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Jane Austen

Emma

Roman

Saga Egmont

Emma

Übersetzerin

Helene Henze

Coverbild / Illustration: Shutterstock

Copyright © 1815, 2020 Jane Austen und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788726479874

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

I

Erstes Kapitel

Emma Woodhouse, hübsch, klug, reich, mit einem behaglichen Heim und von glücklicher Anlage, schien mit vielen der schönsten Gaben des Daseins gesegnet. Sie war nun fast einundzwanzig Jahre auf der Welt, ohne mit Leid und Verdruß noch viel Bekanntschaft gemacht zu haben.

Sie war die jüngere von zwei Töchtern eines sehr liebevollen, nachsichtigen Vaters und durch die Heirat ihrer Schwester schon ziemlich früh Herrin im Hause geworden. Ihre Mutter war schon so lange tot, daß Emma sich nur noch blaß an ihre Zärtlichkeit erinnern konnte; ihren Platz hatte eine Erzieherin ausgefüllt, eine vortreffliche Frau, die Emma kaum weniger liebhatte als eine Mutter.

Sechzehn Jahre war Miss Taylor bei der Familie Woodhouse gewesen, weniger Gouvernante als Freundin und beiden Töchtern sehr zugetan, doch hatte sie Emma besonders ins Herz geschlossen. Zwischen ihnen herrschte eher schwesterliche Vertrautheit. Schon ehe Miss Taylor ihres Amtes als Erzieherin entbunden war, hatte sie in ihrer Sanftheit kaum irgendwelchen Zwang auszuüben vermocht; und da auch der Schatten von Autorität längst dahin war, lebten sie weiter als Freundinnen zusammen, hingen sehr aneinander, wobei Emma ganz tat, was ihr beliebte; sie hielt große Stücke auf Miss Taylors Urteil, folgte aber in erster Linie ihrem eigenen.

Das war freilich das Schlimme an diesen Verhältnissen, daß sie gar zuviel ihren Willen bekam und nicht wenig von sich eingenommen war. Dies sollte ihren mannigfachen Freuden bedrohlich werden. Aber die Gefahr machte sich noch so wenig bemerkbar, daß sie in ihnen alles andre als eine Ungunst des Schicksals sah.

Da nahte Kummer, gelinder Kummer und noch ohne den Stachel peinlicher Einsicht. Miss Taylor heiratete. Daß sie Miss Taylor verlor, bereitete Emma die ersten trüben Stunden ihres Lebens. Am Hochzeitstage der geliebten Freundin versank sie zum erstenmal in traurige Gedanken. Als das Hochzeitsfest vorüber war und das Brautpaar sich verabschiedet hatte, blieben Emma und ihr Vater allein und gingen zu Tisch ohne die Aussicht auf einen dritten, der ihnen den langen Abend aufheiterte. Ihr Vater machte, wie stets nach dem Essen, Anstalten zu einem Nickerchen, und ihr blieb nichts andres übrig als dazusitzen und sich vor Augen zu halten, was sie verloren hatte.

Ihrer Freundin versprach dies Ereignis eitel Glück, denn Mr. Weston war ein wohlhabender Mann von untadeligem Charakter und angenehmen Umgangsformen, und im richtigen Alter für sie. Nicht ohne Genugtuung dachte Emma daran, mit welch selbstloser, großmütiger Freundschaft sie diese Verbindung von jeher gewünscht und gefördert hatte, aber sich selber hatte sie damit das Wasser abgegraben. Täglich, stündlich würde sie die Gefährtin entbehren. Sie erinnerte sich, wie gut Miss Taylor zu ihr gewesen war – voller Güte und Liebe die ganzen sechzehn Jahre lang; wie sie von ihrem fünften Jahr an sie unterrichtet und mit ihr gespielt, sich ihr mit allen Kräften gewidmet hatte, um sie an sich zu fesseln, in gesunden Tagen für ihr Vergnügen gesorgt und sie bei ihren verschiedenen Kinderkrankheiten gepflegt hatte –, dafür schuldete sie ihr ewig Dank. Aber ihr gemeinsames Leben in den letzten sieben Jahren, auf gleichem Fuße stehend und in herzlicher Offenheit miteinander, wie es sich bald nach Isabellas Heirat, als sie allein blieben, herausgebildet hatte – dies war eine noch liebere, zärtlichere Erinnerung. Miss Taylor war ihr eine Freundin und Gefährtin gewesen, wie sie wenigen beschieden war: gescheit, gebildet, tüchtig und feinfühlig; sie war mit allen Gewohnheiten der Familie vertraut, nahm Anteil an allen ihren Angelegenheiten und besonders an ihr, an Emma, selber, an ihren Freuden, ihren Plänen; ein Mensch, vor dem sie jeden Gedanken aussprechen konnte, wie er ihr kam, und ihr so zugetan, daß sie nie etwas an ihr zu tadeln fand.

Wie sollte sie diese Trennung ertragen? Zwar zog ihre Freundin nur eine halbe Meile weg, aber Emma war sich ganz darüber klar, daß zwischen einer Mrs. Weston, die nur eine halbe Meile entfernt wohnte, und einer Miss Taylor im Hause ein großer Unterschied bestand; und, so reich bedacht sie von der Natur war und so gut sie es zu Hause hatte – sie fürchtete sich nun sehr, innerlich einsam zu werden. Sie liebte ihren Vater innig, aber einen Gefährten hatte sie nicht an ihm. Einem rechten Gespräch mit ihr, ernst oder scherzend, war er nicht gewachsen.

Der so nachteilige Altersunterschied (und Mr. Woodhouse hatte nicht früh geheiratet) wurde durch seinen Gesundheitszustand und seine Gewohnheiten noch vergrößert, denn da er sein Leben lang gekränkelt und sich weder geistig noch körperlich betätigt hatte, war er in seinem Gehaben viel älter als den Jahren nach. Und wenn er auch wegen seiner Herzlichkeit und seines liebenswürdigen Wesens überall beliebt war, durch Geistesgaben hatte er wohl nie geglänzt.

Ihre Schwester wohnte nach ihrer Heirat zwar nicht allzuweit entfernt, denn sie lebte in London, und es waren nur sechzehn Meilen bis dahin, aber der täglichen Reichweite war sie doch entrückt; und mancher lange Oktober- und Novemberabend mußte noch in Hartfield durchgestanden werden, ehe das Weihnachtsfest den Besuch von Isabella, ihrem Mann und ihren kleinen Kindern brachte, der das Haus belebte und ihr wieder vergnügte Gesellschaft versprach.

Highbury, eigentlich ein großes Dorf, das aber mit seiner zahlreichen Bevölkerung fast einer Stadt gleichkam – zu der auch Hartfield gehörte, wiewohl es durch Rasenflächen und Gehölz und auch durch seinen Namen abgesondert war –, Highbury bot ihr keinen ebenbürtigen Umgang. Die Woodhouses waren die erste Familie dort. Alles blickte zu ihnen auf. Sie hatte viele Bekannte im Ort, denn ihr Vater war höflich gegen jedermann, aber nicht ein einziger Mensch war darunter, der ihr Miss Taylor auch nur einen halben Tag hätte ersetzen können. Es war trostlos, und Emma konnte nur darüber seufzen und ihren unerfüllbaren Wünschen nachhängen, bis ihr Vater aufwachte und sie ein fröhliches Gesicht machen mußte. Seine Lebensgeister brauchten stets Ermunterung. Er war ein nervöser Mann und nahm alles sehr schwer. Er hing an jedem Menschen, an den er sich einmal gewöhnt hatte, und sich von ihm zu trennen, war ihm bitter; überhaupt verabscheute er jede Veränderung. Eine Heirat war ihm als Quelle von Veränderungen in jedem Fall unangenehm. So hatte er sich immer noch nicht mit der Ehe seiner Tochter ausgesöhnt, konnte auch nie ohne Mitleid von ihr sprechen, obwohl es wahrhaft eine Liebesheirat gewesen war, und nun mußte er sich auch noch von Miss Taylor trennen. In seiner harmlosen Selbstsucht, seiner Unfähigkeit, sich vorzustellen, daß andre Leute anders empfinden könnten als er, bildete er sich ein, Miss Taylors Entschluß sei für sie selber ebenso traurig wie für sie beide, und sie würde viel glücklicher sein, wenn sie bis an ihr Lebensende in Hartfield geblieben wäre. Emma lächelte und plauderte so munter, wie sie konnte, um ihm diese Gedanken fernzuhalten; als aber der Tee kam, konnte er nicht umhin zu wiederholen, was er schon beim Essen gesagt hatte:

»Die arme Miss Taylor! Ich wollte, sie wäre wieder hier. Ein Jammer, daß Mr. Weston auf den Gedanken gekommen ist, sie zu heiraten!«

»Das kann ich nicht wünschen, Papa, nein, wirklich nicht. Mr. Weston ist ein so herzensguter, sympathischer, vortrefflicher Mann, daß er wohl eine gute Frau verdient; und Sie möchten doch nicht, daß Miss Taylor für immer bei uns geblieben wäre und meine schlechten Launen ertragen müßte, wenn sie im eigenen Hause schalten und walten kann?«

»Im eigenen Hause! Was hat sie denn von ihrem eigenen Hause? Dies hier ist dreimal so groß. Und du hast doch nie schlechte Laune, mein liebes Kind.«

»Wie oft werden wir sie besuchen und sie uns! Alle Tage werden wir uns wiedersehn! Und wir müssen den Anfang machen, wir müssen ihnen recht bald unsern Hochzeitsbesuch abstatten.«

»Mein Liebes, wie soll ich denn bis dahin kommen? Randalls liegt so weit weg. Ich könnte nicht halb so weit gehen.«

»Aber nein, Papa, niemand denkt daran, daß Sie zu Fuß gehen sollen. Natürlich müssen wir im Wagen hinfahren.«

»Im Wagen? Aber James wird für einen so kurzen Weg nicht gern die Pferde anspannen; und wo sollen die armen Pferde bleiben, während wir unsern Besuch machen?«

»Sie müssen in Mr. Westons Stall untergestellt werden, Papa. Das haben wir doch alles schon abgemacht. Gestern abend haben wir ja alle Einzelheiten mit Mr. Weston besprochen. Und was James betrifft, so können Sie sicher sein, daß er uns immer liebend gern nach Randalls fährt, weil seine Tochter dort Hausmädchen ist. Ich zweifle eher, ob er uns je woanders hinfahren mag. Das haben Sie so schön eingefädelt, Papa. Sie haben Hannah diese gute Stelle verschafft. Niemand hatte an Hannah gedacht, bis Sie den Vorschlag machten; James ist Ihnen so dankbar!«

»Ja, das freut mich, daß ich an sie gedacht habe. Es war ein Glück, denn ich möchte um alles in der Welt nicht, daß der arme James sich übergangen fühlt; und ich bin sicher, sie wird ein braves Hausmädchen. Sie ist immer so höflich, hat einen so netten Ton; ich halte große Stücke auf sie. Wenn ich sie treffe, macht sie jedesmal einen Knicks und fragt mich so nett, wie es mir geht, und als du sie zum Nähen hier hattest, habe ich bemerkt, daß sie immer den Türknopf richtig herumdreht und die Tür nicht zuschlägt. Gewiß wird sie ein ausgezeichnetes Hausmädchen; und für die arme Miss Taylor wird es ein großer Trost sein, ein gewohntes Gesicht um sich zu haben. Weißt du, wenn James hingeht, seine Tochter zu besuchen, wird sie jedesmal von uns hören. Er kann ihr dann erzählen, wie’s uns allen geht.«

Emma ließ sich keine Mühe verdrießen, diese erfreulicheren Gedanken in Fluß zu halten, und hoffte, mit Hilfe des Puffspiels ihrem Vater leidlich über den Abend hinwegzuhelfen, so daß sie sich nur mit ihrer eigenen Trübsal herumzuschlagen brauchte. Doch kaum war der Spieltisch herangerückt, da kam Besuch und machte ihn überflüssig.

Mr. Knightley, ein Mann von lebhaftem und klarem Geist und Herzen, etwa sieben- oder achtunddreißig, war nicht nur ein alter und vertrauter Freund der Familie, sondern ihr als älterer Bruder von Isabellas Gatten noch besonders verbunden. Er wohnte ungefähr eine Meile von Highbury entfernt, war ein häufiger und stets willkommener Gast und diesmal noch willkommener als sonst, da er ein paar Tage auf Reisen gewesen war und soeben von ihren gemeinsamen Verwandten in London kam. Er war zum späten Abendessen heimgekehrt und nun nach Hartfield gewandert, um zu berichten, daß am Brunswick Square alles wohlauf sei. Das war sehr erfreulich und belebte Mr. Woodhouse für eine Weile. Mr. Knightley hatte eine heitere Art, die ihm immer wohltat, und seine vielen Fragen nach der »armen Isabella« und ihren Kindern wurden höchst zufriedenstellend beantwortet. Darauf bemerkte Mr. Woodhouse dankbar:

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Knightley, uns zu so später Stunde noch aufzusuchen. Ich fürchte, Sie haben einen schrecklichen Weg hinter sich.«

»Aber nein, Sir, es ist eine schöne Mondnacht und so mild, daß ich mich von Ihrem großen Feuer zurückziehen muß.«

»Aber es muß doch sehr feucht und schmutzig gewesen sein. Hoffentlich erkälten Sie sich nicht!«

»Schmutzig, Sir? Schauen Sie meine Schuhe an. Nicht ein Spritzer.«

»Nun, das ist recht erstaunlich, denn wir hatten viel Regen. Während wir beim Frühstück saßen, hat es eine halbe Stunde lang ganz furchtbar geschüttet. Ich wollte schon, sie sollten die Hochzeit aufschieben.«

»Dabei fällt mir ein, ich habe Sie noch gar nicht dazu beglückwünscht. Doch ich weiß zu gut, wie es mit Ihrer Freude über diese Hochzeit bestellt ist, darum hatte ich’s mit dem Gratulieren nicht eilig. Aber ich hoffe, es ist alles leidlich vonstatten gegangen. Wie haben sie sich alle aufgeführt? Wer hat am meisten geweint?«

»Ach, die arme Miss Taylor! Ja, es ist eine traurige Sache.«

»Armer Mr. Woodhouse und arme Emma, bitte! ›Arme Miss Taylor‹ kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich schätze Sie und Emma sehr, aber wenn’s um Abhängigkeit oder Unabhängigkeit geht! Jedenfalls ist es wohl leichter, wenn man’s nur einem recht machen muß statt zweien.«

»Besonders, wenn der eine von diesen beiden so ein überspanntes und schwieriges Menschenkind ist!« sagte Emma necklustig. »Das meinen Sie doch, ich weiß es wohl – und sicherlich würden Sie’s auch sagen, wenn mein Vater nicht dabei wäre.«

»Ich glaube, mein liebes Kind, das ist wirklich nur allzu wahr«, sagte Mr. Woodhouse mit einem Seufzer. »Ich fürchte, ich bin manchmal recht überspannt und schwierig.«

»Mein liebster Papa! Sie denken doch wohl nicht, ich spielte auf Sie an – oder gar, Mr. Knightley meinte Sie! O nein! Ich meinte nur mich selber. Mr. Knightley findet nämlich gern etwas an mir auszusetzen; natürlich im Scherz, es ist alles nur Scherz. Wir werfen uns einfach immer an den Kopf, was uns gerade Spaß macht.«

Wirklich war Mr. Knightley einer der wenigen Menschen, die Emma Woodhouse nicht ohne Fehl und Tadel fanden, und der einzige, der es ihr sagte. Und Emma, die selber nicht sonderlich davon erbaut war, wußte, ihr Vater würde es noch weniger sein, und wollte nicht den Argwohn in ihm aufkommen lassen, daß nicht jedermann sie vollkommen finde.

»Emma weiß, daß ich ihr nie schmeichle«, sagte Mr. Knightley; »aber was ich sagte, war nicht anzüglich gemeint. Miss Taylor mußte bisher immer mit zwei Leuten auskommen, und jetzt ist’s nur noch einer. Dabei kann sie nur gewinnen.«

»Nun«, sagte Emma, die lieber darüber hinwegging, »Sie möchten gewiß etwas über die Hochzeit hören; ich will Ihnen gern davon erzählen, denn wir haben uns alle reizend benommen. Jeder war pünktlich, jeder zeigte sich von der besten Seite. Nicht eine Träne, kaum ein langes Gesicht war zu sehen. Ach nein, wir alle sagten uns, daß wir ja nur eine halbe Meile auseinander gingen und uns gewiß alle Tage wiedersähen.«

»Die liebe Emma trägt alles so tapfer«, sagte ihr Vater. »Aber, Mr. Knightley, sie trauert der armen Miss Taylor doch sehr nach, und ich bin überzeugt, sie wird sie noch mehr vermissen, als sie glaubt.«

Zwischen Tränen und Lächeln schwankend, wandte Emma ihr Gesicht zur Seite.

»Wie sollte sie auch eine so liebe Gefährtin nicht vermissen«, sagte Mr. Knightley. »Wir hätten Emma ja nicht so gern, Sir, wenn wir ihr das zutrauten. Aber sie weiß auch, wie vorteilhaft diese Heirat für Miss Taylor ist; sie weiß, wie willkommen es in Miss Taylors Alter sein muß, ein eigenes Heim zu gründen, und was es für sie bedeutet, sich so wohlversorgt zu wissen; und darum darf sich Emma dem Trennungsschmerz nicht so hingeben wie der Freude. Wer Miss Taylor zugetan ist, muß doch froh sein, sie so glücklich verheiratet zu sehen.«

»Und einen weiteren Grund, mich zu freuen, haben Sie vergessen«, sagte Emma, »und sogar einen sehr triftigen Grund – nämlich, daß ich selbst die Ehe gestiftet habe. Vor vier Jahren schon, müssen Sie wissen, hab ich die Verbindung geplant; und daß es so gekommen ist, daß ich recht behalten habe, obwohl so viele Leute sagten, Mr. Weston werde nie wieder heiraten, das kann mich über alles hinwegtrösten.«

Mr. Knightley schüttelte den Kopf über sie. Ihr Vater erwiderte zärtlich: »Ach, mein liebes Kind, laß das lieber, das Ehestiften und Prophezeien, denn alles, was du sagst, trifft ein. Bitte, stifte keine Ehen mehr.«

»Nicht für mich selber, das verspreche ich Ihnen, Papa, aber für andre muß ich’s unbedingt. Nichts auf der Welt macht soviel Vergnügen! Und nach einem solchen Erfolg, wissen Sie! Jeder sagte, Mr. Weston heiratete nicht wieder. Ach, um Himmels willen, nein! Mr. Weston, der so lange Witwer gewesen war und sich ohne Frau vollkommen wohlzufühlen schien, der gänzlich ausgefüllt war von seinen Geschäften in der Stadt und seinen Freunden hier, überall gern gesehen, wo er auch hinging, immer vergnügt – Mr. Weston brauchte nicht einen einzigen Abend im Jahr allein zu verbringen, wenn er keine Lust dazu hatte. O nein! Mr. Weston dachte nicht daran, wieder zu heiraten. Manche Leute wollten sogar wissen, er hätte es seiner Frau auf dem Sterbebett gelobt, und andre sagten, sein Sohn und der Onkel wären dagegen. Was für feierlicher Unsinn wurde nicht darüber geschwätzt! Aber ich hab nie daran geglaubt. Seit dem Tage vor ungefähr vier Jahren, als Miss Taylor und ich ihm auf dem Broadway Lane begegneten und er, weil es anfing zu nieseln, so ritterlich davonstürzte, um für uns beide vom Bauer Mitchell Schirme zu borgen – seitdem war ich meiner Sache sicher. Von der Stunde an habe ich die Ehe geplant; und wenn ich in diesem Fall von solch einem Erfolg gesegnet wurde, mein lieber Papa, dann glauben Sie doch wohl nicht, daß ich das Heiratstiften aufgebe.«

»Ich verstehe nicht, was Sie mit ›Erfolg‹ meinen«, sagte Mr. Knightley. »Erfolg setzt Bemühung voraus. Wenn Sie sich die letzten vier Jahre bemüht haben, diese Heirat zustande zu bringen, haben Sie mit Ihrer Zeit etwas Rechtes angefangen, was viel Zartgefühl verlangt. Eine wahrhaft würdige Beschäftigung für das Herz einer jungen Dame! Wenn Sie aber, wie ich mir’s eher vorstelle, mit Ihrem Ehestiften, wie Sie’s nennen, nur meinen, daß Sie es gewünscht und erhofft haben, daß Sie sich eines müßigen Tages sagten: ›Ich fände es sehr schön für Miss Taylor, wenn Mr. Weston sie heiratete‹, und sich das dann ab und zu wieder gesagt haben – wieso sprechen Sie dann von Erfolg? Wo ist Ihr Verdienst? Worauf sind Sie so stolz? Sie haben gut geraten; das ist alles, was man dazu sagen kann.«

»Und haben Sie nie erlebt, was für ein Vergnügen, welche Genugtuung es ist, richtig geraten zu haben? Dann tun Sie mir leid! Ich habe Sie für klüger gehalten – denn, verlassen Sie sich drauf, richtig zu raten ist niemals lediglich Glückssache. Es gehört immer ein bißchen Begabung dazu. Und was mein armes Wort ›Erfolg‹ angeht, das Sie mir streitig machen, so weiß ich nicht, warum ich so gar keinen Anspruch darauf haben soll. Sie haben so hübsch zwei Möglichkeiten ausgemalt – aber ich glaube, es gibt noch eine dritte, etwas zwischen Nichtstun und Allestun. Hätte ich nicht Mr. Westons Besuche hier begünstigt und sie oft ein bißchen ermutigt und ihnen in mancherlei Kleinigkeiten etwas die Wege geebnet, so wäre vielleicht doch alles im Sande verlaufen. Ich glaube, Sie kennen Hartfield zur Genüge, um das einzusehen.«

»Ach was, einem aufrichtigen, offenherzigen Mann wie Mr. Weston und einer so verständigen, ungekünstelten Frau wie Miss Taylor darf man wohl zutrauen, daß sie mit ihren Angelegenheiten allein fertig werden. Wahrscheinlich haben Sie sich selber durch Ihre Einmischung mehr geschadet, als ihnen Gutes getan.«

»Emma denkt nie an sich selber, wenn sie andern Gutes tun kann«, stimmte Mr. Woodhouse bei, der nur teilweise folgen konnte. »Aber, mein Liebes, bitte, stifte keine Ehen mehr, das ist dummes Zeug und zerstört einem nur schmerzlich den Familienkreis.«

»Nur eine noch, Papa; nur für Mr. Elton. Der arme Mr. Elton! Sie haben Mr. Elton doch so gern, Papa – ich muß mich unbedingt nach einer Frau für ihn umsehen! Hier in Highbury gibt es keine, die ihn verdient. Er ist nun schon ein ganzes Jahr hier und hat sich sein Haus so behaglich eingerichtet, daß es eine Schande wäre, wenn er noch länger allein bliebe. Und als er heute ihre Hände ineinanderlegte, sah er mir ganz danach aus, als hätte er’s gern, wenn man ihm den gleichen Dienst erwiese. Ich halte viel von Mr. Elton, und dies ist für mich die einzige Möglichkeit, ihm einen Gefallen zu tun.«

»Mr. Elton ist gewiß ein sehr netter junger Mann und ein sehr braver junger Mann, ich schätze ihn sehr. Aber wenn du ihm einen Gefallen tun willst, mein Liebes, dann lade ihn doch eines Tages zum Essen ein. Das ist viel besser. Ich darf wohl annehmen, daß Mr. Knightley so freundlich sein wird, dann auch zu kommen.«

»Mit großem Vergnügen, Sir, jederzeit«, sagte Mr. Knightley lachend; »und ich bin auch ganz Ihrer Meinung, daß es so besser ist. Laden Sie ihn zum Essen ein, Emma, und legen Sie ihm die feinsten Stücke Fisch und Hühnchen vor, aber überlassen Sie es ihm, sich seine Frau auszusuchen. Verlassen Sie sich drauf, ein Mann von sechs- oder siebenundzwanzig Jahren kann für sich selber sorgen.«

Zweites Kapitel

Mr. Weston war aus Highbury gebürtig und stammte aus einer achtbaren Familie, die in den letzten zwei oder drei Generationen zu gesellschaftlichem Ansehen und Wohlstand aufgestiegen war. Er hatte eine gute Erziehung genossen, aber als er es, schon in jungen Jahren, zu einer bescheidenen Selbständigkeit gebracht hatte, verspürte er wenig Neigung, sich häuslich niederzulassen wie seine Brüder. Seinem rührigen, lebensfrohen Wesen und seinem geselligen Temperament lag es mehr, in die Bürgerwehr seiner Grafschaft einzutreten, die damals aufgestellt wurde.

Hauptmann Weston war dort der allgemeine Liebling; und als er durch die Zufälle seiner militärischen Laufbahn mit Miss Churchill bekannt wurde, die einer vornehmen Familie aus Yorkshire angehörte, und Miss Churchill sich in ihn verliebte, war niemand überrascht außer ihrem Bruder und dessen Frau, die ihn nie gesehen hatten und in ihrem Stolz, ihrem Standesdünkel diese Verbindung als beleidigend empfanden.

Miss Churchill jedoch, die mündig war und volles Verfügungsrecht über ihr Vermögen hatte – das freilich in keinem Verhältnis zu dem Familienbesitz stand –, war nicht von der Heirat abzubringen, und die Trauung fand statt zur grenzenlosen Erbitterung von Mr. und Mrs. Churchill, die sie mit gebührendem Dekorum von sich stießen.

Die beiden aber paßten nicht zueinander, und ihre Ehe wurde nicht sehr glücklich. Mrs. Weston hätte noch am ehesten ihr Glück darin finden können, denn ihr Gatte in seiner Warmherzigkeit und Nachgiebigkeit meinte, er müsse ihr alles zuliebe tun zum Dank dafür, daß sie geruht hatte, sich in ihn zu verlieben. Aber wenn sie auch in gewissem Sinne Charakter hatte, so war es doch kein Charakter von der besten Art. Sie war standhaft genug, ihrem Bruder zum Trotz ihren Willen durchzusetzen, nicht aber, um sich über den törichten Groll ihres Bruders nicht töricht zu grämen und dem Luxus ihres früheren Heims nachzutrauern. Sie lebten über ihre Verhältnisse, und doch war das nichts im Vergleich zu Enscombe; sie hörte zwar nicht auf, ihren Gatten zu lieben, aber sie wäre am liebsten zugleich die Frau Hauptmann Westons und Miss Churchill von Enscombe gewesen.

Es zeigte sich, daß Hauptmann Weston, der nach Ansicht der Leute, und namentlich der Churchills, eine so großartige Partie gemacht hatte, dabei weitaus den kürzeren zog; denn als seine Frau nach dreijähriger Ehe starb, war er ärmer als zuvor und hatte noch dazu für ein Kind zu sorgen. Von dem Unterhalt des Knaben wurde er jedoch bald entbunden. Der Kleine war zum Mittler geworden und brachte etwas wie eine Versöhnung zustande, und die schleichende Krankheit seiner Mutter trug dazu bei, die Gemüter milde zu stimmen; und Mr. und Mrs. Churchill, die selber kinderlos waren und auch für kein anderes junges Wesen aus ebenbürtiger Verwandtschaft zu sorgen hatten, erboten sich bald nach dem Hinscheiden Mrs. Westons, den kleinen Frank ganz zu sich nehmen. Sicherlich empfand der verwitwete Vater Bedenken und Widerstreben gegen diese Lösung, da aber andere Erwägungen den Ausschlag gaben, wurde das Kind der Obhut und dem Reichtum der Churchills überantwortet. So brauchte Mr. Weston nun nur an sein eigenes Wohl zu denken und zu versuchen, so gut es ging, wieder auf einen grünen Zweig zu kommen.

Eine gründliche Veränderung schien ihm ratsam. So quittierte er den Dienst bei der Miliz und sattelte zum Handel um, denn seine Brüder hatten sich in London niedergelassen und kamen gut vorwärts, was ihm einen günstigen Anfang ermöglichte. Es war ein Unternehmen, das ihm gerade genug zu tun gab. Er besaß noch ein Häuschen in Highbury, wo er meist seine freien Tage verbrachte, und die nächsten achtzehn oder zwanzig Jahre seines Lebens gingen zwischen nützlicher Beschäftigung und gesellschaftlichen Vergnügungen heiter dahin. Mittlerweile hatte er es zu einem behaglichen Auskommen gebracht – genug, um ein Gütchen in der Nähe von Highbury zu erwerben, was er sich immer gewünscht hatte; genug, um eine Frau ohne jede Mitgift wie Miss Taylor zu heiraten und den Neigungen seiner freundschaftlichen und geselligen Natur zu leben.

Schon seit einiger Zeit hatte Miss Taylor in seinen Zukunftsplänen eine Rolle gespielt; aber es hatte ihn nicht mit der tyrannischen Macht gepackt, die Jugend zu Jugend zieht, und darum seinen Entschluß, nicht eher einen Hausstand zu gründen, als bis er Randalls kaufen könnte, nicht erschüttert. Lange hatte er darauf gewartet, daß Randalls zum Verkauf stand, aber beharrlich seine Ziele im Auge behalten, bis er sie erreicht hatte. Er hatte sein Vermögen erworben, sein Haus gekauft und die Frau bekommen, die er wollte; und nun begann er einen neuen Lebensabschnitt, in dem ihm aller Wahrscheinlichkeit nach mehr Glück winkte, als er in dem früheren erlebt hatte. Er war nie eigentlich unglücklich gewesen, davor hatte ihn seine Natur selbst in der ersten Ehe bewahrt; aber seine zweite sollte ihm zeigen, wie beglückend eine verständige und wahrhaft liebenswerte Frau war, sollte ihm aufs erfreulichste beweisen, daß es um vieles schöner ist zu wählen, als gewählt zu werden, schöner, den andern dankbar zu stimmen, als selber Dank zu schulden.

Er brauchte sich bei seiner Wahl nur von seinen Wünschen leiten zu lassen. Sein Vermögen war sein eigen; denn was Frank betraf, so war er nicht nur in stiller Übereinkunft als Erbe seines Onkels aufgezogen worden, man hatte schließlich den Wunsch ausgesprochen, ihn zu adoptieren, so daß er bei seiner Großjährigkeit den Namen Churchill annahm. Darum war es höchst unwahrscheinlich, daß er jemals auf den väterlichen Beistand angewiesen sein würde. In dieser Hinsicht war sein Vater unbesorgt. Zwar war die Tante eine launenhafte Frau und beherrschte ihren Gatten ganz und gar; aber ein Mann wie Mr. Weston konnte sich nicht vorstellen, daß eine Laune je soviel Macht über sie gewinnen könnte, daß sie einem geliebten und, wie er glaubte, verdienterweise geliebten Menschen Schaden zufügte. Er sah seinen Sohn jedes Jahr in London und war sehr stolz auf ihn; und mit seinen liebevollen Berichten, die Frank Churchill als einen sehr gewinnenden jungen Mann schilderten, hatte er’s dahin gebracht, daß ganz Highbury gewissermaßen stolz auf ihn war. Man betrachtete ihn so sehr als zugehörig, daß man seine Qualitäten und Zukunftsaussichten als Gegenstand gemeinsamen Interesses empfand.

Frank Churchill war also eine der Glanznummern von Highbury, und mit lebhafter Neugier wartete man darauf, ihn zu sehen; nur wurde diese schmeichelhafte Erwartung so wenig erwidert, daß er noch nie im Leben gekommen war; oft hieß es, er werde seinen Vater besuchen, aber geschehen war’s noch nie.

Jetzt, nach seines Vaters Heirat, fand man allgemein, dieser Besuch, als eine Artigkeit, die sich gehörte, müsse nun endlich stattfinden. Darüber gab es nur eine Stimme, ob Mrs. Perry zum Tee zu Mrs. und Miss Bates kam, oder Mrs. und Miss Bates ihren Gegenbesuch machten: es war höchste Zeit, daß Mr. Churchill sich sehen ließ; und die Hoffnung wuchs, als man erfuhr, daß er seiner neuen Mutter geschrieben hatte. Ein paar Tage lang verging keine Morgenvisite in Highbury, ohne daß die Rede auf den reizenden Brief kam, den Mrs. Weston erhalten hatte. »Sie haben gewiß von dem reizenden Brief gehört, den Mr. Frank Churchill an Mrs. Weston geschrieben hat? Es muß ein ganz reizender Brief sein. Mr. Woodhouse hat mir davon erzählt. Mr. Woodhouse hat den Brief selber gelesen, er sagt, in seinem Leben hätte er keinen so reizenden Brief gesehen.«

Es war wirklich ein hochgeschätzter Brief. Mrs. Weston, die sich natürlich von vornherein ein sehr günstiges Bild von dem jungen Mann gemacht hatte, empfand diese erfreuliche Aufmerksamkeit als unwiderlegbaren Beweis für sein großmütiges Verständnis und als höchst willkommene Bekrönung all der Zuneigung, die man ihr bei ihrer Heirat bekundet hatte. Sie fühlte sich vom Glück überhäuft; und sie hatte lange genug gelebt, um zu wissen, daß sie sich wirklich glücklich schätzen durfte, wenn sie nichts andres zu beklagen hatte als die zeitweise Trennung von ihren Freunden, deren Freundschaft für sie nie abgekühlt war und die sie schmerzlich entbehrten.

