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Jan Schreiber

Dirndlgate

Roman

Kapitel 1

Jessica schüttelte den Kopf. Hatte sie die Pläne nicht zurücklegen wollen? Ja, klar, und zwar möglichst schnell. Alexander konnte jeden Moment kommen, immerhin wartete sie seit fast zwei Stunden auf ihren Mann. In der Küche waren die Steaks und das Gemüse kalt geworden. Schließlich hatte Jessica angefangen, in der Wohnung herumzulaufen und vor dem Eichentisch im Wohnzimmer die Pläne gefunden.

Jetzt lehnte sie sich im Flur gegen eine Wand, und sofort kam es ihr vor, als griffen kalte Arme nach ihr. Im östlichen Teil der Wohnung fror sie, und es hatte nichts damit zu tun, dass Frauen immer frieren würden, wie Alexander behauptete. Es war nicht diese Art des Fröstelns, sondern eher ein durch und durch unbehagliches Gefühl, so als wolle ihr das Haus sagen: Du bist hier nicht willkommen. Das Haus, der große Kasten, sagte und dachte Jessica. Freunde und Bekannte sprachen meistens von der Scheffold-Villa.

Mit den Plänen allerdings hielt sie etwas in der Hand, das dieses unangenehme Gefühl überstrahlte. Sie schloss die Augen und versuchte, ruhig zu atmen. Erst nach einem Moment drückte sie sich von der Wand weg und begann, noch einmal zu lesen: Raumhöhe zwei Meter fünfzig, Rigipsdecken im Flur, Schlaf- und Wohnzimmer. Das bedeutete: Die Raumhöhe würde um achtzig Zentimeter gesenkt. Die Wärme stiege nicht mehr so weit nach oben.

Alexander hatte ihr von den Renovierungsplänen nichts erzählt. Was hatte das zu bedeuten? Ob er sie damit überraschen wollte? Jessica lächelte. Was für eine Geste. Sie atmete noch einmal tief und spürte ein sanftes Drücken hinter den Augen.

Seit fast einem Jahr stand etwas zwischen ihnen. Jessica nahm an, es lag an dem Gespräch mit ihrem Frauenarzt. Ihm war die sehr niedrige Konzentration des Beta-HCG-Hormons im Blutbild aufgefallen. Er hatte sie über die Lesebrille hinweg angesehen und nach einer starken Blutung gefragt. Bevor Jessica in Tränen ausgebrochen war, hatte sie es gerade noch geschafft zu nicken.

Kurz darauf Alexanders Vorwurf, sie arbeite zu viel und sei zu angespannt. Ihr nächtliches Zähneknirschen sei ein Indiz dafür, außerdem mache ihn dieses Geräusch wahnsinnig. Daraufhin war Jessica in das kleine Zimmer gezogen. Anfangs nur für ein paar Tage, doch mit der Zeit dehnten sich diese Phasen aus und jetzt war es schon normal, dass sie im kleinen Zimmer schlief, während Alexander im Schlafzimmer blieb.

Ja, und heute, zwei Tage vor der Talkshow mit von Ackern, wäre eine gute Gelegenheit gewesen, mit ihm noch einmal über die Beziehung zu reden oder es zumindest zu versuchen. Dass Jessica zur Talkshow eingeladen war, kam ihr sehr gelegen. Die Fernsehsendung würde ihr helfen, auf ihr zweites Buch aufmerksam zu machen. Das konnte nie schaden, zumal sie ihre Arbeit als Strafverteidigerin und damit ihre Präsenz in der Kanzlei zurückfahren wollte. Schreiben konnte sie von zu Hause aus. Aber vorher galt es noch, zwei bis drei schwierige Wochen durchzustehen, nicht nur die Talkshow, sondern auch den noch nicht ganz abgeschlossenen Prozess um den Exhibitionisten Jochen Heinrich. All das hätte sie Alexander gesagt, wäre er da gewesen. Es musste ihm etwas dazwischengekommen sein. Aber gut, er hätte wenigstens eine Nachricht schicken können.

Sie strich zärtlich mit der Hand über die Pläne, lief den Flur entlang und versuchte, die Wohnung mit versöhnlicheren Augen anzusehen, mehr Alexanders Sichtweise einzunehmen.

Mit der linken Hand drückte sie die Papiere jetzt an ihren Oberkörper, mit der rechten fuhr sie über die glatte, glänzende Oberfläche der Flügeltür zum Wohnzimmer. Jede Türseite hatte ein achteckiges Fenster. Jessica berührte mit dem Zeigefinger die Bleiverglasung. Alexander hatte die blauen und dunkelgrünen Glasscheiben in einem Karton auf dem Dachboden gefunden. Neben der Tür stand eine Kommode, deren aufwärtssteigende Holzmaserung einer Fontäne glich. Ein dunkler Streifen bildete das Zentrum, hellere Streifen gingen rechts und links davon ab. Dazu der feine gelbe Strich auf der Schublade. Jessica hatte geglaubt, er sei aufgemalt, bis Alex ihr erklärte, es handele sich dabei um eine Intarsie, eine Einlegearbeit. Die Familienfotos über der Kommode: Alexanders verstorbener Vater, die Mutter, die zwei Brüder mit insgesamt sechs Kindern. Noch einmal auf einem Bild die Brüder vor dem Verwaltungsgebäude der Firma Scheffold. Das Foto musste zu dem Zeitpunkt entstanden sein, als Alexander aus dem Familienunternehmen ausgestiegen war, um seine Unternehmensberatung aufzubauen.

Jedes der Bilder steckte in einem gedrechselten Holzrahmen. Jedes Detail der Wohnung hatte seine Wurzeln genauso wie Alexander selbst. Er stand oft so breitbeinig im Wohnzimmer wie Cristiano Ronaldo vor einem Elfmeter.

Jessica trat durch die Flügeltür, und vor ihr breitete sich das Wohnzimmer aus. Die großzügigen Fenster zeigten nach Süden und Osten, über die Südseite hatte man freien Blick auf das Albpanorama. Meistens war die Burg Hohenzollern gut zu erkennen.

Jessica ging weiter auf den Eichentisch zu und legte die Pläne zurück auf den Boden. Über etwas Bescheid zu wissen ist das eine, es sich anmerken zu lassen das andere.

Das war ihr Alex. Sie brauchte nur Geduld mit ihm, denn er löste die Dinge auf seine Art. Kam es darauf an, hatte er das Herz am richtigen Fleck. Streckte er nicht über die Pläne beide Hände nach ihr aus?

Ein letztes Mal schaute sie auf die Blätter, auf die geschwungene, harmonische Unterschrift des Architekten, dann drehte sie sich um und lief durch den Flur zum Arbeitszimmer. Ihr Oberkörper fühlte sich warm und weit an.

Jessicas Blick fiel zuerst auf den Schreibtisch. Die Akte von Jochen Heinrich lag dort, daneben stand Katys Bild. Sie nahm es in die Hände und verlor sich dabei in den braunen Augen ihrer Schwester. Katy lächelte unter einer gelb-, rot- und grau-gestreiften Strickmütze hervor, die wie ein umgedrehter Topf aussah.

Jessica spürte auch noch drei Jahre nach Katys Tod ihre Nähe, worüber sie sehr froh war.

Schwesterherz, was sagst du zu Alex und mir?, wandte sich Jessica in Gedanken an Katy. Wie wäre die Antwort ihrer diplomatischen Schwester? Wahrscheinlich würde Katy klar erkennen: Jessica war dabei, ihr bisheriges Leben auf den Kopf zu stellen. Der alte Schwurgerichtssaal am Amtsgericht war so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer gewesen. Mit all den Erfolgen dort hatte sie es geschafft, eine Empfindung in Schach zu halten, die tief in ihrer Seele saß. Oft stieg ein Druck in ihr auf, legte sich unangenehm auf den Brustkorb, und das Herz begann zu hämmern, als wolle es aus der engen Brust entkommen. Gewöhnlich brachte das Herzrasen seine Begleiter mit, meistens hatte Jessica dabei einen hohen Felsvorsprung vor Augen, und ihr war, als drohte sie in die Tiefe zu fallen. Oft träumte sie davon, aber auch tagsüber war sie mittlerweile nicht mehr sicher. Wo würde das enden? Sie sah sich zitternd und nach Luft schnappend vor dem Gericht stehen, kaum noch fähig, ihren Mandanten zu verteidigen. Und dann?

Katy würde Jessica darauf aufmerksam machen, dass sie sich nicht dauerhaft mit Arbeit ablenken konnte, dass sie sich mit dem Schritt aus der Kanzlei, ein Stück weit auf Alex zu, richtig entschieden hatte.

Jessica würde sich natürlich ein bisschen wehren: Der Fall Heinrich sei keineswegs eine Flucht vor der Krise mit Alexander. Sie habe ihren Mandanten im Krankenhaus kennengelernt. Er war so übel zusammengeschlagen worden, dass die meisten Wunden genäht werden mussten. Seine Frau und die Töchter sahen sich mit Schikanen seitens der Bevölkerung und einer zweifelhaften Bürgerwehrgruppe konfrontiert. Insgesamt war die Familie in einer schlimmen Situation. War es also nicht ihre Pflicht gewesen, Heinrichs Verteidigung zu übernehmen?

Jessica lief mit Katys Bild in der Hand vor dem Schreibtisch auf und ab. Nur noch vierzehn Tage bis zum Plädoyer, dann war der Prozess abgeschlossen. Sie blieb vor dem Schreibtisch stehen. Ja, Katy würde zustimmen. Wenn Familie, dann jetzt.

Jessica nahm das Foto einen Moment lang dichter vor die Augen, dann stellte sie es behutsam auf seinen Platz zurück und seufzte. Katy war der Mensch gewesen, dem sie sich anvertrauen konnte, und die Schwester hatte immer die richtigen Worte gefunden.

Es gab nur einen Haken dabei: Bis jetzt hatte Jessica noch nicht mit ihrem Chef gesprochen. Richtig offen waren sie und Dr. Alfred Sebastian über die Kanzleinachfolge nie ins Gespräch gekommen. Unterschwellig hatte sie immer mal wieder durchblicken lassen, sie brauche mehr Zeit für ihre Beziehung. Dennoch bedeutete ein Nein gegenüber Sebastian, sein Lebenswerk auszuschlagen. Konnte sie das? Er war ihr Mentor gewesen, ohne ihn wäre sie nie so weit gekommen.

Die Fernsehsendung morgen könnte der Auftakt zu einem neuen Leben sein. Es musste doch gelingen, Familienplanung und Beruf unter einen Hut zu bringen, ohne dass sie ein schlechtes Gewissen bekam. Nach der Fernsehsendung würde sie den nächsten konsequenten Schritt gehen und Sebastian ihre Situation schildern. Ob ihr vielleicht dieses bevorstehende Gespräch so zu schaffen machte?

Energisch zog Jessica den Schreibtischstuhl zurück und setzte sich. Für die Fernsehsendung konnte sie nichts mehr vorbereiten, deshalb schlug sie Jochen Heinrichs Akte auf. Daneben legte sie ein Blatt Papier und griff nach einem Bleistift.

In regelmäßigen Abständen ließ sie den Stift über Daumen und Zeigefinger auf das Blatt Papier fallen. Ein helles, hölzernes Geräusch war zu hören, so als würde der Stift jeden Schritt ihrer Verteidigung abzählen. Letzten Herbst hatte sich Heinrich über einen Zeitraum von sechs Wochen gewöhnlich zwischen sieben und acht Uhr abends in den Stadtpark geschlichen. Im Herbstdunkel hielt er sich versteckt, trat plötzlich hervor und zeigte seinen Penis. Er erschreckte vier Frauen. Jugendliche stellten Heinrich am 11. Oktober und verbreiteten sein Foto und seinen Namen sofort im Internet. Unglücklich für Jessicas Mandanten, dass Christine Schanz am 24. September, also knapp drei Wochen zuvor, in der Nähe des Stadtparksees vergewaltigt worden war. Die Polizei hatte intensiv nach dem Täter gesucht, allerdings ohne Erfolg. Plötzlich war Heinrich in die Ermittlungen geraten, und als seine DNA am Körper der Frau gefunden wurde, verschlimmerte sich seine Lage. Trotzdem war Staatsanwalt Steven Jung Anfang März dieses Jahrs gezwungen gewesen, den Tatvorwurf der Vergewaltigung gegenüber Jochen Heinrich zurückzuziehen: Vier Wochen nach den Tests wurde bekannt gegeben, Heinrichs DNA vom Körper der Frau sei nicht identisch mit der Sperma-DNA des Vergewaltigers. Warum hatte es sich der sonst so gewissenhafte Jung so einfach gemacht? Von Anfang an hatte es zwei Spuren von Fremd-DNA gegeben. Es hätte Jung klar sein müssen, dass er es damit vor Gericht nicht einfach haben würde. Gut, wer wie Heinrich seinen Penis im Stadtpark zeigt, dem ist auch eine Vergewaltigung zuzutrauen – war das Jungs Gedanke gewesen? Zusätzlich baute Jung noch auf die Zeugenaussage einer jungen Frau. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht wissen können, dass sich diese Aussage in Luft auflösen würde. Nach und nach war es Jessica gelungen, ihre Verteidigungsstrategie auszubauen. Von Beginn an hatte sie die Tatvorwürfe Vergewaltigung und Exhibitionismus voneinander getrennt. Übrig blieben Heinrichs exhibitionistische Handlungen, und hier würde der Freiheitsentzug zu einer Bewährungsstrafe ausgesetzt werden. Das lag aber nicht nur an Jessica, sondern vielmehr an Heinrich selbst.

Der Bleistift fiel auf das Blatt Papier. Klack, Klack. Das alles war gar nicht Jungs Art. Es sei denn, Jessica hätte etwas übersehen. War ihr etwa aufgrund der Krise mit Alexander etwas entgangen?

***

Als Alex die Tür öffnete und seinen Kopf ins Zimmer streckte, zuckte Jessica zusammen, so sehr hatte sie sich in Heinrichs Fall vertieft.

„Schatzi“, sagte Alexander und lächelte. „Ich esse nur einen Happs und gehe dann ins Bett. Ich bin total platt.“

Jessica nickte und schaute auf ihre Armbanduhr. Es war kurz nach elf. Sie stand auf und ging auf ihn zu. Alexander hatte über die Jahre nichts von seiner Strahlkraft verloren. Unter dem weißen Hemd zeichnete sich seine breite, feste Brust deutlich ab. Die graugrünen Augen leuchteten. Auf seinem Gesicht lag etwas Entspanntes. Er hatte noch nicht mal ein schlechtes Gewissen, musste also das Essen total vergessen haben. Ja, er wirkte wie nach einem Saunabesuch.

Dass sie die Rindersteaks in der Demeter-Metzgerei geholt hatte und dafür durch den halben Stadtpark gelaufen war: Es lag ihr auf der Zunge. Zum ersten Mal hatte sie versucht, die Steaks medium zu braten, und es war ihr gelungen. Jetzt störte sie sich auf einmal an dem tadellosen Äußeren ihres Mannes, sie störte sich sogar an seinem „Schatzi“. Früher hatte er einfach „Jess“ gesagt. Worte, sinnlos, dachte Jessica. Alles würde an seiner glatten Fassade abperlen. Sie hatte so viel auf dem Herzen und sagte jetzt nur: „In der Küche steht was.“

Alex nickte, schaute auf sein riesiges Smartphone. Wieder kein Erinnern oder Bedauern, gar nichts.

„Hast du was?“, fragte er.

„Nein, nichts.“

Er ließ das Handy in die Hose gleiten, nickte ihr kurz zu und ging. Jetzt drehte er sich noch einmal kurz um und hielt sich eine Hand an die Stirn.

„Ach, richtig! Die Von-Ackern-Show. Das ist doch morgen, oder?“

„Ja, morgen.“

„Du machst dir doch nicht etwa Sorgen deswegen? Nimmst du Toni nicht mit?“

Er meinte Antonia, Jessicas Assistentin.

„Nein, die kommt erst am Sonntag aus Thailand zurück.“

Michael, der externe Mitarbeiter der Kanzlei, würde Jessica begleiten, aber auch das behielt sie für sich.

„Egal“, rief Alexander überschwänglich, streckte Jessica beide Daumen entgegen und lief dabei gleichzeitig rückwärts. „Du machst das schon.“

Jessica nickte und fuhr sich mit beiden Händen über die Arme. Sie fühlte die kühlen Wände, dachte an das kaltgewordene Essen, und sie sah Alexander zu, wie er sich von ihr entfernte.

