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Der Autor


© Peter Pulkowski

Prof. Dr. Jan Kusber lehrt seit 2003 osteuropäische Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Arbeitsschwerpunkte sind das Russische Imperium, insbesondere auch in der Vormoderne, das Baltikum sowie Geschichtspolitik und Erinnerung im östlichen Europa.

Jan Kusber

Meiner Frau und meiner Tochter

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Umschlagabbildung: Gemälde von Vigilius Eriksen, Katharina die Große im Ornat der regierenden Zarin (ca. 1778/79). The David Collection, Inv. Nr. 14/1967.

1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-021630-3

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-025515-9

epub: ISBN 978-3-17-025516-6

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Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2  Einleitung: Legitimation durch Reform und Expansion

3  Russland um die Mitte des 18. Jahrhunderts

4  Katharinas Weg nach Russland und ihre Großfürstinnenzeit

5  Gattensturz und Krönung

6  Erste Reformen und außenpolitische Schritte

7  Der Kampf um die öffentliche Meinung

8  Krieg in Polen-Litauen und gegen das Osmanische Reich (1768–1774)

9  Pest und Pugačev: Die Krise der autokratischen Herrschaft

10  Kontrollierte Modernisierung durch Gesetzgebung

11  ›Gesellschaft‹ und ein ›dritter Stand‹ durch Bildung?

12  Katharina, die Orthodoxie und die Religionen des Imperiums

13  Der Hof Katharinas

14  Katharina und ihre Favoriten

15  Die Hauptstadt Katharinas und das Bauen im Reich

16  Europäische Geltung: Katharina, der Bayerische Erbfolgekrieg und das Reich

17  Europäische Geltung: Das ›Griechische Projekt‹ und die Annexion der Krim 1783

18  Die ›Taurische Reise‹, Georgien und Krieg gegen das Osmanische Reich

19  ›Finis Poloniae‹

20  Ein prosperierendes Imperium?

21  Letzte Jahre und Tod

22  Nachleben und Bedeutung

23  Abkürzungsverzeichnis

24  Anmerkungen

25  Quellen- und Literaturverzeichnis

26  Quellenverzeichnis

27  Literaturverzeichnis

28  Abbildungs- und Kartenverzeichnis

29  Register

30  Ortsregister

31  Personenregister

Vorwort

Dieses Buch über Katharina II. von Russland hat eine lange Entstehungsgeschichte – im Grunde eine, die in das Sommersemester 1988 zurückreicht, als ich als Student an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in einer Lehrveranstaltung von Eckhard Hübner ein Referat über Katharinas »Griechisches Projekt« zu halten hatte. Seitdem haben mich Person und Epoche immer wieder beschäftigt, in Lehre und Forschung.

Die Gewichtungen und Interpretationen, die in diesem Buch vorgelegt werden, verdanken sich einerseits den lebhaften Diskussionen mit unterdessen mehreren Generationen von Studierenden in Kiel und vor allem an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie sind aber auch in Gesprächen mit Maike Sach, Eckhard Hübner, Ludwig Steindorff, Claus Scharf, Ingrid Schierle, Francine-Dominique Liechtenhan, Galina Smagina, Matthias Schnettger, Heinz Duchhardt, Bettina Braun, Alexander Bauer, Christine Roll und anderen gewachsen.

Dem Charakter eines problemorientierten Überblicks entsprechend, wurde in den Anmerkungen knapp belegt; die Datumsangaben erfolgen, soweit nicht anders angegeben, in innerrussischen Kontexten nach dem julianischen Kalender; die Übersetzungen sind meine – soweit nicht anders angegeben. Für eine kritische Lektüre des Textes im Ganzen oder in Teilen danke ich herzlich Timo Nahler, M. A., Antonia Schlotter, M. A. und Dr. Regina Wenninger. Herrn Christian Zimmermann, B. A., danke ich für die Erstellung des Kartenmaterials. Peter Kritzinger und Ronja Schrand vom Kohlhammer-Verlag danke ich für die konstruktive Zusammenarbeit.

Einleitung: Legitimation durch Reform und Expansion

Katharina II. herrschte mehr als drei Jahrzehnte über das Russische Imperium. Als Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst in Stettin am 2. Mai 1729 geboren, bestieg sie 1762 den Thron Russlands an der Seite Peters III. Sie stürzte ihn keine sechs Monate später, um ohne jeden dynastischen Anspruch und unter Ausschluss ihres Sohnes Russland zu regieren. Ihre Zeit als Kaiserin gilt wie sonst nur die Peters I. als eine Periode herrschaftlicher Reform und außenpolitischer Expansion, die beide gleichermaßen imperiale Größe und Russlands Aufstieg zur Weltmacht bedeuteten.

Legitimation durch eine aufgeklärte und gute Regierung sowie durch eine Vergrößerung des Reiches waren die Leitlinien ihres herrscherlichen Selbstverständnisses bis zu ihrem Tode 1796.1 Das vorliegende Buch will diesen Leitlinien folgen. Zugleich soll es ein Beitrag zu einer politischen Biografie der Kaiserin im Kontext der Geschichte Russlands ihrer Zeit sein. Gesellschaftliche Strukturmerkmale des Zarenreiches wie Leibeigenschaft und geringe Urbanisierung, die Transformation der petrinischen Dienstgesellschaft und die Herrschaftsform der Autokratie sowie Multiethnizität und Multireligiosität werden ebenfalls Gegenstand sein, denn alle diese Bereiche waren Felder ihres herrscherlichen Handelns.

Katharina als Herrscherin ist hierbei im europäischen Vergleich zu sehen. Nicht selten wird sie als typische Vertreterin des viel diskutierten aufgeklärten Absolutismus gesehen und hier etwa mit Friedrich II. und Joseph II. oder aber dessen Mutter Maria Theresia verglichen.2 Zwar wissen wir heute, dass der Anspruch, absolut zu herrschen, in weiten Teilen bloßer Anspruch blieb, denn weder konnten die Herrscherinnen und Herrscher in der Fläche auf ihre ganz unterschiedlich verfassten Untertanenschaften zugreifen, noch konnten sie dies ohne die Herstellung eines Konsenses mit den Eliten tun, der immer wieder ausgehandelt werden musste; doch schon die Formulierung des Anspruchs und dessen Akzeptanz im zeitgenössischen Diskurs waren politikrelevant.3 Insofern diente (höfische) Repräsentation immer auch der kommunikativen Untermauerung eines herrscherlichen Anspruches.

Die Unterschiede zwischen den europäischen Herrscherinnen und Herrschern lagen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den repräsentativen und kommunikativen Strategien und in den Ressourcen, die hierfür zu Gebote standen. Katharinas Handeln hier im Vergleich darzustellen, ist deshalb interessant, weil sie anders als etwa Maria Theresia auch eine ›kommunikative Expansion‹ betrieb, indem sie sich mit ihren Briefen und Werken in die République des Lettres Europas einzuschreiben suchte.4

Damit sind die außenpolitischen Dimensionen ihrer Regierung und die internationale Verflechtung des Russischen Imperiums in Europa angesprochen. Die beiden Kriege gegen das Osmanische Reich mit ihrer jeweils folgenden Südexpansion und die drei Teilungen Polens, aber auch der Bayerische Erbfolgekrieg mit Russlands gestärkter Position im Reich, der Krieg gegen Schweden und die Französische Revolution heben ihre Herrschaft auf eine europäische Ebene. Expansion in Konzepte aufgeklärter Herrschaft zu integrieren, war eine Herausforderung, die sie annahm. Territoriale Expansion und geopolitische Einflussnahme waren für sie als Felder politischen Handelns ebenso bedeutsam wie die ›gute‹ Regierung des Imperiums und sollten dazu dienen, Russland Akzeptanz als europäischer Macht zu verschaffen.

Katharina sah sich als beispielgebende Herrscherin im Zeitalter der Philosophen, die ihre Herrschaft durch Lektüre von staatsrechtlicher und ›aufgeklärter‹ Literatur untermauerte. Bildung, Transfer von Kultur und Wissenschaft dienten ihr als Mittel der Modernisierung des Reiches5 und der Rationalisierung von Politik und Verwaltung. Die Schere zwischen dem Anspruch, den die Kaiserin selbst erhob, und den sozialen Spannungen, die sich etwa in dem größten Volksaufstand der russischen Geschichte unter Emeljan Pugačev (1773–1775) entluden, war ihrem Handeln eingeschrieben.6 Ebenso bedeutsam ist der Umstand, dass aufgrund ihrer langen Regierungszeit sowie vor dem Hintergrund der Französischen Revolution und der Entwicklungen der ›Sattelzeit‹7 ihre Art, Herrschaft auszuüben, schon vor ihrem Tod als ›vergangen‹ erschien.

Als sie 1796 starb, schrieb ein Zeitgenosse vielsagend, dass Katharina ›der Große‹ gestorben sei.8 Er zollte damit einer Regierung Tribut, deren Mittel und Strategien all jene Elemente aufwiesen, die Erfolg versprachen – und jene waren männlich konnotiert. Zugleich setzte mit dem Tod Katharinas ein Nachleben ein, das die öffentliche Wahrnehmung bis heute prägt und in dem Sensationslust und Kolportage die Frage nach ihrem politischen Handeln im klassischen Sinne oft in den Hintergrund treten ließen. Ihre Affären, ihre Favoriten, die in der europäischen Öffentlichkeit diskutierte Libertinage bei Hofe9 und nicht zuletzt die Ermordung ihres Gatten Peter haben Generationen immer wieder neu fasziniert, sodass diese Elemente der Biografie nicht selten aus dem politischen Kontext gelöst wurden.10 Durch ihre freie, unkonventionelle Lebensweise hat Katharina als Person immer fasziniert. Auch diese Elemente hatten in jedem Falle eine politische Qualität und interessieren in dieser Sicht, wenngleich sie nicht im Zentrum stehen, auch im vorliegenden Buch.11

Gegenstand dieses Buches ist die politische Dimension ihres Lebens – ihre Reformen und die von ihr vorangetriebene Expansion des Russischen Imperiums an sich, aber auch deren Inszenierung zur Erlangung von Geltung und Prestige. Zugleich geht es um die Diskussion der von ihr selbst aufgestellten Maxime, dass man den Herrscher an das Recht binden müsse – in einer dem Reich angemessenen Weise.12 Ein solcher Anspruch als Leitmaxime ist seit den Thronfolgemanifesten, mit denen sie ihre Thronbesteigung und den Sturz Peters III. begründete, ihre Legitimationsstrategie gewesen.

Wie gut kannte sie ›ihr‹ Reich und seine multireligiöse und multiethnische Untertanenschaft? Auch das Imperium als Herausforderung und Kategorie für herrscherliches Handeln wird darzustellen und in die Erörterung miteinzubeziehen sein.13 Eine allumfassende Biografie Katharinas II. ist nicht angestrebt und wohl auf absehbare Zeit unmöglich. Noch immer schlummern ungesehene Handschriften Katharinas in den Archiven und zugleich ist eine Unzahl von Publikationen über sie erschienen. Während sie in der Sowjetunion kaum im Zentrum des Interesses historischer Forschung stand und stehen durfte, hat man sich ihr in postsowjetischer Zeit intensiv und vor allem mit Blick auf die Hofgeschichte zugewandt. Dies bedient das Interesse an Personengeschichte einerseits, anderseits das Interesse an einer Erzählung der russischen Geschichte, die das Imperium im territorialen und im Sinne der Geltung ›groß‹ macht.14

In jedem Fall steht dieses Buch auf den Schultern von Riesen. Nach wie vor ist Isabel de Madariagas Russia in the Age of Catherine the Great15 in der Verbindung von biografischem Ansatz und Zeitpanorama unübertroffen. Dies gilt sowohl für die Detailliertheit der Darstellung als auch für den umfassenden Zugriff. Andere Autoren wie John T. Alexander und Simon Dixon betonten eher die Herrscherin in ihren persönlichen Beziehungen und ihrer höfischen Umwelt – Themen, die auch im postsowjetischen Umfeld neue Konjunkturen erlebten und erleben.16 Jüngst fügte Francine-Dominique Liechtenhan durch die Nutzung päpstlicher Archive neue Sichtweisen hinzu.17

Feststeht, dass jede Generation von Katharina II. und ihrer Herrschaft neu fasziniert ist, sie aber anders liest und deutet.18 Kategorien historischer Größe verändern sich; das Russische Imperium wird gerade am Beginn des 21. Jahrhunderts neu konzeptualisiert und natürlich auch immer aus der jeweiligen Gegenwart heraus verstanden. Ich folge hier einem Ansatz, der die Kulturgeschichte des Politischen mit einer Gesellschaftsgeschichte Russlands zusammenbringt und dabei die Perspektive der Herrscherin in den Mittelpunkt stellt. Diese speiste sich im Falle Katharinas aus einem sich über Jahrzehnte hinweg entwickelnden Koordinatensystem, das sich schon in ihrer Großfürstenzeit ausprägte und erst recht in ihrer Regierung fortentwickelte.

Es ging ihr um Legitimation und Legitimität durch gute Herrschaft. Diese wurden befördert durch das öffentlichkeitswirksame Reden und Handeln. Hinzu traten das Implementieren und die Umsetzung von Reformen einer Herrscherin, die bereit war, oder es doch zumindest so postulierte, sich selbst an das Recht zu binden. Und es ging bei ihrem Handeln in den Kategorien des internationalen Prestiges auch um Geltung durch Expansion.

Katharina II. war nicht die erste Kaiserin von Russland. Peter I. hatte seine Frau Katharina I. nicht nur zur Kaiserin krönen lassen und selbst 1722 den Imperatortitel angenommen, um die von ihm beanspruchte Bedeutung zu unterstreichen; seine Frau folgte ihm in Amt und Titel nach.19 Kaiserin Anna, Peters Nichte, regierte Russland zehn Jahre, Elisabeth, Peters Tochter, regierte Russland 20 Jahre.20 Weibliche Herrschaft war also ein der Untertanenschaft des Imperiums wie den europäischen Mächten vertrautes Phänomen und wurde weder in Russland noch an den europäischen Höfen in Zweifel gezogen. Auch der legitimatorische Bezug auf Peter I., den Katharina immer wieder suchte, war insbesondere von Elisabeth ubiquitär genutzt worden.

Was Katharina von ihren Vorgängerinnen unterschied, war ihr enormes Arbeitspensum, ihr Interesse auch am Funktionieren von Staat und Gesellschaft insgesamt, ihre Liebe zum Detail und nicht zuletzt ihre Bildung und ihr Intellekt. Letztere bildete sie erst in Russland aus und zwar in jenen langen Jahren als Großfürstin an der Seite ihres Mannes, des Großfürsten Peter, der als Gottorfer Herzog Karl Peter Ulrich landfremd war wie sie selbst. Russland, seine Gesellschaft, die Hauptstadt, der Hof und die mit ihnen verbundenen Lebenswelten waren ihnen beiden unbekannt. Beide aber befassten sich auf ganz unterschiedliche Weise mit jenem Land, in dem sie den Rest ihres Lebens verbringen sollten.

Russland um die Mitte des 18. Jahrhunderts

Im Januar 1744 reiste Sophie Friederike, die spätere Katharina II., nach Russland, wohin sie Kaiserin Elisabeth, die Tochter Peters des Großen eingeladen hatte,1 um den ausersehenen Thronfolger Karl Peter Ulrich, ihren Neffen, zu heiraten. Diese Reise von Zerbst nach Russland führte sie über Berlin, wo sie Friedrich II. traf, nach Reval (Tallinn), und von St. Petersburg nach Moskau, wo sie im Februar 1744 eintraf. Ihre ersten Eindrücke von Russland hatte die Zerbster Prinzessin also reisend erfahren: Sie lernte das Baltikum kennen, St. Petersburg, die wachsende Kapitale Peters I. an der Neva, den beschwerlichen Weg nach Moskau, der sich freilich im tiefen Winter mit dem Schlitten vergleichsweise komfortabel und schnell zurücklegen ließ. Alles war um vieles größer und weiträumiger als das, was sie kannte – Stettin, Zerbst, Berlin. Der Raum, so reflektierte Katharina als Großfürstin, aber auch als Herrscherin immer wieder, war für jede Regierung des Russischen Imperiums eine Herausforderung ersten Ranges.

Dieses Reich erstreckte sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts von der Ostsee bis an den Pazifik. Peter I. hatte Livland, Estland und Ingermanland im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) von Schweden gewonnen. St. Petersburg, 1703 gegründet, hatte dem bis dahin führenden Hafen am Weißen Meer, Archangel’sk, schon in den ersten Jahren seiner Existenz den Rang abgelaufen. Im Osten des Reiches war die Eroberung Sibiriens bereits im 17. Jahrhundert erfolgt: 1639 erreichte man bereits das Ochotskische Meer, 1689 und 1727 wurden mit den Verträgen von Nerčinsk bzw. Kjachta erste Verträge mit der Ching-Dynastie Chinas geschlossen. Scharfgezogene Grenzen zum Mandschureich bedeutete dies freilich nicht.2 Sibirien und der Ferne Osten waren extrem dünn besiedelt. In Westsibirien etwa gab es breite Übergangszonen zu Ethnien, die nomadisch lebten, Kasachen, Kirgisen und andere. Auch im Süden des europäischen Russlands existierten keine festen Grenzen. Während man an den Mündungen von Wolga und Don mit Astrachan und Azov Festungen hatte, war das ›wilde Feld‹ (dikoe pole) zu den Krimtataren und mit dem autonomen Kosakenhetmanat der sogenannten linksufrigen Ukraine von einer ebensolchen breiten Übergangszone geprägt.3

Dieses Reich war das größte Flächenland der Welt, und seine Herrscherinnen und Herrscher kannten es nur wenig: Die bedeutenden Expeditionen nach Sibirien, die noch Peter der Große veranlasste, dienten etwa dazu, Kenntnis über das Reich, seine Menschen und seine naturräumliche Gestalt zu erhalten. Zwischen 1720 und 1727 bereiste der deutsche Mediziner Daniel Gottlieb Messerschmidt (1685–1735) West- und Zentralsibirien. Die Erste und Zweite Kamčatkaexpedition (1728–1730 bzw. 1733–1743) waren Forschungs- und Entdeckungsreisen unter der Leitung des Marineoffiziers Vitus Bering, deren Teilnehmer Sibirien erforschten, die nördlichen Küsten des Russischen Reiches vermaßen und Seewege vom ostsibirischen Ochotsk nach Nordamerika und Japan erkundeten.4 Die Informationen, die auf diesen und anderen Expeditionen über die Zahl und Lebensweise der Völker gewonnen wurden, führten zu etwas genaueren Vorstellungen, wie dieses Reich sich zusammensetzte, funktionierte und wie es zu entwickeln sei.

Russland war ein multiethnisches und multireligiöses Imperium. Nach in ihrer Zuverlässigkeit umstrittenen Schätzungen lebten 1719 etwa 16 Millionen Menschen, um 1750 aber schon etwa 25 Millionen und am Ende der Herrschaft knapp 38 Millionen Menschen im Russischen Reich:5 Viel als absolute Summe, wenig mit Blick auf die Fläche. In Teilen war Russland eine monarchia mixta, ein Herrschaftsgebiet mit durchaus unterschiedlichen Rechtsverhältnissen und jeweils verschieden verfassten Untertanenschaften. Der gemeinsame Bezug war die Autokratie, die das bindende Element darstellte.6 Davon konnte sich die nach Moskau reisende Sophie Friederike einen ersten Eindruck verschaffen. In Reval stieß sie auf eine Stadt mit einer ganz anderen Tradition und Stadtverfassung als in St. Petersburg oder in russischen Provinzstädten. Während die Selbstverwaltung der Städte des Baltikums auf den Traditionen mittelalterlicher Stadt- und Handelsrechte beruhte, kannten Städte seit den Städtereformen Peters I. am Beginn des 18. Jahrhundert zwar Begrifflichkeiten wie Magistrate oder Bürgermeister. Doch Selbstverwaltung und Autonomie kannten sie kaum.7

Die ersten Adligen, denen die Zerbster Prinzessin begegnete, stammten aus den Ritterschaften des Baltikums.8 Sie gehörten zu jenen Adelsgruppen, die ihre fortgeschriebenen Privilegien, was ständische Rechte und Schutz des Protestantismus anging, zu behaupten suchten. Sie waren nicht die einzigen Gruppen mit Sonderrechten. Die Kosakenverbände, etwa das erwähnte Hetmanat, aber auch am Don und am Jaik, genossen Autonomie.

Von St. Petersburg nach Moskau9 aber reiste Sophie durch von Russen besiedelte Gebiete und hier mochte sie einen ersten Eindruck von der Orthodoxie als Bestandteil der russischen Lebenswelt bekommen haben. Die russische Bevölkerungsmehrheit des Imperiums war orthodox, ihre Kirche vielleicht die einzige Institution, die den Staat in der Fläche repräsentierte. An den Peripherien des Reiches lebten aber auch Millionen von Untertanen, die sich nach der Kirchenspaltung (raskol) um die Mitte des 17. Jahrhunderts den sogenannten Altgläubigen zurechneten. Im Wolga-Kama-Raum lebten muslimische Ethnien, die nach der Eroberung Kazans 1552 durch Ivan IV. Groznyj unter die Herrschaft der Zaren geraten waren – muslimische nomadische Baschkiren sahen sich orthodoxen Kolonisten gegenüber.10 In Sibirien und im hohen Norden existierte zumindest bis weit ins 18. Jahrhundert hinein nicht nur der Doppelglaube (dvoverie), das Nebeneinander von naturreligiösen und orthodoxen Traditionen, sondern lebten Jakuten und Kamčadalen pagan.11 Unter Kalmücken und Tuwinern war der Buddhismus verbreitet. Mission durch die orthodoxe Kirche konnte also aus der Sicht des Staats ein Vorantreiben von Territorialisierung bedeuten, stieß aber, als sie etwa in der Zeit der Kaiserin Elisabeth im Wolga-Kama-Raum intensiver betrieben wurde, auf Widerstand.12 In der Regel dominierte ein pragmatischer Umgang mit religiöser und ethnischer Differenz. Eine Ausnahme sei genannt: In Russland gab es keine nennenswerte jüdische Bevölkerung, sondern es existierte ein verbreiteter Antijudaismus. Kaiserin Elisabeth selbst war ein Beispiel dafür.13

Sophie reiste in ein agrarisch geprägtes Reich, darin unterschied sich Russland nicht von anderen frühneuzeitlichen Herrschaftsbildungen. Eine Besonderheit war jedoch der geringe Urbanisierungsgrad. Die neue Hauptstadt St. Petersburg besaß etwa 150.000 Einwohner, die alte Hauptstadt Moskau um die 200.000 Einwohner, aber die weit auseinanderliegenden Provinzstädte, oft aus mittelalterlichen burgstädtischen Siedlungen hervorgegangen, nur wenige Tausend. Sieht man einmal von den markanten Kirchenbauten und den Kreml- und Klosteranlagen ab – und natürlich von St. Petersburg, für das bereits Peter I. befohlen hatte, es dürfe nur Stein als Baumaterial verwendet werden –, war es ein Reich der Holzbauweise.14 Die Städte und Dörfer waren aus Holz und damit aus einem Material, das die naturräumlichen Gegebenheiten hergaben und das sich dem Klima, den kalten langen Wintern, den heißen Sommern und der kurzen Übergangszeit in Herbst und Winter, der Zeit der Wegelosigkeit, in idealer Weise anpasste. Steine hingegen mussten über weite Entfernungen herantransportiert werden. So übernachteten Sophie und ihre Mutter auf dem Weg von St. Petersburg des Öfteren in Gasthäusern aus Holz; die Gaststuben mögen ihr verraucht und fensterlos vorgekommen sein, aber sie hielten auf diese Weise effektiv Hitze oder Kälte ab.

