Читать книгу: «Tatort Teufelsbrücke»

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Isabel Holocher-Knosp

ist in Tübingen 1973 geboren und wuchs am Fuße der Burg Hohenzollern auf. Heute lebt sie in Albstadt. Wenn sie keine Krimis schreibt, unterrichtet sie an einer Grundschule und ist gleichzeitig Ansprechpartnerin für Hochbegabung am Schulamt Albstadt. Zudem ist sie Gründungsmitglied des Vereins »Spitzenklänge – Begabten Musikförderung Zollernalb«. In der Freizeit unternimmt sie gerne ausgedehnte Wanderungen mit ihrem Australian Shepherd über die Alb. Die Erste Staatsprüfung im Fach Deutsch/Literaturwissenschaft absolvierte sie erfolgreich zum Thema Krimi. »Tatort Teufelsbrücke« ist nach »Tatort Hohenzollern« und »Tatort Villa Rustica« ihr dritter Krimi mit der pensionierten Lehrerin Uschi Lämmle als private Hobbydetektivin, die bei ihren Ermittlungen auch immer wieder selbst in höchste Gefahr gerät.

Isabel Holocher-Knosp

TATORT

TEUFELSBRÜCKE

Schwabenkrimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.

Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.

Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2020

Postfach 16 42 · 72706 Reutlingen

Alle Rechte vorbehalten.

Titelbild: ©Ralf Vaas

Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, Reutlingen

Lektorat: Elga Lehari-Reichling

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-96555-078-0

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm: www.oertel-spoerer.de

Die Grenze zwischen Verstand und Gefühl ist das Jagdgebiet des Teufels

Die Messerspitze drang mühelos durch die Haut und hinterließ einen klaffenden Schlitz, durch den die Fleischmasse hervorquoll. Augenblicklich verbreitete sich ein intensiver Lebergeruch. Rasch knotete Schuster einen Strick um den Köder und band ihn am Ast der jungen Buche fest. Hoch genug, damit der Fuchs nicht herankam. Diese Henkersmahlzeit war nicht für Reineke bestimmt. Nachdem er nochmals prüfend am Strick gezogen hatte, wischte Schuster die Klinge gründlich an einem Papiertaschentuch ab und schob das Jagdmesser in die lederne Scheide zurück. Mit geschultertem Rucksack und Gewehr stapfte er quer über die Wiese zum Hochsitz. Nun hieß es warten.

Ein Blick durch das Fernglas bestätigte ihm, dass der Köder noch an Ort und Stelle hing. Die Leberwurst baumelte sachte hin und her und verströmte ihren unwiderstehlichen Duft. Lockte. Komm, friss mich. Ich bin leichte Beute. Verlass deine Deckung. Es lohnt sich. Komm. Trau dich. Er war imstande, diesen Leckerbissen im Umkreis von zwei Kilometern zu wittern. Vorausgesetzt er war noch hier. Der Wolf. Natürlich konnte er schon längst weitergezogen sein. Sein Gespür sagte Schuster jedoch, dass das Raubtier noch hier war. Auf der Suche nach einem paarungswilligen Weibchen. Welches er in Baden-Württemberg derzeit aber nicht finden würde.

Der junge Wolf war blindlings in eine Fotofalle getappt und hatte somit den Beweis geliefert, dass die Wölfe im Südwesten auf dem Vormarsch waren. Der ausgestorben geglaubte Wolf würde ins Donautal zurückkehren. Die Aufnahme der Wildkamera stammte von vorgestern. Leider hatte er den Schnappschuss erst gestern Abend zu Gesicht bekommen. Aber die Spuren, die er heute Morgen im Morast entdeckt hatte, waren ganz frisch gewesen. Wenn sich der Jungwolf also tatsächlich noch in der Umgebung von Inzigkofen aufhielt, war dies vermutlich die letzte Möglichkeit, ihn zu erwischen. Handeln war das Gebot der Stunde. Und zwar unverzüglich! Da man in so einem Fall nicht allein auf das Jagdglück vertrauen durfte, hatte er sicherheitshalber den Köder ausgelegt.

Schuster zog den Flachmann aus dem Rucksack, klemmte ihn sich zwischen die Schenkel und schloss den obersten Knopf seiner Wachsjacke. Die Sonne hatte im Februar wenig Kraft. Kaum war sie untergegangen, wurde es eisig kalt. Doch was ein rechter Jäger war, der wusste mit der Kälte umzugehen. Warme Kleidung war das A und O. Wer fror, konnte nicht ruhig sitzen. Und wer nicht ruhig saß, konnte keinen sauberen Schuss abgeben. Handschuhe trug er allerdings prinzipiell nur bei Minusgraden. Dementsprechend klamm waren derweil seine Hände. Das war schlecht. Steife oder gar zittrige Finger konnten alles zunichtemachen. Er musste den Wolf beim ersten Schuss sicher treffen. Also hauchte er in seine Hände, rieb die Handflächen aneinander und knetete seine steifen Finger so lange, bis sie sich wieder warm und geschmeidig anfühlten.

Zumindest war es windstill. So konnte ihn der Wolf nicht so leicht wittern. Nachdem er den Waldrand nochmals mit dem Fernglas kontrolliert hatte, drehte Schuster lautlos die Kappe des Flachmanns ab und genehmigte sich einen tiefen Schluck aus der Flasche. Er liebte dieses Brennen in der Kehle und die sich ausbreitende Wärme in der Brust. Selbst Gebrannter schmeckte immer noch am besten. Man durfte nur nicht zu viel davon trinken. Sonst war es vorbei mit der Reaktionsfähigkeit. Bei Schnaps ging das verdammt schnell. Für viele Jäger war Alkohol auf dem Hochsitz deshalb tabu. Jene Kollegen hielten sich aber auch sonst akribisch an sämtliche Regeln und Unterregeln, ohne diese jemals kritisch hinterfragt zu haben. Spießer! Was doch wirklich zählte, war der gesunde Menschenverstand. Da die wärmende Wirkung des Obstlers bereits schon wieder nachließ, nahm er einen weiteren Schluck.

Es war doch Wahnsinn, den Wolf im dicht bevölkerten Deutschland wieder ansiedeln zu wollen! Das konnte nicht gut gehen. Und das wussten auch alle, die Ahnung von der Sache hatten. Ein einzelner Wolf war selbstverständlich keine Gefahr. Aber wenn sich ein Wolf niederließ, dann folgten weitere, gründeten Rudel und nach kurzer Zeit gab es dann so viele Rudel, dass man der Plage kaum mehr Herr werden würde. Der Bestand wuchs rasant. Was hatte er gelesen? 30 Prozent pro Jahr? Darum galt das Motto: Wehret den Anfängen. Und da dieser junge Wolf den Anfang gemacht und sich ausgerechnet in sein Revier vorgewagt hatte, musste er nun eben entnommen werden. So einfach war das.

Natürlich wusste er, dass der Abschuss nicht legal war. Schließlich war der Wolf international streng geschützt. Noch. Bald schon würden die Probleme durch umherstreunende Wolfsrudel so massiv werden, dass die Behörden den Wolf zum Abschuss freigeben mussten. Da war er sich sicher.

Er nippte an der Schnapsflasche und wischte sich anschließend mit dem Handrücken über die Lippen. Der Wolf tat gut daran, dortzubleiben, wo er artgerechte Lebensräume vorfand. In Russland. Oder Polen. Nicht ohne Grund hatte man den Störenfried in Deutschland ausgerottet. Mehr als 180 Jahre war es nun her, dass man den letzten Wolf in dieser Gegend erschossen hatte. Seitdem war Ruhe in die deutschen Wälder eingekehrt. Und er würde seinen Teil dazu beitragen, dass es dabeiblieb. Allerdings musste die Sache schnell über die Bühne gehen. Es war zwar unwahrscheinlich, dass ihn hier jemand um diese Uhrzeit beobachtete, aber ganz sicher konnte man nie sein. Deshalb hatte er den Wagen in der Nähe geparkt und vorsorglich schon ein entsprechend großes Loch ausgehoben. Somit wäre der Wolf schnell entsorgt und kein Hahn würde danach krähen, wo das Vieh abgeblieben war. Aus den Augen aus dem Sinn. Womöglich würden ihn einige Wolfsliebhaber vermissen. Aber letztlich mussten auch diese Leute akzeptieren, dass sich der Wolf offenbar nur auf der Durchreise befunden hatte und in eine andere Gegend weitergezogen war.

Schuster trank nochmals einen Schluck von dem wohltuenden Obstler. Hauptsache er setzte einen guten Schuss ab. Im Idealfall brach der Wolf an Ort und Stelle zusammen. Er hatte keine Lust, diesen schweren Brocken unnötig weit zu schleifen. Vielleicht hätte er das Loch doch erst später ausheben sollen. Wie viel so ein Jungwolf wohl wog? 30 Kilo? Oder 40? Wer weiß, wie weit sich der angeschossene Wolf schleppen würde … Wenn es dumm lief, musste er ein weiteres Loch graben. Er seufzte. Die Vorstellung gefiel ihm gar nicht.

Was ihm aber noch mehr Sorgen bereitete, war der aufkommende Nebel. Ganz allmählich waren die Schwaden aus der Donau aufgestiegen, kamen nun über die Wiese gekrochen und verdichteten sich zu einer undurchdringlichen Wolke, die Stück für Stück das Tal und die Felsen in ein mattes Grau einhüllte. Mist! Dämmerung und Nebel, diese Kombination war katastrophal.

Hm, sollte er die Sache doch lieber abblasen? Schuster tat einen weiteren kräftigen Zug aus der Flasche, behielt den Schnaps aber in der Mundhöhle, während er fieberhaft überlegte, was nun zu tun war. Es wäre äußerst unvernünftig, bei diesen miserablen Sichtverhältnissen zu schießen. Mehr als das. Es wäre unverantwortlich! Er schluckte den Schnaps hinunter. Also gut. Gegen Natur und Wetter konnte man nichts ausrichten. Er gab sich jetzt noch fünf Minuten. Wenn der Wolf bis dahin nicht auftauchte, hatte er eben Pech gehabt. Und der Wolf Glück.

Als Schuster die Flasche an die Lippen ansetzte, stellte er erstaunt fest, dass sie leer war. Also schraubte er die Kappe wieder auf, verstaute den Flachmann im Rucksack, stützte dann die Ellbogen an der Fensteröffnung ab und blickte angespannt durch das Fernglas. Der Nebel hatte den Waldrand erreicht. Nicht mehr lange und die Leberwurst würde in der grauen Wolke verschwinden. Nervös strich er mit den Fingern über den Gewehrkolben.

Wenn er den Wolf tatsächlich erwischte, würde er sich eine Trophäe nehmen. Den Schwanz vielleicht. Oder einen Zahn. Oder doch lieber eine Kralle? Die Vorstellung, eine Trophäe von so einem seltenen Tier zu besitzen, ließ sein Herz für einen Moment schneller schlagen. Konnte es für einen Jäger ein größeres Erlebnis geben, als ein gefährliches Raubtier zu erlegen? Es befriedigte nicht nur den Jagdinstinkt des Mannes, sondern weckte ein Gefühl der Macht, das eine beflügelnde, ja beinah erregende Wirkung hatte. Dies war schon immer so gewesen. Ein Urinstinkt sozusagen. Nicht umsonst hatten in früheren Zeiten die Krieger ihre besondere Stellung und Macht durch das Tragen eines Wolfsfells demonstriert. Natürlich war es damals gefährlicher gewesen, einen Wolf zu erlegen. Die Jäger hatten Leib und Leben aufs Spiel gesetzt.

Aber auch wenn er an diesem Abend dem König des Waldes in einem sicheren Hochsitz auflauerte, brachte er dennoch seinen Einsatz. Er riskierte bei der Wolfsjagd zwar nicht sein Leben, aber dafür seinen guten Ruf. Schließlich war das Töten eines Wolfes streng verboten. Schuster rieb sich den Nacken und lauschte. Alles war still. Kein Motorengeräusch, auch sonst wies nichts darauf hin, dass jemand im Wald unterwegs war. Er durfte gar nicht daran denken, wie hoch die Geldstrafe ausfallen würde, falls man ihn dabei erwischte. Und wenn er in der Öffentlichkeit erst einmal als Wolfsmörder verschrien war, konnte er sich nicht einmal mehr dem Rückhalt seiner Jagdgenossen sicher sein. Hintenherum schimpfen und in der Öffentlichkeit eine unpopuläre Meinung vertreten, das waren zwei Paar Stiefel. Für dieses Risiko war eine Trophäe das Mindeste, was ihm zustand. Leider würde er sich nur im Stillen darüber freuen können. Schießen, schaufeln, schweigen. Er würde sich nicht einmal bei seinen engsten Freunden mit dieser Tat brüsten können. Man wusste nie, was einem blühte, wenn man doch einmal Streit mit einem Freund bekam. So ein brisantes Geheimnis konnte schnell gegen einen verwendet werden.

Die fünf Minuten waren um. Schuster verschränkte seine Finger ineinander und ließ sie knacken. Warum setzte er sich eigentlich so unter Druck? Der Wolf war groß genug, um ihn auch bei schlechten Sichtverhältnissen sicher erkennen zu können. Die Holzwand gab ein leises Knarren von sich, als er sich zurücklehnte und dabei die gefalteten Hände zwischen seine Schenkel schob. Ein Anflug von Müdigkeit ließ ihn kurz die Augen schließen. Als Schuster sie wieder öffnete, spürte er, dass sich etwas an der Szenerie verändert hatte. Mit einem Schlag war er hellwach. Hatte sich da nicht etwas bewegt?

Er beugte sich japsend nach vorn und angelte hektisch nach seinem Fernglas, ohne den Waldrand aus den Augen zu lassen. Tatsächlich! Ein großes Tier strich durchs Unterholz. Der Nebel war inzwischen so dicht, dass er es kaum erkennen konnte. Schuster drückte das Fernglas noch etwas fester auf seine Augen und drehte am Stellrad, um das Bild schärfer zu bekommen. Hm, es war definitiv kein Reh. Und auch kein Wildschwein. Der Gang war geschmeidig, kraftvoll und raumgreifend. Keine Frage. Das war er!

Der Wolf hatte die Witterung aufgenommen und bewegte sich zielstrebig auf den Köder zu. Nun kam es auf jede Sekunde an. Vor lauter Aufregung wäre ihm beinahe das Fernglas entglitten. Im letzten Moment hatte er es gerade noch am Lederband erwischt. Rasch deponierte er es unter der Sitzbank, griff dann nach dem Gewehr und legte an. Irritiert stellte er fest, dass seine Hände vor Erregung zitterten. Verflucht, er hatte zu viel Schnaps getrunken!

Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, atmete er tief durch und korrigierte die Ausrichtung des Gewehrs. Er musste ihn mit dem ersten Schuss treffen! Der Wolf hob den Kopf, richtete sich auf und versuchte, an die Leberwurst heranzukommen. Mehr als ein Umriss war nicht zu erkennen. Das Tier wirkte verhältnismäßig klein. Gut, es war ein Jungwolf. Aber für einen Jungwolf war er wiederum recht korpulent gebaut. Er hatte keine Zeit, sich länger darüber den Kopf zu zerbrechen. Im selben Moment, als der Wolf in die Höhe sprang, drückte Schuster ab. Der Schuss hallte durchs Tal. Kurz darauf zerriss ein schrilles, lang gezogenes Jaulen die Stille.

Schuster drückte rasch ein zweites Mal ab. Das Tier brüllte vor Schmerz auf. Zufrieden stellte Schuster fest, dass das Gebrüll sofort wieder erstarb. Vermutlich war der Schrei in ein lautloses Röcheln übergegangen. Schuster schnappte sein Gewehr, kletterte, so schnell er konnte, die Leiter herunter und rannte los. Hoffentlich hatte er ihn richtig getroffen! Sonst musste er nochmals nachsetzen und das konnte gefährlich werden.

