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Der Pfadfinder
James Fenimore Cooper
Inhaltsverzeichnis
Vorwort.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Eilftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebenzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Impressum
Vorwort.
Der Plan zu dieser Erzählung bot sich dem Autor schon vor Jahren dar, obgleich die Einzelnheiten insgesammt von neuer Erfindung sind. Ich theilte einem Verleger die Idee mit, Seeleute und Wilde unter Verhältnissen, welche den großen Seen eigenthümlich wären, mit einander in Verbindung zu bringen, und übernahm somit gewissermaßen gegen denselben die Verpflichtung, seiner Zeit das Gemälde auszuführen: eine Verpflichtung, deren ich mich nun hiermit — freilich spät und unvollständig — entledige.
In dem Hauptcharakter dieser Novelle wird der Leser einen alten Freund unter neuen Umständen finden. Sollte es sich erweisen, daß die Wieder-Einführung dieses alten Bekannten unter veränderten Verhältnissen ihn in der Gunst der Lesewelt nicht sinken läßt, so wird dies dem Verfasser ein um so größeres Vergnügen gewähren, als er an der fraglichen Person warmen Antheil nimmt, gleich als hätte sie einmal unter den Lebenden gewandelt. Es ist jedoch kein leichtes Unternehmen, denselben Charakter mit Beibehaltung der bezeichnenden Eigenthümlichkeit in vier Werken durchzuführen, ohne Gefahr zu laufen, den Leser durch Gleichförmigkeit zu ermüden, und der gegenwärtige Versuch ist eben so sehr in Folge derartiger Besorgnisse, als aus irgend einem andern Grunde so lange verzögert worden. Freilich, in diesem, wie in jedem andern Unternehmen, muß das Ende das Werk krönen.
Der indianische Charakter bietet so wenig Mannigfaltigkeit dar, daß ich es bei der gegenwärtigen Gelegenheit vermied, allzu lange dabei zu verweilen; auch fürchte ich, die Verbindung desselben mit dem des Seemanns wird mehr neu als interessant erscheinen.
Dem Neuling mag es vielleicht als ein Anachronismus auffallen, daß ich schon in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Schiffe auf den Ontario versetze. In dieser Beziehung aber werden Thatsachen die poetische Licenz hinreichend rechtfertigen. Zwar haben sich die in diesen Blättern erwähnten Fahrzeuge weder auf dem Ontario noch auf einem andern Gewässer je befunden; aber ganz ähnliche befuhren dieses Binnenmeer in einer noch viel früheren Zeit, und dieß mag als hinreichende Berechtigung gelten, jene in ein Werk der Poesie einzuführen. Man erinnert sich vielleicht nicht allgemein des bekannten Umstandes, daß es längs der Linie der großen Seen vereinzelte Stellen gibt, welche eben so lange als viele der ältesten amerikanischen Städte bewohnt sind, und die lange, noch ehe der größere Theil selbst der ältern Staaten der Wildniß entrissen wurden, einen gewissen Grad von Civilisation aufzuweisen vermochten.
Der Ontario ist in unsern Tagen der Schauplatz wichtiger nautischer Entwickelungen gewesen. Wo sich vor einem halben Jahrhundert nur eine öde Wasserfläche zeigte, haben Flotten manövrirt, und der Tag ist nicht fern, wo diese Kette von Seen als der Sitz einer Macht und mit Allem befrachtet erscheinen wird, dessen die menschliche Gesellschaft bedarf. Ein Rückblick auf das, was diese weiten Räume ehedem waren, und wäre es auch nur durch die farbigen Gläser der Dichtkunst, mag vielleicht einen Beitrag zu der Vervollständigung des Wissens geben, das uns allein zu einer richtigen Würdigung der wunderbaren Mittel führen kann, deren sich die Vorsehung bedient, um dem Fortschritt der Civilisation über das ganze amerikanische Festland Bahn zu brechen.
Im Dezember 1839.
Erstes Kapitel.
Der Rasen gebe des Altares Duft,
Zum Tempel wölben sich des Himmels Räume,
Der Opferrauch sei mir der Berge Luft,
Und mein Gebet des Herzens stille Träume.
Moore.
Es tritt jedem Auge nahe, in welch' enger Verbindung das Erhabene mit dem Unermeßlichen steht. Die tiefsten, die umfassendsten und vielleicht die reinsten Gedanken erfüllen die Phantasie des Dichters, wenn er in die Weiten eines unbegränzten Raumes schaut. Selten erblickt man zum ersten Mal die endlose Fläche des Oceans mit Gleichgiltigkeit, und selbst in der Dunkelheit der Nacht findet die Seele eine Parallele zu der Größe, die unzertrennlich von Bildern zu sein scheint, welche die Sinne nicht in Rahmen zu fassen vermögen. Mit solchen Gefühlen der Verwunderung und Ehrfurcht, den Sprößlingen des Erhabenen, blickten die verschiedenen Personen, mit welchen ich die Handlung dieser Erzählung eröffnen muß, auf die vor ihren Augen liegende Scene. Die Gesellschaft bestand aus zwei Männern und zwei Weibern, welche, um eine freiere Aussicht auf ihre Umgebung zu gewinnen, einen Haufen Bäume zu ersteigen versuchten, welche der Sturm umgestürzt hatte. Man nennt solche Stellen in jenen Gegenden Windgassen, und da nur an solchen das Licht der Sonne in die dunkeln, dunstigen Wäldergründe zu dringen vermag, so bilden sie eine Art von Oasen in der feierlichen Dunkelheit der jungfräulichen Wälder Amerika's.
Die genannte Windgasse lag auf einer sanften Ansteigung, welche, obgleich sie nur unbedeutend war, dem, der ihren höchsten Punkt erstiegen hatte, eine weithin reichende Aussicht, deren sich Wanderer in den Wäldern nur selten erfreuen können, darbot. Der Umstand, daß die Gasse auf einem Hügel lag, und daß die Waldlücke sich abwärts zog, gewährte dem Auge ungewöhnliche Vortheile. Die Physiker haben es bis jetzt noch nicht vermocht, das Wesen der Kräfte zu ergründen, welche so oft Stellen auf die beschriebene Weise verwüsten, und sie haben es bald in den Wirbelwinden, welche auf dem Meere die Wasserhosen erzeugen, bald in plötzlichen und heftigen Durchzügen elektrischer Strömungen zu finden geglaubt. Wie dem übrigens sei — die Erscheinung selbst ist eine in den Wäldern wohlbekannte Thatsache. Am oberen Saume der genannten Waldlücke hatte jener unsichtbare Einfluß Baum auf Baum in einer Weise aufgethürmt, daß nicht nur der männliche Theil der Gesellschaft im Stande war, sich etwa dreißig Fuß über den Boden zu erheben, sondern daß auch die furchtsameren weiblichen Genossen sich durch einige Nachhilfe und Ermuthigung zur Theilnahme veranlassen ließen. Die ungeheuern Stämme, welche die Gewalt des Sturmes zerbrochen und fortgetrieben hatte, lagen wie Strohhalme untereinander gemengt, indeß die Zweige mit den duftenden, welkenden Blättern sich untereinander verflochten, und den Händen hinreichende Anhaltspunkte boten. Ein Baum war vollkommen entwurzelt und das untere Ende zu oberst gekehrt, so daß es mit der in den Wurzelzwischenräumen befindlichen Erde für unsere vier Abenteurer, als sie die gewünschte Höhe erreicht hatten, eine Art von Gerüste bildete.
Der Leser darf sich bei der ihm vorgeführten Gruppe keine Leute von Stand denken. Es waren Reisende in der Wildniß, denen man auch unter anderen Verhältnissen angesehen haben würde, daß ihren frühern Gewohnheiten und ihrer wirklichen gesellschaftlichen Stellung vieles von den Bedürfnissen der höhern Stände fremd geblieben war. In der That gehörten auch zwei von der Gesellschaft, ein Mann und ein Weib, zu den eingebornen Eigenthümern des Bodens; sie waren Indianer aus dem bekannten Stamme der Tuscaroras. Das dritte Glied der Gesellschaft trug die Eigenthümlichkeiten und Abzeichen eines Mannes, der seine Tage auf dem Ocean zugebracht hatte und, wenn er anders auf irgend eine Stellung Anspruch machen konnte, keine viel höhere, als die eines gemeinen Seemanns einnahm. Der weibliche Gefährte des letzteren war ein Mädchen, aus einer nicht viel höheren Klasse als die seinige, obgleich ihre Jugend, das Anmuthige ihrer Gesichtsbildung und eine bescheidene, aber ausdrucksvolle Miene ihr den Charakter des Verstandes und jener Verfeinerung ausprägten, welche so viel zu der Hebung weiblicher Reize beiträgt. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit leuchteten in ihrem vollen blauen Auge die erhabenen Gefühle, welche das großartige Schauspiel in ihr erzeugte, und ihr angenehmes Gesicht zeigte jenen Ausdruck des Nachdenkens, mit welchem alle tiefen Gemüthsbewegungen, obgleich gerade sie das größte Vergnügen gewähren, die Gesichtszüge geistvoller und gedankenreicher Personen beschatten.
Und wahrlich, die Scene war hinreichend geeignet, einen tiefen Eindruck auf die Phantasie des Beobachters zu üben. Das Auge streifte gegen Westen, in welcher Richtung allein die Aussicht frei war, über ein Meer von Blättern, das in dem herrlich wechselnden, lebhaften Grün einer kräftigen Vegetation, beschattet von den üppigen Ästen des zweiundvierzigsten Breitegrades prangte. Die Rüster mit ihren zierlichen, hängenden Zweigen, die reichen Varietäten des Ahorns, am meisten aber die edlen Eichen der amerikanischen Urwälder, mit den breitblättrigen Linden, welche man in diesen Gegenden unter dem Namen des Unterholzes kennt, bildeten durch die Verschlingung ihrer Wipfel einen breiten, endlosen Blätterteppich, der sich gegen Abend hinzog, bis er den Horizont begränzte und sich mit den Wolken mischte, ähnlich den Wellen des Oceans, die am Saume des Himmelsgewölbes sich an die Wolkenmassen reihen. Hin und wieder gestattete eine durch Stürme oder durch die Laune der Natur erzeugte Lücke unter diesen riesenhaften Waldesgliedern einem untergeordneten Baume aufwärts zu streben gegen das Licht, und sein bescheidenes Haupt nahezu in ein gleiches Niveau mit der ihn umgebenden grünen Fläche zu bringen. Von der Art war die Birke, ein Baum, der in minder begünstigten Gegenden schon eine Bedeutung hat, die Zitterpappel, einige kräftige Nußbäume und verschiedene andere, so daß das Unedle und Gemeine ganz zufällig in die Gesellschaft des Stattlichen und Großartigen geworfen zu sein schien. Hie und da durchbohrte der hohe gerade Stamm der Fichte die ungeheure Ebene, hoch über sie wegragend, gleich einem großartigen Denkmal, welches die Kunst auf einer grünen Fläche errichtete.
Es war das Endlose der Aussicht, die fast ununterbrochene Fläche des Grüns, was dem Ganzen den Charakter der Größe, aufprägte. Die Schönheit des Anblicks zeigte sich jedoch in den zarten Tinten, gehoben durch den Wechsel des Lichts und des Schattens, indeß die feierliche Stille die Seele mit heiliger Scheu erfüllte.
„Onkel," sagte das freudig erstaunte Mädchen zu ihrem männlichen Gefährten, dessen Armes sie sich mehr wie eines Berührungspunktes, als einer Stütze bediente, da sie selbst auf sicheren Füßen stand, „wie sehr erinnert dieser Anblick an den Ocean, der Euch so theuer ist."
„So viel, als sich eben ein unwissendes Mädchen einbilden mag, Magnet," (es war dies ein Ausdruck der Zärtlichkeit, dessen sich der Seemann oft als einer Anspielung auf die persönlichen Anziehungskräfte seiner Nichte bediente,) „aber nur ein Kind kann eine Aehnlichkeit zwischen dieser Handvoll Blätter und dem wirklichen atlantischen Ocean finden. Nimm alle diese Baumwipfel zusammen, sie würden nichts weiter, als einen Strauß für Neptuns Jacke geben."
„Ich denke, Eure Phantasie versteigt sich, Onkel. Schau nur, hier ist Meile an Meile, und doch sehen wir nichts als Blätter. Was kann uns ein Blick auf den Ocean mehr geben?"
„Mehr?" erwiederte der Onkel, und berührte sie in ungeduldiger Bewegung mit dem Ellbogen, da er die Arme gekreuzt und die Hände in dem Busen eines rothlinnenen Wamses, wie man es damals trug, verborgen hatte, „mehr, Magnet? Sage lieber, was weniger? Wo sind denn die kräuselnden Wellen, die blauen Wasser, die Rollwogen, die Brandungen, die Walfische, die Wasserhosen, und die endlose Bewegung in diesem bischen Walde da, mein Kind?"
„Und wo sind die Baumgipfel, die festliche Stille, die duftigen Blätter auf dem Ocean, Onkel?"
„Weg damit, Magnet! Wenn du etwas von solchen Dingen verstündest, so wüßtest du, daß grünes Wasser dem Seemann Gift ist. Kaum einen Grünschnabel kann er weniger leiden."
„Aber grüne Bäume sind ganz andere Dinge. Horch! Dieser Ton ist das Säuseln des Windes in den Blättern."
„Da solltest du einen Nordwest sausen hören, Mädchen; aber, freilich, einen Wind auf dem Achterdecke kannst du dir nicht denken. Ha, wo sind die Kühlten, die Orkane, die Passat- und Ostwinde und ähnliche Erscheinungen aus diesem Waldfleckchen hier? und was für Fische schwimmen unter dieser zahmen Fläche?"
„Daß es hier Stürme gegeben hat, zeigt die Gegend rund um uns her hinreichend, und, wenn auch nicht Fische, so sind doch Thiere unter diesen Blättern."
„Ich weiß das nicht!" erwiederte der Onkel mit dem absprechenden Tone eines Seemanns. „Man erzählte uns zu Albany manche Geschichten von wilden Thieren, mit denen wir zusammentreffen könnten, und doch haben wir nicht so viel gesehen, als ein Seekalb erschrecken könnte. Ich zweifle, ob eines von diesen Landthieren sich mit einem Aequatorhay vergleichen läßt."
„Seht!" rief die Nichte, welche sich mehr mit der Betrachtung des endlosen Waldes, als mit ihres Onkels Argumentationen beschäftigte, „dort ringelt sich Rauch über den Gipfeln der Bäume. Mag der wohl aus einem Hause kommen?"
„Ja, ja; 's ist das Aussehen von 'was Menschlichem in diesem Rauch," erwiederte der alte Seemann, „was mehr werth ist, als tausend Bäume. Ich muß ihn Arrowhead [Pfeilspitze] zeigen, der bei seinem Rennen wohl an einem Hafen vorbeifahren würde, ohne ihn zu erkennen. Wo Rauch ist, da muß auch wahrscheinlich ein Küchenraum sein."
Als er ausgesprochen, zog er die Hand aus dem Busen, berührte den Indianer, welcher in der Nähe stand, leicht an der Schulter und deutete auf eine dünne Dunstsäule, welche sich in der Entfernung von ungefähr einer Meile [Es sind durch das ganze Werk immer englische Meilen gemeint.] langsam aus der Blätterwildniß emporstahl und in fast unmerklichen Nebelstreifen in der bebenden Atmosphäre verlor. Der Tuscarora war eine von jenen edeln Kriegergestalten, welche man unter den Ureinwohnern dieses Kontinents vor einem Jahrhundert häufiger antraf, als dieses gegenwärtig der Fall ist, und ob er gleich oft genug mit den Kolonisten in Berührung gestanden hatte, um mit ihrer Sprache und ihren Sitten vertraut zu sein, so hatte er doch wenig oder gar nichts von der wilden Größe und der einfachen Würde eines Häuptlings verloren. Zwischen ihm und dem alten Seemann hatte zwar ein freundschaftlicher, doch etwas entfernter Verkehr stattgefunden, denn der Indianer war zu oft mit den Offizieren der verschiedenen militärischen Posten zusammengekommen, um nicht die subalterne Stellung seines gegenwärtigen Reisegefährten zu kennen. Die ruhige Zurückhaltung des Tuscarora hatte auch in der That ein solches Uebergewicht auf Charles Cap [Cap bedeutet in der Schiffssprache das dicke Holz an jedem Absatz eines Mastes, das sogenannte Eselshaupt.], denn so war der Name des Seemanns, geübt, daß Letzterer selbst in seiner fröhlichsten Laune oder in seinen dünkelvollsten Augenblicken sich keine Vertraulichkeit erlaubte, obschon ihr Verkehr bereits über eine Woche anhielt. Der Anblick des aufsteigenden Rauchs jedoch hatte ihn wie die plötzliche Erscheinung eines Segels auf der See ergriffen, und das erste Mal während ihres Zusammenseins wagte er es, den Krieger auf die eben bezeichnete Weise zu berühren.
Das schnelle Auge des Tuscarora warf einen raschen Blick auf den Rauch. Dann erhob er sich leicht auf die Zehenspitzen und stand eine volle Minute mit erweiterten Nüstern da, gleich dem Reh, das in der Luft Gefahr wittert, mit einem Blick, ähnlich dem des gut dressirten Hühnerhundes, der auf den Wink seines Herrn lauert. Dann senkte er die Ferse mit einem schwachen, kaum vernehmbaren Ausruf in der sanften Tonweise, welche einen so eigenthümlichen Contrast mit dem rauhen Kriegsgeschrei der Indianer bildet. Seine Züge waren ruhig, und sein schnelles, dunkles Auge flog über das Blätterpanorama, als ob er mit einem Blick jeden Umstand, der ihm Auskunft ertheilen konnte, erfassen wollte. Die lange Reise, welche sie durch den breiten Gürtel der Wildniß unternommen hatten, war, wie Onkel und Nichte wohl wußten, nothwendig mit Gefahr verbunden, obgleich sie nicht gerade bestimmen konnten, ob die Spuren von menschlicher Nachbarschaft gute oder schlimme Vorzeichen seien.
„Es müssen Oneida's oder Tuscarora's in unserer Nähe sein, Arrowhead," sagte Cap, indem er sich mit der gewöhnlichen Benennung an seinen indianischen Gefährten wandte. „Wird es nicht gut sein, Gesellschaft mit ihnen zu machen, um ein behagliches Nachtlager in ihrem Wigwam zu gewinnen?"
„Dort kein Wigwam," antwortete Arrowhead in seiner unbeweglichen Weise, „zu viel Baum."
„Aber Indianer müssen da sein; vielleicht einige von Euren alten Kameraden, Meister Arrowhead."
„Kein Tuscarora — kein Oneida — kein Mohawk — Blaßgesichtsfeuer."
„Der Teufel ist es! — Wohl, Magnet! Das übersteigt eines Seemanns Philosophie. Wir alten Seehunde können reden von eines Soldaten und eines Schiffers Tabakskaue, und das Soldatengat von der Hängmatte eines Kameraden unterscheiden, aber ich glaube nicht, daß der älteste Admiral von seiner Majestät Flotte einen Unterschied finden wird zwischen dem Rauch eines Königs und dem eines Kohlengräbers."
Der Gedanke, in diesem Meer von Wildniß menschliche Wesen zu Nachbarn zu haben, hatte das Roth aus den blühenden Wangen des schönen Geschöpfes, welches ihm zur Seite stand, und den Glanz ihrer Augen noch erhöht. Doch schnell kehrte sie den überraschten Blick zu ihrem Verwandten, und da sie Beide zu oft die Kenntnisse, wir möchten fast sagen, den Instinkt des Tuscarora bewundert hatten, so sprach sie mit Zögern:
„Ein Blaßgesichtsfeuer? Gewiß, Onkel das kann er doch nicht wissen?«
„Zehn Tage früher, Kind, würde ich darauf geschworen haben; aber jetzt weiß ich wahrlich nicht, was ich glauben soll. — Ich möchte mir die Freiheit nehmen, zu fragen, warum Ihr Euch einbildet, daß der Rauch, welchen wir sehen, der eines Blaßgesichts und nicht der einer Rothhaut ist?"
„Feucht Holz," erwiederte der Krieger mit einer Ruhe, ähnlich der eines Pädagogen, welcher seinem ungelehrigen Zögling eine arithmetische Demonstration klar zu machen sucht. „Viel feucht — viel Rauch; viel Wasser — schwarzer Rauch."
„Aber, Vergebung, Meister Arrowhead, der Rauch ist weder schwarz, noch ist dessen viel vorhanden. So viel ich erkennen kann, ist es ein so lichter und leichter Rauch, als nur je einer aus eines Kapitäns Theekessel stieg, wenn zum Brennmaterial nichts Anderes als einige Schnitzel von den Ballastunterlagen zu finden waren."
„Zu viel Wasser," entgegnete Arrowhead mit einem leichten Kopfnicken. „Tuscarora zu schlau, als zu machen Feuer mit Wasser, Blaßgesicht zu viel Buch, und brennt Alles; viel Buch — wenig Wissen."
„Vernünftig, ich geb' es zu," sagte Cap, der eben kein Freund von Büchern war, „das ist ein Stich auf dein Lesen, Magnet. Der Häuptling hat nach seiner Weise verständige Ansichten von den Dingen. Wie weit aber, Arrowhead, entfernt uns Eure Berechnung noch von der Pfütze, welche Ihr den großen See nennt, und auf die wir nun schon so viele Tage lossteuern?"
Der Tuscarora blickte auf den Seemann mit ruhiger Ueberlegenheit und sprach:
„Ontario gleich dem Himmel; eine Sonne und der große Reisende wird es erfahren."
„Wohl, ich kann's nicht läugnen, daß ich ein großer Reisender gewesen bin, aber von allen meinen Reisen war diese die längste, die am wenigsten einträgliche und die entfernteste auf dem Lande. Wenn dieser Frischwasserbehälter so nahe und zu gleicher Zeit doch so groß sein soll, Arrowhead, so sollte man doch glauben, daß ein Paar gute Augen ihn aufzufinden vermöchten; denn es hat den Anschein, als ob man Alles, was innerhalb des Raumes von dreißig Meilen liegt, von diesem Lug-aus sollte sehen können."
„Sieh," sagte Arrowhead, indem er einen Arm mit ruhiger Würde vor sich ausstreckte, „Ontario."
„Onkel, Ihr seid gewöhnt zu schreien ,Land ho'! aber nicht Wasser ho', und seht es deßhalb nicht," rief die Nichte mit Lachen, wie die Mädchen über ihre eigenen eitlen Einfälle zu thun pflegen.
„Wie, Magnet! Glaubst du, daß ich mein angeborenes Element nicht kennen würde, wenn ich es zu Gesicht bekäme?"
„Aber der Ontario ist nicht Euer angeborenes Element, lieber Onkel, denn Ihr kommt von dem Salzwasser, und dieses Wasser ist süß."
„Das könnte allenfalls für einen jungen Schiffmann einen Unterschied machen, aber nirgends in der Welt für einen alten. Ich würde das Wasser kennen, wenn ich es in China zu Gesicht bekäme."
„Ontario," wiederholte Arrowhead mit Begeisterung, und deutete mit der Hand gegen Nordwest.
Cap blickte auf den Tuscarora zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft mit einem gewissen Anflug von Verachtung, obgleich er nicht ermangelte, der Richtung von Auge und Arm des Häuptlings zu folgen, welche allem Anschein nach auf eine leere Stelle des Himmels in kleiner Entfernung über der Blätterfläche hinwiesen.
„Ja, ja: es entspricht ganz der Erwartung, die ich mir machte, als ich die Küste verließ, um einen Süßwasserteich aufzusuchen," erwiederte Cap mit Achselzucken, gleich einem Manne, der mit sich im Reinen ist und alle weitern Worte für unnöthig hält. — „Der Ontario mag da, oder meinetwegen in meiner Tasche sein. Wohl, ich will auch annehmen, daß er Raum genug gibt, unser Canoe aus ihm zu handhaben, wenn wir ihn erreichen. Aber, Arrowhead, wenn Blaßgesichter in unserer Nachbarschaft sind, so hätte ich wohl Lust, sie anzubreyen."
Der Tuscarora gab durch ein ruhiges Kopfnicken seine Zustimmung, und die ganze Gesellschaft verließ schweigend die Wurzeln des umgestürzten Baumes. Als sie den Boden erreicht hatten, deutete Arrowhead seine Absicht an, gegen das Feuer hin zu gehen, und sich über die Lage desselben Sicherheit zu verschaffen. Zugleich hieß er sein Weib und die beiden andern Reisenden zu dem Canoe, welches sie in dem nahen Strome gelassen hatten, zurückkehren und seine Wiederkunft erwarten.
„Warum, Häuptling?" erwiederte der alte Cap. „Das möchte wohl angehen auf dem Ankergrund und in der Landweite, deren Fähre man kennt. Aber in einer so unbekannten Gegend, wie diese, halte ich es nicht für räthlich, den Lootsen sich so weit vom Schiff entfernen zu lassen, und wir wollen deßhalb, mit Eurer Erlaubniß, unsere Gesellschaft nicht trennen."
„Was verlangt mein Bruder?" fragte der Indianer ernst, ohne sich jedoch durch dieses offen ausgesprochene Mißtrauen beleidigt zu achten.
„Eure Gesellschaft, Meister Arrowhead, und nichts weiter. Ich will mit Euch gehen und diese Fremden sprechen."
Der Tuscarora willigte ohne Bedenken ein und beauftragte sein geduldiges, unterwürfiges Weibchen, welche selten ihr volles, reiches, schwarzes Auge anders als mit dem gleichen Ausdruck der Achtung, der Furcht und der Liebe auf ihn richtete, sich zu dem Boot zu begeben. Nun erhob aber Magnet eine Schwierigkeit. Obgleich muthig und, da wo es galt, von ungewöhnlicher Energie, war sie doch ein Weib, und der Gedanke, in der Mitte einer Wildniß, von deren Unabsehbarkeit sie eben erst ihre eigenen Sinne überzeugt hatten, von ihren beiden männlichen Beschützern verlassen zu werden, wurde ihr so peinigend, daß sie den Wunsch ausdrückte, ihren Onkel zu begleiten.
„Die Bewegung wird mir, nachdem ich so lange in dem Canoe gesessen, gut bekommen, lieber Onkel," fügte sie bei, als das Blut langsam auf die Wangen zurückkehrte, welche, ungeachtet ihrer Bemühung, ruhig zu erscheinen, erblaßt waren, „und vielleicht sind auch Frauen bei den Fremden."
„So komm denn, Kind. Es ist ja nur eine Kabelslänge, und wir werden wohl eine Stunde vor Sonnenuntergang zurück sein."
In Folge dieser Erlaubniß schickte sich das Mädchen, deren wirklicher Name Mabel Dunham war, an, die Männer zu begleiten, indeß das Weib des Indianers, Dew of June [Junithau], welche zu sehr an Gehorsam, Einsamkeit und das Düster der Wälder gewöhnt war, um Furcht zu fühlen, geduldig ihren Weg gegen das Boot richtete.
Die Drei, welche in der Windgasse zurückgeblieben waren, suchten nun ihren Weg rings um die verwickelten Irrgänge derselben, und gelangten in der erforderlichen Richtung an den Saum des Waldes. Einige Blicke des Auges genügten Arrowhead; aber der alte Cap berieth sich über die Richtung des Rauches mit einem Taschencompaß, ehe er sich dem Schatten der Bäume anvertraute.
„Dieses Steuern nach der Nase, Magnet, mag wohl für einen Indianer gut genug sein, aber ein rechter Seemann kennt die Tugend der Nadel," sagte der Onkel, indeß er sich mühte, dem leicht dahin schreitenden Tuscarora auf der Ferse zu folgen. „Auf mein Wort, Amerika würde nie entdeckt worden sein, wenn Columbus nichts als seine Nasenlöcher gehabt hätte. Freund Arrowhead, habt Ihr je eine Maschine, wie diese hier, gesehen?"
Der Indianer drehte sich um, warf einen Blick auf den Compaß, welchen Cap auf eine Weise hielt, daß er die Richtung ihres Weges anzeigte, und antwortete ernst:
„Ein Blaßgesichtsauge. Der Tuscarora sieht in seinen Kopf. Das Salzwasser (denn so benannte der Indianer seinen Gefährten) nun ganz Auge; keine Zunge."
„Er meint, Onkel, daß wir Ursache hätten, stille zu sein. Vielleicht traut er den Personen nicht, mit denen wir zusammenzutreffen beabsichtigen."
„Ach, es ist dies die Gewohnheit eines Indianers, wenn er sich bewohnten Quartieren nähert. Du siehst, daß er die Pfanne seines Gewehrs untersucht, und es wird wohl gut sein, wenn ich bei meinen Pistolen das Gleiche thue."
Ohne bei diesen Vorbereitungen Unruhe zu verrathen, da sie während ihrer langen Reise durch die Wildniß an dieselbe gewöhnt worden war, hielt sich Mabel mit einem Schritt, so leicht und elastisch, als der des Indianers, dicht an ihre Gesellschafter. Während der ersten halben Meile beobachteten sie, außer einem tiefen Schweigen, keine weitere Vorsichtsmaßregel. Als sie sich aber mehr der Stelle näherten, wo sie das Feuer finden mußten, wurde eine größere Sorgfalt nöthig.
Der Urwald stört unter den Baumkronen gewöhnlich die Aussicht fast durch nichts Anderes, als durch die schlanken, geraden Baumstämme. Alle Vegetation hatte sich zum Licht emporgehoben und unter dem Laubhimmel ging man wie durch ein weites natürliches Gewölbe, welches sich auf Myriaden roher Säulen stützte. Diese Säulen oder Bäume dienen oft dazu, den Abenteurer, den Jäger oder den Feind zu verbergen, und je mehr Arrowhead mit schnellen Schritten sich der Stelle nahte, wo ihn seine geübten, unfehlbaren Sinne den Aufenthalt der Fremden erwarten ließen, desto leichter wurden seine Tritte, desto wachsamer sein Auge, desto größer die Sorgfalt, seine Person zu verbergen.
„Sieh, Salzwasser," sprach er triumphirend, indem er auf eine Oeffnung zwischen den Bäumen deutete, „Blaßgesichtsfeuer!"
„Bei Gott, der Bursche hat Recht," brummte Cap. „Da sind sie, sicher genug, und verzehren ihr Mahl so ruhig, als ob sie sich in der Kajüte eines Dreideckers befänden."
„Arrowhead hat nur halb Recht," flüsterte Mabel, „denn dort sind zwei Indianer und nur ein Weißer."
„Blaßgesichter," sagte der Tuscarora, und hob zwei Finger in die Höhe: „rother Mann," fuhr er fort, indem er mit einem Finger zeigte.
„Gut," erwiederte Cap, „es ist schwer zu sagen, wer Recht oder Unrecht hat. Einer ist ganz weiß und ein feiner, anständiger Bursche, mit einem respektablen Aussehen; der Andere ist eine so gute Rothhaut, als nur Farben und Natur hervorzubringen vermögen; aber der dritte Kunde ist halb aufgetakelt und weder Brigg noch Schooner."
„Blaßgesichter," wiederholte Arrowhead, indem er wieder zwei Finger erhob: „rother Mann," nur einen zeigend.
„Es muß wahr sein, Onkel, denn sein Auge scheint nie zu irren. Aber es ist nun dringend nöthig, zu wissen, ob wir mit Freunden oder Feinden zusammentreffen. Es könnten Franzosen sein."
„Eine einzige Begrüßung wird uns bald über diesen Umstand in's Klare setzen," entgegnete Cap. „Stelle dich hinter diesen Baum, Magnet, damit sich's die Spitzbuben nicht in den Kopf setzen, eine Lage zu geben, ohne zu Parlamentiren. Ich will bald erfahren, unter was für einer Flagge sie segeln."
Der Onkel hatte seine beiden Hände in der Form eines Trompetenbechers an den Mund gesetzt und war daran, die verheißene Begrüßung zu geben, hätte nicht Arrowhead durch eine rasche Handbewegung seine Absicht vereitelt, indem er das extemporirte Instrument in Unordnung brachte.
„Rother Mann, Mohikan," sagte der Tuscarora; „gut; Blaßgesichter, Yengeese."
„Das ist eine Himmelspost," flüsterte Mabel, welche an der Aussicht auf einen tödtlichen Kampf in dieser abgelegenen Wildniß wenig Geschmack fand. „Laßt uns mit einander auf sie zugehen, lieber Onkel, und uns als Freunde vorstellen."
„Gut," sagte der Tuscarora, „rother Mann, kalt und klug; Blaßgesicht übereilt und Feuer. Laßt die Squaw gehen."
„Was!" rief Cap erstaunt, „den kleinen Magnet als Lugaus voranschicken, während zwei faule Schlingel, wie Ihr und ich, stillliegen, um zu sehen, was sie für ein Land anthun wird? Ehe ich das zugebe, will ich —"
„Es ist das Klügste, Onkel," unterbrach ihn das hochherzige Mädchen, „und ich habe nichts zu fürchten. Kein Christ wird auf ein Weib, welches er allein auf sich zukommen sieht, Feuer geben, und meine Gegenwart wird als eine Bürgschaft friedlicher Gesinnungen gelten. Laßt mich vorangehen, wie Arrowhead wünscht, und es wird Alles gut werden. Wir sind bis jetzt unbemerkt geblieben, und werden die Fremden, ohne Unruhe zu erregen, überraschen."
„Gut," erwiederte Arrowhead, welcher seinen Beifall über Mabels Muth nicht verhehlte.
.Die Sache sieht so gar nicht seemännisch aus," antwortete Cap, „aber da wir hier in den Wäldern sind, so weiß ja Niemand darum. Wenn du glaubst, Mabel —"
„Onkel, ich verstehe. Es ist kein Grund vorhanden, für mich Besorgnisse zu hegen. Und wäre es auch, Ihr seid ja nahe genug, mich zu beschützen."
„Gut, aber nimm eine von den Pistolen mit, denn —"
„Nun, ich verlasse mich besser auf meine Jugend und meine Schwäche," sagte das Mädchen lächelnd, indeß eine augenblickliche Aufregung die Farbe ihrer Wangen erhöhte. „Unter christlichen Männern ist ihr Anspruch auf Schutz des Weibes bester Schirm. Ich verstehe mich nicht auf Waffen, und wünsche ihren Gebrauch nicht kennen zu lernen."
Der Onkel ließ sie gewähren, und nachdem ihr der Tuscarora einige Vorsichtsmaßregeln empfohlen hatte, faßte Mabel all ihren Muth zusammen und ging allein auf die in der Nähe des Feuers sitzende Gruppe zu. Obgleich das Herz des Mädchens schneller schlug, so war doch ihr Schritt fest, und ihre Bewegungen ließen kein inneres Widerstreben erkennen. Eine Grabesstille herrschte in dem Wald, denn Diejenigen, welchen sie sich näherte, waren zu sehr mit der Befriedigung jenes mächtigen Naturtriebes, den man Hunger nennt, beschäftigt, als daß sie nur einen Moment ihren Blick dem wichtigen Werke, in welchem Alle mit einander begriffen waren, hätten entziehen mögen. Als jedoch Mabel dem Feuer auf ungefähr hundert Fuß nahe gekommen war, trat sie auf einen trockenen Ast, und so schwach auch das Geräusch war, das durch ihren leichten Tritt veranlaßt wurde, so war es doch hinreichend, den Indianer, welchen Arrowhead als einen Mohikan bezeichnet hatte, und seinen Gefährten, über dessen Charakter man nicht hatte einig werden können, mit Gedankenschnelle auf die Beine zu bringen. Ihr Blick fiel zuerst auf ihre an einen Baum gelehnten Gewehre; aber Beide standen still, ohne den Arm auszustrecken, als ihnen die Gestalt des Mädchens vor die Augen trat. Der Indianer murmelte seinen Gefährten einige Worte zu und nahm dann, so ruhig als ob gar keine Unterbrechung vorgefallen wäre, den Sitz beim Mahle wieder ein. Der weiße Mann dagegen verließ das Feuer und ging Mabel entgegen.
Letztere sah, als der Fremde sich näherte, daß sie sich hier wirklich an einen Mann von ihrer Farbe zu wenden hatte, obgleich sein Anzug aus einer so sonderbaren Mischung der Trachten beider Rassen bestand, daß es wohl eines näheren Blickes bedurfte, um sich Gewißheit zu verschaffen. Er war von mittlerem Alter, und sein zwar nicht schönes Gesicht trug den Ausdruck einer biedern Offenheit, fern von jedem Zuge der Arglist, so daß sich Mabel schnell überzeugen konnte, es drohe ihr hier keine Gefahr. Demungeachtet blieb sie stehen, indem sie vielleicht der Macht der Gewohnheit, vielleicht auch einem inneren Gefühle gehorchte, welches sie verhinderte, unter Verhältnissen, wie die ihrigen waren, so ohne alle Umstände auf eine Person des andern Geschlechtes zuzugehen.
„Fürchten Sie nichts, junge Frau," sagte der Jäger; denn als solchen mochte ihn sein Anzug bezeichnen; „Sie sind in der Wildniß mit Christen und Männern zusammengetroffen, die Alle, welche zum Frieden und zur Gerechtigkeit geneigt sind, auf eine liebevolle Weise zu behandeln wissen. Ich bin ein Mann, der wohlbekannt in diesen Gegenden ist, und vielleicht hat einer meiner Namen Ihr Ohr erreicht. Bei den Franzosen und den Rothhäuten auf der andern Seite des großen See's heiße ich Ia longue Carabine, bei den Mohikanern, deren Stamm, so viel von ihm noch übrig ist, ein gutgesinnter und aufrichtiger ist, bin ich Hawk-eye, indeß die Truppen und Jäger auf dieser Seite des Wassers mich Pfadfinder nennen, weil es bekannt ist, daß ich nie das eine Ende einer Fährte, mochte es die eines Mingo's oder die eines meiner Hülfe bedürftigen Freundes sein, verlor, wenn ich das andere gefunden hatte."
Er brachte dieß Alles nicht in prahlerischem Tone, wohl aber mit der treuherzigen Zuversicht eines Mannes vor, welcher wohl wußte, daß er, mochte er unter was immer für einem Namen bekannt sein, keine Ursache hatte, sich desselben zu schämen. Der Eindruck auf Mabel war ein augenblicklicher. Sobald sie den letzten Beinamen gehört halte, schlug sie die Hände lebhaft zusammen und wiederholte das Wort —
„Pfadfinder!"
„So nennt man mich, junges Frauenzimmer, und mancher große Herr ist zu einem Titel gekommen, den er nicht halb so gut verdiente; obgleich, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich mir mehr darauf einbilden möchte, meinen Weg zu finden, wo kein Pfad ist, als einen zu finden, der vor mir liegt. Aber die regulären Truppen nehmen es nicht so genau und wissen meist keinen Unterschied zu machen zwischen einem Pfad und einer Fährte, obgleich sie den einen vor Augen haben, und von der andern wenig mehr als der Geruch vorhanden ist."
