Читать книгу: «Verhängnis in der Dorotheenstadt»
Es geschah in Preußen 1840
Jan Eik
Verhängnis in der
Dorotheenstadt
Von Gontards erster Fall
Criminalroman
Jaron Verlag
Jan Eik, geboren 1940 in Berlin als Helmut Eikermann, ist seit 1987 freiberuflicher Autor und Publizist. Er schrieb zahlreiche Kriminalromane und -erzählungen sowie Hör- und Fernsehspiele. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u. a. »Der siebente Winter« (1989), »Der Geist des Hauses« (Ein Friedrichstadtpalastkrimi, 1998) und »Trügerische Feste« (2006). Im Jaron Verlag erschienen von ihm u. a. der Kriminalroman »Am Tag, als Walter Ulbricht starb« (2010, mit Horst Bosetzky), »Schaurige Geschichten aus Berlin« (2007) und »Der Berliner Jargon« (2009); für die Krimireihe »Es geschah in Berlin« verfasste er »Der Ehrenmord« (2007), »Nach Verdun« (2008, mit Horst Bosetzky), »Goldmacher« (2009) und »In der Falle« (2011).
Originalausgabe
1. Auflage 2011
© 2011 Jaron Verlag GmbH, Berlin
1. Digitale Auflage 2013: Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
ISBN 9783955520304
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Nachbemerkung
Eins
Am Mittag des 16. Oktober 1840 erschien der Major Christian Philipp von Gontard in der Wohnung des jungen Physikers Doktor Heidenreich, um nach den Gründen für dessen Abwesenheit bei der Huldigungsfeier für den neuen König an der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule zu forschen, an der sie beide als Lehrkräfte für die künftigen preußischen Artillerie-Offiziere tätig waren.
Im Grunde handelte es sich nicht um eine Wohnung. Gebhardt Heidenreich bewohnte ein eher ärmliches Quartier, eine Stube im zweiten Obergeschoss im Hause des Cichorienfabrikanten August Knoppe in der Dorotheenstädtischen Mittelstraße, wohin der Major von Gontard bis dahin nur einmal vorgedrungen war.
Zu seiner Überraschung erblickte Gontard vor dem schmalbrüstigen Bau, dessen Haustür weit offen stand, eine mit einem ausgemergelten Pferd bespannte Chaise, die ihm nicht unbekannt war. Als er näher trat, drang aus den oberen Stockwerken dumpfes Stimmengewirr bis in den Durchgang zu ihm, von dem sich der klagende Tonfall einer Frau abhob.
Was mochte hier vorgefallen sein?
Höflich zog er den Klingelzug neben der Tür. Oben schien man das jämmerliche Scheppern nicht zu hören.
Er klopfte, kräftig diesmal, dann trat er in das Halbdunkel des Flurdurchgangs und begann entschlossen, die gewundene Treppe mit dem altertümlichen Geländer zu erklimmen. Im ersten Stockwerk, das, wie er wusste, erst seit kurzem wieder vermietet war, gestattete eine offene Tür den Blick in ein frisch gekalktes Zimmer, in dem Kisten und Kasten durcheinanderstanden. Seinen Ruf beantwortete niemand, doch plötzlich kam jemand die Treppe herab, ein - soweit von Gontard das im Halbdunkel erkennen konnte - bürgerlich gekleideter Mensch kaum mittlerer Statur, der sich an ihm vorbeidrängte und ihm dabei höflich zunickte, ohne ihn wirklich anzublicken. Gontard, der über ein gutes Personengedächtnis verfügte, kam der Mann bekannt vor. Außer dem hohen Zylinder trug er nichts in der Hand.
Im Obergeschoss war es still geworden. Hinter einer Tür weinten Kinder. Als Gontards Kopf die Höhe des oberen Fußbodens erreichte, gewahrte er in der engen Diele drei Personen, die schweigend seiner harrten. Die Frau erkannte er sofort als die Tochter des Hauses Knoppe, die ihn selber einmal diese Treppe hinaufgeleitet hatte. Ihr zur Seite stand ein hochgewachsener Mensch in einem dunklen Anzug und mit ebenso dunklem Haar, das bärtige Gesicht mit dem goldgefassten Kneifer zu der sichtlich von Unglück Betroffenen geneigt, dem uniformierten Gontard dabei einen wachsamen Blick entgegenschickend.
Der Dritte, der unübersehbar und in seiner ganzen Breite die Tür zu Heidenreichs Gemach versperrte, war der Criminal-Commissarius Waldemar Werpel, dem Gontard bereits mehrfach begegnet war. Eine von der ersten Minute an unausgesprochene gegenseitige Abneigung hatte bisher verhindert, dass Gontard ein Wort mit dem Mann gewechselt hätte, dessen Geschäfte ihn dennoch brennend interessierten.
Die Konstellation der drei - insbesondere Werpels Anwesenheit und die sichtliche Bestürzung der Demoiselle Albertine - ließ von Gontard Schlimmes befürchten. Erst einige Abende zuvor war ihm aufgefallen, wie sehr sie sich um Heidenreichs Wohlergehen bemühte, und der sprach stets in wohlwollendem Ton von ihr.
»Sie kommen zu spät«, verkündete sie mit heiserer Stimme und schlug die Hände vors Gesicht. »Er ist tot.« Von Gontard, durchaus daran gewöhnt, Tatsachen als solche zu erfassen und hinzunehmen, gelang es diesmal nicht, seine Skepsis zu unterdrücken. »Heidenreich?«, fragte er ungläubig, als gäbe es in der hier angetroffenen Situation den geringsten Zweifel an der Identität eines möglichen Toten.
»Heidenreich!«, bestätigte der Commissarius denn auch in beinahe befriedigtem Tonfall. »Sind Sie mit ihm verwandt?«
»Ich bin sein Freund und Kollege. Major Christian Philipp von Gontard.«
Der Commissarius nickte hoheitsvoll. »Wer hat Sie von seinem Ableben verständigt?«
Gontard sah den Commissarius an, konnte jedoch dessen Gesichtszüge im Halbdunkel der Diele und gegen das schwache Licht aus Heidenreichs Stube nicht deutlich erkennen. Nur um sich nicht sofort mit ihm anzulegen, entschied er sich für eine Antwort auf die höchst überflüssige Frage. »Niemand. Ich bin gekommen, um nach ihm zu sehen. Was ist hier vorgefallen?«
»Das wird sich herausstellen!«, entgegnete der Commissarius förmlich. »Sie wussten also von seiner … nennen wir es Unpässlichkeit.«
Statt einer Antwort trat Gontard auf die Amtsperson zu und vermochte nun immerhin, einen Blick über dessen Schulter in die Stube zu werfen, in der Heidenreichs halbbekleideter Körper verkrümmt auf dem zerwühlten Bett lag. Auf einem Stuhl und auf dem Boden verstreute Kleidungsstücke verrieten wenig Sinn für Ordnung, Papiere und Bücher stapelten sich auf dem Tisch unter dem Fenster, und gleichermaßen vollgestopft wirkte auch der restliche Raum.
»Hat man einen Arzt verständigt?«, erkundigte Gontard sich ungehalten.
Gemessen verbeugte sich daraufhin der schwarzgekleidete Bärtige und stellte sich vor: »Doktor Henricus Bächerle, wenn Herr Major gestatten. Doctor medicinae und seit jüngstem hierorts ansässig und demnächst praktizierend.«
Gontard verstand. »Sie wohnen hier im Hause?« Bächerle verbeugte sich erneut, diesmal noch ein Stück tiefer. »Seit nunmehr drei Tagen.«
Die dunkle Haarpracht des Arztes wies eine schüttere Stelle auf, wie Gontard bemerkte. Seine sanfte Stimme klang angenehm und erinnerte an Heidenreichs singenden Tonfall.
»Er war gestern Abend noch kerngesund«, stellte Gontard fest, was nicht ganz dem Zustand entsprach, in dem er den Freund verlassen hatte. Aber ein paar Gläser Wein brachten einen unverwüstlichen Kerl wie Gebhardt Heidenreich nicht um! Hatte man ihn auf dem Heimweg überfallen und ausgeraubt?
Bächerle sah ihn durch seinen Kneifer mit mildem Blick an. »Mit Verlaub, Herr Major«, sagte er verhalten, »er war ganz offensichtlich stark betrunken.«
»Sie haben also den gestrigen Abend mit ihm verbracht?«, mischte sich der Commissarius ein. »Ihren Freund möglicherweise sogar nach Hause begleitet?«
Nein, das hatte er nicht, und das war vermutlich ein nicht wiedergutzumachendes Versäumnis, wie Gontard sich augenblicklich eingestand. Dass Heidenreich tot da drinnen lag, versetzte ihm einen Schock. »Ich muss ihn sehen!« Ungestüm versuchte er, den Commissarius beiseitezudrängen, der noch immer den Zugang zu Heidenreichs Stube versperrte, als gelte es, deren düsteres Geheimnis für die Ewigkeit zu bewahren. »Hat er irgendwelche Verletzungen?«
Werpel wich nicht von der Stelle. »Erwarten Sie solche?«, fragte er bedeutungsvoll.
Gontard verlor die Geduld. »Ich erwarte vor allem, dass man mich die Leiche betrachten und in gebührender Achtung von einem teuren Freund Abschied nehmen lässt«, äußerte er in scharfem Ton.
Aus Albertine Knoppe brach es heraus: »Er sieht so furchtbar aus! Als hätte er sich schrecklich quälen müssen, der Arme.«
Gontard senkte seine Stimme. »Sie haben ihn gefunden?«, erkundigte er sich mitfühlend.
Sie nickte unter Tränen, und der Doktor Bächerle setzte zur Erläuterung, vielleicht auch zu ihrer Beruhigung hinzu: »Infolge einer Überdosis an Alkohol Verstorbene bieten selten einen erfreulichen Anblick …«, worauf die Demoiselle in heftiges Schluchzen ausbrach.
Der Commissarius Werpel schien einzusehen, dass es nach dieser Erklärung nicht länger sinnvoll oder notwendig war, Gontard von der Leiche fernzuhalten, und gab endlich den Weg frei.
So leicht aber war Gontard nicht zu beruhigen. »Darf man fragen, weshalb Sie hierher gerufen wurden?«, wandte er sich an Werpel. »Um welche Art von Criminalvergehen handelt es sich Ihrer Meinung nach?«
»Das wird die Untersuchung ergeben«, antwortete der in steifem Amtston. »Die Criminal-Ordnung schreibt vor, dass der Körper eines Menschen, dessen Tod durch Gewalt, Zufall, Selbstmord oder eine bis dahin unbekannte Ursache bewirkt ist, niemals eigenmächtig beerdigt werden darf. Ein solcher Vorfall muss von demjenigen, der ihn entdeckt, sofort der Ortspolizeibehörde zur weiteren Veranlassung angezeigt werden.«
Unter Schluchzen brachte Albertine Knoppe wie zu ihrer Entschuldigung hervor: »Ich habe einen Jungen zum Herrn Commissarius gesandt. Der Herr Doktor Heidenreich hatte mir doch anvertraut, es bestünde eine sehr große Gefahr …«
Von Gontard horchte auf. Auch ihn hatte Heidenreich am gestrigen Abend mit dunklen Andeutungen überrascht, auf die er betrüblicherweise wenig gegeben hatte. Gespannt fragte er: »Um welche Art von Gefahr sollte es sich dabei handeln?«
»Das eben kann oder will das Fräulein nicht näher ausführen!«, trompetete der Commissarius unzufrieden.