Die überragende Mehrheit der russischen Bauern (ca. 90 %) war von ihrem Grundherrn abhängig. Die Leibeigenschaft, strukturgebend für den gesamten ostelbischen Raum seit der frühen Neuzeit, erreichte im Russischen Reich ihre wohl bindendste Form.15 Ob der Grundherr ein Adliger, ein Kloster oder die Krone war, der Bauer war an das grundherrliche Land gebunden. Sophie mochte sich in Zerbst keine Gedanken darüber gemacht haben, ob es den Zerbster Bauern auch so ging. In der zu Zerbst gehörenden ostfriesischen Herrschaft Jever, die sie als junges Mädchen besucht hatte und wo sie sich wohl gefühlt hatte,16 waren die Bauern frei. Solche freien Bauern, die sogenannten Einhöfer (odnodvorcy) gab es auch im Russischen Reich, etwa im hohen Norden oder in Sibirien als naturräumlichen Ungunsträumen. Ihre Zahl war jedoch gering. Menschen flohen vor der Leibeigenschaft, etwa an die südliche Peripherie (u krania) in das sogenannte wilde Feld (dikoe pole) und schlossen sich dort mit anderen Kosaken zusammen. Oder sie versuchten vor der Indienstnahme auf Gebiete auszuweichen, in denen sie auf nomadisierende Ethnien trafen, etwa im Kaukasusvorland oder im bzw. östlich des Ural. Durch die Verleihung von Land an den Adel in peripheren Räumen rückte das Prinzip der Leibeigenschaft in Form der Kolonisation jedoch nach.17

In Zentralrussland war der Bauer im Wesentlichen an die Scholle gebunden. Er leistete je nach Region und, aus Sicht des Grundherrn, ökonomischem Zweck Frondienste (barščina) oder Zins (obrok), oder gar beides. Nachdem sich diese Form der Leibeigenschaft seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert gebildet hatte, wurde sie im Gesetzbuch des Zaren Aleksej von 1649, das auch hundert Jahre später noch die Grundlage jeder Rechtsprechung darstellte, festgeschrieben. Dies bedeutete theoretisch zwar nicht, dass der Bauer ›seinem‹ Grundherren auch physisch gehörte, doch die Praxis sah anders aus.18 Bauern konnten Manufakturen als Arbeitskräfte ›zugeschrieben‹ werden und wurden faktisch samt ihren Familien gehandelt. Zeitungen in der Zeit Kaiserin Elisabeths offerierten solche unter Annoncen. 1713 erlaubte Peter I. den Grundherren ausdrücklich, die Bauern mit der Knute zu züchtigen, 1741 verloren sie ihre Rechts- und Geschäftsfähigkeit und wurden vom Untertaneneid ausgeschlossen. Immerhin ging es hierbei um mehr als 80 % der Bevölkerung. Die Bauern trugen also in mehrfacher Hinsicht das Reich ökonomisch. Sie finanzierten den Adel und trugen die Kopfsteuer sowie Naturalleistungen. 1722 machte Peter I. die Gutsbesitzer zur denjenigen, die die Steuer einzutreiben und die Ordnung auf den Gütern aufrechtzuhalten hatten.19

Während man im Zeitalter der Aufklärung die Leibeigenschaft publizistisch unter Feuer nahm, argumentierten die Grundbesitzer, dass sie ihren Bauern auch Schutz und Schirm böten. Die bäuerliche Gesellschaft des Zarenreiches war eine paternalistische und patriarchalische zugleich. Mochte die Leibeigenschaft im fortschreitenden 18. Jahrhundert auch zunehmend in die Kritik geraten und immer öfter mit der Sklaverei verglichen werden. Ökonomisch gesehen existierte auf Seiten der Grundbesitzer offensichtlich kein Handlungsbedarf. Mit ihrem ersten Eindruck von der Bauerngesellschaft wurde Sophie auf ein Thema gestoßen, welches sie in ihrer Herrschaft noch intensiv beschäftigen sollte.20

Die zur Gattin des Thronfolgers ausersehene Zerbster Prinzessin machte in dem Moment, in dem sie den Boden des russischen Reiches betrat, Bekanntschaft mit dem Adel des Imperiums. Insbesondere in St. Petersburg und Moskau lernte sie jenen Adel kennen, der sich spätestens seit Peter dem Großen nach Westen orientierte. Ob freiwillig oder nicht – die mittel- und westeuropäische Hofkultur entwickelte eine Sogkraft, der sich die Adligen nicht entziehen konnten. In der Zeit der Kaiserin Anna waren Deutsch, zunehmend aber auch Französisch die Sprachen des hauptstädtischen Adels.21

In den Hauptstädten wurde Sophie mit jenen Adligen bekannt, die in der Rangtabelle, die seit Peter I. dem Großen jeden Adligen kategorisierte (1722) und ihm seine Position im Militär, in der Verwaltung oder bei Hofe zuschrieb, relativ weit oben rangierten.22 Die großen Familien der Voroncovs, der Šeremetevs, der Dolgorukij und anderer hatten wenig gemein mit dem Provinzadel, dem Sophie auf ihrer ersten Reise begegnete, geschweige denn mit den wenigen, die über die Rangtabelle überhaupt erst in den Adel aufgestiegen waren. Die reichen und einflussreichen Familien – in der Forschung ist gar von ruling families gesprochen worden23 – kämpften um Herrschernähe und verfügten über derart umfangreiche Ressourcen, dass sie in der Lage waren, aufwendig zu repräsentieren und in Imitation des Zarenhofes ihrerseits Hof zu halten, ohne freilich die politische Selbstständigkeit und Macht etwa polnisch-litauischer Magnaten zu besitzen. Ihre Herrschernähe bedingte, dass ihre Lebenswelt zu der Sophies wurde, als sie russischen Boden betrat.

Die großen Familien verfügten über Zehntausende von Leibeigenen, die ihren Wohlstand sicherten, weniger wohlhabende Adlige vielleicht nur über knapp Hundert – für ein aufwendiges Leben bei Hofe zu wenig. Der ärmere Adel blieb also auf den Dienst im Militär, in der Verwaltung und bei Hofe zur Sicherung eines in seinen Augen angemessenen Lebensunterhaltes angewiesen. Der Dienst verband den Adel somit aus unterschiedlichen Gründen. Peter I. hatte ihn verbindlich gemacht, und diese Dienstpflicht galt mit Einschränkungen, die seine Nachfolgerinnen vorgenommen hatten, weiterhin.24 Der Adel des Imperiums war mithin ein Dienstadel, der für seinen Dienst Steuerfreiheit und die Einkünfte aus leibeigener Arbeit genoss. Idealtypisch kann von einer auf die Person des Herrschers zugeschnittenen Dienstgesellschaft gesprochen werden, die Abstufungen und Schattierungen natürlich immer einschloss.

Was Sophie Friederike jedoch sofort aufgefallen sein dürfte, war die Herrscherzentrierung auf die Kaiserin Elisabeth. In dem kleinen Fürstentum Anhalt-Zerbst konnte ihr Vater praktisch überall schnell präsent sein, eine 30-Kilometer-Reise führte ihn von Zerbst aus in fast jeden Winkel seines Territoriums, sieht man einmal von der Herrschaft Jever ab. Im Russischen Imperium hingegen vergingen Monate, bis ein kaiserlicher Befehl aus St. Petersburg etwa Irkutsk erreichte. Herrschaftsdichte nach dem Prinzip, durch herrschaftliche Anwesenheit Vertrauen und Akzeptanz zu schaffen, war im Russischen Imperium nicht möglich. Die Verwaltung vor Ort war nur locker ausgebildet, die petrinische Reform, die das Reich in elf Gouvernements und mehr als 40 Provinzen eingeteilt hatte, hatte die Administration verdichtet, jedoch keine intermediären Gewalten mit einer Delegation von Entscheidungsrechten geschaffen. Im riesigen Imperium lief strukturell alles auf den Herrscher zu, und dies lag in der Autokratie als Herrschaftsprinzip begründet.

Schon lange hat sich die Frühneuzeitforschung von der Vorstellung, die Herrscherinnen und Herrscher dieser Epoche hätten absolute Herrschaft durchsetzen können, verabschiedet.25 Die Herrscherinnen und Herrscher des Russischen Reiches trieben diesen Anspruch mit der Autokratie auf die Spitze. Diese Autokratie hatte sich seit Ivan III., der den Zarentitel im Umgang mit auswärtigen Mächten durchzusetzen versuchte, verfestigt. Die Selbstherrschaft (Samoderžavie, Autokratie) meinte die Verfügungsgewalt des Herrschers über alle seine Untertanen, deren Dienst auf ihn hin ausgerichtet war. Die Großfürsten und seit 1547, als mit Ivan IV. erstmals ein Moskauer Herrscher zum Zaren gekrönt wurde, die Zaren hatten in ihrer Politik alles getan, um die Herausbildung von Ständen zu verhindern. So hatte der rechtlich nivellierte Adel keine ständische Identität herausgebildet, sondern blieb über den Dienst auf den Herrscher bezogen. Die Autokratie blieb im Grunde unhinterfragt.26

Als in der Zeit der Smuta (Zeit der Wirren) um 1600 das Moskauer Reich daniederlag und 1613 der erste Romanov-Herrscher Michailvon einer Landesversammlung gewählt wurde, ging das mit keiner Machtbeschränkung einher. Peter I. mit seinen grundstürzenden Reformen und seiner expansiven Außenpolitik hatte die Autokratie neu legitimiert, kommuniziert und begründet. Neben das Auserwähltsein durch und zugleich die Verantwortung vor Gott traten naturrechtliche Begründungen. Aber bei allen Wandlungen blieb die unbedingte Unterordnung unter die Person des Herrschers Kern der Idee. Als 1730 Anna, der Nichte Peters I. und Herzogin von Kurland, die Krone angeboten wurde, gab es in verschiedenen Gruppen des höheren und niederen Adels die Vorstellung, die Macht der Herrscherin in einer Wahlkapitulation zu begrenzen.27 Doch Ergebnis der autokratischen Politik war eine Fragmentierung des Adels als Gruppe gewesen, die sich auch in der Situation von Wahl und Krönung 1730 zeigte. Anna musste keinerlei die autokratische Macht beschränkende Kapitulation annehmen, die Autokratie existierte fort, auch wenn gerade diese Kaiserin das Regieren weitgehend ihren Beratern überließ.28 Auch ein Putsch stellte offensichtlich die Autokratie nicht in Frage. Als die Kaiserin Anna starb, wurde ihr zwei Monate alter Großneffe Ivan (VI.) Zar. Elisabeth, die aus verschiedenen Gründen übergangene Tochter Peters I., nutzte die Unzufriedenheit mit der Regentschaftsregierung, um sich 1742 mit Hilfe der Garden an die Macht zu putschen. Mit den kolportierten Worten, die Untertanen wüssten, wessen Tochter sie sei,29 führte sie eine umgehend akzeptierte Palastrevolution durch. In der Uniform eines Obersten der Garderegimenter, der seit Peter I. prestigereichen Elitetruppen des Reiches, setzte sie ihre Gegner fest, nahm den Untertaneneid entgegen und ließ sich im April 1742 in Moskau in einer Zeremonie zur Kaiserin des Russischen Reiches krönen, die von einer bis dato einmaligen Prachtentfaltung war. Das aufwendig gestaltete Krönungsbuch, das aus diesem Anlass an alle kleinen und großen Herrscher Europas geschickt wurde, kündete von dem ungeschmälerten Anspruch der Autokratie und von einem starken Sinn für Symbolpolitik und Prestige.30 Elisabeth war unverheiratet und kinderlos. Die schnelle Bestellung ihres Neffen Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorf als Thronfolger am 7. (18.) November 1742 und die Einladung Sophies nach Russland dienten ihrer Machtsicherung und der Dynastie.

Welche Aufgabe Sophie hier zufiel, wird ihr ihre Mutter auf der Reise eingeschärft haben. Welche Größe, welche Vielgestalt dieses Reich hatte, wird ihr sicherlich kaum bewusst gewesen sein. Und auch die europäische Bedeutung wird sich ihr nur indirekt erschlossen haben – über eine preußische Perspektive. Sophies Vater hatte zur Zeit ihrer Geburt im pommerschen Stettin in preußischen Diensten gestanden; nachdem er die Regierung des Fürstentums Zerbst 1742 übernommen hatte, blieb Preußen der politische Referenzrahmen. Sophie und ihre Mutter Johanna besuchten den Berliner Hof mehrfach.

Die Selbstwahrnehmung Friedrichs II. war die eines Königs, der eine aufsteigende Großmacht im Krieg um Schlesien gegen Österreich in Stellung brachte. Der Feldherr überlagerte in dieser Zeit die Selbstinszenierung als aufgeklärter Monarch. Die Kaiserin Elisabeth verachtete er, auch wenn ihm ihre Neutralität im ersten und zweiten Krieg um Schlesien (1740–1742, 1744–1745) wichtig war.31 Ebenso bedeutend war für ihn eine Abstimmung mit dem Zarenreich über eine gemeinsame Politik gegenüber der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Während die russischen Herrscher seit dem Großen Nordischen Krieg (1700–1721) und insbesondere seit dem stummen Reichstag von Grodno das Ziel hatten, die gesamte Adelsrepublik als Protektorat zu lenken und ihnen dies auch weitgehend gelang, etwa im russisch-polnischen Thronfolgefolgekrieg (1733–1736)32 zur Zeit der Kaiserin Anna, bezogen sich die preußischen Ambitionen, wie sie in den Hohenzollerntestamenten niedergelegt wurden,33 vor allem auf Danzig, Thorn und Westpreußen. Sophie und ihre Mutter ›umfuhren‹ dieses Feld außenpolitischer Aspirationen, da sie den Seeweg von Lübeck über Reval nahmen, durchschifften aber gleichsam ein weiteres Politikfeld – die Ostsee.

Die Auseinandersetzung um das dominum maris baltici war im Großen Nordischen Krieg mit Schwedens Verlust seiner baltischen Provinzen an Russland 1721 nur teilweise entschieden worden. 1741 beschloss die im schwedischen Reichstag dominierende Adelsgruppierung der sogenannten Hüte, den Versuch zu unternehmen, die Ergebnisse des Friedens von Nystadt zu revidieren, und Russland den Krieg zu erklären. Auf diesen Krieg war mit Hilfe der französischen Außenpolitik länger hingearbeitet worden, und man hatte gehofft, das Zarenreich in einen Zweifrontenkrieg zu verwickeln. Seit 1735 befand sich St. Petersburg im Krieg gegen das Osmanische Reich. Doch 1739 hatten Russen und Osmanen in Belgrad bereits Frieden geschlossen. Von dem Staatsstreich Elisabeths, der von Frankreich unterstützt worden war, erhoffte sich die schwedische Kriegspartei einen schnellen Friedensschluss, doch sie hatte sich getäuscht. Elisabeth befahl ihrem General Peter Lacy die Gegenoffensive an den Küsten des finnischen Meerbusens, und die Region um Helsinki konnte eingenommen werden. Der Frieden von Åbo 1743 brachte leichte Gebietsgewinne für Russland und es konnte durchgesetzt werden, dass mit Adolf Friedrich, Onkel des für Russland ausersehenen Neffen Elisabeths, ein Gottorfer als schwedischer Thronfolger benannt wurde.34 Als Sophie 1744 russischen Boden betrat, hatte Elisabeth also ihre ersten Feuerproben in der Außenpolitik bestanden und sich als unabhängig von französischen Interessen, die ihr Subsidien gebracht hatten, gezeigt.

Dieses Russische Imperium in den ersten Jahrzehnten nach den Reformen und Kriegen Peters des Großen, in das Sophie 1744 gereist war, war eines des Wandels und der Beharrung zugleich. Dem Transfer und der ›Verwestlichung‹ der Eliten – die sich übrigens in einer erstaunlichen Geschwindigkeit vollzog – stand eine Beharrungskraft der traditionalen Gesellschaftssegmente gegenüber, insbesondere außerhalb der Metropolen. Die Entfaltung einer glanzvollen Hofkultur und die Verfestigung der Sozialstruktur einer Dienstgesellschaft begünstigten einander. Das Imperium war als kontinentale Flügelmacht nach der Eroberung des Ostseezugangs in der Zeit Peters I. als Akteur in Europa eine feste Größe, auch wenn der Anspruch der Autokratinnen auf Gleichrangigkeit in Europa insbesondere bei den Habsburgern auf Widerstand stieß.35 Die Gattin eines Großfürsten zu werden, der der Kaiserin Elisabeth nachfolgen sollte, war eine Chance, deren Tragweite Sophies Familie sicher deutlich vor Augen stand. Ob sich die kaum 15-jährige Zerbster Prinzessin auf ihrer Reise dessen klar bewusst war, wie Katharina später in ihren Memoiren behaupten sollte, wissen wir nicht.

Katharinas Weg nach Russland und ihre Großfürstinnenzeit

Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst-Dornburg wurde am 2. Mai 1729 im pommerschen Stettin geboren. Ihr Vater, Christian August, Fürst von Anhalt-Zerbst, gehörte zur regierenden Anhaltinischen Familie, die jedoch nicht in der Lage war, ihre männlichen und weiblichen Mitglieder standesgemäß zu ernähren. Damit stand Christian August, der immerhin aus dem traditionsreichen Geschlecht der Askanier stammte, keineswegs allein. Viele Mitglieder der Fürstenhäuser des Heiligen Römischen Reiches waren entweder, wenn männlich, auf den Dienst an bedeutenderen Höfen und Staaten oder, wenn weiblich, auf eine ökonomisch auskömmliche Heirat angewiesen. So ging es auch Christian August, der einen Generalsrang in preußischen Diensten bekleidete, zum Zeitpunkt der Geburt seiner Tochter jedoch als Gouverneur von Stettin amtierte. Stettin war am Ende des Großen Nordischen Krieges 1720 in preußischen Besitz gekommen. Die Preußen siedelten wichtige Verwaltungseinrichtungen an und bauten Stettin weiter zu einer Festungsstadt aus. Das Altpreußische Infanterieregiment Nr. 7 wurde nach Stettin verlegt, und Stettin wurde so zur preußischen Garnisonsstadt. Es war also kein höfisches Umfeld, in dem Sophie ihre ersten Jahre verbrachte.1 Christian August war, im Gegensatz wohl zu seiner Frau, ein tiefgläubiger Lutheraner.

Sophies Mutter, Johanna Elisabeth von Gottorf, entstammte einer Dynastie, die in der Politik der Mächte eine Rolle spielte. Peter der Große hatte eine seiner Töchter mit einem Gottorfer Herzog verheiratet. Wegen der Besetzung des Stammschlosses in Schleswig durch Dänemark hatte die Tochter in Kiel residiert und dort wurde Karl Peter Ulrich am 21. Februar 1728 geboren, ein Cousin zweiten Grades der jungen Sophie. Die Familie Johanna Elisabeths stand also in einem ganz anderen Maße im Fokus (nord)europäischer Politik als die Askanier, die im kleinen Zerbst regierten. Und Johanna Elisabeth hatte ganz offensichtlich ein hohes Bewusstsein ihrer eigenen Bedeutung und der ihrer Nachkommen.2 Für Sophie, Prinzessin und Tochter eines preußischen Generals, war eine gute Heirat eine echte Zukunftschance. Über die Kindheit der späteren Kaiserin Katharina ist nicht allzu viel bekannt, wobei ihre Bemerkung gegenüber ihrem Korrespondenten Baron Friedrich Melchior Grimm,3 sie habe nichts von Interesse aus ihrer Kindheit zu berichten, vor dem Hintergrund der Position, die sie nach der Thronbesteigung 1762 innehatte, sicher als Koketterie einzuordnen ist.

Wir besitzen über ihre Kindheit, Jugend und ihre Zeit als Großfürstin nach 1744 vor allem eine zentrale Quelle – die Memoiren, an denen sie schon als Großfürstin, aber auch als Kaiserin vor allem bis etwa 1772, danach nur sporadisch, arbeitete. Von den verschiedenen kurzen und langen Versionen sind fünf französische und zwei russische Textstücke bekannt, die erst 1859 erstmals und nur in Teilen erschienen, nach einer nicht ganz zuverlässigen Abschrift herausgegeben von Alexander Herzen in London. Die Memoiren haben Generationen von Historikerinnen und Historikern fasziniert, weil sie eine Sogkraft entwickeln, der man sich bis heute kaum entziehen kann.4 Insbesondere für die Kindheit sind sie zudem die einzig verwertbare Quelle. Blickt man auf die Stationen ihrer jungen Jahre – die Jahre in der Garnisonsstadt Stettin und in der den Zerbstern gehörenden Herrschaft Jever,5 die wiederholten Aufenthalte in Berlin und den kurzen Aufenthalt in Eutin 1739, wo sie ihren späteren Ehemann, Karl Peter Ulrich, kennenlernte –, so sind weder in der Erziehung her noch über die Nähe oder besser Distanz zu den Eltern außergewöhnliche Vorkommnisse festzuhalten. Dies wollte zumindest Katharina selbst später so gesehen wissen. Als ihr gelehrter Briefpartner, Baron Friedrich Melchior Grimm, 1776 den Wunsch äußerte, nach Stettin zu reisen, antwortete sie ironisch: »In all diesem sehe ich durchaus nichts interessantes, es sei denn, Sie glaubten, die Örtlichkeit sei von Bedeutung und habe Einfluss auf die Geburt passabler Kaiserinnen.«6 Ob und inwieweit die Frömmigkeit und das Pflichtbewusstsein des Vaters oder die Ambitionen der Mutter auf sie gewirkt haben, erfahren wir aus den Memoiren so, wie Katharina es überliefert wissen wollte. Bei Rückschlüssen, Orte, Menschen und Ereignisse hätten sie und ihr späteres Regierungshandeln in dieser oder jener Weise geprägt, ist schon aufgrund der relativen Quellenarmut Vorsicht geboten.7

Sophie wurde als erstes von fünf Kindern in der Stettiner Domstraße geboren, wo dem Festungskommandanten und Gouverneur ein Eckhaus zustand. In ihren Memoiren meinte Katharina später, ihre Mutter sei enttäuscht darüber gewesen, dass ihr erstes Kind ein Mädchen gewesen sei. Schon im Alter von zwei Jahren wurde Sophie von der Obhut der Amme in die Aufsicht einer Erzieherin, Madelaine Cardel, zwei Jahre später deren jüngeren Schwester Elisabeth Cardel übergeben. Beide entstammten einer ins Brandenburgische geflohenen calvinistischen Hugenottenfamilie. Katharina erinnerte sich an Elisabeth als »geduldig, sanft, heiter, gerecht, beständig«,8 während der wohl auf Wunsch des Vaters mit der Erziehung befasste pietistische Regimentsprediger und Pfarrer Christian Wagner für die fromme Erziehung sorgen sollte. Katharina erinnerte ihn als streng und langweilig. Viel mehr als die Fabeln La Fontaines durch Cardel und Luthers Tischreden durch Wagner wurden ihr, so die Memoiren, nicht zur intellektuellen Verkostung geboten. Sie langweilte sich.9 Das Interesse an Lektüre und Selbstbildung mochten ihre Erzieher in Stettin und dann in Zerbst aber in ihr angelegt haben.10

1742 verbesserte sich die Situation der Familie von Christian August, der gerade zum preußischen Feldmarschall befördert worden war: Gemeinsam mit seinem Bruder Johann Ludwig trat er die Nachfolge des anhaltinischen Fürsten Johann August an, dessen Linie mit seinem Tod ausstarb. Das Fürstentum war klein, verbesserte aber die materielle Grundlage der Familie. Die barocke Hofhaltung seines Vorgängers in Zerbst und die damit verbundenen Dienste sowie die Baumaßnahmen an Schlössern und anderen Gebäuden trugen wesentlich zum kontinuierlichen Aufschwung von Wirtschaft und Handel in Anhalt-Zerbst bei. Zerbst war im Rahmen der Möglichkeiten ein Hof der Musen. Dies galt nicht nur für das Zerbster Schloss, sondern auch für Schloss Dornburg an der Elbe, das insbesondere Johanna Elisabeth liebte und mit ihren Kindern gerne aufsuchte. Zahlreiche namhafte und bedeutende Künstler, Handwerker, Schauspieler und andere ließen sich über Jahrzehnte in Zerbst nieder. Schon seit 1722 wirke Johann Friedrich Fasch als Hofkapellmeister, der bis zu seinem Tode 1758 zahlreiche bedeutende Stücke komponierte und mit der Hofkapelle aufführte. Die Zerbster Residenz genoss Sophie (Fiegchen, so berichtet sie in ihren Memoiren, wurde sie genannt) jedoch nur kurze Zeit. Was sich ihr in Zerbst eher mitgeteilt haben mochte als in Stettin, Braunschweig oder Berlin, war die Anciennität des Geschlechts der Askanier, dem sie entstammte.11

Wie geriet eine Prinzessin, wie es sie im Alten Reich nicht wenige gab, in den Lichtstrahl der Politik? Schon bald nach ihrem Putsch ging die Kaiserin Elisabeth daran, ihre Nachfolge zu sichern und ließ ihren Neffen Karl Peter Ulrich nach Russland holen. Karl Peter Ulrich, der am Hofe seines Onkels Adolf Friedrich, des Fürstbischofs von Lübeck und Administrator des Herzogtums aufgewachsen war, wurde 1739, in jenem Jahr, in dem er der jungen Sophie begegnet war, Gottorfer Herzog.12 Adolf Friedrich lud seine Schwester Johanna Elisabeth und Sophie ein, um sein Mündel Karl Peter Ulrich zu präsentieren. In ihren Memoiren legt Katharina bereits mit der Schilderung dieser ersten Begegnung das Fundament für ein düsteres Bild ihres späteren Gatten, das sich mit jeder Version der Memoiren noch dunkler einfärbt. Ein Mensch mit Hang zum Alkohol und einer unangebracht kindlichen Neigung zu seinen Spielzeugsoldaten: Diesen Eindruck soll er bei ihr nach dem Eutiner Besuch hinterlassen haben.13 Er wurde schon vor der Palastrevolution seiner Tante als Kandidat für den russischen, vor allem aber auch für den schwedischen Thron diskutiert. Elisabeth ernannte ihn kurz nach ihrer Machtübernahme zum Thronfolger, war doch die Sicherung der Nachfolge für sie von vorrangiger Bedeutung. Als er nach Russland eingeladen wurde, war es wohl keine Alternative, dieses Angebot auszuschlagen und auf den schwedischen Thron, der ihm ebenfalls im November 1741 angeboten worden war, zu setzen. Nichts zeigt den Bedeutungsverlust Schwedens nach dem Großen Nordischen Krieg im Vergleich zu Russland deutlicher. Karl Peter Ulrich reiste 1742 mit einer kleinen holsteinisch-gottorfer Entourage nach St. Petersburg und musste – eine unbedingte Voraussetzung für den Thron – zur Orthodoxie konvertieren. Ob ihm dies schwerfiel, wissen wir aus zeitgenössischen Berichten nicht. Er blieb jedenfalls auch Herzog von Holstein-Gottorf und seinem Herzogtum immer stark verbunden.14

Für den Fortbestand der Dynastie in der Linie Peters des Großen war eine baldige Eheschließung sinnvoll. Und Elisabeth wählte die Braut für ihren Neffen nicht zufällig. 1727 war sie selbst mit dem Bruder von Johanna Elisabeth, mit dem in Russland in Diensten stehenden Gottorfer Herzog Karl August verlobt worden, der jedoch an Pocken verstarb. Offensichtlich war die Verlobung nicht nur arrangiert gewesen, sondern von Zuneigung getragen. Offiziell sollte Elisabeth nicht mehr heiraten. Schon unter Zeitgenossen wurde allerdings spekuliert, ob sie ihren langjährigen Favoriten Aleksej Razumovskij geheiratet hatte.15

Das Haus Gottorf war also in mehrfacher Hinsicht im Fokus. Die Idee, Sophie mit Karl Peter Ulrich zu verheiraten, wurde Elisabeth jedoch von Friedrich dem Großen nahegebracht, der sich dazu ihres einflussreichen Leibarztes Johann Hermann von L’Estocq als Mittelsmann bediente. Friedrich wollte eine Kandidatin, die dazu beitragen konnte, dass Elisabeth sich nicht an der Seite Österreichs gegen Preußen wende. Für eine solche österreichische Orientierung stand während des österreichischen Erbfolgekrieges und der darin eingewobenen Schlesischen Kriege Russlands Staatskanzler Aleksej Bestužev-Rjumin. Seine Vorschläge gingen etwa in Richtung einer sächsischen oder französischen Prinzessin für Karl Peter Ulrich.16 Friedrich steuerte gegen und wies nun direkt seinen Gesandten Heinrich Freiherr von Mardefeld an, er solle doch »eine Prinzessin aus irgendeinem alten herzoglichen Hause Deutschlands«17 vorschlagen, um das sächsische Heiratsprojekt zu torpedieren. Er war im Übrigen keinesfalls bereit, Elisabeth, auf die er herabsah, eine seiner Schwestern als Gattin für den russischen Thronfolger anzubieten.

