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Das Geheimnis der Dämonen
J.B. Brooklin

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Impressum

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors!

Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2021 dieser Ausgabe OBO Verlag,

alle Rechte vorbehalten.


M. Kluger

Fort Chambray

Apartment 20c

Gozo, Mgarr

GSM 2290

Coverdesign: Giusy Ame / Magicalcover

Bildquellen: Pixabay, Shutterstock

Prolog

Niemand weiß genau, wie sie entstehen, die Ifrit, auch Dämonen oder Totengeister genannt, deren Element das Feuer ist.

Man sagt, die Ifrit erscheinen als Rauchsäule am Ort eines Mordes.

Mag sein.

Sicher ist, sie bewegen sich so lautlos wie Rauch.

Sicher ist, Menschen können die Ifrit nur dann sehen, wenn sie es ihnen erlauben.

Sicher ist, die Ifrit wandeln unter den Menschen, um Morde zu rächen.

1

Irgendetwas stimmte nicht. Sie hätte ihn nicht sehen dürfen. Er war unsichtbar, zumindest für Menschen. Tiere und andere Wesen aus den Parallelwelten konnten ihn wahrnehmen. Aber nicht sie.

Sekunden später musste er sich seinen Irrtum eingestehen.

„Sind Sie ein Freund meines Onkels?“, sprach sie ihn an.

Langsam wandte er sich zu ihr um. Noch während sein Körper diese Bewegung vollführte, sorgte er dafür, auch für die übrigen Menschen sichtbar zu werden. Es hätte seltsam gewirkt, hätte sie ihre Worte ins Leere gerichtet.

„Nein, nicht direkt. Eher ein entfernter Bekannter“, versuchte er, ihrer Frage auszuweichen. Dabei bedachte er sie mit einem Lächeln, das darauf ausgelegt war, ihre Aufmerksamkeit auf andere, erfreulichere Dinge zu lenken. Er kannte seine Wirkung auf Menschen, insbesondere Frauen. In welchem Zeitalter er sich auch bewegte, er erfüllte immer die gängigen Vorstellungen von äußerer Schönheit. Was weitgehend daran lag, dass er eine leere Leinwand war, auf die die Menschen ihre Vorstellungen projizieren konnten.

In diesem Fall allerdings ging seine Taktik nicht auf. Anstatt sein Lächeln zu erwidern, bedachte sie ihn mit einem Stirnrunzeln.

„Wie heißt du?“, ging sie zu der vertrauteren Anrede über, nachdem sie sein Gesicht gesehen und ihn auf ihr Alter, also Anfang zwanzig, geschätzt hatte. Ganz so, wie Alexander es gewollt hatte, trotzdem war ihre Neugierde irritierend. Er beschloss, höflich zu bleiben, sie sich so schnell wie möglich vom Hals zu schaffen und dann das zu tun, weshalb er gekommen war.

„Alexander“, antwortete er kurz, um sofort mit einer angedeuteten Verbeugung den Rückzug anzutreten. „Es war mir ein Vergnügen, dich kennengelernt zu haben, aber jetzt muss ich leider gehen.“

„Warte“, rief sie ihm nach, aber er war schon wie Rauch zwischen den Menschen verschwunden. In dem Gedränge, das in dem Garten herrschte, war es ein Leichtes, ungesehen zu entkommen. Aber das Zusammentreffen hatte ihn verstört.

Wie war es ihr möglich gewesen, ihn zu sehen?

In diese Grübeleien versunken, bemerkte er nicht, wie er den Garten verließ und das Haus betrat. Er fand sich plötzlich in einer Halle wieder, die die Ausmaße eines Fußballfeldes hatte. Der Fußboden war mit alten - und soweit er es beurteilen konnte -, antiken Mosaiken ausgelegt. In der Mitte des imposanten Raumes hing ein riesiger Kronleuchter. An den Wänden protzten die Gemälde alter Meister. Sie zogen Alexander in ihren Bann. Er liebte Kunst und so ließ er es zu, sich für einige Minuten lang in eine andere Welt entführen zu lassen.

„Hier also ist der Tizian!“ Gegen seinen Willen war er beeindruckt. Madonna mit dem Kind und den Heiligen Lukas und Katharina war eines der wenigen großformatigen Gemälde des italienischen Künstlers, die sich in Privatbesitz befanden. Vor einigen Wochen hatte ein europäischer Privatsammler das Kunstwerk bei Sothebys für 12,2 Millionen Euro ersteigert. Seine Identität war bisher unbekannt.

Nur wenige Schritte entfernt hing ein Chagall. Eigentlich ein Stilbruch, aber seltsamerweise nicht störend. Dem Chagall folgte ein Rubens, dann ein Dali, danach Klimt. Diese chaotische Anordnung der Werke war interessant. Sogar mehr als das faszinierend.

Aber das war nicht wichtig. Mit einem Schulterzucken wandte er sich von der Ausstellung ab. Der Gastgeber des opulenten Gartenfestes, mochte ein begnadeter Kunstkenner sein, ein Genie, wenn es darum ging, seine Sammlung zu präsentieren. All das aber verblasste hinter seinem anderen Talent: der Planung des perfekten Mordes. Perfekt nach den Maßstäben der Menschen, denn die Tat war bisher ungesühnt geblieben. Niemand ahnte etwas von dem dunklen Geheimnis des Hamburger Bankers.

Alexander war hier, um den Blutpreis einzufordern.

Heute. Am Abend des Sommernachtsfestes, das Torsten Halder alljährlich in seiner Villa in Blankenese veranstaltete. Die Crème de la Crème der Hamburger Gesellschaft und einige handverlesene Prominente waren die Glücklichen, die an diesem Ereignis teilnehmen durften. Alexander war nicht eingeladen, aber das war auch nicht notwendig, konnte er doch überall erscheinen. Einer der Vorteile, die ein Ifrit genoss. Wenn nötig, konnte er sich auflösen und an einem anderen Ort wieder auftauchen. Unsichtbar. Warum aber hatte sie ihn entdeckt?

Seine Gedanken schweiften zu ihr ab. Sariel Halder. Ein Name wie aus einem Märchen. Das Bild der langen rotbraunen Haare und der traurigen, ernsten Augen wollte ihn nicht loslassen. Sie war schön. Selbst gemessen am Maßstab seiner Art war sie schön.

Es geschah schon wieder: Er war unkonzentriert. Was mindestens ebenso ungewöhnlich war, wie die Tatsache, dass er von einer Sterblichen bemerkt wurde.

Eine seltsame Nacht.

Erneut wanderte sein Blick durch den Raum. Eigentlich sollte er seine Aufgabe längst erledigt haben, aber sein mangelnder Fokus hielt ihn davon ab. Wenn er einen Mord rächte, so musste diese Rache perfekt sein. Das gelang nur, wenn er sich mit jeder Faser seines Wesens auf sein Tun konzentrierte.

Torsten Halder, der aus einer alten, ehrwürdigen Hamburger Bankerfamilie stammte, würde sterben.

Aber nicht heute.

Ohne davon zu wissen, hatte sich die Spanne seines Lebens soeben um einige Tage verlängert. Alexander brauchte Zeit, um darüber nachzudenken, wie der Hamburger Banker sterben würde, nachdem das heutige Vorhaben gescheitert war.

Er hatte den Tod verdient. Mehr als verdient. Einen flüchtigen Augenblick lang überlegte Alexander, ob Halders Nichte ebenfalls dieser Meinung sein würde.

2

Einige Sekunden lang stand sie regungslos inmitten der Menschen. Sie war es nicht gewöhnt, dass sie gleich zu Beginn eines Gesprächs einfach stehen gelassen wurde.

Er hieß Alexander. Und er sah verdammt gut aus, hielt aber nicht viel von Höflichkeit. Sariel hätte gerne länger mit ihm gesprochen, was ungewöhnlich für sie war, denn in letzter Zeit ging sie Männern aus dem Weg. Aber sein offensichtliches Desinteresse hatte ein Gefühl der Sicherheit in ihr erweckt. Ein verspätetes Unbehagen kroch in ihr hoch. Er musste gedacht haben, sie wollte etwas von ihm! Was, wenn er …?

Mit einem Schulterzucken brach sie diesen Gedankengang ab. Am besten wäre es, sich ebenfalls zurückzuziehen. Sie hatte keine Lust, unter all den Fremden herumzustehen und so zu tun, als amüsierte sie sich. In Wahrheit fühlte Sariel sich unbehaglich, fehl am Platz, und wäre nur zu froh gewesen, sich in die Sicherheit und Abgeschiedenheit ihrer Räume flüchten zu können. Sie wünschte, ihr Onkel hätte nicht auf ihrer Anwesenheit bestanden.

„Es wird dir gut tun, Sariel. Du gehst zu wenig unter die Leute“, hatte er gesagt. Er hatte recht. Obwohl der Tod ihrer Eltern schon zwei Jahre zurücklag, war sie noch immer nicht darüber hinweg. Verkroch sich lieber in ihr Schneckenhaus, als unter Menschen zu sein.

Sie sollte loslassen. Aber es war so verdammt schwer.

Eine einzelne Träne löste sich. Glitt an ihrer Wange hinab und hinterließ eine silberne Spur. Mit einer ungeduldigen Handbewegung wischte Sariel den Beweis ihrer Trauer ab.

Es war lächerlich. Peinlich … Und außerdem würden ihre Eltern wünschen, dass sie glücklich war.

Mit einem tiefen Seufzer drehte sie sich um, versuchte mit der Dunkelheit zu verschmelzen. Niemand sollte bemerken, wie sie sich davonstahl. Für heute hatte sie lange genug, die unbekümmerte, glückliche Sariel gemimt. Außerdem war die Abgeschiedenheit ihrer Räume besser, als die hoffnungsfrohen Annäherungsversuche der Mitgiftjäger zu ertragen, die seit Kurzem Interesse an ihr bekundeten.

Sariel Halder war reich. Und jung. Und, wenn man Forbes glauben sollte, eine der besten Partien des europäischen Geldadels.

Toll!

Seit dieser Artikel herausgekommen war, konnte sie sich vor dem Interesse der männlichen Bevölkerung kaum noch retten. Zu einer anderen Zeit hätte Sariel sich darüber amüsiert. Jetzt aber sehnte sie sich nach Einsamkeit. Trotz dieses Gedankens ertappte sie sich dabei, wie sie die Menge nach dem Mann absuchte, der sich nicht für sie zu interessieren schien.

Er war fort. Was gut war. Sie wollte keine belanglose Konversation führen. Mit einem ärgerlichen Seufzer versuchte sie, das Gefühl zu unterdrücken, das in ihr aufstieg. Es fühlte sich an wie Enttäuschung. Was war nur mit ihr los? Sie hatte kein Interesse.

„Ich hatte schon befürchtet, dich nicht mehr zu finden.“ Die Stimme beschwor ein Bild von schwarzem Samt herauf. Eine seltsame Klangfarbe für einen Mann. Bevor sie sich umdrehte, wusste sie, wer sie angesprochen hatte. Der Unbekannte, nach dem sie vor wenigen Sekunden die Menge abgesucht hatte.

„Nein … ich ... Ich wollte gerade gehen.“ Sariel wurde heiß. Innerlich verwünschte sie ihr Gestammel ebenso wie ihr rot glühendes Gesicht. Sie wusste es einfach, ihre blasse Haut gab jedes Gefühl preis.

„Wie schade. Ich wollte mich für mein ungehobeltes Benehmen entschuldigen. Es war unverzeihlich …“

Abwehrend hob Sariel die Hand. „Du bist mir keine Erklärung schuldig.“

Sein Blick ließ sie verstummen. Fast kam es ihr vor, als könne er bis in ihre Seele vordringen. Seine Augen waren schwarz. Hypnotisierend. Dann beugte er sich ein wenig vor und nahm mit einer fließenden Bewegung Sariels Hand. Wie eine Feder streiften seine Lippen über ihre Haut. Die Berührung war leicht, kaum wahrnehmbar. Trotzdem beschleunigte sich ihr Herzschlag.

„Ich muss … ich muss jetzt wirklich gehen.“ Verwirrt schob Sariel eine Haarsträhne zurück, trat einen Schritt nach hinten und drehte sich um. Verschwand in der Menge. Kurze Zeit später befand sie sich in ihrem Zimmer, lehnte mit dem Rücken gegen die Tür und fragte sich, was zum Teufel mit ihr los war.


Ein Handkuss! Handküsse waren seit Jahrzehnten, wahrscheinlich seit Jahrhunderten aus der Mode. Warum hatte er sich zu einer solchen Geste hinreißen lassen? Aus irgendeinem Grund bewirkte Sariel Halders Nähe, dass er nicht klar denken konnte. Das war schlecht. Sehr schlecht. Alexander war über hundert Jahre alt. In dieser Zeit hatte er ungezählte Morde gerächt. Jedes Mal war er kalt, besonnen und fokussiert gewesen. Heute aber verhielt er sich wie jeder andere hirnlose Trottel, dem eine Frau gefiel.

Anstatt sich in den Mantel seiner Unsichtbarkeit zu hüllen, verharrte er und dachte über die Begegnung nach. Sie war eine seltsame Frau, anders als die Menschen, mit denen er sonst zu tun hatte. Über ihrem Wesen lag etwas Ätherisches, fast so, als könne sie sich ebenfalls in Rauch auflösen.

Die Präsenz eines anderen Menschen unterbrach seine Gedanken. Trotz der Tatsache, dass er sich inmitten unzähliger Gäste befand, war es eine bestimmte Person, deren Gegenwart in sein Bewusstsein kroch.

Torsten Halder.