»Dem Trunke Verfallene neigen gelegentlich zu irrigen Annahmen oder leiden unter überspannten Trugbildern …«, ergänzte Doktor Bächerle mit seiner sanften Stimme.
Gontard sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Kannten Sie Doktor Heidenreich näher?«, fragte er.
Bächerles bärtigem Gesicht war keine Gefühlsregung abzulesen. »Nein«, entgegnete er höflich, »ich habe ihn lediglich mehrmals auf der Treppe gehört.«
Albertine hatte sich inzwischen gefasst. Gontard schien es, als wolle sie ihm etwas mitteilen, doch drängte Werpel nun plötzlich: »Wollen Sie Ihren Freund und Kollegen sehen oder nicht? Der Leichenwagen ist bereits angefordert. Wir warten nur noch die Ankunft des Hauseigentümers ab.«
Gontard war drauf und dran sich zu empören. Den toten Freund mit dem »Nasenquetscher« zum Koppe’schen Armenhaus zu befördern - etwas Widersinnigeres fiel einem empfindungslosen Menschen wie Werpel nicht ein! Jeder in der Residenz kannte das armselige Gefährt mit dem flachen Behältnis darauf, das die Selbstmörder, all die Unglücks- und Wasserleichen und die unter fragwürdigen Umständen irgendwo und irgendwie aus dem Leben Geschiedenen in das gerichtliche Obduktionshaus, das berüchtigte Türmchen in der Auguststraße expedierte.
Dem Commissarius schien die eilige Entscheidung angesichts Gontards Auftauchen und dessen Entrüstung wohl selbst nicht mehr ganz angemessen, weshalb er es für nötig befand, sie zu verteidigen: »Demoiselle haben uns versichert, dass hierorts keine Angehörigen des Verstorbenen ansässig sind.«
»Herr Doktor Heidenreich steht in Königlich Preußischen Militärdiensten!«, war alles, was Gontard darauf in aller Deutlichkeit zu erwidern wusste und damit dem Commissarius endgültig das Ausmaß der Fehlentscheidung klarmachte.
Was Werpel darauf erwiderte, überhörte Gontard. Er war an das Totenbett Gebhardt Heidenreichs getreten, ein schmales Matratzenlager nur, das der Dahingegangene in seinem Todeskampf anscheinend beschmutzt hatte.
Minutenlang stand Gontard stumm und starrte auf den Leichnam. Heidenreich trug ein nicht sehr reinliches Hemd, den Unterkörper verbarg eine Decke. Auf der tief eingebeulten Lagerstatt war der gekrümmte Leichnam mit ausgestreckten Unterarmen auf die Seite gerollt. Es sah aus, als hätte jemand vergeblich versucht, die Leiche auf dem Rücken auszustrecken und deren Hände zu falten.
Von Gontard, obwohl seit frühester Jugend Soldat, hatte nie an einer Schlacht teilgenommen, ja in seinem Leben überhaupt nur wenige Leichen gesehen. Diese hier erschien ihm besonders entsetzlich.
Trotz des ekelhaften Geruchs, der von dem Erbrochenen auf dem Kissen ausging, beugte er die Knie, um dem Toten in das verzerrte Gesicht unter dem wirren Blondhaar zu blicken. Erschüttert suchte er, die vertrauten Züge des Freundes zu entdecken, dessen erstarrte Arme sich ihm flehend entgegenreckten. Unter den nicht gänzlich geschlossenen Augenlidern schien Heidenreich ihn anzublinzeln, als sei alles nur ein böser Spaß.
»Haben Sie ihn gänzlich untersucht?«, fragte Gontard den Arzt, der hinter ihn getreten war. Der nickte gemessen, wies aber darauf hin, dass er noch nicht über die hiesige Approbation verfüge und demzufolge ein weiterer Kollege den Tod und die wahrscheinliche Ursache bescheinigen müsse.
»War das der Herr, dem ich auf der Treppe begegnet bin?«
Bächerle schüttelte den Kopf und blickte Werpel an. Der machte eine abwehrende Geste. »Dieser Herr hat mit dem vorliegenden Fall nicht das Geringste zu tun«, erklärte er so kategorisch, dass Gontard fragend die Augenbrauen hob. »Es handelt sich um einen Besucher des prinzlichen Vorreiters Spielvogel, der mit seiner Familie die Nebenstube bewohnt.« Werpel wies auf die Tür, hinter der noch immer ein Kind greinte. »Ich habe ihn bereits befragt.«
Wieder erschien es Gontard, als habe Albertine Werpels Aussage etwas hinzuzufügen, wage es jedoch angesichts dessen grimmiger Miene nicht.
Mit einem gewissen Unbehagen fasste Gontard seinen Eindruck zusammen: »Die ganze Angelegenheit erscheint mir reichlich mysteriös …«
»Na eben!«, mischte sich Werpel sofort ein. »Deswegen muss die Leiche umgehend zur Obduktion gelangen!«
»Dafür werde ich Sorge tragen«, sagte Gontard entschieden. Ihm lag daran, dass sein Freund Friedrich Kußmaul den Toten begutachten würde. Möglicherweise würde man Heidenreichs Leichnam vor den Studenten und fremden Ärzten im anatomischen Theater sezieren, doch das erschien ihm allemal würdiger als das erniedrigende Türmchen. Schon lange kämpfte der Professor der Staatsarzneikunde Johann Ludwig Casper um eine der Residenz angemessene Morgue, wie London oder Paris sie besaßen. Der Bau eines solchen Leichenhauses war nunmehr auf dem Charitégelände vorgesehen.
Überraschenderweise stimmte Werpel Gontards Entschluss sofort zu. Der hatte ihn im Verdacht, mit dem Leichen-Commissarius in der nahen Friedrichstraße in Absprache zu stehen, der für das gesamte Beerdigungswesen der Hauptstadt zuständig war. Ein lukrativer Posten, wie jedermann sich vorstellen konnte.
Schweren Schrittes trat von Gontard aus der engen Stube. Albertine war schon halb die Treppe hinunter, doch er konnte sie noch aufhalten. »Wann haben Sie ihn gefunden?«, fragte er.
Sie starrte ihn an, aus furchtsamen Augen, wie ihm schien, und sagte leise: »Mir fiel nicht auf, dass er heute Morgen das Haus gar nicht verlassen hat …«
Für Gontard war das keine ausreichende Auskunft. Er fragte noch einmal: »Aber wann haben Sie ihn gefunden?«
»Als ich seine Stube aufräumen wollte. Heute ist Freitag, da werden die Dielen gescheuert.«
»Als er gestern Abend nach Hause kam - ist Ihnen da etwas an ihm aufgefallen?«
Albertine blickte an ihm vorbei auf Werpel oder den Arzt, das vermochte Gontard nicht zu erkennen, und schüttelte den Kopf. »Er war wie immer …«
»Und seine Tür war nicht verschlossen?«
Für Gontards Geschmack zögerte sie zu lange mit der Antwort. »Ich kann sie öffnen …«, gab sie schließlich zögernd zu und wies ein an ihrem Schürzenband befestigtes Schlüsselbund vor.
Gontard sah ein, dass einer weiteren Befragung im Augenblick kaum Erfolg beschieden sein würde, zumal Geräusche aus dem Erdgeschoss auf die Ankunft der Eltern Knoppe hindeuteten.
»Was war das für eine große Gefahr, von der Doktor Heidenreich gesprochen hat?«
»Ich habe alles Notwendige protokolliert«, wandte Werpel sichtlich verärgert ein. »Von einer Gefahr hat sie mir gegenüber nur in sehr allgemeinen Worten gesprochen …«
»Albertine!«, tönte eine ängstliche Frauenstimme mit sächsischem Tonfall von unten. Und noch einmal, dringlicher diesmal: »Albertine!«
Und bevor Gontard zu sagen vermochte, dass er unbedingt noch einmal mit ihr reden müsse, war sie schon die Treppe hinuntergeeilt.
»Sie entschuldigen mich wohl«, sagte nun auch Doktor Bächerle. Werpel gestattete es gnädig. Der Doktor verbeugte sich beinahe ehrerbietig auch vor Gontard.
»Falls Sie noch Fragen haben bezüglich des Ablebens Ihres Freundes …«, äußerte er in teilnahmsvollem Ton, »Sie treffen mich jederzeit hier an.«
Von Gontard nickte ihm zu. »Davon werde ich gewiss Gebrauch machen«, sagte er. Und sei es nur, um zu erfahren, um wen es sich bei dem geheimnisvollen Fremden auf der Treppe handelte, den Werpel so eilfertig aus der Angelegenheit herauszuhalten suchte.
Zwei
Seiner Dienststellung nach hatte Traugott Liborius es keineswegs nötig, sich oder sein Handeln zu verbergen. Er war ein beamteter Inspector des Königlichen Polizeipräsidiums am Molkenmarkt, den allerdings gute Gründe zwangen, seine Person und seine Tätigkeit vor jedermann geheim zu halten. Die Begegnung auf der Treppe des Knoppe’schen Hauses erschien ihm deshalb höchst fatal, hatte er bis dato doch jedes Zusammentreffen mit dem Major von Gontard geschickt vermieden. Dass Gontard als der engste Freund des hinreichend verdächtigen Unruhestifters Gebhardt Heidenreich gelten musste, war ihm selbstverständlich ebenso geläufig wie die Tatsache, dass die beiden gemeinsam und im Geheimen angebliche Studien betrieben, hinter deren Sinn und Zweck zu kommen man sich amtlicherseits bisher vergeblich bemüht hatte.
Liborius, mit dem Jahrhundert geboren und demzufolge just vierzig Jahre alt, hatte sich zeit seines Lebens nur mit einem einzigen, höchst bemerkenswerten Objekt befasst, dem Menschen, und war dabei mit allen Abgründen menschlicher Verworfenheit in Berührung gekommen. Obwohl er sich niemals weiter als bis Jüterbogk aus der preußischen Residenz entfernt hatte, kannte er die Welt und durchschaute sie bis ins Kleinste. Die Menschen waren überall gleich. Und gleich gefährlich. Um das herauszufinden, bedurfte es lediglich eigener Anschauung und nicht des Studiums dicker Bücher. Wäre ihm das Schreiben leichter gefallen, hätte er seine diesbezüglichen Erkenntnisse dennoch gerne weitergegeben - natürlich nur an vertrauenswürdige Personen, deren es nicht allzu viele gab. Die Ketzerei, wie man solche Rebellion in früheren Zeiten bezeichnet hatte, machte vor niemandem Halt, nicht einmal vor Militärs und den höheren Ständen. Handwerker taten sich zusammen, um gegen die gottgewollte Ordnung zu opponieren, Schulen und Universitäten entwickelten sich zu Brutstätten staatsgefährdender Ideen, vor denen weder Zeitungen noch Theater sicher waren. Von der sogenannten Wissenschaft ganz zu schweigen. Mehr als zwanzig Jahre Erfahrung und gründliche Beobachtung gestatteten es Liborius, Begriffe wie Physik und Philosophie, Elektrizität oder Pädagogik als fremdartige und höchst nutzlose Auswüchse menschlichen Geistes einzuschätzen, sämtlich von Männern ersonnen, denen es an Gottesfurcht und Königstreue mangelte.
