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J.D. David

Sternenglanz

Legenden von Valorien

Legenden von Valorien

Sternenglanz

J.D. David


Impressum

© 2021 J.D. David

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-754167-45-8

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Prolog 778 St. Gilbert

Schatten waren für die meisten Wesen etwas Bedrohliches. Sie raubten die Wärme des Lichtes. Sie verdunkelten die Sinne. Sie kündeten von der Ankunft etwas Bösem. Sie verhießen Dunkelheit. Doch nicht für sie. Die Schatten gaben ihr Geborgenheit. Sie legten sich um sie wie ein schützender Mantel, umschlossen sie wärmend, und schirmten sie von der Bosheit der Außenwelt ab. Immer wieder spürte sie die Schatten.

Ihr habt euch dieses Ende selbst ausgesucht. Die kalte Stimme in ihren Gedanken mochte düster wirken. Für sie war sie immer wieder beruhigend. Wieder und wieder hörte sie die Worte und spürte die Präsenz des Mannes, der sie gesprochen hatte. Ein Krieger, entsprungen aus den Schatten, der sie schützte. Gerade wollte sie sich in diesem Gefühl der Sicherheit entspannen, zurückfallen lassen, als es weggerissen wurde. Immer wieder.

Fürst Tanatel. Der laute Ausruf der Menschen hatte etwas Überraschtes, aber auch etwas Schockiertes. Sie hörte wieder die Geräusche eines ungleichen Kampfes. Sie sah das Rot. Das Rot des Blutes, das sie schon umgab, und doch immer mehr wurde, während der Krieger sein blutiges Werk vollendete.

Mama! Ihr flehentlicher Schrei hallte von den Mauern wider. Doch er änderte das Schicksal der Frau nicht, die sie hatte schützen wollen. Die kalte, glänzende Klinge bohrte sich in den Leib. Das Leben wich aus der Mutter, so wie das Blut aus den Wunden floss. So blieb sie als ängstliches Mädchen zurück, in eine Ecke gedrückt, schutzlos, allein.

Verschont sie. Ich flehe euch an. Sie ist doch nur ein Kind. Die verzweifelten Worte einer Mutter. Es war ihr nie um ihr eigenes Leben gegangen. Nur das Leben ihrer Tochter zählte. Das Mädchen blinzelte. Selbst in ihrem Traum wurde sie vom Licht geblendet, als die Krieger die Tür aufschlugen. Es war grell, es ließ keine Schatten zu. Es deckte alles auf. All die Bosheit der Welt trat im Licht erst vollständig hervor.

Wieder und wieder sah sie den Traum. Immer die gleiche Geschichte. Immer die gleichen Bilder. Sie liefen vor ihrem inneren Auge ab, als wäre es gestern gewesen. Das Ende war vorbestimmt. Es war die Rettung. Doch der Weg dahin bestand aus Schmerzen, und so bewegte sich der Traum stets vom Ende zum Anfang. Verängstigt saß sie in der Ecke. Die Mutter umarmte sie, doch sie spürte kaum ihre Wärme. Stattdessen hörte sie nur die bedrohlichen Laute von draußen. Die Schritte von Marschierenden. Die Rufe von Befehlen. Die verzweifelten Kämpfe der Verteidiger. Doch immer wieder schallte ein Ruf an ihre Ohren. Treu und Ehr. Valorien!

Der Anfang war das Ende. Und das Ende der erneute Anfang des Traumes. Groß stand der Krieger über ihr und reichte ihr die Hand. Du bist jetzt sicher, Yatane. Die Worte waren sanft, beruhigend. Sie griff die Hand. Der Schatten umschloss sie. Und sie wollte nie wieder davon weggehen. Ihr Leben sollte mit ihm verwoben sein. Doch dann wurde sie aus der Geborgenheit hinausgerissen und wieder in die Schrecken des Traums geworfen.

„Yatane.“ Die sanfte Stimme einer Frau riss sie aus dem Traum, der für sie schon zur unausweichlichen Ewigkeit geworden war. „Wach auf, Yatane.“

Langsam kehrten ihre Sinne in die Realität zurück. Die Luft um sie herum war frisch, aber nicht kalt. Wie an einem Sommermorgen im Wald. Von draußen hörte sie auch das Zwitschern von Vögeln, aber auch die gedämpften Gespräche der Anwohner. Durch die offenen Fenster strich eine warme Brise in den Raum. Sie war nicht mehr in Valorien.

Vorsichtig öffnete sie die Augen. Erst musste sie blinzeln. Das Licht, die Helligkeit war unerträglich für jemanden, der so lange Zeit in der Dunkelheit des Traumes verbracht hatte. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie geschlafen hatte. Es könnten Stunden gewesen sein. Tage. Monate. Jahre. Oder noch viel länger. Für sie zählte Zeit so wenig, wie für die anderen Einwohner dieses Landes. Denn selbst die ersten, verschwommenen Bilder vor ihrem Auge machten deutlich wo sie war: Alydan. Das Reich der Elfen. Dann öffnete sie ihre tiefgrünen Augen vollständig und blickte sich um.

Sie lag in einem großen, weichen Bett in der Mitte des Raumes. Die Möbel und Verzierungen an den Wänden waren edel, fürstlich. Die Wände verschmolzen mit Baumstämmen, zwischen denen das Haus errichtet worden war. Es bildete eine Symbiose mit der Natur um es herum, und war nicht deplatziert in ihr, wie die Fremdkörper, die die Menschen bauten. Vorsichtig richtete sie ihren erschöpften Körper auf, rutschte nach hinten, und lehnte sich an die Wand hinter dem Bett. Sie blickte auf ihre langen, glatten, schwarzen Haare. Ihr Glanz war etwas gewichen. Wohl auch eine Folge der Erschöpfung. Erst dann drehte sie sich zu der Frau, die sie aufgeweckt hatte.

„Wo bin ich?“, fragte Yatane, obwohl sie die Antwort vermutete.

„Im Palast von Alydan. Im heiligen Reich. Du hast lange geschlafen, Yatane. Doch heute spürte ich, dass es Zeit war, dass du wieder aufwachen würdest.“

Yatane musterte die Frau. Sie hatte lange, hellblonde Haare. Obwohl ihr Gesicht alterslos war wie das aller Elfen, erkannte man in dem Blick der Erfahrung hunderter Jahre. Sie wusste, wer diese Person war.

„Meine Herrin.“, sagte sie und neigte den Kopf, als sie realisierte, dass ihr die erste Fürstin der Elfen, die Herrscherin von Alydan, gegenübersaß. „Wie bin ich hierhergekommen?“

„Weißt du, was du getan hast?“, stellte die Fürstin eine Gegenfrage. Yatane senkte den Kopf. Sie überlegte kurz, wusste aber genau, ihre Erinnerungen einzuordnen. Sie kannte die Grenze zwischen Realität und Traum.

„Ja, meine Fürstin.“, antwortete sie kurz.

„Seit dem Tag sind viele Jahre vergangen. Doch die Verbrechen können nicht vergessen werden. Erhole dich von deinen Strapazen. Aber dann wirst du vor den Rat treten müssen, um dich zu verantworten.“, sprach die Fürstin. Obwohl die Stimme weiterhin sanft war, schwang eine bestimmte Strenge mit.

Yatane nicke. Erschöpft atmete sie aus und schaute aus dem Fenster. Sie musste noch immer leicht blinzeln, als sie so in das grelle Licht der Sonne blickte. Licht, dass alles umgab und alle Geheimnisse offenlegen würde. Sie sehnte sich in diesem Moment nach der wärmenden Umarmung des Schattens. Doch dieser war für immer gewichen. Daran erinnerte sie sich.

„Das Verbrechen des Verrates zieht nur eine Strafe nach sich, mit der wir aller belegten, die es begingen.“ Die Stimme des Herrn des Feuers ließ Yatane leicht zusammenfahren. Zu entschlossen, ja fast hasserfüllt, waren die Worte gesprochen. Gerade von Fürst Kailan hatte sie Unterstützung erhofft. War er nicht seit jeher Befürworter ihres Kampfes gewesen? Doch noch stärker schien seine Loyalität und Prinzipientreue gegenüber dem heiligen Reich zu sein. „Sie sollte verbannt werden, auf ewig Alydan zu verlassen. Kein Elf soll sie mehr als einer der Unseren willkommen heißen. Von diesem Tage, bis zum Ende der Welt.“

„Kailan, du musst schon zugeben, dass dieser Fall etwas anders gelagert ist als jene, die du ansprichst.“ Yatane blickte zu der Elfenfürstin, die widersprach. Siliva. Eine für eine Fürstin der Elfen geradezu fröhliche und offene Persönlichkeit. „Yatane hat ihre Schuld eingestanden und Reue gezeigt. Sie wurde zum Verrat verführt und hat diesen nicht aus eigenem Antrieb begangen, sondern im Glauben etwas Gutes zu tun.“

„Ich stimme Siliva zu.“ Arkas, der Herr des Eisens, genoss selbst unter den Fürsten großen Respekt, doch stand er auch immer schon den Menschen recht nahe. Eine Eigenschaft, die ihm manche als Schwäche auslegten. „Es ist unabdingbar, dass die junge Kriegerin bestraft wird. Doch ein Ausschluss aus unserer Mitte für die Ewigkeit erscheint mir ein unangemessenes Urteil.“, fügte er hinzu, doch schaute nicht in den Rat zu den anderen Fürsten, sondern nur zu Yatane. Fast schüchtern lächelte diese leicht und nickte dem Fürsten dankend zu. Dann blickte sie sich im Rat um, wartete auf weitere Reaktionen.

Der Rat des heiligen Reiches bestand aus den fünfzehn Fürsten der Elfen, die seit Anbeginn der Zeit über diese Welt wachten. Doch nun saßen nur zwölf der Fürsten vor Yatane. Das Fehlen einiger Fürsten hatte gravierende Gründe. Jeder Elf kannte sie. Fast jeder der Fürsten hatte sich vor ihr zu ihrem Fall geäußert, nachdem sie detailliert ihre Verfehlungen eingestanden hatte. Lediglich der dritte Fürst, Richter des Rates, wartete auf das Votum der anderen. Und ein Fürst schwieg beharrlich: Elian, Herr der Stürme. Sein Blick war stoisch auf Yatane gerichtet, selbst als jeder der anderen Fürsten sprach. Sie versuchte den Blick zu deuten. War es Enttäuschung? Verachtung? Trauer? Doch sie vermochte die Gedanken des Elfen nicht zu entschlüsseln.

„Ich habe eure Worte vernommen, Fürsten.“, setzte dann der Richter zum Spruch an, der dritte Fürst und mit seinen Geschwistern Herrscher Alydans. „Eine Kriegerin wurde auf den falschen Weg geführt, und hat schwere Verbrechen begangen. Gegen das heilige Reich, gegen jeden Elfen, und gegen unsere Welt selbst. Ihre Schuld steht außer Frage, doch auch ihre Reue ist nicht zu bestreiten.“, begann er zu sprechen. Yatane spürte ihren Herzschlag. Egal welcher Spruch folgen würde, sie würde das Urteil akzeptieren müssen. „Doch die Umstände mildern die Schuld. Ich bin nicht bereit, sie aus unserer Mitte zu vertreiben. Sie ist und bleibt Teil unseres Volkes, mit allen verbundenen Rechten und Pflichten. Doch ich verfüge, dass Yatane Alydan nie wieder verlassen darf. Sie soll in diesem Land in alle Ewigkeit verweilen, um es zu schützen, und der Gemeinschaft zu dienen, auf dass sie ihre Verfehlung nicht mehr wiederholen kann.“

Alle Fürsten nickten. Auch wenn einige der Elfen eine andere Meinung vertreten hatten, fügten sie sich ohne Widerspruch dem Urteil. Es war endgültig. Yatane atmete erleichtert aus.

Wasser umspülte ihre Füße, als sie am Strand saß und die Wellen beobachtete, die auf das Land trafen. Es war ein warmer Tag. Es waren stets warme Tage hier in Alydan. Während in vielen Ländern der Menschen die Jahreszeiten wechselten, war es hier im heiligen Reich der Elfen stets Sommer. Yatane hatte schon viele Länder bereits, und wusste, dass sie es mit ihrem ewigen Aufenthalt in Alydan nicht schlecht getroffen hatte. Eine Erkenntnis, die sie über die letzten Monate aufgebaut hatte. Sie versuchte dabei auch sich selbst zu überzeugen. Doch immer, wenn sie wie jetzt am Strand saß und auf das Meer schaute, bekam sie auch ein bisschen Fernweh. Neue Länder zu sehen. Weit weg von dem heiligen Reich der Elfen im Schatten des Weltenbaumes. Und auch um ihre eigentliche Heimat wieder zu sehen. Doch das Urteil war eindeutig gewesen. In alle Ewigkeit.

Sie ließ sich fallen und sank in den feinen Sand des Strandes. Seufzend atmete sie aus und blickte in den Himmel. Viele Menschen würden Alydan wohl als Paradies bezeichnen. Sie würden nie verstehen, dass man auch in einem Paradies seiner Freiheit beraubt sein konnte. Wie schön wäre es wohl fliegen zu können. Dann könnte sie überall hinreisen, wo sie wollte. Denn in dieser Hinsicht war Alydan das ideale Gefängnis: ohne ein Schiff konnte man überhaupt nirgendwo hin. So hatte man Yatane auch keinen Bewacher zur Seite gestellt. Es war nicht nötig.

„Los Anna, komm schon.“ Die fröhliche Stimme eines Kindes riss Yatane aus ihren Gedanken. Denn es war in der Tat ein ungewöhnlicher Klang, den man in Alydan nicht oft hörte. Elfen hatten auch Kinder, doch aufgrund ihrer langen Lebensdauer gab es auf die Bevölkerung bezogen deutlich weniger Kinder als bei Menschen. Doch Yatane hatte eine andere Vermutung, um wen es sich handeln konnte. Sie stand auf und klopfte sich den Sand von der Kleidung, um zur Quelle der Stimme zu gehen. Sie musste nicht lange suchen.

Direkt vor ihr lief das Mädchen aus dem Wald hinaus auf den Strand und schnell hin zum Wasser. Ihr folgte eine etwas ältere Magd, die einen Korb trug. Beide waren, wie Yatane vorher vermutet hatte, Menschen. Wohl zwei der einzigen drei Menschen, die zurzeit in Alydan weilten.

Das Mädchen hatte das Wasser fast erreicht, als sie Yatane bemerkte. Sie hielt inne und drehte sich zur Elfe. Yatane musterte das Kind. Sie war acht, vielleicht neun Jahre alt, hatte hellblonde Haare, die allerdings durch eine schwarze Strähne durchbrochen wurden. Und sie blickte Yatane mit großen Augen an.

„Hallo.“, sagte das Mädchen.

„Hallo.“, erwiderte Yatane lächelnd. „Dann bist du wohl die junge Königin Valoriens, von der man so viel hört.“, fügte sie hinzu.

„Ja. Ich bin Luna.“, antwortete das Mädchen stolz und stützte die Hände in die Seiten.

„Luna, wo bleiben deine Manieren.“, maßregelte sie die Amme, als sie die beiden erreichte.

„Tut mir leid.“, sagte Luna leise mit gesenktem Kopf zu Anna gerichtet. Dann drehte sie sich wieder zu Yatane, machte einen leichten, etwas unbeholfenen Knicks, und begann dann nochmal von vorne.

„Es ist mir eine Ehre Euch kennen zu lernen. Ich bin Luna I. Amalia von Valorien, Königin von Valorien in den Reichen der Menschen. Mit wem habe ich die Ehre?“, spulte sie dann eine Vorstellung ab, die sie sowohl des Öfteren vortragen musste. Yatane erwiderte mit einem Grinsen, tat der Königin dann aber den Knicks nach.

„Es ist mir eine Ehre Euch kennen zu lernen, königliche Hoheit. Mein Name ist Yatane. Ich bin allerdings nur eine einfache Kriegerin Alydans, also besteht nicht die Notwendigkeit gehobener Etikette.“, antwortete sie. „Außerdem wollte ich Euch natürlich nicht von eurem königlichen Bad abhalten.“, fügte sie mit einem Zwinkern hinzu.

„Was machst du hier?“, fragte Luna dann die Elfe. Eine wohl berechtige Frage, denn die meisten der Elfen hatten klare Aufgaben, denen sie diszipliniert nachgingen.

„Ich denke, dass gleiche wie du, junge Königin. Ein bisschen Durchatmen von den Zwängen und Regeln, die in der Stadt gelten. Hier fühlt man ein bisschen Freiheit.“

„Das ist schön.“, antwortete das Mädchen und zeigte dann auf den Korb, den die Amme trug. „Willst du mit uns essen? Geron hat mich den heutigen Tag von Lektionen freigestellt, nachdem ich alle Könige der letzten 200 Jahre aufzählen konnte.“, sagte sie mit nicht zu verleugnetem Stolz.

„Das würde ich sehr gerne, wenn es deine Wächterin erlaubt.“, sagte Yatane und blickte zu Anna, die nur freundlich nickte.

„Natürlich. Es ist genug da.“

„Und um mir mein Mahl zu verdienen, will ich dir gerne einige Geschichten aus deiner Heimat erzählen.“, sagte Yatane, als sie sich wieder in den Sand setzte. Luna schaute sie mit großen Augen an. Den ursprünglichen Plan, ein Bad im Meer zu nehmen, schien sie bereits wieder verworfen zu haben.

„Du kennst Valorien? Warst du dort? Kennst du meinen Vater?“

Yatane schüttelte den Kopf. „Nein, ich kenne ihn nicht. Aber Valorien und die umliegenden Reiche kenne ich gut. Denn ich weilte einige Jahre in diesem Land. Lass mich dir die Geschichte von Fürst Tanatel erzählen, der einst über Valorien als Elfenfürst wachte.“, sagte sie und wollte gerade zu erzählen beginnen, stockte dann aber kurz. Dann fügte sie leiser hinzu. „Du darfst nur Geron nicht erzählen, dass wir uns getroffen haben. Versprochen?“, sagte sie mit einem Zwinkern.

Luna nickte. „Versprochen.“

Es war eine klare Nacht. Trotz des Neumondes war das Land hell durch das glänzende Licht der Sterne erleuchtet. Yatane atmete ruhig, während sie in den Himmel blickte. Hoch oben, auf einem der Türme Alydans konnte man ungestört in die Nacht schauen, ohne dass der Blick von Dächern oder Baumkronen verdeckt wurde.

„Hast du schon einmal die Sterne gezählt?“ Yatane lächelte ob der Frage der jungen Königin. Das Mädchen stellte häufig derlei Fragen. Ihre Neugier war eine der herausragendsten Eigenschaften des aufgeweckten Kindes. Das hatte die Elfe in den letzten Monaten schnell festgestellt. Auf den einen Tag am Strand waren weitere gefolgt, in denen sie sich getroffen hatte. In denen Luna von ihren Lektionen bei Geron, Elian, Lioras, und Siliva erzählt hatte, und Yatane über ihre Reisen in ferne Länder. Aus den Tagen waren Wochen, waren Monate geworden.

„Nein. Wieso?“, fragte die Elfe zurück.

„Ich habe es schon einige Male versucht. Allerdings musste ich immer aufgeben oder habe mich verzählt. Aber wenn man ewig lebt wie ihr Elfen, hat man doch eigentlich Zeit, um irgendwann alle Sterne zu zählen, oder?“

„So habe ich noch nie darüber nachgedacht.“

„Ich habe oft versucht die drei Sterne Valoriens zu finden, bin mir aber nicht sicher, welche es sind.“, sprach Luna weiter.

„Welche Sterne meinst du?“

„Die von meinem Banner. Es trägt doch drei Sterne. Aber sie müssen doch irgendwo am Himmel zu finden sein, oder?“

Yatane lachte leise.

„Wieso lachst du?“, fragte Luna nach.

„Nun, königliche Hoheit.“, sagte Yatane gespielt, „weil Ihr mir Perspektiven auf den Himmel gebt, die ich in meiner langen Lebenszeit nie gehört habe.“

Luna stimmte in das Lachen ein. „Ich bin eben klug.“, sagte sie stolz. Als sie dann wieder leise waren, fügte sie aber noch eine Frage an. „Yatane, Geron sagte mir einst, dass die Sterne einstige Könige, Herzöge, und Ritter sind, die über uns wachen. Stimmt das? Werde ich dann auch eines Tages ein Stern sein?“

Erneut lachte Yatane auf. „Ich weiß es ehrlich nicht. Aber es kann gut sein. Wir Elfen kehren zum Weltenbaum zurück, wenn wir sterben, und werden wieder eins mit ihm. Aber was mit euch Menschen passiert, weiß ich nicht. Es kann gut sein, dass all die Anführer älterer Tage über dich wachen, meine liebe Luna. Auch dein Vater, und dessen Vater. Aber du wirst so schnell kein Stern. Zuerst musst du den Glanz des Sternenbanners wieder in deine Heimat bringen.“

Luna nickte. „Aber das wird noch lange dauern. Sagt Geron.“

„Das ist auch besser so. Hier in Alydan bist du sicher.“

„Sind die Menschen in Valorien denn böse?“, fragte Luna. Nun fehlten Yatane erstmal die Worte. Ja, wie sollte sie darauf antworten? Lag es nicht in der Natur der Menschen, böse zu sein? Würde vielleicht Luna, jetzt noch ein liebes Mädchen, eines Tages herrschen wie ihre Vorgänger? Sie überlegte sich gerade eine Antwort, als ihr Gespräch unterbrochen wurde.

„Luna. Komm hinunter.“ Die tiefe Stimme von Geron durchbrach die Stille der Nacht.

„Gleich.“, rief Luna zurück und stand auf. Doch dann wandte sie sich an Yatane. „Denkst du die Elfenfürsten wären mächtig genug, um zu den Sternen zu fliegen?“

Die Elfe schaute Luna verwundert an. „Ja, vielleicht. Aber ich glaube nicht, dass sie es anstreben.“

„Aber vielleicht könntest du dann von hier weggehen. Du sagtest doch, dass du hier auf Alydan gefangen bist.“

Yatane grinste. „Diesen Vorschlag habe ich wohl noch nie gehört. Ich werde es mir merken.“

„Luna.“, der Ruf des Ritters kam näher und war deutlich schärfer.

„Verdammt, ich muss los.“, sagte das Mädchen noch. Doch dann war es bereits zu spät, und Geron kam die letzten Stufen auf den Wachturm.

„Du sollst kommen, wenn ich dich rufen.“, sagte der Ritter und bemerkte dann Yatane, die ebenfalls aufgestanden war. Er musterte die Elfe kurz, doch dann weiteten sich seine Augen. Er konnte die Überraschung nicht verbergen. Doch der Ausdruck wich schnell einem wütenden, hasserfüllten Blick.

„Du…“, sagte Geron nur kalt, wandte sich dann aber an die Königin. „Luna, wir müssen gehen. Siliva will dich sprechen.“, sagte er und schaute dann noch einmal zu Yatane. Dann legte er eine Hand auf Lunas Schulter und führte diese auf die Stufen den Turm hinunter. „Ich werde mit Elian sprechen müssen…“, sagte er dann noch deutlich hörbar, aber weder direkt an Luna noch an Yatane gerichtet.

Yatane wälzte sich unruhig im Bett umher. Doch während ihr Körper in ihrem Zimmer in Alydan war, befand sich ihr Geist in einer anderen Zeit an einem anderen Ort. Die Träume waren weniger geworden, seit sie aus dem langen Schlaf erwacht war. Aber sie waren nie vollständig gewichen. Die Rufe, die Stimmen drangen immer wieder an ihre Ohren. Sie sah das Blut vor ihren Augen, dass vergossen worden war. Und immer, wenn sie von den Schatten gerettet wurde, überkamen sie die Schrecken erneut.

„Yatane.“ Die Stimme war leise, doch sie riss Yatane aus dem Traum und fühlte sich in dem Moment wie ein lauter Schrei an. Sie spürte die Berührung an der Schulter. Blitzschnell fuhr sie herum und griff zu ihrem Dolch, der stets neben ihr im Bett lag. Doch bevor sie die Klinge fassen konnte, umfasste sie jemand fest am Handgelenk. Sie wollte aufschreien, doch die Stimme, die sie geweckt hatte, kam ihr zuvor.

„Schsch! Du musst leise sein.“ Jetzt erst erkannte sie die Stimme und drehte sich zu dem Mädchen um.

„Luna?“, fragte sie verwirrt und schaute dann zu dem Mann, der sie festhielt. „Lioras?!“, stellte sie ebenso verwundert fest. „Was…“, wollte sie gerade fragen, doch Luna legte ihren Finger auf ihren Mund und gebot sie zu schweigen.

„Pssst! Folg uns.“, flüsterte sie. Yatane sprang aus dem Bett. Sie wusste noch immer nicht, was hier genau passierte. Immerhin war es einige Zeit her, seit sie Luna das letzte Mal gesehen hatte. Anscheinend hatte Geron ihr dann weiteren Kontakt verboten. Umso überraschter war sie, dass Lioras nun mit der jungen Königin hier erschien. Immerhin war er treuer Diener von Fürst Elian, dem Freund Gerons. Sie griff zu ihrem Umhang, ihrem Schwert und Bogen. Die wichtigsten Dinge, die sie brauchte. Denn sie hatte die leise Vermutung, dass sie so schnell nicht in das Zimmer zurückkehren würde. Dann deutete Lioras den Weg und Luna ging voraus, gefolgt von Yatane, schließlich der Elfenkrieger.

Wortlos schlichen sie nach draußen, durch die Straßen der Elfenstadt, und dann schnell in den Wald hinein. Yatane musste nicht fragen, um den Weg zu kennen. Er führte zum Strand. Jenem Strand, an dem sie Luna das erste Mal getroffen hatte.

„Wir schenken dir deine Freiheit.“, sagte Luna flüsternd, als sie den Pfad durch den Wald erreicht hatten.

„Wieso?“, fragte Yatane, und blickte insbesondere zurück zu Lioras. Doch es war wieder Luna, die antwortete.

„Du hast mir erzählt, dass du dir nichts mehr wünschst, als die fernen Länder wieder zu bereisen, die du schon kennen gelernt hast. Ich fand das immer schön, aber wollte nicht, dass du gehst. Sonst bin ich doch hier so allein. Aber seit Geron uns gesehen hat, hat er mir verboten, dich zu sehen. Also kann ich dir auch helfen, von hier zu fliehen. Lioras hilft mir. Lioras hilft mir immer bei allem.“, sagte sie stolz, wie eine Königin, die führte. Dann erreichten sie schon den Waldrand und den Strand. Zu Yatanes Überraschung war der Strand nicht leer, wie sonst. Stattdessen lag ein kleines Boot aus fast weißem Holz am Strand. Es hatte ein Segel, dass in das Boot gelegt war, und so ideal für eine Person. Obwohl es nur für die Küste ausgelegt war, wusste Yatane, dass die elfische Handwerkskunst, die in das Boot geflossen war, es auch für Seegang tüchtig machen würde. Außerdem gehörte zu jedem Abenteuer ein bisschen Risiko.

„Vorräte und alles, was du brauchst, sind im Boot. Folge dem Sonnenaufgang und den Sternen.“ Es waren die ersten Worte von Lioras, als er auf das Boot zeigte. Yatane lief weiter, überholte Luna, und erreichte als erstes das Boot. In der Tat waren einige Taschen und kleinere Fässer darin abgelegt. Sowieso brauchten die Elfen deutlich weniger Vorräte als vielleicht ein Mensch. Yatane bezweifelte sogar, dass ein Mensch diese Reise auf sich nehmen könnte. Aber sie konnte es, das wusste sie. Sie warf ihren Bogen und Schwert in das Innere und drehte sich dann zu Luna und Lioras.

„Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken kann.“

„Besuch mich irgendwann.“, sagte Luna sofort und kam näher zu Yatane. „Wenn ich wieder in Valorien bin. Dann besuche mich.“

Yatane nickte sofort und umarmte dann das Mädchen, hob Luna leicht nach oben. „Ich werde dich vermissen.“

„Ich dich auch.“

„Wenn du Königin bist, dann werde ich dich in Elorath besuchen.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“, sagte Yatane entschlossen und setzte die Königin dann wieder in den Sand ab.

„Du solltest aufbrechen. Noch ist die Nacht dunkel, und wenn du erstmal die offene See erreicht hast, bist du verschwunden.“, mahnte Lioras. Yatane blickte in den Himmel. Es war wieder Neumond, wie in der Nacht, als sie mit Luna die Sterne angeschaut hatte. Doch diesmal hingen Wolken vor den Sternen, und führten so in der Tat zu einer tiefen Dunkelheit.

„Ja. Luna, Lioras, ich danke euch. Wir werden uns wiedersehen.“, sagte sie lächelnd, und schob dann zusammen mit dem Elfenkrieger das Boot ins Meer. Mit dem letzten Schub sprang sie in das Innere und schnappte sich ein Paddel, um die ersten Meter vom Strand wegzukommen. Sie blickte noch einmal zu Luna zurück. Trotz der Dunkelheit erkannte sie, wie die Königin ihr zuwinkte. Ein Abschied, ja. Aber sicher nicht für die Ewigkeit. Dessen war sich Yatane sicher. Dann setzte sie das Segel.

„Du wusstest es, oder?“

Die Herrin von Alydan nickte. „Lioras handelte mit meiner Erlaubnis.“ Ihr Bruder nickte. Sie beide bildeten zurzeit die Herrschaft über das heilige Reich, nun, wo ihr gemeinsamer Bruder andere Aufgaben hatte. Doch immer wieder schaffte es die Fürstin, Dinge zu befehlen, ohne ihn einzubeziehen.

„Ich halte es für einen Fehler.“

„Ja, ich weiß. Deswegen habe ich dich nicht gefragt. Aber die Welt der Menschen steht vor einem großen Wandel, der das Schicksal von uns allen entscheiden kann. Seit dem Angriff auf Anuriel wissen wir das. Und ich spüre, dass diese Elfenkriegerin das Schicksal entscheiden kann. Deswegen ließ ich sie ziehen.“

„Gegen mein Urteil.“

„Gegen dein Urteil.“, bestätigte sie mit einem Lächeln. Dann wandte sie sich ab. „Ich werde mit Elian sprechen.“

Teil 1:

Die Jägerin

Winter 787 St. Gilbert

Kapitel 1

Luna zog den dicken Mantel enger zusammen, um sich vor der Kälte zu schützen, als eine erneute Bö über die Hügel zog. Schnee wehte ihr ins Gesicht. Die letzten Tage waren sie einem Schneesturm stets entgangen. Doch diesmal wirkten die Wolken noch düsterer als sonst. Es war noch vollkommen finster, dennoch war Luna bereits wach. Die Tage waren stetig kürzer und kälter geworden. Doch sie hatten noch nicht mal die Wintersonnenwende erreicht. Sie würden also noch kürzer werden. Und noch kälter.

Unten im Lager der Männer brannte das Lagerfeuer und warf einen leichten Lichtschein bis zu ihrem Stand auf dem Hügelkamm. Es war das einzige Licht weit und breit. Sie schätzte zu dieser Zeit die Dunkelheit und die Einsamkeit. Um darüber nachzudenken, was sie mit ihren Herzögen und Rittern entschieden hatte. Wie es mit Valorien weitergehen sollte.

Ein Schauer durchzog Luna, als die nächste kalte Böe über sie hinweg zog. Sie mochte den Winter nicht. Es war der zweite Winter, den sie erlebte. Damals, in Alydan, war es stets warm gewesen. Anfangs hatte sie sich in Valorien gefreut, als sie mit Vincent den ersten Schnee ihres Lebens genossen hatte. Doch die dauernde Kälte hatte an ihr gezehrt. Als es schließlich wieder Frühling geworden war, war sie unglaublich erleichtert gewesen. Auch diesen Winter hätte sie am liebsten in den warmen Hallen Eloraths verbracht. Doch ihr Schicksal hatte sie woanders hingeführt. Hier in den Süden, in das Kaiserreich, den mächtigsten Feind Valoriens.

Sie erinnerte sich wie gestern an den Ritterrat, in dem sie den Entschluss gefasst hatten, hier ins Kaiserreich vorzudringen. Es war einer der ersten Räte in der ganzen Runde der neuen Ritter gewesen. Mit ihr als gekrönter Königin, und ihrem Mann Vincent als König und Ritter an ihrer Seite. Viele waren danach nicht mehr gefolgt, bevor sie aufgebrochen war. Es war nicht um weniger gegangen als die große Frage, wie man das Kaiserreich besiegen konnte, um zumindest Kargat zu befreien. Schnell waren sie sich einig, dass es die Truppen Valoriens allein nicht schaffen würden. Nach dem Sieg gegen die 6. Armee und den Rückzug der Nordmänner hatte Luna deren Anführer, Leon, das Freiherrentum Valor Kath überlassen, als Brücke nach Valorien, um die Völker enger aneinander zu bringen. Und um ein bisschen für die großen Opfer zu entschädigen. Dennoch erhoffte sie sich von dieser Seite keine Hilfe. Sie hatten einige Boten geschickt aber die Antwort war klar gewesen: Niemals würde Leon an der Seite von Herzog Celan seine Männer in die Schlacht führen.

Also würde es auf die verbliebenen Männer Kargats ankommen. Auf all die gefangenen Soldaten, unzufriedenen Bürger, Männer, Frauen, Greise, die ihre Heimat befreien wollten. In jedem Dorf und jeder Stadt. Denn weitere Verbündete hatte Valorien nicht. Doch egal wie oft sie dann planten, wie ein Feldzug aussehen konnte, stießen sie immer wieder an eine Grenze: die Mönche der Laëa. Egal was sie sich ausdachten, wenn deren Kraft sich erst wieder gegen die Städte und Armeen richtete, würde es keine Hoffnung geben. Die Elfen waren zurück nach Alydan gesegelt, mit Ausnahme von Elian, der allerdings zögerlich war, seine Kräfte noch einmal einzusetzen, nachdem was in Elorath passiert war. Selbst wenn sie ein, zwei Elfenfürsten an ihrer Seite wüssten: die Mönche könnten überall auftauchen. Nein, gegen diese Kraft würde es keinen Sieg, schon gar keinen langfristigen Frieden geben. Das Gleichgewicht der Kräfte musste wiederhergestellt werden. Dies konnte nur im Kaiserreich der Sonne, im Herzen des Feindes, gelingen.

Sie erinnerte sich an die Gespräche mit Daron, als sie noch in Taarl gewesen waren. Wie gut wäre es nun, den Mönch an ihrer Seite zu haben. Er hätte ihnen mit so vielem helfen können. Informationen, Erkenntnissen, oder eben mit der schieren Macht, die er kontrollierte. Doch er war von dieser Macht selbst verschluckt worden, und stand nun als mahnendes Zeichen am Ufer des Calas. Dennoch war seine Anwesenheit, seine Treue zu Valorien, viel wert gewesen. Vincent hatte sehr viel mehr Zeit mit dem Mönch verbracht. Er hatte ihn vieles ausgefragt, und die Informationen notiert. Über Kloster Sonnfels, den Hauptsitz des Ordens. Den Weg dorthin. Die Struktur des Ordens. Und die Gewohnheit der Mönche. Zu diesen gehörte sich auch, jedes Jahr zur Wintersonnwende in Sonnfels einzufinden. Alle Mönche. An einem Ort. Dies war ihre Chance. Nun war es nur noch darum gegangen, wer auf diese Reise aufbrach, die so viele Risiken barg.

