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J. F. Cooper

Der letzte Mohikaner

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Impressum

1. Kapitel

Es war eine Eigenart der Kriege, die in den Kolonien Nordamerikas geführt wurden, daß zuvor große Mühen und Gefahren der Wildnis zu überwinden waren, ehe sich die feindlichen Heere begegnen konnten. Ein breiter Streifen undurchdringlicher Wälder trennte damals die Besitzungen der feindlichen Provinzen Frankreichs und Englands. Der kühne Pflanzer und der geübte Europäer kämpften oft monatelang mit reißenden Strömen und mußten rauhe Gebirgspässe gangbar machen, ehe sie dann ihren Mut im kriegerischen Kampf zu zeigen vermochten. Zusammen mit den eingeborenen Kriegern lernten sie diese Schwierigkeiten überwinden.

Am grausamsten tobten die barbarischen Kriege zu jener Zeit in dem Land, das zwischen den Quellen des Hudsons und den anstoßenden Seen liegt.

Schon drei Jahre führten England und Frankreich einen erbitterten Kampf um jenen Landstrich, der keinem von ihnen später gehören sollte. Die Unfähigkeit der Heerführer und die mangelnde Energie der Staatsmänner hatte Großbritannien von seiner stolzen Höhe herabgestürzt. Erst vor kurzem war ein erlesenes Heer aus dem Mutterlande unter den Befehlen eines Führers, der wegen seiner großen kriegerischen Verdienste besonders geachtet war, von einer Handvoll Franzosen und Indianern schimpflich zersprengt worden. Die bestürzten Kolonisten glaubten nun das Geheul der Wilden in jedem Windstoß zu hören, der aus den endlosen Wäldern des Westens pfiff. Der grausame Charakter der erbarmungslosen Kampfweise vermehrte noch die natürlichen Schrecken des Krieges. Zahllose Gemetzel, bei denen die Eingeborenen in ihrer Grausamkeit die Hauptrolle spielten, lebten noch in ihrer Erinnerung. Selbst die Zuversichtlichsten und Standhaftesten meinten, daß der Ausgang des Kampfes zweifelhaft wäre und daß bald alle Besitzungen der englischen Krone in Amerika an ihre Feinde verlorengingen.

Als daher in dem Fort, das das Südende zwischen dem Hudson und den Seen sichern sollte, die Nachricht eintraf, der französische Heerführer Montcalm käme mit einem Heere, »zahllos wie das Laub auf den Bäumen«, den Champlain-Strom herauf, machten sich bald Furcht und Verzagtheit breit.

Die Nachricht war an einem Sommerabend durch einen indianischen Läufer eingetroffen. Munro, der Befehlshaber eines Festungswerkes am Ufer des »Heiligen Sees«, ließ um schnelle und nachhaltige Verstärkung bitten. Die Entfernung zwischen diesen beiden Festungen betrug etwa fünf Stunden. Der rauhe Pfad, der die Verbindungslinie bildete, war für Wagen erweitert worden, so daß der Weg, den der Sohn der Wildnis in nur zwei Stunden bewältigte, von einem Korps Soldaten mit dem erforderlichen Gepäck bequem an einem Sommertag zurückgelegt werden konnte. Die Engländer hatten eine dieser Waldfestungen »William Henry« und die andere »Fort Edward« genannt. Im Fort »William Henry« lag Munro mit einem Regiment ausgebildeter Soldaten und einer Anzahl Kolonisten. Eine Besatzung, die in der Tat zu schwach war, einer so furchtbaren Macht wie Montcalm und seinem Heer standzuhalten. In der Festung »Edward« befehligte General Webb ein Korps von mehr als fünftausend Mann. Bei einer Vereinigung aller Truppenteile unter dem Befehl des Generals hätte dieser fast die doppelte Anzahl Kämpfer dem Franzosen entgegenzustellen vermocht.

Von ihrem früheren Mißgeschick niedergedrückt, schienen Offiziere und Mannschaften mehr geneigt, die Annäherung ihres furchtbaren Feindes innerhalb ihrer Festungswerke zu erwarten, als sich dem vorrückenden Gegner entgegenzusetzen.

Nachdem sich die erste Bestürzung über diese Nachricht gelegt hatte, lief durch das Lager das Gerücht, daß ein auserlesenes Detachement von eintausendfünfhundert Mann bei Tagesanbruch nach Fort »William« abzugehen habe. Das Gerücht bestätigte sich bald, da aus dem Quartier des Generals an die dazu ausersehenen Korps die Order erging, sich zum schleunigen Abmarsch bereitzuhalten.

Das Wirbeln der Trommeln unterbrach am frühen Morgen den Schlaf des Heeres, als eben der anbrechende Tag die Umrisse einiger hohen Fichten abzuzeichnen begann. Im Augenblick war das ganze Lager in Bewegung. Selbst der einfachste Soldat sprang von seinem Lager auf, um Zeuge des Abmarsches seiner Kameraden zu sein. Bald hatte sich die kleine ausgewählte Truppe in Marschordnung aufgestellt. Während sich die ausgebildeten Soldaten stolz auf den rechten Flügel stellten, bezogen die weniger anspruchsvollen Kolonisten ihre bescheidenere Stellung auf dem linken. Die Patrouillen brachen auf, starke Bewachungen zogen vor und hinter den schwerfälligen Packwagen, dann schwenkte die Hauptmacht der Streiter in eine Kolonne ein und verließ das Lager mit dem Ausdruck soldatischen Stolzes.

Die Marschtritte der bereits entschwundenen Kolonne waren schon verklungen, aber immer noch wurden Anstalten zu einer anderen Abreise getroffen. Vor einem Blockhause stand ein halbes Dutzend Pferde beisammen. Zwei der Tiere schienen, nach ihrem Sattelzeug zu urteilen, für Frauen bestimmt zu sein. Ein drittes Pferd trug das Geschirr und die Waffen eines Stabsoffiziers, während die anderen mit Decken und Reisetaschen beschwert, offenbar für Diener bestimmt waren. In einiger Entfernung stand eine Gruppe neugieriger Zuschauer, unter ihnen auch ein Mann, dessen Äußeres einen höchst ungünstigen Eindruck hinterließ. Seine Glieder besaßen keinerlei Spur von Ebenmaß. Stand er, so überragte er alle, saß er dagegen, so schien er nur die gewöhnliche Größe der Männer zu haben. Sein Kopf war groß, seine Schultern eng, seine Arme lang und schlotternd, seine Hände dagegen klein, seine Beine und Schenkel dünn, ausgemergelt und überlang. Der geschmacklose Anzug dieses Menschen unterstrich noch seine unvorteilhafte Gestalt.