So war er auf diesen Doktor Heidenreich gestoßen oder vielmehr gestoßen worden, denn Liborius tat in der Regel, was der Geheime Rath von Bewerstorff am Molkenmarkt von ihm verlangte, der wiederum seine Befehle aus höheren Sphären empfing, wohin der gemeine Untertanenverstand üblicherweise nicht reichte. Dessen ungeachtet war Liborius darin geübt, auf Zwischentöne zu lauschen, Andeutungen zu erkennen und Zusammenhänge zu deuten, wo solche insgeheim bestanden, wie beispielsweise zwischen dem auffälligen Interesse Heidenreichs am Stammbaum des Königshauses, einer gewissen weiblichen Bekanntschaft des Doktors und einem weiteren Lehrer an der Artillerieschule. Den, einen alten Krieger von rechtem Schrot und Korn, wusste Liborius leicht für seine Zwecke zu gewinnen, ohne etwas von den vermuteten Hintergründen preiszugeben. Die kannte er nicht wirklich. Dass sie ein Mitglied des Herrscherhauses betrafen, war jedoch mehr als eine Ahnung.
Um wen konnte es sich handeln? Prinzen und Prinzessinnen gab es im fruchtbaren Stammhaus Hohenzollern dutzendweise. Der hochselig dahingegangene König, dessen jüngster Bruder noch unter den Lebenden weilte, hatte neben dem Kronprinzen und Nachfolger drei weitere Söhne und vier Töchter hinterlassen, über die das eine oder andere harmlose Histörchen kursierte - mehr nicht. Wer von denen in eine wie auch immer geartete Verbindung zu diesem Heidenreich und dem Oberst-Lieutenant verwickelt sein mochte, blieb ein Rätsel.
Durch einen blanken Zufall und keineswegs ganz ohne eigene Überlegung war Traugott Liborius auf eine vielverheißende Spur gestoßen, nachdem der Geheime Rath von Bewerstorff in seiner Gegenwart Einblick in ein schmales Aktenstück mit der Aufschrift P. A. genommen und ihn anschließend aufgefordert hatte, alle Anstrengungen bezüglich Heidenreich zu vermehren. »Finden Sie alles heraus, was der Kerl treibt, was er denkt, mit wem er umgeht und so fort!«
P. A., hatte Liborius gedacht und sich das Hirn zermartert, wen die geheimnisvolle Akte wohl betreffen könnte. Bis ihm im Gespräch mit einem seiner niederen Vigilanten an der Artillerieschule wie von selbst die Erleuchtung kam. »Ich glaube, der Herr Oberst-Lieutenant verdankt seine Stellung hier im Hause vor allem der Einflussnahme Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen August«, hatte der Zuträger treuherzig geäußert, der dort selbst nur das Gnadenbrot kaute und für gewöhnlich nichts als Geschwätz an Liborius weitergab.
Prinz August! Dass er darauf nicht selber gekommen war! Der Prinz, eine immer noch eindrucksvolle Gestalt mit schlohweißem Haar und großem Charme, galt in Berlin beinahe als ein volkstümliches Original. Seit drei Jahrzehnten Chef der preußischen Artillerie und damit auch Kurator der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule, die er begründet hatte, war er seiner strengen Inspektionen und Prüfungen wegen ebenso gefürchtet, wie er bei Mannschaften und Offizieren beliebt war.
Es war allgemein bekannt, dass es sich bei dem 1779 im Schloss Friedrichsfelde geborenen Prinzen August um den letzten Spross aus der Hohenzollern-Generation des großen Friedrich handelte. Er war der Sohn von dessen jüngstem Bruder Ferdinand, der seine und Friedrichs Nichte Anna Luise von Brandenburg-Schwedt geheiratet hatte. Augusts unvergessener Bruder Louis Ferdinand war 1806 auf dem Schlachtfeld den Heldentod für Preußen gestorben und genoss noch immer allgemeine Verehrung.
Es fiel Liborius nicht schwer herauszufinden, dass ihre militärischen Ruhmestaten keineswegs das einzige waren, was die Brüder auszeichnete. Hatte bereits Louis Ferdinand nicht nur dank seiner Körpergröße und seiner musikalischen Talente bei den Damen aufsehenerregende Erfolge verbucht, so schien es auch August darauf angelegt zu haben, weibliche Schönheiten gleich im Dutzend mit seiner Huld zu beglücken. Liborius sträubten sich die spärlichen Haarfusseln unter der Perücke, und der Schweiß lief ihm den Nacken hinunter, als er sich nach und nach mit des Prinzen höchst privater Tatkraft in diesem galanten Fach vertraut machte. Wenn alle diese Angaben über den hochgeborenen Frauenliebling in unrechte Hände - sprich in die eines Doktor Heidenreich und seiner demagogischen Kumpane - gerieten, dann, so Liborius’ unmaßgebliche Meinung, verfügten die Feinde der Monarchie über explosivere Munition als Augusts gesamte Artillerie.
Leider verleitete ihn seine wohldurchdachte Annahme zu einer Unvorsichtigkeit, die beinahe bedauerliche Folgen gehabt hätte. Dem Geheimen Rath gegenüber, der ihn schon des Öfteren seines mangelnden Scharfsinns wegen getadelt hatte, erwähnte er in einer beiläufigen, aber nicht ganz absichtslosen Bemerkung den Namen des Prinzen und erzielte damit eine ungeahnte Wirkung.
»Falls in diesem Bureau und in Verknüpfung mit angewiesenen geheimen Untersuchungen noch einmal der Name eines Mitgliedes der Königlichen Familie fällt, sind Sie ein toter Mann, Liborius!«, brüllte von Bewerstorff.
»Zumindest finden Sie sich als Constabler im letzten Winkel der posenschen Provinz wieder. Haben Sie das begriffen? Der Königliche Hof hat außerhalb aller Ihrer dümmlichen Erwägungen zu stehen!«
Liborius verstand nur allzu gut, gedachte jedoch, sich nur mit Einschränkungen daran zu halten. Immerhin hatte ihm der Wutausbruch Seiner Exzellenz die Richtigkeit seiner Mutmaßung bestätigt. Zwar wusste er noch immer nicht, wie ausgerechnet die Subjekte, auf deren Spuren er wandelte, unmittelbar mit der Person des Prinzen verkettet waren, aber das beabsichtigte er, allmählich herauszubringen. Auf diesen Heidenreich und seinen Umgang schien es hauptsächlich anzukommen. Also hatte er im Laufe von Monaten entsprechende Vorsorge getroffen, jederzeit über dessen Handeln informiert zu sein, ja, er war sich nicht einmal zu schade, die Wege des Delinquenten mitunter aus angemessener Entfernung selbst zu überwachen, wie er es am vergangenen Abend getan hatte. Ein grober Fehler, wie ihm schwante, nachdem er dem Major von Gontard begegnet war.
Wie sollte es jetzt weitergehen mit seinen Ermittlungen, nachdem das Objekt seiner Aufmerksamkeit eines so unerwarteten Todes gestorben war? Am Molkenmarkt würde man allerlei Fragen stellen. Weshalb hatte er alle Schritte dem Criminal-Commissarius überlassen und nicht sofort allen irdischen Besitz des Toten mit Beschlag belegt? Dazu hätte er sich der Knoppe-Tochter und dem fremden Doktor gegenüber aus seiner Deckung begeben müssen. Wie aber sollte es ihm jetzt, nach Gontards Auftauchen, noch gelingen, verräterisches Schrifttum im Besitz oder aus der Feder des Verstorbenen sicherzustellen?
Sorgenvoll machte sich Traugott Liborius auf den Weg zum Molkenmarkt. Er ahnte, dass ihm Unannehmlichkeiten bevorstanden. Wenn er Glück hatte und seine Begegnungen mit Gontard verschwieg, setzte der Rath ihn gegebenenfalls auf den Major an. Eine erste Verbindung in dessen nächster Umgebung war bereits geknüpft, und die zur Artillerieschule ließen sich weiter nutzen. Nur er selber musste sich vorläufig fernhalten von diesem Gontard mit dem scharfen Blick.
Während er an der Schlossfreiheit vorbei hinüber zur Breiten Straße eilte, erinnerte er sich an das Zusammentreffen auf der Treppe. Hatte sich im Gesicht des Majors so etwas wie ein Wiedererkennen gespiegelt? Er selbst war am Vorabend viel zu sehr mit Heidenreich und seinen trunkenen Reden beschäftigt gewesen, um auf Gontard zu achten. Was mochte Heidenreich dem zugeflüstert haben?
Drei
An jenem Abend war Heidenreich seinem Freund Gontard munterer und besser aufgelegt erschienen als in den Monaten zuvor. Die lärmende Meute, dicht um den Doktor gedrängt, musste selbst einem Tauben auffallen, betrat er den verräucherten Keller in der mittleren Friedrichstraße nahe Unter den Linden, der sich prahlerisch als Kasperskis Weinstube ausgab und dabei eher einer billigen Tabagie glich.
Gontard, mit dreißig Jahren im besten Mannesalter, war weder hörgeschädigt, wie es bei Artilleristen nicht eben selten vorkam, noch ein Kostverächter. Manchen Abend hatte er hier in Heidenreichs Gesellschaft gezecht. Im Augenblick allerdings verspürte er keine Neigung, sich dem ausgelassenen Kreis um den Kollegen anzuschließen. Er war müde. Lärm und überflüssige Reden hatte er tagsüber wahrhaftig genügend ertragen müssen. Er war nur durstig und nicht bereit, an diesem besonderen Tag auf den gewohnten Schlummertrunk zu verzichten.
Gab es nicht allen Grund zum Feiern? Der König ist tot, es lebe der König - das galt für den inzwischen 45-jährigen ewigen Kronprinzen allemal, der lange auf diesen Tag hatte warten müssen. Seine Untertanen fühlten mit ihm und hofften auf ihn. Es konnte ja nur besser werden. Zumindest anders. In den vergangenen zehn Jahren hatte sich in Preußen nicht viel bewegt, sah man von den ausufernden Aktivitäten der Polizei und ihrer ungezählten Zuträger einmal ab und davon, dass seit zwei Jahren eine Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam verkehrte. Auf dem Gelände der alten Scharfrichterei entstand gerade der Stettiner Bahnhof.