Arthur hatte sich als Ritter als erstes freiwillig gemeldet. Er und seine Schwarzen Pfeile sollten das Herzstück der Truppe bilden. Eine Aufgabe, die dem Ritter aus Rethas wie auf den Leib geschnitten schien. Auch sein Sohn Arved hatte sich melden wollen, war aber sofort von Luna selbst und Arthur zurückgehalten worden. Rethas brauchte seinen Herzog, der an der Seite von Lerke stand. Nein, aus dem Kreis der Adeligen sollte nur Arthur mit seinen treuesten Kameraden die Reise antreten. Doch ein Problem blieb: gegen die Macht der Mönche war Arthur selbst mit Blutstein in der Hand ohne Chance. Sie hatten auch Fürst Elian gefragt. Doch dieser gab zu Bedenken, dass Daron des Öfteren erwähnt hatte, die Präsenz der Elfenfürsten zu spüren. Obwohl er zugegeben hatte, dass die Präsenz Silivas stärker gewesen war, wäre das Risiko zu groß, entdeckt zu werden. Leon mit seiner Rüstung aus alten Tagen würde sie auch nicht unterstützen. So blieb nur Luna, die das Schwert des Schicksals, Zeitensturm, trug. Sie hatte gegen Firentis bewiesen, dass sie zumindest kurzfristig die Macht der Mönche brechen konnte. Für diesen Angriff, der auf Heimlichkeit und Schnelligkeit basierte, sollte dies ausreichend sein. Obwohl alle Ritter, einschließlich ihres Mannes, gegen ihren Vorschlag protestiert hatten, hatte sie sich durchgesetzt. Sie war die Königin und entschied über das Vorgehen. Außerdem standen mit Vincent, Celan, Forgat, und Arved Valorien ein starker König und drei mächtige Herzöge zur Verfügung. Das Land musste eben einen Winter ohne eine Königin auskommen. Dann waren sie schon bald mit einem kleinen Boot aus Lyth Valor aufgebrochen.

„Königliche Majestät.“ Die gedämpfte Stimme von Arthur war schon nah, als sie den Ritter bemerkte. Zu vertieft war sie in Gedanken gewesen, und zu sehr hatte sie sich darauf konzentriert, gegen die Kälte zu kämpfen. „Wir müssen gleich aufbrechen. Wir sollten noch mit Fackeln die erste Strecke des Tages zurücklegen, wenn wir es bis zur Sonnenwende nach Sonnfels schaffen wollen.“

Luna rührte sich nicht. Sie schloss noch einmal die Augen und atmete den kalten Wind ein. Es brannte in ihren Lungen, dennoch wollte sie noch einmal durchschnaufen, bevor der Marsch weiterging. Sie hatten einen einen anstrengenden Weg wählen müssen. Durch das Gebirge und die Hügelländer jenseits des Klosters. Denn die Wege durch die Täler und Städte waren unter den wachen Augen der kaiserlichen Soldaten. Also musste es im tiefsten Winter durch diese unwirtlichen Ländereien gehen.

„Majestät?“, fragte Arthur noch einmal nach und fasste Luna leicht an die Schulter.

„Ja, lass uns gehen.“

Gegen Mittag ließ der Schneefall nach. Erneut war der Schneesturm an ihnen vorbeigezogen. Zumindest in dieser Hinsicht hatten sie Glück gehabt. Sie schritten gerade durch einen dichten Nadelwald, als Luna bemerkte, dass sogar einige Sonnenstrahlen durch die Baumkronen schienen. Mit etwas Glück würde es sogar ein wenig wärmer werden. Beschwingt von dieser Hoffnung beschleunigte sie ihren Schritt. Denn vor ihnen endete der Pfad und führte aus dem Wald hinaus auf die freien Hügel. Vielleicht konnte man bei dem klaren Wetter schon etwas sehen.

Als sie den Waldrand erreichten, wartete bereits Rogard auf sie. Der Getreue von Arthur bildete stets die Vorhut, um den Pfad vor ihnen auszukundschaften. Mit Arthur und Rogard waren es fünfzehn Männer, die sie aus Valorien begleitet hatten. Bei viel mehr wäre die Gefahr zu groß gewesen, entdeckt zu werden. Für ihr Vorhaben sollte es reichen, insbesondere, da Arthur die Männer handverlesen hatte.

„Und?“, fragte Luna Rogard, noch bevor sie selbst richtig schaute.

„Seht selbst, Majestät.“, antwortete dieser und zeigte in die Täler hinunter, die sich hinter dem Hügel befanden. Sie standen auf einem der höheren Berge und blickten in mehrere Täler, die immer wieder von weiteren Hügeln unterbrochen wurden. Doch viel mehr riss der große Berg am Horizont Luna in ihren Bann. Daron hatte davon erzählt. Als sie genauer hinsah erkannte sie die kleine Burg, oder viel mehr das Kloster, dass sich auf mittlerer Höhe befand. Ein Weg aus dem Tal schlängelte sich am Berg entlang in die Höhe.

„Das muss es sein.“, stellte Luna fest.

„Ja, es passt zu den Berichten von Daron.“, bestätigte Arthur, der nun zu ihr aufgeschlossen hatte. „Das ist Kloster Sonnfels.“ Er ging in die Hocke und blickte skeptisch über die Landschaft vor ihnen. Obwohl sich der Ritter es nicht anmerken lassen wollte, musste er eingestehen, dass er nicht mehr leichtfüßig wie früher große Strecken zurücklegen konnte. Die kurze Verschnaufpause kam da gerade recht.

„Von hier aus müssen wir mit großer Vorsicht vorgehen.“, mahnte Arthur dann. „Wenn wir den Feind von hier beobachten können, dann können sie uns auch sehen, wenn wir uns auf Sonnfels zubewegen. Entweder wir gehen nur noch bei Nacht und suchen uns tagsüber Unterschlupf in den Hügeln oder wir umrunden diese Täler weitläufig. So oder so werden wir noch zwei, vielleicht drei Tage brauchen, bis wir das Kloster erreichen. Außerdem sollten wir versuchen zu beobachten, ob noch Brüder eintreffen. Wenn nicht, dann sind wohl alle Mönche schon dort.“

Luna schaute kurz zu Arthur hinunter. Sie hatte dem nichts mehr hinzuzufügen. „Wir sollten durch das Tal gehen und unsere Kräfte schonen.“, sagte sie. Obwohl hier die Gefahr entdeckt zu werden größer war, entschied sie sich für diesen Weg. Denn wenn sie auf die Berge hinter Sonnfels blickte, wurde ihr bang, bei einem solchen Wetter und im schlimmsten Fall bei Dunkelheit dort hinaufklettern zu müssen.

Als sie dort standen näherte sich auf einmal ein Mann der Schwarzen Pfeile und blickte zu Arthur und Rogard.

„Wir haben Spuren gefunden. Frisch.“, sagte der Mann im Flüsterton. Sofort stand Arthur auf blickte erwartungsvoll zu dem Mann, der etwas zurück in den Wald zeigte. Wortlos nickte Arthur und bedeutete Rogard und Luna, ihm zu folgen. Ihre größte Gefahr war, entdeckt zu werden. Wenn jemand die kaiserlichen Soldaten warnte, wäre ihre Mission gescheitert. Mit den wenigen Männern würden sie jeden Kampf, der nicht auf das Moment der Überraschung baute, verlieren.

Der Mann führte sie ein bisschen in den Wald auf einen kleineren Nebenpfad. Arthur beugte sich hinunter und inspizierte die Spuren. Es waren nur sehr leichte Fußspuren im Schnee. Doch ihre Kante war klar und deutlich. Fallender Schnee war nicht der Grund gewesen, wieso sie so flach waren. Stattdessen musste die Person sehr leicht sein. Ein Kind? Dafür wirkten sie zu groß. Und wieso sollte ein Kind hier allein im Wald sein?

Arthur blickte zu Rogard und zeigte zwei Finger. Dann winkte er nach vorne, den Spuren entlang. Rogard verstand sofort, nickte zwei der Schwarzen Pfeile zu, und schlich dann den Spuren entlang. Arthur wartet einige Momente, bis die drei Männer tiefer im Wald verschwanden. Erst dann deutete er Luna ihm zu folgen. Leise zog er sein Schwert aus der Scheide.

Rogard musste sehr genau hinschauen, um die Spuren überhaupt zu sehen. Wer konnte nur so leichtfüßig durch den frischen Schnee laufen? Ein, zwei Mal dachte er, die Spur schon verloren zu haben. Doch dann fand er doch den nächsten Abdruck und folgte den Spuren immer tiefer in den Wald. Wie lange sollten sie diesen überhaupt folgen? Wenn nun derjenige, den sie verfolgten, sie überhaupt nicht bemerkt hatte? Und das Risiko entdeckt zu werden durch die Verfolgung stieg? Er wollte gerade innehalten, als die Spuren auf einmal an einem Baum endeten. Verwirrt suchte er im Schnee um ihn herum. Nirgends waren weitere Abdrücke zu erkennen. Er blickte hoch und zu den beiden anderen Kriegern, die in einigen Schritten Abstand durch den Wald schlichen. Auch diese schüttelten den Kopf. Sie hatten nichts gefunden. Gerade wollte Rogard sich abwenden, als er eine leichte Abschürfung in der Rinde des Baumes sah. Er stockte und blickte sich noch einmal um.

Zeitgleich bewegte sich etwas. Dann ging alles schnell. Noch bevor Rogard die Gestalt bemerkte, sprang diese aus der Baumkrone hinunter und landete ohne lautes Geräusch hinter ihm im Schnee. Bevor er reagieren konnte, spürte er schon den kalten Stahl einer Klinge am Hals und einen Arm um seine Brust, der ihn festhielt.

„Wenn ihr jagt, solltet ihr nicht so verdammt laut sein.“, flüsterte die Gestalt. Zu Rogards Überraschung war es die Stimme einer Frau. Aus den Augenwinkeln bemerkte der Rethaner, wie seine beiden Kameraden sofort Pfeile auf ihre Bögen auflegten. „Wenn euch an seinem Leben etwas liegt, steckt ihr die Pfeile weg.“, sagte die Frau nun lauter. „Wieso verfolgt ihr mich? Wer hat euch geschickt?“, fragte sie dann.

Rogard wollte gerade antworten, als er sah, wie Arthur und Luna aus dem Schatten der Bäume traten. Also schwieg er. Sollte der Ritter, der sie anführte, die Verhandlung um sein Leben führen. Seine Lage war schon ohne weitere Worte beschämend genug. Derart überrumpelt zu werden stand einem Schwarzen Pfeil nicht gerade gut zu Gesicht.

„Wenn dir etwas an deinem Leben liegt, dann wirst du ihn gehen lassen, Weib.“, entgegnete Arthur grimmig und machte keine Anstalten seine Klinge zu senken. Er musterte die Frau. Oder zumindest was von ihr hinter Rogard erkennbar war. Sie trug die Klamotten einer Jägerin, jenen Arthurs nicht unähnlich: grüne und braune Stoffe, eine Lederrüstung, einige Messer und andere Utensilien am Gürtel, dazu ein Bogen und ein Köcher auf dem Rücken, ein Schwert an der Seite, und eben den Dolch, den sie Rogard an den Hals hielt. Von ihrem Gesicht war kaum etwas zu sehen außer der schwarzen Haare, die unter einer dunkelbraunen Kapuze hervorschauten und den durchstechenden grünen Augen, mit denen sie Arthur musterte. Auffälliger allerdings war das Messer. Eindeutiger Weise keine Waffe des Kaiserreiches. Es sah eher…

„Bist du eine Elfe?“, fragte dann Arthur.

„Und wenn ich das wäre?“, entgegnete die Frau schnippisch, lockerte den Griff um Rogard aber kein bisschen.

„Wir sind Verbündete des Elfenreiches.“, antwortete Arthur.

„Woher wisst ihr, dass ich eine Verbündete des Elfenreiches bin? Oder war das der Grund, wieso ihr mich verfolgt habt?“ Die Frau sprach ruhig, aber bedrohlich. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Valoren schien sie keine Furcht zu haben.

Arthur verharrte kurz und versuchte Optionen zu suchen. Er hatte kein großes Interesse, lang mit dieser geheimnisvollen Kriegerin zu diskutieren. Rogard zu verlieren war allerdings keine Option. Der Mann war als Anführer zu wichtig. Er wollte gerade weitersprechen, als er Luna hörte.

„Yatane?“, sagte die Königin fragend und trat hinter Arthur hervor. Sie ging auf Rogard zu. Arthur wollte sie aufhalten, doch Luna ging entschieden weiter. „Yatane, bist du es?“

Man merkte, wie der Griff der Elfe lockerer wurde und sie zu Luna schaute, sie begutachtete, als sie näherkam. Dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

„Luna!“, sagte sie erfreut, hielt aber die Klinge weiter an Rogards Hals. „Was machst du hier?“, fragte sie neugierig.

„Yatane, lass den Mann gehen.“, sagte Luna als erstes und verharrte nur wenige Schritte von Rogard entfernt. „Bitte.“, fügte sie hinzu, als sie merkte, dass die Elfe kurz zögerte. Doch dann folgte sie und senkte das Messer. Rogard streckte sich kurz und ging dann zwei, drei Schritte von der Elfe weg.

„Es ist gut. Ich kenne diese Elfe. Sie ist eine Freundin.“, sprach Luna weiter und signalisierte den Schwarzen Pfeilen, ihre Waffen zu senken. Dann lächelte sie, lief auf Yatane zu, und schloss die Elfe recht unvermittelt in die Arme.

„Ich war mir nicht sicher, ob ich dich je wiedersehen würde.“, sagte die Königin. Yatane erwiderte die stürmische Begrüßung mit einem breiten Grinsen.

„Ich hatte es doch versprochen. Du bist groß geworden.“

Luna musste leise lachen. Ja, sie war groß geworden, seit sie Yatane mit Lioras zusammen den Weg in die Freiheit geebnet hatte. „Und du wolltest nach Elorath kommen, wenn ich zur Königin gekrönt bin. Dafür bist du nun zu spät.“

„Ich habe es leider nicht geschafft…“, sagte Yatane entschuldigend, blickte sich dann aber zwischen den Männern um. „Also, was machst du hier?“, fragte sie dann Luna erneut.

„Ich könnte das gleiche fragen.“

„Aber ich habe zuerst gefragt.“, entgegnete die Elfe mit einem Grinsen.

Luna nickte zu Arthur, der noch einige Schritte näherkam. „Yatane, dies ist Ritter Arthur von Freital, ein Ritter Valoriens und mein treuer Diener. Er führt die Schwarzen Pfeile. Wir sind fern von zu Hause, um eine Bedrohung für Valorien zu bekämpfen.“ Die Elfe nickte dem Ritter freundlich zur Begrüßung zu, dessen Gesicht aber versteinert blieb. „Und du?“, fragte Luna dann erneut.

„Es ist wie du damals sagtest: ich will so viele Länder sehen wie es geht. Der Wind trägt mich mal hierhin, mal dorthin. Aber in der Tat hat dieser Ort eine besondere Aura.“

„Es ist das Kloster jenseits der Täler.“, sagte Luna. „Dies ist unser Ziel. Ein Orden des Kaiserreiches, der dunkle Mächte beschwört. Sie griffen Valorien an, aber mit der Hilfe von Fürst Elian und Fürstin Siliva konnten wir sie zurückschlagen. Nun greifen wir an.“

Bevor Yatane antworten konnte, näherte sich Arthur der Königin und sprach leise zu Luna. „Wir sollten den Wald absuchen, ob noch weitere Personen hier sein könnten. Dann können wir am Waldrand ein Lager aufschlagen und heute Nacht aufbrechen.“

Luna nickte, doch es war Yatane, die antwortete. „Außer euch befindet sich niemand im weiteren Umkreis. Das hätte ich bemerkt.“, stellte die Elfe fest. Fast säuerlich blickte Arthur zu dieser, doch Luna lächelte dankbar.

„Das ist gut zu hören, danke. Arthur, sorge dafür, dass die Männer etwas zu essen finden und ein Lager errichten.“, befahl sie dem Ritter und wandte sich dann an die Elfe. „Yatane, wirst du heute Nacht bei uns bleiben?“

Diese lächelte. „Mit Freuden, meine junge Königin. Diesen Abend, und darüber hinaus, wenn es dein Wunsch ist. Deine Feinde sind wohl auch meine Feinde.“

„Danke.“, erwiderte Luna. Die Wege des Schicksals waren schon seltsam. Yatane hier zu treffen war mehr als eine Überraschung. Aber es konnte sich als unschätzbar wertvoll herausstellen, wenn sie die Elfe bei ihrer Mission begleitete. Denn es gab kaum bessere Jäger – schneller, lautloser, tödlicher – als die Elfen aus Alydan.

Der Schneefall war zurückgekehrt. Doch diesmal schätzte Luna das schlechtere Wetter. Dichte Wolken und der Schneefall verdunkelten den Nachthimmel. Man konnte kaum zehn Schritte weit erkennen, was in der Nacht lauerte. Für sie ein Vorteil. Denn sie durften nicht entdeckt werden. Bis es zu spät war. Im Schneefall vor ihnen erkannte man bereits die dunklen Umrisse der Klosteranlagen.

Sie blickte nach rechts und links, zu Arthur, Yatane, und Rogard. „Sind wir bereit?“, fragte sie flüsternd. Es war ziemlich genau die Mitte der Nacht. Eigentlich sollten die Bewohner von Sonnfels schon und noch schlafen. Ein idealer Zeitpunkt für ihren Angriff. Durch Arthurs Erfahrung waren sie exakt so schnell vorangekommen, wie es notwendig war. Nun war der Zeitpunkt gekommen, den mächtigsten Feind Valoriens anzugreifen.

„Jeder Zeit. Wenn ich Rogard losschicke, startet der Angriff. Wir werden diese Mauern erklimmen, Rogard umrundet mit seinen Männern das Kloster und greift von hinten an. Wir treffen uns am Haupthaus, nachdem Hof und Mauern gesäubert sind.“, umriss Arthur noch einmal kurz den Plan. „Ich werde stets an Eurer Seite sein, königliche Majestät. Bis wir den Wächterrat und den verfluchten Prior niedergestreckt haben.“

„Danke.“, sagte Luna und blickte dann zu Yatane. Diese lächelte der Königin aufmunternd zu.

„Auch ich bleibe bei dir und schütze dich.“

„Gut. Also dann.“, sagte sie, und fügte im Flüsterton hinzu: „Treu und Ehr!“

„Valorien!“, antworteten Arthur und Rogard leise. Dann verschwand der junge Rethaner mit einigen Männern im dichten Schneefall.

Kapitel 2

Vincent umrundete den Tisch des Rittersaals. Kurz ließ er seine Hand über die Lehne des Stuhls am Kopfende streichen. Den Platz seiner Königin und Frau. Seiner Luna. Der doch im Moment frei blieb. Doch er konnte den Platz nicht füllen. Also löste er sich, um weiterzugehen, und sich schließlich auf seinen Platz in der Mitte der Tafel zu setzen. Hinter ihm hing sein Banner an der Wand, das die Wappen Valoriens und Tandors kombinierte. Dennoch war er nicht mehr Vincent von Tandor. Er war Vincent von Valorien, König und Ritter Valoriens. Und zu dieser Zeit Herrscher des Reiches, trotz seiner jungen Jahre. Aber für diese Aufgabe war er ja nicht allein.

Als er sich setzte blickte er in die Gesichter der anwesenden Ritter. So wie Luna fehlten auch Arthur von Freital und Wanfried von Tulheim, die sich schon auf dem Weg ihrer Aufgaben befanden. Mit diesen Ausnahmen waren allerdings alle Ritter des Reiches anwesend. Die Herzöge Celan, Forgat, und Arved. Die alten Ritter Geron und Alois. Der jüngst geschlagenen Branwulf von Loken. Er selbst. Und zuletzt Taskor Graufels, nun Ritter Valoriens. Er trug das Schwert Kargats, das doch einst Teil Valoriens war, und bald wieder sein sollte. Als er Luna seine Dienste angeboten hatte, hatte diese ihn auch zum Ritter Valoriens geschlagen. Ein aus Vincents Sicht kluger Schachzug. Es ließ keinen Zweifel mehr an dem Anspruch der Krone auf das Land im Süden. Wenn selbst Taskor, einstiger Feind Valoriens und hoch angesehener General Kargats, die Herrschaft Valoriens anerkannte, würde es einfacher werden die Kargatianer zu überzeugen. Insbesondere durch die Unterstützung der einstigen Königin Hega.

„Ich danke euch allen für euer Kommen.“, sagte Vincent. Der Winter hatte Valorien fest im Griff, und so war das Reisen umso anstrengender. Doch die Angelegenheiten, die zu besprechen waren, forderten die Anwesenheit aller wesentlichen Entscheider des Reiches. „Unsere Königin ist aufgebrochen, um dem Feind im Herzen seines Reiches entgegen zu treten. Uns obliegt nun die Verantwortung, den Angriff auf das Kaiserreich in Kargat vorzubereiten, wenn wir uns der dunklen Mächte dieser Mönche entledigt haben. Wenn der Schnee schmilzt, müssen unsere Truppen marschbereit sein.“, führte er aus. Obwohl er mit Abstand der jüngste Mann am Tisch war, respektierten ihn die anderen Ritter. Nicht zuletzt, weil Celan große Stücke auf seinen Sohn hielt, und treu hinter ihm stand.

„Ich habe Berlan und Sivert vor einigen Tagen verabschiedet.“, begann Taskor zu berichten. „Sie sollten mittlerweile die ersten Städte in Kargat erreicht haben. Wir hoffen, regelmäßig Nachrichten zu bekommen, über die Stärke des Feindes und unsere Chancen, Unterstützung vom Volk Kargats zu bekommen. Der Winter ist hart. Dies sollte den Unmut der Bevölkerung über das Kaiserreich weiter stärken, denn die Soldaten wollen verpflegt werden. In Kargat sind die Vorräte noch geringer als hier in Valorien, da immerhin unsere letzte Ernte gut war. Das sollte uns in die Karten spielen.“, führte er weiter aus.

„Die Urben sind losgezogen.“, sagte dann Celan. „Ich verabschiedete Narthas und Wanfried vor einigen Wochen aus Taarl. Ihr Weg durch die Steppen und die Peltamark wird langwierig, aber im Frühjahr werden sie Kargat erreichen, und den Feind unerwartet treffen. Noch besteht wohl kein Krieg zwischen dem Kaiserreich und der Peltamark. Aber die Herrscher werden den Hunger der Sonnen nach mehr Land erkennen. Und kaum einen Konflikt gegen das Heer von Narthas wagen wollen.“, berichtete Celan von den Vorbereitungen im Osten.

„Danke, Vater.“, sagte Vincent, und blickte dann noch einmal zu Taskor. „Haben wir Nachrichten aus dem Widerstand in Hoheneck?“

Statt dem Kargatianer antwortete allerdings Arved, der Herzog von Rethas. „Wir haben einen Boten in Ostwacht aufgegriffen. Die verbliebenen Adeligen Kargats haben die Situation in Hoheneck anscheinend stabilisiert. Bisher hat das Kaiserreich noch keinen großangelegten Angriff unternommen, seit die Truppen im Frühjahr zurückgeschlagen worden waren.“

Vincent nickte dem jungen Herzog dankend zu. Arved war am ehesten in seinem Alter, und trotz der erbitterten Feindschaft ihrer Väter verstand er sich mit ihm sehr gut. Nicht zuletzt wegen der gemeinsamen Zeit in Taarl, in der Runde mit Luna, Lerke, und ihm. Nachdem Sanja aus ihrer Mitte gerissen worden war.

„Dann beginnt alles so wie geplant. Also müssen wir uns an die Planung des Hauptangriffes machen. Forgat, Celan, Arved, welche Truppen könnt ihr bis ins Frühjahr zum Eisentor führen?“, fragte er die Herzöge direkt. Über die Truppen der Kronlande hatte er das Kommando und konnte deren Stärke gut einschätzen. Doch wie sich die Armeen der Herzogtümer entwickelt hatten, war ihm zu diesem Moment nicht vollständig klar.

„Wenn wir nach Süden ziehen, werde ich mehr Männer zum Schutz der Grenzen zurücklassen müssen als für den Sturm auf Elorath.“, sagte Celan. „Ich werde etwa sechshundert Reiter und zweihundert Fußsoldaten anführen können.“

„Ich werde Tandor mit fünfhundert Fußsoldaten und Bogenschützen ergänzen können. Mehr kann ich nicht aufbringen, wenn wir Ostwacht und die Ostgrenze weiter verteidigen wollen.“, sagte Arved. Obwohl Lerke die eigentliche Erbin und Herzogin war, verantwortete er die meisten militärischen Belange des Herzogtums, während sie in Grünburg regierte.

„Ich werde in Thorians Namen vierhundert Soldaten führen können, beritten oder schwer gerüstet. Dazu noch Freiwillige und Partisanen.“, ergänzte Forgat. Das Heer Fendrons war durch den Angriff des Kaiserreiches am stärksten dezimiert worden. Andererseits musste Forgat keine Außengrenze verteidigen, nachdem ein stabiler Waffenstillstand mit den Nordmännern bestand. Denn nach der Befreiung Valoriens hatte Celan die einstigen Gebiete wieder an Fendron abgetreten, die im Norden an Valor Kath grenzten.

Vincent zählte im Kopf zusammen. Mit den Truppen der Kronlande kamen sie auf fast dreitausend Mann. Mit den Urben von Narthas und den kargatianischen Aufständischen vielleicht fünftausend. Sie waren dem Kaiserreich zahlenmäßig noch immer unterlegen, wenn er davon ausging, dass eine vollständige Armee im südlichen Königreich stationiert war. Ihr Vorteil mussten die Partisanen in der Bevölkerung sein, die verhinderten, dass kaiserliche Soldaten auch nur irgendwo in Ruhe rasten konnten. Dennoch lag viel Ungewissheit vor ihnen.

„Das sind gute Neuigkeiten. Rüstet eure Armeen über den verbleibenden Winter. Mit der Schneeschmelze sammeln wir uns vor Burg Eisentor, um zuzuschlagen.“, befahl der König, wandte sich dann aber an Taskor. „Taskor, deine Hilfe wird jenseits von Valorien benötigt. Arved wird dir einige Männer zur Seite stellen, um über Ostwacht nach Kargat zu reisen. Wir müssen die verbliebenden Truppen in Hoheneck überzeugen, sich uns anzuschließen. Und wir müssen ihnen helfen, ihre Stellung zu halten, falls die Armeen des Kaiserreiches im Frühjahr einen erneuten Vorstoß wagen sollten.“

Der Angesprochene nickte nur wortlos. Er hatte schon lange vorher gegenüber der Königin seinen Wunsch geäußert, Kargats Widerstand von innen zu unterstützen. Berlan und Sivert waren weniger bekannt, hatten aber in der Bevölkerung weit bessere Beziehungen, durch ihre Kontakte bei einstigen Unterstützern des Nachtrudels. Ihnen war die Aufgabe zugefallen, Unterstützung in den besetzten Städten des Westens zu mobilisieren. Doch trotz der heimlichen Flucht war Taskor immer noch mehr General denn Spion. Die Führung in Hoheneck entsprach eher seinen Fähigkeiten.

„Ich werde mit Branwulf nach Lyth Valor reisen, um auf die Ankunft von Luna zu warten. Wenn die Königin wieder in Elorath ist, werde ich die verbleibenden Männer zum Eisentor und darüber hinausziehen.“, sagte Geron. Seit Luna weggegangen war, war er auch Vincent mit Rat zur Seite gestanden, wie er es für die Königin getan hätte. Er wusste sie bei Arthur in guten Händen, konnte aber den Tag nicht erwarten, sie wieder im sicheren Valorien zu wissen. Er war gegen diese Reise gewesen, aber Luna hatte gute Argumente auf ihrer Seite gehabt. Und die Macht, als Königin das letzte Wort zu sprechen. So hatte er sich fügen müssen.

„In Ordnung. Wir werden in den nächsten Tagen die weitere Planung konkretisieren. Seid alle bis dahin meine Gäste in der Kronburg.“, sagte Vincent und erhob sich.

„Gewicht weniger auf den vorderen Fuß. Du willst mir doch ausweichen können. Balance halten. Steh nicht da wie ein Ackergaul. Du musst schnell sein, wie eine Katze.“ Florenzos Tadel begann schon bei der Grundhaltung des jungen Knappen. Obwohl Richard von Fendron eigentlich bei Herzog Arved von Rethas in der Knappschaft stand, hatte der Besuch in Elorath ihm die zweifelhafte Ehre eingebracht, vom südländischen Fechter ausgebildet zu werden. Mit seinen braunen Locken und blonden Strähnen war er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur dass die verschwitzen Haare im aufgrund der Anstrengung im Gesicht klebten. Seit seiner Ankunft hatte sich Florenzo schnell zum Fechtlehrer vieler Adeliger und Krieger entwickelt. Er brachte Elemente in eine Lehrstunde, die kaum ein valorischer Streiter vermitteln konnte. Balance. Körperspannung. Beinarbeit. Die Kunst, ein feine Klinge tödlich zu führen. So war es kein Wunder, dass Florenzo stets wissbegierige Schüler hatte. Oder eben Schüler, deren Herren sie zu den Lehrstunden beim strengen Lehrer verdonnert hatten.

„Nun deine Hand. Du greifst die Klinge viel zu fest, verkrampft. Du sollst das Heft nicht zerquetschen. Die Klinge muss eins werden mit deinem Arm.“, fuhr Florenzo fort und korrigierte währenddessen Richards Griff der Klinge. Dann trat er einige Schritte zurück und hob seine eigene Klinge.

„Also dann, nächste Runde. Und denk daran, Richard. Du musst die Klinge führen, wie das Liebesspiel mit einer Frau. Zärtlich, vorsichtig, und dennoch bestimmt und führend.“, sagte Florenzo. Bevor er zum Kampf ansetzen konnte, hörte man deutlich das Räuspern von Forgat, der den beiden zuschaute. Er blickte ernst zu Florenzo, der mit einem Lächeln antwortete. „Obwohl du natürlich das Liebesspiel noch gar nicht kennst.“, fügte er mit einem Zwinkern hinzu. Dann trat er nach vorne und die Klingen prallten aufeinander.

„Der Junge macht sich gut.“ Forgat drehte sich um und erkannte Geron, der näher an ihn herantrat.

„Ja. Er hat gute Lehrer.“, stellte der Herzog fest. So schmerzlich der Verlust von Victor gewesen war, so erfreulich die Entwicklung des neuen Erben Richard. Als er selbst gefangen gewesen war, hatte der jüngere Sohn die Rolle des ersten Mann Fendrons angenommen, und sich als Stütze für das ganze Herzogtum entwickelt, um auch seiner Mutter zu helfen. Nach der Krönungszeremonie hatte Forgat den jungen Herzog von Rethas gebeten, die Ausbildung seines Sohnes abzuschließen, nachdem dieser bisher von ihm selbst in Tjemin geschult worden war. Seitdem stand Richard in der Knappschaft von Arved, und schien jeden Monat mehr zum Mann heranzuwachsen.

„Nein, nein, nein.“ Florenzos Ausspruch hallte über den Hof, als die Übungsklinge von Richard klirrend zu Boden gefallen war. „Du sollst mit deinem ganzen Körper die Wucht des Schlages abfedern, nicht das Heft loslassen.“, tadelte der Lehrer den Knappen, nachdem er mit einer Drehung seiner Klinge das Schwert des Jungen aus dem Griff gelöst hatte.

„Und er hat noch viel zu lernen.“, sagte Forgat leise zu Geron, während Richard die Klinge aufhob und sich demütig vor seinem Gegner verneigte.

„Gönnst du meinem Knappen eine kurze Pause? Der Junge scheint erschöpft.“, sagte dann Arved und erhob sich von der Kiste, auf der er am Rand gesessen und zugeschaut hatte. Er ging auf Richard zu und klopfte ihm auf die Schulter. „Gut gemacht. Gib mir deine Klinge.“, sagte er und reichte dem jungen Mann im Gegenzug seinen dicken Fellmantel. Richard warf sich diesen sofort um, denn ohne die Bewegung kroch die Kälte sofort in die Knochen. Arved hingegen trat durch den Schnee vor Florenzo und hob die Klinge.

„Erweist du auch mir die Ehre?“

„Mit Vergnügen, Euer Gnaden.“, antwortete Florenzo, verneigte sich leicht, und preschte dann nach vorne. Der Kampf der beiden Männer war ein vollkommen anderes Schauspiel. Florenzos Kampfkunst basierte auf Finesse und Balance, einer schnellen Beinarbeit, und gezielten Stichen und Hieben mit der Klinge. Doch Arved stand dem in nichts nach. Während er nicht die blanke Kraft seines Vaters geerbt hatte, war er wohl der schnellste und beweglichste Kämpfer Valoriens. Die Schläge hagelten blitzschnell aufeinander, während sich Florenzo und Arved durch den gesamten Innenhof der Kronburg bewegten.

„Eine neue Generation der Ritter…“, sagte Forgat leise, als er Arved so zuschaute. Mit Vincent und Arved waren in der Tat zwei sehr junge Männer nun Teil der altehrwürdigen Runde der valorischen Ritterschaft. Doch auch Branwulf und Wanfried gehörten praktisch zur neuen Generation, jene Valoren, die mehr den Konflikt denn den Frieden kannten.

Geron nickte nur, ohne etwas hinzuzufügen. Zu interessiert schaute er dem Kampf der beiden Fechter zu. Ja, eine junge Generation von Rittern würde bald Valorien schützen müssen. Aber im Moment lagen die Hoffnungen des Königreiches hauptsächlich auf den Schultern eines alten Kameraden. Sie hatten am Vormittag Nachricht von Arthur erhalten, überbracht von Branwulf aus Lyth Valor. Der Ritter hatte, nachdem sich die Gesundheit seines Vaters immer weiter verschlechtert hatte, weitestgehend das Kommando über die Hafenstadt übernommen. Vor wenigen Tagen war das Schiff, das Arthur und Luna nach Süden gebracht hatte, wieder in Lyth Valor eingelaufen. Die Männer waren erfolgreich im Norden des Kaiserreiches an Land gegangen. Das Schiff war vorerst zurückgekehrt, um für die kaiserliche Flotte nicht auffällig zu wirken. Doch in einigen Tagen würde der Kapitän erneut nach Süden aufbrechen, um dem Trupp um die Königin eine Rückzugsmöglichkeit zu bieten. Falls sie es nicht zur Küste schafften, würden sie den Weg durch Kargat nehmen müssen. So oder so war die Reise zurück nach Valorien mindestens so gefährlich wie die Aufgabe selbst. Doch trotz seiner großen Sorgen vertraute Geron auf Arthur. Er würde Luna sicher nach Hause bringen, das hatte er versprochen.

Das Klirren der Klingen verhallte, als die beiden Kontrahenten erschöpft voreinander stehen blieben. „Einigen wir uns auf Unentschieden, Euer Gnaden?“, fragte Florenzo.

Arved nickte, atmete aber noch schwer. „Dieses eine Mal, ja.“, sagte er und verneigte sich genauso wie sein Gegenüber, um den gegenseitigen Respekt auszudrücken.

„Ein wahrhaft guter Kampf.“, sagte Geron deutlich hörbar. Obwohl in einer echten Schlacht es weniger auf die hohe Fechtkunst ankam, waren die Übungskämpfe eine gute Möglichkeit, sich auf den Krieg vorzubereiten, der bald kommen würde. Dann wandte sich der alte Ritter wieder zum Herzog von Fendron. „Forgat, bevor du wieder nach Tjemin aufbrichst, muss ich dir noch etwas geben.“, sagte er nun wieder leiser.

Als Geron und Forgat den Rittersaal betraten saß der König noch auf seinem Platz und schien nachzudenken. Nachdem die Tür sich öffnete schaute er allerdings hoch, rückte dann den Stuhl zurück, und stand auf.

