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Janet Borgward

Das Mädchen mit dem Flammenhaar

Die 13. Javeér

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Unerwartetes Wiedersehen

Geständnisse

Aufbruch nach Kadolonné

Das Tor von Merdoran

Die Javeérs

Die Ausbildung

Perges

Die Macht der Gedanken

Charmanter Dämon

Klärende Worte

Verlorene Schätze

Vereinte Kräfte

Leben mit dem Tod

Mutter und Tochter

Marionetten

Böses Blut

Das Gift der Macht

Der Statthalter von Alebas

Botschafter von Kandalar

Zwei Monate später

Nachwort

Danksagung

Bisher von Janet Borgward erschienen

Impressum neobooks

Unerwartetes Wiedersehen

Was du liebst, lass frei,kommt es zurück, gehört es dir – für immer.Konfuzius

Wie vom Donner gerührt stand ich da. Mein Gesicht wurde heiß, der Schweiß trat mir unter der Hutkrempe hervor, was nicht nur an der sengenden Hitze lag.

„Du?“, stammelte ich und starrte verdattert in Augen, die mich vom ersten Tag an in ihren Bann gezogen hatten und die so gefährlich aufblitzen konnten.

„Jemand anderen erwartet?“, knurrte Skyler.

Das nachlässig aus Schilf und Tampur geflochtene Band glitt aus seinen Händen. Als er sich zur vollen Größe aufrichtete, überragte er mich um fast einen Kopf, dabei war ich mit meinen einen Meter achtzig auch nicht gerade klein. Mit der Fußspitze zertrat er das kümmerliche Geflecht und begrub es in dem staubigen Grund.

„Ja, ich meine nein. Jedenfalls keinen Bowman …“ Ich ließ den Satz unvollendet.

„Sondern?“, seine Augen bohrten sich in meine.

„Einen Handwerker.“

„Kommst du zurecht, Avery?“, meldete sich mein Vater dazwischen. Misstrauisch sah er Skyler an. „Oder brauchst du mich hier noch?“

Ich schnitt eine Grimasse, woraufhin er sich zurückzog. Der heiße Wind verfing sich in den blauschwarzen Haaren Skylers, die ihm inzwischen weit über die Schulter reichten. Zahlreiche goldglänzende Piercings kamen an seinem Ohr zum Vorschein. Wir starrten uns an, versuchten, in dem Gesicht des anderen zu lesen, was Worte nicht zu sagen vermochten.

„Sehe ich etwa aus wie ein Handwerker?“, durchbrach er die Stille. Unwirsch griff er nach dem auf dem Boden liegenden Pfeilköcher und dem kunstvoll gearbeiteten Bogen. Ein Tattoo, Pfeil und Bogen, spannte sich über seinen Bizeps. Unwillkürlich berührte ich mein Brandmal am rechten Oberarm mit ebendiesen Motiven. Damals bekam ich es von den Bowmen eingebrannt, dessen Clanführer er war.

„Nein, danach siehst du in der Tat nicht aus. Trotzdem bin ich froh, dass dich der Weg nach Gullorway führt.“ Endlich, wollte ich hinzufügen, verkniff es mir jedoch.

„Du hast das entwickelt?“

Er sah mich nicht an. Dafür schweifte sein Augenpaar über die Bewässerungsanlage.

„Es funktioniert besser als beim ersten Mal, wenn auch noch nicht optimal. Der Wasserdruck reicht oftmals nicht aus, um die entlegensten Bereiche zu versorgen. An der Stelle, an der die Bambusrohre aufeinandertreffen, sind sie stellenweise undicht. Der Mukonor verschlämmt die Leitungen.“

Ich fuhr mir mit dem Ärmel über die schweißnasse Stirn und behielt einen schlammbraunen Streifen darauf zurück. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich mein Gesicht mit Lehmpunsch eingestrichen hatte, einer Eigenkreation zum Schutz meiner hellen Haut gegen die unbarmherzige Sonne.

Skyler schien mein Aussehen nicht zu stören. Stattdessen malten seine Kiefer angespannt aufeinander. Schweigsam betrachtete er den spärlichen Wuchs auf den Feldern. Getreide, Kartoffeln und Lendjens, eine nahrhafte Wurzelfrucht, die der Hitze des Tages trotzte, dafür in der Kühle der Nacht heranreifte.

„Du hast viel geschafft.“ Ein unergründlicher Ausdruck trat in seine Augen.

„Ich bekam unerwartet Unterstützung.“ Insgeheim hegte ich den Wunsch, dass diese ihm geschuldet war.

„Leider nicht von mir.“ Er rang sich ein Lächeln ab. Konnte er Gedankenlesen?

„Jetzt bist du ja da“, versuchte ich, meine Enttäuschung zu kaschieren, von ihm keine Hilfe erhalten zu haben. „Komm mit. Ich zeige dir Gullorway. Später lassen wir uns von Jodee ein stärkendes Getränk geben.“

Ich unterdrückte das Verlangen, ihn zu berühren. Als die Bowmen meine Schwester Charise und mich in den Sümpfen Greenerdoors gefangen nahmen, stand zunächst eine unsichtbare Wand der Feindschaft zwischen uns. Dann begannen wir einander zu achten und schließlich verband uns mehr denn bloße Freundschaft miteinander. Doch die Bowmen lebten nach ihren eigenen Gesetzen. In ihren Augen beanspruchten Frauen eine untergeordnete Stellung. Ihre Meinung zählte nicht. Eine Barriere, die wir bis heute nicht überwanden.

Wir ließen die Felder hinter uns und die neugierigen Blicke derer, die darauf arbeiteten. Einige von ihnen, die sich mir damals anschlossen, stammten sogar aus Greenerdoor.

„Wir errichteten die Häuser auf den alten Fundamenten. Was uns an Baumaterial fehlte, fanden wir teilweise in den Ruinen. Die restlichen Steine stammen aus dem Steinbruch der Ellar Hills.“

„Ein weiter Weg bis hierher.“

„Ja.“

Es war eine fast unmenschliche Schinderei. Dankbar nahmen wir jede Hilfe von Handwerkern und Händlern mit Karren an, die sich unverhofft in unsere Gegend einfanden. In den Nächten schmerzten die zerschundenen Hände von der ungewohnten Arbeit. Manchmal fürchtete ich, nie wieder aufrecht gehen zu können.

„Dank der Erinnerungen meines Vaters gelang es mir, Baupläne zu Papier zu bringen, die den Baumeistern als Vorlage dienten.“

„Sind sie … lebendig geworden?“

Ich wusste, worauf er anspielte. Meine Gabe Bilder darzustellen, die real wurden. Eine mächtige Fähigkeit die vielen Menschen das Leben kostete, wenn sie uns auch am Ende von der Knechtschaft der Herren von Kandalar befreite.

„Nein“, sagte ich mit Bestimmtheit. „Die Zeiten haben sich geändert. Es ist nicht erforderlich, zu magischen Hilfsmitteln zu greifen. Außerdem gibt es keine Bedrohung mehr für die Bevölkerung von Kandalar.“

„Du versteckst dich hinter einem Trugbild.“

„Ich verstecke mich vor niemandem.“ Gekränkt presste ich die Lippen aufeinander. „Hast du den weiten Weg von Greenerdoor etwa auf dich genommen, nur um mir Vorhaltungen zu machen?“

„Nein. Ich wollte dich sehen.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Nach einem Jahr? Oder sollte ich etwa scheitern?“

„Ein bisschen habe ich es gehofft.“ Er grinste frech.

„Schönen Dank auch!“

Ich wandte mich ab und stapfte davon. Pfeilschnell war er bei mir und hielt mich am Arm fest.

„Brauchst du Hilfe, Avery?“

Garlow, ein kräftig gebauter Handwerker aus Scarles trat unverhofft an meine Seite und warf Skyler einen drohenden Blick zu.

„Nein, alles gut. Vielen Dank, Garlow.“

Dennoch blieb er einen Moment wie versteinert stehen, bevor er den Weg frei gab.

„Ich denke, es gibt keine Bedrohung mehr?“, raunte Skyler, wobei er mich belustigt ansah.

„Vermutlich hat ihn dein wildes Aussehen alarmiert. Ist das alles, was du an Gepäck dabeihast?“ Ich wies mit dem Kinn auf seine Waffen und die Ledertasche über der Schulter. „Wo ist dein Pferd?“

„Bis Abylane nahm mich einer unserer Händler auf dem Karren mit. Den Rest der Strecke habe ich zu Fuß zurückgelegt. Wo kann ich übernachten und die Spuren der Reise abwaschen?“

Er sah mich durchdringend an, als erwarte er mehr als eine Einladung von mir.

„Am Marktplatz gibt es eine Herberge. Sie ist einfach aber zweckmäßig.“

Er nickte, dann folgte er dem beschriebenen Weg. Mit klopfendem Herzen wandte ich mich ab.

„Schon zurück?“

Die Hände meines Vaters zitterten, während er einen Karpfen entschuppte, den er für unser Abendessen vorsah. Die Gefangenschaft in den Kerkern der Burg von Kandalar machten aus ihm einen alten Mann, obwohl er erst achtunddreißig Jahre zählte. Der schmerzliche Verlust meiner Mutter und meiner Schwester, sowie der Wiederaufbau Gullorways taten das Übrige dazu.

„Lass mich das doch machen, Vater.“

Sanft legte ich ihm die Hand auf die Schulterblätter, die so dürr waren, dass sie durchs Hemd stachen. Er schüttelte energisch den Kopf.

„Du kannst Zwiebeln hacken und den Ingwer zerreiben. – Erwarten wir noch Besuch?“, fragte er scheinheilig.

„Nein.“

Er brummte etwas Unverständliches und gab sich weiter seinen Kochkünsten hin.

Nach dem Essen schlenderte ich zu Jodee, unserer Heilerin. Seit Greenerdoor bestand eine tiefe Freundschaft zwischen uns. Bereits dort unterwies sie mich in der Heilkunst. Hier setzte sie ihre Arbeit mit Feuereifer fort.

„Habe soeben alles fortgeräumt.“

Sie strahlte mich an, wobei ihr Lächeln über die kreideweißen Zähne hinaus bis zu den Ohren reichte. Ich kannte niemanden sonst, der so von innen heraus strahlte. Kaum einen Meter fünfzig groß, wirkte sie dennoch sehr präsent. Ihre Haut, von dem tiefen Schwarz der Menschen aus dem Norden, machte sie ebenso zur Exotin, wie mein blasser Teint und das flammend rote Haar.

„Ich wollte nur …“

„Er ist nicht hier.“ Sie warf den Kopf in den Nacken, wodurch ihr die langen, kunstvoll geflochtenen Zöpfe bis weit über die Hüfte fielen.

„Hm?“, gab ich mich ahnungslos.

Jodee kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

„Skyler, bei den Göttern nochmal! Und es wird wohl eine Weile dauern, bis er seinen Rausch ausgeschlafen hat, das kann ich dir versichern.“

Geschäftig räumte sie Gläser mit undefinierbarem Inhalt ins Regal, das sie kaum mit den Fingerspitzen erreichte.

„Er hat auf dich gewartet. Als du nicht kamst, verlangte er nach Kumbrael, unverdünnt. Er hatte sich einen gewaltigen Rausch angetrunken. Danach ist er zur Herberge aufgebrochen. War das deine Idee mit der Unterkunft?“ Eine haarlose Augenbraue, nachgezogen mit einem Kohlestift, schoss skeptisch in die Höhe.

Ich nickte und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Scheint ihn irgendwie getroffen zu haben.“

„Dann für mich auch einen Kumbrael“, bat ich sie mit Genugtuung.

Jodee brach in ein donnerndes Lachen aus. Es dauerte einen Augenblick, bis sie sich wieder gefangen hatte.

„Das wollen wir gar nicht erst einführen. Dafür bist du noch zu jung.“

„Ich bin fast achtzehn“, protestierte ich.

Ihre kurzen Arme umfassten meine Hüfte und zogen mich zum Tisch hin.

„Für dich habe ich etwas Anderes.“

Sie griff unter ihren Umhang, brachte ein kleines Ledersäckchen hervor, zog an einer Schnur und entleerte den Inhalt auf die Tischplatte. Argwöhnisch sah ich sie an.

„Was soll das sein?“

„Es schützt dich vor ungewolltem Kindersegen“, legte sie mir unverblümt dar.

Ich schnappte nach Luft, sie dagegen erklärte mir die Zusammensetzung der braunen Kügelchen bis ins Detail.

„Jodee, du bist mir eine treue Freundin aber, was zwischen Skyler und mir ist, geht nur uns etwas an.“

„Entschuldige. Ich wollte nicht indiskret sein.“ Sie hob abwehrend die Hand. „Willst du darüber reden?“

„Nein“, sagte ich mit Bestimmtheit.