Kapitel 2

„Keine Sorge, Frau Dr. Scheffold“, sagte die junge Michelle und fuhr Jessica mit einem Wattepad über die Wangen. „Das ist der übliche Wahnsinn. Ich habe nur wenige Sendungen erlebt, zu denen alle Gäste pünktlich da waren.“

„Und ich bin extra früh los, um ganz sicher zu gehen.“

„Vielleicht ist das der Fehler gewesen. Aber kein Problem, ich bin gleich fertig, und dann gehe ich bis zur Studiotür mit. Sie können Ihren Platz gar nicht verfehlen.“

„So?“

„Ja, die anderen Gäste sitzen bereits. Es ist nur noch Ihr Stuhl frei.“

„Oje“, antwortete Jessica. „So was habe ich gar nicht gern.“

„Wieso nicht? Die wichtigsten Gäste zum Schluss. Passt doch alles.“

Michelle legte eine Hand auf Jessicas Schulter. Zusammen schauten sie jetzt in den Spiegel.

„Perfekt.“ Michelle nickte zufrieden. Das stimmte. Sie hatte Jessicas Wangenpartie leicht betont, die Augenbrauen nachgezogen, die Lippen geschminkt und zuletzt das Gesicht gepudert. Jessica sah aus, als hätte es die Vollsperrung kurz vor der Aichtalbrücke und die damit verbundene Aufregung gar nicht gegeben. Die Tür zur Maske flog auf.

„Beeilung!“, rief der Mann, der Jessica vor ein paar Minuten das Mikrofon angesteckt hatte.

„Wir kommen“, antwortete Michelle.

Jessica spürte Schweiß am Rücken und in den Achselhöhlen. Hoffentlich hält das Make-up. Schweiß auf der Stirn bedeutete, dass Schminke in die Augen gelangen konnte, was sie überhaupt nicht vertrug. Die Augen tränten sofort, und das machte die Sache dann nur noch schlimmer. Deshalb verzichtete sie meistens auf Eyeliner.

Michelle deutete mit einer Hand den Gang entlang.

„Da vorne ist die Studiotür. Wir sind gleich da. Lassen Sie sich von den Männern nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Viele Frauen schauen auf Sie, Frau Scheffold. Ich lese auch alles von Ihnen.“

Jessica nickte: „Ich gebe mein Bestes.“

Michelle sagte das wahrscheinlich nicht ohne Grund. Unglücklicherweise hatte die Gerichtsreporterin Franka Friedrich für heute abgesagt, und an ihrer Stelle kam nun ausgerechnet Dr. Jürgen Heck, Sebastians größter Rivale. Heck würde heute alles unternehmen, um Jessicas Position zu schwächen, so viel stand fest. Aber nicht nur das! Mit Frau Friedrich wäre das Kräfteverhältnis ausgeglichen gewesen. Jetzt saß Jessica einmal mehr inmitten einer Männerrunde. Michelle griff nach der Studiotür und lächelte noch einmal kurz, bevor sie die Tür öffnete. Sofort war ein noch recht junger Mann mit langen Haaren bei Jessica. Wahrscheinlich ein Assistent der Aufnahmeleitung. Sie spürte einen sanften, aber bestimmten Zug an ihrem Arm.

„Kommen Sie. Schnell.“

Sie liefen auf das Podium zu.

„Tut mir leid, wir haben die Bühne schon hochgefahren. Frau Scheffold, Sie sind doch sportlich? Darf ich Sie um einen großen Schritt bitten?“

„Ja, klar, da komme ich hoch.“

Jessica musste ihr Bein ein gutes Stück hochziehen, um auf das Podest zu kommen. Wenn jetzt die Hosennaht platzt, das wäre der Super-GAU. Der Mann stützte sie am rechten Unterarm. Um zu ihrem Platz zu gelangen, musste sie sehr dicht an Jürgen Heck vorbei.

„Das ist ja typisch“, zischte er ihr zu, „Hauptsache Aufmerksamkeit.“

Heck klemmte in seinem Stuhl wie ein Kronkorken in einer Flasche. Sein kleiner, dicker Körper füllte den Stuhl nahezu aus, irgendwie fehlte diesem Mann der Hals. Wie immer, sobald Jessica auf Heck traf, fragte sie sich: Worum geht es ihm eigentlich? Klar, Sebastian und Heck waren Kommilitonen gewesen. Sebastian, ein mittelloser Alt-Achtundsechziger, und Heck, ein Konservativer mit viel Geld im Rücken. Letztlich hatte sich Sebastian mit seinem Talent durchgesetzt, das fiel besonders deshalb auf, weil Hecks Büro nicht mal einen Kilometer von Sebastians Kanzlei entfernt lag.

Jessica setzte sich, und sofort schaute Heck sie angriffslustig an. Das kann ja heiter werden.

Der Assistent überprüfte den Sitz des Mikrofons. Er nickte Jessica zu, drehte sich weg und hob einen Daumen in Richtung Kamera. Harald von Ackern saß ebenfalls in seinem Stuhl und sortierte in aller Ruhe seine Moderationskarten. Von Ackern trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd, aber keine Krawatte. Wie viele Männer um die vierzig hatte er sich, wahrscheinlich wegen Problemen mit Haarausfall, eine Glatze rasieren lassen. Das verlieh ihm zusammen mit dem runden Gesicht ein gemütliches Aussehen. Und genau darin lag die Gefahr. Jessica durfte sich von seinem kumpelhaften Plauderton nicht einlullen lassen. Der CDU-Politiker Wolfgang Börner hatte nicht umsonst die letzte Sendung einfach verlassen.

Jessica atmete tief, und ihr Blick fiel dabei auf den einzigen noch leeren Platz in der ersten Zuschauerreihe. Ein großer Mann mit Baseballcap steuerte im Moment darauf zu. Michael. Obwohl ihn Jessica seit Ewigkeiten kannte, konnte er Toni nicht ersetzen. Trotzdem tat es ihr gut, jemand Bekanntes in der Nähe zu wissen.

Gleich muss es losgehen. Jessica schloss die Augen. Ihr bislang größter Erfolg. Sie brauchte einen guten Auftritt, Heck hin oder her. Die Talkrunde so kurz vor der Veröffentlichung des Buches kam genau richtig, hing doch ihr neuer Lebensplan ein Stück weit davon ab. Sie wollte Alexander deutlich zeigen, wie viel er ihr bedeutete.

Sie öffnete die Augen und sah in dem Moment, wie von Ackern Heck freundlich zulächelte. Kennen die sich etwa? Vielleicht war es kein Zufall, dass er heute hier saß und nicht Frau Friedrich. Vielleicht wusste der Sender von der Rivalität beider Kanzleien, außerdem hatte Heck viel mit Staatsanwalt Jung zu tun. Die plötzliche Ruhe um den Heinrich-Prozess. Konnte Heck sie mit etwas konfrontieren, worauf sie nicht vorbereitet war?

Das Podest fuhr in diesem Moment noch ein Stück nach oben. Die Scheinwerfer über den Zuschauerreihen verdunkelten sich, vier andere Scheinwerfer richteten sich auf die Bühne aus.

Sie saß wie auf einem Präsentierteller und konnte genauso wenig weg wie aus einem Fahrstuhl. Und da war es wieder! Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Etwas sehr Mächtiges rauschte durch Jessicas Körper. Ihr Herz schlug heftig. Sie krallte die Hände in die weichen Lederlehnen des Sessels.

Eine Stimme zählte: acht, sieben, sechs …

Dann von Ackerns Stimme: „Liebe Gäste hier im Studio, liebe Zuschauer zu Hause, ein herzliches Willkommen zur Von-Ackern-Show. Wir wollen darüber reden, ob das Internet, ob soziale Plattformen wie Facebook und Twitter dazu beitragen, bestehende Missstände in der Gesellschaft schneller ans Licht zu bringen als in der Zeit vor dem Internet. Wie wichtig ist dabei die digitale Präsenz des Einzelnen?

Begrüßen Sie mit mir meine Gäste: die Staranwältin Frau Dr. Jessica Scheffold, den Medienwissenschaftler Henning Trové, den Rechtsanwalt Dr. Jürgen Heck und den Start-up-Gründer Steffen Arnold.

Dr. Heck sagt: ‚Drei Viertel des Internets sind überflüssige Schaumschlägerei. Unausgegorene Informationen gelangen zu schnell an die Öffentlichkeit und beschwören unnötige Debatten herauf.‘ Die Kanzlei Heck ist im Bereich Wirtschaftsrecht eine Größe und beweist damit, dass Erfolg auch mit einer kleinen Homepage möglich ist.

Dem widerspricht Frau Dr. Scheffold, sie sagt: ‚In Zeiten des digitalen Wandels sollte man die neuen Medien sinnvoll nutzen, anstatt sie zu verteufeln.‘ Frau Scheffold schreibt online für tausende Follower und schafft es, dass auch Normalbürger schwierige juristische Zusammenhänge verstehen können.“

Jessica versuchte, in die Kamera zu lächeln. Die Medien warfen ihr immer vor, nach außen kalt und unnahbar zu wirken. Ein Eindruck, den sie heute entkräften wollte. Wie sollte das gelingen? Sie spürte eine enorme Anspannung.

„‚Ich würde lieber die Hosen zu Hause vergessen als das Smartphone – ohne Internet geht gar nichts.‘ Dieser Satz stammt von Steffen Arnold. Mit Blick auf sein Leben trifft das auch zu: Begonnen hat er mit einem kleinen Start-up, jetzt betreibt er den größten deutschen Onlinemarktplatz für Bioprodukte, außerdem ist er Mitbegründer der ersten Onlinegewerkschaft. Diese Gewerkschaft vertritt die Interessen aller Menschen, die über das Internet ihr Geld verdienen.

Der Medienexperte Herr Trové hat das Buch Die digitale Evolution geschrieben. Er hilft uns heute, alle Argumente zu verstehen, und er wird uns – sollte die Zeit dafür reichen – auch aufzeigen, wohin die Entwicklung in Bezug auf das Internet gehen wird. Noch einmal ein ganz herzliches Willkommen an meine Gesprächspartner und Zuhörer.“

Der Applaus, der während der Anmoderation zu hören gewesen war, klang ab. Von Ackern wandte sich an Trové.

„In Ihrem Buch beschreiben Sie unter anderem solche Phänomene wie Fake News und Hasskommentare. Und wenn ich jetzt sage, …“, der Moderator schaute ins Publikum, „… dass es kaum einen Tag gibt, an dem nicht ein Shitstorm durch das Netz geistert, werden die meisten hier im Studio zustimmen.“

„Ja“, antwortete Trové. „Wir erleben gerade eine gewaltige Verschmutzung der öffentlichen Außenwelt. Medienmacht ist aber etwas anderes als Medienmündigkeit. Wir brauchen einen reiferen Umgang mit dem Medium, eine Art neues Bewusstsein. Genauso wie auch das Umwelt…“

„Augenblick“, unterbrach der Moderator Trové nach diesen wenigen Sätzen. „Wie kommen wir denn zu einem reiferen Umgang mit dem Medium? Das ist doch die Frage. Ich habe Ihr Buch sehr aufmerksam gelesen. Andere Wissenschaftler fordern mehr digitale Bildung an die Schulen zu bringen, sodass die Schüler Fake News und Bildfälschungen erkennen können. Ihr Ansatz, Herr Trové, ist aber noch breiter und auch für den einen oder anderen eher schwer zu verstehen. Können Sie uns das mit einfachen Worten erklären, so als säßen wir in einer Eckkneipe?“

„Bestimmt.“

„Trinken Sie Weizen oder lieber Pils?“

„Weizen“, lachte Trové.

Jessica schmunzelte. Mit einem Blick auf den Medienwissenschaftler fiel es ihr nicht schwer, an einen Wikinger zu denken. Sein breites Gesicht, der rotblonde Vollbart und dazu die Bassstimme. Er saß ruhig in seinem Sessel und ließ keine Unsicherheit erkennen.

„Ein Weizen bitte“, von Ackern hob die Hand, schaute in das Publikum, als wolle er tatsächlich eine Bestellung aufgeben. Jetzt neigte er sich Trové zu. Er baut Nähe auf, stellte Jessica für sich fest.

„Ich stimme meinen Kollegen zu, was die digitale Bildung betrifft. Um aber zu verstehen, was gerade passiert, sind mir ein paar andere Aspekte auch noch wichtig. Beim Internet haben wir es mit Technik zu tun. Ein Mann beispielsweise, der jahrelang mit einem Schmiedehammer gearbeitet hat, hat andere Hände als ein Kunstmaler.“

„Technik beeinflusst uns also?“

„O ja, sehr“, Trové nickte. „Und zwar nicht nur die Körperteile, sondern vor allem unser Gehirn, die Art und Weise, wie wir denken und wahrnehmen.“

„Der Mensch auf der einen Seite, die Technik auf der anderen. Warum soll das ein Konflikt sein? Keiner will auf das moderne Leben verzichten.“

Der Moderator lehnte sich wieder zurück und schuf damit zwischen sich und Trové Abstand. Das Aufbauen und der plötzliche Entzug von Nähe dienten oft dazu, den Gesprächspartner zu verunsichern. Jessica kannte diesen Trick. Trové allerdings lächelte und lehnte sich ebenfalls zurück. Ja, klar, es ist nicht seine erste Talkshow.

„Verständlich“, antwortete er ruhig. „Wir müssen aber wissen, die fünf Sinne des Menschen beeinflussen sich gegenseitig in einem offenen wechselseitigen System, während technische Systeme geschlossen sind. Waren wir in Urzeiten in freier Natur unterwegs, und es kam ein Reiz von außen, haben wir sofort reagiert und das Gehirn hat sehr schnell in einen Zustand der Harmonie zurückgefunden.“

„Jetzt dagegen …?“

„Jetzt dagegen bleibt der Erregungszustand lange und fortwährend erhalten, ohne dass es wieder zu einer harmonischen Balance kommt. Die Fachleute sagen ‚Closure‘ dazu.“

„Denken wir mal an bestimmte Ernährungsempfehlungen wie zum Beispiel Paleo. Es heißt doch immer, wir Menschen hätten uns seit tausenden von Jahren kaum verändert.“

„Jein, antwortete Trové. „Der alte Stammesmensch, ich habe es schon grob angesprochen, lebte vor allem in einer Welt des gesprochenen Wortes und des Schalls.“

„Gut, wir leben heute nicht mehr im Wald, das ist richtig.“

„Heute leben wir vor allem in einer visuellen Welt. Die gesamte Wahrnehmung hat sich sehr auf das kühle, distanzierte Auge verlagert. Mich und meinen Gesprächspartner trennt oft etwas: das Handy, der Videobeweis oder ganz häufig der Computerbildschirm. Deshalb hat sich auch die Kommunikation so abgekühlt. Mit dem Siegeszug des Computers erlebt die visuelle Welt ebenfalls einen Triumphzug. Aber: Wird ein Sinnesorgan ständig überreizt, geraten die anderen in eine Art Lähmung, einen Zustand, den wir etwa von der Hypnose her kennen.“

„Das bedeutet doch nichts anderes, als dass ich mich, nun ja, als dass ich mich …“ Der Moderator ruderte ein wenig unbeholfen mit den Armen.

„Sie sollten sich möglichst um eine breite Wahrnehmung kümmern. Verstehen Sie? Ich bin kein Gegner der Technik. Aber wir sollten verstehen, wie sie auf uns wirkt, damit wir die schwachen Stellen ausgleichen können. Denken wir an das Beispiel mit dem Hammermann. Auch er wird sich überlegen, was er machen kann, um gesund zu bleiben. Diese Überlegungen führen dann ganz automatisch zu einem reiferen Umgang mit Smartphone und Internet. Wir brauchen Rückzugsorte, Rückverbindung, Ruhephasen. Je schneller die Technik wird, desto wichtiger scheint es, darauf zu achten.“

„Sie zeigen in Ihrem Buch eine Verbindung, die zurückgeht bis zum Alphabet und vor allem dem Buchdruck. Gibt es noch mehr Verbindungen zwischen Buch und Internet?“

„Ja, für Buch und Internet gilt: Ich muss das Gelernte ins Leben überführen. Es nutzt nichts, hundertzwanzig Tindermatches in der Liste zu haben. Ich muss ein Date ausmachen und die Frau schlussendlich treffen. Mit den Lippen mache ich dabei hoffentlich die Erfahrung eines sinnlichen Kusses, dabei kann ich sogar die Augen schließen – oder manchmal ist es sogar besser, die Augen zu schließen.“

Im Publikum kam Gelächter auf. „Wer Lust hat“, rief Trové auf einmal laut ins Studio, „der kann ja mal versuchen, seine Ohren zuzuklappen, ohne dabei die Hände zu benutzen.“

Jessica schmunzelte. Sie sah, wie manche Gäste doch nach ihren Ohren griffen oder es bei ihrem Nachbarn versuchten.

