dem das Ende der Welt liegt.« Mit ihrem Finger zog sie einen Kreis um meine Handfläche, malte die Bergkette in meinen Gedanken, um dann anzudeuten, vom Rand zu fallen. Was sich hinter dem Gebirge und unter der Scheibe befand, wusste keiner. Bis dahin war noch nie jemand vorgedrungen – oder zumindest nicht lebend zurückgekehrt. Während Noba weitersprach, strich sie mit einem Finger mittig über meine Handfläche. »Der Grenzfluss Hayes trennt unser Reich von der Eisendynastie.«

Noba ließ ihren Finger über den Teil meiner Handfläche wandern, der das Gezeitenreich darstellte. Sie zeichnete das Gebiet des Tiefen Winters im Norden ein, den Beständigen Herbst im Nord­westen, gefolgt vom Keimenden Frühling in Südwesten. »Und hier ist der Immerwährende Sommer.« Mit ihrem Finger strich sie über meine Handfläche, wo der Süden lag.

»Ich mochte die Wüste«, flüsterte ich.

»Die Wüste ist nicht alles, was der Sommer zu bieten hat«, mischte sich Kork ein.

»Ist sie nicht?«

»Nein«, stimmte ihm Noba zu. Mit ihrem Finger wanderte sie vom Süden ein Stück hinauf. »Das Versteckte Dorf soll sich hier in einer Senke befinden. Man sagt, es ist im Osten vom Hayes, im Norden und Westen von einer Bergkette und im Süden von der Wüste umgeben.«

Mit ihren Worten und dem Finger malte Noba ein Bild vor meinem inneren Auge. Ich versuchte mir das Dorf vorzustellen, das direkt am Grenzfluss lag. Die Strömung riss angeblich jeden unter die Oberfläche, der versuchte, ihn zu überqueren.

»Warum gehen wir nicht von Süden durch die Wüste?«, fragte ich und Hoffnung keimte in mir auf. Dann könnten wir endlich diesen Regen verlassen.

»Über dem der Wüste zugewandten Teil des Ortes liegt ein Zauber. Wenn man von dort aus das Dorf aufsuchen will, würde man immer weiter und weiter durch den Sand wandern, ohne jemals ans Ziel zu kommen.« Mit ihrem Finger fuhr sie auf meiner Handfläche ein Stück nach Westen und verharrte in der Mitte des Gezeitenreiches. »Hier ist die Tiefebene, der Ewige Regen. Hier befinden wir uns. Nur von hier kann der Zugang gefunden werden. Die Berge entscheiden, wer auserwählt ist und wer nicht, da sie der Sonne am nächsten stehen.«

Ich schluckte, als mir bewusst wurde, dass wir schon viel zu lange danach suchten. Zu lange schon zogen wir an versperrten Straßen und steilen Felswänden vorbei, ohne eingelassen zu werden.

Sie griff sanft meine Hand, zog mich an sich und drückte mir einen Kuss auf den Haaransatz. Ich war versucht, die Augen zu schließen und diesen kurzen Moment zu genießen. Doch ein Grollen ließ Noba aufspringen.

Bevor ich begriff, was passierte, hörte ich brechenden Stein. Die Höhle erbebte und Geröll löste sich irgendwo über unseren Köpfen. Das Geräusch kam aus der Richtung des Höhlenausgangs. Ich schnappte nach Luft und wimmerte: »Sind wird eingesperrt?«

Als das Gepolter verstummte, brach Unruhe in unserer Höhle aus. Mein Wimmern vermischte sich mit Nobas und Korks Stimmen. Sie eilten durch die Höhle, inspizierten vermutlich den Ausgang, doch es war viel zu dunkel, um etwas zu erkennen.

Während Noba und Kork durcheinanderredeten, wich ich zurück. Wir waren eingeschlossen. Würde unsere Suche hier enden? Würden wir hier sterben?

Noba und Kork versuchten, die verschüttete Felsspalte freizulegen. Doch ihre verärgerten Rufe nahmen mir alle Hoffnung. Ich krabbelte noch ein Stück weiter zurück an das hintere Ende der Höhle. Doch die Erschütterung schien mehr gelöst zu haben als nur das Gestein am Höhleneingang.

Der Boden unter mir erzitterte und gab nach. Mit einem spitzen Schrei rutschte ich rückwärts in die Tiefe. Einige Herzschläge lang hielt ich die Luft an, dann prallte ich mit dem Rücken gegen eine Felswand, die mich stoppte. Sternchen tanzten vor meinen Augen. Ich schnappte nach Luft und konzentrierte mich auf Nobas Stimme, die meinen Namen rief.

»Ich bin hier«, keuchte ich und hoffte, dass sie mich hörte. Ein Luftzug streifte meine Wange. Zitternd richtete ich mich auf und mein Herz stolperte, als ich mich weiter vorantastete. Hinter einer Biegung entdeckte ich einen Spalt in der Felswand, der groß genug war, um hindurchzupassen. Der Tag brach an und hieß uns willkommen. Wir durften das Dorf betreten.


Nachdem wir uns aus der Höhle gekämpft hatten, standen Noba, Kork und ich auf einem grünen Hügel. Das Gras reichte mir bis zu den Waden. Zu unseren Füßen breiteten sich weitere Hügel aus, die ein kleines Dorf umrahmten. Das Versteckte Dorf. Wir hatten es gefunden. Ich war mir sicher.

Ich breitete die Arme aus und drehte mich ein paar Mal im Kreis. Dieser Moment war wie ein Traum.

Als ich stoppte, wurde mir ein bisschen schwindelig, aber das machte nichts. Denn das erste Mal seit Langem spürte ich ein Lachen in meiner Brust erwachen und ich ließ es ohne Bedenken frei. Noba und Kork stimmten ein.

Der Fluss glitzerte und wand sich am östlichen Dorfrand entlang. Hinter uns im Westen zog sich eine Felswand Richtung Norden und gipfelte in einem riesigen Berg mit weißer Kuppe. Im Süden verlief sich das Grün und sosehr ich mich auch streckte, die Wüste konnte ich nicht erkennen. Funktionierte der Zauber aus dieser Richtung ähnlich? Würde man von hier ewig über satte Wiesen wandern und nirgendwo ankommen?

Goldene Schlieren bedeckten wie flüssige Sonnenstrahlen den Himmel. Sie waberten in der Luft und bildeten eine Kuppel über der Senke.

Ich legte den Kopf in den Nacken. »Die Magie der Sonne?«, hauchte ich. Es gab sie wirklich.

»Sie ist wunderschön«, raunte Noba.

Sie verschränkte ihre Finger mit meinen. Gemeinsam gingen wir den Hang hinunter und Richtung Dorf. Je näher wir kamen, desto getrübter wurde meine Freude. Zurück blieben nur die gewohnten Bedenken. Ich griff nach Nobas Ärmel, der immer noch klamm war. »Was, wenn sie mich doch verkaufen?«

»Kindra.« Noba seufzte mit einem Lächeln, doch mir konnte sie nichts vormachen. Auf ihrem Gesicht lag der übliche Schatten der Unsicherheit. »Das Dorf hat uns hereingelassen. Es wird uns beschützen.«

»Aber der Fluss«, raunte ich. »Hält die Magie uns wirklich vor Blicken und Übergriffen aus der Eisendynastie verborgen?«

»Das werden wir herausfinden!« Noba drückte mich an sich und Kork ging neben mir in die Hocke.

»Ich werde nicht zulassen, dass jemand dich in die Finger bekommt!«

»Und wenn wir alle aus dem Dorf vertreiben müssen und es uns allein gemütlich machen«, fügte Noba hinzu.

Ich lächelte und schüttelte den Kopf. »Das können wir nicht machen!«, rief ich aus und kicherte. Die Vorstellung, dass Noba und Kork mich verteidigten, gab mir Mut. Doch was genau würde mich erwarten, falls ich doch in die Hände der Feinde gelangte? Die Eisenmänner wollten das Blut und Körperteile der Goldkinder für ihre Goldmagier. Würden sie mich foltern? Mir wehtun? Mich töten, um zu bekommen, was sie wollten?

Als wir das Dorf erreichten, erkannte ich das Symbol der Sonne an den Hütten über jedem Eingang. Es schien überall zu sein. In der Mitte des Marktplatzes stand eine Säule, auf der eine steinerne Sonne thronte.

»Bei der Kraft der Sonne!«, rief eine Frau aus und schnell scharte sich eine Menschentraube um uns. »Willkommen!«

Die Menschen redeten wild durcheinander und bald begrüßte uns ein Kanon etlicher Stimmen. Ich klammerte mich an meine Kapuze, während Kork mit einer Frau sprach, die uns in ihr Gasthaus einlud.

Ich spürte die Begeisterung der Umstehenden, die wild durch­einanderredeten.

»Die Sonne hat uns neue Einwohner geschenkt!«

»Gepriesen sei ihre Macht!«

»Neue Seelen in unserem Zuhause!«

Leiser ertönte eine Kinderstimme: »Habt ihr Geschichten mitgebracht?«

Als mich eine kleine Hand berührte, die zu der Stimme gehören musste, zuckte ich zurück und hob den Kopf. Eine Angewohnheit, die ich eigentlich gut unter Kontrolle hatte.

Ich starrte in die blauen Augen eines blonden Jungen, der vermutlich so alt war wie ich. Als er mein Gesicht sah, öffnete er den Mund zu einem Oh. Mein Herz hüpfte und ich machte mich bereit für seine Reaktion. Doch sie war anders, als ich erwartet hatte.

»Sind die echt?«, raunte er und zeigte auf mein Gesicht. Er meinte meine goldenen Augen. »Sie sind so schön!«

Hastig senkte ich den Kopf und krallte die Finger in meine Kapuze. Doch meine Mundwinkel gehorchten mir nicht und ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen.

»Ich bin Saki!«, plapperte der Junge weiter. Er wandte sich an eine andere Person. »Dürfen wir an den Fluss spielen gehen?«

»Saki«, schalt ihn die Frau, die mit Kork über das Gasthaus gesprochen hatte. »Lass unsere Gäste erst einmal ankommen. Sie haben bestimmt Hunger.«

»Dann nach dem Essen!«, beharrte er und wieder musste ich grinsen.

»Wir wollten das eigentlich etwas dezenter ansprechen«, Nobas Stimme ertönte. »Ihre Identität …« Ich spürte, wie mich mehrere Blicke trafen.

Doch der Junge lachte nur. »Es ist egal, wer du bist. Meine Mama sagt, bei uns im Dorf gibt es nur eine Regel: Hilfst du mir, helfe ich dir!«

Von da an waren Saki und ich unzertrennlich.

2

Kindra
Ein letztes Lächeln


Stille lag über Grünfrey, dem Versteckten Dorf, während sich die Sonne von ihrem tiefsten Stand, halb über, halb unter dem Horizont, langsam wieder in den Himmel hob. »Ich liebe es.« Ich seufzte und betrachtete das Farbenspiel in den Wolken, das sich auf der Wasser­oberfläche des Hayes spiegelte und mit den goldenen Schlieren der Sonnenmagie vermischte.

Trotz der Schönheit der Dämmerung und der nie untergehenden Sonne wandte ich den Blick ab und betrachtete den Jungen neben mir, der mindestens genauso schön war. Die satten Sonnenstrahlen ließen Sakis blonde Haare in einem warmen Orange schimmern. Mein Blick wanderte über seine Arme, die von der Feldarbeit drahtig und stark waren. Zwischen den Fingern drehte er den kleinen Holzvogel, den ich vor neun Jahren geschnitzt hatte.

»Du hast ihn immer noch?«, fragte ich und Hitze stieg in meine Wangen.

Er hielt den Blick auf den Fluss gerichtet, während ein kleiner Windstoß das Leinenhemd gegen seinen Oberkörper drückte. »Er ist mein Glücksbringer«, antwortete er und schob ihn in seine Hosen­tasche.

Mein Blick fuhr sein Profil nach und als er grinste, wurde mir mein Herz leicht. Er nahm einen Stein und warf ihn in den Grenzfluss. Die Wasseroberfläche schlug kleine Wellen, bevor sie sich wieder beruhigte und die Strömung ihre gewohnten Muster zog.

Seit dem Tag meiner Ankunft war dies unser Ritual. Jeden Morgen, bevor das Dorf erwachte und wir unseren Pflichten auf den Feldern nachgingen, trafen wir uns hier.

»Ich wollte es nicht glauben«, sagte ich mit einem Lächeln und sah in Sakis Gesicht, tauchte in seine blauen Augen ein, mit denen er mich intensiv musterte.

Er lachte und mein Herz begann wilder zu schlagen. »Ich erinnere mich an die ersten Nächte, die du stur hier gesessen hast.« Seine Augen nahmen einen verträumten Ausdruck an, während er auf das Ufer zeigte.

Ich senkte den Blick, spürte, wie meine Wangen brannten. Wenn ich ihn noch länger betrachtete, würde wieder dieser Wunsch erwachen, ihn küssen zu wollen. Doch für diesen Schritt war ich noch nicht bereit. Meine Blicke wanderten daher über die Wiese, auf der wir saßen, und ich betrachtete die Welt, die außerhalb der magischen Kuppel lag. Der Hayes und die Eisendynastie. Die Grünfläche am anderen Flussufer wurde in etwa fünfzig Yards von einem Wald abgelöst.

»Wie oft habe ich dir geschworen, dass die Sonne hier nicht untergeht?«

»Hunderte Male.« Ich kicherte.

»Und wie oft wolltest du mir nicht glauben?«

»Hunderte Male.«

Diesmal lachte er. Er ließ sich zurück ins Gras fallen und ich legte mich neben ihn. Sein Körper strahlte eine Wärme ab, die mir eine Gänsehaut über die Arme jagte.

Unsere Finger berührten sich fast und wenn ich mich nur etwas bewegte, könnte ich seine Hand halten.

Stur sah ich in den Himmel, tastete mich langsam voran. Als sich unsere Hände trafen, sah ich aus dem Augenwinkel, wie Saki den Kopf drehte. Ich hielt die Luft an und wartete auf seine Reaktion.

Er wandte das Gesicht wieder dem Himmel zu, doch ganz vorsichtig verschränkte er seine Finger mit meinen.

Mein Herz stolperte, setzte einen Schlag aus und pochte dann umso kräftiger. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf diese Berührung, nahm diesen Moment in mich auf und vergaß beinahe, wie schwierig der Weg bis hierher gewesen war.

»Neun Jahre ist es her«, raunte Saki, als würde er meine Gedanken erahnen.

Ich brummte zustimmend.

»Ich bin froh, dass du uns gefunden hast.«

Er drückte meine Hand und ich öffnete die Augen. Als ich mich ihm zuwandte, blickte ich ihm direkt ins Gesicht. Er war nur ein paar Zoll entfernt. Saki, der Junge, den ich insgeheim liebte. Mein Zuhause.

Die Welt um uns herum schien stillzustehen. Das Plätschern des Wassers und die Gesänge der Vögel verschwanden in den Hintergrund und das einzige Geräusch schien mein zu lauter Herzschlag zu sein.

Wollte er es auch?

Dachte er auch daran, mich zu küssen? Mich, ein Goldkind?

Er lächelte und rückte ein Stück näher an mich heran. »Du bist so …«, flüsterte er.

Doch bevor er sagen konnte, was ich war, rief jemand meinen Namen. Ich schreckte auf und sprang auf die Füße. Noba stand am Dorfrand, einen Korb in den Händen.

»Die Pflicht ruft.« Sie winkte mich zu sich.

Saki stand ebenfalls auf und griff noch einmal nach meiner Hand. Die Berührung kribbelte auf meiner Haut und ich hielt gebannt die Luft an. »Ich würde es nie wagen, ihr zu widersprechen. Aber ich bin in Versuchung, dich nicht loszulassen.«

Seine Worte zauberten mir ein Lächeln ins Gesicht, das so ehrlich und leicht war, dass ich glaubte zu schweben.

»Ich verspreche dir, dass wir morgen da weitermachen, wo wir heute aufgehört haben«, flüsterte ich und Hitze stieg mir in die Wangen.

Konnte es sein, dass Saki mehr für mich empfand?

»Ich werde heute Nacht kein Auge zutun«, raunte er. »Bis morgen.«

»Bis morgen«, bestätigte ich und ließ tausend Worte ungesagt. Seit wann war das so? Mein Herz schlug schnell, als ich Saki einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte und ihn dann widerwillig zurückließ.


Die Sonne stand hoch am Himmel, als ich seufzend den Blick hob. Es war weit nach Mittag. Wenn ich die Augen schloss, sah ich wieder Sakis Gesicht so nah vor meinem.

»Bringst du das bitte zu den Karens und kommst mit Saki zurück? Ihr müsst mir beim Tragen helfen.« Noba riss mich in die Gegenwart zurück und hob eine der Kisten hoch, die neben ihr im Gras standen. Ihre olivfarbene Haut glänzte im Sonnenlicht und ihr schwarzes Haar fiel ihr verschwitzt in die Stirn. Die Kisten waren mit verschiedenen frisch geernteten Früchten gefüllt, die allein aus unserem Garten stammten. Die Sonne ließ die Aussaat sprießen und ermöglichte es, ganzjährig zu ernten. Seit wir hier lebten, hatte ich nicht mehr gehungert.

Noba reichte mir die kleinste Kiste, die mit Erdbeeren gefüllt war.

Sakis kleiner Bruder wird vor Freude platzen, dachte ich und grinste in mich hinein. Beim Gedanken daran, Saki nach unserem Versprechen gleich wiederzusehen, färbten sich meine Wangen rot.

Ohne weiteres Zögern eilte ich los. Von unserem Vorgarten bis zu Sakis Hütte war es nicht weit. Mit der Kiste in den Händen rannte ich über zwei Hügel, bis die Hütte in Sichtweite kam. Saki stand mit seinem Vater vor der Tür und sein Haar leuchtete golden im Sonnen­schein. Sein Anblick ließ mein Herz straucheln und ich grinste, während ich näher kam. Er war perfekt.

Sein Vater sah wie eine kleinere und ältere Version von Saki aus. Doch die Jahre auf den Feldern unter der magischen Sonne ließen ihn jünger wirken, als er tatsächlich war. Die beiden unterhielten sich und wirkten dabei angespannt.

»…zu still«, hörte ich Saki noch sagen, bevor sie ihr Gespräch unterbrachen und mich musterten, als ich sie erreichte. Im Vorbei­gehen begrüßte ich die beiden, brachte die Kiste in die Hütte und stellte sie auf den Tisch. Im Wohnraum reihten sich Blumentöpfe vor den Fenstern aneinander und bunte Decken und Kissen stapelten sich an einer Wand. Ich liebte diesen Raum, die heimelige Atmosphäre, die ich in all den Jahren auf der Flucht vermisst hatte. Wie gern hätte ich mich jetzt in den kuscheligen Kissenberg hineinfallen lassen und den restlichen Tag gefaulenzt. Aber Noba wartete, also wandte ich mich ab und wollte die Hütte verlassen. Plötzlich erklangen Schreie und ich erstarrte. Sie kamen aus dem Osten, der Richtung, in der die Eisendynastie lag. Das Blut verwandelte sich in meinen Adern zu Eis. Hatten sie uns gefunden? Nach all den Jahren?

»Kindra!«, rief Saki von draußen. Seine Stimme klang belegt. Ich rannte aus der Hütte, prallte mit ihm zusammen und sah in seine geweiteten Augen. Die Schreie waren verebbt und eine unheimliche Stille lag über dem Dorf.

Saki nahm meine Hand und zog mich an sich. Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich sog seinen vertrauten Duft in mich auf. Doch er konnte die Angst nicht vertreiben, die die Schreie in mir erweckt hatten.

Grünfrey war friedlich, Grünfrey war sicher. Die Sonne schützte uns.

So viele Jahre waren in Ruhe vergangen. Das hier war nur ein falscher Alarm. Oder?

»Ich bringe sie weg!«, sagte Saki zu seinem Vater und zog mir die Kapuze über den Kopf. Beinahe hatte ich vergessen, dass dieses Stück Stoff existierte.

»Geht zum Schneegipfel und versteckt euch in der Höhle. Ich hole die anderen und dann folgen wir euch.« Sakis Vater hatte die Augenbrauen zusammengezogen, eine tiefe Furche durchzog seine Stirn. Seine Worte hallten befremdlich in meinem Kopf wider. Diesen Schutzplan hatten wir vor so vielen Jahren entwickelt. Dass er jemals greifen würde …

Ich versteifte mich. »Noba wartet auf uns und ich weiß nicht, wo Kork ist.«

Saki ging einen Schritt zurück und packte meine Oberarme. Seine blauen Augen blickten mir voller Furcht entgegen. »Sie werden nachkommen. Wir müssen dich verstecken, zur Sicherheit.« Er zog mich an der Hand aus dem Dorf hinaus zu den westlichen Hügeln. Der Eingang zum Bergpfad lag nordwestlich des Dorfes. Widerwillig setzte ich meinen Körper in Bewegung.

Geduckt liefen wir hinter den Grashängen entlang nach Norden, und als wir einen besonders hohen Hügel passierten, legte sich Saki auf den Bauch und kroch zur Hügelkuppe. Ich tat es ihm nach. Wir sahen vorsichtig zum Dorf zurück und ich glaubte zu träumen.

Das Bild, das sich uns bot, konnte nur einem Albtraum entsprungen sein!

Das gewohnte Flimmern der Sonnenmagie war stellenweise verschwunden und ein großes Loch klaffte über dem Grenzfluss. Der Hayes erhob sich, als würde er anschwellen, jeden Augenblick mehr Wasser in sich aufnehmen. Er baute sich wie eine Mauer auf. Ein Grollen fegte unheilvoll über das Dorf, der Fluss schlug wie ein Ungeheuer um sich. Er bäumte sich auf und brach auf das Dorf nieder, begrub alles unter seinen Wassermassen. Schreie ertönten und brachen ab. Die Häuser zerbarsten und wurden vom Fluss mitgerissen.

Nach kurzer Zeit war Grünfrey zerstört und von Wasser bedeckt. Die Flut hielt sich wie in einer Glasglocke über dem Dorf.

Warum sich Saki bewegen konnte und nicht wie ich erstarrt auf die unerbittliche Flut starrte, war mir schleierhaft. Er zerrte mich mit sich, während ich mich daran zu erinnern versuchte, wie Atmen funktionierte.

Der Ort, der für mich mehr Heimat gewesen war als jeder andere zuvor, war fort. Noba. Kork. Was war mit ihnen?

