Читать книгу: «Doch, es gibt eine andere Wirklichkeit»
Pierre Ferrière · Isabelle Meeûs-Michiels
DOCH, ES GIBT EINE ANDERE WIRKLICHKEIT
Meditieren mit Etty Hillesum
Pierre Ferrière · Isabelle Meeûs-Michiels
Doch,
es gibt
eine andere
Wirklichkeit
Meditieren mit
Etty Hillesum

Titel der französischen Originalausgabe:
Prier 15 jours avec Etty Hillesum,
© 2004, Nouvelle Cité, Bruyères-le-Châtel.
Übertragung ins Deutsche: Stefan Liesenfeld

1. Auflage 2014
© Alle Rechte der deutschen Ausgabe bei:
Verlag Neue Stadt GmbH, München
Coverbild und S. 125 (nach einer Fotografie
von Etty Hillesum): Jan Schaefer
Gestaltung und Satz: Neue-Stadt-Grafik
Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-7346-1003-5
www.neuestadt.com
„Jemand, den die Liebe zu seiner Vollendung führt,
muss gewaltige Weiten durchqueren,
über Gipfel und Abgründe muss er;
bei Unwettern wird er seinen Weg suchen,
um eingeweiht zu werden in sein Geheimnis:
dass man Ja sagen muss zur endlosen Wüste,
dass man pausenlos gehen muss durch dürres Land,
dass man sich schinden muss
auf dem Grat von Bergen und auf Gipfeln;
dass man wilden Gebirgsbächen trotzen muss
und bodenlosen Abgründen,
um die LIEBE zu gewinnen
durch eine Liebe ohne Maß.“
Hadewijch von Anvers, 13. Jahrhundert
„Etwas Geheimnisvolles liegt in der Geschichte dieser jungen Niederländerin, die 1943 in Auschwitz starb: Sie zeigt, wie Gott in ein völlig ungeordnetes Leben eintreten und es verwandeln, wie er jede noch so düstere und ausweglose Situation erhellen kann. – Etty, ein junger Mensch ohne Glauben, ohne religiöse Basis, schildert bestechend klar ihren Weg, ihr inneres Chaos, ihre Verliebtheit in ihren Therapeuten … – und wie ihr ein Sinn für Gott geschenkt wird. Unwiderstehlich wird sie von diesem Geheimnis angezogen. Die letzten Monate ihres Lebens verbringt sie in einer solchen Intimität und Vertrautheit mit Gott, dass sie selbst die Judenverfolgung der Nazis mit innerer Ruhe beschreiben und, ohne zu verbittern, das Unglaubliche sagen kann: dass wir die lieben müssen, die uns Böses antun.“
Carlo Maria Martini über Etty Hillesum
Inhalt
Lebensstationen und innerer Weg
Meditationen zu Texten von Etty Hillesum
| I | – Ich mit meiner „verstopften Seele“ |
| II | – Eine stille Stunde |
| III | – Hineinhorchen |
| IV | – Den Eltern vergeben |
| V | – Allein. Ich bin mir selbst anvertraut |
| VI | – Mein Anteil am „Massenschicksal“ |
| VII | – Jeden Tag Abschied nehmen |
| VIII | – Das Widrige verwandeln |
| IX | – Ich will dir helfen, Gott |
| X | – Jeder Tag hat genug eigene Plage |
| XI | – Ich finde das Leben so schön |
| XII | – Geschehen lassen |
| XIII | – Eine Wohnung für dich suchen |
| XIV | – Von der Liebe zum Schreiben zum „Schreiben der Liebe“ |
| XV | – Ununterbrochene Zwiesprache |
Abkürzungen und Quellen
Lebensstationen und innerer Weg
BIOGRAFISCHE NOTIZEN
Ester (Etty) wurde am 15. Januar 1914 in Middelburg/Niederlande in eine nicht praktizierende jüdische Familie hineingeboren. Ihr Vater, Louis Hillesum, war Lehrer für Alte Sprachen, später Gymnasialdirektor; die Mutter, Rebecca (Riva) Bernstein war mit ihrer Familie aus Russland emigriert. Etty hatte zwei jüngere Geschwister, Jacob (Jaap), der später Arzt wurde, und Michaël (Mischa), ein genialer Pianist, aber psychisch instabil; er litt unter schizophrenen Störungen.
1932 nahm Etty in Amsterdam das Studium der Rechtswissenschaft auf; später bezog sie dort zusammen mit ihren Brüdern eine Wohnung. Die politischen Entwicklungen verhießen nichts Gutes. 1933 wurde Hitler deutscher Reichskanzler, die Errichtung erster Konzentrationslager ließ nicht lange auf sich warten …
Neben ihren juristischen Studien vertiefte sich Etty ins Russische, die Sprache ihrer Mutter: Sie verstand es perfekt und gab einigen Schülern Privatunterricht. Gegen Ende ihrer Studienzeit, im Jahr 1937, zog Etty in das Anwesen von Han Wegerif, einem verwitweten nichtjüdischen Buchhalter, dessen Gefährtin sie wurde. Im Juli 1939 legte sie ihr Juraexamen ab.
Die politische Entwicklung wurde immer bedrängender. Am 10. Mai 1940 fielen deutsche Soldaten in die Niederlande ein. Die Naziherrschaft wirkte sich allmählich auch auf Ettys Leben aus und war auf bedrückende Weise allenthalben spürbar.
Bereits am 29. November 1940 wurde ihr Vater wegen seiner jüdischen Abstammung aus seiner Stellung als Gymnasialdirektor entlassen. Anfang 1941 zwang der Stadtkommissar von Amsterdam die jüdischen Honoratioren, einen „Judenrat“ zu bilden, der seine Anordnungen unter den Juden bekanntzumachen hatte.