Wie ein schwarzer Schatten breitete sich seine Aura über der Terrasse aus. Winzige Nadelstiche durchbrachen Alexanders Energiefeld. Noch bevor er reagieren konnte, überwältigte ihn der Gedanke, dass es zu spät war. Sein Körper fühlte sich mit einem Mal an, als sei er in ein Spinnennetz verstrickt. Zwang ihn, in Bewegungslosigkeit zu verharren, obwohl sich jede Faser seines Wesens danach sehnte, sich in Rauch aufzulösen.

Arroganz. Arroganz und Dummheit waren die größten Feinde eines Ifrit. Er war wie ein Tölpel in eine Falle gestolpert, deren Vorhandensein ihm entgangen war. Und das nur, weil eine Frau ihn abgelenkt hatte.

Zu der langen Liste der Fehler, die Alexander an diesem Tag begangen hatte, gesellte sich ein weiterer. Er hatte Torsten Halder unterschätzt. Ihre Blicke kreuzten sich, Halder deutete eine knappe Verbeugung an. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Mit einem Schlag traf Alexander eine Erkenntnis. Sein Gegner wusste genau, warum er hier war. Und schlimmer noch, er hatte Vorkehrungen getroffen.

Alexander kippte nach vorne. Dunkelheit umfing ihn, senkte sich über seine Gedanken.

3

Kalt.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis Alexander imstande war, dieses eine Wort im Kopf zu formen.

So kalt.

Alexander versuchte, Luft zu holen, schaffte es aber nur mit Mühe, etwas davon in seine Lungen zu pressen. Eine unsichtbare Kraft drückte seinen Oberkörper nach unten, schnürte seine Brust ein. Er konnte nicht mehr als ein paar zittrige Atemzüge tun.

Ich muss … Wärme … ich … brauche … Wärme …

Das Denken dieser wenigen Worte erschöpfte ihn. Zu der Kälte gesellte sich Dunkelheit. Nicht lange und er würde in ihr versinken, um nie wieder zurückzukehren. Nie wieder …

Die Worte hallten in seinem Kopf, brachten Fragmente seiner Willenskraft zurück. Er würde nicht aufgeben. Er war ein Ifrit. Ein Dämon des Feuers. Auch wenn seine Lebensflamme kaum noch brannte, so war sie nicht erloschen. Er würde es Torsten Halder nicht so leicht machen.

Die Entscheidung entzündete einen winzigen Funken in ihm. Ein Funke, der die tödliche Kälte kaum spürbar erwärmte.

Besser.

Die Erstarrung, die Alexander in festem Griff hielt, lockerte sich soweit, dass er seine Augen öffnen konnte. Ohne sich zu bewegen, ließ er seinen Blick schweifen, erfasste den dunklen, fensterlosen Raum, in den Halder ihn verbannt hatte. Viel gab es nicht zu sehen. Der Boden bestand aus grauem Beton, die Wände ebenfalls. Die Pritsche, auf der er lag, war aus Metall.

Eine Stahltür sorgte dafür, dass die Kälte diese vier Wände nicht verlassen konnte, ebenso wenig wie er selbst. Solange er diesen eisigen Temperaturen ausgesetzt war, konnte er sich nicht in Rauch verwandeln. Die Erkenntnis rief ein ironisches Lächeln hervor. Verwandeln! Er konnte froh sein, wenn er es schaffte, bei Bewusstsein und am Leben zu bleiben.


Mit einem letzten kritischen Blick in den Spiegel wandte Sariel sich um. Ihr Onkel hasste Unpünktlichkeit, und das Frühstück wurde jeden Morgen genau um halb sieben serviert. Als Sariels Eltern noch lebten …

Entschlossen verbannte sie diesen Gedanken aus ihrem Kopf. Ihre Eltern waren tot. Seitdem lebte sie bei Onkel Torsten, und auch wenn seine Angewohnheiten ihr oft seltsam vorkamen, musste sie ihm doch dankbar sein. Immerhin hatte er sie bei sich aufgenommen. obwohl er alleinstehend und kinderlos war. Plötzlich eine fast erwachsene Nichte unter seinem Dach zu haben, musste ihn in seinem gewohnten Lebensstil einschränken. Aber nicht mehr lange. Heute wollte Sariel ihm die frohe Botschaft überbringen, dass sie in drei Tagen nach Paris reisen würde. Ihr Kunststudium an der Sorbonne begann in zwei Wochen. Bis dahin musste sie eine Bleibe gefunden und den Transfer ihrer wenigen Besitztümer organisiert haben.

Das Problem war: Ihr Onkel würde sich nicht freuen. Nicht umsonst hatte er ihr immer wieder nahe gelegt, ihre Studien auf den Bereich der Betriebswirtschaftslehre zu konzentrieren. Mit der Perspektive, eines Tages die Führung seiner Bank zu übernehmen. Torsten Halder hasste es, wenn man seine Pläne durchkreuzte.

Sariel seufzte. Wahrscheinlich würde er für lange Zeit nicht mehr mit ihr reden. Das tat er immer, wenn sie sich ihm widersetzte. In der Vergangenheit hatte er damit erreicht, was er wollte. Dieses Mal aber würde sie ihren Willen durchsetzen. Auch wenn es bedeutete den Kontakt zu ihrem einzigen Verwandten zu verlieren.

„Guten Morgen, Onkel“, murmelte Sariel, als sie das Esszimmer betrat. Wie immer war der Tisch tadellos gedeckt. Das Silberbesteck glänzte im Sonnenlicht, das durch die hohen Terrassentüren fiel und den Raum überflutete. Hier tanzten keine Staubpartikel in dem grellen Licht. Wahrscheinlich erstarrten auch sie in Angst und Ehrfurcht vor Torsten Halder.

Das edle Porzellan wurde von feinen Stoffservietten eingerahmt. Die silberne Teekanne, die auf dem Tisch stand, versprach den edelsten Darjeeling. Kaffee wäre ihr lieber gewesen, aber davon hielt ihr Onkel nichts. Ganz der vollendete Kavalier stand er sofort auf, als sie den Raum betrat. Dann erst erwiderte er ihren Morgengruß: „Guten Morgen, Sariel. Ich hoffe, du hast gut geschlafen.“

„Ja, danke“, log sie mechanisch, während sie die Serviette auf ihrem Schoß ausbreitete. Sie hatte gehofft, ihn in eine seiner Zeitungen vertieft zu sehen, aber heute war Sonntag. Der optimale Zeitpunkt, um von ihren Plänen zu berichten. Sie hatte die ganze Nacht damit verbracht, dieses Gespräch vorzubereiten, die richtigen Formulierungen zu finden und ihre Argumente überzeugend darzulegen.

Dreißig Minuten später hatte Sariel ihren Entschluss noch immer nicht in die Tat umgesetzt. Stattdessen lauschte sie mit geheucheltem Interesse seinen Ausführungen über die internationale Finanzwirtschaft. Wie so oft schweiften ihre Gedanken ab.

Kalt … So kalt …

Die Worte schlichen sich in Sariels Kopf, unterbrachen ihre Sorgen, die sich allesamt darum drehten, wie sie ihrem Onkel die Neuigkeiten beibringen sollte. Ihr war nicht kalt. Im Gegenteil ihre Handflächen schwitzten, und sie hatte das unangenehme Gefühl, dass ihr Deo nicht das hielt, was die Werbung versprach. Kälte war so ziemlich das Einzige, was Sariel im Moment nicht spürte. Seltsam.

Konzentriert horchte sie in sich hinein, versuchte herauszufinden, was der Auslöser dieses Gedankens war.

Nichts. Wahrscheinlich verwirrten die Probleme, die sie heraufbeschwor, ihre Sinne. Es wurde Zeit zu handeln. Mit einem tiefen Atemzug versuchte sie, innere Stärke zu gewinnen.

„Aus diesem Grund ist es so wichtig, Sariel …“

„Onkel, ich muss dir etwas mitteilen“, unterbrach sie seine Ausführungen. Mit einem Stirnrunzeln brach er ab. Torsten Halder war es nicht gewöhnt, dass man ihm ins Wort fiel.

„Ich fange in zwei Wochen mit meinem Kunststudium an der Sorbonne an. Ich wollte es dir schon längst sagen, aber …“

„Kunst? Du willst Kunst studieren nach allem, was ich für dich getan habe?“ Torsten Halders Gesicht färbte sich rot. Mit einem Mal war es, als würde Wut wie eine kalte Welle von ihm ausgehen. Wut, die sich auf Sariel richtete. Angst kroch in ihr hoch. Mit einem solchen Ausbruch hatte sie nicht gerechnet.

„Ich will nichts mehr davon hören.“ Torsten Halder schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Du wirst deine Anmeldung zurückziehen. In vier Wochen beginnt das Herbstsemester in Hamburg. Ich habe dich bereits für das Betriebswirtschaftsstudium angemeldet. Und das, junge Dame, ist genau das, was du studieren wirst!“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er den Raum.


Gegen seinen Willen schlossen sich Alexanders Augen. Wie Bleigewichte fielen die Lider nach unten, sie zu öffnen, würde mehr Kraft erfordern, als er besaß. Es waren nur wenige Sekunden, in denen er seine Umgebung erkundet hatte. Trotzdem überkam ihn ein bleiernes Gefühl der Müdigkeit, und er merkte, wie die winzige Flamme, die ihn am Leben hielt, kämpfte, um nicht zu erlöschen.

Kalt.

So kalt.

Die Worte verhallten in seinem Kopf, wurden zurückgeworfen. Wärme floss durch seinen Körper. Zurückgeworfen? Wärme? Irgendetwas oder irgendjemand hatte seine Gedanken gehört. Sein Pulsschlag beschleunigte sich, als er diese Erkenntnis aufnahm. Die Flamme, die eben noch kurz davor war zu ersterben, tanzte mit einem Mal. Energie! Nicht viel, aber genug, um ihn am Leben zu erhalten. Genug, um mehr zu ermöglichen.

Vorsichtig streckte er seine Sinne aus, zwang sie, diesen Raum zu verlassen. Dabei war er sich mit jeder Faser seines Wesens der Gefahr bewusst, in die er sich begab. Wenn Torsten Halder auch nur das kleinste Lebenszeichen von ihm auffing, war er verloren. Er musste weiterhin glauben, dass Alexander dem Tod entgegenging. Oder besser noch, bereits tot war.

Sariel.

Er hätte es wissen müssen. Torsten Halders Nichte hatte seine Gedanken aufgefangen, sie reflektiert und ihnen dadurch etwas von ihrer Kraft gegeben. Zögerlich tastete Alexander ihre Aura ab. Er wollte ihr nicht noch mehr Energie entziehen. Sie hatte bereits mehr als genug getan. Auch wenn sie davon nichts ahnte.

Angst.

Irgendjemand oder irgendetwas jagte Sariel Angst ein.

4

Nur wenige Minuten, nachdem Torsten Halder das Esszimmer verlassen hatte, stand Sariel ebenfalls auf. Ihr war der Appetit vergangen, daran konnte auch der frische, geräucherte Lachs auf ihrem Teller nichts ändern. Alles schmeckte schal, so als sei das Leben schon lange daraus entwichen. Selbst die Marmelade hatte einen alten, abgestandenen Geschmack. Das musste an ihrer Stimmung liegen, denn Martha, die Haushälterin ihres Onkels, achtete stets darauf, dass nur das Beste auf dem Esstisch zu finden war. Andernfalls hätte er sie längst gefeuert.

Mit einem Ruck versuchte sie, die düsteren Gedanken abzuschütteln. Ich bin ihm dankbar, wiederholte sie wie ein Mantra in ihrem Kopf. Sie hatte es in den letzten zwei Jahren zu einem unablässigen Refrain gemacht. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte sie sich allein zurechtfinden müssen. Was vielleicht besser gewesen wäre, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf.

Der kostbare weiße Perser auf dem Fußboden verschluckte das Geräusch ihrer Schritte, als sie auf die Tür zuging. Sie musste diesen Raum verlassen. Oder noch besser, dieses Haus, das von der Wut erfüllt war, die ihren Onkel gepackt hatte.

Sie ging durch die langen, weißen Gänge zu ihrem Appartement zurück. Das Innere der Villa war vollkommen in strahlendem Weiß gehalten. Einzige Ausnahme davon der Ballsaal, aber Sariel war sicher, dass dieser ihrem Onkel ein Dorn im Auge war. Von diesem Raum abgesehen, gab es nichts, was die sterile Einöde durchbrach. Holzböden, Teppiche, Möbel, Wände, sogar die Bilder, die nicht im Ballsaal hingen, erstrahlten in einem blendenden Weißton.

Die Flure waren mit dicken Teppichen ausgelegt, was der Grund dafür war, dass sie es zuerst nicht wahrnahm. Dann aber hörte sie es, ein leises Tapsen, die Schritte eines Tieres. Einer der Wachhunde folgt mir! Ein kalter Schauer rann ihren Rücken hinab. Das konnte nur einer der Rottweiler sein, die ihr Onkel hielt. Normalerweise waren diese Kreaturen in den Zwingern verbannt; nur nachts ließ er sie hinaus. Dann machten sie den Garten unsicher. Obwohl Torsten Halder immer wieder versichert hatte, sie würden Sariels Geruch kennen und ihr niemals etwas zuleide tun, ging sie ihnen aus dem Weg. Ihre Anwesenheit war mit ein Grund, weshalb sie abends niemals das Haus verließ.