Wir erreichten den Fuß des Schneegipfels, den höchsten Berg im Norden mit weißer Krone. Der Pfad zur Höhle nahm seinen Anfang in einer kleinen, versteckten Felsspalte. Er schlängelte sich bis zur Kuppe hinauf, verborgen zwischen der steilen Felswand des Berges und teilweise künstlich angelegtem Gestein, das an eine Mauer erinnerte. An manchen schwer zugänglichen Stellen verlief der Pfad ungeschützt und wirkte mehr wie eine Brücke oder offene Plattform. Dann befand sich unter dem Weg nur wenig Gestein.

Ein Grund, warum mir hier immer etwas mulmig zumute war.

In unregelmäßigen Abständen ermöglichten in die Außenmauer gehauene Löcher einen Blick hinaus zu der nun überschwemmten Hügellandschaft. Der Pfad existierte angeblich seit Jahrhunderten und wurde von den Einwohnern Grünfreys gehegt und gepflegt. Es gab stets etwas zu tun, da der Berg ewig in Bewegung zu sein schien.

Geduckt eilte ich Saki hinterher, der den Weg hinaufhechtete. Unsere Schritte wurden schneller, während der Fluss zu unserer Rechten mit ohrenbetäubendem Rauschen tobte. Der Wasserspiegel stieg weiter an, und als wir die Höhle erreichten, schwappten die Wasser­massen wenige Fuß unter uns gegen die Felswand. Nur ein paar Hügel ragten aus dem wild gewordenen Fluss empor.

Zitternd legte ich meine Hand in Sakis. Er verschränkte seine Finger mit meinen, ohne mich anzusehen. Sein Blick war in die Ferne gerichtet und seine Mundwinkel zuckten wütend. Eine dunkle Vorahnung braute sich in mir zusammen, als ich seinem Blick folgte. Keuchend schlug ich die freie Hand vor den Mund. In der Eisen­dynastie, auf der anderen Seite des Hayes, standen etwa dreißig Personen, die von hier nur wie kleine gesichtslose Puppen wirkten. Zehn von ihnen hatten sich am Grenzfluss aufgestellt und ihre Hände erhoben. Die Luft vor ihnen vibrierte und schwarze, flackernde Fäden verwoben sich mit dem Fluss. Weitere dunkle Schlieren hielten das Loch in der Kuppel aus Sonnenmagie geöffnet. Die Magier der Eisendynastie. »Goldmagier«, keuchte ich. Wie hatten sie mich gefunden? Suchten sie mit ihrer Magie nach mir? Wie hatten sie die Magie der Sonne brechen können?

Schon zog Saki mich weiter. »Wir müssen höher!«

Kopfschüttelnd versuchte ich ihn zu bremsen. »Die anderen wollten sich hier mit uns treffen.« Ich würde nicht ohne sie gehen. Nicht ohne meine Familie. Noch immer hegte ich die Hoffnung, dass sie den Fluten nicht zum Opfer gefallen waren.

Es konnte doch nicht schon vorbei sein! Das ruhige Leben, für das wir so lange durch das Gezeitenreich geirrt waren.

»Die anderen werden nicht kommen«, stellte Saki traurig fest. »Das Wasser steigt. Kindra, sie dürfen dich nicht finden.« Wie gebannt verharrte mein Blick auf den dunkel schimmernden Fäden, die sich mit dem Wasser verbanden. Wenn mich die Magier fanden, was würde geschehen?

Spielte das überhaupt eine Rolle? Jetzt, da mein Zuhause zerstört, meine Familie tot war?

Der Druck in meiner Brust hinderte mich beinahe am Atmen.

Saki zog mich an der Hand mit sich. Stumm gehorchte ich, trottete hinter ihm her und weinte. Ich beweinte Noba und Kork. Sakis Eltern und seinen Bruder Neor. Die gutmütige Gastwirtin und ihren Mann. Ich beweinte meine verlorene Heimat. Die schönen Hügel und saftigen Wiesen. Die üppigen Felder und die Dämmerung am Hayes. Jetzt hatte ich nur noch Saki. Und er mich. Ging es ihm wie mir? Wie konnte er angesichts dieser Katastrophe noch auf den Beinen stehen?

Je höher wir stiegen, desto unebener wurde der Pfad. Nach etwa einer Stunde erreichten wir eine große Plattform, von der aus wir das Dorf überblicken konnten. Es lag immer noch unter Wasser, versunken unter einem von Magie beherrschten See. Von hier oben wurde ich mir erst richtig der Zerstörung bewusst, die die magischen Fluten angerichtet hatten. Ich schluckte und krallte mich an der Mauer fest, während ich nach unten sah. Meine Blicke wanderten über die im Wasser treibenden Holzteile und Splitter. Bruchstücke von Häusern und Möbelstücke, die noch vor wenigen Momenten Zeugen von glücklichen Leben gewesen waren, schwankten verloren in den Wellen. Zitternd verstärkte ich den Griff um das Gestein.

Saki trat neben mich. Er strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr und fixierte mich mit einem ernsten Blick. »Ich bin für dich da«, flüsterte er. »Der König der Eisendynastie wird dich nicht bekommen.«

Dankbar hob ich die Hand und verwob meine Finger mit seinen. Eine Berührung, die mich heute Morgen noch so viel Überwindung gekostet hatte. Doch jetzt sehnte ich mich nach der Geborgenheit, die ich zu Beginn des Tages verspürt hatte.

Saki lächelte traurig, doch der Schmerz in seinen Augen hielt mich in der Gegenwart fest. Wir hatten alles verloren.

Bevor ich es mir anders überlegte, schmiegte ich mich an ihn. Es dauerte zwei Herzschläge, bis er aus seiner Überraschung erwachte und die Arme um mich schlang. Seine Körperwärme hüllte mich ein, während sich seine Brust unter seinen Atemzügen hob und senkte.

Wir gönnten uns einen Moment, der viel zu schnell vorbei war.

»Kannst du weiter?«, fragte er.

Ich nickte und er löste sich aus unserer Umarmung. Meine Hand hielt er dennoch fest. Der Weg bog sich wie eine Brücke über den Abgrund, zu dünn und zu gebrechlich. Erst ein paar Fuß weiter verschmolz der Pfad wieder mit der Felswand. »Ich hasse es, dass sich unter uns nichts befindet.«

Der Ausdruck in Sakis Augen wurde weich. »Nicht mehr lang, dann sollten wir den Tunnel erreichen.«

»Warst du schon mal dort?«, fragte ich.

»Mein Vater hat mir davon erzählt. Er führt durch den Berg auf die Hochebene.«

Ich schluckte und ließ mich von Saki einige Schritte ziehen. Meine Tränen waren mittlerweile versiegt, doch mein Körper schüttelte sich immer wieder in stummen Schluchzern. Saki strich mir über die Wange. »Wir sollten uns beeilen, wenn wir über die Brücke gehen. Nicht dass uns jemand sieht.«

Wir positionierten uns im Schutz der Außenmauer und sahen einander an. Mit einem Nicken gab ich Saki zu verstehen, dass ich bereit war.

Geduckt hechteten wir den Weg hinauf. Nach nur wenigen Schritten war mir Saki ein Stück voraus und der Zug seiner Hand nahm zu.

Ich blieb mit dem Fuß in einer Kuhle hängen und schlug der Länge nach hin. Bei meinem Sturz lösten sich unsere Finger vonei­nander und Saki taumelte. Drei Fuß entfernt landete er auf den Knien.

Er richtete sich auf, als ein mir vertrautes Grollen brechendes Gestein ankündigte. Der Boden brach unter Saki weg. Mit einem schnellen Satz nach vorn rettete er sich, bevor das Gestein unter ihm in die Tiefe stürzte und schließlich in den Fluten versank.

»Alles in Ordnung?«, rief ich.

Er rappelte sich auf und klopfte sich Staub und kleine Kiesel von den Kleidern. »Nichts passiert«, krächzte er und trat näher an den Spalt, der nun zwischen uns klaffte.

Ich stützte mich an der Felswand ab und wagte mich ebenfalls vorsichtig näher. Wie groß war die Lücke? Sechs Fuß?

Unter mir knackte es.

»Spring!«, schrie Saki. Seine Stimme klang verzweifelt und in seinen Augen blitzte Furcht auf.

Eiseskälte kribbelte unter meiner Haut. Ich schüttelte den Kopf. »Das schaffe ich nicht!«

»Du musst!«

Ich sah nach unten. Wie lange würde der Boden mich noch tragen, bevor er weiter einbrach? Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und atmete zweimal tief ein und aus. Dann straffte ich die Schultern und erfasste meine Situation.

Der Abgrund vor mir gab den Blick auf das tosende Wasser frei. Weiße Gischt schlug gegen den Berg. Und auf der anderen Seite des Flusses standen die Männer, die für diese Katastrophe verantwortlich waren.

Dabei hatte der Tag so friedlich begonnen.

Tränen rannen aus meinen Augen, suchten sich einen Weg über meine Wangen und sammelten sich an meinem Kinn. Ich biss die Zähne zusammen und ging ein paar Schritte rückwärts, nahm Anlauf. Dann rannte ich los, drückte mich mit den Füßen am Rand der Klippe ab und sprang. Nicht weit genug. Ich riss die Hände nach vorn und versuchte, meine Finger in die Felswand zu graben. Der raue Stein riss mir die Handflächen auf. Meine Fingernägel zersplitterten am harten Fels. Dreck kam in die Wunden und brannte. Augenblicklich setzte das Kribbeln und Jucken ein, das meine Selbstheilungskräfte ankündigte.

Der Aufprall gegen die Felswand hatte die Luft aus meiner Lunge gepresst. Ich keuchte, versuchte zu atmen. Lichtflecken tanzten vor meinen Augen, ließen die Bilder und Geräusche um mich herum irrational erscheinen, als wäre alles nur ein Traum.

Das musste es sein, oder? Nur die kranke Fantasie eines Albtraums. Wenn ich erwachte, lebte meine Familie noch und wartete nur darauf, dass ich auf den Feldern half. Wir würden unserer Routine nachgehen und unser friedliches Leben weiterführen.

Ich hörte Saki meinen Namen schreien. Hörte, wie er mich anflehte, nach seiner Hand zu greifen.

Doch ich sah keine Hand.

Mühsam zog ich mich näher zur anderen Seite des Spalts. Zu Saki. Doch wieder grollte der Fels und ich verlor den Halt, rutschte weiter nach unten. Ich schürfte mir die Knie auf und mein Körper reagierte wieder mit einem Jucken.

Ich hob den Kopf, konnte Sakis Gesicht in dem wirren Gemisch aus Bildern und Licht erkennen. Ein letztes, ein trauriges Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus, dann verlor ich den Halt und fiel und fiel und fiel.

3

Saki
Ein Schritt in den Schnee


Meine Lunge brannte, während ich ihren Namen schrie. Wie hypnotisiert starrte ich auf das tosende Wasser, das unter dem weggebrochenen Weg gegen den Berg wogte. Hatte sie den Sturz überlebt? Mir blieb keine Zeit, um weiter nachzudenken. Ich richtete mich auf, nahm Anlauf und sprang über den Spalt, in den Kindra gestürzt war. Keuchend rannte ich den Weg des Schneegipfels ein paar Fuß weit hinunter und hielt nach einer Stelle Ausschau, an der ich zum Wasser gelangen konnte. Eine Lücke in der Außenmauer, in der die Felswand und die Wellen nicht todbringend wirkten. Zog sich das Wasser bereits zurück? Der Wind peitschte mir ins Gesicht und trieb mir den Wassernebel in die Augen. Ich blinzelte und spürte die Tränen, die sich in meinen Augen sammelten.

Ich durfte Kindra nicht verlieren. Es konnte doch nicht in einem Augenblick vorbei sein. Nicht auch noch das. Sie war doch alles, was ich noch hatte.

Die Wellen tosten zum Berg und wieder zurück und ließen den See in einem monotonen Rhythmus erzittern.

Bildete ich es mir ein, oder schimmerten schwarze Magiefäden unter der Oberfläche?

Mein Blick glitt zu den Goldmagiern, die auf der Seite der Eisendynastie standen und die Arme erhoben hatten. Hatten sie Kindras Präsenz im Wasser entdeckt?

Als hätten sie meine Gedanken gehört, setzte sich die Gruppe in Bewegung, trieb das Wasser vor sich her wie von einer unsichtbaren Mauer angeschoben. Sie schritten durch das Flussbett, das trocken zu ihren Füßen lag. Das Wasser wich vor ihnen zurück, während sie näher zum Dorf und zum Schneegipfel traten.

Sie würden sie holen, mitnehmen und unaussprechliche Dinge mit Kindra anstellen.

Und warum? Nur weil sie anders war!

Ich schüttelte den Kopf und betrachtete den sinkenden Wasserspiegel. Sie durften sie nicht finden. Überstürzt hechtete ich weiter hinab, bis ich einen kleinen Vorsprung erreichte, an dem die Mauer des Bergpfads etwas eingebrochen war. Ich stützte die Arme zu beiden Seiten der Öffnung an dem Gestein ab und blickte nach unten. Das Wasser war nur wenige Fuß entfernt.

Mein Körper zitterte, während ich in die Fluten starrte, die mein Dorf und meine Heimat zerstört hatten.

Sie hatten mir meine Familie genommen. Kindra überlasse ich ihnen nicht!

Mit einem Ruck drückte ich mich ab und sprang in die Flut. Unnatürlich warm umschloss mich die Flüssigkeit und jagte mir einen Schauer aus Angst über den Rücken. Die Strömung presste mich an die Felswand und ich krallte mich fest, zog mich am Gestein entlang, um der Stelle näher zu kommen, an der Kindra untergetaucht war.

Doch das Wasser hatte seine eigenen Pläne.

Wellen peitschten mir entgegen, packten mich und rissen mich immer wieder fort, zogen mich einige Fuß weit von der Felswand zurück, dann in die richtige Richtung und wieder davon. Ich versuchte, weiter hinauszuschwimmen, doch das Wasser machte mit mir, was es wollte. Keuchend stieß ich gegen ein Brett und klammerte mich daran fest.

War das der Rest einer Hauswand? Oder ein Tisch, an dem vor wenigen Stunden noch eine lachende Familie gesessen hatte?

Ohne weiter darüber nachzudenken, zog ich mich hinauf und sah auf die wilde Oberfläche des Wassers. Wie sollte ich Kindra in diesem Chaos finden?

Meine Fingernägel bohrte ich schmerzhaft in meine Handflächen, während mein Blick über die Trümmer hetzte. Die schwarze Magie pulsierte im Wasser.

Goldmagier. Wer hatte sie hierhergelockt?

Wer hatte Kindra verraten?

Und wie hatten sie unseren Schutz durchbrochen?

Ich streckte die Finger aus und berührte einen der Magiefäden. Meine Fingerkuppen lösten kleine Wellen auf der Wasseroberfläche aus, ließen die schwarzen Schlieren erzittern und durchbrachen einige der magischen Linien. Sie setzten sich sofort wieder zusammen, als ich meine Hand zurückzog.

Meine Brust schnürte sich zusammen. Die Magie suchte nach ihr. Da war ich mir sicher.

Das Brett unter mir schwankte und die Magie pulsierte, ehe sie verblasste. Mit der Magie verschwand der gleichmäßige Rhythmus und wandelte sich in ein asynchrones Schaukeln. Ich hob den Kopf und versuchte die Goldmagier auszumachen. Kamen sie näher? Hatten sie Kindra gefunden?

Die Wellen rissen an dem Brett und ich verlor fast den Halt. Der Wasserspiegel begann zu sinken und ich trieb immer weiter vom Schneegipfel fort. Hektisch sah ich mich um. Mein Herz wollte, dass ich in die Fluten sprang und kämpfte, um Kindra zu finden. Doch meine Intuition warnte mich vor den Trümmern, die in diesem wirren Schwanken wie bedrohliche Geschosse durch das Wasser rasten.

Mit den Fingern klammerte ich mich an das Holz, doch als mein Brett einen Balken rammte, stürzte ich ins Wasser. Die Strömung zog mich in die Tiefe und ich verlor die Orientierung. Hin und wieder blitzte das tanzende Licht der Oberfläche auf, während ich herum­gerissen wurde. Ich schlug gegen etwas Hartes und hielt mich fest. Mit den Fingern krallte ich mich in nasse Erde und ertastete den Weizen, den wir immer auf den westlichen Feldern angepflanzt hatten. Mit gewaltigem Druck wurde ich zu Boden gepresst. Meine Muskeln zitterten und meine Lunge fühlte sich von Augenblick zu Augenblick schwerer an.

Ich würde ertrinken. Der Fluss hatte mich in seiner Gewalt.

Doch dann zog er sich mit einer Schnelligkeit zurück, die meine Hände von den Halmen riss. Ich prallte mit dem Rücken gegen etwas Hartes und alles um mich herum wurde schwarz.


Das Haar klebte nass auf meiner Stirn, als ich erwachte. Helle Strahlen blendeten mich und ich hob eine Hand, um die Sonne abzuschirmen. Sie hatte den höchsten Stand am Himmel überwunden und verriet mir, dass ich nur kurz bewusstlos gewesen war. Ich hustete und erbrach Wasser. Zitternd presste ich die Hände gegen den Bauch und kämpfte gegen Übelkeit an. Mit fahrigen Bewegungen tastete ich mich ab, suchte nach Verletzungen, und als ich meine Hüfte erreichte, fuhr ich mit meiner Hand in meine Hosentasche. Sofort ertastete ich den kleinen Holzvogel und seufzte erleichtert auf. Er war noch da. Auch wenn er mir heute kein Glück gebracht hatte. Mit wackeligen Beinen erhob ich mich und taumelte zur nächsten Hügelkuppe. Vor mir breitete sich ein Anblick aus, der meine Albträume überstieg. Grünfrey war verschwunden. An seine Stelle war ein Schlachtfeld aus Brettern und Steinen getreten. Leblose Körper lagen zwischen den Trümmern verteilt.

Menschen, mit denen ich mein Leben geteilt hatte. Familie, Nachbarn, Freunde.

Der Hayes lag wieder friedlich in seinem Flussbett und die Goldmagier standen auf der Seite, auf die sie nicht gehörten: auf der des Gezeitenreiches.

Warum wurden sie von den Fluten nicht davongespült? Hatten sie sich mit dieser unsichtbaren Mauer geschützt, mit der sie zuvor den Fluss verdrängt hatten?

Die Goldmagier strömten aus, verließen ihre geordnete Reihe und positionierten sich neu. Aus dem Norden rannten Männer vom Schneegipfel auf die Gruppe zu. Sie stellten sich den Magiern entgegen und zogen riesige Äxte. Blut spritzte und Magie flog wie schwarze Pfeile und Ranken durch die Luft, als die zwei Parteien aufeinandertrafen.

Moment mal.

Mit klopfendem Herz rieb ich mir über die Augen.

Die Männer kamen über den zweiten, geheimen Bergpass, der von unserem Dorf seit Jahrzehnten vernachlässigt wurde, da er nur für die Hüter diente, die von Norden den Berg passierten. Die Hüter, die den Märchen entsprangen und nicht existierten.

Ich blinzelte, doch das Bild der mit Äxten bewaffneten Krieger ließ sich nicht vertreiben. Sie stellten sich den Goldmagiern ent­gegen – wie in den vielen Geschichten, die ich als Kind geliebt und bei denen ich mitgefiebert hatte.

Für einen Herzschlag war mein Blick gefangen, dann riss ich mich los und rannte zum Schneegipfel, um nach Kindra zu suchen. Neben jedem leblosen Körper blieb ich stehen und vergewisserte mich, ob es wirklich schon zu spät war. Doch sie alle waren Opfer der Fluten geworden.

Mein Körper bebte und ein kalter Druck lag auf meiner Brust. Ich erreichte den Fuß des Schneegipfels, aber von Kindra war keine Spur zu sehen. Im Zickzack rannte ich über die Hügel, zwischen Trümmern hindurch und an den Ruinen meiner Vergangenheit vorbei. Doch ich fand sie nicht. Panik kroch in meine Glieder. Wohin hatte sie der Fluss gebracht?

Etwas Riesiges traf mich an der Seite und der Aufprall riss mich von den Füßen. Kräftige Arme drückten mich in den Matsch. Meine Sicht verschwamm und ich hustete.

Der Griff lockerte sich. »Verflucht, Junge. Das war dein Dorf?« Ein Mann beugte sich über mich. Sein geflochtener Bart hing über mir in der Luft.

»Ja«, krächzte ich. Der Kloß in meiner Kehle fühlte sich schwer an.

»Sind das alle?«, fragte er und deutete in die Richtung, in der die Kampfszene liegen musste. Doch ich starrte ihn nur an. War er ein Hüter? Hatten ihn die Spione hierhergeschickt, wie es in den Legenden erzählt wurde?

Aber warum waren sie zu spät? Warum stellte er mir Fragen und wusste nicht, wie viele Gegner es auf unseren Grund gewagt hatten? Wenn er wirklich ein Hüter war, wie kam es, dass ihm Informationen fehlten?

Er seufzte und half mir auf die Beine. »Was ist hier passiert?«, versuchte er es weiter. Er packte mich an den Schultern und rüttelte mich. »Komm schon, Junge. Sag mir, warum sie hier sind.«

»Kindra«, raunte ich. Meine Stimme versagte fast. »Sie ist in den Fluss gefallen.«

»Kindra?«

»Ein Goldkind.«

Die Miene des Mannes verhärtete sich. Er bleckte die Zähne und zerrte mich am Arm mit sich. »Der Kampf ist noch nicht vorbei! Sie dürfen nicht entkommen. Nicht mit ihr!«

Während er mich über die Hügel führte, betrachtete ich den Mann. Er war groß, hatte kurz geschnittenes Haar und eine Narbe zog sich von seiner Wange über sein Ohr und an seinem Nacken hinunter. Seine Kleidung bestand aus dicker Wolle, die mit Lederriemen fest um seinen Körper geschnallt war. Auf dem Rücken prangte eine gewaltige Axt mit dem Symbol einer Schneeflocke auf dem Blatt. Das winzige Emblem nahm meine Zweifel. Er war ein Hüter. Auch wenn die Legenden mehr versprochen hatten.

Husten schüttelte mich und ich würgte Wasser hervor.

Ruckartig wandte der Mann sich zu mir und hielt sich einen Finger an die Lippen. Mit der Hand winkte er mich zu einer Kuppe und deutete mir an, mich hinzulegen.