„So seid Ihr der Freund, den mein Vater uns entgegen zu senden versprochen hat?"
„Wenn Sie Sergeant Dunhams Tochter sind, so hat der große Prophet der Delawaren nie ein wahreres Wort gesprochen."
„Ich bin Mabel, und dort, hinter den Bäumen verborgen, ist mein Onkel Cap und ein Tuscarora, Namens Arrowhead. Wir hofften Euch erst in größerer Nähe des See's zu treffen."
„Ich wünschte, ein besser gesinnter Indianer wäre Euer Führer gewesen," sagte der Pfadfinder; „denn ich bin kein Freund der Tuscarora's, die immer zu weit weg gewandert sind von den Gräbern ihrer Väter, um sich des großen Geistes noch zu erinnern, und Arrowhead ist ein ehrgeiziger Häuptling. Ist Dew of June bei ihm?"
„Sein Weib begleitet uns. Sie ist ein demüthiges und sanftes Geschöpf."
„Und ein treues Herz obendrein, was mehr ist, als man von Arrowhead rühmen kann, wenn man ihn kennt. Nun gut! wir müssen den Gefährten nehmen, wie ihn die Vorsehung uns gibt, indeß wir der Fährte des Lebens folgen. Ich glaube, daß man einen schlechteren Wegweiser hätte finden können, als den Tuscarora, obgleich er zu viel Mingoblut hat für einen Mann, der stets in der Gesellschaft der Delawaren lebt."
„Es ist vielleicht ein glücklicher Zufall, daß wir zusammengetroffen sind."
„In jedem Fall kein unglücklicher; denn ich habe dem Sergeanten versprochen, sein Kind wohlbehalten in seine Garnison zu bringen, und wenn ich darüber zu Grunde gehen müßte. Wir hofften euch zu treffen, ehe ihr die Wasserfälle erreicht, wo wir unser eigenes Canoe gelassen haben; doch wir dachten, ihr würdet euch nicht darob grämen, wenn wir einige Meilen weiter heraufkämen, um im Nothfalle zu euern Diensten zu sein. Es ist übrigens gut, daß wir es thaten, denn ich zweifle, ob Arrowhead der Mann ist, durch die Strömung zu fahren."
„Hier kommt mein Onkel und der Tuscarora; unsere Parthieen können sich daher jetzt vereinigen."
Als Mabel geendet hatte, kamen Cap und Arrowhead näher, denn sie sahen, daß die Verhandlung freundschaftlich war. Einige Worte genügten, sie von dem, was das Mädchen von den Fremden erfahren hatte, in Kenntnis zu setzen. Sobald dies geschehen war, begab sich die Gesellschaft zu den Zweien, welche ruhig bei ihrem Feuer geblieben waren.
Zweites Kapitel.
So lange nicht dein Heiligthum entweiht
Und harmlos dir sein Opfer streut,
Natur! Dein ärmster Sohn,
Ist er ein Fürst, der Erde Segen
Ist ausgestreut auf seinen Wegen,
Sein Sitz ein Wolkenthron.
Wilson.
Der Mohikan fuhr fort zu essen; der zweite weiße Mann jedoch erhob sich, und nahm vor Mabel Dunham höflich die Mütze ab. Es war ein junger, gesunder, kräftiger Mann und trug einen Anzug, der, obgleich weniger starr gewerbsmäßig als bei dem Onkel, in ihm den Schiffsmann nicht verkennen ließ. In der That sind auch die Seeleute eine von den übrigen Menschen ganz verschiedene Klasse. Ihre Ideen, ihre gewöhnliche Sprache, ihr Anzug, Alles ist so streng bezeichnend für ihren Beruf, als Meinungen, Sprache und Tracht bezeichnend sind für den Muselmann. Obgleich der Pfadfinder kaum mehr in der Blüthezeit des Lebens stand, so schloß sich Mabel doch mit einer Festigkeit an ihn, welche wohl darin ihren Grund haben mochte, daß ihre Nerven auf diese Zusammenkunft vorbereitet waren; aber wenn ihre Augen denen des jungen Mannes am Feuer begegneten, so senkten sie sich vor dem Blicke der Bewunderung, mit welchem er, wie sie sah oder zu sehen glaubte, sie beobachtete. In der That fühlten auch Beide ein gegenseitiges Interesse für einander, welches die Aehnlichkeit des Alters, der Stellung und der Neuheit ihrer Lage bei jungen offenen Gemüthern wohl zu erwecken geeignet war.
„Hier," sagte der Pfadfinder mit einem ehrlichen Lächeln zu Mabel, „sind die Freunde, welche Ihr würdiger Vater Ihnen entgegensendet. Dies ist ein großer Delaware, der zu seiner Zeit ein hochgestellter Mann war, und viele Gefahren und Mühen gesehen hat. Er hat einen, für einen Häuptling ganz geeignete indianischen Namen, den aber eine unerfahrene Zunge nur schwer auszusprechen vermag, weßhalb wir ihn auch in's Englische übertragen haben und ihn big Serpent [Große Schlange] nennen. Glauben Sie aber ja nicht, man wolle damit sagen, daß er verrätherisch sei, wie dieß bei den Rothhäuten jenseits des See's der gewöhnliche Fall ist, sondern, daß er weise und schlau ist, wie es einem Krieger ziemt. Arrowhead weiß, was ich meine."
Während der Pfadfinder diese Worte sprach, betrachteten sich die beiden Indianer eine Weile mit festen Blicken. Dann trat der Tuscarora näher und redete den Andern anscheinend mit freundlichen Worten an.
„Ich sehe," fuhr der Pfadfinder fort, "die Begrüßung zweier Rothhäute in den Wäldern so gerne, Meister Cap, als Ihr den Gruß freundlicher Schiffe auf dem Ocean. Aber weil wir gerade vom Wasser sprechen — es erinnert mich dies an meinen jungen Freund da, den Jasper Western, der einiges von solchen Dingen verstehen muß, da er seine Tage auf dem Ontario zugebracht hat."
„Freut mich, Euch zu sehen, Freund," sagte Cap, indem er dem jungen Süßwassersegler herzlich die Hand drückte, „aber Ihr mögt wohl noch Manches zu lernen haben in der Schule, in die man Euch schickte. Dieß ist meine Nichte, Mabel. Ich nenne sie Magnet, aus einem Grunde, von dem sie sich nichts träumen läßt, obgleich Ihr vielleicht Erziehung genug habt, es zu errathen; denn ich vermuthe, daß Ihr doch einigen Anspruch darauf macht, einen Compaß zu verstehen."
„Der Grund ist leicht aufzufinden," sagte der junge Mann, indem er dabei unwillkürlich sein scharfes, dunkles Auge auf das erröthende Antlitz des Mädchens richtete, „und ich fühle sicher, daß der Schiffer, der mit Eurem Magnet steuert, nie ein falsches Land anthun wird."
„Ah, Ihr bedient Euch einiger unserer Kunstausdrücke, und mit Verstand und Anstand, wie ich merke, obschon ich fürchte, daß Ihr mehr grünes als blaues Wasser gesehen habt."
„Es darf nicht überraschen, daß wir einige Phrasen, die auf das Land Bezug haben, kennen, da wir es selten länger als auf vier und zwanzig Stunden aus dem Gesicht verlieren."
„Das ist Schade, Junge, recht Schade. Ein ganz kleines Stück Land muß weit reichen für einen Seefahrer, und wahrlich, ich glaube, Meister Western, es ist mehr oder weniger Land rund um Euern See herum."
„Und ist nicht mehr oder weniger Land um den Ocean herum, Onkel?" erwiederte Magnet schnell, denn sie fürchtete eine unzeitige Entwicklung des dem alten Seemann eigenthümlichen Dogmatismus, wenn man es nicht lieber Pedanterie nennen will.
„Nein, Kind, es ist mehr oder weniger Meer um das Land herum; das ist's, was ich dem Ufervolk sagen will, junger Bursche. Man lebt, so gut es gehen will, mitten im Meere, ohne es zu wissen, eigentlich nur geduldet, möchte ich sagen, denn das Wasser ist mächtiger und in viel größerer Masse vorhanden. Allein 's ist des Dünkels kein Ende auf dieser Welt. Ein Kerl, der nie Salzwasser sah, bildet sich oft ein, er wisse mehr als Einer, der das Cap Horn umsegelt hat. Nein, nein, die Erde ist weiter nichts als eine ziemlich große Insel, und alles Uebrige, kann man mit Wahrheit sagen, ist Wasser."
Der junge Western hatte einen großen Respekt vor den Seeleuten des Oceans, nach welchem er sich oft gesehnt; aber er hegte auch eine natürliche Verehrung gegen die breite Fläche, auf der er sein Leben zugebracht hatte, und die in seinen Augen ihre eigenen Reize besaß.
„Was Ihr sagt," antwortete er bescheiden, „mag, was das atlantische Meer anbelangt, wahr sein; aber wir, hier oben, um den Ontario, verehren das Land."
„Das macht, weil Ihr überall vom Land eingeschlossen seid," erwiederte Cap mit herzlichem Lachen; „aber dort ist der Pfadfinder, wie man ihn nennt, mit einigen dampfenden Schüsseln, der uns einlädt, am Mahle Theil zu nehmen, und ich will nur gestehen, daß einem auf dem Meere ein Wildbraten nicht zu Gesicht kommt. Meister Western, Höflichkeit gegen Mädchen kommt in Euren Jahren so leicht als das Schlaffwerden der Flaggenfall-Taue, und wenn Ihr ein Auge haben wollt auf ihre Bequemlichkeit, während ich mich mit dem Pfadfinder und Euren indianischen Freunden zum Mahle vereinige, so zweifle ich nicht, daß sie es Euch gedenken wird."
Meister Cap hatte mehr gesprochen, als zu dieser Zeit klug war. Jasper Western achtete sorgsam auf Mabels Bedürfnisse, und lange gedachte sie dem jungen Seemann die zarte und männliche Aufmerksamkeit, die er ihr bei Gelegenheit dieses ersten Zusammentreffens bewiesen hatte. Er bereitete ihr auf einem Baumstrunk einen Sitz, besorgte ihr ein köstliches Wildpretstückchen, holte Wasser von der Quelle, und da er ihr ganz nahe gegenüber saß, so gewann er durch die höfliche aber freie Manier, mit der er seine Sorgfalt an den Tag legte, einen festen Weg zu ihrer Achtung. Frauen wünschen immer Huldigung zu empfangen, aber nie ist sie ihnen so angenehm und schmeichelhaft, als wenn sie den Ausdruck einer männlichen Höflichkeit trägt, und von einem jugendlichen Altersgenossen dargebracht wird. Der junge Western war, wie die Meisten , welche ihre Zeit fern von der Gesellschaft des sanfteren Geschlechts zugebracht haben, ernst, einfach und zart in seinen Aufmerksamkeiten, die einen reichen Ersatz für alle die conventionellen Verfeinerungen gewährten, welche Mabel vielleicht nicht einmal vermißte. Doch wir wollen die beiden unerfahrenen, arglosen jungen Leute ihren Gefühlen überlassen, durch die sie sich gegenwärtig wohl eher als durch Worte, den Ausdruck der Gedanken, befreunden konnten, und kehren zu der Gruppe zurück, in welcher der Onkel, mit der anmaßenden Vertraulichkeit, welche ihn nie verließ, bereits eine Hauptperson geworden war.
Die Gesellschaft hatte sich um eine zum gemeinschaftlichen Gebrauche aufgestellte Schüssel mit Wildpretstücken niedergelassen, und natürlich trug die Unterhaltung das charakteristische Gepräge der dabei betheiligten Individuen. Die Indianer waren still und emsig: der Wildpret-Appetit der ureingebornen Amerikaner schien unstillbar. Die zwei weißen Männer waren mittheilend und gesprächig, geschwätzig sogar, und Beide starrsinnig in ihrer Weise. Da jedoch die Unterhaltung, welche sie führten, den Lesern mit manchen Thatsachen bekannt machen kann, welche zum besseren Verständniß der nachfolgenden Erzählung beitragen, so wird es geeignet sein, dieselbe nicht zu übergehen.
„Ich zweifle nicht, Meister Pfadfinder," begann Cap, als der Hunger des Reisenden so weit beschwichtigt war, daß er nun anfing, sich unter den übrigen nur die saftigeren Stückchen auszulesen, „daß ein Leben wie das Eurige viel Befriedigung gewähren muß. Es hat einiges von den Wechseln und Zufällen, welche der Seemann liebt, und wenn bei uns Alles Wasser ist, so ist bei Euch Alles Land."
„Ha, wir haben auch Wasser auf unsern Reisen und Märschen," erwiederte sein weißer Gesellschafter. „Wir Gränzleute handhaben das Ruder und die Fischgabel fast eben so oft als die Büchse und das Waidmesser."
„Ah, aber handhabt ihr auch die Brasse und die Bugleine, das Steuerrad und die Leitleine, die Reffseising und das Windreep? Das Ruder ist ein gutes Ding, ohne Zweifel, für ein Canoe; aber wozu kann man es in einem Schiff brauchen?"
„Ich respektire jeden in seinem Beruf, und ich kann wohl glauben, daß alle die Dinge, die Ihr da erwähnt habt, zu etwas nütze sind. Ein Mann, der, wie ich, mit so vielen Stämmen gelebt hat, weiß wohl einen Unterschied zu machen unter den Gebräuchen.
Der Mingo malt seine Haut anders als der Delaware, und wer einen Krieger in dem Anzug einer Squaw zu sehen hofft, wird sich wohl täuschen. Ich bin zwar noch nicht besonders alt, aber ich habe in den Wäldern gelebt und mir einige Vertrautheit mit der Menschennatur erworben. Auf das Wissen derer, die in den Städten wohnen, habe ich nie viel gehalten, denn ich habe von dorther noch keinen gesehen, der ein Auge für eine Büchse oder eine Fährte gehabt hätte."
„Das ist bis auf's Garn meine Art zu räsonniren, Meister Pfadfinder. Durch die Straßen laufen, Sonntags in die Kirche gehen und eine Predigt anhören, das hat nie aus einem menschlichen Wesen einen Mann gemacht. Aber sendet den Knaben hinaus auf den weiten Ocean, wenn Ihr seine Augen öffnen wollt; laßt ihn fremde Völker, oder, wie ich es nenne, das Angesicht der Natur sehen, wenn Ihr wollt, daß er seinen Charakter kennen lernen soll. Da ist nun mein Schwager, der Sergeant: er ist in seiner Weise ein so guter Bursche, als nur je einer Zwieback gebrochen hat; aber was ist er im Ganzen? — nichts, als ein Soldat, — ein Sergeant zwar: aber das ist doch nur so eine Soldatenart, wie Ihr wohl wißt. Als er die arme Bridget, meine Schwester, heirathen wollte, sagte ich dem Mädchen, was er sei, wie er von seinen Pflichten in Anspruch genommen werde, und was sie von einem solchen Ehemann zu hoffen habe; aber Ihr wißt ja, wie es ist mit den Mädchen, wenn eine Liebschaft ihren Verstand in die Klemme bringt. Es ist wahr, der Sergeant ist in seinem Beruf gestiegen, und man sagt, daß er ein bedeutender Mann im Fort sei; aber sein armes Weib hat's nicht erlebt, all das zu sehen, denn es ist nun schon an vierzehn Jahre, daß sie todt ist."
„Des Soldaten Beruf ist ein ehrenwerther Beruf, vorausgesetzt, daß er nur auf der Seite des Rechts kämpft," entgegnete der Pfadfinder, „und da die Franzosen immer schlecht sind und Seine geheiligte Majestät und diese Kolonien immer recht handeln, so behaupte ich, daß der Sergeant ein eben so gutes Gewissen hat, als er einen wackeren Charakter besitzt. Ich schlief nie süßer, als wenn ich einen Kampf mit den Mingo's ausgefochten hatte, obgleich ich es mir zum Grundsatz gemacht habe, stets wie ein weißer Mann, und nie wie ein Indianer zu kämpfen. Der Serpent da hat seine Gewohnheiten, und ich die meinigen; und doch haben wir so manche Jahre mit einander Seite an Seite gefochten, ohne daß Einer dem Andern seine Weise verdachte. Ich erzähle ihm, daß es, trotz seiner Traditionen, doch nur einen Himmel und eine Hölle gibt, obschon die Wege zu beiden vielfältig sind."
„Das ist vernünftig, und er muß Euch glauben, obschon ich denke, daß die Wege zur letzteren meist auf dem trockenen Lande liegen. Das Meer ist, wie meine arme Schwester zu sagen pflegte, ein Reinigungsort, und man ist außer den Wegen der Versuchung, wenn man außer der Sicht des Landes ist. Ich zweifle, ob man eben so viel zu Gunsten Eurer Seen da oben sagen kann."
„Ich will einräumen, daß Städte und Ansiedelungen zur Sünde verleiten können, aber unsere Seen sind von den Urwäldern begränzt, und man findet jeden Tag eine Aufforderung zur Verehrung Gottes in einem solchen Tempel. Freilich muß ich zugeben, daß die Menschen, auch in der Wildniß, nicht immer dieselben sind, denn der Unterschied eines Mingo und eines Delawaren liegt so auf flacher Hand, wie der des Mondes und der Sonne. Doch, ich bin froh, Freund Cap, daß wir uns getroffen haben, wäre es auch nur deßhalb, damit Ihr dem Big Serpent erzählen könnt, daß es auch Seen gibt, in welchen salziges Wasser ist. Wir sind, seit wir uns kennen, stets ziemlich eines Sinnes gewesen, und wenn der Mohikan nur halb so viel Vertrauen zu mir hätte, als ich zu ihm, so müßte er mir Alles glauben, was ich ihm von den Gewohnheiten und Naturgesehen der Weißen erzählt habe. Aber es hat mir immer geschienen, als ob keine der Rothhäute den Erzählungen von den großen Salzseen und den aufwärts gehenden Strömungen der Flüsse einen so offenen Glauben schenkt, wie es ein ehrlicher Mann wohl haben möchte."
„Das kommt daher," antwortete Cap mit einem herablassenden Nicken, „daß Ihr in diesen Dingen verkehrter Weise das Pferd beim Schwanz aufgezäumt habt. Ihr habt Euch Eure Seen und Stromschnellen als das Schiff, und das Meer mit seiner Ebbe und Flut als ein Boot gedacht. Weder Arrowhead noch der Serpent hat Ursache, das, was Ihr bezüglich der beiden genannten Punkte gesagt habt, zu bezweifeln. Ich muß übrigens gestehen, daß es mir Schwierigkeit macht, die Erzählung von den Binnenmeeren so geradezu hinunter zu schlucken, und noch mehr, daß es hier eine See mit frischem Wasser geben soll. Ich habe deßhalb meine Reise eben so gut in der Absicht unternommen, meine eigenen Augen und meinen Gaumen von der Wahrheit dieser Dinge zu überzeugen, als um dem Sergeanten und Magnet gefällig zu sein, obgleich der Erste meiner Schwester Mann war, und die Letztere mir wie ein eigenes Kind am Herzen liegt."
„Ihr habt Unrecht, sehr Unrecht, Freund Cap, daß Ihr in irgend einer Sache der Macht Gottes mißtraut," entgegnete der Pfadfinder ernst. „Die, welche in den Ansiedelungen und Städten wohnen, mögen wohl zu beschränkten und irrigen Meinungen über die Macht seiner Hand kommen; wir aber, die wir unsere Zeit so zu sagen, in Seiner wahren Gegenwart zubringen, sehen die Sachen anders — ich meine nämlich die Weißen. Eine Rothhaut hat wieder ihre eigenen Begriffe, und es ist recht, daß es so ist; wenn sie auch nicht ganz so sind, wie die eines Weißen, so darf uns das nicht bekümmern. Es sind Dinge, welche in die weise Ordnung der göttlichen Vorsehung gehören, und zu diesen sind auch jene Süß- und Salzwasserseen zu rechnen. Ich maße mir nicht an, sie erklären zu wollen, aber ich denke, es ist Schuldigkeit eines Jeden, daran zu glauben. Was mich anbelangt, so bin ich Einer von denen, welche denken, daß dieselbe Hand, welche das Süßwasser gemacht hat, auch Salzwasser schaffen kann."
„Halt da, Meister Pfadfinder," unterbrach ihn Cap, nicht ohne einige Hitze, „auf dem Wege eines gebührlichen und männlichen Glaubens werde ich keinem den Rücken kehren, so lange ich flott bin. Obgleich ich mehr daran gewöhnt bin, auf dem Verdecke alles rein zu halten, und ein schönes Segel zu zeigen, als zu beten, wenn der Orkan kommt, so weiß ich wohl, daß wir zur Zeit nur hilflose Sterbliche sind, und ich hoffe, ich zolle Verehrung, wo ich Verehrung schuldig bin. Was ich sagen zu müssen meinte — und das läßt sich besser andeuten als sagen, — war nichts weiteres, als der einfache Wink, daß ich, der ich gewöhnt bin, in großen Behältern salziges Wasser zu sehen, es vorziehe, dasselbe vorher zu kosten, ehe ich glauben kann, daß es frisch ist."
„Gott hat dem Hirsch die Salzlicke gegeben, und dem Menschen, sei er eine Rothhaut oder ein Weißer, die köstliche Quelle, um an ihr seinen Durst zu stillen. Es ist daher unvernünftig, zu denken, daß er dem Westen nicht habe Seen von frischem, und dem Osten Seen von unreinem Wasser geben können."
Cap war, trotz seiner anmaßenden Starrköpfigkeit, durch den einfachen Ernst des Pfadfinders eingeschüchtert, obgleich ihm der Gedanke, eine Sache zu glauben, deren Unmöglichkeit er Jahre lang behauptet hatte, nicht behagte. Da er jedoch nicht geneigt war, seine Meinung aufzugeben, und zugleich gegen eine so ungewohnte Argumentation, welche obendrein die Macht der Wahrheit, des Glaubens und der Wahrscheinlichkeit für sich hatte, nichts auszurichten vermochte, so war er froh, sich aus dieser Sache durch eine Ausflucht retten zu können.
„Nun, nun, Freund Pfadfinder," sagte er, „wir wollen die Sache bewenden lassen, und da der Sergeant Euch uns als Lootsen für den fraglichen See geschickt hat, so können wir ja das Wasser untersuchen, wenn wir hinkommen. Merkt Euch übrigens meine Worte — ich sage nicht, daß es nicht auch frisches Wasser auf der Oberfläche geben könne; sogar der atlantische Ocean hat bisweilen solches in der Nähe der Mündungen großer Flüsse; aber verlaßt Euch darauf, ich will Euch eine Methode zeigen, das Wasser, und wenn es manche Faden tief ist, zu kosten, von der Ihr Euch nichts träumen werdet; und dann werden wir mehr davon erfahren."
Der Führer schien zufrieden, die Sache beruhen zu lassen, und der Gegenstand der Unterhaltung wechselte.
„Wir bilden uns nicht zu viel auf unsere Gaben ein," bemerkte der Pfadfinder nach einer kurzen Pause, „und wissen wohl, daß diejenigen, welche in den Städten leben oder in der Nähe des Meeres" —
„Auf dem Meere," unterbrach ihn Cap.
„Auf dem Meere also, wenn Ihr so wollt — manche Gelegenheiten haben, welche uns hier in unserer Wildniß nicht aufstoßen. Genug, wir kennen unsern Beruf, betrachten ihn als unsere natürliche Bestimmung und sind nicht durch Eitelkeit und Ueppigkeit verkehrt. Meine Gaben beschränken sich auf den Gebrauch der Büchse und das Erkennen der Fährte zum Zwecke der Jagd und des Kundschaftens, und obgleich ich auch ein Ruder führen und die Gabel handhaben kann, so darf ich mir wenigstens nichts darauf einbilden. In dieser Beziehung ist der junge Jasper da, der sich mit des Sergeanten Tochter unterhält, ein ganz anderer Bursche, so daß man von ihm sagen kann, er athme Wasser, wie ein Fisch. Die Indianer und die Franzosen des nördlichen Seeufers nennen ihn wegen seinen Gaben Eau-douce. [Süßwasser.] Er versteht es aber besser, das Ruder und das Tau handzuhaben, als Feuer auf einer Fährte anzumachen."
„Im Grunde muß doch etwas an den Gaben sein, von denen Ihr sprecht," sagte Cap. „Ich gestehe, dieses Feuer hier hat mein ganzes Seemannswesen zu Schanden gemacht, Arrowhead sagte, der Rauch komme von einem Blaßgesichtsfeuer, und das nenne ich mir ein Stückchen Philosophie, welches dem Steuern an dem Rand einer Sandbank vorbei bei finstrer Nacht nichts nachgibt."
„Ist kein großes Geheimniß, ist kein großes Geheimniß," erwiederte der Pfadfinder mit lustigem Lachen, obgleich er aus gewohnter Vorsicht den allzulauten Ausbruch desselben unterdrückte. ,Nichts ist für uns, die wir unsere Zeit in der großen Schule der Vorsehung zubringen, leichter, als ihre Aufgaben zu lernen. Wir wären für die Fährte wie für das Geschäft eines Kundschafters so nutzlos, wie die Murmelthierlein, wenn wir uns nicht früh die Kenntniß solcher Kleinigkeiten zu verschaffen wüßten. Eau-douce, wie wir ihn nennen, ist ein so großer Freund des Wassers, daß er ein oder zwei feuchte Holzstücke für unser Feuer auslas, obschon vollkommen trockene neben den feuchten im Ueberfluß umherlagen, und Feuchtigkeit macht schwarzen Rauch, was meiner Meinung nach ihr Herren von der See auch wissen müßt, 's ist kein großes Geheimniß, 's ist kein großes Geheimniß, obschon für solche, welche nicht auf den Herrn und Seine mächtigen Wege mit Demuth und Dankbarkeit achten, alles geheimnißvoll ist."
„Arrowhead muß ein scharfes Auge haben, um einen so unbedeutenden Unterschied erkennen zu können!"
„Er wär' ein armer Indianer, wenn er das nicht könnte. Nein, nein; es ist Kriegszeit, und keine Rothhaut wagt sich hinaus, wenn sie nicht im vollen Besitz ihrer Sinne ist. Jede Haut hat ihre eigene Natur, und jede Natur hat ihre eigenen Gesetze, so gut als ihre eigene Haut. Es dauerte manches Jahr, bis ich mir alle diese höheren Zweige der Wäldererziehung angeeignet hatte; denn die Kenntnisse der Rothhäute gehen der Natur einer weißen Haut nicht so leicht ein, als man sich, wie ich vermuthe, von den Kenntnissen der Weißen einbildet, obschon ich von letzteren wenig besitze, da ich meine Zeit meistens in den Wäldern zugebracht habe."
„Ihr seid ein braver Schüler gewesen, Meister Pfadfinder, wie man aus Eurer genauen Kenntniß aller dieser Dinge merkt. Ich denke aber, es müßte für einen ordentlichen Zögling des Meeres nicht schwer sein, diese Kleinigkeiten zu lernen, wenn er nur seinen Kopf so weit zusammennehmen will, um darauf Acht zu geben."
„Ich weiß das nicht. Der Weiße findet seine Schwierigkeiten, wenn er sich die Fertigkeiten der Rothhäute aneignen will, wie der Indianer, wenn er die Wege einer weißen Haut geht. Es liegt, wie ich meine, in der Natur, daß keiner von Beiden in die Weise des andern vollkommen eingehen kann."
„Und doch sagen wir Seeleute, die wir ganz um die Welt herumkommen, es gebe allenthalben nur eine Natur, beim Chinesen dieselbe, wie bei dem Holländer. Was mich anbelangt, so fühle ich mich geneigt, dasselbe anzunehmen; denn ich habe im Allgemeinen gefunden, daß alle Nationen Gold und Silber lieben, und die meisten Männer Geschmack an dem Tabak finden."
„Dann kennt Ihr Seefahrer die Rothhäute wenig. Habt Ihr je einen von Euern Chinesen gesehen, der sein Sterbelied singen konnte, während sein Fleisch mit Splittern zerrissen und mit Messern zerschnitten wurde? während das Feuer rund um seinen nackten Körper wüthete, und der Tod ihm in's Auge starrte? Könnt Ihr mir einen Chinesen oder irgend einen Christenmenschen finden, der dieses kann? Ihr werdet keinen finden mit einer Rothhautnatur, mag er noch so tapfer aussehen, oder alle Bücher, die je gedruckt worden sind, zu lesen verstehen."
„Nur die Wilden können einander solche höllische Streiche spielen," sagte Cap, indem er seinen Blick unbehaglich unter den endlosscheinenden Wölbungen des Forstes umherstreifen ließ. „Kein weißer Mann ist je verurtheilt worden, solche Proben zu bestehen."
„Nein, da habt Ihr mich wieder irrig verstanden," entgegnete der Pfadfinder, indem er sich ruhig noch ein leckeres Stückchen Wildpret als bonne bouche auslas; „denn obgleich diese Quälereien nur zu der Natur einer Rothhaut gehören, so mag doch eine weiße Haut sie eben so gut zu ertragen vermögen, und wir haben oft Beispiele davon gehabt!"
„Zum Glück," sagte Cap, indem er seine Stimme klar zu machen sich mühte, „wird keiner von Seiner Majestät Alliirten lüstern sein, solche verdammliche Grausamkeiten an irgend einem von Seiner Majestät loyalen Unterthanen zu versuchen. Es ist wohl wahr, ich habe nicht lange in der Königlichen Flotte gedient; aber ich habe gedient und das ist schon Etwas, und an den Kaperzügen, an der Bekriegung des Feindes in seinen Schiffen und Schiffsladungen habe ich vollen Antheil genommen. Aber ich glaube, es gibt keine französischen Wilden auf dieser Seite des See's, und wenn ich nicht irre, so habt Ihr gesagt, daß der Ontario eine breite Wasserfläche ist?"
„Ja, er ist breit in unsern Augen," erwiederte der Pfadfinder, ohne sich Mühe zu geben, das Lächeln zu verbergen, das seine sonnverbrannten Züge überflog, „doch ich weiß nicht, ob ihn nicht einige für schmal halten. Jedenfalls ist er nicht breit genug, den Feind abzuhalten. Der Ontario hat zwei Enden, und der Feind, welcher zu furchtsam ist, über denselben zu setzen, weiß wohl, daß er um ihn herumgehen kann."
„Ach, da haben wir's ja, mit Euern v— n Frischwasserteichen!" brummte Cap mit einem Seufzer, der laut genug war, ihn schnell seine Unvorsichtigkeit bereuen zu lassen. „Kein Mensch hat je gehört, daß ein Pirat oder ein Schiff geschwind um ein Ende des atlantischen Oceans herumgekommen wäre!"
„Vielleicht hat der Ocean keine Enden?"
„Freilich hat er nicht; weder Enden, noch Seiten, noch Grund. Das Volk, welches fest an einer seiner Küsten vor Anker liegt, hat nichts zu fürchten von den Bewohnern eines jenseitigen Ankerplatzes, mögen sie so wild sein, als sie wollen, wenn sie nicht die Kunst des Schiffsbaus besitzen. Nein, nein! Die Leute, die an den Ufern des atlantischen Meeres wohnen, haben wenig für ihre Häute und ihre Skalpe zu fürchten. Da kann Einer sich doch Nachts mit der Hoffnung niederlegen, am Morgen sein Haar noch auf dem Kopf zu finden, wenn er nicht eine Perücke trägt."
„Hier ist's nicht so. Doch ich möchte das junge Frauenzimmer dort nicht beunruhigen, und ich will deßhalb nicht auf Einzelheiten eingehen, obschon sie mir auf den Eau-douce, wie wir ihn nennen, zu hören scheint. Jedenfalls aber möchte, ohne die Erziehung, die ich dem Aufenthalt in den Wäldern verdanke, jetzt unter den gegenwärtigen Verhältnissen, eine Reise über den zwischen uns und der Garnison liegenden Grund ein gefährliches Unternehmen sein. Es gibt auf dieser Seite des Ontario so viele Irokesen, als auf der andern. Der Sergeant hat also sehr wohl daran gethan, Freund Cap, uns Euch als Wegweiser entgegen zu schicken."
„Was? dürfen die Schurken so nahe an den Kanonen von einem der Werke Seiner Majestät kreuzen?"
„Halten sich nicht die Raben in der Nähe eines Hirschgerippes auf, obgleich der Vogelsteller bei der Hand ist? Sie kommen eben, weil es in ihrer Natur liegt. Es gibt immer mehr oder weniger Weiße, welche zwischen den Forts und den Ansiedlungen wandern, und sie sind ihrer Fährte sicher. Der Serpent ist auf der einen und ich auf der andern Seite des Flusses heraufgekommen, um diese heraufstreichenden Schufte auszukundschaften, indeß Jasper, der ein kühner Schiffer ist, den Kahn heraufbrachte. Der Sergeant hatte ihm mit Thränen im Auge Alles von seinem Kinde erzählt, wie sein Herz nach ihr verlange, und wie sanft und gehorsam sie sei, so daß ich glaube, der Junge hätte sich lieber ganz allein in ein Mingolager gestürzt, als die Parthie ausgeschlagen."
„Wir danken ihm — wir danken ihm, und wollen nun um seiner Bereitwilligkeit willen besser von ihm denken, obschon ich im Grunde vermuthe, daß er sich gerade keiner großen Gefahr unterzogen hat."
„Blos der Gefahr, von einem Hinterhalt aus erschossen zu werden, während er den Kahn durch die Stromengen drängte oder bei den Krümmungen des Flusses mit auf die Wirbel gerichtetem Auge eine Wendung machte. Von allen gefährlichen Reisen ist, nach meinem Dafürhalten, die auf einem Fluß, der vom Gebüsche gesäumt ist, die allergefährlichste, und einer solchen hat sich Jasper unterzogen."
„Und warum, beim Teufel, veranlaßte mich der Sergeant, einen Weg von hundert und fünfzig Meilen in dieser ausländischen Manier zu machen? Gebt mir offene See und den Feind in's Gesicht, und ich will eine Partie mit ihm machen, nach seiner eigenen Weise, so lange als es ihm beliebt, auf Buglänge oder hinter den Enterschotten; aber erschossen zu werden wie eine Schildkröte im Schlaf, das ist nicht nach meinem Geschmack. Wäre es nicht um der kleinen Magnet willen, ich ginge augenblicklich an Bord, kehrte eilends nach York zurück und ließe den Ontario für sich selber sorgen, mag er nun Salzwasser oder Frischwasser haben!"
„Das würde die Sache nicht viel verbessern, Freund Seemann, da der Rückweg viel länger und fast ebenso gefährlich ist, als der, den wir noch zu gehen haben. Doch verlaßt Euch darauf, wir wollen Euch mit heiler Haut durchbringen, oder unsere Kopfhäute verlieren."
Cap trug einen steifen, mit Aalhaut umwickelten Zopf, indeß der Scheitel seines Kopfes fast kahl war. Mechanisch fuhr seine Hand über beide, als ob sie sich versichern wolle, daß Alles noch an seinem gehörigen Orte sei. Er war im Grunde ein braver Mann, und hatte oft dem Tod mit Ruhe in's Auge gesehen, jedoch nie in der furchtbaren Gestalt, in welcher er ihm durch das zwar gedrängte aber doch sehr bezeichnende Gemälde seines Tischgenossen vorgeführt wurde. Es war zu spät zum Rückzug, und so entschloß er sich denn, zum bösen Spiel gute Miene zu machen, obgleich er sich nicht entbrechen konnte, einige Flüche über die Gleichgültigkeit und Unbesonnenheit in den Bart zu brummen, mit der sein Schwager, der Sergeant, ihn in dies Dilemma geführt hatte.
„Ich zweifle nicht, Meister Pfadfinder," erwiederte er, als er mit seinen Betrachtungen zu Ende gekommen war, „daß wir den Hafen wohlbehalten erreichen werden. Wie weit können wir noch vom Fort entfernt sein?"
Wenig mehr als fünfzehn Meilen, und zwar so schnelle Meilen, als sie der Strom nur machen kann, wenn uns anders die Mingo's ungehindert ziehen lassen."
„Und ich denke, daß die Wälder sich längs dem Steuerbord und Backbord hinziehen werden, wie bisher?"
„Wie?"
„Ich meine, daß wir unsern Weg durch diese verwünschten Bäume zu suchen haben werden?"
„Nein, nein, Ihr werdet in den Kahn gehen. Der Oswego ist durch die Truppen von seinem Treibholz gereinigt worden. Wir werden schnell genug stromabwärts kommen."
„Und was, zum Teufel, wird diese Minks [Wiesel], von denen Ihr sprecht, abhalten, auf uns zu schießen, wenn wir ein Vorgebirge umsegeln oder beschäftigt sind, von den Felsen abzusteuern?"
„Der Herr! — Er, der so oft Andern aus noch größeren Schwierigkeiten geholfen hat. Oft und vielmal wäre meinem Kopf Haar, Haut und Alles abgestreift worden, wenn der Herr nicht an meiner Seite gefochten hätte. Ich unterziehe mich nie einem Scharmützel, Freund Seemann, ohne an diesen großen Verbündeten zu denken, der im Kampfe mehr thun kann, als alle Bataillons vom Sechzigsten, stünden sie auch in einer Linie."
„Ja, ja, das mag wohl für einen Kundschafter gut sein, aber wir Seeleute lieben unsere offene See, und wenn's in's Feuer geht, mögen wir unsern Kopf mit nichts Anderem behelligen, als mit dem Geschäft vor uns — volle Lage gegen volle Lage, und keine Bäume und Felsen, das Wasser unsicher zu machen."
„Und auch keinen Gott, um es mit einem Wort zu sagen. Nehmt mein Wort dafür, Meister Cap, daß kein Kampf ein schlimmer sein wird, wenn Ihr den Herrn auf Eurer Seite habt. Betrachtet einmal den Kopf des Big Serpent! Ihr könnt noch der ganzen Länge nach die Spur eines Messers an seinem linken Ohre erkennen, und nur eine Kugel aus dieser meiner langen Büchse konnte damals seine Kopfhaut retten; denn sie klaffte bereits, und eine halbe Minute später wäre es um seine Kriegerlocke geschehen gewesen. Wenn mir nun der Mohikan die Hand drückt, und mir zu verstehen gibt, ich hätte mich ihm in dieser Sache als ein Freund erwiesen, so sage ich zu ihm: Nein es war der Herr, der mich zu der einzigen Stelle führte, wo ihm dieses Leid geschehen konnte, und von wo aus der aufsteigende Rauch mir seine Noth verrieth. Freilich — als ich einmal meine Stellung genommen hatte, beendigte ich die Sache auf eigene Faust; denn ein Freund unter dem Tomahawk bringt einen zu einem raschen Entschluß und zu schneller That, wie dies bei mir der Fall war: sonst würde jetzt wohl Serpents Geist in dem seligen Lande seines Volkes jagen!"
