Читать книгу: «Das Wirthshaus an der Heerstrasse»
I
Auf der Straße von B. in fast gleicher Entfernung von den beiden Kreisstädten, welche sie durchläuft, stand noch vor Kurzem ein großes Hans, allen des Weges kommenden Kutschern, Fuhrleuten,1 Handlungsdienern, Hausirern und überhaupt all den zahlreichen, verschiedenartigen Reisenden, welche in jeder Jahreszeit das Land durchziehen, wohl bekannt. Die meisten von ihnen pflegten in dem Wirthshause einzukehren; nur die Equipagen vornehmer Gutsbesitzer, die mit einem Sechsgespann in eigenem Gestüt gezogener Pferde fuhren, rollten feierlich vorüber, was inzwischen weder den Kutscher, noch den hinten stehenden Lakai verhinderte, mit besonderer Empfindung und Aufmerksamkeit nach der ihnen wohlbekannten Freitreppe zu spähen. Oder auch ein armer Teufel in schmutziger Telega mit s einen letzten drei Pjätaks (Fünfkopekenstücken) im Schnürbeutel aus der Brust, trieb, auf der Höhe des reichen Wirthshauses angekommen, seinen müden Gaul weiter, um sein Nachtquartier in der Hütte eines armen Bauern zu suchen, bei weichem weiter nichts zu finden war, als Heu und Brot, der aber auch nicht einen Kopeken zuviel dafür forderte.
Außer seiner vertheilhaften Lage bot das Wirthshaus, wovon wir oben redeten, noch viele andere Annehmlichkeiten: ausgezeichnetes Wasser in zwei tiefen Brunnen mit knarrenden Rädern und eisernen Eimern an Ketten; einen geräumigen Hof mit bedeckten, von stämmigen Pfeilern getragenen Gallerien; einen reichen Vorrath vortrefflichen Hafers im Erdgeschoß; eine warme Gesindestube mit einem russischen Riesenofen, welcher ein Paar lange Röhren wie gepanzerte Arme ausstreckte, und endlich zwei ziemlich saubere Zimmer mit röthlichen Tapeten, unten schon etwas verschossen, mit Sopha’s und Stühlen von gefärbtem Holze an der Wand und zwei Geranientöpfen in den Fenstern, welche übrigens niemals geöffnet wurden, und ganz geschwärzt waren von verjährtem Staube.
Zudem war in der Nähe des Wirthshauses eine Schmiede und eine Mühle; auch konnte man gut zu essen bekommen, wenn man die Gunst der rothen, dicken Köchin zu gewinnen wußte, welche schmackhaft kochte und es mit den Portionen so genau nicht nahm.
Bis zur nächsten Schenke war kaum eine halbe Werst. Der Schenkwirth verkaufte auch Schnupftabak, welcher, obgleich mit Asche gemischt, von höchst erfolgreicher Wirkung war und die Nase auf’s angenehmste prickelte und biß. Kurz, viele Ursachen trafen zusammen, daß Passagiere aller Art gern in dem Wirthshause anhielten. Es war belebt, weil es beliebt war, was immer das beste Mittel ist etwas in Gang zu bringen, aber – wie man sich in der Nachbarschaft erzählte – war es hauptsächlich deswegen beliebt, weil der Wirth ein Glücksspitz war, dem Alles, was er unternahm, einschlug, obwohl er sein Glück wenig verdiente. Aber so geht’s in der Welt: wem es einmal glücken soll, dem glückt es.
Dieser Wirth war ein Kleinbürger und hieß Naoum Iwanow. Von mittlerem Wuchs, dick, breitschultrig, etwas gekrümmt, hatte er einen großen runden Kopf mit wallendem Haar; das schon in’s Graue spielte, obwohl er, nach dem Ansehen zu schließen, nicht älter als vierzig Jahre sein konnte. Sein Gesicht war voll und frisch, feine Stirn niedrig, aber weiß und glatt; seine kleinen, hellen, blauen Augen hatten einen seltsamen Ausdruck, indem sie zugleich frech und argwöhnisch blickten, was nicht oft vorkommt. Den Kopf trug er immer gebückt und bewegte ihn nur mit Mühe zur Seite, wahrscheinlich weil er einen zu kurzen Hals hatte. Er ging rasch, und fast ohne die Arme zu bewegen, die er mit geballten Händen steif auseinander hielt. Wenn er lächelte, und er lächelte oft, aber ohne zu lachen, gleichsam für sich, – so bewegten sich seine dicken Lippen in widerwärtiger Weise und ließen eine gedrängte Reihe glänzender Zähne sehen. Er sprach stoßweise und mit einem gewissen mürrischen Tone. Obgleich er sich rasirte, blieb er doch in der Kleidung dem altrussischen Kostüm treu. Er trug einen langen, ganz abgeschabten Kaftan, weite Hosen und Schuhe über den bloßen Füßen. Er war häufig von Haus abwesend in Geschäften, deren er viele hatte: wie Pferdehandel, Landpacht, Gartenbau, kurz, Handel, Betrieb und Verkehr aller Art. Aber seine Abwesenheit war niemals von langer Dauer, wie der Geier, mit welchem er auch im Ausdrucke des Auges viele Aehnlichkeit hatte, kam er immer bald in’s Nest zurück. Er verstand es, dies Nest in Ordnung zu halten: überall fand er sich zu rechter Zeit ein, Alles hörte und befahl, besichtigte, ordnete und berechnete er selbst, und Niemanden ließ er einen Kopeken nach, nahm aber auch keinen zuviel.
Die Reifenden unterhielten sich nicht gern mit ihm, und er selbst liebte es nicht, viel unnütze Worte zu machen: »Ich brauche Euer Geld – pflegte er zu sagen – und ihr braucht meine Kost; wir haben nicht zusammen Gevatter zu stehen; wenn ein Reisender gegessen und sein Pferd versorgt hat, braucht er sich nicht lange aufzuhalten. Und wenn er müde ist mag er schlafen; schwatzen ist überflüssig.« Das kam bei ihm so stoßweise heraus, als ob er jedes Wort erst herauspreßte. Er hielt sich große und rüstige Arbeiter, die aber friedfertig und gehorsam waren und ihn sehr fürchteten. Für seine eigene Person dem Genuß geistiger Getränke völlig abhold, gab er seinen Leuten doch an großen Festtagen jedem einen Griwenik (Zehnkopekenstück) zum Schnaps; an andern Tagen durften sie nicht wagen Branntwein zu trinken.
Leute vom Schlage Naoum’s werden bald reich, allein er selbst – bessert Vermögen man aus vierzig bis fünfzigtausend Rubel schätzte – war in seine glänzende Lage nicht auf geradem Wege gekommen . . .
II
Schon zwanzig Jahre vor dem Zeitpunkte, mit welchem unsere Erzählung beginnt, stand auf demselben Flecke ein anderes Wirthshaus, welches allerdings kein dunkelrothes Dach hatte, das dem Hause Naoum Iwanow’s das Ansehen eines Herrenhofes gab, sondern von schlichter Bauart war, mit strohbedeckten Wetterdächern im Hofe, statt der Balkenmauern geflochtene Wände, und ohne die Zier eines dreieckigen griechischen Giebels auf gedrechselten Pfeilern ruhend – allein es war immerhin ein geräumiges solides Absteigequartier, warm und von den Reisenden gern besucht.
Der Wirth hieß damals Akim Ssemenow und war Leibeigener einer in der Nachbarschaft begüterten Dame, Elisabeth Prochorowna Kuntze, Wittwe eines Stabsoffiziers. Dieser Akim war ein sehr intelligenter und thätiger Bauer, der noch in jungen Jahren mit zwei schlechten Pferden vor seinem Wagen auszog, um Kleinhandel zu treiben, nach einem Jahre mit drei ziemlich guten Pferden zurückkehrte und seit der Zeit sich fast sein ganzes Leben hindurch auf der großen Heerstraße umhertrieb, der Reihe nach Kasan und Odessa, Orenburg und Warschau besuchte, selbst in’s Ausland bis »Lipetzk« (Leipzig) kam, und zuletzt ein paar riesige Telegen mit zwei Dreigespannen stattlicher Hengste fuhr.
Ob er seines heimathlosen, unstäten Lebens überdrüssig geworden, ob er sich wieder einen eigenen Hausstand gründen wollte (während einer seiner Reisen war seine Frau gestorben; später hatte er auch seine Kinder verloren) – genug, er entschloß sich zuletzt seinen Handel aufzugeben und Gastwirth zu werden; Mit Erlaubniß seiner Herrin erbaute er auf der großen Heerstraße, wo er noch unter dem verstorbenen Gutsherrn eine halbe Dessjatine Land erworben hatte, ein Gasthaus. Die Geschäfte gingen vortrefflich. Er hatte hinlänglich Geld, um das Haus ordentlich einzurichten und die Erfahrung, welche er auf seinen langjährigen Reisen nach allen Enden Rußlands erworben hatte, kam ihm sehr zu statten; er wußte es den Reisenden nach Wunsch zu machen und besonders den Handelsfuhrleuten, seinen ehemaligen Gewerbsgenossn, deren er gar viele persönlich kannte, und welche die Rechnungen in den Wirthshäusern sehr anschwellen lassen, weil diese Leute für sich und ihre mächtigen Pferde in der Verpflegung und Beköstigung ungewöhnliche Ansprüche machen.
Bald war Akims Hof auf hundert Werst in der Runde bekannt. Die Passagiere kehrten lieber bei ihm ein als bei seinem völlig von ihm verschiedenen Nachfolger, obgleich er sich mit diesem in Betreff der Wirthschaftsführung nicht entfernt vergleichen konnte. Akim hielt nämlich Alles noch auf altem Fußes die Zimmer waren warm, aber nicht sonderlich rein; auch kam es wohl vor, daß der Hafer etwas feucht und modrig und das Essen durch das Kochen halb verdorben war. Zuweilen kamen Speisen auf den Tisch, die besser ganz weggeblieben wären, nicht etwa weil Akim mit seinem Vorrath kargte, sondern blos weil die Köchin es mit ihrer Kunst so genau nicht nahm.
Dafür aber nahm es Akim auch nicht so genau mit der Rechnung, sondern ließ mit sich handeln; auch gab er gern Kredit – kurz, er war ein guter Kerl und ein liebenswürdiger Wirth. Dazu zeigte er sich seinen Gästen auch freigebig in der Bewirthung und Unterhaltung. Beim Ssamowar (russische Theemaschine) plauderte er ihnen vor, daß sie die Ohren spitzten, besonders wenn er anfing von P i t e r (Peter dem Großen) zu erzählen, oder von den tscherkessischen Steppen, oder gar von den überseeischen Ländern. Natürlich verstand er auch sein Gläschen zu leeren und that es gern, wenn er mit einem guten Kameraden beisammen saß; übrigens trank er niemals im Uebermaß, sondern blos der Gesellschaft wegen, um seinen Gästen Bescheid zu thun, So äußerten sich die Reisenden über ihn.
Insbesondere waren ihm die Kaufleute sehr gewogen und überhaupt alle Leute von altem Schrot und Korn, die Kernrussen, welche sich nie auf den Weg machen ohne ihre Lenden gehörig zu gürten, in kein Zimmer eintreten, ohne das Kreuz zu schlagen und keinen Menschen anreden, ohne ihm vorher eine gute Gesundheit zu wünschen.
Schon das Aeußere Akim’s war ganz gemacht für – ihn einzunehmen: er war von hohem Wuchs, ein bischen mager, aber sehr wohlgebaut und hielt sich selbst in seinen älteren Jahren noch vortrefflich. Sein langes regelmäßiges Gesicht hatte einen angenehmen Ausdruck, er hatte eine hohe, freie Stirn, eine gerade, feine Nase und schmale Lippen. Der Blick seiner hervorstehenden braunen Augen glänzte von herzgewinnender Freundlichkeit; sein weiches, dünnes Haar schlängelte sich bis um den Hals; der Scheitel war beinahe schon kahl. Der Ton seiner Stimme war äußerst angenehm, obwohl schwache in seiner Jugend hatte er vortrefflich gesungen, allein die fortwährenden Reisen in freier Luft und im Winter hatten seine Brust angegriffen; dagegen sprach er sehr fließend und einschmeichelnd. Wenn er lächelte, bildeten sich um seine Augen strahlenförmige Falten, welche ihm einen sehr lieben Ausdruck gaben; – nur bei guten Menschen sieht man solche Falten. In seinen Bewegungen war Akim langsam und gemessen; es zeigte sich darin eine große Zuversicht und ernste Höflichkeit, wie bei einem Manne, der viel in der Welt herumgekommen ist, viel gesehen und erfahren hat.
In der That besaß Akim – oder Akim Ssemenowitsch, wie man respectvoll im herrschaftlichen Hause ihn nannte, wohin er oft kam und Sonntag Nachmittags niemals verfehlte seinen Besuch zu machen – in der That besaß Akim Ssemenowitsch Alles, um glücklich zu sein, und wär’ es auch wohl immer gewesen, wenn er nicht eine Schwäche gehabt hätte, die schon Manchen in’s Unglück gebracht hat, und auch ihn in’s Unglück bringen sollte, nämlich seine Schwäche für die sogenannte schönere Hälfte des Menschengeschlechts. In der Verliebtheit leistete er das Unglaubliche; sein Herz konnte dem Blicke keiner hübschen Frau widerstehen – es zerschmolz darin wie der erste Schnee in der Sonne. Schon oft hatte er für seine Empfindsamkeit schwer zu leiden gehabt.
Während des ersten Jahres nach seiner Niederlassung auf der großen Heerstraße war Akim dergestalt mit dem Ausbau seines Hauses, der Einrichtung seiner Wirthschaft und den vielen dazu gehörigen Dingen beschäftigt, daß ihm entschieden keine Zeit blieb an das schöne Geschlecht zu denken und wenn ihm einmal verliebte Gedanken in den Sinn kamen, so suchte er sie gleich zu vertreiben durch das Lesen heiliger Bücher, mit welchen er sich eifrig beschäftigte (Akim hatte schon seit seiner ersten Reise lesen gelernt)« oder durch das halblaute Absingen von Psalmen, oder durch andern Gott wohlgefälligen Zeit vertreib. Außerdem hatte er schon sein sechsundvierzigstes Jahr erreicht – ein Zeitpunkt im Leben, wo die Leidenschaften merklich kühler und ruhiger zu werden pflegen, und zum Heirathen ein wenig spät. Akim glaubte selbst, daß es eine Thorheit sei noch an dergleichen zu denken . . . aber es scheint, daß der Mensch seinem Schicksale nicht entgehen kann.
– Akim’s Herrin, Lisaweta Prochorowna Kuntze, war, wie ihr verstorbener Gemahl, deutschen Ursprungs, gebürtig aus Mitau, wo sie die ersten Jahre ihrer Kindheit verlebt und eine sehr zahlreiche und arme Familie zurückgelassen hatte, um welche sie sich übrigens wenig kümmerte, besonders seit ihr Bruder, ein Infanterie-Offizier in der Armee, sie einmal unangenehm durch seinen Besuch überrascht und sich dabei so weit vergessen hatte, daß er sie, die Herrin des Hauses beinahe geprügelt hätte, sich aber dann damit begnügte, sie »Du Lumpenmamsell« zu schelten, nachdem er sie Abends vorher in seinem schlechten Russisch »meine verehrte Schwester und Wohlthäterin« genannt.
Obgleich fremdes Blut in ihren Adern floß, so stand Lisaweta Prochorowna doch, als Herrin, einer gebotenen russischen Edeldame durchaus nicht nach. Sie bewohnte fast ohne Unterbrechung ihr hübsches, durch die Ersparnisse ihres Mannes (der als Ingenieuroffizier Gelegenheit zu Nebenverdiensten hatte) wohlerworbenes Landgut, welches sie selbst verwaltete und zwar durchaus nicht ungeschickt. Lisaweta Prochorowna ließ sich nie den kleinsten Vortheil entgehen, aus Allem wußte sie Nutzen zu ziehen. Hierin, sowie darin, daß sie immer einen Pfennig für einen Groschen ausgab, zeigte sich ihr deutscher Ursprung; in allem Uebrigen war sie durchaus russificirt. Sie hielt ein sehr zahlreiches Hofgesinde und besonders viele Mädchen, welche ihr Brod nicht umsonst aßen. Vom Morgen bis zum Abend kamen sie nicht dazu ihren arbeitsgekrümmten Rücken gerade zu biegen. Sie fuhr gern spazieren oder auf Besuch mit Livreebedienten hinter dem Wagen. Sie hörte gern Klatschereien und Ohrenbläserei und verstand sich selbst vortrefflich darauf. Sie fand ein Vergnügen darin, irgendeinen von ihren Leuten nach Laune mit Gunst zu überhäufen und ihn dann plötzlich wieder fallen zu lassen. Mit einem Worte: Lisaweta Prochorowna spielte ganz die große Dame. Gegen Akim war sie sehr gnädig; er bezahlte seinen hohen Grundzins immer auf das pünktlichste, und sie unterhielt sich freundlich mit ihm und lud ihn sogar oft scherzend ein, sie zu besuchen. Aber gerade im Hause seiner Herrin erwartete Akim das Unglück.