Dieser Mann ging unbedenklich unter den Dienern umher und lobte und tadelte die Pferde.

»Freund, ich möchte fast sagen, dieses Tier stammt nicht aus heimischer Zucht, sondern aus fremden Landen. Vielleicht ist es gar von der kleinen Insel über dem blauen Wasser nach hier gekommen?« sprach er in einem milden und sanften Ton. Da auf diese Rede keine Erwiderung kam, wandte er sich um. Dabei fielen seine Augen auf die schweigsame Gestalt des indianischen Läufers, der die unwillkommene Nachricht vom vorigen Abend in das Lager gebracht hatte. Obgleich der Wilde das aufgeregte und geräuschvolle Hasten nicht beachtete, so lag doch in seiner äußeren Ruhe ein mürrischer Trotz. Der Eingeborene trug den Tomahawk und das Messer seines Stammes. Die Farben auf seinem nach Kriegerart bemalten Gesichte waren ineinandergeflossen und machten seine Gesichtszüge noch wilder. Einen Augenblick nur begegnete sein forschender Blick dem verwunderten Auge des anderen.

Eine allgemeine Bewegung unter den Dienern kündigte das Nahen der erwarteten Personen an. Ein junger Mann, in der Uniform eines Offiziers, führte zwei Damen zu den Pferden. Nachdem die Damen und der Offizier aufgesessen waren, verbeugten sich alle drei gegen General Webb, der auf der Schwelle seiner Wohnung erschienen war. Dann ritten sie, von der Dienerschaft gefolgt, nach dem nördlichen Eingang der Verschanzungen. Während des kurzen Rittes entfuhr der jüngeren Dame ein erschreckter Ausruf, als sie den indianischen Läufer erblickte, der vorüberglitt und auf der Heerstraße ihnen vorauseilte.

2. Kapitel

»Sind solche Gespenster häufig in diesen Wäldern zu sehen, Heyward? In diesem Falle bedürfen Kora und ich großen Mutes, ehe wir dem gefürchteten Montcalm begegnen.«

»Der Indianer dort ist ein Läufer des Heeres und gilt bei seinem Volke für einen Helden«, versetzte der Offizier. »Er hat sich erboten, uns auf einem fast unbekannten Pfad schneller und angenehmer nach dem See zu bringen.«

»Der Mensch gefällt mir auch nicht«, sprach die ältere Dame. »Sie kennen ihn doch genau, Duncan, sonst vertrauten Sie sich doch nicht so unbedenklich seiner Führung an?«

»Ich kenne ihn genau. Man sagt, er sei ein Kanadier – und doch diente er unseren Freunden, den Mohikanern, Wie Sie wissen, gehören die Mohawks zu den mit uns verbündeten Stämmen. Er wurde durch einen seltsamen Vorfall zu uns gebracht, bei dem Ihr Vater beteiligt war und der Wilde hart behandelt wurde – aber ich vergaß die Geschichte, jetzt ist er unser Freund.«

»Wenn er meines Vaters Feind war, so gefällt er mir noch viel weniger!« rief das nun wirklich erschrockene Mädchen. »Wollen Sie nicht mit ihm sprechen, Major Heyward, damit ich seine Stimme höre?«

»Das wird vergeblich sein. Wenn er auch Englisch versteht, so tut er doch so, als verstünde er nichts davon. Aber er bleibt stehen, wahrscheinlich beginnt dort der geheime Weg, den wir einschlagen sollen.«

Die Vermutung Major Heywards war richtig. Als sie an die Stelle kamen, wo der Indianer stand, wies er mit der Hand auf ein Dickicht zur Seite der Heerstraße, und ein schmaler Pfad, der nur eine Person aufnehmen konnte, wurde sichtbar.

»Dahin also geht unser Weg«, sprach der junge Mann mit gedämpfter Stimme. »Zeigen Sie kein Mißtrauen!«

»Kora, was denkst du?« fragte das junge Mädchen. »Ist es nicht besser, wenn wir mit der Truppe reisen, selbst wenn es für uns unangenehm ist?«

»Sie sind mit den Kunstgriffen der Wilden zu wenig bekannt, Alice«, fiel Heyward ein. »Wenn sich der Feind überhaupt schon in unserer unmittelbaren Nähe befinden sollte, dann geht er sicher darauf aus, die Kolonne zu umzingeln, weil es hier am meisten zu skalpieren gibt. Die Straße, auf der das Detachement marschiert, ist bekannt, während unser Weg erst vor einer Stunde beschlossen wurde und somit für ihn ein Geheimnis sein muß.«

»Sollen wir dem Mann mißtrauen, weil seine Sitten nicht die unseren sind und seine Haut dunkel ist?«

Alice zögerte nicht länger. Sie gab ihrem Pferde einen Schlag mit der Gerte, drückte die Zweige des Gebüsches beiseite und folgte dem Läufer den dunklen, verschlungenen Pfad entlang. Der junge Mann bahnte nun ebenfalls einen Weg für die andere Dame, die Kora genannt worden war. Die Diener folgten auf der Heerstraße der Kolonne, eine Maßnahme, die der Führer angeraten hatte, um nicht zuviel Spuren zu hinterlassen. Sobald der Wilde merkte, daß die Damen wieder freier über ihre Pferde verfügen konnten, schlug er ein rascheres Tempo an. Doch schon nach kurzer Zeit blieb die Gruppe stehen, da entfernte Hufschläge zu hören waren. Bald sah man ein Füllen durch die Fichtenstämme schlüpfen und gleich darauf die Person des eigenartigen Mannes, der durch seine seltsame Gestalt bereits vor der Abreise der Gesellschaft aufgefallen war. Er trieb sein mageres Tier zu größter Eile an. Der Eifer und die Bewegungen des Reiters waren nicht minder merkwürdig als die seines Rosses. Bei jeder Bewegung erhob der Reiter seine hagere Gestalt in den Steigbügeln und bewirkte durch die ungebührliche Verlängerung seiner Beine ein ständiges Wachsen und Zusammensinken seiner Gestalt.

Die ärgerlichen Falten, die sich auf der offenen männlichen Stirn Heywards gesammelt hatten, glätteten sich, und um seinen Mund flog ein leichtes Lächeln, als er den Fremden betrachtete.

»Suchen Sie jemand?« fragte Heyward, als der andere näher gekommen war.

