Читать книгу: «Der Omega im Turm»
1. Prolog
2. Finn
3. Caelan
4. Finn
5. Caelan
6. Finn
7. Caelan
8. Finn
9. Caelan
10. Finn
11. Caelan
12. Finn
13. Caelan
14. Finn
15. Caelan
16. Finn
17. Caelan
18. Finn
19. Caelan
20. Finn
21. Caelan
22. Finn
23. Caelan
24. Finn
25. Caelan
26. Finn
27. Caelan
28. Finn
29. Caelan
30. Finn
31. Caelan
32. Finn
33. Caelan
Impressum
Der Omega im Turm: Burg der Wölfe
Text Copyright © 2019 Jay Boss
Alle Rechte am Werk liegen beim Autor.
Jay Boss
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Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
1. Prolog
Jedes Mal, wenn Caelan vorbeiging, stieg sein Duft in Finns Nase. Schwer, würzig, unwiderstehlich. Süß, irgendwie, wie die letzten Sommerblumen, bevor der Herbst seine Herrschaft antrat.
Caelan, der neue Alpha auf der Burg. Caelan, dessen Geruch dafür sorgte, dass Finn die Kontrolle über seinen Körper verlor, dass ihm der Speichel lief, dass er sich vor Hunger verzehrte, vor Gier, nein, vor Lust. In seinen schweren Kilts erkannte man nicht, dass ihm das Blut zwischen die Beine schoss, sobald er Caelan witterte, den Wolf mit dem steinernen Gesicht. Den Alpha, der über die Wehre der Burg schritt, als wäre er ihr Herr und nicht ihr Wächter. Caelan, dessen Augen so grau waren wie der Himmel, bevor die ersten Blitze zuckten. Caelan, in dessen Pranken ein Breitschwert wie ein Spielzeug aussah.
Finn hasste ihn.
2. Finn
Der Frühling schien noch weit entfernt, als die neuen Wölfe sich dem Rudel anschlossen. Regen fiel wie ein dichter Schleier, durchdrang Wollumhänge und Kapuzen. Selbst die Burgmauern schien er zu durchnässen, klamm wie sie waren. Finns Finger waren so steifgefroren, dass sie kaum den Federkiel halten konnten. Die Landschaft lag grau und trüb hinter den schmalen Fenstern der Schreibstube, schon seit dem Morgen. Sah nicht aus, als würde es vor Sonnenuntergang besser werden.
»Wer ist das?«, fragte Finn und beugte sich näher an die mit Blei umfasste Fensterscheibe. Staub und Moder drangen in seine Nase, als er versuchte, mehr zu erkennen. Von hier, im dritten Stock, hatte er nur einen unzureichenden Ausblick auf das, was sich vor den Burgmauern abspielte.
»Wer ist wer?« Leighton sah von seinem Pult auf und schüttelte den Kopf. »Setz dich wieder hin. Declan wird dich erwischen.«
»Aber da sind drei Männer.« Finn quetschte sich die Wange an der Scheibe platt. Da, fast verborgen hinter der Mauerkante, standen sie. »Ich glaube, das sind Alphas. Riesige Alphas.«
»Riesige Alphas?« Leighton zögerte, dann blickte er sich kurz um. Sie waren immer noch allein in dem von Papierrollen und Schriftstücken übersäten Zimmer. »Lass mal sehen.«
Finn machte ihm Platz und Leighton beugte sich vor. »Erkennst du ihr Clanabzeichen? Ist das Ginster?«
Leighton nickte. »Das sind MacKays. Oben aus dem Norden. Da, wo die ganzen Rudelkämpfe waren.«
»Die sehen aus wie Kämpfer, oder?«
»Oh ja.« Ein lüsternes Lächeln umspielte Leightons Lippen. »Das sind sie ganz bestimmt. Schau dir diese Rücken an.«
»Der links ist seltsam«, sagte Finn und versuchte, über Leightons blonden Schopf hinweg etwas zu erkennen. Er stützte die Hände auf die Schultern seines Freundes. »Siehst du, wie er sich hält? Wie eine Statue. Eine verdammt gigantische Statue. Schau mal, die anderen lächeln, aber der da … Was für ein Miesepeter.«
Trotzdem konnte er nicht aufhören, den Großen anzustarren. Die drei Neuankömmlinge waren alle groß, aber der Steinerne (er beschloss, ihn den Steinernen zu nennen) überragte die anderen noch einmal um einen Kopf. Schwarze Haare hingen über seinen Rücken, aber sie schafften es nicht, das Gesicht weicher zu machen. Es sah aus, als hätte man es aus grobem Stein gehauen. Gut gehauen, das musste Finn zugeben. Sein ganzer Körper wirkte wie ein Felsen, von den breiten Schultern bis zu den kräftigen Unterschenkeln, die aus seinem Kilt ragten. Wie die anderen trug er einen Wollumhang, wirkte aber nicht, als bräuchte er ihn. Stein fror nicht.
»Wenn du das sagst.« Leighton lächelte. »Ich seh da nur einen verflucht attraktiven Mann. Meinst du, der Rudel-Chief nimmt sie auf?«
»Der Rudel-Chief braucht Männer für die Ernte«, sagte Finn. »Und, um die Burg zu verteidigen. Die MacKay sind mit ihm verwandt, oder? Ich schätze, er wird sich freuen.«
»So ein Pech für dich«, sagte Leighton. »Noch mehr Alphas auf der Burg.«
»Dabei überrennen die hier schon alles«, murmelte Finn. »Wie eine Rattenplage.«
»Eine gutaussehende Rattenplage.« Leighton lachte leise. »Kleiner Fuchs, dieser Statuenkerl gehört mir, klar?«
»Magst du Statuen?«, fragte Finn und versuchte, unauffällig zu klingen.
»Wenn sie so aussehen wie der da? Ja.« Leightons Stimme war zu einem schwärmerischen Raunen geworden. Wie so oft, wenn es um Alphas ging. Im letzten Winter hatte er sich für jedes Mitglied der Wache interessiert, vom breiten Lyle bis zum fast kahlköpfigen Ross. Nur für Finn interessierte Leighton sich nicht. Aber der war ja auch ein Omega, wie er.
Finn schluckte ein bitteres Gefühl herunter und betrachtete den goldblonden Scheitel seines Freundes. »Meinst du, er ist dein Gefährte? Der Statuenkerl?«
»Ich hoffe es.« Leighton sah nach oben und trotz des trüben Wetters leuchteten seine Augen. »Ich bin fast volljährig. Zeit, meine Unschuld zu verlieren, meinst du nicht?«
Finn war derselben Meinung. Er war sogar in der gleichen Lage wie Leighton: ungeküsst und bereit. Aber nicht für einen Alpha. Er hasste Alphas.
Er liebte Leighton.
Aber der lachte nur über seine seltsamen Ideen, wenn Finn andeutete, dass zwischen ihnen mehr sein könnte. Dabei war es möglich. Beziehungen zwischen Omegas waren unbeliebt, weil sie keine Nachkommen hervorbrachten, aber es gab sie. Es gab nur keine Beziehung zwischen Leighton und Finn.
Finn seufzte unhörbar. Langsam entfernte er sich vom Fenster und sah auf die verschlossene Tür. Es war Stunden her, seit Declan sie allein gelassen hatte. »Meinst du, er kommt bald zurück?«
»Sobald wir die Abschriften erledigt haben«, sagte Leighton gleichmütig und schaute weiter aus dem Fenster. »Mist, die drei sind weg.«
»Wann ist Declan gegangen?« Unruhig trat Finn von einem Fuß auf den anderen.
»Vor drei Stunden?« Leighton ließ sich zurück auf seinen Stuhl plumpsen. »Deine Abschrift ist sowieso noch nicht fertig, also hoff lieber, dass er weiter fern bleibt.«
»Ja, nur …« Finn räusperte sich. »Egal. Ich mach ja schon weiter.« Steif setzte er sich an sein eigenes Pult. Eine mittelmäßige Abschrift sah ihn strafend an. Sonst war er schnell, sogar schneller als Leighton. Aber in den letzten Tagen schien es, als hinge eine Wolke über seinem Gehirn. Er stöhnte leise, als sein Gürtel in den Bauch schnitt.
»Drückt die Blase?« Leighton grinste und Finn gab sich Mühe, nicht zu erröten. »Ich hab dir gesagt, dass du nicht so viel Holunderwein trinken sollst.«
»Aber der schmeckt wirklich gut«, murmelte Finn. Der verdünnte Holunderwein war köstlich und ihm und Leighton stand je ein halber Krug täglich zu. Nun bereute er, dass er ihn so schnell heruntergestürzt hatte. Mit zusammengekniffenen Oberschenkeln machte er sich an die Abschrift.
Eine Stunde später bereute er es noch mehr. Declan war immer noch nicht zurückgekehrt und Finn wartete verkrampft auf und ab gehend darauf, endlich erlöst zu werden. Die Abschrift war längst fertig und seine Blase knapp davor, aufzugeben.
»Wo bleibt der Alte denn?«, jammerte er. Er hasste es, vor Leighton Schwäche zu zeigen, aber die Qualen waren inzwischen zu stark, um still sitzen zu bleiben.
Leighton lachte. »Mach bloß nicht den Boden nass. Da liegen überall Dokumente und der Alte zieht dir das Fell über die Ohren, wenn du die aufweichst.«
»Was soll ich denn tun?« Sehnsüchtig schaute Finn auf die Fenster, aber die ließen sich nicht öffnen. Im ganzen Raum gab zwar Regale um Regale voll Papier, aber kein leeres Gefäß, bis auf eins. »Leighton, es tut mir wirklich leid«, sagte Finn und marschierte auf den tönernen Krug zu, der auf der Fensterbank stand.
»Was? Wag es ja nicht.« Leightons Züge loderten vor Zorn. »Da ist noch mein Anteil vom Holunderwein drin. Den hab ich mir verdient!«
»Tut mir wirklich leid.« Finn raffte seinen Kilt. Leighton schob sich zwischen ihn und die Fensterbank.
»Ich warne dich, Finn.« Wut flammte in den seegrünen Augen.
»Leighton, bitte!« Ein winziges Nachgeben im Unterleib ließ Finn zusammenzucken. Blitzartig umklammerte er seinen Unterleib mit den Händen. »Leighton, der Krug! Schnell!«
»Nein!«
»Bitte!« Finns Sicht verschwamm.
Das erlösender Klacken ertönte. Ein schwerer Schlüssel drehte sich im Schloss und Finn wirbelte herum. Declans faltiger Kopf erschien und sein mächtiger Körper folgte. »Meine Knaben, habt ihr … Finn!«
Finn hatte ihn beiseite gestoßen. Noch während er den Gang entlang eilte, gellten ihm die wütenden Beschimpfungen des Schriftmeisters in den Ohren.
Schnell, schnell. Bis zur Latrine im Hof war es zu weit, das würde er niemals schaffen. Aber einen Flur weiter, im Absatz der Wendeltreppe, war ein kleiner Abort. Wenn er es bis dahin schaffte …
Du Idiot, sagte Leighton in seinem Kopf. Du darfst nicht in den Turm. Das ist gefährlich. Wenn du die Grenze überschreitest, können sie alles mit dir machen.
Natürlich wusste Finn das. Aber wenn es das Einzige war, das ihn vor der Peinlichkeit eines durchnässten Kilts retten konnte, musste er dorthin.
In den Bereich der Alphas. Dahin, wo Omegas wie er Freiwild waren.
»Auuu«, wimmerte er leise, als er den geknüpften Teppich überschritt, der am Fuß des Turms lag. Das Zeichen der Alphas war darin eingearbeitet, die rote Schlinge. Überall prangte sie, an jeder Wand, an der Finn vorbeilief. Alphas waren Angeber. Überall mussten sie Banner und Wandteppiche aufhängen, die ihr Revier markierten. He.
Wenn ich noch einen Moment lang durchhalte, markiere ich deren Revier, dachte Finn grimmig. Nur ein paar Treppenstufen.
Keuchend hetzte er sie hoch, die grob gehauenen Steine, die noch kälter schienen als der Rest der Burg. Der Geruch wurde schärfer. Alpha-Geruch, herber als der angenehme, der die Omegas umgab.
Wenn sich nur nicht gleich süßlicher Uringeruch in diesen Duft mischen würde. Noch drei Stufen. Niemand war zu sehen. Die rettende Nische kam in Sicht, ein Erker, der offen lag und dessen Öffnung direkt in den Burggraben führte. Im Omega-Bereich hatten die Aborte Türen, aber Alphas kannten keine Scham.
Oder Anstand, dachte Finn, der endlich vor dem rettenden Loch stand. Es gab eine Brille aus brüchigem Holz. Aber da würde er sich auf keinen Fall draufsetzen.
Alle Heiligen um ein paar Sekunden mehr anflehend wollte er seinen Kilt hochschieben. Der schwere Stoff glitt ihm aus den Händen und er fluchte.
Er hörte Schritte.
Einen Moment lang dachte Finn an Flucht. Dann hatte er seinen Schwanz befreit und wusste, dass es zu spät war. Ein gelber Strahl schoss aus ihm heraus. Er prallte gegen die beschmutzten Steine des Loches und rann hinunter in den Graben. Finn seufzte. Erleichterung flutete seinen Unterleib, als der Druck endlich nachließ. Wie konnte sich etwas nur so gut anfühlen?
Mit geschlossenen Augen hörte er dem Plätschern zu und lauschte gleichzeitig auf die Schritte, die weit weg schienen. Über ihm, bestimmt noch zwei Stockwerke entfernt.
Schneller, dachte Finn und nahm sich trotzdem die Zeit, die befleckte Brille mit ein paar Spritzern zu garnieren. Hoffentlich setzte sich der Richtige hier drauf.
Finn grinste hämisch. Dann zuckte er zusammen. Die Schritte kamen näher. Immer näher. Und der Strahl wollte nicht versiegen. Er flehte seine Blase an, endlich leer zu werden, aber es war einfach zu viel Holunderwein gewesen.
Er ist schon fast bei mir, dachte Finn. Verdammt!
Der Strahl senkte sich und gerade, als die letzten Tropfen fielen, hörte er ein Schnuppern hinter sich. Eine Stimme erklang, die eisige Schauer über seine Wirbelsäule sandte.
»Sieh mal einer an. Was macht ein kleiner Bückling wie du hier?«
Von all den verdammten Alphas, die in diesem Turm hausten, war es ausgerechnet Harris. Finns ganzer Körper verkrampfte sich. Seine Schultern schnellten nach oben und sein Hals wurde trocken. Er versuchte zu schlucken, aber es ging nicht.
Nein, dachte er.
»Willst du nicht antworten, Bückling?« Das Lauern in der Stimme war das eines Raubtiers. Eines Raubtiers, das die Beute schon in den Klauen hat, aber noch ein wenig spielen möchte.
Ich bin keine Beute, dachte Finn. Ich bin kein Opfer und ganz bestimmt kein Bückling.
»Ich musste halt pissen«, knurrte er. Einen Moment lang sah er die Wand vor sich an, dann atmete er tief ein. Beißender Gestank verätzte seine Nase. Im Abort tief einzuatmen, war immer ein Fehler. Er hob den Kopf, ließ den Kilt herunter und drehte sich um.
»Kleiner Fuchs.« Harris' Grinsen war abscheulich. In seinem Gesicht breitete sich boshafte Freude aus. »Du bist das.«
Als ob er das nicht schon von hinten erkannt hätte. Finns Haare waren so feuerrot, dass man ihn gar nicht verwechseln konnte. Finn wich einen Schritt zurück, aber Harris kam direkt nach. Und er war viel zu groß und breit. Finns Herz raste. Seine Hände waren schweißnass und trotzdem reckte er das Kinn in die Höhe. Er konnte den Schweiß auf Harris' Körper riechen.
»Lass mich vorbei.« Ungeschickt versuchte er, seinen Kilt zu richten. »Ich bin fertig und Declan wartet auf mich.«
»Nicht so hastig.« Scharfe Zähne blitzten. Harris' Gesicht kam nah, viel zu nah. »Den Kilt kannst du schön oben lassen. Dreh dich wieder um.«
Panik schoß durch Finns Körper. »Nein. Lass mich durch!«
Er versuchte, sich an Harris vorbeizudrängeln. Dessen Hand schoss vor und Krallen gruben sich in Finns Schulter. Der Wolf sprach aus Harris, als er den Mund öffnete.
»Umdrehen, hab ich gesagt«, raunte er. »Sofort, kleiner Fuchs. Oder du verlierst gleich mehr als deine Unschuld.«
Alles in Finn zog sich zusammen. Am liebsten hätte er losgeheult. Aber das würde ihn nicht retten. Nicht vor Harris. Nicht auf Burg McMacFarlane, auf der das Recht des Stärkeren galt. Finn war nicht stark. Aber manchmal ließen die Stärkeren sich austricksen. Er schluckte.
