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Irene Dorfner
Engelchen...
Leo Schwartz ... und Vater Tod
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
VORWORT
ANMERKUNG:
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Liebe Leser!
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Von der Autorin sind bisher folgende Bücher erschienen:
Über die Autorin Irene Dorfner:
Impressum neobooks
Impressum
Copyright © 2016 Irene Dorfner
Copyright überarbeitete 2. Auflage 2021 –
© Irene Dorfner, Postfach 1128, 84495 Altötting
www.irene-dorfner.com
All rights reserved.
Lektorat: FTD-Script Altötting
EarL und Marlies Heidmann, Spalt
VORWORT
„Das Schlimmste, das man der Wahrheit antun kann, ist,
sie zu kennen und
dennoch zu ignorieren.“
Jacques Benigne Bossuet (1627 – 1704)
Ich wünsche ganz viel Spaß beim Lesen des 18. Falles mit Leo Schwartz & Co.!!
Liebe Grüße aus Altötting
Irene Dorfner
ANMERKUNG:
Die Personen und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Der Inhalt des Buches ist reine Fantasie der Autorin. Auch hier sind Ähnlichkeiten rein zufällig. Die Örtlichkeiten wurden den Handlungen angepasst.
…und jetzt geht es auch schon los:
1.
Dienstag, 30. August – 14.30 Uhr
„Guten Abend, gut‘ Nacht, mit Rosen bedacht,…“ sang Maja Ettl leise und streichelte ihrer Tochter Lina dabei über den Kopf. Ihr 4-jähriger Sohn Marco schlief tief und fest und hörte sie nicht. Seinen Teddybären hielt er fest im Arm. Er hatte das Schlafmittel ohne Widerspruch geschluckt, aber die 7-jährige hatte sich gewehrt und eine große Menge wieder ausgespuckt. Wie lange würde es brauchen, bis auch sie endlich schlief? Solange Lina wach war, konnte sie das Feuerzeug nicht zünden. Ihre Tochter hatte sie angefleht, das Feuerzeug wegzulegen. Ahnte sie, was sie vorhatte? Lina war für ihr Alter sehr klug. Sie wollte schon immer alles ganz genau wissen und beobachtete alles um sich herum. Noch bevor sie im letzten Jahr eingeschult wurde, kannte sie alle Buchstaben auswendig, ohne dass sie jemand dazu drängte. Auch Zahlen und Farben waren ihr vertraut. Wie sehr hätte sie ihrer Tochter gewünscht, dass sie ihren Weg ginge und alles erreichen würde, was sie sich vornahm. Aber nicht in dieser schlechten, herzlosen Welt, die sich einen Dreck um ihre Tochter, geschweige denn um ihren Sohn scherte. Marco war Autist, aber das hatte sie nie gestört. Ihr Sohn lebte nun mal in seiner eigenen Welt und das hatte jeder zu akzeptieren. Marcos Betreuung traute sie niemandem zu. Niemand würde sich um die Pflege und Förderung kümmern, die er brauchte. Vor allem würde niemals jemand ihre Kinder so sehr lieben, wie sie es tat. Sie war die Mutter der beiden und das wollte man ihr wegnehmen. Sie fühlte sich dazu verpflichtet, sie vor der grausamen Welt zu schützen.
„Weißt du wieviel Sternlein stehen,…“ schloss sie das nächste Schlaflied nahtlos an, denn Lina wollte immer noch nicht schlafen. Das Mädchen hatte einen starken Willen und wehrte sich vehement gegen den Schlaf. Aber das würde ihr nichts nützen. Irgendwann schlief sie ein und so lange musste Maja warten. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter die Explosion mitbekam, das wollte sie ihr nicht zumuten. Vielleicht brauchte sie das Feuerzeug nicht und das ausströmende Gas würde alle drei still und leise töten. Das wäre die einfachste Lösung, aber das war ihr sicher nicht vergönnt. Die Küche war offen gestaltet und die angrenzenden Räume waren riesig. Bis sich das hier mit Gas füllte, brauchte es sehr lange. Zu lange! Draußen stand der Feind und es war nur eine Frage der Zeit, wann man sich gewaltsam Zugang verschaffen würde. Die Zeit drängte, aber das durfte sie sich nicht anmerken lassen. Je ruhiger sie blieb, desto schneller schlief ihre Lina ein.
Alle drei saßen auf dem Küchenboden des schmucken Einfamilienhauses in Mühldorf am Inn, das sie und ihr Mann zur Hochzeit vor sieben Jahren von ihren Schwiegereltern geschenkt bekamen. Alles sah nach außen hin rosig aus und die kleine Familie führte ein Bilderbuchleben, um das sie viele beneideten. Aber niemand kannte die Wahrheit. Alle hatten ihnen die Komödie abgenommen. Seit ihr Schwiegervater tot war, war es ruhig geworden. Trotz seines Todes war sie erleichtert und hatte wieder zuversichtlich in die Zukunft geblickt. Anfangs war sie skeptisch, ob die Fassade trotz des Todes des tyrannischen Familienoberhauptes aufrechterhalten werden konnte oder ob nicht doch ein Funken Wahrheit an die Oberfläche gespült wurde. Aber nichts geschah. Alles lief einfach weiter. Und sie fing an, ihr Leben zu genießen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Vor drei Wochen begann der Alptraum und ihr Leben fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Maja hatte keine Kraft mehr und musste dem allen ein Ende setzen. Sie konnte nicht mehr kämpfen. Vor allem nicht gegen einen scheinbar übermächtigen Feind, von dem sie nicht einmal wusste, wer es war. Egal. Wer auch immer sie vernichten wollte, hatte gewonnen. Sie gab auf. Aber ihre Kinder hatte sie bei sich und sie beschloss, sie mit sich zu nehmen.
Endlich wurde Lina ruhiger und Maja griff langsam zum Feuerzeug, wobei sie darauf achtete, dass ihre Tochter nichts davon mitbekam.
Nur noch wenige Augenblicke, und sie hatte endlich Ruhe.
2.
Vor dem Haus in der Ahornstraße war viel los. Neben Polizei, Krankenwagen und vielen Schaulustigen hatten sich auch die Beamten der Kriminalpolizei Mühldorf eingefunden. Während Polizei und Feuerwehr hauptsächlich damit beschäftigt waren, die Straße zu räumen und die Anwohner und Schaulustigen zum Weggehen zu bewegen, suchten die Kriminalbeamten verzweifelt nach einem Weg, irgendwie ins Haus zu kommen. Der Strom wurde längst abgedreht, aber die Gasleitung war immer noch nicht gekappt worden.
„Wie lange dauert das denn noch,“ sagte Leo Schwartz verärgert. Der 51-jährige, gebürtige Schwabe stach auch heute wieder nicht nur durch seine Größe von 1,90 m hervor, sondern durch ein schwarzes T-Shirt, auf dem ein neofarbener Kopf eines unbekannten Freiheitskämpfers prangte. Vor allem die sonnenverbrannte Haut, die sich inzwischen von Kopf und Armen ablöste, sowie die Badelatschen, zogen alle Blicke auf sich. Aber das war alles nebensächlich und interessierte Leo nicht.
Es war heiß, sehr heiß. Für Ende Juni nicht ungewöhnlich, aber die Hitze erschwerte die Arbeit.
