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Jaqueline Merlin
DOG TO GO
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Exposé von „Dog to go“
Püppi’ s Ankunft
Die diebische Elster
Erster Tierarzt-Besuch
Ein zotteliger Passagier
Unerwarteter Besuch
Im noblen Restaurant
Bonnys Läufigkeit
Frau Holle
Eine Dampferfahrt
Die Christvesper
Solo in der Fremde
Das Grillfest
Unter Vierbeinern
Ein Streifzug
Bonny’ s Spürnase
In Bonny’ s Revier
Nicklas
Auf Bewährung
Die Sylvesterfeier
Das verflixte Neue Jahr
Ostermontag
Wiederauferstehung
Impressum neobooks
Exposé von „Dog to go“
Bina steht vor ihrem 40. Geburtstag und lebt allein in einem Appartement im Randgebiet von Berlin am idyllischen See.
Vor ihrer überlebten Lungenentzündung war sie im Vertrieb eines Immobilien-Büros tätig. Sie schreibt da ihre Romane.
Bina wird mit dem edlen Wesen einer Tibet-Terrier-Hündin konfrontiert, die von einem Bauernhof kommt, täglich wird sie aufs neue herausgefordert auf den Lebenswegen, die sie
vorher kaum kannte. Die Kontaktfreudigkeit von Bonny ist von besonderem Wert und führt sie zu dem Mann, der dann Bonnys Platz einnimmt, bevor sie ihr Frauchen in Ewigkeit verlässt. Sie verliebt sich, bevor sie Bonny nach 7,5 Jahren für immer verlassen wird. Ein Plädoyer an die innige Liebe zwischen dem Menschen und seinem Hund, einer Tibeterin.
Meine Tibet-Terrier-Hündin machte mich gesund, sie wurde sieben Jahre meine tägliche Begleiterin. Eine Hymne, sowie
die Chance für Menschen, sich durch ihren Hund zu finden, ohne etwas gesucht zu haben. Diese Tibet-Terrier galten als
Glücksbringer in Tibetischen Klöstern. Ihre Wesenszüge: Mut, Wachsamkeit, Treue, Dickköpfigkeit, Stolz, Würde.
Sie zauberte auf das missmutigste Gesicht ein Lächeln, nicht allein wegen ihrer Schönheit, und ging weiter im Watschelgang, als sei nichts geschehen.
Ihre Selbstvergessenheit, die Freude am Menschen ließ mich ganz neu geboren werden.
Püppi’ s Ankunft
Voller Erwartung sah ich sie vor den Füßen ihres Frauchens sitzen. Sie lachte mich an, streckte die Nase vor. Der schwarze Knubbel, worüber
die weiße Stirnfranse fiel, als sie mich beschnupperte. Ein leibhaftiges Sonntagsgemälde Gottes, dachte ich, als ich die markante Färbung sah.
Das Gesamtbild war beige-braun mit schwarz-weißer Markierung, die
bunt gesetzt war. Spitzen der Hängeohren waren schwarz, Stirn und ihr Lätzchen weiß. Man hätte glauben können, sie sei aus einem Gemälde herausgesprungen, das von Gott gemalt worden ist, außergewöhnliche Schönheit. Tibet-Terrier Hündin, kurz nach ihrem fünften Geburtstag,
die man bei ausgewachsenem Fell kaum erkannt hätte. Sie war mittel-
lang geschnitten, fesch wie frech, wie es mir ihr Frauchen gleich sagte.
Wir führten ein Telefonat vor unserem Treffen, das entscheiden sollte,
ob Püppi bei mir sein wollte. „Die Hündin entscheidet selbst, bei wem
sie leben möchte. Sie hat schon einige möchte-gern-Besitzer verbellt“,
sagte sie im bestimmten Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ. Eine Bäuerin aus Lübars, die sich mit Tieren jeder Art auf dem Bauernhof
gut auskannte. Der Hund sucht sich seinen Herrn oder sein Frauchen.
Püppi sollte sich ihr Frauchen aussuchen und ihr neues Zuhause, wie
sie ergänzte. Das war neu für mich. Das Erste kannte ich schon. Aber nicht, dass es auch ihr ganzes neues Zuhause betrifft. Ich erfuhr nicht, warum sie ein Zuhause sucht, sowie es in der Zeitungsannonce stand: Tibet-Hündin, 6 Jahre alt, sucht ruhiges Zuhause. Hm, dachte ich, als
ich diese Zeile las, das ruhige Zuhause hast du. Ansonsten wirkte die Anzeige unattraktiv auf mich, insbesondere wegen ihres hohen Alters.
Nach ein paar gescheiterten Versuchen von Zuchtwelpen, ob mit oder
ohne Papieren, hatte ich die Suche nach dem für mich richtigen Hund aufgegeben. Junghunde, die nicht allein bleiben konnten. Welpen, die
mir mit Wonne Haare ausrissen, während ich einschlief. Da war etwas schiefgelaufen in den ersten Wochen. Aggressiv stellten sie sich gegen mich in jeder Hinsicht. Sie wollten nicht bei Fuß laufen, richteten sich gegen harmlose Passanten, die mich nur nach der Uhrzeit fragten. Ich
hatte die Lust auf den Hund verloren. Das Geheimnis lag zuerst darin,
dass sich eine Hündin ihr Frauchen aussucht, und niemals umgekehrt.
Ich merkte, dass eine erwachsene Hündin Persönlichkeit zeigt, wobei Welpen mit schlafen, fressen, spielen sowie toben ihre Zeit vertreiben.
