Читать книгу: «In Your Arms»
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Kapitel 31 – Zurück
Kapitel 32 – Neuigkeiten
Kapitel 33 – Ein alter Anzug
Kapitel 34 – Schwiegersohn in spe
Kapitel 35 – Erkenntnisse und Zugeständnisse
Kapitel 36 – Darling
Kapitel 37 – Kräutergärten und Regenfälle
Kapitel 38 – Die Wirklichkeit holt dich immer ein
Kapitel 39 – Ein Sommerabend
Kapitel 40 – Ein Tanz für die Ewigkeit
Kapitel 41 – Der bittersüße Duft von Rosen
Kapitel 42 – Träume
Kapitel 43 – Mama
Kapitel 44 – Eine folgenschwere Entscheidung
Kapitel 45 – Schmerz
Kapitel 46 – Hoffnungslosigkeit
Kapitel 47 – Ohnmacht
Kapitel 48 – Liebe
Kapitel 49 – Du bist mein Glück
Epilog – Kein Leben ohne dich
Anhang/Danksagungen
In Your Arms – Teil 3 – Kein Leben ohne dich
Impressum
Text: © by Isabella Kniest, 9184 St. Jakob im Rosental, Österreich
Cover: © by Isabella Kniest
Verwendete Pinselvorgaben: © by webdesignerlab (www.brusheezy.com), © by Colorburned/Grant Friedman www.colorburned.com, © by truly-sarah.com, © by Obsidian Dawn www.obsidiandawn.com, © Miko Rezno http://www.blinding-light.com, Graphics © Marielle P. Kokosidou https://imouritsa.deviantart.com
Verwendete Schriftarten: Adobe Garamond Pro, Snell Roundhand, monsieur-la-doulaise (© by www.sudtiops.com)
E-Mail: swevennovel@gmail.com
1. Auflage 03. Mai 2018
2. Auflage 02. Juli 2021 (Geringfüfige Korrekturen, Buchsatz, Infotext)
Nun noch der übliche rechtliche Mist:
Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.
Markennamen, die von der Autorin benutzt wurden, sind Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber und wurden rein zu schriftstellerischen Zwecken benutzt.
Weitere Informationen entnehmen sie bitte dem Anhang und den Danksagungen am Ende des Buches.
Ein paar wichtige Worte in eigener Sache! (Wie immer an dieser Stelle)
Weshalb regieren Neid, Missgunst und Egoismus?
Liegt es an der »Social-Media-Gesellschaft«, dem seit einigen Jahren eingebläuten Mantra: »Verwirkliche deine Träume! Lass dir von niemandem deine Wünsche abreden! Tue alles, um deine Träume wahrwerden zu lassen!«?
Heute haben wir mehr Möglichkeiten denn je, um unsere Natur zu schützen, die Gesellschaft zu festigen und dennoch das eigene Wohl nicht auf die Seite schieben zu müssen.
Doch was geschieht?
Das exakte Gegenteil!
Jeden Tag erfahren wir über neue Skandale (politisch wie wirtschaftlich), Mobbingopfer (diese werden jedoch noch lange nicht stark genug ins Licht der Öffentlichkeit gestellt), Schlägereien, Vergewaltigungen, Morden.
Und was finden wir vor, wenn wir unsere Augen auf Facebook-Kommentare, Instagram-Fotos oder Blogger-Posts lenken?
Die heile, wunderbare Familienwelt.
Perfekt gestylte, erfolgreiche Personen (welche vor nicht allzulanger Zeit nicht einmal im Nachbarstratsch Erwähnung gefunden hätten) prahlen mit ihren grandiosen Diättipps, ihrer perfekten Familie und dem Traummann.
Liegt es womöglich daran, dass Menschen mehr und mehr ausrasten?
Wenn Teenager und nicht eben mit Intellekt gesegnete Menschen lediglich durch dümmliche Youtube-Videos, Instagram-Fotos oder Blogs mehr verdienen als Schwerstarbeiter im mittleren Alter … ja, dann kann ich den krassen Anstieg von Gewalttaten, Selbstmordraten und Depressionserkrankungen gut nachvollziehen.
Wer wünscht sich nicht Erfolg, Anerkennung, finanzielle Sicherheit und den »perfekten« Partner?
Bloß, wer ist perfekt – speziell in dieser Zeit?
Einst hatten lediglich Hollywood-Filme uns die große Liebe und den perfekten Menschen aufs Auge gedrückt: ein Mann mit dem Aussehen eines Adonis, grenzenlosem Mut, bedingungsloser Liebe und einem Masterabschluss in thermonuklearer Astrophysik. An dessen Seite befand sich stets die umwerfende Partnerin/Sekretärin/Freundin/mysteriöse Unbekannte mit dem fotografischen Gedächtnis und dem Pamela-Anderson-Vorbau, welche neben ihrem 40-Stunden-Job in ihrer Freizeit einen Häkelkurs leitet, streunende Vierbeiner aufnimmt und selbstverständlich Single-Mutter ist.
Perfektion in Reinsubstanz – und so realitätsfern wie nichts Vergleichbares.
Nun allerdings müssen wir uns nicht bloß mit perfektionistischen Alleskönnern in sämtlichen Fernsehproduktionen herumschlagen, zudem werden wir mit den weiter oben genannten Social-Media-Rampensäuen bombardiert, welche durch die kontinuierlich anwachsende Blödheit der Gesellschaft ungleich mehr Zuspruch und Aufmerksamkeit erhalten.
Und das größte Übel?
Solche Youtube-Deppen existieren. Sie sind keine Erfindung – bestenfalls haben sie sich selbst erfunden.
Dennoch sind sie erfolgreich und verdienen massenweise Geld. Auf der anderen Seite siechen Menschen in unwirklichen Bedingungen dahin.
Wann wird der Markt mit solchen Unzuträglichkeiten gesättigt sein?
Wann besinnen Menschen sich zu den wirklich wichtigen Dingen zurück?
Wann findet die Ellbogen-Gesellschaft ein Ende?
Man soll mich nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen Blogs oder Facebook-Accounts. Ein jeder Mensch hat das Recht, sich künstlerisch und/oder persönlich zu entfalten, ihre Jugend auszukosten und sich für Minderheiten und Tier- und Naturschutz stark zu machen.
Allerdings hängt es sehr stark vom »Wie« ab.
Was sagen Protz-Fotos (Urlaub, Neuwagen, Diamanteheringe, et cetera), Statusmeldungen (»der beste Ehemann, Liebhaber und Vater der Welt hat mich heute zum Essen ausgeführt, mir Rosen geschenkt und gesagt, dass ich die Schönste bin.« / »Heute habe ich wieder gelernt, wie blöd meine Arbeitskollegen sind. Der Idiot hat wieder denselben Fehler gemacht. Seht euch den Screenshot an! … Ich bin von Dummheit umzingelt. *Facepalm*«) oder Twitter-Shitstorms (#OwnVoice, #MeeToo, #DescribeYourselfLikeAMaleAuthorWould, et cetera) über die Gesellschaft im Allgemeinen und die Personen im Speziellen aus?
Muss ein jedes »Übel« breitgetreten werden, ein jeder schöne Moment mit der gesamten Welt geteilt, mit persönlichen Schicksalen Geld gemacht werden?
Neben der Dekadenz der Gesellschaft haben speziell das Thema #OwnVoice und #MeToo in mir Brechreiz evoziert.
Warum?
Wenn Leser oder Autoren sich über schlecht recherchierte Wesenszüge eines fiktiven Charakters beschweren (Schwule, Lesben, Dunkelhäutige, Frauen, Männer, Geisteskranke, Behinderte, yada, yada), dann frage ich mich allmählich, ob solche Suderer keine anderen Probleme haben.
Selbstverständlich wird z.B. ein jeder Autist, Zuckerkranker, Depressionskranker oder Schwuler glücklich sein, wenn ein fiktiver Charakter mit ähnlich realistischen Problemen wie den seinigen kämpft oder dieselben realistisch dargestellten, klischeefreien Neigungen oder Krankheiten aufweist.
Deshalb jedoch Autoren (ob nun namentlich genannt oder nicht), welche derlei »Auffälligkeiten« oder »Krankheiten« in ihren Büchern nicht exakt und realitätsnah genug wiedergeben, in diversen sozialen Netzwerken in der Luft zu zerreißen, kann meines Erachtens nicht die richtige Vorgehensweise sein.
Fakt ist: Es gibt Männer, welchen man ihre Homosexualität nicht ansieht. Ebenso existieren Schwule, die an leuchtende Reklametafeln erinnern.
Fakt ist: Es gibt Depressionskranke mit einer bipolaren Störung und Hang zur Fremdverletzung. Ebenso wandeln Menschen auf dieser Welt, die nicht einmal depressiv sind, dennoch fest davon überzeugt sind, in einer tiefen Depression zu stecken. Darüber hinaus existieren Depressionsformen, die sich lediglich durch körperliche Gebrechen auswirken – aber dies bloß am Rande erwähnt.
Ob ein Autor nun einen Depressionskranken als typisches selbstmordgefährdetes Individuum darstellen, oder seinem Charakter subtilere Merkmale verpasst: Who cares?!
Dürfen ab nun ausschließlich Autoren über Probleme schreiben, die sie selbst betreffen, da sie ansonsten Klischees bedienen würden?
Wenn dies tatsächlich der Fall ist, möchte ich gerne wissen, was mit all den Fernsehsoaps passieren soll …
Und die wichtigste Frage: Weshalb fühlen Frauen sich gekränkt, wenn Männer weibliche Charaktere gerne als männermordende Vamps darstellen?
Was sagen solche Reaktionen über derlei Frauen aus? Dass es ihnen zu gut geht, sie empfindlich sind?
Ich selbst bin hochsensibel. Mir wurde oft genug vorgeworfen, empfindlich zu reagieren. Jedoch über solcherlei Irrsinnigkeiten könnte ich mich nicht einmal aufregen, wenn ich vor meiner Periode stehe.
Nächste Debatte: #MeToo
Der Gedanke daran, als Sexual-Opfer aufzustehen und sich gegen die Täter zu behaupten sowie aufzuzeigen, dass es falsch ist, die Schuld allzeit bei sich selbst zu suchen, war ein erster Schritt in die längst überfällige richtige Richtung.
Doch dann rutschte es abermals – wundert es jemanden? – ins Lächerliche ab.
Ist es tatsächlich nötig, sich als Frau aufzuspielen und zu sagen: Ja, auch ich wurde sexuell belästigt, weil irgendein besoffener Kerl mir vor zehn Jahren einmal an den Hintern gefasst hat?
Ist es tatsächlich nötig, Männer im Allgemeinen als triebgesteuerte Tiere hinzustellen?
Ist es tatsächlich nötig, Männern solche Komplexe einzureden, infolgedessen sie sich nicht einmal mehr trauen, eine Frau anzusprechen, geschweige denn sie zu einem Drink einzuladen?
Ist es tatsächlich nötig, seine Opferrolle dazu zu missbrauchen, um Aufmerksamkeit und sogar Berühmtheit und Erfolg zu erlangen? (Und hat das in weiterer Folge nicht Ähnlichkeiten mit Prostitution?)
Dies bringt mich wiederum an dem Punkt des »Verwirkliche deine Träume um jeden Preis!« zurück. Seien wir uns ehrlich: Wie viele Frauen haben nicht ihre Körper angeboten, um erfolgreich zu werden?
Unzählige.
Dann sich jedoch als Opfer darzustellen, um eine im Tiefflug befindliche Karriere neuen Schwung zu verleihen, ist freundlich gesagt, unter aller Sau.
Durch derartige hinterfotzige, verwöhnte, frustrierte wie berechnende Weiber wird die gänzliche Botschaft dieser Bewegung für nichtig erklärt – insbesondere werden derlei fürchterliche Taten wie sexuelle Nötigung und Vergewaltigungen bagatellisiert.
Speziell, da auf der männlichen Seite nun zwei Geisteshaltungen vorherrschen:
1. »Weiber übertreiben«
2. »Sämtliche-Frauen-wollen-mir-etwas-Böses«
Ich bin mir sicher, als man einst aufstand, um gegen Diskriminierung, Rassenhass und Antisemitismus auf die Straße zu gehen, hatte bestimmt niemand mit solchen Abgründen und krankhaften Auswüchsen gerechnet, wie es seit den 2000er-Jahren der Fall ist.
Vormalige gute Taten werden durch Egoismus und verzerrte Kleinkariertheit vergiftet – und echte Opfer werden abermals nicht ernst genommen oder als Lügner dargestellt.
Ein weiterer Punkt, der diese Gesellschaft untragbar macht, ist das permanente »Anders-sein-Wollen«.
Ob durch eine Krankheit, eine sexuelle Orientierung oder eine Wesensart – jeder möchte besonders, einzigartig und ausgefallen sein.
Vor allem beim Thema Hochsensibilität fällt mir dieser Drang extrem auf. Da werden HSP’s ständig als hochbegabt oder einzigartig hingestellt.
Anfangs hatte ich gedacht, Hochsensible wären freundlicher, einfühlsamer und verständnisvoller als der Durchschnitt. Fatalerweise trifft weder das Einfühlungsvermögen zu, geschweige denn eine Art Besonderssein.
Die meisten von sich selbst überzeugten HSP’s sind nicht einmal hochsensibel!
Sie wären es bloß gerne.
Und viele tatsächliche HSP’s sind ebenso egoistisch und selbstverliebt, wie der klägliche Rest dieser abartigen, gewinnorientierten Gesellschaft.
Was ich, neben Beleidigungen, damit ausdrücken will?
Jeder ist anders – gleichgültig irgendwelcher Makel, Haut- oder Haarfarben, Krankheiten oder Einstellungen.
Einen jeden Menschen gibt es nur ein einziges Mal – reicht das nicht, um endlich zu kapieren, dass wir ohnehin allesamt einzigartig sind?
Ich könnte noch viele weitere Seiten füllen mit Aufzählungen diverser hirnverbrannter Reaktionen unserer Zeit, ich halte mich jedoch davon ab und beende meinen Text mit einer eindringlichen Bitte:
Wenn Sie, geneigter Leser, diese Welt zu einem besseren Ort machen möchten, dann auf eine Weise, die keine anderen Menschen diskriminiert. Erst recht nicht auf eine Weise, wie in den sozialen Medien.
Verwenden Sie Ihren Verstand – dafür haben Sie ihn. Er ist kostenlos und verbraucht verdammt viele Kalorien.
Akzeptieren Sie Ihre Mitmenschen, zeigen Sie Verständnis, seien Sie freundlich und respektieren Sie andere Meinungen.
Seien Sie dankbar – insbesondere dann, wenn Sie sich Urlaube und einen neuen Wagen leisten können und gesund sind.
Und der wichtigste Grundsatz: Behandeln Sie Ihre Mitmenschen so, wie Sie selbst behandelt werden wollen bzw. (sollten Sie leicht geistesgestört sein) verwenden Sie (einstige) gängige Freundlichkeitsfloskeln, wie: Grüßen, danken, bitten und lächeln.
Egoismus gibt es bereits zu viel auf dieser Welt.
Es wird Zeit für ein Umdenken.
Denn in dieser dekadenten Gesellschaft können altruistische und verständnisvolle Menschen schon lange nicht mehr wirklich existieren.
Um Missverständnissen vorzubeugen, hier einige wichtige Informationen für jeden potentiellen Leser:
Erstens.
Ich bin Selfpublisher. Korrektorat, Lektorat, Coverdesign, Buchsatz, eBook-Gestaltung, Kapitelverzierungen – alle diese Arbeiten werden ausschließlich von mir selbst durchgeführt. Für ein fehlerfreies Buch kann ich somit nicht garantieren. Dafür jedoch einer jeden Seite, einem jeden Kapitel, einem jeden niedergetippten Wort, einer jeden Szene und Aussage meine gesamte Aufmerksamkeit und Liebe gewidmet zu haben. Jeder Satz beinhaltet mein Herzblut, meine Gefühle, meine Lebensauffassung – ein Stück meiner selbst. Wenn ich ein Buch zur Veröffentlichung freigebe, präsentiert es meinen aktuellen Wissensstand. Aus diesem profanen Grund überarbeite ich meine Bücher in regelmäßigen Abständen. Wenn ich mir über Fehler bewusst werde, korrigiere ich diese und lade die überarbeitete Version hoch. Sollte Ihnen, lieber Leser, eine solche Vorgehensweise zu amateurhaft oder zu billig anmuten, bitte ich Sie, mein Buch nicht zu kaufen. Falls Sie sich nun unsicher sind oder die Vermutung in Ihnen hochklettert, ich könnte Schund verkaufen, bitte ich Sie, zuerst die Leseprobe zu lesen und sich dann zu entscheiden. Ist Ihnen meine Fehlerquote zu hoch, werde ich Ihnen nicht böse sein, wenn Sie mein Werk nicht in den Warenkorb legen.
Schreiben ist mein Hobby. Weder strebe ich Reichtum noch Berühmtheit an. Menschen zu bereichern, ihnen den intellektuellen und seelischen Horizont zu erweitern und eine andere Sichtweise zu offenbaren – das ist mein einziges Bestreben. Deshalb bin ich finanziell außerstande, ein Lektorat und Korrektorat oder Coverdesign auszulagern. Besäße ich die Möglichkeiten, würde ich keine Sekunde zögern und meine Werke einem Profi übergeben.
Zweitens.
Trotz mehrerer Rechtschreibreformen verwende ich die alte Schreibweise der unterbrochenen direkten Rede.
Ein Beispiel: Nach der neuen Regelung müsste ich schreiben »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab, »als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Ich hingegen schreibe »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab. »Als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Wie man sieht, ist mir die korrekte Schreibweise bestens bekannt. Ich entschied mich jedoch bewusst dafür, diese Regel aus persönlichen und ästhetischen Gründen zu brechen.
Drittens.
Da ich Österreicher bin, schleichen sich zwangsläufig viele österreichische Begriffe in meine Texte ein. Begriffe, die von deutschen Landsleuten unwissentlich als Fehler angesehen werden können.
Ein Beispiel:
In unseren Breitengraden spricht man nicht von Kasse, sondern von Kassa. Dies ist kein Tippfehler und hat auch nichts mit einer Rechtschreibschwäche oder läppischen Korrektur meinerseits zu tun.
Abschließend danke ich jedem Leser, der diese Information durchgelesen hat und sich entscheidet, erst nach der Leseprobe sein endgültiges Urteil zu fällen.
Hinter einer jeden Seele verbirgt sich ein Schicksal.
Die Eine hat sich damit abgefunden,
die andere zerbricht daran.
Für denjenigen, der mein Licht sehen wird.

Kapitel 31 – Zurück
Jans Herz fühlte sich schwer wie leicht an.
Liza.
Wunderschöne Liza.
Wie gerne hätte er sie weitergeküsst … immer weitergeküsst …
Er warf einen Blick aus dem Fenster. Es zeigte ihm vorbeifliegende Häuser, Sträucher, dann und wann ein paar Strommasten und zwischendrin weite saftig grüne Felder.
…
Liza in seinen Armen halten zu dürfen – welch einzigartige seelenverbindende Gefühle dies ausgelöst hatte! Die berückenden Dinge, welche sie miteinander getan hatten, berauschten seine Sinne selbst jetzt und erweckten eine bislang nie da gewesene Sehnsucht nach mehr. So viel mehr. Unglaublich viel mehr.
Seufzend stieß er den Atem aus.
Hoffentlich würde die Zeit bis Samstag schnell vorüberziehen.
Zum einen wollte er sich wieder mit ihr vereinigen – die ganze Nacht lang, den ganzen Tag lang. Zum anderen wollte er Lizas negative Gefühle verjagen. Ihre Depression bekämpfen – mit einem jeden seiner Küsse, einer jeden seiner Berührungen …
Der am Seedorfer Bahnhof anhaltende Zug lenkte seine Gedanken in eine andere Richtung.
Herr Weiß
Tina
Christof
…
Grundgütiger!
Wie würden sie auf ihn reagieren?
…
Dass er bei Liza übernachtet hatte, wusste bestimmt schon die gesamte Belegschaft.
Adrenalinausstöße brachten ihn dazu, sich früher denn gewollt zu erheben und zum noch geschlossenen Ausstieg zu treten.
Würden sie ihn necken? Ihn auslachen? Verspotten? Seltsame Blicke zuwerfen?
Bitte nicht … bitte nicht.
Er ballte die Hände zu Fäusten, klopfte mit der rechten Schuhspitze gegen den Zugboden. Gleichzeitig versuchte er, gegen die exorbitant ausbreitende Nervosität anzukämpfen.
Wann ging diese törichte Tür bloß auf?!
Er musste gehen … einfach gehen. Er musste ins Hotel zurück, um diesen hochpeinlichen Moment schnellstmöglich hinter sich bringen zu können.
Er blickte an sich herab.
Sein weißes Hemd hatte größere Ähnlichkeiten mit einem ausgedrehten abgenutzten Putzlappen, anstatt mit einer Gewandung, welche Eleganz und Klasse vermitteln sollte.
…
Kein Wunder, dass sämtliche wartenden Menschen am Bahnsteig ihm angewiderte oder belustigte Blicke zugeworfen hatten …
Heiße Röte stieg ihm ins Gesicht.
Und in dieser peinlichen Aufmachung musste er nun die viel befahrene Hauptstraße entlangmarschieren!
Himmelherrgottsakrament!
Das zischende Geräusch des sich öffnenden Ausstiegs ließ ihn zusammenzucken. Alsbald er sich von dem kleinen Schock erholt hatte, stolperte er mit polterndem Herzen und ausgetrocknetem Mund auf den Bahnsteig und machte sich ohne sich umzublicken sodann flott zum Hotel auf.
Ein jedes an ihm vorbeifahrende Automobil ließ ihn heftiger erröten. Er konnte nichts gegen diese fürchterlichen Schamgefühle ausrichten. Gar nichts. Ebenso wenig gegen die stechende Furcht einer möglichen Schelte seitens des Chefs sowie Belehrungen Tinas und Christofs, welche durch einen jeden seiner ihn zum Arbeitsplatz näherbringenden Schritte fürchterlichere Ausmaße annahm.
Als das massive vierstöckige Holzhaus schließlich vor ihm auftauchte, schien sein Leib dermaßen mit Adrenalin vollgepumpt zu sein, er vermutete, es nicht einmal zu spüren, wenn jemand ihm einen Arm abhacken würde.
Seine bebende linke Hand umfasste die aus Gusseisen geschmiedete Türklinke. Um mögliche durch seine vermaledeite Nervosität ausgelöste Zuckungen der Extremitäten zu unterbinden, spannte er die Muskulatur bis zum Äußersten an, atmete dreimal tief durch und öffnete erst dann die hell lasierte schwere Holztür.
Sofort wehte ihm der vertraute und seelenerwärmende Holzgeruch gepaart mit Vanille und dem Duft frisch gebackenen Brotes entgegen.
Heimat, schoss es ihm durch den Kopf.
»Jan! Da bist du ja wieder!« Michis fröhliche Begrüßung drang in seine Ohren und veranlasste ihn, sich zur Rezeption zu drehen.
Der dunkelhaarige attraktive fünfundzwanzigjährige Mann strahlte ihn an. »Wie geht es dir?« Flott umrundete dieser den Holztresen und trat zu ihm. »Wie war das Wochenende? Hast du dich mit Liza ausgesprochen?«
Wie vermutet! Alle wussten davon!
Kruzitürken!
Jan schloss die Tür. »Hat Tina dir davon erzählt?«
»Tina?« Michi runzelte die Stirn. »Was soll sie mir denn erzählt haben?«
»Nun ja … Dass ich bei Liza war.«
Was denn sonst?
»Ach das!« Kopfschüttelnd vollführte der Kollege eine wegwerfende Handbewegung. »Nein. Ich habe bloß gehört, wie Manfred mit dir telefoniert hat.«
Hatte er etwa gelauscht?
»Aber ich habe nicht gelauscht!«, warf er im selben Atemzug beteuernd ein, die Arme in einer beschwichtigenden Geste leicht angehoben. »Ich bin auf die Toilette gegangen. Nun … und Manfreds Tür war nicht ganz geschlossen gewesen. Da habe ich ungewollt ein paar Gesprächsfetzen mitbekommen.«
Typisch Michi!
Wie er selbst wollte sein Kollege keine Fehler machen. Wie er selbst war auch er hochsensibel. Doch eines besaß Michi, worauf er niemals zurückzugreifen in der Lage sein würde: verwegene Extraversion.
Für Michi stellte das unbefangene Gespräch mit fremden Personen – insbesondere mit hübschen Frauen – kein sonderliches Problem dar. Ein wenig herantasten, die Frau anlächeln – und schwups hatte sein Kollege eine reizende Gesprächspartnerin für den Abend an seiner Seite.
»Dann hat Tina nichts verlautet?«
…
Weshalb vermutete er erneut einen Vertrauensbruch seitens seiner besten Freundin?
Es musste wohl an seiner Vergangenheit liegen.
»Nein … absolut nicht.« Michi legte die Handinnenflächen aneinander. »Aber bitte verrate Manfred nichts von meinem ungewollten Lauschangriff. Es war keine Absicht. Ich –« Michis seinen Körper und Geist überschwemmende Verlegenheit brachte Jans Herz leicht aus dem Rhythmus. »Als ich das gehört habe, habe ich mich so sehr für dich gefreut. Ich habe gar nicht mehr daran gedacht, schnell weiterzugehen. Außerdem –« Verzweiflung in seinen Augen liegend gestikulierte der junge Mann mit den Händen. »Ein jeder hat doch bemerkt, wie sehr sie dir am Herzen liegt.«
Zäh fließende an Metros Kühllager erinnernde Kälte kroch über Jans Rücken, lediglich um sich keinen Augenblick später in einen pyroklastischen Strom zu verwandeln.
»Ein jeder?« Seine Wangen begannen zu prickeln und seine Muskeln sich zu versteifen. »Wirklich?«
Etwa sogar die Reinigungsdamen und geringfügig Beschäftigten?
…
Womöglich sogar sämtliche Hotelgäste?!
…
Wenn er da an die Situation mit Theo zurückdachte, schien seine Vermutung immer wahrscheinlicher.
O Grundgütiger!