»Bleierne Jahre« nannte Heidenreich das Jahrzehnt stets, um im nächsten Atemzug einen Vortrag über die vorzüglichen elektrischen Eigenschaften ebendieses unedlen Metalls anzustimmen. Hingewiesen auf den in seinen Worten schlummernden Widerspruch bei der Bewertung des grauen Elements, wusste Heidenreich seinen Exkurs sogleich auf die positive wie negative Wirkungsweise und Richtung des elektrischen Stroms auszudehnen, was endlich auch den letzten Zuhörer die Ohren verschließen ließ. Es sei denn, es handelte sich um einen jener übereifrigen Schüler, die jede Äußerung aus Heidenreichs Mund für Manna nahmen, während andere sie heimlich mitschrieben, um sie höheren Ortes anzubringen, wo man sie ebenfalls nicht recht zu deuten wusste. Heidenreichs ergänzende Behauptung zur bleiernen Zeit, es könne bekanntlich noch so dumm kommen, man lerne immer etwas dazu, forderte einen Vorwitzigen immerhin zu der Frage heraus, wie er das wohl meine. Worauf Heidenreich empört seine wilde Mähne schüttelte und den Fragenden durch seinen Kneifer fixierte. »Doch wohl so, wie Sie es verstehen, werter Herr!«
Das war Gebhardt Heidenreich, wie er leibte und lebte, und an diesem Abend schien er ganz in seinem Element, bemerkte jedoch in einem wachen Moment den eben eingetretenen Freund und erhob sich zu dessen übertrieben unterwürfiger Begrüßung. Dass er damit nur die vormitägliche Huldigung von Friedrich Wilhelm IV. durch die untertänigen Berliner Bürger karikierte, fiel vermutlich nicht alleine von Gontard auf. Auch ihn hatte das Stunde um Stunde währende Zeremoniell zunehmend angewidert, all diese Lobhudeleien und Ergebenheitsadressen an einen Monarchen, der sich im Gegensatz zu seinem einsilbigen Vater und Vorgänger, auf den er sich ausdrücklich berief, als erstaunlich redselig erwies und im Laufe der Feierlichkeiten mehrfach das Wort ergriff, ohne dabei allerdings Wesentliches verlautbaren zu lassen. Verstanden hatten ihn ohnehin nur diejenigen, die der eigens errichteten hölzernen Empore nahe genug standen, einem mit einer geschmückten Balustrade und weiten Treppenaufgängen versehenen Vorbau vor der Lustgartenfassade des Schlosses, unter deren höchster Überdachung Friedrich Wilhelm in seinem Thronsessel die Zeremonie genoss.
Gontards Geschmack traf derlei Pomp und Aufwand nicht, doch hatte er als Militär gelernt, seine persönlichen Anschauungen für sich zu behalten. Eigene Meinungen waren in Preußen nicht gefragt. Das würde sich kaum ändern. Anscheinend fiel es den wenigsten Staatsbürgern auf, dass vom neuen König öffentlich nicht nur vom Herrscher, sondern auch vom »Beherrscher« die Rede war.
Dabei hatte dessen Herrschaft im Sommer durchaus hoffnungsvoll begonnen. Der huldvolle Monarch hatte die vor Jahren zum Tode verurteilten Burschenschafter endgültig freigegeben und im Laufe seiner ersten Regierungsmonate noch mancherlei getan, was die Erwartungsvollen wie die Unzufriedenen beruhigte. In fröhlicher Runde konnten Heidenreich und Gontard die Gläser auf die neuernannten Leuchten der Wissenschaft an der Universität erheben, die wegen ihrer Unbotmäßigkeit in Göttingen abberufenen Gebrüder Grimm, die nunmehr das Berliner Geistesleben beflügeln würden. Was von dem erzkonservativen Stahl kaum zu erwarten war, wie Heidenreich sofort eingewandt hatte. Dass man zahnlose Greise wie den alten Turnvater Jahn nicht länger unter Polizeiaufsicht zu halten gedachte und betagte Alt-Politiker wie Herrn von Boyen wieder zu Generälen berief, hielt er kaum für ein Anzeichen künftiger Liberalität. Die Verfassungsfrage, so dozierte er, sei der entscheidende Faktor, an dem sich jede Progression der Monarchie messen lasse.
Die im Mai 1815 im Überschwang des Sieges über die Franzosen von Friedrich Wilhelm III. versprochene Verfassung war im Laufe der Jahre zumindest beim König selbst gänzlich in Vergessenheit geraten - nicht jedoch bei seinen Landeskindern. Bald hatten die drakonischen Demagogenverfolgungen das ihre dazu beigetragen, die Erfüllung jenes Versprechens besser nicht anzumahnen. So blieb es 25 Jahre lang.
Im September 1840 hatte der neue Monarch die Erbhuldigung der Stände des Königreichs Preußen und des Großherzogtums Posen hinter sich gebracht und bei dieser Gelegenheit sechs neue Grafen und einen Freiherrn ernannt, zehn Rittergutsbesitzer in den Adelsstand erhoben und 53 Orden verliehen. In Berlin hatte Ähnliches in weitaus größerem Maße stattgefunden. Alles nur billiger Protz, wie Heidenreich schon vorher gegenüber von Gontard anzumerken wusste, der ihm nicht widersprach.
Immerhin hatte sich bereits in Königsberg erwiesen, wie der neue Friedrich Wilhelm auf das eigentliche Problem Brandenburg-Preußens reagierte. Dort hatte sich der Landtag des alten Rechts besonnen, anlässlich der Huldigung Bitten und Beschwerden vorzubringen. Mit großer Mehrheit wurde der Antrag auf reichsständische Verfassung gemäß dem königlichen Versprechen vom 22. Mai 1815 vorgetragen, was der König höchst ungnädig aufgenommen und im Landtagsabschied glatt abgelehnt hatte. Der vorige König, so ließ Friedrich Wilhelm IV. den in allen Landen ernüchtert aufhorchenden Untertanen verkünden, sei nach reiflicher Überlegung von der allgemeinen Volksvertretung zurückgekommen und habe sich zu der provinzial- und kreisstädtischen Verfassung als dem der deutschen Volkstümlichkeit entsprechenden Weg entschlossen. Diesen Weg werde auch er selbst unabänderlich verfolgen.
Damit war alles gesagt. Von Gontard, seitens der Familie von durchaus königstreuer Herkunft und an Unabänderliches gewöhnt, missbilligte Heidenreichs Erregung dennoch nicht, fürchtete jedoch, dass den Freund noch mancherlei Schwierigkeiten erwarteten.
Zum Ritterstande gehörig, durfte von Gontard zusammen mit den Standesherren und dem hohen Klerus an der Huldigung im Weißen Saal des Schlosses teilnehmen, während sich bürgerliche Naturen wie Heidenreich nach dem Défilé im verregneten Lustgarten eilig in die trügerische Geborgenheit des Kasperski’schen Weinkellers zurückzogen. Wie lange sie hier schon beieinanderhockten, war der Lebhaftigkeit und Lautstärke ihrer Gespräche anzumerken, wobei sie sich bezüglich der Themen keineswegs die übliche Zurückhaltung auferlegten. Es schien, als fürchte an diesem Abend niemand die tausend Ohren der Geheimen Polizei, die in Kasperskis Etablissement so sicher lauschten wie an jedem öffentlichen Ort. Unweit der dichtgedrängten Heidenreich’schen Schar, die Kasperski persönlich bediente, hockte auch hier einer ganz allein an einem Tischchen, schlecht getarnt durch ein Journal, in dem er vorgab zu lesen, und ließ die Kugelaugen hin und her blitzen.
Auch dieses Spähers wegen hielt es von Gontard für geraten, sich mit einer abwehrenden Handbewegung bei Heidenreich zu entschuldigen und ihn mit einer weiteren Geste vor allzu großer Kühnheit zu warnen, bevor er sich einen ruhigeren Platz suchte. Zu seiner Überraschung fand er den im Nebenraum, wo eine weitere muntere Runde bei einem guten Schoppen am Tisch saß, darunter der Schriftsteller Julius Eduard Hitzig. Was mochte den an einem solchen Abend ausgerechnet in Kasperskis schlecht beleumdetes Etablissement getrieben haben?
»Nun? Wie sieht es mit unserem Freund Bathurst aus?«, rief der lebhafte kleine Mann von Gontard fröhlich entgegen. »Dürfen wir die Reste seines Leichnams demnächst in Augenschein nehmen, oder haben Sie ihn lebend in Frankreich aufgespürt?«
Hitzigs gealtertem Kindergesicht hinter der Brille sah man den ehemaligen Criminalrath und Kammergerichtsdirector nicht ohne weiteres an. In Preußens Leidensjahren aus dem Staatsdienst entlassen, hatte der Jurist sich erfolgreich als Übersetzer, Verleger und Buchhändler versucht und erste eigene Werke veröffentlicht. In jenen Jahren genoss sein Lesezimmer nicht nur unter den Studenten anhaltenden Ruhm. Er war ein vielseitiger Mann, wie er acht Jahre lang als Herausgeber der Zeitschrift für die Criminal-Rechts-Pflege in den Preußischen Staaten oder als Begründer und Mitglied der literarischen Mittwochsgesellschaft bewiesen hatte.
Seine engsten Freunde, die Dichter E. T. A. Hoffmann und der mit Hitzigs Pflegetochter Antonie verheiratete Adelbert von Chamisso, waren inzwischen dahingegangen. Hitzig, seit einigen Jahren nur noch schriftstellernd, dachte daran, deren Lebensbeschreibungen zu verfassen. Das Haus in der südlichen Friedrichstraße teilte Hitzig mit der Tochter Clara, ihren Kindern und ihrem Mann, dem angesehenen Kunsthistoriker und Professor Franz Kugler. Eine zweite Tochter war die Frau des berühmten Geodäten Baeyerlein.
Der Familie gehörte auch das prächtige Palais Itzig in der Burgstraße, denn Hitzig war der Enkel des Oberhofbanquiers Friedrichs des Großen, Daniel Itzig. Seine Schwester Lea war mit einem Sohn des großen Moses Mendelssohn verheiratet, und sein Sohn Georg galt als hoffnungsvoller und vielversprechender Architekt.
Gontard schätzte Hitzig als einen amüsanten und sachkundigen Gesprächspartner, der gerne mit interessanten Fällen aus seiner reichen Berufserfahrung aufwartete. Umso weniger schätzte er es allerdings, gänzlich unerwartet in den Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu geraten. Also versuchte er, die angesprochene Suche nach dem verschwundenen Bathurst herunterzuspielen, indem er die Rolle des beschämten Verlierers übernahm. »Sie haben leider recht behalten, lieber Herr Criminalrath. Ich habe nicht das Geringste herausgefunden.«
Voller Enttäuschung war er erst wenige Tage zuvor in die preußische Residenz zurückgekehrt. Trotz aller Mühe war es ihm nicht gelungen, das mysteriöse Verschwinden des Lord Bathurst aufzuklären. Glücklicherweise hatte er sich diesbezüglich auf keine Wette mit den beiden Schriftstellern und Rechtsgelehrten Hitzig und Alexis eingelassen, die seit längerer Zeit ein Buch in der Art des Franzosen Pitaval über bemerkenswerte Criminalfälle planten. Seit sie in seiner Anwesenheit im Café Stehely das geheimnisvolle Verbrechen an dem jungen englischen Diplomaten in all seinen Facetten erörtert hatten, war ihm der Fall nicht aus dem Sinn gegangen. Da er nun einmal die trübe Oktoberwoche nach Michaelis auf seinem Gut in der wenig aufregenden Prignitz zu verbringen gedachte, ließ sich diese Gelegenheit günstig nutzen, nicht nur den eigenen Pferdebestand gründlich zu prüfen, sondern auch seinem heimlichen Steckenpferd einmal richtig die Sporen zu geben. Insgeheim hoffte er, dass ihm seine vorzüglichen englischen Sprachkenntnisse dabei von Nutzen sein würden. Christian Philipp von Gontard lechzte nämlich geradezu danach, grausame Mordtaten oder andere Verbrechen aufzuklären und den oder die Täter der irdischen Gerechtigkeit zuzuführen.
Statt sich also um sein Gut, seine Frau Henriette und seine beiden Kinder zu kümmern, hatte er beinahe eine ganze Woche damit verbracht, in Perleberg und Umgebung auf den Spuren des vermutlich ermordeten oder zumindest entführten englischen Gesandten zu wandeln und nach dessen Verbleib zu forschen. Ohne nennenswertes Ergebnis, wie er sich eingestehen musste.