Äußerlich war Ettys Leben von diesen Entwicklungen zunächst nicht allzusehr betroffen, wohl aber schlugen sich die Erschütterungen in ihrer inneren und physischen Befindlichkeit nieder. Um etwas dagegen zu unternehmen, konsultierte sie einen Psycho-Chirologen namens Julius Spier, einen 1887 geborenen deutschen Juden. 1939 hatte er aus Berlin fliehen müssen und in Amsterdam Zuflucht gefunden. Am 3. Februar 1941 suchte Etty ihn erstmals auf. Der Kontakt mit Spier half ihr langsam, aber sicher aus der Talsohle herauszukommen.
Es war Spier, der sie zum Schreiben ermutigte, um die Gefühlsschwankungen zu „besänftigen“. Im Verlauf der Therapie wuchs zwischen ihnen eine tiefe Zuneigung, die sie beide voller Leidenschaft lebten und als eine große „Herausforderung“, als „enorme Aufgabe“ verstanden. Etty hat nicht zuletzt dadurch zu ihrer einzigartigen Persönlichkeit gefunden. Die Beziehung mit Spier war ebenso vielschichtig wie schön, um es mit diesem einfachen Wort zu sagen; sie bestand bis zu Spiers Tod am 15. September 1942. Ettys Tagebucheinträge, die am 8. März 1941 beginnen, erscheinen anfangs wie eine einfache Wiedergabe der Sprechstunden bei Spier.
An demselben Tag, an dem Etty sich darangibt zu schreiben, begreift sie sich zum ersten Mal als Jüdin. Die Lage der Juden war überaus prekär; es kursierten Gerüchte einer planmäßigen Judenvernichtung in ganz Europa; man sprach von Deportationszügen in Richtung Vernichtungslager … Seit Mai/Juni des Jahres 1942 wurden die antisemitischen „Nürnberger Gesetze“ in den Niederlanden rigoros umgesetzt. Der Judenrat wurde kurz darauf über die bevorstehenden Deportationen informiert. Das Lager Westerbork im Nordosten des Landes wurde zu einem „Durchgangslager“; dort fuhren die Deportationszüge ab …
Im Juli 1942 bewarb sich Etty auf Drängen ihres Bruders Jaap brieflich um Aufnahme in den Judenrat. Kaum hatte sie diese Aufgabe übernommen, beantragte sie die Versetzung nach Westerbork. Dort absolvierte sie vier Arbeitseinsätze, unterbrochen durch vorübergehende, aufgrund einer tiefen Erschöpfung notwendige Aufenthalte in Amsterdam. Während ihres letzten Einsatzes in Westerbork wurde ihr dieses unheilvolle Lager als „Aufenthaltsort“ zugewiesen – nicht mehr in der Funktion einer Art Sozialarbeiterin für die verstörten, ihres düsteren Schicksals harrenden Menschen, sondern in der Erwartung ihrer eigenen Deportation.
Ihre Bemühungen, zumindest ihren Eltern und ihrem Bruder Mischa, die ebenfalls in Westerbork interniert waren, dieses Schicksal zu ersparen, waren vergeblich. Etty, Mischa und ihre Eltern wurden am 7. September in einen Deportationskonvoi „verladen“, zusammen mit 983 weiteren Personen, von denen nur acht überlebten. An jenem 7. September hat Etty Hillesum ihre letzte Karte durch einen Schlitz im Waggon auf das Schotterbett geworfen. Am 30. November 1943 starb sie in Auschwitz. Binnen weniger Monate erlitt ihre gesamte Familie dasselbe Schicksal, auch Jaap blieb nicht verschont.
In Westerbork hatte Etty weiter Tagebuch geschrieben. Hastig steckte sie die letzten Aufzeichnungen in den Beutel, den sie im Zug mitnehmen konnte. Diese Notizen sind unwiederbringlich verlorengegangen. Die zuvor geschriebenen Hefte hatte sie am 5. Juni einer Freundin übergeben können, unmittelbar vor ihrem letzten Aufbruch nach Westerbork. Auf verschlungenen Wegen sind sie nach Jahrzehnten ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Das letzte Heft endet mit dem Eintrag vom 13. Oktober 1942; aus der Zeit danach bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz haben wir eine Reihe von Briefen, die Etty an verschiedene Leute, mit denen sie seit den Aufenthalten in Westerbork befreundet war, geschrieben hat.
Dies sind, grob skizziert, die äußeren Eckpunkte ihres Lebens. Im Folgenden werden wir versuchen, Einblick zu gewinnen in innere Entwicklungen, in das, was Etty Hillesum bewegte, und uns mitnehmen lassen ins Gespräch mit jenem geheimnisvollen Gott, der im Buch der Weisheit „Freund des Lebens“ genannt wird (vgl. 11,26).