„Na, na, Pfadfinder, dieses Gewäsch ist schlimmer, als vom Vorsteven bis zum Stern skalpirt zu werden. Wir haben nur noch wenige Stunden bis zum Untergang der Sonne, und es wird besser sein, uns Eurer Strömung anzuvertrauen; so lange es noch möglich ist. Magnet, Schätzchen, bist du nicht bereit, aufzubrechen?"
Magnet fuhr aus, erröthete über und über, und machte ihre Vorbereitungen zur unmittelbaren Weiterreise. Sie hatte von der Unterhaltung der Beiden keine Sylbe gehört; denn Eau-douce unterhielt ihr Ohr mit einer Beschreibung des Forts, welches das Ziel ihrer Reise war, mit Erzählungen von ihrem Vater, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte, und mit den Sitten und Gebräuchen derer, welche die Gränzgarnisonen bewohnten. Unwillkürlich hatten sich ihre Gedanken zu sehr in diese Gegenstände vertieft, als daß die minder erfreulichen, welche von ihren Nachbarn besprochen wurden, ihr Ohr hätten erreichen können. Der Lärm des Ausbruchs machte dieser Unterhaltung ein Ende, und in wenigen Minuten war die ganze Gesellschaft sammt dem wenigen Gepäcke der Kundschafter oder Wegweiser zum Abzuge bereit. Ehe sie jedoch die Stelle verließen, sammelte Pfadfinder, zur großen Verwunderung seiner Gefährten, eine Partie Zweige und warf sie auf den glimmenden Rest des Feuers. Dabei nahm er darauf Bedacht, einige feuchte Holzstücke darunter zu mengen, um den Rauch so dunkel und dicht als nur möglich zu machen.
„Wenn Ihr Eure Fährte verbergen könnt, Jasper," sagte er, „so wird der Rauch auf dem Lagerplatz eher Nutzen als Schaden bringen. Wenn ein Dutzend Mingo's innerhalb zehn Meilen von uns sich befinden, so werden einige davon aufs den Höhen oder in den Bäumen sich aufhalten, und nach Rauch umsehen. Erblicken sie diesen, so mag er ihnen wohl bekommen; unsere Ueberbleibsel sind ihnen gegönnt."
„Aber kann er sie nicht veranlassen, unsere Spur zu verfolgen?" fragte Jasper, dessen Besorgnisse über die Gefährlichkeit ihrer Lage seit seinem Zusammentreffen mit Magnet bedeutend erhöht worden waren. „Wir lassen bis zum Fluß einen breiten Pfad zurück."
„Je breiter, desto besser. Wenn wir dort sind, so wird es über den Horizont eines listigen Mingo's gehen, zu sagen, ob der Kahn aufwärts oder abwärts gegangen ist. Wasser ist das einzige in der Natur, was durchaus jede Fährte verwischt, und doch thut es auch das Wasser nicht immer, wenn die Witterung scharf ist. Seht Ihr nicht, Eau-douce, daß die Mingo's, wenn sie unsere Spur unterhalb der Fälle bemerkt haben, sich gegen diesen Rauch heraufziehen und daraus den natürlichen Schluß ableiten werden, diejenigen, welche stromaufwärts gegangen sind, werden auch stromaufwärts ihre Fahrt fortgesetzt haben? Wenn sie etwas wissen, so wissen sie nur, daß eine Partie von dem Fort ausgegangen ist, und sicher wird es den Witz eines Mingo's übersteigen, sich zu denken, daß wir nur um einer Lustpartie willen, den nämlichen Tag hieher und wieder zurück — unsere Kopfhäute in Gefahr gesetzt haben."
„Freilich," versetzte Jasper, welcher sich beiseits mit dem Pfadfinder besprach, während sie ihre Richtung gegen die Windgasse hin einschlugen, „sie können nichts von des Sergeanten Tochter wissen, denn in Beziehung auf sie wurde das größte Geheimniß beobachtet."
„Und hier sollen sie nichts erfahren," erwiederte Pfadfinder, indem er seinen Gefährten veranlaßte, sorgfältig in die Spuren von Mabels kleinem Fuße zu treten, wenn nicht dieser alte Salzwasserfisch seine Nichte in der Windgasse herumgeführt hat, wie eine alte Hirschgais ihr Kitzchen."
„Ein Bock, meint Ihr, Meister Pfadfinder."
„Ist er nicht ein Querkopf? Nun, ich kann wohl Kameradschaft machen mit einem Schiffer, wie Ihr seid, Eau-douce, und finde nichts besonders Konträres in unsern Gaben, obgleich sich die Euern mehr für die Seen und die meinen für die Wälder eignen; aber mit diesem — hört, Jasper," fuhr der Kundschafter mit seinem gewohnten tonlosen Lachen fort, „ich meine, wir sollten ihm doch das Gewehr visitiren, und ihn über die Fälle schießen lassen?"
„Und was in der Zwischenzeit mit der artigen Nichte anfangen?"
„Nun, ihr braucht deßhalb kein Leid zu widerfahren. Sie muß jedenfalls auf dem Tragweg um die Fälle gehen. Aber Ihr und ich können diesen atlantischen Oceansmenschen auf die Probe stellen und dann werden sich wohl alle Parteien besser mit einander befreunden. Wir wollen ausfindig machen, ob sein Stein Feuer gibt, und er mag etwas von den Streichen der Gränzleute erfahren."
Der junge Jasper lächelte, denn er war einem Scherze nicht abgeneigt, um so weniger als Caps Anmaßung ihn unangenehm berührt hatte. Aber Mabels schönes Antlitz, ihre leichte, behende Gestalt und ihr gewinnendes Lächeln stellte sich wie ein Schild zwischen ihren Onkel und den beabsichtigten Versuch.
„Vielleicht wird es des Sergeanten Tochter erschrecken," sagte er.
„Gewiß nicht, wenn sie etwas von des Sergeanten Geist in sich hat. Sie sieht nicht aus, als ob sie ein zimpferliches Ding wäre. Oder laßt wich allein machen, ich will die Sache schon durchführen."
„Nicht Ihr allein, Pfadfinder; ihr würdet Beide mit einander ertrinken. Wenn der Kahn über die Fälle geht, muß ich dabei sein."
„Gut, sei es so. Es bleibt also bei der Uebereinkunft."
Jasper nickte lächelnd seine Zustimmung, und der Gegenstand war abgemacht, als die Gesellschaft bei dem mehrerwähnten Kahne anlangte. Weniger Worte hatten schon über wichtigere Dinge zwischen den Partieen entschieden.
Drittes Kapitel.
Eh' Pflug und Karst auf diesen Feldern galt,
Floß voll vom Rand des Stromes Welle,
Und durch den frischen weiten Wald
Erklang der Wasser Echo helle;
Der Waldstrom brauste, Bäche spielten,
Und in dem Schatten sprang die Quelle.
Bryant.
Die Wasser, welche in die Südseite des Ontario einmünden, sind bekanntlich im Allgemeinen schmal, träg und tief. Doch gibt es einige Ausnahmen von dieser Regel, denn manche jener Flüsse haben reißende Strömungen oder Stromschnellen, wie man sie in diesen Gegenden nennt, andere haben Fälle. Unter die letzteren gehörte der Fluß, auf welchem unsere Abenteurer ihre Reise fortsetzten. Der Oswego wird von dem Oneida und dem Onondago, welche beide von Seen herkommen, gebildet, und fließt etwa acht oder zehn Meilen durch ein wellenförmiges Land, bis er den Rand einer Art natürlicher Terrasse erreicht, von dem aus er zehn bis fünfzehn Fuß tief in eine andere Ebene hinabstürzt und durch dieselbe in der stillen und ruhigen Weise eines tiefen Gewässers hingleitet, bis er seinen Zoll an den weiten Behälter des Ontario entrichtet. Der Kahn, in welchem Cap und seine Gesellschaft vom Fort Stanwix, der letzten militärischen Station an dem Mohawk, hergekommen war, lag an der Seite des Flusses, und nahm die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders, auf, welcher am Lande blieb, um das leichte Fahrzeug abzustoßen.
„Laßt den Stern vorantreiben, Jasper," sagte der Mann der Wälder zu dem jungen Schiffer des See's, welcher Arrowheads Ruder ergriffen und selber die Stellung des Steuermanns eingenommen hatte, „laßt ihn mit der Strömung abwärts gehen. Wenn einige von diesen Teufeln, diesen Mingo's, unsere Fährte auswittern und bis zu dieser Stelle verfolgen, so werden sie zuerst die Spuren im Schlamm untersuchen, und bemerken sie, daß wir das Ufer mit stromaufwärts gerichteter Nase verlassen haben, so müssen sie natürlich zu der Vermuthung kommen, daß wir aufwärts gerudert seien."
Dieser Anweisung wurde Folge geleistet. Pfadfinder, welcher sich in der Blüthe seiner Kraft und Thätigkeit befand, gab nun dem Kahn einen kräftigen Stoß, und sprang mit einer Leichtigkeit in den Bug desselben, die das Gleichgewicht des Fahrzeugs nicht im mindesten störte. Als sie die Mitte des Flusses, wo die Strömung am stärksten war, erreicht hatten, drehte sich das Boot und begann geräuschlos stromabwärts zu gleiten.
Das Fahrzeug, in welchem sich Cap und seine Nichte zu ihrer langen und abenteuerlichen Reise eingeschifft hatten, war eines von den Rindencanoe's, welche die Indianer verfertigen, und die wegen ihrer außerordentlichen Leichtigkeit, wie auch wegen der Geschwindigkeit, mit der sie fortgetrieben werden können, ungemein geeignet für eine Fahrt sind, bei welcher Sandbänke, Treibholz und ähnliche Störungen so oft in den Weg treten. Die zwei Männer, welche die ursprüngliche Gesellschaft ausmachten, hatten es ohne das Gepäck manche hundert Ellen weit geschleppt, und das Gewicht desselben hätte wohl durch die Kraft eines einzelnen Mannes gehoben werden mögen. Demungeachtet war es lang, für einen Kahn weit, und nur die geringere Festigkeit mochte in den Augen der Ungewohnten als ein Mangel erscheinen. An diesen Uebelstand war man jedoch nach ein paar Stunden gewöhnt, und Mabel wie ihr Onkel hatten sich so weit in seine Bewegungen zu finden gelernt, daß sie nun mit vollkommener Gemüthsruhe ihre Plätze festhielten. Auch wurden die Kräfte des Kahns durch das Gewicht der drei Wegweiser nicht über Gebühr besteuert, da der breite runde Bauch desselben hinreichend Wasser verdrängte, ohne das Schanddeck der Oberfläche des Stromes merklich näher zu bringen. Die Arbeit daran war zierlich, die Sparren klein und mit Lederwerk befestigt, und der ganze Bau, so unbedeutend und unsicher er dem Auge erscheinen mochte, im Stande, vielleicht noch einmal so viel Personen, als sich darin befanden, weiter zu bringen.
Cap hatte einen niedrigen Quersitz in der Mitte des Kahnes und Big Serpent kauerte sich neben ihn auf die Kniee. Arrowhead und sein Weib saßen vor ihnen, da Ersterer seinen Platz hinten im Kahn verlassen hatte. Mabel hatte sich hinter ihrem Onkel halb auf ihr Gepäck zurückgelehnt, indeß der Pfadfinder und Eau-douce, der eine im Bug, der andere im Stern aufrecht standen, und langsam, fest und geräuschlos die Ruder bewegten. Die Unterhaltung wurde mit gedämpfter Stimme geführt; denn Alle fingen an die Notwendigkeit der Vorsicht zu fühlen, da sie sich nun den Außenwerken des Forts mehr näherten, und nicht mehr durch den Versteck des Waldes gedeckt waren.
Der Oswego war gerade auf dieser Strecke von tiefdunkler Farbe, nicht besonders breit, und der stille düstere Strom verfolgte seine Windungen unter überhängenden Bäumen, welche an manchen Stellen das Licht des Himmels fast ganz ausschlossen. Hie und da kreuzte ein halbgefallener Waldriese nahezu die Oberfläche und machte Vorsicht nöthig, indeß am Ufer Bäume von niedrigerem Wuchse Zweige und Blätter in das Wasser senkten. Das Gemälde, welches einer unserer Dichter so herrlich gezeichnet und wir als Epigraph diesem Kapitel vorangestellt haben, war hier verwirklicht. Die Erde gedüngt durch die vermoderte Vegetation von Jahrhunderten, der schwarze Lehmgrund, die Ufer des Stroms voll zum Ueberfließen, und der frische weite Wald — Alles erschien hier so lebenswarm, wie es Bryant für die Phantasie malte. Kurz, die ganze Scene war die einer reichen und wohlwollenden Natur, ehe sie der Mensch unterworfen — verschwenderisch, wild, vielversprechend, und auch in diesem rohesten Zustand nicht ohne den Reiz des Malerischen. Ich muß bemerken, daß der Zeitraum unserer Geschichte in das Jahr 175— fällt, in eine Zeit also, wo der Speculationsgeist abenteuerlicher Projektanten jenen Theil des westlichen New-Yorks noch nicht in die Gränzen der Civilisation gezogen hatte. In jener fernen Zeit gab es zwischen dem bewohnten Theil der Colonie New-York und den Gränzfestungen Canada's zwei große militärische Kommunikationskanäle, deren einer durch den Champlain- und Georgensee, der andere durch den Mohawk, den Wood-Creek, den Oneida und die oben genannten Flüsse vermittelt wurde. Längs dieser beiden Verbindungslinien waren militärische Posten aufgestellt. Diese fanden sich übrigens so spärlich, daß von dem letzten an dem Ursprung des Mohawks gelegenen Fort bis zum Ausfluß des Oswego sich eine unbesetzte Strecke von hundert Meilen ausdehnte, welche Cap und Mabel nun größtentheils unter Arrowheads Schutz zurückgelegt hatten.
„Ich wünschte mir wohl bisweilen die Zeit des Friedens wieder," sagte der Pfadfinder, „wo man den Wald durchstreifen konnte, ohne es mit einem andern Feinde als den wilden Thieren und den Fischen zu thun zu haben. Ach, wie manchen Tag habe ich und der Serpent zwischen den Strömen bei Wildpret, Salmen und Forellen zugebracht, ohne an einen Mingo oder einen Skalp zu denken! Bisweilen wünsche ich, diese gesegneten Tage möchten wiederkehren, denn die Jagd auf mein eigenes Geschlecht gehört nicht zu meinen eigentlichen Gaben. Ich bin überzeugt, daß des Sergeanten Tochter mich nicht für einen solchen Elenden hält, der seine Lust an Menschenblut hat!"
Nach dieser Bemerkung, welche halb fragend gemacht wurde, blickte der Pfadfinder hinter sich; und obgleich selbst der parteiischste Freund seine sonnverbrannten, harten Züge kaum schön nennen konnte, so fand doch Mabel sein Lächeln, seinen gesunden Verstand und die Aufrichtigkeit, die aus seinem ehrlichen Gesicht leuchtete, sehr anziehend.
„Ich glaube nicht, daß mein Vater einen Mann, wie Ihr ihn bezeichnet, ausgeschickt hätte, seine Tochter durch die Wildniß zu geleiten," antwortete das Mädchen, indem sie sein Lächeln, so freimüthig als es gegeben wurde, nur mit etwas mehr Anmuth erwiederte.
„Er hätte es nicht, nein, er hätte es nicht gethan. Der Sergeant ist ein Mann von Gefühl, und wir haben zusammen manchen Marsch gemacht und manchen Kampf ausgefochten — Schulter an Schulter, wie er es nennen würde — obgleich ich mir die Glieder immer frei gehalten habe, wenn ein Franzose oder Mingo in der Nähe war."
„So seid Ihr also der junge Freund, von dem mein Vater so oft in seinen Briefen gesprochen hat?"
„Sein junger Freund — der Sergeant ist gegen mich um dreißig Jahre im Vortheil, ja, er ist dreißig Jahre älter als ich, und nun eben so lange mein Vorgesetzter."
„In den Augen der Tochter wohl nicht, Freund Pfadfinder," warf Cap ein, dessen Lebensgeister wieder rege zu werden begannen, als er Wasser um sich fließen sah. „Die dreißig Jahre, deren Ihr erwähnt, werden von den Augen eines neunzehnjährigen Mädchens selten als ein Vortheil betrachtet."
Mabel erröthete, und während sie ihr Gesicht von den im Vordertheil des Kahnes befindlichen Personen abwenden wollte, begegnete sie dem bewundernden Blicke des jungen Mannes am Stern. Als letzte Zuflucht senkte sich nun ihr sanftes, blaues, ausdrucksvolles Auge gegen die Wasserfläche. Gerade in diesem Augenblick schwebte durch die Baumreihe ein matter, dumpfer Ton, getragen von einem leichten Luftstrome, welcher kaum ein Kräuseln auf dem Wasser hervorbrachte.
„Das klingt angenehm," sagte Cap, und spitzte die Ohren gleich einem Hunde, der entferntes Bellen hört.
„Es ist nur ein Fluß, der eine halbe Meile unter uns über einige Felsen stürzt."
„Ist ein Fall auf dem Strom?" fragte Mabel, indem sie noch höher erröthete.
,Der Teufel! Meister Pfadfinder, oder Ihr, Herr Eau-douce" (denn so begann Cap Jaspern in der vertraulichen Weise der Gränzleute zu nennen), konntet Ihr dem Kahn keinen besseren Strich geben und Euch näher an das Ufer halten? Diese Wasserfälle haben gewöhnlich Stromschnellen über sich, und eben so gut könnten wir uns dem Maelstrom [Ein Meeresstrudel zwischen den Klippen Norwegens in der Nähe der Felseninsel Moskoe.] als ihrem Saugen anvertrauen!"
„Verlaßt Euch auf uns, verlaßt Euch aufs uns, Freund Cap," antwortete der Pfadfinder; „wir sind zwar Frischwasserschiffer, und ich darf mir nicht einmal auf dieses viel zu gut thun; aber wir kennen die Strömungen und die Wasserfälle, und während wir darüber gehen, werden wir uns Mühe geben, unserer Erziehung keine Unehre zu machen."
„Darübergehen!" rief Cap. „Zum Teufel, Mensch, Ihr werdet's Euch doch nicht träumen lassen, über einen Wasserfall zu fahren in dieser Nußschale von Barke?"
„Gewiß, der Weg geht über die Fälle und es ist viel leichter, über diese wegzuschießen, als den Kahn auszuladen, und ihn sammt seinem Inhalt zu Land eine Meile Wegs herumzutragen."
Mabel kehrte ihr erblaßtes Antlitz gegen den jungen Mann am Sterne des Kahnes, denn gerade jetzt hatte ein frischer Luftstrom das Getöse der Fälle auf's Neue zu ihren Ohren getragen. Der Ton konnte wirklich Schrecken erregen, da nunmehr seine Ursache bekannt war.
„Wir dachten, die Frauen und die beiden Indianer an's Land zu setzen," bemerkte Jasper ruhig, „indeß wir drei weißen Männer, die wir an's Wasser gewöhnt sind, das Boot sicher darüber wegführen, denn wir sind schon oft über diese Fälle geschossen."
„Und wir zählen auf Euern Beistand, Freund Seemann," sagte der Pfadfinder, indem er Jaspern über die Achsel zuwinkte, denn Ihr seid des Wellensturzes gewohnt, und wenn nicht Einer auf die Ladung Acht hat, so möchten alle die feinen Sachen der Tochter des Sergeanten in der Flußwäsche zu Grunde gehen."
Cap war verwirrt. Der Gedanke, über die Fälle zu fahren, erschien seinen Augen vielleicht ernsthafter, als er denen, welche mit der Führung eines Bootes gänzlich unbekannt waren, vorkommen mochte; denn er kannte die Macht des Elements und die Rathlosigkeit des Menschen, wenn er der Wuth desselben ausgesetzt ist. Sein Stolz empörte sich aber gegen den Gedanken, das Boot zu verlassen, als er sah, mit welcher Festigkeit und Ruhe die Andern darauf bestanden, den Weg auf die bezeichnete Weise fortzusetzen. Ungeachtet dieses Gefühls und seiner sowohl angebornen als erworbenen Festigkeit in Gefahren, würde er übrigens seinen Posten wahrscheinlich dennoch verlassen haben, wenn seine Phantasie nicht von den Bildern der auf Skalpe lauernden Indianer so ganz hingerissen gewesen wäre, daß er den Kahn gewissermaßen als ein Asyl betrachtete.
„Was fängt man aber mit Magnet an?" fragte er, als die Zuneigung zu seiner Nichte neue Gewissensscrupel in ihm aussteigen ließ. „Wir können sie doch nicht an's Land setzen, wenn Indianer in der Nähe sind?"
„Nein, kein Mingo wird sich dem Trageweg nähern; denn dies ist ein Ort, der zu offen ist für ihre Teufeleien," antwortete Pfadfinder zuversichtlich. „Natur ist Natur, und es gehört zur Natur des Indianers, sich da finden zu lassen, wo er am wenigsten erwartet wird. Auf besuchten Pfaden hat man ihn nicht zu fürchten, denn er wünscht immer unvorbereitet zu überfallen, und die Schufte machen sich's zur Ehrensache, ihre Gegner auf einem oder dem andern Wege zu täuschen. Streich ein, Eau-douce; wir wollen des Sergeanten Tochter am Ende jenes Baumstrunkes landen, auf dem sie trockenen Fußes das Ufer erreichen kann."
Die Einlenkung geschah, und in wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders und der beiden Seeleute, den Kahn verlassen. Ungeachtet des Stolzes auf sein Gewerbe würde jedoch Cap freudig gefolgt sein, wenn er sich nicht gescheut hätte, in Gegenwart der beiden Frischwasserschiffer eine so unzweideutige Schwäche an den Tag zu legen.
„Ich rufe Alle zu Zeugen an," sagte er, als die Gelandeten sich zum Abzuge anschickten, „daß ich diese ganze Sache für weiter nichts ansehe, als für eine Kahnfahrt in den Wäldern. Es gilt keine Seemannskunst beim Hinunterstürzen über einen Wasserfall, und es ist eine Heldenthat, die der unerfahrenste Schlingel so gut wie der älteste Matrose bestehen kann."
„Nein, nein, Ihr habt nicht nöthig, die Oswegofälle zu verachten, denn wenn sie schon keine Niagara's, oder Genesee's, oder Cahoo's, oder Glenns, oder sonstige Fälle Canada's sind, so sind sie doch immer stark genug für einen Neuling. Laßt des Sergeanten Tochter auf jenen Felsen stehen, und sie wird sehen, wie wir unwissende Hinterwäldler über eine Schwierigkeit hingehen, unter der wir nicht wegkommen können. Nun, Eau-douce, feste Hand und sicheres Auge, denn Alles liegt auf Euch, da, wie ich sehe, Meister Cap für nichts weiter, als für einen Passagier zu rechnen ist."
Als er geendet hatte, verließ der Kahn das Ufer. Mabel erreichte mit schnellem und zitterndem Schritte den ihr bezeichneten Felsen und sprach mit ihrer Begleiterin über die Gefahr, in welche ihr Onkel sich so unnöthiger Weise begeben hatte, indeß ihr Blick unverwandt auf der behenden und kräftigen Gestalt von Eau-douce ruhete, welcher aufrecht in dem Stern des leichten Bootes stand und die Bewegungen desselben leitete. Als sie jedoch die Stelle erreicht hatte, wo sich ihr die Aussicht über den Wasserfall öffnete, stieß sie einen unwillkürlichen aber unterdrückten Schrei aus und bedeckte sich die Augen. Im nächsten Augenblick ließ sie aber die Hände wieder sinken, und nun stand das hingerissene Mädchen unbeweglich wie eine Statue, und beobachtete mit verhaltenem Athem, was vorging. Die zwei Indianer setzten sich theilnahmlos auf einen Baumstamm, kaum gegen den Strom hinblickend, indeß Arrowheads Weib sich Mabel näherte und auf die Bewegungen des Kahns mit demselben Interesse zu achten schien, mit welchem die Blicke der Kinder den Sprüngen eines Gauklers folgen.
Als das Boot in der Strömung war, sank Pfadfinder auf die Kniee und fuhr fort zu rudern. Er that es doch nur langsam und in einer Weise, welche die Bemühungen seines Gefährten nicht beeinträchtigte. Letzterer stand noch aufrecht, und da er sein Auge auf irgend einen Gegenstand jenseits des Falles gerichtet hielt, so war es augenscheinlich, daß er sorgfältig die für ihre Passage geeignetste Stelle ausspähte.
„Mehr West, Junge! mehr West," brummte Pfadfinder; „da wo Ihr den Wasserschaum seht. Bringt den Gipfel der todten Eiche in eine Linie mit dem Stamm der dürren Schierlingstanne."
Eau-douce gab keine Antwort; denn der Kahn war in der Mitte des Flusses, mit dem Schnabel gegen den Fall gekehrt, und fing nun an, seine Bewegungen zu beschleunigen, da die Gewalt der Strömung sich mehrte. In diesem Augenblicke würde Cap mit Freuden aus alle ruhmvollen Ansprüche, die er bei dieser Unternehmung erwerben konnte, verzichtet haben, wenn er nur mit heiler Haut hätte das Ufer erringen können. Er hörte das Geräusch des Wassers wie ein entferntes Donnern, welches immer lauter und deutlicher wurde, und vor sich sah er eine Linie den Wald durchschneiden, in welcher das erzürnte grüne Element sich zu weiten und zu leuchten schien, als ob es eben im Begriff sei, die Elemente seines Zusammenhangs zu zerstören.
„Hinunter mit Eurem Steuer, hinunter mit Eurem Steuer, Mensch!" rief er aus, unfähig seine Beängstigung länger zu unterdrücken, als der Kahn auf den Rand des Falles losglitt.
„Ha ha, hinunter geht es, sicher genug,“ antwortete Pfadfinder, indem er einen Augenblick mit seinem stillen, muntern Lachen hinter sich blickte, „hinunter gehen wir, sicherlich! Lüpf' den Stern, Junge, besser auf mit dem Stern!"
Das Uebrige ging mit der Schnelligkeit des Windes. Eau-douce gab mit dem Ruder den erforderlichen Schwung, der Kahn schoß in das Fahrwasser, und auf einige Augenblicke war es Cap, als sei er in einen Kochkessel gestoßen. Er fühlte die Kahnspitze sich biegen, sah das wildbewegte, schaumige Wasser in tollem Wogen an seiner Seite tanzen und bemerkte, daß das leichte Fahrzeug, in welchem er schwamm, wie eine Nußschale umhergestoßen wurde. Dann entdeckte er zu seiner eben so großen Freude als Ueberraschung, daß es unter Jaspers sicherm Ruderschlage quer durch das ruhige Wasserbecken glitt, welches sich unter dem Falle befand.
Der Pfadfinder fuhr fort zu lachen, erhob sich von seinen Knieen, brachte eine zinnerne Kanne nebst einem Hornlöffel hervor und fing an, bedächtig das Wasser, welches während ihrer Ueberfahrt in den Kahn gedrungen war, zu messen.
„Vierzehn Löffel voll, Eau-douce; vierzehn wohlgemessene Löffel voll. Ihr müßt zugeben, daß ich Euch mit blos zehn habe übersetzen sehen."
„Meister Cap lehnte so hart gegen den Strom," entgegnete Jasper ernst, „daß ich Mühe hatte, dem Kahn die gehörige Richtung zu geben."
„Es mag sein, es mag sein; und ich zweifle nicht, daß es wirklich so ist, weil Ihr es sagt. Aber ich weiß, daß Ihr sonst blos mit zehnen überfahrt."
Cap machte sich durch ein erschütterndes Räuspern Luft, griff nach seinem Zopf, als ob er sich versichern wollte, daß sich derselbe noch wohlbehalten an seiner Stelle befinde, und blickte dann zurück, um die Gefahr zu ermessen, welche er eben erstanden hatte; denn daß sie vorüber war, wurde ihm schnell klar. Die größte Wassermasse des Stromes hatte einen senkrechten Fall von ungefähr zehn bis zwölf Fuß; aber mehr gegen die Mitte hin wurde die Gewalt der Strömung so mächtig, daß das Wasser unter einem Winkel von ungefähr fünfundvierzig Graden abstieß und daselbst eine schmale Passage über den Felsen eröffnete. Der Kahn war über diesen kitzlichen Weg mitten durch zerbrochene Felsenstücke, die Strudel und die Stöße des empörten Elementes, welche jeden Unkundigen die unvermeidliche Zerstörung eines so zerbrechlichen Fahrzeugs besorgen ließen, gegangen. Seine große Leichtigkeit hatte die Ueberfahrt begünstigt; denn getragen vom Kamme des Wassers, und geleitet von einem festen Auge und einem kräftigen Arm tanzte er mit der Leichtigkeit einer Feder von einer Schaumspitze zur andern, so daß kaum seine blanke Seite benetzt wurde. Es waren einige Felsblöcke zu vermeiden, welche eine äußerst genaue Führung forderten; das übrige geschah durch die Gewalt der Strömung. [Der Leser halte diese Schilderung nicht für bloße Fiktion, denn der Verfasser versichert, einen Zweiunddreißigpfünder gesehen zu haben, der glücklich über dieselben Fälle geführt worden ist.]
Wollte man sagen, daß Cap erstaunt gewesen sei, so würde man nicht halb seine Gefühle ausdrücken. Er war mit Ehrfurcht erfüllt, denn der gewaltige Respekt, den die meisten Seeleute vor Felsen haben, kam noch seiner Bewunderung für die Kühnheit zu Hilfe, mit welcher dieses Manöver ausgeführt worden war. Er war jedoch nicht geneigt, alle seine Empfindungen an den Tag zu legen, um nicht zu viel zu Gunsten der Frischwasser- und Binnenschifffahrt einzuräumen. Auch klärte er seine Kehle nicht eher durch das obengenannte Räuspern, als bis seine Zunge sich wieder in dem gewöhnlichen Zuge der Ueberlegenheit befand.
„Ich habe nichts gegen Eure Kenntniß der Stromfahrt einzuwenden, Meister Eau-douce (denn diese Benennung hielt er gläubig für Jaspers Zunamen), und Allem nach ist die Kenntniß des Fahrwassers an einem solchen Platze die Hauptsache. Ich habe es mit Schaluppenführern zu thun gehabt, die hier auch hätten herunterfahren können, wenn sie das Fahrwasser gekannt hätten."
„Es ist nicht genug, das Fahrwasser zu kennen, Freund Seemann," sagte Pfadfinder; „es braucht Kraft und Geschicklichkeit, den Kahn aufrecht zu halten, und ihn klar von den Felsen abzusteuern. Es ist außer Eau-douce in der ganzen Gegend kein Bootsmann, der den Oswegofall mit Sicherheit zu passiren im Stande wäre, obschon hin und wieder Einer durchgetappt ist. Ich kann's auch nicht, wenn nicht mit Gottes Hilfe: und man braucht Jaspers Hand und Jaspers Auge, wenn man die Fahrt trocken und sicher machen will. Vierzehn Löffel voll sind im Grunde auch nicht viel, obgleich ich gewünscht hätte, es wären nur zehn gewesen, weil des Sergeanten Tochter zugesehen hat."
„Und doch kanntet Ihr die Führung des Kahns, und sagtet ihm, wie er leiten und streichen solle."
„Menschliche Schwachheit, Meister Seemann; 's ist Etwas von der Weißhaut-Natur. Wäre der Serpent in diesem Boote gewesen, so würde er kein Wort gesprochen und keinem Gedanken Laut gegeben haben. Ein Indianer weiß, wie er seine Zunge zu meistern hat, aber wir weißes Volk bilden uns immer ein, wir seien klüger als unsere Kameraden. Ich bin zwar willens, mich von dieser Schwäche zu kuriren, aber es braucht Zeit, ein Unkraut auszurotten, das schon mehr als dreißig Jahre gewuchert hat."
„Ich halte wenig, oder, aufrichtig zu reden, gar nichts von der ganzen Geschichte. Es handelt sich bei einem Wegschießen unter der Londoner Brücke nur um eine kleine Schaumwäsche, und Hunderte von Menschen, ja selbst die empfindlichsten vornehmen Damen thun es täglich. Selbst des Königs Majestät hat in höchsteigener Person die Fahrt gemacht."
„Wohl, wir brauchen keine vornehmen Damen oder Königliche Majestäten (Gott segne sie) für unsern Kahn, wenn er über diese Fälle geht, denn eine Bootsbreite auf irgend eine Weise gefehlt, möchte leicht aus ihnen ersäufte Leichname machen. Eau-douce, wir werden des Sergeanten Schwager wohl noch über den Niagara führen müssen, um ihm zu zeigen, was wir Gränzleute zu leisten vermögen."
„Zum Teufel, Meister Pfadfinder, Ihr seid gegenwärtig sehr spaßhaft. Sicher ist es unmöglich, in einem Birkenkahn über jenen mächtigen Wassersturz zu setzen."
„Ihr seid in Eurem Leben nie in einem größern Irrthum gewesen, Meister Cap. Nichts ist leichter als dies, und ich habe manchen Kahn mit meinen eigenen Augen hinunter rutschen sehen. Wenn wir Beide leben, so hoffe ich, Euch von der Wahrheit zu überzeugen. Ich, für meinen Theil, denke, das größte Schiff, das je auf dem Ocean gesegelt hat, müßte da hinunter geführt werden, sobald es einmal in den Stromschnellen ist."
Cap bemerkte den Wink nicht, welchen der Pfadfinder mit Eau-douce wechselte, und blieb eine Weile still; denn in der That, er hatte nie an die Möglichkeit gedacht, den Niagara hinunterzukommen, so sehr sie auch jedem Andern in die Augen springen mußte, während doch, wenn man die Sache beim Licht betrachtet, die Schwierigkeit eigentlich nur in dem Hinaufkommen liegt.
Unterdessen hatte die Gesellschaft die Stelle erreicht, wo Jasper seinen eigenen Kahn gelassen und im Gebüsch versteckt hatte. Sie schifften sich hier auf's Neue ein; Cap, Jasper und die Nichte in dem einen, Pfadfinder, Arrowhead und das Weib des Letzteren in dem andern Boote. Der Mohikan war bereits zu Land an den Ufern des Flusses weiter gegangen, indem er vorsichtig und mit der Gewandtheit seines Volkes auf die Zeichen eines Feindes achtete.
Mabels Wangen fingen erst wieder an zu blühen, als der Kahn sich in der Strömung befand, auf welcher er sanft, nur gelegentlich von Jaspers Ruder angetrieben, abwärts glitt. Sie hatte den Uebergang über den Wasserfall mit einem Schrecken angesehen, der ihre Zunge gebunden hielt. Doch war ihre Furcht nicht so groß gewesen, daß sie der Bewunderung Eintrag gethan hätte, welche sie der Festigkeit des Jünglings, der die Bewegungen leitete, zollen mußte. In der That wären auch die Gefühle eines weit weniger empfänglichen Mädchens durch die besonnene und brave Haltung, mit welcher er das Wagestück ausführte, erweckt worden. Er war aufrecht geblieben, ohngeachtet des Sturzes, und diejenigen, welche sich am Ufer befanden, vermochten deutlich zu unterscheiden, daß nur durch die zeitige Anwendung seiner Kraft und Gewandtheit der Kahn den nöthigen Schwung bekam, um von einem Felsen klar abzufahren, über welchen das sprudelnde Wasser sich in Strahlen brach, und bald das braune Gestein sichtbar werden ließ, bald es mit einem durchsichtigen Wogenguß überschüttete, als ob ein künstliches Triebwerk dieses Spiel des Elements veranlaßte. Die Zunge vermag nicht immer auszudrücken, was das Auge schaut; aber Mabel sah, selbst in jenem Augenblicke des Schreckens genug, um ihrem Geiste für immer die Bilder des herabstürzenden Kahns und des unbewegten Steuermanns einzuprägen. Sie duldete diese verrätherischen Gefühle, welche das Weib so eng an den Mann ketten, und denen sich noch der Eindruck der Sicherheit, welche ihr sein Schutz versprach, beimischte. Sie fühlte sich in der zerbrechlichen Barke, in welcher sie sich befand, das erste Mal wieder, seit sie Fort Stanwix verlassen hatte, so recht leicht und behaglich. Der andere Kahn ruderte ganz nahe an dem ihrigen, und da der Pfadfinder gerade ihr gegenüber saß, so fand vorzugsweise zwischen ihnen Beiden die Unterredung statt. Jasper sprach selten, wenn er nicht angeredet wurde, und verwandte fortwährend eine Sorgfalt auf die Führung seines Bootes, welche wohl Jedem, der an seine sonstige zuversichtliche und sorglose Weise gewöhnt war, hätte auffallen müssen, wenn ein solcher Beobachter gegenwärtig gewesen wäre.
„Wir kennen zu gut die Gaben der Frauen, um daran zu denken, des Sergeanten Tochter über die Fälle zu führen," sagte der Pfadfinder mit einem Blick auf Mabel zu dem Onkel, „obgleich ich manche ihres Geschlechts in diesen Gegenden gekannt habe, welche sich wenig aus einer solchen Fahrt machen würde."
„Mabel ist zaghaft wie ihre Mutter," entgegnete Cap, „und Ihr thatet wohl, Freund, ihrer Schwäche zu schonen. Ihr werdet Euch erinnern, daß das Kind nie auf der See gewesen ist."
„Nein, nein, das war leicht zu entdecken; doch bei Eurer eigenen Furchtlosigkeit hätte wohl Jeder sehen können, wie wenig Ihr Euch aus der Sache machtet. Ich fuhr einmal mit einem ungeschickten Burschen hinunter, der aus dem Kahn sprang, gerade als er den Saum berührte, und Ihr mögt urtheilen, was für eine Zeit er dazu gewählt hatte."
„Was wurde aus dem armen Kerl?" fragte Cap, welcher nicht wußte, wie er des Andern Weise zu nehmen hatte, denn sie war so trocken und einfach, daß ein Mensch, der nur ein bischen weniger stumpf, als der alte Seemann war, ihre Aufrichtigkeit verdächtig gefunden hätte. „Wer diese Stelle passirt hat, weiß, wie es ihm zu Muthe sein mochte."
„Es war ein armer Kerl, wie Ihr sagt, und ein armer Gränzmann dazu, obgleich er es nur that, um uns unwissenden Leuten seine Geschicklichkeit zu zeigen. Was aus ihm wurde? Ei er ging köpflings die Fälle hinunter, wie es bei einem Landhaus oder Fort auch gegangen wäre" —
„Wenn sie aus einem Kahn springen würden," unterbrach ihn Jasper lächelnd, obgleich er sichtlich weit geneigter war, als sein Freund, die Fahrt über die Wasserfälle in Vergessenheit zu bringen.
„Der Junge hat Recht," erwiederte Pfadfinder mit einem Lachen gegen Mabel, weicher er sich so weit genähert hatte, daß die Kähne sich hart berührten; „er hat sicher Recht. Aber Sie haben uns noch nicht gesagt, was Sie von dem Satze halten, den wir da gemacht haben!"