Vorsichtig folgte ich ihm, drückte mich mit dem Bauch flach auf die Erde und starrte zum Fluss hinüber, der unsere Feinde auf unserer Seite eingesperrt hatte. Die glitzernde Oberfläche deutete nicht mehr darauf hin, dass der Hayes für diese Verwüstung verantwortlich war.

Eilig überflog ich die Männer, die kämpften oder am Boden lagen. Hüter in weiß-grauer Montur, Eisenmänner und Goldmagier in schwarzer Rüstung, die silbrig schimmerte. Zwei Eisenmänner waren gefallen, aber auch ein Hüter lag reglos am Boden.

Die Zahl der Goldmagier hatte nicht abgenommen. Hinter der verteidigenden Reihe aus Eisenmännern hatten sie die Hände erhoben und wirkten ihre Zauber, mit denen sie die Hüter attackierten. Ich knirschte mit den Zähnen. Die Legenden sprachen von unsterblichen Magiern, geschaffen aus dem Blut und den Körpern der Goldkinder. Sie verfolgten ein raffgieriges Ziel: die gewonnene Energie in pure Kraft oder herrschende Magie umzuwandeln. Und das nur, um die Eisendynastie zur mächtigsten Nation zu machen.

Angeblich extrahierten sie bei einer sogenannten Ernte die Magie aus den Zellen der Goldkinder, die von der alten Magie von Odre durchtränkt waren. Die wenigen Geschichten über sie, die zu mir durchgedrungen waren, erzählten von der Heilung, die die Gold­kinder über die Welt bringen konnten.

Das erste Mal verspürte ich den Wunsch, dass die Legenden falsch­lagen. Denn anders als die fantastischen Geschichten über Drachen versprachen die Legenden der Goldmagier nur Hass und Zerstörung für die Goldkinder.

Es durfte nicht stimmen, dass die Magier unbesiegbar waren und Kindra ein solch schreckliches Schicksal erwartete.

Das konnte ich nicht zulassen.

Aufmerksam ließ ich das Kinn auf die Erde sinken und starrte auf den Kampf vor mir. Kindra war nicht zu sehen. Hatten sie sie im Fluss aufgespürt? Aber wo war sie dann?

»Bleib hier«, sagte der Hüter neben mir und rannte geduckt zum Schlachtfeld.

Ich starrte ihm hinterher. Meine Blicke folgten seinem Körper, wie er schnell und geschmeidig an den Männern vorbeitanzte. Er wirbelte seine Axt herum und ließ sie ein ums andere Mal auf die Eisenmänner niedersausen, die ihm auswichen. Dann stand er vor einem Gold­magier. Er drehte sich und schwang seine Axt in unerbittlichen Kreisen. Mit goldglühender und schwarzer Magie wehrte der Goldmagier jeden seiner Schläge ab. Der Hüter wurde schneller und schneller. Die Distanz zum Goldmagier verringerte sich mit jedem Herzschlag.

Sein Gegner setzte einen Fuß zurück und verlor den Halt. Er rutschte aus, fing sein Gleichgewicht aber im Bruchteil eines Augenblicks wieder. Doch seine Magie setzte für diesen winzigen Moment aus. Der genügte und der Hüter spaltete ihm mit seiner Axt den Kopf. Geräuschlos sackte der Magier zusammen und kippte zur Seite.

Ich stand auf und starrte sprachlos zum Schlachtfeld hinüber.

Einer der Eisenmänner blies in ein Horn und die Magier formierten sich neu. Drei schirmten mit einer Mauer aus Magie die Angriffe ab. Die restlichen vier erschufen eine Brücke aus wabernder Magie. Die feindliche Reihe schritt rückwärts über die Brücke. Sobald der letzte Goldmagier sie betreten hatte, löste sie sich vor seinen Füßen auf und machte es den Hütern unmöglich, ihnen zu folgen.

Die Goldmagier flohen. Sie hatten einen ihrer Männer verloren und traten den Rückzug an.

Die Hüter setzten sich sofort in Bewegung. Sie sammelten ihre Männer ein, kümmerten sich um die Verletzten und begannen, die schlaffen Körper auf einen Haufen zu schleppen.

Ich eilte zu ihnen hinunter und zu dem Mann, der mich gefunden hatte. Meine Füße überschlugen sich fast und mein Herz klopfte so laut, dass es in meinen Ohren dröhnte.

»Sie sind geflohen und sie haben Kindra nicht mitgenommen!« Keuchend packte ich ihn an den Oberarmen. »Sie muss hier irgendwo sein!«

»Wir suchen sie«, meinte er, machte sich von mir los und ich folgte ihm schnellen Schrittes zu den anderen Hütern. Zu den toten Eisenmännern und Hütern gesellten sich die ersten Bewohner von Grünfrey. Der Anblick einer Leiche zog mich in ihren Bann. Mein Vater starrte mich mit weit aufgerissenen toten Augen an. In seinem Blick lag das Entsetzen, als könnte er das verwüstete Grünfrey in seinem ganzen Elend sehen.

Ich taumelte und presste die Hand auf den Bauch. Mein Magen drehte sich um und ich erbrach bittere Galle.

»War die Leiche eines Goldkindes dabei? Ein Mädchen«, fragte der Hüter die anderen, während ich wieder auf den Leichenberg starrte.

»Ein Goldkind?«

»Diese miesen …«, spie einer der Hüter aus. »Sucht sie!«, rief er und sofort schwärmten die Männer aus. Drei blieben mit uns zurück. Ich betrachtete ihre Gesichter und sah die Wut und das Entsetzen, das auch in meinem Inneren brannte.

»Mach dir keine zu großen Hoffnungen, Junge. So wie sie dieses Dorf zugerichtet haben, werden wir vermutlich nur wenige Über­­­­l­ebende finden. Lasst uns hoffen, dass sie das Goldkind nicht fassen konnten – weder tot noch lebendig.«

Die Worte schlugen mir hart entgegen und brachten mich zum Wanken. Eiseskälte überzog meine Arme, lähmte meine Sinne und umschloss mein Herz. Trotzdem schüttelte ich den Kopf, obwohl ich es bereits gewusst hatte. Das ganze Dorf war in so kurzer Zeit untergegangen. »Nein!«, widersprach ich, obwohl es sinnlos war. »Das kann nicht sein!« Doch der Hüter sah mir starr in die Augen.

»Wo hast du das Goldkind zuletzt gesehen? Wo könnte es sein?«

»Wir waren auf dem Bergpfad.« Die Männer hielten inne und fixierten mich. Ich schloss die Augen und erzählte ihnen von Kindra, unserer Flucht und wie sie in den Fluss gefallen war.

»Sie ist ins Wasser gestürzt«, wiederholte einer. Er war groß und sein Haar mehr grau als schwarz. »Vielleicht wurde sie von dem Fluss mitgerissen, als er sich zurückgezogen hat. Die Goldmagier haben die Kontrolle verloren, als wir sie angegriffen haben.«

»Verfluchter …«, zischte ein anderer und unterbrach sich selbst. »Die erste Bucht, in der der Fluss sie anschwemmen könnte, wäre am Schwarzen Markt.«

Mein Blick folgte dem Hayes Richtung Süden und mein Magen krampfte.

Die Hüter tauschten bedeutungsschwere Blicke. »Sie werden sie umgehend an die Eisendynastie verkaufen.«

»Das dürfen wir nicht zulassen.« Meine Stimme zitterte. Alles, was im Fluss landete, geriet in die Hände der Händler. Ich schob meine Hand in die Hosentasche und umschloss zitternd den kleinen Holzvogel.

Der Hüter, der mich gefunden hatte, packte mich am Arm. »Es ist zu spät.«

»Wir müssen dorthin!«, schrie ich. Uns blieb keine Zeit, wir mussten Kindra suchen und finden. Die Eisenmänner durften sie mir nicht wegnehmen.

Er grunzte und schüttelte mich. »Langsam, Junge«, sagte er und deutete auf zwei Hüter. »Ihr folgt dem Fluss und hört euch um. Wenn ihr sie findet, bringt sie um jeden Preis zu uns zurück.«

Die Männer nickten und liefen sofort los.

»Ich gehe mit.« Meine Stimme klang fest und entschlossen. Mutiger, als ich mich fühlte. Der Schwarze Markt war ein übler Ort und die Reise würde einige Tage dauern. Aber wenn Kindra dort war, musste ich hinterher.

Der Hüter beugte sich näher zu mir. »Wie heißt du?«, fragte er mich.

»Saki.«

»Also, Saki«, sagte er. »Ich bin Runguhm.« Er zeigte auf die Männer, die sich einige Schritte entfernt hatten und sich Richtung Süden aufmachten. »Das sind ausgebildete Hüter. Die haben eine Chance auf dem Schwarzen Markt.« Mit ernster Miene sah er an mir herunter. »Und du bist ein Bauernjunge, der alles verloren hat. Könntest du mit bloßen Händen etwas zum Essen jagen? Oder dich verteidigen?«

Kopfschüttelnd senkte ich den Blick. Ich konnte Getreide anbauen und Gemüse, wusste, wie ich ein Huhn schlachten musste oder Essen zubereitete. Aber ich war nie aus Grünfrey fort gewesen. Verdammt, ich hatte keine Ahnung, wie es am Ende des Horizonts aussah.

»Lass sie gehen. Wenn deine Freundin dort ist, werden meine Männer sie finden. Wir suchen solange die Senke ab.«

Widerwillig gehorchte ich. Mein Blick folgte einige Herzschläge lang den Männern, die aufbrachen, um Kindra zu suchen. Ich hoffte, betete zur Sonne, dass sie uns nicht erneut im Stich ließ und Kindra in Sicherheit war.

Warum hatte ich nicht auf dieses ungute Gefühl gehört, das mich am Vormittag heimgesucht hatte? Ich hatte gerade einen Teil unserer Ernte in das Gasthaus am Fluss gebracht. Über dem Wald auf der Seite der Eisendynastie hatte eine unheimliche Stille gelegen. Doch als ich meinem Vater davon erzählt hatte, war es schon zu spät. Ich hätte ahnen müssen, dass sich etwas näherte. Aber niemals hätte ich mit Goldmagiern gerechnet.

Ein paar Schritte ging ich rückwärts, bevor ich mich vom Fluss abwandte. Ich würde die komplette Senke absuchen. Vielleicht war Kindra dem Fluss entkommen und auf einem der Hügel oder einem Feld angespült worden.

Runguhm informierte die anderen Hüter, die von unserem Gespräch nichts mitbekommen hatten. Gemeinsam schwärmten wir aus, suchten zwischen den Hügeln und Trümmern. Immer wieder fand ich einen ehemaligen Freund oder Nachbarn. Das Atmen fiel mir schwer. Der Geruch von Wasser, Algen und Blut lag wie ein Schleier über mir. Trotzdem pausierte ich meine Suche, zollte den vergangenen Leben kurz Respekt und trug den Körper zum Leichenberg.

Es dämmerte, als die Hüter die Suche aufgaben. Ich weigerte mich, wollte weiterlaufen und ignorierte ihre gut gemeinten Worte. Stehen zu bleiben fühlte sich an, als gäbe ich Kindra und meine Heimat auf. Wenn ich stürzte, richtete ich mich wieder auf und setzte meinen Weg fort. Ich schlug mir die Knie wund und blutete an den Händen. Doch ich wollte nicht stillstehen.

Es ging nicht.

Wenn mein Körper nicht mehr vor Anstrengung brannte, würden meine Gedanken über mir zusammenbrechen. Dann würde der Verlust real werden. Das zu akzeptieren war ich nicht bereit.

Mit wankenden Schritten schleppte ich mich über eine weitere Kuppe und als ich auf der anderen Seite den Hang hinunterrutschte, entdeckte ich eine Gestalt. Ich taumelte, sank auf die Knie, als ich den leblosen Körper erkannte.

Neor. Mein kleiner Bruder lag im Gras, als würde er schlafen. Zitternd packte ich ihn an den Schultern und schüttelte ihn. Er war erst neun Jahre alt, nicht viel älter, als Kindra und ich es bei unserer ersten Begegnung gewesen waren.

»Neor«, krächzte ich. Sein Körper zuckte unter meinen vergeblichen Versuchen, ihn aufzuwecken. Sein Kopf schwankte zur Seite und seine Augen starrten leblos in den Himmel.

»Nein«, würgte ich hervor und zog ihn an mich. Seine Arme hingen schlaff an seinen Seiten, als ich ihn in eine verzweifelte Umarmung schloss.

Einer der Hüter trat neben mich und packte mich am Arm. »Du musst dich beruhigen.«

Bitter lachte ich auf. »Wie soll das gehen?« Neors Körper entglitt meinem Griff. Ich hatte ihn nicht beschützen können. Er war doch noch ein Kind gewesen, unbekümmert und fröhlich. Jetzt war sein Leben vorbei, beendet wegen der Machtgier der Goldmagier.

Schwankend kam ich auf die Füße, hob Neor hoch und presste ihn an mich. Ihn hatte ich verloren. Aber Kindra würde ich der Eisendynastie nicht überlassen. Wir hatten uns heute Morgen ein Versprechen gegeben. Ich würde nicht ruhen, bis ich sie wiedersah.

Der Hüter führte mich zum Leichenberg, an dem sich wieder alle versammelten und den sie weiter mit mehr Körpern fütterten. Ich legte Neor dazu.

»Wart ihr erfolgreich?«, fragte der Hüter die anderen.

»Nein«, antwortete einer. »Sie ist fort.«

»Aber sie war nicht bei ihnen!«, presste ich hervor. »Sie war nicht bei den Goldmagiern, als sie verschwunden sind, und bei den Leichen ist sie auch nicht. Irgendwo muss sie sein!«

Die Männer tauschten Blicke. Auch sie waren betroffen. Sie wollten die Welt vor zusätzlichem Unheil beschützen. Vor mehr ungezügelter Macht, die weitere Goldmagier hervorbrachte und stärkte. Mein Motiv war selbstsüchtig. Ich wollte Kindra zurück.

Sie war die Einzige außer mir, die das hier überlebt haben könnte. Sie war das letzte Stück meiner Heimat und ich Idiot hatte ihr nie gesagt, was ich für sie empfand.

Der Hüter ließ mich los und betrachtete mich. »Es tut mir leid, dass du alles verloren hast. Du kannst gern mit uns kommen. In unserem Dorf gibt es Arbeit.«

Ich starrte ihn an. In meiner Brust sammelte sich ein Funke zu einem Entschluss. »Könnt ihr mich ausbilden?«

Der Hüter lachte und schüttelte den Kopf.

»Bitte«, beharrte ich. »Einer von euch hat einen Goldmagier getötet. Ihr kennt die Welt. Ihr könnt mir helfen, Kindra zu finden.«

»Wir können dir nicht helfen.«

»Doch, das könnt ihr. Ihr könnt mir zeigen, wie ich überlebe oder wie ich kämpfe.«

»Wir bilden keine Bauernjungen aus.« Er duldete keine Widerrede. Doch ich durfte nicht lockerlassen.

»Bitte!«

»Wir könnten den Ältesten fragen«, mischte sich Runguhm ein. »Er hat ein starkes Herz. Viele wären bei diesem Anblick verzweifelt.« Er deutete auf den Haufen der Leichen, auf dem meine Eltern und Neor lagen. Einige Männer setzten ihn in Brand und schwerer Rauch wehte zu uns herüber. In ihm lag der Geruch von toter Heimat.

Meine Kleidung war noch feucht, doch das Feuer wärmte mich. Wir standen schweigend neben den verschwindenden Körpern meiner Freunde und Feinde. Ihre Konturen lösten sich auf und zerfielen ins Nichts.

Wie mein Leben, das seiner vielen Facetten beraubt wurde und nur noch aus Kindra bestand.

»Er soll mit uns kommen. Doch ich kann nichts versprechen.« Der grauhaarige Hüter starrte mich an und ich nickte.

Aufgeben war keine Option. Wenn ich erst einmal dort war, würde ich kämpfen, bis sie mich aufnahmen.

Mein Ziel stand fest. Ich würde Kindra retten und mein Dorf rächen.

4

Kindra
Eine ungewollte Bekanntschaft


Der Wind streifte über meinen Körper und ließ mich frösteln. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch meine Energie schien im Fluss ertrunken zu sein. Unter mir spürte ich Gras und kalten Matsch. Wo bin ich?

Meine Erinnerung an die Ereignisse des Tages brachen langsam über mich herein und ich wollte am liebsten schreien oder weinen. Doch mein Körper fühlte sich an wie Blei. Meine Glieder lagen schwer und schlaff auf dem Boden und hielten mich in meiner Panik fest.

»Da«, sagte eine Frau und kurz danach spürte ich Hände auf meinem Körper. Sie tasteten über meinen Kopf, meine Arme und meine Hüfte. Als sie die Stelle erreichte, an der mein Messer hing, zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen.

Nicht das Messer!

Sie löste den Knoten und der gewohnte Druck der Scheide verschwand von meiner Seite.

»Nein«, krächzte ich und war erstaunt, dass ich einen Ton herausbekam. Das Messer war alles, was mir von Kork und Noba geblieben war. Das mich mit meiner Vergangenheit, mit ihnen verband.

»Die lebt noch«, sagte die Frau erstaunt. Ein zweites Paar Hände griff nach mir. Finger legten sich auf meine Lider und zogen sie einen Spalt auf. Ich schnappte röchelnd nach Luft, doch ich konnte mich nicht dagegen wehren. Über mir erkannte ich zwei Gestalten, die sich zu mir herunterbeugten. Als hätten sie sich verbrannt, zuckten ihre Finger zurück.

»Das is’ ein Goldkind!«, rief ein Mann überrascht aus, um kurz danach in Gelächter auszubrechen. »Verdammt, wir werden reich!«


Seile waren um meine Handgelenke gebunden und rieben meine Haut wund. Ein Tuch verband mir die Augen. Es roch modrig und fühlte sich klamm auf der Haut an. Meine Beine stolperten über den Boden und ich verbrauchte die wenige Energie, die mein Körper versuchte zu regenerieren. Benommen taumelte ich dem Zug des Seils hinterher. Die Strapazen des Tages forderten ihren Tribut. Mein Körper gab unter der Beanspruchung seiner Heilkräfte langsam nach und sperrte mich in ein Gefängnis aus Taubheit. Ich unterdrückte ein Gähnen, während in mir ein Sturm aus Gefühlen tobte. Grünfrey war zerstört, Noba und Kork tot. Und Saki? War er in Sicherheit? Würde ich ihn jemals wiedersehen?

Ich lauschte auf die Geräusche um mich herum. Tiefe Stimmen von Männern und leises Wimmern vermischten sich zu einem kaum definierbaren Brei. Doch das Feilschen war unverkennbar.

Sie werden mich verkaufen.

Mein Magen krampfte sich zusammen und ich erbrach mich vor meine Füße. Einige Tropfen landeten auf meinen Händen. Angewidert wollte ich sie an meinem Oberteil abwischen, doch der Zug des Seils war zu kräftig.

Jemand packte mich an den Haaren. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, den sauren Geschmack hinunterzuschlucken, der auf meiner Zunge lag.

Meinen Kopf wurde nach hinten gerissen und ich japste erschrocken nach Luft. Etwas Hartes wurde gegen meine Lippen gepresst.

»Trink!«, befahl eine Stimme. Eine Flüssigkeit lief mir über die Lippen und an meinem Hals hinab. Gierig trank ich einige Schlucke, doch die Flasche verschwand zu schnell wieder.

Ob Saki ahnte, dass ich noch lebte? Unruhig scharrte ich mit den Füßen und kämpfte gegen die Anspannung an, die sich in mir ausbreitete. So lange war ich geflohen. Die Vorstellung, versagt zu haben, raubte mir fast die Luft zum Atmen. Ich wollte zurück nach Grünfrey! Zurück nach Hause.

Während die Verkaufsgespräche an Eifer zunahmen, senkte ich den Kopf. Wohin führte Sakis Weg, jetzt, da Grünfrey zerstört und ich verschwunden war?

In meinen Gedanken tauchte das Bild seines entschlossen wirkenden Gesichtes auf. Die blauen Augen mit diesem Funkeln, wenn eine Geschichte nicht so endete, wie er es sich wünschte. Würde er es sich in den Kopf setzen, mich zu suchen? Fest presste ich die Lippen aufeinander und kämpfte gegen das wehmütige Lächeln an, das dieser Gedanke in mir auslöste.

Die Männer einigten sich auf einen Preis und beendeten damit das Warten. Ihren Gesprächen entnahm ich, dass mit mir einige Mädchen und Kinder in die Eisendynastie verkauft wurden.

Gewimmer ertönte, vermischte sich mit dem Knarren eines Holzwagens und dem Schnauben einiger Pferde. Jemand zerrte an meinem Seil und wickelte es mir um den Bauch. Das gab mir ein bisschen Bewegungsfreiheit zurück und ich konnte meine Hände heben. Ich wischte sie an meinem Hemd ab, auch wenn mein Erbrochenes mittlerweile getrocknet war. Zwei Personen packten mich und trugen mich einige Schritte, bevor sie mich wieder ablegten. Unter mir befand sich Holz, das kurz danach monoton zu schaukeln begann.

Ein Wagen brachte mich offenbar aus dem Schwarzen Markt fort. Den Geräuschen nach zu urteilen überquerten wir den Fluss und befuhren eine befestigte Straße. Ein paar Mal wurde der Wagen angehalten, damit die menschliche Ware ihre Notdurft am Wegrand verrichten konnte oder etwas zu essen oder zu trinken bekam. Trotzdem stank es auf dem Wagen schnell nach Urin und Erbrochenem. Auch ich konnte es einmal nicht mehr halten. Scham und Angst trieben mir Tränen in die Augen. Unter dem Tuch konnte immerhin niemand sehen, dass ich weinte. Ich hasste die Männer, die mich gefangen hatten. Meine Augen, weil sie mich in diese Lage gebracht hatten. Aber am allermeisten hasste ich es, so hilflos zu sein.

Irgendwann schlief ich ein, erwachte aber kurz danach wieder, als ich ausgeladen wurde. Arme zerrten mich hoch und warfen mich in den Staub. Ich hustete, vor Müdigkeit brannten meine Augen unter dem modrigen Tuch und ich wand mich in meinen Fesseln. Neun Jahre hatte ich in der Angst gelebt, gefangen zu werden. Neun weitere Jahre verbrachte ich in einem friedlichen Dorf. Doch mein Schicksal hatte mich eingeholt.

