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Janina Gerlach

ANJULI AISHANI

Im Reich

der schwarzen Engel

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Für Papa, Mama & Stephan,

meine Felsen in der Brandung

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titelfoto Janina Gerlach

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Widmung

Impressum

Prolog

Kapitel 1 – Nächtlicher Besuch?

Kapitel 2 – Floresville High School

Kapitel 3 – Grandma‘s Spezialsoße

Kapitel 4 – Cleopatra

Kapitel 5 – Lauf um dein Leben

Kapitel 6 – Die Auflösung

Kapitel 7 – Freitag nach der Schule

Kapitel 8 – Zitronen

Kapitel 9 – Herzklopfen

Kapitel 10 – Überraschungsbesuch

Kapitel 11 – Taufe?

Kapitel 12 – Der Schock

Kapitel 13 – Die Wahrheit

Kapitel 14 – Von Strigoi und Vukodlaks

Kapitel 15 – Aus Freund wird Feind

Kapitel 16 – Schwarzer Engel

Kapitel 17 – Die neue Welt

Kapitel 18 – Zu Besuch bei Freunden

Kapitel 19 – Missverständnis

Kapitel 20 – Unerwartete Wendung

Kapitel 21 – Flucht

Kapitel 22 – Rosy & Co

Kapitel 23 – Krieg

Kapitel 24 – Der Wächter

Kapitel 25 – Um Leben und Tod

PROLOG

Lange lange Zeit zuvor in der Unterwelt am Portal zu Rumänien:

Der Saal ist brechend voll. Alle sind sie zusammengekommen in der schwarzen Festung am Rande des Portals, gerufen durch ihre Meister. Ahnungslos sitzen sie in kleinen Grüppchen zusammen, gespannt darauf, was verkündet werden wird. Das Stimmengewirr erfüllt die Luft wie das Rauschen eines Wasserfalls. Der Raum ist riesig und die steinernen Mauern ragen weit in den Himmel hinauf. Trotzdem haben einige sogar auf den schweren hölzernen Querbalken an der Decke Platz nehmen müssen, da es sonst zu eng geworden wäre.

Erst vor ein paar Jahrhunderten ist der Erste von ihnen geschaffen worden und schon jetzt zählen sie fast fünfhundert ihrer Art. Wirklich alle haben sich an diesem Tag versammeln müssen. Nicht nur wie üblich die Familienältesten, nein, heute tummeln sich auch Frauen und unbeholfene Kinder im Gedränge.

Mit einem lauten Schlag fliegt plötzlich das massive Eingangsportal auf. Der eintretende Windstoß bringt die Fackeln an den Wänden zum Flackern. Sofort verstummt das Gemurmel im Saal. Jeder starrt gespannt zur Tür. Im nächsten Moment treten sie ein, zwanzig an der Zahl. Allesamt sind sie in lange schwarze Kutten gehüllt, die ihren Körper und sogar das Gesicht vollständig verdecken. Majestätisch schreiten sie in der altbewährten Formation durch den Gang, den die Umstehenden ehrfürchtig für sie geräumt haben, bis sie sich schließlich in einem Halbkreis vor der Menge aufbauen. Einer von ihnen tritt einen Schritt nach vorne und ergreift das Wort.

»Seid gegrüßt!«, schreit er in die Menge und sofort ertönt ein lautes Jubeln. Ein kleines Handzeichen des Sprechers genügt und es ist sofort wieder verstummt. Sie lauschen gespannt seinen Worten. Die Älteren erkennen, dass es der alte Radu ist, der spricht.

»Wir haben uns heute hier versammelt, um den größten Triumph unserer Geschichte zu zelebrieren!« Die eingelegte Pause bedeutet der Menge in erneutes Jubeln auszubrechen, dann donnert seine Stimme weiter.

»Vor wenigen Stunden ist es mir und meinen Männern«, er deutet auf die Gestalten hinter sich, »gelungen, die Hexen zu einem weiteren, ja zu einem gigantischen Entgegenkommen zu zwingen. Seht nur!«

Er greift mit beiden Händen die Ränder seiner Kapuze und die Männer hinter ihm tun es ihm gleich. Bedächtig langsam zieht er den schwarzen Stoff nach hinten und entblößt Stück für Stück seinen Kopf. Zum Vorschein kommt das Gesicht eines alten, grauhaarigen Mannes. Man würde ihn auf um die sechzig Jahre schätzen. Er hat buschige weiße Augenbrauen, die seinen Ehrgeiz verraten, und ein paar Falten spielen um seinen leicht lächelnden Mund. Seine weit aufgerissenen blauen Augen blicken Stolz erfüllt in die Menge.

Für einen Menschen wäre dieser Anblick nichts Besonderes gewesen, doch aus den Mienen der Zuschauer sprechen Entsetzen und Verblüffung. Sofort erfüllt lautes Gemurmel und Getuschel den Raum.

»Wie ist das möglich, Herr?«, ruft einer.

»Das will ich dir sagen«, spricht Radu weiter und der Saal liegt wieder in Totenstille vor ihm. »Ihr alle kennt den Brunnen im großen Saal der Festung.« Ein paar nicken eifrig, der Rest lauscht, traut sich kaum zu atmen. »Wir haben die Hexen dazu zwingen können, ihn in eine unversiegbare verzauberte Quelle zu verwandeln. Derjenige, der sich ihr Wasser über sein Haupt ergießen lässt, soll menschliche Gestalt annehmen und in der Menschenwelt leben können, ohne erkannt zu werden.«

Ein Raunen geht durch die Menge, die meisten tauschen ungläubige Blicke, doch keiner protestiert, denn der lebende Beweis steht ja dort vor ihnen. Plötzlich beginnt einer in der hinteren Reihe lautstark zu jubeln und bald stimmt der ganze Saal in die Freudenschreie ein. Es wäre wahrscheinlich den ganzen Abend so weiter gegangen, hätte der alte Radu nicht wieder das Wort ergriffen: »Halt!«, ruft er mit drohender Stimme, die den ganzen Saal erfüllt. Mit schnellen Schritten geht er auf die erste Reihe zu, die augenblicklich ehrfürchtig ein Stück zurückweicht. Er hebt seinen Finger mahnend in die Höhe.

»Ihr werdet die Vorzüge dieses neuen Zaubers sicherlich genießen, doch ich warne euch: Wenn auch nur ein Mensch hinter das Geheimnis kommt und ihr ihn nicht sofort beseitigt, wird das mit euch passieren!«

Ohne Vorwarnung tritt er noch ein Stück näher an die Masse heran, greift wahllos nach einem jüngeren Alters und haut ihm die nun wieder an seinen Fingern erschienenen langen Klauen in die Schultern. »Dies soll euch allen eine Lehre sein!«, ruft er aus und übertönt damit den verzweifelten Angstschrei des Opfers. Mit einer schnellen Bewegung hat der Meister den Hals des Jungen nach hinten überstreckt und rammt seine spitzen Zähne in seinen Hals. Blut spritzt, dann noch ein kurzes Zucken und der Körper fällt schlaff zu Boden. Die Umstehenden treten hastig noch weiter zurück, dann schreit Radu: »Und jetzt geht hinaus, Brüder und Schwestern und genießt die Freiheit!«

Er richtet das blutverschmierte Gesicht gen Himmel und lacht laut und voller Triumph.

KAPITEL 1 – NÄCHTLICHER BESUCH?

Es ist mitten in der Nacht, als ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen werde. Kalte Schwärze umgibt mich. Es muss um Mitternacht sein. Was hat mich geweckt? Ein lautes Knacken meiner Dielen. Da ist es schon wieder. In Sekundenschnelle sitze ich aufrecht im Bett, schaue mich in meinem Zimmer um. Zitternd versuche ich meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Mein Herz rast. Ich hätte schwören können, dass eine dunkle Gestalt an meinem Bett gestanden hat. Dass sie mich angestarrt hat.

Ich blinzelte, dann war sie spurlos verschwunden.

Das ist absurd, versuchte ich mir einzureden. Ich schüttelte den Kopf und versuchte den Gedanken zu vertreiben. Das musste eine Auswirkung der vielen Horrorfilme sein, die ich mir in den Sommerferien zusammen mit Ashley angeschaut hatte. Dennoch wollte es mir nicht gelingen zu entspannen. Mein Herz pochte immer noch heftig.

Ein Blick durch mein Zimmer versicherte mir, dass sich dort keiner verstecken konnte. Langsam entkrampften sich meine Muskeln. Der Raum war noch sehr spärlich eingerichtet, da wir erst in der letzten Woche nach Floresville gezogen waren.

Das Fenster hatte ich wegen der unerträglichen Hitze am Abend offen gelassen, doch nun peitschte ein kalter Wind durch die Dachgaube. Vorsichtig schwang ich meine Beine aus dem Bett und erschrak. Da war das Knacken wieder.

Es dauerte einen Augenblick bis ich begriff, dass ich das Geräusch selbst ausgelöst hatte, als meine nackten Füße den alten Eichenboden berührten. Schnell huschte ich an meinem Schreibtisch vorbei und schloss das Fenster. Ich hielt einen Moment inne und betrachtete die dunklen Wolkenfetzen, die der Wind über den Himmel jagte. Nur ab und zu ließen sie den Mond durch ihre grauen Mauern blitzen.

Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke. Konnte jemand durch das Fenster eingestiegen sein? Ruckartig riss ich meinen Blick von dem Himmel los und drehte mich um. Dicht an die Wand gepresst durchsuchte ich die Schwärze nach einer Gestalt, nach einer Bewegung.

Alles blieb ruhig. Ich zwang mich dazu, das Geräusch endlich zu vergessen.

Es muss ein Albtraum gewesen sein. Wer sollte schon über den zwei Meter hohen Saarlouis-Zaun geklettert sein, der unser Grundstück umgab, um dann womöglich wie Spiderman zehn Meter an der Wand in die Höhe zu klettern und in mein schmales Fenster einzusteigen.

Es ist absurd. Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Ich habe wirklich eine blühende Fantasie.

Wesentlich entspannter schlich ich zurück in mein Bett, wobei mein Blick auf meinen Nachttisch fiel. Blitzartig wurde mein Herz schwer und Trauer brannte in meinen Adern. Da stand ein Foto von Julien, meinem…naja, unfreiwillig gewordenem Ex-Freund, und mir. Vor einigen Wochen noch hatte ich in Portland in seinen Armen gelegen und auf Wolke sieben geschwebt, doch dann hatte mein Vater kurzerhand beschlossen, nach Floresville in Texas zu ziehen. In unserem alten Zuhause war etwas Schreckliches passiert, und außerdem würde mein Dad in San Diego einen neuen Auftrag haben. Alles was ich wusste war, dass er beim FBI arbeitete und wirklich nie über seine Arbeit sprach. Ob er es nicht durfte oder einfach nur unklug fand, seiner 16- jährigen Tochter etwas anzuvertrauen, wusste ich nicht. Ich fragte auch nicht mehr nach, denn inzwischen war mir klar geworden, dass es nichts brachte und ich ohnehin nichts aus ihm herausbekommen würde.

Ich war natürlich ziemlich verärgert darüber, dass ich all meine Freunde und mein Zuhause der letzten 15 Jahre verlassen sollte, doch schweren Herzens willigte ich schließlich ein und trennte mich von Julien. Ich tat es sehr ungern, da wir bereits elf Monate eine glückliche Beziehung geführt hatten, doch die fast dreieinhalb tausend Kilometer, die nun zwischen uns lagen, hätten für jedes Treffen mehr als eine Tagesreise gefordert und ich konnte mir eine Fernbeziehung einfach nicht vorstellen. Dass ich ihn früher als geahnt wiedesehen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Traurig nahm ich das Bild von dem sonst noch leeren Nachttisch und legte es in die unterste Schublade, wo ich es sorgfältig mit ein paar bunten Halstüchern bedeckte. Es würde das Beste für mich sein, ihn einfach zu vergessen und aus meinem Leben zu streichen. Meine Illusion jener Nacht war bereits eine gute Ablenkung gewesen.

Meine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt und ich konnte an der Wand neben meinem Schrank die silberne Digitaluhr erkennen, die mir mein Vater zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich kniff die Augen zusammen, um die roten Ziffern erkennen zu können. Stöhnend ließ ich mich wieder in mein Bett sinken, zog die Bettdecke bis zu meinen Ohren nach oben und machte die Augen zu. Die Uhr hatte 01:54 Uhr angezeigt – in etwa viereinhalb Stunden würde ich wieder aufstehen müssen und alle Energie brauchen, um meinen ersten Schultag an der Floresville High School zu absolvieren.

Ich werde meinen Vater bitten, sich um die Dielen zu kümmern, war das Letzte, was ich dachte, bevor ich wieder tief und fest einschlief und im Land der Träume versank.

KAPITEL 2 – FLORESVILLE HIGH SCHOOL

Robert nahm meine Hand, zog mich ganz nah an seine Brust und hob mit sanften Händen mein Kinn an, sodass ich in seine blaugrauen Augen blicken konnte. Er war zum Verlieben schön. Mein Herz fing heftig an zu klopfen, als er langsam seinen hübschen Kopf neigte, seine braunen Haare leicht in sein Gesicht fielen und schließlich seine Lippen die meinen berührten.

»Schätzchen, bist du schon wach?«

Der Kuss war unendlich schön. Ich legte meine Hände an seinen Nacken, um ihn noch näher an mich heranzuziehen.

»Anjuli? Du musst jetzt wirklich aufstehen. Wir haben schon viertel vor acht!« Was? Die Stimme klang aber nicht nach Robert. Langsam öffnete ich die Augen und bemerkte entsetzt, dass ich da nicht Robert Pattinson im Arm hatte, sondern nur mein zerknuddeltes Kopfkissen.

Mist! Vor der Tür stand meine Mutter um mich zu wecken und das war ein schlechtes Zeichen, da sie morgens eigentlich nur an meine Tür klopfte, wenn ich wirklich spät dran war. Was hat sie gesagt? 7:45 Uhr – und um 8 Uhr fängt die Schule an?

Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, versicherte meiner Mutter rasch, dass ich schon so gut wie fertig war und zog mir schnellstmöglich wahllos ein paar Shorts und ein Shirt aus einem der Umzugskartons über. In Windeseile hetzte ich ins Bad, welches direkt neben meinem Zimmer lag, putzte mir so schnell die Zähne, dass mein Zahnarzt bei dem Anblick im Dreieck gesprungen wäre und legte etwas Make-up auf, um die kleinen roten Stellen auf meiner Stirn zu bedecken. Dann noch ein wenig Kajal um meine kastanienfarbenen Augen und fertig. Kritisch betrachtete ich mich im Spiegel. Bei dem Anblick meiner zerzausten Haare kräuselten sich meine Lippen, doch ein Blick auf die Uhr verriet, dass ich es schon jetzt nicht mehr rechtzeitig schaffen würde.

Super! Das macht ja einen tollen Eindruck bei meinem ersten richtigen Schultag. Ungekämmt und trotzdem viel zu spät.

Ich war aufgeregt und gespannt, wie die anderen Schüler auf mich reagieren würden. Zwar war ich am vorigen Tag bereits an der Schule gewesen, jedoch nur um ein paar Formulare auszufüllen und meinen Stundenplan abzuholen.

Während ich die Treppe halb runter rannte, halb runter stolperte, warf ich einen kurzen Blick darauf und sah mit Entsetzen, dass ich in der ersten Stunde Mathe haben würde. Leider gehöre ich nicht zu den wenigen Genies dieser Welt, die etwas von Integralrechnung, Stochastik und wie das alles heißt, verstehen, sondern sitze immer einfach nur da, mein süßestes Lächeln aufgesetzt und nicke ganz schnell, wenn der Lehrer fragt, ob wir auch alles verstanden haben.

Die Klausuren zeigten dann meistens, dass ich da doch noch ein paar Fragen hatte …

Unten angekommen sprintete ich in die Küche, drückte meiner Mum einen Schmatz auf die Wange, warf mein Frühstück in meinen Rucksack und packte mir die Autoschlüssel. Mein weißer Audi wartete bereits im Hof auf mich. Ich bin eigentlich nicht so markenverrückt wie einige meiner Freunde, aber ich muss sagen, dass dieses Auto schon das gewisse Extra hat. Mit Navi, Sitzheizung und eingebautem Bordcomputer machte das Fahren echt Spaß und die Chromfelgen gaben dem Ganzen den letzten äußerlichen Schliff – meinte zumindest mein Vater, der mir den Wagen zu meinem 16. Geburtstag geschenkt hatte.

Vom Geld her war das kein Problem. Schließlich verdiente er beim FBI mehr als genug, um mir jeden Wunsch zu erfüllen, doch ehrlich gesagt wollte ich das nicht so ausnutzen und hatte mir, bis auf ein fahrtaugliches Auto zum Geburtstag, noch nie so etwas Großes gewünscht. Dass es genau dieses Auto wurde, hat mich dann auch nicht gestört.

Das einzig Schlechte daran war, dass es zahlreiche Blicke von gaffenden Schülern auf sich und somit auch auf mich lenkte. Als ich gestern zum ersten Mal vor der Schule vorgefahren war, hatte ich mich vor neugierigen Blicken kaum retten können und war froh, als ich durch die Tür des Sekretariats geschlüpft und somit erst mal sicher gewesen war.

Heute würde mir das wahrscheinlich nicht drohen, da meine Uhr bereits 8:10 Uhr zeigte, als ich die Hofausfahrt verließ und mich in Richtung Schule begab.

Unser neuerworbenes Haus lag an einem abgelegenen Waldstück etwas abseits der Stadt und so dauerte es fast zehn Minuten bis die Schule in Sicht kam.

Auf dem Schulparkplatz angekommen, drehte ich eine Runde, um noch eine freie Parklücke zu finden, und siehe da – hinter einer Reihe von Büschen und Bäumen gab es noch weitere fünf Parkplätze. Drei davon waren bereits belegt und eine der freien Parklücken war so eng, dass ich bestimmt Probleme mit dem Einparken bekommen würde. Ich steuerte also auf die letzte Parklücke zu, die wie für mich gemacht zu sein schien, da tauchte plötzlich hinter mir ein anderes Auto auf. Es war eine schwarze Corvette, die mich überholte und sich in die Lücke stellte, auf die ich gerade zugehalten hatte. Verärgert grub ich meine Fingernägel in das Lenkrad.

Was erlaubt sich dieser Typ?

Genervt legte ich den Rückwärtsgang ein und versuchte mir die Worte meines Fahrlehrers über Einparken wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ich wollte jetzt einfach möglichst schnell in diese Parklücke und am besten ohne mir eine Delle in meinen Audi zu fahren.

Wie ich erwartet hatte, klappte es nicht beim ersten Versuch. Beim zweiten auch nicht. Der dritte war knapp, doch ich wollte nicht riskieren, gegen eins der anderen Autos zu fahren, also setzte ich nochmals zurück und versuchte es ein viertes Mal. Ich war so konzentriert gewesen, dass ich gar nicht bemerkte, wie drei Personen aus der Corvette ausstiegen. Zwei davon, ein Junge und ein Mädchen, entfernten sich in Richtung Schulgebäude, der Dritte kam direkt auf mich zu. Ich betete, dass ich es dieses Mal schaffen würde. Alles andere wäre einfach viel zu peinlich gewesen. Ich hielt die Luft an, lenkte in Richtung Parklücke, drückte leicht das Gaspedal und… atmete aus, denn ich hatte es endlich geschafft. Hastig ergriff ich meinen Rucksack, der auf dem Beifahrersitz lag und stieg aus. Ich hoffte immer noch, dass ich mich nur verguckt hatte, doch der Fahrer der Corvette kam wirklich auf mich zu.

Was will der nur?