„Forgat. Es wird Zeit, eine wichtige Säule des Reiches wiederherzustellen.“, sagte er. Erst jetzt bemerkte der Herzog den Gegenstand, der eingehüllt in einem blauen Tuch auf dem Tisch lag. Es war offensichtlich ein Schwert, das Vincent griff. Der König ging auf Forgat und Geron zu. „Vor vielen Jahren nahm dir Geron diese Waffe. Ich möchte sie dir zurückgeben. Für deine treuen Dienste am Reiche in der Abwesenheit eines Königs und deine Tapferkeit im Kampf gegen das Kaiserreich. Dich meinen Bruder nennen zu dürfen, in der gleichen Runde der Ritterschaft wie du zu sitzen, erfüllt mich mit Stolz. Trotz oder gerade wegen der Differenzen, die lange zwischen unseren Häusern herrschten. Doch nun ist es Zeit nach vorne zu schauen, um das Reich vollständig zu einen, wie einst in Gilberts Zeiten.“

Dann schlug Vincent das Tuch zur Seite und reichte Forgat die Waffe. Wie dieser vermutet hatte, handelte es sich um das Schwert seines Vaters, in goldener Scheide, mit Saphiren verziert: Goldranke. „Meine Frau, unsere Königin, hätte es dir gerne persönlich überreicht. Doch es gab keine Gelegenheit mehr.“, fügte Vincent hinzu, bevor der Herzog das Schwert griff. Forgat versuchte die Kraft der Klinge zu spüren, die er doch nur für so kurze Zeit getragen hatte. Es war wieder Zeit, dass der Herzog von Fendron seine Heimat mit Goldranke verteidigte. Gleichzeitig wusste er nicht die rechten Worte zu finden. Er drehte sich zu Geron, dann zu Vincent, und nickte beiden zu.

„Danke.“, sagte er leise. Er zog die Klinge leicht aus der Scheide. Sie glänzte wie am Tag, als sie geschmiedet worden war. So vermutete zumindest Forgat.

„Jetzt fehlt nur noch eine Klinge.“, sagte Geron und blickte auf den freien Stuhl des Rittersaals, auf dem Valentin gesessen hatte. Wellenschnitter war vom Kaiserreich genommen worden, das hatte ihnen Daron erzählt. Sie mussten es zurückbringen.

„Bei Thorian, wir werden sie uns holen.“, sagte Forgat entschlossen. „Ich werde noch heute Nachmittag nach Tjemin reisen. Wenn der Sturm im Frühjahr beginnt, werdet ihr die besten und tapfersten Männer Fendrons in der ersten Reihe wissen.“

„Danke, Forgat.“, sagte Vincent.

Kapitel 3

Es war keine Festung. Es war ein Kloster. Außer den Mönchen lebte hier niemand. Soldaten, die diese schützten, waren im Tal in den Dörfern und einer Burg stationiert. Doch diese hatten sie erfolgreich umgangen. So gab es auch kaum Widerstand.

Als Arthur Luna das letzte Stück über die Mauer half, liefen die anderen Krieger der Schwarzen Pfeile schon dem Wehrgang entlang und schwangen sich nach unten in den Hof. Luna blickte auf die Mauer. Im Schnee lag ein toter Mönch in seiner braunen Kutte und einem dicken Mantel. Der Tod war offensichtlich schnell und unerwartet gekommen. Um die Kehle des Mannes färbte sich der Schnee langsam rot.

„Da lang!“, hörte sie Arthur sagen, der auf das Haupthaus zeigte. Die anderen Rethaner waren schon vorweg gelaufen. Dort sollten sie auch auf Rogard und seine Männer treffen.

„Die Feinde im Hof sind tot.“, sagte Yatane kalt, als sie nach unten blickte. Luna versuchte ebenfalls durch den Schnee zu blicken, doch konnte im dichten Schneefall nichts erkennen. Die Augen der Elfen waren viel schärfer, das wusste sie. Dennoch war es beeindruckend.

„Also weiter. Wir müssen die Schlafsäle finden.“, sagte Luna und lief neben Arthur auf der Mauer entlang. Sie achtete auf ihre Schritte, denn man konnte kaum sehen was vor einem lag, und Schnee und Eis bildeten eine rutschige Oberfläche. Es wäre doch sehr unköniglich, wenn sie nun von der Mauer fiel und sich den Hals brach. Als sie das Gebäude erreichten warteten die anderen Männer inklusive Rogard, der von der anderen Seite gekommen war, schon an der schweren Holztür. Luna blickte am Gebäude nach oben. Es war eine Halle, die vielleicht zwei, drei Stockwerke hoch war, an deren Hinterseite anscheinend Räume waren, so hatte sie zumindest beim Vorbeigehen vermutet. Rechts hinten war ein quadratischer Turm, der sich in die Höhe streckte.

Arthur gab einigen Männern zu verstehen, die Bögen bereit zu halten. Auch er selbst legte einen Pfeil auf den Langbogen und stellte sich vor die Tür. Mit einem Nicken befahl er dann zwei weiteren Männern, die Tür zu öffnen.

Blitzschnell zogen diese die beiden Flügel nach außen, achteten dabei aber darauf, dass diese nirgendwo anschlugen. Arthur bemerkte sofort die vier Mönche, die in der Halle waren. Zwei arbeiteten, einer saß am großen Kamin, und ein letzter schlief in der Ecke. Vielleicht gab es noch weitere in den toten Winkeln. Sofort lösten sich die Pfeile der Angreifer. Die Treffer waren tödlich. Außer eines leisen Stöhnens hörte man kein Geräusch der Sterbenden. Dann hielt Arthur kurz inne und atmete durch.

Doch bevor er selbst in die Halle gehen konnte, schob sich Yatane an dem Ritter vorbei. „Warte…“, wisperte Arthur noch leise und wollte sie aufhalten, doch die Elfe war schneller und wandte sich aus dem Griff, um dann lautlos in die Halle zu laufen. Sie blickte sich kurz um, und verschwand dann nach rechts aus ihrer Sicht. Es dauert ein, zwei Momente, dann tauchte sie wieder auf, den Dolch in der Hand. Blut tropfte von der Klinge. Sie winkte die Krieger hinein.

Luna schluckte kurz. Sie kannte Yatane nur als freundliche, lebensfrohe Elfe, die ihr in Alydan stets großartige Geschichten erzählt hatte. Doch die Königin wusste, dass Yatane eine Jägerin war. Eine Kriegerin. Brutal und effizient, wenn es notwendig war. Es gab wohl kaum Menschen, die einen Kampf mit einem Elf überleben konnten. Insofern war es sehr wertvoll, Yatane an ihrer Seite zu wissen.

Dann lief die Königin hinter Arthur in die Halle. Sie blickte sich um. Anscheinend war die große Halle zugleich Ort für Gebete, aber auch Speisesaal. Tische und Bänke standen gerade an der Wand. Das Feuer prasselte im großen Kamin und spendete Wärme und ein orangenes Licht. Sie brauchte kurz, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Dann erkannte sie all die Gänge und Türen, die von der Halle abzweigten. Hier unten, im Erdgeschoss, schienen es hauptsächlich Lagerräume und Küchenräume zu sein, die von der Halle abführten. Nach rechts führte ein Weg zu dem Turm. Auf einigen Schritt Höhe war ein Gang aus Holz gebaut, auf den auch Treppen führten. Von dort führten Türen in den hinteren Bereich des Haupthauses. Sie vermutet dort oben die Schlafsäle und tippte Arthur auf die Schulter, um dorthin zu deuten. Der Ritter nickte und signalisierte allen Männern, ihm zu folgen. Dann schlichen sie eine der Treppen hinauf. Auf die Toten im Saal achtete Luna gar nicht.

Es gab einen großen Schlafsaal an der Ecke des Gebäudes. Obwohl rechts und links noch mehrere Türen abzweigten, mussten dies kleinere Zimmer sein, wenn man den Aufbau des Klosters beachtete. Also galt es erstmal, das blutige Handwerk im großen Saal zu vollenden, um danach Zimmer für Zimmer zu durchsuchen. Die größere Frage war, wo die Mitglieder des Wächterrates und insbesondere der Prior waren. Doch eines nach dem anderen.

Lautlos schlichen die Schwarzen Pfeile in den Saal und schwärmten aus, sodass jeder Mann an einem Bett stand. Die Mönche schliefen tief und fest, nur das Schnarchen und die Atemgeräusche einiger Männer und das Pfeifen des Windes draußen störte die nächtliche Stille. Auch Luna positionierte sich an einem Bett und hob ihre Klinge in die Höhe.

Arthur blicke sich kurz um. Als alle auf ihrem Posten waren, nickte er kurz, um das Signal zu geben. Die Schwerter fuhren nach unten und durchbohrten die Leiber der schlafenden Mönche. Ein, zwei, drei Mal stach Luna zu. Dann sah sie, wie das Stroh und die Federn um den Mann sich mit dessen Blut vollsaugten. Außer dem Eindringen der Klinge und einem scharfen Ausatmen gab der Mönch keinen Laut von sich. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, wie sich einige der Schwarzen Pfeile schnell lösten, um die letzten Mönche zu töten, an deren Betten noch kein Mann gestanden war. Es ging alles so schnell, dass selbst Männer, die kurz aufwachten, nicht schreien konnten. Natürlich war das Massaker nicht vollkommen lautlos, aber es gab keine Laute, die mit Sicherheit durch das ganze Kloster zu hören gewesen wären.

Luna zog ihr Schwert aus dem Leichnam des Mönches und wischte die Klinge an der Wolldecke ab, bevor sie es wieder in die Scheide steckte. Dann ging sie auf Arthur zu, der neben dem letzten noch lebenden Mönch kniete und ihm seinen Dolch an den Hals hielt.

„Wo sind der Prior und der Wächterrat?“, fragte er flüsternd, während er dem Mann die Hand auf den Mund hielt. Vorsichtig lockerte er sie dann, damit der Mönch antworten konnte. Doch dieser machte vorerst keine Anstalten zu antworten, sondern blickte Arthur nur mit großen, verängstigten Augen an. Also erhöhte der Ritter den Druck der Klinge, sodass die Haut leicht eingeritzt wurde.

„Sprich schnell und die Wahrheit, dann verschone ich dein Leben vielleicht.“, fauchte er drohend.

Der Mönch versuchte sich leicht nach hinten zu drücken, um den Druck der Klinge zu verringern, war aber nur mäßig erfolgreich. Also nickte er leicht, vorsichtig, um sich nicht zu verletzen.

„Also?“, sagte Arthur auffordernd.

„Sie sind im Turm, im Norden des Gebäudes.“, keuchte der Mann leise. „Dort ist das Quartier des Priors und der Ratssaal. Sie meditieren gerade.“

„Danke.“, sagte Arthur und schnitt dem Mann dann die Kehle durch. Es durfte keine Überlebenden geben. Dann stand er auf und drehte sich zu Luna.

„Majestät, wir sollten gemeinsam mit Yatane und den meisten der Männer zu diesem Turm. Wir werden die Kraft Eures Schwertes brauchen. Rogard kann hier mit zwei Männern allein die restlichen Räume durchkämmen.“, schlug er flüsternd vor. Luna nickte nur. Yatane stand bereits neben ihnen und brachte keine Einwände vor.

„Also los!“, sagte Arthur so und winkte den Männern zu, ihm zu folgen. Diese waren gerade von Bett zu Bett gegangen, um zu überprüfen, dass die Arbeit vollständig verrichtet worden war. Als sie den Schlafsaal verließen spürte Luna die gespenstische Stille, als nur noch der Wind von draußen pfiff. Sie hatte sich kurz so stark und sicher gefühlt, als sie ihre Klinge gezogen hatte. Nun zog sich ihr Magen leicht zusammen, als sie an all die Toten dachte. Doch das Blutvergießen war noch nicht beendet.

So lautlos wie möglich liefen sie die Treppen hinauf und hielten dann kurz vor der Tür inne, an der die Treppe endete. Obwohl sie die Spitze wohl noch nicht erreicht hatten, musste dies der Saal des Wächterrates sein. Selbst durch die dicke Eichentür hörte man den dumpfen Gesang der Meditation und Gebete. Luna meinte sogar zu spüren, wie die Steine unter ihnen leicht vibrierten, und wie die Luft von der Macht erfüllt flimmerte. Vorsichtig und leise zog sie Zeitensturm. Als sie die schwarze Klinge sah, spürte sie sich sofort wieder stärker. Egal welche Macht diese Wächter hatten, sie hielt die Macht St. Gilberts in ihren Händen.

„Eine unglaubliche Macht…“, flüsterte Yatane leise. Die Elfe war noch empfindsamer für die Strömungen der Magie. Arthur schaute zu den zwei Männern, die sie vorne anführten.

„Bereit?“, fragte der Ritter leise. Alle Anwesenden nickten. Sie wussten, dass dies der wohl gefährlichste Moment war. Der Feind musste so schnell wie möglich ausgeschaltet werden. Denn wenn dieser erst seine volle Kraft entfesselte, ständen die Chancen zu Überleben schlecht. Gleichzeitig limitierten Tür und Treppen die Möglichkeit, zusammen anzugreifen.

Dann nickte Arthur entschlossen und die beiden ersten Männer stürmten den Raum, dicht gefolgt von Arthur, Yatane, und dann Luna. Die sieben Mitglieder des Wächterrates knieten auf dem Steinboden, alle auf eine der Wände ausgerichtet, an der Insignien, Relikte, und ein Banner standen. Sie waren von der Tür abgewandt, was den Angreifern einen kleinen Vorteil gab. Noch bevor sie reagieren konnten rammten die ersten beiden Krieger ihre Schwerter in den Rücken der hintersten beiden Wächter. Fast zeitgleich ließen Arthur und Yatane ihre Pfeile fliegen und trafen zwei weitere Wächter tödlich. Synchron, als würden sie viele Jahre zusammen kämpfen, ließen die Elfe und der Ritter ihre Bögen fallen, um ihre Klingen zu ziehen, während sie in den Raum liefen. Erst dann trat Luna in die Tür.

Vier waren erledigt, als die anderen drei den Angriff bemerkten. Sofort schwoll der Gesang an und der Jüngste der drei Männer sprang auf und deutete auf einen der vorderen beiden Krieger. Ein Stein löste sich aus der Mauer und durchschlug die Brust des Mannes, trat blutig wieder aus dem Rücken heraus, und zerschellte knapp neben Yatane an der Wand. Gleichzeitig ballte ein anderer Wächter seine Faust und ein Stein löste sich aus der Decke und zerschmetterte den Schädel des zweiten Kriegers.

Der vorderste der Wächter erhob sich und drehte sich um. Er streckte die Hände zur Seite, mit den Handflächen nach oben. Luna spürte, wie der Turm erzitterte, und sich viele kleine Steine aus den Wänden lösten und auf sie, Arthur, und Yatane zuflogen.

„Nein!“, schrie Luna laut und durchschnitt mit ihrer Klinge die Luft vor ihr. Sie schloss noch die Augen, hörte dann aber das Geräusch, wie die Steine zu Boden fielen. Sie lagen in einer sauberen Reihe vor ihnen, als hätten sie eine unsichtbare Wand getroffen. Nun hielten die drei Wächter kurz verwirrt inne. Ein Zögern, dass für sie verheerend sein sollte.

Yatane zog und warf blitzschnell einen ihrer Dolche, der sich in die Kehle eines der Wächter bohrte. Währenddessen überbrückte Arthur mit zwei großen Schritten den Abstand zum nächsten Wächter und rammte diesem Blutstein in die Brust.

Luna fokussierte den letzten Wächter und machte einen Schritt nach vorne. Getragen von der Kraft ihres Schwertes wollte sie auf den Feind zu rennen. Doch einen Augenschlag später stand sie schon vor dem Mann, hatte den Abstand von einigen Schritten in einem Moment überwunden. Sie blickte dem alten Mann in die Augen.

„Laëa…“, wollte dieser gerade noch zu einem weiteren Gebet ansetzen, als Luna ihm bereits ihre schwarze Klinge durch das Herz trieb. Während der Mann tot zu Boden sank, blickte sie sich um. Der Wächterrat war vernichtet. Es war ein gutes Gefühl. Ein wichtiger Sieg. Blut tropfte von Zeitensturm auf den Boden. Über den gesamten Steinboden des Turmes breiteten sich langsam die Blutlachen der Mönche aus. Sie hatten es so gewollt. Damals, als sie den Krieg über Kargat und Valorien gebracht hatten. Nun mussten sie den Preis dafür zahlen.

„Wir müssen den Prior finden.“, sagte Arthur und deutete auf die Tür, die sich am anderen Ende des Raumes befand. „Dort entlang. Es muss noch weiter nach oben gehen.“

Luna blickte zu Yatane, als suchte sie Bestätigung. „Ja. Ich spüre es. Dort ist ein Mann mit großer Macht.“, sagte die Elfe und blickte nach oben. Doch es war noch etwas anderes, das sie fühlte. Ein Gefühl aus einer alten Zeit, dass sie nicht zuordnen konnte. Ein Echo ihrer Erinnerung. Aber... das konnte doch nicht wahr sein. Oder?

Arthur deutete zwei Männern, zu der Tür zu gehen. Sie wusste nicht, ob die Treppe dahinter direkt in das Gemach des Priors führte, oder ob noch ein weiterer Gang dazwischen lag. Die anderen Schwarzen Pfeile sammelten sich im Raum der Wächter und legten Pfeile auf ihre Bögen. Arthur hielt entschlossen das Heft seines Ritterschwertes und blickte kurz zu Luna, bevor er den Befehl gab.

„Also. Los!“, sagte er leise und der Krieger an der Tür riss diese auf.

Luna blickte verwundert durch die Tür. Der Gang dahinter war nicht leer. Vollkommen ruhig stand dort ein alter Mann in einer Kutte und blickte auf, ihr direkt in die Augen. Es musste der Prior sein. Doch da war noch etwas. Ein Schatten kroch blitzschnell in ihren Raum, als hätte man eine Fackel vorbeigetragen. Dann ließen die Männer Arthurs ihre Pfeile fliegen.

Cleos spürte den Tod. Das Sterben. Das Leid. Den Schmerz. Es schmerzte in seiner Brust, als er aufwachte. Doch wusste er, dass es schon zu spät war. Laëa hatte sie verlassen. So hätte er wohl den Brüdern gesagt. Doch er kannte die Lüge dahinter. Er war der einzige, der den Grund ihrer Kraft kannte. Er und…

„Wenn sie sich nicht wehren konnten, waren sie es nicht wert.“ Die Stimme aus dem Schatten ließ Cleos vollends aufschrecken.

„Du.“, sagte er kalt und stand auf. „Ich habe jeden von ihnen gefunden und ausgebildet. Was wagst du es, ihr Leben herabzuwürdigen?“

„Ihr Leben ist nicht mehr. Es war so kurz und nutzlos, wie das der meisten Menschen.“

„Ich werde sie rächen.“, sagte Cleos kalt und ballte die Faust. „Wirst du mir beistehen oder nur hier sitzen und kluge Reden schwingen?“

Die Antwort war nur ein leises Lachen, als Cleos bereits die Stufen nach unten nahm. Er sammelte seine Kräfte, summte leise die Gebete an Laëa, die ihm doch halfen, die Magie zu fokussieren. Wer auch immer sie angriff: dies würde sein Tod sein. Dann würde er einen neuen Orden erbauen. Die Kraft des Kaisers und seine Kraft waren unendlich.

Als er die Tür erreichte, hörte er schon die Männer, die sich dahinter im Raum sammelten. Er spürte ihre lebenden Körper. Ihre Wärme. Ihre Energie. Doch dann spürte er noch etwas. Ein Schatten, der sich an seine Seite legte.

„Also doch.“, sagte er. Dann wurde die Tür aufgezogen.

Die Pfeile prallten an einer massiven Steinplatte ab. Luna konnte gerade noch ihr Schwert heben, als diese auf sie zuflog. Der Fels spaltete sich an der Klinge und flog rechts und links an ihr vorbei. Doch Luna nahm mehr als den Angriff von Cleos war. Sie spürte etwas, wie einen Windhauch, obwohl sich die Luft nicht rührte. Sie merkte, wie Schatten sich durch den Raum bewegten. Blitzschnell. Dann hörte sie die Schreie der Männer. Alles geschah so unglaublich schnell. Ein Schwarzer Pfeil nach dem anderen ging zu Boden. Der Klang von Stahl der Stahl traf erfüllte dann den Saal. Von Arthurs Klinge stoben Funken und der alte Ritter schrie auf, allerdings blieb er im Vergleich zu den anderen Männern stehen. Erst dann legte sich ein kurzer Moment der Ruhe über den Raum.

Luna orientierte sich. Die Männer um sie herum lagen tot auf dem Boden. Alle Krieger der Schwarzen Pfeile waren in Bruchteilen eines Momentes getötet worden. Sie erkannte sofort die vielen kleinen Schnitte, die sich über die Leiber der Männer ausbreiteten. Fein, sodass kaum Blut floss, aber an tödlichen Stellen. Sie blickte zu Arthur. Der Ritter stand noch, hatte aber mehrere Schnittwunden an Oberschenkel und Schulter. Nur seine guten Reflexe und Blutstein schienen ihn vor dem Tod bewahrt zu haben. Schnell schaute sie zu Yatane. Die Elfe stand dort mit gezogener Klinge, scheinbar unverletzt. Ihr Blick war in eine Ecke des Raumes gerichtet, ihre Augen weit aufgerissen. Luna folgte dem Blick.

Im Schatten, in einer Ecke, stand ein Mann. Er trug keine Rüstung, sondern dunkle Kleidung aus Stoff, die seinen Körper einhüllte. In den beiden Händen hielt er zwei silberne Klingen. Kurzschwerter ohne Parierstange. Leicht gebogen, die Griffe verziert. Es waren elfische Waffen. Auch die Figur und Körperhaltung erinnerte Luna an die eleganten Krieger der Elfen. In der Dunkelheit meinte sie nur die Augen zu erkennen, die sie musterten. Oder vielmehr ihr Schwert. Er hatte in kürzester Zeit ihren Trupp einfach so vernichtet. Wer war dieser Mann? Oder vielmehr, was?

Sie würde sterben. Es gab keinen Zweifel daran. Gegen solche Gegner konnten sie nun nur noch zu dritt nicht bestehen. Doch wenn dies ihr Schicksal war, wollte Luna zumindest ihre Aufgabe erfüllen. Sie rannte mit erhobener Klinge auf Cleos zu.

Wie schon vorher überbrückte sie die Entfernung in kleinster Zeit und ließ dann ihr Schwert niedersausen, um den Prior niederzustrecken. Doch so weit kam es nicht. Metall schlug auf Metall als Zeitensturm von den gekreuzten Klingen des mysteriösen Kriegers aufgehalten wurde. Luna blinzelte kurz, um zu verstehen, was passiert war. Gerade noch hatte der Feind in der anderen Ecke des Raumes gestanden, nun war er zwischen ihr und Cleos und hatte dem Prior das Leben gerettet. Doch zum Überlegen war keine Zeit.

Luna löste die Klinge und schlug weiter auf den Feind ein. Doch es fühlte sich nicht an, als würde sie das Schwert führen. Vielmehr suchte Zeitensturm Schwachstellen des Gegners, antizipierte Angriffe, und setzte gezielte Stiche. Der Klingenwechsel dauerte nur vier, fünf Schläge, dann streifte ihre Klinge über den Oberschenkel des Feindes und dieser wich zurück, drückte dabei Cleos zurück in den Gang.

Luna verharrte kurz und musterte den Mann. Noch nie hatte sie so schnell gefochten, und es schien ihr unwirklich, dass sie gegen einen solchen Fechter einen Treffer setzen konnte. Jetzt erst konnte sie sein Gesicht besser erkennen. Obwohl ein schwarzes Stirnband die Ohren abdeckte war sie sich nun fast sicher, dass ihr Gegenüber ein Elf sein musste.

„Gut gekämpft, Königin.“, sagte er mit kalter Stimme in der elfischen Sprache, womit doch eine gewisse Melodie mitschwang. Dann blickte er an Luna vorbei zu Yatane, die noch immer im Raum stand, ohne Gelegenheit, in den blitzschnellen Kampf einzusteigen. Kurz schien er ihr zuzuzwinkern, dann drehte er sich aber zu Cleos.

„Diesen Kampf führen wir später fort.“, sagte er und griff den verwirrten Prior an der Schulter.

„Nein!“, rief Luna noch und wollte ihm Nachsetzen, als beide Männer auf einmal erst tief dunkel wurden und dann im Schatten verschwanden. Erneut spürte sie eine Art Windhauch, obwohl sich die Luft kaum zu bewegen schien. Dann lag nur noch Stille im Raum.

Arthur ging langsam auf Luna zu. „Alles in Ordnung, Majestät?“, fragte er die Königin und musterte sie. Offensichtlich war sie nicht verletzt, während er nur mehr humpeln konnte.

Er bekam keine Antwort. Luna starrte noch immer mit einer Mischung aus Verwirrung und Wut auf die Stelle, wo gerade noch Cleos und der Elfenkrieger gewesen waren.

„Aaah!“ Sie schrie laut auf, schrie ihren Zorn von der Seele, und schlug ihr Schwert gegen die Wand. Während die Klinge unversehrt blieb, bröckelte Gestein aus der Kerbe. Dann blickte sie sich wieder im Raum um. Alle ihre Männer waren tot. Aber war da nicht was? Sie hörte das leise Stöhnen eines der Wächter, in dessen Brust ein Pfeil steckte. Mit zwei Schritten näherte sie sich dem älteren Mann, der dort im Sterben lag. Kurz musterte sie ihn abschätzig, dann rammte sie ihr Schwert mit Kraft in dessen Herz. Erst dann drehte sie sich zu Yatane, die Augen immer noch zu Schlitzen zusammengezogen.

„Weißt du wer das war?“

Die Elfe stand noch immer wie angewurzelt an der Stelle, an der sie verharrt war, seit sie die Tür aufgestoßen hatten. Ihre Gedanken kreisten. Wie konnte das nur möglich sein? Wie konnte er hier sein? Auf der Seite dieser Menschen? Hatte die Herrin von Alydan ihr nicht erzählt, welche finsteren Kräfte diese Menschen anriefen? Was sie mit Anuriel getan hatten? Wie konnte er nur? Gerade er?

„Yatane?“, fragte Luna nach. Ihre Stimme klang gereizt.

„Bei Elonas Gnade.“ Rogards Ausruf hallte durch den Raum, als er die Treppe oben erreichte. „Was ist hier passiert?“, fragte er ungläubig an Arthur gerichtet, als er die ganzen Toten erkannte. Statt Arthur, der immer noch Luna anschaute, drehte sich allerdings Yatane zu dem jüngeren Rethaner, als hätte er etwas Seltsames gesagt.

„Wieso Elona?“, fragte sie überrascht.

„Weil…“, wollte Rogard fast erklären, erkannte aber, dass das im Moment wohl recht egal war. „Arthur, was ist passiert.“

Erst jetzt antwortete der Ritter. „Dunkle Kräfte. Wir wurden geschlagen. Der Prior ist geflohen, mit einem seltsamen Krieger.“

„Wer war er?“, wiederholte Luna die Frage an Yatane.

„Ich bin mir nicht sicher.“, antwortete schließlich die Elfe. Es entsprach wohl auch der Wahrheit. Denn sie konnte nicht glauben, dass es der Mann gewesen war, den sie vermutete. „Seine Kräfte waren unglaublich. Aber, Luna, die Macht deines Schwertes ist größer. Wir haben Verluste erlitten, aber du hast ihn geschlagen.“

„Dennoch ist der Prior geflohen.“, sagte Luna verbittert und schaute dann zu Rogard.

„Was machst du hier?“

„Majestät, Arthur, ihr solltet mitkommen. Da ist etwas, dass ihr sehen solltet.“, sagte er. Dann schaute er noch einmal zu Arthur. „Was machen wir mit den Toten?“

Doch der Ritter schüttelte nur den Kopf. Selbst ohne die Flucht von Cleos würde der Angriff bald entdeckt werden, spätestens im Morgengrauen. Wenn die kaiserlichen Soldaten dann erstmal da waren, gab es kaum ein Entkommen. So sehr es ihn schmerzte: es war keine Zeit für einen würdevollen Abschied. Rogard nickte verständnisvoll und wandte sich dann zum Gehen.

„Yatane.“, sagte Luna, nun etwas leiser, weniger aufgebracht. Sie nickte Arthur zu, schon einmal vorzugehen.

„Was ist?“, fragte die Elfe und trat näher zur Königin, als diese gerade ihr Schwert wegsteckte. Sofort wirkte Luna weniger entschlossen und mächtig.

„Was sind das für Mächte?“, fragte sie die Elfe. Obwohl Elian und Siliva ihr über die Kraft des Weltenbaums erzählt hatten, konnte sie diese Magie noch immer nicht einordnen. Auch nicht jene Kraft, die in ihrem Schwert ruhte. Doch diese Macht war erschreckend. All die toten Schwarzen Pfeile waren Zeugnis dessen. Vielleicht erhoffte sie von Yatane eine bessere Antwort, hatte die Elfe ihr doch schon als Kind mit Geschichten Antworten auf große Fragen gegeben.

Yatane trat näher und legte der Königin ihre Hand auf den Schwertarm. „Es sind die Kräfte des Weltenbaums. Die Kräfte des Lebens. Der Natur selbst.“, sagte sie. Sie selbst hatte die Kräfte oft in ihrem langen Leben gesehen. Von Elian. Von Siliva. Von Issilia. Oder einem anderen der Elfenfürsten. Doch so wie die Natur immer wieder faszinierend sein konnte, konnte man sich auch an die Magie nicht gewöhnen. „Aber die Natur ist nicht immer gut. Sie kann zornig sein. Unbarmherzig. Kalt. Die Kräfte können viel Gutes schaffen, aber im Innersten sind sie chaotisch und zerstörerisch. Die Natur erneuert sich immer wieder. Doch Erneuerung erfordert auch Zerstörung. In deinem Schwert wohnen Teile dieser Kräfte. Am Ende kommt es darauf an, wie der Anwender seine Kräfte beherrscht und anwendet. Sie sind wie eine Klinge. Die Kaiserlichen nutzen ihre Macht, um andere Völker zu unterjochen. Doch du kannst deine Kraft dafür verwenden, dich ihnen in den Weg zu stellen.“

Luna nickte. Yatane lächelte aufmunternd. „Du musst den Verlust nun hinter dir lassen und wieder entschlossen sein. Egal was Rogard gefunden hat, es wird eine Entscheidung einer Königin bedürfen, sonst wäre er nicht gekommen.“

Luna schaute Yatane an. „Danke.“, sagte sie nur und blickte dann noch einmal auf all die Männer, die auch sie in den Tod geführt hatte. „Ich danke euch allen für eure treuen Dienste. Möget ihr im nächsten Leben Frieden finden.“, sagte sie an die Toten gerichtet. Dann lief sie zur Treppe, um Rogard und Arthur zu folgen.

Noch während sie auf dem Weg waren, hatte Luna erneut ihre Klinge gezogen. Ohne Zeitensturm wurde sie schwächer. Doch der Auftrag forderte Stärke. Yatane beobachtete die Königin fasziniert, während sie durch die Gänge des Klosters nach unten liefen, Rogard folgend. Sie hatte schon damals gewusst, dass aus Luna eine Königin der Menschen werden würde. Jene Menschen, die seit jeher nur den Krieg kannten. Es war unabdingbar gewesen, dass auch Luna diesen Weg einschlug. Doch dies in dieser Situation des brutalen Angriffs zu sehen, bildete einen Kontrapunkt zu ihren Erinnerungen an das fröhliche Mädchen. Natürlich, auch Yatane war Kriegerin, aber Luna, die sie als Kind kennen gelernt hatte, so zu sehen, löste etwas in ihr aus. Es erinnerte sie an den Krieg, den sie erlebt hatte, als sie klein gewesen war. Doch sie war glücklich, von nun an Lunas Seite sein zu können. Vielleicht konnte sie ihr ein bisschen einen Weg zeigen.

„Hier hinein.“, sagte Rogard und deutete auf eine Tür, die in einen weiteren Schlafsaal zu führen schien. Einer der beiden Schwarzen Pfeile wartete bereits davor. Arthur ging als erstes in den Raum, gefolgt von Yatane und dann Luna. Zur Überraschung der Elfe waren allerdings keine Mönche in dem nächsten Zimmer. Gedrängt in eine Ecke standen Kinder. Auf den ersten Blick erkannte sie acht Jungen, die in teilweise zu großen, braunen Kutten dort standen, und verängstigt schauten. Der zweite Krieger, der Rogard begleitet hatte, stand mit erhobener Klinge vor den Jungen und hielt diese im Schach. Yatane schätzte, dass die Kinder vielleicht acht, neun Jahre alt waren. Fast so alt wie Luna damals.

„Das sind Kinder.“, stellte die Elfe das Offensichtliche verwundert fest.

„Ja. Junge Novizen. Die anderen Räume haben wir alle gesäubert. Das hier sind die einzigen Überlebenden.“, sagte Rogard.

„Nicht ganz die Einzigen…“, sagte Luna grimmig und dachte an die Flucht des Priors.

„Was sollen wir machen? Wir können ja nicht…“, fragte Rogard an Arthur gerichtet, vollendete aber den Satz nicht.

„Luna, wir sollten…“, wollte Yatane gerade sprechen, wurde aber von der Königin mit einer Handbewegung unterbrochen. Diese ging auf die Jungen zu, musterte sie ernst, das Schwert noch immer in der Hand.

„Wer seid ihr?“, fragte sie den ältesten Jungen, der vielleicht schon elf, zwölf Jahre alt war. Dieser schwieg erstmal, schaute die Königin mit großen Augen verängstigt an.

„Was macht ihr hier?“, folgte die nächste Frage, diesmal nachdrücklicher. „Antworte mir!“, sagte sie bedrohlich.

„Wir sind Novizen der Laëa, Diener des Kaiserreiches, und lassen uns durch eure Mächte der Finsternis nicht einschüchtern. Das Licht der Sonne wird alle Dunkelheit durchbrechen.“, sagte er dann recht entschlossen, gegeben der Situation. Die Worte wirkten einstudiert, dennoch trotzig.

Luna nickte und drehte sich zu Arthur. „Sie werden Mönche wie jene, die Valorien fast zerstört haben. Tötet sie.“, befahl sie kalt.

„Aber Majestät…“, wollte Arthur protestieren. Vollkommen unvermittelt stieß Luna ihr Schwert nach vorne in die Brust des ältesten Jungen, der ihr geantwortet hatte. Dieser blickte sie erst verwundert an, dann entsetzt, als ihm Blut aus dem Mundwinkel lief. Als Luna ihr Schwert zurück zog sackte er tot zu Boden. Die anderen Jungen schrien teilweise auf, drückten sich nach hinten an die Wand.

„Ich habe einen Befehl gegeben, als eure Königin.“, sagte Luna kalt. „Also führt ihn aus.“, sagte sie und wandte sich dann ab, um aus dem Raum zu gehen. Yatane drehte sich sofort um, um ihr zu folgen. Von innen hörte sie noch die Todesschreie der Jungen, die schnell verstummten.

Luna rannte nach draußen in den Schnee. Der Sturm hatte sich etwas gelegt. Sie steckte ihre noch blutige Klinge in die Scheide. Sofort spürte sie, wie ihre Kraft wich. Sie musste sich an der Mauer des Klosters abstützen. Was hatte sie nur getan? Sie hatte nicht nur den Tod all dieser Männer befohlen, sondern auch von Kindern. Kinder, die von dem Prior auf einen dunklen Pfad geleitet worden war, die aber doch selbst unschuldig waren. Oder? Aber sie hatte Entscheidungen treffen müssen. Für die Sicherheit Valoriens. Geron hatte ihr schon früh beigebracht, dass die Stärke einer Königin darin lag, schwerste Entscheidungen zu treffen, die andere nicht treffen konnten. Letztendlich war ihr Vater auch deshalb gestorben, weil er nicht entschieden genug gegen seine Feinde vorgegangen war. Sie wollte, sie konnte nicht die gleichen Fehler machen. Dennoch… sie sah noch all das Blut vor ihrem inneren Auge. Es klebte an ihren Händen. Es würde immer an ihren Händen kleben.

Ihr Magen zog sich zusammen. Sie spürte noch, wie ihr der Magensaft hochstieg und dann beugte sie sich schon nach vorne, um sich zu übergeben. Geschwächt ging sie in die Hocke und atmete tief durch, sog die kalte Luft in ihre Lungen.