Püppi war es, die mich wollte, auch wenn ich nicht gewollt hätte, wäre
sie mir nicht mehr von meinen Fersen gewichen. Den Besitzer-Wechsel machten wir für alle rasch und schmerzlos in einem Café, in das ich ihr Frauchen einlud. Die schnuppernde Nase vorweg, ging uns Püppi voran. Sie hatte Sachen dabei wie Kinder, die auf Reisen gehen: großes Kissen zum Kuscheln, gewohntes Futter, Tüte Leckerli, ihre Laufleine, die sich
über einen Mechanismus aufreihte, den ich erst lernen musste, dass sie nicht
in fahrende Autos rannte, ein früheres Spielzeug, jenes geliebte Stofftier, von dem sich ein Erwachsener nicht trennen kann und die Schutzgebühr, die die Kosten des Zubehörs kaum gedeckt hätten; denn ihr Preis war es nicht. Der wäre für mich,- spätestens danach,- unbezahlbar gewesen. Ich wusste von ihr nichts bis auf ihre Herkunft vom Bauernhof, einem Dorf
in Lübars, der Mitte 40 Jährigen und vielbeschäftigten Großmutter, dem einstmaligen Frauchen, das sie verärgerte, wenn sie im Garten die Wäsche von der Leine zog, dass sie ein nasses Handtuch zusammenrollte und
es ihr um die Ohren haute. Bei diesem Geräusch sprang Püppi hoch und flitzte in die letzte Ecke. Das alltägliche Geräusch, wenn man kräftig das Handtuch
ausschüttelte. Sie hieß Püppi, weil sie als Kleine puppenhaft ausgesehen hatte mit den großen Augen, ihrem runden Kopf und dem wunderschönen Gesicht. Auf der Straße lachten sie uns aus, wenn ich „Püppi“ rief. Dem musste Abhilfe geschaffen werden, dachte ich. Bonny, was sie verstand, war der Taufname, sie hörte darauf. Ein lautes Aufheulen, als wir schon
um die Ecke waren. Bei ihr schien jetzt angekommen zu sein, dass ein neuer Lebensabschnitt begann. Sie hatte sich von Kindheit und Jugend verabschiedet. Ihr langer Ruf zog durch meinen ganzen Körper. Er galt vielleicht auch dem Ex-Frauchen. Alles begann jetzt.
Bei dieser Geste hätte sich jeder an: „Mit den Wölfen heulen“ erinnert, ohne Ähnlichkeiten mit einem Wolf. Es wirkte komisch, in der kleinen Hündin, die mich erkundet hatte, steckte der Wolf. Gemächlich ging sie
voran, immer der Nase nach. Das war wie Zeitung lesen, heute digitale Nachrichten erfassen. Oft blätterte oder scrollte sie zurück. Dann blieb
ich stehen. Ich wusste nicht, welche Seiten die Fortsetzung waren. Sie trottete im Zickzack, als wüsste sie es auch nicht, bis sie diese gefunden hatte. Im Kreis, in der Geraden, parallel, walking on the line, so quer
über den Rasen zu einem Punkt, an dem sie, wie mit großem Erfolg angekommen zu sein, einen Strahl abließ, was die Antwort auf das war, was wir nicht lesen konnten. Es wirkte unheimlich spannend auf mich.
Ich durfte dabei nicht stören. Wir gingen über holpriges Kopfsteinpflaster die flache Treppe zum alten Seeufer herunter. Als hätte ich ihr das gesagt, wusste sie, dass ab morgen diese Wegstrecke zum täglichen Gassi gehörte.
Sie führte in einen kleinen Park mit Kastanien und weiten Grünflächen bis zu dem alten Steg, der auch eine Anlegestelle für Ruder- und Paddelboote, Dampfer, Segelschiffe und Surfer war. Die Holzbretter vom alten Steg waren morsch, das Geländer am Kai verrostet und manche Treppenstufen uneben.
Die Anwohnerschaft hatte sich über Jahre daran gewöhnt. Das Seeufer war altbacken, nicht verkommen.
Auf dem Wasser zog die Eleganz weißer Schwäne vorüber. Haubentaucher und Enten übten sich in kurzem Abtauchen nach geworfenen Brotkrumen. Wer schnell war in der abendlichen Beutejagd, bekam die großen Brocken von Besuchern zugeworfen. Andere erhaschten die schwirrenden Mücken, die in Schwärmen die drückende Schwüle im August füllten. Kreischende Möwen hoch über dem See, die sich gelegentlich auf den runden Holzpfosten, die aus dem Wasser ragten, wie zu einer besseren Aussicht niederließen. Am 29. August wünschten wir den Seebewohnern zum ersten Mal „guten Abend“.
Sie reagierten unfreundlich. Die Lebewesen, die ihre Augen nicht seitwärts tragen, waren gefürchtet im Antlitz ihrer selbst. Enten und Taucher stoben auseinander. Schwäne zeigten lautstarken Flügelschlag, womit sie die Gefahren andeuteten. Manche schwammen mit lang vorgestrecktem Hals auf Püppi los und fauchten sie an. „Feind in Sicht“, gaben sie kund. „Verschwinde!“ ergänzten die Mutigen unter ihresgleichen. Püppi beeindruckte es weniger als mich. Es belustigte sie. Buntes Treiben erweckte Neugierde in ihr, wie weit man dabei gehen kann. Doch als dieser Schwan herausgeflogen kam, wie ein Stier auf Bonny losging, verbellte sie ihn stark und trottete weiter. Seitdem zeigte er Respekt. Es folgte keine Wiederholung in den nächsten sieben Jahren, dafür fraßen sie zusammen ihr Brot. Ich dachte, wenn eine Kommunikation so leicht wäre wie bei Tieren, würde es ruhiger zugehen.
Wir zogen weiter zu den Anglern. „Kurz vor Sonnenuntergang beißen die Fische am besten!“
„Hauptsache, Ihre Süße da beißt nicht, oder vertreibt sie mir ganz.“ Wir kannten uns seit der aufregenden Jahrtausendwende mit viel Geschwätz darum, die langweiliger war als die folgende Jahreswende. Hier am See konnte man über alles reden, man war besser informiert, als die vor einem Bildschirm. Der lustige Rentner hielt Bonny seine flache Hand vor die Nase. „Na, riechst du hier auch meine?“ Sie schmunzelte ihn an. „Da ist nichts drin! Sie will lieber eine volle Hand, anstatt Ihrer flachen, leeren!“
„Also wie meine, genauso verwöhnt. Wo haben Sie denn Ihre Süße her? Wollten Sie denn keine Hündin mehr?“ “Keine ihrer Vorgänger, nun bin ich klüger. Bonny wollte mich, nicht ich sie, drum eben.“ „Das hätte ich Ihnen auch sagen können.“ “Sie haben es nicht!“ “Sie haben mich nicht danach gefragt.“
Es zuckte an der Angel. Unser Freund kurbelte an einer Schnur und zog den großen Fisch an Land. „Bonny ist ein wahrer Glücksbringer.“ “Das hoffe ich auch. Die Tibets waren es schon im Kloster. Die Hütehunde in den tibetischen Klöstern wurden vor hundert Jahren als „Glücksbringer“ verschenkt. Der Fisch zappelte wild. Wir verabschiedeten uns und gingen im Dämmerlicht in Richtung Zuhause.