Unter dem weiblichen Dienstpersonal Lisaweta Prochorowna’s befand sich ein fünfundzwanzigjähriges Mädchen, eine Waise, Namens Dunascha. Sie hatte ein ganz angenehmes Aeußere, war hübsch gewachsen und von behendem Wesen. Ihre Züge waren nicht gerade regelmäßig, aber ansprechend: der frische Teint, die üppigem helllockigen Haare, die lebhaften grauen Augen, das kleine Stumpfnäschen, die blühen den Lippen vereinten sich mit einem gewissen – ungezwungenen, halb spöttischen, halb herausfordernden Ausdruck ihres Gesichtes, sie zu einer anziehenden Erscheinung zu machen. Dazu kam, daß sie, obgleich eine Waise, zurückhaltend, ja fast hochmüthig im Umgange war, eingedenk ihres Ursprunges von alten Hofbediensteten ersten Ranges. Ihr Vater Arefi hatte nämlich dreißig Jahre hindurch des Amt einer fürstlichen Haushofmeisters bekleidet und ihr Großvater Stephan war Kammerdiener des Fürsten gewesen, der in demselben Leibgarderegimente, welches die Kaiserin Katharina als Oberst befehligte, den Rang eines Sergeanten hatte.
Dunascha kleidete sich immer mit möglichster Sorgfalt und that sich viel zu Gute auf ihre wohlgepflegten und wirklich schönen Hände. Sehr hochmüthig, ja verächtlich behandelte sie ihre Anbeter, deren Huldigungen sie mit selbstvertrauendem Lächeln anhörte, und wenn sie sich einmal herabließ ihnen zu antworten, so geschah das in kurzen Ausrufen, wie z. B.: Versteht sich! Ich werde . . . Das fehlte noch! —
Dunascha war drei Jahre bei einer französischen Putzmacherin in Moskau in der Lehre gewesen, wo sie das hochtrabende Wesen und die schnippischen Manieren sich aneignete, durch welche alle russischen Kammerzofen sich auszeichnen, die ihre Lehrjahre in der Hauptstadt gemacht haben. Ihre Dienstgenossen hielten sie für ein Mädchen voll Eigenliebe und Ehrgeiz (was im Munde dieser Leute ein großes Lob ist), welches viel in der Welt gesehen und sich doch zu halten gewußt habe. Obgleich sie mit der Nadel gut umzugehen wußte, hatte sie sich doch der Gunst ihrer Herrin nicht sonderlich zu erfreuen, Dank der ersten Kammerfrau Kirillowna, einer schon ältern, verschmitzten Person, die großen Einfluß auf Lisaweta Prochorowna hatte und diesen sehr geschickt durch Fernhaltung aller Nebenbuhlerinnen zu wahren wußte.
In diese Dunascha verliebte sich Akim und zwar so gründlich, wie er nie zuvor verliebt gewesen war. Er hatte sie zum Erstenmale in der Kirche gesehen, kurz nach ihrer Rückkehr von Moskau . . . dann war er ihr ein paarmal im herrschaftlichen Hause begegnet und endlich ward ihm das Glück, einen ganzen Abend mit ihr beim Verwalter zuzubringen, der einige der angesehensten Hausbedienten zum Thee eingeladen hatte. Diese Leute würdigten ihn ihres Umgangs, obwohl er nicht zu ihnen gehörte und einen Bart trug nach altrussischer Weise; allein er war ein gebildeter Mann, der lesen und schreiben konnte und außerdem ein hübsches Vermögen besaß. Zudem kleidete er sich auch nicht wie ein Bauer, sondern trug einen langen Kaftan von schwarzem Tuch, hohe Stiefeln und ein Halstuch. Freilich, wenn die Hofbediensteten unter sich waren, sagten sie wohl, daß er eigentlich doch nicht zu ihnen gehöre noch passe, aber im Verkehr mit dem wohlhabenden Mann zeigten sie sich doch zuvorkommend genug.
In der oben erwähnten Theegesellschaft beim Verwalter besiegte Dunascha völlig das verliebte Herz Akim’s, obgleich sie entschieden auf alle seine schmeichelhaften Reden kein Wort erwiederte und ihm nur zuweilen einen Seitenblick zuwarf, gleich als ob sie sagen wollte: wie kommt der Bauer hierher?
Akim wurde dadurch nur noch mehr in Flammen gesetzt. Er kehrte erst nach Hause zurück, überlegte, und kam endlich zu dem Entschlusse, um ihre Hand anzuhalten . . .
Aber wer beschreibt den Zorn und Unwillen Dunascha’s, als nach etwa fünf Tagen Kirillowna sie freundlich zu sich in’s Zimmer rief und ihr mittheilte, daß Akim (der wohl wußte an wen er sich zu wenden hatte), daß dieser bärtige Bauer Akim, in dessen Nähe zu sitzen ihr neulich als eine Beleidigung vorkam, um ihre Hand anhalte!
Erst flammte Dunascha zornig auf, dann zwang sie sich zu lachen, dann fing sie an zu weinen, allein Kirillowna führte ihren Angriff so geschickt aus, stellte ihr ihre abhängige Stellung im Hause so klar vor und machte ihr das Passende der Partie, den Reichthum und die blinde Unterwürfigkeit Akim’s so anschaulich und hob endlich auch so eindringlich hervor, wie sehr die Herrin selbst diese Verbindung wünsche, daß Dunascha das Zimmer ganz nachdenklich verließ, und von nun an bei ihrer Begegnung mit Akim ihm nicht mehr auswich, sondern ihn starr ansah. Die unglaubliche Freigebigkeit des Verliebten, der sie mit Geschenken überhäufte, zerstreute ihre letzten Bedenken.
Lisaweta Prochorowna, welcher Akim in der Freude seines Herzens hundert Pfirsiche auf einer silbernen Schüssel überreichte, gab ihre Einwilligung zu seiner Verbindung mit Dunascha und die Hochzeit wurde vollzogen. Akim scheute keine Ausgabe – und die Braut, welche noch Abends vorher mehr todt als lebendig im »Jungfernkreise« gesessen« und selbst am Hochzeitsmorgen noch geweint hatte, während Kirillowna sie ankleiden, ward bald getröstet . . . Die Herrin schmückte sie zur Feierlichkeit in der Kirche mit ihrem eigenen Shawle – und Akim schenkte ihr noch an demselben Tage einen Shawl, der vielleicht noch kostbarer war als jener . . .
III
So war denn Akim wieder verheirathet und er führte seine junge Frau in sein Haus ein, wo sie nun zusammen leben sollten.
Es stellte sich bald heraus, daß Dunascha eine schlechte Haushälterin war und Akim keine rechte Stütze in ihr fand. Sie kümmerte sich um Nichts, sah grämlich aus und langweilte sich, wenn nicht irgend ein durchreisender Offizier ihr Aufmerksamkeiten erwies und Artigkeiten sagte, während sie hinter dem großen Ssamoware den Thee bereitete. Sie fuhr häufig aus, bald in die Stadt, um Einkäufe zu machen, bald in das Herrschaftshaus, welches von dem ihrigen wohl fünfviertel Stunden entfernt lag. Im Herrschaftshause fühlte sie sich am behaglichsten. Dort war sie unter alten Bekannten. Die Mädchen bewunderten ihren Putz; Kirillowna bewirthete sie mit Thee; selbst Lisaweta Prochorowna unterhielt sich mit ihr.
Aber auch diese Besuche waren nicht ohne bittere Gefühle für Dunascha. Sie durfte jetzt z. B. da sie nicht mehr zu den Hofbediensteten gehörte, auch keine – Haube und keinen Hut mehr tragen wie diese, sondern mußte ihren Kopf mit einem Tuche umwinden, »wir eine Kaufmannsfrau« bemerkte ihr Kirillowna – wie eine Bäuerin, sagte sie sich selbst.
Mehr als einmal kamen Akim die Worte in den Sinn, welche ihm ein alter Oheim, ein blutarmer Bauer und eingerosteter Hagestolz gesagt hatte, als er ihm vor der Hochzeit auf der Straße begegnete: »Nun« Bruder Akimuschka, ich höre, du willst dich wieder verheirathen.«
»Jawohl. Was weiter?«
»Ach, Akim, Akim! Du bist nun uns, den Bauern, kein Bruder mehr, gehörst nicht mehr zu unseres Gleichen – aber auch sie ist nicht Deines Gleichen!
»Warum ist sie nicht meines Gleichen?«
»Wär’ es auch nur darum,« rief er, auf Akim’s Bart zeigend, den dieser aus Gefälligkeit für Dunascha beschnitten hatte; ihn ganz abzurasiren konnte er nicht übers Herz bringen.
Akim senkte das Haupt, während der Greis sich wandte und die Schöße seines an den Schultern zerrissenen Pelzes übereinanderschlagend, mit Kopfschütteln davonging.
Ja, mehr als einmal gedachte Akim ächzend und seufzend dieser Worte, aber seine Liebe zu dem hübschen Weibe blieb dieselbe. Er war stolz auf seine Frau, wenn er sie verglich – nicht mit gewöhnlichen Bäuerinnen, oder mit seiner ersten Frau, die ihm angeheirathet wurde, als er kaum sechzehn Jahre zählte, – mit den andern Zofen im herrschaftlichen Hause.
»Wir haben doch ein allerliebstes Vögelchen im Käfig!« sagte er sich zum Troste. Die geringste Freundlichkeit Dunascha’s machte ihn überglücklich. Mit der Zeit wird sie sich schon gewöhnen und gut einleben, dachte er. Dazu kam, daß sie sich eines guten Wandels befleißigte und Niemand ihr ein schlimmes Wort nachsagen konnte.
So vergingen einige Jahre. Dunascha hatte sich mit der Zeit wirklich an ihr neues Leben gewöhnt. Akim’s Liebe und Vertrauen zu ihr nahm mit den Jahren nur zu. Ihre frühern Dienstgenossinnen, welche sich verheirathet hatten, aber zu stolz gewesen waren einen Bauern zu nehmen, hatten alle Unglück in der Ehe: theils waren sie gänzlich verarmt, theils in schlechte Hände gefallen. Akim’s Wohlstand dagegen nahm fortwährend zu. Alles glückte ihm, er mochte unternehmen was er wollte. Nur ein Glück blieb ihm versagt: Gott schenkte ihm keine Kinder.
Dunascha war nun fünfundzwanzig Jahr alt – geworden und hatte es dahin gebracht; daß man sie allgemein Afdotja Arefjewna2 nannte. Eine musterhafte Wirthin war sie gerade nicht zu nennen, aber sie liebte ihr Haus, wachte über Speisekammer, Küche und Keller und beaufsichtigte die Arbeiterinnen, d. h. sie that wenigstens so. In Wahrheit ließ sie Alles gehen wie es ging, so daß im Hause weder besondere Sauberkeit noch Ordnung herrschte. Dagegen hing im Hauptzimmer neben dem Bilde Allwo auch ihr Bild, in Oel von dem im väterlichen Hause zum Künstler aufgewachsenen Sohne des Küsters gemalt. Sie war dargestellt in weißem Kleide, mit gelbem Shawle darüber, einer sechsfach um den Hals geschlungenen Perlenschnur, langen Ohrgehängen und Ringen an jedem Finger. Man konnte sie erkennen, obgleich der Künstler sie zu fett und zu roth gehalten und ihre grauen Augen in schwarze – noch dazu schielende – verwandelt hatte.
Akim’s Porträt war weniger gelungen; der Künstler hatte ihn sehr dunkel – à la Rembrandt – aufgefaßt.
In ihrer Kleidung fing Afdotja an sich sehr zu vernachlässigen; sie warf ein großes Tuch über die Schulter und ließ das Kleid darunter sitzen wie es sitzen wollte; sie war angesteckt von jener einschläfernden, seufzenden Trägheit, welcher sich die Russen im Allgemeinen gar zu leicht hingeben, sobald sie nicht mehr um des Tages Nothdurft zu ringen haben.
Bei alledem gedieh das Hauswesen wie das Geschäft ihres Mannes; Akim und seine Frau lebten so gut miteinander, daß ihre Ehe als ein wahres Muster galt in der Nachbarschaft. Aber wie das Eichhörnchen, welches sich das Näschen putzt in demselben Augenblicke wo der Jäger darauf zielt, so fühlt der Mensch sein Unglück nicht vorher – wie unsicheres Eis bricht das Glück plötzlich unter seinen Füßen zusammen.
IV
An einem Herbstabend stieg in Akim’s Wirthshause ein Kaufmann ab, der allerlei Kurz- und Putzwaaren mit sich führte. Auf verschiedenen Umwegen fuhr er mit zwei wohlbeladenen Kibitken von Moskau nach Charkow. Er war einer der durch’s Land ziehenden Hausirer, welche die Gutsherren und besonders deren Frauen und Töchter oft mit so großer Ungeduld erwarten.
Mit diesem Kaufmann, der schon in vorgerückten Jahren stand, reisten zwei Gehilfen, wovon der eine bleich, mager und bucklig, der andere ein ansehnlicher, hübscher Bursche von etwa zwanzig Jahren war.
Sie aßen zu Abend und bestellten sich dann Thee. Der Kaufmann lud den Wirth und seine Frau ein, eine Tasse mit ihnen zu trinken, und so geschah es.
Zwischen den beiden alten Männern (Akim stand in seinem fünfzigsten Jahre) knüpfte sich bald eine Unterhaltung an. Der Kaufmann erkundigte sich nach den Gutsherrschaften in der Umgegend und Niemand konnte ihm bessere Auskunft darüber geben als Akim. Der bucklige Gehilfe verließ alle Augenblicke das Zimmer um nach den Pferden zu sehen und zog sich endlich ganz zurück, um sein Bett aufzusuchen. Afdotja hatte sich mit dem andern Gehilfen zu unterhalten. Sie saß neben ihm, weniger selbst sprechend als anhörend, was er ihr erzählte, aber dieß schien ihr sehr zu gefallen; ihr Antlitz belebte sich, eine ihr ungewöhnliche Röthe umspielte ihre Wangen und sie lachte oft und herzlich. Der junge Mann saß neben ihr fast ohne sich zu rühren, seinen lockigen Kopf auf den Tisch neigend. Er sprach leise, ohne die Stimme zu erheben und die Worte zu beschleunigen. Dagegen waren seine kleinen, aber unternehmenden blauen Augen unverwandt auf Afdotja gerichtet. Sie suchte erst seinen durchbohrenden Blicken auszuweichen, dann aber sah sie ihm selbst in’s Gesicht . . . Das Gesicht dieses kecken Burschen war frisch und glatt wie ein Borsdorfer Apfel. Er lächelte oft beim Sprechen und spielte sich mit seinen weißen Fingern am Kinn herum, woran sich schon ein leichter dunkler Flaum zeigte. Er drückte sich in der gezierten Redeweise der russischen Kaufleute aus, sprach aber sehr geläufig und mit einer gewissen nachlässigen Zuversicht, und hielt dabei immer auf sie seinen starren, kecken Blick gerichtet. Plötzlich rückte er ihr ein wenig näher und sagte, ohne eine Miene dabei zu verziehen: »Afdotja Arefjewna« eine schönere Frau als Sie giebt’s in der ganzen Welt nicht; ich glaube, für Sie könnte ich das Leben lassen.«
Afdotja lachte laut auf.
–– Was hast Du? fragte Akim.
– O, er erzählt mir so drollige Geschichten – erwiderte sie, ohne besondere Bewegung zu verrathen.
Der alte Kaufmann lächelte: – Ja« ja, mein Naoum ist ein Spaßvogel; Sie dürfen ihn aber nicht hören.
– Das fehlte noch! sagte sie kopfschüttelnd; ich habe an andere Dinge zu denken.
– He, he, natürlich, sagte der Alte. Es ist übrigens Zeit – fuhr er mit gedehnter Stimme fort – daß wir uns zur Ruhe begeben. Wir sind sehr erfreut gewesen über Ihre Gesellschaft, sehr erfreut, aber erlauben Sie uns, Ihnen eine gute Nacht zu wünschen.
Bei diesen Worten erhob er sich.
– Auch wir sind sehr erfreut gewesen, entgegnete Akim, ebenfalls sich erhebend, das heißt, wir danken für gütige Gesellschaft und Bewirthung und wünschen Ihnen, recht wohl zu ruhen. Afdotja, steh auf.
Afdotja folgte der Aufforderung gleichsam mit innerem Widerstreben; desgleichen Naoum . . . und Alle zogen sich zurück.
Die Wirthsleute stiegen zu dem Verschlage hin auf, der ihnen als Schlafzimmer diente. Akim fing alsbald an zu schnarchen; Afdotja hingegen konnte lange nicht einschlafen. Erst lag sie ganz ruhig, das Gesicht der Wand zugekehrt; dann fing sie an sich hin- und herzuwälzen im Bette und den Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite des heißen Federkissens zu legen; dann zog sie die Bettdecke über sich und fiel in einen leisen Schlummer.
Plötzlich erschallte vom Hofe herauf eine kräftige Männerstimme, die in gedehnten, aber nicht gerade klagenden Tönen ein Lied sang, dessen Worte nicht zu verstehen waren.
Afdotja öffnete die Augen, stützte den Kopf auf die Hand und lauschte. Der Gesang währte fort und tönte kräftigen Klangs durch die Herbstluft empor.
Akim erhob den Kopf.
– Wer singt da? fragte er.
– Ich weiß nicht – antwortete sie.
– Er singt gut – hub er nach kurzem Schweigen wieder an. Er singt gut. Welche kräftige Stimme! Ich habe auch zu meiner Zeit gesungen, fuhr er fort – und ich habe gut gesungen; aber meine Stimme hat sich verdorben. Diese klingt gut. Das ist gewiß der junge Bursche, der da singt; Naoum, glaub ich, heißt er. – Und er legte sich auf die andere Seite, seufzte tief auf und schlief wieder ein.
Die Stimme im Hofe ließ sich noch lange vernehmen. Afdotja horchte mit wachsender Aufmerksamkeit. Endlich schien der Gesang plötzlich abzubrechen; noch einmal erhob er sich hell und starb dann in immer leiseren Tönen hin.
Afdotja bekreuzigte sich und legte den Kopf wieder aufs Kissen. Eine halbe Stunde verging so; dann erhob sich die junge Frau leise und glitt vorsichtig ans dem Bette.