Sie wußte wohl, daß man sie zuweilen vermißte; und sie konnte nicht ohne Betrübnis daran denken, daß Emma auch nur um ein einziges Vergnügen kam, sich auch nur eine Stunde langweilte, weil ihre Gesellschaft ihr fehlte. Doch die liebe Emma war ja kein schwacher Charakter; sie war ihrer Lage besser gewachsen, als es bei den meisten anderen jungen Mädchen der Fall gewesen wäre. Ihre Vernunft, ihre Energie, ihre Lebhaftigkeit würden ihr hoffentlich leicht und glücklich über die kleinen Schwierigkeiten und Verzichte hinweghelfen. Und dann lag ein solcher Trost darin, daß es von Hartfield nach Randalls nur ein Spaziergang war, den selbst ein weibliches Wesen allein machen konnte; auch bot der nahende Winter bei Mr. Westons Veranlagung und bei seinen Verhältnissen kein Hindernis, die Hälfte der Abende in der Woche zusammen zu verbringen.

Alles in allem fand Mrs. Weston in ihrem neuen Zustand Anlaß zu Stunden der Dankbarkeit und nur zu Augenblicken des Bedauerns. Und daß sie zufrieden war, mehr als zufrieden, daß sie ihn mit Freuden genoß, war ihr so gut nachzufühlen und so offenbar, daß Emma, wie gut sie auch ihren Vater kannte, sich zuweilen doch wunderte, wie er immer noch »die arme Miss Taylor« bemitleiden konnte, wenn sie sie in Randalls inmitten all ihrer häuslichen Behaglichkeit zurückließen oder sie abends weggehen sahen, von ihrem sympathischen Mann zum eigenen Wagen geleitet. Aber nie schied sie, ohne daß Mr. Woodhouse einen leisen Seufzer ausstieß und sagte:

»Ach! Die arme Miss Taylor! Sie wäre sicher froh, wenn sie hierbleiben könnte.«

Nichts aber brachte Miss Taylor zurück, noch bestand Aussicht, daß er je aufhören würde, ihr Los zu beklagen. Doch im Lauf der Wochen fand Mr. Woodhouse Linderung; die Nachbarn hörten auf, ihm zu gratulieren, er wurde also nicht mehr damit gequält, daß man ihn zu einem so betrüblichen Ereignis beglückwünschte, und der Hochzeitskuchen, der ihm soviel Sorge verursacht hatte, war bis aufs letzte Krümchen verzehrt. Da sein Magen nichts Schweres vertrug, war es für ihn undenkbar, daß es andern Leuten anders ging; was ihm schlecht bekam, war folglich unbekömmlich für jedermann. Er hatte ihnen darum ernsthaft auszureden versucht, überhaupt einen Hochzeitskuchen zu backen, und als das nichts half, suchte er ebenso ernsthaft zu verhindern, daß jemand davon aß. Er hatte sogar die Mühe nicht gescheut, Mr. Perry, den Landarzt, darüber zu befragen. Mr. Perry war ein kluger, feingebildeter Mann, dessen häufige Besuche zu den Tröstungen in Mr. Woodhouses Dasein gehörten; und da man an seine ärztliche Weisheit appellierte, mußte Mr. Perry zugeben (wenn auch sichtlich gegen die eigene Neigung), daß Hochzeitskuchen sicherlich für manche, vielleicht für die meisten Leute unzuträglich sei, es sei denn, man genieße ihn mit Maßen. Mit dieser Ansicht als Bekräftigung der seinen hoffte Mr. Woodhouse jeden Gast der Neuvermählten zu überzeugen. Trotzdem wurde der Kuchen aufgegessen; und es gab keine Ruhe für seine von Wohlwollen geplagten Nerven, bis er alle war.

Ein haarsträubendes Gerücht lief in Highbury um: man hätte die kleinen Perrys allesamt mit einem Stück von Mrs. Westons Hochzeitskuchen in der Hand gesehen. Aber das konnte Mr. Woodhouse denn doch nicht glauben.

Drittes Kapitel

Mr. Woodhouse liebte Geselligkeit, jedoch auf seine Weise. Er sah es sehr gern, wenn seine Freunde zu ihm kamen, und mancherlei Gründe – seine lange Ansässigkeit in Hartfield, sein gutmütiges Wesen, sein Vermögen, sein Haus und seine Tochter – spielten dabei mit, daß er in seinem kleinen Kreise die Form der Gastlichkeit bestimmen konnte, wie sie ihm genehm war. Mit Familien außerhalb dieses Kreises pflog er nicht viel Umgang. Gäste zu später Stunde und große Dinnergesellschaften waren ihm ein Greuel, deshalb konnte er nur mit Leuten verkehren, die sich seinen Wünschen anpaßten. Deren gab es glücklicherweise genug, sowohl in Highbury und dem zum gleichen Kirchspiel gehörenden Randalls wie auch in Donwell im benachbarten Kirchspiel, dem Wohnsitz Mr. Knightleys. Nicht selten ließ er sich von Emma überreden, ein paar der auserwählten, besten Freunde zum Dinner einzuladen; lieber aber sah er abends Menschen um sich, und wenn er sich nicht gerade einbildete, er sei überhaupt keiner Geselligkeit gewachsen, gab es kaum einen Abend in der Woche, an dem Emma ihm nicht den Spieltisch aufschlagen konnte.

Alte, wahre Verbundenheit führte die Westons und Mr. Knightley herbei; und daß Mr. Elton, ein junger Mann, der für sich allein hauste, was nicht sehr nach seinem Geschmack war, je die Gunst ausschlagen könnte, einen freien Abend seines leeren, einschichtigen Daseins gegen die Annehmlichkeiten und die Gesellschaft in Mr. Woodhouses Salon und das Lächeln seiner schönen Tochter einzutauschen, war nicht zu befürchten.

Nächst diesen rangierte eine zweite Gruppe. Davon waren Mrs. und Miss Bates und Mrs. Goddard die häufigsten Tischgäste, drei Damen, die fast jederzeit für eine Einladung nach Hartfield zu haben waren. Sie wurden so oft abgeholt und wieder nach Hause gebracht, daß Mr. Woodhouse es nicht mehr als eine Härte für James und die Pferde empfand; wäre es nur einmal im Jahr vorgekommen, er hätte es als Schinderei angesehen.

Mrs. Bates, die Witwe eines früheren Vikars von Highbury, war eine sehr alte Dame, längst über alles andre als Teevisiten und eine Partie Quadrille hinaus. Sie lebte mit ihrer einzigen Tochter in recht eingeschränkten Verhältnissen, doch begegnete man ihr mit all der achtungsvollen Freundlichkeit, die man für eine harmlose Greisin in so widriger Lage nur empfinden kann. Ihre Tochter erfreute sich einer Beliebtheit, die für eine weder junge, noch hübsche, noch reiche, noch verheiratete Frau ganz außerordentlich war. Miss Bates besaß wahrlich die allerkläglichsten Chancen von der Welt, die Gunst der Leute zu gewinnen, und keinerlei Geistesgaben, um sich daran schadlos zu halten und Übelgesinnten wenigstens äußeren Respekt einzujagen. Nie hatte sie durch Schönheit oder Klugheit geglänzt. Ihre Jugend war unbemerkt dahingegangen, und ihre mittleren Jahre hatte sie der Pflege ihrer hinfälligen Mutter gewidmet und dem Bemühen, mit einem schmalen Beutel so weit wie möglich zu kommen. Und doch war sie eine glückliche Frau, und niemand sprach ohne Wohlwollen von ihr. Es war ihr eigenes allumfassendes Wohlwollen und ihr zufriedenes Gemüt, das solche Wunder wirkte. Sie war allen Menschen gut, freute sich mit am Glück der andern und sah in jedem nur das Gute; sich selber fühlte sie vom Glück in höchstem Maße begünstigt und umgeben von lauter Segnungen in Gestalt der allerbesten Mutter und so vieler guter Nachbarn und Freunde und eines Heims, in dem es an nichts mangelte. Ihr schlichtes, heiteres Wesen, ihr dankbares Herz machten sie allen lieb und wert und waren ihr selber ein Quell der Glückseligkeit. Sie war groß darin, über Kleinigkeiten zu plaudern, und das war gerade das Rechte für Mr. Woodhouse, ein Geplätscher von belanglosen Mitteilungen und harmlosem Klatsch.

Mrs. Goddard war Leiterin einer Schule; doch war das nicht etwa ein Seminar oder ein Etablissement oder sonst eine Anstalt, die sich in langen Sätzen voll hochtrabenden Unsinns anheischig macht, nach modernen Grundsätzen und neuen Systemen liberale Errungenschaften im Verein mit feiner Gesittung zu vermitteln, und in der junge Damen gegen ungeheures Entgelt um ihre Gesundheit gebracht und mit Eitelkeit vollgepumpt werden – sondern ein richtiges ehrbares, altmodisches Internat, wo ein vernünftiges Maß an Kenntnissen zu einem vernünftigen Preis geboten wurde, und wo man Mädchen hinschicken konnte, damit sie aus dem Wege seien und sich ein bißchen Bildung aneigneten, ohne die Gefahr, daß sie als Wunderkinder zurückkamen. Mrs. Goddards Schule stand in hohem Ansehen, und mit Recht, denn Highbury galt als ein besonders gesunder Ort. Sie hatte ein geräumiges Haus mit weitläufigem Garten, gab den Kindern gesunde und reichliche Kost, ließ sie im Sommer viel herumlaufen und verband im Winter ihre Frostbeulen mit eigener Hand. Kein Wunder, daß nun ein Trupp von zwanzig Pärchen hinter ihr her zur Kirche wandelte. Sie war eine schlichte, mütterliche Frau, die in ihrer Jugend hart gearbeitet hatte und sich nun das Recht zugestand, sich gelegentlich einen freien Nachmittag für eine Teevisite zu gönnen; und da sie Mr. Woodhouses Freundlichkeit viel verdankte, fand sie, er habe einen Anspruch darauf, daß sie, so oft sie konnte, ihr hübsches Wohnzimmer, das ringsherum mit Handarbeiten behangen war, verließ, um an seinem Kaminfeuer ein paar Sechser zu gewinnen oder zu verlieren.

Diese Damen konnte Emma nun alle paar Tage zusammenholen, und das freute sie um ihres Vaters willen; doch für sie selber war damit die Lücke, die Mrs. Weston gelassen hatte, nicht ausgefüllt. Sie war herzlich froh, ihren Vater so behaglich versorgt zu sehen, und auch nicht wenig mit sich selbst zufrieden, daß sie die Dinge so geschickt zu arrangieren wußte; aber bei dem gemächlichen, langatmigen Geplauder dieser drei Damen fühlte sie, daß nun wirklich die Reihe der endlosen Abende angebrochen war, die sie mit Bangen hatte kommen sehen.

Als sie eines Morgens trübselig dasaß und sich sagte, ebenso werde auch der heutige Abend enden, brachte man ihr ein Briefchen von Mrs. Goddard, worin diese in den ehrerbietigsten Wendungen um die Erlaubnis bat, Miss Smith mitzubringen. Ein höchst willkommenes Anliegen, denn Miss Smith war ein siebzehnjähriges Mädchen, das Emma von Ansehen bekannt war und durch seinen Liebreiz ihr Interesse erregt hatte. Ein huldvolle Einladung war die Antwort, und die schöne Herrin des Hauses sah nun dem Abend ohne Furcht entgegen.

Harriet Smith war die natürliche Tochter von irgend jemand. Jemand hatte sie vor einigen Jahren in Mrs. Goddards Schule untergebracht, und jemand hatte sie kürzlich von der Schülerin zur Pensionärin befördert – das war alles, was man von ihr wußte. Sie hatte keine sichtbaren Freunde außer denen, die sie in Highbury gewonnen hatte, und nun war sie soeben von einem langen Besuch bei Freundinnen auf dem Lande, die mit ihr zur Schule gegangen waren, zurückgekehrt.

Sie war ein hübsches Mädchen und zufällig von einer Hübschheit, für die Emma besonders empfänglich war: klein, rundlich, mit regelmäßigen Zügen und einem rosigen Hauch auf den zarten Wangen, mit blauen Augen, blondem Haar und einem Blick voller Sanftmut. Und ehe der Abend zu Ende ging, war Emma von ihrem Wesen ebenso angetan wie von ihrem Anblick und fest entschlossen, die Bekanntschaft fortzusetzen.

Zwar überraschte Miss Smith sie in der Unterhaltung durch keinerlei besonders gescheite Äußerungen, doch alles in allem fand sie sie sehr anziehend; sie war nicht peinlich schüchtern, so daß man ihr jedes Wort aus dem Munde ziehen mußte, doch auch nicht im entferntesten vorlaut, sondern wußte so fein den geziemenden Abstand zu wahren, schien so rührend dankbar, daß sie nach Hartfield kommen durfte und zeigte sich so ungekünstelt davon beeindruckt, daß hier alles viel vornehmer aussah, als sie gewohnt war, daß Emma sich sagte, sie müsse ein verständiges Mädchen sein und verdiene, ermutigt zu werden. Und Ermutigung sollte ihr werden. Diese sanften blauen Augen und all diese natürliche Anmut sollten nicht an die zweitrangige Gesellschaft von Highbury und deren Anhang vergeudet werden. Für die Bekanntschaften, die sie bisher geschlossen hatte, war sie zu schade. Auch die Freunde, von denen sie soeben zurückkam, waren zwar recht brave Leute, aber ein schädlicher Umgang für sie. Es war eine Familie namens Martin, dem Stande nach Emma wohlbekannt; sie hatten einen großen Gutshof von Mr. Knightley gepachtet und wohnten im Kirchspiel von Donwell; gewiß sehr achtbare Leute – sie wußte, Mr. Knightley hielt große Stücke auf sie –, aber wahrscheinlich grob und ungeschliffen, gänzlich ungeeignet als nächste Freunde eines Mädchens, das sich nur noch ein bißchen mehr an Kenntnissen und feiner Lebensart anzueignen brauchte, um vollkommen zu werden. Sie würde sich Harriets annehmen, würde sie fördern, sie von ihren unwürdigen Bekannten lösen und in die gute Gesellschaft einführen; sie würde ihre Ansichten wie ihre Manieren formen. Das wäre eine interessante Aufgabe und sicherlich ein gutes Werk, ihrer eigenen Position, ihrer Muße, ihren Fähigkeiten höchst angemessen.

Sie war so eifrig damit beschäftigt, diese blauen Augen zu bewundern, zu plaudern und zuzuhören und zwischendrein alle diese Pläne zu schmieden, daß die Stunden ungewohnt schnell dahinflogen; und während sie sonst dasaß und nach der Uhr sah, ob es noch nicht bald Zeit sei für das Nachtmahl, das solche geselligen Abende stets beschloß, war heute der Tisch fix und fertig gedeckt und wurde ans Feuer gerückt, ehe sie sich’s versah. In ihrer angeregten Stimmung war sie heute mehr noch als sonst darauf bedacht, sich sehr gewandt und aufmerksam zu zeigen; und mit dem echten Wohlwollen eines Herzens, das sich an seinen heimlichen Träumen berauscht, machte sie die Honneurs bei Tische, legte vor und pries das Hühnerfrikassee und die in der Muschel gebackenen Austern mit einer Dringlichkeit an, die ihr zu so früher Stunde und angesichts der höflich zögernden Gäste wohl zulässig schien.

Mr. Woodhouses Gefühle gerieten bei solchen Gelegenheiten in den ärgsten Widerstreit. Er liebte es, seinen Gästen den Tisch zu decken, ehe sie gingen, denn so war es in seiner Jugend Brauch gewesen; da er aber überzeugt war, daß ein Nachtmahl schwer im Magen liege, sah er doch mit Bedauern, wenn etwas aufgetragen wurde; und während er in seiner Gastfreundlichkeit seine Besucher gern zu allem genötigt hätte, litt er aus Sorge um ihre Gesundheit Qualen, wenn sie überhaupt zugriffen.

Ein Schüsselchen mit dünner Hafergrütze, wie er es vor sich stehen hatte, war das einzige, was er ihnen mit gutem Gewissen empfehlen konnte; doch überwand er sich und sagte, während die Damen mit Genuß die feineren Sachen vertilgten:

»Mrs. Bates, darf ich Ihnen vorschlagen, eins von diesen Eiern zu kosten? Ein gekochtes Ei ist nicht unbekömmlich. Niemand versteht es so gut, ein Ei zu kochen, wie Serle. Von einem andern gekocht, würde ich’s Ihnen nicht empfehlen; aber Sie brauchen keine Angst zu haben, sehen Sie, sie sind sehr klein, eins von unsern kleinen Eiern wird Ihnen nicht schaden. Miss Bates, lassen Sie sich doch von Emma ein kleines Stückchen Torte reichen, ein winziges Stückchen. Wir essen immer nur Apfeltorte. Eingemachtes, das so unbekömmlich ist, haben Sie bei uns nicht zu befürchten. Doch von dem Custard rate ich Ihnen ab. Mrs. Goddard, was sagen Sie zu einem halben Gläschen Wein? Ein knappes halbes Glas, mit Wasser aufgefüllt, wie? Ich meine, das dürfte Ihnen nicht unzuträglich sein.«

Emma ließ ihren Vater reden, versorgte aber indes ihre Gäste auf befriedigendere Weise. Es war ihr heute ein Herzensbedürfnis, sie beglückt heimziehen zu sehen. Mit Miss Smith gelang ihr das vollauf. Miss Woodhouse war in Highbury eine so bedeutende Persönlichkeit, daß schon die Aussicht, bei ihr eingeführt zu werden, in Harriet nicht weniger Panik als Freude ausgelöst hatte. Doch das bescheidene, dankbare junge Mädchen fühlte sich reich beschenkt und schied voller Entzücken über die Leutseligkeit, mit der Miss Woodhouse sie den ganzen Abend über behandelt und ihr zum Schluß sogar die Hand gedrückt hatte.

Viertes Kapitel

Harriet war bald ein vertrauter Gast in Hartfield. In ihrer rasch entschiedenen Art hatte Emma sie, ohne Zeit zu verlieren, eingeladen und ermutigt, recht oft zu kommen; und je näher sie sich kennenlernten, desto mehr Gefallen fanden sie aneinander. Emma hatte bald vorausgesehen, wie nützlich ihr Harriet als Begleiterin auf ihren Spaziergängen sein würde. In dieser Hinsicht war die Trennung von Mrs. Weston sehr einschneidend gewesen. Ihr Vater ging nie über die Parkanlagen hinaus, wo ihm zwei Wege, die das Gelände durchquerten, für seinen langen oder kurzen Spaziergang, je nach der Jahreszeit, genügten. So war sie seit Mrs. Westons Heirat in ihrer Bewegungsfreiheit allzu beschränkt. Einmal hatte sie sich allein bis nach Randalls gewagt, aber das war kein Vergnügen. Eine Harriet Smith, jemand, den sie jederzeit zum Mitgehen auffordern konnte, brachte ihr darum einen schätzenswerten Zuwachs an Freizügigkeit. Doch in jeglicher Beziehung war sie mit ihr zufrieden, je öfter sie mit ihr zusammenkam, und das bestärkte sie in all ihren freundlichen Plänen.

Harriet war zwar nicht klug, aber ein liebes, fügsames, dankbares Wesen und nicht im mindesten eingebildet; von jedem Menschen, zu dem sie aufsah, ließ sie sich willig leiten. Es war rührend zu sehen, wie rasch sie Emma ins Herz schloß. Daß es sie zu guter Gesellschaft zog, daß sie eine geschmackvolle Umgebung und kluge Unterhaltung zu würdigen wußte, zeigte, daß es ihr nicht an einem gewissen Feingefühl mangelte, wenn man auch tiefere Einsicht bei ihr nicht erwarten durfte. Emma war, alles in allem, ganz überzeugt, daß sie in Harriet Smith genau die junge Freundin gefunden hatte, die sie brauchte, genau das Etwas, das sie daheim nötig hatte. Natürlich war eine Freundin wie Mrs. Weston über jeden Vergleich erhaben. Zwei wie sie waren einem nie vergönnt, und sie wünschte sie sich auch nicht. Was sie für die beiden empfand, war ganz verschieden und voneinander unabhängig. Die Verbundenheit mit Mrs. Weston beruhte auf Dankbarkeit und Hochachtung. In Harriet dagegen liebte sie einen Menschen, dem sie nützlich sein konnte. Für Mrs. Weston konnte man nichts tun, für Harriet alles.

Sie fing damit an, sich ihr nützlich zu machen, indem sie dahinterzukommen suchte, wer Harriets Eltern waren. Aber Harriet konnte es nicht sagen. Sie erzählte bereitwillig alles, was sie wußte, doch über diesen Punkt befragte man sie vergeblich. Emma war also darauf angewiesen zu erdichten, was sie gern wahrgehabt hätte, aber sie konnte sich nicht denken, daß sie selber in der gleichen Lage nicht die Wahrheit an den Tag gebracht hätte. Harriet war eben nicht scharfsinnig genug. Sie hatte sich damit zufriedengegeben, zu hören und zu glauben, was Mrs. Goddard ihr mitzuteilen für gut befand, und nicht weiter geforscht.

Mrs. Goddard, die Lehrerinnen, die Zöglinge und die Schulangelegenheiten im allgemeinen spielten natürlich in ihren Gesprächen eine große Rolle, und ohne ihre Bekanntschaft mit den Martins von dem Gutshof Abbey Mill wäre das ihre ganze Welt gewesen. Aber die Martins beschäftigten ihre Gedanken sehr; sie hatte zwei glückliche Monate bei ihnen verlebt, und gern erzählte sie nun von den Freuden dieser Zeit und schilderte die mancherlei Annehmlichkeiten und Wunderdinge dort. Und Emma ermutigte ihre Redelust, ergötzte sich an dem Bilde dieser anderen Gattung von Lebewesen und hatte ihr Vergnügen an der kindlichen Einfalt, die in den höchsten Tönen schwärmte, Mrs. Martin habe zwei Wohnzimmer, zwei wirklich sehr schöne Wohnzimmer, das eine ebenso groß wie Mrs. Goddards Salon; und sie hätte ein Erstmädchen, das schon seit fünfundzwanzig Jahren bei ihr sei, und acht Kühe hätten sie, zwei davon Alderneys und eine kleine von der Walliser Rasse, eine wirklich ganz entzückende Walliser Kuh; und Mrs. Martin hätte gesagt, weil sie sie so gern habe, solle sie Harriets Kuh heißen; und in ihrem Garten hätten sie eine reizende Laube, wo sie im nächsten Jahr einmal alle zusammen Tee trinken wollten – eine ganz reizende Laube, groß genug, daß ein Dutzend Leute darin sitzen konnte.

Eine Weile hatte Emma ihren Spaß daran, ohne sich weiter darüber Gedanken zu machen. Als sie aber die Familie besser überschaute, sah sie die Dinge in einem andern Licht. Sie hatte sich nämlich ein falsches Bild gemacht, hatte sich vorgestellt, es seien Mutter und Tochter und ein Sohn mit seiner Frau, die dort zusammen hausten. Und als ihr dann aufging, daß der Mr. Martin, der in Harriets Erzählung so oft wiederkehrte, und von dem es stets, wenn er dies oder jenes tat, hieß, wie herzensgut er sei – daß dieser Mr. Martin ledig war, daß es da gar keine junge Mrs. Martin, kein Eheweib gab, da witterte sie in all dieser Gastfreundschaft und Güte Gefahr für ihre arme kleine Freundin; wenn man nicht auf sie achtgab, ließ sie sich am Ende dazu verleiten, sich fürs ganze Leben zu erniedrigen.

Von dieser Vorstellung angefeuert, stellte sie ihr nun tausend hinterhältige Fragen. Vor allem bewog sie Harriet, mehr von Mr. Martin zu sprechen, und das war ihr sichtlich nicht unlieb. Harriet erzählte mit Wonne, wie er an ihren Mondscheinspaziergängen und an ihren lustigen abendlichen Gesellschaftsspielen teilgenommen hatte, und immer wieder betonte sie, wie herzensgut er sei und wie gefällig. Eines Tages sei er drei Meilen weit gelaufen, um ihr Walnüsse zu suchen, weil sie gesagt hatte, sie äße sie so gern – und auch in allem andern sei er so zuvorkommend! Eines Abends hatte er den Sohn seines Schäfers ins Wohnzimmer kommen lassen, damit er ihr etwas vorsinge. Sie höre Lieder so gern. Er könne selber auch ganz gut singen. Sie glaube, er sei sehr gescheit und verstünde sich auf alles. Er habe eine stattliche Herde; und während sie dort war, habe man ihm für seine Wolle mehr geboten als jedem andern im Lande. Sie glaube, jedermann sei gut auf ihn zu sprechen. Seine Mutter und seine Schwestern liebten ihn sehr. Mrs. Martin hatte eines Tages zu ihr gesagt (und sie errötete, als sie das erzählte), er sei ein so guter Sohn, wie es keinen zweiten gebe, darum werde er sicherlich, wenn er eines Tages heirate, auch ein guter Ehemann. Nicht daß ihr daran läge, daß er bald heiratete. Sie habe es durchaus nicht eilig damit.

Das haben Sie fein eingefädelt, Mrs. Martin! dachte Emma. Sie wissen, was Sie wollen!

Und als sie weggegangen sei, berichtete Harriet weiter, habe Mrs. Martin die Güte gehabt, ihr für Mrs. Goddard eine herrliche Gans mitzugeben, die beste Gans, die Mrs. Goddard je vorgekommen sei. Mrs. Goddard habe sie am Sonntag gebraten und alle drei Lehrerinnen, Miss Nash, Miss Prince und Miss Richardson, abends dazu eingeladen.

»Ich nehme an, Mr. Martins Horizont geht über seine eigenen Angelegenheiten nicht weit hinaus. Er liest wohl kaum?«

»O doch! . . . das heißt, nein . . . ich weiß nicht . . . doch, ich glaube, er hat viel gelesen . . . aber nichts, was in Ihren Augen viel wert wäre. Er liest die Landwirtschaftlichen Berichte und noch ein paar andere Bücher, sie liegen da auf einem Fenstersitz, aber die liest er nur für sich allein. Manchmal abends aber, ehe wir anfingen, Karten zu spielen, hat er etwas aus den Elegant Extracts vorgelesen – sehr vergnüglich. Und ich weiß, er hat sogar den Vikar von Wakefield gelesen. Die Waldromanze und Die Kinder aus der Abtei kennt er nicht, von diesen Büchern hatte er nie etwas gehört, bis ich sie erwähnte, aber er hat vor, sie sich jetzt so bald wie möglich zu beschaffen.«

Die nächste Frage war:

»Wie sieht Mr. Martin eigentlich aus?«

»Ach, er ist kein schöner Mann . . ., nein, gar nicht schön. Anfangs kam er mir recht unscheinbar vor, aber jetzt finde ich ihn nicht mehr so unscheinbar. Wissen Sie, nach einer Weile findet man das nicht mehr. Aber haben Sie ihn denn nie gesehen? Er ist ab und zu in Highbury, und bestimmt reitet er jede Woche auf dem Weg nach Kingston durch die Stadt. Er ist oft an Ihnen vorbeigekommen.«

»Das mag schon sein . . ., und vielleicht habe ich ihn fünfzigmal gesehen, aber ohne jede Ahnung, wer er ist. Ein junger Landwirt, ob zu Pferde oder zu Fuß, ist wahrlich der letzte, der meine Aufmerksamkeit erregen könnte. Gerade diese Freisassen sind eine Schicht, mit der ich nichts anzufangen weiß. Eine oder zwei Stufen tiefer könnten mich Leute, die vertrauenswürdig aussehen, wohl interessieren; ich würde vielleicht suchen, ihre Familien auf die eine oder andre Weise zu unterstützen. Aber ein Bauer braucht meine Hilfe nicht und steht deshalb in einem Sinn so weit über denen, die mich etwas angehen, wie er in jedem andern Sinn unter ihnen steht.«

»Natürlich. Ach ja! Sie haben ihn wahrscheinlich nie beachtet . . ., aber er kennt Sie sehr gut . . . ich meine, von Ansehen.«

»Ich zweifle nicht, daß er ein sehr achtbarer junger Mann ist. Ich weiß es sogar, und darum wünsche ich ihm alles Gute. Wie alt, meinst du, mag er sein?«

»Im vergangenen Juni, am achten, ist er vierundzwanzig geworden, und mein Geburtstag ist am dreiundzwanzigsten – genau fünfzehn Tage auseinander! Ist das nicht merkwürdig?«

»So, vierundzwanzig erst. Nun, das ist auch zu jung, um einen eigenen Hausstand zu gründen. Seine Mutter hat ganz recht, daß es ihr damit nicht eilt. Sie scheinen sich ja ganz wohl zu fühlen, wie es jetzt ist, und wenn sie sich jetzt schon nach einer Frau für ihn umsähe, würde sie’s wahrscheinlich bereuen. In sechs Jahren, wenn er dann ein braves Mädchen vom gleichen Stand findet, mit etwas Geld, ist es vielleicht ganz willkommen.«

»In sechs Jahren! Liebe Miss Woodhouse, dann wäre er ja dreißig Jahre alt!«

»Nun, eher können die meisten Männer, die nicht von Haus aus vermögend sind, es sich gar nicht leisten, zu heiraten. Ich könnte mir denken, daß Mr. Martin sich erst noch eine Grundlage erarbeiten muß, er kann noch gar nicht aus dem Gröbsten heraus sein. Einerlei, wieviel Geld ihm sein Vater hinterlassen hat, als er starb, und wie hoch sein Anteil am Familienbesitz ist, es ist bestimmt alles noch nicht greifbar, alles noch in der Wirtschaft angelegt; und wenn er mit der Zeit, sofern er fleißig ist und Glück hat, auch ganz wohlhabend werden kann, ist es doch so gut wie unmöglich, daß er’s jetzt schon zu was gebracht hat.«

»Freilich, das ist wahr. Aber sie leben sehr gut. Sie haben zwar keinen Knecht für die Arbeit im Hause, aber sonst fehlt ihnen nichts; und Mrs. Martin meint, sie würden nächstes Jahr einen jungen Burschen nehmen.«

»Ich wünsche dir nur, daß du nicht in Verlegenheit kommst, Harriet, wenn er eines Tages heiraten sollte . . ., ich meine, wenn du dann mit seiner Frau bekannt wirst . . .; denn wenn auch gegen seine Schwestern, die ja eine bessere Erziehung genossen haben, im ganzen nichts einzuwenden ist, er könnte doch eine Frau heiraten, die gar nicht der geeignete Umgang für dich wäre. Das Malheur mit deiner Geburt sollte dich besonders vorsichtig machen in der Wahl deines Umgangs. Du bist zweifellos die Tochter eines Gentleman, und du mußt deinen Anspruch auf diesen Rang mit allem, was in deinen Kräften steht, behaupten, sonst würden sich viele Leute ein Vergnügen draus machen, dich zu demütigen.«

»Ja, freilich . . ., mag sein, daß es solche Leute gibt. Aber solange ich in Hartfield verkehre und Sie so freundlich zu mir sind, ist mir vor keinem Menschen bange.«

»Du hast also schon ganz gut begriffen, was einflußreiche Beziehungen vermögen, Harriet, aber ich möchte dich so fest in der guten Gesellschaft verankert wissen, daß du selbst von Hartfield und Miss Woodhouse unabhängig wirst. Ich möchte, daß du gute Verbindungen hast, die von Dauer sind – und dazu ist es nötig, daß du dich möglichst wenig mit unpassenden Bekanntschaften einläßt; und deshalb, sage ich, falls du noch hier in der Gegend sein solltest, wenn Mr. Martin heiratet, möchte ich, daß du nicht durch die Freundschaft mit seinen Schwestern gezwungen wirst, auch mit seiner Frau zu verkehren, die wahrscheinlich nur eine ungebildete Bauerntochter sein wird.«

»Freilich, ja. Nicht, daß ich glaube, Mr. Martin würde eine heiraten, die nicht einigermaßen gebildet und sehr gut erzogen ist. Doch ich will Ihnen nicht widersprechen – und mir wird gewiß nichts daran liegen, seine Frau kennenzulernen. Ich werde die beiden Miss Martin immer sehr gern haben, besonders Elizabeth, und es täte mir leid, wenn ich sie aufgeben müßte, denn sie sind ebenso gut erzogen wie ich. Aber wenn er eine ganz unwissende, gewöhnliche Frau heiratet, werde ich sie natürlich lieber nicht besuchen, wenn ich’s vermeiden kann.«

Emma ließ sie bei dieser wankelmütigen Rede nicht aus den Augen, nahm aber keine alarmierenden Zeichen von Verliebtheit wahr. Der junge Mann war Harriets erster Verehrer, aber sie vertraute darauf, daß es kein engeres Band zwischen den beiden gab, und daß sich auf Harriets Seite keine ernstlichen Schwierigkeiten gegen freundschaftliche Arrangements ihrerseits ergeben würden.

Gleich am nächsten Tage, als sie auf der Straße nach Donwell spazierengingen, begegneten sie Mr. Martin. Er kam zu Fuß daher, und nach einem sehr ehrerbietigen Blick zu Emma hin schaute er mit unverhohlener Freude ihre Begleiterin an. Emma war diese Gelegenheit, sie zu beobachten, nicht unwillkommen. Während die beiden miteinander sprachen, ging sie ein paar Schritte weiter, musterte Mr. Martin mit flinken Augen und wußte bald hinlänglich über ihn Bescheid. Sein Äußeres war sehr anständig, und er machte durchaus den Eindruck eines vernünftigen jungen Mannes, aber weiter wies seine Erscheinung keine Vorzüge auf, und wenn man ihn einem Gentleman gegenüberstellte, müßte er – so dachte sie – allen Boden verlieren, den er in Harriets Herz gewonnen hatte. Harriet war nicht unempfindlich für feine Umgangsformen, sie hatte die vornehme Art ihres Vaters mit Bewunderung und Staunen bemerkt. Und Mr. Martin sah nicht danach aus, als ob er eine Ahnung von feinen Sitten hätte.

Sie blieben nur ein paar Minuten beieinander stehen, denn man durfte Miss Woodhouse nicht warten lassen. Und dann kam Harriet lächelnd gelaufen, in einer freudigen Erregung, der Miss Woodhouse schleunigst einen Dämpfer aufzusetzen gedachte.