Rocky, ein schwarzer Labrador als Rüde im Parterre, bekam von unserer Ankunft nichts mehr mit. Es war gut, dass er außer Haus war. Sonst hätte er hier am ersten Abend mit Streit begonnen. Rocky hatte Vorstandsrecht, bewachte unser Haus seit zwei Jahren, stand kurz vor einem Greisenalter.
Sein Herrchen war genauso betagt, hatte schon einen Schlaganfall erlebt, war schwerbehindert. Ich mochte ihn mit Rocky nicht, es war mir unklar, ob dieses Verhalten mit zu seiner Krankheit gehörte, die ich nicht kannte. Er blieb mir fremd, als Rocky sich behauptete, zeigte ihm Bonny kontra.
Bonny schloss nur mit den Menschen Freundschaft, die auch zu mir gut waren ohne Falschheiten. Sie hatte ein ausgeprägtes Gefühl für Lügner. Entweder zeigte sie ihnen eine kalte Schulter, oder sie verbellte sie sehr, dass sie noch gehässiger wurden. Sie ließ sich von ihnen nicht irritieren.
Ich ging Konfrontationen aus dem Weg. Bonny hatte ein dickes Fell. Sie beschützte mich seitdem. Sie fand jederzeit und überall Sympathisanten, beim Einkauf, bei Freunden, im Lokal, am Seeufer. Wir wurden am Ort schnell bekannt als unzertrennliche Zwillinge, die sich einander toll ergänzten. Kam ich einmal irgendwo ohne Bonny rein, sah man mich an, als stünde ich kopflos da. „Und wo ist Ihr Hund?“ “Sie meinen, Bonny.“ “Sie hat sich bei mir nicht vorgestellt.“ “Ich komme von einem Arzt.“ „Das ist ja kein Wunder, wenn sie ohne die Bonny herausgehen. Werden Sie mal schnell wieder gesund für euch beide!“ Ich hatte eineinhalb Jahre vor der Ankunft von Bonny eine Lungen- und Brustfellentzündung überstanden.
Am ersten Abend stemmte ich sie mit meinen lang ausgestreckten Armen hoch und merkte, wie sie endlich nachgab. Unter ihr waren weiße Fliesen. Sie thronte über mir mit einem Abstand von zwei Metern. Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen, nach einer Stunde kam mir spontan die Idee.
Es war, als würde aus einem prall gepumpten Fahrradschlauch seicht die Luft entweichen, als hätte man vorsichtig an ihrem Ventil gedreht. Bonny besaß Willenskraft. Ich wollte nicht jeden Tag Kämpfe mit ihr ausfechten. Ich zeigte, dass ich stärker war, „Aus und Basta“ mit dem Spiel. Das galt nicht für immer in allen Situationen, wie ich erneut bald feststellen musste.
Bonny hatte ein geflochtenes Weidenkörbchen mit eingenähtem Kissen, worin sie schlummerte, wie ein kleines Kind in einer Wiege. Ihr eigenes Kissen lag ebenso darin, das sie mitgebracht hatte. Dieses Körbchen gab
es einzig in Medium. Ich dachte, dann muss sie die Pfoten darüber legen,
über den breiten, flachen Rand. Passanten auf der Straße riefen uns nach: „Ja, passt sie denn da rein?“ Sie waren fürsorglicher. Überall gewann sie Aufmerksamkeit, die Bonny ins helle Licht stellte. Wir wurden bekannt wie ein bunter Hund. Ich brauchte mit ihrer Leine nur einmal solo erscheinen,
lässig um meinen Hals baumelnd oder hochgehalten mit beiden Händen, dass mir Ansässige und Fremde zuriefen: “Dahinten im Gebüsch bei den Anglern am Ufer! Bei Schrör‘s unter der Bank mit dem Eisbeinknochen.“ Mich wunderte oft, wie freundlich Spaziergänger auf sie reagierten, wenn Bonny sich gerade wieder durchschlug in fremden Menschen-Rudeln auf fetter Beutejagd. Nichts war vor ihrer Fresslust sicher, keine Verpackung und unerreichbare Höhen. Ja, kein "Nein!" Sie zog oft allein los im Park, drehte ihre Runden beim Auskundschaften anderer Vierbeiner und ihrer
Menschen. Es war mir auch lieb, wenn ich ungestört auf einer Parkbank lesen konnte, mich mit manch Anglern unterhielt, mir die verschiedenen Fischarten im See erklären ließ, wenn wir den Booten nachsahen, die im
Turnus einer Regatta segelten oder im einzelnen Kanu alleine paddelten.
“Ich hätte gern so eine Art „Äppel-Kahn“ aus Plastik, wie man in Berlin sagt, so eine Nussschale als kleines Ruderboot mit Motor zum Anfahren und Lenken, manchmal mit einem Segel.“ „Die gab es hier schon in der „DDR“.“ „Ich habe die auf der Bootsmesse gesehen in blau-grün.“ „Sie waren auf der Bootsmesse im ICC?“ „Ja, ein Verkaufsstand aus Bremen hatte solche.“ „Da gibt es auch jene Yachten, die vom Wannsee kommen.“ „“Die habe ich da auch gesehen.“ Wo wollen Sie Ihre Nussschale lassen, wenn Sie nicht drin rudern?“ „Man hat mir geraten, zu fragen, ob ich das sehr kleine Boot einem größeren Motorschiff im Anlegehafen zugesellen
darf.“ „Das ist eine gute Idee. Schauen Sie mal, wo sich wieder die Bonny herumtreibt, unterm Busch. Sie scheint was sehr Interessantes gefunden zu haben. Plötzlich hörten wir ein Quieken und Aufjaulen, das uns durch jede Nervenbahn zog. Eiligst kam sie angesprungen mit der rot blutenden Nase.
„Sie wollte doch nicht mit dem „Red nose Rentier“ mithalten? Ein Igel ist kein Spielball. Das ist bestimmt ihre letzte Erfahrung mit dem Stacheltier gewesen.“ „Nein, ein Marder hatte gebissen.“ „Das kommt davon, wenn man seine Nase überall rein steckt. Gehen Sie besser zum Tierarzt mit ihr. Sie sollte untersucht und geimpft werden, es können Krankheitsüberträger sein.“ Besser, auf ihn zu hören, er war mein Tierexperte mit seiner Hündin und Reptilien verschiedener Art. Wir wünschten ihm einen guten Fang und trotteten die Treppe hoch zur Ersten Hilfe Aktion.