Völlig außer Atem erreichte er die Buche. Die Leberwurst drehte sich immer noch am Strick hängend um die eigene Achse. Doch der Wolf war weg. Verflucht! Der Menge an Blut nach zu urteilen, hatte er ihn ordentlich erwischt. Weit würde er mit der Schussverletzung nicht kommen. Schuster folgte der Blutspur in den Wald hinein, das Gewehr im Anschlag. Wo steckte der Kerl? Hatte er sich im Unterholz verkrochen? Hier endete die Blutspur, verlor sich im Gestrüpp der Brombeeren. Er zog die Taschenlampe aus seiner Jackentasche und leuchtete zwischen die Ranken. Nichts. Er musste sich noch ein gutes Stück weitergeschleppt haben. Aber in welche Richtung? Er ließ den Lichtkegel der Taschenlampe nach links, dann nach rechts schweifen. Verflucht! Er musste ihn finden. Schuster rannte los. Aufs Geratewohl zwischen Buchen und Fichten hindurch. Völlig planlos. Zunehmend panisch. Er stolperte über eine Wurzel, fiel auf die Knie. Rasch rappelte er sich wieder auf, rannte weiter. Irgendwo würde der Wolf tot zusammenbrechen. Und wenn er ihn nicht fand, dann entdeckte ihn in den nächsten Tagen mit Sicherheit der Förster. Oder irgendein Spaziergänger. Mit einer Kugel im Bauch. Einer Kugel, die aus seinem Gewehr stammte. Ganz schlecht.

Schuster leuchtete mit der Taschenlampe unter jeden Busch, jeden Baum, doch der Wolf blieb unauffindbar. Völlig verschwitzt musste er sich schließlich eingestehen, dass die Sache gründlich schiefgegangen war. Es machte keinen Sinn mehr, weiterzusuchen. Es war inzwischen stockdunkel. Wer weiß, welche Energien der Wolf im Schockzustand entwickelt hatte. Im Fluchtmodus konnte er sicher trotz Schussverletzung noch eine weite Strecke zurücklegen. Das Tier war vermutlich längst außer Reichweite. Vielleicht war es ja nur ein Streifschuss gewesen, redete er sich ein. Im besten Fall überlebte der Wolf die Verletzung. Sein gesunder Menschenverstand sagte ihm jedoch, dass dies mehr als unwahrscheinlich war.

Während Schuster das ausgehobene Loch mit Erde zuschaufelte, stieg eine dunkle Ahnung in ihm auf. Er konnte zwar das Loch beseitigen und die Natur würde dieses leere Grab gewiss bald wieder überwuchern, aber seine Tat konnte er nicht ungeschehen machen. Irgendwann würde er sich womöglich noch einmal wünschen, diesen Schuss nie abgegeben zu haben.

Ein Glück, dass das Trockenfutter kaum Eigengeruch hatte. Das Zeug aus der Dose stank oftmals dermaßen zum Himmel, dass man Zweifel bekommen konnte, ob es sich bei diesen braunen, feuchten Klümpchen nicht in Wirklichkeit um genau das handelte, wonach es aussah. Uschi füllte den Messbecher bis zum Rand und schüttete die Pellets schwungvoll in den Napf. Obwohl das Klackern der kleinen Fleischbrocken nicht zu überhören war, lag Leopold wie versteinert in der Ecke und zuckte nicht einmal ansatzweise mit den Ohren.

»Fresschen, Leopold. Es gibt Fresschen«, versuchte ihn Uschi zu motivieren.

Als sich der Hund immer noch nicht rührte, nahm sie eines der Bröckchen aus dem Napf und hielt es dorthin, wo sie seine Nase vermutete. Die Fellkugel rührte sich nicht. Sie suchte nach seinem Ohr und zog sanft daran. Zumindest hatte dies den Effekt, dass ihr Pflegehund den Kopf hob und für einen kurzen Moment an dem Fleischbrocken schnüffelte, bevor er die Schnauze wieder unter seinem Bauch vergrub. Uschi seufzte. Der Hund brauchte dringend was zu fressen. Seit er gestern bei ihr eingezogen war, verweigerte er jegliche Nahrungsaufnahme. Er hatte zwar ein wenig Wasser geschlappert, aber gefressen hatte er seither nichts, keinen einzigen Happen. Dabei hatte ihr Clara extra eingeimpft, ihn täglich zweimal oder je nach Appetit auch dreimal zu füttern. Trauerte er womöglich so sehr um sein Frauchen, dass er nun in den Hungerstreik getreten war? Da hatte er schlechte Karten. Denn ihre Nichte würde erst in zwei Wochen von ihrer Irlandreise zurückkommen. Bis dahin musste er schon mit seiner Gastgeberin vorliebnehmen. Ein bisschen mehr Entgegenkommen seinerseits würde die Situation jedenfalls für beide Seiten deutlich erleichtern.

Warum Clara ausgerechnet im Herbst nach Irland reisen wollte, erschloss sich ihr immer noch nicht ganz. Irland war wunderschön. Kein Zweifel. Im Sommer. Und auch da musste man sich schon auf Regen und kühles Wetter einstellen. Uschi wusste das aus eigener Erfahrung, hatte sie doch schon zweimal ihren Sommerurlaub dort verbracht. Deshalb hatte sie ihrer Nichte davon abgeraten, im Spätherbst eine Reise auf die grüne Insel zu unternehmen. Aber Clara hatte argumentiert, dass ihr die Insel im Sommer viel zu überlaufen sei. Sie wolle Irland bewusst in der Nebensaison besuchen. Dann hätte sie die Insel quasi für sich allein. Wenn sie sich da mal nicht täuschte! Halloween stand vor der Tür und da Irland das Ursprungsland dieses Brauchs war, würde das Fest sicher eine Menge Touristen anlocken.

Inzwischen war dieses Gruselfest für die junge Generation ja auch in Deutschland nicht mehr wegzudenken und für manche Kinder war Halloween beinahe ebenso wichtig wie Weihnachten oder Ostern. Als sei diese irisch-amerikanische Tradition schon immer Teil des deutschen Brauchtums gewesen. Aber Pustekuchen! Uschi konnte sich noch gut daran erinnern, dass sich dieses Fest erst in den 90er-Jahren hierzulande etabliert hatte, angetrieben vom Handel, der durch den Verkauf von Kostümen, Kürbissen und allerlei Gruselzubehör einen beträchtlichen kommerziellen Nutzen daraus zog. Die Monster, Skelette und Vampire eroberten Deutschland daraufhin im Sturm und nach erstaunlich kurzer Zeit wurde Halloween in den Reigen der deutschen Feste aufgenommen. Davor wäre kein Mensch in Deutschland auf den Gedanken gekommen, außerhalb der Faschingszeit als Hexe verkleidet herumzulaufen und »Süßes oder Saures« zu rufen. Einen kulturellen Zugewinn konnte Uschi durch dieses Gruselfest allerdings nicht erkennen. Im Gegenteil. Sie konnte die Begeisterung für Halloween nicht im Geringsten nachvollziehen. Ihr waren diese hässlichen Verkleidungen zuwider. Und die Streiche, die sich manche Kinder ausdachten, waren keineswegs lustig, sondern grenzten an Sachbeschädigung. Mit ihrer kritischen Sichtweise stand sie in der Gesellschaft nicht allein da, aber in ihren letzten Dienstjahren an der Schule hatte sie zunehmend das Gefühl gehabt, dass die Mehrzahl der Eltern und Schüler anders dachte und den Kommerz gerne unterstützte.

Das Klingeln des Telefons riss Uschi aus ihren Gedanken.

»Lämmle?«

»Hallo. Ich bin’s, Clara. Ich wollte mich erkundigen, wie es Leopold inzwischen geht.«

»Clara? Schon wieder? Ich dachte, du wärst schon längst weg. Wann geht denn dein Flieger?«

»In einer halben Stunde. Ich rufe vom Flughafen aus an. Ich hab nämlich vergessen, dir zu sagen, dass in der blauen Tasche noch Dosen. Leckerlis und Knochen sind. Du musst immer was zum Trockenfutter zugeben. Sonst frisst er es nicht.«

»Ach, so ist das«, murmelte Uschi, kramte die Tasche hervor und linste hinein.

Tatsächlich. Angefüllt mit Leckereien. Alles, was das Hundeherz begehrte. Als Leopold das Rascheln vernahm, erwachte er zum Leben. Er hob den Kopf, entrollte seinen Körper, streckte sich ausgiebig und trottete dann herüber, um seine Schnauze in der Wundertasche zu versenken. Zwei Sekunden später wedelte der Schwanz, kurz darauf kam sein Kopf wieder zum Vorschein, in der Schnauze ein überdimensional großer Kauknochen, den er beglückt von dannen trug.

»Hat er sich denn schon gut eingelebt?«, wollte Clara wissen.

»Ja, ja«, log Uschi und nestelte mit der freien Hand an ihrer Hochsteckfrisur herum. »Mach dir keine Sorgen. Wir kommen schon zurecht.«

»Prima. Ich bin echt froh, dass du ihn nehmen konntest. Weißt du, er ist leider immer noch so wild, dass ich ihn eigentlich nirgends lassen kann. Aber wenn es eine schafft, mit ihm fertig zu werden, dann du. Wer Jugendliche erziehen kann, der kommt auch mit einem pubertierenden Hund zurecht.«

»Dein Vertrauen ehrt mich. Erwarte aber nicht, dass du nach dem Urlaub einen perfekt erzogenen Hund zurückbekommst.« Sie hielt nach Leopold Ausschau und sah gerade noch, wie er seinen Knochen im Topf ihrer Palme ablegte und mit der Nase Erde aufhäufte. Sie seufzte. »Was du in einem Jahr nicht geschafft hast, kann ich nicht in zwei Wochen hinbekommen.«

»So ungezogen ist er dann auch wieder nicht«, verteidigte sich Clara. »Immerhin war ich mit ihm in der Welpenschule. Und durch Clickertraining hat er auch schon ein paar Kunststücke gelernt.«

»Aha. Was ist das denn? Clickertraining?«, fragte Uschi, während sie zusah, wie Leopold den Knochen mit einigen energischen Nasenstübern wieder ausgrub und die Erde dabei rund um die Palme verstreute. Sie ging in die Küche, um einen Kehrwisch zu holen.

»Oh, ich sehe gerade, dass das Boarding beginnt«, rief Clara. »Also, nochmals vielen Dank! Und streichle Leopold von mir. Ich vermiss ihn jetzt schon. Tschüss!«

Bevor sich Uschi verabschieden konnte, hatte ihre Nichte bereits aufgelegt. Rasch fegte sie die Erdkrumen zusammen und hielt dann Ausschau nach ihrem Pflegehund, um ihn wie geheißen zu streicheln. Im Wohnzimmer war er jedenfalls nicht mehr. Und im Schlafzimmer – auch nicht! Woher kam eigentlich dieser kalte Luftzug? Uschi ging in den Hausflur. Um Himmels willen! Die Tür stand ja sperrangelweit offen! Uschi streckte den Kopf aus der Tür.

»Leopold? Wo bist du denn? Komm! Komm hierher! Leopold!«

Gut, dass ihr Garten eingezäunt war. Weit konnte er nicht gekommen sein. Dennoch musste sie nachsehen, wo er abgeblieben war. Nicht, dass er doch noch irgendwo ein Schlupfloch gefunden hatte. Sie war gerade in ihre Straßenschuhe geschlüpft, als er angelaufen kam. Schwanzwedelnd, bestens gelaunt, in Hochstimmung, aber ohne Knochen.

»Wo hast du denn dein Knochele gelassen?«, fragte Uschi, als erneut das Telefon klingelte.

Das konnte nur Clara sein. Vermutlich hatte sie weitere Instruktionen auf Lager.

»Das ist schon wieder dein Frauchen«, sagte sie mit genervtem Unterton, nickte Leopold zu und langte nach dem Telefon.

»Du hast vergessen, mir zu sagen, dass Leopold Türen öffnen kann«, beschwerte sich Uschi ohne Umschweife. »Jetzt hat er den Luxusknochen irgendwo im Garten verbuddelt. Gibt es irgendwelche bevorzugten Plätze, wo er für gewöhnlich seine Knochen versteckt?«

Am anderen Ende der Leitung war es eine Weile still, dann vernahm Uschi ein Glucksen.

»Ist Leopold ein Hund? Also dann würde ich mal im Blumenbeet nachschauen. Hunde lieben es, in der weichen Erde zu graben.«

»Äh, mit wem spreche ich denn?«, fragte Uschi verlegen.

»Hier ist Danni. Danni Rapp. Die Schlossführerin aus Sigmaringen. Wir haben im letzten Jahr eine Zeit lang zusammen auf der Burg Hohenzollern gearbeitet. Ich war die Aushilfe. Erinnerst du dich an mich?«

»Natürlich erinnere ich mich an dich. Was für eine Frage! Wie läuft’s bei Euch im Schloss?«

»Im Moment klemmt’s bei uns leider an allen Ecken und Enden. Deshalb rufe ich auch an. Morgen beginnt unser Sonderprogramm für die Halloweenwoche. Und ausgerechnet jetzt liegt die halbe Mannschaft mit Magen-Darm flach.«

Uschi legte die Stirn in Falten. Sie ahnte schon, was nun folgen würde.

»Um es kurz zu machen: Wir brauchen ganz dringend jemanden, der einspringt.« Eine peinliche Stille trat ein. Danni räusperte sich, doch als Uschi daraufhin immer noch nichts erwiderte, holte sie tief Luft und fügte hinzu: »Nun ja, und da haben wir an dich gedacht.«

Uschi unterdrückte ein Seufzen und fragte zerknirscht:

»Und wie habt ihr euch das vorgestellt? Nur weil ich Führungen auf der Burg mache, heißt das ja nicht automatisch, dass ich auch im Schloss führen kann.«

»Aber natürlich kannst du das! Das ist doch gar kein Problem. Die Geschichte des Fürstenhauses Hohenzollern kennst du doch aus dem Effeff. Und die Besonderheiten im Schloss habe ich dir schnell erklärt.«

»Ich fürchte, so schnell geht das bei mir nicht«, widersprach Uschi. »Ich kenne das Schloss ehrlich gesagt nur von außen. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich die Innenräume besichtigt habe. Ich kann mich an rein gar nichts mehr erinnern. Tut mir leid.«

»Hm, ach so. Was machen wir denn da?«, sagte Danni. Sie klang enttäuscht. »Du warst unsere letzte Hoffnung.«

Uschi zog eine Schnute. Sie würde sich nicht weichklopfen lassen. Es genügte schon, dass sie nun diesen Hund am Bein hatte. Sie hatte überhaupt keine Lust darauf, täglich nach Sigmaringen zu fahren, auch wenn es nur eine halbe Stunde entfernt war. Und noch viel weniger Lust hatte sie darauf, sich eine neue Führung aufs Auge drücken zu lassen. Um eine Führung im Schloss kompetent ausüben zu können, musste man sich richtig reinknien. Da reichten zwei Tage bei Weitem nicht aus, ohne dass es in gewaltigen Stress ausartete. Dies musste Danni einsehen. Notstand hin oder her.

»Ach, jetzt habe ich eine ganz andere Idee«, meinte Danni plötzlich. »Du könntest die Mondscheinführung übernehmen. Da musst du so gut wie gar nichts über die Schlossgeschichte wissen. Dabei geht es ausschließlich um den Mond, Geister und Hexen.«

»Hexen?«, fragte Uschi zweifelnd und klaubte einige Hundehaare zusammen, die neuerdings büschelweise in jeder Ecke zu finden waren.

»Ja, unter anderem. Aber das habe ich schon alles vorbereitet. Zu jedem Thema gibt es eine Karteikarte. Da steht alles drauf. Du musst nur ablesen.«

»Nur ablesen«, murmelte Uschi.