Vielleicht beabsichtigt er genau das damit. Ärgerlich vertrieb sie diesen Gedanken. Was war nur heute mit ihr los? Torsten Halder war mit Sicherheit kein herzlicher Mensch. Es lag nicht in seiner Natur, Gefühle auszudrücken oder liebevoll zu sein. Allein die Idee, er könne sie in eine Umarmung schließen, führte dazu, dass sich ein zynisches Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Nein, seine Stärke lag nicht darin, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Vielmehr im Gegenteil: Wo immer er sich aufhielt, verbreitete er eine Aura der Macht und der Aggression. Aber egal, wie gefühlskalt er auf andere Menschen wirken mochte, so wusste sie doch eines: Er war der einzige Verwandte, den sie hatte.

Noch immer dieses Tapsen. Ein Hecheln gesellte sich hinzu. Wie von selbst verlangsamten sich Sariels Schritte, bis sie stehen blieb und sich umdrehte. Da, nur wenige Meter von ihr entfernt, stand Rosco, der größte und - ihrer Meinung nach - am gemeinsten aussehende Rottweiler, den ihr Onkel besaß. Auch er blieb stehen, maß sie mit seinen Blicken und wartete gelassen auf ihre nächste Bewegung. Das zumindest war Sariels Eindruck, als sie ihn musterte. Vielleicht überlegte er sich auch nur, ob sie ein nettes Frühstück abgeben würde.

Wieder bahnte sich Furcht einen Weg durch ihren Körper. Aber das durfte nicht sein. Wenn diese Bestie ihre Angst spürte, war alles möglich. Auch das Undenkbare. Mit einem gezwungenen Lächeln drehte sie sich um, ging weiter in Richtung ihrer Räume. Immer darauf achtend, dass ihre Schritte gemessen waren. Obwohl sie nichts lieber getan hätte, als zu rennen.


Er musste herausfinden, warum Sariel Angst hatte. Er konnte sich nicht erklären, was ihn dazu drängte, aber ihr Wohlbefinden war wichtig. Wichtiger als alles andere. Die energetische Verbindung zu ihr herzustellen, erschöpfte ihn. Aber auch das war ohne Belang. Er musste wissen, wie es ihr ging.

Angst! Noch immer. Jetzt aber war ein neues Element hinzugekommen. Verwirrung.

Alexander versuchte den Grund dafür herauszufinden, aber er sah nur verschwommene Bilder. Irgendetwas verfolgte sie, aber es war nicht Halder. Vielleicht einer seiner Bodyguards? Angestrengt suchte er ihr Umfeld nach einem weiteren Menschen ab. Aber da war nichts … bis auf … ein Hund!

Es bestand keine unmittelbare Gefahr für sie. Vielleicht hatte sie schon immer Angst vor Hunden gehabt. Das Tier selbst hatte keine bösen Absichten, soviel konnte er immerhin mit den letzten Resten seiner Energie spüren. Es machte vielmehr einen wachsamen Eindruck, so als würde es aufpassen, auf ihr Wohlergehen achten.

Kein Grund zur Besorgnis also.

Besorgnis?

Warum machte er sich um einen Menschen Sorgen? Um eine Frau, die er noch nicht einmal kannte?

Mitgefühl. Das war alles. Sariel Halder hatte ihre Eltern verloren. Alexander hatte nie den Schmerz gespürt, den Sariel gefühlt haben musste. Was er aber kannte, war die Isolation, die ein Wesen ohne Familie zwangsläufig erleidet. Und was Freunde betraf, es gab nur einen Menschen, zu dem Alexander ein solches Verhältnis pflegte und auch ihn sah er nur selten.

Alleinsein war zu seiner Natur geworden. Er kannte kaum etwas anderes, und doch sehnte er sich nach etwas, was er nicht benennen konnte, was er nie erlebt hatte. Ein Ifrit war machtvoll. Das Gefühl von Einsamkeit einzugestehen, war ein Zeichen der Schwäche.

Und das konnte tödlich sein.


Acht Schritte zur Tür. Umdrehen. Acht Schritte zurück, zum Fenster. Umdrehen. Acht … Dieser Hund machte sie verrückt. Seit zwei Stunden lag Rosco vor ihrer Tür. Warum verschwand er nicht dorthin, woher er gekommen war?

Natürlich war diese Frage müßig. Sariel wusste genau, warum er vor ihrem Zimmer Wache hielt. Ihr Onkel hatte das veranlasst. Er wollte nicht, dass sie an die Sorbonne ging.

„Er hat kein Recht, mich hier festzuhalten.“ Die Worte verhallten in dem Raum.

Ihr Onkel hatte seine Aktion besser vorbereitet, als sie zunächst vermutet hatte. Weder Handy noch Laptop waren auffindbar. In der kurzen Zeit, die seit ihrer Ankündigung und der Rückkehr zu ihrem kleinen Apartment vergangen war, hatte er ihre Verbindungen zur Außenwelt abgeschnitten. Rosco tat ein Übriges.

Rosco! Der Hund war darauf abgerichtet, Fremde anzugreifen. Wenn Sariel den Versicherungen ihres Onkels Glauben schenken sollte, war er ebenfalls darauf trainiert, ihr nichts zu tun. Was also hinderte sie daran, ihre Gefangenschaft zu beenden und das Haus zu verlassen?

Eine Idee formte sich in ihrem Kopf. Sie würde so tun, als wolle sie in die Küche gehen. Nach dem mageren Frühstück heute Morgen hatte sie ohnehin Hunger. Selbst wenn Rosco ihr folgen würde, schaffte sie es möglicherweise, durch die Tür zu verschwinden, die von der Küche in den Garten führte. Sie brauchte nichts weiter zu tun, als sie dem Hund vor der Nase zuzuschlagen. Ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Das war die Lösung!

Mit einem leisen Knarren schwang die Zimmertür auf, deren Holzrahmen ebenso altertümlich war wie das gesamte Haus.

Roscos Kopf, der bisher auf seinen Vorderpfoten geruht hatte, schnellte nach oben. Das Tier, das eben noch friedlich und entspannt ausgesehen hatte, wirkte plötzlich hellwach.

„Braver Bursche“, sang Sariel leise in einem, wie sie hoffte, beruhigenden Tonfall. Roscos Ohren stellten sich auf Empfang. Er rührte sich nicht, aber es war offensichtlich, dass er sofort aufspringen würde, sobald sie einen Fuß vor die Tür setzte.

Angst stieg in ihr auf. Aber sie schluckte sie hinunter. Es war ihr Leben. Ihre Entscheidung, ob und wo sie studieren würde. Torsten Halder hatte kein Recht, ihr seinen Willen aufzuzwingen.

Sie setzte einen Fuß in den Flur.

Rosco zog die Lefzen nach hinten.

Der zweite Fuß folgte.

Ein leises Knurren drang aus seiner Kehle.

„Wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang, Rosco?“, flötete Sariel und kam sich dabei unendlich blöd vor.

Der Hund und Sariel musterten sich, als wären sie in einem unsichtbaren Wettbewerb gefangen. Wer würde den ersten Schritt tun? Wer würde als Erster seine wahren Absichten verraten?

Ohne ihren Blick von Rosco zu wenden, zog Sariel die Tür hinter sich zu, achtete aber darauf, sie nicht zu schließen.

Das Knurren wurde lauter.

Trotzdem wagte sie einen Schritt in den Flur hinaus, Richtung Küche. „Komm schon, Rosco. Nur ein kleiner Abstecher zu Martha. Du bekommst von ihr ein saftiges Steak. Ich verspreche es dir.“

Anscheinend war Rosco nicht hungrig oder besser trainiert, als Sariel erwartet hatte. Sein Grollen übertönte mittlerweile alle anderen Geräusche. Die Botschaft war eindeutig: Eine weitere Bewegung in die falsche Richtung und er würde sie anfallen.

Mit einem Knall fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Torsten Halder hatte gewonnen.


Wut.

Die Erkenntnis, dass die rot glühende Emotion Torsten Halders Energiefeld wie Lava umspülte, brachte ein Lächeln auf Alexanders Lippen. Das war gut. Sehr gut. Halder war mit etwas anderem beschäftigt. Ihm entging, wie Alexander seine Aura abtastete und versuchte, in seine Gedanken zu dringen.

Die winzige Flamme, die Alexander am Leben hielt, nährte sich an Halders Wut. Sie wurde stärker. Erlaubte ihm, seine Fühler auszustrecken und zu versuchen, hinter Halders Pläne zu kommen.

Der Banker war abgelenkt. Die starke Emotion, die er im gesamten Haus verbreitete, sorgte dafür, dass er Alexanders Zugriff nicht spürte. Aber Halder war nicht dumm, seine Gedanken waren von Barrieren umgeben, die Alexander nicht durchdringen konnte. So sehr er auch nach einer Lücke suchte, er konnte keine entdecken. Ein Gutes aber hatten seine Bemühungen: Das rot glühende Gefühl umgab Halder in einer pulsierenden Wolke. Für Alexander war es ein Lebenselixier. Noch ein wenig mehr davon und er wäre stark genug, um diesem Gefängnis zu entfliehen.

Warum war der Banker wütend?

Irgendjemand oder irgendetwas hatte ihn in einen Zustand versetzt, in dem er töten wollte.

Noch hatte Halder sich unter Kontrolle. Nicht mehr lange und der Damm würde brechen. Dann würde er die Ursache für seine Rage vernichten.

Sariel.

Die Erkenntnis fuhr wie ein Stromschlag durch Alexanders Bewusstsein. Sie war es, die Halder in diesen Zustand versetzt hatte. Das Wissen bewirkte, was Alexanders vorsichtiges Tasten zuvor nicht erreicht hatte: Torsten Halders Gedanken öffneten sich ihm. So verschlossen er vor wenigen Sekunden noch gewesen war, so offen lag er jetzt vor ihm. Ahnungslos in seiner Arroganz.

Wie eine Welle stieg das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben, in Alexander auf. Er hatte sich den Zutritt zum Allerheiligsten verschafft. Halders Denken lag wie eine Landkarte ausgebreitet vor ihm. Die einzelnen Gedanken wie silberne Stränge. Sie liefen alle auf ein einziges Ziel zu. Schwarz pulsierte es in der Mitte des funkelnden Netzes. Die von dieser dunklen Masse ausgehende Gefahr war so greifbar, dass Alexander kurz davor war umzukehren.

Schwarze Hostie

Das Wort, das Alexander in Halders Gedanken las, katapultierte ihn in seinen eigenen Körper zurück und unterbrach die energetische Verbindung, die er mit dem Banker aufgebaut hatte. Erstarrung senkte sich über ihn, als er darüber nachdachte, was diese Entdeckung bedeutete.

Die schwarze Hostie war eine der schlimmsten schwarz-magischen Kreationen. Ein magisches Gebäck mit dem Sinn, demjenigen, der es aß, zu Unsterblichkeit und Macht zu verhelfen.

Ein Schauer erfasste Alexander mit einer Heftigkeit, die ihn mehrere Minuten lang in schmerzhaften Krämpfen gefangen hielt. Dann ließ die Kälte nach, die das Wort in ihm hervorgerufen hatte. An ihre Stelle trat eine weitere Erkenntnis. Torsten Halder hatte ihn gefangen genommen, weil er ihn brauchte. Eine der beiden wichtigsten Zutaten, die er für die Herstellung der Hostie benötigte, war Blut. Das Blut eines Dämons und eines Halbdämons. Halbdämonen, die Kinder eines Dämons und einer Sterblichen, waren selten; noch seltener als Ifrit. Wie also wollte Halder an diese Ingredienz kommen? Es war Jahrzehnte her, seit Alexander das letzte Mal einem Halbdämonen begegnet war.

Wie also …? Sariel. Der Name war nur ein Wispern in seinen Gedanken.

Die Nichte des Bankers war der einzige Mensch, der bisher in der Lage gewesen war, Alexander zu sehen. Der Grund dafür war einfach.

5

Schmerz.

Eisige Flammen, die statt Blut durch ihre Adern flossen. Mit einem Stöhnen wand sie sich im Bett. Ihr Herz hämmerte, während die Schmerzen sie immer fester umklammerten. Dann endlich wachte sie auf. Schweißgebadet.

Trotz der erlösenden Erkenntnis, dass es ein Albtraum gewesen war, brauchte Sariel lange, um sich zu beruhigen. Die Bilder in ihrem Traum waren zu lebendig gewesen. Verfolgten sie noch immer, obwohl sie das Licht anknipste und versuchte, sich mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen zu entspannen.

Ein Körper. Unendliche Qualen. Angst, die wie Blut durch die Adern strömte, und der hilflose Versuch, sich zu wehren.

Allein die Erinnerung daran bewirkte, dass sich ihr Herzschlag erneut beschleunigte. Sie bekam kaum noch Luft.

„Aufhören! Sofort aufhören!“ Obwohl sie die Worte flüsterte, bewirkten sie eine Veränderung. Die Atmosphäre in ihrem Schlafzimmer wurde wärmer. Fast so, als würde sich die eisige Kälte, die sie noch vor kurzem gespürt hatte, zurückziehen.

Das helle Mondlicht zog eine silberne Spur durch den Raum. Mit den Augen folgte Sariel der klar erkennbaren Linie bis zu der großen, weißen Scheibe am Nachthimmel. Es war Vollmond. Wahrscheinlich hatte sie deshalb so schlecht geträumt. Ohne Vorwarnung durchzuckte sie ein weiteres Bild. Die Gestalt, deren Schmerzen sie beobachtet hatte, drehte den Kopf und sah sie an.

Alexander.

Die Erkenntnis war ein Schock. Dann aber rasten Fragen durch ihren Kopf: Warum sah sie das Gesicht eines Mannes, den sie kaum kannte, in ihren Gedanken? Warum hatte sie diese Vision im Wachzustand? Zuvor glaubte sie noch, es sei ein übler Traum. Aber jetzt?