„Wir stellen fest“, sagte Trové, „es geht nicht. Ein Indiz dafür, wie wichtig die Ohren sind.“

„Sie schreiben: ‚Mit Alphabet und Buchdruck entsteht der typografische Mensch, das schnelle, distanzierte Erfassen von Mustern über das Auge. Die Mönche im sechsten, siebten Jahrhundert haben anders gelesen als wir.‘“ Von Ackern schaute einen Augenblick von seiner Karte auf.

Trové nickte. „Die Mönche haben beim Lesen vor sich hingemurmelt. Man kann daran zeigen, wie sich das Leseverhalten geändert hat und immer noch ändert.“

„Ja“, von Ackern nickte. „Wer will, kann das alles in Ihrem Buch nachlesen. Und Sie schreiben außerdem noch vom Homo Digitalis. Ist das eigentlich Ihr Ernst?“

„Ja, natürlich.“

Jessica schaute in die Runde. Während Trové nach wie vor eine unglaubliche Ruhe ausstrahlte, zappelte Steffen Arnold, ein schlaksiger Brillenträger Mitte zwanzig, auf seinem Stuhl umher. Er rieb Daumen und Zeigefinger unablässig aneinander und konzentrierte sich wahrscheinlich darauf, aus dem Reiben kein Schnippen entstehen zu lassen. Jessica atmete zwei-, dreimal tief durch. Sie hatte in den letzten Jahren außerhalb des Fernsehens an vielen Podiumsdiskussionen teilgenommen und war von den Moderatoren immer gleich angesprochen worden. Hier hatte sie auf einmal Gelegenheit zuzuhören. Warum?

„Konkret“, hakte der Moderator nach, „welche Eigenschaften hat der Homo Digitalis?“

„Ich zähle mal ein paar auf, die wir am ehesten als negativ bezeichnen würden: verändertes Leseverhalten, mehr an der Oberfläche als in der Tiefe; infolge erleben wir eine drastische Fragmentierung von Inhalten; Schwierigkeiten damit, Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen. Zu viele Onlinestunden können den Lebensrhythmus durcheinanderbringen. Die Folgen wären Schlafstörungen, hohe Nervosität, Konzentrationsschwäche – und wieder die Folge davon, abnehmende Leistungsbereitschaft.“

Von Ackern nickte Trové noch einmal zu, wechselte die Moderationskarte und wandte sich jetzt an Steffen Arnold. Irgendwie bekam es der junge Online-Händler hin, seine Hände kurz ruhig zu halten.

„Herr Arnold, wie viel von dem, was Herr Trové benannt hat, ist neu für Sie?“

„Ganz ehrlich? Alles.“

Das nahm ihm Jessica sofort ab. Entsprach der junge Arnold nicht genau dem Typ, den Trové gerade beschrieben hatte? Arnold legte jetzt endlich die Hände auf den Knien ab und spreizte die langen Finger weit auseinander. Seine unbeholfene Gestik erinnerte Jessica ein bisschen an Bastian Pastewka.

„Sie sind Mitbegründer der ersten Netzgewerkschaft“, wiederholte der Moderator. „Die Redaktion und ich fanden das sehr interessant, und wir freuen uns, dass Sie heute hier sind.“

Ja, so konnte man es auch ausdrücken. Steffen Arnold musste aufpassen, sich von dem Moderator nicht vorführen zu lassen. Den Boden dafür hatte Trové im Grunde gelegt, indem er versuchte, den Homo Digitalis zu beschreiben. Blieb nur zu hoffen, dass der Medienwissenschaftler auch die Vorteile des Internets in seinem Buch benannte. Ansonsten wäre es doch eine sehr einseitige Betrachtung. Während Trové nach wie vor offen und freundlich in die Runde schaute, hielt Heck seinen Blick meistens gesenkt. Sobald er mal aufblickte, schaute er sofort in Jessicas Richtung, als wartete er nur darauf, ihr endlich etwas an den Kopf werfen zu können. Die Gelegenheit würde er bestimmt bekommen.

Plötzlich begriff Jessica: Hier war nichts dem Zufall überlassen worden. Nicht nur, dass mit Arnold und Trové ganz unterschiedliche Generationen aufeinandertrafen. Vor allem hatte der Moderator zuerst die beiden in das Gespräch eingeführt. Er hob sich also Jessica und Jürgen Heck für den Höhepunkt der Sendung auf. Es gab keine Von-Ackern-Show ohne Zuspitzung und Angriff. Deshalb war es von Beginn an nicht nur eine Chance gewesen, an der Talkrunde teilzunehmen, sondern auch ein Risiko. Nur ruhig, ermahnte sich Jessica. Nicht provozieren lassen, weder vom Moderator noch von Heck. Auf das Buch aufmerksam machen und immer mal wieder in die Kamera lächeln. Trotzdem stellte sie fest, wie sehr sie dieser ewige Kampf anstrengte, egal ob nun hier im Studio oder vor Gericht.

Der Moderator richtete sich in seinem Sessel auf und wandte sich abwechselnd an Trové und Arnold. Sie kamen auf globale Märkte zu sprechen, auf politische Ereignisse wie den Arabischen Frühling, der maßgeblich von Facebook beeinflusst worden war, und sie benannten die wunderbaren Möglichkeiten der weltweiten Kommunikation. Unterschwellig klang dabei durch, Trové sei für die neue Technik zu alt und zu langsam. Wie würde er mit diesem Vorwurf umgehen? Jessica versuchte, in Trovés Gesicht etwas zu erkennen. Der Wissenschaftler schmunzelte, blieb locker in seinem Sessel sitzen und fuhr sich mit einer Hand über den Bart.

„Ja, natürlich. All das bestreite ich nicht. Mir geht es darum, dass wir auch die schwachen Seiten des Mediums kennen, erst dann können wir ausgleichen und Balance herstellen.“

„Cooler Ansatz“, sagte Steffen Arnold. Von Ackern versuchte, weiter zu provozieren, was nicht richtig gelang. Trové benannte ein Problem, und sofort zog Steffen Arnold dafür eine technische Lösung aus dem Ärmel. Die beiden Männer ergänzten sich perfekt. Jessica hatte den jungen Arnold unterschätzt. Er brachte ein gewaltiges technisches Wissen mit. Sie begriff außerdem, wie leicht es wäre, die Medienlandschaft anders aussehen zu lassen. Die Entwickler müssten sich nur von der Design-Idee der Ablenkung verabschieden. Immer mal wieder hörte Jessica den einen oder anderen Zuschauer klatschen.

Der Moderator ordnete seine Karten und schaute Heck an. Wie auf ein Zeichen hob dieser auf einmal seinen Kopf. Weiß der etwa, dass er gleich seinen Auftritt bekommt? Jessica umfasste die Lehnen des Sessels fest.

„Wir haben jetzt ein Stück weit beleuchtet, wie sich die Gesellschaft zum Medium verhält und umgekehrt“, sagte von Ackern. „Was aber ist mit der digitalen Präsenz des Einzelnen, und welche Rolle spielt dabei das Bild beziehungsweise die Inszenierung von Bildern?“

Von Ackern deutete auf den großen Studiomonitor. Jessica sah das Foto von ihr und dem Bundesverfassungsrichter.

Ausgerechnet dieses Bild! Sofort drängte es sie, zu erklären, wie es zu dem Foto gekommen war und was es damit auf sich hatte. Heck lächelte. Jessica drückte den Rücken durch. Gleich würde sich der Moderator ihr zuwenden. Aber von Ackern nickte nur kurz in ihre Richtung und sagte:

„Frau Dr. Scheffold, Sie bekommen sofort die Gelegenheit, sich zu dem Foto zu äußern, einen kleinen Moment. Herr Trové, wir sehen dieses Foto auf dem Monitor. Viele unserer Zuschauer kennen es sicher, es symbolisiert nicht unbedingt den Beginn von Frau Scheffolds Karriere, wohl aber den Beginn einer gewaltigen digitalen Präsenz. Ich beziehe mich dabei auf Frau Scheffolds Facebook-Profil. Herr Trové, steht dieses Bild für eine beispielslose Inszenierung? Hat es Frau Dr. Scheffold von Beginn an verstanden, das Internet für sich arbeiten zu lassen?“

Trové rollte die Augen.

„Ich denke, Frau Dr. Scheffold kann gut für sich selbst antworten.“

Von Ackern hob die Hände: „Da bin ich mir sicher. Aber haben wir die Situation nicht so oft in der Realität? Fotos sind da. Was es damit auf sich hat, erfahren wir erst später.“ Der Moderator drehte sich ein winziges Stück von Jessica weg, was sie sofort registrierte.

Trové hatte es ebenfalls bemerkt. „Sie wollen doch nicht etwa jeden Zuschauer fragen, was von dem Bild zu halten ist?“, hakte er ungehalten nach.

„Nein“, von Ackern hob noch einmal die Hände.

Er weiß ganz klar, was er tut. Wie von Ackern hier vorging, war schlichtweg unhöflich. Eine warme Welle erfasste Jessicas Körper. Sie spürte ihr Herz. Heck grinste und schaute auf den Boden.

„Falls Sie es nicht wissen sollten“, sagte von Ackern, „der arme eingeschüchterte Mann in dem Stuhl, dem Frau Scheffolds erhobener Zeigefinder gilt, ist Hans Dieter Falkenberg, seines Zeichens Bundesverfassungsrichter. Das Foto war lange in den Medien, und es markiert für viele Menschen im Land die entscheidende Wende in der Nein-heißt-Nein-Debatte. Andererseits könnten wir auch fragen, ob Frau Scheffold aufgrund dieses Bildes so viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Also doch eine perfekte Inszenierung?“

Von Ackern schaute Jessica nicht an und in diesem Moment wusste sie ganz klar: Sie saß bereits inmitten einer Provokation. Typisch von Ackern. Jetzt, dachte sie.

„In ihrer Kneipe würde ich jetzt auf den Tisch hauen …“

„Frau Dr. Scheffold, lassen Sie mich zunächst noch …“

„Nein, ich lasse eben nicht. Wenn Sie schon das immer gleiche Foto bemühen müssen, nutze ich genau jetzt die Möglichkeit, um etwas dazu zu sagen.“

Der Moderator machte eine ausladende Handbewegung und lehnte sich zurück. Punkt für sie.

„Herr Wowereit und der rote Schuh“, fuhr Jessica ohne Zeit zu verlieren fort, „Emma Watson und Harry Potter, Michael Jackson und der Moonwalk – ich möchte mich gar nicht auf eine Stufe mit Schauspielern oder anderen berühmten Menschen stellen, sondern nenne die Beispiele nur, um zu zeigen, wie schnell man in eine Schublade gesteckt wird. Irgendwie werde ich das Foto nicht los. Das Bild war ein Schnappschuss, weniger als ein Augenblick, und die Geste galt meiner Assistentin.“

Von Ackern fuhr sich kurz mit einer Hand über die Glatze: „Aber es ist doch vor dem Bundesverfassungsgericht entstanden?“

„Ja, aber nicht während der Verhandlung. Es wurde im Anschluss aufgenommen, und es hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich Herrn Falkenberg etwa die Leviten gelesen hätte, wie Sie es so verzerrt dargestellt haben.“

Von Ackern räusperte sich kurz und fuhr sich erneut mit der Hand über die Glatze.

„Mit dem Bild ist die Anzahl Ihrer Follower explodiert. Wir sprechen von immerhin achtzehntausend Menschen, ich habe extra noch einmal nachgeschlagen.“

„Wenn Sie das sagen.“

Kurz streifte Jessicas Blick Jürgen Heck. Er öffnete den Mund und presste wieder die Lippen aufeinander.

„Herr Heck“, bremste ihn der Moderator, „einen Moment bitte. In der Tat ist es so, dass die Kanzlei Heck fast ohne digitale Präsenz auskommt. Sie, Frau Dr. Scheffold, gehen einen anderen Weg.“

„Das hat sich im Prinzip so entwickelt. Ich hatte eine Mandantin, die in der Wohnung eines Mannes vergewaltigt worden war. Das Landesgericht hatte ihr Schadensersatz zugesprochen, das Oberlandesgericht hatte diesen wieder zusammengestrichen, mit der Begründung: Die Frau habe sich aus freien Stücken in eine nicht eindeutige Lage gebracht. Die juristische Auseinandersetzung hat uns schließlich den Weg bis zur letzten Instanz gehen lassen. Auf Facebook war so viel Schlimmes und Falsches geschrieben worden, und ich hielt es für klug, genau auf dem Medium zu antworten. Verstehen Sie?“

„Es gab die Meldung, die Frau sei aus dem Rotlichtmilieu gewesen“, ergänzte von Ackern.

„Und vieles andere mehr ist geschrieben worden“, antwortete Jessica. „Ich will hier nicht noch mal alles aufzählen. Ich habe aber dann doch erkannt, dass mir mein Facebook-Profil Möglichkeiten an die Hand gibt. Wir wissen ja alle: Staatsanwaltschaft und Polizei äußern sich sogar zu laufenden Prozessen. Wieso also soll die Verteidigung zum Schweigen verdonnert sein? Dass ich dabei nicht vor der neuen Technologie zurückschrecke, entspricht ja wohl eher dem Zeitgeist als Präsentationswut.“

Der Moderator nickte und wandte sich Heck zu.

„Handelt es sich bei dem Foto um eine geschickte Inszenierung? Das ist unsere Ausgangsfrage gewesen.

Ich stelle sie deshalb noch einmal, weil jeder meiner Studiogäste eine andere digitale Präsenz mitbringt. Steffen Arnold ist gefühlt dauerpräsent im Internet. Von der Kanzlei Heck finden wir im Internet lediglich eine Landingpage und sonst nichts. Herr Heck, warum keine digitale Präsenz?“

„Nein, wir halten nichts davon. Vielleicht sind unsere Brötchen etwas kleiner, aber abgesehen davon müssen wir uns nicht, wie das Frau Dr. Scheffold so gerne tut, im Internet präsentieren wie eine polierte Weihnachtsbaumkugel. Überhaupt handelt es sich ja um komplexe juristische Zusammenhänge, und um diese darzustellen, ist Twitter nicht der geeignete Ort.“

Heck drehte seinen Kopf ruckartig Jessica zu. Das Foto war immer noch auf dem Studiobildschirm zu sehen, was Jessica störte. Bloß nicht provozieren lassen.

„Ich bin nicht auf Twitter“, antwortete sie bestimmt, aber ruhig.

„Das ist doch alles das Gleiche.“

Jessicas Blick schweifte kurz in die Zuschauerreihe. Michael hatte seinen Kopf runtergenommen und sah auf seine Beine.

„Nein“, antwortete Trové. „Die Plattformen unterscheiden sich deutlich. Außerdem ist es auch ein Unterschied, ob man sein Privatleben im Internet ausbreitet oder ob man über sein Fachgebiet schreibt.“

„Okay, ich habe verstanden“, sagte Steffen Arnold.

„Herr Arnold“, nahm von Ackern Trovés Hinweis auf.

„Digitale Präsenz – für Sie unerlässlich?“

„Ja, unbedingt. Wir müssen mit unserem Shop immer am Ball bleiben, sonst fahren wir Verluste ein. Allerdings kann man unser Business auch nicht unbedingt mit dem von Frau Dr. Scheffold vergleichen. Bio-Produkte online zu verkaufen ist ja ein ganz anderes Ding. Gleich ist vielleicht die mega Begeisterung und der Wille, etwas erreichen zu wollen. Ich schlafe nur am Monatsende.“

Von Ackern rang sich ein Lächeln ab und sagte: „Okay. Aber was halten Sie von Frau Scheffolds digitaler Präsenz?“

„Was Frau Dr. Scheffold da macht, ist eine starke Leistung. achtzehntausend Follower sind eine ordentliche Hausnummer. Ich habe auch mal Jura angefangen zu studieren, allerdings nach drei Semestern abgebrochen. Aber was Frau Scheffold schreibt, kann ich verstehen, und ich würde sogar ihr Buch kaufen.“

„Das Buch“, nahm von Ackern den Ball auf, „heißt Das Recht in der digitalen Welt und erscheint … wann, Frau Scheffold?“

„Hoffentlich noch in diesem Jahr.“

„Genau“, antwortete Heck barsch. „Darauf habe ich gewartet. Selbstdarstellung und Werbung.“

Er schaute demonstrativ weg. Kurz drauf starrte er Jessica wieder an. Sein Gesicht hatte rote Flecken bekommen.