»Ja gewiß«, erwiderte der Fremde. »Ich hörte, Sie reiten nach ›William Henry‹, und da ich den gleichen Weg habe, möchte ich mich Ihrer Gesellschaft gern anschließen.«

»Wenn Sie nach dem See reisen wollen«, versetzte Heyward, »dann sind Sie nicht auf dem rechten Weg, die Heerstraße liegt eine halbe Meile hinter uns.«

»So ist es«, entgegnete der Fremde. »Ich müßte stumm gewesen sein, wenn ich mich nicht im Fort ›Edward‹ nach dem Weg erkundigt hätte. Und wäre ich stumm, dann könnte ich auch meinen schönen Beruf als Gesangsmeister aufgeben.«

»Lassen Sie den Fremden in unserem Gefolge reisen, Heyward«, bat Alice, und fuhr in gedämpftem Tone fort, »vielleicht kann er als Freund im Falle der Not unsere Kräfte verstärken.«

Heyward gab ihrem bittenden Blicke nach, stieß seinem Pferde die Sporen ein und war mit wenigen Sprüngen wieder an Koras Seite.

»Es freut mich, Sie zu treffen«, fuhr Alice fort, dem Fremden mit der Hand winkend, weiterzureiten. »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, die Meinungen und Erfahrungen eines Meisters des Gesanges zu hören.«

»Es ist erfrischend für Geist und Leib, sich durch Singen von Psalmen zu erquicken«, erwiderte der Fremde. »Doch vier Stimmen sind erforderlich, um eine Melodie schön auszuführen. Die Stimme ist dem Menschen wie andere Talente zum Gebrauch gegeben.«

»So haben Sie denn Ihre Kunstversuche auf den heiligen Gesang beschränkt?«

»Ja, wie die Psalmen Davids jede andere Poesie weit übertreffen, so übertrifft auch die Psalmodie, die von den Gottesgelehrten und Weisen des Landes ihnen angepaßt worden ist, alle weltliche Musik.«

Während dieser Lobpreisung hatte der Fremde ein Buch aus seiner Tasche gezogen und eine in Eisen gefaßte Brille auf seine Nase gesetzt. Dann begann er mit vollen Tönen mehrere Strophen eines Psalmliedes abzusingen. Den Gesang begleitete der Fremde mit Bewegungen seiner rechten Hand.

Solche laute Unterbrechung der Waldesstille konnte gefährlich werden. Der Indianer murmelte einige Worte in gebrochenem Englisch zu Heyward, der den Fremden bat, seine musikalischen Versuche zu beenden. Nach dieser kurzen Unterbrechung ritt die Gesellschaft weiter. Der Zug war noch nicht lange vorüber, als sich die Zweige eines Gebüsches vorsichtig teilten und die dunkelbemalten Gesichtszüge eines Wilden sichtbar wurden, der frohlockend den Reitern nachblickte.

3. Kapitel

An jenem Tage saßen zwei Männer an dem Ufer eines kleinen, aber reißenden Stromes, der ungefähr eine Tagesreise von dem Lager Webbs entfernt war. Das weite Laubdach des Waldes überwölbte den Rand des Flusses. Die Strahlen der Sonne wurden bereits schwächer und die starke Hitze des Tages begann sich zu mildern. Immer noch herrschte in dieser Einsamkeit jene Stille, die die drückende Schwüle einer amerikanischen Landschaft im Hochsommer kennzeichnet. Sie wurde nur von den leisen Stimmen der Männer, dem müden Klopfen eines Waldspechtes, dem Schrei eines bunten Hähers oder dem dumpfen Rauschen eines fernen Wasserfalles unterbrochen.

Diese schwachen Laute waren jedoch den Waldbewohnern vertraut, so daß sie sich dadurch nicht von ihrer Unterhaltung ablenken ließen. Einer der Männer war sofort durch die rote Hautfarbe als Indianer zu erkennen, der andere verriet – trotz seines sonnengebräunten Gesichtes – den Europäer. Der Indianer saß auf dem Rande eines bemoosten Baumstammes. Sein Gesicht und sein fast nackter Körper waren mit weißen und schwarzen Farben bemalt. Sein kahlgeschorener Kopf trug nur die Skalplocke und auf die linke Schulter hing eine einzige Adlerfeder herab. Ein Tomahawk und ein Skalpiermesser staken in seinem Gürtel, während eine Büchse über seinen bloßen, sehnigen Knien lag. Die gewölbte Brust, die wohlgeformten Glieder und die ernste Haltung dieses Kriegers ließen erkennen, daß er sich in der Vollkraft seines Lebens befand.

Die wettergebräunte Gestalt des Weißen zeigte, daß er seit seiner frühesten Jugend gelernt hatte, Mühseligkeiten und Anstrengungen zu ertragen. Die Kleidung bestand aus einem grünen Jagdhemd und einer Sommermütze von geschorenem Fell. Auch er trug ein Messer in einem Wampumgürtel. Seine Mokassins waren nach der Art der Eingeborenen verziert. Eine Jagdtasche und ein Pulverhorn vollendeten seinen Anzug. Eine lange Büchse lehnte an einem, Baum. Das Auge des Jägers oder Kundschafters war lebhaft, scharf und unruhig, als ob es irgendein Jagdwild suche oder um die plötzliche Annäherung eines Feindes besorgt sei. Sein Gesicht machte einen offenen und ehrlichen Eindruck.

»Selbst Eure Überlieferungen sprechen für mich, Chingachgook«, sagte der Weiße in der Sprache der Delawaren. »Eure Väter kamen von der untergehenden Sonne her, kämpften mit dem Volke des Landes und nahmen es ihnen weg. Meine Väter kamen vom roten Morgenhimmel über den Salzsee und taten ganz nach dem Beispiel, das die Eurigen ihnen gegeben hatten. So laß denn Gott unsere Sache entscheiden und darüber keine Worte mehr verlieren.«

»Meine Väter fochten mit dem nackten, roten Mann«, versetzte ernst der Indianer. »Es ist doch ein Unterschied, Falkenauge, zwischen einem gespitzten Pfeil des Kriegers und der bleiernen Kugel, womit ihr tötet?«

»Ein Indianer hat Verstand, auch wenn ihm die Natur eine rote Haut gegeben hat«, sprach der Weiße kopfschüttelnd. »Ich bin kein Gelehrter. Wenn ich aber nach dem urteile, was ich von den Burschen bei meinen vielen Jagden auf Wild gesehen habe, dann meine ich, daß eine Büchse in den Händen Eurer Vorfahren nicht so gefährlich gewesen wäre wie ein Bogen aus Nußbaumholz und ein Pfeil in der Hand eines Indianers.«

Eine kurze Stille folgte. Der Indianer saß stumm da und schien über das soeben Gehörte nachzudenken. Nach einer Weile begann er mit einer Feierlichkeit, die die Wahrheit seiner Worte bekräftigen sollte, das Gespräch wieder aufzunehmen.