– Wohin willst Du, Frau? fragte Akim durch den Schlaf.
Sie blieb stehen.
– Ich wollte das Lämpchen vor dem Heiligenbilde etwas aufmuntern, sagte sie, ich kann nicht einschlafen.
– Bete Du, murmelte er, wieder einschlafend.
Afdotja ging zum Heiligenbilde und machte sich mit dem Lämpchen zu schaffen, welches plötzlich erlosch. Sie legte sich wieder in’s Bett. Alles wurde still.
Am andern Morgen früh machte sich der Kaufmann auf den Weg mit seinen Gehilfen. Afdotja schlief noch. Akim gab den Reisenden eine gute Strecke das Geleite; er mußte nach der Mühle gehen. Als er nach Hause zurückkehrte, fand er seine Frau schon angekleidet und nicht mehr allein. Der junge Bursche vom vergangenen Abend, Naoum, war bei ihr. Sie standen am Tische beim Fenster und unterhielten sich. Wie sie Akim erblickte, verließ Afdotja schweigend das Zimmer. Naoum sagte, er sei zurückgekommen um die Handschuhe seines Herrn zu holen, welche auf der Bank liegen geblieben wären, und entfernte sich dann ebenfalls . . .
Wir wollen jetzt dem Leser sagen, was er wahrscheinlich schon errathen haben wird, daß Afdotja sich leidenschaftlich in Naoum verliebt hatte. Wie das so schnell geschehen konnte, ist schwer zu erklären, um so schwerer, als sie bis dahin tadellos in ihrer Aufführung gewesen war, trotz der vielen Gelegenheiten und lockenden Versuchungen, welche sich ihr geboten, die ehrliche Treue zu brechen. Später, als ihr Verhältniß mit Naoum offenkundig geworden, galt es in der ganzen Nachbarschaft für eine ausgemachte Sache, daß Naoum ihr gleich am ersten Abend einen Zaubertrank in den Thee geschüttet habe (das russische Volk glaubt noch fest an die Wirksamkeit solcher Mittel), dessen Erfolg auch bald an Afdotja sich offenbarte, indem sie von dem Tage an abzehrte und traurig, wurde.
Wie dem nun immer sein mochte, Naoum ließ es an Besuchen in Akim’s Hause nicht fehlen. Zuerst kam er wieder in Begleitung des alten Prinzipals; nach drei Monaten aber erschien er allein und mit eigenen Waaren. Dann ging das Gerücht, er habe sieh in einer benachbarten Stadt niedergelassen, und von der Zeit an verfloß keine Woche, ohne daß man ihn auf der großen Verkehrsstraße sah mit seiner buntbemalten Telega, von ein paar runden kleinen Pferden gezogen, die er selbst lenkte. Zwischen ihm und Akim bestand gerade keine große Freundschaft, aber auch von Feindseligkeit war nichts zu merken. Akim schenkte ihm nur geringe Aufmerksamkeit und betrachtete ihn als einen unternehmenden jungen Mann, dem es nicht fehlen könne, seinen Weg zu machen. Von Afdotja’s Gefühlen für ihn hatte er keine Ahnung und vertraute ihr nach wie vor.
So verflossen abermals zwei Jahre.
V
An einem Sommertage, vor Tisch, um ein Uhr Nachmittags, ging Lisaweta Prochorowna, deren Gesicht in den beiden letzten Jahren, trotz allen Schönheitsmitteln, die sie anwandte, trotz aller rothen und weißen Schminke, die sie auflegte, auffallend gelb und faltig geworden war, mit ihrem Hündchen und einem zierlichen Sonnenschirm in ihrem nach deutscher Art sauber hergerichteten Garten spazieren. Leise mit ihrem gestärkten Kleide rauschend, ging sie kurzen Schritts den blanken Sandweg hinab, der zwischen zwei Reihen sich weit von den Stengeln ausstreckender Georginen hinführte, als sie plötzlich von unserer alten Bekannten Kirillowna eingeholt wurde, welche ihr respectvoll mittheilte, daß eben ein Kaufmann aus B. angekommen sei, der sie in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche.
Kirillowna erfreute sich der Gunst ihrer Gebieterin noch ganz in früherer Weise (in Wirklichkeit war sie es, welche die Gitter der Frau v. Kuntze verwaltete) und hatte sogar seit Kurzem die Erlaubniß eine weiße Haube zu tragen, was den scharfen Zügen ihres dunklen Gesichts einen noch stärkeren Ausdruck gab.
– Ein Kaufmann? fragte die Dame. Was will er von mir?
– Ich weiß nicht, gnädige Frau, erwiderte Kirillowna mit süßlicher Stimme: – er scheint die Absicht zu haben, etwas von Ihnen zu kaufen.
Lisaweta Prochorowna kehrte in ihr Empfangszimmer zurück und nachdem sie dort ihren gewöhnlichen Paradeplatz eingenommen hatte in einem hohen Sessel, der oben wie mit einem Thronhimmel überwölbt war, zierlich von Epheu umschlungen, befahl sie den Kaufmann aus B. zu ihr zu führen.
Alsobald trat Naoum ein, verbeugte sieh und blieb bei der Thüre stehen.
– Ich höre, daß Sie etwas von mir zu kaufen wünschten, hub sie an, indem sie bei sich dachte: was ist dieser Kaufmann für ein schöner junger Mann! —
– Ganz richtig, gnädige Frau.
– Und was wäre das?
– Würden Sie sich nicht entschließen können, Ihr Wirthshaus zu verkaufen?
– Welches Wirthshaus?
– Nun das Wirthshaus an der Heerstraße, nicht weit von hier.
– Aber das Wirthshaus gehört ja nicht mir, es ist Akim’s Eigenthum.
– Wie sollt es nicht Ihnen gehören? Es liegt doch aus Ihrem Grund und Boden.
– Das ist richtig; der Grund und Boden gehört mir, aber das Wirthshaus ist Akim’s Eigenthum.
– Ganz richtig. So würden Sie sich nicht entschließen, es mir zu verkaufen?
– Wie könnt ich’s verkaufen?
– Ganz richtig. Aber ich würde einen hübschen Preis dafür geben.
Lisaweta Prochorowna schwieg einen Augenblick. Dann hub sie wieder an:
– Sie reden sehr seltsam mit mir . . . Nun, was bieten Sie denn? Das heißt, ich frage nicht für mich, sondern für Akim.
– Für alle Gebäude und Pertinenzien, natürlich mit dem dazu gehörigen Grund und Boden, würd’ ich zweitausend Rubel geben.
– Zweitausend Rubel, das ist sehr wenig, entgegnete Lisaweta Prochorowna.
– Der richtige Preis.
– Haben Sie mit Akim gesprochen?
– Wozu« gnädige Frau? Das Gehöft gehört Ihnen und ich habe mir die Ehre erbeten mit Ihnen darüber zu sprechen.
– Aber ich habe Ihnen schon erklärt . . . Es ist wirklich sonderbar, daß Sie mich nicht verstehen.
– Warum sollt ich Sie nicht verstehen, gnädige Frau? Wir verstehen schon.
Lisaweta Prochorowna sah Naoum an und Naoum sah Lisaweta Prochorowna an.
Dann nahm er wieder das Wort:
– Nun, gnädige Frau, welche Vorschläge würden Sie denn wohl belieben, das heißt Ihrerseits, zu machen?
– Meinerseits . . . Lisaweta Prochorowna rückte auf ihrem Sitze hin und her. – Erstens hab’ ich
Ihnen schon gesagt, daß zweitausend Rubel zu wenig sind, und Zweitens . . .
– Werden wir, wenn gnädige Frau belieben, hundert Rubelchen zulegen.
Lisaweta Prochorowna erhob sich.
–– Ich sehe, daß Sie mich immer noch mißverstehen. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich dieses Gehöft nicht verkaufen kann und nicht verkaufen werde. Akim würde wegen dieses Handels einen Prozeß gegen mich anhängig machen.
Naoum lächelte und schwieg.
– Nun, gnädige Frau, wie Sie belieben – hub er dann achselzuckend wieder an . . . Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich gestört habe. Er verneigte sich und legte die Hand an die Thürklinke.
– Warten Sie noch einen Augenblick – sagte Lisaweta Prochorowna, sich nach einigem Zögern wieder zu ihm wendend.
– Sie schellte, und aus dem Kabinete erschien Kirillowna: – »Kirillowna« laß für den Herrn Kaufmann Thee bereiten. Ich werde Sie noch sehen,« setzte sie mit leichtem Kopfnicken hinzu.
Naoum verneigte sich noch einmal tief vor ihr und verließ dann mit Kirillowna das Zimmer.
Lisaweta Prochorowna schritt ein paarmal im Gemache auf und ab und schellte auf’s Neue. Diesmal erschien ein Bursche in Kosakentracht. Sie befahl ihm Kirillowna zu rufen, welche nach einigen Augenblicken eintrat, leisen Schrittes und behutsam, um ihre neuen ziegenledernen Schuhe so wenig als möglich knarren zu lassen.
– Hast Du gehört, begann Lisaweta Prochorowna mit erzwungenem Lächeln, hast Du gehört, was mir dieser Kaufmann vorschlägt? Das ist wirklich ein seltsamer Kauz!
– Ich weiß von Nichts, gnädige Frau. Um was handelt es sich? – Und Kirillowna kniff leicht ihre schwarzen Kalmükenaugen zusammen.
– Er will von mir Akim’s Wirthshaus kaufen.
– Nun, und warum nicht?
– Welche Frage! Was würde Akim dazu sagen? Ich hab’ es ihm abgetreten.
– Aber, gnädige Frau, wie belieben Sie nur zu reden! Gehört der Hof nicht Ihnen?
– Kirillowna, ich bitte Dich, wie kannst Du nur so reden! – Lisaweta Prochorowna zog ihr Baitisttuch hervor und schnäuzte sich krampfhaft darin aus . . . Wie würde Akim . . . Er hat das Wirthshaus mit seinem eigenen Gelde gebaut und mir den Platz dafür bezahlt.
– Akim? Der hat doch wahrhaftig lange genug den Nießnutz davon gehabt . . . und Alles durch Ihre Gnade. Sind wir doch mit Allem, was wir haben, Ihr Eigenthum! Und Sie glauben, gnädige Frau, daß er sich nicht ein hübsches Sümmchen zurückgelegt haben sollte? Ich kann Ihnen schwören, daß er reicher ist als wir Alle. Und warum soll er besser sein als Ihre übrigen Leibeigenen? Wodurch hat er sein Geld erworben? Dadurch, daß Sie ihm erlaubt haben, Fuhrwesen zu treiben. Er hat sich ein schönes Vermögen damit gemacht.
– Das will ich gerne zugeben; aber trotzdem kann ich nicht . . . Wie dürfte ich seinen Hof verkaufen.
– Weßhalb denn dürfen Sie ihn nicht verkaufen? fuhr Kirillowna fort. – Es scheint sich ein guter Käufer gefunden zu haben. Erlauben Sie zu fragen was er bietet?
– Zweitausend Rubel und etwas darüber, antwortete Lisaweta Prochorowna leise.
– Er wird mehr geben, gnädige Frau, wenn er gleich von vorneherein zweitausend geboten hat. Und mit Akim finden Sie sich schon ab . . . Er wird Ihnen noch dankbar sein.
– Natürlich muß ich mich mit ihm abfinden. Doch nein, Kirillowna, ich kann den Hof nicht verkaufen . . . Und Lisaweta Prochorowna ging im Zimmer auf und nieder . . . Nein, es ist unmöglich . . . es geht auf keinen Fall. Ich bitte Dich, rede mir nicht mehr davon . . . Du würdest mich erzürnen.
Allein trotz des Verbotes der bewegten Gebieterin fuhr Kirillowna fort über die Angelegenheit zu reden und nach einer halben Stunde kehrte sie zu Naoum zurück, der inzwischen bei seinem Thee sitzen geblieben war.
– Was haben Sie mir zu sagen, meine Verehrungswürdigste, sprach Naoum zu der Eintretenden, indem er zierlich seine geleerte Tasse umkehrte und auf die Unterschale setzte.
– Ich habe Ihnen zu sagen, entgegnete Kirillowna, daß die gnädige Frau Sie erwartet.
– Ich gehorche, erwiderte Naoum. Er stand auf und folgte Kirillowna in das Empfangszimmer.
Die Thüre schloß sich hinter ihnen . . . Als sie sich endlich wieder öffnete und Naoum unter tiefen Verbeugungen rückwärts heraustrat, war der Kauf schon abgeschlossen. Akims Hof gehörte Naoum, der ihn für 2800 Rubel Papier erworben. Man war übereingekommen, den Kaufkontrakt so schnell als möglich zu unterzeichnen und die Sache bis zu einem gelegenen Augenblick geheim zu halten. Lisaweta Prochorowna erhielt hundert Rubel Handgeld und zweihundert Rubel fielen für Kirillowna ab.
· »Das war ein guter Handel – dachte Naoum, als er sieh in seine Telega schwang – das Glück ist mir immer günstig gewesen.
VI
Zu derselben Zeit, da im Herrschaftshause hinter seinem Rücken das ihn so nahe berührende Geschäft abgeschlossen wurde, saß Akim am Fenster seiner Wohnung und fuhr sich mißmuthigen Blickes mit der Hand durch den Bart . . . Wir haben oben bemerkt, daß er von dem Verhältniß Naoum’s mit seiner Frau keine Ahnung hatte, obgleich die wiederholten Andeutungen guter Nachbarsleute ihm leicht hätten Argwohn einflößen können. Nun war ihm allerdings das veränderte Benehmen seiner Frau hin und wieder aufgefallen, aber – dachte er dann – die Frauen sind unberechenbar in ihren Launen und schwer zu lenken. Und als sich ihm endlich unzweifelhaft herausstellte, daß im Hause nicht Alles so sei wie es sein sollte, bewegte er gleichsam abwehrend die Hand; er wollte, wie man zu sagen pflegt, kein Aufsehen machen: seine Gutmüthigkeit hatte sich mit den Jahren nicht vermindert, seine träge Sorglosigkeit aber zugenommen. An jenem Tage war er indessen wirklich übler Laune; er hatte nämlich am Abend vorher zufällig eine Unterhaltung zwischen einer seiner Arbeiterinnen und einer Nachbarsfrau belauscht . . .
Diese Nachbarsfrau fragte die Arbeiterin, warum sie nicht am letzten Festtagsabend zu ihr gekommen wäre: »Ich hatte Dich sicher erwartet.«
– Ich wäre auch gekommen, antwortete die Arbeiterin, aber unterwegs wurd’ ich aufgehalten. Ich traf meine Herrin auf nicht guten Wegen – der Himmel möge sie schützen! —
– Du trafst sie . . . wiederholte die Andere mit gedehnter Stimme, die Wange auf die Hand stützend . . . Wo trafst Du sie denn, Mütterchen?
– Ich traf sie hinter dem Hanffelde des Popen.
Sie hatte sich dort mit ihrem Schatz Naoum zusammengefunden und ich sah erst in der Dunkelheit nichts, bis ich plötzlich geradezu auf sie stieß.
– Bis Du auf sie stießest . . . wiederholte die Bäuerin abermals. Nun, was that sie denn da mit ihm? Sie stand . . .
– Sie stand; weiter nichts. Sie stand und er stand. Als sie mich bemerkte, sagte sie: »Wohin läufst Du denn so spät? Geh nach Hause.« Und ich ging.
– Und Du gingst . . . Auf Wiedersehen, Fetinuschka, sagte die Bäuerin, ihren Weg fortsetzend.
Diese Unterhaltung war es, welche Akim in so trübe Stimmung versetzt hatte. Seine Liebe zu Afdotja war schon bedeutend abgekühlt; trotzdem wollten ihm die Worte der Bäuerin nicht gefallen. Und sie hatte die Wahrheit gesagt: an jenem Abend war Afdotja wirklich Naoum entgegengegangen, der sie im dichten Schatten erwartete, welcher von dem hohen, unbeweglichen Hanffelde auf den Weg fiel. Der Thau hatte den Hanf von oben bis unten angefeuchtet und ein starker, betäubender Geruch, der förmlich das Athmen erschwerte, war ringsum verbreitet. Der Mond stieg oben am Himmel auf, groß und purpurn durch den trüben, schwärzlichen Nebel schimmernd. Naoum hörte schon von ferne die hastigen Schritte Afdotja’s und eilte ihr entgegen. Sie näherte sich ihm ganz bleich und keuchend; der Mond schien ihr voll in’s Gesicht.
– Nun, hast Du’s gebracht? fragte er.
– Ja, ich hab es gebracht, erwiderte sie mit unsicherer Stimme, – aber höre, Naoum Iwanowitsch . . .
– So gieb her, wenn Du’s gebracht hast, unterbrach er sie, die Hand ausstreckend.
Sie zog unter dem Tuche, das Hals und Busen bedeckte, eine Art Rolle hervor, deren sich Naoum sofort bemächtigte und sie in die Brusttasche steckte.
–– Naoum Iwanowitsch, sagte Afdotja zögernd und ohne das Auge von ihm zu wenden – ach Naoum Iwanowitsch, ich verderbe um Deinetwillen meine Seele!
In demselben Augenblick war die Arbeiterin hinzugekommen.
Und so saß Akim auf der Bank am Fenster und streichelte unmuthig seinen Bart. Afdotja trat, sich etwas zu schaffen machend, in’s Zimmer, verließ es aber bald wieder. Er folgte ihr mit den Augen. Nach einiger Zeit trat sie noch einmal ein, um aus dem Nebenstübchen ihren pelzverbrämten, seidenen Besuchsmantel zu holen. Sie hatte schon die Schwelle überschritten . . . er konnte nicht länger an sich halten und als ob er so vor sich hinspräche, sagte er:
– Ich wundere mich nur, was die Frauen immer umherzulaufen und sich zu putzen haben. Daß sie einmal einen Augenblick ruhig zu Hause sitzen bleiben, darf man von ihnen gar nicht verlangen. Das ist ihre Sache nicht. Aber den ganzen Morgen und auch noch am Abend umherzulaufen, das ist ihre Liebhaberei. Ja, so ist es!
