Читать книгу: «Eine wunderliche Geschichte»
I
Vor etwa fünfzehn Jahren – so begann Herr Ch. – zwangen mich dienstliche Obliegenheiten einmal einige Tage in der Gouvernementsstadt O. Zuzubringen. Ich stieg in einem erträglichen Gasthause ab, welches ein halbes Jahr vor meiner Ankunft von einem reich gewordenen Jüdischen Schneider erbaut worden war. Wie man sagt, hat es nicht lange geblüht, was bei uns etwas sehr Gewöhnliches ist; aber ich fand es noch in seinem vollen Glanze; die neuen Meubel knallten in der Nacht wie ein Pistolenfeuer, die Bettwäsche, Tischtücher und Servietten rochen nach Seife und die gestrichenen Dielen nach Firniß, was übrigens nach der Meinung des Kellners, eines überaus feinen, obgleich nicht ganz reinlichen Menschen, die Verbreitung des Ungeziefers verhinderte. Dieser Aufwärter, ein ehemaliger Kammerdiener des Fürsten Z., zeichnete sich durch die Ungezwungenheit seines Benehmens und sein Selbstbewußtsein aus. Er ging stets in einem Frack, der schon auf andern Schultern gesessen und in niedergetretenen Schuhen, hatte eine Serviette unter dem Arm und eine Menge Finnen auf den Backen und hielt, indem er mit den schweißigen Händen ungenirt gesticulirte, kurze aber eindringliche Reden. Er erwies mir, als einem Menschen, der im Stande wäre, seine Bildung und seine Weltkenntniß zu würdigen, eine gewisse Protection. Er hieß Ardalion.
II
Ich hatte einigen Beamten der Stadt Besuche zu machen. Der selbe Ardalion besorgte mir einen Wagen und einen Diener, den einen so schlottrig und abgeschabt wie den andern; aber der Diener hatte eine Livree und den Wagen schmückten Wappen. Nachdem ich alle officiellen Besuche abgemacht hatte, fuhr ich zu einem Gutsbesitzer, einem alten Bekannten meiner Familie, der sich schon lange in der Stadt O. niedergelassen hatte. Ich hatte ihn in zwanzig Jahren nicht gesehen; er hatte sich seitdem verheirathet, eine stattliche Familie bekommen, war Wittwer und reich geworden. Er speculirte in Branntweinpachtungen, das heißt, er lieh den Pächtern die Cautionen gegen schwere Procente . . . »das Risico ist Edelmanns-Sache!«1 übrigens war auch wenig Risiko dabei. Im Laufe des Gesprächs trat unentschiedenen aber leichten Schrittes, wie auf den Fußspitzen, ein schlankes und mageres Mädchen von etwa siebzehn Jahren ein. Hier ist – sagte mein Bekannter zu mir – meine älteste Tochter Sophie, die ich die Ehre habe, Ihnen vorzustellen; sie hat mir meine Selige ersetzt, führt die Wirthschaft im Hause und giebt auf die Brüder und Schwestern Acht. Ich verbeugte mich zum zweiten Mal gegen das eingetretene Mädchen (das sich unterdessen schweigend auf einen Stuhl gesetzt hatte) und dachte bei mir, daß sie einer Wirthschafterin, einer Erzieherin wenig ähnlich sehe. Ihr Gesicht war durchaus kindlich, rund, und mit kleinen, angenehmen aber unbeweglichen Zügen; die blauen Augen unter hohen, auch unbeweglichen, ungleichen Brauen blickten aufmerksam, beinahe erstaunt, wie wenn sie etwas für sie Unerwartetes bemerkten; der schwellende Mund mit aufgeworfener Oberlippe lächelte nicht nur nicht, sondern schien auch das Lächeln gar nicht zu kennen; auf den Wangen stand das rosige Blut in zarten, länglichen sich immer gleichbleibenden Flecken unter der feinen Haut. Ihr feines blondes Haar trug sie in dichten Locken zu beiden Seiten des kleinen Gesichtes. Die Brust athmete ruhig und die Arme preßten sich wie ungeschickt und starr an die schlanke Figur. Ein blaues carrirtes Kleid fiel ohne Falten, wie bei Kindern, auf die kleinen Füße. Der ganze Eindruck, den das Mädchen auf mich machte, war nicht sowohl ein kränklicher, als ein räthselhafter. Ich sah nicht ein einfaches, schüchternes Provinzialfräulein vor mir, sondern ein Wesen mit einem besonderen, für mich unklaren Stempel. Es zog mich weder an, noch stieß es mich ab: ich begriff es nicht vollständig und fühlte nur, daß ich noch niemals einer aufrichtigeren Seele begegnet war. Mitleid ja Mitleid erweckte in mir dieses junge, ernste, geängstete Leben, Gott weiß weshalb. »Nicht von dieser Welt«, dachte ich bei mir, obgleich eigentlich in dem Ausdruck des Gesichts nichts »Ideales« lag und obgleich Mademoiselle Sophie augenscheinlich in dem Salon erschienen war, um die Rolle der Hauswirthin zu spielen, auf welche ihr Vater hingedeutet hatte.
III
Er fing an, von dem Leben in der Stadt Q, den seinen gesellschaftlichen Vergnügungen und den Annehmlichkeiten, die es darbot, zu sprechen. »Bei uns ist es still,« bemerkte er. »Der Gouverneur ist ein Melancholiker und der Adelsmarschall ein Junggeselle. Uebrigens ist übermorgen in der adligen Ressource großer Ball. Ich rathe Ihnen hinzugehen, es fehlt hier nicht an Schönheiten, nun und Sie werden unsere ganze Intelligenz sehen.«
Mein Bekannten als ein Mann, der einmal an der Universität gewesen war, liebte es, gelehrte Ausdrücke zu gebrauchen. Er sprach sie mit Ironie, aber auch mit Respect aus. Uebrigens ist es bekannt, daß die Spekulation in Branntweinpachtung in den Menschen zugleich mit der Solidität einen Hang zur Philosophie entwickelt.
»Und erlauben Sie eine Frage? Werden Sie auf dem Ball sein?« Damit wendete ich mich an die Tochter meines Bekannten Ich wollte den Ton ihrer Stimme hören. »Der Vater will hingehen« – antwortete sie, »und ich mit ihm.« Ihre Stimme war leise, langsam und sie sprach jedes Wort zögernd aus. »In diesem Falle erlauben Sie mir, Sie um die erste Quadrille zu bitten.« Sie nickte mit dem Kopf zum Zeichen des Einverständnisses; aber lächelte auch jetzt nicht.
Ich entfernte mich bald und ich erinnere mich, der Blick ihrer fest aus mich gerichteten Augen erschien mir so sonderbar, daß ich wie unwillkürlich über meine Schulter blickte, ob sie nicht irgend Jemand oder irgend etwas hinter meinem Rücken sähe.
IV
Nach meiner Rückkehr in‘s Gasthaus und nachdem ich zum Diner die ewige Suppe à la Julienne, Cotelettes und Schoten und ein vertrocknetes Haselhuhn gespeist hatte, setzte ich mich auf das Sopha und überließ mich meinen Gedanken. Ihr Gegenstand war jene Sophie, jene räthselhafte Tochter meines Bekannten; aber Ardalion, der den Tisch abgedeckt hatte, legte meine Träumerei auf seine Weise aus. Er schrieb sie der langen Weile zu.