»Nein, daß wir ihn so unverhofft getroffen haben! Wie sonderbar! Es ist reiner Zufall, sagte er, daß er nicht über Randalls gegangen ist. Er hätte nicht gedacht, daß wir hier spazierengingen, er meinte, wir gingen meistens auf Randalls zu. Die Waldromanze hat er sich noch nicht besorgen können. Als er das letzte Mal in Kingston war, hatte er so viel zu tun, daß er es ganz vergaß, aber er geht morgen wieder hin. Wie merkwürdig, daß wir uns so zufällig treffen mußten! Nun, Miss Woodhouse, sieht er so aus, wie Sie ihn sich vorgestellt haben? Was halten Sie von ihm? Finden Sie ihn sehr einfach?«

»Er ist ein ganz einfacher Mann, zweifellos – das sieht man auf den ersten Blick. Aber das ist nichts gegen seinen völligen Mangel an Lebensart. Ich hatte ja kein Recht, viel zu erwarten, und habe auch nicht viel erwartet, aber daß er derart bäurisch wäre, so ohne jeden Schliff, konnte ich nicht ahnen. Ich muß gestehen, ich hatte ihn mir doch ein bißchen feiner vorgestellt.«

»Freilich«, sagte Harriet mit gepreßter Stimme, »er ist nicht so fein wie ein richtiger Gentleman.«

»Ich meine, Harriet, seit du uns kennst, bist du wiederholt mit ein paar echten Gentlemen zusammengekommen, so daß dir selber der Unterschied gegen Mr. Martin in die Augen springen muß. Du bist in Hartfield Musterbeispielen von gebildeten, wohlerzogenen Männern begegnet. Ich würde mich wundern, wenn du danach wieder mit Mr. Martin zusammenträfst, ohne zu erkennen, wie tief er unter ihnen steht, und ohne dich über dich selber zu wundern, daß er dir jemals sympathisch war. Spürst du das denn jetzt nicht? Bist du nicht betroffen gewesen? Du mußt doch betroffen gewesen sein von seiner Plumpheit und seiner rauhen Art – und von seiner groben Stimme; ich hörte sie, während ich hier stand; die zarteren Töne gehen ihr gänzlich ab.«

»Freilich, er ist nicht wie Mr. Knightley. Er sieht nicht so vornehm aus und hat auch nicht einen so schönen Gang wie Mr. Knightley; den Unterschied seh ich deutlich genug. Aber Mr. Knightley ist auch ein so feiner Herr!«

»Mr. Knightley ist eine so vornehme Erscheinung, daß es nicht fair ist, Mr. Martin gerade mit ihm zu vergleichen. Unter hundert fändest du nicht einen, dem der Gentleman so deutlich auf der Stirn geschrieben steht wie Mr. Knightley. Aber er ist ja nicht der einzige Gentleman, mit dem du in letzter Zeit umgehst. Was sagst du zu Mr. Weston und zu Mr. Elton? Vergleiche Mr. Martin mit einem von diesen beiden, mit der Art, wie sie sich halten, wie sie gehen, wie sie sprechen, wie sie schweigen. Du mußt doch den Unterschied sehen!«

»O ja, es ist ein großer Unterschied. Aber Mr. Weston ist beinah ein alter Mann. Mr. Weston muß doch schon zwischen vierzig und fünfzig sein.«

»Darum ist sein gutes Benehmen nur um so höher zu schätzen. Je älter ein Mann wird, Harriet, desto wichtiger ist es, daß er keine schlechten Manieren hat, desto auffälliger und widerwärtiger wird alles laute, grobe, plumpe Benehmen. Was bei jungen Leuten noch passabel ist, wird bei einem älteren abstoßend. Mr. Martin ist jetzt schon derb und rauh; wie wird er erst sein, wenn er in Mr. Westons Alter ist?«

»Ja, das kann man nicht wissen«, erwiderte Harriet sehr ernsthaft.

»Aber es läßt sich ziemlich leicht erraten. Er wird ganz und gar ein grobschlächtiger, gewöhnlicher Bauer geworden sein, dem es gänzlich einerlei ist, wie er wirkt, und der nichts anderes als Gewinn und Verlust im Kopfe hat.«

»Meinen Sie wirklich? Das wär ja schlimm!«

»Wie sehr ihn sein Beruf jetzt schon vergröbert, siehst du deutlich daran, daß er vergessen hat, sich nach dem Buch zu erkundigen, das du ihm empfohlen hast. Er war viel zu sehr mit dem Markt beschäftigt, um an etwas anderes zu denken, ganz wie es sich für einen strebsamen Mann gehört. Was gehen ihn Bücher an? Und ich bezweifle nicht, daß er vorwärtsstrebt und mit der Zeit ein recht wohlhabender Mann wird – und daß er grob und ungebildet ist, braucht uns ja nicht zu stören.«

»Daß er nicht an das Buch gedacht hat, wundert mich auch«, war alles, was Harriet zur Antwort gab, und in einem Ton ernstlichen Mißfallens, das man, fand Emma, getrost sich selber überlassen durfte. Deshalb sagte er eine Weile nichts mehr. Bis sie dann wieder anfing:

»In einer Hinsicht übertrifft Mr. Elton in seinen Manieren vielleicht sogar Mr. Knightley und Mr. Weston. Bei ihm sind sie noch feiner, man könnte sie eher noch als Vorbild hinstellen. Mr. Weston ist von einer Offenherzigkeit, einer Lebhaftigkeit, ja beinah Derbheit, die aber jedermann an ihm gefällt, weil alles so vergnügt herauskommt, doch das ist nicht nachzuahmen. Ebensowenig Mr. Knightley, der so geradezu und bestimmt und gebieterisch ist, obwohl es ihm gut ansteht; seine Gestalt, sein Aussehen, seine Stellung im Leben dürften es ihm wohl erlauben. Aber wenn ein beliebiger junger Mann anfinge, ihn zu kopieren, das wäre unleidlich. Dagegen, glaube ich, könnte man einem jungen Manne getrost empfehlen, sich Mr. Elton zum Vorbild zu nehmen. Mr. Elton ist immer aufgeräumt, heiter, gefällig und sehr nett. Mir scheint, er ist in letzter Zeit besonders nett. Ich weiß nicht, Harriet, ob er sich nicht bei einer von uns beiden damit beliebt machen will, jedenfalls fällt mir auf, daß er noch sanfter geworden ist als früher. Wenn er etwas damit bezweckt, so dir zu gefallen. Habe ich dir nicht erzählt, was er mir neulich über dich gesagt hat?«

Sie hatte Mr. Elton einmal ein warmes Lob entlockt und brachte es nun recht eindrucksvoll zur Geltung. Harriet wurde rot und sagte lächelnd, sie hätte Mr. Elton immer schon sehr sympathisch gefunden.

Mr. Elton war nämlich derjenige, den Emma dazu ausersehen hatte, Mr. Martin, den jungen Pächter, bei Harriet auszustechen. Sie fand, die beiden mußten ein Paar werden, sie paßten ausgezeichnet zusammen. Nur schien ihr diese Verbindung zu naheliegend und wünschenswert, zu selbstverständlich und wahrscheinlich, als daß sie sich etwas Besonderes darauf zugute tun könnte, sie zu prophezeien. Sie fürchtete, jeder müßte so denken und es kommen sehen. Aber es war nicht anzunehmen, daß jemand ihr mit diesem Plan zuvorgekommen war, denn er hatte sich schon an dem Abend, als Harriet zum erstenmal nach Hartfield gekommen war, in ihrem Kopf eingenistet. Je länger sie ihn erwog, desto mehr leuchtete er ihr ein. Mr. Elton war in einer sehr annehmbaren Position, dazu ganz Gentleman und ohne niederen Anhang, zugleich aber nicht von einer Familie, die billigerweise an Harriets zweifelhafter Herkunft Anstoß nehmen könnte. Er hatte ihr ein behagliches Heim zu bieten und, wie Emma vermutete, ein ausreichendes Einkommen. Zwar war das Pastorat von Highbury nicht groß, doch wußte man, daß er etwas eigenes Vermögen besaß; und sie schätzte ihn als einen umgänglichen, wohlgesinnten, achtbaren jungen Mann, dem es weder an praktischem Verstand noch an Weltkenntnis mangelte.

Es war ihr schon eine Genugtuung, daß er Harriet hübsch fand; das schien ihr, bei so häufigen Begegnungen in Hartfield, eine ganz gute Grundlage auf seiner Seite. Und was Harriet betraf, war kaum daran zu zweifeln, daß der Gedanke, er habe von allen Mädchen gerade auf sie ein Auge geworfen, nicht die übliche mächtige Wirkung tat. Er war ja auch wirklich ein sehr sympathischer junger Mann, jede nicht gerade wählerische Frau könnte ihn gern haben. Er galt als sehr ansehnlich, sein Äußeres wurde allgemein bewundert – freilich nicht von ihr selber; seinen Zügen fehlte eine gewisse Feinheit, die sie nicht missen mochte. Aber das Mädchen, das sich so dankbar freute über einen Robert Martin, der im Lande herumritt, um ihr Walnüsse zu suchen, mußte ja wohl durch die Huldigungen Mr. Eltons zu erobern sein.

Fünftes Kapitel

»Ich weiß nicht, wie Sie über die dicke Freundschaft zwischen Emma und Harriet denken, Mrs. Weston«, sagte Mr. Knightley, »aber ich finde sie bedenklich.«

»Bedenklich? Halten Sie sie wirklich für bedenklich? Wieso denn?«

»Ich meine, sie können beide einander nicht guttun.«

»Das wundert mich! Emma kann Harriet doch nur guttun; und schon durch das neue Interesse, das sie in Emma weckt, dürfte Harriet auch Emma guttun. Ich habe ihre Freundschaft mit großem Vergnügen bemerkt. Wie verschieden wir doch empfinden! Die beiden sollten einander nicht guttun? Sie wollen natürlich wieder anfangen, mit mir über Emma zu streiten, Mr. Knightley!«

»Und Sie glauben wohl gar, ich sei gerade jetzt gekommen, um mit Ihnen zu streiten, weil ich weiß, daß Mr. Weston ausgegangen ist und Sie Ihren Kampf allein ausfechten müssen?«

»Jedenfalls würde Mr. Weston mir die Stange halten, wenn er hier wäre, denn er denkt über diese Sache ebenso wie ich. Noch gestern sprachen wir darüber und waren uns einig, was für ein Glück es für Emma ist, daß es ein solches Mädchen in Highbury gibt, mit dem sie sich befreunden kann. Nein, Mr. Knightley, ich glaube nicht, daß Sie dies gerecht beurteilen können. Sie sind es so gewohnt, allein zu leben, daß Sie gar nicht wissen, was es bedeutet, einen Gefährten zu haben; und vielleicht ist es überhaupt für einen Mann unmöglich, einer Frau nachzufühlen, was eine Frau ihr sein kann, zumal wenn sie immer mit einer andern zusammen gelebt hat. Doch ich kann mir denken, was Sie gegen Harriet Smith einzuwenden haben. Sie ist nicht das gebildete junge Mädchen, das Emma als Freundin braucht. Aber da Emma ja etwas für Harriets Bildung tun will, wird es sie anspornen, auch selber mehr zu lesen. Sie werden gemeinsam lesen. Das hat sie vor, ich weiß es.«

»Schon seit ihrem zwölften Jahr hat Emma vor, mehr zu lesen. Ich habe eine Menge Listen gesehen, auf denen sie von Zeit zu Zeit die Bücher aufführte, die sie richtig durchlesen wollte – es waren wunderschöne Listen, eine gute Auswahl und fein säuberlich angeordnet, mal alphabetisch, mal nach einem andern Gesichtspunkt. Die Bücherliste, die sie sich schon mit vierzehn gemacht hat – ich weiß noch, wie ich damals dachte, sie zeugte für ihr Wertgefühl –, habe ich sogar eine Zeitlang aufbewahrt. Gewiß hat sie auch jetzt wieder ein prächtiges Verzeichnis entworfen. Aber ich habe die Hoffnung aufgegeben, daß Emma je mit ihrer Lektüre einen festen Kurs einhält. Sie wird nie etwas auf sich nehmen, das Fleiß und Geduld erfordert und wobei sie ihre Phantasie dem Verstande unterordnen muß. Wo Miss Taylor mit ihren Anregungen versagt hat – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche –, wird auch Harriet Smith nichts ausrichten. Sie haben sie nie dazu bringen können, auch nur halb soviel zu lesen, wie Sie wünschten. Das wissen Sie doch selber.«

»Freilich«, erwiderte Mrs. Weston lächelnd, »damals dachte ich auch so; aber seit wir getrennt sind, kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, daß sie meinen Wünschen nicht gefolgt wäre.«

»Man hat wohl auch kaum Lust, Erinnerungen dieser Art aufzufrischen«, sagte Mr. Knightley verständnisvoll und verstummte für eine Weile. »Aber ich«, fügte er alsbald hinzu, »der ich ja nicht in einem solchen Zauber befangen bin, ich kann nicht umhin zu sehen, zu hören und mich zu erinnern. Emma ist dadurch verwöhnt, daß sie die klügste in der Familie ist. Es ist ihr zum Verhängnis geworden, daß sie mit zehn Jahren schon Antworten geben konnte, die ihre siebzehnjährige Schwester verblüfften. Sie war von jeher schlagfertig und selbstsicher und Isabella langsam und schüchtern. Und schon seit ihrem zwölften Jahr war Emma Herrin im Hause und über Sie alle. In ihrer Mutter hat sie den einzigen Menschen verloren, der ihr gewachsen war. Sie hat die Begabung ihrer Mutter geerbt, ihr würde sie sich wohl gefügt haben.«

»Ich könnte mir leid tun, Mr. Knightley, wenn ich die Familie Woodhouse verlassen hätte, um mir eine andere Stelle zu suchen, und auf Ihre Fürsprache angewiesen wäre. Ich glaube, Sie hätten bei keinem Menschen ein gutes Wort für mich eingelegt. Gewiß haben Sie mich von jeher für mein Amt untauglich gefunden.«

»Ja«, sagte er lächelnd, »hier sind Sie besser an Ihrem Platz. Sie sind zur Ehefrau geschaffen, aber gar nicht zur Erzieherin. Doch während der gesamten Zeit in Hartfield haben Sie sich darauf vorbereitet, ein treffliches Eheweib zu werden. Sie haben Emma zwar nicht eine so vollkommene Erziehung zu geben vermocht, wie es Ihre Fähigkeiten zu versprechen schienen, aber Sie sind von ihr sehr gut erzogen worden, und zwar in einem für die Ehe sehr wesentlichen Punkt: Sie haben gelernt, sich dem Willen eines andern unterzuordnen und zu tun, was man Sie heißt; und hätte Weston mich gebeten, ihm eine Frau zu empfehlen, ich hätte ihm bestimmt Miss Taylor genannt.«

»Danke! Aber das ist kein besonderes Verdienst, Mr. Weston eine gute Frau zu sein.«

»Weshalb ich, um die Wahrheit zu gestehen, fürchte, Sie haben sich geradezu weggeworfen, denn bei aller Veranlagung zum Erdulden werden Sie nichts zu erdulden haben. Doch wir wollen nicht verzweifeln. Vielleicht wird Mr. Weston querköpfig, weil’s ihm zu gut geht, oder sein Sohn macht ihm das Leben schwer.«

»Das will ich nicht hoffen! Es sieht auch nicht so aus. Nein, Mr. Knightley, malen Sie lieber keinen Verdruß gerade von dieser Seite an die Wand.«

»Ich denke nicht daran. Ich spreche nur von Möglichkeiten. Ich maße mir nicht Emmas Genie an, Künftiges zu ahnen und zu weissagen. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß der junge Mann sich als ein Weston an Tugend und ein Churchill an Vermögen entpuppt. Aber zurück zu Harriet Smith – ich bin noch lange nicht fertig mit Harriet Smith. Ich halte sie für die allerschlimmste Gesellschaft, die Emma finden konnte. Selber weiß sie nichts, und sie sieht zu Emma auf, als ob die alles wüßte. Durch ihre ganze Art wird sie zur Schmeichlerin, und um so schlimmer, weil ungewollt. Ihre Unwissenheit ist eine einzige Schmeichelei. Wie soll Emma auf den Gedanken kommen, daß sie selber noch viel zu lernen hat, wenn ihr Harriet mit ihrer Unwissenheit ein so herrliches Gefühl der Überlegenheit gibt? Und was Harriet angeht, behaupte ich kühnlich, daß sie durch diesen Umgang nichts gewinnen kann. Hartfield wird ihr nur alle anderen Orte, wo sie hingehört, verleiden. Sie wird sich nur eben soweit verfeinern, daß sie sich bei den Menschen, unter denen Geburt und Umstände ihr ein Heim angewiesen haben, nicht mehr wohlfühlt. Ich müßte mich sehr irren, wenn Emmas Lehren innere Kräfte entwickelten oder nur im geringsten darauf zielten, daß sich ein Mädchen verständig den Wechselfällen ihrer Lebensverhältnisse anpassen lernt. Sie geben ihr nur ein bißchen Schliff.«

»Entweder setze ich mehr Vertrauen in Emmas Vernunft als Sie, oder mir liegt mehr an ihrem augenblicklichen Wohl; denn ich kann diese Bekanntschaft nicht beklagen. Wie gut sie gestern abend aussah!«

»Aha, Sie möchten lieber über ihren äußeren Menschen sprechen als über ihr Inneres, wie? Gut, ich will nicht bestreiten, daß Emma hübsch ist.«

»Hübsch? Sagen Sie lieber schön. Können Sie sich etwas vorstellen, das vollkommener Schönheit so nah kommt wie Emma – das ganze Mädchen, ihr Gesicht wie ihre Figur?«

»Ich weiß nicht, was ich mir da vorstellen soll, aber ich muß gestehen, ich habe selten ein Gesicht und einen Wuchs gesehen, die mir besser gefallen hätten. Doch als alter Freund bin ich befangen.«

»Was für Augen! Richtig haselnußbraune Augen, und so leuchtend! Diese regelmäßigen Züge, das ausdrucksvolle Gesicht, und ein Teint! Ach, welche blühende Gesundheit, und so ebenmäßig gewachsen, so rank und schlank! Sie strahlt förmlich vor Gesundheit, nicht nur ihre Wangen, auch ihr Blick, ihr ganzes Aussehen. Und wie sie den Kopf trägt! Man hört manchmal von einem Kinde sagen, es sei ein Bild der Gesundheit; bei Emma denke ich immer, sie ist für einen Erwachsenen das vollkommene Bild der Gesundheit. Sie ist die Lieblichkeit selbst, Mr. Knightley, ist das nicht wahr?«

»An ihrer Erscheinung habe ich auch nichts auszusetzen«, antwortete er. »Sie ist ganz, wie Sie sie schildern. Es ist mir immer eine Freude, sie anzusehen; und ich will zu ihrem Lobe hinzufügen, daß ich sie nicht für eitel halte. Dafür, daß sie so schön ist, scheint sie sich wenig damit zu beschäftigen; ihre Eitelkeit sitzt woanders, Mrs. Weston. Sie können mir mein Mißfallen an dieser dicken Freundschaft mit Harriet Smith und meine Befürchtung, daß sie beiden schadet, nicht ausreden.«

»Und ich, Mr. Knightley, bleibe ebenso hartnäckig bei meiner Zuversicht, daß sie ihnen gar nicht schadet. Mit all ihren kleinen Fehlern ist die liebe Emma doch ein prächtiges Geschöpf. Wo sieht man eine bessere Tochter, eine liebevollere Schwester, eine treuere Freundin? Nein nein, sie hat ihre guten Eigenschaften, denen kann man vertrauen. Sie wird nie einen Menschen ernstlich auf Abwege bringen, sie wird keine verhängnisvollen Dummheiten machen. Mag Emma sich einmal irren, so ist sie dagegen hundertmal im Recht.«

»Na schön, ich will Sie nicht länger plagen. Emma soll ein Engel sein, und ich will meinen Spleen für mich behalten, bis das Weihnachtsfest John und Isabella herbringt. John liebt Emma auch, aber mit Maßen, und ist darum nicht blind, und Isabella denkt stets wie er, außer wenn er sich nicht genug um die Kinder ängstigt. Ich bin sicher, daß sie meine Ansicht teilen.«

»Ich weiß, Sie lieben Emma alle viel zu sehr, um ungerecht oder lieblos gegen sie zu sein; aber seien Sie mir nicht böse, Mr. Knightley, wenn ich mir erlaube (wissen Sie, ich glaube mich ein bißchen berechtigt zu sagen, was Emmas Mutter vielleicht sagen würde) – wenn ich also kein Hehl daraus mache, daß meines Erachtens nichts Gutes dabei herauskommen kann, wenn Emmas intime Freundschaft mit Harriet Smith zwischen Ihnen so erörtert wird. Bitte, nehmen Sie mir’s nicht übel! Aber selbst wenn kleine Unannehmlichkeiten bei diesem Umgang zu befürchten wären, so kann man doch von Emma, die keinem Menschen Rechenschaft schuldig ist außer ihrem Vater – und der ist ja mit dieser Bekanntschaft durchaus einverstanden –, nicht erwarten, daß sie ihr ein Ende macht, solange sie soviel Freude daran hat. So viele Jahre lang war es mein Amt, Ratschläge zu geben, da dürfen Sie sich nun nicht wundern, Mr. Knightley, wenn mir etwas davon hängengeblieben ist.«

»Aber ganz und gar nicht«, rief er. »Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür. Es ist ein guter Rat, und er soll besser beherzigt werden, als es sonst so oft geschehen ist.«

»Mrs. John Knightley regt sich ohnehin leicht auf; vielleicht wäre sie sehr unglücklich ihrer Schwester wegen.«

»Seien Sie unbesorgt«, sagte er. »Ich werde kein Geschrei erheben, ich werde meinen Verdruß für mich behalten. Ich bin Emma aufrichtig zugetan, sie ist mir nicht weniger eine Schwester als Isabella, und ihr Wohl und Wehe liegt mir nicht weniger am Herzen, eher mehr. Denn das Gefühl für Emma ist immer mit einer gewissen Besorgnis und Spannung verbunden. Ich frage mich oft, was aus ihr werden soll.«

»Ich auch«, sagte Mrs. Weston weich; »sehr oft.«

»Sie erklärt immer wieder, daß sie nie heiraten will, was natürlich gar nichts bedeutet. Aber ich habe keine Ahnung, ob ihr je ein Mann begegnet ist, den sie leiden mochte. Es könnte ihr nicht schaden, wenn sie sich einmal gründlich verliebte, und in den Richtigen. Ich möchte einmal erleben, daß Emma sich verliebt, ohne ganz sicher zu sein, daß man sie wiederliebt; das täte ihr gut. Aber es gibt niemanden hier herum, an den sie ihr Herz verlieren könnte, und sie geht ja auch so selten unter Menschen.«

»Ja, im Augenblick ist weit und breit nichts zu sehen, was sie in Versuchung führen könnte, ihrem Entschluß untreu zu werden«, sagte Mrs. Weston, »und solange sie in Hartfield glücklich ist, kann ich nicht einmal wünschen, daß sie eine Verbindung eingeht, was ja wegen des armen Mr. Woodhouse die größten Schwierigkeiten mit sich brächte. Nein, im Augenblick würde ich Emma nicht raten zu heiraten – womit ich beileibe nichts gegen den Ehestand sagen will.«

Damit suchte sie zugleich zu verhüten, daß Mr. Knightley von ihrem und Mr. Westons Lieblingstraum etwas witterte. Denn in Randalls hegte man gewisse Wünsche für Emmas Zukunft, von denen aber noch niemand etwas ahnen sollte. Und als Mr. Knightley bald darauf gelassen zu der Frage überging: »Was hält Mr. Weston vom Wetter? Meint er, daß es Regen gibt?«, war sie überzeugt, daß er zum Thema Hartfield nichts mehr zu sagen hatte und nichts argwöhnte.

Sechstes Kapitel

Emma war bald nicht mehr darüber im Zweifel, daß sie Harriets Gefühle in die richtige Bahn gelenkt und zu einem guten Zweck die Dankbarkeit ihrer jungen Eitelkeit geweckt hatte, denn sichtlich gingen dem Mädchen immer mehr die Augen dafür auf, was für ein ausnehmend hübscher Mann Mr. Elton war und wie angenehm in seiner ganzen Art. Und da Emma keine Bedenken trug, durch freundliche Winke die Gewißheit in ihr zu nähren, daß er sie verehrte, wiegte sie sich schon in der schönsten Zuversicht, ihr bei jeder Gelegenheit zärtlichere Gefühle für ihn einzublasen. Sie war fest überzeugt, daß Mr. Elton auf dem besten Wege war, sich zu verlieben, wenn er nicht schon liebte. Er machte ihr also keine Sorgen. Er sprach so entzückt von Harriet und pries sie so herzlich, daß Emma sich sagte, was noch fehlte, werde die Zeit schon bringen. Daß ihm nicht entging, wie Harriet sich zu ihrem Vorteil entwickelt hatte, seit sie in Hartfield ein- und ausging, war ihr einer der erfreulichsten Beweise seiner wachsenden Zuneigung.

»Sie haben Miss Smith alles gegeben, dessen sie noch bedurfte«, sagte er. »Ihnen hat sie es zu verdanken, daß sie so anmutig und unbefangen geworden ist. Sie war ein schönes Geschöpf, als sie zu Ihnen kam, aber ich finde, was sie unter Ihrem Einfluß an Reiz gewonnen hat, ist tausendmal mehr wert, als was die Natur ihr verliehen hat.«

»Es freut mich, daß Sie meinen, ich sei ihr von Nutzen gewesen. Aber man brauchte Harriet nur ein bißchen aus sich herauszulocken und ihr hier und da einen kleinen Wink zu geben. All ihre natürliche Anmut, ihr liebreizendes und ungekünsteltes Wesen waren schon da. Ich habe sehr wenig dazugetan.«

»Wenn es erlaubt wäre, einer Dame zu widersprechen . . .«, sagte Mr. Elton galant.

»Vielleicht habe ich ihren Charakter etwas mehr gefestigt und sie gelehrt, über manches nachzudenken, was ihr früher nicht vorgekommen war.«

»Stimmt genau; dies fällt mir besonders auf. Viel mehr Charakterfestigkeit! Eine geschickte Hand war da am Werk!«

»Es hat mir große Freude gemacht, denn nie ist mir eine so wahrhaft liebenswerte Veranlagung begegnet.«

»Daran zweifle ich nicht«, sagte er mit einem so seelenvollen Seufzer, daß es sich fast wie ein Liebesgeständnis anhörte. Nicht weniger freute sie die Art, wie er eines andern Tages auf ihren plötzlichen Wunsch einging, ein Bild von Harriet zu haben.

»Bist du schon einmal gemalt worden, Harriet? Hast du schon mal für ein Porträt gesessen?«

Harriet wollte gerade das Zimmer verlassen und blieb nur stehen, um mit rührender Naivität zu erwidern:

»Ach du liebe Güte, nein, nie!«

Kaum war sie draußen, als Emma ausrief:

»Was für ein herrlicher Besitz wäre ein gutes Bild von ihr! Ich gäbe gern jedes Geld dafür aus, doch am liebsten versuchte ich selber, sie zu malen. Sie können es freilich nicht wissen, aber vor zwei oder drei Jahren habe ich leidenschaftlich gern Porträts gemalt und mich an einigen meiner Verwandten versucht, und man fand, ich hätte im allgemeinen ein ganz gutes Auge dafür. Doch aus dem einen oder andern Grunde wurde ich’s leid und gab es auf. Aber wirklich, ich möchte mich jetzt fast wieder daran wagen, wenn Harriet mir sitzen wollte. Wie schön, wenn man ein Bild von ihr hätte!«

»Ich bitte Sie darum, es wäre in der Tat entzückend. Ich bitte Sie, Miss Woodhouse, lassen Sie ein so reizendes Talent Ihrer Freundin zuliebe wieder aufleben! Ich weiß doch, wie Sie malen! Wie konnten Sie glauben, ich wüßte es nicht? Ist dieses Zimmer nicht mit Landschaften und Blumenstücken von Ihnen reich geschmückt, und hat nicht Mrs. Weston ein paar unnachahmliche figürliche Bilder in ihrem Salon in Randalls hängen?«

Ja, guter Mann! dachte Emma, aber was hat das alles mit Porträtmalerei zu tun? Du verstehst ja nichts vom Malen. Tu doch nicht so, als wärst du wegen meiner Pinseleien derart aus dem Häuschen! Spar dir deine Bewunderung für Harriets Gesicht auf. »Also gut«, sagte sie, »wenn Sie mich so freundlich ermutigen, Mr. Elton, werde ich versuchen, was ich tun kann. Harriet hat sehr feine Züge, da ist es schwierig, eine Ähnlichkeit herauszubringen. Und doch liegt etwas Besonderes im Schnitt ihrer Augen und in den Linien um den Mund, das müßte man treffen.«

»Stimmt genau – der Schnitt der Augen und die Linien um den Mund – ich zweifle nicht an Ihrem Gelingen. Bitte, bitte, versuchen Sie es. Da Sie es machen, wird es, um Ihre eigenen Worte zu gebrauchen, bestimmt ein herrlicher Besitz.«

»Aber ich fürchte, Mr. Elton, Harriet wird mir nicht gern sitzen. Sie denkt so wenig an ihre Schönheit. Haben Sie nicht beobachtet, wie sie mir antwortete? Ganz als wollte sie sagen: warum von mir ein Bild malen?«

»O ja, ich habe es wohl bemerkt, es ist mir nicht entgangen. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, daß sie sich nicht überreden ließe.«

Kurz darauf trat Harriet wieder ein und wurde sogleich mit dem Vorschlag überfallen, und sie hatte keine Einwände, die länger als ein paar Minuten dem ernstlichen Drängen der beiden standhielten. Emma wollte sofort ans Werk gehen und holte deshalb ihre Mappe hervor, die verschiedene Entwürfe zu Porträts enthielt – denn keins war je zu Ende geführt worden –, um mit ihnen das geeignetste Format für Harriet auszusuchen. Ihre vielen angefangenen Arbeiten wurden ausgebreitet, Miniaturen, halbe Lebensgröße, ganze Lebensgröße, Bleistift, Kohle, Wasserfarben, alles hatte sie durchprobiert. Immer hatte sie alles tun wollen und es sowohl im Malen wie in der Musik weiter gebracht, als es manch anderem mit so wenig Mühe, wie sie daran wandte, gelungen wäre. Sie spielte Klavier und sang, sie zeichnete und malte fast in jeder Technik, aber immer hatte es ihr an Ausdauer gefehlt; und in nichts kam sie nur annähernd zu so hervorragenden Leistungen, wie sie gern erreicht hätte und hätte erreichen können. Sie selber machte sich über ihre Fähigkeiten im Malen und Musizieren nichts vor, aber es war ihr nicht unlieb, wenn andre sich etwas darüber vormachten, und sie hörte es nicht ungern, wenn man ihre Künste über Gebühr pries.

An jeder Zeichnung war etwas Gutes, vielleicht vor allem an denen, die am wenigsten ausgeführt waren. Sie hatte einen beschwingten Stil. Aber es hätte viel schlechter oder zehnmal so gut sein können, das Entzücken und die Begeisterung der beiden wären die gleichen gewesen. Sie waren ganz hingerissen. Ein einigermaßen getroffenes Bildnis gefällt jedem, und was Miss Woodhouse vollbrachte, konnte nur unübertrefflich sein.

»Ich kann Ihnen leider keine große Mannigfaltigkeit an Gesichtern zeigen«, sagte Emma. »Ich hatte ja nur meine Familie, um mich daran zu üben. Hier ist mein Vater – noch eins von meinem Vater; aber allein schon der Gedanke, für ein Bild zu sitzen, machte ihn so nervös, daß ich ihn immer nur heimlich zeichnen konnte; darum ist keines ähnlich. Hier wieder Mrs. Weston, und nochmal, und nochmal, sehen Sie. Die liebe Mrs. Weston, immer meine gütigste Freundin, bei jeder Gelegenheit. Sie saß mir, sooft ich sie darum bat. Da ist meine Schwester, wirklich ganz ihr elegantes Figürchen, auch das Gesicht nicht schlecht getroffen. Es wäre ein gutes Bild von ihr geworden, wenn sie mir nur länger gesessen hätte, aber vor lauter Ungeduld, daß ich ihre vier Kinder malte, wollte sie nicht stillsitzen. Hier kommen nun alle meine Versuche mit dreien von den vier Kindern – da sind sie: Henry und John und Bella vom einen Ende des Blattes zum andern, alle drei zum Verwechseln ähnlich. Sie war so darauf versessen, ein Bild von ihnen zu haben, daß ich ihr’s nicht abschlagen konnte. Aber man kann Kinder von drei oder vier Jahren nicht dazu bringen, daß sie stillhalten, und es ist auch nicht leicht, von ihnen mehr als eine Andeutung der Linien und die Haupttöne zu geben, außer wenn sie gröbere Züge haben, und das kommt bei Mamas Kinderchen doch nie vor. Hier ist meine Skizze von dem vierten, noch als Wickelkind. Ich zeichnete ihn, während er auf dem Sofa schlief, und sein kleiner Hahnenkamm ist so ähnlich, wie man nur wünschen kann. Er hatte sein Köpfchen ganz behaglich ins Kissen gekuschelt, das ist gut wiedergegeben. Ich bin ziemlich stolz auf Klein-George. Die Sofaecke ist sehr gut. Dann ist hier noch mein letztes« – sie entfaltete eine hübsche Skizze von einem Herrn in ganzer Figur, kleines Format – »mein letztes und bestes – mein Schwager, Mr. John Knightley. Da fehlte nicht mehr viel, und es wäre fertig gewesen, als ich es in einem Anfall schlechter Laune weglegte und schwor, nie wieder ein Porträt zu malen. Ich konnte nicht anders, ich war zu aufgebracht, und mit Recht; denn nach all meinen Mühen, und nachdem ich es wirklich gut getroffen hatte (Mrs. Weston und ich fanden einmütig, daß es sehr ähnlich war), nur zu hübsch, zu sehr geschmeichelt – aber das ist ja eher ein Fehler, den man gern in Kauf nimmt –, nach alledem hatte die arme Isabella dafür nur ein kühles: ›Ja, ein bißchen ähnlich ist es schon, aber gerecht wird es ihm nicht.‹ Wir hatten ihn mit großer Mühe überredet, mir überhaupt zu sitzen. Er tat, als wär’s eine große Gnade. Nun, alles in allem war es mehr, als ich vertragen konnte, und so hatte ich keine Lust, es zu beenden, nur damit man es bei jeder Morgenvisite in Brunswick Square mit der Entschuldigung vorführte, es sei leider ein sehr ungünstiges Bild. Und wie ich schon sagte, damals habe ich mich verschworen, nie wieder jemand zu malen. Aber für Harriet oder vielmehr für mich selber will ich meinen Entschluß widerrufen, es sind ja auch gegenwärtig keine Eheleute im Spiele.«

Mr. Elton schien bei dieser Vorstellung geradezu freudig erregt, und er wiederholte: »Ja, gegenwärtig sind keine Eheleute im Spiel, wie Sie sagen. Stimmt genau. Keine Eheleute.« Er sagte es mit so merkwürdiger Betonung, daß Emma sich fragte, ob sie die beiden nicht lieber gleich alleinlassen sollte. Aber da sie ans Zeichnen gehen wollte, mußte die Liebeserklärung noch ein bißchen warten.