Jimy war ein weiß-brauner, dicker Hauskater. Er wohnte eine Etage über uns bei netten Nachbarn. Ein Whiskas-Kandidat, der niemals herauskam, allerhöchstens auf die Terrasse und bis zum Treppenabsatz, dass er kaum andere Tiere kennen lernen konnte, erst recht keine Katze, einzig Bonny.
Natürlich war Jimy seit früher Jugend kastriert, aber seine Liebesgefühle hatte er sich bewahrt. Tête À Tête, anders hätte man es nicht bezeichnen können, wenn sich Jimy’s großer Kopf frontal an Bonny’ s Stirn drückte mit der langen, weißen Stirnfranse. Es sah himmlisch verliebt aus, wenn ich meinen Plausch mit der Nachbarin hielt, konnten sie dabei ungestört schmusen. Im Park herrschte noch größeres Durcheinander. Taro war der Retriever eines Frauchens, das ihre zwei Golden Retriever nicht in ihren Griff bekam. Sie waren unerzogen und belästigten einen. „Taro, lass‘ die Katze in Ruhe!“, hörte ich sie laut rufen. Es war das Letzte an bodenloser
Unverschämtheit. Ich holte tief Luft und schrie zurück: „Das ist ein Hund, keine Katze, verstanden? Sonst fragen Sie Jimy, den Hauskater, der kennt sich mit ihr besser aus, als einer der Raufbolde.“
Oft sausten über diesen See Sternschnuppen als Sputniks. So schnell, dass man sich kaum wünschen konnte, was man wollte, als dass sie sich schon wieder verflüchtigt hatten. „Da, die nächste!“
„Mein Maler-Winkel, mein Maler-Winkel schwärmte eine Parkbesucherin beim Sonnenuntergang, hier trafen Hunde mit ihren Menschen zusammen, um sich zu beschnuppern, diesen See zu genießen, am Abend unter einem sternklaren Himmel mit Blick auf’ s ferne Ufer, das im Tunnellicht schien.
Es mussten hundert Meter sein bis zum anderen Ufer, eine Landzunge als Bootsanlege-Stelle.
Auf unserer Parkseite legten die Vergnügung-Dampfer an, die wechselnd die Rundfahrten boten. Es gab kleine und große Touren auf vier Dampfer verteilt, die von hier aus oft am Tag losfuhren. Das durchdringende, laute Hupen bei ihrer Ankunft und Abfahrt, die Anlegebrücke zum Ein- und Aussteigen der Passagiere, die Stewards, der Kapitän. Es gab Unter- und Oberdecks auf den Dampfern. Oben sonnte man sich bei schönem Wetter auf den Holzstühlen, unten saß man geschützt hinter Fensterglas auf den Polsterbänken, wenn es regnete oder zu windig war und langsam kühl wurde.
Die diebische Elster
Bei Bonny lernte ich den Kommandoton. Sonst hätte das in unserer ersten Zeit nicht geklappt. Ihr Ex-Frauchen sprach mit mir noch mal am Telefon, um mir in der Eingewöhnungsphase ein paar Tipps zu geben. „Kürzer und zackiger,“ riet mir die Bäuerin, als Bonny im Appartement nach Essbarem zu suchen begann, während ich mit ihr telefonierte. Sie nutzte Situationen, aus, in aller Heimlichkeit ungeahnte Beute zu erhaschen. Sie hatte bei mir acht Stunden lang am Tag Zeit, meine Wohnung zu inspizieren, wie es ein Privatdetektiv in seiner Detektei mit großer Lupe vollführt.
Nichts war vor ihrer Fresslust sicher, keine eingeschweißte Verpackung in zu hohen Schränken versteckt. Sie hatte schnell erkundet, dass man diesen Schreibtischstuhl auf Rollen nur mit den Pfoten schubsen braucht bis zum Kleiderschrank, deren Tür in einem leichten Klappmechanismus öffneten.
Sie wusste, dass es verboten war, auf’ s Bett zu springen und dass sie von dort auf den Bürostuhl gelangen konnte. In verschlossenen Verpackungen erkundete sie Pansen, Leckerli und Kekse, hinten in meinem Wäschefach.
Die Plastiktüte, in der sie versteckt waren, lag auf dem Teppich zwischen Höschen und Hemdchen. Ich war sprachlos, als ich nach Hause kam,
Ihre Intelligenz faszinierte mich, dass ich zu schimpfen vergaß und ihr so ein Gefühl vermittelte sowie gewonnen: „Du hättest das nicht geschafft!“
Ein anderes Mal war es ihr Tempo. Ich ging zwei Minuten zur Nachbarin hinunter, um Pakete abzuholen, als sie in der Zeit 400g Eier- Madeleines, mein Sonntagsgebäck, verspeist hatte.
Natürlich hatte sie mir kein einziges Stück übriggelassen und griente mich mit schwarzen Lippen an. Stolz lag ihrem Blick. Sie zuckte nicht mit einer Wimper, als ich sie kräftig am Hals packte und schüttelte. Dieses Mal war ich verärgert, als sie mir das Gebäck aufgefressen hatte in der Rekordzeit,
in der es kein Mensch geschafft hätte. Mir hätten die Eier- Madeleines am Sonnabend auch geschmeckt. So leckte sie sich mit Genuss ihr Mäulchen. Die Verpackung lag aufgerissen und leer im Korb.
Erster Tierarzt-Besuch
Ich säuberte die blutende, schwarze Knubbelnase und kühlte sie mit dem Waschlappen, was sie sich gern gefallen ließ. Dann wollte ich ihre Nägel schneiden, sie waschen und kämmen, sowie die Ohren bürsten, schnieke machen für den Tierarztbesuch, dass er nicht noch einiges anderes findet, sowie gewohnt. Dabei stellte ich jedoch fest, dass ich keine Übung beim Daumen schneiden hatte. Er war eingewachsen. Es wäre besser, dies der Fachkraft zu überlassen, wenn wir morgen Vormittag sowieso hingingen.