Afdotja hörte, was ihr Mann sagte, scheinbar unbeweglich an; nur bei den Worten: »auch noch am Abends zuckte sie unwillkürlich mit dem Kopfe und schien nachdenklich zu werden.
Doch endlich faßte sie sich ein Herz und erwiderte mürrisch:
– Man kennt Dich schon, Sseménitsch, mit Deiner Art zu reden . . . und eine abwehrende Bewegung mit der Hand machend, verließ sie das Zimmer, die Thüre hinter sich zuschlagend.
Akim’s Beredsamkeit war allerdings nicht nach ihrem Geschmack, und wenn er Abends sich mit den Gästen unterhielt, oder ihnen seine alten Geschichten erzählte, so pflegte sie entsetzlich zu gähnen, oder sich geräuschlos zu entfernen.
Akim schaute nach der geschlossenen Thüre. »Man kennt Dich schon mit Deiner Art zu reden,« wiederholte er halblaut . . . mit Dir hab’ ich freilich nicht genug und nicht aus dem richtigen Tone geredet. Und wer . . . meinesgleichen, und obendrein . . . Er stand nachdenkend auf und schlug sich mit geballter Faust an den Kopf . . .
Mehrere Tage verflossen so in ziemlich seltsamer Weise. Akim sah seine Frau immer an, als ob er im Begriff wäre ihr etwas zu sagen, während sie seinen Blicken mit verächtlichem Ausdruck begegnete und so verharrten sie Beide in einem peinlichen Schweigen, welches endlich Akim hin und wieder unterbrach durch einige mürrische Bemerkungen über Vernachlässigung des Haushaltes, oder über die Frauen im Allgemeinen, Bemerkungen, auf welche Afdotja nur selten ein Wort erwiderte. Trotzdem hätte es bei aller gutmüthigen Schwäche Akim’s endlich zu einer entscheidenden Aufklärung mit seiner Frau kommen müssen, wenn nicht ein Ereigniß eingetreten wäre, welches alle weiteren Aufklärungen überflüssig machte.
VII
Eines schönen Morgens saß Akim mit seiner Frau eben beim Frühstück (wegen der Sommerarbeiten war im Wirthshause kein einziger Gast), als plötzlich das laute Gerassel einer Telega auf der Heerstraße sich hören ließ, welche gleich darauf vor der Freitreppe des Hauses anhielt. Akim blickte durch’s Fenster und runzelte sehr mißmuthig die Stirne. Auf der Telega stieg, ohne sich sonderlich zu beeilen, Naoum. Afdotja sah ihn nicht, aber als seine Stimme im Flur ertönte, zitterte ihr der Löffel in der Hand. Er befahl einem Arbeiter sein Pferd auf den Hof zu führen. Endlich öffnete sich die Thüre und er trat in’s Zimmer.
– Guten Tag, sagte er, die Mütze abnehmend.
– Guten Tag, erwiderte Akim durch die Zähne murmelnd. »Woher führt Dich der Himmel?«
–Aus der Nachbarschaft, erwiderte Naoum, indem er sich auf eine Bank setzte. Ich komme von der gnädigen Frau.
– Von der gnädigen Frau? wiederholte Akim, immer noch seinen Platz nicht verlassend. Bist Du in Geschäften bei ihr gewesen?
– Ja, in Geschäften. Afdotja Arefjewna,ich habe die Ehre Sie zu grüßen.
– Guten Tag, Naoum Iwanowitsch! entgegnete sie.
Darauf trat ein allgemeines Schweigen ein, welches endlich Naoum durch die Frage unterbrach: – Was eßt Ihr da? Suppe?
– Ja, Suppe, erwiderte Akim« indem er plötzlich erbleichte; aber keine Suppe für Dich.
Naoum richtete verwundert seine Augen Akim, mit der Frage:
– Warum nicht für mich?
– Nun, weil sie eben nicht für Dich ist! Akim’s Augen erglänzten bei diesen Worten und mit der Hand auf den Tisch schlagend, fuhr er fort: – in meinem Hause «ist überhaupt nichts für Dich, verstehst Du?
– Was ist mit Dir, Sseménitsch? was hast Du?
– Ich habe Nichts, aber Du bist mir zu viel hier, Naoum Iwanowitsch, gerade heraus gesagt!
Der Greis erhob sich, vor Zorn außer sich und am ganzen Körper zitternd. – »Du läßt Dich ein wenig zu oft in meinem Hause sehen; nun weißt Du’s.«
Naoum erhob sich gleichfalls.
– Bist Du recht bei Sinnen, Alter? fragte er mit höhnischem Lächeln. Afdotja Arefjewna, was ist ihm durch den Kopf gefahren?
– Ich rede mit Dir! rief mit dröhnender Stimme Akim, pack Dich fort aus meinem Hause, hörst Du? . . . Was hast Du dort mit Afdotja Arefjewna zu schaffen? Ich rede mit Dir und befehle Dir mein Haus zu verlassen!
– Was sagst Du mir da? fragte bedeutungsvoll Naoum.
– Fort aus meinem Hause mit Dir, sag’ ich Dir. Da ist Gott3 und da ist die Thüre, verstehst Du mich jetzt?
Naoum that einen Schritt vorwärts-.
– Um Gotteswillen, Väterchen, meine Lieben, schlagt Euch nicht! stammelte Afdotja, welche bis dahin unbeweglich am Tische gesessen hatte . . .
Naoum richtete seine Augen auf sie.
– Aengstigen Sie sich nicht, Afdotja Arefjewna; warum sollten wir uns schlagen? Aber Bruder, fuhr er fort, sich zu Akim wendend, wie kamst Du nur dazu ein solches Geschrei auszuführen? Es war wirklich arg. Hat man je gehört, daß einem Menschen so die Thüre gewiesen wurde, fuhr er mit gedehnter Stimme fort, – und noch dazu in seinem eigenen Hause!
– Was willst Du damit sagen? rief Akim außer sich. Wer ist hier Herr im Hause?
– Nun, ich, sollt’ ich denken!
Und Naoum ließ blinzelnd seine weißen Zähne sehen.
– Was soll das heißen? Bin ich nicht Herr im Hause?
– Es ist Dir schwer etwas klar zu machen, Bruder, ich sage Dir, mir gehört dieses Haus.
Akim riß seine Augen weit auf.
– Was lügst Du da in Deine Zähne hinein, als ob Du Tollkraut gegessen hättest, sagte er endlich; – wie zum Teufel solltest Du zum Besitz dieses Hauses kommen?
– Ach, es lohnt sich der Mühe nicht, mit Dir zu reden, rief ungeduldig Naoum. Siehst Du dieses Papier? fuhr er fort, aus der Tasche einen vierfach zusammengelegten Stempelbogen hervorziehend. Dieß ist der Kaufvertrag, verstehst Du mich? – der Kaufvertrag über Hof und Land, die ich gekauft habe von der Gutsherrin,, von Lisaweta Prochorowna. Gestern Abend wurde der Kaufvertrag in B. abgeschlossen, wonach ich so frei bin anzunehmen, daß dieses Haus mir gehört und nicht Dir. Heute pack’ Deine Habseligkeiten zusammen, fuhr er fort, indem er das Papier wieder sorgfältig in die Tasche steckte – und daß man morgen hier von Dir nichts rieche! Verstehst Du mich?
Akim stand wie vom Blitz getroffen da.
– Räuber! rief er endlich mit fürchterlicher Stimme, Räuber! . . . he, Fedka, Mitka! Frau! Frau, packt ihn, packt ihn! haltet ihn fest!
Er hatte völlig den Kopf verloren.
– Sieh Dich vor, keine dummen Streiche zu machen, Alter, sieh Dich vor! rief Naoum . . .
– Nun so schlag’ ihn doch, schlag’ doch drauf los, Weib! rief mit thränenerstickter Stimme Akim unter vergeblichen Anstrengungen seinen Platz zu verlassen. Seelenverderber, Räuber! Also sie genügt Dir nicht? . . . Auch mein Haus willst Du mir noch Nehmen und Alles . . . Aber nein« warte . . . so weit soll es denn doch nicht kommen! . . . Ich werde selbst gehen . . . ich werde ihr selbst sagen . . . wie . . . warum . . . Alles verkaufen . . . warte nur . . . wart . . .
Und ohne sein Haupt zu bedecken, stürzte er auf die Straße.
– Wohin, Akim Iwanitsch, wohin willst Du, Väterchen? fragte ihn die Arbeiterin Fetinja, mit welcher er auf der Schwelle zusammenstieß.
– Laß mich! ich muß zur gnädigen Frau, zur Herrin! rief der verzweifelte Akim und Naoum’s Telega erblickend, welche noch nicht ausgespannt war, sprang er hinein, ergriff die Zügel und mit ganzer Kraft auf das Pferd losschlagend, fuhr er in gestrecktem Galopp auf den Herrenhof zu.
– O unser Mütterchen Lisaweta Prochorowna! wiederholte er den ganzen Weg entlang: warum bist Du mir so ungnädig? Ich habe Dir doch immer ehrlich gedient!
Und dabei schlug er fortwährend auf seinen Gaul los, daß alle ihm Begegnenden zur Seite traten und ihm lange staunend nachsahen.
Binnen einer Viertelstunde war er vor dem Herrschaftshause angekommen; dort hielt er an, sprang von der Telega und stürzte in’s Vorzimmer.
– Nun, was hast Du denn? stammelte der durch den Ankömmling jählings aufgeweckte Lakai, der auf der Bank ausgestreckt geschlummert hatte.
– Die Herrin! ich muß die Herrin schnell sprechen, polterte Akim ihm entgegen.
– Ist etwas vorgefallen? fragte der erstaunte Lakei.
– Nichts ist vorgefallen, aber ich muß auf der Stelle die gnädige Frau sprechen.
– Wie kommst Du mir vor, brummte der Lakai, dessen Staunen mit jedem Augenblicke wuchs, und langsam ging er auf das Herrschaftszimmer zu.
Akim kam wieder zu sich . . . Ihm war als hätte man ihm kaltes Wasser über den Kopf gegossen.
– Bitte, Peter Jewgrafitsch, sagen Sie gütigst der gnädigen Frau (und er verneigte sich tief bei diesen Worten), daß Akim unterthänigst sie um eine Unterredung ersuchen läßt . . .
– Gut! . . . ich werde gehen . . . werd’ es ausrichten; aber Du scheinst mir betrunken zu sein, warte hier! brummte der Lakai und ging davon.
Akim ließ den Kopf hängen und war wie zerschmettert. Seine Entschlossenheit war in demselben Augenblicke verschwunden, als er die herrschaftliche Schwelle überschritt.
Lisaweta Prochorowna fühlte sich ebenfalls in sehr gedrückter Stimmung, als ihr die Ankunft Akim’s gemeldet wurde. Sie ließ sofort Kirillowna zu sich in’s Kabinet bescheiden.
– Ich kann ihn nicht empfangen, sagte sie bewegt, als die Alte kam – es ist mir unmöglich ihn zu sehen. Was soll ich ihm sagen? Siehst Du, ich hab’ Dir’s vorausgesagt, daß er kommen und sich beklagen werde – ich hab’s gewußt, fügte sie bekümmert und verlegen hinzu . . .
– Wozu sollten Sie ihn auch empfangen? erwiderte ruhig Kirillowna; das ist durchaus nicht nöthig. Ich bitte Sie, was werden Sie sich wegen dieses Menschen beunruhigen!
– Aber wie soll ich ihn los werden?
– Wenn Sie erlauben, werde ich mit ihm reden. Lisaweta Prochorowna erhob das Haupt wieder.
– Thu’ mir die Liebe, Kirillowna. Sprich mit ihm! Sag’ ihm . . . daß . . . ich . . . nöthig befunden habe . . . aber daß ich es ihm zu Gute halten werde . . . nun Du wirst schon wissen, was Du zu sagen hast. Thu’ mir den einzigen Gefallen, Kirillowna.
– Bitte, sein Sie ganz außer Sorge, gnädige Frau, erwiderte Kirillowna und verließ mit den Schuhen knarrend das Zimmer.
Kaum war eine Viertelstunde vergangen, als man im Gange ihre Schuhe schon wieder knarren hörte, und Kirillowna trat in’s Kabinet mit demselben ruhigen Ausdruck und derselben Verschmitztheit im Gesichte.
–Nun,wie? Fragte sie die Herrin. Was ist mit Akim?
– Nichts. Er sagt, daß Alles von Ihrer Gnade abhänge, daß er Ihnen Gesundheit und Wohlergehen wünsche und für sich selbst schon zu leben habe.
– Und er beklagte sich nicht?
– Durchaus nicht. Worüber sollte er sich auch beklagen?
– Aber warum ist er denn gekommen? murmelte Lisaweta Prochorowna, nicht ohne einigen Zweifel.
– Er ist gekommen, um Sie zu bitten, daß Sie die Gnade haben mögen, ihm zu erlauben, seine frühere Isba wieder zu beziehen; sie steht ohnehin leer, blos Petrowitsch wohnt darin.
– Versteht sich, werd’ ich ihm das erlauben, mit dem größten Vergnügen werd’ ich es ihm erlauben! erwiderte Lisaweta Prochorowna lebhaft. – Und überdieß sag’ ihm, daß ich ihn noch besonders belohnen werde. Ich danke Dir, Kirillowna! Ich sehe, daß Akim wirklich ein guter Bauer ist. Warte, fügte sie hinzu: – gieb ihm dieß noch von mir. Und sie nahm aus ihrem Arbeitstische 3 Rubel in Banknoten – da nimm das, gib’s ihm.
– Zu Befehlt entgegnete Kirillowna, welche ruhig in ihr Zimmer zurückkehrte, ruhig die Banknoten in ihren wohlverwahrten Koffer legte, der neben ihrem Bette stand und ihre Ersparnisse enthielt, die schon eine ganz hübsche Summe ausmachten.
VIII
Kirillowna hatte durch ihren Bericht die Herrin beruhigt; allein ihr Gespräch mit Akim war in Wirklichkeit ganz anders gewesen, als jener Bericht. Die Sache verhielt sich so: Sie hatte Akim zu sich in das Mädchenzimmer bescheiden lassen. Anfangs sträubte er sich zu folgen und ließ ihr sagen, daß er nicht gekommen sei, um Kirillowna, sondern um Lisaweta Prochorowna selbst zu sprechen; endlich aber besann er sich anders und ging über die Hintertreppe zu Kirillowna. Er fand sie allein. In’s Zimmer eingetreten blieb er bei der Thüre stehen, lehnte sich an die Wand, öffnete den Mund zum Sprechen . . . aber das Wort versagte ihm.
Kirillowna blickte ihm starr in die Augen.
– Akim Sseménitsch, hub sie an, Sie wünschen die gnädige Frau zu sehen?
Er nickte nur mit dem Kopfe.
– Das geht nicht, Akim Sseménitsch. Und wozu auch? Geschehenes ist nicht zu ändern, und Sie würden die gnädige Frau nur beunruhigen. Sie kann Sie setzt nicht empfangen, Akim Sseménitsch.
– Sie kann nicht? wiederholte er tonlos und schwieg dann wieder.
Nach einer Pause fuhr er fort: So ist denn das Wirthshaus wohl für mich verloren!
– Hören Sie, Akim Sseménitsch. Ich weiß, Sie waren immer ein vernünftiger Mensch. Das Haus hat die gnädige Frau verkauft und daran läßt sich setzt nichts mehr ändern. Was sollen wir darüber noch lange reden, es kommt doch nichts dabei heraus. Hab’ ich recht?
Akim kreuzte die Arme aus dem Rücken. Kirillowna fuhr fort: Sie thäten besser darüber nachzudenken, ob Sie die gnädige Frau nicht bitten sollen . . » Ihnen z. B. Ihre frühere Isba wieder zu überlassen . . .
– So ist denn das Wirthshaus also wirklich für mich verloren! wiederholte Akim mit ebenso tonloser Stimme wie vorher.
– Akim Sseménitsch, ich kann Ihnen unmöglich sagen . . . Sie wissen ja besser als ich . . .
– Ja. Wenigstens . . . wie theuer ist es denn verkauft . . . das Wirthshaus?
– Das weiß ich nicht, Akim Sseménitsch, kann’s Ihnen nicht sagen . . . aber warum stehen Sie denn so? fügte sie hinzu. Nehmen Sie doch Platz.
– Unsereins kann schon stehen. Bin ich doch nur ein Bauers danke ergebenst.
– Wie können Sie nur so reden, Akim Sseménitsch? Sie und ein Bauer! Sie sind ein Kaufmann, und keiner unter den Dienstleuten der Herrschaft kann sich mit Ihnen messen. Seien Sie doch nicht so kleinmüthtg. Ist Ihnen nicht ein Glas Thee gefällig?
– Nein, ich danke, bemühen Sie Sich nicht! Also ist Ihnen das Wirthshaus geblieben? fügte er hinzu, die Wand verlassend. Danke auch dafür. Bitte um Verzeihung, verehrte Frau!
Und er kehrte ihr den Rücken zu und ging fort. Kirillowna zupfte ihre Schürze zurecht und eilte zur Herrin.
– So wäre ich denn plötzlich ein Kaufmann geworden! sagte Akim zu sich selbst, in Gedanken vor der Hausthüre stehen bleibend. Ein schöner Kaufmann! Er fuhr verzweifelt mit der Hand durch die Luft, bitter lächelnd. Was thun! Gehen wir nach Hause!