»Pass auf, du Vollidiot! Die ist für den Königshof.«

»Die wird schon nicht zerbrechen«, antwortete ein Mann und zerrte mich auf die Füße. Er wickelte das Seil von meinem Bauch und meine Handgelenke brannten, als sich meine Fesseln bewegten. Der Zug ließ nach und ich versuchte mich loszureißen. Als Antwort erntete ich nur eine kräftige Ohrfeige und fiel zurück in den Dreck. Der Schlag brannte auf meiner Wange und hallte in mir wider. Doch er war nicht mit dem Schmerz in meiner Brust zu vergleichen. Jemand schulterte mich und trug mich von den Geräuschen davon. Als mir endlich die Augenbinde abgenommen wurde, blendete mich die Sonne. Doch ich war nicht im Freien. Die Strahlen fielen durch ein gläsernes Dach und spiegelten sich auf einer kreisrunden Wasseroberfläche. Die Badewanne befand sich in der Mitte eines Waschraums, in den ich gebracht worden war. Selbst diese Wanne war größer als alle bisherigen Bäder, die ich zu Gesicht bekommen hatte.

»Wasch dich«, sagte der Mann, der mich anscheinend hergetragen hatte. Er war der erste Eisenmann, den ich sah, doch hatte er nichts mit den kalten Männern gemein, die ich aus meiner Fantasie kannte. Er wirkte wie ein herkömmlicher Bandit, hatte grau meliertes Haar und einen langen schwarzen Bart. Ein bisschen erinnerte er mich an Kork. Mein Herz krampfte sich zusammen, doch ich rührte mich nicht.

Der Mann riss mir das zerlumpte Hemd auf. »Wasch dich!«, sagte er wieder. Diesmal wütend.

Mit gebleckten Zähnen hielt ich den Stoff vor meiner Brust zusammen und spuckte ihm als Antwort vor die Füße. Ich würde keinem Eisenmann gehorchen.

Der Mann schlug mir mit der Faust ins Gesicht. Meine Lippe platzte auf und ich kippte nach hinten. Sterne blitzten auf und tanzten vor meinen Augen. Ich war erschöpft, doch mein Körper begann zu prickeln und meine Wunde zu heilen.

»Was zur Hölle tust du da?«, rief eine weibliche Stimme. Eine breitschultrige Frau kam zu uns geeilt und half mir auf. Von ihrer Statur her sah sie dem Mann zum Verwechseln ähnlich. »Verschwinde!«, zischte sie und bedeckte meine Blöße.

Der Mann verließ das Badehaus und ich versuchte, mich aus dem Griff der Frau zu befreien. Doch sie hielt mein Hemd fest und packte mich am Oberarm. Der Schmerz trieb einen erstickten Schrei über meine Lippen.

Die Frau lockerte ihre Umklammerung und sah mir in die Augen. »Armes Ding«, sagte sie. »Aber für dich kriegen wir viel Geld.«

Mit schnellen Schritten zog sie mich zu der Wanne, die gefüllt war mit dampfendem Wasser. Nachdem sie mich meiner Kleidung entledigt hatte, drückte sie mich hinein – sie ließ mich dabei nicht einen Moment lang los. Grob wusch sie mir das Haar und zerrte mich anschließend wieder aus dem Wasser. Dann schrubbte sie meinen Körper ab und übergoss mich zum Schluss mit kaltem Wasser aus einem Trog. Der Schaum wanderte an mir hinab und bildete einen Kranz um meine Füße. Sie trocknete mich ab, zog mich durch den Raum und warf mir ein sauberes goldenes Kleid mit langen Ärmeln über.

Als sie mit mir fertig war, grinste sie. »Ich wäre an deiner Stelle wohl genauso stur.«


Vom Badehaus aus war es nur noch ein kleines Stück, das ich mit Augenbinde in einer Kutsche verbrachte. Dieses Mal war ich die einzige menschliche Ware, lag nicht zusammengekauert auf einer Ladefläche, sondern saß im Innenraum der Kutsche.

Gedämpft drangen die Stimmen der Diener zu mir.

»Seine Majestät war außer sich, als die Goldmagier ohne sie heimgekehrt sind.«

»Und dann noch mit diesen Verlusten.«

Kurzes Schweigen erfüllte die Luft und die Erinnerungen an den Überfall drängten sich in den Vordergrund. Trotzdem übers­chlugen sich die Neuigkeiten in meinen Gedanken – es hatte Verluste gegeben? Was war passiert, nachdem ich ins Wasser gestürzt war? Ich verschränkte die Finger ineinander, doch das Zittern ließ sich nicht unterdrücken.

»Er will sie sofort sehen«, raunte einer. »Angeblich wartet er im Thronsaal.«

Beim Gedanken daran, dem Herrscher der Eisenmänner gegenüberzustehen, wurden meine Hände feucht. Fahrig rieb ich mir die Handflächen an meinem Kleid ab. Zwar waren meine Gelenke nun mit Metallketten festgebunden, doch blieb mir dafür genug Bewegungsfreiheit.

Die Diener führten mich weniger grob von der Kutsche zu einem Raum, in dem sie mir die Augenbinde abnahmen. Nach der langen Zeit unter dem Tuch stach das Licht in meinen Augen. Doch war es wesentlich angenehmer als zuvor im Badehaus. Ein Feuer brannte im Kamin, erhellte in gemütlichem Schein Bilder, die in schimmernden Rahmen über Bücherregalen hingen. Vor einer weiteren Tür am anderen Ende stand eine Wache in silbrig schwarzer Rüstung. Das Metall schimmerte im Feuerschein und erinnerte mich an die Männer, die Grünfrey überfallen hatten. Ein Stich durchfuhr meine Brust und ich wandte mich ab.

In der Mitte stand ein wuchtiger Sessel auf einem roten Teppich. Zögernd ging ich darauf zu. Die beschwerliche Reise hatte an meinen Kräften gezehrt und ich unterdrückte ein Gähnen. Doch bevor ich mich in dem Sessel niederlassen konnte, der mich magisch anzu­ziehen schien, wurde ich zur Audienz gerufen.

Meine Muskeln versteiften sich und meine Erschöpfung war wie weggeblasen. Stattdessen dröhnte mir der Herzschlag in den Ohren und alle Geräusche wirkten weit entfernt.

Die Wache trat zur Seite und öffnete die Tür. Durch sie führten mich die Diener von hinten in den Thronsaal. Einige Stufen führten nach oben zum König, ließen ihn dadurch noch größer und erhabener wirken. Sonnenstrahlen fielen hinter ihm durch große Fenster und zeichneten Streifen auf den marmornen Boden.

Erst vor dem Thron, am Fuß der Treppe, hielten die Diener an und zwangen mich gewaltsam auf die Knie. Ich wehrte mich gegen die Hände, die mich niederdrückten, doch mir blieb keine Wahl. Kniend legte ich den Kopf in den Nacken und sah zum König empor, dessen Silhouette sich vor den silbrigen Vorhängen abzeichnete.

»Sieh nur, Jaden, sie ist in deinem Alter. Ihre Ernte wird sicherlich ergiebig sein!« Er lehnte sich auf dem Thron vor, der unter ihm wie ein Spielzeug wirkte. Das Blut gefror mir bei seinem Anblick in den Adern. Zwar hatte ich mir den Herrscher der Eisenmänner kalt und grausam vorgestellt – aber niemals so gigantisch. Wie groß war er? Acht Fuß? Zehn Fuß? Er wirkte nicht wie ein Mensch.

Der Umhang um seine Schultern war beinahe so breit wie einer der Vorhänge hinter ihm.

Meine Schultern bebten vor Wut und Angst. Diese Stärke hatte er sich gewaltsam einverleibt. Mir wurde schwindelig, als ich begriff, dass das meine Zukunft war: Eine Ernte, in der sie mich als weitere Energiequelle für die Goldmagier nutzten, die sie für ihre pure Kraft oder herrschende Magie einsetzten. Der König zeigte mir zu deutlich, wie die Kraft einen Goldmagier veränderte. Wie sie seine Größe beeinflusste und seine Muskeln wachsen ließ.

Er war der lebende Beweis. Ein gigantisches Monster.

Der Prinz reichte im Stehen nur annähernd an die sitzende Größe des Königs heran. Seine Augen waren so dunkel, dass sie mich an Kohle erinnerten. Die schwarzen Haare fielen ihm wellig über die Ohren und glänzten gepflegt. Er zuckte mit den Schultern und würdigte mich nur eines kurzen, abschätzigen Blickes. »Und wenn schon«, antwortete er. Auch um seine Schultern lag ein Umhang, doch dieser war kürzer und an einer Rüstung befestigt. Der Stoff und seine Rüstung waren schwarz und silbern – die Farben der Eisendynastie.

»Das ist doch wundervoll!«, rief der König aus und klatschte in die Hände. »Sie ist so jung!«

»Kann ich gehen?«, fragte Jaden. Seine Schultern waren sichtbar angespannt und er schielte zur Tür. Offensichtlich missfiel es ihm, bei der Begrüßung der neuen Gefangenen des Königs dabei zu sein.

Der König schüttelte den Kopf und seufzte. »Ein bisschen mehr Begeisterung über unsere neueste Errungenschaft, mein Sohn.«

Auf Befehl seines Vaters wandte sich der Prinz mir zu und schenkte mir die Aufmerksamkeit, die der König für angemessen hielt. Er rümpfte die Nase, als sein Blick über meinen Körper glitt. Auf seine Stirn trat eine tiefe Falte.

»Die sehen doch alle gleich aus.«

Der König brummte zustimmend, wirkte aber verärgert über die Reaktion seines Sohnes. »Bring sie zu ihren Gemächern. Ich spreche mit dem Medi über alles Weitere.«

Der König erhob sich und sah aus wie ein lebender Berg. Sein Sohn reichte ihm lediglich bis zur Taille. Das war doch nicht möglich! Ich biss die Zähne zusammen, erschauderte aufgrund der Erscheinung des Königs. Wie sollte ich meinen Feind, dieses Monster einschätzen können? Wie sollte ich entkommen?

Jaden schritt die Stufen hinunter und trat neben mich. Er überragte mich um einige Zoll, was mir die Größe seines Vaters nur deutlicher vor Augen hielt. Schnaubend packte mich der Prinz am Kragen. Er sah mir in die Augen und grinste. »Und wie lautet dein merkwürdiger Name?«

Ich biss mir auf die Lippen und schluckte meinen Ärger hinunter. Auf meiner Zunge brannten alle möglichen Antworten, doch sosehr ich ihn beleidigen wollte, meine Kehle war wie zugeschnürt. Sie hatten mich gefangen. Ich saß fest und die Aussichtslosigkeit meiner Lage erdrückte mich fast.

»Traust du dich nicht, mit uns zu sprechen? Machst du dich vor Angst gleich nass?«

»Jaden!«, donnerte die Stimme des Königs. »Sei höflich.«

Der Blick des Prinzen wanderte ein weiteres Mal über mein Gesicht, musterte jeden Zoll. Er kommentierte seinen Eindruck von mir mit einem gehässigen Schnauben, ehe er mich losließ und an den Ketten mit sich zog. Wir verließen den Thronsaal, links und rechts von uns positionierten sich Wachen und begleiteten uns durch lange, pompöse Gänge. Kerzen in unzähligen silbernen Haltern erhellten die Wände, spiegelten sich auf dem glänzenden Boden wider, der nicht von den aufwendig verzierten Teppichen bedeckt war. Wir begegneten Patrouillen und Soldaten, die Kreuzungen oder Türen bewachten.

Der Prinz ging voraus. Sein Haar ringelte sich schwarz und wellig in seinem Nacken. Vereinzelte Schweißperlen glänzten auf seiner Haut. Der Schulterpanzer besaß einschüchternde Stacheln, die an Krallen erinnerten. Mit silbernen Schnallen war ein Umhang daran befestigt. Auf dem Stoff wand sich ein Drache aus silbrigen Fäden um eine Spirale. Ich stockte, stolperte durch den Zug meiner Ketten.

Er trug offen das Zeichen der Goldmagier, obwohl er in meinem Alter war. Hatte seine Verwandlung schon so früh begonnen? Anders als sein Vater stellte er seine Kraft nicht körperlich zur Schau. Aber das konnte täuschen. Was schlummerte in ihm?

Die Strapazen der letzten Tage lagen auf meinen Schultern, doch nun war eine Wut in mir entfacht, die stärker war als meine Müdigkeit.

»Ihr seid ein Goldmagier«, presste ich hervor, unterdrückte das Beben, das meinen Körper zu schütteln drohte.

»Es kann also reden.« Der Prinz lachte und drehte sich zu mir um. Sein Blick bohrte sich in meine Augen und ein überlegenes Grinsen umspielte seine Lippen. Wie ich diesen Kerl verabscheute!

»Und es ist schwer von Begriff«, fügte er hinzu. Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter auf das Wappen, das seinen Rücken zierte. »Ich bin der Anführer der Goldmagier.«

Ich schnappte nach Luft. Am liebsten hätte ich den Prinzen gepackt und ihm denselben Schmerz zugefügt wie seinesgleichen mir. Hatte er den Angriff auf Grünfrey befohlen? Bevor ich mich fassen konnte, schubsten mich die Wachen zu einer Tür.

»Hier«, sagte Jaden und öffnete sie. Links und rechts davon stand jeweils ein bewaffneter Soldat. Der breite Gang verlief noch viele Fuß weiter, bevor er sich in einer Biegung verlor. Mehrere Türen reihten sich aneinander. Und alle waren gesäumt von Wachen. Bewachten sie weitere Goldkinder?

Taumelnd stolperte ich auf die offene Tür zu und blieb neben Jaden stehen. Er sah mit einer Überheblichkeit auf mich herab, von der mir übel wurde. In meinen Augen brannten heiße Tränen. Ich beugte mich etwas zu ihm hinüber und wurde sofort von einer Wache an der Schulter gepackt. Meine Worte ließ ich mir aber nicht verbieten. »Ich bring dich um«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, bevor ich in das Zimmer gestoßen wurde.

5

Saki
Neue Richtung


Kälte kroch in meine Knochen. Sie bahnte sich einen Weg durch den Stoff meiner Kleidung, während ich meine Augen geschlossen hielt und die eisige Luft einatmete. Meine Muskeln zitterten und meine Kiefer klapperten aufeinander. Trotzdem konzentrierte ich mich nur auf meine Atmung.

Das hier war ein Test. Die Hüter wollten Beweise, dass ich es ernst meinte? Die konnten sie haben!

Stunden vergingen, in denen ich starr in meiner Position verharrte. Ich beschwor Kindras Bild in meinen Gedanken herauf und hielt verzweifelt daran fest. Meine Beine waren zum Schneidersitz verschränkt, die Hände auf den Oberschenkeln abgelegt. In meiner Hosentasche spürte ich den Holzvogel, der gegen mein Handgelenk drückte. Schnee bedeckte die Hochebene, auf der das geheime Dorf der Hüter, zwischen Felswänden verborgen, lag.

Das gleichmäßige Atmen der anderen Männer drang zu mir durch. Auch wenn es für sie lediglich eine Übung aus ihrem Training war, so gab es mir das Gefühl, nicht allein zu sein.

»Du kannst mit mir kommen«, sagte jemand und berührte mich an der Schulter. Ich öffnete meine Augen und richtete mich auf. Rung­uhm stand vor mir, er trug Fell und Wolle. Mehrere Schichten davon waren mit Lederriemen um seinen Körper geschnürt. An seiner Hüfte baumelte ein langer Dolch und an seinen Rücken war eine riesige Axt geschnallt. Mein Körper ächzte, als ich die steif gefrorenen Muskeln bewegte. Doch mein Herz schlug so schnell, dass meine Haut kribbelte. Hatte ich die Hüter überzeugt?

Wir schlängelten uns an den sitzenden Männern vorbei, die ihre Meditation ungestört weiterführten. Es erschien mir wie ein Traum, tatsächlich im Dorf der Hüter angekommen zu sein. Runguhm führte mich schweigend vom Trainingsplatz an den Zelten der Lehrlinge vorbei und zum eigentlichen Kern der Siedlung, die als solche kaum erkennbar war. Eine Felswand umgab das Dorf zur Hälfte. Höhlen verschmolzen mit dem Gestein oder befanden sich unter unseren Füßen, wie mir die Hüter erklärt hatten. Die bewohnten Hohlräume zeichneten sich nur als kleine Hügel unter dem Schnee ab. Durch vereinzelte Felsspalten, die als Fenster dienten, drang Licht heraus und erhellte den Weg trotz der verschwindenden Sonne. Aus Kaminen strömte die Wärme als Dampf ins Freie und brachte die geschäftigen Laute aus dem Inneren mit sich.

Ohne den Rauch und Feuerschein würden die Anzeichen, dass dieser Ort bewohnt war, sofort verschwinden.

Wir folgten der Felswand bis zum hinteren Teil des Dorfes. Ein schmaler, mannshoher Spalt klaffte in der Wand, und anders als an den Höhlen gab es hier keine Fenster, durch die flackerndes Licht nach außen fiel. Wir schoben uns durch die Öffnung ins Innere und gelangten auf einen Gang. An den Wänden hingen Fackeln, die das Gestein in dämmriges Licht tauchten. Wir drangen Schritt für Schritt tiefer in den Berg vor, bis wir eine erleuchtete Höhle erreichten, in der der Älteste saß und meditierte.

Mein Begleiter blieb neben dem Eingang stehen und deutete auf die Mitte des Raumes. »Der Bauernjunge«, stellte er mich dem Ältesten vor. Mit klopfendem Herz trat ich vor und wusste nicht wohin mit meinen Händen. Ich schob sie in die Hosentaschen und klammerte mich an den Holzvogel.

Der Älteste hatte eine große, hässliche Narbe auf der Stirn, die sich ein Stück in seinen Haaransatz zog, wo keine Haare mehr wuchsen. Alle anderen waren kurz geschnitten und dunkel. Seine Nase war krumm und ließ die vielen Kämpfe erahnen, in denen er sie sich immer wieder gebrochen hatte. Er hob den Kopf und sah mich mit durchdringenden Augen an. »Du bist noch hier.«

»Ich werde erst gehen, wenn ihr mich unterrichtet habt!«, erwiderte ich. Wie oft hatte ich das in den letzten Tagen gesagt? Jedes Mal wurde ich zu jemand anderem gebracht, sollte wieder meinen Willen beweisen. Ich wankte und sehnte mich nach Wärme und einem Bett. Das stundenlange Sitzen in der Kälte hatte an meiner Kraft gezehrt und ich zitterte am ganzen Leib.

Der Mann ließ seine Schultern kreisen. »Und was genau erhoffst du dir davon?«

»Ich habe die Hüter kämpfen gesehen! Sie haben einen Goldmagier getötet!« Meine Hände zitterten, während meine Gedanken wieder zu dem Kampf zurückwanderten. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, vor der ich meine Familie verlor und die ich von Kindra getrennt war. Doch lag es erst ein paar Tage zurück.

»Das wird dir nicht helfen zu finden, was du suchst«, antwortete der Mann.

Ich schüttelte heftig den Kopf. »Das wird es! Ihr könnt mich darauf vorbereiten, Kindra in der Eisendynastie zu finden und mit ihr zu fliehen.«

»Erlösung findest du nur, wenn du den Tod als Freund begrüßt«, erwiderte der Mann.

»Sie ist nicht tot!«, erwiderte ich. »Sie werden versuchen, sie in die Finger zu bekommen. Aber ich werde sie zurückholen!«

»Auch tot können die Eisenmänner von ihr holen, was sie begehren.«

Hörte er mir überhaupt zu?

»Bringt mir das Kämpfen bei«, beharrte ich. »Zeigt mir, wie ich überlebe, bildet mich zu einem Spion aus. Bringt mich in die Eisendynastie und helft mir, sie zu finden!«

Der Mann erhob sich. Er war kleiner als ich, aber er strahlte eine unglaubliche Autorität aus. »Es ist ein langer, beschwerlicher Weg, den du wählst. Es werden Prüfungen auf dich warten und du wirst Opfer bringen. Jede Veränderung hat ihren Preis.«

»Ich werde tun, was nötig ist«, versprach ich und der Mann nickte. Eine kleine Geste, die so viel bedeutete. Meine Erschöpfung und Anspannung ließen von mir ab. Diese Entscheidung brachte mich Kindra ein kleines Stück näher. Sie zu finden und Grünfrey zu rächen war alles, was ich wollte.

Alles, was ich noch hatte.

6

Kindra
Die erste Ernte


Meine Gemächer waren gigantisch. Sie bestanden aus einem Schlafzimmer und einem Badezimmer und waren größer als die Hütte, die ich mir mit Kork und Noba geteilt hatte. Beim Gedanken an die beiden zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen. Ein Funken Hoffnung blieb: dass der Fluss sie mir nicht endgültig genommen hatte. Aber die unbändige Kraft, mit der mich der Hayes selbst gepackt und unter Wasser gezerrt hatte, ließ auch die letzten Reste des Feuers in mir erlöschen.

Ich war lediglich in das tosende Wasser gefallen. Noba, Kork und all die anderen waren von ihm erschlagen worden wie von einer wütenden Faust, die auf das Dorf niederkrachte.

Auf dem übergroßen Bett rollte ich mich zu einer kleinen Kugel zusammen und blendete die Gegenwart aus. Grünfrey war mein Zuhause gewesen. Dorthin wollte ich zurück. Zu den Menschen, die diesen Ort zu etwas Besonderem gemacht hatten. Und in Sakis Arme.

Gähnend kuschelte ich mich unter die Decke und fiel in einen unruhigen Schlaf, in dem ich Grünfrey immer und immer wieder verlor.


Als ich am nächsten Morgen erwachte, drehte sich alles in meinem Kopf. Meine Glieder fühlten sich schwer an und meine Schläfen pochten. Erschöpft, aber ruhelos schlüpfte ich aus dem Bett und sah mich im Zimmer um. Ohne meine Möglichkeiten abzuschätzen würde ich nicht aufgeben. Nicht nach den vielen Jahren auf der Flucht und in Sicherheit. Ich kannte beides – und würde kämpfen, bis ich meine Heimat zurückhatte. Wo auch immer ich diese finden würde.

Am Fuß meiner Matratze stand eine solide Eisentruhe, in der eine schwarz-silbrig gewebte Decke lag. Eine große Sitzecke befand sich gegenüber vom Bett. Die vier schweren schwarzen Sessel nahmen gut ein Drittel des Zimmers ein. Der Kleiderschrank stand an der anderen Wand, daneben befand sich ein Tischchen, auf dem eine Bürste vor einem Spiegel lag.