EIN EINZIGARTIGER INNERER WEG
Meditieren mit Etty Hillesum, dies mag manchen ein wenig gewagt erscheinen, war sie doch keine Christin. Aber ihr spiritueller Weg ist so bemerkenswert, ja überwältigend, dass es mehr als gerechtfertigt ist, sich von ihr inspirieren zu lassen. Von einem anfänglich ganz vagen, kaum bewussten religiösen Empfinden fand sie zu einem Leben in der fast ununterbrochenen Präsenz Gottes: „Es ist, als hätte sich etwas in mir einem beständigen Gebet überlassen: ‚Es betet in mir‘, selbst wenn ich lache oder scherze.“
Aufgrund der Originalität ihrer Erfahrung und ihrer einzigartigen Weise, darüber zu sprechen und davon Zeugnis zu geben, hat man Etty Hillesum als „nicht klassifizierbar“ bezeichnet. Es wurde gesagt, in ihren Texten scheine der Name Gottes „aller Tradition beraubt“. Doch auch wenn ihr innerer Werdegang wie ein persönlicher Sonderweg erscheint, auch wenn sie sich nie einer Kirche oder einem religiösen Bekenntnis angeschlossen hat, so heißt das nicht, dass sie sich unbeeinflusst von religiösen Traditionen entwickelt hätte. Sie war Jüdin, das Enkelkind eines Großrabbiners, und auch wenn sie offenbar kaum in der Religion ihrer Väter erzogen worden ist, so wurde sie sich doch ihres Judentums sehr bewusst; für sie war es ein fester Bezugspunkt. Gerade das hat sie ja bewogen, sich ihrem Volk tief verbunden zu fühlen und sein Leid zu teilen.
Zudem war Etty in Kontakt mit christlichen Freunden; sie las große christliche Autoren wie Augustinus, Dostojewski u. a. Die Bibel hatte sie stets zur Hand und im Herzen, regelmäßig las sie darin, sie zitierte öfter Worte aus dem Ersten wie dem Neuen Testament. Was anfänglich Neugierde oder Sympathie für dieses christliche Erbe gewesen sein wird, wurde mit der Zeit zu einer tiefen Nähe. Doch darf daraus keineswegs abgeleitet werden, dass sie sich den christlichen Glauben zu eigen gemacht hätte.
Generell sollte man sich davor hüten, Ettys Zeugnis in irgendeiner Weise zu vereinnahmen. So sehr es der historischen Wahrheit und ihrem eigenen Bekunden entspricht, dass sie eine Beziehung zu jüdischen und christlichen Traditionen hatte, so ist gleichzeitig ihre Unabhängigkeit gegenüber jeder religiösen Institution, ob Kirche oder Synagoge, hervorzuheben. Nicht zuletzt diese Unabhängigkeit ist typisch für ihren überraschenden, unkonventionellen inneren Weg. Auch alle Spekulationen, „was wohl aus Etty geworden wäre, wenn sie die Schoah überlebt hätte“, verbieten sich: Sie gehören ins Reich der Fabeln.
Vielleicht ist es dieser innere Weg, diese „spirituelle Initiation“ an den Rändern der großen Traditionen, die sie vielen unserer Zeitgenossen so nahe sein lässt. Denn viele Menschen leben heute ihr inneres Suchen in respektvoller Distanz zu den „etablierten“ Religionen.
Als Etty am 5. Juni 1943 Amsterdam für immer in Richtung Westerbork verließ – ohne Rückfahrkarte sozusagen –, war unter ihren persönlichen Habseligkeiten eine Korbtasche mit dem Koran und dem Talmud … Als sie am 7. September 1943 den Waggon Nr. 12 des Todeszugs Richtung Auschwitz bestieg, war in dem eilig gepackten Beutel eine Bibel …
„Mach den Raum deines Zeltes weit, spann deine Zelttücher aus, ohne zu sparen. Mach die Stricke lang und die Pflöcke fest“, heißt es beim Propheten Jesaja (54,2). Ettys Leben ist ein leuchtendes Beispiel für ein solches „Weitwerden“ und „Sich-Festmachen“.
WEGWEISENDE IMPULSE
Etty Hillesum hätte wohl nur schmunzeln können bei der Vorstellung, einmal zu einer Art „geistlicher Wegbegleiterin“ zu werden, die einführt ins Gespräch mit Gott. Gewiss, von ihren Gebetsworten können wir viel lernen. Viele Stellen ihrer Aufzeichnungen verdienten, in eine Anthologie aufgenommen zu werden: Es gibt Texte von atemberaubender Schönheit und einem herzerweiternden großen Atem … Auf einige solcher Stellen werden wir eingehen. Doch zunächst einige Hinweise zu einer sehr grundsätzlichen Frage, die bei der Lektüre ihrer Aufzeichnungen wach wird: Wo beginnt und wo endet eigentlich Ettys Beten?
Wenn Etty sagt, sie wolle in aller Einfachheit verfügbar sein und selbst der „Kampfplatz“ sein, wo die Fragen und Nöte ihrer Zeit zum Frieden finden, betet sie da?
Wenn sie dem „ewigen Mond“ ausgefallene Reden hält, wenn sie mehr schlecht als recht versucht, irgendwie ihr inneres Auf und Ab zu bestehen, betet sie da?
Wenn Etty sich dem Risiko aussetzt, den verwirrenden, bedrängenden Fragen, die sie manchmal überkommen, nicht auszuweichen; wenn sie wagt, mit einem zum engen Freund gewordenen Mann die „erfüllende“ Freude über eine innige Beziehung zu genießen, ist das auch eine Form ihrer Gottesbeziehung? Betet sie da?
Wenn sie inmitten des Ratterns der Schreibmaschinen im Schreibsaal kurzzeitig alles um sich herum vergisst, um sich zu sammeln, betet sie da?
Wenn sie sich daranmacht, die Worte festzuhalten, die eine hochschwangere Frau unmittelbar vor der Deportation mit leiser, müder Stimme ausspricht, betet sie da?
Verfügbar sein, suchen, wie man leben soll, sich aussetzen, sich entziehen, da sein … – ist das Beten? Und weiter: weinen, sich freuen, zweifeln, tanzen, warten, singen, kämpfen, atmen, schreiben, geboren werden … – ist das Beten?