„Die Gaswerke sind dran,“ sagte Werner Grössert äußerlich gefasst, aber innerlich brodelte es. Dem 40-Jährigen schien die Hitze nichts auszumachen, denn auch heute sah er wieder wie aus dem Ei gepellt aus. Er trug wieder einen sündhaft teuren, modernen Anzug, dessen Stoff in der Sonne glänzte. Werner machte sich große Sorgen, denn er kannte Maja persönlich. Für ihn stellte sich nicht die Frage, warum sie ihrem Leben ein Ende setzen und ihre Kinder mitnehmen wollte, er konnte sie irgendwie verstehen. Man hatte ihr übel mitgespielt und das war das Resultat. Erneut ging er die Pläne des Hauses durch und suchte mit Hochdruck nach einem Weg, irgendwie doch noch ins Haus zu gelangen. Hans Hiebler stand ihm zur Seite. Den 55-jährigen Junggesellen umgab wieder ein betörender Herrenduft. Außerdem war er braungebrannt und trug zu seinem weißen Leinenhemd Jeans und Slipper, alles farblich aufeinander abgestimmt. Hans machte sich von allen die größten Sorgen, denn Maja hatte bei ihm Hilfe gesucht und er hatte in seinen Augen kläglich versagt. Er kannte die 41-jährige Frau von klein auf. Sie wuchs auf einem der Nachbarbauernhöfe auf, die an seinen grenzten. Ihn und Maja trennten zwar viele Jahre, aber trotzdem lief man sich immer wieder über den Weg.
„Das Haus ist wie eine Festung gebaut,“ sagte Werner verzweifelt. „Die Fenster können wir vergessen, die sind alle vergittert. Die Haustür ist so solide, dass man sie sprengen müsste. Und der Keller ist von außen nur durch die Garage zu erreichen.“
„Was ist mit dem Garagentor?“
„Das ist verschlossen und müsste aufgeschweißt oder ebenfalls gesprengt werden. Das ist doch nicht zum Aushalten! Wir kommen nicht ins Haus!“
„Wo bleibt Susanne Ettl? Sie müsste doch schon längst hier sein!“, rief Leo verärgert. Seit die Mühldorfer Kripo den Abschiedsbrief gefunden hatte, suchten sie mit Hochdruck nach der Schwägerin, die sich offensichtlich in der Schweiz aufhielt. Aber wo? Nur sie hatte einen Hausschlüssel. Und nur sie konnte vielleicht zu ihrer Schwägerin durchdringen und sie zur Aufgabe überreden. Die Polizei hatte alle möglichen Freunde aufgetrieben, die vergeblich versucht hatten, Maja von ihrem Vorhaben abzuhalten. Eigene Familienangehörige hatte Maja nicht. Außer ihrer Schwägerin Susanne war niemand übriggeblieben.
Keiner zweifelte daran, dass Maja ihr Vorhaben durchziehen wollte.
Maja interessierte nicht, was vor ihrem Haus ablief. Sie wartete nur darauf, dass ihre Tochter endlich einschlief. Vorher konnte sie das Feuerzeug nicht betätigen. Sie spürte das Gas, das sich immer mehr ausbreitete. Ein einziger Funke würde genügen. Nur ein einziger Funke und dann war endlich alles vorbei.
Linas Augen wurden schwerer und schwerer. Maja sang unvermittelt weiter. Seltsam. Gerade jetzt fielen ihr alle Schlaflieder ein, die sie jemals gehört hatte. Dabei war es ihr gleichgültig, ob sie die Liedtexte richtig wiedergab. Es war nur wichtig, dass sie weitersang und ihre Tochter endlich einschlief.
3.
Vier Wochen vorher.
Mittwoch 3. August
„Ich brauche keinen Arzt, mir geht es gut,“ wehrte sich Maja gegen die festen Griffe der beiden Sanitäter, die sie sanft, aber bestimmt aus dem Bett zogen. Sie hatte keine Chance gegen die beiden und musste sich geschlagen geben. Schon seit Tagen fühlte sie sich schlapp und hatte keinen Appetit. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie ihren Mann, der neben der Tür stand.
„Sandro, hilf mir,“ flehte sie ihren Mann an. Aber der schüttelte mit Tränen in den Augen den Kopf.
„Es ist besser so Liebes, glaub mir,“ flüsterte er.
„Lina und Marco,“ bäumte sie sich von der Trage auf und wurde sofort unsanft wieder zurückgedrückt.
„Ich kümmere mich um die beiden, mach dir keine Sorgen,“ sagte Sandro Ettl. Seine Frau so zu sehen, schnürte ihm die Kehle zu. Maja war immer stark gewesen und darum hatte er sie immer bewundert. Er war nie so stark wie sie. Er hielt sich lieber im Hintergrund und ließ andere vorpreschen. Außerdem hasste er Probleme. Er ging allem Unangenehmen aus dem Weg. Dafür hatte er seine Maja, die wie ein Fels in der Brandung immer parat stand, wenn es Schwierigkeiten gab. Aber seit Tagen erkannte er seine Frau nicht wieder. Sie lag nur noch im Bett, aß und trank nichts und faselte nur dummes Zeug. Es war richtig gewesen, Hilfe zu holen.
Der Arzt entschied, Maja zu fixieren, woraufhin sie ihn anstarrte.
„Das ist zu Ihrem Besten,“ sagte er nur. Dr. Salzberger konnte nicht riskieren, dass die an sich körperlich kräftige Frau durch eine Unachtsamkeit von der Trage fiel. Die Folgen wären für ihn katastrophal. Er hatte versprochen, sich um die Patientin zu kümmern, wofür er fürstlich belohnt wurde. Zur Sicherheit gab Dr. Salzberger der Patientin, die er bis dato persönlich nicht kannte, eine Beruhigungsspritze. Sie wirkte schnell und er konnte sie endlich abtransportieren lassen.
Sandro Ettl sah dem Krankenwagen hinterher. Er fragte nicht, wohin seine Frau gebracht wurde, es war ihm im Moment auch egal. Geschockt von dem Zustand seiner Frau und dem, was er die letzten Tage beobachten musste, stand er einfach nur da und beantwortete die Fragen Dr. Salzbergers.
„Wer hat den Notarzt alarmiert?“
„Unser Kindermädchen Elena fand meine Frau in diesem Zustand. Sie bekam es mit der Angst zu tun und hat mich im Büro angerufen. Meine Mutter hat alles weitere in die Wege geleitet.“
Dr. Salzberger machte eifrig Notizen.
„Was ist mit meiner Frau?“
„Das finden wir heraus, machen Sie sich keine Sorgen. Nimmt Ihre Frau Medikamente?“
„Keine Ahnung. Müsste ich nachsehen,“ murmelte Sandro Ettl, ohne Anstalten zu machen, sich zu bewegen.
„Wenn Sie das bitte tun würden?“ Als sich Sandro Ettl immer noch nicht rührte, fügte er hinzu: „Es ist sehr wichtig.“
Wie ferngesteuert setzte er sich in Bewegung und ging ins Bad. Die Hausapotheke war übersichtlich und bestand aus den üblichen Medikamenten eines Durchschnittsbürgers. Und aus einigen Naturheilmitteln, die keine Gefahr darstellten.
„Vielleicht im Schlafzimmer?“, bohrte Dr. Salzberger nach. Er hatte kein Mitleid mit Herrn Ettl, dafür hatte er schon viel zu viel Elend gesehen.
Sandro ging ins Schlafzimmer und öffnete die Schublade des Nachttisches seiner Frau. Erschrocken starrte er auf den Inhalt. Das alles soll seine Frau eingenommen haben?
„Was ist das für Zeugs?“
„Schlafmittel, Psychopharmaka, Schmerzmittel,“ sagte Dr. Salzberger und machte sich eifrig Notizen. „Leidet Ihre Frau an Angstzuständen? War sie in Behandlung?“
„Nein!“, rief Sandro viel zu laut. „Meine Frau war bis vor zwei Wochen kerngesund. Das hier passt nicht zu ihr. Maja hasste Medikamente und würde dieses Teufelszeugs niemals anrühren. Woher hat sie das?“
„Beruhigen Sie sich,“ sagte Dr. Salzberger. „Nur noch eine Frage, dann bin ich weg. Wer ist der Hausarzt Ihrer Frau?“
„Sie vertraut Ärzten nicht. Sie gibt ihnen die Schuld am Tod ihrer Eltern. Ihrer Meinung nach wurden sie falsch behandelt und sind deshalb gestorben. Seit ich Maja kenne, geht sie zu einem Heilpraktiker. Auch unsere Kinder vertraut sie keinem Arzt an, weshalb es immer wieder Streit in der Familie gab.“
„Welcher Heilpraktiker?“
„Sein Name ist Philipp Zach. Er hat seine Praxis in Ampfing in der Bahnhofstraße. Was ist los mit Maja?“ Sandro sah Dr. Salzberger flehend an. Wartete er wirklich auf eine Antwort? Sollte er eine Diagnose aus dem Handgelenk schütteln? Er hatte keine Antwort für den Mann seiner Patientin. Stattdessen hielt er ihm das Klemmbrett vor.