»Es giebt bei uns in der Stadt sehr wenig Zerstreuungen für die Herren Durchreisenden,« begann er mit seiner gewöhnlichen zwanglosen Herablassung, während er zugleich fortfuhr mit einer schmutzigen Serviette die Lehnen der Stühle abzuklopfen – dieses Abklopfen ist wie bekannt nur sehr gebildeten Kellnern eigen –; »sehr wenig, weder Concerte noch Theater (Ardalion war mit seinem Herrn im Auslande gereist, vielleicht sogar nach Paris gekommen. Er wußte sehr gut, daß nur der Bauer Keather sagt), noch z. B. Tanzsoiréen und Abendconversationen unter den Herren Edelleuten. Alles der Art existirt nicht.« (Er hielt einen Augenblick inne, wahrscheinlich um mich die Eleganz seines Ausdruckes bemerken zu lassen).
»Man sieht sich selten. Und die Folge ist, daß die angekommenen Fremden manchmal nicht wissen, was sie anfangen sollen.«
Ardalion sah mich von der Seite an.
»Uebrigens . . . vielleicht . . . « fuhr er stockend fort – »im Falle Sie geneigt sein sollten . . . « Er sah mich wieder an – bemerkte aber vielleicht die nöthige Neigung nicht bei mir.
Der feine Kellner ging nach der Thür, überlegte, kehrte wieder um, stand eine Weile unentschlossen, beugte sich zu meinem Ohr nieder und sagte mit leichtem Lächeln:
»Wollen Sie Verstorbene sehen?«
Ich sah ihn erstaunt an.
»Ja,« fuhr er jetzt flüsternd fort, »es giebt hier einen solchen Menschen. Es ist ein einfacher Kleinbürger, der sogar nicht einmal lesen kann – aber er macht wunderbare Sachen. Wenn Sie sich zum Beispiel an ihn wenden und wünschen, irgend einen Verstorbenen von Ihren Bekannten zu sehen, so zeigt er ihn Ihnen unfehlbar.«
»Auf welche Weise?«
»Das ist nun sein Geheimniß. Denn obgleich er ein Mensch ist, der nicht lesen, ja man kann geradezu sagen, der nicht sprechen kann, so ist er doch im Himmlischen stark. Am meisten steht er bei den Kaufleuten in Achtung.«
»Und ist dies Allen in der Stadt bekannt?«
»Wer es wissen soll, weiß es. Und es ist dafür gesorgt, daß von der Polizei nichts zu befürchten ist – denn was man auch sagen möge, es sind immer verbotene Dinge und für den gemeinen Mann verführerisch. Der gemeine Mann ist bekanntermaßen immer gleich mit der Faust bei der Hand.«
»Hm er Ihnen Verstorbene gezeigt?« fragte ich Ardalion. Ich konnte mich nicht entschließen, einen so gebildeten Sterblichen zu dutzen
Ardalion nickte mit dem Kopf: »Ja! er hat mir meinen Erzeuger gezeigt, wie wenn er lebte.«
Ich sah Ardalion an. Er lächelte und spielte mit der Serviette und sah mich herablassend, aber mit Festigkeit an.
»Das ist sehr merkwürdig«, rief ich endlich. »Kann ich mit diesem Mann wohl bekannt werden?
»Mit ihm direct nicht; man muß durch seine Frau Mutter vorgehen. Es ist eine alte sehr respectable Dame. Sie handelt auf der Brücke mit faulen Aepfeln; wenn Sie befehlen, will ich sie fragen.«
»Sie thun mir einen Gefallen.«
Ardalion hustete in die Hand. »Und die Gratifikation, welche Sie geben wollen – es versteht sich eine unbedeutende, müssen Sie gleichfalls dieser Alten selbst einhändigen. Und ich werde ihr meinerseits sagen, daß sie nichts zu fürchten hat, da Sie ein Fremder, ein Cavalier sind – nun Sie begreifen ja, daß es ein Gebeimniß ist – und daß Sie ihr in keinem Falle Ungelegenheiten verursachen werden.«
Ardalion nahm das Präsentirbret in eine Hand und graziös mit seinem eigenen Rückgrat und dem Brete balancirend, wendete er sich zur Thür.
»Ich kann also auf Sie hoffen?« rief ich ihm nach.
»Sein Sie überzeugt,« entgegnete er mit seiner selbstbewußten Stimme. »Wir werden mit dem Mütterchen sprechen und Ihnen die Antwort überbringen.«
VI
Ich will mich nicht darüber verbreiten, welche Gedanken die ungewöhnliche Thatsache, die mir Ardalion mitgetheilt hatte, auf mich machte, aber ich muß gestehen daß ich die versprochene Antwort mit Ungeduld erwartete. Spät am Abend kam Ardalion zu mir und theilte mir seinen Verdruß mit: er hatte die Alte nicht auffinden können. Ich drückte ihm trotz dessen um ihn anzuspornen einen Dreirubelschein in die Hand. Am folgenden Morgen erschien er wieder – und mit freudestrahlendem Gesicht – in meinem Zimmer.
Die Alte war damit einverstanden mich zu sehen.
»Hey, Gelbschnabel!« rief Ardalion in den Corridor; »mein braver Arbeiter, komm hierher.« Es erschien ein Kind von fünf Jahren, wie eine junge Katze, ganz mit Ruß beschmutzt, mit geschorenem Kopfe, einem zerrissenen abgetragenen Schlafrock und ungeheuren Galoschen an den bloßen Füßen. Du wirst Sie führen Du weißt wohin,« sagte Ardalion indem er sich zu dem »braven Arbeiter« wendete und auf mich wies. »Und Sie, mein Herr, haben nur, sobald Sie dort sind, nach Mastridia Karpowna zu fragen.«
Der Junge gab einen heiseren Ton von sich und wir machten uns auf den Weg.
VII
Wir gingen ziemlich lange durch die ungepflasterten Straßen der Stadt O. In einer von ihnen, beinahe der einsamsten und trostlosesten machte endlich mein Führer vor einem zweistöckigen Häuschen Halt – und indem er sich die Nase mit dem ganzen Aermel seines Schlafrockes wischte, sagte er: »Hier . . . Gehen Sie rechts.« Ich trat über die Vortreppe in den Hausflur und klopfte zur Rechten; eine niedrige Thür ächzte in den rostigen Angeln und ich sah eine dicke alte Frau in einer zimmtfarbenen mit Hasenfell gefütterten Kassawoika und einem bunten Tuche um den Kopf vor mir.«
»Mastridia Karpowna?« fragte ich.