»Ja, ist gut«, murmelte er und sah zu Boden. Auf Harris' dreckbeschmierte Stiefel. »Aber sei vorsichtig, ja? Das ist mein erstes Mal.«
Freude blitzte in Harris' Augen auf. »Das stimmt, ja?« Er lachte »Also bin ich echt der, der den kleinen Fuchs entkorkt. Scheiße, die anderen werden heulen vor Neid.«
»Bin ich so ein interessantes Gesprächsthema?«, murrte Finn.
»Nicht du, nur dein enger Arsch.«
Alphas. Miese Wichser. Finn gab vor, schüchtern zu lächeln und hob seinen Kilt. Sein Schwanz war vor Panik klein wie ein Radieschen geworden. Ganz im Gegenteil zu Harris'. Als der sich freimachte, glaubte er, einen Rammbock vor sich zu haben. Finn atmete noch einmal tief ein und drehte sich um. Er bückte sich. Ausatmend packte er die Steine.
»Vorsichtig, ja?«, bat er noch einmal.
»Ich mach das, wie ich will, kleiner Fuchs. Du bist schließlich in unser Gebiet eingedrungen.«
Das war ein Notfall, dachte Finn, aber er konnte sich jetzt nicht mit Wortgefechten aufhalten. Eine grobe Pranke packte seine linke Arschbacke. Wäre Finn in Hitze gewesen oder einfach erregt, wäre sein Loch jetzt feucht geworden. Es war staubtrocken. Er biss die Zähne aufeinander.
»Halt still«, befahl Harris.
»Ja« sagte Finn. »Ist gut, Harris.«
Er verwandelte sich. Alles daran setzend, seine Wolfsform blitzartig anzunehmen, wechselte er den Körper. Die Verwandlung schmerzte, wie immer, wenn man sie hetzte. Arme wurden zu Vorderläufen, Hände zu Pfoten. Der Abort vor ihm verschwand, als er zu Boden sank. Finn wirbelte herum, drückte sich mit den Hinterläufen am Stein ab und schoss los. Zwischen Harris' gespreizten Beinen hindurch.
Die Treppen hinunter. Er stolperte, kugelte über den Läufer an ihrem Fuß und kam wieder auf die Beine. Hinter sich vernahm er Wutgeheul. Harris.
Er musste hier weg. Aus dem Alphagebiet und zurück ins Schreibzimmer. Theoretisch durfte Harris ihm im neutralen Teil der Burg nichts antun. Aber Finn war nicht so blöd, darauf zu vertrauen.
Er hetzte über den Steinboden, sprang über Teppiche. In Wolfsform war er noch kleiner als als Mensch, doch seine Läufe waren kräftig und er war leicht und wendig.
Keuchen hinter ihm. Zu nah. Harris holte auf. Er musste sich ebenfalls verwandelt haben, um so schnell zu ihm aufzuschließen.
Krallen kratzten hinter ihm über den Stein. Der Flur schien endlos, Harris' Atem viel zu nah. Da, die Biegung. Nur noch um diese Ecke und die rettende Schreibstube wäre …
Dumpfer Schmerz, plötzlich. Sein Schädel prallte gegen etwas und dann segelte Finn durch die Luft. Jaulend kam er auf. Er flog gegen die Mauer und Pein schoss in seine Schulter.
Heißer Speichel tropfte in seinen Nacken. Harris' beißender Atem strich über sein Nackenfell. Als er aufblickte, sah er kalte Augen, umgeben von grauem Fell.
Hab ich dich, sagten sie.
»Was ist hier los?« Die Stimme war befehlsgewohnt. »Harris?«
Finn hätte beinahe gewimmert vor Glück. Eric. Die rechte Hand des Rudel-Chiefs.
Harris verschwand aus seinem Blickfeld und endlich konnte Finn erkennen, wogegen er geprallt war: gegen einen Felsen. Den Steinernen.
Die drei Männer, die er am Tor gesehen hatte, standen im Flur neben Eric. Alle schwarzhaarig, aber ganz unterschiedlich. Einer schien, als bräuchte er nur den kleinsten Anlass, um in wildes Gelächter auszubrechen, der nächste wirkte verträumt und der dritte steinern.
Seine felsgrauen Augen blickten auf Finn hinab. Von nahem war er noch gigantischer, noch mächtiger. Finn kam sich vor, als würde er vor einer hoch aufragenden Klippe liegen. Eilig rappelte er sich auf, immer noch in Wolfsform.
Der Steinerne sprach. »Kannst du nicht aufpassen?«, raunzte er Finn an. Der hätte ihm am liebsten eine gescheuert. Aber das war schwer, auf vier Pfoten.
»Verwandelt euch«, sagte Eric. »Ihr wisst, dass ihr innerhalb der Burgmauern menschlich sein müsst.«
Eine blöde Regel. Nicht nur, weil es keinen Grund gab, sich ihrer wölfischen Natur zu schämen. Sondern, weil Finn nun nackt vor drei Fremden, Eric und Harris stand. Und dafür schämte er sich viel mehr als für den Wolf in sich.
Erics hageres Gesicht verzog sich. Er seufzte. »Was ist hier los?«
»Nichts«, brummte Finn und zwang sich, die Fäuste zu ballen. Er würde sich nicht mit den Händen bedecken wie ein verschüchterter Knabe. Das erwarteten sie doch von einem Omega.
»Nur ein wenig Spaß.« Harris grinste Finn an. Doch er senkte den Kopf, als Eric näherkam. Das menschliche Äquivalent dazu, sich vor ihm auf den Rücken zu werfen. »Der kleine Fuchs war im Alphaturm und ich wollte ihm eine Lektion erteilen.«
Eric wandte Finn seine Aufmerksamkeit zu. »Was hattest du im Alphaturm zu suchen?«
»Ich musste mich erleichtern. Zuviel Holunderwein.« Einer der neuen Alphas lachte und Finns Wangen wurden heiß. »Euer Abort war der nächste.«
»Wir dulden keine Omegas in unserem Turm«, sagte Eric, als ob Finn das nicht wüsste.
»Ja. Tut mir leid.« Verdammte, arrogante Alphas. Finn knirschte mit den Zähnen.
»Sieht aus, als hätte Harris dich schon gezüchtigt.« Eric sah durch Finn hindurch, als wäre er unsichtbar. »Beim nächsten Mal wirst du bestraft, ist das klar?«
»Klar.« Finns Fäuste waren schweißnass.
Harris lachte leise. Und dann hatten sie genug von dem unwichtigen Omega und gingen weiter. Alle fünf. Nur der Steinerne blieb einen Moment lang stehen und sah Finn an. Er hatte Falkenaugen und Wangenknochen wie scharfkantige Felsen. Es musste Tage her sein, dass er sich zuletzt rasiert hatte. Schwarze Stoppeln bedeckten Kinn und Wangen.
»Eric?«, rief Finn. Er wich dem Blick des Steinernen aus. »Äh, meine Kleidung. Die liegt noch im Alphaturm. Kann ich sie holen?«
»Nein«, sagte Eric und wandte sich nicht einmal um. »Du bekommst sie beim Abendessen wieder.«
Natürlich. Was nun? Sollte er nackt in die Schreibstube zurückkehren? Er fröstelte bereits jetzt.
Grauer Stoff segelte auf ihn zu. Instinktiv schnappte er danach und hatte den Wollumhang des Steinernen in den Händen. Hä?
»Gib ihn mir beim Abendessen wieder«, knurrte der.
Ich will deinen stinkenden Umhang nicht, wollte Finn sagen. Aber er wollte auch nicht nackt vor Leighton und Declan auftauchen.
»Danke«, brachte er heraus, obwohl er an den Worten fast erstickte.
Der Steinerne starrte ihn immer noch an, als könnte er die Luft zwischen ihnen gefrieren lassen. »Bei uns im Norden können die Omegas sich benehmen«, sagte er kühl. »Seid ihr hier alle so oder hast nur du keine Manieren?«
»Keine Manieren?« Finn reckte das Kinn in die Höhe. »Ich zeig dir gleich, was für Manieren ich habe, du ungewaschener Nordländer!«
»Das glaube ich kaum.« Abschätzig betrachtete der Kerl Finns magere Schreiberarme.
»Ich habe ausgezeichnete Manieren«, behauptete Finn. Nur, wenn man mich schänden will, vergreife ich mich halt im Ton, fügte er in Gedanken hinzu.
»Du hast dich einem Alpha widersetzt und dich verwandelt, obwohl es verboten ist. Du gehorchst nicht.« Die Stimme des Steinernen war vollkommen emotionslos, aber Finn glaubte, Widerwillen zu hören.
»Was?!« Finn bekam kaum Luft vor Zorn. Wenn ich mich Harris nicht widersetzt hätte, würde ich jetzt mit blutendem Arschloch im Abort hocken, wollte er sagen. Tat er aber nicht. Anscheinend war es im Norden normal, Omegas nach Herzenslust zu schänden. »Deine Freunde sind weg. Ich hoffe, du findest den Weg alleine.« Steinfresse, wollte er hinzufügen, aber er traute sich nicht. Er war einem Alpha-Mistkerl entkommen, da wollte er sein Glück nicht auf die Probe stellen.
Der Blödmann drehte sich um und marschierte davon. Kein Wort des Abschieds. Finn sah ihm nach, und als der Kerl um die Ecke gebogen war, machte er ein paar unflätige Gesten.
»Verlauster Köter«, murmelte er. Unschlüssig betrachtete er den groben Stoff in seinen Händen. Nein, er hatte keine Wahl. Missmutig streifte er den Umhang über.
Der Geruch traf ihn wie ein Hammer. Ein köstlicher Hammer. Der Duft des Alphas umhüllte ihn und weckte Sehnsucht nach dem Frühling, der draußen auf sich warten ließ. Süß wie Honig und herb wie Starkbier und gut. Einfach gut. Und geil.
Beschämt spürte Finn, wie sein Glied anschwoll. Was war das? Diese Wolle, die noch warm vom Körper des steinernen Mistkerls war, dieses Bergs, dieses Felsen aus dem Norden.
Finn schluckte. Er sah sich kurz um, aber niemand war zu sehen. Dann vergrub er die Nase im Stoff und sog den Duft ein. Kribbeln strömte durch seinen Körper. Wie ein heißes Bad, nachdem man aus der Kälte kam. Unbekannte Gefühle rasten durch seine Adern. Sie bündelten sich zwischen den Beinen, wo seine Rute die Stofffalten hob. Dass seine Härte den Stoff berührte, machte es nicht leichter, sich abzuregen. Ungefähr da, wo sich seine Eichel in die kratzige Wolle grub, musste auch der Schritt des Steinernen gewesen sein.
Sein Geruch war überall. Finn stöhnte leise.
Was ist das?, dachte er. Das ist doch nicht normal.
Für gewöhnlich stieß ihn der Duft der Alphas ab. Zu herb, zu beißend. Zu arrogant. Aber das hier … Es war, als hätte man den Frühling in Flaschen gefüllt und dann über diesem Stoff hier verschüttet. Ja, vielleicht war es das. Irgendeine Seife, mit der sie im Norden ihre Wäsche wuschen. Oder ein Wald, durch den der Steinerne gelaufen war. Roch es nicht ein wenig nach harzigen Stämmen? Nach kühlem Waldboden und nach Sonnenschein?
»Sonnenschein riecht nach nichts«, knurrte Finn und ballte die Fäuste.
Ja, es musste Seife sein, beschloss er. Dieser Duft konnte nicht von einem Alpha kommen. Alphas stanken. Er riss sich zusammen und ging zurück zur Schreibstube.
3. Caelan
»Wo ist dein Umhang?«, fragte Fraser, als sie ihr neues Quartier bezogen. Eine Kammer mit drei Strohsäcken und einem winzigen Fenster. Klamme Steinmauern umgaben sie und sonderten muffigen Geruch ab.
Caelan zuckte mit den Achseln. Er sehnte sich nach dem Feuer, das nachher im Speisesaal lodern würde. Er fror nicht schnell, und anmerken ließ er es sich schon gar nicht. Aber die Kälte ihrer Reise war bis in seine Knochen gedrungen.
»Hat er dem kleinen Omega gegeben«, sagte Myles und grinste. »Dem Feuerschopf. Kein schlechter Anblick, oder? Ja, ich glaube, der war mir die liebste Begrüßung. Nicht, dass der Rudel-Chief unfreundlich wäre, aber der Kleine war einfach nackter.«
Caelan warf ihm einen warnenden Blick zu. Myles verdrehte die Augen. Er saß auf seinem Bett und zog sich die Stiefel aus. Fraser fluchte leise.
»Pack deine Schweißmauken wieder ein«, knurrte er. »Das stinkt ja erbärmlich.«
»Niemals.« Myles wackelte mit den Zehen. »Ich warte seit Wochen darauf, endlich wieder die Pfoten ausstrecken zu können.«
»Dann mach das woanders.« Fraser packte einen der Stiefel und warf damit nach ihm. »Im Abort zum Beispiel. Da stinkt es eh schon.«
Myles wich aus und lachte. »Du liebst meinen köstlichen Duft doch. Hast du mir selbst gesagt, letzte Nacht.«
»Da war ich nicht bei klarem Verstand.« Fraser fletschte die Zähne.
»Nein, das warst du nicht.« Myles' Grinsen wurde breiter. »Ganz und gar nicht.«
In Ermangelung williger Omegas vergnügten Caelans Kameraden sich miteinander, schon die ganze Reise über. Und nicht zum ersten Mal. Es fiel Caelan schwer, einzuschlafen, wenn die gehetzten Geräusche zu seinem Lager herüberwehten. In ihrem Rudel war Sex unter Alphas nicht ungewöhnlich. Normalerweise wurde nicht darüber gesprochen, aber es wurde getan. Zumindest von unbeherrschten Gesellen wie Fraser und Myles.
»Ich kann es kaum erwarten, die Zähne wieder in zartes Omega-Fleisch zu schlagen statt in Myles' behaarten Nacken.« Fraser seufzte schwer. »He, Caelan. Was ist mit dem Kleinen? Dem Rotschopf?«
»Was soll mit dem sein?«, fragte Caelan und verstaute seine Habseligkeiten in der brüchigen Kiste am Bettende.
»Erhebst du Anspruch auf ihn?«
Was? Caelan musterte Fraser, um herauszufinden, ob der Scherze machte. Machte er nicht.
»Nein. Er ist schwach, wie alle Omegas.« Er erinnerte sich an seine Begegnung mit der ruppigen Kackbratze. »Und er hat keine Manieren.«
»Der war ganz schön wütend, dass wir sein Techtelmechtel mit dem Großen unterbrochen haben. Harris.« Myles schüttelte den Kopf. »Oder was war da los?«
»Ich denke, Harris wollte ihn zurechtweisen, weil er in den Alphaturm eingedrungen ist«, sagte Caelan. »Was nur richtig ist.«
»Was nur richtig ist«, äffte Myles ihn nach. »Caelan, wenn dir nicht so wichtig wäre, was richtig ist, könntest du ab und zu Spaß haben.«
»Wir haben einen Auftrag.« Caelan trat ans Fenster und schaute aus dem winzigen Fensterspalt. »Da ist keine Zeit für Spaß.«
»Dafür ist immer Zeit.« Myles zwinkerte Fraser zu. »Was sagst du, wollen wir um den Rotschopf wetten?«
Der lächelte. »Wenn es dir nichts ausmacht, zu verlieren.«
»Gewinnen werde ich. Der Kleine wird unter mir schreien wie ein abgestochenes Ferkel.«
»Willst du ihm wehtun?«
»Ha, ha.«
Caelan ignorierte das Gekabbel seiner Kameraden. Er blickte aus dem Fenster und sah nichts. Grauer Nebel hing über den Hügeln. Ihre Formen waren halb verborgen, sanft geschwungen wie die Schultern des rothaarigen Omegas. Finn. Schwacher Körper, störrischer Geist. Haut weiß wie Milch, bedeckt von unzähligen Sommersprossen.
Caelan seufzte leise. Es war nicht, dass er Omegas körperlich abstoßend fand. Wenn es so weit war, würde er sich mit seinem Gefährten paaren, um Nachkommen zu zeugen. Und er würde es gern tun, da war er sicher. Der Gedanke, sich mit einem Omega zu vereinen war reizvoll. So reizvoll, dass er ein paar tiefe Atemzüge nehmen musste, um Finns Bild aus seinem Kopf zu bekommen.
Aber Omegas waren schwach. Caelan, der sein Leben lang gekämpft hatte, widerte ihre Hilflosigkeit an. Ihre Unfähigkeit, sich selbst zu verteidigen. Die Tatsache, dass sie ohne Alphas nicht überleben konnten. Ohne ihren Schutz, den Schutz der Krieger, die ihr Leben für sie gaben. Für ihre Gefährten. Er dachte an all die Brüder, die er im Kampf verloren hatte. An ihre nutzlosen Omega-Gefährten, die sich in der Burg verkrochen hatten, unfähig, zu helfen. Natürlich war es nicht ihre Schuld, dass sie unbrauchbar waren. Sie waren so geboren. Sanft, nachgiebig, zart.