Ich föhnte ihr dreilagiges, dichtes Fell trocken und schnitt ein paar lange Fransen ab. Ihre Nase cremte ich mit einer Wundsalbe ein, die ich selbst benutzte. Dann sprang sie zurück ins Körbchen, fühlte sich wieder wohl, schüttelte ihr großes Kissen darin selber auf, und so wir legten uns beide schlafen. Ich staunte oft, wie synchron unsere Handlungen abliefen. Das war fast egal, worum es ging. Sie schnarchte ziemlich laut. wenn ich ihr zurief: „Bonny, Nachtruhe!“, hörte sie auf. Der eigentliche Grund dieses Besuchs war ihr eingewachsener Daumennagel, den ich trotz dieser neu gekauften Nagelschere nicht in den Griff bekam. Ich wollte Bonny nicht länger weh tun, ihr Bellen verstand ich als wirklichen Schmerz und ging mit ihr zum Tierarzt an der Ecke.
Unsere Kommunikation war herausragend. Bonny gab mir klipp und klar kund, was sie wollte. Außerdem war es Dezember zum Jahreswechsel, ja, ihre Impfung war fällig. Der europäische Hunde-Impfpass war ihrem Ex-Frauchen auf der langen S-Bahnfahrt abhanden gekommen, wie sie es mir am Telefon aufgebracht beteuerte. „Dort hatte sich ein dickes Weib neben mich gesetzt, dass die sehr volle Tüte mit Bonny‘ s Sachen umkippte. Ich meine, ihr Impfpass muss dabei herausgefallen sein, vielleicht unter ihren Sitz, dass ich ihn übersah.“ Sie bekräftigte die Aussage mit einem starken Ansturm am Nachmittag im Umsteigebahnhof. Weil ich diese Strecke gut kannte, glaubte ich ihr halbwegs, zu mindestens, dass sie geimpft war. Es ging spontanes Vertrauen von ihr aus, wenn ich auch glaube, dass sie mir was verschwieg. Min großes Fiasko beim Tierarzt hieß: die Todesspritze! Doppelter Herzklappenfehler lautete die Diagnose. Er hielt das Teleskop, das um seinen Hals baumelte, in die Hand, runzelte mitleidsvoll die Stirn und erklärte im ernstvollen Ton, sowie ein Priester mit Schulddruck, dass die Worte auch im Inneren des Frauchens der kleinen Patientin ankämen.
Er klärte mich auf, dass es zumeist durch eine Infektion im Welpen-Alter geschieht, noch vor der ersten Impfung, wenn sie bei der Mutter sind. Ich wusste, dass eine Nachbarin Püppi der Bäuerin gab. Püppi stammte nicht von der eigenen Hündin, demnach konnte sie es davor bekommen haben. „Es gibt Gott sei Dank Medikamente, die vielleicht die Lebenserwartung noch etwas hinausschieben könnte, entweder als Tropfen oder als Pillen, die man ihr mit ins Fressen gibt.“ Sie sollte in kurzer Zeit sterben, wenn sie nicht die verabreichten Medikamente, im Wert von fünf Euro täglich, bekommen würde. Ich fragte nach eventuellen Nebenwirkungen, wie die chemische Substanz über die Leber und Niere verarbeitet werden würde. Die Frage wurde nicht eindeutig beantwortet. Stattdessen betonten beide weiter, der Tierarzt und die Assistentin, dass mein kleiner Fress-Sack so schön pummelig sein müsste, wenn sie die Leckerli, das vom Menschen
Erbeutetes und eine tägliche Ration des vollen Napfes an Trockenfutter-Gemisch aus Getreide und Gemüse, sowie die Fleischbrocken mit Soße aus der Dose bekommen würde. Ich fragte ihn, ob es das nicht auch als homöopathisches Mittel gäbe auf der Naturbasis. „Da gibt es Vitamine, Mineralien, Spurenelemente als ein körperliches Stärkungsmittel!“ Die
Tinktur, die ich ihr als Nahrungsergänzung unter ihr Futter mischte, war
es dann, und suchte einen anderen Tierarzt auf, den ich konsultierte. Er bestätigte diese Diagnose mit Gelassenheit, die sich nicht in Todesnähe befand, und meinte, dass sie es ruhig mag. „Sie wollen mit ihr nicht zur Jagd gehen.“ „Das ist ein Hütehund, ein Klosterhund, kein Jagd-Hund!“ „Da sehen Sie mal. Ich würde auch vom Ausdauer-Sport abraten.“ „Sie mag kein Fahrrad. Sie muss nicht auf der Straße neben meinem Fahrrad herlaufen. Sie muss keine Schlitten ziehen, keine Kutsche und Karren.“
Er lachte. „Sie soll mich bei guter Laune halten und vor allem gesund!“ „Ich glaube, ihr passt beide hervorragend zusammen. Lasst euch keine Angst machen.“ Ich war heilfroh über den zweiten Tierarzt, wir gingen
das nächste Mal wegen Flöhe zu ihm; denn Bonny lebte knappe sieben Jahre weiter bei mir ohne irgendein chemisches Medikament.
Vielleicht gerade deshalb, die Vitamintropfen bekam sie und machte sie zum reinsten Zugpferd. Es waren Passanten auf der Straße, die nicht die Bemerkung unterdrücken konnten, von wegen, wie solch kleine Hündin mit ihren kurzen Beinchen mir immerzu vorne weg laufen konnte. „Dort kommt dein Frauchen kaum mit. Wie schaffst du das nur?“ „Sie hat vier Beine, ich nur zwei!“, war die Antwort. Dann sagten sie: „Wie du laufen kannst mit deinen Beinchen!“ Es freute mich, ich war stolz auf sie. Doch jaulte sie auf, als ihr aus Versehen auf die Zehen trat, weil sie mir vor die Füße lief. Voller Empörung schaute sie zu mir hoch: „Pass gefälligst auf!“
Ein zotteliger Passagier
Von klein auf war sie an den PKW-Sitz gewöhnt und liebte das Autofahren nach Sylt sowie woandershin. Ihr Ex-Frauchen hatte ein Ferienhaus an der Nordsee. Bonny räumte sich in Straßenbahnfahrten das Privileg ein, auf einem Menschensitz Platz zu nehmen, dabei nah am Fenster, um herausschauen zu können. Das gleiche betraf natürlich auch lange S-Bahnfahrten.