„Reine Präsentationswut. Wie ein Model, das jeden Tag Spinat fotografiert, um der Welt zu zeigen, wie gesund sie sich ernährt. Handfeste Fakten sind doch viel wichtiger, als so einem Trend hinterherzurennen.“

Jetzt in keinen offenen Schlagaustausch mit Heck geraten! Von Ackern mochte solche Situationen. Jessica wusste das. Allerdings hatte sie auch keine Lust, sich von Heck den Einstieg in ihr neues Leben vermasseln zu lassen.

Noch bevor von Ackern etwas sagen konnte, antwortete sie:

„Ich weiß nicht genau, was Sie meinen – falls Sie sich auf mein Profil beziehen: Frei weg von der Leber kann ich sowieso nicht schreiben, schon gar nicht über aktuelle Fälle, weil ich ja als Anwältin an die Schweigepflicht gebunden bin. Entweder die Mandanten haben mich davon befreit, sind gestorben, oder die Fälle liegen lange genug zurück. Auch wenn ich auf dem Profil nur anonyme Fallbeispiele nennen kann, wird doch der Sachverhalt ziemlich genau deutlich. Und den größten Vorteil sehe ich tatsächlich darin, einen gewissen Gegenpol zur Staatsanwaltschaft schaffen zu können. Was soll schlecht daran sein?“

„Es ist überflüssig“, bellte Heck. „In diesem Zusammenhang, sage ich es gerne noch einmal: Auch die von Ihnen angestoßene Nein-heißt-Nein-Debatte und die damit verbundene Änderung des Paragrafen 177 – völlig überflüssig. Sie müssen doch endlich mal einsehen, dass sich die Rolle der Frau von den Fünfzigern bis heute ganz entschieden gewandelt hat.“

Einige Zuschauer applaudierten lautstark. Was war nur mit diesem Land los? Angesichts des schnellen Internets gab es offenbar viele Menschen, die sich nach bewährten Strukturen sehnten, und genau dafür stand Heck. Jessica sah mit einem Blick zur Studiouhr: Sie hatte nicht mehr ewig Zeit. Das Kräfteverhältnis zwischen ihr und Heck schien eher ausgeglichen. Sie konnte versuchen, seine Argumente für sich arbeiten zu lassen. Jessica richtete sich auf. Der Moderator wollte etwas sagen.

„Stopp, Herr von Ackern! Es stört mich schon, dass ich immer wieder auf das gleiche Thema reduziert werde.“ Jessica deutete kurz auf den Studiobildschirm. „Es hätte eine Reihe anderer Bilder gegeben als das mit Richter Falkenberg.“

Hecks Hand sauste wieder durch die Luft. Jessicas Gedanken rasten.

„Herr Heck“, sagte sie schnell. „Vielleicht meinen wir sogar das Gleiche? Als Juristin geht es mir natürlich um handfeste Fakten. Auf der anderen Seite sehen wir uns immer öfter mit den Phänomenen Vorverurteilung und Hasskommentare konfrontiert.“

„Nein“, schoss Heck sofort zurück. „Wir meinen gar nicht das Gleiche. Nur, weil jemand etwas tut, muss ich nicht auf gleicher Ebene zurückschlagen und ebenfalls ein Facebook-Profil aufmachen.“

Von Ackern wiegte den Kopf und schaute abwechselnd Jessica und Heck an. Wem spielt er jetzt den Ball zu? Jessica umfasste die Sessellehnen fest.

„Jedenfalls ist die Debatte ins Rollen gekommen“, sagte von Ackern. „Sehr wahrscheinlich schon ein Zeichen dafür, dass sie notwendig war beziehungsweise immer noch notwendig ist.“ Er schaute Jessica interessiert und offen an.

Heck sah wieder weg. Gut so! Punkt!

„Natürlich ist die Debatte notwendig gewesen, das steht ja hoffentlich außer Frage. Zum Glück haben wir die Gesetzesänderung jetzt im November. Außerdem wäre es zu früh, das Engagement hier einzustellen. Ungleichheiten zwischen Mann und Frau gibt es immer noch.“

„Ich frage mich bloß, wo“, ereiferte sich Heck sofort. „Wir müssen doch als Männer jetzt schon aufpassen, nicht ins gesellschaftliche Abseits zu geraten, was durch Scheidung und Unterhaltszahlungen schnell passieren kann.“

Wieder hörte Jessica einige Zuschauer klatschen, kurz schweifte ihr Blick zu Michael. Er schaute immer noch auf seine Knie.

Ihr fehlte der entscheidende Satz. Eine der Kameras kam wie ein großes Auge auf sie zu. Plötzlich hatte sie eine Idee, allerdings käme sie damit dem laufenden Heinrich-Prozess sehr nahe. Sie musste es wagen.

„Es bringt uns doch nichts, Facebook und Co zu verteufeln. Wir müssen uns eher fragen, warum die Gefahr öffentlicher Vorverurteilungen so gestiegen ist. Hetze, Hass und haltlose Debatten beruhen auf gewissen Wertevorstellungen. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Ein Satz, den wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.“

Heck hob beschwörend die Hände. „Lassen Sie mich raten: Sie sind jetzt wieder bei der armen unterdrückten Frau.“

Gut. Heck hatte den Köder geschluckt.

„Also gut, ich nenne Ihnen ein Beispiel: Nehmen wir einen Mann, der abends im Stadtpark die Hose runterlässt und sich nackt zeigt. Nehmen wir an, es käme zu einer Anzeige, da sich jemand durch diesen Mann bedroht fühlte. Nach Paragraf 183 StGB kann der Mann hier entsprechend bestraft werden. Was aber, beginge eine Frau genau die gleiche Handlung? Im Zusammenhang mit Exhibitionismus ist im Gesetzestext nur von einem Mann die Rede. Wenn wir konsequent weiterdenken, ist die Handlung im Fall des Mannes eine Straftat, aber wie würde das Gericht bei einer Frau entscheiden? Auf Ordnungswidrigkeit? Wenn ja, würde das Gericht eine gleiche Handlung ungleich bewerten, ein Verstoß gegen Artikel drei des Grundgesetzbuches. Mir ist schon klar, dass es Vorstöße gab, diesen Paragrafen zu ändern, aber erfolglos.“

„Zu Recht“, fuhr Heck auf. „Welche anständige Frau tut so etwas? Das kann man sich doch gar nicht vorstellen!“

Heck schleuderte die Sätze heraus, und dann schien es, als wäre er selbst über die Heftigkeit erschrocken. Er fuhr sich mit dem Taschentuch über die schweißnasse Stirn und schaute zu Boden. Das Publikum war still. Zum ersten Mal an diesem Abend blieben sogar die Kameramänner ruhig stehen.

Michael hatte seinen Kopf nach oben genommen. Er lächelte jetzt.

Erst nach einem deutlichen Moment sagte Trové: „Ein gutes Beispiel.“ Wieder ein Punkt. Jessica schaute ins Publikum und versuchte zu lächeln.

„Genau das meine ich“, sagte sie jetzt ruhig. „Wenn wir schon im Gesetzestext in Bezug auf eine Handlung Frauen und Männer ungleich bewerten, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass es in der Gesellschaft zu noch größeren Ausgrenzungen kommt.“

„Das ist doch Unsinn“, attackierte Heck. „Sie wissen doch selbst, was es für ein Aufwand ist, ein Gesetz zu ändern. Da müssen wir uns doch zu Recht fragen, ob sich der Aufwand lohnt, nur weil es einmal in hundert Jahren vorkommt, dass eine Frau ohne Slip durch den Stadtpark läuft. Lächerlich das Ganze!“

„Äh“, von Ackern fasste sich ans Kinn, „liegen uns Zahlen vor? Häufigkeit Exhibitionismus im Vergleich Frauen und Männer?“

„Geht es wirklich darum?“, antwortete Jessica. „Auch dieses Thema haben zahlreiche Leser auf meinem Profil kommentiert. Ich finde es wichtig zu zeigen, und das habe ich auch so geschrieben: Vor Gericht sind alle gleich. Das sollte sich natürlich auch im Gesetzestext widerspiegeln, was aber bis jetzt nicht der Fall ist. Paragraf 183 ist ein altes Gesetz aus dem Jahr 1870. Also es geht auf meinem Profil um solche Themen, und für mich als Juristin ist es sehr interessant zu erfahren, wie meine Leser darüber denken.“

Jessica hörte jetzt deutlichen Beifall der Gäste.

„Weiter so, Frau Scheffold“, hörte Jessica eine Frau rufen.

Heck schien zu spüren, dass sie die Oberhand gewonnen hatte. Er ereiferte sich: Alte Gesetze müssten nicht zwangsläufig schlecht sein, und wenn schon so eine Diskussion, dann sei ein Facebook-Profil kein geeigneter Ort, um diese auszutragen. Arnold und Trové hielten dagegen und folgten Jessicas Meinung. Noch einmal brandete die Diskussion lebhaft auf, dann schaltete sich von Ackern ein.

„Liebe Zuhörer und Gäste! Leider muss ich hier unterbrechen, unsere Sendezeit ist vorbei. Allerdings dürften wir alle gemerkt haben: Es besteht zu diesem Thema noch Redebedarf. Ich würde mich also freuen, könnten wir recht bald eine Fortsetzung der heutigen Talkrunde hinbekommen. Viele Grüße an den Sender.“ Der Moderator stand auf. „Ich danke der Regie und meinen Gästen: Steffen Arnold, Henning Trové, Dr. Jürgen Heck und Frau Dr. Scheffold.“

Der Applaus schwoll noch einmal an, als von Ackern Jessicas Namen nannte. Michelle kam über das Podest und streckte ihr einen Strauß Rosen entgegen. Jessica stand ebenfalls auf, nahm die Blumen und winkte mit dem Strauß dem Publikum.

Gewonnen, dachte sie. Sieg nach Punkten. Dank Steffen Arnold war es auch nicht schwer gewesen, auf das Buch hinzuweisen. Der Verlag würde das wohlwollend registrieren. Alles gut.

***

Die anderen Talkgäste hatten genau wie Michael und Jessica im Berghotel in unmittelbarer Nähe zum Studio eingecheckt, und zu Jessicas Überraschung fanden sich alle nach und nach in der Bar ein. Sogar der Moderator Harald von Ackern kam im Moment hereingeschlendert, kurz drauf setzte er sich mit einem Whiskyglas zu Trové, der von Ackern auf die Schulter klopfte. Steffen Arnold schien besonders froh, den Auftritt hinter sich zu haben. Er bestellte sich schon ein drittes Pils und einen Booster-Energy-Drink. Jetzt rückte er an Jessica heran und präsentierte ihr die Homepage seines Shops. Michael berührte sie an der Schulter und deutete mit einer Hand zum Eingang. Jessica drehte sich um und sah Heck. Ihre Blicke begegneten sich. Heck zögerte kurz, machte kehrt und lief wieder davon. Genau jetzt wäre es möglich, Heck zu fragen, was das eigentlich sollte. Er hatte während der Sendung weder Trové noch Arnold beachtet, sondern war ausschließlich auf Jessica fixiert gewesen. Das ließ sich kaum noch mit der Rivalität zwischen ihrem Chef und Heck erklären. Zumal Jessica wusste, wie brillant Heck reden konnte, wenn es darauf ankam. Sie schwenkte ein Bein über den Barhocker, spürte aber Michaels Hand am Unterarm.

„Komm, lass es gut sein!“

Jessica zögerte, nickte dann und wandte sich wieder Arnold zu. Er hielt ihr sein Tablet unter die Nase. Gerne hätte Jessica mehr über seine Arbeit für die Onlinegewerkschaft erfahren. Insgesamt fand sie, dass Arnold während der Sendung ein bisschen zu kurz gekommen war. Lag das vielleicht daran, dass sie so viel geredet hatte? Jessica schaute Arnold kurz an. Er griff mit einer Hand nach seiner Brille, und mit der anderen wischte er über das Display. Er schien stolz zu sein, ihr die Fotos zeigen zu können. Allerdings konnte Jessica kaum noch verstehen, was er zu den Bildern sagte. Er hatte zu viel getrunken.

„Komm, lass uns gehen“, flüsterte ihr Michael von der anderen Seite ins Ohr.

„Hast du alle Pilssorten durch?“

„Ja, und das eine oder andere Craft Beer. Ich bin nicht so konsequent wie du.“ Er deutete auf Jessicas Aperol-Glas.

„Das Einzige, was mir schmeckt“, gab Jessica zu.

„Komm schnell, Arnold ist wahrscheinlich auf die Toilette.“ Michael zeigte auf den leeren Platz. Jessica hatte gar nicht mitbekommen, dass Arnold gegangen war.

Sie verließen die Bar. Trové hob ihnen sein Whiskyglas entgegen und nickte freundlich. Im Hotelflur kam ihnen Steffen Arnold doch noch entgegengeschlurft.

„Frau Scheffold, ich bin auch gut mit Sprachen“, rief er laut und überschwänglich.

„So“, antwortete Jessica und lachte.

„Ja. El Natter – die Schlange, Aqua Miserable – das Mineralwasser und, und …“ Arnold hielt sich kurz die Hand vor den Mund und rülpste, „… der Busch – la Bouche.“

„Das sind ja mindestens zwei Sprachen auf einmal.“

Jessica spürte Michaels Hand im Rücken.

„Herr Arnold“, sagte sie, „wir müssen leider gehen. Morgen ist zwar Sonntag, aber wir sollten sehr früh los.“

„Oh, wie schade.“

„Ja, das finde ich auch. Also, auf Wiedersehen.“

Kurz darauf lief sie mit Michael die Treppen zum ersten Stock nach oben, und er hakte sich bei ihr ein. Jessica staunte, wie vertraut sich sein Arm anfühlte.

Michael sah im Grunde immer noch so aus wie während ihrer gemeinsamen Studienzeit. Meistens trug er eine recht gute Hose, zu der aber das Jackett nicht passte und schon gar nicht die Baseballkappe. Er sah immer noch danach aus, als könne er die ordnende Hand einer Frau gut vertragen, dabei war er seit Langem verheiratet und hatte drei Kinder. Bevor Jessica mit Alexander zusammengekommen war, hatte sie mit Michael eine kurze Affäre gehabt. Das lag aber lange zurück.

Vor der Zimmertür angekommen, drehte sich Jessica zu ihm um, und er sagte: „Komm, lass uns noch etwas trinken.“

Jessicas Blick fiel auf den Stoffbeutel, den er in einer Hand hielt. „Diskussionsrunden im Radio, Interview hier, Pressekonferenzen da … aber ein Fernsehauftritt zur besten Sendezeit …“, Michael kratzte sich am Kinn, „… meinst du nicht, dass deine Arbeit und damit unsere Zusammenarbeit einen neuen Höhepunkt erreicht hat?“

Jessica nickte. Dieser Abend konnte tatsächlich der Beginn eines neuen Lebensabschnitts sein. Sie dachte kurz an Alexander und hoffte gleichzeitig auf eine gute Resonanz der Sendung, die sich hoffentlich auf die Vorbestellungen des Buchs auswirken würde. Ihr Blick lag noch immer auf dem Stoffbeutel, aus dem eine Flasche mit dem typisch blauen Drehverschluss und dem golden geschwungenen A herausschaute.

„Du weißt, was ich mag“, sagte sie.

Im Zimmer nahm sie zwei Gläser aus dem Schrank und stellte sie auf ein Tischchen.

„Komm“, rief Michael. „Der Sekt ist schon auf.“

„Erst den Aperol und dann den Sekt.“

„Beim nächsten Mal“, antwortete er und hielt ihr das zu volle Glas hin.

Sie stießen an.

„Frau Dr. Scheffold“, bellte Michael auf einmal und zog wie Heck auch den Kopf tief zwischen die Schultern. „Sie werden doch einsehen müssen …“

Er nahm ein Taschentuch und fuhr sich damit über die Stirn. Jessica lachte und hielt sich die Hand vor den Mund.

„Den hast du richtig vorgeführt“, meinte Michael und drehte Jessica so wie Heck den ganzen Körper zu, sobald er den Kopf bewegte.