Rasch wurde sie sich über Größe und Art des Porträts schlüssig. Sie entschied sich für ganze Figur in Wasserfarben, wie bei Mr. Knightleys Bild, und wenn es ihr gefiele, sollte es einen Ehrenplatz über dem Kaminsims erhalten.

Die Sitzung begann, und Harriet, lächelnd, errötend und ängstlich darauf bedacht, ihre Haltung und Miene nicht zu verändern, bot dem ruhigen Blick der Malerin ein Gesichtchen dar, das ausdrucksvoll ihre kindlichen Empfindungen spiegelte. Doch Emma konnte nichts tun, solange Mr. Elton hinter ihr herumzappelte und jeden Strich verfolgte. Sie hoffte, er ließe sich irgendwo nieder, wo er nach Herzenslust schauen konnte, ohne sie zu stören, doch schließlich mußte sie selber ein Ende machen und ihn bitten, sich einen andern Platz zu suchen. Dann kam ihr der Gedanke, ihn zum Vorlesen anzustellen.

Ob er so gut sein wollte, ihnen vorzulesen, das wäre sehr freundlich! Ihr würde es angenehm über die Schwierigkeiten hinweghelfen und Miss Smith die Langeweile verkürzen.

Mit dem allergrößten Vergnügen, erklärte Mr. Elton. Harriet hörte zu, und Emma konnte nun in Ruhe zeichnen. Doch mußte sie ihm auch weiterhin erlauben, ab und zu einen Blick auf das Blatt zu werfen; weniger wäre für einen Liebhaber gar zu wenig gewesen. Sobald ihr Stift die kleinste Pause machte, sprang er auf, um den Fortschritt zu sehen und in Entzücken auszubrechen. Einem so anfeuernden Zuschauer konnte man nicht böse sein, denn vor lauter Bewunderung sah er die Ähnlichkeit schon, wo fast noch nichts zu erkennen war. Von seinem Auge hielt sie nichts, aber seine Verliebtheit und sein beflissenes Wohlgefallen entsprachen ganz ihren Wünschen.

Die Sitzung war in jeder Weise befriedigend. Als ersten Anfang fand Emma die Skizze so gelungen, daß sie Lust hatte, weiterzumachen. An der Ähnlichkeit war nichts auszusetzen, die Haltung war geglückt, und da sie vorhatte, bei der Figur der Wirklichkeit ein bißchen nachzuhelfen, sie etwas in die Länge zu strecken und ihr bedeutend elegantere Linien zu geben, war sie voller Zuversicht, daß es in jeder Hinsicht ein hübsches Bild würde und ihnen beiden an dem Platz, den sie ihm zugedacht hatte, Ehre machen werde, ein bleibendes Denkmal für die Schönheit der einen und die Kunstfertigkeit der andern, und für ihre Freundschaft; und wer weiß, welche anderen erfreulichen Erinnerungen sich durch Mr. Eltons vielversprechende Neigung am Ende noch damit verknüpfen würden?

Harriet sollte am nächsten Tage wieder sitzen, und Mr. Elton bat, ganz wie gewünscht, um die Erlaubnis, wieder dabeizusein und ihnen vorzulesen.

»Auf alle Fälle! Wir werden uns herzlich freuen, wenn Sie uns Gesellschaft leisten.«

Die zweite Sitzung verlief mit den gleichen Artigkeiten und Huldigungen, mit demselben Erfolg und der nämlichen Befriedigung wie die erste. Sie begleiteten den ganzen Werdegang des Bildes, der rasch und glücklich vonstatten ging. Es gefiel jedem, der es sah, aber Mr. Elton war in ständiger Verzückung und verteidigte es gegen jegliche Kritik.

»Miss Woodhouse hat ihrer Freundin die einzige Schönheit verliehen, die ihr noch fehlte«, bemerkte Mrs. Weston zu ihm – ohne die geringste Ahnung, daß sie zu einem Liebhaber sprach. »Der Ausdruck der Augen ist sehr richtig getroffen, nur hat Miss Smith nicht solche Augenbrauen und Lider. Das ist ein Schönheitsfehler an ihr.«

»Finden Sie?« erwiderte er. »Ich kann Ihnen nicht zustimmen. Mir scheint es in jedem Zug vollkommen naturgetreu. In meinem Leben habe ich kein Bildnis gesehen, das so gut getroffen war. Der Eindruck wird vielleicht durch die Wirkung der Schatten hervorgerufen, wissen Sie.«

»Sie haben sie zu groß gemacht, Emma«, sagte Mr. Knightley.

Emma wußte, daß es so war, mochte es aber nicht wahrhaben, und Mr. Elton fügte beflissen hinzu:

»O nein, bestimmt nicht zu groß, keine Spur zu groß. Bedenken Sie, daß sie sitzt, das stellt natürlich eine andere . . . kurz und gut, es gibt genau die richtige Vorstellung . . .; und die Proportionen müssen doch gewahrt werden, wissen Sie. Proportionen . . . Verkürzung . . . O nein, es gibt genau die Vorstellung von Miss Smith’ Größe. Stimmt genau, tatsächlich.«

»Es ist sehr hübsch«, sagte Mr. Woodhouse. »So hübsch gemalt. Ganz wie alle deine Bilder immer sind, mein liebes Kind. Ich wüßte niemanden, der so gut malt wie du. Nur eins gefällt mir nicht ganz: sie scheint draußen zu sitzen und hat nur einen kleinen Schal um die Schultern – und da meint man, sie muß sich erkälten.«

»Aber mein lieber Papa, es soll doch Sommer sein, ein warmer Sommertag. Sehen Sie sich den Baum an!«

»Trotzdem, es ist nie unbedenklich, im Freien zu sitzen, mein liebes Kind.«

»Sie, Sir, dürfen alles sagen«, rief Mr. Elton, »aber ich muß gestehen, ich finde es einen sehr glücklichen Einfall, Miss Smith ins Freie zu setzen; und mit welch unnachahmlichem Genie ist dieser Baum gemalt! Keine andere Anordnung wäre so im Einklang mit dem Gegenstand des Bildes, mit dem Naiven in Miss Smith – ihrem ganzen Wesen. Oh, es ist höchst bewundernswert. Ich kann meine Augen gar nicht losreißen. Nie habe ich ein so schönes Porträt gesehen.«

Als nächstes mußte nun das Bild gerahmt werden, und dabei ergaben sich einige Schwierigkeiten. Es mußte sofort geschehen und zwar in London; der Auftrag mußte von einer intelligenten Person übermittelt werden, auf deren Geschmack Verlaß war, und an Isabella, die sonst alle Besorgungen übernahm, konnte man sich nicht wenden, denn es war Dezember, und Mr. Woodhouse konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie im Dezembernebel draußen herumliefe. Aber kaum hörte Mr. Elton von diesen Nöten, da waren sie auch schon behoben. Seine Galanterie war immer auf dem Sprung. Wenn man ihn damit betrauen wollte, mit welch unendlichem Vergnügen würde er das besorgen! Er könne jederzeit nach London reiten. Unmöglich zu sagen, wie dankbar er wäre, zu diesem Botengang angestellt zu werden!

Er sei gar zu gütig! Ein unleidlicher Gedanke! Nicht um die Welt möchte sie ihm diese Mühe aufhalsen! – damit erzielte Emma die erwünschte Wiederholung seiner Bitten und Beteuerungen, und in wenigen Minuten war die Sache abgemacht.

Mr. Elton sollte also das Bild nach London bringen, den Rahmen aussuchen und die nötigen Anweisungen geben, und Emma wollte es so einpacken, daß nichts damit passieren konnte und es ihm doch nicht allzu lästig würde, während er offenbar nur fürchtete, nicht genug belästigt zu werden.

»Was für ein kostbares Pfand!« sagte er mit zärtlichem Seufzer, als er es in Empfang nahm.

Der Mann ist mir fast zu galant, um zu lieben, dachte Emma. Wenigstens kommt es mir so vor, aber vermutlich gibt es hundert verschiedene Weisen zu lieben. Er ist ein trefflicher junger Mann und paßt genau zu Harriet; das gibt ein »Stimmt genau«, wie er selber immer sagt. Aber ich könnte sein Seufzen und Schmachten und seine gesuchten Komplimente nicht vertragen, wäre ich die Hauptperson. Schon als Nebenperson kriege ich mein gerüttelt Maß davon ab, aber das ist nur seine Dankbarkeit Harriets wegen.

Siebentes Kapitel

Der Tag, an dem sich Mr. Elton nach London begab, brachte Emma eine neue Gelegenheit, ihrer Freundin einen Dienst zu erweisen. Harriet hatte sich wie gewöhnlich bald nach dem Frühstück in Hartfield eingefunden und war nach einiger Zeit nach Hause gegangen, um zum Dinner wiederzukommen. Sie kam früher, als man ausgemacht hatte, und ihr aufgeregtes und abgehetztes Aussehen kündigte an, daß sie etwas Außergewöhnliches erlebt hatte und darauf brannte, es zu erzählen. In einer halben Minute kam alles zutage. Als sie bei Mrs. Goddard angelangt war, hatte sie erfahren, daß Mr. Martin dort vor einer Stunde nach ihr gefragt hatte, und als er hörte, sie sei nicht zu Hause und werde auch nicht so bald erwartet, hatte er ein Paketchen von einer seiner Schwestern für sie zurückgelassen und war gegangen. Und als sie das Paketchen öffnete, fand sie doch wahrhaftig außer den beiden Liedern, die sie Elizabeth zum Abschreiben geliehen hatte, einen Brief darin. Und dieser Brief war von ihm, von Mr. Martin, und enthielt einen offenen Heiratsantrag. »Wer hätte das gedacht!« Sie war so bestürzt, daß sie nicht wußte, was tun. Ja, einen richtigen Heiratsantrag; und es war ein so schöner Brief, wenigstens fand sie das. Und er schrieb, als ob er sie wirklich sehr liebhätte . . . aber sie wußte nicht . . . also war sie gekommen, so schnell sie nur konnte, um Miss Woodhouse zu fragen, was sie tun sollte. Emma schämte sich beinah für ihre Freundin, daß sie sich so freute und so unschlüssig war.

»Weiß Gott«, rief sie, »der junge Mann ist entschlossen, nichts zu versäumen, aus Angst, ihm könnte etwas entgehen. Er sucht mit aller Gewalt Zutritt zur Gesellschaft.«

»Wollen Sie den Brief lesen?« rief Harriet. »Bitte, tun Sie’s, ich möchte es wirklich.«

Emma ließ sich nicht ungern dazu drängen. Sie las ihn und war überrascht. Der Stil des Briefes übertraf ihre Erwartung bei weitem. Es waren nicht nur keine grammatischen Fehler darin, sondern so, wie er abgefaßt war, hätte er keinem Gentleman Unehre gemacht. Die Sprache war zwar schlicht, aber kraftvoll und ungekünstelt, und die Empfindungen, die er ausdrückte, sprachen sehr für den Schreiber. Es war ein kurzer Brief, aber er zeugte von gesundem Menschenverstand und herzlicher Zuneigung, von nobler Gesinnung, Anstand und sogar Zartgefühl. Sie sann eine Weile darüber nach, während Harriet in angstvoller Spannung in ihrem Gesicht zu lesen suchte – »nun? Nun?« – und schließlich nicht länger an sich halten konnte: »Ist der Brief nicht gut? Oder ist er zu kurz?«

»Ja, wirklich, der Brief ist sehr gut«, erwiderte Emma langsam, »so gut, Harriet, daß ich, wenn ich’s recht bedenke, nicht anders glauben kann, als daß eine seiner Schwestern ihm dabei geholfen hat. Ich kann mir schwerlich vorstellen, daß derselbe junge Mann, den ich neulich mit dir sprechen sah, sich so gut ausdrücken würde, wenn er’s allein machen sollte – und doch ist es nicht der Stil einer Frau; nein, wirklich, dazu ist er zu männlich und zu knapp, eine Frau würde weitschweifiger schreiben. Er ist zweifellos ein verständiger Mann und hat anscheinend eine natürliche Begabung für . . . er ist fest und klar in seinen Gedanken . . . und wenn er die Feder in die Hand nimmt, finden sie von selbst die richtigen Worte. Das gibt es bei manchen Männern. Ja, ich sehe, was für ein Mensch das ist: kraftvoll, entschieden, mit Herz bis zu einem gewissen Punkt, nicht grobschlächtig. Der Brief ist besser abgefaßt, Harriet« – sie gab ihn ihr zurück – »als ich erwartet hätte.«

»Gut«, sagte Harriet, immer noch in der Schwebe, »und nun? . . . Und nun? . . . Was soll ich tun?«

»Was du tun sollst? Wieso? Meinst du, mit diesem Brief?«

»Ja!«

»Aber was gibt es da zu fragen? Du mußt ihn beantworten – und zwar rasch.«

»Ja, aber was soll ich denn sagen? Liebe Miss Woodhouse, raten Sie mir!«

»O nein, nein, nein! Schreib lieber ganz nach deinem Gefühl. Du wirst dich schon richtig ausdrücken, das weiß ich. Es ist ja nicht zu befürchten, daß du dich nicht verständlich machst, und darauf kommt es vor allem an. Du mußt unzweideutig deine Meinung sagen, ohne Zweifel oder Bedenklichkeiten; und um ihm deinen Dank zum Ausdruck zu bringen und dein Bedauern, ihm einen Schmerz zuzufügen – denn das gehört sich so –, werden dir die Worte schon von selber einfallen, davon bin ich überzeugt. Zu zeigen, daß dir seine Enttäuschung leid tut, dazu braucht man dich nicht zu ermahnen.«

»Sie meinen also, ich sollte ihn abweisen?« fragte Harriet mit niedergeschlagenen Augen.

»Ihn abweisen? Meine liebe Harriet, wie meinst du das? Bist du darüber im Zweifel? Ich dachte – aber verzeih, vielleicht habe ich mich geirrt. Ich habe dich sicher mißverstanden, wenn du nicht weißt, in welchem Sinn du antworten sollst. Ich dachte, du wolltest meinen Rat nur für den Wortlaut.«

Harriet schwieg. Etwas reserviert fuhr Emma fort:

»Du willst ihm also dein Jawort geben, wie ich sehe.«

»Nein, das nicht; das heißt, ich will nicht . . . Was soll ich nur tun? Was raten Sie mir? Bitte, liebe Miss Woodhouse, sagen Sie mir, was ich tun soll!«

»Ich werde dir keinen Rat geben, Harriet. Ich will damit nichts zu tun haben. Das mußt du mit dir selber, mit deinem Gefühl ausmachen.«

»Ich hatte ja keine Ahnung, daß er mich so gern hat«, sagte Harriet, den Brief betrachtend. Ein Weilchen bewahrte Emma Schweigen. Aber da sie zu fürchten begann, die behexende Wirkung dieses schmeichelhaften Briefes könnte zu mächtig werden, hielt sie es für besser zu sagen:

»Ich setze als allgemeine Regel, Harriet, daß eine Frau, wenn sie im Zweifel ist, ob sie einen Mann nehmen soll oder nicht, ihn jedenfalls abweisen sollte. Wenn sie noch zögert, ja zu sagen, dann sollte sie gleich nein sagen. Das ist kein Stand, in den man ohne Gefahr mit ungewissen Gefühlen, mit halbem Herzen eintreten kann. Ich halte es für meine Pflicht als deine Freundin und als die Ältere, dir dies zu sagen. Aber bilde dir nicht ein, ich wollte dich beeinflussen.«

»O nein, ich weiß, Sie sind viel zu gut, um . . . Aber wenn Sie mir bloß raten wollten, was ich am besten täte . . . Nein, nein, das meine ich nicht . . . Wie Sie sagen, man müßte ganz mit sich im reinen sein . . . man dürfte nicht schwanken . . . Es ist eine so ernste Sache. Vielleicht ist es sicherer, nein zu sagen. Finden Sie, ich sollte lieber nein sagen?«

»Nicht um die Welt«, sagte Emma und lächelte gnädig, »nicht um die Welt würde ich dir raten: tu dies, oder: tu das. Du mußt selber am besten wissen, was dich glücklich macht. Wenn du Mr. Martin lieber hast als jeden anderen Menschen, wenn du ihn als den sympathischsten Mann empfindest, mit dem du je zusammen warst, warum dann zaudern? Du wirst ja ganz rot, Harriet. Schwebt dir etwa bei diesen Worten plötzlich ein ganz anderer vor? Harriet, Harriet, betrüge dich nicht selbst, laß dich nicht von Dankbarkeit und Mitleid hinreißen. An wen denkst du in diesem Augenblick?«

Die Symptome waren günstig. Statt zu antworten, wandte Harriet sich verwirrt ab und stand nachdenklich am Feuer. Zwar hatte sie den Brief noch in der Hand, aber sie drehte ihn mechanisch und achtlos in den Fingern. Emma wartete ungeduldig, aber nicht ohne große Hoffnung, was dabei herauskäme. Endlich sagte Harriet ein bißchen zögernd:

»Miss Woodhouse, da Sie mir Ihre Ansicht nicht sagen wollen, muß ich allein damit fertigwerden, so gut ich kann; und ich habe mich nun entschieden, ich bin wirklich beinah entschlossen . . . ich will Mr. Martin abweisen. Glauben Sie, daß es das Richtige ist?«

»Vollkommen richtig, vollkommen, meine liebste Harriet. Du dürftest gar nicht anders handeln. Solange du noch im mindesten unschlüssig warst, habe ich meine Meinung für mich behalten, aber jetzt, wo du fest entschlossen bist, stimme ich dir unbedenklich zu. Liebe Harriet, ich bin ja so froh! Es wäre mir schmerzlich gewesen, auf den Umgang mit dir zu verzichten, was die unvermeidliche Folge wäre, wenn du Mr. Martins Frau würdest. Solange du noch im geringsten schwanktest, habe ich nichts davon gesagt, denn ich wollte dich nicht beeinflussen. Aber ich hätte damit eine Freundin verloren. Mit Mrs. Robert Martin von Abbey Mill könnte ich nicht verkehren. Nun bleibst du mir für immer.«

Harriet hatte nicht geahnt, welche Gefahr über ihrem Haupte hing, aber nun war sie heftig bestürzt.

»Sie könnten nicht mehr mit mir verkehren?« rief sie entgeistert. »Nein, natürlich, das könnten Sie nicht, aber daran habe ich noch nie gedacht. Das wär ja schrecklich gewesen! Welcher Gefahr bin ich da entgangen! Liebe Miss Woodhouse, nicht um alles in der Welt möchte ich die Freude und die Ehre hergeben, mit Ihnen befreundet zu sein!«

»Wahrhaftig, Harriet, es wäre ein schwerer Schlag für mich gewesen, dich zu verlieren, aber es hätte nun mal sein müssen. Du hättest dich selber aus aller guten Gesellschaft ausgeschlossen. Ich hätte dich aufgeben müssen.«

»O du lieber Himmel, wie sollte ich das ertragen! Ich wär ja gestorben, wenn ich nicht mehr nach Hartfield kommen durfte!«

»Du liebes, anhängliches Geschöpf! Du nach Abbey Mill verbannt? Du für dein ganzes Leben auf den Umgang mit diesen ungebildeten, gewöhnlichen Leuten beschränkt? Ich frage mich, wie der junge Mann so anmaßend sein konnte, um dich anzuhalten. Er muß ja nett von sich eingenommen sein.«

»Ich glaube eigentlich nicht, daß er im allgemeinen eingebildet ist«, sagte Harriet, deren Gewissen sich gegen diese Aburteilung sträubte. »Wenigstens ist er herzensgut, ich werde ihm immer dankbar sein, und ich achte ihn sehr, aber das ist etwas ganz anderes als . . . Und wissen Sie, wenn er mich auch gern hat, heißt das noch nicht, daß ich . . . und ich muß wirklich gestehen, seit ich hierher komme, habe ich Leute gesehen . . . Und wenn man anfängt, sie miteinander zu vergleichen, ihre Erscheinung und ihre Manieren – da gibt es überhaupt keinen Vergleich; man sieht so gut aus und ist so angenehm. Trotzdem finde ich Mr. Martin sehr liebenswürdig und achte ihn hoch; und daß er mich so liebgewonnen hat . . . daß er mir einen solchen Brief geschrieben hat . . . Aber Sie verlassen, das möchte ich unter gar keinen Umständen.«

»Ich danke dir, ich danke dir, meine liebe, süße kleine Freundin. Wir lassen uns nicht trennen! Eine Frau braucht einen Mann nicht nur deshalb zu heiraten, weil er um sie anhält oder weil er in sie verliebt ist und einen leidlichen Brief schreiben kann.«

»O nein! Und es ist ja auch nur ein kurzer Brief.«

Emma bedauerte den schlechten Geschmack ihrer Freundin, ging aber darüber hinweg mit einem »Das ist wahr«, und fügte dann hinzu, für die bäurischen Manieren, die Harriets Gefühl täglich und stündlich verletzen würden, wäre es ein schwacher Trost, daß ihr Mann einen schönen Brief schreiben könne.

»Ach ja! Was liegt schon an einem Brief! Die Hauptsache ist, unter netten Freunden immer glücklich zu sein. Ich bin fest entschlossen, ihm einen Korb zu geben. Aber wie soll ich das machen? Was soll ich sagen?«

Emma versicherte ihr, die Antwort sei nicht schwierig, und riet ihr, sie sofort zu schreiben, womit Harriet in der Hoffnung auf ihren Beistand einverstanden war. Emma wiederholte zwar, sie brauche keinen Beistand, half ihr aber in Wirklichkeit bei jedem Satz. Denn Harriet überflog seinen Brief noch einmal, während sie sich über die Antwort den Kopf zerbrach, und das hatte eine so herzerweichende Wirkung, daß es dringend nötig wurde, ihr mit ein paar entschiedenen Wendungen den Rücken zu stärken. Die Vorstellung, daß sie ihm einen Schmerz zufügte, ging ihr so nahe, und sie machte sich soviel Gedanken darüber, was seine Mutter und seine Schwestern sagen und denken würden, und daß sie sie für undankbar halten könnten, war ihr so quälend, daß Emma sich sagte, wenn der junge Mann in diesem Augenblick vor Harriet erschienen wäre, hätte sie ihn schließlich doch genommen.

Der Brief wurde geschrieben, gesiegelt und abgeschickt. Die Sache war abgetan und Harriet gerettet. Sie war den ganzen Abend über ziemlich niedergeschlagen, aber Emma hatte Nachsicht mit ihrem rührenden Kummer und linderte ihn, indem sie ihr immer wieder sagte, wie lieb sie sie habe, und ihr ab und zu Mr. Elton wieder in Erinnerung brachte.

»Sie werden mich nie mehr nach Abbey Mill einladen«, sagte Harriet in sehr bekümmertem Ton.

»Und wenn, dann könnte ich dich schwerlich entbehren. Wir brauchen dich in Hartfield viel zu sehr, um dich an Abbey Mill abzutreten.«

»Und ich möchte auch gar nicht mehr hin. Ich bin ja doch nirgends glücklich als in Hartfield.« Und nach einer Weile: »Ich glaube, Mrs. Goddard wäre sehr erstaunt, wenn sie das wüßte, und sicher auch Miss Nash – denn Miss Nash findet ihre Schwester schon sehr gut verheiratet, und die hat doch nur einen Leinwandhändler.«

»Eine Schullehrerin, die mehr Stolz und feinen Geschmack hätte, könnte einem ja auch leid tun, Harriet. Miss Nash würde dich bestimmt um eine solche Heiratsmöglichkeit beneiden. Schon diese Eroberung wäre in ihren Augen ein Himmelsgeschenk. Daß gar noch etwas Feineres für dich in Frage kommt, würde ihr wahrscheinlich nicht im Traum einfallen. Daß ein gewisser Jemand ein Auge auf dich geworfen hat, dürfte noch kaum bis zu den Klatschbasen von Highbury gedrungen sein. Bisher, glaube ich, sind du und ich die einzigen, denen seine Blicke und sein Benehmen etwas verraten.«

Harriet errötete und lächelte und murmelte etwas von Verwunderung, daß man sie so gern habe. Der Gedanke an Mr. Elton wirkte jedenfalls ermunternd. Doch nach einer Weile regten sich in ihr wieder zärtliche Gefühle für den verschmähten Mr. Martin.

»Jetzt hat er meinen Brief«, sagte sie leise. »Ich möchte wissen, was sie nun alle tun . . . ob er es seinen Schwestern sagt . . . Wenn er unglücklich ist, werden sie auch unglücklich sein. Hoffentlich nimmt er’s sich nicht so zu Herzen.«

»Komm, laß uns lieber an einen abwesenden Freund denken, der etwas Erfreulicheres zu tun hat«, rief Emma. »Vielleicht zeigt Mr. Elton in diesem Augenblick dein Bild seiner Mutter und seinen Schwestern und erzählt ihnen, wieviel schöner noch das Original ist, und wenn sie ihn fünf- oder sechsmal gefragt haben, dürfen sie auch deinen Namen erfahren, deinen einzig geliebten Namen.«

»Mein Bild? Aber er hat doch mein Bild in der Bond Street gelassen.«

»So, meinst du? Dann müßte ich Mr. Elton sehr verkennen. Nein, meine liebe, bescheidene kleine Harriet, verlaß dich drauf, das Bild wird nicht in die Bond Street gebracht vor morgen, kurz bevor er wieder zu Pferde steigt. Es wird ihm heute den ganzen Abend über Gesellschaft leisten, sein Trost, sein Entzücken. Es enthüllt seiner Familie, was er vorhat, es führt dich bei ihnen ein, es erregt die schönsten Empfindungen, die es für uns Frauen gibt – sie brennen jetzt vor Neugier und sind dir schon im voraus herzlich zugetan. Wie fröhlich, wie lebhaft, wie geschäftig mag ihre Phantasie jetzt arbeiten und sich in Vermutungen ergehen!«

Da lächelte Harriet wieder, und ihr Gesicht erhellte sich mehr und mehr.

Achtes Kapitel

Diese Nacht schlief Harriet in Hartfield. Seit ein paar Wochen hatte sie mehr als die Hälfte ihrer Zeit dort verbracht, und allmählich war man dazu übergegangen, ihr ein eigenes Schlafzimmer einzurichten. Emma hielt es in jeder Hinsicht für das Beste, Sicherste und Freundschaftlichste, sie gegenwärtig soviel wie möglich bei sich zu behalten. Am nächsten Morgen mußte sie für ein oder zwei Stunden zu Mrs. Goddard gehen, dann aber sollte vereinbart werden, daß sie zu einem regelrechten Besuch von ein paar Tagen nach Hartfield käme.

Während ihrer Abwesenheit kam Mr. Knightley und saß eine Weile bei Mr. Woodhouse und Emma, bis ihr Vater, der einen Spaziergang vorgehabt hatte, sich von ihr überreden ließ, ihn nicht aufzuschieben, und auf die Bitten beider – freilich gegen seine Höflichkeitsbedenken – schließlich Anstalten machte, sich von Mr. Knightley zu verabschieden. Mr. Knightley in seiner unzeremoniellen Art bot mit seinen kurzen, bündigen Antworten einen amüsanten Kontrast zu den endlosen Entschuldigungen und umständlichen Artigkeiten des andern.

»Nun gut, wenn Sie mich entschuldigen wollen, Mr. Knightley, und mich nicht für einen Grobian halter, will ich Emmas Rat befolgen und ein Viertelstündchen ausgehen. Da die Sonne herausgekommen ist, will ich meine drei Runden machen, solange sie scheint. Ihnen gegenüber bin ich ganz unzeremoniell, Mr. Knightley. Wir gebrechlichen Leute meinen immer, wir dürften uns Privilegien herausnehmen.«

»Mein lieber Mr. Woodhouse, behandeln Sie mich doch nicht wie einen Fremden.«

»Ich lasse Ihnen einen vortrefflichen Stellvertreter in meiner Tochter hier. Emma wird es eine Freude sein, Sie zu unterhalten. Und so will ich Sie denn bitten, mich zu entschuldigen, und meine drei Runden machen, meinen Winterspaziergang.«

»Sie können nichts Besseres tun, Sir.«

»Ich würde Sie um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft bitten, Mr. Knightley, aber ich gehe sehr gemächlich, bei meinem Schritt würden Sie sich langweilen; und außerdem haben Sie ja bis Donwell Abbey noch einen weiten Weg vor sich.«

»Danke, Sir. In ein paar Minuten muß ich selber aufbrechen, und ich glaube, je eher Sie gehen, desto besser. Ich will Ihren Mantel holen und Ihnen das Gartentor öffnen.«

Endlich war Mr. Woodhouse gegangen. Aber Mr. Knightley, statt sich ebenfalls gleich auf den Weg zu machen, setzte sich wieder und schien geneigt, noch ein Weilchen zu plaudern. Er fing von Harriet an und sprach so lobend über sie, wie Emma ihn nie gehört hatte.

»Ich bin von ihrer Schönheit nicht so berückt wie Sie, aber sie ist ein hübsches kleines Geschöpf und mit guten Anlagen, möchte ich glauben. Ihr Charakter hängt zwar von den Menschen ab, mit denen sie umgeht, aber in guten Händen wird sie sich zu einer wertvollen Frau entwickeln.«

»Ich freue mich, daß Sie so denken; und an guten Händen fehlt es ja wohl nicht.«

»Kommen Sie«, sagte er, »Sie sind auf ein Kompliment erpicht; so will ich gern sagen, Sie haben sie gefördert. Sie haben ihr das Schulmädchengekicher ausgetrieben; sie macht Ihnen wirklich Ehre.«

»Danke. Es wäre mir auch bitter, wenn ich glauben müßte, ich hätte ihr nicht genützt. Aber wer lobt einen denn, wenn man einmal ein Lob verdient? Sie wenigstens überhäufen mich nicht oft damit.«

»Sie erwarten sie noch heute vormittags zurück, sagten Sie?«

»Jeden Augenblick. Sie bleibt schon länger aus, als sie wollte.«

»Wer weiß, was sie aufgehalten hat? Vielleicht hat sie Besuch bekommen.«

»Stadtklatsch von Highbury! Diese langweiligen Schwatzbasen!«

»Nun, Harriet findet vielleicht nicht jeden langweilig, der Sie langweilt.«

Emma wußte zu gut, wie recht er hatte, um ihm zu widersprechen, darum sagte sie nichts darauf. Mit einem Lächeln fuhr er fort:

»Ich will mich nicht auf Zeit und Ort festlegen, aber ich muß sagen, ich habe guten Grund anzunehmen, daß Ihre kleine Freundin bald etwas hört, was für sie vorteilhaft ist.«

»So? Wieso denn? Was ist es?«

»Etwas sehr Ernstes, glauben Sie mir.« Er lächelte immer noch.

»Etwas sehr Ernstes? Dann kann es meines Erachtens nur eins sein. Wer ist in sie verliebt? Wer macht Sie zu ihrem Vertrauten?«

Schon war Emma voller Hoffnung, Mr. Elton habe eine Andeutung fallen lassen. Mr. Knightley war für jedermann eine Art Freund und Ratgeber, und sie wußte, daß Mr. Elton zu ihm aufsah.