»Na ja, offensichtlich nicht alle«, murmelte er. Dieser Finn war zusätzlich zu all seinen Schwächen auch noch ungehorsam. Eine furchtbare Kombination schlechter Eigenschaften.
Immerhin sorgte er dafür, dass Myles und Fraser Spaß hatten.
»Seine Hüften, die waren so schmal, dass ich sie mit einer Hand umfassen könnte«, sagte Fraser und klang wie ein schnurrender Kater. »Und das werde ich. Vor dir.«
»Das werden wir sehen.« Myles grinste. »Ich wette, dass ich vor dir in den Fuchsbau stoße.«
Seine Kameraden waren unerträglich, befand Caelan. Wenn die beiden nicht so gute Kämpfer gewesen wären, hätte er sie für leichtlebige Schürzenjäger gehalten. Aber Myles hatte ihm das Leben gerettet, und er ihm. Mehrfach. Also sah er über ihre Unzulänglichkeiten hinweg.
»Was ist mit dir, Caelan?«, fragte Fraser. »Schließt du dich unserer kleinen Wette an?«
»Auf gar keinen Fall«, knurrte Caelan und wandte sich wieder dem Fenster zu. Immer noch Nebel.
»Ich finde, er hat keine Wahl.« Der Spott in Myles' Stimme war fingerdick. »Wenn wir beide beschließen, dass er mitmacht, ist er überstimmt.«
»Da hast du recht«, sagte Fraser.
»Nein.« War da eine Bewegung, auf der Kuppe des Hügels links? Verdammter Dunst.
Sie werden zu MacFarlane kommen. Vor dem Sommer sind sie da.
Eine eisige Gänsehaut breitete sich auf seinen Armen aus. Frost klebte in seiner Kehle. Vielleicht machten Myles und Fraser es richtig. Das Leben mit beiden Händen packen, ficken und aussaugen. Jeden Tag, der einem geschenkt wurde.
»Caelan, du bist überstimmt. Ab sofort bist du Teil der Wette um den Fuchsarsch.«
Vielleicht waren Myles und Fraser auch nur Idioten. Caelan weigerte sich, zu antworten. Nein, da war nichts auf dem Hügel. Die Landschaft schlummerte ungestört. Aber das würde sie nicht bleiben. Sie würden kommen, und das Gras dort unten mit Blut tränken. Bald.
4. Finn
Finn verbrachte ein paar äußerst irritierende Stunden in der Schreibstube. Gehüllt in den Wollumhang des großen Alphas und erregt bis ins Innerste. Dieser verdammte Geruch. Wie sollte er sich auf die Abschrift konzentrieren, wenn ihm dieser Duft in der Nase hing? Wenn er ihm nicht entkommen konnte?
»Was ist passiert?«, hatte Declan gefragt und Finn war gezwungen gewesen, die ganze peinliche, schreckliche Geschichte zu erzählen. Declan hatte kein Wort darüber verloren und nur genickt. Kaum etwas konnte den alten Meister dazu bringen, eine Miene zu verziehen. Leighton hatte erst gegrinst, aber das war ihm im Hals stecken geblieben, als Finn zu der Stelle gekommen war, an der Harris auftauchte.
»Ist gut, Junge.« Declan hatte geseufzt. »Geh an die Arbeit. Ich habe drei Abschriften vorbereitet.«
Ist das alles, was du dazu sagst, dass Harris mich fast geschändet hätte?, wollte Finn fragen. Aber das war zwecklos. Natürlich versuchte er es trotzdem.
»Kannst du mit dem Rudel-Chief reden?« Er holte tief Luft. »Harris hätte mich fast … Er hatte kein Recht, das zu tun, Declan.«
»Er hatte jedes Recht, das zu tun.« Der fette Omega schüttelte den Kopf. »Halt dich einfach vom Alphaturm fern, dann passiert dir nichts. Das war leichtsinnig.«
»Hätte ich mich einnässen sollen?«, murrte Finn.
»Was ist dir lieber?« Declans Augen verfinsterten sich. Sein trüber Gesichtsausdruck wurde bitter. »Ein nasser Kilt oder ein blutender Arsch? Oder Schlimmeres?«
»Declan!« Finn hatte ihn nie so reden gehört.
»Du bist kein kleiner Junge mehr, Finn.« Declan kam so nah, dass Finn seinen fauligen Atem riechen konnte. »Du weißt, wie du hier überlebst. Also tu es. Verschwende keine Zeit damit, über richtig und falsch nachzudenken. Und geh Harris aus dem Weg.«
Finn starrte ihn an. Doch der Zorn wich bereits wieder aus Declans Zügen.
»Ja, ist gut.« Finn räusperte sich. Leider war Declan noch nicht fertig.
»Denk daran, was deinem Vater passiert ist. Halte dich vom Alphaturm fest.«
Galle stieg in Finns Hals. Scham und Hilflosigkeit und verzweifelte Wut stiegen in ihm auf. Er ballte die Hände zu Fäusten. Die schwachen, nutzlosen Hände.
Er versuchte, sich auf die Abschrift zu konzentrieren. Eine bestimmt hochinteressante Beschreibung der Ereignisse der vierten Rudel-Kriege. Die Chisholms gegen die Grants. Normalerweise liebte er diese Geschichten und Declan musste sie extra für ihn ausgewählt haben. Es gab sogar eine Tuschezeichnung zu kopieren, was ihn normalerweise in Freudentaumel versetzt hätte.
Aber nicht heute. Heute schmiegte sich rauer Wollstoff an seine nackte Haut und roch wie das Paradies.
Ich muss mir ein Stück dieser Seife besorgen, dachte er und rutschte auf seinem Schemel herum. Was ist das? Süßholz?
Die letzten fahrenden Händler hatten Süßholz dabei gehabt. Finn hatte tagelang auf seinem Stück gekaut, bis die letzten Reste aus dem faserigen Holz herausgesaugt waren. Aber der Geschmack hatte nicht die gleiche Wirkung gehabt wie dieser verdammte Duft. Finn war hart. Härter als je zuvor. Seine Finger juckten vor Lust, zwischen seine Beine zu fahren und das sanfte Pulsieren in einem geilen Sturm zu verwandeln. Sein ganzer Unterkörper war angespannt vor Erregung, sein Loch feucht. Am liebsten hätte er sich hier und jetzt befriedigt, aber das musste warten. Declan und Leighton waren auch im Raum. So riss er sich zusammen und harrte aus.
Nachher, im Bett, wenn Leighton eingeschlafen war, würde er sich endlich darum kümmern können. Nach dem Abendessen, das er irgendwie überstehen musste.
Du blöder Alpha, dachte er. Warum hast du mir deinen stinkenden Mantel gegeben? Ich werde dich verfluchen und deine Nachkommen auch. Und die Nachkommen deiner Nachkommen ebenfalls.
Aber für einen ordentlichen Fluch brauchte man den Namen dessen, den man verfluchen wollte. Und den hatte er nicht. Na, er konnte ihn ja später fragen, wenn er ihm den Stoff zurückgab.
Hallo, hier ist dein Mantel. Nette Seife, die ihr da im Norden benutzt. Kann ich ein Stück davon haben, damit ich meinen Schwanz damit einreiben kann? Ach ja, wie heißt du eigentlich? Ich brauche deinen Namen für einen Fluch.
Er kicherte.
»Was ist so lustig?«, fragte Leighton leise.
»Nichts.« Finn sah wieder auf die Abschrift.
»Du hast nicht erzählt, woher der Mantel kommt.« Leightons hellbraune Augenbraue hob sich. Wie oft hatte Finn ihren Schwung mit seinen Blicken nachgezeichnet?
»Ach, der.« Finn räusperte sich. »Den hat mir einer der MacKays geliehen.«
»Was, etwa der Schöne?« Leightons Rosenknospenmund formte ein O und mit Finns Konzentration ging es endgültig den Bach runter.
»Keiner von denen ist schön.«
»Doch, sogar alle. Aber der Große ganz besonders.« Leightons Lächeln schmerzte. »Stell dir vor, der wäre mein Gefährte.«
»Warum brauchst du einen Gefährten?«, murrte Finn. »Und dann noch so einen groben Klotz.«
»Ich mag grobe Klötze.« Das Lächeln wurde anzüglich. »Außerdem war es nett von ihm, dir seinen Umhang zu leihen.«
»Er hat ihn mir vor die Füße geschleudert«, Finn überlegte, »als würde er einem Schwein Küchenabfälle in den Trog kippen.«
»Nett war es trotzdem. Stell dir vor, du müsstest nackt hier sitzen.«
Dann würdest du sehen, dass meine Rute voll ausgefahren ist, dachte Finn und schluckte.
»Er hat gesagt, ich hätte keine Manieren und würde nicht gehorchen. Der hat sich aufgespielt, als wäre ich sein Schüler oder so.«
»Mmh, mit dem würde ich gern Lehrer und Schüler spielen.« Leighton leckte sich die Lippen, was nicht dazu beitrug, Finns Lage zu verbessern.
»Das weißt du doch gar nicht«, sagte Finn. »Du hast noch nie mit irgendjemand Lehrer und Schüler gespielt.«
»Deshalb will ich es ja ausprobieren. Ich wette, es macht Spaß. Und du weißt auch nicht mehr als ich.« Leighton zögerte. »Oder?«
»Nein«, gab Finn zu. »Will ich auch nicht. Nicht mit einem Alpha.«
Leighton überhörte die Anspielung. »Das sagst du doch nur. Wenn die Hitze erst mal kommt, wirst du danach lechzen. Und die Hitze kommt bald.«
Darüber wollte Finn nicht nachdenken. Vor zwei Jahren war er geschlechtsreif geworden und hatte zum ersten Mal die Hitze über sich ergehen lassen müssen. Drei qualvolle Tage, in denen er sich in ein ausgehungertes Tier verwandelt hatte. In denen sein ganzer Körper danach gebrüllt hatte, genommen zu werden, fremde Haut auf seiner zu spüren, in denen sein Schwanz immer hart und sein Loch immer feucht gewesen waren, egal, wie oft er Hand an sich legte.
Er hatte gehört, dass es leichter war, wenn man sich nehmen ließ. Wenn man einen Alpha-Gefährten hatte, der die Qualen linderte. Aber er hatte mit all den gefährtenlosen Omegas im Turm ausgeharrt. Dort sperrten sie sie ein, jedes Jahr im Frühling. Der Duft eines Omegas in Hitze brachte die Alphas um den Verstand. Sie wurden zu noch abscheulicheren Bestien, als sie es sowieso schon waren.
Als die drei Tage vorbei waren, hatte Finn sich geschämt. So sehr wie nur einmal zuvor in seinem Leben. Für seine Schwäche, dafür, dass sein Körper nach der Berührung eines Alphas gebettelt hatte. Eines dieser Monster, die alles zerstörten, was ihnen in den Weg kam.
»Wenn die nächste Hitze kommt, reiße ich mich zusammen«, sagte er. »Im Turm habe ich endlich Zeit, die Geschichte unseres Rudelvaters Rob MacFarlane zu lesen. Die späten Jahre sind sehr interessant.«
Leighton kicherte. »Die Wände wirst du hochkriechen und darum betteln, dass ein Alpha kommt und dich durchnimmt.«
»Niemals.« Finns Hände umklammerten den Federkiel in seiner Hand.
»Und wie du das wirst. Deine Unschuld wird diese Hitze nicht überstehen, das wette ich.«
»Um was wettest du?«, fragte Finn.
Leighton zuckte mit den Achseln. »Um was willst du wetten?«
Um einen Kuss, dachte Finn. Aber Leighton hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, was er von Finns romantischen Gefühlen hielt.
»Deinen Nachtisch für eine Woche?«
»Einverstanden.« Leighton wollte Finn die Hand hinstrecken, doch sie wurden aufgehalten. Rundliche Finger packten ihre Ohren und rissen schmerzhaft daran.
»Meine Knaben«, sagte Declan. »Konzentriert euch oder ich muss euch wieder einsperren.«
5. Caelan
Die Halle der MacFarlanes war riesig. Fast protzig. Gigantische Wandteppiche bedeckten die kahlen Mauern und das rot-grüne Wappen sah ihnen entgegen, als sie eintraten. Das Feuer loderte, wie Caelan es sich erhofft hatte. Stimmengewirr, Kinderlachen und ungeduldiges Klopfen auf die Tischplatten hallte durch die Luft. Das Abendessen war noch nicht da. Statt Essensdüften rochen sie das schmutzige Stroh und die Binsenkräuter, die den Boden bedeckten. Und die Omegas. Ihr leicht süßer Duft war ungewöhnlich stark. Die Hitze musste kurz bevorstehen.
»Nicht übel hier.« Myles grinste. »Ich muss zugeben, dass das üppiger ist als unsere mickrige Trutzburg.«
Fraser überblickte die gefüllten Holzbänke und -tische. »Wie viele Leute leben hier?«
»Zweihundert in der Burg und noch mal ungefähr vierhundert im nahen Umkreis«, sagte Caelan. Er suchte den Raum nach Schwachstellen ab, Orten, in die ein Angreifer leicht eindringen konnte. Er fand keine. Gut. Die Fenster wären breit genug gewesen, dass jemand sich hindurchzwängen könnte. Aber sie lagen so hoch, dass er danach zu Tode gestürzt wäre. Und der große Saal befand sich schon im zweiten Stock. »Das MacFarlane-Rudel hat insgesamt fast tausend Mitglieder.«
»Was du alles weißt.« Myles sah einem blondgelockten Omega dabei zu, wie er sich die Hände wusch. Wasser spritzte aus der Tonschüssel auf die Tischplatte.
»Das weiß ich, weil ich zuhöre.« Caelan nickte dem Rudel-Chief zu. »Konzentrier dich, Myles. Wir haben einen …«
»Auftrag. Ich weiß.« Fraser seufzte. »Du musst mir das nicht ständig erzählen, Caelan. Ich weiß, dass die Sutherlands ganz arg furchtbar gefährlich sind.«
»Dann nimm ihn auch ernst.« Caelan sah ihn strafend an.
»Tu ich doch. He, Myles. Reiß dich zusammen.« Fraser gab seinem Freund einen Klaps auf den Hinterkopf. »Der große Caelan befiehlt es.«
»Das ist keine Zeit für Witze«, sagte Caelan.
Der Rudel-Chief erhob sich, um sie zu begrüßen. Er bahnte sich seinen Weg durch die Reihen.
»Bei dir ist nie Zeit für Witze.« Fraser verdrehte die Augen. »Du solltest dich mal sehen. Du schaust, als hätte dir jemand in den Weinbecher gekackt. Wann bist du zu so einem Miesepeter geworden?« Etwas Dunkles huschte über seine Miene und er verharrte. »Sorry, Cael. Ich weiß.«
Caelan hatte kein Wort sagen müssen. Jeder Muskel seines Körpers verhärtete sich. Er war dankbar, dass der Rudel-Chief sie in diesem Moment erreichte. Lachlan MacFarlane war kein Riese, aber hart wie Leder und breit wie ein Ochse. Narben durchzogen sein Gesicht und die Hände. Klingen und Krallen hatten seine Haut gezeichnet. Die Falten auf seiner Stirn waren tief, doch die schwarzen Haare wiesen nur vereinzelt graue Strähnen auf.
»Caelan«, sagte er und legte die Finger auf seine Schulter. »Gut, dass ihr da seid. Kommt mit.« Eine Stimme, die tausend Befehle gegeben hatte.
Caelan gehorchte. Er folgte dem Rudel-Chief in die Mitte des Saals und Myles und Fraser folgten ihm.
»MacFarlanes!«, begann Lachlan und jedes Gesicht im Saal wandte sich ihm zu. »Bevor ihr euch die Bäuche vollschlagt: Schaut euch an, wer uns besucht.« Er deutete auf Caelan und seine Begleiter.
»Hallo.« Myles strahlte den ganzen Raum an, aber vor allem jemanden, der ganz hinten saß. Oh. Hinter einem Dutzend Augenpaaren, die sie ansahen, erkannte Caelan den Rotschopf. Der starrte finster zurück. Ja, er schaute ihn an, als wollte er ihn zum Kampf herausfordern. Langsam hob er etwas hoch. Etwas Graues. Caelans Umhang. Der Omega wackelte mit der Augenbraue, spöttisch, als wollte er sagen: Hol's dir doch, wenn du dich traust.
Diese kleine Kackbratze, dachte Caelan. Er würde ihn später zurechtweisen. Gerade begnügte er sich damit, in die Runde zu nicken.
»Caelan, Fraser und Myles vom MacKay-Rudel«, sagte Lachlan. »Sie sind hier, um uns zu helfen, falls die Sutherlands angreifen.«
Ein Raunen ging durch den Saal. Omega-Augen weiteten sich. Selbst der Rothaarige wirkte verunsichert. Gut.