Eines Tages wurde Etty von einem unwiderstehlichen Impuls erfasst, der sie selbst überrascht hat: Spontan kniet sie nieder auf dem Sisalteppich im Bad, das Gesicht zwischen ihren Händen. Sie durchlebt eine innige Erfahrung, von der zu sprechen sie sich scheut. Das Wort „Gebet“ wirkt allzu blass und fad, um diese Geste des Niederkniens zu beschreiben; der bloße Gedanke an diesen Moment rührt „an das Intimste des Intimsten“, das ein Mensch erleben kann, wie sie sagt (NG 334). Ja, gibt es eigentlich etwas „so Intimes, etwas so Inniges wie die Beziehung eines Menschens mit Gott“?
„Das Intimste des Intimsten“, diese Formulierung mit doppeltem Superlativ ist Ettys Versuch, das durch eine unbeschreibliche Erfahrung „geheiligte“ Herz sprachlich zu fassen. Zögernd und mit aller Vorsicht lässt sie diesen Moment anklingen, in der Furcht, die unzulänglichen Worte könnten ihn seiner Schönheit berauben.
Man ahnt, dass es bei einem „Weg mit Etty Hillesum“, den wir in diesem Buch gehen wollen, um alles andere geht als um bekannte, vielleicht gar abgedroschene Gebetsformeln. Da gibt es weder glattgeschliffene noch gekünstelte Formulierungen. Der Weg mit ihr ist auch keine fromme Wallfahrt, deren Etappen im Vorhinein festgelegt sind. Mit Etty einen Weg der Meditation und des Gebetes gehen, das ist ein Abenteuer: Es ist verbunden mit der womöglich irritierenden Einladung, all das, was wir sind und was unser Leben ausmacht, jener „intimen Präsenz“ hinzuhalten. Gott soll von nichts ausgeschlossen werden, was wir sind und was uns widerfährt. Wundern wir uns nicht, dass der hier vorgeschlagene Weg unterschiedlichste Themen berührt, von der Beziehung zu unserer Familie über die zu unserem Körper bis hin zum Umgang mit dem Tod … Denn sosehr Beten auch beinhaltet, freie Zeiten und geeignete Orte zu finden, um in sich hineinzuhören und Gott „von Herz zu Herz“ zu begegnen, so bedeutet es ebenso, in einer inneren Disposition zu leben und zu bleiben, die es ermöglicht, dass das göttliche Geheimnis das gesamte Leben erfasst. Früher sprach man davon, dass man seine Gebete „verrichte“; Ettys Leben sagt uns, dass es darum geht, selber ein lebendiges Gebet zu werden. Wo immer wir persönlich gerade stehen, Etty Hillesum würde uns sagen:
„Ist es nicht wahr,
dass wir überall beten können,
in einer Baracke aus Brettern ebenso gut
wie in einem beschaulichen Kloster,
und generell an jedem Ort der Erde,
wo Gott in diesen düsteren Zeiten
seine Geschöpfe hingestellt hat?“ (VB 263).
Beginnen wir den Weg mit dieser jungen Frau, wissend, dass es keine gewöhnliche Meditation sein wird …
Meditationen zu Texten von Etty Hillesum
I – Ich mit meiner „verstopften Seele“
„Da saß ich nun bei ihm [bei Julius Spier] mit meiner ‚verstopften Seele‘. Er sollte Ordnung in das innere Chaos bringen, die Leitung über die in mir wirkenden widersprüchlichen inneren Kräfte übernehmen. Er nahm mich sozusagen an die Hand und sagte: Schau her, so musst du leben! – Mein Leben lang hatte ich den Wunsch: Käme doch nur jemand, der mich an die Hand nähme und sich mit mir befasste; ich scheine tüchtig zu sein und mache alles allein, aber ich würde mich so schrecklich gern ausliefern! Und da kam nun dieser wildfremde Herr S. mit seinem komplizierten Gesicht und widmete sich mir; schon in einer Woche hatte er Wunder bei mir bewirkt. Gymnastik, Atemübungen, erhellende, erlösende Worte über meine Depressionen, mein Verhältnis zu anderen usw. Und ich lebte plötzlich anders, befreiter, flüssiger, das Gefühl der Verstopfung verschwand, im Inneren stellte sich eine gewisse Ordnung und Ruhe ein, vorläufig alles noch unter dem Einfluss seiner magischen Persönlichkeit, aber es wird sicher bald auch in der Psyche greifen und zu einem bewussten Akt werden“ (VB 12f, vgl. DDH 16).
So schildert Etty die Ausgangslage ihres Wegs der „Wiederherstellung“ und der Erweckung zu einem neuen Leben. Es war ein erstaunlich schnell durcheilter Weg, auf dem sie mit großen Schritten vorankam. Keine drei Jahre liegen zwischen der ersten Sitzung bei Julius Spier, den sie in ihren Aufzeichnungen einfach nur „Herr S.“ nennt, und jenem 30. November 1943, an dem sie nach einer Mitteilung des Roten Kreuzes im Vernichtungslager Auschwitz starb.
Auch wenn es Etty weder an Sensibilität noch an Intelligenz mangelte, so deutete doch erst einmal nichts auf die gewaltige, nachhaltige Veränderung hin, die sie erfahren hat. Sie selbst schrieb: „Bei vielen Problemen des Lebens mache ich einen sehr überlegenen Eindruck, und dennoch: Ganz tief in mir steckt ein geballter Kloß, irgendetwas hält mich fest im Griff, sodass ich manchmal trotz allen klaren Denkens nur ein ängstlicher armer Schlucker bin“ (DDH 13). Dies ist der Ausgangspunkt; hier beginnen ihre Tagebuchnotizen. Etty ist damals 27 Jahre alt.