„Sehen wir uns dann morgen? Ich würde dir gerne zeigen, wie du gegen Blutvergiftungen vorgehen musst.“

Ich nickte und verließ mit hochrotem Kopf den Raum.

Am nächsten Tag war ich schon früh auf den Beinen und damit offensichtlich nicht die Einzige. Mein Vater und Skyler saßen bereits am Tisch in eine hitzige Debatte verstrickt.

„… werde ich niemals dulden!“, hörte ich meinen Vater gerade ausrufen. So aufgebracht hatte ich ihn noch nie erlebt.

„Was duldest du nicht?“, fasste ich sofort nach.

„Nichts. Guten Morgen, Liebes.“

Er nahm mich zur Begrüßung in die Arme. Ein unterdrücktes Beben durchfuhr seinen Körper, woraufhin ich Skyler zornige Blicke sandte.

„Dafür, dass es um nichts geht, habe ich euch beide bis in meinem Zimmer gehört.“

„Guten Morgen, Avery“, erklang die raue Stimme Skylers. Seine rotgeäderten Augen zeugten noch von dem übermäßigen Kumbraelgenuss.

Ich ignorierte ihn, rückte mir stattdessen einen Stuhl zurecht.

„Also?“

„Das hat Zeit bis nachher. Skyler wollte sowieso gerade gehen.“

Das kam einem Rauswurf gleich und machte den Ernst der Lage deutlich.

„Was ist denn in euch gefahren? Kann mir mal einer erklären, was los ist oder muss ich raten?“

Die Männer saßen mit versteinerten Mienen da, bis Skyler sich als Erster aus der Starre löste.

„Dein Vater will einfach nicht einsehen, wieso es unerlässlich ist, dass du mit mir nach …“

Mein Vater hob gebieterisch die Hand zum Zeichen dafür, dass Skyler schweigen sollte.

„Meine Tochter hat lange gebraucht, um sich hier ein neues Leben aufzubauen, etwas, das dich offenkundig nicht interessierte. Ich setze ihr Leben kein zweites Mal aufs Spiel“, fuhr er ihn mit ungewohnter Schärfe an.

„Es war nie meine Absicht, Averys Leben oder das anderer in Gefahr zu bringen, aber sie muss lernen, ihr Potenzial zukünftig besser einzubringen.“

„Das da wäre“, wandte ich mich nun doch an Skyler.

„Es sind nicht allein die Bilder, die du malst und die daraufhin zum Leben erwachen oder deine Fähigkeit, dich und andere mit einem Schutzzauber zu belegen. Der Grundstein deiner Gabe wurde dir bereits in die Wiege …“

„Raus aus meinem Haus!“

Mein Vater war aufgesprungen, baute sich drohend vor Skyler auf, dabei hätte dieser ihn mit einem einzigen Schlag zu Boden gehen lassen können.

Geschmeidig erhob er sich, um der unmissverständlichen Aufforderung meines Vaters Folge zu leisten.

„Wie du willst!“ Er zielte mit dem Zeigefinger auf ihn wie mit einer Waffe. „Du bist ihr Vater, Aris. Aber lass sie nicht länger im Ungewissen.“ Mit diesen Worten rauschte er davon, ohne sich nochmals umzudrehen.

„Ich will dich hier nicht mehr sehen, hörst du?“, schrie mein Vater ihm hinterher, um das letzte Wort in dieser Angelegenheit zu behalten.

Schwankend hielt er sich an der Tischkante fest. Ich ließ ihm die Zeit, die er benötigte, um seine Fassung wieder zu erlangen.

„Was ist zwischen euch vorgefallen?“, fragte ich leise.

„Er will, dass du mit ihm gehst. Aber das lasse ich nicht zu!“

„Ich soll mit ihm zurück nach Greenerdoor gehen?“

War er deshalb gekommen, damit ich seine Zugesprochene wurde, wie es die Bräuche der Bowmen verlangten?

„Nein, diesmal will er sicher sein, dass ich ihn nicht behindere und dich nach Kadolonné mitnehmen“, stieß er verbittert hervor.

„Nie gehört davon.“

„Ein winziges Bergdorf in Merdoran bei den Ellar Hills.“

Ellar Hills. Die Bezeichnung war stark untertrieben für eine Gebirgskette, deren Spitzen oft in den Wolken verschwanden und deutlich höher waren, als der Berg, der Burg von Kandalar.

„Woran hast du ihn denn schon einmal gehindert?“, hakte ich nach.

„Mit uns nach Gullorway zu kommen.“

Jetzt verstand ich überhaupt nichts mehr.

„Du hast …“

Mit einem schmerzhaften Ausdruck in den Augen sah er mich an.

„Er ist nicht gut für dich, Avery. Sieh dir doch bloß deinen Arm an. Mit einem Brandzeichen hat er dich als seinen Besitz gekennzeichnet. Welcher Mann tut einer Frau dies an?“

„Das war nicht er, das waren die Bowmen.“

„Deren Anführer er zu diesem Zeitpunkt war.“

„War?“, fragte ich verwundert.

„Offensichtlich hat er dir nicht alles gesagt.“ Triumph schwang in seiner Stimme mit. Er begann Geschirr zusammenzustellen und am Waschbecken zu werkeln.

„Wir haben kaum miteinander gesprochen, Vater. Er war müde von der Reise. Womit sollst du mich nicht länger im Ungewissen lassen?“

Mit hängenden Schultern stand er da, die knochigen Arme auf der Anrichte abgestützt.

„Nichts, Kind. Er war aufgebracht und wollte mich bloß beleidigen.“

Sanft drehte ich ihn zu mir um, zwang ihn, mich anzusehen.

„Welchen Grund hatte er dafür, Vater? Rede mit mir! Wir haben uns nie über das ausgesprochen, was in Gullorway passiert ist und danach.“

„Es liegt viel weiter zurück, Avery.“

Geständnisse

Das Frühstück stand unangetastet vor mir, der heiße Kräutertee war inzwischen kalt. Erst der Schmerz in meinen Händen, als sich meine Fingernägel darin vergruben, löste mich aus meiner Starre.

„Du darfst mich nicht hassen, Avery.“

Die Stimme meines Vaters klang flehend. Gemessen an dem Ausbruch von heute Morgen, als er Skyler aus dem Haus jagte, war sie nur noch gehaucht. Er räusperte sich, nahm einen kräftigen Schluck aus dem Wasserbecher. Seine Augen, die tief in den Höhlen lagen, sahen unendlich müde aus.

„Ich wollte es dir schon lange sagen aber …“

Lügen. Ein Leben, aufgebaut auf Lügen.

Wieder hatte ich vor Augen, wie er mich damals bat, für ihn die Karten zu legen, um Antworten in einer politischen Frage zu erhalten. Lüge. Die Karten waren in einem wilden Strudel davongetragen worden. Danach wiesen sie keine Bilder mehr auf und mein Vater war ohne jegliche Erklärung geflohen. Nach Perges, wie ich jetzt wusste, zu meiner Mutter – meiner leiblichen Mutter. Nicht die Mutter, die meine Schwester Charise und mich mit ihrer Liebe aufzog. Nicht die Mutter, die uns unserer roten Haare wegen vor den Herren von Kandalar beschützte. Nein, er wollte bei der Mutter seines Magier Bastards um Hilfe bitten …

Ich schloss die Augen, doch die Bilder, die in meinem Kopf zum Vorschein kamen, ließen sich nicht vertreiben. Gullorway, niedergebrannt bis auf die Grundmauern. Gelblinge, wie sie gefräßig in den Trümmern nach Überlebenden suchten. Und über allem lag der Geruch von verbranntem Fleisch – Menschenfleisch. Bis zum heutigen Tag war ich davon ausgegangen, sie alle in den Tod geschickt zu haben. Meine Schwester Charise, meinen besten Freund Miles und Charise‘ Mutter – nicht meine.

Die Herren von Kandalar griffen meinen Vater kurz vor Scarles auf. Ein willkommenes Druckmittel, dass sie gegen mich einzusetzen wussten, da ich über Kräfte verfügte, von denen ich selbst jetzt kaum etwas ahnte.