»Falls die Sutherlands angreifen?«, fragte ein Alpha aus der vorderen Reihe. »Warum sollen sie uns angreifen?«
Lachlan MacFarlane zögerte nicht. Seine Miene wurde härter, als er antwortete. »Sie ziehen nach Süden. Nach den Kämpfen mit unseren Freunden, den MacKays, sind sie auf die nächste Beute aus.«
Kälte rann durch den Saal, trotz des Feuers im Kamin. Es war so still, dass sie die Scheite knacksen hörten.
»Na, dann sollen sie kommen!« Ein fast glatzköpfiger Alpha sprang auf. »An uns werden sie sich die Zähne ausbeißen!«
Jubelrufe brandeten durch den Saal, gefolgt von farbenfrohen Beschreibungen, was man den Sutherlands antun würde, wenn sie sich zur Burg der MacFarlanes trauten. Selbst einige Omegas machten mit.
Plötzliche Trauer ergriff Caelan. So hatte er selbst gejubelt, vor einem halben Jahr. Als die Sutherlands auf Burg MacKay zumarschiert waren. Es schien Jahrhunderte her zu sein. Connor war an seiner Seite gewesen.
»Genau!«, röhrte Lachlan. »Wir sind stärker als diese Bastarde! Wir haben sie damals am Loch Shin geschlagen und in Ullapool! Wir werden es wieder tun! Und wir haben unsere Cousins hier, die wissen, wie diese Dreckskerle kämpfen!« Wieder landete seine Hand auf Caelans Schulter.
Der Jubel wurde lauter. Myles und Fraser badeten darin. Caelan stand stocksteif da und kämpfte gegen die Erinnerungen, die in ihm aufstiegen. Sie hatten gejubelt, damals. Und dann waren die Sutherlands gekommen und der Jubel war verstummt. Unbehagen krallte sich in ihm fest, als er an das Banner dachte, rostrot wie getrocknetes Blut. Wie Peitschenhiebe hatte es geklungen, wenn es im Wind flatterte.
»Setz dich zu uns«, sagte Lachlan und deutete auf seinen Tisch. Sein Omega-Gefährte saß dort, nicht mehr jung, aber hochschwanger. Daneben drei Männer, von denen Caelan nur einen kannte: Eric, die rechte Hand des Rudel-Chiefs. Die anderen beiden mussten ebenfalls hochrangig sein, wenn er nach dem aufwendigen Karomuster ihrer Kilts ging. Sein eigener war schlicht. Aber auf Äußerlichkeiten kam es nicht an.
»Gerne«, sagte er und wollte das Wort an seine Gefährten richten. Aber die unhöflichen Mistkerle waren schon unterwegs in die Menge. Vermutlich wollten sie sich um ihre bescheuerte Wette kümmern.
Wehe, ihr macht den MacKays heute Schande. Wenn die beiden Trottel einen Zweikampf herausfordern oder mit einem vergebenen Omega erwischt werden, erwürge ich sie eigenhändig.
Die Freundschaft zwischen den MacKays und den MacFarlanes war erst wenige Jahrzehnte alt und empfindlich wie ein halb verheilte Wunde. Ein falscher Schritt und alle Rudelmitglieder würden sich sofort an die Schlacht am Naver erinnern, bei der sie auf verschiedenen Seiten gestanden hatten.
Das Essen kam und alle jubelten erneut. Zwei Omegas schleppten den Kessel mit Eintopf herein und ein dritter verteilte ihn auf den Tellern. Angefangen beim Rudel-Chief und seinen Vertrauten. Und Caelan. Schon bald waren sie in ein Gespräch vertieft. Lachlan wollte alles über die Sutherlands und ihre Angriffsstrategien wissen, an das Caelan sich erinnerte.
»Wie viele sind es noch?«, fragte Lachlan und hielt seinem Omega das Whiskyglas hin. Der füllte es nach.
»Ich weiß es nicht«, sagte Caelan. »Angegriffen wurden wir von mindestens fünfhundert. Aber sie haben viele verloren.« Grimmiger Stolz stieg in ihm auf. »Mein Bruder und ich haben allein siebenundzwanzig von den Drecksäcken abgestochen.«
Beeindrucktes Nicken und Schulterklopfen. Ein Kloß steckte in Caelans Hals, aber er ignorierte ihn. Er wollte jetzt nicht an Connor denken.
»Sie sind geschwächt, aber sie machen weiter. Burg MacKay hat ihnen nicht gereicht. Das Rudel wird sich ausruhen, neu aufstellen und weiterziehen.« Er probierte den Whisky. Süßer als der, den er gewohnt war. Trotzdem nicht schlecht.
Lachlan winkte und ein weiterer Mann gesellte sich zu ihnen. Harris, der Krieger, den sie zusammen mit dem rothaarigen Omega erwischt hatten. Ob Myles doch recht hatte und die beiden sich miteinander vergnügt hatten? Bilder stiegen in ihm auf, in denen die weißen Schultern und schlanken Hüften des Rothaarigen eine wichtige Rolle spielten.
»Harris.« Lachlan bedeutete ihm, sich zu setzen. »Caelan erzählte, dass sie bei ihnen über die Burgmauern geklettert sind. Kann das bei uns auch passieren?«
»Nein.« Harris lachte verächtlich. »Unsere Mauern sind doppelt so hoch wie die im Norden. Bis die auf der Mitte sind, haben wir sie längst entdeckt.«
Lachlan rieb sich das stoppelige Kinn. »Caelan, du schaust dir morgen die Mauern an, zusammen mit Harris und Eric. Überprüft, ob sie sicher sind.«
Eric und Harris nickten. Harris eher widerwillig. »Aber ich sag's euch, die sind sicher.«
»Das dachten wir auch«, erwiderte Caelan.
»Das glaub ich.« Harris schnaubte leise.
Caelan sah ihn an, unverwandt. Myles nannte das seinen Todesblick. Angeblich war es anderen Menschen unangenehm, wenn man sie lange musterte, ohne zu blinzeln. Harris erwiderte den Blick erst, dann rutschte sein Blick auf die Tischplatte und dann räusperte er sich.
»Wie sind sie über die Mauer gekommen?«, fragte Eric.
»Haken und Seile.« Caelan erlöste Harris und sah auf den Whisky in seinem Glas. »Sie waren schnell. Wir haben sie runtergeschnitten, wo wir konnten, aber sie hatten einen Scheinangriff am Tor gestartet und wir haben zu spät gemerkt, was sie vorhaben.«
»Dein Bruder ist dort gestorben, nicht wahr?« In Erics Frage schwang verhaltenes Mitleid mit.
»Nicht auf der Mauer.« Connor war vor dem Omegahaus gestorben. Er hatte sein Leben für seinen Gefährten gegeben, der zu schwach gewesen war, um zu kämpfen. Körperlich und im Herzen. Nach Connors Tod, nachdem die Sutherlands sie überrannt hatten, war Connors Gefährte zum Partner eines Sutherland-Alphas geworden.
»Es tut mir leid.« Lachlan lächelte grimmig. »Aber bald kannst du es ihnen heimzahlen, mein Junge.«
»Deshalb bin ich hier.«
Schulterklopfen und Lachen. Alle stießen mit ihm an, selbst Harris. Der schien sich hier wohl zu fühlen und blieb. Am Tisch des Rudels-Chiefs zu sitzen war eine Ehre und er würde erst gehen, wenn sie ihn verjagten. Caelan widerstand der Versuchung, ihn nach dem rothaarigen Omega zu fragen. Ungefähr eine Minute lang.
»Was war da heute Mittag los?« Er grub den Löffel in seinen Eintopf und schob ihn sich in den Mund.
Harris schnalzte mit der Zunge. »Ach, der kleine Fuchs war mal wieder unverschämt. Dem sollte dringend einer die Bäckchen versohlen.«
»Der Ansicht bin ich auch.« Der Eintopf schmeckte nicht schlecht, auch wenn Caelan die Kräuter seiner Heimat vermisste. »Bei uns würde ein Omega es niemals wagen, in einen Bereich einzudringen, der verboten ist.«
»Hier schon.« Ein dreckiges Grinsen. »Aber ich beschwer mich gar nicht. Wenn die Bücklinge so blöd sind, in unseren Turm zu kommen, können wir mit ihnen machen, was wir wollen.«
War das sein Ernst? Caelans Erstaunen musste sich auf seiner Miene gezeigt haben, denn Harris schaute ungläubig.
»Was, bei euch nicht?« Meckerndes Lachen. »Dann wird es dir bei uns gefallen. Ich schwör dir, wenn der Mistkerl nicht entwischt wäre, hätte ich ihn genagelt wie ein Hammer. Der hätte das ganze Jahr nicht mehr sitzen können.«
Kaltes Wasser floss in Caelans Magen. »Gegen seinen Willen?«
»Ein Bückling hat keinen Willen«, sagte Harris. »Und schon gar nicht, wenn er in den Alphaturm kommt. He, ich wette, der ist mir Absicht da rein. Wahrscheinlich wollte er, dass ihn endlich jemand rammelt. Er ist noch unberührt. Hat er selbst gesagt.« Ein Schatten flog über Harris' Miene. »Bevor er abgehauen ist, der Dreckskerl. Das zahl ich ihm heim, ich schwör's dir.«
Caelan verspürte Übelkeit. Ihr Rudel-Chief hatte ihm erzählt, dass es weiter südlich seltsame Sitten gab, aber das?
»Die Omegas sind nicht unsere Sklaven«, sagte er. »Sie sind schwach und müssen von uns beschützt werden.«
Harris' Eckzähne erschienen. »Die Bücklinge sollen gehorchen, sonst nichts. Anwesende natürlich ausgenommen.« Er prostete dem Omega des Rudel-Chiefs zu, der schmallippig lächelte.
»Die Omegas sind schwach, aber wertvoll«, sagte Eric. »Schließlich bringen sie die Welpen zur Welt. Ich schätze, jedes Rudel hat seinen eigenen Weg, mit ihnen umzugehen.«
»Und der Weg der MacFarlanes ist es, sie zu schänden?«
Erics Gesicht blieb unbewegt. »Nur, wenn sie in unseren Bereich eindringen. Es muss Grenzen zwischen uns geben.«
»Grenzen.« Caelan sah in sein Whiskyglas. Das war es also gewesen. Kein unverschämter Rotschopf, der mit seinem Liebhaber spielte oder vor seiner Strafe abhaute. Sondern ein Junge, der vor einer Vergewaltigung floh.
»Natürliche Grenzen.« Der Rudel-Chief sah seinen Omega freundlich an. »Oder was denkst du?«
»Wir sind nicht gleich, das stimmt.« Lachlans Gefährte hatte eine melodiöse Stimme. »Und ich bin froh, dass ihr uns beschützt.«
»Und bestraft, oder?«, fragte Lachlan.
»Ja. Wenn wir es verdienen.« Etwas Dunkles lag hinter der Miene des Omegas. Als wollte er noch etwas hinzufügen. Aber er tat es nicht.
Schwach, dachte Caelan. Das dunkle Gefühl in seinem Magen blieb. Wo war er hier gelandet? Die MacKays und die MacFarlanes waren entfernte Cousins, aber offensichtlich unterschieden ihre Bräuche sich voneinander. Sehr.
»He, MacKay.« Harris deutete hinter sich. »Ist das bei euch im Norden üblich, dass ihr bei den Omegas sitzt?«
Was? Caelan sah zu Myles und Fraser hinüber. Wie erwartet redeten sie auf den Rotschopf ein. Erst jetzt erkannte er, dass sie die einzigen Alphas am Tisch waren. Auch auf den umliegenden Bänken saßen ausschließlich Omegas.
»Trennt ihr sie beim Essen?«, fragte er.
»Nur die unverpartnerten«, sagte Eric. »Es führt zu weniger Unruhe, wenn die Omegas niemanden reizen können.«
»Reizen?«
»Wenn sie niemanden mit ihrem Duft dazu bringen, sie anzufassen.« Eric schnüffelte. »Obwohl ich sie bis hier rieche. Die Hitze muss kurz bevorstehen.«
»Omegas können niemanden dazu bringen, sie anzufassen«, sagte Caelan. »Dazu sind sie zu schwach.«
»Eure Omegas vielleicht, MacKay.« Harris nahm einen Schluck Whisky. »Unsere sind eine Landplage. Der Bückling da hinten hat letzte Woche meinen Freunden schöne Augen gemacht. Und dann hat er sich verkrümelt. Hast schon recht, die besser zu erziehen wäre gut. Aber so macht's auch Spaß.«
Caelan sah einen nervös wirkenden Omega, mager und dunkelhaarig, dessen Blicke immer wieder zu den Alphatischen huschten. Er sah nicht aus wie ein Verführer.
Der Rotschopf saß ganz in der Nähe. Die beiden Trottel laberten immer noch auf ihn ein, und seine Miene wurde immer düsterer. Der Blondgelockte neben ihm dagegen strahlte. Lächelnd sagte er etwas zu Myles.
»Ich muss nach meinen Kameraden schauen«, sagte Caelan.
6. Finn
Finn wusste nicht, was ihn mehr nervte: Die beiden MacKays, die sich zu ihnen gesetzt hatten oder Leighton, der sich darüber freute.
»Den ganzen weiten Weg über, zu dritt?« Grübchen erschienen in Leightons Wangen. »Seid ihr euch nicht auf die Nerven gegangen?«
»Sind wir«, sagten die MacKays, wie aus einem Mund. Der mit dem breiten Gesicht, der immer lachte, war Myles. Der andere, den Finn erst für verträumt gehalten hatte, Fraser. Die schweren Lider und langen Wimpern hatten ihn getäuscht. Der war genau so albern wie Myles.
»Und kalt war es.« Fraser benutzte seine Lider und Wimpern, um Finn einen bedeutungsvollen Blick zuzuwerfen. »Sehr kalt. Ohne zarte Omegas, an denen wir uns wärmen konnten.«
»Was, gleich mehrere?«, knurrte Finn. »Überschätzt ihr euch da nicht?«
Myles lachte. »Fraser bestimmt. Der ist ein Zündspan, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Nein«, sagte Finn. Und es interessiert mich auch nicht, wollte er hinzufügen. Aber Myles redete schon weiter.
»Wird schnell heiß, aber leider hält es nicht lange.« Eckzähne blitzten. »Kaum, dass er angefangen hat, ist er auch schon fertig. Und so ein Zündspan ist kurz.«
Leighton kicherte. Fraser rempelte Myles mit der Schulter an.
»Und was bist du?«, fragte Finn missmutig. »Ein Baumstamm? Oder denke ich zu klein?«
Die beiden sahen ihn verblüfft an. Bevor sie antworten konnten, fiel ein Schatten über sie.
»Myles ist ein Stück Torf«, grollte der Steinerne. Seine Stimme war tief wie das Donnern der Brandung. »Ein hohles Stück Torf.«
»Torf brennt gut«, behauptete Myles.
»Ja, und es stinkt.« Der Steinerne schob seine Freunde auseinander, als wären sie Puppen und setzte sich zwischen sie. »Was treibt ihr hier?«
»Fuchsjagd.« Fraser zwinkerte Finn zu. »Unser liebster Zeitvertreib, wie du weißt.«
»Euer liebster Zeitvertreib ist, mich zu blamieren.« Der Steinerne sah ihn streng an. »Ist euch klar, dass Alphas und Omegas hier getrennt sitzen? Ihr stört die Ordnung.«
»Ach, aber hier ist es viel netter.« Myles beugte sich zu Finn und Leighton vor. Leighton kicherte. »Der Anblick zumindest.«
»Kann ich nicht behaupten«, knurrte Finn.
»Schau halt richtig hin.«
Finn kniff die Augen zusammen. »Ich sehe so schlecht. Wie wär's, damit du ein paar Schritte zurück machst, damit ich dich besser betrachten kann? Ungefähr hundert Schritte.«
Ein Schnauben erklang. Myles und Fraser wandten sich zu ihrem Kameraden um.
»War das ein Lachen?« Myles drückte den Zeigefinger in die Wange des Steinernen. Der packte seine Hand und hielt sie fest. Die Adern auf Myles' Unterarm traten hervor, aber er schaffte es nicht, sich herauszuwinden.
»Nein.« Ein Gewitter tobte im Gesicht des Steinernen.
»Du bist Caelan, oder?« Leightons Wangen leuchteten rot. Er sah wunderschön aus. »Caelan McKay?«
Was für ein bekloppter Name. Dieser Caelan ließ sich nicht einmal zu einem Nicken herab. Er löste den Griff um Myles' Handgelenk. Der rieb es und knurrte leise.