Eigentlich kochte die Wut in meinem Magen, doch bei dem Anblick des jungen Mannes verflog der Ärger und wich einem Hauch von Scham, welcher meine Wangen rosa rot färbte.

Er musste etwa 1,90m groß sein, denn ich selbst war schon mit 1,78m nicht klein und er schien mich noch um einen Kopf zu überragen. Mein Blick wurde auf seine muskulösen Arme gelenkt, während er sich lässig in meine Richtung bewegte.

Ich musste echt lächerlich aussehen, wie ich einfach nur so dastand und ihn anstarrte, denn als er näher kam, erkannte ich ein schelmisches und zugleich arrogantes Lächeln auf seinen Lippen. Lippen, die einfach perfekt zu dem Teint seiner braunen Haut passten. Seine Augen waren verdeckt von einer großen, schwarzen Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, so dass es mir unmöglich war zu sehen, wohin er schaute.

Bitte geh an mir vorbei, bitte geh an mir vorbei.

Seine Haare waren leicht nach oben gegelt und eine Mischung aus schwarzbraunen und haselnussfarbenen Strähnen, die in sein Gesicht fielen und somit seine makellose Haut im Bereich der Stirn verdeckten. Als er keine zwei Meter mehr von mir entfernt war, verlangsamte er seine Schritte und blieb schließlich stehen.

»Du bist neu in der Stadt, stimmt´s? Ich habe dich gestern schon hier gesehen«, sagte er unerwartet freundlich. Beim Klang seiner Stimme klopfte mein Herz schneller. Die Melodie, die darin mitschwang, war einfach atemberaubend schön.

»Ehm, ja stimmt.«

Ich spürte wie Unmengen von Blut in mein Gesicht gepumpt wurden und konnte mir gut vorstellen, wie rot ich wohl sein musste. Mit einem Grinsen im Gesicht streckte er mir die Hand entgegen und sagte:

»Nathan Hawk. Sorry noch mal wegen eben. Ich hatte es ein wenig eilig.«

Eilig? Wieso nimmt er sich dann die Zeit mit mir zu reden?

Ein winzig kleiner Teil in mir bestand darauf, sauer auf diesen arroganten Nathan Hawk zu sein, doch der restliche Teil meines Verstands verzieh ihm sofort und wie ferngesteuert streckte ich auch meine Hand aus und stellte mich vor.

»Anjuli Aishani. Macht nichts. Ist ja nix passiert.«

Mit der freien Hand strich er sich ein paar Strähnen zur Seite und ich konnte sehen, wie er die Stirn runzelte.

»Anjuli Aishani? Das ist aber nicht sehr amerikanisch. Wo kommst du ursprünglich her, wenn ich fragen darf?«

Diese Frage kannte ich nur zu gut, da sie mir schon viele Leute zuvor gestellt hatten – zu Recht, wenn man nicht wusste, dass meine Mutter indischer Abstammung war, ich mich jedoch durch und durch als Amerikanerin fühlte und nicht ein Wort Indisch konnte. Ich wusste lediglich was mein Name bedeutete. Anjuli, der Segen, und Aishani, die Göttin.

Du bist wirklich ein Segen Gottes, hatte mir meine Mutter immer ins Ohr geflüstert, als ich klein war.

Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke etwas höher, da ein kräftiger kalter Windstoß von hinten kam, meine Haare in Nathans Richtung wehte und mich leicht frösteln ließ. Ich wollte ihm gerade die passende Antwort auf seine letzte Frage geben, da bemerkte ich seinen Gesichtsausdruck, der sich schlagartig von jetzt auf gleich verändert hatte.

Seine Züge ließen erahnen, dass er die Augen geschlossen hatte, und ich konnte deutlich sehen, wie er die roten Lippen aufeinander presste, so als hätte er eine Fliege verschluckt und wollte sie auf keinen Fall wieder aus seinem Mund lassen.

Verwundert sah ich ihm zu, wie er das Gesicht in den Wind hielt und kräftig einatmete. Mein Verstand musste mich täuschen, denn das, was ich da vor mir sah, erinnerte mich mehr an ein wildes Tier, das die Fährte seiner Beute aufnimmt, als an einen Menschen.

Seine Hände verkrampften sich und ich konnte deutlich die blauen und grünen Adern erkennen, die sich darauf abzeichneten. Ich hatte Angst, sie könnten aufplatzen, so fest drückte er darauf. Völlig erschrocken trat ich einen Schritt zurück, um Abstand zwischen uns zu bringen. Angst um mich hatte ich in diesem Moment keine.

Warum sollte dieser Mensch mich angreifen? Ich habe ihm nichts getan.

Vielmehr sorgte ich mich um sein Wohlbefinden. Vielleicht hatte er einen Anfall? Ich biss mir leicht auf die Lippe, so wie ich es immer tat, wenn ich mir in einer Sache unsicher war, und fragte ganz leise:

»Ist alles in Ordnung, Nathan?«

Endlich entspannten sich seine Züge. Er schien wieder zu sich gekommen zu sein.

»Ich muss los«, presste er zwischen den Lippen hervor. Anstatt mir zu versichern, dass alles klar war, wie es normale Menschen für gewöhnlich taten, verzog er das Gesicht, rückte seine Brille zurecht, während er einen unheimlich arroganten Blick aufsetzte und sich dann schließlich umdrehte und in schnellen Schritten den Parkplatz verließ. Zu meiner Überraschung, die durch dieses Verhalten sowieso schon riesig war, ging er jedoch nicht in Richtung Schule, sondern verschwand in ein anderes Gebäude, das ich jedoch noch nicht kannte. Ich überlegte einen Moment lang, ob ich ihm nachrufen sollte, verwarf diesen Gedanken jedoch schnell wieder. Ich würde aus diesem Jungen wohl so schnell nicht schlau werden. Außerdem war ich bereits mehr als spät dran und so eilte ich in das Schulgebäude, welches ich wohl für die nächsten zwei Jahre so gut wie täglich besuchen würde.

In der großen Eingangshalle angekommen, zerrte ich den geknickten Stundenplan aus meinem Rucksack und versuchte vergeblich herauszufinden, in welchem Raum ich eigentlich schon vor dreißig Minuten hätte erscheinen sollen. Die Halle war verlassen. Keiner, den ich hätte fragen können. Natürlich nicht – alle saßen bereits im Unterricht. So blieb mir nichts anderes übrig, als noch einen kurzen Abstecher ins Sekretariat zu machen, um die zum Glück freundliche und verständnisvolle Mrs. Jacobs nach dem Weg zu fragen.

Ich war leicht außer Atem, als ich endlich die Tür des Klassenzimmers erreichte, noch einmal tief durchatmete und dann leise aber hörbar anklopfte. Ein älterer Mann, graue Haare, Halbglatze, groß und schlaksig, öffnete mir und starrte mich mit zornigem Blick an. Er rückte seine altmodische Brille zurecht und verkündete spöttisch:

»Ah, sie müssen zweifellos Miss Aishani sein, habe ich Recht? Wir haben Sie bereits erwartet.«

Beschämt nickte ich, betrat den Raum und setzte mich kleinlaut auf den einzigen freien Platz, auf den Mr. Black, mein neuer Lehrer, mich verwiesen hatte. Ich spürte, wie alle Blicke auf mich gerichtet waren, während ich meine Jacke auszog, sie über den Stuhl hängte und mich schließlich darauf niederließ. Neben mir saß ein Junge, der mich mit schwarzen kurzen Haaren, grünen Augen und Sommersprossen anlächelte und sich als Daniel Reed vorstellte. Er schien nett zu sein und ich hoffte nur, dass er mir helfen würde, dieses grauenhafte Fach zu überleben.

Mr. Black war nicht gerade der Mathelehrer, den ich mir gewünscht hatte, und um direkt zu demonstrieren, dass man bei ihm besser niemals zu spät kam, holte er mich auch schon an die Tafel und ließ mich eine verdammt schwere Aufgabe vorrechnen. So etwas Gemeines hatte ich an meinem ersten richtigen Schultag nun wirklich nicht erwartet. Ich würde mich zum Schulgespräch Nummer eins machen – jedoch nicht auf positive Weise.

Ich wollte gerade verzweifeln, da ich nicht mehr weiter kam, als es plötzlich an der Tür klopfte. Wenige Sekunden später streckte Nathan seinen Kopf durch die Tür, setzte seine Sonnenbrille ab und murmelte etwas, dass wie »Entschuldigung, verschlafen«, klang. Mr. Black setzte dieselbe Miene auf wie auch bei mir vorhin und wies ihn zurecht.

»Tja, tut mir leid, Mr. Hawk, aber ich fürchte, ihr Platz wurde soeben vergeben. Da Sie es ja sowieso vorziehen, gar nicht, oder wenn, dann viel zu spät zu meinem Unterricht zu erscheinen, denke ich, es macht ihnen bestimmt nichts aus zu stehen.«

Verblüfft sah ich von Nathan, dessen Augen wütend funkelten, zu Mr. Black, der in der Ecke stand und zu seiner Genugtuung grinste.

»Wie wäre es, Hawk«, fuhr er schließlich fort, »wenn sie gastfreundlich wären und für unsere neue Schülerin, Miss Aishani, diese Aufgabe zu Ende rechnen würden?«

Ich atmete auf. Danke lieber Gott – ich bin gerettet.

Mit gepresster Stimme würgte Nathan ein »Aber liebend gerne doch«, was mehr als zynisch klang, heraus und kam in Richtung Tafel auf mich zu. Ich reichte ihm die Kreide und ging auf meinen Platz zu. Gerade als ich mich wieder neben Daniel setzte, hörte ich noch ein leises »Vielen Dank« seinerseits. Von der schönen Melodie, die ich vorhin noch in Nathans Stimme vernommen hatte, war nun nichts mehr übrig.

Ich verstand nicht, warum er sich so anstellte, an die Tafel zu müssen. Er gehörte zweifellos zu den wenigen Mathegenies, denn er rechnete die Aufgabe fehlerfrei und ohne langes Grübeln zu Ende.

Bewundernd schaute ich ihm dabei zu. Er stand mit dem Rücken zur Klasse. Ich konnte nicht erkennen, welches Logo auf seine schwarze Jeans aufgenäht war, doch es musste zweifelsfrei eine teure Markenhose sein. Dazu trug er ein weißes Shirt, eine schwarze Lederjacke und abgenutzte, knöchelhohe Stiefel.

Ein nahezu makelloses Bild gab er ab, wie er so da stand und in atemberaubender Geschwindigkeit unzählige Formeln an die Tafel kritzelte. Schon halb gefangen in einem herrlichen Tagtraum schreckte ich plötzlich hoch, als Mr. Black einmal in die Hände klatschte und Nathan mit einer Handbewegung zurück an die Tafel zitierte, um ihn auch noch den Rechenweg für die anderen Schüler erklären zu lassen.

So wundervoll das Mathegenie auch von hinten noch ausgesehen haben mochte, als ich in sein ernstes und zugleich genervt dreinblickendes Gesicht schaute, verflog der Zauber, der ihn noch eben umgeben hatte. Ich kannte diesen Typ erst seit weniger als einer Stunde – wenn man überhaupt von kennen sprechen konnte – und er war mir schon jetzt unsympathisch. Als er vorhin durch die Tür gekommen war, hatte ich die Reaktionen seiner Mitschüler aus den Augenwinkeln mitverfolgen können. Die Mädchen hatten alle wie verzaubert in seine Richtung geschaut, was den Jungen etwas zu missfallen schien, doch auch ein paar von ihnen hatten Nathan mit einem Grinsen zugenickt. Es musste also noch eine andere Seite an ihm geben, die die Schüler der Floresville High School zu bewundern schienen.

Als er gerade mit seiner Erklärung beginnen wollte, meldete sich die Schulklingel in der Ecke des Klassenzimmers und verkündetet das Ende dieser Stunde. Nathan war der erste, der den Raum verlassen hatte, ohne auf Mr. Black zu hören, der ihm laut nachbrüllte und wohl noch ein Wörtchen mit ihm reden wollte. Ich heftete mich an Daniel, folgte ihm aus dem Raum und atmete erleichtert auf, als ich auf dem Flur im dritten Stock stand und das Schlimmste an diesem Tag wohl zum Glück schon hinter mir hatte.

Oder kann es noch schlimmer kommen?

Mein Stundenplan kündigte Französisch für die nächste Stunde an. Daniel war wirklich hilfsbereit, zeigte mir den Weg zu dem Raum, hielt mir die Türen auf, die wir passierten, und beantwortete alle meine Fragen, die ich zwischendurch stellte. Ein echter Gentleman! Ich fühlte mich geschmeichelt.

Die Französischstunde war schon viel angenehmer. Kein Wunder – Sprachen fielen mir im Allgemeinen leicht und Französisch war meine Lieblingssprache. Mit vierzehn hatte ich etwa ein halbes Jahr bei meinem Onkel Charly verbracht, der in Paris lebte, und in dieser Zeit mehr über Grammatik, Aussprache und Vokabeln gelernt als in drei Jahren Schulunterricht. Freundlich lächelnd begrüßte mich Madame Ciboulette, deren Name jedem Französischkundigen ein Grinsen entlockte, mit einem: «Ah, bonjour! Tu es la nouvelle fille, Anjuli Aishani, c’est vrai?»

Ich lächelte zurück, bestätigte ihr, dass ich die neue Schülerin war und schaute mich in der Klasse um. Daniel hatte leider kein Französisch, sondern Latein, und so musste ich mir wohl oder übel einen neuen Sitzpartner suchen. In der ersten Reihe saß ein Mädchen ganz alleine an ihrem Tisch. Ihre langen, goldbraunen Haare fielen ihr ins Gesicht, während sie sich nach vorne beugte, um zu lesen. Als ich auf sie zukam, schaute sie auf und lächelte mir entgegen. Ihre blauen Augen strahlten, als sie mir sagte, dass der Stuhl neben ihr frei wäre und fragte, ob ich nicht neben ihr Platz nehmen wollte. Dankbar nickte ich und setzte mich gerade noch rechtzeitig hin, bevor das laute Schrillen einer Glocke durch den Raum tönte und mich zusammenzucken ließ.

»Erschreck dich nicht«, flüsterte das Mädchen neben mir. »Das macht sie immer wenn der Unterricht beginnt. Damit alle leise sind, verstehst du?«

Ich deutete ein Nicken an und konzentrierte mich dann wieder auf Madame Ciboulette, die auf mich zukam und mich aufforderte, mich vorzustellen. Ohne Fehler berichtete ich nun der Klasse, wie ich hieß, dass ich 16 Jahre alt war, vorher in Portland gewohnt hatte und was man eben noch so sagt, wenn man sich vorstellt und kassierte dafür ein »Très bien!«.

Endlich mal ein guter Start in den Unterricht. Wenn schon in Mathe nicht klappt, werde ich hoffentlich in Französisch gute Noten bekommen.

Der restliche Schultag verlief ähnlich. Auch in Englisch, Geschichte und Erdkunde begrüßten mich die Lehrer freundlich, wollten, dass ich mich kurz vorstellte und dann war ich auch schon wieder erlöst. Glücklicherweise hatte ich jedes der Fächer entweder mit Daniel oder Kathy – dem Mädchen aus Französisch – zusammen, und so war es kein Problem, die Räume zu finden, ohne sich zu verlaufen. Um 12 Uhr klingelte es endlich zur Mittagspause und Kathy und Daniel schleppten mich mit in die überfüllte Cafeteria. Sie wollten mich ihren Freunden vorstellen, die bereits an einem langen Tisch in der Ecke Platz genommen hatten. Kathy setzte sich neben einen großen Jungen mit leicht orange-rötlichem Haar und grünen Augen, der mir als Finch vorgestellt wurde, und bedeutete mir mit einer Handbewegung, dass ich mich neben sie setzen sollte. Außer meinen zwei neuen Freunden und Finch waren noch vier weitere Personen am Tisch: Zwei Mädchen, Danielle und Victoria, die exakt dieselben dunkelbraunen, fast schwarzen Haare hatten, mich mit denselben braunen Augen anlächelten und sogar den gleichen grünen Pullover trugen. Auf meine eigentlich schon überflüssige Frage wurde mir bestätigt, dass sie eineiige Zwillinge waren.

Anstatt die zwei weiteren Personen am Tisch genauer zu betrachten, wurde meine Aufmerksamkeit auf den Tisch dahinter gelenkt. Möglichst unauffällig versuchte ich zwischen Danielle und Victoria hindurch zu gucken, um den Jungen und das Mädchen, die ganz alleine am Nachbartisch saßen, genauer in Augenschein zu nehmen. Sie saß mit dem Rücken zu uns, strich sich kurz mit der Hand durch ihre langen gelockten Haare, die im Licht wie pure Seide glänzten, und nahm einen Schluck aus einer silbrigen Flasche. Der Junge saß ihr gegenüber und somit genau in meinem Blickfeld. Obwohl seine Augen durch eine dunkle Sonnenbrille verdeckt wurden, kam er mir unheimlich bekannt vor. Für einen Jungen hatte er relativ lange Haare, die schon fast seine Schultern berührten, und obwohl er somit eigentlich nicht so mein Typ war, hatte er etwas seltsam Anziehendes an sich.

Als ich einen Stich in meiner Seite spürte und erschrocken hochfuhr, registrierte ich, dass mein Blick zum Nachbartisch wohl doch nicht so ganz unbemerkt geblieben war. Kathy grinste mich an.

»Ah, natürlich. Du wärst wirklich unnormal gewesen, wenn du sie nicht angestarrt hättest!«

Ein kurzer Blick zu den anderen Tischen zeigte, dass ich nicht die Einzige war, die immer wieder mal einen Blick zu den beiden hinüber warf.

»Das sind Steven und Britney Hawk. Irgendwo hier müsste sich noch ihr Bruder Nathan rumtreiben. Er ist in unserer Stufe und ich kann dir sagen: Du wirst vom Hocker fallen, wenn du ihn siehst.«

Natürlich. Die leicht gebräunte Haut, die markanten Wangenknochen…Steven sah, abgesehen von den Haaren, seinem Bruder sehr ähnlich. Deshalb kam er mir so bekannt vor. Ich erwähnte nicht, dass ich Nathan eigentlich schon getroffen hatte und wirklich, wie sie gesagt hatte, fast vom Hocker – beziehungsweise vom Autositz – gefallen war. Es war ja nur eine kurze Begegnung gewesen und ich wusste immer noch so gut wie nichts über ihn. In der Hoffnung, vielleicht mehr über seine Familie zu erfahren, fragte ich bei Kathy nach.

»Was ist denn so Besonderes an ihnen? Wieso starren die alle so an?«

»Nun ja, wie du ja bestimmt schon bemerkt hast, sehen alle drei ziemlich gut aus und haben…diese gewisse Anziehung, die jeden träumen lässt, der nicht gerade eifersüchtig ist. Nathan ist wie gesagt in unserer Stufe, Steven ist ein Jahr älter als er und Britney ist erst 14. Sie leben seit circa vier Jahren in Floresville und kommen ursprünglich irgendwo aus Europa, glaube ich. Keiner weiß genau wieso, aber sie lassen sich so gut wie nie irgendwo blicken. Weder auf Schulveranstaltungen noch in der Cafeteria, deshalb werden sie auch jetzt von allen so angestarrt.« Sie zwinkerte mir zu. »Auch du machst da keine Ausnahme.«

Während ich über das nachdachte, was Kathy mir gerade erzählt hatte, schrillte es plötzlich erneut über unseren Köpfen und ein Blick auf die Uhr zeigte, dass die Mittagspause schon wieder zu Ende war. Kaum zu glauben, dass ich die ganze Zeit damit verbracht hatte, irgendwelche anderen Leute anzustarren, ohne auch nur einen Bissen von meinem Brot zu nehmen. Hastig biss ich ein paar Mal ab und legte es in meinen Rucksack zurück. Finch und die anderen beiden Jungs hatten die Cafeteria bereits verlassen und auch Victoria und Danielle machten sich auf den Weg zu den letzten beiden Stunden für heute. Daniel setzte sich mir gegenüber und streckte die Hand aus.

