Читать книгу: «Der Omega und das Tier»

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Impressum

Der Omega und das Tier: Burg der Wölfe 2

Text Copyright © 2020 Jay Boss

Alle Rechte am Werk liegen beim Autor.

Jay Boss

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Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

Logan: vernarbt, verflucht, ein Mörder. Ein Wolf ohne Rudel, der finstere Wälder durchstreift, immer auf der Suche nach dem Einzigen, was ihn am Leben hält: Rache.

Cian: naiv, unschuldig in jeder Hinsicht, ein Omega mit Engelsgesicht. Sein Rudel ist in Gefahr, und nur Logan kann ihm helfen, es zu retten.

Nur Logan kennt sich gut genug in den Wäldern aus, um rechtzeitig Hilfe für die MacKays zu finden. Doch ist Cian bereit, seinen Preis zu zahlen? Kann er sich in die Hände dieses Alphas begeben, dessen Blicke ihn zutiefst einschüchtern und erregen?

„Der Omega und das Tier“ ist ein M/M-Wandler-Liebesroman. Enthält Hinweise auf mpreg.

Länge ca. 107.000 Wörter / 470 Buchseiten

1. Logan

»Ach, du bist es«, sagte der Junge und schaffte es nicht, seinen Widerwillen zu unterdrücken.

Seine Stimme verriet ihn. Der angeekelte Zug um seinen Mundwinkel. Dabei war er selbst alles andere als ein Prinz in einem Palast. Der Geruch seines ungewaschenen Körpers drang bis zu Logan hinüber. Beißend scharf. Der Junge roch nach verfaulten Zwiebeln und eingetrockneten Körperflüssigkeiten. Der ganze, düstere Raum stank. Jetzt, da Logan die knarrende Tür der Hütte geschlossen hatte, war es kaum mehr zu ertragen. Doch Logan war noch weniger Prinz als diese verlebte Hure, die sich nackt vor ihm auf dem krummen Bett ausstreckte.

»Ich bin es«, bestätigte Logan und schob seinen riesigen Körper durch den engen Raum. Spinnweben und an den Deckenbalken aufgehängte Kleider streiften seine Schultern. Feucht. Der Geruch nach moderndem Stoff drang in Logans Nase.

Er schmeckte das Blut des Rehs, das er vorhin gerissen hatte, noch auf den Lippen. Metallisch, frisch und gut. Ganz anders als diese Hütte vor den Toren des Dorfs Halkirk, in dem die Hure lebte. Die Junge, dessen magerer Körper vom schwachen Kerzenschein erhellt wurde, während er sich ächzend erhob. Wie alt war er? Zwanzig? Älter? Das Licht flackerte über blaue Flecken und Rippen, die aus der fahlen Haut stachen. Rotgeäderte Augen huschten über Logans Körper, all die Narben und Entstellungen.

»Mein treuester Kunde.« Das Lächeln des Jungen erreichte seine Augen nicht. »Ist schon wieder Vollmond, Tier?«

Logan nickte. Er blieb vor dem Bett stehen, dessen Laken mit eingetrocknetem Sperma befleckt waren. Widerwillig öffnete er den Verschluss seines Kilts. »Bringen wir es hinter uns.« Schon fiel der schwere Stoff zu Boden.

Lustlos verzog der Junge das Gesicht. »Gib mir einen Moment«, murmelte er. »Ich brauch noch ’nen Schluck, bevor ich deinen Prügel ertragen kann.«

Logan schluckte eine bissige Bemerkung hinunter und knurrte leise. Er war hier um zu ficken. Und der Junge war die einzige Hure weit und breit. So offensichtlich dessen Ekel war, umso weniger konnte Logan es sich mit ihm verscherzen. Er musste sich paaren. Heute Nacht musste er sich paaren oder er würde sterben.

Es gab nur wenige Omegas, die seine monströse Rute aufnehmen konnten, ohne tagelang Schmerzen zu leiden. Er musste den Jungen stets für eine ganze Woche bezahlen, obwohl er seine Dienste nur drei Tage lang in Anspruch nahm. Unwichtig. Er hatte mehr als genug Geld. Geld, das er den Männern abnahm, die er umbrachte. Und er gab nichts aus. Alles, was er zahlte, waren die monatlichen Besuche bei dem verlebten Jungen hier. Wenn Logan weiter nördlich unterwegs war, besuchte er Eideard. Der war freundlicher, weil Logan ihn einmal vor einem gewalttätigen Freier gerettet hatte. Etwas freundlicher zumindest. Vermutlich hatte er nur Angst vor Logan.

Überhaupt wäre er lieber im Norden gewesen. Aber die meisten Sutherlands trieben sich hier herum, seit sie von der Burg der MacKays vertrieben worden warne. Seit ihrer Niederlage im Süden, bei den MacFarlanes.

Sie planten etwas, diese Sutherlands. Logan hatte mehr von ihnen getroffen als je zuvor. Ein paar Begegnungen hätten ihn beinahe das Leben gekostet, aber noch stand das Tier auf zwei Beinen. Logan, das Tier. Niemand kannte seinen Namen. Selbst die Hure nannte ihn so.

»Verrätst du mir heute, wie du heißt?«, fragte sie auch gleich.

»Nein. Hast du fertig gesoffen?«

Der Junge setzte den Whiskybecher ab und knallte ihn auf den kleinen Tisch neben dem Fenster.

»Ja«, lallte er. Sein stechender Atem verriet, dass er sich schon den ganzen Tag über mit seinem Freund, dem Alkohol, vergnügt hatte. Vielleicht hatte er gewusst, dass Logan kommen würde. Der Mond war voll genug. Doch vermutlich trank der Junge einfach immer. »Na dann.« Nackt wankte er auf Logan zu und griff nach dessen Prügel. Krallenartige Hände schlossen sich um das schwere Fleisch. »Willst du noch einen Kuss vorher?«

»Nein.« Logan betrachtete die aufgesprungenen Lippen des Jungen. »Ich küsse nicht. Dreh dich um, ich kümmere mich um den Rest.«

Die Hure folgte. Schon reckte sich ein magerer Hintern vor Logan in die Höhe. Über das Bett gebeugt, die Hände in die Laken gekrallt, sah der Junge am besten aus. Lust regte sich in Logan. Und mit ihr kam die Scham. Wie immer. Er würde dem Jungen wehtun. Er tat jedem weh, den er bestieg. Selbst für einen Alpha war er zu gut bestückt. Sogar für einen Stier, hatte mal jemand behauptet, vor langer Zeit. In einem anderen Leben.

Logan griff um die Hure herum und rieb ihren schlaffen Schwanz. Es dauerte nicht lang, bis der wuchs und sich aufrichtete. Heiseres Stöhnen klang durch die muffige Bude.

»Das ist gut«, schnurrte die Hure. Die ersten warmen Tropfen benetzten Logans Finger. Mit der anderen Hand überprüfte er das Loch. Feucht, aber noch nicht feucht genug. »Das ist so gut. Ich vergesse jedes Mal – Ich meine, weil du –« Der Rest des Satzes ging in einem Stöhnen unter. Logan konnte sich denken, was der Hure beinahe herausgerutscht wäre. Du bist geschickt für ein Tier. Für einen hässlichen Klotz. Den hässlichsten, den man sich vorstellen konnte. Er sah die Abscheu in jedem Fremden, dem er begegnete. Deshalb vermied er es, Fremden zu begegnen. Es sei denn, sie waren Sutherlands und er konnte sie töten.

Jedes Mal, wenn der Mond rund ist, hörte er den Hexer sagen. Den scheußlichen Greis, der ihn verflucht hatte. In jeder der drei Vollmondnächte musst du dich paaren, sonst krepierst du.

Es war eine grausame Strafe gewesen. Sie musste gedacht haben, dass niemand Logan wollen würde, entsetzlich, wie er aussah. Aber er hatte überlebt. Wie stets. Knapp und elend, aber er lebte, um eine weitere Nacht mit der stinkenden Hure zu verbringen, die immer nasser wurde.

»Noch ein bisschen«, stöhnte sie. Und protestierte, als Logan innehielt. »Mehr!«

»Ich bringe es danach zu Ende. Sonst schläfst du wieder ein, besoffen, wie du bist.«

»Komm schon. Ich – ich brauch das. Du bist so groß. Und ich habe viel zu wenig Whisky getrunken.«

»Du stinkst wie ein leeres Fass.«

»Bitte.« Die Hure rülpste. »Ich bin fast so weit.«

»Wenn ich fertig bin.« Logan packte seinen harten Prügel und setzte ihn an das Loch der Hure.

***

Er hasste es. Wenn er allein im Wald war, störte niemanden, wie hässlich er war. Wie grausam die Brandnarben in seinem Gesicht wucherten, wie schräg seine Nase zusammengewachsen war, wie verfilzt seine Haare und verschmort sein Ohr waren. Wie die Narben seinen ganzen Oberkörper überzogen, unregelmäßig gefleckt, als hätte er die Krätze.

Aber einmal im Monat musste er diese Hure aufsuchen. So auch nun, drei Tage lang. Musste in ihrem Blick seine eigene Scheußlichkeit erkennen und das schlechte Gewissen herunterschlucken, wenn er ihr wundes Loch sah. Wenn er die Schmerzensschreie hörte. Drei Nächte lang. Als er am Ende des dritten seinen Kilt wieder anzog, atmete er auf. Abgestandene Luft drang in seine Lunge. Alter Schweiß und der derbe Raubtiergestank der Paarung. Aber draußen würde es besser sein. In der kühlen Nachtluft, die nach Sommer und frischem Regen roch. Ein weiterer einsamer Monat lag vor ihm, herrlich frei, abgesehen von dem ein oder anderen Gemetzel. Er schmeckte das frische Blut schon auf der Zunge.

»Bis zum nächsten Monat dann«, lallte die Hure und bewegte sich humpelnd auf den kleinen Tisch zu. Ihre zitternden Hände gossen mehr Whisky aus dem kleinen Fass in den Tonbecher. »Hoffentlich bin ich bis zum nächsten Vollmond verheilt.«

Es tut mir leid, wollte Logan sagen. Aber er grunzte nur und zog seinen Kilt zurecht. Das Schwert, das er in einem Gurt auf dem Rücken trug, ließ er auch während des Aktes umgeschnallt. Man wusste ja nie.

Wusste man wirklich nicht. Als er die Tür öffnete, standen drei Gestalten in der Dunkelheit. Drei Alphas, langhaarig und grinsend in den blutroten Kilts der Sutherlands. Die Schwerter in ihren Händen waren alt, aber gut gepflegt.

»Hallo, Tier.« Der Größte von ihnen grinste breit. »Schön, dich zu sehen, du hässlicher Bastard.«

»Hab ich ganz vergessen.« Die Hure schwankte. »Ich glaube, das war unser letztes Treffen. Die Männer hier zahlen besser als du.«

Blitzschnell zog Logan sein Schwert.

2. Cian

Er traute den Männern nicht, die ihn durch den Wald begleiteten. Wie Säulen ragten sie links und rechts von ihm auf, während Cian über den staubigen Trampelpfad schritt. Die beiden waren zu wölfisch, ihr Grinsen zu hungrig. Aber sie trugen die blauen Kilts der MacGregors und sie brachten ihn zu Jaxson.

Jaxson. Allein der Name sorgte dafür, dass sich Wärme in Cians Magen ausbreitete. Und nicht nur da. Am letzten Abend auf der Burg der MacGregors hatte sein Zukünftiger es gewagt, ihn zu küssen. Und weit mehr zu tun. Warme Finger waren unter Cians Kilt gewandert und beinahe hätte er vergessen, dass er bis zur Verbindung unschuldig bleiben musste. Die MacGregors hatten strenge Traditionen. Weit strengere als die MacKays, zu denen Cian gehörte.

Verdammte Traditionen, dachte Cian und schockierte sich damit selbst. Er war der älteste Omega der MacKays, Sohn des Rudel-Chiefs und jüngerer Bruder des künftigen Anführers Caelan. Er wusste, was sich gehörte.

Entschlossen straffte er sich und marschierte noch aufrechter voran. Seine Stiefel, einst blank geputzt, starrten vor Dreck, seit sie den Wald erreicht hatten. Seine Füße schmerzten. Und doch genoss er die frische Luft, die erdige Kühle und den goldenen Sonnenschein, der den Boden sprenkelte und sein Gesicht wärmte, wenn er einen der hellen Strahlen durchquerte.

Es wurden weniger und weniger. Je dichter das Blätterdach über ihnen wurde, desto mehr fröstelte Cian. Doch er ließ sich nichts anmerken. Er war daran gewöhnt, sich nichts anmerken zu lassen. Als ältester Omega hatte er stets ein Vorbild für seine jüngeren Brüder sein müssen.

»Wie lange sind wir noch unterwegs?«, fragte Cian den Wächter zu seiner Linken. Jaxson hatte sie geschickt. Nun, da der Krieg vorbei war, hatte er Cian aus dem sicheren Kloster geholt, damit ihre Verbindungszeremonie endlich stattfinden konnte. »Wann kommen wir auf der Burg der MacGregors an?«

»Dauert 'ne Weile.« Das Grinsen des Alphas war wirklich unverschämt. Gelbe Reißzähne wuchsen aus seinem bärtigen Gesicht und die Blicke, die über Cians Körper wanderten, waren vollkommen unangemessen. »Zehn Tage ungefähr. Aber die Zeit wird uns nicht lang. Oder, mein Hübscher?«

»Mein Name ist Cian MacKay«, sagte Cian hoheitsvoll. »Ich bin der älteste Omegasohn des Rudel-Chiefs und verlange, mit Respekt behandelt zu werden.«

»Tschuldigung.« Die beiden wechselten einen Blick über seinen Kopf hinweg, den Cian ignorierte. Er hasste es, wie sie ihn anschauten. Hungrig. Diese beiden Kerle, die Jaxson geschickt hatte, hatten keinerlei Manieren. Waren alle Alpha-Kämpfer des MacGregor-Rudels so schlecht erzogen? Er würde mit Jaxson darüber reden, sobald sie als Partner verbunden waren. Sobald er der Omega des nächsten MacGregor-Rudel-Chiefs war.

»Zehn Tage, ja?« Cian unterdrückte ein Seufzen. Seine Füße schmerzten bereits jetzt. Er war nicht daran gewöhnt, so weite Strecken zu laufen. Nicht mal in Wolfsform.

»Mehr oder weniger.« Der rechte Alpha zuckte mit den Schultern. »Erst durch Cairnsgorms und den Wald, dann ein Stück am Fluss entlang und dann über Muir of Ord ins MacGregor-Gebiet. Das dauert.«

»Keine Angst.« Der andere bleckte die gelben Zähne. »Wir beschützen dich. Sogar vor dem Tier.«

»Der Mistkerl soll hier auftauchen.« Tiefe Falten gruben sich in die Mundwinkel des Alphas. Sein Gesicht erinnerte an das eines mürrischen Ochsen. »Den schlitzen wir auf und stopfen sein Loch mit unseren Ruten.«

Cian war zu schockiert über seine Wortwahl, um zu protestieren. Und zu neugierig. »Welches Tier?«, fragte er. »Ein Wildschwein?«

Der Ochse lachte meckernd. »Nein, Kleiner. Das Tier.« Er betonte das Wort, als sollte es Cian etwas sagen.

»Was immer dieses Tier ist«, sagte er und legte genau das richtige Maß Missbilligung in seine Stimme, »ich habe weder im Kloster noch daheim von ihm gehört. Es kann nicht so gefährlich sein. Habt ihr etwa Angst vor einem simplen Keiler?«

»Es ist kein Schwein!«, schnappte Gelbzahn. »Es ist ein Mann. Ein Wolfswandler, wie wir. Nur –« Er zögerte sichtlich.

»Nur was?« Cian ärgerte sich über das ängstliche Flattern in seiner Magengrube. Es ließ sich doch nicht von diesen lächerlichen Märchen ins Bockshorn jagen.

»Es ist ein Wolf ohne Rudel.«

Cian sah ihn schockiert an. »Ein Wolf ohne Rudel? Wie ist es möglich, dass er noch lebt?«

»Er ist verflucht«, sagte Gelbzahn. Er klang angespannt. Der Wald um sie herum schien sich zusammenzuziehen. »Er muss tausend Kehlen durchbeißen, bis er endlich sterben kann.«

»Was laberst du da?« Der andere schnaubte. »Er tötet aus Spaß. Ohne Rudel ist er wahnsinnig geworden und mordet jeden, der seinen Weg kreuzt. Letztes Jahr hat er den Kumpel von meinem Bruder erwischt, als der bei Muir of Ord unterwegs war. Mitten im Wald hat er ihn aufgeschlitzt. Als sie ihn gefunden haben, hat er schon gemodert wie ein alter Misthaufen.«

Cian schluckte. Dann hob er das Kinn. »Lächerlich. Es gibt keine Wölfe ohne Rudel.« Er zögerte. »Wir müssen auch durch Muir of Ord, richtig?«

»Hat der Schöne etwa Angst?« Gelbzahn grinste. »Keine Sorge, wir beschützen dich. Sogar vor dem Tier.«

»Einem Tier, das es nicht gibt?« Cian schenkte ihm keinen Blick. »Eine großartige Leistung.«

»Das Tier gibt es«, sagte der Ochse düster. »Sonst hätte es den Kumpel von meinem Bruder ja nicht ermorden können.«

Cian ignorierte ihn. Es gab kein Tier. Das nervöse Flattern in seinem Bauch wurde nur von der Vorfreude auf das Wiedersehen mit Jaxson verursacht, keineswegs von Angst vor einem Fabeltier, das hinter den dichten Baumstämmen links und rechts lauern könnte. In der Finsternis jenseits des Weges.

Es wurde immer dunkler. Nur noch vereinzelt drang ein Sonnenstrahl durch die Baumkronen der Eichen und Rotbuchen. Der Pfad, über den sie gingen, wurde immer enger. Mehrfach berührte einer der Wächter Cian, strichen deren Ellenbogen gegen seine Arme. Sie waren von Gänsehaut bedeckt. Er hatte geglaubt, gut angezogen zu sein, mit dem dicken Kilt, den schwarzen Stiefeln aus weichem Leder und dem leichten, karierten Umhang, den er über seinem weißen Hemd trug. Aber nun war ihm kalt. Es roch nach Sommer, aber die Wärme war ausgesperrt, irgendwo über ihren Köpfen. Über dem dichten Blätterdach. Sowieso war es der kälteste Sommer, seit er denken konnte.

»Tschuldigung.« Gelbzahn grinste ihn an, als sein Arm mal wieder Cians Schulter berührte. »Ist eng hier.«

»Ich mag's eng«, sagte der Ochse und lachte. Cian war nicht klar, warum. Aber ihm war klar, dass diese beiden Wächter sich äußerst unangemessen verhielten. Wut stieg in ihm auf, der Trotz, den sein Vater stets versucht hatte, ihm auszutreiben.

»Gehen wir voreinander her«, sagte er beherrscht. »Wenn einer vorne und einer hinten ist, könnt ihr mich immer noch angemessen beschützen, vermute ich.«

»Wenn einer vorne und einer hinten ist, können wir noch etwas ganz anderes machen.«

»Euch ist klar, dass ich der zukünftige Erste Omega des MacGregor-Clans bin?« Cian reckte das Kinn in die Höhe, bis er dem Alpha beinahe bis zum Schlüsselbein reichte. Der nickte hastig.

Cian hasste es, dass sie so riesig waren. Für einen Omega war er durchschnittlich groß, aber sehr zierlich. Wunderbar zierlich, wie Jaxson ihm beteuert hatte. Wie sehr viele Männer ihm beteuert hatten. Nicht, dass er das wollte. Aber er war mit milchweißer Haut, goldblondem Haar und einem anmutigen Gesicht geboren, da blieb das leider nicht aus. Mehrfach war ihm versichert worden, er sei der schönste Omega, den man je gesehen hatte. Einmal war ein Alpha von einer Leiter gefallen, nur, weil Cian an ihm vorbeigegangen war. Regelmäßig liefen sie in etwas hinein, wenn er in der Nähe war. Es amüsierte ihn nicht. Na gut, vielleicht ein wenig.

»Dann ist das ja geklärt.« Er marschierte voraus und einer der Männer musste sich beeilen, um sich vor ihn zu setzen. Gut so.

Cian fragte sich, wie es zuhause aussah. Er war nicht auf der Burg gewesen, als die Sutherlands angegriffen und seinen Bruder Connor getötet hatten. Als sie die Omegas geschändet hatten. Seine Freunde, seine Brüder. Es schmerzte ihn, was sie hatten ertragen müssen. Und doch war er ein wenig erleichtert, tief in seinem feigen Herzen. Hätte Jaxson ihn noch gewollt, wenn sich die Sutherlands an ihm vergangen hätten?

Er schüttelte beschämt den Kopf. So viele seines Rudels waren getötet worden und er hing Gedanken an seinen Geliebten nach. Sobald sie ihn zu Jaxson gebracht hatten, sobald er ein MacGregor war, würde er mit ihm nach Hause gehen, zur Burg der MacKays und nach seinem alten Rudel sehen. Sehen, wie er ihnen helfen konnte, mit dem Geld der MacGregors.

Sein Herz wurde schwer bei dem Gedanken an die alten Mauern, die er nur noch selten sehen würde, wenn er auf der Burg der MacGregors lebte. Die Zinnen, die über seinem Kopf in den Himmel geragt hatten, der Geruch nach Stroh und Stein, die Stimmen seiner Brüder. Selbst die seiner Alpha-Brüder, die er nur selten gesehen hatte. Ruben, Connor und Caelan. Nur Caelan hatte den Angriff der Sutherlands überlebt. Er hatte sie im Süden geschlagen und sich gerächt. Caelan, der jüngste Alpha, würde der nächste Rudel-Chief werden. All das hatten die Mönche ihm erzählt. Lange, nachdem es geschehen war. Er wusste nicht, was er getan hätte, wenn sie es ihm früher gesagt hätten. Vermutlich wäre er aus dem Kloster geflohen, um bei seiner Familie zu sein. Hätte er sie gefunden, versteckt in den Highlands? Was hätte es ihnen gebracht, ihn dabei zu haben? Ein Omega konnte nicht kämpfen. Trotzdem hätte er bei ihnen sein müssen. Ein Wolf gehörte zu seinem Rudel.

Einer der beiden Alphas unterbrach seine trübsinnigen Gedanken.

»Moment. Ich muss schiffen.« Schon trat der Ochse ans nächstbeste Gebüsch und hob den Kilt. Abscheulich.

Cian drehte sich um und befahl seinen Wangen, nicht zu erröten. Er ignorierte das Plätschern und ballte die Fäuste. Einen Moment lang flatterte etwas durch seine Brust. Er spürte etwas, in der Finsternis hinter den Baumstämmen.

Er ist hier, dachte er und schalt sich im nächsten Moment selbst. Da war gar nichts. Nur Bäume, Blätter, er selbst und zwei Alphas, von denen einer sich laut stöhnend erleichterte.

»Hast du einen Brunnen ausgesoffen?« Gelbzahn feixte.

Wie redeten die beiden in seiner Gegenwart? Kälte kroch durch Cians Magen. Eine leise Brise strich durch das Unterholz und über seine nackten Unterschenkel. Am liebsten hätte er sich verwandelt und wäre weggerannt, weit weg von diesen ungehobelten Kerlen.

Sei nicht dumm, flüsterte er seinem ängstlichen Wolf zu. Jaxson hat sie geschickt. Sie bringen dich zu ihm. Nur noch zehn Tage und du bist bei ihm.

»Weiter geht's.« Der widerliche Alpha richtete offenbar seinen Kilt, wenn Cian das Rascheln des Stoffs richtig deutete. Schwere Schritte erklangen hinter ihm. »Es sei denn, der zukünftige Erste Omega muss auch mal.«

Cian musste, sogar dringend. Aber er würde sich nicht vor diesen Grobianen erleichtern. Er hasste es, wenn andere dabei zusahen. Vor allem Kerle wie diese. Vermutlich würden sie versuchen, einen Blick auf seine Rute zu erhaschen.

»Nein, danke«, sagte er kühl. »Ich danke dir für deine Sorge, aber ich möchte heute noch ein gutes Stück des Wegs zurücklegen.«

»Ist gut.«

Endlich ging es weiter. Cian wollte seufzen und jammern, aber er biss die Zähne zusammen. Seine Zehen fühlten sich an, als seien sie blutig. Die Ferse scheuerte in den Stiefeln, die ihm im Kloster noch so weich und bequem vorgekommen waren. Dort, wo er versehentlich dem Angriff der Sutherlands entgangen war. Nur, weil er sich vor seiner Verbindung mit Jaxson in Kräuterkunde hatte weiterbilden wollen. Weil er nützlich sein wollte, nicht nur ein hübsches Gesicht an Jaxsons Seite.

Ein halbes Jahr lang hatte er dort ausgeharrt und war träge und schlaff geworden. Nun, teilweise. Er hatte die Hitze dort verbracht. Die Omega-Mönche sperrten sich zu dieser Zeit in ihren Zellen ein. Und es waren Zellen. Eine Pritsche und kahler Boden waren alles, was Cian in dieser Zeit gesehen hatte, in der er sich fiebrig und lüstern auf der dünnen Strohmatratze gewunden hatte.