»Sie selbst ist es«, antwortete mir die Alte mit einer schrillen Stimme. »Ich bitte. Ist Ihnen gefällig Platz zu nehmen?«
Das Zimmer, in welches die Alte mich führte, war so mit allerlei Gerümpel, Lumpen, Kissen, Federbetten, Säcken vollgepfropft, daß es fast unmöglich war, sich darin umzudrehen. Das Sonnenlicht drang kaum durch zwei verstaubte Fensterchen; in einem Winkel hinter einem Haufen aufeinander gestülpter Körbe ächzte und jammerte Etwas. Was es war, konnte man daraus nicht ermessen. Es konnte ein krankes Kind, es konnte ein junger Hund sein. Ich setzte mich auf einen Stuhl und die Alte stellte sich aufrecht vor mich hin. Ihr Gesicht war gelb, halb durchsichtig, wie von Wachs; die Lippen liefen so zusammen, daß sie unter der Menge der übrigen Runzeln eine querlaufende Linie bildeten ein Büschel weißer Haare starrte unter dem Kopftuch hervor, aber die entzündeten, grauen Augen blickten unter dem vorspringenden Stirnbein pfiffig und Durchdringend, und die spitze Nase stand wie ein Pfriemen hervor und schnüffelte in die Luft als wollte sie sagen: »Ich bin doch der rechte Schelm.« Nun, Du verstehst ins Schwarze zu treffen, dachte ich bei mir.
Dabei roch sie nach Branntwein.
Ich erklärte ihr die Ursache meines Besuches, die ihr übrigens, wie ich bemerkte, schon bekannt sein mußte . . . sie hörte mich an, während sie schnell mit den Augen zwinkerte und steckte nur ihre Nase immer spitzer vor, wie wenn sie damit etwas aufpicken wollte.
»Ja, ja,« sagte sie endlich, »Ardalion Matweïtsch haben uns davon erzählt, daß Sie der Kunst meines Sohnes Wassinka bedürfen; nur sind wir im Zweifel, Herr . . .«
»Weshalb?« unterbrach ich sie. »Meinetwegen können Sie vollkommen ruhig sein. Ich bin kein Denunciant.«
»Ach, mein himmlischer Vater!« fiel die Alte rasch ein. »Was glauben Sie? Wie werden wir wagen von Euer Hochwolgeboren so etwas zu denken! Und auf welchen Grund sollte man uns dennuciren? Treiben wir vielleicht etwas Sündliches? Nein! lieber Herr, so ist mein Söhnchen nicht, daß er sich zu etwas Unsauberem hergäbe oder sich auf irgend eine Hexerei einließe . . . Da bewahre Gott und die allerheiligste Mutter Gottes!« Die Alte bekreuzte sich dreimal.
»Er ist im ganzen Gouvernement der erste Faster und Beter; der Erste, mein lieber Herr, Euer Hochwolgeboren! Aber das ist richtig – es ist ihm große Gnade zu Theil geworden Was? Das ist nicht ein Ding seiner Hände; das, mein Täubchen kommt von oben.«
»So sind Sie einverstanden?« fragte ich. »Wann kann ich Ihren Sohn sehen.«
Die Alte legte die Hand an ihre Backe. »Ach, mein Herr, mein Herr, wir sind im Zweifel. . .« »Erlauben Sie mir, Mastridia Karpowna, Ihnen Dieses einzuhändigen,« unterbrach ich sie und gab ihr einen Fünfzehn Rubelschein.
Die Alte ergriff ihn sogleich mit ihren geschwollenen krummen Fingern, welche an die fleischigen Krallen einer Eule erinnertem steckte ihn in den Aermel, dachte etwas nach und dann, als ob sie einen Entschluß gefaßt hätte, schlug sie sich mit beiden flachen Händen auf die Hüften
»Komm hierher heute Abend in der achten Stunde; sagte sie nicht mit ihrem gewöhnlichem sondern mit einem andern feierlicheren und leiseren Ton: »aber nicht in dieses Zimmer – sondern geh gerade aus aufwärts in den zweiten Stock – und Du wirst eine Thür zur Linken finden und öffne Du diese Thür – so wirst Du, Euer Hochwolgeboren, in ein leeres Zimmer treten und in diesem Zimmer wirst Du einen Stuhl sehen; setze Dich auf diesen Stuhl und warte, und was Du auch sehen mögest, so sprich kein Wort und thue nichts und sprich auch nicht mit meinem Söhnchen, denn er ist noch jung und er hat die fallende Sucht; er ist leicht zu erschrecken. Er fängt an zu zittern, zu zittern gerade wie ein Hühnchen . . . Es ist ein Jammer!«
Ich sah Mastridia an. »Sie sagen er ist jung, aber wenn er Ihr Sohn ist . . .«
»Im Geiste, Väterchen, im Geiste.Ich habe viele Waisen bei mir! . . . « fügte sie hinzu, indem sie mit dem Kopfe in der Richtung jenes Winkels hinzeigte, von welchem die klingenden Töne ausgingen. »O, Herr mein Gott, heilige Mutter Gottes! Und Sie, Väterchen Euer Hochwolgeboren ehe Sie hierher kommen, haben Sie die Güte ordentlich nachzudenken wen von Ihren verstorbenen Verwandten oder Bekannten – das Himmelreich sei ihnen – Sie zu sehen wünschen. Gehen Sie Ihre Bekannten durch und wenn Sie einen gewählt haben, so behalten Sie ihn im Sinn, behalten ihn, bis mein Sohn kommt.«
»Und soll ich Eurem Sohn nicht sagen, wem ich . . .«
»Nein nein! Väterchen nicht ein einziges Wort. Er selbst liest in Ihren Gedanken, was er braucht und Sie, behalten Sie nur Ihren Bekannten gut im Sinn; und nach dem Mittagessen trinken Sie zwei oder drei Gläschen Wein; Wein schadet niemals.« Die Alte lachte, leckte die Lippen mit der Zunge, fuhr mit der Hand über den Mund – und seufzte.
»Also um halb acht?« fragte ich, indem ich von dem Stuhle aufstand.
»Um halb acht, Väterchen Euer Hochwohlgeboren.«
VIII
Ich nahm von der Alten Abschied und kehrte in das Gasthaus zurück. Ich zweifelte nicht, daß man mich zum Besten haben würde – aber auf welche Weise? – das erregte meine Neugier. Mit Ardalion wechselte ich Alles in Allem nur zwei oder drei Worte. »Ist sie darauf eingegangen?« fragte er mich, indem er die Brauen zusammenzog – und auf meine bejahende Antwort, rief er: »Das Weib ist ein Minister!« Ich schickte mich nach dem Rathe des Ministers an, die Reihe meiner Verstorbenen durchzugehen. Nach ziemlich langem Schwanken blieb ich endlich bei einem längst verstorbenen alten Mann, einem Franzosen der mein Erzieher gewesen war, stehen. Ich wählte ihn nicht deshalb, weil ich mich besonders zu ihm hingezogen gefühlt hätte; aber seine ganze Figur war so originell, so wenig den Erscheinungen von heut’ ähnlich, daß es ganz unmöglich schien, sie nachzumachen ohne sie gesehen zu haben. Er hatte einen großen Kopf, dichte, weiße, nach hinten gekämmte Haare, dicke, schwarze Brauen, eine Habichtnase und zwei große lilafarbene Warzen mitten auf der Stirn; er trug einen grünen Frack mit kupfernen glatten Knöpfen ein Gilet mit Stehkragen ein Jabot und Manschetten.