„Wann wolltest du mir denn sagen, dass ich der Bastard einer Hure bin?“

„Einer Magierin. Ich weiß, dass ich euch viel Kummer bereitet habe. Dennoch haben die Götter mich mit einer so wunderbaren Tochter gesegnet.“ „Lass die Götter aus dem Spiel, Vater.“ Tränen brannten mir in den Augen, als ich aufstand, um zu gehen. „Was wirst du nun tun, Avery?“ Schreckensbleich sah er mich an. „Herausfinden, was ich sonst noch kann, außer mich für dumm verkaufen lassen.“ Ich nahm meinen Hut vom Haken und schlug die Tür hinter mir zu, dass das Haus erzitterte. Ohne ein bestimmtes Ziel irrte ich durch das noch immer im Aufbau befindliche Gullorway. Mit hängenden Schultern, den Hut tief in die Stirn gezogen, versuchte ich, mich vor den Blicken aller zu verbergen. Wie von selbst trugen mich meine Füße vorbei an den Feldern, zum Ufer des Mukonors. Hier hatte ich mit Miles vor über einem Jahr gesessen. Er hatte die Angel ausgeworfen und ein seltsamer Fisch hatte angebissen. Mit roten Augen, die mich anstarrten, als wollten sie mir etwas sagen. Als dann noch Rauch zwischen den Kiemen des Fisches hervortrat, wusste ich, dass etwas Schreckliches bevorstand. Damals hatte ich noch keine Kenntnis davon, dass nur ich die Gabe besaß, derartiges zu deuten. Ich griff nach einem flachen Stein und ließ ihn auf den gekräuselten Wellen tanzen. Viermal sprang er übers Wasser, bis er versank. Ich war schon mal besser. Ich ließ mich nieder, um meine Gedanken zu ordnen. Mein Vater fand mich in einem Weidenkorb vor der Tür unseres Hauses, wie er mir stockend berichtete. Als einziger Hinweis meiner Abstammung steckte eine blaue Feder in dem Korb – das Zeichen der dunklen Magier. In meinem Lesestein hatte ich einmal darüber gelesen und nicht begriffen, dass dies Teil meiner eigenen Geschichte war. Die verräterische Feder ließ mein Vater verschwinden – das Findelkind zog er gemeinsam mit meiner Stiefmutter auf. Was sollte sie auch anderes tun, wo sie selbst erst einen Tag zuvor den zu früh geborenen, schwächlichen Sohn verlor? „Wie hast du mich gefunden?“, fragte ich und wusste augenblicklich, dass es Skyler war, der sich mir näherte. In seiner Heimat Greenerdoor gelang es mir nicht, ihn kommen zu hören, so leise konnte er sich anschleichen. „Jodee sagte mir, dass ich dich hier finde.“ Seit wann war sie so geschwätzig? Ich schob mein Kinn grimmig vor, starrte weiter aufs Wasser. Fast erwartete ich, dass der wundersame Fisch wieder daraus auftauchte, um mich vor was auch immer zu warnen. „Also hat dein Vater es dir gesagt?“ Statt zu antworten, stellte ich eine Gegenfrage. „Woher wusstest du davon?“ „Dein Lesestein. Er enthält zahlreiche geheimnisvolle Geschichten.“ Skyler hatte ihn in Besitz genommen, als ich die Gefangene seines Clans war. Da war ich noch davon ausgegangen, dass er ein tyrannischer Wilder ist, der in den Bäumen lebt und nicht lesen kann. „Ich sollte mir wohl mal die Zeit nehmen, die Rätsel darin zu entschlüsseln.“ Mein Vater vertraute mir den Lesestein einst an, der das Wissen sämtlicher Bücher beinhaltete. Viel zu spät begriff ich, dass er mir den Stein auch geschenkt hatte, um all die Geheimnisse, die er bewahrte, nicht selbst erklären zu müssen. „Und wie lautet deine Geschichte?“, fragte ich ihn mürrisch. „Welche Geschichte?“ Er wirkte wachsam. „Heute ist so ein Tag dafür sie loszuwerden. Mein Vater hat den Anfang gemacht. Du könntest damit beginnen mir zu erzählen, warum du nicht mehr der Anführer der Bowmen bist.“ Er sog tief die Luft ein, bevor er antwortete. „Er konnte es wohl kaum erwarten, dir das zu berichten, was?“ „Ich will hier nicht stellvertretend für meinen Vater euren Streit fortsetzen. Was ich will, sind Antworten.“ Er fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare. Eine Geste der Unsicherheit, wie ich sie von ihm nicht kannte. „Ich habe meine Führung an Woodrow abgegeben.“ „Einfach so?“ Sein Blick nahm mich ein und ließ mich wieder los, als er sich ein Stück von mir entfernt niedersetzte. „Es war ein Tausch.“ „Und was bekamst du dafür?“ Er sah mich prüfend von der Seite an. „Noch nichts.“ Aber ich verstand auch so. Bei meiner Gefangennahme war Woodrow unter den Jägern gewesen und ich nach ihren Gesetzen seine Beute. Er hatte sein Recht nie eingefordert – bis jetzt. „Und damit hat er sich zufriedengegeben?“ „Ja.“ Ich schwieg. Zog meinen Hut weiter nach unten, um meine Augen zu beschatten. „Du verträgst die Sonne nicht gut“, bemerkte er nach einer Weile. Wie scharfsinnig. „Nein. Gibt es in den Bergen mehr Schatten?“ Er sah mich fragend an. „In Kadolonné. Gibt es da mehr Schatten?“ Seine Miene hellte sich merklich auf. „Ja. Dafür sind die Nächte empfindlich kalt.“ „Warum hast du mich nicht gefragt, ob ich mit dir dahingehe?“ „Das wollte ich, aber du bist nicht gekommen. Und als ich heute Morgen bei euch war, bin ich zuerst mit deinem Vater aneinandergeraten. Kein guter Anfang.“ „Was hattest du erwartet? Du hast dir ein Jahr Zeit gelassen, nach Gullorway zu kommen. Jetzt soll ich dir bereitwillig folgen? Ich habe mein Dorf mit den eigenen Händen erneut aufgebaut und es ist längst noch nicht fertig. Wir brauchen eine Schule, mehr Heiler und jemanden, der die Rechte der Frauen stärkt.“ „Also jemanden wie dich?“ Ein säuerlicher Ausdruck kräuselte seine Lippen. „Ich bin kein Anführer, Skyler, ich stelle nur die Weichen. Ansonsten möchte ich nur ein normales Leben führen.“ Er stieß entrüstet die Luft aus. „Was ist für dich ein normales Leben?“ „Zu sehen, wie mein Dorf wächst, dass Frauen Berufe erlernen, die sie selbst gewählt haben, dass die Menschen in Frieden …“ Mit einer blitzschnellen Drehung war er über mir und zwang mich zu Boden. „Frieden? Bist du so naiv, Avery? Hat dich die Geschichte nichts gelehrt?“ Seine Augen funkelten angriffslustig. „Ist das friedlich, wenn ich dich zu Boden zwingen kann?“ Seine Hände umschlossen meine Unterarme wie Schraubstöcke. „Du tust mir weh!“, keuchte ich. „Dann wehr dich!“ „Was ist denn in dich gefahren, Skyler?“ Langsam machte mir sein Verhalten Angst. Er schien es zu bemerken und ließ mich los. Kaum hatte ich die Hände frei, holte ich aus und schlug ihm mit der Handkante gegen das Kinn. Ein bohrender Schmerz durchfuhr mich und ich ballte die Hand zur Faust. „Geht doch.“ „Du hast sie ja nicht alle!“ Ich zwang mich, ruhig zu atmen. „Was hat dir dein Vater über deine Herkunft erzählt?“ „Das geht dich nichts an.“ Mit Genugtuung registrierte ich, wie sich sein Kinn von meinem Schlag dunkelrot verfärbte. „Hat er dir über deine Mutter …“ Unbändige Wut stieg in mir auf. Ohne Vorwarnung schlug eine Salve Feuerkugeln aus meinem linken Zeigefinger so dicht neben seinem Oberschenkel ein, dass es ihm das Leder seiner Hose schwärzte. Erschrocken über meinen unkontrollierten Ausbruch wich ich zurück, mir die eiskalte Hand reibend. Eine Nebenwirkung, die meinen Arm nach solchen Einsätzen praktisch in einen gefühllosen, kalten Eisklotz verwandelte. „Du besitzt sie also noch, deine Kräfte. Gut. Aber du solltest lernen sie besser zu kontrollieren.“ Er stand auf und klopfte sich zerdrückte Grashalme von der Kleidung. „Du kannst natürlich in Gullorway bleiben und darauf hoffen, dass dich einer dieser einfältigen Burschen irgendwann zu seiner Zugesprochenen macht. Aber können sie dein Dorf auch vor einem erneuten Angriff bewahren?“ „Es wird keine Angriffe mehr geben. Die Herren von Kandalar sind tot. Und wenn du weiterhin den Wilden spielen willst, kannst du wieder zurück in deinen Dschungel gehen.“ Ich griff nach meinem Hut und wollte auf einem anderen Weg zurückgehen. Doch eine Bemerkung von ihm ließ mich innehalten. „Sie sind nicht tot.“ „Was redest du denn da? Du warst doch dabei als die Burg gestürmt und alle bis auf den letzten Mann getötet wurden. Selbst ihre grausigen Geschöpfe, die Gelblinge, habt ihr niedergemetzelt.“ „Es gibt Gerüchte.“ „Seit wann gibst du etwas auf das, was die Leute sagen?“ „Diesmal schon. Die Nachrichten kommen aus Perges – und, wir haben Amarotts Leiche nie gefunden.“ „Die Toten wurden verbrannt“, erinnerte ich ihn. „Aber erst nachdem wir sie gezählt und identifiziert hatten. Fünfhundertdreiundsechzig der Herren von Kandalar – und Amarott war nicht unter ihnen. Er muss einen Fluchtweg gefunden haben.“ Mir blieb fast das Herz stehen. Amarott, der Erbe Mahilo-Eschs und – Skylers Halbbruder. Das Letzte was ich von ihm sah, war der verzweifelte Versuch, in sein Haus hineinzugelangen, bevor er mit dem wütenden Mob verschmolz. Ich stand auf der anderen Seite der Tür, deren Eintritt ich ihm versperrte. Skyler strich mir sanft über den Arm. Die Berührung verursachte mir trotz der Mittagshitze eine Gänsehaut. „Das kann unmöglich wahr sein“, hauchte ich. „Ich war nochmals dort, auf der Burg von Kandalar. Dabei habe ich etwas entdeckt.“ Gespannt hielt ich den Atem an. „Einen unterirdischen Gang. Wusstest du davon?“ Statt einer Antwort nagte ich an meiner Unterlippe und dachte fieberhaft nach. Konnte es sein, dass Amarott diesen Weg gewählt hatte, um sich heimlich davonzustehlen? Und falls ja, wie war es ihm gelungen, zu der Insel Perges zu gelangen? „Die Burg hat zahlreiche geheime Gänge.“ „Du hast eine Weile dort gelebt. Vielleicht erinnerst du dich an einen …“ „Fängst du schon wieder damit an? Ich hatte mir die Gesellschaft nicht freiwillig ausgesucht.“ Er trat näher. „Entschuldige. Ich wollte dir nichts unterstellen.“ Abrupt wandte ich mich von ihm ab. „Nenn mir einen Grund, warum ich ausgerechnet mit dir nach Kadolonné gehen sollte“, maulte ich vor mich hin. „Weil es noch nicht vorbei ist. Die Bedrohung besteht nach wie vor.“ „Hast du dafür Beweise?“ „Mag sein, dass es nur ein Gerücht ist. Aber wenn wir auf Beweise warten wollen, könnte es zu spät sein!“ „Wir? Für dich steht also schon fest, dass ich mitkomme? Seit wann weißt du davon?“ „Spielt das eine Rolle?“ „Du weichst mir aus. Seit wann?“ „Seit einer Woche.“ „Und wenn du nie davon erfahren hättest?“ „Wäre ich trotzdem nach Gullorway gekommen, falls du darauf anspielst.“ Sanft drehte er mich zu sich um. In seinem Gesicht war ein innerer Kampf abzulesen. „Die Zeiten haben sich geändert, Skyler. Auch wenn ich euer Brandzeichen trage, bindet es mich nicht mehr an die Bowmen. Ich kann entscheiden, wie und wo ich leben möchte.“ Seine Hände gaben mich frei. Trotzig verschränkte ich die Arme vor der Brust, brachte wieder etwas Abstand zwischen uns. „Ich war in Kadolonné. Viele Monate“, begann er stockend, die Augen aufs Wasser gerichtet. „Fast hätte ich mich darin verloren aber …“ Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ein ungewohnt scheues Lächeln über seine Gesichtszüge und verriet den Menschen hinter der harten Schale. „Erzähl mir davon“, ermunterte ich ihn ergeben, weil ich spürte, dass es wichtig war, was er mir zu sagen hatte. „Das Kloster Kadolonné haftet an dem Bergmassiv der Ellar Hills, als wäre es daraus entwachsen und nicht von Menschenhand erschaffen, den Javeérs. Vor hunderten von Jahren wurden von Perges aus dreizehn Mönche entsandt, um die bedrohte Kultur der Ya-Aks im Kampf zu unterstützen. Als Dank für ihre guten Dienste wurde das Kloster Kadolonné in den Ellar Hills errichtet und ihnen besondere Privilegien zugestanden. So kam es ihnen unter anderem zu, Mönche als Krieger auszubilden. Die Kampfkünste der Mönche wurden in unzähligen Varianten und Techniken ausgeübt. Doch als ihr Großmeister im Kampf gegen die Herren von Kandalar heimtückisch von einer unbekannten Macht getötet wurde, wussten selbst sie nichts dagegen auszurichten. Mit den Jahren geriet das Kloster in Vergessenheit.“ Er trat ans Ufer, hockte sich nieder und forderte mich mit einem Wink auf es ihm gleichzutun. Dann löste er die Riemen seiner Stiefel, streifte sie ab und streckte seine langen, muskulösen Beine von sich, dass die nackten Füße vom Wasser überspült wurden. „Warum warst du in Kadolonné?“, bedrängte ich ihn, bevor er sich mir wieder verschloss. Einen Moment senkte er die Augenlider, als wolle er einfach nur die erfrischende Kühle des Stroms genießen. „Weil ich erfahren wollte, wer ich bin. In Amarotts und meinen Adern fließt das gleiche Blut – wenn unsere Väter auch nicht dieselben waren.“ „Und? Hast du bei den Javeérs die Antworten gefunden, nach denen du suchtest?“ Meine Stimme klang belegt. „Ein Mönch wusste zu berichten, was ich jahrelang aus meinem Gedächtnis ausgesperrt hatte: Lord Mahilo-Esch, der ein Faible für junge Frauen hatte, lernte meine Mutter kennen, da war sie gerade sechzehn. Sie hingegen erwiderte seine Liebe nicht. Zum damaligen Zeitpunkt wusste Mahilo-Esch nicht, dass sie bereits ein Kind von meinem Vater erwartete – mich.“ Skylers Augen verdüsterten sich. „Als er sie also für sich beanspruchte und mein Vater ihm dabei im Weg war, verbannte er ihn kurzerhand in die Ellar Hills, darauf hoffend, dass er dort sein Ende fand. Schon bald dämmerte ihm, dass ich nicht ihr gemeinsames Kind sein konnte. Kaum, dass ich geboren war, ließ er mich irgendwo aussetzen. Der Zufall wollte es, dass mich eine kinderlose Frau aus Timno Theben fand und bis zu meinem fünften Lebensjahr aufzog.“ Ich sah ihn an und las den Schmerz in seinen Augen über das, was nun folgte. „Mahilo-Esch behandelte meine Mutter wie eine Leibeigene, wie man mir erzählte. Sie hatte ihm zu Diensten zu sein, wann, wo und wie er wollte. Dabei ging er – sehr experimentell vor. Sie war die erste Frau, die zu den gefürchteten Gelblingen mutierte.“ Skylers Stimme veränderte sich und nahm einen schroffen Tonfall an. „Auf irgendeine Weise musste meine leibliche Mutter davon Kenntnis erhalten haben, wo die Frau lebte, die mich aufzog. Sie hat sie getötet und mich – na ja, die Narben dürften dir nicht verborgen geblieben sein.“ Narben, die sein kunstvolles Tattoo auf der Brust, eine geflügelte Schlange, durchtrennten. „LeBronn, der Bruder meiner Ziehmutter und selbst ein ehemaliger Mönch der Javeérs war es schließlich, mit dem ich nach Greenerdoor ging. Gerade mal eine Hand voll Männer schlossen sich uns an. Den Rest der Geschichte kennst du ja.“ „Aber was ist dann mit Amarott? Ich denke, er ist dein Halbbruder?“ „Er war das letzte Kind unserer Mutter, bevor sie vollends mutierte.“ Es entstand eine unangenehme Pause, in der ich ihm Zeit gab, sich zu sammeln. Dennoch brannte mir eine Frage unter den Nägeln. „Es tut mir leid für dich, dass du so traurige Nachrichten erfahren musstest. Was hat dich trotzdem dazu bewogen, so lange bei den Javeérs zu bleiben?“ „Du gibst heute wohl keine Ruhe mehr, was?“ Sein Gesicht wirkte noch angespannt, doch den Worten fehlte die Schärfe. „LeBronn hatte mir einst geraten, ich solle sie aufsuchen, wenn er von dieser Welt ging. Er war einer von ihnen. So bat ich die Javeérs, mich zu lehren, wozu sie fähig sind. Dies im Einzelnen aufzuzählen würde jetzt den zeitlichen Rahmen sprengen. Wie du sicherlich schon bemerkt hast, verfüge ich bereits über die ein oder andere Begabung“, setzte er voraus. „Falls du damit andeuten willst, dich anzuschleichen, ohne dabei das geringste Geräusch zu machen, so musst du noch daran arbeiten.“ „Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Er brachte ein Lächeln zustande, bei dem mir augenblicklich warm ums Herz wurde. „Es sind überwiegend kämpferische Fähigkeiten. Da die Zeit drängt, setzten sie dort an, wo vorhandenes Potenzial nur verfeinert werden musste. Doch reicht dies bei Weitem nicht aus.“ Schweigend verarbeitete ich das soeben Gehörte, bevor ich ihn fragte: „Warum soll ich mit dir nach Kadolonné gehen?“ „In dir ruhen bereits all ihre Gaben, wodurch du viel schneller über die gesamte Leistungsfähigkeit verfügen wirst. Die Javeérs werden erwecken, was in dir steckt. Es ist an der Zeit, dass du deine Magie überlegen einzusetzen lernst.“ Er strich mir sachte übers Gesicht. „Und – weil es mein Wunsch ist, dass du statt meiner die Ausbildung bei ihnen aufnimmst.“ „Ich werde darüber nachdenken.“ So einfach wollte ich mich nicht geschlagen geben. Ich ließ ihn stehen und marschierte zurück.