Jeden Tag hatte er mit sich gekämpft und gewonnen, hatte es geschafft, die Hände bei sich zu behalten und rein und keusch zu bleiben. Es waren die furchtbarsten Qualen gewesen, die er je erlebt hatte. Es war nicht die erste Hitze gewesen, aber die erste, seit Jaxson ihn berührt hatte. Jede Nacht hatte er von seinem Verlobten geträumt, nur um besudelt aufzuwachen, die erkaltenden Spuren seiner Lust noch auf den Schenkeln.

Den Schenkeln, die er jetzt am liebsten zusammen gepresst hätte. So gern hätte er einfach den Kilt gehoben und sein Wasser laufen gelassen. Doch er stapfte voran. Lange. Er hatte gedacht, es könnte nicht dunkler werden, doch das Licht verschwand mehr und mehr, obwohl es erst Nachmittag war. Die Rufe der Vögel wurden gedämpft und ein dichtes Blättermeer bedeckte den Pfad und breitete sich vor ihnen aus wie ein schmutzig brauner Fluss.

Cian hielt bis zum letzten Moment aus. Erst, als er fürchtete, die Kontrolle über seine Blase zu verlieren, hielt er an. Und nur der Gedanke an die feixenden Gesichter der beiden Alphas, wenn er mit nassen Beinen vor ihnen stehen würde, brachte ihn dazu, zu sprechen.

»Ich muss kurz austreten. Dreht euch um.«

Das wölfische Grinsen des Ochsen war unerträglich. »So, so. Also doch.« Seine Augen glänzten gierig. »Na dann mach mal.«

»Dreht euch um!«, fauchte Cian. Er hatte genug von der Frechheit seiner Begleiter. Sein vermaledeites Temperament war nicht mehr zu zügeln. »Oder ich erzähle Jaxson, wie ihr mich behandelt habt! Der wird euch prügeln und von der Burg jagen, das verspreche ich euch!«

Sie hätten zurückschrecken müssen. Angst hätte in ihre Mienen kriechen müssen, Unsicherheit in ihre Züge. Doch sie kamen näher. Schritt für Schritt drängten sie Cian zurück, bis er mit dem Rücken an einem Baumstamm endete.

»Was soll das?« Panik verkrampfte seinen Magen. »Zurück mit euch!«

»Kleiner Goldschopf.« Beide lächelten und einen Moment wirkten sie wie Zwillinge aus der Unterwelt.

Ihr säuerlicher Schweißgeruch verpestete seine Nase. Darunter lag etwas, das er nicht wahrhaben wollte: Lust. Der wilde Geruch der Paarungsbereitschaft hätte ihm alles gesagt, selbst, wenn er die harten Ausbuchtungen unter ihren Kilts nicht gesehen hätte.

Der Ochse streckte die Hand nach ihm aus. »Kleiner Auerhahn. Du wirst uns schön dein kleines Schwänzchen zeigen und wenn du gepullert hast, drehst DU dich um, nicht wir. Und dann wirst du geritten, bis der große Wolf den Mond anheult.«

Nein, dachte Cian. Nein, das können sie nicht ernst meinen.

»Ihr seid MacGregors.« Er deutete auf ihre Kilts. »Euer nächster Rudel-Chief hat euch befohlen, mich unversehrt zu euch zu bringen.«

»Ach, Kleiner.« Die stinkende Pfote streichelte Cians Wange. »Wir wollten die Überraschung eigentlich aufsparen.«

»Welche Überraschung?«, fragte Cian, obwohl er sicher war, dass er diese Überraschung hassen würde.«

Ein stinkender Mund voller Reißzähne näherte sich. »Wir sind gar keine MacGregors. Wir sind Sutherlands.«

Cian schlug die Hand aus seinem Gesicht, drehte sich um und rannte. Durch das dichte Unterholz, über knackende Zweige und Reisig und Dornen. Panik ließ ihn die Schmerzen ignorieren, als sie seine Beine aufrissen. Feuer brannte in seinen Lungen, doch er rannte weiter.

Er kam nicht weit. Schon Sekunden, nachdem er in die Finsternis geflüchtet war, packte eine harte Hand ihn und riss ihn zurück.

»Oh, Kleiner.« Der Ochse lachte. Fauliger Atmen schlug Cian ins Gesicht. »Das wird Spaß machen.«

Stoff riss und plötzlich war Cians Unterleib bloß. Die Kälte drang in seine Haut und seine empfindlichen Genitalien.

»Da ist er ja!« Gelbzahn hielt Cian fest, verdrehte ihm die Arme auf dem Rücken, während der Ochse bewundernd auf Cians Körpermitte starrte. »Hübscher Anblick. Weißt du was, ich nehm ihn von vorne.« Schon gruben sich Krallen in Cians Oberschenkel und drängten sie auseinander.

»Nein!«, brüllte Cian. Und verlor die Kontrolle. Heißer Urin spritzte über die Vorderseite des Alphas, der ihn mit einem Aufschrei losließ. Er taumelte mehrere Schritte zurück, bevor er in Sicherheit war. Nass und wütend starrte er Cian an.

»Du kleiner Scheißer!«

»Pisser, meinst du.« Gelbzahn lachte dröhnend. »Oh Mann, du hattest eh ein Bad nötig, aber jetzt stinkst du noch mehr als vorher!«

»Halt die Fresse! Ich bring ihn um.«

Panik krallte sich in Cians Brust. Heiße Flüssigkeit rann über seine zitternden Schenkel. Nein! Er wollte nicht sterben, wollte leben, wollte bei Jaxson sein.

Er verwandelte sich. Blitzschnell, so sehr, dass der Schmerz bis in seine Knochen schoss. Arme wurden zu Vorderläufen, Gesicht zu Schnauze. Ein Schwall Gerüche stürzte auf ihn ein. Er fiel. Aber als Wolf schaffte er es, sich aus dem Griff des Alphas zu winden. Es geschah unbewusst. Normalerweise verbrachte Cian so wenig Zeit wie möglich als Wolf. Es war ewig her, dass er ich zuletzt verwandelt hatte.

Er hatte kaum realisiert, was geschehen war, als er schon durch das Unterholz hetzte. Dornen rissen ihm Fellbüschel aus, hinterließen schmerzhafte Kratzer, aber er rannte. Der Wolf wusste, was er tat.

Leider war Cian zu schwach. Die lange Zeit im Kloster hatte seine Muskeln weich werden lassen. Seine Lungen brannten und gerade, als er aus dem Unterholz brach und vierpfötig auf eine Lichtung taumelte, erwischten sie ihn.

Zähne schlossen sich um seinen Nacken. Er stürzte. Landete mit der Schnauze im Dreck und kam jaulend auf. Er roch Urin im Fell des anderen Wolfs und wusste, welcher es war. Der, der ihn umbringen wollte. Cian winselte, fiepte unterwürfig und hoffte, dass das den Ochsen gnädiger stimmen würde. Tat es nicht. Dessen Reißzähne gruben sich nur umso fester in sein Fleisch. Blut lief an seinem Hals entlang. Grelle Lichter blitzten vor seinen Augen.

Ich werde hier sterben, dachte er. Ich werde hier sterben und diese beiden Bastarde werden meine Unschuld rauben, wenn ich selbst längst tot bin.

Tränen quollen aus seinen Augen. Das Atmen fiel zusehends schwerer und gerade, als er glaubte, das Bewusstsein zu verlieren, drängte der Wolf über ihm seine Hinterläufe auseinander. Nein! Er spürte etwas Heißes, Hartes an seinem Loch und versuchte, sich wegzudrehen, sich zu winden. Aber der Alpha war zu stark.

Nein!

In seinem Augenwinkel blitzte etwas Rotes. Nasses Reißen ertönte. Etwas Schweres prallte gegen Cian und den Alpha und schob sie über den Blätterboden. Dann schmeckte er Blut und roch Fell. Der Biss in seinem Nacken lockerte sich. Der unbarmherzige Druck auf seiner Pforte verschwand. Es war dunkel.

Ein Wolfsleib war auf ihm gelandet. Er spürte rasselnden Atem, fühlte ein krampfhaftes Zucken, das den Körper auf ihm erfasste, und dann nichts mehr. Gar nichts. Der Wolf über ihm erschlaffte und wurde schwer. Voll Ekel schüttelte Cian ihn ab. Der Wolf landete mit einem dumpfen Laut im Moos und gab den Blick auf den Rest der Lichtung frei.

Zwei Wölfe standen sich gegenüber. Der eine mit nassem Fell, der Ochse, der Cian beinahe geschändet hätte.

Und ein Monster.

Der gigantischste graue Wolf, den er je gesehen hatte, knurrte seinen Angreifer an, das Nackenfell gesträubt und die Zähne gebleckt. Blut tropfte von einer Wunde an seiner Flanke. Nicht alles an ihm war grau. Über Gesicht und Schultern zogen sich grässliche Narben, rot und wulstig. Auch in der Nase war ein tiefer Schnitt. Grauenerregend.

Doch als der Graue knurrte, geschah etwas Seltsames: Cian spürte ihn. Über die Entfernung hinweg füllte die Anwesenheit des riesigen Wolfs seinen ganzen Geist.

Ihn habe ich vorhin gespürt, dachte Cian und schluckte. Panisch robbte er rückwärts, stieß mit dem Rücken gegen einen Baumstamm und schaffte es doch nicht, den Blick von den beiden Wölfen zu reißen, die sich vor ihm umkreisten.

Der Ochse duckte sich und sprang. Der Graue ebenfalls. Er war so schnell, dass er wie ein Schemen in der Luft wirkte. Seine Kiefer schnappten zu. Blut spritzte. Blätter stoben auf. Der Ochse fiel zu Boden. Und in seiner Kehle klaffte ein dunkles Loch. Ein entsetzliches Pfeifen erklang, als er Luft holte, die nassen Ränder zitterten. Ein weiteres Pfeifen, ein Aufbäumen, ein Zittern. Dann erschlaffte sein Körper.

Cian starrte. Panik schnürte seine Kehle zu. Der Graue schüttelte sich, knurrte durch rote Zähne hindurch und dann wandte er den Kopf. Sein Blick war das Kälteste, das Cian je erlebt hatte. Kälter als die Klostermauern bei Nacht, wenn sie im Winter zu Eis gefroren. Er wimmerte.

Es hatte keinen Sinn: Bebend warf er sich vor dem Grauen auf den Rücken und bot ihm seine Kehle an. Der Wolf in ihm wusste wieder, was zu tun war. Wenn das Monster auch nur einen Funken Anstand besaß, würde er einen Omega verschonen, der sich freiwillig unterwarf. Nun, er würde ihn nicht töten. Ein Schluchzen drängte Cians Hals hoch, als der Graue näherkam. Er würde ihn schänden. Das wusste er. Der Graue würde seine Hinterläufe auseinanderdrängen, so wie der Alpha vorhin und diesmal würde niemand ihn aufhalten. Er würde sich das nehmen, was Jaxson gehörte. Cian schluchzte verzweifelt.

Der Graue wandte sich ab.

Bebend sah Cian zu, wie der gigantische Wolf im Unterholz verschwand. Er richtete sich langsam auf. Verwandelte sich wie in Trance, zitternd und schluchzend. Ungläubig betrachtete er die Lichtung.

»Ich lebe«, flüsterte er. Der Ochse und Gelbzahn waren tot. Ihre schlaffen Leiber lagen auf verrottenden Blättern. Cian stand auf, wankte und betrachtete sie. Weiße Augen starrten ins Nichts. Blut befleckte den Boden. Nicht nur Blut. Alle Körperöffnungen hatten ihren Inhalt freigegeben und der Gestank war unbeschreiblich. Cian würgte trocken und stolperte von der Lichtung. In die Richtung, aus der er gekommen war. In der der Pfad lag und seine Kleidung.

Und der graue Wolf. Der sich in einen Mann verwandelt hatte. Struppige schwarze Haare hingen über den gigantischen Rücken des Riesen. Cian zögerte, als er ihn hinter den Baumstämmen erblickte. Ein Riese, der auf dem Boden hockte und die Kilts der Sutherlands durchwühlte. Die Kilts in MacGregor-Farben. Was war hier los?

Cian ballte die Fäuste. Sie waren kalt und nass. Eisige Luft quälte seine nackte Haut.

Es wäre klüger, stehenzubleiben. Zu warten, bis der vernarbte Wolf mit seiner Plünderung fertig war und ging. Als Mann waren seine Narben noch grauenerregender. Sie zogen sich über das halbe Gesicht. Tiefe Schnitte verunstalteten Lippen und Nase und ein Ohr fehlte. Da er nackt war, konnte Cian alles sehen. Die unregelmäßigen Schnittnarben auf dem Rücken und die Brandnarben auf der Vorderseite. Was war mit dem armen Mann geschehen?

Der Mann richtete sich auf und Cian sah noch mehr. Mehr als er geglaubt hatte, dass möglich sei. Zwischen den Schenkeln des Riesen baumelte das größte Gemächt, das er je erblickt hatte. Er schluckte. Versuchte, den Blick von der fleischigen Masse abzuwenden, aber es ging nicht. Beschämt spürte er, dass seine eigene Rute prall wurde.

Jaxson, dachte er verzweifelt, aber es half nicht. Er spürte den Riesen. Als würde ein Abbild seines Geistes in Cians Körper fahren.

Wie groß die Rute des Grauen wohl war, wenn er erregt war? Cian schockierte sich selbst mit dem Gedanken.

Sei froh, dass er kein Interesse an dir gezeigt hat, dachte er. Das hättest du nicht überlebt.

Der Riese erhob sich, schnupperte und wandte den Kopf. Und in diesem Moment wurde Cian klar, wen er vor sich hatte.

»Was willst du?«, fragte das Tier.

3. Logan

Der Junge verharrte. Hinter den dichten Büschen sah Logan nur wenige helle Flecken. Milchweiße Haut und goldblonde Locken. Ängstliche, feuchte Augen, umgeben von dichten Wimpern. Der Geruch der Angst wehte zu ihm herüber. Fast unriechbar, in der schwachen Brise voll Moder und Borke.

Logan wandte sich ab, klaubte seinen Kilt vom Boden auf und band ihn sich um. Er hatte sich hier verwandelt, hatte alles abgestreift und war den beiden Mistkerlen gefolgt. Er war nicht sicher gewesen. Sie hatten gerochen wie Sutherlands, waren aber gekleidet gewesen wie Mac Gregors, also hatte er abgewartet. Bis sie sich verraten hatten. Bis sie versucht hatten, den Jungen zu schänden und enthüllt hatten, dass sie zu dem Clan gehörten, den Logan jagte.

Flüchtig fragte er sich, wer der Kleine war. Warum die Mistkerle ihn dabei gehabt hatten und warum sie die falschen Kilts trugen. Aber es war unwichtig. Er jagte Sutherlands. Er tötete sie. Das war alles, was zählte. Der Kleine war kein Sutherland, also war er bedeutungslos.

»Du wirst mir nichts tun, richtig?« Die Stimme des Jungen war rau, und gleichzeitig süß wie Honig. »D-du wirst nicht das versuchen, was sie versucht haben, oder?«

Logan knurrte abfällig. Als ob er Jung-Omegas schänden würde. Als ob er wie diese Dreckskerle wäre.

Der Junge, offenbar ermutigt, trat vor. Ein Sonnenstrahl traf auf nackte Haut und Logan verharrte in der Bewegung. Seine Kehle zog sich zusammen.

Das Schönste, das er je gesehen hatte, stand vor ihm. Er hatte nicht auf den Jungen geachtet, als er den dreien gefolgt war. Als Einziger roch er nicht nach Sutherland. Aber nun, da die Jagd vorbei war, konnte Logan ihn nicht mehr ignorieren.

Zarte Haut, weiß wie frische Sahne. Glieder, schlank wie die eines Rehs, schmale Hüften und goldblondes Haar, das dem Jungen in großen Locken über die Augen fiel. Augen, grün wie dunkles Moos und schräg wie die eines Luchses. Und ein Mund. Ein Mund, der nicht sein durfte. Nichts konnte so prall sein wie die glänzenden Lippen, nichts so verführerisch, kein Schwung so sündig wie die Linie zwischen den weichen Bögen. Wie eine Woge hob sich die Oberlippe, wölbte sich schmollend über ihr schmaleres Gegenstück, zog Logans Blick an wie ein Magnet.

»Wer bist du?«, fragten diese Lippen.

Bei den Hinterpfoten des weißen Wolfs, dachte Logan. Das darf nicht wahr sein.

Wie konnte der Mond es zulassen, dass so ein Geschöpf frei herumlief? Wie konnte er Logan so eine Versuchung vor die Füße spülen? Logan, der selbst für die abgewrackteste Nutte noch zu hässlich war?

Ihm wurde bewusst, dass er die Erscheinung anstarrte. Stumm und verdattert wie ein Jungwolf.

Du Vollidiot, dachte er. Du weißt, wer du bist. Das Tier. Das Monster, das diesen Wald bewacht. Hör auf, dich wie ein Kalb im Frühling aufzuführen.

Vermutlich wirkte sein erstauntes Starren ohnehin wie eine Drohung, bei seinem Gesicht.

»Wer bist du?«, knurrte Logan. Seine Stimme klang ungelenk und eckig. Es war lange her, dass er sie benutzt hatte. Der letzte Mann, mit dem er gesprochen hatte, war die verräterische Nutte gewesen. »Warum warst du mit den Sutherlands unterwegs?«

»Ich w-wusste nicht, dass sie Sutherlands sind.« Die Erscheinung zitterte. »Ich dachte, Jaxson hätte sie geschickt. Jaxson MacGregor. Sie tragen seine Farben.«

Logan sah auf die abgelegten Kilts hinab. Er nickte. »Ja. Zieh dich wieder an und geh.«

»Was?«

»Hörst du schlecht? Hau ab.«

Die Augen des Jungen fuhren über die umliegenden Bäume und quollen über. Tränen tropften über bartlose Wangen. »Ich weiß den Weg nicht. Ich weiß nicht, wie – wie ich zurück auf den Pfad gelange. Ich bin gelaufen, als sie – als sie mich –« Er schniefte. Flehend sah er Logan an. »Du wirst es nicht tun, oder? Du willst mich wirklich nicht schänden?«

Logans Finger zuckten vor Verlangen, über die weiße Haut zu fahren. Zu spüren, ob sie so samtig war, wie sie aussah. Seine Rute drohte, den Kilt zu heben, und sein Hals wurde eng.

»Du stinkst nach Pisse«, knurrte er.

Die Wangen des Blonden färbten sich rosa. Er hatte kein Recht, hier zu sein. So entzückend zu sein, in diesem düsteren Wald, der getränkt war mit dem Blut unzähliger Schlachten, der Wald, der die Wurzeln durch so viele Leichen geschlungen hatte.

»I-ich hatte Angst«, sagte der Junge und sah auf seine feuchten Schenkel. »Ich wollte, also, es ist halt passiert. Sie wollten mich –« Sein Kehlkopf hüpfte. »Hast du es gesehen? Als ich –«

»Als du den Sutherland vollgepisst hast?« Logan hätte beinahe gelacht. »Ja. Sei froh, dass du es getan hast. Sonst hättest du nicht abhauen können.«

»Hat nicht lange funktioniert«, murmelte der Kleine. »Hättest du mich nicht gerettet –«

Logan stockte. »Ich hab dich nicht gerettet, du dämliche Pissnelke. Ich habe zwei Sutherlands umgebracht. Du bist mir egal.«

»Oh.« Der Junge atmete tief ein. Der blöde Sonnenstrahl tanzte über seine Locken und ließ sie wie Gold erscheinen. »Trotzdem. Ich verdanke dir mein Leben.«

Logan zuckte mit den Achseln und wandte sich ab. »Gern geschehen.« Er marschierte durch ein Büschel Farne. Außer Sicht. Weg von diesem goldenen Knaben, der nicht in den Wald gehörte und der hier wie durch ein Wunder mehrere Stunden überlebt hatte.

Dachte Logan zumindest. Er war kaum ein paar Meter weit gekommen, als er Schritte hinter sich hörte.

»Warte«, rief der Junge. Er hatte seine Kleidung aufgehoben, war aber immer noch nackt. Sein halbsteifer Pimmel hüpfte auf und ab, als er Logan hinterherrannte. Logan fragte sich, was an dieser ganzen Angelegenheit den Kleinen erregte. Nun, er war jung. Vermutlich hatte er eine Wurzel gesehen, die ihn entfernt an eine harte Rute erinnerte.

»Was willst du?«, fragte Logan und ging weiter.

»Zeig mir den Weg«, bat der Goldjunge.

»Da hinten.« Logan deutete mit dem Finger in die Richtung, in der der Pfad lag. Aber der Goldene war nicht zufrieden.

»Bring mich hin«, baten die sündigen Lippen. Die Katzenaugen flehten. »Bitte. Kannst du mich nicht den ganzen Weg zurück begleiten? Bis zum Kloster?«

»Nein.« Logan wandte sich ab.

»Tier«, sagte der Junge und klang ziemlich herrisch für einen, der nackt und bepisst durch den Wald stolperte. »Ich bin Cian MacKay. Der zukünftige erste Omega des MacGregor-Rudels. Ich verlange, dass du –«

Logan fuhr herum und packte die Kehle des Jungen. Drängte ihn gegen einen Baum und kam ihm so nahe, dass er den hektischen Atem auf seinen vernarbten Lippen spürte. Süß und feucht. Panik schwamm in den Augen des Goldenen.

»Du verlangst gar nichts, Kleiner«, knurrte Logan. »Nicht von mir. Weißt du, wer ich bin?«

»D-das Tier«, flüsterte der Junge. Cian MacKay. »Du bist das Tier, das in diesem Wald lebt, nicht wahr? Die beiden – die Sutherlands haben von dir gesprochen.«

»Und ich wette, sie hatten Angst.« Logan grinste freudlos. »Sehe ich aus wie einer, der Befehle entgegen nimmt?«

»N-nein.«

»Genau. Und erst recht nicht von kleinen Jungs.« Logan ließ los, wandte sich ab und stapfte davon. Hinter sich hörte er ein dumpfes Geräusch. Der Junge musste zu Boden gesunken sein.

»Ich flehe dich an«, rief der Goldene. »Bitte bring mich zurück!«

Logan ging weiter. Etwas zerrte an ihm. In ihm. Eine kleine Stimme aus der Vergangenheit, die meinte, er sei immer noch ein Teil seines Rudels. Aber das war er nicht. Also ging er weiter. Vorbei an dunklen Stämmen, in die beginnende Dämmerung. Ein letztes Mal hörte er den Jungen hinter sich.

»Dann halt nicht, du Köter!«

Logan lachte leise. Es fühlte sich falsch an, wie der Phantomschmerz eines Körperteils, das schon lange verrottet war. Hinter ihm verklangen die Geräusche des Jungen, seine Flüche und Beschimpfungen. Herrliche Ruhe umfing Logan. Die Einsamkeit, die er kannte, die dunklen Schatten, die ihn stets begleiteten. Kühle Waldluft strich über sein juckendes Gesicht.

Der Junge würde zurechtkommen.

4. Cian

Er hasste den Wald. Hasste sämtliche Eichen, Birken und Fichten darin, alle Vögel, die über seinem Kopf kreischten und alles Getier, das raschelnd durch das Unterholz schlich. Und er hasste den Pfad, den er schnell wiedergefunden hatte. So schnell, dass es überhaupt keine Mühe bereitet hätte, ihn dorthin zu bringen. Oder ein wenig weiter.

»Dieser Kerl war ein unhöflicher Klotz«, erklärte er dem dichten Gestrüpp am Wegesrand. Sein Nacken brannte, da, wo der Ochse ihn gebissen hatte. Die Muskeln in seinen Beinen brannten. Seine Fersen brannten. Er stolperte über einen kantigen Stein unter den Blättern und jaulte auf. Schriller Schmerz zuckte durch seinen großen Zeh. »Verdammt!«

Das war nur die Schuld des Tiers. Wenn der ihn sicher zurück zum Kloster begleitet hätte – Cian seufzte. Nein, war es nicht. Und immerhin hatte der Kerl ihn gerettet. Unabsichtlich, aber es war eine unbestreitbare Tatsache. So wie die Tatsache, dass es dunkel wurde. Dass aus langen, blauen Schatten längst graue Dämmerung geworden war und der Weg immer schlechter zu erkennen. Die Finsternis hinter den Baumstämmen kroch über den Pfad und hüllte alles in Dunkelheit.

Cian hielt an. Kälte schlängelte sich über seine Haut, drang unter die Kleidung. Den viel zu dünnen Stoff. Er hatte den Umhang nicht mehr gefunden, den er bei der Flucht verloren hatte. Er hätte einen der Umhänge mitnehmen sollen, den die Sutherlands getragen hatten. Sie brauchten sie nicht mehr und er fror.

Immerhin hatte er daran gedacht, sich den Wasserschlauch zu nehmen, den Gelbzahn am Gürtel getragen hatte. Er trank einen Schluck und merkte, dass der Behälter fast leer war.

Wo würde er mehr Wasser finden? Weit und breit gab es nur Dunkelheit. Und die Bäume, die links und rechts von ihm aufragten wie Monster.