»Jan.« Michi legte die Hände auf seine Schultern. »Jetzt kennen wir dich schon so lange. Glaubst du, da würde nur einer nicht bemerken, wenn du eine Frau magst? … Wenn du an Liebeskummer leidest?«
Jan schluckte.
»Sonst hältst du immer extremen Abstand zu allen Gästen und Kollegen. Aber bei Liza warst du total anders. Du bist mit ihr spazieren gegangen, du hast dich bei ihr eingehakt –« Er zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »Glaubst du, ich habe das nicht gesehen?« Ein auftretendes Grinsen ließ Jan beträchtlich heftiger erröten. »Ein Rezeptionist bemerkt alles.« Es folgte eine kurze Kunstpause, in der er am liebsten im Boden versunken wäre. »Also sag nicht, du wärst darüber überrascht.«
Jan räusperte Unsicherheit davon. »Nun … ja … eigentlich schon. Es war mir nicht bewusst, dass ich von euch solchermaßen beobachtet werde.«
Wie denn auch? War er bekanntlich mehr damit beschäftigt gewesen, diese schmerzende Sehnsucht nach Liza niederzudrücken sowie seinen Job vernünftig zu erledigen.
Des Rezeptionists Grinsen wuchs an. »Also beobachten würde ich das jetzt nicht grad nennen – eher ein Auge auf dich werfen.« Dies gesprochen ließ Michi von Jans Schultern ab und trat einen Schritt zurück. »Aber lassen wir das Thema! Sag mir lieber, wie es dir ergangen ist. Ich sterbe vor Neugier.«
»Also … ähm.« Erinnerungen an den wundervollen Morgensex trieben ihm den Schweiß aus den Poren. »… Schön.«
Michi begann zu lachen. »Dann seid ihr jetzt also zusammen?«
»Ja … ja, wir sind zusammen.« Unmöglich die Worte zurückzuhalten, sprudelten sie voller Begeisterung aus ihm hervor.
Er wollte es Michi sagen. Er musste es Michi sagen. Er wollte der ganzen Welt offenbaren, wie dankbar und glückselig er sich angesichts dieses wundervollen Umstands fühlte.
»Wir sind zusammen. Das sind wir. Endlich.« Wort um Wort nahm die Lautstärke seine Stimme ab, und ansteigende Geborgenheit breitete sich in seinem Innersten aus. »Liza gehört zu mir. Sie ist alles, was ich mir jemals gewünscht habe.«
»Das ist ja wundervoll!« Sein Kollege strahlte. »Ich freue mich für euch.«
»Danke.« Er schenkte ihm ein gewaltiges Lächeln. »Danke dir.«
»Jan!«
…
Herr Weiß.
Frische Furcht in seine Seele schleichend drehte Jan sich nach rechts.
»Komm in mein Büro.« Der Hotelbesitzer winkte ihm zu – ein breites Lächeln im Gesicht tragend.
»Die Einzelheiten kannst du mir ja in der Mittagspause verraten«, flüsterte Michi, ehe dieser ihm einen sanften Klaps auf den Rücken verpasste und zurück hinter die Rezeption huschte.
Jan wollte noch etwas erwidern, da ihm Manfreds Aufforderung, das eben geführte Gespräch sowie seine unzuträgliche überhandnehmende Furcht allerdings vollends den Verstand lahmlegten, nickte er dem Arbeitskollegen lediglich kurz zu und eilte sodann zum Chef.
»Wie geht es Liza?«, war Manfreds erste Frage, während sie beide den Korridor entlangschritten. Und die Zweite: »Hattet ihr ein schönes Wochenende?«
»Ihr geht es gut … Nun, jetzt jedenfalls.«
Dass es Liza noch am Freitag hundsmiserabel ergangen war, hatte er nicht bloß durch ihre Erzählungen, sondern bereits durch ihre verweinten Augen erfahren, mit welchen sie ihn erschrocken-verunsichert gemusterte hatte – dort im Regen …
Manfred öffnete die leicht knarzende Bürotür und machte ihn mit einer Handgeste darauf aufmerksam, zuerst einzutreten.
Wortlos tat Jan wie geheißen. Ehe er sich auf den rechten Holzsessel niederließ, wartete er bis der Hotelbesitzer die Tür verschlossen und sich auf dessen Bürostuhl gesetzt hatte.
»Sie hat Depressionen, nicht?«
Jan lief ein kalter Schauer über den Leib. »Ja … ja, die hat sie. Ganz sicher sogar.«
Manfred wusste einfach alles. Es gab nichts, das ihm verborgen blieb. Nicht einmal die Sorgen seiner Gäste.
Zu Beginn hatte er sich über Herrn Weißs Einfühlungsvermögen regelmäßig gewundert. Später hatte er diese auf eine mögliche Hochsensibilität geschoben. Nun allerdings war ein für alle Mal klar: Dieser unscheinbare dickliche Mann besaß eine göttliche Gabe. Hier ging es nicht mehr um ein einfaches Feingefühl, eine gute Beobachtungsgabe oder einen hohen IQ.
Dieser Mann war von Gott gesegnet.
…
Manfreds harter Schicksalsschlag von vor zwei Jahren verdrängte einen Teil von Jans Aufschlüssen.
Lag es womöglich –
»Und wie fühlst du dich?«, unterbrach der Hotelbesitzer Jans einsetzende Überlegungen.
Räuspernd fuhr er sich durchs Haar. »Erleichtert … schlichtweg erleichtert … und glücklich. Glücklich wie noch nie in meinem Leben.«
Herrn Weißs Augen nahmen einen seligen Ausdruck an. »Das freut mich ungemein!« Seine Unterarme auf den Vollholztisch gestützt lehnte er sich etwas zu ihm. »Dann seid ihr euch näher gekommen, nicht?« Der dickliche Mann wartete erst gar keine Antwort ab. Nun, um ehrlich zu sein, musste er dies ohnehin nicht. Jans glühende Wangen sagten schließlich genug aus.
»Das ist ja großartig!« Der Chef klatschte in die Hände. »Ich wusste doch, ihr zwei gehört zusammen!«
Beim Allmächtigen!
Es wurde peinlicher und peinlicher!
»Ich … wir … ja, es war schön.« Sich über die Nase reibend suchte er verzweifelt nach passenden – sittlichen – Erklärungen, welche ihm auf Gedeih und Verderb nicht in den Sinn kommen wollten.
Aber was bitte schön hätte er auch großartig erwidern können? Dass sie sich die meiste Zeit zügellos im Bett, in der Dusche und im Vorhaus ihrer Liebe hingegeben hatten? Dass er einen halben Nervenzusammenbruch erlitten hatte – einzig aufgrund eines harmlosen Gewitters?
»Hat Liza die Zeit mit dir gutgetan?«, beförderte des Hotelbesitzers Frage ihn aus seinen zuckersüßen Rückblicken. »Hat sich ihre Stimmung verbessert?«
Jan blinzelte.
Konnte das …?
Meinte er …?
…
»Sie hoffen«, kleidete er seine Vermutung nach einigen Sekunden des Sammelns in einen verständlichen Satz. »Lizas Verfassung ändert sich, weil sie mit mir zusammen ist?«
Für den Moment eines Wimpernschlags weiteten sich Manfreds Augen. »Ja, ganz genau.« Ein väterliches Lächeln seine Lippen umspielend fasste er nach dem rechts neben sich stehenden hellblauen Wasserglas und trank einen Schluck. »Denkst du, ihre Depression wird durch dich verschwinden?« Mit einem sanften Tock fand das Glas auf den Tisch zurück. »Denkst du, du kannst ihr helfen?«
Es wurde ihm warm.
Wie schön wäre es gewesen, wenn er sie heilen könnte … wenn sie durch ihn – und einzig durch ihn – wieder Lebensfreude und Glück empfinden würde …
Er verscheuchte den abstrusen Gedanken.
Natürlich, er wollte ihr helfen. Er wollte sie ablenken. Er wollte ihr Gutes tun. Dessen ungeachtet bedeutete dies noch lange nicht, sich als Lizas noblen Retter darzustellen oder sich einzubilden, sie von der Geißel der Depression befreien zu können.
Das Leben war kein romantischer Hollywoodfilm. Manchmal passierten schöne Dinge, manchmal passierten schreckliche Dinge. Alles andere dazwischen waren Träume oder Einbildung.
»Ich weiß nicht … ich kann mir nicht vorstellen, derart viel ausrichten zu können.«
»Jan.« Ernst wie gütig, sanft wie streng sprach der alternde Mann seinen Namen aus. »In diesem Fall kommt es nicht darauf an, ob du gut genug bist. Genauso wenig bedeutet es, egoistisch zu sein, wenn du von dir selbst denkst, Liza gesund machen zu können.« Er beäugte ihn eindringlich. »Es geht darum, ob Liza durch deine Liebe wieder aktiv am Leben teilnehmen kann. Du brauchst dich nicht schlecht zu fühlen, wenn du mir jetzt sagst, dass du es sein kannst, der sie zur glücklichsten Frau macht.«
»Ich … also … ich –«
Aber exakt darum ging es doch!
Er wollte viel, jedoch bestimmt nicht wie ein Macho anmuten, der sagte: »Ich bin ein Geschenk an die Frauen, Chef. Ich werde die Kleine schon dazu bringen, dass sie jede Nacht meinen Namen schreit. Nur durch mich wird und kann sie glücklich werden und bleiben.«
Ebenso wenig wollte er sich in den Vordergrund drängen oder den starken Mann markieren.
Ausgerechnet er! Derjenige, welcher durch ein einfaches Gewitter tausend Tode starb. Derjenige, welcher an dutzenden Minderwertigkeitskomplexen litt. Derjenige, welcher sich jahrelang nicht traute, eine Frau direkt anzusprechen.
Nein.
Im Endeffekt wusste er nicht, ob er Liza für den Rest ihres Lebens glücklich machen konnte. Er wusste nicht, ob sie sich durch ihn ein Leben lang wohlfühlen würde.
Er wusste lediglich, dass er sie liebte.
Bedingungslos.
Ein jeder andere Gedankengang wäre eigennützig, selbstverliebt, unanständig und naiv.
»Jan!« Des Chefs mahnende Stimme riss ihn aus seinen unkontrollierbaren Grübeleien. »Du denkst viel zu viel nach.«
»Aber ich kann doch nicht sagen, sie glücklich zu machen.«
»Wieso nicht?« Herr Weiß schenkte ihm ein verständnisvolles Lächeln. »Etwa, weil es für dich egoistisch klingt?«
Er nickte verhalten.
»Und wie hat sich Liza bei dir gefühlt? Hat sie dir etwas gesagt?«
…
Gleichgültig, wie diese Nacht wird, du bedeutest mir bereits jetzt meine ganze Welt.
Für mich bist du schlichtweg der beste Liebhaber, den es auf dieser Welt gibt.
Deine Zärtlichkeit, dein sanfter Charakter, deine liebevolle Art – das sind die Dinge, durch die ich mich so glücklich fühle.
Herrn Weißs neugierig-wissender Blick intensivierte sich. »Also? Was denkst du?«
Jan straffe die Gestalt. »Nun … ja … ich –«
»Druckse nicht so herum!« Kichernd trank sein Vorgesetzter einen weiteren Schluck. »Sag mir einfach, was du denkst.«
Er unterdrückte seine Unsicherheit und versuchte zu erklären: »Nun … vielleicht … Ja, womöglich kann ich ihr wirklich helfen.«
Manfreds rundliches Gesicht erstrahlte.
Und dieser unbändige durch Lizas Liebe hervorgerufene Stolz fand zurück in Jans Seele.
Ja … der Chef hatte recht.
Liebe vermochte es, Menschen zu heilen. Denn Liebe verband. Liebe vereinte. Liebe tröstete und kräftigte, beruhigte und inspirierte.
»Und nichts anderes will ich tun«, fuhr er ehern fort. »Bis an mein Lebensende.«
Manfred schloss die Augen, nickte, seufzte. »Das wollte ich hören.«
Es war ihm klar, er würde immer auf Liza achtgeben. Er würde sie beschützen. Er würde ihr seine gesamte Liebe schenken. Er würde schlichtweg alles tun.
All die zahllosen Dinge, die auch sie für ihn bereit war, zu tun …
Der Hotelbesitzer öffnete die Lider. »Kommt sie uns wieder einmal besuchen?«
»Ja, den kommenden Samstag schon.«
…
Diese Äußerung getätigt jagte eine jache Gewissheit einen gellenden Adrenalinausstoß durch Jans ohnehin unter Strom stehenden Körper.
Er hatte Liza ein Versprechen gemacht, von welchem er nicht einmal wusste, ob er es einlösen konnte!
Kruzitürken!
Hitze kroch ihm in die Wangen. »Ich –« Nervös fuhr er sich durchs Haar. »Ist es möglich … ich meine … könnte ich diesen Samstag noch einmal freibekommen? Weil … Liza will mit mir zu ihren Eltern fahren.«
Restlos verschüchtert beobachtete er, wie Manfred vergeblich versuchte, ein Schmunzeln zu verkneifen. »Aber sicher doch. Es wäre nicht sonderlich nett von mir, dich mit deiner Herzensdame hier abwaschen zu lassen, nicht?«
»Nun … ich –«
Des gutmütigen Mannes Lachen erfüllte den Raum. »Aber im Gegenzug dazu sagst du mir das nächste Mal schlicht und einfach, wenn du Sehnsucht nach ihr hast, bevor du so mir nichts dir nichts davonläufst und uns unwissend und geschockt zurücklässt.«
Sein Herz hatte heute fürwahr viele Emotionen ertragen müssen. Die nun über ihn hereinbrechenden Schuldgefühle ließen es allerdings derart hart klopfen, es hatte mehr mit einem carnevalschen Getrommel gemein denn mit einem menschlichen Organ, welches Blut durch den Körper pumpte.
»Es tut mir leid«, entschuldigte er sich. »… Ich kann nicht erklären, was da über mich kam. Es war wohl eine Art Kurzschlussreaktion. Bitte verzeihen Sie. Es wird nie wieder vorkommen.«
»Ist schon gut.« Herrn Weißs verständnisvoller Tonfall half ihm nur bedingt, seine tobenden Nerven zu beruhigen. »Ich kann gut nachvollziehen, weshalb du auf diese Weise reagiert hast. Trotzdem.« Mahnend hob Manfred den Zeigefinger. »Versprich mir, mich das nächste Mal aufzusuchen, wenn es dir schlecht geht. Keiner lacht dich deshalb aus. So etwas dulde ich in diesem Haus nicht. Das weißt du. Du kannst immer zu mir kommen. Wir können über alles reden.«
Samtene Freude sowie stechende Trauer breiteten sich in Jans Innersten aus.
Liza hatte einen Chef wie Manfred verdient – nicht er. Sie mühte sich in der Arbeit ab und wurde dennoch gerügt. Er hingegen verließ unangekündigt seinen Arbeitsplatz – aufgrund infantilen Liebeskummers – und wurde mit Verständnis und Hilfsbereitschaft beschenkt.
Das Leben war einfach nicht fair.
»Vielen Dank.« Demütig senkte Jan das Haupt. »Das nächste Mal werde ich daran denken. Ich verspreche es.«
»Dann ab in die Küche mit dir. Tina freut sich bestimmt, dich zu sehen. Sie war außer sich vor Sorge.«
Deutlich bedrückter erhob er sich.
Ein zweites Mal hatte er Tina falsch eingeschätzt. Ein zweites Mal hatte er ihr großen Kummer bereitet!
Ein toller Freund bist du!, schimpfte er sich.
»Aber gib Acht!« Manfreds Grinsen zog sich in die Länge. »Sie wird dir wahrscheinlich eine größere Standpauke halten, als ich das jemals zusammenbringe.«
Und das hatte er ohne Zweifel verdient …
»Da haben Sie bestimmt recht.« Schmunzelnd drehte Jan sich um und schritt zur Tür. Ehe er den Raum verließ, blickte er noch einmal zu diesem wunderbaren Menschen, welchen er seinen Chef nennen durfte, und bedankte sich.
»Nichts zu danken«, erwiderte dieser fröhlich. »Wir sind eine Familie. Und Familie hält zusammen.«
»Mhm.« Nickend und einen sanften Kloß im Halse spürend schloss er die Tür und eilte in die Küche.
Mit einer Kündigung hatte er zwar nicht mehr gerechnet. Mit einem weiteren Urlaubswochenende jedoch ebenso wenig, ganz zu schweigen von einer derartigen Besorgnis um Lizas sowie sein eigenes Wohlergehen!
»Jan!« Es war Tina, welche seinen Namen aufgebracht ausrief – und ihn zusammenfahren ließ. »Wie geht es dir?« Seine beste Freundin stürmte zu ihm und schlang die Arme um seinen starr gewordenen Körper. »Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Jag uns nie mehr so einen Schrecken ein! Das geht ja über keine Kuhhaut nicht!«
»Bitte verzeih mir«, war alles, was ihm hervorzubringen gelang. Allerdings nicht infolge unmöglich zurückzuhaltender Tränen – obwohl sein Kloß schmerzhafte Ausmaße angenommen hatte –, denn vielmehr aufgrund Tinas etwas zu gut gemeinten innigen Umarmung.
Durch ihre kleine Größe drückte sie ihm mit dem rechten Unterarm gegen den Hals.
»Ich bekomme keine Luft.«
»Oh … Entschuldigung.« Sie ließ von ihm ab – furchteinflößende funkelnde Augen inklusive. »Aber sieh es gleich als Bestrafung, dass du mich so einfach hast stehen lassen!«
Das musste ja kommen …
»Es tut mir wirklich leid.« Er atmete tief durch. »Ich kann dir nicht erklären, was da mit mir los war.«
Er wusste es wahrhaftig nicht mehr.
Im Nachhinein betrachtet mutete es wie ein Filmriss an. Eine Kurzschlussreaktion, ausgelöst durch Kummer, Verzweiflung und Seelenschmerz.
Ein anwachsendes Grinsen auf ihren vollen Lippen tragend stupste Tina ihm in die Seite. »Du bist verliebt. Das ist los.«
»Und das nächste Mal«, ertönte Christofs strenge Stimme, wodurch es ihm ungleich mulmiger wurde. »Läufst du nicht einfach davon, wie ein heulendes Mädchen, sondern sagst, was dich bedrückt.« Etwas ruppig klopfte dieser ihm auf die Schulter und blickte ihm dabei tief in die Augen. »Ich weiß selbst, wie das ist, wenn man Sehnsucht und Kummer hat. Ich denke, ein jeder hier kennt das Gefühl nur zu gut.«
Da hatte Christof zweifelsfrei recht. Ein jeder in diesem Team – nein – generell kannte das Gefühl von Kummer und Sorgen, Zweifeln und Ängsten. Er war kein Einzelfall – er war einer von vielen.
Jan nickte. »Ich verspreche es.«
Und Christofs Miene hellte sich auf. »Aber jetzt erzähl uns endlich genau, wie es dir mit Liza ergangen ist.«
Als hätte jemand einen Schalter in seinem Körper umgelegt, jagte frische Hitze in seine Wangen.
»Wir waren auf der DS Thalia«, brachte er schluckend hervor. »Wir redeten viel … kochten gemeinsam …«
»Und ihr seid euch näher gekommen!«, jubelte Tina. »Gib’s doch endlich zu!«
Oh … wenn sie nur wüsste, wie näher sie sich gekommen waren … was sie angestellt hatten …
»Dein leuchtendes Gesicht schreit ja förmlich: Wir hatten Sex!«, witzelte seine Freundin weiter.
Anstatt sich gekränkt zu fühlen, überkam ihn überraschenderweise bloß ein leichtes Schamgefühl. Und selbst dieses wurde keinen Moment später von neuem unbezwingbaren Stolz verdrängt.
»Ja … wir sind uns nähergekommen.«
Grundsätzlich hatte er mit einem weitaus heftigeren Gefühlschaos seinerseits gerechnet – ähnlich, wie die in der Vergangenheit stets erlebten.
Erinnerungen an zahllose peinliche Situationen stürmten ihm durch den Verstand – gingen einher mit Empfindungen der Verunsicherung, Angst, Verzweiflung und Scham. Doch gleichermaßen schnell, wie sie auftauchten, waren sie wieder in den tausenden Windungen seiner manchmal selbst für ihn nicht zu verstehenden Seele verschwunden.
Die glücklichen Gesichter seiner Arbeitskollegen gaben ihm mehr Mut. »Ich glaube, ich darf sagen, dass das vergangene Wochenende das schönste in meinem bisherigen Leben darstellt.«
Tinas Grinsen nahm immense Ausmaße an. »Ich freue mich ja so für dich! Du hast das so was von verdient!« Abermals drückte sie ihn an sich. »Heute Abend musst du mir alles erzählen.«
Er befreite sich aus ihrer Umarmung. »Ja, mache ich.«
Bestimmt nicht sämtliche intime Details – aber ein paar winzige Andeutungen schon.
Überfallartig zerzauste sie ihm das Haar. »Unser kleiner Jan ist endlich erwachsen geworden.«
Tinas freche Bemerkung schickte ihm neben einer weiteren beschämenden Gesichtshitze überdies eine Welle an aufwallender magenerwärmender Wut.
»Ich bin erwachsen!«, protestierte er. »Ich bin nicht jünger als du.«
Tausendmal hatte er solche Anspielungen vernommen – jedoch niemals im Spaße, wie dies bei Tina nun der Fall war. Und tausendmal hatte er kein Sterbenswörtchen dagegengehalten. Diese Zeiten allerdings gehörten für immer der Vergangenheit an. Wie er es sich während der Zugfahrt zu Liza versprochen hatte: Ab jetzt würde er nie mehr passiv bleiben – unbedeutend ob Worte im Scherze oder absichtlich beleidigend ausgesprochen wurden.
Tinas mildes Lächeln linderte seine sanfte Rage. »Ich weiß … aber für mich wirst du immer ein kleiner Junge sein, der gerade mal aus der Schule rausgestolpert ist.«
Das konnte doch nicht ihr Ernst sein!
Er verzog das Gesicht. »Ich war Autor!«
Darüber hinaus war er bereits verlobt gewesen!
Nun … über dieses Detail hatte er nie ein Wort verloren.
Sie zeigte ihm die Zähne. »Aber das Buch hat keine richtigen Sexszenen.«
…
Allmählich wurde es lächerlich …
»Was hat das denn bitte schön mit mir zu tun?«
Sie kicherte. »Na, das macht dich noch unschuldiger als du sowieso schon aussiehst.«
Er zog eine Augenbraue nach unten. »Unschuldig?«
Nach all den sexuellen Erlebnissen der letzten Tage? Nachdem er einer fest in seinen Armen haltenden, zutiefst beschämten, seinen Namen wimmernden Liza selbstbewusst und fordernd einen Höhepunkt beschert hatte – im Vorhaus, vor dem großen Spiegel … splitterfasernackt?
»Leute, jetzt ist aber genug!« Elegant schwang Christof einen dieser gewaltigen aus Edelstahl bestehenden Suppenschöpfer durch die Luft. »Wir haben eine Menge zu tun! Heute treffen neue Gäste ein. Und wir sind erst ab morgen wieder vollzählig. Über kindischen Kleinkram könnt ihr euch in der Pause unterhalten. Jetzt wird gearbeitet.«
Wie ein Blitz schoss es Jan in den Kopf.
Er musste Liza anrufen!
»Ich muss schnell mein Handy holen«, meinte er mit Blick zum Küchenchef. »Ich habe gänzlich vergessen, Liza über meine Ankunft zu benachrichtigen. Kann ich noch für ein paar Minuten verschwinden?«
Tina warf ihm ein wissendes Lächeln zu. »Nicht einmal drei Tage zusammen – und schon verhaltet ihr euch wie ein altes Ehepärchen … Wann folgt die Hochzeit?«
Hochzeit?
Daran hatte er keine einzige Sekunde lang gedacht.
Wahrscheinlich aus dem einfachen Grund, weil er sich mit Liza dergestalt komplettiert fühlte, als wären sie mittlerweile zwanzig Jahre lang verheiratet – oder länger …
»Geh nur.« Christof nickte knapp. »Wenn wir diese Zeitspanne nicht ohne dich auskämen, dann muss ich wohl meinen Job an den Nagel hängen.« Eben wollte er sich wegdrehen, da hielt er schlagartig inne.
Jan fürchtete bereits eine weitere angedeutete Rüge.
»… Und vergiss nicht, Liza Grüße von uns auszurichten.«
Dankend und mit leichtem Herzen eilte er aus der Küche.
Seine Kollegen und Vorgesetzten waren neben Liza das wunderbarste, das ihm hatte passieren können.
Er hechtete die Stufen hoch, flitzte den Korridor entlang und hielt stolpernd an seiner Zimmertür. Hastig drückte er die Klinke nach unten, rutschte ab – und der goldfarbene Mechanismus schnellte gellend zurück. Der markerschütternde Lärm tat ihm sowohl in den Ohren als auch im Magen sowie in einem jeden einzelnen seiner Zähne weh.
Von dem Schock noch leicht benebelt, trat er ins Zimmer – und wurde von einem intensiven Vanilleduft begrüßt, welcher seinen Nerven sachte Beruhigung schenkte.
Sein Blick schweifte durch den mit gediegenen Holzmöbeln eingerichteten Raum.
Warme Sonnenstrahlen fielen durch zwei kleine mit altrosafarbenen Gardinen umrahmte Kastenfenster, strichen zärtlich über den quadratischen unter dem rechten Fenster befindlichen hellen Holztisch, wanderten weiter über den in Pastellfarben gehaltenen Teppichboden, auf welchem große Blumenmuster prangten, und malten aufgrund der groben Storespitze verschwommene Schattenbilder von Rosen und Veilchen auf die gegenüberliegende feinkörnig verputzte weiße Wand.
Vereinzelte durch die Luft tanzende Staubpartikel funkelten wie kleine Sterne in einer klaren Winternacht – oder wie Schneeflocken während ihres Spaziergangs damals im Schneegestöber …
Liza.