Ob die Entscheidung für Sophie tatsächlich einem sentimentalen Affekt für das Haus Gottorf entsprang, muss dahingestellt bleiben. Jedenfalls folgte Elisabeth Friedrichs Vorschlag, weil er in ihre Dynastiepolitik passte,18 und wenn Friedrich gehofft hatte, mit Sophie in St. Petersburg eine Parteigängerin aufbauen zu können, musste er nicht erst mit ihrer Thronbesteigung lernen, dass Dankbarkeit für Katharina in der Realpolitik keine relevante Kategorie war.

Elisabeth lud Sophie im Dezember 1743 nach Russland ein, das Schreiben erreichte Zerbst am 1. Januar 1744. Eingeladen wurden sie und ihre Mutter, die adressiert wurde, nicht aber Friedrich August:

»Auf ausdrücklichen und besonderen Befehl Ihrer Kaiserlichen Majestät habe ich Ihnen mitzuteilen, dass die erhabene Kaiserin es wünscht, dass Eure Durchlaucht, begleitet von der Prinzessin, Dero ältesten Tochter, sich so bald wie möglich und ohne Zeitverlust in unser Land begibt, an den Ort, an dem der kaiserliche Hof sich dann befinden wird.«19

Es handelte sich eher um eine Einbestellung als um eine Einladung. Als Sophie nach der beschriebenen winterlichen Reise über das Baltikum und St. Peterburg in Moskau eintraf und der Kaiserin Elisabeth begegnete, war sie vom ersten Anblick derselben tief beindruckt. Sicher wird die Aura der Macht und die von den Zeitgenossen gerühmte Schönheit Elisabeths dazu beigetragen haben.20 Und Elisabeth zeigte sich ihr gewogen. Ihre ersten Begegnungen mit ihrem potenziellen Ehemann, Großfürst Peter, verliefen nicht unfreundlich und wohl keineswegs so negativ, wie sie es in den späteren Memoirenfassungen darstellte. Großfürst Peter, dies wurde sehr schnell deutlich, hatte den Wechsel aus dem holsteinischen Eutin nur unter Schwierigkeiten vollzogen. Er fremdelte merklich. Jakob von Stählin, sein Erzieher und zugleich hochrenommiertes Mitglied der Russländischen Akademie der Wissenschaften, schilderte ihn als unterschiedlich begabt.21 Während Peter sich für Mathematik, Fortifikation und alles Militärische lebhaft interessierte, trafen Sprache, Landeskunde und gegenwartsbezogene politische Fragen auf weniger Gegenliebe – soweit sie Russland betrafen. An seinem Herzogtum Holstein, das er ab 1745, dem Jahr seiner nominellen Volljährigkeit, von St. Petersburg aus regierte, zeigte er dagegen durchaus Interesse. Er entwickelte eine lebhafte Verehrung für Friedrich II. All dies wird man als wenig ungewöhnlich bezeichnen dürfen. Friedrich II. galt als der brillanteste Feldherr seiner Zeit und hatte manchen Bewunderer in den Spitzen der Armeen Europas. Die Freude am Militär und auch der spielerische Umgang mit Spielzeug- und echten Soldaten verweisen auf die Jugend seines Großvaters Peter I., der aus seinen Spielzeugregimentern veritable Eliteformationen geformt hatte.

Katharina erinnerte sich später an ihre erste Zeit am russischen Hof als eine schwere. Sie sei bald nach ihrer Ankunft an einer tuberkulösen Rippenfellentzündung erkrankt, die lebensgefährlich gewesen sein muss. Den Grund sah sie später darin, dass sie sich nachts barfuß erhoben hätte, um ihr Lernpensum zu schaffen.22 Katharina wollte, im Gegensatz zu ihrem späteren Mann, die Landessprache lernen und sich auch mit der Orthodoxie vertraut machen. Ihre Lehrer in russischer Sprache, Akademiemitglied Vasilij Adadurov und der Ukrainer Simeon Todorskij, waren ausgezeichnete Gelehrte und berühmt in ihrer Zeit, aber offensichtlich hatten die junge Großfürstin zunächst der Ortswechsel und dann das Lernpensum überfordert. Ihre Rippenfellentzündung wurde mit häufigem Aderlassen, bis zu viermal täglich, bekämpft. Das Aderlassen mochte dem Leben der jungen Großfürstin gefährlicher geworden sein als die Erkrankung an sich. Ihre Mutter, die gegen diese Behandlungsmethode war, geriet darüber in Konflikt mit der Kaiserin, die sich bei Krankheit selbst gerne zur Ader lassen ließ. Dass ihre Mutter die Konversion zur Orthodoxie eher funktional gesehen hatte, zeigt sich gerade in dieser Situation: Johanna Elisabeth wollte, dass Katharina eine letzte Beichte durch einen lutherischen Priester abgenommen werde. Folgt man ihren Erinnerungen, so soll sie jedoch nach ihrem orthodoxen Beichtvater verlangt haben. Dies sorgte für Wohlgefallen bei Elisabeth.

Nach ihrer Genesung nahm Sophie ihre Sprach- und Religionsstudien wieder auf und bereitete sich auf die Konversion vor. Fürst Christian August war als tiefgläubiger Lutheraner wenig begeistert von Sophies Konversion zur Orthodoxie und schärfte ihr in einem aus Zerbst gesandten ›Pro Memoria‹ die Grundsätze des Luthertums ein. Johanna Elisabeth betrachtete diesen Schritt wohl als unvermeidlich für den anstehenden Karrieresprung ihrer Tochter: Großfürstin des Russischen Reiches und Gattin des Thronfolgers. Und auch Sophie selbst wollte ausweislich ihrer Memoiren diesen Schritt gehen – sie nahm ihre Unterweisungen in Orthodoxie ernst. Ihr geistlicher Lehrer, Simeon Todorskij, der aufgrund seiner Kenntnisse des Protestantismus die Glaubensunterschiede klar zu erläutern vermochte – er hatte unter anderem in Halle studiert –, schien sie zu überzeugen:23 Sie bemühte sich brieflich, ihren Vater in Zerbst zu beruhigen. Am 28. Juni 1744 wurde Sophie in den Schoß der Orthodoxen Kirche aufgenommen. Damit war ein Namenswechsel verbunden, Sophie wurde Ekaterina Alekseevna – Katharina. Elisabeth hatte den Namen zu Ehren ihrer Mutter Katharina I. gewählt. Zugleich wurde Katharina zur Großfürstin erhoben.24

Am folgenden Tag fand die Verlobung der beiden Großfürsten statt. Sie hatten in der mehr als einjährigen Verlobungszeit bereits gemeinsam Termine wahrzunehmen und sich auf ihre Aufgabe als Thronfolgerpaar vorzubereiten, das immerhin mit einem kleinen Hof ausgestattet werden sollte. Sie bezogen eigene Appartements im Winterpalast. Zuvor hatten beide Elisabeth auf eine Reise nach Kiev begleitet, die eine aufwendig inszenierte Wallfahrt zum berühmten und für die Orthodoxie so bedeutenden Höhlenkloster unternahm. Die lange geplante, prachtvolle Hochzeit fand am 21. August 1745 statt, nachdem auch Katharina als volljährig galt.25

Kaiserin Elisabeth schenkte den beiden bald nach der Hochzeit auch einen eigenen räumlichen Ort für ihren Hof. Während sie in St. Petersburg in Appartements des Winterpalastes aus der Zeit Anna Ivanovnas wohnten, bekamen sie von der Kaiserin das Sommerpalais des Fürsten Menšikov, des Favoriten Peters I., in Oranienbaum geschenkt, etwa 40 Werst von St. Petersburg entfernt. Hier entstanden auf Wunsch Peters Festungsanlagen für seine holsteinischen Soldaten. In der Peterstadt exerzierte er, wie einst sein Großvater Peter I., mit seinen Spielregimentern.26 Katharina hingegen beschäftigte sich, auch als sie alleinige Kaiserin geworden war, in den folgenden Jahrzehnten neben den Palasterweiterungen und -veränderungen mit der Anlage spektakulärer Gartenanlagen und eines chinesischen Pavillons, Ensembles, die den anderen Residenzen der kaiserlichen Familie in nichts nachstanden.27

Christian August war nicht zur Trauung gereist, und auch Johanna Elisabeths Tage am Hofe waren gezählt.28 Schon bald nach der Trauung wurde ihr nahegelegt, Hof und Land zu verlassen. Sie hatte selbst begonnen, sich aktiv in Hofintrigen, in denen es ja immer auch um Innen- wie um Außenpolitik ging, einzumischen. Und schon ihre Korrespondenz mit Friedrich II. reichte aus, um sie verdächtig zu machen. Sie verließ Russland vier Wochen nach der Hochzeit, um nie mehr zurückzukehren.


Abb. 1: G. A. Kačalov, Feuerwerk aus Anlass der Hochzeit von Ekaterina Alekseevna und Petr Fedorovič (1745).

Auch wenn das Verhältnis Katharinas zu ihrer Mutter ausweislich ihrer Memoiren nicht sehr eng war, nun musste sie sich bei Hofe ohne Johanna Elisabeth behaupten. Dabei war es nicht ausgemacht, ob sie dies gemeinsam oder gegen ihren Gatten würde tun müssen. Die Ehen an den Höfen der Frühen Neuzeit waren Zweckgemeinschaften. Zuneigung und Liebe mochten vorhanden sein – die politische Aufgabe dominierte jedoch. Und diese Aufgabe erfüllten die Eheleute, die sich in den ersten Jahren offensichtlich noch akzeptierten, durchaus. Sie nahmen am Hofleben teil, waren auf ein Einvernehmen mit der Kaiserin Elisabeth bedacht und absolvierten die Termine, die der Jahreskalender vorgab. Aber schon bald begannen die beiden Eheleute sich auseinanderzuentwickeln, im Persönlichen, in ihren Interessen und auch in der Situierung innerhalb der Hofgesellschaft der Kaiserin. Ob es auch daran lag, dass sich Peter nach überstandener Masern- und Pockenerkrankung, die ihn entstellte, mehr und mehr zurückzog, muss dahin gestellt bleiben.29

Elisabeth und der Großkanzler Bestužev ließen Peter und Katharina kontrollieren, da beide aus Erfahrung wussten, dass die Eheleute zum einen zur Projektionsfläche für politische Parteiungen im russischen und europäischen Kontext gleichermaßen werden konnten, zum anderen aber sich Großfürst Peter als Carevič wie auch Großfürstin Katharina zu zunehmend eigenständigen Akteuren entwickeln konnten. Die für das großfürstliche Paar eingesetzten Hofmarschälle, das Ehepaar Čoglokov, hatten die beiden zu überwachen. Dabei wurde augenfällig, dass Peter, der seine Kieler Bibliothek von etwa tausend Bänden nach St. Petersburg bringen ließ und sich für alles Militärische, aber auch für Musik interessierte, und Katharina, die bald mit intensiver Selbstbildung durch Lektüre begann, unterschiedliche Wege gingen und dabei auch sicherlich unterschiedlich schnell erwachsen wurden. Katharina, die Peters Spiele mit Spielzeugsoldaten in ihren ersten Jahren noch ertragen hatte, war zunehmend abgestoßen, auch wenn das Bild, das sie in den verschiedenen Memoirenversionen immer düsterer malte, sicher maßlos überzeichnet ist. Beide vergnügten sich gern, beide teilten auch Interesse am anderen Geschlecht, nur eben nicht aneinander – und die Kaiserin Elisabeth wartete auf Nachwuchs aus dieser großfürstlichen Ehe, um den Bestand der Dynastie gesichert zu sehen.

1752 ließ sich Katharina auf ein Verhältnis mit dem 26-jährigen Kammerherrn Sergej Saltykov ein, von dem sie in ihren Memoiren sagt, er sei schön wie der Tag gewesen.30 Diese Affäre währte noch, als Katharina 1754 von einem Sohn entband, der auf den Namen Paul getauft wurde und den die Kaiserin in ihre Obhut nahm. Katharina sollte nie eine enge Bindung zu ihrem Sohn entwickeln.31

Über die Vaterschaft ist viel spekuliert worden. Großfürst Peter erkannte ihn jedenfalls an und sprach in Briefen von »seinem Sohn Paul«. Sergej Saltykov hingegen wurde faktisch vom Hof verbannt, als ihm aufgetragen wurde, Pauls Geburt am schwedischen Hof anzuzeigen. Peter hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ebenfalls eine Mätresse, Elisaveta Romanovna Voroncova, mit deren jüngeren Schwester Ekaterina sich Katharina anfreundete.


Abb. 2: Anna Rosina Lisiewka, Das russische Thronfolgerpaar mit ihrem Sohn, Großfürst Paul (1756).

Katharina verbrachte die Zeit neben den Terminen des jungen und des großen Hofes vor allem mit Lektüre und ließ sich beraten, etwa 1755/1756 vom britischen Gesandten Sir Charles Hanbury Williams, der ihr Interesse an englischer Verfassung und Kultur förderte.32 Hatte sie schon in Deutschland wenn auch eher wahllos gelesen, suchte sie nun nach Lektüre, die sie auf ihre politische Aufgabe vorbereitete. Ihre Lehrer, alle Mitglieder der noch von Peter I. initiierten und 1725 gegründeten Russischen Akademie der Wissenschaften, machten ihr Vorschläge. So konnte sie in den langen Jahren ihrer Großfürstinnenzeit bis 1762 verschiedene Schichten von politisch relevanter Literatur zur Kenntnis nehmen. Dazu gehörte der gut eingeführte Bildungskanon antiker Literatur. Tacitus vor allem, so schrieb sie später, wäre eine Lektüre gewesen, die ihr den Weg öffnete für Werke, die sich mit dem Themenkreis Staat, Herrschaft und Individuum beschäftigten. Zu solchen gehörten auch Werke der älteren deutschen Staatsrechtslehre, etwa von Samuel Pufendorf, oder die Werke von dessen Zeitgenossen John Locke. Johann Heinrich Gottlob von Justis Staatswirtschaft oder systematische Abhandlung aller ökonomischen und Cameralwissenschaft, seit ihrem Erscheinen 1755 breit rezipiert, und andere seiner Werke, die in der ›guten Regierung‹ unterwiesen, standen auf ihrem Lektüreplan. Katharina wurde mit den ›Policeywissenschaften‹, wie sie in den Territorien des Heiligen Römischen Reiches und so auch in Zerbst in Herrschaft durch gute Ordnung übersetzt werden sollten, vertraut. Diese Grundlagen des Staatshandelns hatten schon Peter den Großen und seine Berater beeinflusst.33 Sie rezipierte aber auch das, was aus Frankreich kommend eine jüngere und vom konzeptuellen Zugriff her umfassendere Variante der Aufklärung darstellte, nämlich die Texte von Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu. Sein De l’esprit des lois (Vom Geist der Gesetze, Genf 1748) las sie nicht nur in ihrer Großfürstinnenzeit.34 Auch nach ihrem Herrschaftsantritt dachte sie anhand seiner auf John Locke basierenden Vorschläge zur Gewaltenteilung darüber nach, wie in Russland das institutionelle und praktische Verhältnis zwischen Gesetzgebung, Rechtsprechung und Regierungsgewalt war und sich entwickeln sollte. Und mit Blick auf das vielfältige Geflecht des kaiserlichen Hofes, der mit seinem gewaltigen Personalbestand, seinen Amtsträgern aus Verwaltung, Militär und Hofdienst auch unübersichtlich sein mochte, war doch überdeutlich, dass die Gewalten in der Kaiserin als autokratischer Herrscherin zusammenfielen. Elisabeth mochte Aufgaben delegieren und dies tat sie im Verlauf ihrer Herrschaft zunehmend, aber sie behielt alle Gewalten letztgültig in ihrer Hand. Das autokratische Bewusstsein blieb. Hier sollte sich Katharina von keiner ihrer Vorgängerinnen im 18. Jahrhundert unterscheiden.

Katharina wusste über ihre Lektüren, dass es auch alternative Modelle der Organisation von Staat und Staatsgewalt gab. Auch interessierte sie sich für die praktische Seite der Gesetzgebung. Für das Strafrecht sollte für sie – dies freilich schon als Kaiserin – Cesare Beccarias Dei delitti e delle pene (Von den Verbrechen und von den Strafen, 1764) ein Referenzwerk werden, das ihr später durch den Kommentar Voltaires (1766) vermittelt wurde. Voltaire wiederum war gleichsam Pflichtlektüre. Seine Werke und die anderer Autoren, die an der Enzyklopädie mitwirkten, standen auf ihrem Programm. Daneben studierte sie die Bände des Dictionnaire historique et critique (1694–1697) von Pierre Bayle und setzte sich intensiv mit den Werken Friedrichs II. auseinander, über den sie wohl Niccolò Machiavellis Fürsten kennenlernte.35

Sie selbst, aber auch Zeitgenossen berichteten von ihrem Lesefleiß – und sie begann zu schreiben. Auf Rat eines Bekannten noch aus Deutschland, des schwedischen Diplomaten Graf Gyllenborg, versuchte sie sich schon 1744 an einem Selbstporträt, das allerdings nicht überliefert ist. Sie begann Korrespondenzen zu führen, die nicht nur Alltägliches enthielten, sondern grundsätzliche Betrachtungen über Leben und Sein oder Staat und Gesellschaft. Vor allem Letzteres war nicht ohne Brisanz, denn sie war als Großfürstin eine politische Person und ihre Lektüre und ihr Agieren in der Lebenswelt des Hofes machten sie zu einer politischen Akteurin, die offensichtlich auf ihre Position bedacht war und bedacht sein musste.

Diese Lektüren kombinierte sie mit ganz praktischen politischen Erfahrungen. Immerhin war das Verhältnis zu ihrem Mann noch so gut, dass dieser sie 1755 bat, sich um die Angelegenheiten seines finanziell ruinierten Herzogtums Holstein zu kümmern, und sie widmete sich dieser Aufgabe gerne und intensiv.36 Regieren, dies war die Erkenntnis, die sie – im Gegensatz zu Peter – aus dieser Tätigkeit gewinnen konnte, bedeutete auch das intensive Studium von Papieren und Informationen, aufgrund derer Pläne gemacht und Entscheidungen getroffen werden konnten.

Daneben blieb Zeit für eine weitere Liebesaffäre: In der Entourage des englischen Gesandten befand sich der zwei Jahre jüngere polnische Magnatensohn Stanisław August Poniatowski, der sich in sie verliebte.37 Poniatowski, in der englischen Gesandtschaft nach St. Petersburg gekommen, war seinerseits hochgebildet und damit für Katharina ein Gesprächspartner, der ihr in mehrfacher Hinsicht all das bot, was ihr Mann ihr nicht bieten konnte und wollte. Der junge polnische Adlige war noch Jahre später fasziniert. Sie hatte eine Natur, so schrieb er in seinen Memoiren, die es ihr erlaubte, »von den allerunsinnigsten Späßen, den kindischsten Spielen in einem Moment zu arithmetischen Tafeln unerschrocken von der harten Arbeit oder den Texten«38 zu wechseln.

Im Dezember 1757 wurden Katharina und Poniatowski Eltern einer Tochter, Anna. Auch dieses Kind sollte Peter als das seine anerkennen, bevor es nach nur vier Monaten starb. Der Großfürst hielt es politisch für geboten, aus dem Verhältnis seiner Frau zu Poniatowski keinen Skandal zu machen, sorgte aber dafür, dass dieser den Hof verlassen musste. Ohnehin galt Poniatowski als Parteigänger der englischen Sache, da er im Gefolge des englischen Gesandten Charles Hanbury Williams nach St. Petersburg gekommen war, mit dem Katharina eifrig korrespondierte,39 während die Kaiserin Elisabeth ostentativ Distanz hielt. Williams’ Position wurde nach Ausbruch des Siebenjährigen Krieges nicht einfacher, und wie Poniatowski verließ er 1758 das Land. Poniatowski war über seine Verbannung vom Hofe zutiefst bestürzt und wollte, dass Katharina nun ihren Mann und Russland verließ und ihm auf seine Güter nach Polen folgte. Dies war aber offensichtlich keine Option für Katharina – sie hing an ihrer Position am Petersburger Hof und blieb. Poniatowski und Katharina blieben sich freilich auch in den kommenden Jahrzehnten verbunden.

Um diese Zeit entwickelte die Großfürstin auch ein gutes Verhältnis zum Kanzler des Russischen Reiches, Aleksej Bestužev-Rjumin, der sie offensichtlich darin ermutigte, eigene Machtoptionen auszuloten.40 Anders als ihr Mann erschien sie als eine politisch denkende und handelnde Person. Dies wurde umso interessanter, je kränker die Kaiserin Elisabeth wurde und je weniger sie in das alltägliche Regierungsgeschäft eingriff.

In den 1750er Jahren wurde die Familie der Šuvalovs bei Hofe immer einflussreicher. Um sie herum organisierte sich eine Hofpartei, die auch ein Interesse daran hatte, über die Aktivitäten des kleinen Hofes informiert zu sein. Es war ein strategischer Zug, dass Graf Andrej Šuvalov Kammerherr Katharinas wurde. Auf ihn gingen später erste europaweite Gerüchte über das zerrüttete Verhältnis des Großfürsten und der Großfürstin zurück. Šuvalov stand im Kontakt mit dem ebenso scharfzüngigen und sarkastischen James Boswell. Über diesen verbreiteten sich Gerüchte bis auf die britischen Inseln, dass Katharina Verhältnisse mit Sergej Saltykov und Poniatowski hatte und dass Peter Elisaveta Voroncova als Mätresse genommen habe.