Und Naoum’s Pferd, mit welchem er gekommen war, ganz vergessend, machte er sich zu Fuß auf den Weg nach dem Wirthshause. Er war noch keine Werst gegangen, als er dicht neben sich das Rasseln einer Telega hörte.
– Akim, Akim Sseménitsch! rief eine Stimme. Er erhob die Augen und erblickte einen Bekannten, den Küster Jephrem, dem man den Spitznamen Maulwurf gegeben hatte. Es war das ein kleiner, verkrüppelter Kerl mit spitzer Nase und schielenden Augen. Er saß in einer schmutzigen Telega auf einem Bündel Stroh, sich mit der Brust an das Vorderbrett lehnend.
– Gehst Du nach Hause, fragte er Akim?
– Nach Hause! antwortete dieser.
– Soll ich Dich mitnehmen?
– Ich fahre gern mit.
Jephrem rückte auf die Seite und Akim stieg zu ihm in die Telega. Jephrem, der in sehr heiterer Laune zu sein schien, schlug mit seinen Strickzügeln tapfer auf den alten Gaul los, welcher müde dahin- trottelte, unaufhörlich den zaumlosen Kopf schüttelnd.
So fuhren sie wohl eine Werst, ohne ein Wort mit einander zu reden. Akim saß mit gesenktem Kopfe und Jephrem brummte ein Lied durch die Nase, indem er seinen Gaul bald antrieb, bald zurückhielt.
–– Wohin gingst Du nur so ohne Mütze, Sseménitsch? fragte er plötzlich Akim, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er mit halber Stimme fort: Du hast sie gewiß in der Kneipe gelassen, so wirds wohl sein. Du guckst gern ein Bischen tief in das Glas, und ich liebe Dich deßhalb, weil Du einen guten Zug vertragen kannst; Du bist kein Mörder, kein Raufbold, kein Spitzbube, kein Faulenzer, Du bist ein guter Hauswirth, aber ein Säufer, und was für ein Säufer! Man hätte Dich längst dafür unter Aufsicht stellen sollen, denn das Saufen ist denn doch eigentlich ein Laster . . . Hurrah! schrie er plötzlich aus voller Kehle – hurrah, hurrah!
– Haltet, haltet an! rief plötzlich eine Weiberstimme ganz nah – haltet an! Akim sah sich um.
Ueber das Feld her lief eine Frau auf die Telega zu, so bleich von Gesicht und so zerzaust in der Kleidung, daß er sie nicht gleich erkannte.
– Haltet, haltet an!l rief sie aufs Neue, mit den Armen winkend.
Akim schauderte: er erkannte seine Frau. Er griff nach den Zügeln.
»Warum sollen wir anhalten? Stammelte Jephrem – um einer Frau willen anhalten? Das wäre der Mühe werth!
Aber Akim brachte das Pferd zum Stehen. In demselben Augenblicke hatte Afdotja den Weg erreicht und stürzte nur so mit dem Gesichte in den Staub.
– O mein Väterchen, Akim Sseménitsch! stöhnte sie – er hat auch mich fortgejagt!
Akim sah sie an, ohne eine andere Bewegung zu machen, als die Zügel noch straffer anzuziehen.
– Hurrah! rief Jephrem auf’s Neue.
– So hat er Dich fortgejagt? sagte Akim.
– Fortgejagt, Väterchen, mein Täubchen! antwortete schluchzend Afdotja. – Fortgejagt, Väterchen, hat er mich. Das Haus sagte er, gehört jetzt mir, darum fort mit Dir, hinaus!
– Nicht übel! Er versteht’s, wirklich nicht übel! bemerkte Jephrem.
– Und Du hattest gewiß die Absicht im Hause zu bleiben, sagte mit Bitterkeit Akim, ohne sich von der Telega zu rühren.
– Wie hätt’ ich daran denken sollen zu bleiben! Ach Väterchen, schluchzte Afdotja, welche sich auf die Knie erhoben hatte und wieder mit dem Gesicht zu Boden gefallen war: —Du weißt nicht, was ich . . . – was ich . . . Tödte mich Akim Sseménitsch, tödte mich hier auf der Stelle!
– Warum soll ich Dich schlagen, Arefjewna? " erwiderte traurig Akim . . . Du hast Dir schon selbst genug wehgethan! Was soll ich weiter thun!
–Aber Du glaubst, Akim Sseménitsch . . . Du weißt nicht, daß Dein Geld . . . Dein Geld . . . es ist fort, Dein Geld . . . ich selbst, ich Unglückliche, hab’ es unter dem Fußboden her-vorgezogen und hab’ es dem Bösewicht Naoum gegeben, o ich gottverfluchtes Weib! . . . Warum hast Du mir auch gesagt, wo Du Dein Geld verborgen hieltest! . . . Für Dein eigenes sauer erspartes Geld hat er Dein Haus gekauft . . . der verruchte Bösewicht!
Das Schluchzen erstickte ihre Stimme.
Akim drückte den Kopf zwischen seine beiden Hände.
– Was! rief er endlich: auch alles Geld . . . Geld, Haus und Hof, und durch Dich . . . ha, ha, unter den Dielen hast Du’s weggenommen . . . ja ich werde Dich tödten, tückische Schlange Du!
Und er sprang von der Telega herunter.
– Sseménitsch, Sseménitsch! schlag’ nicht, fang’ keinen Zank an! fiel Jephrem ein, dessen Rausch bei den unerwarteten Vorgängen, deren Zeuge er war, zu schwinden begann.
– Nein, Väterchen, tödte mich, Väterchen tödte mich! Ich bin schuldig; schlag zu, hör nicht auf ihn! rief Afdotja, sich krampfhaft zu Akim’s Füßen windend.
Er blieb erst unbeweglich stehen, die Augen auf sie gerichtet, dann trat er einige Schritte zurück und setzte sich auf den Rasen am Wege. Ein kurzes Schweigen trat ein. Afdotja blickte schüchtern nach ihrem Manne.
– Sseménitsch, Sseménitsch1 sagte Jephrem, sich in der Telega ausrichtend: Laß es gut sein . . .
beruhige Dich . . . das Unglück ist einmal geschehen und Nichts daran zu ändern. Alle Wetter, eine schöne Geschichte! brummte er in den Bart. – Ist das ein verfluchtes Weib . . . geh’ doch zu ihm, Du! fuhr er fort, sich über die Wagenleiter zu Afdotja neigend – siehst Du nicht, daß er den Verstand verloren hat? Afdotja stand auf, näherte sich Akim und fiel ihm aufs Neue zu Füßen.
– Väterchen! hub sie mit schwacher Stimme an . . .
Akim erhob sich und ging wieder aus die Telega zu. Sie faßte ihn am Saume seines Kaftans.
– Fort mit Dir! rief er mit wilder Stimme und stieß sie zurück.
– Aber wohin willst Du denn? fragte Jephrem, bemerkend, daß er wieder entstieg.
– Du wolltest mich ja nach Hause bringen, sagte Akim: so bring’ mich nach Deinem eigenen Hause . . ich habe kein Haus mehr. Du siehst, sie haben es mir verkauft.
– Nun gut, komm mit mir. Aber was soll mit ihr geschehen?
Akim antwortete nichts.
– Was soll aus mir werden, aus mir werden! rief weinend Afdotja: willst Du mich allein zurücklassen . . . wohin soll ich gehen?
– Geh’ zu ihm! rief Akim ohne sich umzuwenden, – geh zu ihm, dem Du mein Geld zugetragen hast . . . vorwärts Jephrem!
Jephrem schlug auf sein Pferd los, die Telega holperte davon. Afdotja blieb in Verzweiflung allein zurück.
IX
Jephrem wohnte etwa eine Werst von Akim’s Gehöft in einem kleinen Häuschen des Kirchdorfes, welches sich um eine Kirche mit fünf Kuppeln hinzog, die vor nicht langer Zeit von den Nachkommen eines reichen Kaufmanns erbaut worden war, in Folge testamentarischer Bestimmung desselben. Jephrem sprach auf dem ganzen Wege kein Wort mit Akim; er schüttelte nur zuweilen den Kopf und murmelte vor sich hin: ach Du mein Gott, sind das Menschen! Akim saß unbeweglich, mit dem Gesichte von Jephrem abgewandt. Endlich kamen sie an. Jephrem sprang zuerst von der Telega. Ein etwa sechsjähriges Mädchen mit einem von einem Gürtel umschlungenen Hemde kam, ihm entgegen gelaufen und rief: Papa, Papa!
– Wo ist denn die Mutter? fragte Jephrem.
– Sie schläft im Stalle.
– Nun laß sie schlafen. Akim Sseménitsch, was haben Sie nur? Bitte« treten Sie in’s Zimmer. (Es muß hier bemerkt werden, daß Jephrem nur wenn er betrunken war, Akim duzte, den viel höher stehende Personen mit Sie anredeten.)
Akim trat mit dem Küster in die Isba.
– Bitte hierher« nehmen Sie auf der Bank Platz, sagte Jephrem . . . Fort mit euch, ihr kleinen Schelme! rief er drei andern seiner Kinder zu, welche zugleich mit zwei abgehagerten und mit Asche beschmierten Katzen aus verschiedenen Winkeln des Zimmers hervorgekrochen kamen. – Fort mit euch, marsch! Bitte hierher, Akim Sseménitsch, hierher! fuhr er fort, seinen Gast zum Sitzen nöthigend: Kann ich nicht mit irgend etwas aufwarten?
– Ich will Dir was sagen, Jephrem, hnb endlich Akim an: kann ich ein Glas Branntwein bekommen? Jephrem erwiderte entgegenkommend: Branntwein? versteht sich, im Augenblick. Zu Hause hab’ ich freilich keinen, aber ich werde gleich welchen von meinem Nachbar, dem Popen holen. Ich bin gleich wieder da . . . Und er nahm seine weite Pelzmütze.
– Bring’ nur, so viel Du bekommen kannst; ich werde dafür bezahlen, rief ihm Akim nach. So viel Geld ist mir wohl noch geblieben.
– Im Augenblick« wiederholte Jephrem, durch die Thüre verschwindend.
In der That kam er sehr schnell zurück, unter dem Arm zwei Flaschen tragend, wovon eine schon entkorkt war. Er stellte sie auf den Tisch und holte zwei grüne Gläser herbei, nebst angeschnittenem Brod und Salz.
– So hab’ ich’s gern, sagte er, sich Akim gegenübersetzend. Was nützt alles Jammern? —
Er schenkte sich und seinem Gaste ein und ließ dann seiner Zunge freien Lauf. Die Scene mit Afdotja hatte ihn sehr in Aufregung versetzt. – Das ist wirklich eine wunderbare Geschichte, sagte er, ich möchte nur wissen, wie sie dazu gekommen ist. Gewiß hat er ihr einen Zaubertrank gegeben, um sie an sich zu locken . . . Meinen Sie nicht auch? Da sieht man, wie man einer Frau auf die Finger sehen muß. Man sollte sie mit Igelhandschuhen halten um sie zu hüten. Aber bei alledem würden Sie gut thun, nach Hause zu fahren, wo Sie doch noch viel zurückgelassen haben . . .
– So schwatzte Jephrem in Einem fort, der beim Trinken die Zunge nicht gern feiern ließ.
Zwei Stunden später begab sich in Jephrem’s Hause Folgendes: Akim, der während des Trinkens alle Fragen und Bemerkungen seines geschwätzigen Wirthes unerwidert ließ und stumm vor sich hinbrütend Glas auf Glas herunterschluckte, hatte sich endlich aus den Ofen gelegt und war dort mit glühendem Gesichte in einen schweren und dumpfen Schlaf versunken. Die Kinder starrten ihn verwundert an, und Jephrem . . . ach, Jephrem schlief ebenfalls, aber nur in einem sehr engen und kalten Verschlage, worin ihn seine Frau abgesperrt hatte, ein Weib von kräftigem, männlichen Körperbau. Er war zu ihr in den Stall gegangen und hatte angefangen ihr zu drohen und ihr allerlei vorzuschwatzen, sich aber so unzusammenhängend und unbegreiflich ausgedrückt, daß sie bald merkte, wie es mit ihm stand, ihn beim Kragen packte und in den Verschlag sperrte, wo er sich übrigens eines sehr guten und selbst ruhigen Schlafes erfreute. Was die Gewohnheit nicht Alles macht!
X
Wir wissen, daß Kirillowna ihre Unterhaltung mit Akim ihrer Herrin Lisaweta Prochorowna nicht ganz getreu wiedergegeben hatte. In einem ähnlichen Falle befand sich Afdotja. Naoum hatte sie nicht fortgejagt, wie sie Akim gesagt hatte. Er hatte nicht das Recht, sie fortzujagen; er war verpflichtet, den alten Bewohnern des Hauses einige Zeit zum Wegziehen zu lassen. Zwischen ihm und Afdotja hatte eine Erörterung ganz anderer Art stattgefunden.
Als Akim auf die Straße stürzte und rief, er werde zur Herrin gehen, wandte sich Afdotja zu Raonm« ihn mit großen Augen ansehend und die Hände zusammenschlagend.
–– Um Gottes Willen! hub sie an, Naoum Iwanitsch, was soll das heißen? Sie haben unsern Hof gekauft?
– Nun was weiter? erwiderte er; allerdings habe ich ihn gekauft.
Afdotja schwieg und ein Schauder überlief sie.
– Das also war es, wozu Sie das Geld brauchten?
– Das war es! erwiderte er. – Oho, es scheint, daß Ihr Männchen mit meinem Pferde davongefahren ist, fügte er hinzu, das Rasseln des Wagens hörend . . .
Welch ein Schelm! – Aber das ist ja offener Raub und Diebstahl! rief Afdotja . . . mit unserem Gelde . . . dem Gelde meines Mannes . . . und unser eigenes Haus!
– Bitte um Verzeihung, Afdotja Arefjewna, erwiderte Naoum. Der Hof war nicht Ihr Eigenthum, also wozu das behaupten? Der Hof war auf dem Boden der Gutsherrschaft erbaut und gehörte folglich dieser. Das Geld allerdings gehörte Ihnen, nur waren Sie, wie ich wohl sagen darf, so gütig, mir das Geld zu opfern, wofür ich Ihnen immer sehr dankbar bleiben werde. Wo möglich gebe ich Ihnen das Geld sogar zurück, wenn es die Gelegenheit so mit sich bringt, aber ich sehe gar keinen Grund, warum ich ein armer Schlucker bleiben soll, auch trag’ ich kein Verlangen darnach . . . belieben Sie dieß wohl in Betracht zu ziehen.
Naoum sagte alles dieß sehr ruhig mit seinem gewöhnlichen kalten Lächeln.
– Aber um Gottes Willens rief Afdotja, was richten Sie mir da für ein Unheil an! Was soll das heißen! Wie kann ich es nur wagen, meinem Manne unter die Augen zu treten! O du Bösewicht! fuhr sie fort, mit vor Haß glühenden Augen in das stetige frische Gesicht Naoums blickend, – um Dich habe ich meine Seele zu Grunde gerichtet, um Dich bin ich zur Diebin geworden, und Du willst uns elend in’s Verderben stürzen, nichtswürdiger Bösewicht, der Du bist? Da bleibt mir nichts Anderes übrig, als mir einen Strick um den Hals zu schlingen, Du Bösewicht, Betrüger, schurkischer Verderber meiner . . . Die Thränen stürzten ihr aus den Augen und sie konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen.
– Bitte, beunruhigen Sie sich doch nicht so, Afdotja Arefjewna! sagte Naoum, ich will Ihnen nur dieß Eine bemerken: Jedem ist sein Hemd am nächsten und der Hecht ist deshalb im Fluße, damit die Karausche nicht schlafe.
– Wohin gehen wir jetzt nur, was sollen wir anfangen! schluchzte Afdotja unter Tränen.
– Das kann ich Ihnen in der That nicht sagen.
– Ich werde Dich umbringen, elender Schurke . . . ich bringe Dich um . . .
– Nein, das werden Sie gewiß nicht thun, Afdotja Arefjewna; also wozu so reden? Uebrigens sehe ich, daß ich am besten thun werde, mich ein wenig zurückzuziehen, Sie beunruhigen sich wirklich zu sehr. Also ich empfehle mich für heute und werde morgen jedenfalls wieder das Vergnügen haben . . . Aber Sie werden mir erlauben, Ihnen noch heute meine Arbeitsleute zu schicken, fügte er hinzu, während- Afdotja fortfuhr, unter Thränen zu versichern, daß sie sich und ihn umbringen werde.
Ei sieh’, da kommen meine Leute schont sagte er durch’s Fenster sehend. Es hätte sonst, was Gott verhüten wolle, ein Unglück geschehen können . . . so kann man sich eher beruhigen. Sie haben wohl die Güte, noch heute Ihre Siebensachen zusammenzupacken; meine Leute werden Ihnen gerne dabei zur Hand gehen. Also auf das Vergnügen, Sie wiederzusehen.
Er grüßte, ging hinaus und rief seine Leute zu sich . . .
Afdotja fiel auf eine Bank, dann lehnte sie sich mit der Brust auf den Tisch und rang die Hände, dann sprang sie plötzlich ans und eilte ihrem Manne nach . . . Das Wiedersehen des Ehepaars haben wir bereits geschildert.