Wir sind über eine Brücke gegangen, dachte er. Aber das ist Stunden her. Ich bin so durstig. Und hungrig.

Sehnsüchtig dachte er an die Abendessen im Kloster. Einfache Suppen, selten mit Fleisch, aber stets gut gewürzt. An seine karge Zelle, die doch ein Bett hatte und Zuflucht bot. An den Kräutergarten, der trotz des verregneten Sommers üppig grünte. Und an Jaxson. Der hatte mit dem Kloster nichts zu tun, Cian dachte einfach gern an ihn. Es linderte den Schmerz. Er versuchte, sich an jede dunkle Locke auf Jaxsons Kopf zu erinnern, als er weiter stolperte.

Du kannst nicht schnell genug volljährig werden, hatte Jaxson ihm ins Ohr geflüstert, als seine Hand unter Cians Kilt gewandert war. Ich habe so viel, das ich dir zeigen will.

Cian schluckte trocken. Er hatte es geschafft, sich zu beherrschen. Sich nicht über Jaxsons Finger zu verströmen. Aber seit diesem Abend beherrschten die warmen Handflächen all seine Träume. Seit diesem Abend, an dem Jaxson ihn zu seinem Zimmer begleitet hatte und sie in dem kleinen Erker Halt gemacht hatten, um ihren ersten Kuss zu teilen, schlug sein Herz schneller. Immer, wenn er sich daran erinnerte, wie Jaxson roch. Nach Kaminasche und Hirschbraten. Seine Lippen schmeckten nach Pilzsoße. Cian war so hungrig.

Es war kurz nach dem Abendessen gewesen, als ihre Münder sich in der Dunkelheit gefunden hatten. Als Jaxsons Zunge sich zwischen Cians Zähne gedrängt hatte und er dessen Härte durch ihre Kilts gespürt hatte. Sie war ihm riesig vorgekommen. Ja, er hatte sich gefragt, wie Jaxson es schaffen wollte, in ihn einzudringen, wenn sie sich endlich verbanden. Wenn er endlich volljährig war.

Und nun war er es und war immer noch unberührt. Seinen Geburtstag hatte er im Kloster verbracht, verborgen vor der Welt. Vor den Sutherlands, die in seinem Rudel gewütet hatten. Wie viele seiner Verwandten wohl noch lebten? Der Bote, den sein Erzeuger geschickt hatte, hatte es ihm nicht sagen können.

Er dachte an Myles, Fraser und Hugo. Die Alphas, die sich gern bei ihnen herumgetrieben hatten, die mit den Omegas gescherzt und gelacht hatten. An seinen Bruder Connor, der vor dem Omegaturm auf seinen Gefährten wartete, einen Strauß Wiesenblumen in der Hand. An Caelan, der den Großteil seiner Zeit auf dem Übungsplatz verbrachte und den Rest im Wald. Oft hatte er sogar dort geschlafen. Unter den Alphas galt es als Mutprobe, möglichst viel Zeit außerhalb der Burgmauern zu verbringen.

»Ich wünschte, ich wäre ein Alpha«, murmelte Cian. Dann müsste er sich jetzt nicht so fühlen. So hilflos und zerbrechlich. Jedes Kaninchen im Unterholz war stärker als er. Oder kannte sich in diesem blöden Wald wenigstens aus. Der Mond blitzte nur selten aus dem dichten Blätterdach und Cians Zähne klapperten. Was für ein beschissener Sommer. Er stolperte erneut, fiel der Länge nach hin und landete ihn etwas Weichem. Matsch und Moder drangen durch seine dünnen Kleider.

»Mist«, rief er.

Ein Kreischen erklang über ihm. Flügel flatterten. Ihm wurde kalt. Jede Gruselgeschichte, die er je gehört hatte, drang in seinen Schädel und lief dort Amok. Geschichten von geflügelten Monstern, die allein reisende Männer verspeisten. Von den Ghoulen, die unter der Erde lebten und auf Schritte lauerten. Omegas, die noch unschuldig waren, fraßen sie angeblich nicht. Aber das konnte eine dieser Schauergeschichten sein, die Omegas dazu bringen sollten, rein und keusch zu bleiben.

»Vermutlich fressen Ghoule alles, was ihnen zwischen die Hauer kommt«, murmelte Cian und schauderte.

Er erhob sich ächzend und versuchte, den Schlamm von seiner Vorderseite zu wischen. Der Gestank war entsetzlich. Aber er hatte schon vorher nicht gut gerochen. Hitze stieg in seine Wangen, als er daran dachte, was dieses blöde Tier gesagt hatte. Nun, immerhin hatte der Geruch ihn davon abgehalten, Cian zu schänden. Das war es gewesen, oder?

Natürlich war es das, dachte er.

Als ob das Tier einen Funken Anstand gehabt hätte. Der hatte genauso respektlos mit ihm gesprochen wie die beiden falschen MacGregors. Das Tier hatte es sogar gewagt, ihn gegen einen Baum zu drängen und seine Kehle zu packen. Ekelhaft.

Seltsam, dass dieser Moment die entgegengesetzte Wirkung gehabt hatte, die er hätte haben sollen. Gut, Cian hatte sich gefürchtet. So sehr, dass er Angst gehabt hatte, dass sein Brustkorb platzen würde. Aber etwas anderes war geschehen. Seine Rute hatte sich mit Blut gefüllt und aufgerichtet. Sein ganzer Unterleib hatte gekribbelt. Aus Angst, dass das Tier etwas merken könnte, hatte Cian sich gleich zu Boden sinken lassen, als er ihn endlich losgelassen hatte. Doch der Dreckskerl hatte sich nicht mal umgedreht. Sein breiter Rücken war zwischen den Bäumen verschwunden und nun war Cian allein.

Es hatte keinen Sinn. Er konnte die Hand vor Augen nicht mehr sehen. Wenn er weiterginge, würde er nur wieder stolpern. Wenn er Pech hätte, würde er sich den Schädel dabei anschlagen und der Mond wusste, wann hier jemand vorbeikam, um ihm zu helfen. Seit Stunden hatte er niemanden mehr getroffen. Niemand wusste, dass er hier war. Die Mönche dachten, er wäre auf dem Weg zu Jaxson und Jaxson – Hatte der jemand geschickt, um ihn zu holen? Wusste er überhaupt, wo Cian war? Hatten die Sutherlands Jaxsons Männer überfallen?

Zitternd vor Kälte sah Cian sich nach einem geeigneten Schlafplatz um. Schwer, in der Dunkelheit. Er betastete den nächsten Strauch und erwischte Dornen. Fluchend zog er die Finger zurück.

Wo schlief man im Wald? Schließlich rollte er sich einfach in der Mitte des Weges zusammen. Da, wo der Boden am trockensten war. Da, wo die toten Blätter ihn ein wenig vor der Kälte schützten, vor dem eisigen Boden, dessen frostige Finger bis auf seine Knochen drangen.

Wenn jemand vorbeikommt, wird er mich finden, dachte Cian. Und mir helfen, zurück ins Kloster zu kommen.

Er stellte sich vor, dass es ein freundlicher Mensch sein würde, der Wasser dabei hatte. Und frisches Brot. Und der ihm helfen würde, zu verstehen, warum die Sutherlands sich als MacGregors ausgaben. Ach, warum sollte es nicht gleich Jaxson selbst sein, der sich zu ihm hinunterbeugte und ihm Zärtlichkeiten ins Ohr flüsterte? Der ihn umarmte, um die Kälte zu vertreiben. Der seine harte Rute an ihn presste, die zwar nicht so groß wie die des Tiers war, aber – Warum dachte er jetzt an den Mistkerl?

»Ich hoffe, ich sehe ihn nie wieder«, flüsterte Cian, die Wange in knisternde Blätter gepresst.

Angst flatterte in seinem Bauch, als er daran dachte, dass das Tier irgendwo durch diese Wälder schlich. Leise und tödlich. Bestimmt konnte er im Dunkel sehen. Was, wenn er es sich anders überlegte und Cian gefolgt war? Wenn seine rauen Krallen über Cians Schenkel streichen würden und – Cian schluckte. Zwischen seinen Schenkeln zuckte es. Sein Schwanz kribbelte, wenn er an die Berührung des Tiers dachte.

Nein, dachte er. Hör auf, du blödes Stück. Wenn der Mistkerl mich anfassen würde, würde ich mich nur fürchten. Ich hätte furchtbare Angst. Ich HABE furchtbare Angst. Nicht nur, dass ich allein im Wald bin, es ist auch kalt und –

Er lauschte angestrengt. Der Wald bei Nacht war lauter als er geglaubt hatte. Eulen schrien. Überall raschelte es. Er schluckte trocken. Vielleicht doch lieber an etwas Angenehmes danken. Nur zur Ablenkung. Zum Beispiel an Jaxson, der ihn zu einem Badezuber trug. Ein Zuber, gefüllt mit dampfendem Wasser, auf dem duftende Kräuter trieben. In Cians Fantasie waren sie beide nackt und endlich verbunden. Für immer.

Jaxson würde ihn in das Wasser lassen und ihm den Gestank des Waldes vom Leib waschen, mit sanften Fingern. Er würde Cian ins Ohr flüstern, dass das alles nur ein furchtbarer Traum gewesen war. Er war nie vor den Sutherlands geflüchtet und hatte nie eine Nacht auf dem kalten Waldboden verbringen müssen.

Cians Rechte fuhr zwischen seine Schenkel. Er biss die Zähne zusammen, als kalte Nachtluft an seine Haut drang. Aber er musste sich ablenken. Langsam umfassten seine Finger den prallen Schwanz und rieben darüber. Nur ein wenig. Genug, um die Panik zu vertreiben, die sich in ihm breitmachen wollte.

Jaxson, dachte er. Er würde mit nassen Fingern durch meine Haare fahren und mich küssen und ich würde den Kopf in den Nacken legen und – und die Schenkel für ihn öffnen. Ich würde endlich erkennen, dass er mein Gefährte ist. Ich würde das Zeichen bekommen, wenn wir uns lieben. Bestimmt.

Es waren die Omegas, die ihre Alpha-Gefährten erkannten. An einem Zeichen, das bei jedem anders war, also konnte niemand Cian sagen, was es war. Aber Jaxson war sein Gefährte. Bestimmt. Wenn sie sich liebten, würde er es wissen.

Wenn wir uns lieben, wird es so schön, dachte er und rieb sich fester. So schön und ich werde das Zeichen erkennen. Vielleicht kann ich mehr Farben sehen, wenn wir es endlich tun. Oder mehr schmecken. Oder seine Gedanken lesen? Auf jeden Fall wird es wundervoll.

Es war schwer, nicht zu weit zu gehen. Aber Cian hatte sich im Griff. Immer, wenn das Drängen in seinen Lenden zu mächtig wurde, öffnete er die Faust und ließ die Kälte an seine Haut. Er seufzte leise. Rein und unschuldig musste er bleiben, bis er sich mit Jaxson verband. Nicht ganz so unschuldig, wie er es war. Doch er fürchtete sich. Vor dem Kontrollverlust, wenn er nicht aufhörte. Wenn er sich einmal bis zum Höhepunkt wichste, würde er nicht mehr damit aufhören können, richtig? Und dann wäre es nicht mehr weit, bis er sich dem nächstbesten Alpha an den Hals warf, oder gleich mehreren. Oder? Er war kurz davor, es trotzdem zu wagen, als die Müdigkeit ihn übermannte. Die Hand um sein bestes Stück geschlossen, schlief er ein.

***

Jaxson rieb mit einem weichen Lappen über Cians Rücken. Warmes Wasser lief über seine erhitzte Haut, zurück in den Zuber. Die Luft war feucht und schwer und duftete nach Lavendel. Jaxson saß hinter ihm und Cian spürte seine heiße Brust an der Wirbelsäule. Stöhnend lehnte er sich zurück.

»Das tut so gut«, murmelte er. »Das muss ein Traum sein.«

»Ist es auch«, flüsterte Jaxson in sein Ohr.

»Schade.« Cian wandte den Kopf und sah zu ihm hoch. »Aber es ist ein guter Traum.«

»Das finde ich auch«, sagte Jaxson. Weiße Zähne blitzten und Cians Magen kribbelte. »Ein ganz wunderbarer.«

»Es ist ein dummer Scheißtraum«, knurrte das Tier.

Was? Cian fuhr herum. Breitbeinig und scheußlich stand das Tier vor dem Zuber. Sein dreckiger Kilt spannte über mächtigen, haarigen Schenkeln. Der Kerl war so riesig, dass sein Kopf gegen die Decke stieß und sein Schatten über Cian fiel. Kalte Augen starrten auf ihn nieder. Alle Narben des Tiers waren zu frischen Wunden geworden und Blut strömte über sein Gesicht, tränkte seinen bloßen Oberkörper.

»Was tust du hier?«, fragte Cian. Das Wasser im Zuber schwappte. Er roch vermodernde Blätter.

Statt einer Antwort hob das Tier seinen Kilt. Seine fleischige Rute war noch riesiger geworden, lag wie ein Rammbock in den rauen Pranken.

»Lass das!«, fauchte Cian. »Was tust du in meinem Traum?«

Das Tier zuckte mit den Achseln. »Du konntest nicht aufhören, an meinen Prügel zu denken, also sind wir hier.«

»Konnte ich wohl!«, rief Cian. »Das hat nichts zu bedeuten. Was tust du?!«

Ein gelber Strahl schoss aus dem Schlitz in der Eichel. Urin plätscherte in den Zuber, in dem Cian saß. Der fuhr hoch.

»Hör auf, in mein Badewasser zu pissen!«, brüllte er und fuhr herum. »Jaxson! Sag ihm, dass er aufhören soll!«

Doch Jaxson war verschwunden. Und der Zuber auch. Hinter ihm war der dunkle Wald. Die Bäume ragten noch höher auf, der Mond war noch ferner. Und Cian war winzig. Auf einem trockenen Blatt sitzend, das von Rissen durchsetzt war, starrte er zu dem Tier auf, das den Mond verdunkelte. Das seine Rute rieb, bis sie über ihm aufragte wie ein Baumstamm. Angst schoss in Cians Bauch.

»Bitte«, flüsterte er.

»Bitte was?«, grollte das Tier.

»Bitte«, Cian breitete die Arme aus, »komm her. Ich brauche dich.«

Stumm sank das Tier auf die Knie. Es schien zu schrumpfen. Oder wuchs Cian? Raue Pranken packten seine Wangen. Raubtieraugen funkelten, direkt vor ihm. Die Angst raubte ihm den Atem. Oder war es etwas anderes? Bebend hob er eine Hand. Strich über die klaffenden Wunden. Fühlte heisses Blut über seine Finger strömen.

»Sie haben dich getötet«, sagte er und das Tier nickte. Cian schnupperte, roch ihn. Eisen und Erde. Dunkle Erde, schwer, als würde sie ein Grab bedecken. »Deshalb kannst du ohne Rudel überleben. Du lebst gar nicht. Du bist tot.«

»Ja.« Das Tier regte sich nicht. Wie eine Statue kniete es über ihm, die behaarten Beine links und rechts von Cians zitternden Schenkeln. »Ich bin tot. Aber ich kann dir helfen, am Leben zu bleiben.«

»Du wolltest mich nicht einmal zurück auf den Weg bringen«, flüsterte Cian. »Du hilfst mir nicht.«

»Kleiner.« Das Tier klang, als würde es direkt aus dem Totenreich zu ihm sprechen. »Das hier ist ein Traum. Ich kann alles tun, das du willst.«

»Ich wollte nicht, dass du mir ins Badewasser pisst«, knurrte Cian. »Das warst ganz allein du.«

Das Blut lief schneller aus den Wunden. Es glänzte im schwachen Schein des Mondlichts. »Ich mochte es nicht, dass du mit dem Schönling gebadet hast.«

»Er ist mein Gefährte«, sagte Cian.

»Er ist ein Schönling.«

»Nein, er ist einfach schön.« Cians Kehle schnürte sich zu. Er versuchte zu schlucken, aber es ging nicht. »Und du bist ein Mistkerl. Ein Mörder. Du hast die Sutherlands getötet.«

»Ja, das habe ich.« Blut rann über Cians Hand, die immer noch auf der stoppeligen Wange des Tiers lag. »In Wahrheit bin ich ein Monster. Aber hier bin ich alles, was du dir vorstellst. Du hast die Kontrolle.«

Cian fühlte sich nicht, als hätte er irgendetwas unter Kontrolle. Sein Körper bebte, sein Magen flatterte und da, wo die nackten Beine des Tiers seine berührten, kribbelte alles. Furcht rann durch seine Adern. »D-dann hör auf zu bluten. Deine Wunden sind längst verheilt.«

Der warme Strom auf seinen Fingern versiegte. Schnitte verschlossen sich, wurden zu Fleischwulsten.

»Besser«, murmelte Cian. »Und jetzt komm her, Tier.«

Zitternd lehnte er sich zurück. Sein Körper war eine einzige Schwachstelle, jeder Muskel kurz davor, aufzugeben. Aber seine Rute war hart. Wie ein Dorn stand sie von seinem Körper ab, pochend und sehnend. Sie stach in den Bauch des Tiers, als es sich über Cian beugte. Als vernarbte Lippen sich öffneten und Raubtierzähne freilegten.

»Du kannst es kaum erwarten, was?« Das Tier leckte sich über die Lippen.

Cian konnte es nicht verneinen. Hilflos bebend lag er unter dem Tier. Spürte die Blätter in seinem Rücken, roch alte Erde im kalten Wind und konnte doch nichts anderes anstarren als den Mund des Biests. »Halt die Klappe«, krächzte er. »Ich habe die Kontrolle, nicht du.«

Das Tier verharrte. Abwartend sah es Cian an. Der bockte aufwärts, rieb sein Becken über die harten Muskeln des Tiers.

»Küss mich endlich«, stöhnte er. Er legte den Kopf in den Nacken, krallte die Finger in die steinharten Arme des Tiers und schlang die Beine um dessen Hüften. Das Rauschen in seinem Körper wurde lauter. Drängender. Er war fast soweit. »Schnell.«

Trockene Lippen senkten sich auf seine. Rissig strichen sie über seine Haut. Cian jaulte.

Mehr, dachte er, denn seine Stimme versagte. Mehr.

Die fleischige Zunge des Raubtiers drang in seinen Mund. Er spürte ihre glatte Unterseite, ihre Stärke, schmeckte Salz und Zimt. Aufschreiend schlug er die Krallen in den Nacken des Tiers, küsste ihn zurück, mit aller Kraft. Bäumte sich auf und rieb sich an dem Tier, dem Himmel entgegen. Zuckend verglühte die Nacht, spülte die Erlösung ihn den Sternen entgegen. Er verströmte sich unkontrolliert, beschoss das Tier mit seinem Samen und brüllte seinen Namen in dessen Mund.

Logan.

Als sie sich voneinander lösten, weinte Cian. Die Schluchzer schüttelten seinen Körper und verengten seinen Hals. »Es tut mir leid«, schniefte er. »Es tut mir so leid, Jaxson!«

Denn es war nicht mehr das Tier, das über ihm aufragte. Es war Jaxson. Dessen braune Augen sahen auf ihn hinunter, drangen bis tief in seine Brust.

»Verräter«, hauchte Jaxson. »Unreines Stück.«

Angewidert erhob er sich. Er trug seine offizielle Kleidung, den MacGregor-Tartan, und hielt sein Schwert in der Hand. Cian versuchte, sich hochzustemmen, aber er war zu schwach. Zu nackt und erbärmlich. Und er stank.

Das Metall der Klinge wirkte schwarz, als Jaxson die Schwerthand hob. »Verräter«, zischte er. »Ich wollte dich zu meinem Partner machen. Ich wollte, dass du an meiner Seite bist. Mein Omega.« Seine Züge verzerrten sich, wurden scharfkantig wie Messer. »Ich muss dich bestrafen, Cian.«

»Ja«, schluchzte Cian. »Es tut mir leid. Es tut mir so leid, Jaxson. Ich bin deiner unwürdig. Ich bin eine Scheußlichkeit, ein Stück Dreck, ein«, er schluckte, »ekelhaftes Vieh. Ich verdiene dich nicht.«

Jaxson nickte. Dann hob er das Schwert. Schatten krochen über die Klinge. Der Wald zog sich um sie herum zusammen und Cian schrie.

»Nein!«

Das Schwert bohrte sich in seinen Bauch. Blut floss über die harten Muskeln, über die hässlichen Brandnarben, über seinen gigantischen Prügel. Schreiend sah er auf seine Hände, aber es waren nicht länger seine. Es waren die Pranken eines Tiers.

***

»Nein!« Cian fuhr hoch. Und stöhnte. Sein Körper war steifgefroren und fühlte sich an, als würde er bei jeder Bewegung splittern. Leises Wimmern kroch durch die Dämmerung. Sein Wimmern. Sein Körper, in dem er immer noch steckte, fror. Cian sah sich um.

Der Waldweg war leer. Nebel verdeckte alles, das mehr als ein paar Schritt weit entfernt war. Dornen und krallenartige Zweige stachen aus dem Grau. Kälte kroch über Cians Haut. Es war Morgen.

Er unterdrückte ein Schluchzen. Niemand war gekommen, um ihm zu helfen. Niemand hatte ihn gefunden. Er fror so sehr, dass er glaubte, nie wieder warm zu werden. Seine Zunge klebte am Gaumen, ihm war schwindlig vor Durst und die verkrustete Wunde in seinem Nacken brannte. Tau und Regen durchnässten seine Kleidung. Samen rann seinen Oberschenkel hinab und erinnerte ihn an den grauenvollen Alptraum der letzten Nacht. Sein ganzer Körper schmerzte und seine Blase drückte. Er hatte Hunger. Er stank.

»So ein Mist«, murmelte er und hustete. Hoffentlich hatte er sich in diesem höllischen Wald keine Lungenentzündung geholt. Die konnten nicht einmal die Mönche mit all ihrem Wissen über Kräuter kurieren. Er sah sich um, lauschte. Aber keine Schritte waren zu hören. Bei seinem Glück hätten die auch nur zu weiteren Sutherlands gehört.

Die Sutherlands. Immer wieder kehrten sie in sein Gehirn zurück, während er den Kilt hob und sich wie ein Tier am Wegesrand erleichterte. Warum hatten sie ihn mitgenommen? Was hatten sie mit ihm gewollt? Hatte Jaxson wirklich nach ihm geschickt? Wussten die Sutherlands, dass er Jaxson versprochen war? Hatten sie versucht, die Verbindung zu verhindern? Die Allianz zwischen den MacKays und den MacGregors war alt und stark. Cians und Jaxsons Verbindung war nur ein weiterer Stein, der die Burgmauer verstärkte. Allerdings ein großer. Sein Erzeuger war sehr glücklich gewesen, als Jaxson um Cians Hand gebeten hatte.

Das habe ich gehofft, hatte er gesagt.

Hatte er Cian zu den MacGregors mitgenommen, damit der sich in Jaxson verlieben würde? Oder Jaxson in ihn? Natürlich hatten sein Vater und sein Erzeuger ihm vorher erklärt, dass Jaxson MacGregor eine gute Partie war. Aber die Wahl war Cians gewesen. Und dann wieder nicht. Sein Herz hatte schon kapituliert, als Jaxson ihm das erste Lächeln geschenkt hatte.

Gut gemacht, Sohn, hatte sein Erzeuger Cian zugeflüstert, als sie abends beim Bankett zusammengesessen hatten. Ich wusste, dass du diese Beute erlegen würdest.

Sein Vater, sanfter Omega, der er war, hätte das ganz anders ausgedrückt als sein Erzeuger. Aber Cian hatte stolz gelächelt. Lob von seinem Erzeuger war so selten wie ein regenloser Tag im November.

Ich weiß gar nicht, wie ich das den anderen beibringen soll, hatte Fraser gesagt. Der Alpha war Teil der Gesellschaft gewesen, mit der sie die MacGregors besucht hatten. Cian, dir ist klar, wie viele Herzen du mit deiner Verbindung brichst, oder? Jeder Alpha auf Burg MacKay ist in dich verliebt, mein Schöner. Ich auch. Fraser hatte die Hand aufs Herz gelegt und so getan, als wäre er den Tränen nah.

Cians Wangen waren heiß geworden. Hör auf, mir zu schmeicheln, hatte er gesagt. Ich bin ein vergebener Mann.

Fraser hatte gelacht.

Cians Herz trauerte, wenn er an diese Zeit zurückdachte. Hatte Fraser überlebt? Was war mit seinen Omega-Brüdern? Und was zum Halbmond hatten diese Sutherlands mit ihm gewollt?

Kälte kroch in seinen Magen. War es eine Racheaktion gewesen? Hatten die Sutherlands in ihrer Wut über die Niederlage beschlossen, den ältesten Omega der MacKays zu schänden? Oder den zukünftigen ersten Omega der MacGregors? Jaxson würde ihn nicht mehr wollen, wenn er nicht mehr unschuldig war. Die MacGregors waren sehr strikt, so viel wusste Cian. Aber nicht viel mehr. Er brauchte Informationen.