Mal wurde sie „Don Quichotte im Unterrock“ genannt (von ihrem Vater!), mal mit einer „russischen Carmen“ verglichen (von einem Schweizer auf der Durchreise); auch als „junge, wilde Kirghisin“ hat man sie bezeichnet. Die lebendige, begabte junge Frau war psychisch nicht sehr stabil und litt unter häufig wiederkehrenden depressiven Phasen. An Beziehungen fehlte es ihr keineswegs, doch sie lebte diese sehr chaotisch und hatte so manche Liaison. Das Verhältnis zu ihren Eltern war reichlich stürmisch … Diese Unordnung, in der sich die eine oder der andere ein wenig wiederfinden mag (bei wem wäre schon alles „ruhig und geordnet“?), lässt an die erste Seite der Bibel denken, an den ersten Schöpfungsbericht: Gottes Pläne nehmen Gestalt an auf dem Hintergrund eines großen Chaos, biblisch „Tohuwabohu“ – ein Wort übrigens, das in viele Sprachen Eingang gefunden hat … Ein regelrechtes Tohuwabohu ist die Ausgangsbasis für Gottes schöpferisches Wirken – bis heute. Chaotisch präsentiert sich unsere Welt, chaotisch sind manche Aspekte der Kultur, in die wir eingetaucht sind, chaotisch ist oft genug auch unsere eigene Lebensgeschichte, und genau dies kann zum Ausgangspunkt für Gottes Wirken hier und heute werden.
In der Schöpfungsgeschichte heißt es, Gott habe ein Werk der Trennung vollbracht, der Scheidung von Licht und Finsternis. Arbeitet er nicht ähnlich jene Persönlichkeit heraus, die ein jeder Mensch werden soll? Schon die Geburt ist eine erste Trennung von der Mutter, und dann beginnt ein lebenslanger Prozess, in dem allmählich die eigene Persönlichkeit an Kontur gewinnt. Aus Chaos und Schlamm holt der Schöpfergott uns heraus und erweckt uns – nicht ohne unsere Mitwirkung – geduldig zum Leben, zu unserem Leben.
Etty öffnet sich mit all ihrem Chaos einem gewissen Julius Spier. „Da saß ich nun bei ihm“: Es ist die erste Begegnung mit diesem Autodidakten der Psychochirologie, der bei Carl Gustav Jung psychotherapeutisch ausgebildet worden war. Er war ein Vertreter der „Handlesekunst“ (Chirologie); in den Handlinien sah er so etwas wie ein zweites Gesicht eines Menschen. Spier wollte seinen Klienten helfen, wieder in Einklang mit sich selbst zu kommen. In seiner deutschen Heimat hatte er sich einen gewissen Namen als Therapeut erworben; als Jude war er vor den Nazis nach Amsterdam geflohen. Die Begegnung mit diesem inzwischen 55-jährigen Therapeuten war für Etty nicht „irgendeine“ der zahlreichen Bekanntschaften in ihrem Leben. Es war für sie „die“ Begegnung, ein bahnbrechendes Ereignis; die Entwicklung ihrer Verbindung mit Spier hat ihren weiteren Weg und ihre schriftliche Hinterlassenschaft maßgeblich bestimmt.
Sie selbst hat ihn einmal treffend als „Geburtshelfer ihrer Seele“ bezeichnet. Durch die Beziehung zu ihm fand sie eine neue Freiheit – und in dieser neu gewonnenen Freiheit konnte sie sich auch ihrer Quelle öffnen: jenem geheimnisvollen Gott, dessen Nähe sie immer mehr spürte. Gewiss, ihre Beziehung mit Spier war – wie alles Menschliche, ja selbst die schönsten Dinge machen da keine Ausnahme – nicht frei von Unklarheiten, ja auch gewissen Irrungen. Aus einem therapeutischen Verhältnis wurde sehr rasch eine affektive, leidenschaftliche Beziehung, die auch Momente von Eifersucht kennt. Aber zu keinem Zeitpunkt erschöpft sich ihre Beziehung in ihren auch vorhandenen negativen Aspekten. Als Spier unerwartet schnell starb, war das keineswegs das Ende ihrer Verbindung. Sein Tod bestärkte Etty vielmehr in dem, was zu leben sie schon begonnen hatte: ein Erwachen, ein Kommen zu sich selbst, zu den anderen und zu Gott – und dies alles in einer einzigen Bewegung, die sich nicht auseinanderdividieren lässt.
Schon bei der ersten Begegnung mit Spier fand Etty innerlich ein wenig Frieden und Ordnung. Für sie ist es etwas „Magisches“, was da passiert. Vertrauensvoll lässt sie sich darauf ein, will aber zur Akteurin dieser unerwartet beginnenden Wandlung werden: „Es wird sicher bald auch in der Psyche greifen und zu einem bewussten Akt werden.“
Beziehungen zu anderen Menschen können wie eine geheimnisvolle Alchimie wirken. Etty hatte geschrieben: „Ich scheine tüchtig zu sein und mache alles allein, aber ich würde mich so schrecklich gern ausliefern.“
Sich selbst im Griff haben und gleichzeitig die Sehnsucht verspüren, sich auszuliefern – wie passt das zusammen? Wie soll man diesen „zweieinen“ Wunsch, der so widersprüchlich scheint, realisieren? Wie soll man beides leben, ohne wie ein Pendel hin und her zu schwanken, ohne von einem Extrem ins andere zu fallen, ohne von den Gefühlsschwankungen eines unsteten Herzens mal hierhin, mal dorthin getrieben zu werden?