Du meine Güte, wie kam sie nur wieder aus dieser Sache raus, ohne unhöflich zu sein. Schließlich hatte Danni letztes Jahr auch auf der Burg ausgeholfen. Aber das hieß noch lange nicht, dass sie im Gegenzug dem Sigmaringer Schlossteam verpflichtet war. Ihr Blick wanderte zu Leopolds dreckverkrusteter Nase. Seine ursprünglich weißen Pfoten waren nun braun gesprenkelt.

»Außerdem habe ich gerade ja auch noch einen Pflegehund zu betreuen. Den kann ich auf gar keinen Fall alleine lassen.«

Sie war froh, endlich ein Totschlagargument gefunden zu haben. Dagegen ließ sich nun wirklich nichts einwenden.

»Ach, das wäre das geringste Problem«, sagte Danni fröhlich. »Unsere Kassiererin hat auch immer ihren Hund bei der Arbeit dabei. Der ist ganz lieb, liegt den ganzen Tag unterm Tresen und schläft. Ich würde mich sogar dazu bereit erklären, mit Leopold zwischendurch mal Gassi zu gehen.«

Uschi richtete die Augen zur Decke. Himmel hilf, wie konnte man nur so hartnäckig sein?

»Leopold ist ein Wildfang«, startete sie einen letzten Abwehrversuch. »Er ist alles andere als lieb. Und er kann Türen öffnen. Wenn wir Pech haben, spaziert er im Schloss herum und legt sich ins Bett Seiner Hoheit.«

»Oho«, sagte Danni und kicherte. »So einer ist das also. Um welche Rasse dreht es sich denn?«

»Leopold ist ein Aussie.«

»Ein Aussie?«, fragte Danni belustigt. »Was ist das denn?«

»Ein Australian Shepherd. Weißt du, das sind diese hyperaktiven Hütehunde, die irrsinnig viel Auslauf brauchen und denen man dauernd irgendwelche Aufgaben geben muss.«

»Na, zumindest trägt er einen standesgemäßen Namen. Fürst Leopold wäre vielleicht ganz entzückt gewesen, einen Namensvetter als Hofhund zu besitzen. Ist er denn hübsch, dein Leopold?«

»Ja, das ist er«, gab Uschi zu. »Er ist kunterbunt. Schwarz, grau, braun, rot, gestreift, gefleckt, getupft. Mit weißer Schnauze und weißen Pfoten.« Sie schob die Unterlippe vor. Aus der Sache kam sie nicht mehr raus. Definitiv. »Also gut, Danni. Du hast mich überredet. Aber ich springe nur für diese Mondscheinführung ein. Hörst du?«

»Wirklich? Mensch, Uschi. Du bist ein Schatz! Du hast uns gerettet! Vielen, vielen Dank! Dafür bekommst du auch einen fürstlichen Glühwein zur Begrüßung. Und dazu einen selbst gebackenen Keks mit Krone drauf.«

»Schon gut«, sagte Uschi und lachte. »Bekommst du wenigstens eine Kopfgeldprämie, wenn du es geschafft hast, eine Dumme zu überreden?«

»Also hör mal!«, sagte Danni mit gespielter Empörung. »Du bist alternativlos! Schließlich eilt dir dein Ruf voraus. Deine Spontanität und Kollegialität sind in diesem Fürstentum einzigartig.«

Uschi schmunzelte.

»Ja, ja. Ich bin sogar so spontan, dass ich morgen mal kurz zu einer Vorbesprechung vorbeikommen würde. Wann findet denn diese Mondscheinführung eigentlich statt?«

»Das erste Mal am 31. Oktober, also an Halloween.«

Uschis Mundwinkel sanken nach unten. Das erste Mal?

»Aha. Na, Hauptsache ihr erwartet nicht, dass ich mich auch noch als Hexe verkleide …«

»Das wäre natürlich toll!«, sagte Danni prompt und lachte auf. »In der Woche nach Halloween findet die Mondscheinführung dann täglich statt. Beginn ist immer um 22 Uhr.«

»So spät?«, fragte Uschi verwundert.

»Je später es ist, desto mehr gruseln sich die Leute. Und du weißt ja, die Geisterstunde beginnt erst um Mitternacht.«

»Ihr habt doch gar keine Geister!«, sagte Uschi.

»Das wirst du dann ja noch sehen«, entgegnete Danni knapp.

Uschi wollte eigentlich nachhaken, wie sie das denn meine, doch da hatte Danni bereits das Thema gewechselt und erläuterte ihr nochmals den genauen Programmablauf in der Halloweenwoche.

Kaum hatte Uschi das Telefonat beendet, ärgerte sie sich schon über ihre mangelnde Standfestigkeit. Warum schaffte sie es nicht, einfach mal »Nein« zu sagen? Gruselführungen! Ihr genügte schon die weiße Frau, die auf der Burg Hohenzollern herumgeisterte. Auf weitere Geister konnte sie gut und gerne verzichten. Und dann auch noch Hexen. Nee!

Das letzte Stück bis zum Wanderparkplatz fuhr Robin ohne Licht. Im Mondlicht war der Feldweg gut zu erkennen. Auch wenn der Geländewagen für die holprige Strecke ideal war, bemühte er sich, die Schlaglöcher zu umfahren.

»Es ist noch zu hell«, stellte er fest.

Saskia und Volker schauten schweigend aus dem Fenster. Seit sie von der Landstraße abgezweigt waren, hatte keiner ein Wort gesprochen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

Robin steuerte ans Ende des Parkplatzes, bog dort in einen grasbewachsenen Forstweg ein und stellte das Auto hinter einem Holzschuppen ab.

»So, da sind wir!«, sagte er leise und ließ die Scheiben herunter.

Kalte Nachtluft strömte herein.

Saskia lehnte sich aus dem Fenster, blickte zum Nachthimmel auf und ließ sich seufzend wieder in den Sitz zurücksinken.

»Je länger wir uns hier aufhalten, desto eher werden wir von jemandem gesehen«, sagte sie und schob schaudernd die Hände zwischen ihre schlanken Beine. »Wir sollten die Sache so schnell wie möglich über die Bühne bringen und dann wieder abhauen.«

»Jetzt zieht’s glei zu«, sagte Volker.

Er beugte sich zu Saskia vor und hielt ihr das Smartphone unter die Nase. Nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die Wetterapp geworfen hatte, ließ er sich wieder auf die Rückbank fallen und meinte gut gelaunt:

»Willsch a Bierle? Dann bisch vielleicht a bissle entspannter.«

»Ich muss mal«, sagte Saskia den Kopf schüttelnd und schlug die Beine übereinander.

»Bäume gibt es hier genug«, sagte Robin achselzuckend. »Da wirst du doch wohl ein Plätzchen finden, oder?«

»Ist mir zu kalt«, murmelte Saskia, warf ihren Zopf über die Schulter und ließ mit einem Knopfdruck das Fenster hochfahren.

»Also i muss scho lang«, sagte Volker und öffnete mit einem Zischen seine Bierdose. »Aber ich verheb’s mir no a Weile.«

Er lachte, nahm einen Schluck Bier und rülpste.

»Muss das sein?«, beschwerte sich Saskia, schlug den Kragen ihres Mantels hoch und verließ mit einem empörten Schnauben das Auto.

Volker konnte manchmal ganz schön nerven. Aber was das Wetter anbelangte, hatte er recht gehabt. Da zogen tatsächlich Wolken heran. Nicht mehr lange, dann würden sie sich vor den Mond schieben.

Robin verließ nun ebenfalls das Auto, öffnete den Kofferraum und überreichte ihr kommentarlos eine weiße Plastiktüte.

»Es kann losgehen«, raunte er.

Saskia nickte und nahm die Sturmmasken aus der Tüte. Eine reichte sie Volker durchs Fenster, die andere zog sie sich selbst über den Kopf. Die Masken ließen nur die Augen frei. Nase und Mund wurden hingegen vollständig von dem schwarzen Stoff bedeckt.

»Cool!«, meinte Volker lachend. »Da könnta mir nochher eigentlich glei no d’ Sparkass überfalla!«

»Mit einer Handsäge oder was?«, zischte Saskia. »Volle, du hast echt einen Knall!«

Der schmale Trampelpfad führte steil aufwärts, quer über eine Wiese. Obwohl Robin und Volker dicht vor Saskia hergingen, konnte sie die beiden in der Dunkelheit nur schemenhaft erkennen. Es war verblüffend, welchen Effekt die schwarze Kleidung hatte.

Saskia spürte, wie der Stoff vor ihrem Mund mit jedem Atemzug etwas feuchter wurde. Nach ungefähr 200 Metern trafen sie auf einen breiteren Wiesenweg, der in Kurven den Steilhang einer Obstbaumwiese hinaufführte. Immer wieder stolperte Saskia über kleine Klaräpfel, die überall verstreut auf der Wiese herumlagen. Obwohl es unwahrscheinlich war, dass um diese Uhrzeit noch jemand einen Nachtspaziergang unternahm, drehte sie sich alle paar Meter um und lauschte. Doch außer dem Geräusch ihrer eigenen Schritte war nichts zu hören. Sie nahmen die Abkürzung über einen schmalen Trampelpfad und erreichten kurz darauf ihr Ziel: die große Lichtung.

»Da steht er«, sagte Robin und deutete auf den Hochsitz am Waldrand. »Ist mal wieder total fies platziert. Die Tiere kommen aus dem Wald heraus, wollen die herumliegenden Äpfel fressen und ›peng‹«, er imitierte mit der Hand eine Pistole, »hat es sie schon erwischt. Die haben gar keine Chance zu flüchten.«

»Schaut mal, da hat er sogar eine Kirrung angelegt!« Sie deutete auf einen Haufen Trester, eine Mischung aus pflanzlichen Pressrückständen und Getreide. »Um die Tiere anzulocken …«

»Schwätzet it so viel«, entgegnete Volker und setzte seinen Rucksack ab. »Mir müsset jetzt ran an die Sach. Dann hot sich des.«

Mit der Handsäge bewaffnet kletterte er auf den Hochsitz.

»I bin glei soweit«, raunte er. »Ihr könnt solang nomal eine raucha.«

Saskia blickte Robin an und rollte mit den Augen.

»Der hat sie doch nicht mehr alle«, flüsterte sie und schüttelte empört den Kopf.

»Jetzt lass ihm halt den Spaß«, meinte Robin achselzuckend und steckte sich eine Zigarette an.

Saskia kickte nervös einen kleinen Apfel zwischen den Füßen hin und her. Dann kramte sie aus ihrem Rucksack einen Block hervor und kritzelte mit Kugelschreiber in großen Druckbuchstaben ihre Botschaft darauf. Das war in der Dunkelheit gar nicht so einfach, da sie nur nach Gespür schreiben konnte.

»Hast du’s jetzt endlich?«, zischte sie Volker zu.

»Glei«, kam es zurück. »Nur net hudla!«

Kurz darauf stieg Saskia ein übler Geruch in die Nase. Volkers hämisches Lachen bestätigte ihren Verdacht. Angeekelt wandte sie ihren Kopf ab.

»Wo isch jetzt der Zettel?«, fragte Volker und kletterte die Leiter ein Stück weit herunter.

Saskia stieg auf die unterste Sprosse und reichte ihm die Botschaft. Volker beleuchtete das Papier mit seinem Handy.

»Wenn Hochsitze krachen, vergeht euch das Lachen! Jäger, wir schießen zurück.« Er lachte auf, knüllte den Zettel dann zusammen und warf ihn auf die Holzbank. »It schlecht. Aber mir dät da no was Besseres eifalla: Du denkscht, du bischt ganz bsonders grissa, deshalb han i dir auf d’ Hochsitz gschissa.«

Saskia schüttelte angewidert den Kopf.

»Volle, du bist so was von widerlich!«

»I woiß!«, sagte Volker und griente. »Und i mag di au!«

Dann machte er sich daran, die obersten Sprossen auf beiden Seiten anzusägen.

»Kannst du nicht ein bisschen leiser sägen?«, wies Saskia ihn zurecht. »Das hört man ja kilometerweit!«

»Wenn du denkscht, dass du leiser säga kannscht, darfsch es gern selber macha!«, entgegnete Volker. Er stieg etwas tiefer und sägte sicherheitshalber auch dort die Sprossen an.

»Pass auf, dass du dir den Ast nicht unterm Hintern absägst!«, raunte Robin.

Volker zog eine Grimasse und spuckte als Antwort auf seinen Freund hinunter. Die Spucke verfehlte Robin haarscharf.

»Hm, vielleicht hättest du nicht gerade die obersten Sprossen ansägen sollen«, gab Saskia zu bedenken. »Wenn der Typ von der Höhe aus runterfällt, kann er sich das Genick brechen!«

»Ah wa!«, widersprach Volker. »Die Sprossa brecha doch scho beim Hochklettre durch. Da passiert it viel.«

»Und wenn schon«, sagte Robin leise. »Wer da hochklettert, hat nichts Gutes im Sinn. Das feige Schwein sitzt da oben und tötet aus dem Hinterhalt. Das ist für mich nichts anderes als ein Mörder.«

»Ja, aber deswegen müssen wir ja nicht auch zu Mördern werden, oder?«, keifte Saskia.

»Verdammt!«, stieß Robin hervor und trat rasch seine Zigarette im Gras aus. »Da hinten leuchtet was! Ich glaube, da kommt ein Auto!«

»Heidenei!«, raunte Volker, der die Lichter nun auch gesehen hatte. »Du hasch recht. Da kommt tatsächlich einer. Nix wie weg!«

Er warf die Handsäge in den Rucksack und schulterte ihn.

»Nicht über die Wiese!«, schnaubte Robin. »Wir müssen durch den Wald und von hinten her ans Auto ran.«

Sie rannten los. Zwischen Buchen und Fichten hindurch, über umgestürzte Baumstämme, durch Gestrüpp und Unterholz.

»Aua!«, keuchte Saskia, als sie an den Dornen einer Brombeerhecke hängen blieb.

Irritiert sah sie sich um. Waren sie überhaupt noch richtig? In ihrer Panik war sie einfach drauflosgerannt. Kopflos. Orientierungslos. Aber wenn sie sich jetzt nicht ranhielt, verlor sie den Anschluss zu Volker und Robin. Sie lief weiter. Verdammt! Sie konnte nicht einmal mehr die Umrisse der beiden erkennen. Ihr blieb nichts Weiteres übrig, als nach Gehör zu gehen. Sie stoppte und versuchte, die Schritte zu orten. Ja, sie hörte etwas. Aber so leise, dass sie nicht sicher sagen konnte, aus welcher Richtung das Knacken kam.

»Wartet!«, jammerte sie. »Ich kann nicht so schnell! Wartet doch!«

Als sie keine Antwort bekam, beschleunigte sie ihren Schritt. In ihrer Hektik übersah sie allerdings einen Ast am Boden, stolperte und fiel der Länge nach hin. Einige Schrecksekunden lang blieb sie ausgestreckt liegen. Dann rappelte sie sich auf und untersuchte wimmernd ihre Gliedmaßen. Sie hatte sich nicht nur die Haut an den Händen aufgerissen, sondern auch noch ihr Knie aufgeschlagen. Brannte wie Hölle! Und wo, verflucht noch mal, ging es raus aus diesem Wald? Sie zog aus ihrer Jackentasche ein Papiertaschentuch und putzte sich die Nase. Dann holte sie tief Luft und besann sich. Robin und Volker würden beim Auto auf sie warten. Egal wie lange sie brauchte. Sie musste nur die Nerven behalten und aufhören, wie ein verrücktes Huhn durch die Gegend zu laufen. Sie holte ihr Smartphone hervor und schickte eine Sprachnachricht an Robin.