»Zeig mal deinen Stundenplan, dann kann ich dir sagen, wo du jetzt hin musst.«

Nach kurzem Kramen fischte ich ihn irgendwo aus meiner Tasche, warf einen Blick darauf und verkündete erfreut, dass ich jetzt eine Doppelstunde Kunst haben würde.

»Welcher Lehrer?«, fragte Daniel sofort und klang so, als würde er sich an meiner Stelle nicht so freuen.

»Ehm, Carrol.«

Die Züge meines Gegenübers entspannten sich. »Da hast du aber Glück gehabt«, meinte Daniel und grinste, während er fortfuhr: »Wir haben hier fünf Kunstlehrer an unserer Schule. Vier davon sind verhasst – Ms. Carrol wird von allen angehimmelt. Du Glückspilz.«

Er stand auf und zog mich durch die schon fast leere Cafeteria hinter sich her, während er sich im Slalom an den leeren Stühlen vorbei kämpfte.

»Sie ist zwar eine der beliebtesten Lehrerinnen hier, aber sie kennt keine Gnade für Zuspätkommer.« Er zwinkerte mir zu. »Du solltest also besser einen Zahn zulegen. Siehst du die bunte Tür da unten? Da musst du hin. Viel Erfolg!«

Verblüfft blieb ich stehen. »Du kommst nicht mit?«

Das hatte wohl doch ein bisschen zu traurig geklungen, denn Daniel grinste schon wieder. »Sorry, Anjuli. Aber das schaffst du bestimmt auch ohne mich.«

Er lächelte mich noch einmal ermutigend an, drehte sich dann um und verschwand im nächsten Gang. Ich schaute ihm noch eine Sekunde hinterher, biss mir leicht auf die Lippe und machte mich auf den Weg zum Kunst-Raum. Zum Glück war ich noch rechtzeitig, denn die Tür stand offen und Ms Carrol war mit einigen Unterlagen beschäftigt. Nach einem kurzen Blick durch den Raum fand ich einen leeren Tisch und setzte mich, jedoch nicht ohne die neugierigen Blicke der anderen Schüler auf mir zu spüren. Ashley, meine frühere beste Freundin, hätte sich bestimmt wohl und bestätigt gefühlt, wenn so viele Blicke auf sie gerichtet waren. Mir war das Ganze jedoch eher unangenehm. Vor allem, weil meine kastanienbraunen Haare nicht wie sonst leicht gelockt auf meine Schultern fielen, sondern eher wie Stroh fad herunterhingen. Leise verfluchte ich mich dafür, verschlafen zu haben.

Endlich schob Ms. Carrol ihre Unterlagen beiseite und hieß uns alle in ihrem Unterricht willkommen. Ich war gespannt, denn Kunst lag mir eigentlich ziemlich gut und zeichnen war meine Leidenschaft, obwohl ich zuvor nicht allzu viel Glück mit den Lehrern gehabt hatte. Ms. Carrol jedoch schien anders zu sein. Sie war noch ziemlich jung, ich schätzte sie auf etwa achtundzwanzig, trug eine weiße Bluse, hatte ihre blonden Haare zu einem Zopf gebunden und machte einen ziemlich selbstbewussten und zielstrebigen Eindruck. Als sie aufstand, um den Overheadprojektor zu betätigen, bemerkte ich erst, wie groß und schlank sie war – man konnte schon fast von Modelmaßen sprechen. Mit einem Lächeln auf den Lippen verkündete sie: »Neues Schuljahr, neues Glück. Ich habe eben mal auf die Klassenliste geschaut, aber bis auf Andrew und Mary hatte ich vorher noch keinen von euch im Unterricht. Deshalb werde ich jetzt erst mal euer Können überprüfen, um die Leistung des Kurses besser einschätzen zu können.«

Als ein leises Raunen durch den Raum ging, fügte sie noch schnell hinzu: »Keine Angst, nichts Schwieriges.«

Sie holte einen Stapel Folien vom Lehrerpult. »Wie ihr hier seht«, sagte sie, während sie die erste Folie auflegte, »wird unser erstes Thema, mit dem wir uns dieses Halbjahr beschäftigen werden, Zeichnen sein.«

Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Juhu, Zeichnen! Genau wie ich gehofft habe.

»Ihr werdet vier Monate Zeit bekommen, da wir uns ja leider nur jede zweite Woche sehen und noch ein paar Stunden ausfallen, um eine Ganzkörperzeichnung eures Banknachbarn anzufertigen.«

Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, wurde der Geräuschpegel deutlich höher, da alle schon wild mit ihren Nachbarn diskutierten. Die meisten schienen sichtlich erleichtert und glücklich. Nur ein paar wenige verzogen den Mund beim Anblick ihres Gegenübers und wollten gerade schon anfangen zu tauschen, als Ms Carrol sich wieder zu Wort meldete und verkündete, dass alle an ihren Plätzen bleiben müssten.

»Wenn ihr euren Nachbarn noch nicht kennt, dann habt ihr ja genug Zeit ihn kennenzulernen«, sagte sie schließlich und zwinkerte zwei Jungen in der ersten Reihe zu. Während sich alle wie wild unterhielten, schaute ich immer wieder von Ms Carrol zu dem leeren Platz neben mir und fühlte mich seltsam alleine und unwohl.

»Ich möchte, dass ihr mehr über denjenigen neben euch in Erfahrung bringt und ihn so darstellt, dass jeder direkt sieht, was ihn auszeichnet«, fuhr unsere Lehrerin fort und legte nacheinander ein paar Folien auf, die Beispielbilder von einer anderen Klasse zeigten. »Ihr könnt also den Ort selbst aussuchen und auch frei bestimmen, welche Gegenstände die Person auf der Zeichnung gegeben falls bei sich trägt.«

Etwas unsicher blickte ich immer wieder von einigen Schülern um mich herum zur Tafel, dann wieder zu dem leeren Platz neben mir und schließlich zu Ms Carrol. Als sich unsere Blicke zufällig trafen, machte sie ein überraschtes Gesicht, warf einen Blick auf die Klassenliste und kam schließlich lächelnd auf mich zu.

»Hi, ähm…wie war dein Name nochmal?«

»Anjuli Aishani. Ich bin neu an der Schule«, antwortete ich, während ich in ihre großen blauen Augen blickte.

»Also gut, Anjuli. Darf ich mich kurz zu dir setzen?«

Ich nickte und rückte ein Stück zur Seite, um ihr Platz zu machen.

»Wie du wohl auch schon bemerkt hast, ist der Platz neben dir heute leer. Ich habe aber gerade in der Klassenliste nachgezählt und ihr seid 20 Schüler. Dein Banknachbar ist heute also wahrscheinlich nur verhindert und wird in der nächsten Stunde wohl hoffentlich hier sein und dann könnt ihr auch mit dem Ideensammeln anfangen.«

Ich wusste nicht, ob ich erleichtert oder doch eher enttäuscht sein sollte. Was ich aber auf jeden Fall spürte, waren Aufregung und Neugier, die mein Herz schneller schlagen ließen, ohne überhaupt zu wissen, wer mein Nachbar sein würde. Ich hoffte nur, dass wir einigermaßen miteinander auskommen würden und konnte gar nicht erwarten, es in zwei Wochen endlich herauszufinden. Während ich mir bereits ausmalte, wie er oder sie aussehen könnte, hatte ich Ms Carrol neben mir schon fast vergessen und erschrak leicht, als sie plötzlich wieder mit mir sprach.

»Sonst hast du die Aufgabenstellung aber verstanden oder ist dir noch was unklar?«

»Ich denke, ich habe alles verstanden. Danke.«

»Schön, das freut mich. Wann bist du denn hierher gezogen, wenn ich fragen darf?«

Es verunsicherte mich etwas, dass sie so viel Interesse an mir zeigte, ließ sie jedoch auch sehr freundlich und menschlich wirken. »Wir sind erst letzte Woche aus Portland hergezogen.«

»Wirklich, Portland?«, fragte sie sichtlich überrascht. Ich nickte kurz und war gespannt, was daran so interessant sein sollte. »Dort ganz in der Nähe habe ich früher als Kind auch gewohnt. Wunderschöne Gegend.« Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen und lächelte, so als würde sie sich gerade an die schöne Zeit zurückerinnern. Überrascht schaute ich sie von der Seite an.

»Und wieso sind sie jetzt hier, ausgerechnet in Floresville?«

Okay, Floresville hatte schon seine Vorzüge. Ein kleines ruhiges Städtchen, im Herzen von Texas, umgeben von Wäldern, mitten in der Natur. Allerdings musste man etwa hundert Kilometer bis zur nächsten großen Stadt und sogar hundertsechzig Kilometer bis nach Austin, der Staatshauptstadt, zurücklegen und war somit doch sehr isoliert. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass jemand, der ursprünglich aus Portland kam, an Floresville Gefallen finden konnte. Schließlich war meine Heimatstadt mit mehr als einer halben Millionen Einwohnern die größte Stadt des Bundesstaates. Auch mit der Lage konnte Portland punkten: Ganz im Nordwesten der Vereinigten Staaten, nur einen Katzensprung von der kanadischen Grenze oder der Metropole Seattle entfernt und außerdem nicht weit vom Pazifik. Die beiden Städte im Vergleich waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

Ich hoffe, es wird mir nicht allzu schwer fallen, mich umzugewöhnen.

Ms Carrol erklärte mir kurz, dass sie sich mit sechzehn in einen Jungen aus dieser Gegend verliebt hatte und schließlich für ihn hierhin gezogen war. Ziemlich mutig, dachte ich mir und hing noch meinen Gedanken nach, als sie schon wieder aufstand, um einigen anderen Schülern zu helfen. Den Rest der Stunde verbrachten alle damit, sich wild mit ihren Partnern zu unterhalten, Skizzen zu zeichnen und ihre Ideen auszutauschen.

Alle außer mir.

Ich saß still und alleine auf meinem Platz, dachte über den Tag nach und wartete, bis es endlich zum Schulschluss klingelte.

Zur gleichen Zeit, etwas weiter entfernt:

Der Hunger quält ihn, macht ihn schwach und träge. Seit drei Dutzend Stunden hat er nichts mehr zu sich genommen.

Den ganzen Tag hat er damit verbracht, etwas Essbares zu suchen – doch vergebens. Der Wald scheint wie leer gefegt zu sein. Besonders, nachdem jetzt auch noch die Jäger ihr Unwesen dort treiben.

Sie hatten damit rechnen müssen, dass ihre Anwesenheit eines Tages bemerkt werden würde, und doch ärgert es ihn. Er hat den Auftrag noch nicht zu Ende gebracht, er kann jetzt noch nicht gehen.

So muss er wohl oder übel wieder auf die Notreserve zurückgreifen, auch wenn es gefährlich ist, da sein Diebstahl bereits bemerkt worden ist und er den Geschmack der kleinen Wesen verabscheut.

Es ist ein Leichtes für ihn, den dünnen Maschendraht auseinanderzubiegen und eines der fauchenden Dinger zu entnehmen. Normalerweise tut er es nachts, im Schutze der Dunkelheit, doch er kann nicht riskieren, noch länger hungrig zu bleiben. Wenn ihm jemand begegnen sollte, kann er für nichts garantieren.

So landet er vorsichtig auf dem Dach des Hauses und vergewissert sich, dass er unentdeckt geblieben ist. Vor dem Alten muss er sich nicht fürchten, den nimmt keiner mehr für voll, doch vor den Nachbarn sollte er sich in Acht nehmen.

Fast lautlos gleitet er die Dachrinne hinab, landet leichtfüßig und beugt sich über die kleinen Käfige. Sobald ihm der Duft des warmen pulsierenden Bluts in die Nase steigt, setzen seine Gedanken aus – sein Trieb handelt.

Mit einem gezielten Schlag durchtrennt er den Draht und greift nach seiner Beute. Diese wehrt sich jedoch und erwischt ihn mit ihren Krallen. Leise flucht er.

Dann ein weiterer einstudierter Handgriff und das Wesen liegt regungslos in seinen Händen. An der getroffenen Stelle hat sich ein hauchdünner Riss aufgetan, ein wenig Blut tritt aus. Er beobachtet die Wunde ein paar Sekunden lang, dann schließt sie sich auch schon wie gewohnt von selbst.

Noch einmal blickt er sich um und grinst schließlich erleichtert, da alles um ihn ruhig geblieben ist. Nur die übrigen Geschöpfe in dem Käfig machen einen Aufstand, doch das kümmert ihn nicht. Vorsichtig biegt er den Draht in seine ursprüngliche Stellung zurück und klettert flink über die Regenrinne wieder hinauf aufs Dach. Dort versteckt er sich im Schatten des alten Schornsteins und verspeist seine Beute.

KAPITEL 3 – GRANDMA‘S SPEZIALSOßE

Als ich nach Schulschluss verträumt den Weg zu den Parkplätzen hinunter schlenderte und schließlich an meinem Audi ankam, fiel mir auf, dass die schwarze Corvette nicht mehr an ihrem Platz stand. Entweder war Nathan pünktlich um halb drei aus dem Unterricht gestürmt und davon gefahren oder aber er hatte einige Stunden geschwänzt. Das würde auch erklären, warum ich ihn nach der Mathestunde nicht mehr gesehen hatte. Nicht, dass ich nach ihm Ausschau halten würde, aber er war nun wirklich nicht zu übersehen.

Nichts ahnend stieg ich in mein Auto und machte mich auf den Weg nach Hause. Erst später würde ich erfahren, warum der geheimnisvolle Corvettefahrer so plötzlich die Flucht ergriffen hatte.

Während der Fahrt konzentrierte ich mich nicht wirklich auf den Weg, schaute mir nicht die farbenprächtig aufblühende Gegend an, sondern war in Gedanken schon bei meinem neuen Zimmer. Da ich heute in keinem Fach Hausaufgaben aufbekommen hatte, wollte ich die Zeit nutzen, um endlich mal die unzähligen Kisten auszupacken und alles nach meinem Geschmack einzurichten.

Ich bemerkte, dass meine Eltern nicht zu Hause waren, als ich die große Eingangstür aufdrückte und den Flur betrat. Stattdessen klebte ein kleiner Zettel am Spiegel und ich erkannte sofort die Handschrift meiner Mutter.

Sind noch schnell was erledigen. Kommen so gegen 6 Uhr wieder. Stell bitte um 5 den Herd an. Danke.

Perfekt. Ich konnte also tun und lassen, was ich wollte. Schnell holte ich mir noch meinen Lieblingsjoghurt aus dem Kühlschrank und stieg dann die Treppe zum ersten Stock hinauf. Als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete, stand ich vor einem tristen und schlichten weißen Raum.

Da muss ich unbedingt was dran ändern.

Die erste Kiste, die ich öffnete, beinhaltete hunderte von Skizzen, die ich selbst damals in Portland angefertigt hatte. Da waren Portraits von meinen Eltern, von meinen Freunden und natürlich auch von Julien. Die schönsten Bilder von meinen Eltern hängte ich über mein Bett, die Restlichen verstaute ich. Wie zuvor das Foto von Julien, legte ich sie in die unterste Schublade meines Nachttischs. Die Erinnerung an mein altes Leben war einfach zu schmerzhaft, die Wunde war zu frisch.

Als ich endlich zufrieden mit den ausgewählten Bildern war, machte ich mich an die anderen Umzugskartons. Als erstes räumte ich all meine Kleider in den Schrank, danach sortierte ich meine Schulsachen in den Schreibtisch ein, der an der Wand unter meinem Fenster stand, und während ich noch das ein oder andere irgendwo verstaute, hätte ich fast die Zeit vergessen. Beinahe zufällig blickte ich um 17:04 Uhr auf die Uhr. Gerade noch rechtzeitig.

Schnell stieg ich die Treppe herunter, nahm dabei jeweils zwei Stufen auf einmal und sprintete in die Küche. Als ich den Herd öffnete, um zu schauen, was meine Mutter vorbereitet hatte, schwebte mir sofort der köstliche Duft von Grandma‘s Spezialsoße entgegen. Tausende von Erinnerungen strömten in diesem Moment in meinen Kopf.

Die ersten zeigten einen schönen Sommertag. Ich sah mich, wie ich damals bei meinen Großeltern im Garten gesessen hatte und schon von Weitem riechen konnte, wenn meine Oma mit ihrem »Nudelauflauf speciale« die Treppe herunter kam. Ich war fröhlich, lachte… Dieser Auflauf war einfach mein Lieblingsgericht gewesen und ich hatte jedes Mal so viel davon gegessen, dass mir danach schlecht wurde. Ein Lächeln flog über meine Lippen. Ich wünschte mich in diese Zeit zurück.

Dann plötzlich schienen die Gedanken an meine Großeltern wie aufgereihte Dominosteine zu kippen und setzten eine Kettenreaktion in Gang. Im nächsten Moment schossen weitere Erinnerungen in meinen Kopf. Bild- und Wortfetzen, die ich seit diesem einen Tag vergeblich zu verdrängen versuchte. Bilder, die ungewollt vor meinem inneren Auge erschienen. Tränen stiegen mir in die Augen, die alte Wut kochte wieder hoch. Mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem dicken Klos im Hals erinnerte ich mich zurück.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte sich in unserer Familie eine Tragödie abgespielt. Da es mit dem FBI zu tun hatte, wusste ich leider nicht viel darüber. Was ich jedoch wusste, war absolut grausam. Mein Vater hatte irgendeinen gefährlichen Fall – mehr sagten sie mir nicht – und war nah dran, diese Gangster auffliegen zu lassen, als er ungewollt einen schweren Fehler beging. Irgendwie hatten die Kriminellen den Namen meines Vaters herausbekommen und sich dann ganz legal bei der Auskunft unsere Telefonnummer geben lassen. Irgendwo hatten sie ein Mädchen in meinem Alter aufgetrieben und zwangen sie, bei uns zu Hause anzurufen, um sich zu erkundigen, wo ich mich aufhielt. Sie hatten wahrscheinlich vor, mich zu entführen, um meinen Vater später erpressen zu können.

Die ganze Sache war etwas verwirrend. Mein Vater sagte dem Mädchen am Telefon, dass ich den Tag bei meinen Großeltern verbringen würde und gab ihr deren Adresse, ohne zu ahnen, welche fatalen Folgen das haben würde. Was er zum Glück nicht wusste, war, dass ich mir eine Grippe zugezogen hatte und deshalb gar nicht bei Oma und Opa gewesen war.

Am Abend erzählte er mir dann, dass eine Freundin namens Tiffany angerufen und nach mir gefragt hatte. Ich war mir jedoch absolut sicher, dass ich keine gleichnamige Person kannte. Wir ahnten das Schlimmste. Ohne groß darüber nachzudenken, stiegen wir alle ins Auto und fuhren zum Haus meiner Großeltern, welches in Gresham, keine 25 km von Portland entfernt, lag.

Plötzlich brach die Erinnerung ab. Nur noch Wortfetzen, verschwommene Bilder…

Oma und Opa am Boden …

… Blut …

»Sie sind beide tot«

… so viel Blut …

»Sieh nicht hin, Anjuli«

… ganz viel rotes Blut …

»tot«

...

Schnell schüttelte ich den Kopf, hielt mir mit der einen Hand die Augen zu und versuchte mit der anderen meine Ohren zu bedecken. Ich wollte das nicht hören, ich wollte das nicht sehen!