Zehn Tage, dachte er. In zehn Tagen wäre ich bei Jaxson, das haben die beiden gesagt. Er könnte mir erklären, was hier vor sich geht. Er würde mich beschützen. Er liebt mich. Sicher hat er auf mich gewartet, während all dieser furchtbaren Kämpfe. Sicher hat er sich ebenso nach mir verzehrt wie ich mich nach ihm.

Aber zehn Tage auf diesem Weg? Weiter durch den Wald stolpern, über die Highlands, durch noch mehr eisige Nächte? Das würde er nicht überleben. Er würde verdursten. Und so ungern er es sich eingestand, er wäre leichte Beute für jeden, der vorbeikam. Was, wenn er endlich jemand traf und der ihm gar nicht half? Wenn er stattdessen zu Ende brachte, was die beiden Sutherlands angefangen hatten? Jaxson würde ihn nicht mehr wollen.

Cian zitterte, noch mehr als vorher. Nein, er war nicht stark genug. Resigniert strich er seinen Kilt glatt, straffte die Schultern und setzte sich in Bewegung. Nur noch wenige Stunden bis zum Kloster. Nicht mehr allzu lange bis zur Brücke. Endlich würde er etwas trinken. Sein Mund verzehrte sich danach, befeuchtet zu werden. Ja, die Tränen drängten wieder hinaus, wenn er daran dachte, wie lange es noch dauern würde. Aber er weigerte sich, jetzt zu heulen. Er war der älteste Omega der MacKays. Außerdem konnte er es sich nicht leisten, noch mehr auszutrocknen.

Der Weg zur Brücke war länger als er ihn in Erinnerung hatte. Müde schleppte er sich vorwärts. Über Blätter und Steine, durch den dichten Nebel, der sich immer noch nicht verzog, obwohl die Sonne längst schien. Theoretisch. Sie drang nur stellenweise durch das dichte Blätterdach. Immerhin wurde es wärmer. Cian war nicht mehr durchgefroren, ihm war nur noch kühl. Die Gänsehaut verzog sich von seinen Armen, nur die bloßen Beine blieben von ihr bedeckt.

»Gleich«, sagte er sich und tätschelte den leeren Wasserschlauch an seiner Hüfte. »Gleich gibt es etwas zu trinken und dann bin ich stark genug, den Rest des Weges zu gehen. Zurück ins Kloster. Und von dort aus schicke ich eine Nachricht an Jaxson, damit er mich persönlich holt.« Seine Wangen brannten, ob dieser Worte. Jaxson hatte bestimmt Besseres zu tun als ihn holen zu kommen. Cian war nur ein Omega. Das konnte er wirklich nicht von Jaxson verlangen. »Aber ich kann ihn wenigstens darum bitten. Schließlich bin ich der Omega, den er liebt«, flüsterte er und fühlte sich gleich etwas besser.

Er hätte die Brücke beinahe nicht erkannt. Im Nebel wirkte sie wie ein krummes Tier, eine schräg zusammengezimmerte Schlange. Gestern hatte er sich davor gefürchtet, über die Planken zu gehen. Aber natürlich hatte er es Gelbzahn und dem Ochsen nicht gezeigt. Nun schenkte er dem krummen Gebilde nur einen Blick, bevor er die Böschung hinunterkletterte. Zum Wasser.

Dichter Nebel hing über dem gluckernden Bach, verwirbelte, wo das Wasser rissige Steinbrocken umspülte. Der klare Geruch ließ Cians Speichel fließen. Alle Vorsicht vergessend krabbelte er über Steine, rutschte im Schlamm aus, riss sich die Hand an einer Brombeerranke auf und kümmerte sich nicht darum. Sein Kilt flatterte, als er auf dem nackten Hintern die letzten Meter hinunter glitt.

Platsch! Seine Stiefel standen im seichten Wasser des Ufers. Kälte kroch in seine Zehen, aber auch das war egal. Wasser! Cian hockte sich hin und schöpfte es mit beiden Händen. Schlürfte und hustete, als es in seine Nase drang und trank und trank, bis er nicht mehr trinken konnte. Mittendrin holte er den Wasserschlauch raus, füllte ihn, trank ihn leer, füllte ihn wieder. Sah zu, wie sein Bauch voll und rund wurde. Und lachte.

»Wasser!«, rief er grinsend. »Danke, Mond!«

»Ja«, sagte eine Stimme vom gegenüberliegenden Ufer. »Danke, Mond.«

Cian schreckte zurück. Wasser spritzte. Nicht nur um seine Stiefel herum. Jemand kam auf ihn zu, durch den Bach. Schemen lösten sich aus der trüben Suppe vor ihm. Mehrere Schemen, deren Reißzähne größer wurden. Raubtiere. Alphas. Und sie trugen die Farben der Sutherlands.

Cian schrie.

5. Logan

Er erwachte und hatte noch schlechtere Laune als sonst. Knurrend verließ er den Felsüberhang, unter dem er geschlafen hatte, die Wolldecke in der Hand. Logan streckte sich, um die Morgenkälte aus den Knochen zu vertreiben. Nahm einen großen Schluck aus seinem Wasserschlauch. Leerte seine Blase am nächstbesten Stamm. Und packte sein Schwert.

Seine Klinge durchschnitt den Nebel. Amseln kreischten über ihm, als wollte er ihnen ans Leder und mit jedem Schritt wirbelten seine Füße graubraune Blätter auf. Erde und Staub füllten seine Nase, während er die ersten Übungen absolvierte.

Er wurde ruhiger. Machte einen Schritt nach vorn, stach einem unsichtbaren Gegner in den Bauch. Wich ihm aus, parierte einen imaginären Schlag und stach wieder zu. Es war wichtig, zu üben.

Mit einem echten Gegner wäre es einfacher gewesen. Mit Angus und Niall hatte er üben können. Damals war er besser in Form gewesen als je zuvor. Aber die beiden waren tot und er musste sich mit eingebildeten Gegnern zufriedengeben.

Er stellte sich die beiden Sutherlands von gestern vor und zerlegte sie. Dann alle anderen, der Reihe nach. Jeder, dem er die Kehle aufgeschlitzt hatte, jeder, der sein Rudel überfallen hatte. Den Mann, der ihn ins Feuer getreten hatte und den Goldenen, der sich lustvoll unter Logan wand.

Was?

Logan verharrte. Warum hatte er an den Kleinen gedacht?

Muss der verdammte Traum sein, dachte er und spuckte aus. Sein Schwanz hatte sich immer noch nicht vollends beruhigt. Er war mit dem härtesten Rammbock aufgewacht, der je morgens einen Kilt gehoben hatte. Und nur wegen dieses seltsamen Traums. Er konnte sich nicht an viel daraus erinnern. Nur daran, dass der Goldene in einem Zuber gelegen hatte. Nass und glücklich und unendlich begehrenswert. In den Armen eines anderen, was Logan so wütend gemacht hatte, dass er in ihr Badewasser geschifft hatte. Nur, um das blöde Gesicht des Jungen zu sehen.

Kalte Angst rann durch seinen Magen. Dieser Traum war anders gewesen. Viel zu echt. Er hatte den Jungen gerochen, das Salz auf seinen Lippen geschmeckt. Irgendwie war der Traum so weitergegangen, dass der Junge Logan an sich gezogen hatte. Dass weiche Finger sich auf seine blutenden Wangen gelegt hatten. Die Blutung war versiegt.

»Was war das?«, brummte er. In seinen Träumen blutete er immer. In seinen Träumen waren die Narben frische Schnitte, frische Verbrennungen. In seinen Träumen waren sie so frisch, wie sie es tief in ihm waren und nicht von außen, wo sein verdammter Körper sie längst geheilt hatte. Wo er weiter atmete, obwohl alle, für die er kämpfte, längst zu Asche und Erde geworden waren.

Aber sein Körper gab nicht auf. Der tötete, pisste, schiss und fickte weiter, als gäbe es eine Zukunft. Ficken. Gutes Stichwort. In vier Tagen war Vollmond, und bis dahin musste er in Lobdhain sein. Bei der letzten Nutte, die sein Gesicht ertrug und keine Angst vor seinem Prügel hatte.

Logan senkte die Hand. Betrachtete sein Schwert. Es war nicht das, welches er als Junge gehabt hatte. Das war in einem Kampf kaputtgegangen. Es war Angus' Schwert. Der hatte es nicht mehr gebraucht, nachdem der Hexer ihn erwischt hatte. Also hatte Logan es genommen.

Aber die beiden gestern hatte er als Wolf erlegt. Auf die alte Art. Die, die ihm am meisten lag. Klauen und Zähne, Kehle und Blut. Der Goldene hatte ihn angeschaut, als sei er der Hölle selbst entsprungen.

Logan fuhr sich durch das Gestrüpp auf seinem Kopf. Spürte den knorpeligen Stummel des verbrannten Ohrs. Schaffte es nicht, den Anblick aus seinem Kopf zu verdrängen, den er gestern vor sich gehabt hatte. Die goldglänzenden Locken. Die Sahnehaut der schlanken Gliedmaßen. Die pralle Rute zwischen zitternden Schenkeln. Die feuchten Augen. Der sündige Mund. Kein Wunder, dass der hübsche Mistkerl sich in seine Träume geschlichen hatte. Noch Stunden nach ihrer Begegnung hatte Logan sich gefragt, wie der Goldene aussehen würde, wenn er keine Angst hatte. Wenn der bebende Mund sich zu einem Lächeln verzog.

»Das wirst du nie herausfinden, alte Hackfresse«, sagte er zu sich selbst. »Selbst wenn du den Kleinen wiedersehen würdest, bei deinem Anblick vergeht jedem das Lachen.«

Er schlitzte imaginäre Sutherlands auf, bis sein Körper schweißüberströmt war. Bis jeder Muskel schmerzte und das Brennen alle Gedanken an die Toten verdrängt hatte. Erst dann trottete er zu seinem Unterschlupf zurück und öffnete die Lederbeutel, die er den beiden Sutherlands abgenommen hatte. Trockenfleisch und altes Brot. Eine willkommene Abwechslung zum rohen Fleisch der Tiere, die er sonst jagte. Es war schwer, ohne Rudel zu jagen. Oft genug entwischte ihm die Beute. Aber es reichte immer, um zu überleben.

Logan verschlang das Brot und knabberte am Trockenfleisch. Ärgerlich bemerkte er, dass ein Gefühl zurückgeblieben war: Das der weichen Handflächen auf seinen Wangen. Dabei hatte er es nur geträumt. Was war das? Frost schlängelte sich durch seine Gedärme. Furcht breitete sich dort aus, wie sie nur eins hervorrufen konnte.

»Magie«, knurrte er und schüttelte sich. »Verdammte Kackmagie.«

Es gab nichts, was er mehr hasste. Seit der Hexer ihn erwischt hatte, seit er Angus und Niall umgebracht hatte, fürchtete er die Magie wie nichts anderes. Seit sie ihn zwang, bei jedem Vollmond bedauernswerte Nutten zu besteigen.

Es gibt nur einen Weg, den Fluch zu brechen, höhnte der Hexer in seinem Kopf.

Er hielt es hier nicht mehr aus. Wütend packte er sein Zeug zusammen und sprang auf. Durchstreifte den feuchten Blätterwald, in dem er übernachtet hatte und erklomm einen rissigen Felsen. Dann noch einen. Der einzige Berg in der Gegend würde ihm einen guten Überblick verschaffen. Wie ein Riese ragte der graue Brocken in den Himmel.

Logan verjagte zwei Krähen, die sich mit blechernem Gekreische davonmachten. Kletterte eine fast senkrechte Felswand empor. Seine Finger schmerzten von der Anstrengung, sein Körpergewicht hochzuziehen. Aber als er den Gipfel erreichte, fühlte er sich fast erhaben. Beinahe weitete sich seine Brust, als er über die Wälder zu seinen Füßen blickte. Als er die Krähen davonfliegen sah, über ein Meer dunkelgrüner Baumspitzen, durchsetzt mit grauen Nebelschwaden. Als der Wind über seine nasse Haut strich und die Hitze milderte.

Hier oben schien die Sonne. Hier fühlte der Sommer sich fast wie ein Sommer an. Nun, da er dem Schatten der Bäume entkommen war. Hier und da durchbrachen kleine Siedlungen den Wald, mischten sich rote Ziegeldächer mit dem überwältigenden Grün der Blätter. Der Himmel, der sich über Logan spannte, war milchig blau. Zerrissene Wolken hingen in der Luft, reglos wie Wasserleichen.

Der Pfad, auf dem die beiden Alphas und der Goldene gegangen waren, war von oben kaum zu erkennen. Nur hier und da verriet eine Öffnung in den Baumkronen seinen Verlauf. Wie weit der Kleine wohl gekommen war? Wohin waren sie gegangen? Woher gekommen? Lief er zurück?

Logan schüttelte den Kopf.

Raus aus meinem Kopf, du Hundesohn, dachte er. Geh dahin zurück, wo du hingehörst.

Aber der Hundesohn hörte nicht. Unsichtbare Hände legten sich auf Logans ruinierte Wangen. Der Geist der lustverhangenen Augen blickte ihm entgegen. Schmale Hüften bockten gegen Logans Unterleib.

Küss mich endlich, hatte der Goldene gestöhnt. Schnell.

Logan hatte ihn geküsst. Im Traum. In der Realität hatte sein Mund seit acht Jahren niemanden mehr berührt. Das Tier küsste nicht. Es hätte ihn geschwächt. Hätte etwas in dem Kerker belebt, der ihn zusammenhielt.

»Lass mich in Ruhe, Cian MacKay«, knurrte er. »Sofort.«

Doch wieder weigerte der kleine Mistkerl sich. Ein Schrei hallte durch die Wälder. Weit entfernt und doch drang er bis zu Logan hinauf.

Das war die Stimme des Goldenen, oder? Logan sah hinunter, zu der Stelle im Wald, wo die Vögel aufstoben. Zwischen den Baumkronen glitzerte es. Wasser. Das musste da sein, wo die Brücke sich über den kleinen Bach spannte.

Nicht mein Problem, dachte er. Ist der Kleine halt schon wieder in Gefahr. Bis ich da unten bin, ist er dreimal geschändet worden.

Er zögerte. Katzenaugen unter wilden Locken erfüllten seine Erinnerung. Die Angst im Blick des Goldenen bohrte sich wie ein Dolch in seine Brust. Was, wenn es wieder die Sutherlands waren? So, wie die in letzter Zeit durch die Wälder krochen, wäre es kein Wunder, ihnen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu begegnen.

Der Schrei war verstummt. Die Vögel kreisten über die Brücke, dann senkten sie sich nieder, verschwanden zwischen den Blättern.

Logans Magen krampfte sich zusammen. Er packte die Kante des Felsens und ließ sich hinab. Angst rumorte in seinem Bauch. Nein, schalt er sich. Wut. Hass. Hass auf die Sutherlands, die er gleich abschlachten würde.

6. Cian

Er versuchte zu fliehen, aber schon in der Böschung überwältigten sie ihn. Harte Hände packten seine Schulter, schleuderten ihn herum, rissen ihn zu Boden. Sein Gesicht knallte in den Schlamm. Er fuhr auf, trat aus, doch ihre Klauen packten seine Beine. Dornen schlitzten seine Haut. Heißer Schmerz schoss in die Glieder. Gehetzte Mienen, verzerrt vor Gier, hingen über ihm, wurden immer mehr.

»Umdrehen!«, kommandierte jemand und Cian wurde herumgeschleudert.

Knie und Brust landeten in weichem Morast, die Arme wurden ihm auf dem Rücken verdreht. Fauliger Schlick drang in seine Nasenlöcher. Er schaffte es, den Kopf so weit zu wenden, dass er nicht erstickte. Er spuckte Schlamm und versuchte, den widerlichen Geschmack loszuwerden. Stoff raschelte. Kalte Luft drang an seine Beine. An seinen Hintern.

»Nein!«, brüllte er entsetzt. »Nein, tut das nicht!«

Stille breitete sich aus. Im Schweigen seiner Angreifer konnte er sein eigenes Keuchen hören, und das Kreischen der Vögel, irgendwo über ihm. So hoch, herrlich weit weg vom Boden.

»Heilige Hinterpfoten«, murmelte einer der Alphas und klang beinahe andächtig. »Das ist mit Abstand der schönste Arsch, den ich je gesehen habe.«

Raue Pranken berührten Cians linke Backe, streichelten darüber, als wollten sie ihre Echtheit prüfen. Dann packten sie zu, dass Cian aufschrie.

»Nein!«, brüllte er. »Bitte! Ich bin jemandem versprochen! Er wird mich nicht mehr wollen, wenn ihr meine Unschuld raubt!«

Wieder Schweigen. Die Luft war schwer vom Gestank der Paarungsbereitschaft.

»Deine Unschuld?« Ein anderer Alpha. Klang wie ein erkälteter Ziegenbock. »Du bist noch unschuldig, kleines Häschen?«

Panik krallte sich in Cians Körper, zog alles zusammen. Nein. Bitte. Bitte nicht. Jaxson. »Bitte, ihr dürft mich nicht schänden. Ich flehe euch an.«

»Unschuldige Omegas sind mir die liebsten«, schnarrte eine andere Stimme. »Schön eng.«

»Ja, aber nachher bluten sie. Der hier wird nicht lange durchhalten.« Eine ziemlich hohe Stimme für einen Alpha.

»Ich kriege ihn zuerst.« Klang wie ein Befehl. Das war der Ziegenbock.

»Vergiss es.« Endlich löste sich der Druck auf Cians Backe. Der Scheißkerl hatte zugepackt als wären seine Finger Krallen. »Ich steche das kleine Fass hier an. Zur Seite, MacDonnell.«

Leises Knurren. Der Ziegenbock hob die Stimme. »Das Fass gehört mir. Ihr Sutherlands müsst nicht den ganzen Spaß haben.«

»Ich bin der Anführer dieses Haufens.« Krallenhand wurde noch lauter. »Also besteige ich dieses Häschen als Erster.«

»Du bist ein ganz gewöhnlicher Krieger«, meckerte der Bock. »Ich bin der Cousin des Rudel-Chiefs der MacDonnell!«

»Die MacDonnells sind ein mieses Zwergenrudel«, grollte Krallenhand.

»Warum braucht ihr dann unsere Hilfe gegen die MacKays?« Der Bock lachte. »Überlass mir diesen Omega oder ihr könnt die Burg allein stürmen.«

»Wir brauchen euch nicht!« Eine andere Stimme. »Wir haben genug Rudel versammelt, um die MacKays dreimal abzuschlachten.«

Cian sah nichts als den Schlamm vor seine Nase, verschwommen durch seine Tränen. Wimmerte, weil seine Gelenke unter den harten Griffen schmerzten. Roch seine eigene Angst durch den Moder. Spürte den kalten Wind an seinen Weichteilen. Und doch nahm sein Gehirn jedes einzelne Wort auf, das seine Angreifer sagten.

»Die MacKays haben euch schon zweimal den Arsch versohlt, Sutherlands«, höhnte ein weiterer Alpha. »Ihr braucht uns.«

Stille. Schien, als würde Krallenhand zögern. »Na und? Davor haben wir ihre Burg gestürmt und ihren Omegas gezeigt, was echte Alphas sind. Und dem Sohn des Rudel-Chiefs auch.« Lachen.

»Ja, und jetzt braucht ihr uns. Hör auf zu labern und geh zur Seite.«

»Schwachsinn.« Krallenhand klang nicht mehr so sicher. Nicht so kämpferisch wie zuvor. Mehr wie ein murrendes Kind, das nicht ins Bett wollte.

Entsetzen lähmte Cians Körper. Selbst seine Gedanken froren ein. Er spürte an ihren Stimmen, was hinter ihm geschah. Krallenhand würde aufgeben. Der Bock würde ihn besteigen und Jaxson würde ihn fallenlassen wie einen verfaulten Apfel.

»Geh endlich zur Seite«, drängte der Ziegenbock. »Mein Schlauch ist nicht mehr geleert worden, seit wir in dem schäbigen Dorf in Buiseid waren.«

Schmatzende Schritte. Ging Krallenhand wirklich?

»Ja, ja, MacDonnell. Aber wenn du mit ihm fertig bist, bin ich dran, klar?«

Panik fuhr in Cians Bauch.

»Du hässlicher Sutherland!«, rief er und es war, als würde sein Wolf ihm die nächsten Worte zuflüstern. »Du elender Feigling! Kuschst vor einem Jämmerling wie dem MacDonnell? Erbärmlicher Hund! Ihr Sutherlands seid solche Schwächlinge! Es ist kein Wunder, dass mein Rudel euch den Arsch versohlt hat!«

»Ist er etwa ein MacKay?«, fragte jemand.

»Hast du seinen Kilt nicht gesehen, du Torfkopf?«, fragte ein anderer.

»Halt dein Maul, dreckiger MacKay«, grollte Krallenhand. »Ich stopf dein Maul mit meiner Rute und piss dir in die Kehle, wenn du so weitermachst.«

»Wenn du das versuchst, beiß ich sie dir ab«, würgte Cian hervor und schockierte sich selbst damit.

»Ich schlag dir die Zähne aus, dann hast du nichts zum Beißen.«

»Ein MacKay beißt auch ohne Zähne zu«, schnappte Cian. »Für deinen schlaffen Wurmpimmel reicht das.«

»Sutherland!«, meckerte der Bock. »Geh endlich zur Seite.«

»Er gehört mir!«, brüllte Krallenhand. »Fass ihn an und du verreckst!«

Ein tiefes Grollen überdeckte das Gluckern des Bachs. Der Bock klang endlich wie ein Wolf. »Letzte Warnung, Sutherland. Das Häschen besteige ich.«

»Hol ihn dir.«

Nichts als Knurren war mehr zu hören. Aus zwei Kehlen, zwischen zwei Paar Reißzähnen hindurch. Cian schaffte es, den Kopf so weit zu wenden, dass er etwas erkennen konnte. Sie hatten sich verwandelt.

Zwei Wölfe standen sich gegenüber, einer dunkel- einer hellgrau. Neben einem lag ein Sutherland-Tartan, neben dem anderen einer in den Farben der MacDonnells. Cian hatte alle Muster lernen müssen, damals, in einem anderen Leben. Selbst die, die es nicht mehr gab. Das Nackenfell der beiden Wölfe sträubte sich. Geifer lief aus ihren Lefzen, tropfte auf den Schlamm der Böschung. Cian roch den scharfen Duft der Mordlust. Gänsehaut bedeckte seine Glieder.

Die beiden Tiere umkreisten sich. Alle anderen schauten zu. Als Männer. Es war eins dieser Alpha-Rituale, von denen Cian bisher nur gehört hatte. Ein Kampf auf die alte Art. In Wolfsform, obwohl Schwerter schneller und effizienter waren.

Das Knurren der Bestien strich über die Böschung, streifte Cians nackte Beine. Er wurde nur noch von zwei Alphas gehalten und schaffte es, sich soweit zu drehen, dass er alles beobachten konnte. Übelkeit stieg in ihm auf. Die Lautstärke stieg, die Augen der Anwesenden wurden starr.

Der hellgraue Wolf fletschte die Zähne und schnappte nach dem Dunklen. Der wich aus. Der Hellgraue setzte nach, erwischte die Schulter seines Gegners. Fleisch riss. Der Dunkle jaulte und warf sich herum. Rutschte im Schlamm aus, was der Hellgraue nicht erwartet hatte. So wurde er mitgerissen.

Zwei haarige Körper rollten die Böschung hinab. Wasser spritzte. Nasses Fell blitzte auf, Reißzähne schnappten. Hektisches Atmen erklang und dann ging alles viel zu schnell. Ein Wirbel aus Wasser, Krallen und Beißen explodierte und dann färbte der Bach sich rot. Ein ekelhaft nasses Geräusch ertönte. Blut schoss in die Strömung.

Jubel ertönte ringsum. Die MacDonnells. Die Sutherlands sahen mit steinernen Mienen zu, wie der dunkle Wolf davontrieb. Langsam, mit weißen Augen und einem erstarrten Lächeln im Maul. Der Hellgraue erhob sich. Wurde zu einem nackten Mann mit roten Haaren und einem sorgfältig gestutzten Bart.

Der Bock lächelte. Wasser rann über seinen nackten Körper, verfing sich in seiner Körperbehaarung, tropfte von seinem baumelnden Gemächt. Nicht nur Wasser. Verwundert schaute der Bock an sich herunter. Zuckte, als er das Loch in seinem Bauch bemerkte. Die Gedärme, die heraushingen, glänzend wie Schlangen. Er keuchte. Krümmte sich und schrie.

Krallenhand muss ihn mit dem Hinterlauf erwischt haben, dachte Cian.

Galle drängte seinen Hals hoch. Würgend erbrach er sich, immer noch zu Boden gepresst von den beiden Alphas. Er erstickte fast, als es sauer durch seine Nase schoss. Hinter sich hörte er das Brüllen des Bocks. Wasser platschte. Die Luft war erfüllt von Blut und Moder.

Das Brüllen schien ewig weiterzugehen. Als das Wasser aufhörte zu spritzen, hatte Cian seinen gesamten Mageninhalt in den Schlamm geleert und schluchzte nur noch. Tränenüberströmt wandte er den Kopf und sah den Bock im Wasser zucken. Einer seiner Verwandten erbarmte sich schließlich. Mit harter Miene packte der MacDonnell sein Schwert und kletterte zum Ufer hinunter. Die Klinge stieß in die Brust des Bocks und sein Körper erschlaffte. Die Strömung färbte den Schlamm rot.