Anders als Aleksej Razumovskij, der bei Hof populäre und innen- wie außenpolitisch neutrale langjährige Favorit Elisabeths, waren der Favorit der späten Jahre Ivan Šuvalov, vor allem aber sein Onkel Petr und der Vizekanzler Voroncov an politischer Macht ihrer eigenen Partei interessiert. Diese Gruppierung hatte ein Interesse daran, Bestužev zu stürzen, und den Anlass dafür bot der Siebenjährige Krieg. Der Großkanzler war einerseits habsburgisch orientiert, andererseits antifranzösisch eingestellt. Die französische Partei hingegen war in den ersten Jahren der Herrschaft Elisabeths stark gewesen, hatte sie doch den Staatstreich der Tochter Peters unterstützt. Ihr Leibarzt L’Estocq und der französische Gesandte, der Marquis de le Chetardie, standen für diese Hofpartei. Bestužev gelang es, diese Partei zu stürzen – le Chetardie musste das Land verlassen. Andererseits konnte er nicht verhindern, dass Russland im Renversement des Alliance 1756/57 der antipreußischen Allianz beitrat,41 zu verlockend erschien dem Petersburger Hof die Aussicht auf Gebietsgewinne im Westen im Falle eines Krieges gegen Preußen. Insbesondere hatte Elisabeth Semgallen und das Herzogtum Kurland in den Blick genommen, das bereits faktisch unter russischem Protektorat stand.

Bestužev war auf die antipreußische Linie eingeschwenkt, doch seine Gegner unterstellten ihm, einen Separatfrieden mit Preußen zu suchen, und sahen auch das Großfürstenpaar in seiner Gruppierung. Dafür sprachen Katharinas gute Beziehungen zum Großkanzler und die weithin bekannte Preußenliebe und Friedrich-Verehrung des Großfürsten Peter. Als nach der für Russland siegreichen Schlacht von Großjägersdorf in Ostpreußen der russische Kommandierende General Stepan Apraksin seinen Sieg nicht nutzte und statt die flüchtigen preußischen Truppen zu verfolgen, den Rückzug auf Tilsit antrat, wurden bei Hofe Gerüchte ausgestreut, er habe dies auf Geheiß des Großkanzlers und des Großfürstenpaares getan. Etwa gleichzeitig hatte die Kaiserin Elisabeth einen Schlaganfall erlitten, der die Fama nährte, Großfürst Peter oder gar seine Frau hätten die Absicht gehabt, nach dem Thron zu greifen.

Die genauen Hintergründe sind schwer zu eruieren. Bestužev jedenfalls stürzte und Michail Voroncov wurde neuer Kanzler. Katharina erschien ihre Situation so bedrohlich, dass sie zahlreiche Papiere verbrannte, von denen sie annahm, sie enthielten womöglich Kompromittierendes, weil sie politischen Inhalts waren. Dazu gehörte wohl auch ihr Selbstporträt, dass sie als Fünfzehnjährige geschrieben hatte.42

Ende des Jahres 1757 und in der ersten Jahreshälfte 1758 erwartete sie ihren Fall. Sie bat die Kaiserin vorsorglich um Verzeihung für alle Ungelegenheiten und bat darum, nach Zerbst geschickt zu werden. Folgt man ihren Memoiren, überzog Elisabeth Katharina in einer Audienz mit dem Vorwurf des Verrats. Großfürst Peter bat seine kranke Tante, in sein Herzogtum Holstein ausreisen zu dürfen. Doch nichts geschah. Elisabeth schloss ihren Neffen nicht von der Thronfolge aus, Katharina wurde allmählich wieder in Gnaden aufgenommen, nicht zuletzt wohl auch, um als ein Gegengewicht zu Peter fungieren zu können. Der General Stepan Apraksin starb noch 1757, bevor ihm der Prozess gemacht werden konnte, und die russischen Truppen agierten weiterhin erfolgreich in der antipreußischen Koalition, besetzten 1758–1763 Königsberg und 1760 sogar für drei Tage Berlin.43

Katharina verhielt sich nach dieser ihr bedrohlich erscheinenden Situation noch vorsichtiger als zuvor, um der nicht mehr vollkommen genesenden Elisabeth keinen Anlass zu geben, an ihrer Loyalität zu zweifeln. Ihr Mann Peter wurde über seine Mätresse durch den neuen Kanzler Voroncov gestützt; beide standen der einflussreichen Familie der Šuvalovs mit Distanz gegenüber, die bislang die innenpolitische Arena dominiert hatte. Petr Šuvalov war der erfolgreiche spiritus rector der Wirtschaftspolitik der Kaiserin Elisabeth, die in der Abschaffung der Binnenzölle kulminierte; Ivan Šuvalov war derjenige, der auf dem Feld von Kultur, Wissenschaft und Kunst der Herrschaft Elisabeths zu bleibendem Erfolg verhalf. Er kuratierte die 1755 gegründete Universität Moskau und stand Pate bei der Gründung der Akademie der Künste, die erfolgreich einheimischen Nachwuchs in bildenden Künsten und der Architektur hervorbringen sollte.44

Die dominante Position dieser Familie bezog sich aber auch zunehmend auf den Bereich der Außenpolitik. Dies führte zu Allianzen, in denen Katharina, soweit erkennbar, trotz ihrer Vorsicht eine viel stärkere Position einnahm als ihr Mann. Die Großfürstin erwies sich im Stillen als eine ausgezeichnete Netzwerkerin. Ihre Befolgung der Gebote der Orthodoxie sicherte ihr das Vertrauen der Kirchenhierarchen. Wie die Kaiserin Elisabeth in ihrer Großfürstinnenzeit, knüpfte sie beste Kontakte zu den Garderegimentern, jenen Einheiten, die gewissermaßen aus den Spielzeugtruppen Peters des Großen hervorgegangen waren und die nach seinem Tode bei Thronrevolten eine Schlüsselrolle gespielt hatten. Ende des Jahres 1761 lernte sie Grigorij Orlov kennen, einen Gardeoffizier aus bester Familie, der ihr neuer Favorit wurde und mit seinen Brüdern die Unterstützung der Garden organisierte.

So galt vor dem Hintergrund der schwindenden Kräfte Elisabeths Großfürstin Katharina als Alternative zu Peter. Zwar divergierten die Meinungen – manche wie der Erzieher des Großfürsten Paul, Nikita Panin,45 sahen Katharina in der Position einer Regentin für ihren Sohn, andere sahen Katharina in einer noch abgeschwächteren Position als Vorsitzende eines Regentschaftsrates. Eine solche Konstellation erinnerte an die politische Situation, in der sich Elisabeth seinerzeit an die Macht geputscht hatte. Dritte sahen sie aber auch als Herrscherin des Russischen Imperiums.

In jedem Fall hatte Katharina ihre 18-jährige Großfürstinnenzeit, die sie in der Rückschau als eine Zeit der Langeweile beschrieb, als eine lange Schule mit Höhen und Tiefen durchlebt – nicht nur im Verhältnis zu ihrem Mann und der Kaiserin. Sie hatte gelernt, nicht nur aus Büchern zu lernen, sondern auch, wie sie Menschen unterschiedlichen Ranges in ihr Netzwerk einbinden konnte. Und sie hatte ein politisches Sensorium ausgebildet, das sie Situationen einschätzen ließ.46 Dies unterschied sie von Großfürst Peter.

Gattensturz und Krönung

Elisabeth starb am 25. Dezember 1761 (5. Januar 1762) im Alter von 52 Jahren nach 20-jähriger Herrschaft.1 Ihr Reich befand sich außenpolitisch in einem kostspieligen Krieg, Elisabeth selbst hatte auf großem Fuße gelebt, Hofhaltung und Baupolitik als Währungen der symbolischen Kommunikation hatte sie sich einiges kosten lassen. So starb sie im Aničkov-Palast an der Fontanka, ohne dass ihr Stararchitekt Rastrelli den Innenausbau des (vierten) Winterpalastes an der Neva, den sie im Stil des Barocks hatte bauen lassen, vollenden konnte.2

Dies konnte symbolisch verstanden werden. Zwar hatte die Tochter Peters mit Hilfe ihrer kompetenten Berater die Reformen ihres Vaters gefestigt und fortgeführt, aber der Wandel war doch Stückwerk geblieben und der Siebenjährige Krieg belastete die Staatsfinanzen. Die Kaiserin selbst hatte sich zunehmend von der alltäglichen Regierung zurückgezogen, sich mit der Orthodoxie und Zerstreuung beschäftigt. Aufmerksam blieb Elisabeth, wenn es um Fragen der Nachfolge und des eigenen Machterhalts ging. Nach einer Verschwörung 1743 gleich am Beginn ihrer Herrschaft wich die Furcht vor einem Sturz nicht mehr; dies mag auch die Vorwürfe erklären, mit denen sie das Thronfolgerpaar der Verschwörung im Siebenjährigen Krieg bezichtigt hatte.

Großfürst Peter und Großfürstin Katharina waren am Sterbebett der Kaiserin. Nur wenige Stunden nach ihrem Tod nahm Peter, nun Kaiser Peter III., die Eidesleistungen der Ränge des Hofes, der Administration und des Militärs entgegen, ohne dass es zu Zwischenfällen kam. Sein Erzieher Jacob von Stählin wollte dies später als Akzeptanz gedeutet wissen. Ekaterina Voroncova-Daškova,3 eine Schwester der Mätresse Peters, zugleich aber Vertraute Katharinas, meinte sich in ihren 1804 erschienenen Memoiren an versteinerte Minen bei den Soldaten des Semjonovskij- und des Izmailovskij-Garderegiments zu erinnern. Offenen Protest gab es jedoch keinen.4

Das Thronmanifest Peters III. aber konnte Katharina zu denken geben. Peter betonte, seiner verstorbenen Tante nacheifern zu wollen, vor allem aber »in allen Stücken in die Fußstapfen des weisen Monarchen, Unseres Großvaters Peter des Großen zu treten«.5 War diese Formel mehr, als die Konvention verlangte, da sich alle Herrscherinnen und Herrscher seit dessen Tod 1725 auf ihn bezogen hatten? Jedenfalls erwähnte Peter III. in seinem Manifest weder seine Frau Katharina noch den Sohn Paul.

Schon mehrfach ist angeklungen, dass Katharina ihren Mann in ihren Memoiren als einen infantilen, zur Trunksucht neigenden Menschen darstellte, der kein Interesse an ihr hatte und der sich ihr gegenüber abweisend verhielt. Ihre Erzählung über ihren Gatten sollte den neuen Kaiser regierungsunfähig erscheinen lassen. Schon die Zeitgenossen wunderten sich über Peter III., über seine Verletzung der Konvention, etwa über sein ungebührliches Verhalten bei der Überführung der Leiche seiner Tante, der verstorbenen Kaiserin, am 25. Januar 1762 in die Grablege der Romanovs in der Peter-und-Paul-Kathedrale in der gleichnamigen Festung: Durch Stoppen und schnelles Voraneilen ließ er den Trauerzug immer wieder auflaufen – denn der Kaiser gab die Geschwindigkeit der Prozession vor. Solche und andere Merkwürdigkeiten mochten je nach Standpunkt ungebührlich, närrisch oder parodistisch ausgelegt werden. In der jüngeren Geschichtsschreibung hat man Konventionsverletzungen Peters I. als eine bewusste Veränderung von Handlungsspielräumen interpretiert.6 Ob Peter III. ähnliches im Sinn hatte, ist schwer zu sagen; die Zeitgenossen deuteten seine Herrschaft, die nur wenige Monate andauerte, jedenfalls nicht so.

Die von ihm angeordneten Maßnahmen lassen aber keineswegs auf eine Regierungsunfähigkeit schließen. Die Herrschaft Peters III. war in ihrer Politik durchaus nicht so irrational, wie es Katharina ihren Korrespondenzpartnern und in ihrer Autobiografie späterhin hatte glauben machen wollen.7 Bei gleichzeitiger Heranziehung der Šuvalovs wie der Voroncovs vermochte er zu Beginn seiner Herrschaft durchaus verschiedene Hofparteien gegeneinander auszuspielen und sich eine eigene Position auszubauen, in der er sich freilich auf holsteinische Ratgeber stützte, die den russischen ruling families8 als fremd und homines novi galten.

Peter III. schaffte die Geheimkanzlei Elisabeths ab, aus der heraus die Kaiserin mögliche Gegner hatte verfolgen lassen. Sie hatte zwar in ihrer Regierungszeit kein Todesurteil vollstrecken lassen, was durchaus zu ihrem Nimbus unter den Untertanen beigetragen hatte. Dies hatte sie aber nicht daran gehindert, Gegner – etwa gestürzte Favoriten und Höflinge ihrer Vorgängerinnen – in die Verbannung zu schicken. Die Abschaffung der Geheimkanzlei schien den Höflingen Sicherheit zu bieten.

Mit dem Manifest vom 18. Februar 1762 verfügte der neue Kaiser etwas, worauf der Adel lange gewartet und gehofft hatte. Er schaffte die Dienstpflicht für den männlichen Adel ab, die Peter I. eingeführt hatte. Dies sollte ihm Unterstützung sichern, und die Risiken für den Staat waren gering. Zum einen hatten die Vorgängerinnen diese Dienstpflicht schon zeitlich begrenzt und zum anderen war die ›Verwestlichung des Adels‹ so vorangeschritten, dass er zumeist der Einkünfte aus dem Dienst bedurfte, um einen angemessenen Lebenswandel zu finanzieren.9 Zugleich setzte Peter das um, was in einer Gesetzkommission seiner Tante Elisabeth seit 1754 vorgedacht worden war.10 Ohne Dienst gab es keine Hofnähe und die war im Kampf um Macht und Einfluss elementar. Dieses vermeintliche Zugeständnis kostete also wenig, und Katharina sollte hieran nichts ändern.

Folgenreicher war sein Verhältnis zur orthodoxen Kirche. Nicht nur sein Verhalten bei Tod und Beerdigung seiner Tante galten als Verstöße gegen orthodoxe Konventionen, die Katharina tunlichst vermied. In ihren Memoiren unterstellte sie ihm Verrat am rechten Glauben, woraus die Unmöglichkeit seiner Herrschaft auf dem Thron folgte. Der Herrscher auf dem Thron Russlands musste orthodox sein. Jede Andeutung, der Herrscher wolle konvertieren, wie etwa in der Zeit der Smuta an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, als man dem ›falschen‹ Zar Dmitrij unterstellte, katholisch zu sein und das Moskauer Reich dem Katholizismus zuführen zu wollen, führte zu seinem Fall. Katharina nutzte nun die Gelegenheit, Peters Verhalten gegenüber der Religion in diese Richtung interpretiert zu sehen. Die Konsekration einer lutherischen Kirche in Oranienbaum wollte sie damals wie später als einen Anschlag auf die Ikonen und überhaupt die Orthodoxie verstanden wissen. Plante Peter seine Rekonversion?11

Dafür gibt es keine konkreten Hinweise, auch wenn er der Freimaurerei positiv gegenüberstand, den Katholizismus tolerierte und den Protestantismus förderte. Von religiöser Toleranz war im Zeitalter der Aufklärung auch unter Herrschern vielfach die Rede, wenngleich hierunter ganz unterschiedliche Dinge gefasst wurden. Friedrich der Große war hier erneut das Vorbild für Peter III. Auch Katharina folgte diesem Prinzip, freilich ohne die orthodoxe Geistlichkeit derart offensichtlich zu verprellen. Schlimmer noch als seine wohlwollende Haltung gegenüber den Lutheranern und Katholiken war in den Augen seiner Gegner ein Ukaz (Erlass), der die Altgläubigen betraf. Diese millionenstarke Gruppe war im Moskauer Reich des 17. Jahrhunderts durch die Kirchenreformen des Patriarchen Nikon entstanden und hatte zu einer Spaltung der Orthodoxie geführt, die über die bisher gekannten Sektenbildungen hinausging. Die Altgläubigen waren seitdem als Häretiker verfolgt worden, und auch Peter der Große, der sonst die verschiedenen Konfessionen und Religionen toleriert hatte, hatte sie gnadenlos verfolgen lassen.12 Am 29. Januar 1762 nun gab Peter III. bekannt, die Altgläubigen tolerieren zu wollen,13 und brachte damit den Klerus, an der Spitze Arsenij, den Metropoliten von Rostov, gegen sich auf.

Dieser Unmut steigerte sich, als der Kaiser im März anordnete, man solle den Klerus überwachen, ob er sich auch um die Schwachen und Bedürftigen kümmere. Der utilitaristische Blick auf die Funktion der Kirche, dem seines Großvaters nicht unähnlich, war ein Charakteristikum des Zeitalters, in dem die Aufklärung andernorts die geistlichen Fürstentümer und ihre Reichtümer oder die Jesuiten unter Beschuss nahm. Peter III. ging jedoch noch einen Schritt weiter. Diesen allgemeinen Antiklerikalismus aufgreifend wollte er die Geistlichkeit auf das verweisen, was ihr zukam: die geistliche Sorge um die Gläubigen – und dazu war materieller Besitz nicht nötig. Peter der Große hatte bereits ein Klosteramt gegründet, das die Einkünfte der Klöster hatte besteuern und damit für den Staat nutzbar machen sollen. Peter III. hatte nun vor, nach dem Kirchenland zu greifen und die Säkularisierung des Besitzes zu betreiben – Forderungen, die auch andernorts in Europa auf der Tagesordnung standen und die der Unterordnung der Kirche als synodale Behörde unter den Staat entsprach.14 Am 21. März 1762 befahl er die faktische Säkularisierung der Kirchenländereien durch ein neu eingerichtetes ›Ökonomiekollegium‹ und machte die Kirchenbauern damit zu Staatsbauern.15 Dass Katharina diesen Maßnahmen positiv gegenübergestanden haben muss, wird aus der Fortsetzung der Maßnahmen nach dem Sturz ihres Mannes deutlich.

Millionen von Kirchenbauern wurden zu Staatsbauern und dies war eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, denn was nun wegfiel, war der Frondienst: Staatsbauern leisteten nur einen Zins an den Staat. Damit rief Peter III. Erwartungshaltungen bei den Bauern hervor, die sich aus seinem Adelsmanifest ableiteten. Wenn, so die Erwartung vieler Gutsbauern im adligen Besitz, der Dienst für den Adel aufgehoben wurde, sei auch eine Dienstverpflichtung für die Bauern nicht mehr gegeben – die Folge musste eine Gleichstellung mit den Staatsbauern oder aber eine generelle Aufhebung der Leibeigenschaft sein. Wenn Peter III. solches im Sinn gehabt hatte, ist es nicht überliefert. Die Erwartungen aber waren geweckt und mit ihnen sollte Katharina sich in ihrer Herrschaft auseinanderzusetzen haben.

In der Außenpolitik entschied sich Peter III. dazu, den Krieg gegen Preußen zu beenden und aus der antipreußisch-englischen Koalition auszuscheiden. Später wurde Peter mit diesem Schritt ein großer Anteil am »Mirakel des Hauses Brandenburg« zugeschrieben, das Friedrich den Thron und Preußen als Großmacht gerettet habe. Gesandte, wie etwa der britische, berichteten, dass es bei Hofe eine Stimmung gegeben habe, der neue Kaiser habe die russischen Gewinne leichtfertig verspielt. Doch Peter handelte durchaus rationaler, als es seine Gegner und später Katharina darstellten. Der Krieg zehrte die russischen Staatsfinanzen aus, die russischen Truppen waren nicht mehr motiviert, nach fünf Jahren fern der Heimat weiterzukämpfen. Auch hatte Kanzler Michail Voroncov schon 1760 in einem Memorandum dargelegt, dass er der Auffassung sei, es habe keinen Zweck, sich in den neueroberten Gebieten, etwa in Ostpreußen, dauerhaft einzurichten. Sie würden im Friedensfalle aufgegeben werden müssen.16 So entsprach der Frieden, den Peter im April 1762 schließen ließ und der am 16. Juni in ein förmliches Bündnis mit Preußen mündete, einer Konsequenz im Handeln. Peter war bereits aus Anlass seiner Thronbesteigung von dem russischen Universalgelehrten Michail Lomonosov mit Oden geehrt worden, die der Konvention der Zeit in der Form zwar entsprachen, aber in der Sache durchaus den Kern trafen: Nach den Jahren des Krieges wünschte man sich Frieden und artikulierte dies auch.17

Kritisch gesehen wurde freilich die ostentative Verehrung für Friedrich den Großen, die Peter III. an den Tag legte und die den Eindruck der unselbstständigen Politik hinterließen. Als Peter III. dann anordnete, Uniformröcke einzuführen, die als ›preußisch‹ wahrgenommen wurden (obwohl sie denen, die durch Peter den Großen eingeführt worden waren, ähnelten), verspielte er weiteren Kredit. Als sich schließlich für die Eliten und auch die Soldaten der Eindruck ergab, Peter III. habe den Frieden mit dem verehrten Friedrich nur geschlossen, um die russischen Truppen in einen Krieg gegen das noch fernere Dänemark zu führen und damit die teilweise Besetzung seines Herzogtums Holstein zu beenden,18 konterkarierte er den Friedenswunsch der Gesellschaft. Auch wenn argumentiert worden ist, Peter habe sich in diesem Fall nicht anders verhalten als die englischen Könige aus dem Welfenhause in ihrer prohannoverschen Politik, war man in St. Petersburg doch enttäuscht.

Diese gemischte Einschätzung der ersten Monate der Herrschaft Peters III. erklärt seinen Sturz jedoch nicht allein. Er erklärt sich vielmehr aus der Entschlossenheit und dem kommunikativen Geschick Katharinas. Sie sah sich persönlich gefährdet und rechnete bestenfalls damit, Russland verlassen zu müssen und in relativer Bedeutungslosigkeit zu versinken. Schlimmstenfalls sah sie sich Verbannung und Inhaftierung gegenüber – das Schicksal des entthronten Ivans V. oder anderer hoher Würdenträger, wie Burckhard Christoph von Münnich, jenes Feldherrn und Staatsmanns der Herrschaft Annas, der in der Regierung Elisabeths nach Sibirien verbannt worden war und nun nach seiner Rückkehr einer der wenigen Parteigänger ihres Mannes Peter war,19 musste ihr vor Augen stehen.

Die Nichterwähnung in Peters Thronmanifest war ein erster Fingerzeig. Dass der Kaiser beabsichtigte, sich von ihr zu trennen, wurde offensichtlich, als er auf einem Bankett am 9. Juni aus Anlass der Ratifizierung des Friedensvertrages mit Preußen einen Toast auf die kaiserliche Familie ausbrachte und Katharina ostentativ aufforderte, ebenfalls in den Toast einzustimmen. Katharina, so erinnerte sie sich später, hatte dies für nicht angebracht gehalten, da sie ja Mitglied der kaiserlichen Familie gewesen sei. Peter beschimpfte sie daraufhin vor der gesamten Festversammlung. Ein subjektives Bedrohungsgefühl, folgt man ihren Erinnerungen, sei da gewesen: Seit Anfang Juni 1762 begannen Gerüchte zu kursieren, ihr Mann wolle sie ins Kloster schicken – wie Peter I. seinerzeit seine erste Gattin Evdokija Lopuchina.

Die Kaiserin war nicht untätig gewesen und hatte ihre Netzwerke weitergepflegt, zu den Hofparteien, den Spitzen der Streitkräfte, den Hierarchen der orthodoxen Kirche und vor allem auch zu den Garderegimentern, die die militärische Macht in der Hauptstadt darstellten. Sie konnten sie als Person schützen und gegebenenfalls Umsturzpläne ins Werk setzen. Diese Umsturzpläne existierten schon, bevor Peter III. die Nachfolge seiner Tante angetreten hatte. Bereits vor deren Tod war Katharina zu der Überzeugung gelangt, dass Peter III. sie à la longue durch seine Mätresse Elisaveta Voroncova ersetzen würde, und sein Verhalten legte nahe, dass dieser Tag für Katharina bald kommen konnte.

Der französische Gesandte Breteuil berichtete, Peter habe seine Frau »mit der ausgezeichnetsten Verachtung« behandelt, während sie noch immer »mit auffallender Genauigkeit […] die Feste, Fasten, Speiseregeln und dergleichen, alles Dinge, die der Kaiser leichthin behandelt, obwohl sie in Russland nicht gleichgültig sind«, beachtet habe.20

In dieser für Katharina kritischen Zeit konkretisierten sie und ihre Getreuen ihre Umsturzpläne.21 Diese mussten in Gang gesetzt werden, als einer der eingeweihten Gardeoffiziere, ein Leutnant Passek, am 27. Juni 1762 unter dem Vorwurf der Verschwörung verhaftet wurde. Peter III. hielt sich in der von ihm bevorzugten Sommerresidenz Oranienbaum auf, während Katharina selbst in Peterhof am Finnischen Meerbusen residierte. Aleksej Orlov, der jüngere Bruder ihres Favoriten Grigorij, ritt in der Nacht aus der Hauptstadt nach Peterhof und bewog Katharina, unverzüglich in die Hauptstadt zu kommen, um ihren Mann zu entthronen und sich zur Kaiserin ausrufen zu lassen: »Es ist Zeit aufzustehen, alles ist bereit, Euch auszurufen.«22

Der Plan, wiewohl hektisch umgesetzt, ging auf. Am frühen Morgen erreichte Katharina die Stadtgrenze St. Petersburgs, wo sie von begeisterten Gardesoldaten zu Fuß und zu Pferd empfangen wurde. Peter III., der am Abend zuvor im Kreis seiner Getreuen, unter ihnen Münnich und Jakob von Stählin, getafelt hatte und auch seine Frau einbestellen ließ, hatte Soldaten nach Peterhof geschickt, um Katharina holen und womöglich verhaften zu lassen.