„Unterschreiben Sie bitte hier und hier. Machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Frau ist bei mir in den besten Händen. Ich werde mich persönlich um sie kümmern. Sobald ich eine Diagnose habe, melde ich mich bei Ihnen. Bis dahin bitte ich Sie, Geduld zu haben.“
Sandro nahm seine Jacke und machte Anstalten, den Arzt zu begleiten.
„Sie bleiben hier. Kümmern Sie sich um die Kinder. Soll ich Ihnen etwas zur Beruhigung hierlassen?“
Sandro schüttelte den Kopf und Dr. Salzberger verabschiedete sich und verschwand, so schnell er konnte.
Dr. Salzberger wählte die eingespeicherte Nummer, die ganz oben auf seiner Liste stand.
„Die Patientin ist auf dem Weg in meine Klinik.“
„Sehr gut. Wie ist ihr Zustand?“
„Augenscheinlich schlecht, sie stand unter starken Beruhigungsmitteln. Physisch ist sie in sehr gutem Zustand, sie wird sich schnell erholen.“
„Dann sehen Sie zu, dass das nicht geschieht. Ich brauche ein Gutachten, das jeder Prüfung standhält.“
„Ich kümmere mich darum.“
„Gut. Die vereinbarte Zahlung habe ich angewiesen.“
4.
Maja Ettl verstand kein Wort von dem, was die Menschen an ihrem Bett miteinander sprachen. Wo war sie? Und was war hier los? Sie versuchte, sich zu bewegen, aber das gelang ihr nicht. Reiß dich zusammen! Sie konzentrierte sich nur auf ein Gesicht, das sich dicht über sie beugte. Wer war das? Ein Mann. War er es? Panik stieg in ihr auf. Dann spürte sie einen Schmerz an ihrem Arm. Sie kämpfte gegen den Schlaf an und musste sich ihm geschlagen gegeben.
Sie kam wieder zu sich und sah sich um. Die Sonne schien und wenn sie sich konzentrierte, konnte sie die Vögel singen hören. Wo war sie?
Reiß dich zusammen!
Sie saß in einem Rollstuhl in einem Garten, den sie nicht kannte. Neben ihr saß eine Frau und las in einem Buch. War das ein Buch? Nein, sie tippte in ein Handy! Maja bemühte sich zu sprechen, was ihr nicht gelang. Ihre Kieferknochen gehorchten ihr nicht und ihre Zunge war so dick angeschwollen, dass sie den ganzen Mundraum ausfüllte. Sie versuchte, ihre Hände zu bewegen, die reglos in ihrem Schoß lagen. Nur der Zeigefinger der rechten Hand gehorchte ihr, alle anderen Glieder waren bleischwer und sie war nicht in der Lage, sie zu bewegen. Die Frau blickte von ihrem Handy auf und lächelte sie an. Maja bemühte sich, mit ihren Augen zu sprechen. Ob die Frau sie verstand? Offensichtlich nicht, denn sie widmete sich wieder ihrem Handy. Unter größter Anstrengung versuchte Maja, ihre Glieder zu bewegen, bis sie schließlich erschöpft aufgab.
„Gehen wir rein, Sie sehen müde aus,“ sagte die Frau, stand auf und schob sie in ein ihr unbekanntes, großes Haus. Wo war sie hier? War das die Realität oder träumte sie nur? Maja versuchte, die Umgebung wahrzunehmen. Je länger sie durch die Gänge geschoben wurde, desto mehr war sie davon überzeugt: Das war ein Krankenhaus! Was zum Teufel machte sie in einem Krankenhaus? Sie war noch nie in ihrem Leben krank gewesen und hatte es sogar bei den Entbindungen ihrer Kinder strikt abgelehnt, in ein Krankenhaus zu gehen. Ihre Kinder! Wo waren sie? Ging es ihnen gut? Sie wurde unruhig, was die Frau, die sie nun in ein Bett legte, zu bemerken schien.
„Bleiben Sie ruhig, Frau Ettl. Alles ist in Ordnung. Ich gebe Ihnen eine Spritze und dann können Sie sich ausruhen.“
Hilflos musste Maja mit ansehen, wie die Frau eine Injektion in die Kanüle in ihrem Handrücken spritzte. Sie wollte sich wehren, hatte aber keine Kraft. Sie spürte, dass sie langsam müde wurde. Nein, sie durfte nicht schlafen! Sie wollte wach bleiben und versuchen, hier irgendwie wegzukommen.
„Sehen Sie Frau Ettl, alles wird gut. Schlafen Sie! Ich sehe ab und zu nach Ihnen. Hier bei uns sind Sie in besten Händen. Dr. Salzberger kommt morgen und kümmert sich um Sie. Nicht mehr lange, und es wird Ihnen bessergehen.“
Maja hörte die letzten Worte der Fremden nicht mehr und fiel in einen traumlosen Schlaf.
5.
„Wo ist meine Frau?“, rief Sandro Ettl ins Telefon. „Ich möchte sie sehen!“
„Das kann ich leider nicht erlauben. Besuche sind in dem momentanen Zustand Ihrer Frau nicht angeraten.“
„Ich bin der Ehemann und ich bestehe darauf, meine Frau besuchen zu dürfen.“ Sandro war außer sich. Maja war seit drei Tagen weg und er vermisste sie. Die Kinder fragten ständig nach ihr und er wusste nicht mehr, was er ihnen sagen sollte. Gestern früh erfuhr er von seiner Mutter, wo Maja hingebracht wurde. Er war überrascht, dass sie in einer Privatklinik am Chiemsee war. Eine vernünftige Erklärung bekam er von seiner Mutter nicht. Sie betonte immer nur, dass Maja dort in besten Händen sei. Seine Mutter gab sich fürsorglich und das machte ihn misstrauisch. Vor allem, weil sie und Maja sich noch nie verstanden haben. Hatte er seine Mutter falsch eingeschätzt? Sorgte sie sich mehr um Maja, als er es erwartet hatte? Nachdem Sandro mehrmals vergeblich versucht hatte, Dr. Salzberger telefonisch zu erreichen, war er heute früh zum Chiemsee gefahren, der nur knapp eine Stunde entfernt war. Man hatte ihn nicht zu seiner Frau gelassen. Ging es ihr so schlecht? Was zum Teufel war mit ihr los? Wütend und voller Sorge fuhr er unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Dabei nahm er sich fest vor, sich nicht mehr abwimmeln zu lassen. Er bestand darauf, mit Dr. Salzberger zu sprechen, was ihm nach mehreren Anläufen endlich gelang.
„Ich verstehe Ihre Sorgen, Herr Ettl. Aber in erster Linie muss ich an Ihre Frau denken. Sie braucht absolute Ruhe, die wir ihr zugestehen sollten. Besuche kann ich noch nicht erlauben. Ich melde mich bei Ihnen.“
„Wenn ich bis morgen früh keine Informationen von Ihnen bekomme, hetze ich die Polizei und die Presse auf Sie.“ Noch während Sandro sprach, wusste er bereits, dass er das niemals tun würde. Am Telefon war er stark, aber der Mut verließ ihn schnell wieder.