Mit einem Satz sprang Sariel aus dem Bett. An Schlaf war nicht zu denken, denn das Chaos in ihrem Kopf würde sich nicht so schnell legen. Dazu waren zu viele Fragen aufgewirbelt worden. Bei all den Dingen, die ihr unklar waren, hatte sie doch eine Gewissheit. Er war in Gefahr. Die Qualen, die Sariel in ihrem Traum durchlebt hatte, waren real.

Kein Mensch sollte so leiden müssen.


Wie ein Sturm wirbelte die Erkenntnis durch seinen Kopf. Sariel Halder war eine Halbdämonin. Da ihr Vater Torsten Halders Bruder war, musste ihre Mutter eine Dämonin gewesen sein. Sariels Gesicht tauchte in seinen Gedanken auf. Umrahmt von Haaren, die wie Lava glühten.

Sie war halb Ifrit.

Er hätte es wissen müssen, aber Halbdämonen waren selten. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, sie als solche zu identifizieren. Mit einem Seufzen überließ er sich der Gedankenflut. Er musste zur Ruhe kommen, um seinen nächsten Schritt zu planen. Die Energie, die er durch Torsten Halders emotionalen Ausbruch gewonnen hatte, sorgte dafür, dass er sich von Minute zu Minute stärker fühlte.

Höchste Zeit, um diese ungastliche Zelle zu verlassen.

Alexander war zittrig auf den Beinen, als er aufstand und sich in die Mitte des Raumes stellte. Aber er wusste, er hatte genügend Lebenskraft gesammelt. Seine Verwandlung in Rauch würde gelingen. Gerade so.

Als Ziel wählte er die Sahara. Dort, inmitten der Wüste, befand sich eines seiner Häuser. Gebaut aus Steinblöcken, die er dem alten römischen Fort Tisavar entwendet hatte. Damals war die römische Befestigung bereits eine Ruine, die verlassen den Rand der Sahara säumte. Er hatte Jahre gebraucht, um aus den Steinen eine Behausung zu formen. Die viereckige Struktur schlang sich um einen Innenhof, dessen Mitte ein Brunnen schmückte. Während draußen die Sonne ein helles, in den Augen brennendes Licht verbreitete, herrschte innen ein schattiges Halbdunkel.

Die Räume mit ihren weiß gekalkten Wänden boten Zuflucht vor der gleißenden Hitze. Bunte Kissen und Diwane sorgten für Bequemlichkeit.

Er liebte diesen Ort. Hier fühlte er sich in seinem Element, geschützt durch die unendliche Weite der Sahara, ihrer tödlichen Kargheit und Menschenfeindlichkeit.

Er würde ein paar Stunden dort bleiben, so lange, bis er seine Kräfte regeneriert hatte, und dann zurückkehren, um Sariel in Sicherheit zu bringen. Der Gedanke, sie zurückzulassen, gefiel ihm nicht, aber er war noch nicht stark genug, um ihr jetzt schon helfen zu können.

Das Bild der flimmernden Glut vor Augen, die die Wüste zu dieser Tageszeit erfüllen würde, löste er sein stoffliches Sein auf.

Der Aufprall war heftig und raubte ihm für einen Augenblick den Atem. Die unsanfte Landung bewirkte eine abrupte Transformation in seinen menschlichen Körper.

Er lag auf dem Boden … auf … einem Teppich?

„Beeindruckend.“ Ohne aufzusehen, schrieb Torsten Halder in ein Journal. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so schnell in der Lage sein würden, die Kälte zu überwinden.“ Der Banker hob den Kopf und streifte Alexander mit einem Blick, der vollkommen emotionslos war.

„Setzen Sie sich.“ Mit einer knappen Geste zeigte Halder auf einen Sessel, der vor seinem Schreibtisch stand. Alexander hatte sich in Halders Bibliothek materialisiert. Ein Fehler, der nicht hätte passieren dürfen. Wenn es denn ein Fehler war …

Der Raum war vollkommen in Weiß gehalten. Die Farbe strahlte hell genug, um in den Augen zu schmerzen. Wären nicht die Bücher und DVDs gewesen, die die Wandregale füllten, hätte er sich wie in einem Vakuum gefühlt.

Noch immer erschöpft von der Kraftanstrengung, stand Alexander auf, versuchte das Zittern seiner Beine zu unterdrücken und bewegte sich auf den Sessel zu. Dann setzte er sich und unterzog den Banker einer eingehenden Musterung.

Halder war etwa sechzig Jahre alt. Seine stahlgrauen Haare passten zu den Augen, deren innere Kälte keine Gefühle preisgab. Seine Haltung ließ auf einen militärischen Hintergrund schließen. Sein Körper war trotz seines fortgeschrittenen Alters schlank und durchtrainiert. Alles an ihm verriet ein Übermaß an Disziplin.

„Man begegnet nur selten einem Ifrit, der … wie soll ich es ausdrücken? …, dumm ist?“

„Dumm?“ Noch während Alexander dieses Wort wiederholte, breitete sich die Erkenntnis in ihm aus. Der Banker hatte recht. Der Fluchtversuch, und dann die Falle, in die er unvorbereitet getappt war - er hatte sich wie ein Tölpel benommen.

„Wie schön. Selbsterkenntnis stärkt den Charakter.“ Der Spott war nicht zu überhören. Halder spielte mit ihm. Das Bild einer Katze schob sich in Alexanders Gedanken. Einer Katze, die mit einer Maus spielte. Wie hatte ihm ein solcher Fehler unterlaufen können?

Wieder unterbrach der Banker seine Gedanken. „Sie wundern sich, warum Sie hier sind. Nicht wahr?“

Statt einer Antwort nickte Alexander. Er würde Halder nicht verraten, was er wusste.

„Vielleicht mag ich es nicht, wenn man mich töten will“, sinnierte der Banker, lehnte sich in seinem Sessel zurück und maß Alexander mit seinem Blick.

„Das ist nicht der wahre Grund“, murmelte Alexander. Sein Kopf wurde schwer, sein Körper wurde wie von Bleigewichten nach unten gezogen. Es war anstrengend, einen klaren Gedanken zu fassen. Trotzdem schaffte er es, an einer Gewissheit festzuhalten. Sein Eindringen in Torsten Halders Gedankenwelt musste sein Geheimnis bleiben.

„Oh nein. Nicht so schnell.“ Ein schwacher Stromschlag fuhr durch seinen Körper. Energie. Nicht genug, um ihn zu kräftigen, doch so viel, um zu verhindern, dass die Dunkelheit gewann.

„Ich habe Ihre Kräfte überschätzt. Wie dumm von mir.“ Der Banker lachte, aber Alexander konnte dem nichts entgegensetzen. Außer einer Frage:

„Was wollen Sie von mir?“

Statt Worte ließ Halder Bilder in seinem Kopf entstehen. Visionen, die einen Teil seiner Pläne so deutlich zeigten, als würde Alexander sie auf dem Fernseher verfolgen. Natürlich würde er ihn umbringen. Zuvor aber würde er sich jede seiner Fähigkeiten aneignen. Das Wichtigste aber zeigte Halder ihm nicht: Sein Plan, eine schwarze Hostie zu kreieren, sollte wohl das Geheimnis des Bankers bleiben.

6

Es mussten Stunden vergangen sein, bis er es schaffte, die Augen zu öffnen. Wie Bleigewichte lagen die Lider auf den Pupillen. Er benötigte seine ganze Kraft, um wieder zu sehen. Was er erblickte, war nicht überraschend. Er befand sich in seiner Zelle, dem winzigen Raum, aus dem er für kurze Zeit entkommen war. Sehr weit hatte ihn sein Fluchtversuch nicht gebracht.

Die Nacht war die Hölle gewesen. Wortwörtlich. Halder hatte es geschafft, dass Alexander wünschte, nie geboren zu sein. In den hundert Jahren, die er auf der Erde war, hatte er nie solchen Schmerz erfahren. Nie eine solche Angst verspürt. Warum auch? Ein Ifrit zu sein, hatte viele Vorteile, und einer davon war, dass er seine körperliche Gestalt nach Wunsch verändern konnte. Krankheiten sind einem Ifrit fremd. Sobald ihn ein körperliches Unwohlsein beschlich, brauchte er nichts weiter zu tun, als sich in Rauch aufzulösen. Danach materialisierte er sich und setzte seinen Leib wieder in perfekter Harmonie zusammen.

Zum ersten Mal in seinem Leben war dies nicht möglich. Halders Gift hatte ihn dieser Fähigkeit beraubt. Der Banker hatte es langsam injiziert. Jeder Tropfen hatte geschmerzt.

„Das wird Ihnen für einige Zeit die Lust nehmen, sich unsichtbar zu machen oder in Rauch aufzulösen. So leid es mir tut.“

Die Worte hallten in seinem Kopf wider. Der Spott hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Und noch etwas. Hass.

Ich werde ihn töten!

Die Gewissheit nahm etwas von dem Schmerz, den das Gift hinterlassen hatte. Er wusste nicht, wie er es schaffen würde, aber die Machtdemonstration, die seinen Willen brechen sollte, hatte das Gegenteil bewirkt. Anstatt Alexander zu zerstören, hatte der Banker erreicht, dass der Ifrit fokussierter war als jemals zuvor.

Er war zu schwach, um mehr als seine Augen zu bewegen, aber das reichte aus, um seine Zelle erneut in Augenschein zu nehmen. Nichts hatte sich verändert. Noch immer befand er sich in einem kleinen Raum, der von Betonwänden umgeben war. Kein Fenster unterbrach die glatte Oberfläche der Mauern. Selbst die Tür ihm gegenüber war ohne Fugen in das Gemäuer eingefügt. Kein Lichtstrahl drang hinein. Es gab keine Spalten, keine Risse im Mauerwerk, nichts als die kalte, glatte, weiße Betonoberfläche.

Mit einem Seufzen schloss er die Augen, konzentrierte sich darauf, seine Umgebung mit den Sinnen abzutasten. Und dann endlich entdeckte er etwas, was ihm zuvor entgangen war. Energiefäden durchzogen den Raum. Manche waren mehrere Jahrzehnte alt, andere nur einige Stunden. Viele der Energielinien stammten von Halders Opfern. Seelen, die er ebenso wie Alexander gefoltert hatte. Ihre Überreste sprachen eine deutliche und zugleich erschreckende Sprache. Die letzte Nacht war angenehm im Vergleich zu dem gewesen, was die Zukunft für Alexander bereithielt.

Die jüngeren Energiestränge stammten von dem Banker. Sie durchzogen den Raum wie ein Spinnennetz. Einen Fluch auf den Lippen, schloss Alexander die Augen. Kein Wunder, dass er nicht weiter als Halders Arbeitszimmer gekommen war. Der Banker wusste genau, was er vorhatte. Und nicht nur das, Alexander konnte seine Kräfte nicht nutzen, denn Halders Energie hinderte ihn daran.

Ein raffiniertes Konzept. Aber sein Gegner hatte den gleichen Fehler begangen wie Alexander: Er war in seiner Machtbesessenheit unvorsichtig geworden.

Ein Lächeln stahl sich auf Alexanders Lippen. Die Bilanz war ausgeglichen, nur wusste Halder noch nichts davon.

Zwei Fehler. Ein dritter würde Alexander nicht unterlaufen.

„Sariel!“

Ihr Name war nur ein Flüstern auf seinen Lippen, aber es reichte. Wie schon zuvor öffnete sich Torsten Halders Bewusstsein. Seine Gedanken. Die Schaltzentrale seiner Macht.

Das schwarze Pulsieren in der Mitte wies ihm den Weg. Alexander lenkte seine Energie darauf zu. Er hatte nur wenige Sekunden, um sein Vorhaben auszuführen, aber er konnte sich keinen Fehler erlauben.

Langsam also.

Und dann war er dort. Inmitten des dunklen Mahlstroms, der Halders gesamtes Wesen durchdrang. Eine unglaubliche Machtkonzentration. Und, was noch wichtiger war, Energie. Genau das, was er brauchte, um zu überleben und den Banker zu töten. Ein Lächeln breitete sich auf Alexanders Gesicht aus. Die Vorstellung, Halder mit seiner eigenen Kraft zu vernichten, war ein berauschender Gedanke. Er konnte bereits fühlen, wie dessen Energie in seinen eigenen Adern pulsierte, sich über seinen Körper ausbreitete. Er durfte nur eines nicht vergessen: Halders Energie war gefährlich, denn von nun an würden dessen Machtgier, die Skrupellosigkeit und sein Fokus auf die Herstellung der schwarzen Hostie, ebenfalls ein Teil von Alexander sein. Ein Teil seines Wesens, den er kontrollieren musste.

Es würde nicht einfach werden, aber er schaffte das. Ganz sicher.


Eigentlich müsste hier längst ein Trampelpfad zu sehen sein. Der Gedanke zauberte ein ironisches Lächeln auf ihre Lippen. In ihrem Zimmer auf und ab zu laufen, war in den letzten Tagen ihre Hauptbeschäftigung. Sehr viel mehr konnte sie ohnehin nicht tun. Die Gefangenschaft nahm ihre Gedanken in Anspruch. Sie schaffte es weder sich auf ein Buch noch auf Fernsehfilme oder Musik zu konzentrieren.

Zuerst war sie irritiert. Dann wütend. Ihr Onkel hatte kein Recht, sie so zu behandeln. Seit Tagen formulierte sie ihre Anklage, aber es gab niemanden, der ihr zugehört hätte. Torsten Halder mied ihre Gesellschaft. Seit jenem Sonntag, an dem sie ihre Entscheidung verkündet hatte, war sie von jedem menschlichen Kontakt abgeschnitten. Ihr Essen wurde vor die Tür gestellt. Rosco ließ es zu, dass sie es hereinholte. Mehr aber war nicht möglich. Jeden Tag hoffte sie, er ließe in seiner Wachsamkeit nach, aber diesen Gefallen tat er ihr nicht.