Cian schluchzte.

Das wollte ich nicht, dachte er. Das wollte ich ganz bestimmt nicht.

»Und jetzt?«, fragte einer der Alphas. Ein MacDonnell. »Sie sind beide tot. Was machen wir nun?«

Weiße, harte Mienen wandten sich Cian zu. Es waren noch sieben Alphas. Fünf standen, zwei hielten Cian fest. Zu viele, um ihnen zu entkommen.

Einer der Sutherlands spuckte aus. »Jetzt ficken wir den kleinen MacKay so blutig, dass er daran verreckt.«

Cian wand sich, stemmte die Füße in den Schlamm und versuchte, den Klauen der Alphas zu entkommen. Es war sinnlos.

»Vorher sollten wir von der Brücke weg.« Einer der Alphas sah sich um. »Der Nebel verzieht sich. Nicht, dass noch einer vorbeikommt und uns sieht. Die MacKays dürfen nicht gewarnt werden.«

»Die MacKays werden nicht wissen, was sie erwischt, wenn wir ihre Burg stürmen.« Ein großgewachsener Sutherland rieb sich den Mund. »Und wer zum Mond soll vorbeikommen, auf diesem Weg? Hier ist niemand.«

»Das Tier lebt in diesem Wald«, sagte einer von ihnen. Cian sah ein winziges Zucken in seinem Kiefer. Hatte er etwa Angst vor dem Tier?

»Das Tier hat keine Chance gegen uns«, herrschte der Sutherland-Riese seinen Kameraden an. »Wir sind zu siebt!«

»Ja.« Der andere schluckte sichtbar. »Natürlich. Wir sind zu siebt.«

Wachsam sahen sich nun alle um. Alle sieben. Waren es wirklich zu viele, als dass das Tier sie bezwingen könnte? Es hatte unbesiegbar gewirkt. Stärker als jeder, den Cian je gesehen hatte. Nicht wie ein Wolfswandler. Wie ein Wolf, der sich die Menschenhaut nur übergestreift hatte.

»Ja.« Ein MacDonnell räusperte sich. »Trotzdem. Wir sollten wachsam sein. Eben beim Kampf haben wir nicht aufgepasst. Er hätte uns einfach von hinten aufschlitzen können.«

Schade, dass er es nicht gemacht hat, dachte Cian. Angst kroch in seine Glieder. Wer war er, dass er solche Gedanken hatte? Sicher nicht Cian MacKay.

In diesem Moment spürte er es. Als würde ein Geist durch ihn treten. Etwas Warmes breitete sich in ihm aus, wie das Blut im Wasser des Baches.

Er spürte IHN.

Er ist hier, dachte er. Sein Herz hämmerte. Das Tier war nah.

Irgendwo hinter den dunklen Baumstämmen schlich seine Rettung heran. Er spähte durch die Ginsterbüsche auf der anderen Seite des Ufers, sah aber nichts. Nur Dunkelheit und Dornen. Und doch wusste er, dass der verbrannte Riese da war.

Er beobachtet uns, dachte Cian. Er braucht nur eine Gelegenheit, dann schlägt er zu. Und ausgerechnet jetzt waren die blöden Sutherlands und die dummen MacDonnells so wachsam.

»Hauen wir ab«, sagte der Riese. Offenbar war er jetzt an der Macht, wo die anderen beiden tot waren. »Und nehmt den kleinen Prachtarsch mit. Ich ficke ihn, sobald wir außer Sichtweite sind.«

Diesmal protestierte niemand. Schade. Hätten sie jetzt gestritten, hätte das Tier die Gelegenheit gehabt, ihnen die Kehlen aufzuschlitzen.

Cian wurde auf die Beine gezerrt. Hungrige Blicke betrachteten ihn.

»Keine Sorge, kleiner Auerhahn.« Die Hand des Riesen verirrte sich unter Cians Kilt und tätschelte seinen Hintern. »Gleich werden deine Backen gespalten.«

Cian schnappte nach Luft. Nein. Nein, das wollte er nicht. Und doch war da diese winzige Stimme in seinem Kopf, die ihm zuflüsterte, wie abgelenkt die Alphas sein würden, wenn sie ihn schändeten. Wie leicht es für das Tier sein würde, sie umzubringen.

Ja, und Jaxson würde mich verstoßen, wenn ich beschmutzt bin, dachte er. Ein großartiger Plan.

Aber sie würden ihn ohnehin schänden. Und dann, wenn sie mit ihm fertig waren, würden sie ihn umbringen. Er hatte zu viel gehört und er war ein MacKay. Cian schluckte trocken. Schaffte es, den Mund zu öffnen, obwohl seine Zunge gefroren vor Angst war.

»Ich wette, das Tier würde es gleich hier tun«, krächzte er.

»Was laberst du?«, fragte einer der Alphas, die ihn hielten. »Vorwärts.«

»Das Tier hätte keine Angst, mich gleich hier zu stoßen«, sagte Cian, so laut, dass alle es hören konnten. Panik flatterte in seinem Magen. »Ich wette, der würde sich nicht im Wald verkriechen wie ihr Feiglinge. Das Tier würde mich hier in den Schlamm drücken, meinen Kilt heben und seinen Prügel in mich rammen bis ich schreie.«

Oh Mond, die Sprache, die er benutzte. Beinahe hätte er sich noch einmal übergeben. Und er wusste nicht einmal, ob sein Plan funktionierte.

»Halt die Fresse, Bückling!«, herrschte der Riese ihn an. »Wer bist du, dass du uns Feiglinge nennst?«

»Ich bin Cian MacKay.« Er legte alle Würde in diese Worte, die er aufbringen konnte. »Der älteste Sohn des Rudel-Chiefs. Und wer mich schänden will, sollte die Eier haben, es hier und jetzt zu tun.« Er wandte sich zu einem der Alphas um, der ihn hielt. Dessen Atem stank wie eine verwesende Ratte. »Traust du dich? Dein Anführer ist offenbar zu feige. Komm, ich spreize die Schenkel für dich, dann geht es ganz leicht.«

Und woher wusste er das jetzt? Nun, natürlich hatte er den Erzählungen der anderen Omegas gelauscht. Aber als anständiger Junge hatte er sie anschließend selbstverständlich vergessen. Hatte er zumindest gedacht.

Panisch sah er, wie Hunger in den Augen des stinkenden Alphas aufglomm. Der Mief aus seinem Mund wurde stärker, als er schneller atmete. Kurzes Zögern flackerte über seine Miene, dann wandte er sich zu dem Riesen um.

»Ich nehme ihn«, grollte er. »Jetzt.«

»Einen Scheiß machst du«, blaffte der Riese. »Nimm deine Pfoten von meiner Beute!«

»Wenn du zu feige bist, knacke ich die Walnuss halt.« Der Alpha ließ Cian los und fummelte am Verschluss seines Gürtels herum. »Cathal, halt ihn fest. Das Ferkel bringe ich zum Quieken.«

Der Kilt fiel und eine halb steife Rute kam zum Vorschein, in einem Nest drahtiger Haare. Sie roch noch schlimmer als der Mund, selbst auf die Entfernung. Cian versuchte, zurückzuweichen, aber der andere Alpha hielt ihn zu fest.

»Hände weg!« Der Riese schlug die Hand des Stinkenden weg, als er nach Cian greifen wollte. »Meine Beute!«

»Hol sie dir!«

Knurren. Zähnefletschen. Genau wie eben. Panik rann durch Cians Körper. Und doch war da eine kalte, ruhige Stimme in seinem Hinterkopf. Eine Stimme, die flüsterte: Gut so. Mehr.

»Fickt mich jetzt endlich jemand?«, brüllte Cian, so laut, dass es über das Wasser hallte. »Ihr elenden Feiglinge seid wohl nicht in der Lage, ein Ferkel zu stechen, wenn es gefesselt vor euch liegt! Die Alphas in meinem Rudel zögern nicht! Kein Wunder, dass sie euch die Ärsche aufgerissen haben!«

»Kleiner, das waren deine letzten Worte.« Der Alpha, der ihn hielt, schlug die Zähne in seine Schulter. Cian schrie auf. Er spürte Hände an den Hüften. Der Mistkerl hob seinen Kilt.

»Nein!«, brüllte Cian. »Bitte!«

Ein Schlag ließ seinen Körper erbeben. Ein MacDonnell-Alpha rammte den Stinkenden zur Seite. Seine Zähne wurden schmerzhaft aus Cians Fleisch gerissen. Die beiden Krieger rollten über den Boden.

»Mein!«, schrie einer von ihnen.

Cian stolperte, ging zu Boden und fing sich, kurz bevor er ihnen hinterhergepurzelt wäre. Er krallte die Finger in eine Brombeerranke und sah erstaunt auf die Szene, die sich in der Böschung abspielte.

Sie kämpften. Alle. Sieben Männer rangen miteinander, verbissen sich, verwandelten sich. Wasser spritzte, als einer den anderen in den Bach trieb. Sieben Wölfe, sieben Paar Reißzähne fochten im verschwindenden Nebel. Knurren, Reißen und Platschen erfüllte die Luft.

Dann brach das Tier aus dem Gebüsch. Graues Fell, furchtbare Narben und ein Maul wie das Tor zur Hölle. Gigantische Muskeln unter zottigem Fell. Klauen wie Klingen. Schon sprang er auf den ersten Wolf und schlug die Zähne in seinen Nacken.

Hör auf, zu starren, du Idiot, dachte Cian. Du bist frei. Lauf.

Stolpernd und rutschend bewegte er sich rückwärts. Krabbelte keuchend die Böschung hoch. Lief. Über Moos und Steine, durch Farn und Gebüsch. In den finsteren Wald.

Er kam nicht weit.

Etwas traf seinen Rücken und begrub ihn unter sich. Klauen schlugen sich in seine Schultern. Heißer Geifer tropfte in seinen Nacken.

Die Klauen verwandelten sich in Finger. Harte Finger, die seine Handgelenke packten und ihn herumrissen. Das wutverzerrte Gesicht des Sutherland-Riesen starrte auf ihn nieder.

»Du kleiner Hexer«, knurrte er. Speichel floss über weiße Lippen. »Wie hast du das gemacht? Du dreckige Kröte. Was hast du uns angetan?«

»Nichts!«, rief Cian. »Lass mich los!«

»Das war Magie, richtig?« Die Augen des Riesen weiteten sich. »Ich erkenne Magie, wenn ich sie sehe. Du Dämon. Du hast uns verhext und jetzt ist Liam tot und der MacDonnell auch. Aber ich nicht. Ich werd dich ficken bis dein Arschloch reißt, und dann schlitze ich dir die Kehle auf.«

»Hilfe!«, brüllte Cian. Er wand sich, zappelte, war hilflos. »Hilfe!«

Ein Name schoss in sein Gehirn. Einer, den er schon im Traum geschrien hatte, unter ganz anderen und doch ähnlichen Umständen. Als er sich ebenfalls unter einem gigantischen Körper gewunden hatte.

»Hilfe! Logan!«

7. Logan

Es war schnell vorbei. Es war völliges Chaos. Jeder kämpfte gegen jeden und der Gestank von Blut, Lust und Scheiße verpestete die Luft. Als Logan die letzte Kehle durchbiss, als der andere Wolf zuckend vor ihm in den Schlamm fiel, waren erst wenige Augenblicke vergangen. Warmes Blut benetzte seine Schnauze. Auf der Zunge schmeckte er Eisen und nasses Fell.

Er verwandelte sich und sah sich um. Sieben Leichen lagen hinter ihm im Wasser, eine weitere vor ihm im Schlamm.

»Eine zu wenig«, sagte er und lauschte. Hinter ihm murmelte die rote Strömung. Vor ihm lag der Wald. Er hörte dumpfe Kampfgeräusche. Schreie.

Fast hätte er gelächelt. Da.

Er packte ein herumliegendes Schwert und kletterte die Böschung empor. Nackt rannte er über Moos und Steine. Die Schreie kamen näher. So nah, dass er einzelne Wörter verstehen konnte.

»Hilfe! Logan!«

Seine Brust gefror zu Eis.

Niemand kannte seinen Namen. Niemand wusste, wer er war. Nicht, seit sie sein Rudel ausgelöscht hatten. Warum rief Cian MacKay nach ihm?

Er hätte umdrehen sollen. Wenn er den Schreien den Rücken zugekehrt hätte, hätte er sich eine Menge Ärger erspart. Aber er tat es nicht.

Cian lag unter einem riesigen Sutherland, brüllte und schlug um sich, aber er hatte keine Chance. Die Oberschenkel seines Angreifers drängten seine Beine auseinander. Der Sutherland packte seine eigene Rute, bereit, zuzustoßen. Logan sah seinen haarigen Arsch unter dem Kilt.

»Dämon«, keuchte der Sutherland. »Dir fick ich die verrottete Magie aus dem Leib und dann schlitze ich dich auf, von oben bis unten.«

»Nein, bitte!« Tränen rannen über die Wangen des Kleinen. »Ich bin kein Dämon.« Er stockte, als er Logan erblickte, über die Schulter seines Angreifers hinweg. Die Katzenaugen weiteten sich.

Logans Schwert fuhr in den Rücken des Sutherland, direkt unter dem Schulterblatt, und durchbohrte sein Herz. Der Mann erstarrte. Blut färbte sein Hemd.

Stich tiefer und du durchbohrst auch den Kleinen, flüsterte die Angst in Logan. Er kennt deinen Namen.

Aber er war kein Sutherland und dazu noch ein Omega. Und er sah Logan an. So entsetzt, dass Logan sein Schwert aus dem Rücken des Sutherland riss und ihn zur Seite trat. Herunter von dem blonden Jungen. Der zerzaust und breitbeinig im Moos saß, so schön, dass die Sonne einen Moment lang hinter den zerrissenen Wolken hervorschaute und seine Haare vergoldete.

»Ich wusste, dass du kommst«, flüsterte der Junge. »Ich habe dich gespürt.«

Logans Schwerthand verkrampfte sich.

Magie!, schrillte die Panik in seinem Kopf. Das muss Magie sein!

Er packte den Kleinen am Kragen und riss ihn hoch. Hektischer Atem streifte seine Lippen. Er roch die Angst des Jungen. Todesangst.

»Woher kennst du meinen Namen?«, knurrte Logan.

»Ich weiß nicht«, flüsterte der Junge.

Er leckte sich die Lippen und Logans Wolf knurrte beim Anblick der nassglänzenden Haut laut auf. Fast hätte er den Goldenen ins Moos geworfen und zu Ende gebracht, was der Sutherland angefangen hatte. Er schüttelte sich. Verjagte Bilder, in denen er seinen Prügel in den nassen Mund des Omegas drängte.

»Sag mir, woher du ihn kennst.« Logan packte den Jungen fester. Seine Schwertspitze berührte Cians Bauch. Der zuckte zusammen. »Oder du bist so tot wie dieser Alpha.«

»Aber ich weiß es nicht.« Tränen rannen über gerötete Wangen. Und aus geröteten Nasenlöchern. Cians ganzer Körper bebte. Wie konnte er dabei nur so entzückend aussehen? »Ich weiß es wirklich nicht.«

»Bist du ein Hexer?«, brüllte Logan und schubste Cian gegen den nächstbesten Baumstamm. Der Junge schrie auf und ging in die Knie. »Wenn du einer bist, dann rück sofort raus damit! Es gibt nur eins, das ich so sehr hasse wie diese mondlosen Sutherlands und das sind verdammte Hexer!«

»Ich bin kein Hexer!« Cian stemmte sich hoch. Wut flammte auf und machte seine Züge nur noch schöner. »Und ich habe genug davon, so genannt zu werden! Dieser«, er zeigte auf den toten Sutherland, schaffte es aber offensichtlich nicht, ihn anzusehen, »Kerl hier hat das auch behauptet. Er meinte sogar, ich wäre ein Dämon, nur, um sein eigenes Fehlverhalten zu entschuldigen.«

»Sein eigenes Fehlverhalten?« Logan blieb stehen.

»Er ist ein unbeherrschter Dummkopf«, schnappte Cian. »War ein unbeherrschter Dummkopf. All seine Kameraden waren so.« Seine Stimme wurde leiser. Sein Gesicht blasser. »Sind sie tot?«

»Ja.« Logan betrachtete den Jungen. Er konnte keine Anzeichen für Magie erkennen. Nur einen schlanken Körper, der zitterte und nach Angst stank. Und trotzdem so schön war, dass es beinahe schmerzte. Logan wandte den Blick ab und betrachtete sein Schwert. »Cian. Woher kennst du meinen Namen?«

»Ich weiß es nicht.« Cian hob das Kinn. »Oder doch, ich weiß es: Er ist mir in einem Traum zugeflogen. Aber das glaubst du mir nicht, richtig?«

»Nein.« Logans Schenkel erinnerten sich an einen Traum. Einen, in dem sie zwischen den Beinen des Goldenen gesteckt hatte. In dem Cian seinen Namen gerufen hatte. Heiser und lüstern, während er sich an Logan gerieben hatte wie ein läufiger Köter. »Es sei denn, es war ein Traum, in dem du unter mir gelegen hast.«

»Natürlich nicht.« Cians Wangen waren flammend rot. »Warum behauptest du so etwas? Es war ein vollkommen anderer Traum.«

Natürlich hatte diese Erscheinung keine lüsternen Träume von einer Hackfresse wie ihm. Logan sah ihn lauernd an. »Was für ein Traum war es denn dann?«

»Du warst ein edelmütiger Held.« Cian hob das Kinn noch höher. »Und du hast gute Taten vollbracht. Zum Beispiel hast du mich zurück zum Kloster gebracht. Wer weiß, vielleicht war das ja ein prophetischer Traum.«

»War es nicht.« Logan ließ das Schwert sinken. Er würde es eh nicht schaffen, den Goldenen abzustechen. Nicht, wenn der so hilflos aussah wie ein Blatt im Sturm. »Du bist zu erbärmlich für einen Hexer. Wärst du einer, hättest du mich längst verflucht.«

Cian zog die Schultern hoch und sah zu Boden. »Wenn ich es könnte, würde ich es tun.«

»Was?«

»Nichts!« Cian schrak zusammen. »Nein, gar nichts. Danke für deine Hilfe.«

»Piss dich nicht wieder ein«, knurrte Logan. »Und ich habe dich nicht gerettet. Ich habe Sutherlands getötet. Also die, die du mir übrig gelassen hast.«

»Ich habe niemanden getötet.« Cian schaute entsetzt.

»Ach ja? Die Leichen da hinten im Bach würden etwas anderes behaupten.«

»Die haben sich gegenseitig umgebracht! Ich hatte nichts damit zu tun!«

»Du hast sie aufgestachelt.« Logan wurde kalt, wenn er daran dachte. Cian hatte so hilflos ausgesehen, so verängstigt. Ein dummes, zärtliches Gefühl klopfte an den Kerker in seinem Inneren und er tötete es. »Du hast mit ihnen gespielt wie mit Puppen. Und sie dazu gebracht, sich gegenseitig zu zerfleischen.«

»Das habe ich nicht!« Entsetzt schaute Cian ihn an. »Ich meine, ich wollte, dass sie kämpfen, damit s-sie keine Zeit haben, mich zu schänden. Ich wollte nicht, dass sie sterben.«

»Du lügst.«

Schuld tauchte das Gesicht des Jungen in Schatten. Seine Stimme war so heiser wie die eines uralten Säufers. »Sie sollten abgelenkt sein. Ich wusste, dass du da bist. Ich weiß nicht, warum. Aber ich wusste, dass du sie töten kannst, wenn ich sie ablenke.«

Kälte kroch durch den Wald, brachte den Geruch von blutigem Wasser mit sich. Logans Inneres gefror. Er betrachtete den Jungen vor sich und wollte einen Schritt zurück machen. Ja, wenn er nicht das Tier gewesen wäre, dann wäre er gerannt. Geflüchtet vor diesem zitternden Bündel, dessen Haut nach Morast und Kotze stank. Dessen Augen so nass und groß waren, dass Logan am liebsten die Hand auf seine Wange gelegt hätte, um ihn zu trösten. Als ob Cian MacKay von ihm angefasst werden wollte.

Er hatte es gespürt. Als er durch das Gebüsch geschlichen war. Als er gelauert hatte, nach einem Weg gesucht, wie er diese Sutherlands und ihre Gefährten töten konnte. Oder wenigstens möglichst viele mit ins Grab nehmen, bevor sie ihn niedermetzelten. Da hatte der Kleine ihn angeblickt. Das Erkennen in den grünen Augen war in Logans Körper gefahren wie ein Pfeil.

Er sieht dich, hatte eine ängstliche Stimme in seinem Kopf geflüstert. Und der Junge, der von zwei Alphas zu Boden gedrückt wurde, schwach und vollkommen wehrlos war, hatte ihm mehr Angst gemacht als alle Sutherlands zusammen.

»Du kommst mit mir«, krächzte Logan. Er machte einen Schritt vor und packte Cians Arm. »Du kommst mit mir und wenn ich irgendwelche Anzeichen von Hexerei an dir entdecke, schlitze ich deinen weißen Hals auf.«

»Nein!« Cians Schrei schreckte unzählige Amseln auf. »Nein, bitte! Ich muss zurück ins Kloster!«

»Ich bring dich zurück«, knurrte Logan. »Und behalte dich im Auge, den ganzen Weg über.«

»Lass mich los, du grober Ochse!«

Logan überhörte die Proteste und schleifte ihn weiter. »Du wolltest doch, dass ich dich zurückbringe. Jetzt hast du deinen Willen. Gern geschehen.«

»Ich wollte nicht entführt werden!«

Logan fuhr herum. »Und ich hasse Magie!«

Cians Augen füllten sich mit Tränen. »Ich bin nicht magisch. Ich habe keine Ahnung, was hier geschieht. Warum ich deinen Namen kenne. Oder warum ich deine Anwesenheit spüre. I-ich will heim.«

Er war wirklich noch ein Junge. So wie Logan, als er sein Rudel verloren hatte. Und genau wie er würde er erwachsen werden müssen oder die Welt würde ihn verschlingen.

Logan warf ihn sich über die Schulter und marschierte zur Böschung. Dort schleuderte er ihn in den Schlamm. »Bleib da.«

Cian sah zu ihm auf. Sah sich um. Seine Wangen färbten sich grün, als er die Leichen entdeckte. »Ich wusste nicht, wie sie riechen«, würgte er hervor. »Stinken alle Toten so?«

»Ja.« Auch das wusste Logan. Er hatte es schon gewusst, bevor die Welt ihn gezwungen hatte, zum Mann zu werden. »Sei froh, dass die meisten von ihnen im Wasser liegen. Und bleib hier. Sonst fange ich dich ein und versohle dir den Arsch.«

Der Goldene gehorchte. Zitternd. Wieder wollte sich ein mildes Gefühl in Logans Brust regen, aber er kämpfte es nieder. Zwang sich, nicht zu sehen, wie hilflos der Kleine war. Wie sehr er jemand brauchte, der ihn beschützte. Denn das stimmte nicht. Schon zwei Mal hatte jemand versucht, den Kleinen zu vergewaltigen. Und immer war der Junge ungeschändet geblieben und seine Angreifer tot. Logan glaubte nicht an Zufälle.

Er durchsuchte die Kleider der Sutherlands und ihrer Kumpane. MacDonnells, wenn er sich nicht irrte. Sah nach einem neuen Bündnis aus. Er fand Vorräte, gefüllte Wasser- und Weinschläuche, einen brauchbaren Dolch und ein Seil.

»Was hast du vor?«, fragte der Junge, als Logan damit auf ihn zukam. Sein Mund öffnete sich und er erinnerte Logan an ein verwundetes Reh. »Was willst du damit?«

»Hände auf den Rücken«, befahl Logan.

»Nein!«

»Cian«, sagte Logan und ärgerte sich darüber, wie seine Stimme klang. Als wollte er ein verschrecktes Pferd beruhigen. »Ich bringe dich zum Kloster und ich fasse dich nicht an. Du hast mein Wort.«

»Das Wort eines Mörders.« Der Junge versuchte, böse zu klingen, schaffte es aber kaum, seine Stimme ruhig zu halten. Ja, er tat Logan leid. Und genau deshalb musste er wachsam bleiben. Mit dem Goldenen stimmte etwas ganz und gar nicht.

»Ja«, sagte Logan. »Ich kann kaum behaupten, dass ich kein Mörder wäre. Aber mein Wort ist so gut wie das jedes anderen.«

Der Omega sah zu ihm auf. Ein plötzlicher Windstoß fuhr durch seine Haare, verwirbelte die hellen Locken. Und einen Moment lang wollte Logan ihn in den Arm nehmen. Seine Tränen abwischen und ihn halten. Aber das würde Cian wohl noch mehr Angst machen, als gefesselt zu werden. Logan dachte an all die Huren, die vor seiner Berührung zurückgeschreckt waren.