Vor meinem Spiegelbild blieb ich stehen und betrachtete mich. Ich trug das goldene Kleid, das mir die Frau im Badehaus übergezogen hatte. Ansonsten hatte sich nichts geändert. Meine Selbst­heilungskräfte ließen mich frisch und gesund wirken. Meine Haut schimmerte rosig und mein Haar in einem tiefen Schwarz. Keine Spuren an meinem Körper bezeugten den Sturz am Bergpfad oder den Schlag auf die Lippe im Badehaus.

Äußerlich hatte ich mich nicht verändert.

Doch war ich nicht mehr dieselbe wie vor wenigen Tagen.

Ich schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und dachte an meine Familie und Saki. Mein Herz stolperte, als ich sein Lachen hörte und wünschte, ich wäre bei ihm.

Oder mir wünschte, ich hätte ihn wenigstens geküsst.

Seufzend streifte ich die Erinnerungen und Wünsche ab und ging zum Schrank, um den Inhalt näher zu betrachten. Es befanden sich zwei Kleider und eine Hose-Hemd-Kombination darin. Ohne zu zögern, zog ich das Kleid aus, griff die Hose, schlüpfte hinein und zog das Hemd an. Kleider hatte ich bisher nur für den Tanz auf dem Sonnenfest für Saki getragen.

Dann wartete ich. Ziellos wanderte ich im Zimmer umher, untersuchte jeden Zoll, doch konnte mir nichts zur Flucht verhelfen. Die Fenster waren verriegelt und ich fand keinen Gegenstand, der ansatzweise als Waffe dienen konnte.

Während der Warterei ging meine Trauer in Ungewissheit über. Meine Feinde hatten mich in ihren Klauen. Was würden sie jetzt mit mir anstellen?

Was erwartete mich bei der Ernte?

Zitternd sank ich auf das Bett und wickelte mich in die Decke ein. Ihre Wärme spendete mir nur schwachen Trost.

Irgendwann öffnete sich die Tür und Jaden trat ein. Er sah mich mit schmalen Augen an. »Komm mit«, befahl er forsch.

Mein Herz blieb fast stehen. Dennoch gab ich nicht kampflos auf. Ich wälzte mich im Bett auf die andere Seite – weg von der Tür. »Nein danke«, erwiderte ich und warf ihm einen Blick über die Schulter zu, der wütend aussehen sollte. Meine zitternden Finger ballte ich zu Fäusten, um das verräterische Zeichen der Angst zu verbergen.

»Das war keine Bitte«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er durchquerte das Zimmer, packte mich am Arm und zog mich vom Bett. »Komm. Jetzt. Mit«, wiederholte er.

Ich riss mich los und setzte mich auf die Bettkante. »Ich will nicht«, sagte ich bemüht trotzig und Genugtuung stieg in mir auf, als sein Gesicht vor Wut rot anlief.

Jaden schnipste mit den Fingern und zeigte auf mich. Die Wachen lösten sich aus ihrer Position neben der Tür und kamen herein. Sie packten mich an den Armen. Die Männer trugen eine leichte Rüstung in den gängigen Farben der Eisendynastie. Ihre Gesichter waren unter den Helmen gut zu erkennen, doch wirkten beide so ausdruckslos, dass sie für mich identisch aussahen. Wie zwei charakterlose Puppen. Sie hoben mich hoch und schleiften mich hinter Jaden her. Ich weigerte mich, selbst zu laufen, und ließ mich schlaff hängen.

Jaden betrachtete mich kopfschüttelnd. »Erbärmlich«, sagte er und verdrehte die Augen. Doch es war mir egal, ich wollte es ihnen möglichst schwer machen.

Die Wachen schleiften mich auf den Gang hinaus und von den anderen bewachten Zimmern fort. Nach etlichen Schritten erreichten wir eine Treppe, die sie mit mir hinabstiegen. Die unzähligen Gänge unterschieden sich lediglich durch die Gemälde, die an den Wänden hingen, oder durch die Farbe der Teppiche auf dem Marmorboden. Selbst die Türen zu den Zimmern waren für mich kaum zu unterscheiden.

Spätestens nach der zehnten Kreuzung verlor ich die Orientierung. Es war das reinste Labyrinth. Sie brachten mich weitere Treppen hinab und die Luft um uns herum kühlte ab. Der folgende Gang wurde nur schummrig von Fackeln beleuchtet. Meine Nackenhaare stellten sich auf.

Vor einer dicken Eisentür blieb Jaden stehen. Das Metall wies einige Rostflecken auf, wirkte aber dennoch stabil. Mit einem gräss­lichen Schaben öffnete der Prinz die Tür, trat ein und gab den Blick auf ein Zimmer frei, das dem eines Heilers glich. An den Wänden standen Werkzeuge, Tiegel und Flaschen in riesigen Regalen. Mitten im Raum befand sich eine Liege mit Schnallen für Hände, Füße und den Rumpf. Panisch zappelte ich im Griff der Wachen und wollte sie daran hindern, mich in dieses Zimmer oder auf diese Liege zu verfrachten. Doch sie waren stärker als ich. In Jadens Gesicht prangte ein gehässiges Grinsen, als die Wachen mich festschnallten. Ich schnaubte, fletschte die Zähne, aber ich konnte nichts gegen die Männer ausrichten.

Mein Leben lang hatten Noba und Kork versucht, mich vor der Magieernte zu schützen. Doch nun lag ich hier, angekettet und hilflos.

Tränen stiegen in mir auf und ich blinzelte, um sie zu vertreiben. Vor Jaden wollte ich keine Schwäche zeigen, doch meine trotzige Fassade aufrechtzuerhalten war schwerer, als ich mir eingestehen wollte. Ich presste die Lippen fest aufeinander, um das Zittern zu unter­drücken, das von meinem Körper Besitz ergriff.

Jadens Blick lag auf mir und ich versuchte standzuhalten. Bilder von Noba und Kork drängten sich immer wieder an die Oberfläche. Erinnerungen an unsere jahrelange Flucht und die ersehnte Entdeckung von Grünfrey.

Und Saki.

Der Kloß in meinem Hals hinderte mich daran zu schlucken. Ich wollte husten, weinen oder schreien, aber ich tat nichts davon.

»Ich habe einige gefüllte Ampullen, die Ihr mitnehmen könnt, Eure Majestät«, ertönte eine Stimme, bevor zwei Gestalten den Raum betraten. »Oh, und der Speichel von Nummer siebenundzwanzig ist ausgesprochen ergiebig. Fast anderthalb Liter pro Tag!«

Ich schauderte bei dem geschäftigen Tonfall, der in der Stimme des Mannes lag. Sie würden sogar meinen Speichel sammeln? Täglich?

Der König und ein anderer Mann erschienen in meinem Blickfeld. Mit seiner immensen Größe füllte der König den Raum bis zur Decke aus. Es fehlte nur ein winziges Stück und er müsste sich ducken, um nicht mit dem Kopf oben anzustoßen. Seine Kleidung war auch heute eine Mischung aus Rüstung und feinem Stoff, der schillernd über seine Arme fiel. Der gut gelaunte Ausdruck auf seinem Gesicht verhieß nichts Gutes – zumindest für mich.

Der Fremde hatte graues, langes Haar und sein Bart war zu einem Zopf geflochten, der ihm bis auf die Brust reichte. Er trug eine praktisch geschnittene Hose und ein eng anliegendes Hemd, das seinen drahtigen Körper betonte. Ein weiter Mantel mit unzähligen Taschen lag um seine Schultern.

Sie betrachteten mich einen Moment, bevor sich der alte Mann an den König wandte. »Ein wirklich schönes Exemplar. So jung! Und diese Augen! Ihr hattet bei Euren Erzählungen nicht übertrieben, Eure Majestät!« Das musste der Medi sein, den der König informieren wollte. Der Mann, der die Ernte durchführte.

Der König strahlte stolz, als wäre ich sein Verdienst, und nickte. »Ich bin sehr gespannt auf die ersten Ergebnisse.«

»Ich ebenfalls, Eure Majestät! Sie scheint ein vielversprechendes Exemplar zu sein. Ich hoffe auf positive Resultate für alle Lösungen und Mischungen.«

Die Worte des Königs und des Medis lösten einen Schwindel bei mir aus. Ich krampfte die Hände fest zu Fäusten, während mein Herz beinahe aus meiner Brust sprang. Mein Blick wurde unscharf und ich konnte das Zittern fast nicht mehr zurückhalten.

»Lasst mich gehen!«, presste ich hervor.

»Keine Sorge, wir werden dir nicht wehtun! Wir entnehmen heute nur ein paar Proben für die Einstufungstests«, sagte der Alte und nickte eifrig. »Wollen wir doch mal sehen …«, murmelte er, während er einige Schalen und Gläser auf einem Tisch bereitstellte.

Während er sich für die sogenannten Einstufungstests vorbereitete, lag ich festgeschnallt auf der Liege und wand mich. Die Wachen drückten mich an den Schultern und Knien gegen den kalten Stoff. Der Alte nahm ein Messer aus einem der Regale und trat neben mich.

Unter größter Anstrengung versuchte ich mich zu bewegen. Doch mein Körper rührte sich kein bisschen, war wie eins dieser befestigten Modelle in einem Schaukasten. Meine Versuche, mich zu befreien, waren aussichtslos. Ich war ihm hilflos ausgeliefert.

Er schnitt mit einem kleinen Messer in meine Armbeuge und ich kniff vor Schmerz kurz die Augen zusammen. Langsam quoll Blut hervor und tropfte in eine Schale, das Messer legte er zur Seite, bevor er mir die Wunde verband.

Dann kürzte er meine Finger- und Fußnägel. Vergeblich versuchte ich, Finger und Zehen zu krümmen und sie so dem Medi zu entziehen, doch die Wachen hielten meine Hände und Füße in einem eisernen Griff. Der Medi sammelte die Hornreste in einer kleinen Dose und stellte sie zur Blutschale. Anschließend schnitt er eine meiner schwarzen Haarsträhnen ab und wickelte sie auf. Auch sie legte er beiseite.

Dieser Moment war schrecklicher, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Zwar fügten sie mir nur wenig körperliche Schmerzen zu, doch diese Hilflosigkeit, mit der ich es über mich ergehen lassen musste, brannte in jeder Faser meines Körpers. Panik und Angst wechselten sich ab und über allem lag diese Taubheit, mit der ich beobachten musste, wie sie sich nahmen, was immer sie wollten.

Als sich der Medi wieder an mich wandte, hielt er ein hellgrünes Blatt einer mir unbekannten Pflanze zwischen seinen Fingern. Der Stiel schimmerte leicht bläulich, ebenso die Mittel- und Seiten­rippen, die in feinen Wellenlinien zum Blattrand führten. »Jetzt bitte den Mund aufmachen! Wollen mal sehen, wie viel Magie in deinem Speichel ist.«

Mir drehte sich der Magen um, als ich mir vorstellte, dass sie sogar meinen Speichel verwendeten. Ich presste die Lippen fest aufeinander. Der Medi versuchte meinen Mund zu öffnen, doch ich wandte den Kopf ab und versuchte ihm zu entkommen.

Jaden kam dem Medi zu Hilfe, fixierte meinen Kopf auf der Liege. Ich kämpfte gegen den Griff an. Panik durchflutete mich, als meine Muskeln zu zittern begannen. Wir rangen einige Herzschläge und schließlich öffnete der Medi meine Lippen ein Stück. Tränen sammelten sich in meinen Augenwinkeln und ich blinzelte.

Er schob das Blatt in meinen Mund und es glitt an meinem Zahnfleisch entlang in meine Wange. Sein Daumen und Zeigefinger strichen bei der Bewegung leicht über meine Zähne. Diese Menschen nahmen keine Rücksicht auf mich, ein Mädchen, das hier auf der Liege festgeschnallt lag. Für sie war ich nur ein Objekt der Ernte. Ich ballte die Hände zu Fäusten, die nicht länger im Griff der Wachen gehalten wurden. Die Schnallen rieben an meinen Handgelenken, während ich zitterte.

Alles, was ich empfand, war Hass. Auf diesen Ort, diese Menschen und ihre Ernte.

Als Jaden den Griff an meinem Kopf einen kurzen Augenblick lockerte, biss ich zu. Meine Zähne bohrten sich in warmes Fleisch und der Geschmack von Blut breitete sich in meinem Mund aus. Der Medi stieß einen erstickten Schrei aus. Jaden fluchte und versuchte, meine Kiefer aufzudrücken.

»Schnell, das Schlafpulver!«, brüllte der Medi. Der König trat in mein Sichtfeld und hielt dem Medi eine Schüssel mit einem hellen Pulver hin. Den Zeigefinger der freien Hand bestäubte der Alte mit dem Puder, ehe er es mir in die Nase rieb.

Ein Brennen breitete sich aus und wanderte blitzschnell bis hinter meine Stirn. Unter dem Schmerz zuckte ich zusammen, ließ seine Finger jedoch nicht frei. Als mein Blick auf den König fiel, schnappte ich nach Luft und verschluckte mich an dem fremden Blut in meinem Mund. Ich hustete und der Medi entzog mir seine Finger. Das Bild, das der König abgab, war beängstigend. Seine Augen loderten voller Wut und jede Freundlichkeit war daraus entwichen. Er starrte mich an wie einen ungezogenen Köter, den er mit Schlägen zu züchtigen gedachte.

»Testet den Speichel. Dann werft sie für ein paar Tage in den Kerker«, donnerte seine Stimme wie eine Urgewalt über uns hinweg.

Mein Körper wurde schwer und mir wurde schwummrig vor Augen. Der Medi legte das blutbefleckte Blatt zur Seite, ehe er mir ein neues in den Mund schob. Als er es hervorzog, war das helle Grün einem leuchtenden Orange gewichen, auf dem die Rippen wie blaue Adern wirkten. Danach schnallten sie mich los und die Wachen schleiften mich aus dem Raum.

Beide Wachen stützten mich, denn ich hatte nicht mehr genug Kraft, allein zu laufen. Jaden ging voraus. Doch anstatt die Treppen nach oben zu nehmen, führte er uns weiter hinab. Wir gelangten auf einen Korridor, dessen Wände aus Gitterstäben bestanden. Hinter den Stäben befanden sich kleine Zellen mit jeweils einer schmalen Pritsche.

Die Verliese, an denen wir vorbeigingen, waren unbelegt. Es war unheimlich still. Irgendwann blieb Jaden stehen. »Hier«, sagte er und eine der Wachen ließ von mir ab und öffnete eine Tür. Ich sackte im Griff der anderen zusammen, die mich in die Zelle schleifte. Die Wache legte mich auf die dünne Matte und verließ den Raum. Jaden blieb neben mir stehen. »Jetzt hast du keine große Klappe mehr«, stellte er mit Genugtuung fest.

Wie ich ihn und die Eisenmänner verabscheute! Am liebsten würde ich sie mit eigenen Händen ausrotten, dachte ich. Doch für jegliche Erwiderung fehlte mir die Kraft. In mir gab es keinen Trotz und keine Stärke mehr. Nur noch Wut und Trauer. Ich wollte allein sein. »Verschwindet!«, lallte ich benebelt.

Jaden setzte sich auf die Kante der Pritsche und strich mir die Haare aus dem Gesicht. »Du dummes Ding«, sagte er und schnaubte. »Wir werden noch viel Spaß miteinander haben, wenn du so weitermachst. Ihr Goldkinder steht unter meiner Aufsicht.«

Es frustrierte mich, dass sich wieder Tränen in meinen Augen sammelten und über meine Wangen rollten. Diese Genugtuung war das Letzte, was er verdiente.

Irritiert zuckte er zusammen. Sein Grinsen verschwand, wandelte sich in eine steinerne Miene und er stand auf.

»Warum?«, flüsterte ich, bevor ich mich zurückhalten konnte. »Ihr habt mir alles genommen. Meine Familie und meine Heimat. Jetzt nehmt Ihr Euch auch noch von meinem Körper, was Ihr wollt. Das ist nicht gerecht. Ich habe Euch nichts getan.«

»Bilde dir nicht zu viel darauf ein«, antwortete Jaden. »Es liegt nicht an dir. Sondern an dem, was du bist.«

Lautlose Schluchzer schüttelten mich und ich ballte die Hände zu Fäusten. »Ich habe mir nicht ausgesucht, wer ich bin.« Ich packte ihn am Saum seines Hemdes und er erstarrte. »Lasst mich einfach gehen.«

Langsam drehte sich Jaden um. Seine Augen fixierten mich eiskalt und verbargen jede Emotion vor mir. Was dachte er? Wo war seine Menschlichkeit?

Ohne ein Wort ließ er mich zurück.

Was sollte er schon wollen? Er dachte sicher nur an die Kraft, die ich ihm verleihen würde.

7

Saki
Stilles Versprechen


Seit meiner Kindheit hatte ich jeden Tag auf dem Feld ausgeholfen. Jeder Bewohner verfolgte seine Aufgabe in Grünfrey und beteiligte sich daran, unsere Versorgung zu sichern. Wir betrieben keinen Handel und waren auf unsere eigenen Lebensmittel angewiesen. Es gab keinen Winter, auf den wir uns vorbereiteten, sondern nur stetigen Sonnenschein, der uns die Feldarbeit erleichterte. Ich war durch die körperliche Arbeit drahtig und kräftig geworden. Aber nun wirkte ich wie ein Winzling im Vergleich zu den Männern, die täglich um mich herumstanden.

Ihre Arme waren muskulös und sie standen mit nacktem Oberkörper aufrecht im Schnee. Starr wie Statuen.

Bisher hatte ich im Immerwährenden Sommer gelebt. Mit einer Sonne, die nur zur Dämmerung herabsank und nie unterging. Nun stand ich zitternd im Tiefen Winter.

Jeden Morgen stellten wir uns, wie heute, in einer Reihe auf, einem Mann zugewandt, der ein paar Fuß von uns entfernt auf und ab lief. Er hieß Arnen, war unser Lehrer, Trainer, Meister – wie auch immer man ihn nennen mochte. Für mich war er der Schlüssel zu meinem Erfolg.

Kindras Rettung.

Das Training begann und Arnen kannte keine Gnade. Leicht bekleidet trainierten wir unsere Kraft, wobei ich am schlechtesten abschnitt. Wir lernten erste Taktiken und Techniken für den Schwertkampf und attackierten uns mit Stöcken. Meine Haut hatte durch die Kälte einen bläulichen Ton angenommen. Dazu gesellten sich einige andere Farbtöne durch die Blutergüsse, die sich über meinen Körper zogen.

Abhärtung hatte es unser Lehrer genannt. Stärkung und Kräftigung des Körpers und des Willens. Schaffung von erschwerten Begebenheiten. Mein Körper lechzte nach Ruhe, aber ich begrüßte den Schmerz. Er brachte mich voran. Näher an mein Ziel.

Ich biss die Zähne zusammen, jammerte nicht und machte keine Pause. Ständig stand ich am Rande der Erschöpfung. Und wenn ich glaubte, ich würde zusammenbrechen, dachte ich an das, was die Eisenmänner mit meiner Familie gemacht hatten. Plötzlich schöpfte mein Körper wieder neue Kraft. Angetrieben durch den unbändigen Hass, der in mir loderte.

Es waren nicht die Anstrengung, die Kälte oder die Schmerzen, mit denen ich am meisten kämpfte. Es war meine Ungeduld.

Die Tage verstrichen und die Ungewissheit nagte an mir. In meinen Träumen sah ich sie sterben. Blutend und mit Wunden übersät. Die Gruselgeschichten, die wir uns als Kinder erzählt hatten, schlichen sich in meine Gedanken. Nur dass die Goldkinder aus den Legenden Kindras Gesicht trugen.

Auch an diesem Morgen erwachte ich wieder schweißgebadet, trotz der Kälte. Ich schreckte auf wie ein Ertrinkender, der nach der Oberfläche suchte. Mit der Hand tastete ich über den Boden und als ich den gefalteten Kleidungsstapel fand, umschloss ich den Holzvogel, der darauf lag. Ein letztes kleines Stück, das mir von Kindra geblieben war. Seufzend hob ich den Vogel an meine Lippen und betete zur Sonne, dass sie mich erhörte und Kindra beschützte.

Eine Stimme erklang, bevor eine Hand die Plane meines Zelts zur Seite schob und jemand den Kopf hineinstreckte. Es war Arnen.

»Die Männer sind vom Schwarzen Markt zurück«, sagte er und wartete auf eine Reaktion.

Ich starrte ihn einen Moment an, bevor ich auf die Füße sprang und mir meine Sachen überstreifte. »Seit wann?«, hauchte ich und verstaute den Holzvogel in meiner Hosentasche.

»Sie kamen in der Nacht.« Er hielt die Plane zur Seite, damit ich zu ihm hinauseilen konnte. Die Kälte schlug mir wie eine Wand entgegen, aber ich hatte keine Zeit, um zu frieren.

Jetzt passierte endlich etwas.

»Was haben sie herausgefunden?«, hakte ich nach, während ich Arnen durch das Dorf folgte.

Als er nicht antwortete, griff ich nach seiner Schulter und zwang ihn, mich anzusehen. Er warf mir einen schnellen Blick zu und streifte meine Hand ab. »Du wirst es gleich erfahren.«

Meine Gedanken überschlugen sich. Hatten sie Kindra gefunden? War sie am Leben? Während ich weitere Fragen hinunterschluckte, führte er mich zu einer Höhle am Rand des Dorfes. Im Innern saßen zwei Männer auf einer Bank und tranken aus Tonbechern. Runghum, der Krieger, der mich in Grünfrey entdeckt hatte, schenkte ihnen nach. Der Älteste saß im Schneidersitz auf dem Boden zwischen Kriegern, deren Gesichter ich kannte, aber deren Namen ich nicht mehr zuordnen konnte.

»Also?«, fragte ich in die Runde. Es gab keine Zeit zu verlieren. Ich musste wissen, was mit Kindra passiert war.

Einige interessierte Blicke streiften mich. Arnen legte mir eine Hand auf den Unterarm. »Setz dich«, er deutete auf einen Hocker, »und reiß dich zusammen.«

Ich schluckte. Wenn das so einfach wäre.