Aufbruch nach Kadolonné

„Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte ich Jodee, während wir in ihrer Behausung bei einem erfrischenden Becher Kräutertee saßen. Unschlüssig starrte ich auf die darin schwimmenden Ingwerstückchen, als hätten diese für mich eine Lösung parat.

Nach den unfassbaren Enthüllungen meines Vaters war ich nicht mehr gewillt, mit ihm unter einem Dach zu leben. Skyler widerstandslos zu folgen gefiel mir hingegen genauso wenig.

„Hm“, brummte Jodee, als ich meinen Bericht beendet hatte. „Wozu raten dir denn die Karten?“

„Ich nehme sie nicht mehr zu Hilfe“, antwortete ich verbittert. Früher konnte ich aus ihnen die Zukunft lesen, doch das Massaker in Gullorway hatte ich nicht darin gesehen.

„Dann eben deine innere Stimme, bei den Göttern! Was sagt sie dir?“ Theatralisch flogen ihre kleinen Hände in die Luft ob meiner Begriffsstutzigkeit.

Seufzend ließ ich die Luft entweichen. „Auf welche von den tausend Stimmen soll ich denn hören? Einerseits will ich den Aufbau Gullorways weiter vorantreiben. Dann wieder will ich mich an den einfachen Dingen des Lebens erfreuen. Es erfüllt mich mit Stolz zu sehen, wie aus dem verdorrten Land fruchtbarer Boden entsteht.“

„Es gibt genügend Männer hier im Ort, erfahrene Handwerker, die bei der Errichtung des Dorfes behilflich sein können. Und um dem kümmerlichen Korn beim Wachsen zuzuschauen kannst du auf die Feldarbeiter vertrauen.“

„Du willst mich also auch loswerden“, warf ich gekränkt ein.

Sie legte ihre kleine, dunkle Hand versöhnlich auf meine und drückte sie leicht.

„Niemand will dich loswerden, Avery, und ich schon gar nicht. Glaube mir, ich sähe dich viel lieber als Heilerin denn als Kriegerin, aber Skylers Bedenken einer bevorstehenden Gefahr sind nicht von der Hand zu weisen. Er hat Recht, wenn er die Ansicht vertritt, dass wir uns nicht in Sicherheit wähnen sollten.“

„Aber wir leben doch jetzt in friedlichen Zeiten.“ Inzwischen war ich aufgesprungen und durchwanderte aufgebracht den Raum. „Nach Jahrhunderten der Tyrannei sind die Menschen von Kandalar endlich ein freies Volk.“

Jodee sah mich geduldig an, wie man zu einem Kind schaut, dass gerade seine Trotzphase durchlebt.

„Und genau darin liegt die Gefahr. Es muss jemanden geben, der dieses Land führt. Die ersten Gesetzlosen durchbrechen bereits unsere unzureichend gesicherten Grenzen, um sich unter die breite Masse zu mischen. Selbst Timno Theben, die Goldene Stadt, erhöht ihre Schutzmauern, damit der Pöbel fernbleibt. Dabei handelt jeder Clanführer Kandalars nur im eigenen Interesse. Frieden, wie du ihn dir vorstellst, wird es niemals geben, Avery. Aber jetzt haben wir noch die Gelegenheit, ein lebenswertes Kandalar zu schaffen.“

„Dachtest du an jemand bestimmten für diese Rolle?“

Sie schüttelte lachend den Kopf und schenkte mir ein entwaffnendes Lächeln. „Politik ist nicht meine Berufung.“

„Meine auch nicht und von kriegerischen Handlungen habe ich für den Rest meines Lebens genug. Warum sollte ich mich daher in etwas ausbilden lassen, dass ich nicht will?“

„Niemand von uns kann stets tun und lassen, wonach ihm der Sinn steht.“ Der Humor in ihrer Stimme war einem scharfen Unterton gewichen. „Geh mit Skyler nach Kadolonné, Avery! Wenn dir seine Beweggründe auch nicht klar erscheinen, so besitzt er dennoch ein feines Gespür für die entscheidenden Dinge des Lebens.“

Es ärgerte mich, dass stets andere zu wissen glaubten, was das Beste für mich ist.

„Du hast mich gefragt“, sagte Jodee, als hätte sie meine Gedanken erraten.

„Also nach Kadolonné?“

Sie nickte bejahend.

„Aber ich weiß doch erst so wenig über die Heilkunst. Hat es denn nicht Zeit bis …“

„Bis wann, Avery? Bis du die Ausbildung zur Heilerin abgeschlossen hast? Das dauert Jahre. Und auch bei den Javeérs versteht man sich auf diese Kunst.“

„Was ist, wenn die Zeit in Kadolonné aber nicht ausreicht mich auszubilden? So wie Skyler sich anhörte, steht Amarott – wenn er denn tatsächlich überlebt hat – schon mit einem Fuß auf Grund und Boden Kandalars.“

„Dann hast du es zumindest versucht.“

Kraftlos ließ ich mich auf einen Stuhl gleiten. Die Quelle meiner Argumente versiegte. Danach sprachen wir nur noch über unbeschwerte Dinge.

In den frühen Morgenstunden wollte ich mich aus dem Haus stehlen, um mich mit Skyler bei den Stallungen zu treffen. Kaum hatte ich die Hand auf den Türknopf gesenkt, da vernahm ich die gekränkte Stimme meines Vaters.

„Wolltest du wirklich gehen, ohne dich von mir zu verabschieden, Avery?“

Erschrocken hielt ich in der Bewegung inne. Dann fasste ich mich wieder.

„Ich dachte, gerade du müsstest das verstehen.“

Eine knöcherne Hand, an der der Zeigefinger fehlte, legte sich auf meine Schulter und versuchte mich aufzuhalten. Unwirsch schüttelte ich sie ab und riss die Tür auf. Die Hand glitt von meiner Schulter, strich mir sachte über den Rücken, bis sie den Saum meines Umhangs zu fassen bekam, als wolle sie mich halten.

„Lebwohl, mein Kind. Du warst mein größtes Glück. Mögen die Götter mit dir sein.“

Ohne mich noch einmal umzudrehen, stapfte ich davon. Viel zu spät kam die Erkenntnis, dass er Lebwohl gesagt hatte, nicht auf Wiedersehen. Doch ich war zu verbittert, um ihm sein über die Jahre gehütetes Geheimnis zu verzeihen. Wie hätte ich auch ahnen sollen, dass wir uns zum letzten Mal sahen?

„Gab es Probleme?“, fragte Skyler, als ich in den Stall trat.

Zwei Pferde waren bereits gesattelt und ein Lapendor, ein zotteliges Lastentier, stand mit Proviant bepackt daneben.

„Nein. Alles gut“, log ich und hatte Mühe, das Zittern in der Stimme zu verbergen.

Er nahm mir den Lederbeutel ab, warf einen prüfenden Blick hinein, bevor er ihn zu dem übrigen Reisegepäck auf dem Lapendor festzurrte.

„Hast du dein Messer und den Lesestein?“, erkundigte er sich angespannt.

Ich rollte mit den Augen. Das konnte ja heiter werden.

„Bist du jetzt mein Vater?“, fuhr ich ihn unbeherrscht an.

„Zum Glück nicht“, knurrte er.

Kurzerhand entschied ich mich für den Fuchs, wand Skyler die Zügel aus den Händen und saß auf. Ich gab dem Pferd die Sporen und preschte voraus. Noch vor einem Jahr wäre dies undenkbar gewesen. Doch inzwischen hatte ich gelernt, mich im Sattel zu halten und auch Gefallen daran gefunden.

Es dauerte eine Weile, bis Skyler aufholte, das gutmütige Lapendor im Schlepptau. Er brachte sein Pferd an meine Seite, und zwang mich dadurch anzuhalten.

„Was?“, herrschte ich ihn immer noch aufgewühlt an.

„Bevor wir diesen Weg fortsetzen, lass uns reden, Avery!“

Mit einer fließenden Bewegung glitt er aus dem Sattel.

„Wozu? Für dich steht doch schon fest, wohin uns der Weg führt. Was sollte dich da meine Meinung interessieren?“

„Ich will jetzt hören, was du zu sagen hast, bevor wir den langen Weg auf uns nehmen und uns nur angiften.“

„Darf ich dich daran erinnern, dass es deine Idee war und nicht meine?“

„Ist es das, was dich stört?“ Eine Augenbraue schnellte spöttisch in die Höhe.

„Das und so vieles mehr!“ Ich spürte, wie ich mich in Rage zu reden begann und zwang mich zur Ruhe. Er sollte in mir nicht mehr das sechzehnjährige Mädchen sehen, das er gehen ließ, sondern eine erwachsene Frau.

„Dann lass mal hören“, forderte er mich mit samtiger Stimme auf, was mich nur noch höher brachte.

„Nun gut. Du bequemst dich nach einem Jahr hierher und erwartest, dass ich in Begeisterungsstürme ausbreche. Dass ich die Menschen zurücklasse, die mir etwas bedeuten. Du fragst mich nicht, wie es mir in dieser Zeit ergangen ist, aber ich soll dir in eine ungewisse Zukunft folgen, zu einer Gruppe verschrobener Mönche, die in der Abgeschiedenheit der Ellar Hills hausen. Selbst nur aufgeschnappte Gerüchte im Gepäck, glaubst du meine Ausrüstung hingegen kontrollieren zu müssen, wie du alles gern unter Kontrolle hast.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust zum Zeichen dafür, dass ich mir fürs Erste alles von der Seele geredet hatte.

Skyler wartete geduldig, ob ich meiner Tirade noch was hinzuzusetzen hatte. Jeglicher Spott war aus seinem Gesicht gewichen. Seine Stimme klang fest und bestimmt.

„Ich habe dir bereits erklärt, dass ich Zeit brauchte mich selbst zu finden, indem ich Antworten bei den Javeérs suchte. Ich wollte nicht, dass du etwas für mich empfindest, sollte in mir derselbe Dämon leben, wie in meinem Halbbruder Amarott.“ Seine Augen bemühten sich um Blickkontakt. Ich sah jedoch rasch an ihm vorbei, um klar denken zu können.

„Es betrübt mich, deinen Vater in die Enge gedrängt zu haben, womit das gut gehütete Geheimnis deiner Herkunft ans Tageslicht kam. Ich wollte euch nicht entzweien.“

Er trat in mein Blickfeld und zwang mich damit, ihn anzusehen.

„Durch deine Ausbildung bei den Javeérs bist du wertvoller für die Menschen, die dir am Herzen liegen, als wenn du mit ihnen einen steinharten Acker bearbeitest.“

Ich wollte protestieren, doch er hob gebieterisch die Hand.

„Allein die Javeérs sind in der Lage, deine Fähigkeiten zu ergründen und auszubilden.“

„Was macht dich da so sicher?“, unterbrach ich ihn und erntete ein zorniges Funkeln seiner Augen.

„Lass mich ausreden! Ich habe dich auch nicht unterbrochen!“

Ja, Meister. Wie du befiehlst, Meister. Ich hasste es, wenn er sich so aufspielte.