»Ich habe Grund zu glauben, daß Harriet Smith bald einen Heiratsantrag bekommt, und von allerbester Seite. Robert Martin ist der Mann. Ihr Besuch in Abbey Mill letzten Sommer hat ihm offenbar den Rest gegeben. Er ist bis über beide Ohren in sie verliebt und will sie heiraten.«

»Sehr liebenswürdig von ihm«, sagte Emma. »Aber ist er denn sicher, daß Harriet ihn heiraten will?«

»Na ja, er will ihr einen Antrag machen. Genügt das nicht? Vor zwei Tagen kam er abends zur Abbey, um sich mit mir darüber zu beraten. Er weiß, daß ich ihn und seine ganze Familie von Grund aus schätze, und ich glaube, er betrachtet mich als einen seiner besten Freunde. Er wollte mich fragen, ob ich es unklug fände, wenn er so früh einen eigenen Hausstand gründete, und ob ich sie für zu jung halte, kurzum, ob ich seine Wahl im ganzen billige. Vielleicht war er etwas besorgt, man könnte finden, daß sie gesellschaftlich über ihm steht (besonders seit Sie soviel von ihr hermachen). Alles, was er sagte, hat mir sehr gefallen. Ich kenne keinen Menschen, der so verständig ist, so das Herz auf dem rechten Fleck hat wie Robert Martin. Er bleibt bei der Sache, redet offen und geradezu und hat ein sicheres Urteil. Er hat alles mit mir besprochen, seine Verhältnisse, seine Pläne, und wie sie sich alle im Fall seiner Heirat einrichten wollen. Er ist ein wohlgeratener junger Mann, sowohl als Sohn wie als Bruder. Ich habe ihm ohne Bedenken zugeraten zu heiraten. Er hat mir bewiesen, daß er dazu in der Lage ist, darum bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß er nichts Besseres tun kann. So habe ich denn die holde Maid gepriesen, und er ging sehr beglückt davon. Wenn er nie etwas von meiner Ansicht gehalten hätte, jetzt wäre ich hoch in seiner Achtung gestiegen, und sicherlich ging er aus dem Hause mit dem Gefühl, daß er in mir den besten Freund und Ratgeber hat, den ein Mensch haben kann. Das war vorgestern abend. Nun, da dürfen wir wohl annehmen, daß er nicht viel Zeit verstreichen lassen wird, ehe er mit der Dame spricht, und da er’s anscheinend gestern nicht getan hat, ist es nicht unwahrscheinlich, daß er heute zu Mrs. Goddard gegangen ist. So mag sie von einem Besucher aufgehalten werden, den sie durchaus nicht als langweilige Schwatzbase empfindet.«

»Bitte, Mr. Knightley«, sagte Emma, die während eines großen Teils dieser Rede vor sich hin gelächelt hatte, »wieso wissen Sie, daß Mr. Martin nicht gestern gesprochen hat?«

»Freilich«, erwiderte er erstaunt, »absolut sicher weiß ich es nicht, aber die Vermutung liegt doch nahe. War sie denn nicht den ganzen Tag bei Ihnen?«

»Kommen Sie«, sagte sie, »ich will Ihnen auch etwas erzählen, zum Dank für das, was Sie mir erzählt haben. Er hat schon gestern gesprochen – das heißt, er hat geschrieben und einen Korb bekommen.«

Das mußte sie wiederholen, ehe er’s glauben konnte. Mr. Knightley war tatsächlich rot vor Überraschung und Zorn, sprang in flammender Entrüstung auf und rief:

»Dann ist sie eine noch größere Gans, als ich geglaubt hätte. Was hat denn das törichte Mädchen im Sinn?«

»Oh, natürlich«, rief Emma, »für einen Mann ist es immer unvorstellbar, daß eine Frau einen Heiratsantrag zurückweisen könnte. Ein Mann bildet sich immer ein, eine Frau wartete nur auf den ersten besten, der um sie anhält.«

»Unsinn! Ein Mann bildet sich nichts dergleichen ein. Aber was soll das bedeuten? Harriet Smith gibt Robert Martin einen Korb? Ein Wahnsinn, wenn es wahr ist. Aber ich hoffe, Sie irren sich.«

»Ich habe ihre Antwort gelesen. Deutlicher konnte man es nicht sagen.«

»Sie haben ihre Antwort gelesen? Dann haben Sie ihre Antwort auch geschrieben. Emma, dies ist Ihr Werk! Sie haben sie dazu überredet, ihn abzuweisen!«

»Und wenn ich’s getan hätte – was ich jedoch nicht im entferntesten zugebe –, würde ich nicht das Gefühl haben, daß ich’s falsch gemacht habe. Mr. Martin ist ein sehr achtbarer junger Mann, aber ich finde ihn darum doch nicht Harriet ebenbürtig. Weiß Gott, ich bin einigermaßen erstaunt, daß er sich an sie herangewagt hat. Wie Sie sagen, hat er offenbar selber Skrupel gehabt. Schade, daß er sich darüber hinweggesetzt hat.«

»Ihr nicht ebenbürtig?« rief Mr. Knightley laut und heftig. Und nach ein paar Minuten fügte er, seine Schroffheit mäßigend, hinzu: »Nein, in der Tat, er ist Harriet nicht ebenbürtig, denn sowohl geistig wie auch seinen Verhältnissen nach steht er über ihr. Emma, Ihre Vernarrtheit in das Mädchen macht Sie blind. Was für Ansprüche stellt Harriet Smith denn hinsichtlich Geburt, Persönlichkeit und Bildung, die über eine Verbindung mit Robert Martin hinausgehen? Sie ist die natürliche Tochter von wer weiß wem, wahrscheinlich ohne jede geregelte Versorgung und gewiß ohne respektable Verwandtschaft. Man kennt sie nur als Pensionärin einer gewöhnlichen Schule. Sie ist weder ein gescheites noch irgendwie gebildetes Mädchen. Man hat sie nichts Nützliches gelehrt, und sie ist zu jung und zu einfältig, um sich selber etwas angeeignet zu haben. In ihrem Alter kann sie noch keine Erfahrung haben, und bei ihrem kurzen Verstand ist es nicht wahrscheinlich, daß sie je aus Erfahrungen etwas lernt. Sie ist hübsch und sie ist gutartig, das ist alles. Als ich zu der Heirat riet, galt meine einzige Besorgnis ihm, weil sie nicht an ihn heranreicht und eine schlechte Partie ist. Ich fand, daß er, was Vermögen angeht, es aller Wahrscheinlichkeit nach besser treffen könnte, und in Hinsicht auf eine verständige Gefährtin und nützliche Gehilfin konnte er’s nicht schlechter treffen. Aber solche Erwägungen mochte ich vor einem verliebten Mann nicht anstellen und habe mein Vertrauen darein gesetzt, daß nichts Schlechtes in ihr steckt, daß sie ein Menschenkind ist, das in guten Händen wie den seinen leicht auf dem rechten Weg zu führen ist und sich gut entwickeln kann. Die gute Partie sah ich ganz auf ihrer Seite und hatte nicht den mindesten Zweifel – und habe ihn auch jetzt nicht –, daß man allgemein die Hände überm Kopf zusammenschlagen würde über ihr unerhörtes Glück. Sogar Ihrer Zufriedenheit glaubte ich sicher zu sein. Es ging mir sofort durch den Sinn, Sie würden Ihre Freundin ohne Bedauern aus Highbury weggehen sehen, wenn sie sich so gut verheiratete. Ich weiß noch, wie ich mir sagte: Sogar Emma mit all ihrer Voreingenommenheit für Harriet wird finden, daß dies eine gute Partie ist.«

»Dann kann ich mich nur wundern, wie wenig Sie Emma kennen. Wie? Einen Bauern – und mit all seinem Verstand und all seiner Tüchtigkeit ist Mr. Martin doch nichts anderes – einen Bauern betrachten Sie als gute Partie für meine intime Freundin? Ich sollte nicht bedauern, wenn sie Highbury verläßt, um einen Mann zu heiraten, den ich nie in meinen Bekanntenkreis aufnehmen könnte? Ich bin erstaunt, daß Sie mir solche Empfindungen zutrauen. Da fühle ich ganz anders, versichere ich Ihnen. Ich finde Ihren Standpunkt keineswegs fair. Sie werden Harriets Ansprüchen nicht gerecht. Darüber würden auch andere Leute so denken wie ich. Mr. Martin mag der Wohlhabendere sein, aber in seinem Rang kann er sich nicht mit ihr messen. Sie bewegt sich in einer viel höheren gesellschaftlichen Sphäre als er. Es wäre eine Erniedrigung.«

»Eine Erniedrigung für uneheliche Geburt und Unwissenheit, einen ehrbaren, intelligenten Gutsherrn zu heiraten?«

»Was ihre Herkunft anlangt, mag man sie in juristischem Sinn ein Niemandskind nennen, für den gesunden Verstand ist das nicht stichhaltig. Sie soll nicht für das Vergehen anderer büßen, indem sie unter das Niveau gedrückt wird, auf dem sie erzogen ist. Man kann wohl kaum bezweifeln, daß ihr Vater ein Gentleman ist, und ein Gentleman mit Vermögen. Ihr Jahresgeld ist sehr großzügig bemessen, an ihrer Ausbildung und Ausstattung hat man nie geknausert. Daß sie die Tochter eines Gentleman ist, steht für mich fest, und daß sie mit Gentlemenstöchtern verkehrt, wird wohl niemand bestreiten. Sie gehört einer höheren Gesellschaftsschicht an als Mr. Martin.«

»Wer auch ihre Eltern sein mögen«, sagte Mr. Knightley, »wer immer mit ihrer Obhut betraut sein mag, es scheint nicht in ihrer Absicht gelegen zu haben, sie bei denen einzuführen, die Sie die gute Gesellschaft nennen. Nach einer sehr mittelmäßigen Erziehung ist sie Mrs. Goddards Händen übergeben worden, damit die sie weiterbringt, so gut sie kann – kurz, um sich auf der Linie Mrs. Goddards und in ihren Kreisen zu bewegen. Das fanden ihre Angehörigen offenbar gut genug für sie, und es war gut genug, sie selber wünschte sich nichts Besseres. Bis Sie geruhten, sie zu Ihrer Freundin zu machen, empfand sie keine Abneigung gegen ihresgleichen und hatte sie nicht den Ehrgeiz, höher hinaus zu wollen. Im Sommer war sie bei den Martins so glücklich, wie sie nur sein konnte. Damals dünkte sie sich noch nicht etwas Besseres. Wenn sie es jetzt tut, so haben Sie es ihr in den Kopf gesetzt. Sie haben damit nicht freundschaftlich an Harriet Smith gehandelt, Emma. Robert Martin wäre nie so weit gegangen, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, daß sie ihm nicht abgeneigt sei. Ich kenne ihn gut. Er ist in seinem Gefühl viel zu sicher, um in selbstischer Leidenschaft auf gut Glück um eine Frau anzuhalten. Und ich kenne keinen Menschen, dem Dünkel so fern liegt wie ihm. Verlassen Sie sich drauf, er ist ermutigt worden.«

Auf diese Behauptung ging Emma lieber nicht ein. Sie zog es vor, ihren eigenen Standpunkt weiter zu verfechten.

»Sie sind Mr. Martin ein sehr warmer Freund, aber, wie ich schon sagte, gegen Harriet sind Sie ungerecht. Harriets Ansprüche auf eine gute Heirat sind nicht so ungebührlich, wie Sie sie darstellen. Sie ist kein intelligentes Mädchen, aber gescheiter, als Sie wissen, und verdient nicht, daß man so abschätzig von ihrem Verstand spricht. Aber sehen wir einmal davon ab und nehmen wir an, sie wäre, wie Sie sie schildern, bloß hübsch und gutartig, so kann ich Ihnen nur sagen, daß diese Eigenschaften, in dem Maße, wie Harriet sie besitzt, in den Augen der Welt im allgemeinen keine belanglose Empfehlung sind. Sie ist wirklich ein schönes Mädchen, und neunundneunzig Leute von hundert müssen das finden; und solange sich nicht zeigt, daß die Männer über Schönheit viel philosophischer denken als man gemeinhin annimmt, solange sie sich nicht in einen gebildeten Geist statt in ein hübsches Gesicht verlieben, solange kann ein liebreizendes Mädchen wie Harriet sicher sein, daß es bewundert und begehrt wird und die Wahl unter vielen hat, also wählerisch sein darf. Auch ihre Gutartigkeit ist ja nicht so gering zu veranschlagen, denn dazu gehört ihr wahrhaft durch und durch liebes Wesen, ihre bescheidene Meinung von sich und ihre gutwillige Umgänglichkeit. Ich müßte mich sehr irren, wenn Ihr Geschlecht im allgemeinen solcher Schönheit und solchem Wesen nicht den höchsten Anspruch zubilligte, den eine Frau erheben kann.«

»Weiß Gott, Emma, wenn ich höre, wie Sie Ihre Vernunft mißbrauchen, könnte ich mich beinah zu Ihrer Ansicht bekehren. Besser keinen Verstand, als ihn so verkehrt anwenden, wie Sie es tun.«

»Natürlich«, rief sie scherzend, »ich weiß, so denkt ihr alle. Ich weiß, daß gerade ein Mädchen wie Harriet jeden Mann entzückt – sofort seine Sinne behext und seinen kritischen Verstand einlullt. O ja, Harriet darf sich getrost einen herauspicken, sie hat die Wahl. Sollten Sie selbst jemals heiraten, dann wäre sie die richtige Frau für Sie. Und ist es denn zu verwundern, wenn sie, die siebzehn Jahre alt ist und eben ins Leben tritt, eben anfängt, bekannt zu werden, nicht den ersten besten Antrag, den sie bekommt, annimmt? Nein, lassen Sie ihr bitte Zeit, sich umzusehen.«

»Ich habe diese intime Freundschaft immer als eine Narrheit angesehen«, sagte Mr. Knightley darauf, »ich habe nur meine Gedanken für mich behalten. Aber nun sehe ich, daß Sie Harriet ins Unglück bringen. Mit solchen Ansichten über ihre Schönheit, und was sie beanspruchen kann, werden Sie sie so aufblasen, daß ihr binnen kurzem kein Mann in ihrer Reichweite mehr gut genug ist. Eitelkeit kann in einem schwachen Kopf allerhand Unheil anrichten. Nichts leichter, als daß eine junge Dame ihre Erwartungen zu hoch spannt. Miss Harriet Smith dürfte noch dahinterkommen, daß es nicht alle Tage Heiratsanträge regnet, wenn sie auch ein hübsches Mädchen ist. Ein verständiger Mann, was Sie auch sagen mögen, will keine dumme Frau. Ein Mann aus guter Familie wird sich auch nicht leicht mit einem Mädchen von dunkler Herkunft verbinden, die meisten umsichtigen Männer würden die Mißlichkeiten und die Schande fürchten, in die sie verwickelt werden könnten, wenn das Geheimnis dieser Geburt eines Tages gelüftet würde. Lassen Sie sie Robert Martin heiraten, und sie ist für immer geborgen, geachtet und glücklich. Aber wenn Sie sie ermutigen, eine großartige Partie zu erwarten, wenn Sie ihr den Floh ins Ohr setzen, sie dürfe sich mit nichts Geringerem als mit einem Mann von Stande und großem Vermögen zufriedengeben, so bleibt sie vielleicht für den Rest ihres Lebens Pensionärin bei Mrs. Goddard – oder zum mindesten (denn Harriet Smith ist ein Mädchen, das schließlich doch irgendeinen heiratet), bis sie verzweifelt und heilfroh ist, wenn sie den Sohn des alten Schreiblehrers ergattern kann.«

»Über diesen Punkt gehen unsre Meinungen so auseinander, Mr. Knightley, daß es keinen Sinn hat, ihn weiter zu erörtern. Wir werden uns gegenseitig nur immer mehr verärgern. Nur daß ich sie Robert Martin heiraten lasse – das ist unmöglich; sie hat ihn abgewiesen, und so entschieden, daß, glaube ich, einem zweiten Antrag vorgebeugt ist. Sie muß nun die Folgen auf sich nehmen, wie sie auch sein mögen. Ich will nicht sagen, ich hätte sie bei ihrem Entschluß, nein zu sagen, nicht ein bißchen beeinflußt. Aber ich versichere Ihnen, ob ich oder sonst jemand, man brauchte nur sehr wenig nachzuhelfen. Seine Erscheinung nimmt zu sehr gegen ihn ein, und er hat gar zu bäurische Manieren. Sollte sie je etwas für ihn übrig gehabt haben, so jedenfalls jetzt nicht mehr. Ich kann mir vorstellen, daß sie ihn ganz leidlich fand, solange sie keinen feineren Mann gesehen hatte. Er ist der Bruder ihrer Freundinnen und hat sich Mühe gegeben, ihr zu gefallen; und überhaupt, da sie keinem Besseren begegnet war (das muß am meisten zu seinen Gunsten gewirkt haben), mag sie ihn, als sie in Abbey Mill war, nicht unsympathisch gefunden haben. Aber jetzt liegt die Sache anders. Sie weiß nun, was ein Gentleman ist, und nur ein Gentleman nach Bildung und Manieren hat bei Harriet eine Chance.«

»Unsinn! Der ärgste Unsinn, den je ein Mensch dahergeredet hat!« rief Mr. Knightley. »Robert Martins Benehmen zeigt einen verständigen, aufrichtigen, herzensguten Menschen, das kann nur für ihn einnehmen. Und in seinem Wesen liegt mehr wahre Vornehmheit, als Harriet Smith je begreifen kann.«

Emma gab keine Antwort und suchte heiter und unbekümmert auszusehen, in Wirklichkeit aber war ihr recht unbehaglich zumute und sie wünschte sehr, daß er ginge. Sie bereute nicht, was sie getan hatte. Sie glaubte immer noch, über das Recht und die Empfindlichkeit einer Frau stünde ihr eher ein Urteil zu als ihm. Trotzdem empfand sie etwas wie einen gewohnheitsmäßigen Respekt vor seinem Urteil im allgemeinen, deshalb war es ihr unlieb, daß es so laut gegen sie sprach; und daß er ihr in so zorniger Verfassung gegenüber saß, war ihr sehr unangenehm. Einige Minuten vergingen in diesem ungemütlichen Schweigen; nur Emma versuchte einmal, vom Wetter zu sprechen, doch er ging nicht darauf ein. Er war in seine Gedanken versunken. Schließlich sagte er:

»Robert Martin verliert nicht viel; wenn er es nur selber auch einsieht! Doch ich hoffe, es dauert nicht lange, bis es soweit ist. Was Sie mit Harriet vorhaben, wissen Sie selbst am besten. Wenn Sie aber schon aus Ihrer Leidenschaft fürs Ehestiften kein Hehl machen, darf man wohl annehmen, daß Sie bestimmte Aussichten, Vermutungen und Projekte haben – und als Ihr Freund möchte ich Ihnen nur den einen Wink geben: wenn Elton der Mann ist, halte ich alle Ihre Mühen für umsonst.«

Emma leugnete es lachend ab. Er fuhr fort:

»Verlassen Sie sich darauf, mit Elton wird es nichts. Er ist ein guter Kerl und ein braver Vikar für Highbury, aber es sieht ihm nicht ähnlich, unbesonnen eine Ehe einzugehen. Er weiß so wohl wie jeder andre, was ein gutes Einkommen wert ist. Elton mag gefühlvoll reden, aber er wird vernünftig handeln. Er weiß ebensogut, worauf er Anspruch erheben kann, wie Sie sich einbilden, es von Harriet zu wissen. Er ist sich bewußt, daß er ein ansehnlicher junger Mann ist und sehr beliebt, wohin er auch kommt, und nach seinen Äußerungen in Herrengesellschaft, wo er sich keine Zurückhaltung auferlegt, bin ich überzeugt, daß er nicht daran denkt, sich zu verschleudern. Ich habe ihn in den höchsten Tönen von einer großen Familie reden hören, mit deren jungen Damen seine Schwestern befreundet sind, alle mit einer Mitgift von zwanzigtausend Pfund pro Stück.«

»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet«, sagte Emma und lachte wieder. »Hätte ich mein Herz daran gehängt, Mr. Elton mit Harriet zu verheiraten, wäre es sehr gütig gewesen, mir die Augen zu öffnen, aber vorläufig möchte ich Harriet für mich allein behalten. Wirklich, ich habe genug vom Ehestiften. Ich möchte nicht wiederholen, was ich mir mit dem Erfolg von Randalls eingebrockt habe. Ich will lieber die Finger davonlassen, solange ich’s so gut habe.«

»Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!« sagte er, stand auf und ging brüsk hinaus. Er war sehr aufgebracht. Er fühlte die Enttäuschung des jungen Mannes mit, und es war ihm bitter, daß er dazu beigetragen hatte, indem er seinen Segen zu der Werbung gab. Und die Rolle, die Emma, wie er überzeugt war, bei der Affäre gespielt hatte, empörte ihn über alle Maßen.

Emma blieb ebenfalls erzürnt zurück, doch ohne sich über die Ursache so im klaren zu sein wie er. Sie war nicht immer so absolut mit sich im reinen, nicht so völlig überzeugt, daß sie mit ihrer Ansicht recht und der Gegner unrecht habe, wie Mr. Knightley. Er war ganz mit sich einig, ließ sie aber nicht ebenso zurück. Doch war sie nicht so niedergeschmettert, daß nicht ein wenig Zeit und Harriets Rückkehr hinreichen würden, sie wieder aufzurichten. Daß Harriet so lange ausblieb, begann sie zu beunruhigen. Der Gedanke, der junge Mann sei möglicherweise heute morgen zu Mrs. Goddard gegangen und habe dort Harriet getroffen und seine Sache mündlich geführt, war mehr als aufregend. Die Furcht vor einem solchen Fehlschlag nach allem, was vorausgegangen war, drängte allmählich alle anderen unbequemen Gefühle beiseite. Und als Harriet endlich erschien, in bester Stimmung und ohne eine schlimme Erklärung für ihre Verspätung, war Emma so erleichtert, daß sie auch ihre Selbstsicherheit wiederfand und sich in der Überzeugung wiegte, sie habe – mochte Mr. Knightley denken und sagen, was er wollte – nichts getan, was die Freundschaft und das Empfinden einer Frau nicht rechtfertigte.

Mr. Eltons wegen hatte er ihr jedoch ein bißchen bange gemacht. Wenn sie aber bedachte, daß Mr. Knightley ihn nicht so hatte beobachten können wie sie, weder mit der Anteilnahme, noch (das durfte sie sich, Mr. Knightleys Überheblichkeit zum Trotz, wohl zugute halten) mit dem kundigen Blick, den sie für diese Dinge besaß, daß er ferner überstürzt und im Zorn gesprochen hatte, hielt sie es sogar für möglich, daß er aus lauter Gereiztheit gesagt hatte, was er gern wahrgehabt hätte, ohne es sicher zu wissen. Es mochte ja sein, daß Mr. Elton sich in seinem Beisein rückhaltloser geäußert hatte als je vor ihr, und vielleicht war er wirklich nicht der Mann, der in Geldangelegenheiten unvorsichtig und leichtfertig handeln würde, er mochte sogar dazu neigen, sie sehr wichtig zu nehmen. Aber dann rechnete Mr. Knightley nicht genug mit der Macht einer heißen Leidenschaft, die alle eigensüchtigen Motive zu überwältigen vermag. Mr. Knightley bekam ja von dieser Leidenschaft nichts zu sehen und dachte darum natürlich nicht an ihre Wirkung; sie aber sah zuviel davon, um nicht zu glauben, daß seine Leidenschaft jedes Bedenken, das vernünftige Vorsicht anfangs einflößen könnte, überwinden werde. Und mehr als ein verständiges, schickliches Maß an Vorsicht war Mr. Elton ganz gewiß nicht zuzutrauen.

Harriets Fröhlichkeit gab auch Emma ihre Fröhlichkeit wieder. Das Mädchen war wieder da und dachte nicht an Mr. Martin, sondern plauderte von Mr. Elton. Miss Nash hatte ihr etwas erzählt, das sie sofort mit Wonne auspackte. Mr. Perry war bei Mrs. Goddard gewesen, um ein krankes Kind zu besuchen, und Miss Nash war ihm begegnet, und er hatte ihr erzählt, er habe gestern, als er von Clayton Park zurückkam, Mr. Elton getroffen und zu seinem großen Erstaunen vernommen, daß Mr. Elton auf dem Wege nach London wäre und erst am nächsten Tage zurückzukehren gedächte, obwohl doch Whistabend war, den er noch nie versäumt hatte. Mr. Perry hätte ihm deswegen Vorhaltungen gemacht, es sei schäbig von ihm, ihrem besten Spieler, sie im Stich zu lassen, und ihn zu überreden versucht, seine Reise doch um einen Tag zu verschieben; aber es half nichts. Mr. Elton war entschlossen weiterzureiten, und hatte in einem wirklich sehr eigentümlichen Ton gesagt, er habe Geschäfte zu erledigen, die er um alles in der Welt nicht aufschieben möchte; er hatte sogar etwas von einem beneidenswerten Auftrag durchblicken lassen, von etwas über alle Maßen Kostbarem, das er da bei sich trage. Mr. Perry verstand ihn nicht ganz, meinte aber, da sei bestimmt eine Dame im Spiel, und das sagte er ihm auch, und Mr. Elton lächelte und tat sehr geheimnisvoll und ritt in großartiger Stimmung davon. Alles das hatte Miss Nash Harriet erzählt und noch eine ganze Weile weiter über Mr. Elton geschwatzt und mit einem bedeutsamen Blick zu ihr gesagt, sie wolle zwar nicht behaupten, sie wüßte, in was für Geschäften Mr. Elton unterwegs sei, aber soviel sei sicher: die Frau, auf die Mr. Eltons Wahl fiele, sei das glücklichste Geschöpf auf Erden; denn einen so herrlichen und liebenswürdigen Mann gebe es nicht zum zweitenmal.

Neuntes Kapitel

Mochte Mr. Knightley auch mit ihr uneins sein, mit sich selber war Emma nicht uneins. Er war so böse auf sie, daß es länger als gewöhnlich dauerte, bis er wieder nach Hartfield kam, und als sie sich wiedersahen, zeigte sein ernster Blick, daß er ihr noch nicht verziehen hatte. Es tat ihr leid, aber sie verspürte keine Reue. Im Gegenteil, sie verliebte sich immer mehr in ihre Pläne und Machenschaften, denn sie sah sie mehr und mehr gerechtfertigt durch die allgemeinen Begebenheiten der nächsten Tage.

Das Bildnis wurde ihr bald nach Mr. Eltons Rückkehr unversehrt wieder zugestellt. Es war elegant gerahmt, und als es über dem Kamin im Wohnzimmer hing, stand er auf, um es zu betrachten, und erging sich in Stoßseufzern der Bewunderung, ganz wie gewünscht. Und Harriets Gefühle verdichteten sich sichtlich zu einer so starken und stetigen Neigung, wie es ihre Jugend und ihre Natur nur zuließen. Emma fand bald zu ihrer völligen Genugtuung, daß Harriet an Mr. Martin nur noch insoweit dachte, als er den Kontrast zu Mr. Elton lieferte, ganz und gar zugunsten des letzteren.

Ihr Vorsatz, den Geist ihrer kleinen Freundin durch viel nützliche Lektüre und Gespräche zu bilden, war über ein paar Anfangskapitel und die Absicht, am nächsten Tage weiterzulesen, noch nicht hinausgediehen. Es war viel bequemer, zu plaudern als zu lernen, viel vergnüglicher, ihre Phantasie schweifen zu lassen und Luftschlösser für Harriet zu bauen, als sich damit zu plagen, ihren Horizont zu erweitern und ihren Verstand an nüchternen Tatsachen zu schärfen; und die einzige literarische Beschäftigung, die Harriet gegenwärtig fesselte, die einzige geistige Vorsorge für ihren Lebensabend bestand darin, Rätsel aller Art zu sammeln, soviel sie nur auftreiben konnte, und in ein dünnes Quartheft aus feinem, geglättetem Papier zu schreiben, das ihre Freundin für sie angefertigt und mit ihrem Monogramm und allegorischen Figuren verziert hatte.

Unter den literarischen Betätigungen unserer Zeit sind umfangreiche Sammlungen dieser Art keine Seltenheit. Miss Nash, die Hauptlehrerin bei Mrs. Goddard, hatte mindestens dreihundert aufgeschrieben, und Harriet, die von ihr die erste Anregung empfangen hatte, hoffte mit Miss Woodhouses Hilfe weit mehr zusammenzubringen. Emma half ihr mit eigenen Erfindungen, mit ihrem Gedächtnis und ihrem Geschmack, und da Harriet eine sehr hübsche Handschrift hatte, würde wahrscheinlich eine in Form und Zahl erstklassige Sammlung zustande kommen.

Mr. Woodhouse war daran fast ebenso interessiert wie die Mädchen und durchstöberte oft seine Erinnerungen nach etwas, das wert wäre, in das Heft aufgenommen zu werden. Es habe so viele kluge Rätsel gegeben, als er jung war, sagte er, und er wundere sich, daß er sie nicht behalten hatte. Aber er hoffe, daß sie ihm mit der Zeit wieder einfielen. Und es endete immer mit »Kitty, die schöne, die frostige Maid . . .«

Auch sein guter Freund Perry, mit dem er darüber gesprochen hatte, erinnerte sich im Augenblick an nichts Rätselartiges. Aber er hatte Perry gebeten, sich umzuhören, und da dieser viel herumkam, meinte er, von dieser Seite könne wohl noch etwas kommen.

Seiner Tochter war es durchaus nicht darum zu tun, die gesamte Intelligenz von Highbury einzuspannen. Mr. Elton war der einzige, den sie um seine Mitarbeit bat. Sie forderte ihn auf, ein paar wirklich gute Rätsel, Scharaden oder Scherzfragen, die er wüßte, beizusteuern, und zu ihrem Vergnügen sah sie ihn eifrigst in seinem Gedächtnis graben. Dabei bemerkte sie, wie er streng darauf bedacht war, daß ihm nichts Ungalantes, nichts, das nicht dem weiblichen Geschlecht huldigte, über die Lippen kam. Sie verdankten ihm zwei oder drei ihrer artigsten Rätselreime, und als er schließlich mit überschwenglicher Freude die allbekannte Scharade

»Mein erstes bedeutet Weh und Ach,

Mein zweites muß sie leiden,

Doch heilet jenes Ungemach

Der Balsam aus den beiden«

auskramte und sehr gefühlvoll rezitierte, gestand sie nur mit großem Bedauern, das Rätsel sei schon ein paar Seiten vorher eingetragen.

»Warum wollen Sie nicht selber eine Scharade für uns schreiben, Mr. Elton?« fragte sie. »Das ist die einzige Gewähr, etwas ganz Neues in unser Heft zu bekommen, und nichts dürfte Ihnen leichter fallen.«

O nein, er habe nie, fast nie im Leben etwas Derartiges geschrieben, Dummkopf der er sei! Er fürchte, nicht einmal Miss Woodhouse – er hielt einen Augenblick inne – oder Miss Smith könnten ihn dazu inspirieren.

Aber schon am nächsten Morgen brachte er einen Beweis seiner Inspiration zutage. Er sprach nur für ein paar Minuten vor und ließ einen Zettel auf dem Tisch liegen, auf dem eine Scharade stand, die angeblich ein Freund von ihm an die junge Dame seines Herzens gerichtet hatte. Doch aus seinem Benehmen schloß Emma sogleich, daß sie sein eigenes Produkt war.

»Ich biete sie nicht für Miss Smith’ Sammlung an«, sagte er. »Da sie von meinem Freunde stammt, habe ich nicht das Recht, sie den Augen der Öffentlichkeit preiszugeben, aber vielleicht werfen Sie nicht ungern einen Blick darauf.«

Er sprach mehr zu Emma als zu Harriet, wofür Emma Verständnis hatte; er war sehr verlegen und fand es darum leichter, ihren Augen zu begegnen als denen ihrer Freundin. Im nächsten Augenblick war er verschwunden, und nach einem weiteren Augenblick schob Emma lächelnd den Zettel Harriet zu und sagte: »Da, nimm ihn, er ist ja doch für dich bestimmt. Nimm dein Eigentum an dich.«

Aber Harriet zitterte und bebte und konnte ihn nicht anrühren, und Emma, die sich nie sträubte, wenn’s um den Vorrang ging, mußte ihn zuerst studieren.

An Miss . . .

Scharade

»Mein erstes zeigt des Königs Glanz und Pracht,

Da thront der Herr der Erde hoch und hehr.

Mein zweites preist des Mannes andre Macht,

Sieh, wie es stolz durchfurcht das wilde Meer!

Wie anders, ach! wenn sie verbunden sind!

Des Mannes Macht und Freiheit schwand dahin,

Der stolze Herrscher wird zum Knecht und dient

Der holden Frau, der einz’gen Herrscherin.

Dein rascher Witz wird bald den Sinn ergründen;

Laß mir dein sanftes Auge Gnade künden!«

Sie überflog die Verse, überlegte, erfaßte den Sinn, las sie noch einmal durch, um sich zu vergewissern und sie sich einzuprägen, und reichte sie dann Harriet; und während diese, ganz wirr vor Hoffnung und Benommenheit, an dem Zettel herumrätselte, sprach Emma im stillen: Bravo, Mr. Elton, bravo! Ich habe schon schlimmere Scharaden gelesen. Courtship – Courmachen –, eine sehr treffende Anspielung, das muß ich Ihnen lassen. So tasten Sie sich vor. Das sagt deutlich genug: Bitte, Miss Smith, erlauben Sie, daß ich Ihnen den Hof mache. Sagen Sie mir mit einem einzigen Blick, daß meine Scharade wie meine Wünsche vor Ihnen Gnade finden.

»Laß mir dein sanftes Auge Gnade künden!«

Ganz Harriet. Sanft ist die richtige Bezeichnung für ihre Augen – von allen Beiworten das treffendste, das sich finden läßt.

»Dein rascher Witz wird bald den Sinn ergründen . . .«

Hm . . . Harriet und rascher Witz! Doch um so besser! Wer das von ihr sagen kann, muß schon toll verliebt sein. Ach, Mr. Knightley, ich möchte Ihnen gönnen, daß Sie das läsen, ich glaube, das würde selbst Sie überzeugen. Einmal in Ihrem Leben müßten Sie zugeben, daß Sie sich geirrt haben! Wirklich eine prächtige Scharade! Sehr für ihren Zweck geeignet. Nun muß es bald zur Entscheidung kommen.

Sie mußte jedoch diese erfreulichen Betrachtungen, die sie sonst wohl endlos weitergesponnen hätte, abbrechen, da Harriet, aufs höchste gespannt, sie mit ihren Fragen bestürmte.