Es konnte im Berufsverkehr zum Problem werden und auf vielbesuchten Umsteigebahnhöfen. Ich schubste sie von ihrem Platz herunter, worauf sie zutiefst beleidigt reagierte. Sie machte mich oft zum Gespött der anderen Fahrgäste, wenn sie Bonny in Schutz nahmen und auf mich einredeten, ich
sollte sie doch dort sitzen lassen. „Sonst sitzen Penner in dreckigen Hosen, Säufer mit Bierflaschen. So lassen Sie sie doch dort heraus schauen, lassen Sie sie doch dort sitzen, unten wird sie noch getreten im Gemenge auf dem dreckigen Fußboden, lassen Sie sie doch! Wir haben Schuhe an, sie nicht!“
Damit hatte sie wieder gewonnen und grinste sich eins. Es war mir oftmals peinlich vor anderen, ihr nicht den Vortritt zu lassen in der besseren Platzwahl.
Ich hätte mich selbst bloß gestellt wegen meines Egoismus. Auf der Straße wurde sie oft bewundert, vor allem von Frauen im Alter rüstiger Rentner.
Zwei Monate später begann ein Dauerregen. Bonny sprang auf die oberste Stufe der Treppe eines Altbaus und setzte sich vor eine Haustür, um einem plötzlichem Regenschauer zu entgehen. Eine Mieterin, die ihren Schirm zuzog und den Schlüssel ins Schloss steckte, blieb überrascht vor Bonny stehen, kraulte ihr hinter den Ohren und sagte: „Meine Süße, du würdest mir gut gefallen!“ Ich reagierte sofort in Anbetracht, dass es mir an einer Hundepatin fehlte, wenn ich wirklich mal verhindert wäre und erklärte ihr, dass ich mir in dem Zusammenhang gerne ihre Rufnummer notieren würde. Sie hatte nichts dagegen und freute sich über meinen Vorschlag.
Als der Prassel-Regen in seichten Nieselregen übergegangen war, gingen Bonny und ich schnurstracks nach Hause.
Unerwarteter Besuch
Wenige Wochen darauf erinnerte ich mich an die nette, ältere Dame, weil sich ein alter Bekannter wieder gemeldet hatte, der urplötzlich vor meiner Tür stand, ohne dass ich ihn richtig erkannt hatte und vorsichtig reagierte. Bonny merkte das natürlich auf Anhieb und legte sich vor die Eingangstür.
Wäre sie aufgegangen, hätte er sich dagegen geworfen, sie aufgeschlossen, aufgebrochen, schließlich war er der Erbauer des Hauses, ein Ingenieur, der diese Haustechnik kennen musste, dann wäre er sofort über meine Bonny gefallen. Er hatte selbst einen Berner Sennen und kannte sich mit Hunden aus, ihren eigenen Prinzipien, insbesondere, was Fremde anbelangt.
Manche schlagen lauthals an, andere springen den Eindringling an. Meine verhielt sich beinah unsichtbar und unhörbar, niemand hätte vermutet, dass sich hinter der Tür eine Hündin verbirgt. Sie ließ jeden hineinkommen und bellte nie, doch nicht mehr heraus. Ging die Tür auf, saß sie dahinter, dass es so schien, als sei keiner da. Doch in dem Moment, in dem derjenige die Tür geschlossen hätte, wäre sie auf die Bildfläche getreten, indem sie sich vor die Tür gelegt hätte, um ihn nicht mehr rausgehen zu lassen. Sie hätte ihn festgehalten, bis ich in Erscheinung getreten wäre, das andere hätte sie mir überlassen. „Ähm, Sie haben einen Hund?“, hörte ich ihn am Telefon fragen, weil er mich ins Restaurant einladen wollte. Ich merkte gleich, wie er Respekt hatte, den er nicht zugeben wollte. Alleine wäre er nicht auf die Idee gekommen, dass da jemand bei mir in der Wohnung ist. Etwas später fragte er weiter: „Ja, ist Ihr Hund gaststättentauglich?“ Ich wusste
es nicht, weil ich bis dahin mit ihr kein Rendevous bei Dritten erlebt hatte. Wir waren nur für uns.
Vor zwei Jahren hatte ich mich bis über beide Ohren in ihn verliebt. Nein, er wollte mir etwas Persönliches erklären, das am Telefon schwierig wäre. Ich hatte vor gut zwei Jahren seine Telefonnummer gewählt, als sich eine Frauenstimme mit anderem Namen meldete. Genau in dem Moment, in dem eine Verbindung hergestellt war, rief ein etwa vierjähriges Mädchen in den Hörer hinein,- laut und deutlich, ja, beinahe fordernd: „M A M A !“
Darauf verstummte ich, und auch die Frau mit dem anderen Namen wollte nichts weiter sagen.
Jetzt war er wieder am Telefon: „Ich muss nur noch an Sie denken!“ „Hm,- nach - zwei - Jah - ren!“ „Ich brauche wieder einen klaren Kopf!“ Jetzt war das Eis gebrochen und ich musste lachen. „Also gut, am 17. Dezember um 18 Uhr bei Tony, dem Italiener.“ Bonny schien dies ungehört mitbekommen zu haben. Sie peilte zu mir herüber, hatte ihr Kinn auf dem Körbchen-Rand abgelegt und sah mir mit dem „von unten nach oben Blick“ in die Augen.
Ich saß auf dem Teppichboden, mit dem Rücken an meinen Kleiderschrank gelehnt. Sie ruhte in entspannter Geste auf einem Kissen im Körbchen, das im Flur stand, direkt vor meiner Zimmertür. Sie war fast immer offen, mit dem Unterschied, ob ganz weit offen, halb offen oder angelehnt.
Aus ihren großen, dunkelbraunen Augen traf mich der eindringliche Blick: „Ich komme dahin mit!“ Hundefreunde amüsierten sich köstlich, wenn sie hörten, dass sie vor dem Kühlschrank schlief. „Dort müsste sie die schönsten Träume haben, wenn nicht, bekommt sie die noch.“ Es ging nicht anders, weil im Flur gleichzeitig die Küche war, eine zwei Meter lange Küchenzeile.
Da war alles weiß gefliest. Wenn Bonny aus dem Regen kam, durfte sie nicht mit Schmutz ins Zimmer, das mit hochwertigem Teppichboden ausgelegt war. Ich musste sie zuerst fein sauber machen, bevor sie mich in meinem Bereich besuchen kommen durfte. Die Regeln hatten wir von Anfang an
festgelegt. Ich war mir unschlüssig, ob ich sie zu dem Rendevous ins feine Restaurant mitnehmen sollte. Schließlich hatten wir noch keine Erfahrung darin. Steve, unserem spontanem Gastgeber, musste es sehr wichtig sein.