»Nein, Falkenauge, dein Ohr soll keine Lüge hören. Mein Stamm ist der Ahnherr von Nationen. Das Blut von Häuptlingen rollt in meinen Adern. Die Holländer landeten mit ihren Schiffen und gaben meinem Volke das Feuerwasser. Die roten Männer tranken es, bis sich Himmel und Erde zu berühren schienen, und glaubten, sie hätten den Großen Geist gefunden. Dann mußten sie von ihrem Lande scheiden. Schritt um Schritt wurden sie zurückgetrieben, bis ich, ein Häuptling meines Stammes, die Sonne nie anders als durch die Bäume habe leuchten sehen. Noch nie konnte ich die Gräber meiner Väter besuchen!«

»Gräber bringen das Gemüt in eine feierliche Stimmung«, bemerkte der Kundschafter, von der Schilderung seines Begleiters sichtlich gerührt.

»Doch wo befinden sich die Gräber deines Geschlechtes?«

»Wo sind ihre Gräber? Wo sind die Blüten jener Sommer? – Gefallen einer nach dem anderen. Alle von meiner Familie sind, wie die Reihe an sie kam, in das Land der Geister hinübergegangen. Ich stehe oben auf dem Berg und muß ins Tal hinab. Wenn Unkas, mein Sohn, meinen Fußstapfen folgt, so ist keiner mehr übrig vom Blute der großen Häuptlinge. Denn mein Knabe ist der letzte Mohikaner!«

»Unkas ist da!« sprach eine andere Stimme in sanftem Kehllaut. »Wer fragt nach Unkas?«

Der Weiße machte bei dieser plötzlichen Unterbrechung eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand nach seiner Büchse. Der Indianer aber blieb ruhig sitzen, ohne den Kopf nach der unerwarteten Stimme umzuwenden.

Im nächsten Augenblick schritt ein junger Krieger mit geräuschlosem Tritt zwischen sie und setzte sich zu ihnen an das Ufer des Stromes. Kein Laut der Überraschung entfuhr dem Vater. Mehrere Augenblicke herrschte Stille, und jeder schien zu warten, wann er sprechen könnte. Der Weiße ahmte ihrem Beispiel nach, zog seine Hand von der Büchse zurück und blieb ebenfalls still. Endlich wandte Chingachgook seine Augen langsam nach seinem Sohne und fragte:

»Wagen die Maquas, die Spuren ihrer Mokassins diesen Wäldern einzudrücken?«

»Ich war ihnen auf der Fährte«, antwortete der junge Indianer. »Ich weiß, daß ihrer so viele sind als Finger an meinen Händen. Aber sie haben sich wie Feiglinge verkrochen.«

»Die Diebe sind auf der Lauer nach Skalpen und Beute!« sprach Falkenauge.

»Der rührige Franzose Montcalm wird seine Spione noch bis in unser Lager schicken.«

»Genug!« erwiderte Chingachgook. »Sie sollen vertrieben werden wie das Wild aus den Büschen. Jetzt, Falkenauge, wollen wir zu Abend essen und morgen den Maquas zeigen, daß wir Männer sind.«

»Ich bin zu dem einen wie zu dem anderen bereit. Doch um mit den Irokesen zu kämpfen, muß man sie in ihrem Verstecke aufsuchen. Und um zu essen, braucht man ein gutes Wildbret – doch da«, sprach er flüsternd weiter, »bewegt sich ein Paar der stärksten Geweihe, die ich in diesen Jahren gesehen habe! Ich wette, daß ich den Rehbock genau zwischen den Augen treffen werde.«

Der Kundschafter wollte gerade sein Gewehr anlegen, da hielt Chingachgook seine Hand auf die Büchse und sagte:

»Falkenauge! Hast du Lust mit den Maquas zu kämpfen?«

»Diese Indianer kennen die Wälder durch ihren Instinkt!« versetzte der Jäger, ließ die Büchse sinken und wandte sich ab, da er seinen Irrtum einsah. »Ich muß den Bock deinem Pfeil überlassen, Unkas.«

Kaum hatte der Vater diese Worte mit einer Handbewegung gutgeheißen, da warf sich Unkas zu Boden und näherte sich mit vorsichtigen Bewegungen dem ahnungslosen Tiere. Als er nur noch wenige Meter von dem Verstecke entfernt war, legte er mit großer Sorgfalt einen Pfeil auf den Bogen. Im nächsten Augenblick fuhr der Pfeil durch das Gebüsch und der verwunderte Hirsch stürzte aus dem Versteck zu den Füßen des verborgenen Feindes. Dem Geweih des wütenden Tieres ausweichend, sprang Unkas zur Seite und stach ihm dann das Messer in die Kehle.

»Das nenne ich ein indianisches Meisterstück!« lobte der Kundschafter.

»Howgh!« pflichtete sein Begleiter bei. Doch plötzlich wandte sich der ältere Indianer um, wie ein edler Jagdhund, der die Fährte eines Wildes wittert.

»Da ist ein ganzes Rudel!« flüsterte der Kundschafter. »Was horchst du, Chingachgook?«

»Hier ist nur ein Rehbock und der ist tot«, sprach , der Indianer und bückte sich im gleichen Augenblick nieder, bis sein Ohr die Erde berührte. »Ich höre Fußtritte!«

»Vielleicht haben die Wölfe den Hirsch in das Versteck getrieben und sind ihm jetzt auf der Spur.«

»Nein, Pferde weißer Männer kommen!« erwiderte Chingachgook bestimmt, erhob sich und nahm seinen Sitz auf dem Baumstamm wieder ein. »Falkenauge, es sind deine Brüder, sprich mit ihnen!«

»Das will ich gerne tun«, erwiderte der Jäger und blickte sich um. »Da höre ich auch schon dürres Holz krachen – ja, es sind Pferdetritte, die ich für das Fallen des Wassers hielt.«

4. Kapitel

Noch während der Kundschafter sprach, wurden die Reisenden sichtbar, die so unerwartet die Stille des Waldes gestört hatten.

»Wer da?« rief der Kundschafter, indem er seine Büchse lässig über den linken Arm warf.

»Freunde des Königs«, antwortete der vorderste Reiter, »Menschen, die seit Sonnenaufgang gereist und von den Anstrengungen des Weges erschöpft sind.«

»So habt ihr euch wohl verirrt?« unterbrach ihn der Jäger.