„Er war gefährlich und kühn," sagte Mabel, „und als ich zusah, hätte ich wohl gewünscht, daß er nicht versucht worden wäre, obschon ich jetzt, da er vorüber ist, die Kühnheit und Festigkeit, mit der er gemacht wurde, bewundern muß."
„Glauben Sie übrigens ja nicht, daß wir es thaten, um uns in den Augen eines Frauenzimmers hervorzuheben. Es mag zwar jungen Leuten angenehm sein, durch Handlungen, welche kühn und lobenswerth erscheinen, sich bei Andern in eine gute Meinung zu setzen, aber weder Eau-douce noch ich selbst bin von dieser Sorte. Meine Natur, obgleich vielleicht Serpent ein besseres Zeugniß ablegen könnte, hat sich hierin nicht geändert; sie ist eine gerade Natur und würde nicht geeignet sein, mich zu einer derartigen, ungebührlichen Eitelkeit zu verleiten. Was den Jasper anbelangt, so würde er über die Oswego-Fälle lieber ohne einen Zuschauer gehen, als vor hundert Augenpaaren. Ich kenne den Jungen aus langer Kameradschaft, und bin sicher, daß er kein Prahler und eitler Großthuer ist."
Mabel blickte den Kundschafter mit einem Lächeln an, welches Veranlassung gab, die Kähne noch eine Weile länger beisammen zu halten; denn der Anblick von Jugend und Schönheit war so selten an dieser entfernten Gränze, daß die eben getadelten und unterdrückten Gefühle dieses Wanderers in den Wäldern durch die blühende Liebenswürdigkeit des Mädchens empfindlich berührt wurden.
„Wir hielten es für's Beste," fuhr Pfadfinder fort, „und es war auch das Beste. Hätten wir den Kahn zu Land weiter gebracht, so wäre viel Zeit verloren gegangen, und nichts ist so kostbar, als Zeit, wenn man sich vor den Mingo's in Acht zu nehmen hat."
„Aber wir können nur wenig mehr zu fürchten haben. Die Kähne fahren schnell, und zwei Stunden werden uns, wie Ihr gesagt habt, nach dem Fort bringen."
„Es muß ein schlauer Irokese sein, der Ihnen auch nur ein Haar Ihres Hauptes beschädigen will; denn hier haben sich Alle dem Sergeanten, und die Meisten, denke ich, gegen Sie selbst verpflichtet, jedes Ungemach von Ihnen ferne zu halten. Ha! Eau-douce, was ist das an dem Fluß? dort, an der untern Umbiegung, unterhalb des Gebüsches — was steht dort an dem Felsen?"
„'s ist Big Serpent, Pfadfinder; er macht uns Zeichen, die ich nicht verstehe."
„'s ist der Serpent, so wahr ich ein Weißer bin, und er wünscht, daß wir uns mehr seinem Ufer nähern. Es ist Unheil um den Weg, sonst würde ein Mann von seiner Bedächtigkeit und Festigkeit nie diese Störung veranlassen. Doch Muth! Wir sind Männer, und müssen uns bei einer Teufelei benehmen, wie es unserer Farbe und unserem Berufe ziemt. Ah! ich hab' nie etwas Gutes aus dem Großthun kommen sehen; und hier, gerade da ich mich unserer Sicherheit rühme, kommt die Gefahr, die mich Lügen straft."
Viertes Kapitel.
Hier bietet der Natur die Kunst die Wette
Und schafft in seiner grünen Pracht den Baum;
Um seinen Baum schlingt sich des Epheu's Kette,
Und wilde Rosen glüh'n in ihrem Saum.
Spenser.
Unter den Fällen des Oswego ist die Strömung reißender und ungleicher, als oberhalb derselben. Es gibt Stellen, wo der Fluß mit der stillen Ruhe des tiefen Wassers hinfließt, aber auch viele Sandbänke und Stromschnellen, und damals, als noch Alles in seinem Naturzustande sich befand, war die Durchfahrt stellenweise nicht ohne Gefahr. Zwar wurde im Allgemeinen nur wenig Anstrengung von Seite der Kahnführer erfordert; an Stellen aber, wo die Schnelligkeit der Strömung und die vorhandenen Felsen Vorsicht verlangten, bedurfte es in der That nicht blos der Wachsamkeit, sondern auch der größten Besonnenheit, Schnelligkeit und kräftiger Arme, um die Gefahr zu vermeiden. Aufs alles Dieses hatte der Mohikan geachtet, und mit Umsicht eine Stelle gewählt, wo der Fluß ruhig genug floß, um die Kähne anhalten und die Kommunikation für diejenigen, welche er zu sprechen wünschte, gefahrlos einleiten zu können.
Sobald der Pfadfinder die Gestalt seines rothen Freundes erkannt hatte, ruderte er mit kräftigen Schlägen dem Ufer zu, und veranlaßte Jaspern, ihm zu folgen. In einer Minute waren beide Kähne in dem Bereiche des überhängenden Gebüsches. Es herrschte tiefes Stillschweigen, welches die Einen aus Furcht, die Andern aus gewohnter Vorsicht beobachteten. Als die Reisenden sich dem Indianer näherten, veranlaßte er sie durch ein Zeichen, still zu halten, und hielt dann mit dem Pfadfinder eine kurze, aber ernste Besprechung in der Sprache der Delawaren.
„Der Häuptling ist nicht der Mann, der einen todten Stamm für einen Feind ansieht," bemerkte der weiße Mann gegen seinen rothen Verbündeten, „warum läßt er uns anhalten?" „Mingo's sind in den Wäldern."
„Das haben wir in diesen zwei Tagen vermuthet. Weiß der Häuptling davon?"
Der Mohikan hob ruhig einen steinernen Pfeifenkopf in die Höhe.
„Er lag aus einer frischen Fährte, welche gegen die Garnison hinführt" — so wurden nämlich von den Gränzleuten die militärischen Werke, mochten sie Mannschaft haben oder nicht, genannt.
„Das kann ein Pfeifenkopf sein, der einem Soldaten gehört. Viele bedienen sich der Pfeifen der Rothhäute."
„Sieh," sagte Big Serpent, und hielt auf's Neue den gefundenen Gegenstand seinem Freunde vor Augen.
Der Pfeifenkopf war mit großer Sorgfalt und Geschicklichkeit aus Seifenstein geschnitten. In der Mitte befand sich ein kleines lateinisches Kreuz, das mit einer Genauigkeit gefertigt war, welche keinen Zweifel über seine Bedeutung gestattete.
„Das prophezeit Unheil und Teufelei," sagte der Pfadfinder, welcher den damals in den englischen Provinzen gewöhnlichen Abscheu gegen dieses heilige Symbol theilte; und da man leicht Sachen mit Personen verwechselt, so hatte sich dieses Grauen so mit den Vorurtheilen der Leute verflochten und einen so mächtigen Eindruck auf das moralische Gefühl des Volkes geübt, daß man die Spuren desselben noch heutigen Tages erkennen kann.
„Kein Indianer, der nicht durch die schlauen Priester Canada's verkehrt ist, würde sich's einfallen lassen, ein Ding, wie dieses, auf seine Pfeife zu schneiden. Ich wette, der Spitzbube betet jedesmal zu diesem Bild, wenn er mit einem Unschuldigen zusammen treffen und seine Schuftigkeit an ihm ausüben will. Ist sie auch frisch, Chingachgook?"
„Der Tabak war noch brennend, als ich sie fand."
„Das wird tüchtige Arbeit geben, Häuptling. Wo ist die Spur?"
Der Mohikaner deutete auf eine Stelle, welche keine hundert Ellen von seinem Standpunkte entfernt war.
Die Sache begann nun ein ernsteres Aussehen zu gewinnen. Die zwei Hauptführer besprachen sich einige Minuten beiseite, stiegen dann an dem Ufer hinauf, näherten sich dem bezeichneten Orte und untersuchten die Fährte mit der größten Sorgfalt. Als ihre Nachforschungen ungefähr eine Viertelstunde gedauert hatten, kehrte der weiße Mann allein zurück, und sein rother Freund verschwand in dem Walde.
Sonst trug das Gesicht des Pfadfinders ein Gepräge der Einfachheit, Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, gemischt mit der Miene des Selbstvertrauens, welches gewöhnlich Allen, die sich unter seiner Hut befanden, Zuversicht einflößte; aber nun warf der Ausdruck der Sorge einen Schatten über seine ehrlichen Züge, welcher die ganze Gesellschaft beunruhigte.
„Was gibt's, Meister Pfadfinder?" fragte Cap, indem seine gewohnte, tiefe, starke und zuversichtliche Stimme zu einem scheuen Flüstern sich ermäßigte, welche sich allerdings mehr für die Gefahren der Wildniß eignete. „Hat sich der Feind zwischen uns und unsern Hafen gelegt?"
„Wie?" .
„Haben einige von diesen bemalten Schalksnarren Anker geworfen vor dem Hafen, auf welchen wir lossteuern, in der Hoffnung, uns die Einfahrt abzuschneiden?"
„Es mag sein, wie Ihr sagt, Freund Cap, aber ich bin durch Eure Worte um kein Haar weiser geworden, und in kitzlichen Zeitumständen wird man um so leichter verstanden, je deutlicher man sein Englisch macht. Ich weiß nichts von Hafen und Anker, aber es liegt eine beängstigende Mingofährte in der Nähe von hundert Ellen, und so frisch wie Wildpret ohne Salz. Wenn Einer von diesen argen Teufeln vorübergekommen ist, so sind es auch ein Dutzend; und was das Schlimmste ist, sie sind abwärts gegen die Garnison zu gegangen, und keine Seele kann um die Lichtung herumkommen, ohne daß man einigen ihrer durchbohrenden Augen in den Weg käme. Dann wird's sicher Kugeln geben."
„Kann nicht das besagte Fort eine Lage geben, und Alles innerhalb des Bereichs seiner Klüsen wegfegen?"
„Nein, die Forts sind bei uns nicht wie die Forts in den Ansiedelungen, und zwei oder drei leichte Kanonen sind Alles, was sie da unten an der Mündung des Flusses haben. Ueberhaupt hieße auch ein Lagerfeuer auf ein Dutzend herumstreifender Mingo's geben, die sich hinter Baumstämmen und im Walde verbergen können, sein Pulver verschwenden. Wir haben nur einen, und zwar einen sehr kitzlichen Weg. Wir sind einmal hier; beide Kähne sind durch das hohe Ufer und das Gebüsch vor Aller Augen verborgen, wenn uns nicht einer von jenen Strauchdieben gerade gegenüber in den Weg kommt. Hier wollen wir also bleiben, ohne uns der Furcht zu überlassen. Aber wie bringen wir die blutdürstigen Teufel wieder über den Strom hinaus? — Ha, ich hab' es — ich hab' es. Wenn es auch nichts nützt, so kann es doch nichts schaden. Seht Ihr den breitwipfeligen Kastanienbaum dort, Jasper, an der letzten Stromwendung? Auf Eurer Seite, meine ich."
„Den bei der gestürzten Fichte?"
„Denselben. Nehmt Stein und Feuerzeug, kriecht am Ufer hin und macht ein Feuer auf diese Stelle. Kann sein, daß sie der Rauch da hinauflockt. Mittlerweile bringen wir vielleicht mit der gehörigen Vorsicht die Kähne weiter hinunter und finden einen andern Schutz. Buschwerk haben wir genug, und ein Versteck ist leicht in dieser Gegend zu finden, was uns die vielen Hinterhalte beweisen können."
„Ich will's thun, Pfadfinder," sagte Jasper und sprang an's Ufer. „In zehn Minuten soll das Feuer brennen."
„Und, Eau-douce, nehmt diesmal ordentlich feuchtes Holz dazu," flüsterte der Andere mit seinem eigenthümlichen herzlichen Lachen. „Wenn es an Rauch fehlt, so muß Wasser helfen, ihn zu verdicken."
Der junge Mann, welcher zu wohl den Werth seiner Aufgabe kannte, um sie unnöthig zu verzögern, eilte rasch dem bezeichneten Punkte zu. Mabel wagte einen leichten Einwurf wegen der Gefahr, welcher aber nicht beachtet wurde, und die Gesellschaft bereitete sich vor, ihre gegenwärtige Stellung unverzüglich zu verändern, da sie von dem Orte aus, wo Jasper das Feuer anzuzünden beabsichtigte, gesehen werden konnten. Die Bewegung forderte keine Eile und wurde mit Ruhe und Vorsicht ausgeführt. Die Kähne fuhren um die Gebüsche herum und glitten mit der Strömung fort, bis sie eine Stelle erreicht hatten, an welcher sie von dem Kastanienbaum aus nicht mehr erblickt werden konnten. Hier hielten sie an, und Aller Augen richteten sich nun auf den zurückgebliebenen Abenteurer.
„Da steigt der Rauch auf;" rief der Pfadfinder, als ein leichter Windstoß eine kleine Dunstsäule vom Land aus in die Höhe wirbelte, und sie in spiralförmigen Wendungen über das Bette des Flusses hintrieb. „Ein guter Stein, ein Stückchen Stahl und ein Haufen dürrer Blätter machen ein schnelles Feuer. Ich hoffe, Eau-douce wird so viel Einsicht haben, sich an das feuchte Holz zu erinnern, wenn uns die List zu Frommen kommen soll."
„Zu viel Rauch — zu viel Klugheit," sagte Arrowhead in seiner sententiösen Weise.
„Das wäre so wahr, als die Bibel, Tuscarora, wenn die Mingo's nicht wüßten, daß es Soldaten in der Nähe gibt. Die Soldaten denken aber an einem Rastorte gemeiniglich eifriger auf ihre Mahlzeit, als an das, was klug ist und sie gegen Gefahr schützen könnte. Nein, nein! Mag der Junge immerhin seine Holzklötze aufhäufen, daß es einen tüchtigen Rauch setzt, sie werden es der Dummheit einiger irischer und schottischer Tölpel zuschreiben, welche mehr an ihre Hafergrütze und an ihre Kartoffeln denken, als an ein Zusammentreffen mit Indianern und indianischen Büchsen."
„Man sollte aber doch, nach Allem, was ich hierüber in den Städten gehört habe, glauben, daß die Soldaten an dieser Gränze an die Kunstgriffe ihrer Feinde gewöhnt und fast so listig geworden seien, als die rothen Menschen selbst," erwiederte Mabel.
„Nicht diese, nicht diese. Erfahrung macht sie nur wenig klüger, und sie discutiren von ihren Wendungen, ihren Pelotons und Bataillons hier in den Wäldern so behaglich, als wären sie zu Hause in ihren Pferchen. Eine Rothhaut hat mehr Schlauheit in ihrer Natur, als ein ganzes Regiment von der andern Seite des Wassers. Ich nenne das Wälderschlauheit. — Aber auf mein Wort, nun ist's genug Rauch, und wir werden besser thun, uns einen andern Versteck auszusuchen. Der Junge hat den ganzen Fluß in sein Feuer geworfen, und es ist zu besorgen, daß die Mingo's glauben, es ist ein ganzes Regiment um den Weg."
Während er so sprach, trieb der Pfadfinder von dem Busche weg, an dem er bisher angelegt halte, und in einigen Minuten verbarg ihnen die Biegung des Flusses den Rauch und den Baum. Glücklicherweise zeigte sich auch an dem Ufer, wenige Ellen von dem Punkt, an dem sie eben vorbeifuhren, eine kleine Bucht, in welche die Kähne unter dem Einfluß der Ruder einlenkten.
Die Reisenden hätten wohl keinen geschickteren Platz für ihre Absicht ausfinden können. Das Gebüsch war dick und hing gegen das Wasser hin, so daß es einen vollständigen Blätterbaldachin bildete. Im Grunde der kleinen Bucht befand sich ein schmaler, kiesiger Strand, wo die Mehrzahl der Gesellschaft zu ihrer größeren Bequemlichkeit an's Land ging. Auch konnten sie blos von der gerade entgegengesetzten Seite des Flusses aus bemerkt werden. Von dieser Seite her war jedoch die Gefahr der Entdeckung gering, da das Gesträuch hier dichter als gewöhnlich und das Land jenseits desselben so naß und sumpfig war, daß man nicht ohne große Schwierigkeiten durchkommen konnte.
„Das ist ein guter Schlupfwinkel," sagte der Pfadfinder, als er seine Stellung mit dem Blicke eines Kenners untersucht hatte, „aber es ist nöthig, ihn noch sicherer zu machen. Meister Cap, ich verlange nichts von Euch, als Stillschweigen und ein Ruhelassen aller jener Gaben, die Ihr Euch aus dem Meere erworben habt, während der Tuscarora und ich unsere Vorkehrungen für die Stunde der Gefahr treffen."
Der Führer ging nun mit dem Indianer etwas weiter in das Gebüsch, wo sie die stärkeren Stämme mehrerer Erlen und anderer Sträucher abschnitten, dabei aber die größte Sorgfalt anwandten, um kein Geräusch zu verursachen. Die Enden dieser kleinen Bäume, denn das waren sie in der That, wurden, da das Wasser nur eine geringe Tiefe hatte, an der äußern Seite der Kähne in den Schlamm gesteckt, und im Verlaufe von zehn Minuten war ein sehr täuschender Schirm zwischen ihnen und dem Orte, woher die hauptsächlichste Gefahr zu befürchten war, errichtet. Die beiden Arbeiter hatten viel Scharfsinn und Geschicklichkeit bei dieser einfachen Anordnung entwickelt, wobei sie durch die Form des Ufers, seine Einbuchtung, die Seichtigkeit des Wassers und die Art, mit welcher diese Gebüschverzweigungen gegen das Wasser überhängen, wesentlich begünstigt wurden. Der Pfadfinder sah dabei vorzüglich auf gekrümmte Stämme, welche an einem Orte, wie dieser, leicht aufzufinden waren, und da er sie in einiger Entfernung unter der Biegung abschnitt und die letztere das Wasser berühren ließ, so hatte das künstliche Dickicht zwar nicht das Ansehen eines solchen, welches in dem Strome gewachsen war, was wohl hätte Verdacht erregen mögen, aber doch mochte es Jeder, der an ihm vorbei kam, für ein Gebüsch halten, das wagrecht vom Ufer ausging, ehe es sich aufwärts gegen das Licht richtete. Kurz, der Schirm war so scharfsinnig angeordnet und so kunstreich zusammengesetzt, daß nur ein ungewöhnlich mißtrauisches Auge hier ein Versteck hätte ahnen mögen.
„Das ist der beste Schlupfwinkel, in dem ich je gesteckt habe," sagte der Pfadfinder mit seinem ruhigen Lachen, nachdem er sich die Außenseite betrachtet hatte. „Die Blätter unserer neuen Bäume berühren auf's Genaueste die des Gebüsches zu unseren Häupten, und selbst der Maler, welcher sich kürzlich in der Garnison befand, könnte nicht sagen, was hier das Werk der Vorsehung und was das unsere ist. Hst! dort kommt Eau-douce gewatet. Was er doch für ein verständiger Junge ist, seine Fährte dem Wasser zu überlassen! Nun wir werden bald sehen, ob unser Versteck zu Etwas gut ist, oder nicht."
Jasper war wirklich von seiner Verrichtung zurückgekehrt, und da er die Kähne vermißte, so folgerte er, daß sie sich unter der nächsten Wendung des Flusses verborgen hätten, in der sie von dem Feuer aus nicht bemerkt werden konnten. Seine gewohnte Vorsicht hatte ihn veranlaßt, im Wasser fortzugehen, um nicht eine Verbindung der Spuren, welche von der Gesellschaft am Ufer zurückgeblieben waren, und des Platzes, wo er ihren neuen Zufluchtsort vermuthete, erkennen zu lassen. Würden dann die Canada-Indianer auf ihrer eigenen Fährte zurückkehren, und die Spuren, welche der Pfadfinder und Serpent bei Gelegenheit ihrer Besprechung und Untersuchung hinterlassen hatten, bemerken, so mußten sie den Schlüssel zu diesen Bewegungen verlieren, da keine Fußstapfen sich dem Wasser aufdrücken. Der junge Mann war deßhalb von diesem Punkt aus knietief im Wasser gewatet, und machte nun langsam seinen Weg am Rande des Stromes abwärts, um die Stelle zu suchen, wo die Kähne verborgen lagen.
Wenn diejenigen, welche sich hinter dem Gebüsche befanden, ihre Augen näher gegen die Blätter brachten, so konnten sie manche Stelle finden, welche ihnen einen Durchblick gestattete, indeß dieser Vortheil in einiger Entfernung wieder verloren ging. Mochte dann auch ein Auge auf einige solcher Oefnungen fallen, so wurde doch durch das Ufer und den Schatten des Gebüsches vermittelt, daß die Gestalten und Umrisse unserer Flüchtlinge keiner Entdeckung ausgesetzt waren. Unsere Gesellschaft, die sich nun in die Kähne begeben hatte und aus ihrem Versteck hervor Jaspers Bewegungen beobachtete, erkannte bald, daß ihm die Stelle, wo Pfadfinder sich verborgen, entging. Als er um die Krümmung des Ufers gekommen war und die Aussicht nach dem Feuer hin verlor, hielt der junge Mann an, und begann das Ufer mit Bedacht und Vorsicht zu untersuchen. Gelegentlich ging er wieder acht bis zehn Schritte weiter, und hielt dann einmal an, um sein Suchen zu erneuern. Das Wasser war viel seichter als gewöhnlich, und er ging an der Seite desselben hin, um sich seinen Spaziergang zu erleichtern, wobei er der künstlichen Plantage so nahe kam, daß er sie mit seinen Händen hätte erreichen können. Aber er entdeckte nichts, und war eben daran, seinen Weg weiter fortzusetzen, als der Pfadfinder eine Oeffnung in die Zweige machte, und ihn mit gedämpfter Stimme eintreten hieß.
„Es ist ganz gut so," sagte der Pfadfinder lachend, „obgleich die Augen eines Blaßgesichts von denen einer Rothhaut so verschieden sind, wie die Fernröhren unter einander. Ich wollte mit des Sergeanten Tochter ein Pulverhorn gegen einen Wampumgürtel wetten, daß ihres Vaters Regiment an unserer Einsiedelung vorbeimarschiren könnte, ohne je die List auszufinden. Aber wenn die Mingo's wirklich, wie Jasper, in dem Bette des Flusses herunter kämen, so würde ich für diese Anpflanzung zittern. Ueber den Fluß hinüber mag sie wohl ihre Augen täuschen, und in sofern nicht ohne Nutzen sein."
„Glaubt Ihr nicht, Meister Pfadfinder," sagte Cap, „daß es das Beste wäre, uns auf den Weg zu machen und so schnell als möglich stromabwärts zu segeln, so bald wir gewiß wissen, daß diese Schufte in unserm Stern sind? Wir Seeleute nennen eine Sternjagd eine lange Jagd."
„Ich möchte mich mit des Sergeanten Tochter nicht um alles Pulver, welches im Fort da unten liegt, von der Stelle rühren, bis wir etwas von Serpent gehört haben. Sichere Gefangenschaft oder gewisser Tod würden die Folge sein. Wenn so ein zartes Schmalthierchen wie das Mädchen, welches wir zur Fracht haben, sich durch die Wälder finden könnte, wie ein alter Hirsch, so möchte es allerdings angehen, die Kähne zu verlassen, denn auf einem Umweg könnten wir die Garnison noch vor Anbruch des Morgens erreichen."
„Dann thut es," sagte Mabel, rasch unter dem plötzlichen Einfluß erweckter Energie aufspringend. „Ich bin jung, behend, an Anstrengung gewöhnt, und möchte es leicht meinem lieben Onkel zuvorthun. Ich will durchaus kein Hinderniß sein, und könnte es nicht ertragen, daß euer Aller Leben um meinetwillen gefährdet sein sollte."
„Nein, nein, gutes Kind! wir halten Sie keineswegs für ein Hinderniß oder eine Belästigung, und würden gerne uns noch einmal dieser Gefahr unterziehen, um Ihnen und dem wackern Sergeanten einen Dienst zu leisten. Ist das nicht auch Eure Meinung, Eau-douce?"
„Ihr einen Dienst zu leisten?" rief Jasper mit Nachdruck. „Nichts soll mich bewegen, Mabel Dunham zu verlassen, bis ich sie sicher in ihres Vaters Armen weiß!"
„Wohl gesprochen, Junge; brav und ehrenhaft gesprochen, und ich stimme bei mit Herz und Hand. Nein, nein, Sie sind nicht die erste Ihres Geschlechts, welche ich durch die Wälder geleitet habe, und keine hat dabei je Schaden genommen mit Ausnahme einer Einzigen. Das war freilich ein trüber Tag; aber seines Gleichen wird wohl nicht wieder kommen."
Mabel blickte von einem ihrer Beschützer auf den andern, und ihre schönen Augen schwammen in Thränen. Sie reichte jedem ihre Hand und sprach, obgleich anfangs mit erstickter Stimme:
„Ich thue Unrecht, Euch um meinetwillen der Gefahr auszusetzen. Mein theurer Vater wird es Euch danken. Auch ich danke Euch — Gott vergelte es Euch; aber laßt uns hier nicht unnöthiger Weise die Gefahr erwarten. Ich kann wohl gehen, und bin oft in mädchenhafter Laune meilenweit gegangen. Warum sollte ich es jetzt nicht können, da es mein Leben — nein, da es Euer kostbares Leben gilt?"
„Sie ist eine treue Taube, Jasper," sagte der Pfadfinder, indem er ihre Hand so lange festhielt, bis das Mädchen selbst aus angeborner Bescheidenheit die Gelegenheit ersah, sie zurückzuziehen: „und wunderbar einnehmend! Wir sind in den Wäldern rauh und bisweilen auch hartherzig geworden, Mabel, aber ein Anblick, wie der Ihrige, erweckt unsere jugendlichen Gefühle wieder, und thut uns wohl für den Rest unserer Tage. Jasper wird dasselbe sagen; denn wie ich in den Wäldern, so sieht Jasper auf dem Ontario wenige von Ihres Gleichen, die sein Herz zu erweichen und ihn an die Liebe seines Geschlechtes zu erinnern vermöchten. Sprecht selbst, Jasper, und sagt, ob es nicht so ist."
„Ich zweifle, ob viele wie Mabel Dunham irgendwo gefunden werden können," entgegnete der junge Mann artig und mit einem Blicke voll ehrlicher Aufrichtigkeit, welcher mehr als seine Zunge ausdrückte. „Ihr braucht nicht die Seen und Wälder herauszufordern; ich möchte lieber die Städte und Ansiedlungen darum befragen."
„Wir würden besser thun, die Kähne zu verlassen," erwiederte Mabel hastig; „denn ich fühle, es ist nicht länger sicher hier."
„Ihr könnt nicht fort von hier, in keinem Fall. Wir hätten einen Marsch von mehr als zwanzig Meilen vor uns, durch Dickicht und Sümpfe, und noch obendrein in der Finsterniß. Auch gäbe unsere Gesellschaft eine breite Fährte, und wir dürften Allem nach unsern Weg in die Garnison erkämpfen müssen. Wir wollen auf den Mohikan warten."
Nach dieser Entscheidung des Mannes, von dem Alle in der gegenwärtigen gefährlichen Lage Rath erwarteten, wurde nichts mehr über diesen Gegenstand gesprochen. Die Gesellschaft bildete nun Gruppen. Arrowhead und sein Weib saßen abgesondert unter dem Gebüsche, und besprachen sich mit leiser Stimme, der Mann mit Ernst, das Weib mit der unterthänigen Sanftmuth, welche die herabgewürdigte Lage des Weibes eines Wilden bezeichnete. Pfadfinder und Cap hatten in einem der Kähne Platz genommen, und schwatzten von ihren verschiedenen Abenteuern zu Wasser und zu Land, während Jasper und Mabel in dem andern saßen, wobei ihre Vertraulichkeit in einer Stunde größere Fortschritte machte, als dieses unter andern Umständen vielleicht in einem Jahre der Fall gewesen wäre. Ungeachtet ihrer bedrängten Lage verging ihnen die Zeit schnell, und besonders die jungen Leute waren nicht wenig verwundert, als ihnen Cap mittheilte, wie lange sie sich in dieser Weise beschäftigt hätten.
„Wenn man rauchen könnte, Freund Pfadfinder, so möchte dieser Raum behaglich genug sein; denn um auch dem Teufel sein Recht wiederfahren zu lassen, Ihr habt die Kähne hübsch eingebuchtet und in eine Rhede gebracht, die dem Passatwinde trotzen würde. Das einzige unbequeme ist, daß man von seiner Pfeife soll keinen Gebrauch machen können."
„Der Tabaksgeruch würde uns verrathen, und welchen Vortheil hätten wir von allen gegen die Augen der Mingo's gerichteten Vorsichtsmaßregeln, wenn ihnen ihre Nase sagte, wo unser Versteck zu finden ist? Nein, nein, unterdrückt Eure Begierden, unterdrückt sie, und lernet eine Tugend von der Rothhaut, welche eine ganze Woche des Essens vergessen kann, um einen einzigen Skalp zu erbeuten. Hört Ihr nichts, Jasper?"
„Der Serpent kommt."
„Dann laßt uns sehen, ob die Augen des Mohikans besser sind, als die eines gewissen Burschen, den sein Gewerbe auf's Wasser führt."
Der Mohikan folgte derselben Richtung, welche Jasper eingeschlagen hatte, um sich mit seinen Freunden zu vereinigen: aber statt geradeaus zu gehen, drückte er sich in der Windung des Flusses, welche verhinderte, daß er von höher gelegenen Punkten gesehen wurde, dicht an das Ufer, und suchte mit der größten Sorgfalt eine Stellung in dem Gebüsch, welche ihm den Rückblick gestattete, ohne daß man ihn bemerken konnte.
„Der Serpent sieht die Schufte!" flüsterte der Pfadfinder. „So wahr ich ein Christ und ein Weißer bin, sie haben angebissen und den Rauch umzingelt."
Hier unterbrach ein herzliches aber stilles Lachen seine Worte, indem er zugleich mit dem Ellenbogen Cap anstieß, und Alle verfolgten mit gespannter Aufmerksamkeit die lautlosen Bewegungen Chingachgook's. Der Mohikan blieb volle zehn Minuten so unbeweglich als der Fels, an welchem er stand; dann war ihm augenscheinlich ein Gegenstand von Interesse zu Gesicht gekommen, denn er ließ einen ängstlichen und scharfen Blick längs des Stromrandes hingleiten, und bewegte sich schnell abwärts, wobei er Sorge trug, daß er seine Fährte dem seichten Wasser überließ. Er war sichtlich in großer Hast und Unruhe, und blickte bald hinter sich, bald untersuchte sein Auge jede Stelle des Ufers, wo er sich die Kähne verborgen denken mochte.
„Ruft ihn herein," flüsterte Jasper, kaum fähig, seine Ungeduld zurückzuhalten, „ruft ihn herein, ehe es zu spät ist. Seht, er kommt eben an uns vorbei."
„Nicht doch, nicht doch, Junge; es drängt nicht," entgegnete sein Gefährte, sonst würde der Serpent zu kriechen anfangen. Der Herr helfe uns und lehre uns Weisheit! Aber ich glaube gar, daß Chingachgook, dessen Augen so zuverlässig sind, wie der Geruch des Hundes, uns übersieht und nicht auffindet in der Umbüschung, die wir gemacht haben!"
Dieser Ausbruch war unzeitig, denn die Worte waren kaum ausgesprochen, als der Indianer, welcher bereits einige Fuß über den künstlichen Versteck hinausgeschritten war, plötzlich anhielt, einen festen und scharfen Blick auf die Anpflanzung warf, schnell einige Schritte rückwärts machte, sich beugte und, nachdem er das Gebüsch vorsichtig auseinander gebogen hatte, unter der Gesellschaft erschien.
„Die verfluchten Mingo's!" sagte Pfadfinder, sobald sein Freund nahe genug war, um ohne Gefahr angeredet werden zu können.
„Irokesen," erwiederte kurz der Indianer.
„Gleichviel, gleichviel; Irokesen, Teufel, Mingo's, Mengwe's oder Furien — Alles ist beinahe das Nämliche. Ich nenne alle Schurken Mingo's. Komm hierher, Häuptling, und laß uns vernünftig mit einander reden."
Beide begaben sich auf die Seite, und besprachen sich ernsthaft in der Sprache der Delawaren. Als ihr Gespräch zu Ende war, trat Pfadfinder wieder zu den Uebrigen, und theilte ihnen Alles, was er eben erfahren hatte, mit.
Der Mohikan hatte die Spur ihrer Feinde eine Strecke weit gegen das Fort hin verfolgt, bis Letztere den Rauch von Jaspers Feuer zu Gesicht bekamen, worauf sie alsbald ihre Schritte anhielten. Da Chingachgook hiedurch in die größte Gefahr, entdeckt zu werden, gerieth, so wurde es für ihn nöthig, einen Versteck aufzufinden, wo er sich verbergen konnte, bis der Haufen vorüber war. Es war vielleicht ein Glück für ihn, daß die Wilden zu sehr auf diese neue Entdeckung achteten, um auf die Spuren im Walde ihre gewöhnliche Aufmerksamkeit zu verwenden. Kurz, sie eilten, fünfzehn an der Zahl, rasch an ihm vorüber, indem Jeder in die Fußstapfen des andern trat, und so wurde es Serpent unmöglich gemacht, wieder in ihr Bereich zu gelangen. Als sie zu der Stelle gekommen waren, wo die Spuren des Pfadfinders und des Mohikans sich mit ihrer eigenen Fährte vermischten, zogen sich die Irokesen gegen den Fluß hin, und erreichten diesen, als Jasper gerade hinter der Biegung verschwunden war. Die Aussicht nach dem Rauch hin war nun frei, und die Wilden stürzten sich in die Wälder, um sich unbemerkt dem Feuer zu nähern. Chingachgook benützte diese Gelegenheit, um in's Wasser hinunter zu steigen und gleichfalls die Flußbiegung zu gewinnen, welche ihn gegen Entdeckung schützen sollte.
Ueber die Beweggründe der Irokesen konnte der Mohikan nur aus ihren Handlungen urtheilen. Er vermuthete, daß sie die List mit dem Feuer entdeckt und sich überzeugt hatten, es sei nur in der Absicht, sie irre zu leiten, angezündet worden; denn nach einer hastigen Untersuchung der Stelle hatten sie sich getrennt und Einige davon sich in die Wälder begeben, indeß sechs oder acht den Fußtritten Jaspers an dem Ufer hin folgten und stromabwärts zu der Stelle kamen, wo die Kähne gelandet hatten. Welchen Weg sie nun von dieser Stelle weiter gemacht, konnte nur vermuthet werden, denn die Gefahr war zu drängend, als daß Serpent länger hätte zögern sollen, sich nach seinen Freunden umzusehen. Aus einigen Anzeigen, die er aus ihren Geberden entnehmen konnte, hielt er es für wahrscheinlich, daß die Feinde am Rande des Flusses herunterkommen würden. Er konnte dieß jedoch nicht mit Sicherheit behaupten.
Als der Pfadfinder diese Umstände seinen Gefährten mitgetheilt hatte, gewannen bei den zwei andern weißen Männern die Gefühle ihres Berufes die Oberhand, und bei Beiden entsprach die Behandlung der Frage über die Mittel des Entrinnens natürlich ihren Beschäftigungen.
„Laßt schnell die Kühne frei;" sagte Jasper lebhaft, „die Strömung ist stark, und wenn wir tüchtig rudern, werden wir bald aus dem Bereich dieser Schurken sein."
„Und diese arme Blume, die kaum erst aufblühte in den Lichtungen, — soll sie in dem Walde verwelken?" entgegnete sein Freund, mit einer Poesie, welche er unwillkürlich aus seinem langen Umgang mit den Delawaren geschöpft hatte.
„Wir müssen Alle einmal sterben," antwortete der Jüngling, indem ein kühnes Roth seine Wangen färbte; „Mabel und Arrowheads Weib können sich in den Kähnen niederlegen, indeß wir aufrecht, wie es Männern ziemt, unsere Pflicht erfüllen."
"Ja, Ihr seid ein gewandter Ruderer, aber die Bosheit eines Mingo ist noch viel gewandter. Die Kähne sind schnell, aber eine Büchsenkugel ist schneller."
„Da wir einem vertrauenden Vater unser Wort gegeben haben, so ist es Männerpflicht, uns dieser Gefahr zu unterziehen." —
„Aber es ist nicht unsere Pflicht, die Klugheit außer Acht zu lassen."
„Klugheit? Man kann seine Klugheit auch so weit treiben, den Muth darüber zu vergessen!"
Die Gruppe stand an dem nahen Ufer, der Pfadfinder auf seine Büchse gelehnt, deren Schaft auf dem Kiesgrunde ruhte, indeß er den Lauf derselben, welcher bis zu seinen Schultern reichte, mit beiden Händen umfaßte. Als Jasper diesen schweren und unverdienten Vorwurf ausstieß, blieb das tiefe Roth auf dem Gesichte seines Kameraden unverändert, obgleich der junge Mann bemerkte, daß seine Hände das Eisen des Gewehres mit der Festigkeit eines Schraubstockes umfaßten. Weiter verrieth sich keine Bewegung.
, Ihr seid jung und heißköpfig," erwiederte der Pfadfinder mit einer Würde, welche die Zuhörer seine moralische Ueberlegenheit deutlich fühlen ließ, „aber mein Leben war eine Reihe von Gefahren wie diese, und meine Erfahrung und meine Gaben sind von der Art, daß sie nicht nöthig haben, sich durch die Ungeduld eines Knaben meistern zu lassen. Was den Muth anbelangt, Jasper, so will ich kein kränkendes, bedeutungsloses Wort einem ähnlichen entgegensetzen, denn ich weiß, daß Ihr treu auf Eurem Posten seid, so gut Ihr es eben verstehet; aber betrachtet den Rath eines Mannes, der den Mingo's schon in's Auge schaute, als Ihr noch ein Kind waret, und weiß, daß man ihre Schlauheit weit eher durch Klugheit umgeht, als durch Thorheit überlistet."
„Ich bitte Euch um Verzeihung, Pfadfinder," sagte der reuige Jasper, indem er mit Feuer nach der Hand des Andern griff, welche dieser ihm überließ, „ich bitte aufrichtig um Verzeihung. Es war thöricht und schlecht von mir, einen Mann zu beschuldigen, von dem man weiß, daß sein Herz in einer guten Sache so fest ist, als die Felsen am Seeufer."
Zum Erstenmal vertiefte sich die Röthe auf den Wangen des Pfadfinders, und die feierliche Würde, die er angenommen hatte, wich dem Ausdruck der ernsten Einfachheit, welche alle seine Gefühle durchdrang. Er erwiederte den Händedruck seines jungen Freundes so herzlich, als ob keine Saite einen Mißton zwischen ihnen hätte laut werden lassen, und ein leichter Ernst, der noch seine Augen umfangen hielt, gab dem Ausdruck natürlicher Güte Raum.