„Nein, ich habe ihn nicht vorgeführt. Er hat geantwortet, wie die meisten antworten würden.“

„Vorgeführt, aufs Eis geschoben.“

„Entschuldigung, war keine Absicht. Du hast den Heck gut beobachtet. Ich meine, in so kurzer Zeit seine Stimme und Bewegungen so zu verinnerlichen …“

„Ja“, sagte Michael. „Hatten wir während des Studiums weit und breit den besten Theaterclub, oder nicht? Du erinnerst dich doch?“

„Natürlich! Aber dass du das noch so gut draufhast …“

Michael zuckte die Schultern und nahm einen großen Schluck. Wilde Zeiten, dachte Jessica. Michael, seine Frau Christine, Alexander und Jessica waren der harte Kern des Clubs. Die Premierenfeiern legendär. Heute schien es Jessica so, als wäre der Club eine Art Gegenpol zum staubtrockenen Jura gewesen. Natürlich hatten Bier, Sekt und Aperol immer dazugehört.

Michael taumelte etwas unbeholfen durch das Zimmer und versuchte immer noch, sich so zu bewegen wie Heck. Jessica lachte, verschlucke sich und hustete.

„Was hat es denn damit auf sich?“, fragte er.

Michael deutete auf ein Dirndl. Es hing an dem einzigen Schrank des Zimmers.

„Immerhin sind wir in München“, überlegte sie. „Das Oktoberfest geht bald los.“

Er nahm das Kleid vom Schrank und hielt es in Jessicas Richtung. „Also, ich könnte wetten, es hat genau deine Größe.“

„Nein, nein, denk nicht mal dran.“

„Im Club damals hast du innerhalb von zehn Minuten drei verschiedene Kleider angehabt. So schnell wie du konnte sich niemand von uns umziehen. Hast du das noch drauf?“

„Bestimmt“, antwortete Jessica. „Aber ich zieh das Ding jetzt nicht an.“

„Okay, okay“, antwortete Michael. Er schmunzelte, und in seinem Blick lag etwas wie: Schon gut, altes Mädchen, die besten Jahre … du weißt, wie der Spruch geht? Er drehte sich um und ging zur Toilette. Jessica hörte die Tür. Sie trat vor den Spiegel, drehte sich und betrachtete ihr seitliches Profil. Verdammt, hatte sie nicht gerade in der Show bewiesen, wie schlagfertig sie war? Sie wusste nicht so recht, wie sie Michaels Gesichtsausdruck deuten sollte. Oder fand er sie gar nicht mehr attraktiv? Konnte das sein? Hatte er damit nicht etwas mit Alexander gemeinsam? Sie brauchte Michaels Blick nicht, und sie war auch keine verklemmte Emanze, wie ihr alle weiszumachen versuchten. Was sie brauchte, war Alexander und sein Atem, der auf ihren Hals traf und sie umspülte wie eine Umarmung. Ja, wie lange schon nicht mehr? Viel zu lange.

Das Warum tauchte auf, und genau darauf gab es keine Antwort. Momentan fühlte sie sich nicht vollständig, weder als Frau noch als Liebhaberin. Sie strich sich mit den Händen über den flachen Bauch und gab sich einen Ruck. Kurz drauf stieg sie aus der Hose und schob sie mit dem Fuß zur Seite. In null Komma nichts hatte sie sich die Bluse über den Kopf gestreift und war genauso schnell in das Dirndl gestiegen. Es hatte einen tiefen Ausschnitt, und mit einem Blick in den Spiegel sah Jessica: Ihr schwarzer BH schaute hervor. Nein, so ging es nicht. Sie öffnete kurzerhand den BH und warf ihn zur Hose.

Plötzlich summte ihr Handy. Wer konnte das sein? Toni vielleicht. Sie wollte bestimmt nachfragen, wie die Talkrunde gelaufen war. Jessica hielt mit der linken Hand das Oberteil des Dirndls, mit der rechten griff sie nach dem Handy und schob den Daumen über das Display.

Auf einmal Michaels Stimme: „Ha, ha, ha.“ Jessica fuhr herum und ließ das Handy fallen. Es knallte zu Boden und rutschte Michael genau vor die Füße.

„Du bist nicht ganz fertig“, rief er und lachte noch lauter als zuvor.

Jessica lief auf ihn zu und bückte sich, um nach dem Handy zu greifen, ein Schwindelgefühl überkam sie. Ihr rutschte das Oberteil von der Brust. Das war der Alkohol. Sie zog am Saum und langte nach dem Handy, doch Michael war schneller. Schon hörte Jessica ein leises Klacken.

„Hörst du auf!“, rief Jessica und versuchte, das Dirndl mit der linken Hand nach oben zu ziehen.

Michael ließ noch einen langen Moment, wie es Jessica schien, den Finger auf dem Auslöser, dann erst legte er das Handy aus der Hand und taumelte auf Jessica zu.

„Es geht erst richtig los“, lallte er und zog sie grob an sich. Er versuchte, sie zu küssen. Jessica drehte den Kopf weg. Sie roch seine gewaltige Bierfahne. Schnell legte sie beide Hände auf seine Brust und stieß ihn von sich weg.

Das Dirndl rutschte nach unten. Sie verfing sich darin und fiel um. Jessica strampelte sich das Kleid von den Füßen, behielt aber dabei Michael im Blick. Allerdings verschwammen seine Konturen. Schwankend kam sie wieder auf die Beine und legte sich endlich einen Arm über die Brust.

„Michael! Es reicht! Ich gehe jetzt auf die Toilette, und du gehst auf dein Zimmer! Denk an Christine und nicht an mich.“

Der Name Christine hatte bei Michael schon immer gezogen. Michael grinste und drehte seine Baseballkappe in den Händen. Jessica war jetzt hellwach. Sie lief langsam an ihm vorbei in Richtung Toilette und hob dabei ihre Bluse vom Boden auf. Er brauchte nur den Arm nach ihr ausstrecken, doch zum Glück rührte sich Michael nicht. Vielleicht, weil er selbst erschrocken war. Jessica nutzte den Moment und huschte in die Toilette. Sie schloss die Tür ab.

„So ein schöner Abend“, lallte Michael im Zimmer.

Jessica horchte angestrengt. Endlich, nach einigen langen Minuten fiel die Zimmertür ins Schloss. Vorsichtig öffnete Jessica die Toilettentür und atmete tief aus.

***

Am nächsten Morgen fühlte Jessica zuerst ihre Zunge und den fürchterlichen Geschmack im Mund. Sie setzte sich auf. Die Wände des Zimmers verschwammen ihr vor den Augen. Sie legte sich eine Hand auf die Stirn. In ihrem Kopf ein pulsierender, dumpfer Schmerz. Erst nach einem Moment nahm das Zimmer schärfere Konturen an. Da lag die Hose, nicht weit davon der BH und dort das Dirndl.

Um Gottes willen! Jessica hielt sich die Hände vor das Gesicht. Noch einmal roch sie Michaels Atem und sah seinen gierigen Blick. Sie stieg langsam aus dem Bett, öffnete die Minibar und griff nach einer Flasche Wasser. Sie trank und sah dabei auf das Handydisplay. Was, neun Uhr schon?

Sie setzte das Glas ab, fühlte, wie schwer ihr Körper war und wie träge die Gedanken. Ein Zustand, den sie zutiefst hasste. Er stand ganz im Gegensatz zur wunderbaren Klarheit und den Gedanken, die das Yoga mit sich brachte. Vor allem hasste sie sich in diesem Moment selbst. Sie wusste es doch. Ein Glas Alkohol und dann Schluss. Wieso hatte sie sich gestern nicht einfach daran gehalten?

Während Jessica sich im Bad Wasser ins Gesicht spülte, dachte sie an Michael. Er war so oft abgelehnt worden. Die Hauptrolle hatte er im Club nie bekommen, jetzt gelang es ihm nicht, in Sebastians Kanzlei Fuß zu fassen, und das lag an Sebastian. Jessica wusste, wie sehr Michael darunter litt. Sie putzte sich die Zähne, griff nach der Feuchtigkeitscreme. Anschließend packte sie ihre Sachen zusammen, zog sich an und hängte das Dirndl wieder an den Schrank. Sie trat in den Flur und klopfte an Michaels Tür. Ein dunkelhaariges Zimmermädchen öffnete.

„Der Herr Belzer ist schon weg.“

***

Zehn Minuten später saß Jessica allein beim Frühstück. Der Kaffee tat ihr gut. Am besten gar keinen Alkohol mehr, dachte sie, und es kam ihr noch einmal in den Sinn, dass sie fast nackt vor Michael gestanden hatte. Das Handy brummte. Das wird er sein. Er wird sich entschuldigen wollen.

Jessica fuhr mit dem Daumen über das Display und schaute in ihr eigenes Gesicht. Sie sah die Augenringe, das entspannte breite Grinsen, das man nur so gelöst hinbekommt, wenn Alkohol im Spiel ist. Sie sah ihre Brüste. Das Bild verschwand, und ein Text erschien.

Frau Dr. Scheffold, las sie. Von Ihnen droht ein brisanter Datensatz in Umlauf zu geraten. Für einen überschaubaren Monatsbeitrag schützen wir Ihre Daten zuverlässig und bieten außerdem ein ganzes Paket zur Internetsicherheit an. Nehmen Sie unseren speziellen Service ganz einfach an, so wie andere Prominente auch, indem Sie uns mit Ja antworten.

Was zum Teufel …? Jessica griff mit beiden Händen nach dem Telefon. Das war nicht Michaels Nummer. Wie konnte das sein? War jemand anderes an das Foto gelangt? Aber wie? Sie hielt das Handy, bis ihr die Finger schmerzten.

„Alles in Ordnung, Frau Scheffold?“

Jessica nickte dem Kellner zu. Hatte Michael das Foto verschickt? Sie lehnte sich zurück, dachte angestrengt nach und versuchte, den gestrigen Abend im Hotelzimmer Schritt für Schritt zu durchdenken. Sie hatte sich auf der Toilette die Bluse übergezogen, während das Handy im Zimmer lag. Genug Zeit für Michael, das Foto zu stehlen und zu verschicken?

Wieder fuhr sie mit dem Daumen über das Handydisplay, fand eine neue Informationsmitteilung.

Neue Elemente in Google Fotos las sie. Google? Wieso Google? Sie tippte auf die Mitteilung. Einen Moment später entdeckte sie in ihrem Account nicht nur ein Dirndlfoto, sondern eine ganze Serie. Jessica legte das Handy aus der Hand und hielt sich die Hände vors Gesicht. Kurz drauf vibrierte das Smartphone auf dem Tisch.

Jessica, ich musste früh los und wollte dich nicht wecken. Lösch die Bilder. LG Michael

***

Zum Glück war Sonntag und die A8 in Richtung Stuttgart frei von LKWs. Jessica fuhr die meiste Zeit auf der linken Spur. Sie hatte bis jetzt zweimal angehalten, aber nur, um Michael anzurufen, der nicht ans Telefon gegangen war. Sie ahnte, was passiert war. Sollte sich diese Vermutung als wahr herausstellen, war es ein Ärgernis ohnegleichen. Verdammte Technik! Sie schlug mit der Hand auf das Lenkrad. Und auf der anderen Seite Michael. Jessica feierte gern. Das wusste er. Und hatte er sie nicht zum Trinken überredet? Wäre es dann nicht auch möglich, dass er die ganze Situation so provoziert hatte? Warum? Beruflich trat er auf der Stelle. Er kam einfach nicht an Sebastian vorbei. Auch den Heinrich-Prozess hatte Jessica schließlich übernommen.

Jessica fuhr über eine Brücke und sofort hielten die Hände das Lenkrad fester. Sie hatte sich bei Sebastian immer für Michael eingesetzt. Die beiden konnten nicht miteinander. War das ihre Schuld?

Sie schüttelte den Kopf, verfluchte den Aperol und klopfte noch einmal mit der Faust auf das Lenkrad. Jetzt musste sie Alexander die Fotos zeigen, wo sie es ohnehin schwer miteinander hatten. Und sie musste sich beeilen. Vielleicht waren die Fotos schon im Netz, noch bevor sie nach Hause kam.

Andererseits: Ging es hart auf hart, konnte sie auf Alex zählen. Er hatte auch einmal seiner Assistentin sehr zur Seite gestanden. Sie war wegen einer Angststörung lange krankgeschrieben gewesen.

Zwei Stunden später trat Jessica in die Scheffold-Villa. Sie ignorierte die kühle Umarmung des Hauses. Während sie schnell die Treppen nach oben lief, hielt sie sich an dem Gedanken fest, die Bilder könnten Alexander und sie wieder näher zusammenbringen. Im Flur streifte sie sich schnell die Schuhe von den Füßen. Alexander war im Wohnzimmer. Jessica hörte seine Stimme, er schien zu telefonieren. Sie öffnete die große Flügeltür.

„Du bist zu blöd, um aus einem Bus rauszuschauen“, sagte Alexander ungehalten. Jetzt drehte er sich Jessica zu und nickte. „Du, ich mach jetzt Schluss.“ Er nahm das Handy vom Ohr. „Wenn man nicht alles selber macht“, sagte er.

Gleich wird er sich die Fotos kurz anschauen und sagen: Wer sich mit uns anlegen will, muss sich warm anziehen. Das sitzen wir auf einer Arschbacke aus.

Jessica konnte in dem Moment, da sie auf ihren Mann zuging, die typischen Alexander-Sätze beinahe fühlen. Er würde die Arme nach ihr ausstrecken, und sie würde das Gesicht auf seine Brust legen.

Er griff nach Jessicas Handy und sah sich die Fotos an. Sie konnte keine Gefühlsregung in seinem Gesicht ablesen.

„Ja“, sagte Jessica. „Und ich habe im Verlauf des Tages drei SMS bekommen.“

„Was für SMS?“

„Also ich soll jeden Monat Geld zahlen. Die Fotos kämen nicht ins Internet, und außerdem wäre ich in Zukunft vor solchen Angriffen geschützt.“

„Verstehe“, antwortete Alexander nach kurzem Zögern. „Äh, aber trotzdem eine Erpressung. Oder nicht?“

Jessica nickte, registrierte aber sehr wohl, dass Alexanders Stimme eine Nuance heller geworden war. Jessica hatte erst relativ spät ihr großes Talent entdeckt, die Mikrozeichen der Kommunikation zu erkennen. Viele Male hatte ihr diese Begabung zum entscheiden Vorteil vor Gericht verholfen. Und jetzt? Er kannte die Fotos bereits? Konnte das sein? Alexander gab ihr das Handy zurück, schaute an ihr vorbei, drehte sich um und lief zum Fenster. Jessica lief ihm ein paar Schritte hinterher. Das Parkett knarrte. Er drehte sich um.

„Bleib, wo du bist! Du hast ja wohl die Fotos nicht alleine gemacht.“ Er legte sich beide Hände an die Brust und grinste. „Du und Belzer, ich hätte es mir denken können.“

Jessica ging auf Alexander zu.

„Lass mich einfach allein“, rief er zornig und kehrte ihr wieder den Rücken zu.

Langsam drehte sich Jessica um und lief in ihr Büro. Mit zittrigen Fingern wählte sie Tonis Nummer.

„Ja?“

„Toni, wo bist du?“

„In Frankfurt auf dem Flughafen.“

„Gott sei Dank.“

„Vielen Dank, dass du dir Sorgen um mich machst.“

„Ja, das auch. Aber kommst du morgen in die Kanzlei?“

Jessica schilderte Toni kurz, was am Samstag und heute passiert war. „Ich muss Sebastian darüber informieren.“

Toni zog so deutlich die Luft durch die Zähne, dass es Jessica selbst am Handy hören konnte.

Kapitel 3

Jessica sah Sebastian dabei zu, wie er im Büro auf und ab lief. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und streckte den Kopf nach vorne. An der Wand hinter ihm hingen Fotos und verschiedene Artikel, die an die wichtigsten Fälle erinnerten. Darunter auch das Bild von ihm und Jessica vor dem riesigen Flughafen in Florence, Arizona.

Zwei Tage nachdem sie die Hinrichtung der deutschen Hübner-Brüder hatten mitansehen müssen. Unfassbar tragisch: Nachdem die Brüder tot waren, gab der internationale Gerichtshof in Den Haag Sebastians Verteidigungsstrategie recht. Die USA hatten den Brüdern jeglichen konsularischen Beistand verwehrt. Die Hübners hätten das Recht gehabt, ihren Fall noch einmal aufrollen zu lassen, und zwar mit vom deutschen Staat gestellten Anwälten. So aber hatten sie keine Chance. In den Akten waren noch nicht einmal ihre Namen richtig geschrieben gewesen. Einer der Hübners hatte sich für den besonders qualvollen Tod in der Gaskammer entschieden, um gegen die Todesstrafe zu protestieren. Wann immer Jessica an die Hübners dachte, begann sie zu frieren, Sebastian litt seit diesem Erlebnis an Asthma, und Jessica wusste: Sie und er waren vor allem über diesen Fall miteinander verbunden. Er hatte es verstanden, Jessica nach dieser Sache wiederaufzubauen, vielleicht wäre ihr Weg ohne ihn ganz anders verlaufen.