Er stürmte zum Holztisch. Auf dessen linker Seite stand sein Buch – mit dem weiß-goldenen Einband und den goldenen Lettern. Rechts befanden sich aufeinandergestapelte Reise- und Naturzeitschriften. In der Mitte lagen ein Dutzend alte Zettel beschrieben mit törichten Ideen, die zu vermeintlichen neuen Romanen hätten führen sollen. Dazu gesellten sich verpackte Schokoriegel, verstreute Toffees, zwei weiße Plastikkugelschreiber, sein zugeklapptes Elf-Zoll-Notebook, drei noch nicht vollständig ausgefüllte Lohnsteuerjahressausgleiche, Hermann Hesses Briefe- und Gedichtsammlung »Mit der Reife wird man immer jünger« sowie sein schwarzes Portemonnaie, eine Packung Taschentücher und die letzte von ehemals eintausend Visitenkarten, welche er einzig aufgrund seines Autorendaseins hatte drucken lassen.
In anderen Worten: Es wurde allmählich Zeit, ein wenig aufzuräumen.
Er verjagte die unwichtigen Gedanken und richtete den Blick auf den lackierten hellen Holzsessel mit elfenbeinfarbener Stoffpolsterung.
Da lag es – wie er es Donnerstag Abend hingelegt hatte: sein weißes Samsung Galaxy S.
…
Donnerstag … keine vier Tage waren seitdem vergangen. Dennoch schien es wie eine Ewigkeit … wie ein anderes Leben.
Jan aktivierte das Display – nichts geschah.
Akku leer!
Natürlich!
Mit klopfendem Herzen fasste er nach dem Ladekabel, steckte es in die Steckdose und verband es mit dem Smartphone. Quälend langsam vergingen die Sekunden bis das Display zum Leben erwachte und ihm einen ansteigenden Ladebalken zeigte.
Endlich.
Er schaltete das Gerät ein, wartete ungeduldig, bis die charakteristische Samsung-Melodie erklang und er den PIN-Code eintippen durfte. Alsbald das Hintergrundbild erschien – ein NASA-Foto der Milchstraße – rief er die Mailapp auf und wartete auf den Eingang neuer Nachrichten. Keine zehn Sekunden später trudelte Lizas Mail ein, bestückt mit Fotos und ihrer Telefonnummer, welche er sofort zu den Kontakten hinzufügte und daraufhin anwählte.
Drei Freizeichen musste er warten, bis Lizas vertraute Stimme erklang. In dem Augenblick wünsche er sich nichts sehnlicher, denn für immer mit ihr zusammen zu sein.
Würde dieser Wunsch in Erfüllung gehen? Würden sie bald eine Wohnung teilen dürfen? Gemeinsam aufwachen, gemeinsam schlafen gehen, gemeinsam essen, gemeinsam fern sehen?
Damals hatte er nicht im Geringsten geahnt, wie bald und welch schreckliche Ereignisse zu diesem Umstand führen sollten. Ganz zu schweigen von den Strapazen, welche sie beide danach zu bewältigen hatten.
Hätte er zu jener Zeit davon gewusst, er hätte seinen Wunsch expliziter formuliert.

Kapitel 32 – Neuigkeiten
Nach einem anstrengenden Arbeitstag ließ ich mich erschöpft ins Bett fallen.
Anna hatte mir selbstredend einige Fehler unter die Nase gerieben. Glücklicherweise konnte sie mir damit nicht mehr dermaßen wehtun, wie noch eine Woche zuvor. Lediglich ein Gedanke an Jan – und unangenehme Emotionen verpufften. Seine Liebe wirkte wie ein Schild, welcher mich vor sämtlichen Angriffen schützte.
Meine Seele sich leicht wie eine Daune anfühlend kuschelte ich mich tief ins Kissen.
Sollte ich mein neu erstandenes Trailermusic-Album Kaleidoscope von Jo Blankenburg anhören, oder doch lieber nur an Jan denken?
Ich brauchte nicht lange darüber nachzugrübeln, denn mein Herz nahm mir die Entscheidung gerne ab.
…
Wie würde der Samstag verlaufen? Was würde Jan mit mir anstellen?
…
Jäh zog mein Magen sich krampfhaft zusammen.
Das Treffen!
Meine Eltern!
Ich musste noch meine Eltern anrufen! Ich hatte es komplett vergessen …
Dabei war heute bereits Freitag!
Die Woche war wie im Fluge vergangen – einerseits aufgrund der vielen Arbeit im Büro, andererseits aufgrund Jans und meiner ewig andauernden Telefongespräche. Jeden Tag hatten wir uns angerufen, weniger über die Arbeit denn vielmehr über unser Wochenende gesprochen. Über all die erregenden Dinge, die wir getan hatten, und ebenso viel über das Thema Hochsensibilität.
Mit wild hämmernden Herzen griff ich nach dem Handy und rief den Kontakt meiner Mutter auf.
Hoffentlich hatten sie sich nichts vorgenommen … Hoffentlich war ich nicht zu spät dran …
»Liza!« Die Stimme meiner Mutter überschlug sich regelrecht – und ich konnte mich nur mit Glück davon abhalten, einen Satz in die Luft zu machen.
Gab es Probleme? War jemand erkrankt?
Noch nie hatte Mama sich dergestalt aufgewühlt angehört.
»Ist etwas passiert?« Bleierne Sorge umwickelte mein Herz. »Geht es dir gut?«
»Nein, ja … alles bestens!«, rief sie freudetrunken aus. »Du hast ja keine Ahnung, was für gute Neuigkeiten ich habe!«
Mein Herzschlag mäßigte sich. »Gott sei Dank … Du hast mich ungemein erschreckt.«
Großartig besser fühlte ich mich dadurch dennoch nicht. Schließlich war ich eben dabei, ein Treffen auszumachen, damit meine Eltern meinen ersten Freund kennenlernten …
Meinen ersten Freund.
Dreißig Jahre alt hatte ich werden müssen.
Das war doch wahnsinnig …
»Aber ehe du mir sagst, was los ist«, fuhr ich schluckend fort »Eine schnelle Frage: Habt ihr beide am Samstag etwas vor?«
Ein Moment der Stille folgte. »Nun … es kommt ganz darauf an.« Ihr verschwörerischer Tonfall war vieles, jedoch zweifelsohne keine Hilfe, um meine auflodernde Panik zurückzudrängen.
Krampfhaft ignorierte ich ihre eigenartige Bemerkung sowie allfällige Adrenalinausstöße meinerseits. »Ich würde nämlich gerne zu euch kommen. Habt ihr Zeit? Wenn nicht, dann ist es natürlich ebenfalls kein Problem.«
Einer kurzen Galgenfrist war ich nicht abgeneigt …
Selbstverständlich wollte ich meinen Eltern Jan vorstellen. Immerhin liebte ich ihn – wie nichts anderes auf dieser Welt. Ebenso war ich mir der Tatsache gewahr, mit ihm mein restliches Leben verbringen zu wollen. Angesichts der vielen möglichen Komplikationen dieser gänzlich neuen Situation fühlte ich mich allerdings – gelinde gesagt – überfordert.
Ich wollte keine Fehler machen. Weder wollte ich Jan beschämen noch meinen Eltern Schande bereiten.
Und dann gab es da noch mich selbst.
Wie verhielt man sich – neben Eltern und großer Liebe? Welche Themen sollte ich ansprechen? Was würden meine Eltern von Jan denken, wenn dieser mich neben ihnen leidenschaftlich küsste?
Fragen über Fragen, die wie ausgebrochenes Wild durch meinen Verstand hetzten.
»Nein … nein!«, brachte meine Mutter mich zurück in die Realität. »Das trifft sich bestens. Dann erzähle ich dir die tolle Neuigkeit, wenn du bei uns bist.«
Was war es wohl, was sie mir sagen wollte? Hatten sie sich ein neues Auto gekauft? Eine Reise gebucht? Den Garten umdekoriert?
Meine Mutter liebte einen ordentlichen Garten – gepflegte Wiesen, schön geschnittene Hecken und Bäume, üppig blühende Grünpflanzen … Womöglich hatte sie sich endlich diese innigst von ihr gewünschte Trauerweide gekauft und damit die abseitsgelegene sonnenarme moosige Gartenecke aufgehübscht.
»In Ordnung.« Mein Herzschlag beschleunigte sich. Meine Hände begannen zu zittern. »Übrigens habe ich ebenfalls eine kleine Überraschung, welche ich euch am Samstag zeigen werde.«
»Eine Überraschung?«, flötete sie. »Was denn? Kuchen?«
Ich musste kichern.
Wenn sie wüsste! Und welch Augen sie machen würde, wenn sie Jan neben mir erblickte!
»Nein, kein Kuchen … Etwas Besseres.«
»Jetzt hast du mich aber gewaltig neugierig gemacht. Willst du es mir nicht schon jetzt verraten?«
»Nein.« Gut gelaunt aber beträchtlich nervöser schüttelte ich den Kopf. »Keine Chance. Du brauchst dich ja nur bis morgen zu gedulden.«
»Du klingst so fröhlich. Fühlst du dich besser?«
Sie bemerkte meine Stimmungen allzeit viel zu gut …
»Ja, mir geht es tatsächlich viel besser.«
Ein erleichtertes Ausatmen ihrerseits erweckte altbekannte Gewissensbisse. »Das ist ja wundervoll. Dann wird das morgen bestimmt ein wunderschöner Tag.«
Welch fürchterlicher Mensch war ich bloß!
Unerheblich wie weit wir voneinander entfernt wohnten oder wie alt ich war – stets musste ich meinen Eltern Sorgen bereiten.
Eine jede andere Tochter in meinem Alter lebte längst mit einem Partner zusammen. Einzig ich tanzte aus der Reihe.
Hätte ich Jan bloß fünf oder acht Jahre früher kennengelernt! Dann hätten meine Eltern sich nicht andauernd den Kopf über mein Singledasein zerbrochen und Jan und ich hätten uns ewig lange Jahre der Einsamkeit erspart …
Wie dem auch sei. Die Vergangenheit konnte ich nicht mehr ändern. Aber dafür die Zukunft!
Für mich war klar: Ab dem heutigen Tage durfte ich etwaige Probleme unter keinen Umständen mehr preisgeben.
Niemals mehr.
Und mit Jan an meiner Seite musste dieser Vorsatz leicht zu halten sein!
»Ja, es wird sicherlich schön werden«, antwortete ich. »… Zumindest hoffe ich es.«
Ob Probleme, Kummer, Ängste oder nicht – meine Hauptsorge galt nach wie vor dem Zusammentreffen zwischen Jan und meinen Eltern.
Wie würden sie auf ihn reagieren? Würden sie ihn wohl mögen? Würden sie ihn akzeptieren?
»Wann wirst du denn circa bei uns ankommen?«
Ich richtete den Blick zum Fenster, welches mir einen von Wolkentürmen umgebenen blutroten Sonnenuntergang präsentierte. »Um die Mittagszeit, denke ich.«
»Sehr gut. Soll ich für dich mitkochen?«
Ach Mama.
Immerdar bemühte sie sich um mich! Eine bessere Mutter gab es nicht auf dieser Welt.
»Nur, wenn es dir keine Umstände bereitet.«
»Das tut es nie!«, erwiderte sie seufzend-tadelnd. »Und das weißt du auch.«
Ein Grinsen stahl sich auf meine Lippen. »Du hast ja recht … aber ich will schlichtweg nicht zur Last fallen. Das weißt du ja auch.«
Ich vernahm ihr liebliches Kichern. »Das stimmt … Und wie geht es dir in der Arbeit?«
Für den Moment eines Wimpernschlags erhöhte sich mein Herzschlag.
»Besser.«
»Wirklich?«
…
»Ja, wirklich. Ich lüge nicht.«
Dieses Mal nicht. Und hoffentlich auch in Zukunft nicht mehr.
»Ach Liza! Du hast ja keine Ahnung, wie sehr mich das freut! Anscheinend geht es langsam aufwärts, hm?«
Nach Jahrzehnten der Einsamkeit und des Ausgestoßen-Seins hatte ich endlich meine andere Hälfte gefunden. Im Job lief es besser. Und meine Mutter klang ebenfalls unbeschreiblich glücklich.
Es schien nicht nur aufwärtszugehen – es ging aufwärts.
»Es sieht ganz so aus«, gab ich zurück. »Ich kann ehrlich zugeben: Das erste Mal seit Langem fühle ich mich unfasslich gut und leicht.«
»Unfasslich?« Mama gluckste. »So einen Ausdruck hab ich ja noch nie gehört.«
Ich errötete.
Mein Wortschatz, meine Gefühle, mein Auftreten hatten durch Jan eine Hundertachtzig-Grad-Wendung vollzogen.
Meine Seelenhälfte hatte etwas in mir erweckt, das jahrelang ungeduldig darauf gewartet hatte, in Erscheinung treten zu dürfen. Nun hatte es seine Flügel ausgebreitet – mit dem einzigen Ziel: die rechte Gelegenheit abzupassen, um abzuheben und dem Leben entgegenzusegeln. Einem Leben, welches gekennzeichnet war von gegenseitigem Respekt, zärtlicher Liebe und verwichenen Werten.
…
Aber gleichwohl ich nichts lieber tat, denn mich mit Jan auf diese kostbare Weise zu unterhalten, musste ich mich langsam vorsehen. Ein falsches Wort zur falschen Zeit – und ich machte mich zum größten Gespött.
Räuspernd wich ich aus. »Wie mir scheint, bist auch du viel fröhlicher.«
»Das liegt an meiner guten Nachricht.«
»Die du mir nicht sagen willst.«
Sie lachte. »Ganz genau!«
Und ich gähnte. »Dann haben wir morgen ja viel zu bereden.«
»Was soll ich denn kochen?«
Grinsend richtete ich mich auf. »Du kennst mich doch. Ich habe keine Ahnung … Aber warte! …«
In der Vergangenheit hatte sie mich des Öfteren angerufen und gefragt, was sie kochen sollte. Und jedes Mal hatte mir nichts Vernünftiges einfallen wollen.
Nicht so heute.
»Wie wäre es mit einem Burger? Dinkelbrötchen, Hühnerfleisch, Cocktailsoße, Eissalat und Rucola – schmeckt gut und braucht nicht lange. Und wenn du mehrere davon machst, hättest du auch noch welche fürs Abendbrot.«
»Hey, das klingt gar nicht mal schlecht … Ich werde darüber nachdenken.«
Und Jan bekäme eine Portion, ohne Mama über seinen Besuch in Kenntnis setzen zu müssen …
Die mir bis vor vorhin noch gnädig gewesene Müdigkeit nahm allmählich an Kraft zu. Sie drückte meine Lider nach unten, brachte meine Augen zum Brennen und schickte mir dieses kuschelig-schwere Gefühl der Ermattung in die Glieder.
Ich schaute zur kleinen goldenen mir zwanzig Uhr fünfundvierzig anzeigende viereckige kleine Tischuhr, welche ich auf der rechten Bürotischseite platziert hatte. »Ich glaube, es ist besser, wenn wir aufhören. Ich bin schon ungemein müde. Die Gewitter, welche da die letzte Zeit durchziehen, machen mich ganz schön fertig.«
Wetterfühligkeit quälte mich mittlerweile seit einem Jahrzehnt. Einst noch recht selten hatten Beschwerden wie Müdigkeit und leichte Kopfschmerzen sich in den darauffolgenden Jahren stetig erhöht.
Die teils heftigen Gewitter der letzten zwei Tage – selbst mit Hagel und Orkanböen hatte Klagenfurt erneut vorliebnehmen müssen – hatten an meinen Kraftreserven jedoch um einiges beträchtlicher genagt, denn üblicherweise … Nun … womöglich trugen auch Jans und meine bis in die Nacht angedauerten Telefongespräche eine Mitschuld. Schlief ich für gewöhnlich um zwanzig Uhr dreißig längst tief und fest, hatte ich in den letzten Tagen kein einziges Mal vor zweiundzwanzig Uhr die Augen zugemacht.
»Mir gehts nicht anders«, erwiderte meine Mutter. »Morgen sollen auch Regenschauer durchziehen. Vielleicht liegt es ja daran.«
Hoffentlich nicht weitere Gewitter! Jan sollte sich nicht neuerlich dergestalt arg fürchten müssen. Andererseits fand ich seine sanfte Ängstlichkeit überaus niedlich. Seine nackte Panik war es, welche mir das Herz selbst jetzt zusammenzog …
Aber wie auch immer das Wetter morgen werden würde, wenigstens musste Jan sich in Seedorf nicht mit Gewittern herumplagen. Laut seiner Erzählung wurden sie dort zwar öfters von Starkregen heimgesucht – von Blitz, Donner und Hagelstürmen hingegen waren sie in den letzten Jahren durchwegs verschont geblieben.
»Ja, bestimmt liegt es daran.« Ich stand auf, trat zum Fenster und ließ das Rollo hinunter. »Dann sehen wir uns also morgen. Sollte etwas dazwischen kommen, gib mir einfach Bescheid.«
»Mach ich«, antwortete sie. »Also dann … bis morgen, Schätzchen. Und fahr langsam.«
Lächelnd aktivierte ich die Farbwechsellampe. »Das tue ich doch immer … Und grüß Papa von mir.«
»Werde ich. Schlaf gut.«
»Du auch.«
Ich legte auf – und rief sodann Jan an.

Kapitel 33 – Ein alter Anzug
Die schräg einfallenden Strahlen der untergehenden Sonne ließen die Berggipfel erglühen.
Sie erinnerten Jan an Lizas errötende Wangen, an ihre Lippen, an ihre Körperwärme …
Der durch die sanfte Schwüle bedeutend intensiver duftende würzige Geruch der nah und fern wachsenden Gartenkräuter vermischt mit dem süßen Aroma des Waldes, der Wiesen und der Felder, brachte der liebliche Wind von seiner Reise über die Berge und das Land mit. Er umwehte das Hotel, spielte mit Jans Haaren und sauste dann weiter Richtung Hauptbahnhof. Letzte Bienen und Hummeln machten sich brummend und summend auf den Weg nach Hause. Vereinzelte Schmetterlinge suchten sich ein Quartier für die Nacht.
Jan liebte es, nach getaner Arbeit im Hotelgarten auf der verwitterten rauen Holzbank zu sitzen, dem Abendkonzert der Waldvögel zu lauschen und den Tag damit gebührend ausklingen zu lassen.
Sein Blick glitt über die unzähligen blühenden Heilkräuter, die sich nebeneinander aufreihten und ihre schlanken, buschigen und stacheligen Ranken, Blätter und Zweige eifrig gen Himmel streckten – als versuchten sie, die Schäfchenwolken oder Sterne zu berühren.
Der auf der Hinterseite liegende Garten bestach weder durch Größe noch durch Ordnung. Doch genau darin lag sein unverwechselbarer Charme. Jan und Christof jäteten zwar ab und zu, zerdrückten Läuse oder schnitten zu wild wuchernde Pflanzen zurück – im Großen und Ganzen ließen sie der Natur jedoch freien Lauf. Dies wiederum dankten ihnen nicht bloß die üppig gedeihenden Pflanzen, sondern ebenso deren Mitbewohner.
Marienkäfer, Bienen, Schmetterlinge, Vögel, Würmer, Spinnen – sie alle genossen den duftenden Kräutergarten und hielten Schädlinge weitestgehend in Schach – einzig Ameisen und Läuse schienen allzeit einen Weg zu finden, um sich rasend schnell zu vermehren und die prachtvollen Rosen zu belagern.
Der Gesang der auf der Suche nach einem letzten Abendmahl in der angrenzenden Wiese herumspringenden Amseln zauberte Jan ein Lächeln ins Gesicht.
Wenn es das Paradies tatsächlich gab, dann musste es ein Kräutergarten sein …
»Jan!« Tinas fröhlicher Ausruf seines unbedeutenden Namens zerschnitt die abendliche Ruhe. »Hast du ein bisschen Zeit?«
Er blickte zu ihr hoch.
Ein bezauberndes Lächeln ließ die Braut erstrahlen.
»Aber gewiss doch.« Sachte tätschelte er die Holzbank, oder besser gesagt: den freien Platz neben ihm. »Geselle dich zu mir.«
Ein ihm Gänsehaut auslösender Schelm blitzte in Tinas Augen auf. »Du redest nicht mehr wie ein alter Opa … du redest wie irgendjemand aus Zeiten der industriellen Revolution.« Ihr Blick intensivierte sich sekündlich. »Liegt das etwa an Liza?«
Er schluckte.
War es wahrhaftig derart offensichtlich?
»Ja … ich vermute schon.«
Seitdem er und Liza sich ihre Liebe gestanden hatten, fielen all diese wunderbaren Ausdrücke ihm förmlich aus dem Mund. All die Begriffe, welche er in seinem Roman verwendet hatte – Begriffe, welche er zeit seines Lebens hatte aussprechen wollen, in der Vergangenheit allerdings stets unpässlich erschienen waren, wodurch er sie nicht einmal mit Gewalt über die Lippen hatten bringen können.
»Ihr zwei passt echt fabelhaft zusammen.« Unvermittelt erfasste sie seine Hände. »Aber jetzt zu etwas anderes. Wir müssen unbedingt einkaufen gehen.«
Er zog eine Augenbraue nach unten. »Einkaufen? Was und wozu denn einkaufen?«
Ein exorbitantes Grinsen ihrerseits brachte sein Herz geringfügig aus dem Takt. »Na, für meine Hochzeit. Ich brauche ein Outfit.« Ihr Blick nahm abermals an Vehemenz zu. »Und du brauchst einen schicken Anzug, mein feiner Herr.«
Was?!
»Wie … wo … Aber wäre es nicht besser, wenn du diesen Einkauf mit einer guten Freundin erledigst? Ich vermute, ich werde keine besonders große Hilfe darstellen. Zumal ich über die neuesten Trends in Sachen Hochzeitskleider nicht wirklich Bescheid weiß.«
Mit Trends und Mode kannte er sich ebenso wenig aus wie mit Automobilen, Handwerk und Technik.
Schreibarbeit lag ihm da viel eher – und kochen, oder im Garten arbeiten, spazieren gehen und sich mit Liza vereinigen.
…
Ihr in Flammen stehendes Gesicht, wenn er sie zwischen den Beinen berührte …
»Jan.« Tinas perlusorisch empört klingende Stimme verscheuchte jegliche auftretenden Erinnerungen und schickte ihm stattdessen eine unangenehme Hitze ins Gesicht.
»An was für unanständige Dinge hast du jetzt schon wieder gedacht?« Das darauffolgende schadenfrohe Kichern bezeugte einmal mehr, wie sehr sein beschämter Umstand sie erbaute. »Ich will ja gar nicht wissen, was ihr alles angestellt habt.«
Akkurat. Das wollte sie sicherlich nicht.
Ein durch die Luft tanzender Zitronenfalter zog Jans gesamte Aufmerksamkeit auf sich.
Wie ein Blütenblatt im Wind flatterte dieses zerbrechliche Geschöpf durch die schwere Abendluft. Nach einigem Hin und Her ließ dieser sich auf eine sich schließende Ringelblume nieder und naschte ein letztes Mal für den heutigen Tag von ihrem köstlichen Nektar.
»Es wird Zeit für frische Ringelblumensalben«, murmelte Jan, einerseits an den wachsähnlichen Geruch von aufkochender Vaseline denkend, andererseits die klebrigen orangefarbenen und gelben Blumen anblickend, welche sich wie ein überdimensionales Kissen neben dem dunkelrot blühenden Rosenstrauch ausgebreitet hatten. »Die Regenschauer müssen bloß einmal längere Zeit ausfallen, dann könnte ich fünf oder sechs Tiegel Salbe machen.«
»Zuerst gehen wir aber einkaufen.«
Sein Blick schweifte zu seiner besten Freundin zurück. »Mit solchen Dingen kenne ich mich wirklich kein bisschen aus.«
Darüber hinaus besaß er einen ihm wie angegossen passenden eleganten Anzug.
Seine rothaarige Kollegin klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Das muss es auch nicht. Dafür kenne ich mich ja aus. Und deswegen wirst du mit mir einen Anzug kaufen gehen. Weiß der Teufel, was du dir andrehen lässt, wenn ich nicht dabei bin.«
Was sollte denn diese Anspielung …?
»Bisher vermochte ich es stets, mein Gewand alleine auszusuchen.« Er konnte sich nicht erinnern, jemals irgendetwas Unpässliches erstanden zu haben. »Du hast meinen Anzug doch gesehen.«
»Dein Arbeitsgewand?«
»Nein … mein schwarzer Anzug.«
Sie überlegte fieberhaft. Dies war gut an ihrem hochwandernden Blick wie den schürzenden Lippen zu erkennen.
»Ah!« Sie streckte den Zeigefinger in die Höhe. »Du meinst den alten Fetzen aus den Neunzigerjahren?«
Himmelherrgottsakrament!
»Solchermaßen alt ist er nicht!«
Sie warf ihm einen Bist-du-dir-wirklich-ganz-ganz-sicher-Blick zu. »Der Schnitt ist alt, der Stoff ist alt, alles ist alt.«
»Jetzt hör mir aber auf! Diesen habe ich mir in meiner Zeit als Schriftsteller gekauft.«
Und seiner Mutter hatte dieser ausgesprochen gut gefallen. Selbst Janina war hin und weg gewesen – und das mochte etwas heißen!
»Das war vor ungefähr zehn Jahren«, nörgelte seine beste Freundin. »Also schon vor einer halben Ewigkeit.«
»Nein«, korrigierte er. »Acht.«
»Na siehst du!« Tina machte eine ausladende Geste. »Dann wird es allerhöchste Zeit! Du musst für Liza doch hübsch aussehen.«
»Dafür reicht mein normaler Anzug.«
Weshalb neues Gewand kaufen, wenn das alte noch so gut wie neu aussah?
»Willst du mich etwa absichtlich beschämen?«
Ihr gekränkter Gesichtsausdruck schmerzte ihm in der Seele.
Grundgütiger!
Was hatte er nur wieder angestellt?!
»Nein … selbstverständlich nicht.« Kälte glitt ihm in die Extremitäten. »Ich … ich wollte lediglich –«
Ein mildes Lächeln ihrerseits brachte seinem aufgebrachten Herzen sanfte Erleichterung. »Ich will dir doch bloß etwas Gutes tun. Jack hat gerne eingewilligt, dir einen Anzug zu kaufen. Du brauchst also kein schlechtes Gewissen haben … sollte es darum gehen.«
Sie hatte ihn auf frischer Tat ertappt.