»Wenn er mir meinen alten Dessère zeigt,« dacht ich, »so muß ich gestehen, daß er ein Zauberer ist.«
Nach dem Essen trank ich, wie die Alte mir gerathen, eine Flasche Lafitte von der ersten Sorte – nach der Versicherung Ardalions – aber mit einem starken Geschmack nach verbranntem Pfropfen und mit einem dicken Satz von Sandelholz auf dem Boden jedes Glases.
IX
Genau um halb acht befand ich mich vor dem Hause, in welchem ich mich mit der ehrenwerthen Mastridia Karpowna unterhalten hatte. Alle Fensterläden waren verschlossen, aber die Thür war offen. Ich trat in das Haus, kletterte auf einer wacklichen Treppe in den zweiten Stock – und öffnete die Thür zur Linken. Ich befand mich, wie die Alte mir vorausgesagt hatte, in einem vollkommen leeren, ziemlich geräumigen Zimmer; ein Talglicht, das auf den Fensterkopf gestellt war, verbreitete ein trübes Licht; an der Wand, gegenüber der Thür, stand ein Rohrstuhl. Ich putzte das Licht, welches eine starke Schnuppe angesetzt hatte, nahm Platz auf den Stuhl und fing an zu warten.
Die ersten zehn Minuten vergingen ziemlich schnell; in dem Zimmer selbst war entschieden nichts, was meine Aufmerksamkeit fesseln konnte – aber während ich auf jedes Geräusch hörte, sah ich aufmerksam auf die verschlossene Thür . . . Mein Herz schlug. Den ersten zehn Minuten folgten andere; es verging eine halbe Stunde, dreiviertel Stunden – und wenn sich auch nur etwas ringsum gerührt hätte. Ich hustete einige Male, um ein Zeichen meiner Anwesenheit zu geben, ich fing an, mich zu langweilen, ärgerlich zu werden; auf solche Weise zum Besten gehalten zu werden, hatte ich freilich nicht erwartet. Ich war schon im Begriff aufzustehen und wollte das Licht vom Fenster nehmen und hinuntergehen . . . Ich blickte weg, der Docht hatte wieder einen Räuber – als ich aber den Blick vom Fenster zur Thür wendete, zuckte ich unwillkürlich zusammen. Au der Thüre selbst angelehnt, stand ein Mann. Er war so geschickt eingetreten, daß ich nichts gehört hatte.
X
Er trug eine einfache blaue Jacke, war von mittlerer Größe und ziemlich stämmig. Die Hände auf den Rücken gelegt und mit gesenktem Kopfe, starrte er mich an. Bei dem trüben Glanze des Lichtes konnte ich seine Züge nicht gut unterscheiden; ich erkannte nur eine mächtige Mähne wirr auf die Stirn herabfallender Haare, dicke schief gebogene Lippen und weißliche Augen. Ich wollte mit ihm sprechen, aber ich erinnerte mich an die Vorschrift Mastridia's und biß mich in die Lippen. Der eingetretene Mensch sah immerwährend auf mich, ich sah gleichfalls auf ihn und sonderbar! in derselben Zeit empfand ich etwas wie Angst und fing fast an, wie auf Befehl, an meinen alten Erzieher zu denken. Jener stand fortwährend an der Thür und athmete mit Anstrengung, wie wenn er einen Berg hinaufstiege oder eine Last höbe – seine Augen schienen sich zu erweitern, sich mir zu nähern und es wurde mir unheimlich unter ihrem starren, schweren, drohenden Blick. Von Zeit zu Zeit flammten seine Augen in einem unheimlichen innern Feuer auf; ein solches Feuer sah ich bei Windhunden, wenn sie den Hasen erblicken und gleich dem Windhunde folgte mir Jener ganz so mit seinem Blicke, wenn ich »einen Haken schlug«, d. h. die Augen plötzlich abzuwenden Versuchte.
XI
So verging – ich weiß nicht wie viel Zeit – es konnte eine Minute, es konnte eine Viertelstunde sein – Er sah immerfort auf mich. Ich empfand fortwährend eine gewisse Unbehaglichkeit und Furcht und dachte an meinen Franzosen. Zwei Mal versuchte ich zu mir selbst zu sagen: »Was für Unsinn, was für eine Comödie!« versuchte zu lächeln – mit der Achsel zu zucken . . . vergeblich! Jeder Entschluß gefror sofort in mir . . . ich weiß kein anderes Wort zu finden; ich mußte eingestehen daß sich eine gewisse Erstarrung meiner bemächtigt hatte. . . Plötzlich bemerkte ich, daß er sich schon von der Thür entfernt hatte und mir einen oder zwei Schritte näher stand; dann hüpfte er ein wenig mit beiden Füßen zugleich – und stand mir noch näher . . . dann nochmals – und seine drohenden Augen richteten sich starr auf mein ganzes Gesicht – und die Hände blieben auf dem Rücken und die breite Brust athmete mit Anstrengung. Mir erschienen diese Sprünge lächerlich – aber mich schauerte auch, und was ich durchaus nicht begreifen konnte: plötzlich fing Schläfrigkeit an, mich zu befallen. Meine Augenlider klebten zusammen . . . die mähnige Gestalt mit den weißlichen Augen in der blauen Jacke – verdoppelte sich vor mir – und verschwand plötzlich ganz . . . Ich raffte mich auf: er stand wieder zwischen der Thür und mir – aber schon bedeutend näher . . . dann verschwand er wieder – wie wenn ein Nebel üben ihn hinginge; erschien wieder . . . verschwand wieder . . erschien wieder . . . und immer näher, näher . . . seinen schweren schnaubenden Athem meinte ich schon auf meinem Gesicht zu fühlen, wieder bewegte sich der Nebel heran und plötzlich trat aus diesem Nebel, von den weißen nach oben gesträubten Haaren beginnend, deutlich hervor der Kopf – des aller Dessère! Ja, das sind seine Warzen seine schwarzen dichten Brauen! seine Habichtsnase! Das ist auch der grüne Frack mit den kupferne Knöpfen und das gestreifte Gilet und das Jabot ich schrie auf, ich erhob mich der Greis verschwand – und an seiner Stelle sah ich wiederum den Menschen in der blauen Jacke, er ging schwankend zur Wand, lehnte sich mit dem Kopf und beiden Händen dagegen und wie ein abgetriebenes Pferd keuchend, stieß er mit heiserer Stimme heraus: »Thee!« Mastridia, die plötzlich auftauchte, sprang auf ihn zu und indem sie zu sagte: »Wassinka, Wassinka!l« wischte sie ihm den Schweiß ab, der von seinen Haaren und von seinem Gesicht nur so herunter strömte. – Ich wollte mich ihm nähern, aber sie rief so überzeugend, mit so zerreißender Stimme: »Euer Hochwolgeboren! Gnädiger Vater – richten Sie kein Unheil an, gehen Sie hinaus um Christi willen« – daß ich gehorchte; sie aber wendete sich wieder zu ihrem Sohn – »Kind, mein Täubchen mein Ernährer,« beruhigte sie ihn, »Du wirst sogleich Thee haben sogleich. – Und Sie, Väterchen trinken Sie bei sich zu Hause auch ein Theechen!« rief sie mir nach.