„'s ist gut, Jasper, 's ist gut," antwortete er lachend. „Ich trage nichts nach, und mir soll auch Niemand was nachtragen. Meine Natur ist die eines Weißen, und die besteht darin, keinen Groll im Herzen zu hegen. Es möchte übrigens ein kitzliches Werk gewesen sein, dem Serpent da nur halb soviel zu sagen, obschon er ein Delaware ist; denn jede Farbe hat ihre Weise." —
Eine Berührung seiner Schulter machte den Sprecher schweigen, Mabel stand aufrecht in dem Kahne, und ihre leichte, schwellende Gestalt beugte sich vorwärts in eine Stellung des anmuthigsten Ernstes, während sie den Finger an die Lippen legte, mit abgewandtem Haupte ihre ausdrucksvollen Augen auf eine Oeffnung im Gebüsche richtete, und dabei mit dem Ende einer Fischerruthe, welche sie in dem ausgestreckten Arme hielt, den Pfadfinder berührte. Letzterer beugte seinen Kopf gegen eine Oeffnung, welcher er absichtlich nahe geblieben war, und flüsterte dann Jaspern zu — „Die verfluchten Mingo's: Greift zu euern Waffen, Männer, aber verhaltet euch so ruhig, wie die Stämme todter Bäume!"
Jasper eilte mit lautlosen Tritten zum Kahne, und veranlaßte mit höflicher Gewalt Mabel, eine Stellung anzunehmen, durch die ihr ganzer Körper verborgen wurde, obschon es wahrscheinlich über seine Macht gegangen wäre, das Mädchen zu bewegen, ihren Kopf so niedrig zu halten, daß sie nicht noch einen Blick auf die Feinde hätte werfen können. Er stellte sich dann in ihre Nähe und brachte das gespannte Gewehr in Anschlag. Arrowhead und Chingachgook krochen zu dem Versteck und lauerten wie die Schlangen, mit bereitgehaltenen Waffen, während das Weib des Ersteren den Kopf zwischen die Knie beugte, ihn mit ihrem Kattunkleide bedeckte, und sich ganz ruhig und unbeweglich verhielt. Cap zog seine beiden Pistolen aus dem Gürtel, schien aber ganz verlegen zu sein, welchem Kurs er folgen solle. Der Pfadfinder stand bewegungslos. Er hatte gleich im Anfang eine Stellung eingenommen, welche ihm gestattete, mit gutem Erfolge durch die Blätter zu zielen und die Bewegungen der Feinde zu überwachen. Er war zu standhaft, um sich durch diesen kritischen Moment aus der Fassung bringen zu lassen.
Es war in der That ein beengender Augenblick. Gerade, als Mabel die Schulter ihres Führers berührt hatte, zeigten sich drei Irokesen im Wasser an der Biegung des Flusses, etwa hundert Ellen von dem Versteck, und hielten an, um den Strom nach unten zu untersuchen. Sie waren nackt bis zum Gürtel, für einen Feldzug gegen ihre Feinde bewaffnet und mit ihren Kriegsfarben bemalt. Sie schienen über den Weg, den sie zur Verfolgung der Flüchtigen einzuschlagen hätten, unentschieden zu sein: denn der Eine deutete stromabwärts, der Andere aufwärts und der Dritte auf das entgegengesetzte Ufer. Ihre Zweifel waren sichtlich.
Fünftes Kapitel.
Hier der Tod und dort der Tod
Ueberall geschäftig droht.
Shelley.
Es war ein athemloser Augenblick. Die Flüchtigen konnten die Absichten ihrer Verfolger nur aus ihren Geberden und den Zeichen errathen, welche ihnen in der Wuth der getäuschten Erwartung entschlüpften. Daß eine Partie bereits auf ihrer eigenen Fährte zu Land zurückgekehrt war, war fast gewiß, und also der ganze Vortheil, welchen man von dem Kunstgriff mit dem Feuer erwartet hatte, verloren. Diese Betrachtung war jedoch im gegenwärtigen Augenblick von geringem Belang, da die Gesellschaft von Seite derer, welche in dem Wasser herunterkamen, mit augenblicklicher Entdeckung bedroht war. Alle diese Umstände traten wie durch Anschauung vor die Seele des Pfadfinders, welcher die Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung erkannte und die Vorbereitungen zum Kampfe traf. Er winkte den beiden Indianern und Jaspern, näher zu kommen, und theilte ihnen flüsternd seine Ansichten mit.
„Wir müssen schlagfertig sein, wir müssen bereit sein," sagte er. „Es sind nur drei von diesen skalplustigen Teufeln, und wir sind fünf, von denen vier als brave Krieger für solch' ein Scharmützel betrachtet werden können. Eau-douce, nehmt Ihr den Burschen, der wie der Tod bemalt ist, auf's Korn; dir, Chingachgook, gebe ich den Häuptling, und Ihr, Arrowhead, müßt Euer Auge auf den Jungen halten. Es darf kein Irrthum stattfinden; denn zwei Kugeln in den nämlichen Körper wären eine sündhafte Verschwendung, wenn man eine Person, wie des Sergeanten Tochter, in Gefahr weiß. Ich selbst will die Reserve bilden, wenn etwa so ein viertes Gewürm erschiene, oder eine eurer Hände sich als unsicher erprobte. Gebt aber nicht Feuer, bis ich es sage. Wir dürfen nur im äußersten Nothfall unsere Büchsen brauchen, da die übrigen Bösewichter den Knall hören würden. Jasper, Junge, wenn sich eine Bewegung hinter uns, vom Ufer her, hören läßt, so verlasse ich mich auf Euch, daß Ihr mit des Sergeanten Tochter den Kahn auslaufen laßt und in Gottes Namen, so schnell Ihr könnt, der Garnison zu treibet."
Der Pfadfinder hatte kaum diese Anweisungen gegeben, als die Annäherung der Feinde das tiefste Stillschweigen nöthig machte.
Die Irokesen kamen langsam den Strom herunter und hielten sich in die Nähe des Gebüsches, welches über das Wasser herhing, indeß das Rauschen der Blätter und das Rasseln der Zweige es bald zur Gewißheit machte, daß ein zweiter Trupp sich längs dem Ufer hinbewegte und mit denen im Wasser gleichen Schritt und gleiche Richtung hielt. Da das von den Flüchtigen künstlich angelegte Gebüsch in einiger Entfernung von dem wahren Ufer lag, so wurden sich die beiden Haufen gerade an den gegenüber liegenden Punkten ansichtig. Sie hielten nun an, und es erfolgte eine Besprechung, welche so zu sagen über den Häuptern der Verborgenen weg geführt wurde. In der That wurden auch unsere Reisenden durch nichts geschützt, als durch die Zweige und Blätter ihrer Pflanzung, welche so biegsam waren, daß sie jedem Luftstrome nachgaben und von jedem mehr als gewöhnlichen Windstoß weggeblasen worden wären. Glücklicherweise führte die Gesichtslinie die Augen der Wilden, sowohl derer, die im Wasser standen, als derer, welche sich am Lande befanden, über das Gebüsch weg, dessen Blätter dicht genug schienen, um jeden Verdacht zu beseitigen. Vielleicht verhinderte blos die Kühnheit dieses Auswegs eine augenblickliche Entdeckung. Die Besprechung, welche nun stattfand, wurde mit Ernst, jedoch in gedämpftem Tone geführt, als ob die Sprechenden die Aufmerksamkeit irgend eines Lauschers vereiteln wollten. Sie geschah in einem Dialekt, welchen sowohl die beiden indianischen Krieger, als auch der Pfadfinder verstand, obschon Jaspern nur ein Theil des Gespräches deutlich wurde.
„Die Fährte ist durch das Wasser weggewaschen," sagte Einer von unten, welcher dem künstlichen Versteck der Flüchtigen so nahe stand, daß man ihn mit dem Salmenspieß, welcher in Jaspers Kahne lag, hätte erreichen können. „Wasser hat sie so rein gewaschen, daß der Hund eines Yengeese ihr nicht zu folgen wüßte."
„Die Bleichgesichter haben das Ufer in ihren Kähnen verlassen," antwortete der Sprecher am Ufer.
„Es kann nicht sein. Die Büchsen unserer Krieger unten sind sicher."
Der Pfadfinder warf Jaspern einen bedeutungsvollen Blick zu und biß die Zähne zusammen, um den Ton seines Athems zu unterdrücken.
„Laß meine jungen Leute um sich blicken, als ob ihre Augen Adler seien," sagte der älteste Krieger unter denen, welche im Fluß wateten. — „Wir sind einen ganzen Mond auf dem Kriegspfad gewesen und haben nur einen Skalp gefunden. Es ist ein Mädchen unter ihnen, und einige unserer Tapfern brauchen Weiber."
Glücklicher Weise gingen diese Worte für Mabel verloren: aber Jaspers Stirne furchte sich tiefer und sein Gesicht glühete.
Die Wilden brachen nun ihre Unterhaltung ab, und unsere Versteckten hörten die langsamen und vorsichtigen Bewegungen ihrer Feinde am Ufer, und das Rasseln des Gebüsches, welches sie auf ihrem Wege behutsam auf die Seite bogen. Sie waren augenscheinlich schon über den Versteck hinaus; aber das Häuflein im Wasser hielt noch an, und prüfte das Ufer mit Augen, welche auf ihren Kriegsfarben wie die Gluth aus Kohlen heraus funkelten. Nach einer Pause von zwei oder drei Minuten fingen auch sie an, stromabwärts zu gehen, obgleich nur Schritt für Schritt, wie Menschen, welche einen verlornen Gegenstand suchen.
In dieser Weise kamen sie an dem künstlichen Schirme vorbei, und der Pfadfinder verzog seinen Mund zu dem herzlichen aber lautlosen Lachen, welches Natur und Gewohnheit zu einer Eigenthümlichkeit dieses Mannes gemacht hatte. Sein Triumph war jedoch voreilig, denn der Letzte des abziehenden Häufleins warf gerade in diesem Moment einen Blick zurück, und hielt plötzlich an. Diese Bewegung und ein vorsichtiges Umschauen verrieth ihnen aus einmal zu ihrem größten Schrecken, daß einige vernachläßigte Büsche den Verdacht erregt hätten.
Es war vielleicht ein Glück für die Verborgenen, daß der Krieger, welcher diese erschreckenden Zeichen eines auftauchenden Verdachtes kundgab, ein Jüngling war, der erst Achtung erwerben mußte. Er wußte, wie wichtig Besonnenheit und Bescheidenheit für einen Menschen von seinen Jahren sei, und fürchtete mehr als Alles das Lächerliche und die Verachtung, die die Folgen eines falschen Lärmens waren. Ohne daher einen der Gefährten zurückzurufen, kehrte er wieder zurück, und während die Andern in dem Flusse weiter schritten, näherte er sich vorsichtig den Büschen, auf die er seine Blicke wie durch einen Zauber gebannt hielt. Einige von den Blättern, welche der Sonne am meisten ausgesetzt geblieden, waren verwelkt, und diese leichte Abweichung von den gewöhnlichen Gesetzen der Natur hatte das rasche Auge eines Indianers auf sich gezogen; denn die Sinne der Wilden werden durch die Uebung so scharf, daß ihnen zumal auf ihrem Kriegspfade, oft die anscheinend unbedeutendsten Dinge den Faden zu Verfolgung ihres Zieles geben.
Die scheinbare Geringfügigkeit der Beobachtung, welche er gemacht hatte, war ein weiterer Grund für den Jüngling, sie seinen Gefährten nicht mitzutheilen. Hatte sie ihn wirklich zu einer Entdeckung geleitet, so war sein Ruhm um so größer, wenn er desselben ungetheilt genoß; und war dieß nicht der Fall, so durfte er hoffen, dem Gelächter zu entgehen, welches die jungen Indianer so sehr scheuen. Hier drohte jedoch die Gefahr eines Hinterhalts und eines Ueberfalls, welche jeden, auch den feurigsten Krieger der Wälder zu einer langsamen und vorsichtigen Annäherung veranlaßt; und in Folge der aus den eben genannten Umstünden fließenden Zögerung waren die zwei Partien bereits fünfzig bis sechzig Ellen weiter abwärts gekommen, ehe der junge Wilde der Anpflanzung Pfadfinders so nahe gerückt war, daß er sie mit den Händen erreichen konnte.
Ungeachtet ihrer kritischen Lage hatte die ganze Gesellschaft in dem Verstecke ihre Augen fest auf das bewegte Gesicht des jungen Irokesen gerichtet, auf welchem sich der Kampf seiner Gefühle deutlich zeichnete. Das erste war die lebhafte Hoffnung, einen Erfolg zu erringen, wo einige der Erfahrensten seines Stammes bereits irre gegangen waren, und einen Ruhm zu erwerben, wie er selten einem Manne von seinem Alter, oder einem Muthigen auf dem ersten Kriegspfade zu Theil wird: dann folgten Zweifel, da die welken Blätter sich wieder zu erheben, und in den Strömungen der Luft aufzuleben schienen; und endlich ließ der Argwohn einer vorhandenen Gefahr die erregten Gefühle in seinen Zügen ihr beredtes Spiel treiben.
Die durch die Hitze hervorgebrachte Veränderung des Gebüsches, dessen Stämme im Wasser standen, war nur so leicht gewesen, daß der Irokese, als er wirklich die Hand an die Blätter legte, zu der Vermuthung kam, er habe sich getäuscht. Da aber Niemand bei einem strengen Verdacht die naheliegenden Mittel, seine Zweifel zu berichtigen, verabsäumt, so bog der junge Krieger vorsichtig die Zweige auf die Seite, und war mit einem Tritte in dem Versteck, wo die Gestalten der darin Befindlichen wie eben so viele athemlose Statuen seinen Blicken entgegentraten. Der dumpfe Ausruf, das leichte Zurückfahren und das glänzende Auge des Feindes wurden kaum gesehen und gehört, als sich der Arm Chingachgooks erhob, und der Tomahawk des Delawaren auf den nackten Schädel seines Gegners niedersank. Der Irokese erhob wüthend die Hände, stürzte rückwärts, und fiel an einer Stelle in's Wasser, wo der Strom den Körper wegführte, dessen Glieder noch im Todeskampfe zuckten. Der Delaware machte einen kräftigen, aber erfolglosen Versuch, seinen Arm zu ergreifen, in der Hoffnung, sich des Skalps zu bemächtigen; aber das blutgestreifte Wasser wirbelte stromabwärts, und führte seine bebende Last mit sich fort.
Alles dieses geschah in weniger als einer Minute, und erschien dem Auge so plötzlich und unerwartet, daß Leute, welche weniger an die Kriegsfahrten der Wälder gewöhnt waren, als der Pfadfinder und seine Genossen, nicht sogleich gewußt hätten, was beginnen.
„Es ist kein Augenblick zu verlieren," sagte Jasper mit ernster, aber gedämpfter Stimme, indem er das Gebüsch auf die Seite drückte. „Thut, was ich thue, Meister Cap, wenn Ihr Eure Nichte gerettet wissen wollt; und Sie, Mabel, legen Sie sich der Länge nach in dem Kahne nieder."
Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als er den Bug des leichten Bootes ergriff, es, im Wasser watend, längs dem Ufer hinschleppte, wobei Cap ihn am Stern unterstützte — sich so nahe als möglich an das Ufer hielt, um von den Wilden nicht bemerkt zu werden, und die obere Wendung des Flusses zu gewinnen suchte, welche die Gesellschaft mit Sicherheit vor dem Feind verbergen mochte. Des Pfadfinders Kahn lag zunächst am Lande, und mußte deßhalb zuletzt das Ufer verlassen. Der Delaware sprang an's Land, und verlor sich in den Wald, da er es für seine Aufgabe hielt, den Feind in dieser Gegend zu überwachen, indeß Arrowhead seinen weißen Gefährten beim Flottmachen des Kahnes unterstützte — um Jaspern folgen zu können. Alles dieses war das Werk eines Augenblicks; als aber Pfadfinder die Strömung an der Flußmündung erreicht hatte, fühlte er plötzlich ein Leichterwerden des Gewichtes, welches er führte, und bei einem Rückblick entdeckte er, daß der Tuscarora mit seinem Weib ihn verlassen hatte. Der Gedanke an Verrath blitzte in seiner Seele auf; aber es war keine Zeit, anzuhalten. Der Klageruf, der sich weiter unten im Fluß erhob, verkündete, daß der weggeschwemmte Körper des jungen Indianers bei seinen Freunden angelangt war. Der Knall einer Flinte folgte, und nun sah der Wegweiser, daß Jasper, nachdem er die Flußbeugung umrudert hatte, den Strom quer durchschnitt und Beide, Jasper aufrecht stehend im Stern des Kahnes, und Cup am Bug sitzend, das leichte Fahrzeug mit kräftigen Ruderschlägen vorwärts trieben. Ein Blick, ein Gedanke, ein Auskunftsmittel erfolgte rasch auf einander in der Seele eines Mannes, der so sehr an die Wechselfälle des Grenzkriegs gewöhnt war. Er sprang schnell in das Hintertheil seines Kahnes, drängte ihn mit einem kräftigen Stoß in die Strömung, und fing gleichfalls an, den Strom so weit unten zu kreuzen, daß seine Person eine Zielscheibe für den Feind abgeben mochte, indem er wohl wußte, daß ihr eifriges Verlangen, sich einer Kopfhaut zu versichern, alle anderen Gefühle überwältigen würde.
„Haltet Euch ober der Strömung, Jasper," rief der hochherzige Führer, indem er das Wasser mit langen, festen und kräftigen Ruderschlägen peitschte, „haltet Euch wohl über der Strömung, und treibt gegen das Erlengebüsch auf der andern Seite zu. Bewahret vor Allem des Sergeanten Tochter, und überlaßt diese Schufte von Mingo's mir und dem Serpent.
Jasper schwenkte sein Ruder zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, und nun ertönte Schuß auf Schuß in rascher Folge, davon jeder auf den einzelnen Mann in dem nächsten Kahne gerichtet war.
„Ha, entladet nur eure Büchsen, ihr Dummköpfe," sagte der Pfadfinder, der in der Einsamkeit der Wälder, in welcher er so viele Zeit zubrachte, die Gewohnheit angenommen hatte, mit sich selber zu sprechen, „feuert nur eure Büchsen ab auf ein unsicheres Ziel, und laßt mir Zeit, auf dem Fluß eine Elle um die andere zwischen uns zu gewinnen. Ich will euch nicht schmähen , wie ein Delaware oder ein Mohikan, denn meine Gaben sind die eines weißen Mannes und nicht die eines Indianers, und das Prahlen im Kampf ist nicht die Sache eines christlichen Kriegers; aber ich kann hier ganz allein mir selbst sagen, daß ihr wenig besser seid, als die Leute aus den Städten, welche auf die Rothkehlchen in den Obstgärten schießen. Nun, das war gut gemeint" — er zog seinen Kopf zurück, da eine Flintenkugel eine Haarlocke von seinen Schläfen abgerissen hatte — „aber das Blei, das um einen Zoll fehlt, ist eben so nutzlos, als das, welches stets im Flintenlauf bleibt. Brav gethan, Jasper! Des Sergeanten süßes Kind muß gerettet werden, und wenn wir Alle unsere Kopfhäute darüber verlieren sollten."
Mittlerweile war der Pfadfinder in die Mitte des Flusses und fast an die Seite seiner Feinde gerudert, indeß der andere Kahn, von Caps und Jaspers kräftigen Armen getrieben, der ihnen bezeichneten Stelle am jenseitigen Ufer nahe gekommen war. Der alte Seemann spielte nun seine Rolle männlich, denn er war auf seinem eigenen Element, liebte seine Nichte aufrichtig, hatte eine besondere Verehrung gegen seine eigene Person, und war des Feuers nicht ungewohnt, obgleich seine Erfahrung sich auf eine ganz andere Art des Kriegführens bezog. Einige Ruderstreiche brachten den Kahn in das Gebüsch; Mabel eilte mit Jasper an's Land, und für den Augenblick waren alle drei Flüchtlinge gerettet.
Nicht so verhielt es sich mit dem Pfadfinder. Seine muthige Selbstausopferung hatte ihn in eine ungemein gefährliche Lage gebracht, die sich noch dadurch verschlimmerte, daß, als er gerade zunächst dem Feinde vorbei trieb, der am Lande befindliche Haufen am Ufer herunter glitt, und sich mit seinen in dem Wasser stehenden Freunden vereinigte. Der Oswego war an dieser Stelle ungefähr eine Kabellänge breit, und der in der Mitte befindliche Kahn nur ungefähr hundert Ellen oder eine Zielweite von den Büchsen entfernt, welche ohne Unterlaß gegen denselben abgefeuert wurden.
In dieser verzweifelten Lage that die Festigkeit und Geschicklichkeit des Pfadfinders gute Dienste. Er wußte, daß seine Sicherheit nur von einer fortdauernden Bewegung abhing; denn ein feststehender Gegenstand wäre in dieser Entfernung fast mit jedem Schusse getroffen worden. Bewegung allein war aber nicht zureichend; denn seine Feinde, die gewöhnt waren, den Hirsch im Sprunge zu tödten, wußten wahrscheinlich ihr Ziel so wohl zu nehmen, daß sie ihn getroffen haben würden, wenn die Bewegung eine gleichförmige war. Er sah sich daher veranlaßt, den Kurs des Kahnes zu wechseln und schoß einen Augenblick mit der Schnelligkeit des Pfeiles stromabwärts: im nächsten hielt er in dieser Richtung an, und schnitt schnell in den Strom ein. Glücklicherweise konnten die Irokesen ihre Gewehre im Wasser nicht wieder laden, und das Gebüsch, welches überall das Ufer säumte, machte es schwierig, den Flüchtling im Gesicht zu behalten, wenn sie an's Land stiegen. Unter dem Schutze dieser Umstände, und da die Feinde alle ihre Gewehre auf ihn abgefeuert hatten, hatte Pfadfinder schnell, sowohl abwärts als in die Quere, eine sichernde Entfernung gewonnen, als plötzlich eine neue, wenn auch nicht unerwartete Gefahr auftauchte.
Diese bestand in der Erscheinung des Haufens, welcher weiter unten im Hinterhalt gelegen hatte, um den Strom zu bewachen, und dessen die Wilden in dem oben ausgeführten kurzen Gespräch Erwähnung gethan. Die Zahl desselben betrug nicht weniger als zehn, und da ihnen alle Vortheile ihres blutigen Gewerbes bekannt waren, so hatten sie sich an einer Stelle aufgestellt, wo das Wasser zwischen den Felsen und über die Untiefen brandete; Stellen, die man in der Sprache dieser Gegend Stromengen nennt. Der Pfadfinder sah wohl, daß er, wenn er in diese Enge einliefe, auf den Punkt zugetrieben würde, wo die Irokesen sich aufgestellt hatten; denn die Strömung war unwiderstehlich, die Felsen gestatteten keinen andern sichern Durchgang, und so waren Tod oder Gefangenschaft die einzigen wahrscheinlichen Resultate eines solchen Versuches. Er strengte daher alle seine Kräfte an, um das westliche Ufer zu erreichen, da sich die Feinde Alle auf der Ostseite des Flusses befanden. Aber ein solches Unternehmen überstieg die Kraft eines einzelnen Menschen, und ein Versuch, die Strömung zu überwinden, würde die Bewegung des Kahnes auf einmal so weit vermindert haben, daß dadurch einem sicheren Zielen Raum gegeben worden wäre. In dieser Noth kam der Wegweiser mit seiner gewohnten schnellen Besonnenheit zu einem Entschluß, für welchen er alsbald seine Vorbereitungen traf. Anstatt sich zu bemühen, das Fahrwasser zu gewinnen, steuerte er gegen die seichteste Stelle des Stroms, und als er diese erreicht hatte, ergriff er seine Büchse und sein Bündel, sprang in's Wasser und fing an von Felsen zu Felsen zu waten, wobei er seine Richtung, gegen das westliche Ufer einschlug. Der Kahn wirbelte in der wüthenden Strömung, rollte über einige schlüpfrige Steine, füllte und leerte sich wieder, und erreichte endlich das Ufer, einige Ellen von der Stelle entfernt, wo die Indianer sich aufgestellt hatten.
Indeß war der Pfadfinder noch lange nicht außer Gefahr. In den ersten Minuten erhielt die Bewunderung seiner Schnelligkeit und seines Muthes, dieser bei den Indianern so hoch geachteten Tugenden, seine Verfolger regungslos. Aber der Durst nach Rache und die Gier nach dem so hoch gepriesenen Siegeszeichen überwältigten bald dieses vorübergehende Gefühl und weckten sie aus ihrer Erstarrung. Büchse um Büchse krachte, und die Kugeln sausten um des Flüchtlings Haupt, daß er sie durch das Brausen des Wassers hören konnte. Aber er schritt fort, gleich Einem, der ein durch Zauberkraft geschütztes Leben trägt, und obwohl das grobe Gewand des Gränzmannes mehr als Einmal durchlöchert ward, so wurde doch nicht einmal seine Haut gestreift.
Da der Pfadfinder einige Mal genöthigt war, bis unter die Arme im Wasser zu waten, wobei er seine Büchse sammt dem Schießbedarf über die wüthende Strömung erhob, so wurde er von der Anstrengung bald ermüdet, und er war erfreut, an einem großen Steine oder vielmehr einem kleinen Felsen, welcher so hoch über den Fluß hervorragte, daß seine obere Fläche trocken war, Halt machen zu können. Aus diesen Stein legte er sein Pulverhorn und stellte sich selbst hinter denselben, so daß sein Körper theilweise gedeckt wurde. Das westliche Ufer war nur noch fünfzig Fuß entfernt, aber die ruhige, schnelle, dunkle Strömung, die zwischen durchschoß, verschaffte ihm die Ueberzeugung, daß er hier werde schwimmen müssen.
Die Indianer, welche nur eine Weile ihr Feuer aussetzten, versammelten sich um den gestrandeten Kahn; und da sie dabei die Ruder fanden, so schickten sie sich an über den Fluß zu setzen.
„Pfadfinder!" rief eine Stimme aus dem Gebüsche des westlichen Ufers an der Stelle, welche der angeredeten Person am nächsten war.
„Was wollt Ihr, Jasper?«
„Seid guten Muths; — Es sind Freunde bei der Hand, und kein Mingo soll über den Fluß setzen, ohne für seine Kühnheit zu büßen. Würdet Ihr nicht besser thun, Eure Büchse auf dem Felsen zu lassen und herüber zu schwimmen, ehe die Schurken sich Flott machen können?"
„Ein braver Jäger läßt nie sein Gewehr im Stich, so lange er Pulver in seinem Horn und eine Kugel in der Tasche hat. Ich habe heute den Drücker noch nicht berührt, und könnte den Gedanken nicht ertragen, mit diesem Gewürm zusammen gekommen zu sein, ohne ihm eine Erinnerung an meinen Namen zurückzulassen. Ein bischen Wasser wird meinen Beinen nicht schaden, und ich sehe jenen Lumpenkerl, den Arrowhead, unter den Strolchen; ich möchte Dem wohl einen Lohn, den er so redlich verdient hat, zusenden. Ihr habt doch hoffentlich nicht des Sergeanten Tochter mit herunter und in die Schußweite ihrer Kugeln gebracht, Jasper?"
„Sie ist in Sicherheit, wenigstens für den Augenblick, obgleich Alles davon abhängt, daß wir den Fluß zwischen uns und dem Feinde erhalten. Sie müssen jetzt unsere Schwäche kennen, und wenn sie übersetzen sollten, so zweifle ich nicht, daß ein Theil davon auf der andern Seite bleiben wird."
„Diese Kahnfahrt betrifft Euere Gaben näher, als die meinigen, Junge, obgleich ich mein Ruder handhaben werde, wie der beste Mingo, der je einen Salm erlegte. Wenn sie unterhalb der Stromenge kreuzen, warum sollten wir nicht eben so gut oberhalb desselben über das ruhige Wasser setzen, und sie durch das Hin und Her, wie im Wolfspiel zum Besten haben können?"
„Weil sie, wie ich gesagt habe, eine Partie auf dem andern Ufer lassen werden; und dann, Pfadfinder, möchtet Ihr Mabel den Büchsen der Irokesen bloßgeben?"
„Des Sergeanten Tochter muß gerettet werden," entgegnete der Wegweiser mit ruhiger Energie. „Ihr habt Recht, Jasper; sie hat nicht die Gabe, ihren Muth dadurch zu bewähren, daß sie ihr süßes Gesicht und ihren zarten Körper einer Mingobüchse aussetzt. Was können wir thun? Wir müssen eben, wenn es möglich ist, das Uebersetzen ein oder zwei Stunden verhindern, und dann in der Dunkelheit unser Letztes versuchen."
„Ich stimme euch bei, Pfadfinder, wenn es bewerkstelligt werden kann. Aber sind wir auch stark genug für dieses Vorhaben?"
„Der Herr ist mit uns, Junge — der Herr ist mit uns; und es ist unvernünftig, zu glauben, ,daß eine Person, wie des Sergeanten Tochter in einer solchen Verlegenheit so ganz von der Vorsehung sollte verlassen werden. Es ist, wie ich gewiß weiß, kein Boot zwischen den Fällen und der Garnison, als unsere beiden Kähne, und ich denke, es wird über die Gaben einer Rothhaut gehen, Angesichts zweier Büchsen, wie die Eurige und die meinige, über den Fluß zu setzen. Ich will nicht prahlen, Jasper, aber man weiß in allen Gränzorten wohl, daß der Hirschetödter selten fehlt."
„Eure Geschicklichkeit ist nahe und fern bekannt, Pfadfinder, aber eine Büchse braucht Zeit, um geladen zu werden; auch seid Ihr nicht an dem Lande und durch einen guten Versteck geschützt, von dem aus Ihr Euch Eurer gewohnten Vortheile bedienen könntet. Wenn Ihr unsern Kahn hättet, getrautet Ihr Euch wohl, mit trockenem Gewehr das Ufer zu erreichen?"
„Kann ein Adler fliegen?" erwiederte der Andere mit seinem gewohnten Lachen, indem er im Sprechen rückwärts blickte. „Aber es würde unklug sein, Euch selbst auf dem Wasser auszusetzen, denn diese Spitzbuben fangen wieder an, sich an ihr Pulver und ihre Kugeln zu erinnern."
„Es kann auch, ohne daß ich mich in Gefahr begebe, geschehen. Meister Cap ist nach dem Kahn hinaufgegangen, und wird den Zweig eines Baumes in den Fluß werfen, um die Strömung zu untersuchen, welche von jener obern Stelle in der Richtung Eures Felsen lauft. Seht, da kommt er schon, wenn er gut anlangt, so dürft Ihr nur den Arm ausstrecken, und der Kahn wird folgen. Jedenfalls wird ihn, wenn Er an Euch vorbeigehen sollte, der Wirbel da unten wieder heraufbringen, so daß ich ihn wohl erreichen kann."
Während Jasper noch sprach, kam der schwimmende Zweig näher. Er beschleunigte seine Geschwindigkeit mit der zunehmenden Schnelle der Strömung und schwebte schnell abwärts auf den Pfadfinder zu, welcher ihn rasch ergriff und als ein Erfolg versprechendes Zeichen in die Höhe hielt. Cap verstand das Signal und überließ den Kahn mit einer Behutsamkeit und Umsicht, zu deren Beobachtung die Gewohnheit den Seemann geeignet gemacht hatte, dem Strome. Er schwamm in derselben Richtung, wie der Zweig, und in einer Minute wurde er von dem Pfadfinder angehalten.
„Das ist mit der Einsicht eines Gränzmannes ausgeführt, Jasper," sagte der Wegweiser lachend. „Doch Eure Gaben eignen sich für das Wasser, wie die meinigen für die Wälder. Nun laßt diese schuftigen Mingo's ihre Hahnen spannen und auslegen, denn dieß ist das letzte Mal, daß sie im Stande sind, auf einen Mann außerhalb eines Versteckes zu zielen."
„Schiebt den Kahn gegen das Ufer, legt gegen die Strömung ein, und springt hinein, wenn er abstößt. Man hat wenig Vortheil, wenn man sich der Gefahr aussetzt."
„Ich liebe es, Gesicht gegen Gesicht wie ein Mann meinen Feinden gegenüber zu stehen, wenn sie mir hierin das Beispiel geben," erwiederte der Pfadfinder stolz. „Ich bin keine geboren Rothhaut, und es gehört mehr zu den Gaben eines weißen Mannes, offen zu fechten, als in einem Hinterhalt zu liegen."
„Und Mabel?"
„Richtig, Junge, Ihr habt Recht: des Sergeanten Tochter muß gerettet werden, und eine thörichte Aussetzung, wie Ihr sagt, ziemt blos Knaben. Glaubt Ihr, daß Ihr auf Eurem Standort den Kahn auffangen könnt?"
„Daran ist kein Zweifel, wenn Ihr ihm einen kräftigen Stoß gebt."
Pfadfinder wandte die erforderliche Kraft an; die leichte Barke schoß quer über den trennenden Raum, und als sie gegen das Land kam, wurde sie von Jaspern ergriffen. Da die beiden Freunde nun den Kahn zu sichern und die geeignete Stellung in einem Versteck zu nehmen hatten, so blieb ihnen nur ein Augenblick, um sich die Hände zu drücken, was mit einer Herzlichkeit geschah, als ob sie sich nach langer Trennung wieder zum ersten Mal gesehen hätten.
„Nun, Jasper, wir werden sehen, ob einer von diesen Mingo's über den Oswego setzen kann, wenn ihm der Hirschetödter die Zähne weist. Ihr seid zwar vielleicht gewandter in der Führung des Ruders, als in dem Gebrauch der Büchse, aber Ihr habt ein tapferes Herz und eine sichere Hand, und das sind schon Dinge, die bei einem Kampf in Betracht kommen."
„Mabel wird mich zwischen ihr und ihren Feinden finden," sagte Jasper ruhig.
„Ja, ja, des Sergeanten Tochter muß beschützt werden. Ich liebe Euch, Junge, um Eurer selbst willen; aber ich liebe Euch noch viel mehr, weil Ihr so auf den Schutz dieses schwachen Geschöpfs bedacht seid, in einem Augenblick, wo es Eurer ganzen Mannheit bedarf. Seht, Jasper, drei von diesen Schurken sind eben in den Kahn gestiegen. Sie müssen glauben, wir seien geflohen, sonst würden sie so Etwas sicher nicht im Angesicht des Hirschetödters gewagt haben."
Die Irokesen schienen sich nun zu einer Kreuzung des Stromes anzuschicken; denn da der Pfadfinder und seine Freunde sich sorgfältig versteckt hielten, so fingen ihre Feinde an zu glauben, daß sie die Flucht ergriffen hätten. Diesen Ausweg würden auch wohl die meisten Weißen eingeschlagen haben; aber Mabel war unter dem Schutze von Leuten, welche zu sehr den Krieg in den Wäldern kannten, um die Vertheidigung des einzigen Uebergangspunktes, der ihre Sicherheit gefährden konnte, zu vernachlässigen.
Wie der Pfadfinder gesagt hatte, waren drei Krieger in dem Kahn, von denen zwei auf den Knieen im Anschlag lagen, um jeden Augenblick ihrer tödtlichen Waffe ein Ziel geben zu können: der dritte stand aufrecht in dem Stern und lenkte das Ruder. In dieser Weise verließen sie das Ufer, nachdem sie, ehe sie in den Kahn traten, ihn vorsichtig stromaufwärts gehalten hatten, um in das vergleichungsweise stille Wasser oberhalb der Stromenge zu kommen. Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß der Wilde, welcher das Boot führte, seine Sache gut verstand, denn unter seinem langen und sicheren Ruderschlag flog das leichte Fahrzeug mit der Leichtigkeit einer Feder in der Luft über die glänzende Fläche.
„Soll ich Feuer geben?" fragte Jasper flüsternd, und zitternd vor Begierde, den Kampf zu beginnen.
„Noch nicht, Junge, noch nicht." Es sind ihrer Drei, und wenn Meister Cap dort weiß, wie er die Schlüsselbüchsen, die in seinem Gürtel stecken, zu gebrauchen hat, so können wir sie immer an's Land kommen lassen. Wir werden dann den Kahn wieder kriegen."
„Aber Mabel?"
„Fürchtet Nichts für des Sergeanten Tochter. Sie ist ja, wie Ihr sagt, sicher in dem hohlen Baum, dessen Oeffnung Ihr klugerweise durch die Brombeerstaude verborget. Wenn es wahr ist, was Ihr mir über diese Weise, wie Ihr ihre Fährte verdeckt habt, erzähltet, so könnte das süße Geschöpf wohl einen Monat dort liegen, und alle Mingo's auslachen."
Wir sind dessen nie gewiß und ich wünschte, wir hätten sie unserem eigenen Versteck näher gebracht."
„Warum, Eau-douce?" um ihren niedlichen kleinen Kopf und ihr klopfendes Herz den fliegenden Kugeln auszusetzen? Nein, nein, sie bleibt besser, wo sie ist, weil sie dort sicherer ist."
„Wir sind dessen nicht gewiß. Wir hielten uns auch für sicher hinter dem Gebüsch, und doch habt Ihr selbst gesehen, daß wir entdeckt wurden —"
„Und der junge Teufel von Mingo seine Neugierde büßen mußte, wie es mir alle diese Schufte thun sollen —"
Der Pfadfinder unterbrach seine Worte, denn in diesem Augenblick schlug der Knall einer Büchse an sein Ohr. Der Indianer im Sterne des Kahnes sprang hoch in die Luft und fiel mit dem Ruder in der Hand in's Wasser. Ein leichtes Rauchwölkchen wirbelte aus einem der Gebüsche auf dem östlichen Ufer in die Höhe, und verlor sich bald in der Atmosphäre.
„Das ist Serpent's Zischen!" rief der Pfadfinder, frohlockend. „Ein kühneres und treueres Herz hat nie in der Brust eines Delawaren geschlagen. Es ist mir zwar Leid, daß er sich in die Sache gemischt hat; aber er konnte unsere Lage nicht kennen, er konnte nicht wissen, wie wir stehen."