»Aber ein Anzug ist teuer«, protestierte er leise. »Meinetwegen brauchst du dich nicht in Unkosten zu stürzen.«
»Unkosten!« Kopfschüttelnd machte sie eine wegwerfende Handbewegung. »Jan, das sind doch keine Unkosten. Wir sind Freunde. Außerdem verdient Jack genug, um einen weiteren Anzug zu kaufen.«
»Das ist mir dennoch peinlich.«
»Braucht es aber nicht.« Mit ihrem Finger stupste sie ihm liebevoll auf die Nasenspitze. »Du bekommst einen superklasse Anzug. So wie James Bond … oder Jack Reacher.«
Jetzt wurde es wunderlich.
»Jack Reacher? Der besitzt lediglich ein Hemd, eine Hose und eine zusammenklappbare Zahnbürste.«
Sie grinste. »Na, passt doch umso besser zu dir – du Purist.«
Herrgott!
»Das stimmt gar nicht.«
»Teilweise schon.«
Teilweise?
»Was willst du damit andeuten?«
»Seitdem ich dich kenne, habe ich dich immer nur in deinem Arbeitsoutfit gesehen. Besitzt du überhaupt etwas anderes, als die Kellnerkluft und deinen uralten Beerdigungsanzug?«
»Himmelherrgott!« Er erhob sich. »Was willst du eigentlich? Mich necken oder mit mir reden?«
Manchmal war Tina unmöglich.
Etwas Ähnliches wie Reue huschte kurzzeitig über ihr strahlendes Gesicht. »Es tut mir leid.« Sie stand ebenfalls auf und trat zu ihm. »Ich wollte dich bloß ein wenig ärgern.«
»Dachte ich mir.« Seufzend drehte er sich zum duftenden Garten. »Natürlich besitze ich mehrere Kleidungsstücke. Aber wann hätte ich sie anziehen sollen? Die meiste Zeit arbeite ich – und eine Beziehung hatte ich in all den Jahren nicht. Wozu also ein Freizeitoutfit überstreifen, wenn ich nirgendwo hingehe?«
»Aber nun hast du Liza. Und es ist meine Hochzeit. Da will ich dich tipptop angezogen an meiner Seite haben. Wie ein Model.«
Was hatte alle Welt seit Neuestem damit, ihn als Model zu titulieren?
Bis vor einer Woche hatte er ein einsames Dasein gefristet. Von Theo und den Hotelbediensteten einmal abgesehen, hatten Personen ihn durchgehend ignoriert – Frauen im Besonderen, Männer und Kinder im Allgemeinen.
»Ich sehe nie wie ein Model aus.« Für das nette – dennoch nicht korrekte – Kompliment ihr ein dankbares Lächeln zuwerfend rieb er sich die Augen. »Aber wenn es dir eine solche Freude bereitet, bin ich gerne gewillt, mit dir einkaufen zu gehen. Schließlich sind wir beste Freunde.«
Sie nahm ihn in eine innigliche Umarmung. »Ganz genau. Und darum lass dich von mir einladen.«
Dankbarkeit und zage Verunsicherung bescherten ihm warme Wangen. »Danke dir.«
»Und wie geht es Liza eigentlich in der Arbeit?« Tina machte einen Schritt zurück. »Läuft es noch immer gut?«
Er hatte Tina ein wenig über Lizas Mobbingprobleme berichtet. Nicht sämtliche Geschichten, vor allem nicht diejenigen aus ihrer weit zurückliegenden Vergangenheit, dafür einige Geschehnisse der letzten Monate.
»Ja, sie setzte sich das erste Mal gegen ihre Kollegin durch. Und diese besagte Kollegin meidet Liza nun.«
»Das klingt ja großartig!«
Gemeinsam ließen sie sich wieder auf die von der bereits untergegangenen Abendsonne erwärmte Holzbank nieder.
»Hoffentlich wird die Situation sich noch weiter verbessern.«
Liza sollte jeden Tag mit einem guten Gefühl in die Arbeit fahren dürfen.
Ein jeder Mensch sollte dies.
»Ganz bestimmt!« In typisch fröhlicher Tina-Manier warf sie ihm ein schier explodierendes Grinsen zu – umrahmt von roten Lippen und zwei niedlichen Grübchen. »Weil Glück in der Luft liegt.«
Er lächelte zurück. »Da hast du zweifelsohne recht.«
»Natürlich habe ich das«, erwiderte sie frech. »Schließlich werde ich bald heiraten. Ich. Die abgedrehte Tina, die Männern höchstens auf die Nerven geht.«
»Dermaßen schlimm bist du wirklich nicht«, gab er kichernd zurück. »Manchmal ein wenig ungestüm, aber sicherlich nicht nervig.«
Es folgte ein weiterer Bist-du-dir-wirklich-ganz-ganz-sicher-Blick. »Manchmal strapaziere ich eure Nerven schon gewaltig.« Ihrem darauffolgenden erheiterten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien sie sich an diesem Umstand nicht wirklich zu stören. »Aber ohne mich wär’s auch ziemlich langweilig.«
Er wusste nicht, ob oder wie er auf diese Äußerungen reagieren sollte. Immerhin wollte er sie weder beleidigen noch verletzen. Aus diesem Grunde schwenkte er ganz ungeniert in eine andere Richtung. »Wie sieht es überhaupt mit dem Hochzeitsessen aus? Habt ihr euch entschieden?«
Laut Tinas Angaben standen Lammfleisch in Sauerrahmsoße, gebackener oder gebratener Hecht, Geflügelrollbraten, Grillspieße mit Scampi sowie Rindsbraten zur Auswahl.
»Wir haben uns darauf geeinigt, alle Speisen anzubieten. Gerade weil es heutzutage viele Allergiker gibt, dachten wir, dass eine große Auswahl da besser ist.«
»Tolle Idee.« Er strich sich einige von einer Windböe ins Gesicht gewehten Haarsträhnen zurück. »Aber dann fehlt euch ein vegetarisches Menü.«
»Ich wäre ja nicht Tina, wenn ich nicht auch daran gedacht hätte, oder?«
Kichernd schüttelte er den Kopf. »Wo denke ich nur hin?«
»Für eventuelle Veganer«, erklärte sie mit Stolz geschwelter Brust. »Gibt es einen Gemüseauflauf – ohne Milch aber dafür mit Soja und Tofu.« Sie krauste die Stirn. »Was so viel wie das Gleiche ist … Wie kann man so etwas nur hinunterwürgen?«
Er lachte.
Ja, das fragte er sich manchmal ebenfalls. Gesunde Ernährung schön und gut, doch ab und an einmal etwas Fleisch, Fisch und Eier gehörten genauso zu einer ausgewogenen Mahlzeit, wie Gemüse, Obst und Dinkelbrot.
»Und was habt ihr euch als Nachspeise ausgedacht?«
»Pudding, Eis, verschiedenste Torten und Fruchtschalen garniert mit Schokosoße.«
Solch köstliche Speisen!
»Jetzt werde ich hungrig.«
Glucksend rieb Tina sich den Bauch. »Das wird ein einziges großes Fressen!«
Jans klingelndes Handy unterbrach die vergnügliche Unterhaltung.
Liza, schoss es ihm sofort in den Kopf. Das muss Liza sein.
Mit prickelnden Wangen griff er nach dem neben sich liegenden Telefon.
»Ist das dein Herzblatt?«, vermutete Tina richtig.
Er nickte ihr entschuldigend zu. »Ja, kann ich –« Er deutete auf das Handy.
»Natürlich, natürlich …« Beschwingt und breit lächelnd hüpfte Tina von der Bank. »Richte ihr einen Gruß aus – und redet nicht zu viel unanständiges Zeugs.« Ein letztes Zuzwinkern folgte, dann war sie verschwunden.
Unanständiges Zeugs …
Dies taten sie ohnehin nicht durchs Telefon – bestenfalls wenn sie sich in den Armen hielten.
Andererseits … die Gespräche über ihre gemeinsame Zeit und den langen Stunden im Bett waren auch nicht eben unschuldig ausgefallen …
Kitzelnde Schmetterlingsschwärme im Bauch spürend hob er ab – und Lizas liebliche Stimme erklang. »Hallo, meine Seelenhälfte. Wie geht es dir?«
Wie jedes Mal fühlte er sich schlagartig um unzählige Tonnen Geröll erleichtert.
»Ich vermisse dich gar so sehr«, gestand er seufzend. »Eine jede vermaledeite Sekunde.«
Noch nie zuvor in seinem Leben hatte seine Sehnsucht derart schmerzhafte Ausmaße angenommen, wie es bei Liza der Fall war. Jeder Atemzug, jeder Schlag seines Herzens war gefüllt mit Erinnerungen an diese wundervollen Tage des baren Glückes. Sobald er die Lider schloss, fühlte er ihre Lippen auf seinen, spürte die Hitze ihres Körpers, sah ihre ihn demütig musternden Augen, hörte ihre verhaltenen Seufzer …
»Nur noch eine Nacht schlafen«, erwiderte seine Traumfrau erheitert. »Dann sehen wir uns.«
»Gott sei Dank!«
Seine vor Melodramatik triefende Äußerung entlockte ihr ein herzhaftes Lachen. »Ich habe meinen Eltern Bescheid gegeben, dass wir um die Mittagszeit ankommen. Das passt, oder?«
Frisches Glück rauschte ihm durch die Adern.
Und wie dies passte!
Dann durften er und Liza sich für die Autofahrt genügend Zeit lassen, was bedeutete: kurze Stopps für lange Küsse, und womöglich sogar mehr …
Sein Herz machte einen Sprung – seine Männlichkeit regte sich unwillkürlich.
»Fabelhaft, meine Teure.« Sein Blick glitt über den dämmernden dunkelroten Abendhimmel. »Ich kann es kaum erwarten.«
Das Zusammentreffen mit ihren Eltern ebenso wenig wie eine neue gemeinsame Nacht gefüllt mit leidenschaftlichen Liebesspielen, intimen Gesprächen, zärtlichen Küssen …
Konnte sein Leben noch besser werden?

Kapitel 34 – Schwiegersohn in spe
Was sollte ich anziehen? Was würde Jan mehr gefallen?
Das kurze schwarze Cocktailkleid oder das bunte Glockenkleid?
Nach einigem Hin und Her entschied ich mich für das Bunte. Erstens fühlte ich mich durch die kräftigen Farben gleich doppelt fröhlich. Zweitens liebte ich den weichen Stoff. Und drittens besaß ich farblich dazu passende flache Schuhe, welche sich für einen möglichen Spaziergang im Walde weitaus besser eigneten als Highheels.
Flott zog ich mich an, fasste nach meiner großen cremefarbenen Handtasche, in welcher ich frische Unterwäsche, Duschgel und eine Zahnbürste gesteckt hatte, und eilte hinunter zum Parkplatz.
Die frühe Sonne lachte von einem stahlblauen Himmel. Sperlinge schimpften gut versteckt in Büschen und Bäumen. Der meine Nerven seit jeher schnell überstrapazierende Lärm tobender Kinder hallte vom gegenüberliegenden Spielplatz herüber zu mir – und entlockte mir ein Lächeln.
Seufzend ließ ich mich auf den Fahrersitz nieder.
Das erste Mal fühlte ich mich glücklich wie ein Kind – sorglos, leicht und frei.
…
Vorfreude.
Dergestalt heftig wie heute hatte ich sie jahrelang nicht mehr empfunden.
Würde sie halten, was sie mir versprach?
Wenn ich Jan in die Arme schließen durfte, würde das Gefühl der Liebe sich gleich anfühlen, wie während unseres Abschieds, während unseres Wochenendes, während unserer mit berauschender Leidenschaft genährten Nächte?
Würde Jan mich mit denselben leuchtenden Augen anblicken? Würde er mir ein liebliches »meine Teure« zuraunen und mich inniglich küssen?
Nicht selten hatte ich die letzten Tage gezweifelt und gebangt.
…
Ein solch wunderschönes Wochenende … Konnte eine derartige Zeit sich überhaupt wiederholen?
Ich verdrängte sämtliches Misstrauen, startete durch und fuhr los.
Nach einer zweistündigen Fahrt, welche gefüllt war mit actionreicher Trailermusic, vielen Traktoren und ungleich mehreren Radfahrern erreichte ich das Hotel dennoch eine Stunde zu früh.
Im ersten Augenblick hätte ich es beinahe nicht mehr wiedererkannt, dergestalt anders sah es aus ohne Schnee und Weihnachtsbeleuchtung.
Dutzende die Parkplätze umsäumende Rosensträucher stellten ihre bunte Blütenpracht stattlich und frech zur Schau. Dichter dunkelgrüner Efeu bedeckte den gesamten Sockel sowie Teile der dunkelbraunen Holzfassade. Und Balkonpflanzen, welche von geschnitzten Blumenkästen unter einem jeden Fenster Richtung Boden wuchsen und opulente tellergroßen Blüten trugen, schenkten dem urigen Gebäude eine zusätzliche familiäre Note.
Mit wildem Herzen parkte ich den Wagen in die letzte freie Parklücke und stieg aus.
Was würden die Bediensteten von mir halten? Würden sie mich hassen? Würden sie mich ignorieren? Derart unverschämt, wie ich abgereist war, hätte ich es verstanden, wenn niemand mehr sich mit mir unterhalten wollte …
Meine Hand auf der Türklinke der schweren Holztüre ruhend atmete ich einmal tief ein und aus und ordnete meine Gedanken.
Was brachte es, mir den Kopf zu zerbrechen? Ich konnte ohnehin nur abwarten und auf das Beste hoffen. Zudem würde Jan bei mir sein. Somit durfte nicht viel schiefgehen, oder?
Andererseits gab es da noch Tina. Sie würde mich ganz gewiss nicht ungeschoren davonkommen lassen …
Ich atmete abermals durch, drückte die Klinke nach unten und trat ein.
Der Eingangsbereich mitsamt seinem Holz-Vanille-Duft hatte sich kein bisschen verändert. Und wie an jenem Abend im Januar stand Michi auch heute hinter der Rezeption. Doch im Gegensatz zu unserer ersten Begegnung erhellte seine Miene sich schlagartig, alsbald er sich meiner gewahr wurde.
»Liza!« Seine fröhliche Erwähnung meines Namens trat eine Flut an Gewissensbissen los, welche mir schmerzhaft den Magen zusammenkrampften. »Schön, dich zu sehen. Jan ist noch in seinem Zimmer. Aber bestimmt ist er bald fertig.«
Weder erkannte ich Anzeichen von Wut oder Verärgerung noch von Vorwürfen oder Argwohn – nicht einmal ein angedeuteter schiefer Blick entfuhr ihm.
Das hatte ich fürwahr nicht verdient!
Lächelnd trat der dunkelhaarige junge Mann zu mir und reichte mir die Hand, welche ich sodann ergriff.
»Wir haben schon vermutet, du würdest uns nie mehr besuchen.«
»Nun … ja …« Stotternd wie peinlich berührt ob der Richtigkeit seiner angedeuteten Vermutung, versuchte ich eine passende Antwort zu geben. »Ich hätte auch nicht gedacht, heute hier zu stehen.«
Etwas schönreden, herunterspielen oder eine Lüge aussprechen – dies machte keinen Sinn mehr.
Fakt war: Wäre ich mit Jan nicht zusammengekommen, hätte ich dem Hotel niemals mehr einen Besuch abgestattet – und dazu sollte ich stehen, wenn ich noch einen restlichen Funken Anstand in mir trug.
»Umso schöner ist es, dich endlich wiederzusehen.«
Ich zuckte zusammen.
Eine beschleunigte Herzfrequenz, leichte Atemnot und ein abrupt beginnendes Rauschen in den Ohren wurden von meinen blank liegenden Nerven gleichermaßen ausgelöst wie ein unmöglich zu unterdrückendes Zittern der Knie.
Manfred.
Hatte er sich anprangernd angehört? Oder etwa angenervt? Brüskiert?
Ich konnte mich nicht mehr erinnern …
Mit beträchtlich härterem Herzklopfen drehte ich mich zum Hotelbesitzer um.
…
Fröhliche Augen, rosa Wangen, ein herzliches Lächeln – Manfreds rundliches Gesicht strahlte wie eine Sonne. Seine gute Laune schien geradezu greifbar.
Welch Glück für Jan, einen solchen wunderbaren Menschen als Chef haben zu dürfen!
»Ich bin mir aber sicher«, sprach Herr Weiß vergnügt weiter. »Du hättest nicht mehr bei uns vorbeigeschaut, wenn Jan nicht gewesen wäre, nicht?«
Er hatte wie immer recht.
Schuldgefühle versetzt mit Scham sekündlich in mir anwachsend schüttelte ich seine Hand. »Ja, höchstwahrscheinlich.«
Jäh wurden seine Züge strenger – und mein Magen verwandelte sich in ein Felstrumm sondergleichen.
»Wie geht es dir? Fühlst du dich besser?«
…
Wie?
…
Ich blinzelte.
…
Keine Schelte? Keine weiteren Anmerkungen? Keine Stichelei?
…
Eine leichte Gänsehaut jagte mir über den Rücken hinweg bis in den Haaransatz. »Ich … ja … warum?«
…
Hatte Jan ihm etwa von meinen Schwierigkeiten erzählt?
Und wenn er dies tatsächlich getan hatte … weshalb? Immerhin würde ich Jans vergangene Probleme ebenso wenig zur Sprache bringen wie seine Gewitterangst. Darüber hinaus –
»Gehen wir in mein Büro«, unterbrach der Hotelbesitzer meine rasenden Gedanken. »Dort können wir uns etwas ausführlich unterhalten.«
Bevor wir uns in Bewegung setzten, trug er Michi noch auf, Jan nachzuschicken, sobald dieser im Foyer auftauchte.
Von alldem nahm ich jedoch bloß am Rande Notiz.
Ich fühlte mich zu aufgekratzt, zu schuldig, zu verwirrt, zu … allmählich einem Nervenzusammenbruch nahe.
Was war hier los? Worauf spielte Manfred an?
Alsbald ich mich auf den weich gepolsterten mit dem eingeschnitzten Edelweiß auf der Rückenlehne prangenden Sessel niedergelassen hatte, beäugte Manfred mich eindringlich.
»Du denkst, Jan hätte mir brühwarm jegliche Dinge aus deinem Leben erzählt, nicht?«
Himmel!
Manchmal schien Manfred tatsächlich Gedanken lesen zu können.
»Nun –« Mich ertappt fühlend strich ich mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. »… ja.«
Seine Lippen formten ein sanftes Lächeln, welches meine Nervosität unseligerweise keinen Prozentsatz zu senken gelang. »Um bei der Wahrheit zu bleiben: Ja, er hat mir davon erzählt. Aber nur aus dem Grund, weil ich ihn darum gebeten habe.«
Was?!
…
Weshalb wollte Manfred über mein Wohlergehen Bescheid wissen? Er kannte mich nicht, wusste nichts über mich. Wir waren uns gänzlich fremd.
Was hatte dies zu bedeuten?
»Ich habe Erfahrung mit Depressionen.«
Seine unerwartete Äußerung war vergleichbar mit einem Schlag ins Gesicht.
Weshalb ich solchermaßen bestürzt empfand, verstand ich allerdings nicht.
»Ich kenne die Anzeichen. Bei dir habe ich sie schon gesehen, als du weggefahren bist … Es war sehr heftig damals, nicht?«
Ich hatte meine schwere Not damit, nicht sofort in Tränen auszubrechen. Zum einen lag dies an der hereinbrechenden Erkenntnis, doch nicht jedem gleichgültig zu sein, zum anderen an Manfreds bedeutungsschweren Worten selbst, welche sämtliche Seelenschmerzen der letzten Jahre mit einem einzigen unscheinbaren Satz Form verliehen.
»Ja«, würgte ich nach einigen Momenten hervor. »Es war schlimm.«
Zu schlimm. Fürchterlich schlimm. Die Hölle auf Erden.
»Und wie geht es dir jetzt? Ist das Gefühl der Bedrückung noch immer präsent?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nahezu verschwunden.«
Manfreds Gesicht begann aufs Neue zu leuchten. »Das sind ja wunderbare Nachrichten!«
Und ich hoffte inständig, solche Seelenschmerzen niemals mehr empfinden zu müssen.
Meine Nerven sich zögerlich entspannend nickte ich ihm zu. »Doch das habe ich alles nur Jan zu verdanken … und dir –«
Ein Klopfen an der Tür veranlasste mich, innezuhalten und mich umzudrehen.
Alsbald Manfred ein »Herein« verkündet hatte, öffnete sich die Holztür mit bedächtiger Ruhe – und ein überglücklicher nach mir Ausschau haltender Jan betrat das Büro. Unbändige Freude und Neugier in seinen Augen wurde miteins von Liebe, Bewunderung und Erleichterung verdrängt. Seine Emotionen brauchten nicht lange, bis sie den Raum, meinen Körper und letztlich meine Seele und meinen Geist überschwemmten.
Was mich für die ersten Sekunden vollends lähmte, waren jedoch weniger Jans Emotionen denn vielmehr sein unglaublicher Anblick.
Ein cremefarbenes lockeres Hemd, darüber eine pechschwarze mit anthrazitfarbenen feinen Linien versehene verschlossene eng anliegende Weste, eine schwarze Hose mit denselbem Muster sowie glänzend schwarze Schuhe – daraus waren meine sinnlichsten Träume gemacht.
Die Haare trug er locker zurückgekämmt. Dennoch hatten ein paar goldbraune Strähnen sich gelöst, welche ihm nun frech verspielt über die Stirn hingen.
Nachdem ich mich halbwegs gefangen hatte, sprang ich ohne weiter darüber nachzudenken aus dem Stuhl hoch und fiel ihm in die Arme.
»Ich dachte eine jede einzelne Minute an dich«, hörte ich ihn raunen. »Wie geht es dir?«
Betäubt durch seine Gegenwart war es mir unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Daher tat ich das einzig Vernünftige und drückte mein Gesicht an seine Brust, sog den frischen Duft seines Aftershaves tief ein, ließ sämtliche seiner Emotionen meine Seele erhellen.
…
Ich war so dankbar.
Nichts hatte sich geändert.
Meine Ängste waren vollkommen unbegründet gewesen.
Nach wie vor liebte er mich auf diese wundervolle Weise.
»Einerseits ist die Zeit so schnell vergangen«, gelang es mir irgendwann atemlos zu wispern. »Andererseits kommen mir diese fünf Tage im Nachhinein wie eine Ewigkeit vor.«
»Mir erging es nicht anders.« Um mir in die Augen sehen zu können, zog er mich ein kleines Stück zurück.
Und was ich da erkannte, löste heißkalte mich zum Beben bringende Schauer aus – und den Wunsch, ihn zu küssen, zu liebkosen, mit ihm alleine zu sein, um all die sinnlichen Dinge zu tun, die wir letztes Wochenende getan hatten.
Zärtlichst glitten seine zierlichen Hände durch mein Haar – sie schenkten mir Adrenalin wie aus Erregung entstandene Müdigkeit, Liebe und Geborgenheit. »Umso glücklicher fühle ich mich, nun zu deinen Eltern zu fahren. Ich bin unheimlich gespannt, sie kennenzulernen.« Diese Worte gesprochen hauchte er mir einen kurzen Kuss auf meine ihn sehnlichst vermissenden Lippen.
»Ihr dürft euch ruhig richtig küssen«, vernahm ich Manfreds heitere Stimme in meinem Rücken.
Himmelherrgott!
Ich hatte den Hotelbesitzer komplett vergessen …
Mit brennenden Wangen und turbulentem Herzschlag drehte ich mich zu ihm um.
»Dürfen wir –« Ein ungewolltes Schlucken hinderte mich daran, fortzufahren.
»Natürlich dürft ihr!«, erwiderte er lachend.
»Nein … ich meine –« Nach Atem und Begriffen ringend versuchte ich weiterzusprechen. »Ich meinte: Dürfen wir losfahren? … Oder gibt es noch etwas Wichtiges zu besprechen?«
»Jan hat heute frei. Und du arbeitest nicht mehr für mich.« Seine Lippen formten ein gigantisches Lächeln. »Ihr könnt also gehen, wann und wohin ihr wollt.«
»Vielen Dank.«
Jan hakte sich bei mir ein. »Und ich danke vielmals für den Urlaub.«
»Keine Ursache.« Manfreds Augen zeigten einen unheilvollen Glanz. »Aber jetzt geht nur … genießt die Stunden der Zweisamkeit.«
Eine neue Hitzewelle über mich hereinbrechend zog Jan mich aus dem Zimmer. Sobald er die Tür geschlossen hatte, ließ er von mir ab, um mein Gesicht zu umfassen und mich ein weiteres Mal intensiv zu betrachten.
Würde er mich nun richtig küssen?
Nichts begehrte ich mehr. Einzig ihn – seine Lippen, seine Zunge, seine Liebe, seinen Körper …
Diese wunderschönen hellgrünen Augen, die hellbraunen sanft geschwungenen Augenbrauen, das elysische Gesicht, die blassrosa Lippen … errötende Wangen, liebliches Lächeln … Gleich würde es soweit sein – gleich würden unsere Lippen sich berühren, unsere Zungen sich necken, unsere Körper sich aneinanderschmiegen.
»Übernachten wir hier oder bei deinen Eltern?«
…
Wie?
Blinzelnd versuchte ich seine Frage zu verstehen.
Vergeblich.
»Liza?« Mit Entzücken durfte ich beobachten, wie seine rechte Augenbraue sich nach unten zog.
Ich atmete tief ein. »Was … was meinst du?«
Ein lieblich-verschmitztes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. »Ich wollte bloß wissen, ob wir hier im Hotel oder bei deinen Eltern übernachten.«
Allmählich vermochten seine Worte es in meinen Verstand vorzudringen.
»Nun … ich –«
Darüber hatte ich keinen einzigen Moment lang nachgedacht – weder heute noch in den vergangenen Tagen.
»Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.«
Sein Lächeln wuchs an. »Hatten dich dann – ähnlich wie mich – unanständige Gedankenspiele abgelenkt?«
Viel heißer konnte es mir fürwahr nicht mehr werden …
Räuspernd versuchte ich, das Thema zu wechseln. »Ist Tina hier? Ich wollte sie kurz begrüßen … Weil ich doch ohne Verabschiedung weggefahren bin.«
Seine Züge nahmen verständnisvolle – nein … wissende – Milde an.