»Was mag das bloß bedeuten, Miss Woodhouse? Was kann es denn nur sein? Ich hab nicht die geringste Ahnung. Ich komme einfach nicht dahinter. Was kann es denn nur bedeuten? Versuchen Sie es doch, Miss Woodhouse! Helfen Sie mir! Etwas so Schwieriges hab ich noch nie gelesen. Heißt es Königreich? Ich möchte wissen, wer der Freund war . . . und wer mag die junge Dame sein? Finden Sie es gut? Ob es Frau bedeutet?

›Der holden Frau, der einz’gen Herrscherin.‹

Oder ist Neptun gemeint?

›Sieh, wie es stolz durchfurcht das wilde Meer.‹

Oder ein Dreizack? Oder eine Seejungfer? Oder ein Hai? Ach nein, Hai ist ja einsilbig. Es muß sehr scharfsinnig sein, sonst hätte er’s uns nicht gebracht. Ach Miss Woodhouse, glauben Sie, daß wir es je herauskriegen?«

»Seejungfern und Hai! Unsinn! Meine liebe Harriet, was denkst du dir denn? Wozu sollte er uns die Scharade eines Freundes bringen, die von Seejungfern und Haien handelt? Gib mir den Zettel und hör zu!

›An Miss . . .‹ lies: Miss Smith.

›Mein erstes zeigt des Königs Glanz und Pracht,

Da thront der Herr der Erde hoch und hehr.‹

Das ist court – der königliche Hof.

›Mein zweites preist des Mannes andre Macht.

Sieh, wie es stolz durchfurcht das wilde Meer!‹

Das ist ship – das Schiff. Klar wie der Tag. Jetzt kommt das Beste.

›Wie anders, ach! wenn sie verbunden sind!

(courtship, weißt du, Courmachen, einer Frau den Hof machen)

Des Mannes Macht und Freiheit schwand dahin,

Der stolze Herrscher wird zum Knecht und dient

Der holden Frau, der einz’gen Herrscherin.‹

Eine sehr geschickte Huldigung! Und dann kommt die Nutzanwendung, meine liebe Harriet, die du wohl ohne großes Kopfzerbrechen verstehst. Lies es noch einmal in Ruhe allein. Zweifellos ist das an dich geschrieben und auf dich gemünzt.«

Harriet konnte einer so berückenden Überredungskunst nicht lange widerstehen. Sie las die Schlußzeilen und war außer sich vor Seligkeit. Sie konnte nichts sagen. Doch sie brauchte auch nichts zu sagen, wenn sie nur fühlte. Emma sprach für sie.

»Die Pointe spricht so deutlich, so nachdrücklich, daß ich nicht eine Sekunde mehr über Mr. Eltons Absichten im Ungewissen bin. Du bist gemeint – und du wirst bald den vollkommensten Beweis dafür erhalten. Ich habe immer gedacht, daß es so kommen würde. Ich wußte, daß ich mich nicht so täuschen konnte. Aber nun ist es heraus. Seine Verfassung zeigt sich hier so klar und eindeutig, wie ich es immer für dich gewünscht habe, seit ich dich kenne. Ja, Harriet, so lange schon habe ich dies herbeigesehnt, und nun ist es eingetroffen. Ich hätte nie sagen können, was stärker dabei mitspielte, daß ich dich und Mr. Elton als künftiges Liebespaar sah: daß ich es so heiß wünschte oder daß es so selbstverständlich schien. Beide, Wunsch und Wahrscheinlichkeit, sind nun völlig in Einklang gekommen! Ich bin überglücklich! Meine liebe Harriet, ich gratuliere dir von ganzem Herzen. Eine Frau darf wahrlich stolz darauf sein, einen solchen Liebesbund zu stiften. Aus dieser Verbindung kann dir nur Gutes erwachsen. Sie wird dir alles geben, was du dir wünschst – Ansehen, Unabhängigkeit, ein Heim, wie es dir zukommt –, sie gibt dir einen Platz inmitten all deiner wahren Freunde, nicht weit von Hartfield und von mir, und sie wird unsre Freundschaft für immer besiegeln. Es ist ein Bund, Harriet, über den wir beide nie zu erröten brauchen.«

»Liebe Miss Woodhouse!« und abermals »Liebe Miss Woodhouse!« war alles, was Harriet zunächst unter vielen zärtlichen Umarmungen zu stammeln vermochte. Als sie aber allmählich wieder reden konnte, wurde ihrer Freundin hinlänglich klar, daß Harriet nun sah, fühlte, Künftiges ausmalte und in Erinnerungen schwelgte, wie es sich gehörte. Mr. Eltons überragende Qualitäten fanden uneingeschränkte Anerkennung.

»Was Sie sagen, ist immer richtig«, rief Harriet, »und deshalb vermute, glaube, hoffe ich, daß es so ist, aber sonst hätte ich es mir nicht einmal träumen lassen. Es ist mehr als alles, was ich verdiene. Mr. Elton, der jede Frau heiraten könnte . . . Über ihn gibt es nur eine Meinung. Er ist ein so herrlicher Mann . . . Allein schon diese süßen Verse – ›An Miss . . .‹ Lieber Himmel, wie klug er ist! Ist es denn wirklich wahr, daß er es mir gewidmet hat?«

»Das ist für mich keine Frage, ich will auch keine Frage mehr darüber hören. Es ist Gewißheit, traue nur meinem Urteil. Dies ist nur wie ein Prolog zu einem Stück, ein Motto über einem Kapitel; bald wird die Prosa der Tatsachen folgen.«

»Wer hätte das je erwartet! Vor einem Monat hab ich selber ja noch nichts davon geahnt! Was für unglaubliche Dinge doch geschehen!«

»Das kann man wohl sagen; wenn Miss Smith und Mr. Elton zusammenkommen – ja, das ist fast unglaublich. Das geschieht nicht alle Tage, daß etwas so offensichtlich, so handgreiflich Wünschenswertes, und was obendrein den heimlichsten Gedanken eines andern entspricht, gleich in der rechten Form in Erfüllung geht. Du und Mr. Elton seid durch eure gesellschaftliche Stellung füreinander geschaffen, durch alle eure häuslichen Umstände gehört ihr zusammen. Eure Heirat wird der Ehe von Randalls gleichen. Es ist geradezu, als ob in Hartfield etwas in der Luft läge, was die Liebe in die rechte Richtung weist, was ihren Strom dahin lenkt, wohin er soll.

›Nie nahm die wahre Liebe glatten Lauf . . .‹

In einer Hartfield-Ausgabe von Shakespeare müßte diese Stelle eine lange Fußnote bekommen.«

»Daß Mr. Elton sich aber auch in mich verlieben würde! Von allen Leuten gerade in mich! An Michaeli hatte ich noch nicht einmal ein Wort mit ihm gesprochen! Und er, der schönste Mann, den man je gesehen hat, zu dem jeder aufblickt, ganz wie zu Mr. Knightley! Seine Gesellschaft ist so begehrt, daß jeder sagt, er brauchte nicht eine einzige Mahlzeit allein einzunehmen, wenn er nicht wollte, er bekäme mehr Einladungen, als die Woche Tage hat. Und so herrlich in der Kirche! Miss Nash hat alle seine Predigten aufgeschrieben, seit er in Highbury ist. Du lieber Himmel! Wenn ich daran denke, wie ich ihn zum erstenmal sah! Wie ahnungslos! Die beiden Abbots und ich liefen ins vordere Zimmer und lugten durch den Fensterladen, als wir hörten, er käme vorbei, und Miss Nash kam auch und schimpfte und schickte uns weg und blieb selber da, um zu gucken. Aber sie rief mich gleich zurück und ließ mich auch gucken, das war sehr nett von ihr. Wir fanden ihn so schön! Er ging Arm in Arm mit Mr. Cole.«

»Wer auch, was auch deine Angehörigen sein mögen, über diesen Bund werden sich alle freuen, vorausgesetzt, daß sie gesunden Menschenverstand haben – und nach törichten Leuten brauchen wir uns ja nicht zu richten. Wenn ihnen daran liegt, dich glücklich verheiratet zu sehen, so ist hier der Mann, der mit seinem Wesen in jeder Weise dafür bürgt. Wenn sie möchten, daß du in derselben Gegend, in demselben Kreise, den sie für dich ausgesucht haben, Wurzel schlägst, so wird auch das hiermit erfüllt. Und wenn sie nichts anderes für dich wollen, als was man gewöhnlich eine gute Partie nennt, so haben wir hier das ausreichende Vermögen, die angesehene Position, den Aufstieg in der Welt, die sie befriedigen müssen.«

»Ja, wahrhaftig. Wie hübsch Sie das sagen! Ich höre Ihnen so gern zu. Sie verstehen alles, Sie und Mr. Elton sind einer so klug wie der andre. Diese Scharade! Wenn ich mir ein Jahr lang den Kopf zerbräche, brächte ich so etwas nicht zuwege.«

»So, wie er sich gestern weigerte, dachte ich mir schon, daß er sein Heil versuchen würde.«

»Ich finde, es ist ohne Ausnahme die schönste Scharade, die ich je gelesen habe.«

»Wenigstens habe ich nie eine gelesen, die uns so zupaß kam.«

»Sie ist nochmal so lang wie fast alle andern, die wir bis jetzt haben.«

»In ihrer Länge seh ich nicht gerade einen besonderen Vorzug. So etwas kann im allgemeinen nicht kurz genug sein.«

Harriet war zu sehr in die Verse vertieft, um zuzuhören. Dabei kamen ihr höchst befriedigende Vergleiche.

»Es sind zwei ganz verschiedene Dinge«, sagte sie dann mit glühenden Wangen, »ob einer gewöhnlichen Verstand hat wie jeder andre auch und, wenn etwas zu sagen ist, sich hinsetzt und einen Brief schreibt und kurz und bündig sagt, was er will – oder ob einer solche Verse und Scharaden dichtet.«

Eine feurigere Abfuhr für Mr. Martins Prosa hätte Emma sich nicht wünschen können.

»Was für süße Verse, die beiden letzten!« fuhr Harriet fort. »Aber wie soll ich es je über mich bringen, ihm den Zettel zurückzugeben und zu sagen, ich hätte das Rätsel gelöst? Ach, Miss Woodhouse, wie sollen wir das nur machen?«

»Überlaß das nur mir. Tu du gar nichts. Er kommt sicherlich heute abend, und dann gebe ich es ihm zurück, und wir werden irgendwelchen Unsinn schwatzen. Du wirst gar nicht hineingezogen. Im rechten Augenblick werden deine sanften Augen ganz von selber strahlen. Verlaß dich auf mich.«

»Ach, Miss Woodhouse, wie schade, daß ich die schöne Scharade nicht in mein Buch schreiben darf! Ich habe doch keine, die auch nur von ferne an sie heranreicht.«

»Laß die beiden letzten Zeilen weg, dann besteht kein Grund, sie nicht in dein Buch zu schreiben.«

»Aber die beiden letzten Verse sind doch . . .«

»Die allerschönsten. Zugegeben – für dein Privatvergnügen. Behalt sie zu deinem Privatvergnügen. Weißt du, sie sind darum nicht weniger geschrieben, weil du sie abtrennst. Die letzte Strophe ist ja darum nicht aus der Welt, an ihrer Bedeutung ändert sich nichts. Ohne sie fällt nur die Zueignung weg, und es bleibt eine sehr hübsche, galante Scharade übrig, die sich für jede Sammlung eignet. Glaub mir, er möchte seine Scharade ebensowenig geringschätzig behandelt sehen wie seine Leidenschaft. Ein verliebter Poet muß in beiden Eigenschaften ermutigt werden oder in keiner. Gib mir das Buch, ich will sie einschreiben, dann kann niemand sie auf dich beziehen.«

Harriet ergab sich darein, obwohl ihr Gefühl die beiden Teile kaum auseinanderzuhalten vermochte und sie nicht ganz sicher war, ob ihre Freundin nicht eine Liebeserklärung in das Büchlein schrieb. Die Scharade schien ihr zu kostbar für fremde Augen.

»Nie werde ich das Buch aus der Hand geben!« sagte sie.

»Schön«, erwiderte Emma, »ein ganz natürliches Gefühl, und je länger es dauert, je mehr soll’s mich freuen. Aber da kommt mein Vater. Du hast doch nichts dagegen, daß ich ihm die Scharade vorlese? Sie wird ihm großes Vergnügen machen. Er hat so etwas sehr gern, vor allem, wenn darin eine Huldigung für die Frauen liegt. Er ist von der zartesten Galanterie für uns alle beseelt! Du mußt mir erlauben, sie ihm vorzulesen.«

Harriet blickte bedenklich drein.

»Meine liebe Harriet, du darfst dir aus diesen Rätselreimen aber auch nicht gar zu viel machen! Du wirst dich noch in unschicklicher Weise verraten, wenn du sie dir zu sehr zu Herzen nimmst und voreilig bist und ihnen mehr Bedeutung beimißt, oder auch nur die Bedeutung, die er hineingelegt haben mag. Laß dich doch nicht von einem so kleinen Zeichen der Verehrung so überwältigen! Wenn er ein Geheimnis daraus machen wollte, hätte er den Zettel nicht in meinem Beisein liegenlassen; er hat ihn sogar eher mir als dir hingeschoben. Wir wollen die Sache nicht zu feierlich nehmen. Er ist genug ermutigt, um weiterzugehen, ohne daß wir uns über dieser Scharade die Seele aus dem Leibe seufzen.«

»Ach nein! Ich hoffe, ich mache mich ihretwegen nicht lächerlich. Tun Sie, was Sie für richtig halten.«

Mr. Woodhouse trat ein und brachte bald selber die Sache wieder zur Sprache, indem er seine häufige Frage wiederholte: »Nun, meine Lieben, wie geht es mit eurem Büchlein voran? Habt ihr etwas Neues?«

»Ja, Papa, wir haben Ihnen etwas vorzulesen, etwas ganz Neues. Heute morgen fand sich ein Zettel auf dem Tisch – eine Fee muß ihn da hingelegt haben, und darauf steht eine nette Scharade, die wir soeben eingetragen haben.«

Sie las sie, wie er alles gern vorgelesen hatte, langsam und deutlich und zwei-, dreimal von vorn bis hinten, jeden Teil einzeln erklärend, bevor sie weiterlas, und er fand großes Gefallen daran; vor allem war er, wie sie vorausgesehen hatte, von der Huldigung am Schluß beeindruckt.

»Ach ja, das ist sehr richtig, fürwahr, sehr treffend gesagt. Sehr wahr. ›Die holde Frau . . .‹ Es ist eine so hübsche Scharade, mein Liebes, daß ich leicht errate, welche Fee sie gebracht hat – niemand anders als du, Emma, kann etwas so Hübsches geschrieben haben.«

Emma nickte nur und lächelte vor sich hin. Nachdem er ein Weilchen nachgedacht, fügte er mit zärtlichem Seufzer hinzu:

»Ach, es ist nicht schwer zu merken, von wem du das hast! Deine liebe Mutter war so begabt für alle diese Dinge. Hätte ich nur ihr Gedächtnis! Aber ich erinnere mich an nichts mehr, nicht einmal an das Rätsel, das ich schon erwähnte. Nur die erste Strophe fällt mir ein, aber es hat mehrere:

›Kitty, die schöne, die frostige Maid,

Entfacht’ in mir ein verzehrendes Feuer,

Den listigen Knaben rief ich zu Hilf,

Wiewohl seine Nähe mir nicht geheuer,

Denn stets schuf er Unheil mir, wo ich gefreit.‹

Weiter weiß ich nicht mehr, doch es ist durchweg so gescheit. Aber sagtest du nicht, mein Liebes, du hättest es schon?«

»Ja, Papa, es steht auf der zweiten Seite. Wir haben es aus den Elegant Extracts abgeschrieben, es ist von Garrick, wissen Sie.«

»Ach ja, ganz recht. Wenn mir doch einfiele, wie es weitergeht! ›Kitty, die schöne, die frostige Maid . . .‹ Bei diesem Namen muß ich an die arme Isabella denken, denn beinah hätten wir sie nach ihrer Großmama Catherine taufen lassen. Hoffentlich haben wir sie nächste Woche hier. Hast du dir überlegt, mein Liebes, wo du sie unterbringen willst, und in welchem Zimmer die Kinder?«

»O ja, sie bekommt natürlich ihr eigenes Zimmer, das sie immer hat, und für die Kleinen ist ja das Kinderzimmer da, ganz wie sonst. Warum sollte man das ändern?«

»Ich weiß nicht, mein Liebes, aber es ist so lange her, daß sie hier war! Seit letzte Ostern, und da nur für ein paar Tage. Wie lästig, daß Mr. John Knightley Anwalt ist. Die arme Isabella! Wie traurig, daß sie uns allen entrissen wurde! Und wie leid wird es ihr tun, wenn sie kommt, daß sie Miss Taylor nicht mehr vorfindet!«

»Wenigstens wird sie davon nicht überrascht sein, Papa.«

»Ich weiß nicht, mein liebes Kind. Ich war jedenfalls sehr überrascht, als ich das erste Mal hörte, daß sie heiraten wollte.«

»Wir müssen Mr. und Mrs. Weston zum Essen einladen, wenn Isabella hier ist.«

»Ja, mein Liebes, wenn die Zeit reicht. Aber (in sehr trübseligem Ton) sie kommt ja nur für eine Woche. Wir werden zu gar nichts Zeit haben.«

»Leider kann sie nicht länger bleiben, aber es scheint wirklich nicht anders zu gehen. Mr. John Knightley muß am achtundzwanzigsten nach London zurück, und wir wollen dankbar sein, Papa, daß wir sie die ganze Zeit, die sie auf dem Lande zubringen können, für uns haben, und nicht zwei oder drei Tage für die Abbey abgehen. Mr. Knightley hat versprochen, diese Weihnachten auf seinen Anspruch zu verzichten, obwohl sie schon länger nicht bei ihm waren als bei uns, das wissen Sie doch.«

»Es wäre ja auch sehr hart, meine Liebe, wenn die arme Isabella anderswohin gehen sollte als nach Hartfield.«

Nie würde Mr. Woodhouse das Anrecht Mr. Knightleys auf seinen Bruder noch irgendeines andern Menschen Anrecht auf Isabella gelten lassen, außer dem eigenen. Er sann ein Weilchen vor sich hin und sagte dann:

»Aber ich sehe nicht ein, warum Isabella so bald heimkehren soll, auch wenn er es muß. Ich werde sie doch zu überreden suchen, Emma, daß sie länger bei uns bleiben. Sie und die Kinder können das ganz gut.«

»Ach, Papa! Das ist Ihnen noch nie gelungen, und ich glaube, es wird Ihnen auch jetzt nicht gelingen. Isabella bringt es nun einmal nicht übers Herz, ohne ihren Mann hierzubleiben.«

Das ließ sich nicht bestreiten, war aber für Mr. Woodhouse so bitter, daß er nur gottergeben seufzen konnte; und da Emma sah, wie die Anhänglichkeit seiner Tochter an ihren Mann ihn bekümmerte, gab sie geschwinde dem Gespräch eine andere Wendung, um ihn aufzuheitern.

»Solange mein Schwager und meine Schwester hier sind, muß Harriet uns, so oft sie kann, Gesellschaft leisten. Die Kinder werden ihr gewiß gefallen. Wir sind sehr stolz auf die Kleinen, nicht wahr, Papa? Ich bin neugierig, wen sie am hübschesten findet, Henry oder John?«

»Ja, darauf bin ich auch neugierig. Die armen Liebchen! Wie werden sie sich schon darauf freuen, herzukommen. Sie sind so gern in Hartfield, Harriet.«

»Das kann ich ihnen nachfühlen, Sir; ich wüßte nicht, wem es anders ginge.«

»Henry ist ein netter Junge, aber John ähnelt sehr seiner Mama. Henry ist der älteste, er wurde nach mir genannt, nicht nach seinem Vater John; der zweite hat den Namen seines Vaters bekommen. Ich glaube, manche Leute wundern sich darüber. Aber Isabella wollte ihren ersten Sohn Henry nennen, was ich sehr lieb von ihr fand. Und er ist ein sehr begabter Junge. Sie sind alle recht begabt und haben so eine nette Art, stellen sich neben meinen Stuhl und sagen: ›Großpapa, kannst du mir ein Stückchen Bindfaden geben?‹ Und einmal bat mich Henry um ein Messer, aber ich habe ihm gesagt, Messer würden nur für Großpapas gemacht. Ich finde aber, ihr Vater geht zu rauh mit ihnen um.«

»Es kommt Ihnen nur rauh vor«, sagte Emma, »weil Sie selber so sanft sind, aber wenn Sie ihn mit anderen Papas verglichen, fänden Sie ihn gar nicht rauh. Er will tüchtige und mutige Söhne haben. Wenn sie nicht artig sind, setzt es mitunter ein scharfes Wort. Aber er ist ein liebevoller Vater; ja, John Knightley ist wirklich ein liebevoller Vater. Die Kinder hängen alle sehr an ihm.«

»Und dann kommt der Onkel und wirft sie bis an die Decke, daß einem angst und bange wird.«

»Aber das haben sie doch gern, Papa. Nichts finden sie so schön. Es macht ihnen soviel Spaß! Wenn ihr Onkel nicht die Regel aufstellte, daß es reihum geht, ließe keiner den andern drankommen, wenn er einmal angefangen hat.«

»Na ja, ich kann das nicht verstehen.«

»Das geht uns allen so, Papa. Die eine Hälfte der Menschen versteht nie die Freuden der andern Hälfte.«

Später, als die jungen Mädchen ihn eben verlassen wollten, um sich für das alltägliche Vier-Uhr-Dinner umzukleiden, kam der Held der unvergleichlichen Scharade wieder hereinspaziert. Harriet wandte sich ab, aber Emma begrüßte ihn wie immer mit einem Lächeln, und ihr rasches Auge entdeckte bald in den seinen, daß er sich bewußt war, den Stein ins Rollen gebracht oder den Würfel geworfen zu haben, und sie glaubte, er wolle nun sehen, was dabei herausgekommen war. Doch schützte er die Frage vor, ob Mr. Woodhouse ihn heute abend beim Kartenspiel entbehren könne, oder ob er in Hartfield irgendwie gebraucht werde. Wenn ja, so müsse alles andre zurückstehen; doch habe sein Freund Cole ihn dringend gebeten, bei ihm zu speisen, und habe so darauf bestanden, daß er ihm versprochen habe, unter Umständen zu kommen.

Emma dankte ihm, wollte aber nicht zulassen, daß er seinen Freund ihretwegen enttäusche; ihr Vater würde deswegen nicht um seinen Rubber kommen. Er drang erneut in sie – sie lehnte es abermals ab; und als er zu seiner Verbeugung ansetzte, nahm sie den Zettel vom Tisch und gab ihn ihm zurück.

»Ach ja, hier ist noch die Scharade, die Sie uns liebenswürdigerweise hiergelassen haben. Wir danken Ihnen, daß wir sie lesen durften. Wir haben sie so bewundert, daß ich mir herausgenommen habe, sie Miss Smith’ Sammlung einzuverleiben. Ich hoffe, Ihr Freund nimmt es nicht übel. Natürlich habe ich nur die ersten acht Zeilen abgeschrieben.«

Mr. Elton wußte offenbar nicht recht, was er sagen sollte. Er schaute etwas verdutzt drein, ja, ziemlich verwirrt, murmelte etwas von Ehre, streifte Emma und Harriet mit einem raschen Blick, und als er dann das Heft offen auf dem Tisch liegen sah, hob er es auf und betrachtete es eingehend. Um den peinlichen Augenblick zu überbrücken, sagte Emma lächelnd:

»Sie müssen mich bei Ihrem Freund entschuldigen, aber eine so gute Scharade darf nicht einem oder zwei Lesern vorbehalten bleiben. Er darf sicher sein, daß jede Frau davon erbaut ist, wenn er so galante Verse schreibt.«

»Ich kann wohl ohne Zögern sagen«, erwiderte Mr. Elton, wiewohl seine Worte sehr zögernd herauskamen, »ich kann wohl ohne Zögern sagen – wenigstens wenn mein Freund so fühlt wie ich . . . ich zweifle nicht im geringsten daran, daß mein Freund, wenn er seinen Erguß so ausgezeichnet sähe, wie ich ihn sehe (dabei blickte er wieder auf das Büchlein und legte es zurück auf den Tisch), diesen Augenblick als den stolzesten seines Lebens betrachten würde.«

Nach dieser Rede empfahl er sich, so schnell es anging. Doch Emma konnte er nicht flink genug verschwinden, denn trotz all seinen guten und sympathischen Eigenschaften – in seinen Reden war etwas Gestelztes, das sie unwiderstehlich zum Lachen reizte. Sie lief hinaus, um sich auszulachen, und überließ Harriet die zärtliche und erhebende Seite des Vergnügens.

Zehntes Kapitel

Obwohl es schon um die Mitte Dezember war, hatte noch kein schlechtes Wetter die Damen gehindert, sich mit einiger Regelmäßigkeit im Freien zu ergehen. Am nächsten Tag mußte Emma einer armen, kranken Familie, die etwas außerhalb von Highbury wohnte, einen Samariterbesuch machen.

Um zu dieser abgelegenen Hütte zu gelangen, mußte man durch Vicarage Lane gehen, ein Sträßchen zwischen Hecken, das rechtwinklig von der breiten, wenn auch krummen Hauptstraße des Ortes abzweigte; daran lag, wie wohl bemerkt zu werden verdient, die gesegnete Wohnstatt Mr. Eltons. Zuerst mußte man an ein paar geringeren Behausungen vorbei, dann, nach etwa einer Viertelmeile, kam das Pfarrhaus, ein altes, nicht besonders ansehnliches Haus und so nah an die Straße gebaut wie irgend möglich. Es war keine vorteilhafte Lage, aber der gegenwärtige Besitzer hatte das Haus selbst beträchtlich verschönern lassen. Jedenfalls konnten die beiden Freundinnen, als sie vorüberkamen, nicht umhin, ihren Schritt zu verlangsamen und es eingehend zu betrachten.

»Das ist es. Da wirst du nächstens mitsamt deinem Rätselbuch einziehen.«

»Oh, was für ein süßes Haus! Wie wundervoll! Da sind die gelben Vorhänge, für die Miss Nash so schwärmt.«

»Jetzt benutze ich diesen Weg nicht sehr oft«, sagte Emma, als sie weitergingen, »aber dann habe ich einen Anlaß und werde allmählich mit all den Hecken und Pförtchen, den Teichen und Kopfweiden in diesem Teil von Highbury vertraut werden.«

Sie hörte, daß Harriet noch nie im Pfarrhaus gewesen war; sie war so brennend neugierig, daß Emma, wenn sie aus dem Äußeren des Hauses auf sein Inneres schloß, diese Neugier nur als ein Zeichen ihrer Liebe ansehen konnte, das Mr. Eltons Meinung von ihrem »raschen Witz« die Waage hielt.

»Ich möchte, wir könnten etwas aushecken, um hineinzukommen«, sagte sie, »ich weiß nur keinen annehmbaren Vorwand – kein Dienstmädchen, nach dem ich mich bei seiner Haushälterin erkundigen könnte, keine Botschaft von meinem Vater.«

Sie überlegte, aber nichts fiel ihr ein. Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte, fing Harriet also wieder an:

»Ich wundere mich sehr, Miss Woodhouse, daß Sie nicht verheiratet sind oder bald heiraten! So reizend wie Sie sind!«

Emma lachte und erwiderte:

»Daß ich reizend bin, Harriet, genügt nicht ganz, um mich zum Heiraten zu bewegen; ich muß andre reizend finden, wenigstens einen. Und nicht nur, daß ich im Augenblick nicht an Heirat denke, ich habe überhaupt zum Heiraten wenig Lust.«

»Ach, das sagen Sie, aber ich kann es nicht glauben.«

»Ich müßte, um in Versuchung zu kommen, schon jemanden finden, der alle, die mir bisher begegnet sind, in den Schatten stellt. Mr. Elton, weißt du . . .« – sie besann sich rasch – »kommt nicht in Frage. Und ich wünsche mir gar nicht, einen solchen Menschen zu finden. Ich möchte lieber nicht in Versuchung kommen. Ich kann wirklich nichts Besseres eintauschen. Wenn ich heiratete, müßte ich darauf gefaßt sein, daß ich’s bereue.«

»Du lieber Himmel! Wie komisch das klingt, wenn eine Frau so redet!«

»Ich habe keinen der üblichen Gründe, die eine Frau zum Heiraten bewegen. Wenn ich mich verliebte, ja, das wär etwas andres! Aber ich bin noch nie verliebt gewesen. Es liegt mir nicht, entspricht nicht meiner Natur, und ich glaube nicht, daß es mir je passieren wird. Und ohne Liebe wäre ich doch eine Närrin, wenn ich mein jetziges Dasein mit einem andern vertauschen wollte. Vermögen brauche ich nicht, an Beschäftigung fehlt es mir nicht, an Einfluß auch nicht. Ich glaube, wenige verheiratete Frauen haben im Hause ihres Mannes nur halb soviel zu sagen wie ich in Hartfield; und nie, niemals dürfte ich erwarten, so aufrichtig geliebt und so wichtig genommen zu werden, stets die Hauptperson zu sein und immer in den Augen des Mannes recht zu haben, wie ich es bei meinem Vater habe.«

»Aber um dann schließlich eine alte Jungfer zu werden wie Miss Bates.«

»Harriet! Ein abschreckenderes Bild hättest du nicht beschwören können. Wenn ich dächte, ich würde wie Miss Bates, so dumm . . . so genügsam . . . so ewig lächelnd . . . so geschwätzig . . . so ohne Unterscheidung und so wenig wählerisch . . . so bereit, über die Menschen um mich her alles auszuplaudern, ich würde lieber heute als morgen heiraten. Aber zwischen uns beiden, davon bin ich überzeugt, kann es keine Ähnlichkeit geben außer dem Ledigsein.«

»Trotzdem werden Sie eine alte Jungfer sein. Und das ist furchtbar!«

»Das schadet nichts, Harriet, ich bin dann immerhin keine arme alte Jungfer; und allein Armut macht den ledigen Stand für großzügige Leute jämmerlich! Eine unverheiratete Frau mit einem sehr kleinen Einkommen kann nur eine komische und unsympathische alte Jungfer werden! Eine, an der Buben und kleine Mädchen ihr Mütchen kühlen. Aber eine unverheiratete Frau mit ansehnlichem Vermögen ist immer respektabel und kann so verständig und sympathisch sein wie jede andere. Diese Unterscheidung widerspricht gar nicht so dem natürlichen Empfinden und dem gesunden Menschenverstand, wie es auf den ersten Blick aussieht. Denn ein sehr knappes Einkommen engt leicht auch den Geist ein und verbittert das Gemüt; wer sich ewig behelfen muß und sich notgedrungen in einem beschränkten, im allgemeinen auch recht minderen Menschenkreis bewegt, kann wohl engherzig und verdrießlich werden. Doch auf Miss Bates trifft das nicht zu, sie ist nur zu gutmütig und zu töricht; aber im allgemeinen mag jeder sie gern leiden, obwohl sie ledig und arm ist. Ihr hat die Armut das Herz nicht eng gemacht. Ich glaube wirklich, wenn sie nur einen Schilling auf der ganzen Welt hätte, sie würde Sixpence davon verschenken. Und niemand fürchtet sie. Das ist das Reizvolle an ihr.«

»Du lieber Gott! Aber was wollen Sie denn tun? Wie Ihre Zeit verbringen, wenn Sie älter werden?«

»Wie ich mich kenne, Harriet, habe ich einen unternehmenden, regsamen Geist und mancherlei Interessen, an denen ich einen unabhängigen Rückhalt habe, und ich sehe nicht ein, warum es mir mit vierzig oder fünfzig schwieriger sein sollte, mich zu beschäftigen, als mit einundzwanzig. Alles das, womit wir Frauen sonst unsre Augen und Hände und unsern Geist beschäftigen, wird mir dann ebenso offenstehen wie jetzt, oder doch nicht wesentlich anders. Wenn ich weniger male, so lese ich mehr; wenn ich die Musik aufgebe, werde ich sticken. Und was das Herz braucht – denn das ist ja in Wahrheit der große wunde Punkt, das zu entbehren ist das eigentliche Übel, das es zu vermeiden gilt, wenn man nicht heiratet –, darin habe ich’s gut; ich kann mich ja den Kindern meiner geliebten Schwester widmen. Sie werden wahrscheinlich zahlreich genug sein, einem den Lebensabend mit Empfindungen jeglicher Art auszufüllen, soviel man nur hoffen und fürchten kann. Und wenn ich sie auch nicht so lieben kann wie ihr Vater und ihre Mutter, behagt mir das doch mehr als die allzu heißen und blinden Gefühle. Meine Neffen und Nichten! Ich werde oft eine Nichte bei mir haben.«

»Kennen Sie die Nichte von Miss Bates? Das heißt, ich weiß ja, Sie müssen ihr hundertmal begegnet sein, aber sind Sie näher mit ihr bekannt?«

»O ja, wir müssen schon miteinander verkehren, wenn sie nach Highbury kommt. Übrigens könnte das fast genügen, um einem eine Nichte zu verleiden. Der Himmel bewahre mich wenigstens davor, daß ich anderen Leuten mit den Knightleys allesamt auch nur halb so auf die Nerven gehe wie Miss Bates mit Jane Fairfax. Schon bei dem Namen Jane Fairfax wird einem übel. Jeder Brief von ihr wird vierzigmal vorgelesen, ihre Grüße an alle Freunde machen immer wieder die Runde, und wenn sie ihrer Tante nur ein Muster für ein Brusttuch schickt oder ihrer Großmutter ein Paar Strumpfbänder strickt, bekommt man einen Monat lang nichts anderes zu hören. Ich wünsche Jane Fairfax alles Gute, aber sie langweilt mich zu Tode.«

Sie näherten sich nun der Hütte, und alle ihre müßigen Sorgen wurden beiseite geschoben. Emma war voller Mitleid für die Nöte der Armen und tat zu ihrer Linderung, was Herzensaufmerksamkeit und Güte, Geduld, guter Rat und der Geldbeutel nur vermochten. Sie hatte Verständnis für ihre Art und Nachsicht für ihre Unwissenheit und ihre Versuchungen, sie hegte keine romantischen Erwartungen, außergewöhnliche Tugend bei Menschen zu finden, für deren Erziehung so wenig geschehen war. Sie war stets bereit, mitfühlend auf ihre Bedrängnisse einzugehen, und stand ihnen mit Klugheit und Wohlwollen bei. In der Familie, die sie diesmal aufsuchte, kamen Krankheit und Armut zusammen; und als sie so lange dort geblieben war, wie sie Trost und Rat zu spenden vermochte, und die Hütte verließ, hatte das Erlebnis ihr einen so tiefen Eindruck gemacht, daß sie im Weitergehen zu Harriet sagte:

»So etwas zu sehen, Harriet, tut einem gut. Wie nichtig kommt einem alles andre daneben vor! Mir ist jetzt, als könnte ich den ganzen Tag an nichts andres mehr denken als an diese armen Geschöpfe. Und doch, wer weiß, wie schnell sie mir aus dem Sinn kommen!«

»Das ist wahr«, sagte Harriet. »Die armen Geschöpfe! Man kann an nichts andres mehr denken.«

»Ich glaube wirklich nicht, daß mir dieses Bild so bald verblassen wird«, sagte Emma, als sie an die niedrige Hecke gelangten, wo der schmale, schlüpfrige Pfad durch den Garten der Leute endete, und über den wackligen Heckentritt stiegen, der sie wieder auf den Weg brachte. »Nein, ich glaube es nicht.« Sie blieb stehen und betrachtete noch einmal die elende Hütte, die ihr das größere Elend drinnen wieder vor Augen rief.