»Wartet auf mich«, wisperte sie. »Ich hab mich verlaufen. Es kann noch ein bisschen dauern.«

Die im Smartphone integrierte Taschenlampe war so schwach, dass sie lediglich das Gestrüpp unmittelbar vor ihren Füßen erhellte. Du musst tendenziell immer bergab laufen, sagte sie sich. Nach wenigen Minuten hatte sie eine steile Böschung erreicht, die mit dichtem Gestrüpp bewachsen war. Es würde nicht einfach werden, sich hier einen Weg hindurch zu bahnen. Während Saskia über Totholz und Büsche hinwegstakste, hoffte sie inständig, dass Robin ihre Sprachnachricht abgehört hatte und nicht einfach losgefahren war, um sie zu suchen. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Was war das doch hier für ein Mist! In diesem Moment flutete das Mondlicht durch die Baumwipfel hindurch. Es war ein Effekt, als hätte gerade jemand das Licht angemacht. Saskia atmete erleichtert auf, als sie unterhalb der Böschung zwischen den Bäumen hindurch den Feldweg erkennen konnte. Na also! Gleich, gleich hatte sie es geschafft!

Neu motiviert trat sie das Gestrüpp nieder, sprang über größere Steine und kletterte über den Baumstamm einer umgestürzten Fichte hinweg. Sie rutschte gerade auf der anderen Seite des Baumstamms herunter, als sie ein Motorengeräusch hörte. War das Robin? Suchte er sie bereits? Sie kauerte sich hinter einen Busch und spähte zwischen den Ästen hindurch – jederzeit zum Sprung bereit, um sich bemerkbar zu machen, falls es tatsächlich Robin war. Das Auto war noch nicht auf ihrer Höhe angelangt, da erkannte sie bereits die seitlichen neongelben Leuchtstreifen und die blaue Wagenfarbe.

Verflucht noch mal! Die Polizei! Rasch duckte sie sich etwas tiefer. Obwohl ihr Herz bis zum Hals schlug, wagte sie es, nochmals aufzuschauen. In der ersten Sekunde blendete sie das Scheinwerferlicht so stark, dass sie die Hand schützend vor die Augen halten musste, um etwas sehen zu können. Als sie dann jedoch die blassen Gesichter von Robin und Volker im Wagen erkannte, sackten ihr beinahe die Beine weg.

Du bleibst im Auto«, sagte Uschi bestimmt und ignorierte Leopolds Bettelblick. »Schlaf ein wenig. Ich bin bald wieder zurück.«

Sie war noch nicht außer Sichtweite, da kletterte Leopold bereits von der Rückbank auf den Fahrersitz und schickte ihr ein lautstarkes Protestgeheul hinterher. Klang beinahe wie von einem Wolf. Uschi zog die Schultern hoch und ging schnell weiter. Da musste er jetzt durch. Hoffentlich rächte er sich nicht für die Freiheitsberaubung. Sie durfte gar nicht daran denken, was er in der Zwischenzeit aus Frust alles anstellen konnte. Von Polster zerfetzen bis zu Handbremse lösen, war diesem Hund nahezu alles zuzutrauen.

Andere Hundebesitzer schränkten den Bewegungsradius ihrer Hunde im Auto durch spezielle Hundegurte oder Transportboxen ein. Doch Leopold hatte es geschafft, sich erfolgreich gegen Claras Reglementierungen im Auto zu wehren. Da er in der Transportbox im Kofferraum nichts sehen konnte, wurde ihm dermaßen schlecht, dass er sich noch während der Fahrt übergeben musste. Als keine Besserung in Sicht war, gab Clara schließlich nach und holte ihn zu sich in den Innenraum. Doch auch im Fußraum wurde ihm schlecht. Erträglich war es für ihn nur, wenn er während der Fahrt aus dem Fenster schauen durfte. Uschi unterstellte dem intelligenten Australian Shepherd, dass dies alles ausgeklügelte Taktik war. Der Versuch, ihn durch einen Hundegurt zu sichern, scheiterte daran, dass er sich während eines ausgiebigen Tobsuchtanfalls schier damit erwürgt hatte. Beim nächsten Versuch machte er mit dem Gurt kurzen Prozess und biss ihn einfach durch. So verfuhr er auch mit zwei weiteren Hundegurten in anderen Ausführungen.

Seitdem saß Leopold während der Fahrt auf dem Rücksitz, schaute aus dem Fenster und stieß hin und wieder ein lautstarkes Gebell aus, wenn er Fußgänger oder einen Artgenossen auf dem Gehweg entdeckte. Da Leopold nun uneingeschränkt auf allen Sitzen herumturnen konnte, verteilte er seine Hundehaare gleichmäßig im gesamten Auto, weshalb Clara ihren Wagen wesentlich häufiger innen reinigen musste als früher. Aber so wie Uschi diesen Hund einschätzte, konnte sie froh sein, wenn nach ihrer Rückkehr die Sitzpolster noch heil waren und das Auto an Ort und Stelle stand.

Der Weg zum Schloss führte stets bergauf. Vorbei an Cafés und hübschen Fachwerkhäusern, über Treppen, durch romantisch verwinkelte Gassen und unter Torbögen hindurch. Das Schloss thronte majestätisch auf einem Felsen oberhalb der Donau. Das sah man aber nur aus der Ferne. Wenn man sich von Westen aus näherte und den gemächlich ansteigenden Fußweg durch die Stadt nahm, wurde einem die exponierte Lage des Schlosses gar nicht so bewusst. Nichtsdestotrotz spürte Uschi jeden zurückgelegten Höhenmeter umso deutlicher in ihren Beinen. Wenigstens vertrieb die Anstrengung die feuchte Kälte aus ihren Knochen und sorgte für eine angenehme Wärme in Händen und Füßen. Eine letzte Steigung, dann hatte sie es auf einmal vor sich, das imposante Hauptportal des Sigmaringer Schlosses. Auf die Mauerreste zweier mittelalterlicher Rundtürme hatte man um 1500 einen neuen Aufbau mit einem Torwächterhaus gesetzt. Uschi machte eine Verschnaufpause und ließ den Anblick auf sich wirken. Ja, es glich wirklich einem Märchenschloss. Wie aus dem Bilderbuch!

Um nicht in Verlegenheit zu geraten, hatte sie sich gestern Abend doch noch ein wenig mit der Schlossgeschichte vertraut gemacht. Auch wenn sie bereits am Telefon angekündigt hatte, wenig über das Sigmaringer Schloss zu wissen, wollte sie sich ihren Kolleginnen gegenüber keine Blöße geben. Außerdem musste man immer damit rechnen, dass die Fragen der Gäste über das Schwerpunktthema der Führung hinausgingen.

Sie legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Reliefdarstellung aus Sandstein über dem riesigen Eingangstor. Das war also das Sühnerelief des Grafen Felix von Werdenberg, das er 1526 zur Buße für die Ermordung des Grafen Andreas von Sonnenberg hatte anbringen lassen. Felix hatte den Grafen von Sonnenberg erschlagen, nachdem sich dieser bei einer Hochzeit über seine geringe Körpergröße lächerlich gemacht hatte. Ein Mord aus Eitelkeit also. Es gab zwei unterschiedliche Versionen des Tathergangs. In manchen Quellen hieß es, Sonnenberg sei von Felix bei der Jagd erschlagen worden. Einer anderen Darstellung nach ließ der Graf dagegen in einem Zweikampf sein Leben. Wie auch immer. Graf Felix hatte die Tat hernach zutiefst bereut. Auf dem Relief sah man ihn deshalb demütig vor der Muttergottes knien. Uschi war beeindruckt. Nicht von dem Relief an sich, sondern von dem Platz, wo der Graf es hatte anbringen lassen. Jeder Besucher, der das Schloss betrat, hatte das Relief vor Augen. Und daran hatte sich auch fast 500 Jahre nach der Tat nichts geändert. Der Graf stellte sich selbst an den Pranger und bewies damit, wie sehr er den Mord an dem Grafen bedauerte.

Uschi beschloss, ihre Mondscheinführung mit dieser Geschichte zu beginnen. Wenn die Gäste sich gruseln wollten, war dies die perfekte Einstimmung. Wenn es nämlich um Mord und Totschlag ging, waren die Leute immer gleich ganz Ohr. Und dass in diesem märchenhaften Schloss einmal ein Mörder gelebt hatte, wussten gewiss nur die wenigsten Besucher.

Alles andere als gruselig, sondern einfach nur entzückend, war das angrenzende Schlosscafé. Frische Torten und Kuchen lockte ein Schild auf der kleinen vorgelagerten Terrasse. Gerne hätte sich Uschi in das heimelige Café locken lassen, aber sie hatte ja einen Termin. In den kommenden Tagen würde sie zudem genügend Gelegenheit haben, die verschiedenen Kuchensorten durchzuprobieren.

Der steile, überwölbte Aufgang zum alten Burgtor wirkte düster. Daran änderten auch die bronzeverzierten Lampen nichts, die in regelmäßigen Abständen an der weiß getünchten Decke dieses Ganges angebracht worden waren, um für mehr Helligkeit zu sorgen. Uschi beobachtete, wie eine Dame mit Stöckelschuhen am Arm ihres Begleiters über das Kopfsteinpflaster balancierte, und fragte sich, wie sie die abschüssige Rampe nach dem Schlossbesuch wieder herunterkommen wollte. Da blieb der Dame wohl nichts anderes übrig, als sich an dem eisernen Handlauf entlangzuhangeln oder sich erneut an den Arm ihrer männlichen Begleitung zu krallen. Uschi war froh, dass sie heute auf ihre hohen Schuhe verzichtet hatte. Die gefütterten Stiefel sahen zu ihrem knielangen Rock gar nicht mal so schlecht aus und würden ihr später beim Spaziergang mit dem Hund gute Dienste leisten.

Sie betrachtete die Dekoration an den Wänden, die den Gästen bereits einen ersten Hinweis darauf gab, welche Themenschwerpunkte in diesem Schloss von besonderer Bedeutung waren: mittelalterliche Waffen und die Jagd. Mächtige Hirschgeweihe und silberglänzenden Rüstungen wechselten sich zu beiden Seiten ab und geleiteten den Besucher bis zum Eingang.

Uschi betrat den Museumsshop, der zugleich Kasse, Informationsschalter und Souvenirlädchen in einem war. Hinter einem lang gezogenen Tresen saß eine schlanke Frau mittleren Alters, die gerade einem Besucher das Audiosystem für die Waffenkammer erklärte. Auf ihrem Schoß lag ein flauschiges, weißes Fellknäuel, das Uschi bei näherem Hinsehen als Pudel identifizierte. Das musste die Kassiererin mit dem Hund sein, von der Danni am Telefon gesprochen hatte.

Da sie immer noch damit beschäftigt war, Instruktionen zu geben, sah sich Uschi derweil in den Verkaufsräumen um. Die Auswahl an Souvenirs war erstaunlich vielfältig. Neben diversen Büchern über die Schlossgeschichte wurden auch edel anmutender Schmuck, Servietten, Postkarten und noch allerlei anderer Krimskrams angeboten. In einem gesonderten Raum gab es alles, was kleine angehende Prinzessinnen und Ritter benötigten, um sich standesgemäß auszustatten. Uschi war von den schwarzen Bleistiften mit goldenen Krönchen fasziniert. Sie zog einen der Stifte aus dem Behälter, betrachtete ihn entzückt und überlegte sich, welche Freundinnen sie mit diesem Prachtstück beglücken könnte.

»Ja, bitte? Kann ich Ihnen helfen?«

Die Kassiererin lächelte sie ermunternd an und fuhr sich mit der Hand durch die kurzen blonden Haare.

»Ich bin mit Daniela Rapp verabredet«, sagte Uschi und steckte den Bleistift wieder in den Behälter zurück. »Mein Name ist Uschi Lämmle.«

Die Miene der Kassiererin hellte sich auf.

»Ah, schön! Danni hat dich schon angekündigt. Du bist die Burgführerin, die uns freundlicherweise aus der Patsche helfen wird, nicht wahr?« Sie streckte Uschi die Hand über den Pudel hinweg entgegen. »Ich bin Lena.«

In diesem Augenblick erwachte der Pudel zum Leben, richtete sich auf und schnupperte interessiert an Uschis Hand.

»Oh, der riecht wohl meinen Pflegehund, einen jungen Australian Shepherd«, erklärte Uschi.

»Du hast einen Aussie? Tolle Hunde! Brauchen aber viel Bewegung. Wo ist er denn jetzt?«

»Er sitzt im Auto und bellt sich gerade die Seele aus dem Leib.«

Lena lachte auf.

»Der Arme! Du kannst ihn beim nächsten Mal ruhig mit hereinbringen. Meine Peggy«, sie deutete auf den Pudel, »verträgt sich mit allen Hunden.«

»Oh, das ist lieb gemeint. Aber ich fürchte, dass Leopold den ganzen Laden hier auf den Kopf stellen würde. Er ist noch furchtbar verspielt.«

Ihre eigentliche Befürchtung, dass er nämlich beim nächstbesten Postkartenständer das Bein heben könnte, behielt Uschi lieber für sich.

»Dann wäre es vielleicht sinnvoller, wenn er Peggy erst einmal bei einem gemeinsamen Spaziergang kennenlernt. In einer Stunde bin ich hier fertig. Wenn du möchtest, könnten wir nach Josefslust fahren und noch eine Runde zusammen laufen.«

»Das ist eine gute Idee!«, sagte Uschi und strahlte. »Leopold wird sich freuen. Vor allem, wenn uns auch noch so eine hübsche Hundedame begleitet.« Sie schüttelte den Kopf. »Nur schade, dass ihr hier so einen Nebel habt. Ich bin bei strahlendem Sonnenschein in Albstadt losgefahren! Und dann kommt man plötzlich in diese trübe Brühe. Damit rechnet man gar nicht.«

»Ja, so ist das nun mal im Herbst im Donautal«, bestätigte Lena. »Aber wenn wir Glück haben, kommt später doch noch ein wenig die Sonne durch.«

Sie erhob sich, setzte den Pudel behutsam auf den Boden und zog eine Jacke über. Dann geleitete sie Uschi nach draußen, um ihr das Tor zum Schlosshof zu öffnen.

»Danni will dich in der Kasematte treffen. Ich zeige dir, wo es langgeht.«

Als Uschi »Kasematte« hörte, musste sie sofort mit einigem Unbehagen an die dunklen Kellerräume und Geheimgänge auf der Burg Hohenzollern denken. Nachdem sie vor zwei Jahren in einem dieser Gänge stundenlang eingesperrt worden war, kannte sie das Gedärm des Zollerbergs nun besser als ihr lieb war. Dass das Sigmaringer Schloss ebenfalls solche ehemaligen Munitionslager besaß, hatte sie nicht gewusst.

»Seit dem Schlossbrand von 1893 weist der Schlosshof ganz verschiedene Baustile auf«, erklärte Lena, als sie die Portugiesische Galerie an der Südseite passierten.

Rote Fensterrahmen und Fensterläden kontrastierten mit dem hellen Gestein der Mauern, Balustraden und Säulen – das romantische Ambiente des Schlosshofs zog Uschi augenblicklich in den Bann und sie wusste gar nicht, wohin sie ihren Blick zuerst lenken sollte. Hier eine efeubewachsene Mauer, dort eine hübsche Topfpflanze oder eine filigrane Eisenlaterne. In jedem Winkel gab es neue nette Details zu entdecken. Sie legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Reiterskulptur, die mit ausgestreckter Lanze hoch oben auf einem Sockel am Böhmischen Treppenturm einen Ehrenplatz erhalten hatte. Hm, sollte vermutlich den heiligen Georg darstellen. Trotz der Mischung aus alten und neueren Gebäudeteilen empfand Uschi das Gesamtbild des Hofs mit den efeubewachsenen Wänden als ausgesprochen harmonisch.