Kaum hatte der Kahn seinen Führer verloren, so wurde er von den Schnellen der Stromenge ergriffen. Gänzlich hilflos blickten die zwei in demselben befindlichen Indianer verwirrt um sich, vermochten es jedoch nicht, der Macht des Elementes Widerstand entgegenzusetzen. Es war vielleicht ein Glück für Chingachgook, daß die Aufmerksamkeit der meisten Irokesen von der Lage ihrer Freunde im Boot in Anspruch genommen wurde, sonst möchte ihm wohl das Entkommen zum mindesten schwer, wo nicht gar unmöglich geworden sein. Aber man bemerkte unter den Feinden keine weitere Bewegung, als die des Verbergens in irgend einem Versteck. Jedes Auge war fest auf die beiden im Kahn befindlichen Abenteurer gerichtet. In kürzerer Zeit, als nöthig ist, um diese Begebenheiten zu erzählen, wurde das Boot in den Wirbel der Stromenge geschleudert, wobei die Wilden sich auf den Boden desselben ausgestreckt hatten, da dieß das einzige Mittel war, das Gleichgewicht zu erhalten. Aber auch dieser Ausweg schlug ihnen fehl, denn ein Stoß an einen Felsen stürzte das kleine Fahrzeug um, und beide Krieger wurden in den Fluß geschleudert. Das Wasser ist an solchen Engen selten tief, mit Ausnahme einzelner Stellen, wo es sich Kanäle ausgewaschen hat. Es blieb ihnen deßhalb von diesem Unfall wenig zu besorgen, obgleich ihre Waffen dabei verloren gingen. Sie waren nun genöthigt, sich mit dem möglichsten Vortheil gegen das freundliche Ufer, bald schwimmend, bald watend, wie es die Umstände erforderten, zurückzuziehen. Der Kahn selbst blieb an einem Felsen in der Mitte des Stromes hängen, wodurch er für den Augenblick beiden Parteien gleich nutzlos wurde.
.Jetzt ist's an uns, Pfadfinder," sagte Jasper; als die beiden Irokesen, während sie durch die seichteste Stelle der Stromschnellen wateten, ihre Körper am meisten aussetzten. „Der obere Bursche ist mein; Ihr könnt den untern nehmen!"
Der junge Mann war durch alle Einzelheiten dieser beunruhigenden Scene so aufgeregt worden, daß, ehe er noch ausgesprochen hatte, die Kugel aus seinem Rohre flog, — aber sie war augenscheinlich vergeudet, denn die beiden Flüchtlinge erhoben voll Geringschätzung ihre Arme. Der Pfadfinder feuerte nicht.
„Nein, nein, Eau-douce," erwiederte er, „ich vergieße kein Blut ohne Grund, und meine Kugel ist wohl gepflastert und sorgfältig aufgesetzt für den Augenblick, wo ich ihrer bedarf. Ich liebe keinen Mingo, was man daraus sehen kann, daß ich mich so viel in der Gesellschaft der Delawaren, ihrer natürlichen Todfeinde, umtreibe. Ich will aber nie meinen Drücker gegen einen solchen Schuft brauchen, wenn es nicht auf der Hand liegt, daß sein Tod zu irgend einem guten Ziele führen wird. Der Hirsch sprang niemals, den meine Hand leichtfertig fällte, und wenn man viel allein mit Gott in den Wäldern lebt, so lernt man die Gerechtigkeit solcher Ansichten empfinden. Ein Leben ist hinreichend für unsere gegenwärtigen Bedürfnisse, und es wird jetzt Gelegenheit geben, den Hirschetödter zur Vertheidigung des Serpent zu brauchen, der eine höchst verwegene That begangen, indem er diese überhandnehmenden Teufel so deutlich wissen ließ, daß er in ihrer Nachbarschaft sei. So wahr ich ein armer Sünder bin, da schleicht sich gerade einer von diesen Strolchen an dem Ufer hin, wie ein Junge in der Garnison hinter einen gefallenen Baum, wenn er auf ein Eichhörnchen schießen will!"
Da der Pfadfinder, während er sprach, mit seinen Fingern zeigte, so konnte Jaspers schnelles Auge den Gegenstand, auf den sie gerichtet waren, rasch ausfinden. Es war einer der jungen Krieger des Feindes, der vor Begierde brannte, sich auszuzeichnen, und sich von seiner Partie weg, gegen den Versteck hin, in welchem Chingachgook verborgen lag, gestohlen hatte; und da der Letztere durch die scheinbare Apathie seiner Feinde getäuscht und überhaupt mit weiteren Vorkehrungen für seine Sicherheit beschäftigt war, so hatte der Irokese augenscheinlich eine Stellung genommen, welche ihm den Delawaren zu Gesicht brachte. Man konnte dieß aus seinen Vorkehrungen, Feuer zu geben, erkennen, denn Chingachgook selbst war denen auf dem westlichen Ufer des Flusses nicht sichtbar. Die Stromenge befand sich an einer Krümmung des Oswego, und der Bogen des östlichen Ufers bildete eine so tiefe Einbiegung, daß Chingachgook in gerader Linie seinen Feinden ganz nahe war, obgleich er zu Lande mehrere hundert Fuß von ihnen entfernt stand. Aus diesem Grunde war auch die Entfernung beider Parteien gegen Jaspers und Pfadfinders Stellung so ziemlich die gleiche, und mochte nicht viel weniger als zweihundert Ellen betragen.
„Der Serpent muß um den Weg sein," sagte der Pfadfinder, welcher keinen Augenblick sein Auge von dem jungen Krieger abwandte. „Er sieht sich auf eine sonderbare Weise vor, wenn er einem solchen blutdürftigen Mingoteufel gestattet, so nahe zu kommen."
„Seht," unterbrach ihn Jasper, „da ist der Körper des Indianers, welchen der Delaware erschoß. Er wurde an einen Felsen getrieben, und die Strömung hat den Kopf und das Gesicht aus dem Wasser gedrängt."
«Ganz wahrscheinlich, Junge; ganz wahrscheinlich. Menschennatur ist wenig besser als ein Stamm Treibholz, wenn das Leben, das in ihrer Brust geathmet hat, gewichen ist. Dieser Irokese wird Niemanden mehr ein Leides thun; aber jener schleichende Wilde steht im Begriff, sich des Skalps meines besten und erprobtesten Freundes —"
Der Pfadfinder unterbrach sich plötzlich selbst und erhob seine Büchse, eine Waffe von ungewöhnlicher Länge, mit bewunderungswürdiger Genauigkeit und feuerte in dem Augenblick, wo sie die nöthige Höhe erreicht hatte. Der Irokese auf dem entgegengesetzten Ufer zielte eben, als ihn der verhängnißvolle Bote aus dem Laufe des Hirschetödters ereilte. Seine Büchse entlud sich allerdings, aber mit der Mündung in die Luft, indeß der Mann selbst in das Gebüsch stürzte, gewiß verwundet, wo nicht getödtet.
„Dieses schleichende Gewürm wollte es nicht besser," brummte der Pfadfinder, indem er sein Gewehr sinken ließ und wieder neu zu laden anfing. „Chingachgook und ich haben von Jugend auf in Compagnie gefochten, am Horican, am Mohawk, am Ontario, und an allen andern blutigen Pässen zwischen unserm und dem französischen Gebiete, und so ein thörichter Schuft glaubt, ich werde dabei stehen und zusehen, wenn mein bester Freund in einem Hinterhalt erlegt wird!"
„Wir haben dem Serpent einen so guten Dienst gethan, als er uns. Diese Schufte sind eingeschüchtert und werden in ihre Verstecke zurückgehen, zumal wenn sie finden, daß wir sie über den Fluß hinüber erreichen können."
„Der Schuß ist von keiner besondern Bedeutung, Jasper; er will nichts besagen. Fragt Einen von dem Sechszigsten, und er wird Euch erzählen, was der Hirschetödter thun kann, und was er gethan hat, selbst wenn die Kugeln wie Hagelsteine uns um die Köpfe sausten. Nein, dieser ist von keiner großen Bedeutung, und der gedankenlose Herumstreicher ist selber Schuld daran."
„Ist das ein Hund oder ein Hirsch, was auf unser Ufer zuschwimmt?" Der Pfadfinder fuhr auf, denn es war gewiß, daß irgend ein Gegenstand oberhalb der Stromenge über den Fluß setzte, aber immer mehr durch die Gewalt der Strömung der ersteren zugetrieben wurde. Ein zweiter Blick überzeugte beide Beobachter, daß es ein Mensch und zwar ein Indianer war, obgleich er im Anfang so tief im Wasser stak, daß man noch zweifeln mußte. Die Freunde fürchteten eine Kriegslist, und richteten deßhalb die schärfste Aufmerksamkeit auf die Bewegungen des Fremden.
„Er stößt etwas im Schwimmen vor sich hin, und sein Kopf' gleicht einem treibenden Busch," sagte Jasper.
„'s ist eine indianische Teufelei, Junge, aber christliche Ehrlichkeit wird alle ihre Künste umgehen."
Als der Mann sich langsam näherte, begannen die Beobachter die Richtigkeit ihrer ersten Eindrücke zu bezweifeln, und erst als er zwei Drittheile des Stromes zurückgelegt hatte, wurde ihnen die Wahrheit völlig klar.
„Der Big Serpent, so wahr ich lebe," rief Pfadfinder, indem er auf seinen Gefährten blickte, und dabei vor Wonne über den glücklichen Kunstgriff lachte, bis ihm die Thränen in die Augen traten. „Er hat Gesträuch um seinen Kopf gebunden, um ihn zu verbergen, und das Pulverhorn an die Spitze gehängt. Die Flinte liegt auf dem Stückchen Stamm, das er vor sich hertreibt und er kommt herüber, um sich mit seinen Freunden zu vereinigen. Ach! die Zeiten, die Zeiten, wo er und ich solche Schwänke gemacht haben, recht unter den Zähnen der nach Blut tobenden Mingo's, bei der großen Durchfahrt um den Ty herum!"
„Es kann genau betrachtet, doch nicht der Serpent sein, Pfadfinder; ich kann keinen Zug entdecken, dessen ich mich erinnere."
„Was Zug! wer sieht auf die Züge bei einem Indianer? — Nein, nein Junge, seine Malerei ist es, die spricht, und nur ein Delaware würde diese Farben tragen. Dieß sind seine Farben, Jasper, gerade wie Euer Fahrzeug auf dem See das Georgenkreuz trägt, und die Franzosen ihre Tafeltücher in dem Winde flattern lassen mit all' ihren Flecken von Fischgräten und Wildpretstücken. Ihr seht doch das Auge, Junge, und es ist das Auge eines Häuptlings. Wer, Eau-douce, so ungestüm es im Kampfe und so glänzend es unter den Blättern blickt" — hier legte der Pfadfinder seinen Finger leicht, aber mit Nachdruck aus den Arm seines Gefährten, „so habe ich es doch gesehen, wie es Thränen gleich dem Regen vergoß. Es ist eine Seele und ein Herz unter dieser rothen Haut, verlaßt Euch draus, obgleich diese Seele und dieses Herz Gaben haben, die von den unsrigen verschieden sind."
„Niemand, der den Häuptling kennt, hat daran gezweifelt." „Ich aber weiß es," wiederholte der Andere stolz, „denn ich war in Freud und Leid sein Gefährte, und habe in dem einen ihn als einen Mann gefunden, wir schwer es auch getroffen hatte, und in der andern als einen Häuptling, welcher weiß, daß selbst die Weiber seines Stammes anständig sind in ihrer Fröhlichkeit. Doch still! Es gleicht zu sehr den Leuten von den Ansiedelungen, schmeichelnde Reden in das Ohr eines Andern zu gießen, und der Serpent hat scharfe Sinne. Er weiß, daß ich ihn liebe, und daß ich gut von ihm spreche hinter seinem Rücken; aber ein Delaware trägt Bescheidenheit in seiner innersten Natur, obgleich er prahlen wird wie ein Sünder, wenn er an einen Pfahl gebunden ist."
Der Serpent hatte nun das Ufer gerade Angesichts seiner Kameraden erreicht, mit deren Stellung er schon, ehe er das östliche Ufer verließ, bekannt gewesen sein mußte. Als er sich aus dem Wasser erhob, schüttelte er sich wie ein Hund und rief in seiner gewohnten Weise — „Hugh!"
Sechstes Kapitel.
Ewiger Vater, die hier wechselnd sich gestalten,
Sind die andre Seite nur von Dir.
Thomson.
Als der Häuptling an das Land gestiegen war, und mit dem Pfadfinder zusammentraf, redete dieser ihn in der Sprache der Krieger seines Volkes an.
„War es wohlgethan, Chingachgook," sagte er vorwurfsvoll, „sich gegen ein Dutzend Mingo's ganz allein in einen Hinterhalt zu legen?" 's ist zwar wahr, der Hirschetödter fehlt selten, aber der Oswego ist breit, und dieser Schuft zeigte wenig mehr als den Kopf und die Schultern über dem Gebüsch, und eine ungeübte Hand und ein unsicheres Ange hätten ihn wohl fehlen mögen. Du solltest das bedacht haben, Häuptling! Du solltest hieran gedacht haben."
„Big Serpent ist ein Mohikanischer Krieger, und sieht nur die Feinde, wenn er auf seinem Kriegspfad ist. Seine Väter haben ihre Feinde im Rücken angegriffen, seit die Wasser zu fließen begannen."
„Ich kenne deine Gaben, ich kenne sie, und habe alle Achtung vor ihnen. Kein Mensch wird mich darüber klagen hören, daß eine Rothhaut der Rothhautnatur treu bleibt; aber Klugheit ziemt einem Krieger so gut als Tapferkeit, und hätten nicht diese Irokesenteufel auf ihre Freunde im Wasser gesehen, so möchten sie dir wohl heiß genug auf die Führte gekommen sein."
„Was hat der Delaware vor?" rief Jasper, welcher in diesem Augenblick bemerkte, daß der Häuptling plötzlich den Pfadfinder verließ und gegen den Rand des Wassers ging, anscheinend mit der Absicht, wieder in den Fluß zu steigen. „Er wird doch nicht so toll sein, wieder an das andere Ufer zurückzukehren, vielleicht um einer Kleinigkeit willen, die er vergessen hat?"
„Nein, gewiß nicht; er ist im Grunde so klug als tapfer, obgleich er in seinem letzten Hinterhalt sich vergessen hat. Hört Jasper" — er führte den Andern ein wenig auf die Seite, als man gerade den Indianer in das Wasser springen hörte: „hört, Junge; Chingachgook ist kein Christ, kein weißer Mann, wie wir, sondern ein Mohikanischer Häuptling, der seine eigenen Gaben hat, und den Ueberlieferungen folgt, welche ihm die Richtschnur seiner Handlungen vorschreiben: und wer sich zu Männern gesellt, die nicht so ganz von seiner Art sind, thut gut, sie der Leitung ihrer Natur und Gewohnheit zu überlassen. Ein Soldat des König? flucht und trinkt, und es wird von geringem Erfolg sein, es ihm abgewöhnen zu wollen; ein Gentleman liebt seine Leckerbissen, eine Dame ihren Federschmuck, und es fruchtet nicht viel, sich dagegen anzustemmen. Dazu sind Natur und Gaben eines Indianers weit tiefer gewurzelt , als diese Gewohnheiten, und ich zweifle deshalb nicht, daß sie ihm von dem Herrn zu einem weisen Zweck bescheert wurden, obgleich weder Ihr noch ich seinen Ratschlüssen zu folgen vermögen."
„Was soll das bedeuten? — Seht, der Delaware schwimmt auf den Körper zu, der dort an dem Felsen hängt. Warum begibt er sich in diese Gefahr?"
„Um der Ehre und des Ruhmes willen; wie die großen Herren ihre ruhige Heimath jenseits des Meeres verlassen, wo, wie sie sagen, das Herz ihnen nichts zu wünschen übrig ließ — das heißt solche Herzen, die mit den Lichtungen zufrieden sein können — und hierher kommen, um von der Jagd zu leben und gegen die Franzosen zu kämpfen."
„Ich verstehe Euch, Euer Freund ist hingegangen, um sich des Skalps zu versichern."
„'s ist seine Gabe, und er mag sich derselben freuen. Wir sind weiße Männer und können einen todten Feind nicht verstümmeln. Aber in den Augen einer Rothhaut erscheint dieß als ehrenhaft. Es mag Euch sonderbar vorkommen, Eau-douce, aber ich habe weiße Männer von großem Namen und Charakter ebenso merkwürdige Ideen von Ehre kundgeben sehen."
„Ein Wilder bleibt ein Wilder, Pfadfinder, mag er in was immer für einer Gesellschaft leben."
„Wir haben da gut reden, Junge, aber die Ehre des Weißen steht gleichfalls nicht immer im Einklang mit der Vernunft und dem Willen Gottes. Ich habe in den stillen Wäldern draußen manchen Tag in Gedanken über diese Gegenstände zugebracht, und bin nun zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Vorsehung, welche alle Dinge regelt, keine Gaben ohne weisen und vernünftigen Zweck verurtheilt. Wären Indianer zu Nichts nütze, so wären keine geschaffen worden, und ich glaube, daß am Ende auch die Stämme der Mingo's zu irgend einem vernünftigen und eigenthümlichen Zwecke vorhanden sind, obgleich ich bekenne, daß die Erkenntniß desselben über meine Einsicht geht."
„Der Serpent setzt sich bei diesem Skalpholen der größten Gefahr aus. Er kann uns den Tag verlieren."
„Wie er es betrachtet, nicht, Jasper. Dieser einzige Skalp gereicht ihm, nach seinen Begriffen vom Krieg, zu einer größeren Ehre, als ein ganzes Feld voll Erschlagener, welche ihre Haare auf dem Kopf haben. Da hat der seine junge Kapitän vom Sechzigsten bei dem letzten Gefecht, das wir mit den Franzosen hatten, sein Leben dem Versuch geopfert, einen feindlichen Dreipfünder zu nehmen, wobei er sich auch Ehre zu erwerben hoffte; dann habe ich noch einen jungen Fähndrich gekannt, der sich in seine Fahne wickelte, um darin den blutigen Todesschlaf zu schlafen. Mochte er sich wohl einbilden, daß er so sanfter ruhe, als auf einer Büffelshaut?"
„Ja, es ist ein anerkanntes Verdienst, seine Flagge nicht nieder zu halten."
„Und dieß sind Chingachgooks Fahnen — er wird sie aufbewahren, um sie seinen Kindeskindern zu zeigen." — Hier unterbrach sich Pfadfinder, schüttelte melancholisch den Kopf und fuhr fort. „Was sage ich! Kein Sprößling ist dem alten Mohikanischen Stamme geblieben. Er hat keine Kinder, die er mit seinen Siegeszeichen erfreuen könnte; keinen Stamm, der seine Thaten preist. Er ist ein einsamer Mann in dieser Welt, und doch hält er treu an seiner Erziehung und seinen Gaben! Es liegt etwas Ehrenwerthes und Achtbares hierin, Jasper, Ihr müßt es zugeben; ja, es liegt etwas Würdiges darin."
Hier erhob sich unter den Irokesen ein gewaltiges Geschrei, welchem schnell das Knallen ihrer Büchsen folgte. Die Feinde wurden in ihrem Bemühen, den Delawaren von seinem Opfer zurückzutreiben, so hitzig, daß ein Dutzend derselben in das Wasser stürzten, und Einige fast auf hundert Fuß in der schäumenden Strömung vordrangen, als ob sie wirklich an einen ernstlichen Ausfall dächten. Aber Chingachgook machte ruhig weiter, da er von den Geschossen unverletzt geblieben war, und beendete seine Aufgabe mit der Gewandtheit einer langen Uebung. Dann schwang er sein triefendes Siegeszeichen in der Luft und ließ seinen Schlachtruf in den furchtbarsten Intonationen erschallen. Eine Minute lang ertönten nun die Hallen des schweigenden Waldes und der tiefe, von dem Laufe des Stromes gebildete Einschnitt von einem schrecklichen Geschrei wieder, so daß Mabel in ununterdrückbarer Furcht ihr Haupt sinken ließ, während ihr Onkel einen Augenblick ernstlich auf Flucht bedacht war.
„Das übersteigt Alles, was ich je von diesen Elenden gehört habe," rief Jasper voll Entsetzen und Abscheu, indem er sich die Ohren zuhielt.
„'s ist ihre Musik, Junge; ihre Trommeln und Pfeifen; ihre Trompeten und Zinken. Es ist kein Zweifel, daß sie diese Töne lieben, denn sie erregen in ihnen ungestüme Gefühle und das Verlangen nach Blut," erwiederte Pfadfinder in vollkommener Ruhe. „Ich hielt sie für schrecklicher, als ich noch ein junger Bursche war; jetzt aber sind sie meinen Ohren nicht mehr, als das Pfeifen des Windfängers oder der Gesang des Spottvogels, und stünde dieses kreischende Gewürm von den Fällen an bis zur Garnison, Einer an dem Andern, so würde es jetzt keinen Eindruck mehr auf meine Nerven machen. Ich sage das nicht aus Prahlerei, Jasper; denn der Mann, der die Feigheit durch die Ohren eindringen läßt, hat jedenfalls ein schwaches Herz. Töne und Geschrei sind mehr geeignet, Weiber und Kinder zu beunruhigen, als einen Mann, der gewohnt ist, die Wälder zu durchspähen, oder dem Feinde in's Angesicht zu schauen. Ich hoffe, der Serpent ist nun zufrieden gestellt, denn da kommt er mit dem Skalp an seinem Gürtel.“
Jasper wandte voll Abscheu über das letzte Beginnen des Delawaren sein Gesicht ab, als dieser an's Land stieg. Pfadfinder aber betrachtete seinen Freund mit der philosophischen Gleichgültigkeit eines Mannes, dessen Geist sich gewöhnt hat, auf alle ihm außer wesentlich scheinenden Dinge ohne Vorurtheil zu blicken. Als der Delaware sich tiefer in das Gebüsch begab, um seinen ärmlichen Kattunanzug auszuringen und seine Büchse für den Dienst in Stand zu setzen, warf er einen triumphirenden Blick auf seine Gefährten, nach welchem jedoch alle auf seine vermeintliche Heldenthat Bezug habenden Gefühlsäußerungen verschwanden.
„Jasper," begann nun der Wegweiser, „geht zu Meister Caps Station hinunter, und ersucht ihn, sich mit uns zu vereinigen. Wir haben nur wenig Zeit zur Berathung und müssen daher schnell unsern Plan entwerfen; denn es wird nicht lange anstehen, bis diese Mingo's neues Unheil spinnen."
Der junge Mann gehorchte, und in wenigen Minuten waren die Viere in der Nähe des Ufers versammelt, um über ihre nächsten Bewegungen Rath zu schlagen, wobei sie sich jedoch vorsichtig verbargen und ein wachsames Auge auf das Beginnen ihrer Feinde hielten.
Mittlerweile hatte sich der Tag zu seinem Ende geneigt und weilte noch einige Minuten zwischen dem scheidenden Lichte und einer Dunkelheit, welche tiefer als gewöhnlich zu werden versprach. Die Sonne war bereits hinter den Horizont gesunken, und die Dämmerung ging schon in das Dunkel der tiefen Nacht über. Die meiste Hoffnung unserer Gesellschaft hing an diesem begünstigenden Umstand, obgleich er auch nicht alle Gefahr beseitigte, denn wiewohl er ihrer Flucht Vorschub that, so verhehlte er auch zugleich die Bewegungen ihrer verschmitzten Feinde.
„Männer," begann der Pfadfinder, „der Augenblick ist gekommen, wo wir mit Besonnenheit unsere Pläne entwerfen müssen, um gemeinschaftlich und nach bester Würdigung unserer Gaben handeln zu können. In einer Stunde werden diese Wälder so dunkel als um Mitternacht sein, und wenn wir je die Garnison erreichen wollen, so muß es unter dem Schutze dieses günstigen Umstandes geschehen. Was sagt Ihr, Meister Cap? Denn obgleich Ihr in den Kämpfen und Rückzügen der Wälder nicht unter die Erfahrensten gehört, so berechtigen Euch doch Eure Jahre, zuerst im Rathe und in dieser Sache zu sprechen."
„Und meine nahe Verwandtschaft zu Mabel, Pfadfinder, die doch auch als etwas anzuschlagen ist."
„Ich weiß das nicht, ich weiß das nicht. Rücksicht ist Rücksicht, und Zuneigung ist Zuneigung, ob sie eine Gabe der Natur ist, oder ob sie aus dem eigenen Urtheil und einer freiwilligen Anhänglichkeit fließt. Ich will hier nicht von Serpent sprechen, der für die Weiber keinen Sinn mehr hat, aber wohl von Jasper und mir, wir sind eben so bereit, uns zwischen des Sergeanten Tochter und die Mingo's zu stellen, als es ihr eigener braver Vater thun würde. Sag' ich nicht die Wahrheit, Junge?"
„Mabel kann bis zum letzten Tropfen Bluts auf mich rechnen," sprach Jasper, zwar mit verhaltenem Tone, aber mit tiefem Ausdruck des Gefühls.
„Gut, gut," erwiederte der Onkel, „wir wollen über diesen Gegenstand nicht streiten, da Alle bereit scheinen, dem Mädchen zu dienen; und Thaten sind besser als Worte. Nach meinem Gutachten können wir nichts Anderes thun, als an den Bord des Kahnes gehen, sobald es dunkel genug ist, daß uns die feindlichen Ausluger nicht sehen können, und gegen den Hafen rennen, so schnell es Wind und Zeit erlaubt."
„Das ist leicht gesagt, aber nicht leicht gethan!" entgegnete der Wegweiser. „Wir werden in dem Fluß weit mehr Gefahren ausgesetzt sein, als wenn wir unsern Weg durch die Wälder verfolgen, und dann ist die Stromenge des Oswego vor uns. Ich glaube nicht, daß selbst Jasper einen Kahn in der Dunkelheit wohlbehalten darüber wegbringen wird. Was sagt Ihr, Junge, da ich das Eurem Urtheil und Eurer Geschicklichkeit überlassen muß."
„Ich bin, die Benützung des Kahnes anlangend, mit Meister Cap einer Meinung. Mabel ist zu zart, um in einer Nacht, wie diese zu werden scheinet, durch Sümpfe und unter Baumwurzeln zu gehen, und dann fühle ich mein Herz immer kräftiger und mein Auge treuer, wenn ich mich auf dem Wasser befinde."
„Kräftig mag Euer Herz immer sein, Junge, und Euer Auge erträglich treu, wenigstens treu genug für Einen, der so viel im hellen Sonnenscheine und so wenig in den Wäldern gelebt hat. Freilich, der Ontario hat keine Bäume, sonst würde er eine Fläche sein, die das Herz eines Jägers erfreuen könnte. Aber was Eure Meinung anbelangt, Freunde, so hat sie viel für sich und viel gegen sich. Einmal ist es richtig! das Wasser hinterläßt keine Fährte —"
„Was ist denn das Kielwasser anders?" unterbrach ihn der hartnäckige und überkluge Cap.
„Wie?"
„Macht nur fort," sagte Jasper, „er bildet sich ein, er sei auf dem Meere — Wasser hinterläßt keine Fährte —"
„Es hinterläßt keine, Eau-douce, wenigstens bei uns nicht, obgleich ich mir nicht anmaße, zu sagen, was es aus dem Meere hinterläßt. Ein Kahn ist schnell und bequem, wenn er mit der Strömung schwimmt, und den zarten Gliedern der Sergeantentochter wird diese Bewegung gut bekommen. Andererseits aber hat der Fluß keine Verstecke, als die Wolken des Himmels. Die Stromenge ist sogar bei Tage für einen Kahn ein kitzliches Wagestück; und dann ist es zu Wasser sechs wohlgemessene Meilen von hier an bis zur Garnison. Eine Landspur dagegen findet man in der Dunkelheit nicht leicht auf. Es beunruhigt mich, Jasper, denn wirklich ist hier guter Rath theuer."
„Wenn der Serpent und ich in den Fluß schwimmen und den andern Kahn aufbringen könnten," erwiderte der junge Schiffer, „so möchte unser sicherster Weg der zu Wasser sein."
„Ja, wenn! — Und doch ließe sich's vielleicht thun, wenn es erst ein wenig dunkler geworden ist. Gut, gut, wenn ich des Sergeanten Tochter und ihre Gaben betrachte, so weiß ich nicht, ob es nicht doch das Beste sein mag. Ja, wenn es blos eine Partie von Männern wäre, so möchte es eine lustige Hatz werden, wenn wir mit jenen schuftigen Burschen ein wenig Versteckens spielten. Jasper," fuhr der Wegweiser fort, in dessen Charakter keine Spur von eitlem Gepränge oder Bühneneffekt Raum fand, „wollt Ihr es unternehmen, den Kahn aufzubringen?"
„Ich will Alles unternehmen, was zu Mabels Dienst und Schutz dienen kann, Pfadfinder."
„Das ist ein rechtschaffenes Gefühl, und ich denke, es ist Natur. Der Serpent, der bereits fast entkleidet ist, kann Euch helfen. So wird diesen Teufeln wenigstens eines der Mittel abgeschnitten, mit denen sie Unheil stiften könnten."
„Nachdem dieser wichtige Punkt im Reinen war, bereiteten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft vor, ihn zur Ausführung zu bringen. Die Schatten des Abends fielen dicht über den Forst, und als es so dunkel geworden war, daß man unmöglich mehr die Gegenstände am jenseitigen Ufer unterscheiden konnte, war Alles zu dem Versuche bereit. Die Zeit drängte; denn die indianische Schlauheit konnte so manches Mittel ersinnen, um über einen so schmalen Strom zu setzen, so daß der Pfadfinder mit Ungeduld darauf drang, den Ort zu verlassen. Während Jasper und sein Helfer, blos mit Messern und dem Tomahawk des Delawaren bewaffnet, in den Strom gingen und die größte Sorgfalt anwandten, um keine ihrer Bewegungen zu verrathen, holte der Wegweiser Mabel aus ihrem Verstecke, hieß sie und Cap am Ufer hin bis an den Fuß der Stromschnellen gehen, und bestieg selbst den andern Kahn, um ihn an dieselbe Stelle hinzubringen.
Dieß war leicht bewerkstelligt. Der Kahn wurde an das Ufer getrieben, und Mabel und Cap stiegen ein, um ihre vorigen Sitze wieder einzunehmen. Der Pfadfinder stand im Stern aufrecht und hielt bei einem Gebüsche, um zu verhüten, daß das schnelle Wasser sie nicht in die Strömung reiße. Einige Minuten gespannter und athemloser Aufmerksamkeit folgten, während welcher sie den Erfolg des kühnen Versuches ihrer Kameraden erwarteten.
Es muß bemerkt werden, daß die zwei Abenteurer sich genöthigt sahen, über das tiefe und reißende Fahrwasser zu schwimmen, ehe sie den Theil der Stromenge erreichen konnten, welcher ihnen das Waten gestattete. So weit war jedoch die Unternehmung bald gediehen, und Jasper und Serpent erreichten in dem gleichen Augenblick Seite an Seite den Grund. Als sie nun festen Fuß gewonnen hatten, nahmen sie sich gegenseitig bei der Hand und wateten langsam und mit der äußersten Vorsicht in der Richtung fort, in welcher sie den Kahn vermutheten. Aber die Tiefe der Finsterniß brachte sie zu der Ueberzeugung, daß ihnen der Gesichtssinn hier nur wenige Hülfe gewähre, und daß ihr Suchen durch jene Art von Instinkt geleitet werden müsse, welche die Jäger in den Stand setzt, ihren Weg unter Umständen zu finden, wo keine Sonne und kein Stern einen Leitpunkt abgibt, und wo einem Neuling in den Labyrinthen der Urwälder Alles nur wie ein Chaos erscheinen würde. Unter solchen Verhältnissen ergab sich Jasper darein, sich von dem Delawaren leiten zu lassen, dessen Gewohnheiten ihn am ehesten geeignet machten, die Führung zu übernehmen. Es war jedoch keine kleine Aufgabe, in dieser Stunde mitten durch das brausende Element zu waten, und alle Oertlichkeiten dem Geiste so einzuprägen, daß ihnen die nöthige Erinnerung daran blieb. Als sie sich in der Mitte des Stromes glaubten, waren die Ufer blos noch als dunkle Massen zu unterscheiden, deren Umrisse am Himmel kaum durch die Einschnitte der Baumwipfel angedeutet wurden. Ein oder zweimal veränderten die Wanderer ihren Curs, weil sie unerwartet in das tiefe Wasser gekommen waren; denn sie wußten, daß der Kahn an der seichtesten Stelle der Stromenge sich befand. Dieß war auch überhaupt ihr einziger Leitpunkt, und Jasper und sein Gefährte tappten nun schon nahezu eine Viertelstunde im Wasser herum, eine Zeit, welche dem jungen Mann gar kein Ende zu nehmen schien, und doch waren sie scheinbar dem Gegenstand ihres Suchens nicht näher, als sie es im Anfang gewesen waren. Gerade, als der Delaware anhalten wollte, um seinem Kameraden mitzutheilen, daß sie besser thun würden, an's Land zurückzukehren und von dort aus einen neuen Versuch zu machen, sah er in einer Entfernung, die er mit dem Arme erreichen konnte, die Gestalt eines Menschen sich im Wasser bewegen. Jasper stand neben Serpent, dem es nun auf einmal klar wurde, daß die Irokesen die gleiche Absicht mit ihnen hatten.
„Mingo!" wisperte er in Jaspers Ohr — „Big Serpent wird seinem Bruder zeigen, wie man schlau ist."
Der junge Schiffer warf in diesem Moment einen Blick auf die Gestalt und die erschreckende Wahrheit blitzte auch in seiner Seele auf. Da er die Nothwendigkeit erkannte, sich hier ganz dem Delawarenhäuptling anzuvertrauen, so hielt er sich zurück, indeß sein Freund sich vorsichtig in der Richtung fortbewegte, in welcher die fremde Gestalt verschwunden war. Im nächsten Augenblick wurde sie wieder sichtbar und bewegte sich augenblicklich auf unsere beiden Abenteurer zu. Die Wasser tobten in einer Weise, daß von dem gewöhnlichen Ton der Stimme nichts zu besorgen stand; der Indianer wendete daher den Kopf rückwärts und sprach hastig: „Ueberlass' dieß der Schlauheit der großen Schlange."
„Hugh!" rief der fremde Wilde und fuhr in der Sprache seines Volkes fort — „der Kahn ist gefunden, aber es ist Niemand da, mir zu helfen. Kommt, laßt uns ihn vom Felsen losmachen."
„Gern," antwortete Chingachgook, welcher den Dialekt verstand, „führe uns, wir wollen folgen."
Der Fremde, welcher mitten in dem Brausen der Wasser die Stimme und den Accent nicht zu unterscheiden vermochte, führte sie in der erforderlichen Richtung, wobei die beiden Letzteren sich dicht an seine Ferse hielten, und so erreichten alle Drei schnell den Kahn. Der Irokese hielt an dem einen Ende, Chingachgook stellte sich in der Mitte auf, und Jasper begab sich zu dem andern, da es von Wichtigkeit war, daß der Fremde nicht die Anwesenheit eines Blaßgesichts gewahr werde, — eine Entdeckung, die eben so gut durch die Kleidungsstücke, welche der junge Mann noch trug, als durch das Sichtbarwerden seines Kopfes hätte herbeigeführt werden mögen.
„Lüpft!" sagte der Irokese mit der seiner Rasse eigenthümlichen Kürze, und mit geringer Anstrengung machten sie den Kahn vom dem Felsen los, hielten ihn einen Augenblick in der Luft, um ihn auszuleeren, und setzten ihn dann sorgfältig in der geeigneten Lage auf das Wasser. Alle Drei hielten fest, damit er nicht unter dem heftigen Drängen der Strömung ihren Händen entschlüpfte, während der Irokese, welcher den Curs leitete und sich an dem Bug des Kahnes befand, die Richtung nach dem östlichen Ufer, oder dem Orte, wo seine Freunde seine Rückkehr erwarteten, einschlug.
Da der Delaware und Jasper auf dem Umstand, daß ihre eigene Erscheinung dem Indianer so gar nicht aufgefallen war, annehmen konnten, daß sich noch mehrere Irokesen in der Stromenge befanden, so fühlten sie die Nothwendigkeit der äußersten Vorsicht. Männer von weniger Muth und Entschlossenheit würden zuviel Gefahr zu laufen gefürchtet haben, wenn sie sich in die Mitte ihrer Feinde begaben; aber die kühnen Gränzleute kannten die Furcht nicht, waren mit Gefahren vertraut, und sahen die Nothwendigkeit, wenigstens die Besitzergreifung des Fahrzeugs von Seite der Feinde zu verhindern, zu sehr ein, um nicht mit Freuden zu Erringung dieses Zweckes sich sogar noch größeren Wagnissen zu unterziehen. Jaspern erschien auch in der That der Besitz oder die Zerstörung dieses Kahnes für Mabel so wichtig, daß er sein Messer zog, und sich bereit hielt, Löcher in denselben zu stoßen, um ihn wenigstens für den Augenblick unbrauchbar zu machen, wenn er und der Delaware durch irgend einen Umstand zum leeren Rückzug genöthigt werden sollten.
Mittlerweile schritt der Irokese, welcher den Zug anführte, in der Richtung seiner eigenen Partei, langsam durch das Wasser und schleppte seine widerstrebenden Hintermänner nach. Einmal hatte Chingachgook schon seinen Tomahawk erhoben, um ihn in das Hirn seines vertrauenden und argwohnlosen Nachbars zu senken; aber die Wahrscheinlichkeit, daß der Todesschrei oder der schwimmende Körper Lärm erregen würden, veranlaßte den behutsamen Häuptling, sein Vorhaben zu ändern. Im nächsten Augenblick bereute er jedoch seine Unentschlossenheit, denn plötzlich fanden sich die Drei, welche den Kahn festhielten, von vier Andern umgeben, welche gleichfalls nach dem Fahrzeug spähten.
Nach den gewöhnlichen kurzen charakteristischen Ausrufungen, welche ihre Zufriedenheit bezeichneten, hielten die Wilden den Kahn mit Lebhaftigkeit an; denn Alle schienen die Notwendigkeit, sich dieser wichtigen Erwerbung zu versichern, zu fühlen, da solche auf der einen Seite zur Verfolgung der Feinde, auf der andern zur Sicherung des Rückzuges dienen sollte. Dieser Zuwachs der Gesellschaft war jedoch so unerwartet, und gab dem Feinde ein so vollständiges Uebergewicht, daß sich selbst der Scharfsinn und die Gewandtheit des Delawaren einige Augenblicke in Verlegenheit befand. Die fünf Irokesen, welche den Werth ihrer Sendung vollkommen erkannten, drängten gegen ihr Ufer zu, ohne zu einer Besprechung anzuhalten: denn ihre Absicht ging in Wahrheit dahin, die Ruder, deren sie sich vorläufig versichert hatten, zu holen, und drei oder vier Krieger einzuschiffen, sammt allen ihren Büchsen und Pulverhörnern, deren Mangel allein sie verhindert hatte, sobald es dunkel war, über den Fluß zu schwimmen.
So erreichten nun Freunde und Feinde mit einander den Rand des östlichen Fahrwassers, wo, wie in dem westlichen, das Wasser zu tief war, um durchwatet werden zu können. Hier erfolgte eine kurze Pause, denn es war nöthig, die Art zu bestimmen, wie man den Kahn darüber wegbringen solle. Einer von den Vieren, welcher eben bei dem Boot angelangt war, war ein Häuptling, und da der amerikanische Indianer dem Verdienst, der Erfahrung und dem Range Achtung zu zollen gewöhnt ist, so verhielten sich alle Uebrigen stille, bis her Führer gesprochen hatte.