Wenn Etty sich nur ausgeliefert hätte, wenn sie sich ausschließlich Spier und seinem Einfluss auf ihre Persönlichkeit überlassen hätte, so hätte sie sich in der Beziehung mit ihm ihrer selbst entfremdet. Nun hat Etty aber weder ihre Freiheit noch diese Beziehung jemals geopfert. Sie ist in dieser Beziehung als Persönlichkeit gewachsen. Mehr noch: Sie merkt, wie sie mit Spiers Hilfe einen Weg beschreitet, auf dem sie sich jemandem zu öffnen und auszuliefern beginnt, den sie allmählich „Gott“ zu nennen wagt. Die Schönheit ihrer Verbindung mit Spier in aller Härte des Alltags hängt mit diesem inneren Weg eng zusammen.
ZUR REFLEXION
Ihr Unbehagen angesichts ihres inneren Chaos hat bei Etty Hillesum einen Prozess in Gang gebracht. Das kann ein Anstoß sein, einmal uns selbst zu fragen, womit wir unzufrieden sind, was uns unruhig macht, ob es auch in unserem Leben so etwas wie ein Tohuwabohu gibt.
Kann ich meine Fehler und Schwachpunkte, mein Chaos, meine Schwankungen annehmen als Einladung, diese Punkte anzugehen und an mir zu arbeiten? Mein inneres Durcheinander und meine Blockaden können mich bedrücken, sie können mir aber auch ein Anstoß sein, mich aufzumachen und etwas zu tun. Kann ich mich darauf einlassen? Stelle ich eventuell fest, dass ich jemand suchen sollte, der mich auf diesem Weg begleitet?
Ja zu mir sagen in all meiner Widersprüchlichkeit und angesichts der Feststellung, dass widersprüchliche Kräfte in mir am Werk sind, das verlangt Mut. Etty hat sich ihrer eigenen Befindlichkeit gestellt. Ihr Zeugnis weckt Zuversicht: Wer sich auf einen solchen Weg macht, bleibt nicht allein.
II – Eine stille Stunde
„Ich glaube, dass ich das tun sollte: morgens vor Beginn der Arbeit eine halbe Stunde lang ‚mich nach innen wenden‘, horchen nach dem, was in mir ist. ‚Sich versenken.‘ Man kann es auch als Meditieren bezeichnen. Aber vor dem Wort graut es mir noch ein bisschen. Aber warum eigentlich nicht? Eine halbe Stunde mit mir selbst allein. Es genügt nicht, morgens im Badezimmer nur Arme, Beine und alle andern Muskeln zu bewegen. Der Mensch besteht aus Körper und Geist. Und eine halbe Stunde Gymnastik und eine halbe Stunde ‚Meditation‘ können zusammen ein solides Fundament für die Konzentriertheit eines ganzen Tages bilden. Nur ist das nicht so einfach, so eine ‚stille Stunde‘. Das will gelernt sein“ (VB 35, DDH 35).
Etty beschließt, das oberflächliche Leben und dieses ständige Sich-im-Kreis-Drehen hinter sich zu lassen. Sie bemerkt, dass sie so vom Alltag in Beschlag genommen ist, dass ihr in ihrer Unruhe alles verschwimmt und sie nicht mehr zu sich selber findet. Doch wie ein Spielball hin und her geworfen zu sein … – ist das eigentlich noch Leben? Sie will dorthin, wo sie wirklich „zu Hause“ ist, und setzt sich klare Prioritäten: „Morgens vor Beginn der Arbeit eine halbe Stunde lang ‚mich nach innen wenden‘, horchen nach dem, was in mir ist. ‚Sich versenken.‘ Man kann es auch als Meditieren bezeichnen.“
„Meditieren“, das Wort klingt in ihren Ohren noch fremd. Aber sie ist fest entschlossen, es zu versuchen, sich nach innen zu wenden, in sich selbst hineinzuhorchen.
Doch was bedeutet eigentlich dieses „Selbst“? Wie soll man „zu sich selbst“ kommen? Etty blendet keine Dimension ihres Wesens aus: weder den Körper noch das Herz und das, was sie bewegt. Sie wendet sich dem Dschungel psychischer Regungen zu, in dem man sich so oft verliert und der im gängigen Sprachgebrauch mit so vieldeutigen Begriffen wie „Seele“ oder „Geist“ bezeichnet wird.
„Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr kommt“ (1 Thess 5,23), schrieb der Apostel Paulus im Jahr 51 n. Chr. Ausdrücklich erwähnt er Geist, Seele und Leib: eine Einladung, keine Dimension unseres Wesens auszulassen!
Wie hätte Etty auch ihren „Körper“ vergessen können? Er macht sich immer wieder präsent. Etty stellt fest: „Früher dachte ich, die körperlichen Probleme wie Kopfweh, Magenschmerzen, rheumatische Schmerzen wären eine rein physische Angelegenheit. Heute muss ich feststellen, dass sie nicht zuletzt psychisch bedingt sind. Körper und Seele sind bei mir ganz eng verbunden. Wenn bei mir psychisch oder spirituell etwas nicht stimmt, wirkt sich das ebenso auch physisch aus“ (NG 128).
Sie merkt allmählich, dass ihre Probleme nicht nur physische Ursachen haben: Vieles ist psychosomatischer Natur. Um der engen Verwobenheit von Leib und Seele Rechnung zu tragen, macht sie jeden Morgen im Bad erst einmal eine halbe Stunde Gymnastik, bevor sie dann eine weitere halbe Stunde meditiert. Es ist ihre „stille Stunde“, die, so schreibt sie, „gelernt sein will“.