„Die mir zugetragenen Informationen über die gelungene Flucht Amarotts stammen nicht zuletzt von den Javeérs selbst, die über ein ausgezeichnetes Netz von Informanten verfügen. Und zu deiner letzten Frage: Es verging kein Tag, keine Nacht, an dem meine Gedanken nicht bei dir waren. Ich wollte dich in deinem Handeln nicht beeinflussen. Du bist jung, Avery, musst deinen Weg erst finden. Ein Leben im Dschungel von Greenerdoor wäre für dich, als würde man einen Tiger im Käfig einsperren.“

Er verstand sich gut darauf, zu argumentieren. Zweifelnd forschte ich in seinen markanten Zügen, ob seine Worte der Wahrheit entsprachen, wollte ihm gern glauben aber …

„Ich hatte mich bereits für Gullorway entschieden, für den Wiederaufbau. Dein Stolz jedoch verbot es dir, sich mir anzuschließen. Was immer es war, dass dich nach so langer Zeit bewog mich hier aufzusuchen, hat nichts mit Gefühlen für mich zu tun.“

Meine Schultern strafften sich in dem Bemühen, meinen Worten Nachdruck zu verleihen.

„Wärst du am Abend meiner Ankunft zu Jodee gekommen, auf ein gemeinsames Glas Kumbrael, hätte ich dir bewiesen, was mich sonst noch nach Gullorway geführt hat.“ Seine Stimme nahm einen rauchigen Unterton an.

„Ja, sicher. Gemeinsam hätten wir dem Alkohol zugesprochen, von dem du bei Weitem mehr verträgst als …“

Urplötzlich versiegelten seine weichen Lippen die meinen, saugten die restlichen Worte in sich auf, die daraufhin zu einem grollenden Gurgeln erstarben. Meine Knie wurden weich. Sonstige Rechtfertigungen fanden keinen Nährboden mehr. Feine Bartstoppeln kratzten mir übers Gesicht wie Brennnesseln, stimulierende Reize aussendend.

„Du hast mir gefehlt, Montai.“

„Warum jetzt?“, setzte ich zu einer letzten Gegenwehr an. Das Prickeln endete. Der Mund verzog sich zu einem warmen Lächeln.

„Weil die Zeit dafür gekommen ist.“

Elegant hob er mich aufs Pferd. Bevor wir aufbrachen, reichte er mir einen reich verzierten Bogen sowie einen gefüllten Pfeilköcher.

„Ein Ortegramm?“, mutmaßte ich in dem Bestreben, meine Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nur wenige waren in der Lage, ein Ortegramm herzustellen. Es ermöglichte dem, der es angefertigt hatte, die beschenkte Person überall zu orten.

Meine Finger fuhren über die kunstvollen Schnitzereien des Bogens. Skyler blieb mir die Antwort schuldig, folgte jedoch meinem prüfenden Ertasten, wie ein Händler, der wusste, dass seine Ware einzigartig ist.

Der Pfeilköcher, hergestellt aus gehärtetem Dschellaleder, wies die Insignien der Bowmen auf – Pfeil und Bogen. Die blauschwarzen Federn an den Pfeilenden mussten von einem Garbet stammen, einem fast ausgestorbenen Vogel der östlichen Inseln, zu denen auch Perges gehörte.

„Probiere ihn aus“, forderte er mich auf. Eine handtellergroße Lederkugel flog plötzlich durch die Luft. Viel zu spät setzte ich einen meiner Pfeile darauf an.

„Hm. Der Bogen muss noch etwas ausbalanciert werden, das ist schnell getan. Deine Reaktionen jedoch lassen stark zu wünschen übrig.“

„Ich bin keine Kriegerin, schon vergessen?“

„Dann wird es Zeit, dass du lernst eine zu sein.“

Wir folgten dem sich windenden Verlauf des Mukonors. Das Haar klebte mir schweißnass im Nacken, doch wagte ich nicht, den unförmigen Lederhut vom Kopf zu nehmen. Trotz der unbarmherzigen Hitze trug ich ein langärmliges Hemd und weiche Lederhandschuhe. Letzteres von Skyler selbst passgenau angefertigt. Sie sollten meine helle Haut vor der gnadenlosen Sonne schützen. Ich hatte allerdings den Verdacht, dass sie ihn eher vor unkontrollierten Feuerkugeln aus meinem Finger bewahren sollten.

Wir vertrieben uns die lange Reisezeit, indem Skyler mich auf alles schießen ließ, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Mal mit Pfeil und Bogen, dann wieder sollte ich meinen Dolch zu Hilfe nehmen – ohne ihn beim Namen zu nennen. YEMAHL, wie er hieß und der rotglühend, butterweich durch Äste oder Knochen schneiden konnte, wenn ich ihn so nannte.

Wenn ich nicht verängstigte Hasen jagte und ihnen das Fell über die Ohren zog, forderte Skyler mich zum Schwertkampf heraus. Die Schwerter bestanden aus Holz, die er zu Übungszwecken angefertigt hatte.

„Stell dich schräg auf! Rechtes Bein vor! Achte auf meine Augen, meine Körpersprache. Versuche, darin zu lesen, was ich als Nächstes tun werde.“

Du meine Güte. Wie sollte ich in diesen beherrschten Gesichtszügen irgendetwas lesen können? Was verrieten mir seine angespannten Muskeln, wenn er das Holzschwert von einer Hand in die andere tanzen ließ, nur um dann doch mit dem Fuß nach mir zu treten? Schon jetzt überzogen meinen Körper mehr blaue Flecke als Mückenstiche.

Er wand mir das Schwert mit einem raschen Hieb aus meinen verkrampften Fingern. Wehrlos stand ich ihm gegenüber. Zorn und Enttäuschung stauten sich in mir und drohten sich explosionsartig zu entladen.

„Lass dich nicht von deinen Gefühlen beherrschen. Sie machen dich unvorsichtig, Avery.“

Augenscheinlich konnte er in meinem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch.

„Wenn du mich weiterhin so schikanierst, komme ich als Krüppel bei den Javeérs an.“

Ich rauschte an ihm vorbei und schälte mich aus den verschwitzten Kleidern, stürzte mich kurzerhand in den Fluss. Was für eine Wohltat, die kühlenden, seichten Wogen über die geschundene Haut fließen zu lassen, obwohl der Strom wegen der langen Trockenperiode gerade mal hüfthoch an der tiefsten Stelle war. Genüsslich tauchte ich den Kopf unter, schüttelte mein Haar danach wie ein nasser Hund – und erstarrte.

Am Ufer Stand Skyler, umringt von fünf Männern in zerlumpten Kleidern.

„Badetag? Warum folgst du deiner hübschen Begleiterin nicht in den erfrischenden Fluss?“, verhöhnte ihn einer der Männer, die anderen brachen in donnerndes Gelächter aus. Sie waren mindestens einen Kopf kleiner als Skyler, miserabel ausgerüstet und schienen nicht aus Kandalar zu stammen.

„Er wird sowieso bei den Fischen enden, Bew-Tor.“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, sackte Bew-Tor wie ein nasser Sack zusammen. Seine Hände, die die Eingeweide im Bauch zu behalten versuchten, glitten kraftlos von ihm ab. Nur Sekunden später brach auch der Sprecher röchelnd zusammen. Die anderen drei hatten kaum Zeit nach ihren Waffen zu greifen, bis auch sie getroffen zu Boden gingen, sich im Todeskampf windend.

All das war temporeicher vonstattengegangen, als ich mit den Augen blinzeln konnte. Wie hatte er das gemacht? Schon damals in Greenerdoor war mir die unfassbare Schnelligkeit seiner Bewegungen aufgefallen, die mit bloßem Auge kaum zu verfolgen war.

„Zieh dich an, Avery“, forderte er mich schroff auf, dabei den am Boden zuckenden Körper unbarmherzig mit dem Knie fixierend. Mit wackligen Beinen klaubte ich meine Kleidung beisammen und trat neben ihn. Beim Anblick der Leichen spürte ich Galle in mir aufsteigen, konnte nicht verhindern, dass sich der Inhalt meines Magens entleerte.

„Wer seid ihr?“, malträtierte er den Mann, dem ein blutendes Rinnsal aus den Mundwinkeln lief.

„Die Feder …“

Ein letztes Zucken, dann hauchte der Mann sein Lebenslicht aus. Ich sah gerade noch, wie Skyler einen unscheinbaren Stab in der Seitentasche seiner Gürtelschlaufe verschwinden ließ.

„Was hat er gesagt?“, stammelte ich, bemüht, nicht auf die niedergemetzelten Körper zu starren.

„Keine Ahnung. Ein Wort, vielleicht ein Name – es ergibt keinen Sinn“, brummte er. Mit undurchsichtiger Miene suchte er den Horizont ab. „Lass uns aufbrechen, bevor ihr Verschwinden bemerkt wird!“

Schweigend setzten wir unseren Weg fort. Wir überquerten den Fluss, ritten ein paar hundert Yards nordwestlich. Dann in östlicher Richtung, wobei es sich mir nicht erschloss, warum Skyler darauf bestand, dass wir uns mal im Kreis bewegten oder vor und zurück, bis der Boden aussah, als sei eine riesige Reiterschar darüber hinweggeprescht. Vielleicht wollte er aber auch genau diesen Eindruck erwecken.

Schließlich kamen wir wieder am Fluss aus, wateten ein Stück stromabwärts, ehe wir das Ufer aufsuchten.

„Hilf mir mal“, forderte er mich auf, zerriss eines seiner Hemden und band die Fetzen um die Hufe unserer Pferde. So hinterließen sie keine Spuren.

„Was denkst du, wer sie waren?“, fragte ich ihn.

„Weiß ich noch nicht. Jedenfalls keine Zufallsbekanntschaft. Hast du deine Karten dabei?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Warum nicht?“

„Weil …“

„Richtig, wir leben ja in einer friedlichen Zeit, da benötigen wir ja keinen Blick in die Zukunft.“ Er schloss einen Moment die Augen, als müsse er sich sammeln. Dann führte er uns weiter über holprige Steine am Uferrand.

„Kannst du uns dann wenigstens mit einem Schutzzauber belegen oder am besten gleich unsichtbar machen?“

„Wer weiß schon, zu was ich fähig bin? Aber sollte ich über Letzteres verfügen, fange ich bei dir an“, schleuderte ich ihm beleidigt entgegen.

„Ich meine es ernst, Avery. Wir wissen nicht, ob noch mehr von ihnen hier irgendwo auf uns lauern.“

Missmutig stieg ich ab, bat ihn um den sonderbaren Stab an seinem Gürtel, da ich nichts Vergleichbares fand, dass ich als Zeichenstab verwenden konnte. Ich forderte Skyler auf, samt den Pferden und dem Lapendor beieinanderzustehen. Dann zeichnete ich um uns herum einen Kreis auf dem harten Untergrund, führte den Stab anschließend in einer ausladenden Bewegung über uns hinweg. Würde es uns schützen? Kaum hatte ich damit geendet, da klangen die Geräusche um uns herum verändert, dumpfer, wie unter einer Glocke. Unruhig blähten die Pferde die Nüstern auf, drehten ihre Ohren in alle Richtungen ob der ungewohnten Geräuschkulisse. Skyler hingegen schien nichts zu bemerken, sah mich nur abwartend an.

„Erledigt“, zischte ich und saß auf.

„Aber – können wir uns so auch fortbewegen?“

„Versuchen wir es. Übernimm du die Führung, das kannst du doch so gut“, stichelte ich.

Es war ein eigenartiges Gefühl, sich auf diese Weise fortzubewegen. Zwar nicht sichtbar, war der Schutzwall dennoch mental spürbar, jedenfalls für mich. Für die Dauer einer halben Stunde wären wir sicher, bevor ich ihn erneuern musste. Das hatte ich inzwischen herausgefunden.

Skyler trieb uns nun in östliche Richtung auf die Ellar Hills zu, die er spätestens bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wollte. Ich jagte hinter ihm her, verwundert, dass selbst das Lapendor eine flinkere Gangart an den Tag legte.

Die Sonne hatte die Gipfel des Bergmassivs kurz mit einem goldenen Glühen überzogen, bevor die Schatten länger wurden. Schließlich, von einer Minute auf die andere, schwand das Tageslicht. Die Luft kühlte merklich ab. Nun war ich froh über mein langärmliges Hemd. Skyler verteilte Trockenfrüchte, Brot, Käse und reichte mir einen Wasserschlauch. Ich nahm einen tiefen Schluck daraus und reichte ihn zurück.

„Wie fühlst du dich?“ Seine Stimme klang seltsam belegt.