Nachdem ich Platz genommen hatte, stellten die Männer die Becher zur Seite. Der linke begann: »Sie haben sie am Ufer gefunden und an den Königshof verkauft. Sie müsste längst dort sein.«

Mein Körper reagierte wie von selbst. Mit zitternden Knien sprang ich auf die Füße. »Sie lebt«, keuchte ich. Endlich hatte ich Gewissheit, dass ihr Herz noch schlug und sie auf mich wartete.

»Aber sie ist in der Gewalt des Königs«, zischte Runguhm.

Der rechte nickte und ergriff das Wort. »Wir waren zu spät.«

»Aber sie lebt.« Meine Muskeln spannten sich an. Wollten sie sie etwa schon aufgeben? »Ihr seid Hüter. Holt sie zurück.«

Arnen lachte. »Wir werden nicht den Palast stürmen. Und wir werden auch nicht unsere Spione gefährden für ein einziges Mädchen.«

»Aber es ist Kindra!«

»Es ist ein Goldkind«, sagte der Alte und die Geräusche im Raum verstummten. »Es ist wertvoll und eine Gefahr in den Händen unserer Feinde.« Er stemmte die Hände auf seine Knie und erhob sich langsam. »Aber dieser Kampf ist größer als das Leben eines Mädchens. Unser Land ist in Gefahr und wir können unsere jahrelange Vorbereitung nicht für die Rettung von Kindra aufs Spiel setzen.«

Ich öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Arnen kam mir zuvor. »Wir sind machtlos, Saki. Schon seit Jahren rüstet der König das Heer auf. Wir müssen bereit sein, falls er entscheidet zu marschieren.«

Ein Krieg? Angespannt wich ich einen Schritt zurück. Der König bereitete sich vor, das Gezeitenreich anzugreifen? Das war doch nicht möglich. Ich schloss die Augen und verdaute diese Neuigkeit. Die Einwohner des Gezeitenreiches schwebten in größerer Gefahr, als ich es für möglich gehalten hatte. Doch was hatte das für eine Bedeutung? Neor war tot. Meine Heimat war kein Ort mehr. Sie war ein Mädchen, das entführt worden war und das ich wiedersehen wollte.

»Ihr lasst sie im Stich.« Kopfschüttelnd verschränkte ich die Arme. »Das kann ich nicht akzeptieren.« Mein Blick schweifte von den Männern, die im Schwarzen Markt gewesen waren, über den Alten und zurück zu Arnen. Kräftig schlug das Herz in meiner Brust. »Ihr wollt eure Leben nicht riskieren. Das kann ich von keinem verlangen.« Fahrig krallte ich die Finger in den Stoff meines Hemdes. »Aber mein Leben kann ich geben. Helft mir und ich werde alles tun.«

»Saki.« Arnen seufzte, doch Runguhm hob die Hand.

»Kindra ist eine weitere Energiequelle für die Goldmagier. Sie bringt den König seinen Zielen wieder ein Stück näher.«

Eine Stille senkte sich über die Anwesenden in der Höhle.

»Die Auswahl«, sagte Runguhm, nachdem seine Worte gewirkt hatten, und fixierte mich. »Alle paar Jahre werden Jungen aus den Dörfern für die Garde des Königs rekrutiert. Wärst du bereit, dein Leben im Gezeitenreich aufzugeben und als Junge der Eisendynastie dein Leben der Garde des Königs zu verschreiben?«

Alle Blicke wanderten zu mir. »Die Armee des Königs?«

»Es bringt dich zu ihr an den Hof. Ob du an sie herankommst, ist dennoch fraglich. Aber es wäre ein Anfang …«

Arnen betrachtete Runguhm, dann mich. »Wer weiß, ob du sie retten kannst, ohne dass du auffliegst und mit dem Leben bezahlst.« Mit zusammengezogenen Augenbrauen kam er auf mich zu und griff meine Schultern. »Als Spion der Hüter gilt es mehrere Prüfungen zu bestehen. Auch wenn wir für dich eine Ausnahme machen, musst du dich als würdig erweisen, bevor wir dich in die Reihen unseres Feindes schicken. Die Geheimhaltung der Hüter hat oberste Priorität. Ich hoffe, du verstehst das.«

»Natürlich.« Ich öffnete die verschränkten Arme und senkte den Blick. Die Hüter setzten sich für unser Reich ein – niemals würde ich verlangen, dass sie sich in Gefahr brachten.

Aber ich konnte mich selbst opfern.

Entschlossen sah ich Arnen an, dann Runguhm und den Ältesten. »Vielleicht verliere ich mein Leben, bevor ich einen Fuß in den Palast gesetzt habe. Oder ich sterbe, ohne Kindra von dort befreien zu können. Aber ich bin bereit, mich von euch ausbilden zu lassen und euer Geheimnis mit in den Tod zu nehmen – falls das nötig sein sollte.«

»So sei es dann«, brummte Arnen und reichte mir die Hand.

Ich nahm die dargebotene Geste an und besiegelte so mein Schicksal. Vor der Zerstörung hatte ich Grünfrey nie verlassen. Jetzt trainierte ich bei den Hütern und vor mir lag eine Zukunft als Spion. Mit der Hand fuhr ich in die Hosentasche und umklammerte den Holzvogel. Dieser Plan gab mir keine Gewissheit, aber Hoffnung. Mehr brauchte ich nicht. Der Holzvogel drückte sich in meine Handfläche, als ich fester zupackte.

Mein nächstes Ziel stand fest: die Armee des Königs.

Der nächste Tag brach an – und meine Ungeduld blieb ungezügelt. Arnen konnte mir nicht sagen, wann es weiterging, wie lange ich ausharren musste, bis meine Prüfung begann – oder was diese genau beinhalten sollte. Darüber wollte er sich mit dem Ältesten noch beratschlagen.

Es war ein weiterer eisiger Tag, an dem ich mit den anderen Männern trainierte. Ich kämpfte gegen einen Mann, der Goum hieß. Er überragte mich um einen Kopf und war mehr als doppelt so breit. Seine Schläge waren kraftvoll – das hatte ich die letzten Tage häufiger zu spüren bekommen. Aber ich nutzte meine wachsende Kraft und Geschwindigkeit und wich gekonnt seinen Hieben aus. Hier und da versetzte ich ihm einen Stoß, während ich um ihn herumwirbelte. Nach einer kurzen Zeit war das Duell vorbei.

Ich siegte und die anderen Männer grölten lautstark über meinen Triumph.

Arnen klopfte mir auf die Schulter. »Gut gemacht«, lobte er mich. »Komm mit mir, ich muss dich sprechen.«

In meinem Kopf überschlug sich alles. Meine Ungeduld schrie hoffnungsvoll, es sei so weit. Vor Aufregung zitterten meine Hände.

Schweigend folgte ich ihm und wir setzten uns auf eine etwas erhöhte Felskante, mit Blick auf die kämpfenden Männer.

»Das war dein erster fehlerfreier Kampf«, begann Arnen. »Wirklich sehr gut. Deine Fortschritte sind für diese kurze Zeit beeindruckend.«

Ich nickte, obwohl sich die Zeit wie eine grausame Ewigkeit angefühlt hatte. Meine Anspannung wuchs, staute sich in meiner Brust an und drohte, mich zu zerreißen. »Ich gebe mein Bestes«, antwortete ich.

Arnen ließ den Blick über den Trainingsplatz schweifen. »Das sieht man.« Dann wandte er sich mir zu und sah mir in die Augen. »Wenn du so weitermachst, könntest du vielleicht schon an der Kampf­prüfung in einem Monat teilnehmen.«

Die Ungeduld in mir schien zu explodieren und alles mit sich zu reißen. Die Hoffnung und Anspannung wurden von ihr überrannt. »Eine Prüfung? In einem Monat?!«, schrie ich entsetzt. Meine Zurückhaltung war wie weggeblasen. »Das ist doch verrückt! So lange kann ich nicht warten!«

Arnen schüttelte den Kopf. »Das ist früher, als es bei allen anderen üblich ist. Dein Körper braucht seine Zeit, um sich aufzubauen. Das passiert nicht über Nacht.« Mit wachsamen Augen betrachtete er mich. »Saki, wir hatten das gestern besprochen. Wir müssen uns sicher sein, dass du für deine wahnsinnige Mission bereit bist.«

»Aber ich habe keinen Monat! Jeden Tag, den ich hier sitze, warte und nichts tun kann, um sie zu retten … Jeden Tag sterbe ich ein kleines Stück! Ihr verschwendet meine Zeit! Ihr habt mir versprochen, dass ihr mir helft, sie zu befreien!«

»Und genau das tun wir hier.« Arnens Stimme war sachlich und kalt. Es wäre mir lieber gewesen, er hätte mich angeschrien. »Wenn du überstürzt losziehst, wirst du sterben. Du versagst und reißt uns mit in den Untergang.« Er stand auf und sah auf mich herab. »Wie ich sehe, bist du noch nicht bereit. Dein Geist ist zu schwach und lässt sich von deiner Ungeduld beherrschen.« Ein paar Schritte entfernte er sich von mir, bevor er stehen blieb und sich umdrehte. »An der Prüfung wirst du nicht teilnehmen.«

Mit offenem Mund und verrauchter Wut blieb ich zurück. Meinte er das ernst? Hatte ich gerade meine Chance auf eine verkürzte Ausbildung verspielt? Schnaubend sprang ich auf die Füße. So schnell konnte es noch nicht vorbei sein!

Nach dem Gespräch mit Arnen trainierte ich fleißig weiter. Ich nahm mich zurück und kämpfte gegen meine Ungeduld, die schwerer in meinem Innern wog als zuvor. Sie ließ mich an meinem Handeln zweifeln. War das hier der richtige Weg? Ließ ich Kindra im Stich, indem ich hier trainierte? Doch ich hatte gesehen, was die Gold­magier zustande brachten. Wie sie das Wasser beherrschten. Die Legenden, die über sie erzählt wurden, verdeutlichten mir: Meine Chancen waren gering. Wenn ich in die Eisendynastie eindringen, es lebend bis in den Palast schaffen wollte, brauchte ich diese Ausbildung. Die Hüter waren die Einzigen, die mir dieses wahnsinnige Unterfangen ermöglichen konnten.

Entschlossen straffte ich die Schultern. Ich würde mich beweisen und Arnen umstimmen, ihm zeigen, dass ich für die Prüfung in einem Monat bereit war. Dass ich mich zurücknehmen konnte und mich im Griff hatte. Deshalb sprach ich ihn kein einziges Mal auf die Prüfung an. Er sollte sehen, dass mein Wille stärker war als meine Ungeduld.

Wenn ich erschöpft zusammenbrach, daran zweifelte, ob ich es schaffte, blieb ich hart. Ich nahm mir selbst ein stilles Versprechen ab. In Gedenken an meine Familie, Neor und Grünfrey würde ich die Eisendynastie in ihren Untergang führen.

8

Kindra
Gefangenschaft und Masken


Die Zeit in der Zelle verstrich zäh und mich plagte eine unterschwellige Übelkeit, die ich nur durch die Krämpfe vergessen konnte, die mich hin und wieder überkamen. Offensichtlich die Nachwirkungen des Schlafpulvers.

Meine Muskeln schmerzten von der harten Pritsche, auf der ich mich zusammenrollte. Zitternd presste ich die Hände auf die Augen und schloss die Dunkelheit aus, die mich zu verschlingen drohte. In ihr sah ich Hände, die nach mir griffen, die mich festhielten, während Messer näher kamen. Bereit, von mir zu ernten.

Keuchend schlang ich die Arme um mich.

Meinem Hungergefühl nach zu urteilen und der Regelmäßigkeit, wann mir Essen gebracht wurde, verging vielleicht ein Tag.

Keinen Augenblick länger wollte ich hierbleiben. Meine Gemächer wirkten plötzlich wie das kleinste Übel in diesem Palast.

Schritte erklangen und näherten sich der Zelle. Mit ihnen erschien flackerndes Licht und mein Magen rumorte.

Ich stand auf, blieb aber einige Zoll vor den Gitterstäben stehen und spähte aus sicherer Entfernung hinaus. Jaden trat mit einer Fackel in der Hand an die Zelle, flackerndes Licht erhellte sein Gesicht, während er mich ausdruckslos musterte. Links und rechts von ihm erkannte ich zwei Wachen.

Jaden streckte eine Hand in die Zelle. »Nimm.«

Ich schielte auf seine Finger, in denen er ein kleines Fläschchen hielt. Die Flüssigkeit in dem Gefäß funkelte im Licht. »Nein danke.« Ich schnaubte.

»Es hilft dir.«

»Das soll ich Euch glauben?«

Er verdrehte die Augen, ging in die Hocke und stellte das Fläschchen auf den Boden. Es schwankte kurz vor und zurück, ehe es verharrte. »Dann ist dir nicht mehr so übel.« In seinem Gesicht regte sich nichts, ich konnte nicht deuten, ob er mir einen Streich spielte oder Schlimmeres. Aber dass er mir helfen wollte, bezweifelte ich.

»Trink es oder lass es.« Er zuckte mit den Schultern und fügte so leise hinzu, dass ich ihn kaum verstehen konnte: »Ihr seid doch alle gleich.«

Ich setzte mich wieder auf die Pritsche und ignorierte das Fläschchen. Das Zucken seines Mundwinkels ließ mich daran zweifeln, dass ich seine Worte als Beleidigung auffassen sollte.

Mit wie vielen Goldkindern hatte er es zu tun gehabt? Wie viele Jahre kannte er sie schon?

Und die Kraft wie vieler hatte er sich einverleibt?

Jaden drehte sich um und marschierte davon. Eine der Wachen zögerte und blieb an meiner Zelle zurück.

Der hochgewachsene Mann stand mit dem Rücken zu mir und blickte in die Richtung, in die Jaden verschwand. Seine Stimme war leise. »Ihr seid nicht alle gleich, aber du … du siehst aus wie sie.« Die Wache warf mir einen Blick über die Schulter zu und fixierte mich mit ernstem Ausdruck in den Augen. Sein Mund war von einer Narbe entstellt. Nur ein weiteres Schauspiel in Jadens Theater?

Mit einem Nicken deutete er auf das Fläschchen, ehe er mich allein zurückließ.

Mein Blick schweifte zu dem Mittel, das Jaden mir gebracht hatte. Tat er das für mich? Oder machte er das für sich selbst?

Neben dem Fläschchen ließ ich mich auf den Boden nieder. Mit einer Fingerkuppe stupste ich es an und betrachtete, wie es hin und her wippte. Half mir das gegen die Übelkeit?

Zögernd griff ich danach und drehte es zwischen Daumen und Zeigefinger. Wenn es mir half, was würde das über Jaden aussagen? Was würde das bedeuten?

Der Korken entwich mit einem leisen Plopp.

Und wenn es mich vergiftete, was sagte das dann über mich? War ich so töricht, mit offenen Augen in die Falle meines ärgsten Feindes zu tappen?


Zwei weitere Tage vergingen, die ich in der Zelle verbrachte. Mit Sicherheit konnte ich das aber nicht sagen. Die Dunkelheit quälte mich mit weiteren Fantasien über die Realität, in der ich steckte.

Jaden kam nicht mehr vorbei. Stattdessen erlösten mich Wachen aus meiner noch übleren Gefangenschaft in der Kälte und brachten mich zurück zu meinen Gemächern.

Die Flüssigkeit, die Jaden mir in die Zelle gebracht hatte, half tatsächlich. Mein Körper regenerierte sich schneller – obwohl er das im Vergleich zu den Menschen sowieso tat. Aber Jadens Mittel hatte die Übelkeit vertrieben und die Tage erträglicher gemacht.

Mir war schleierhaft, wie ich mit dem Gefühl umgehen sollte, das dies in mir auslöste. Die Dankbarkeit darüber, dass die Übelkeit verschwand, mischte sich mit Unbehagen. Warum half mir der Prinz? Was bezweckte er damit?

Hatte er Mitleid mit mir, als ich in dem dunklen Kerker saß? Wie empfand er dann die Ernte, die an den Goldkindern im Palast durchgeführt wurde? Zudem schwirrte der Satz, den die Wache an mich gerichtet hatte, durch meine Gedanken. Wem sah ich ähnlich? Wer war sie?

Der Prinz verbarg etwas. Aber konnte es für mich nützlich sein, dieses Geheimnis zu lüften? In meiner Nähe befanden sich weitere Goldkinder. Nie zuvor hatte ich meinesgleichen getroffen. Ich würde gern jemanden kennenlernen, der so war wie ich. Vielleicht konnte ich den Prinzen mit der Wahrheit, die er versteckte, erpressen.


Zeit verging, in der ich mindestens einmal täglich zur Ernte geführt wurde. Jeden Tag wartete ich in meinen Gemächern darauf, dass es wieder klopfte und erneut etwas von meinem Körper genommen wurde. Wenn sich meine Gedanken von dem Leben im Palast und dem Prinzen lösten, wanderten sie ohne Umschweife zu Saki. Wo war er? War er in der Senke geblieben? Oder war er durch den Bergtunnel in den Norden gegangen?

Morgens vermisste ich ihn am meisten. Einige Male ertappte ich mich dabei, dass ich nach dem Aufwachen, wenn ich noch in meinem Traum festhing, vergaß, dass ich mich im Palast befand. Mein erster Impuls wollte, dass ich aufstand und zu Saki und meinem Treffpunkt eilte. Mir fehlte unser Ritual, die Sonne über dem Fluss zu beobachten, und am meisten vermisste ich sein herzliches Lachen.

Ein Monat verstrich.

Jaden führte mich jedes Mal zur Ernte. Die trotzige Art der ersten Begegnung hatte er abgelegt. Vermutlich wusste er, dass diese Fassade nicht mehr echt wirkte, nachdem er mir geholfen hatte. Doch er blieb kalt und undurchschaubar.

Warum half er mir? Was verbarg er hinter dieser kalten, emotionslosen Maske?

Wenn er mich zur Ernte brachte, ließ ich mich nicht mehr von den Wachen schleifen, sondern ging neben ihnen her. Die Wachen schnallten mich weiterhin auf die Liege, doch mussten sie mich nicht mehr festhalten und zwingen, ihnen zu gehorchen. Ich wollte den König nicht reizen und nicht wieder in der Zelle landen. Denn der Kerker schien die Gefangenschaft in all seinen düsteren Facetten zu bündeln.

Der König besuchte mich, nachdem ich wieder in meine Gemächer gebracht worden war. Er war freundlich und redete viel. In seiner Gegenwart war ich weiterhin über seine immense Größe und Stärke schockiert. Ich war ein Käfer, den er jederzeit zerquetschen konnte.

Schwermütig sank ich in einen der Sessel in meinem Gemach, hob den Kopf und betrachtete die Ornamente an der Decke. Ich kämpfte gegen den schweren Stein in meinem Magen an, der dort lag, seit ich mich nicht mehr mit aller Kraft wehrte. Ein bisschen fühlte ich mich, als hätte ich Grünfrey, Saki und mich selbst verraten.

Leise klopfte es, aber meine Augen blieben weiterhin auf die Muster an der Decke gerichtet. Die Tür öffnete und schloss sich mit einem Klicken. Dann trat Jaden an den Rand meines Sichtfelds.

»Müssen wir schon wieder los?«, fragte ich, ohne den Blick zu senken.

»Nein …« Er setzte sich und schwieg eine Weile. Es war nicht das erste Mal, dass er mich ohne Grund besuchte. Es fühlte sich so an, als würde er meine Gegenwart suchen. Doch meistens blieb er nur kurz und verschwand wieder, bevor ich begreifen konnte, wer er wirklich war.

Wollte er sich selbst ablenken?

»Wie geht es dir?« In seiner Stimme schwang die Emotionslosigkeit, mit der er mir so oft begegnete, mit. Was ging hinter dieser Fassade vor sich? Welche Seite verbarg er vor mir und den Menschen in seinem Leben? Vor dem König?

Kopfschüttelnd sah ich ihn an. »Schlecht«, sagte ich, und es stimmte. Bei der regelmäßigen Ernte entnahmen sie mir Schalen voll Blut. Meine Haut leuchtete blass, ich fror und meine Wunden regenerierten nicht mehr sofort. Es war, als würde mein Körper mittlerweile einfrieren, nur in Zeitlupe funktionieren.

Meine Haare waren nur noch schulterlang. Etwa acht Zoll hatten sie mir über Tage hinweg abgeschnitten. Und meine Finger- und Zehennägel waren so kurz, dass die Nagelbetten bei den kleinsten Bewegungen einrissen und bluteten. Erstaunlich, dass mein Körper noch genug Blut dafür übrig hatte.

An den Unterarmen, Beinen und Achseln rasierten sie mich, sobald mein Körper etwas hergab. Stellenweise schnitten sie mir kleine Stückchen Haut heraus. Egal welchen Teil meines Körpers ich berührte, ich traf immer einen Punkt, der noch nicht vollständig verheilt war. Jedes Mal erinnerte es mich daran, was sie mit mir machten. Dass mein Körper nicht mehr mir gehörte.

Jaden ging zur Truhe und holte die Decke heraus. Etwas unbeholfen legte er sie mir um die Schultern, bevor er sich wieder setzte. Wieder eine Geste, die ich nicht deuten konnte. Ich konzentrierte mich auf die Wärme, die mir die Decke schenkte, und ignorierte die Gedanken, die er in mir aufwirbelte.

Doch ich konnte nicht verhindern, dass meine Blicke zu ihm wanderten. Über das markante Profil, den abwesenden Blick.

Der Prinz trug nur ein leichtes Hemd, keine Rüstung. Seine Arme zeichneten sich nur wenig unter dem Stoff ab und ich versuchte zu erahnen, welche Kraft in ihnen steckte.

Auch wenn das entsprechende Zeichen heute auf seiner Kleidung fehlte, war er der Anführer der Goldmagier. Hatte er den Angriff auf Grünfrey befehligt oder sogar begleitet?

Warum half er mir, wenn er doch für all das Böse stand? Wenn er vermutlich so viele getötet und gefangen hatte?

»Wie haben mich die Goldmagier gefunden?«, fragte ich. »Wie haben sie Grünfrey entdeckt und die Magie der Sonne durchbrochen?«

Jadens Miene bliebt unergründlich. »Ein Informant der Eisen­dynastie hat uns die Kunde überbracht.«

Das war unmöglich. Wie sollte eine Information von mir aus dem Dorf gelangt sein? Niemand hatte das Dorf verlassen. Die Bewohner entfernten sich nie weit, nur für die regelmäßigen Arbeiten am Bergpfad. »Wo soll er die Information aufgeschnappt haben?«

»In Blomdeck, der Handelsstadt im Westen.«

Mein Körper versteifte sich. Ich wusste nicht, was schlimmer war. Dass mich jemand aus dem Dorf verraten haben soll oder dass sich Informanten der Eisenmänner so weit entfernt der Grenze aufhielten. Bitter dachte ich an unsere Suche nach Grünfrey zurück. Kork hatte mit seinen Bedenken recht gehabt. Eisenmänner, oder zumindest ihre Verbündete, befanden sich im Gezeitenreich.