»Was willst du, Cael? Möchtest du etwa auch an unserer kleinen Jagd teilnehmen?«
»Die Beute reizt mich nicht.« Ein abschätziger Blick auf Finn. Eiskalte Augen. Er spürte einen winzigen Schauer und ärgerte sich. »Nicht im geringsten.«
»Na, da freut sich die Beute aber.« Finn stach mit dem Löffel in seinen Eintopf. »Sie wird schon von genug sabbernden Kötern belagert, da hat sie keine Zeit für einen manierenlosen Ochsen.«
Den Bruchteil einer Sekunde verharrte Caelan MacKay. Seine Miene wurde noch finsterer. »Es ist der Fuchs, der keine Manieren hat. Er sollte sich besser überlegen, wie er Ranghöheren begegnet.«
Förmlich war der. Finn betrachtete das steife Gesicht, die kantigen Gesichtszüge und die Bartstoppeln. Der Mann wirkte, als würde seine Haut sich wie Felsen anfühlen. Kalt und leblos. Ein Hauch wehte in Finns Nase. Eine Spur des betörenden Geruchs, der auch in dem Mantel wohnte, den er auf dem Schoß trug. Er fuhr ihm direkt zwischen die Beine und fachte die Wut in seinem Bauch neu an.
»Der Fuchs respektiert nur die, die seinen Respekt verdienen.« Er sah der alten Felsenfresse direkt ins Gesicht. Der jungen Felsenfresse. Überrascht stellte Finn fest, wie faltenfrei der Mann vor ihm war. Die bittere Miene hatte ihn getäuscht. Dieser Caelan schien kaum ein paar Jahre älter zu sein als er.
»Der Fuchs entscheidet nicht, wen er respektiert. Das tut die natürliche Ordnung.« Kalte Worte aus einem harten Mund. »Myles, Fraser. Wir gehen.«
Brummelnd erhoben die beiden sich. Dieser Caelan blieb noch einen Moment. Ein herrisches Nicken und seine Augen deuteten auf Finns Schoß. Dessen Wangen wurden heiß. Konnte MacKay sehen, was sich dort verbarg? Was Finn quälte, seit er diesen verdammten Umhang angezogen hatte?
Oh, richtig. Der Umhang. Den meinte der Mistkerl.
Finn griff in den Stoff und warf ihn dem MacKay zu. »Vielen Dank«, brummte er.
Er bekam keine Antwort. Wortlos drehte der Blödmann sich um und ging zurück zum Tisch des Rudel-Chiefs.
Leighton seufzte leise. Sein Atem streifte Finns Ohr und plötzlich konnte der sich nicht mehr bewegen.
»Finn.« Gequältes Stöhnen. »Ich bin so hart.«
»Was«, stotterte Finn. »Warum?«
»Warum wohl?« Leighton deutete auf Caelan MacKay, der wieder saß. »Der Mann bringt mich um den Verstand.«
Hass brodelte in Finns Bauch, kochte über und riss alles mit sich. »Der ist ein Arschloch.«
»Ein wunderschönes Arschloch.« Leightons Augen glänzten. »Ich hab mich entschieden. Caelan Mac Kay ist mein Gefährte.«
»D-das kann man nicht einfach entscheiden.« Panik griff nach Finns Herzen. »Das spürt man.«
»Ich spüre es.« Zähne blitzten. »Ganz deutlich.«
Nein! Finn wollte heulen vor Angst und Wut. Nein, nicht der! »Aber der ist ein blöder Mistkerl! Schau doch mal, wie abgerissen der rumläuft.« Er deutete auf die einfachen Kleider und die dreckbespritzten Stiefel des Alphas. Ein billiges Argument, aber sein Herz tat so weh, dass sein Kopf nicht mehr mitspielte. »Der kann doch gar nicht für dich sorgen.«
Leighton blinzelte, dann erschien das spöttische Lächeln, das Finn so gut kannte. »Hast du nicht kapiert, wer er ist?«
»Caelan MacKay?«
Leighton seufzte. »Das kommt dabei heraus, dass Declan dich immer nur die Vergangenheit abschreiben lässt. Caelan MacKay ist der Sohn des Rudel-Chiefs der MacKays.«
»Oh.« Finn zögerte. »Wie kommt es dann, dass ich noch nie von ihm gehört habe?«
»Seine Brüder sind die, von denen alle reden. Geredet haben.« Leightons Augen verfolgten Caelan. Der sprach mit Harris. Natürlich verstanden die beiden Drecksäcke sich.
»Was?« Finn sah seinen Freund an. »Was ist mit seinen Brüdern?« Er zögerte. Wie hießen die MacKay-Stammhalter nochmal? »Ruben und Connor, richtig? Sind die … oh.«
»Ja.« Leighton klang ernst. »Umgebracht von den Sutherlands.«
»Beide?« Mitleid wallte in Finn auf. Der Mistkerl, der ihm Leighton wegnehmen wollte, wirkte auf einmal richtig menschlich. »Der Arme. Kein Wunder, dass der so böse schaut.«
»Wieso?«, fragte Leighton. »Wenn die nicht gestorben wären, wäre er jetzt nicht der Nächste in der Rangfolge. Als Dritter hätte er nie eine Chance gehabt.«
»Aber selbst einem Alpha ist es nicht egal, wenn sein Bruder stirbt. Schätze ich.«
»Wer weiß, vielleicht haben die sich gehasst.« Leighton zuckte mit den Achseln. »Oh, dieser Mann …« Seine Schwärmerei wurde von einem tiefen Stöhnen unterbrochen. Sie wandten sich um. Albie, ein dunkelhaariger Omega krallte die Hände in die Tischplatte. Sein Gesicht war feuerrot.
»Geht es los?«, fragte der Omega neben ihm mitfühlend.
Albie nickte. Er presste die Lippen fest aufeinander und atmete stoßweise. Schauer durchliefen seinen Körper.
Die Hitze hatte begonnen.
Finn unterdrückte die Angst in seinem Magen und streckte Albie die Hand hin. »Komm, Leighton und ich bringen dich in den Turm.«
Dankbar nahm Albie die Hand und nun roch Finn ihn. Schwerer, süßlicher Geruch ging von ihm aus. Verführerisch wie eine reife Frucht. Die ersten Alphas wandten bereits die Köpfe nach ihnen.
»Schnell«, murmelte Finn.
»Finn, die werden nicht hier über ihn herfallen«, zischte Leighton. Aber er nahm Albies andere Hand und half ihm, aufzustehen. Der Geruch reizte selbst Finn. Wenn ein Omega in Hitze geriet, folgten die anderen wenige Tage später. Albies Hand in seiner war schweißnass. Unter seinem Kilt zeichnete sich der Umriss seiner Härte ab und er leckte sich fast zwanghaft die Lippen.
»Schnell«, flüsterte er. Sie strebten dem Ausgang zu.
Ein Omega in Hitze hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Bei seiner ersten Hitze hatte Finn sich vor Leighton auf den Boden geworfen und gebettelt, dass er ihm die Rute lecken durfte. Ein anderer hatte sich beim Abendessen befriedigt, vor allen anderen, weil er den Trieb nicht mehr unterdrücken konnte. Manche warfen sich vor den Alphas auf die Füße und flehten darum, genommen zu werden. Das Furchtbare war, dass das eine rein körperliche Reaktion war. Der Geist sah die ganze Zeit fassungslos zu, was der Körper trieb und nach der Hitze kam die Scham.
Aber das Schlimmste war die Reaktion der Alphas. Nach jeder Hitze gab es verletzte Omegas, oft schwer. Von dem Geruch zur Raserei getrieben, kämpften sie um die Omegas und wenn sie sie in die Finger bekamen, immer noch angepeitscht vom Kampf, kannten sie kein Halten. Finn hatte Würgemale gesehen, blutige Striemen von Fingernägeln und auch Wolfsklauen. Es gab selbst Gefährten, die sich schwere Wunden zufügten. Andere sehnten die Hitze das ganze Jahr über herbei und sperrten sich drei Tage lang gemeinsam ein.
Letztes Jahr hatte ein Alpha Finn im Flur in einen Erker gedrängt und versucht, ihn mit Gewalt zu nehmen. Er erinnerte sich immer noch an das hungrige Maul, den Speichelfaden, der dem Mann über das Kinn gelaufen war. Ja, Finn war hart und rallig gewesen, aber er wollte nicht mit einem Alpha schlafen. Nie. Doch der Alpha hatte ihm nicht geglaubt, und nur die Tatsache, dass Eric zufällig vorbeigekommen war, hatte ihn gerettet. Der hatte dem anderen Alpha klargemacht, dass er sich so nur im Alpha-Turm verhalten durfte und Finn in den Omega-Turm geschickt.
Albies Wimmern hallte von den Wänden, als sie durch den düsteren Flur gingen. Es roch nach feuchtem Stein und Moder und sie froren. Fackeln erleuchteten die grob gehauenen Felsen, aber die Lücken dazwischen blieben rabenschwarz.
»Oh, verdammt«, jammerte Albie. »Warum denn jetzt? Ich habe gerade angefangen ein neues Stück zu lernen. Das kann ich mir nie merken, bis die Hitze vorbei ist.«
»Nimm den Dudelsack doch mit in den Turm«, sagte Finn. Zu ihrer eigenen Sicherheit wurden sie während der Hitze in den Omegaturm gesperrt.
»Bist du verrückt?« Albie lachte kläglich. »In einen Turm voll ralliger Omegas? Die stecken sich die Pfeifen doch überall rein, wenn es sie überkommt. Die kriege ich nie wieder sauber.«
Finn und Leighton lachten. Ihre Stimmen wurden zu einem gruseligen Echo verzerrt und ein Schauer rann durch Finns Magen.
Sie kamen nur langsam voran. Albie jammerte, dass seine Beine weich seien, dass er kaum laufen konnte, weil seine Eier sich wie Zementsäcke anfühlten. Und dann blieb er ganz stehen.
»Es geht nicht mehr.« Seine Wangen glühten. »Ich kann nicht weiter gehen. Nicht so.«
Schon entriss er ihnen seine Hände, fuhr unter den Kilt und begann, sie hektisch zu bewegen.
Finn und Leighton drehten sich um. Wenn er wieder zu Verstand kam, würde Albie zu schätzen wissen, dass sie ihm seine Privatsphäre gegönnt hatten. Gerade nicht. Da stöhnte er, und Finn konnte nicht erkennen, ob es lustvoll oder gequält war.
»Unglaublich«, flüsterte Leighton Finn zu. »Wenn ich mich auch so verhalte, fessel mich bitte.«
»Albies Hitze ist immer stark.« Finn hoffte wirklich, dass Leighton sein Verhalten vom letzten Jahr vergessen hatte.
»He, weißt du noch, wie du dich vor mir auf dem Boden gewälzt hast?«
Hitze stieg in Finns Wangen. »Weißt du noch, wie du gedacht hast, hinter dem Vorhang hört dich keiner?«
»Sei ruhig.« Leightons Ohren schimmerten rot. »Was in Hitze geschieht, ist nie geschehen, klar?«
»Sehe ich genauso.« Finn unterdrückte den Aufruhr in seinem Inneren. Albies gehetzte Geräusche machten es nicht einfach.
»Was wollten diese beiden MacKays eigentlich von dir?« Leighton betrachtete die Wand, als wäre sie hochinteressant. »Seit wann kriegst du so viel Aufmerksamkeit von Alphas? So hübsch bist du echt nicht.«
Finn ignorierte den Schmerz. »Ich bin wunderschön«, knurrte er. »Keine Ahnung, was die hatten. Denen bin ich heute Mittag begegnet, als Harris mich verfolgt hat.«
»Als du Caelan getroffen hast, meinst du.« Leighton überlegte. »Er ist schön, oder? Wirklich schön. Bei ihm merkt man den Wolf mehr als bei anderen, aber das ist ziemlich anziehend.«
»Er ist ein humorloser Langweiler. Bei dem schlafen dir die Füße ein, wenn er dein Gefährte wird.«
»Er hat Humor. Immerhin hat er über deinen Witz gelacht. Und so lustig war der nicht.« Leighton zögerte. »Du versuchst nicht, dich bei ihm anzubiedern, oder?«
»Was?! Warum sollte ich mich bei ihm anbiedern?«
»Weil du scharf auf ihn bist?« Leightons Blick war eine Klinge. »Du bist irgendwie komisch, seit du ihn getroffen hast. Du kannst dich auf nichts mehr konzentrieren und beim Essen hast du dauernd zu ihm rübergeschaut.«
»Habe ich nicht!« Finn ballte die Fäuste. Hatte er das? Der Umhang in seinem Schoß hatte ihn irritiert. Auch jetzt glaubte er, dass ihm der verwirrende Duft des Alphas noch anhaftete. Schwer und würzig und wild wie das Meer bei Sturm.
»Hoffentlich.« Das Lachen war aus Leightons Augen verschwunden. »Er gehört mir, klar? Caelan ist mein Gefährte. Dräng dich nicht dazwischen.«
Ein langgezogenes Heulen hinter ihnen. Albie war fertig. Finn wandte sich zu ihm um und sah, wie er eine besudelte Hand am Boden abwischte. Langsam erhob er sich.
»Na, besser?« Leighton grinste schon wieder.
»Ein bisschen.« Albies Augen schimmerten fiebrig. »Ihr kennt das ja.«
Sie kannten es. Es reichte nie. Das Einzige, was die Erlösung brachte, war das Ende der Hitze. Oder die Berührung eines Alphas, aber die konnte genau so gut mehr Schmerzen mit sich bringen. Oder sogar den Tod. Finn schluckte schwer.
»Komm, wir bringen dich in den Turm«, sagte er und hakte Albie unter. »Da bist du sicher.«
»Sicher? Vor wem?«, erklang eine Stimme hinter ihnen.
Sie fuhr in Finns Magen wie ein Dolchstoß. Panik erfüllte ihn und als er sich umdrehte, wollte er heulen.
Vier Alphas standen am anderen Ende des Flurs. Er kannte sie. Er kannte ihre vor Gier verzerrten Gesichter. Es waren Freunde von Harris, andere Wächter. Leon, Darragh, Dexter und Lincoln. Alle kräftig, alle gefährlich. Klar, die waren Kämpfer. Auch, wenn sie gerade keine Schwerter in den Händen hielten.
Finns Füße waren aus Blei. Lauf!, dachte er, aber er tat es nicht. Und als er sich umwandte, sah er, dass hinter Albie und Leighton ein weiterer Kerl aufgetaucht war: Cooper. Er grinste ein zahnlückiges, hungriges Grinsen. Finn schauderte. Mist. Sie hatten zu langen gebraucht. So lang, dass die Fünf sie einkesseln konnten. Der sechste, Harris, fehlte. Finn hatte einmal gehört, dass diese Gruppe sich das Pack nannte.
Er spürte Leighton und Albie hinter sich. Instinktiv schob er den Körper vor sie, schirmte sie vor den Blicken der Vier vor ihm ab. Vielleicht konnten die beiden Omegas mit einem Alpha fertig werden. Und er … Wie zur dreifachen Arschfalte sollte er mit denen zurechtkommen?
Gar nicht, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Leg dich einfach hin und hoff, dass sie es nicht übertreiben.
»Ich will ihn zuerst, klar?« Leon atmete schwer. Noch war er einen halben Flur weit entfernt.
»Nein.« Der Wolf färbte Dexters Stimme, roh und lüstern. »Er gehört mir.«
»Wir teilen.« Leon grinste fiebrig. »Kleiner Fuchs, geh aus dem Weg, dann passiert dir nichts. Wir wollen nur ihn. Der hat uns letztens schon hingehalten. Dabei will er es. Das kann ich riechen.« Seine fleischige Zunge leckte über vernarbte Lippen.
Panik krallte sich in Finn. Sein Körper versteinerte. Er war so klein, so schwach. So nichts. Ein Würmchen, im Vergleich zu den anderen.
»Ich will nicht!«, rief Albie. Er war leichenblass. »Ich hab euch letzte Woche schon gesagt, dass ich nicht will!«
Dexter lachte und die anderen stimmten ein. »Ein Bückling will nichts. Ein Bückling bückt sich.« Das Echo seiner Stimme hallte durch den Flur. »Kommt, Jungs. Zeigen wir ihm, wo wir unsere Messer versteckt haben.«
»Nein!« Finn war überrascht, wie kräftig er klang. »Ihr fasst ihn nicht an! Wir sind nicht im Alpha-Turm! Ihr habt nicht das Recht, ihn anzufallen!«
Die Vier verharrten. Ärger zog über ihre Gesichter. Nur Dexter lächelte weiter.
»Sieht aus, als müssten wir den kleinen Bückling in den Alpha-Turm schleppen. Los, packt mit an!«
»Nein!« Finn breitete die Arme aus. Eine komplett nutzlose Geste. Die vier näherten sich, lauernd und gierig. Hinter Finn erklang ein nasses Geräusch. Ein gehetzter Blick über die Schulter und er sah, wie sich eine Pfütze zwischen Albies Beinen bildete. Panisch sah der Finn an, die Augen weit wie die eines sterbenden Kaninchens.