„Körperlich oder emotional?“

„Beides wäre interessant zu wissen.“ Er rollte Felldecken für das Nachtlager aus, die sich warm und weich anfühlten, für Schafwolle waren sie allerdings zu dünn.

„Hm. Einerseits bin ich traurig, Gullorway verlassen zu haben und nicht zu wissen, wann ich es wiedersehe. Andererseits bin ich neugierig darauf, was mich erwartet.“

„Neugier ist immer ein guter Weg für Veränderung.“

Wir ließen uns auf die Decken nieder, Rücken an Rücken. Ich starrte in die rabenschwarze Nacht, genoss die erfrischende Kühle. Hier war es so friedlich. Skyler drehte sich zu mir um, einen Arm um meine Schultern legend. Unwillkürlich spannte ich meine Muskeln an.

„Ist es so schlimm?“

„Was?“

„Das ich dich berühre?“

„Durchaus nicht“, stammelte ich.

„Und – was ist mit diesem Garlow?“, fragte er herablassend.

„Was soll mit ihm sein?“

„Er spielte sich jedenfalls mächtig vor dir auf.“

„Nicht mehr als du. Sind die Javeérs eigentlich Frauen?“, wechselte ich abrupt das Thema.

„Was ist das denn für eine Frage?“

„Ich dachte nur, weil du es dort so lange ausgehalten hast.“

„Lass dich überraschen.“

Statt einer Antwort strich er mir sanft über die Wange, zog mich näher zu sich heran. Sein Atem kitzelte am Hals, bevor seine Lippen erst zaghaft, dann fordernd in heißen Bahnen über die sensibilisierte Haut strichen. Scheu erwiderte ich seine Küsse, was ihn nur noch mehr beflügelte. Skylers Hände glitten unter mein Hemd, erforschten meinen Körper. Siedend heiß fielen mir Jodees braune Perlen ein, die sie mir mitgegeben hatte. Sollte ich sie jetzt nehmen?

Ich wollte etwas sagen, doch er presste seine Lippen leidenschaftlich auf meine. Mein Herz schlug Purzelbäume. Nichts wollte ich in diesem Moment sehnlicher als diese Zärtlichkeiten mit ihm auszutauschen, seine Nähe körperlich spüren, doch mit einem Mal war es vorüber. Schweratmend rollte er sich auf die Seite und rammte seine Faust mit aller Kraft in die Decke.

„Verflucht!“, stieß er aus. Mit bebender Hand strich er sich die Haare aus dem Gesicht.

„Was ist los? Habe ich etwas falsch gemacht?“ Meine Emotionen schlugen Kapriolen. Mein Hirn wollte nicht funktionieren.

„Nein, nicht du. Ich hätte …“

„Falls du … also, wenn du … Jodee hat mir was mitgegeben“, stotterte ich herum. Ich spürte, wie heiße Röte mein Gesicht überzog. Mit den Fingerspitzen begann ich ihm beruhigend über die Brust zu streichen, doch hielt er mit eisernem Griff dagegen.

„Ich hätte mich nicht hinreißen lassen dürfen.“

Er rückte ein Stück von mir ab. Jetzt verstand ich überhaupt nichts mehr.

„Na ja, ich habe mich ja auch nicht gerade gewehrt“, versuchte ich zu scherzen, wobei ich seine Reaktion von soeben immer noch nicht einzuschätzen wusste.

„Du bist noch zu jung, ich meine …“

„Seit wann dieser Sinneswandel? Als du mich das erste Mal in deinem Baumhaus rumzukriegen versuchtest, war ich sechzehn“, echauffierte ich mich. „Und du machtest mir nicht den Eindruck, als wäre das ein Problem für dich!“ Jetzt schrie ich, enttäuscht über seine unverhoffte Zurückweisung. „Nun bin ich fast achtzehn und du bekommst Gewissensbisse?“

Erste Funken begannen bereits aus meinem Finger zu sprühen. Skyler bemerkte es und umschloss ihn mit beiden Händen.

„Damals wusste ich noch nicht, wer du bist,“ gab er gequält von sich.

„Ja, und? Jetzt weißt du es eben. Macht das einen Unterschied?“

„Versprichst du mir, nicht mit deinem Finger auf mich zu zeigen?“

„Mit dem hier?“ Kaum hatte ich es ausgesprochen, da stob ein rotglühendes Kügelchen daraus hervor und streifte ihn an der Schulter. Vor Schreck schlug ich mir die Hand vorm Mund.

„Das, das habe ich nicht gewollt“, stammelte ich panisch.

„Und genau das ist der Punkt.“

„Was?“

„Deine Emotionen, deine Fähigkeiten. Du hast sie nicht unter Kontrolle!“ Er sprang auf und lief unruhig umher, ohne dass ich seine Schritte hörte. „Wenn du von Gefühlen geleitet wirst, egal in welcher Form, gerätst du außer Kontrolle!“

Er war wieder an meiner Seite.

„Bedeutet dies jetzt etwa, dass ich jedes Mal Funken sprühe, wenn du mich berührst, küsst oder …“ Meine Stimme kippte, ein Kloß im Hals drohte mir die Luft abzuschnüren.

„Scht, scht, beruhige dich, Montai.“

Trotz meiner Gefährlichkeit wagte er es, mich in die Arme zu nehmen?

„Was hat dir Jodee eigentlich zu den Kugeln gesagt?“, fragte er wie nebenbei.

„Dass sie gegen unerwünschten Kindersegen schützen. Woher weißt du davon?“

„Ich habe sie ihr für dich gegeben, an dem Abend, als du nicht gekommen bist.“

„Aha.“

„Avery, du …“

„Ja?“

„Nichts.“

„Du sprichst wieder mal in Rätseln. Darf ich erfahren warum?“

„Du bist die Tochter einer Magierin, einer dunklen Magierin.“

„Und das bedeutet automatisch, das ich auch Böses im Sinn habe oder haben werde?“

„Du vielleicht nicht, aber dein Kind, wenn es geboren wird. Unser Kind, wenn wir jemals eines haben sollten.“ Der letzte Satz war nur noch geflüstert.

„Sagt wer?“

„Dein Lesestein – liest du eigentlich nie darin?“

Er jedenfalls schien ihn auswendig gelernt zu haben.

„Das ist ja lächerlich“, wies ich seinen Einwand von mir. „Wo ist denn deine untrügliche Vernunft geblieben? Erst reden dir die Javeérs ein, dass Amarott noch am Leben ist und jetzt lässt du dich von uralten Zeilen eines dummen Steins beeinflussen?“

„Er enthält viele Wahrheiten, mit denen du dich besser heute als morgen vertraut machen solltest.“

Das Tor von Merdoran

Skylers seltsames Verhalten und seine Worte hatten mich nachdenklich gestimmt. Weiteren Fragen verschloss er sich, indem er mir einfach den Rücken zukehrte. Alsbald schlief er ein. Wie konnte er jetzt schlafen? Ich dagegen war viel zu aufgewühlt. Als die Kälte unerträglich wurde, rückte ich enger an ihn heran. Er murmelte etwas im Schlaf, wies mich aber nicht ab. Stunden später fiel auch ich in einen unruhigen Schlaf.

„Wir müssen los“, drang Skylers Stimme ungeduldig und dennoch zäh wie Brei an mein Ohr. Langsam kam wieder Leben in meine verspannten Glieder. Alles tat mir weh, von dem unbequemen Nachtlager. Mit steifen Beinen stand ich auf, streckte mich und konnte gerade noch erspähen, wie er seinen Blick rasch abwandte.

„Sind wir heute schlecht gelaunt?“, fragte ich ihn, erhielt aber keine Antwort. „Na toll“, fluchte ich vor mich hin, fuhr mir mit den Fingern statt einer Bürste durchs Haar, um die Locken zu bändigen. Ich suchte den steinigen Untergrund nach meinem Lederbeutel ab, doch Skyler hatte unser Gepäck bereits auf das Lapendor geschnallt, längst im Sattel sitzend.

„Wie ist dein Plan?“, startete ich erneut den Versuch, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

„Wir machen uns auf den Weg nach Merdoran zu den Javeérs.“

„Was für eine Überraschung. Ich dachte, du wolltest mit mir ans Meer“, gab ich schnippisch zurück.

Schweigend führte uns Skyler sicheren Schrittes durch die Ellar Hills, deren graue Granitwand ich bisher nur aus weiter Ferne kannte. Je mehr wir uns darin verloren, desto erdrückender wirkten sie auf mich, hüllten uns ein wie ein steinerner Kessel. Sonnenstrahlen huschten bald nur noch vereinzelt über die kantig, schroffen Felsen und wurden kurz darauf von einem dichten Wolkenkranz verhüllt.

Verstohlen schaute ich mal auf Skylers ausladende Schultern, mal erhaschte ich einen flüchtigen Seitenblick auf seine versteinerte Miene. Was mochte ihn nur derart verstimmt haben?

„Können wir wohl mal eine Pause einlegen?“

Wenn er schon auf mich keine Rücksicht nehmen wollte dann gegebenenfalls auf mein Pferd, das ob des unwegsamen Geländes bereits zu lahmen begann. Statt einer Antwort schweifte sein Blick über die uns umgebenden grauen Steilhänge, bevor er absaß.

„Höchstens eine halbe Stunde.“

„Sag das dem Pferd. Es lahmt. Ich hingegen kann natürlich tagelang ohne Nahrung auskommen, wenn es sein muss. Ich übe mich dann einfach in Meditation. Genug Ruhe dazu habe ich ja.“

Herausfordernd sah ich ihn an, kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, um seine Regungen besser wahrzunehmen. Er schien etwas erwidern zu wollen, verkniff es sich aber. Stattdessen nestelte er an den Vorräten herum und hielt mir ein Stück Brot hin.

„Herzlichen Dank. Ich werde es mir gut einteilen. Wer weiß wann ich wieder was …“

„Avery, bitte.“ Er griff sich in den Nacken, knetete die Muskulatur, als sei er darauf aus, sie herausreißen.

„W-a-s?“

„Ich – sehe mal nach deinem Pferd.“

Er wandte sich abrupt ab, als hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst. Unbändige Wut stieg in mir auf. War es das, was er bezweckte? Wollte er mich provozieren, damit die Funken aus meinem Zeigefinger unkontrolliert entweichen konnten? Nein. Ich würde ihm beweisen, dass ich meine Emotionen unter Kontrolle hatte.

Schwindel erfasste mich. Die Erschöpfung forderte ihren Tribut. Ich sank ein Stück weiter abseits auf einen Felsvorsprung nieder, atmete tief ein, bis mein Herz wieder ein gemächlicheres Tempo anschlug. Lustlos kaute ich auf der harten Brotkruste herum, mein erster Bissen für heute.

„Verdammt“, hörte ich Skyler leise fluchen, während er die Fesseln des Pferdes untersuchte. „So kommen wir nicht voran. Wir werden zu Fuß weitermüssen.“

Bald zeigte sich jedoch, dass auch dies nicht gelang. Der stetig ansteigende Pfad, dem wir folgten, stellte für die Tiere ein nicht kalkulierbares Risiko dar. Skyler schnallte ihnen daher das Gepäck ab, teilte es unter uns auf, wobei er sich selbst den größeren Teil auflud. Die Pferde überließ er einfach sich selbst, sie würden ihren Weg schon finden, meinte er.

Allmählich begann ich die Anstrengungen des Aufstiegs zu hassen. Jeder Schritt schmerzte. Lederriemen, an denen das Gewicht des Proviants zerrte, schnitten mir ins Fleisch. Doch ich wollte Skyler keinen Anlass zur Kritik geben. Das Atmen fiel mir angesichts der ungewohnten Höhe immer schwerer. Der Wind frischte auf und senkte die Temperatur empfindlich herab. Die Augen konzentriert auf den steinigen Untergrund gerichtet, achtete ich darauf, nicht zu straucheln. Seltsam geformte braune Anhäufungen, bepflasterten zeitweise den Pfad, machten es fast unmöglich ihnen auszuweichen.

„Nur noch ein kleines Stück, dann treffen wir auf eine Höhle, die uns Schutz für die Nacht bietet.“

Skylers Stimme, die ich seit Stunden nicht mehr gehört hatte, drang unnatürlich laut an mein Ohr.

„Wo willst du denn hier eine Höhle finden? Für mich sieht alles gleich aus“, maulte ich. Augenblicklich ließ ich das Gepäck zu Boden gleiten. Kraftlos gaben meine Knie nach.

„Es ist wirklich nicht mehr weit.“

Durchdringend sah er mich an. Irgendetwas an seinem Ausdruck versetzte mich in Alarmbereitschaft. Ich mobilisierte die letzten Kraftreserven, um hinter ihm herzustolpern.