»Wenn ich dich verzaubern könnte, wärst du jetzt ein Frosch, nur, dass du’s weißt. Eine stinkige Kröte.« Cian drehte sich um und streckte ihm die Hände hin. Sie waren schlank, mit langen, feinen Fingern. Auch sie bebten. Der Junge fürchtete sich vor Logan, vielleicht mehr als die Sutherlands es taten. »Dass ich es nicht tue, sollte als B-beweis reichen, dass ich keinerlei magische Kräfte habe.«

»Oder, dass du sie alle aufgebraucht hast, um die Kerle da hinten umzubringen.« Logan schlang das Seil um die schlanken Arme, darauf bedacht, nicht zu tief einzuschneiden. Er wandte einen Knoten an, den er vor langer Zeit gelernt hatte. Eine Technik, die sogar band, wenn man sich in einen Wolf verwandelte.

»Du bringst mich wirklich zum Kloster?«, fragte Cian. Er sah zu Boden. »Schwörst du es?«

»Habe ich doch schon.«

»Ja.« Der Junge stand schwankend auf. »Ich habe Hunger.«

Logan wühlte in den Taschen, die er erbeutet hatte. Gleich drei hingen um seine Schultern. »Hier.«

Er erwartete, dass der Junge sich über das stinkende Trockenfleisch beschweren würde, aber der öffnete den Mund. Etwas hüpfte in Logans Brust, als er das Stück Fleisch zwischen pralle Lippen schob. Cian kaute und stöhnte leise.

»So gut, ja?« Logans Stimme war rau wie ein Mühlstein.

»Ich habe schon so lange nichts mehr gegessen. Seit gestern Mittag nicht.«

Logan erinnerte sich an einen Winter, in dem er mit leerem Magen durch den Wald gestreift war, frierend. Verzweifelt auf der Suche nach einem mageren Hasen, in den er seine Zähne schlagen konnte. Das war ganz am Anfang gewesen, als er den Wald noch nicht gekannt hatte. Als ihm nicht jede Lichtung zwischen Cairngorms und Ullapool zur Heimat geworden war.

Er beschloss, dass der Junge etwas Nettes verdient hatte, und teilte den Wein mit ihm. Der Alkohol brachte Farbe in Cians Wangen, die ihm ausgezeichnet stand. Dann vernichtete er den Rest des Trockenfleischbeutels. Appetit hatte er immerhin.

»Dunkle Magie zu wirken macht hungrig, was?«, fragte Logan.

»Bin kein Magier.« Cian beugte sich zu ihm herüber.

Er hatte darum gebeten, an einem Ort ohne Leichen zu essen, und Logan hatte zugestimmt. Er hatte sich sogar wieder angezogen. So saßen sie auf einer Lichtung, einige Meter entfernt vom Flussufer. Es gab Disteln im Gras und trotz der Kälte wurden sie von Mücken belästigt. Aber es war beinahe nett. Lange her, dass Logan Gesellschaft beim Essen gehabt hatte, und nie so schöne. Und gefesselte.

Schon drückte sein Gewissen, wenn er Cian weitere Fleischbrocken in den Mund schob. Wenn der sich vorbeugte und sie artig aus seiner Hand aß. Wenn seine Lippen Logans raue Haut berührten, nur einen Augenblick lang. Es fühlte sich sündig an, auf eine Art, die er damals als unschuldiger Knabe gefühlt hatte. In einem anderen, weit entfernten Leben.

»Das finde ich heraus«, sagte Logan. »Auf dem Weg zum Kloster ist ein Eisenstein. Wenn du die Probe bestehst, lasse ich dich frei. Du meinst das Kloster in Glenshee, oder?«

Cian nickte. »Ich habe auf dem Weg keinen Eisenstein gesehen.«

»Wir nehmen nicht den gleichen Weg. Ich kenne eine Abkürzung.«

Katzenaugen beobachteten ihn. Selbst angestrengtes Kauen änderte nichts an Cian MacKays Zauber. »Kennst du den ganzen Wald? Ist das dein Revier?«

»Ein Teil davon«, sagte Logan und klaubte das letzte Stück Trockenfleisch aus dem Beutel. Kauend betrachtete er Cian. »Warum bist du so weit von deinem entfernt? Was macht ein MacKay so weit im Süden?«

»Das Kloster.« Cian schluckte. »Ich interessiere mich für Kräuter und ihre Heilwirkung. Im Kloster arbeitet Ailig Glas. Bruder Ailig hat ein neues Verfahren zur Wundheilung entwickelt, mit Beinwell und Kamillentinktur statt der üblichen Methoden.«

»Aha.« Logan legte den Kopf schief. »Ist das alles?«

Cian schwieg.

»Es ist also nicht alles.«

»Warum sollte ich dir davon erzählen, Tier?« Katzenaugen funkelten ihn an. »Wir sind keine Freunde. Du bist der Mistkerl, der mich im Stich gelassen und nun gefesselt hat.«

»He, immerhin habe ich dich zweimal gerettet.«

»Du hast mich nicht gerettet, das hast du selbst gesagt. Du hast Sutherlands getötet.«

»Das kann ich halt am besten.«

»Ohne meine Hilfe hättest du die letzten nicht geschafft.« Trotzig hob Cian das Kinn. Er wirkte weniger ängstlich, seit er etwas im Magen hatte. Oder war es der Wein, der ihm Mut verlieh? »Warum hasst du die Sutherlands?«

»Warum warst du im Kloster?«

Cian schob die Unterlippe vor. »Ist noch Wein da?«

Wortlos hob Logan den Schlauch an seine Lippen. Sah die helle Kehle hüpfen und stellte sich vor, es sei sein Prügel an Cians Lippen und sein Saft, den der Junge schluckte.

»Schau mich nicht so an«, murmelte der Goldene, als Logan den Schlauch wieder an sich nahm.

»Wie schaue ich dich an?«, knurrte Logan und schüttelte den Schlauch. Leer.

»Als wolltest du mir die Kehle aufschlitzen.« Mürrisch betrachtete Cian seine Knie. »Andererseits schauen andere Männer mich an, als wollten sie mir den Kilt hochreißen und mich reiten, bis der Mond heult. Ich schätze, deine Blicke sind mir lieber. Sie sind ehrlicher.«

Logan wollte etwas sagen, aber alles, was ihm einfiel, war unsagbar dumm. Also stand er auf. »Gehen wir. Sind noch zwei Stunden bis zum Eisenstein und eine bis zum Kloster.«

Cian stöhnte. Logan packte ihn unter die Achseln und riss ihn hoch.

»Was wirst du tun, wenn ich auf den Eisenstein reagiere?«, fragte der Junge. »Wirst du mich töten?«

»Ja.« Dabei wusste Logan nicht, ob er in der Lage dazu sein würde. Allein die Vorstellung, dass seine Schwertspitze die milchweiße Haut durchbohren könnte, kam ihm wie ein Sakrileg vor. »Warum? Hast du Angst, Hexenbalg?«

»Nein.« Cian hob die Nase in die Luft. »Warum auch?« Er machte einen wankenden Schritt und wäre fast gestolpert. Ein schiefes Lächeln erhellte sein Gesicht. »Ups.«

»Bist du betrunken, MacKay?«

»Anscheinend.« Das Lächeln wurde breiter. »Fühlt sich lustig an. Zu Hause durfte ich höchstens verdünnten Wein trinken. Und im Kloster gab es nur Tee. Lass dir von niemandem erzählen, dort gäbe es fröhliche Sauforgien. Das ist eine Lüge.«

»Werd’s mir merken.« Kopfschüttelnd hängte Logan sich den leeren Beutel um und ging voran. Cian folgte ihm auf unsicheren Füßen. Weder die Fesseln noch sein eckiger Gang änderten etwas an der Eleganz seiner Bewegungen. Bei den ersten Schritten stöhnte er.

»Muskelkater?«, fragte Logan.

»Ja, und meine Füße tun weh«, stöhnte der Junge. »Ich bin diese körperliche Anstrengung nicht gewohnt. Bin ich froh, wenn ich zurück im Kloster bin. In Sicherheit.«

Er stolperte über einen im Gras verborgenen Stein und schrie auf. Logan fuhr herum und konnte ihn gerade noch fangen. Der Junge zuckte, als Logans Pranken seinen Arm packten.

»Ich hätte mir fast den Hals gebrochen.« Cians Augen funkelten wütend. »Nur wegen der blöden Fesseln. Kannst du die nicht abmachen?«

»Nein.« Logan schubste ihn voran, weg vom Ufer und in den Schatten des Waldes. »Und jetzt lauf. Je schneller wir zum Eisenstein kommen, desto schneller bringe ich dich zum Kloster.«

Cian trottete voran, stolperte und schwankte. Wie betrunken war er? Immerhin schaute er Logan nicht mehr an, als wollte der ihn fressen. Nein, die Blicke, die der Junge ihm zuwarf, konnte er nicht deuten. Immer wieder sah Cian zu ihm herüber, durch verdreckte Locken hindurch. Immer wieder, während sie durch hüfthohen Farn gingen und moosige Hügel erklommen. Jedes Mal, wenn Logan Cian helfen musste, weil er wegen der Fesseln nicht weiter kam, flatterten die Lider des Kleinen. Bei jeder Berührung atmete er scharf ein.

Er ekelt sich vor mir, dachte Logan. Das wird es sein. Klar will er nicht von meinen schwieligen Pfoten angefasst werden. Und mein Gesicht ist noch schwerer zu ertragen.

Er gab sich Mühe, Cian so wenig wie möglich zu berühren. Doch es ließ sich nicht vermeiden. Und jede Berührung sandte kleine Schauer durch Logans Körper.

Magie, dachte er und fürchtete sich davor, dass es sich als wahr herausstellen könnte. Was würde er tun, wenn Cian auf den Eisenstein reagierte? Was, wenn der sich in Qualen winden würde, weil das Eisen ihm wehtat, so wie allen Dämonen und Hexern? Würde Logan es schaffen zu tun, was getan werden musste?

8. Cian

Der Wein hatte seine Angst gemildert, aber sie war noch da. Unterdrückt von der wohligen Wärme in seinem Bauch, tobte sie stärker als zuvor. Nun fürchtete er sich nicht nur um sich. Ja, die Sorge, dass ihm selbst etwas passieren könnte, kam ihm mit einem Mal egoistisch vor. Er fürchtete um sein Rudel.

Was hatten die Sutherland gesagt?

Überlass mir diesen Omega oder ihr könnt die Burg allein stürmen.

Die MacKays werden nicht wissen, was sie erwischt, wenn wir ihre Burg stürmen.

Das klang nicht gut. Überhaupt nicht gut. Wann sollte dieser Überfall stattfinden? Wie viele würden teilnehmen? Hatten sie noch mehr Verbündete als die MacDonnells?

Ich muss zurück zum Kloster und einen Boten schicken, dachte er. Irgendwie.

Er dachte an seine Omega-Brüder. An Marc, Brian und den kleinen Asgall, der sich an seinen Beinen hochgezogen hatte und ihn angestrahlt hatte. Sie alle lebten, das wusste er. Sie waren zurück in der Burg und glaubten, sicher zu sein.

Asgall musste inzwischen laufen können. Er würde auf seinen winzigen Füßen herumwuseln und jeden anlachen, der ihm in die Quere kam. Bis die Sutherlands wieder angriffen. Bis Cians Rudel wieder verjagt wurde. Und geschändet. Würde der letzte seiner Alpha-Brüder sterben? Würden sie Caelan töten?

Abgesehen von der Rückeroberung hatte der Bote eine weitere gute Neuigkeit verkündet: Caelan hatte seinen Gefährten gefunden. Einen Omega aus dem MacFarlane-Rudel. Ausgerechnet Caelan. Es war schwer, ihn sich als Liebenden vorzustellen. Doch Cian war sicher, dass er ein treuer Gefährte sein würde, ein zuverlässiger Partner. Er und sein Omega würden das Fortbestehen des MacKay-Rudels sichern.

Wenn die Sutherlands sie nicht vorher abschlachteten.

»Tier?«, fragte Cian und sah auf den breiten Rücken vor sich. Er wagte es nicht, ihn noch einmal mit seinem Namen anzusprechen. Das letzte Mal war eine Katastrophe gewesen. »Wie lange dauert die Reise zur Burg der MacKays? Von hier aus, meine ich.«

»Warum willst du das wissen?«, knurrte der Mistkerl.

Selbst unter den düsteren Baumkronen, hoch über ihren Köpfen, wirkte er riesig. Der kühle Wind, der nach saftiger Erde roch, war immer noch wärmer als der Blick des Tiers. Das Zwitschern der Amseln ein harter Kontrast zu seiner Stimme, die klang, als hätte sich ein Riss in die Unterwelt aufgetan. Nicht, dass seine Stimme unangenehm war. Immer, wenn er sprach, zog es in Cians Bauch. Ein wenig kribblig und sehr angenehm. Konnte aber auch vom Wein kommen.

»Ich muss einen Boten zur Burg schicken lassen«, sagte Cian. »Mit einer wichtigen Nachricht. Wie lange wird er brauchen?«

»Auf den normalen Wegen? Zwei Wochen oder mehr.«

»Das klingt, als gäbe es andere Wege als die normalen. Welche sind das?«

»Meine.« Das Tier erklomm ein Gewirr ineinander verschlungener Wurzeln, das ihm bis zur Hüfte reichte. Seine Hand öffnete sich und packte unter Cians Achsel.

Umständlich erkletterte der die Wurzeln. Es machte ihm nicht länger etwas aus, gefesselt zu sein. Denn das bedeutete, dass das Tier ihm helfen musste. Dass er ihn berühren musste. So sehr Cian sich dafür schämte, genoss er doch jede warme Berührung. Jedes Mal, wenn das Tier ihn anfasste, spürte er dessen Stärke, fühlte er sich sicherer.

Wie dumm von ihm. So verdammt blöd. Gleich würden sie beim Eisenstein ankommen. Und was dann? Es würde nichts passieren. Bestimmt. Schließlich war er kein Hexer. Doch hatte sich leiser Zweifel in Cians Brust geschlichen. Dummer Zweifel. Aber er hatte den Hass in Logans Miene gesehen, als der von Magie gesprochen hatte. Hatte die Mordlust in dessen Augen gesehen.

Wenn ich einen Dolch hätte, könnte ich mich wehren, dachte er. Dann könnte ich ihn in Logans Bauch rammen, wenn er mich töten will. Oder besser schon, bevor wir den Stein erreichen. Wenn er es nicht kommen sieht. Ich könnte einen Dolch in seinen Rücken stechen und flüchten.

Er wusste nicht, wer ihm diese furchtbaren Worte einflüsterte. Vielleicht sein Wolf. Die Stimme, die lauter wurde, seit er in diesem verdammten Wald unterwegs war. Die Stimme, die überleben wollte und nicht zu Cian MacKay, dem zivilisierten Omega, gehörte.

Die Stimme, die dich gerettet hat, blöder Schwächling, dachte er. Die Stimme, die dich vor dem Kerl da warnt. Jeder, dem du in diesem grauenvollen Wald begegnet bist, wollte dich schänden. Ich wette, der wartet nur darauf, dass du dich sicher fühlst. Und dann wirft er dich ins Moos und nimmt, was Jaxson gehört.

Er hätte es längst getan, wenn er es wollte. Er hatte mehr als eine Gelegenheit, knurrte der zivilisierte Teil von Cian. Logan ist ein brutaler Mörder, aber immer noch der anständigste Alpha, dem ich hier im Wald begegnet bin.

Das denkst du doch nur, weil du seine Berührungen genießt. Wahrscheinlich willst du, dass er dir den Kilt hochschiebt und die Pranken um deine Eier legt. Dass er dich am Schwanz packt statt am Arm.

Ich bin ein vergebener Mann, dachte Cian. Wind strich über seine erhitzten Wangen. Ich liebe Jaxson und ich würde ihm nie untreu sein.

Du hast von dem Tier geträumt.

»Halt die Klappe«, murmelte Cian.

»Was?«, knurrte das Tier und wandte sich zu ihm um.

»Ich rede mit mir selbst«, sagte Cian hoheitsvoll.

»Du verträgst keinen Wein, Kleiner.«

Das Tier drehte sich wieder um. Wulstige Narben krochen über seinen Nacken, da, wo die struppigen Haare sie freiließen. Und der Mann stank, genau so schlimm wie Cian. Nach Schweiß, Blut und verrottenden Blättern. Und doch hüpfte etwas in Cians Magen. Und doch konnte er nicht aufhören, Logan anzuschauen. Sein verwüstetes Gesicht, mehr Raubtier als Mensch, aus dem die kalten Augen blitzten. Sehr schöne Augen. Blau wie der klare Himmel. Er konnte nicht anders, als Logan, das Tier, attraktiv zu finden. Äußerst attraktiv, obwohl man ihn wirklich nicht als hübsch bezeichnen konnte.

Cian schluckte. Wie musste es sein, solch einen Körper zu besitzen? Solche Kraft? Mit einer Hand hob Logan ihn von einem Felsbrocken herunter und Cian hätte beinahe geseufzt.

Natürlich, das musste am Wein liegen. Genau wie Logan gesagt hatte. Der Wein war auch schuld, dass Cian nicht beim Thema bleiben konnte.

»Wäre man auf deinen Wegen schneller bei Burg MacKay?«, fragte er.

Das Tier nickte.

»Wie schnell?«

»Neun Tage.«

»Was? Aber – der Wald ist so unwegsam.«

»Ja, aber ich muss keine Umwege gehen.« Das Tier hob einen Ast, damit Cian hindurch schlüpfen konnte. »Und ich weiß, wo man die Berge überqueren kann, ohne herum gehen zu müssen. Ich kenne einen Weg über den Glass.«

»Wirklich.« Cian schluckte. »Und Burg MacGregor? Wie schnell könntest du mich da hinbringen?«

»Dich? Wenn du dabei bist, dauert es dreimal so lange.« Logan machte ein abfälliges Geräusch. »Ohne dich wäre ich längst am Eisenstein.«

»Wenn du mich nicht gefesselt hättest, wäre ich auch längst da.«

»Wenn du nicht den ganzen Wein gesoffen hättest, würdest du nicht torkeln wie eine dreibeinige Sau.«

»Ich torkle nicht«, sagte Cian würdevoll und stolperte. Wieder musste Logan ihn fangen. Cians Kopf prallte gegen dessen Brust. Harte Muskeln federten den Fall. »Ups.«

»Wir sind gleich da.« Logan richtete ihn auf wie eine Puppe.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet.« Lallte er etwa? Am helllichten Tag? »Wie schnell könntest du mich zu Burg MacGregor bringen?«

Das Tier betrachtete ihn. Helle Augen glitten über Cians Körper und ihm wurde heiß. »Wenn du nicht ganz so schwach bist, wie du aussiehst: Fünf Tage.«

»Das ist die Hälfte von dem, das die beiden Alphas gesagt haben.«

»Die waren Vollidioten. Wie gesagt, ich kenne andere Wege.« Die eisfarbenen Augen verengten sich. »Was willst du auf Burg MacGregor, Kleiner?«

»Nichts.« Er traute dem Kerl nicht. Zumindest wäre es blöd, ihm zu trauen. Leider fühlte er sich durch den Wein so gut, dass er leichtsinnig wurde. Der Wein war auch schuld, dass seine Blase wieder drückte. Hoffentlich kam dieser Eisenstein bald in Sicht. Er konnte es kaum erwarten, die Fesseln los zu sein.

Auch, wenn er dich dann nicht mehr anfassen muss?, höhnte sein Wolf.

Sei still, dachte er. Ich bin Jaxson treu.

Sie stapften durch einen Kiefernwald, dessen harziger Geruch Cians Nase erfüllte. Der Boden federte unter ihren Sohlen. Cians Füße schmerzten.

»Sind wir bald da?«, fragte er.

»Warum, musst du pinkeln?«

»Ja. Und mir ist langweilig.« Cian trat einen Kiefernzapfen vor sich her und wäre schon wieder fast gestolpert. »Du bist nicht die redefreudigste Gesellschaft, weißt du?«

Das Tier lachte trocken. »Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel geredet wie mit dir.«

»Wirklich?« Cian zögerte. »Kann ich dich etwas fragen?«

»Nein.«

»Warum hat dein Rudel dich verstoßen?«

Er sah das Profil des Tiers, aber keine Reaktion darauf. Nur verbissenes Schweigen. Cian wollte nachbohren, doch er traute sich nicht. Langsam klang die Wirkung des Weins ab und die Furcht kehrte mit voller Kraft zurück. Ihm wurde klar, dass er durch einen finsteren Wald lief, gemeinsam mit einem Kerl, der drohte, ihn abzuschlachten, wenn er sich als magisch erwies. Sein Rudel war in höchster Gefahr und Jaxson – Er schluckte. Jaxson auch? Was war auf Burg MacGregor geschehen? Woher hatten die Männer, die ihn abgeholt hatten, ihre MacGregor-Kilts bekommen?

Was soll ich tun?, dachte er. Blöde Frage. Was konnte er schon tun? Er war nur ein Omega und gerade erst volljährig geworden. Wenn Logan nicht wäre, wäre er nicht mal heil aus dem Wald heraus gekommen.

Aber was, wenn niemand außer ihm von dem Angriff wusste? War er der Einzige, der sein Rudel warnen konnte? Es kamen nicht allzu oft Boten am Kloster vorbei. Pferde hatten sie auch nicht. Er konnte seine Nachricht einem der Bauern geben, die jede Woche vorbeikamen. Konnte er ihn bezahlen, damit er bis zur Burg der MacKays ritt?

Am schnellsten wäre es gewesen, selbst zu gehen. Aber das war unmöglich. Er war erst seit einem Tag im Wald und zweimal knapp Schändung und Tod entronnen. Er würde den Weg zu seiner Burg nie überleben. Logan dagegen –

»Würdest du eine Nachricht für mich überbringen?«, fragte Cian leise. »Es ist wirklich wichtig.«

»Nein.« Das Tier half ihm über einen weiteren Felsen. Nun mussten sie sich durch dichtes Gebüsch kämpfen. Ligusterzweige kratzten Cians Unterschenkel auf.

»Es ist wirklich sehr wichtig.« Cian schluckte. »Mein Rudel ist in Gefahr und ich weiß nicht, wie ich ihnen rechtzeitig Bescheid sagen soll. Wir würden dich gut bezahlen, da bin ich sicher. Mein Vater ist der Rudel-Chief der MacKays.«

»Hui.« Das Tier streckte die Hand aus, um Cian aufzuhalten. »Warte.«

Was war? Hatte er etwas gehört? Nervös blickte Cian sich um, versuchte, hinter den dichten Stämmen und Büschen mehr zu erkennen. Nichts. Als er sich umwandte, hörte er ein Plätschern. Logan hatte ihm den Rücken zugedreht und erleichterte sich gegen den Stamm einer Birke.

Mit roten Wangen wandte Cian sich wieder ab. Er hatte nichts gesehen. Also, nichts Schlimmes. Weit weniger als bei ihrem letzten Treffen, als das Tier nackt vor ihm gestanden hatte. Nur zwei stämmige Oberschenkel und den wahren Bach, der die Rinde herunterlief. Schlimm genug. Seine eigene Blase zwickte und er hätte am liebsten den Kilt hochgerissen, um es Logan gleichzutun. Doch seine Hände waren gebunden. Wortwörtlich.

»Du hättest mich warnen können«, zischte er. »Ich will das nicht sehen.«

»Dann schau weg.«

»Zu spät.« Unruhig trat Cian von einem Fuß auf den anderen. Er presste die Oberschenkel zusammen und schluckte. »Ich muss auch.«

»Hast du erwähnt«, sagte das Tier gleichmütig. »Ich bin gleich fertig, dann binde ich dir eine Hand los.«

Cian wimmerte. Er biss sich auf die Lippen und bat seine Blase, nicht aufzugeben. Warum musste sie plötzlich so klein sein? Lag es an dem Plätschern hinter ihm?

»Bitte beeil dich«, bat er panisch. »Ich habe nicht gewusst, wie dringend es ist, bis du dich hier erleichtert hast wie ein Köter.«

»Ist ja gut.« Logan trat hinter ihn und packte seine Arme. Er zog an dem Seil. Cian presste die Beine zusammen und verfluchte den verdammten Wein und das blöde Wasser, das er davor gesoffen hatte und betete. »Mist.«

»Was?«

»Ich habe den Knoten lange nicht mehr gemacht«, gab das Tier zu. »Ich glaube, ich muss die Schlaufe hier lösen.« Cian spürte ein Ziehen um das Handgelenk. Aber die ersehnte Befreiung blieb aus. »Nein, auch nicht. Moment.«

»Ich hab keinen Moment«, brachte Cian zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Nimm dein Schwert.«

»Dann ist das Seil kaputt.«

»Egal!«

Misstrauen färbte Logans Stimme. »Ist das ein Versuch, abzuhauen, Hexenbalg?«

»Das ist ein Versuch, mich nicht einzupissen«, fauchte Cian. Schon wieder, fügte er in Gedanken hinzu.

Das Tier seufzte. Dann spürte Cian kalte Luft an seinen Genitalien. Logan hatte seinen Kilt gehoben. Vorne. Und dann packte er Cians Rute.

»Lass laufen«, sagte Logan, viel zu nah an Cians Ohr.