XII
Nach Hause gekommen, gehorchte ich Mastridia und ließ mir Thee geben; ich empfand Müdigkeit, sogar Schwäche – »Nun wie?« fragte mich Ardalion; »waren Sie dort? Haben Sie gesehen?«
»Er hat mir wirklich etwas gezeigt « . . . was ich, ich gestehe es, nicht erwartet hatte,« antwortete ich.
»Ein Mann von großer Weisheit!« bemerkte Ardalion, indem er den Samowar hinaus trug, »besonders bei der Kaufmannschaft steht er in großer Achtung!«
Als ich mich zu Bett gelegt hatte und über die Geschichte, die mir passirt war, nachdachte, so glaubte ich endlich ihre Erklärung gefunden zu haben. Dieser Mensch besaß unzweifelhaft eine bedeutende magnetische Kraft; indem er – in einer allerdings für mich unbegreiflichen Weise – auf meine Nerven wirkte, hatte er in mir das Bild des Greises, an welchen ich dachte, so klar, so bestimmt erweckt, daß es mir endlich erschien, als sähe ich ihn vor meinen Augen . . . der Wissenschaft sind ähnliche Metastasen, Uebertragungen der Empfindungen, bekannt . . . sehr schön; aber die Kraft, welche fähig ist, solche Wirkungen hervorzubringen, blieb immer etwas Erstaunliches und Geheimnißvolles. – Was man auch sagen möge, dachte ich, ich habe mit meinen Augen meinen verstorbenen Erzieher gesehen.
XIII
Am folgenden Tage fand der Ball in der adeligen Ressource statt. Sophien's Vater kam zu mir und erinnerte mich im die Einladung, Welche ich seiner Tochter gemacht hatte. Gegen 10 Uhr stand ich schon mit ihr in der Mitte des von einer Menge kupferner Lampen erleuchteten Saales und schickte mich an, die unschweren Pas einer französischen Quadrille unter den mißtönenden Klängen eines militairischen Orchesters zu machen. Der Saal war voll; besonders waren viele Damen – und sehr hübsche – da; aber die Palme unter ihnen hätte entschieden meiner Dame gebührt, wäre nicht ihr etwas fremdartiger, zugleich scheuer und milder Blick gewesen. Ich bemerkte, daß sie sehr selten mit den Augen blinzte; der unzweifelhafte Ausdruck der Aufrichtigkeit in ihren Augen wog das nicht auf, was in ihnen Ungewöhnliches war. Aber sie war reizend gebaut und bewegte sich graziös, obgleich etwas schüchtern. Wenn sie walzte – und indem sie ihre Figur etwas zurück legte, den schlanken Hals auf die rechte Schulter beugte, als ob sie sich von ihrem Tänzer fern halten wollte, so konnte man sich nichts rührender Jugendliches und Reineres vorstellen. Sie war ganz in Weiß gekleidet, mit einem Kreuzchen von Türkis an schwarzem Bändchen um den Hals.
Ich forderte sie zur Mazurka auf und bemühte mich sie »zum Sprechen zu bringen.« – Aber sie antwortete wenig und ungern und hörte aufmerksam mit demselben Ausdruck nachdenklichen Erstaunens zu, der mich, als ich sie das erste Mal sah, betroffen gemacht hatte. Kein Schatten von Coquetterie in ihren Jahren bei ihrem Aeußeren die Abwesenheit jedes Lächelns, und diese Augen welche beständig und gerade auf die Augen dessen der mit ihr sprach, gerichtet waren . . .!Diese Augen, welche zu derselben Zeit etwas Anderes zu sehen, mit etwas Anderem beschäftigt zu sein schienen . . . welches sonderbare Wesen! Da ich endlich nicht wußte, womit ich sie anregen könnte, so fiel mir ein ihr mein gestriges Erlebniß zu erzählen.
XIV
Sie hörte mir bis zu Ende mit sichtlicher Neugierde zu – war aber, was ich nicht erwartet hatte, über meine Erzählung nicht erstaunt und fragte mich nur, »ob er nicht Wassili heiße?« Ich erinnerte mich, daß ihn die Alte in meiner Gegenwart Wassinka2 genannt hatte. – »Ja; sein Name ist Wassili,« antwortete ich, »Kennen Sie ihn etwa?«
»Es giebt hier einen gottseligen Mann der Wassili heißt,« sagte sie; »ich dachte, ob er es vielleicht ist?«
»Die Gottseligkeit hat damit nichts zu thun,« bemerkte ich; »es ist einfach die Wirkung des Magnetismus – ein interessantes Studium für Doktoren und Naturforscher. – Ich schickte mich an ihr meine Anschauungen über diese besondere Kraft, welche man Magnetismus nennt, über die Möglichkeit, den Willen eines Menschen dem Willen eines Andern zu unterwerfen und dergleichen darzulegen – Aber meine in der That etwas unsicheren Erklärungen machten wie es schien keinen Eindruck auf sie; Sophie hörte zu die gekreuzten Hände, mit dem in ihnen unbeweglich liegenden Fächer – sie spielte nicht damit, sie bewegte überhaupt nicht die Finger – auf die Knie gelegt und ich empfand, daß alle meine Worte von ihr abprallten wie von einem Steinbilde. – Sie verstand sie, aber sie hatte ihre eigenen unerschütterlichen und unausreißbaren Ueberzeugungen.
»Sie lassen doch nicht Wunder zu?!« rief ich aus.
»Allerdings lasse ich sie zu,« sagte sie ruhig »und wie wäre es möglich, sie nicht zuzulassen? Ist etwa nicht im Evangelium gesagt, wer nur ein Senfkorn Glauben hat – der kann Berge versetzen. Man muß nur Glauben haben – dann giebt es Wunder.«
»Es giebt nur, wie es scheint, wenig Glauben in unserer Zeit,« entgegnete ich; »denn man hört nichts von Wundern!«
»Gleichwohl giebt es deren – Sie selbst sehen es. Nein der Glauben ist nicht ausgestorben in unserer Zeit; der Grund des Glaubens aber . . .«
»Aller Weisheit Grund – ist die Furcht Gottes,« entgegnete ich.
»Der Grund des Glaubens,« fuhr Sophie fort, ohne sich im Geringsten zu verwirren, »ist die Selbstverleugnung, die Erniedrigung.«
»Sogar die Erniedrigung?« fragte ich.
»Ja, der menschliche Stolz, der menschliche Hochmuth, das ist es, was man bis zum letzten Stumpf ausrotten muß . . . Sie sprachen von dem Willen. . . ihn muß man gerade brechen.«
Ich ließ meinen Blick über die ganze Gestalt des jungen Mädchens schweifen, das solche Reden aussprach . . . dieses Kind scherzt nicht! Dachte ich bei mir.
»Haben Sie es versucht?« fragte ich.
»Ein Jeder ist verpflichtet das zu thun, was ihm die Wahrheit scheint,« antwortete sie mit einem gewissen dogmatischen Ton.