Das Sonnenlicht blendete ihre Augen, als sie zum wohl hundertsten Mal am Fenster stand und überlegte, wie sie es schaffen könnte, aus dem dritten Stock unbeschadet nach unten zu kommen. Sie hatte ihre Bettwäsche verknotet, nur um festzustellen, dass ägyptisches Leinen nicht dafür gemacht war, als Seil missbraucht zu werden. Schon ein sachter Zug an ihrer selbst gefertigten Konstruktion reichte, um es zu zerreißen.

Ein weiterer Fehlschlag. Aber sie durfte nicht aufgeben. Je mehr Tage vergingen, desto schwieriger würde es sein, ihre Pläne zu verwirklichen, und dann war da noch Alexander. Der Fremde, dem sie helfen musste. Wenn sie nur wüsste, wie.

„Ach, verdammt.“ Sie drehte sich vom Fenster weg. Es war aussichtslos. Sie war nicht einmal in der Lage, sich selbst zu helfen. Wieder stieg Alexanders Bild in ihr auf. Wie er sich in Schmerzen wand, schrie. Und dann dieser Blick direkt in ihre Augen, so als wolle er ihr etwas mitteilen. Sie musste ihm helfen. Es war unmöglich, es nicht zu versuchen.

Wenn sie nur wüsste, wo er sich befand. Obwohl sie nicht gerne daran dachte, rief sie sich noch einmal die Erinnerung an ihren Traum ins Gedächtnis. Dieses Mal konzentrierte sie sich auf seine Umgebung. Versuchte, das Bild der hilflosen Gestalt in den Hintergrund zu drängen. Eine Zelle. Etwa neun Quadratmeter groß, der Ort kam ihr bekannt vor. Sie war sich sicher … Das Traumbild verschwamm vor ihren Augen. Es wurde unscharf, der Boden schwankte unter ihren Füßen, und die Wände drehten sich in einem wilden Tanz. Mit einem Aufschrei versuchte sie sich festzuhalten. Irgendwo. Aber ihre Finger griffen ins Leere.

7

Sie lag auf dem Boden, als sie wieder zu sich kam. In ihrem Kopf jagte ein Wirbelsturm die Gedanken wie Herbstlaub vor sich her. Mit einem Stöhnen setzte sie sich auf. Sie war noch nie zuvor ohnmächtig geworden.

„Für alles gibt es ein erstes Mal“, murmelte sie vor sich hin. Dann versuchte sie aufzustehen. Es ging. Gerade so. Übelkeit stieg in ihr auf, aber sie verdrängte das Unwohlsein, bewegte sich stattdessen einige Schritte auf den kleinen Tisch zu. Die kurze Distanz war mit einem Mal sehr lang, dann aber hatte sie es geschafft. Mit einem Stöhnen ließ sie sich auf den Stuhl sinken. Endlich. Ihre Beine waren noch immer zittrig. Die Thermoskanne, die den Tee enthielt, den sie vor wenigen Stunden noch verweigert hatte, war mit einem Mal ein willkommener Anblick.

Das heiße Getränk sandte etwas Lebenskraft durch ihre Adern. Das war besser. Viel besser.

Für einen Augenblick schloss sie die Augen und genoss das Gefühl, ihren Körper zurückzugewinnen. Sie sollte etwas essen. Wahrscheinlich war sie ohnmächtig geworden, weil sie in den letzten Tagen kaum etwas zu sich genommen hatte.

„So komme ich hier nie heraus“, schalt sie sich.

Selbstgespräche. Der erste Schritt zum Wahnsinn. Mit einem Schulterzucken verdrängte sie diesen Gedanken. Es gab Wichtigeres, als über ihre geistige Gesundheit zu sinnieren.

Essen. Das bedeutete, sie musste ihre Augen öffnen. Sich der Wirklichkeit stellen.

Die Realität war anders als erwartet. Falsch. Sie war bereits verrückt, so viel war sicher. Anders konnte sie sich die Halluzination nicht erklären, die offensichtlich von ihr Besitz ergriffen hatten. Da, nur wenige Schritte von ihr entfernt, bewegte sich ein dunkler Schatten. Das Sonnenlicht, das durch die Fenster hereinfiel, verstärkte den Kontrast. Es konnte die Dunkelheit, die diesen Schatten umgab, nicht durchdringen. Die dunkle Figur hob den Kopf.

Alexander!

Drogen. Das war die einzig plausible Erklärung. Ihr Onkel hatte Drogen unter das Essen mischen lassen.

Die Erscheinung keuchte, als hätte sie Schmerzen. Das Ganze war absurd.

„Ich … bin hier, um zu …“

Die Worte waren kaum zu verstehen. Aus irgendeinem Grund war Alexander außer Atem.

Für eine Halluzination war der Anblick zu real. Entweder war sie verrückt oder dieser Mann hatte es irgendwie geschafft, sich Zugang zu ihrem Zimmer zu verschaffen. Aber wie?

Sie erhob sich, achtete darauf, so leise wie möglich zu sein. Wenn sie bis zur Tür kam, konnte sie Rosco auf ihn hetzen. Er würde sie beschützen. Der Hund, der vor wenigen Minuten noch ihr Wächter war, könnte jetzt ihre Rettung sein.

„Bleib. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten.“ Seine Stimme klang kräftiger als zuvor. Trotz der beruhigenden Worte lief ihr ein Schauer über den Rücken. Seine Körpersprache sagte etwas anderes. Sagte, dass er kurz davor stand, sich auf sie zu stürzen. Irgendetwas stimmte nicht. Der Mann, mit dem sie auf dem Sommerfest ihres Onkels einige Worte gewechselt hatte, war reserviert gewesen. Beherrscht. Dieser Mensch hier wies zwar eine äußerliche Ähnlichkeit mit ihm auf, machte aber den Eindruck, als sei er von einer bösen Macht besessen.

Seine Finger ballten sich an seiner Seite zu Fäusten, die Kiefer pressten sich so fest aufeinander, dass sie die einzelnen Muskelstränge sehen konnte. Während seine Augen … nicht die eines Menschen waren.

Ohne den Blick von ihm zu wenden, machte sie einen vorsichtigen Schritt nach hinten. Nur zwei Schritte bis zur Tür. Nachdem sie tagelang in dem Raum auf und ab gelaufen war, kannte sie die Abmessungen.

„Gehe nicht. Bitte.“ In einer Geste, die diese Worte unterstreichen sollte, hob er eine Hand.

„Nenne mir einen Grund, warum ich dir trauen sollte. Du bist nicht … Irgendetwas stimmt nicht mit dir.“ Warum rede ich mit ihm? Das ist ein Fehler. Sie musste verschwinden. Diesen Raum verlassen, bevor er die Beherrschung verlor.

„Weil ich hier bin, um dich zu retten.“ Die Worte klangen pathetisch. Sie wollte lachen. Es gab nichts, wovor ausgerechnet er sie retten müsste, aber etwas ließ sie innehalten. Die Worte klangen, als spräche er die Wahrheit. Was unsinnig war, denn sie brauchte keine Hilfe. Ihr Onkel würde in wenigen Tagen zur Vernunft kommen und bedauern, was er getan hatte. Es war nicht richtig, sie gegen ihren Willen festzuhalten, aber ihr drohte keine Gefahr. Ganz sicher nicht.

Warum also glaubte sie diesem Fremden?


Torsten Halders Energie war stärker, als er angenommen hatte. Alexander merkte, wie ihm die Kontrolle entglitt. Schlimmer noch, er begann wie der Banker zu denken. Die Gedanken verursachten ihm Übelkeit. Er sah das Kalkül, das hinter all dem steckte, wusste welche Vorkehrungen Sariels Onkel getroffen hatte, um an die Substanz zu kommen, die er benötigte. Aber das war nicht das Schlimmste. Mit einem Schaudern verdrängte er das Bild. Nein!

Erstaunlicherweise erlangte er durch dieses eine Wort die Kontrolle zurück. Zumindest genug, um Halders Energie zurückzudrängen. Er verbannte sie in den hintersten Winkel seines Bewusstseins. Er würde sie benutzen. Sie kontrollieren. Aber er würde es nicht zulassen, dieser Macht erneut zum Opfer zu fallen.

Ein Blick zu Sariel hin zeigte, was er befürchtet hatte. Sie sah ihm den Kampf an, der in ihm tobte. Sie hatte Angst vor ihm. Vielleicht war es besser so. Wenn sie Angst hatte, würde sie vorsichtig sein, ihn im Auge behalten. Sollte ihm die Kontrolle entgleiten …

Nein! Das werde ich nicht zulassen!

„Wovor willst du mich retten?“ Die Frage holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Sie sah ihn an, als wolle sie in seine Seele blicken. Er musste seine Antwort gut überlegen, damit sie ihm glaubte.

Bevor er ihr eine Erklärung liefern konnte, geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Schritte näherten sich. Torsten Halder. Der Banker hatte sich schneller von dem Energieentzug erholt, als er für möglich gehalten hatte. Er war nicht allein, mindestens zwei Männer begleiteten ihn. Seine Bodyguards.

„Schnell. Wir müssen weg von hier.“

„Warum?“

Die Schritte kamen näher. Alexander konnte Halders Aura spüren. Der Banker war wütend. Mehr noch. Er war rasend. Wenn sie nicht sofort von hier verschwanden, würde Sariel diese Begegnung nicht überleben. Halder hatte eine Entscheidung getroffen. Sie sollte noch heute sterben. Der Banker hatte beschlossen, dass ihr Beitrag zu der schwarzen Hostie wichtiger war, als mit ihr ein Kind zu zeugen. Er war nicht mehr länger bereit seine Pläne aufzuschieben.

„Sie kommen. Dein Onkel und seine Männer.“

„Gut! Ich muss mit ihm reden. Ihm klarmachen, dass er kein Recht hat …“

Mit einer Handbewegung unterbrach er ihren Redefluss. „Nicht jetzt.“

„Sage mir nicht, was ich zu tun habe. Es reicht, wenn mein Onkel denkt, er könne über mein Leben bestimmen.“

Nur noch wenige Meter, dann wären sie hier. Er konnte die Vibrationen spüren. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihren Willen zu beugen. Noch bevor er seine Hand erneut ausstreckte, bereute er, was er tat.

8

Das Sonnenlicht war so hell, dass sie die Augen zusammenkneifen musste. Es strömte ungehindert durch eine riesige Fensterscheibe. So muss es aussehen, wenn man gestorben und in den Himmel gekommen ist, dachte sie, während sie sich aufrichtete und die Umgebung aufmerksam musterte.

Sie befand sich in einem seltsamen Raum. Hier fehlten rechte Winkel und glatte Wände, es war wie in einer luxuriösen Höhle. Dunkelgraues Schiefergestein rahmte das Gemach ein. Neugierig sah sie sich weiter um. Auf dem Fußboden sorgten bunte Teppiche für Kontrast zu dem grauen Stein. Ein Sessel und ein Tisch, beides aus Ästen hergestellt, bildeten eine Sitzgruppe. Das Zimmer war behaglich, verströmte aber eine Atmosphäre, als sei es seit Langem nicht mehr benutzt worden.

Erneut suchte ihr Blick die Glasfront, die eine atemberaubende Aussicht bot. Wie in einem Adlerhorst konnte sie von ihrem Bett aus das Panorama der Bergwelt genießen, das sich in seiner ganzen Pracht vor ihr ausbreitete. Schneebedeckte Gipfel und ein eisblauer Himmel erstreckten sich in einer unendlichen Weite.

Es dauerte mehrere Minuten, bevor sie es schaffte, sich von dem Anblick loszureißen und die Gedankenfetzen, die durch ihren Kopf wanderten, zusammenzusetzen. Alexander. Die Hand, die er ausstreckte. Und dann Dunkelheit.

Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Das Bett, in dem sie gelegen hatte, war riesig. Weiche Kissen wollten sie dazu verführen, länger zu verweilen. Die Decke schmiegte sich an ihren Körper, als wolle sie sie ebenfalls überreden, zu bleiben und die Aussicht zu genießen.

Sie widerstand der Versuchung. Stattdessen ließ sie ein vertrautes Gefühl zu. Wut. Schon wieder hatte ein Mann seinen Willen über den ihren gestellt. Alexander hatte sie in eine Ohnmacht sinken lassen. Sie wusste nicht, wie er das geschafft hatte. Aber sie war sicher, er hatte sie in das schwarze Loch fallen lassen, als er mit seiner Hand auf ihren Kopf deutete. Danach musste er sie aus dem Haus ihres Onkels gebracht haben.

Wie hat er das geschafft, ohne von meinem Onkel daran gehindert zu werden? Torsten Halder mit seinen Bodyguards hätte in der Lage sein müssen, ihn aufzuhalten. Und dann war da noch Rosco.

Die Wut wurde von etwas anderem verdrängt. Angst. Dieser Mann hatte sie entführt. Auch wenn die Umgebung luxuriös war, so konnte dies nur eines bedeuten: Ihr Leben war in Gefahr. Ihre Muskeln, die eben noch bereit gewesen waren, ihren Körper mit einem Satz aus dem Bett zu befördern, gaben ihren Dienst auf. Sariel fiel in die Kissen zurück und ergab sich der Sturzflut der Gefühle, die über sie hinwegspülte. Es war seltsam. Nach dem Tod ihrer Eltern war sie in ein Vakuum geflüchtet, das sämtliche Emotionen aussperrte. Erst in den letzten Tagen hatten es zwei Gefühle geschafft, diese Mauer zu durchdringen: Wut und Angst.