Cian war zu schockiert, um irgendetwas zu tun. »Lass mich los!«

»Cian, wenn du willst, dass ich dich entkommen lasse, hast du dich geschnitten. Das ist ein ganz billiger Trick.«

»Ist es nicht!«

»Warum schiffst du dann nicht?« Logans Stimme war eine einzige Drohung. »Spielst du mir nur was vor, Hexenbalg?«

Cian war in seinem ganzen Leben noch nie in einer derart peinlichen Lage gewesen. Oder so wütend. »Du verblödetes Tier«, grollte er. »Ich kann mich nicht erleichtern, wenn jemand zusieht. Das war schon immer so. Im Gegensatz zu dir bin ich auf einer Burg aufgewachsen. Unter zivilisierten Menschen.«

»Lügner.« Logan klang wie ein Monster aus der Unterwelt. Und Cian wand sich in seinem Griff. Die warmen, rauen Finger um seinen Schwanz hätten bestimmt furchtbare Dinge verursacht, wenn er nicht kurz vorm Überlaufen gewesen wäre. »Du schäbiger Lügner«, knurrte Logan. »Du pisst mir jetzt einen schönen See oder ich glaube dir nicht mehr, dass du kein Hexer bist.«

Was für eine absurde Situation. Und Cian konnte es nicht. Konnte sich nicht so weit entspannen, obwohl er fast platzte. »Ich sag doch, ich kann das nicht. Nicht, wenn du zusiehst.«

Das Tier tat etwas Abscheuliches. Er brachte seinen Mund noch näher an Cians Ohr, so nah, dass sein Atem über die heiße Haut strich. »Sscchh«, machte er.

Das Geräusch war zu viel, selbst für Cian. In ihm löste sich etwas und ein Strahl schoss aus ihm heraus. Direkt in das dornige Gebüsch vor ihm. Mit brennenden Wangen sah er, wie sein Wasser von den Blättern tropfte, roch, wie der süßliche Geruch die Luft erfüllte.

Ich hasse dich, Tier, dachte er. Schluchzen stieg in ihm auf. Das war mit Abstand die peinlichste Lage, in der er je gewesen war. Und sie hörte nicht auf.

»Gut, ich glaube dir«, sagte das Tier. »Das ist ja der reinste Wasserfall.«

»Halt die Klappe«, würgte Cian hervor. »Die Situation ist schlimm genug. Du musst sie nicht noch kommentieren.« Er wollte sterben. Oder weit weg von hier sein. So weit wie möglich. Erst recht, als der Druck langsam nachließ und sein Körper die Berührung der warmen Handflächen registrierte. Langsam füllte seine Rute sich mit Blut. Der Strahl stieg.

»Woran hast du denn jetzt gedacht?«, fragte Logan.

»Meinen Verlobten«, log Cian. »Er ist äußerst attraktiv.«

»Ich wusste nicht, dass du jemandem versprochen bist.« Die Stimme des Tiers klang seltsam.

Entsetzt sah Cian zu, wie sein Strahl versiegte und seine Rute immer härter wurde. »Bin ich. Schon seit fast einem Jahr. Lass los!«

»Bist du sicher?«, fragte Logan. »Sieht aus, als hättest du Spaß.« Aber er ließ los, nicht, ohne die letzten Tropfen von Cians Rute zu schütteln. Was sie nur noch härter machte. Warmes Kribbeln rann durch Cians Unterleib. Endlich fiel der Kilt wieder über seine Schenkel, konnte die Erhebung darunter aber nicht ganz verbergen.

»Gut, dann ist das erledigt«, sagte das Tier und wandte sich ab. »Weiter geht’s.«

»Das war abscheulich!«, rief Cian. Vögel flatterten auf, ihre Flügelschläge durchbrachen die Luft über ihm. »Einfach abscheulich! Wie konntest du das tun?«

»Dich davor retten, dich einzunässen?« Der Mistkerl klang gleichmütig. »Ich dachte, das wolltest du.«

»Ich wollte nicht, dass du mich anfasst«, zischte Cian. »Nicht da. Ich verlange eine Entschuldigung.«

Logan drehte sich um und einen Moment war Cian sicher, dass er hier sterben würde. Hier, zwischen den dunklen Stämmen, weit weg von seinem Rudel. Die eisblauen Augen des Tiers waren vollkommen ausdruckslos.

»Ich entschuldige mich«, sagte er unerwartet, »sobald ich weiß, dass du kein Hexer bist.«

»Dann wirst du dich in Kürze entschuldigen müssen.« Cian hob das Kinn und hoffte, dass die Luft seine Wangen kühlen würde. Gerade fühlten sie sich an, als müsste er verbrennen.

Wortlos wandte das Tier sich ab und stapfte voran. Cian stolperte hinterher. Er würde dem Mistkerl nie wieder in die Augen sehen können. Immer, wenn der ihm über ein Hindernis half, wandte Cian den Blick ab.

Wann kommt dieser Eisenstein endlich?, dachte er. Lieber dahingemetzelt von diesem Monster als dass ich weiter seine Anwesenheit ertragen muss. Nicht, nachdem er das gesehen hat. Und kommentiert. Und mir dabei helfen musste wie einem alten Greis.

»Mistkerl«, murmelte er, als Logan kurz außer Hörweite war.

»Verwöhntes Balg«, knurrte der und Cian zuckte zusammen. Das Tier drehte sich um und wieder glaubte Cian, dass er hier sterben würde. »Wir sind da.«

Oh. Der Eisenstein ragte aus dem Waldboden auf, grau, rissig und bedeckt von braunem Moos. Der Boden um ihn war ebenfalls braun, und die Riesenfarne und Gräser auch. Eisensteine färbte alles in ihrer unmittelbaren Umgebung. Cian roch den metallischen Geruch in der feuchten Luft. Er sah die beiden Löcher in dem Felsen, der höher als zwei Männer war. Die Löcher, die man hineingeschlagen hatte, um Hexer anzubinden.

Er schluckte.

Das Tier packte ihn und schubste ihn vorwärts. »Los, Kleiner«, grollte er. »Beweis mir, dass du kein Hexenbalg bist.«

9. Logan

Cian wirkte winzig vor dem riesigen Stein. Seine Haare hell neben dem dunkelgrauen Fels, trotz des Drecks, der die Locken verkrustete. Der Metallgeruch des Eisensteins stand im starken Kontrast zu dem süßen Duft, der von der weißen Haut ausging.

»Was soll ich tun?«, fragte der Junge. Das Beben in seiner Stimme war unüberhörbar.

»Zieh dich aus.«

Cians Augen weiteten sich. Stolpernd wich er zurück, kam aber nicht weit. Dank der Fesseln konnte er sich nicht halten, als sein Fuß an einem Stein hängenblieb und er ging zu Boden.

»Deine Haut muss den Stein berühren«, erklärte Logan. »Sonst weiß ich nicht, ob du auf ihn reagierst.«

Cian sah zu ihm auf, als sei er der Unterwelt entstiegen. Aber er wich nicht weiter zurück. Stattdessen drehte er sich um und zeigte Logan seine gefesselten Hände.

»Bind mich los, sonst kann ich mich nicht ausziehen«, maulte er. »Falls du es diesmal schaffst, die Fesseln zu lösen.«

Mit Unbehagen dachte Logan an die Szene vorhin. Hatte er wirklich so viel verlernt? Sein Erzeuger war ein Meister im Fesseln von Wölfen und Menschen gewesen und eigentlich hatte er Logan die wichtigsten Knoten beigebracht. Eigentlich. Es war einfach zu lang her. Das Tier nahm keine Gefangenen. Das Tier fesselte nicht. Es tötete. Nur diesen Jungen nicht.

Was war anders an Cian MacKay? Logan hatte Zeit, darüber nachzudenken, während er die Knoten löste. Es dauerte beschämend lange.

Der Goldene war, nun, golden. Mit Abstand der schönste Omega, den Logan je gesehen hatte. Doch Schönheit hatte ihn nie beeindruckt. Für gewöhnlich achtete er auf andere Dinge, wenn er einem Omega begegnete. Was selten genug vorkam. Die Hure, zu der er unterwegs war, war alt. Aber sie wusste, wie man einen Prügel wie seinen aufnahm und das war das Einzige, auf das es ankam.

Nein, es musste Magie sein. Fast fürchtete Logan den Moment, in dem er Cian an den Eisenstein binden würde. Was, wenn das Metall sich in dessen Haut brannte, wenn er schrie und sich wand und Logan anflehte, ihn loszubinden? Würde er es tun?

Ich töte dich nicht, wollte er sagen. Ich weiß nicht, was ich tue, falls du ein Hexer bist, aber ich kann dich nicht töten.

Und genau dieser Umstand machte ihm Angst. Wenn Cian solche Macht über ihn hatte, dann musste es Magie sein, oder? Wenn er selbst Logan dazu brachte, Mitleid zu empfinden. Ihn, der seit Jahren nur Hass und Wut fühlte. Nein, nicht ganz. Es hatte Kameradschaft gegeben. Zwischen ihm, Angus und Niall.

Im Hass auf die Sutherlands waren sie vereint gewesen. Es hatte sich gut angefühlt, mit seinen Kameraden am Feuer zu sitzen. Schweigend zu essen oder darüber zu spekulieren, wo sie als Nächstes zuschlagen konnten.

Zu guter Letzt löste der Knoten sich und Cian seufzte erleichtert. »Endlich.« Er massierte seine Arme. »Ich spüre nichts mehr. Au.«

»Klingt, als würdest du Schmerzen spüren«, sagte Logan, so kalt er konnte. »Bete, dass das Eisen dich nicht verbrennt, Kleiner.«

Ich bete, dass du an Arschfäule krepierst, sagten die Augen des Goldenen. Aber seine Lippen schwiegen. Er hatte Angst vor Logan, panische Angst. Es war deutlich, in jedem Blick, den er ihm zuwarf. Und darin, dass er ihn seit dem Zwischenfall eben gar nicht mehr angeschaut hatte.

Auch jetzt nicht, wo Cian sich mit steifen Fingern seiner Kleider entledigte. Erst des zerrissenen Hemdes, dann des verdreckten Kilts. Erstaunt sah Logan, dass die Rute des Kleinen immer noch zum Horizont zeigte. Die milchweiße Haut schimmerte selbst im Schatten.

»Schau nicht so«, murmelte der Omega, als er Logans Blick bemerkte. »Sonst kriege ich Angst, dass du mich aufschlitzt, bevor du weißt, ob ich magisch bin.«

»Gerade jetzt muss ich dich im Auge behalten«, knurrte Logan. »Falls du doch im letzten Moment türmst.«

Cian verzog das Gesicht. »Als ob ich das könnte. Sofern du nichts dagegen hast, behalte ich die Stiefel an.«

Logan hatte nichts dagegen. Seine Kehle wurde eng, als Cian zum Felsen stapfte und ihm seine samtene Kehrseite präsentierte. Fest und klein waren die Backen und doch weich genug, um sich mit jedem Schritt aufs Köstlichste zu verformen.

Mond, gib mir Kraft, dachte Logan und packte die Seile.

Cian lehnte seine Rücken gegen den Stein, ohne eine Miene zu verziehen. Er hob die Hände, damit Logan das Seil durch die Löcher schlingen und ihn fesseln konnte. Trotzig sah der Kleine zu ihm auf, als er die Knoten festzurrte.

»Und?«, murrte er. »Siehst du mich brennen, Großer?«

Der Große brannte. Logans Körper verzehrte sich danach, die Klauen in Cians Haut zu schlagen, mit den Fingerspitzen darüber zu fahren, die nackten Schenkel zu spreizen, die halbsteife Rute zu packen und zu melken. Stumm stapfte Logan ein paar Schritte von der blonden Versuchung weg.

Er atmete tief ein und versuchte, sich abzuregen. Doch sein verfluchter Unterleib beschloss, sich wie ein Jungwolf aufzuführen, und hob den Kilt an. Wütend ließ er sich zu Boden fallen. Blätter stoben auf. Erst, als sein Atem sich beruhigt hatte, wandte er sich zu Cian um. Und hätte beinahe losgebrüllt.

Sonnenflecken tanzten über schlanke Muskeln, über volle Lippen, über helle Nippel, über anmutige Beine, die in verdreckten Stiefeln steckten. Cian MacKay, nackt. Ein Anblick, den er bereits einmal genossen hatte, wenn auch unabsichtlich. Ein Anblick, den er sein Leben lang nicht vergessen würde.

»Tier.« Cian kaute auf seiner Unterlippe herum. »Sag etwas. Habe ich den Test bestanden? Bist du jetzt überzeugt, dass ich ein Mensch bin?«

Was? Logan schüttelte sich. Richtig. Der Kleine brannte nicht. Er schrie nicht und flehte Logan nicht an, ihn loszubinden. Er stand da und schaute ihn an, als wäre er ein Raubtier, das auf seine Beute lauerte. Wahrscheinlich verstand er Logans Blicke mal wieder falsch. Dachte, er wollte ihn mit seinem Schwert aufspießen, statt, nun, ihn mit seiner Rute aufzuspießen.

Logan seufzte unhörbar. Warum musste er sich wie ein Spatzenhirn aufführen, wenn er mit dem Kleinen unterwegs war? Magie konnte er nicht mehr als Entschuldigung benutzen.

»Fast«, sagte er und kam sich so schäbig vor, wie er war. »Warten wir noch ein paar Augenblicke, ob du nicht doch noch abfackelst.« Nur noch ein paar Augenblicke noch wollte er diesen Anblick genießen.

»Witzig.« Cian sah zur Seite. Der Wind kam auf und strich durch sein Haar. Locken fielen über gerötete Wangen. Der Kleine kniff die Lippen zusammen, dass sie ganz weiß wurden. Er schämte sich.

Tier, du hast es wirklich verdient, an Arschfäule zu krepieren, dachte Logan und erhob sich. »Es tut mir leid, Cian.«

»Was?« Immer noch sah der Goldene ihn nicht an. Er blinzelte erstaunt.

»Es tut mir leid, dass ich dich für einen Hexer gehalten habe«, sagte Logan. Mit wenigen Schritten war er bei Cian und hatte dessen Fesseln gelöst. Beschämt rollte er das Seil zusammen. »Offensichtlich bist du keiner.«

»Oh.« Cian rieb sich die Handgelenke. Dann zuckte er zusammen und hob hastig seine Kleider auf. »Das, äh, habe ich doch gesagt. Ich meine, ich nehme die Entschuldigung an.«

»Danke.« Logan wandte sich ab, damit der Junge sich in Ruhe anziehen konnte. »Ich bringe dich zurück ins Kloster.« Er zögerte. Es schien nicht genug. »Sag, falls ich noch etwas tun kann.«

»Falls du keine Lust hast, mich zu tragen, nicht viel.« Ein knappes Lachen. »Mond, so sehr haben meine Füße noch nie geschmerzt.« Kurzes Schweigen. Zögern. »Würdest du eine Nachricht zu meinem Rudel bringen?«

»Ich muss nach Lodhain«, sagte Logan. »Über Vollmond, also in vier Tagen. Danach kann ich ihnen eine Nachricht bringen.«

»Das ist zu spät.« Eine kalte Hand legte sich auf Logans Arm und er wäre beinahe zusammengezuckt. Die Berührung kam so unerwartet, dass sie wie ein Schock war. »Tier, bitte. Ich brauche Hilfe.«

Er sah sich um. Angst schwamm in Cians blattgrünen Augen. Zum ersten Mal fragte sich Logan, ob es wirklich nur Angst vor ihm war. Oder Sorge um seine Familie.

»Tier, mein Rudel ist in Gefahr.«

»Ich muss an Vollmond in Lobdhain sein.«

»Warum?«

Logan knurrte und entfernte Cians Hand von seinem Arm. »Weil da die einzige Nutte lebt, die meinen Prügel aufnehmen kann.«

Cian keuchte. Seine Wangen färbten sich dunkelrot. »Was?«

»Du hast richtig gehört«, sagte Logan. »Ich muss nach Lobdhain, um mich zu paaren.«

»Mit einem Lustknaben?«, fragte Cian. Missbilligung leuchtete ihm aus jeder Pore.

»Ein Knabe ist der schon lange nicht mehr.« Logan hasste sich. Hasste den Ekel über sich selbst, hasste, dass der sich in Cians Miene spiegelte. Hasste die Tatsache, dass er Cian helfen wollte. Er kannte ihn seit gestern und bisher hatte der Junge nur Ärger bedeutet.

»So ist das.« Cian wirkte wütend. Kein Wunder. »Die Sutherlands wollen mein Rudel überfallen und du vergnügst dich lieber mit käuflichen Omegas.«

»Ich habe keine Wahl!«, rief Logan, heftiger als er wollte.

Cian wich zurück. Aber die Wut blieb, überdeckte die Furcht in seinen Augen. »Du hast keine Wahl als dich zu paaren wie, also, wie das Tier, das du bist?« Wut war gar kein Ausdruck. »Abscheulich.«

»Ich bin verflucht«, hörte Logan sich sagen. Warum verriet er dem Kleinen das? Warum war es so wichtig, dass der ihn verstand? Dass der wusste, warum Logan seinen Wunsch nicht erfüllen konnte? »Ich muss mich an jedem Vollmond paaren oder ich sterbe. Ein Scheiß-Hexer hat mich verflucht!«

Cians Gesicht wurde weiß. »Verflucht?«

»Ja.« Logan rieb sich über den Nasenrücken. »Ich muss zu dieser verdammten Nutte in Lobdhain oder ich verrecke. Deshalb kann ich deiner Familie keine Nachricht überbringen. Ich wäre an Vollmond noch im Wald unterwegs.« Er knurrte. »Hey, ich habe eine Idee: Ich laufe zu deiner Familie, wenn du mitkommst. Dann kannst du den Platz der Nutte einnehmen. Wir verlieren keine Zeit und ich lebe weiter.«

Cian keuchte.

10. Cian

Was erzählte dieses Tier da? Hitze schoss in Cians ganzen Körper. Ganz bestimmt würde er nicht den Platz dieses Lustknaben einnehmen. Dieses alten Lustknaben.

Seit Logan ihn erwähnt hatte, tobten Bilder durch Cians Kopf. Logan, der stolzen Schrittes nach Lobdhain marschierte. Logans Kilt, unter dem sich eine vorfreudige Ausbuchtung abhob. Logan, der den Samtvorhang eines Zimmers öffnete, in einem sündig beleuchteten Freudenhaus.

Ein wunderschöner Omega, die Haut duftend von teuren Ölen, erhob sich von seinem Himmelbett, das von Kissen übersät war.

Logan, rief der Omega in Cians Fantasie und ließ den letzten Rest seiner sowieso viel zu unzüchtigen Kleidung fallen. Logan, endlich bist du wieder da! Ich habe mich nach dir verzehrt. Jede Nacht habe ich mich in meine Laken ergossen und an deinen mächtigen Körper gedacht.

Dieser Körper ist hier, brummte Logan schmierig und ließ seinen schäbigen Kilt fallen. Kerzenlicht beschien seine mit Narben übersäten Muskeln.

Der Omega seufzte lüstern. Dieser Körper gehört nun mir, säuselte er und spreizte die Schenkel.

Logan durchquerte den Raum mit drei Schritten und warf sich auf den Omega. Ihre Lippen fanden sich, heiß und sündig, und Logan versenkte seine Rute in einer fließenden Bewegung im nassen Loch des Omega. Der jauchzte entzückt. Die Kerzenflammen flackerten von seinen spitzen Schreien.

Oh, Logan, wimmerte er. Wie schön, dass du wieder in Lobdhain bist. Und in mir.

Ja, knurrte Logan und stieß den Omega so gut, dass der sich brüllend auf seinen harten Bauch ergoss. Gut, dass du kein unschuldiger Jüngling bist und genau weißt, wie man einen Alpha in sich aufnimmt. Nicht, wie dieser MacKay, den ich auf dem Weg getroffen habe. Stell dir vor, der hatte keine Ahnung, wie man lüsterne Unzucht treibt. Er war sogar noch unberührt.

Was für ein Torfkopf, lachte der Omega und ergoss sich erneut.

»He.« Das zerstörte Gesicht des Tiers erschien vor Cians Nase. »Das war ein Witz, Kleiner. Gehen wir.«

»Nein«, fauchte Cian. Und schüttelte sich. Die furchtbare Fantasie fiel von ihm ab. Nichts blieb, bis auf einen winzigen Nachhall. Er stand wieder im Wald, schmutzig, stinkend und verkratzt. Logan war bei ihm und nicht bei diesem vermaledeiten alten Lustknaben. Über ihm stimmten die Vögel ein Hohnlied an. »Ich werde nicht die Stelle dieses Kerls einnehmen. Ich bin verlobt!«

»Ja, das hast du erwähnt.« Logan wirkte müde. »Und ich habe dir gesagt, dass das ein Witz war. Wenn ich dich stoßen würde, würdest du schreien vor Schmerzen.«

»Das würde ich nicht!« Cian richtete seinen Kilt und versuchte, Logan mit einem Blick zu erdolchen. Klappte nicht. »Ich bin nicht, also, ich weiß genau, wie man lüsterne Unzucht treibt.«

»Wie man was treibt? Was laberst du?«

»Nichts.« Cian räusperte sich. Warum wollte er ausgerechnet Logan beweisen, dass er kein Anfänger war? Das war er und es war richtig so. Schließlich musste er für Jaxson rein und unschuldig bleiben.

»Gehen wir jetzt? Du wolltest doch unbedingt ins Kloster.« Das Tier sah ihn fragend an.

Cian schluckte. »Ja, das wollte ich. Will ich. Gehen wir.« Er marschierte in die ungefähre Richtung, in der sich das Kloster befinden musste. Logan holte ihn ein und korrigierte seine Richtung, indem er ihn an den Schultern packte und eine Vierteldrehung nach rechts vollführen ließ.

»Da entlang«, knurrte er und ging wieder voraus. Cian folgte ihm, schäumend vor Wut. Im Gehen merkte er, wie feucht er zwischen den Backen war, und ärgerte sich gleich doppelt.

»Viel Spaß in Lobdhain«, sagte er hoheitsvoll. »Ich hoffe, du amüsierst dich aufs Köstlichste, während mein Rudel geschlachtet wird.«

»Cian«, begann Logan und stockte. Er schwieg, den Blick starr geradeaus gerichtet. »Was habe ich mit deinem Rudel zu schaffen?«

»Nichts«, gab Cian zu. Er ballte die Hände zu Fäusten. »Gar nichts. Du bist ein Wolf ohne Rudel. Natürlich verstehst du meine Sorge nicht.«

Logan schwieg. Den ganzen Weg über, durch den Wald, über vermodernde Baumstämme hinweg, unter dichtem Gestrüpp hindurch. Wahrscheinlich lief er diesen Weg normalerweise als Wolf. Aber Cian wollte sich nicht verwandeln. Nicht noch einmal bloß und schutzlos vor dem Tier stehen. Vorhin am Eisenstein war es schlimm genug gewesen.

Er hatte so eine Angst gehabt. Obwohl er wusste, dass er keinen magischen Knochen im Leib hatte, hatte er sich gefürchtet. Und als Logan ihn an den Stein gefesselt hatte, war noch etwas anderes hinzugekommen. Etwas, an das er nicht einmal denken wollte. Und doch vermochte er nicht, es vollkommen abzuschütteln.

Die Fantasie hielt sich. Die, wie er hilflos zusah, als Logans harte Hände über seinen Körper strichen. Wie er an seinen Fesseln riss und protestierte und doch wusste, dass er es wollte. Dass er sich danach verzehrte, diese rauen Fingerspitzen zu fühlen. Auf der zarten Haut seines Bauchs, auf seinen bebenden Schenkeln. Um seine Rute, so wie vorhin, als Logan ihm beim Wasserlassen assistiert hatte. Er wünschte, diese Pranken würden sich noch einmal um seinen Stab schließen, seine Bälle kneten und ihn in den Himmel reiben.

Aber der Mistkerl vergnügt sich ja lieber mit alten Lustknaben in Lobdhain, dachte Cian und sah Logans Rücken böse an. Wenn der sich umdrehte, traute er sich nicht. Und ich bin verlobt. Und mein Rudel ist in Gefahr.

Endlich wurde der Wald lichter. Ein wenig Sommerwärme drang durch die Baumkronen und tanzte über Logans düstere Gestalt. Seine kräftigen Beine, die Stiefel, den schmutzstarrenden Kilt. Erst jetzt war es hell genug, dass Cian das Muster darauf erkennen konnte.

»Ist das ein Sutherland-Kilt?«, fragte er. »Du hasst die Sutherlands. Warum trägst du so etwas?«

»Der, dem er gehörte, braucht ihn nicht mehr«, brummte das Tier. »Und mein alter war kaputt.«

»Ah.« Cian schluckte. »Ich schätze, wir sind gleich da. Danke für alles, Tier.« Er zögerte, doch die helle Landschaft, die er hinter den Baumstämmen sah, verlieh ihm ungeahnten Mut. »Wie ist dein voller Name? Würdest du ihn mir sagen?«

»Du solltest nicht einmal meinen Vornamen kennen.« Das Tier deutete auf eine Lücke zwischen zwei Baumstämmen. »Geh in die Richtung. Sobald du den Wald verlässt, wirst du das Kloster sehen. Das kannst nicht mal du verfehlen.«

Enttäuschung machte sich in Cian breit. Nicht, dass er die verdrießliche Anwesenheit des Tiers vermissen würde. Aber er hatte es nicht geschafft, ihn zu überreden. Nichts getan, sein Rudel zu retten. Nicht herausgefunden, wer dieser seltsame Kerl war, mit dem er den Wald durchquert hatte.