„Geht es dir gut?“ Sie spürte die Hand von Yatane auf ihrem Rücken, hörte ihre liebliche Stimme. Wortlos nickte sie.

„Komm, lass uns dort drüben kurz hinsetzen.“, sagte Yatane und deutete auf eine Bank im Hof. Sie half Luna auf die Beine und stützte sie, um sie zu der Bank zu geleiten. Dort zog sie sich schnell ihren Mantel von den Schultern, um Luna eine Unterlage zum Sitzen zu geben.

„Wird dir nicht kalt?“, fragte Luna als die Elfe ihr half, sich hinzusetzen.

„Es geht schon“, antwortete Yatane. Kälte war ähnlich wie Hunger oder Durst für Elfen weniger gravierend als für Menschen. Es war nicht angenehm, aber es störte sie weniger als der Gedanke, dass Luna womöglich krank werden konnte.

Yatane strich Luna über das Haar, als wäre sie wieder das kleine Mädchen. Sie erkannte den Ausdruck in Lunas Gesicht, als ihr Bauch anscheinend wieder verkrampfte. Dann drehte sich die Königin erneut weg und erbrach sich, während die Elfe ihre Haare zurückhielt. Erst dann drehte sich Luna wieder zurück und lehnte sich an die Elfe an. Erschöpft, aber irgendwie auch befreit.

„Hier, trink.“, sagte Yatane und bot Luna ihren Wasserschlauch an, den sie am Gürtel getragen hatte.

Luna nippte vorsichtig und trank einige kleine Schlucke. Nebeneinander saßen sie so schweigend in der Kälte. Außer dem Wind, der über Sonnfels strich, war es absolut still. Von drinnen hörte man nichts mehr. Keine Schreie. Keine Schritte. Keine Rufe. Als würde das Kloster noch immer schlafen. Doch Luna wusste, dass es nie wieder aufwachen würde.

„Ich musste so entscheiden.“, sagte Luna leise, entkräftet. „Aber gerade war ich mir noch viel sicherer. Nun fühle ich mich so… schwach. Als wäre ich den Aufgaben nicht gewachsen.“

Yatane strich ihr leicht die Haare aus dem Gesicht, die der Wind hineingeweht hatte. „Du bist die Königin Valoriens, und die Erbin des stärksten Menschen, den es je gab. Du führst auch die Klinge St. Gilberts. Sie gibt dir Stärke.“ Ja, Yatane wusste ob der Stärke des einstigen Königs. Sie lag in seinem Blut, das auch durch Lunas Adern floss. Luna nickte, antwortete aber nicht. So saßen sie einige Momente weiter still da.

„Es war nicht nur der Kampf, oder? Wieso dir schlecht geworden ist?“, fragte Yatane schließlich. Luna schüttelte den Kopf. Dann strich sie sich leicht über den Bauch.

Kapitel 4

Narthas sprang aus dem Sattel und landete sanft auf dem trockenen Boden der Steppe. Der Untergrund war fest, tief vereist, und Raureif hatte sich auf die verbleibenden Gräser gelegt, dennoch lag kein Schnee. Zu lange war es her, seit es hier Niederschlag gegeben hatte. Ein eisiger Wind wehte über die Ebenen und schlug dem Khan ins Gesicht. Dennoch fühlte er sich wohler als in den warmen Hallen Taarls. Denn dies war seine Heimat.

„Wir lagern hier!“, gab er den Befehl auf urbisch und sofort machten sich die Reiter daran, ein Lager aufzubauen. Narthas verharrte. Er blickte gen Horizont, an dem doch nichts zu sehen war. Nur die leere der Steppe. Die unendliche Weite. Freiheit. Es war das Gefühl von Freiheit, dass die Heimat der Urben so besonders machte. Und das er, zumindest unbewusst, in Valorien all die Jahre vermisst hatte. Doch nun war er zurück.

Als zwei seiner Söhne zu ihm traten, winkte er sie herbei. Auch Zirgas, sein alter Weggefährte und Freund, trat zum Khan, nachdem er einigen Männern Befehle gegeben hatte. Narthas ging in die Hocke. Trotz des Frostes im Boden konnte der Khan eine Hand voll Steppensand aufheben. Langsam ließ er den Sand durch seine Hand rieseln, der Wind trug ihn seitwärts.

„In jedem Sandkorn der Steppe wohnen die Geister.“, sagte Narthas leise. „Sie sprechen durch den Wind mit uns und tragen die Weisheit der Unendlichkeit und all unserer Ahnen.“ Der Khan erhob sich und blickte über die weite der Ebenen. „Wir sind ein Teil dieser Steppe. Jeder Urbe spürt es in sich. Die Geister schicken uns in dieses Leben, um uns zu beweisen. Und wenn wir sterben, werden wir wieder eins mit der Steppe. Nur die erlesensten unserer Krieger dürfen mit den Geistern in der Unendlichkeit reiten.“

Er blickte zu Lokran und Kirgesh, seinen beiden ältesten Söhnen. „Mein Vater sprach einst diese Worte zu mir, vor einer großen Schlacht. Und sein Vater vorher zu ihm. Ihr kehrt nun das erste Mal heim. Aber egal wohin ihr reitet, ihr tragt die Steppe in eurem Herzen, und die Geister werden euch immer begleiten.“ Die beiden Angesprochenen schauten Narthas ehrfürchtig an, wussten aber nichts zu erwidern. Also schlug Zirgas den beiden Männern auf die Schulter, um die Stimmung zu lockern.

„Leider, meine jungen Freunde, wird es noch dauern, bis wir unsere Speere in den Leib des Feindes stoßen werden. Außer ein paar rauflustige Stämme reiten in unseren Weg. Oder der Erzherzog der Peltamark ist dumm.“, sagte er grinsend und blickte dann zu Narthas. „Ich habe gerade Nachricht der letzten Krieger erhalten. Das Heer ist vollständig gesammelt. Wir warten auf deine Befehle, Khan.“

Narthas nickte ihm zu und ließ dann seinen Blick zu dem einen Reiter wandern, der hier nicht ins Bild passte. Anders als die Urben trug er eine Plattenrüstung, obwohl diese etwas mitgenommen wirkte. Von anderer Qualität war das feine Langschwert, das er am Gürtel trug. In einer silbernen Scheide, die von Flammenrunen und Feueropalen verziert war, trug Wanfried von Tulheim das Schwert Flammendorn. Mit seinen hellblonden Haaren und fast bleichem Teint hob er sich auch deutlich von den dunkleren Urben ab.

Narthas erinnerte sich nur zu gut, als er die Klinge das erste Mal gesehen hatte. In Taarl, am Gürtel des Reichsverwesers Heinrich von Goldheim, der seinen damals neuen Herrn in Geiselhaft genommen hatte. Doch dies war lange her, und der alte Ritter war nun Teil der Geschichte geworden. Wanfried war die Gegenwart.

Als der Ritter Narthas erkannte ritt er auf diesen zu und schwang sich einige Schritte entfernt ebenfalls aus dem Sattel, um auf den Khan zuzugehen.

„Du hast ein beeindruckendes Heer gesammelt.“

„Reiter des Herzogs ebenso wie freie Reiter auf der Suche nach ehrenvollem Kampf und reicher Beute.“, antwortete Narthas. In der Tat hatte er schon vor Monaten Boten in die Steppe geschickt, um weitere Kämpfer anzuwerben. Trotz der Niederlage wog der Namen seines Vaters noch schwer, und so hatten sie einige Stämme gewinnen können, sich ihrer Sache anzuschließen.

„Werden wir nun gesammelt in die Peltamark reiten?“, fragte Wanfried. Die Peltamark lag zwischen den Steppen und dem Königreich Kargat. Wenn man die Alrinnen umging kam man unausweichlich in dieses Reich. Narthas wusste darüber nicht viel. Er hatte einige Berichte von Urben erhalten, die das Land bereits geplündert hatten. Die Burgen waren anscheinend mächtig und die Adeligen starke Krieger. Dennoch war das Land eher ärmlich. Also insgesamt kein lohnendes Ziel. Doch nun mussten sie eben durch die Peltamark, um dann Kargat von Osten anzugreifen. Im Idealfall zur gleichen Zeit, wenn die valorischen Truppen nach Süden stießen. Narthas hoffte, dass sie ohne Kampf durch die Peltamark ziehen konnten. Entweder weil man sich mit den Adeligen einigen konnte oder weil das Heer so groß war, dass diese sich vor Angst in ihre Burgen verkrochen.

„Nein, wir reiten getrennt.“, sagte Narthas. Er zeigte auf die Weiten, die sich vor ihnen ausbreiteten. „Hier, mein valorischer Freund, hier in der Steppe ist der Tisch nicht so reich gedeckt, wie in deiner Heimat. Wir müssen mit Wasser und Vorräten haushalten. Ein großes Heer würde hier über die Zeit kläglich zu Grunde gehen. Hast du dich mal gefragt, wieso kein Kriegsherr die Schlachten in unsere Länder getragen hat? Dies ist der Grund.“

Wanfried nickte verständnisvoll. „Ja, das ergibt Sinn.“

„Die Stämme werden separat reiten, aber wir werden uns am Grenzfluss zur Peltamark wieder vereinen. Am oberen Lauf des Calas. Einige meiner Brüder berichteten mir, dass es dort eine Furt geben soll. Diese müssen wir finden.“

„Ich werde an deiner Seite bleiben.“, stellte Wanfried fest. Narthas wusste, dass der Ritter offiziell mit ihm ritt, um die Krone Valoriens in jedweden Verhandlungen zu repräsentieren. Insgeheim hatte man ihm den Rethaner aber wohl auch als Wachhund zur Seite gestellt. Eine recht undankbare Aufgabe. Selbst wenn Narthas vorhätte, den Herzog von Tandor oder die Königin zu hintergehen, würde dieser eine Mann ihn davon nicht abhalten.

„Ich werde dich nicht aufhalten.“, sagte der Khan und ging dann mit seinen Söhnen weiter ins Lager hinein, dass die Urben gerade aufbauten. Wanfried blieb allein zurück.

Narthas erkannte den Staub am Horizont. Er wusste die Zeichen eines Urbenstammes zu deuten. So viel hatte ihm sein Vater in der Zeit in der Steppe noch gelehrt. Dennoch war es eine Genugtuung zu erkennen, dass er richtig lag, als sie sich den anderen Reitern näherten.

Es waren mittlerweile fast zwei Wochen vergangen, seit sie Taarl verlassen hatten. Der Trupp kam nur langsam voran. Der Winter hatte die Steppe noch fest im Griff, so brauchten sie jeden Tag viel Zeit, um Nahrung und Wasser zu besorgen, um ihre Vorräte nicht unnötig zu strapazieren. Doch Narthas war es recht, eher vorsichtig vorzurücken. Sie hatten ausreichend Zeit eingeplant, selbst wenn sie länger in der Peltamark aufgehalten werden sollten. Oder eben hier in der Steppe.

Als sich die beiden Reiterhorden bereits gut erkennen konnten, hielten beide inne. Narthas gab das Signal, den Ritt zu unterbrechen, und drehte sich zu seinen Söhnen und Anführern. „Lokran, Zirgas, ihr kommt mit mir. Kirgesh, bleib mit Wanfried zurück. Wenn uns etwas passiert, tötet diese Bastarde. Und lasst sie den Tod spüren, wenn möglich.“

Der ältere Sohn ritt wie geheißen nach vorne, während Kirgesh, der jüngere, ruhige Sohn nur schweigend nickte und dann zu Wanfried ritt, der erst mit den letzten Reitern aufschloss. Bevor der Ritter Narthas erreichte, hatte der Khan schon sein Pferd nach vorne getrieben. Er erkannte, wie sich auch aus der gegenüberliegenden Truppe drei Reiter lösten.

Etwa zehn Schritte vor den anderen Urben stoppte Narthas sein Pferd. Er musterte seine Gegenüber. Es waren drei junge Männer, vielleicht in Lokrans Alter. Sie alle trugen die übliche Stammeskleidung der Urben, doch der Mittlere, wohl Älteste, zeichnete sich durch aufwändigeren Schmuck und Waffen aus. Der Khan des anderen Stammes.

„Ihr steht im Weg.“, stellte Narthas kalt fest.

„Ihr reitet durch das Land der Tarkach Urboi. Als deren Khan befehle ich euch: Kehrt um, wenn euch etwas an eurem Leben liegt. Du und deine Männer finden hier nur den Tod.“

Narthas lächelte den Mann an. Dann erhob er seine Stimme, dass auch die Reiter hinter ihrem Anführer ihn hören und verstehen konnten: „Ich bin Narthas Khan, Sohn von Ikran, und Anführer der westlichen Urbenstämme. Wir ziehen in den Krieg, gegen das große Kaiserreich der Sonne im Süden. Für Ehre und Beute. Jeder Urbe, der eines Tages mit den Geistern der Steppe reiten will, soll sich uns anschließen, um Ruhm, Ehre, und Reichtum zu erlangen.“ Dann blickte er zu dem jungen Anführer des Stammes. „Und du, Junge, hütest deine Zunge, wenn du mit mir sprichst. Ein paar Reiter, die dir folgen, machen dich noch nicht zu einem Khan.“, antwortete er kalt. Narthas kannte den Stamm der Tarkach. Einst waren sie von Roxesh, einem Waffenbruder seines Vaters geführt worden, und auch in die großen Kriege mitgeritten. Doch anscheinend hatten einige Männer fliehen können, um den Stamm in Freiheit neu zu beleben. Vielleicht sogar Söhne des damaligen Khans.

Der Angesprochene grinste Narthas an. Er trieb sein Pferd leicht mit den Hacken an und ritt auf Narthas zu. Sein Blick blieb auf dem Khan gehaftet, er fixierte ihn mit seinen dunklen Augen. Langsam umrundete er Narthas, der vollkommen ruhig blieb, und dem jungen Mann nur mit den Augen folgte.

„Du bist also der Feigling und Verräter, alter Mann. Wir haben einen Boten von dir erhalten. An seinem Fleisch laben sich nun die Wölfe.“, antwortete der junge Mann, als er Narthas umrundet hatte.

„Wie heißt der Mann, der mich beleidigt?“, antwortete Narthas ruhig.

„Altan Khan, Sohn des Roxesh.“, antworte er, und hielt sein Pferd so nah an Narthas an, dass sich die Tiere fast berührten. Er blickte dem älteren Mann in die Augen. „Du bist Abschaum. An dem Tag, an dem du dich unterworfen und unser Volk in die Sklaverei geführt hast, hast du jegliche Chance vertan, mit den Geistern in die Unendlichkeit zu reiten. Also spare dir deine Reden, und verziehe dich zurück hinter die Steinmauern deines valorischen Herrn und Meisters.“ Mit den letzten Worten spuckte er auf Narthas und traf diesen an der Rüstung.

Narthas blieb ruhig. Er blickte an sich hinunter, dann wieder hoch, und dem jungen Mann in die Augen. Doch dann ging es schnell. In einer schnellen Bewegung zog er seinen Säbel und führte einen seitlichen Hieb aus.

Der Mann hatte den Angriff offensichtlich erwartet. Blitzschnell duckte er sich unter der Klinge hinweg und zog sein Pferd am Zügel, um eine bessere Position gegenüber Narthas zu gewinnen. Nun zog auch er seine Waffe aus der Scheide und führte einen kräftigen Hieb gegen Narthas aus. Als er den Hieb parierte, spürte Narthas die Kraft seines Gegners. Und sein eigenes Alter, das langsam begann, Tribut zu fordern. Doch für diesen Heißsporn würde es noch reichen. Denn seine Arroganz und Übermut waren die Schwächen des Feindes.

Altan setzte seinem Gegner sofort nach. Aus den Augenwinkeln erkannte er, dass weder seine Brüder noch die beiden Männer des Khans eingreifen würden. Dies verlangte die Ehre. Ein Kampf Mann gegen Mann durfte nicht gestört werden. So intensivierte er seine Angriffe und führte sein Pferd gleichzeitig immer wieder um den Gegner. Er war stärker, schneller, und konnte sein Pferd besser führen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Kampf entschieden war.

Narthas Erfahrung war sein eigentlicher Vorteil. Ein Hieb streifte ihm über die Wange, als er nicht weit genug nach hinten ausweichen konnte. Während sein Gegner eine Schwäche erwartete und sofort nachsetze, erkannte Narthas seine Chance, als dieser sich zum Angriff näherte. In einer schnellen Bewegung zog er mit der Linken seinen Dolch aus dem Gürtel und rammte dem Feind das Messer in die rechte Schulter.

Altan schrie auf, ließ seine Waffe fallen. Den wütenden Schrei von Narthas nahm er kaum noch wahr, bevor dieser mit einem sauberen Hieb seines Säbels den Kopf des jungen Khans abtrennte. Die beiden Brüder von Altan wichen zurück, aber mit einem kurzen, ernsten Blick verhinderte Narthas, dass sie ihn angriffen. Dann wandte sich der Khan an Zirgas.

„Zirgas.“, sagte er nur und nickte auf den Kopf des Unterlegenen. Der alte Gefährte grinste, sprang vom Pferd, hob den Kopf auf und warf ihn Narthas zu, nachdem dieser seine Klingen weggesteckt hatte.

Narthas ritt langsam an den beiden Brüdern von Altan vorbei auf das Heer der Tarkach Urboi zu. Als er wenige Schritte vor den letzten Reitern hielt, ließ er seinen Blick schweifen, und versuchte möglichst vielen Männern in die Augen zu schauen. Dann warf er den Kopf des einstigen Khans auf den gefrorenen Boden der Steppe. Er zog den blutigen Säbel aus dem Gürtel und reckte ihn in die Luft.

„Wer folgt mir?“, rief er laut.

Speere, Säbel, Bögen wurden in den Himmel gereckt. Laute Rufe der Tarkach Urboi waren die Antwort. Während er nach außen sichtbar streng schaute, musste Narthas innerlich lächeln. Der junge Heißsporn war doch ein Glücksfall gewesen. Denn ihr Heer wuchs. Und in den Steppen gab es noch einige kleinere Stämme wie die Tarkach.

Das Eis am Ufer brach krachend, als Narthas sein Pferd in die Furt führte. Sie hatten einige Zeit gebraucht, bis sie erst den Calas erreicht, und dann die Furt gefunden hatten. Aber nun schienen sie an einer Stelle angekommen zu sein, die ein sicheres Übertreten erlaubte. Selbst jetzt, im kalten Winter. Es würde noch einige Tage, vielleicht Wochen dauern, bis sie das Heer vollständig gesammelt hatten. Aber dann würden sie den großen Fluss überqueren. Auf der anderen Seite sah Narthas am Horizont bereits zwei Burgen. Die Peltamark. Land der Seen und Burgen. Es würde sich zeigen, ob deren Bewohner sie passieren ließen. Oder ob sie unklug handelten…

Kapitel 5

„Für den Frieden des Kaisers. Möget ihr eins mit Laëa werden.“ Die Worte des Dritten, der die Militärherrschaft über Fendheim ausführte, hallten über den Platz. Im nächsten Moment trat der Henker die Bank unter den Verurteilten weg. Die Stricke zogen sich stramm, während die Gehängten noch zappelnd versuchten, sich zu befreien. Doch es war vergebens. Einer nach dem anderen sackte schließlich leblos in sich zusammen und starb. Fünf Männer. Zwei Frauen. Ein Junge, vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre alt.

Berlan schaute nicht weg. Er betrachtete das Grauen, dass der Kaiser im Namen seines Friedens nach Kargat gebracht hatte, Berlans zweiter Heimat. Er hatte es schon damals erkennen müssen. Doch da waren es noch eher offene Schlachten gewesen. Nun verlagerte sich die Unterdrückung in die Städte und auf all jene, die sich gegen die kaiserlichen Besatzer aussprachen. Oder nur dessen beschuldigt wurden. Wie hier in Fendheim.

Fendheim war eine größere Stadt im Norden Kargats, die in den letzten Jahren aufgrund des vermehrten Bergbaus im Drillingsmassiv gewachsen war. Die Stadtmauern reichten schon lange nicht mehr, um all die Hütten und Häuser zu umschließen. In Fendheim lebten viele Menschen, denen es schon unter dem König Kargats schlecht gegangen war. Unter dem Kaiserreich wurde es nicht besser. Dafür sorgten die kaiserlichen Soldaten für unnachgiebige Verfolgung jeglicher Straftaten. Aufwieglung zählte da dazu. Durch seine Bevölkerungsstruktur war aber Fendheim schon in den letzten Jahren ein guter Nährboden für das Nachtrudel gewesen, trotz der Entfernung zu Dornat. Deswegen war Berlans Wahl auf diese Stadt gefallen. Hier sollte der Widerstand im besetzten Kargat neu belebt werden. Und was bot da einen besseren Grund als die Hinrichtung von scheinbar unschuldigen Menschen.

„Sollten wir gehen?“, fragte Sivert seinen Vater. Der Blick des Jungen war noch stur nach vorne auf die Hingerichteten gerichtet, doch er spürte, wie sich die Menge langsam zerstreute. Sie sollten nicht als letztes hier verbleiben. Denn es bestand zu befürchten, dass in Kargat noch der ein oder andere Steckbrief, zumindest von Berlan, zu finden war.

„Noch nicht.“, sagte Berlan. Er hatte sich einen dicken Mantel übergeworfen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Dennoch suchten seine Augen den Platz ab. Nach Menschen, die er kannte. Oder anderen Anzeichen von jenen, die dem Kaiser nicht unbedingt loyal gesinnt waren. Über die Jahre hatte er die Anzeichen gelernt. Der verbitterte Blick zum Galgen. Die genaue Beobachtung der Besatzer. Versteckte Klingen. All jene Dinge, die ihn wohl auch ausgemacht hatten, als er noch nicht gelernt hatte, sich im Zweifel zu beherrschen. Unauffällig zu wirken, aber eben nicht so unauffällig, dass er wieder verdächtig wurde. Es war ein schmaler Grat.

Recht unvermittelt wurde Berlan von einem Mann angerempelt, der gerade den Platz verließ. Sofort griff Sivert an die Klinge seines Dolches, den er unter dem Mantel. „Pass doch auf.“, fuhr er den Mann an.

„Es tut mir leid, mein Herr.“, sagte dieser nur kleinlaut mit gesenktem Blick. „Ich bitte um Entschuldigung.“, sagte er weiter, ging aber gleichzeitig rückwärts weiter und drehte sich dann weg, um in der Menge zu verschwinden.

„Hat der Mann keine Augen?“, fragte Sivert seinen Vater, der auf den Rempler kaum reagiert hatte. Einen Berg bewegte man eben nicht allzu leicht. Doch dann erkannte der Sohn ein Lächeln im Gesicht des Vaters.

„Oh doch, mein Sohn. Er hatte sehr gute Augen.“, sagte Berlan. Er öffnete leicht die rechte Hand, ließ sie dann aber wieder unter dem Mantel verschwinden. Doch es hatte gereicht, damit Sivert den Zettel erkannte, den der Mann Berlan offensichtlich zugesteckt hatte.

Mühle. Mitternacht. Die zwei Worte hatten auf dem Zettel gestanden. Berlan wusste, dass es ein Risiko war. Es könnte eine Falle sein. Andererseits war das gesamte Vorhaben ein großes Risiko, und sie hatten nicht viel zu verlieren. Also fanden sie sich in tiefster Nacht etwas außerhalb der Stadt wieder. An der großen Mühle, die normalerweise von dem nahen Fluss angetrieben wurde. Doch nun war dieser vollkommen vereist, und die Mühle wirkte geisterhaft ruhig.

„Denkst du, dass jemand kommt?“, fragte Sivert, als sie schon einige Zeit warteten. Der Junge zitterte ob der Kälte. Berlan hatte ihn noch in Valorien offen gefragt, ob er mit ihm gehen wollte. Ansonsten hätte er bei seinem Onkel am herzoglichen Palast in Tjemin verweilen können. Aber das fühlte sich nicht nach dem Leben an, das Sivert gewohnt war. Er fühlte sich nicht Adelig. Er war es eigentlich nie gewesen, und würde es wohl auch nie sein. Also hatte der Entschluss, seinen Vater zu begleiten, schnell festgestanden.

„Ja. Irgendjemand wird kommen. Ansonsten müssen wir schnell weiterziehen.“, antwortete Berlan, den die Kälte anscheinend deutlich weniger störte.

„Verstanden.“, sagte Sievert und schaute sich ungläubig in der Nacht um. Es wirkte nicht so, als wäre noch irgendjemand wach, außer der Wachen, die auf den Mauern der Stadt patrouillierten. „Ich bin gleich wieder da.“, sagte er und ging dann um die Scheune herum, um sich zu erleichtern.

Als er um die Ecke gebogen war, stockte er kurz. Hinter der Scheune fiel der Boden abwärts hin zu dem kleinen Fluss. Dort war auch das große Mühlrad. Aber hatte er dort nicht gerade weißen Dampf gesehen, wie vom Atem eines Mannes? „Hallo, ist da jemand?“, fragte Sivert leise. Gleichzeitig legte er seine Hand um den Dolch, den er unter der Kleidung trug. Doch nichts regte sich. Vorsichtig stieg Sivert durch den Schnee nach unten. „Hallo?“, fragte er erneut.

Plötzlich sprang in der Tat eine Gestalt aus dem Schatten. Statt allerdings mit Sivert zu reden, hob der Mann eine Axt und ging auf den Jungen zu. Innerlich hatte er zwar mit einem Angriff gerechnet, doch als er seinen Dolch ziehen wollte und seinen Stand verstärkte, spürte er, wie er wegrutschte. Obwohl er noch versuchte, die Balance zu halten, rutschte er vollkommen weg und fiel so auf den Hosenboden, während der Angreifer auf ihn zustürmte.

Er hörte ein Klacken. Dann ein kurzes Sirren. Und dann sah Sivert, wie ein Bolzen in die Brust des Mannes schlug und ihn nach hinten warf. Getroffen rutschte der Angreifer nach unten und auf den gefrorenen Fluss. Sivert drehte sich um, und erkannte zwei Gestalten, die angelaufen kamen. Ein dritter Mann kniete in einiger Entfernung und senkte gerade die Armbrust.

Bevor Sivert sich vollständig aufgerappelt hatte, kam schon sein Vater um die Ecke gerannt. Blitzschnell musterte Berlan die Situation. Er hatte die Axt bereits in der Hand, die er stets mit sich trug.

„Kein Grund zur Sorge. Wir sind nicht euer Feind.“, sagte der vordere Mann, als er Berlans Waffe erkannte. Er blieb in einiger Entfernung stehen, schaute sich dann noch einmal um, und steckte dann die Klinge weg, die er gerade noch getragen hatte. „Aber ihr solltet darauf achten, wer euch folgt.“, mahnte er.

„Wer seid ihr? Und wer war das?“, fragte Berlan und deutete auf den Toten, dessen Blut gerade Schnee und Eis rot färbte.

„Wahrscheinlich eine Ratte. Die Kaiserlichen belohnen all jene gut, die Aufständische oder Verdächtige denunziert. Anscheinend habt ihr als Fremde etwas viel Aufmerksamkeit auf euch gezogen.“, sagte der Mann und ging dann langsam auf Berlan zu. „Und Berlan, ich hoffe, dass du mich noch kennst.“, sagte er dann grinsend.

Berlan legte die Stirn kurz in Falten, aber dann erkannte er den Mann unter dessen wildem, dunkelbraunen Bart, den er früher nicht getragen hatte. Damals, als er fast militärisch aussah, und das Nachtrudel im Norden Kargats geordnet hatte. Berlan hatte den Kamerad tot vermutet, was sich aber offensichtlich als falsch herausstellte.

„Ansgar.“, sagte er erleichtert. „Ich gehe davon aus, dass wir schnell verschwinden sollten?“

Der Anführer nickte. „Ja, wenn wir nicht die nächsten am Galgen sein wollen, sollten wir das. Wer ist der Junge?“, fragte Ansgar den einstigen Hauptmann.

„Mein Sohn, Sivert.“

Ansgar lächelte und zeigte dabei einige Zahnlücken. „Der Kleine? Ich erinnere mich. Ist aber groß geworden.“

„Du kennst mich?“, fragte Sivert und trat nun auch näher.

„Ich kannte deine Mutter. Und dich, naja, in kleiner Version. Aber genug der Plauderei. Wir sollten los.“

Ihr Weg hatte sie weg von der Stadt in die Berge hineingeführt. Zuerst hatte Sivert gedacht, dass Ansgar sie in ein abgelegenes Bergdorf führen würde. Statt aber einen der kleinen Pfade hoch in die Hügel zu nehmen, waren sie zu einem Stollen gegangen. Nach ihrem langen Weg durch den Kal Dor hatte der Junge immer noch einen gewissen Respekt davor, unter Tage zu gehen. Aber es gab keine Alternative, als seinem Vater und dessen Kamerad zu folgen.

Am Eingang wartete bereits ein weiterer Mann mit einer Fackel. Sie entzündeten zwei weitere Fackeln und liefen dann in den engen Stollen hinab. Der Weg schlängelte sich tiefer in den Berg. Als Sivert schon dachte, dass der Weg immer enger wurde, erreichten sie hinter einer Ecke auf einmal eine größere Halle. Es schien eine natürliche Höhle zu sein, auf die einst Bergleute gestoßen waren. Das Innere war von mehrere Fackeln und Feuern erleuchtet. An der Decke erkannte Sivert einige Löcher und Spalten, die den Blick auf den Sternenhimmel freigaben und dem Rauch erlaubten, abzuziehen. Im Inneren der Höhle schliefen viele Männer, andere saßen noch an Tischen und tranken oder spielten mit Karten und Würfeln. Am Rand erkannte der Junge auch einen Bach, der durch die Höhle lief, und dann wieder im Fels verschwand. Die anwesenden Männer und Frauen waren bewaffnet. Und sie waren offensichtlich keine Kaiserlichen.

„Willkommen im letzten freien Teil von Fendheim. Naja, ein bisschen ausgelagert zumindest.“, sagte Ansgar und deutete ihnen weiter in die Höhle hineinzutreten. „Lasst uns erstmal einen Schluck trinken und uns am Feuer wärmen. Dann kannst du mir erzählen, was du hier im Norden machst, Berlan.“

„Im Norden? Du meinst doch im Süden?“, korrigierte Sivert verwirrt. Doch Ansgar schaute die beiden überrascht an.

„Ich dachte, ihr hättet euch nahe Dornat versteckt.“

Berlan schüttelte den Kopf. „Nein. Wie du sagtest: Lass uns zum Feuer gehen. Dann erzähle ich dir die Geschichte in Ruhe.“, antwortete er.

„So sind wir schließlich aufgebrochen. Nach Kargat zurück. Um hier all jene Kräfte zu aktivieren, die sich nicht dem ‚Frieden‘ des Kaisers unterordnen wollen.“, schloss Berlan seine Erzählung. Das Wort ‚Frieden‘ nutzte er dabei mit einem bitteren Ton. Denn Frieden war es wirklich nicht, was die Truppen der Sonne brachten. Denunziantentum und drakonische Strafen waren die Auswirkungen der 11. Armee. Kein Frieden.

„Also habe ich es richtig verstanden? Du dienst nicht nur der alten Königin von Kargat, sondern auch der neuen von Valorien? Und willst, dass wir die Herrschaft des Kaisers für die Herrschaft eines Mädchens eintauschen?“

„Luna ist mehr als ein Mädchen. Sie ist die Erbin St. Gilberts und schaffte es, Valorien vom Kaiser zu befreien. Wenn jemand Kargat befreien kann, dann sie.“, sagte Sivert vehement, wurde aber von seinem Vater mit einer Geste zu Ruhe gemahnt.

„Ansgar. Du und ich sind Realisten. Als Nachtrudel vermochten wir, ein bisschen Gerechtigkeit herzustellen, als Magnus in Härengar weilte und seine Adeligen so zerstritten wie korrupt und schwach waren. Doch das Kaiserreich ist anders. Seine Herrschaft ist anders. Wir haben es während der Besatzung versucht. Doch du hast gehört, was geschehen ist. In Dornat. Es gibt keine Freiheit für das kargatianische Volk, ohne die Hilfe Valoriens. Valorien hat mächtige Verbündete. Und wenn das Land erst geeint ist wie in Gilberts Tagen, kann es sogar dem mächtigen Kaiserreich widerstehen. Nur so kann das Volk wieder atmen.“

Ansgar kratzte sich am Kinn, während er nachdachte. Er blickte durch die Höhle, über die schlafenden Männer, und jene, die gerade noch wach waren. „Wenn das Kaiserreich uns hier findet, werden wir alle am Galgen enden. Wer sagt mir, dass nicht das Gleiche passiert, wenn die Valoren hier einmarschieren?“

Berlan nickte verständnisvoll. Er hatte wie Ansgar auf der anderen Seiten der Obrigkeit gestanden, und bat nun den alten Freund, sich genau dieser wieder unterzuordnen. Nur eben einer anderen Königin.

„Sie werden euch nichts tun, weil ihr Seite an Seite mit ihnen kämpft. Königin Luna versprach Kargat zu befreien. Nicht für seine Adeligen. Nicht für Königin Hega. Sondern nur für das kargatianische Volk. Sie wird ihr Versprechen halten. Wenn dieser Krieg zu Ende ist, wird sie ihre schützende Hand über das Land halten.“

„Pfft, über schützende Hände von Adeligen habe ich schon genug gehört.“, sagte Ansgar abfällig, blickte dann aber Berlan ernst an. „Was sollen wir tun?“

„Im Moment nichts. Lasst euch nicht erwischen. Aber wenn möglich, dann sammle im Frühjahr deine Männer. Bewaffne sie. Bereite sie vor. Und wenn die Banner Valoriens am Horizont erscheinen, dann öffnet ihnen die Tore zur Stadt. Schneidet jedem kaiserlichen Soldaten die Kehle durch. Ich werde der Königin von unseren Verbündeten in Fendheim und ganz Kargat berichten.“

„Es hört sich so einfach an, wenn du es so sagst…“, sagte Ansgar. „Aber ich war damals in Härengar. Nichts kann die Macht des Kaiserreichs bezwingen, schon gar nicht die Macht dieser Mönche.“

„Und doch gelang es den Valoren.“, sagte Sivert. „Sie sind mit Elfen verbündet.“

„Elfen?“, fragte Ansgar verwundert. „Reiten sie auch auf Drachen in die Schlacht? Und zerschmettern ihre Feinde mit Magie? Und die Königin, reitet die auf einem Einhorn?“, witzelte er dann aber sarkastisch und lachte tief.

„Es ist wahr.“, sagte Berlan ernst und blickte ins Feuer. Ansgar verstummte. Er blickte Berlan fragend an.

„Du meinst das ernst?“

„Ja.“

„Aber wie?“

„Das wissen wir nicht.“, sagte Sivert. „Aber Königin Luna kehrte an der Seite von Elfen nach Valorien zurück. Sie wurde in ihrem Krieg von zwei Elfenfürsten begleitet, gegen die die Mönche nicht bestehen konnten. Die Elfen… sie befehligen Sturm und das Meer. Es muss unglaublich gewesen sein.“

Ansgar runzelte die Stirn. Noch immer wollte er diesen Erzählungen nicht ganz glaube. Andererseits war Berlan kein Mann, der mit Lügen prahlte. Zumindest soweit er ihn kannte. Also nickte er.

„Na gut. Ich werde sehen, was ich tun kann. Ich muss mit den Männern reden, aber am Ende wird für sie jeder Feind des Kaiserreiches ihr Freund sein. Was habt ihr vor? Bleibt ihr in Fendheim?“, fragte er dann Berlan. Doch dieser schüttelte den Kopf.

„Nein. Fendheim ist nur eine Stadt. Wenn der Sturm auf Kargat beginnt, muss sich jede Stadt erheben. Kargat wird von innen und außen befreit. Die kaiserlichen Soldaten sollen kein Auge mehr zudrücken dürfen. Sie müssen ständig unter der Bedrohung leben. Nur so können wir ihre zahlenmäßige Überlegenheit neutralisieren. Wir ziehen weiter. Nach Wulfricshafen erst. Dann in die Zwillingsstädte. Hoffentlich bis nach Härengar.“, erzählte er ihren weiteren Plan.