Katharina war aber bereits in der Hauptstadt.23 Die Gardesoldaten hatten sich der von Peter III. verordneten Uniformen entledigt und trugen ihre alten Röcke. Katharina selbst ritt in der Uniform eines Obersten des Preobraženskij Garderegiments in die Stadt ein und folgte damit fast schon der Tradition: Auch Elisabeth hatte sich in Oberstuniform an der Spitze der Garden auf den Thron geputscht. Es war gewollte symbolische Kommunikation und die Betonung einer unterbrochenen Kontinuität, dass sich auch Katharina in Gardeuniform in einem Staatsgemälde von Vigilius Eriksen malen ließ – wie die Kaiserin Elisabeth.


Abb. 3: Vigilius Eriksen (1722–1782), Katharina II. in Gardeuniform zu Pferde (1771).

Die Soldaten des Preobraženskij, Izmailovskij und Semenovskij Garderegiments geleiteten sie zur Kirche der Heiligen Gottesmutter von Kazan, deren Nachfolgebau heute am Nevskij Prospekt steht. Das Netzwerken hatte funktioniert. Der Erzbischof von Novgorod hatte sich eingefunden, um seinen Segen zu geben. Zahlreiche weltliche Würdenträger stimmten ein, als Katharina zur Kaiserin des Russischen Reiches und ihr eilig herbeigebrachter Sohn Paul zum Thronfolger ausgerufen wurde. Sodann zog Katharina weiter zum Winterpalast, wo Senat und Synod, also die Vertreter der höchsten weltlichen und der höchsten geistlichen Behörde den Treueeid ablegten. Danach zeigten sich Katharina und ihr Sohn Paul dem auf dem Schlossplatz zusammengekommenen Volk.

Schließlich wurde den Untertanen des Russischen Reiches folgendes Manifest vom 28. Juni 1762 zunächst in den Kirchen und öffentlichen Plätzen der Hauptstadt St. Petersburgs bekanntgegeben:

»Wir von Gottes Gnaden Katharina die Zweite, Kaiserin und Selbstherrscherin aller Reußen etc. Allen wahren Söhnen Rußlands hat die große Gefahr in die Augen geleuchtet, womit das Russische Reich bedroht worden. Zuerst ist der Grund unserer orthodoxen Griechischen Religion erschüttert worden, und ihre Satzungen sind in einem gänzlichen Umsturze nahe gewesen, so daß man auf das äußerste hat befürchten müssen, den von alters her in Rußland herrschenden echten Glauben verändert und eine fremde Religion eingeführt zu sehen. Zweitens ist die Staatsehre von Rußland, die mit dem Verlust so vielen Blutes durch seine Siege zur höchsten Stufe gebracht worden war, durch einen neuerlich geschlossenen Frieden mit unserem ärgsten Feinde schon wirklich unter die Füße getreten und zugleich die innere Verfassung, auf welche das Wohl und die Grundfeste unseres Vaterlandes beruhet, völlig über den Haufen geworfen worden. Durch diese alle unsere getreuen Untertanen vorgestandene Gefahr sind wir endlich durchdrungen worden, zu Gott und zu seiner Gerechtigkeit Unsere Zuflucht zu nehmen, und da wir das offenbare und ungeheuchelte Verlangen aller Unserer getreuen Untertanen wahrgenommen, so haben wir unseren souveränen Kaiserlichen Thron bestiegen und darüber von allen Unseren getreuen Untertanen die Eidesleistung empfangen.«24

Dieses länger vorbereitete Manifest, das Katharina mutmaßlich zusammen mit dem späteren Sekretär Grigorij Teplov verfasst hatte,25 spielte geschickt mit all jenen Vorwürfen, die Peter III. gemacht wurden, und zeigte als einzigen Ausweg die Herrschaftsergreifung der Kaiserin Katharina. Weitere Manifeste, die diesen Grundtenor variieren sollten, folgten und zielten darauf ab, Katharinas Vorgehen im Inneren Russlands, aber auch vor den europäischen Mächten zu begründen.

In dieser Situation der Palastrevolution erstaunt die Reaktion Peters III. Er war offenbar nicht bereit, um seinen Thron zu kämpfen. Auf Anraten seiner wenigen verbliebenen Unterstützer, etwa des aus der Verbannung zurückgekehrten Münnich, ließ er nach Kronstadt, der Inselfestung und Marinebasis vor den Toren St. Petersburgs, Schiffe schicken, in einem letzten Versuch, die Flotte auf seine Seite zu bringen und vor der Neva-Mündung aufziehen zu lassen. Die Flotte in Kronstadt war aber ebenfalls bereits zu Katharina übergelaufen und Peter III. ließ sich ohne weitere Gegenmaßnahmen von Aleksej Orlov gefangen nehmen. In Briefen bat er seine Frau, ihn nach Holstein ausreisen zu lassen. Dies verweigerte sie ihm, da sie fürchten musste, Peter III. würde als abgedankter Kaiser und Herzog von Holstein schon als Person die Illegitimität ihres Handelns verkörpern. Peter entsagte offensichtlich ohne größeren Widerstand dem Thron in einem Manifest, das Katharina schnell verbreiten ließ:

»Während meiner kurzen Herrschaft in Russland hat mich die Erfahrung gelehrt, dass meine Fähigkeiten der Aufgabe nicht entsprachen. Dass ich nicht geeignet war, als Autokrat zu regieren, auch von jeder anderen Position hätte ich den russischen Staat nicht regieren können. Und so wurde mir sogar bewusst, dass Veränderungen, die ich vorgenommen hatte, den Staat in den kompletten Ruin und ewige Verdammnis hätten führen können.«26

Der entthronte Kaiser wurde in Ropscha, einem kleineren Landsitz in der Nähe von Peterhof interniert und von Aleksej Orlov bewacht. Von dort aus erreichten Katharina, die wohl plante, ihn wie Ivan VI. in der Festung Schlüsselburg zu inhaftieren, am 6. Juli drei Briefe von Aleksej Orlov. In ihnen schilderte dieser zerknirscht, dass es zu einem Handgemenge gekommen sei, in dem Peter III. getötet worden sei. Er und seine Mitstreiter würden die Bestrafung der Kaiserin erwarten. In jüngster Zeit ist einmal mehr der Inhalt und überhaupt die Echtheit jenes Briefes, in dem dieses Handgemenge explizit geschildert wird, bestritten worden. In der Tat liegt er nur in einer Kopie Fedor Rostopčins vom Beginn des 19. Jahrhunderts vor. Die Gerüchte um einen natürlichen Tod durch eine Herzinsuffizienz infolge eines maßlosen Lebenswandels konkurrieren somit bis heute mit der Annahme eines unabsichtlichen Totschlags oder Mordes.27

Katharina selbst konnte zwar kaum mit einem Mord in Verbindung gebracht werden wollen, der Tod ihres Gatten kam ihr aber gelegen und sie bestrafte Aleksej Orlov nicht. Im Gegenteil, sie zeigte sich gegenüber ihren Parteigängern großzügig. Die Brüder Orlov, aber auch Nikita Panin und Ekaterina Daškova, die sich rühmte, den Umsturz organisiert zu haben, erhielten üppige Geldgeschenke und Pensionen. Weitere Offiziere der Garden wurden ebenfalls beschenkt, unter ihnen der junge Leutnant Grigorij Potemkin, der später im Leben der Kaiserin eine bedeutende Rolle spielen sollte.28

Hatte Katharina den Mord an ihrem Gatten selbst befohlen? Der Verdacht wurde erst nach ihrem Tod öffentlich geäußert, und bis heute ist die Frage ungeklärt. Gegenüber Stanisław August Poniatowski jedenfalls zeigte sich Katharina überrascht von Peters Tod, und als sie selbst starb, hatte sie den Brief Aleksej Orlovs so aufbewahrt, dass er von ihrem Sohn Paul unschwer gefunden werden konnte. Peter III. wurde im Aleksandr-Nevskij-Kloster in St. Petersburg beigesetzt, einem Kloster von herausragender Bedeutung, aber nicht in der Peter-und-Paul-Kathedrale in der Peter-und-Paul-Festung, in der alle Kaiser und Kaiserinnen seit Peter I. ruhten. Katharina blieb der Beisetzung fern.

Zeitgenössisch wurden eher Mutmaßungen darüber angestellt, ob Katharina eine Marionette von Favoriten und Hofparteien werden würde. Die neue Kaiserin zeigte jedoch sofort an, dass sie selbst regieren wollte und ihre Herrschaft weder durch einen institutionalisierten Rat noch den Senat begrenzen lassen wollte. Einer Regentschaftsregierung für ihren Sohn Paul, wie von seinem Erzieher Nikita Panin und anderen favorisiert, hatte sie ohnehin schon zuvor eine Absage erteilt.29

Für Katharina war, nachdem sie ihren Ehemann Peter III. vom Thron gestoßen hatte, eine zügige Krönung für ihre Machtposition von besonderer Bedeutung. Peter hatte noch nicht einmal mit den Planungen begonnen, obwohl sein Vorbild Friedrich II. dringend dazu geraten hatte, um seine Position zu festigen. Katharina war sich des symbolischen Wertes dieser Zeremonie sehr wohl bewusst und wählte einen Mittelweg zwischen Prachtentfaltung und Bescheidenheitsgestus. Einerseits sollten die geplanten Feierlichkeiten bei Weitem nicht so aufwendig gestaltet werden, wie die Krönung der Kaiserin Elisabeth, die alles bis zu diesem Zeitpunkt in Russland Gekannte in den Schatten gestellt hatte.30 Anderseits dachte Katharina auch in den Kategorien von Geltung und Prestige. Ihre Legitimität sollte den Untertanen und den vertretenen europäischen Höfen über das Zeremoniell kommuniziert werden. So wurden 50.000 Goldrubel für die Herstellung der Krone bereitgestellt. Aus einem Pfund Gold, 20 Pfund Silber, vier Hermelinfellen und purpurnen Stoffen wurde der Krönungsmantel gefertigt. In den Schatzkammern forschte man nach dem Reichsapfel; vergeblich, er musste neu gefertigt werden. Schließlich wies Katharina II. aus ihrer eigenen Schatulle 600.000 Rubel an, die während der Krönungsfeierlichkeiten altem Brauch folgend in die Menge geworfen werden sollten. Zwar sollte, so die Kaiserin, die Krönung nicht nur in Moskau, sondern in ganz Russland für Aufsehen sorgen, anderseits wollte sie den Eindruck der Prunksucht vermeiden, um die Erwartung einer Regierung zum Wohl des Volkes zu verstärken. Dies entsprach vor allem Katharinas prekärer Situation als Usurpatorin. Ihr ging es darum, Prachtentfaltung mit der Symbolik der Aufklärung und der Tradition zusammenzuführen, wie sie vor allem der Krönungsort symbolisierte.31

Im September 1762 erfolgte die Krönung mit all jenen Elementen, die die Tradition gebot und die sich nur geringfügig variieren ließen. Auch im Zeitalter der Aufklärung waren die tiefe sakrale Bedeutung und die rituelle Übertragung der Insignien, die Erteilung des göttlichen Segens an die Herrscherin durch die Salbung und das Sakrament des Abendmahls während der feierlichen Liturgie Kern der Herrschaftsübertragung und der Legitimation.

An jenem Sonntagmorgen kündigten Pauken und Trompeten den Beginn der Zeremonie an.32 Das Militär war auf dem Kathedralenplatz des Kremls angetreten. Schaulustige füllten nicht nur den Platz und die Tribünen, sondern auch die Dächer der Häuser und Klöster der Kremlanlage. Katharina erschien am Tor des alten Kremlpalastes und schritt unter Glockengeläut und Ehrensalven die Paradetreppe herab. In der Vorhalle der Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale erwartete sie die hohe Geistlichkeit des Reiches. Unter dem Gesang des Psalmes »Gnade und Gericht, singe ich Dir, oh Herr« betrat sie den Innenraum der Kathedrale, »verrichtete vor den Ikonen ihre Andacht« und stellte sich auf den erhöhten Podest, auf dem der edelsteinverzierte ›persische Thron‹ aufgestellt worden war, und verlas das Glaubensbekenntnis.

Die Krone, die ihr auf einem goldenen Kissen vom Novgoroder Erzbischof gebracht wurde, setzte sie sich selbst aufs Haupt. Im Moment der Krönung schossen die Kanonen auf dem Roten Platz Ehrensalut. Katharina verlas ein Dankgebet und begab sich danach in vollem Ornat aus der Krönungskathedrale in die übrigen Kathedralen des Kremlplatzes. Auf ihrem Umzug über den Platz wurden die bereitgestellten 600.000 Goldrubel in die jubelnde Menge geworfen.


Abb. 4: Stefano Torelli, Krönung Katharinas der Großen in der Himmelfahrtskathedrale des Moskauer Kreml (1762).

Damit war der Krönungstag allerdings keineswegs beendet. Im Audienzsaal zeichnete sie mehrere Personen mit Orden und Ehrenzeichen aus, die sich beim Umsturz und der Ausrichtung der Krönungsfeierlichkeiten große Verdienste erworben hatten, schließlich erfolgte ein Mittagsmahl im Facettenpalast. Allein und auf dem Thron sitzend eröffnete sie das Essen, während die hohen Würdenträger des Reiches ihr stehend Ehre bezeugten und erst auf ihr Geheiß zu tafeln begannen. Der Tag der Krönung wurde beschlossen mit einer festlichen Illumination des Kremls, insbesondere des Glockenturms ›Ivan Velikij‹. Gegen Mitternacht zeigte sich die gekrönte Kaiserin noch einmal auf der Paradetreppe des Kremlpalastes, um im Lichterglanz die Huldigungen des noch immer versammelten Volkes entgegenzunehmen.

In der folgenden Woche reihte sich eine Festlichkeit an die andere: Am Montag wurden die weniger bedeutenden Höflinge im Facettenpalast empfangen, das diplomatische Korps brachte seine Glückwünsche dar und die Kaiserin demonstrierte ihre Volkstümlichkeit, indem sie auf dem Kathedralenplatz ein Volksfest ausrichten ließ. Ochsen drehten sich am Spieß, roter und weißer Wein sprudelte aus eigens errichteten Fontänen und mehrfach zeigte sich die Kaiserin dem Volk. Am Dienstag folgte der Empfang des russischen und deutschbaltischen Adels sowie der Gardeoffiziere, ihrer loyalen Parteigänger.

Am Donnerstag empfing sie Deputierte der 1755 gegründeten Moskauer Universität, welche sie mit panegyrischen Oden bereits zu diesem Zeitpunkt als weiseste Mutter des Vaterlandes verherrlichten. Schmeichelei und die Formulierung von Erwartungen an ihre Herrschaft gingen hier Hand in Hand. Abordnungen der Kaufmannschaft schlossen sich an.

Am Freitag schließlich waren Vertreter der Armenier, Tataren, Kalmücken, der Kosaken von der Wolga, vom Don und vom Jaik geladen, um ihr zu huldigen. Beinahe alle gesellschaftlichen Schichten, alle Ethnien des russischen Vielvölkerreiches machten der gekrönten Kaiserin ihre Aufwartung im Facettenpalast – nur den städtischen Unterschichten und den Bauern war es nicht vergönnt, zur Kaiserin vorgelassen zu werden. Sie mussten mit dem Anblick Katharinas auf der Paradetreppe vorliebnehmen. Nach weiteren Bällen und Abendessen folgte genau eine Woche nach dem Krönungssonntag ein Abschlussfeuerwerk.

Katharinas Krönungsfeierlichkeiten können als beispielhaft für den Ausgleich von Tradition und Neuerung sowie eine perfekte Nutzung des Kremls als Bühne für politische Kommunikation gelten. Und die Kaiserin blieb zunächst in Moskau und Umgebung. Weitere Bälle und Lustbarkeiten folgten, aber auch eine Wallfahrt ins Sergej-Troice-Kloster, das seit dem 14. Jahrhundert eines der bedeutendsten Klöster der Orthodoxie war.

Katharina knüpfte unmittelbar anschließend an die Tradition der Herrscherreise an, die auch die Kaiserin Elisabeth unternommen hatte. Peter I., auf den sich beide stets bezogen, war fast permanent in seinem Reich unterwegs gewesen, freilich oft auch, um von einem Kriegsschauplatz zum anderen zu reisen. Reisen, auch religiös motivierte wie Wallfahrten, dienten nach Peter I. ausschließlich der Repräsentation und vor allem der symbolischen Kommunikation mit den Untertanen durch Herrschernähe. So hatte Elisabeth den Sommer des Jahres 1744 in der Ukraine verbracht. In Kiev hatte sie das Höhlenkloster aufgesucht, das für sie als tiefreligiöse Frau Ausgang der Orthodoxie in der mittelalterlichen Rus’ war. Katharina und ihr Mann hatten sie begleiten müssen. Im Sommer des nächsten Jahres hatte sie sich nach Reval begeben. Es war das erste Mal seit Peter dem Großen, dass sich eine russische Herrscherin in die neuerworbenen Ostseeprovinzen begab.

Katharina setzte diese Tradition der Reisen insbesondere zu Beginn ihrer Herrschaft fort und schuf somit Vertrauen in ihre Herrschaft durch Anwesenheit. 1762/63 suchte sie die alten Fürstenstädte Jaroslavl und Rostov auf und erwies damit der mittelalterlichen Rus’ ihre Reverenz, deren Traditionen sie in ihren späteren Schriften zur russischen Geschichte als protonationalen Kern herauszuarbeiten trachtete.33

1764 reiste sie nun als Kaiserin ins Baltikum, das sie bereits kannte. Die baltischen Provinzen Livland und Estland waren im Großen Nordischen Krieg, den Peter I. gegen Schweden geführt und gewonnen hatte, an das Russische Imperium gekommen. Im Frieden von Nystadt 1721 war die Sozial- und Gesellschaftsverfassung der baltischen Provinzen nicht angetastet worden. Ganz im Sinne einer frühneuzeitlichen monarchia mixta handelte es sich um eine Angliederung, in der sowohl die baltischen Ritterschaften Livlands und Estlands als auch die Städte den Fortbestand ihrer Privilegien und Rechte zugesichert bekommen hatten. Dies galt auch für Konfession und Religion. Insgesamt waren also die baltischen Provinzen grundsätzlich anders verfasst als die übrigen Territorien des Imperiums.

Katharina stand deutlich vor Augen, dass sie mit den baltischen Provinzen über Territorien herrschte, die sich ausgezeichnet als Experimentierfeld für Reformen eignen würden. Gleichzeitig sah sie, dass es sich beim Baltikum um ein »Reservoir tüchtiger Menschen« handelte,34 auf deren Mithilfe sie bei der Regierung und Reform Russlands setzte. Ihre Reise hatte also einen doppelten Zweck: Zum einen wollte sie diese Provinzen an der nordwestlichen Peripherie ihres Reiches besser kennenlernen, zum anderen wollte sie mit einer solchen Reise natürlich auch imperiale Herrschaft demonstrieren und die für sie so wichtigen Untertanengruppen einbinden.

Katharina war bereits zuvor zweimal im Baltikum gewesen: Das erste Mal hatte sie die baltischen Provinzen durchquert, als sie 1744 nach Russland gereist war. Das zweite Mal hatte sie die Kaiserin Elisabeth 1746 gemeinsam mit ihren Mann Peter begleitet. Nun kam Katharina als Herrscherin.35

Die vierwöchige Reise begann in St. Petersburg am 20. Juni 1764 und führte die Kaiserin zunächst nach Narva. Katharina nahm die gleiche Route wie 1746 mit der Kaiserin Elisabeth. Sie machte auf dem Weg Station auf den Landgütern oder in Poststationen, jeweils wurde sie von ansässigen Adligen empfangen, bevor sie am 24. Juni in Katharinental eintraf und sich am nächsten Tag per Schiff nach Reval begab. Vier Tage voller Festivitäten verbrachte Katharina in der Hauptstadt Estlands. Dann ging es weiter nach Baltischport, einen Ort, den Katharina umbenannt hatte; am 2. Juli folgte der Aufbruch nach Livland wieder über Adelsgüter, bis sie schließlich am 3. Juli in Pernau anlangte. In Riga, der Hauptstadt Livlands, traf sie am 9. Juli ein. Hier wurde sie mit Glanz und allem Aufwand empfangen. Aus den Brunnen vor dem Rigaer Rathaus sprudelte Wein statt Wasser. Stände und Bürger bemühten sich, Provinz und Stadt im besten Zustand zu präsentieren, Renovierungen von Infrastruktur und Stadtbild waren erfolgt. Von Riga aus besuchte die Herrscherin Mitau, und bevor sie dann die Rückreise aus Riga antrat, fuhr sie in Richtung Dorpat. Schließlich verließ sie am 20. Juli Livland und wurde von den Gouverneuren der Provinzen bis nach Narva begleitet, von wo aus sie mit dem Schiff nach St. Petersburg zurückfuhr, wo sie am 25. Juli 1764 eintraf.

Die vierwöchige Reise fiel just in jene Zeit, in der es zum tragischen Tod Ivans VI. in der Festung Schlüsselburg kam.36 Ivan VI. war im November 1741 als Kleinkind von Elisabeth vom Thron gestoßen worden. Sicherlich war der Häftling keine große Gefahr mehr für Katharina; aber er mochte doch als Projektionsfläche einer Opposition dienen, die nicht in die nun regierenden Netzwerke mit eingebunden war. Seine Familie, die sogenannten Braunschweiger, waren von ihm getrennt in Cholmogory interniert worden. Ivan VI. wurde 1756 nach Schlüsselburg verbracht, isoliert und stark bewacht. Konnte der entthronte Zar daher immer noch als Personifizierung alternativer Projektionen der Gegner Katharinas (und Pauls) betrachtet werden? Dieser Ivan VI., der seine Familie nie wiedersehen sollte,37 wurde am Ort seiner Gefangenschaft bei einem angeblichen Fluchtversuch ermordet, und es war sicher nicht ungünstig, dass sich Katharina in relativ großer Entfernung von ihm befand. Katharina ließ dem Mörder einen Prozess machen, der zu dessen Hinrichtung führte. Damit war nach ihrem Mann nicht nur ein zweiter potenzieller Rivale um den Thron umgekommen, sondern auch derjenige, der Wissen um die Ereignisse in Schlüsselburg hatte. Katharina hatte mit der Praxis der Kaiserin Elisabeth, keine Todesurteile zu exekutieren, gebrochen.38

Ivans Geschwister wurden zusammen mit ihren Eltern gefangen gehalten, denn nach der Thronfolgeregelung Anna Ivanovnas galten auch sie als mögliche Thronanwärter und deshalb als potenzielle Gefährdung der jeweils regierenden Zaren und Zarinnen, wenn auch in der Öffentlichkeit nichts über ihre Existenz bekannt gewesen sein dürfte. Sie wuchsen unter ständiger Bewachung auf. Erst 1780 entließ Katharina II. die Geschwister zu ihrer Tante, der Königinwitwe von Dänemark, Juliane Marie von Braunschweig, wo sie in Jütland zurückgezogen lebten.

1764 war Katharina vom Ort des Mordes weit weg und damit beschäftigt, ihre Herrschaft zu inszenieren. Herrscherreisen, wie die in die baltischen Provinzen, als Mittel politischer Repräsentation und Zurschaustellung der Macht gegenüber den eigenen Untertanen, aber auch einer europäischen Öffentlichkeit, nutzte Katharina intensiv.