Meine gewaltige Sehnsucht nach ihm war mir abermals deutlich anzusehen!
Himmel!
Es war mir peinlich … solchermaßen peinlich. Hoffentlich gelang es mir bald, dieser sekündlich anwachsenden Begierde Herr zu werden.
…
Aber die Autofahrt würde lang werden … Jan sah atemberaubend aus …
O Gott, o Gott …
»Ja, sie ist da. Ich glaube, sie hält sich zurzeit in der Wäschekammer auf. Sollen wir kurz zu ihr schauen?«
Ich nickte.
Dann konnte ich ihr zur Verlobung gratulieren … und in weiterer Folge mich dadurch von Jans charmant-erregendem Aussehen ablenken –
Jans Lippen, welche sich unvermutet auf meinen wiederfanden, entrissen mir sämtliche Überlegungen, um stattdessen reine, grenzenlose Lust zu entfesseln – exakt den Umstand, welchen ich zu verhindern versuchte!
Das liebevolle Gleiten seiner Zunge und seine meinen Po zärtlich knetenden Hände löschten meinen gesamten Verstand, entlockten mir ungewollte Seufzer und sanft-ziehende Gefühle zwischen den Beinen.
Grundgütiger!
Wenn Jans Kuss nicht bald ein Ende fand, würden wir es wahrscheinlich nicht weiter denn in sein Zimmer schaffen …
»Da sind ja die zwei Frischverliebten!«
Ein Kübel mit eiskaltem Wasser über meinen Kopf ausgeschüttet – exakt dieselbe Wirkung erzielte die Äußerung dieser allzu bekannten weiblichen Stimme – infolge dessen wir uns voneinander losrissen.
»Tina«, keuchte Jan mit dunkelroten Wangen und weit aufgerissenen Augen. »Wir wollten eben zu dir.«
Ihr mit Schelm gefüllter Blick pendelte zwischen uns hin und her. »Ich denke wohl eher, dass ihr auf den Weg in dein Zimmer wart.«
»Nein, nein … ich … wir wollten –«
Um die fürchterliche Situation etwas zu entschärfen, reichte ich dem rothaarigen Energiebündel die Hand. »Ich wollte dir alles Gute zu deiner Verlobung wünschen.«
Sie machte eine wegwerfende Geste. »Ach, lassen wir doch das Händeschütteln.« Und damit schloss sie mich in eine feste Umarmung. »Du hast mir meinen Ehemann gebracht. Ohne deine und Jans Hilfe hätte ich ihn niemals näher kennengelernt. Das werde ich nie vergessen.«
Eine nächste Hitzewelle überkam mich – eine Hitze geboren aus Verlegenheit, Freude und Glück.
»Ich glaube, ihr hättet euch auch ohne unsere Hilfe gefunden.«
Wir ließen voneinander ab.
»Du weißt genau, dass das nicht stimmt.« Ihr Gesichtsausdruck härtete sich geringfügig. »Also, nimm das Lob ruhig an.«
Währenddessen ich mir ein paar Haarsträhnen hinter das rechte Ohr strich und nebenbei Argumente suchte, um Tinas Erwiderung zu entkräften, spürte ich, wie Jans Arm sich um meine Taille schlang. Behutsam zog meine Seelenhälfte mich zu sich, küsste mich auf die Wange – ein glückseliges Lächeln auf den Lippen zur Schau tragend.
»Und?«, fragte Tina. »Wo geht es denn jetzt hin? Ins Schlafzimmer? Zu Lizas Eltern? Oder vielleicht in die nächstgelegene Therme?«
Es war gut zu erkennen, wie viel Mühe Jan es machte, um sich von meinem Anblick zu lösen und Tina anzuschauen.
Was diese Erkenntnis in mir hervorrief, vollbrachte ich nicht in hundert Jahren zu beschreiben.
Ein weiterer dieser unschätzbaren Liebesbeweise, welche mit Geld oder materialistischen Gütern niemals aufzuwiegen war …
»Wir fahren gleich zu Lizas Eltern.« Dies gesprochen schenkte er mir wieder seine gänzliche Aufmerksamkeit. »Ich bin neugierig … aber auch gewaltig aufgeregt. Hoffentlich mache ich einen guten ersten Eindruck.«
»Mit diesem Outfit?« Tina beäugte ihn kritisch. »Wenn sie nichts gegen altmodische Klamotten haben – dann bestimmt.«
Noch ehe Jan etwas entgegnete, spürte ich dessen Schamgefühl in meinem Innersten.
Seine Emotionen nun ebenfalls gut in seinem Antlitz widerspiegelnd schüttelte er irritiert den Kopf. »Wieso fängst du erneut damit an?«
Seine Kollegin warf uns ein entschuldigendes Lächeln zu und klopfte ihm dabei besänftigend auf die Schulter. »Es tut mir leid.« Ein kurzes Achselzucken folgte. »Du kennst mich ja. Manchmal rede ich schneller, als ich denke.«
Offensichtlich hatte Tina einmal sofort bemerkt, wie sehr ihre Aussage Jan verletzte.
Meine Seelenhälfte stieß einen zagen Seufzer aus. »Na gut … Ich gebe gern zu, er ist mittlerweile etwas in die Jahre gekommen. Schließlich habe ich ihn damals für meine Buchvorstellung gekauft. Dennoch bedeutet dies noch lange nicht, ihn deshalb nicht mehr tragen zu dürfen.«
»Ich wollte dich wirklich nicht verunsichern«, ruderte Tina weiter zurück. »Tut mir echt leid. Ich nehme alles zurück.«
Um ihm selbst den letzten Zweifel zu rauben, schlang ich meine Arme um den seinigen und redete ihm gut zu: »Mach dir keine Sorgen. Meine Eltern sind vieles, jedoch niemals oberflächlich. Sie halten selbst nicht viel von aktueller Mode. Außerdem –« Scheu küsste ich ihn auf die Wange. »Siehst du mit dem Anzug einfach atemberaubend schön aus. Gleichgültig wie alt er sein mag. Er steht dir unfasslich gut.«
»Ja?« Strahlendes Seelenlicht erfüllte seine Augen. »Findest du?« Mit Freuden durfte ich beobachten, wie seine Wangen dieses unsagbar niedliche aus Betretenheit hervorgerufene Pink annahmen. »Ich hatte gehofft, dass er dir gefällt.«
Und unsere Blicke verschmolzen. Seine Herzenswärme drang in meine Seele, in meinen Geist. Ich fühlte mich schwerelos, berauscht, unendlich glücklich.
»Okay Leute …« Tina vermochte ich kaum zu hören, dergestalt zog Jan mich in seinen Bann aus Liebe und Zärtlichkeit. »Ich denke, ihr solltet jetzt echt fahren, sonst landet ihr wirklich noch in einem Hotelzimmer.«
Hüstelnd drehte Letztgenannter sich zu Tina um. »Ja, höchstwahrscheinlich hast du recht …«
»Übernachtet ihr drüben?«, fragte sie schnell. »Oder kommt ihr wieder zurück?«
»Ich weiß noch nicht«, erwiderte ich. »Wenn meine Eltern nichts dagegen haben, wäre es sicherlich einfacher, bei ihnen zu übernachten.«
Ein in Tinas Augen aufflackerndes unheilbringendes Strahlen entfesselte eine über meinen Körper rennende Gänsehaut.
Was würde jetzt folgen?
Etwas Zweideutiges? Ein Seitenhieb? Eine weitere Frage? Oder eine pikante Anspielung?
»Dann hoffe ich, dass ihr euer Zimmer absperren könnt.«
Zur Abwechslung liefen Jan und ich einmal gleichzeitig knallrot an.
»Tina!« Verlegenheit ließ Jans Stimmlage deutlich höher erklingen. »Reiß dich ein wenig zusammen!«
»Das kann ich aber nicht!«, gab sie laut lachend zurück. »Ihr seht einfach zu süß aus, wenn ihr vor Scham im Boden versinkt …« Sie trat einen Schritt näher. »Ich würde ja zu gerne wissen, wie ihr euch das erste Mal nähergekommen seid. Das muss ein köstlicher Anblick gewesen sein: Zwei schüchterne Verliebte, die nicht wissen, wie sie einander anfassen sollen …«
Wenn du wüsstest …
Beinahe hätte ich meine Gedanken laut ausgesprochen.
…
Meine Verliebtheit schien mich tagtäglich selbstsicherer und mutiger zu machen …
Jan, welcher den Eindruck machte, am liebsten im Boden verschwinden zu wollen, zeigte jäh festigende Gesichtszüge. Ein spezieller in seinem Blick entstehender Glanz wie seine sich straffende Gestalt gaben meiner auflodernden Vermutung letzte Gewissheit: Seine sinnliche Selbstsicherheit war über ihn gekommen – wie an dem Sonntagmorgen, als ich mich auf den Bauch gedreht und er mich leidenschaftlich genommen, wie während unserer ersten Dusche, als er mich auf eine solch selbstverständliche Weise verwöhnt hatte …
»Du hast nicht die geringste Vorstellung«, begann Jan bedächtig zu erklären. »Welch Dinge wir bereits taten … wie schön es sich anfühlte und wie wenig Verunsicherung wir empfinden.« Seine Züge wurden sanfter, versonnener. »Bei Liza fühle ich mich daheim, angekommen … es ist, als kennen wir uns bereits unser gesamtes Leben. Ich blicke in ihre betörenden Augen –« Er drehte sich zu mir, um exakt dies zu tun. »Und ich weiß, was ihr wohltut, was ihr behagt und was sie nicht will. Ich fühle, was sie fühlt.« Es entstand eine sich ewig anfühlende Pause, ehe er seine bewegende Erklärung mit einem »Ich liebe dich, Liza« beendete und meine Hand zärtlich drückte.
Ein heißer Schauer brachte sämtliche Härchen meines Körpers dazu, sich glückstrunken aufzurichten. Dazu rauschte ein Prickeln durch meine Adern, ähnlich heftig, wie welches, das ich empfand, wenn wir uns vereinigten. Es vernebelte meinen Blick und meinen Verstand, einzig um Platz für Lust zu machen.
Mein Gott …
Was sollte ich auf Jans kostbare Liebeserklärung erwidern? Ein Dankeschön? Ein Kompliment? Ein Kuss?
Ich war vollends neben der Spur …
»Also damit habe ich jetzt aber echt nicht gerechnet!« Soweit ich dies in meinem Taumel beurteilen konnte, blickte Tina ziemlich verblüfft drein. »Jan, Jan, Jan. Steckt da doch mehr in dir, als ich für möglich gehalten habe?« Grinsend stupste sie ihm in die Seite. »Hast du den Schüchternen vielleicht sogar nur gespielt, und damit dutzende Weiber abgeschleppt?«
Abermals stieß Letztgenannter ein sanftes Seufzen aus. »Nein … Tina. Und das weißt du selbst genauso gut wie ich.«
Sie lachte. »Du hast recht.«
Damit drehte Jan sich zu mir zurück – ein stolzes, liebliches aber vor allem ein aus Vorfreude entstandenes Lächeln im Gesicht tragend. »Gehen wir?«
Ich wusste, welche Vorfreude da über ihn gekommen war – nämlich eine Vorfreude auf eine weitere unglaubliche Nacht …
Stumm nickte ich ihm zu.
»Habt viel Spaß!«, verabschiedete sich Tina. »Wir sehen uns dann morgen!«
Ich wollte ihr noch etwas Nettes zurückrufen. Letzten Endes brachte ich es lediglich zustande, ein Danke und ein bis morgen hervorzuwürgen.
Alsbald ich im Auto saß, atmete ich einmal tief durch.
Himmel! Herrgott!
Das war wahnsinnig … unglaublich … Wie konnte ich mich für einen solchen Liebesbeweis angemessen erkenntlich zeigen? Weder fühlte ich mich mutig genug, eine derartige Äußerung in Gegenwart anderer Personen zu machen, noch wollte mein Verstand in derlei Situationen vernünftige Sätze bilden.
»War ich zu offen?« Enorme Verunsicherung veranlasste Jans Augenbrauen, sich nach oben zu ziehen. »Habe ich zu viel verlautet? Ich dachte … ich sage ihr die Wahrheit, da wir … Ich meine –«
O nein!
Weil ich mich zum wiederholten Male wie ein Mauerblümchen benommen hatte, nahm er an, ich würde mich für seine Aussage schämen!
»Mach dir bitte keine Gedanken«, versuchte ich verzweifelt zu beruhigen. »Ich habe überhaupt kein Problem mit dem, was du ihr gesagt hast … Ganz im Gegenteil!« Erneut atmete ich tief durch, sammelte mich, versuchte, all die eben erlebten Eindrücke zu verarbeiten und verständliche Erklärungen zu formen. »Es liegt einzig an mir …« Ich benetzte die trocken gewordenen Lippen. »Ich habe dir ja gesagt, wie schwer es mir fällt, angemessene Worte zu finden, um meiner Liebe zu dir Ausdruck zu verleihen.« Durch meine Aufregung hörte meine Stimme sich eigenartig trocken und irgendwie schief an. »Die deinen sind unvorstellbar kostbar … schön … lieblich … erregend. Stets sprichst du solch wundervolle Dinge … Doch ich kann da, sosehr ich es will, schlichtweg nicht mithalten … Dabei … dabei möchte ich nichts lieber, als dir gleichwertige Worte verkünden … Ich möchte deine Seele auf dieselbe Weise berühren, wie du die meine damit berührst.« Meine zu einer leichten Faust geballte Hand an meinen Oberkörper drückend richtete ich den Blick auf den grauen Schaltknauf. »Ich will nicht mehr wie ein verlorenes Kind wirken, welches nach passenden Ausdrücken sucht. Ich will dir gerade heraus mitteilen, wie ich empfinde … Manchmal klappt es wohl … meistens weiß ich allerdings nicht, wie ich adäquat auf deine lieblichen Äußerungen reagieren soll. Dann fühle ich mich auf eine eigenartige Weise wie gelähmt.«
Seine warme unter mein Kinn gleitende Hand brachte mich dazu, ihm zurück ins Gesicht zu schauen.
»Derart viel Liebe«, verhalf ich meinem einfältigen Gestottere zu einem Ende. »Wurde mir noch nie zuvor entgegengebracht.«
Sachte schüttelte er das Haupt. »Du sprichst genügend schöne Worte.« Seine sanftmütigen Augen kurbelten meinen Puls nochmals kräftig an. »Fühle dich deshalb bitte nicht minderwertig. Meine Worte sind doch auch nichts im Vergleich zu der Liebe, die du mir entgegenbringst.«
»Siehst du!« Peinlich berührt machte ich eine Geste mit meinem rechten Arm in seine Richtung. »Jetzt hast du wieder etwas derart Schönes gesagt.«
Ein sanftes Lächeln offenbarte strahlend weiße Zähne. »Das klingt ja beinahe wie ein Vorwurf.« Ehe ich etwas einwerfen konnte, sprach Jan weiter. »Bitte hab nicht permanent ein schlechtes Gewissen. Ich sage diese Dinge, weil du mich dazu inspirierst, jedoch niemals, um dich damit zu beschämen oder zu bedrängen. Was ich begehre, ist dir damit zu schmeicheln – nicht mehr und nicht weniger.«
Ich schluckte. »Das tust du. Du hast ja keine Vorstellung, wie sehr.«
»Mehr wollte ich nicht erreichen, und mehr brauchst du mir nicht zu sagen.« Er lehnte sich zu mir … und küsste mich – langsam, behutsam, liebevoll.
Nachdem er von mir abgelassen hatte, startete ich den Motor und fuhr los – mit leichten Herzrhythmusstörungen und zitternden Gliedmaßen.
Für die restliche üblicherweise einstündige Fahrtstrecke benötigte ich dieses Mal eineinhalbstunden. Zum einen lag dies an einer großen Baustelle, an welcher eine ewig rot anzeigende Ampel den Verkehr regelte. Und zum Anderen an Jan, welcher mich durch gelegentliche Küsse andauernd dazu nötigte, rechts ranzufahren. Zehn Minuten vor Ankunft – und dutzende Liebkosungen später – hätte er mich beinahe so weit gebracht, mit ihm intim zu werden.
Es war verrückt … es war surreal … es war wunderschön.
Ein weiterer Wunsch, welchen ich seit vielen Jahren tief in meiner Seele getragen hatte, war in Erfüllung gegangen: mit dem Menschen meines Herzens eine kleine Autoreise zu machen.
Langsam lenkte ich den Wagen über die aus Rollsplitt, Steinen und festgefahrener Erde bestehende unebene Waldstraße, welche mir jeden Winter einen Großteil meiner Nerven kostete. Hatte man im Sommer schlimmstenfalls mit Schlaglöchern zu kämpfen, stellten Glatteis, Matsch und Schnee in der kalten Jahreszeit ein schier unüberwindbares Hindernis dar – speziell für kleine unscheinbare Kraftfahrzeuge wie das meinige.
Nicht umsonst hatten meine Eltern sich bereits vor Abschluss des Hauskaufs einen alten Jeep Wrangler zugelegt.
»Warum wohnen deine Eltern solchermaßen abgelegen?«, beförderte Jan mich aus meinen Rückblicken.
»Sie wollten Ruhe – vor den Menschen, vor der Hektik, vor dem Lärm.« Ich warf Jan einen kurzen Blick zu. »In der Vergangenheit … in der Stadt … gab es stetig Probleme mit Nachbarn. Hier in der Natur wohnen keine heimtückischen Personen, welche ihnen alte Bierdosen, Hundekot oder benutzte Taschentücher in den Garten werfen oder heimlich durch das Grundstück schleichen. Hier trifft man bloß auf einen strengen Winter und im Idealfall auf erhabene Wildtiere.«
»Ich verstehe.« In meinen Augenwinkeln beobachtete ich, wie meine Seelenhälfte die Umgebung betrachtete. »Manchmal können Menschen sehr schwierig sein.«
Ja, das konnten sie.
»Der Wald sieht wunderschön aus«, wechselte er das Thema. »… Mischwald … Der Anblick im Herbst muss überwältigend sein.«
»Das ist er tatsächlich.«
Blätter in dunklem Rot, leuchtendem Gelb, Hellbraun und Orange, dazwischen dunkelgrünes Nadelgehölz – im Oktober schien der Wald in Flammen zu stehen.
Von den Erinnerungen ein Lächeln auf die Lippen gezaubert überwand ich den letzten steilen Hügel, indem ich etwas mehr Gas gab.
Ich parkte den Fiat seitlich auf dem kleinen aus Waldboden und Kies bestehenden Vorplatz, betätigte die Handbremse und schaltete den Motor ab. »Da wären wir.«
»Darf ich mich kurz umsehen?« Kindliche Neugier spiegelte sich in Jans Antlitz wider. »Bloß ein paar Meter in den Wald. Ich will seinen Duft einatmen.«
Lachend gab ich ihm mein Einverständnis. »Darf ich mitkommen?«
»Ja liebend gerne doch!« Seine Augen leuchteten auf. »Das ist mir noch viel lieber.«
Hand in Hand sausten wir die kleine Erhöhung hoch, rutschten beinahe aus und hechteten lachend und kichernd weiter hinein in das duftende Gehölz.
»Hier ist es fürwahr wundervoll!« Er richtete den Blick gen Himmel, welcher von einem saftig grünen von Sonnenstrahlen hingebungsvoll getätschelten Blätterdach teilweise verdeckt wurde. »Und der Duft.« Für eine kurze Weile schloss er die Lider. »Moos, Pilze, Rinde – ich liebe diese Mischung.«
»Inspiriert die Natur dich?«
Ein glückseliges Lächeln zur Schau tragend zog er mich zu sich – legte seine Lippen auf meine und begann mich zu verwöhnen. Solchermaßen innig wie während der Autofahrt … vielleicht sogar intensiver. Jans sanftes Aftershave vermischte sich mit dem Geruch von nassen Blättern und Erde. Meine Seufzer gepaart mit den uns umringenden süßen Vogelgesängen verschmolzen zu einer Symphonie des Glücks. Das Glück, am Leben sein zu dürfen und solch kostbare Momente zu erleben.
»Du bist es, die mich am allermeisten inspiriert.« Sein Lächeln wuchs an. »Aber der Wald macht dir schwere Konkurrenz.«
Ich konnte mir ein Lachen beim besten Willen nicht verkneifen. »Dann muss ich mich wohl mehr anstrengen.«
»Und ich weiß auch, wie.«
Ein heißer Schauer jagte durch meinen Körper.
Er wollte doch nicht etwa …?
»Ein langer Spaziergang.« Er stupste meine Nase mit der seinigen an. »Wir beide, die singenden Wildvögel und die sanften Riesen.«
Erleichtert atmete ich aus. »Aber erst müssen wir meinen Eltern Hallo sagen. Spazieren gehen können wir später noch immer.« Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Außerdem ist es abends tausendmal schöner. Da singen die Amseln und der Duft nimmt intensivere Ausmaße an.«
»Stimmt.« Er legte die Arme um meine Taille. »Wenn ich in den Seedorfer Wäldern spaziere, sind mir die Abendstunden auch stets die liebsten.«
»Dann gehen wir zurück?«
Zweifel huschten über seine Züge. »Ja, in Ordnung.«
»Fürchtest du dich?«
Sein Haupt gesenkt zuckte er die Achseln. »Nun … ein wenig.«
»Ich mich auch.«
Damit fand sein Blick zurück zu mir. »Tatsächlich? Ich meine … es sind immerhin deine Eltern.«
»Das ändert aber nichts an meiner Aufregung – an einer wahnsinnigen und sekündlich zunehmenden Aufregung, um ehrlich zu sein. Bereits seit Mittwoch zerbreche ich mir ständig den Kopf, wie das Treffen verlaufen wird … Außerdem –« Jähe Hitze stieg mir ins Gesicht. »Außerdem habe ich solche Sehnsucht nach dir … deine Küsse haben mir nicht eben dabei geholfen, meinen Körper abzukühlen. Im Gegenteil. Die gesamte Zeit über verdränge ich hochwallende … Gedankenspiele.«
Irgendwie musste ich ihn beruhigen. Seine Nervosität übertrug sich schließlich eins zu eins auf mich … und umgekehrt. Was lag da somit näher, als ihm zu beichten, wie sehr ich ihn wollte?
»Dann weißt du jetzt«, erwiderte er kess. »Weshalb ich dich immer wieder dazu brachte, auf die Seite zu fahren und mich zu küssen.« Behutsam legte er die Hände um meine Kinnbögen. »Es waren lediglich fünf törichte Tage … Und obschon sie dermaßen schnell vorüberzogen, halte ich es beinahe nicht mehr aus.«
Stürmisches Prickeln preschte mir durch die Adern. »Das liegt dann wohl an der Verliebtheit.«
Jan schüttelte den Kopf. »Nein … es liegt nicht an Lust oder Begehren.« Er lehnte seine Stirn an meine. »Es liegt schlichtweg an unserer kostbaren Liebe, an dem Verlangen, dich spüren zu wollen … Ein Höhepunkt ist sekundär – deine Liebe empfinden, das ist es, wonach es mich dürstet. Ich will dich festhalten, dich küssen, dich verwöhnen, dich betrachten, mich nackt an dich schmiegen. Es muss keine Vereinigung geben … Ich will dich bloß bei mir wissen. Immer.«
Ich führte meine Hände zu seinem Nacken und kraulte diesen. »Das werde ich auch sein – für heute und morgen.«
»Ja, aber zu meinem Leidwesen nicht länger.« Er stieß einen melodramatischen Seufzer aus. »Und aus diesem Grunde möchte ich unbedingt mit dir spazieren gehen. Mit dir alleine. In diesem weiten, wunderschönen, friedlichen Wald. Nur du und ich … Dies wünschte ich mir mein gesamtes Leben lang: Mit meiner Seelenhälfte eingehakt durch einen duftenden Wald lustwandeln.«
Ich schenkte ihm einen zagen Kuss. »Dann bringen wir dieses erste schauderhafte Gespräch schnell hinter uns, damit wir den Abend im Wald und später dann … eng umschlungen verbringen können.«
Kichernd ließ er von mir ab. »In Ordnung.«

Das einstöckige Haus mit den schwarzen Tondachziegeln, den quadratischen Fenstern und der naturweiß gestrichenen Fassade hatte sich kein bisschen verändert.
Mit krampfendem Magen und mäßig zitternden Händen betätigte ich die Türglocke.
Bedeutend lieber wäre ich nun in meinem Bett und in Jans Armen gelegen. Am innigsten wünschte ich mir allerdings, ihn immer bei mir zu wissen – nicht bloß am Wochenende.
Grundsätzlich musste ich dankbar sein, meine Seelenhälfte überhaupt sehen zu dürfen. Schließlich hatte Jan mir erst kürzlich erklärt, selbst wochenends nicht immer arbeitsfrei zu bekommen. Seine Dienstzeiten waren flexibel: Manchmal arbeitete er mittwochs bis sonntags, dann wieder dienstags bis samstags oder donnerstags bis dienstags. Da Jan kein eigenes Auto besaß, und öffentliche Verkehrsmittel überdies selten mit seinen Arbeitszeiten übereinstimmten, bedeutete dies: Die nächste Zeit würden wir uns bestenfalls einmal im Monat sehen.
Die einen Tick zu stürmisch aufgehende Tür riss mich aus meinen Gedanken.
Meine Mutter trat hervor – mit etwas zu heftig strahlenden Augen und ungewöhnlich überschwänglicher Gestik.
…
Ich kannte meine Mutter gut. Ich kannte sie besser als mich selbst.
Sie war eine lebenslustige, liebenswerte, offenherzige Frau. Es gab nichts und hatte auch niemals etwas gegeben, das ihre positive Grundstimmung zu rauben in der Lage gewesen wäre. Ebenso unmöglich war es, sie aus der Bahn zu werfen. Für sie gab es keine ausweglose Situation, keine Hoffnungslosigkeit. Sie war eine Kämpferin und sanfte Frohnatur.
Die Ausstrahlung von heute hingegen schien mir dennoch ein wenig – ja, zu exzessiv.