„Gut. Ich kenne einige gute Männer in Lyth Norus und Tengemünde. Lass mich dir ein paar Zeilen mitgeben. Das sollte helfen.“, antwortete Ansgar. „Außerdem: ein paar Tage werdet ihr hier bestimmt verbringen können. Immerhin gibt es noch viele Geschichten zu erzählen, und es ist mehr als unklar, ob wir uns in dieser Welt noch einmal wiedersehen werden.“

„Das Angebot nehmen wir gerne an.“, sagte Berlan lächelnd. Dann stießen sie mit ihren Krügen an.

Kapitel 6

In schnellen Schritten lief Yatane über die Schneedecke hinweg auf den Kamm des Hügels. Sie schirmte ihr Gesicht mit einem Arm vom eisigen Wind ab, der über diesen zog und die Sicht einschränkte. Im Schnee hinterließ sie im Vergleich zu den eher schwerfälligen Menschen kaum Spuren und konnte so auch stets als Vorhut voraus und wieder zurücklaufen, ohne zu erschöpft zu sein.

Als sie den Blick über das Land warf musste sie schlucken. Vor ihnen breitete sich das Hügelland von Balor aus, mit all den Hügeln, Tälern, Pässen, Flüssen, und kleinen Seen. Es würde ein anstrengender Marsch werden, insbesondere für Luna. Aber viel mehr bedeutete dies, dass sie das eigentliche Kaiserreich hinter sich gelassen hatten und nun das besetzte Kargat erreichten. Jedenfalls das Land, das nun Kargat hieß. Yatane erinnerte sich noch genau an diese Hügel: Einst waren sie genauso Valorien gewesen, wie Elorath, Andtweil, oder Lyth Valor. Sie erinnerte sich, wie sie als kleines Kind einmal mit ihren Eltern nach Süden gereist war. Um genau diese Hügel zu durchstreifen. Doch dies lag viele Jahrhunderte in der Vergangenheit. Dennoch löste es in ihr das Gefühl aus, dass sie befürchtet hatte: Valorien war zugleich schöne, als auch schlimme Erinnerung. Und die Menschen des Reiches…

„Yatane.“ Die Elfe hörte den Ruf von Arthur und drehte sich um. Sie erkannte, wie der Ritter sich hinter ihr durch den Schnee kämpfte, um sie zu erreichen. Statt hinunter zu rufen drehte sie sich um und lief auf ihn zu.

„Yatane, wir müssen eine Rast einlegen.“, sagte der Ritter.

„Aber wir haben bestimmt noch einige Stunden Tageslicht.“, widersprach die Elfe, erkannte aber dann den sorgenvollen Blick Arthurs, der hinunterschaute. Erst jetzt sah auch Yatane, dass Luna deutlich abgeschlagen war, begleitet von Rogard und den beiden verbliebenen Soldaten aus Freital.

„Es ist, um einiges schwieriger zu wandern, wenn man nicht wie du über den Schnee hinweggleitet.“, mahnte Arthur, der auch schwer atmete. Yatane nickte. Ja. Insbesondere in Lunas Zustand.

„Ich werde über den Hügelkamm hinweg gehen und schauen, ob es auf der anderen Seite eine Höhle oder einen Unterschlupf gibt. Das Land vor uns sollte uns Wege durch die Täler erlauben, aber der Marsch wird nicht weniger anstrengend als der hinter uns liegende Aufstieg.“

Arthur nickte, Yatane sah aber, dass ihm die Luft und Kraft fehlte, um ihr zu antworten. „Ich komme gleich zurück, um auch der Königin zu helfen.“, sagte so die Elfe und lief dann los.

Die Elfe blickte gedankenverloren in die tanzenden Flammen des Lagerfeuers. Hinter sich hörte sie das ruhige Atmen der Königin. Sie hatten eine Höhle gefunden, um zu rasten. Immerhin. Doch weiter waren sie nicht mehr gekommen. Lunas Kräfte hatten einfach nicht ausgereicht. Der ganze Marsch war sowieso ein großes Risiko, für die Königin genauso wie für ihren Nachwuchs. Und er war eigentlich unnötig.

Arthur hatte Yatane von dem Schiff berichtet, dass sie an der Küste des Kaiserreichs hätte abholen sollen, um sie nach Lyth Valor zu bringen. Nachdem sie aus Sonnfels geflohen waren, hatten sie wie geplant die Küste erreicht. Aber statt eines valorischen Schiffes war dort nur eine kleine kaiserliche Flotte gewesen, die vor der Küste patrouillierte. Drei Tage hatten sie gewartet und dann die Hoffnung aufgegeben. Zurück nach Valorien gab es nur einen Weg: über Kargat. Dort würden sie versuchen, erneut ein Schiff zu finden. In Karkliff vielleicht, oder in Härengar. Im schlimmsten Fall würden sie den Weg bis nach Valorien zurücklegen müssen, um irgendwie durch das Eisentor zu schreiten. Aber das lag noch so weit in der Zukunft. Nun galt es, alle sicher durch das Hügelland von Balor nach Norden zu führen. Ein Weg, der für Yatane allein kein Problem dargestellt hatte. Mit Luna und den Männern allerdings…

„Yatane. Bist du wach?“

Die Elfe hörte die schwache Stimme der Königin und drehte sich zu ihr.

„Natürlich. Für dich immer.“, sagte sie und lächelte. „Wie geht es dir?“

„Besser.“, sagte Luna und nickte. Sie richtete sich leicht auf. Besser sah sie aber leider nicht aus. Sie wirkte blass und kraftlos. Gleichzeitig sah man, wie ihr Bauch sich langsam wölbte. Luna musste es schon beim Aufbruch gewusst haben, dessen war sich Yatane sicher. Dennoch hatte sie für ihr Königreich das Risiko der Reise auf sich genommen.

„Willst du etwas essen?“, fragte die Elfe, doch Luna schüttelte den Kopf.

„Nein. Einfach kurz reden, danach wieder schlafen.“

„In Ordnung.“, sagte Yatane, konnte aber ihren sorgenvollen Blick nicht verbergen. Dies war das nächste Problem. Seit einigen Tagen hatte die Königin nicht mehr richtig gegessen, selbst nicht, als Yatane extra etwas gejagt hatte. Wenn sie etwas aß, dann spuckte sie es meist kurz später wieder aus. Falls das so weiterging, würden sie es nicht schaffen, dessen war sich Yatane fast sicher. Andererseits zeichnete sich die Sippe Gilberts durch große Stärke und Widerstandkraft aus. Und dann war da noch die Kraft des Schwertes, das Luna trug. Vielleicht eine stärkere Kraft als die Erschöpfung.

„Erzähl mir doch eine Geschichte.“, sagte Luna nach einigen Momenten. Yatane lächelte. Sie erinnerte sich an die Zeit in Alydan, als sie dem jungen Mädchen die Geschichten alter Elfenhelden erzählt hatte.

„In Ordnung. Aber nur, wenn du dafür eine Kleinigkeit isst.“, bot Yatane an. Luna blickte kurz zu Boden, nickte dann aber.

„Ich versuche es.“, sagte sie. Yatane stand auf und ging zu einem der Proviantsäcke, die sie mittrugen. Sie holte ein Stück Brot hinaus und reichte es Luna. Vorsichtig begann die Königin das Brot zu kauen, während Yatane sich wieder ans Feuer setzte.

„Dann erzähle ich dir die Geschichte vom letzten König von Danarkant und dem Amulett des Windes.“, sagte Yatane und lehnte sich dann zurück an die Höhlenwand, um Luna näher zu sein, und mit ruhiger Stimme sprechen zu können.

„Vor langer Zeit im mächtigen Reich Darnakant der Menschen starb ein König und sein Sohn wurde zum König ernannt.“, wollte sie gerade die Erzählung beginnen, als auf einmal Arthur schnell in die Höhle gelaufen kam.

„Wir müssen das Feuer schnell löschen.“, zischte er leise, kniete sich dann aber selbst an das Feuer und löschte die Flammen mit etwas Wasser und Sand, sodass kaum Rauch aufstieg.

„Was ist los?“, fragte Luna sofort alarmiert und stützte sich auf.

„Bleibt liegen, Majestät.“, mahnte Arthur und wandte sich an Yatane. „Kommt mit.“, sagte er nur. Die Elfe sprang sofort auf und nickte. Dann wandte sie sich aber noch einmal an Luna.

„Ruh dich aus. Ich sage dir, wenn wir weitermüssen. Ich werde dich schützen.“

Man merkte, dass Luna protestieren wollte, dann aber nur erschöpft nickte und sich zurücksinken ließ. Sie hatte keine Kraft mehr, Arthur und Yatane zu widersprechen, bevor diese aus der Höhle hinaustraten.

„Sieh, dort!“, sagte Arthur schon, während sie die ersten Schritte auf den Hügelkamm setzten. Yatane blickte von ihrer höher gelegenen Position in die Täler vor ihnen und erkannte sofort, wovor Arthur sie gemahnt hatte. In großer Entfernung erkannte man Flammen im Tal. Fackeln wahrscheinlich, bestimmt ein Dutzend. Entsprechend viele Männer mussten es auch sein.

„Sind das kaiserliche Soldaten?“, fragte Arthur Yatane, die deutlich weitersehen konnte. Sie zuckte mit den Schultern.

„Bei der Dunkelheit und der Entfernung kann selbst ich das nicht erkennen. Allerdings gibt es für mich keinen anderen Schluss. Kaum jemand sonst würde in so gerader Linie und mit dieser Mannstärke durch das Hügelland ziehen. Wir sollten auf jeden Fall Feuer vermeiden und tagsüber auf der Hut sein.“, bestätigte sie Arthurs Sorgen.

„Ja. Ich werde Luna einen weiteren Mantel bringen.“

„Das ist gut. Dennoch müssen wir morgen so schnell wie möglich weiter. Ich werde vor euch aufbrechen und den Weg auskundschaften.“

Arthur nickte nur und drehte sich dann um. „Bleibst du noch auf Wache?“, fragte er die Elfe, die doch deutlich mehr Kraftreserven als er zu haben schien.

„Ja.“, sagte Yatane nur und verharrte dann draußen, während Arthur zurück in die Höhle ging. Gespannt beobachtete sie den Fackelschein, ohne aber eine neue Erkenntnis zu erlangen.

Das Hügelland war ein ungünstiger Ort, um einen sicheren Weg zu suchen. Ja, die Täler, die das Land durchzogen, boten viel Schutzmöglichkeit, sich zu verbergen. Doch andersherum erlaubte dies auch nicht, verlässlich nach Feinden Ausschau zu halten. Yatane versuchte dennoch den Weg vor ihnen stets auszukundschaften. Doch trotz der Fackeln, die sie gesehen hatte, wirkte die Umgebung vollkommen unbetreten.

Die Elfe wollte sich gerade wieder umdrehen, um zu Arthur und Luna zurückzukehren, als sie stockte. War dort vorne nicht etwa? Sie schaute genauer hin, und auf einmal erkannte sie einen Mann in einem dicken braunen Umhang, der in einiger Entfernung auf einem Stein saß. An ihn gelehnt hatte er einen Wanderstab. Aber gerade noch war er doch nicht da gewesen?

Luna legte ihre Hand an ihr Schwert und ging auf die Gestalt zu. Mit schnellem Schritt näherte sie sich, aber der Mann verharrte regungslos. Erst als sie ihn erreichte blickte er sich zu ihr um.

„Wer…?“, wollte die Elfe gerade fragen, als sie das Gesicht erkannte. Es war ein bekanntes Gesicht, das sie hier nie erwartet hätte. „Was macht Ihr hier?“, fragte die Elfe so verdutzt. Sie erinnerte sich an ihre letzte Begegnung mit ihm. Dem Wanderer. Dem dritten Fürst des Elfenreiches, als er sie zum ewigen Aufenthalt in Alydan verurteilt hatte. Doch bevor der Mann antwortete spürte Yatane, dass etwas nicht stimmte. Die Kraft, die den mächtigen Fürsten der Elfen innewohnte, fehlte. Sie spürte sie nicht. Er konnte nicht wahrhaft hier sitzen. So überraschte sie die Antwort auch nicht.

„Ich bin nicht wirklich hier. Ich verweile weiterhin in Alydan. Aber das heißt nicht, dass ich dich nicht beobachten würde, Yatane.“, sagte der Elfenfürst ernst.

„Wieso bin ich dann noch in Freiheit?“, fragte sie verwundert.

„Weil es einen Unterschied zwischen Beobachten und Einfangen gibt.“, antwortete der Fürst fast schelmisch. „Aber im Moment bist es nicht du, die meinen Blick auf sich zieht.“

Yatane schaute den Elf verwundert hat, verstand dann aber, was er meinte. „Luna.“

„Ja. Oder denkst du, wir würden die Macht, die sie in der Hand hält unbeobachtet in der Welt der Menschen belassen?“

„Aber wieso habt ihr zugelassen, dass sie diesen Pfad gewählt hat?“, fragte Yatane verwundert. Wieso sollten die Elfen zulassen, dass Luna das Schwert, das sie trug, so nah an den Kaiser brachte.

„Es war das Schicksal, dass sie hierherführte. Auch wir können das Schicksal nicht ändern. Deshalb haben wir dafür gesorgt, dass ihr euch begegnet.“, sagte der Fürst, schaute dann aber ernster. „Und nun, Yatane, solltest du schnell umkehren.“

„Wieso…?“, wollte Yatane noch fragen, bemerkte dann aber die Dummheit der Frage. Es gab nur einen Grund. Die Menschen, die Kaiserlichen. Sie mussten durch ein anderes Tal gezogen sein, und hatten sie umgegangen. Hoffentlich achtete Arthur auf Luna. „Werden wir uns wieder begegnen?“, fragte die Elfe noch, bevor sie loslaufen wollte.

„Bestimmt.“, antwortete der Wanderer. Dann drehte sich Yatane um und lief los. Sie blickte noch einmal kurz über die Schulter. Aber das Tal vor ihr war leer.

„Haltet die Schwerter bedeckt und senkt den Kopf. Überlasst das Reden mir.“, wies Arthur hektisch die Mitreisenden an. Rogard und die anderen beiden Freitaler stellten sich um die Königin und Arthur trat einige Schritte nach vorne.

Sie hatten die Patrouille zu spät gesehen. Yatane war vorweg gegangen, aber anscheinend hatte sie einen anderen Weg eingeschlagen als jenen, aus dem die Kaiserlichen gekommen waren. Es waren einige Männer, bestimmt zwei Dutzend. Sie konnten es nicht auf einen Kampf ankommen lassen. Sie hatten keine Rüstungen, und die Kaiserlichen waren gut bewaffnet und achtsam. Das Risiko war zu groß. Auch zur Flucht gab es keine Möglichkeit mehr, sie waren schon gesehen werden. Also mussten sie unauffällig weiter, als hätten sie nichts zu verbergen.

„Halt, im Namen des Kaisers.“, sagte der Offizier der kleinen Truppe, noch bevor diese sie erreicht hatten. Arthur erkannte, wie einige der Soldaten ihre Armbrüste vom Rücken nahmen und bereithielten, während sechs weitere Soldaten weitermarschierten, um sie zu umzingeln. Arthur gab den Männern hinter ihm ein Zeichen, inne zu halten, und beobachtete die Soldaten des Kaisers.

„Wie kann ich Euch weiterhelfen, mein Herr?“, fragte Arthur höflich mit einer leichten Verneigung.

„Das heißt Vierter.“, korrigierte der Offizier Arthur harsch. „Wir sind im Kaiserreich. Gewöhne dich daran, Bürger. Was macht ihr hier im verlassenen Hügelland?“

„Wir sind Jäger auf der Wanderung. Wir hörten von prächtigem Wild, dass sich im Winter hier tief in den Hügeln aufhalten soll.“, antwortete Arthur.

Der Offizier betrachtete Arthur skeptisch und blickte dann an ihm vorbei zu den anderen Gestalten.

„Vierter, der Mann trägt ein Schwert.“, sagte auf einmal einer der Soldaten, der sie umrundet hatte und deutete auf Arthur. Trotz aller Bemühungen: Blutstein war doch zu groß, um es einfach unter einem Umhang zu verbergen. Sofort legte der Vierte seine Hand auf sein Schwert.

„Wir suchen einige Aufständische hier in den Hügeln. Ich denke, ihr habt uns einiges zu erklären.“, sagte er und ging dann langsam auf die Gruppe zu. Seine Hand lag auf dem Schwertgriff, während die zwei Soldaten hinter ihm bereits ihre Armbrüste hochnahmen.

„Wir haben niemanden gesehen.“, versuchte es Arthur noch ruhig und wich langsam ein, zwei Schritte zurück. Er schaute kurz über die Schulter und sah, dass sich die Männer enger um Luna positionierten.

„Legt alle eure Waffen nieder, dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“, befahl der Vierte, als er bemerkte, dass Arthur wohl nicht der einzige Mann mit einem Schwert war.

Arthur wog alle Optionen ab. Die Wahrscheinlichkeit, die ganze Sache zu überleben, wenn sie kämpften, war nicht gerade groß. Yatane wäre eine große Hilfe gewesen, aber sie war nicht da. Wenn die Kaiserlichen allerdings das Schwert von ihm und Luna genauer erkannten, war er sich ganz sicher, dass sie dies nicht überleben würden.

Vorsichtig und ohne auffällige Bewegung griff er unter seinem Mantel zu seinem Dolch. Er sah, dass die Armbrustschützen mittlerweile auf sie anlegten. Jeder Krieg forderte Opfer. Und wenn er als erster Mann das sein würde, dann war dies wohl sein Schicksal.

„Die Waffen auf den Boden. Sofort!“, befahl der Vierte diesmal mit Nachdruck. „Ansonsten betrachten wir dies als Widerstand gegen das Kaiserreich.“

„Männer…“, sagte Arthur ruhig und hob die Hand beruhigend. „Schützt die Königin!“, rief er dann laut, zog mit der linken das Messer und warf es nach vorne, direkt in die Kehle des kaiserlichen Offiziers.

„Verdammt.“, zischte Yatane leise und schlug mit ihrer Hand auf den Stein. Wo waren die nur hergekommen? Sie schollt sich einen Narren, sich so weit von Luna und Arthur entfernt zu haben. Immerhin hatte sie versprochen, die junge Königin zu schützen. Doch in ihrem Drang, den Weg vor ihnen so gut wie möglich zu kennen, hatte sie genau diese vernachlässigt. Nun waren sie in einer Situation, die mehr als verfahren war. Sie sah, wie Arthur mit dem Anführer sprach, konnte aber die Worte nicht verstehen. Langsam legte sie einen Pfeil auf den Bogen, wollte aber noch nicht schießen. Vielleicht schaffte es der Ritter, ohne einen Kampf aus der Situation zu entkommen. Denn selbst wenn sie aus der Ferne half, waren die Chancen auf einen Sieg schlecht.

Sie blickte sich um. Erkannte, wie die Soldaten die kleine Gruppe umzingelten, wie dahinter einige Kaiserliche Armbrüste spannten und schussbereit hoben. Doch da war noch mehr, das spürte sie. Wachsam schaute sie von ihrer erhabenen Position in das Tal hinein. Dann erkannte sie eine Bewegung. Unauffällig, fast nicht sichtbar, aber ihrem Auge nicht entgangen. Skeptisch musterte sie den Weg. Ein Stein, hinter einem großen Felsen, wirkte unnatürlich. Die Büsche an einer Seite des Weges schienen nicht in das Gesamtbild zu passen. Und sie bewegen sich mehr, als der Wind es verursachen würde. Die Kaiserlichen waren nicht die einzigen Menschen im Tal.

Dann nahm sie noch etwas wahr. Sie sprang auf, ließ den Bogen fallen, und zog in einer blitzschnellen Bewegung ihre Klinge aus dem Gürtel. Die Spitze des elfischen Schwertes verharrte genau auf dem Brustpanzer ihres Gegenübers, dessen Schwert wiederrum auf ihre Brust gerichtet war. Wie konnte sie ihn nicht bemerkt haben? Sie musterte den jungen Mann.

Er war für einen Menschen eher jung, vielleicht vier, fünf Jahre älter als Luna. Sein Gesicht wurde von einem schlecht rasierten Bart geziert, der wie seine strubbeligen Haare tiefschwarz war. Außer dem glänzenden Brustpanzer mit einer Krone und zwei Sternen darauf trug er nur einfache Lederrüstung und einen dicken Umhang aus Fell, der ihn vor Kälte schützte aber auch im Hügelland tarnen konnte. Sein Schwert war klassisch kargatianisch, aber von guter Machart.

„Du gehörst nicht zu denen da unten.“, stellte Yatane kalt fest und meinte damit natürlich die Kaiserlichen.

„Und du?“, fragte der Mann mit hochgezogener Augenbraue zurück.

„Ich habe keine Zeit hierfür. Versuch entweder mich abzustechen, oder lass mich in Ruhe.“, antwortete Yatane.

Der Mann grinste. Aber bevor er etwas antworten konnte, hörte man den Ruf von Arthur, der durch das Tal schallte: „Schützt die Königin!“

Yatane erkannte, dass dieser Mann sie nicht sofort töten würde. Er war das geringere Problem. Sie drehte sich weg, steckte ihre Klinge in die Erde neben sich, griff den Bogen, den Pfeil, und schickte dann den Tod ins Tal.

Als sein Messer noch in der Luft war, griff Arthur bereits zu Blutstein und zog die schwere Klinge aus der Scheide auf dem Rücken. Er lief nach vorne auf die Mehrzahl der Soldaten zu und erwartete jeden Moment, wie ihn die Bolzen stoppten. Doch zu seiner Überraschung feuerten die Schützen an ihm vorbei. Er schaute kurz über die Schulter und erkannte noch, wie Rogard sich schützend vor Luna stellte. Doch es gab nichts, was die Bolzen bremsen konnten. Drei Stück schlugen in seine Brust ein. Arthur blickte wieder nach vorne. Er konnte auch nichts anderes tun.

Mit einem Hieb schlug er den Speer eines noch überraschten Kaiserlichen zur Seite und versenkte seine Klinge in dessen Brust. Den nächsten Feind konnte er ebenso leicht besiegen, auch noch den Dritten. Doch dann war er umstellt. Zwei Hieben konnte er noch ausweichen, einen weiteren parieren, aber dann erkannte er nur noch den Schild aus seinem Augenwinkel. Die Wucht des Schildschlages ließ ihm die Luft aus der Lunge weichen. In seiner Schulter hörte er ein Knacken und spürte einen beißenden Schmerz. Er fiel nach hinten auf den Boden und war kurz benommen.

Vor ihm richtete sich ein Soldat auf und hob den Speer hoch, um seinem Leben ein Ende zu bereiten. Er versuchte den Griff von Blutstein zu umfassen, aber die Kraft im rechten Arm fehlte aufgrund der Schmerzen. Ein klägliches Ende. Dann zuckte der Feind auf einmal und Arthur erkannte zwei, drei Pfeile, die ihn durchbohrt hatten.

Den zweiten Pfeil schoss Yatane ab, als sie bereits den Hügel hinunterlief. Dennoch stand es nicht gut um Luna. Einer ihrer Beschützer war schon Anfangs von den Bolzen getroffen zu Boden gesunken. Der zweite Mann hatte seine Klinge nicht rechtzeitig ziehen können, bevor ihn zwei Speerspitzen durchbohrt hatten. Der letzte Rethaner wehrte sich tapfer gegen drei Feinde, hatte aber kaum etwas entgegen zu setzen.

Ihr zweiter Pfeil traf tödlich wie der Erste. Nur noch ein Mann bewegte sich auf die Königin zu, die geschwächt nur langsam zum Schwert griff, während der Kaiserliche schon zum Hieb ausholte.

„Luna!“ rief Yatane laut, als wolle sie die Königin aufwecken. Entschlossen schickte sie ihren dritten Pfeil auf den Weg. Er traf den Mann tödlich, als Luna gerade ihre Klinge gezogen hatte. Doch gleichzeitig musste die Elfe erkennen, dass der letzte Rethaner besiegt wurde, als ein Kaiserlicher seine Klinge in dessen Brust bohrte. Noch im Laufen warf sie ihren Bogen zu Boden und zog stattdessen zwei Dolche, ihr Schwert war noch immer oben auf dem Hügel.

Doch auf einmal änderte sich Lunas Körperhaltung. Als sie Zeitensturm aus der Scheide gezogen hat, schien ihre Kraft wiederzukehren. Ihr Körper spannte sich an. Yatane meinte auch zu sehen, dass ihr Schatten dunkler, kräftiger wurde. Ohne sich umzudrehen stieß Luna ihre Klinge nach hinten genau in das Herz des Feindes, der sich ihr gerade näherte. Dennoch lief die Elfe weiter auf die Königin zu. Doch Luna nahm den Kampf gegen die zwei anderen Kämpfer gar nicht an. Stattdessen blickte sie zu Arthur nach vorne. Und dann war sie verschwunden.

Yatane erkannte den Schatten, der sich schnell nach vorne bewegte. Sie sah, wie die Rebellen, die sie schon vorher bemerkt hatte, aus ihren verborgenen Positionen die Kaiserlichen um Arthur mit ihren Bögen attackierten.

Die Elfe kannte die Magie, die Luna wirkte. Sie kam tief aus dem Schwert, das sie trug. Der Schattenfürst hatte es einst getragen, nun die junge Königin. Sie hatte es schon in Sonnfels gesehen. Aber jetzt wurde ich erst langsam klar, dass Luna, obwohl sie ein Mensch war, die Kraft langsam verinnerlichte. Es war beeindruckend.

Dann erreichte Yatane die zwei verbliebenen Feinde. Diese waren verdutzt, wohin die Frau verschwunden war. Aber für die Verwunderung blieb keine Zeit, als Yatane blitzschnell angriff, um deren Leben zu beenden.

Arthur richtete sich langsam auf. Die kaiserlichen Soldaten wandten ihre Aufmerksamkeit derweilen zu den Bogenschützen, die sie aus dem Hinterhalt angriffen. Vorsichtig versuchte Arthur seinen Arm zu bewegen, um sein Schwert wieder aufzuheben. Aber ihm entfuhr bei dem Versuch nur ein schmerzhaftes Stöhnen. So griff er mit seiner linken Hand die Waffe und stützte sich auf die Klinge, um wieder aufzustehen. Doch die Feinde waren noch bei weitem nicht besiegt.

In einer engen Formation hatten die kaiserlichen Soldaten nach anfänglicher Verluste einen Weg gefunden, sich vor weiteren Angriffen zu schützen, während zwei Männer ihre Armbrüste nachspannten. Doch ein Soldat bemerkte auch, dass Arthur sich aufrappelte. Mit festen Schritten ging er auf den Ritter zu und ob sein Schwert zum Schlag.

Den ersten Hieb von oben konnte Arthur noch notdürftig mit dem Schwert in der linken Hand abwehren. Aber es war an keinen Gegenangriff zu denken. Stattdessen schlug der Feind vehement auf Arthur ein. Beim zweiten Schlag schmerzte sein Handgelenk bereits. Der dritte Hieb schlug ihm die Klinge aus der Hand und ein zeitgleich geführter Tritt auf die Brust warf ihn nach hinten um.

„Verdammt.“, brummte Arthur, als sein Feind sich vor ihm aufrichtete, um das Werk zu vollenden. Gleichzeitig hörte er hinter sich einen lauten Ruf. „Luna!“. Es war Yatanes Stimme. Ob sie die Königin retten würde? Er würde es wohl nie herausfinden.

Er schloss die Augen. Doch auf einmal spürte er etwas. Wie ein Windhauch, doch unter ihm, als zöge der Wind direkt über den Boden. Er hörte den Klang einer Klinge, die sich durch Rüstung, Fleisch, und Knochen fraß. Er hörte das Stöhnen eines Sterbenden. Dann öffnete er die Augen.

Vor ihm stand die junge Königin. Ihr tiefschwarzes Schwert hatte sie nach vorne gereckt und den kaiserlichen Soldaten durchbohrt. Mit einem Tritt nach vorne befreite Luna ihre Klinge und marschierte dann vollkommen ruhig auf die verbliebene Gruppe kaiserlicher Soldaten. Arthur erkannte, dass auch die anderen Angreifer ihre Klingen zogen, um in den Nahkampf zu gehen. Dennoch war es Luna, die den verheerenden Angriff führte. In den Rücken der Verteidiger marschierend machte sie mit schnellen und präzisen Hieben die beiden Armbrustschützen nieder, bevor diese sich verteidigen konnten. Als die Schildträger den Angriff bemerkten, waren schon zwei weitere Soldaten tot und die restlichen umzingelt. Der weitere Kampf war einseitig.

Arthur schaute beeindruckt, wie leicht die gerade noch so schwache Luna ihre Klinge führte, um den Tod zu bringen. Die Anstrengung eines Kampfes war so viel mehr als die reine Wanderschaft, dennoch schien ihr diese nichts auszumachen. Und dann war es schon vorbei.

Yatane blickte zu dem Kampf hinüber, als sie ihre beiden Feinde erledigt hatte. Doch es gab dort nichts mehr zu tun. Der junge Soldat, der sie oben auf dem Hügel überrascht hatte, hatte mit seinen Männern dem Feind zugesetzt, während Luna diesem in den Rücken gefallen war. Bedauernd schaute Yatane kurz auf die drei Rethaner, die tot am Boden lagen, lief dann aber schnell zu Arthur und der Königin.

„Luna!“, sagte sie wieder. „Geht es dir gut?“, fragte sie und missachtete die übrigen Kämpfer für den Moment. Offensichtlich standen sie auf derselben Seite. Das Weitere konnte später geklärt werden.

„Ja. Alles gut.“, sagte sie ruhig und blickte auf die blutverschmierte Klinge. Seit sie Zeitensturm das erste Mal gezogen hatte, schien seine Kraft immer stärker mit ihr zu verschmelzen. Hätte ein Beobachter ihre Taten – bei Elorath, am Calas, in Sonnfels, und nun hier – als große Magie angesehen, schien es ihr vollkommen normal. „Es tut mir leid um Rogard, Felbart und Rolf.“, sagte sie dann noch zu Arthur, der gerade seine letzten Kameraden verloren hatte. Bevor der Ritter antworten konnte, blickte sie zu dem jungen Mann mit Brustpanzer. Im Gegensatz zu den anderen Rebellen war er zu ihnen getreten. Er schien trotz seines Alters ihr Anführer zu sein.

„Wer seid ihr?“, fragte sie den Mann. Statt aber zu antworten verneigte sich der Mann allerdings.

„Euer Gnaden, wurdet ihr von der Trias geschickt uns zu erretten?“, fragte er Luna. Erst jetzt erkannte Luna, dass die anderen Männer sich nicht nur nicht genähert hatten, sondern ehrfurchtsvoll zurückwichen.

„Wieso glaubst du das?“, fragte Luna. Der Mann schaute zu Yatane und dann zur Königin.

„Es heißt, dass die Elfen die Rückkehr der Trias einläuten, als ihre Boten.“, sagte er. Nun erkannte auch Luna, dass im Kampf Yatanes Kapuze verrutscht war, und ihre Rasse nicht zu leugnen war. „Und ihr scheint göttliche Kräfte zu führen, euer Gnaden.“

„Wie ist dein Name, Junge?“, fragte nun Arthur, der sich neben die Königin stellte. Man erkannte den Schmerz in seinem Gesicht, doch er schien die Zähne zusammenzubeißen.

„Adrian Kilfort, mein Herr. General der kargatianischen Streitkräfte, und meines Zeichen wahrer Herr von Karkliff. Nach dem Tod meines Vaters. Dies sind einige meiner Männer. Wir wollten die Kaiserlichen in die Berge locken, um sie zu besiegen.“

„Hmmm.“, antwortete Arthur nur und blickte auf die toten kaiserlichen Soldaten.

„Wir wurden nicht von der Trias geschickt.“, sagte dann Luna. Man erkannte die Enttäuschung im Gesicht von Adrian. „Aber dennoch, Adrian, versuchen wir Kargat seine Freiheit zurückzugeben. Wie viele Männer sind unter deinem Kommando?“

Adrian schaute die Königin skeptisch an. „Wer seid ihr dann?“, fragte er, bevor er antwortete. „Und wie kommt ihr zu solch göttlichen Kräften?“

„Es ist Magie, keine göttliche Kraft.“, antwortete nun Yatane lächelnd und ging auf den jungen Mann zu. „Und dafür, dass du mich dort auf dem Berg gerade abstechen wolltest, bist du ganz schön respektvoll.“

„Ich… ich…“, stammelte Adrian und senkte den Blick, um der Elfe nicht in die Augen zu schauen. „Ich wusste ja nicht… Es heißt… Elfen sind Legenden.“

Yatane lachte auf und strich mit ihrer Hand dem Mann über die Wange. „Für eine Legende wirke ich recht real, oder?“, sagte sie.

Luna blickte währenddessen skeptisch zu Arthur. Sie musste die Frage nicht stellen. Konnte sie sich zu erkennen geben? Konnte sie ihre wahre Identität preisgeben? Was war zu verlieren, was zu gewinnen? Arthur nickte.

„Ich bin Luna I. Amalia von Valorien, Erbin St. Gilberts und damit Königin von Valorien und Kargat. Dies ist meine Freundin Yatane vom Volk der Elfen aus dem fernen Land Alydan sowie Arthur von Freital, Freiherr von Freital und Ritter Valoriens.“

Adrians Miene wirkte wie versteinert, als auch Yatane zurück an die Seite der Königin trat. Er blickte Luna, die noch immer Zeitensturm in der Hand hielt, ungläubig an.

„Was zum… Wie…Wann…“ Man merkte, dass er versuchte irgendeine sinnvolle Frage zu formulieren, aber es nicht ganz schaffte. Schließlich entschloss er sich, stramm zu stehen, die Faust zur Brust zu führen für den kargatianischen Salut, und sich soldatisch kurz zu verbeugen. „Euer Majestät. Ich hörte von der Auslöschung unseres Königshauses. Ihr erhebt also Anspruch auf die Krone Kargats?“

„Das tue ich. Wenn Kargat erst frei ist, werde ich das alte Reich Gilberts wiederherstellen.“

„Dann… dann werdet ihr uns helfen?“

„Ja, mein Junge.“, antwortete wieder Arthur. „Deshalb die Frage: Wie viele Männer sind unter deinem Kommando?“

„Etwa zweihundert. Auf viele Dörfer und Lager in den Hügeln verstreut. Wir sind aus Karkliff geflohen, nachdem die Kaiserlichen es eingenommen haben.“ Arthur schaute kurz zu Luna, bevor Adrian noch hinzufügte. „Aber es gibt bestimmt noch mehr Männer, die sich gegen die Soldaten stellen würden, wenn uns jemand hilft.“

„Danke, Adrian.“, sagte Luna und schaute über die Leichen. Die Kaiserlichen und ihre Männer. „Wir müssen nach Norden, Adrian. Nach Valorien. Kannst du uns helfen?“

„Wieso seid ihr überhaupt hier in Kargat?“, fragte Adrian, erhielt aber von Arthur nur ein Kopfschütteln als Antwort.

„In Karkliff liegt die kaiserliche Flotte und hat auch einige der Handelsschiffe beschlagnahmt. Ich glaube nicht, dass ihr dort Glück haben werdet. Eure beste Chance ist ein Schiff in Härengar zu finden, dessen Kapitän mit genug Gold einen Umweg in Kauf nehmen würde. Und keine Fragen stellt.“

Arthur nickte. So in etwa hatte er sich das vorgestellt. Bevor sie losgezogen waren, hatte er die Karte des Nachbarlandes studiert und lange mit Taskor gesprochen. Karkliff wäre seine erste Wahl gewesen, aber diese fiel nun aus. Also Härengar. Es war ein großes Risiko, in die größte Stadt des Reiches zu gehen. Aber es blieb kaum eine Wahl.