Immerhin hatte er eine gewichtige Zeugin der rätselhaften Geschehnisse ausfindig gemacht und befragt. Die Widersprüche zwischen ihren Erinnerungen und den in den Amtsstuben der Stadt vorhandenen spärlichen Protokollen und Papieren lagen auf der Hand und waren mit seinem begrenzten Wissen nicht zu klären.
Musste er sich wirklich mit der Erkenntnis zufriedengeben, dass hier entweder ein kaltblütiger Raubmord fahrlässig oder vorsätzlich auf völlig unzureichende Weise untersucht worden war? Oder steckte doch ein verborgenes Spiel weit höherer Mächte hinter alldem, das aufzuklären er nicht imstande war? Jedenfalls nicht mehr nach gut dreißig Jahren, denn der junge Lord - oder wer auch immer der fremde Reisende wirklich gewesen sein mochte - war am Abend des 25. November 1809 letztmalig lebendig gesehen worden, vor fast 31 Jahren also.
Im Nachhinein belächelte von Gontard sein Vorhaben, das historische Rätsel lösen zu wollen. Es um ein Weniges aufzuhellen, bedurfte es mindestens einiger Auskünfte aus England und eines tiefen Blicks in die Archive der napoleonischen Geheimpolizei. Er kannte ja nicht einmal alle preußischen Unterlagen, und Zugang zum Geheimen Staatsarchiv würde man ihm kaum gewähren. Vielleicht konnte ja Hitzig behilflich sein.
Das Schankmädchen hatte indes auf dessen fordernde Geste hin einen weiteren Stuhl herbeigeschleppt, und Gontard blieb nichts anderes übrig, als sich niederzulassen. »Was ich tatsächlich herausgefunden habe, schildere ich Ihnen besser ein andermal«, raunte er seinem Nachbarn zu. Der nickte beifällig, und nur einer der Herren fragte mit schwerer Zunge nach, um was für einen Leichnam es sich denn handle.
Hitzig winkte ab. »Ein alter und beinahe vergessener Criminalfall«, sagte er. »Der Herr Major betreibt gelegentlich das Gewerbe eines detective, wie man derlei Leute in England tituliert.«
»Und Sie und Ihr Freund Häring bringen seine Abenteuer zu Papier!«, vermutete der Fragende und sah sich um Zustimmung heischend im Kreise um. Die anderen am Tisch waren an ihrem vorherigen Gesprächsgegenstand hängengeblieben und stritten weiter über Wert oder Unwert der zahlreichen vom König ausgesprochenen Standeserhöhungen und Gnadenbeweise.
»An altem Adel mangelt es uns wahrhaftig nicht«, meinte Hitzigs linker Nachbar und blickte von Gontard entschuldigend an, bevor er fortfuhr. »Und an verarmtem wohl ebenso wenig. Wozu benötigen wir da einen neuen Verdienstadel, der nicht einmal mehr an den rittermäßigen Grundbesitz gebunden sein soll? Das schafft nur einen neuen armen Adel, der sich verstärkt in die Staatsämter drängen wird!«
Ein glattrasiertes Habichtgesicht widersprach lebhaft:
»Meinicke, in Ihnen steckt immer noch der verkappte Demagoge! Kaum hat der König die ersten wohlbedachten Maßnahmen ergriffen, streuen Sie Ihre unbedarfte Kritik darüber aus! Der neue Adel ist in zweiter und dritter Deszendenz, will sagen, in absteigender Erblinie, sehr wohl an den Landbesitz gebunden.«
»Immer mehr große Güter befinden sich in bürgerlicher Hand«, entgegnete ein Kahlkopf undeutlich und ohne dabei das Mundstück seiner überlangen Pfeife zwischen den gelben Zähnen loszulassen, indessen ein anderer gehässig ergänzte: »Wenn nicht gar in jüdischer!«
Worauf sich für einen Augenblick verlegenes Schweigen ausbreitete, wusste doch jeder hier am Tisch, dass Julius Eduard Hitzig vor seiner Taufe Isaak Ephraim Itzig geheißen hatte. Seine jüdische Familie war die erste in Preußen gewesen, der ein königliches Dekret die vollen Bürgerrechte gewährt hatte.
Hitzig, in sechzig Lebensjahren an stärkere Attacken gewöhnt, lachte nur gutmütig und sagte: »Das ist allemal der wirkliche Kummer, dass nun sogar reiche Juden geadelt werden könnten! Nur bei den Staatsämtern sieht es bisher weniger günstig aus.«
»Eben!«, meldete sich wieder der Adelskritiker. »Sagt doch der Paragraph 35 des Allgemeinen Preußischen Landrechts eindeutig: Der Adel ist zu den Ehrenstellen im Staate vorzüglich berechtigt!«
Von Gontard war dieser Art von Debatten überdrüssig, vermochten sie doch nicht das Geringste an den Entscheidungen des Monarchen und seiner Ratgeber zu ändern. Preußen war nicht England oder Frankreich.
Wie um ihn zu erlösen, vernahm er plötzlich eine vertraute Stimme an seinem Ohr: »Du wirst begeistert sein von dieser Aufgabe!«
Mit triumphierender Miene stand Heidenreich hinter ihm, den Zeigefinger erhoben und ein wenig schwankend, als wehe ein kräftiger Wind durch das Kellergewölbe und zause seine wirre Haarpracht.
Gontard, einerseits zufrieden über die Ablenkung, von der niemand außer ihm am Tisch Notiz nahm, andererseits in Erwartung eines der üblichen Heidenreich’schen Geistesblitze, sagte: »Dein Telegraph funktioniert endlich!«
Heidenreich schüttelte seine Löwenmähne. »Leider nicht. Sonst wäre ich schon klüger.«
Er rückte mit seinem Mund so nahe, dass Gontard den heißen Atem, ja ein feines Sprühen an seinem Ohr spürte. »Es ist eine exorbitante Entdeckung«, flüsterte er mit trunkener Zunge, »die ich da mit hochgradiger Wahrscheinlichkeit gemacht habe!«
Gontard war nicht erpicht darauf, zu dieser Zeit und in dieser Umgebung Teilhaber eines Geheimnisses zu werden, das sich im Licht des Tages unter Umständen als eine der voreiligen Schwärmereien des Freundes entpuppen mochte. »Du wirst es mir morgen gewiss genau erklären«, äußerte er in normaler Lautstärke, worauf Heidenreich erschrocken den Finger über die Lippen legte und sich scheu im Kreis umblickte, als fürchte er einen heimlichen Lauscher. In der Tischrunde war der kaum zu befürchten, doch als von Gontard sich umwandte, nahm er den falschen Zeitungsleser aus dem anderen Raum wahr, der sich wie suchend nach einem Platz umsah und dabei dicht an Heidenreich vorbeistrich.
»Die Angelegenheit ist nicht ohne Gefahr!«, zischelte der in Gontards Ohr. »Ich verspreche dir, sie wird dein höchstes Interesse wecken und erfordern!«
»Das hoffe ich sehr, mein Lieber«, sagte Gontard. »Du weißt, wie schwer Langeweile für mich zu ertragen ist.«
Vier
So verhielt es sich in der Tat. Christian Philipp von Gontard hasste Langeweile. Vielleicht hatte er sich ja deshalb mit dem unruhigen Feuerkopf Heidenreich zusammengetan, der von großen Entdeckungen und Erfindungen träumte. An jenem Abend seiner Rückkehr aus der Prignitz, der sein letzter gemeinsamer mit Heidenreich werden sollte, hatte Gontard an seinem zierlichen Schreibmöbel in dem kleinen Salon seiner Wohnung in der Dorotheenstraße gesessen. Vertieft in seine Aufzeichnungen zum Fall Bathurst, gelang es ihm nicht, Licht in das Dunkel der Affäre zu bringen.
Draußen sank die Dämmerung herab, aus der Tanzdiele schräg gegenüber schallte der übliche Lärm, der sich im Laufe der Abendstunden noch steigern würde. Nacheinander flammten in der Dorotheenstraße die Gaslichter auf. Seufzend zündete Gontard zwei Kerzen an. Bis jetzt hatte er es nicht geschafft, seinen Hauswirt und Vermieter zu überreden, sich für die zeitgemäße Form der Beleuchtung zu entscheiden. Der führte die schlechten Zeiten als Grund an, obwohl seine Geschäfte sich in diesem Jahr gut entwickelt hatten und angesichts der anstehenden Feierlichkeiten eine wahre Goldgrube darstellen mussten. Adam Zerkelwitz war Fouragehändler, Pferde brauchten nun einmal ihr Futter, und die Königlichen Ställe lagen nahe.
Christian Philipp von Gontard besaß in der Nähe von Kyritz ein Gut, dessen Verwaltung er gerne dem älteren Bruder seiner Frau überließ, einem hagestolzen Krautjunker, der an mancherlei Launen seiner Schwester gewöhnt war und der das Beste aus Wutike zu machen verstand. Ihm verdankte Gontard auch den jungen Hengst Waldemar, auf dessen Rücken er die zwölf Meilen vom Gut hierher zurückgelegt hatte. Oft würde er dem Tier, das sich nun im Stall bei der Tierarzneischule erholte, eine solche Strecke nicht zumuten. Auf den täglichen Ritt durch den Thiergarten aber freute er sich schon lange.
Gontard, in Berlin geboren und aufgewachsen, war an das großstädtische Leben in der Residenz gewöhnt. Trotz seines Interesses für alles Criminale hatte er die militärische einer Laufbahn bei der übel beleumdeten Polizei vorgezogen. Er war der Spross einer einst adligen Hugenotten-Familie, von deren bedeutendstem Sohn tiefe oder vielmehr sichtbar emporragende Spuren in der Berliner und Potsdamer Architektur kündeten. Der berühmte Architekt und Baumeister Carl Philipp Christian von Gontard, der für seine Verdienste vom Kaiser Joseph 1767 erneut in den erblichen Adelsstand versetzt wurde, war sein leiblicher Großvater. Fürstenwillkür und Hofintrigen hatten den genialen Mann früh ins Grab gebracht. Dabei verdankte ihm die Residenz die eindrucksvollen Königs- und die Spittelkolonnaden, das Rosenthaler und das Oranienburger Thor und - neben manchem Bürgerhaus im eleganten Zopfstil - Berlins schönsten Platz, den Gensdarmen-Markt mit seinen beiden Kirchtürmen. Nur Böswillige erinnerten gelegentlich an den Einsturz des Deutschen Doms während des Baus. Dergleichen war auch dem großen Schlüter widerfahren.
Auch mit diesem historischen Vorfall hatte sich der Enkel ernsthaft beschäftigt, dabei aber keine Spuren crimineller Machenschaften entdecken können. Christian Philipp war bei allem romantischen Interesse für Ereignisse ungewöhnlicher Art ein nüchtern und rational denkender Mensch, der seine Berufung darin gefunden hatte, die künftigen preußischen Artillerie-Offiziere in der Kunst ihrer Waffen und in der Ballistik zu unterrichten. Dass der Umgang mit dem Pulver gewisse gefährliche Besonderheiten aufwies, war ihm nicht unbekannt. Häufig referierte er vor seinen Schülern über die Explosion des alten Pulverturms am Spandauer Thor, bei der im August 1720 insgesamt 72 Personen den Tod gefunden hatten und der König selbst nur durch eine gottgewollte Verspätung mit dem Leben davongekommen war.