Zwar hatte ich sie wohl irrsinnig glücklich erlebt – doch diese funkelnden Augen?
…
Hier stimmte etwas hinten wie vorne nicht. Zumal meine Hände jählings wie verrückt zu beben begannen – und dies lag einmal nicht an meiner eigenen Aufgekratztheit!
Während mir all diese Dinge durch den Kopf sausten, hatte Erstaunen ihre Hochstimmung verdrängt.
Dies konnte dann nur an Jan liegen. Woran auch sonst? Schließlich hatte ich nie zuvor einen Mann mit nach Hause gebracht.
»Hallo Mama«, grüßte ich sie nach einem leisen Hüsteln und zog Jan etwas näher zu mir. »Ich wollte dich überraschen … nun … ja …« Ich fuhr mir über die Nase, räusperte mich und schluckte einen anwachsenden Brocken Beunruhigung hinunter. »Deshalb erwähnte ich nichts.« Während meines kläglichen Versuches, ihr zu erklären, wer da neben mir stand und weshalb, breitete eine unbehagliche Hitze sich in meinem Gesicht aus. »Das ist Jan … Wir lernten uns damals im Hotel kennen.«
Letztgenannter reichte ihr die Hand – für meinen Geschmack einen Tick zu förmlich, zu steif, zu verhalten – im Klartext: Wir alle waren komplett durch den Wind.
»Ich hoffe, ich störe nicht.« In seiner Stimme schwang eine gehörige Portion Verunsicherung mit. Ident mit derjenigen, welche sich in mein Herz bohrte.
Was würde Mama von ihm halten? Fand sie ihn sympathisch? Wie würde der Nachmittag verlaufen? Und was würde Papa erst sagen?
Aber die allerwichtigste Frage: Was war mit Mama selbst los?
…
Die Sekunden verstrichen.
Meine Mutter blickte uns unentwegt verdutzt an.
…
Sorgen begannen sich durch mein Herz zu fressen.
Hatte ich sie in irgendeiner Weise brüskiert, verschreckt, zu einer ungelegenen Zeit ertappt?
Ungeachtet der längeren Hinfahrt waren wir eine halbe Stunde früher dran denn ausgemacht.
Seit jeher drängte meine Angst vor Verspätungen mich dazu, überdurchschnittlich viel Zeit einzuplanen. Bis zum heutigen Tage hatte diese Angewohnheit mir keinerlei Probleme bereitet. In diesem Augenblick allerdings wäre mir eine Verspätung weitaus lieber gewesen.
»Ist es in Ordnung, dass ich ihn mitgebracht habe? Ich wollte dir keine Umstände bereiten.«
Sie blinzelte – und plötzlich schien sie sich aus ihrer Lethargie befreien zu können. »Nein … nein, natürlich nicht.« Sie fasste nach Jans Hand und schüttelte diese. »Bist du dann –« Sie schaute zu mir. »Ist er dein … Freund?« Über ihre eigene Erkenntnis geschockt drehte sie sich zu meiner Seelenhälfte zurück und musterte diese ungleich kritischer. »Du bist der Freund meiner Tochter?«
Jans rote Wangen nahmen Ähnlichkeiten mit einem Warnschild an.
»Ja.« Der Druck seiner linken Hand, mit welcher er meine rechte festhielt, verstärkte sich enorm. »Ich … es hat etwas gedauert, doch jetzt haben wir uns gefunden.« Nach weiteren Erklärungen suchend fuhr er sich durchs Haar. Darauf folgten ein krächzendes Räuspern und eine Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das andere, wodurch ich mich genötigt sah, helfend das Wort zu ergreifen.
»Damals sagtest du, ich würde noch einmal denjenigen finden, der zu mir gehört … Du hattest recht. Ich habe es nicht mehr glauben können – aber Jan ist hier. Er ist tatsächlich hier.«
Ich war mir selbst gut im Klaren, wie töricht meine Äußerung sich anhörte. In diesem Moment wäre mir etwas Vernünftigeres jedoch nicht einmal dann eingefallen, wenn es um Leben und Tod gegangen wäre.
Miteins begann Mama wieder zu strahlen. »Ich kann es nicht glauben! … Das ist komplett verrückt … Erst der Gewinn –« Sie gestikulierte in Jans Richtung. »Und jetzt das! … ich meine du –« Ein freudetrunkenes Kichern unterbrach ihre wirre Rede. »Halleluja!«
…
Was hatte sie da eben gesagt?
»Der Gewinn?«
Ein regelrechtes Feuerwerk schien in ihren Augen zu explodieren. »Ja! Wir haben im Lotto gewonnen!«
Mein Herz blieb kurzzeitig stehen. »Was?!«
»Ja! Kannst du dir das vorstellen?! Wir haben gewonnen! Fünf Richtige, und eine Zusatzzahl!«
…
Irgendwie stand ich auf dem Schlauch.
Im Lotto? Sie hatten im Lotto gewonnen?!
Das konnte doch nicht sein!
Beinahe zwanzig Jahre spielte meine Mutter mittlerweile Lotto … doch mehr als den Einsatz hatte sie nie zurückgewonnen.
Eine stürmische Umarmung ihrerseits schob sämtliche meiner Gedankengänge zur Seite.
Herzlich drückte sie uns beide an sich. »Diesen Tag müssen wir feiern!«
Und damit zog sie uns ins Haus.

Meine zitternden Hände griffen nach dem hellgrünen mit Holundersaft gefüllten Wasserglas. Jan und ich hatten auf der lang gezogenen Esstischbank Platz genommen. Mein kritisch dreinblickender Vater, welcher Jan keine Sekunde aus den Augen ließ, sowie meine grinsende Mutter saßen uns gegenüber.
Köstlich duftender Kaffeegeruch erfüllte das von zarten Sonnenstrahlen durchflutete Esszimmer. Skandinavische Holzmöbel, luftige hellgelbe Vorhänge, ein kuscheliger mittelbrauner Hochflorteppich auf hellem Laminat und drei bauchige von der Decke hängende Lampen aus Milchglas luden zum Plauschen ein.
Normalerweise.
Heute fühlte ich mich wie ein Rind auf der Schlachtbank. Oder wie ein Kind vor der ersten Schularbeit. Oder ein frisch ausgeschulter Jugendlicher während seines ersten Bewerbungsgespräches mit darauffolgender Absage …
Oder so …
»Jetzt erzählt erst einmal vom Gewinn«, fragte ich, nachdem Papas prüfender Blick sukzessiv misstrauischer und ich sekündlich kribbeliger wurde. »Wie viel habt ihr denn gewonnen? Reicht es, damit ihr nicht mehr arbeiten gehen müsst?«
Nach alldem, was diese zwei wunderbaren Geschöpfe in ihrem Leben geschuftet hatten, hätten sie ein finanziell und gesundheitlich sorgenfreies restliches Leben mehr denn verdient.
Ich überlegte.
Bei einem Gewinn von einer Million Euro und einer guten Investition zum Beispiel vermochte man selbst in wirtschaftlich ungünstigen Zeiten eine Menge herauszuholen, um seinen Lebensabend absichern und genießen zu können.
Und fünf Richtige mit Zusatzzahl? Da musste ein vernünftiger Betrag doch herausschauen …
Meine Mutter schüttelte den Kopf. »Nein … das leider nicht, aber es reicht, um endlich die Auffahrt zu asphaltieren.«
Ich seufzte.
Es hatte auch zu schön geklungen!
»Wieso müssen Sie die Asphaltierung selbst bezahlen?«, fragte Jan. »Kann man da nicht die Straßenverwaltung einschalten?«
Der Blick meines Vaters wurde eine Idee verzwickter. »Nein. Die Straße ist in unserem Besitz. Hier hat die Straßenverwaltung keinen Einfluss.«
»Würde die Straße der Gemeinde gehören«, ergänzte meine Mutter. »Würde die Sachlage natürlich anders aussehen.«
»Ich verstehe.«
Ich spürte Jans Unsicherheit mit einer jeden Zelle meines Körpers.
Er tat mir fürchterlich leid. Da litt er ohnedem an mindestens ebenso vielen Komplexen wie ich selbst, und dann musste er überdies die prüfenden Blicke meiner Eltern über sich ergehen lassen.
»Ich freue mich trotzdem«, versuchte ich von Jans kleinem Fauxpas abzulenken – und fasste nach seiner Hand. »Selbst, wenn ein höherer Gewinn schöner gewesen wäre. Die Asphaltierung ist längst überfällig.«
»Und damit«, meinte meine Mutter mich anzwinkernd. »Hast du auch keine Ausrede mehr, uns im Winter nicht öfter zu besuchen.«
Da hatte sie mich eiskalt erwischt …
»Stimmt.« Ich warf ihr ein besänftigendes Lächeln zu. »Jetzt wird es wirklich einfacher.«
»Aber nicht nur deshalb.« In Vaters Stimme lag eine sanfte Strenge, welche ich in dieser Form äußerst selten vernommen hatte. Sein mit Argwohn gesättigter Blick schwenkte zu Jan zurück. »Du bist also mit meiner Tochter zusammen.«
Damit ging das Verhör wohl los.
Jan erbebte. Ich verstärkte meinen Händedruck und legte meine zweite Hand auf die seinige sich sekündlich kälter anfühlende.
»Ja«, drang es belegt aus Jans Mund. »Ich … ich …« Schluckend fasste er nach seinem Wasserglas und schob es auf der rosa-weiß geblümten Tischdecke hin und her. »Ich … nun … Ich weiß nicht, was ich sagen soll –«
Am liebsten wollte ich Jan an mich drücken, ihm gut zureden, mit ihm wegrennen oder noch besser: mich augenblicklich mit ihm wegbeamen …
»Was machst du derzeit beruflich? Was hast du gelernt? Wo hast du überall gearbeitet?« Papa war nicht eben mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck gesegnet – heute allerdings hätte er selbst einem Peter Capaldi Konkurrenz gemacht.
Meine Seelenhälfte regelrecht durchbohrend lehnte Papa sich ein Stück zu uns. »Und das Allerwichtigste: Kannst du meiner Tochter überhaupt etwas bieten?«
Gut …
Seine Sorge um mich in allen Ehren, aber das war definitiv zu viel des Guten!
»Du klingst ja wie ein Ankläger«, verteidigte ich. »Jan ist kein schlechter Mensch. Es ist nicht nötig, dermaßen heftig zu reagieren.«
Papas Pupillen glitten zu mir. »Dann kann er mir diese Fragen doch einfach beantworten.«
Ehe ich etwas dagegensetzen konnte, hatte meine Mutter sich eingeschaltet. »Liza hat recht. Du solltest dich ein wenig zusammennehmen. Sie ist nicht dumm. Sie weiß, wer ihr guttut und wer nicht.«
»Daran habe ich keine Zweifel.« Er lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf Jan. »Aber du wirst bestimmt verstehen, dass ich es niemals zulassen werde, dass du meiner Tochter wehtust. Sie hat genügend Schmerzen erlitten. Wenn ich also merke, dass es dir nicht ernst ist, wirst du dein blaues Wunder erleben.«
Mich lähmende Emotionen überschwemmten meinen Leib, brachten meine Gedanken und mein Herz zum Rasen.
Woher –
»Die Worte meines Mannes klingen im ersten Moment vielleicht hart«, fuhr meine Mutter sogleich und im besänftigenden Tonfall an Jan gerichtet fort. »Nichtsdestotrotz stimme ich ihm voll und ganz zu.« In einer für mich unvertrauten Weise faltete sie die auf dem Tisch liegenden Hände. »Damit du uns nicht falsch verstehst – wir wollen dich nicht vergraulen, verletzen oder aus dem Haus jagen. Das Einzige, was wir wollen, ist, Liza glücklich sehen. Du musst wissen: Seit ihrer frühesten Kindheit weg, hat sie schreckliche Dinge erlebt. Für die unbedeutendsten Kleinigkeiten hat sie hart gekämpft … sie aber trotzdem nicht erreicht. Jahrelang hat sie gelitten. Diese Zeit hätte sie beinahe zerstört.« Kummer huschte über Mamas Gesicht. »Liza hat es verdient, glücklich und geliebt zu werden. Wenn es dir mit ihr also nicht wirklich ernst ist, dann sag ihr das. Sei ehrlich zu ihr. Verletze sie nicht auf dieselbe Art, wie andere sie verletzt haben. Das würde sie nicht mehr verkraften.«
…
Ich würgte einen schmerzhaft anwachsenden Kloß hinunter.
Woher hatten meine Eltern über meinen labilen Gemütszustand Bescheid gewusst?
Gut, das Gespräch im Frühling hatte natürlich einiges ausgesagt. Dennoch war ich mir stets sicher gewesen, meinen größten Schmerz gut genug verheimlicht zu haben.
»Mein Leben lang –«, fing Jan nach einiger Zeit und den Blick auf meine Mutter gerichtet zu sprechen an. »Träumte ich von einer unberührten ungeküssten Schönheit, welche noch die Magie des Augenblicks zu erkennen vermag. Eine Frau mit ähnlichen Interessen wie den meinen, denselben Prioritäten und Wertvorstellungen. Eine Frau – lieblich, stark, schüchtern, rational, verträumt, sensibel … Ich träumte von Liza.« Für einen Moment wandte er sich mir zu – und mein Herz setzte ob des heftigen durch seine über und über mit Liebe gefüllten Augen hervorgerufenen Adrenalinausstoßes kurzzeitig aus. Dazu beschenkte er mich mit einem aus einziger Dankbarkeit bestehenden Lächeln, ehe er sich meinem Vater zudrehte. »Liza ist meine Seelenhälfte. Es gibt nichts, das ich für sie nicht tun würde.« Seine sanfte wie gefestigte Stimme entlockte mir einen wohltuenden Schauer. »Als ich das erste Mal in ihre wunderschönen Augen und in weiterer Folge in ihre reine Seele blicken durfte, wusste ich: Sie ist es. Sie ist diejenige welche. Diejenige, welche ich mein Leben lang suchte – meine absolute Traumfrau. Ich liebe sie. Ich begehre sie. Bedingungslos.«
Abertausende Schmetterlinge stoben durch mein Gedärm, brachten mein Gesicht zum Glühen und meinen Verstand zum Erliegen.
Nicht wissend, wie ich reagieren oder was ich entgegnen sollte, beobachtete ich, wie Papa anerkennend nickte und Mamas Lippen ein stolzes Lächeln formten.
»Nichts anderes wollte ich hören.« Merklich entspannter trank mein Vater einen Schluck Kaffee. »Und jetzt erzähl uns doch einmal was du gelernt hast.«
Jan nickte. »Ich habe die fünfjährige Handelsakademie besucht, mit dem Schwerpunkt Finanz- und Risikomanagement. Danach wollte ich für einen weltweit agierenden Finanzdienstleister arbeiten.« Ein mir einen zagen Stich ins Herz jagender Schatten legte sich auf Jans elysisches Gesicht. »Unseligerweise bestand ich die Aufnahmeprüfung nicht …« Sichtlich bedrückt besah er das Wasserglas vor sich. »Es ging um Psychologie. Ich sollte den Charakter eines Kunden einschätzen.« Für den Bruchteil einer Sekunde schien er zu zögern. »Es ging im Groben darum, herauszufinden, ob der Kunde kredittauglich sei – also, ob das Start-up-Unternehmen, für welches der Mann den Kredit verwenden wollte, genügend Gewinn abwerfen würde, um die nächsten zehn Jahre zu überdauern. Da ich den Mann vollkommen falsch einschätzte, fiel ich noch während der ersten Bewerbungsrunde durch.«
Ausgerechnet Jan! Wo er sich üblicherweise derart leichttat, sich in andere Menschen hineinzuversetzen!
Damit war restlos geklärt, weshalb er sich solchermaßen gefürchtet hatte, mich falsch einzuschätzen …
»Darüber hast du mir kein einziges Wort erzählt.« Liebevoll streichelte ich ihm über den Handrücken. »Passierte dies, bevor du dein Buch schriebst?«
Meine Seelenhälfte bejahte. »Die Einladung zum Bewerbungstest erhielt ich drei Monate nach Beendigung der Schule.«
»Du hast ein Buch geschrieben?« Mamas neugieriger Tonfall nötigte mich, mich von Jans Anblick loszureißen und in ihr strahlendes Gesicht zu schauen. »Erzähl uns davon.«
Jan blickte zwischen mir und Letztgenannter hin und her. »Ich … nun … ja.« Räuspernd hob er das Glas an und trank einen Schluck. »Bereits seit meiner Kindheit wollte ich einen Roman schreiben.« Behutsam, wie alleine er dies vermochte, stellte er das Glas zurück. »Bloß wusste ich nie, wie ich dies genau anstellen sollte. Weder fielen mir interessante ausbaufähige Plots ein, noch besaß ich die nötige Geduld, geschweige denn den Mut, mich an die Tastatur zu setzen und anzufangen.« Nahezu unmerklich zuckte er die Achseln. »Als ich jedoch den Aufnahmetest vergeigte, zudem nicht das Geld für ein Studium besaß, und darüber hinaus einige Wochen später weitere Absagen erhielt, nahm ich dies zum Anlass, um mit meinem Buch zu beginnen. Ich war ohnehin arbeitslos, nutzlos, alleine – warum also nicht an einem Buch arbeiten?« Ausgelöst durch ungemeine ihn übermannende Nervosität fuhr er sich durchs Haar.
Mein Herz begann hart zu pumpen.
Ich war mir über seine hochquellenden Seelenschmerzen ausgelöst durch Erinnerungen an Janina, den Buchflop sowie die darauffolgenden Jahre der Einsamkeit nur allzu gut bewusst. Und es schmerzte mir ungemein in der Seele, Jan dermaßen leiden zu sehen – ein Leid, welches niemand außer mir zu bemerken schien.
»Zu dieser Zeit –« Der kratzige Unterton in Jans Stimmlage krampfte mir das Herz einmal mehr zusammen. »War ich mit meiner ersten Freundin zusammen, welche mich damals allerdings überraschend verließ … Dieser Verlust gab meinem Bestreben eigentlich den letzten Anstoß, mein Buch Realität werden zu lassen.« Er nahm einen weiteren Schluck, atmete lautlos durch und sprach weiter: »Wie ein Wahnsinniger schrieb ich. Jeden Tag, jede Nacht. Ich brachte sämtliche Sehnsüchte und Wünsche auf Papier – einerseits, um meine erste Liebe zurückzugewinnen, andererseits, um all die Dinge in Worte zu fassen, welche ich mit ihr solchermaßen gerne erlebt hätte.« Geschickt drehte er das Glas zwischen Daumen und Zeigefinger. »… Und es funktionierte. Sie kam zu mir zurück. Ich schrieb das Buch zu Ende. Wir verlobten uns. Ich suchte einen Verlag, um das Buch zu veröffentlichen.« Jans vormals noch relativ gefestigt anhörende Sprechweise nahm Wort um Wort ab. »Aber damit verlor ich alles. Einfach alles.« Eine Sekunde hielt er inne, schaute zu Mama. »Wenn ich damals nur im Entferntesten von den gewaltigen zukünftigen Problemen geahnt hätte, welche die Veröffentlichung und die Verlobung mir letztlich einbringen würden – ich hätte niemals versucht, freier Autor zu werden. Niemals.«
Mama besah Jan mit großem Mitgefühl. »Was ist passiert?«
»Ich ließ mich reinlegen – von einem zwielichtigen Verlag, welcher mir Honig ums Maul schmierte.« Wütend über sich selbst rieb er sich die Stirn. »Erst änderte ich den Roman teilweise um – auf Verlangen des Verlages sowie meiner Verlobten und Autorenkollegen aus dem Internet. Darauffolgend musste ich einen Kredit aufnehmen, um die hohen Druckkosten, das Lektorat sowie die Covergestaltung zu bezahlen. Damals war es mir nicht bewusst gewesen, dass diese Dinge normalerweise von einem Verlag kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Durch diesen naiven Fehltritt meinerseits verschuldete ich mich – völlig umsonst. Ich musste die schlechtbezahltesten und – jedenfalls für mich – unangenehmsten Jobs annehmen, um nicht Privatkonkurs anmelden zu müssen. Und meine Verlobte? Diese verließ mich erneut – und sie kam nie mehr wieder zurück.«
Meine Eltern blieben stumm.
Ich verstärkte neuerlich den Griff, mit welchem ich seine rechte Hand hielt.
»Den Kredit zahle ich nach wie vor zurück. Das Buch hingegen verkauft sich so gut wie überhaupt nicht.« Abrupt hellte seine Miene sich auf. »Aber wenngleich die letzten Jahre mir viel abverlangten, hatten all die schlechten Erfahrungen doch auch gute Seiten: Wäre ich nämlich damals nicht solchermaßen töricht gewesen, hätte ich erstens, niemals herausgefunden, wie oberflächlich meine Verlobte ist.« Mit gütigen Augen wandte er sich mir zu. »Und zweitens, wäre ich dir niemals begegnet. Mein Leben hätte einen gänzlich anderen Weg eingeschlagen. Doch somit hatte der durch meine Fehleinschätzungen entstandene jahrelange Kampf gegen Einsamkeit, Geldnot und Selbstzweifel ein von mir niemals mehr geglaubtes wunderbares honigsüßes Ende genommen. Durch dich –« Zärtlich erfasste er meine beiden Hände. »Weiß ich nun, dass wahre Liebe tatsächlich existiert. Sie war keine naive Einbildung meinerseits. Mit dir an meiner Seite fühle ich mich endlich angekommen, verstanden und beschützt. Einzig durch dich weiß ich, wie wunderbar das Leben sein kann.«
Noch eine solche überwältigende Liebeserklärung!
Langsam aber sicher wusste ich nicht mehr, wie mir geschah …
»Eine Sache verstehe ich jetzt aber nicht«, kam es vonseiten meines Vaters. »Du hast doch eine Wirtschaftsschule abgeschlossen, oder? Wie kommt es dann, dass du mit wirtschaftlichen Dingen so gar nicht zurechtkommst?« Er vollführte eine sanfte Drehung seiner Hand, was so viel bedeutete wie, Ich will dich damit nicht beleidigen. »Das soll nicht heißen, dass du dumm oder unfähig wärst, Geschäfte abzuschließen und wirtschaftlich zu denken –«
Jan schüttelte verständnisvoll den Kopf. »Nein, nein … ich verstehe schon, was Sie sagen wollen.«
»Mir scheint, deine Talente liegen einfach in einem ganz anderen Bereich.« Mein Vater nippte an seinem Kaffee. »Liege ich damit richtig?«
Meine Seelenhälfte bejahte, leise Beschämung sich über sie legend. »Da haben Sie vollkommen recht. Um ehrlich zu sein, hatte ich nach Beendigung der Hauptschule noch nicht die geringste Ahnung, was ich mir von meinem Leben erwarte oder welche Richtung ich einschlagen sollte.« Sich dessen offenbar unbewusst begann Jan sein Ohrläppchen zu massieren. »Grundsätzlich muss man sich über den eigenen Berufswunsch und sämtliche Talente ja spätestens im letzten Jahr der Pflichtschule gewahr sein. Zu meinem Leidwesen zählte ich zu der Personengruppe, welche partout nichts davon wusste. Demzufolge entschied ich mich kurzerhand für die Handelsakademie.« Jan überlegte. »Vermutlich war ich zu dumm, um meine Stärken zu erkennen. Im Gegenzug dazu besaß ich aber wenigstens ein sehr gutes Gespür dafür, was mir absolut nicht liegt. Dazu zählen körperlich schwere Arbeit und Tätigkeiten, welche technische Fähigkeiten voraussetzen sowie Geschicklichkeit mit den Händen … Zum Beispiel gelingt es mir nicht einmal, einen einzigen vermaledeiten Nagel gerade in eine Wand zu schlagen. Aufgrund dessen dachte ich bei mir, dass ein Bürojob sicherlich die bessere Wahl darstellt, denn eine Tätigkeit am Bau oder in einer Werkstätte. Des Weiteren weiß ich über die guten Verdienstmöglichkeiten im Bankwesen Bescheid – sechzehn Monatsgehälter, Bonussysteme bei guten Kreditabschlüssen, lebenslange monatliche Auszahlungen bei abgeschlossenen Versicherungen.«
»Das kann ich sehr gut verstehen.« Papas Gesichtszüge wurden milde. »Als Jugendlicher war auch ich mir unsicher, wie mein Leben verlaufen soll … was ich werden will … ob ich studieren oder doch besser einen Lehrberuf machen soll. Man hört wohl immer wieder von diesen kleinen Wunderkindern, die, noch nicht einmal das Daumenlutschen abgewöhnt, schon wissen, was sie einmal werden wollen – und an diesem Berufswunsch auch bis zur Berufsreife festhalten. Die Wahrheit ist aber: Die Mehrzahl der jungen Leute weiß nicht, was sie wirklich machen will. Woher auch? Das Leben bietet viele Möglichkeiten. Doch leider wird in der Schule bloß reines Allgemeinwissen gelehrt, aber nicht auf die Fähigkeiten eines jeden Einzelnen eingegangen.«
Jan nickte zustimmend. »Dies stellt, meiner Meinung nach, seit jeher ein gewaltiges Problem dar.«
»Und es wird Jahr für Jahr schlimmer«, ergänzte Mama. »Immer öfter höre ich von Müttern, die über überforderte Lehrer jammern und Kinder, die weder vernünftig Deutsch sprechen noch sinnerfassend lesen können.«
»Aber letztlich ist es komplett nebensächlich, was du früher getan hast«, brachte Papa das Gespräch wieder auf Kurs. »Wichtig ist, was du jetzt tust.«
Jan erstarrte – und ich schluckte.
…
Nun war es so weit.
Angefühlte tausendmal hatten wir in den letzten Tagen sinniert, wie meine Eltern auf Jans Hilfsarbeiterjob reagieren würden. Und jedes Mal, wenn Jan mich darauf ansprach, hatte ich ihn mit den Worten »Meine Eltern sind nicht oberflächlich« zu beruhigen versucht.