»Siehst du die goldene Kugel oberhalb der Turmuhr?«, fragte Lena und wies auf den Turm. »Das ist die Monduhr, die Fürst Leopold anlässlich der Renovierung des Schlossturms vor 100 Jahren anbringen ließ.«

Uschi blickte zu der Turmuhr auf. Tatsächlich! Direkt über dem rot-goldenen Ziffernblatt war sie, die goldene Kugel. Am linken Rand der Kugel zeigte sich eine schwarze Sichel. Abnehmender Mond. Sofort musste Uschi daran denken, dass es die ideale Zeit war, um einen neuen Abnehmversuch zu starten. Sie gehörte zwar nicht zu den Leuten, die ihr Leben nach dem Mondkalender ausrichteten, aber sie war nichtsdestotrotz davon überzeugt, dass manche Dinge eher von Erfolg gekrönt waren, wenn man sie in einer günstigen Mondphase durchführte.

»Toll!«, sagte sie und strahlte übers ganze Gesicht. »So eine Uhr würde mir auch gefallen.«

»Die Monduhr musst du deinen Gästen bei der Mondscheinführung natürlich als Allererstes zeigen«, meinte Lena. »Die Mondphasen waren in früheren Zeiten vor allem auch für die Jagd von Bedeutung.«

»Inwiefern?«, fragte Uschi wissbegierig, immer noch die goldene Kugel im Blick.

»So genau weiß ich das auch nicht«, sagte Lena und zuckte mit den Schultern. »Da gehen die Meinungen bei den Jägern selbst wohl auch auseinander. Ich weiß nur, dass Vollmond auch heute noch eine beliebte Mondphase für die Ansitzjagd ist. Wegen der guten Lichtverhältnisse.«

Sie ging voran und führte Uschi quer über den Hof bis zum Eingang der Kanonenhalle.

»Und hier wirst du auch nicht ohne Erläuterung dran vorbeikommen«, sagte sie schließlich und deutete auf das fürstlich-hohenzollerische Wappen, das die Wand neben dem Eingangstor zur Kanonenhalle zierte.

Uschi trat etwas näher heran, um das Wappen genauer in Augenschein zu nehmen. Es bestand aus sieben Schilden und sieben Helmen, mittig befand sich das geviertelte schwarz-silberne Zollernschild. Verschiedene Symbole repräsentierten die Grafschaften. Fröstelnd schloss sie den oberen Knopf ihrer Wolljacke. Sie hätte gut daran getan, ihren Daunenmantel anzuziehen. Hoffentlich war es im Schloss etwas wärmer!

»Der goldene Hirsch auf rotem Grund steht für die Grafschaft Sigmaringen«, erläuterte Lena. »Das typische Wappentier der hohenzollerischen Schlösser ist aber der Bracke. Das ist eine alte Jagdhundrasse.« Sie deutete auf einen schwarz-silbernen Hundekopf mit heraushängender Zunge, der über einer goldenen Krone im Seitenprofil zu sehen war. »Der Bracke symbolisiert die Jagdgerechtigkeit.«

»Die Jagd scheint überhaupt ein vorherrschendes Thema hier im Schloss zu sein«, sagte Uschi, während sie Lena in die großräumige Kanonenhalle folgte.

Die erhoffte Wärme blieb leider aus. In der Eingangshalle war es nur geringfügig wärmer als draußen. Es gab zwar einen offenen Kamin, aber der diente nur der Zierde. Ebenso wie die Ritterrüstungen, Kanonen und die zahlreichen Jagdtrophäen an den weißen Wänden. Von Hirschgeweihen bis zu ausgestopften Rebhühnern gab es alles, was das Jägerherz höherschlagen ließ.

»Oh ja«, bestätigte Lena. »Es gibt bei uns deshalb sogar eine spezielle Themenführung zur Jagd. Waidmannsheil und Waidmannslust.«

Uschi drehte sich um die eigene Achse und bewunderte die prachtvolle Ausstattung des riesigen Saals.

»Beeindruckend, nicht?«, sagte Lena und nickte. »So soll es auch sein. Die Eingangshalle ist bewusst so ausgestattet worden, um bei den Besuchern Eindruck zu schinden.« Sie deutete auf die Treppen. »Die dreifache Abstufung des Saals erinnert an die drei Kirchenstufen, die zum Altar führen. Die Rüstungen und Waffen demonstrieren die politische und militärische Macht, die vielen Jagdtrophäen zeugen vom großen Landbesitz der Grafschaft in ganz Europa.« Sie wies auf den roten Teppich unter ihren Füßen. »Achte darauf, dass die Besucher immer auf dem Teppich bleiben. Das schont die Böden und es geht keiner verloren.«

Lena führte sie zu einer großen Holztür, die auf der rechten Seite der Kanonenhalle abging.

»So! Und hier ist unsere Kasematte.«

Bereits beim Betreten des Raumes bemerkte Uschi, dass diese Kasematte hier einen ganz anderen Charakter hatte als jene auf der Zollern-Burg. Es war hier weder dunkel noch gab es Geheimgänge. Nein, es handelte sich lediglich um eine Trinkstube in einem Gewölbekeller. Die holzgetäfelte Stube wirkte mit dem großen offenen Kamin und dem reihum führenden Holzgestühl sehr gemütlich. Auf einem der Stühle saß bereits Danni und grinste ihr entgegen. Sie hatte sich seit ihrer letzten Begegnung kaum verändert. Nach wie vor trug sie die roten, langen Haare zu einem Pferdeschwanz hochgebunden und betonte ihre braunen Rehaugen mit viel schwarzer Tusche. Lediglich die kurzen Hosen hatte sie nun gegen eine gut sitzende Röhrenjeans eingetauscht.

»Nur herein in die gute Stube!«, rief sie fröhlich. »Na, da staunst du, nicht wahr? Unsere Kasematte macht ganz schön was her. Hier saßen die Herren nach der Jagd zusammen und ließen sich ihr Bier und die Schlachtplatte schmecken. Nimm doch Platz.«

Sie wies auf das Holzgestühl. Uschi betrachtete die fürstlichen Wappen, die an den Rückenlehnen der Stühle angebracht worden waren. Offenbar hatte jeder Fürst seinen festen Platz in der Runde gehabt.

»Nett hier«, sagte Uschi und nickte anerkennend. »Aber wo bleibt das Bier?«

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, erwiderte Danni mit gespielter Strenge. Sie stand auf und musterte Uschis Kleidung mit unverhohlener Missbilligung. »Zuallererst müssen wir mal über deine Arbeitskleidung sprechen«, sagte sie tadelnd und schüttelte den Kopf. Uschi sah amüsiert an sich herab. Schwarzer Rock, rote Jacke. Was gab es daran auszusetzen? »Wir erwarten von unseren Angestellten«, fuhr Danni fort und erhob den Zeigefinger, »dass sie sich standesgemäß kleiden. Schließlich befinden wir uns hier in einem Schloss! Für die Mondscheinführung ist eine adäquate Gewandung unabdingbar!«

Uschi zog die Augenbrauen hoch. Eine adäquate Gewandung? Dachte Danni dabei an ein Kleid im Stil des 19. Jahrhunderts? Woher sollte sie denn auf die Schnelle solch ein Gewand herbekommen? Sie seufzte. Am Ende würde sie womöglich doch noch notgedrungen auf ein Hexenkostüm ausweichen müssen. Diese Art von Gewandung gab es momentan nämlich an jeder Ecke zu kaufen.

Die beiden Rothirsche blickten mit hoch erhobenem Haupt aufmerksam in die Ferne. Die majestätischen Wächter thronten zu beiden Seiten des efeuberankten Eisentors auf ihren Säulen und jeder Besucher, der den Wildpark Josefslust betreten wollte, musste zuerst einmal den stolzen Tieren mit ihren mächtigen Geweihen Respekt zollen und zu ihnen aufschauen.

Uschi warf einen flüchtigen Blick auf das Schild, das an der Toreinfahrt befestigt war. Hunde waren im Wildpark an der Leine zu führen. Schlecht für Leopold, aber damit hatte sie eigentlich schon gerechnet. Ihr Blick blieb an der Abbildung eines Wildschweins hängen. Sie stutzte und ging etwas näher an das Schild heran. Was? Frei laufende Wildschweine? War das ein Witz? Stirnrunzelnd betrachtete Uschi das Schild. Nein, das war wohl ernst gemeint. Ja, aber war das denn nicht wahnsinnig gefährlich? Uschi sah in Gedanken schon die aufgebrachte Bache auf sich zurasen, gefolgt von einer Schar kleiner Frischlinge. Wie reagierte man denn am besten auf eine Wildschweinattacke? Wegrennen? Bei aggressiven Hunden hieß es ja immer, man solle auf gar keinen Fall wegrennen, sondern stehen bleiben. Ob diese Regel wohl auch für eine Wildsau galt? Vermutlich würde sich so ein angriffslustiges Wildschwein an keinerlei Regeln halten und jeden gnadenlos über den Haufen rennen, der bei drei nicht auf den Bäumen war. Uschi linste durch die Gitterstäbe. Genügend hohe Bäume gab es im Park jedenfalls. Aber ob sie es in ihrem Alter noch schaffen würde, so schnell auf einen Baum zu klettern? Und dann hing ja auch immer noch Leopold am anderen Ende der Leine. Die Logik des Leinenzwangs erschloss sich ihr sowieso nicht. Sollte dadurch verhindert werden, dass der Hund das Wildschwein jagte oder wollte man den Hund vor dem Wildschwein schützen? Leopold hätte gewiss schlechte Karten im Kampf gegen einen ausgewachsenen Keiler. Uschi fasste die Leine etwas kürzer und zog Leopold zu sich heran.

»Tja, mein Lieber«, sagte sie bestimmt. »Hier gibt es Freilauf nur für Wildschweine. Also leider kein freies Laufen für dich. Mit Wildschweinen ist nicht zu spaßen.«

Leopold scherte sich im Moment überhaupt nicht um etwaige Wildschweine, sondern war ganz auf sein Riechorgan konzentriert. Ein wunderbarer Duft lag in der Luft und erfreulicherweise wurde er mit jedem Atemzug intensiver.

Uschi trat von einem Fuß auf den anderen. Lena musste jeden Moment kommen. Leider hatte sich der Nebel nicht wie erhofft aufgelöst. Im Gegenteil. Inzwischen konnte man kaum 100 Meter weit blicken. Schade! Lena hatte ihr den Wildpark als idyllischen Ort beschrieben. Nun verpasste der Nebel der Landschaft allerdings einen düsteren Anstrich, der eine beinahe unheimliche Stimmung hervorrief. Die Welt wirkte unter dem grauen Schleier trostlos und kalt. Schaudernd schloss Uschi den obersten Knopf ihres Mantels und entnahm einem Glasbehälter am Tor einen der darin steckenden Prospekte. Aha. Zu bestimmten Terminen gab es hier einen Wildfleischverkauf. Hm, die Wildspezialitäten klangen verlockend. Es gab sogar Wildschwein-Landjäger und Wild-Leberwurst. Aber auch der angebotene Braten und das Gulasch von Rehwild, Wildschwein und Damwild waren sicher fein.

Es wurde damit geworben, dass das Fleisch frei von Hormonen, Tierarznei und Futtermittelbeigaben sei. »Besser als Bio« hieß der Slogan. Nun ja, dachte Uschi, immerhin hatten die Wildtiere frei gelebt und stammten nicht aus der Massentierhaltung. Dafür war Wildfleisch allerdings auch nicht ganz billig. Zumindest, wenn es als Keule oder Braten ohne Knochen verkauft wurde. Hier konnte man jedoch auch das ganze Wild kaufen. Das war wesentlich günstiger und kostete nur um die fünf Euro pro Kilo. Aber dafür hatte der Jäger das Wild auch lediglich aufgebrochen und die Innereien entfernt. Das »Aus-der-Decke-Schlagen«, also das Abhäuten, und das Entfernen der Knochen waren Sache des Käufers. Aber auch wenn Uschi Wildgerichte wie einen Rehbraten liebte, hätte sie sich nie vorstellen können, einem Reh das Fell abzuziehen. Wäre sie gezwungen, dies künftig selbst zu tun, würde sie augenblicklich zur Fraktion der Vegetarier überlaufen. So wie ihre Nichte Clara, die schon seit Jahren kein Fleisch mehr aß.

Leopold hatte derweil Peggy gesichtet, die in Begleitung von Lena die Landstraße überquerte und geradewegs auf ihn zukam. Da war sie ja, die Hundedame, die so verheißungsvoll roch! Nun gab es kein Halten mehr. Gespannt richtete er die Ohren auf, schwänzelte stürmisch und stieß ein ungeduldiges Freudengeheul aus. Uschi sah ihn erstaunt an. Leopold war völlig aus dem Häuschen!

»Hallo! Da sind wir. Hast du den Parkplatz gleich gefunden?«, erkundigte sich Lena.

Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie sah, wie Uschi mit dem liebestollen Australian Shepherd zu kämpfen hatte.

»Klar, ist ja nicht weit von Sigmaringen hierher«, sagte Uschi und zog Leopold, der seine Nase bereits im Hinterteil der Pudeldame versenkt hatte, zu sich heran. »Und der Wanderparkplatz Josefslust ist gut ausgeschildert. Wir haben nicht mehr als fünf Minuten gebraucht.«

»Lass ihn ruhig erst mal schnuppern. Peggy zeigt ihm dann schon, wenn es ihr zu viel wird.«

Sie hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da fletschte die Pudeldame bereits die Zähne und stieß ein deutlich vernehmbares Knurren aus. Leopold verstand die Warnung sofort, legte die Ohren an und ging auf Abstand.

»So! Das hätten wir geklärt! Komm, lass uns reingehen.«

Das Tor gab ein leises Quietschen von sich, als Lena es aufdrückte und Uschi samt Hund durchließ. Leopold legte sofort ein gutes Tempo vor und schleifte Uschi auf seiner Entdeckertour hinter sich her. Erst ging es nach links an den Wegesrand, dann nach rechts und schließlich wieder nach links. Uschi folgte ihm im Laufschritt, den Arm weit ausgestreckt.

»Dein Hund geht mit dir spazieren und nicht umgekehrt«, stellte Lena fest und lachte.

Uschi blieb verärgert stehen, lehnte sich mit dem Oberkörper zurück und bemühte sich, dem Zug standzuhalten. Leopold stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Wer würde das Seilziehen wohl gewinnen? Uschi hatte mehr Lebendgewicht, aber der Hund hatte eindeutig die bessere Technik und zudem Vierpfotenantrieb. Da half es auch nicht, die Zähne zusammenzubeißen. Mit einem Ruck ging es weiter und Uschi blieb nichts anderes übrig, als erneut hinter dem Aussie her zu stolpern.

»Clara lässt ihn immer frei laufen«, rief sie Lena zu. »Deshalb hat er nie richtig gelernt, ordentlich an der Leine zu gehen.«

Lena rannte ein paar Schritte, um wieder auf eine Höhe mit Uschi zu kommen.

»Du solltest mit ihm in eine Hundeschule gehen.«

»Das ist Claras Aufgabe«, entgegnete Uschi und schüttelte den Kopf. »Ich werde schon irgendwie mit ihm zurechtkommen.« Im selben Moment zerrte Leopold wieder nach rechts, Uschi hinterher. »Donnerwetter! Jetzt zieh doch nicht so!« Sie drehte sich zu Lena um. »Es tut mir leid. Spazieren gehen funktioniert nicht mit ihm. Wir müssen schneller laufen. Walkingschritt.«

Während sie den Waldweg entlanghetzte, spähte sie immer mal wieder in den Wald hinein und hielt nach Wildschweinen Ausschau. Die Gefahr, dass so ein Viech urplötzlich aus dem Unterholz hervorbrach und sie in einem unvorsichtigen Moment eiskalt erwischte, bestand durchaus.