»O Himmel, nein!« sagte ihre Freundin.

Sie gingen weiter. Der Weg machte eine leichte Biegung, und als sie darüber hinaus waren, erblickten sie plötzlich Mr. Elton. Er war schon so nah, daß Emma nur noch sagen konnte:

»Ach Harriet, da werden wir ja unverhofft auf die Probe gestellt, ob unsre guten Gedanken von Dauer sind. Na ja (sie lächelte), wenn das Mitleid gehandelt und den Notleidenden Linderung verschafft hat, so hat es hoffentlich getan, worauf es eigentlich ankommt. Wenn wir genug Herz für die Elenden haben, um zu tun, was in unsern Kräften steht, so ist das übrige bloß leere Wehleidigkeit, die uns nur selber bedrückt.«

Harriet konnte nur noch antworten: »Ach Gott, ja!«, ehe der Herr sich zu ihnen gesellte. Doch kamen sie zuerst auf die Bedürfnisse und Leiden der armen Familie zu sprechen. Mr. Elton war gerade auf dem Weg dorthin. Nun wollte er seinen Besuch aufschieben, aber sie erörterten noch eingehend, was zu ihrer Hilfe getan war und weiter geschehen müßte. Mr. Elton kehrte schließlich mit ihnen um.

Daß sie sich zufällig bei einem solchen Gang treffen, dachte Emma, daß sie sich bei einem Samariterdienst begegnen, wird sie einander noch viel lieber machen. Es sollte mich nicht wundern, wenn das die Erklärung herbeiführte. Wenn ich nicht dabei wäre, ganz gewiß. Wäre ich doch Gott weiß wo!

Um sich von ihnen zu entfernen, soweit es ging, erstieg sie flink den schmalen Fußpfad, der auf der Böschung an der einen Seite entlanglief, und überließ ihnen den Hohlweg. Aber sie war noch nicht zwei Minuten dort oben, als sie sah, daß Harriet in gewohnter Abhängigkeit und Nachahmung ebenfalls heraufkam, so daß bald beide hinter ihr hertrotten würden. Das war nicht das Rechte. Sofort blieb sie stehen, bückte sich und machte sich am Schnürbändel ihres Halbschuhs zu schaffen, so daß sie den Pfad versperrte, und bat sie weiterzugehen, sie werde augenblicks nachkommen. Sie gehorchten. Und als ihr schien, sie könne sich nun nicht länger mit ihrem Schuh befassen, kam ihr wie gerufen ein anderer Anlaß, sich aufzuhalten. Ein Kind aus der Hütte holte sie ein, dem sie aufgetragen hatte, mit einem Krug nach Hartfield zu laufen und Fleischbrühe zu holen. Daß sie neben der Kleinen herging, mit ihr plauderte und sie allerhand fragte, war das Natürlichste von der Welt, oder wäre es gewesen, wenn sie es nicht für ihre Zwecke ausgenutzt hätte. Auf diese Weise konnten die andern vorausgehen, ohne auf sie warten zu müssen. Doch kam sie ihnen, ob sie wollte oder nicht, bald näher, denn das Kind lief schnell, während sie gemächlich dahinschlenderten; und Emma bedauerte es um so mehr, als sie offensichtlich in ein fesselndes Gespräch vertieft waren. Mr. Elton sprach sehr angeregt, und Harriet lauschte mit freudiger Hingabe. Und nachdem Emma das Kind weitergeschickt hatte, zerbrach sie sich den Kopf, wie sie es anstellen sollte, noch länger hinter ihnen herzutrödeln; doch da drehten die beiden sich um, und sie mußte mit ihnen weitergehen.

Mr. Elton war noch mit irgendeiner interessanten Schilderung zugange. Emma war etwas enttäuscht, als sich herausstellte, daß er seiner schönen Begleiterin nur über den gestrigen Abend bei seinem Freund Cole berichtete, so daß sie nun gerade zu Stilton- und Northwiltshirekäse, Butter, Sellerie, roten Beeten und all den Nachspeisen zurechtkam.

Natürlich würde dies bald zu etwas Ersprießlicherem geführt haben, sagte sie sich zum Trost; zwischen Liebenden ist alles interessant, und jedes Beliebige dient ihnen als Einleitung zu dem, was ihnen am Herzen liegt. Hätte ich mich nur länger fernhalten können!

Sie spazierten nun schweigend zusammen weiter, bis der Zaun des Pfarrhauses in Sicht kam und Emma, rasch entschlossen, Harriet wenigstens Eintritt in sein Haus zu verschaffen, wieder etwas an ihrem Schuh zu nesteln fand und zurückblieb, um es in Ordnung zu bringen. Sie riß kurzerhand das Schnürband ab und ließ es flink im Graben verschwinden. Sie mußte nun die beiden bitten, stehenzubleiben, sie komme mit ihrem Schuh nicht zurecht, um leidlich nach Hause gehen zu können.

»Ein Stück von meinem Schuhbändel ist weg«, rief sie, »ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich bin für Sie beide wirklich eine lästige Begleiterin, aber hoffentlich bin ich nicht oft so schlecht ausgerüstet. Ich muß Sie um die Erlaubnis bitten, Mr. Elton, bei Ihnen einkehren und Ihre Haushälterin um ein Stückchen Band oder Schnur zu bitten, irgend etwas, womit ich meinen Schuh zubinden kann.«

Mr. Elton strahlte bei diesem Vorschlag. Er überschlug sich geradezu vor freudigem Diensteifer und Liebenswürdigkeit, als er sie in sein Haus geleitete, und suchte alles möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Er führte sie in das vordere Zimmer, sein eigentliches Wohnzimmer. Daran schloß sich ein zweites an, zu dem die Tür offenstand, und Emma ging mit der Haushälterin hinüber, um sich von ihr aufs allerbehaglichste helfen zu lassen. Sie mußte die Tür offenlassen, wie sie sie vorgefunden hatte, aber sie wünschte heiß, Mr. Elton möge sie schließen. Leider tat er’s nicht, sie blieb offen, doch Emma verwickelte die Haushälterin in ein pausenloses Gespräch, damit die beiden nebenan sprechen konnten, was ihnen beliebte. Zehn Minuten lang hörte sie nur sich selber reden. Länger ließ es sich nicht hinziehen. Sie mußte Schluß machen und wieder drüben erscheinen.

Die Liebenden standen an einem der Fenster beieinander. Sie boten einen höchst befriedigenden Anblick, und eine halbe Minute lang frohlockte Emma – ihr Plan war gelungen! Aber es war nichts damit. Er war noch nicht zur Sache gekommen. Er war äußerst nett, er war reizend gewesen, er hatte Harriet erzählt, er habe sie vorbeigehen sehen und sei ihnen absichtlich gefolgt; noch andere kleine Schmeicheleien und Andeutungen hatte er fallen lassen, aber nichts Ernstliches gesagt.

Vorsichtig, sehr vorsichtig! dachte Emma; er geht Zoll um Zoll vor und will nichts riskieren, will ganz sichergehen.

Doch immerhin, wenn sie mit ihrer erfinderischen List auch nichts erreicht hatte, durfte sie sich etwas darauf zugute tun, den beiden Gelegenheit zu einem beglückenden Beisammensein verschafft zu haben, das sie dem großen Ereignis näherbringen mußte.

Elftes Kapitel

Wir müssen Mr. Elton nun sich selber überlassen. Es lag nicht mehr in Emmas Macht, sein Schicksal zu lenken und seine Entschlüsse zu beschleunigen. Die Ankunft der Familie ihrer Schwester stand bevor, und die Erwartung erst, dann ihre Gegenwart beschäftigten sie nun vor allen Dingen; und während der zehn Tage ihrer Anwesenheit, das wußte sie im voraus, konnte sie den Liebenden nur beispringen, wenn sich zufällig eine Gelegenheit bieten sollte. Immerhin konnten sie inzwischen weiterkommen, wenn sie nur wollten, und sie mußten irgendwie weiterkommen, ob sie wollten oder nicht. Sie wünschte sich kaum mehr Muße für sie. Es gibt Leute, die, je mehr man für sie tut, desto weniger selber tun.

Mr. und Mrs. John Knightley waren länger als sonst nicht nach Surrey gekommen, was natürlich das bevorstehende Wiedersehen um so aufregender machte. Seit ihrer Heirat hatten sie jedes Jahr ihre langen Ferien zwischen Hartfield und Donwell Abbey geteilt. Dieses Jahr aber hatten sie all ihre freie Zeit auf Seebäder für die Kinder verwandt, es waren also viele Monate vergangen, seit sie in Ruhe mit ihren Verwandten in Surrey zusammengewesen waren. Mr. Woodhouse hatte sie überhaupt nicht gesehen, denn keine zehn Pferde brachten ihn nach London, nicht einmal der armen Isabella zuliebe; nun sah er natürlich sehr nervös, aber voller Vorfreude ihrem allzu kurzen Besuch entgegen.

Er machte sich viele Gedanken über die Beschwerlichkeiten ihrer Reise und nicht weniger über die Strapazen seiner Pferde und seines Kutschers, die einen Teil der Familie auf halbem Weg abholen sollten; doch er regte sich unnütz auf, die sechzehn Meilen wurden glücklich zurückgelegt, und Mr. und Mrs. John Knightley, ihre fünf Kinder und eine entsprechende Schar tüchtiger Kindermädchen langten unversehrt in Hartfield an. Der Trubel und das Freudengeschrei einer solchen Ankunft, die vielen, mit denen man sprechen, die man willkommen heißen und ermuntern mußte, die auf die verschiedenen Zimmer zu verteilen, die anzustellen waren, all das ergab ein Stimmengewirr und ein Durcheinander, das seine armen Nerven unter anderen Umständen nicht aushielten und das er auch in diesem Fall nicht mehr lange ausgehalten hätte. Aber Mrs. John Knightley respektierte die Gewohnheiten von Hartfield und die Empfindlichkeit ihres Vaters, trotz ihrer mütterlichen Besorgnis, daß ihre Kleinen sofort zu ihrem Vergnügen kamen, daß man ihnen gleich ihre Freiheit ließ und sie ihre Wartung fanden, daß sie essen und trinken, schlafen und spielen konnten, was sie nur wünschten, und zwar auf der Stelle – trotzdem war sie darauf bedacht, daß die Kinder ihrem Vater nicht lästig fielen, indem sie ihn störten oder dadurch, daß alles sich um sie drehte.

Mrs. John Knightley war eine hübsche, elegante kleine Frau von sanftem, ruhigem Wesen und sehr liebenswürdiger und zärtlicher Veranlagung. Sie ging ganz in ihrer Familie auf, eine ergebene Gattin, in ihre Kinder vernarrt und ihrem Vater und ihrer Schwester so innig zugetan, daß, abgesehen von jenen höheren Banden, eine herzlichere Anhänglichkeit undenkbar war. Sie alle waren für sie ohne Fehl. Sie war nicht sonderlich klug und rasch von Begriff, und wie sie hierin ihrem Vater ähnlich war, hatte sie auch viel von seiner Konstitution geerbt; sie war von zarter Gesundheit, überbesorgt um ihre Kinder, litt tausend Ängste und wurde von ihren Nerven geplagt und hielt auf ihren Mr. Wingfield in London so große Stücke wie ihr Vater auf seinen Mr. Perry. Auch in ihrem Wohlwollen gegen jedermann glichen sie einander, wie in dem Bedürfnis, jede alte Bekanntschaft zu pflegen und hochzuhalten.

Mr. John Knightley war ein hochgewachsener und sehr intelligenter Mann, erfolgreich in seinem Beruf, häuslich und von untadeligem Charakter. Doch seine reservierte Art gefiel nicht allen. Er war zuweilen reizbar, wenn auch kein übellauniger Mensch, denn daß er leicht ohne Grund aufbrauste, konnte man ihm nicht nachsagen; aber heiterer Gleichmut war nicht seine Stärke; und da seine Frau ihn vergötterte, war es ja kaum zu vermeiden, daß gewisse Schwächen seiner Natur ins Kraut schossen. Ihre übermäßige Sanftheit mußte ihn reizen. Ganz im Gegensatz zu ihr war er ein Mann von klarem und lebhaftem Geist, und er konnte gelegentlich recht ungnädig werden und andre vor den Kopf stoßen. Seine Schwägerin war ihm nicht sonderlich gewogen. Sie grollte ihm wegen der kleinen Kränkungen, die er Isabella zufügte und die Isabella nie empfand. Vielleicht hätte Isabellas Schwester eher darüber hinweggesehen, wenn er sie selber mehr umschmeichelt hätte, doch er begegnete ihr mit gelassener Freundlichkeit wie ein Bruder und Freund, ohne Lobhudelei und ohne Blindheit. Aber keine Artigkeit hätte sie unempfindlich gemacht gegen die Untugend, die in ihren Augen seine allerschlimmste war: daß er es manchmal an respektvoller Nachsicht ihrem Vater gegenüber fehlen ließ. Da hatte er nicht immer Geduld genug. Bei Mr. Woodhouses Schrullen und Umständlichkeiten ließ er sich bisweilen zu einer halben Zurechtweisung oder einer ebenso unangebrachten scharfen Entgegnung hinreißen. Es kam nicht allzu oft vor, denn im Grunde schätzte Mr. John Knightley seinen Schwiegervater sehr und wußte durchaus, was er ihm schuldig war. Für Emmas mitleidvolle Güte geschah es dennoch zu oft, vor allem schwebte sie ständig in Ängsten, auch wenn die Kränkung dann ausblieb. Doch am Anfang jedes Besuchs traten nur ganz geziemende Gefühle zutage, und da dieser notwendigerweise nur kurz währte, blieb zu hoffen, daß er in ungetrübter Herzlichkeit verlief. Sie saßen noch nicht lange gemütlich beisammen, als Mr. Woodhouse wehmütig den Kopf wiegte und seufzte und seine Tochter auf die traurige Veränderung hinwies, die Hartfield seit ihrem letzten Aufenthalt erlitten hatte.

»Ach mein Liebes«, sagte er, »die arme Miss Taylor! Es ist so schmerzlich!«

»Ach ja, Sir«, rief sie in stets bereitem Mitgefühl, »wie müssen Sie sie entbehren! Und die liebe Emma nicht minder! Was für ein schrecklicher Verlust für euch beide! Es hat mir so leid getan um euch, ich konnte mir nicht vorstellen, wie ihr ohne sie auskommen solltet. Ja, es ist eine traurige Veränderung. Aber ich hoffe, es geht ihr recht gut, Sir.«

»Recht gut, mein Liebes, hoffentlich recht gut. Soviel ich weiß, fühlt sie sich dort einigermaßen wohl.«

Mr. John Knightley fragte Emma leise, ob das Klima von Randalls zu Sorgen Anlaß gebe.

»O nein, nicht im geringsten. Nie in meinem Leben habe ich Mrs. Weston so wohlauf gesehen, noch nie sah sie so blühend aus. Papa drückt nur sein eigenes Bedauern aus.«

»Das macht beiden Ehre«, lautete die noble Antwort.

»Und sehen Sie sie wenigstens oft genug, Sir?« fragte Isabella in einem wehleidigen Ton, der ihrem Vater Balsam war.

Mr. Woodhouse zögerte. »Nicht annähernd so oft, wie ich möchte, mein liebes Kind.«

»Aber Papa, wir haben sie seit ihrer Hochzeit nur ein einziges Mal einen ganzen Tag nicht gesehen. Täglich, außer dem einen Mal, sind wir entweder vormittags oder abends mit Mr. Weston oder Mrs. Weston, im allgemeinen aber mit beiden, zusammengewesen, in Randalls oder hier – und wie du dir denken kannst, Isabella, am häufigsten hier. Es ist sehr, sehr freundlich, wie oft sie uns aufsuchen. Mr. Weston ist darin wirklich ebenso verständnisvoll wie sie. Papa, wenn Sie so klagen, bekommt Isabella eine ganz falsche Vorstellung von uns allen. Jeder ist sich darüber klar, daß wir Miss Taylor vermissen, aber jeder darf auch versichert sein, daß Mr. und Mrs. Weston ihr möglichstes tun, damit wir sie nicht so entbehren, wie wir vorher dachten – das ist die genaue Wahrheit.«

»So gehört sich’s«, sagte Mr. John Knightley, »und so habe ich es mir nach Ihren Briefen auch vorgestellt. Daß sie Ihren Wünschen entgegenkommen würde, war nicht zu bezweifeln, und daß er sein freier Herr und ein geselliger Mensch ist, erleichtert alles. Ich habe Ihnen ja immer gesagt, Liebste, ich hätte nicht den Eindruck, daß die Trennung von Hartfield so einschneidend sei, wie Sie befürchteten. Nach dem, was Emma sagt, werden Sie hoffentlich beruhigt sein.«

»Nun ja«, sagte Mr. Woodhouse, »ja, gewiß . . . ich kann nicht leugnen, daß Mrs. Weston, die arme Mrs. Weston, uns recht oft besucht; aber dann . . . sie muß doch immer wieder weggehen.«

»Es wäre auch hart für Mr. Weston, wenn sie’s nicht täte. Sie vergessen ganz den armen Mr. Weston.«

»Ich glaube allerdings«, sagte John Knightley in scherzendem Ton, »daß auch Mr. Weston ein kleines bißchen Anspruch auf sie hat. Sie und ich, Emma, wollen es wagen, Partei für den armen Ehemann zu ergreifen. Da ich selber Ehemann bin und Sie noch keine Ehefrau sind, werden wir wohl für das Recht des Mannes das gleiche Verständnis haben; während Isabella lange genug verheiratet ist, daß es ihr passen könnte, wenn alle Mr. Westons beiseite geschoben würden.«

»Ich, mein Liebster?« rief seine Frau, die nur teilweise gehört und verstanden hatte. »Sprechen Sie von mir? Niemand dürfte und kann auch überzeugter für den Ehestand eintreten als ich; und ohne die schmerzliche Trennung von Hartfield hielte ich Miss Taylor für die glücklichste Frau auf Erden. Und Mr. Weston geringschätzen? Den trefflichen Mr. Weston? Ich wüßte nichts, was man ihm nicht gönnte. Ich glaube, er ist einer der gutmütigsten Menschen, die je gelebt haben. Außer Ihnen und Ihrem Bruder kenne ich niemanden, der so umgänglich ist. Nie vergesse ich, wie er an dem windigen Tag letzte Ostern für Henry den Drachen steigen ließ; und seit er im September vorm Jahr so überaus gütig war und mir um Mitternacht noch, um mich zu beruhigen, das Briefchen schrieb, in Cobham sei kein Scharlach – seitdem bin ich überzeugt, daß es weit und breit kein so mitfühlendes Herz und keinen besseren Menschen gibt. Wenn ihn jemand verdient, so gewiß Miss Taylor.«

»Wo ist eigentlich der junge Mann?« fragte Mr. John Knightley. »Ist er zu diesem Anlaß hergekommen?«

»Er ist noch nicht hiergewesen«, erwiderte Emma. »Man erwartete ziemlich sicher, er würde bald nach der Hochzeit kommen, aber es wurde nichts draus; und in letzter Zeit habe ich nichts mehr über ihn gehört.«

»Aber du solltest ihnen von seinem Brief erzählen, mein liebes Kind«, sagte ihr Vater. »Er hat an die arme Mrs. Weston geschrieben, um ihr zu gratulieren, einen sehr höflichen, netten Brief. Sie hat ihn mir gezeigt. Ich fand es wirklich sehr anständig von ihm. Ob es seine eigene Idee war, weiß ich nicht. Er ist noch sehr jung. Vielleicht hat sein Onkel . . .«

»Mein lieber Papa, er ist dreiundzwanzig! Sie vergessen, wie die Zeit vergeht.«

»Dreiundzwanzig? Wirklich? Nun, das hätte ich nicht gedacht – und er war erst zwei Jahre alt, als er seine arme Mutter verlor! Ja, die Zeit fliegt geradezu vorbei! Und mein Gedächtnis ist sehr schlecht geworden. Jedenfalls war es ein ausgesprochen schöner, netter Brief und hat Mr. und Mrs. Weston viel Freude gemacht. Ich entsinne mich, daß er in Weymouth geschrieben war, datiert vom 28. September, und er fing an: ›Meine liebe gnädige Frau . . .‹, aber ich habe vergessen, wie es weiterging; und er war mit ›F. C. Weston Churchill‹ unterzeichnet. Das weiß ich noch genau.«

»Wie erfreulich und anständig von ihm!« rief die weichherzige Mrs. John Knightley. »Er muß ein sehr liebenswürdiger junger Mann sein. Aber wie traurig, daß er nicht zu Hause bei seinem Vater leben kann! Es ist etwas so Empörendes, ein Kind von seinen Eltern und aus seinem natürlichen Heim zu entfernen! Ich werde nie begreifen, wie Mr. Weston sich von ihm trennen konnte. Das eigene Kind wegzugeben! Ich kann wirklich von keinem Menschen gut denken, der jemandem so einen Vorschlag macht.«

»Von den Churchills hat nie jemand Gutes gedacht, möchte ich annehmen«, bemerkte Mr. John Knightley kühl. »Aber Sie brauchen nicht zu glauben, Mr. Weston wäre es so nahegegangen, wie es Ihnen ginge, wenn Sie Henry oder John weggeben sollten. Mr. Weston ist eher ein leichtherziger, lebenslustiger Mensch als ein Mann von tiefem Gefühl; er nimmt die Dinge, wie sie sind, und gewinnt ihnen irgendwie eine erfreuliche Seite ab. Ich vermute, er braucht zu seinem Behagen mehr, was man so Geselligkeit nennt, das heißt, daß er mit seinen Nachbarn tafeln und zechen und fünfmal in der Woche Whist spielen kann, als Familienbande und was das Heim zu bieten hat.«

Diese an einen Tadel grenzende Bemerkung ging Emma gegen den Strich, und sie hatte nicht übel Lust zu einer Entgegnung, aber sie bezwang sich und ließ es durchgehen. Sie wollte möglichst den Frieden wahren. Auch verdiente die Neigung ihres Schwagers, auf das übliche gesellschaftliche Treiben und die Leute, die es wichtig nahmen, herabzusehen, alle Nachsicht, denn sie entsprang einer ehrenwerten und sehr zu schätzenden Eigenschaft: er lebte ganz seiner Familie, und sein Heim war ihm alles.

Zwölftes Kapitel

Zum Dinner wurde Mr. Knightley erwartet – wovon Mr. Woodhouse sehr wenig erbaut war, denn er teilte den ersten Tag mit Isabella nicht gern mit einem andern. Emmas Gerechtigkeitssinn hatte jedoch so entschieden; neben der Erwägung, daß man es beiden Brüdern schuldig war, spielte freilich auch, im Gedanken an die letzte Unstimmigkeit zwischen Mr. Knightley und ihr, das Vergnügen mit, ihn eigens einzuladen.

Sie wünschte, sie wären wieder gut Freund miteinander. Es wurde Zeit, fand sie, daß sie sich versöhnten. Freilich hatte es mit der Versöhnung seine Schwierigkeiten. Sie war jedenfalls nicht im Unrecht gewesen, und er würde nie zugeben, daß er unrecht hatte. Zugeständnisse kamen nicht in Frage, aber man konnte sich den Anschein geben, als habe man den Streit vergessen. Und sie hoffte, es werde ihre Freundschaft leichter wiederherstellen, wenn er sie beim Eintreten mit einem der Kinder auf dem Schoß erblickte – dem jüngsten, einem niedlichen Mädelchen von ungefähr acht Monaten, das seinen ersten Besuch in Hartfield machte und sich glücklich auf dem Arm seiner Tante schaukeln ließ. Es half wirklich; denn wenn er anfangs auch ernst dreinschaute und kurz angebunden war, kehrte er doch bald zu dem altvertrauten Ton zurück und nahm mit der ganzen Ungezwungenheit echter Freundschaft das Kind aus ihren Armen. Emma fühlte, sie waren einander wieder gut. Erst war sie darüber nur tief befriedigt, dann aber wurde sie keck, und als er das Kleine bewunderte, konnte sie sich nicht enthalten zu sagen: »Wie tröstlich, daß wir wenigstens über unsre Neffen und Nichten einig sind. Über Männer und Frauen gehen unsre Meinungen manchmal weit auseinander, aber über diese Kinder sind wir nie uneins, wie ich sehe.«

»Wenn Sie sich in Ihren Ansichten über Männer und Frauen ebenso von Ihrem natürlichen Empfinden leiten ließen und auch so ohne phantastische Flausen mit ihnen umgingen wie mit diesen Kindern, dürften wir immer einer Meinung sein.«

»Natürlich! Unsre Zwistigkeiten kommen immer daher, daß ich unrecht habe.«

»Ja«, sagte er lächelnd, »und aus gutem Grund. Ich war sechzehn Jahre alt, als Sie geboren wurden.«

»Ein wesentlicher Unterschied – damals«, erwiderte sie; »und zweifellos waren Sie mir in dem Alter an Urteilskraft himmelweit überlegen. Aber sind wir uns nicht im Lauf von einundzwanzig Jahren darin viel nähergekommen?«

»Ja! Näher wohl!«

»Aber doch nicht nah genug, daß ich auch einmal recht haben könnte, wenn wir geteilter Meinung sind.«

»Ich habe Ihnen immer noch sechzehn Jahre an Erfahrung voraus – und daß ich keine hübsche junge Dame und kein verwöhntes Kind bin. Kommen Sie, meine liebe Emma, wir wollen uns wieder vertragen und nicht mehr darüber sprechen. Sag deiner Tante, Emmakindchen, sie soll dir ein besseres Beispiel geben, als alten Groll wieder auszugraben; sag ihr, selbst wenn sie vorher nicht im Unrecht gewesen wäre, so sei sie’s jetzt.«

»Das ist wahr!« rief sie. »Sehr wahr! Emmakind, wachse zu einem besseren Mädchen heran, als deine Tante es ist. Werde unendlich viel gescheiter und nicht halb so eingebildet. Jetzt, Mr. Knightley, nur noch ein oder zwei Worte, und ich bin fertig. Was den guten Willen angeht, sind wir beide im Recht; und ich muß sagen, daß mein Standpunkt sich bisher noch nicht als falsch erwiesen hat. Ich möchte nur wissen, ob Mr. Martin nicht allzu bitter enttäuscht ist.«

»Ein Mann kann nicht bitterer enttäuscht werden«, gab er kurz und bündig zur Antwort.

»Ach, das bekümmert mich sehr! Kommen Sie, geben Sie mir die Hand!«

Dies war eben mit großer Herzlichkeit geschehen, als John Knightley eintrat, und »Wie geht’s, George?« und »John, wie geht’s dir?« begrüßten sie sich in echt englischer Weise, unter einer Gelassenheit, die fast Gleichgültigkeit schien, ihre wahre Anhänglichkeit verbergend, die jeden der beiden im Notfall bewogen hätte, alles, was in seinen Kräften stand, für den andern zu tun.

Der Abend verlief in ruhiger Unterhaltung, da Mr. Woodhouse die Karten gänzlich ablehnte, um gemütlich mit seiner lieben Isabella zu plaudern. Die kleine Gesellschaft teilte sich von selbst in zwei Gruppen, auf der einen Seite er und seine Tochter, auf der andern die beiden Mr. Knightley; sie unterhielten sich über ganz verschiedene Dinge, nur zuweilen gingen die Gespräche ineinander über, und Emma beteiligte sich nur gelegentlich an dem einen oder andern.

Die Brüder sprachen über ihre eigenen Angelegenheiten und Vorhaben, hauptsächlich aber über die des älteren, der bei weitem mitteilsamer und im Gespräch stets der führende war. Als Majoratsherr hatte er meist irgendeine juristische Frage, über die er sich mit John beriet, oder er gab ein kurioses Geschichtchen zum besten; und als Landwirt, der das Stammgut Donwell Abbey innehatte, berichtete er gern, was die einzelnen Felder im nächsten Jahr tragen sollten, und alle die lokalen Neuigkeiten, die seinen Bruder, der ebenfalls die längste Zeit seines Lebens dort zu Hause gewesen war und sehr daran hing, interessieren mußten. Ob ein Entwässerungsgraben angelegt, ein Zaun versetzt, ein Baum gefällt werden sollte, welcher Acker für Weizen, für Rüben oder Winterkorn bestimmt war, auf alles das ging John so lebhaft ein, wie seine kühlere Art nur zuließ; ja, wenn sein Bruder ihm mit seinem ausführlichen Bericht etwas zu fragen übrig ließ, erkundigte er sich mit eifriger Wißbegier.

Während sie so behaglich beschäftigt waren, schwelgte Mr. Woodhouse mit seiner Tochter in glücklichen Kümmernissen und liebevoller Besorgnis.