»So ist es! Wie der Säugling eine gute Amme braucht, so benötigen wir einen sicheren Führer. Wißt Ihr, wie weit es nach der Festung ›William Henry‹ ist?«

»›William Henry‹, Mann!« rief der Kundschafter lachend. »Wenn Ihr Freunde des Königs seid, dann wäre es besser, wenn Ihr am Fluß hinab nach Fort ›Edward‹ ginget und Eure Sache General Webb vorlegtet, anstatt in die gefährlichen Engpässe vorzudringen.«

Ehe der Fremde auf diesen Vorschlag etwas erwidern konnte, sprengte ein anderer Reiter durch das Gebüsch auf den schmalen Pfad.

»Wie weit mögen wir denn von Fort ›Edward‹ entfernt sein?« fragte der neue Sprecher. »Den Ort, nach dem Ihr uns weist, verließen wir heute morgen. Unser Ziel ist die Quelle des Sees.«

»Dann müßt Ihr Eure Augen früher als den Weg verloren haben. Der Weg nach Eurem Ziel ist wenigstens zwei Ruten breit in den Wald ausgehauen, so daß Ihr ihn schwerlich verlieren könnt.«

»Wir wollen uns nicht über die Vortrefflichkeit des Weges streiten«, versetzte Heyward lächelnd. »Es ist genug, wenn ich Euch sage, daß wir uns einem indianischen Führer anvertraut haben, der uns einen wesentlich kürzeren Weg führen wollte. Er muß sich scheinbar verirrt haben.«

»Ein Indianer in den Wäldern verirrt!« sprach der Kundschafter, bedenklich den Kopf schüttelnd. »Es ist seltsam, daß sich ein Indianer zwischen dem Horican und der Krümmung des Flusses nicht mehr zurechtfinden soll! Ist er ein: Mohawk?«

»Nicht von Geburt, obgleich er von diesem Stamme aufgenommen worden ist. Ich glaube, er ist einer von denen, die Ihr als Huronen bezeichnet.«

»Howgh!« riefen die zwei Begleiter des Kundschafters, die bis dahin dem Gespräch unbeweglich und scheinbar gleichgültig zugehört hatten.

»Ein Hurone!« wiederholte der Kundschafter bedenklich. »Das ist ein diebisches Geschlecht. Es sollte mich nicht wundern, wenn Ihr es nicht noch mit mehreren von ihnen zu tun bekommt.«

»Ihr vergeßt, unser Führer ist jetzt ein Mohawk und dient als Freund bei unserem Heer.«

»Und ich sage Euch, wer als Mingo geboren ist, als Mingo auch stirbt«, entgegnete der Jäger bestimmt.

»Ich will jetzt nicht den Charakter eines Mannes untersuchen, den ich kenne und der Euch fremd ist«, sprach Heyward ungeduldig. »Sagt mir lieber, wie weit wir von Fort ›Edward‹ entfernt sind.«

»Das kommt darauf an, wer Euch führt«, erwiderte ausweichend der Kundschafter.

»Ich wünsche keinen Streit mit Euch«, bemerkte Heyward in höflicherem Ton. »Wenn Ihr mir die Entfernung von Fort ›Edward‹ sagt und mich dahin führt, so soll Eure Bemühung nicht unbelohnt bleiben.«

»Wer bürgt mir dafür, daß ich keinen Feind oder Spion Montcalms nach den Festungswerken des Heeres führe? Nicht jeder, der Englisch spricht, ist deshalb ein Ehrenmann.«

»Wenn Ihr bei dem Heere dient und dessen Kundschafter seid, so müßt Ihr das sechzigste Regiment des Königs und seinen Major kennen.«

»Seinen Major?« unterbrach der Jäger. »Wenn ein Mann im Lande ist, der Major Effingham kennt, so bin ich es.«

»Das Korps hat mehrere Majore. Den Ihr kennt, meine ich nicht. Ich spreche von dem jüngsten, der die Kompanien in ›William Henry‹ befehligt.«

»Ich habe auch von ihm gehört. Er ist noch recht jung für einen solchen Rang, doch sagt man, er sei ein geschickter Soldat.«

»Was er auch immer sein mag, er spricht jetzt mit Euch und Ihr habt daher keinen Feind in ihm zu fürchten.«

Der Kundschafter betrachtete Heyward erstaunt und antwortete immer noch etwas argwöhnisch:

»Ich habe gehört, daß heute morgen eine Abteilung aus dem Lager nach dem Ufer des Sees abgehen sollte.«

»Da habt Ihr recht gehört. Ich wählte einen kürzeren Weg und verließ mich dabei auf den indianischen Führer.«

»Und er täuschte Euch und lief davon.«

»Keines von beiden, denn er ist noch in meinem Gefolge.«

»Ich möchte mir diesen Menschen etwas näher ansehen.

Wenn es ein echter Irokese ist, dann erkenne ich ihn sofort an seinem falschen Blick und an der Farbe seines Gesichtes«, sprach der Kundschafter und schritt an Heywards Pferd vorbei.

Nachdem er das Gebüsch beiseite geschoben hatte, traf er einige Schritte weiter auf die Frauen, die der Besprechung mit Sorge zugehört hatten. Etwas abseits lehnte der Läufer an einem Baum. Mit unveränderter Miene hielt er der Prüfung des Kundschafters stand. Zufrieden mit dem Ergebnis seiner Forschungen verließ ihn der Jäger und kehrte zu Heyward zurück.

»Ein Mingo ist und bleibt ein Mingo«, sprach er. »Wenn wir alleine wären, so könnte ich Euch den Weg nach ›Edward‹ in einer Stunde zeigen. Aber mit den Frauen in Eurem Gefolge ist das unmöglich.«

»Warum? Sie sind zwar ermüdet, aber für einen Ritt von ein paar Meilen noch kräftig genug!«

»Es ist vollkommen ausgeschlossen«, wiederholte der Kundschafter bestimmt. »In Begleitung Eures indianischen Läufers möchte ich nach Einbruch der Nacht keine Meile in diesen Wäldern gehen. Sie sind voll von lauernden Irokesen und Euer falscher Mohawk weiß genau, wo er sie zu finden hat.«

»Seht Ihr die Sache so an?« sprach Heyward jetzt leiser. »Ich selbst habe auch schon Verdacht geschöpft und wollte ihm nicht länger folgen. Deshalb ließ ich ihn hinter mir hergehen.«

»Ich wußte, daß er ein Schurke ist, als ich ihn sah!« versetzte der Kundschafter. »Der Dieb lehnt am Fuße des jungen Baumes. Ich kann ihn von hier aus aufs Korn nehmen und dafür sorgen, daß ihm wenigstens für einen Monat das Herumstreichen in den Wäldern vergeht.«

»Das dürft Ihr nicht, er kann auch unschuldig sein.«

»Auf die Schurkerei eines Irokesen darf man mit Sicherheit rechnen«, sprach der Kundschafter und griff nach seiner Büchse.