Während des Prozesses um die Hübners hatte die Kanzlei im engen Kontakt zur Bundesregierung, vor allem zum Außenministerium, gestanden. Auch jetzt noch, zwölf Jahre nach diesem Fall, vertraten sie oft Mandanten, die allerhöchste Positionen bekleideten. Sebastian und Jessica hatten es geschafft, den Status der Kanzlei noch weiter auszubauen. Sie konnten sich vor Mandatsanfragen nicht retten. Bis jetzt hatten sie alle Schwierigkeiten und Herausforderungen gemeistert und waren daran gewachsen.

Bis jetzt.

Sebastian nahm die Sache mit den Fotos nicht auf die leichte Schulter. In den letzten Minuten hatte er ein paar Mal „da hier“ gesagt, eine Wortkombination, die er vor Gericht nie verwandte und die ihm nur entwischte, wenn er emotional aufgeladen war und sich in vertrauter Umgebung wusste. Sebastians Büro war so ein Ort. Hier hatten sie all die wichtigen Entscheidungen getroffen, hier roch es nach Arbeit. Er blieb vor Toni stehen, musterte sie kurz und setzte seinen Weg fort. Er will wissen, wie sie darüber denkt, dachte Jessica.

Sebastian löste Anspannung gern durch Bewegung, manchmal bekam er auch einen Wutanfall und warf den Telefonhörer durch den Raum. Im Gegensatz zu ihm verfiel die große, schwere Toni unter Druck in eine Art körperliche Starre, und genau das war jetzt der Fall. Sie hielt die Hände an der Hüfte, schaute zu Jessica hinüber und stand still.

„Bevor du wählst“, sagte Sebastian, „mach langsam. Lass mich noch einmal die Dinge zusammenfassen. Nur damit ich alles richtig verstehe.“

Sebastian ging zum Schreibtisch und griff nach dem Foto, das Jessica ausgedruckt hatte.

„Ich sehe eine attraktive Frau. Okay, die Frau hat offensichtlich getrunken. Sie hat keinen BH an und ich sehe ihre Brüste. Das Bild strahlt eine natürliche Selbstverständlichkeit aus, also es ist nicht provokativ, noch ist die Frau scheu im Umgang mit Nacktheit, so als wäre der Fotograf gar nicht dabei. Sie zieht ein Dirndl an. Eine private Umkleideparty vielleicht, die etwas zu sehr entartet ist? Ich mein, jeder von uns kennt das und hat das schon einmal erlebt: Man trinkt viel zu viel, und am Ende hat man eine Klobrille um den Hals und sagt Dinge, die man besser nicht gesagt hätte. Das Erwachen kommt dann am nächsten Morgen, nicht wahr? Ist es nicht so? Es ist genau so ein Bild. Was ist daran schlimm?“

Toni trat zu Sebastian. Wieder einmal hatte er Toni ganz gekonnt aus ihrer Starre befreit, und das war etwas, das Jessica an ihm mochte. Dieses gründliche Abwägen von Für und Wider, ganz ohne Starallüren.

Toni griff nach dem Foto. Sie kaute auf der Unterlippe. Obwohl Jessica die beiden gut kannte, war es ihr unangenehm, dass sie das Foto so intensiv betrachteten. Jessica verschränkte die Arme und hielt dabei den Telefonhörer in der Hand.

„Jessica ist Deutschlands bekannteste Expertin für Sexualstrafrecht“, sagte Toni. „Sie hat einen enormen Ruf, und jetzt haben wir dieses Foto. Was, wenn es an die Öffentlichkeit kommt? ‚Berghotel München: Expertin für Sexualstrafrecht in Sexorgien verwickelt.‘“ Toni zeichnete die Schlagzeile mit den Händen in die Luft.

„Wieso Hotel?“, fragte Sebastian nach einem Augenblick, und Jessica fiel sein Zögern auf.

„Schau doch das Foto an. Siehst du nicht das Handtuch mit dem Schriftzug? Ist nicht ganz zu sehen, aber hier an der Wand, genau der gleiche Schriftzug. Das Foto wäre ein harmloses Bild, wäre Jessica irgendeine Frau. Das ist sie aber nicht. Denk mal an den konservativen Heck. Was passiert, wenn er das Foto sieht? Denk an Marco Rauch von der Bürgerwehrgruppe. Denk an die zerstochenen Reifen deines BMWs und die Schmierereien an unserer Fassade. Weißt du nicht mehr, was da gestanden hat? Da stand Huren…“

„Schon gut“, unterbrach Sebastian und nahm seinen Weg wieder auf.

„Der Heinrich-Prozess hat viel Staub aufgewirbelt“, fuhr Toni fort. „Wir haben nicht nur Heck gegen uns, sondern auch Marco Rauch und seine Kumpane sowie immer noch Teile der Feministinnengruppe. Die alle zusammen warten nur auf einen Fehltritt, auf eine Schwachstelle. Bisher haben sie nichts gefunden, aber das Foto könnte genau diese Schwachstelle sein. Von jetzt an müssen wir jeden unserer Schritte genau überlegen. Der Heinrich-Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Der letzte Termin …“ Toni zeigte auf den Wandkalender, „… ist in vierzehn Tagen. Bei diesem Fall kommt so vieles zusammen … Jessicas Gespür, was es mit Heinrichs Zeigelust auf sich hat. Dass er aus diesem Grund für die Vergewaltigung nicht infrage kommen konnte, obwohl es durch die angebliche DNA-Spur ja sehr danach aussah. Also die ganze Auseinandersetzung mit Staatsanwalt Jung.“

„Zurückzurudern ist nicht gerade Steven Jungs Stärke“, sagte Sebastian.

„Eben! Das Foto könnte diesem guten Verlauf aber sehr schaden. An dem Bild hängt Jessicas Glaubwürdigkeit. Wir sollten auch nicht vergessen, mit wem wir es zu tun haben. Heck hat die Verteidigung des Exhibitionisten abgelehnt, und dann kommt ausgerechnet eine Frau, um sie zu übernehmen.“

„Ja.“ Sebastian lächelte.

„Das muss Heck vorkommen, als wäre unten plötzlich oben und umgekehrt. Sein Vater hat hier am Gericht noch Homosexuelle wegen ihrer Handlungen verurteilt.“

„Wieso weiß Toni etwas über Heck, was ich nicht weiß?“, fragte Jessica.

„Ach, Jess, wenn du an einem Fall bist, bekommst du nur mit, was du willst. Ich hatte versucht, mit dir über Heck zu reden.“

„Schon gut. Aber das erklärt natürlich einiges. Dennoch können wir Hecks Vater noch nicht mal einen Vorwurf machen, der Paragraf ist zu dieser Zeit geltendes Recht gewesen.“

„Das schon, Jess“, sagte Sebastian. „Aber du weißt: Es gibt immer Spielraum. Nicht wahr? Hecks Vater war ein Hardliner durch und durch, und Heck entstammt genau dieser Tradition. Trotzdem, das sind doch alles mehr oder weniger Gefühlsduseleien. Selbst wenn das Foto an die Öffentlichkeit kommt, das ändert doch die Beweislage vor Gericht nicht. Ich sehe den Zusammenhang nicht, Toni.“

„Steven Jung muss sich vor Gericht nur einmal mit beiden Händen an die Brust fassen und schon hätte er Jessica vorgeführt, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Säße Marco Rauch im Saal, hätte er seine wahre Freude an dieser Geste.“

„Toni hat recht“, sagte Jessica. „Sie können jederzeit meine Autorität untergraben, und sogar die der Kanzlei.“

Sebastian winkte ab, verschränkte seine Arme hinter dem Rücken und drehte sich von Jessica weg.

„Konkret müssen wir uns fragen“, sagte Toni, „wie reagieren Jochen Heinrich, unser Mandant, und seine Frau darauf? Sollte er erfahren, dass seine Anwältin nackt und betrunken in der Zeitung zu sehen ist?“

„Käme er darauf, Jessica das Mandat zu entziehen“, antwortete Sebastian und drehte sich wieder um, „ist ihm nicht zu helfen. Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Im ersten Moment vielleicht nicht, vor allem jetzt nicht, weil wir unter uns sind und das Bild betrachten. Sobald aber die Masse davon erfährt, hat die ein Druckmittel, auch gegen Heinrich.“

Jessica ließ sich in den Stuhl vor den Schreibtisch fallen, legte den Telefonhörer ab und hielt die Hände vors Gesicht.

Sie dachte an Maria, Heinrichs Frau.

„Frau Scheffold, wir haben drei Töchter“, hatte Maria gesagt. „Die älteste kam zu früh, die mittlere war in ihrer Entwicklung langsam und die kleine ein Schreikind. Mein Mann war immer für uns da. Bei ihm beruhigten sich die Mädels sofort, in seiner Nähe sah immer alles hoffnungsvoll aus. Dann erfahre ich von dieser Neigung, und es fühlte sich für mich an, als hätte er mich betrogen und verraten, und im Grunde hat er das auch. Dann habe ich aber gemerkt, dass ich die drei Jahrzehnte mit ihm nicht auslöschen kann. Er ist immer noch mein Mann, und gerade jetzt stehe ich zu ihm. Heißt es nicht so, Frau Scheffold, in guten wie in schlechten Zeiten? Bitte helfen Sie uns. Ohne Sie müssten wir wegziehen, einen anderen Namen annehmen, die Kinder würden von ihren Freunden weggerissen.“

Jessica schüttelte den Kopf und rieb sich die Augen. Sich vorstellen zu müssen, Marias Vertrauen zu verlieren, war schlimm. Was würde sie zu diesem Foto sagen?

„Jessica!“, sagte Sebastian etwas lauter. „Hilf mir noch einmal auf die Sprünge. Belzer hat mit deinem Handy die Fotos gemacht, richtig? Am Sonntagmorgen hast du dann die erste SMS erhalten, verbunden mit der Aufforderung, ein Schutzgeld zu zahlen, ansonsten käme ein brisanter Datensatz in Umlauf. Heute Morgen die vierte SMS, deine Anzeige gegen unbekannt bei der Polizei. Und was war jetzt noch mal mit diesem Anruf?“

„Halb zehn etwa hat mich mein Bankberater angerufen, der schon halb in Rente ist. Er wunderte sich über eine Überweisung auf ein Nummernkonto. Knapp zehntausend Euro.“

„Ja.“

„Ich habe das Geld nicht überwiesen, habe ich sofort gesagt.“

„Ist doch klar“, sagte Toni. „Irgendwer hat deine gesamten Daten abgegriffen, und sie wollen mit der Überweisung zeigen, wie viel Macht sie haben.“

„Das sind also nicht zwei Sachverhalte, sondern wahrscheinlich nur einer“, stellte Sebastian fest. „Aber was ich nicht verstehe: Das Foto oder die Fotos waren doch nur auf deinem Handy?“

„Ja, eben“, antwortete Jessica. „Es war also jemand an die Fotos gelangt, und die Frage drängte sich auf, wie das sein konnte.“

„Und?“

„Es ist sehr wahrscheinlich eine Unachtsamkeit, die ich mir selbst zuschreiben muss. Ich bekomme von Google immer mal wieder eine Service-SMS, die ich meistens nicht lese. In einer davon habe ich im Prinzip zugestimmt, dass sich mein Handy dreimal am Tag mit dem Google-Account synchronisiert. Ich hätte ein Häkchen entfernen müssen, was ich aber nicht getan habe. Auf diesem Weg sind die Fotos in die Cloud gewandert. Ganz automatisch also. Nachdem sie hochgeladen waren, muss sie dort jemand abgegriffen haben. Jemand hatte oder hat also Zugriff auf mein Google-Konto.“

„Kann das sein?“, fragte Sebastian, zögerte auf einmal und streckte sein Kinn vor. „Also ich meine so schnell?“, fuhr er nach einem Moment fort. „Jemand müsste ja geradezu auf das Foto gewartet haben, verstehst du? Zwischen Samstagabend und Sonntagmorgen liegen gerade mal acht Stunden. Außerdem Belzers Hinweis, das Bild zu löschen. Diese SMS kommt mir vor wie ein billiges Alibi, das freilich nicht funktionieren kann, beachten wir die Zeit.“

Was Sebastian sagte, machte durchaus Sinn. Aber wäre Michael in seinem betrunkenen und aufgewühlten Zustand wirklich fähig gewesen, die Fotos auf sein Smartphone zu ziehen? Natürlich ritt der Chef wieder auf Michael herum. Trotzdem war Jessica aufgefallen, wie Sebastian bei der letzten Antwort gezögert hatte. Ja, hätte er nicht schon längst gesagt: So jetzt ist es gut, Mädels, zurück an die Arbeit? Jetzt drehte er sich Jessica zu und hob dabei die Hände. Toni sah es und klappte den Mund auf.

„Ich wäre jetzt dafür, Belzer anzurufen“, sagte Sebastian. „Immerhin hat er das Foto gemacht, und er ist der Einzige, der erklären könnte, was am Samstagabend in diesem Hotelzimmer passiert ist. Toni, wie denkst du? Was sollen wir machen?“

„Ich denke vor allem an die nächsten vierzehn Tage. Und ich will jetzt auch wissen, was Michael dazu sagt.“

„Mir geht das zu langsam“, sagte Jessica. „Das Foto kann in der nächsten Minute im Netz auftauchen, und dann müsste ich mich verteidigen. Ich will mich aber gar nicht erst in diese Rolle drängen lassen, sondern den Typen oder wem auch immer das Foto wieder aus der Hand nehmen. Ich sollte das Foto selbst veröffentlichen, eine Erklärung dazu schreiben und fertig.“

Toni raufte sich die Haare. Jessica bemerkte die riesigen Schweißflecke der massigen Frau.

„Jess“, sagte Sebastian. „Ich bitte dich, lass uns da hier die Zeit, die Dinge zu verstehen. Ich möchte jetzt wissen, wie sich Belzer dazu stellt, obgleich …“

„Was?“, fragte Jessica.

Sebastian winkte ab, ging zum Schreibtisch und hielt Jessica den Hörer hin.

***

Im Hintergrund hörte Jessica eine Tür zufallen. Sie horchte angestrengt, froh darüber, dass Michael an sein Handy gegangen war.

„Jessica, ich kann nicht viel reden. Die Kinder sind krank, und Christine ist mit den Nerven runter.“

„Michael, nur du kannst sagen, wie das am Samstagabend gewesen ist. Überhaupt finde ich, dass du mir einen Gefallen schuldest. Entschuldigt hast du dich bisher bei mir nicht.“

„Ja, tut mir leid. Aber wir hatten beide getrunken, nicht nur ich.“

„Ja, ja, schon gut.“

„Wenn Christine davon erfährt, dreht sie ganz durch. Unsere Ehe ist momentan ohnehin schwierig.“

„Michael, Michael“, hörte Jessica Christines Stimme.

„Jess, ich muss Schluss machen. Tut mir leid. Warum sagst du nicht einfach, die Fotos sind ein Fake?“

„Du kannst dich doch nicht so einfach aus deiner Verant…“ Noch bevor Jessica den Satz beenden konnte, hörte sie ein langgezogenes Tuten. Sie ließ den Hörer sinken und schaute über den Schreibtisch zu Sebastian und Toni. Toni stand still im Raum, Sebastian lief um sie herum, wie um eine Verkehrsinsel.

„Und warum überrascht mich das nicht?“, fragte Sebastian. „Wie lange arbeitet Belzer als Externer für uns, Jess?“

„Seit ich da bin.“

„Genauso lange versucht er, hier in unserer Kanzlei Fuß zu fassen. Nicht wahr?“

„Was du bis jetzt erfolgreich verhindert hast“, antwortete Jessica.