Ob es sich tatsächlich um eine göttliche Vorsehung - immerhin war die Garnisonkirche samt Schule zerstört worden - oder um eine höchst irdisch vorbereitete Verzögerung gehandelt hatte, war ihm bei aller Mühe nicht gelungen herauszufinden. Der Soldatenkönig war alles andere als eine beliebte Persönlichkeit gewesen.
Derlei ketzerische Erwägungen erwähnte Gontard niemandem gegenüber. Er war ein königstreuer Offizier und klug genug, nicht wider den Stachel zu löcken. Das überließ man besser den Burschenschaftern und anderen Feuerköpfen, denen sich die politische Polizei mit all ihren Spitzeln und Zuträgern und am Ende das Untersuchungsgericht in Köpenick widmeten. Nicht mehr lange, wie man allgemein hoffte.
Es klopfte an der Tür, und ohne eine Antwort abzuwarten, schob sich seine Wirtschafterin Madame Koblank ins Zimmer, eine resolute Person unbestimmbaren Alters und ebenso unbestimmter Haarfarbe und -tracht. Sie hatte nicht mit seiner heutigen Rückkehr gerechnet. »Jewiss jedenken der Herr Major noch auszujehn?«, vergewisserte sie sich. »Sonst müsste ick zum Abendbrot leider was aus’n Jasthof holen …«
Nach dem langen Ritt fühlte sich Gontard eigentlich nicht in Stimmung, das Haus noch einmal zu verlassen, doch den Rest des Tages in der tristen Stube zu verbringen, danach stand ihm der Sinn noch weniger. Eine gute Woche Landaufenthalt hatte genügt, seine Leidenschaft für den Glanz und die Freuden der Residenz erneut anzufachen. Er liebte seine Henriette, und sobald er Wutike verlassen hatte, sehnte er sich nach ihr und den Kindern. Denen gegenüber hatte er ein besonders schlechtes Gewissen. Was sollte in dieser ländlichen Einöde nur aus ihnen werden?
Doch all sein Bemühen, Henriette zu einem Umzug in die Stadt zu bewegen, scheiterte an ihrer kategorischen Ablehnung. »Du weißt, ich habe es versucht«, so lautete ihr Einwand. »Ich werde krank von all diesem Gerenne und Getue, diesen alltäglichen und allabendlichen Aufregungen. Du hast gewusst, dass du ein einfaches Mädchen vom Land ehelichst …«
Nun, ein ganz so einfaches Mädchen war sie nicht, und ausgehalten hatte sie es mit ihm kaum ein halbes Jahr in Preußens Hauptstadt. Die Familie derer von Herzsprung besaß rings in der Mark umfangreiche Ländereien bis hinauf nach Mecklenburg-Strelitz, und der alte Baron hatte seinen drei Töchtern wie den sechs Söhnen eine wahrhaft fürstliche Erziehung angedeihen lassen. Dennoch war eines der Mädchen früh ins Kloster gegangen und die Älteste unlängst im Gefolge eines Musikers zweifelhafter Herkunft gen Italien verschwunden. Aus dem Bruder Heinrich war ein bigotter Pfaffe geworden, der seinem Sprengel in der nahen Spandauischen Vorstadt mit pietistischer Sittenstrenge vorstand und überdies zu Gontards Ärger dazu neigte, jeden Schritt seines ungeliebten Schwagers Christian Philipp zu überwachen, moralisch zu bewerten und nach Wutike zu melden.
Nicht etwa, dass Gontard sich etwas vorzuwerfen hatte. Sein ungebundenes Leben quasi als Junggeselle brachte eben die eine oder andere Anfechtung mit sich, der er sich nicht in jedem Falle entzog. Für Heinrich jedoch galten bereits der bloße Aufenthalt in einer der Berliner Conditoreien als verwerflich, das Rauchen und der Genuss alkoholischer Getränke als Todsünde. Glücklicherweise reagierte Henriette, die in mancher Hinsicht ebenfalls zu gewissen Affektionen neigte, mit Gelassenheit auf Heinrichs Anzeigen. Gontard aber stieg die Röte ins Gesicht, wenn sie ihm lächelnd pikante Stellen aus dessen denunziatorischer Correspondenz vorlas. Es war weniger die Scham vor Henriette als vielmehr die Gewissheit, dass derlei auch im schwarzen Postkabinett aufmerksam gelesen und vermerkt wurde und dem Fortkommen eines preußischen Offiziers kaum förderlich sein konnte.
Vielleicht würde sich das jetzt ändern. Seit dem Tod des alten Monarchen sprach man allerorten davon, und auch heute Abend würde es in den Cafés und Tabagien, in den billigen Bierschwemmen wie den vornehmen Stadtpalais kaum ein anderes Gesprächsthema geben. Am 21. September war Friedrich Wilhelm IV. mit seiner Elise durch eine reichgeschmückte Triumphpforte in die Stadt eingezogen, für den kommenden Donnerstag waren die Huldigungsfeierlichkeiten für den neuen Herrscher angesagt.
Erst jetzt merkte Gontard, dass Minna Koblank seit mindestens fünf Minuten von nichts anderem schwatzte als von ebendieser Ehrenerweisung für Fritz und Lörchen, wie sie das Königspaar vertraulich titulierte. Er nahm kaum wahr, dass da mancherlei Despektierliches in ihrem Redefluss dahinplätscherte, vermutete sie doch, dass der neue König sich vor den Anstrengungen der Festlichkeit mit einem kräftigen Trunk stärken würde, wie es nun einmal seine Art sei. »Der Butt«, so nannte sie ihn mit dem von ihm selbst gewählten Namen, verdanke seinen Leibesumfang gewiss nicht allein dem reichhaltigen Essen bei Hofe.
»Es ist gut, Minna«, sagte Gontard mit einem missbilligenden Unterton, den sie geflissentlich überhörte. »Ich gehe noch aus.« Nach den Tagen in der ländlichen Einsamkeit verspürte er geradezu das Bedürfnis nach einem guten Gespräch. Henriette hatte ihn mit den Nichtigkeiten der Kindererziehung und des Landlebens geplagt, und der fischige Schwager hatte fast immer mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck geschwiegen. Er missbilligte von Gontards fortwährende Abwesenheit und war doch im Grunde seines Herzens beglückt, in Wutike ungestört den Herrn spielen zu können.
Trotz seines Perleberger Misserfolges freute sich Gontard auf einen Abend mit den Herren Alexis - der eigentlich Häring hieß - und Hitzig. Die beiden würde er zu dieser Stunde sicher im roten Salon bei Stehely am Gensdarmen-Markt antreffen. Möglicherweise las dort auch sein Freund, der Mediziner Doktor Friedrich Kußmaul, die ausliegenden Journale. Sein Freund und Kollege Gebhardt Heidenreich verkehrte hingegen eher in Etablissements etwas niederer Kategorie, wo er dem Trunke in den letzten Monaten ein wenig zu heftig zusprach und außerdem sicher sein konnte, unter den Studenten der Universität oder des eigenen Bildungsinstituts eine halbwegs aufmerksame Zuhörerschar zu finden. Vielleicht aber, und das schien wahrscheinlicher, hockte Heidenreich wieder einmal über seinen Experimenten und hatte Raum und Zeit und hoffentlich auch den Alkohol vergessen. Gontard war sicher, dass irgendein stiller Kummer Heidenreich plagte, doch wenn es um Persönliches ging, verschloss der sich selbst dem engen Freund gegenüber wie eine Auster.
Irgendwann wird es noch einmal ein böses Ende mit ihm nehmen, dachte Gontard besorgt, während er sich für den Abend umzog.
Fünf
Dabei war zu diesem Zeitpunkt keineswegs vorauszusehen, dass es mit Gebhardt Heidenreich einmal ein schlimmes Ende nehmen würde. Nur Albertine Knoppe, die ebenso tugendhafte wie neugierige Tochter seiner Wirtsleute, prophezeite es ihm mitunter im halben Ernst, wenn sie den Staub zwischen seinen Gerätschaften zu beseitigen versuchte und dabei wie von unsichtbarer Hand von einem Schlag getroffen wurde, der auf seltsame Weise ihren ganzen Körper durchzuckte. Selbst gelb und bläulich knisternde Blitze von beachtlicher Länge waren ihr schon begegnet in der zugigen Mansarde direkt neben ihrer Schlafkammer, die Heidenreich für seine eigenwilligen Machenschaften nutzte. Dennoch hatten alle Verbote des jungen Gelehrten, irgendetwas zu berühren, seine verstreuten Papiere zu ordnen, ja sein Laboratorium überhaupt zu betreten, nicht gefruchtet. Allein der Anblick der blinkenden Kupferapparaturen, denen diese unheimliche Wirkung innewohnte, lud förmlich zur Berührung ein. Wie unter Zwang gab Albertine immer wieder ihrer Wissbegier und dem von der Mutter ererbten Ordnungstrieb nach.
Ansonsten verhielt sie sich so achtungsvoll zu dem jungen Mann, wie es sich gehörte, zumal Heidenreich nicht dazu neigte, sich in irgendeiner Form ungebührlich zu benehmen. Da hatte Albertine mit gewissen Studenten, die im Knoppe’schen Hause in der Mittelstraße zur Miete gewohnt hatten, ganz andere Erfahrungen machen müssen.
Umso mehr schätzte sie den zurückhaltenden jungen Menschen, der sie immer ein wenig geistesabwesend durch seinen Kneifer betrachtete, als blicke er durch sie hindurch. Sie empfand eher schwesterliche Gefühle für ihn, ja, sie neckte ihn mitunter absichtlich, um ihn ein wenig aufzuheitern. Seit einer ebenso heimlichen wie unglücklichen Liebesaffäre mit einem adligen Fräulein, an der sie infolge der durch ihre Hände gehenden Post wie dank Heidenreichs spärlichen Andeutungen innigen Anteil genommen hatte, schien ihr das nötig. Zu tief nistete der eigene Kummer in ihr, hatte sie sich doch vor vier, fünf Jahren sterblich in einen blondlockigen Studenten der Philosophie verliebt, der ihre Neigung bald auf das Heftigste erwiderte, sich dadurch jedoch nicht von seinen gefährlichen politischen Umtrieben abbringen ließ und schließlich Hals über Kopf das Weite suchen musste, wollte er nicht wie die 165 anderen Burschenschafter vom Kammergericht zu einer lebenslangen Haftstrafe oder gar zum Tode verurteilt werden.
Sie wusste nicht einmal, ob ihrem Ludwig die Flucht wirklich gelungen war. Noch immer hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, die unregelmäßig einlaufende Post würde ihr eines Tages endlich eine Nachricht aus seiner Hand bescheren. Andererseits ängstigte sie der Gedanke, eine solche Botschaft aus dem Ausland könnte im gefürchteten schwarzen Postkabinett bemerkt und aufgehalten werden, worauf sie und der Vater mit einem unangenehmen Polizeibesuch rechnen mussten.