»Halt!« unterbrach ihn Heyward. »Wir müssen an etwas anderes denken – auch wenn ich Grund habe zu glauben, daß er mich getäuscht hat.«

Der Jäger, der seine Absicht, den Läufer lahm zu schießen, aufgegeben hatte, sann einen Augenblick nach. Dann machte er ein Zeichen, das seine zwei roten Begleiter an seine Seite rief. Sie sprachen leise, aber lebhaft in delawarischer Sprache miteinander. Die beiden Indianer hatten seine Wünsche bald verstanden, legten ihre Gewehre weg und wandten sich in entgegengesetzter Richtung in das Dickicht.

»Jetzt geht zurück«, sprach der Jäger wieder zu Heyward. »Haltet den roten Teufel mit Reden hin. Die Mohikaner wollen ihn lebendig fangen, ohne seine Schminke zu verderben.«

»Nein«, sprach Heyward stolz, »ich will ihn selbst fassen.«

»Pah! Was vermögt Ihr zu Pferde gegen einen Indianer?«

Heyward befolgte den Rat, obgleich ihm die Rolle, die er zu spielen hatte, nicht behagte. Von Sorgen bedrückt, verließ er den Kundschafter und ritt nach der Stelle, wo der Läufer immer noch an den Baum gelehnt stand.

»Du siehst, Magua«, sprach er vertraulich, »daß die Nacht einbricht und wir immer noch in der Nähe von ›William Henry‹ sind. Du hast den Weg verfehlt. Doch zum Glück haben wir einen Jäger getroffen, der ist mit den Fährten des Wildes vertraut und verspricht uns nach einem Platze zu fuhren, wo wir uns bis morgen ausruhen können.«

Der Indianer heftete seine funkelnden Augen auf Heyward und fragte in seinem gebrochenen Englisch: »Ist er allein?«

»Allein?« wiederholte verlegen Heyward. »Du weißt ja, daß wir bei ihm sind.«

»Dann kann le Renard Subtil gehen«, erwiderte der Läufer. »Und die Bleichgesichter werden nur Leute ihrer eigenen Farbe sehen.«

»Wen nennst du le Renard Subtil?«

»Diesen Namen haben mir meine kanadischen Väter gegeben«, antwortete stolz der Läufer.

»Es ist gut, Magua«, sprach Heyward. »Sind wir nicht Freunde? Warum sollen böse Worte zwischen uns gewechselt werden? Komm, ruhe deine müden Glieder jetzt aus und öffne deine Reisetasche, um dich zu stärken. Wir haben nur wenig Zeit, und wenn die Frauen ebenfalls gegessen haben, wollen wir weitergehen.«

»Die Bleichgesichter machen sich zu Hunden ihrer Frauen«, murmelte der Indianer in seiner Muttersprache. »Und wenn sie essen wollen, müssen ihre Krieger den Tomahawk beiseite legen.«

»Le Subtil sagt, es ist gut.«

»Was sagst du, Renard?«

Der Indianer blickte Heyward scharf ins Gesicht. Als er aber seinem Blick begegnete, wandte er sich schnell ab, nahm den Rest eines früheren Mahles aus der Tasche und begann zu essen.

»So ist es recht«, fuhr Heyward fort, »Renard wird morgen wieder die Kraft haben, um den rechten Weg zu finden.« Er hielt in seiner Rede inne, denn er hörte das Knistern dürrer Reiser und das Rauschen von Blättern. Auch Magua ließ seine Hand vom Munde herabsinken und bog lauschend den Kopf seitwärts. Heyward, der seinen Bewegungen wachsam folgte, ließ nachlässig die Hand zu seinem Pistolenhalfter hinabgleiten. Jetzt stand le Subtil vorsichtig auf. Heyward fühlte, daß der Augenblick gekommen war, um zu handeln. Er stieg aus dem Sattel und sprach immer noch in vertraulichem Tone: »Le Renard Subtil ißt nicht. Ich will sehen, ob ich unter meinem Vorrat etwas finde, was ihm besser schmeckt.«

Magua hielt die Reisetasche hin. Doch kaum fühlte er, daß Heywards Finger sich vorsichtig über seinen nackten Arm bewegten, da schlug er die Hand des jungen Mannes zurück und sprang mit einem großen Satz in das gegenüberliegende Dickicht. Im nächsten Augenblick erschien die Gestalt Chingachgooks und eilte dem Entflohenen nach. Kurz darauf folgte Unkas und dann wurde der Wald durch einen Feuerschein erhellt, dem ein scharfer Knall aus der Büchse des Jägers folgte.

5. Kapitel

Die plötzliche Flucht des Irokesen und das wilde Geschrei der Verfolger setzten Heyward in Erstaunen. Auch er stürzte in das nahe Gebüsch, um sich an der Jagd zu beteiligen. Kaum hatte er aber einige Schritte zurückgelegt, als er bereits die drei Waldbewohner von ihrer fruchtlosen Verfolgung zurückkehren sah.

»Warum so schnell den Mut verlieren?« rief er, »der Schurke muß sich hinter einem der Bäume verborgen haben.«

»Wollt Ihr den Wind mit einer Wolke jagen?« fragte ärgerlich der Kundschafter. »Da, seht einmal diesen Strauch an, seine Blätter sind rot, und doch weiß jeder Mann, daß er nur im Monat Juli blüht.«

»Das ist Blut von le Subtil! Er ist verwundet!«

»Ich habe ihn leider nur leicht verwundet und dafür hüpft der Bursche um so länger«, entgegnete der Kundschafter.

»Wir sind aber vier kräftige Männer gegen einen Verwundeten!«

»Wollt ihr euer Leben verlieren?« unterbrach der Kundschafter. »Der rote Teufel brächte uns in den Bereich der Tomahawks seiner Gesellen, ehe wir uns von der Jagd erhitzt hätten. Kommt, Freunde, verlassen wir diesen Platz, sonst trocknen morgen um diese Stunde unsere Skalpe im Winde!«

Diese kaltblütige Erklärung des Kundschafters erinnerte Heyward an die Wichtigkeit des Amtes, das er freiwillig übernommen hatte. Seine Einbildungskraft verwandelte jedes Gebüsch, jeden Stamm in menschliche Gestalten und oftmals glaubte er die furchtbaren Gesichter lauernder Feinde zu erkennen.