„Weiß Belzer eigentlich etwas, was ich nicht weiß“, fragte Sebastian auf einmal. „Du wolltest dich ja mehr auf das Schreiben konzentrieren und auch auf die Familie.“

„Ja, aber das zweite Buch ist gerade erst fertig geworden. Ich habe jetzt noch keinen Anlass gesehen, hier an diesem Arbeitsverhältnis etwas zu ändern.“

„Hm, ich dachte kurz, Belzer weiß mehr als ich.“

„Was willst du damit sagen?“

„Belzer hat sich zweimal bei mir angetragen, die Heinrich-Verteidigung zu übernehmen. Vielleicht dachte er, Exhibitionismus ist Buh und Bäh und kein Thema für eine Verteidigerin. Es kommt mir so vor, als sähe er seine Zeit nun gekommen. Und ich habe tatsächlich kurz überlegt, ihm diesen Fall zu überlassen.“

„Aber davon hab ich ja nichts gewusst!“

Sebastian beachtete Jessicas Bemerkung nicht und sagte:

„Was ist, wenn Belzer von dieser Synchronisierung des Handys mit dem Internet gewusst hat? Sein Hinweis, das Bild zu löschen, wirkt wie ein Alibi. Aber hier spielt die Zeit eine Rolle, denn als du das Foto auf dem Handy gelöscht hast, war es höchstwahrscheinlich schon im Netz. Toni, das sehe ich doch richtig? Auch wenn ich kein Technikexperte bin.“

Toni nickte.

„Michael und Christine, Alexander und ich“, sagte Jessica, „wir kennen uns aus der Studienzeit. Wir waren zusammen in der Theatergruppe. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Michael da etwas gedreht hat.“

„Und was hat Belzer in der Theatergruppe gemacht?“, fragte Sebastian. „Er war für die Requisite zuständig. Nicht wahr? Hast du mir selbst erzählt.“

Gab es überhaupt etwas, das Sebastian vergaß?

„Ja, wie?“, fuhr Toni auf. „Das kann doch nicht alles gewesen sein. Michaels Frau ist extrem eifersüchtig, besonders, wenn es um Jessica geht. Wir wissen das alle. Er will seine Ehe nicht gefährden, auch klar. Aber er muss doch noch etwas gesagt haben, außer, dass er dir nicht helfen kann.“

„Er meinte, wir sollen behaupten, das Bild sei ein Fake.“

„Ja, warum eigentlich nicht?“, fragte Toni. „Das ist immerhin ein Vorschlag. Die meisten Bilder im Netz sind manipuliert. Und wir können Zeit gewinnen.“

Sebastian wiegte den Kopf. Jessica sagte:

„So einfach es ist, das Bild zu bearbeiten, genauso einfach ist es nachzuweisen, dass es sich eben nicht um eine Fälschung handelt. Und wie stehen wir dann da?“

Das Gespräch steuerte auf eine Entscheidung zu. Sebastian hatte alle Punkte bedacht, bis auf einen. Er trat zu ihr. Jessica blickte in seine blauen Augen.

„Wie stellt sich eigentlich Alexander dazu?“, fragte er ruhig.

Sie schaute sofort zu Boden und rieb sich mit den Händen über die Arme. „Alexander denkt jetzt, ich hätte etwas mit Michael. Du weißt ja, wie gut die beiden miteinander können.“

Sebastian nickte und drehte sich weg. Jessica schaute auf seine Hände. Er hielt sie immer noch hinter dem Rücken. An der rechten schaute der Zeigefinger ein winziges Stück aus der Faust hervor. Jessica sah es deutlich: Ein Zeichen außerhalb der Präsentationsfläche.

„Jessica“, hörte sie Sebastians Stimme. Er drehte sich schwungvoll um, ging auf sie zu und fasste sie mit beiden Händen an den Unterarmen. „Bevor du das Bild und die Erklärung ins Netz stellst: Du fährst jetzt nach Hause und sprichst noch einmal mit deinem Mann. Um die Zeit ist er noch in seinem Büro, oder nicht? Also los, beeil dich!“

Jessica nickte.

Toni kam auf sie zu, fuhr sich mit den Händen durch die Haare und rief: „Ich komme mit!“

„Nein, du bleibst hier!“

***

Jessica trat in das Treppenhaus der Scheffold-Villa und bemerkte sofort die kühle Luft. Sie ging nach oben und fragte sich, wie sie sich verhalten sollte. Wäre es besser, Tonis Vorschlag zu folgen und sich im schlimmsten Fall darauf zu berufen, das Foto sei ein Fake? Ihr Gefühl allerdings drängte sie zum Handeln, obgleich sie eben nicht wusste, welche Folgen das haben würde. War sie dabei, die Tür in die Tiefe zu öffnen, die in das Nichts und in die Bedeutungslosigkeit führte? Sie schaute über das Treppengeländer nach unten und konnte den Schriftzug „Grüß Gott“ im Terrazoboden gerade noch erkennen. Mit der linken Hand umfasste sie den wuchtigen, hölzernen Handlauf. Ihre Finger reichten gerade so bis in die ausgefräste Vertiefung, die für die Fingerspitzen vorgesehen war. Das stabile Geländer bewahrte sie vor dem Fall. Was wäre, bräche das alles weg? Der Traum drohte aus der Tiefe ihrer Seele emporzusteigen. Das Ganze wäre nur halb so bedrohlich, hätte sie einen konkreten Gegner vor sich. So aber musste sie sich gegen etwas Unbestimmtes zu Wehr setzen.

Bevor Jessica die Wohnungstür aufschloss, schaute sie noch einmal über das Geländer in die Tiefe.

***

Die Tür zu Alexanders Arbeitszimmer war nur angelehnt. Jessica hörte eine dunkle, angenehme und warme Frauenstimme.

„Ich habe in Bernbach vor allem gelernt, dass ich der Angst begegnen soll, anstatt sie zu vermeiden. Allein deshalb finde ich deine Pläne überzogen.“

„Schau doch mal hier“, antwortete Alexander. „So sieht es hier dann aus. Wir haben dann Zimmer mit einer guten Proportion, dadurch ein viel besseres Raumgefühl als jetzt. Das wird viel mehr Geborgenheit übertragen. Die kann man immer gebrauchen, unabhängig davon, ob du die Angststörung überwunden hast oder nicht.“

Das Parkett knarrte, und mittlerweile hatte Jessica die Frauenstimme erkannt. Es war Moni, Alexanders Assistentin.

„Das ist schon irgendwo lieb von dir, aber steht in dem Handy auch drin, wie man Konflikte löst? Ist die Baumaßnahme deine Art, mit Jessica zu reden? Mensch Alex, Bernbach ist eineinhalb Jahre her. Wie lange soll das noch so gehen? Das ist nicht nur unfair mir, sondern auch ihr gegenüber. Sprich endlich mit ihr. Was willst du als Nächstes tun? Die Schlafzimmertür zumauern und über das Fenster einsteigen?“

Jessica drehte sich um. Sie sah die Flurwand, die ein Stück nach hinten wanderte, aber dann wieder ganz nah war. Sie streckte die rechte Hand danach aus und lief vorsichtig daran entlang, ertastete die Pendeluhr, hielt sich an der Kommode und erreichte endlich die Tür ihres Arbeitszimmers.

Kapitel 4

Jessica strich über die Tüte mit den Tempos. Die rote Lasche zum Verschließen der Verpackung stellte sich wieder auf und leuchtete ihr entgegen wie ein kleines Stoppschild. Stopp! Sie nickte und betrachtete das Taschentuch in ihrer Hand. Die Oberfläche hatte sich aufgerubbelt und in dünnen grauen Fäden zusammengeschoben. Sie fuhr sich ein letztes Mal mit dem aufgeweichten Tuch über die Augen, knüllte es zusammen und schob es zu den fünf, sechs anderen, die bereits auf dem Schreibtisch lagen.

Seit etwa einer halben Stunde war Moni fort. Jessica hatte ihre behutsamen Schritte und das leise Zufallen der Tür gehört. Während Jessica daran dachte, wie unauffällig Moni gegangen war und in welchem Gegensatz das zur bitteren Wahrheit stand, strich sie mit dem Zeigefinger nachdenklich über Katys Bild, stand schließlich auf und legte sich die Hände auf die Wangen. Angenehme Kühle ging von den Händen aus. Jetzt drückte sie den Rücken durch, nahm die Hände hinter den Kopf, ordnete den Pferdeschwanz und das Haargummi. Das Handy vibrierte auf dem Tisch. Jessica hielt inne und griff dann nach dem Telefon.

Frau Dr. Scheffold. Sie brauchen nur mit Ja zu antworten. Für 522 Euro im Monat schützen wir Ihre Daten zuverlässig. Nehmen Sie, so wie viele andere Prominente auch, unseren Service in Anspruch.

Einfach Ja und damit Zeit gewinnen und Struktur schaffen. Sich zwischen zwei Fronten aufreiben zu lassen, war sicher keine gute Idee. Genau wie IT-Mann Ralph Grunwaldt in dem kurzen Telefonat am Sonntagabend gesagt hatte: Es ging höchstwahrscheinlich um ihre E-Mail-Adresse und das Passwort. Allein damit hatte dieser Jemand Zugang zu ihrem Google-Account, Facebook-Profil, zur Bank und zu ihrem Amazon-Konto. Zu Recht verwies Grunwaldt darauf, er habe bereits vor Monaten empfohlen, verschiedene und komplexere Passwörter zu verwenden. Auf ihre Frage, was sie denn jetzt tun solle, hatte er geantwortet, sie solle so schnell wie möglich das Passwort ändern, den Virenscan laufen lassen und alle Updates für das Betriebssystem erneuern.

Jessica zog einen Zettel aus der Jeans. Die neuen Passwörter umfassten mindestens zwölf Zeichen. Sie würde sich die sinnfreien Zahlen und Buchstabenfolgen nie merken können. Kurz dachte sie an die von Grunwaldt empfohlenen Passwortmanager, dann schob sie den Zettel wieder in die Jeans, atmete durch und trat in den Flur.

Die Tür des Arbeitszimmers stand halb offen. Jessica ging hindurch und sah Alex, der lässig im Schreibtischstuhl saß, die Füße auf dem Tisch. In der rechten Hand hielt er sein Handy. Das weiße Gehäuse zeichnete sich gegen seine braune Haut ab, und außerdem fiel Jessica auf, wie groß es war. Hatte er schon wieder ein Neues?

Sie trat leise näher. Er schaute sich Fotos an und wischte mit kurzen Bewegungen über das Display. Trotzdem konnte Jessica auf mehreren Fotos Monis ebenmäßiges Gesicht und ihre langen blonden Haare erkennen. Sie ging um den Schreibtisch herum. Er bemerkte sie nicht und schaute lächelnd auf das Display. Sofort wanderte ein leiser Schmerz durch Jessicas Körper. Sein offenes und gleichzeitig immer ein bisschen verwegenes Lächeln hatte einmal ihr gegolten.

Jetzt erst schaute er auf und das Lächeln glitt ihm langsam aus dem Gesicht. Jessica sah dabei zu. Dieses langsame Entgleiten ähnelte einem schwächer werdenden Händedruck. Es ähnelte dem Wort „Verlassen“, das neben der abscheulichen Tiefe immer wieder in ihren Träumen auftauchte.

Er nahm in aller Ruhe die Füße vom Schreibtisch, legte das Handy aus der Hand und stand auf. Während er ein paar Schritte in Richtung Raummitte ging, knöpfte er sein Hemd zu.

Hatte Moni noch vor ein paar Minuten ihre Hände auf seiner Brust gehabt?

Alexander blieb stehen und drehte sich langsam zu ihr um.

Du betrügst mich!, wollte Jessica schreien, wollte den Druck in sich und die Fragen nach dem Warum loswerden. Aber eine andere Stimme ermahnte sie, sich zusammenzureißen und ihn daran zu erinnern, wie alles begonnen hatte. Jessica ging auf Alexander zu. Er trat einen Schritt zurück. Noch weiter zurück konnte er nicht, ohne mit dem Rücken an der Wand zu stehen.

So ist es gut, dachte sie, machte noch ein paar Schritte und blieb direkt vor ihm stehen.

„Warum haben wir es nicht gemacht?“, fragte Jessica.

„Was nicht gemacht?“

„Wir wollten nach dem Studium durch Deutschland tingeln und so viel Theater spielen wie möglich. Das hätten wir machen sollen und fertig. Wir waren richtig gut.“

„Mit zwanzig, von mir aus mit fünfundzwanzig auch noch, kann man so träumen. Aber jetzt, mit knapp vierzig, sind wir doch schon ein Stück weit im Leben angekommen. Es heißt ja nicht umsonst brotlose Kunst, und Schauspieler kann man nicht ewig sein.“

„Wo landen wir eigentlich, wenn wir alles eins zu eins aufrechnen wollen und uns nur noch bewegen, wenn Cent und Euro dabei herauskommen?“

„Gut und schön“, Alex breitete die Arme aus, „aber nur mit Idealismus kannst du so ein Haus nicht bezahlen. Außerdem brauchst du mir das gar nicht erst vorzuwerfen. Wie viele Stunden arbeitest du in der Woche? Sind es fünfundfünfzig oder doch eher fünfundsechzig?“

„Ja, eben. Und was hat das mit uns angestellt? Haben wir uns nicht ganz weit vom Anfang entfernt? Ich meine das Lockere, das Herumalbern, die Freude am Reisen und an der Improvisation. Dir hat man nie einen Fehler auf der Bühne angesehen.“

„Ja“, Alex nickte und lächelte kurz. „Es ist auch nicht so, dass man die Schauspielerei nicht gebrauchen könnte. Stimme, Atmung und Haltung. Das hat bestimmt auch zu unserem Erfolg beigetragen.“

„Erfolg, Erfolg … deine Formel ist so: Erfolg ist gleich Geld. Geld ist gleich Erfolg.“

„Ja, schon. Stimmt das etwa nicht?“

Jessica schwieg. Die Träume, das tiefe Nachdenken während der letzten Wochen mussten etwas zu bedeuten haben. Vor allem konnte sie die Frage, ob sie sich nun auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sicher fühlte, mit nein beantworten. Und das hatte nur bedingt damit zu tun, dass es seit Sonntag das Dirndlfoto gab.

Mit ihrem Haus hatte sie so auf einen warmen Ort gehofft, ähnlich der Studentenbude vor vielen Jahren. Von Anfang an aber hatte sie sich nicht wohlgefühlt in diesem kalten und immer ein bisschen klammen Klotz. Vor allem hatten die hohen Räume und der viele Platz überhaupt erst den Abstand zwischen ihr und Alexander ermöglicht. Wie schön wäre dagegen ein Häuschen in der sonnigen Südstadt gewesen.

In diesem Moment ging Alexander aufrecht an ihr vorbei und mit ihm die gemeinsamen Wünsche.

Sie rieb sich über die Arme. Alex blieb stehen, griff nach dem Handy und schaute auf das Display. Seine breite, muskulöse Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Er beachtete sie nicht, und in Jessica kam Wut auf.

„Moni war hier, und ich habe auch mitbekommen, worüber ihr euch unterhalten habt.“

„Ja, und?“

„Eineinhalb Jahre nur Lüge!“

„Was willst du mir eigentlich vorwerfen? Du hast mir gestern dein tolles Foto gezeigt, und das spricht ja wirklich für sich.“

„Nein, das tut es nicht“, antwortete Jessica aufgebracht.

„Im Gegensatz zu dir war ich treu, bis jetzt.“

„Klar, und ich ziehe mir die Hosen mit der Kneifzange an“, antwortete Alex eher beiläufig und ohne von dem Handy aufzuschauen.

Plötzlich blieb sein Zeigefinger ruhig liegen, und seine Miene hellte sich etwas auf. Jessica spürte deutlich das Blut in den Handgelenken pulsieren. Ihre Fingerspitzen fingen an zu kribbeln. Wieder wollte sie schreien. Stattdessen sprang sie mit ein paar großen Schritten auf Alex zu und riss ihm das Handy aus der Hand, lief ein Stück von ihm weg, blieb stehen und schaute auf das Display. Vivien Schwägler, las Jessica am oberen Rand eines Whatsapp-Dialogs:

Das Trennungsjahr ist schon einmal nicht schlecht. Jetzt gilt es, noch mehr Indizien dafür zu finden, dass Sie und Ihre Frau sich auseinandergelebt haben, um glaubhaft belegen zu können, dass das frühere gemeinsame Leben und die damit verbundenen Ziele weggebrochen sind.

Vivien Schwägler, durchfuhr es Jessica. Die Expertin für Scheidungsrecht überhaupt. Sie kannten sich flüchtig.

Jessica atmete heftig, strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und schaute Alex an. Der hatte die Hände in den Hosentaschen und stand ungerührt neben dem Schreibtisch.