Ettys „Geist“ und „Seele“ sind von vielerlei Gefühlen beherrscht; sie ringt damit und droht zu ertrinken in diesem mächtigen Strudel von Affekten, der auch die Gedanken hinunterziehen kann. Im Einzelnen spricht Etty von Träumereien, von großartigen Gedanken, von blitzschnellen Intuitionen, von Orgien inneren Lebens … Es ist wie ein seelisch-geistiger Mahlstrom, ein gefährlicher Gezeitenstrom voller Strudel, der sie mitreißt und aller Orientierung beraubt, ein Ozean, der sie jederzeit verschlingen könnte.
So nimmt sie sich jeden Morgen eine Stunde Zeit für einen „inneren Großputz“. Langsam, aber sicher gelingt es ihr, die „verstopfte Seele“ zu befreien und wieder Klarheit zu gewinnen. Erst müssen sich die Dinge absetzen, die ihre Seele trüben – wie beim Dekantieren eines guten alten Bordeaux …
Auch wir werden manches Mal von einem Gefühlswirrwarr überrollt; gestresst, wie wir häufig sind, merken wir gar nicht, wie es uns den Halt verlieren lässt. Oder denken wir an die überbordenden Informationen, die geradezu über uns hereinbrechen. Mehr denn je verspüren wir heute das vitale Bedürfnis, auf Distanz zu all diesen Eindrücken und Emotionen zu gehen, Abstand zu gewinnen, loszulassen und zu entspannen.
Etty schafft es dank ihrer „Aufräumaktion“ mit der Zeit, den Schutt wegzuräumen, der sie innerlich blockiert und ihr „die Seele verstopft“. Sie hat dabei den Eindruck, am Rand „eines tiefen Brunnens“ zu stehen, für den sie den Namen „Gott“ wählt (VB 55).
„Nur ist das nicht so einfach, so eine ‚stille Stunde‘. Das will gelernt sein … Der Zweck des Meditierens sollte sein: dass man sich innerlich zu einer großen Ebene ausweitet, ohne all das heimtückische Gestrüpp, das die Aussicht behindert. Dass etwas von ‚Gott‘ in einem erwächst, wie auch in der Neunten von Beethoven etwas von ‚Gott‘ enthalten ist. Dass auch eine Art ‚Liebe‘ entsteht, keine Luxus-Liebe von einer halben Stunde, in der es sich voller Stolz auf die eigenen erhabenen Gefühle herrlich schwelgen lässt, sondern eine Liebe, mit der man in der kleinen alltäglichen Praxis etwas anfangen kann“ (VB 36, DDH 35f).
Hätte Etty sich nicht einfach in die Bibel hineinvertiefen können, die sie durch Spier kennen- und schätzen gelernt hatte? Mit feinem Gespür nimmt sie wahr, dass dieser Augenblick für sie noch nicht gekommen ist; sie wäre Gefahr gelaufen, die Bibellektüre noch zu „verkopft“ anzugehen.
Sie hat sich in diesem langsamen Prozess der inneren Erneuerung weder durch hin und wieder aufkommende Lustlosigkeit und Verdrossenheit noch durch körperliche Schmerzen aufhalten lassen. Durch alle nie ganz überwundenen Schwierigkeiten und Rückschläge hindurch hat Gott sein Werk in ihr vollendet.
ZUR REFLEXION
Sich nach innen zu wenden, das war für Etty Hillesum ein bewusster „Entschluss“ – mit allem, was dazugehört: geistige Präsenz, das Setzen von Prioritäten, Initiative, Entschlossenheit, Energie, guten Willen und das Einbeziehen des Körpers …
Wie sieht das bei mir aus? Habe ich schon einmal einen solchen Entschluss, eine grundlegende Entscheidung getroffen? Habe ich Wege gefunden, sie im Lebensalltag umzusetzen und durchzutragen?
III – Hineinhorchen
„Und lieben und ‚hineinhorchen‘ in sich und andere, und forschen nach den Zusammenhängen in diesem Leben und nach dir. ‚Hineinhorchen‘, dafür möchte ich einen guten holländischen Ausdruck finden. Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges ‚Hineinhorchen‘ in mich selbst, in andere und in Gott. Und wenn ich sage, dass ich ‚hineinhorche‘, dann ist es eigentlich Gott, der in mich ‚hineinhorcht‘. Das Wesentlichste und Tiefste in mir horcht auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen. Gott horcht auf Gott“ (DDH 176).
Etty hatte beschlossen, den „verrückten Zug“ ihres Lebens anzuhalten: Eine stille Stunde am Morgen sollte ihre inneren Turbulenzen beruhigen, ihr seelisch-geistiges Wirrwarr entflechten und die „seelische Verstopfung“ überwinden. Mit diesem Entschluss allein hat sie schon ein wichtiges Wegstück geschafft. Sie will nicht mehr der ständigen Versuchung äußeren Getriebenseins erliegen, jenen „Zerstreuungen“, wie Blaise Pascal es genannt hat: Er stellte fest, dass sie das Einzige seien, was uns in unserem Elend tröste – und gerade deshalb seien sie das größte Elend; denn sie hinderten uns daran, an unsere wirkliche Lage zu denken, und so verlören wir, ohne es zu merken, uns selbst!
Was aber zeigt sich, was tut sich auf bei der Hinwendung nach innen, in die Tiefe des Herzens? Und was ist das eigentlich: sich nach innen wenden? Etty kommt dafür ein deutsches Wort in den Sinn, für das sie keine genaue niederländische Entsprechung findet: Hineinhorchen. Es ist ein sehr dichtes, prägnantes Wort. Es bezeichnet ein ganz besonderes Hören; es ist etwas anderes als etwa das durch eine Lektüre angestoßene Nachdenken, als Studieren, Reflektieren oder Ähnliches. Mit all diesen geistigen Tätigkeiten ist Etty mehr als vertraut; doch es ist ein nur vermeintliches inneres Leben, das sie bislang geführt hat – mit der Folge, so schreibt sie, dass „ich mich zu sehr in ‚Ausschweifungen‘, in Bacchanalien des Geistes verliere. Vielleicht identifiziere ich mich auch zu stark mit allem, was ich lese und studiere. Jemand wie Dostojewski macht mich immer noch irgendwie kaputt … Mit Denken komme ich ja doch nicht weiter“ (DDH 54).