Als Akim nach dieser Begegnung mit Jephrem davonfuhr, sie allein im Felde zurücklassend, blieb sie noch lange weinend stehen, ohne an’s Weitergehen zu denken. Endlich ganz erschöpft von schmerzlicher Aufregung, wandte sie ihre Schritte dem Herrenhause zu. Es war ihr bitter um’s Herz, als sie in das Haus eintrat, noch bitterer, als sie sich im Mägdezimmer zeigte. Alle Mädchen kamen ihr mit Theilnahme und Mitleid entgegen. Bei ihrem Anblick brach Afdotja unwillkürlich aufs Neue in Thränen aus, bis ihre Augen vom Weinen ganz roth und geschwollen waren. Unfähig« sich länger aufrecht zu erhalten, sank sie auf einen Stuhl nieder. Man schickte nach Kirillowna, die auch sofort erschien und der Armen viel Freundlichkeit erzeigte, aber ihr nicht gestattete, die Herrin zu sehen, eben so wie sie dieß Akim nicht gestattet hatte. Auch bestand Afdotja durchaus nicht darauf, Lisaweta Prochorowna zu begrüßen; sie war einzig deshalb ins Herrenhaus gekommen, weil sie entschieden nicht wußte, wohin sie ihr Haupt legen sollte.
Kirillowna ließ das Samowar bringen. Afdotja sträubte sich lange, etwas zu sich zu nehmen, gab aber endlich dem Bitten und Drängen aller Mädchen nach, und als sie die erste Tasse Thee getrunken hatte, ließ sie ihre Tasse noch viermal füllen. Sobald Kirillowna bemerkte, daß die Arme anfing, sich wieder ein wenig zu beruhigen und nur noch je zuweilen zitterte und schluchzte, fragte sie, wohin sie mit Akim zu ziehen gedenke und was sie mit ihren Sachen anfangen wolle. Bei dieser Frage brach Afdotja wieder in Weinen aus und versicherte, daß sie nichts wünsche als den Tod; allein Kirillowna, als eine Frau von Verstand, unterbrach sie kurz mit dem Rathe, keine Zeit zu verlieren und ihre Sachen ohne Verzögern in die ehemalige Wohnung Akim’s in das Dorf zu schaffen, wo ihr Oheim wohnte, derselbe Greis, welcher die Heirat Akims nicht gebilligt hatte. Sie fügte hinzu, daß man ihr mit Erlaubniß der Herrin Pferde und Leute zur Verfügung stellen werde, um ihre Sachen fortzuschaffen. »Und was Sie anbelangt, mein Herzchen, sagte Kirillowna, ihre Katzenlippen in einem sauersüßen Lächeln zusammenkneifend, so wird für Sie immer Platz bei uns sein und es wird uns zur Freude gereichen, Ihnen bis zu der Zeit, wo Sie sich wieder einen eigenen Haushalt einrichten können, hier ein Unterkommen zu gewähren. Die Hauptsache ist, den Kopf nicht zu verlieren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen und wird wieder für Sie sorgen; Alles geschieht nach seinem Willen. Lisaweta Prochorowna hat sich, natürlich nach reiflicher Ueberlegung, den Umständen fügen und Ihr Haus verkaufen müssen, aber sie wird Sie nicht vergessen und ihre Hand nicht von Ihnen zurückziehen; dasselbe hat sie auch Akim Sseménitsch sagen lassen. Wo ist er jetzt?«
Afdotja erwiderte, daß er ihr begegnet sei, sie sehr beleidigt habe und zu dem Kirchendiener Jephrem gefahren sei.
– Zu dem? rief mit Nachdruck Kirillowna. . . nun, ich begreife, daß es ihm augenblicklich schwer um’s Herz ist; vielleicht würde man ihn heute gar nicht mehr finden, wenn man nach ihm schickte. Was ist zu thun? Wir müssen unsre Maßregeln ergreifen. Malaschka! rief sie, sich zu einem der Mädchen wendend, – ruf Nikanor Iljitsch hierher, wir werden mit ihm die Sache besprechen.
Nikanor Iljitsch, ein Mensch von sehr verkümmertem Aeußern, der eine Art Verwalterrolle spielte, erschien auf der Stelle, hörte mit großer Ehrerbietung an, was ihm Kirillowna sagte, erwiderte: »wird sofort geschehen!« und zog sich zurück, um seinen Auftrag auszuführen, welcher darin bestand, daß Afdotja zu ihrer Verfügung drei Telegas mit drei Bauern erhielt. Zu diesen gesellte sich aus eigenem Antrieb nach ein vierten mit der Bemerkung, daß er die Sache besser anzufassen wisse als die andern. In dieser Gesellschaft fuhr Afdotja nun nach dem Wirthshause, wo sie ihre frühern Leute und auch die alte Fetinja in großer Aufregung und Verwirrung fand . . .
Naoum’s neugemiethete Leute, drei baumstarke Kerle, hatten sich dort seit dem Morgen niedergelassen und schon so aufgeräumt und den Hof so gut bewacht, daß von einer neuen Telega bereits der Eisenbeschlag verschwunden war . . .
Es war ein bitteres Geschäft für die arme Afdotja, ihre Sachen zusammenzupacken. Trotz der Hilfe des geschickten Bauern, der sieh ihr selbst angeboten hatte und der im Grunde nichts that, als mit dem Stock in der Hand wichtig umherzugehen, wurde sie nicht fertig und mußte die Nacht im Gasthofe bleiben, wobei ihr Fetinja auf ihr Bitten Gesellschaft leistete. Sie lag wie im Fieber bis zum Frühroth und die Thränen stoßen ihr noch aus den Augen als sie schon eingeschlafen war.
XI
Jephrem war inzwischen in seinem engen Verschlage früher erwacht, als sonst der Fall zu sein pflegte und fing an zu klopfen und zu rufen, daß man ihm öffne. Seine Frau wollte ihn erst nicht herauslassen, indem sie ihm durch die Thüre bedeutete, daß er noch nicht ausgeschlafen habe; aber er reizte ihre Neugier durch das Versprechen, ihr von den außergewöhnlichen Erlebnissen Akim’s zu erzählen; hierauf befreite sie ihn. Jephrem theilte ihr Alles mit, was er wußte und schloß mit der Frage: Ist er aufgewacht oder nicht?
– Gott weiß es! antwortete die Frau, geh’ und sieh selbst zu; er ist noch nicht vom Ofen heruntergekommen. Wie Ihr beide Euch gestern Abend angetrunken habt! Ich wollte, Du könntest Dich nur selbst sehen – Dein Gesicht sieht keinem Menschenantlitz ähnlich, es sieht aus wie ein Küchenlappen und Deine Haare sind ganz voll Heu . . .
– Thut nichts! erwiderte Jephrem, und trat, mit der Hand über den Kopf fahrend, in’s Zimmer.
Akim schlief nicht mehr; er saß mit herunterhängenden Beinen auf dem Ofen; sein Gesicht sah schauerlich seltsam und zusammengefallen aus. Die Veränderung erschien um so auffallender als Akim sonst kein Trinker war.
– Nun, wie steht’s, Akim Sseménitsch? Wie haben Sie geruht? begann Jephrem . . .
Akim sah ihn mit verstörtem Blicke an.
– Nun, Bruder Jephrem, sagte er mit hohler Stimme, – kann man nicht wieder . . . Du verstehst? Jephrem warf einen raschen Blick auf Akim . . .
Er fühlte in diesem Augenblicke ein innerliches Beben, dem Gefühle ähnlich, welches einen Jäger auf dem Anstande überkommt, wenn er plötzlich einen Hund hellen hört und in ein Gehölz laufen sieht, in welchem er kein Wildbret mehr zu finden erwartete.
– Wie? – noch mehr? fragte er endlich.
– Ja, noch mehr.
»Meine Frau wird es gewahrt dachte Jephrem, – sie wird es nicht zugeben.« – Macht nichts, können noch haben! sagte er dann laut. Nur ein wenig Geduld!
Er ging hinaus und wußte es so geschickt einzurichten, daß er, ohne von seiner Frau bemerkt zu werden, mit einer großen Flasche unter dem Kaftan zurückkam . . .
Akim nahm diese Flasche . . . Jephrem aber wagte nicht mit ihm zu trinken wie am Abend vorher; er fürchtete seine Frau, und sagte Akim, daß er sehen wolle, wie es in seinem verlassenen Hause zugehe, ob man dort nicht zu viel ausplündere. In der That machte er sich mit seinem armen Gaul auf den Weg, den er vergessen hatte zu füttern; sich selbst hingegen schien er nicht vergessen zu haben, nach der Erweiterung seines Gürtels zu schließen. Kaum war er weggeritten, als Akim sich wieder auf dem Ofen schlafen legte. Er erwachte selbst dann noch nicht oder that wenigstens so als wenn er schliefe, als nach etwa vier Stunden Jephrem von seinem Ritte zurückkam, ihn schüttelte und ihm allerlei verworrene Worte zuschrie des Inhalts, daß Alles fort und zu Ende sei, daß man die Heiligenbilder fortgetragen habe und Alles von oberst zu unterst gekehrt, und daß man Akim überall suche, daß aber er, Jephrem, verboten habe, ihn zu suchen, und dergleichen mehr. Er stotterte und schrie so viel durcheinander, daß seine Frau ihn wieder in den Vorschlag einsperrte und sie selbst zu seiner großen Unzufriedenheit und zu noch größerem Unmuth des Gastes, dem zu Liebe der Mann sich wieder angetrunken hatte, sich im Zimmer schlafen legte . . .
Als sie aber ihrer Gewohnheit nach sehr früh erwachte und auf den Ofen blickte, lag Akim nicht mehr darauf . . . Der Hahn hatte noch nicht zum zweiten Male gekräht, als Akim schon die Schwelle des Küsterhäuschens überschritt. Die Nacht war noch so dunkel, daß der Himmel über ihm kaum graute, während weithin dichte Finsterniß herrschte. Sein Antlitz war bleich, aber sein Auge spähte scharf umher und sein Gang war nicht der eines Betrunkenen . . . Er schritt in der Richtung seiner frühern Wohnung zu, nach dem Wirthshause, welches nun schon ganz im Besitze seines neuen Herrn – Naoum – war.
XII
Naoum schlief ebenfalls nicht zu der Zeit, als Akim heimlich die Hütte Jephrem’s verließ. Er schlief nicht; seinen Schafpelz unter sich ausgebreitet, lag er angekleidet auf einer Bank. Er wurde keineswegs von Gewissensbissen geplagt. Mit staunenswerther Kaltblütigkeit hatte er vom frühen Morgen an das Fortschaffen der Sachen Akims überwacht und sogar zu wiederholten Malen das Wort an Afdotja gerichtet, welche so niedergeschlagen war, daß sie ihm selbst keine Vorwürfe mehr machte . . . Sein Gewissen war ruhig, aber allerlei Pläne und Berechnungen beschäftigten ihn. Er war nicht sicher, ob es ihm auf seiner neuen Laufbahn glücken werde; er hatte bis dahin nie ein Wirthshaus gehalten, ja, überhaupt keinen Winkel gehabt den er sein eigen nennen konnte, und die Anschläge und Betrachtungen, welche jetzt sein Hirn durchkreuzten, ließen ihn nicht schlafen.
»Das Geschäftchen ist gut eingeleitet – dachte er – aber wie wird es weiter damit gehen?«
Nachdem er am Abend noch die letzte Telega mit den Habseligkeiten Akim’s expedirt hatte, der Afdotja weinend folgte, durchspähete er den ganzen Hof, die Ställe, Schuppen, Keller und Verschläge, kletterte auf den Boden und befahl seinen Leuten einmal über das andere, scharfe Wache zu halten, aß dann allein zu Abend, aber er konnte keine Ruhe finden. Der Zufall wollte, daß von den Reisenden, welche am Tage eingekehrt waren, keiner zur Nacht blieb, was ihm sehr gelegen kam.
»Ich muß mir morgen – sagte er zu sich selbst – durchaus einen Hund kaufen, einen recht bösen, den vom Müller; sie haben ihren Hund mitgenommen.« Dabei wiegte er sich von einer Seite zur andern. Plötzlich erhob er den Kopf . . . es schien ihm, als ob Jemand am Fenster vorbeischliche . . . – er lauschte . . es war nichts. Nur eine Grille zirpte wachsam hinterm Ofen, eine Maus krabbelte in irgend einem Winkel und er hörte sein eigenes schweres Athmen. Sonst war Alles still in dem fast leeren Zimmer, welches die gelben Strahlen einer kleinen Glasampel vor dem Heiligenbilde in der Ecke nur matt beleuchteten. Er ließ den Kopf wieder nachdenklich hängen. Plötzlich glaubte er abermals ein Geräusch zu vernehmen, als ob die große Pforte an der Einfahrt zum Hofe knarre; dann als ob die Zaunpforte leise geöffnet werde . . . Er konnte nicht länger an sich halten, stand rasch auf, öffnete die Thüre zum Nebenzimmer und rief leise: »Fedor! Fedor!« Keine Antwort erfolgte . . . Er ging auf den Flur hinaus und wäre beinahe hingestürzt, über Fedor stolpernd, der auf der Erde ausgestreckt schnarchte. Durch den Fußtritt seines Herrn aufgeweckt, rieb er sich schlaftrunken die Augen und rief:
– Was ist denn? Was gibt’s?
– Kerl, brüll nicht so, halt’s Mault – flüsterte Naoum. – Wie diese Schurken schlafen! Hast Du nichts gehört? —
– Nichts! Was ist denn los?
– Wo schlafen die Andern?
– Die Anderen schlafen wo es ihnen befohlen ist. . . Sollte vielleicht . . .
– Schweig; folg’ mir.
Naoum öffnete leise die Thüre vom Flur zum Hof . . . Auf dem Hofe war es ganz finster . . .
Man konnte die Wetterdächer mit den Pfeilern nur dadurch unterscheiden, daß sie das Dunkel noch überdunkelten . . .
– Sollte man nicht eine Laterne anzünden? sagte Fedor leiser.
Aber Naoum machte ihm ein Zeichen mit der Hand und hielt den Athem an. . .
Anfangs hörte er nichts als jene nächtlichen Töne, welche in bewohnten Orten fast immer vernehmbar sind: ein Pferd käuete seinen Hafer, ein Schwein grunzte leise im Schlaf, auch konnte man das Schnarchen irgend eines in der Nähe schlafenden Menschen unterscheiden. Bald aber traf ein verdächtiges Geräusch sein Ohr, vom Zaune, vom äußersten Ende des Hofes her . . .
– Es war« als ob sich dort Jemand bewegte, mit ungewöhnlicher Anstrengung blasend oder athmend. Naoum warf über die Schulter einen Blick auf Feder und schlich vorsichtig die Freitreppe hinunter nach der Seite zu, woher das Geräusch kam . . . Ein paarmal blieb er stehen, um zu lauschen, und schlich dann weiter . . . Plötzlich sing er am ganzen Leibe zu zittern an . . . Etwa zehn Schritte vor ihm zeigte sich durch das Dunkel ein leuchtender Punkt.
Es war eine brennende Kohle und dicht darüber konnte man auf einen Augenblick die Vorderseite eines menschlichen Antlitzes unterscheiden mit zum Blasen vorgestreckten Lippen . . . Rasch und schweigend, wie eine Katze auf eine Maus, sprang Naoum auf das Feuer zu . . . Eben so rasch erhob sich von der Erde eine lange Gestalt, ihm entgegenstürzend und ihn beinahe durch ihre Wucht umwerfend; allein Naoum, dem jene nun zu entgleiten suchte, klammerte sich mit aller Kraft an sie:
– Fedor, Andreas, Petruschka! Rief er aus Leibeskräften, schnell, schnell hierher, ich habe einen Dieb gefangen, einen Brandstifter . . .
Der Mann, den er umschlungen hielt, schlug um sich wie ein Verzweifelter, aber Naoum ließ ihn nicht los. Auch kam Fedor seinem Herrn gleich zu Hilfe.
– Eine Laterne, geschwind eine Laterne! hol eine Laterne, weck die Andern schnell, schnell! schrie Naoum. Ich werde ihn schon so lange allein festhalten . . . ich werde mich auf ihn setzen . . . Mach nur schnellt und bring auch gleich einen Strick mit, um ihn zu binden.
Feder lief in’s Haus . . . Der Mann, den Naoum festhielt, ließ jetzt nach in seinem Widerstande.
– So hast Du noch nicht genug an meiner Frau, meinem Gelde und meinem Hause, Du willst auch mich verderben! sagte er mit dumpfer Stimme.
Naoum erkannte Akim und erwiderte:
– So, Du bist es, mein Lieber! Gut, gut, na, wart nur!
– Laß mich! – rief Akim – bist Du noch nicht zufrieden?
– Morgen werd’ ich Dir vor dem Richter zeigen, ob ich zufrieden bin . . . und Naoum umklammerte Akim noch fester . . .
Inzwischen kamen seine Leute mit zwei Laternen und Stricken herbeigelaufen . . .
– Bindet ihn! befahl Naoum mit scharfer Stimme. Die Arbeiter bemächtigten sich Akim’s, hoben ihn auf und banden ihm die Hände auf dem Rücken zusammen. Einer von ihnen fing an ihn zu schmähen, unterbrach sich aber plötzlich, als er den ehemaligen Besitzer des Wirthshauses in ihm erkannte, und begnügte sich bedeutungsvolle Blicke mit den andern zu: wechseln.
– Seht nur, seht! rief Naoum, mit der Laterne den verdächtigen Platz untersuchend – da ist eine Kohle in einem Topfe, seht, der Topf steckt voll von Brandstoffen. Wir werden untersuchen, woher er diese Brandstoffe genommen hat . . . Auch trockenes Reisig hat er zusammengeschleppt . . . und Naoum trat das Feuer sorgfältig mit den Füßen aus, – Fedor zurufend: Durchsuch’ ihn genau, ob er nicht noch etwas dergleichen bei sich hat.
Feder durchsuchte alle Taschen Akim’s, der unbeweglich wie ein Todter dastand, den Kopf auf die Brust gesenkt.
– Da sind’ ich ein Messer, sagte Fedor, aus der Brusttasche des Gefangenen ein altes Küchenmesser hervorziehend . . .