»Aber …«, stotterte ich. Meine Gedanken überschlugen sich.

»Er hatte die Information von einem Händler, der von Norden kam. Dieser hatte sie zu einem teuren Preis erworben.«

Das war unmöglich! Der Händler brachte die Information aus dem Norden mit? Der Norden konnte über den Bergpass erreicht werden. Hatte jemand bei den Arbeiten am Berg das Dorf verlassen und mich verraten?

Bilder meiner ehemaligen Nachbarn und Freunde zogen an mir vorbei. Wer konnte es gewesen sein? Wer hatte mir das angetan?

Ich schluckte. Für Gold hatte der Verräter mich verkauft. Jetzt war das Dorf zerstört, meine Familie tot und ich eine Gefangene. Und Saki? Er irrte vermutlich durch das Gezeitenreich und trauerte um seine Familie.

Tränen schossen mir in die Augen und ich presste die Hände dagegen. Grünfrey war meine Heimat gewesen. Dort hatte ich mich sicher gefühlt.

»Kindra«, flüsterte Jaden. In seiner Stimme schwang eine Spur Mitleid, als ertrüge er es nicht, mich leiden zu sehen.

Fahrig rieb ich mir die Augen trocken und betrachtete den Prinzen. Seine kalte Mimik passte nicht zu der Emotion in seiner Stimme.

»Wart Ihr dabei?«, presste ich hervor.

»Nein.«

Während ich mich fester in die Decke wickelte, versuchte ich das Gefühl des Verrats zu vertreiben. Doch es nistete sich ein und lag wie ein Stein in meiner Brust. »Wie habt Ihr die Kraft der Sonne durchbrochen?«

»Wie schon? Wir sind Goldmagier«, antwortete Jaden.

Ich musterte ihn und wartete darauf, dass er weitersprach. Als er sich nicht rührte, kräuselte ich die Stirn. »Was bedeutet das?«, hakte ich nach, als ob seine Antwort alles erklären würde.

Jadens Blick bohrte sich in meine Augen und einen kurzen Moment huschte Überraschung über sein Gesicht. »Du hast keine Ahnung, zu was wir imstande sind«, stellte er fest.

Mein Schweigen war Antwort genug. Die Goldmagier zogen ihre Kraft aus den Goldkindern. Mehr wusste ich nicht. Ich war mein Leben lang vor Männern geflohen, die ich nur aus Legenden kannte.

Jaden drehte die Handfläche nach oben und entzündete ein kleines Feuer, das über seiner Haut schwebte. Es erlosch so schnell, wie es aufgetaucht war. Als Nächstes hob er beide Hände in meine Richtung und plötzlich bewegte sich die Decke, wickelte sich von meinen Schultern und blieb schlaff um meine Hüften liegen.

Als hätte ich mich verbrannt, sprang ich auf und warf die Decke von mir. Mein Herz hämmerte, als ich in Jadens dunkle Augen sah.

»Wir erschaffen und wir beherrschen.«

Mein Mund war schlagartig trocken. Welche Kräfte schlummerten in Jaden, von denen ich nichts ahnte?

»Bitte setz dich wieder. Ich wollte dich nicht erschrecken.« Er deutete auf den Sessel, doch ich blieb stehen.

»Wie mächtig seid Ihr?« Meine Stimme zitterte.

»Sehr«, antwortete er. Sein Gesicht wirkte wie eine Maske, die mir nicht verriet, ob ihn diese Macht stolz machte. »Der fähigste Magier seit Jahrhunderten, wie mein Vater mich nennt.«

War er deshalb der Anführer? Weil keiner an seine Stärke herankam? »Aber was ist mit dem König?«

Jaden schnaubte. »Mein Vater zieht es vor, die Kraft körperlich aufzunehmen.«

»Wie meint Ihr das?«

Er verschränkte die Finger und bettete die Hände in seinem Schoß. Bildete ich es mir ein oder zitterten sie? »Mein Vater bevorzugt Operationen, bei denen die Mittel in die Knochen oder Muskulatur verabreicht werden, während wir anderen die Tränke einnehmen.«

»Diese Tränke …«, sagte ich, doch ich konnte den Satz nicht zu Ende führen. Mir wurde schlecht.

»Die stellt der Medi nach der Ernte her.«

Schwankend sank ich zurück auf den Sessel. »Aus uns Gold­kindern«, presste ich hervor.

Der Prinz brummte zustimmend, seine Fassade bröckelte und ich konnte sehen, wie er mit sich rang. War das ein Punkt, an dem ich ihm Emotionen entlocken konnte? Sorgte er sich um die Goldkinder? Weil sie ihm zu seiner Macht verhalfen, oder steckte mehr dahinter?

Ich zog die Knie an die Brust und drückte mich tiefer in den Sessel. Das war zu viel. Jaden war der fähigste Goldmagier. Er war zwar nicht dabei gewesen, aber die Goldmagier hatten Grünfrey zerstört, weil einer meiner Nachbarn mich für Gold verraten hatte.

Ein stiller Schluchzer schüttelte mich und ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Sie rollten über meine Wangen und eine traf auf meine Lippen. Der salzige Geschmack erinnerte mich an die vielen Tage, die ich um meine Heimat und meine Familie trauerte.

»Kindra«, hauchte Jaden.

Doch ich wusste nicht, was ich erwidern sollte und legte meine Stirn auf die Knie. Der Schmerz überrannte mich. Seit meiner Ankunft hatte ich mich nicht so einsam gefühlt.

Einige Herzschläge lang saß ich so da, und als ich aufblickte, hatte ich nicht damit gerechnet, dass Jaden geblieben war. Er saß im Sessel gegenüber und sah mitgenommen aus. Die Vielzahl der Emotionen auf seinem Gesicht überraschte mich.

Ich schluckte und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, doch meine Gemächer wirkten plötzlich erdrückend. Während ich keuchte, wurde mir wieder bewusst, dass ich nicht die Einzige war. Täglich führte mich Jaden aus meinem Zimmer und über den Gang, an den sich weitere Zimmer aneinander reihten. Wie viele Gold­kinder hielten sie hier gefangen? Meinesgleichen, die so nah waren. »Ich würde die anderen Goldkinder gern kennenlernen.«

Jaden zuckte zusammen, als ich nach der Stille das Wort an ihn richtete. Er kämpfte die kalte Maske wieder zurück auf sein Gesicht. »Das geht nicht«, antwortete er schließlich.

Ich lehnte mich nach vorn. »Bitte«, flüsterte ich und fixierte seine dunklen Augen. »Ich kenne niemanden, der so ist wie ich.«

Langsam schüttelte Jaden den Kopf. »Sie sind nicht wie du«, setzte er an und seine Fassade bröckelte. »Nicht mehr.« Er fuhr sich durch die Haare und sackte etwas in sich zusammen. Seine Energie schien ihn zu verlassen, als wäre ein Punkt erreicht, den er nicht mehr ertragen konnte. Als würde ihm die Macht über seine Beherrschung entgleiten.

Leise sagte er: »Die meisten sind so schwach, dass sie kaum reden können. Sie liegen in einem speziellen Bett mit einer Auffangschale für den Speichel.« Er brach ab. Schüttelte den Kopf und wich meinem Blick aus. »Die anderen, die körperlich länger durchgehalten haben, sind verrückt geworden.«

Meine Augen weiteten sich. Zitternd griff ich nach dem Stoff der Decke und wand sie fester um meinen Körper. War das meine Zukunft? Leblos oder wahnsinnig, in einer Vorrichtung, die meinen Speichel auffing?

War das die Last, die auf ihm lag?

Andere Leben zugunsten eines Lebens? Elend und Leid für Kraft?

Heiß brannte meine Haut und ich presste meine Zähne fest aufeinander, bis mein Kiefer schmerzte. Mit ihm konnte ich kein Mitleid haben. Nicht mit dem Prinzen, einem Goldmagier, der sich diese grausamen Errungenschaften einverleibte.

»Ihr seid Monster«, flüsterte ich aufgebracht und starrte den eisernen Prinzen mit zusammengekniffenen Augen an.

Jaden spannte die Schultern an und seine Augen funkelten. »Wir tun nur, was nötig ist. Wir streben nach der Macht, die uns zusteht«, erwiderte er und es klang wie eine auswendig gelernte Floskel.

Ich lachte höhnisch. »Ihr kümmert Euch nur um Euch selbst. Um das, was Ihr wollt. Das Leben anderer ist Euch egal!« Die letzten Worte spuckte ich ihm entgegen.

Er erhob sich und unkontrolliert huschten Emotionen über sein Gesicht, die er nicht schnell genug wieder einfangen konnte. Er kam einen Schritt auf mich zu.

»Die Goldmagier verrichten Gutes!«, presste er hervor. »Sie dienen nicht nur dem König, sondern auch unserem Volk.«

»Sie vergreifen sich an wehrlosen Mädchen, um noch mehr Macht zu erlangen!«

»Sie helfen!« Jadens Stimme wurde lauter. »Sie unterstützen das Volk durch ihre Magie beim Bau von Häusern. Sie helfen bei der Ernte oder vertreiben Banditen. Sie retten Leben!«

»Aber zu welchem Preis?« Meine Hände zitterten.

»Halt den Mund«, zischte er und beugte sich zu mir. Die Hände stützte er auf die Armlehnen meines Sessels und ich wich instinktiv so weit zurück, wie es mir die Rückenlehne erlaubte.

Sein Gesicht war dicht vor meinem und er kämpfte weiterhin um Beherrschung. »Du hast doch keine Ahnung«, hauchte er.

Hin- und hergerissen zwischen Wut und Neugier zitterte ich stärker. Mein Körper bebte. Aber ich konnte hier nicht aufhören. »Ihr seht in uns Goldkindern keine Menschen! Nur eine Quelle der Macht.«

»Das ist nicht wahr.« Ein Glitzern in seinen Augen erschien und keine Beherrschung der Welt hätte diesen Ausdruck unterdrücken können. So viel Schmerz konnte kein Mensch verbergen. So viel Leid konnte kein Einzelner mit sich herumtragen.

Oder doch?

»Ihr seid ekelhaft«, hauchte ich und kitzelte das Funkeln stärker hervor. »Mörder.«

Seine Stimme wurde mit jedem Wort brüchiger. »Hör auf, Kindra. Du hast keine Ahnung.«

»Dir geht es um dich und deine Macht«, meinte ich und zwang ein bitteres Lächeln auf meine Lippen, duzte ihn sogar, um ihn weiter zu reizen.

Er schüttelte den Kopf und wich zurück.

Ich folgte ihm und ließ seinen Blick nicht los. »Wir sind dir egal.«

»Seid ihr nicht.«

Sind wir nicht?

»Sind wir doch«, widersprach ich ihm trotzig wie ein kleines Kind. Mit den Händen griff ich seinen Kragen und starrte ihm fest in sein Gesicht. »Falls nicht, beweise es mir.«

Er sackte in sich zusammen. Seine Blicke verloren sich im Zimmer, während das Glitzern in seinen Augen sie beinahe wie Sterne strahlen ließ. »Sie war mir nicht egal.«

Mit offenem Mund starrte ich ihn an, aber kein Ton kam heraus. Sie? Dieselbe sie, von der die Wache in meiner ersten Nacht in der Zelle gesprochen hatte?

Jaden erhob sich und drehte das Gesicht von mir weg. Müde ließ er sich in den Sessel mir gegenüber fallen, das Gesicht vor mir verborgen.

In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er wirkte verletzlich und menschlich. »Wer?«, fragte ich.

Als mich der Prinz schließlich ansah, blendete der Schmerz in seinen Augen mich beinahe. Er wirkte gequält, als er mehrmals Luft holte. »Unwichtig. Sie hat sich verändert.«

»Warum sprichst du offen mit mir? Wo ist deine Überheblichkeit abgeblieben?«

»Ich bin der Spiele überdrüssig.« Sein Blick verharrte auf mir und ein kleines Lächeln zuckte in seinem Mundwinkel. »Du erinnerst mich an sie.«

»Weil ich ein Goldkind bin?«

Ein kurzes brummendes Lachen entfuhr seiner Brust und brachte seine Fassade zum Einstürzen. »Weil sie nie genug Fragen stellen konnte. Weil sie stur war und …«, er stockte, »… bildschön.«

Ich schluckte. Seine Offenheit bewegte mich mehr, als ich für möglich gehalten hatte. Der Junge, der mich im Verlies besucht, der mir ein Fläschchen gegeben hatte, um meine Schmerzen zu lindern. In ihm steckte ein Herz, das gebrochen war.

»Wie hieß sie?«

»Ardra.« Er seufzte.

»Hast du sie geliebt?«

Einige Herzschläge lang sah er mir offen ins Gesicht, dann verlor sich sein Blick im Zimmer. Er richtete sich auf. »Und wenn schon. Es hatte keine Zukunft.«

»Ardra«, wiederholte ich und er presste die Lippen fest aufeinander. »Wie seid ihr euch nähergekommen?«

Langsam schüttelte er den Kopf. Sein Blick verschwand in die Vergangenheit. »Sie war stark. Nahm die Ernte mit Stolz und verbrachte mehr Zeit im Verlies als in ihren Gemächern.«

Zitternd hielt ich den Atem an, während Jaden mich mit sich riss in eine längst vergangene Zeit, in ein Leben, das stärker war als seine eiserne Maske.

»Meistens saß ich vor ihrer Zelle und leistete ihr Gesellschaft.« Er lehnte sich im Sessel zurück und sah zur Decke. »Wir redeten, bis die Nacht dem Morgen wich und ich beinahe meine Pflichten vergaß.« Er schwieg und sein Kinn sackte auf seine Brust.

»Was ist passiert?«, hauchte ich.

Er hob die Augen. »Sie hat sich an die Ernte verloren und war nicht mehr sie selbst.« Er zögerte. Dunkle Schatten lagen auf seinem Gesicht. »Sie wollte mich umbringen.«

Eine kurze Welle von Mitleid schwappte über mich hinweg. Hätte es mir das Herz gebrochen, wenn Saki mich für das verurteilt hätte, was ich war? Ich schob den Gedanken beiseite. Das hier war anders. Jaden führte Ardra zur Ernte. Er gehörte zu den Feinden, und auch wenn es ihm scheinbar missfiel, er verhinderte es nicht. »Kannst du es ihr verdenken?«, fragte ich ihn.

Gequält verzerrte er den Mund. »Nein«, antwortete er. »Aber wir haben unsere Gründe für das, was wir tun.« Er erhob sich und sah zu mir herab. »Letztendlich war es gut so und hat mich vor weiterem Leid bewahrt. Das mit uns hatte sowieso keine Zukunft.« Einige Schritte entfernte er sich Richtung Tür.

»Du hast eine Wahl, Jaden. Warum hältst du an der Tradition der Ernte fest, wenn sie dir so offensichtlich missfällt?«

Seine Schultern versteiften sich, aber er hielt nicht an. Als er die Tür öffnete, sah er kurz zu mir herüber. Seine Beherrschung war zurück, lag über seinen Zügen und ließ mich daran zweifeln, dass hinter dieser Fassade ein verletzlicher Junge steckte. Doch er war mehr als ein emotionsloser Prinz. Das hatten seine Worte bewiesen.

Er fixierte mich einen endlos wirkenden Moment, ohne etwas zu sagen, dann verließ er meine Gemächer.

9

Saki
Prüfung


Nachdem mein Ziel klar war, trainierte ich härter. Und langsam wurden aus Tagen Wochen. Mein Körper zitterte nicht mehr unkontrolliert in der Kälte. Meine Finger und meine Haut waren nicht mehr blau, sondern hatten stellenweise einen etwas natürlichen Ton angenommen. Die Blutergüsse bedeckten nicht mehr nur mich, sondern auch die anderen Männer, mit denen ich trainierte. Meine Muskeln wuchsen und mein Hass auf die Eisendynastie loderte weiter.

Entschlossen reckte ich das Kinn und starrte auf den Trainingsplatz. Einige Krieger standen in der Mitte und führten die Techniken vor, die wir in den letzten Wochen gelernt hatten. Es war eine stupide Prüfung. Nichts, was ich nicht perfekt beherrscht hätte. Doch ich nahm nicht teil.

Das Herz brannte heiß in meiner Brust. Während der letzten vier Wochen hatte ich meine Ungeduld kaum zügeln können. Warum nahmen mir die Hüter kostbare Zeit, von der ich doch so wenig hatte? Nachts sah ich Kindra in meinen Albträumen, die mich fast zur Verzweiflung trieben.

Doch ich riss mich zusammen. Drohte die Ungeduld aus mir heraus­zuplatzen, trainierte ich doppelt so hart. Schreckte ich morgens aus dem Schlaf auf, stemmte ich Gewichte auf dem Trainingsplatz, egal wie früh es war. Ich versuchte mich mit allen Mitteln abzulenken. Denn die Gedanken an Kindra schmerzten in meiner Brust. Zu lange verharrte ich in diesem Dorf, ohne ihr näher zu kommen. Meine Vernunft mahnte mich, dass ich für die Spionage am Königshof vorbereitet sein musste. Aber meinem Herz war das egal. Es sehnte sich nach Kindra.

Heute stand ich am Rand des Trainingsplatzes und sah den Männern zu, wie sie die unterschiedlichen Übungen zeigten und Kämpfe austrugen. Am liebsten hätte ich Arnen zu Boden geschlagen. Auch wenn ich wusste, dass es alles nur schlimmer machen würde. Tief in meinem Innern flüsterte mir eine Stimme zu, dass ich Kindra mit jedem Tag ein weiteres Stück verlor.

Ich öffnete meine Fäuste und ließ meine Schultern hängen. Für ein paar Herzschläge schloss ich die Augen und sah ihr Gesicht vor mir. Wie sie lachte und strahlte. An dieses Bild klammerte ich mich und atmete tief durch, dann hob ich den Blick und ging zu meinem Quartier zurück, ohne ein Wort mit Arnen gewechselt zu haben.

Am nächsten Tag bat er mich um ein Gespräch. Insgeheim stellte ich mich darauf ein, dass er mir meine Ungeduld unter die Nase reiben würde. Dabei hatte ich mit mir selbst gekämpft. Vergeblich, so wie es aussah.

»Glückwunsch«, sagte er. »Du hast deine erste Prüfung bestanden.«

Irritiert zog ich die Augenbrauen zusammen und sah Arnen an. »Was meinst du?«

Er räusperte sich und legte mir die Hände auf die Schultern. »Deine erste Prüfung bestand darin, deine größte Schwäche zu überwinden. Dich unseren Entscheidungen zu beugen und vernünftig alle Möglichkeiten abzuwägen, egal was du dabei empfindet. Es ging um Selbstdisziplin.«

Mein Mund klappte auf und ich schloss ihn wieder. Adrenalin schoss durch meine Adern und mein Herz raste. Ich hatte meine erste Prüfung bestanden.

Arnen erhob sich. »Von nun an wirst du auch in deinem Wissen geschult. Neben dem körperlichen Training benötigst du auch mehr Informationen über die Eisendynastie. Wir sind uns jetzt sicher, dass du dich beherrschen kannst und für den Kampf trainieren wirst, auch wenn du nicht mehr den ganzen Tag auf dem Trainingsplatz verbringst.« Er deutete mir an, ihm zu folgen. Gemeinsam gingen wir durch das Dorf und bis zu einer Höhle, die nicht weit vom Eingang zum Ältesten entfernt lag.

Wir traten ein und schummriges Fackellicht umhüllte uns, das die Wände nur spärlich beleuchtete. Der kreisrunde Raum war kahl, doch es roch angenehm nach Gebäck. Eine alte Frau saß auf einem Sessel in der Mitte des Raumes. Ihr gegenüber stand ein weiterer Sessel.

»Hallo, Sendra«, begrüßte Arnen sie.

»Willkommen«, sagte sie und deutete auf den leeren Platz. »Bitte setz dich, Saki.«

Ihr gegenüber ließ ich mich in den Sessel sinken und musterte sie. Sie war alt, das Gesicht faltig und das schwarze Haar von silbrigen Strähnen durchzogen. Statt Augen blickten mich nur leere, vernarbte Höhlen an.

»Du kannst gehen, Arnen«, sagte sie und wedelte mit der Hand Richtung Ausgang.

Er verabschiedete sich knapp und ließ uns allein.

Sendra beugte sich etwas vor und steckte ihre Arme aus. »Zuerst lass mich dein Gesicht sehen.« Sie winkte mich heran und ich führte ihre Hände an meine Wangen. Nach einer Weile grinste sie und lehnte sich zurück. »Du bist sehr entschlossen. Dein Wille brennt stark in dir.«

»Woher wisst Ihr das?«, fragte ich und starrte auf ihre Narben.

»Ich sehe mehr mit meinen Händen und meinem Geist, als du je mit deinen Augen zu erkennen vermagst«, antwortete sie und faltete die Hände in ihrem Schoß. »Aber wir sind nicht hier, um über mich zu sprechen, nicht wahr?« Sie drückte den Rücken durch. »Dir steht eine beschwerliche Reise bevor. Viele Hindernisse wirst du überwinden müssen, um das zu finden, was du suchst. Es gibt viel, was du vorher lernen musst.«

»Und das wäre?«, fragte ich.