»Was ist nun zu tun?« fragte er ziemlich hilflos. »Verlaßt mich nicht und helft die mir anvertrauten Damen verteidigen. Ich werde es euch lohnen!«

Der Jäger und seine Begleiter, die sich in der Sprache Ihres Stammes berieten, achteten nicht seiner Worte, Ihre Unterhaltung wurde leise und vorsichtig geführt. Offenbar besprachen sie Maßnahmen, die das Wohl der Reisenden betrafen. Ungeduldig trat Heyward näher zu dieer Gruppe heran, um sein Anerbieten zu wiederholen. Da machte der Weiße mit der Hand eine Bewegung und sagte wie im Selbstgespräch:

»Unkas hat recht! Es wäre unmenschlich, diese harmlosen Geschöpfe ihrem Schicksal zu überlassen. Die Mohikaner und ich wollen alles tun, um die beiden Damen vor Schaden zu bewahren und ohne Hoffnung auf andere Belohnung als solche, die Gott immer rechtschaffenem Handeln zuteil werden läßt. Zuvor müßt Ihr aber in Eurem Namen, wie auch für Eure Freunde zweierlei versprechen.«

»Redet bitte!«

»Erstens müßt ihr euch noch stiller verhalten als diese Wälder hier, möge auch geschehen, was will. Zweitens müßt Ihr uns versprechen, den Ort geheimzuhalten, wohin wir euch bringen werden.«

»Ich verspreche Euch alles zu tun, um diese beiden Bedingungen zu erfüllen.«

»So folgt mir denn.«

Heyward folgte dem Kundschafter nach der Stelle, wo er die Reisegesellschaft zurückgelassen hatte. Dort machte er die ängstlichen Frauen mit den Bedingungen ihres neuen Führers bekannt. Schweigend ließen sich die Damen aus den Sätteln helfen und gingen schnell an den Rand des Wassers, wo sich bereits die Mohikaner befanden.

»Was machen wir bloß mit den Pferden?« murmelte der Jäger.

»Wir geben ihnen die Zügel frei und lassen sie im Walde laufen«, riet Heyward.

»Nein, nein, es ist besser, wir leiten die Indianer irre.«

Die beiden Indianer schienen den gleichen Gedanken wie der Kundschafter zu haben. Sie ergriffen die Zügel und führten die erschreckten Pferde in das Bett des Flusses hinab. In der Zwischenzeit zog der Kundschafter ein Kanu aus Baumrinde aus einem Versteck hervor und ließ die Frauen, Heyward und den Sänger einsteigen. Der Kundschafter stieß mit dem Fuß das Boot von dem Ufer in den Fluß und sprang dann selbst noch auf das Fahrzeug. Geschickt steuerte Falkenauge das Kanu, das sich bald dem Ufer näherte und bald wieder entfernte, um Felsblöcke oder tiefe Stellen zu vermeiden. Manchmal hielt er an und horchte aufmerksam, ob nicht ein Laut zu vernehmen war. Dann erst, als er sich überzeugt hatte, daß alles ruhig war, fuhr er vorsichtig weiter. Endlich erreichten sie eine Stelle in dem Fluß, in der Heyward eine Gruppe schwarzer Gegenstände bemerkte. Falkenauge beruhigte den jungen Mann und sprach:

»Hier haben die Mohikaner die Pferde untergebracht. Das Wasser läßt keine Spur zurück.«

Jetzt war die ganze Gesellschaft vereinigt und eine erneute Beratung zwischen dem Kundschafter und den Indianern erfolgte.

Die Pferde waren an Sträuchern festgebunden und mußten im Wasser stehend so die ganze Nacht zubringen. Jetzt hieß der Kundschafter seine Begleiter sich in den vorderen Teil des Bootes setzen, während er sich selbst aufrecht an das andere Ende stellte. Die Indianer zogen sich zurück und der Kundschafter stemmte seine Ruderstange gegen einen Felsen und trieb mit kräftigem Stoß das gebrechliche Fahrzeug mitten in die wilde Strömung hinein. Mehrere Minuten tobte ein erbitterter Kampf zwischen dem leichten Boot und den Strudeln des Stromes. Voller Angst glaubten die Reisenden, daß sie kentern müßten, doch jedes Mal drückte die kräftige Hand des Steuermannes das Kanu der Strömung entgegen. Schon glaubte Alice, von dem Strudel am Fuße des Wasserfalles verschlungen zu werden, da blieb plötzlich das Kanu an der Seite eines flachen Felsens wie angewurzelt liegen.

»Wo sind wir?« fragte aufatmend Heyward.

»Ihr seid am Fuße des Glenns!« rief der Kundschafter mit lauter Stimme im Brausen des Wasserfalles, »Jetzt steigt schnell aus, denn ich muß noch die beiden Mohikaner und das Wildbret holen.«

Sichtlich froh befolgten die Insassen des Bootes seine Weisung. Kaum hatte der letzte seinen Fuß auf den Felsen gesetzt, da steuerte der Kundschafter erneut das Fahrzeug in die wilde Strömung. Verlassen blieben die Reisenden einige Minuten in hilfloser Ungewißheit zurück. Doch bald lag das Kanu wieder an der Seite des flachen Felsens, und der Kundschafter sowie die beiden Indianer entstiegen ihm.

»Jetzt haben wir eine Festung, eine Besatzung und Proviant! « rief erfreut Heyward. »Habt Ihr drüben auf dem Land etwas von Euren Irokesen gesehen?«

»Irokesen hin, Irokesen her!« rief der Kundschafter mißgelaunt. »Jeder Eingeborene, der eine fremde Sprache spricht, gilt für mich als Feind. Wenn Webb von einem Indianer Treue und Redlichkeit verlangt, so hole er die Stämme der Delawaren und jage seine Irokesen zum Teufel.«

Heyward bemerkte, daß der Kundschafter auf die Abstammung seiner roten Gefährten den größten Wert legte und bemühte sich, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Ich sehe jetzt wohl, daß Eure zwei Begleiter vorsichtige und tapfere Krieger sind. Hörten oder sahen sie etwas von unseren Feinden?«

»Einen Indianer spürt man vorher, ehe man ihn sieht«, antwortete der Kundschafter und stieg den Felsen hinan.

Der Jäger nahm jetzt einige Geräte auf und verließ, von den Mohikanern begleitet, die Reisenden. Bald waren die drei Männer hinter der finsteren Wand eines senkrechten Felsens verschwunden.

6. Kapitel

Heyward und seine Begleiter blieben voller Unruhe zurück. Wenn auch das Betragen des Jägers bis jetzt vollkommen einwandfrei war, so konnte doch sein wildes Aussehen, zusammen mit dem Wesen seiner beiden schweigsamen Genossen, Mißtrauen erregen. Da ließen sich plötzlich gedämpfte Männerstimmen vernehmen und ein plötzlicher Lichtstrahl enthüllte das Geheimnis des Ortes.