»Erlauben Sie mir, Sie zu fragen,« fing ich nach kurzem Stillschweigen an, »glauben Sie denn an die Möglichkeit, Verstorbene zu rufen?«
Sophie schüttelte leise den Kopf. »Es giebt keine Verstorbene.«
»Wie so nicht?«
»Es giebt keine verstorbenen Seelen; sie sind unsterblich – und können immer erscheinen – wo sie wollen . . . sie umkreisen uns beständig.«
»Wie? Sie glauben, daß z. B. neben diesem Garnison-Major mit der rothen Nase in diesem Augenblick eine unsterbliche Seele weilt?«
»Warum nicht? – das Licht der Sonne beleuchtet auch ihn und seine Nase – und ist etwa das Licht der Sonne nicht von Gott? Und was ist das Aeußere? Für den Reinen giebt es nichts Unreines! Man muß nur einen Lehrer finden! einen Führer finden!«
Ich gestehe es, ein ähnliches Gespräch auf einem Ball erschien mir etwas zu excentrisch und ich benutzte die Einladung meiner Dame zu einer Figur der Mazurka – um unsern quasi-theologischen Disput nicht wieder zu erneuern.
Eine Viertelstunde später führte ich Mademoiselle Sophie zu ihrem Vater – zwei Tage später verließ ich die Stadt O. und das Bild des Mädchens mit dem kindlichen Gesicht, mit der undurchdringlichen, gleichsam steinernen Seele, verwischte sich bald in meinem Gedächtniß.
XV
Es vergingen zwei Jahre – und dieses Bild sollte wieder vor mir auftauchen. Unter folgenden Umständen: Ich unterhielt mich mit einem Collegen, der eben von einer Reise aus dem südlichen Rußland zurückgekehrt war. Er hatte einige Zeit in der Stadt O. verlebt – und theilte mir einige Nachrichten über die dortige Gesellschaft mit. »Apropos!« rief er aus, »Du bist ja, denke ich, gut bekannt mit W. G. B.?«
»Nun ja, bekannt.«
»Und Du kennst seine Tochter Sophie?«
»Ich habe sie ein paar Mal gesehen.«
»Stelle Dir vor: sie ist davon gelaufen!«
»Wie das!«
»Jawohl! es sind schon drei Monate her, daß sie spurlos verschwunden ist. Und das Wunderbare ist, daß Niemand sagen kann, mit wem. Stelle Dir vor: keine Vermuthung, nicht der geringste Verdacht! Sie hatte alle Bewerber zurückgewiesen – B. ist, wie Du weißt, reich; sie eine Erbin! Und ihre Aufführung war die allerbescheidenste! Ja, diese Stillen und Fromme!i der Scandal im Gouvernement ist ungeheuer, B. ist in Verzweiflung . . . und welchen Grund konnte sie haben davon zu laufen? Ihr Vater hat ihr in allen Stücken den Willen gethan! – Das Allerunbegreiflichste ist aber, daß von den Lovelaces des Gouvernements nicht ein Einziger fehlt!«
»Und man hat sie bisher nicht gefunden?«
»Ich sage Dir, sie ist verschwunden wie ein Tropfen im Wasser. Es giebt eine reiche Braut auf der Welt weniger – das ist unangenehm.« Diese Nachricht versetzte mich sehr in Erstaunen; sie stimmte durchaus nicht zu der Erinnerung, welche ich von Sophie B. Bewahrte. – Aber was passirt nicht Alles.
XVI
In dem Herbst desselben Jahres warf mich das Geschick wieder, in dienstlichen Angelegenheiten in das T'sche Gouvernement, welches, Es wie bekannt, an das O.’sche Gouvernement anstößt. Das Wetter war regnerisch und kalt; die abgequälten Postpferde schleppten kaum meinen leichten Tarantaß durch die erweichte schwarze Erde der Heerstraße. Ich erinnere mich, ein Tag war besonders unglücklich; drei Mal blieb ich im Koth bis zur Achse sitzen; der Postillon fuhr immerwährend aus einem Geleise heraus und schleppte sich mit Hott und Hüh in das andere; aber auch da ging es nicht besser; mit einem Worte: gegen Abend war ich so ermattet, daß ich bei der Ankunft auf der Station im Wirthshaus zu übernachten beschloß. Man gab mir ein Zimmer mit einem hölzernen eingedrückten Sopha, krummgezogenen Dielen und zerrissenen Tapeten an den Wänden; – es roch darin nach Kwaß (eine Art von Bier), Matten, Zwiebeln und sogar nach Terpentin und die Fliegen saßen überall in Schwärmen; aber man konnte sich wenigstens vor dem Unwetter schützen und der Regen hatte – wie man so sagt – auf volle vierundzwanzig Stunden geladen. Ich ließ mir den Samowar bringen und nachdem ich mich auf das Sopha gesetzt hatte, ergab ich, mich jenen unerfreulichen Reisegedanken welche den Reisenden in Rußland so bekannt sind.
Sie wurden durch ein schweres Geräusch unterbrochen das aus der allgemeinen Stube kam, von welcher mein Zimmer durch einen dünnen Verschlag getrennt war.
Dieses Geräusch war begleitet von einem stoßweisen Klirren ähnlich dem Klirren von Ketten. – Und plötzlich schrie eine grobe Männerstimme: »Gott segne Alle, die in diesem Hause sind . . . Gott segne!t Gott segne! Amen Amen! Hebe Dich fort!« wiederholte die Stimme, die letzte Silbe jedes Wortes übermäßig und sonderbar dehnend . . . Man hörte einen lauten Seufzer und ein schwerer Körper ließ sich mit demselben Klirren auf die Bank nieder.
»Akulina! Dienerin Gottes, komm hierher!« sagte wiederum die Stimme; »sieh, wie bloß, wie los . . . Hahaha! pfui! – Herr mein Gott! Herr mein Gott! Herr mein Gott!i« intonirte die Stimme, wie der Küster auf dem Chor, »Herr mein Gott! König meines Lebens, siehe auf mein Elend . . . Oho – ho! Hehe! und diesem Hause Segen in der siebenten Stunde!«
»Wer ist das?« fragte ich die geschäftige Wirthin, die mit dem Samowar bei mir eintrat.
»Das, lieber Herr«, antwortete sie mir, mit hastigem Flüstern, »ist ein Jurodiwi3 ein Mann Gottes. Er ist unlängst in diesen Gegenden erschienen und hat uns jetzt die Ehre angethan. In diesem Unwetter! – Und die Ketten sollten Sie sehen, die er trägt – es ist furchtbar!«
»Gott segne! Gott segne!« ertönte die Stimme wieder. »Akulina! aber Akulina! Und wo ist unser Paradies? Unser herrliches Paradies? Paradies . . . Paradies . . . Und diesem Hause . . . Zu Anfange dieser Zeit . . . sei große Freude O – O . . . « Die Stimme murmelte etwas Unverständliches – und plötzlich nach einem langen Gähnen ertönte wieder ein heiseres Lachen.
»Ach! daß Stepanytsch nicht da ist . . . das ist ein Jammer!« sagte die Wirthin, die mit allen Zeichen der tiefsten Aufmerksamkeit an der Thür stehen geblieben war, vor sich hin. Er wird irgend ein rettendes Wort sagen – und ich arme Frau kann es nicht begreifen!« – Sie verließ eilig das Zimmer.