»Na, was schon? Dialekt, Aussprache, Sitten, Bräuche, Geo­grafie. Um unter den Eisenmännern nicht aufzufallen und dich in der Eisendynastie wie einer der ihren einzugliedern, musst du das alles beherrschen. Aber viel wichtiger ist, dass du verstehst, was Kindra ist. Und warum der Krieg tobt.« Ihre Stimme war keine Spur tadelnd, sondern sprühte vor Energie. Einen kurzen Moment schwieg sie und die Spannung in der Luft schien zu vibrieren. »Bitte erzähle mir alles, was du über die Goldkinder zu wissen glaubst.«

Obwohl ich Geschichten liebte, waren nur wenige nach Grün­frey durchgedrungen. Dafür hatten wir zu abgeschieden gelebt. Aber ich erinnerte mich an jede, die jemals die Lippen eines Bewohners verlassen hatte. »Ich kenne die gängigen Geschichten und Legenden, in denen die Goldkinder als magisches Volk dargestellt werden. Ihre Körper besitzen Kräfte, die Männer zu Magiern machen oder Waffen verstärken können. Die Eisendynastie jagt die Goldkinder seit Jahrhunderten und versucht dadurch an Macht zu gelangen.« Ich stutzte kurz. »Das ist eigentlich schon alles.«

Die Alte schüttelte den Kopf und lächelte. »Das ist nur ein winziger Teil der Wahrheit«, antwortete sie. »Es begann alles viel früher. Als das Gezeitenreich von der Magie der fünf Urdrachen errichtet wurde. Jeder Drache formte einen Teil des Gezeitenreiches. Immerwährender Sommer, Tiefer Winter, Beständiger Herbst, Keimender Frühling und Ewiger Regen. Doch die Macht des fünften Drachen konnte sich an den prächtigen Jahreszeiten der anderen Drachen nicht messen. Eifersucht, Hass und Missgunst verdarben ihn. Seine blauen Schuppen verfärbten sich schwarz und er wurde von den anderen Drachen aus dem Gezeitenreich verbannt. Der fünfte Drache hatte von da an viele Namen. Der gefallene Drache, der schwarze Drache, der Eisendrache sind nur ein paar davon. Er formte sich ein eigenes Reich, die Eisendynastie. Sein Hass übertrug sich auf alles Leben, das er erschuf. Die Blutlinie der Königsfamilie entstammt aus einer Liebschaft zwischen dem fünften Drachen und einer Frau. In ihrer Erbschaft wurde der Hass weitergetragen.«

»Die Schöpfungsgeschichte«, flüsterte ich.

»Ja, sie enthält Teile der Wahrheit.«

Aber warum sprachen wir über die Urdrachen? »Wie hängt das mit den Goldkindern zusammen?«, fragte ich.

Sendra strich sich die ergrauten Strähnen hinter die Ohren. »Die anderen vier Drachen lebten glücklich und abgeschieden im Gezeiten­reich. Auch sie verliebten sich in die Menschen, die ihr Reich bevölkerten. Doch sie untersagten sich, Bindungen mit den Menschen einzugehen. Der Sommerdrache brach dieses Versprechen. Über Jahre hinweg nahm auch er hin und wieder seine menschliche Form an und vereinte sich mit den schönsten Frauen. Anders als die Frau des Eisendrachen gebaren die Frauen des Sommerdrachen keine Kinder, sondern goldene Dracheneier. Der Sommerdrache versteckte diese Eier vor den anderen Drachen und führte seine heimlichen Lieb­schaften fort, da er dachte, sie würden unentdeckt bleiben.

Ein Jahrhundert nachdem das erste Drachenei geboren wurde, schlüpfte ein Goldkind aus einem der Eier. In dem Kind steckte die schöpfende Kraft des Urdrachen, die angeblich in der Schale der Eier schlummerte und so in die Goldkinder überging. Diese Kinder brachten das Gleichgewicht der Welt durcheinander und wurden von den anderen Drachen entdeckt. Sie waren entrüstet über den Verrat des Sommerdrachen, stritten und bekämpften sich und verschwanden schließlich aus dieser Welt. Manche munkeln, sie seien in die Magie von Odre zurückgekehrt, um den Verfall zu verhindern.«

Ich runzelte die Stirn. »Dracheneier? Liebschaften zwischen den Urdrachen und Menschen? Ein Königshaus, dessen Blutlinie von einem Drachen abstammt.« Das war doch absurd. Diesen Teil der Geschichte hörte ich zum ersten Mal. Aber war das vielleicht der Grund, warum Noba, Kork und Kindra sich über ihre erste Begegnung stets vage ausgedrückt hatten?

Stammte Kindra von einem Drachen ab?

Sendra nickte. »Du hast sie gesehen, die goldenen Augen. Sag du mir, ob es so abwegig ist.«

Eine Erwiderung lag mir auf der Zunge, doch ich schwieg. Sie hatte recht. Kindra strahlte so viel Mythisches und Geheimnis­volles aus. War es unvorstellbar, dass sie aus einem Ei geschlüpft war? »Wie kann es sein, dass es dann noch junge Goldkinder gibt? Dass sie immer wieder auftauchen?«

»Es ist nicht klar, ob die Eier Jahrzehnte oder Jahrhunderte benötigen, um auszureifen, oder ob das Kind schlüpft, sobald es sich bereit fühlt oder gebraucht wird. Es ist auch nicht bekannt, wie viele Drachen­eier des Sommerdrachen existieren. Oder ob es wirklich die einzigen Eier sind.«

Langsam schüttelte ich den Kopf. »Das heißt, Kindras Vater ist einer der Urdrachen?«

»So ist es«, antwortete die Frau.

Ein kurzes Lachen entfuhr meiner Kehle. »Tut mir leid, aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich glauben kann.«

»Ob du daran glauben kannst oder nicht, die Wahrheit existiert und ist unabänderlich. Die Goldkinder kennen ihre Namen, sobald sie geschlüpft sind. Kindragon Goldkind, oder wie du sie nennst, Kindra. Sie ist die Tochter des Sommerdrachen. Und eine meiner Schwestern.«

10

Kindra
Ein letzter Augenblick


Du bist so stur!«, zischte jemand. Blinzelnd öffnete ich mein linkes Auge, brauchte einige Herzschläge, um mich zu orientieren. Die muffige Luft des Verlieses drang in meine Nase und die Erinnerungen kehrten zurück. Die Wachen hatten mich hierher­gebracht, nachdem …

Eiseskälte pumpte durch meine Adern. Ruckartig hob ich die Hand und berührte meine linke Gesichtshälfte. Jene, die noch intakt war. Während mein rechtes Auge von nun an geschlossen bleiben würde. Angst, was die Zukunft für mich bereithielt, betäubte alle weiteren Gefühle in mir.

In der Dunkelheit erkannte ich eine schlanke Gestalt, die die Gitterstäbe meiner Zelle umfasste. Es dauerte eine Weile, bis sich mein Auge an das dämmrige Licht gewöhnt hatte und ich meine Umgebung erkannte. Den winzigen, eingezäunten Bereich und den schummrig beleuchteten Gang. Erneut war ich in dieser Zelle gelandet, weil ich den König mit meinem Widerstand gegen den Eingriff verärgert hatte.

Jaden stand im dämmrigen Licht und zu viele Emotionen huschten über sein Gesicht, als dass ich sie erfassen konnte. Seine Mundwinkel verzogen sich und ich erkannte, wie er die Gefühlsregungen von seinem Gesicht verdrängen wollte. Seine Nase kräuselte sich, wie viele Male in den letzten Wochen, wenn er die Maske aufsetzen wollte, es ihm aber nicht mehr gelang. Seine Hände zitterten. »Du bist selbst schuld!«

Versuchte er es auf mich zu schieben?!

Wut loderte tief in meinen Eingeweiden auf und weckte mich vollends aus meinem schlaftrunkenen Zustand. »Ich bin schuld?!«, wiederholte ich. »Was soll daran denn meine Schuld sein? Dass ich mich nicht freiwillig ausschlachten lasse? Dass ich mein Auge gern behalten hätte?« Den letzten Satz schrie ich ihm entgegen.

Jaden senkte den Blick und schüttelte den Kopf.

Ich durchquerte die kleine Zelle mit zwei Schritten und packte Jadens Schultern durch die Gitterstäbe und schüttelte ihn, bis er mich ansah. Seine Lippen waren zu einer schmalen Linie zusammengepresst. »Ich habe das nicht verdient! Ihr könnt euch nicht einfach nehmen, was ihr wollt!« Tränen rannen mir über meine linke Gesichtshälfte. Die rechte blieb trocken. Das war die Realität: Sie hatten mein Auge bei der Ernte entfernt.

»Du hättest tun müssen, was er sagt«, setzte Jaden an. »Du wusstest, dass sie es sich sowieso nehmen. Du müsstest nicht hier sein, wenn du dich einfach gefügt hättest.« Sein Blick huschte über mich und durch die Zelle. »Du könntest in deinen Gemächern sein.«

Hysterisch lachte ich auf. »Du verstehst es nicht! Ich hätte den Eingriff ruhig über mich ergehen lassen sollen? Friedlich zustimmen, dass der Medi mein Auge entfernt?«

»Nein, du verstehst es nicht!«, rief Jaden. »Du bist verbohrt, stur. Du erkennst nicht, dass du das Beste aus der Situation machen solltest. Sie nehmen es sich sowieso.«

Schnaubend packte er meine Hände. Schmerz zuckte durch meine Handgelenke und ich löste den Griff um seine Schultern. Dennoch biss ich die Zähne zusammen und hielt seinem Blick stand. Er fixierte mich mit seinen Augen. Einen Moment sagte keiner von uns etwas.

Dann schüttelte Jaden den Kopf. »Du bist so stur«, flüsterte er, ließ meine Hand los und drehte sich um. Seine Schultern bebten und sein Kopf zuckte, als würde er mir noch mal einen Blick zuwerfen wollen.

Ich erwartete, dass er davonmarschierte und mich zurückließ. Doch er überlegte es sich anders. Als er sich umdrehte, lag Traurigkeit in seinem Blick. »Wenn du hier unten bist …«, raunte er und seine Stimme versagte. »Es bricht mir fast das Herz, dich im Verlies zu sehen.«

Einen Augenblick lang nahm ich nur die Herzschläge in meiner Brust wahr.

Er trat näher an die Gitterstäbe und zögerte. Als er die Hand hob und meine Wange berührte, hielt ich den Atem an. Sah er in diesem Moment Ardra in mir?

»Ich wünschte, ich könnte es dieses Mal richtig machen. Ardra habe ich verloren …«

Fest umschloss ich seine Hand. Aufregung flatterte in meinem Magen. »Das kannst du. Beende die Ernte.«

Jaden lachte bitter. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Glaubst du wirklich, ich habe so viel Macht?«

»Du bist der Anführer der Goldmagier. Der fähigste Magier, wenn es nach dem König geht.«

Er schüttelte den Kopf. »Was bringt das mir? Kindra, mein Titel ist eine Farce. Mein Vater regiert und das Volk dürstet nach Gerechtigkeit, nachdem der Eisendrache von den anderen verstoßen wurde.«

Seine Worte jagten mir einen Schauer über den Rücken. Der König hatte die Macht über die Ernte und seinen Sohn. War Jaden nicht mehr als eine Spielfigur, die der König lenkte? Hatte er keine Freiheiten und war in seine Rolle gezwungen, weil er als Prinz geboren wurde?

»Wir haben mehr gemeinsam, als du ahnst«, sagte ich und ein bitteres Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. »Wir beide hadern mit dem, was wir sind.«

Als er die Hand sinken ließ, schmunzelte er. Er trat einen Schritt zurück und sein Blick wanderte durch den Kerker. »Kannst du dich bei meinem Vater entschuldigen, um in deine Gemächer zurück­zukönnen?«

Bei dem Gedanken, mich vor dem König zu beugen, krampfte mein Magen. Meine Schultern spannten sich an. Der trotzige Teil in mir begehrte auf, wollte den Widerstand, den ich geleistet hatte, mit Stolz tragen. Doch Jadens Offenheit ließ mich zögern. Tief in seinem Innern empfand er Liebe und Reue. Ergeben schloss ich die Augen und nickte. »Ich werde mich entschuldigen.«

»Danke«, hauchte Jaden und verschränkte seine Finger mit meinen. Er drückte sie leicht, ehe er sich umdrehte und mich zurückließ.


Kurze Zeit später kehrte Jaden mit dem König und einigen Wachen zurück. Auf Jadens Gesicht lag die kalte Fassade des eisernen Prinzen. Die Gefühle, die er mir vorhin offenbart hatte, wirkten weit entfernt. Als mich sein Blick aus dunklen Augen traf, wusste ich aber, dass sie real waren. Seine flehende Bitte lag für mich deutlich erkennbar darin.

Der König schritt an Jaden vorbei und blieb vor meiner Zelle stehen. Um in sein Gesicht sehen zu können, legte ich den Kopf in den Nacken. Die Gitterstäbe wirkten in seiner Gegenwart kleiner, zerbrechlicher. Als wäre die Zelle mit mir geschrumpft.

»Mein Sohn informierte mich, du hättest es dir anders überlegt.« Seine Stimme dröhnte in meinen Ohren und pulsierte durch meinen Brustkorb.

Kurz schielte ich zu Jaden, der links hinter seinem Vater stand. Er hatte den Blick gesenkt und trug seine gelangweilte Maske.

»Ja, Eure Majestät«, presste ich hervor. Schwer schluckte ich gegen den Kloß in meinem Hals an. Mich vor dem König zu beugen gefiel mir nicht. Doch ich trieb mich weiter an. »Ich habe meine Lektion gelernt.«

Der König legte den Kopf schräg und tippte sich mit einem Finger ans Kinn.

»Bitte verzeiht mein Verhalten. In Zukunft werde ich gehorchen«, log ich und presste im Anschluss die Zähne aufeinander, bis mein Kiefer schmerzte.

»Ich begrüße deine Entschuldigung«, antwortete der König und nahm damit eine Last von meinen Schultern. Wieder huschte mein Blick zu Jaden, der mich ansah. Dankbarkeit lag in seinem.

»Ja, ich bin wahrlich erleichtert über deinen Sinneswandel«, fuhr der König fort. »Aber wirst du dich tatsächlich zügeln?« Mit seinen Augen musterte er mich intensiv.

»Das werde ich.«

Kopfschüttelnd breitete er die Arme aus. »Du solltest noch einige Tage darüber nachdenken.« Er drehte sich um und entfernte sich.

Unsicher tastete ich nach dem Gitter, dessen Entfernung ohne mein zweites Auge schwierig einzuschätzen war, und schlang die Finger um die Stäbe. »Bitte«, flehte ich und sah dabei Jaden an, der widerwillig seinem Vater folgte. »Lasst mich nicht hier zurück. Ich verspreche es.« Mit jedem Wort, das ich aussprach, kam ich mir schmutziger vor.

Doch der König kehrte nicht zurück.

Jaden besuchte mich jeden Tag im Kerker, doch je länger ich hier unten war, desto qualvoller schien der Besuch für ihn zu sein. Mit jedem Tag erdrückte mich die Kälte und Dunkelheit mehr, und mit jedem Besuch wünschte ich mir mehr, Jadens Qualen lindern zu können.

Wenn er sich mir öffnete, erkannte ich, wer er wirklich war. Nur ein Junge, der in eine Rolle gezwängt worden war, die er nicht wollte.

Während ich in der Zelle saß, auf den staubigen Boden starrte und an ihn dachte, wurde mir klar: Es gab viel mehr in ihm. Etwas Gutes. Etwas Zerbrochenes. Einen Teil, der Ardra liebte.


Als ich drei Tage nach meiner Entschuldigung in meine Gemächer zurückgebracht wurde, legte ich mich als Erstes ins Bett und vermied es, Richtung Spiegel zu sehen. Ich war nicht bereit, mein Gesicht zu sehen. Den Verband und das … was fehlte. Die Eisenmänner hatten mir ein Auge entnommen und sosehr ich auf meine Selbstheilungskräfte hoffte – das Auge würde nicht ohne Weiteres nachwachsen. Das spürte ich.

Mit geschlossenem Auge wickelte ich mich fester in die Decke, gab mich der Erschöpfung hin und versank in einem traumreichen Schlaf. Dort fand ich mich auf einer Wiese in Grünfrey wieder und starrte in den Himmel. Saki lag neben mir und nahm meine Hand. Die Berührung durchflutete mich mit einem Gefühl von Heimat.

Als ich erwachte, verschwand das Wohlgefühl und zurück blieb ein schlechtes Gewissen. Für Jaden hatte ich mich beim König entschuldigt und versprochen, gehorsam zu sein. Was würde Saki von mir denken, wenn er das wüsste?

So schräg es auch war, im Prinzen hatte ich einen Freund gefunden. Jemanden, der mich verstand.

Ein Klopfen ließ mich aufschrecken, ich richtete mich auf und starrte zur Tür. Erleichtert atmete ich aus, als nicht der König, sondern Jaden mit einem magischen Licht ins Zimmer trat.

Jadens Kiefer war angespannt und als sein Blick meinen traf, trat ein gequälter Ausdruck in seine Augen. Er gab sich keine Mühe, seine Gefühle vor mir zu verstecken.

Mit schnellen Schritten durchquerte er den Raum und blieb vor mir stehen. Das Licht wärmte meine Wangen und ich begrüßte den kurzen Anflug von Wohlgefühl. Jaden schüttelte leicht den Kopf.

»Dein Verband!«, sagte er in einem tadelnden Ton. »Setz dich!«, forderte er mich auf und zeigte auf einen der Sessel.

Schweigend gehorchte ich und ließ ihn dabei nicht aus dem Auge. Er ging zu meinem Nachttischschränkchen und holte einen frischen Verband und einige Salben heraus. Natürlich gehörte dies zur Grundausstattung eines Zimmers, in dem ein Goldkind einquartiert war. Vorsichtig legte er mir Tiegel mitsamt Stoffbahnen in den Schoß und wickelte mir den Verband vom Kopf. An einigen Stellen klebte er an meiner Haut. Die Wunde pochte, aber es war nicht das gewohnte Kribbeln, das die Heilung andeutete. Es war anders. Mein Körper hatte genug. Genau wie ich.

Jaden sog scharf die Luft ein, als er die Höhle erblickte, in der sich früher mein rechtes Auge befunden hatte. Schmerz und Wut loderten in seinem Gesicht auf und er trug vorsichtig eine Salbe auf. Dann legte er einen neuen Verband an. Als er fertig war, stand er auf und flüsterte: »Es tut mir so leid.«

Erschöpft sah ich zu ihm empor und schüttelte leicht den Kopf. Ich konnte ihm nicht die Schuld an der Ernte geben. Nicht mehr. »Du kannst nichts dafür«, sagte ich und meinte es so. Dafür erinnerte er mich zu sehr an mich selbst. Er war Teil der Ernte, weil seine Geburt es besiegelt hatte.

Kurz rieb er sich mit einer Hand über das Gesicht. Als er mich wieder ansah, war es, als würde ich ihn das erste Mal sehen. Den echten Jungen, den Jaden, der er wirklich war. Mit klarem Blick, die Augen nicht pechschwarz wie alles verschlingende Finsternis, sondern wie ein ausgebranntes Feuer, das langsam zu Asche zerfiel. Seine Stimme war rau: »Es ist für mich.«

Erst verstand ich nicht, was er damit meinte. Dann weitete sich mein linkes Auge, bevor meine Schultern zu beben begannen. »Das Auge ist für dich.«

Er nickte, unfähig zu sprechen.

»Wann setzen sie es dir ein?«, fragte ich und konnte mich nicht gegen die Übelkeit wehren, die in mir aufwallte.

»Morgen«, krächzte er und ließ sich vor mir im Schneidersitz auf den Boden sinken, den Blick zu mir erhoben. »Ich will es nicht«, sagte er leise. »Aber mein Vater meint, ich soll das erste erhalten. Es ist eine Premiere, es ist …« Seine Stimme versagte und er schluckte. »Es ist ein neuer Versuch.«

»Wie meinst du das?«, raunte ich. »Kann es schiefgehen?«

Er antwortete nicht, aber das musste er nicht.

»Der König nimmt sich das zweite, wenn ihr Erfolg habt?«, fragte ich.

Wieder nickte Jaden. In seinen Augen kämpften Scham, Schmerz und Wut miteinander. Er streckte die Hand aus und packte meinen Knöchel. Eine Weile strich er mir mit den Fingern über die Haut. Es war die erste Berührung, das erste Mal seit Monaten, dass mir jemand körperliche Nähe schenkte.

Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, trotzdem konnte ich nicht anders, als es zu genießen. Waren wir uns emotional schon so nah? Das Mädchen mit der Magie und der Junge, der sie sich einverleibte?

»Danke«, flüsterte er.

»Wofür?«

»Dass du dich bei meinem Vater entschuldigt hast.«

Ich senkte den Blick und kämpfte gegen die Schuldgefühle an. »Dich so zu sehen …«, stotterte ich und dachte an Ardra. An Jadens Gefühle für sie und seinen Schmerz. »Es gibt jemanden, dem mein Herz gehört. Daher kann ich dich verstehen.« Die Worte kamen über meine Lippen, bevor ich sie aufhalten konnte.

»Ist er umgekommen? Bei dem Überfall?« Jadens Stimme bebte.

Mein Blick verlor sich in der Ferne, während meine Gedanken an einen Tag zurückkehrten, den ich gern aus meinem Gedächtnis streichen würde. »Ich weiß es nicht. Er war bei mir, als die Flut kam. Aber ich spüre, dass er da draußen irgendwo ist.«

»Wie war er?«

Sein tiefes Lachen dröhnte in meinen Ohren, begleitet von der Erinnerung an warme Sonnenstrahlen auf meiner Haut. »Fröhlich und gutherzig.« Ich stockte. »Saki liebt Geschichten.«

»Saki«, wiederholte Jaden. »Ein ungewöhnlicher Name.«

Tränen stiegen in mir auf und ich blinzelte erfolglos dagegen an. Sie bahnten sich einen Weg über meine Wange und hinterließen eine kalte Spur auf meiner linken Gesichtshälfte. »Ein außergewöhnlicher Junge.« Ich schluchzte und vergrub das Gesicht in den Händen.

Jadens Kleidung raschelte. Fahrig wischte ich mir über das Auge und sah zu ihm, wie er im Zimmer auf und ab schritt.

Nach einer Weile stoppte er und wandte sich mir zu. »Ich will, dass du fliehst«, sagte er nach einer gefühlten Ewigkeit, doch mit so viel Nachdruck in der Stimme, dass mein Herz einen Schlag aussetzte. »Das bin ich euch schuldig. Dir, Ardra und allen Goldkindern.«

Ein bitteres Lachen entschlüpfte meiner Kehle. »Wie stellst du dir das vor? Dass ich hier rausspaziere und einer fremden Stadt und einem fremden Land entkomme, ohne dass jemand mich an meinem Auge als ein verdammtes Goldkind erkennt!« Mein Ton war schärfer als beabsichtigt.

Jaden mahlte mit den Kiefern, hielt meinem Blick jedoch stand. »Wir finden einen Weg. Ich werde dir helfen.«

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9783959915106
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