Dr. Salzberger legte auf und atmete tief durch. Wie lange würde sich Sandro Ettl noch hinhalten lassen? Er konnte den Aufenthalt der Patientin in seiner Klinik ohne schlechtes Gewissen verantworten, obwohl die Medikation an der Grenze war. Was sollte er tun? Ihm waren die Hände gebunden.
„Der Ehemann macht Schwierigkeiten,“ sagte Dr. Salzberger, nachdem er die vertraute Nummer gewählt hatte. „Er drängt auf einen Besuch und droht mit Polizei und Presse.“
„Sandro? Nie im Leben! Der spielt sich nur auf. Machen Sie Ihre Arbeit und belästigen Sie mich nicht mit Kleinigkeiten.“
„Polizei und Presse sind für mich keine Kleinigkeiten. Mein guter Ruf und der meiner Klinik steht auf dem Spiel.“
„Wenn Sandro zur Polizei gehen will, was ich bezweifle, dann soll er das tun. Was kann er schon ausrichten? Sie sind der Arzt und entscheiden, ob die Patientin Besuch empfangen kann, oder nicht. Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Und die Presse hat ganz sicher kein Interesse an einem Krankheitsfall. Was macht das Gutachten?“
„Der Termin ist am 10. August. Ich habe einen der renommiertesten Fachärzte gewinnen können: Dr. Aicher. Seine Gutachten wurden vor Gericht noch nie angezweifelt.“
„DER Dr. Aicher aus Trier?“
„Genau der,“ sagte Dr. Salzberger nicht ohne Stolz. „Jetzt gilt es, die Patientin darauf vorzubereiten, dass Dr. Aicher das attestiert, was wir uns wünschen.“
„Das ist Ihre Aufgabe und dafür werden Sie fürstlich belohnt. Der Termin am 10. August ist perfekt.“
„Sie können sich nicht vorstellen, was ich unternommen habe, um Dr. Aicher für unsere Sache zu gewinnen.“
„Auch dafür werden Sie bezahlt.“
„Ihnen ist klar, dass die Patientin nach dem Gutachten und dem zu erwartenden Gerichtsentscheid die nächsten Jahre ihres Lebens in geschlossenen Anstalten verbringen wird?“
„Ja, das wird wohl so sein. Armes Ding! Aber das ist nicht mein Problem. Ich brauche dieses Gutachten und dafür müssen Opfer gebracht werden.“
Dr. Salzberger hatte einen Anflug von Skrupel. Seit Dr. Aicher zugesagt hatte, bekam er nach anfänglicher Euphorie Bauchschmerzen. Was, wenn der Spezialist den Schwindel durchschaute? Dann wäre er ruiniert und würde nie wieder seinen Beruf ausüben können. Welche andere Wahl hätte er denn?
Die Schadensersatzansprüche aus einem Behandlungsfehler, den er aus seiner Sicht nicht zu verantworten hatte, brachen ihm das Genick. Er hatte alles beleihen müssen, was in seinem Besitz war, um die horrende Summe begleichen zu können. Und dann war die Heizung seiner kleinen Privatklinik kaputtgegangen. Wie hätte er die Reparatur, geschweige denn eine neue Heizung bezahlen sollen? Die Bank gab ihm keinen Cent mehr und Freunde hatte er keine, die er um Geld bitten konnte. Das würde er auch nie wagen, dafür schämte er sich zu sehr. Er hatte sich in den Jahren einen sehr guten Ruf erarbeitet, den er durch einen finanziellen Engpass nicht aufs Spiel setzen wollte. Aber die Geldsorgen lasteten schwer auf ihm und er würde nicht mehr lange durchhalten können. Als er schon aufgeben wollte, bekam er dieses verlockende Angebot, dem er nicht widerstehen konnte. Mit der Summe könnte er eine Heizung und sogar einen kleinen Urlaub finanzieren, den er sich redlich verdient hatte. Hoffentlich lief alles so, wie er es sich vorstellte. Er nahm die Akte Maja Ettl und besah sich die Medikamentenliste, die Dr. Aicher natürlich niemals zu Gesicht bekam. Für ihn lag bereits eine Akte für die Patientin bereit, an der er lange gearbeitet hatte. Dr. Salzberger schüttelte langsam den Kopf. Die Medikation musste bis zum Eintreffen Dr. Aichers zurückgeschraubt werden, um sie dann kurzfristig wieder zu erhöhen. Nur so konnte gewährleistet werden, dass die Patientin so reagierte, wie sie sollte. Er gab sofort eine entsprechende Anweisung an die Pflegekraft Silke.
6.
Wie viel Zeit war vergangen? Maja war erstaunt, dass ihre Gedanken immer klarer wurden, und dass sie ihren Körper mehr und mehr unter Kontrolle bekam. Sie achtete darauf, dass die Frau, die sich um sie kümmerte, ihre Veränderung nicht bemerkte. Sie hatte aus dem letzten Vorfall gelernt und musste sich davor hüten, sich irgendwie auffällig zu benehmen. Sie wusste, dass sie dann wieder ruhiggestellt wurde, und das durfte sie nicht riskieren. Sie musste jetzt taktisch klug vorgehen und durfte nicht unüberlegt handeln. Die Pflege ließ sie über sich ergehen. Auch, dass sie gefüttert wurde, nahm sie hin. Sie achtete darauf, sich so zu benehmen, als sei sie nicht ganz bei sich, obwohl sie klarer und klarer wurde. Sie benahm sich wie eine hilflose Patientin, und diese Schwester nahm ihr das ab. Die Stunden vergingen und ihr ging es langsam immer besser.
Schwester Silke wunderte sich zwar darüber, dass sich die Patientin trotz der Herabsetzung der Medikamente sehr ruhig verhielt, schob das dann aber auf ihre Erkrankung. Frau Ettl war nach den wenigen Tagen ihres Aufenthalts zu einer ihrer Lieblingspatienten geworden. Schwester Silke hatte mitbekommen, dass morgen Dr. Aicher erwartet wurde, der ein Gutachten über die Patientin Ettl erstellen wollte. Warum diese Eile? Normalerweise würde die Patientin lange behandelt, bevor ein Gutachten erstellt wurde. Sie besah sich die Akte genauer. Bis jetzt wurden bei der Patientin nur wenige Untersuchungen vorgenommen, wobei nichts herauskam. Das war ungewöhnlich. Bis Samstag wurden zu den Medikamenten, die sie der Patientin gab, von Dr. Salzberger persönlich weitere Medikamente verabreicht. Was war nur mit der Frau? Warum wurde sie mit so vielen, starken Medikamenten ruhiggestellt? Bisher hatte sie nicht den Eindruck, dass das nötig war. Aber sie war nur Krankenschwester und keine Ärztin. Seit Sonntag wurden die Medikamente auf ein Minimum reduziert, aber trotzdem änderte sich der Zustand der Patientin nicht. Sie schlief und war apathisch wie die Tage zuvor. Schwester Silke hoffte auf das Gutachten von Dr. Aicher. Sobald er die Patientin untersucht hatte, ging es mit ihr sicher schnell wieder bergauf. Sie sah sich die schlafende Patientin lange an. Dann wurde sie zu einem Notfall gerufen.
Maja war wach und tat nur so, als würde sie schlafen. Wann ging die Frau endlich? Nicht mehr lange, und sie würde sich verraten. Sie fühlte sich immer besser. Letzte Nacht ging sie einige Schritte im Zimmer auf und ab, was sehr anstrengend war. Aber sie biss die Zähne zusammen und zwang sich dazu, denn der Kreislauf hatte durch das ständige Liegen sehr gelitten. Sie musste wieder zu Kräften kommen, bevor sie an eine Flucht denken konnte. Sie wollte nach Hause zu ihren Kindern.