Ein halbes Jahr war ich zur Therapie gegangen, um das alles zu vergessen, und jetzt kam es so plötzlich wieder hoch, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte. Ich sank laut keuchend auf den Küchenboden und spürte, wie dicke Tränen meine Wangen hinab rannen. Ich versuchte mit aller Kraft an etwas Positives zu denken … so viel Blut … und stimmte leise im Kopf mein Lieblingslied an.

Baby you're all that I want

When you're lyin' here in my arms

I'm findin' it hard to believe

We're in heaven

And love is all that I need

And I found it there in your heart

It isn't too hard to see

We're in heaven

Ich hörte weit entfernt das Ticken der Uhr – um mich herum schien die Zeit jedoch stehen geblieben zu sein. Leise summte ich Bryan Adams vor mich hin und versuchte mich zu beruhigen. Ich suchte verzweifelt nach irgendetwas Positivem in meinem Kopf. Plötzlich tauchten ungewollt Bilder von heute Morgen auf. Ich sah Daniel, wie er mich anlächelte, Kathy, die mich von der Seite angrinste, Ms Carrol, die sich zu mir setzte…und auf einmal war da Nathan. Ich sah ihn vor mir, als wäre er wirklich da, wie er sich die Haare zur Seite strich und mir seine Hand entgegenstreckte.

Schlagartig verlangsamte sich mein Puls, ich atmete erleichtert auf und die Erinnerungen an meine Großeltern verblassten, sodass ich wieder klar denken konnte. Langsam öffnete ich die Augen. Solche Attacken hatte ich früher, kurz nach dem Geschehen, öfter gehabt. Ein weiterer Grund für meine Eltern umzuziehen und der Hauptgrund, der für Floresville gesprochen hatte. Eine kleine Stadt, weit weg von allem und ein Ort, an dem uns so schnell keiner mehr finden konnte.

Natürlich hatte mein Vater direkt danach unsere Nummer aus dem Telefonbuch streichen lassen und war jetzt extra vorsichtig. Es hatte sogar eine Zeit gegeben, in der er all meine Freunde, alle Telefonate und sogar meine Emails kontrolliert hatte. Erst als ich ihm später in einer heftigen Auseinandersetzung klar machte, dass das zu viel war, ließ er mir wieder ein Stück Privatsphäre. Dennoch war ich ihm dankbar dafür, wie er sich um unsere Familie kümmerte, und musste zugeben, dass ich mich mit der Alarmanlage und dem hohen Zaun um unser Haus schon um einiges sicherer fühlte.

Als ich wieder bei klarem Verstand war, stand ich auf, stützte mich an der Küchenablage ab, damit ich nicht gleich wieder das Gleichgewicht verlor, und wagte einen Blick auf die Uhr: 17:28 Uhr. Ich hoffte nur, dass der Auflauf heute besonders schnell fertig werden würde. Schnell stellte ich den Herd an und beschloss schon jetzt, dass ich gleich keinen Hunger haben würde. Die Angst, dass die Erinnerungen wieder kommen könnten, war einfach zu groß.

Langsam ging ich in das angrenzende Wohnzimmer, ließ mich auf die braune Ledercouch fallen und schaltete den Fernseher ein. Ich zappte einmal durch alle Kanäle, aber es kam leider nichts, dass mich auch nur annähernd interessierte. Ich war eher der Typ für kitschige, lustige Serien und die liefen leider nur abends. Also blieb ich bei irgendeiner beliebigen Talkshow hängen und verfolgte gelangweilt das Geschehen, während ich immer wieder den Kopf schüttelte und mich fragte, was für eine Art von Mensch sich im Fernsehen derart bloßstellen ließ. Mir war eigentlich egal, was ich mir anschaute. Hauptsache Ablenkung, denn ich wollte um jeden Preis verhindern, dass die Bilder zurückkamen. So verharrte ich also eine Weile im Wohnzimmer, bis ich endlich den Schlüssel im Schloss und kurz darauf die vertraute Stimme meiner Mutter hörte.

»Anjuli! Wir sind wieder da!«, rief sie den Flur hinauf und wirkte ein wenig überrascht, als ich ihr von der Couch aus antwortete. Eine Minute später stand sie in der Tür, runzelte leicht die Stirn und schaute mich fragend an. »Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst so blass aus?«

Meine Mum ist wirklich eine typische Mutter.

Eine von denen, die immer direkt bemerken, wenn etwas nicht stimmt – egal wie gut man es zu verbergen versucht. Mir blieb also nichts anderes übrig, als ihr kurz und knapp zu schildern, was passiert war. Direkt kam sie auf mich zu, setzte sich mit besorgter Miene neben mich und nahm mich in den Arm.

»Mein armer Schatz, das tut mir leid. Ich hatte gar nicht daran gedacht, wollte nur dein Lieblingsessen für dich machen. Geht es dir denn jetzt besser?«

»Ich weiß, das war auch echt nett von dir, Mum.« Ich lächelte sie dankbar an. »Mir geht‘s auch schon wieder besser. Ich mache mir einfach gleich was anderes.«

Nachdem sie noch drei Mal nachgefragt hatte, ob auch wirklich alles okay war, verließ sie endlich den Raum, schloss die Tür hinter sich und schon kurz darauf hörte ich Geschirr klappern und wusste, dass meine Eltern bereits am Essen waren.

Inzwischen leicht genervt von der Talkshow, schaltete ich den Fernseher aus und ging auf die Fensterfront zu. Ich öffnete den Riegel der Terrassentür, setzte mich nach draußen in einen der gemütlichen Sessel und legte die Füße hoch. Von hier aus hatte man einen wundervollen Ausblick auf den Englischen Garten, der hinter dem Haus angelegt worden war.

Wenn es im Sommer so richtig heiß in der Region werden würde und man es draußen fast nicht mehr aushalten konnte, würden die vielen Weiden mit ihren riesigen Baumkronen angenehmen Schatten spenden und die Hitze ertragbar machen.

Ich schloss die Augen, als mir ein leichter Sonnenstrahl ins Gesicht fiel und lauschte den Geräuschen der Natur. Unser Haus lag so abgelegen am Rande von Floresville, dass man von Autos, Baustellen oder sonstigem Lärm nichts mitbekam. In meinen Ohren klangen die verschiedensten Gesänge von Vögeln, das Summen einer Biene, die von Blume zu Blume flog, und im Hintergrund das leise Plätschern des Bachs, welcher sich am Rande unseres Grundstücks durch die Weiden schlängelte und die vielen Pflanzen darum am Leben erhielt.

Als ich die Augen wieder öffnete und auf den riesigen Garten blickte, kam es mir vor, als würde ich in einem Bilderbuch blättern. Überall sprießten weiße Lilien und die blauen Blüten der Blue Bonnets aus dem Boden. Von der Terrasse aus führte ein schmaler weißer Kiesweg durch den Garten, am Bach und den herrlichen Blumenbeeten entlang zu einer alten Holzbank an unserer Grundstücksgrenze, die sich unmittelbar vor dem angrenzenden Waldrand befand. Auf dieser Seite des Grundstücks war kein Zaun errichtet worden, da man dachte, der Bach und der Wald würden als natürlicher Schutz genügen. Ein großer Fehler, wie sich nur wenig später herausstellen sollte.

Diese ganze Umgebung war vollkommen fremd für mich. Obwohl es in Texas sehr trocken war, bereiteten sich kleine Triebe und bunte Blumen den Weg durch den Boden. Hinzu kamen das Zwitschern der Vögel, der Duft nach Moos und Erde, … das alles war in Portland sehr selten gewesen. In dem Viertel, in dem wir gewohnt hatten, roch es eher nach Autoabgasen und Müll und man konnte sich glücklich schätzen, wenn man zwei Quadratmeter Rasen hinter seinem Haus hatte.

Für gewöhnlich brauchte ich relativ lange, um mich an neue Dinge zu gewöhnen, doch diesmal war ich mir sicher, dass es anders kommen würde. Schon jetzt genoss ich die Ruhe, die es mir ermöglichte, meine Gedanken schweifen zu lassen und mich zu entspannen. Ich beschloss, am Wochenende einen Spaziergang zu machen, um mir die Umgebung genauer anzuschauen.

Ich atmete noch einmal tief ein, stand schließlich auf und begab mich wieder ins Haus. Meine Eltern hatten bereits gegessen und freundlicherweise das Fenster geöffnet, sodass der Geruch des Auflaufs schon verflogen war. Mein Vater hatte sich wahrscheinlich bereits in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, denn meine Mutter saß alleine am Küchentisch und las in einer ihrer Zeitschriften. Sie blickte auf, als ich den Raum betrat und lächelte mich an, wobei sie immer noch ein wenig besorgt dreinblickte.

»Hast du noch Hunger, Schätzchen? Ich hab dir die Nudeln von gestern nochmal warm gemacht.« Sie deutete zur Mikrowelle.

»Danke, Mum, aber ich hab echt keinen Hunger mehr«, beschwichtigte ich und verließ den Raum, nachdem sich meine Mutter nach einem Achselzucken wieder ihrer Zeitschrift zugewandt hatte.

Als ich den Flur betrat und die Küchentür hinter mir schloss, hörte ich, dass mein Vater in seinem Arbeitszimmer heftig mit jemandem am Telefon diskutierte. Er arbeitete wirklich rund um die Uhr. Eigentlich war es schon zur Gewohnheit geworden, dass er nicht wirklich an unserem Familienleben teilnahm, aber es tat mir auch weh zu sehen, wie sich meine Eltern immer mehr auseinanderlebten. Angst stieg in mir hoch, als ich daran dachte, dass sie sich jemals trennen könnten. Ein seltsames Gefühl umklammerte meinen Brustkorb und machte es mir schwer zu atmen. Das darf auf keinen Fall passieren!

Schnell verwarf ich den beklemmenden Gedanken wieder, holte einmal tief Luft und schlich schließlich leise die Treppe zu meinem Zimmer hinauf, um meinen Vater nicht zu stören.

Da ich nichts mehr zu tun hatte und auch nicht wieder verschlafen wollte, machte ich mich fürs Bett fertig und legte mich schlafen.

In Gedanken ließ ich den heutigen Tag noch einmal Revue passieren und versank schließlich ins Reich der Träume.

Zur gleichen Zeit in der Unterwelt:

Die langen knochigen Finger des Königs wandern ungeduldig auf der Stuhllehne auf und ab. Er hat sich in der Mitte des Raums auf seinem Thron niedergelassen, wartet.

Ein wenig Sonnenlicht bahnt sich den langen Weg von der Decke des Saals nach unten und beleuchtet die sonst düstere Umgebung. Ausdruckslos starrt der Seelenlose in die Ferne. Er ist alleine im Raum, hat alle anderen weggeschickt. In den dunklen Falten auf seiner Stirn zeichnet sich noch der Zorn ab, den er zuvor zum Ausdruck gebracht hat.

Als wäre das Erklimmen des Throns nicht schwierig genug gewesen, sieht er sich bereits neuen Herausforderungen gegenübergestellt. Als er es nicht mehr aushält, steht er auf und zieht den schwarzen Umhang enger um seinen Leib. Das Echo seiner langsamen Schritte hallt im ganzen Raum wider, als er sich ziellos im Kreis bewegt.

Plötzlich vernimmt er ein Geräusch und wirbelt herum. Im Seiteneingang erscheinen drei Gestalten. Zwei von ihnen sind in dunkle Mäntel gehüllt und haben den Dritten in ihre Mitte genommen. Mühsam stützen sie ihn und schleppen seinen schlaffen Körper zum König hin. Dieser strafft die Schultern und bewegt sich nun zielstrebig auf die Neuankömmlinge zu.

»Warum hat das so lange gedauert? Berichte mir!« Seine wütende Stimme donnert durch den Saal.

Die beiden Gestalten setzen den sichtlich verletzten Mann in ihrer Mitte ab, treten ehrfürchtig zurück und verlassen den Raum. Dickes, dunkelrotes Blut bahnt sich seinen Weg über den schwarzen Marmor, als der auf dem Boden Zusammengekauerte seinen Kopf hebt und zu sprechen beginnt.

»Es … es gab Komplikationen.« Seine Stimme ist heiser und schwach. »Ich soll Ihnen ausrichten, dass … sie werden nicht kampflos aufgeben.« Er hält inne und wartet auf eine Reaktion. Als diese nicht kommt, spricht er weiter. »Sie sagen, wenn wir uns nicht augenblicklich aus ihrem Territorium zurückziehen, werden sie uns bekriegen.«

Stille.

Die tiefschwarzen Pupillen in den Augen des Sprechers weiten sich, als er angsterfüllt zu seinem Meister empor blickt. Er hat keine guten Nachrichten überbracht und er weiß, dass ihm das zum Verhängnis werden kann. Einen endlos langen Moment sagt keiner von beiden etwas, dann bricht der König plötzlich in ein schallendes Gelächter aus, das von den Wänden widerhallt.

»Krieg?«, fragt er in einem ekstatischen Aufschrei. »Krieg? Den können sie haben!«

Er reißt die Arme in die Höhe und brüllt zahllose Anweisungen durch die Gegend. »Verstärkt die Armee und schlagt sie nieder!« »Bildet neue Krieger aus…und schafft dieses Bündel Elend hier weg.« Er wirft einen abwertenden Blick auf den Mann zu seinen Füßen, dreht sich dann um und marschiert zu seinem Thron zurück. Dort lässt er sich zufrieden niedersinken und sieht zu, wie ein Dutzend dunkle Gestalten den Saal betreten, um seine Befehle auszuführen.

KAPITEL 4 – CLEOPATRA

Endlich zu Hause! Glücklich über den Schulschluss tippte ich den Pin-Code zum Deaktivieren der Alarmanlage ein und bog schließlich mit meinem Auto in die Hofeinfahrt. Eine Doppelstunde Mathe mit Mr. Black hatte mir für heute den Rest gegeben. Da hatten nicht einmal Daniel und Kathys Aufmunterungsversuche helfen können.

Ich hoffte nur, dass wenigstens meine Eltern gut gelaunt sein würden, als ich den Haustürschlüssel im Schloss drehte und das große Eichenportal aufsprang. Auch noch nach einer Woche kam mir das Haus von außen vor wie eine Geistervilla.

Ein riesiges Bauwerk mit hohem Metallzaun, dessen lange schwarze Spitzen in den Himmel ragten, über und über bedeckt mit Efeu und anderen Schlingpflanzen, die an der Fassade empor kletterten. Dazu kamen die riesigen, in Holz gefassten Fenster, deren Läden, teils morsch und kaputt, wie gebrochene Flügel einer Fledermaus an den Seiten hinab hingen. Vervollständigt wurde das Bild durch die riesige Eingangstür und den daran befestigten Türklopfer in Form eines Fabelwesens, mit einem langen Horn auf der Stirn und spitzen Eckzähnen. Die äußere Fassade des Hauses erinnerte an die Zeit, in der dort mal ein reicher Adeliger gewohnt und alles nach seinem Geschmack eingerichtet hatte.

Ich war sichtlich froh, unsere gewohnt moderne Einrichtung zu erblicken, als ich den Flur betrat. Ich stellte meinen Rucksack ab und ging zu meiner Mutter in die Küche. Sie saß bereits am Tisch, der für zwei Personen gedeckt war, da mein Vater natürlich arbeiten musste, und las wie so oft in letzter Zeit in einer ihrer Zeitschriften. Als ich mich zu ihr setzte, blickte sie auf und legte die Zeitung weg.

»Wieso bist du denn heute so spät? Das Essen ist schon fast kalt. Du kommst doch sonst immer gegen viertel vor, oder?«

Ich rollte vielsagend die Augen und erklärte ihr, dass Mr. Black nach der Stunde noch mit mir geredet hatte, um sich zu erkundigen, was wir in Portland an der Schule im Unterricht durchgenommen hatten. Ich hoffte nur, dass sie das Thema Mathe für heute nicht mehr ansprechen würde.

Ich hatte Glück. »Nun gut«, war ihr einziger Kommentar dazu. »Ich habe eine Überraschung für dich, Anjuli«, fuhr sie fort. »Nachdem wir diese Woche so viel Stress mit dem Umzug hatten, wollten dein Vater und ich uns mal eine kleine Auszeit gönnen und übers Wochenende zusammen weg fahren. Wäre das ok für dich?«

Was für eine Frage – natürlich war das ok für mich. Ich lächelte bei dem Gedanken, dass meine Eltern endlich mal wieder etwas zusammen unternehmen würden. Die Angst, die ich am vorigen Tag noch gehabt hatte, fiel endgültig von mir ab.

Wenn sie zusammen in den Urlaub fahren, werden sie sich bestimmt nicht trennen.

Ich nickte heftig und schenkte meiner Mutter ein Lächeln, um ihr zu zeigen, dass sie ohne schlechtes Gewissen fahren konnte.

»Freut mich«, sagte sie und lächelte zurück. »Das war aber eigentlich noch nicht die Überraschung. Wir haben uns überlegt, dass wir dich ungern ganz alleine lassen wollen.« Sofort verschwand das Lächeln wieder aus meinem Gesicht.

Ich rechnete damit, dass sie mir jetzt ein neues Hausmädchen oder ähnliches vorstellen würde, wie ich es bereits damals in Portland gehabt hatte. Obwohl die Betreuerin sehr nett gewesen war, hatte ich mich immer ein bisschen zu bemuttert gefühlt und konnte mich erst mit zwölf Jahren endlich durchsetzen und durfte auf mich selbst aufpassen. Während ich mir schon in Gedanken ausmalte, mit welchen Argumenten ich protestieren könnte, sprach meine Mutter weiter:

»Du wolltest doch damals in Portland immer ein Haustier haben, stimmt’s?«

Erstaunt blickte ich auf. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Schon seit ich denken konnte, hatte ich mir eine kleine Katze oder einen Hund gewünscht. Da wir jedoch so nah an einer stark befahrenen Straße gewohnt und keinen wirklich großen Garten besessen hatten, mussten mir meine Eltern den Wunsch wohl oder übel jedes Jahr erneut aus dem Kopf schlagen. »Ich weiß nicht, ob du dich nicht schon zu alt dafür fühlst, aber wenn du magst, können wir heute noch zum Züchter fahren und dir ein Tier aussuchen.«

Ich konnte nicht mehr aufhören zu strahlen und eine Welle der Freude breitete sich in mir aus. Sofort sprang ich von meinem Stuhl auf, hüpfte einmal im Kreis, dann zu meiner Mutter rüber, wobei ich wahrscheinlich aussah wie ein Floh auf Extasy, und nahm sie dankbar in die Arme.

»Freut mich, wenn’s dir gefällt. Sobald du mit den Hausaufgaben fertig bist, können wir los«, brachte sie gerade noch so unter meinen Armen hervor.

Ohne zu überlegen, ließ ich das Essen stehen, raste die Treppe hinauf, schlug mein Hausaufgabenheft auf und war erleichtert, als ich sah, dass ich lediglich Hausaufgaben in Mathe und Französisch machen musste. Den Text, den wir für mein Lieblingsfach verfassen sollten, hatte ich in Nullkomma nix fertig und auch Mathe erledigte ich in meiner persönlichen Rekordzeit.

So schafften wir es noch vor 5 Uhr im Wagen meiner Eltern zu sitzen und Richtung Innenstadt zu fahren. Meine Mutter hatte sich bereits am Tag zuvor erkundigt und einen Katzenzüchter in Floresville ausfindig gemacht. Mein Herz raste, als wir dem Haus näher kamen und ich freute mich wie ein kleines Kind. Noch bevor meine Mutter den Motor ausstellten konnte, hatte ich mich bereits abgeschnallt, die Autotür aufgemacht und war schon auf halbem Weg nach draußen. Ungeduldig wartete ich schließlich an der Treppenschwelle.