„Ab hier müssen wir einzeln nach oben.“

„Einzeln nach oben? Wie stellst du dir das vor?“ Ich sah ausschließlich Grautöne in sämtlichen Schattierungen des Bergmassivs.

„Ich klettere voraus und sehe nach, ob die Höhle weiterhin unbewohnt ist, dann hole …“

„Klettern?“ Entgeistert sah ich ihn an.

„Du brauchst mir nicht alles nachzusprechen“, fuhr er mich gereizt an. „Wenn die Höhle gesichert ist, komme ich wieder herunter, nehme dir dein Gepäck ab, dann wird es für dich leichter.“

Ich wollte nachhaken, wann mit seiner Rückkehr zu rechnen sei, verkniff es mir jedoch. Wenn er in dieser Stimmung war, machte es keinen Sinn, ihn zu bedrängen. Also harrte ich aus, folgte seiner Silhouette mit müden Augen, bis er mit der Felsformation verschmolz und sich schließlich in Luft aufzulösen schien. Nur vereinzelt herabrollende Kiesel zeugten von seinem weiteren Aufstieg, der ansonsten völlig lautlos vonstattenging. Ich hoffte, dass er die Höhle bald fand und diese unbewohnt war. Dabei – wer sollte sich sonst in diese Abgeschiedenheit hineinwagen?

Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende geführt, da erhielt ich meine Antwort: Bernsteinfarbene Augen nahmen mich ins Visier, deren raubtierhafte Kälte mir die Härchen auf den Unterarmen aufstellten. Das beigebraune Fell einer Raubkatze, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, mit unregelmäßigen Schattierungen, die ihr eine hervorragende Tarnung verliehen. Das blutverschmierte Maul leicht geöffnet, traten säbelgleiche Fangzähne zum Vorschein.

Eine Schrecksekunde fürchtete ich, Skyler könnte ihr beim Inspizieren der Höhle zum Opfer gefallen sein.

Die Raubkatze spannte die Muskeln und setzte zum Sprung an. Ich wusste es in dem Augenblick, da ihr Kopf sich minimal nach unten neigte. Reflexartig sprang ich zur Seite und richtete meinen Zeigefinger wie eine Waffe auf ihre Flanke. Ich ließ mein inneres Feuer entströmen, als gelte es eine feurige Schneise zu ziehen. Ein grausig heller Ton zerriss die Luft, gefolgt von Fauchen und Jaulen in einer Frequenz, die meine Ohren zum Klingeln brachte. Nachdem der massige Körper um Haaresbreite neben mir aufprallte, stand ich wie paralysiert da. Meine Hand gehorchte mir nicht mehr, war eiskalt, eine Kälte, die mir geradewegs ins Herz zu strahlen drohte. Meine Reaktionen wurden fahrig. Langsam rieb ich mir den eiskalten Arm, um die Blutzirkulation in Gang zu setzen. Umständlich schulterte ich den Bogen samt Pfeilköcher. Ich ließ das restliche Gepäck einfach zurück und begab mich in die Richtung an den Aufstieg, in die ich Skyler verschwinden glaubte.

Es kostete ungeheure Kraft, mich fortzubewegen. Auf der Suche nach Halt glitt ich mehrmals auf losen Steinen aus. Obwohl ein eisiger Wind an mir zerrte, stand mir der Schweiß auf der Stirn. Hoffnungslosigkeit griff mit unbarmherzigen Klauen nach mir. Wohin mochte Skyler verschwunden sein?

Meine Hände fassten ins Leere. Ein, zwei Meter fiel ich in die Tiefe, riss mir Fingernägel ab in dem verzweifelten Bemühen, Halt an dieser verdammten, scharfkantigen Wand zu finden. Der Schmerz brachte mich am Rande einer Ohnmacht. Ich blinzelte die Tränen weg, umschloss zitternd die geschundenen Finger mit den Lippen und konzentrierte mich auf die Heilung.

Bildfetzen blitzten plötzlich in meinem Kopf auf: Skyler wie er leblos mit verrenkten Gliedern in einer Felsspalte klemmte, dann verschwand die Vision wieder. Was war das? Spielte mir mein Verstand einen Streich?

Panisch begann ich nach Skyler zu rufen, ungeachtet dessen, ob sich Feinde in der Nähe aufhielten, sei es Mensch oder Tier. Meine eigene Stimme hallte als Echo von den Bergen wider, als wolle sie mich verspotten.

Da, ein leiser Ruf oder bildete ich mir das ein? Aus welcher Richtung? Ich lauschte angestrengt, wozu ich die Hand wölbte und hinters Ohr hielt. Rief, und diesmal erhielt ich eine Antwort.

„Skyler! Wo bist du? Sprich weiter, sonst finde ich dich ni …“

In letzter Sekunde stoppte ich. Nur knapp einen Schritt vor mir sah ich einen Spalt, halb verborgen hinter einem Felsplateau. Vorsichtig sah ich hinab.

„Ich bin hier unten, verdammt“, erklang ein Fluch aus der Tiefe, gefolgt von einem Stöhnen.

„Kannst du dich bewegen?“

„Wäre … wäre ich dann … hier unten?“, ätzte er.

„Was muss ich tun?“, fragte ich, meine eigene Erschöpfung vergessend.

Wieder ein Stöhnen, dann lange Zeit nichts. Ob er ohnmächtig geworden war? Wie tief mochte er in den Felseinschnitt gerutscht sein? Welcher Art waren seine Verletzungen?

„Avery“, drang Skylers Stimme erneut zu mir.

„Ja?“ Ich rutschte sofort näher an die Kluft heran und löste mit meiner Aktion ein paar lose Steinchen.

„Willst du mich umbringen?“, keuchte er.

„Entschuldigung.“

Im Kopf ging ich alle Optionen durch, die mir zur Verfügung standen. Doch was nutzten mir magische Fähigkeiten, wenn ich sie in banalen Lebenslagen wie dieser nicht anzuwenden wusste?

„Avery?“

„Ja, ich bin hier!“

„Leg dich flach hin!“

Diesmal befolgte ich seine Aufforderung vorsichtiger.

„Reich mir eine Hand nach unten soweit wie es geht.“

Tastend griff ich in die Tiefe.

„Weiter! Aber möglichst, ohne mir zu folgen.“

Typisch Skyler. Selbst in dieser Lage verließ ihn seine angeborene Arroganz nicht. Stückchen für Stückchen schob ich mich voran, bis sich unsere Fingerspitzen berührten.

„Noch ein wenig!“

Ich lag bereits kopfüber bis knapp zu den Hüften in der Kluft, konnte seinen stoßweisen Atem hören, bis sich unsere Finger ineinander verkrallten.

„Gut. Jetzt denk an etwas Schönes, an Heilung.“

Etwas Schönes …

Erinnerungen flossen durch meine Gehirnwindungen, durch meinen gesamten Körper, wie pulsierende Energie. Bilder von Skyler, wie ich ihm in den Baumkronen Greenerdoors begegnete, er mich vor einer Kreuzbandnatter rettete und zum ersten Mal Montai nannte, kleines Äffchen. Der erste Kuss in seinem Baumhaus, unsere erste Nacht, in der wir uns fast körperlich vereint hätten, bis Amarotts Blutstein …

„Verflucht noch mal! Möchte wissen, an was du gerade eben gedacht hast!“, fuhr er mich an.

Meine Hand schnellte zurück, als er aus der Tiefe emporstieg. Fast besinnungslos vor Erschöpfung zog ich den Arm zu mir heran und rollte mich von dem Spalt fort. Ich war müde, so unendlich müde, wollte nur noch schlafen.

„Avery“, hauchte mir eine vertraute Stimme ins Ohr und ich schlug lahm die Augen auf.

„Da bist du ja wieder.“

Bei Skylers Lächeln durchströmte mich augenblicklich Wärme, doch fühlten sich meine Glieder an, als hätte jemand mit Gewalt an ihnen gezerrt.

„Du hast mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt.“

Er hockte sich nieder und reichte mir den Wasserschlauch.

„Trink! Und dann müssen wir weiter.“

„Weiter wohin?“, fragte ich matt.

Ich trank in gierigen Zügen. Meine Kehle fühlte sich so rau an, als hätte ich Sand geschluckt. Langsam kam die Erinnerung, und mit ihr die Erkenntnis, dass er die Höhle meinte.

„Fühlst du dich kräftig genug für den Aufstieg?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wo ist unser Gepäck?“

„Oben.“

„Du hast mich hier allein …?“

„Ich konnte schlecht dich und das Gepäck tragen.“ Kurz trat ein schmerzhafter Ausdruck in seine Augen, dann entspannte sich seine Miene wieder. „Danke.“

„Wofür?“

„Für deine Heilung.“

Ich wollte etwas erwidern, doch er packte bereits meinen Unterarm zum Aufbruch. Unwirsch wand ich mich aus seinem Griff.

„Geh schon vor, ich folge dir“, wie ich es immer tue, fügte ich in Gedanken hinzu.

„Bist du sicher?“

„Habe ich denn eine Wahl?“

Sein Unterkiefer arbeitete, dann kletterte er mir voraus. Obwohl nur von spärlichem Licht umgeben, stieg er sicheren Schrittes hinauf.

Es kam mir vor, als seien Stunden vergangen, bis Skyler über mir verschwand, um kurz darauf helfend nach meinem Arm zu greifen. Kurzatmig ließ ich mich von ihm ins Innere einer Höhle ziehen, deren Ausmaße ich in der Düsternis nicht einzuschätzen wusste. Augenblicklich nahm das Heulen des Windes ab.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte er ganz dicht an meinem Ohr. Ich konnte ihn eher spüren, als dass ich ihn sah.

„Gib mir deine Hand. Wir müssen noch ein Stück weit hinein.“

Ich stolperte hinter ihm her über unser Gepäck in einen geräumigeren Bereich der Höhle. Kleine Öllichter standen auf dem Boden und verströmten ein unheimliches Licht, das unsere Schatten bizarr an der Höhlenwand entlangtanzen ließ.

„Wo sind wir hier?“, fragte ich ihn mit vor Erstaunen geweiteten Augen.

„Am Eingang zum Tor von Merdoran.“

„Dann ist es nicht mehr weit bis zu den Javeérs?“ Bange Hoffnung schwang in meiner Stimme mit.

„Kommt darauf an, was du unter weit verstehst.“

„Übernachten wir etwa hier?“, fragte ich phlegmatisch, viel zu müde, um mich mit Haarspalterei aufzuhalten. Kurz hatte ich wieder das Bild der Raubkatze vor Augen, deren Fänge ich nur knapp entkam.

„Ja. Halte dich einfach in der Nähe der Öllampen auf. Ich hole unsere Ausrüstung.“

Hunger schlug mir seine Faust in den Magen. Wie auf Bestellung brachte Skyler ein paar Streifen gepökelten Fleisches, den letzten Kanten Käse sowie trockenen Rest Brot zum Vorschein. Gierig griff ich nach dem Käse.

„Ich weiß, dass du kein Fleisch magst“, kommentierte er meine Wahl. „Aber bald gibt es keine Auswahl mehr.“ Er lächelte schief, was in dem spärlichen Licht eher einer Fratze glich.

Schweigend nahmen wir das karge Mahl ein. Vor Müdigkeit konnte ich kaum die Augen offenhalten. Ich wollte ihn fragen, woher er den Unterschlupf kannte, wer die Öllichter aufgestellt hatte. Doch kaum hatte ich den letzten Bissen verzehrt, ließ ich mich einfach zur Seite kippen. Skylers Arme fingen mich auf, schoben mir sanft eine Decke unter.

„Ruh dich aus, Montai. Ich halte Wache“, hörte ich noch, bevor ich in einen traumlosen Schlaf versank.

Ich erwachte von eisiger Kälte, dabei lag ich unter zweien dieser seltsamen Felldecken. Fetzen eines fast lautlos geführten Gesprächs drangen an mein Ohr.

„… hast es uns zugesagt!“ Obwohl der Sprecher die Worte sehr leise sprach, klangen sie energisch.

„Scht! Sie wird noch aufwachen“, Skylers tiefes Timbre. „Ich weiß, was ich gesagt habe …“

Ich spitzte die Ohren. Was ging hier vor? Mit wem redete er da?

Die letzten Worte konnte ich nicht mehr verstehen, da sich die Stimmen weiter entfernten. Sollte ich mich weiterhin schlafend stellen, um mehr zu erfahren? Ich ließ einige Zeit verstreichen, ehe ich mich erhob, eine der Decken wie einen Mantel um mich behaltend. Ich fand Skyler am Eingang der Höhle mit angezogenen Knien sitzend vor.

„Kannst du nicht schlafen?“, fragte er in die Nacht hinein, ohne sich nach mir umzudrehen.

„Nein. Ich meinte, Stimmen zu hören“, begann ich vorsichtig.