XVII
In dem Verschlage meines Zimmers war ein langer Spalt; ich legte das Auge daran. Der »Heilige« saß auf der Bank mit dem Rücken nach mir gekehrt. Ich sah nur seinen, wie ein Bierkessel großen mähnigen Kopf – und einen breiten gekrümmten Rücken unter den nassen Fetzen, mit denen er bekleidet war. Vor ihm aus dem nackten Erdboden kniete ein schwächliches Frauenzimmer in einem alten gleichfalls nassen Wamms mit einem dunklen bis über die Augen gezogenen Tuche. Sie bemühte sich einen Stiefel vom Fuß des Heiligen abzuziehen – ihre Finger glitten auf dem schmutzigen, fetten Leder ab. Die Wirthin stand mit auf der Brust gefalteten Händen neben ihr und sah andächtig auf den Mann Gottes. Er murmelte, wie vorher, unverständliche Reden.
Endlich gelang es der Frau im Wamms den Stiefel abzuziehen. . . sie wäre beinahe hinten übergefallen – richtete sich aber wieder auf und begann die Fußlappen des Heiligen abzuwickeln: Auf dem Spann des Fußes zeigte sich eine Wunde . . . Ich wendete mich ab.
»Wollen Sie sich nicht ein Theechen vorsetzen lassen, Freund?« ertönte die demüthige Stimme der Wirthin.
»Was denkst Du!« erwiederte der Heilige. »Den sündigen Leib hätscheln . . . oho – ho! Alle Knochen ihm zerbrechen – und sie – Thee! Ach, ach, werthes Mütterchen der Satan ist stark in uns! Auf ihn den Hunger, auf ihn die Kälte, auf ihn die Schleusen des Himmels, den strömenden Regen und es macht ihm nichts – er lebt! Denke an den Tag der Fürbitte der Mutter Gottes! Du wirst haben, Du wirst viel haben.«
Die Wirthin stieß vor Bewunderung einen leichten Schrei aus.
»Der alte Feind, stark wie Demant, wie Demant, Dämon der Böse . . . der Böse! Bö—se – ö – öse!« wiederholte einigemal der Heilige mit Zähneknirschen. »Die alte Schlange, Schlange, aber Gott wird aufstehen! Gott wird aufstehen und seine Feinde werden zerstreut werden! Ich werde alle Gestorbenen rufen! Ich werde auf seine Feinde gehen!t Hahaha!«
»Haben Sie nicht etwas Oel?« sagte die andere kaum vernehmliche Stimme. »Geben Sie mir etwas, um es auf die Wunde zu thun . . .reine Lappen habe ich.« Ich sah wieder durch den Spalt: das Weib im Wammse war noch immer mit dem kranken Fuße des Heiligen beschäftigt . . . Magdalena! dachte ich.
»Sogleich, sogleich, meine Liebste,« sagte die Wirthin – und nahm, indem sie in mein Zimmer trat, einen Löffel Oel aus der Lampe vor dem Heiligenbilde.
»Wer pflegt ihn denn?« fragte ich.
»Wir wissen es nicht, Väterchen wer sie ist; sie ist auch auf dem Wege des Heils, vielleicht büßt sie die Sünden ab. Aber was ist Der für ein gottseliger Mensch!«
»Akulinchen mein Kindchen meine liebe Tochter,« sagte unterdessen der Heilige – und fing plötzlich an zu schluchzen.
Das Weib, das vor ihm auf den Knieen lag, richtete ihre Augen auf ihn . . . Mein Gott, wo hatte ich diese Augen gesehen?
Die Wirthin kam mit dem Löffel Oel zu ihr . . . Sie beendete ihre Operation und sich von dem Boden erhebend, fragte sie, ob es nicht irgendwo ein reines Kämmerchen gäbe und etwas Heu. »Wassily Nikititsch liebt es auf dem Heu zu schlafen,« fügte sie hinzu.
»Gewiß, sein Sie so gut,« antwortete die Wirthin, »sein Sie so gut, Lieber,« wendete sie sich zu dem Heiligen, »trockne Dich, ruhe Dich aus.« Dieser ächzte, erhob sich langsam von der Bank – seine Ketten klirrten wieder und indem er mir das Gesicht zuwendete und mit den Augen die Heiligenbilder suchte, fing er an große Kreuze zu schlagen.
Ich erkannte ihn sogleich: es war derselbe Wassily, der mir einstmals meinen verstorbenen Erzieher gezeigt hattet!
Seine Züge hatten sich wenig verändert, nur waren sie noch ungewöhnlicher noch abschreckender geworden . . . der untere Theil seines aufgeschwemmten Gesichts war von einem struppigen Bart überwachsen. Zerlumpt, schmutzig, verwildert – flößte er mir noch mehr Abscheu als Schrecken ein. Er hörte auf sich zu bekreuzen – fuhr aber fort mit gedankenlosem Blick bald über die Ecken, bald über die Dielen zu schweifen – wie wenn er etwas erwartete.
Plötzlich hob er den Kopf in die Höhe und drehte sich um – dann strauchelten seine Füße, er schwankte . . . Seine Gefährtin sprang sogleich auf ihn zu und faßte ihn unter die Arme. Nach ihrer Stimme und ihrer Figur zu urtheilen, schien sie eine noch junge Frau; ihr Gesicht zu
sehen, war beinahe unmöglich.
»Akulinchen – Freundin,« sagte noch einmal der Heilige mit einer erschütternden Stimme und indem er den Mund weit aufmachte und sich mit der Faust auf die Brust schlug, stieß er ein Stöhnen aus. Sie verließen beide das Zimmer.
Ich legte mich auf mein hartes Sopha und dachte lange über das nach, was ich gesehen hatte. Mein Magnetiseur war also vollständig zu einem Jurodiwi geworden. Dahin also hatte ihn diese Kraft gebracht, welche man ihm nicht hatte absprechen können.
XVIII
Am folgenden Morgen brach ich auf. Der Regen strömte, wie gestern; aber ich konnte nicht länger warten. – Auf dem Gesicht meines Dieners, der mir zu waschen gegeben hatte, spielte ein besonderes verhalten-spöttisches Lächeln. Ich verstand dieses Lächeln wohl; es bedeutete, daß mein Diener etwas Nachtheiliges oder sogar Anstößiges auf Rechnung der »Herrschaft« erfahren hatte. Er brannte sichtlich vor Ungeduld, es mir mitzutheilen
»Nun, was giebt es?« fragte ich endlich.
»Haben Sie den gestrigen Jurodiwi zu sehen geruht,« fing mein Diener sogleich an.
»Ich habe ihn gesehen; was weiter?«
»Haben Sie auch seine Gefährtin gesehen?«
»Ja.«
»Sie ist ein Fräulein; von adeliger Herkunft.«
»Wie?«
»Ich sage Ihnen die Wahrheit Kaufleute aus O. sind hier durchgereist – sie haben sie erkannt, sie haben sogar ihren Namen genannt; aber ich habe ihn vergessen.«
Es war, wie wenn mich ein Blitz erhellte. »Ist der Heilige noch hier – oder ist er schon fort?« fragte ich.