Gemeinsam stiegen wir die grauen Granitstufen hinauf, bis wir uns vor einer kleinen Tür befanden, an der ein noch kleineres Schild mit der Aufschrift »Katzenzucht, Familie Charles« angebracht war.

Nachdem meine Mutter geklingelt hatte, dauerte es eine Weile, bis endlich eine dunkle Gestalt hinter der Tür erschien und sie einen Spalt breit öffnete.

»Guten Tag, wer ist da?«

Bei dem Klang der unerwartet hohen Männerstimme musste ich ein Grinsen unterdrücken und als ich zu meiner Mutter sah, konnte ich erkennen, dass es ihr genauso ging. Zum Glück konnte sie sich schnell wieder beherrschen und erklärte dem Mann, dass sie sich bereits telefonisch angekündigt hatte. Erst ein Moment der Stille, dann das laute Klappern von Ketten und schließlich wurde die Tür ganz geöffnet. Vor uns stand ein kleiner älterer Mann mit grau-schwarzen Haaren, der uns freundlich anlächelte. Er streichelte eine graugestreifte Katze, die er auf seinem Arm hielt, während er erklärte:

»Tut mir leid, aber diese Vorsichtsmaßnamen müssen sein. Ich bekomme öfter unangenehmen Besuch von irgendwelchen jugendlichen Spinnern…da bin ich vorsichtig geworden. Kommen Sie doch herein. Frau Aishani, richtig?«

Gleichzeitig nickten wir und folgten dem Züchter durch sein Haus. Der Flur wirkte dunkel durch das braune Holz, mit dem die Wände verkleidet waren und doch hatte er etwas Freundliches, wenn man die Bilder an den Wänden genauer betrachtete. Im Vorbeigehen konnte ich erkennen, dass jedes der Bilder eine Katze zeigte. Entweder alleine, im Schoß von freundlich blickenden Menschen aller Altersklassen oder sogar mit Goldmedaille auf einem Siegertreppchen.

Mr. Charles muss wirklich erfolgreich sein.

Bei diesem Anblick zweifelte ich daran, dass ich so ein Tier überhaupt verdient hätte, doch als wir uns einer großen eisernen Tür näherten und ich ein leises »Miau« vernahm, überwog die Vorfreude. Der alte Mann blieb schließlich vor der Tür stehen und schaute mich aus seinen dunkelbraunen Augen an.

»Sie wollen also eine kleine Katze von mir, Miss Aishani?«

Vorsichtig nickte ich und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Nun gut«, fuhr der Züchter fort, »dann wollen wir mal sehen, ob wir etwas Geeignetes für Sie finden. Ich nehme an, Sie wollen kein Tier, um an Wettbewerben teilzunehmen, oder?« Nach einem weiteren Nicken meinerseits zog er einen kleinen silbernen Schlüssel aus seiner linken Hosentasche und steckte ihn in das Schloss der Eisentür. Endlich schwang sie mit einem lauten Quietschen zur Seite und sofort ertönte das laute Miauen der vielzähligen Katzen.

»Tut mir leid, dass sie so einen Krach machen«, entschuldigte sich der Alte sofort, » aber die denken, dass sie jetzt was zu futtern bekommen. Normalerweise halte ich sie auch draußen in größeren Käfigen, aber in letzter Zeit wurden einige von einem Adler oder einem anderen Raubtier geholt. Ich weiß nicht, wie das möglich war, aber wenn ich morgens raus kam, waren sie einfach verschwunden.« Mir schauderte bei diesem Gedanken. »Deshalb müssen sie jetzt vorerst alle hier drin bleiben.«

Er trat einen Schritt in den großen Raum hinein und bedeutete uns mit einer Armbewegung, ihm zu folgen. Vor uns lag ein wirklich riesiger Raum, der bis unter die Decke vollgestopft war mit eisernen Käfigen, von denen jeder mindestens eine Katze beinhaltete. Nur die helle Farbe der Wände ließ den Raum einigermaßen freundlich wirken. Es gab fünf große Fenster, die die warmen Sonnenstrahlen in den Raum ließen. Alle waren jedoch von außen mit schweren Eisengittern vor möglichen Angreifern geschützt.

»Wow, die Katzen müssen wirklich wertvoll sein«, sagte ich leise zu meiner Mutter. Die nickte und zeigte schließlich auf einen Käfig direkt neben ihr, der eine große, graue Perserkatze beherbergte, die uns wütend mit hellen, fast glühenden gelben Augen anfunkelte.

»Na, wie wär’s mit der hier?« Ich konnte nur hoffen, dass sie das ironisch meinte.

Als ich mich genauer umschaute, erkannte ich, dass alle Käfige, die sich in unserer Reichweite befanden, ausschließlich Tiere dieser Art zeigten. Für meinen Geschmack hatte die Rasse jedoch viel zu lange Haare und ich hatte den Eindruck, dass die Katzen durch ihre Gesichtsform einfach immer böse dreinblickend erschienen.

So war ich sichtlich erleichtert, als der Züchter bereits in einem anderen Teil des Zimmers stand, in dem sich keine Perserkatzen befanden.

»Also in diesen Käfigen hier habe ich ausschließlich Hauskatzen. Die meisten sind noch sehr jung, aber alle bereits stubenrein«, verkündete er mit einem stolzen Lächeln und zeigte dabei auf eine Reihe von mindestens zwanzig Käfigen. »Schauen sie doch mal, ob ihnen davon eine gefällt.«

Etwas verunsichert trat ich einen Schritt näher an die Gitterwände und begutachtete die vielen Tiere, von denen jedes eine andere Fellfarbe, andere Augen und wohl auch einen anderen Charakter hatte. Da gab es eine kleine graue Katze, die mit geschlossenen Augen in der Ecke lag, eine andere im nächsten Käfig, die laut miaute und an dem Gitter empor kletterte und wieder eine andere, die sich über ihren großen Futternapf hermachte und die letzten Reste ableckte.

Ehrlich gesagt fühlte ich mich mit der Situation einfach nur überfordert. Zwar hatte ich erwartet, dass es bei einem Züchter nicht nur zwei oder drei Mietzen geben würde, und doch war ich überrascht so viele verschiedene Tiere vor mir zu sehen und es fiel mir unheimlich schwer, mich zu entscheiden. Dass ich bei jedem Schritt von dem alten Mann und meiner Mum genau beobachtete wurde, machte es auch nicht gerade leichter.

Die Katzen waren einfach so süß, dass mir das Herz aufging, wenn ich in ihre leuchtenden Augen blickte. Am liebsten hätte ich alle mitgenommen und doch hatte keine dieses gewisse Etwas, das ich allerdings nicht einmal genau definieren konnte.

Mr. Charles räusperte sich und deutete mit der rechten Hand auf eine kleine Tür am Ende des Zimmers.

»Wie ich sehe, können sie sich noch nicht so richtig entscheiden. Hab ich recht?«

Ich biss mir leicht auf die Lippe und nickte verlegen. Der alte Mann grinste bei meinem Anblick und bedeutete mir, ihm zu folgen. Während er auf die Tür zuging, erklärte er mir, was er vorhatte.

»Sie scheinen sich nicht mit irgendeiner beliebigen Katze zufrieden zu geben, sondern wägen sorgfältig ab, das gefällt mir.«

Schon nach wenigen Schritten hatte ich den Züchter eingeholt. Langsam humpelte er mit einem Gehstock vor mir her.

»Hinter dieser Tür hier habe ich noch ein paar Käfige mit besonderen Rassen.«

Abrupt blieb er stehen und drehte sich zu mir um. »Was jede einzelne so besonders macht, sage ich ihnen erst, nachdem sie mir gesagt haben, ob sie eine interessiert, in Ordnung?« Wieder nickte ich nur. Vor lauter Freude und Erstaunen hatte ich wohl meine Stimme verloren.

Mr. Charles öffnete die Tür erneut mit dem kleinen Schlüssel, den er aus seiner Hosentasche zog, und ließ mich eintreten. Der Raum, der vor mir lag, war mir um einiges lieber als der zuvor. Es gab nur etwa zehn Käfige, die mindestens doppelt so groß waren wie die anderen und nicht so stark nach Streu und Katzenfutter rochen. Außerdem verliehen die goldene Farbe der Gitterstäbe und die rubinroten Wände dem Ganzen etwas sehr Edles und Majestätisches.

Während ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ, blieb er urplötzlich an dem Käfig unmittelbar vor mir hängen. Darin befand sich eine kleine graue Katze, die von ihrem Futternapf aufsah, als ich langsam auf die Knie ging und näher an sie heran rückte. Sie starrte mich mit ihren gelb-grünen Augen an, die etwas Gefährliches ausstrahlten und doch sehr vertraut wirkten. Als ich ungewollt meine rechte Hand in Richtung Käfig streckte, richtete sich das kleine Wesen auf und kam auf Samtpfoten auf mich zugeschlichen. Sie reckte die kleine Nase durch die Gitterstäbe und schnüffelte an meinem Finger. Unsicher drehte ich den Kopf und erblickte Mr. Charles hinter mir, der mir freundlich zunickte.

»Keine Angst«, sagte er mit seiner einzigartigen Stimme, »sie können die Kleine ruhig mal rausnehmen.«

Als ich keine Anstalten machte, mich zu bewegen, kam der Züchter langsam näher und entfernte die Gitterstäbe, die mich von der Katze trennten. Behutsam nahm er sie in die Hand, wobei sie darin winzig klein und zerbrechlich wirkte, und setzte sie vor meinen Knien ab. Ich spürte, wie mein Herz schneller in meiner Brust schlug und konnte mich nicht rühren vor lauter Erstaunen und Freude, die meinen Körper durchflossen. Ganz still sah ich einfach nur zu, wie die kleine Katze von meiner Mutter zu Herrn Charles und schließlich zu mir blickte und dann ganz langsam mit ihren winzigen Pfoten auf mich zukam und sich an mein Bein schmiegte. Als ich mich ein bisschen näher zu ihr herunter beugte, hörte ich, wie sie leise schnurrte.

Ein Geräusch, bei dem einfach jedem Menschen das Herz aufgehen muss.

Behutsam streckte ich meine Hand erneut nach ihr aus und streichelte ihr samtweiches, glänzendes Fell an Kopf und Rücken. Es schien ihr zu gefallen, denn wie zum Dank begann sie an meinem Finger zu lecken und verursachte bei mir ein angenehmes Kitzeln und Kribbeln. Ganz und gar versunken in meiner eigenen Welt erschrak ich ein wenig, als ich plötzlich wieder die Stimme des Alten hinter mir vernahm.

»Ah, ich sehe, ihr mögt euch«, verkündete er mit einem Grinsen. Ich drehte meinen Kopf zu ihm und musste gar nichts mehr sagen, denn mein Lächeln verriet mehr als tausend Worte.

»Das ist eine kleine Bengalkatze«, fuhr er fort. »Sie gehört wohl zu einer der hübschesten Zuchtkatzen, die die Ursprünglichkeit einer Wildkatze mit dem sanften und anhänglichen Wesen einer Hauskatze in sich vereinen.«

Da konnte ich ihm nur zustimmen. So wild und gefährlich sie doch schien, so verschmust war sie auch – einfach die perfekte Mischung. »Diese Rasse, die es erst seit etwa 30 Jahren gibt, zeichnet sich durch das getupfte, leopardenähnlich Fell aus.«

»Etwas ganz Besonderes also …«, murmelte ich in Gedanken.

Meine Mutter sprach schließlich die Frage aus, die auch ich mir bereits gestellt hatte.

»Wow, so eine besondere Rasse. Die ist sicher nicht zu verkaufen, oder?«

Obwohl Mr. Charles noch nicht geantwortet hatte, verabschiedete ich mich bereits von dem Gedanken, die Kleine mit nach Hause zu nehmen und ich wurde unweigerlich traurig. So war ich umso erstaunter, als der Züchter erklärte:

»Sie haben Recht, es ist ein ganz besonderes Tier und liegt mir sehr am Herzen. Trotzdem möchte ich sie ihnen gerne gegen einen kleinen Aufpreis für meine mühsame Erziehung überlassen.«

Überrascht blickte ich zu ihm auf. Habe ich richtig gehört? Als ich das nette Lächeln des Züchters sah, füllte sich mein Herz mit Freude und ich war einfach nur glücklich. Auf die Frage, ob ich sie denn auch haben wollte, antwortete ich ohne Nachzudenken mit einem »Liebend gerne!« Ich musste mir die anderen Katzen gar nicht mehr ansehen, so sicher war ich mir. Dieses Tier hatte einfach das gewisse Etwas.

»Schön, dann müssen sie sich nur noch einen Namen für die Kleine ausdenken. Das wollte ich dem zukünftigen Besitzer vorbehalten.«

Vor mir hatte sich das gefleckte Fellknäul auf den Bauch gelegt, die Vorderpfoten parallel nach vorne ausgestreckt und den Hals aufrecht in die Höhe gestreckt. Sie sah aus wie eine Sphinx aus dem alten Ägypten, so majestätisch wie Cleopatra.

Meine Cleopatra.

KAPITEL 5 – LAUF UM DEIN LEBEN

Samstagmorgen – wie sehr ich ihn liebe.

Der Wecker auf meinem Nachttisch zeigte bereits 12:50 Uhr. Dennoch machte ich keine Anstalten, mein warmes Bett zu verlassen. Ich hatte mir die Bettdecke bis zur Nasenspitze gezogen und ließ mich von den seitlich einfallenden Lichtstrahlen wärmen.

Am Ende des Bettes hatte sich Cleopatra zu einem Fellknäul zusammengerollt und schien ebenfalls die Wärme der Sonne zu genießen. Meine Eltern waren das ganze Wochenende über verreist – es war also so still im ganzen Haus, dass ich mühelos die kleinen Atemzüge meiner Katze hören konnte.

Ich wäre wahrscheinlich wieder eingeschlafen, hätte nicht plötzlich das Telefon geklingelt und mich aus meinen Tagträumen gerissen. Schnell sprang ich auf, sprintete die Treppe hinunter und nahm den Hörer ab. Wer mich um diese Zeit anrufen würde, hätte ich mir eigentlich bereits denken können: meine Mutter wollte sich erkundigen, ob bei mir auch alles in Ordnung war.

Nachdem ich ihr versichert hatte, dass es mir bestens ging, konnte ich endlich auflegen und zurück in mein Zimmer schlurfen. Ich war wirklich kein guter Frühaufsteher. Auf halbem Weg die Treppe hoch kam mir Cleopatra entgegen. Sie musste von dem Klingeln des Telefons aufgeschreckt sein und hatte jetzt bestimmt großen Hunger. Vorsichtig nahm ich sie auf den Arm, ging mit ihr in die Küche, füllte ihren Napf auf und schob mir einen Toast in den Toaster.

In Gedanken schaute ich dem kleinen Wesen einige Minuten beim Fressen zu und ging dann ins Wohnzimmer, riss die Tür auf und ließ mich von den Sonnenstrahlen und der duftenden Luft verzaubern. Endlich war die unerträgliche Sommerhitze nicht mehr da. Die drückende Heißluft war erfrischender Herbstluft gewichen und die Sonnenstrahlen kitzelten sanft auf meiner Haut. Ich stand einen langen Moment einfach nur so da, atmete die Frische ein und lauschte dem Zwitschern der Vögel. Ich würde mich wirklich schneller an das Landleben gewöhnen als ich gedachte hatte.

Erst als ich die Augen wieder öffnete, erkannte ich mit Schrecken, dass Cleopatra an mir vorbei geschlichen war und sich bereits in der Wiese des Gartens tollte. Eigentlich war ja nichts dabei – sie war ja keine Hauskatze – aber der Züchter hatte uns extra darauf hingewiesen, dass es wichtig wäre, sie erst mal nicht aus dem Haus zu lassen, damit sie sich an die Umgebung gewöhnen konnte.

Schnell lief ich auf sie zu, um sie auf den Arm zu nehmen, doch das wendige Tier schaffte es, sich aus meinem Griff zu befreien und verschwand noch tiefer im Garten. Unsicher blickte ich mich um.

Was soll ich tun? Sie hat noch kein Vertrauen zu mir aufgebaut, sie kommt nicht, wenn ich ihren Namen rufe.

Immer weiter folgte ich ihr durch den Garten und vergaß dabei völlig, dass ich weder Schuhe noch richtige Klamotten trug, sondern barfuß im Schlafanzug durch die Wiese schlich. Gut, dass es weit und breit keine Nachbarn gab und keine Gefahr drohte, gesehen zu werden. Mit welchen Tricks ich es auch versuchte, die Kleine wollte einfach nicht auf mich hören und schien Gefallen an der neuentdeckten Freiheit gefunden zu haben. Sie sprang über kleine Äste, rollte sich durch das Gras und schnupperte an jeder Blume, die ihren Weg kreuzte. Niedlich war der Anblick schon, doch die Angst wollte mich einfach nicht verlassen.

Am Rande unseres Grundstücks schlängelte sich ein kleiner Bach durch die Wiese. Immer näher tapste Cleopatra darauf zu und ich konnte sie nicht aufhalten. Niemals hätte ich gedacht, dass mir dieser Gedanke an diesem Wochenende kommen würde, doch in diesem Moment wünschte ich mir wirklich, dass meine Eltern zu Hause wären.

Verzweiflung machte sich breit, als das kleine Fellknäul nun direkt auf den Bach zulief und mit leichten Schritten von Stein zu Stein sprang, um das Gewässer zu überqueren.

Sind Katzen nicht wasserscheu?

Sie schien der Libelle zu folgen, die etwa einen Meter über ihr in den Wald schwirrte und ganz zu vergessen, dass Katzen eigentlich kein Wasser mögen. Unsicher, was ich tun sollte, lief ich so schnell mich meine Beine trugen ins Haus zurück und holte ein Stück Wurst als Köder. Wieder im Garten angekommen, war von Cleopatra weit und breit nichts mehr zu sehen. Unweigerlich stiegen mir Tränen der Angst in die Augen. Angst, sie nach so kurzer Zeit bereits wieder zu verlieren.

Etwas ungeschickt versuchte ich die Eleganz des Tiers zu imitieren und von Stein zu Stein ebenfalls über den Bach zu gelangen. Einmal trat ich daneben und landete bis zu den Knien im Wasser, doch das hinderte mich nicht daran, mit meiner Suche fortzufahren. Auf der anderen Seite angekommen, musste ich mir erst mal einen Weg durch die vielen Dornen und Brennnesseln bahnen, wobei ich immer wieder so laut ich konnte »Cleopatra« rief und ab und zu ein Stück Wurst verteilte, um eine Spur zurück zum Haus zu legen.

Es war wirklich dumm gewesen zu denken, das Bächlein würde ausreichen, um ungebetene Gäste von dem Grundstück fern zu halten und um Haustiere am Ausbruch zu hindern. Es war ein Leichtes, das Gewässer zu überqueren, wenn man nicht gerade wasserscheu war. Nach etwa fünf Minuten hatte ich die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben, doch ich brachte es trotzdem nicht übers Herz, die Kleine einfach sich selbst zu überlassen und zum Haus zurückzukehren.

Zum ersten Mal seit dem Umzug dachte ich plötzlich an Julien, meinen Ex-Freund. Mit ihm an meiner Seite wäre das Ganze nur halb so schlimm gewesen. Der Gedanke erschreckte mich, denn ich hatte gedacht, dass ich ihn bereits völlig aus meinem Herzen verdrängt hatte. Anscheinend war dem nicht so. Es fiel mir schwer, in dieser Situation irgendetwas Positives zu fühlen und ich überlegte verzweifelt, als ich ganz plötzlich weit hinter mir ein lautes Krachen von Geäst vernahm.

Was war das?