Jetzt fiel mir wieder die Hunde-Patin Jutta ein, als mögliche Lösung für einen Abend, rief ich bei ihr an. Erst meldete sich der Anrufbeantworter, dann bekam ich sie persönlich zu sprechen. Sie hätte es sich anders überlegt, nachdem sie mit ihrer Schwester darüber gesprochen hätte. Öfter
gibt es Situationen, denen sie vielleicht nicht mehr gewachsen ist, wenn da die großen Hunde kommen zum Schnuppern, das würde ihr Angst machen. Manche sporadischen Arztbesuche stellte sie ebenso dagegen. Somit war es eine höfliche Ablehnung. Es wurde mir klar, warum sich Bonny mich ausgesucht hatte, für mich wären dies all keine Gründe gewesen.
Nun mussten wir es darauf ankommen lassen. Sie hatte bei dem Telefonat ihre Ohren gehoben, die sonst wie zwei große Blätter von ihrem Kopf herabhingen. Vor ihrem Körbchen breitete sich eine zähflüssige Lache aus,
die ich als Gallensaft identifizierte, unübersehbar und gelb auf den weißen Fliesen.
Bonny hatte zurzeit jenes Telefonierens Gift und Galle gespuckt, um mir zu zeigen,
auf was für absurde Ideen ich käme, sie einfach wegzugeben, wenn ich mich mit jemandem traf. Es war doch klar, dass sie mitkäme, auch zum Schutz für mich, und natürlich aus reiner Neugierde. Wer war er eigentlich?
Im noblen Restaurant
Wir kamen eine halbe Stunde zu spät, auf der Promenade zu Tony gab es neue Informationen zu verarbeiten, nicht nur an Baumstämmen, sondern auch im Erleben wahrhaftiger Begegnung mit Hunden und dem Mensch.
Steve hatte bereits den Ober gefragt, wie lange man so auf die Dame mit Hündchen warten müsse. „Na ja, eine halbe Stunde könnte es dauern, ist die Strecke länger als üblich“, beruhigte er ihn. Ich bedankte mich dafür. beim Ober. „Ich bin in Gera geboren“, lautete sein erster Satz. Ich dachte sofort an meinen Vater. „Mein Vater hatte in Gera seine Jugend verbracht, seine Stiefmutter war dort geboren.“ „Ja, waren Sie denn mal da?“ „Kein einziges Mal bisher. Mein Früherer, ihr sagt Bekannter, stammt aus Jena. Da kauften wir seine Standardjeans, ich habe von Jena nur ein Kaufhaus gesehen.“ „Ja, Gera ist ne halbe Autostunde von Jena entfernt.“ „Er wäre keinen Umweg für mich gefahren oder hätte angehalten, selbst wenn mir
die Blase geplatzt wäre.“ „So sind Sie auf den Hund gekommen?“ „Nicht ganz, ein bissl.“ „Es hört sich bayrisch an. Ich muss heute Nacht mit dem ICC nach Ulm fahren, neuer Auftrag. Baupläne abliefern und besprechen.“ Der Ober machte darauf aufmerksam, dass an Nachbars Tisch ein anderer kleiner Hund saß und ich die Leine über die Stuhllehne legen sollte, damit sie sich nicht selbständig mache. Bonny zeigte mehr Interesse für Steve als für den anderen Hund. Sie lag wie auf der Lauer direkt unter seinem Stuhl und nahm alles wahr, was hier nun geschah.
Als wir uns mit den Speisekarten gegenüber saßen, konzentrierte ich mich auf die Weinkarten, die offenen Weine im 0,3 l Glas vor den Flaschen und Steve auf Fischspezialitäten des Atlantik. Ich entschied mich für Risotto a la casa, ein Sahne-Curry-Gemüse Risotto, das ich im Schaukasten vor der Eingangstür erpicht hatte und einen Rosé. Es war meine Unsicherheit.
Steve wählte den Atlantik-Fisch, der vom Ober am Tisch entgrätet wurde, was ich vorher nicht wusste. Sonst hätte ich mich auch über Fisch gefreut, der zart und saftig aussah, schneeweiß, als er enthüllt war. Der Ober hatte zwei Fische geholt, weil er mein Risotto als kleine Vorspeise betrachtete. Ich traute mich nicht zu sagen, dass ich jetzt auch Fisch essen möchte, als er lachte, dass er ihn selbst essen würde. „Leben Sie von Vorspeise sowie Nachtisch?“ „Wie es kommt, ab und zu gibt’ s größere Zwischenmahlzeit.“ „Alles andere isst Ihre Hündin mit?“ Bonny gab mir zu verstehen, dass sie ihn mag, was ich nicht gleich merkte, da ich einfach zu aufgeregt war und mich auf Steve und das Essen konzentrierte. Sie war unsichtbar geworden
unter seiner Sitzfläche. Er erzählte von seinem Berner Sennen, der ihm mal die Jacke zerrissen hatte in einer stürmischen Begrüßung, und dass
er ihn in keine Restaurants mitnehmen konnte.
Er hatte Zimmermann gelernt in Gera sowie sein Vater. Ich musste dabei an Jesus Chr. denken. Schon während dieses Telefonats fragte er mich in überraschender Weise: „Glauben Sie an Gott?“
Ich reagiere äußerst empfindsam auf jede Art von Ketzerei und Zynismus in diesem Sinn und fragte ihn: „Glauben Sie an Gott?“ Er besaß eine sehr direkte Art. Ich wollte heraus finden, wie ich seine Frage verstehen sollte. War es eine Provokation, Fangfrage, Satire und Spaß? Nach kurzer Pause, in der er tief Luft holte, antwortete er im Brustton der Überzeugung: „Jah,
ich glaube an Gott!“ Jetzt wusste ich, schon im Wechsel des Tonfalls zum Vorangegangenen, dass es ehrlich gemeint war. Ich fühlte mich wie klein beigegeben, als ich sagte: „Jah, ich glaube auch an Gott!“ Es war wie die Gegenwärtigkeit, die mich daran erinnern sollte, am Punkt angekommen, der sich in unteren Gefilden befand. Ich war voller Angst, alles wird gut.