– Aha, mein Lieber! Also darauf lief es hinaus! rief Naoum. Ihr seid Zeugen, Kinder, daß er mich hat ermorden wollen, daß er meinen Hof hat anzünden wollen . . . Sperrt ihn bis zum Morgen in den Keller ein, da wird er uns nicht entwischen. Ich werde selbst die ganze Nacht Wache halten und mit Tagesanbruch werden wir ihn zum Kreisrichter führen . . . Ihr aber werdet als Zeugen auftreten, versteht Ihr mich?
Sie führten Akim in den Keller und schlossen die Thür hinter ihm. Naoum stellte zwei seiner Leute als Wachen davor und blieb selbst die Nacht hindurch auf den Beinen.
XIII
Inzwischen hatte Jephrem’s Frau, bemerkend, daß ihr ungebetener Gast verschwunden war, sich in der Küche zu schaffen gemacht, obgleich der Tag noch nicht dämmerte . . . Es war ein Festtag. Sie kniete vor dem Ofen nieder, um Kohlen zum Feuermachen herauszuholen, und bemerkte bald, daß schon Jemand vor ihr die glühenden Kohlen herausgenommen hatte; sie suchte dann ihr Küchenmesser, – es war nirgends zu finden; weiter umherspähend sah sie auch, daß einer von ihren vier Töpfen fehle. Sie stand im Rufe eine keineswegs dumme Frau zu sein – und mit Recht. Sie dachte einen Augenblick nach und ging dann in den Verschlag zu ihrem Manne. Es war nicht leicht, ihn zu wecken; aber noch schwerer wurde es ihr, ihm klar zu machen, warum sie ihn weckte. Auf Alles, was sie ihm sagte, hatte er immer nur eine und dieselbe Antwort:
– Er ist fortgegangen? – Nun Gott sei mit ihm! – Was soll ich dabei thun? Er hat das Messer mitgenommen und einen Topf – nun Gott sei mit ihm! – Aber was soll ich dabei thun?
Endlich erhob er sich doch und nachdem er seine Frau aufmerksam angehört, stimmte er mit ihr überein, daß dieß eine sehr unangenehme Sache sei und daß man es nicht dabei bewenden lassen könne.
–– Ja, sagte seine Frau, dieß ist eine sehr unangenehme Sache; in seiner verzweifelten Lage könnte er leicht Unheil anrichten . . . Ich habe es schon am Abend bemerkt, daß er nicht schlief, sondern nur so auf dem Ofen ausgestreckt lag; Du würdest gut thun, Jephrem Alexandritsch, Dich nach ihm umzusehen, ob er . . .
– Höre meine Meinung, Uljana Fedorowna erwiderte Jephrem, ich werde sofort selbst nach dem Wirthshause reiten; aber Du, Mütterchen, mußt auch die Freundlichkeit haben, mir ein Glas Branntwein zu geben, um mir den Rausch aus dem Kopfe zu treiben.
Uljana besann sich einen Augenblick.
– Nun – sagte sie endlich, ich Werde Dir Branntwein geben, Jephrem Alexandritsch, Du mußt mir aber versprechen, keine dummen Streiche zu machen.
– Darüber beruhige Dich, Uljana Fedorowna.
Und nachdem er sich durchs einen tüchtigen Zug gestärkt hatte, trabte Jephrem nach dem Wirthshause.
Die Sonne war kaum aufgegangen, als er auf dem Hofe ankam und bei der Pforte hielt schon eine angespannte Telega, auf welcher einer der Leute Naoum’s, die Zügel in der Hand, saß.
– Wohin so früh? fragte Jephrem.
– In die Stadt! antwortete mürrisch der Gefragte.
– Warum das? Der Arbeiter zuckte die Achseln und gab keine weitere Antwort.
Jephrem sprang vom Pferde und ging in’s Haus. Auf dem Flur begegnete ihm Naoum, völlig angekleidet und die Mütze auf dem Kopfe.
– Wir wünschen dem neuen Herrn zu seiner Besitzung Glück, sagte Jephrem, welcher Naoum persönlich kannte. – Wohin so früh schon?
– Es hat sich was Glück zu wünschen! erwiderte mürrisch Naoum. Wenig fehlte, daß ich gleich am ersten Tage verbrannt wäre.
Jephrem fuhr zusammen.
– Wie so das?
– Nun so; es hat sich da ein lieber Mann gefunden, welcher mir das Haus über dem Kopfe anzünden wollte. Zum Glück half ich ihn auf frischer That ertappt.
– Das ist doch nicht Akim . . . fragte zögernd Jephrem.
– Aber woher weißt Du das? Akim ist es. Er ist diese Nacht mit glühenden Kohlen in einem Topfe gekommen, hat sich auf den Hof geschlichen und Feuer angelegt . . . Alle meine Arbeiter können es bezeugen. Willst Du selbst sehen? Ich werde mich gleich mit ihm auf den Weg machen.
– Väterchen, Naoum Iwanitsch! flehte Jephrem; lassen Sie ihn los! Stürzen Sie den Greis nicht ganz in’s Verderben. Belasten Sie Ihre Seele nicht mit dieser Sünde, Naoum Iwanitsch! Bedenken Sie – ein Mensch in Verzweiflung – der den Kopf verloren . . .
– Hör’ auf, Bruders unterbrach ihn Naoum barsch; das wäret Ihn freilassen – Da würde er mir morgen wieder das Haus anzünden.
Das wird er nicht thun, Naoum Iwanitsch, glauben Sie mir. Glauben Sie mir, es wird zu Ihrer eigenen Beruhigung dienen – da wird untersucht, gefragt, das Gericht – nun Sie wissen ja selbst.
– Nun was mit dem Gerichte? Ich habe mich vor keinem Gerichte zu fürchten.
– Väterchen, Naoum Iwanitsch! wer sollte das Gericht nicht fürchten . . .
–– Ach schweig! Du scheinst schon wieder am frühen Morgen betrunken zu sein, und heut’ ist obendrein Festtag, wo Tu in der Kirche sein solltest.
Dem armen Jephrem stürzten plötzlich die Thränen nur so aus den Augen: – Ja, ich bin betrunken, aber ich rede die Wahrheit! rief er. O verzeihen Sie ihm, um des lieben Jesu Festes willen!
– Nun hör’ auf, alter Flenner!
Und Naoum trat aus die Freitreppe.
– Um Afdotja Arefjewna’s willen verzeihen Sie ihm! flehte Jephrem, der ihm folgte.
Naoum ging nach dem Keller zu und öffnete die Thüre weit. Jephrem streckte mit ängstlicher Neugier den Hals hinter Naoum’s Rücken vor und entdeckte mit Mühe im Winkel des nicht sehr großen Kellers Akim. Der ehemalige reiche Hofbauer, der in der ganzen Umgegend sehr geachtete Mann, saß jetzt mit gebundenen Händen auf dem Stroh wie ein Verbrecher. Geräusch vernehmend, erhob er den Kopf . . . Er sah aus, als ob er in den letzten zwei Tagen und besonders in der letzten Nacht entsetzlich abgemagert sei – die eingefallenen Augen waren kaum noch sichtbar unter der hohen wachsgelben Stirn, die trockenen Lippen waren ganz blau geworden . . . sein ganzes Gesicht war verändert und hatte einen seltsamen, zugleich wilden und scheuen Ausdruck angenommen.
– Steh’ auf und komm heraus! sagte Naoum.
Akim stand auf und schwankte über die Schwelle.
– Akim Sseménitsch! rief Jephrem, hast Du Dein Leben verlieren wollen, mein Täubchen!
Akim blickte ihn schweigend an.
Hätt’ ich gewußt, warum Du Branntwein verlangtest, ich hätte Dir keinen gegeben; wahrhaftig ich hätte Dir keinen gegeben; ich glaube, ich hätte ihn selbst allein getrunken! . . . Ach, Naoum Iwaniksch! fuhr Jephrem fort, Naoum bei der Hand fassend, – erbarmen Sie sich seiner, lassen Sie ihn frei!
– Narrheiten! sagte höhnisch lächelnd Naoum.
Nun, komm heraus! fügte er hinzu, sich wieder zu Akim wendend . . . Warum wartest Du?
– Naoum Iwanitsch! hub Akim an.
– Nun was?
– Naoum Iwanitsch! wiederholte Akim! hör’ mich an, ich hin schuldig; ich wollte selbst mit Dir rechten, und Gott allein soll über uns Richter sein. Du hast mir Alles genommen, Du weißt es selbst. Alles, bis auf das Letzte. Jetzt kannst Du mich verderben und ich habe Dir nur dieses zu sagen: wenn Du mich jetzt frei lässest – nun – so sei’s drum. Behalte Alles! Ich bin zufrieden und wünsche Dir alles Glück. Ich sage Dir wie vor Gott: laß mich frei – Du wirst es nicht zu bereuen haben. Gott sei mit Dir.
Akim schloß die Augen und schwieg.
– Wirklich? Ei das wäre Dir zu glauben!
– Ja bei Gott! Du kannst ihm glauben, rief Jephrem; kannst ihm wahrhaftig glauben. Ich setze für ihn, für Akim Sseménitsch meinen Kopf zum Pfand – ja wahrhaftig!
– Dummes Zeug! erwiderte Naoum. – Vorwärts! Akim hielt den Blick auf ihn gerichtet.
– Wie es Dir am besten scheint, Naoum Iwanitsch! Du hast die Wahl. Aber Du nimmst viel auf Deine Seele. Wenn Du es so eilig hast – wohlan so fahren wir . . .
Naoum faßte seinerseits Akim scharf in’s Auge. »Sollte es nicht wirklich besser sein, dachte er, ihn zum Teufel zu schicken? Sonst bin ich vor den Leuten meines Lebens nicht sicher . . . und Afdotja würde mir keine Stunde Ruhe lassen . . .
Während Naoum so die Sache überlegte, sprach Keiner ein Wort. Der Arbeiter auf der Telega, welcher durch das Thor alles sehen konnte, schüttelte nur mit dem Kopfe und bewegte zuweilen die Zügel. Die beiden andern Arbeiter standen auf der Freitreppe und schwiegen gleichfalls.
– Nun höre, Alter! hub Naoum an: wenn ich Dich freilasse – und diesen Burschen (er deutete mit dem Kopfe auf die Arbeiter) befehle, nichts auszuplaudern – sind wir dann quitt mit einander? – Du verstehst mich – quitt . . . wie?
– Wie ich Dir gesagt habe, behalte Alles!
– Und Du anerkennst, daß ich Dir Nichts schuldig bin?
– Du wirst mir so wenig schuldig sein, wie ich Dir.
Naoum schwieg eine Weile.
– Schwör’ es mir vor Gott!
– So wahr Gott heilig ist, erwiderte Akim.
– Ich weiß vorher, daß ich es bereuen werde, sagte Naoum – doch es bleibe dabei, was auch komme! Gib mir die Hand darauf.
Akim drehte ihm den Rücken zu; Naoum fing an ihn loszubinden.
– Hör’, Alter, fuhr er fort, den Strick durch seine Hand ziehend – vergiß nicht, daß ich Dich befreit habe, merk Dir’s wohl! – O mein Täubchen, Naoum Iwanitsch! rief Jephrem, – unser Herrgott wird’s Ihnen lohnen.
Akim streckte seine geschwollenen und eiskalten Hände und ging dann dem Hofthore zu.
Naoum überkam plötzlich eine Judenreue, wie man zu sagen pflegt, gleich als ob es ihm leid wäre, Akim freigelassen zu haben: – Merk Dir’s wohl, Du hast geschworen! rief er ihm nach.
Akim wandte sich um und indem er die Blicke über den Hof hinschweifen ließ, sprach er mit trauriger Stimm: Behalte alles, auf ewig und unwiderruflich! . . . Leb wohl!
Und langsam ging er zur Straße hinaus; Jephrem begleitete ihn. Naoum winkte mit der Hand, befahl auszuspannen und kehrte in’s Haus zurück.
– Wohin gehst Du, Akim Sseménitsch? nicht zu mir? fragte Jephrem, als er sah, daß Akim vom großen Wege rechts abbog.
– Nein, Jephremuschka, ich danke, erwiderte Akim . . . Ich will sehen, was meine Frau macht.
– Das kannst Du ja später sehen . . . Jetzt wär’ es doch nöthig, auf die Freude hin eins . . . Du verstehst mich?
– Nein, ich danke, Jephrem . . . Ich bin auch so zufrieden. Leb’ wohl.
Und Akim ging fort, ohne sich weiter umzusehen.
– Seht mir doch! auch so zufrieden! rief Jephrem mit verlegenem Staunen und ich habe noch für ihn geschworen! Nein, das hätt’ ich nicht erwartet von ihm, fuhr er traurig fort« – nachdem ich für ihn geschworen habe. Pfui!
Er erinnerte sich, daß er vergessen habe, das Küchenmesser und den Topf mitzunehmen, und er kehrte in das Wirthshaus zurück . . . Naoum befahl ihm seine Sachen herauszugeben, dachte aber nicht daran, ihm ein Gläschen vorzusetzen. Ganz niedergeschlagen und völlig nüchtern kam er wieder in seiner Hütte an.
– Nun, wie steht’s? fragte seine Frau – gefunden?
– Was gefunden? entgegnete Jephrem.
– Natürlich hab’ ich gefunden! Da ist Dein Topf.
– Akim? fragte mit scharfer Betonung die Frau.
Jephrem nickte.
– Akim. Aber ist das eine Gans! Ich habe für ihn geschworen, ohne mich würde er im Kerker verfault sein, und er hat mir nicht einmal einen Schnaps dafür gegeben. Uljana Fedorowna, Du wirst gütiger gegen mich sein, verehre mir ein Glas Branntwein!
Aber Uljana Fedorowna war nicht gütig gegen ihn, sondern jagte ihn zum Hause hinaus.
XIV
Inzwischen ging Akim mit langsamen Schritten den Weg entlang, der zu Lisaweta Prochorowna’s Landsitze führte. Er war noch nicht recht zu sich selbst gekommen, sein ganzes Innere bebte wie bei einem Menschen, der eben dem sicheren Tode entronnen ist. Er wagte kaum an seine Freiheit zu glauben; mit dumpfem Staunen blickte er auf das Feld, auf den Himmel, die Lerchen, welche sich durch die warnte Luft emporschwangen. Den Abend vorher bei Jephrem hatte er nach dem Essen kein Auge geschlossen, obgleich er unbeweglich auf dem Ofen lag; erst wollte er das unerträgliche Weh der Beleidigung und den Kummer des ohnmächtigen Zornes in Branntwein ertränken; allein der Branntwein konnte ihn nicht überwältigen; sein Herz ging über vor Zorn und Wuth und er begann darüber nachzudenken, wie er sich an dem Bösewicht rächen könne. Er dachte nur an Naoum. Lisaweta Prochorowna kam ihm nicht in den Kopf. Von Afdotja wandte er seine Gedanken gewaltsam ab. Gegen Abend wuchs das Verlangen nach Rache zu einer wahren Wuth an, und dieser sonst so gutmüthige und schwache Mensch erwartete mit fieberhafter Ungeduld die Nacht, und wie ein Wolf auf Raub schleicht, eilte er heimlich mit dem Feuer in der Hand, um sein ehemaliges Haus zu zerstören . . . Da wurde er ergriffen und eingesperrt. Die Nacht brach herein. Was ging ihm nicht alles in dieser fürchterlichen Nacht durch den Kopf! Es läßt sich schwer mit Worten wiedergeben, was in einem Menschen in solchen Augenblicken vorgeht. Alle die Qualen zu schildern, welche er durchzumachen hat, ist um so schwerer, als diese Qualen in dem Menschen selbst wortlos und stumm bleiben . . .
Gegen Morgen vor der Ankunft Jephrem’s bei Naoum war es ihm etwas leichter geworden . . . Alles ist verloren, dachte er . . . Alles in den Wind! . . . und er winkte mit der Hand wie zum Abschied. Wenn er mit einem nicht guten Herzen geboren worden wäre, so hätte er in diesem Augenblicke zum Bösewicht werden können, aber das Böse lag nicht in seiner Natur. Unter dem Schlage des unerwarteten und unverdienten Unglücks, im Zustande der Verzweiflung hatte er die verbrecherische That beschlossen, deren Versuch der Ausführung ihn bis in’s Innerste erschütterte, und ihr Mißlingen ließ in ihm nur eine tiefe Ermattung und Erschöpfung zurück. Im Bewußtsein seiner Schuld wandte er sich von allen irdischen Sorgen ab und begann bitter, aber inbrünstig zu beten. Erst betete er leise, endlich aber . . . vielleicht zufällig . . . rief er mit lauter Stimme: Herr, mein Gott! – und die Thränen stürzten ihm aus den Augen . . . Lange weinte er so und nach und nach wurde es ihm leichter um’s Herz . . . Seine Gedanken würden wahrscheinlich eine andere Richtung genommen haben, wenn er für seinen verbrecherischen Versuch bestraft worden wäre . . . So aber erhielt er plötzlich seine Freiheit und ging ganz erschöpft, mehr todt als lebendig, aber ruhig, um seine Frau wiederzusehen.
Das Haus Lisaweta Prochorowna’s lag anderthalb Werst von ihrem Dorfe entfernt, links von dem Feldwege, auf welchem Akim gekommen war. Als er auf dem Wege angekommen war, welcher zu dem Herrschaftshause führte, blieb er eine Zeitlang schwankend stehen. Endlich entschied er sich, erst in das Dorf zu gehen, wo in seiner früheren Hütte sein alter Oheim wohnte. Die kleine und schon ziemlich alte Isba Akims lag fast am äußersten Ende des Dorfes. Er ging die ganze Straße entlang, ohne einem Menschen zu begegnen; Alles war in der Kirche.