„Du brauchst dringend Schlaf, wenn du schon Stimmen hörst.“ Es sollte leichthin klingen, aber mein Argwohn war geweckt.

„Mit wem hast du eben gesprochen?“, hakte ich nach.

„Mit niemandem. Vielleicht hast du den Wind gehört. Draußen tobt ein Sturm.“

Du lügst, dachte ich.

„Ich denke, dass ich Windgeräusche von menschlichen Stimmen unterscheiden kann.“ Mit verschränkten Armen blickte ich auf ihn herab. „Verkauf mich also nicht für dumm.“

„Was haben dir diese Stimmen denn gesagt?“, raunte er und grinste amüsiert. In einer einzigen, fließenden Bewegung stand er neben mir. Einen Arm um meine Schultern legend, gab er mir einen Kuss aufs Haar und führte mich wieder ins Innere der Höhle zurück. Sollte ich mir das geheimnisvolle Gespräch nur eingebildet haben? Draußen tobte tatsächlich ein Sturm. Der Wind heulte wie das Wehklagen tausender Stimmen.

„Du frierst ja.“

Tatsächlich bibberte ich vor Kälte.

„Komm her, Sabelanth-Eh.“

Sabelanth-Eh – Kriegerin – ein Wort aus der Sprache der Bowmen, die ich nur ansatzweise verstand und derer er sich äußerst selten bediente. Seine Hände rubbelten mir wärmend über Arme und Rücken, heiße Ströme auf meiner Haut hinterlassend.

„Warum nennst du mich so?“

„Warst du es denn nicht, die den Tschakor getötet hat? Und das mit bloßen Händen“, bemerkte er mit Blick auf meine Schusshand.

„Ein Taschkor soll das gewesen sein? Ich dachte, die leben nur im Dschungel Greenerdoors.“

„Nicht nur. Eine Unterart von ihnen hält sich in den Bergen auf.“

Er führte meine Hand an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf.

„Keine Angst, dass ich meine Emotionen nicht unter Kontrolle habe?“, fragte ich bemüht kühl. Ich hatte ihm seine Zurückweisung und das damit verbundene fadenscheinige Argument noch nicht verziehen.

„Im Moment möchte ich dir vertrauen.“

Er sah mich mit einer Intensität an, die mich an einen Punkt brachte, dem mein Herz nur zu bereit war nachzugeben. Doch wollte ich es ihm nicht zu leicht machen.

„Und im nächsten Augenblick wendest du dich dann wieder von mir ab?“

„Es wäre einen Versuch wert.“

„Du spielst mit mir. Außerdem will ich nicht dein Versuchsobjekt sein.“

Mit ungeheurer Willensstärke wand ich mich aus seinen Armen und kehrte ihm den Rücken zu. Erhobenen Hauptes schritt ich zu meinem Schlafplatz zurück. Skyler folgte mir wie ein Schatten. Ich ignorierte ihn, griff stattdessen die Decke, um mich wieder schlafenzulegen.

„So müde?“, versuchte seine Stimme mich zu umgarnen. Spielerisch nahm er mir die Decke ab.

„Es war ein langer, ereignisreicher Tag und schon bald bricht der nächste an.“ Ich gähnte demonstrativ, dabei hatte ich in dieser verflixten Höhle kein Gefühl für Zeit und Raum. Fürsorglich legte er mir die Decke um die kalten Schultern, schloss mich darin ein, wie in einem Kokon, bevor er mich näher zu sich heranzog.

„Ich kann dafür sorgen, dass du entspannt in den Schlaf findest.“

„Musst du nicht Wache halten?“, fragte ich spitz.

„Da der Tschakor tot ist, bist du und dein Temperament die einzige Gefahr.“

Er hauchte mir einen Kuss aufs Schlüsselbein. Seine Finger vergruben sich in meinem Haar. Ich stieß ihn von mir.

„Du redest den ganzen Tag kein Sterbenswort. Scheuchst mich den steilsten Berg rauf, dem ich je begegnet bin, und dann meinst du, nur Süßholz raspeln zu müssen, und ich zerfließe?“ Mein wildpochendes Herz strafte meine Worte Lügen. Der Verstand versuchte angestrengt, die Oberhand zu behalten. „Ich werde aus dir nicht schlau, Skyler.“

Er maß mich neugierig. Als seine Hand meinen Nacken umfasste, er mit den Fingerkuppen zwischen meinen Schulterblättern hinab wanderte, glaubte ich, von einer Ameisenarmee überrannt zu werden. Mit einer Hand zog er mich am Bund meiner Hose zu sich heran, bis kein Blatt Papier mehr zwischen uns passte. Ich spürte seinen Herzschlag ein Stück über meinem Herzen schlagen, das mir in unkontrollierten Sprüngen aus der Brust zu springen drohte.

„Vertrau mir – und gib acht auf deine Hand.“

Er brachte einen Handschuh hervor und streifte ihn über die Schusshand. Vorsichtig, als sei sie aus Glas.

„Glaubst du, damit aus der Gefahrenzone zu sein?“, fragte ich mit trockener Kehle.

„Gewissermaßen schon.“

Mit sanftem Druck bog er mir den Arm nach hinten auf den Rücken. Er vergrub sein Gesicht in meinen Haaren, als wolle er darin eintauchen. Meine Hand begann zu kribbeln. Würde ein simpler Handschuh ausreichen, vor unkontrolliert abgegebenen Feuersalven?

Skyler küsste meinen Nacken, streifte mir mein Hemd über den Kopf und führte mich auf die Decke zurück. Sein langes Haar kitzelte mir im Gesicht, strich mir über Brust und Bauch. Die Piercings an seinem Ohr spielten in meinen Händen ihre eigene Melodie dazu.

„Lerne, dich zu beherrschen, Avery“, flüsterte er zwischen Küssen, die mir schier den Verstand raubten. Seine Hände berührten mich in einer Art und Weise, dass ich glaubte, meine Haut brenne.

„Hier. Nimm eine von denen!“ Eine dunkle Kugel rollte auf seine ausgestreckte Hand. Ich machte sie flüchtig als die aus, die mir Jodee mitgegeben hatte. Hastig spülte ich sie mit ein paar Schlucken aus dem Wasserschlauch runter und verschluckte mich prompt.

„Na, na, na. Nicht so gierig!“, rügte er mich scherzhaft.

Wir prusteten beide los vor Lachen. Ein befreiendes Lachen, fern von Spott oder Zwängen. Er wartete, bis ich mich wieder gefangen hatte, bevor er sich für mein Empfinden unendlich langsam seiner Kleidung entledigte. Wie hypnotisiert starrte ich auf seine nackte Haut und das Schlangentattoo auf der Brust. Bei der spärlichen Beleuchtung und seinen rhythmischen Bewegungen wirkte es geradezu animalisch echt. Berauscht sog ich jeden seiner Küsse in mir auf, als müsse ich mich davon ernähren. Bald vergaß ich die seltsame Unterhaltung von soeben, wenn sie denn je stattfand …

Skylers Kopf ruhte auf meiner Brust. Sein Arm umschloss geradezu besitzergreifend meine Taille. Der leicht geöffnete Mund wehte mir eine sanfte Brise auf die Haut, ließ mich frösteln. Es war so verdammt kalt in dieser Höhle, doch wollte ich diesen friedlichen Moment nicht durch eine unbedachte Bewegung zerstören.

Wenn ich an die vergangene Nacht zurückdachte, stieg mir jetzt noch heiße Röte ins Gesicht. Warum konnten wir nicht einfach hierbleiben? Wozu zu den in Einsamkeit lebenden Javeérs?

Niemals zuvor fühlte ich mich derart lebendig, so ernstgenommen wie noch vor ein paar Stunden. Ein Seufzen entfuhr meinen Lippen. Kurz darauf räkelte sich Skyler neben mir und murmelte etwas das klang wie: „Ne-ma Labaschté“, und sah mich verschlafen von der Seite an.

„Was bedeuten diese Worte?“, fragte ich ihn interessiert.

Er grinste verwegen. „Das möchtest du nicht wissen.“

Er gab mir einen innigen Kuss, bevor er aufstand und nach seiner Kleidung griff. Kurz meinte ich, einen triumphalen Ausdruck in seinem Gesicht zu lesen, bevor sein Mienenspiel wieder undurchsichtig wurde. Arroganter Kerl.

Hatte ich geglaubt, nur durch das Tor von Merdoran spazieren zu müssen, um zum Kloster der Javeérs in Kadolonné zu gelangen, so irrte ich gewaltig. Wir durchliefen dieses Höhlensystem, in dem Skyler sich zurechtfand, als wäre es sein Zuhause. Stunden. Tagelang. Bei genauerem Hinsehen schien er zwar mysteriösen Zeichen an den Wänden zu folgen, doch sicher war ich mir nicht. Als ich schon nicht mehr damit rechnete, jemals wieder das Tageslicht zu erblicken, tat sich ein Lichtstreif in der Ferne auf, der tatsächlich einem Tor glich.

Kaum erreichten wir dieses Tor, stellte sich uns ein Mann in den Weg. An Größe zwar Skyler ebenbürtig, verschwand die asketisch aussehende Gestalt fast gänzlich unter einer grobgewebten, grauen Kutte, in den Farben der Ellar Hills.

„Peschterr LeAssenat“, brachte Skyler ihm seinen Gruß entgegen.

„Peschterr Skyler“, antwortete eine keinem Alter zuzuordnende Stimme. Das Gesicht des Sprechers blieb unter der Kapuze verborgen.

„Hier trennen sich unsere Wege, Avery“, wandte Skyler sich an mich. „LeAssenat wird dich zu den Javeérs nach Kadolonné führen“, wollte er sich zum Gehen wenden. Ohne eine Erklärung. Ohne ein Wort des Abschieds.

Brüsk bekam ich ihn am Arm zu fassen und funkelte ihn an. „Was hat das zu bedeuten, Skyler? Wo willst du hin?“

„Ich … habe andere Pläne, vorerst.“

Seine hypnotischen Augen, in denen ich mich sonst zu verlieren drohte, sahen an mir vorbei fast flehentlich zu LeAssenat. Mit den Worten: „Ich lasse euch einen Moment allein“, zog sich dieser diskret zurück.

„Du hast andere Pläne? Wegen dir bin ich doch überhaupt erst hier!“ Meine Stimme schlug in Hysterie um.

„Du bist nicht wegen mir hier, Avery, sondern um in deinen Fähigkeiten ausgebildet zu werden.“

„Komm mir nicht so! Es war dein Wunsch, mich dir anzuschließen und dir in diese menschenleere Bergwelt zu folgen. Denkst du, ich hätte Gullorway freiwillig gegen das hier“, verbittert sah ich mich um, „eingetauscht?“ Verzweifelt kämpfte ich gegen die aufsteigenden Tränen an. Ich wollte vor ihm nicht die Fassung verlieren und tat es doch. „Dann war alles nur gespielt? Um mich herzulocken? Warum?“ Meine Stimme versagte und er konnte verdammt froh sein, dass ich noch den Handschuh trug, sonst hätte ich ihn zu Asche pulverisiert.

„Avery, nicht!“, zwang er mich mit sanfter Gewalt, den Handschuh anzubehalten. „Es ist nicht so, wie du denkst.“

„Was denk ich denn? Dass ich blöd genug war, dir wie ein Schaf zu folgen? Dass ich unserer körperlichen Vereinigung mehr beigemessen habe, als dir ein bloßes Triumphgefühl zu entlocken?“

Er hielt mich mit Bärenkräften umschlossen.

„So ist es nicht. Du bist mein …“

„Eigentum? Gebunden an ein Brandzeichen?“

„Du wirst es verstehen, Avery. Doch jetzt ist nicht die Zeit für Erklärungen. Ich werde dich zurückholen, aber während deiner Ausbildung ist für mich hier kein Platz. Daher musst du bei den Javeérs bleiben, als eine von ihnen.“

„Es war nicht der Wind, der mir im Schlaf zugeflüstert hat, dass du ein Abkommen mit ihnen getroffen hast, richtig?“

Ertappt biss er die Zähne aufeinander.

„Und wer sagt dir, dass ich dich dann überhaupt noch will?“, spie ich ihm entgegen.

„Du kannst gar nicht anders, Montai. Verzeih mir.“

Kurz zog er mich zu sich heran, presste seine Lippen auf meine, bevor er mich freigab. Plötzlich stand LeAssenat wie ein Geist neben mir, seine dürre Hand drückte meine Schulter und ich wurde mit einem Mal sehr, sehr schläfrig. Die letzten Worte, die ich noch vernahm, hallten im Inneren meines Kopfes wider, wie ein Schrei, dabei hatte Skyler sie nur geflüstert. „Meine Guhlant.“

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9783742781666
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