Die Wut konnte ihr nützlich sein. Mit einem tiefen Atemzug versuchte sie, die Panik aus ihrem Kopf zu vertreiben. Was auch immer dieser Mann mit ihr vorhatte, sie würde es ihm nicht so leicht machen, wie er dachte. Sie war bereit zu kämpfen.

Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett. Es wurde Zeit, Alexander zu konfrontieren.

Wenn sie geglaubt hatte, die Aussicht aus ihrem Zimmer sei atemberaubend, so wurde sie schnell eines Besseren belehrt. Der Raum, den sie nun betrat, war etwa zehnmal so groß. Die Felsdecke wölbte sich in einem hohen Bogen über ihrem Kopf, aber das war es nicht, was ihren Blick festhielt. Die gesamte vordere Front des Raumes wurde von fast zwanzig Meter breiten Panoramafenstern dominiert. Ohne sich dessen bewusst zu sein, verharrte sie und sog das Bild in sich auf.

„Guten Morgen. Ich hoffe, es geht dir gut.“ Die leisen Worte unterbrachen ihre Andacht.

„Gut?“ Noch während sie dieses eine Wort ausspuckte, wirbelte sie zu ihm herum. „Als gut würde ich es nicht bezeichnen, wenn ich aus einer Bewusstlosigkeit erwache, die von dir verursacht wurde.“

„Es tut mir leid.“ Alexander löste sich von der Felswand, an der er gelehnt hatte, und trat einen Schritt auf sie zu.

„Das ist mir egal. Ich will hier weg, nach Hause, und zwar sofort.“

„Das geht nicht.“

„Ach, ich vergaß. Mein Onkel hat deine Forderungen wohl noch nicht erfüllt. Das wird er nicht tun. Er verhandelt nicht mit Verbrechern.“

„Forderungen?“ Alexander sah sie irritiert an. „Ich will nichts von deinem Onkel.“

„Warum hast du mich dann entführt?“

„Entführen ist nicht das richtige Wort.“ Für einen Augenblick herrschte Stille.

„Dann sollte es kein Problem sein, mich wieder nach Hause zu bringen.“

„Ich sagte bereits. Es geht nicht.“ Alexander ging an ihr vorbei, bis er vor dem Fenster stand. Dann drehte er sich um und bedeutete ihr näher zu kommen. Den Teufel würde sie tun.

„Bitte“, sagte er schließlich, nachdem sie seiner Aufforderung nicht nachkam.

„Warum sollte ich?“

„Ich möchte dir etwas zeigen.“

Letztendlich siegte die Neugierde. Wenn ihre Vermutung stimmte, mussten sie sich hoch oben auf einem Berggipfel befinden. Zwei Schritte bestätigten ihre Vermutung. Fast wurde ihr schwindelig, als sie aus dem Fenster nach unten blickte. Wie hatte er an diesem Ort eine Behausung errichten können?

Frei. Obwohl er ihren Wunsch verweigert hatte, kam sie sich frei vor. Wie der Adler, der hoch am Himmel seine Kreise zog. Es war seltsam. Sie fühlte sich schwerelos, so als sei ihr Körper nicht mehr an die Erdanziehungskraft gebunden. Fast glaubte sie, sie könne sich ebenso wie der Vogel in die Lüfte erheben. Die Berge bewirkten, was er nicht vollbracht hatte: Ihre Wut löste sich auf.

Aber das war unwichtig. Alles, was zählte, war ihr Wille.

„Nein.“ Alexander sprach noch immer so leise, dass sie das Wort mehr erahnte, als es zu hören.

„Ich bin es leid, mir von Männern sagen zu lassen, was ich zu tun habe. Erst mein Onkel und nun du. Ich werde noch heute diesen Ort verlassen. Und du wirst mir helfen, von diesem Berg wieder herunterzukommen.“

„Wenn ich das tue …“ Alexander ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen. Anstatt ihn zu vollenden, wechselte er das Thema. „Du hast etwas, was dein Onkel besitzen will. Das ist der Grund, weshalb du nicht gehen kannst. Zurzeit ist Halder nicht ganz er selbst.“

Während er diese seltsame Erklärung abgab, ging eine Veränderung in ihm vor. Sein Gesicht verzerrte sich und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er trat einen Schritt zurück. Wie schon zuvor hatte sie das Gefühl, er sei kurz davor, sich auf sie zu stürzen. Und dann geschah etwas Seltsames. Sie konnte sehen, wie dunkle Energie in einem Wirbel um seinen Körper floss. Es sah aus, als stünde er in einem Strudel aus schwarzem Nebel. Der Anblick war unheimlich.

Er zitterte. Und dann war der Spuk vorbei. Die Schwärze zog sich zurück. Fast war sie bereit zu glauben, sich alles nur eingebildet zu haben.

„Ich habe eher den Eindruck, als wärst du derjenige, der nicht er selbst ist.“ Die Worte waren heraus, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Sie wollte nicht mit ihm reden, wollte nichts über diesen Menschen erfahren.

„Ich hielt es für eine gute Idee, mir die Energie eines anderen anzueignen. Leider stellt sich heraus, dass ich nicht so gut damit umgehen kann, wie ich dachte“, sagte er.

„Es soll Menschen geben, die aus ihren Fehlern lernen. Vielleicht gehörst du ja dazu. Aber, wenn ich ehrlich bin, interessiert mich das nicht. Wie ich schon sagte, ich will von hier weg.“

„Das ist schade, denn es geht nicht. Ich glaube, ich habe das bereits erwähnt.“

Wut überschwemmte sie erneut mit einer Heftigkeit, die sie erschreckte. Wie eine Welle brach die Emotion über Sariel herein. Ohne darüber nachzudenken, lenkte sie die Flut in Alexanders Richtung. Er taumelte zurück.

Aber sie hatte ihn nicht berührt. Sie hatte nur diese seltsame Kraft benutzt.

„Du bist stärker, als ich dachte.“ Alexander lächelte, aber es war eher eine verzerrte Grimasse. Er rieb sich die Rippen, so als habe sie ihn tatsächlich verletzt.

„Das war nicht ich“, protestierte sie.

„Doch. Ich weiß nicht, ob …“ Wieder dieses Zittern. Seine Augen veränderten ihre Farbe von blau zu fast schwarz. Ebenso wie die Wolke, die sie gesehen hatte, obwohl es so etwas nicht geben konnte.

Und dann war da nur noch Rauch. Plötzlich war sie allein.


Die Hitze der Sahara hüllte ihn ein wie ein schützender Kokon. Mit einem tiefen Atemzug ließ er sich in den Sand sinken.

Das war knapp. Einen Lidschlag länger und er hätte sich auf sie gestürzt. Die Energie Halders war so stark, dass er seine ganze Willenskraft aufbringen musste, um sie zu bezwingen. Sariels überraschende Attacke hatte dazu geführt, dass er die Kontrolle verlor.

Er war kurz davor gewesen, Sariel das anzutun, wovor er sie beschützen wollte.

Die glühenden Sonnenstrahlen taten ihm gut. Sie brannten Halders giftige Energie aus ihm heraus. Gut! Er musste Halders Einfluss loswerden, bevor er zu Sariel zurückkehrte. Im Moment war er für sie gefährlicher als der Banker.

„Ich bin ein verdammter Idiot.“ Ohne es zu wollen, hatte er diesen Gedanken laut ausgesprochen. Er verhallte in der unendlichen Weite, die ihn umgab. Die Wüste war geduldig, ein paar Worte konnten ihrer Macht nichts anhaben.

Er seufzte. Die letzten Tage hatten eines deutlich gezeigt: Er war bei Weitem nicht so stark, wie er geglaubt hatte. Der Banker hatte ihm wiederholt die Grenzen seiner Macht aufgezeigt. Und jetzt musste er feststellen, dass Halders schwarze Magie weitaus gefährlicher war, als er geglaubt hatte. Er hatte jede Faser seiner Kraft gebraucht, um ihr Herr zu werden. Fast hätte er versagt.

Die Sonnenstrahlen bohrten sich in seinen Körper, begannen ihre reinigende Arbeit. Mit ihnen kam der Schmerz. Ein müdes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er hätte es wissen müssen, alles, was mit Torsten Halder zusammenhing, war schmerzhaft.


Sariel stand in der Mitte des Raumes. Sie war wütender als jemals zuvor in ihrem Leben. Wie konnte er es wagen zu verschwinden? Und sie hier, hoch oben in den Bergen, zurückzulassen.

Mit einem Aufschrei ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf. Schleuderte die Energie in alle Richtungen. Wie ein Wirbelsturm rasten die Kräfte, die sie entfesselte, durch den Raum. Ein Tisch flog durch die Luft. Eine Couch krachte gegen die Glasfront. Bilder wurden von den Wänden gerissen.

Die Elemente tobten, von ihrem Willen entfesselt. Nie zuvor hatte sie sich so lebendig gefühlt. So machtvoll.

Das triumphale Gefühl sollte nicht lange andauern.

Ein Spiegel, einer der letzten Gegenstände, die ihrer Kraft widerstanden hatten, reflektierte sie.

Der Orkan, der eben noch in ihren Ohren geheult hatte, verstummte. Die Stille war beängstigend. Noch schlimmer aber war die Kreatur, die sie in dem Spiegel erblickte.

Das war kein Mensch, sondern ein Wesen, das aus Feuer bestand.

Wer war sie?


Es dauerte lange, bis er sie entdeckte. Sie kauerte in der hintersten Ecke ihres Zimmers, mit den Armen hielt sie ihre Knie fest umschlungen. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, denn die Flut ihrer Haare ergoss sich über ihren Körper, aber ihre Haltung war ein deutlicher Ausdruck ihrer Verzweiflung.

„Was ist passiert?“ Seine Stimme klang rau, als er diese Worte flüsterte. Angst jagte einen Schauer über seinen Rücken. Hatte es Halder trotz der starken Schutzzauber, die diesen Ort umgaben, geschafft, zu ihr vorzudringen. Hatte er …?

„Nichts. Nichts ist geschehen.“ Ihr Blick war leer. Die Worte mechanisch. Ganz so, als sei es ihr egal, ob sie glaubwürdig waren oder nicht.

Er setzte sich neben sie. Wollte ihr etwas von seiner Körperwärme abgeben, um sie aus der Erstarrung zu lösen, aber sie bemerkte ihn nicht. Ihre Augen blickten starr geradeaus.

„Was bin ich?“ Sie sprach, ohne ihn anzusehen, fixierte die Berggipfel, als könne sie dort die Antwort finden. Erst als er nicht antwortete, sah sie ihn an.

„Du weißt es. Nicht wahr?“

Alexander war sich nicht sicher, was er auf diese Frage antworten sollte. Natürlich wusste er, was sie war. Aber war es ratsam, ihr die Wahrheit zu sagen? Sariel sah aus wie ein hauchdünnes, zartes Porzellangefäß, dessen vollkommene Oberfläche bereits einen Sprung hatte. Wenn er das Falsche sagte, würde er das Gefäß zerstören.

„Sag mir die Wahrheit, Alexander.“ Als er noch immer schwieg, lachte sie. Es war kein fröhlicher Laut. „Du bist wie mein Onkel. Auch er erzählt nur Dinge, die ich seiner Meinung nach wissen darf.“

Mit einem Ruck hob er den Kopf. „Ich bin in nichts deinem Onkel ähnlich.“

„Sieht aus, als hätte ich einen wunden Punkt getroffen.“ Der Sarkasmus verriet mehr über ihren Gemütszustand, als sie dachte. Vielleicht war sie stärker, als er zunächst angenommen hatte. Außerdem hatte sie ein Recht, die Wahrheit zu erfahren, zumindest was die Frage ihrer Herkunft anbelangte.

„Du bist ein Halbdämon. Das Kind einer Dämonin und eines Menschen.“

„Eine Halbdämonin?“ Sie lachte wieder. Dieses Mal aber bewegte sich das Lachen auf dem schmalen Grat zwischen Hysterie und Wahnsinn. „Es gibt keine Dämonen. Was bedeutet, dass es mich nicht gibt.“

„Sieh mich an, Sariel. Ich bin ein Dämon, ein Ifrit.“

Sie schüttelte den Kopf. „Die Nummer also. Als Nächstes soll ich glauben, mein Onkel sei ein Vampir … und ach, ja, Werwölfe gibt es auch. Nicht wahr?“

„Du weißt, dass ich die Wahrheit sage. Warum also versuchst du, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen?“

Dieses Mal war sie diejenige, die schwieg. Als sie sprach, war ihr Blick zum ersten Mal seit diesem seltsamen Zusammentreffen wieder klar. „Meine Mutter konnte das auch. Sich in Rauch auflösen. So wie du. Ich hatte es vergessen. Ich war noch ein Kind, als sie es das letzte Mal tat. Als ich anfing, darüber zu reden, hörte sie damit auf und behauptete ich hätte mich geirrt, wenn ich sie darauf ansprach. Warum hat sie mir nie gesagt, was ich bin?“

„Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich könnte dir diese Frage beantworten, aber ich kann nicht.“

„Kanntest du sie?“

„Nein. Aber das ist nicht ungewöhnlich. Dämonen leben in der Welt der Menschen meist allein, an entlegenen Orten.“ Mit einer Geste wies er auf die Fensterfront vor ihnen.

„Ifrit.“ Sie sprach das Wort, als wolle sie seinen Geschmack testen.