Schwester Silke war weg. Endlich! Maja setzte sich auf und streckte ihre Glieder. War das ihre Akte, die auf ihrem Nachttisch lag? Mit zitternden Händen nahm sie die Mappe an sich. Ja, das war ihre Akte, in der sie nur als Patientin bezeichnet wurde. Sie hatte keine medizinischen Vorkenntnisse und verstand nicht viel von dem, was drinstand. Die Medikamentenliste erschreckte sie. Sie zählte die vielen Positionen und hörte bei der Hälfe auf. Das brachte nichts, das kostete nur unnötig viel Zeit. Sie nahm das Blatt aus den Unterlagen und steckte es in ihre Socke. Hektisch blätterte sie in den Unterlagen und suchte nach dem Namen ihres Mannes, der aber nirgends auftauchte. Hatte sie von ihm keinen Besuch bekommen? Wusste er, wo sie war? War er für ihre Einweisung verantwortlich? Endlich fand sie eine Seite, mit der sie etwas anfangen konnte: Sie wurde am 3. August hier eingeliefert. Welcher Tag war heute? Sie hatte das Gefühl, schon eine Ewigkeit hier zu sein. Wie viele Tage, Wochen oder gar Monate war sie bereits hier? Sie blätterte bis zum letzten Eintrag, den Schwester Silke offensichtlich heute vorgenommen hatte: Heute war der 9. August!
Schwester Silke bemerkte nach dem Notfall sehr schnell, dass sie die Patientenakte Ettl in deren Zimmer vergessen hatte. Das war strengstens verboten und der Chef konnte sehr ungehalten sein, wenn er davon erfuhr. Rasch ging sie zu Frau Ettl, die ruhig in ihrem Bett lag. Gott sei Dank! Die Akte lag genau dort, wo sie sie liegengelassen hatte. Instinktiv fasste Schwester Silke an die Stirn der Patientin und wunderte sich. Sie war viel zu warm. Dann maß sie ihren Blutdruck. Der war viel zu hoch.
Maja wurde nervös. Was, wenn Schwester Silke wieder mit Medikamenten reagierte, wenn ihr ihr Zustand nicht gefiel? Sie musste umgehend reagieren und öffnete die Augen.
„Besuch…? Mein Mann…? Kinder…?“, stammelte Maja und sah Schwester Silke dabei flehend an.
„Sie dürfen noch keinen Besuch empfangen,“ sagte Schwester Silke und nahm ihr Handy. „Dr. Salzberger? Die Patientin Ettl ist aufgewacht und verlangt nach Besuch. Ihre Stirn ist heiß, der Blutdruck ist bei 150:100. Soll ich ihr etwas zur Beruhigung geben?“
Bitte nicht! Maja schloss die Augen und zwang sich, ganz ruhig zu bleiben, vielleicht gab sich die Frau damit zufrieden.
Dr. Salzberger saß im Restaurant des Golfclubs. Hier, zwischen all den Bekannten konnte er nicht frei sprechen. Er musste jedes einzelne gesprochene Wort sorgsam auswählen.
„Wie ist ihr Allgemeinzustand?“
„Sie ist ruhig. Es sieht so aus, als wäre sie wieder eingeschlafen.“
„Dann brauchen Sie ihr nichts geben,“ sagte Dr. Salzberger und war beruhigt. Scheinbar wirkten die bisherigen Medikamente noch nach. Zwar hatte er so eine Reaktion bisher noch nie erlebt, schob das aber auf die Tatsache, dass die Patientin keine Medikamente gewohnt war.
Dr. Salzberger nahm das Gespräch mit seinem Gegenüber wieder auf. Diese Schwester Silke war zwar fleißig und zuverlässig, nahm ihren Job aber manchmal viel zu genau. Er konnte es nicht riskieren, der Patientin am Tag vor dem Gutachten nochmals Medikamente zu geben. Die Dosen der ersten Tage waren schon viel zu hoch gewesen und er konnte keinen Kreislaufzusammenbruch riskieren. Er musste auch damit rechnen, dass Dr. Aicher eine Blutprobe von der Patientin verlangte, was ihm Kopfschmerzen bereitete. Das musste er unbedingt verhindern. Den Medikamenten-Cocktail, den er bei besonders schwierigen Patienten gerne einsetzte, hatte er selbst kreiert. Er hatte bisher sehr gute Erfolge damit erzielt. Niemand hatte ihn bislang dahingehend kontrolliert, was ein großes Glück war, denn die Zusammenstellung war grenzwertig. Warum wohl saß er immer wieder mit Leuten zusammen, die für solche Überwachungen zuständig waren? Entsprechende Medikamentenrechnungen ließ er verschwinden, einige Präparate wurden ihm von den Pharmareferenten kostenlos überlassen. Seine Unterlagen waren sauber. Niemand käme auf die Idee, ihn kontrollieren zu wollen oder ihm zu misstrauen. Und wenn, dann konnte man ihm nichts nachweisen.
Bis morgen früh durften der Patientin keine Medikamente verabreicht werden. Erst dann bekam Frau Ettl kurz vor Dr. Aichers Eintreffen ein starkes Beruhigungsmittel. Er brauchte ihm die hohe Dosierung ja nicht auf die Nase binden. Dr. Salzberger war sich sicher, dass die Patientin genauso reagieren würde, wie er sich das wünschte. Er war schon immer ein glühender Fan der Pharmaindustrie gewesen und nutzte jedes Präparat, das neu entwickelt wurde. Für ihn war es erstaunlich, welche Neuerungen immer wieder für den Markt entwickelt wurden.
Er war euphorisch und bestellte sich ein weiteres Glas Champagner, das er sich eigentlich nicht leisten konnte.
Schwester Silke ging. Sie ging tatsächlich! Maja konnte ihr Glück kaum fassen. Sie musste hier weg, und zwar so schnell wie möglich. Länger wollte und konnte sie nicht mehr warten. War sie für eine Flucht fit genug? Das musste sie riskieren.
Sie wartete bis nach der Essensausgabe. Dann machten die Pflegekräfte ganz sicher auch eine Mittagspause. Schwester Elke fütterte ihr geduldig die gewürzarme Kost, die optisch nicht zu identifizieren war. Geduldig ließ sie die Prozedur über sich ergehen. Dann ging Schwester Elke und Maja tat so, als würde sie schlafen.
Als die Tür geschlossen wurde, stand sie auf und öffnete den Schrank, in dem aber leider keine Kleidungsstücke verstaut waren. Was hatte sie angehabt, als sie eingeliefert wurde? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Es blieb ihr keine andere Wahl, sie musste mit dem Nachthemd und auf Socken flüchten.
Maja war sehr wacklig auf den Beinen, als sie vorsichtig und umsichtig durch die sterilen, fast leeren Gänge des Krankenhauses schlich. Nur ab und zu begegnete sie Patienten, die aber keine Notiz von ihr nahmen. Zielgerichtet ging sie weiter, wobei sie sich an den Hinweisschildern orientierte. Der Ausgang war nicht mehr weit, sie konnte ihn bereits sehen. Am liebsten wäre sie sofort losgelaufen, aber das wäre viel zu auffällig gewesen. Am Empfang neben der Eingangstür saß eine ältere Frau. Mist! Maja musste warten und einen günstigen Moment abwarten. Dann klingelte das Telefon am Empfang. Die Frau stand auf und verschwand im angrenzenden Zimmer. Das war die Gelegenheit! Maja lief los so schnell sie konnte. Dass sie gerade noch einer Pflegerin entkam, wusste sie nicht. Unerkannt lief sie über den Parkplatz, wobei sie mehrmals stolperte und drohte, hinzufallen. Ihre Beine wurden schwerer und schwerer, ihre Schritte wurden kleiner. Aber sie riss sich zusammen, sie dachte nur an ihre Kinder. Mehrmals musste sie stehenbleiben und durchatmen. Am liebsten hätte sie sich hingelegt und würde sich ausruhen, aber das durfte sie nicht. Sie musste weg hier, und zwar so schnell und so weit wie möglich.