»Lass mich nicht allein«, flüsterte er. »Bitte, Finn.«
»Finn!« Leighton ging langsam rückwärts. Auf Cooper zu, dessen Blick aber auf Albie gerichtet war. »Finn! Hauen wir ab! Die wollen nur ihn!«
Eine feige kleine Stimme flüsterte Finn zu, dass Leighton recht hatte. Sie konnten ungeschoren hier rauskommen. Die Fünf würden Albie verschleppen und wenn er schwer verletzt wieder auftauchte, würden sie behaupten, er wäre ihnen freiwillig in ihren Turm gefolgt. Finns Wort würde gegen ihres stehen, und das Wort eines Omegas hatte kein Gewicht. Er atmete ein. Seine Kehle war so eng, dass es wehtat.
»Ich lass dich nicht allein, Albie«, flüsterte er und schoss los. Zur Seite. Zur Wand, an der die nächste Fackel hing. Er riss sie aus der Halterung, gerade, als Dexter fast bei Albie war und schlug sie gegen dessen Arm. Heulend sprang Dexter zurück.
»Du kleiner Drecksack!« Hass loderte aus seinen Augen. »Mein Arm! Dafür reiß ich deinen Arsch in Stücke, Finn!«
Finn hielt die Fackel vor sich. Die Flammen loderten, beleuchteten seinen schwächlichen, zitternden Arm. »Lass uns in Ruhe!«
»Niemals!«, fauchte Dexter. »Der kleine Bückling gehört uns! Und du auch!«
Noch zögerten sie. Noch standen die Vier vor ihm und starrten auf die Fackel in seinen Händen.
»Was soll das, Bückling?« Leon grinste. »Meinst du, du kannst uns aufhalten? Du Schwächling?«
Die Worte drangen unter Finns Haut. Ja, er war schwach. Schwach und erbärmlich und klein noch dazu. Das Zittern in seinem Arm wurde stärker. Doch gerade, als er ihn senken wollte, als er sein nutzloses Vorhaben aufgeben wollte, erwachte etwas in ihm. Wut. Grenzenlose, verzehrende Wut. Er packte den Metallgriff fester.
»Ich kann nicht alle aufhalten«, knurrte er. »Aber einen von euch. Der Erste, der angreift, kriegt die hier in die Fresse.« Er hob die Fackel höher. »Also, wer will?«
Dexter brüllte. Er hielt sich den Arm und brachte die Luft mit seiner Stimme zum Beben. Aber er kam nicht näher.
»Leon, kümmer dich um den Bückling«, sagte er.
Leon blieb stehen.
»Leon!«
»Mach's doch selbst!«
Jemand schrie. Hinter Finn, der es nicht wagte, die Vier aus den Augen zu lassen.
»Lass los!« Albie. Cooper musste ihn gepackt haben.
»Wehr dich, Albie!«, rief Finn. Seine Kehle wurde eng. Sie hatten keine Chance. Sie konnten nicht gewinnen. »Wehr dich! Los!«
Nur ein Moment der Unaufmerksamkeit, aber Leon nutzte ihn.
Er sprang.
7. Caelan
»Kommt mit«, befahl er Myles und Fraser, die sich inzwischen am Alphatisch unterhielten. Das Abendessen war immer noch im vollen Gange. Schüsseln klirrten, Stimmen brummten und der Geruch nach schwitzenden Männern überdeckte langsam den des Kaminrauchs.
»Wohin?«, fragte Myles, aber er erhob sich. Auch Fraser folgte ihm an den Bänken entlang. Bis zu der Tür, durch die die Männer verschwunden waren. Caelan stieß sie auf.
»Euer kleiner Fuchs ist eben gegangen, falls ihr das bemerkt habt.« Sorge beschleunigte Caelans Schritte. »Er hat einen anderen Omega hinausbegleitet. Ich schätze, die Hitze hat eingesetzt.«
»Ach, das war der Geruch.« Fraser leckte seine Lippen. »Ich war eben plötzlich spitz, von einem Moment auf den anderen.«
»Bist du doch immer«, sagte Myles. »Warum folgen wir ihnen, Cael? Willst du dich doch an unserer Jagd beteiligen?«
Caelan ignorierte diese idiotische Unterstellung. Als ob er je einem dieser kraftlosen Omegas nachgestiegen wäre. Und dann noch so einem anmaßenden.
»Ich war nicht der Einzige, der es bemerkt hat.« Der Steinflur war so eng, dass sie kaum zu zweit nebeneinander gehen konnten. »Fünf Alphas sind ihnen gefolgt.«
»Ja, und? Cael, was erzählst du uns da?«
»Dass euer Fuchs in Gefahr sein könnte.« Caelan zögerte, so über ihre Verbündeten zu sprechen, aber es war die Wahrheit. »Die MacFarlanes haben sich nicht so gut im Griff wie sie sollten. Ich habe am Tisch des Rudel-Chiefs einiges erfahren.«
»Was?« Myles klang ungläubig. »Willst du sagen, dass die ihre Omegas nach Lust und Laune schänden? Das ist doch Blödsinn.«
»Das hoffe ich.« Caelan bog in den nächsten Gang. Und erstarrte.
Flammen loderten in der Mitte des Flurs, leckten zittrig über die groben Steine. Er registrierte die Rücken von vier Männern. Bemerkte einen fünften, der am Boden mit einem Omega rang und einen Blonden, der die Szene mit schreckgeweiteten Augen verfolgte. Rauch hing in der Luft, und der schwere Duft nach einem Omega in Hitze. Caelans Atem stockte.
Finn.
Alles, was er sah, war Finn. Flammen schienen auf sein bleiches Gesicht, das zerknitterte Hemd, die roten Haare, die selbst zu brennen schienen. Der Fuchs war wütend. Verdammt wütend. Zorn leuchtete aus seinen Augen, ließ die entblößten Eckzähne blitzen und jeden Muskel in seinem Körper zittern.
Er war wunderschön.
»Wehr dich, Albie!«, rief Finn. »Wehr dich! Los!«
Einer der Männer sprang auf Finn zu und die Fackel ging auf dessen Brust nieder wie ein Schwert. Brüllend wälzte der Kerl sich über den Boden. Finn wich einen Schritt zurück und packte die Fackel mit beiden Händen.
»Na, wer will noch mal? Kommt her, ihr hässlichen Alpha-Schweine!« Eine Träne lief seine Wange hinunter.
Er hat Angst, verstand Caelan. Tödliche Angst. Aber er kämpft.
Etwas entfaltete sich in seiner Brust. Langsam und ungelenk, als hätte es sein Leben lang geschlafen.
Die drei anderen Alphas zögerten, nur einen Moment lang. Sie würde alle gleichzeitig angreifen. Der Kleine konnte nicht gewinnen. Und doch kämpfte er.
»Was geht hier vor?«, brüllte Caelan. Seine Stimme fuhr durch den Flur wie ein Windstoß. Alle sahen ihn an. Er selbst konnte nur Finn anstarren. Dessen Augen weiteten sich. Panik zuckte über sein Gesicht.
Was denkt er?, dachte Caelan. Warum schaut er mich so an?
Enttäuschung schlug über ihm zusammen, als er verstand. Der kleine Fuchs dachte, sie wären hier, um sich den anderen Alphas anzuschließen.
»He, die MacKays.« Einer der Angreifer lecke sich die Lippen. Sein Ärmel zeigte schwarze Rauchspuren. »Ihr stellt euch hinten an, klar? Das sind unsere Bücklinge.«
Wieder dieses Wort. Caelan holte tief Luft. Der Wolf in ihm hungerte, wollte diesem Mistkerl das Fleisch von den Knochen reißen. Man sah es ihm an. Er erkannte es in der Art, wie der Mann mit dem verbrannten Ärmel zurückwich.
»Na gut«, sagte der und versuchte, würdevoll zu schauen. »Ihr kriegt den Vortritt. Weil wir gute Gastgeber sind und so.«
»Wir sind nicht hier, um Schwächere zu schänden«, sagte Caelan. Tierisches Grollen unterlegte seine förmlichen Worte. »Lasst sie in Ruhe. Ihr seid nicht im Alpha-Turm.«
Und selbst wenn sie es gewesen wären, hätte er Finn und die anderen da rausgeholt. Dabei hatte er Myles und Fraser eben noch zurechtgewiesen, weil sie sich den Bräuchen ihrer Verbündeten nicht angepasst hatten.
Die Fünf zögerten.
»Ist das dein Ernst, MacKay?« Der Mann mit dem verbrannten Ärmel blinzelte.
»So sind die Regeln, oder nicht?« Caelan sah ihn herausfordernd an.
Töten, heulte der Wolf in ihm. Warmes Blut, leckere Kehle. Töten!
»Was kümmert ihr euch um die Regeln?« Der Mann knurrte. Die Luft war schwer und aufgeladen, wie kurz vor einem Gewitter. »Was gehen euch unsere Regeln an? Scheiß auf unsere Gesetze.«
»Möchtest du das vor Eric wiederholen, Dexter?« Finns Stimme war ruhig. Voll und kräftig, obwohl Caelan die Angst in seinen Augen sah. Finns Augen waren golden im Feuerschein, so strahlend, dass Caelan ihre wahre Farbe nicht erkennen konnte.
Sie müssen grün sein, dachte er. Hellgrün wie junges Moos. Dieses neue Gefühl in seiner Brust breitete sich aus. Bald würde es ihn ganz erfüllen.
»Klappe, Bückling!« Dexter fuhr herum. Finn zuckte zusammen, wich aber keinen Schritt.
Sofort war Caelan bei ihm. Er packte Dexter und schleuderte ihn zu Boden, mit einer Hand. Der Alpha segelte durch den halben Flur. Die anderen zögerten, die Fäuste geballt. Es roch nach Wolf. Normalerweise hätten sie sich jetzt verwandelt und gekämpft. Aber die MacKays und die MacFarlanes gehörten zu den zivilisierten Rudeln.
»Verpisst euch oder Lachlan und Eric erfahren, was hier gerade geschehen ist.« Caelan wollte ruhig klingen, aber er hörte Finns hektischen Atem in seinem Nacken. So klang der Befehl wie eine Morddrohung.
Sie verpissten sich. Mit eingekniffenen Schwänzen trotteten sie zurück, in Richtung des großen Saals.
Es war ruhig im Flur. Selbst Myles hielt ausnahmsweise die Klappe.
»Danke.« Der blonde Omega lächelte. Er stellte sich neben Finn und strahlte Caelan an. »Du hast mich gerettet.«
»Ich hab dich auch gerettet«, brummte Finn. Die Fackel loderte immer noch und verwandelte seine Haare in ein Flammenmeer.
Lasair, dachte Caelan. Lasair, die Flamme.
»Geht es euch gut?«, fragte Myles.
»Ja«, sagte Finn und schob sich zwischen sie und den Blonden. »Oder? Albie?«
»Ja. Nur ein paar Kratzer.« Der dunkelhaarige Omega mit dem geröteten Gesicht nickte schwach. Er erhob sich aus seiner knienden Position und Myles schnupperte. Hitze und Urin färbten die Luft.
»Wir gehen jetzt«, sagte Finn und schob seine Freunde vor sich her. Mit einer Hand. Das Licht der Fackel wärmte sein blasses Gesicht. Seine Lippen waren geschwungen wie Wellenkämme.
Caelan sah ihnen nach, bis ihre Schritte auf der Treppe verklungen waren. Da hinten musste der Omega-Turm liegen. Dort waren sie in Sicherheit. Finns misstrauischer Blick verfolgte ihn immer noch. Ja, die Augen waren grün, aber nicht wie Moos. Eher wie die ersten Frühlingsblätter, durch die das Sonnenlicht fiel. Strahlend, mit einem Hauch Gold.
Er bemerkte erst, dass Fraser etwas gesagt hatte, als der ihn an der Schulter packte. Caelan wandte den Kopf. »Was?«
»Was war da los, Cael? Was hast du da vom Turm erzählt?« Er zögerte. »Und was zur heiligen Sackrunzel ist das für ein Gesichtsausdruck? Bist du besoffen?«
War dieser süßliche Whisky so stark? Hitze rann durch Caelans Adern.
»Ich erkläre euch alles. Gehen wir zurück.«
***
Später, als sie wieder in ihrem winzigen Zimmer waren, fand Caelan keine Ruhe. Er lief auf und ab, was aufgrund der beengten Verhältnisse sehr hektisch wurde, und versuchte, das Chaos in seinem Inneren zu begreifen. Es brodelte in seiner Brust und immer wieder blitzte das Bild von Finn auf, Finn mit der Fackel in der Hand. Wild, mutig. Stark.
Aber das konnte nicht sein. Omegas waren schwach und unterwürfig. Was war da schiefgelaufen? War Finn etwa doch ein Alpha? Nein. Er roch wie ein Omega. Er hatte die zierliche Statur eines Omegas. Aber etwas stimmte mit ihm nicht.
Oder mit mir stimmt etwas nicht, dachte Caelan.
»Bist du nervös?«, fragte Fraser. »Cael? Geht es dir gut?«
»Ja.« Nein. Warum rann diese Hitze durch seinen Leib? Hitze. Vielleicht war es das. Wenn die ersten Omegas soweit waren, brachten sie die Alphas durcheinander. Bestimmt stand Finns Hitze kurz bevor. Aber warum dachte er dann nicht an Albie, den dunkelhaarigen Omega? Der war bereits in voller Hitze.
»Mach dir keine Sorgen, Cael.« Myles streckte sich auf seinem Strohsack aus. »Wir besiegen die Sutherlands. Darum sind wir hier, oder?«
Die Sutherlands. Schon seit Minuten hatte Caelan nicht mehr an sie gedacht. Oder an Connor. Er brummte etwas Zustimmendes und behauptete, dass er noch einmal ins Freie wollte. Dem Wolf etwas Auslauf gönnen.
Weder Myles noch Fraser kamen mit, glücklicherweise. Vermutlich würden sie ihre Ferkeleien von der Reise fortführen, nun, da sie den Raum für sich hatten.
Die Wachen ließen ihn durch und er streifte gleich am Tor die Kleidung ab. Und ließ den Wolf heraus. Seine Glieder verformten sich, er streckte den Rücken durch und ließ die Vorderpfoten ins kalte Gras sinken. Über ihm leuchtete ein gigantischer Mond, fast voll. Sein kühles Licht glänzte auf den Hügeln, die sanft geschwungen waren wie Finns Lippen. Schroffe Felsbrocken durchbrachen das Grün, erhoben sich dort, als hätte die Erde sie mit Gewalt ausgestoßen. Selbst die erinnerten ihn an Finn. An die Wildheit seiner Augen, den Zorn in seiner Haltung.
»Viel Spaß, MacKay«, sagte eine der Wachen und Caelan rannte los. Über Wiesen, die fruchtbar und schwer rochen, Felsen, deren Duft ihm noch vom Sonnenlicht erzählten. Das Meer war nah und er schmeckte das Salz auf seiner Zunge. All seine Sinne waren geschärft, wenn er zum Tier wurde.
Nur als Wolf fühlte er sich ganz. Die Rudel wurden immer zivilisierter, verbargen ihre wölfische Seite, wo sie konnten. Selbst die Kriege wurden nicht mehr in Wolfsgestalt ausgeführt. Schwerter und Pfeile hatten sich als tödlicher erwiesen als Klauen und Reißzähne. Caelan glaubte den neuen Weisheiten nicht. Den Männern, die behaupteten, der Wolf sei nur ein kleiner Teil ihrer Persönlichkeit. Er war die Hälfte. Und es war falsch, das zu vergessen.
Die Landschaft flog unter seinen Pfoten hinweg und der Wind strich über sein Fell. Die Wiesen wurden zu gezackten Klippen. Alle Muskeln spannten sich und er sprang. Hetzte einen Felsen hoch, den er als Mensch mühsam hätte erklettern müssen, sprang von einer Spitze zur nächsten. Er hörte das Meer vor sich, schmeckte die Gischt.
Und dann sah er es. Wie ein schwarzes Tuch lag die See unter ihm. Samten im Mondlicht, trügerisch glatt, wo sie am Horizont verschwand. Und unendlich mächtig. Wellen donnerten gegen die Klippen, tief unter seinen Pfoten. Er schaute über die Kante.
Wenn ich stürze, bin ich tot, dachte er. Egal, in welcher Gestalt.
Sein Atem ging kaum schneller, doch sein Herz raste. Immer noch war Finn überall, durchzog seine Gedanken wie ein roter Faden grauen Tartanstoff. Sie trugen feine Stoffe, hier im Süden. Überhaupt war hier alles größer und edler. Er warf einen Blick zurück auf die Burg, die weit hinter ihm lag. Vor dem Nachthimmel wirkte sie schwarz, die mächtigen Türme wie Stöckchen. Links lag der Omegaturm und Caelans Wolfsaugen erkannten, dass in einigen Fenstern noch Licht brannte. Ob Finn noch wach war? Hatte die Hitze schon eingesetzt?
Ob er an mich denkt? Caelan zuckte zusammen. Missmutig legte er sich auf den schroffen Felsen und stützte den Kopf auf die Vorderpfoten.