Hoffentlich hatte ich mich nicht geirrt …
»Ich bin Abwäscher«, antwortete meine Seelenhälfte nach einigem Zögern kleinlaut. »Hilfskoch und Servierkraft im Hotel Seedorf.«
Die Augen meiner Eltern weiteten sich geringfügig. Ihre Gedanken waren ihnen förmlich vom Gesicht abzulesen: Meine Tochter soll mit einer Hilfskraft zusammen sein? Weshalb ist Jan kein reicher Geschäftsmann, welcher ihr jegliche Wünsche erfüllen kann?
…
Jan schien am liebsten davonlaufen zu wollen – ich mit eingeschlossen.
»Ich bin ganz ehrlich«, drang es nüchtern aus meines Vaters Kehle. »Ich habe mir immer gewünscht, dass meine Tochter einen Mann kennenlernt, der ihr finanzielle Stabilität bieten kann.«
Nun zuckte Jan deutlich zusammen – kein Wunder, schließlich hatte Janina ihn aus exakt diesem Grunde verlassen.
»Aber wenn du meine Tochter gut behandelst«, sprach er mit einem anwachsenden Lächeln weiter. »Zu ihr stehst, sie wirklich so liebst, wie du das vorher gesagt hast, dann bringt ihr das mehr, als alles Geld der Welt.«
Merklich erleichtert gestattete Jan sich, sich das erste Mal zurückzulehnen.
Und auch mir fiel ein außerordentlicher Brocken an Troktolithgestein vom Herzen.
»Liebe ist das Wichtigste im Leben«, kam es vonseiten meiner freudestrahlenden Mutter. »Für uns zählt einzig und allein, dass ihr beide glücklich seid. Vergesst das Geld.« Sie zwinkerte uns frech zu. »… wir haben ja im Lotto gewonnen.«
Ihr beide.
Damit hatten sie Jan offensichtlich endgültig akzeptiert.
Um eine weitere Tonne an Schiefer und Schutt erleichtert, drückte ich mich an einen unaufdringlich kichernden Jan. »Ich muss gestehen, wäre ich mit meinem Buch reich geworden, hätte ich Ihnen die Asphaltierung der Auffahrt gerne gezahlt. Unglücklicherweise hat der Erfolg sich nie einstellen wollen. Somit fehlt mir weiterhin das nötige Kleingeld für die meisten Dinge im Leben.«
»Du kannst uns gerne duzen«, erwiderte Mama grinsend. »Und um es uns recht zu machen, musst du so etwas nicht sagen.«
Jan plötzlich errötend machte beschwichtigende Handgesten. »Es lag nicht in meiner Absicht, mich mit dieser Aussage einzuschmeicheln. Wirklich nicht … ganz und gar nicht.« Allmählich der Verzweiflung nahe, umfasste er das Wasserglas mit beiden Händen. »Ein jedes Wort ist mein voller Ernst. Ich sage solche Dinge nicht, um mir dadurch irgendwelche Vorteile zu ergaunern oder mich zu profilieren.«
»Und der Anzug?«, warf mein Vater schmunzelnd ein.
»Der … also … ja –« Ein erstickenden Räuspern drang aus Jans trockener Kehle. »Ich dachte mir … nun … wenn ich lediglich eine arme Hilfskraft mit Schulden darstelle, muss ich wenigstens mit einem schönen Anzug punkten.« Deutlich leiser fügte er hinzu: »Außerdem … lässt ein Anzug einen jeden Mann reif und erfolgreich wirken – zwei von vielen Eigenschaften, welche man mir … durch mein jugendliches Aussehen und meinem bisherigen Lebenslauf … nicht recht zuschreiben kann.«
Ach Jan!
Welch große Sorgen er sich stets um sein Auftreten machte!
Meine Mutter kicherte lieblich. »Mach dir da keinen Kopf. Liza sieht doch auch viel jünger aus. Und überhaupt: Was bringt dir denn Erfolg, wenn du dafür ein gefühlskalter Mensch bist? … Lieber ist mir ein Mann wie du, der das Herz am rechten Fleck hat, dem Ehrlichkeit und Respekt gegenüber anderen Menschen wichtig ist, als jemand, der vielleicht mit einem Porsche vorfährt, aber Liza ohne Skrupel betrügt und belügt.«
»Vielen Dank«, antwortete er betreten. »Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr mich dieses Wissen beruhigt.«
Und mich erst!
Wie es aussah, entwickelte das Gespräch sich Gott sei Dank und wie von mir insgeheim befürchtet doch nicht zu einer einzigen Katastrophe …
»Kurz eine andere Frage.« Ich fasste nach dem Wasserglas und führte es zu meinen Lippen. »Wie groß ist euer Gewinn denn nun ausgefallen?«
Jan brauchte eine kleine Verschnaufpause. Die nächsten Fragen, da war ich mir sicher, würden ohnedies bald folgen.
»Fünfundsechzigtausend Euro«, erklärte Mama beschwingt. »Nächsten Monat wird das Geld auf unser Konto überwiesen. Also können wir die Auffahrt noch vor dem kommenden Winter asphaltieren.«
Durch die Wirtschaftskrise hörte der Gewinn sich nicht eben enorm an, und in Rente gehen konnten meine Eltern damit wahrhaftig nicht – andererseits stellte ein solcher Batzen Geld für eine gering verdienende Familie, deren Jahresgehalt nicht einmal die Hälfte dieser Summe betrug, eine gewaltige Hilfe dar.
»Und dann fahren wir endlich in Urlaub«, fuhr mein Vater lächelnd fort. »Und wenn es sich ausgeht, kaufen wir uns ein etwas neueres Auto. Der Wrangler wird es nicht mehr lange machen.«
»Ich freue mich wirklich wahnsinnig für euch … Ich muss zugeben, mit einem Gewinn hatte ich nicht mehr gerechnet.«
»Ich, ehrlich gesagt, auch nicht.« Schmunzelnd trank Mama einen Schluck ihres Milchkaffees. »Zwar habe ich eigentlich mit einer etwas größeren Ausbeute gerechnet – dann hätten wir den oberen Stock komplett fertiggestellt. Aber ohne den Gewinn könnten wir ja nicht einmal die Auffahrt fertigmachen. Dabei hat der letzte Regen die Erde wieder stärker aufgeweicht. Das Erdreich und die Steilhänge müssen unbedingt verstärkt werden, sonst reißt uns ein starker Dauerregen noch einmal die halbe Straße weg … Da kommt der Gewinn also genau rechtzeitig.«
Vor diesem Szenario hatte ich mich stets am meisten gefürchtet: Heftige tagelange Regenfälle, welche die gesamte Auffahrt wegspülen oder sogar Teile des Hauses vermuren …
»Aber sagt mal«, wechselte Mama abrupt das Thema. »Wie lange seid ihr denn jetzt eigentlich zusammen?«
…
Mir wurde es kalt und kälter …
O nein. Nein. Nein.
Seit Dienstag hatte ich unentwegt gebetet, eine solche Frage nicht gestellt zu bekommen – zumal wir beide eben eine Woche richtig zusammen waren, Jan allerdings von einer solchermaßen tiefen Liebe zu mir sprach wie ein Mann, welcher eine Dekade mit seiner besseren Hälfte liiert war.
Gewiss, für uns war es eine Selbstverständlichkeit – doch wie empfanden Außenstehende eine solche Situation?
»Nun, wisst ihr –« Ich hüstelte vor mich hin. »Das war … ja … also … um genau zu sein –«
»Eine Woche«, beendete Jan mein peinliches Herumdrucksen. »Letzten Freitag fuhr ich zu ihr … Ich hielt es nicht länger aus.«
»Eine Woche?!« Mamas Stimme überschlug sich. »Ist das euer Ernst?!«
Ich und Jan zuckten beide gleichermaßen heftig zusammen.
Papa brachte keinen einzigen Ton hervor, doch war dies gar nicht nötig, sprach sein missfällig werdender Blick mehr, als er je zu sagen in der Lage war.
…
Was sollte ich nun tun?
Auf der einen Seite war ich froh, selbst dieses Thema anzusprechen. Auf der anderen hatte dieses fürchterliche Hin und Her um Jans Charakter und Lebenseinstellung mir einen gehörigen Teil meiner Nerven geraubt, wodurch ich mich allmählich ernsthaft einem Nervenzusammenbruch nahe fühlte. Nichtsdestotrotz musste ich etwas unternehmen, ehe die beiden uns mit Argumenten und Vorwürfen zu bombardieren begannen.
Um meinen durch Adrenalin und Herzrasen zitternden Händen eine Beschäftigung zu geben, fasste ich nach meinem leeren Wasserglas und begann es zu drehen und herumzuschieben.
»Ich weiß, was ihr jetzt denkt.« Ich blickte meinen Eltern abwechselnd in die Augen. »Aber unsere Liebe ist nicht irgendeine Teenieschwärmerei. Wir hegen tiefe Gefühle füreinander – solchermaßen tiefe Gefühle, wie wir sie beide noch nie zuvor empfanden.«
Mama richtete sich etwas gerader auf. Es war ihr gut anzusehen, wie sie sich um bedächtige Worte bemühte.
»Ihr meint«, begann sie nach einer langen Zeit der Stille, welche einzig vom lautstarken durch das gekippte Fenster dringende Sperlinggeschimpfe erfüllt war. »Ihr hättet euch schon damals im Hotel ineinander verliebt.«
Ich und Jan nickten unisono.
»Wieso hat es dann so lange gedauert, bis ihr zusammengekommen seid?«
Wollte sie mit dieser Frage mehr über unsere Gefühle zueinander in Erfahrung bringen? Wollte sie uns damit sondieren? Oder letztlich bloßstellen?
…
»Ich dachte, Jan würde mich nicht mögen«, antwortete ich der Wahrheit entsprechend – und mit zu beben beginnenden Extremitäten. »Ich hatte angenommen, er empfindet nichts für mich.«
»Mir ging es gleich«, setzte Jan die Erklärung fort. »Als sie, ohne etwas zu sagen, wegfuhr, dachte ich, sie hegt kein Interesse.« Er küsste mich auf die Wange – lange, zärtlich, ungemein beruhigend. »Dabei irrten wir beide vollumfänglich … und litten monatelang einzig aufgrund der Annahme, dass der eine vom anderen nichts wissen will.«
»Jetzt verstehe ich, wieso du so fertig warst. Jetzt ist endlich alles klar.« Mama schüttelte leicht den Kopf, suchte meinen Blick – Trauer, Schmerz, allen voran jedoch grenzenloses Verständnis in dem ihren innewohnend. »Wieso hast du mir nichts gesagt? Du hättest mit uns darüber sprechen können.«
Mein Magen krampfte sich zusammen. »Ich … ich wollte nicht wieder wie ein Idiot dastehen – wie damals bei meinem Arbeitskollegen.«
Ein schmerzhafter Kloß entstand in meinem Hals.
Ich würgte ihn hinunter, unterdrückte auftretende Tränen. »Ich meine … gut, ich habe ihn gemocht … nicht geliebt. Dennoch fühlte ich mich wie ein Totalversager. Ich dachte, wenn ich euch erneut beibringen muss, von einem Mann, welcher mir etwas bedeutet, stehengelassen worden zu sein … Nun –« Ich zuckte die Achseln. »Ich nahm an, ihr würdet vermuten, dass irgendetwas nicht mit mir in Ordnung sei.«
Um mich kurzzeitig abzulenken, wollte ich einen weiteren Schluck Wasser nehmen. Doch erst, als ich das Glas an meine Lippen herangeführt hatte, wurde ich mir wieder seines leeren Inhalts gewahr.
Verzweiflung wie Erniedrigung sich über mich legend stellte ich es zurück und fuhr kopflos fort. »Ich meine … wie oft ist es passiert, dass Männer mich ignorierten? Wie oft wurde ich stehengelassen? Ich habe an mir selbst am meisten gezweifelt. Schließlich ist es nicht normal, immer und immer wieder weggestoßen zu werden – gleichgültig, ob es um Beziehungen oder Freundschaften geht. Ich wollte euch kein neues schiefgegangenes Kennenlernen unter die Nase reiben. Ich bin ohnehin seltsam genug. Ich wollte nicht abermals wie ein ungewolltes Mauerblümchen dastehen.«
Die Trauer der Vergangenheit überkam mich mit brachialer Gewalt. Tränen flossen mir über die Wangen, meine Brust schmerzte, irgendetwas presste gegen meine Lungen.
Es tat weh – so fürchterlich weh.
All die Rückweisungen der letzten Jahre, all die missfallenden Blicke von Kollegen, Fremden, Bekannten …
Hilflos drückte ich mich an Jan, welcher sogleich die Arme um mich legte.
»Alles ist gut … alles ist gut«, raunte er beruhigend und streichelte mir über den Rücken. »Lass die Vergangenheit los … sie ist zu Ende. Alles ist gut. Alles ist vorbei. Niemand wird dich mehr wegstoßen. Ich werde dich niemals wegstoßen. Du bist nicht seltsam. Du bist die wunderbarste Frau, die mir je begegnet ist.« Seine zärtlichen Lippen küssten meine tränennassen Wangen, liebkosten meine Stirn. »Ich versprach dir: Deine Vergangenheit wird sich niemals mehr wiederholen. Dafür werde ich sorgen – ein Leben lang.«
Schniefend lehnte ich mich zurück, wischte letzte Tränen davon – Jan mir behutsam dabei helfend.
»Irgendwann wird dein Schmerz gänzlich versiegen«, versicherte er. »Das verspreche ich dir. Schließlich verlor ich meine Schmerzen durch dich.«
Das Seelenlicht seiner hellgrünen Augen verdrängte alles um mich herum. Es löschte meine Pein, nahm mir jegliche Verzweiflung und beschenkte mich stattdessen mit bedingungsloser Liebe und tiefem Frieden.
Behutsam streichelte sein Zeigefinger mir über die Lippen. »Die Vergangenheit können wir zwar nicht mehr ändern, dafür kann wahre Liebe ein zerbrochenes Herz heilen.«
Seine Stimme bettete mich in Geborgenheit, seine Hände bedachten mich mit Sicherheit … seine Gegenwart war ein einziges Geschenk.
»Wie viel einfacher es ist, die Schatten der Vergangenheit zu bekämpfen«, gab ich ohne Überlegung zurück. »Wenn man die wahre Liebe an seiner Seite weiß.«
In Jans Gesicht ging die Sonne auf. »Allmählich wirst du mir eine ernsthafte Konkurrenz!«
Seine Aussage brachte mich zum Lachen. »Nein … mit dir kann ich niemals mithalten.«
»Mir fehlt schlichtweg das nötige Vokabular, um meine Emotionen in die richtigen Worte zu kleiden«, intonierte er frech meine vor einer Woche ausgesprochene törichte Äußerung. »Dies ist bereits lyrischer denn alles, was ich je niederschrieb.«
Mit warm werdenden Wangen senkte ich den Blick. »Trotzdem.«
Er erfasste mein Kinn und hob es an. »Stetig widersprichst du mir … dabei sprachen wir dermaßen oft darüber!« Sein Gesichtsausdruck intensivierte sich. »All das, was der jeweils andere sagt, sollen wir ernstnehmen.« Dies verkündet, landeten seine zarten Lippen auf den meinigen – und die Welt stand still.
Beschützend schlangen seine Arme sich um mich. Seine Finger vergruben sich in mein Haar, seine Zunge verlangte nach meiner – und ich verlangte nach ihm.
Trunken von seiner Liebe presste ich mich gierig an ihn – schmeckte ihn, fühlte ihn … wollte ihn.
»Und ihr seid euch wirklich ganz sicher«, drang eine sich bekannt anhörende männliche Stimme in mein Ohr. »Dass ihr erst seit einer Woche zusammen seid?«
…
Die Worte kämpften sich tiefer vor – in meinen Verstand, in meine Seele …
Und endlich schaltete ich.
Himmelherrgott!
Ruckartig und eine glühende Hitze durch mein Innerstes jagend ließ ich von Jan ab.
Ich hatte gänzlich vergessen, wo wir waren und wer uns gegenüber saß …
»Ich …« Ich fasste nach meinem Saft, wollte einen Schluck nehmen – solch eine kostbare kurze Zeit des Hinhaltens, um ein Argument hervorzubringen – da musste ich zum zweiten Mal erkennen, das Glas längst ausgetrunken zu haben.
…
Dunkelrot anlaufend stellte ich es zurück und schaute auf meine Hände.
…
Ich und Jan hatten uns hemmungslos vor meinen Eltern geküsst …
O Gott, o Gott …
Meine Muskulatur verkrampfte sich, mein Herz schien zu zerspringen.
…
Was war bloß los mit mir?
Und wie gelang Jan es allzeit, alles um mich herum vergessen zu lassen?
…
Ging das überhaupt?
…
Womöglich lag es gar nicht an unserer Liebe, sondern einzig und allein an einer beginnenden Geisteskrankheit meinerseits …
»Ihr zwei seid ja so niedlich«, hörte ich meine Mutter kichernd sagen. »Dass ich so einen Anblick noch erleben darf! Das ist fantastisch … einfach fantastisch.«
»Dürfen wir ein wenig spazieren gehen?«, fragte ich peinlich berührt. »Oder gibt es noch etwas Dringendes zu besprechen?«
Wenn die Zeit für eine kleine Verschnaufpause jetzt nicht reif war, wann dann?
Sichtlich erheitert schüttelte meine Mutter den Kopf. »Geht nur. In der Zwischenzeit mache ich Mittagessen.«
»In Ordnung.« Mit wackeligen Beinen erhob ich mich. Jan machte es mir gleich. »Wenn wir zurück sind, helfe ich dir.«
»Ja, ja … geht ihr nur etwas Turteln. Das habt ihr euch redlich verdient.«
Glaubte sie etwa, wir würden …?
O Gott, nein. O Gott, nein …
»Wir wollten lediglich ein wenig den Wald ansehen«, war mein verzweifelter Versuch, Mamas Fehleinschätzung richtigzustellen. »Jan liebt Wälder.«
»Der Geruch ist am schönsten«, erklärte Letztgenannter verlegen und wandte sich Papa zu. »Nun … neben Lizas wunderschönem Anblick vermag dieser aber nie mitzuhalten.«
»Geht besser, bevor es noch peinlicher wird.«
Diese Äußerung aus Papas Mund brachte uns dazu, in den Vorraum zu stolpern und unsere Schuhe in Lichtgeschwindigkeit anzuziehen.
»Das war beschämender als alles in meinem Leben zuvor erlebte«, presste ich hervor, alsbald ich die Haustür geschlossen hatte. »Einfach fürchterlich.«
»Aber irgendwie auch witzig«, erwiderte Jan strahlend und hakte sich bei mir ein. »Und ein wenig erregend, findest du nicht?«
»Erregend?!«
Wie kam er darauf?!
»Bestreite es ja nicht!«, drohte er verspielt. »Schließlich sah ich, wie deine Pupillen sich weiteten.«
Ich schluckte.
…
Nun … irgendwo …
Ja … irgendwo hatte er nicht gänzlich unrecht …
Die Geräusche unserer Schritte wurden beinahe zur Gänze vom moosig weichen Waldboden absorbiert. Alleine dünne Zweige, welche unter unserer Last brachen, bezeugten von unserer Anwesenheit und zerrissen die uns einhüllende Waldesstille.
»Stell dir vor«, hauchte Jan mir ins Ohr. »Was die beiden nun denken werden.«
»Exakt das macht mir ja Sorgen!« Verzweiflung trieb mir den Schweiß aus den Poren. »Nie wollte ich meine Eltern dazu bringen, zu glauben, wir würden uns im Wald … ich meine … das denken sie doch nicht, oder?«
Konnten meine Eltern sich wahrhaftig vorstellen, wie wir im Wald intim werden? … Hatten sie in ihrer Jugendzeit etwa solche Dinge getrieben?
»Würde es dir gefallen?«
Ich zuckte zusammen.
Nein, das konnte er unmöglich ernst meinen …
»Du willst doch nicht …? Ich meine …« Wild gestikulierte ich mit den Armen. »Es ist schmutzig und feucht … und wie sollten wir überhaupt intim werden … an einem Baum gelehnt …? Und was, wenn jemand vorbeikommt? Das geht nicht … das geht einfach nicht.«
»Was? Wie?« Fragend-verwirrt zog er die rechte Braue nach unten. »Ich verstehe ni –« Jache seine Augen erfüllende Erkenntnis ließ ihn kurzzeitig verstummen. »Ach du meine Güte! … Du denkst an …« Er schluckte. »… Sex?« Jan hatte seine schwere Not damit, diesen letzten Begriff hervorzuwürgen. »Das … das … meinte ich nicht. Ich dachte lediglich, uns hier sehr innig zu küssen … vielleicht ein wenig intensiver berühren … jedoch niemals mehr.« Er fuhr sich durchs Haar, diese typische Geste, wenn seine Nerven rebellierten – und hielt mitten in der Bewegung inne. »Aber dann … o barmherziger Vater im Himmel!« Ihn erbleichender Schock legte sich über sein engelsgleiches Gesicht. »Dann denken deine Eltern wahrhaftig, wir würden es hier tun wollen? O gütiger Gott im Himmel!« Er befeuchtete die Lippen, ließ den Blick durch die Gegend gleiten. »Ich zog dies wahrlich nie in Betracht. Ich dachte rein ans Küssen … ich schwöre es dir bei allem, was mir heilig ist.«
Der süße Duft des Waldbodens und der nassen Rinden stieg mir in die Nase, beschenkte mein aufgeregtes Herz mit sanfter Beruhigung.
»Ich glaube dir … ich glaube dir.« Zitternd rieb ich mir über die rechte Schläfe. »Jetzt hoffe ich lediglich, dass meine Eltern es ähnlich auffassten, wie du vorhin.« Eine weitere genierliche Gewissheit überkam mich wie ein kalter Regenschauer. Ehe ich darüber nachzudenken vermochte, sprach ich sie mit Blick in Jans hellgrüne Augen aus: »Welche unanständigen Gedanken irren dann überhaupt durch meinen Verstand?«
Schließlich war ich es gewesen, welche einen Intimverkehr im Wald vermutet hatte!
Jan hatte kein Wort darüber verloren. Ich war es, die solch einschlägige Gedanken hervorbrachte …
Meine Aussage entlockte Jan ein niedliches Schmunzeln. »Das habe ich mich eben selbst gefragt, meine Teure.« Er zog mich näher zu sich. »… Ich muss ehrlich gestehen, mir solch unanständige Schlüsse von dir niemals erwartet zu haben.«
»So, wie ich mir niemals erwartete –«, konterte ich rasch. »Derartige dominante Wesenszüge an dir zu entdecken – insbesondere, wenn wir uns vereinigen.«
…
Der selbstsichere Blick, wenn er in mich glitt … ehrfurchtgebietende zärtliche Anweisungen … fordernde Stöße … souveräne rhythmische Bewegungen.
…
Ziehende Gefühle in meiner Weiblichkeit wie auftretende Bilder unseres Wochenendes zwanghaft unterdrückend legte ich meine beiden Arme um den seinigen.
Unversehens blieb Jan stehen. Er drehte sich zu mir, besah mich mit ernsten Zügen. »War es dir etwa doch zu viel letzten Sonntag?«
Sein Anblick, seine Mimik – sie berauschten mich ebenso, wie sie mir leichte Sorgen bereiteten.
»Nein, überhaupt nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Weshalb denkst du ständig, ich würde diese sinnliche Seite an dir nicht mögen?«
Seine Bedenken schienen anzuwachsen, nahm seine Sorgenfalte doch zusehends stärkere Konturen an. »Ich habe Furcht, dich damit zu bedrängen. Du bedeutest mir nun einmal gar so viel … ich bin stets um dein Wohlergehen bemüht.«
»Du bedrängst mich in keiner Weise. Wirklich nicht. Bitte glaub mir das. Ich würde dich niemals belügen.« Mit wild klopfendem Herzen streckte ich mich zu ihm hoch und legte meine Lippen auf seine. »Ich liebe, was du mit mir tust. Bitte höre niemals auf damit. Hätte es mir nicht gefallen, dann hätte ich dir beim ersten Mal sofort Bescheid gegeben.«
Mein scheuer Kuss zauberte ihm ein liebevolles Lächeln ins Gesicht. »Ein jedes Mal, wenn ich dich anblicke, sehe ich solch eine unbefleckte Seele vor mir … Doch dann überkommen mich diese erregenden Gedanken – wie wir beide uns zärtlich lieben, wie ich dich führe, wie du mich führst – es ist einerseits wunderbar, andererseits erschreckend.« Ein leises Seufzen beendete seine gänsehautauslösende Erklärung.
»Erzähl mir mehr davon«, hauchte ich. Von den ziehenden Empfindungen spürte ich eine intensive Hitze in meinen Wangen. »Es gibt nichts Schöneres denn deinen Geschichten und Fantasien zu lauschen.«
Überraschend loderte er in seinen Augen auf – dieser betörende Mut, welchen man Jan üblicherweise nicht anzuschauen vermochte. »Du meintest wohl eher: nichts Erregenderes.«
Ich vergrub die Finger in seine Weste, schenkte ihm einen weiteren zaghaften Kuss. »Ja … auch das.«
Um bei der Wahrheit zu bleiben: alleine das. Ein jedes seiner delikaten und mit Bedacht gewählten Worte erregte mich. Ein jeder seiner wertschätzenden Blicke erhitzte mich. Und diese Tatsache wiederum beschämte mich …
»Teile auch du deine geheimen Fantasien mit mir.«
Ich erzitterte.
…
Ich wollte es. Wirklich. Meine Hemmungen waren es, die es mir niemals gestatteten, meine peinlichen Gedanken über die Lippen zu bringen.
»Heute Abend«, wich ich aus.
Ein neues, dieses Mal verzweifelt klingendes Ausatmen seinerseits folgte. »Wieso nicht jetzt?«
»Weil …« Ich musste schlucken. »Weil ich deine Nähe längst schmerzlichst vermisste. Und weil es … weil es …«
Himmelherrgott!
Mein offenkundiges Scheitern, seine Gegenwart – all diese Umstände fachten meine Sehnsucht bloß weiter an.
…
»Weil es mich erregt.«
Ich war mindestens ebenso erstaunt wie meine augenaufreißende Seelenhälfte vor mir. Im Gegensatz zu mir hielt Jans Überraschung allerdings nur sehr kurz an.
»Aus exakt diesem Grund«, säuselte er mir verwegen und grinsend zu. »Wollte ich wissen, was du dir in den letzten Tagen ausmaltest.«
Was?!