Weitere sollten folgen, etwa 1767 ins Wolga-Gebiet nach Kazan, das gesellschaftlich und religiös-konfessionell einen Gegenentwurf zu den baltischen Provinzen darstellte und wo sie eine Medresse und Moschee stiftete, die im Stil des Klassizismus errichtet wurden.39

Alle russischen Herrscher begaben sich zur Krönung nach Moskau und verließen zu Wallfahrten die Hauptstädte – dass man aber das Reich so ausgedehnt bereiste, war ungewöhnlich. Höhepunkt der Reisetätigkeit Katharinas war sicher ihre berühmte Taurische Reise 1787 auf die Krim. Diese Reisen folgten jeweils einer strengen Inszenierung. Die Reise in die baltischen Provinzen ist bereits im 19. Jahrhundert von Julius von Eckardt beschrieben worden.40 Zu ihr gehörte, dass Katharina von 56 Equipagen begleitet wurde und auf den Landgütern wie auch in den Städten jeweils von den lokalen Adligen sowie Abgeordneten der Bauern begrüßt wurde. In ihrem Gefolge reisten Grigorij und Alexej Orlov, die Fürsten Naryškin und Buturlin und weitere hochrangige Höflinge. Auf Reisen wurde weiter regiert und Politik gestaltet. Im Baltikum wurde sie von Generalgouverneur George Browne empfangen. Kurz vor Riga kam ihr Peter Biron, der Erbprinz von Kurland entgegengereist. Im Rigaer Schloss selbst machte ihr der 77-jährige Herzog Ernst Johann Biron von Kurland mit seiner Gemahlin seine Aufwartung. Die Kaiserin hatte dafür gesorgt, dass er wieder in seine Herzogsrechte eingesetzt worden war, und hatte mit diesem Schritt deutlich gemacht, dass sie Kurland als ihr ureigenstes Einflussgebiet ansah, obwohl die formale Lehensabhängigkeit zu Polen noch bestand.

Katharina empfing Abordnungen der Stände, sie nahm Huldigungsreden und Huldigungsgedichte entgegen; Ansprachen und das Überreichen von Geschenken wollten kein Ende nehmen. Sie ließ sich von den adligen Ritterschaften und der städtischen Elite Bälle und Abendgesellschaften ausrichten, sprach aber auch in kleinerem Kreis mit Vertretern der Bürgerschaft und ausgewählten Personen, von denen sie sich bei ihren Reformen Rat und Hilfe versprach. Dabei machte sie deutlich, dass die ständische Verfassung und vor allem die ritterschaftliche Selbstbestimmung ein ›Verfassungsrelikt‹ sei.41 In Reval hatte sie für Aufsehen gesorgt, als sie eine Rede des deutschbaltischen Adels in russischer Sprache beantwortete und damit symbolisch verdeutlichte, dass sie das Baltikum als eine Region wie jede andere im Russischen Reich zu betrachten gedachte. In diesen Kontext gehört auch der Besuch orthodoxer Gottesdienste auf ihrer Reise, um den ansässigen Untertanen zu zeigen, dass sich die Kaiserin selbst als orthodoxe Herrscherin begriff und auch in einer protestantischen Umgebung hiervon nicht abzuweichen gedachte.42

Katharinas Reise war in ihrer politischen Inszenierung nicht erfolglos. Sie hatte ihren Untertanen vor Augen geführt, dass sie das Baltikum in das Russische Reich zu integrieren trachtete, sollte doch aus der monarchia mixta ein Territorialstaat werden. Sie hatte zugleich die wichtigsten Akteure, auf deren Zusammenarbeit sie setzte, von ihrer Politik zu überzeugen versucht. Gleichzeitig hatte sie mit ihren Reden gegenüber den baltischen Untertanen etwas von jenem Programm preisgegeben, das sie in der Folgezeit im Baltikum wie im ganzen Reich zur Diskussion zu stellen, freilich auch durchzusetzen gedachte.

Katharina hatte schon vor ihrer Reise die Überzeugung gewonnen, dass man diese Provinzen mit sanften Mitteln dazu bringen müsse, russisch zu werden.43 Ihre Reise bildete hierzu den Auftakt. Die Kaiserin machte sich mit Energie daran, diesem Ziel näherzukommen, und nahm dabei auch langfristige Planungen in den Blick. Politische Autonomie konnte in einem autokratischen Staat kaum geduldet werden, das Baltikum wurde hier von Katharina nicht anders betrachtet als beispielsweise die Ukraine oder Territorien, die durch die Teilungen Polens bzw. die Südexpansion des Reiches erst noch gewonnen werden sollten.

Im Ostseeraum ging es ihr darum, die von den Ritterschaften korporativ ausgeübten Machtbefugnisse auch vor dem Hintergrund der Rezeption der Aufklärung zu brechen. Aufgeklärte Strömungen aus der protestantischen Geistlichkeit und dem städtischen Bürgertum sekundierten ihr dahingehend, dass auch sie die Privilegien der Ritterschaft für überkommen erklärten.44 Aber auch innerhalb der Ritterschaft fanden sich unterstützende Stimmen für ihre Reformvorhaben. Insofern konnte Katharina auch hier auf eine gewisse Unterstützung hoffen.45 Die Selbstverwaltung der Städte mit ihren partizipativen Möglichkeiten der Untertanenschaft betrachtete sie hingegen mit einem gewissen Interesse im Hinblick auf eigene Reformvorhaben im Bereich des Städtewesens.

Katharina hatte 1764 auch das formal unabhängige Kurland besucht. Die Herzogsfamilie hatte ihr in Riga ihre Aufwartung gemacht, und sie selbst reiste für einen kurzen Gegenbesuch nach Mitau. Faktisch war dieses Kurland, das durch die Säkularisierung des Ordenszweiges durch den letzten Ordensmeister Gotthard Kettler 1561 entstanden war und eine glanzvolle Geschichte durchlebt hatte, im 18. Jahrhundert abhängig von der russischen Politik. Und Katharina sollte es im Fahrwasser der russischen Politik halten, auch wenn formal der König von Polen der Lehnsherr der kurländischen Herzöge war.46 Ihre Rückreise über Mitau mochte den kurländischen Herzögen verdeutlicht haben, dass die Tage dieses kleinen Staates gezählt waren, auch wenn es bis zur formalen Inkorporation noch etwa drei Jahrzehnte dauern sollte.

Erste Reformen und außenpolitische Schritte

Symbolische Kommunikation durch Reisen ging einher mit sofortigem, intensivem Regierungshandeln. Es scheint, als habe Katharina all das, was sie sich an theoretischen Grundlagen erarbeitet hatte, nun auch in Gesetzgebung umsetzen wollen. Sie war der Kaiserin Elisabeth, aber auch Maria Theresia in ihrer Belesenheit und ihrem Wissen um Recht, Ökonomie und gute Regierung um Längen voraus. Sie regierte nicht nur in den ersten Jahren mit einer eisernen Disziplin. Dies unterschied sie von ihren Vorgängerinnen, die mit fortschreitender Herrschaft Staatspapiere immer länger Staatspapiere sein ließen.

Sie wird zwar, sich selbst stilisierend, übertrieben haben, wenn sie die Einförmigkeit ihrer Tage in Arbeit für das Imperium beschrieb – auch dies geschickte symbolische Kommunikation. Aber sie liebte die Arbeit in ihrem Kabinett im Winterpalast, das Studieren von Papieren, in denen die Behörden ihr Bericht zu erstatten hatten, und die Lektüre neuerer Literatur, auch wenn sie manches für das Imperium für brandgefährlich hielt – für die Autokratie und das Russische Imperium. Jean Jacques Rousseaus »Émile« war ein solches Beispiel, dessen Verbreitung sie nach eigener Lektüre verbot.1 Herrscherliches Regieren, informiert zu sein über den Zustand des Reiches und aus diesen Informationen Anweisungen und Gesetze zur Besserung des Staates zu geben – dies sollte ihr als Usurpatorin auf dem Thron Legimitation durch Erfolg verleihen. Und mit dieser Strategie begann sie unmittelbar nach dem Sturz ihres Mannes.

Einen Tag nach dem Tod Peters III., am 7. Juli 1762, verkündete Katharina in einem Manifest, wie sie das Land zu regieren gedachte. Sie wolle

»auf gesetzlichem Wege solche staatlichen Institutionen schaffen, durch die die Regierung unseres lieben Vaterlandes ihren Lauf nehmen kann, auf dass auch in Zukunft jede Staatsbehörde ihre Grenzen und Gesetze zum Zwecke der Wahrung der guten Ordnung habe.«2

Um zum Beispiel den Erwartungen der Geistlichkeit entgegenzukommen, hob sie die von Peter III. verfügte Verstaatlichung der Kirchengüter wieder auf, obwohl diese Maßnahme ihre Sympathie gehabt hatte. Ein so bedeutender ökonomischer Komplex wie der kirchliche, vor allem der klösterliche Besitz mit seinen Millionen Kirchenbauern gehörte ihrer festen Überzeugung nach unter die Kontrolle des Staates, und so nahm sie schon im folgenden Jahr die Politik ihres Gatten in dieser Hinsicht wieder auf. Sie ließ den Kopf des Widerstandes innerhalb der Geistlichkeit 1763 des Amtes entheben: Bischof Arsenij von Rostov wurde seiner Funktion entbunden und bis zu seinem Tode 1772 in Reval inhaftiert. Ein Synodalgericht unter Leitung des Metropoliten von Novgorod hatte den Prozess geführt und zeigte den Riss, der durch die Kirche ging.3 Gegenüber Voltaire, einem erklärten Feind jeglicher Kirche, erklärte sie in einem Brief im August 1765:

»Die der Kirche untertänigen Bauern, die oft unter tyrannischer Bedrückung leiden, wozu der häufige Wechsel der Herrschaft noch beiträgt, erhoben sich am Ende der Regierung der Kaiserin Elisabeth, und auch bei meiner Thronbesteigung standen noch mehr als hunderttausend Mann unter Waffen. Das veranlasste mich […] die Verwaltung der Kirchengüter völlig neu zu ordnen.«4

Das las sich für die aufgeklärte Öffentlichkeit in Europa gut: Das Manifest vom 26. Februar 1764, mit dem die Kirchengüter erneut säkularisiert wurden, machte die Kirchenbauern zu Staatsbauern und linderte ihre Lasten, weil Frondienste entfielen und nur noch Zins zu zahlen war. Gleichzeitig sollte es den zahlreichen größeren und kleineren Bauernunruhen im Reich, nicht nur auf Kirchenland, die Spitze nehmen.5 Es schürte aber auch Erwartungen unter den Gutsbauern in Russland, dass Ähnliches auch für sie geplant sein könnte, und erregte entsprechenden Argwohn beim Adel.6

Dieser Argwohn bestand nicht zu Unrecht, denn die öffentliche Debatte war bereits eröffnet und fiel zusammen mit den Zentralisierungstendenzen katharinäischer Verwaltungspolitik: Die Regierung Katharinas II. zielte von Beginn an darauf, das wirtschaftliche Leben Russlands in Gang zu bringen und die Ausnutzung der wirtschaftlichen Reichtümer des Reiches möglichst rationell und wirksam zu organisieren. Gelehrte Vereinigungen wie die Freie Ökonomische Gesellschaft7 sollten die Debatte hierüber forcieren. Sie glaubte, hierin ganz in petrinischer Manier, dass dieses Ziel nur unter der aktiven Führung, Teilnahme und rationellen Lenkung des Staates erreicht werden könnte. Deshalb mussten alle Territorien den administrativen und sozialen Verhältnissen der zentralen Gouvernements angeglichen und alle lokalen Machtzentren St. Petersburg untergeordnet werden. Das hieß, dass man die partikularen und auf Eigenständigkeit gerichteten Tendenzen im sozialen und kulturellen Bereich bekämpfen und gegen die freie Entfaltung individueller und lokaler autonomer Kräfte angehen musste. Dies war ihre Ansage auf der Reise ins Baltikum und dies war auch ihre Politik in den Gebieten der südlichen Peripherie, in der Ukraine. Auch hier war das Ziel: Territorialisierung durch Vereinheitlichung.8

Teile der Ukraine, etwa die sogenannte Sloboda-Ukraine um die Stadt Char’kiv, waren schon seit längerer Zeit unter der Herrschaft des Russischen Reiches und in die zwar keineswegs reibungslos funktionierenden, aber doch sehr präsenten imperialen Verwaltungsinstitutionen integriert. Anders sah es in der linksufrigen Ukraine aus, die aus der Perspektive zunächst Moskaus und nun St. Petersburgs als Kleinrussland bezeichnet wurde. Kleinrussland war die Herzkammer der kosakischen Traditionen. Die Zaporoger Kosaken entlang des Dnjepr-Laufes waren im Vergleich zu anderen kosakischen Gemeinschaften etwa am Don oder am Jaik die zahlenmäßig stärkste – und unruhigste.

Auch als 1654, nach dem Aufstand ihres Hetmans Bohdan Chmiel’nickij im Akt von Perejaslav, die Anerkennung der Oberhoheit der Zaren erfolgt war – von den Kosaken als ein gegenseitiges Dienst- und Schutzverhältnis interpretiert, von den Zaren aber als eine hierarchische Unterstellung –, blieb Kleinrussland rechtlich und sozial separiert. Hier galt nicht das Gesetzbuch von 1649, sondern es galten das litauische Statut und lokale Rechtskreise. Die Kosaken in ihren Siedlungen waren nach dem Hundertschaftsprinzip organisiert und bestimmten sich abgestuft selbst. Die kosakische Oberschicht, die zunehmend über Grundbesitz verfügte und in seiner Lebensweise dem Adel immer ähnlicher wurde, hatte mit den agrarisch wirtschaftenden Unterschichten ein gemeinsames Eigenbewusstsein, das in mancherlei Hinsicht protonational genannt werden kann.9 Hetman Mazeppa, der sich im Großen Nordischen Krieg gegen Peter den Großen wandte und gemeinsam mit Karl XII. in Poltava 1709 verlor, galt für das Imperium als Verräter, in ›Kleinrussland‹ jedoch als Held. Je nach politischer Konjunktur und Gelegenheit wichen Kosaken in den Machtbereich des Osmanischen Reiches, zu den Krimtataren oder aber nach Polen-Litauen aus. Organisiert in Kosakenlinien übernahmen sie Grenzschutzfunktionen für das Imperium im Süden. Die Leibeigenschaft existierte in der Form von Bindung der Person durch Leib an den Gutsherren und dessen Boden nicht.10

Katharina waren die Eigenrechte des Hetmanats ein Dorn im Auge. So wie sie für das Baltikum bei aller Wertschätzung eine Uniformierung anstrebte, so wollte sie bei aller Wertschätzung der ukrainischen Kultur, die schon am Hofe Elisabeths populär war, eine rechtliche Angleichung. Dies war nicht einfach, denn sie war dem Hetman Kyrill Razumovskij, den sein älterer Bruder Aleksej, Favorit Elisabeths, installieren konnte, durch seine Unterstützung im Putsch verpflichtet. Kyrill war der französischen Hofkultur und den ukrainischen Traditionen gleichermaßen zugetan, inszenierte sich in seiner kleinrussischen Residenz Gluchov herrscherähnlich und spiegelte gleichsam den Petersburger Hof. Zugleich arbeitete er geschickt mit der Starščina, der Oberschicht der Kosaken, die sich wegen Katharinas Wunsch nach Zentralisierung in Gärung befand. Razumovskij und die Kosakenoberen formulierten in Gluchov im Oktober 1763 eine Petition, in der sie eine weitgehende Autonomie ›Kleinrusslands‹ und die Erblichkeit des Hetmanats für die Familie Razumovskij forderten.11 Katharina hätte sich mit einem energischen Vorgehen nicht so schwergetan, hätte nicht Kyrill Razumovskij zu ihren Freunden in der Großfürstinnenzeit und zu den Mitorganisatoren des Umsturzes gehört. Kyrill Razumovskij war, zum Ärger des eifersüchtigen Grigorij Orlov, Katharina sehr zugetan und sie schätzte ihn außerordentlich als Mann von Intellekt – ihr Favorit war er freilich nie.

Katharinas politische Haltung gegenüber ›Kleinrussland‹ war unzweifelhaft: Sie wollte die russische Provinzialadministration und das Sozialsystem übertragen. Dies bedeutete auch die Ausweitung der Gutswirtschaft und der Leibeigenschaft als Plan. Ihre Schriften in diesem Zusammenhang geben auch Auskunft über ihr fortgesetztes Nachdenken über die Leibeigenschaft, die sie in diesem Zusammenhang ganz aus der Perspektive des ökonomischen Nutzens für das Imperium betrachtete. ›Kleinrussland‹ trug wenig zum Steueraufkommen des Imperiums bei und dies, obwohl die Böden sich bestens für landwirtschaftliche Nutzung, vor allem Getreide eigneten. Die ukrainischen Bauern waren frei oder konnten zumindest ihren Dienstherren beliebig wechseln. Auch die landbesitzende adelsähnliche Kosakenoberschicht hatte ein Interesse daran, diese Mobilität zu unterbinden, um so für kontinuierliche Landbewirtschaftung zu sorgen. In ihren schriftlichen Ausführungen legte die Monarchin Wert auf den Umstand, dass in dem einzuführenden System nicht der Bauer dem Grundherrn gehöre, sondern lediglich an das Land gebunden sei, was sie nicht als leibeigen im engeren Sinne bezeichnet wissen wollte – Katharina wollte dem Vorwurf mancher Aufklärer entgehen, sie unterstütze die ›Sklaverei‹.12

Diese Haltung wurde etwa von ihrem Sekretär Grigorij Teplov unterstützt, der in einem Memorandum die Gründe für eine Aufhebung der Sonderrechte darlegte und das Ansinnen der Petition der kleinrussischen Eliten und ihres Hetmans zurückwies.13 Die linksufrige Ukraine sei nicht, wie insinuiert, lediglich durch die Person der Kaiserin mit Russland verbunden, sondern ein integraler Bestandteil Russlands von alters her. Verwaltung und Sozialverfassung seien daher anzugleichen.14

Kyrill Razumovskij befand sich in der Zwickmühle. Einerseits wollte er sich nicht offen der von ihm bewunderten Kaiserin widersetzen, und es gab auch Stimmen in den kleinrussischen Eliten, die sich von einer vollkommenen Integration Karrierevorteile und ökonomischen Gewinn versprachen; andererseits fürchteten viele das Ende der Freiheiten der Autonomie in der komplexen Form, wie sie die Kosaken entwickelt hatten. Der Druck des Petersburger Hofes wurde schließlich zu stark. 1764 stellte Razumovskij sein Amt als Hetman zur Verfügung und ging von 1765 bis 1767 auf eine Auslandsreise. Einen Bruch mit Katharina bedeutete dies nicht. Sie fand ihn mit weiteren Gütern in Kleinrussland ab, und als Präsident der von Peter dem Großen initiierten Akademie der Wissenschaften und in anderen Funktionen sollte er weiterhin eine bedeutende Rolle in Politik und Hofleben spielen.

Im November 1764 richtete sie das ›Kleinrussische Kollegium‹ ein, das von Petersburg aus die Integration der Ukraine vorantreiben sollte. Zu seinem Präsidenten ernannte sie General Petr Rumjancev, der ihr nach dem Sturz zunächst kritisch gegenübergestanden hatte, aber nun in ihr Netzwerk eingebunden werden sollte. Rumjancevs Wahl war auch ein Signal an die kleinrussischen Eliten, hatte er doch seine Jugend in der Ukraine verbracht.15 Das Hetmanat und die Autonomie der kleinrussischen Ukraine waren abgeschafft, und die verstärkte Expansion des leibeigenschaftlichen Systems in diese Gebiete begann zu dem Zeitpunkt, als es im Russischen Imperium verstärkt in die Diskussion geriet.

Die Zeitgenossen sahen diese Probleme durchaus: Nicht umsonst wurde es zur Aufgabe der 1765 gegründeten Freien Ökonomischen Gesellschaft, sich dieser Probleme anzunehmen und regionalspezifische Lösungsansätze zu erstellen. Die gelehrte Gesellschaft erfreute sich nicht nur des Wohlwollens Katharinas, sie ventilierte gleichsam die Möglichkeiten der Reformen im Russischen Imperium. Ihr Mitgliederkreis bestand aus aufgeklärten Bürokraten, großgrundbesitzenden Höflingen Katharinas, Akademiemitgliedern und korrespondierenden Mitgliedern im Ausland, in Deutschland, Dänemark, Schweden und England. Sie stellte, wenn man so will, einen brain trust der Aufklärung mit einem über ganz Europa reichenden Netzwerk dar. Diese Gesellschaft, die das Jahrhundert der Aufklärung in ihren Gründungsstatuten als das »ökonomische Jahrhundert« bezeichnete, verschrieb sich unter Hinweis auf ähnliche Anstrengungen in Dänemark und Schweden wesentlich der Förderung des Agrarsektors.16

Diese Gesellschaft schrieb nun 1766 mit Billigung der Kaiserin einen Wettbewerb unter der Frage aus, ob der Bauer produktiver arbeite, wenn er das Land, das er bearbeite, selbst besitze oder nicht. Die Preisfrage lautete:

»Ist es dem gemeinen Wesen vorteilhafter und nützlicher, daß der Bauer Land oder nur bewegliche Güter zum Eigentum besitze, und wie weit soll sich das Recht des Bauern über dieses Eigentum erstrecken, damit es dem gemeinen Wesen am nützlichsten sei?«17

Der Hintergrund war eine von der Zarin gewünschte Diskussion über die Aufhebung der Leibeigenschaft, die rund um die Ostsee, in Dänemark, Schleswig-Holstein, der noch existierenden Adelsrepublik Polen sowie in Livland, Estland und Kurland intensiv geführt wurde. Katharina wollte die Diskussion von der Hauptstadt aus gezielt vorantreiben und steuern und auch die Russen über den aufgeklärten Diskurs dazu bewegen, gleichsam von selbst Schritte zur Aufhebung der Leibeigenschaft vorzuschlagen.

Die Kaiserin sah die menschenverachtenden Auswüchse der Leibeigenschaft sehr wohl: 1762, im Jahr der Machtübernahme, fiel Katharina eine Bittschrift in die Hände, in der die Quälerei von Hausleibeigenen beklagt wurde. Die Gutsherrin Darja Saltykova sollte, so die Bittschrift, ihre Hausleibeigenen derart misshandelt haben, dass sie an den Folgen gestorben seien. Die Kaiserin ging dem Fall nach; es zeigte sich, dass diese Bittschrift bereits die 21. aus dem Gut der Saltykova gewesen war. Die Kaiserin ließ ein Exempel statuieren und einen Prozess anstrengen, der mit der Verbannung der Adligen nach Sibirien und der Einziehung des Gutes endete. Der Fall erregte Aufsehen; er sollte aber kein Einzelfall bleiben. Die Kaiserin sollte in ihrer Herrschaft in 20 Fällen die Einziehung von Gütern wegen Vergehen gegen die Leibeigenen billigen.18

Umso gespannter wartete sie auf die Ergebnisse des Wettbewerbs der Freien Ökonomischen Gesellschaft: Aus der Perspektive Katharinas war das Resultat ernüchternd. Zwar gingen 164 Einsendungen ein, doch nur eine verschwindend geringe Zahl stammte aus der Feder von Russen.19 Mehrere Beiträge kamen aus den baltischen Provinzen, unter anderem von Johann Georg Eisen und Timotheus von Klingstedt. Es zeigte sich, dass kaum ein russischer Beitrag ein Eigentum der Bauern oder gar die persönliche Freiheit der Leibeigenen befürwortete, wie dies in einigen ausländischen Einsendungen gefordert wurde. Bemerkenswert für die kulturell-akademische Ausstrahlung St. Petersburgs und der neuen Gesellschaft ist jedoch das Maß an Vernetzung, das zwischen den beteiligten Akademien in Kopenhagen und St. Petersburg oder den ökonomischen und gelehrten Gesellschaften in Riga und Glücksburg bestand. Die Transferwege von den Zentren der französischen, britischen und deutschen Aufklärung nach Kopenhagen, Stockholm, Warschau, Riga, St. Petersburg oder Moskau funktionierten und konsolidierten sich auch über diesen Wettbewerb.20 Dass Katharina II. die baltische Variante der Aufklärung rezipierte, wiewohl sie über ausgezeichnete Verbindungen direkt nach Paris, Göttingen und Halle verfügte, erstaunt weniger als die Tatsache, dass gerade über die Agrarfrage ein Austausch zwischen Kopenhagen und St. Petersburg stattfand, dass Preisschriften an den dänischen König geschickt wurden und dass der in dänischen Diensten stehende Georg Christian Oeder nicht nur einen Wettbewerbsbeitrag, sondern auch gesammelte dänische Publizistik zur Agrarfrage nach Russland sandte. Johann Georg Eisen etwa verwies in seinen Traktaten immer wieder auf schwedische und dänische Beispiele zur Agrarverfassung.21 Die Beteiligten schöpften aus dem gleichen Fundus an aufgeklärter Literatur, seien es Quesnay, Justi oder Kant, tauschten sodann jedoch ihre jeweils landesspezifischen Adaptionen aus. »Die Leibeigenschaft contrastirt zu sehr mit dem Geist des Zeitalters«,22 um es in einer Stimme der Aufklärung zusammenzufassen, und auf diese Lesart konnte man sich unter gebildeten Aufklärern rund um die Ostsee einigen. Das Auseinanderklaffen von Projekt und Realität war diesem Diskurs jedoch ebenso immanent wie die Auffassung, mit rational-wissenschaftlichen Auseinandersetzungen positiv verändernd wirken zu können.