»Meine arme, liebe Isabella«, sagte er und ergriff zärtlich ihre Hand, womit er sie ein Weilchen in ihrer emsigen Geschäftigkeit für eines ihrer fünf Kinder unterbrach, »wie lange, wie schrecklich lange warst du nicht hier! Und wie müde mußt du nach deiner Reise sein! Du mußt früh zu Bett gehen, mein Liebes, und ich empfehle dir ein wenig Hafergrütze vorher. Du und ich, wir essen zusammen einen leckeren Teller Hafergrütze. Meine liebe Emma, was hältst du davon, wenn wir alle ein bißchen Hafergrütze äßen?«

Emma hielt nichts davon, da sie wußte, daß die beiden Mr. Knightley dafür so wenig zu haben waren wie sie selber. So wurden nur zwei Teller bestellt. Er erging sich noch ein Weilchen im Lob der Hafergrütze, verwundert, daß nicht jeder jeden Abend sich daran erlabte, und fuhr dann mit ernstlich bedenklicher Miene fort:

»Es war ein Unding, mein Liebes, daß ihr den Herbst in South End verbracht habt, statt hierher zu kommen. Ich habe von der Seeluft nie viel gehalten.«

»Mr. Wingfield hat sie uns eindringlichst empfohlen, Sir, sonst wären wir nicht hingegangen. Er empfahl sie für alle Kinder, besonders aber für Bellachens empfindlichen Hals – sowohl die Luft wie die Seebäder.«

»Ach, mein Liebes, aber Perry war sehr im Zweifel, ob die See ihr zuträglich wäre, und ich selber bin seit langem vollkommen überzeugt, wenn ich’s auch vielleicht noch nie gesagt habe, daß die See einem selten guttut. Einmal wäre sie fast mein Tod gewesen, das ist sicher.«

»Komm, komm«, rief Emma, die spürte, daß dies ein gefährliches Terrain war, »ich muß euch bitten, sprecht nicht von der See, es macht mich ganz elend neidisch. Noch nie habe ich sie gesehen! South End ist verbotenes Thema, bitte! Meine liebe Isabella, du hast dich noch gar nicht nach Mr. Perry erkundigt, und er vergißt dich nie . . .«

»Ach ja, der gute Mr. Perry – wie geht es ihm, Sir?«

»Nun, so leidlich, wenn auch nicht ganz gut. Der arme Perry hat’s an der Galle und hat keine Zeit, sich zu pflegen; er sagt, er hätte nie Zeit, sich selber zu pflegen, und das ist sehr traurig, aber er wird ständig in der Gegend ringsum gebraucht. Ich glaube, es gibt weit und breit keinen Mann mit einer so ausgedehnten Praxis. Freilich gibt es auch nirgendwo einen so klugen Mann.«

»Und Mrs. Perry und die Kinder, wie geht es denen? Wachsen sie heran? Ich habe Mr. Perry in so gutem Andenken. Hoffentlich kommt er bald einmal her. Wie wird er sich freuen, meine Kleinen zu sehen!«

»Ich hoffe, er spricht morgen hier vor, denn ich möchte ihm für mich selber ein oder zwei wichtige Fragen stellen. Mein Liebes, wenn er kommt, laß ihn vorsichtshalber Bellachens Hals untersuchen.«

»Mein lieber Papa, ihr Hals hat sich so gebessert, daß ich mir darum kaum mehr Sorge mache. Entweder hat ihr das Baden so gutgetan, oder es liegt an einem ausgezeichneten Mittel zum Einreiben, das Mr. Wingfield ihr verordnet hat und das wir seit August ab und zu anwenden.«

»Es ist nicht sehr wahrscheinlich, mein Liebes, daß ihr das Baden geholfen hat; und wenn ich gewußt hätte, daß du etwas zum Einreiben brauchst, hätte ich mit . . .«

»Mir scheint, du hast Mrs. und Miss Bates ganz vergessen«, warf Emma ein; »nach ihnen hast du dich noch gar nicht erkundigt.«

»Ach, die guten Bates! Ich schäme mich geradezu. Aber du erwähnst sie fast immer in deinen Briefen. Ich hoffe, sie sind wohlauf. Die gute alte Mrs. Bates, ich werde sie morgen besuchen und meine Kinder mitnehmen. Sie freuen sich immer so, meine Kinder wiederzusehen. Und die treffliche Miss Bates! So durch und durch brave Leute! Wie geht es ihnen, Papa?«

»Nun, im ganzen recht wohl, mein liebes Kind. Aber die arme Mrs. Bates war vor einem Monat sehr erkältet.«

»Wie tut mir das leid! Die Erkältungen scheinen noch nie so verbreitet gewesen zu sein wie in diesem Herbst. Mr. Wingfield sagte mir, ihm seien noch nie so viele und so schwere Fälle vorgekommen, außer bei einer regelrechten Influenzaepidemie.«

»So war es vielfach, mein liebes Kind, wenn auch nicht in dem Maße, wie du sagst. Perry sagte, fast alle Welt sei erkältet gewesen, doch nicht so schwer, wie er es sonst oft im November erlebt hat. Perry meint, es sei im ganzen genommen nicht gerade so ungesundes Wetter gewesen.«

»Nein, ich wüßte auch nicht, daß Mr. Wingfield es als besonders ungesund ansieht, außer daß . . .«

»Ach, mein liebes Kind, in Wahrheit ist in London immer ungesundes Wetter. In London ist niemand gesund, kann es nicht sein. Es ist schrecklich, daß du gezwungen bist, dort zu leben! So weit weg! Und in so schlechter Luft!«

»Aber nein, wo wir wohnen, ist die Luft durchaus nicht schlecht! In unserm Stadtteil ist sie soviel besser als in den meisten andern. Sie dürfen unsre Gegend nicht mit London im allgemeinen verwechseln, mein lieber Papa. Die Gegend von Brunswick Square unterscheidet sich sehr von der übrigen Stadt. Bei uns ist es wunderbar luftig! Ich gebe zu, ich möchte nicht gern in einem andern Viertel wohnen; es gibt kaum ein zweites, das mir für meine Kinder gut genug wäre, aber bei uns ist es besonders luftig! Mr. Wingfield hält die Umgebung von Brunswick Square entschieden für die günstigste, was die Luft angeht.«

»Ach, mein Liebes, so gut wie in Hartfield ist sie doch nicht. Du machst das Beste draus, aber nach einer Woche in Hartfield seid ihr alle wie umgewandelt. Ich kann nicht behaupten, daß jetzt nur einer von euch gut aussieht.«

»Es tut mir leid, das zu hören, Sir; aber glauben Sie mir, abgesehen von etwas nervösem Kopfweh und Herzklopfen, die ich nirgends ganz loswerde, fühle ich mich recht wohl. Und wenn die Kinder vorm Zubettgehen ziemlich blaß aussahen, liegt es nur daran, daß sie von der Reise und vor lauter Freude, herzukommen, ein bißchen übermüdet waren. Ich hoffe, morgen wird Ihnen ihr Aussehen besser gefallen, denn Mr. Wingfield hat mir doch gesagt, er glaube, uns niemals allesamt in so guter Verfassung weggeschickt zu haben. Hoffentlich finden Sie wenigstens nicht, daß Mr. Knightley schlecht aussieht« – und sie wandte ihre Augen mit liebevoller Besorgnis ihrem Manne zu.

»Mittelmäßig, mein Liebes. Ich kann dir nicht schmeicheln. Ich finde Mr. Knightley weit davon entfernt, gut auszusehen.«

»Was gibt’s, Sir? Sprachen Sie von mir?« rief Mr. Knightley, als er seinen Namen hörte.

»Mein Vater findet leider, Sie sähen nicht wohl aus, aber hoffentlich ist es nur ein bißchen Müdigkeit. Trotzdem hätte ich, wie Sie wissen, gern gesehen, wenn Sie Mr. Wingfield vor Ihrer Abreise konsultiert hätten.«

»Meine liebe Isabella«, rief er heftig, »ich bitte Sie, kümmern Sie sich nicht um mein Aussehen. Begnügen Sie sich damit, an sich und den Kindern ewig herumzudoktern und sich zu verpäppeln, und lassen Sie mich aussehen, wie ich will.«

»Ich hab nicht ganz verstanden«, rief Emma, »was Sie Ihrem Bruder von Ihrem Freund Graham erzählten, der sich für sein neues Gut einen Verwalter aus Schottland kommen lassen will. Aber hat das Sinn? Wird das alte Vorurteil nicht zu stark sein?«

In dieser Weise redete sie so lange und so erfolgreich drauflos, daß sie, als sie wieder nach ihrem Vater und ihrer Schwester hinüberhorchen mußte, nichts Verfänglicheres zu hören bekam als Isabellas freundliche Erkundigung nach Jane Fairfax; und wenn Emma auch sonst auf Jane Fairfax nicht gut zu sprechen war, im Augenblick stimmte sie herzlich gern Isabellas Loblied zu.

»Die süße, liebe Jane Fairfax!« sagte Mrs. John Knightley. »So lange habe ich sie nicht gesehen, außer dann und wann einen Augenblick, wenn wir uns zufällig in London trafen. Wie glücklich werden ihre gute alte Großmutter und ihre treffliche Tante sein, wenn sie sie besucht! Um der lieben Emma willen tut es mir leid, daß sich Jane nicht öfter in Highbury aufhalten kann; aber Oberst Campbell und seine Frau werden jetzt, da ihre Tochter verheiratet ist, wohl überhaupt nicht mehr ohne Jane auskommen können. Sie wäre eine so entzückende Gefährtin für Emma.«

Mr. Woodhouse stimmte allem bei, fügte aber hinzu:

»Unsre kleine Freundin Harriet Smith ist aber auch eine hübsche junge Person. Harriet wird dir gefallen. Emma könnte keine nettere Gefährtin finden als Harriet.«

»Das freut mich sehr. Nur weiß man von Jane Fairfax, wie fein und gebildet sie ist; und ebenso alt wie Emma.«

Dieses Thema wurde mit Vergnügen ausgesponnen, andre von ähnlicher Wichtigkeit schlossen sich an und zogen gleichfalls in schönster Harmonie vorüber. Doch der Abend sollte nicht ohne eine neue kleine Aufregung zu Ende gehen. Die Hafergrütze kam und lieferte wiederum ergiebigen Gesprächsstoff: hohes Lob und lange Kommentare, die unangreifbare Feststellung, daß sie für jedermanns Konstitution bekömmlich sei, und einige recht strenge Philippiken gegen die vielen Häuser, wo sie nie genießbar zubereitet wurde. Unglücklicherweise aber mußte die Tochter als jüngstes und daher schlagendes Beispiel solchen Versagens ihre eigene Köchin in South End anführen, die man für diese Zeit gedungen hatte und die nie begreifen lernte, was ihre Herrin unter schöner, schlanker, dünner, doch nicht zu dünner Hafergrütze verstand. Wie oft hatte Isabella nicht Appetit darauf gehabt und sie bestellt, aber nie war etwas Leidliches auf den Tisch gekommen. Das war eine gefährliche Eröffnung.

»Ach!« sagte Mr. Woodhouse kopfschüttelnd und ließ seine Augen voll inniger Sorge auf seiner Tochter ruhen. In Emmas Ohren klang der Seufzer wie ›Ach, die traurigen Folgen eures Aufenthalts in South End sind ohne Zahl. Es ist zu quälend, darüber zu sprechen‹. Und eine Weile hoffte sie, er finge nicht davon an, und ein bißchen schweigendes Grübeln werde genügen, damit er wieder zum Genuß seiner eigenen schlanken Hafergrütze komme. Doch nach ein paar Minuten begann er abermals:

»Ich kann nicht darüber hinwegkommen, daß ihr diesen Herbst an die See gegangen seid, statt hierher zu kommen.«

»Aber warum nicht, Sir? Seien Sie sicher, es hat den Kindern sehr gutgetan.«

»Und überdies, wenn ihr schon an die See gehen mußtet, dann lieber nicht nach South End. South End ist ein ungesunder Ort. Perry war überrascht, daß ihr euch für South End entschieden hattet.«

»Ich weiß, viele Leute sind dieser Ansicht, aber sie sind wirklich ganz im Irrtum, Sir. Wir haben uns dort alle vollkommen gesund gefühlt, der Schlamm hat uns nicht im geringsten gestört, und Mr. Wingfield sagt, es sei völlig verkehrt, den Ort für ungesund zu halten; und auf ihn kann man sich doch verlassen, er weiß gründlich über die Luft dort Bescheid, und sein eigener Bruder ist wiederholt mit seiner ganzen Familie dort gewesen.«

»Nach Cromer hättet ihr gehen sollen, mein Liebes, wenn überhaupt irgendwohin. Perry war einmal eine Woche lang in Cromer, er hält es für das beste aller Seebäder. Schöner, offener Strand, sagt er, und sehr reine Luft. Und soviel ich verstanden habe, hättet ihr dort eine Unterkunft weitab vom Meer gefunden, eine Viertelstunde entfernt und sehr behaglich. Ihr hättet lieber Perry konsultieren sollen.«

»Aber mein lieber Papa, die weite Reise! Bedenken Sie doch nur, welch ein Unterschied. Hundert Meilen etwa statt vierzig.«

»Ach, mein liebes Kind, wo es um die Gesundheit geht, sagt Perry immer, sollte nichts anderes mehr eine Rolle spielen, und wenn man schon reisen muß, ist es einerlei, ob vierzig oder hundert Meilen. Lieber sich überhaupt nicht von der Stelle rühren, lieber in London bleiben als vierzig Meilen reisen, um noch schlechtere Luft zu atmen. Das ist’s, was Perry sagt. Er fand es sehr unklug.«

Vergebens hatte Emma versucht, ihren Vater zum Schweigen zu bringen; wenn er sich so verbiß, wunderte sie sich nicht, daß ihrem Schwager der Geduldsfaden riß.

»Mr. Perry«, sagte er in sehr gereiztem Ton, »täte gut daran, seine Ansicht für sich zu behalten, bis er gefragt wird. Was geht es ihn an, was ich tue? Ob ich meine Familie an diesen oder jenen Teil der Küste bringe? Mir scheint, ich darf mir ebensogut ein Urteil erlauben wie Mr. Perry. Ich brauche seine Verordnungen so wenig wie seine Pillen.« Er hielt inne, fand sogleich seine Gelassenheit wieder und fügte nur mit trockenem Sarkasmus hinzu: »Wenn Mr. Perry mir verraten kann, wie ich mit meiner Frau und fünf Kindern hundertunddreißig Meilen ohne größere Unkosten und Strapazen zurücklegen kann als vierzig Meilen, will ich ebenso wie er lieber nach Cromer als nach South End gehen.«

»Sehr richtig«, rief Mr. Knightley, um rasch zu vermitteln, »sehr richtig. Das ist freilich zu bedenken. – Aber John, um auf das zurückzukommen, was ich dir eben sagte, meine Idee, den Pfad nach Langham zu verlegen, ihn weiter rechts zu führen, damit er nicht durch die Hauswiesen schneidet – ich sehe da keine Schwierigkeit. Ich würde es nicht versuchen, wenn den Leuten von Highbury dadurch Unbequemlichkeiten erwüchsen; aber wenn du dir genau vor Augen hältst, wie der Pfad gegenwärtig verläuft . . . Doch das läßt sich einzig an Hand unserer Karten nachprüfen. Ich hoffe, ich sehe dich morgen früh in Donwell Abbey, dann wollen wir sie studieren, und du sagst mir, was du dazu meinst.«

Mr. Woodhouse war ziemlich erregt über die rauhen Worte gegen seinen Freund Perry, dem er in Wirklichkeit, wenn auch unbewußt, manche seiner eigenen Ansichten und Äußerungen untergeschoben hatte. Aber die beschwichtigende Fürsorge seiner Töchter verscheuchte allmählich die Mißstimmung des Augenblicks, und die Brüder waren darauf bedacht, keine neue aufkommen zu lassen, der eine mit sprungbereiter Wachsamkeit, der andre, indem er sich besser im Zaume hielt.

Dreizehntes Kapitel

Es konnte kaum einen glücklicheren Menschen geben als Mrs. John Knightley während dieses kurzen Besuchs in Hartfield. Jeden Morgen machte sie mit ihren fünf Kindern bei ihren alten Bekannten die Runde, und jeden Abend plauderte sie darüber mit ihrem Vater und ihrer Schwester. Es blieb ihr nichts andres zu wünschen übrig, als daß die Tage nicht so schnell vorübergingen. Es war eine herrliche Zeit – vollkommen, weil viel zu kurz.

Im allgemeinen waren sie abends weniger mit Freunden zusammen als vormittags, aber wenigstens einer Dinnergesellschaft, noch dazu außer Hause und am Weihnachtsabend, konnten sie nicht entgehen. Mr. Weston wollte von einer Absage nichts wissen, einmal mußten sie alle zum Essen nach Randalls kommen. Selbst Mr. Woodhouse machte sich nach reiflicher Überlegung mit dem Gedanken vertraut mitzugehen, um sich nicht von seiner Familie zu trennen.

Es war ihm nicht einmal vergönnt, sich über die Schwierigkeiten der Beförderung zu verbreiten; da auch Wagen und Pferde der jungen Knightleys sich zur Zeit in Hartfield befanden, mußte er es bei einer einfachen Frage bewenden lassen, die sich nicht einmal zu einem Zweifel verstieg. Emma brauchte nicht lange, um ihn davon zu überzeugen, daß sich in einem der Wagen auch Platz für Harriet finde.

Nur Harriet, Mr. Elton und Mr. Knightley, ihre besonderen Freunde, waren mit ihnen eingeladen, und zu früher Stunde; man richtete sich in allem nach Mr. Woodhouses Gewohnheiten und Neigungen.

Am Abend vor diesem großen Ereignis (denn es war ein sehr großes Ereignis, daß Mr. Woodhouse auswärts speiste, und gar am 24. Dezember) war Harriet in Hartfield gewesen und mit einer schweren Erkältung nach Hause gegangen. Nur auf ihren dringlichen Wunsch, sich von Mrs. Goddard pflegen zu lassen, hatte Emma sie schließlich gehen lassen.

Sie besuchte Harriet am nächsten Tage und fand ihr Schicksal, was Randalls betraf, schon besiegelt. Sie fieberte und hatte eine schlimme Halsentzündung. Mrs. Goddard umsorgte sie liebevoll. Man sprach davon, Mr. Perry zu holen, und Harriet selber war zu krank und matt, um sich gegen die Autorität aufzulehnen, die sie von der herrlichen Einladung ausschloß, doch konnte sie von dieser Enttäuschung nur mit einem Strom von Tränen sprechen.

Emma saß bei ihr, solange sie konnte, um sie während Mrs. Goddards unvermeidlichen Abhaltungen zu betreuen und ihre Stimmung zu heben, indem sie ihr vorstellte, wie niedergeschlagen Mr. Elton sein würde, wenn er hörte, wie es ihr ging; und als Emma sich schließlich verabschiedete, war Harriet einigermaßen beruhigt und wiegte sich in dem süßen Trost, daß ihm ein trostloser Abend bevorstand und alle sie sehr vermissen würden. Emma war kaum ein paar Schritte von Mrs. Goddards Tür entfernt, als sie Mr. Elton selber begegnete, der offenbar darauf zusteuerte, und als sie langsam zusammen weitergingen und sich über die Kranke unterhielten – nach der er sich auf das Gerücht hin, daß es ihr sehr schlecht gehe, erkundigen wollte, um in Hartfield über sie zu berichten –, wurden sie von Mr. John Knightley eingeholt, der mit seinen beiden ältesten Söhnen von seinem täglichen Besuch in Donwell zurückkam; die gesunden, glühenden Gesichter der Buben zeigten, wie wohl ihnen der Spaziergang über Land getan hatte, und verhießen dem Hammelbraten und Reispudding, zu dem sie heimeilten, ein rasches Ende. Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort. Emma beschrieb gerade die Beschwerden ihrer Freundin: stark entzündeter Hals, sehr erhöhte Temperatur, zu schneller matter Puls, usw., und leider habe sie von Mrs. Goddard erfahren, daß Harriet sehr zu schweren Halsentzündungen neige und ihr schon oft damit Sorge gemacht habe. Mr. Elton zeigte sich denn auch gebührend besorgt, indem er ausrief:

»Eine Halsentzündung! Hoffentlich nicht ansteckend, nicht die eitrige, infektiöse Art. Hat Perry sie untersucht? Sie sollten wirklich nicht weniger an sich selber denken als an Ihre Freundin. Ich bitte Sie, setzen Sie sich keiner Gefahr aus! Warum sieht Perry nicht nach ihr?«

Emma, die für sich gar nichts befürchtete, beschwichtigte diese übertriebene Ängstlichkeit, indem sie auf Mrs. Goddards Erfahrung und Pflege hinwies. Doch lag ihr gar nicht daran, ihm seine Besorgnis gänzlich auszureden; um sie vielmehr zu steigern und zu nähren, fügte sie bald darauf hinzu, als habe es damit nichts zu tun:

»Es ist so kalt, so abscheulich kalt, und es sieht aus, als ob es Schnee gäbe, man riecht ihn geradezu. Wären wir in einem andern Hause und mit andren Leuten eingeladen, ich ginge lieber nicht aus und würde auch meinem Vater davon abraten; aber nun hat er sich einmal entschlossen und scheint selber auch nicht zu frieren, darum möchte ich mich nicht einmischen, denn ich weiß, was für eine Enttäuschung es für Mr. und Mrs. Weston wäre. Aber wirklich, Mr. Elton, in Ihrem Fall würde ich mich bestimmt entschuldigen. Mir scheint, Sie sind schon ein bißchen heiser, und wenn Sie bedenken, wie Sie morgen Ihre Stimme brauchen und was für einen anstrengenden Tag Sie vor sich haben, ist es nur selbstverständliche Vorsicht, wenn Sie heute abend zu Hause bleiben und sich pflegen.«

Mr. Elton sah aus, als wisse er nicht recht, was er darauf antworten sollte; so war es auch; denn wiewohl ihm die fürsorgliche Freundlichkeit einer so schönen jungen Dame schmeichelte und er ihrem Rat nicht gern zuwiderhandelte, verspürte er nicht die geringste Lust, auf die Einladung zu verzichten. Aber Emma, noch zu sehr in ihre Hoffnungen und Berechnungen vertieft, um ihm unbefangen zuzuhören und ihn zu durchschauen, war froh, als er zustimmend murmelte, es sei allerdings sehr, sehr kalt; und während sie dahingingen, freute sie sich, ihn von Randalls entbunden zu haben, so daß er in der Lage war, sich zu jeder Stunde nach Harriet zu erkundigen.

»Sie tun ganz recht daran«, sagte sie. »Wir werden Sie bei Mr. und Mrs. Weston entschuldigen.«

Aber kaum hatte sie das gesagt, als sie hörte, wie ihr Schwager Mr. Elton höflich einen Platz in seinem Wagen anbot, falls das Wetter sein einziges Bedenken sei, und tatsächlich ging Mr. Elton prompt und befriedigt auf das Anerbieten ein. Da war nichts mehr zu machen, Mr. Elton kam also doch, und nie hatte sein hübsches rundes Gesicht so vor Vergnügen gestrahlt wie in diesem Augenblick. Nie hatte er so breit gelächelt und sie mit einem so frohlockenden Blick angesehen.

Nein, sagte sie sich, das ist ja sonderbar! Nachdem ich ihm so geschickt herausgeholfen habe, geht er doch lieber in Gesellschaft und läßt die arme Harriet im Stich! Wirklich höchst sonderbar! Aber ich glaube, viele Männer, namentlich Junggesellen, haben diesen Hang, ja diese Leidenschaft für Geselligkeit; eine Einladung zum Essen spielt für sie eine so große Rolle, als Vergnügen, als Zeitvertreib, als Ehre, fast als Pflicht, daß alles andre dahinter zurückstehen muß – und so scheint es auch mit Mr. Elton zu sein; ein zweifellos ernsthafter, liebenswürdiger, sympathischer junger Mann und glühend in Harriet verliebt – und doch kann er eine Einladung nicht ausschlagen, muß unbedingt zum Dinner gehen, wenn man ihn auffordert, gleichviel wohin. Die Liebe ist doch etwas Unbegreifliches! Er ist imstande, in Harriet »raschen Witz« hineinzusehen, aber ihr zuliebe allein speisen, das will er nicht.

Als Mr. Elton sich bald darauf verabschiedete, mußte sie ihm freilich zugute halten, daß er noch einmal sehr gefühlvoll auf Harriet zurückkam und in überschwenglichem Ton versicherte, er werde sich bei Mrs. Goddard nach dem Befinden ihrer schönen Freundin erkundigen, das solle das letzte sein, bevor er der Freude entgegengehe, sie, Emma, wiederzusehen, und er hoffe, ihr dann bessere Nachricht von der Kranken zu bringen. Er zerschmolz fast in Seufzern und Lächeln, was die Waage ihrer Huld wieder sehr zu seinen Gunsten neigte.

Eine Weile ging sie mit John Knightley in tiefem Schweigen weiter, bis er sagte:

»Nie in meinem Leben habe ich einen Mann so beflissen gesehen, sich beliebt zu machen, wie Mr. Elton. Er rackert sich ja geradezu krampfhaft ab, wo Damen im Spiel sind. Mit Männern kann er vernünftig und ungeziert umgehen, aber wenn er einer Dame gefallen will, gerät er ganz und gar aus dem Häuschen.«

»Mr. Elton weiß sich nicht recht zu benehmen«, sagte Emma, »aber wenn einer gefällig sein will, sollte man Nachsicht üben und kann man ihm auch viel nachsehen. Wenn ein Mann mit nur bescheidenen Fähigkeiten sein Bestes tut, erreicht er mehr als ein anderer mit lässiger Überlegenheit. Mr. Elton ist ein so kreuzbraver Mensch und so voller Wohlwollen, daß man ihn nur schätzen kann.«

»Freilich«, sagte Mr. John Knightley darauf ein bißchen verschmitzt, »Ihnen gegenüber scheint er von dem herzlichsten Wohlwollen beseelt.«

»Mir gegenüber?« erwiderte sie und lächelte verwundert. »Bilden Sie sich etwa ein, Mr. Elton hätte es auf mich abgesehen?«

»Ich muß gestehen, Emma, daß mir dieser Gedanke durch den Kopf ging; und wenn er Ihnen bisher noch nicht gekommen ist, sollten Sie sich lieber mit ihm vertraut machen.«

»Mr. Elton in mich verliebt? Welche Idee!«

»Ich sage nicht, daß es so ist, aber Sie täten gut daran, sich zu vergewissern, ob es so ist oder nicht, und sich entsprechend zu verhalten. Ich finde, Sie machen ihm Hoffnung. Ich spreche als Ihr Freund, Emma. Sie sollten sich darüber klar werden, was Sie tun und wie Sie sich weiter verhalten wollen.«

»Ich danke Ihnen. Aber glauben Sie mir, Sie irren sich. Mr. Elton und ich sind sehr gute Freunde und nicht mehr.« Und im Weitergehen amüsierte sie sich im stillen über die Mißverständnisse, die so oft durch halbes Wissen entstehen, über die Irrtümer, denen gerade Leute, die sich auf ihr Urteil etwas einbilden, immer wieder verfallen. Und sie war nicht sehr entzückt über ihren Schwager, der sie für blind und unwissend hielt und meinte, er müsse ihr einen Rat erteilen. Er sagte nichts mehr.

Mr. Woodhouse war so fest zu diesem Besuch entschlossen, daß er trotz der zunehmenden Kälte nicht davor zurückschreckte, und so machte er sich schließlich mit seiner älteren Tochter im eigenen Wagen pünktlichst auf den Weg und dachte offenbar weit weniger ans Wetter als jeder andre. Er war zu erfüllt von Staunen über seine Unternehmung und dem Gedanken an die Freude, die er damit in Randalls bereitete, auch zu warm eingepackt, um die Kälte zu spüren. Doch es war bitter kalt, und als der zweite Wagen sich mit Emma und Mr. John Knightley in Bewegung setzte, suchten ein paar Flocken schwebend ihren Weg zur Erde, und der Himmel sah aus, als hinge er so voller Schnee, daß es nur etwas mildere Luft brauchte, um in kürzester Zeit die Welt ganz in Weiß zu hüllen.

Emma merkte bald, daß ihr Begleiter nicht in der besten Stimmung war. Die Vorbereitung und die Fahrt über Land bei solchem Wetter, wofür er das Zusammensein mit seinen Kindern nach dem Essen opfern mußte, waren Übel oder wenigstens Unannehmlichkeiten, die Mr. John Knightley ganz und gar gegen den Strich gingen. Er versprach sich von diesem Besuch nichts, was die Mühe lohnte, und die ganze Fahrt bis zum Pfarrhaus verbrachte er damit, seinem Mißvergnügen Luft zu machen.

»Ein Mann muß schon sehr von sich eingenommen sein«, sagte er, »wenn er andre Leute bittet, an einem solchen Tage ihr Kaminfeuer zu verlassen, um mit ihm zusammen zu sein. Er muß sich für einen sehr gewinnenden Burschen halten. Ich brächte das nicht fertig. Es ist der größte Unsinn. Da fängt es auch noch an zu schneien! Diese Verrücktheit, den Leuten nicht zu erlauben, gemütlich zu Hause zu bleiben – und verrückt auch die Leute, die nicht gemütlich daheim bleiben, wenn sie können! Wenn uns an einem solchen Abend die Pflicht oder eine dringende Besorgung zwängen auszugehen, wie hart fänden wir das! Und da machen wir uns nun, wahrscheinlich viel leichter gekleidet als sonst, freiwillig auf, ohne Entschuldigungsgrund, gegen die Stimme der Natur, die einem mit allem, was man sieht und fühlt, sagt, man sollte lieber zu Hause bleiben und alle die Seinen unter Dach behalten – machen uns auf den Weg, um fünf langweilige Stunden bei anderen Leuten zuzubringen, wo es nichts zu sagen und zu hören gibt, was man nicht schon gestern gesagt und gehört hat oder ebensogut morgen sagen und hören kann; geht bei scheußlichem Wetter fort, um wahrscheinlich bei noch schlimmerem heimzukehren. Vier Pferde und vier Dienstboten werden zu nichts anderem bemüht, als fünf müßige, fröstelnde Geschöpfe in kältere Zimmer und schlechtere Gesellschaft zu befördern, als sie daheim hätten.«

Emma brachte nicht die gewünschte Zustimmung auf, die er zweifellos zu hören gewohnt war; dem ›Sie haben ganz recht, mein Liebsten‹, das ihm sonst wohl von seiner Begleiterin zuteil wurde, vermochte sie nicht nachzueifern. Doch war sie fest genug, sich überhaupt einer Antwort zu enthalten. Aus Gefälligkeit zustimmen mochte sie nicht, fürchtete aber auch, einen Wortwechsel anzufangen; ihr Heldenmut reichte nur zum Schweigen. Sie ließ ihn reden und die Scheiben schließen und wickelte sich ein, ohne die Lippen zu öffnen.

Sie kamen an, der Wagen wendete, der Tritt wurde heruntergelassen und Mr. Elton in Schwarz, schmuck und lächelnd, stieg sofort ein. Emma war froh, jetzt würde man von etwas anderem sprechen. Mr. Elton war ganz Diensteifer und Munterkeit; seine Artigkeiten klangen so froh erregt, daß sie dachte, er müßte eine andere Nachricht von Harriet haben als sie. Während sie sich ankleidete, hatte sie nach ihr fragen lassen, und die Antwort lautete: ›Fast unverändert – keine Besserung.‹

»Meine Auskunft von Mrs. Goddard«, sagte sie sogleich, »war nicht so erfreulich, wie ich hoffte. ›Keine Besserung‹, hat man mir sagen lassen.«

Sein Gesicht zog sich sofort in die Länge, und seine Stimme nahm einen Ton des Bedauerns an, als er erwiderte:

»Ach nein, zu meinem Leidwesen hörte ich . . . ich wollte es Ihnen gerade sagen; als ich mich bei Mrs. Goddard an der Tür nach ihr erkundigte, das letzte, bevor ich nach Hause ging, mich umzuziehen, sagte sie, es ginge Miss Smith nicht besser, durchaus nicht besser, eher schlechter. Ich war sehr betrübt und besorgt; ich hatte mich der Hoffnung hingegeben, nach der Herzstärkung, die man ihr, wie ich wußte, am Morgen verabfolgt hatte, müsse sie auf dem Wege der Besserung sein.«

Emma entgegnete lächelnd: »Mein Besuch hat ihr über die seelischen Folgen ihrer Erkrankung hinweggeholfen, hoffe ich; aber eine Halsentzündung kann nicht einmal ich wegzaubern. Es handelt sich ja wirklich um eine schwere Erkältung. Mr. Perry ist bei ihr gewesen, wie Sie ja wohl gehört haben.«

»Ja . . . ich dachte mir . . . das heißt . . . ich wußte nicht . . .«

»Er kennt diese Anfälligkeit bei ihr, und ich hoffe, wir beide bekommen morgen einen tröstlicheren Bericht. Aber ich kann mir nicht helfen, es beunruhigt mich. Eine so traurige Lücke in unserer Gesellschaft heute abend!«

»Furchtbar! Das stimmt genau, wirklich. Man wird sie jeden Augenblick vermissen.«

So gehörte sich’s! Mit dem Seufzer, den er dabei ausstieß, konnte man wirklich zufrieden sein. Es hätte nur ein bißchen länger anhalten dürfen. Emma war ziemlich betroffen, als er nach kaum einer halben Minute von anderen Dingen anfing und einen höchst munteren, vergnügten Ton anschlug.

»Was für ein ausgezeichneter Einfall, diese Schafpelze im Wagen«, sagte er. »Wie machen sie ihn behaglich! Unmöglich, bei solchen Vorkehrungen zu frieren. Die modernen Errungenschaften haben die herrschaftliche Kutsche wirklich zur Vollkommenheit ausstaffiert. Man ist vor schlechtem Wetter so abgesperrt und geborgen, daß kein Lüftchen mehr unerlaubt eindringen kann. Die Witterung wird absolut belanglos. Es ist heute nachmittag doch so kalt, aber in diesem Wagen merken wir nichts davon. Ha! Es schneit ein bißchen!«

»Ja«, sagte John Knightley, »es wird wohl so bald nicht aufhören.«

»Weihnachtswetter«, bemerkte Mr. Elton. »Ganz der Jahreszeit gemäß; und wir können uns glücklich schätzen, daß es nicht gestern abend schon angefangen und uns um diese Gesellschaft gebracht hat, was durchaus möglich gewesen wäre, denn Mr. Woodhouse hätte sich bei hohem Schnee wohl kaum hinausgewagt; nun kann es uns nichts mehr anhaben. Dies ist die rechte Jahreszeit für freundschaftliche Geselligkeit. Zu Weihnachten lädt jeder gern seine Freunde ein, und selbst das schlimmste Wetter macht einem nichts aus. Ich bin einmal bei einem Freunde eine Woche lang eingeschneit gewesen. Das war ein Vergnügen! Ich wollte nur eine Nacht bleiben und kam erst nach einer Woche wieder weg.«

Mr. John Knightley war es anzusehen, daß er wenig Verständnis für dies Vergnügen hatte, aber er sagte nur kühl:

»Ich wünsche mir nicht, eine Woche lang in Randalls eingeschneit zu werden.«

Zu anderer Zeit hätte Emma an den beiden ihren Spaß gehabt, aber nun war sie zu verdutzt, Mr. Elton in so gehobener Stimmung, ihn so von anderen Dingen erfüllt zu sehen. Harriet schien in der Aussicht auf einen vergnügten Abend ganz vergessen.

»Sicher erwartet uns ein prächtiges Feuer«, fuhr er fort, »und die größte Behaglichkeit. Reizende Menschen, Mr. und Mrs. Weston. Mrs. Weston ist wirklich über jedes Lob erhaben, und er ist ganz ein Mann, wie man ihn gern hat, so gastlich und gesellig; es wird eine kleine Gesellschaft sein, aber eine kleine erlesene Gesellschaft ist vielleicht angenehmer als jede andre. In Mrs. Westons Speisezimmer kann man nicht mehr als zehn Gäste bequem unterbringen, und mir sind unter solchen Umständen zwei weniger lieber als zwei zuviel. Das finden Sie gewiß auch (er wandte sich mit schmachtender Miene Emma zu). Sie werden mir darin sicherlich zustimmen, während Mr. Knightley, der an die großen Gesellschaften in London gewöhnt ist, nicht ganz unserer Meinung sein dürfte.«

»Ich habe keine Ahnung von großen Gesellschaften in London, Sir; ich speise nie auswärts.«

»Wirklich? (Verwunderung und Mitleid lagen in seinem Ton.) Ich hätte nicht gedacht, daß der Beruf des Anwalts eine solche Tretmühle ist. Nun, Sir, die Zeit wird kommen, wo Sie für alles das entschädigt werden und wenig Arbeit haben und das Leben genießen können.«

»Zunächst werde ich es genießen«, erwiderte Mr. John Knightley, während sie das Schwingtor passierten, »wenn ich erst wieder wohlbehalten in Hartfield bin.«

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