Maja hatte großes Glück und wurde mitgenommen. Natürlich wunderte man sich über ihr Aussehen. Maja erfand eine Geschichte, dass sie vor einem gewalttätigen Mann davongelaufen wäre, was ihr alle abnahmen und wofür sie sich schämte. Sandro war ihr gegenüber niemals grob geworden. In der Hinsicht war er harmlos. Aber wie sonst hätte sie ihr Aussehen erklären sollen? Sie wollte nur nach Hause und ihre Kinder in die Arme schließen. Und dafür war ihr jede Ausrede recht.
Schwester Silke starrte fassungslos auf das leere Bett. Frau Ettl war weg! Hektisch suchte sie im Bad und krempelte dann das ganze Haus um. Von der Patientin war nicht die geringste Spur zu finden. Es war nach 16.00 Uhr. Wie lange war sie weg? Egal. Sie musste das dem Chef beichten und fürchtete seine Reaktion.
Als Dr. Salzberger hörte, dass Frau Ettl verschwunden war, war er außer sich. Er schimpfte und fluchte, dazu schrie er Schwester Silke fortwährend an und machte ihr Vorwürfe. Er gab Schwester Silke nicht den Hauch einer Chance, sich zu rechtfertigen. Schon vor Monaten wurde dringend benötigtes Personal aus Kostengründen entlassen. Sie und ihre Kolleginnen mussten sehr viele Überstunden machen, wofür alle aufgrund der drohenden Arbeitslosigkeit gerne bereit waren. Aber sie konnten nicht rund um die Uhr überall sein.
Dr. Salzberger wusste um die Situation, aber er war trotzdem wütend. Das hätte nicht passieren dürfen. Die Patientin hätte nicht einfach verschwinden dürfen.
„Die Patientin Ettl ist abgehauen,“ musste Dr. Salzberger am Telefon zugeben.
„Sie ist weg? Wie konnte das geschehen?“
„Wir sind personell unterbesetzt…“ versuchte sich Dr. Salzberger zu rechtfertigen.
„Das ist mir doch völlig egal! Ich habe mich auf Sie verlassen.“
„Ich kann mich nur dafür entschuldigen. Frau Ettl hat kein Geld und keine Papiere bei sich. Außerdem ist sie im Nachthemd ohne Schuhe unterwegs. Ich gehe davon aus, dass sie nicht weit kommt. Die Polizei ist bereits informiert.“
„Unterschätzen Sie die Frau nicht. Ich bin mir sicher, dass sie es schafft, nach Hause zu kommen. Ich kümmere mich darum. Wenn ich sie finde, melde ich mich bei Ihnen. Halten Sie sich bereit. Sollte sie tatsächlich nach Hause gelangen, müssen wir schnell handeln.“
Maja musste warten, bis es dunkel wurde. In Mühldorf kannte sie jeder und sie zog es vor, in diesem Aufzug nicht durch ihre Heimatstadt zu spazieren. Nach 22.00 Uhr konnte sie nicht mehr warten, die Sehnsucht nach ihren Kindern wurde übermächtig. Sie ging los und gelangte endlich auf das Grundstück ihres Hauses. Sie ging durch den Garten, den sie liebevoll angelegt hatte und stets selbst pflegte. Alles hier war ihr vertraut. Obwohl ihre Glieder schmerzten und sie großen Hunger und vor allem Durst hatte, war ihre Euphorie groß. Die Nacht war warm. Wie lange war es schon warm? Die Tage gingen an ihr vorbei, ohne dass sie Notiz davon genommen hatte.
Das Fenster des Esszimmers stand offen und sie erkannte ihren Mann. Er war hier! Gleich konnte er ihr erklären, was passiert war und warum sie in dieser schrecklichen Klinik war. Nur noch wenige Augenblicke und sie konnte endlich ihre Kinder in die Arme nehmen.
Sie trat näher ans offene Fenster. Mit wem sprach ihr Mann? Telefonierte er? Nein, er hatte Besuch. Sie vernahm eine Stimme, die ihr sehr vertraut war: Ihre Schwiegermutter war hier! Elfriede kam nie zu Besuch. Was wollte sie von ihrem Sohn? Die beiden sahen sich jeden Tag im Büro. Was gab es so Wichtiges zu besprechen, was nicht im Büro geklärt werden könnte? Hier stimmte etwas nicht. Maja bekam Angst und trat näher ans Fenster.
„Maja ist verrückt geworden, sieh das endlich ein!“, sagte Elfriede Ettl viel zu laut.
„Sie ist nicht verrückt. Vielleicht ist sie überarbeitet oder gestresst. Morgen werde ich sie besuchen. Wenn es nötig ist, nehme ich die Polizei mit.“
„Sei doch vernünftig Sandro. Maja ist krank und braucht Hilfe, das hat Dr. Salzberger bestätigt. Gib ihr noch ein paar Tage. Gib ihr die Chance, in Ruhe gesund zu werden.“
„Trotzdem möchte ich meine Frau sehen.“
„Das wirst du, sobald sie sich erholt hat,“ sprach Elfriede Ettl jetzt sanfter und strich ihrem Sohn dabei über den Kopf. Seit wann war ihre Schwiegermutter so fürsorglich? Maja hatte bei der herzlosen, kalten Frau nie punkten können. In ihren Augen war Maja die falsche Partie, sie hatte sich für ihren Sohn eine bessere gewünscht. Von Anfang an waren die beiden aneinandergeraten. Immer mischte sie sich in Dinge ein, die sie nichts angingen. Dann hatte sie ihr nach einem heftigen Streit die Wahrheit gesagt. Für einen Moment hatte Elfriede die Fassung verloren und hatte geweint. Nur ganz kurz. Und dann war sie gegangen. Sie und ihre Schwiegermutter gingen sich seitdem aus dem Weg. Wenn sie ihre Enkel sehen wollte, was nicht sehr oft vorkam, fuhr Sandro mit den beiden allein zu ihr. Zu Familienfesten wurde Elfriede zwar eingeladen, hatte aber immer eine passende Ausrede parat. Und jetzt war sie hier. In ihrem Haus. Was wollte sie hier?
„Wer ist dieser Dr. Salzberger? Woher kennst du ihn?“
„Dein Vater nahm vor seinem Tod dessen Hilfe in Anspruch. Du wirst dich daran erinnern, dass es deinem Vater psychisch nicht gutging und er in eine Klinik musste?“
„Ja, ich erinnere mich.“
„Dr. Salzberger hat deinem Vater helfen können. Obwohl ich den Mann nicht mag, scheint er sehr gut zu sein. Bei Majas Zustand war ein Facharzt die bessere Wahl als ein normaler Arzt, deshalb rief ich Dr. Salzberger an. Außerdem ist es auch für die Firma besser, wenn Maja nicht in Mühldorf oder in unmittelbarer Nähe behandelt wird. Einen Skandal oder Gerede können wir uns nicht leisten. Die Wogen nach dem Tod deines Vaters haben sich geglättet. Der Unfall hat der Firma nicht so sehr geschadet, wie wir befürchtet haben. Die Firma hat sich gerade erst erholt. Weiteres Gerede wäre Gift für uns.“ Elfriede Ettl sprach mit Engelszungen auf ihren Sohn ein. Sie musste ihn davon abhalten, eine Dummheit zu begehen. Maja war am Chiemsee sehr gut aufgehoben. Elfriede hatte die Kinder zu sich genommen und sorgte dafür, dass es ihnen gut ging, Sandro war dazu nicht in der Lage. Es machten bereits Gerüchte die Runde, die aber nicht so schlimm waren. Sollte Sandro jetzt überreagieren, goss er damit Öl ins Feuer. Und wenn Maja hier auftauchte, war die Katastrophe komplett. Sie musste ihren Sohn beruhigen. Es war jetzt wichtig, dass er sich zurückhielt. Sandro war schon immer ein Sorgenkind gewesen. Seine labile, unterwürfige Art war nicht gut fürs Geschäft. Ja, sie hatte sich für ihn eine passendere Partie gewünscht. Aber Maja hatte ganz im Gegensatz zu ihrem Sohn eine starke Persönlichkeit. Sie wusste genau, was sie wollte und widersetzte sich ihr, wo sie nur konnte. So wie sie war ihre Schwiegertochter ein Alpha-Tier, das konnte auf Dauer nicht gutgehen. Sie stritten über jede Kleinigkeit, was ihr sogar Vergnügen bereitete. Es gab nicht viele Menschen in ihrem Umfeld, die ihr die Stirn boten. Vor drei Jahren hatte sie dann die schreckliche Wahrheit erfahren und Maja tat ihr unendlich leid. Schockiert hatte sie sich zurückgezogen. Hätte sie sich anders verhalten sollen? Hätte sie auf Maja zugehen und mit ihr sprechen sollen? Das schaffte sie nicht. Sie war ja selbst völlig am Ende und musste sich darum kümmern, das Problem aus der Welt zu schaffen, und das hatte sie getan. In den letzten drei Jahren war alles gut. Die Firma lief hervorragend und man sprach nicht mehr über den Unfall. Warum gab es jetzt schon wieder Schwierigkeiten? Es war ihre Pflicht, alles dafür zu tun, um Sandro zurückzuhalten.