Eines machte der Wettbewerb Katharina jedoch deutlich: Aus den Einsendungen ging hervor, dass das Rütteln an der Leibeigenschaft die Sozialverfassung des Reiches insbesondere in seinem russischen Kernland zu erschüttern vermochte. Dies konnte und wollte sie sich, gerade an die Macht gekommen, kaum leisten. Manche Maßnahmen Katharinas im Jahr 1766 zeigten dies deutlich. So bestätigte sie im Januar des Jahres das Recht der adligen Grundbesitzer, aufsässige Bauern nach Sibirien zu verbannen; in ihrer Vermessungsinstruktion vom 25. Mai hob Katharina das Eigentumsrecht der nordrussischen Staatsbauern an Grund und Boden auf und erklärte das Land zu Staatseigentum: Rechtliche Angleichung diente als Argument, aus Sicht dieser bäuerlichen Gruppe bedeutete dies jedoch eine Schlechterstellung. Auf der anderen Seite untersagte Katharina im gleichen Jahr den Kauf von Bauern, die dann von ihren neuen adligen Herren gleich als Rekruten in die Armee geschickt wurden, um die eigenen, leistungsfähigeren Bauern zu schonen.23 Katharina behielt das Problem des bäuerlichen Grundbesitzes und der Leibeigenschaft auf der Agenda, die sie auch der Gesetzbuchkommission mit auf den Weg geben sollte.

Andere wirtschaftspolitische Maßnahmen waren viel eher umzusetzen. Wohlstand, florierende Agrarproduktion, ein sich dynamisch entwickelndes Manufakturwesen sowie eine wachsende Bevölkerung sollten zur Entwicklung des Imperiums und zu dessen Ruhm beitragen. Peter I., Katharinas Bezugsgröße unter Russlands Herrschern, hatte seine wirtschaftspolitischen Reformen ganz utilitaristisch gesehen und immer nach dem Nutzen für seine Kriege, insbesondere den Großen Nordischen Krieg gefragt. Katharina und ihre Berater dachten diesen Zusammenhang nicht so eng, aber ein prosperierendes Imperium setzte auch die internationale Handlungsfähigkeit voraus – im Krieg und im Frieden.

Die Einladung von Ausländern war Teil eines bevölkerungspolitischen Gesamtkonzepts.24 Die Zarin, ihre Ratgeber und Beamten beriefen sich – ganz auf der Höhe ökonomischen Wissens – auf europäische, besonders deutsche Peuplierungsideen, die von Bevölkerungsreichtum und Ansiedlung als Quelle ökonomischen Wohlstands ausgingen, und orientierten sich an der Praxis Preußens, Österreichs oder Dänemarks. In der Kameralwissenschaft der Zeit, die Katharina kannte und sich zu eigen machte, ging es um die Frage, wie das Vermögen des Staates erhalten und vermehrt werden könne.25 Den ersten der drei Hauptwege zur Vergrößerung des Reichtums sah Johann Heinrich Gottlob von Justi 1755 in der Vermehrung der Einwohner des Landes, besonders »durch fremde bemittelte Personen«, denn diese »zieht nicht nur Vermögen mit ihnen ins Land, sondern befördert auch den Umtrieb des Geldes, als worauf es in dem wahren Reichtum des Staates hauptsächlich ankömmt«.26 Fremde kämen und Einheimische blieben in einem Staat, der gut und mild regiert werde, persönliche Freiheit garantiere, Gewerbe und Manufakturen fördere. Die Ausländer sollten befristet von Abgaben befreit und mit Baumaterialien, Geräten und Krediten unterstützt werden. Katharina II. stellte die Ansiedlung von Ausländern auf eine neue, gesetzliche Grundlage. In ihrem ersten Manifest vom 4. Dezember 1762 versprach sie allen Ausländern, ausgenommen Juden, die sich in Russland niederzulassen wünschten, Schutz und Wohlwollen, und allen russischen Flüchtlingen, die in die Heimat zurückkehrten, Vergebung.27 Mit diesen allgemeinen Wendungen konnten ihre diplomatischen Vertreter im Ausland wenig anfangen und drängten deshalb zu einer schnellen Entscheidung darüber, welche konkreten Zusagen sie den Interessenten machen wollte und wohin die Siedler geschickt werden sollten. Die Kaiserin reagierte prompt mit einem weiteren Manifest vom 22. Juli 1763.28 Es sollte viel größere Bedeutung für ihre Regierung erlangen und legte in der Präambel noch einmal die Grundzüge der bevölkerungspolitischen Werbemaßnahmen dar:

»Das Uns der weite Umfang der Länder Unseres Reiches zur Genüge bekannt, so nahmen Wir unter anderem wahr, daß keine geringe Zahl solcher Gegenden noch unbebaut liege, die mit vorteilhafter Bequemlichkeit zur Bevölkerung und Bewohnung des menschlichen Geschlechtes nutzbarlichst könnte angewendet werden, von welchen die meisten Ländereyen in ihrem Schoose einen unerschöpflichen Reichtum an allerley kostbaren Erzen und Metallen verborgen halten; und weil selbiger mit Holzungen, Flüssen, Seen und zur Handlung gelegenen Meerung genugsam versehen, so sind sie auch ungemein bequem zur Beförderung und Vermehrung vielerley Manufacturen, Fabriken und zu verschiedenen Anlagen.

Dieses gab Uns Anlaß zur Erteilung des Manifestes, so zum Nutzen aller Unserer getreuen Unterthanen den 4. December des abgewichenen 1762 Jahres publiciert wurde. Jedoch, da wir in selbigen Ausländern, die Verlangen tragen würden, sich in Unserem Reich häuslich niederzulassen, Unser Belieben nur summarisch angekündiget; so befehlen Wir zur besseren Erörterung desselben folgende Verordnung […].«29

Die Leere des Landes als Argument: Hier hatte Katharina vor allem den Süden ihres Reiches im Blick, also jene Gebiete, die, wie das Hetmanat, weniger fest im Reichsverband integriert und in der die Schicht sesshafter Bauern geringer war. Ansiedlungen sah sie zudem als Mittel gegen nomadisierende Bevölkerungsgruppen an den Peripherien des Reiches. Aber auch in anderen Regionen und Städten waren Ausländer willkommen. Keineswegs dachte sie nur an Migranten aus dem deutschsprachigen Raum: Das Manifest wurde immerhin in mehreren europäischen Sprachen veröffentlicht. Und Serben, Griechen und andere Flüchtlinge aus dem Herrschaftsbereich des Osmanischen Reiches waren bereits unter den Kaiserinnen Anna und Elisabeth im Grenzsaum des Russischen Reiches angesiedelt worden. Im Zuge der Südexpansion des Russischen Reiches sollte ihnen auch weiterhin Aufmerksamkeit geschenkt werden.30 Katharina galten jedoch auch die deutschen Territorien wie schon das Baltikum als »Reservoir tüchtiger Menschen«.31 Hier wusste sie um gut ausgebildete Spezialisten, die bereits Peter I. interessiert hatten und die hier wie in Europa angeworben worden waren. Katharina ging es aber darüber hinaus auch um Siedlerfamilien für die Landwirtschaft. Ganz in Sinne der physiokratischen Gedankenwelten des Jahrhunderts sah sie die Landwirtschaft als Grundlage für Manufakturwesen, Gewerbe und Handel.

Um nun neben Fachleuten auch Bauern zur Migration zu bewegen, machte sie konkrete Zusagen: Alle Ausländer – diesmal wurden die Juden nicht mehr ausgeschlossen – könnten sich entweder direkt bei der »Vormundschaftskanzlei für Ausländer« (Kancelarija opekunstva inostrannych) und den Grenzbehörden melden oder sich wegen der Reisekosten zunächst an die russischen Auslandsvertreter wenden. Wenn sie sich als Kaufleute oder Handwerker in einer Stadt niederließen, würden sie für zehn, in den beiden Haupt- und den baltischen Städten für fünf Jahre von allen Abgaben, Diensten und der Einquartierung befreit. Der Fiskus werde bei der Gründung von Fabriken und Werkstätten, vor allem solcher, die es in Russland noch nicht gebe, mit Krediten helfen. Neue Produkte dürften zehn Jahre lang ohne jeglichen inneren oder Hafen- und Grenzzoll verkauft und ausgeführt werden. Wer als Fabrikant ohne staatliche Kredite auskomme, solle die erforderlichen Leibeigenen und Bauern kaufen dürfen. Wer sich auf bisher unbebautem Land in neuen Kolonien ansiedeln wolle, solle Land und Vorschüsse zum Bau von Häusern und Kauf von Vieh und Geräten erhalten, von Diensten und Abgaben zunächst zehn Jahre befreit sein und den Wohnort frei wählen können, wobei Gebiete zur Ansiedlung um die Stadt Saratov an der Wolga angeboten wurden. Sie wurden vom Militärdienst befreit und erhielten das Recht der freien Religionsausübung und Gemeindegründung, wobei keine Klöster gegründet werden durften. Hier hallte die Säkularisierung des Kirchenlandes mit dem vielen Klosterbesitz nach.

Ähnlich wie in Preußen sollte sich eine Sonderbehörde um die Ansiedlung und Belange der Kolonisten kümmern. An die Spitze dieser bereits erwähnten, im Juli 1763 errichteten ›Vormundschaftskanzlei für Ausländer‹ stellte Katharina ihren damaligen Vertrauten Graf Grigorij Orlov. Die Verwaltung der Wolgakolonien wurde 1766 einer Unterbehörde, dem ›Vormundschaftskontor‹ (Opekunstvennaja Kontora) in Saratov übertragen. 1782 sollte diese Behörde im Zuge der Gouvernementsreform aufgelöst werden.32 Zu diesem Zeitpunkt existierten jedoch bereits trotz mancher nicht eingehaltener Zusage und Startschwierigkeiten – etwa Verwüstungen während des Pugačev-Aufstandes – bereits florierende Kolonien und damit Siedlungen, die die Deutschen in Moskau, St. Petersburg und andernorts ergänzten.33

Freilich, die Kolonisten kamen nicht in ein leeres Land, wie auch in anderen frontier-Kontexten immer wieder behauptet wurde. Das Zusammenleben zwischen den verschiedenen Untertanengruppen erwies sich als ›imperiale Situation‹, die einerseits die Vielfalt des Reiches ausmachte, andererseits bei Katharina aber immer wieder den Wunsch nach Regulierung und guter Ordnung nährte.

Die Maßnahmen zeitigten nur langsam Erfolge. Um die erforderlichen Einwandererzahlen zu erreichen, beauftragte die russische Seite daher ab 1764 verstärkt private Agenten, Anwerber, die auf eigenes Risiko operierten und für jeden angeworbenen Kolonisten einen Festbetrag erhielten. Diese erhielten das Recht, mit potenziellen Interessenten individuelle Verträge zu schließen. Alles in allem warben sie fast die Hälfte aller bis 1774 nach Russland eingewanderten Personen an. Es zeigte sich, dass das Angebot der russischen Kaiserin vor allem in den deutschen Fürstentümern und freien Reichsstädten auf fruchtbaren Boden fiel: Nicht zuletzt die staatliche Zersplitterung und die schwache Zentralmacht verhinderten eine wirksame Unterbindung der Werbeaktivitäten.34

Bis 1774, dem Jahr des Anwerbestopps, folgten 30.623 Ausländer den Versprechungen der russischen Herrscherin. Die meisten Auswanderer stammten aus Westfalen, Hessen, Preußen und Norddeutschland, Sachsen, Baden und anderen deutschen Ländern. Es waren vor allem Protestanten. Kleinere Gruppen kamen aus der Schweiz, Holland, Schweden und Dänemark. Von Anfang an unterliefen die zuständigen russischen Behörden die im Einladungsmanifest versprochene freie Ortswahl, insbesondere wurde eine Niederlassung in Städten verhindert, wo es allerdings bereits größere deutsche Gemeinschaften gab. Man lenkte die Einwanderer größtenteils in die Gegend um Saratov; dort entstanden auf beiden Seiten der Wolga 66 evangelische und 38 katholische Mutterkolonien. Unter den 1769 hier registrierten 23.109 Siedlern waren 12.145 Männer und 10.964 Frauen bei einer durchschnittlichen Familiengröße von etwa 3,6 Personen. Erst nach 1775 verzeichnete man einen Bevölkerungszuwachs, und 1788 betrug die Gesamtzahl der Wolgakolonisten schon 30.962 Personen (15.607 Männer und 15.355 Frauen, Familiengröße etwa 6,5 Personen).35

War Katharinas Anwerbungsaktion ein Erfolg? Eher nicht, wenn man die pure Zahl in Vergleich zu anderen Immigrantengruppen setzt, oder zur Zahl der deutschen Handwerker und Experten im Gesundheitswesen, der Verwaltung, der Wissenschaft und im Militär, die auch ohne Anwerbung ihr Glück im Zarenreich gesucht und oft auch gefunden hatten.36 Aber sie sicherte Katharinas Reformabsichten in dieser Phase die nötige Aufmerksamkeit in der europäischen Öffentlichkeit und legte den Grundstein für weitere Anwerbungs- und Immigrationswellen in der Zeit Alexanders I. nach Südrussland und ans Schwarze Meer: Russland, so das Ergebnis, war ein attraktiver Ort, der Freiheiten, vor allem religiöse Freiheiten garantierte und damit das Bild autokratischer Herrschaft zumindest in einem Segment aufzuweichen vermochte. Und schließlich waren Katharinas Anwerbungen nur ein Baustein ihrer Peuplierungspolitik in einer frühen Regierungsphase, dem weitere folgen sollten.

In der Außenpolitik verließ sich Katharina auf den Rat Nikita Panins, der in den ersten Jahrzehnten ihrer Regierung starken Einfluss hatte und ein Gegengewicht zu der Fraktion um Grigorij Orlov und dessen Bruder darstellte. Panin war zwar ein Unterstützer Peters III. gewesen und hatte eine Regentschaft Katharinas für ihren Sohn Paul favorisiert. Dies hinderte ihn jedoch nicht, sich loyal ganz in ihren Dienst zu stellen.37 Katharina belohnte ihn mit der Leitung des Kollegiums für Auswärtige Angelegenheiten.

Mit Nikita Panin war sich die Kaiserin darüber einig, dass rund um die Ostsee ein System von Bindungen entstehen sollte, das das dominum maris baltici Russland bringen und zugleich ein Gegengewicht gegen das Haus Habsburg und Frankreich darstellen sollte. Dieses ›Nordische System‹, zeitgenössisch auch »Nordischer Akkord« oder »Ruhe des Nordens« genannt, sah vor, mit Dänemark, Preußen und England Bündnisse einzugehen und Polen und Schweden in politischer Instabilität zu halten.38 Ein solcher Frieden der Ostseeanrainer konnte freie Hand im Süden des Reiches bringen. Diese Sicherheitsarchitektur sollte jedoch nur zum Teil funktionieren. Immerhin gelang es im schwedischen Reichstag, der seit den 1740er Jahren eine sehr starke Position gegenüber dem König in Stockholm hatte, die Fraktionen der Hüte und der Mützen gegeneinander auszuspielen und dadurch Schweden auf mehr als ein Jahrzehnt zu neutralisieren.39 Auch konnte im Frühjahr 1765 eine Defensivallianz mit Dänemark geschlossen werden, und die Regierung in Kopenhagen war froh, einen Krieg gegen Russland um Holstein vermieden zu haben;40 die russischen Truppen, die Peter III. unter dem Kommando des Grafen Rumjancev im Herzogtum Mecklenburg hatte formieren lassen, erhielten von Katharina am 20. Juli 1762 den Befehl zum Rückzug.41 Mehr noch, es gelang ein Ausgleich mit Kopenhagen mit weitreichenden Folgen.

Während der sogenannten Großfürstlichen Zeit Peters und Katharinas war Holstein-Gottorf von Russland aus regiert worden und Katharina hatte hierbei teilweise den Part übernommen, sich von St. Petersburg aus um die innenpolitischen Belange des kleinen und zersplitterten Herzogtums zu kümmern. Peter war allein an der Rückgewinnung der verlorenen Territorien interessiert. Als Zar ernannte Peter III. Caspar von Saldern zum Bevollmächtigten, um mit Johann Hartwig Ernst von Bernstorff, dem dänischen Minister für Schleswig-Holstein, über die Rückgewinnung der herzoglichen Anteile in Schleswig zu verhandeln. Katharina II. hatte nach dem Ausgleich mit Dänemark auch nach einer Lösung der Gottorf’schen Frage gesucht. Für das Herzogtum Gottorf galt die männliche Sukzession. Herzog war also formal der minderjährige Thronfolger Paul. Wie funktional sie ihren Sohn und dessen Rechte sah, sollte sich wenige Jahre nach dem Ausgleich mit Dänemark zeigen.

Die führende Figur in diesem mehrere Jahre andauernden diplomatischen Spiel war der 1761 aus Holstein nach St. Petersburg gekommene Caspar von Saldern.42 Er avancierte zum Vertrauten Nikita Panins, des Erziehers Pauls, und zum Verantwortlichen für die russische Außenpolitik. Von Saldern hatte zwar ein aufbrausendes Wesen – ein französischer Diplomat bescheinigte ihm, die Grobheit eines holsteinischen Bauern mit der Pedanterie eines deutschen Professors verbinden zu können –,43 doch als Diplomat in Russland war er sehr erfolgreich. In Absprache mit Großfürstin Katharina hatte er bereits geschickt die holsteinischen Staatsfinanzen geordnet. 1762 ernannte ihn Zar Peter III. zum kaiserlich russischen Konferenzrat und bevollmächtigten Minister des von Friedrich dem Großen einberufenen Friedenskongresses in Berlin, wo Saldern mit dem dänischen Außenminister Johann Hartwig Ernst von Bernstorff verhandelte. Auch nach dem Sturz Peters III. blieb Saldern in den inneren Zirkeln der Macht. Ende 1762 ernannte ihn Katharina zum Wirklichen Geheimrat und Staatsminister im großfürstlichen Geheimen Rat. Eines von Salderns Hauptanliegen blieb, dass seine holsteinische Heimat nicht mehr Zankapfel der nordischen Großmächte sein sollte. Er setzte sich für eine Verständigung mit England, Preußen und Dänemark ein, ganz im Sinne der Ziele seines Förderers Graf Panin. Im Juli 1768 erreichte Saldern mit dem Gottorfer Vertrag die Einigung zwischen Dänemark und Hamburg über die Reichsunmittelbarkeit der Hansestadt und ihre Unabhängigkeit vom dänisch regierten Herzogtum Holstein. Hierdurch sollte eine Annäherung an England erreicht werden.

Saldern hatte schon 1767 in Katharinas Namen einen provisorischen Vertrag mit dem von König Christian VII. von Dänemark bestimmten Verhandlungsführer Andreas Peter von Bernstorff ausgehandelt. Mit diesem Vertrag verzichtete der russische Thronfolger für das Haus Romanov-Holstein-Gottorf auf seine Gebietsansprüche als Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf, trat den großfürstlichen Anteil am Herzogtum Holstein an Dänemark ab und erhielt dafür die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst. Dabei konnte er an die Verhandlungen anknüpfen, die Rochus Friedrich zu Lynar 1749–1751 im Namen des damaligen dänischen Königs Friedrich V. mit dem späteren Zaren Peter III. begonnen hatte.

Rechtskräftig sollte dieses internationale Tauschgeschäft freilich erst am 27. August 1773 im Vertrag von Carskoe Selo werden, als Großfürst Paul mündig wurde. Ob Paul wollte oder nicht – seine Mutter zwang ihn, dem von Caspar von Saldern ausgehandelten Tausch zuzustimmen. Die Herzogtümer Schleswig und Holstein unterstanden nun nur noch einem einzigen Landesherrn, dem dänischen König – der dänische Gesamtstaat entstand.

Vier Tage nach Abschluss des Vertrages übertrug Großfürst Paul I. auf Drängen seiner Mutter seinem Großonkel Friedrich August aus der jüngeren Linie des Hauses Holstein-Gottorf, dem Fürstbischof von Lübeck, auch die zum Heiligen Römischen Reich gehörenden Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst, die von Kaiser Joseph II. zum Herzogtum Oldenburg erhoben wurden. Das Haus Oldenburg sollte auch im 19. Jahrhundert unter besonderer Protektion des Zarenhauses stehen.44 Caspar von Saldern fiel noch im Jahr 1773 in Ungnade, als er versuchte, Großfürst Paul davon zu überzeugen, aus Anlass seiner Volljährigkeit den Anspruch durchzusetzen, gemeinsam mit seiner Mutter über Russland zu herrschen. Katharina war außer sich. Caspar von Saldern verließ Russland unverzüglich und kehrte nie zurück.

Eines der außenpolitischen Ziele, auch mit dem Wunsch, sich langsam aus dem Fahrwasser Preußens zu lösen und den »Nordischen Akkord« zur vervollständigen, gelang nicht. Ein militärisches Bündnis mit England, das durch seine Flotte in der Ostsee wie im Mittelmeer gleichermaßen präsent sein konnte, konnten Katharina und Panin nicht verhandeln. Immerhin kam am 20. Juni (1. Juli) 1766 ein Handelsvertrag mit 20-jähriger Laufzeit zustande, der es in einer längeren Perspektive ermöglichen sollte, eine russische Handelsflotte aufzubauen und die Dominanz des britischen Handels in der Ostsee wenn auch nicht zu brechen, so doch einzudämmen.45

Katharina II. mochte über die Preußenbegeisterung ihres Mannes gespottet haben, die außenpolitische Orientierung auf Preußen blieb. Nach dem abrupten Bündniswechsel durch Peter III. und dem Ausstieg aus dem Siebenjährigen Krieg folgte 1764 ein Allianzvertrag zwischen Russland und Preußen, dessen gemeinsame Stoßrichtung in der vielbeschriebenen »negativen Polenpolitik« lag.46 Katharina hatte zuvor freie Hand bekommen, jenen Kandidaten als Wahlkönig in Polen durchzusetzen, der ihr vorschwebte. Sie setzte hierfür militärischen Druck ebenso ein wie Bestechung. Ihr Kandidat nach dem Tode des Wettiners August II. war Stanisław August Poniatowski, der ihr ein Garant dafür zu sein schien, dass sie die Adelsrepublik wie schon Peter I. von außen würde steuern können.47 Poniatowski wurde ohne jeden Gegenkandidaten gewählt – ein Novum bei Königswahlen in Polen. Die russischen Truppen des Gesandten Nikolaj N. Repnin und Geld sorgten für das gewünschte Ergebnis. Katharina setzte nicht auf Poniatowski, weil er ein ehemaliger Favorit und ihr nach wie vor persönlich verbunden war, sondern, wie sie ein Vierteljahrhundert nach der Wahl bemerkte, »weil er von allen Bewerbern die wenigsten Rechte hatte und sich folglich Russland mehr verpflichtet fühlen musste als jeder andere«.48

Um Katharina über die Königswahl hinaus gewogen zu halten, erinnerte Friedrich II. die Herrscherin nicht etwa daran, dass er ihr an entscheidenden biografischen Stationen den Weg zum Thron geebnet hatte, sondern er verlegte sich in Anbetracht der Mächtekonstellation auf Schmeichelei, die Katharina durchaus erwiderte. Friedrich schickte ihr 1763 den Schwarzen Adler-Orden, den die Kaiserin mit Wohlgefallen annahm. Für die Unterstützung Poniatowskis bei seiner Kandidatur für den polnischen Thron bedankte sich Katharina unter anderem mit einer Sendung von Wassermelonen. Friedrich reagierte überschwänglich, auch wenn man hier eine gewisse Ironie zu spüren vermeint:

»Wassermelonen und ein polnischer Reichstag sind sehr weit voneinander entfernt, aber Sie verstehen es, so verschiedenartige Dinge in ihrer Wirksamkeit zu vereinen: dieselbe Hand die nach der einen Seite hin Melonen verteilt, nach der anderen Königskronen spendet, sorgt für die Aufrechterhaltung des Friedens in Europa.«49

Dabei folgte Katharina in Bezug auf die Adelsrepublik Polen-Litauen ganz jener Politik, die Peter der Große geübt hatte. »Ich frage, ob Russland einen despotischen Nachbarn besser brauchen kann, als jene glückliche Anarchie, in der sich Polen befindet, die uns in die Lage versetzt, nach Belieben zu verfahren.«50 Poniatowski sollte der Garant dieser Anarchie und der russischen Dominanz sein. Bei aller Gewogenheit des neuen polnischen Königs – hierin sollte sich Katharina täuschen. König Stanisław August sollte schon bald nach Möglichkeiten suchen, sich aus der Umklammerung der drei ›Schwarzen Adler‹ – Österreich, Preußen, Russland – und der Dominanz des russischen Nachbarn zu befreien.


Karte 1: Polen-Litauen zur Zeit der Königswahl 1764.