Seine behutsamen Hände glitten über meine Schultern. »Wie deine hat meine Sehnsucht längst grenzenlose Ausmaße angenommen … Alleine darum will ich wissen, wie du dir unser Treffen vorstelltest … Bitte erzähl mir ein wenig davon.«
»Aber –«
»Du kannst es mir gerne ins Ohr flüstern, wenn es dir solchermaßen unangenehm ist.« Er schlang die Arme um meinen Oberkörper, lehnte die Stirn an meine Schulter. »Es hört uns niemand. Du brauchst dich nicht zu fürchten.«
»Ich … ich weiß. Aber ich … ich weiß auch nicht, wie –«
»Nur Mut«, bestärkte er mich gurrend. »Ich verspreche dir, dich nicht auszulachen.«
»Das weiß ich doch.«
»Dann versuche es.«
Meine Nerven rotierten, mein Herz flippte aus, in meinem Magen prickelte es und meine Knie zitterten.
…
»Gefüllt mit Liebe«, gab ich nach langen Momenten des Zögerns flüsternd zu. »Die Nacht gefüllt mit reiner Liebe. Der Tag gefüllt mit langen Gesprächen.«
»Erzähl mir mehr von der Nacht.« Er ließ von mir ab, um die Hände auf meine Kinnbögen zu legen und meinen Kopf sachte anzuheben. »Erzähl mir ein jedes Detail.« Seine klaren mich an einen Frühlingsmorgen erinnernden zartgrünen Augen betrachteten mich wie die größte Kostbarkeit dieser Welt – seiner Welt.
Mein Gesicht erglühte.
Was sollte ich ihm denn erzählen?
»Trau dich.« Sein Blick drang in meine Seele, in meinen Geist. »Es geschieht dir nichts.«
…
Bestenfalls würde ich mich blamieren …
…
»Ich dachte nicht viel darüber nach«, log ich. »… Lediglich eines … eines wusste ich mit Sicherheit: Es würde wieder so schön werden wie letztes Mal.«
Seine Brauen zogen sich ein winziges Stück zusammen. »Keine Vorstellung, wie wir es machen?«
Ich blieb stumm.
»Dann hast du dir etwas vorgestellt.« Ein stolzes Lächeln huschte über seine blassrosa Lippen. »Bitte verrate es mir. Verrate es mir. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne ich wissen will, welch Dinge du dir ausmalst. Bitte … bitte, Liza.«
O Himmel!
Weshalb musste er derart erpicht darauf sein?
…
»Bitte.«
»Das ist mir peinlich«, gestand ich. »Außerdem dachte ich nur ein einziges Mal etwas genauer darüber nach.«
»Das reicht völlig«, antwortete er freudig. »Was hast du dir da ausgemalt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.«
»Wieso nicht?« Er setzte mir einen Kuss auf die Stirn. »Soll ich zuallererst erzählen, was ich mir vorstellte? Würde es dir dann leichter fallen?«
Grundgütiger!
…
»Nein …« Verzweifelt schaute ich zu den mit Moos bewachsenen Bäumen. »Machen wir dies doch, wenn wir schlafen gehen.«
Ich wollte mich nicht noch erregter fühlen, als es ohnehin längst der Fall war. Im Bett konnten wir uns alles Mögliche erzählen. Und ich durfte mein Gesicht an seine Brust kuscheln, und damit meine törichte Schamesröte erfolgreich verstecken. Außerdem konnten wir intim werden, unsere Begierde mit Berührungen mildern …
Aber hier …?
»Ich brauche eine Wegzehrung«, konterte er drängend. »Die Woche war lang … Meine Sehnsucht übermannt mich nahezu …«
Himmel! Mir ging es doch keinen Deut besser!
»Und ein Kuss?«
»Nein.« Lieblich tänzelten seine Fingerkuppen über meine Lippen, streichelten über meine heißen Wangen. »Das reicht einfach nicht aus. Bitte … Liza, bitte –« Flehentlich schlugen seine hübschen Augenbrauen herzallerliebste Wellen. »Bitte … bitte erzähl es mir. Tu mir den Gefallen.«
Wie konnte ich einem Mann mit einem solchermaßen niedlichen Gesichtsausdruck einen Wunsch verwehren?
»Dann allerdings musst du mir versprechen, mir heute Abend zu erzählen, welch Gedanken dir durch den Kopf geisterten.«
Eifrig und mit kindlicher Vorfreude nickte er mir zu. »Ja, gerne doch. Ich erzähle dir jedes noch so unbedeutende Detail.«
…
Jedes noch so unbedeutende Detail.
Eine nächste Welle Lust sprudelte durch mein Gedärm.
…
»Nun –« Leise seufzend schaute ich durch die Gegend, verscheuchte heiß aufwallende Befangenheit. »Ich stellte mir vor, wie … wie –« Mit einem jeden albernen Wort aus meinem Munde wuchsen Erregung und Beschämung im Sekundentakt an. »Wie du –« Die trocken gewordenen Lippen benetzend sah ich schlagartig die verruchten Dinge vor mir, welche ich mir Mittwoch Abend ausgedacht hatte.
Unsere Vereinigung … die leidenschaftlichen Küsse … seine in mich eindringenden Finger … meine seine Männlichkeit umfassenden Hände …
»Wie wir uns … nun … wie wir –« Sosehr ich es wollte, es gelang mir nicht, meine Fantasien auszusprechen.
»Ja? … Wie wir was …?« Seine Stimme war ein einziges erstickendes Flüstern.
Ich schluckte meine wildgewordenen Emotionen hinunter und wagte einen neuen Anlauf. »Wie ich unter dir liege … wie du dich … wie du … nun … dich bewegst … das … das habe ich mir vorgestellt – deine glücklich leuchtenden Augen … deine entspannten Gesichtszüge …«
O Gott, konnte ich es verlauten? Konnte ich es denn tatsächlich verlauten?
»Deine Finger in meinem Körper … deine Küsse, deine Zunge –« Um meine nervliche Anspannung wenigstens teilweise zu kompensieren, ballte ich meine rechte Hand zu einer Faust. »Und … wie … wie es sich anfühlt, wenn du dich … in mir … bewegst … dieses … dieses heiße –« Ich klärte die Stimme. Die Hitze in meinem Gesicht nahm schmerzhafte Ausmaße an. »Dieses heiße Reiben … die ziehenden Gefühle, die dadurch entstehen –«
Seine Lippen, welche er unvermittelt auf meine legte, stoppten meinen schrecklich peinlichen Erklärungsversuch.
Er presste mich an sich, liebkoste meine Zunge mit seiner. Beherzt erwiderte ich seinen ungestümen Kuss, legte meine Hände auf seine Kinnbögen, streichelte seine Ohren, glitt durch sein seidenweiches Haar.
Solch einen erregenden Moment wie den nunmehrigen hätte ich mir niemals vorzustellen vermocht …
»Wie hast du dich gefühlt«, fragte er atemlos, alsbald er sich von meinen Lippen getrennt und meine Hände ergriffen hatte. »Während du dir dieses Szenario vorstelltest?«
Es war mir bereits heiß gewesen – jetzt allerdings kochte ich.
Ich sollte ihm erklären, wie meine Erregung sich angefühlt hatte? Das ging doch einfach nicht … das konnte ich nicht …
»Und was hast du getan, währenddessen du dir diese Situation vorstelltest?«
»Was?!«, platzte es keuchend wie schmerzlich erregt aus mir hervor.
»Sag es mir.« Seine Lider halb geschlossen stupste er meine Nase mit seiner an. »Beantworte mir diese zwei unscheinbaren Fragen.«
Un … Unscheinbar?!
Was war hier noch unscheinbar?
»Warum … warum willst du das wissen?«
»Weil es dich erregt.« Abermals nahm sein Blick diesen mir ziehende Schauer auslösenden in meine Seele eindringenden Ausdruck an. »Weil es mich erregt.«
Nun waren wir abermals an diesem Punkt angelangt – an diesem hocherregenden intimen Punkt, an welchem wir über Dinge sprachen, die uns normalerweise gänzlich aus der Bahn warfen. Eine Situation, welche für schüchterne Menschen derart weltfremd und weit entfernt schien, wie Frieden in Syrien.
Doch wenngleich ich am liebsten im Erdboden versinken wollte, erhob sich plötzlich mein Mut, welcher mich letztlich dazu brachte, Jans Wunsch zu erfüllen.
»Ich fasste mich an«, wisperte ich mit geschlossenen Lidern. »Ich empfand unaussprechlich starke Lust. Ich vermisste dich unwahrscheinlich – in diesem Moment. Ich wollte dich bei mir haben. Ich wollte dich in mir spüren …«
Er drückte mich an sich, streichelte mir übers Haar, küsste meinen Nacken. »Danke … danke Liza. Das war unvergleichlich herzhaft und schön von dir.«
Reine leidenschaftlich Erregung strömte durch meinen Körper – ließ mich erschauern.
Ich atmete hörbar durch, versuchte mich zu festigen. »Das muss aber genügen … bis heute Abend.«
Sonst würde ich womöglich jegliche Skrupel verlieren und ihn dazu bringen, es hier mit mir zu tun.
Jans süßes Kichern drang in mein Ohr und in meine Seele. »Ich kann es dir nicht versprechen, allerdings werde ich mich außerordentlich bemühen.«
»Bemühen reicht vollkommen.«
Glucksend ließ er von mir ab, nahm meine Hand in seine und ging weiter.
Für die nächsten Minuten lauschten wir den zarten Gesängen der Waldvögel und das Summen vorbeifliegender Insekten.
Ich war ewig dankbar für diese kleine Verschnaufpause.
Unerfreulicherweise reichte bereits ein Blick auf Jans wunderschönes Outfit, insbesondere die seinen schlanken Oberkörper betonende schmal geschnittene Weste und das lockere Hemd, um meine Fantasien abermals anzukurbeln.
»Hast du dir mittlerweile ein Kleid für Tinas Hochzeit ausgesucht?« Liebevoll hauchte er mir einen Kuss auf die Wange. »Oder musst du dir erst eines kaufen?«
»Ich besitze genügend Kleider.« Lächelnd erwiderte ich seine Zärtlichkeit. »Und drei davon stehen in der engeren Auswahl.«
»Ich bin zutiefst gespannt, wie du aussehen wirst.« Ein breites Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus. »Mit Sicherheit wunderschön.«
Dienstbeflissene Schmetterlinge tosten durch meinen Magen.
Ich blickte Richtung dunkelgrünen weichen Boden. »Ich hoffe es.«
»Ganz bestim –« Jan unterbrach seine Erwiderung mit einem jähen Ausruf der Überraschung.
Verwirrt im höchsten Maße wandte ich mich seiner zu, alsdann ich seinem Stolpern gewahr und in weiterer Folge mitgerissen wurde.
Nein … nein … nicht schon wieder!
Weder vermochte Jan noch ich selbst es, den Sturz zu verhindern, dementsprechend frenetisch landeten wir auf dem moosigen Untergrund – was so viel bedeutet wie: mit rudernden Armen und dem Gesicht voran.
Sogleich ich mich von dem ersten Schock erholt hatte, richtete ich mich auf. »Hast du dich verletzt?«
Behäbig stemmte er sich hoch. »Ich glaube, ich habe nur ein paar kleine Pilze verschluckt … ansonsten gehts mir gut.«
»Nun …« Kichernd fischte ich eines dieser kleinen Tierchen aus seinem Haar. »Wie es scheint, fühlen sie sich auch sehr in deinen Haaren wohl.«
Amüsement wich leichter Besorgnis. »Und hast du dich verletzt?«
Kopfschüttelnd warf ich den braunen Pilz zu Boden. »Nein, ich denke nicht.«
Gemeinsam erhoben wir uns.
»Aber dein Kleid ist völlig verschmutzt –« Er weitete die Augen. »… und deine Knie! In Gottes willen! Sie bluten ja.«
Ich blickte an mir herab.
Tatsächlich.
»Dabei tut es gar nicht weh.«
»Komm.« Unversehens hob er mich hoch. »Deine Wunden gehören gesäubert, sonst entzünden sie sich.«
»Jan –« Krampfhaft und mit rasend ansteigendem Blutdruck versuchte ich, ihn nicht festzuhalten. Aus dem einfachen Grund: Meine besudelten Hände und mein Kleid würden seinen schönen Anzug ruinieren …
»Halt dich an mir fest«, wies er mich an.
»Nein.«
»Wieso nicht?«
»Weil ich dich beschmutze.«
»Das ist doch gänzlich belanglos!«
»Nein … Bitte lass mich runter. Ich kann alleine gehen.«
»Auf gar keinen Fall.«
»Und wenn du wieder stolperst?«
»Das werde ich nicht.«
»Bitte … Jan! Ich will nicht Schuld daran haben, wenn dein wunderschöner Anzug einzig meinetwegen verschmutzt.«
»Er ist längst schmutzig … Schließlich bin ich ebenfalls zu Boden gegangen. Schon vergessen, meine Teure?«
»Oh …«
…
»Also lass mich dich zurücktragen. Immerhin habe ich dich zu Boden gezerrt, nicht umgekehrt.«
Sosehr ich mich bemühte, es wollte mir kein weiteres Gegenargument einfallen, wodurch ich mich schlussendlich genötigt sah, seinem Wunsch zu entsprechen, meine Arme um seinen schlanken Hals zu schlingen und mich an seinen Oberkörper zu lehnen.
»Na siehst du. Geht doch.«
Mit bedächtigen Schritten machte er sich auf den Weg zurück.
…
Das Gefühl, von ihm getragen zu werden, hatte sich – verglichen mit letzter Woche – zutiefst verändert. Die Angst, fallengelassen zu werden, zum Beispiel, war komplett verschwunden. Fernerhin das Empfinden der Machtlosigkeit. Nun verspürte ich ausnahmslos Vertrauen und Geborgenheit.
»Es fühlt sich schön an, von dir getragen zu werden.«
»Ja?« Er erstrahlte. »Wenn ich mich recht entsinne, hast du dich letzte Woche noch nicht sonderlich wohlgefühlt.«
»Umso schöner ist es jetzt.«
Er antwortete mir mit einem gütlichen Lächeln und einem herzschlagerhöhenden zugeflüsterten »Ich liebe dich«, welches ich glückselig erwiderte.
Bedachtsam schritt er über den nachgebenden Waldboden. Kein einziges Mal strauchelte er dabei – ganz im Gegenteil – verloren schien die Unbeholfenheit, gegangen war die Selbstvergessenheit. Wie ein unbezwingbarer Krieger hielt er mich fest in seinen grazilen Armen, beschenkte mich mit all der Fürsorge, nach welcher mein Herz sich jahrelang verzehrt hatte.
Als bestünde ich aus zerbrechlichem Porzellan, brachte er mich unter dem Holzvordach zurück auf die Beine, gab mir einen langen zärtlichen Kuss, ehe er die Haustüre öffnete – und ein köstlicher Geruch von frisch gebratenen Schnitzeln weht uns entgegen.
»Liza hat sich verletzt«, rief meine Seelenhälfte Richtung Wohnküche. »Sie hat sich die Knie aufgeschlagen.«
»Es ist doch gar nicht weiter schlimm«, beschwichtigte ich. »Du musst deshalb nicht meine Mutter rufen.« Dies eben ausgesprochen, war Letztgenannte bereits vor uns aufgetaucht.
Alsbald sie sich meiner blutenden Knie gewahr wurde, huschte ihr sanftes Entsetzen über das Angesicht. »Wie ist denn das passiert?«
»Wir sind gestürzt«, erklärte ich sachlich. »Aber ich spüre gar keinen Schmerz. Es ist halb so schlimm.«
»Ja, ja!«, tadelte sie. »Wie damals, als die kleine Minka dich gebissen und du eine Blutvergiftung bekommen hast.« Kopfschüttelnd leitete sie mich ins Bad – welches ich bedeutend anders in Erinnerung behalten hatte.
Der ehemals hellblau verflieste Raum erstrahlte nun in edlem weiß-goldenen Look.
»Ihr habt ja das Bad renoviert!«
Dies hatten sie seit geraumer Zeit angedeutet …
»Ja. Gefällt es dir?«
Ich blickte mich um. Die alte an einen Bimsstein erinnernde Badewanne hatten sie gegen eine neue samt Dampfdusche ausgetauscht, das kleine Waschbecken war einem doppelten Waschtisch gewichen, die Decke hatten sie mit hellem Holz verkleidet und selbst die WC-Anlage hatte einen neuen Spülerkasten und einen wuchtig aussehenden weißen Toilettensitz erhalten.
Ich nickte anerkennend. »Es ist wunderschön geworden. Das habt ihr toll gemacht.«
»Soderla.« Mit flinken Händen öffnete sie die untere Lade des schmalen weißen Schranks und fasste nach einem Frottierhandschuh, welchen sie gleich darauf unter fließend warmes Wasser hielt. »Jetzt müssen wir erst einmal deine Wunde reinigen.«
»Mama. Ich kann das selbst machen.«
»Ich kann es noch viel besser«, warf Jan fröhlich ein, worauf meine Mutter sich mit einem sanften Grinsen zu ihm umdrehte. »Das kann ich mir gut vorstellen.« Sie reichte ihm den ausgewrungenen Lappen. »Dann kümmere dich um sie. Ich hole inzwischen zwei große Pflaster und Desinfektionsmittel.«
Ehrfürchtig nahm Jan das feuchte Stoffstück entgegen. »In Ordnung.«
Währenddessen ihres Gespräches hatte ich mich auf den Badewannenrand gesetzt und die Wunden kurzzeitig genauer unter die Lupe genommen – mit dem Ergebnis: Sie waren wahrhaftig nicht solchermaßen schlimm, wie von Mama und Jan dargestellt.
Lächelnd fing Letztgenannter an, das Blut und die Erde zu entfernen. »Minka? War das deine Katze?«
Ich bejahte. »Sie biss mich sehr oft – und jedes Mal entzündete sich die Wunde. Katzen sind nicht immer solcherweise süß, wie Katzenhalter dies tagtäglich mit unzähligen niedlichen Tierfotos auf Instagram hinzustellen versuchen.«
Jan schmunzelte. »Kein Vorteil ohne einen Nachteil.« Sachte tupfte er über die aufgeschundenen Stellen. »Der moosige Boden war eigentlich sehr weich … Irgendwie musst du auf ein paar Steinen gelandet sein.«
»Scheint so – au.«
Jan zuckte zurück. »Hab ich dir wehgetan?«
»Nein, nein … geht schon. Mach weiter.«
»Wirklich? Bist du dir sicher?«
Seine Fürsorge erwärmte mir das Herz und zauberte mir überdies ein riesiges Lächeln ins Gesicht. »Ja … ganz sicher. Es ist alles in Ordnung.«
Ich musste mich hüten, mögliche Schmerzen anzudeuten, sonst machte er sich bloß unnötige Sorgen – wie meine Eltern.
»So … hier.« Lautlos war Mama neben mir aufgetaucht. Sie hockte sich zu mir, öffnete das Desinfektionsmittel und schüttete etwas über mein rechtes Knie. »Brennt es?«
Ein bisschen …
»Nein … zum Glück nicht … Ich kann mich aber noch sehr lebhaft daran erinnern, wie sehr das dunkelrote Mittel, welches du in meiner Kindheit benutztest, mir stets die Tränen in die Augen trieb.«
Sie lachte. »Ja, das war ein hartes Zeugs.«
»Das klingt furchtbar in meinen Ohren«, meinte Jan, während er den Lappen auswusch.
»Liza war schon immer hart im Nehmen.«
»Jetzt nicht mehr.«
Meine unbedachte Äußerung brachte diese beiden wundervollen Menschen dazu, gleichzeitig zu mir zu blicken.
»Du bist noch immer stark«, entgegnete Mama und desinfizierte mein linkes Knie. »Daran hat sich nichts geändert.«
»Das sehe ich aber gänzlich anders. Meine Empfindlichkeit und Schwermut sind ein Zeichen von Schwäche.«
Jan schüttelte den Kopf. »Red keinen Unsinn! Weißt du eigentlich, wie viele Leute an schweren Depressionen, Burn-out oder ähnlichen Gebrechen erkranken? Beinahe jedem passiert dies einmal in seinem Leben.«
Sanfte Verzagtheit sich in mir ausbreitend beobachtete ich Mamas flinke Hände. »Kann schon sein … Ich empfinde es dennoch so.«
»Diese Meinung werde ich dir auch noch einmal austreiben.«
Obgleich ich es nicht wollte, entfesselte seine im Grunde genommen arglose Aussage mir einen erregenden Schauer, welcher mich dazu nötigte, in seine mich musternden Augen zu blicken – und da wusste ich, wie er meine Meinung austreiben wollte.
»Tut es weh?«, riss Mamas besorgte Frage mich aus meinen abdriftenden, hocherotischen, wangenerhitzenden Gedanken.
»Nein, alles bestens.«
Bloß Jans anzügliche Bemerkungen entfachten in meinem Unterleib ein wohliges Brennen …
Himmel!
Wie würde die kommende Nacht verlaufen? Was würde er mit mir anstellen wollen? Zu welchen erregenden Dingen würde er mich dieses Mal überreden?
…
Zum Glück hatte ich eine neue Packung Präservative gekauft …
»Jetzt muss ich dich aber etwas fragen«, meinte Mama zu mir gerichtet. Eine mir gehörige Befürchtungen bereitende Neugier keimte in ihrem Gesicht auf. »Seit wann redest du so hochgestochen?«
Jegliche unanständigen Gedanken wurden vor meinem geistigen Auge zerfetzt.
…
O Gott.
Nicht auch noch das!
»Ich … aber ich spreche doch gar nicht hochgestochen.«
»Nein, natürlich nicht.« Ihre unterschwellige sarkastische Stimmlage war unüberhörbar. »Liza … schon gestern bei unserem Telefongespräch ist mir deine veränderte Wortwahl aufgefallen.«
»Womöglich liegt es an dem Buch, das ich zurzeit lese.«
In ihren Augen blitzte irgendetwas auf – etwas Bedenkliches. »Oder es liegt an deinem Herzblatt.«
Ich errötete – Jan errötete.
Mama drehte sich zu Letztgenanntem um. Das Desinfektionsmittel hielt sie dabei lässig in der rechten Hand. »Du benutzt sehr viele altmodische Wörter – genau die gleichen, die Liza plötzlich verwendet.«
»Ja, möglicherweise … vielleicht … vielleicht liegt es daran.« Er wrang die Hände. »Zwar benutzte ich seit jeher gerne in Vergessenheit begriffene Wörter. Allerdings kommen diese verwichenen Ausdrücke mir nun weitaus leichter über die Lippen, denn noch vor einer Woche.«
»Dann kann es nur an der Liebe zwischen euch beiden liegen.« Mama entfleuchte ein bezauberndes Kichern. »Obwohl das schon ziemlich seltsam scheint.«
Ich fasste nach dem großzügig abgeschnittenen braunen Pflaster, welches Mama auf die neben mir befindliche Waschmaschine gelegt hatte, und löste die halbtransparenten Streifen von der Klebefläche ab. »Woran es auch liegt, ich fühle mich glücklich.«
»Und alles andere«, pflichtete sie mir bei. »Ist komplett unwichtig.«

Die darauffolgenden Stunden verliefen ohne nennenswerte peinliche Zwischenfälle oder Andeutungen Jans. Stattdessen waren sie gefüllt mit Lachen, anregenden Gesprächen und Erzählungen über Vergangenes. Kurzum: Ein wundervolles Beisammensein, wie ich mir dies in meinen Tagträumen stets ausgesonnen hatte.
»Wollt ihr bei uns übernachten?«, fragte Mama, den eben fertig gewordenen Geschirrspüler öffnend.
Heißer Dampf schlug uns entgegen, legte sich als undurchschaubarer Schleier auf meine Brille – eine von vielen kleinen Hürden, welche zum Alltag eines Brillenträgers zählte.
»Das wäre schön.« Ich nahm den unliebsamen Sehbehelf ab und blies gegen das Kunststoffglas. »Aber stören wir wohl nicht?«
»Liza! Also wirklich!« Mamas stark weichgezeichnete Silhouette stemmte die Hände gegen die Hüften. »Wie oft habe ich dir nicht schon gesagt, dass du nicht störst?«
»Oft genug«, vermutete ich mit einem angedeuteten Lächeln. »Aber du kennst mich. Ich will einfach niemandem auf den Nerv gehen.«
»Das hast du noch nie.«
Zwei sich um meine Hüften schlingende Arme brachten nicht bloß mein Herz auf Trab, sondern hätten mich beinahe dazu veranlasst, meine Brille fallenzulassen.
»Dann bin ich nicht der Einzige«, raunte Jan mir ins linke Ohr. »Welcher dir diese falsche Sichtweise auszureden versucht?«
Mit aller Macht wollte ich ein neues Rotwerden verhindern. Zu meinem Bedauern klappte es selbstredend überhaupt nicht. Und zu allem Überfluss musste meine Mutter mir ein wissendes Grinsen zuwerfen, welches meine Situation nicht eben verbesserte. Übersetzt bedeutete dies: Verunsicherung und Scham wuchsen an, wodurch mein Gesicht lediglich heißer wurde.
»Ihr könnt gerne im ersten Stock schlafen.«
Für einen kostbaren Augenblick gelang es mir, mein kleines Gefühlschaos zu unterdrücken. »Aber wir haben kein Bett … Nun, wir können ja eine Luftmatratze aufblasen.«
Das Feixen meiner Mutter wuchs an. »Wenn euch eine Luftmatratze mehr zusagt als ein gemütliches Bett, kann ich euch gerne eine geben.«
»Wie meinst du das?«
»Oben steht ein ganz normales Bett – zwar ein Einzelbett, aber denke ich, dass zwei Frischverliebte sowieso nur wenig Platz brauchen.«
Mir wurde es gleich nochmals heißer.
»Ein Bett? Wieso habt ihr ein Bett da oben? Immerhin stehen die Räumlichkeiten leer.«
»Wir haben immer ein Bett für dich.« Mütterliche Güte legte sich auf ihre Gesichtszüge. »Glaubst du wirklich, wir würden unsere Tochter auf der Couch schlafen lassen?«
»Ja schon, aber –«
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