Hineinhorchen ist etwas anderes: ein ungeteiltes Hören in der Hinwendung zur Wirklichkeit, und zwar so, dass diese Bewegung nicht doch wieder von einer subtilen Eigenliebe umgebogen und auf einen selbst gelenkt wird.
Die Wirklichkeit umfassend in den Blick nehmen, das verlangt die Entschlossenheit, in der Betrachtung der anderen und der Dinge zu verweilen. Wozu Entschlossenheit?, mag jemand einwenden: Ist es denn nicht ganz natürlich, die Welt mit den Sinnen wahrzunehmen, durch Hören, Fühlen, Sehen, Schmecken, Riechen? Ist nicht auch die geistig-gefühlsmäßige Wahrnehmung eine Selbstverständlichkeit? Wir empfinden doch ganz von selbst eine Sache so oder so, werden uns ihrer bewusst …!? Und dennoch: Das „Verweilen in der wahrnehmenden Betrachtung“ ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Dies sind wir in aller Regel nicht gewohnt, sondern wir ordnen das, was wir wahrnehmen, ganz schnell ein, wir analysieren und brüten vielleicht darüber, wir überlegen, was wir damit machen können … Im „Denken“ der Wirklichkeit verzwecken wir sie oft, fragen uns, was wir damit anstellen können, was wir tun können. Die Wahrnehmung als solche ist auf ein Minimum beschränkt. Etwas einfach wahrnehmen – ohne sogleich zu reagieren und zu versuchen, etwas damit anzufangen oder es zu verändern, das ist gerade in unseren westlichen Gesellschaften eine eher seltene Haltung. Statt offen aufzunehmen, was ist, stürzen wir uns wie versessen aufs „Agieren“ und nehmen das zum Alibi, zum Vorwand, um der mühsamen Aufgabe zu entgehen, uns offen der komplexen Wirklichkeit zu stellen.
Aus der Biologie wissen wir, dass es in unserem Gesichtsfeld einen sogenannten schwarzen Fleck gibt, eine Stelle auf der Netzhaut, die keine Signale empfangen und weitergeben kann. Die Psychologie kennt entsprechende Phänomene: Unbewusst schließen wir ganze Teile der Wirklichkeit aus unserem Bewusstsein aus. Es ist eine alltägliche Erfahrung, dass Dinge, die unserem Interesse oder dem, was uns gefangen nimmt, zuwiderlaufen, ausgeblendet, gewissermaßen neutralisiert werden. Entweder treten sie erst gar nicht über die Schwelle unseres Bewusstseins, oder sie werden nur beiläufig als mehr oder weniger unwichtig registriert.
„Hineinhorchen“, das bedeutet für Etty, die Wirklichkeit nicht zu reduzieren auf das, was sie auslöst – Interesse, Haben-Wollen oder Ungeduld … Die Dinge sind mehr als das, was sie oberflächlich an Eindrücken wecken. Etty möchte lernen, tiefer wahrzunehmen. Ein gewiss schwieriges Unterfangen! Sie hätte ihre Aufzeichnungen durchaus mit dem Titel von Gandhis Autobiografie überschreiben können: „Meine Experimente mit der Wahrheit“.
Hat nicht alles, was da ist, erst einmal das Recht, da zu sein? Das jedenfalls ist die uneingeschränkte Offenheit, die zum „Hineinhören“ unbedingt dazugehört. In dieser Offenheit ist Etty achtsam auf ihre Affektivität, ihre Gefühle. Sie bringt eine große „Durchlässigkeit“, ein feines Gespür mit und geht nicht über das hinweg, woran sie rührt. Schwachstellen und neuralgische Punkte in ihr werden bloßgelegt, Abgründe und Gräben tun sich auf: Sie hätte daran auch zerbrechen können. Als „Seele ohne schützende Haut“, der es schon weh tut, wenn jemand flüchtig an sie rührt, hat sie sich einmal bezeichnet (VB 56). Im alltäglichen Leben lernt sie zu unterscheiden zwischen zwei nicht zu verwechselnden Haltungen, die sich mit den Begriffen „sich abhärten“ einerseits und „verhärten“ oder „empfindungslos werden“ andererseits beschreiben lassen: „Ich glaube, dass ich jeden Tag mehr abgehärtet werde, aber empfindungslos werde ich wahrscheinlich nie“ (VB 197).
Sich der ganzen Wirklichkeit öffnen, das bedeutete für Etty, auch unangenehme Wahrheiten ertragen zu lernen und sich eine „schützende Haut“ zuzulegen, sich zu stählen. Immer wieder fühlte sie sich kraftvoll und merkte dann doch sehr schnell, wie schwach sie war. Sie musste „abgehärtet“ werden und dabei wachsam sein, dass sie nicht verhärtete und sich nicht mit einem Panzer umgab.
Salomos schönste Bitte an Gott lautet: „Verleihe deinem Knecht ein hörendes Herz“ (1 Könige 3,9). Mit diesem Wort ließe sich Ettys Weg beschreiben. Gott ist nie fern, wo Offenheit ist und Freiheit aufkeimt: Er ist allen nahe, die ihn suchen.
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