Durch diesen Halt wurde die Gefahr einer Entdeckung für Jasper, obgleich er zur Vorsorge seine Mütze in den Kahn geworfen hatte, noch vermehrt. Doch mochten seine Umrisse in der Dunkelheit, da er Jacke und Hemd ausgezogen hatte, weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und seine Stellung am Hintertheile des Kahnes begünstigte gleichfalls ein Verborgenbleiben, da die Indianer mehr vorwärts blickten. Nicht so verhielt sich's mit Chingachgook, welcher sich buchstäblich mitten unter seinen tödtlichsten Feinden befand und sich kaum bewegen konnte, ohne einen derselben zu berühren. Er verhielt sich jedoch ruhig, obgleich alle seine Sinne rege waren und er jeden Augenblick bereit stand, zu entwischen, oder im geeigneten Moment einen Schlag zu führen. Die Gefahr einer Entdeckung wurde noch dadurch vermindert, daß er sich sorgfältig enthielt, auf die, welche hinter ihm waren, zurück zu blicken, und so wartete er mit der unüberwindlichen Geduld eines Indianers auf den Augenblick, welcher ihm zu handeln gestattete.
„Mögen alle meine jungen Leute an's Land gehen und ihre Waffen holen, bis auf die zwei an den Enden des Boots. Diese mögen den Kahn über die Strömung wegbringen."
Die Indianer gehorchten ruhig und ließen Jasper an dem Stern, und den Indianer, welcher den Kahn aufgefunden hatte, an dem Bug des leichten Fahrzeuges. Chingachgook tauchte so tief in den Fluß, daß er ohne entdeckt zu werden, an den Andern vorbei kommen konnte. Das Plätschern in dem Wasser, das Schlagen der Arme und der gegenseitige Zuruf verkündete bald, daß die Vier, welche sich später zu der Gesellschaft gefunden, im Schwimmen begriffen waren. Sobald der Delaware sich hievon überzeugt hatte, erhob er sich, nahm seine frühere Stellung wieder ein und dachte nun aus den Augenblick des Handelns.
Ein Mann von geringerer Selbstbeherrschung als der unseres Kriegers würde wahrscheinlich jetzt seinen beabsichtigten Streich ausgeführt haben. Aber Chingachgook wußte, das noch mehr Irokesen hinter ihm in der Strömung sich befanden, und er war ein zu geübter und erfahrener Krieger, um irgend etwas unnützerweise zu wagen. Er ließ deßhalb den Indianer am Bug des Kahnes in das tiefe Wasser stoßen, und nun schwammen alle Drei in der Richtung des östlichen Ufers fort. Statt aber das Fahrzeug quer über die rasche Strömung treiben zu helfen, begannen Jasper und der Delaware, als sie sich mitten in dem kräftigsten Schusse des Wassers befanden, in einer Weise zu schwimmen, daß dadurch die weiteren Fortschritte in die Quere des Stromes verhindert wurden. Dieß geschah jedoch nicht plötzlich oder in der unvorsichtigen Manier, mit welcher ein civilisirter Mensch den Kunstgriff versucht haben würde, sondern mit Schlauheit und so allmählig, daß der Irokese am Bug zuerst dachte, er habe blos gegen die Gewalt der Strömung anzukämpfen. Wirklich trieb auch unter dem Einfluß dieser gegenwirkenden Operation der Kahn stromabwärts und schwamm in ungefähr einer Minute in dem stillen tieferen Wasser am Fuße der Stromenge. Hier fand jedoch der Irokese bald, daß etwas Ungewöhnliches sich dem Weiterkommen entgegenstemme, und als er zurückblickte, wurde es ihm klar, daß er den Grund desselben in den Bemühungen seiner Gehülfen zu suchen habe.
Jene zweite Natur, welche in uns die Gewohnheit erzeugt, sagte dem Irokesen schnell, daß er allein mit seinen Feinden sei. Mit einem raschen Stoße durch das Wasser fuhr er Chingachgook an die Kehle, und nun ergriffen sich die beiden Indianer, welche ihren Posten am Kahne verlassen hatten, mit der Wuth der Tiger. In der Mitte der Finsterniß und der düsteren Nacht, in einem Elemente schwimmend, das so gefährlich für einen tödtlichen Kampf sein mußte, schienen sie Alles mit Ausnahme ihres blutigen Hasses und des gegenseitigen Bestrebens, den Sieg davon zu tragen, vergessen zu haben.
Jasper hatte nun den Kahn, der unter den durch das Ringen der beiden Kämpfer hervorgebrachten Wellenstößen wie eine Feder im Winde dahin flog, völlig in seiner Macht. Der erste Gedanke des Jünglings war, dem Delawaren zu Hülfe zu schwimmen. Dann aber zeigte sich ihm die Wichtigkeit der Sicherung des Kahnes in ihrer vollen Gewalt, und während er auf die schweren Athemzüge der beiden Krieger, welche sich an den Kehlen gefaßt hielten, horchte, trieb er so eilig als er es vermochte, dem westlichen Ufer zu. Dieses hatte er bald erreicht, und nach kurzem Suchen die zurückgebliebene Gesellschaft, wie auch seine Kleider wieder aufgefunden. Wenige Worte genügten, um die Lage, in welcher er den Delawaren verlassen, und die Art, wie er den Kahn gerettet, auseinander zu setzen.
Als die am Ufer Befindlichen die Mittheilung Jaspers gehört hatten, trat eine tiefe Stille ein, und jeder lauschte aufmerksam in der eiteln Hoffnung, etwas zu vernehmen, was über den Ausgang des schrecklichen Kampfes, welcher im Wasser stattgefunden, oder noch fortdauerte, Aufschluß geben konnte. Aber man vernahm nichts durch das Geräusch des brausenden Flusses, und es gehörte mit zu der Politik ihrer Feinde auf dem entgegengesetzten Ufer, eine todtengleiche Stille zu beobachten.
„Nehmt dieses Ruder, Jasper," sagte Pfadfinder ruhig, obgleich es den Uebrigen dünkte, daß seine Stimme melancholischer als gewöhnlich tönte, „und folgt mir mit Euerm Kahn. — Es ist nicht räthlich, lange hier zu bleiben."
„Aber der Serpent?"
„Die große Schlange ist in den Händen ihrer eigenen Gottheit, und wir leben oder sterben, je nach den Absichten der Vorsehung. Wir können ihm nicht helfen und würden zuviel wagen, wenn wir müßig hier bleiben und wie Weiber im Unglück jammern wollten. Diese Finsternis, ist kostbar." —
Ein lauter, langer, durchdringender Schrei drang vom Ufer herüber und unterbrach die Worte des Wegweisers.
„Was bedeutet dieser Lärm, Meister Pfadfinder?" fragte Cap. „Er klingt ja mehr wie das Zetergeschrei der Teufel, als wie Töne aus den Kehlen von Menschen und Christen."
„Christen sind es keine, geben sich auch für keine aus, und wollen keine sein; und wenn Ihr sie Teufel nennt, so habt Ihr sie kaum unrecht betitelt. Dieser Schrei ist ein Freudenruf, wie ihn die Sieger ausstoßen. Es ist kein Zweifel, der Körper des Serpent ist todt oder lebendig in ihrer Gewalt."
„Und wir —," rief Jasper, welcher den Schmerz einer edlen Reue fühlte, denn der Gedanke vergegenwärtigte sich seinem Geiste, daß er wohl dieses Unglück abzuwenden vermocht hätte, wenn er seinen Kameraden nicht verlassen haben würde.
„Wir können dem Häuptling nichts nützen, Junge, und müssen diesen Platz so schnell als möglich verlassen."
„Ohne einen Versuch zu seiner Befreiung? — ja ohne zu wissen, ob er todt oder lebendig ist?"
„Jasper hat Recht," sagte Mabel, welche zwar zu sprechen vermochte, jedoch nur mit heiserer und erstickter Stimme. „Ich habe keine Furcht, Onkel, und will hier bleiben, bis ich weiß, was aus unserem Freunde geworden ist."
„Das scheint vernünftig, Pfadfinder," warf Cap ein. „Ein rechter Seemann kann nicht wohl seinen Kameraden verlassen, und es freut mich, so richtige Grundsätze unter diesem Frischwasservolk zu finden."
„Fort, fort damit," erwiederte der ungeduldige Wegweiser, indem er zugleich den Kahn in den Strom drängte. „Ihr wißt nichts, darum fürchtet Ihr nichts. Aber wenn Euch Euer Leben werth ist, so denkt daran, die Garnison zu erreichen und überlaßt den Delawaren den Händen der Vorsehung. Ach! der Hirsch, der zu oft zu der Lick geht, trifft am Ende doch mit dem Jäger zusammen!"
Siebentes Kapitel.
Dieß — Yarrow — ist der Strom, darob
In schönem wachem Traume
Die Phantasie sich kühn erhob —
Ein Bild, verwischt im Schaume!
O wär' des Sängers Harfe hier.
Daß frohe Lieder klängen.
Um aus dem schweren Busen mir
Die Oede zu verdrängen!
Wordsworth.
Die Scene war nicht ohne ihre erhabenen Momente. Die glühende, hochherzige Mabel fühlte ihr Blut durch die Adern dringen und ihre Wangen erröthen, als der Kahn in den Strom einlenkte, um den Platz zu verlassen. Die Finsterniß der Nacht hatte nachgelassen, da die Wolken sich zerstreuten; aber das überhängende Gehölz umnachtete die Ufer so sehr, daß die Kähne wie in einem dunkeln Schachte, welcher sie gegen Entdeckung schützte, in der Strömung hinabfuhren. Demungeachtet aber durften sich die in den Kähnen Befindlichen keineswegs für sicher halten, und selbst Jasper, welcher für das Mädchen zu zittern begann, warf bei jedem ungewöhnlichen Tone, der von dem Walde ausstieg, besorgte Blicke umher. Das Ruder wurde mit Leichtigkeit und der äußersten Sorgfalt geführt, denn der leichteste Ton mochte in der tiefen Ruhe dieser Stunde und dieses Ortes den wachsamen Ohren der Irokesen ihre Stellung verrathen.
Alles dieß erhob noch die großartigen Eindrücke der Lage des Mädchens und trug dazu bei, den gegenwärtigen Augenblick zu den aufregendsten zu machen, der Mabel je in ihrem kurzen Leben vorgekommen war. Muthig, voll Selbstvertrauen, wie sie war, und noch gehoben durch den Stolz, welchen sie als die Tochter eines Soldaten fühlte, konnte man kaum von ihr sagen, daß Furcht auf sie einwirke, aber ihr Herz schlug oft schneller als gewöhnlich, ihr schönes Auge strahlte, unbemerkt in der Finsterniß, mit dem Ausdruck der Entschlossenheit, und ihre belebten Gefühle steigerten noch die Erhabenheit dieser Scene und der Ereignisse dieser Nacht.
„Mabel," sprach Jasper mit unterdrückter Stimme, als die Kähne so nahe bei einander schwammen, daß die Hand des jungen Mannes sie zusammenhalten konnte. „Sie haben keine Furcht und vertrauen freimüthig unserer Sorgfalt und unserm guten Willen Ihren Schutz — nicht wahr?"
„Ich bin eines Soldaten Tochter, wie Ihr wißt, Jasper Western, und müßte erröthen, wenn ich Furcht bekennen sollte."
„Verlassen Sie sich auf mich — auf uns Alle. Euer Onkel, der Pfadfinder, der Delaware, wenn der arme Bursche hier wäre, — und ich selbst werden eher Alles wagen, ehe Ihnen ein Leides zustoßen soll."
„Ich glaube Euch, Jasper," erwiederte das Mädchen, indem sie unwillkürlich ihre Hand in dem Wasser spielen ließ. „Ich weiß, daß mein Onkel mich liebt und nie an sich selber denkt, ohne zuerst an mich gedacht zu haben; auch glaube ich, daß ihr Alle Freunde meines Vaters seid und gerne seinem Kinde beisteht. Aber ich bin nicht so schwach und zaghaft, als Ihr glauben mögt; denn obgleich ich nur ein Stadtmädchen und, wie die meisten von dieser Klasse, ein wenig geneigt bin, Gefahr zu sehen, wo keine ist, so verspreche ich Euch doch, Jasper, daß keine thörichte Furcht von meiner Seite der Ausübung Eurer Pflicht in den Weg treten soll."
„Des Sergeanten Tochter hat Recht, und sie ist werth, ein Kind des wackern Thomas Dunham zu sein," warf der Pfadfinder ein. „Ach, mein Kind, wie oft spähete oder marschirte ich mit Ihrem Vater an den Flanken oder der Nachhut des Feindes in Nächten, die dunkler waren als diese, und zwar unter Umständen, wo Keiner wissen konnte, ob ihn nicht der nächste Augenblick in einen blutigen Hinterhalt führe. Ich war an seiner Seite, als er in der Schulter verwundet wurde, und der wackere Kamerad wird, wenn wir zu ihm kommen, Ihnen erzählen, wie wir's anstellten, um über den Fluß, der uns im Rücken lag, zu setzen, und seinen Skalp zu retten."
„Er hat mir's erzählt," sagte Mabel mit mehr Feuer, als in ihrer gegenwärtigen Lage klug sein mochte. „Ich habe Briefe von ihm, in welchen er von allem Diesem Erwähnung thut, und ich danke Euch von Grund meines Herzens für Eure Dienste. Gott möge es Euch vergelten, Pfadfinder; und es gibt keine Erkenntlichkeit, die Ihr von der Tochter fordern könntet, welche sie nicht mit Freuden für ihres Vaters Leben leisten würde."
„Ja, das ist so die Weise von euch sanften und reinen Geschöpfen. Ich habe früher Einige von euch kennen gelernt, und von Andern gehört. Der Sergeant selbst hat mir von seinen jüngern Tagen erzählt, von Ihrer Mutter, von der Art, wie er um sie freite und von all den Querstrichen und widrigen Zufällen, bis er es zuletzt durchsetzte."
„Meine Mutter lebte nicht lange genug, um ihn für Alles zu entschädigen, was er that, sie zu gewinnen," sprach Mabel mit bebender Lippe.
„So sagt er mir. Der brave Sergeant hat gegen mich keinen Rückhalt, und da er um manches Jahr älter ist als ich, so betrachtete er mich auf unsern mannigfaltigen Späherzügen als so eine Art von Sohn."
„Vielleicht, Pfadfinder," bemerkte Jasper mit einer Unsicherheit der Stimme, welche den beabsichtigten Scherz vereitelte, „würde er erfreut sein, in Euch wirklich einen solchen zu besitzen?"
„Und wenn er's wäre, Eau-douce, läge etwas Arges darin? Er weiß, was ich auf der Fährte und als Kundschafter bin, und hat mich oft Aug' in Auge mit den Franzosen gesehen. Ich habe bisweilen gedacht, Junge, daß wir Alle uns Weiber suchen sollten, denn der Mann, der beständig in den Wäldern und in Berührung mit seinen Feinden oder seiner Beute steht, muß zuletzt einige Gefühle seines Geschlechts verlieren."
„Nach den Proben, die ich davon gesehen habe," erwiederte Mabel, „möchte ich sagen, daß die, welche viel in den Wäldern leben, auch vergessen, so Manches von der Hinterlist und den Lastern der Städte zu lernen!"
„Es ist nicht leicht, Mabel, immer in der Gegenwart Gottes zu weilen, und nicht die Macht seiner Güte zu fühlen. Ich habe den Gottesdienst in den Garnisonen besucht und, wie es einem braven Soldaten ziemt, versucht, an den Gebeten Antheil zu nehmen; denn, obgleich ich nicht auf der Dienstliste des Königs stehe, so kämpfe ich doch in seinen Schlachten und diene seiner Sache; — aber so sehr ich mich auch bemühte, den Garnisonsbrauch würdig mitzumachen, so konnte ich mich doch nie zu den feierlichen Gefühlen und zu der treuen Hingebung erheben, welche ich empfinde, wenn ich allein mit Gott in den Wäldern bin. Hier stehe ich Angesicht in Angesicht mit meinem Meister. Alles um mich ist frisch und schön, wie es aus Seiner Hand kommt. Da gibt es keine spitzfindigen Doktrinen, um das Gefühl zu erkälten. Nein, nein, die Wälder sind der wahre Tempel Gottes, in welchem die Gedanken frei sich erheben und über die Wolken dringen."
„Ihr sprecht die Wahrheit, Meister Pfadfinder," sagte Cap, „und eine Wahrheit, welche Alle, die viel in der Einsamkeit leben, kennen. Was ist zum Beispiel der Grund, daß die Seeleute im Allgemeinen so religiös und gewissenhaft in ihrem ganzen Thun und Lassen sind, wenn es nicht der Umstand ist, daß sie sich so oft allein mit der Vorsehung befinden, und so wenig mit der Gottlosigkeit des Landes verkehren? Oft und vielmal bin ich auf meiner Wache gestanden, unter dem Aequator oder auf dem südlichen Ocean, wenn die Nächte leuchteten von dem Feuer des Himmels; und dieses, meine Lieben, ist der geeignetste Zeitpunkt, dem sündigen Menschen seinen Zustand zu zeigen. Ich habe mich unter solchen Umständen wieder und wieder niedergeworfen, bis die Wandtaue und Talje-Reepen meines Gewissens mit Macht erknarrten. Ich stimme Euch daher bei, Meister Pfadfinder, und sage, wenn Ihr einen wahrhaft religiösen Mann sehen wollt, geht auf's Meer, oder geht in die Wälder."
„Onkel, ich habe geglaubt, die Seeleute ständen im Allgemeinen in dem Rufe, daß sie wenig Achtung vor der Religion hätten?"
„Alles heillose Verläumdung, Mädchen! frage einmal einen Seefahrer, was seine wirkliche Herzensmeinung über die Bewohner des Landes, die Pfarrer und alle Uebrigen sei, so wirst du etwas ganz Anderes hören. Ich kenne keine Menschenklasse, welche in dieser Beziehung mehr verläumdet wird, als die Seeleute, und aus keinem andern Grund, als weil sie nicht zu Hause bleiben, um sich zu vertheidigen und die Geistlichkeit zu bezahlen. Sie haben freilich nicht so viel Unterricht, als die auf dem Land; aber was das Wesen des Christenthums anbelangt, so segeln die Seeleute die Ufermenschen stets in den Grund."
„Ich will für alles Dieß nicht einstehen, Meister Cap," entgegnete Pfadfinder, „obschon Einiges davon wahr sein mag. Aber es bedarf nicht des Donners und des Blitzes, um mich an meinen Gott zu erinnern, und ich bin nicht der Mann, Seine Güte eher in der Verwirrung und Trübsal zu bewundern, als an einem feierlichen, ruhigen Tage, wo Seine Stimme aus dem Krachen der todten Baumzweige, oder im Gesange eines Vogels meinen Ohren wenigstens eben so lieblich tönt, als wenn ich sie in dem Aufruhr der Elemente vernehmen müßte. Wie ist es mit Euch, Eau-douce? Ihr habt es eben so gut mit Gewittern zu thun, als Meister Cap, und müßt etwas von den Gefühlen kennen, welche im Angesicht eines Sturmes auftauchen."
„Ich fürchte, daß ich zu jung und unerfahren bin, um viel über diesen Gegenstand sagen zu können," erwiederte Jasper bescheiden.
„Ihr fühlt aber doch Etwas dabei!" sagte Mabel rasch. „Ihr könnt nicht — Niemand kann unter solchen Scenen leben, ohne zu empfinden, wie sehr er des Vertrauens auf Gott bedarf."
„Ich will meine Erziehung nicht zu sehr verläugnen, und deßhalb gestehen, daß ich wohl dabei bisweilen meine Gedanken habe, aber ich fürchte, daß dieses nicht so oft und so viel geschieht, als es sollte."
„Frisch-Wasser!" erwiederte Cap nachdrücklich. „Du wirst doch nicht zu viel von dem jungen Mann erwarten, Mabel. Ich denke, man nennt Euch bisweilen mit einem Namen, der alles Dieß bezeichnet, Eau-de-vie, nicht wahr?"
„Eau-douce," entgegnete mit Ruhe Jasper, der sich bei Gelegenheit seiner Fahrten auf dem See sowohl die Kenntniß des Französischen, wie auch mehrere Dialekte der Indianer zu eigen gemacht hatte. „Es ist der Name, den die Irokesen mir gegeben haben, um mich von einigen meiner Gefährten zu unterscheiden, welche einmal eine Fahrt auf dem Meere mitgemacht haben, und nun die Ohren der Landbewohner mit Geschichten von ihren großen Salzwasserseen erfüllen."
„Und warum sollten sie das nicht thun? Sie thun dadurch den Wilden keinen Schaden, und wenn es auch nichts zu ihrer Civilisation beiträgt, so kommen sie dadurch doch nicht in eine noch größere Barbarei. Ja, ja, Eau-douce, denn das mag doch wohl den weißen Branntwein bedeuten, den man füglich genug Eau-deuce[Ein unübersetzbares Wortspiel Mischen dem im Englischen gleichlautenden Eau-douce und Eau-deuce, von denen das letztere Teufelswasser bedeutet.] nennen kann, weil er so ein verteufelter Stoff ist."
„Die Bedeutung von Eau-douce ist süßes Wasser, oder Wasser, welches getrunken werden kann; die Franzosen nennen so das frische Wasser," erwiederte Jasper, welchen die von Cap gemachte Bemerkung, obgleich er Mabels Onkel war, nicht auf's Angenehmste berührte.
„Wer wie zum Henker können sie aus Eau-in-deuce Wasser machen, wenn sie unter Eeau-de-vie Branntwein verstehen? So mögen es meinetwegen die Franzosen in dieser Gegend halten; das ist aber nicht der Brauch in Burdox und andern französischen Häfen. Außerdem versteht man bei den Seeleuten unter Eau immer Branntwein, und unter Eau-de-vie einen Branntwein von höherer Stärke. Ich verdenke Euch übrigens Eure Unwissenheit nicht, denn sie ist Eurer Stellung angemessen, und da ist nicht zu helfen. Wenn Ihr mich aber zurückbegleiten und eine Reise oder zwei auf dem Weltmeer mitmachen wollt, so möchte das für den Rest Eurer Tage einen geeigneten Wendepunkt abgeben, und Mabel hier, wie auch alle andere jungen Frauenspersonen werden besser von Euch denken, wenn Ihr auch so alt werden solltet, als einer von den Bäumen in diesem Forste."
„Nein, nein," unterbrach ihn der redliche und freimüthige Wegweiser, „ich kann Euch versichern, daß es Jaspern in dieser Gegend nicht an Freunden fehlt; und obgleich das Umsehen in der Welt ihm so gut als einem Andern von Nutzen sein kann, so soll doch Niemand geringer von ihm denken, selbst wenn er uns nie verläßt. Eau-douce oder Eau-de-vie — er ist ein braver, treuherziger Junge, und ich habe immer so gesund geschlafen, wenn er auf der Wache war, als wenn ich selbst aufgewesen wäre und mich umgethan hätte; ja, und eben deßhalb noch gesunder. Des Sergeanten Tochter wird es nicht für nöthig halten, daß ein junger Bursche auf's Meer gehe, um ein Mann zu werden oder sich Achtung und Ansehen zu erwerben."
Mabel erwiederte Nichts auf diese Berufung und blickte gegen das westliche Ufer, obgleich die Finsterniß auch ohne diese natürliche Bewegung ihr Antlitz verborgen hätte. Auch Jasper fühlte die Nothwendigkeit, hier zu sprechen, denn der Stolz der jugendlichen Männlichkeit empörte sich gegen den Gedanken, daß er nicht in der Lage sei, über die Achtung seiner Kameraden oder das Lächeln seiner Altersgenossinnen zu gebieten. Er wollte sich jedoch keine unfreundlichen Aeußerungen gegen Mabels Onkel erlauben, und so mochte vielleicht seine Selbstbeherrschung noch achtungswerther erscheinen, als seine Bescheidenheit und sein Geist.
„Ich mache keinen Anspruch auf Dinge, die ich nicht besitze," sprach er, „und habe nie gesagt, daß ich von dem Meere und einer Schifffahrt etwas verstehe. Wir steuern auf unsern Seen nach den Sternen und dem Compaß, und fahren von einem Vorgebirge zum andern, ohne uns der Figuren und Berechnungen zu bedienen, deren wir wenig bedürfen. Wir dürfen uns aber demungeachtet auch Etwas darauf zu Gute thun, wie ich oft von Solchen, welche sich Jahre lang auf dem Meere umgetrieben, gehört habe. Erstens haben wir überall das Land am Bord und oft an dem Legerwall, und dies macht, wie ich häufig gehört habe, kühne Segler. Unsere Winde sind plötzlich und heftig, und wir sind keine Stunde sicher, daß wir nicht nach einem Hafen eilen müssen —"
„Ihr habt Eure Lothe," unterbrach ihn Cap.
„Sie sind von geringem Nutzen und werden selten ausgeworfen."
„Das Tiefloth — «
„Ich habe von einem solchen Ding gehört, muß aber gestehen, daß ich nie eines sah."
„O! zum Henker!" rief Cap mit Heftigkeit. „Ein Schiffer und kein Tiefloth! Junge, Ihr könnt keinen Anspruch darauf machen, so ein Stück von einem Seemann zu sein. Wer, zum Teufel, hat je von einem Schiffer gehört ohne sein Tiefloth?"
„Ich mache keinen Anspruch auf irgend eine besondere Geschicklichkeit, Meister Cap—"
„Das Schießen über die Fälle und die Strömungen ausgenommen, Jasper," sagte Pfadfinder, der ihm zu Hilfe kam „in diesem Geschäft müßt auch Ihr, Meister Cap, ihm einige Gewandtheit zugestehen. Nach meinem Urtheil muß Jeder nach seinen Gaben geschätzt oder verurtheilt werden; und wenn Meister Cap bei dem Hinabschießen über die Oswegofälle zu Nichts nütze ist, so will ich nur daran erinnern, daß er gute Dienste zu leisten vermag, wenn er das Land aus dem Gesichte verloren hat. Wenn nun Jasper auch für die offene See nicht taugt, so vergesse ich dabei nicht, daß er ein treues Auge und eine sichere Hand hat, wenn er über die Fälle setzt."
„Aber Jasper taugt wohl — würde wohl für die offene See taugen," sagte Mabel mit einer Lebhaftigkeit in ihrer hellen und süßen Stimme, daß Alle mitten in der Stille dieser außerordentlichen Scene darüber erschraken. „Ich meine, ein Mann, der hier so viel zu leisten vermag, kann dort nicht untauglich sein, wenn er gleich nicht so mit den Schiffen vertraut ist, als mein Onkel."
"Ja, ja, unterstützt euch nur gegenseitig in eurer Unwissenheit," erwiederte Cap mit höhnischem Lächeln. Wir Seeleute haben immer die Mehrzahl gegen uns, wenn wir am Ufer sind, und können deßhalb selten zu unserem Recht kommen; aber wenn es die Vertheidigung gilt, oder die Führung des Handels, da sind wir dann doch der Gutgenug!"
„Aber, Onkel, die Bewohner des Landes kommen nicht, um unsere Küsten anzugreifen. Es treffen also die Seeleute nur mit Seeleuten zusammen."
„Da hat man wieder die Ignoranz! — Wo sind alle die Feinde, die in dieser Gegend gelandet haben, Franzosen und Engländer? Ich will nur das fragen."
„In der That, wo sind sie?" rief Pfadfinder aus. „Niemand kann das besser sagen, als die, welche sich in den Wäldern aufhalten, Meister Cap. Ich habe oft ihre Marschlinie verfolgt nach den Gebeinen, die im Regen bleichten; ich habe Jahre nachher ihre Spur bei Gräbern gefunden, nachdem sie und ihr Stolz lange verschwunden waren. Generale und Gemeine lagen durch das Land zerstreut, als eben so viele Beweise, was der Mensch ist, wenn ihn der Ehrgeiz und der Wunsch, mehr zu sein, als seine Nebenmenschen, leitet."
„Ich muß sagen, Meister Pfadfinder, daß Ihr bisweilen Meinungen äußert, die etwas merkwürdig klingen aus dem Munde eines Mannes, der stets unter dem Gewehr lebt und selten die Luft anders als mit Pulverdampf gemengt athmet — eines Mannes, der kaum seine Hängematte verläßt, ohne einem Feind zu Leibe zu gehen."
„Wenn Ihr glaubt, daß ich mein Leben im ewigen Krieg gegen mein Geschlecht zubringe, so kennt Ihr weder mich noch meine Geschichte. Der Mann, der in den Wäldern und an den Gränzen lebt, muß sich den Wechsel der Dinge, die ihn umgeben, gefallen lassen. Ich bin nur ein einfacher, machtloser Jäger, Kundschafter und Wegweiser, und dafür nicht verantwortlich. Mein wahrer Beruf ist jedoch, für die Armee auf dem Marsch sowohl als in Friedenszeiten zu jagen; obgleich ich eigentlich im Dienste eines Offiziers stehe, der aber abwesend und in den Ansiedlungen ist, wohin ich ihm nie folgen werde. Nein, nein: Blutdurst und Krieg sind nicht meine eigentlichen Gaben, sondern Mitleid und Friede. Dem Feinde aber blicke ich so gut als ein Anderer in's Gesicht, und was die Mingo's anbetrifft, so betrachte ich Jeden, wie man eine Schlange betrachtet — als ein Geschöpf, das man unter die Ferse tritt, sobald sich eine günstige Gelegenheit dazu darbietet."
„Wohl, wohl; ich habe mich in Eurem Beruf geirrt, den ich für so regelmäßig kriegerisch hielt, als den eines Schiffs-Constabels. Da ist nun auch mein Schwager; er ist von seinem sechszehnten Jahre an Soldat gewesen, und betrachtet sein Gewerbe jedenfalls als eben so respektabel, wie das eines Seefahrers. Das ist nun freilich ein Punkt, über den es kaum der Mühe werth ist, mit ihm zu streiten."
„Man hat meinen Vater gelehrt, daß es ehrenvoll sei, die Waffen zu tragen," sagte Mabel, „denn auch sein Vater war vor ihm Soldat."
„Ja, ja," fuhr der Wegweiser fort, „die meisten Gaben des Sergeanten sind kriegerisch, und er betrachtet die meisten Dinge dieser Welt nur über seinen Musketenlauf. So ist's auch einer von seinen Einfällen, ein königliches Gewehr einer regelmäßigen, langläufigen Büchse mit doppeltem Visirpunkt vorzuziehen. Aber solche Begriffe können wohl durch lange Gewohnheit aufkommen, und Vorurtheil ist vielleicht der allgemeine Fehler der Menschennatur."
„Am Lande, das geb' ich zu," sagte Cap. „Ich komme nie von einer Reise zurück, ohne dieselbe Bemerkung zu machen. Als ich das letztemal eingelaufen war, fand ich in ganz York kaum einen Mann, der im Allgemeinen über die Dinge und Gegenstände dachte wie ich. Jeder, mit dem ich zusammentraf, schien seine Ideen gegen den Wind aufgetaljet zu haben, und wenn er ein wenig von seinen einseitigen Ansichten abfiel, so war es gemeiniglich, um auf dem Kiel kurz umzuvieren, und so dicht als möglich auf einen andern Gang anzulegen."
„Versteht Ihr dich, Jasper?" flüsterte Mabel mit Lächeln dem jungen Manne zu, der sein eigenes Fahrzeug ganz dicht an ihrer Seite hielt.
„Es ist kein so großer Unterschied zwischen Salz- und Frischwasser, daß wir, die wir unsere Zeit aus denselben zubringen, uns nicht gegenseitig sollten verstehen können. Ich halte es für kein großes Verdienst, Mabel, die Sprache unseres Gewerbes zu verstehen."
„Selbst die Religion," fuhr Cap fort, „liegt nicht mehr an derselben Stelle vor Anker, wie in meinen jungen Tagen. Sie vieren und holen sie am Lande an, wie sie es mit andern Dingen auch machen, und es ist kein Wunder, wenn sie hin und wieder fest zu sitzen kommen. Alles scheint zu wechseln, nur der Compaß nicht, und auch der hat seine Abweichungen."
„Wohl," entgegnete Pfadfinder, „ich habe aber immer das Christenthum und den Compaß für etwas ziemlich Beständiges gehalten."
„Ja, wenn sie auf dem Meere sind, mit Ausnahme der Abweichungen. Die Religion auf dem Meere ist heute noch dasselbe, was sie war, als ich zum ersten Mal meine Hand in den Theekessel tauchte. Niemand wird mir das bestreiten, der die Gottesfurcht nicht aus den Augen läßt. Ich kann an Bord keinen Unterschied zwischen dem heutigen Zustand der Religion und dem aus der Zeit, da ich noch ein junges Bürschlein war, erkennen. So ist es aber keineswegs am Ufer. Nehmt mein Wort dafür, Meister Pfadfinder, es ist schwer, einen Mann zu finden — ich meine auf dem Festlande — dessen Ansichten über diesen Gegenstand noch genau dieselben wären, wie er sie vor vierzig Jahren hatte."
„Und doch ist Gott unverändert; Seine Werke sind unverändert; Sein heiliges Wort ist unverändert; es muß daher auch Alles, was zum Preise und zur Ehre Seines Namens dient, unverändert sein."
„Nicht am Lande. Es ist das gerade das Miserabelste von dem Lande, daß es beständig in Bewegung ist, obgleich es fest aussieht. Wenn Ihr einen Baum pflanzt, ihn verlaßt, und nach einer dreijährigen Reise wieder zurückkommt, so findet Ihr ihn nicht wieder, wie Ihr ihn verlassen habt. Die Städte vergrößern sich; neue Straßen thun sich auf, die Kojen werden verändert; und die ganze Oberfläche der Erde erleidet einen Wechsel. Ein Schiff aber, das von einer Indienfahrt zurückkommt, ist noch gerade so, wie es aussegelte, wenn man den fehlenden Anstrich, die Abnützung der Schiffsgeräthschaften und die Zufälligkeiten der Schifffahrt abrechnet."
„Das ist nur zu wahr, Meister Cap, und daher um so mehr zu beklagen. Ach! die Dinge, welche die Leute Verbesserungen nennen, dienen zu nichts, als das Land zu untergraben und zu verunstalten. Die herrlichen Werke Gottes werden täglich niedergeworfen und zerstört, und die Hand des Menschen scheint erhoben zu sein in Verachtung Seines mächtigen Willens. Man hat mir gesagt, es seien schreckenerregende Zeichen dessen, was noch kommen solle, in dem Süden und Westen der großen Seen anzutreffen; denn ich selbst bin in diesen Gegenden noch nie gewesen."
„Was meint Ihr damit, Pfadfinder?" fragte Jasper bescheiden.
„Ich meine die Stellen, welche die Rache des Himmels bezeichnete, oder die sich vielmehr als feierliche Warnungszeichen dem Gedankenlosen und Ueppigen in den Weg stellen. Man nennt sie die Prairien, und ich habe einen so wackern Delawaren, als ich nur je einen kannte, erzählen hören, die Hand Gottes liege so schwer auf ihnen, daß nicht ein Baum dort gedeihe. Eine solche Heimsuchung der unschuldigen Erde muß Scheu erregen und kann nur die Absicht haben, zu zeigen, zu welchen schrecklichen Folgen eine unbesonnene Zerstörungssucht führen mag."
„Und doch habe ich Ansiedler gesehen, welche sich viel von diesen offenen Plätzen versprachen, weil sie ihnen die Mühe der Lichtung ersparten. Euer Brod schmeckt Euch, Pfadfinder; und doch kann der Waizen dazu nicht im Schatten reisen."
„Aber ein redlicher Wille, einfache Wünsche und die Liebe Gottes können's, Jasper. Selbst Meister Cap wird Euch sagen, daß eine baumlose Ebene einer öden Insel gleichen muß."
„Kann sein," warf Cap ein; „indeß haben öde Inseln auch ihren Nutzen, denn sie dienen dazu, die Kursberechnungen zu corrigiren. Wenn es auf meinen Geschmack ankommt, so habe ich nie etwas gegen eine Ebene wegen ihres Mangels an Bäumen einzuwenden. Da einmal die Natur dem Menschen Augen zum Umherblicken und eine Sonne zum Scheinen gegeben hat, so kann ich, wenn es nicht wegen des Schiffbaues oder hin und wieder wegen Errichtung eines Hauses wäre, in einem Baum keinen besondern Nutzen entdecken, zumal, wenn keine Affen oder Früchte auf demselben sind."
Auf diese Bemerkung antwortete Pfadfinder nur durch einen leisen Ton, welcher die Absicht hatte, seine Gefährten zum Stillichweigen zu veranlassen. Während die eben erwähnte wechselnde Unterhaltung mit gedämpfter Stimme geführt wurde, waren die Kähne unter den tiefen Schatten des westlichen Ufers langsam mit der Strömung abwärts gegangen, ohne daß man sich der Ruder anders, als um ihnen die erforderliche Richtung und die geeignete Lage zu geben, bediente. Die Kraft des Stromes wechselte so bedeutend, daß das Wasser stellenweise ganz still zu stehen schien, indeß die Geschwindigkeit desselben an andern Orten mehr als zwei oder drei Meilen in der Stunde betragen mochte. Besonders drängte es an den Stromengen mit einer Eile vorwärts, welche ein ungeübtes Auge erschrecken konnte. Jasper war der Meinung, daß sie mit der Strömung die Mündung des Flusses in zwei Stunden, von der Zeit ihrer Einschiffung an gerechnet, erreichen dürften, und er und Pfadfinder hatten es für geeignet gehalten, die Kähne eine Zeit lang, oder wenigstens, bis sie über die ersten Gefahren ihres neuen Kursus hinaus waren, für sich schwimmen zu lassen. Der Dialog war in leise gehaltenen Tönen geführt worden; denn obgleich eine tiefe einsame Ruhe in diesem weiten und fast endlosen Forste herrschte, so sprach doch die Natur mit tausend Zungen in der beredten Sprache einer Nacht in den Wäldern. Die Luft seufzte durch Myriaden von Bäumen; das Wasser rieselte und brauste stellenweise an den Ufern; dann hörte man hin und wieder das Knarren eines Zweiges oder eines Stammes, der sich unter wogenden Bebungen an ähnlichen Gegenständen stieß. Aber alles Leben schwieg. Nur einmal glaubte Pfadfinder das Geheul eines entfernten Wolfes, deren einige durch diese Wälder streiften, zu vernehmen: dieser Ton war jedoch sehr vorübergehend und zweifelhaft, daß seine Deutung wohl auf Rechnung der Einbildungskraft kommen konnte. Als er aber gegen seine Gefährten den Wunsch des Stillschweigens in der eben erwähnten Weise ausdrückte, hatte sein wachsames Ohr den eigenthümlichen Ton erfaßt, der durch das Zerbrechen eines trockenen Baumzweiges hervorgebracht wird, und der, wenn ihn seine Sinne nicht täuschten, von dem westlichen Ufer herkam. Wer einen solchen Ton öfters gehört hat, weiß, wie leicht ihn das Ohr erkennt, und wie gut der Tritt, welcher den Zweig zerbricht, von jedem andern Geräusch des Waldes zu unterscheiden ist.