„Während ich darüber nachdenke, wie ich unsere Beziehung wiederbeleben kann, denkst du schon an Scheidung.“

Alex zuckte die Schultern.

„Nein, schon klar. Offen reden geht nicht. Lieber hinten rum. Die wird schon von alleine darauf kommen. Dir geht es auch nicht darum, ob ich mit Michael geschlafen habe oder nicht. Dir geht es um das Dirndlfoto. Das kannst du deiner Anwältin zeigen, um zu untermauern, was deine Frau für ein Lotterleben führt.“

„Also doch Michael?“, fragte er und ging einen Schritt auf Jessica zu.

„Bleib stehen!“, rief sie.

„Gut, dass du mir diesen Zusammenhang aufzeigst, daran habe ich noch gar nicht gedacht, aber da lässt sich bestimmt etwas machen. Ich muss dir recht geben.“

„Tu doch nicht so unschuldig“, schrie Jessica. „Keiner hat so einen leichten Zugang zu meinen Passwörtern wie du.“

„Du leidest an Verfolgungswahn“, antwortete er und grinste.

Jessica schleuderte das Handy in seine Richtung und traf ihn an der Schulter. Das Telefon knallte zu Boden und der Gehäusedeckel sprang ab. Alex bückte sich schnell und kniete jetzt vor dem Telefon.

„Bist du verrückt? Wenn das kaputt ist, kannst du mir gleich mal siebenhundertfünfundzwanzig Euro überweisen.“

Konnte es tatsächlich Zufall sein, dass das bescheuerte Foto so gut in seinen Plan passte? Vielleicht hatte er das Passwort weitergegeben und die Erpressung beauftragt? Jedenfalls wähnte er sich in Sicherheit, er wollte als betrogener Ehemann dastehen und das Dirndlfoto würde ihm dabei helfen. Jessica schaute auf ihre Hände. Sie ballte sie immer wieder zu Fäusten zusammen.

In der Zwischenzeit hatte Alex das Handy wieder zusammengebaut und ließ es in die Hosentasche gleiten.

„Dir wird das Grinsen noch vergehen“, sagte Jessica. „Keiner wäre so leicht an das Passwort gekommen wie du. Das werde ich Kommissar Wandt sagen.“

„Nur zu, ruf doch die Polizei.“

Sie drehte sich um, stürmte ins Wohnzimmer, durch die Bibliotheksräume und blieb vor dem letzten Zimmer auf dieser Seite stehen. Ihr Blick streifte kurz das Türfutter, auf dem sie ein großes Bleistiftkreuz erkannte. Alex kam. Jessica drehte sich von der Tür weg und rannte zurück ins Wohnzimmer. Hinter sich hörte sie seine Stimme.

„Jessica, beruhige dich!“

An der Schrankwand riss sie Schubladen auf, eine davon knallte auf den Boden, und der Inhalt verteilte sich auf dem Parkett: Reisepässe, alte Kontoauszüge, Schreiben der Deutschen Rentenversicherung, drei DVDs mit dem Titel Ultimative Workout und ein Angebot der Gipserfirma Härrle.

Alexander kam und Jessica hörte ein bekanntes Geräusch:

„Schhhh, schhhh“, machte Alexander. Damit hatte er sie vor großen Klausuren immer beruhigt. Dieser Laut erinnerte sie jetzt daran, dass sie und er mal eine Einheit gewesen waren. Sie hielt sich die Ohren zu.

„Jessica, mach es uns doch nicht so schwer. Wir haben uns auseinandergelebt. Lass uns das einfach akzeptieren. Außerdem sind wir damit nicht allein. Schau hier …“ Er tippte auf das Display. „Die Scheidungsquote im Jahr 2015 betrug 40,82 Prozent. Das bedeutet, auf eine Eheschließung kamen 0,41 Scheidungen. Wenn Ziele und Ist-Zustand – oder das, was man verwirklichen kann – zu weit auseinander liegen, sollte man eingreifen, um das Erreichen der einmal gesteckten Ziele wieder zu ermöglichen. Der Partner ist natürlich eine wichtige Stellgröße dabei.“

„Eine Stellgröße?“

„Ja.“

„Und jetzt hast du dir eine fruchtbare Stellgröße gesucht. Moni hat einen Sohn. Ihre Fruchtbarkeit hat sie damit erfolgreich bewiesen. Darum geht es doch! Vor der Vierzig noch einmal durchwechseln.“

„Jessica, lass es endlich gut sein!“

Wieder kam in Jessica der Wunsch auf, nach seinem Handy zu greifen und es einfach an die Wand zu werfen. Sie bezwang ihre Wut, schaute zu Boden und griff nach dem Angebot von Gipser Härrle.

„Ich hatte mich so gefreut. Ich dachte die Renoviererei hätte mit mir zu tun. Dachte, die Decken runter auf eine vernünftige Höhe und fertig.“

„Vielleicht war es ja so. Aber wie gesagt, das Leben kann sich ändern. Gib mir nicht an allem die Schuld. Du hast deine Karriere auf Biegen und Brechen verfolgt, ohne groß nach mir zu fragen. Vielleicht ist das Dirndlbild nur ein kleiner Hinweis darauf, was sonst noch gelaufen ist.“

„Das ist doch Schwachsinn, und du weißt das ganz genau.“

Alex zuckte die Schultern. „Ich sehe, was ich sehe.“

Jessica winkte ab. „Letzten Samstag waren wir glücklich und zuversichtlich. Die Talkrunde war gut gelaufen. Und ja, wir haben einen draufgemacht, im Grunde so wie mit Katy früher. Irgendwie schäme ich mich dafür und gleichzeitig auch wieder nicht. Ich denke, es wäre gut, zwischendurch immer mal wieder so ausgeflippt und verrückt zu sein, sich zu verkleiden, vielleicht Theater zu spielen. Dieser Abend hat mir eine ganz andere Jessica gezeigt, nämlich die Jessica von früher. Und das wollte ich dir eigentlich vorhin sagen. Vielleicht haben wir ein zu …“ Jessica suchte nach dem passenden Wort „… ein zu wesenfremdes Leben geführt. Momentan reden viele von dem inneren Kind, das Heimat finden soll.“

„Wesensfremd und Alkohol passen gut zusammen.“ Alex zog Daumen und Zeigefinger auf dem Display auseinander.

„Dieser Artikel empfiehlt für Frauen nicht mehr als zwölf Gramm Alkohol pro Tag. Schädliche Folgen von Alkoholkonsum sind …“

„Ja, ja, schon gut. Wie oft trinke ich? Einmal im Jahr, oder lass es zweimal sein, und das war es dann. Ich hab jetzt nur das Problem, dass mich jemand mit diesem Bild erpresst und dieser Jemand lässt nicht locker. So oder so. Das Bild wird an die Öffentlichkeit gelangen. Ob nun heute oder morgen oder in zwei Tagen. Warum also nicht gleich?“

„Das wirst du dich nicht trauen. Dein Ruf, das Image der Kanzlei … Sebastian kann kein Negativimage gebrauchen. Er wird ja auch nicht jünger und muss sicher bald über seine Nachfolge nachdenken.“

„Rührend, wie du dich um Sebastian sorgst. Aber der Wert der Kanzlei ist für dich auch nichts anderes als eine Stellgröße. Was würdest du Käufern raten? Vorher den Preis drücken, das wäre doch genau dein Stil.“

„Der böse Ehemann und seine Intrigen, du kannst so wunderbar von deinem eigenen Schlamassel ablenken. Wenn du wirklich so eine Heilige bist, dann stell das Bild ein. Gute Idee!“

„Genau das werde ich jetzt tun.“

„Wirst du nicht, jede Wette. Du wirst deinen Arsch retten wollen.“

„Gehst du von dir aus? Strategie statt Ehrlichkeit?“

„Dann tu, was du nicht lassen kannst.“

Jessica versuchte, ruhig zu atmen. Sie ging auf Alex zu und hielt ihm das Angebot hin.

„Hier“, sagte sie. „Das brauchst du jetzt nicht mehr vor mir verstecken.“

Er nahm das Angebot und nickte.

„Was ist eigentlich, wenn ich an der Beziehung festhalten will?“, fragte sie. „Wenn ich zu allem, auch zu der Renovierung, Nein sage?“

„Die Gipser bringen bald das Material und außerdem betreffen die Arbeiten nur meine Seite der Wohnung. Mach es uns nicht unnötig schwer. Überlege dir gut, ob du zurzeit noch mehr Ärger gebrauchen kannst.“

Jessica drehte sich um und ging energisch in Richtung ihres Zimmers davon.

„Jessica“, rief Alexander. „Du kannst die Trennung nicht aufhalten!“

Sie hörte seine Schritte hinter sich. Bevor Alexander sie erreichen konnte, schlüpfte sie in ihr Arbeitszimmer und knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

In ihrem Zimmer geschah etwas Merkwürdiges: Jessica hatte schon nach dem Schreibtischstuhl gegriffen und war drauf und dran gewesen, sich wieder zu den Taschentüchern zu setzen. Sie sah sich dort, und die Vorstellung war fest und wirklich in ihrem Kopf. Sie brauchte nur noch in die vorgedachte Rolle hineinschlüpfen.

Aber ähnelte diese kauernde Haltung in der Nähe der Taschentücher nicht fast der Yogaposition des kleinen Kindes? Dieser Gedanke ließ sie von dem Stuhl zurücktreten und so Abstand zu der vorgefühlten Position schaffen. Sie konnte auch die Frage erahnen, die dort am Schreibtisch auf sie wartete: Im Lauf ihrer Beziehung hatte sich Alexander immer wieder einmal von ihr zurückgezogen. Stand also dieses Zurückziehen immer in Verbindung zu einer Frau? Jessica wusste nur von Giovanna Carella. Was sie aber ganz sicher wusste, war, dass Alexanders Affäre mit Moni bald noch mehr schmerzen würde als die Sache damals mit Giovanna. Denn er hatte ihr im Herbst vor drei Jahren hoch und heilig versprochen, an der Ehe festhalten zu wollen und an sich zu arbeiten. Jessica hatte ihm geglaubt.

Sie ging in die Raummitte, richtete sich auf, führte die Hände über den Kopf und atmete bis tief in die Fingerspitzen. Anschließend beugte sie den Oberkörper in die Waagrechte und gelangte mühelos mit den flachen Händen auf den Boden. Ihr Atem und die Bewegungen stimmten sich aufeinander ab. Ein Bein nach hinten, das andere dazu. Von der schiefen Ebene in das Kind, dann das Austreten aus der engen Haltung, über den herabschauenden Hund in die Kriegerposition. Jessica blieb in dieser Haltung, und es war ihr, als schütze sie damit das Kind.

Mitten in dem großen Schmerz nach Katys Tod hatte Jessica mit Yoga begonnen. Anfangs zögerlich und eher sporadisch. Mit der Zeit hatten sich die Übungen ihren festen Platz erobert, und sie begriff immer besser, wie Yoga wirkte. Es schaffte körperliche Erinnerungen, die wiederum mit Emotionen verbunden waren. Es gelang ihr im Alltag zunehmend besser, sich auf diese Erinnerungen wie auf Inseln zurückzuziehen, wenn sie es brauchte. Der gleichmäßige Atem im Fluss der Bewegungen ließen die Fragen nach dem Gestern und Morgen fast verstummen. An besonders guten Tagen erspürte sie eine andere Energieform. Etwas, das sich über ihr ausbreiten konnte wie ein Zelt. Und einige Male hatte sie das Gefühl gehabt, Katys Lächeln umspanne die Zeltkuppel. Und dann: Katy war nicht weg. Sie war immer noch präsent.

Wozu Spiritualität und Religion? Wir alle können Blitz und Donner erklären. Mit einem tiefen Atemzug spülte Jessica die Stimme ihrer Mutter aus ihrem Körper. Auch für Yoga und Meditation hatte Lydia nicht viel übrig.

Sie schaltete den Laptop ein, zog den Zettel mit den Passwörtern aus der Jeans und tippte die Buchstaben- und Zahlenkombination ein. Sie schloss für einen Moment die Augen. Die Frage war: Folgte sie nicht gerade mit dem Veröffentlichen des Fotos Alexanders Plan? Vielleicht hatte er die Situation ganz bewusst zugespitzt, in dem Sinne, sie sei zu feige, das Bild einzustellen. Er schien sich seiner Sache sicher zu sein, zumindest hatte seine Körperhaltung noch nicht einmal eine kleine Schwäche erkennen lassen.

Im Grunde wusste sie immer noch nicht, wie er sich an ihrer Stelle verhalten würde. Er war nicht auf ihrer Seite, und er hatte sie mit keinem einzigen Wort unterstützt.

Immer noch überwog das gleiche Gefühl wie mittags im Treppenhaus. Das Dirndlfoto hatte die Macht, den Fall aus der Tiefe des Traums und damit aus ihrer Seele emporzuholen und in wirkliches Empfinden zu verwandeln. Die Karriere stand, wie Jessica genau in diesen Minuten feststellte, für Sicherheit und Geborgenheit. Mit dem Foto gefährdete sie diese Sicherheit. Sie konnte nicht abschätzen, wie die Mehrheit der Leser auf das Foto reagieren würde. Allerdings, und das war die andere Seite, wollte sie ehrlich sein. Die Vorstellung, den Kopf einziehen zu müssen wegen eines Fotos, für das sie nur zum Teil verantwortlich war, widerstrebte ihr sehr, denn sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie strich über das Handydisplay und sah: Nach dem Telefonat im Büro hatte sie Michael von unterwegs noch weitere fünfmal angerufen. Bis jetzt keine SMS, kein Rückruf, nichts.

In der Zwischenzeit hatte sich ihr Facebook-Profil aufgebaut. Jessica zog ihr Notizbuch aus der Schreibtischschublade, las den Text noch einmal, nickte und begann, schließlich zu schreiben. Während die Tasten leise klackerten, schaute sie dabei zu, wie ein Buchstabe nach dem anderen auf den Bildschirm wanderte.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich melde mich heute in einer privaten Angelegenheit. Seit Sonntag, dem 4. September versucht mich jemand zu erpressen. Grundlage der Erpressung ist ein privates Foto. Der Erpresser droht damit, das Foto zu veröffentlichen. Wie genau der Erpresser an meine privaten Fotos gekommen ist, müssen die Ermittlungen noch ergeben. Ich habe am Montag auf dem zuständigen Polizeirevier Anzeige gegen unbekannt erstattet. Außerdem habe ich mich dazu entschlossen, das Foto selber zu veröffentlichen, um demjenigen das Druckmittel gegen mich zu nehmen.

Marco Rauch und die Bürgerwehrgruppe, die werden ihre Freude an dem Bild haben, hatte Toni gesagt. Andererseits, wie viele Mitglieder hatte die Gruppe? Vielleicht achtzig, allerhöchstens einhundertzwanzig. Trotzdem, das Bild könnte der Stolperstein sein. Jessica klickte auf Foto einfügen. Das Bild baute sich auf. Mit einem Blick stellte sie fest, wie schlank sie war. Sie legte den Finger auf die Eingabetaste. Klar wird es ein paar Kommentare geben, vielleicht darüber, dass die Brüste zu klein sind oder was auch immer. Facebook selbst wird auch ein Problem mit dem Bild haben, denn nackte Brüste: Uuuh. Die Feministinnen werden vielleicht sagen, dass sich eine Frau auf gar keinen Fall ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale bedienen sollte, um auf sich aufmerksam zu machen. Auf der anderen Seite gab es aber die mutige Femen-Bewegung. Die ziehen einfach blank, wie es immer heißt. Sie zeigen ihre Brüste vor Polizisten mit Schutzschildern und Schlagstöcken. Eben, das ist Mut, dachte Jessica. Und: Wahr muss wahr bleiben.

Sie drückte die Eingabetaste und atmete tief aus. Nach einem Moment schloss sie das Profil und schaltete den Laptop aus. Im Kopf spürte sie jetzt einen stechenden Schmerz, deshalb stellte sie ihr Handy auf lautlos, ging in die Küche und goss sich einen Pfefferminztee auf.

Ein paar Minuten später umschlossen ihre Hände die warme Tasse. Sie dachte das Wort „Unendlichkeit“. Die vier Silben dieses Wortes dehnten sich in ihrem Kopf aus wie die gleichmäßigen Schwingen einer nie endenden Sinuskurve.

Lag das Armband mit dem Unendlichkeitssymbol noch in der Schmuckschatulle? Katy hatte es Jessica drei Tage vor ihrem Tod geschenkt.

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9783752918878
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