„Kannst du uns dorthin bringen?“, fragte der Ritter den jungen Hauptmann.

„Ja. Ich kann euch bis kurz davor begleiten. Allerdings nicht bis in die Stadt. Einige Menschen kennen mich, Kargatianer, die mit dem Feind zusammenarbeiten. Von früheren Treffen.“

„Es gibt Kargatianer, die mit den Kaiserlichen zusammenarbeiten?“, fragte Luna ungläubig. Adrian nickte.

„Ja, einige. Es gibt genug Adelige, denen gleich ist, ob sie dem König von Kargat oder dem Kaiser der Sonne dienen, so lange ihre Einnahmen stimmen und sie ihre Ländereien beherrschen können. Mein Vater war nicht einer von denen. Deshalb wurde er hingerichtet.“

„In Ordnung.“, sagte Luna. „Wenn du uns bis nach Härengar bringst verspreche ich dir, dass bald valorische Truppen in Karkliff stehen werden. Wenn du die Sternenbanner am Horizont siehst, dann sammele alle deine Männer.“

„Sehr wohl, Majestät.“, sagte Adrian und verneigte sich.

„Wir müssen uns nun noch um unsere Toten kümmern.“, sagte Arthur und blickte traurig zu Rogard, der von Bolzen gespickt auf dem Weg lag. Er kannte dessen Mutter und Frau gut. Es würde keine einfache Nachricht sein, die er nach Freital brachte. Kein einziger Mann würde in die Heimat zurückkehren. Voraussetzung war allerdings, dass er selbst nach Valorien kam, um Nachrichten zu überbringen.

„Natürlich.“, sagte Adrian. „Meine Männer werden euch helfen.“ Dann wandte er sich ab und ging zu seinen Soldaten.

„Geht es dir wirklich gut?“, fragte nun Yatane noch einmal leise und ging näher zu Luna. Sie blickte auf den Bauch der Königin, der unter der dicken Kleidung noch fast unscheinbar wirkte, wenn man es nicht wusste.

„Ja. Es geht erstaunlich gut.“, sagte sie Königin und betrachtete Zeitensturm noch einmal. „Das Schwert. Es scheint mir Kraft zu geben. Was meintest du damit, als du sagtest, dass es Magie ist?“

„Es ist die Magie eines Elfenfürsten. Tanatel ist sein Name.“, antwortete Yatane,

„Der aus deiner Geschichte? Das hast du noch nicht erzählt.“, fragte Luna interessiert und steckte Zeitensturm zurück in die Scheide.

„Ja. Es gibt immer noch mehr Geschichten zu erzählen.“, sagte Yatane und zwinkerte. Doch auf einmal sah sie einen Ausdruck von Schwäche in Lunas Gesicht, als sich ihre Hand vom Heft des Schwertes löste.

„Luna, alles gut?“, fragte die Elfe erneut. Doch die Königin antwortete nicht. Sie wirkte auf einmal wieder blasser, kraftloser. Dann zuckten ihre Augen kurz und sie verlor das Bewusstsein.

„Luna!“, rief Yatane sofort und fing die Königin auf, bevor sie auf den Steinboden fiel. „Luna!“, rief sie erneut sorgenvoll, doch die Königin hörte sie nicht mehr.

Kapitel 7

Das Wasser des Calas spritzte bis auf seine Rüstung, als Narthas sein Pferd durch die Furt trieb. Er hatte mit seinen Gefährten ein schnelles Tempo angeschlagen. Neben ihm ritten der Ritter Wanfried, sein Sohn Lokran, und Zirgas, sowie etwa einhundert urbische Reiter. Viel zu wenig, um einen echten Angriff auf die Armee zu führen, die ihnen gegenüberstand. Doch ausreichend, um ihnen zu zeigen, dass die weiße Flagge, die sie trugen, kein Zeichen der Schwäche war. Es ging nur um Verhandlungen, um eine Schlacht zu vermeiden. Vorerst.

„Anscheinend wollen sie auch reden.“, bemerkte Wulfric als sich aus dem Heer etwa fünfzig Reiter lösten. Im Vergleich zu den Urben waren die Reiter der Peltamark schwer gerüstet. Jeder einzelne Reiter trug eine Plattenrüstung und, wie Narthas bemerkte, ein eigenes Wappen. Auch die dahinterstehenden Fußsoldaten trugen in Gruppen zu zehn bis zwanzig Mann verschiedene Banner, sahen ansonsten aber ärmlich aus, ausgerüstet mit Bögen, Äxten, einfachen Holzschilden, oder Speeren, jedoch ohne jegliche Rüstung. Das Banner des vordersten Reiters war dennoch am meisten zu sehen: ein schwarzer Turm auf hellblauem Grund, umrahmt von mehreren Weizenären.

„Halt!“, sagte Narthas auf urbisch und streckte die Faust in die Höhe. „Nur wir vier und zwei Bannerträger.“, sagte er und ritt mit Wanfried, Lokran, und Zirgas nach vorne, gefolgt von zwei Reitern, die das Banner des Khans und ein Sternenbanner Valoriens führten. Auch die gegenüberliegenden Reiter hielten inne und formierten sich ordentlich in drei Reihen, die Lanzen in die Höhe gerichtet. Neben dem Anführer lösten sich zwei weitere schwer gepanzerte Reiter, ein Bannerträger mit dem schwarzen Turm, und ein jüngerer Mann, der nur leicht gerüstet war. Narthas musterte sowohl die Armee als auch den Anführer, als sie näher aufeinander zukamen. Die etwa fünfzig schwer gerüsteten Reiter waren ohne Zweifel das Herzstück der Armee. Neben diesen gab es noch etwa achtzig weitere Reiter, die jedoch keine eigenen Banner trugen und deutlich leichter gerüstet waren. Außerdem wirkten sie jung. Daneben gab es noch dreihundert Fußsoldaten. Obwohl es Bauern wohl besser traf. Trotz der unterlegenen Position wirkte der Anführer selbstbewusst. Er blickte entschlossen zu Narthas und dem Khan direkt in die Augen. Seine hellbraunen Haare waren wie sein spitzer Bart ordentlich frisiert. Seine Plattenrüstung war aufwendig aus vielen Einzelteilen gefertigt. Auf dem Rücken trug er einen Wappenschild, am Schwertgurt eine breite Klinge.

Narthas hielt inne, als sie nur noch wenige Schritte trennten. „Ihr betretet die Länder der Peltamark, Urbe. In Adenurs Name, kehrt um oder findet den Tod!“, sagte der Mann bedrohlich in gebrochenem Urbisch. Erst jetzt blickte er zu Wanfried und bemerkte, dass der Ritter kein Urbe war. Auch das Banner hinter diesem ließ ihn stocken.

„Ihr sprecht nicht zufällig die Sprache Valoriens, mein Freund?“, fragte Wanfried mit ruhiger Stimme, um die Stimmung nicht weiter anzuheizen.

„Die Zunge Kargats. Ausreichend. Und Ihr seid?“, antwortete ihr Gegenüber nun nur an Wanfried gerichtet.

„Ich bin Wanfried von Tulheim, Freiherr von Tulheim, und Ritter Valoriens.“, antwortete er und nickte dann Narthas auffordernd zu. Dieser zog die Augen zusammen, blickte dann aber zu ihrem Gegenüber. „Narthas Khan, Sohn des Ikran.“, stellte auch er sich vor.

„Wir sind im Namen ihrer Majestät Königin Luna I. von Valorien unterwegs. Doch unser Augenmerk gilt nicht der Peltamark. Bietet uns freies Geleit, und keiner Eurer Männer wird zu Schaden kommen.“, bot Wanfried an. Der Ritter merkte, dass dies dem Khan neben ihm widerstrebte. Der Urbe hätte der Drohung wohl lieber mit einer eigenen Drohung geantwortet. Oder mit dem Schwert. Aber Wanfried hoffte, mit Diplomatie weiterzukommen. Denn der Adelige der Peltamark musste auch erkennen, dass es für ihn an diesem Tag nur zwei Möglichkeiten gab: Kapitulation oder Tod.

Ihr Gegenüber zog die Stirn zu Falten und musterte den Ritter und den Khan, bevor er antwortete. Schließlich nickte er Wanfried zu. „Arnold van Frega, Herzog von Frega und Seneschall der Ritter der Peltamark.“, stellte er sich vor. „Ich habe von Valorien gehört. Es liegt hinter Kargat und der Steppe der Urben, nicht wahr? Was macht ihr hier, in Beisein dieser…“ Er zögerte. Es hätten wohl viele Worte gepasst. Wilden. Barbaren. „…Urben.“, schloss er den Satz.

„Eigentlich ist er nur hier, um auf mich aufzupassen.“, sagte Narthas mit einem Grinsen, was Lokran und Zirgas kurz zum Lachen brachte. „Ich führe meine Reiter nach Süden. Doch wie Wanfried sagte, gilt mein Zorn nicht der Peltamark. Wenn dir etwas am Leben deiner Männer liegt, Arnold van Frega, dann legt die Waffen nieder, senkt den Kopf und lasst mich und meine Männer passieren.“, sprach der Khan weiter, nun mit bedrohlichem Unterton. „Und ich reite hier im Namen des Herzogs Celan von Tandor. Wenn es dein Wunsch ist, soll dies der letzte Name sein, denn du in dieser Welt gehört hast.“, fügte er noch hinzu. Man erkannte, dass Arnold die Drohung durchaus verstand. Seine Miene versteinerte, er wirkte auch etwas blasser als zuvor. Sein bedrohliches Auftreten vorher war ein falsches Spiel gewesen. Er war sich sehr bewusst, dass seine eigene Armee eine Schlacht nur verlieren konnte. Doch dann fing er sich wieder.

„Wenn dies dein Wunsch ist, Urbe, dann will ich dem gerne nachkommen. Jeder meiner Ritter wird mit Freuden sein Leben für die Peltamark geben, aber mindestens fünf deiner Reiter mitnehmen. Wenn du dann mit dem verbliebenen Haufen durch unser Land reitest, wird dir jede Burg Drohung sein. Keine Nacht werdet ihr Schlafen, keine Stadt passieren können, keine Brücke wird euch zur Verfügung stehen. Und es gibt viele Burgen und Brücken in der Peltamark. Während ihr euch dann nach Süden quält, sammelt mein Herr, Erzherzog Laurenz, alle Männer der Peltamark in Tarvestdamm. Jeder Herzog, jeder Ritter, jeder Bauer der Peltamark wird von dem Massaker an der Belgafurt hören, von der Niederlage von Herzog Arnold. Jeder wird nach eurem Blut dürsten. Jeder wird einen heiligen Eid vor dem Vater Adenur schwören, uns zu rächen. Wenn ihr dann glaubt, endlich aus der Peltamark entkommen zu sein, werdet ihr das Glitzern tausender Rüstungen im Morgengrauen sehen und erkennen, dass dies der fatalste Fehler deines erbärmlichen Lebens war.“

Während er sprach legte der Herzog seine Hand an das Heft des schweren Schwertes. „Also Urbe, wenn du kämpfen willst: wir sind bereit.“

Narthas blickte ohne eine Regung zum Herzog. Dann grinste der Urbe. „Ihr Pelten seid doch nicht so weich, wie es heißt.“, sagte er und lachte auf. „Du hast Mut, Herzog Arnold. Viele Männer erzittern schon, wenn sie die Hufe meiner Reiter am Horizont hören.“

„Ich sammelte meine Männer, um mich euch entgegenzustellen.“, antwortete der Herzog von Frega entschlossen.

„In Ordnung, Herzog. Du hast mich überzeugt, dass ich dich am Leben lasse. Aber was kannst du mir bieten, wenn ich dir sage, dass ich nicht wieder umkehren werde.“

Die Miene des Herzogs entspannte sich etwas und er lockerte den Griff um sein Schwert. „Man trifft nicht aller Tage auf einen Urben, der verhandeln will.“

„Ich bin auch kein gewöhnlicher Urbe.“, stellte Narthas fest.

„Ihr könnte eure Bitte auf Durchmarsch dem Erzherzog vortragen. Er kann darüber entscheiden. Jedoch müsstet ihr mich dazu nach Tarvestdamm begleiten, Khan Narthas.“, antwortete der Herzog.

Narthas lächelte erneut und blickte zu Wanfried. Es war durchaus eine sinnvolle Lösung, wenn sie funktionierte. Natürlich wäre es ihnen ein leichtes, mit einem Angriff die Männer des Herzogs auszulöschen. Doch Arnold hatte Recht. Der Ritt durch die Peltamark konnte lange werden, wenn man nur Feinde hatte. Selbst wenn sie Kargat erreichten, wären sie stark geschwächt. So verloren sie nur einige Tage, während sich seine Reiter in der Steppe weiter sammelten und auf ihre Rückkehr warteten. Genau wegen solcher Schwierigkeiten hatten sie genug Zeit eingeplant, als sie aus Taarl losgezogen waren. Vor dem Frühjahr mussten und sollten sie Kargat nicht erreichen.

Also wandte sich Narthas wieder an den Herzog. „Ich nehme dein Angebot an. Mich begleiten der Ritter Wanfried, mein Sohn Lokran, und dreißig Reiter.“

„In Ordnung.“, akzeptierte Arnold. Die Eskorte der Urben hatte mehr symbolischen Charakter. Wenn der Herzog sie eine Falle führen wollte, wären selbst einhundert Mann nicht ausreichend.

„Wie lange ist der Ritt?“, fragte Narthas den Herzog.

„Jetzt im Winter vielleicht vier Tage, wenn wir uns nicht zu sehr beeilen. Es kommt auf das Wetter an.“ Narthas nickte und wandte sich dann an Zirgas, den er in valorischer Sprache ansprach, damit auch der Herzog von Frega ihn verstand.

„Zirgas, du wirst die Männer in meiner Abwesenheit mit Kirgesh führen. Falls du in zwei Woche noch nichts von uns gehört hast, dann bringe Feuer und Tod über dieses Land.“

„Sehr wohl, mein Khan.“, bestätigte der alte Freund. Dann wandte sich Narthas an Wanfried und Lokran.

„Also, wollen wir?“, sagte er und ritt dann weiter nach vorne am Herzog vorbei in Richtung der Peltamark.

Tarvestdamm war weit weniger beeindruckend als Elorath und dennoch ein Monument der Stärke des kleinen Reiches der Peltamark. Die Stadtmauern selbst waren nicht hoch, aber dies war auch nicht nötig, denn die Stadt war vollkommen von einem großen See umschlossen. Lediglich im Süden gab es eine schmale, lange Steinbrücke, über die man die Stadt erreichen konnte. Doch diese endete in der mächtigen Feste des Erzherzogs, die das wahre Kernstück der Stadt darstellte. Die Mauern und Türme waren dick und hoch. Soldaten mit dem Banner des Drachen der Peltamark patrouillierten auf den Wehrgängen. Und als Narthas begleitet von Herzog Arnold van Frega näher auf das Tor zuritt, erkannte er bereits die peltischen Ritter des Erzherzogs, die dort auf sie warteten.

Während des Weges hatten Narthas und Wanfried Gelegenheit einiges über die Peltamark zu lernen. Keine schlechten Erkenntnisse, wenn man erfolgreiche Verhandlungen mit dem Erzherzog führen wollte. Der Erzherzog war eigentlich ein Herzog wie jeder andere, allerdings bestimmten die Herzöge der Peltamark beim Tod des Erzherzogs einen aus ihren Reihen, das Land aus Tarvestdamm zu führen. Arnold hatte selbst nach einigen Nachfragen das genauere Procedere für diese Wahl nicht erklären wollen, aber Narthas hatte in Gesprächen mit einigen Rittern Geschichten über Duelle, Wortgefechte, und weitere ritterliche Prüfungen gehört. Die Ritter waren wohl das nächste Sonderliche dieses Landes. Während die valorische Ritterschaft ein exklusiver Zirkel der bester Streiter des Landes war, konnte in der Peltamark im Prinzip jeder Mann zum Ritter geschlagen werden und damit in den niederen Adel aufsteigen, der vermögend genug war, um sich Pferd, Harnisch, Schwert, Schild und Lanze leisten zu können. Ob die Eltern Kaufleute, Handwerker, oder nur Bauern waren spielte dann keine Rolle mehr. Jeder Ritter trug sein eigenes Banner. Offiziell waren die Ritter direkt dem Erzherzog unterstellt, doch in Realität verweilten die meisten Ritter am Hof des Herzogs ihrer Heimat und waren diesem treu ergeben. Im Krieg allerdings konnte der Erzherzog jeden Ritter an seine Seite rufen. Und der Seneschall, in diesem Fall Herzog Arnold, würde die Ritter führen.

Eigentlich gefielen Narthas diese Traditionen. In gewisser Weise wurde der Stärkste Mann des Landes zu dessen Herrscher. Jeder Mann war seines eigenen Glückes Schmied und konnte sich im Kampf als würdig erweisen. Jene, die zu arm waren, dienten in Leibeigenschaft ihrem Herzog oder Ritter, wurden dafür aber von diesen geschützt. Nur die ganzen kleineren Burgen, die sie schon auf dem Weg gesehen hatten und die die Peltamark überzogen, erschienen ihm recht einengend. In Valorien gab es auch einige Burgen, doch diese waren meist größer und wohl positioniert, um strategische Positionen zu schützen.

Und dann war da noch die Sache mit der Religion gewesen. Für ihn hatte der Glaube an die Geister der Steppe weniger etwas Religiöses. Er wusste einfach, dass es sie gab, und dass er, falls er würdig war, einst in der Unendlichkeit an ihrer Seite reiten würde. Dafür brauchte er weder Priester noch Kirchen. In Valorien gab es den Glauben an die Trias, aber dieser hatte trotz der Erleichterung der Gesetze erst durch den Reichsverweser Alois, später durch Königin Luna, einen schweren Stand. Hier in der Peltamark war dies anders. Die Kirche schien tief verwurzelt im Land. Sie vertrat den Glauben an zwei Götter. Adenur. Der Tag. Vater des Reiches und Gott der Rechtschaffenden und Starken. Und Rudena. Die Nacht. Mutter des Volkes und Göttin der Schwachen und Schutzbedürftigen. Weder im Fall der Trias noch im Fall der Pelten konnte Narthas verstehen, wie man etwas Göttliches auf ein menschliches Abbild projizieren konnte. Als wären Götter wie sie Menschen, die irgendwo saßen, und auf die Welt schauten. So hatte er sich einfach nur vorgenommen, das Thema möglichst gar nicht aufzugreifen. War wohl besser so.

„Ihr habt Glück. Erzherzog Laurenz begrüßt euch persönlich.“, sagte Herzog Arnold schließlich und deute auf den vordersten der Reiter, die am Tor warteten. Im Vergleich zu den anderen Rittern, die alle Plattenrüstungen und Vollhelme trugen, war der Erzherzog nicht gerüstet. Auch sonst erschien er nicht, wie Narthas ihn sich vorgestellt hatte. Bei der Erwähnung des Erzherzoges hatte er einen älteren Mann erwartet, der durch seine Erfahrung in Krieg und Frieden das Vertrauen der Herzöge gewonnen hatte. Doch auf dem Pferd saß ein junger Mann in feinster Kleidung. Das gesteppte Wams war aus edlem Stoff und zeigte den Drachen der Peltamark, allerdings detailreicher und aufwendiger als auf den meisten Bannern. Am Gürtel trug der Erzherzog ein Langschwert, in dessen Griff ein großer Rubin eingearbeitet war. Er hatte hellbraune Haare, ähnlich wie Arnold, allerdings mit einem Stich von blond. Sein sauber geschnittener Bart umrandete den Mund, der Rest des Gesichts war glattrasiert. In den Augen erkannte der Khan weder Furcht noch Feindseligkeit. Sein Blick war nicht streng, sondern eher neugierig, erwartungsvoll. Narthas musterte ihn.

„Euer Gnaden.“, sprach Arnold den Erzherzog an, als sie sich näherten, und deutete eine leichte Verneigung an. „Ich darf Euch Freiherr Wanfried von Tulheim vorstellen, ein Ritter aus dem Reich Valorien. Sowie Narthas Khan, ein Khan der Urben, der wie der Freiherr der Krone Valoriens verpflichtet ist. Meine Herren, ich darf euch Erzherzog Laurenz van Targarin vorstellen, Herrscher der Peltamark, von Adenurs Gnaden.“

„Danke, Arnold.“, sagte der Erzherzog, während er den Gästen entgegenritt und wandte sich dann zuerst an Wanfried. „Meine Amme erzählte mir häufig Geschichten über die legendären Ritter Valoriens. Ich hätte aber nie gedacht einen solchen in Tarvestdamm willkommen zu heißen.“, begrüßte der Herzog den Ritter in der gemeinen Sprache, die von Valorien bis in das Kaiserreich gesprochen wurde, allerdings mit einem ähnlich starken Akzent wie Arnold. Narthas hatte bemerkt, dass die Sprache der Peltamark Ähnlichkeiten mit der valorischen Sprache aufwies, allerdings doch so unterschiedlich war, dass er schnell gesprochene Sätze nicht verstand. Aber für ihn war dies auch nicht die Muttersprache.

Wanfried lächelte grimmig zurück. „Wahrscheinlich hat eure Amme übertrieben.“

„Welches Schwert tragt Ihr?“, fragte der Erzherzog neugierig.

„Flammendorn. Das Feuer der Sterne brennt in seiner Klinge.“, antwortete Wanfried.

„Ja. Ich glaube daran erinnere ich mich. Doch am Meisten erinnerte ich mich stets an Königsklaue. Ein Schwert nur gemacht, den König zu schützen. Ist das nicht eine schöne Geschichte?“

„Nicht nur eine Geschichte.“, korrigierte Wanfried, bevor sich der Erzherzog an Narthas wandte.

„Der letzte Urbe, der die Brücke nach Tarvestdamm überquerte, kniete in Ketten auf einem Ochsenkarren.“

„Und wenn ich nicht wohlbehalten aus deiner Stadt hinausreite, Erzherzog Laurenz, dann werden die nächsten Urben, die über diese Brücke reiten, Schwert und Fackel in der Hand halten.“, erwiderte Narthas bissig. Doch zur Überraschung des Khan antwortete Laurenz nicht mit einer Beleidigung, sondern lachte auf.

„Das würde ich gerne verhindern. Aber hier ist wohl kaum der Ort, dies weiter zu besprechen. Folgt mir in meine Burg, dann werden wir in Ruhe über euer Begehr sprechen können. Arnold war so freundlich, mir bereits einen Boten zu schicken.“, sagte er und wendete sein Pferd, um von Arnold, Narthas, und Wanfried gefolgt in die Feste einzureiten. Erst hinter den letzten Urben wendeten auch die Ritter der Peltamark und folgten der Gruppe in den Burghof.

Wanfried erinnerte die Feste des Erzherzogs ein bisschen an den Sitz des Herzogs von Rethas in Grünburg, obwohl dieser merkbar kleiner war. Sie war eine militärische Festung, allerdings weniger schwer befestigt als zum Beispiel Taarl oder Auenstein. Gleichzeitig war sie funktional und schlicht eingerichtet, nicht wie der Palast in Tjemin, mit seinen ausladenden Gärten. Auch der kleine Saal, in den sie Laurenz geführt hatte, war einfach eingerichtet. Ein runder Tisch für zehn bis zwölf Personen mit dem geschnitzten Wappen der Peltamark, ein Kamin, Schilde, Schwerter und Banner an den Wänden. Das war es.

Neben Erzherzog Laurenz und Herzog Arnold war noch ein dritter Pelte zu ihnen gestoßen. Ein alter Mann, dessen Kopf zwar keine Haare mehr hatte, der aber dafür noch dichte, weiße Koteletten aufwies. Herzog Karel van Hofsteede, Kanzler der Peltamark, und dafür verantwortlich für die Regierungsangelegenheiten des Landes. Sie waren auch zu dritt. Er, der Khan, und dessen Sohn. Ein ausgeglichenes Verhältnis für eine freundschaftliche Verhandlungen, zumindest erhoffte sich Wanfried dies. Er hatte in den letzten zwanzig Jahren genug für ein ganzes Leben gekämpft, als er sich mit den Schwarzen Pfeilen Herzog Celan widersetzt hatte. Umso mehr ärgerte es ihn, dass Königin Luna ihn bestimmt hatte, Narthas zu begleiten. Doch nun wollte er seine Rolle als ihr Botschafter auch wahrnehmen. Denn bald würden weitere Kämpfe auf sie warten, und gegen das Kaiserreich konnten sie fürwahr jeden Mann brauchen.

„Also, meine Gäste, wieso sollte ich euch gestatten, eure Truppen durch die Peltamark zu führen?“, fragte Erzherzog Laurenz, als sie sich gerade hinsetzten. Beiläufig fast, aber dennoch mit einer Schärfe, die scheinbar in der Herzlichkeit seines Ausdrucks unterging. Gleichzeitig winkte er zwei Diener herbei, die Wein ausschenkten.

Wanfried räusperte sich, wollte gerade sprechen, als sich Narthas leicht nach vorne über den Tisch lehnte. „Um dir einen Gefallen zu tun, Erzherzog. Denn dein kleines Land liegt leider im Weg meiner Horde. Allerdings verspüre ich keinen Drang danach, gegen euch in den Kampf zu ziehen. Ansonsten würden wir nur verbrannte Erde hinterlassen.“, erwiderte der Khan undiplomatisch.

Wanfried klopfte ihm auf die Schulter und zog ihn leicht zurück, versuchte ein Lächeln aufzusetzen. „Euer Gnaden. Der Khan brachte es in gewisser Weise auf den Punkt. Wir haben ein Heer gesammelt, allerdings hegen wir keine Feindschaft gegen die Peltamark. Lasst uns passieren, und wir werden weder euch noch eure Herzöge behelligen. Eine einfache Forderung.“

Laurenz schaute leicht nach unten, lachte leise und schüttelte den Kopf. Dann blickte er erst zu Arnold, dann zu dem alten Karel und sagte einige Worte in der peltischen Sprache.

„Keine einfache Forderung.“, antwortete dann Kanzler Karel. „Jahrhunderte griffen uns urbische Stämme an. Stets konnten wir sie abwehren, mit der Stärke der peltischen Ritter. Nun verlangt ihr, dass wir ohne Kampf hunderte urbische Reiter in die Peltamark lassen?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe bereits gegen dein Volk gekämpft, Narthas, als du noch ein kleines Kind warst. Wieso sollte ich dir trauen?“, sprach er dann direkt den Khan an.

„Ich dachte ich verhandele mit dir, Erzherzog.“, erwiderte Narthas nur. „Und für eine Ablehnung hätten wir den langen Ritt nicht auf uns nehmen müssen, dann hätten wir auch gleich gegen Herzog Arnold in die Schlacht ziehen können.“

„Aber dann hättet ihr meine Gastfreundschaft nicht genießen können.“, erwiderte Laurenz und erhob dann den Becher, um anzustoßen. „Also, worauf trinken wir? Auf meine Götter? Auf eure Geister? Auf das ferne Valorien, dessen Banner wir hier noch nie gesehen haben? Auf dessen legendäre Ritter?“, schlug er vor, trank dann aber einen Schluck, ohne einen konkreten Trinkspruch auszusprechen. Als er den Becher vom Mund absetzte war sein Blick härter. Kalt schaute er Wanfried an. „Oder darauf, dass ihr mir erzählt, wieso ihr wirklich so viele Männer durch mein Land führen wollt?“

Wanfried nickte dem Gastgeber zu und trank einen Schluck des Weines. Er schmeckte süßlich und gut. Erst dann antwortete er. „Das Kaiserreich der Sonne.“

„Nun kommen wir also zum Kern der Sache.“, sagte Laurenz und stellte den Becher wieder ab. „Kargat ist gefallen, nicht wahr? An meiner Grenze sehe ich noch öfter Soldaten mit den Farben des Reiches, aber aus dem Westteil des Landes hört man vom Wechsel der Macht.“

Wanfried nickte. „Kargat fiel vor fast zwei Jahren an das Kaiserreich. Härengar, die mächtige Hauptstadt des Königs, wurde überrannt. Im Osten, um Hoheneck, verblieben einige königstreue Rebellen. Aber das Königshaus ist ausgelöscht. Aus alten Zeiten hat die Krone Valoriens ein Anrecht auf den Thron Kargats. Wir haben die Armee des Kaisers aus Valorien zurückgeworfen, seine dunklen Mächte besiegt. Nun werden wir im Namen von Königin Luna auch Kargat befreien.“

„Und dafür sucht ihr freies Geleit durch die Peltamark, um einen Angriff aus mehreren Himmelsrichtungen einzuleiten.“, schlussfolgerte Arnold und schaute dann zu Lauren und Karel. „Ein guter Plan. Wenn ich genügend Männer hätte, wäre ich ähnlich vorgegangen. Besonders, mit so vielen Reitern.“

„Und Narthas, du dienst der valorischen Krone?“, fragte Laurenz verwundert. „Ich dachte ihr Urben wäret freie Männer in euren Steppen.“

„Die Schuld meines Vaters band mich an einen Mann in Valorien. Die Ehre gebot es mir, meine Klinge in seinem Namen zu führen.“, antwortete Narthas.

„Dein Vater war…?“, fragte Karel, doch wurde schnell von Lokran unterbrochen, dem Sohn Narthas.

„Ikran Khan, der große Khan der Urben, Herrscher der Steppe.“ Man erkannte, wie die Miene des alten Mannes versteinerte. Der Name schien auch nach so langer Zeit in den anliegenden Ländern der urbischen Steppe noch nachzuklingen. Statt aber den Urben zu antworten sprach er wieder in peltischer Sprache auf Laurenz ein, der aber nach einigen Worten den Kanzler mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.

„Gut, Ritter Wanfried. Beantworte mir dies: Wieso sollte ich den Zorn des Kaisers riskieren, indem ich Euch und Euren Männern freies Geleit durch die Peltamark gewähre?“, fragte er dann den rethanischen Ritter. Dieser schüttelte den Kopf und schnaubte vor Verbitterung.

„Euer Gnaden, wenn Ihr diese Frage stellt, kennt Ihr das Kaiserreich nicht oder habt es nicht verstanden.“, sagte er und blickte dann auf, Laurenz direkt in die Augen. „Der Kaiser richtet seinen Zorn nicht auf einzelne Länder. Der Blick des Kaisers liegt auf jedem freien Land dieser Welt. Der kaiserliche Frieden, wie seine Soldaten es nennen, soll in jedes Land getragen werden. Doch dies geschieht mit Eisen und Feuer, mit dunklen Mächten aus ältesten Tagen, denen sich kein Mensch entgegenstellen kann.“, fuhr er fort. Er atmete kurz durch. „Wenn wir den Kampf gegen das Kaiserreich nicht gewinnen, Euer Gnaden, so bin ich mir sicher, dass Ihr der letzte Erzherzog in der Geschichte der Peltamark sein werdet.“

Laurenz lauschte interessiert, zeigte aber außer einem leichten, verständnisvollen Nicken keine Reaktion. Er lehnte sich zurück und schien zu überlegen. Dann wandte er sich an Arnold.

„Was meinst du, Seneschall?“, fragte er absichtlich in der gemeinen Sprache, die auch Narthas und Wanfried verstehen konnten.

„Ich habe das Heer des Urben gesehen.“, antwortete Arnold erst ausweichend. „Es ist furchterregend, aber wir könnten sie aufhalten. Allerdings habe ich auch Geschichten über die Armeen des Kaisers gehört. Sie würden die Peltamark zerquetschen.“

Laurenz nickte und wandte sich dann an Karel. „Was meinst du, Karel?“

„Dein Vater war stets in erster Schlachtlinie gegen die Urben.“, begann der alte Mann zu sprechen. „Aber es scheint, dass sich die Zeiten fürwahr wandeln, wenn die Reiter der Steppe bereits unter königlichen Bannern reiten.“ Dann wandte er sich etwas ab und blicke zu einem Wappen der Peltamark, das an der Wand hing. „Wir sind ein kleines Land voller tapferer Leute. Ich würde gerne mehr erfahren, über das Kaiserreich und seine Kräfte, bevor ich eine solche Entscheidung treffe. Allerdings habe ich schon genug, gehört, um die Aussagen des Ritters nicht als falsch abzutun. Außerdem scheinen wir nicht viel Zeit für die Entscheidung zu haben. Wir hatten seit langem keinen Ärger mehr mit Kargat. Wieso also sollten wir einen Konflikt mit Valorien suchen?“

Laurenz nickte den beiden Männern dankend zu. Er faltete die Hände auf der Brust, zurückgelehnt, und schien zu überlegen. Wanfried wartete in Ruhe, spürte aber, dass Narthas ungeduldig wurde. Das Verhandlungszimmer war eben nicht das natürliche Terrain des Urben. Auch der Freiherr von Tulheim fühlte sich in der Wildnis oder der Schlacht wohler, aber er verstand die Notwendigkeiten solcher Winkelzüge. Schließlich lehnte sich der Erzherzog nach vorne.

„Also gut.“, sagte er und blickte dann zuerst zu Narthas. „Dein Volk gab uns nie Grund, euch zu vertrauen. Doch dies möchte ich heute ändern. Allerdings könntet ihr mir beweisen, dass Vertrauen gerechtfertigt ist. Das Herzogtum von Herzog Arnold liegt im Nordosten der Peltamark, direkt an der Steppe. Er wird seit einigen Monaten immer wieder von einem kleineren Stamm der Urben heimgesucht. Kümmert euch darum, dann sollt ihr ohne Harm durch die Peltamark reiten, und dabei so gut es geht versorgt werden.“, bot der Erzherzog an. Narthas wollte gerade protestieren, wurde aber von Laurenz unterbrochen. „Außerdem werde ich die Zeit nutzen, mehr über das Kaiserreich in Erfahrung zu bringen und meine Herzöge konsultieren. Wenn wir feststellen, dass das Kaiserreich, wie ihr sagtet, eine Gefahr für die Peltamark darstellt, werde ich meinen Rittern freistellen, im Namen von Adenur an eurer Seite in den Krieg zu ziehen.“

Narthas verzog noch immer zornig das Gesicht. Er war kein dahergelaufener Söldner, den man einfach irgendwo hinschicken konnte, um ein paar Banditen zu eliminieren. Aber er spürte, dass Wanfried ihn am Arm fasste und zurückzog. Der Ritter schaute den Khan ernst an. Der Rethaner schien zu erkennen, wie viele Möglichkeiten dieses Angebot barg.

„Wir haben genügend Zeit?“, fragte Wanfried Narthas leise. Narthas atmete etwas ruhiger und nickte dann. „Ja.“

Dann wandte sich der Ritter an Herzog Karel. „Wie groß ist dieser Urbenstamm?“

„Vielleicht einhundert Männer. Aber bis ich eine größere Streitmacht gesammelt haben, sind sie stets wieder geflohen.“

Erneut blickte Wanfried zu Narthas, der schließlich nickte, und sich an Laurenz wandte. „Wir kümmern uns darum. Danach werden wir mit Freuden durch dein Land reiten. Und wenn sich eure metallbekleideten Ritter mit meinen Reitern Schritt halten können, dürfen sie gerne einen Teil des Kampfes haben. In Kargat gibt es genügend Feinde für uns alle.“

Laurenz lächelte herzlich. „Wunderbar. Dann seid heute Abend meine Gäste und genießt die besten Speisen von Tarvestdamm.“

Mit einem kräftigen Stich trieb Narthas seinen Säbel in die Brust des am Boden liegenden Mannes und beendete sein Leid. Er blickte in das Gesicht des jungen Urben. Eine Schande eigentlich. Aber sie hatten ihr Ende selbst gewählt. Dann blickte der Khan über das Schlachtfeld.

Narthas hatte ihnen angeboten, sich zu ergeben, als er mit seinen Reitern den Stamm umzingelt hatte. Doch der Khan der Feinde hatte sich für einen ehrenhaften Tod entschieden. Diesen hatte ihm Narthas gerne geschenkt. Die fast dreihundert Reiter, die er von der Hauptstreitmacht abgezogen hatte, waren dafür mehr als genug gewesen. Wieder einmal hatte er bewiesen, dass die Urben unter Herzog Celan keinesfalls an Kampfkraft und –willen eingebüßt hatten. Stattdessen hatten sie die traditionelle Kampfweise der Urben mit der Stärke der tandorischen Reiterei kombiniert. Der Ausgang war schon vor der Schlacht klar gewesen.