„Maja ist krank und braucht professionelle Hilfe,“ sprach Elfriede Ettl weiter auf ihren Sohn ein. „Ich flehe dich an meine Junge: Lass sie in Ruhe gesund werden.“
„Gut, ich gebe ihr noch ein paar Tage,“ sagte Sandro schließlich und schenkte sich ein Glas Wein ein.
„Es gibt ein Problem,“ sagte Elfriede. Jetzt musste sie ihm die Wahrheit sagen. Wie wird ihr Sohn reagieren? Am liebsten wäre sie davongelaufen, aber sie musste stark bleiben. Irgendjemand musste stark bleiben, ihr Sohn war dazu nicht in der Lage. Sie holte tief Luft und stützte sich an der Tischplatte ab. „Ich bekam einen Anruf aus der Klinik. Maja ist verschwunden. Die Polizei ist bereits informiert und sucht nach ihr. Es könnte sein, dass sie hierherkommt. Sollte sie hier auftauchen, müssen wir sofort Dr. Salzberger anrufen. Er kümmert sich darum, dass sie wieder in die Klinik gebracht wird.“
„Maja ist abgehauen?“
„Ja, bitte beruhige dich. Niemand kann sich erklären, wie sie das geschafft hat. Zuhause ist sie nicht gut aufgehoben. Hier bekommt sie nicht die Pflege, die sie braucht. Dr. Salzberger befürchtet sogar, dass sie eine Gefahr für die Kinder darstellt. Es war richtig gewesen, dass ich die Kinder zu mir genommen habe. Bei mir kommen sie zur Ruhe und sind sicher.“
Sandro Ettl schloss plötzlich das Fenster und Maja erschrak. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre erwischt worden. Ihre Kinder waren nicht hier! Warum? Warum kümmerte sich Sandro nicht um sie? Ihre Schwiegermutter war für die Einweisung in die Klinik verantwortlich, das hätte sie sich denken können. Diese Schlange! Sandro hatte nichts damit zu tun. Gott sei Dank! Sie musste jetzt dringend mit ihm sprechen und mit ihm gemeinsam die Kinder zurückholen. Mit Sandro an ihrer Seite konnte sie rasch aufklären, dass sie nicht krank war und dass ein Klinikaufenthalt nicht nötig war. Wann verschwand Elfriede endlich? Sie musste endlich gehen, damit sie mit Sandro sprechen konnte. Sie musste ihm begreiflich machen, dass sie nicht krank war. Auch ihre Kinder gehörten nicht zur Schwiegermutter, sondern hierher. Sandro würde ihr glauben und sie nicht wieder wegschicken.
Endlich ging ihre Schwiegermutter und fuhr mit ihrem dicken Wagen davon. Jetzt war die Luft rein und sie konnte sich endlich zeigen.
Doch dann geschah etwas, was sie nicht erwartet hatte. Das Kindermädchen Elena tauchte nur mit einem T-Shirt bekleidet auf. Sie umarmte Sandro und küsste ihn. Wehr dich! Lass das nicht zu! Noch hoffte Maja, dass Sandro das nicht wollte und sie von sich stieß. Aber das Gegenteil geschah: Sandro war zugänglich für die Zärtlichkeiten Elenas und küsste sie immer leidenschaftlicher. Das war zu viel für Maja. Ihre Ehe war schon lange nicht mehr glücklich. Aber sie hatten ihre Kinder, die sie für immer verband. Warum gerade Elena? Maja war völlig durcheinander. Diesen Verrat hätte sie Sandro nicht zugetraut. Würde er ihr überhaupt beistehen? Wollte er nicht sogar, dass sie von der Bildfläche verschwand? Die Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, bis sie sicher war, dass sie Sandro nicht trauen konnte. Sie war auf sich allein gestellt und musste irgendwie versuchen, ihr Leben ohne seine Hilfe wiederzubekommen. Sie irrte durch den Garten. Sie lief ohne Ziel, wobei sie nur das Bild ihres Mannes und Elena vor sich hatte. Irgendwann brach sie zusammen.
Mitten in der Nacht wachte sie auf. Wo war sie? Was war geschehen? Sandro und Elena! Das Bild war wieder präsent und sie musste sich übergeben. Sie lief los und irgendwann registrierte sie, dass sie außerhalb Mühldorfs war. Sollte sie aufgeben und wieder zurück in die Klinik, wo sie vermutlich hingehörte? War sie wirklich krank? Nein, sie war kerngesund! Man wollte ihr schaden, sie aus dem Weg räumen und ihr die Kinder wegnehmen. Das durfte sie nicht zulassen, sie musste um ihre Kinder kämpfen. Allein war sie dazu nicht in der Lage, sie brauchte Hilfe.
Plötzlich wusste sie, bei wem sie Hilfe fand: Bei Hans Hiebler. Er war bei der Polizei und die beiden kannten sich schon sehr lange. Wenn Hans ihr nicht glaubte und ihr nicht helfen wollte, wusste sie keinen anderen Ausweg. Er musste ihr einfach helfen.
Maja fand den Hof von Hans Hiebler auf Anhieb. Sie war lange nicht mehr hier gewesen. Von hier aus konnte man den Bauernhof ihrer Eltern, ihr Geburtshaus erkennen. Was war inzwischen daraus geworden? Als ihre Eltern starben, hatte sie den Hof mitsamt allen Äckern und Wiesen verkauft. Sie konnte nicht mehr in dem Haus leben, in dem ihre Eltern starben. Aber wegen ihrer Eltern und ihrem Zuhause war sie nicht hier.
Gierig trank sie aus dem Brunnen vor dem Haus und setzte sich auf die Bank neben der Eingangstür. Sie wartete darauf, bis die Sonne aufging. Plötzlich ging die Tür auf und Hans trat mit der Waffe in der Hand heraus.
„Maja?“, sagte Hans ungläubig. „Bist du das? Was zum Teufel machst du mitten in der Nacht hier? Ich dachte schon, ein Einbrecher treibt sich hier herum.“
„Griaß di Hans,“ sagte Maja unter Tränen. „Ich brauche deine Hilfe. Ich weiß nicht, wo ich hin soll und an wen ich mich sonst wenden soll.“
Hans‘ Kehle schnürte sich zu, als er das Häufchen Elend sah, das sich auf seine Bank gekauert hatte. Maja war eine Schönheit gewesen und er hatte sich lange um sie bemüht. Aber sie wollte ihn nicht, sie wollte nur Sandro. Wie sah sie überhaupt aus?
„Komm rein, ich mache uns Kaffee.“
Hans nahm eine Decke von der Couch und legte sie Maja um.