Cian ging ein paar Schritte, ließ das Tier hinter sich. Mit jedem Aufsetzen seiner geschundenen Sohlen auf dem weichen Waldboden fühlte er sich elender. Was war los? Er hatte das Gefühl, seine Stärke hinter sich zu lassen. Alles, was ihm geholfen hatte, die furchtbaren Ereignisse zu überleben.

»Tier?«, fragte er leise. »Würdest du mich noch ein Stück weit begleiten?«

Es war ein beschämendes Eingeständnis seiner Schwäche. Allein weiterzugehen machte ihm so eine Angst, dass selbst die Anwesenheit eines Mörders erträglicher war. Aber der Mörder antwortete nicht. Als Cian sich umdrehte, war er allein. Nur die dunklen Baumstämme blickten zurück, ihre rissige Rinde moosbedeckt, ihre Wurzeln von Tüpfelfarn überwuchert.

»Tier?«

Das Tier war noch in der Nähe, das spürte er. Doch er hörte nur das Rauschen der Blätter über ihm. Er schluckte. Trauer machte sich in ihm breit. Es war vorbei. Er spürte Logans Anwesenheit, irgendwo zwischen dem Ligustergestrüpp und den eng stehenden Baumstämmen zu seiner Linken. Doch das Tier zeigte sich nicht mehr. Erstaunlich, dass ein so schwerer Mann so leise verschwinden konnte.

»Mach’s gut, Tier!«, rief Cian in den Wald hinein und wandte sich ab.

Das Kinn in die Luft gereckt marschierte er aus dem Wald hinaus.

Logan hatte recht gehabt. Er sah das Kloster, noch bevor er die Bäume hinter sich gelassen hatte. Wie ein rechteckiger Fels lag es auf einem grünen Hügel, umgeben von sanft geneigten Wiesen und nah des Greumach-Sees, auf dessen Wasser sich der blaugraue Himmel spiegelte.

Wolken schoben sich vor die Sonne, während Cian den ersten Hügel hinunterstieg. Wind kam auf und riss an seinen verklebten Locken. Er ballte die Fäuste, als das Kloster immer größer wurde. Als er bereits den mit krummen Holzlatten umzäunten Garten erkannte, in dem Bruder Ailig seine Experimente durchführte.

Als Erstes muss ich dafür sorgen, dass ein Bote zu meiner Familie geschickt wird. Ein Gedanke schoss in sein Gehirn und er kam sich dumm vor, weil er ihn nicht gleich gehabt hatte. Und ein Bote zu Jaxson. Die MacGregors werden uns helfen. Wenn es schnell genug geht, können sie ihre Krieger losschicken. Die Sutherlands sind nicht die Einzigen, die Bündnisse eingehen. Die Verbindung zwischen den MacGregors und den MacKays reicht bis zur Schlacht bei Ullapool zurück.

Vielleicht würde Jaxson sogar selbst kommen, um Cians Rudel beizustehen. Cian wurde ganz warm, wenn er daran dachte. Wenn er sich vorstellte, wie sein Verlobter den MacKays zur Hilfe eilen würde. Mit wehendem Haar und gezücktem Schwert.

Er hielt inne. Dachte an den Sutherland, der ihn angegriffen hatte. Der sich auf ihn geworfen und seine Schenkel auseinandergedrängt hatte. Das Schwert des Tiers hatte den Sutherland durchbohrt wie ein warmes Messer durch Butter schnitt. Blut war auf Cians Brust gesprudelt. Er presste die Zähne aufeinander und wollte sich nicht mehr vorstellen, dass Jaxson die Sutherlands tötete. Nur, wie er danach vor Cian auf die Knie fiel und den Kopf neigte.

Das habe ich für dich getan, Cian, würde er sagen. Nun können wir uns verbinden.

Ja, würde Cian sagen. Trotz aller Schwierigkeiten bin ich rein und unschuldig geblieben. Für dich, Jaxson.

Er seufzte leise. Die Träumerei zauberte ein winziges Lächeln auf sein Gesicht. Es würde alles gut gehen. Schon war er fast beim Garten und von da aus würde er ins Kloster eilen und mit dem Abt, Bruder Ringean sprechen. Trotz seiner schmerzenden Füße rannte er, bis er das krumme Gartentor erreicht hatte. Der Duft von Sternanis und Lavendel lag in der Luft, würzig und süß. Es war so still hier, so friedlich.

Bruder Ailig beugte sich über ein Beet mit Monddisteln, der Rücken krumm vom Alter. Seine milchweißen Haare berührten die violetten Blüten, so lang waren sie. Ein kurzer Bart zierte das faltige Gesicht des altes Omegas. Von den anderen Mönchen war nichts zu sehen.

»Bruder Ailig!«, rief Cian und sprang über ein Beet. »Weißt du, ob Bruder Ringean in seiner Schreibstube ist? Ich muss sofort mit ihm reden.«

»Cian?« Die trüben Augen des alten Mönchs weiteten sich. »Was machst du hier?« Er schnüffelte. »Und warum riechst du wie ein toter Biber?«

»Ich war im Wald.« Cian sah sich um. Niemand außer ihnen war hier. Er hatte den Alten als seltsamen, aber freundlichen Mann kennengelernt. Jemand, dem man Dinge anvertrauen konnte. »Ich, also, die Männer, die mich geholt haben, waren keine MacGregors. Es waren Sutherlands. Und sie wollten mich, also, sie wollten Dinge mit mir tun, die«, plötzlich kroch ein Schluchzen seinen Hals hoch und krampfte seinen Hals zusammen, »die unsagbar sind. Sie wollten mir nehmen, was Jaxson zusteht. Also bin ich geflohen.«

»Durch den Wald?« Die spärlichen Augenbrauen hoben sich. »Erstaunlich, dass du dich nicht verlaufen hast.«

»Habe ich«, würgte Cian heraus. »Hätte ich. Ich hatte Hilfe. Bruder Ailig, ich hatte so eine Angst.« Seine Sicht verschwamm. »So eine Angst. Ich hätte sterben können.«

»Armer Kleiner.« Bruder Ailig bot ihm seine Arme an. Und obwohl Cian wusste, dass er stank wie ein Waschbärkadaver, ließ er sich hineinsinken. Der vertraute Geruch von Bruder Ailigs Johanniskraut-Rheumatinktur ließ ihn nur noch lauter schluchzen. Mit einem Mal war es ihm alles zu viel.

»Ich hätte sterben können. Fast hätten sie mich geschändet. Zweimal. Es war entsetzlich.« Er versuchte, sich zu beherrschen. Sein Rudel brauchte ihn und er konnte jetzt nicht zusammenbrechen. »Bruder Ailig, wann kommt der nächste Bote? Ich muss eine Nachricht an mein Rudel schicken.«

»Der letzte war gestern hier«, sagte Bruder Ailig und rieb ihm mit verkrümmten Fingern über den Rücken. »Also kommt der nächste in zwei Wochen.«

»Zwei Wochen?« Entsetzen schlug über Cian zusammen. »Bruder Ailig, ich muss meiner Familie sagen, dass die Sutherlands sie überfallen werden. Sie sind schon unterwegs zu unserer Burg. Sie«, er machte sich von dem alten Mönch frei und wischte sich über das Gesicht, »werden in wenigen Tagen da sein. Ich habe keine Zeit, auf einen Boten zu warten. Ich muss zu Bruder Ringean.«

»Ah.« Hinter den Augen des alten Mönchs schienen sich Zahnräder zusammenzufügen und zu drehen. »Jetzt macht alles Sinn. Cian, du kannst auf keinen Fall zu Bruder Ringean.«

»Warum nicht?«

»Weil die Sutherlands bei ihm sind.«

Cian taumelte mehrere Schritte zurück. »Was?«

Bruder Ailig sah ihn ernst an. »Nicht so laut. Sie kamen bei Tagesanbruch. Bruder Ringean konnte ihnen das Gastrecht nicht verwehren. Unser Bündnis mit ihnen ist so alt wie das mit deinem Rudel. Wann immer einer von ihnen um Brot und Wasser bittet, müssen wir es ihnen geben. Sie haben nach dir gefragt. Bruder Fearchar, der Holzkopf, hat sich verplappert und erzählt, dass du bis gestern bei uns warst. Das hat sie sehr interessiert.«

Die Kraft verließ Cians Körper. Seine Beine gaben auf und seine Knie sanken in weiche Erde. Verzweifelt starrte er den schmalen Weg an. Löwenzähne blühten zwischen den Steinplatten, im Beet links davon wuchs Goldrutenkraut. Beide halfen gegen Rheuma. Er stöhnte leise.

»Sie sind hier.« Er versuchte, sich zu konzentrieren. »Ob Jaxson das wusste? Hat er deshalb die Männer geschickt, die mich holen wollten? Wurden sie überfallen und ersetzt?« Er sah Bruder Ailig an. »Wie kann ich meinem Rudel eine Nachricht überbringen?«

»Indem du läufst, schätze ich.«

Der alte Knacker war überhaupt keine Hilfe. Sofort tat es Cian leid, ihn in Gedanken so bezeichnet zu haben.

»Ich kenne den Weg nicht. Und ich bin zu langsam. Ich würde nie vor ihnen ankommen.« Er betrachtete seine Hände, die sich öffneten und schlossen. Nutzlos.

Aber du kennst jemand, der es kann, flüsterte sein Wolf. Und du kennst seinen Preis.

Nein, dachte Cian. Kälte floss durch seine Adern. Das war nur ein Witz. Er hat es nicht ernst gemeint.

Aber es würde funktionieren. Wenn er sich von diesem verfluchten Wolf besteigen ließ, könnten sie es schaffen, vor den Sutherlands bei seinem Rudel zu sein.

Nein, dachte er. Bei Jaxson. Das ist näher und mein Rudel braucht Verstärkung. Was nützt es, wenn sie gewarnt sind und doch überrannt werden? Sie brauchen Hilfe, um gegen die Sutherlands zu gewinnen.

Jaxson wird dich nicht mehr wollen, wenn das Tier dich hatte, flüsterte sein Wolf.

Aber mein Rudel ist in Gefahr.

Er dachte an Marc, Brian und den kleinen Asgall. An Caelan und seinen Omega. An seinen Erzeuger und seinen Vater. Welches Leid hatten sie alle erdulden müssen? Welches Leid drohte ihnen?

Wankend erhob Cian sich. Klopfte die dunkle Erde von seinen Beinen.

»Danke, Bruder Ailig.« Er versuchte, sein hämmerndes Herz zu beruhigen. Aber es ging nicht. Was er im Begriff war, zu tun, war ungeheuerlich. Vermessen für einen schwachen Omega, der nichts im Kopf hatte als seinen Verlobten und Kräuter.

Was hatte er dem Tier entgegenzusetzen? Was, wenn der doch beschloss, sich zu nehmen, was er wollte? Was, wenn er Cian unterwegs angriff?

»Hast du ein Messer, Ailig?«, krächzte er. »Irgendetwas, um mich zu verteidigen?«

»Willst du die Sutherlands angreifen?« Der alte Mönch schwankte und hob die Hände. »Tu das nicht, Cian. Ihr Anführer ist ein Monster. So skrupellos, dass selbst die Sutherlands ihn verbannt haben.«

»Was? Nein.«

Cian sah sich um. Er sah kleine Gartenwerkzeuge. Schaufeln, Holzrechen. Feuchte Erde. Pfefferminzblätter, die frisch duftend neben großen Königskerzen wuchsen. Und einem Strauch Mondrebe. Er schloss die Finger zu einer Faust.

»Ich werde gehen und sie warnen. Aber ich brauche etwas, mit dem ich mich notfalls verteidigen kann. Gegen ein Monster.«

Er ging zu dem Busch, zwischen dessen runden Blättern winzige weiße Punkte leuchteten. Mondrebenbeeren. Er pflückte so viele er konnte, verstaute sie in seiner Gürteltasche und wusch sich die Hände in dem alten Holzeimer, mit dem Ailig die Pflanzen bewässerte.

»Cian, du weißt, dass diese Beeren hochgiftig sind?«

»Ja.«

»Du weißt, dass drei Beeren einen Mann töten?«

»Ja.« Er hoffte, dass sie das nicht mussten. Aber er fürchtete das Monster. Fürchtete, was der tun würde, wenn Cian ihm seinen Vorschlag unterbreiten würde. Wenn er sich in dessen Klauen begeben würde. »Wer sind die Sutherlands, Bruder Ailig?«

»Cormac Sutherland und seine Alphas«, sagte der alte Mönch und Cian keuchte auf.

»D-dann sollte ich wohl gehen.« Alles, was er über Cormac Sutherland wusste, machte ihm Angst. Er musste weg von hier. Dem Schlächter der MacEalars wollte er bestimmt nicht in die Hände fallen.

Genau in diesem Moment erklangen Stimmen hinter der Mauer. Bruder Ringean und fremde. Tief und viel zu nah.

»Verschwinde«, flüsterte Bruder Ailig.

Cian rannte los, packte den Holzzaun und schwang sich hinüber. Er verschwand hinter einer niedrigen Mauer aus bröckelnden Steinen und duckte sich. Von hier aus konnten sie ihn nicht sehen. Aber vielleicht riechen? Er blickte hinter sich. Dort lagen hellgrüne Wiesen, unwirklich im milchigen Licht. Dahinter der Wald. Wenn er einen Bogen schlug, konnte er ihn erreichen, ohne dass sie ihn sahen.

Ob das Tier ihn beobachtete? Die dunkle Linie der Eichen wirkte, als würde Logan hinausschauen. Als würde er hinter den düsteren Stämmen lauern. Cian duckte sich tiefer. Vor ihm krabbelte eine rötliche Spinne über Stein. Dann hörte er die Stimmen.

»Und dies sind unsere Kräutergärten«, sagte Bruder Ringean. Er klang mild wie stets, allerdings etwas wacklig. Dabei war er sonst so ruhig und besonnnen. Was mochte ihn nervös machen?

»Interessant«, sagte eine Stimme und Cian gefror. Sie klang wie das Rascheln einer Kreuzotter im hohen Gras. Wie das Knurren eines Wolfs. Vorsichtig hob er den Kopf und spähte über die Mauer.

Es waren acht Sutherlands, ihre Kilts rotbraun wie getrocknetes Blut. Schwerter und Dolche hingen von ihren Hüftgurten. Der in ihrer Mitte war Cormac Sutherland. Cian hatte ihn noch nie gesehen, aber er wusste sofort, wen er vor sich hatte.

Weißblonde Haare hingen über einem Rücken, so breit wie der eines Stiers. Kalte Augen sahen aus einem Raubtiergesicht, über das vom Wangenknochen bis zum Kinn eine Narbe lief. Muskeln wölbten sich unter einem weißen Hemd und hell behaarte Beine schauten aus groben Lederstiefeln. Cormacs Zähne blitzten, als er sprach. Ja, der Mann war attraktiv, aber etwas in ihm machte Cian tödliche Angst.

Lauf, wisperte sein Wolf.

Cormac Sutherland hob den Kopf und schnupperte. Eis breitete sich in Cians Magen aus. So leise er konnte, kroch er fort von der Mauer. Krabbelte über Gras, um das Kloster herum, das Herz pochend wie das eines jungen Kaninchens.

Er rannte.

11. Logan

Er war weg. Cian fehlte ihm, kaum, dass er seine letzten Worte gerufen hatte.

Mach’s gut, Tier!

Und das war er wieder. Ein Tier, allein unter düsteren Baumkronen, allein im blaugrauen Schatten des Mittags. Tote Blätter raschelten unter seinen Füßen. Wisperten ein Lied von den Toten. Er roch die Fäule in der Luft, die Verwesung. Irgendwo in der Nähe war ein Tier verendet und verpestete die Waldluft.

Du bist ein Wolf ohne Rudel. Natürlich verstehst du meine Sorge nicht.

Er hätte sie verstanden, vor langer Zeit. Er hatte ein Rudel gehabt. Ein kleines Rudel. Manchmal glaubte er, das Lachen der Omegas zwischen den Bäumen zu hören. Die balgenden Welpen und die lauten Rufe der Alphas, wenn sie von der Jagd zurückkamen. Aber sie waren fort, ihre Stimmen nur das Flüstern des Windes.

»Mach’s gut, Cian«, raunte Logan und schlich doch näher an den Waldrand. Ein letzter Blick, das war alles, was er wollte. Und den bekam er.

Cians Haare leuchteten, selbst als Wolken sich vor die Sonne schoben und Schatten über die hellen Wiesen krochen. Er ging aufrecht, ein wahrer Sohn seines Rudels. Fast ein Prinz.

Logan wollte nicht zusehen, wollte sich losreißen. Endlich frei sein. Frei von der Bürde der Menschlichkeit, die Cians Gesellschaft ihm kurzzeitig auferlegt hatte. Er wollte durch die Wälder streifen, fressen, töten, jagen. Das Blut der Hirsche schmecken und sich nicht um die Einsamkeit scheren, die ihn langsam, aber sicher umbrachte.

Was denkst du für einen Scheiß?, dachte er. Du stirbst nicht. Das ist ein dummer Mythos. Ein Wolf lebt auch ohne Rudel weiter. Es sei denn, er dreht nicht um und verschwindet endlich nach Lobdhain. Die Zeit wird knapp, du hässliches Miststück. Reiß dich los.

Er wandte sich ab, als Cian auf halbem Weg zum Kloster war. Ging langsam los und schaffte es nicht, das Tempo zu steigern. Sein Körper war aus Blei. Cians Duft hing noch in seiner Nase und wollte nicht weichen.

Lange stapfte er so weiter, den Kopf voll mit unerwünschten Erinnerungen. Der Gestank des Todes verzog sich und wurde vom frischen Harzgeruch eines Kiefernwäldchens ersetzt. Bilder rauschten durch seinen Kopf, ohne, dass er sie stoppen konnte.

Sein Rudel hatte nahe eines ähnlichen Waldes gelebt. Als Knabe war er über den federnden Boden gerannt, hatte sich mit seinen Brüdern Kiefernzapfen zugeworfen. Er erinnerte sich an das Kratzen der Nadeln auf der Haut, wenn sie beim Balgen in seinen Kragen gerutscht waren.

Später hatten sein Erzeuger und er unter den schlanken Baumstämmen gekämpft. Selbst sein Übungsschwert war aus Kiefernholz gewesen.

Greif an, Logan, hörte er seinen Erzeuger rufen. Was bist du, ein Omega oder ein Wolf? Greif an, als wolltest du mich töten.

Aber das hatte er nicht gekonnt. Er war zögerlich gewesen. Langsam. Nicht, weil sein riesiger Körper ihn aufhielt. Sondern, weil er nicht töten wollte.

Dieser zögerliche Jungwolf war nicht länger ein Teil von Logan. Er war vor acht Jahren gestorben, zusammen mit seinem Rudel. Nur das Tier war übrig geblieben.

»Hör auf zu denken, Hackfresse«, brummte er. »Das kannst du nicht.«

Wenn er weiter so langsam war, würde er den halben Weg als Wolf zurücklegen müssen, um rechtzeitig in Lobdhain zu sein. Um sich aufzumuntern dachte er an die alte Nutte, die ihn stets einigermaßen freundlich aufnahm. Der Omega war über vierzig, hatte aber weit mehr Kunden, als man denken sollte. Viele Alphas schätzten seine Erfahrung. Und im Gegensatz zu dem Verräter in Halkirk soff er nicht. Baden tat er allerdings genau so selten.

Leider funktionierte die Ablenkung nicht. Immer wieder schob sich Cians flehendes Gesicht vor das des Omegas aus Lobdhain. Cians Augen, nass vor Sorge um sein Rudel. Cians weiße Haut. Der winzige Bauchnabel, die zarten Nippel und die rötliche Rute, die aus irgendeinem Grund meist halb aufgerichtet war. Vielleicht dachte der Kleine wirklich ständig an seinen Verlobten. Glücklicher Kerl. Ob der Verlobte so schön war wie Cian? Wie oft sie sich schon miteinander vergnügt hatten?

Eine Mischung aus Lust und Eifersucht schoss durch Logan, als er sich vorstellte, wie der Verlobte Cians Schenkel spreizte. Wie sie sich liebten, vielleicht auf einer lichtbeschienenen Wiese, vielleicht im dunklen Stall, gebettet auf duftendes Heu. Wie Cian wohl aussah, wenn er den Gipfel erreichte? Selbst die Vorstellung war so geil, dass Logans Rute prall wurde.

Er seufzte. Magie hin oder her, der Kleine hatte ihn verhext. Jedes Mal, wenn Logan auf seinem einsamen Lager liegen würde, würde er an ihn denken. Seine hässlichen Pranken um sein groteskes Gemächt legen und sich vorstellen, es wären die sanften Hände des Kleinen, die ihn wichsten. Ja, er bildete sich sogar ein, Cians Stimme zu hören, die seinen Namen rief.

Moment mal.

Logan hielt an. Lauschte. Einen Moment lang war da nichts außer dem allgegenwärtigen Zwitschern der Vögel. Dann hörte er wieder den Ruf, weit weg.

»Tier! Tier!«

Nein, dachte er.

Renn, flüsterte sein Wolf. Lass den Kleinen hinter dir und lauf, bis deine Füße wund sind. Du weißt, dass er gefährlich ist. Lass dich nicht von seinen großen Augen täuschen. Er hat Macht über dich. Und jeder, der ihm in die Quere kam, ist tot.

Logan weigerte sich, zu laufen. Er war das Tier. Das Monster, das in diesem Wald lebte. Er hatte keine Angst vor Cian MacKay, dem schwächlichen Omega. Außerdem würde es reichen, hier stehenzubleiben. Cian kannte den Wald nicht. Er hatte keine Ahnung, wie er Logans Fußabdrücke lesen sollte, falls er sie überhaupt fand. Er verstand die Warnrufe der Vögel nicht und sein Geruchssinn war ungeschult.

Warum kamen seine Rufe dann näher?

»Tier! Bitte bleib stehen!«, brüllte Cian, viel zu nah.

Logan zögerte. Nein, er würde sich nicht verstecken wie ein Feigling. Er würde nicht laufen. Er würde den Kleinen packen und zu Boden werfen und sich nehmen, was er brauchte. Er schüttelte den Kopf. Wo kam der Gedanke jetzt her?

»Tier!« Schon sah er Gold zwischen den Kiefern blitzen. Cians Locken. Noch hatte er Logan nicht gefunden.

Und Logan tat, was er nicht tun wollte: Er versteckte sich. Verbarg sich hinter einem der breiteren Stämme und ließ Cian an sich vorbeirennen. Nadeln stoben auf, als die Stiefel des Kleinen sie aufwirbelten. Er keuchte wie ein alter Mann und seine Wangen waren knallrot. Immer noch verdreckt, immer noch wunderschön. Japsend stolperte er weiter.

»Tier!«, rief er blind in den Wald hinein.

»Was willst du, MacKay?« Verdammt, warum hatte er gesprochen?

Cian wirbelte herum. Seine Augen weiteten sich, als er Logan erblickte. Der lehnte am Stamm der Kiefer, die Arme verschränkt. Er sah Cian so drohend an, wie er konnte. Was sehr drohend war: Cian erblasste und begann zu zittern.

»T-tier«, keuchte er. »Ich brauche deine Hilfe. Ich h-habe dich gesucht.«

»Du hast mich gefunden«, knurrte Logan und löste sich von dem Stamm. Langsam wie ein schleichender Luchs kam er auf Cian zu. »Wie hast du mich gefunden? Habe ich etwas übersehen, Hexenbalg? Kannst du Spuren lesen?«

»N-nein.« Cian wich zurück.

Logan setzte nach und sah die Furcht in den blattgrünen Augen lodern. »Dann erklär mir, warum du wusstest, wo ich bin.«

»I-ich wusste es einfach.« Cian sah aus, als würde er sich gleich einpullern. »Ich h-habe es gespürt.« Er konnte nicht mehr zurückweichen, weil sein Rücken gegen einen Stamm stieß. Logan setzte nach, kam so nah, dass seine Zehen Cians berührten. »Tier, bitte. Ich brauche dich.«

Die Worte waren wie dunkler Honig. Süß flossen sie zwischen den nassen Lippen hervor und ließen Logans Fantasie verrückt spielen.

Ich brauche dich, stöhnte Cian in seinem Kopf, auf dem Rücken liegend, die Beine angewinkelt. Bitte, Tier, flüsterte er, als er den Kilt hob, um Logan sein Loch zu zeigen.

Logan verscheuchte die peinlichen Jungwolf-Träume aus seinem Kopf und packte Cians Kehle.

»Woher wusstest du, wo ich bin?«

»Ich wusste es einfach.« Er sah Cians Kehle hüpfen, roch seine Angst. »Tier, bitte. Ich habe es mir überlegt. Führ mich zu den MacGregors und ich komme mit dir. Wenn Vollmond ist, dann b-bin ich da. Du kannst mich nehmen.«

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420 стр. 1 иллюстрация
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9783969693254
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Вторая книга в серии "Burg der Wölfe"
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