Davor hatte er geflunkert, sonst wäre er nicht an mich heran gekommen. Es ärgerte ihn, dass er vor einer verschlossenen Tür stand. Was sagte mir ein befreundeter Kollege? „Herzelein, merke dir ein für allemal. Es gibt keine verschlossenen Türen, es gibt einfach nur geschlossene Türen. Ich bringe dir jetzt einmal bei, wie man so jede Tür aus den Angeln nimmt.“
„Was kennen Sie sonst aus dem Ostgebiet?“ „Rügen.“ Er musste herzlich lachen. „Ja, Rügen?“ „Na, auch Brandenburg natürlich.“ Wir kamen dem Thema unseres Zusammentreffens näher.
„Im Telefonbuch stand eine Nummer unter meinem Namen für Zepernick, also Kreis Barnim. Ich wohne da nicht mehr, sondern im Prenzlauer Berg.“ Ich nickte stumm und schaute schuldbewusst wie fragend zu ihm hinüber. „Sie versuchten, mich dort in zeitlichen Abständen zu erreichen?“ Ich hob und senkte ausdrucksstark meinen Kopf wie in einem Ja-ha. „Ich bin dort nicht mehr.“ Er hatte seit einer letzten Begegnung etwas verursacht, dass ich ihn wieder sprechen wollte. Doch meldete sich ein anderer Name, der mich irritierte. In Muschelhöhe des Hörers kam mal ein zirka vierjähriges Mädchen zu Wort: „Mama?“ Spontan war es, als hätte es mir die Sprache verschlagen. Ich versuchte es erneut. Aber wen ich sprechen wollte, jener hob nicht ab. Jetzt war mir das klar. Im Prinzip ging dies Missverständnis auch von ihm aus. Wie sollte ich auf die Idee kommen, dass ein Mann mit Kindern nicht mehr zuhause wohnt, den Kindern hatte er ein Haus gebaut.
Er war beruflich eingespannt, wohnte nicht bei der Mutter der Kinder, ein
Bauingenieur, der deutschlandweit baute und oft woanders schlief, über Nacht musste er nach Süddeutschland im ICC-Zug. Dafür sind die Foto-Handys entstanden: „Schau’ mal Lukas, dein Papa will dir „Gute Nacht“ sagen.“ Jetzt aßen wir im Südosten von Berlin. Danach musste er in den Nordwesten, einen Freund im Krankenhaus besuchen, immer auf Achse sozusagen. Bonny lauschte in heller Wachsamkeit, sie verstand zwar die Worte nicht, nahm aber unsere Stimmen mit Tonlage wahr. Steve nannte unsere Verbindung mystisch. Sie wurde wie unsichtbar gelenkt von dem ersten Moment, dem Tag der Wohnungsübergabe, als er sich mit seinem kräftigem Händedruck verabschiedete: „Alles Gute für Sie, Frau S.!“ Er schaute mir forsch in die Augen, und ich verlor kurz mein Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, hielt er meine Hand immer noch fest. Dabei
lachte er und fing mich auf. Zum Glück, sonst wäre ich rücklings in das französische Fenster gefallen. Es war zweieinhalb Jahre her. Steve ging zum Klo und ergriff im Vorübergehen meine Stuhllehne, dass ich genau solch innere Kraft merkte wie am Tag der Wohnungsübergabe, ein Licht ging von ihm aus. Als er wieder Platz nahm, fädelte er überraschend ein Thema ein, es mir nicht. Steve provozierte gern. „Na, dann erben Sie ja
ein Haus?“ Er lehnte sich zurück. „Nein!“, war meine Antwort. „Nein? Ach ja, Sie sprachen bei jenem Foto, das ich von Ihnen habe, von Ihrer Zwillingsschwester.“ „Das ist Wahlverwandtschaft.“ Er verstand sofort, ohne es von Goethe gelesen zu haben. „Tja, wenn Ihre Mutter in einem Haus in Bayern lebt?“„Trotzdem werde ich kein Haus erben.“ Steve im
Inbegriff der Provokation, er wusste nichts von meinen älteren Brüdern:
„Nein, ist Familie nicht wichtig?“ „Nein“, antwortete ich kurz, wie jetzt
ist Schluss. Ich hatte dabei das Gefühl, dass er mehr wusste, als er sagte.
Kraus-Falten lagen auf seiner Stirn, als ich abrupt das Thema wechselte:
„Was für ein schöner Abend! Wie schade, dass er zu Ende gehen muss!“
Mein Weinglas war zu einem Drittel voll. Ich schaffte es nicht, Alkohol schnell auszutrinken, auch nicht zum Essen. Steve rief den Kellner und bestellte zwei Espresso. Der Kellner brachte sie mit der Rechnung, die
er mir hinlegte. Steve gluckste, zog die Visa-Karte und unterschrieb sie.
Dann sprang er auf, suchte an der Garderobe meine Jacke, warf sie mir über, und ich schlüpfte hinein. Er war echter Gentleman ohne Schleim,
kein Spießer-Typ. Ich mochte ihn mehr, als ich mir eingestehen konnte.
Kein Jeanstyp, kein Anzugtyp, auch sein Outfit hatte individuellen Stil,
was man seltener sah. Bonny ging voraus, im typischen Watschelgang, gleich eines Panda-Bär, als wollte sie vor ihm kokettieren. Sie hatte die Atmosphäre und Anspannung bemerkt. Ich sagte, auf Wiedersehen und hoffte im Stillen ein Wiederhören. In drei Wochen hatte ich Geburtstag.
„Ja, die ist aber schön!“ Sie steckte dieses dicke Kompliment weg. Alle meine Tiere fielen durch besonderes Aussehen auf, vorher war das eine Katze, eine gesprenkelte, getigerte Perser-Katze mit weißem Mäulchen.
Die Zwergkaninchen, eine Braune und ihr weißer Junge mit viel Braun.
Bildschön, dass sie Tierärzten auffielen: „Hast du ein hübsches Gesicht!“
Steve eilte zum blauen Caravan und kramte in dem Handschuhfach nach einer Visitenkarte. Im Zweifel, ob ich sie annehmen sollte, steckte er sie
mir mit einem Lächeln schnell zu. „Aber ja doch!“ Ich blieb stehen, und Bonny mit erhobener Nase. Wir sahen dem Auto noch lange nach. Als er außer Sichtweite war, setzten wir unseren Weg fort zu diesem Haus, das von ihm erbaut worden war. Bonny hatte es sich ausgesucht oder geahnt, was für ein geheimer Zauber von ihm ausging. Im Aberglauben heißt es:
„Man sieht sich oft zweimal im Leben.“ Unser Wiedersehen blieb offen.
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