Die Vögel über mir fingen laut an zu zwitschern, flogen davon. Entsetzt wirbelte ich herum. Für Cleopatra wäre das viel zu laut gewesen, aber was konnte es dann sein? Ein Reh? Vor mir sah ich nichts als Bäume und Gestrüpp. Zu hören war auch nichts mehr. Es herrschte Totenstille. Für meinen Geschmack war es etwas zu still und ich bekam es mit der Angst zu tun. Cleopatra würde ich später suchen, sagte ich mir und wollte mich gerade umdrehen, um zum Haus zurück zu gehen, da erschütterte ein lautes Gebrüll die Stille. Reflexartig hielt ich mir die Hände über die Ohren und erschrak über die Nähe der Geräuschquelle.

Wie angewurzelt stand ich da, fühlte mich unfähig, mich zu bewegen, lauschte in die erneut aufgetretene Stille hinein. Jede meiner Muskelfasern war so gespannt, dass es fast schmerzte – jederzeit bereit, meinen Körper in Bewegung zu versetzen und doch bewegte ich mich nicht von der Stelle. Wieso ich nicht einfach wegrannte, kann ich bis heute nicht sagen. Es war der Schock, der meine Adern gefrieren ließ.

Was kann das nur sein?

Ganz plötzlich trat ein großes, braunes Tier aus den Büschen, nur etwa hundert Meter von mir entfernt, auf die Lichtung.

Ein Bär war das einzige, was ich dachte, sein Gebrüll war das einzige, was ich hörte, die großen Pranken, mit denen er auf mich zukam, waren das Letzte, was ich sah, bevor ich mich umdrehte und so schnell lief, wie ich es vorher nie für möglich gehalten hätte.

Mein Kopf war leer, ich konnte nicht denken, wusste nicht, was ich tun sollte. Es musste der Instinkt sein, der mich um mein Leben rennen ließ. Mein Herz klopfte wie verrückt, mein Atem ging stockend. Ich keuchte vor Anstrengung, hörte immer wieder das Hecheln des Bären hinter mir.

Er verfolgt mich. Wieso? Wie ist das möglich? Wird er mich töten?

Ich sah nicht mehr, wohin ich lief. Alles verschwamm vor meinen Augen.

Angst und Verzweiflung pulsierten durch meine Adern. Ich war verloren. Meine Beine gaben nach, trugen mich nicht mehr. Immer wieder blieb ich an Ästen und Gestrüpp hängen, stolperte, richtete mich wieder auf, rannte weiter. Ich traute mich nicht, meinen Kopf zu drehen, wollte nicht sehen, wie nah die Bestie schon gekommen war. Das Gebrüll kam immer näher, er musste mich fast eingeholt haben.

Bären sind schneller als Menschen, war mein letzter Gedanke, der mir endgültig die Hoffnung raubte. Erneut stolperte ich über eine riesige Wurzel vor mir, hatte jedoch nicht mehr die Kraft aufzustehen. Ich zog die Beine an, legte die Arme schützend über meinen Kopf, war überwältigt von der Todesangst, die mich durchfloss. Ich wimmerte und zitterte, als ich das Gebrüll des Tiers unmittelbar neben mir vernahm und schloss bereits mit meinem Leben ab, als mich plötzlich ein starker Schlag an der Seite traf, mich einige Meter weit in das Gebüsch schleuderte und ich schließlich das Bewusstsein verlor.

Langsam öffnete ich die Augen. Das grelle Licht blendete mich.

Bin ich im Himmel?

Ich fühlte mich sicher und geborgen, lag auf einem weichen Untergrund, das konnte ich spüren. Es war warm und roch vertraut.

Aber wo bin ich?

Mein Herzschlag hatte sich normalisiert, ich atmete ohne Hast. Nichts war mehr zu spüren von den Anstrengungen, die ich eben noch durchlebt hatte.

Endlich hatte ich die Kraft, meine Augen ganz zu öffnen, und stellte mit Entsetzen fest, dass ich mich in meinem eigenen Zimmer befand. Ich lag in meinem Bett, war ordentlich zugedeckt worden und jemand schien mir den Dreck von Armen und Beinen gewischt zu haben. Sofort dachte ich an meine Eltern, doch als ich durchs Haus nach ihnen rief, blieb es still.

Wie bin ich aus dem Wald in mein Bett gekommen? Habe ich alles nur geträumt? Das war eindeutig ein Bär hinter mir, aber … Das ist unmöglich! Hier im Wald?

Langsam versuchte ich mich aufzurichten, doch sofort überkam mich ein stechender Schmerz an meiner rechten Seite. Ich zog die Kleidung ein Stück weit hoch und begutachtete die schmerzende Stelle. Ich hatte einen richtig fiesen Bluterguss, der meine ganze Rechte in allen Farben des Regenbogens erstrahlen ließ. Also doch kein Traum.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte ich mich zur anderen Seite, um die digitale Uhr sehen zu können. Sie zeigte 11 Uhr morgens an, aber wie war das möglich? Erst auf den zweiten Blick wurde mir klar, dass ich wohl einen ganzen Tag verschlafen hatte, denn es war bereits Sonntag.

Mir war schwindelig und in meinem Kopf drehte sich alles, als ich versuchte, aus dem Bett zu steigen. Nur mühselig schaffte ich es die Treppe runter. Alles sah so aus, wie ich es verlassen hatte. In der Küche steckte sogar der Toast, den ich am vorigen Morgen hatte essen wollen, noch immer im Toaster. Ich erschrak, als ich plötzlich das leise Miauen von Cleopatra unter mir hörte und sah, wie sie sich an meine Beine schmiegte.

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. So vieles sprach dafür, dass ich alles nur geträumt hatte, und doch waren der Toast und die Schmerzen sichere Indizien dafür, dass ich wirklich gestern von einem Bären verfolgt worden war. In Gedanken versunken, füllte ich Cleopatras Napf mit ihrem Lieblingsfutter, vergewisserte mich, dass die Wohnzimmertür verschlossen war und legte mich mit Kopfschmerzen zurück in mein Bett. Ich hatte keine Ahnung, wie das alles möglich war und würde mir wahrscheinlich noch tagelang den Kopf darüber zerbrechen. Da meine Eltern mich nur für verrückt erklärt hätten, beschloss ich, ihnen nichts von dem Vorfall zu erzählen. Das Einzige, worum ich sie bitten wollte, war einen hohen Zaun an der Grenze zum Wald zu errichten.

KAPITEL 6 – DIE AUFLÖSUNG

Verträumt blickte ich aus dem Fenster, hing meinen Gedanken nach und verfolgte die Vögel am Horizont.

Sie sind so frei, können tun und lassen, was sie wollen. Keiner zwingt sie zu etwas. Es gibt keine Grenzen für sie am unendlichen Himmel. Sie haben keinen Erfolgsdruck – keiner erwartet Meisterleistungen von ihnen, sie sind einfach frei.

»Guten Morgen, Miss Aishani, ich hoffe Sie sind nicht nur körperlich anwesend?«

Ich zuckte zusammen, als ich die Stimme meines geliebten Mathelehrers direkt neben mir vernahm. Vor lauter Tagträumen hatte ich gänzlich vergessen, dass ich mich immer noch im Matheunterricht befand. Bei einem Blick durch die Klasse sah ich die schmunzelnden Gesichter meiner Mitschüler, die sich ziemlich darüber zu amüsieren schienen, dass ich mal wieder von Mr. Black bloßgestellt wurde. Unsicher was ich sagen sollte, kramte ich verzweifelt nach einer Ausrede in meinem Kopf. Schließlich stammelte ich:

»Ich wollte nur gerade die Aufgabe ausrechnen.«

Super. Etwas Besseres hätte mir wirklich nicht einfallen können. Wie erwartet zitierte Mr. Black mich an die Tafel und ließ mich meine ‚Ergebnisse präsentieren‘. Wie konnte er nur erwarten, dass man seinem Unterricht folgte? Für mich war das alles eine Welt aus Formeln, die mich wie Schlingpflanzen zu Boden zogen und versuchten, mich in ihr schreckliches Reich zu entführen. Ich konnte mit alledem einfach nichts anfangen – das wurde auch allen schnell klar, als ich begann, mich verzweifelt an den richtigen Rechenweg zu erinnern und dabei außer »Ehm, ja …« nicht viel herausbrachte. Immer wieder schweifte mein Blick hinüber zu Nathan, der ohne irgendeine Emotion an seinem Tisch saß und an die Tafel starrte. Ich war mir nicht sicher, ob er ein Lächeln unterdrückte oder ob es ihn einfach nur nervte, dass ich überhaupt keine Ahnung von Mathe hatte. Jedenfalls war mir das Ganze unendlich peinlich. Ich war so froh und erleichtert, als endlich die Klingel ertönte und den Unterrichtsschluss verkündete. Mr. Black kam auf mich zu, schaute von mir zu dem Gekritzel, das ich an der Tafel fabriziert hatte, wieder zurück zu mir und sagte mit ernster Miene: »Vor der Mathearbeit nächste Woche sollten Sie vielleicht noch ein bisschen üben und besser im Unterricht aufpassen, Miss Aishani.« Dann drehte er sich weg und ich verließ den Raum so schnell ich konnte.

Plötzlich packte mich jemand am rechten Arm und zog mich leicht herum. Erschrocken blickte ich in die Augen eines großen schlanken, jedoch muskulösen Jungen, der mich verschmitzt anlächelte.

»Hey, ich bin Alex«, sagte er freundlich, während er mir seine Hand entgegenstreckte. Verblüfft schüttelte ich sie und erwiderte das Lächeln.

Bereits seit zwei Wochen besuchte ich diese Schule und kannte trotzdem noch nicht alle Gesichter der Leute, mit denen ich meine Kurse zusammen hatte. Alex strich sich durch seine kurzen schwarzen Haare, die er leicht nach oben gegelt hatte, und erklärte, was er von mir wollte: »Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen doof und arrogant, aber ich habe bemerkt, dass Mathe ja nicht so unbedingt deine Stärke ist.« Das Lächeln auf seinen Lippen wurde immer breiter. »Deshalb wollte ich Dir anbieten, – da wir ja nächste Woche die Mathearbeit schreiben – dass ich Dir Nachhilfe geben könnte, wenn du Lust hast.«

Verblüfft starrte ich ihn an. Auf der einen Seite war es mir ziemlich peinlich, da meine Mathekenntnisse nun wirklich schlecht sein mussten, wenn mich jemand von sich aus auf Nachhilfe ansprach, auf der anderen Seite fand ich das Angebot doch sehr nett und Alex machte einen guten Eindruck.

»Ok. Wenn du dir das wirklich antun möchtest!?«

»Na klar, sehr gerne. Mathe ist mein Lieblingsfach und wenn man es erst mal verstanden hat, ist alles voll logisch und einfach.«

Während mich Alex leuchtend grüne Augen fragend anschauten, überlegte ich, ob das wirklich so eine gute Idee war. Bei dem Gedanken an die bevorstehende Arbeit und an meine letzte Note nickte ich jedoch schließlich, schenkte meinem Gegenüber ein dankbares Lächeln und fragte: »Gut. Wer, wie, was, wo, wann?«

Das Mathegenie verdrehte die Augen und grinste.

»Wer? – du und ich. Wie? – mit deinem schlauen Kopf.« Er tippte sich an die Stirn und zwinkerte. »Was? – dir zeigen wie toll Mathe sein kann. Wo? – in der Schulbibliothek und Wann? – Freitag nach der Schule. Alles notiert?«

Ich versicherte ihm, dass ich an dem besagten Freitag pünktlich erscheinen würde, und machte mich auf den Weg zur Französischstunde. Bevor ich um die Ecke bog, drehte ich mich noch einmal um und war überrascht, als sich Alex und mein Blick trafen. Schnell winkte ich ihm noch einmal zu und verschwand aus seinem Blickfeld. Gott, wie peinlich.

Heute war der Tag, an dem ich endlich erfahren würde, wen ich in Kunst als Partner haben würde. Ich konnte nur hoffen, dass es jemand war, den ich leiden konnte, denn ich würde eine Menge Zeit mit ihm oder ihr verbringen müssen.

Es fiel mir schwer, mich in den restlichen Stunden zu konzentrieren. Immer wieder dachte ich darüber nach, was ich sagen würde, fragte mich, wie der andere wohl reagieren würde und musste mich wirklich zusammenreißen, um dem Unterricht überhaupt noch zu folgen.

Als mich Daniel dann auch noch zur Belustigung in die rechte Seite zwickte und somit die Erinnerungen an die Begegnung mit dem Bären hervorrief, war es mit der Konzentration endgültig vorbei. Auch zwei Wochen nach dem Vorfall wurde ich aus den Dingen nicht schlau. Daniel und Kathy, denen ich mich anvertraut hatte, konnten sich ebenso wenig erklären, wie das alles möglich war. Zwar hatte ich inzwischen erfahren, dass es sich bei dem Tier um einen entlaufenen Zirkusbären handelte, der noch am gleichen Tag verletzt von seinen Wärtern im Wald gefunden worden war, doch das erklärte nicht, wie Cleopatra und ich zurück ins Haus gekommen waren. Ob ich es selbst rein geschafft habe und mich nur nicht mehr daran erinnern kann, weil ich mir den Kopf gestoßen habe?

Immer wieder dachte ich über das Geschehen nach, doch es trieb mich in den Wahnsinn, keine Erklärung zu finden, und so beschloss ich, diesen Tag einfach aus meinem Gedächtnis zu löschen.

Es würde ohnehin nie wieder passieren können, denn erstens hatte ich meine Eltern überreden können, einen Zaun an der Grenze zum Bach zu errichten, indem ich ihnen gesagt hatte, dass ich den Bären aus der Ferne gesehen hatte, und außerdem würde ich nie wieder so dumm sein und freiwillig den Wald betreten – dachte ich zumindest zu diesem Zeitpunkt. Noch einmal würden mir meine Eltern wohl nicht glauben, dass ich einen riesigen Bluterguss an der Seite hatte, weil ich die Treppe runter gefallen war.

Als es um halb zwölf endlich zur letzten Stunde klingelte, verabschiedete ich mich noch schnell von allen, mit denen ich am Tisch gesessen hatte, und machte mich auf den Weg zu Ms. Carrols Unterricht. Als ich die bunte Tür zum Kunstraum erreicht hatte, hielt ich noch einen kurzen Moment inne und versuchte mich zu beruhigen. Meine Hand zitterte leicht, als ich die Klinke nach unten drückte und die Tür langsam einen kleinen Spalt breit öffnete.

Mich traf der Schlag, als ich sah, wer da an meinem Tisch saß. Ich hätte fast aufgeschrien, so überrascht war ich. Ich hatte wirklich mit allem gerechnet, aber nicht damit. Da saß doch wirklich Nathan Hawk und unterhielt sich mit einem der anderen Jungen. Ich blinzelte und stellte meinen Blick scharf, um auch wirklich sicher zu gehen, dass ich mich nicht getäuscht hatte, aber es gab keinen Zweifel. Sofort fielen mir die markanten Wangenknochen und die leicht gebräunte Haut auf und auch die lässige Lederjacke und die wilden Strähnen in seinem Gesicht, die er sich nun langsam zur Seite strich, waren nicht zu übersehen.

Er sieht einfach umwerfend aus.

»Willst du nicht rein kommen, Anjuli?«

Verwirrt riss ich meinen Blick von Nathan los und blickte in das grinsende Gesicht einer Mitschülerin. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich immer noch in der Tür stand und die Klinke umklammerte. Zum zweiten Mal für heute spürte ich, wie das Blut in meine Wangen gepumpt wurde und mein ganzes Gesicht rot werden ließ.

Ziemlich verunsichert bahnte ich mir einen Weg durch den Raum und wäre am liebsten im Boden versunken, als Nathan plötzlich den Kopf drehte und mich ansah. Ich versuchte zu lächeln, doch es wollte mir einfach nicht gelingen. An seiner Miene konnte ich nicht erkennen, ob er verärgert war oder sich freute, mich zu sehen, doch er wusste ja wahrscheinlich noch gar nicht, was ihn erwarten würde.

Erst als ich meine Tasche auf den Boden stellte und mich langsam neben ihn auf den Stuhl setzte, zog er fragend eine Augenbraue hoch und sah mich an. Seit meinem ersten Schultag vor zwei Wochen hatte ich nicht mehr mit ihm geredet und war nun erneut erstaunt über die Makellosigkeit seiner Züge. Bevor ich mir Worte zurechtlegen konnte, um ihm alles zu erklären, betrat Ms. Carrol den Raum und sorgte mit einem lauten Klatschen für sofortige Ruhe.

»Guten Morgen – oder besser Mittag«, begrüßte sie uns. »So, ich muss ja nicht viel sagen. Ihr habt euren Arbeitsauftrag und euren Partner, also fangt an. Wer Fragen hat, kann sie gerne stellen, aber ich werde gleich auch noch mal rumgehen und mir anhören, was ihr für Ideen habt.« Die Lehrerin zog die Folien von letzter Stunde aus ihrer Tasche und legte sie auf den Overheadprojektor. Dann kam sie auf Nathan und mich zu.

»Hi Nathan, ich bin Ms. Carrol«, sagte sie lächelnd und streckte ihm ihre Hand entgegen. »Du warst ja letzte Stunde nicht da, also erkläre ich dir kurz den Arbeitsauftrag, ok?«

Nathan nahm ihre Hand, schüttelte sie und zog dann seinen Entschuldigungsbogen aus seiner Tasche. »Freut mich«, sagte er und hatte wieder diese Melodie in der Stimme, die mich so verzauberte. »Ich konnte leider nicht an ihrem Unterricht teilnehmen, weil mich ziemlich starke Kopfschmerzen geplagt haben. Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden.«

Er breitete den Bogen vor ihr aus und zeigte auf die Spalte, bei der als Entschuldigungsgrund ‚Kopfschmerzen‘ vermerkt war. Ms. Carrol stutzte einen Moment, als sei sie erstaunt darüber, wie viele Fehlstunden Nathan in der kurzen Zeit bereits angehäuft hatte, doch dann unterzeichnete sie schließlich und gab ihm den Bogen zurück.

»Also gut. Da wir uns ja nur alle zwei Wochen sehen, habe ich euch eine Langzeitaufgabe gegeben, für die ihr vier Monate Zeit habt. Es geht um Personenzeichnen, wie du da auf der Folie sehen kannst.« Sie deutet nach vorne auf die Beispielbilder des vorigen Kurses, die an die Wand projiziert wurden. »Jeder hat einen Partner, in deinem Fall ist es Anjuli,«, sie lächelte mich an und ich wäre am liebsten im Boden versunken, »den er besser kennen lernen muss, um dann am Ende ein Bild zu zeichnen, bei dem jeder direkt sehen kann, was die Person auszeichnet.« Sie schaute von Nathan zu mir und wieder zurück. »Habt ihr euch denn schon kennengelernt?«

Ich wollte gerade mit einem ‚Nein, nicht wirklich‘ antworten, da hörte ich Nathans Stimme »Ja, wir hatten schon das Vergnügen« sagen. Verwirrt schaute ich zu ihm hinüber und sah sein verschmitztes Lächeln. Bevor ich irgendetwas sagen konnte, fuhr Ms. Carrol fort und meinte erfreut: »Gut, dann wird es euch ja nicht schwer fallen. Hast du sonst noch Fragen, Nathan?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich denke, es ist alles klar.«

Nein, bitte gehen Sie nicht weg.

Verzweifelt sah ich Ms. Carrol nach, als sie sich umdrehte und zu den anderen Schülern am Nachbartisch ging.

Wie kann sie mich nur mit Nathan alleine lassen? Was soll ich denn sagen? Gott, sieht er gut aus!