An dem fernen Ende einer engen und tiefen Höhle saß der Kundschafter und hielt einen Fichtenbrand in der Hand. Der helle Schein des Feuers fiel auf sein verwittertes Gesicht. In seiner Nähe stand Unkas. Die Reisenden prüften aufmerksam die schlanke Gestalt des jungen Mohikaners. Zum ersten Male hatten Duncan und seine Gefährten Gelegenheit, die markanten Züge ihrer beiden indianischen Begleiter zu betrachten. Alice war sichtlich erstaunt über die stolze Haltung des jungen Indianers.

»Ich könnte ruhig schlafen«, flüsterte Alice, »wenn ich diesen jungen Mann zu meiner Schildwache hätte. Bestimmt, Duncan, werden die grausamen Mordtaten und die furchtbaren Marterszenen nicht verübt, wenn einer wie er dabei wäre.«

»Vertrauen wir, daß dieser Mohikaner unsere Hoffnungen nicht enttäuscht und sich als Freund erweist!«

Das kurze Schweigen wurde durch den Kundschafter unterbrochen, der ihnen zurief, in die Höhle zu treten.

»Sind wir sicher in dieser Höhle?« fragte Heyward, nachdem sie hineingegangen waren. »Ist kein Überfall zu befürchten? Hätte nicht ein einziger bewaffneter Mann am Eingang uns alle in seiner Gewalt?«

Da schritt eine dunkle Gestalt aus der Finsternis hervor, ergriff einen Fichtenzweig und hielt ihn gegen das andere Ende des Versteckes. Es war Chingachgook. Er hob einen Vorhang, und er zeigte, daß die Höhle zwei Ausgänge hatte.

»So alte Füchse, wie Chingachgook und ich, lassen sich nicht so leicht in einem Bau mit einem Ausgange fangen«, bemerkte Falkenauge lachend. »Der Wasserfall war früher einige Schritte unter uns. Der Platz hat eine eigenartige Umwandlung erfahren. Das Wasser hat sich tiefe Höhlen gegraben und ist dann um einige hundert Fuß zurückgetreten.«

»So sind wir denn auf einer Insel?«

»Ja! Zu beiden Seiten haben wir die Wasserfälle und um uns glänzt der Fluß. Wenn es Tag wäre, könnten wir auf die Höhe des Felsens treten und das Spiel des Wasser betrachten.«

Nach Falkenauges Beschreibung waren die Reisenden über die Sicherheit des Versteckes merklich beruhigt und nahmen erfreut das einfache, aber kräftige Mahl ein. Unkas bediente die Damen und verrichtete diese kleinen Aufmerksamkeiten mit einer Mischung von Würde und Ängstlichkeit, die Heyward sehr belustigten.

Chingachgook hatte sich ebenfalls näher in den Bereich des Lichtes gesetzt, und die häufigen unruhigen Blicke seiner Gäste ruhten auf ihm. Neben den Indianern saß der Kundschafter und ließ sich das Essen munden.

»Kommt, Freund«, sprach Falkenauge zu dem Gesangmeister und zog unter einem Haufen Laub ein kleines Fläschchen hervor. »Versucht einmal dieses Getränk. Ich trinke auf gute Freundschaft – wie heißt Ihr eigentlich.«

»David Gamut«, antwortete der Singemeister und tat einen kräftigen Schluck aus dem stark duftenden Gefäß.

»Ein sehr guter Name. Was ist Euer Beruf?«

»Ich bin Gesanglehrer in der Kunst, Psalmen zu singen.«

»Ein seltener Beruf«, murmelte Falkenauge, in sich hineinlachend.

»Laßt uns hören, was Ihr zu leisten vermöget.«

»Mit höchster Freude stimm' ich ein«, versetzte David, holte sein Büchlein hervor und machte seine Brille zurecht.

Dann sang er feierlich eine Hymne. Die beiden Frauen begleiteten ihn mit ihren hellen Stimmen. Während des Gesanges schauten die Indianer auf die Felsen und horchten aufmerksam, als ob sie in Stein verwandelt wären. Die harten Gesichtszüge des Kundschafters wurden weicher. Da ertönte plötzlich von draußen ein furchtbarer Schrei, der die Winkel der Höhle und die Herzen aller, die ihn vernahmen, durchdrang. Dann tiefe Stille, nur das Wasser rauschte.

»Was war das?« fragte Heyward.

Weder Falkenauge noch die Indianer gaben eine Antwort. Immer noch horchten sie, ob sich der Laut wiederhole. Dann unterhielten sie sich in der delawarischen Sprache, und Unkas verließ vorsichtig die Höhle.

»Ich glaube, es gibt keinen Schrei, den Mensch oder Tier ausstoßen könnten, den mein Ohr nicht schon vernommen hätte«, sprach der Kundschafter. »Doch einen solchen Laut habe ich in den dreißig Jahren, in denen ich die Wälder durchzogen habe, noch nicht gehört. Nun Unkas?« fragte er den jungen Häuptling, der unterdessen wieder eingetreten war.

Der Mohikaner antwortete kurz in delawarisch.

»Da draußen ist nichts zu sehen«, fuhr Falkenauge fort. »Unser Versteck liegt noch in der Finsternis. Geht in die andere Höhle und versucht zu schlafen. Ehe morgen die Sonne aufgeht, müssen wir auf den Beinen sein.«

Kora ging mit gutem Beispiel voran und zögernd folgte ihr Alice.

»Verlassen Sie uns nicht, Duncan«, sprach Alice. »Noch immer tönt uns der schreckliche Schrei in den Ohren. Aber es gibt auch noch andere Sorgen, die uns nicht schlafen lassen. Wir müssen immer wieder an unseren Vater denken, der nicht weiß, wo sich seine Kinder in der Wildnis aufhalten.«

»Er ist Soldat und weiß, was einem in den Wäldern alles begegnen kann. Als er von Ihrer Ankunft in Fort ›Edward‹ hörte«, sprach Heyward freundlich weiter, »war er sehr unentschlossen, wie er sich verhalten solle. Doch die Liebe zu seinen Kindern gewann die Oberhand. Immer wieder sprach er von seinen beiden Töchtern. Einmal sagte er –«

Duncan sprach nicht weiter, denn plötzlich erscholl wieder der laute gräßliche Schrei wie zuvor. Voll ängstlicher Erwartung blickten die beiden Frauen Heyward an, ob sich dieser furchtbare Schrei wiederhole. Da hob sich langsam die Decke und der Kundschafter stand in der Öffnung mit einer Miene, die zeigte, daß er die sie bedrohende Gefahr richtig erkannt hatte.

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9783754179864
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