Sie zweigten nach links ab und erreichten schließlich ein umzäuntes, weitläufiges Grundstück, auf dem ein weißes Gebäude mit blaugrauen Fensterläden stand. Ein kleines Türmchen zierte das rote Dach, am Giebel war eine Uhr angebracht.

»Das ist das Jagdschloss Josefslust«, erklärte Lena. »Es wurde 1830 erbaut und diente früher als Fürstlich Hohenzollerische Revierförsterei. Inzwischen wohnt hier aber Prinz Albrecht Johannes von Hohenzollern mit seiner Familie.«

»Schön«, bemerkte Uschi und nickte beeindruckt.

»Vor ein paar Jahren gab es hier noch einen Schaukasten mit einem ausgestopften Wolf. Er wurde 1831 erschossen. Es war der letzte Wolf, der auf hohenzollerischem Gebiet erlegt wurde.«

»Das wusste ich gar nicht«, sagte Uschi und schaute betroffen drein. »Irgendwie traurig. Der letzte Wolf …«

»Die Leute hier nannten ihn ›Isegrim‹. Er wurde inzwischen restauriert und steht jetzt in der Hubertushalle im Sigmaringer Schloss.«

»Wirklich? Dann muss ich Isegrim demnächst unbedingt mal einen Besuch abstatten!«

»So wie es aussieht, gibt es jetzt ja wieder einen jungen Isegrim im Donautal. Ich finde es ja unglaublich, wie viel Wirbel ein einziges Tier auslösen kann!«

»Ich kann das auch nicht nachvollziehen«, stimmte Uschi zu. »Die Baden-Württemberger sollten doch eigentlich stolz darauf sein, dass es ein Wolf bis zu uns ins Ländle geschafft hat und sich hier ansiedeln möchte. Stattdessen findet man in der Zeitung jeden zweiten Tag Negativschlagzeilen über die Zuwanderung der Wölfe. Ganz selten findet sich mal ein positiver Bericht dazwischen. Wo sind sie denn eigentlich, die ganzen deutschen Tierfreunde?«

»Das darfst du mich nicht fragen. Ich bin sowieso etwas extrem, was die Tierliebe angeht.« Lena hielt inne und suchte nach den richtigen Worten. »Ich war schon immer eine totale Hundenärrin. Aber seit meiner Scheidung vor fünf Jahren sind die Hunde in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt. Kinder habe ich ja keine.« Sie lächelte verlegen. »Für mich haben Tiere den gleichen Stellenwert wie Menschen.«

»Das kann ich schon ein Stück weit nachvollziehen. Ich hatte zuletzt zwar nur einen Hamster, aber selbst so ein kleines Tierchen hat eine Seele wie wir. Es tat mir sehr leid, als es mit ihm zu Ende ging.«

»Als mein vorheriger Hund gestorben ist, hab ich um ihn genauso getrauert wie um einen Menschen. Ich hab tagelang geheult.« Lena blickte traurig ins Leere und schüttelte resigniert den Kopf »Bruno fehlt mir so …«

Noch während Uschi sich überlegte, was sie erwidern sollte, gab sich Lena bereits wieder einen Ruck. Ihr geklärter Blick richtete sich auf die Pudeldame an ihrer Seite. Lächelnd beugte sie sich zu dem Hundchen hinunter und kraulte es liebevoll hinter den Ohren.

»Und jetzt ist Peggy da. Und sie verdient alle Liebe dieser Welt.«

Sie gingen die gleiche Strecke wieder zurück, bogen dann nach links ab und fanden sich kurz darauf vor dem Landhaus Josefslust wieder. Im Gegensatz zum Jagdschloss, das frei einsehbar war, schützten hier ein elektrisches Zufahrtstor, ein Maschendrahtzaun und eine hohe Buchenhecke vor allzu neugierigen Blicken. Uschi beäugte die Hecke. Irgendwo musste es doch eine lichte Stelle geben, durch die man spicken konnte! Sie ging die Grundstücksgrenze entlang, linste zwischen dem dichten Geäst hindurch und fand schließlich tatsächlich ein Guckloch. Leopold gestattete sich und Uschi eine kurze Schnüffelpause und hielt ausnahmsweise mal still. Das schöne weiße Gebäude mit den grauen Fensterläden war von einer großzügigen, akkurat geschnittenen Rasenfläche umgeben. Menschen waren nicht zu sehen. Dafür lag ein großer brauner Hund auf dem Rasen und schlief. Alles war ruhig. Extrem ruhig. Vielleicht lag es auch am Nebel, der sämtliche Geräusche verschluckte. Nicht einmal die Vögel zwitscherten. Uschi fröstelte.

»Das Gebäude ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich«, flüsterte Lena, als ob bereits das Schauen einer Verletzung der Privatsphäre gleichkäme. »Das Landhaus wird von Fürst Karl Friedrich von Hohenzollern und seiner Frau bewohnt.«

Da der öffentliche Weg hier endete, machten sie kehrt.

»Leopold!«, keuchte Uschi. »Wenn du jetzt nicht aufhörst, so zu ziehen, mach ich dich von der Leine los. Und dann holt dich der Keiler!«

»Also, da würde ich nicht daraufsetzen. Ich war ja schon oft hier, aber ein Wildschwein hab ich noch nie gesehen.«

»Na, wenn man den Zeitungsberichten Glauben schenken will, dann wimmelt es doch inzwischen nur so von Schwarzwild«, sagte Uschi und rollte mit den Augen.

»Ja, scheint eine echte Plage zu sein. Klar, das Schwarzwild vermehrt sich rasant. Inzwischen knallen sie deshalb die Wildschweine auch während der Schonzeit ab.«

»Und den einzigen natürlichen Feind, den Wolf, hat man ja erfolgreich ausgerottet«, murrte Uschi. »Siehe Isegrim.«

»Irgendwo muss es hier übrigens auch noch einen Gedenkstein geben, der an Isegrim erinnert. Ich weiß aber nicht genau wo.«

In diesem Augenblick erschallte ein durchdringendes Gebell. Es kam von rechts. Und klang bedrohlich nah. Uschi kreischte auf und sprang erschrocken einen Schritt zur Seite. Herrgott noch mal! Was war das denn? Ein Wildschwein? Nein, es war lediglich der braune Hund, der plötzlich aus seinem Tiefschlaf erwacht war und nun mit flatternden Ohren angeflogen kam. Die gespannten Muskeln, die sich unter seinem glatten Fell abzeichneten, zeugten von einer enormen Sprungkraft. An diesem Wegabschnitt wuchs keine Hecke und Uschi fragte sich beim Anblick des mickrigen Maschendrahtzauns, ob ihn diese symbolische Grenze wohl zurückhalten konnte. Hing wohl davon ab, wie wütend er war. Und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er wahnsinnig wütend! Uschi stand wie angewurzelt da, hielt die Luft an und starrte dem Höllenhund mit weit aufgerissenen Augen entgegen. Mit hochgezogenen Lefzen und gefletschten Zähnen donnerte er an den Maschendrahtzaun und zeigte die ganze Bandbreite seines Repertoires an Drohgebärden. Sein aggressives Auftreten hatte den gewünschten Effekt und führte dazu, dass die beiden Frauen schließlich samt ihrer Hunde ängstlich auf die andere Seite des Weges flüchteten.

»Komm!«, sagte Lena und zog Peggy rasch weiter. »Nicht, dass er doch noch über den Zaun springt.«

Dieses Mal waren sich Uschi und Leopold, was die Schrittgeschwindigkeit anging, ausnahmsweise mal einig. Als sie in sicherer Entfernung waren, atmete Uschi erleichtert aus.

»Hat der mich erschreckt! Der kam ja wie aus dem Nichts, war ganz plötzlich da.«

Lena lachte auf.

»Der war wahrscheinlich deshalb so sauer, weil er uns zu spät bemerkt hat. Ist ja auch ganz schön peinlich, wenn man es als gewissenhafter, fürstlicher Wachhund verpennt, rechtzeitig anzuschlagen. Nun hat er alles getan, um seinem Ruf wieder gerecht zu werden.«

Sie passierten mehrere weiß getünchte Ökonomiegebäude.

»Die könnten aber auch mal wieder einen Anstrich vertragen«, konstatierte Uschi beim Anblick der abblätternden Wandfarbe. »Wo ist denn nun dieser Gedenkstein für den Wolf? Den hätte ich ja schon noch gerne gesehen.«

»Vielleicht befindet er sich hinter den Gebäuden«, mutmaßte Lena und wies auf einen Durchgang zwischen den Gebäuden, der zu einem Innenhof führte.

»Meinst du, dass man den Hof betreten darf? Sieht irgendwie so privat aus.«

Uschi blieb zögernd stehen.

»Es gibt keine Absperrung und es steht nirgends ein Schild, dass das Betreten dieses Bereichs verboten ist. Komm schon, wir schauen ja nur mal kurz.«

Peggy trippelte voraus, Lena hinterher.

Uschi blieb unschlüssig zurück. Doch kaum war Peggy hinter der Hausecke verschwunden, nahm Leopold die Verfolgung auf und schleifte seine Begleiterin mit sich in den Innenhof. Es gab kein Schild, das den Zugang zu diesem Bereich untersagte. Dennoch fühlte sich Uschi wie ein Eindringling. Irgendwie behagte ihr die Atmosphäre hier überhaupt nicht. Die Gebäude, der Hof, alles wirkte verlassen. Sie ging noch ein paar Schritte weiter, blieb dann aber abrupt stehen. Leopold stand dicht neben ihr und sah zu ihr auf. Hier auf dem Hof hatte er aufgehört, an der Leine zu ziehen. Sie hatte ein ungutes Gefühl, hätte aber nicht sagen können, woran es lag. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht.

Wo waren eigentlich Lena und Peggy abgeblieben? Leopold schien den gleichen Gedanken gehabt zu haben, denn im selben Moment streckte er seine Nase empor und nahm Witterung auf. Der aufgenommene Geruch gefiel ihm allerdings ganz und gar nicht. Plötzlich legte er die Ohren an, klemmte den Schwanz zwischen die Beine und wurde ganz steif. Uschi sah ihn verwundert an. In seinen gefleckten Augen spiegelte sich Angst. Große Angst. Einen Sekundenbruchteil später zog er das Hinterteil ein und preschte los. Der plötzliche Ruck kam so unerwartet, dass Uschi die Leine entglitt. Leopold flüchtete auf eine angrenzende Wiese und stoppte erst, als sie brüllend hinterherrannte.

»Leopold, was machst du denn!«, keuchte sie. »Bleib hier! Hiiiierher! Platz! Sitz! Fuß!«

Verärgert nahm sie die Leine vom Boden auf und führte Leopold, der nur äußerst widerstrebend mitging, zurück in den Hof. Doch je näher sie den Ökonomiegebäuden kamen, desto mehr bockte der Australian Shepherd. Uschi musste all ihre Kraft aufwenden, um den hysterischen Hund weiterzuziehen.

»Leopold!«, schrie sie. »Was ist denn los? Was hast du denn?«

Mit einem Mal blieb ihr Blick an zwei großen Eisencontainern hängen. Fürchtete er sich etwa davor?

Leopold führte sich derweil auf, als würde ihn dort der Leibhaftige erwarten! Uschi sah ein, dass sie den Hund keinen Millimeter in diese Richtung bewegen konnte. Also ging sie zurück zu der Wiese und machte ihn dort an einem Baum fest. Dann näherte sie sich den Containern. Nicht schnell. Sondern langsamen Schrittes. Sie ahnte, dass es etwas Schreckliches sein musste, was sie da erwartete.

Eigentlich wollte sie es gar nicht sehen. Und doch war die Neugier inzwischen so groß, dass sie zumindest wissen musste, worum es sich handelte. Mit jedem Schritt, den sie näher kam, fühlte sie sich unbehaglicher. Als sie die Container beinahe erreicht hatte, blieb sie stehen. Irgendetwas hielt sie davon ab, noch näher heranzugehen. Also stellte sie sich auf die Zehenspitzen und beugte sich vor. Um Himmels willen! Uschi drückte sich entsetzt die Hand vor den Mund. Das war ja widerwärtig! Entsetzlich!

Felle. Pfoten. Schwänze. Der linke Container war bis oben hin mit abgezogenen Tierfellen angefüllt. Oh nein! War das etwa ein Kopf? Uschi schloss für einen Moment die Augen, als sie erkannte, dass es sich um den Kopf eines Rehs handelte. Hastig wandte sie sich ab. Obwohl sie den Inhalt des rechten Containers nur flüchtig aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen hatte, drehte es ihr dennoch beinahe den Magen um. Kein Zweifel. Die zu einem großen Haufen aufgetürmte, rotbraune Masse bestand aus den inneren Organen der aufgebrochenen Wildtiere, die hier in dem Container entsorgt worden waren. Ein blutiges Durcheinander tierischer Abfälle.

»So was!«, schnaubte Uschi. »Das ist ja widerlich!«

Warum ließ man diese Container einfach so offen stehen? Sichtbar für jeden ahnungslosen Spaziergänger! Weil du hier eigentlich nichts zu suchen hast, sagte ihre innere Stimme. Und weil man nicht in privaten Hinterhöfen herumschnüffelt! Und erst recht nicht in fremde Mülleimer schaut! Außerdem war es gerade mal eine Stunde her, dass ihr beim Gedanken an Wildschwein-Landjäger und Rehgulasch das Wasser im Mund zusammengelaufen war. Du bist so was von ignorant und naiv, schimpfte sie sich. Man konnte doch nicht Gulasch essen und gleichzeitig ausblenden, wo der Rest des Tieres abgeblieben war, den man nicht zu Gulasch verarbeitet hatte.

Sie stapfte zu Leopold zurück, der bereits in den höchsten Tönen winselte. Vor lauter Aufregung war er mehrmals um den Baum herumgelaufen und hatte es dadurch tatsächlich geschafft, sich selbst an den Stamm zu fesseln. Auf die Idee rückwärtszulaufen, war er trotz überdurchschnittlichen Hunde-IQs nicht gekommen. Sie ging vor Leopold in die Knie und streichelte ihm beruhigend über den Kopf. Er hatte es gerochen. Den Tod. Und das Leid dieser Tiere. Das hatte ihn so in Panik versetzt. Deshalb wollte er fliehen. Weg von diesem Ort.

Sie packte ihn am Schlafittchen und zog ihn in die entgegengesetzte Richtung um den Stamm herum. Da der arme Hund aber überhaupt nicht verstand, was sie nun schon wieder von ihm wollte, löste sie ihn seufzend vom Karabiner. Sie hatte die Leine gerade wieder abgewickelt, da kam Lena auf sie zugelaufen.

»Ach, da bist du ja!«, rief sie fröhlich. »Wir haben mal den Waldweg dort hinten erkundet. Aber den Gedenkstein hab ich dort auch nicht gefunden.«

Leopold nutzte seine neugewonnene Freiheit und setzte in großen Sprüngen auf Peggy zu, die erst einmal verängstigt zurückwich, dann aber doch einen kurzen Nasenkontakt zuließ.

Lena sah Uschi prüfend an.

»Ist alles in Ordnung?«

»Ja, ja«, versicherte Uschi und verzog den Mund zu einem Lächeln.

Sie hatte beschlossen, Lena nichts von ihrer Entdeckung zu sagen. Zum einen schämte sie sich für ihre Schnüffelei, zum anderen wollte sie ihr den grausigen Anblick ersparen. Lena schien eine große Tierliebhaberin zu sein und würde vermutlich nicht weniger empfindlich als sie selbst auf die blutigen Überreste der Wildtiere reagieren. Es genügte, wenn sie heute Nacht Albträume bekommen würde.

Sitz!«

Artus horchte auf und nahm rasch die geforderte Position ein.

»Und bleib!«

Ein roter Ball flog durch die Luft.

Artus verfolgte ihn gebannt mit den Augen. In gespannter Erwartung lehnte er sich leicht nach vorn, harrte der Dinge.