Der Kampf um die öffentliche Meinung

Die Thronmanifeste und ersten Ukaze Katharinas waren wie ihre Reisen auch ein Werben um die öffentliche Meinung gewesen, welches sie in ihrer Regierungszeit fortsetzte. Sie betrachtete sich als eine aufgeklärte Herrscherin, deren Legitimation auf dem Bezug zu Peter dem Großen und ihren Vorgängerinnen aufruhte. Katharinas Regierung sollte, ohne die Autokratie als Staatsform je in Frage zu stellen, von Selbstbeschränkung geprägt sein und sich im Rahmen bestehender oder zu gebender Gesetze vollziehen. Schon in ihrer späten Großfürstinnenzeit schrieb sie in ihren Notizen irgendwann zwischen 1758 und 1761:

»Man binde mir die Hände, so viel man will, um mich daran zu hindern, Böses zu tun, aber man lasse mir die Ellenbogenfreiheit, Gutes zu tun, das ist doch etwas, dem jeder vernünftige Mensch zustimmen kann.«1

Dass dies – ein Zitat aus dem Telemach von François Fénelon – keineswegs unpolitisch gemeint war,2 sollte sie als Kaiserin zeigen. Sie verstand ihre Herrschaft als Dienst an Volk und Vaterland. Insofern lag ihrer immer als autokratisch verstandenen Herrschaft eine Art angenommener Herrschaftsvertrag zwischen ihr, dem Volk und dem Vaterland zugrunde – ein Begriff, der in ihrer Regierungszeit eine Konjunktur erlebte.3 Herrschaft und Staat waren nicht eins, wie bei Friedrich dem Großen in seinen politischen Testamenten, sondern getrennt. Der guten, aufgeklärten Regierung, welche die Untertanen zum Besseren hebt und sie in die Lage versetzt, zum Wohle des Staates an ihrem jeweiligen Platz zu wirken, sollte sich Katharina die gesamte Zeit ihrer Herrschaft hinweg verpflichtet fühlen. Aufklärung verstand sie in diesem Zusammenhang im Sinne des russischen Begriffs prosveščenie – Erleuchtung. Dabei ging es weniger oder nicht nur um einen »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« im Sinne Immanuel Kants, sondern auch die religiöse Bedeutung des Wortes schwang hier mit – so waren etwa die Slavenapostel Kyrill und Method und andere Heilige ebenfalls als Prosvetitel’ bezeichnet worden. Vorstellungen von Erleuchtung im Rahmen von und durch göttliche Ordnung sowie im moralischen Sinne gingen im 18. Jahrhundert mit dem Transfer eines durch die Ratio konnotierten Aufklärungsverständnisses einher.4 Nach einem solchen Verständnis war die russische Variante eine Ausprägung eigener Vernunft, freilich immer in Bezugnahme auf und Kenntnis der gesamteuropäischen Aufklärung, in der Katharina Russlands spezifischen Platz sah.5

Die Koryphäen der Aufklärung blickten vor allem von Frankreich und den deutschen Territorien mit Spannung auf die ersten Schritte Katharinas als Herrscherin. Mit Blick auf ihre Manifeste begannen sie, Katharina als eine der ihren wahrzunehmen. Und die Herrscherin wollte in der République des Lettres eine Rolle spielen, auch wenn sich hinter diesem Wunsch keine Vorstellung von Egalität verbarg. Die europäischen Aufklärer waren sich wohl nur zum Teil bewusst, dass Katharina und sie von unterschiedlichen Aufklärungen sprachen. Russische Geistliche, wie etwa Platon Levšin, der sich als aufgeklärter Parteigänger Katharinas verstand, bezog sich auf die moralisch-sittliche Aufklärung.6 Katharina konnte am Beginn ihrer Herrschaft sehr gut damit leben, dass unterschiedliche Partner Verschiedenes meinten, wenn sie von Aufklärung sprachen. Es ermöglichte ihr eine pragmatische Politik ganz in ihrem Sinne.

Binnen kurzer Zeit galt es unter Aufklärern als glückliche Fügung für Russland und Europa, dass eine Herrscherin von Bildung und mit besten Absichten den Thron bestiegen hatte und sich als eine der ihren bezeichnete. Es gelang ihr innerhalb eines Jahres nach der Machtübernahme, Kontakt zu den führenden Köpfen aufzunehmen.7 Dabei war es Voltaire, der den Anfang machte und der Monarchin im fernen St. Petersburg von seinem Schloss Ferney aus den zweiten Band seiner »Geschichte des Russischen Reiches unter Peter dem Großen« verehrte. Dieses Geschenk bot sich schon wegen des sprechenden Titels an, hatte doch Katharina in ihren Thronmanifesten öffentlichkeitswirksam auf Peter I. Bezug genommen. Voltaire war an Peter I. nicht als Feldherrn, sondern als Reformer und ›Europäisierer‹ Russlands interessiert gewesen. Dass Katharina diesen Weg weiter zu beschreiten trachtete, gab zu hohen Erwartungen Anlass. Ein Briefwechsel zu beiderseitigem Vorteil begann, der sich für den Philosophen auch materiell auszahlte. Katharina füllte jene Leerstelle, die sich aus der Abkühlung des Verhältnisses zu Friedrich dem Großen ergeben hatte. Die »Semiramis des Nordens«8 wurde von Voltaire, der bis zu seinem Tode 1778 mit ihr korrespondierte, umgarnt, und wo es ihr gefiel, nahm sie die Stichworte auf. Aufschlussreich bleibt aber auch, auf welche Schmeicheleien und Vorschläge sie nicht einging.9

Voltaire und nach ihm andere brachten Katharinas Selbstdarstellung in Europa in Umlauf und von dort aus auch wieder in die russische Öffentlichkeit. Sie hielt diesen Kommunikationsweg mit den Vertretern einer despotiekritischen und konstitutionalisierungsfreundlichen Variante der Aufklärung für vielversprechender als eine Begründung ihrer Herrschaft aus dem Gedankengut der Physiokraten, die sich von einem aufgeklärten Despoten, als den sich Katharina dezidiert nicht sah, die Durchsetzung ihrer vor allem wirtschaftspolitischen Ziele versprachen. Der Erfolg sollte ihr zumindest bis zum Vorabend der Französischen Revolution, in deren Folge sie auch Voltaires Schriften in Russland verbot, Recht geben.

Voltaire folgten weitere Aufklärer: Ivan Beckoj, ihr erster Berater in kultur- und bildungspolitischen Fragen, brachte 1762 von einem längeren Parisaufenthalt je ein Exemplar der Encyclopédie für die 1725 gegründete Akademie der Wissenschaften und die 1754 geschaffene Akademie der Künste mit. 1767 wurde eine erste dreibändige Auswahl der Encyclopédie in russischer Sprache publiziert. Katharina, die begeistert in den französischen Bänden las, versuchte D’Alembert, den Mitherausgeber dieses gesammelten Weltwissens des Zeitalters der Aufklärung, als Erzieher für den Thronfolger Großfürst Paul zu gewinnen; sie verband dies mit dem Angebot, die Encyclopédie, deren Fortführung in Frankreich verboten worden war, nun in Russland zu beenden:

»Kommen Sie mit all ihren Freunden; Ihnen und diesen verspreche ich, soweit es von mir abhängt, alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten, und vielleicht finden Sie hier mehr Freiheit und Ruhe als bei sich.«10

D’Alembert lehnte ab. An Voltaire erlaubte er sich den ironisch-pikanten Hinweis, er sei zu anfällig für Hämorrhoiden. Damit spielte er auf die unglaubwürdige offizielle Todesursache Peters III. an. Seine Ablehnung sollte D’Alembert nicht daran hindern, einen Briefwechsel zu beginnen und Zuwendungen von Katharina anzunehmen – wie er auch eine Pension, die ihm Friedrich der Große aussetzte, nicht ablehnte.

Auch den Kontakt zu Denis Diderot ließ sich Katharina etwas kosten: Über Ivan Beckoj ließ sie den Philosophen 1765 wissen, dass sie seine Bibliothek kaufen wolle, um sie ihm gleich wieder zur lebenslangen Nutzung zu überlassen. 15.000 Livres ließ sie ihm zukommen, weitere Zahlungen folgten, und 1784, kurz vor dem Tode Diderots, sollte sie ihm in Paris eine Wohnung auf ihre Kosten mieten. Diderot sollte im Gegenzug im Jahr 1773 ihrer Einladung nach Russland folgen. Ein halbes Jahr trafen sich die Kaiserin und der Philosoph im Winterpalast oder in Carskoe Selo und diskutierten seine Reformvorschläge zu Bildung, Justiz und Verwaltung. Nicht alle seine Vorschläge schienen Katharina praktikabel, seinen Vorschlag, die Hauptstadt wieder nach Moskau zu verlegen, hielt sie für absurd. 1773/74 hatte Katharina zudem bereits reiche Erfahrung mit den Mühen gesammelt, Reformen, Gesetze und Anordnungen auf den unterschiedlichsten Ebenen und Regionen des Reiches durchzusetzen, und seine Vorschläge schienen ihr allzu weltfern. So waren beide wohl froh, als Diderot wieder abreiste. Der Kontakt wurde weniger intensiv, brach aber nicht ab.11

Der Nutzen für ihr Image in Europa blieb. Ihm dienten auch die Korrespondenzen mit so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie dem Agenten Friedrich Melchior Grimm, der adligen Hamburger Witwe Madame Bielke12 oder der berühmten Salonniere Madame Geoffrin,13 die jeweils unterschiedliche Kommunikationskreise in Deutschland und Frankreich bedienten. Katharinas Briefe waren öffentliche Dokumente. Sie wurden in größerer Gesellschaft vorgelesen. Die Scharfzüngigkeit und der Witz der Kaiserin wurden geschätzt und weiterberichtet.

Natürlich korrespondierte Katharina auch mit anderen Herrschern ihrer Zeit. Aus diesen sticht der Briefwechsel mit Friedrich II. sicher heraus, weil beide einen dezidierten Anspruch als aufgeklärte Monarchen hatten und beider politische Biografien in viel stärkerem Maße miteinander verflochten waren als etwa mit der Josephs II., der die Aufklärung radikal umzusetzen suchte.14 Beide verfolgten mit ihren weitverzweigten Briefwechseln auch keineswegs das Ziel, ihr Innerstes dem jeweiligen brieflichen Gegenüber anzuvertrauen. Beide wussten, dass jede Äußerung, die sie in die Welt setzten, medial in eine europäische Elitenöffentlichkeit transportiert wurde, um die sie beide kämpften.15 Diese Auseinandersetzung, in der ihre jeweiligen Korrespondenzpartner als Dritte eine wesentliche Rolle spielten, in die sie sich aber auch direkt miteinander begaben – Katharina schrieb während ihrer Herrschaft etwa 180 Briefe an Friedrich II. –, war eine der Propagandastrategie und der Medienpolitik. Und anders als Joseph II. beherrschten sie dieses Spiel virtuos aus ganz unterschiedlichen Positionen heraus. Friedrich inszenierte sich als Reformer und Kriegskönig, dessen Musenhof nicht der Zerstreuung an sich diente, sondern der politischen Fortentwicklung eines auf ihn zugeschnittenen Staatswesens. Das war kein Akt der Selbstlosigkeit, sondern diente über seine ganze Herrschaft hinweg der Mehrung eines Ruhms, der seinen Tod überdauern sollte.16 Auch Katharina strebte über Reform und Modernisierung ihres Reiches nach Ruhm. Hof und Korrespondenzen, die gleichsam ihren erweiterten Salon bildeten, waren ihre Instrumente. Katharina konnte, auch wenn sie sich in Uniform zeigte und als Gardeobristin Paraden abnahm oder eines ihrer berühmten Uniformkleider trug,17 nicht selbst in ihre zahlreichen Kriege ziehen. Die einzige Situation, in der sie in Uniform handelte, war der Sturz ihres Mannes, als sie sich wie ihre Vorgängerin Elisabeth bei dem Putsch 20 Jahre zuvor in Uniform an die Spitze der Garden setzte. Davon abgesehen galt: Wo sich ihr ideeller Ahnherr, Peter I., als Mars inszenierte, inszenierte sie sich als Pallas Athene: weise, wehrhaft und ihre Feldherren ausschickend. Im Vergleich zur Petersburger Pracht, auf die schon Elisabeth Wert gelegt hatte und die Katharina als kommunikatives Forum der Politik für sich und für Russland nutzbringend perfektionierte,18 war Friedrichs Hof klein und gerade in seiner späten Regierungszeit von geringerer Attraktivität. Dagegen konnte Friedrich in Berlin und anderorts auf Öffentlichkeiten, inklusive Zeitungen, Zeitschriften und das Buchwesen zurückgreifen, die der Kaiserin im Russischen Imperium in Ansätzen nur in St. Petersburg und Moskau zur Verfügung standen.

Sie wirkte aber seit Beginn ihrer Herrschaft daran, die Gruppe der Gebildeten und die Sphäre der gebildeten Öffentlichkeit zu vergrößern. Das größte Vorhaben in dieser Hinsicht war sicher die Gesetzbuchkommission. Vom Beginn des Jahres 1765 an arbeitete sie an einem Werk, das gleichzeitig als eine Art Regierungserklärung gesehen werden kann und die Staatsziele der Kaiserin öffentlichkeitswirksam zusammenfassen sollte. Sie plante eine große Kommission zusammenrufen zu lassen, die ein neues Gesetzbuch für Russland zusammenstellen und erarbeiten sollte. Was der Ukaz vom 14. Dezember 1766 dann den Untertanen befahl, war in der Tat revolutionär. Es sollten Deputierte gewählt werden, die ein Kaleidoskop der Untertanenschaft des Imperiums repräsentierten. Vorgesehen war, nach rechtlich gefassten Korporationen des Reiches zu wählen. Adel, Städter, Einhöfer, ›freie‹ Bauern wie Staats- oder Kronbauern, die sesshaften Ethnien des Zarenreiches, aber auch Kosaken waren wahlberechtigt. Hinzu kamen Delegierte der obersten Behörden – Kollegien, Senat und Synod. Dies bedeutete, dass die Geistlichkeit nur einen Deputierten entsandte. Die Deputierten, so die Anweisung, wurden in einem mehrstufigen Verfahren gewählt, das sich oft als mühsam erwies und bei dem sich Katharina sicher eine stärkere Beteiligung gewünscht hätte. Aber Verfahren und Vorhaben waren neu, sodass die Untertanengruppen jeweils nicht genau wussten, was von ihnen erwartet wurde. Als der Ukaz veröffentlicht wurde, arbeitete die Kaiserin noch an dem zentralen Dokument ihrer Herrschaft. Dabei hatte sie nicht im Sinn, diese Kommission Gesetze beschließen zu lassen und den Untertanen so Partizipationsrechte einzuräumen. Dies hätte ihren Vorstellungen autokratischer Herrschaft widersprochen. Vielmehr suchte sie Empfehlungen und Rat. Die Kommission sollte kein Schritt auf dem Weg zu einer Konstitutionalisierung Russlands sein. Vielmehr knüpfte sie an die Tradition der Reichsversammlungen des 17. Jahrhunderts an.19

Die letzte große Gesetzeskompilation, die traditionale Rechtskreise vereinheitlicht, die Familie und die Residenz des Herrschers unter Schutz gestellt und Verbrechen gegen die Majestät geregelt hatte, war 1649 am Beginn der Herrschaft des Zaren Aleksej (reg. 1645–1676) erarbeitet worden. Auch damals waren Deputierte zusammengekommen, um über ein solches Gesetzeswerk zu beraten, freilich aber nicht in einem derart regulierten Verfahren gewählt worden. Der Kern der Gesetzgebung hatte seinerzeit in der rechtlichen Zementierung der Leibeigenschaft gelegen, die die Sozialverfassung des Zarenreiches bis in die Zeit der Herrschaft Katharinas prägte und deren Sinnhaftigkeit die Kaiserin diskutieren ließ. Die Šuvalovs hatten bereits gegen Ende der Regierungszeit der Kaiserin Elisabeth eine solche Gesetzbuchkommission ins Werk setzen wollen, und erste Deputierte hatten sich auf den Weg gemacht, als der Siebenjährige Krieg und die Krankheit Elisabeths das Projekt stocken ließen.20

Eine Herrscherin, die durch gute Gesetzgebung einen funktionierenden Staat schaffen wollte, tat gut daran, hier anzuknüpfen und zugleich denen gegenüber, die die konkrete Arbeit der Beratung leisten sollten, zu kommunizieren, in welchem Rahmen sie handeln durften. Auch hier gehörte es zu den Mitteln katharinäischer Politik, sich nicht nur mit ihren engsten Beratern bei Hofe zu besprechen, sondern auch ihren europäischen Korrespondenzpartnern zu vermitteln, dass sie Grundlegendes vorhabe, nämlich eine Große Instruktion (Nakaz) unter Nutzung der Referenzgrößen der Aufklärung. An D’Alembert schrieb sie:

»Sie werden sehen, wie ich zum Nutzen meines Reiches Montesquieu geplündert habe, ohne ihn zu nennen. Sieht er meine Arbeit von der anderen Welt aus, so wird er mir dieses Plagiat hoffentlich doch verzeihen, um der Wohltaten, die sich daraus für zwanzig Millionen Menschen ergeben sollen […] Sein Werk ist mein Gebetbuch.«21

In der Tat nutzte sie MontesquieusVom Geist der Gesetze ebenso intensiv wie extensiv, kopierte lange Passagen, ließ aber auch manche Sätze weg, die dann eine entscheidende Abweichung in der Sicht auf den Staat und seine Gesellschaft ergaben. Schon der Herausgeber der ›klassischen‹ Ausgabe ihrer Instruktion kam zu dem Ergebnis, dass von den 526 Artikeln, in die die 20 Kapitel des Werkes gegliedert waren, 284 aus Montesquieus Vom Geist der Gesetze stammten.22 Dabei veränderte sie allerdings den Text ihren Absichten entsprechend. Wenn sie etwa ›Fürst‹ durch ›Souverän‹ oder ›Freiheit‹ durch ›Recht des Bürgers‹ ersetzte, verschob sie die Bedeutung in die Richtung einer konservativen Aufklärung.

Weitere 108 Artikel wurden von Cesare Beccarias Dei delitti e delle pene übernommen. Hier machte sie sich für die Zeit fortschrittliche Strafzumessungsgrundsätze zu eigen und reflektierte über die Gültigkeit allgemeiner Gesetze für alle Untertanen. Gleichfalls bedeutend mag für sie Jakob Friedrich von Bielfeld gewesen sein, dessen zweibändiges staatswissenschaftliches Lehrwerk Institutions politiques (1760, überarbeitet 1767) Katharinas Vorstellungen vom Funktionieren staatlicher Ordnung vor dem Hintergrund ihrer Kenntnis der deutschen Kleinstaaten entgegenkam und vertrauter erschien. Vor allem ging Bielfeld nicht von einer Gewaltenteilung aus. Katharina sollte später seine Übersetzung ins Russische veranlassen. Auch Justis Die Grundfeste zu der Macht und Glückseligkeit der Staaten (1760/61) nutzte sie. Natürlich zog sie auch einzelne Artikel aus Denis Diderots Enyclopédie (1751–1765) heran und François Quesnays Le droit naturel (1765). Dies bedeutete einen Lesehorizont, der im Vergleich mit anderen europäischen Herrscherinnen und Herrschern ihrer Zeit enorm war. Zugleich war sie in der Nutzung nicht frei von Widersprüchen. So folgte sie Montesquieu in Artikel 79, wenn sie Körperstrafe bei Mord für zulässig hielt, in Artikel 209–212 aber Beccaria, wenn sie die Auffassung äußerte, dass »unter normalen Umständen einer Gesellschaft« Körperstrafe zu unterbleiben habe.23

Manche Widersprüche mochten bereits in einem ersten Entwurf gestanden haben, den sie auf Französisch verfasst hatte,24 andere kamen durch Überarbeitungen hinein, zu denen sie sich aufgrund der kritischen Lektüre durch ihre Berater entschloss, die den Text ganz oder in Teilen lasen: Mindestens sechs Personen lasen den gesamten Text, die zugleich einflussreiche Interessengruppen bei Hofe repräsentierten: Ihr Kanzler, Michail Voroncov, stand für die Elite der alten Adelsfamilien; Vasilij Baskakov, einer ihrer Sekretäre, stand für die bürokratische Funktionselite; General Aleksandr Bibikov stand für das Militär; der Bischof von Tver, Gavriil, und der Erzpriester Platon, der spätere Metropolit von Moskau, standen für eine reformorientierte, ›aufgeklärte‹ Gruppe der Geistlichkeit; und Aleksandr Sumarokov schließlich, der Poet, stand für die gebildete Öffentlichkeit, die für die Akzeptanz von Katharinas Regierung so wichtig war.

Andere Mitarbeiter lasen nur Teile des Textes, etwa die Passagen über die Leibeigenschaft, von denen Katharina wusste, dass sie an den Grundlagen der Sozialverfassung des russischen Imperiums rühren konnten. Mit diesem Vorgehen testete sie gleichsam die Grenzen des Machbaren aus: Mochte sie auch selbst im Sinne einer radikaleren Variante der Aufklärung finden, dass die Leibeigenschaft der Menschenwürde widersprach,25 so machten die Rückmeldungen von Sumarokov und anderen ihr deutlich, dass eine grundsätzliche Veränderung an diesem Punkt den Interessen der Machteliten zuwiderlief. Denn wenn ihre Berater in respektvollem Ton, aber doch deutlich ablehnten, am System der Unfreiheit der Bauern und der adligen Besitzrechte etwas zu ändern, musste die Kaiserin diese Einwände ernst nehmen, weil die Kritiker jeweils für ganze Gruppen der Eliten standen. Und an einer Stabilität der Verhältnisse, die durch jedwede Transformation des Systems hätte gefährdet werden können, hatte Katharina ein vitales Interesse. Sie war die Grundlage ihrer Herrschaft. Reformen für einen effektiv funktionierenden Staat, der im Sinne der ›guten Policey‹ klare Regeln für die Untertanenschaft aufweisen sollte, waren ihr wichtiger.26 An eine Schmälerung der Selbstherrschaft als umfassende Macht der Herrscherin, von der alle Gewalt ausgeht, die aber ihrerseits auf der Grundlage der Gesetze regieren sollte, dachte sie nicht.

Aber es zeigte sich an den Reaktionen ihrer Berater auf den ersten Entwurf, dass sie ihren Untertanen, auch den Bauern, mehr zutraute, als ihre Umgebung es tat.27 Wenn Sumarokov argumentierte, die Mentalität der leibeigenen Bauern sei eine von Sklaven und die Befreiung in absehbarer Zeit nicht möglich, zeigt dies den Abstand, den der adlige Dichter dem eigenen Volk gegenüber empfand: Freiheit vor dem Gesetz könne nur dem Adel zukommen, die Freilassung der Bauern würde die Rechte des Adels einschränken. Katharina hingegen wollte auch die Bauern vor rechtlicher Willkür schützen. Überhaupt fanden die intensivsten Diskussionen über Kategorisierungen und Geltungsbereiche des Rechts statt.28 In vielen Passagen nahm Katharina II. nur kleine redaktionelle Änderungen vor. Die Instruktion wurde schließlich in einer russischen Version in die Gouvernements verschickt, um die Erwartungen der Herrscherin zu verdeutlichen.

Was aber waren nun die Inhalte, die als Leitfaden der Arbeit der Gesetzbuchkommission dienen sollten? Zunächst einmal stellte Katharina kategorisch fest, dass Russland eine europäische Macht sei. Diese Grundaussage ihrer Instruktion positionierte Russland als rational regierten und geordneten Staat auf dem Weg aufgeklärter Reformen und sagte zugleich etwas über die Position Russlands in der Welt aus: Für einen solch großen Flächenstaat sei die angemessene Herrschaftsform die der Autokratie, und zwar eine aufgeklärte, die von der Despotie zu unterscheiden sei. Hiermit setzte sich Katharina von Montesquieu ab, der Peter I., auf dessen Reformen sich Katharina ja immer wieder berief, als Despoten eingeordnet hatte. Eine monarchische Regierung habe nicht die ›natürlichen Freiheiten‹ der Untertanen einzuschränken, sondern im gemeinschaftlichen Interesse der Untertanen zu handeln. Was sie unter natürlicher Freiheit verstand, explizierte sie nicht; in den späteren Artikeln 36–39 führte sie allerdings aus, der Untertan dürfe nicht tun, was er wolle, sondern was im Rahmen der Gesetze erlaubt sei. Katharina zielte auf die Etablierung einer ›gesetzmäßigen Monarchie‹, an die sich auch der Autokrat zu halten habe.29

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Дата выхода на Литрес:
19 декабря 2025
Объем:
502 стр. 21 иллюстрация
ISBN:
9783170255166
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Bookwire
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