„Ich kann dir von uns, von unserer Art erzählen, wenn du möchtest“, bot er an.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich muss … ich muss darüber nachdenken.“

Die Tajine war fast fertig, als sie die Küche betrat. Seit ihrem Gespräch waren mehrere Stunden vergangen. In dieser Zeit war kein Laut aus ihrem Zimmer gedrungen. Er hatte sich Sorgen gemacht. Sariel hatte viel durchmachen müssen in den letzten Tagen. Er wünschte, er hätte ihr die Erkenntnis, dass sie eine Halbdämonin war, ersparen können. Aber nach der Verwüstung, die sie in seinem Wohnzimmer angerichtet hatte, war das unmöglich. Gegen seinen Willen musste er lächeln. Der Raum sah aus, als ob ein Tornado hindurchgefegt war. Sariel Halder hatte offensichtlich das erregbare Temperament der Ifrit geerbt. Er fragte sich, welche Charaktereigenschaften ihre Mutter ihr noch mitgegeben hatte.

„Das riecht gut.“ Sariel trat an seine Seite und betrachtete die Tajine, die auf einer Tonschale stand, in der die Holzkohle bereits zu einer weißlichen Glut heruntergebrannt war. „Was ist das?“

„Das ist eine Tajine, ein marokkanisches Tongefäß. In Marokko wird es fast täglich benutzt, um Speisen zuzubereiten. Ich mag diese Art des Essens, denn es ist sehr würzig, ohne allzu scharf zu sein.“

„Klingt gut.“

Mit einer einladenden Handbewegung wies er zum Tisch. „Setze dich. Das Essen ist fast fertig.“

„Danke! Ich hatte nicht erwartet, bekocht zu werden.“

„Dachtest du, ich würde dich verhungern lassen?“

„Nein. Ich war mir nur nicht sicher, ob Dämonen überhaupt essen.“ Sie sah ihn herausfordernd an.

„Wir essen, aber anders als Menschen können wir sehr lange ohne Nahrung auskommen. Wir sind nahezu unsterblich.“

„Unsterblich. Dafür siehst du ziemlich jung aus.“ Sariel musterte ihn. „Ich würde dich auf Mitte zwanzig schätzen.“

„Ich bin hundert Jahre alt. Es gibt Ifrit, die über tausend Jahre zählen, trotzdem sehen sie nach euren Maßstäben nicht alt aus. Für einen Ifrit bin ich jung.“ Was auch der Grund dafür war, dass Halder mich überlisten konnte.

„Und Halbdämonen? Was ist mit mir, bin ich auch unsterblich?“

„Möglicherweise. Es gibt Halbdämonen, die sehr alt werden und erst mit zweihundert oder dreihundert Jahren sterben. Manche sind ebenso wie wir unsterblich. Das hängt davon ab, welcher Erbteil in dir überwiegt. Die meisten Halbdämonen sind älter, als du es bist, bevor der Dämonenanteil in ihnen zutage tritt. Bei dir sind die Fähigkeiten früh ausgebrochen.“ Er runzelte die Stirn. „Zu früh.“

„Meine Mutter ist tot. Wie kann das sein, wenn sie doch unsterblich war?“

„Man kann einen Dämon töten. Es ist nicht einfach, aber es geht.“

„Meine Mutter starb bei einem Autounfall.“

„Das … kann sein.“

Er war ein miserabler Lügner. Innerlich verwünschte er sich dafür, aber er würde ihr nicht die Wahrheit sagen. Sie durfte nicht erfahren, dass Halder ihre Eltern ermordet hatte. Ebenso wenig wie die Tatsache, wer dazu bestimmt war, ihren letzten lebenden Verwandten zu töten. Zum Glück bemerkte sie seinen inneren Zwiespalt nicht, denn sie hing ihren eigenen Gedanken nach.

Das war gut. Sehr gut sogar, denn sie war noch nicht bereit, mit einer weiteren Wahrheit konfrontiert zu werden. Nicht, nachdem ihr Leben gerade auf den Kopf gestellt worden war.

„Was ist es, was mein Onkel von mir haben will?“, fragte sie und holte ihn in die Realität zurück. Das Gefühl der Erleichterung löste sich in Rauch auf.

„Das habe ich noch nicht herausgefunden“, versuchte er, der Frage auszuweichen. Sariel musterte ihn.

„Du bist ein schlechter Lügner“, stellte sie fest. „Mein Onkel will etwas von mir. Was angeblich der Grund ist, weshalb du mich nicht zu ihm zurückbringst. Wenn du in diesem Punkt die Wahrheit sagst …“ Sie brach ab und überlegte. „Wenn es also wahr ist, dann bin ich offensichtlich nicht bereit, ihm das zu geben, was er haben möchte. Was seltsam ist, denn ich besitze nichts, was für ihn von Wert ist. Außer den Aktien. Aber die verwaltet ohnehin er für mich.“ Sie starrte auf den Fußboden und runzelte die Stirn. „Vielleicht sollte ich das ändern“, murmelte sie.

Alexander schwieg. Es war besser, wenn Sariel glaubte ihr Onkel sei an ihren Aktien interessiert.

9

Es war frustrierend. Und vor allem machte es sie wütend. Sie hatte alles versucht, um Alexander dazu zu bewegen sie nach dem Essen nach Hause zu lassen. Aber er blieb unerbittlich. Am liebsten hätte sie ihm die Augen ausgekratzt.

Verdammt!

Sie durchmaß den Raum mit ihren Schritten. Anscheinend tat sie in letzter Zeit kaum etwas anderes, als in einem Zimmer auf und ab zu gehen. Aber die Selbstherrlichkeit der Männer in ihrem Leben, die nur darauf abzielte, ihr den eigenen Willen aufzudrängen, machte sie rasend.

Sie wollte weg von diesem Ort. Dummerweise war es zu spät dafür. Die Nacht hatte sich vor Stunden auf „Adlerschwinge“, wie Alexander sein Domizil in den Bergen getauft hatte, herabgesenkt. Wesen, die sich nicht wie ein Ifrit in Rauch auflösen konnten, waren gezwungen, mit einem Helikopter an- oder abzureisen. Nachts aber war diese Möglichkeit nicht gegeben, dafür sorgten die Berge.

Ein Ifrit zu sein, hatte eindeutige Vorteile.

Der Gedanke daran brachte sie zum Stehen. Wie konnte sie nur so dumm sein?

Sie würde sich in Rauch auflösen. Immerhin war sie halb Ifrit. Sie musste das doch auch können. Immerhin war ihre Mutter eine Dämonin.

Wenn ich nur wüsste, wie es geht!

Einige Stunden später musste sie frustriert feststellen, dass sie offensichtlich nicht in der Lage war, sich zu verwandeln. Dabei hatte sie nichts unversucht gelassen. Sie meditierte, stellte sich Rauch vor, machte sich in Gedanken schwerelos, löste sich auf. Und versagte immer wieder. So ziemlich die einzige Methode, die sie bisher nicht versucht hatte, war ein Streichholz zu nehmen und sich anzuzünden.

Dabei hatte es so einfach ausgesehen.

Wieder begann sie, in dem Zimmer auf und ab zu gehen. Was machte einen Ifrit aus? Welcher Teil seines Wesens sorgte für diese Verwandlung? Sie wünschte, Alexander hätte mehr erzählt. Ifrit waren Dämonen des Feuers. Sie waren temperamentvoll, schnell, unsterblich und liebten die Wärme.

Feuer. Vor ihrem inneren Auge entstand das Bild einer Kerzenflamme. Sie flackerte in einem Luftzug. Um den Docht herum war die Flamme blau, dann wurde sie weißlich. Ein kaum wahrnehmbarer Rauchfaden stieg von ihr nach oben. Er entstand durch den Sauerstoff, den das Feuer verbrannte, zusammen mit der „Nahrung“, die der Kerzendocht lieferte.

Feuer, Sauerstoff und Nahrung ergaben Rauch.

Sariel atmete tief ein. Und aus. Und wieder ein. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung, auf den Rhythmus, mit dem die Luft in ihren Körper strömte und ihn dann wieder verließ. Ein und aus. Ein und aus.

Nach etwa fünf Minuten brach sie ab. Das konzentrierte Atmen brachte sie zum Hyperventilieren. Möglicherweise hatte ihre Mutter ihr diese Eigenschaft nicht vererbt.

Ich bin zu sehr Mensch.

Vor wenigen Stunden noch hätte sie dieser Gedanke erfreut. Aber jetzt nicht mehr. Es war ihr erstaunlich leicht gefallen, ihr Anderssein zu akzeptieren. Zum großen Teil lag es an dem Gefühl der Erleichterung, das sie seit dieser Erkenntnis spürte. Es war, als ob sie durch ihr Wissen einen Teil ihres Wesens wiedergefunden hatte. Mit einem Mal fühlte sie sich ganz, was seltsam war, denn bisher war ihr nie aufgefallen, dass etwas in ihr gefehlt hatte. Aber das war nicht alles: Sie hatte zusätzlich den Eindruck, durch ihr Wissen eine Verbindung zu ihrer Mutter zu knüpfen. Seit dem Tod ihrer Eltern fühlte sie sich abgeschnitten. So, als sei eine unsichtbare Nabelschnur, die bis dahin die Familie verbunden hatte, durchtrennt worden. Jetzt war eine zarte, neue Brücke entstanden.

„Lara“, sie flüsterte den Vornamen ihrer Mutter. Es tat gut, den vertrauten Klang zu hören, die Schwingungen zu spüren. Und dann - plötzlich - tauchte ein Bild vor ihrem inneren Auge auf. Eine Szene, die sie längst vergessen hatte. Sie sah sich selbst als kleines Mädchen, das mit großen Augen auf die Stelle starrte, an der ihre Mutter eben noch gestanden hatte. Jetzt hing weißlicher Rauch in der Luft. Es ertönte ein Lachen, und ihre Mutter schloss sie von hinten in die Arme.

„Wie machst du das?“ Sariel lachte und versuchte, sich aus der Umarmung zu befreien. Dann klatschte sie in die Hände. „Noch einmal. Ich will das noch einmal sehen. Bitte Mama.“

Erneut der Rauch. Das Lachen, Sariels Frage und die Antwort ihrer Mutter: „Ich stelle mir einfach den Ort vor, an dem ich sein will.“ Die Worte klangen in ihren Ohren.

„Ich stelle mir einfach den Ort vor, an dem ich sein will.“

Kein Atmen. Kein Gefühl von Auflösung. Nur ihre Vorstellungskraft. Ein Lachen befreite sich aus ihrer Kehle und flog davon. Ich werde es schaffen!

Erneut durchmaß sie den Raum mit ihren Schritten. Sie musste sich einen geeigneten Ort vorstellen, denn es war nicht auszuschließen, dass sie einen Fehler beging. Was, wenn sie etwas falsch machte und in der Alster landete? Oder in einem fremden Haus?

Außerdem galt es, einen weiteren Punkt zu berücksichtigen. Sie musste mit ihrem Onkel reden. Ihm verständlich machen, dass ihre Entscheidung, nach Paris zu gehen feststand. Sie ließe sich nicht ein zweites Mal zur Gefangenen seiner Wünsche machen. Das musste ihm klar sein. Und dann würde sie ihn mit dem konfrontieren, was Alexander gesagt hatte. Sie musste herausfinden, ob der Ifrit recht hatte. Ob es tatsächlich etwas gab, was Torsten Halder von ihr wollte.

Ihrer Berechnung nach musste es mittlerweile etwa zwölf Uhr nachts sein. Zu dieser Zeit war ihr Onkel in seiner Bibliothek zu finden. Mit nur wenig Konzentration konnte sie sich den großen Raum mit seinen hohen Regalen und dem imposanten Schreibtisch vorstellen. Ihr Onkel würde dort, in seine Dokumente und Unterlagen versunken, sitzen. Eine Lesebrille auf der Nase. Im Winter flackerte ein Feuer im Kamin. Jetzt, im Sommer, wäre es angenehm kühl. Eine Karaffe mit eiskaltem Wasser stünde auf einem kleinen silbernen Tablett, gleich neben dem großen Sessel, der für Besucher und Gäste gedacht war.

Zunächst bemerkte sie es nicht, dieses Gefühl der Leichtigkeit, der Schwerelosigkeit. Dann aber sah sie den dichten Nebel, der sie umgab. Weißlich und durchsichtig. Wie Rauch …

10

Die Luft entwich mit einem lauten Zischen aus ihren Lungen. Für einen Augenblick hatte sie das Gefühl zu ersticken. Dann aber gelang ihr ein tiefer Atemzug. Das Bild, das eben noch verschwommen war, nahm klare Formen an. Sie lag ausgestreckt auf dem kostbaren Perserteppich, der die Bibliothek ihres Onkels in einen sanften rotgoldenen Ton hüllte.

Sie hatte es geschafft. Die Stimme, die sie begrüßte, räumte letzte Zweifel aus: „Interessant. Du hast die Verwandlung schneller begonnen als erwartet.“

Torsten Halder durchbohrte sie mit seinem Blick. Ein Frösteln kroch durch ihren Körper. Ihr Onkel sah wütend aus. Etwas zittrig kam sie auf die Beine.

„Was meinst du?“ Die Frage war überflüssig, aber sie wollte sicher sein, dass sie ihn richtig verstanden hatte. Anscheinend wusste ihr Onkel genau, was sie war. Warum aber hatte er ihr nie auch nur den kleinsten Hinweis darauf gegeben?

„Deine Verwandlung in einen Halbdämonen natürlich. Du wärst nicht hier, wenn du nicht wüsstest, wovon ich rede.“ Der Tonfall war noch immer kalt. Torsten Halder musterte sie. Sein Interesse war distanziert, emotionslos. So, als würde er eine neue Spezies unter dem Mikroskop untersuchen, deren Vorhandensein er seit Langem geahnt hatte.

„Alexander hat mir erzählt, was ich bin. Was meine Mutter war. Du hieltest es ja nicht für nötig, mich aufzuklären.“ In ihren Worten schwang nicht nur die Anklage mit, sondern auch Wut. Dieses Gefühl wurde allmählich vertraut.