Der Ball landete auf dem Boden und hüpfte dann mehrmals auf und ab. Wie ein Kaninchen.

Artus fing an zu hecheln. Sein schwarzes Fell fühlte sich in der Sonne stets heiß an, auch wenn die Luft selbst kühl war. Wann kam endlich das Kommando?

Der Ball hatte aufgehört zu hüpfen und rollte nun über die Wiese davon. Seine Vorderpfoten waren bereits so angespannt, dass sich die Krallen ins Gras bohrten. Er schloss sein Maul, spitzte die Ohren. Immer noch nichts. Seine dunklen Augen fixierten den Ball, der nun still dalag und sich im Gras versteckte. Er verfiel wieder ins Hecheln.

»Und los!«

Das Signalwort »los« glich einem elektrischen Stromschlag. Kaum hatte Artus das Kommando vernommen, kippte er vornüber und preschte los. Zwei Sekunden später hatte er den Ball gepackt, schüttelte ihn ordentlich durch und brachte ihn dann eilig zurück.

»Gut gemacht!«

Er gab den Ball nach kurzem Zögern ab und bekam im Gegenzug einen kleinen Leckerbissen ins Maul geschoben. Kaum hatte er den Fleischbrocken hinuntergeschluckt, erhielt er bereits den nächsten Befehl.

»Platz!«

Die Art und Weise, wie Artus sich ablegte, entsprach genau den Vorgaben: der Körper gerade ausgerichtet, die Vorderpfoten parallel.

Dieses Mal gab es keine Belohnung. Er wurde lediglich über den Kopf gestreichelt. Enttäuscht schluckte er den Speichel herunter.

»Bei Fuß«, erklang das nächste Kommando.

Er sprang auf, nahm kurz Blickkontakt auf. Nun war Konzentration gefordert. Herankommen, ganz dicht an der Seite bleiben, immer auf derselben Höhe Schritt halten, sich der Schrittgeschwindigkeit anpassen.

Rechts um das Hütchen herum, links um das Hütchen herum, rechts, links, rechts.

Artus war so sehr auf die Übung konzentriert, dass er den Mann erst bemerkte, als dieser bereits hinter dem Busch hervorgetreten war. Schon wieder dieser grimmig dreinblickende Riese mit der dicken Jacke und dem gepolsterten Arm! Obwohl er kein Wort sprach, interpretierte Artus dessen Körpersprache sofort als Bedrohung. Kein Mensch stand breitbeinig und mit erhobenen Armen da, wenn er friedliche Absichten hatte. Das Fell gesträubt, die Ohren angelegt fixierte er den Riesen. Sein Instinkt gab ihm vor, in sicherer Distanz stehen zu bleiben und den Angreifer zu verbellen. Stattdessen war er nun gezwungen, geradewegs auf den Mann zuzulaufen. Denn nach wie vor galt das Kommando »Fuß«. Artus hielt sich noch etwas dichter am Bein, streifte fast die Wade. Als sie nur noch wenige Meter von dem Mann entfernt waren, blieben sie stehen. Der Mann blickte ihm direkt in die Augen. Es war ein bohrender Blick, provozierend und voller Aggression. Artus fletschte die Zähne und knurrte.

»Ruhig!«

Er stieß nochmals ein lang gezogenes Knurren aus, verstummte dann aber. Dafür machte er zwei kleine Schritte nach vorn. Dies musste als Verteidigungshaltung genügen. Sein ganzer Körper stand unter Spannung. Zu allem bereit. Für ein paar Sekunden passierte gar nichts. Dann setzte sich der Riese auf einmal in Bewegung.

Er hätte das akustische Kommando eigentlich gar nicht mehr gebraucht. Längst hatte er den Schweiß gerochen, den beschleunigten Pulsschlag und das Adrenalin wahrgenommen.

»Spring!«

Ohne zu zögern, nahm er Anlauf, stieß sich dann mit aller Kraft vom Boden ab und flog mit weit von sich gestreckten Beinen auf den Mann zu. Der Riese schaffte es gerade noch, sich den gepolsterten Arm schützend vors Gesicht zu halten. Dann trafen ihn die Pfoten des Hundes an der Brust. Er hatte nicht den Hauch einer Chance gehabt, den Hund abzuwehren. 50 Kilogramm Lebendgewicht im Anflug. Dieser Stoß warf den stärksten Mann um.

Zwischen den Treppenstufen klafften riesige Lücken, die tief blicken ließen. Ganz schön luftig, dachte Uschi, klammerte sich mit der linken Hand an das Geländer und bemühte sich, ihren Blick nach vorn und nicht nach unten auszurichten. Hoffentlich waren die Holzdielen nicht auch noch morsch! Langsam, ganz langsam tastete sie sich Schritt für Schritt die Holztreppe nach unten. Die Treppen und Stege führten meist dicht an der Felswand entlang, aber dieser Treppenabschnitt schien im freien Raum zu schweben und war dazu noch extrem steil. So wildromantisch hatte sie diesen Weg gar nicht mehr in Erinnerung gehabt.

Es war allerdings auch schon eine Weile her, dass sie das letzte Mal hier in Inzigkofen gewesen war. Sie dachte nach. Eine Weile? Es war mindestens 20 Jahre her! Sie war damals für zwei Jahre an eine Schule nach Krauchenwies abgeordnet worden und hatte in dieser Zeit im schmucken Städtchen Scheer gewohnt. An den Wochenenden hatte sie viele schöne Radtouren im Donautal unternommen und eines ihrer Lieblingsziele war das idyllisch gelegene Inzigkofen gewesen. Das Dorf lag nur wenige Kilometer von Sigmaringen entfernt, von Scheer aus war es dennoch kein Katzensprung gewesen. Deshalb hatte sie zwar bei jedem Besuch einen Abstecher in den Kräutergarten des Inzigkofener Klosters gemacht, für eine Wanderung im fürstlichen Park hatte ihr jedoch meist die Energie gefehlt.

Der Weg führte nun unterhalb der Felsen entlang. Wie bizarr die Auswaschungen der Felsenüberhänge aussahen! Auf einem Schild stand, dass die Grotten und Felsformationen vor etwa 150 Millionen Jahren aus Schwammriffen im tropisch-warmen Weißjurameer entstanden waren. Eine der Grotten hatte mit fünf Metern Höhe und zehn Metern Tiefe so beachtliche Ausmaße, dass Erbprinz Karl Anton sie 1840 mit Tischen und Bänken möblieren ließ. In der sogenannten Nebelhöhle feierte er dann den Abschluss der Jagd. Dort wurde das erlegte Wild aufgereiht und zum Zeichen, dass die Jagd vorbei war, das Halali verblasen.

Immer noch das Schild studierend, kramte sie aus ihrer Jackentasche ein Papiertaschentuch hervor und schnäuzte sich. Also, von tropisch-warmem Klima war das Donautal heute weit entfernt. Zwar schob sich hin und wieder die Sonne zwischen den Wolken hervor und tauchte den spätherbstlichen Wald in ein sanftes Licht, doch sobald man sich im Schatten aufhielt, wurde es empfindlich kalt. Uschi ertappte sich beim Gedanken, dass die Klimaerwärmung zumindest für das Donautal nicht nur Nachteile bringen würde, schämte sich aber sogleich wieder für den törichten Gedanken. Korallenriffe im Donautal? Lieber nicht! Sie stopfte das Papiertaschentuch wieder in ihre Tasche und ging weiter.

Leopold, der an der nächsten Biegung auf sie gewartet hatte, war sichtlich froh, dass sie sich endlich wieder in Bewegung gesetzt hatte. Schwanzwedelnd rannte er ihr entgegen, drehte dann zwei Meter vor ihr ab und preschte wieder voraus. Er genoss seinen Freilauf in vollen Zügen und rannte in Hütehund-Manier unermüdlich vor und zurück. Dadurch legte er die doppelte, wenn nicht gar die dreifache Strecke zurück. Uschi hatte ihn kurzerhand von der Leine losgemacht, als sie den Wegabschnitt mit den Treppen erreicht hatten. Es wäre viel zu gefährlich gewesen, den stürmischen Hund treppab an der Leine zu führen. Leopold nahm mehrere Stufen auf einmal und Uschi hatte den Eindruck, dass er mehr flog, als dass er ging. Er machte so große Sprünge, dass er die Holzplanken kaum mit den Pfoten berührte. Leopold musste das Gefühl haben, mit einer Schildkröte auf Tour zu sein. Hin und wieder traf Uschi ein beinah ungeduldiger Blick, wenn sie bei jedem einzelnen Schritt zögerte und sich erst noch einmal vergewissern musste, wo sie ihren Fuß am besten hinsetzte. Um sich die Zeit zu vertreiben, schnüffelte er an jeder Ecke und markierte wie ein Weltmeister. Dennoch behielt er Uschi stets im Blick und kam unverzüglich angerannt, wenn sie ihr »Hierher« verlauten ließ. Uschi machte sich nichts vor. Die Folgsamkeit, die er an den Tag legte, hatte natürlich mit den Leckerlis zu tun, die sie ihm zur Belohnung ins Maul schob. Sie war sich auch nicht ganz sicher, ob er es gelegentlich bewusst darauf anlegte, eine Belohnung zu bekommen, und mit Absicht gerade so weit vorauslief, dass er sich zwar nicht mehr in Sicht-, aber durchaus in Hörweite befand.

Der Weg führte unter einem großen Felsentor hindurch und endete schließlich beim Känzele, einem Aussichtsfelsen mit wunderschönem Panoramablick. Atemberaubend, dachte Uschi und stützte sich schnaufend auf das Geländer der Brüstung. Tief unter ihr schlängelte sich die Donau durch ein grünes Wiesental, das zu beiden Seiten von bewaldeten Anhöhen eingerahmt wurde. Die Bäume am Flussufer spiegelten sich auf der glitzernden Wasseroberfläche der Donau und schufen ein Bild herbstlicher Idylle. Uschi schloss für einen Moment die Augen und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Als sie die Augen wieder öffnete, wirkte das Farbenspiel der Natur sogar noch imposanter als zuvor. Die Sonne ließ den grün-braunen Flickenteppich der Wiesen und Äcker und das bunte Herbstlaub der Wälder in den kräftigsten Farben erstrahlen.

Ein Warnschild erregte ihre Aufmerksamkeit:

Bitte nicht mit Steinen werfen. Wanderer sind gefährdet!

Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Sie hatte es bereits am eigenen Leib erfahren müssen, wie es war, wenn man mit Steinen aus großer Höhe beworfen wurde. Es gehörte mit zu den schlimmsten Dingen, die sie in ihrem Leben bisher hatte erfahren müssen. Offenbar hatte es hier auf dem Känzele auch schon Steinewerfer gegeben. Sonst hätte man ja dieses Schild nicht aufgestellt. Verärgert legte sie ihre Stirn in Falten. Wie gedankenlos konnten Personen sein, von einer Aussichtsplattform Steine herabzuwerfen?

Apropos gedankenlos! Wo war eigentlich Leopold abgeblieben? Vor lauter Begeisterung über die Aussicht hatte sie den Hund ganz vergessen! Erschrocken sah sie sich um. Hier war er nicht. Dort auch nicht. Besorgt sah sie über den Felsvorsprung in die Tiefe. Er war doch wohl nicht abgestürzt? Aber das hätte sie doch mitbekommen … Gut, sie hatte die Augen eine Weile geschlossen gehabt. Aber zumindest hätte sie es ja wohl gehört, wenn er vom Felsen gestürzt wäre. Wobei, so ganz sicher war sie sich da nicht. Vermutlich würde ein Hund im freien Fall nicht jaulen oder bellen, sondern einfach nur schweigend fallen. Was für eine schreckliche Vorstellung!

»Leopold«, kreischte sie. »Leopold! Komm zu mir! Hierher! Hiiierher!«

Sie sah sich nach allen Richtungen um, aber Leopold war nirgends zu sehen. Um Gottes willen, dachte sie entsetzt, wenn er nun tatsächlich abgestürzt ist – wie soll ich das nur Clara erklären.

Uschi brach der Schweiß aus. Verflixt! Warum hatte sie ihn auch nicht an der Leine gelassen! Zumindest auf dem Felsvorsprung hätte sie ihn anleinen müssen. Völlig arglos war sie davon ausgegangen, dass ein Hund nicht abstürzen konnte. Wie kam sie denn zu dieser Annahme? Weil er zwei Beine mehr als sie hatte? So ungestüm wie sich dieser Hund manchmal benahm, musste man eigentlich mit allem rechnen. Nein, man musste mit dem Schlimmsten rechnen! Sie versuchte es erneut:

»Leopold? Komm, ich hab ein Leckerli für dich! Leckerli!«

Stille. Doch plötzlich vernahm sie ein Rascheln. Es kam aus dem Gebüsch etwas unterhalb des Felsvorsprungs. Eine Sekunde später kam der gefleckte Kopf des Australian Shepherds zum Vorschein. Er machte zwei große Sätze, saß dann schwanzwedelnd neben ihr und blickte erwartungsvoll zu ihr auf.

»Leopold«, stieß Uschi erleichtert hervor. »Da bist du ja!«

Sie ging in die Knie, nahm seinen Kopf in die Hände und knetete seine Ohren. Sie war unendlich froh, den Wirbelwind wohlbehalten an ihrer Seite zu sehen.

»Du darfst doch nicht einfach so abhauen«, schimpfte sie ihn halbherzig und schob ihm dabei ein Leckerli in die Schnauze.

Während er schmatzend seine Belohnung genoss, ließ sie den Karabiner der Leine an seinem Geschirr klickend einrasten.

»So, nun bleibst du mir aber an der Leine«, sagte sie bestimmt. »Das nennt man in der Pädagogik ›logische Konsequenz‹. Hilft nicht nur bei überdrehten Kindern, sondern auch bei pubertierenden Hunden.«

Leopold fügte sich seinem Schicksal und akzeptierte seine Strafe. In den folgenden drei Minuten ging er auch recht ordentlich an der Leine. Dann aber war seine Geduld mit dem Bremsklotz am anderen Ende der Leine zu Ende und er beschloss, Uschis Tempo durch entsprechendes Ziehen und Zerren zu beschleunigen. Seufzend löste sie ihn wieder von der Leine. Leopold dankte es ihr mit einem kurzen Schwanzwedeln und stob beglückt von dannen. Es waren heute kaum Spaziergänger unterwegs. Warum sollte sie sich und dem Hund dann das Gezerre antun?

Nach ungefähr einem halben Kilometer erreichte Uschi den Eingang eines Felsentunnels. Auf der anderen Seite befand sich eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Parks: die Teufelsbrücke! Nach dem Tunnel ging es treppab, dann wieder treppauf und schon hatte man die steinerne Brücke erreicht. Uschi lehnte sich an die Brüstung, die ihr bis zum Oberschenkel reichte und blickte in die Tiefe. Oha, das waren bestimmt um die 20 Meter! Leopold fragte sich wohl, was es da so Interessantes zu sehen gab. Kurzerhand tat er es ihr gleich, stützte die Vorderpfoten auf der Steinmauer ab und streckte den Hals. Uschi griff nach seinen Pfoten und schob ihn energisch von der Mauer.

»Nein, mein Freund«, sagte sie entschieden. »Für junge Hunde gibt es hier nichts, aber auch gar nicht zu sehen.«

Tatsächlich war der Ausblick schön, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie vom Känzele aus. Herbstwald, Donau und Felswände. Mehr gab es nicht zu sehen. Die Aussicht war allerdings auch sekundär. Die eigentliche Attraktion war die elegant geschwungene Brücke selbst, die mit auf- und absteigenden Treppen über die »Höll-Schlucht« hinwegführte. Uschi schlenderte über die Brücke und studierte dann das Schild, das auf der anderen Seite der Brücke angebracht worden war. Das klang ja interessant! Die 21 Meter lange Brücke existierte in ihrer jetzigen Bauweise seit 1895 und diente dazu, die als »Höll« bezeichnete Schlucht zu überqueren. Die Schlucht selbst hatte man früher durch eine Treppen- und Steganlage begehen können. Uschi war nicht traurig darüber, dass die Steganlage nicht mehr existierte. Da sie weder tollkühn noch halsbrecherisch veranlagt war, hätte sie dieser Himmelsleiter vermutlich nicht viel abgewinnen können.