»Ich glaube er ist noch nicht fort. Unlängst saß er unter dem Thor und machte so Wunderlichtes, daß man es nicht begreifen konnte. Vom Fette wird der Hund toll, wie man zu sagen pflegt, und überdies – findet er seinen Vortheil darin.«
Mein Diener gehörte zu derselben Kategorie gebildeter Dienstboten, wie Ardalion. «
»Und ist das Fräulein bei ihm?«
»Sie hat du jour bei ihm.«
IXX
Ich trat auf die Vortreppe hinaus – und erblickte den Wahnsinnigen. Er saß unter dem Thor auf einem Bänkchen und, indem er sich mit beiden Händen auf dieses stützte, wiegte er den niedergesenkten Kopf nach rechts und nach links – gerade wie ein wildes Thier im Käfig. Dichte Mähnen krauser Haare bedeckten seine Augen und bewegten sich von einer Seite zur andern ebenso wie die hängenden Lippen . . . Ein sonderbaren beinahe nicht menschliches Gemurmel ging aus ihnen hervor. Seine Gefährtin hatte sich soeben in dem an einer Stange hängenden Kessel gewaschen und, noch nicht dazu gekommen sich das Tuch über den Kopf zu werfen ging sie auf einem schmalen Brettchen welches über die dunklen Pfützen des schmutzigen Hofes gelegt war, zu dem Thore zurück. Ich blickte auf diesen jetzt von allen Seiten unbedeckten Kopf und schlug unwillkürlich die Hände vor Erstaunen zusammen . . . ich hatte Sophie B. vor mir.
Sie wandte sich schnell um und richtete ihre blauen wie früher unbeweglichen Augen auf mich. Sie war sehr abgemagert; die Haut war rauh und sonnverbrannt geworden, die Nase war spitzer und die Lippen schärfer gezeichnet . . . Aber sie war nicht häßlich geworden nur mit ihrem früheren nachdenklich erstaunten Ausdruck hatte sich ein anderer, entschiedener, beinahe kühner, concentrirt-begeisterter Ausdruck verbunden. Von Kindlichem war in diesem Gesichte nicht die Spur mehr geblieben.
Ich näherte mich ihr, »Sophie, Sophie Wladimirowna,« rief ich, »sind Sie es? In diesem Kleide . . . in dieser Gesellschaft . . .«
Sie zuckte zusammen sah noch starrer auf mich, wie wenn sie zu erfahren wünschte, wer mit ihr spricht – und antwortete mir nicht ein Wort, sondern stürzte sich auf ihren Gefährten .
»Akulinchen«, stammelte dieser schwer seufzend . . . »unsere Sünden Sünden . . .«
»Wassily Nikititsch, wir wollen gehen – sogleich . . . Hört Ihr! sogleich, sogleich,« sagte sie, indem sie mit einer Hand das Tuch über die Stirn zog und ihn milder andern unter den Ellbogen faßte, »gehen wir, Wassily Nikititsch, hier ist es gefährlich.«
»Ich gehe, Liebe, ich gehe,« antwortete gehorsam der Wahnsinnige und indem er sich mit dem ganzen Körper vorbeugen erhob er sich von der Bank. »Nur das liebe Kettchen – müssen wir noch anlegen . . .«
Ich ging noch einmal auf Sophie zu; ich nannte mich, ich fing an sie zu bitten mich zu hören mir ein einziges Wort zu sagen; ich zeigte auf den Regen der wie aus Eimern strömte, ich bat sie, ihre eigene Gesundheit, die Gesundheit ihres Gefährten zu schonen ich erinnerte sie an ihren Vater. Aber eine gewisse feindliche und unerbittliche Erregtheit hatte sich ihrer bemächtigt. Ohne mir ein Wort zu antworten die Zähne zusammenpressend und stoßweise athmend, trieb sie mit halblauter Stimme, mit kurzen befehlenden Worten den rathlosen Wahnsinnigen an, gürtete ihn, legte ihm die Ketten an, stülpte ihm auf die Haare eine tuchene Kindermütze mit einem zerbrochenen Schilde, drückte ihm einen Stock in die Hand, warf sich selbst einen Sack auf die Schultern und trat mit ihm aus dem Thor hinaus auf die Straße . . . Sie mit Gewalt zurück zu halten hatte ich kein Recht – und es hätte auch zu nichts genützt; auf meinen letzten verzweifelten Ausruf drehte sie sich sogar nicht einmal um. Den »Mann Gottes« am Arme führend, schritt sie rasch durch den schwarzen Straßenschmutz – und in einigen Augenblicken tauchten durch den trüben Morgennebel, durch das dichte Netz des fallenden Regens – zum letzten Mal beide Gestalten des Heiligen und Sophien‘s vor mir auf . . . sie bogen um die Ecke einer vorspringenden Hütte und verschwanden für immer.
XX
Ich kehrte zu mir in das Zimmer zurück; ich verfiel in Nachdenken, ich begriff nichts; ich begriff nicht, wie ein so gut erzogenes, junges, reiches Mädchen Alles und Alle verlassen kann, das Vaterhaus, die Familie, die Bekannten, allen Gewohnheiten, allem Comfort des Lebens entsagen – und weshalb? Um einem halbwahnsinnigen Vagabunden zu folgen, um seine Sklavin zu werden? Man konnte nicht einen Augenblick den Gedanken fassen, daß die Veranlassung zu einem solchen Entschluß eine wenn auch verkehrte Herzensneigung, Liebe oder Leidenschaft gewesen wäre. Man brauchte nur aus die abschreckende Figur des gottseligen Mannes zu sehen, um einen solchen Gedanken zurückzuweisen . . . Nein, Sophie war rein; und, wie sie einstmals gesagt hatte, für sie gab es nichts Unreines. Ich begriff den Schritt Sophiens nicht; aber ich verurtheilte sie nicht, wie ich auch später andere Mädchen nicht verurtheilt habe, die gleichfalls Alles Dem opferten, was sie für die Wahrheit hielten, worin sie ihren Beruf sehen. Ich konnte nicht umhin zu bedauern, daß Sophie gerade diesen Weg gegangen war – aber ich konnte ihr meine Bewunderung – ich sage mehr – auch meine Achtung nicht versagen. Nicht umsonst hatte sie mir einst von der Selbstaufopferung, von der Erniedrigung gesprochen . . . bei ihr waren Wort und That dasselbe. Sie hatte einen Führer-, einen Lehrer gesucht . . . und ihn gefunden, in wem, mein Gott?!
In späterer Zeit kamen Gerüchte zu mir, daß es der Familie endlich gelungen wäre, das verirrte Schaf aufzufinden und nach Hause zurückzuführen; aber sie hatte zu Hause nicht lange gelebt – sondern war gestorben als »Schweigerin«, ohne zu Jemandem gesprochen zu haben.
Friede Deinem Herzen, armes räthselhaftes Wesen!
Wassily Nikitisch setzt sein Handwerk wahrscheinlich bis zu dieser Zeit fort; die eiserne Gesundheit solcher Leute ist in Wahrheit erstaunlich. Wenn ihn die fallende Sucht nur nicht gebrochen hat!