„Vater. Ungefähr vierzig Mann haben die Waffen niederlegt. Sie sind weitestgehend unverletzt.“, sagte Lokran, als er auf seinen Vater zuging. „Was sollen wir mit ihnen tun?“

„Sie dürfen mit uns reiten, wenn sie das wollen. Wenn nicht, dann übergebt sie ihren Ahnen.“

„Sehr wohl, mein Khan.“, sagte Lokran und lief dann zu den Gefangenen hinüber, während Narthas auf dem Schlachtfeld nach Herzog Arnold suchte. Der Seneschall hatte sie mit einem Dutzend Ritter begleitet, um ihnen bei der Suche zu helfen. Und um sie zu bewachen, so vermutete Narthas zumindest. Er fand den Herzog am Rand des Schlachtfeldes. Die Spuren auf seiner glänzenden Rüstung ließen allerdings erkennen, dass Arnold sich keinesfalls aus der Schlacht zurückgehalten hatte.

„Wir haben unseren Teil der Abmachung erfüllt.“, stellte Narthas trocken fest.

„Ja, das habt ihr.“

„Also?“, fragte er herausfordernd nach.

Arnold grinste. „Wenn mir jemand vor einigen Monaten gesagt hätte, dass ich auf der selben Seite wie ein Urbe kämpfen würde, hätte ich es nicht geglaubt.“, sagte er. „Ich habe heute Morgen eine Nachricht aus Tarvestdamm erhalten. Der Erzherzog hat einen Erlass ausgestellt, dass sich jeder Ritter eurem Feldzug anschließen darf. Die Kirche hat das Kaiserreich zu Ketzern und Feinde von Adenur erklärt.“

„Und das heißt?“, fragte der Khan. Arnold blickte dem Urben in die Augen.

„Das heißt, dass ich so viele Ritter wie möglich sammeln werde und dich und deine Männer in zwei Wochen an der Belgafurt treffe. Von dort ziehen wir durch die Peltamark nach Kargat.“

Narthas nickte und schlug dem Herzog auf die Schulter. „Das wird aber ein anderer Kampf, das verspreche ich dir.“ Dann wandte sich der Khan ab.

Kapitel 8

„Vierter Cedric, tritt vor.“ Die Stimme des Zweiten hallte über die kaiserlichen Soldaten, die in enger Formation standen und eine freie Fläche in der Mitte bildeten. Neben dem Zweiten stand der Erste der 11. Armee. Darcilos war eine beeindruckende Gestalt. Seine Haut war schwarz, etwas, das man in Valorien kaum kannte, und wies auf seine Herkunft jenseits der See von Tartum weit im Süden der kaiserlichen Provinzen hin. Doch vielmehr war es seine Größe und Kraft, die einen Feind erzittern lassen konnte. Seine Arme waren von Narben bedeckt, die er sich zugezogen hatte, während er sich durch die Ränge des Kaiserreiches gekämpft hatte. Jeder Mann in den Diensten des Kaisers konnte großes erreichen. Darcilos hatte dies bewiesen. Und der Erste war überzeugt, dass der junge Mann, der nun vor ihm niederkniete, ähnliche Möglichkeiten hatte.

„Cedric.“, begann der Erste mit tiefer Stimme zu sprechen. „Du hast mehr als einmal Führungskraft und Stärke im treuen Dienst für den Kaiser bewiesen. Selbst in größter Not warst du ein Vorbild des Mutes und der Entschlossenheit für die Soldaten unter deinem Kommando, hast in erster Reihe gekämpft, und dem Banner der Sonne Ehre gemacht. Für diese Tapferkeit erhebe ich dich in den Rang eines Dritten. Von diesem Tag an sollst du das 6. Banner des 1. Regimentes der 11. Armee als Offizier befehligen, es in den Kampf anführen, um den Frieden des Kaisers zu erstreiten. Erhebe dich, Dritter Cedric.“

Der junge Mann stand auf und schlug die Faust zum Salut auf die Brust. „Erster!“, sagte er anerkennend. „Ich werde mein Leben für den Kaiser geben.“

Darcilos nickte anerkennend. „Lebend wirst du ihm mehr dienen können.“, sagte er und fasste den neuen Dritten dann an der Schulter. „Komm mit!“, sagte er und wandte sich dann an den Zweiten, der neben ihm stand. „Du auch, Kalik!“, sagte er.

Gemeinsam schritten die Offiziere durch eine Gasse, die die kaiserlichen Soldaten öffneten, dann durch das Heerlager bis auf den kleinen Erdwall, der das Lager schützend umgab.

Als die drei Männer die kleine Anhöhe erreichten blickten sie auf den Fluss, den Teng, und die Stadt, die an dessen Ufer lag. Gründau.

„Cedric, ich hoffe, du bist bereit, dein Banner in deine erste Schlacht als Dritter zu führen.“

„Gegen wen kämpfen wir, Erster?“, fragte Cedric verwundert. Er hatte eigentlich angenommen, dass sie hier nur ein längeres Lager aufgeschlagen hatten, um aus der Stadt versorgt zu werden. Sie waren ja auch erst vor zwei Tagen eingetroffen. Doch erst jetzt bemerkte er, dass auf den Palisaden der Stadt die Banner des Kaiserreiches fehlten.

„Kalik?!“, sagte Darcilos auffordernd.

„Gründau hat sich schon vor etwas mehr als einem Jahr gegen den Frieden des Kaisers aufgelehnt. Damals konnten wir die Bürger unter der Androhung eines Angriffes überzeugen, die Stadt wieder zu übergeben. Die Rebellen waren bereits geflohen. Wir haben später in Dornat einige der Rädelsführer gefangen nehmen können. Sie sollten vor einigen Wochen hier am Ort des Verbrechens hingerichtet werden. Seitdem haben wir keine Nachricht mehr vom Dritten erhalten, der die Stadt gehalten hat.“

„Deswegen habe ich das 1. Regiment hierhergeführt.“, fügte der Erste hinzu. Ein volles Regiment war mehr als genug, um diesem Widerstand ein Ende zu bereiten. Dennoch hatte er gewartet, bis alle Banner zusammengezogen waren, bevor er den Angriff befahl. Es war um einiges schwieriger, ein rebellisches Land mit einer kaiserlichen Armee zu halten, als es initial einzunehmen. Während des Vormarsches konnte man die Armee zusammenhalten, die Stärke ihrer Anzahl und Geschlossenheit nutzen. Nun war er dazu gezwungen worden, die 11. Armee über das ganze Land zu verteilen, um Präsenz zu zeigen.

„Wir werden die Stadt für den Kaiser zurückerobern!“, sagte Cedric entschlossen. „Ich werde den Vormarsch mit Freuden führen.“

Doch der Erste schüttelte den Kopf. „Nein. Wir werden die Stadt nicht einnehmen. Wir haben diesen Bürgern den kaiserlichen Frieden angeboten. Zweimal. Doch sie haben ihn ausgeschlagen. Nun werden wir ein Exempel statuieren, dass man in der ganzen Provinz Kargat hören wird.“, sagte er und wandte sich dann an Kalik.

„Zweiter, die Katapulte.“, befahl er. Der Zweite salutierte nur, wandte sich ab, und schritt den Erdwall hinunter. Doch bis nach oben hörte man den Befehl.

„Katapulte, vor!“

Cedric erkannte, wie mehrere Männer vier Katapulte in Stellung brachten, während weitere Männer Steine und Brandgeschosse heranschafften.

„Aber Erster, sind wir als Soldaten nicht verpflichten, die Bürger des Kaiserreiches zu beschützen?“, fragte Cedric und blickte sorgenvoll auf die kleine Stadt. Doch Darcilos schüttelte den Kopf.

„Nein Junge, diese Menschen sind keine Bürger mehr. Sie sind Rebellen und Feinde des kaiserlichen Frieden. Feinde des Kaisers der Sonne selbst. Es gibt nur eine Möglichkeit mit ihnen zu verfahren.“, antwortete er mit ruhigem Ton. „Nun geh zu deinem Banner. Auf meinen Befehl wirst du den Angriff führen.“

Cedric überlegte noch kurz, was er dazu antworten konnte. Aber er wusste nichts, dagegen einzuwenden. Also salutierte er nur noch. „Sehr wohl, Erster!“

Er drehte sich nun ebenfalls um und schritt den Erdwall hinunter. Von oben hörte er noch die lauten Befehle des Ersten, der sich direkt an die Mannschaften der Katapulte wandte: „Zielt mit den Steinen auf das Tor. Schickt die Brandgeschosse tief in die Stadt hinein.“ Nachdem er die Ziele ausgegeben hatte, zögerte Darcilos kurz. Dann gab er den Angriffsbefehl. „Feuer frei!“ Nun hörte Cedric nur noch die krachenden Geräusche der vier Katapulte, die abgefeuert wurden.

Der junge Dritte zog sein Schwert. Er blickte auf das geborstene Stadttor, hinter dem sich verzweifelte und verängstigte Verteidiger sammelten. Er sah die Flammen und Rauchsäulen, die aus der Stadt aufstiegen. Auch die Palisade selbst war an mehreren Stellen durch den dauernden Beschuss zerstört worden. Er hörte auch die Rufe. Die Schreie. Das Wehklagen. Von Frauen. Von Kindern. Von den Schwachen, die dachten, sie wären sicher, weil sie selbst kein Schwert führen konnten. Aber die Mitwisserschaft machte sie genauso schuldig, wie jeden Mann, der sich gegen das Kaiserreich aufgelehnt hatte.

„Formation bilden!“, befahl Cedric laut. Sofort hoben seine Soldaten die Schilde, traten je einen Schritt in die Mitte der Formation, um diese zu schließen, und bildeten dann einen massiven Schildwall. Die zweite Reihe hob die Schilde, um auch gegen Beschuss gefeit zu sein, während die Schützen in den hinteren Reihen ihre Armbrüste spannten.

Er erinnerte sich an das kleine Dorf in Valorien, an dem sie unter dem Dritten Jaromir ein ähnliches Exempel hatten statuieren wollen. Damals hatte sich ein Mönch der Laëa dazu entschieden, das Morden zu stoppen. Er hatte unter seinen Kameraden ein Blutbad angerichtet und nur Cedric Gnade gewährt. Doch heute würde sie niemand stoppen.

Cedric blickte in die Gesichter der Männer, die er gleich töten würde. Obwohl sie noch weit weg waren, fühlte es sich an, als würde er ihnen direkt in die Augen schauen. War es gerecht, dass sie alle heute den Tod fanden? War es richtig? Oder musste er Reue haben? Doch dann erinnerte er sich, was aus dieser Gnade entstanden war. Gnade war Schwäche. Und Schwäche führte zu Chaos. Jenem Chaos, das sich im Krieg gegen Valorien gebildet hatte. Hunderte, Tausende Leben wären verschont worden, wenn ihre Truppen damals siegreich gewesen wären, oder die Valoren sich einfach ergeben hätten. Heute würden viele Menschen für den kaiserlichen Frieden sterben. Doch der kaiserliche Frieden schützte Tausende, Zehntausende, Hunderttausende im ganzen Kaiserreich. Er würde nicht erlauben, dass sie an diesem Tag Schwäche zeigten. Dass das Chaos wieder die Oberhaupt gewinnen konnte. Nein, er musste diesen Krieg führen, um den Frieden des Kaisers zu bringen.

„Soldaten des Kaisers, die Feinde des kaiserlichen Friedens stehen vor uns. Gewährt keine Gnade!“, befahl er laut und deutete dann mit der Klinge nach vorne. „6. Banner. Marsch!“, gab er den Angriffsbefehl. Dann setzten die Musiker ein und gaben den Takt des Vormarschs an. Den Takt des Todes für Gründau.

Kapitel 9

Yatane hatte mittlerweile aufgehört zu zählen, wie oft sie sich abends mit den Gefährten an ein Lagerfeuer gesetzt hatte, um sich zu Wärmen. In einem so langen Leben mochten wenige Tage wie ein Augenschlag wirken. Für Yatane fühlte sich ihre Flucht aber nun schon wie eine Ewigkeit an. Nicht wegen ihr. Sie hatte schon Jahre am gleichen Ort verbracht, ohne dieses Gefühl zu haben. Nein, es war die Angst um Luna und ihr ungeborenes Kind, die sie jeden Tag wünschen ließ, dass sie die Reise bald überstanden hatten. Bevor sie sich einen Lagerplatz gesucht hatten, hatte Adrian gesagt, dass sie vielleicht noch ein, zwei Tage bis Härengar brauchen würden. Es war ein Hoffnungsschimmer.

Obwohl sie nun in deutlich dichter bevölkerten Landstrichen waren, wollten sie nicht das Risiko eingehen in ein Wirtshaus einzukehren. Aber die Kälte erlaubte nicht, nur mit Fellen und Decken zu schlafen. Ein Feuer war dennoch das geringere Risiko, das sie eingehen mussten.

„Yatane? Schläfst du eigentlich jemals?“ Die müde Stimme der Königin klang an das Ohr der Elfe. Yatane drehte sich zu Luna um.

„Weniger als du auf jeden Fall. Und wenn wir morgen eine ordentliche Strecke zurücklegen wollen, dann solltest du nun genau das wieder tun.“, mahnte sie die Königin mit einem Zwinkern.

„Ich kann gerade nicht. Alles dreht sich in meinem Kopf.“, antwortete sie.

„Ist es wegen…?“, fragte Yatane, aber die Königin schüttelte den Kopf.

„Nein. Es ist eher wegen all dem, was vorgefallen ist. Arthur hatte mir die besten seiner Männer ausgesucht. Handverlesen aus Freital und anderen freien Dörfern während der Besatzungszeit. Er hat sie alle verloren. Zuletzt Rogard. Aber auch davor. All diese Menschen in Sonnfels. Innerhalb eines Augenschlages wurden sie getötet.“, sagte sie nachdenklich. Yatane nickte verständnisvoll, kam aber nicht zu einer Antwort, bevor Luna weitersprach. „Aber weißt du, was mich am meisten beschäftig?“

Die Elfe schüttelte den Kopf. „Nein, sag.“

„Wenn ich das Schwert in der Hand habe – Zeitensturm – dann fühle ich mich, als könnte ich ähnliches vollbringen. Als könnte ich solche Mächte haben, wie dieser Mann in den Schatten.“, sprach sie leise. Dann blickte sie Yatane in die Augen. „Sag, kanntest du den Mann? Diesen Elf? Wieso ist er mit dem Kaiser verbündet?“

Yatane wandte den Blick wieder ab und schaute ins Feuer. Sie zögerte. Luna war natürlich eine Freundin. Aber auch ein Mensch. So jung. Sie konnte nicht verstehen, was es hieß, so vieles schon gesehen zu haben. Und diese Wahrheit…

Sie seufzte. „Sein Name ist Tanatel.“, sagte sie.

Luna nickte erst und grübelte dann kurz. „Tanatel? Wie der Elfenfürst von dem du mir erzählt hast?“

Yatane nickte nur, aber Luna setzte sich schlagartig auf und schaute die Elfe verwirrt an. „Aber… wenn er… wieso? Wieso sollte er dem Kaiserreich helfen?“

Yatane schüttelte erneut den Kopf und blickte noch immer ins Feuer. „Das weiß ich nicht.“, sagte sie. Dann schaute sie in den Wald. „Willst du dir ein bisschen die Füße vertreten, bevor du weiterschläfst. Vielleicht hilft das?“, bot sie der Königin dann an. Luna nickte. Obwohl sie den ganzen Tag marschierten, fühlte sie sich in diesem Moment in der Tat danach, sich etwas zu bewegen. Vielleicht würde es dann wieder besser funktionieren, mit dem Schlafen. Immerhin waren die Nächte lang, und es gab keinen Grund, übermäßig zu eilen.

Sie standen auf, Yatane legte Luna einen weiteren dicken Mantel um, und liefen dann langsam in den Wald. Die Elfe nickte einem der vier Männer von Adrian, die sie begleiteten, beruhigend zu, als er auf sie zukam. Er war gerade zur Wache eingeteilt. „Wir sind gleich zurück.“, sagte die Elfe beruhigend und ging dann ohne weitere Worte mit Luna an ihm vorbei.

„Aber es muss doch einen Grund geben.“, sagte Luna schließlich, als sie schon mehrere Schritte gelaufen waren.

„Pass auf, wo du hintrittst.“, mahnte Yatane. Man konnte den Waldboden im Schein von Mond und Sternen gut sehen, denn der schneebedeckte Boden schien im Licht der Nacht fast zu leuchten.

„Ich meine, wenn er ein Fürst der Elfen ist, sollte er nicht Alydan dienen? Oder einen Spross des Weltenbaums schützen?“, hakte Luna nach.

„Ja, das sollte er. Aber für Tanatel ist alles anders gekommen.“, antwortete Yatane.

„Was meinst du damit?“, fragte Luna nach. „Was ist anders gekommen?“

Yatane schüttelte den Kopf. Sie konnte eine gewisse Traurigkeit nicht verbergen. Die Geschehnisse waren hunderte Jahre her, hatten sich aber fest nicht nur in ihr Gedächtnis, sondern in das Gedächtnis ihres ganzen Volkes festgesetzt.

„Seine Kraft wurde im gestohlen. Der Spross ist tot.“, sagte sie leise.

„Wie…?“, wollte Luna fragen, als sie sich auf einmal daran erinnerte, was ihr Elian und Siliva kurz nach ihrer Ankunft in Valorien gezeigt hatten. Ein Spross des Weltenbaums. Tot. „Liamtal.“, sagte sie leise.

Yatane nickte. „Ja. Tanatel war einst Fürst all dieser Länder, auf denen wir schreiten. Von Valorien bis zu allen Meeren reichte seine Heimat. Doch dies ist lange her.“

„Wie konnte der Spross getötet werden?“, fragte Luna nach.

Yatane hielt inne und drehte sich zu Luna. Sie lächelte die Königin an, aber es war ein trauriges Lächeln. „Durch eine Klinge. Die Macht der Magie wurde aus dem Land gezogen und ging in das Schwert über. Tanatel konnte sich nur einen Bruchteil der einstigen Kraft bewahren.“

Luna wollte gerade die nächste Frage stellen, als sie die Antwort schon erkannte. Sie blickte an sich hinunter. Wie selbstverständlich trug sie Zeitensturm an ihrem Gürtel. Seit der Nacht, in der es ihr der Wächter übergeben hatte, schien sie die Klinge nicht einmal weggelegt zu haben. „Zeitensturm. Die Magie, die ich nun wirke. Es ist seine Kraft.“

„Nur ein sehr kleiner Teil. Es würde Jahrhunderte und noch länger brauchen, um diese Macht wahrlich hervorrufen zu können.“, sagte Yatane.

„Aber dies war Gilberts Klinge…“, sagte Luna verwirrt. „Wieso hat er…?“

Yatane streichelte Luna sanft über die Schulter und wies ihr dann, langsam weiterzugehen. In einiger Entfernung erkannte die Königin eine kleine Lichtung, auf die sie zugingen.

„Einst herrschte Krieg zwischen den Menschen und uns Elfen. Ein furchtbarer Krieg. Wahrscheinlich kann man sagen, dass die Menschen gewonnen haben. Wenn es in solchen Kriegen überhaupt Sieger geben kann.“, sagte Yatane.

Luna wirkte noch immer verwirrt. „Du meinst, wir Valoren haben gegen die Elfen Krieg geführt? Ist das der Grund, wieso Tanatel uns nun bekämpfen will?“

„Vielleicht. Wie gesagt: Ich weiß es nicht.“, sagte Yatane.

„Aber das muss hunderte Jahre her sein. Kein Mensch, der gegen die Elfen die Klinge erhoben hat, lebt heute noch. Wir wussten ja nicht mal mehr, dass es euch gibt. Ihr wart in das Reich der Legenden verschwunden.“

„Ja, für euch vielleicht.“, antwortete Yatane ernst. „Aber von uns gibt es noch viele, die den Krieg und seine Folgen erlebt haben. Wir leben lange. Und wir vergessen nicht.“

Luna bemerkte den traurigen Ton der Freundin. Auf einmal hielt sie inne und drehte sich zur Elfe, schaute sie mit großen Augen an. „Du? Du warst damals in Valorien?“

Yatane nickte. „Es ist lange her, aber ich konnte nicht vergessen. Aber mach dir keine Sorgen Luna: ich erkenne, was die Zeit mit dem Land gemacht hat. Es gibt einen Grund, wieso die Elfen dir und deinem Volk gegen das Kaiserreich zur Seite standen. Zeiten ändern sich. Ihr Menschen ändert euch. Und du, Luna, Königin der Valoren, hast ein gutes Herz.“

„Es tut mir leid.“, sagte Luna leise und schaute zu Boden.

„Das muss es nicht.“, sagte Yatane und deute dann auf die Lichtung. „Komm nun. Ich glaube, da will uns jemand sprechen.“, sagte sie.

Luna schaute auf und erkannte dann auch auf der Lichtung einen Mann, der auf einem Holzstamm saß. An seiner Seite war ein Wanderstab gelehnt, ansonsten konnte sie nichts erkennen.

„Wer ist das?“, fragte sie überrascht.

„Das wirst du gleich sehen.“, sagte Yatane mit einem Zwinkern und ging dann mit Luna die letzten Schritte auf die Lichtung. Sie verneigte sich vor dem Elfen. „Mein Fürst: ich glaube Ihr kennt die Königin von Valorien noch nicht, obwohl sie doch so lange unser Gast in Alydan war.“

Die Sonne stand gerade am Höchsten Punkt, als sie das Stadttor von Härengar passierten. Gerne hätte sich Yatane die große Stadt angeschaut. Sie war immer neugierig, was die Menschen über die Zeit mit ihren Städten taten, wie sie sich über die Jahrzehnte und Jahrhunderte veränderten. Aber sie war so klug, sich unscheinbar zu verhalten und schaute hauptsächlich auf den Boden, das Gesicht in einer weiten Kapuze verhüllt. An der Seite von Arthur und Luna betraten sie die Stadt mit vielen anderen Reisenden, Bauern, und Kaufleuten, die in das Zentrum der jüngsten kaiserlichen Provinz kamen.

Der junge kargatianische Hauptmann, Adrian Kilfort, hatte sie mit seinen Männern am Morgen verlassen. Hier in der Stadt war es zu riskant für ihn, entdeckt zu werden. Außerdem waren drei Wanderer weniger auffällig als acht.

„Dort geht es zum Hafen.“, sagte Yatane und deutete auf eine kleinere Straße, die von der Hauptstraße direkt hinter dem Tor abzweigte.

„Gut. Dann sollten wir uns dort umschauen. Mit etwas Glück können wir die Nacht schon auf einem Schiff verbringen.“, sagte Arthur. Der Ritter wollte so kurz wie irgend möglich in der Stadt verweilen. Es waren weniger ihre Gesichter, um die er sich Sorgen machte. Hier in Härengar kannte niemand die Königin Valoriens oder einen Ritter des Reiches Valorien. Aber wenn man ihre Schwerter entdeckte, waren sie verdächtig. Wenn man dann Fragen stellte, oder gar Yatane als Elfe erkannte, würde dies wohl das Ende ihrer Reise und ihres Lebens bedeuten.

Yatane bemerkte, wie Luna langsamer wurde, als sie losgingen. Sie ging näher zur Königin und legte ihren Arm um ihre Schulter. „Alles gut?“, fragte sie leise. Luna nickte kraftlos.

„Es geht schon. Nur ein kurzer Moment der Schwäche.“, sagte sie offensichtlich dankbar über die zusätzliche Stütze.

„Wir haben es bald geschafft.“, sagte Yatane aufmunternd und folgte dann dem Ritter, der schon einige Schritte vorweg gegangen waren.

Im Hafen angekommen lotste sie Arthur zu einigen Lagerhäusern, bei denen sie recht unbemerkt Warten konnten, und dem regen Treiben im Hafen nicht im Weg standen. Trotz des Winters war einiges los. Schiffe wurden be- und entladen. Einige Händler verkauften Waren. Und überall patrouillierten kleine Gruppen kaiserlicher Soldaten oder Stadtwachen von Härengar. Es würde nicht einfach werden.

Von ihrer Position aus versuchte sich Arthur einen besseren Überblick zu verschaffen und beobachtete die Schiffe und die Menschen im Hafen.

„Und, schon eine Idee?“, fragte Yatane interessiert, nachdem der Ritter einige Momente beobachtet hatte.

„Ich habe kein gutes Gefühl.“, murmelte er zurück.

„Wieso?“, fragte Yatane, die mehr auf Luna, als auf das Treiben um sie herum achtete.

„Die kaiserlichen Soldaten scheinen die Schiffe zu beschlagnahmen. Sieh dort hinten! Zwei Mannschaften diskutieren mit den Soldaten. Auch sonst wirken einige der Schiffe, auf denen Soldaten sind, viel zu unterschiedlich, um zu einer Flotte zu gehören.“

Arthur hatte beileibe nichts mit Schiffen zu tun. Ein Ruderboot war in Rethas wohl das höchste der Gefühle. Selbst in Lyth Valor gab es kaum größere Schiffe. Aber er war immer ein guter Beobachter gewesen. Und er hatte den Sinn eines Jägers für die Feinheiten, auf die es ankam.

„Ich glaube nicht, dass wir hier eine Chance haben, ein Schiff zu finden, das uns nach Valorien bringt.“, stellte er resigniert fest. Gerade wollte er nach weiteren Möglichkeiten suchen, als er spürte, wie er am Arm gepackt und in die kleine Gasse zwischen zwei Lagerhäusern gezogen wurde. Sofort griff er mit der Hand an den Schwertgriff.

Aus dem Augenwinkel erkannte der Ritter, dass zwei weitere Gestalten auch Yatane und Luna nach hinten gezogen hatten. Nur war die Elfe deutlich schneller als er gewesen und hielt einem der vermeintlichen Angreifer bereits ihr Messer an den Hals.

„Psst. Seid leise und steck das Ding weg.“, hörte Arthur eine Frauenstimme. Dann schaute er die Frau an, die ihn immer noch am Arm hielt. Sie war jung, vielleicht Anfang zwanzig, hatte dunkelbraune Haare, die zu zwei Zöpfen geflochten und eng an den Kopf gebunden waren, und trug einen leichten Mantel, unter dem Arthur allerdings leichte Lederrüstung vermutete. An ihrem Gürtel erkannte der Ritter einige Messer und Dolche. Doch das Gesicht kam ihm bekannt vor.

„Ihr drei seid so offensichtlich unscheinbar, ihr ruft ja geradezu, verhaftet zu werden. Also: was wollt ihr hier?“, zischte die Frau.

Arthur zog die Augen zu Schlitzen, nickte dann aber Yatane zu, die den Druck ihres Messers leicht löste, es aber noch in der Hand hielt.

„Ich glaube, ich kenne dein Gesicht.“, stellte der Ritter fest.

„Ach ja?“, sagte die Frau mit einem Grinsen. „Aus Härengar? Oder Tengemünde? Habe ich dir dein Herz gestohlen, alter Mann, oder etwas anderes?“

„Aus Elorath.“, sagte Arthur leise. Das Gesicht seiner Gegenüber erfror. Sie schaute ihn verwundert, gar schockiert an. Als hätte man sie erwischt. Doch langsam arbeitete es in ihrem Kopf. Erst dann blickte sie von Arthur zu Yatane und schließlich zu Luna, deren Gesicht zwar auch durch eine Kapuze teilweise verdeckt war, das man aber dennoch erkennen konnte.

„Kö…“, wollte sie schon sagen, hielt sich aber dann selbst den Mund zu. „Verdammt. Du bist ein…“, sagte sie und nickte zu Luna. Dann schaute sie wieder zu Arthur. „Dann bist du…“

„Ja. Du kamst damals mit Berlan und Taskor zu uns, nicht wahr?“, fragte Arthur. Die Frau nickte.

„Sinja. Kommt mit. Was auch immer euch hierher gebracht hat: Ihr solltet keine Minute länger hier draußen sein. Das Hafenviertel gehört guten Freunden von mir. Wir werden einen guten Winkel finden, um euch erstmal zu verstecken.“, sagte sie. Arthur merkte noch immer den skeptischen Blick von Yatane.

„Ich glaube wir können ihr vertrauen.“, sagte der Ritter leise und schaute zu Luna. Die Königin nickte nur. Sie wirkte zu schwach für eine Diskussion. Also fügte sich auch Yatane, steckte das Messer zurück in die Scheide, und folgte dann den drei Gestalten tiefer in die Gasse hinein.

Yatane saß auf einem Stuhl in einer Ecke, in die das Licht kaum hineinschien und beobachtete. Zum einen Luna, die an der Wand auf einer kleinen Pritsche lag, zugedeckt mit einigen Fellen, und sich ausruhen konnte. Zum anderen Arthur und Sinja, die an einem Tisch saßen, während der Ritter ihre Geschichte erzählte. Oder zumindest das, was unbedingt notwendig war.

„…wie du also siehst, gibt es eine Chance Kargat vom Kaiserreich zu befreien. Ohne die Mönche, die Härengars Untergang einleiteten. Aber dafür müssen wir so schnell es geht und wohlbehalten zurück nach Valorien. Du und deine Freunde können uns nicht irgendwie helfen?“. Der Ritter hatte das ‚Freunde‘ besonders betont, denn das dunkle Lagerhaus, in das sie gebracht worden waren, wirkte alles andere als legal. Viel mehr schien es, als wäre Sinja hier unter einer Decke mit Banden, die wohl Schmuggel und Verbrechen im Hafen kontrollierten.

„Hmm, eine ganz schöne Reise habt ihr da hinter euch.“, antwortete Sinja nachdenklich. „Gut, dass ich euch gefunden habe, und nicht die Soldaten. Oder jemand anderes, der euch für viel Geld verkauft hätte.“

„So wie deine Freunde?“, fragte Yatane skeptisch aus der Ecke.

„Einige von ihnen, bestimmt.“, antwortete Sinja ehrlich.

„Sinja, Königin Hega hat sich für dich und die anderen Kargatianer verbürgt. Also beweise, dass sie damit nicht falsch lag.“, sagte Arthur eindringlich. Die junge Frau lehnte sich zurück und nickte.

„Ja, klar. Ich bin die letzte, die euch in den Händen der Kaiserlichen sehen will. Aber Härengar war keine besonders gute Idee.“

„Ein Schiff erscheint mir immer noch eine bessere Chance als die Brücken über den Calas.“, widersprach Arthur.

„Ja, nur werdet ihr hier kein Schiff finden. Am besten reist ihr weiter nach Norden. Meidet die Städte. Wenn ihr kurz vor dem Calas seid, in den Ausläufern der Nebelberge, dann solltet ihr nach Fischerdörfern suchen. Vielleicht findet ihr dann jemand, der euch bis nach Lyth Valor nehmen kann.“, schlug Sinja vor.

„Kannst du uns sicher aus der Stadt bringen?“, fragte jetzt Yatane. Die junge Frau nickte.

„Ja, das sollte kein Problem sein.“

„Gut.“, sagte Arthur und lehnte sich wieder zurück. „Sag Sinja, deine ‚Freunde‘, wer ist das eigentlich? Und wie viele?“

Sinja neigte leicht den Kopf und lächelte. „Sie sind der Stiefeldreck, auf den jeder Herrscher hinunterschaut. Der Bodensatz der Stadt. Aber es sind einige Arbeiter hier im Hafen, die sich gerne etwas dazuverdienen wollen. Söldner und Leibwächter, die fast jeden Auftrag annehmen. Und all die Schatten, die die Nacht regieren. Ich bin hier aufgewachsen, während mein Vater für das ruhmreiche Königreich kämpfte, und erkennen musste, dass dem Adel sein Fußvolk scheißegal ist. Also kenne ich hier einige Leute. Und wer kann meinem Lächeln schon widerstehen?“, sagte sie und grinste.

„Wenn wir den Angriff auf Kargat starten, würdet ihr euch gegen die kaiserlichen Soldaten erheben?“

„So wie das Berlan und sein Sohn gerade versuchen?“, stellte Sinja eine Gegenfrage und lächelte über die verwunderte Reaktion ihres Gegenübers. „Tut nicht so überrascht, Herr Ritter. Wenn man über ein Jahr an der Seite der gleichen Menschen ist, wächst man zusammen. Berlan hat mir von dem Plan erzählt, noch bevor er ihn der Königin unterbreitet hat. Eigentlich eine gute Idee. Aber ich glaube hier in Härengar wird das nicht so einfach.“

„Wieso das nicht?“, fragte Arthur.

„Weil die Menschen genug vom Krieg haben und sich nicht viel ändert, wenn jemand anderes gerade die Krone auf dem Kopf hat. Ob König, Kaiser, oder Königin. Wer im Dreck lebt, wird auch weiter im Dreck leben. Viele meiner Freunde haben den Machtwechsel gar nicht gespürt. Was sie bemerkt haben, war das brennende Härengar, als die kaiserlichen Soldaten mordend durch die Stadt gezogen sind. Glaubst du, das wäre anders, wenn Valorien den Krieg erneut über uns bringt? Die Menschen im Norden mögen darüber anders denken. Oder auch die aus Karkliff, wie euer Freund Adrian Kilfort. All diese Städte – Tengemünde, die Zwillinge, Fendheim – haben kapituliert und die Tore geöffnet, als sie vom Fall Härengars gehört haben. Ja, selbst Wulfricshafen mit all seinen Soldaten und Matrosen hat die weiße Fahne gehisst, als kaiserliche Schiffe den Hafen und die kargatianische Flotte blockiert haben. Nun sitzen sie alle im Kerker und verrotten langsam. Aber sie haben auch nicht gesehen, was wir hier in Härengar gesehen haben. Sie können alle noch nach dem Krieg streben, den ihr über Kargat bringen werdet. Aber erwartet hier nicht allzu viel Unterstützung. Für die Kargatianer wird Luna nur eine weitere Königin sein, die auf sie hinabschaut. Und ich ziehe die Klinge für euch nur aus Verbundenheit zu Taskor und Hega.“

Arthur stutzte ob des Monologs von Sinja, in dem sie sich immer mehr in Rage geredet hatte. Doch bevor er etwas antworten konnte hörte er eine andere Stimme. „Das ist nicht wahr.“ Der Ritter drehte sich um und erkannte die Königin, die sich aufgesetzt hatte.

„Das ist nicht wahr, und das weißt du. Ich will dem Volk Kargats seine Freiheit geben. Freiheit, vor den kaiserlichen Grausamkeiten und der Unterdrückung.“

„Freiheit? Ich dachte, Ihr wolltet über dieses Land herrschen, wie Euer großer Vorvater?“, erwiderte Sinja keck, hängte dann aber noch ein „Majestät“ an.

„Ich…“, wollte Luna erwidern, wusste aber erst keine rechte Antwort. Was sollte sie dazu auch sagen. Sie war dann nun einmal Königin. Aber was sie mit Kargat und seinem Volk machen würde, hatte sie sich natürlich noch nicht überlegt. Adelige, die sich einfach dem Kaiserreich untergeordnet hatte, würde sie bestimmt verurteilen. Aber ansonsten?

„Wartet, wiederholt noch einmal das mit Wulfricshafen?“, hakte auf einmal Arthur nochmal auf das von Sinja gesagte nach, nachdem er einige Momente über die Worte nachgedacht hatte.

„Also Themawechsel?“, fragte Sinja skeptisch zurück. „Was meintet Ihr?“

„Du sagtest, in Wulfricshafen wären Soldaten und Matrosen festgesetzt worden. Sowie die kargatianische Flotte.“

„Ja, das stimmt.“

Mit einem Lächeln schlug der Ritter seine Faust auf den Tisch und ließ so die Anwesenden kurz zusammenzucken. „Da haben wir unser Schiff!“

„Ihr wollt ein Schiff der Flotte stehlen?“, fragte Sinja skeptisch, aber der Ritter schüttelte den Kopf.