Nur eine alte kranke Bäuerin schob ihr kleines Fenster in die Höhe, um ihm nachzusehen, und ein Mädchen, welches mit leerem Eimer zum Brunnen ging, folgte ihm auch mit den Blicken. Der erste Mensch, auf welchen er stieß, war der alte Oheim, den er suchte. Der Greis hatte den ganzen Morgen auf der Grasbank unter dem Fenster zugebracht, sich an der Sonne wärmend und Tabak schnupfend. Er war nicht in die Kirche gegangen, weil er sich nicht recht wohl fühlte, und hatte eben seinen Sitz verlassen, um einen alten kranken Nachbar zu besuchen, als er Akim erblickte . . . Er blieb stehen, ließ ihn zu sich herankommen und sagte, ihn scharf ansehend:
– Guten Tag, Akimuschka!
– Guten Tag! erwiderte Akim und trat ohne die Augen zu erheben in die Thüre seiner Isba . . . Auf dem Hofe standen seine Pferde, seine Kuh und seine Telega; auch seine Hühner spazierten dort umher . . . Schweigend ging er in die Isba hinein. Der Greis folgte ihm. Akim setzte sich auf eine Bank und stützte sich auf seine geschlossenen Hände. Sein an der Thüre lehnender Oheim sah ihn voll Mitleid an.
– Wo ist meine Frau? fragte Akim.
– Im Herrschaftshause! antwortete der Greis schnell. – Da ist sie. Hierher hat man Dein Vieh gebracht und Deine Kisten und Kasten, sie aber ist dort geblieben. Willst Du zu ihr gehen?
Akim schwieg.
– Geh’, sagte endlich der Greis.
– Ach, Oheim, Oheim! seufzte Akim, während jener seine Mütze vom Nagel nahm: – erinnerst Du Dich noch, was Du mir am Vorabend meiner Hochzeit sagtest?
– Es geschieht Alles nach dem Willen Gottes!
– Erinnerst Du Dich, wie Du mir sagtest, daß ich nun nicht mehr ein Bauer, nicht mehr Euresgleichen sein würde. Welche Zeiten sind jetzt über mich gekommen! Ich bin nackt wie ein Wurm.
– Man kann sich nicht immer vor schlechten Leuten schützen, erwiderte der Alte; – aber wenn Jemand den gewissenlosen Menschen ordentlich in’s Gebet nehmen wollte, wenn die Gutsherrschaft auf Recht und Billigkeit hielte, oder wenn wir Gesetze hätten, die man fürchtete . . . aber wovor soll er sich fürchten? Er ist ein Wolf und weiß zu rauben wie ein Wolf.
Und der Greis nahm seine Mütze, um zu gehen. Afdotja kam gerade aus der Kirche, als man ihr sagte, daß der Oheim ihres Mannes sie suche. Bis dahin hatte sie ihn sehr selten gesehen. Er war fast nie in das Wirthshaus gekommen und galt allgemein für einen Sonderling, der leidenschaftlich dem Tabakschnupfen ergeben war und beinah immer schweigend vor sich hinbrütete. Sie ging zu ihm.
– Was wünschest Du« Petrowitsch? Ist etwas vorgefallen?
–Es ist nichts vorgefallen, Afdotja Arefjewna! Dein Mann fragt nach Dir.
– Ist er zurückgekommen?
– Er ist zurückgekommen!
– Wo ist er denn?
– Nun im Dorfe, in der Isba sitzt er.
Afdotja schrack zusammen.
– Hört Petrowitsch, fragte sie, ihm in’s Auge sehend, – ist er aufgebracht?
– Ich habe nicht bemerkt, daß er aufgebracht ist.
Afdotja senkte den Kopf.
– Nun, so gehen wir! sagte sie, ein großes Tuch umschlagend, und beide machten sich auf den Weg. Schweigend gingen sie bis zum Dorfe. Als sie sich der Hütte näherten, überkam Afdotja ein solcher Schrecken, daß ihr die Knie nur so zitterten.
– Väterchen, Petrowitsch! sagte sie, – geh’ Du voran . . . Sag’ ihm, daß ich auf seinen Befehl gekommen bin.
Petrowitsch ging in die Hütte und fand Akim in tiefes Brüten versunken noch auf demselben Platze sitzend, wo er ihn verlassen hatte.
– Nun? fragte Akim, den Kopf erhebend, ist sie nicht gekommen?
– Sie ist gekommen! erwiderte der Greis. Sie steht vor der Thüre . . .
– So schick’ sie herein!
Der Greis ging hinaus, winkte ihr mit der Hand und hieß sie eintreten, während er sich wieder auf seine Grasbank setzte. Afdotja öffnete zitternd die Thür, überschritt die Schwelle und blieb stehen. Akim richtete die Augen auf sie.
Nun, Arefjewna, sagte er, was fangen wir jetzt zusammen an?
– Ich bin schuldig! murmelte sie.
–– Ach, Arefjewna, wir sind alle Sünder. Was ist darüber weiter zu reden!
– Der Bösewicht hat uns beide iu’s Verderben gestürzt! seufzte Afdotja und die Thränen raunen ihr über die Wangen. Du, Akim Sseménitsch, darfst es nicht dabei bewenden lassen, fordere Dein Geld von ihm zurück. Schone mich nicht. Ich bin bereit zu schwören, daß ich ihm das Geld als Darlehen gegeben habe. Lisaweta Prochorowna hatte das Recht, unsern Hof zu verkaufen, aber warum soll er uns berauben? . . . fordere Dein Geld zurück!
– Ich habe kein Geld mehr von ihm zu fordern! antwortete finster Akim. Wir sind quitt.
–– Wie so? fragte Afdotja staunend.
– Nun so. Weißt Du, fuhr Akim fort, während seine Augen unheimlich leuchteten: weißt Du wo ich die Nacht zugebracht habe? Du weißt es nicht? Bei Naoum im Keller, an Händen und Füßen gebunden wie ein Hammel, so hab ich die Nacht zugebracht. Ich wollte sein Gehöft anzünden, und er hat mich ertappt. Es ist ein gewandtes Bürschchen, dieser Naoum. Und heute Morgen wollte er mich in die Stadt führen, hat sich aber dann zum Mitleid bewegen lassen. Du siehst also, daß ich von ihm kein Geld mehr verlangen kann. Und wie sollte ich es auch von ihm fordern? Wann, würde er sagen, habe ich von Dir Geld geborgt? Sollte ich ihm dann antworten: Meine Frau hat es unter den Dielen des Fußbodens mir weggenommen und Dir gebracht? Sie lügt, Deine Frau! würde er einfach erwidern. Hast Du nicht schon genug Geschwätz unter den Leuten veranlaßt, Arefjewna? Schweig also lieber, sag ich Dir.
– Ich bin schuldig, Sseménitsch, ich bin schuldig! seufzte die erschreckte Afdotja auf’s Neue.
– Davon rede ich nicht, erwiderte Akim nach kurzem Schweigen, aber was sollen wir jetzt zusammen anfangen? Wir haben unser Haus nicht mehr und auch kein Geld.
– Wir werden uns schon durchhelfen, Akim Sseménitsch; wir werden Lisaweta Prochorowna bitten, die wird uns unterstützen; Kirillowna hat mir’s versprochen.
– Nein, Arefjewna, wenn Du willst, kannst Du sie zusammen mit Kirillowna bitten für Dich; Ihr seid beide Früchte desselben Feldes. Höre, was ich Dir zu sagen habe: bleib Du hier mit Gott; ich werde nicht hier bleiben. Zum Glück haben wir keine Kinder, und ich werde vielleicht nicht umkommen. Ein einzelner Kopf ist niemals arm.
– Willst Du wieder fuhrwerken?
Akim lächelte bitter.
– Ich würde einen schönen Fuhrmann abgeben, wahrhaftig! einen recht rüstigen Fuhrmann! Nein, Arefjewna, das ist nicht so leicht wie z. B. das Heirathen; zu solchem Geschäfte taugt ein Greis nicht mehr. Ich will nur hier nicht bleiben, siehst Du . . . ich will nicht, daß man mit Fingern auf mich weise . . . verstehst Du mich? Ich gehe, um Gott um Verzeihung meiner Sünden zu bitten, Arefjewna, sieh, darum geh’ ich.
– Aber was hast Du denn für Sünden, Sseménitsch? fragte schüchtern Afdotja.
– Das muß ich schon selbst am besten wissen.
–– Aber in wessen Schutz willst Du mich denn lassen, Sseménitsch? Wie werde ich ohne Mann leben?
– In wessen Schutz ich Dich lassen werde? Ach, Arefjewna, wie Du nur redest! wahrhaftig! Du hast wirklich einen Mann, wie mich, nöthig, der alt und noch dazu ruinirt ist. Du bist seither ohne mich fertig geworden und wirst es auch künftig werden. Das Bischen Hab und Gut, das noch unser ist, überlaß ich Dir; nimm Alles, ich brauche Nichts.
– Wie Du willst, Sseménitsch, entgegnete traurig Afdotja: Du mußt’s am Besten wissen.
– So ist es. Nur glaub’ nicht, daß ich aufgebracht bin gegen Dich, Arefjewna. Nein, wozu jetzt noch zürnen, wenn schon Der . . . ich hätte früher besser aufpassen sollen. Ich bin selbst schuldig – und bestraft (bei. diesen Worten seufzte er tief auf). – Fährst Du gern im Schlitten, mußt Du Dich hineinsetzen. Die Jahre sind über mich gekommen, es ist Zeit, daß ich an das Heil meiner Seele denke. Gott selbst hat mich erleuchtet. Ich alter Narr bildete mir ein, mit einer jungen Frau das Leben in Freuden genießen zu können . . . Nein, alter Bruder! Erst bete, schlage die Erde mit der Stirn, dulde und faste . . . und jetzt, Mütterchen, geh; ich bin sehr müde und möchte ein Bischen ausruhen.
Und Akim streckte sich seufzend auf die Bank.
Afdotja wollte etwas antworten, blieb stehen, sah ihn an, wandte sich um und ging. Sie hatte nicht erwartet, so billig davon zu kommen.
– Nun, hat er Dich nicht geprügelt? fragte sie Petrowitsch, der ganz gebeugt noch auf seiner Grasbank saß, als sie aus der Hütte kam.
Afdotja ging schweigend an ihm vorbei.
– Seh’ mir Einer, er hat sie nicht geprügelt! murmelte der Greis lächelnd, fuhr sich mit der Hand durch den Bart und nahm eine Prise Tabak.
* * *
Akim führte seinen Vorsatz ans. Er besorgte seine Angelegenheiten und wenige Tage nach der obigen Unterhaltung ging er zur Reise gerüstet, um von seiner Frau Abschied zu nehmen, welche in einem Flügel des Herrschaftshauses wohnte. Die Scheidescene dauerte nicht lange . . . Kirillowna, welche hinzukam, rieth Akim, der Herrin seine Aufwartung zu machen; er folgte diesem Rathe. Lisaweta Prochorowna gerieth bei seinem Anblick einigermaßen in Verwirrung. Sie reichte ihm gnädig die Hand zum Kuß und fragte, wohin er zu gehen beabsichtige. Er antwortete« sein nächstes Reiseziel sei Kiew und das Uebrige stelle er Gott anheim. Sie lobte ihn und ließ ihn ziehen. Seit der Zeit erschien er sehr selten wieder im Dorfe, obgleich er niemals vergaß, der Herrin, wenn er sie besuchte, ein geweihtes Brod mitzubringen.
Wo nur immer die frommen Leute Rußlands zusammenströmen, da sah man auch sein abgemagertes und gealtertes, aber ehrwürdiges und wohlgeformtes Gesicht: bald beim Grabe des heiligen Sergius, bald bei den »weißen Ufern,« bald in der Wüste von Optina und im Kloster von Walaam; er war überall zu finden.
Im Laufe des einen Jahres sah man ihn in den Reihen der zahllosen Volksmasse, welche in Procession dem Bilde der heiligen Jungfrau von Kursk nach Korennoi folgte, eine Strecke von dreißig Werst; im Laufe des andern Jahres fand man ihn mit einem Ränzel auf dem Rücken unter andern Pilgern auf den Stufen der Kirche des wunderthätigen Nicolai von Mzensk . . . In Moskau erschien er beinah jeden Frühling. Von einem Lande zum andern wanderte er mit ruhigen und gemessenen Schritten, aber unaufhaltsam – es hieß, daß er sogar in Jerusalem gewesen sei. Er erschien allen vollkommen zufrieden und glücklich, und wenn von ihm die Rede war, so wurde immer seine Frömmigkeit und die Demuth seines Wandels gerühmt . . .
Naoum’s Wirthschaft ging inzwischen ganz vortrefflich. Er führte die Geschäfte lebhaft und geschickt, und es ging mit ihm wie man zu sagen pflegt in die Höhe. Alle Leute in der Nachbarschaft wußten, durch welche Mittel er in Besitz seines Hofes gelangt war, sie wußten ebenfalls, daß Afdotja ihm das Geld ihres Mannes gegeben hatte; Niemand liebte Naoum wegen seines kalten und rauhen Wesens; mit Entrüstung erzählte man sich von ihm, daß einmal Akim als Pilger zu ihm an’s Fenster gekommen, um ihn um ein Almosen zu bitten und daß er ihn mit den Worten abgefertigt: Gott wird Dir schon geben! (wie die Bauern in Süddeutschlaud sagen, wenn sie nichts geben wollen: Helf Gott!) aber alle stimmten darin überein, daß es einen größern Glückspilz als ihn nicht gebe. Das Korn wuchs bei ihm besser als bei den Nachbarn; seine Bienen gaben mehr Honig; selbst feine Hennen legten mehr Eier; seine Kühe waren nie krank und seine Pferde hinkten niemals. Der Pope Fedor selbst war darüber erstaunt . . .
Afdotja konnte lange Zeit seinen Namen nicht hören, (sie hatte den Vorschlag Lisaweta Prochorowna’s angenommen, wieder bei dieser als Obernäherin in Dienst zu treten;) endlich aber minderte sich doch ihr Haß einigermaßen und es hieß sogar, daß sie sich in einer dringenden Verlegenheit an ihn gewendet und hundert Rubel erhalten habe . . . Wir wollen nicht allzu streng über sie richten; die Armuth bändigt wohl ganz andere Leute als Afdotja, und der plötzliche Umschlag in ihrem Leben hatte sie unglaublich gealtert und gedemüthigt; es ist schwer zu schildern in wie kurzer Zeit sie körperlich heruntergekommen und geistig abgestumpft und versimpelt war . . .
Aber wie soll das Alles enden? wird der Leser fragen. Wir wollen ihn nicht lange darüber in Zweifel lassen. Naoum führte seine Wirthschaft fünfzehn Jahre lang mit bestem Erfolg und verkaufte sie dann sehr theuer einem andern Bürger. Er würde sich nie von ihr getrennt haben, wenn ihn nicht ein dem Anschein nach sehr unbedeutender Vorfall dazu veranlaßt hätte. Zwei Morgen hinter einander stieß sein Hund, welcher unter dem Fenster lag, fortwährend klägliche Töne aus; Naoum ging am zweiten Morgen auf die Straße, untersuchte den heulenden Kettenhund aufmerksam, schüttelte den Kopf, fuhr in die Stadt und wurde noch an demselben Tage mit dem Käufer handelseinig, welcher schon seid längerer Zeit um den Hof gefeilscht hatte. Eine Woche später begab er sich nach einem entfernten Orte außerhalb des Gouvernements. Der neue Eigenthümer bezog das Wirthshaus, welches gleich in der ersten Nacht abbrannte, so daß kein Stein auf dem andern blieb und Naoum’s Nachfolger völlig ruinirt wurde.
Der Leser kann sich leicht vorstellen, zu welchen Gesprächen dieß in der Nachbarschaft Anlaß gab. »Er hat sein Glück mit fortgenommen!« sagte man allgemein . . . Es geht von Naoum die Sage, – daß er große Getreidelieferungen für die Regierung übernommen habe und dabei ein steinreicher Mann geworden sei. Ob er das lange bleiben wird? Schon stärkere Säulen sind eingestürzt und der bösen That folgt früh oder spät ein böses Ende.
Ueber Lisaweta Prochorowna ist wenig mehr zu sagen; sie lebt heute noch und hat sich, wie das bei Menschen dieser Art zu gehen pflegt, in Nichts verändert, ja sie ist kaum merklich gealtert, höchstens noch ein bischen bittrer geworden und ihr Geiz hat in erstaunlicher Weise zugenommen, obgleich es schwer zu begreifen ist, für wen sie ihr Geld zusammenscharrt, da sie keine Kinder hat und mit keinem Menschen auf der Welt befreundet ist. Im Gespräch erinnert sie sich oft Akim’s und betheuert, daß sie, seit ihr Gelegenheit geworden, die Eigenschaften des russischen Bauern näher kennen zu lernen, ihn ungemein achte und schätze wegen seiner Hingebung und Unterwürfigkeit. Kirillowna hat sich für eine ansehnliche Summe freigekauft und dann sich aus Liebe mit einem jungen blonden Offizianten verheirathet, der ihr die Ehe sauer genug macht. Afdotja lebt wie früher unter dem weiblichen Gesinde Lisaweta Prochorowna’s, ist aber noch um einige Stufen tiefer gesunken. Sie kleidet sich sehr ärmlich, fast schmutzig und von den Gewohnheiten einer in der Hauptstadt aufgewachsenen modischen Kammerjunger von den Manieren einer wohlhabenden Hofbesitzerin ist keine Spur mehr übrig geblieben. Niemand bemerkt sie und sie ist froh, unbemerkt zu bleiben. Der alte Petrowitsch liegt schon im Grabe, aber Akim pilgert immer noch in der Welt umher; Gott allein weiß, wie lange diese Pilgerschaft noch dauern wird.