„Der Ifrit. Vielleicht sollte er sich nicht in Dinge einmischen, die ihn nichts angehen. Wo ist er?“

Die Frage klang harmlos. Aber Sariel kannte ihren Onkel gut genug, um ein Interesse zu ahnen, das er nicht zugeben wollte.

„Ich weiß es nicht. Er hat mich an einen abgelegenen Ort gebracht. Es war dunkel dort und heiß.“ Die Lüge kam über ihre Lippen, noch bevor sie sich darüber im Klaren war, warum es besser wäre, nicht die Wahrheit zu sagen. Irgendein inneres Warnsystem war aktiviert worden. Es sandte verwirrende Signale aus. Eines aber war eindeutig, sie hatte Angst!

„Soso. Und was hat er noch erzählt, dieser Alexander?“

„Ich besäße etwas, was du haben willst. Deshalb hättest du mich in meinem Zimmer eingesperrt. Ist das wahr?“

Die Angst breitete sich immer weiter aus und ergriff Besitz von ihrem Körper. Sariel hatte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Aus irgendeinem Grund war es wichtig, gelassen zu wirken.

„Das hat er also gesagt.“ Torsten Halder lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen. Mehrere Sekunden vergingen, in denen Sariel sich zunehmend unbehaglicher fühlte. Und dann spürte sie es. Sie konnte jeden einzelnen Blutstropfen wahrnehmen, der durch ihre Adern floss, registrierte, wie der Blutstrom von einem hellen, gesunden Rot zu einer gräulichen, dunklen Masse verklumpte. Ihr Körper wurde schwer. Das Atmen zu einer mühsamen Arbeit, die ihre Lungenflügel gerade noch verrichten konnten. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, kämpfte mit der dicken Flüssigkeit, die durch die Adern gepumpt werden musste.

„Ein unangenehmes Gefühl, nicht wahr?“ Ihr Onkel klang zufrieden. Er öffnete seine Augen und betrachtete sie. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Gesichtszügen aus. „Dein kleiner Ifrit ist nichts weiter als ein Grünschnabel, der die ersten Schritte lernt. Er ist dumm.“ Mit einer wegwerfenden Handbewegung unterstrich Halder seine Worte. „Wenn er auch nur ein wenig mehr Verstand hätte, wüsste er, dass man sich über seine Feinde informiert. Ich studiere seit über vierzig Jahren Magie, Dämonologie, Geister und alles, was damit zusammenhängt. Ich werde ihn zermalmen. Ihn ausbluten lassen.“

Der Schock, den diese Worte hervorriefen, breitete sich langsam aus. Alles war zähflüssig. Ihr Blut, ihre Gedanken, ihre Gefühle. Fast war sie dankbar dafür. Trotzdem formten ihre Lippen das eine Wort, das alle Fragen zusammenfasste, die sie stellen wollte: „Warum?“

Ihr Onkel lachte. „Warum? Was glaubst du, liebe Sariel, weshalb ich das alles tue? Um Macht zu erlangen und Unsterblichkeit. Leider benötige ich tatsächlich etwas, was nur du mir geben kannst. Das Blut eines Halbdämonen. Jetzt, nachdem du die Verwandlung begonnen hast, bist du am wertvollsten für mich. Voller Kraft und Magie. Nett von dir, dass du gerade in diesem Augenblick zu mir gekommen bist. Ich dachte, dieser verfluchte Ifrit hätte dich außerhalb meiner Reichweite gebracht.“

Blut.

Macht.

Unsterblichkeit. Die Worte tanzten einen Reigen in ihrem Kopf. Verloren an Sinn. Sie versuchte, sich einen anderen Ort vorzustellen. Alexanders Behausung hoch oben in den Bergen. Das Panorama, das sie heute Morgen erblickt hatte. Aber es war zwecklos. Natürlich. Ihr Onkel verhinderte, dass sie sich in Rauch auflöste.


Irgendetwas war anders. Es dauerte einen Moment, bis die Erkenntnis in Alexanders Bewusstsein drang. Bis er wach genug war, um zu verstehen, was seine Sinne spürten. Sie hatte den Adlerhorst verlassen.

„Verdammt.“ Wenn er nicht so erschöpft gewesen wäre, so müde von dem Gift des Bankers, wäre das nicht passiert. Im Wachzustand hätte er ihre Abwesenheit sofort bemerkt.

Ein Blick in ihr Zimmer bestätigte, was er bereits wusste. Sariel war zu ihrem Onkel zurückgekehrt.

Mit wütenden Schritten durchquerte er die geräumige Halle, die den Eingang zu seiner Behausung markierte. Er würde dem Banker dieses Mal besser gerüstet gegenübertreten. Ungeduldig traktierte er das Schloss, bis der Mechanismus endlich nachgab. Mit einem Krachen flog die schwere Holztür an die Wand. Dann aber wurde das Dunkel der Waffenkammer von hellem Licht durchflutet. Es war Jahre her, seit Alexander das letzte Mal diesen Raum betreten hatte. Normalerweise benutzte er keine Hilfsmittel. Seine Morde erledigte er effizient, lautlos und mit kalter Präzision. Ein sauberer Genickbruch. Dazu benötigte er weder ein Messer noch eine Pistole oder eine Garotte.

Sein Blick wanderte über das Arsenal, bis er an einer schlanken Klinge hängen blieb. Bester Damaszener Stahl. Das Opfer wäre tot, noch bevor das Signal des Schmerzes sein Gehirn erreichte.

Nein. Für Torsten Halder war diese Waffe nicht raffiniert genug. Für den Banker benötigte er etwas anderes.

Und dann sah er sie.

Eine Feder.

Unschuldig in ihrer weißen Vollkommenheit und so zart und durchscheinend, dass ein menschliches Auge sie nicht wahrnehmen würde.

11

Dieses Mal bemerkte Halder nicht, dass Alexander sich soeben in seiner Bibliothek materialisiert hatte. Trotzdem hatte der Banker Vorbereitungen für diesen Fall getroffen. Alexander konnte die silbernen Energiefäden sehen, die den gesamten Raum in ihrem Netz gefangen hielten. Heute aber konnten sie ihn nicht aufhalten. Er war weder geschwächt noch unvorbereitet. Sein Rauch schlängelte sich zwischen den Fäden hindurch, ohne Vibrationen zu verursachen.

„Es wird noch Stunden dauern, bis deine Fähigkeiten ihren Weg in dieses Gefäß gefunden haben.“ Halder zeigte auf ein Behältnis, das Ähnlichkeit mit einer Urne besaß.

Sariel antwortete nicht. Sie saß zusammengesunken auf einem Stuhl. Ihr Körper hing leicht nach vorne. Sie wäre heruntergekippt, wenn da nicht die unsichtbaren Fäden wären, die sie festhielten. Die dafür sorgten, dass sie sich nicht bewegen konnte.

Und dann war da noch etwas. Halders Gift, das bereits seinen Weg durch ihren Körper angetreten hatte. An ihrem Energiefeld konnte Alexander deutlich ablesen, wie es Sariels Blut verdickte. Ihr das Atmen erschwerte und dafür sorgte, dass sie sich nicht in Rauch auflösen konnte.

Der Anblick tat weh. Alexander merkte, wie sein ganzes Wesen danach verlangte, sich zu materialisieren. Zu einem Körper werden wollte, der sich auf Halder stürzen und ihn zu Boden schlagen würde. Aber das wäre genau die Aktion, mit der der Banker rechnete.

Die nächsten Worte bestätigten diese Vermutung: „Ich bin ein wenig enttäuscht. Eigentlich hatte ich erwartet, dein Ifrit würde dir zu Hilfe eilen. Schade. Offensichtlich bist du wertlos für ihn.“ Obwohl Halder die Worte an Sariel richtete, suchten seine Sinne die Bibliothek ab. Ohne Erfolg. Solange Alexander nichts anderes war als Rauch, würde der Banker ihn nicht erspüren können. Der Nachteil lag darin, dass auch Alexander ihm kaum etwas anhaben konnte.

„Vielleicht sollte ich den Vorgang etwas beschleunigen“, murmelte Halder und hob den Kopf. Sein Blick suchte erneut den Raum ab. Er ahnt, dass ich hier bin. Die Erkenntnis rief ein leises Triumphgefühl in Alexander hervor. Halder mochte so viel ahnen oder auch wissen, wie er wollte. Im Moment war er, was Alexander betraf, machtlos.

„Ja, ich werde deine Leiden verkürzen. Schließlich bist du meine Nichte. Ein wenig hiervon …“ Halder zog, während er sprach, eine Spritze auf. „..., und du wirst in das wohltätige Reich des Todes und des Vergessens gleiten.“

Mit der Spritze in der Hand ging er auf Sariel zu. „Es wird nur für einen Augenblick qualvoll sein. Das verspreche ich.“

Mit einem leisen Hauch stupste Alexander die Feder an. Fast schwerelos erhob sie sich und schwebte durch den Raum. Ihre silbrige Form so hell und durchscheinend, dass sie sich für einen Menschen am Rande der Wahrnehmung bewegte. Dirigiert von Alexanders Willen bewegte sie sich auf den Banker zu. Halder drehte sich um, suchte nach etwas, was er sehen und vernichten konnte. Aber es war bereits zu spät. Die Feder drang in Bereiche vor, die der Banker vor ihr nicht schützen konnte. Dieses Mal war er derjenige, der arrogant, dumm und - vor allem - schlecht vorbereitet war. Halder hatte Alexander unterschätzt, hatte dessen Jugend und Unerfahrenheit zum Anlass genommen, an weitere Fehler zu glauben. Fehler, die der Ifrit begehen würde.

Nicht heute.

Die Feder folgte den silbernen Gedankenschnüren, die ihr den Weg zu Halders Machtzentrale wiesen. Auf ihrer Spitze schimmerte ein winziger roter Punkt. Blut.

Der Banker konnte ihr Vordringen nicht spüren. Trotzdem schien ihn ein unbehagliches Gefühl zu beschleichen. Erneut sah er sich um. Dann schüttelte er den Kopf, als wolle er seine Gedanken verjagen.

„Genug“, flüsterte er.

Die Spritze hoch erhoben, ging er einen weiteren Schritt auf seine Nichte zu.

Die Feder näherte sich ihrem Ziel. Langsam. Zu langsam?

Halder blieb neben Sariel stehen.

Nur noch wenige Zentimeter trennten die Feder von dem dunkel pulsierenden Zentrum von Halders Macht.

Der Banker setze die Spritze auf Sariels Haut. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Ein Tropfen hiervon, Ifrit, und sie ist tot.“

Die Feder erreichte den Ort ihrer Bestimmung. Ihr silberner Strudel kreiste um das eine Wort, das Halders Denken bestimmte.

Schwarze Hostie. Schwarze Hostie …

Mit einem leichten Druck senkte sich der Kolben der Spritze nach unten, begann das Gift …

Eine unsichtbare Explosion schleuderte den Banker zurück, er taumelte gegen ein Regal, versuchte sich festzuhalten. Aber es war bereits zu spät. Bewusstlos glitt er an dem Holz nach unten. Ein Wasserfall von Büchern begleitete seinen Sturz.

„Sariel!“ Alexander hauchte den Namen wie ein Gebet, als er nach vorne stürzte und den Körper stützte, der jetzt, befreit von Halders Fesseln, vom Stuhl zu gleiten drohte. Ohne sich dessen bewusst zu werden, hatte er sich bereits materialisiert und tastete mit fliegenden Fingern nach ihrem Puls. Er musste sich Gewissheit verschaffen. Musste … Da, kaum wahrnehmbar, war das zaghafte Flattern ihres Herzens.

Mit einem Schlag durchflutete Alexander die Gewissheit, dass er soeben sein Leben, seine Daseinsberechtigung wiedererlangt hatte. Wäre Sariel gestorben, hätte die Unsterblichkeit ihren Sinn verloren.

Mit einem Stöhnen öffnete sie ihre Augen. „Mein Onkel? Was …?“ Ihr Blick fand Halders reglose Gestalt auf dem Boden, die Augen geschlossen. Eine Blutspur zog sich von seinem Mundwinkel zum Kinn.

„Er ist nicht tot“, beantwortete Alexander den fragenden Blick. „Im Gegenteil. Er ist unsterblich.“

„Unsterblich?“ Sariels flüsterte die Worte. „Aber wie …? Ich dachte, er muss mich töten, um Unsterblichkeit zu erlangen.“

„Ich habe ihm etwas gegeben, wonach er lange gesucht hat. Auch wenn das Ergebnis nicht das ist, was ihm vorschwebte.“ Alexanders Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als er das Wortspiel bemerkte.

„Dämonenblut. Nur ein Tropfen davon kann für einen Menschen sehr unangenehme Folgen haben. Deshalb benötigte Halder die spezielle Kraft, die nur ein Halbdämon ihm geben kann. Denn jetzt ist er zwar unsterblich, aber sein Körper wird altern und seine Macht ist zerstört. Für immer.“ Das Problem war nur, dass Halder tot sein sollte. Alexander hatte seinen Auftrag nicht erfüllt. Noch nicht, aber es war ausgeschlossen, den Banker vor den Augen seiner Nichte zu töten, auch wenn diese im Moment keinen Grund hatte, sein Überleben zu wünschen. Alexander glaubte zu wissen, wie wichtig die Verbindung zu diesem letzten Familienmitglied für sie war.

Sariel nickte. Und dann stand sie auf und löste sich auf. Für einen Augenblick war Alexander gelähmt von der Grazie, mit der diese Verwandlung vonstattenging. Dann aber folgte er ihrem Beispiel. Er wusste, wo er sie finden würde.

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9783968160184
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