„Nein, ich will die Flotte stehlen.“, sagte er und drehte sich dann zu Luna. „Majestät, stellt Euch vor, welche Möglichkeiten wir hätten, wenn wir so viele Schiffe und fähige Männer in unseren Diensten hätten? Die Garnison kann nicht groß sein, denn wir haben von Adrian gehört, dass die Kaiserlichen ihre Armee weiter östlich sammeln.“

„Und wie wollt ihr sie befreien?“, fragte Sinja skeptisch.

„Wir werden einen Weg finden, dass sie sich selbst befreien können. Wir werden sie anführen. Außerdem müssen ein Ritter Valoriens und eine Elfenkriegerin ja für irgendetwas gut sein.“, antwortete Arthur. „Was meint Ihr, Majestät?“

„Es hört sich gewagt an…“, antwortete Luna skeptisch.

„Wir haben ja wenig zu verlieren.“, sagte jetzt Yatane. „Wulfricshafen liegt sowieso auf den Weg. Wenn wir dort sind, werde ich ohne euch die Stadt auskundschaften. Wenn es eine Möglichkeit gibt, dann werde ich sie finden. Wenn nicht, ziehen wir wie geplant nach Norden weiter.“

Sinja schaute noch immer skeptisch verwundert, nickte dann aber. „Das ist so verrückt, das könnte klappen.“

Der Ritter wandte sich wieder an sie zurück. „Sag Sinja, auch wenn uns nicht viele unterstützen würden: Du hast nicht zufällig ein paar Freunde, die auf ein Abenteuer erpicht sind? Oder willst du uns begleiten?“

Die Angesprochene schüttelte den Kopf. „Nein, ich bleibe hier vor Ort. Irgendjemand muss euch ja die Stadt öffnen, wenn ihr vor den Toren steht. Aber ja, ich kenne einige junge Männer, die in der Armee dienten oder deren Familien vom Kaiserreich getötet wurden. Ich denke, da sollten sich ein paar Freiwillige finden.“

Arthur schaute wieder erwartungsvoll zur Königin, die scheinbar immer noch über den Vorschlag nachdachte. Und über die Anmerkung von Sinja, zu ihrer Herrschaft. Aber schließlich nickte sie. „In Ordnung, wir versuchen es.“

„Gut. Dann ruht euch bis morgen aus. Ich werde sehen, was ich für euch tun kann. Wenn die Nacht dann über Härengar hereinbricht, bringe ich euch aus der Stadt.“, sagte Sinja und stand auf, um zu gehen.

„Sinja!“, wurde sie aber von der Stimme der Königin aufgehalten. Die junge Frau drehte sich um und schaute zu Luna, die auf dem Bett saß. „Danke!“, sagte Luna nur leise.

„Majestät.“, antwortete Sinja und verabschiedete sich mit einer Verbeugung, die etwas zu tief war, um noch vollkommen ernst gemeint zu sein.

Es war noch Nacht als sie den Ausgang des verborgenen Tunnels erreichten, der sie aus der Stadt geführt hatte. Arthur erkannte, dass sie im Norden der Stadt waren, oberhalb auf einem Hügel. Man konnte die Lichter Härengars sehen. Ob er die Stadt noch einmal sehen würde? An der Spitze einer Invasionsarmee?

„Wisst ihr, wann ich zuletzt diesen Weg genommen habe?“, fragte Sinja, als alle hinausgetreten waren. Neben Arthur, Luna, und Yatane waren in der Tat fünf junge Männer, die Sinja in Härengar gefunden hatte. Sie alle waren dem Kaiserreich in vollkommenen Hass verbunden und hatten Luna sofort die Treue geschworen, als sie erkannt hatten, wer sie war. Arthur war noch immer etwas skeptisch, aber die potenzielle Hilfe übertraf das Risiko. Viel lieber hätte er Männer aus Freital an ihrer Seite. Aber diese waren leider im Kampf für Valorien gefallen.

„Nein, sag.“, forderte Luna Sinja auf, die Geschichte zu erzählen.

„Vor fast zwei Jahren habe ich über diesen Weg Königin Hega, General Taskor, und Prinzessin Sonya aus der Stadt geleitet. Zusammen mit meinem Vater, Florenzo, und Gilmar, einem liebenswerten, aber etwas verrückten Zeitgenossen. Ach, und dem jungen Soldaten. Benno. Wir waren schon eine bunte Truppe. Jetzt leben nur noch die Königin, der General, Florenzo, und ich.“ Den letzten Satz sprach sie leiser, traurig.

Luna ging zu ihr und klopfte ihr auf die Schulter. „Wir werden dafür sorgen, dass das Kaiserreich für alle seine Taten bestraft wird. Wir werden all die Gefallenen rächen. Und wenn das alles vorbei ist, wird eine Zeit des Friedens anbrechen.“

Sinja lächelte angestrengt, schüttelte aber ungläubig den Kopf. „Es wäre so schön daran zu glauben, Majestät. Aber das tue ich noch nicht. Dies ist eine Zeit des Feuers und des Sturms. Aber mit dem Sturm kann man ein Feuer nicht löschen. Man entfacht es nur immer weiter. Ich glaube an Euch, Majestät. Aber mir fehlt der Glauben, dass es Hoffnung für meine Heimat gibt.“

Luna nickte, schluckte, wusste aber auch nichts mehr zu antworten. Schließlich trat sie noch einmal näher zu Sinja und umarmte die junge Frau. „Danke!“, sagte sie noch einmal. Dann drehte sie sich zu Arthur. „Arthur, wir sollten los.“

„Ja, Majestät, das sollten wir.“, sagte der Ritter und hob dann den Rucksack mit Proviant hoch, den ihnen Sinja mitgegeben hatte. „Yatane, wirst du die Vorhut bilden.“

„Natürlich. Aber ich werde euch nicht aus den Augen lassen.“, sagte sie. Währenddessen löste sich Luna wieder von Sinja und nickte ihr noch einmal dankend zu. Dann drehte sie sich weg und lief in die Nacht.

„Danke, Sinja!“, sagte auch Arthur. Dann folgte er ihr in Richtung Norden. Nach Wulfricshafen. Und dann nach Valorien. Hoffentlich.

Kapitel 10

Die Straßen von Tengemünde waren noch trostloser als alles, was Berlan in Kargat bisher gesehen hatte. Rechts und links entlang der Straße saßen Menschen in löchrige Decken gehüllt. Trotz des eisigen Wetters. Ein feiner Regen wurde vom Wind aus Richtung Meer durch die Straßen geblasen. Er schlug einem ins Gesicht und nässte einen langsam aber beständig durch. Diese Menschen mussten nun jedes Wetter ertragen. Ihre Häuser waren zerstört, das hatte Berlan gehört. Sie sahen oft abgemagert aus. Die wenigen Vorräte gingen an die kaiserlichen Soldaten. Oder jene Kargatianer, die mit ihnen kollaborieren wollten. An einigen Stellen hatte Berlan auch festgestellt, dass Menschen nicht mehr atmeten. Doch niemand kümmerte sich um die Toten. Sie lagen einfach an der Straße als Zeugnis dessen, was jene erwartete, die sich nicht dem Kaiser fügten. War es das, was sie Eroberer als ihren kaiserlichen Frieden bezeichneten?

„Wir gehen erst mal in Richtung Hafen und schauen uns dort um.“, sagte Berlan leise zu Sivert. Der Junge nickte, konnte aber nichts erwidern. Dass es hier so schlimm sein würde, hatte ihn überrascht. Also gingen sie zusammen weiter durch die Straßen, den Hügel hinab in Richtung des kleinen Hafens, in dem der Fluss in das Meer floss.

„Wieso ist es hier so viel schlimmer?“, fragte Sivert schließlich.

„Die Kaiserlichen haben das Land unter ihren Offizieren aufgeteilt. Sie herrschen gemeinsam mit gefügigen Adeligen und haben anscheinend viel Spielraum. Der Statthalter, dieser Erste der Armee, scheint andere Probleme zu haben, als sich um jede Stadt zu kümmern. Also entscheiden sie, was sie den Menschen geben. Hier scheint es nicht viel zu sein.“, mutmaßte Berlan. Von Ansgar in Fendheim hatte er nicht nur das Versprechen auf Männer erhalten, sondern auch viele nützliche Informationen. Zum Gefüge der kaiserlichen Armee, die Art ihrer Herrschaft, aber auch die Namen von Adeligen, die sich schnell mit den neuen Herren arrangiert hatten.

„Hoffentlich halten sie den Winter durch.“, sagte Sivert leise. Berlan nickte und stimmte ihm mit einem brummen zu. Dann erreichten sie den Kai und schauten sich um. Es lagen nur wenige Schiffe im kleinen Hafen, drei größere Handelsschiffe, ein kaiserliches Kriegsschiff, und einige kleinere Fischerboote.

„Was suchen wir?“, fragte Sivert und schaute sich um.

„Irgendwas…“, murmelte Berlan leise und schaute sich ebenfalls um. „Ärger ist immer ein guter Ansatzpunkt.“, sagte er und deutete auf eine kleinere Menschengruppe, die sich am nördlichen Rand des Hafens gebildet hatte. „Lass uns das mal anschauen.“, sagte er entschlossen und ging dann in schnellen Schritten auf die Masse zu.

„…schärt euch weg. Ihr bekommt mein Schiff nicht, ihr Halsabschneider. Wenn euch das nicht passt, können wir das ja gerne vor Herr Erwald erläutern.“, hörte Berlan schließlich die laute Stimme einer Frau, als er sich durch die Menge drängelte.

Er drückte zwei protestierende Männer weg, und hatte dann freien Blick auf die Geschehnisse. Fünf kaiserliche Soldaten hatten eine Frau in einem Halbkreis umstellt, die vor der Planke eines der Handelsschiffe stand, das am Kai vertäut war. Sie hatte die Arme verschränkt und wirkte merklich aufgebracht. Ihre dunkelblonden Haare waren zu einem Zopf geflochten und hochgesteckt, doch einige Strähnen hatten sich gelöst und klebten ihr ob des Regens im Gesicht, das leicht errötet war. Doch ihre Augen… aus ihren Augen sprach reiner Hass und Verachtung.

„Das war keine Frage, Bürgerin.“, erwiderte der Vorderste der Soldaten steif. Seine Stimme klang jung, er war sicher noch keine dreißig Jahre alt. „Dein Schiff wird im Namen des Kaisers benötigt, um seine Flotte zu verstärken. Übergebe es mit der Mannschaft, oder werde im Namen des Kaiserreiches wegen Hochverrat angeklagt.“

„Hochverrat?“, schrie die Frau zurück. „Von dir Bübchen? Du hast gerade noch bei deiner Mutter an der Brust gelegen, und glaubst mir jetzt in meiner Stadt etwas erzählen zu können. Der Herr von Tengemünde ist glaube ich immer noch Erwald Gensmann, obwohl eure schönen Flaggen über den Türmen wehen. Fragt ihn ruhig. Er wird euch das gleiche sagen. Unter keinen Umständen werdet ihr mein Schiff auch noch bekommen. Denn im Vergleich zu euch versuche ich noch Nahrung in diese Stadt zu holen, bevor all seine Bürger verhungert sind.“

Berlan lächelte wegen der Reaktion der Frau. Sie ließ sich auch jeden Fall nicht einschüchtern, das war sicher. Es brauchte Schneid, sich fünf Soldaten so offen entgegenzustellen.

„Aber…“, stammelte der Offizier, konnte aber nicht so schnell etwas entgegnen, wie er wieder unterbrochen wurde.

„Aber. Aber. Es gibt kein aber. Verschwindet von meinem Schiff. Ich muss nämlich arbeiten. Also verzieht euch, und kommt wieder, wenn euch Haare am Sack gewachsen sind.“, giftete die Frau weiter. Und drehte sich dann um, um wieder auf das Schiff zu gehen. Doch genau in diesem Moment schien der Offizier wieder etwas Mut gefasst zu haben. Er streckte den Rücken durch.

„Soldat.“, sagte er und wandte sich an den Mann neben sich. „Im Namen des Kaisers, nehmt diese Frau fest. Wir bringen sie in die Garnison, wo sie gerichtet werden soll.“

Die Frau verharrte und schaute sich um. Sie blickte den Offizier finster an. „Das wagt ihr nicht. All diese Menschen wissen, wer ich bin. Der Name Kresswein hat in Tengemünde schon länger eine Bedeutung als eure schöne Sonne. Denn meine Familie hat sich immer um die Bürger hier gekümmert. Also lasst es, wenn ihr hier lebend davonkommen wollt.“

Als hätte sie ihm etwas befohlen, verharrte der Soldat sofort nach einem Schritt und blickte unsicher zum Offizier. „Vierter?“

„Soldat, du hast einen Befehl!“, gab der Vierte laut zurück. Also machte der Soldat zwei weitere Schritte nach vorne und packte die Frau am Arm.

„Lass mich los, du Flegel!“, schimpfte diese weiter, doch diesmal gab der Soldat nicht nach und zog sie wieder zurück zur Kaimauer. Berlan erkannte, wie sich auch auf dem Schiff einige Männer an der Reling sammelten und finster auf die Geschehnisse schauten. Auch neben sich spürte er Unruhe.

„Bringt sie zur Garnison.“, befahl der Vierte schließlich und die drei Soldaten stellten sich um die Frau, während der letzte Soldat ihr gerade die Hände fesselte, obwohl sie weiter zeterte und sich wehrte.

Als der Offizier allerdings losgehen wollte war da noch die Menschentraube. Und niemand schien Anstalten zu machen, aus dem Weg zu gehen.

„Macht Platz, im Namen des Kaisers!“, befahl der Vierte und legte die Hand an das Heft seines Schwertes, als nichts geschah. Er schaute die Menschen düster an, aber diese verharrten. „In Ordnung. Soldaten des Kaisers. Zieht Blank!“, befahl er und die vier Männer zogen fast gleichzeitig ihre Schwerter und hoben ihre Schilde. Sofort wich die Menge einen Schritt zurück, blieb aber geschlossen.

Auch Berlan ging einen Schritt zurück. So viel Ärger hatte er nicht erwartet. Aber die Geschehnisse zeigten viel über die Stimmung der Stadt. „Halt dich hinten!“, murmelte er Sivert zu. Das hier hatte volles Potential, böse zu enden. Vorsichtig nahm er die rechte Hand unter den Umhang und löste die Befestigung seiner Axt.

„Bürger, tretet zurück, oder ihr werdet als Verräter sterben!“, brüllte der Vierte erneut, doch die Reaktion war genau die Gleiche. Niemand wich. Niemand trat vor. Die Menge blieb als homogener Block bestehen. Doch der Offizier schien nicht entschlossen, mit den wenigen Männern entschieden gegen die Menschen vorzugehen. Er schaute sich etwas unsicher um, schien nach einem Ausweg zu suchen. Schließlich schüttelte der Kopf.

„Dann also nicht.“, sagte er. Berlan wollte gar nicht glauben, dass sie einfach abziehen wollten. Aber dies war anscheinend auch nicht der Fall. Stattdessen drehte sich der Vierte zu der Frau um. „Auf die Knie mit ihr!“, befahl er einem Soldaten, der sie mit einem Tritt in die Kniekehlen zu Boden schickte. Sofort ging ein Raunen durch die Menge.

„Au. Verdammt. Seid ihr bekloppt?“, fauchte die Frau. „Lasst mich jetzt frei, und beendete diese Scharade, bevor noch jemand verletzt wird!“, befahl sie dem Vierten. Doch dieser schüttelte nur den Kopf und richtete dann die Spitze seiner Klinge in Richtung der Menschen. Er fuhr mit seiner Klinge einmal den Halbkreis entlang.

„Ihr habt mich dazu gezwungen, Bürger von Tengemünde.“, sagte er und drehte sich dann zur Frau. „Inka Kresswein. Du bist des Hochverrates an Kaiserreich und Kaiser beschuldigt und für schuldig befunden. Die Strafe ist der Tod. Hast du letzte Worte?“

„Das wagt ihr nicht!“, zischte die Angesprochene und blickte hoch. Doch Berlan hörte in ihrem Tonfall und sah in ihren Augen die Angst, die sie nun hatte.

„Das Urteil wird sofort vollstreckt.“, sagte der Vierte und hob seine Klinge.

Kaum jemand hätte wohl so schnell reagieren können. Aber Berlan war kein einfacher Jemand. Er hatte die Situation richtig eingeschätzt. Es hatte zur Eskalation kommen müssen. Nun halfen ihm seine Reflexe als Krieger, die er trotz seines Alters behalten hatte. Mit einem kräftigen Wurf schmiss er seine Axt, die krachend den Schädel des kaiserlichen Offiziers spaltete, bevor dieser zuschlagen konnte. Die Klinge viel noch vor dem Leichnam klirrend zu Boden. Doch Berlan zögerte nicht.

Sofort sprang er nach vorne. Mit einem kräftigen Tritt gegen den Brustpanzer eines Soldaten schickte er diesen in das kalte Hafenbecken. Dann beugte er sich herunter, entging dadurch dem Schlag eines Soldaten, und griff zur Klinge des Vierten. Im Aufstehen richtete er die Klinge nach vorne und durchbohrte die Brust des Mannes. Dann stellte er sich schützend vor Inka, und wollte gerade die weiteren Feinde abwehren. Aber da waren keine Feinde mehr. Die anderen Soldaten waren ebenso überrascht wie ihr Offizier gewesen. Die Kraft des Mobs, der sich sofort auf sie gestürzt hatte, als Berlan angegriffen hatte, hatte sie schnell überwältig.

Also steckte Berlan die Klinge in den schlammigen Boden und drehte sich zur Frau um. Er hockte sich hinunter und löste mit seinem Dolch die Fesseln. Dann stand er auf und reichte ihr die heile rechte Hand.

„Seid Ihr verletzt?“, fragte er und half ihr aufzustehen.

„Nein. Nein, ich glaube nicht. Dank euch.“, antwortete sie. „Wer seid Ihr?“, fragte sie.

„Berlan.“, antwortete er. „Einfach nur Berlan. Das hier wird nicht einfach das Ende sein.“, sagte er und deutete auf die toten Soldaten. „Was wollten sie von Euch?“

„Von mir? Mein Schiff. Sie haben schon mein Lagerhaus beschlagnahmt, und viele meiner Waren. Ich habe mit dem Schiff neben der Handelsgüter immer wieder Korn und andere Lebensmittel aus dem Süden hierhergebracht, damit diese Stadt irgendwie leben kann. Ihr seht, dass die Bürger darüber auch nicht erfreut gewesen wären.“, antwortete sie und lächelte Berlan an. „Danke. Inka reicht.“

„Was jetzt?“, fragte Berlan die Frau, die doch die Stadt gut zu kennen schien. „Entweder wir versuchen zu fliehen. Oder...:“, sagte sie und blickte den Hafen entlang. Erst jetzt merkte Berlan, dass sich seit ihrem Eintreffen noch mehr Menschen eingefunden hatten. Viele hatten mittlerweile Äxte, Speere, Knüppel oder andere mehr oder weniger provisorische Waffen in der Hand. Dann erkannte er auch, was Inka meinte. Auch er sah einen Kampf am anderen Ende des Hafens. Offensichtlich Bürger gegen eine kleine kaiserliche Patrouille.

„Ich glaube, wir können es nicht mehr aufhalten.“, sagte Inka. Berlan schüttelte den Kopf und lächelte.

„Dann müssen wir es eben anführen. Und gewinnen.“, antwortete er. Die Kauffrau lachte auf.

„Gerade in der Stadt und schon einen Aufstand?“

„Ich habe wohl keine Wahl.“, sagte Berlan. Denn diese hatte er nicht. Entweder er ließ die Bürger nun allein ihrem Schicksal, was eine schlimme Rache der Kaiserlichen sein würde, oder er half ihnen, ihre Stadt zurück zu erobern. Wenn sie letzteres schafften, dann würden sie sie auch noch halten müssen, bis im Frühjahr die Invasion begann. Aber eins nach dem anderen

„Wir müssen zur Garnison. Dort werden sich schnell die Menschen und Soldaten sammeln.“, sagte Inka und dann noch einmal lauter. „Zur Garnison!“

„Für Tengemünde!“, hörte Berlan die ersten Rufe. „Nieder mit der Sonne!“ – „Nieder mit dem Kaiser!“ – „Für Kargat!“

Als Berlan, Sivert und Inka mit den anderen Bürgern die Garnison erreichten, waren sie nicht die ersten. Der Funke der Rebellion schien schneller auf die Stadt übergesprungen zu sein, als sie hatten laufen können. Das Tor der Garnison wirkte kaputt, offensichtlich von einem ersten Ansturm. Dennoch hatten die kaiserlichen Soldaten die Masse bisher draußen halten können. In dem engen Torbogen bildeten sechs Soldaten einen undurchdringlichen Schildwall, trauten sich aber nicht, nach draußen zu gehen, um die Meute anzugreifen. Mehrere Tote zwischen den Soldaten und den wütenden Bürgern von Tengemünde zeigte, dass es bereits Kämpfe gegeben hatte.

„Verschwindet von hier!“ – „Gebt uns was zu essen“ – „Verdammt soll euer Kaiser sein!“

Die wütenden Rufe hallten durch die Straßen, als sich Berlan mit Inka einen Weg nach vorne bahnte. Er erkannte allerdings, dass die Menschen zurücktraten, als sie die Kauffrau erkannten. Anscheinend war diese bekannt. Und beliebt. Oder zumindest respektiert.

„Was jetzt?“, fragte Inka leicht außer Atem an Berlan gerichtet. Sie wusste nicht genau, aber der große Mann schien solche Situationen besser zu kennen als jeder der hier Anwesenden. Berlan beobachtete die Pattsituation. Die Soldaten trauten sich nicht vor, um zu kämpfen, denn dann waren sie zahlenmäßig so unterlegen, dass sie keine Chance hatte. Auf dem Weg hatte er einige Patrouillen gesehen, die von wütenden Bürgern gelyncht worden waren. Die Truppe der Besatzer konnte nicht groß sein. In der befestigen Garnison waren vielleicht noch dreißig, vierzig Soldaten. Aber ein Frontalangriff würde dennoch verlustreich, denn der Mob war alles andere als gut ausgebildet oder gerüstet. Er blickte sich um. Und erkannte dann eine Lösung.

„Da!“, sagte er und deutete auf das Schild einer Taverne, die in der Straße lag, die zur Garnison führte.

„Du willst einen Trinken gehen?“, fragte Inka ungläubig. „Oder die Soldaten auf einen Schluck einladen?“

„Fast.“, sagte Berlan mit einem Zwinkern. „Vertrau mir.“ Dann wandte er sich zu gehen, hielt aber noch kurz inne. „Sivert, hilf den Menschen hier provisorische Schilde zu bauen. Ich glaube, die Soldaten da hinten schaffen gerade Armbrüste heran. Das könnte hässlich werden.“, befahl er seinem Sohn und deutete auf Kisten und Fässer, die in der Straße standen.

„Natürlich, Vater!“, bestätigte dieser den Befehl und begann dann die ersten Jungen und Männer auf die Gefahr hinzuweisen, während Berlan bereits zur Schenke lief.

„Also, was hast du vor?“, fragte Inka erneut, als sie in den Gastraum stürmten. Aber Berlan ignorierte sie und wandte sich sofort an den Wirt, der vor dem Tresen stand, um seine Habseligkeiten vor eventuellen Übergriffen zu verteidigen.

„Wirt, wir brauchen den schärfsten Schnaps, den du hast. In Krügen oder Flaschen aus Ton oder Glas. Und schnell, wenn dir etwas an deiner Stadt liegt.“, befahl Berlan. Als der Wirt ihn skeptisch anschaute, fügte er noch hinzu: „Frau Kresswein wird gerne dafür bezahlen. Später.“, sagte er. Der Wirt schaute nun Inka an, die nur nickte, sodass dieser sich zu Berlans Überraschung ohne weitere Widerworte in sein Lager begab.

„Wenn du schon mein Geld ausgibst, kannst du mir wenigstens sagen, was du vorhast.“, sagte Inka vorwurfsvoll.

„Wir machen denen ein bisschen Feuer.“, sagte Berlan und deutete auf ein Tischtuch. „Hilf mir, das in Streifen zu reißen.“, sagte er und versuchte es notdürftig mit seinem Haken an der Hand zu fixieren, um es zu zerreißen. Dies war aber definitiv eine Tätigkeit, für die man eigentlich zwei Hände brauchte.

„Lass mich mal.“, sagte Inka schnell und nahm ein Messer, um den Stoff zu zerschneiden.

„Hier, Frau Kresswein.“, hörte Berlan dann den Wirt, der vier Flaschen auf den Tresen stellte. „Macht dann…“

„Klären wir später.“, unterbrach Inka ihn, die langsam Berlans Plan verstand. Sie öffnete die Korken der Flaschen und steckte den Stoff tief in den Alkohol, sodass dieser sich sofort vollsaugte. „Hilf uns lieber tragen.“, befahl sie dem Wirt barsch, während Berlan zu einem Holzscheit aus dem Kamin griff. Er nickte Inka zustimmend zu.

„Dann also los!“

„Im Namen des Kaisers: legt die Waffen nieder und kehrt in eure Häuser zurück!“ Der Befehl des Offiziers schallte über die Menge, wurde aber nur von weiteren Flüchen beantwortet. „Ich werden den Angriffsbefehl geben!“, drohte er. Man erkannte, wie hinter den mittlerweile knienden Schildträgern mehrere Soldaten Armbrüste anlegten.

Sivert schaute sich hektisch um. Die erste Reihe des belagernden Mobs hatte zwar nun notdürftige Schilde aus Holz, aber aus so kurzer Distanz konnten die Bolzen sie wahrscheinlich durchschlagen. Und es gab viele Lücken in ihrer Verteidigung. Sein Blick suchte seinen Vater, den er aber noch nicht sah.

Nach einigen Momenten des Verharrens nickte der Offizier schließlich den Schützen zu. „Ihr wolltet es so!“, rief er erneut laut. „Bolzen los!“

Das Klicken der Armbrüste war trotz des Lärms der Menge zu hören. Doch viel mehr hörte man die Schreie der getroffenen und die ängstlichen Rufe der anderen Menschen, die sofort zurückwichen. „Erneut spannen!“, hörte man den lauten Befehl des kaiserlichen Offiziers.

„Komm schon Vater.“, sagte Sivert leise zu sich, die Hand fest um das kurze Schwert, das ihm sein Vater einst gegeben hatte. Auf einmal spürte er eine kräftige Hand auf der Schulter. Sofort drehte er sich um.

„Vater! Gut, dass du zurück bist. Sie greifen an.“

„Das sehe ich.“, erwiderte Berlan und griff dann nach hinten. „Sivert, wie weit kannst du eine Flasche werfen?“, fragte er den Jungen. Dieser schaute erst fragend, erkannte dann aber, dass Berlan in Richtung der kaiserlichen Soldaten nickte.

„So weit schaffe ich das schon.“

„Sicher? Du musst unbedingt sicher sein, dass du sie triffst.“

„Ja, Vater. Das schaffe ich!“

„Gut!“, sagte Berlan und drehte sich dann zu Inka um. „Hilf uns zwei Flaschen anzuzünden, direkt danach die weiteren zwei.“

„Bolzen los!“, hörte man den erneuten Befehl des Offiziers und die Schmerzensschreie der getroffenen. Doch noch hielt der Mob stand. Obwohl Berlan sich sicher war, dass dies noch maximal ein, zwei Salven der Fall sein würde.

„Na los.“, mahnte er zu Eile, als die Kauffrau zitternd die Fackel nach vorne hielt. Berlan zündete erst seine Flasche an und nickte dann Sivert zu, der es ihm gleichtat.

„Erneut spannen!“, hörte man den Befehl des Offiziers. Dann flogen zwei Wurfgeschosse im hohen Bogen auf die kaiserlichen Soldaten zu.

Die Flammen breiteten sich sofort explosionsartig aus, als der Ton auf dem Boden zwischen den Soldaten zerbarst. Das Feuer griff sofort auf die Uniformen der Männer über und ließ diese die Formation in Panik aufbrechen. Doch bevor sie gegen die Flammen ankämpfen konnten, folgten die nächsten beiden Flaschen. Eine davon zerbrach direkt auf dem Brustpanzer des Offiziers, der im nächsten Augenblick schreiend in Flammen stand.

„Für Tengemünde! Für Kargat! Für die Freiheit! Angriff!“, brüllte Berlan laut und hob die Axt, um den Ansturm anzuführen.

„Es hört sich nicht gut an, was da draußen passiert.“

Die sorgenvolle Stimme seiner Frau war das letzte, was Erwald Gensmann zu dieser Stunde brauchte. „Mach dir keine Sorge, Karola, der Zweite wird uns schützen, nicht wahr?“, sagte er und schaute zu dem kaiserlichen Offizier. Sie waren zu siebt in dem großen Kaminsaal der Garnison und damit des Sitz des Herrn von Tengemünde. Er und seine Frau, der Zweite Alkinas, ein dunkelhäutiger Soldat aus dem tiefen Süden des Kaiserreiches, Joseph Maltried, ein Freund und Kaufmann aus Tengemünde, sowie drei weitere Soldaten.

„Nein, müsst ihr nicht Ihr steht unter dem Schutz des Kaiserreiches. Sie würden es nicht wagen, euch etwas anzutun. Aber, Erwald, wir müssen, wenn das beendet ist schnell die Rädelsführer finden.“, mahnte der Offizier.

„Ich glaube, sie sind schon im Gebäude.“, sagte Karola mit zittriger Stimme.

„Sei still Weib, das sind bestimmt nur Soldaten vom Zweiten Alkinas. Wie sollen sie denn in die Garnison kommen?“, antwortete Erwald diesmal barsch.

„Aber…“, wollte die Frau protestieren, als man auf einmal draußen vor der Tür Kampfgeräusche hörte.

„Verdammt!“, fluchte der Zweite. „Schützt die Tür!“, befahl er seinen Soldaten. Doch diesen blieb kaum Zeit. Sie hatten sich gerade erst in einem kleinen Bogen um die Holztür positioniert, als diese kraftvoll aufgetreten wurde. Die Soldaten stürzten sich auf die Eindringlinge, doch es war ein einseitiger Kampf. Den ersten Soldaten ließ Berlan mit einer schnellen Bewegung einfach ins Leere und damit in den Gang hinauslaufen, in dem bereits der Mob auf ihn wartete. Die Klinge des zweiten Soldaten blockierte er mit seinem Haken, drehte ihm das Schwert aus der Hand, und versenkt dann seine Axt im Brustkorb des Soldaten. Neben ihm ging derweilen der letzte Soldat von mehreren Bolzen getroffen röchelnd zu Boden und mehr Männer der Stadt stürmten den Raum.

Der Zweite schien noch kurz zu zögern, ob er kämpfen sollte, entschloss sich dann aber auf einen bösen Blick von Berlan hin sein Schwert zu Boden zu werfen. Als Inka den Raum betrat, erkannte Erwald sie sofort.

„Hätte ich mir denken können, dass du dahintersteckst. Und, was wollt ihr nun?“

„Das es so weit kam, war nicht meine Schuld, sondern deine und die deiner Freunde. Wenn ihr unseren Bürgern Brot und Dächer über dem Kopf gegeben hättet, wären sie niemals aufgestanden. Aber ihr habt ja zugeschaut, wie das Volk Kargats verhungert.“, giftete die Kauffrau zurück.

„Das reicht!“ Die laute Stimme Berlans unterbrach das sich anbahnende Streitgespräch. „Du bist ein Zweiter der kaiserlichen Armee? Der hiesige Militärführer?“, fragte er.

„Das bin ich. Und ihr werdet euch alle für eure Verbrechen gegen das Kaiserreich verantworten müssen.“, antwortete Alkinas ernst.

„Schon gut, werden wir tun.“, tat Berlan das allerdings ab und wandte sich dann an Inka. „Und das sind?“

„Herr Erwald Gensmann. Herr von Tengemünde, und guter Freund des Kaiserreiches wie es scheint. Seine Frau Karola. Und sein Stiefellecker Joseph Maltried, der gerne die kaiserlichen Truppen versorgt, um sich selbst zu bereichern.“, erwiderte Inka.

„Inka, pass auf was du…“, wollte Erwald die Kauffrau zurechtweißen, wurde aber von der lauten Stimme Berlans unterbrochen.

„Ich spreche jetzt!“, sagte er und schaute die vier Gefangenen kurz an. „Sperrt die Frau in ihre Gemächer. Übergebt die drei Männer den Bürgern von Tengemünde. Sie werden eine gerechte Strafe finden.“, sagte er schließlich zu einigen Männern.

„Nein, das dürft ihr nicht!“, brüllte Erwald laut, der sich aber nur einen Faustschlag von Berlan einfing.

„Hast du kein Vertrauen in die Gerechtigkeit deiner Stadt?“, erwiderte Inka kalt.

„Ihr wisst nicht, was ihr tut.“, sagte jetzt der Kaufmann Joseph leise und schüttelte den Kopf. „Du bist so blind Inka, wenn du glaubst, dass das zu irgendwas führt.“

„Ach ja?“, fragte sie herausfordern. Joseph schaute auf und blickte ihr in die Augen.

„Ich war vor wenigen Tagen in Gründau. Oder das, was davon übrig ist. Sie haben sich wie ihr gegen das Kaiserreich aufgelehnt. Nun sind dort nur noch rauchende Ruinen und Berge von Leichen. Tengemünde wird das gleiche Schicksal ereilen.“, mahnte er.

„Nicht wenn wir es verhindern können.“, widersprach Berlan und nickte dann den Männer zu. „Los, bringt sie endlich raus.“, sagte er. Dann wandte er sich an Inka. „Du sagtest, unter der Garnison gibt es einen Kerker mit gefangenen Soldaten. Wo müssen wir hin?“, fragte er.

Die Kauffrau schaute noch kurz den drei Männern nach, die nach draußen getrieben wurden. Sie empfand kein Mitleid. Dennoch war es schwer, Männer, die sie so lange gekannt hatte, ihrem unausweichlichen Schicksal zu übergeben. „Da lang!“, sagte sie schließlich und deutete auf eine rückseitige Tür aus dem Kaminzimmer.

Berlan war nicht überrascht, dass im Kerker keine Wachen mehr waren. Der Offizier hatte alle Männer, die kämpfen konnten, nach draußen geschickt. Es waren nicht genug gewesen. Was Berlan noch mehr freute war der Fakt, dass sie weniger Bürger verloren hatten, als er befürchtet hatte. Einige waren verletzt, die Tage würden zeigen, ob sie es schafften. Aber gegeben des eigentlich ungleichen Kampfes war das Ergebnis erfreulich.

„Wer hat hier das sagen?“, fragte Berlan, als er an die Zellen trat, die in der Tat voll von Männern im besten Alter waren.

„Ich!“, sagte einer der Männer und trat vor. Man hatte ihm nur ein einfaches Hemd gelassen, trotz der Kälte. Dennoch war sein Blick ungebrochen. Sein Gesicht wurde von einem wilden schwarzen Bart geziert, der genauso lang zu wachsen schien, wie seine Haare, die ihm bis auf die Schultern reichten. „Aberlin Woltan. Hauptmann der kargatianischen Garde von Tengemünde. Wer seid ihr?“, fragte er, erkannte dann aber Inka im Fackelschein, die Berlan und Sivert begleitet hatte. „Inka, was machst du hier?“

Es war aber Berlan, der antwortete. „Hauptmann Woltan, die Garnison ist unser. Die kaiserlichen Soldaten sind bezwungen, das Volk richtet über ihren Anführer genauso wie über den Herrn von Tengemünde, der sich doch schnell auf den Feind eingelassen hat. Ich bin Berlan von Fendron, Adeliger aus Valorien, Hauptmann des Nachtrudels, und Kämpfer für die Freiheit Kargats.“

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9783754167458
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