Mein Herz klopfte immer schneller und in meinem Magen drehte sich alles, als er seinen Kopf langsam zu mir herumdrehte und mich angrinste.

»Schön, dann müssen wir uns jetzt wohl ein bisschen besser kennenlernen«, sagte er unerwartet freundlich. Ich hatte gedacht, er würde es negativ aufnehmen, wenn er erfuhr, dass er sich mit MIR abgeben musste.

»Sieht so aus. Ich habe…«

Bevor ich den Satz zu Ende bringen konnte, klopfte es plötzlich laut an der Tür. Alle Schüler drehten sich nach ihr um, auch Nathan und ich. Als sie dann ruckartig aufgerissen wurde, stand die sonst immer freundliche Mrs. Jacobs, unsere Sekretärin, mit ernster Miene vor uns.

»Entschuldigen Sie bitte, Ms. Carrol, aber Rektor Smith möchte unverzüglich mit Herrn Hawk sprechen. Es ist wichtig.« Sie deutete auf Nathan und winkte ihn zu sich rüber. »Komm mit, Junge.«

Ein Raunen ging durch die Klasse, als er sich langsam von seinem Stuhl erhob, sich seine Tasche über die Schulter warf und Richtung Tür ging. Bloße Verwirrung stand in mein Gesicht geschrieben.

Was hat er angestellt?

Als Nathan sich dann plötzlich umdrehte, einen Schritt auf mich zumachte und zu mir runter beugte, hatte ich das Gefühl, völlig den Verstand zu verlieren.

»Freitag nach der Schule unten am Parkplatz. Ich hole dich ab«, flüsterte er, ehe er schließlich mit schnellen Schritten an Mrs. Jacobs vorbei preschte und den Raum verließ.

Einen Moment lang starrte ich ihm noch nach, dann schloss ich die Augen und dachte, ich würde in Ohnmacht fallen. Noch immer spürte ich das sanfte Kitzeln seines Atems an meinem Hals, welches mir eine Gänsehaut bereitete und auch den frischen himmlischen Geruch seines Aftershaves würde ich wohl so schnell nicht vergessen.

Erst durch das Knallen der Tür wurde ich aus meinen Träumen zurück in die Realität geholt und konnte über das nachdenken, was er mir gesagt hatte.

Freitag nach der Schule. War da nicht irgendwas anderes?

Es fiel mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

Was hat er mit mir vor?

Schon wieder klopfte mein Herz schneller bei dem Gedanken, mit ihm alleine zu sein.

Als ich aufschaute, sah ich, dass Ms. Carrol auf mich zukam.

Was will sie denn jetzt noch? Ich weiß doch nicht, was mit Nathan ist. Ich will einfach nur nach Hause.

»Also Anjuli. Da Nathan ja jetzt schon wieder nicht da ist, denke ich, es bringt nichts, wenn du hier nur rumsitzt. Von mir aus kannst du nach Hause gehen.«

Ich schaute sie ungläubig an. Ist das ihr Ernst?

Sie schien mir mein Erstaunen anzusehen, denn sie schenkte mir ein Lächeln und sagte:

»Nun geh schon, das geht in Ordnung.«

Dankbar lächelte ich zurück, packte meine Sachen und verließ, gefolgt von den neidischen Blicken der anderen, den Raum.

Samstagmittag, Unterwelt:

Der Späher überquert die Weiten des düsteren Waldes und der Steppe und fliegt auf das dunkle Schloss zu. Als er einen der Türme erreicht, lässt er sich nach unten sinken und kommt schließlich in dem riesigen Saal zum Stehen. Schnell tritt er zu dem Thron vor, um seiner Majestät Bericht zu erstatten. Er verneigt sich elegant und erklärt: »Sir, ich kann Ihre Meldung bestätigen. Der Besagte hat wie berichtet in das Leben dieses Menschen eingegriffen und somit gegen §32 verstoßen. Wie sollen wir verfahren?«

»Er befindet sich nicht hier, wie ich wohl annehme?« Er runzelt die weiße, faltige Stirn. Sein Gesicht ist wutverzerrt.

»Nein, Sir. Er lebt zurzeit in ihrer Welt.«

»Nun gut. Es wird zu gefährlich sein, ihn dort zu erwischen… aber wie ich sehe, wird er bald zur Taufe erscheinen müssen.« Er dreht eine glitzernde Kristallkugel in seinen Händen. »Geben Sie Haftbefehl für ihn aus. Wenn er sich hierher wagt, werden wir ihn uns schnappen, diesen Verräter.« Er ballt die knochige Hand zur Faust. »Und er wird nichts ahnen.«

Ein schrecklich schrilles Lachen des Triumphes ertönt aus seiner Kehle und erfüllt den ganzen Saal.

»Aber Sir. Er ist ein Luptator. Meinen Sie nicht, dass das zu …«

»Ich entscheide, was hier geschieht!«, donnert die Stimme des Königs durch den Saal. »Die Luptatoren sind mir seit langem ein Dorn im Auge. Nehmt ihn gefangen und bringt ihn zu mir, verstanden?«

»Jawohl, Sir.«

»Wegtreten.«

KAPITEL 7 – FREITAG NACH DER SCHULE

Glücklich über den verfrühten Schulschluss schlenderte ich zum Parkplatz und steuerte auf mein Auto zu. Auf dem Weg dorthin fiel mir Nathans Corvette, deren schwarzer Lack in der Sonne funkelte, ins Auge. Sie war wirklich nicht zu übersehen.

Ich dachte an den mysteriösen Schüler und stellte mir vor, wie er wohl gerade in Rektor Smiths Büro dem Schulleiter gegenüber saß und sein Verhör über sich ergehen lassen musste. Unweigerlich schmunzelte ich bei diesem Gedanken.

Der sonst so coole Nathan bekommt eine Standpauke vom Rektor. Das passt nun wirklich gar nicht zusammen.

Immer wieder machte ich mir Gedanken darüber, was er wohl angestellt hatte. Eigentlich würde ich ihm nicht viel mehr als einen kleinen Schabernack zutrauen, aber wenn jemand aus dem Unterricht geholt wurde und bei der ernsten Miene von Mrs. Jacobs – da musste schon was Schlimmeres passiert sein. Vielleicht würde ich mich ja trauen, ihn am Freitag nach der Schule zu fragen. Wieder kribbelte es in meinem Magen bei der Vorstellung, mit ihm alleine zu sein, ihn näher kennen zu lernen, wobei das eigentlich alles war, was ich im Moment wirklich wollte.

Als ich endlich mein Auto erreicht hatte, schloss ich auf, warf meine Tasche auf den Beifahrersitz und setzte mich hinein. Bei einem Blick unter meine Tasche schreckte ich plötzlich schockiert auf. Jetzt fiel es mir wieder ein. Da lag mein Mathebuch, welches mich sofort an die anstehende Mathearbeit und damit auch an Alex‘ Angebot, mir Nachhilfe zu geben, erinnerte. Ich schlug die Hände vor dem Kopf zusammen.

Das war auch Freitag nach der Schule – so ein Mist! Was soll ich denn jetzt nur machen?

Fluchend startete ich den Motor und verließ das Schulgelände. Schon seit einer gefühlten Ewigkeit hatte ich kein Treffen mehr mit einem Jungen gehabt und jetzt gleich zwei auf einmal? Welche Ironie des Schicksals. Zwar verspürte ich bei dem Gedanken an beide Termine eine heftige Nervosität, hätte jedoch trotzdem gerne beide wahrgenommen. Es ging mir ja nicht darum, irgendeine Beziehung zu den Jungen aufzubauen, sondern nur um gute Noten – das redete ich mir zumindest ein.

Mathe oder Kunst, was ist wichtiger? Eigentlich ja das erste, aber die Note in Kunst wird auch automatisch die Zeugnisnote sein und Mathearbeiten gibt es noch mehrere.

Ich war hin- und hergerissen, wusste nicht, wie ich mich entscheiden sollte. Als ich schließlich durch die Hofeinfahrt unseres Hauses fuhr, hatte ich immer noch keine Entscheidung getroffen, war mir jetzt jedoch sicher, dass vielleicht doch ein paar Gefühle aufkamen, die nicht sehr viel mit Schule zu tun hatten.

Es war vor allem Neugier, die beiden besser kennen zu lernen, aber auch das Gefühl, begehrt zu werden, das mich wünschen ließ, ich könnte mich mit beiden treffen. Es war bereits einige Monate her, dass ich zuletzt so empfunden hatte. Von Julien hatte ich mich nämlich schon getrennt als feststand, dass wir umziehen würden, um lernen zu können, mit dem Schmerz umzugehen.

In den zwei Wochen, die ich bereits die Floresville High besuchte, hatte ich noch nicht das Gefühl gehabt, dass mich irgendjemand, abgesehen von Daniel und Kathy, wirklich näher kennenlernen wollte.

Ich schüttelte den Kopf, als ich endlich ausstieg und die Fahrertür hinter mir zuschlug. Nathan musste sich ja unweigerlich mit mir treffen und Alex wollte bestimmt nur nett sein. Wahrscheinlich hatte er sogar Mitleid mit mir aufgrund meiner schlechten Mathematikkenntnisse.

Wieso sollte einer der beiden Interesse an mir haben?

Als ich das Haus betrat, kam mir direkt meine verwirrt dreinblickende Mutter entgegen.

»Anjuli? Was machst du denn schon hier? Ist alles in Ordnung?«

Typisch meine Mutter. Natürlich machte sie sich sofort Sorgen um mich.

»Ja, alles okay, Mum. Mein Kunstpartner musste sich beim Direktor melden, deshalb hat mir die Lehrerin erlaubt, nach Hause zu gehen.«

»Beim Direktor melden? So so … was hat er denn angestellt?«

»Ich habe absolut keine Ahnung. Aber es wird bestimmt nichts Schlimmes gewesen sein«, versicherte ich ihr.

»Das will ich auch hoffen. Musst du dich nicht mit dem treffen und ihn besser kennenlernen?«

Sofort bereute ich, meiner Mutter von dem Projekt erzählt zu haben und suchte verzweifelt nach einem Weg, ihn sympathisch wirken zu lassen.

»Äh, ja genau. Aber er ist wirklich nett. Das muss ein Versehen sein mit dem Direktor. Er hat auch angeboten, mir Nachhilfe in Mathe zu geben, weil er da so gut ist. Das geht wirklich in Ordnung, glaub mir, Mum.«

Ein bisschen schäbig kam ich mir schon dabei vor, sie zu belügen, aber ich wusste, dass sie ein Treffen mit einem Jungen, der sich wegen einer Straftat beim Direktor melden musste, niemals zulassen würde.

»Okay gut. Ich fange dann jetzt mal an, Essen zu machen. Dauert aber noch ein bisschen. Ich hab ja erst in einer Stunde mit Dir gerechnet.«

»Macht doch nichts. Ich hab auch gar nicht so viel Hunger. Ich bin mal oben in meinem Zimmer«, sagte ich noch und ging die Treppe hoch.

So, jetzt habe ich meiner Mutter von der Nachhilfe und von Nathan erzählt. Für was soll ich mich nun entscheiden?

Natürlich hätte ich einfach einem der beiden absagen und nach einem neuen Termin fragen können, aber wo sie mich schon extra gefragt hatten…was sollte ich auch als Grund nennen? Nein, ich verwarf den Gedanken wieder.

In meinem Zimmer angekommen, ging ich sofort auf meinen Schreibtisch zu, nahm ein Stück Papier und einen Stift heraus und legte mich damit in mein Bett. Ich beschloss, mir eine Pro und Contra Liste zu machen, um mir sicher sein zu können, dass ich das Richtige tat. Im Nachhinein kommt es mir lächerlich vor, aber diese Entscheidung war wirklich nicht leicht zu treffen.

Wird der, den ich aussuche, womöglich mein zukünftiger Freund sein? Hat überhaupt einer der beiden Interesse an mir als Partnerin oder wollen sie nur Freundschaft?

Bei Nathan war ich mir eigentlich sicher, dass er keins von beidem wollte. So wie ich ihn einschätzte, ging es ihm nur um eine lästige Schulangelegenheit, die man eben hinter sich bringen musste. Alex dagegen schien schon eher zugeneigt zu sein und schlecht aussehen tat er wirklich nicht, aber …

Will ich überhaupt schon wieder eine Beziehung? Bin ich bereit dafür?

Fragen über Fragen, die ich in diesem Moment noch nicht beantworten konnte. Ich beschloss, eine Nacht darüber zu schlafen, und hoffte, dass ich am nächsten Morgen schlauer sein würde. Dem war jedoch leider nicht so. Auch am folgenden Tag nicht. Wir hatten bereits Donnerstag – ich hatte also nur noch ein paar Stunden Zeit, einem der beiden abzusagen.

Da weder mittwochs noch donnerstags Mathe auf dem Stundenplan stand, hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mit einem der beiden über das kommende Treffen zu sprechen. Gedankenverloren saß ich in der Mittagspause am Tisch und stocherte in meinem Essen herum. Plötzlich spürte ich ein leichtes Tippen auf meiner Schulter, drehte mich um und blickte in Kathys besorgtes Gesicht.

»Alles in Ordnung bei dir, Anjuli?«, fragte sie vorsichtig. Ich nickte schnell und versicherte ihr, dass alles okay sei, um nicht noch mehr Wirbel um das Thema zu machen, doch sie schien mir anzusehen, dass ich sie anlog.

»Wenn du reden möchtest – ich bin für dich da, okay?«

Sie sah mich so vertraut an, dass ich einfach das Bedürfnis hatte, ihr von allem zu erzählen und sie nach ihrem Rat zu fragen. Ich seufzte – wusste nicht, wie ich anfangen sollte.

»Also um ehrlich zu sein habe ich da doch ein kleines Problem«, stammelte ich. Wenn ich es nicht Kathy erzählen kann, wem denn dann?

Sie war bis jetzt, neben Daniel, mein einziger richtiger Freund an der Schule und Daniel wollte ich auf keinen Fall mit meinen Jungsproblemen nerven. Als Mann würde er wahrscheinlich gar nicht verstehen, warum ich aus dieser kleinen Entscheidung so ein Drama machte.

»Also, du weißt doch von dem Kunstprojekt, das wir machen müssen, oder?« Sie sah mich neugierig an. »Ja klar, weißt du denn jetzt endlich, wer dein Partner ist?«

»Ja, seit Dienstag.« Ich konnte einfach nicht vermeiden, dass sich meine Wangen rot färbten.

»Oh nein«, sagte sie schockiert, als sie bemerkte, wie sehr ich mich schämte.

»Sag mir nicht, dass es so ein ekliger oder spießiger Langweiler ist.«

Ich grinste bei dem Gedanken und sah ein, dass ich es mit Nathan dann eigentlich doch ganz gut getroffen hatte. Schnell beruhigte ich Kathy, deren Blick erahnen ließ, dass sie sich auch gerade vorstellte, wie ich mich mit so einem Ekel treffen musste.

»So schlimm ist es dann auch wieder nicht. Aber ich habe trotzdem so große Angst, mich mit ihm zu treffen …«

»Wer ist es denn jetzt? Spann mich nicht so auf die Folter«, fiel sie mir ins Wort.

Ich schaute mich noch mal um, vergewisserte mich, dass uns auch wirklich keiner belauschte und flüsterte dann leise: »Es ist Nathan Hawk.«

Kathys Augen weiteten sich und sie sah mich entsetzt an. »Was? Nathan ist dein Partner? Wow! Was hast du für ein Glück!«

»Glück nennst du das? Als ob der sich mit mir abgeben würde.« Ich betonte das mir extra etwas abfällig, um ihr zu verdeutlichen, wie stark der Kontrast zwischen ihm und mir war.

»Aber das ist ja noch nicht mal das größte Problem…«, fuhr ich fort. »Wir haben ein Treffen für morgen nach der Schule ausgemacht.«

»Ist doch super.«

»Jetzt lass mich doch erst mal ausreden«, sagte ich energisch, grinste jedoch danach, um ihr zu zeigen, dass ich nicht sauer, sondern froh darüber war, dass sie mir zuhörte. »Das Problem ist, dass ich mich vorher schon für die gleiche Zeit mit Alex verabredet habe.«

»Alex Jones?«, fragte sie in einem Ton, der nicht sehr begeistert klang. »Was willst du denn mit dem?«

Überrascht von dieser Reaktion erklärte ich ihr, dass er angeboten hatte, mir Nachhilfe in Mathe zu geben. Als ich fertig war, packte sie mich an beiden Schultern und schüttelte mich.

»Und jetzt ist dein Problem, dass du dich nicht entscheiden kannst, ob du dich mit Alex oder Nathan triffst? Oh Anjuli, du musst echt noch einiges lernen. Also Alex ist berüchtigt dafür, dass er sich an alle hübschen Mädels der Schule ranmacht, dann einmal Spaß mit ihnen hat und das war’s dann – du weißt, was ich meine? Auf den darfst du auf keinen Fall reinfallen. Meine Meinung ist ganz klar: Triff dich mit Nathan!«

Völlig verwirrt befreite ich mich aus ihrem Griff, lehnte mich zurück und atmete einmal tief durch. Diese Information musste ich erst mal verarbeiten.

Alex ist ein Aufreißer – warum habe ich das nicht bemerkt? Und er macht sich an hübsche Mädchen ran – warum hat er dann mich ausgesucht?

Ich dachte noch einen Moment darüber nach, aber dann war es mir eigentlich egal. Die Hauptsache war: Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ich würde mich am nächsten Tag mit Nathan treffen.

So sehr ich mich auch darüber freute, ich konnte trotzdem nicht die Aufregung ignorieren, die mir schon jetzt Magenschmerzen bereitete. Als ich aufblickte, sah ich in Kathys freundliches Gesicht und war sehr froh darüber, ihr von meinem Problem erzählt zu haben.

Die folgenden Stunden verflogen wie im Nu und ehe ich mich versehen hatte, war es auch schon Freitag. Mein Wecker weckte mich pünktlich um Viertel nach sieben – früher als sonst, damit ich noch genug Zeit hatte, mir Klamotten rauszusuchen und ein wenig Make-up aufzulegen. Schließlich wollte ich mich bei meinem ersten wirklichen Treffen mit Nathan von meiner besten Seite zeigen, auch wenn ich mir keine Hoffnungen auf eine tiefere Beziehung machte.

Ratlos stand ich vor meinem Kleiderschrank, probierte immer wieder neue Sachen an, doch in nichts fühlte ich mich wirklich wohl. Als meine Uhr bereits halb acht zeigte, entschied ich mich schließlich für einen schlichten weißen Rock, kombiniert mit einem roten Shirt, dessen Ausschnitt meiner Meinung nach genau passend war. Nicht zu tief, aber auch nicht zu prüde.

Es ist eigentlich egal, was ich trage. Der Eindruck vom ersten Schultag, als ich ungekämmt in die Schule gegangen bin, kann sowieso nicht mehr schlimmer werden.

Nachdem ich im Bad meine Zähne geputzt und meine Haare gekämmt hatte, betrachtete ich mich noch einmal kritisch vor dem großen Spiegel, der auf der mittleren Schranktür angebracht worden war. Ich musste zugeben, dass ich mich doch wahrscheinlich instinktiv so angezogen hatte als würde ich ein Date haben. Genau das hatte ich eigentlich verhindern wollen, doch ein Blick auf die Uhr verriet, dass ich keine Zeit mehr hatte, um mich zum siebten Mal für diesen Morgen umzuziehen.