„Es ist der Fußtritt eines Mannes am Ufer," sagte Pfadfinder zu Jasper mit einer Stimme, die zwar nicht flüsternd, «jedenfalls aber nicht laut genug war, um in einiger Entfernung gehört zu werden. „Können die verfluchten Irokesen schon mit ihren Waffen und ohne ein Boot über den Fluß gesetzt haben?"
„Es kann der Delaware sein. Möglich, daß er unsern Kurs an dem Ufer abwärts verfolgt, da er weiß, wo er uns zu finden hat. Laßt mich dichter an's Ufer fahren und recognosciren."
„Geht, Junge, aber seid leicht mit dem Ruder, und in keinem Fall wagt Euch auf’s Unsichere an's Ufer."
„Ist das klug?" fragte Mabel mit einer Heftigkeit, welche sie die Vorsicht, ihre süße Stimme zu dämpfen, vergessen ließ.
„Sehr unklug, meine Liebe, wenn Sie so laut sprechen. Ich liebe zwar ihre sanfte und angenehme Stimme, nachdem ich so lange nur die der Männer gehört habe; aber sie darf sich im gegenwärtigen Augenblick doch nicht zu viel und zu frei vernehmen lassen. Ihr Vater, der wackere Sergeant, wird Ihnen sagen, daß Schweigen auf einer Fährte eine doppelte Tugend ist. Geht, Jasper, und benehmt Euch klug in der Sache."
Zehn drückende Minuten folgten dem Verschwinden von Jaspers Kahn, welcher von dem des Pfadfinder so geräuschlos weg glitt, daß er in der Dunkelheit verschwunden war, ehe noch Mabel glauben konnte, der junge Mann werde wirklich ein Unternehmen wagen, welches die Phantasie ihr mit so gefährlichen Farben malte. Während dieser Zeit fuhr die Gesellschaft fort, mit der Strömung zu schwimmen, ohne einen Laut, man möchte fast sagen, ohne einen Athemzug sich zu gestatten, um ja den leichtesten Ton, der vom Ufer herkäme, nicht zu überhören. Aber es herrschte dieselbe feierliche oder vielmehr erhabene Stille, wie früher. Nur das Plätschern des Wassers, wenn es gegen ein leichtes Hinderniß anstieß, und das Seufzen der Bäume unterbrach den Schlummer des Forstes. Am Ende des erwähnten Zeitraums wurde das Knacken dürrer Zweige wieder schwach gehört, und es war dem Pfadfinder, als ob er, den Ton gedämpfter Stimmen vernähme.
„Vielleicht irre ich mich, denn die Gedanken malen einem gerne, was das Herz wünscht; aber ich glaube, diese Töne gleichen der gedämpften Stimme des Delawaren."'
„Gehen die Wilden auch im Tode noch umher?" fragte Cap.
„Ja, und jagen dazu — in ihren glücklichen Jagdgründen, aber nirgends anders. Mit einer Rothhaut ist's auf der Erde aus, sobald der letzte Athemzug ihren Leib verlassen hat. Es ist keine von ihren Gaben, bei ihrer Hütte zu weilen, wenn ihre Stunde vorüber ist."
„Ich sehe einen Gegenstand auf dem Wasser," flüsterte Mabel, welche ihre Augen nicht von der dunkeln Hülle abgewendet hatte, seit Jasper in ihr verschwunden war.
„Es ist der Kahn," erwiederte Pfadfinder mit großer Erleichterung. „Es muß Alles gut stehen, sonst würden wir von dem Jungen gehört haben."
„In der nächsten Minute schwammen die zwei Kähne, welche den Führern, erst als sie sich näher kamen, sichtbar wurden, wieder Seite an Seite, und man erkannte Jaspers Gestalt in dem Stern seines Bootes. Die Figur eines zweiten Mannes saß in dem Bug, und da der junge Schiffer sein Ruder in einer Weise regierte, daß das Gesicht seines Gefährten dem Pfadfinder und Mabeln unter die Augen trat, so erkannten Beide den Delawaren.
„Chingachgook mein Bruder!" sagte der Pfadfinder in der Sprache des Andern mit einem Beben in seiner Stimme, welches die Gewalt seiner Gefühle verrieth „Häuptling der Mohikaner! Mein Herz ist hoch erfreut. Oft sind wir mit einander durch Blut und Streit gegangen! aber ich habe gefürchtet, es werde nie wieder geschehen."
„Hugh! — Die Mingo's sind Weiber! — Drei von ihren Skalpen hängen an meinem Gürtel. Sie wissen nicht die große Schlange der Delawaren zu treffen. Ihre Herzen haben kein Blut und ihre Gedanken sind auf dem Rückweg über die Wasser des großen See's."
„Bist du unter ihnen gewesen, Häuptling? und was wurde aus dem Krieger, der im Fluß war?"
„Er ist zum Fisch geworden und liegt auf dem Grunde mit den Aalen. Laß seine Brüder die Angelhaken nach ihm auswerfen. Pfadfinder, ich habe die Feinde gezählt und ihre Büchsen berührt."
„Ah! Ich dachte, er würde verwegen sein," rief der Wegweiser in englischer Sprache. „Der waghalsige Bursche ist mitten unter ihnen gewesen, und hat uns ihre ganze Geschichte mitgebracht. Sprich, Chingachgook, damit ich unsern Freunden mittheilen kann, was wir selbst wissen."
Der Delaware erzählte nun in gelassener und ernster Weise das Wesentliche der Entdeckungen, welche er gemacht, seit wir ihn zuletzt im Flusse mit den Feinden haben ringen sehen. Von dem Schicksal seines Gegners sprach er nicht mehr, da es gegen die Gewohnheit eines Kriegers ist, bei mehr in's Einzelne gehenden Berichterstattungen groß zu thun. Sobald er aus diesem furchtbaren Kampfe als Sieger hervorgegangen war, schwamm er gegen das östliche Ufer, stieg mit Vorsicht an's Land, und nahm seinen Weg unter dem Schutze der Finsterniß unentdeckt und im Grunde auch unbeargwohnt, mitten durch die Irokesen. Einmal wurde er angerufen; da er sich aber für Arrowhead ausgab, so wurden keine weitern Fragen an ihn gemacht. Aus ihren Reden war ihm bald klar geworden, daß der Haufen ausdrücklich auf Mabel und ihren Onkel lauerte, über dessen Rang sie jedoch augenscheinlich im Irrthum waren. Er hatte auch genug erfahren, um den Verdacht zu rechtfertigen, daß Arrowhead sie ihren Feinden verrathen habe, obgleich ein Beweggrund hiezu nicht leicht auszufinden war, da er die Belohnung für seine Dienste noch nicht empfangen hatte.
Pfadfinder theilte von diesen Nachrichten seinen Gefährten nicht mehr mit, als er zu Milderung ihrer Besorgnisse für nöthig erachtete, indem er zugleich andeutete, daß es nun Zeit sei, ihre Kräfte zu brauchen, ehe die Irokesen sich von der Verwirrung erholt hätten, in welche sie durch ihre Verluste gerathen waren.
„Wir werden sie ohne Zweifel an der Stromenge wieder finden," fuhr er fort, „und dort müssen wir an ihnen vorbei oder in ihre Hände fallen. Die Entfernung von der Garnison ist nur noch geringe, und ich habe daran gedacht, mit Mabel zu landen, sie auf einigen Seitenwegen weiter zu geleiten und die Kähne ihrem Schicksal in den Stromschnellen zu überlassen."
„Es wird nicht, gelingen, Pfadfinder," unterbrach ihn Jasper lebhaft. „Mabel ist nicht stark genug, um in einer solchen Nacht durch die Wälder zu gehen. Setzt sie in meinen Kahn, und ich will mein Leben verlieren, oder sie über die Stromenge glücklich wegführen, so dunkel es auch sein mag."
„Ich zweifle nicht, daß Ihr das werdet, Junge; Niemand zweifelt an Eurem guten Willen, der Tochter des Sergeanten einen Dienst zu leisten; aber das Auge der Vorsehung muß es sein und nicht das Eurige, welches in einer Nacht, wie diese, Euch glücklich über den Stromschuß des Oswego bringen kann."
„Und wer wird sie denn zu Land glücklich nach der Garnison bringen? Ist die Nacht am Ufer nicht so dunkel, als auf dem Wasser? Oder glaubt Ihr, ich verstehe mich weniger auf meinen Beruf, als Ihr Euch auf den Eurigen?"
„Kühn gesprochen, Junge; aber angenommen, ich verlöre meinen Weg in der Finsterniß — und ich glaube, es kann mir Niemand in Wahrheit nachsagen, daß mir das je begegnet ist — angenommen, ich verlöre den Weg, so würde daraus kein anderes Unglück entspringen, als daß wir die Nacht im Walde zubringen müßten; indeß eine falsche Wendung des Ruders oder ein breiteres Streichen des Kahns Euch und das junge Frauenzimmer in den Fluß werfen kann, aus dem, aller Wahrscheinlichkeit nach, des Sergeanten Tochter nicht mehr lebendig kommen wird."
„Wir wollen das Mabel selbst überlassen; ich bin überzeugt, daß sie sich in dem Kahne sicherer fühlen wird."
„Ich habe ein großes Vertrauen zu euch Beiden," antwortete das Mädchen, „und zweifle nicht, daß Jeder thun wird, was er kann, um meinem Vater zu beweisen, wie werth er ihm ist. Aber ich bekenne, daß ich nicht gerne den Kahn verlassen möchte, da wir die Gewißheit haben, daß Feinde, wie wir sie gesehen, in dem Walde sich befinden. Doch mein Onkel mag in dieser Sache den Ausschlag geben."
„Ich liebe die Wälder nicht, so lange man eine so schöne Bahn, wie hier aufdem Fluß, vor sich hat. Außerdem, Meister Pfadfinder, um von den Wilden nichts zu sagen, Ihr überseht die Hayfische."
„Hayfische! wer hat je von Hayfischen in der Wildniß gehört?"
„Ach! Hayfische, oder Bären, oder Wölfe — es ist gleichgültig, wie Ihr das Ding nennt. Es ist eben Etwas, was die Lust und die Macht hat, zu beißen."
„Hilf Herr! Mensch, fürchtet Ihr ein Geschöpf, das in einem amerikanischen Forste gefunden werden kann? Ich will zwar zugeben, daß eine Pantherkatze ein ungeberdiges Thier ist; doch was will das heißen, wenn ein geübter Jäger bei der Hand ist? Sprecht von den Mingo's und ihren Teufeleien, so viel Ihr wollt; aber macht mir keinen falschen Lärm mit Euren Bären und Wölfen."
„Ja, ja, Meister Pfadfinder, das ist wohl Alles gut genug für Euch, der Ihr wahrscheinlich den Namen einer jeden Kreatur, mit der Ihr zusammen trefft, kennt. Gewohnheit ist schon Etwas, und macht einen Mann kühn, wo er sonst vielleicht schüchtern wäre. Ich habe in der Nähe des Aequators die Matrosen stundenlang unter fünfzehn bis zwanzig Fuß langen Hayfischen herumschwimmen sehen, und sie hatten dabei keine andern Gedanken, als die ein Landbewohner sich macht, wenn er Sonntags Nachmittags unter Seines Gleichen aus der Kirchthüre geht."
„Das ist außerordentlich!" rief Jasper, welcher in seiner Treuherzigkeit sich jenen wesentlichen Theil seines Gewerbes, den man die Fähigkeit „ein Garn zu spinnen" nennt, noch nicht angeeignet hatte. „Ich habe immer gehört, daß der Tod gewiß sei, wenn man sich in das Wasser unter die Hayen wage."
„Ich vergaß, zu sagen, daß die Jungen immer Spillenbäume, Kanonenspacken oder Kuhfüße mit sich nahmen und die Bestien auf die Nase schlugen, wenn sie ihnen lästig wurden. Nein, nein, ich finde kein Behagen an Bären und Wölfen, obgleich ich mir aus einem Walfisch so wenig mache, als aus einem Häring, wenn er getrocknet und gesalzen ist. Mabel und ich halten besser Stich in dem Kahne."
„Mabel würde gut thun, das Fahrzeug zu wechseln," fügte Jasper bei. „Das meine ist leer, und der Pfadfinder wird zugeben, daß auf dem Wasser mein Auge sicherer ist, als das seine."
„Das thue ich mit Freuden, Junge. Das Wasser gehört zu Euren Gaben, und Niemand wird in Abrede ziehen, daß Ihr sie auf’s Beste erprobt habt. Ihr habt Recht, wenn Ihr glaubt, daß des Sergeanten Tochter in Eurem Kahne sicherer sei, als in dem meinigen, und obgleich ich gerne selber in ihrer Nähe wäre, so liegt mir doch ihre Wohlfahrt zu sehr am Herzen, um sie nicht aufrichtig zu berathen. Bringt Euren Kahn dicht an unsere Seite, Jasper, damit ich Euch das, was Ihr als einen kostbaren Schatz betrachten müßt, übergeben kann."
„Ich betrachte es als einen solchen," erwiederte der Jüngling, welcher keinen Augenblick verlor, um dieser Aufforderung nachzukommen; und als Mabel von dem einen Kahn in den andern getreten war, setzte sie sich zu dem Gepäcke, welches bisher die einige Last desselben ausgemacht hatte.
Nachdem diese Anordnung getroffen war, trennten sich die Kähne und fuhren in einiger Entfernung von einander, wobei man sich vorsichtig, ohne ein Geräusch zu erregen, der Ruder bediente. Die Unterhaltung hörte nach und nach auf, und die Annäherung der gefürchteten Stromenge machte auf Alle einen inhaltsschweren Eindruck. Es war fast gewiß, daß ihre Feinde sich alle Mühe gegeben hatten, diesen Punkt vor ihnen zu erreichen, und der Versuch, in der tiefen Dunkelheit auf dem Strome über ihn weg zu kommen, schien so wenig wahrscheinlich, daß der Pfadfinder der Ueberzeugung lebte, die Wilden hätten sich an beiden Ufern vertheilt, in der Hoffnung, sie beim Landen abzufangen. Er würde auch seinen früheren Vorschlag nicht gemacht haben, wenn er es nicht seinen eigenen Fähigkeiten zugetraut hätte, dieses Vorgefühl eines günstigen Erfolgs von Seiten der Irokesen zu einer Vereitelung ihrer Plane zu benützen. Da aber nun die Anordnung fest stand, so hing Alles von der Geschicklichkeit der Kahnführer ab. Denn wenn ein Fahrzeug auf einen Felsen stieß, so mußte es, wenn es nicht zertrümmert wurde, fast nothwendig aufsitzen, und dann war man nicht blos den Zufällen des Stromes, sondern Mabel auch der Gewißheit ausgesetzt, in die Hände ihrer Verfolger zu fallen. Es war daher die äußerste Umsicht nöthig, und Jeder blieb zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um sich geneigt zu fühlen, mehr zu äußern, als was gerade die Dringlichkeit des Augenblicks erforderte.
Die Kähne stahlen sich ruhig vorwärts, und das Brausen der Stromenge wurde hörbar. Cap mußte aller seiner Tapferkeit aufbieten, um sich auf seinem Sitz zu erhalten, indeß jene bedeutungsvollen Töne immer näher kamen, wobei die Finsterniß kaum die Umrisse des waldigen Ufers und das darüber hängende dunkle Himmelsgewölbe erkennen ließ. Der Eindruck, welchen die Wasserfülle auf ihn gemacht hatten, arbeitete noch in seiner Seele, und seine Phantasie war nicht unthätig, die Gefahren der Stromenge mit jenen des jähen Absturzes, den er durchgemacht hatte, sich gleich zu denken, wenn nicht der Zweifel und die Ungewißheit sie gar noch steigerte. Hierin war jedoch der alte Seemann im Irrthum, denn die Stromenge des Oswego und seine Fälle sind in ihrem Charakter und in ihrer Heftigkeit sehr verschieden, da die ersten nichts weiter als eine Stromschnelle war, welche über Untiefen und Felsen geht, indeß die letzteren den Namen, den sie trugen, wie wir eben gesehen haben, in der Wirklichkeit verdienten.
Mabel mochte allerdings Beklemmung und Furcht fühlen. Aber ihre ganze Lage war so neu, und das Vertrauen zu ihrem Führer so groß, daß sie sich in einer Selbstbeherrschung erhielt, deren sie wohl nicht mächtig gewesen wäre, wenn sie sich hätte klarere Vorstellungen von der Wahrheit machen können, oder die Hilflosigkeit des Menschen, wenn es den Kampf gegen die Macht und Majestät der Natur gilt, besser gekannt haben würde.
„Ist das die Stelle, deren Ihr erwähnt habt?“ sagte sie zu Jasper, als ihr das Geräusch des Stromschusses zum ersten Mal frisch und deutlich zu Ohren kam.
„Sie ist es; und ich bitte Sie, Vertrauen zu mir zu haben. Unsere Bekanntschaft ist zwar noch jung, Mabel; aber wir leben hier in der Wildniß viele Tage in Einem, und es kommt mir bereits vor, als ob ich Sie schon Jahre lang gekannt hätte."
„Auch ich fühle gegen Euch nicht, wie gegen einen Fremden, Jasper. Ich habe einiges Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit sowohl, als zu Eurem guten Willen, mir einen Dienst zu leisten."
„Wir werden sehen, wir werden sehen. — Pfadfinder peitscht die Schnellen zu nahe am Mittelpunkt des Flusses; das Wasserbette ist gegen das östliche Ufer zu enger; aber ich kann mich ihm jetzt nicht verständlich machen. Halten Sie sich fest an den Kahn und befürchten Sie nichts.“
Im nächsten Augenblick hatte die rasche Strömung sie in den Stromschuß getrieben. Drei oder vier Minuten sah das mehr von heiliger Scheu als von Furcht ergriffene Mädchen rund um sich nichts als die Güsse glänzenden Schaumes, und hörte nichts, als das Brausen der Wasser. Zwanzigmal schien der Kahn von irgend einer kräuselnden, glänzenden Welle, die man sogar in der Dunkelheit der Nacht erkennen konnte, überschüttet zu werden; und eben so oft glitt er unbeschädigt daran vorbei, getrieben durch den kräftigen Arm dessen, der seine Bewegungen leitete. Einmal, aber auch nur Einmal, schien Jasper seine Herrschaft über die zerbrechliche Barke zu verlieren, in welchem kurzen Augenblick sie rund herum wirbelte; aber durch eine verzweifelte Anstrengung brachte er sie wieder in seine Gewalt, gewann das verlorene Fahrwasser wieder und fühlte sich bald für alle seine Beängstigungen dadurch belohnt, daß er den Kahn ruhig in dem tiefen Wasser unterhalb der Stromschnellen dahin schwimmen sah, ohne daß dieser von dem Elemente so viel eingenommen, als zu einem Trunke hätte dienen können.
„Alles ist vorüber," rief der junge Mann freudig. „Die Gefahr ist vorbei, und Sie dürfen nun hoffen, noch in dieser Nacht ihren Vater zu umarmen."
„Gott sei gepriesen! Jasper; Euch verdanken wir dieses große Glück.«
„Der Pfadfinder kann einen guten Theil des Verdienstes in Anspruch nehmen. Aber was ist aus dem andern Kahn geworden?"
„Ich sehe Etwas in der Nähe auf dem Wasser. Ist es nicht das Boot unserer Freunde?"
Wenige Ruderschläge brachten Jasper an die Seite des fraglichen Gegenstandes. Es war der andere Kahn, leer und mit aufwärts gerichtetem Kiele. Der junge Mann hatte sich kaum über diesen Umstand Gewißheit verschafft, als er anfing, sich nach den Schwimmern umzusehen, und zu seiner großen Freude entdeckte er bald Cap, welcher mit der Strömung abwärts trieb. Der alte Seemann hatte die Gefahr des Ertrinkens derjenigen, mit welcher er beim Landen von den Wilden aus bedroht war, vorgezogen.
Er wurde, obschon nicht ohne Schwierigkeit, in den Kahn geholt, und damit hatte daß Nachforschen ein Ende. Jasper war nämlich überzeugt, daß der Pfadfinder in dem seichten Wasser an's Ufer waten werde, um seine geliebte Büchse nicht verlassen zu müssen.
Der Rest der Fahrt war kurz, obgleich sie mitten in der Dunkelheit und Ungewißheit gemacht wurde. Nach einer kleinen Weile ließ sich ein dumpfes Getöse vernehmen, welches zuweilen dem Rollen eines entfernten Donners und dann wieder dem Brausen der Wasser ähnelte. Jasper erklärte seinen Gefährten, daß sie nun die Brandung des See's hörten. Vor ihnen lagen niedrige, gekrümmte Landspitzen, von denen eine eine Bai bildete.
Hier fuhr der Kahn ein und schoß geräuschlos an das kiesige Ufer. Dieser Uebergang war so rasch und ergreifend erfolgt, daß Mabel die Vorgänge kaum fassen konnte. Im Laufe weniger Minuten kamen sie an den Schildwachen vorbei; das Thor wurde geöffnet und das bewegte Mädchen fand sich in den Armen eines Vaters, der ihr fast ein Fremder geworden war.
Achtes Kapitel.
Ein Land der Lieb', ein Land voll Licht,
Wo Nacht und Mond und Sonne nicht;
Wo lebend rasch die Welle fließt,
Ein Himmelsstrahl das Licht ergießt.
Ich sah das Land, und 's ist mir kaum
Als wär's ein ew'ger stiller Traum.
Der Königin Erwachen.
Die Ruhe, welche der Anstrengung folgt, ist gewöhnlich tief und süß, wenn sie mit dem Gefühle der Sicherheit verbunden ist. Dieß war auch bei Mabel der Fall, welche sich erst von ihrer ärmlichen Pritsche — denn nur auf ein solches Lager konnte eine Sergeantentochter auf einem abgelegenen Gränzposten Anspruch machen — erhob, als die Garnison schon lange der gewöhnlichen Aufforderung der Trommeln gehorcht und sich zur Morgenparade versammelt hatte. Sergeant Dunham, dessen Geschäft es war, den gewöhnlichen täglichen Dienst zu beaufsichtigen, hatte bereits seine Morgenverrichtungen vollbracht, und begann eben an sein Frühstück zu denken, als seine Tochter ihr Zimmer verließ, und in die freie Luft heraus trat, in gleichem Grade verwirrt, erfreut und dankerfüllt über die Neuheit und Sicherheit ihrer jetzigen Lage.
Zu der Zeit, in welcher unsere Erzählung spielt, war Oswego einer der äußersten Gränzposten der brittischen Besitzungen auf diesem Continent. Es war noch nicht lange besetzt und hatte in seiner Garnison ein Bataillon eines ursprünglich schottischen Regiments, in das aber, seit seiner Ankunft in dieser Gegend, viele Amerikaner aufgenommen worden waren. Durch diese Neuerung wurde es dem Vater Mabels möglich gemacht, die zwar unbedeutende, aber doch verantwortliche Stelle des ältesten Sergeanten einzunehmen. Es befanden sich auch einige junge Offiziere, welche in den Colonieen geboren waren, bei dem Corps. Das Fort selbst war, wie die meisten derartigen Werke, besser geeignet, einem Angriff der Wilden zu widerstehen, als eine regelmäßige Belagerung auszuhalten; aber die große Schwierigkeit, welche mit dem Transport der schweren Artillerie und anderer Erfordernisse verbunden war, machte die letztere so unwahrscheinlich, daß die Ingenieure bei dem Entwurf der Vertheidigungswerke auf eine solche gar keinen Bedacht nehmen zu müssen glaubten. Man hatte Bollwerke von Erde und Holzstämmen, einen trockenen Graben, Pallisaden, einen Paradeplatz von beträchtlicher Ausdehnung und eine Kaserne aus Holzstämmen, welche zu dem doppelten Zwecke der Bewohnung und der Befestigung diente. Einige leichte Feldstücke standen in dem Raume des Forts, um schnell dahin, wo man ihrer bedurfte, geführt werden Zu können, und ein oder zwei schwere eiserne Kanonen blickten aus den Spitzen der vorspringenden Winkel, als eben so viele Ermahnungen an den Verwegenen, ihre Macht zu respektiren.
Als Mabel die bequeme, aber vergleichungsweise einsame Lagerhütte, in welcher ihr Vater sie unterbringen durfte, verlassen hatte und in die reine Morgenluft trat, fand sie sich am Fuße einer Bastei, welche so einladend vor ihr lag, daß sie sich von hier aus einen Ueberblick über alles Das, was ihr die Finsterniß der vorigen Nacht verborgen hatte, versprach. Das Mädchen hüpfte mit eben so leichten Füßen als leichtem Herzen die grasige Anhöhe hinan, und befand sich auf Einmal auf einem Punkte, welcher ihr in wenigen Blicken die Uebersicht über alle äußeren Verhältnisse ihrer neuen Lage gestattete.
Gegen Süden lag der Wald, durch welchen sie so viele ermüdende Tage gewandert war, und der sie die ganze Fülle seiner Gefahren hatte empfinden lassen. Er war von den Pallisaden des Forts durch einen Gürtel freien Feldes getrennt, welches hauptsächlich deßhalb gelichtet worden war, um den kriegerischen Vorkehrungen Raum zu geben. Dieses Glacis, denn als solches diente es in der That für den Kriegszweck, mochte ungefähr hundert Morgen betragen; aber mit ihm wich auch jede Spur von Civilisation. Jenseits war Alles Wald — jener dichte, endlose Wald, welchen Mabel sich nun aus ihren Erinnerungen mit seinen verborgenen, glänzenden Seen, seinem dunkel rollenden Strome und seiner ganzen Welt von Natur, deutlich vor die Seele führen konnte.
Als unsere Heldin sich von diesem Anblick abwendete, fühlte sie auf ihren Wangen das Fächeln eines frischen und angenehmen Lüftchens, wie sie es, seit sie die ferne Küste verlassen, nicht wieder empfunden hatte. Bald zeigte sich ihr ein neues Schauspiel, welches, obschon es nicht unerwartet kam, sie dennoch nicht wenig überraschte, und ein schwacher Ausruf bekundete, mit welcher Lust ihre Augen die vor ihnen liegenden Reize verschlangen. Gegen Norden, Osten und Westen in jeder Richtung, kurz über die ganze Hälfte des neuen Panorama's lag eine weite Fläche wogenden Wassers. Das Element hatte weder das glänzende Grün, welches im Allgemeinen die amerikanischen Gewässer bezeichnet, noch das tiefe Blau des Oceans; es war von einer lichten Umbrafarbe, welche kaum seine Durchsichtigkeit beeinträchtigte. Nirgends Land, mit Ausnahme der anliegenden Küste, welche sich rechts und links an einem ununterbrochenen Saume von Wäldern hinzog, mit weiten Bayen und niedrigen Vorsprüngen oder Spitzen. An vielen Stellen war das Ufer felsig, und in den Höhlen desselben rollte das träge Wasser hin und wieder in einem hohlen Tone, der einem entfernten Kanonendonner glich. Kein Segel glänzte auf der Oberfläche, kein Walfisch oder sonstiger Fisch spielte auf dieser Ebene, und kein Zeichen menschlichen Thun und Treibens belohnte den anhaltendsten und sorgfältigsten Blick auf dieser endlosen Ausdehnung. Es war eine Scene, die auf der einen Seite die endlosen Wälder, auf der andern die weiten unbegränzten Wasser zeigte, und die Natur schien eine Lust daran gefunden zu haben, einen großartigen Effekt dadurch hervorzurufen, daß sie ihre beiden Hauptbestandtheile kühn neben einander sich heben ließ, ohne auf deren Einzelnheiten einzugehen. Das Auge floh mit Lust und Bewunderung von dem breiten Blätterteppich zu dem noch breiteren Wasserfelde, und von dem endlosen, sanften Wellenschlag des See's zu der heiligen Ruhe, der poetischen Einsamkeit des Urwaldes zurück.
Mabel war fern von jeder Ueberbildung, und da sie so empfänglich und offen, wie nur irgend ein Mädchen mit warmem Herzen und reiner Seele war, so gebrach es ihr nicht ganz an dem Sinne für die Poesie unserer schönen Erde. Obgleich man nicht sagen konnte, daß sie überhaupt Erziehung genossen denn nur Wenigen ihres Geschlechts wurde in jenen Tagen und in diesen Gegenden viel mehr als die Anfangsgründe des englischen Unterrichts zu Theil — so hatte sie doch ein Ansehnliches weiter gelernt, als bei Mädchen ihrer Stellung gewöhnlich war; und in einem Betrachte wenigstens machte sie ihrem Lehrer keine Unehre.
Die Wittwe eines Offiziers aus dem Regimente, zu welchem ihr Vater gehörte, hatte sich nach dem Tode ihrer Mutter des Mädchens angenommen; unter der Sorgfalt dieser Frau konnte Mabel einigermaßen ihren Geschmack ausbilden und sich zu Ideen erheben, welche ihr unter andern Umständen wohl immer fremd geblieben wären. Ihre Stellung in der Familie war eher die einer Gesellschafterin als die eines Dienstboten gewesen, was man schon an ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihren Meinungen und insbesondere an ihren Gefühlen erkennen konnte, obgleich sie sich vielleicht nie zu der Höhe erhoben hatte, welche geeignet war, eine Frau von Stande zu bezeichnen. Sie hatte die rauheren und wenig verfeinerten Gewohnheiten und Manieren ihrer ursprünglichen Stellung verloren, ohne jedoch ganz den Punkt erreicht zu haben, der sie für jene Lebenslage, welche die Zufälligkeiten der Geburt und des Vermögens ihr wahrscheinlich anwiesen, untauglich gemacht haben würde. Alle andern Eigenthümlichkeiten gehörten ihrem natürlichen Charakter an.
Nach solchen Vorgängen wird sich der Leser nicht wundern, wenn er erfährt, daß Mabel das vor ihr liegende neue Schauspiel mit einem weit höheren Genusse betrachtete, als ihn eine gewöhnliche Ueberraschung zu geben vermag. Sie fühlte die allgemeinen Schönheiten, wie sie die Meisten gefühlt haben würden; aber sie hatte auch einen Sinn für ihre Erhabenheit, für jene sanfte Einsamkeit, jene ruhige Größe und für die beredte Ruhe, welche sich immer über eine weite Aussicht breitet, in der die Natur durch die Mühen und Anstrengungen des Menschen nicht gestört wird. „Wie schön!" rief sie, ohne es selbst zu beachten, aus, als sie auf dem einsamen Bollwerk stand und ihr die Luft des See’s entgegenwehte, die ihren Körper und ihren Geist in gleicher Weise belebend durchdrang. „Wie wahrhaft schön! und doch so einfach!"
Diese Worte und der Gang ihrer Gedanken wurde durch eine leichte Berührung ihrer Schulter unterbrochen, und als sie sich umdrehte, fand Mabel, welche ihren Vater zu sehen erwartete, den Pfadfinder an ihrer Seite. Er lehnte ruhig an seiner langen Büchse und lachte in seiner stillen Weise, während er mit ausgestrecktem Arm über das ganze Wasserund Landpanorama hinfuhr.
„Hier haben Sie unsere beiden Domänen," sagte er: „Jaspers und die meinigen. Ihm gehört der See, mir die Wälder. Der Junge thut bisweilen groß mit der Breite seiner Besitzungen; aber ich sage ihm, daß meine Bäume ein so großes Stück Fläche auf dieser Erde ausmachen, als all sein Wasser. Nun, Mabel, Sie passen wohl für beide, denn ich sehe nicht, daß die Furcht vor den Mingo's oder die Nachtmärsche ihre hübschen Augen trüben können."
„Ich lerne den Pfadfinder in einem ganz neuen Charakter kennen, indem er einem einfältigen Mädchen Complimente sagt!"
„Nicht einfältig, Mabel; nein, nicht im Mindesten einfältig. Des Sergeanten Tochter würde ihrem würdigen Vater Unehre machen, wenn sie Etwas thun oder sagen würde, was man mit Recht einfältig nennen könnte."
„Dann muß sie sich in Acht nehmen und trügerischen Schmeichelreden nicht zu viel Glauben schenken. Aber, Pfadfinder, ich freue mich, Euch wieder unter uns zu sehen, denn obgleich sich Jasper nicht viel daraus zu machen schien, so war ich doch besorgt, daß irgend ein Unfall Euch und Euern Freund in dieser fürchterlichen Stromenge betroffen haben möchte."
„Der Junge kannte uns Beide, und wußte wohl, daß wir nicht ertrinken würden; denn dieß ist schwerlich eine von meinen Gaben. Es wäre auch wahrlich nicht gut schwimmen gewesen mit einer langläufigen Büchse in der Hand; und was diesen Spaß anbelangt, so ist der Hirschetödter und ich zu oft schon durch Wilde und Franzosen gegangen, als daß ich mich so leicht hätte von ihm trennen können. Nein, nein, wir wateten an's Ufer; die Enge war, mit Ausnahme einiger kleinen Stellen, seicht genug dazu — und landeten mit den Waffen in den Händen. Ich gebe zwar zu, daß wir uns um der Irokesen willen Zeit ließen; aber sobald diese schleichenden Vagabunden die Lichter erblickten, welche der Sergeant nach Eurem Kahn herunterschickte, wußten wir wohl, daß sie sich aus dem Staub machen würden, um einer allenfallsigen Visite von der Garnison aus zu entgehen. So saßen wir denn ungefähr eine Stunde geduldig auf den Steinen, und die Gefahr war vorüber. Geduld ist für einen Waldbewohner die wichtigste Tugend."
„Ich freue mich, das zu hören! denn selbst die Müdigkeit konnte mich kaum schlafen machen, wenn ich bedachte, was Euch möchte zugestoßen sein."
„Der Herr segne Ihr empfindsames kleines Herz, Mabel! aber das ist so die Weise sanfter Frauenzimmer. Was mich anbelangt, so war ich froh, als ich die Laternen auf das Wasser zukommen sah, weil ich daraus entnehmen konnte, daß Sie in Sicherheit waren. Wir Jäger und Wegweiser sind zwar rauhe Bursche, aber wir haben unsere Gefühle und unsere Gedanken so gut, als ein General in der Armee. Wir Beide, Jasper und ich, hätten uns lieber todtschlagen lassen, ehe Sie hätten Schaden nehmen sollen — ja, das hätten wir."
„Ich danke Euch, Pfadfinder, für Alles was Ihr für mich gethan habt; aus dem Grunde meines Herzens danke ich Euch, und verlaßt Euch d'rauf, daß es mein Vater erfahren soll. Ich habe ihm schon viel erzählt, aber es bleibt mir in dieser Sache noch eine weitere Verpflichtung."
„Pah! Mabel! der Sergeant weiß, was die Wälder sind, und kennt auch die Weise der ächten Rothhäute. Es ist nicht nöthig, ihm diese Dinge weitläufig zu erzählen. Nun, Sie sind ja jetzt mit Ihrem Vater zusammengetroffen? Finden Sie den braven alten Soldaten als so eine Art Person, wie Sie ihn zu finden erwarteten?" „Er ist mein theurer Vater, und hat mich aufgenommen, wie ein Soldat und Vater sein Kind aufnehmen soll. Kennt Ihr ihn schon lange, Pfadfinder?"
„Allerdings, wenn wir wie die Leute rechnen wollen. Ich war gerade zwölf Jahre alt, als der Sergeant mich zu meiner ersten Späherstreife mitnahm, und das ist nun schon über dreißig Jahre. Wir hatten übrigens lange daran zu dauen, und da dieses geschah, ehe Sie geboren waren, so würden Sie wohl keinen Vater gehabt haben, wäre nicht die Büchse eine von meinen natürlichen Gaben gewesen."
„Erklärt Euch deutlicher."
„Es ist zu einfach für viele Worte. Wir waren in einen Hinterhalt gefallen; der Sergeant wurde schwer verwundet, und würde wohl seine Kopfhaut verloren haben, hätte ich nicht auf so einer Art von Instinkt zum Gewehr gegriffen. Wir brachten ihn dann weg, und ein schönerer Haarkopf ist, so lange das Regiment besteht, nicht in demselben gefunden worden, als wie ihn der Sergeant noch an diesem gesegneten Tage herumträgt."
„Ihr habt meines Vaters Leben gerettet, Pfadfinder," rief Mabel, und faßte unwillkürlich, aber mit Wärme, seine harten, sehnigen Hände mit den ihrigen. „Gott segne Euch auch hiefür, wie für Eure andern guten Handlungen!"
„Nein, ich sagte das nicht, obgleich ich glaube, daß ich seinen Skalp gerettet habe. Ein Mensch kann ohne Kopfhaut leben, und so kann ich nicht sagen, daß ich sein Leben gerettet habe. Aber Jasper könnte das wohl von Ihnen behaupten, denn ohne sein Auge und seinen Arm würde der Kahn nimmermehr in einer Nacht, wie die letzte, glücklich über die Stromenge gekommen sein. Die Gaben des Jungen sind für das Wasser, während die meinigen für die Jagd und die Fährte passen. Er ist dort in der Bucht, sieht nach den Kähnen und verwendet kein Auge von seinem lieben kleinen Fahrzeug. In meinen Augen gibt es keinen schmuckeren Burschen in dieser Gegend, als Jasper Western.«
Das erste Mal, seit sie ihr Zimmer verlassen, blickte jetzt Mabel abwärts, um auch einen Ueberblick über den Vordergrund des merkwürdigen Gemäldes, in das sie sich mit solcher Lust vertieft hatte, zu gewinnen. Der Oswego ergoß sein dunkles Wasser zwischen etwas erhöhten Dämmen, von denen der östliche sich kühner erhob und weiter gegen Norden hervorsprang, als der westliche, in den See. Das Fort lag auf der Westseite, und unmittelbar unter ihm befanden sich einige Blockhäuser, welche, da sie nichts zur Vertheidigung des Platzes beitragen konnten, an dem Ufer hin errichtet worden waren, um die Vorräthe aufzunehmen und aufzubewahren, welche gelandet wurden, oder nach den verschiedenen befreundeten Häfen an den Ufern des Ontario eingeschifft werden sollten. Dann zeigten sich zwei niedrige, gekrümmte, kiesige Punkte, welche mit überraschender Regelmäßigkeit durch die sich entgegenwirkenden Kräfte der Nordwinde und der schnellen Strömung gebildet waren, und sich mitten in dem Fluß zu zwei gegen die Seestürme geschützten Bayen gestalteten. Die auf der Westseite war am tiefsten ausgeschnitten, und da sie auch das meiste Wasser hatte, so konnte man sie als einen kleinen malerischen Hafen betrachten. Längs des nahen Ufers, welches sich zwischen der geringen Ansteigung des Forts und dem Wasser dieser Bucht befand, waren die eben erwähnten rohen Gebäude errichtet.
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