Auch der junge Doktor Heidenreich neigte gelegentlich zu unbedachten Äußerungen über die Obrigkeit. Oder vielmehr zu wohlbedachten, denn er wusste sich stets geschickt herauszureden. Dennoch war und blieb er in Albertines Augen ein echter Gelehrter, ein wenig weltfremd und dadurch in mancherlei Hinsicht gefährdet. Allzu oft hatte sie ihm in letzter Zeit zu später, mitunter sogar zu frühester Stunde die Haustür geöffnet, worauf er mit ihrer Hilfe hinauf in seine Stube im zweiten Stock gestolpert war. Albertine bezweifelte, dass ihn der im Übermaß genossene Branntwein auf die Dauer über den Liebeskummer hinwegtrösten würde, und sie argwöhnte, dass er sich im trunkenen Gespräch zu unbedachten Bekenntnissen würde hinreißen lassen.
Außerdem belästigte das nächtliche Gepolter die Hausbewohner, insbesondere ihren Vater August Knoppe, der vor dem Königsthor eine nicht eben üppig florierende Cichorienfabrik betrieb, die sein frühes Aufstehen erforderte. Ihm gehörte das einst solide, inzwischen ein wenig heruntergekommene Haus mitten in der Neustadt, das sich nahezu seit deren Gründung im Familienbesitz befand.
Früher hatte Albertines Mutter Martha Knoppe, die aus Heidenau bei Dresden gebürtig und dem Dialekt der sächsischen Heimat noch immer verfallen war, das Haus und den Garten dahinter gepflegt und sogar einen Mittagstisch für die Herren Studenten unterhalten. Seit einigen Jahren aber folgte sie jeden Morgen ihrem Mann in die Fabrik und überließ der Tochter die Hausarbeit und allen Kummer mit den Mietern und der greisen Großmutter, die im zweiten Stock das vordere Zimmer zur Straße bewohnte. Das erste Geschoss hatte einige Monate leer gestanden, ohne dass der Vater sich bereit gefunden hätte, den Mietpreis herabzusetzen oder die Stuben an einzelne Studenten zu vermieten. Er sollte recht behalten. Gerade erst war es der Mutter gelungen, einem aus süddeutschen Landen zugereisten Mediziner die Beletage mit allen Nebenräumen zu einer ansehnlichen Jahresmiete zu überlassen.
Albertine hatte sogleich einen guten Eindruck von dem Doktor Henricus Bächerle gewonnen, einem dunkelhaarigen, nicht unansehnlichen Mann von aufrechtem Wesen und Blick, dessen Barttracht die Einschätzung seines wahren Alters ebenso erschwerte wie seine wohlgesetzte Redeweise. Alt war er jedenfalls nicht, wie sie ihrem heimlichen Schützling Heidenreich mitzuteilen wusste, der sich jedoch noch nie für die häuslichen Mitbewohner interessiert hatte. Nicht einmal für den prinzlichen Vorreiter Eginhard Spielvogel, der mit seiner totenblassen Frau Elise und drei kränkelnden Kindern in der Stube neben ihm hauste und den Albertine für einen obrigkeitlichen Ohrenbläser hielt. Sie traute ihm und seiner stillen Frau nicht über den Weg.
Heidenreich focht das nicht an, wenn er Albertine gelegentlich mit gewissen Hohenzollern-Histörchen unterhielt, denen sie mit brennenden Ohren lauschte, den Erzähler jedoch inständig anflehte, ja vorsichtig mit solcherlei Äußerungen über das geliebte Herrscherhaus umzugehen.
Heidenreich stieß darauf, je nach Stimmung, nur ein unwilliges Schnauben oder ein höhnisches Lachen aus, mäßigte aber gewöhnlich seine Stimme. Seiner Ansicht nach schien die allgemeine Demagogenriecherei und -fresserei seit dem Tode des alten Königs ein wenig nachgelassen zu haben, wovon man allerdings in der Artillerieschule kaum etwas merkte. Zu viele der alten Kalkköpfe gaben hier immer noch den Ton an, von denen Heidenreich der stockreaktionäre Oberst-Lieutenant Aemilius von Elster, genannt von Streyth, gleich aus mehreren Gründen so verhasst war, dass sogar Albertine der Name geläufig war und sie Heidenreichs tiefe Abneigung teilte, obwohl sie den fraglichen Offizier gar nicht kannte.
Heute war Heidenreich früh aus der Artillerieschule heimgekehrt und hatte den verregneten Nachmittag in der kalten Mansarde verbracht. Als Albertine sich gegen Abend entschloss, ihm ein wärmendes Getränk zu kredenzen, stand sie lange lauschend vor der Kammertür, hinter der Heidenreich seltsame Laute ausstieß, beinahe eine Art Singsang, da-di-di-da-di-da … in vielerlei Folgen.
So fröhlich hatte sie ihn lange nicht erlebt, und so öffnete sie entschlossen die Tür, fand ihn jedoch mit gewohnt ernsthafter Miene am Tisch hockend vor, auf dem er mit der Hand zum Gesang passende Rhythmen schlug.
»Sind Sie nunmehr auch noch unter die Komponisten gegangen?«, erkundigte sich Albertine mit jener Mischung aus Spaß und Respekt, die sie sich im Gespräch mit ihm öfter erlaubte.
Heidenreich schüttelte den Kopf. Seine blonde Haarmähne, die sie so schmerzlich an ihren Ludwig erinnerte, stand wirr nach allen Seiten. »Ich übe es, eine Meldung zu senden«, erklärte er. »Nach einem ganz neuen amerikanischen System. Aber das verstehst du sowieso nicht.«
Da hatte er recht. Von dem, was er hier oben tat, begriff sie leider nie das Geringste, obwohl er sich durchaus bemühte, es ihr zu erklären. Die wenigen Jahre in der Parochialschule hatten gerade genügt, ihr neben der Religion ein wenig Lesen und Schreiben zu vermitteln. Rechnen hatte sie der Vater gelehrt.
Weshalb Heidenreich unbedingt und angeblich in Windeseile irgendeine Nachricht nach Paris senden wollte, blieb ihr unklar. Waren die Franzosen nicht noch immer Feinde, die zudem eine Revolte gegen ihren eigenen König angezettelt hatten?
»Es könnte ebenso gut Königsberg oder meinetwegen Stuttgart sein«, berichtigte Heidenreich sie geduldig.
»Wichtig sind ausschließlich die weite Entfernung und die hohe Geschwindigkeit.«
Das half ihr nicht weiter. Eine größere Entfernung als die ins sächsische Heidenau, wo sie einmal die Großmutter besucht hatte, vermochte sie sich nicht vorzustellen, und was die Geschwindigkeit anging, so bereiteten bereits galoppierende Pferde ihr Unbehagen. Die neue Eisenbahn nach Potsdam, die sie nur bei der Bahnhofsausfahrt gesehen hatte, fuhr unterwegs angeblich noch rascher. Und im Tivoli am Kreuzberg, wohin Ludwig sie einmal ausgeführt hatte, waren sie mit einer geradezu ungeheuerlichen Geschwindigkeit die glatte Bahn hinuntergeglitten. Mit Schaudern, aber nicht ohne eine gewisse Sehnsucht erinnerte sie sich daran, wie Ludwig sie mit seinen starken Armen fest umklammert gehalten hatte.
Heidenreich schlürfte inzwischen dankbar die dunkle Flüssigkeit in sich hinein. »Schmeckt beinahe wie echter Kaffee«, brummte er, was im Hause eines Cichorienfabrikanten als ein zweifelhaftes Lob gelten mochte. Albertine registrierte es ohne Empfindlichkeit. Scherze über das wenig geschätzte und doch so ausgiebig genutzte Produkt aus der Brennerei des Vaters begleiteten sie seit ihren frühesten Kindertagen. Selbst Ludwig hatte seinen gutmütigen Spott damit getrieben und behauptet, es enthielte ohnehin ein Gutteil verfälschender Beimengungen wie Beinschwarz oder gar Steinkohlenpulver. Empört hatte der Vater derlei Verdächtigungen von sich gewiesen.
Albertine war der Duft der gebrannten Unkrautwurzel ebenso vertraut wie unangenehm. Sie bevorzugte die poetische Bezeichnung Sonnenwirbelwurz, aber auch die machte das Produkt aus dem gemeinen Wegwart kaum sympathischer.
Glücklicherweise befand sich die Knoppe’sche Brennerei nicht wie andere Gewerbe im Hof des eigenen Hauses, und das keineswegs aus Platzgründen. Die scharf gebrannten, zu Haufen aufgeschütteten oder in Fässern eingestampften Wurzeln entzündeten sich angeblich leicht von selbst, weshalb die Produktion nur außerhalb der Stadtmauern geduldet wurde.
Doktor Heidenreich hatte sich bei ihr nach allen Einzelheiten der Fabrikation erkundigt und auch den Vater eingehend befragt, dann jedoch jegliches Interesse an dem braunen Pulver verloren, das ihm seine tägliche Morgenlabsal lieferte. Dass er ansonsten Wein oder noch stärkere Getränke bevorzugte, war kein Geheimnis. Er stammte schließlich aus dem Süddeutschen, wo der Wein etwas bekömmlicher ausfiel als der heimische Berliner Essigtrunk.
Heidenreich war der hoffnungsvolle jüngste Spross einer im hohenzollernsch-sigmaringschen Ländle alteingesessenen Familie von Feldschern, Handelsleuten und angesehenen Militärs. Er war in jenem Jahr nach Berlin gekommen, in dem zu seiner Begeisterung die erste Lokomotive einen Zug ins nahe Zehlendorf und wenig spatter bis nach Potsdam gezogen hatte. Zwar hatte man die erste Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth erbaut, doch erst die riesigen Flächen und Entfernungen im erstarkenden Preußen ließen ahnen, wo die Zukunft für das neue Verkehrsmittel zu erwarten war. Inzwischen baute man eine Strecke ins Anhaltinische, Schienenpaare nach Stettin und Hamburg würden folgen.
Dennoch war es nicht die Eisenbahn, die das Interesse des jungen Wissenschaftlers in erster Linie fesselte. Seine wahre Berufung sah er in der Erforschung jener geheimnisvollen Kraft, die gewissen Elementen und Stoffen unsichtbar innewohnte, der Elektrizität. Seine außergewöhnliche Begabung für alles Verstandesmäßige, am besten mathematisch oder physikalisch Erfassbare, hatte ihm früh die Abneigung seiner geistlichen Mentoren eingebracht, ihm dessen ungeachtet jedoch zu einem baldigen Universitätsstudium verholfen. Da die württembergische Eberhardo-Carolina zu Tübingen in den Naturwissenschaften lediglich eine medizinische Laufbahn eröffnete, war er nach Freiburg und Jena und schließlich nach Göttingen gewechselt, ohne dort indes so tief in die Geheimnisse der Physik einzudringen, wie er es sich vorgestellt und gewünscht hatte. Nicht zu Unrecht bezweifelte er, dass einer der Herren Professoren - vom großen Gauß einmal abgesehen - nur annähernd den wissenschaftlichen Gehalt seiner eingereichten Doktorarbeit über den Aufbau und das Verhalten elektrischer Felder unter atmosphärischer Beeinflussung zu erfassen in der Lage war. So musste er sich mit einem flauen cum laude als Bewertung zufriedengeben.