Es ist egal, ob er an mich denkt. Vollkommen egal. Und wenn er es tut, bedenkt er mich vermutlich mit Schimpfwörtern.
Kommt her, ihr hässlichen Alpha-Schweine!
Er war mutig, dieser Rotschopf. Nicht mutig für einen Omega. Mutig. Wie seine Augen geblitzt hatten, geisterhaft im Schein der Fackel. Myles hatte behauptet, dass er ihm Angst gemacht hatte. Es war keine Angst, die nun durch Caelans Brust floss. Es war etwas Heißes, Primitives. Und doch so zart wie der Windhauch, der über sein Fell strich. Ein Tropfen landete auf seiner Nase. Es begann zu regnen. Wie eine zarte Berührung ging es auf ihn nieder, der weiche Regen, der sie den halben Weg über begleitet hatte. Der ständig fiel, und den er kaum wahrnahm, wenn er nicht in Wolfsgestalt war.
Was ist das?
Er erinnerte sich an Finns nackten Körper. Heute Mittag hätte er ihn als durchaus ansprechend bezeichnet. Hübsch. Etwas mickrig. Nun lechzte alles in ihm danach, einen zweiten Blick auf den Omega zu werfen. Noch einmal die milchweiße Haut zu sehen, die schimmerte wie das Mondlicht auf den schwarzen Wellenkämmen. Die Sommersprossen zu berühren, süße, winzige Tupfen, die Schultern und Nacken bedeckten.
Hatte er gerade wirklich »süß« gedacht? Dieses Wort war Caelan MacKay noch nie in den Sinn gekommen, so lange er denken konnte. Er fröstelte. Ein Schauer durchlief ihn.
Verdammt, dachte er. Nein.
Die Sutherlands würden kommen. Er würde kämpfen, würde Connors Tod rächen. Er musste die Burg befestigen, die Wachen und Krieger einweisen und dafür sorgen, dass alles bereit war, wenn der Feind angriff.
Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich zu verlieben.
8. Finn
Am nächsten Tag begann es bei Leighton und zwei anderen. Finn konnte es kaum ertragen, wie fiebrig sein Freund schaute, wie verzweifelt er sich nachts auf seinem Strohsack wand.
Der Mond schien in den winzigen Raum, in dem sie mit vier anderen Omegas lagen. Albie war ebenfalls darunter. Die ganze Nacht über konnte Finn nicht schlafen, lauschte in angespannter Erwartung auf die Geräusche hinter sich. Leightons unterdrücktes Stöhnen, das Knistern des Strohs, das Rascheln der Laken. Erst verschämt, dann lauter, als sein Freund die Vorsicht vergaß. Das leise Wimmern. Es fuhr ihm direkt zwischen die Beine und sorgte dafür, dass er ebenfalls Hand an sich legte. Erst unauffällig, dann viel zu laut. Er biss in das raue Leintuch, um das Jaulen zu unterdrücken. Der süße Hitzeduft hing schwer im Raum. Als Finn fertig war, begann Albie von Neuem, und dann wieder Leighton. Der murmelte etwas. So leise, dass nur Finn es verstand.
»Caelan.« Hitzige Worte, in Stroh und Leinen gemurmelt. Inbrünstig und zärtlich.
Sie brannten sich durch Finns Körper und zerrissen ihn. Schmerz blühte in seiner Brust auf.
»Caelan.« Gefolgt von unterdrücktem Jaulen.
Finn versuchte zu schlucken, aber es ging nicht. Tränen quollen aus seinen Augen.
Caelan MacKay. Wie er ihn hasste. Weil Leighton nicht aufhörte, von ihm zu sprechen. Wie er ihn gerettet hatte. Finn hatte ihn auch gerettet, aber es war Caelan, an den sein Freund dachte, wenn er sich befriedigte. Wenn ihm im Hitzetaumel Worte herausrutschten, die alles verrieten.
Blöder Alpha, dachte Finn und spürte, wie seine Tränen im Leintuch versickerten. Verdammter MacKay. Wenn ich dich in die Finger bekomme. Aber was dann? Besiegen kann ich ihn nicht.
Er dachte an den mächtigen Körper des Kerls. Neben dem musste er aussehen wie ein Floh neben einem Ochsen. Dieser MacKay war stärker als er und höher in der Rangordnung, weil er ein Alpha war. Außerdem war er der nächste Chief seines Rudels. In nichts konnte Finn mit ihm konkurrieren. Der Mistkerl sah sogar besser aus.
Leighton hörte nicht auf, von den grauen Augen zu schwärmen, den vollen Lippen, den dichten Haaren und baumstammdicken Armen. Selbst die Nase ließ er nicht aus.
»Sie ist wie eine Felsklippe«, stöhnte Leighton, als Finn ihm das Abendessen brachte. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, obwohl er sich gegen die kalte Mauer lehnte. »Alles an dem Mann ist scharfkantig und hart.«
»Sein Kopf ist weich«, murrte Finn.
»Sei nicht so undankbar.« Leighton beachtete den Eintopf kaum, den Finn ihm reichte. »Er hat dich gestern gerettet.«
Ein Grund mehr, ihn zu hassen.
Der Hitzegeruch wurde dicker und süßer. Noch bevor die Woche um war, hatte es beinahe jeden erwischt, bis auf Finn. Er war immer der Letzte. Vielleicht, weil er sich dagegen wehrte. Weil er so verzweifelt hoffte, dass er verschont blieb. Bald war er der einzige Omega im fruchtbaren Alter, der noch im großen Saal speisen durfte. Die Tische leerten sich. Nur die unverpartnerten Omegas, die zu alt waren, um noch Kinder zu gebären, saßen bei ihm. Und die spekulierten feixend, wann es bei ihm losgehen würde.
Die MacKays beobachteten ihn. Myles und Fraser winkten ihm, auch wenn sie sich glücklicherweise von den Omegatischen fernhielten. Wenn sie nach dem Essen ein Gespräch anfangen wollten, wehrte Finn sie ab.
Caelan sprach ihn nie an. Aber er starrte. Und der Mann konnte starren wie ein Falke. Finn schaffte es kaum, böse Blicke zurückzuwerfen, weil ihm der düstere Blick so unter die Haut ging. Was hatte der Mistkerl? Er schaute, als wollte er Finn lebendig verschlingen.
Vermutlich habe ich mich endgültig als lieber, sittsamer Omega disqualifiziert, als ich Leon mit der Fackel erwischt habe. Ja, wahrscheinlich will er, dass ich mich schäme. Ich hätte mich fügen sollen wie ein braver Bückling. Wenn's nach diesem Arschloch von MacKay geht zumindest.
Finn starrte zurück, jedes Mal. Manchmal minutenlang, bis einer von ihnen unterbrochen wurde. Meist der MacKay, an Finns Tisch war ja nichts mehr los.
Komm doch her, du feiger Mistkerl, dachte Finn. Du Alpha-Arschloch.
***
»Finlay, mein Junge, das ist ausgezeichnet.« Declan betrachtete die neueste Abschrift. »Wer weiß, vielleicht wird aus dir ja doch noch einmal ein guter Schreiber.«
»Danke.« Finn war überrascht. Declan lobte ihn selten. »Aber ich habe das gemacht wie immer.«
»Übung schult das Auge.« Jetzt nickte sein Meister auch noch anerkennend. »Und die Zeichnung hier, die hat Charakter.«
»Ist doch nur eine Kopie.«
»Gut kopieren ist schwerer als gut zeichnen«, wiederholte Declan seinen Lieblingsspruch.
Sein Blick glitt über die Tuschezeichnung der dritten MacFarlane/MacNeil-Schlacht. Die schwarze Farbe hätte rot sein müssen, so viel Blut floss dort. Fänge und Reißzähne überall, verbissen in Kehlen und Nacken. Es war eine alte Zeichnung gewesen, fast verblasst. Noch aus der Zeit, in der Alphas und Omegas gemeinsam gekämpft hatten, also vor über dreihundert Jahren. Kleine, schmalere Wolfskörper mischten sich mit den großen der Alphas und waren kein bisschen weniger blutrünstig.
Dieser Umstand hatte Finn sehr verwundert, als er zum ersten Mal davon gelesen hatte. Aber Declan hatte es mit einem Schnauben abgetan. Er hatte Finn erklärt, dass diese Berichte aus einer älteren, unzivilisierten Zeit stammten, in der ihre Vorfahren die meiste Zeit in tierischer Gestalt herumgelaufen waren. Die Zeichnungen von damals bezeichnete er als roh und primitiv. Aber sie waren mächtig. Finn fand, dass sie eine Kraft ausstrahlten, die seiner feinen Linie fehlte.
»Kann ich dann mit der Schlacht am Nevis weitermachen? Wir gegen die MacKays?« Er brannte darauf, die Bastarde so hässlich darzustellen, wie sie waren.
»Lachlan meint, das kann warten. Die MacKays sind jetzt unsere Verbündeten.« Declans Mundwinkel sanken. »Wir sollen uns um die Geschichte der Sutherlands kümmern. Einige Aufzeichnungen sind kaum noch leserlich und einer unserer Gäste hat Informationen angefordert. Aber wo wir davon sprechen: Du kannst die Dokumente, die in gutem Zustand sind, gleich zu Lachlan bringen.«
»Oh. Gut.« Hoffentlich würde er auf dem Weg nicht Harris oder Dexter begegnen. Die musterten ihn fast so intensiv wie der MacKay. Und weit hungriger.
Die Angst wuchs in seinem Bauch, während er Declan in die Bibliothek folgte. Sie war klein, gemessen an der Größe der Burg, in der sie lebten. Declan hatte mit Mühe verhindern können, dass die Bücher einer weiteren Waffenkammer wichen. Vor allem mit dem Argument, dass Lachlans Heldentaten hier für die Nachwelt festgehalten würden. Kaum angekommen, hatte Declan auch schon die richtigen Schriftrollen gefunden und drückte sie Finn in die Hand.
»Geh schon«, sagte er. »Ich suche hier weiter.«
Finn schluckte, aber er fügte sich. Vorsichtig lauschend ging er durch die Flure. Jeder Alpha, dem er begegnete, starrte und schnupperte und Finn war froh, dass seine Hitze noch nicht eingesetzt hatte. Der Weg kam ihm unendlich lang vor. Als er sie fast erreicht hatte, lenkten ihn Geräusche ab.
Kampfgeschrei drang durch die winzigen Glasscheiben der Fenster. Hier, weit über dem Boden, waren sie größer. Ihre Schatten warfen karierte Muster auf den ausgetretenen Steinboden. Finn zögerte, doch es war niemand da, und die große Halle war nah. Sie würden ihn schreien hören, wenn ihm jetzt etwas passierte. Also stellte er sich auf die Zehenspitzen und sah hinaus.
Er hatte befürchtet, die Sutherlands im Hof zu sehen, die es irgendwie über die Mauer geschafft hatten. Seit Tagen redeten alle davon, dass sie unterwegs zu ihnen waren. Aber es war der MacKay.
Caelan stand mit freiem Oberkörper im Hof, ein Holzschwert in der Pranke, umringt von anderen Alphas. Schweiß glänzte in seinem Gesicht und auf den gewölbten Brustmuskeln. Die Schreie waren Anfeuerungsrufe, begriff Finn. Für Caelans Gegner. Dessen Hände umklammerten das Übungsschwert und er lächelte verbissen. Einer der MacFarlane-Alphas. Natürlich feuerten alle ihn an. An den blutigen Nasen und blauen Augen in der Menge sah er, dass es nicht der erste Übungskampf des Tages war. Harris, Dexter und Leon beobachteten Caelan. Auch Myles und Fraser waren unter den Zuschauern. Statt ihren Rudelgenossen anzufeuern, grinsten sie nur wissend.
Der Kampf war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte. Caelans Gegner griff an, der wich zur Seite aus und donnerte sein Schwert gegen die Rippen des anderen. Finn hörte den Schrei bis hier. Er sah, dass Caelan etwas sagte, das verärgerte Mienen hervorrief, aber auch Bewunderung. Sein Gegner war in die Knie gegangen und Caelan half ihm auf. Die verschlungenen Muskeln seiner Arme glänzten.
Finn trat zurück. Er schluckte. Hass brandete in ihm auf. Und, er schämte sich es zuzugeben: Lust. Caelans nackte Haut hatte ihn in nervöse Unruhe versetzt.
Blödes Alpha-Arschloch.
Lachlan sah kurz auf, als Finn mühsam die Tür zur großen Halle aufstemmte. Eric war bei ihm und sie diskutierten über eine mögliche Schwachstelle in der Verteidigung. Es roch nach kaltem Ruß und den Resten des Eintopfs von gestern. Ihr Rudel-Chief hätte klein wirken müssen, in der Mitte des riesigen leeren Raums. Aber er war kraftvoll wie ein Stier.
»Die Dokumente über die Sutherlands, die du wolltest, Lachlan.« Finn hob die Papierrollen, die langsam schwer wurden. Die Sutherlands hatten eine lange Geschichte und es war viel über sie geschrieben worden.
Lachlan bedeutete ihm zu warten und Finn wartete. Lange. Erneut bereute er, dass er so viel Holunderwein getrunken hatte. Während Lachlan und Eric ihre erhitzte Diskussion fortsetzten, trat er unauffällig von einem Bein aufs andere und hoffte, dass sie bald fertig würden. Aber sie redeten und redeten. Immer lauter. Seine Arme fühlten sich an, als würden sie vom Gewicht des Papiers langgezogen.
Als sie endlich fertig waren, unterdrückte er einen erleichterten Seufzer.
»Was wolltest du?« Lachlan sah ihn fragend an. »Finlay, oder?«
Finn nickte.
»Bist du Flynns Sohn?« Die schwarzen Augenbrauen des Rudel-Chiefs zogen sich zusammen.
»Ja.« Er wettete, dass Lachlan alle Alphas kannte. Aber er war nur ein unwichtiger Omega. Nicht nötig, sich die zu merken.
Unerwartet lächelte Lachlan. »Der war ein Musiker, wenn ich je einen gehört hab. Wie der das Lied vom Hasen im Gras gespielt hat, das habe ich nie wieder so gehört.«
Trauer überkam Finn. »Danke.« Er dachte daran, wie die Finger seines Vaters über die Flöten getanzt waren. Wie der ihm gezeigt hatte, wie er den Dudelsack zu halten hatte.
»Ist eine Schande, was mit ihm passiert ist.« Lachlan schüttelte den Kopf und Finns Kehle schnürte sich zu. »Aber was vergangen ist, ist vorbei, nicht wahr? Zeig mal, was wir über diese Bastarde haben.«
Finn trat vor und legte die Schriftrollen auf die verkratzte Tischplatte. Messer hatten tiefe Schnitte im Holz hinterlassen und Kerzen hatten sich kreisrund hineingebrannt.
»Hier, bitte.«
»So viele.« Lachlan seufzte. »Was will der Kerl nur damit?«
»Er meint, sie würden eine alte Taktik benutzen.« Eric zuckte mit den Acheln. »Kann sein, dass er darin etwas darüber findet. Wozu auch immer das gut sein soll.« Die Tür knarrte und er sah auf. »He, MacKay.«
Finn sah sich nicht um, aber er wusste, wer hinter ihm stand. Er roch ihn. Dieser verdammte Duft, der ihn so wahnsinnig machte, wehte zu ihm herüber. Kiefernnadel und Gischt, vermischt mit Schweiß. Caelan musste frisch vom Übungsplatz kommen, wenn sein Geruch so weit trug.
»Sind das die Unterlagen?« Caelan ging an ihm vorbei und der Duft traf Finn mit voller Wucht. Seine Haut kribbelte und er schaffte es kaum, den Hass in seinem Bauch aufrecht zu erhalten. Immerhin trug der MacKay nun ein Hemd. Es klebte feucht an seiner Haut.
Eric nickte.
»Hast du gekämpft?«, fragte Lachlan. Seine Augen leuchteten. »Was hältst du von meinen Männern?«
»Sie sind gut.« Caelans Stimme war emotionslos. »Aber sie könnten noch besser sein.«
»Wirklich?« Lachlan grinste. »Das muss ich überprüfen.«
»Lachlan«, begann Eric, aber ihr Rudel-Chief war aufgesprungen. Er liebte Kämpfe, weit mehr als seine anderen Aufgaben. Um die Rechtssprechung musste sich meist Eric kümmern und die Ländereien und Vorräte verwaltete Lachlans Omega.
Die beiden verließen die große Halle und die Tür schlug zu. Finn war allein mit Caelan MacKay. Als ihm das bewusst wurde, prickelte etwas in ihm. Angst, vermutlich. Er stand kurz vor der Hitze, und der Alpha war groß.
Mühsam unterdrückte Wut sprach aus Caelans Bewegungen. So, wie er zum Tisch ging und die Papiere durchsah, strotzte er vor im Zaum gehaltener Kraft. Der Wolf war stark in ihm. Was nicht gegen Finns Nervosität half. Er ging leise rückwärts.