Der Aspekt, der sie an der Brücke am meisten beeindruckte, war ohnehin die Sage, die um ihre Entstehung rankte. Demnach war die Brücke vom Teufel höchstpersönlich erbaut worden. Als Gegenleistung verlangte er von den Inzigkofenern eine Seele. Die erste Seele, die über die Brücke gehen würde, sollte ihm gehören. Offenbar waren die Bewohner von Inzigkofen gerissen genug, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen: Sie jagten kurzerhand einen Hund über die Brücke, bevor sie diese selbst betraten. Somit musste sich der Teufel notgedrungen mit der Seele des Hundes zufriedengeben.

Uschi betrachtete nachdenklich den Australian Shepherd, der völlig unbekümmert die Brücke überquert hatte. Das war mal wieder typisch. Der Mensch ließ sich für seine Klugheit feiern und keiner dachte an den armen Hund, der geopfert worden war und seine Seele für die Bevölkerung lassen musste. Sie trat an Leopold heran und streichelte ihm sanft über den Kopf. Nun ja, immerhin hatte man dem Hund überhaupt eine Seele zuerkannt. Die Erkenntnis, dass Tiere eine Seele besitzen, war vor 125 Jahren sicher kein weitverbreitetes Gedankengut gewesen. Selbst heutzutage wurden Tiere in Deutschland rechtlich gesehen ja immer noch den »Sachen« zugeordnet. Kam ein Tier zu Schaden, sprach man von Sachbeschädigung. Lediglich bei Vorsatz lag der Tatbestand der Tierquälerei vor. Uschi beugte sich zu Leopold hinab und blickte ihm in die gefleckten Augen. Da war sie. Seine Seele. Man musste nur hinschauen und das Herz einen Spalt breit öffnen. Uschi fischte ein Leckerli aus der Tasche und schob es Leopold ins Maul. Einfach so. Ausnahmsweise einmal ohne Gegenleistung.

Von nun an ging es stetig bergab, bis sie nach wenigen Minuten das Ufer der Donau erreichten. Uschi trat an die Uferböschung und lauschte. Wie das Wasser rauschte! Bunte Herbstblätter zogen an ihr vorüber, tanzten auf den Wellen der Donau, herangetragen von der Strömung. Uschi fixierte ein rotes Buchenblatt und versuchte, es nicht aus dem Blick zu verlieren. Dies war eine schöne Meditationsübung, die sie gerne an Flüssen durchführte. Wenn sie ein Problem hatte, stellte sie sich vor, dass der belastende Gedanke mit diesem Blatt davontrieb. Doch momentan hatte sie zum Glück kein Problem. Jedenfalls nichts Gravierendes, das sie über Gebühr beschäftigen würde.

Ein lautes Platschen am Flussufer riss sie aus ihren Gedanken. Was war das denn gewesen? Und wo steckte eigentlich dieser Hund schon wieder? Gerade eben hatte er doch noch neben ihr gesessen. Er wird doch nicht … Aus welcher Richtung war das Platschen denn gekommen? Von links? Uschi rannte los.

Wer weiß, ob dieser Hund schwimmen konnte. Aber waren dazu nicht alle Hunde von Natur aus imstande? So ein sportlicher Hund wie Leopold konnte gewiss schwimmen! Fragte sich nur, wie lange. Wenn er von der Strömung mitgerissen worden war, konnte selbst so eine Sportskanone wie Leopold an seine Grenzen kommen und irgendwann absaufen.

Während Uschi, den Blick fest auf den Fluss geheftet, das Ufer abrannte, machte sie sich schwerste Vorwürfe. Wie hieß dieser Spruch? Die Kunst besteht darin, nie zweimal denselben Fehler zu machen. Warum war sie nur so blöd gewesen und hatte ihn erneut frei laufen lassen? Dieser Hund war doch unberechenbar! Und wenn sie weiterhin so fahrlässig war, würde ihn das demnächst womöglich noch sein Leben kosten. Und soweit sie informiert war, hatten Hunde nur ein Leben und nicht sieben wie die Katzen. Im Wechsel schrie sie seinen Namen und rannte, schrie und rannte. Vor lauter Aufregung sah sie auch noch schlecht. Oder waren das die Tränen in ihren Augen? Sie meinte jedenfalls, einen Waschbär gesehen zu haben. Nanu? Der gefleckte Waschbär kam direkt auf sie zu.

»Leopold!«, keuchte Uschi. »Oh Gott, wie siehst du denn aus?«

Von wegen Waschbär! Leopold stand triefend vor ihr. Er war so durchweicht, dass sein Fell dicht am Körper klebte. Offenbar war er unter Wasser geraten, denn auch sein Kopf war nass. Ganz dünn und klein sah er nun aus.

Leopold tat das, was alle Hunde taten, wenn sie nass waren: Er schüttelte sich. Und zwar so heftig, dass das Wasser nur so aus seinem Fell spritzte. Kreischend machte Uschi einen Satz zur Seite, bekam aber trotzdem eine Dusche ab. Nun stand das Fell zerzaust in alle Richtungen ab. Doch noch war es nicht trocken. Deshalb rutschte Leopold mit hocherhobenem Hinterteil, Schnauze voraus durchs Dickicht, gelangte dann auf die angrenzende Wiese und wälzte sich durchs Gras. Dann führte er sich auf, als hätte ihn eine Hummel in den Hintern gestochen, und raste wie wild im Kreis herum. Seine Ohren flogen und seine Füße bekamen kaum die Kurve, so ein Tempo hatte er drauf. Erst in die eine Richtung, dann in die andere Richtung. Uschi blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Erlitt dieser Hund gerade einen Anflug von Welpenrasen?

»An Ihrer Stell würd i jetzt mal ganz schnell mein Hund an die Leine nehmen!«

Uschi fuhr überrascht herum. Hinter ihr stand ein olivgrün gekleideter Mann mit gelben Gummistiefeln. Sie schätzte ihn auf Ende 50, Anfang 60. Die grauen Haare standen etwas wirr vom Kopf ab, Nase und Wangen waren gerötet – ob vor Erregung oder durch zu viel Alkoholgenuss war auf den ersten Blick schwer einzuschätzen. Verwundert zog Uschi eine Augenbraue hoch. Was wollte der Typ denn von ihr? Er führte einen stattlichen Golden Retriever mit sich, der mindestens ebenso grimmig dreinschaute wie sein erbostes Herrchen. Weshalb regte sich dieser Mann eigentlich so auf, fragte sich Uschi verunsichert. Der in Raserei verfallene Leopold hatte seinen Golden Retriever ja noch nicht einmal bemerkt. Sie wollte sich gerade schon wieder abwenden, als sie das Gewehr registrierte. Der Mann trug es locker, aber gut sichtbar über der Schulter. Oho! Hier handelte es sich wohl um einen Jäger. Und so wie es aussah, war mit diesem Jäger nicht gut Kirschen essen. Da sie sowieso vorgehabt hatte, Leopold nun wieder anzuleinen, marschierte sie auf die Wiese und versuchte es mit dem Kommando »Hierher!«.

Das brachte freilich wenig, denn Leopold hatte die Ohren auf Durchzug gestellt und war inzwischen dazu übergegangen, im Zickzack über die Wiese zu flitzen.

»Leopold! Kommst du hierher? Hierher! Hörst du!«

»Warum lassa Sie Ihrn Hund denn frei schpringa, wenn er net folgt?«

Uschi empfand es als ungeheures Zeichen der Respektlosigkeit, von hinten angesprochen zu werden. Also sah sie es auch nicht für nötig an, sich nach ihm umzudrehen.

»Es ist gar nicht mein Hund«, verteidigte sie sich über die Schulter hinweg. »Er ist nur mein Urlaubshund. Aber normalerweise folgt er ganz gut. Nur eben gerade nicht.«

Der Jäger wechselte ins Hochdeutsche. Dies klang nun noch eine Spur schärfer.

»Aber wenn dies nicht Ihr Hund ist, dann könne Sie ihn doch erst recht nicht frei springen lassen!«

Uschi hatte es satt. Mit ausgestreckten Armen rannte sie auf den Aussie zu und versuchte, ihn zu schnappen. Leopold interpretierte dies als Spielaufforderung. Herausfordernd bellte er sie an, sprang kurz an ihr hoch, nur um dann blitzschnell einen Haken zu schlagen und wieder auf Abstand zu gehen. Als er merkte, dass sie nicht den Hauch einer Chance hatte, ihn zu erwischen, machte er sich einen Spaß daraus, sie in immer kleineren Kreisen zu umrunden. Uschi fand das alles andere als lustig. Sie wusste sehr wohl, dass sie sich gerade vor dem Jäger zum Affen machte. Mit zusammengebissenen Zähnen keuchte sie »Na, warte!« und setzte zu einem Hechtsprung an. Der ging leider ins Leere, da sich Leopold mit einem einzigen Satz rasch aus der Gefahrenzone gebracht hatte. Doch da kam Uschi eine neue Idee.

»Schau mal, was ich für dich hab!«, säuselte sie zuckersüß. »Leckerli! Ja, so ein feines Leckerliii!«

Leopold stand still und horchte mit schief gelegtem Kopf. Leckerli?

Einen Wimpernschlag später stand er neben ihr und schnüffelte erwartungsvoll und freudig schwänzelnd an ihrer Jackentasche.

»So, jetzt hab ich dich!«, fauchte Uschi, packte ihn am Geschirr und befestigte die Leine daran.

Enttäuscht stellte Leopold fest, dass das versprochene Leckerli seltsamerweise ausblieb. Uschi wusste, dass sie ihn nun eigentlich belohnen müsste, denn er war ja tatsächlich zu ihr hergekommen. Andererseits hatte er sein Spiel mit ihr getrieben, und da sie immer noch den kritischen Blick des Jägers im Rücken spürte, konnte ihr im Moment jegliche Hundepädagogik gestohlen bleiben. Verärgert zerrte sie ihn neben sich her und zischte dabei fortwährend »Fuß!«.

Sie war bestrebt, einen großen Bogen um Jäger und Hund zu machen, doch für diesen war das Thema offensichtlich immer noch nicht erledigt. Er schnitt ihr den Weg ab und baute sich mitsamt seinem Hund vor ihr auf. Da Leopold grundsätzlich an allen Hunden interessiert war, zerrte er nun wie verrückt an der Leine, um den Artgenossen auf hündische Art und Weise ordentlich unter die Lupe zu nehmen. Uschi riss ihn mit einem genervten »Fuß!« zurück, nur um daraufhin erneut ein Stück Richtung Golden Retriever geschleift zu werden. Obwohl sie Leopold nun wie gewünscht an die Leine genommen hatte, sah der Jäger alles andere als zufrieden aus. Sein Gesicht war sogar noch eine Spur röter geworden und zwischen seinen Augenbrauen war eine tiefe Furche entstanden. Er sah sie so abschätzig an, als habe sie gerade die Reifen an seinem Auto zerstochen.

»Wenn Sie des nächste Mal den Hund frei herumspringen lassen«, sagte er streng, »muss ich von der Schusswaffe Gebrauch machen.«

Uschi starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen ungläubig an. Was hatte er da gerade gesagt? Von der Schusswaffe Gebrauch machen? Das konnte ja wohl nicht sein Ernst sein! Uschi schnappte vor Empörung nach Luft, wich aber gleichzeitig einen Schritt zurück. Die finstere Miene des Jägers ließ keinen Zweifel zu. Dieser Idiot bedrohte sie! Er wollte sie erschießen! Zuerst sie und dann den Hund. Oder umgekehrt.

»Wie meinen Sie denn das?«, entgegnete sie schrill. »Wollen Sie mir drohen?«

Der Jäger räusperte sich und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

»Laut Bundesjagdgesetz § 23 bin ich als Jagdpächter verpflichtet, das Wild vor wildernden Hunden zu schützen«, sagte er im Brustton der Überzeugung.

»Aber …«, Uschi war so perplex, dass ihr für einen Moment die Worte fehlten. Dann sagte sie kopfschüttelnd: »Mein Hund hatte überhaupt nicht vor zu wildern. Sie haben doch selbst gesehen, dass er die ganze Zeit auf der Wiese im Kreis herumgerannt ist.« Sie blickte zum Wald hinüber und fügte hinzu: »Außerdem ist gar kein Wild in der Nähe!«

»Woher wollen Sie das denn wissen?«, schleuderte er ihr verächtlich entgegen. »Ihr Hund riecht das Wild auch auf eine große Entfernung hin. Es genügt übrigens, wenn Ihr Hund – ich zitiere – ›deutlich erkennbar im Wald Wild hinterherjagt oder es gefährdet und andere Maßnahmen, wie einfangen, fehlschlagen‹.« Ein überhebliches Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. »Und das mit dem Einfangen ist ja wohl gründlich fehlgeschlagen. Das müssen Sie zugeben.«

»Moment mal«, widersprach Uschi. »Ist mein Hund nun an der Leine oder nicht?«

Der Jagdpächter zog eine Grimasse.

»Eigentlich reicht es schon, wenn sich der Hund – ich zitiere – ›nicht im Einwirkungsgebiet des Halters befindet‹. Und wirklich einwirken konnten Sie auf den Hund nicht mehr. Das hat man deutlich gesehen.«

»Sagen Sie mal, was wollen Sie eigentlich von mir?«, rief Uschi wütend. »Legen Sie es nur darauf an, Hunde abzuknallen? Schafft Ihnen das Vergnügen, oder was? Wenn Sie so weitermachen, dann zeige ich Sie an.« Sie überlegte kurz, wofür sie ihn anzeigen könnte. »Wegen Sachbeschädigung«, entfuhr es ihr.

Im selben Moment bereute sie schon, das unsägliche Wort in den Mund genommen zu haben. Sachbeschädigung! Wie konnte sie nur!

Erneut war da dieses schräge Grinsen auf dem Gesicht des Jagdpächters. Es gefiel ihm offenbar, dass er es geschafft hatte, sie in Bedrängnis zu bringen. Sie hatte den besten Freund des Menschen im Eifer des Gefechts zur Sache degradiert und war somit genau auf der Gesprächsebene angelangt, wo er sie haben wollte.

»Das können Sie machen, wie Sie wollen. Aber eins kann ich Ihnen gleich sagen: Ich bin im Recht. So oder so. Wenn ich vor Gericht sage, ich hätte das Gefühl gehabt, dass der Hund kurz davor war, im Wald zu verschwinden, dann ist das Gesetz unter Garantie auf meiner Seite. Da haben Sie keine Chance!« Er holte kurz Luft. »Deshalb gebe ich Ihnen den guten Rat, dass Sie ihren Hund künftig einfach an der Leine lassen. Das ist ja nicht so schwer zu kapieren, oder? Dann hab ich kein Problem – und Sie auch nicht.«

»Wissen Sie was?«, keifte Uschi und stemmte die Hände in die Hüften. »Mir ist das jetzt wirklich zu dumm. Ich gehe jetzt. Und wenn Sie mich oder meinen Hund noch einmal mit Ihrem Gewehr bedrohen, dann gehe ich zur Polizei.« Sie machte auf dem Absatz kehrt, zog Leopold hinter sich her und murmelte in einem fort: »Eine Unverschämtheit ist das! Eine Un-ver-schämt-heit! Von der Schusswaffe Gebrauch machen. Der spinnt ja!«

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Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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301 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783965550780
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