Rastlos war Gebhardt Heidenreich durch die im Deutschen Bund vereinten Lande gezogen. Das junge, erst von Napoleon geschaffene Königreich Württemberg reizte ihn so wenig zum Bleiben wie das enge Großherzogtum Baden. Viel freier fühlte er sich im protestantischen Norden, wo sich in den Manufacturen der großen Städte nüchterner Geschäftssinn mit technischem Interesse zu paaren begann. Hier, so durfte er träumen, würde es ihm gelingen, wenigstens einige der Ideen, die in seinem Kopf herumspukten, in die Wirklichkeit umzusetzen.
Seit ein gewisser Simon Ohm die Abhängigkeit der Stärke des elektrischen Stromes von den elektromotorischen Kräften und dem in der galvanischen Kette vorhandenen Widerstand entdeckt und in einem Gesetz formuliert hatte, gab es für Heidenreich kaum Wichtigeres, als beinahe Tag und Nacht im Laboratorium herumzuwerken und zu experimentieren. Insbesondere fesselten ihn alle Mitteilungen über Versuche, Nachrichten mittels elektrischen Stroms schnell und über größere Entfernungen zu befördern. Der optische Telegraph, dessen windmühlenartige Flügel den Turm der Sternwarte neben der Universität zierten, war nur ein bescheidener Anfang. Immerhin konnte eine Nachricht nach Paris den Zielort im Verlauf von etlichen Stunden erreichen - kein Vergleich mit dem höchst unsicheren und schleppenden privaten Correspondenzverkehr, von der scharfen preußischen Postkontrolle ganz abgesehen. Die Elektrizität mit ihrer bislang unmessbar hohen Geschwindigkeit würde die Übermittlung von Nachrichten innerhalb von Minuten ermöglichen. Davon träumte Gebhardt Heidenreich insgeheim, wobei er die Postzensur keineswegs vergaß. Die würde in jedem Falle mitlesen.
Fasziniert hatte er zur Kenntnis genommen, dass von dem Amerikaner Samuel Morse in New York das Modell eines Drucktelegraphen aufgestellt und in Funktion gesetzt worden war. Sein erklärtes Ziel bestand darin, ein ähnliches System zur zuverlässigen elektrischen Nachrichtenübermittlung zu konstruieren. Da es sich bei einer solchen Apparatur ausschließlich um den Bedarf für militärische Belange handeln konnte, fühlte Heidenreich sich als ziviler Lehrer wie als Erfinder an der Artillerie- und Ingenieurschule durchaus am rechten Platz.
Bis 1816 hatte in Berlin nur eine allgemeine Kriegsschule mit einer kaum den Ansprüchen einer modernen Armee genügenden Ausbildung existiert. Erst die Freiheitskriege und die damit für wenige Jahre verbundene Zeit der Reformen hatten die längst notwendige Gründung einer speziellen Artillerieschule und wissenschaftlichen Ausbildungsstätte für die Ingenieur-Offiziere begünstigt. Neben einigen alten Starrköpfen waren fähige Lehrkräfte herangezogen worden. Selbst der von Heidenreich so verehrte Simon Ohm hatte an der Kriegsschule gelehrt, und sein Bruder, der Mathematiker und Universitätsprofessor Martin Ohm, gehörte zu Heidenreichs Beglückung zum Kollegium der Artillerieschule.
Mit dessen Hilfe gedachte sich Heidenreich in der Mathematik zu vervollkommnen. Nicht weniger glücklich stimmte ihn die Feststellung, dass sein Kollege Christian Philipp von Gontard seine Leidenschaft für die Physik, wenn auch nicht im gleichen Maße für die elektrische Telegraphie, mit ihm teilte.
Mit dem nur wenig älteren Major von Gontard, der ihn um mehr als Haupteslänge überragte und dem es dennoch im Gegensatz zu fast allen anderen adligen Offizieren an jeglichem Hochmut oder gar Standesdünkel gebrach, verstand sich Heidenreich in den letzten Monaten immer besser. Manchmal verbrachten sie Stunden und Tage miteinander in dem Kellerraum der Schule, den der Director Heidenreich mit einem anzüglichen Lächeln zur Verfügung gestellt hatte. Wie viele Offiziere des Lehrkörpers glaubte er nicht recht an jene wundersame Kraft, die den komplizierten Versuchsaufbauten der beiden Enthusiasten innewohnen sollte. Selbst den schmerzhaften Schlag, der seine entgegen Heidenreichs dringender Warnung zwischen zwei Kupferplatten gehaltene Hand getroffen hatte, war er geneigt, für einen Taschenspielertrick des Physikers zu halten.
Neben der Physik, die sie im Geiste vereinte, begünstigte ein weiterer Umstand die enge und bald auch freundschaftliche Beziehung zwischen Heidenreich und Gontard. Sie tolerierten gegenseitig die außerphysikalischen Vorlieben des jeweils anderen: Heidenreich die Passion des Majors, sich für die Aufklärung von Verbrechen zu interessieren, an denen es in der königlich preußischen Residenz nicht mangelte - von Gontard hingegen Heidenreichs geradezu manische Schwäche für die Genealogie des Hohenzollerngeschlechts. Dass es darin mancherlei dunkle und aufklärenswerte Punkte und Fehltritte gab, bestritt Gontard nicht, teilte jedoch Heidenreichs Leidenschaft für die illegitimen Verzweigungen und nachträglich geadelten Seitenlinien des Königshauses nicht.
Gebhardt Heidenreich sprach nicht einmal von Gontard gegenüber den wahren Grund dafür aus. Er glaubte nämlich, frühzeitig den für sein Leben entscheidenden Fleck in der Heidenreich’schen Familiengeschichte entdeckt zu haben, und das einmal erwachte Jagdfieber hatte ihn nicht wieder verlassen. Unausgesprochen war auch das ein Grund gewesen, seine Wirkungsstätte hierher nach Berlin zu verlegen, wo seit vierhundert Jahren der zu einem kräftigen Stamm herangewachsene brandenburgisch-preußische Hauptzweig der Hohenzollern herrschte und sich legitim wie illegitim fortpflanzte.
Seine Mutter, so hatte Gebhardt schon in zartem Kindesalter den verstohlenen Gesprächen der Erwachsenen abgelauscht, konnte mit verstecktem Stolz auf ihre enge Verwandtschaft mit den sigmaringerischen Fürsten blicken, war sie doch die Frucht eines großmütterlichen Fehltritts, dessen männlichen Part zweifelsfrei ein namentlich Ungenannter aus der fürstlich-hohenzollernschen Sippe gespielt hatte. Trotz intensiver Bemühungen und jahrelanger Nachforschungen war es Gebhardt zu seinem Leidwesen nicht gelungen, den ehrlosen Erzeuger eindeutig zu identifizieren, über den die Großmutter - in ihren jüngsten Jahren eine gefeierte Elevin am fürstlichen Hoftheater - so beharrlich jede Auskunft verweigerte. Den ehrfurchtgebietenden Großvater darauf anzusprechen hätte niemals jemand gewagt.
Erst spät war dem Enkel der mutmaßliche Zusammenhang zwischen dem Wohlstand im Haus der Großeltern und der andauernden großmütterlichen Diskretion aufgegangen. Mit größter Wahrscheinlichkeit waren seine eigenen Studien mit hohenzollernschen Schweigegeldern finanziert worden! Eine Erkenntnis, die ihn tief getroffen, jedoch in seiner Absicht bestärkt hatte, sich der Aufklärung der Geheimnisse in der weitverzweigten Stammtafel seines wahren Großvaters zu widmen.
Dass sich daraus keinerlei Erbansprüche ableiten ließen, war ihm schnell klargeworden, minderte jedoch seine Wissbegierde nicht im Geringsten. Erst vor einigen Tagen war ihm ein Dokument in die Hände gefallen, das ihm die unumstößliche Gewissheit über die nichteheliche Abkunft eines gewissen Prinzen zu bieten schien. Immer wieder hatte er es studiert, bevor es in dem Versteck verschwand, das er seit einiger Zeit für diesbezügliche Papiere benutzte. Eines Abends nämlich hatte ihm Albertine voller Verlegenheit von einem vorgeblichen Besucher des prinzlichen Vorreiters berichtet, dem sie unverhofft auf der steilen Stiege zur Mansarde begegnet war.
Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters, recht ordentlich gekleidet und frisiert, der trotz fehlender Livree durchaus als Bote des prinzlichen Hauses gelten konnte. Dennoch blieb Albertine misstrauisch. Kam der etwa direkt aus Heidenreichs Laboratorium, nachdem er möglicherweise bereits dessen Stube durchsucht hatte? Zur Rede gestellt, wusste der angebliche Bote nur Ungereimtes zu seiner Entschuldigung vorzubringen, bis der als Zeuge angerufene und von einer Spirituswolke umflorte Vorreiter ihm bescheinigte, die Spielvogel’sche Stube erst wenige Augenblicke zuvor verlassen zu haben.
Gestohlen hatte er nichts. Heidenreich vermutete dennoch Böses und war seitdem auf der Hut. Fortan verbarg er alle wichtigen Aufzeichnungen und Papiere. Hätte er erfahren, dass Albertine dem fremden Besucher wenige Tage darauf ein weiteres Mal begegnet war, so hätte ihn die Angelegenheit wohl noch stärker beunruhigt. Der Mann hatte Albertine auf offener Straße ganz unverblümt angesprochen und nach ein paar einleitenden Schmeicheleien begonnen, sie über die Bewohner ihres Vaterhauses auszuhorchen. Dabei ließ er durchblicken, zu derartiger Kundschafterei durchaus berechtigt zu sein. Überdies sei sie allein wegen der nicht vergessenen Bekanntschaft mit einem gewissen Ludwig zu derartigen Auskünften verpflichtet, und es sollte nicht ihr Schaden sein, ihm damit behilflich zu sein.
Aufgewühlt von Ludwigs Erwähnung und gerade deshalb voller Empörung, hatte Albertine sich abgewandt und den dreisten Kerl dabei so heftig mit ihrem gefüllten Marktkorb getroffen, dass er über dem tiefen Rinnstein ins Stolpern geriet, seinen Zylinder verlor und seine Haartracht ihm über die ein wenig hervorquellenden Augen rutschte.
Albertine, eingedenk der Unruhe, in die bereits der erste Auftritt des Subjektes den Doktor Heidenreich versetzt hatte, verlor trotz aller Furcht, die sie vor allem Ludwigs wegen empfand, auch ihren Eltern gegenüber kein Wort über das beklemmende Erlebnis. An diesem Abend jedoch, nachdem Heidenreich seinen Kaffee getrunken hatte, war sie drauf und dran, ihm von dem glubschäugigen Spitzel zu berichten, den sie kurz zuvor bei einem Blick aus dem Fenster bemerkt hatte.
Heidenreich jedoch blickte auf seine Repetieruhr, die offen auf dem Tisch vor ihm lag, und sprang auf. »Mein Gott, Gontard muss längst zurückgekehrt sein aus seiner Einöde!«, rief er aus. »Er wird höchst gespannt auf meine neuesten Erkenntnisse warten!«
Daran zweifelte Albertine ein wenig, brachte es aber nicht übers Herz, Heidenreichs Euphorie zu dämpfen. Er glaubte stets, alle Welt müsse sich brennend für das interessieren, was ihn im Augenblick bewegte.
»Kommen Sie nicht wieder so spät nach Hause!«, war alles, was sie ihm mahnend hinterherrief, während er die steile Stiege hinabkletterte und es, entgegen seinen eigenen Anweisungen, wieder einmal ihr überließ, hier oben Ordnung zu schaffen.
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