Fast hätte er die Tür erreicht, als Caelan sich umdrehte und ihn ansah. Finn erstarrte wie ein Kaninchen vor dem Bussard.
»Finn.« Caelan räusperte sich. »Finlay.« Seine Augen waren grau wie ein nebliger Morgen.
»MacKay.« Finn reckte das Kinn in die Höhe. Bloß keine Angst zeigen. Nicht vor dem Dreckskerl, dessen Namen Leighton nachts flüsterte.
Caelans Stimme war noch dunkler als sonst. »Lass uns reden.«
»Worüber?«, rutschte es Finn heraus, obwohl er nur noch weg wollte. Schnell, bevor dieser betörende Duft seinen Verstand benebelte. Was, wenn der MacKay seine Erregung bemerkte? Eine furchtbare Vorstellung. Was, wenn er roch, wie sehr er Finn verwirrte? Konnten Alphas das riechen? »Ich habe keine Zeit zu reden«, würgte er hervor. Kiefern und Meer umwehten ihn. »Ich werde gebraucht. Außerdem muss ich pissen.«
Elegant. Er sah am Gesichtsausdruck des MacKay, was der von seiner Antwort hielt.
»Du hast wirklich keine Manieren«, knurrte er. »Wenn man einem Omega befiehlt, zuzuhören, dann hört er zu.«
»Ach, so ist das.« Finn schnaubte. »Gerade wolltest du noch reden. Ich soll also nur zuhören?«
»Das wäre das Beste.« Caelan kam näher, bis er nur noch drei Schritte entfernt war. »Finn, ich glaube, du bist mein Gefährte.«
9. Caelan
Finns Augen weiteten sich. Zartes Blattgrün mit goldenen Einschlüssen.
Caelan ärgerte sich über seine eigene Reaktion. Sein Herz raste, als die geschwungenen Lippen sich öffneten. Er war nervös. So nervös wie an dem Morgen, an dem die Sutherlands auf Burg MacKay zugestürmt waren. Dabei war das hier eine reine Formalität.
»Dein Gefährte?« Der Omega blinzelte. »Was?«
Besonders klug schien er nicht zu sein. Was war es an ihm, das Caelans gesamte Aufmerksamkeit an sich riss? Warum wollte er das zarte, bartlose Gesicht in seine Pranken nehmen und spüren, wie weich die milchweißen Wangen waren?
»Glaub mir, es ist mir auch nicht recht.« Caelan räusperte sich erneut. Verdammte Nerven. »Ich weiß, dass ich mich irgendwann mit einem Omega verbinden muss, um Welpen zu zeugen. Aber ich hatte auf jemanden gehofft, der anders ist.«
»Wie anders?« Finns Mund hing immer noch offen. Das sollte dumm aussehen und nicht entzückend. »Mit besseren Manieren?«
»Ja.« Caelan unterdrückte ein Seufzen. »Mit besseren Manieren und vor allem besseren Beziehungen. Ein hochrangiges Rudelmitglied, nicht der Sohn eines Dudelsackspielers.«
»Oh.« Die Miene des Omegas wurde hart. Fast wie vor wenigen Tagen, als er die Fackel in der Hand gehalten hatte. »Ich bin dir nicht gut genug.«
»Natürlich nicht.« Nach der Erkenntnis, dass er sich in einen niederrangigen, schlecht erzogenen Omega verliebt hatte, hatte Caelan eigentlich beschlossen, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber er konnte es nicht. Diese Blicke, die Finn ihm zuwarf, bei jedem Essen. Die hatten ihn überzeugt, dass es Finn genauso ging wie ihm. Und wenn er dem Verlangen nachgab, das sich durch seinen Leib brannte, würde er hoffentlich wieder einen klaren Kopf bekommen. Um die Sutherlands zu besiegen. Um Connor zu rächen. »Ich habe mich über dich erkundigt. Dein Vater war ein Musiker, dein Erzeuger ist unbekannt. Und als Schreiberlehrling stehst du ganz unten in der Rangfolge.«
Eigentlich alles Argumente, nicht vor seiner dümmlichen Verliebtheit zu kapitulieren. Aber nun, da er Finn gegenüberstand, als er das Feuer in seinen Haaren sah und die Tusche an seinen Fingern roch, war es ihm egal.
Finns Augen wurden schmal. »Mein Vater war der beste Musiker, der je auf Burg MacFarlane gelebt hat. Frag Lachlan nach ihm. Frag Eric. Frag jeden, der ihn gekannt hat.«
Die Wut war zurück. Die wundervolle Wut, die Finns Wangen rötete und seiner Stimme Kraft verlieh. Beschämt spürte Caelan das beginnende Lächeln in seinen Mundwinkeln. Er konnte es gerade noch unterdrücken.
»Ich habe gehört, dass er sehr gut war«, sagte er. »Aber ein Musiker ist kein Kämpfer.«
»Er war beim Kampf gegen die MacGregors dabei«, fauchte Finn. »Er hat gespielt, damit alle wussten, wo ihr Rudel ist. Er war mittendrin und ist verletzt worden.«
»Aber er hat nicht gekämpft.«
»Ist Kampf das Einzige, was zählt?«
»Ja, natürlich.« Dieser Finn hatte wirklich seltsame Ansichten. Nun, Caelan würde sie ihm schon austreiben, wenn sie erst einmal Gefährten waren.
Finn atmete schwer, und Caelan konnte die Vorstellung nicht unterdrücken, dass er genau so schwer atmen würde, wenn er endlich unter ihm lag. Die Hände des Omegas waren zu Fäusten geballt, seine Wangen gerötet. Sein Duft zog zu ihm herüber, frisch wie die Meeresbrise im Gras und Caelans Fingerspitzen juckten vor Verlangen, ihn endlich an sich zu ziehen. Sobald Finn zugestimmt hatte, sein Gefährte zu werden, würde er ihn nehmen. Gleich hier, auf den Tischen.
»Nein.« Die Worte, schnell ausgestoßen, jagten durch den leeren Raum.
»Nein?« Was meinte der Kleine?
»Nein, ich bin nicht dein Gefährte.« Wut blitzte aus Finns Augen. »Und ich will es auch nicht werden. Bevor du mich mit deinen widerlichen Alpha-Pfoten antatschst, springe ich lieber vom Turm.«
Es war wie ein Schlag in den Magen. Oder ein Hieb mit dem Übungsschwert. Caelan verharrte, während Finns Worte verhallten.
»Nein?«, vergewisserte er sich. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass der kleine Fuchs ablehnen könnte.
»Nein.« Die Lippen des Omegas waren ein weißer Strich. »Wie kommst du überhaupt auf so einen Blödsinn? Ich bin doch nicht dein Gefährte!«
Auch diese Worte taten weh. Wann war Caelan MacKay so schwach geworden, dass ihn Worte verletzen konnten? Noch schlimmer: die Worte eines Omegas. Aber dieser Omega hier war anders.
»Sag schon.« Finn hob den Kopf. Er war kleiner als Caelan, und viel schmächtiger. Caelan hätte sein Handgelenk mit zwei Fingern umfassen können.
Tu es, heulte der Wolf in ihm. Nimm ihn. Mach, dass es aufhört!
Caelan ignorierte ihn. Er musterte Finn, der ihn herausfordernd ansah.
»Woher ich es weiß?« Er überlegte. Er hatte keine Beweise. Er war einfach verrückt nach diesem kleinen Omega.
Weil ich an nichts denken kann als daran, wie zart die Haut an deiner Kehle ist, dachte er. Weil ich deine Schenkel öffnen will, weil ich sehen will, wie meine Finger auf deinen Hüften aussehen. Weil ich dich liebe. Auch, wenn ich nicht verstehe, warum.
»Ich spüre es«, sagte er stattdessen.
»Wo, in deinen Eiern?« Finn schnaubte. »Du bist nicht der erste Alpha, der mir an die Wäsche will, glaub mir. Kannst du dich an Harris erinnern? Der kann sich nichts Schöneres vorstellen, als mich so hart ranzunehmen, dass mein Loch blutet.«
Caelan verkrampfte innerlich. »Du vergleichst mich mit Harris?« Zorn flammte auf und löschte das peinliche Gefühl der Unsicherheit. »Dem Mistkerl, der dich schänden wollte?«
»Und was willst du?«, fragte Finn. »Gepflegte Gespräche und ein keusches Gute-Nacht-Küsschen?«
»Nein«, knurrte Caelan. »Ich will dich. Ganz. Ich will dein Gefährte sein, verdammt.«
»Das hast du schon gesagt.« Finn rümpfte die Nase. »Und du kennst meine Antwort.«
»Bist du sicher?« Caelan verstand nicht, was hier geschah. »Ich bin der nächste Rudel-Chief der MacKays.«
»Herzlichen Glückwunsch.« Finn spuckte die Worte förmlich aus. »Kann ich jetzt gehen? Wie gesagt, ich muss zum Abort, und dann wartet Declan darauf, dass ich eine Abschrift verfasse.«
Caelan wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Also ließ er Finn gehen. Der stemmte die Tür auf und verschwand. Caelan lauschte seinen Schritten, die im Flur verklangen.
Was war schiefgelaufen? Hatte er sich geirrt? Es waren die Omegas, die ihren Gefährten erkannten. Wie auch immer sie das taten. Am Geruch? An einem Gefühl, ähnlich dem, das Caelan verspürte? Myles und Fraser hatten es ihm nicht sagen können, als er sie gefragt hatte. Zum Glück hatten sie keinen Verdacht geschöpft. Sonst hätte er sich das noch bis zu seinem Lebensende anhören können.
Er kam sich dumm vor. Kein bekanntes Gefühl für Caelan MacKay. Er war Anerkennung gewohnt, Respekt. Keine Liebe, diese hatte seinen Brüdern gegolten. Alle hatten Connor geliebt. Sein Bruder hatte gewusst, wie er die Herzen gewann. Nicht nur die der Omegas, sondern die aller. Auch Caelans.
Er hatte Connor bewundert, so lange er denken konnte. Seine Stärke, seine Schnelligkeit. Sein großes Herz. Er war ihr Anführer gewesen und Fraser, Myles und all die anderen waren ihm gern gefolgt. Doch nun war er tot, und viele der anderen auch. Caelan war der nächste Rudel-Chief, eine Aufgabe, auf die ihn niemand vorbereitet hatte. Er war ein Krieger, kein Anführer. Und seine Stellung half ihm nicht einmal, einen Gefährten zu gewinnen.
Wie so oft wünschte er sich, mit seinem Bruder sprechen zu können. Was hätte der zu seinem fehlgeschlagenen Versuch gesagt? Er sah ihn vor sich, wie er über Caelan einen Felsen erklomm. Haare und Kilt wehten im eisigen Wind. Caelan war zehn Jahre alt gewesen und Connor elf. Die Steine nass und glatt, aber Connor hatte darüber gelacht. Wie über alles.
Nicht aufgeben, Cael. Er musste Caelans Verzweiflung gespürt haben. Wir sind gleich oben. Mach einfach weiter.
Und Caelan war weitergeklettert, obwohl seine Beine gezittert hatten und all seine Kraftreserven aufgebraucht gewesen waren. Für Connor. Weil sein Bruder immer recht hatte. Vielleicht auch diesmal.
»Nicht aufgeben, Cael«, murmelte er und schritt zur Tür. Mit einer Hand stieß er sie auf.
Er fand Finn, als der gerade den Abort verließ. Der Omega zuckte zurück, als Caelan sich vor ihm aufbaute.
»Was willst du?« Die Angst in seinem Blick tat Caelan weh.
»Ich tu dir nichts«, brummte er und hob die Hände. »Ich will nur mit dir reden.«
Finn verharrte. »Warum?«
Dieser Ort war der denkbar schlechteste für ein intimes Gespräch, das erkannte selbst Caelan. Beißender Gestank drang hinter dem Vorhang hervor, den Finn gerade zur Seite geschoben hatte. Und er war zu belebt. Schon drängten sich zwei Wächter an ihnen vorbei, hinter den rauen Stoff. Die Geräuschkulisse, die folgte, verdarb Caelan den Appetit für die nächsten Jahre.
»Ich begleite dich zu Declan«, sagte er. »Ich will nicht, dass du allein bist.«
»Warum?« Finns Augen wurden wieder schmal. »Hast du Angst, dass jemand meine Unschuld rauben könnte? Willst du das selbst tun?«
»Nicht heute«, knurrte Caelan. Was dachte dieser Omega von ihm?
»Wie beruhigend.« Finn drehte sich auf dem Absatz um und marschierte voran. »Und, was willst du?«
Der Flur, durch den sie nun schritten, war wunderbar leer. Und so eng, dass sie immer wieder aneinanderstießen. Er sah das leichte Zucken in Finns Kiefer, wann immer sie sich berührten.
»Bist du sicher, dass du nicht mein Gefährte bist?« Caelan hielt den Blick fest auf den Gang vor ihnen gerichtet. Staubig riechende Banner hingen von den Wänden, in den Farben der MacFarlanes.
»Ja.« Finn wirkte, als würde er gegen seine Neugier kämpfen und verlieren. »Warum denkst du, dass ich es bin?«
»Weil ich dich liebe.« Die Worte auszusprechen, kostete ihn Überwindung.
Finn stolperte. Caelan konnte ihn gerade noch festhalten, sonst wäre er der Länge nach hingeschlagen. Die Taille des Omegas war warm unter seinen Händen.
»Was?!« Finns Kopf war hochrot. »Ist das ein Witz?«
»Ich mache keine Witze.«
»Nie?«
»Nie.« Caelan räusperte sich. »Ich verstehe selbst nicht, warum. Ich dachte, ich hätte einen besseren Geschmack. Aber es ist so.«
»Ah.« Immer noch wirkte Finn verdutzt. »Aber warum?«
»Ich weiß es nicht.« Caelan zögerte. Er hätte erzählen können, wie sehr er Finn bewundert hatte, als der sich gegen Dexter und Leon verteidigt hatte. Wie mutig er ausgesehen hatte, wie wunderschön, als die Flammen über sein Gesicht getanzt waren. Aber er tat es nicht. Er war Caelan MacKay und es fiel ihm schwer genug, diese Dinge zu denken. »Wie gesagt, es ist mir nicht recht. Ich bräuchte einen Omega, der folgsam ist und mir gute Verbindungen verschafft.«
»Tut mir leid, dass ich ich bin«, knurrte Finn.
»Du kannst ja nichts dafür.« Immerhin war er einsichtig.
Finn sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Du hast echt keinen Sinn für Humor, was?«
Oh. Immer noch lagen Caelans Hände auf Finns Taille. Sie waren sich so nah, standen sich gegenüber, als wollten sie sich küssen. Das Leuchten von Finns Wangen raubte seinen Verstand. Sie waren allein. Niemand konnte sie sehen, in diesem abgelegenen Teil der Burg.
»Finn.« Caelan suchte nach Worten, die passten und fand wieder nur die einfachsten. »Darf ich dich küssen?«
»Was?« Finns Mund bebte. Sein ganzer Körper zitterte. Ein Schauer rann durch ihn und seine Augen rollten zurück. Die Lider flatterten. Als sie sich wieder öffneten, war sein Blick fiebrig.
»Finn?«
»Küssen«, schnurrte Finn. Seine Finger strichen über Caelans Arme. Dann legten sie sich an seine Wange. »Caelan.«
Sein Name aus Finns Mund vernebelte seinen Verstand. Sonst hätte er vielleicht früher kapiert, was mit dem Omega los war. Glut rollte durch Caelans Körper. Instinktiv beugte er sich vor, neigte den Kopf. Finn kam ihm entgegen. Süßer Atem strich über Caelans Gesicht.
Ihre Lippen trafen sich in der Mitte. Weich legten sie sich aufeinander und sandten wohlige Schauer durch Caelans Körper. Er schloss die Augen, spürte eine sanfte Vibration und merkte, dass es sein eigenes Stöhnen war. Der biegsame Körper in seinen Armen kam ihm wie ein Traum vor. Der Mund auf seinem, aus dem die nasse Zunge schoss und gegen seine drängte, machte seine Beine zu Butter. Vorsichtig packte er fester zu, zog Finn an sich. Er spürte die hektische Atmung durch dessen flachen Bauch, das Beben, das nun alle Glieder erfasste.
Er würde ihn haben. Er würde diesen Omega packen, ihn in die nächste Nische drängen und sich an ihm sattessen. Der Wolf war hungrig und wollte die Haut des Omegas auf der Zunge kosten, ihm das Salz von den Schenkeln lecken, das Aroma seines Samens im Gaumen schmecken. Schon schoben Caelans Finger Finns Kilt hoch, dirigierte sein Körper ihn zu dem kleinen Erker in der Wand. Finns Härte drängte gegen Caelans Oberschenkel und seine eigene Rute war so hart, dass es schmerzte. Er würde ihn haben.
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