Ich lief also wie jeden Morgen die Treppe hinunter, packte mein Frühstück in meinen Rucksack, drückte meiner Mutter einen Kuss auf die Wange und fuhr in meinem Audi zur Schule. Auf dem Weg überlegte ich mir, wie ich Alex erklären würde, dass ich plötzlich doch keine Zeit und eigentlich auch keine Lust mehr hatte, mich mit ihm zu treffen. Ich konnte ja schlecht sagen: »Meine Freundin hat mir erzählt, was du für ein Typ bist und mit so einem Macho werde ich mich niemals treffen!«

So beschloss ich also, einfach einen Arzttermin als Ausrede zu benutzen.

Meine Eltern haben mich eigentlich zu einem ehrlichen Mensch erzogen, aber in Notsituationen ist eine kleine Verdrehung der Wahrheit doch erlaubt, oder?

Als ich in der Schule angekommen war und über den Parkplatz auf das Schulgebäude zuging, sah ich Nathans Corvette im Sonnenschein der aufgehenden Sonne glänzen. Unwillkürlich lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Was hat er noch mal genau gesagt?

»Freitag nach der Schule unten am Parkplatz. Ich hole dich ab«.

Sofort begann mein Herz schneller zu schlagen und ich konnte spüren, wie sich eine Gänsehaut über meinem ganzen Körper ausbreitete.

Sind alle Mädchen so nervös vor einem schulischen Treffen oder geht das nur mir so?

Ich redete mir ein, dass alles gut war und es bestimmt ein schöner Nachmittag werden würde und lenkte mich anschließend mit Fotosynthese und Französischvokabeln ab.

Unglücklicherweise begegnete ich weder Nathan noch Alex, da Mathe an diesem Tag ausfiel. Eigentlich hätte ich mich mächtig darüber gefreut, aber die Tatsache, dass ich die Nachhilfe nicht absagen konnte, gab mir schon zu denken.

Ist es sehr unhöflich, einfach gar nicht zu kommen, ohne Bescheid zu sagen?

Es zeugt zwar nicht gerade von guten Manieren, aber ich werde es ihm später schon irgendwie erklären. Was kann ich auch dafür, wenn er wie vom Erdboden verschluckt ist.

Ich hatte die ganze Pause lang vergeblich die Cafeteria nach ihm abgesucht.

Schließlich gab ich es auf und verbrachte die letzten Minuten der Pause noch mit Kathy. Sie war die Einzige, die von dem bevorstehenden Treffen wusste, und ich hoffte, dass sie mir noch ein wenig Mut zusprechen würde. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht kam sie auf mich zu.

»Uh la la, du siehst aber schick aus.«

Unweigerlich spürte ich, wie ich knallrot wurde, und bedeutete Kathy, nicht so laut zu sein. Ich wollte nicht die Blicke des ganzen Saals auf mich ziehen.

Dieses Gefühl kannte ich nur zu gut – und ich hasste es.

»Und bist du schon aufgeregt?«, fragte sie diesmal leiser, wobei das Grinsen nicht aus ihrem Gesicht wich. Ich nickte nur zur Bestätigung. Natürlich kannte sie sowieso die Antwort auf diese Frage. Schließlich hatte ich sie in den letzten Stunden nicht zu selten mit dem Thema genervt. »Du schaffst das schon«, fuhr sie fort und klopfte mir leicht auf die Schulter. »Redet einfach am Anfang über irgendwas Alltägliches… wie das Wetter zum Beispiel. Oder lästert ein bisschen über Mr. Black und dann kommt der Rest von selbst.«

Bei diesem Gedanken musste auch ich anfangen zu grinsen. Mathe war wirklich ein Thema, über das wir beide wohl mehr als genug zu sagen hatten und die Hassliebe zu unserem tollen Lehrer könnte schon unsere erste Gemeinsamkeit sein. Erleichtert atmete ich einmal tief durch. Ein Gesprächsthema zu haben, zu dem ich eine Menge beitragen konnte, gab mir mehr Sicherheit und etwas, an dem ich mich festhalten konnte.

Es vergingen keine zwei Stunden, da saß ich bereits im Chemieunterricht, hatte die Augen nur noch auf die unaufhörlich tickenden Zeiger der Wanduhr gerichtet und konnte an nichts mehr denken außer an das bevorstehende Treffen. Schon einmal hatte mich Mr. Langs ermahnt, besser dem Unterricht zu folgen statt Löcher in die Luft zu starren, doch es half nichts. Es war, als hätte ich ein riesiges Loch in meinem Kopf, genau an der Stelle, wo vorher mein Verstand gewesen war.

Ich hoffte nur, dass ich im Laufe der nächsten fünf Minuten meine Sprache wiederfinden würde, denn ich wollte dringend vermeiden, Nathan gegenüberzusitzen und vor mich hin zu stammeln wie eine Idiotin. In Gedanken ging ich immer wieder die Fragen durch, die ich vorbereitet hatte, und stellte mir vor, wie er darauf antworte könnte und was ich dann wiederum sagen würde. Es war fast schlimmer als eine Mathearbeit, so angespannt und aufgeregt war ich.

Als es dann endlich zum Schulschluss klingelte, ging ein leichtes Zucken durch jede Faser meines Körpers und ich versuchte langsam meine Muskeln zum Aufstehen zu bewegen. Zielstrebig ging ich auf den Ausgang des Schulgebäudes zu und machte dabei einen weiten Bogen um die Bibliothek, um ja nicht doch noch Alex zu begegnen. Ihm jetzt so kurzfristig abzusagen, wobei er mich wahrscheinlich noch bis zum Parkplatz und damit bis zu Nathan verfolgen würde, wäre gar nicht gut.

Das Erste, was ich sah, als der Parkplatz in Sicht kam, war, dass Nathans Auto nicht mehr an der Stelle stand, an der ich es noch heute Morgen gesehen hatte. Verwirrung machte sich in mir breit.

Er hat es doch wohl nicht vergessen? Ich hatte zwar keine Gelegenheit mehr, ihn zu fragen, ob es bei der Verabredung bleibt, aber vergessen haben kann er es doch nicht, oder?

Ich war gerade dabei mir auszumalen, was passieren würde, wenn er wirklich nicht auftauchen würde, da sah ich plötzlich doch die schimmernde Corvette am Straßenrand stehen. Nathan hatte den Wagen so geparkt, dass ich praktisch nur den Treppen zum Parkplatz folgen musste und sofort einsteigen konnte. Was für ein Gentleman.

Als ich mich dem Auto näherte, öffnete sich plötzlich die Fahrertür und ein unglaublich attraktiver junger Mann stieg aus und kam auf mich zu. Nathan Hawk.

Wie ich ihn so da stehen sah, lässig und doch elegant, modern gekleidet aber doch in seinem eigenen Stil, mit der großen Sonnenbrille und den dunklen Strähnen, die in sein Gesicht fielen… da drehte sich auf einmal alles in meinem Magen und mein Herz raste schneller und schneller, so als wäre ich gerade bei einem Marathonlauf.

Als ich nur noch etwa zwei Meter von ihm entfernt war, formten sich seine schmalen Lippen zu einem breiten Grinsen. Ich konnte nur erahnen, dass ich mal wieder aussehen musste wie eine Tomate, aber wenn das die einzige Reaktion meines Körpers bleiben sollte, war ich überaus froh darüber.

»Hey, alles klar bei dir? Ich hatte schon befürchtet, dass du unser kleines Meeting heute vergessen hast, aber jetzt bist du ja da. Steig ein.«

Wie hätte ich das nur vergessen können?

Wie selbstverständlich hielt er mir die Tür auf, wartete, bis ich eingestiegen war und setzte sich erst dann auf den Fahrersitz. An den Luxus könnte ich mich gewöhnen.

Innen war der Wagen komplett mit schwarzem Leder verkleidet. Das gab dem Ganzen einen sehr edlen Look. Auch der angenehme Duft des Aftershaves, der mich sofort an Strand, Meer und Sommer erinnerte, lag wie ein leichter Schleier in der Luft und machte mich noch benebelter. Alle Angst und Aufregung waren auf einmal wie weggeblasen und es war, als würde ich träumen – so wohl fühlte ich mich.

Als Nathan den Motor startete, heulte dieser kurz auf, schnurrte sofort danach jedoch wie ein Kätzchen und vermittelte gleichzeitig ein Gefühl von Schnelligkeit und Stärke, als das Gaspedal gedrückt wurde und wir losfuhren.

Ich musste mir gar keine Gedanken darüber machen, wie ich das Gespräch anfangen würde, denn es war mein Kunst-Partner, der zuerst das Wort ergriff.

»Okay. Ich würde vorschlagen, dass wir die Zeit heute einfach nur dazu nutzen, uns ein bisschen besser kennenzulernen. Jetzt schon über das Kunstprojekt zu reden, würde wohl wenig Sinn machen.«

Im Bann der mitschwingenden Melodie in seiner Stimme nickte ich nur zustimmend und starrte aus dem Fenster.

»Ich dachte, wenn du nichts dagegen hast, machen wir ein kleines Picknick am Flussufer und reden einfach ein bisschen.«

Etwas erstaunt schaute ich ihn von der Seite an. Er schenkte mir ein kurzes Lächeln und wandte sich dann wieder dem Straßenverkehr zu.

Ein Picknick? Am Flussufer?

Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich kann zwar nicht sagen, was genau ich erwartet hatte, aber das ganz sicher nicht. Umso glücklicher war ich und freute mich auf die bevorstehenden Stunden. Ich legte mir gerade gedanklich eine Frage zurecht, da vibrierte plötzlich etwas in meiner Hosentasche. Überrascht zog ich mein Handy heraus und sah eine unbekannte Nummer auf dem Display. Während ich auf den Knopf »Anruf annehmen« klickte, konnte ich aus den Augenwinkeln sehen, wie Nathan mich beobachtete. Ich versuchte ihn zu ignorieren und sagte ein leises »Ja, hallo?«, in den Hörer.

»Hi, hier ist Alex. Bist du es Anjuli?«, meldete sich die Stimme am anderen Ende der Leitung.

Mist! Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf. Alex? Woher hat der denn meine Nummer und was soll ich ihm jetzt sagen? Das mit dem Arzttermin kann ich ja wohl schlecht vortäuschen, während Nathan neben mir sitzt.

»Anjuli?«, tönte es erneut aus dem Hörer.

Ohne großartig darüber nachzudenken, sagte ich ihm einfach die Wahrheit: »Ja, hallo Alex. Ich bin’s. Also, das mit dem Treffen heute klappt leider nicht, weil ich noch … einen anderen wichtigen Termin habe. Ich hab versucht dir abzusagen, aber wir hatten ja kein Mathe und …«

Noch bevor ich den Satz zu Ende brachte, fiel mir die andere Stimme am Ende des Telefon ins Wort und sagte mit gespielt enttäuschter Stimme: »Na gut, egal. Macht ja nix. Wäre nur gut gewesen, wenn ich vorher Bescheid gewusst hätte. Dann vielleicht beim nächsten Mal. Man sieht sich.«

… und dann hatte er auch schon aufgelegt. Mist!

Verlegen schaute ich zu Nathan rüber, der wohl oder übel alles mit angehört haben musste und war gespannt auf seine Reaktion. Entgegen aller Erwartungen lächelte er einfach freundlich und sagte mit überaus netter Stimme: »Soso, hattest du wohl noch mehr Dates heute? Wenn es was Wichtiges ist – ich kann Dich auch wieder zurück bringen.« Unsicher, ob ich ihm die Wahrheit sagen sollte, entschloss ich mich schließlich doch dafür, denn ich hatte es wirklich leid, mich ständig in neue Lügennetze verstricken zu müssen.

»Nein Quatsch, unser Treffen geht vor«, begann ich und biss mir leicht auf die Lippe. »Es ist nur so, dass mir Alex – der aus unserem Mathekurs, du weißt schon.« Er nickte nur kurz, um zu bestätigen, dass er sich erinnerte.

»Also, er hatte mir angeboten, dass er mir Mathenachhilfe geben würde, weil wir ja bald die Arbeit schreiben und ich ja nicht wirklich ein Mathegenie bin, wie du bestimmt schon bemerkt hast …«

Anstatt irgendetwas darauf zu erwidern, grinste er nur vor sich hin.

Ich wusste es doch: Jeder aus meinem Mathekurs hält mich für einen Trottel.

Trotz dieser erschütternden Erkenntnis fuhr ich unbeirrt fort und erzählte Nathan von dem geplanten Treffen und dass ich keine Zeit gehabt hatte, Alex abzusagen. Nur das mit der Entscheidung ließ ich weg. Ich hoffte, er würde mir glauben, dass ich die Kunstnote einfach für wichtiger erachtete.

»Okay, also wenn das so ist …«, fuhr er nach einem Moment des Schweigens fort. »Theoretisch könnte ich dir auch Nachhilfe geben. Ich bin ja nicht gerade der Schlechteste in dem Fach. Es sei denn, du möchtest nicht noch mehr Zeit mit mir verbringen.«

Ich wusste nicht, zum wievielten Mal an diesem Tag schon alles anders gekommen war, als ich es mir gedacht hatte, doch in diesem Moment hatte ich wirklich das Gefühl, dass mein ganzes Weltbild in zwei Hälften zerbrach.

Nathan Hawk, eindeutig der heißeste Typ an der Schule, der mit dem rebellischen und doch charmanten Blick, von dem ich gedacht hatte, dass es eine Qual für ihn sei, auch nur eine Minute mit mir zu verbringen, bot mir jetzt wirklich Nachhilfe an. In meinem Kopf drehte sich alles und ich konnte förmlich spüren, wie tausende von Glücksgefühlen durch jede Zelle meines Körpers sausten. Dankbar strahlte ich ihn an.

»Aber gerne doch. Wenn du es mit so einer untalentierten Schülerin aushältst…«

»Untalentiert? So kann man das nun wirklich nicht nennen. Vielleicht bist du nur auf dem falschen Weg und brauchst einfach einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Mal sehn, was sich machen lässt.«

»Dann ist das also dein Ernst?«, fragte ich immer noch ungläubig. Irritiert blickte er mich von der Seite an und ich konnte deutlich sehen, wie sich kleine Falten auf seiner sonst so makellosen Stirn bildeten.

»Sonst hätte ich wohl kaum gefragt, oder?«, entgegnete er freundlich.

Den Rest des Weges verbrachten wir wie geplant mit Gesprächen über Mr.

Black und mein Hassfach, doch ich brauchte gar keine von meinen vorgefertigten Sätzen, denn ich fühlte mich auf einer Wellenlänge mit meinem neuen Nachhilfelehrer und es fiel mir leicht, mich mit ihm zu unterhalten. Nach weiteren fünfzehn Minuten Fahrt verlangsamte Nathan plötzlich das Auto und bog in einen kleinen Feldweg ein, der in Richtung Wald führte.

Normalerweise hätte ich sicher Angst bekommen, mit einem wildfremden Mann alleine in seinem Auto über einen verlassenen Feldweg zu fahren, doch diesmal war es anders. Ich hatte einfach das Gefühl ihm vertrauen zu können und die eher negativen Eindrücke, die ich an meinem ersten Schultag von ihm bekommen hatte, waren wie verflogen – er erschien mir wie ein völlig neuer Mensch. Erst viel später würde ich erfahren, womit das zusammenhing.

Als wir kurz vor dem Waldrand angekommen waren, hielt er den Wagen an und stellte den Motor ab.

»Da wären wir. Noch ein paar Meter weiter und wir sind an meinem Lieblingsplatz.«

Neugierig stieg ich aus und sah mich um. Die Sonne stand direkt über uns und sorgte für angenehme Wärme. Alle Bäume und Sträucher um uns herum strahlten in einem satten Grün und zu meiner rechten Seite erstreckte sich eine riesige Blumenwiese, die in allen erdenklichen Farben glänzte. Ich schloss die Augen, um mich besser auf die anderen Sinneseindrücke konzentrieren zu können. Etwas weiter entfernt konnte ich das leise Rauschen und Plätschern eines Baches hören und wenn ich mich anstrengte, vernahm ich sogar das Summen der unzähligen Bienen und Hummeln, die wie kleine Feen von Blume zu Blume flogen. Hier und da war der Schrei eines Vogels zu hören. Auch der Geruch nach frischem Gras, duftenden Blumen und einfach Natur raubte mir den Atem und erinnerte mich an den Garten hinter unserem Haus. Als ich meine Augen langsam wieder öffnete, blickte ich in Nathans grinsendes Gesicht, welches mich interessiert musterte. Ich erschrak leicht, als ich ihn so nah vor mir stehen sah, denn ich hatte seine Anwesenheit in meinem Rausch der Sinne schon fast vergessen.

»Gefällt es dir?«, fragte er leise und ich musste gar nicht antworten, denn das Lächeln auf meinem Gesicht sprach Bände. Nathan ging auf die Blumenwiese zu und bedeutete mir, ihm zu folgen. Gemeinsam bahnten wir uns einen Weg durch das Feld, wobei ich versuchte, möglichst wenige der Mohnblumen und wilden Veilchen zu zertreten. Anstatt mich voll und ganz der Natur hinzugeben, fing mein Gehirn plötzlich wieder an zu arbeiten.

So einen Platz habe ich mir schon immer gewünscht, aber eigentlich eher für mein erstes Date und nicht für schulische Treffen.

Krankhaft versuchte ich einen Sinn darin zu sehen, dass mich Nathan an diesen Ort gebracht hatte. Irgendwelche gefühlstechnischen Hintergründe konnte ich ausschließen.

Aber wieso dann dieser besondere Ort?

Auf die Idee, dass er mich lediglich an einen Ort bringen wollte, wo wir völlig alleine waren und uns keiner sehen oder hören konnte, kam ich nicht.

Vielleicht mag er mich ja wirklich.

Dieser Gedanke beflügelte mich so sehr, dass ich begann, leicht durch das Feld zu hüpfen anstatt zu gehen und das Lächeln auf meinen Lippen wollte einfach nicht verschwinden. Nachdem wir uns durch einen Ring aus dichtem Schilf gekämpft hatten, waren wir dem Bach ganz nahe. Nathan blieb stehen und betrachtete die kleinen Wellen.

»Da wären wir«, verkündete er leise und mit einer Stimme, die sich völlig der Schönheit der Natur angepasst hatte.

»Es ist wunderschön«, flüsterte ich zurück und versuchte dabei vergeblich, den Klang seiner Stimme zu imitieren.

Wunderschön – dieses Wort war eigentlich noch nicht passend genug. Der Ort war wirklich atemberaubend. Von der Außenwelt abgeschirmt und völlig ungestört lag die kleine Lichtung vor uns. Auf der einen Seite umgeben von hohen Bäumen, die in den Himmel ragten, auf der anderen Seite von Schilf und Unmengen von bunten Blumen und zu guter Letzt von dem leise rauschenden Bach, der sich säuselnd vorbeischlängelte. Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch die Kronen der Bäume herab und tauchten alles in ein warmes gemütliches Licht.

Nathan stellte seinen Rucksack auf einem der großen Steine ab, die sich am Rand des Gewässers tummelten, zog eine Art Picknickdecke heraus, breitete sie auf dem Boden aus und legte sich darauf. Er streckte sich im Sonnenlicht, als hätte er sich gerade an den Strand zum Sonnen gelegt, und ich konnte erahnen, dass er seine Augen geschlossen hatte, um die Umgebung in vollen Zügen zu genießen. Ich konnte nun besser verstehen, warum er mich an diesen Ort gebracht hatte. Nicht um mich mit einem romantischen Date rumzukriegen, sondern um mich einfach an dieser ungestörten wunderschönen Stelle näher kennenzulernen. Dieser Ort war einfach perfekt dafür, denn die Natürlichkeit, die uns umgab, ließ gar nicht zu, dass man sich verstellte oder Gefühle wie Angst und Nervosität empfand. Ich konnte einfach ich selbst sein.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
368 стр. 14 иллюстраций
ISBN:
9783957442062
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Правообладатель:
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