„Zieh deine Socken aus,“ sagte Hans und reichte ihr ein dickes Paar seiner eigenen Socken. Ein Papier fiel auf den Boden und Hans legte es auf den Tisch, ohne sich dafür zu interessieren. Maja fühlte sich wohl hier. Hans behandelte sie nicht wie eine Verrückte. Er kümmerte sich wie selbstverständlich um sie und respektierte sogar ihr Eigentum: Der Zettel aus ihrer Krankenakte, den sie gestohlen hatte.
Der Duft frischen Kaffees breitete sich in der Küche des alten Bauernhauses aus. Hans legte Brot, Käse und Wurst auf den Tisch. In der Schublade fand er noch eine Tafel Schokolade. Maja langte zu und aß gierig.
„Nimm es mir nicht übel,“ sagte Hans, der Maja beobachtete, „aber du siehst beschissen aus. Was ist passiert?“
„Das weiß ich selbst nicht. Aus den Klinikunterlagen weiß ich, dass ich am 3. August in eine Klinik am Chiemsee eingeliefert wurde. Von da an war alles dunkel. Heute bin ich abgehauen. Oder war das gestern? Wie spät ist es?“
Hans verstand kein Wort.
„Kurz nach zwei.“
„Dann war es gestern. Ich wollte nach Hause. Meine Schwiegermutter hat meine Kinder und Sandro hat ein Verhältnis mit Elena,“ sprudelte es aus Maja unter Tränen heraus.
„Langsam Mädl, ich verstehe kein Wort. Du bist aus einer Klinik am Chiemsee abgehauen? Weshalb warst du dort?“
„Das weiß ich nicht. Ich wurde mit Medikamenten vollgepumpt und kann mich an nichts erinnern. Gestern habe ich es geschafft, aus der Klinik zu fliehen. Mit viel Glück habe ich es bis nach Mühldorf geschafft. Im Garten meines Hauses konnte ich ein Gespräch zwischen Sandro und seiner Mutter verfolgen. Die beiden sind davon überzeugt, dass ich verrückt bin. Meine Kinder sind bei meiner Schwiegermutter, wo sie nicht hingehören. Sie war es auch, die mich in die Klinik einweisen ließ, das habe ich deutlich gehört. Du weißt, dass mein Marco besondere Unterstützung braucht?“
„Ich habe davon gehört. Wie kommst du darauf, dass dein Mann dich mit einer Elena bescheißt? Wer ist das überhaupt?“
„Elena ist unser Kindermädchen. Ich habe die beiden gesehen. Sie haben sich umarmt und sie haben sich geküsst. Bitte glaub mir Hans, ich bin nicht verrückt. Da geschieht etwas, was ich nicht verstehe und was ich nicht verhindern kann. Ich will nicht zurück in die Klinik, ich bin nicht krank. Bitte hilf mir!“
Hans spürte, dass Maja völlig am Ende war. Das, was sie von sich gab, war doch total irre. Aber er kannte Maja schon viele Jahre und sie neigte nicht dazu, hysterisch zu werden.
„Lies bitte,“ sagte Maja und schob Hans den immer noch zusammengefalteten Zettel zu, der durch ihre Flucht stark in Mitleidenschaft gezogen war.
Hans entfaltete das Papier.
„Das habe ich aus meiner Krankenakte gestohlen. Das sind die Medikamente, die mir verabreicht wurden. Hier oben steht der Name der Klinik und da steht mein Name,“ erklärte Maja und suchte nach einer Regung in Hans‘ Gesicht, aus der sie lesen konnte, ob er ihr glaubte.
Es folgte Schweigen. Hans versuchte, die Informationen zu ordnen und überflog dabei immer wieder diese Liste, die er nicht beurteilen konnte. Ja, darauf waren viele Medikamente aufgelistet. Allerdings hatte er keine Ahnung, um was es sich dabei handelte.
„Du bleibst hier und ruhst dich aus. Wenn du möchtest, kannst du gerne baden oder duschen. Nimm dir aus meinem Kleiderschrank, was du brauchst, irgendetwas wird dir schon passen. Ich werde inzwischen Erkundigungen einholen.“
„Du willst mir helfen?“
„Wir Mühldorfer müssen doch zusammenhalten. Du kannst dich auf mich verlassen, mein Wort drauf.“
Maja war überglücklich. Wenn Hans sein Wort gab, dann stand er auch dazu. Sie duschte ausgiebig und fühlte sich sicher.
Hans hatte ein mulmiges Gefühl, nachdem er aufgelegt hatte. Nach Maja lief eine Fahndung. Sie wurde als gefährlich für ihre Umwelt und als äußerst gewaltbereit eingestuft. Was sollte der Blödsinn? Maja war weder gefährlich noch gewalttätig. Was lief hier ab?
„Leo? Ich brauche deine Hilfe. Komm bitte zu mir.“
Der 51-jährige Leo Schwartz war irritiert. Ein Anruf von Hans mitten in der Nacht? Er zog sich an und machte sich auf den Weg.
Maja schlief tief und fest in Hans‘ Bett, während der seinen Freund und Kollegen Leo informierte.
„Du lässt diese Irre hier schlafen? Bist du verrückt geworden?“
„Maja ist völlig harmlos. Sie ist eine dieser Alternativen, wie sie im Buche stehen. Sie isst nur gesundes Zeug, ist in mehreren Kinder- und Tierschutz-Organisationen tätig und kämpft für Menschenrechte. Es gibt kaum eine Demonstration, an der sie nicht teilnimmt. Glaub mir Leo, Maja ist der harmloseste Mensch, den ich kenne.“
„Wie lange hattest du keinen engeren Kontakt mehr zu ihr?“
„Acht Jahre. Trotzdem sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen. Glaub mir bitte, Maja ist nicht verrückt.“
„Gut. Wer hätte ein Interesse daran, sie für verrückt erklären zu lassen?“
„Keine Ahnung.“
„Erzähl mir von ihr.“
„Sie wuchs auf dem nächsten Bauernhof auf. Ihre Eltern bekamen sie sehr spät. Niemand hatte mehr mit Nachwuchs gerechnet. Die Freude war groß, als Maja geboren wurde. Als ihre Eltern vor neun Jahren kurz hintereinander starben, hat sie alles verkauft.“
„Beruf?“
„Sie hat in Altötting in einer Steuerkanzlei gelernt und gearbeitet, bis sie geheiratet hat. Sie hat Sandro Ettl geheiratet. Dir sagt der Name etwas?“
„Das Möbelhaus?“
„Richtig. Die Familie Ettl besitzt in vierter Generation ein riesiges Möbelhaus bei Ampfing. Sandro Ettl leitet das Unternehmen zusammen mit seiner Mutter Elfriede und der Schwester Susanne, nachdem das Familienoberhaupt bei einem Bergunfall ums Leben kam. Meines Wissens nach gab es nie irgendwelche Skandale oder dergleichen. Eine unauffällige, vermögende Familie.“
„Was ist mit dieser Elena? Wo kommt sie her?“
„Das habe ich noch nicht herausbekommen. Ich würde gerne Maja dazu befragen, scheue mich aber davor, sie aufzuwecken. Ich habe ihre Arme gesehen. Sie hat in letzter Zeit jede Menge Spritzen bekommen. Das ist die Medikamentenliste ihrer Patientenakte, Maja hat sie mitgehen lassen.“
„Das ist eine ordentliche Liste, die mir leider nicht viel sagt. Wie lange war sie in der Klinik? Eine Woche? Ich bin zwar kein Experte, aber sogar ich finde die Menge der Medikamente für eine Woche reichlich übertrieben. Wir sollten mehr über die Hintergründe herausfinden.“ Leo schenkte Kaffee nach. „Wenn das alles stimmt, was deine Freundin Maja erzählt hat, ist sie hier nicht sicher, das ist dir doch klar? Wenn man sich solche Mühe macht, sie wegzuschaffen, wird man anfangen, ihre Kontakte abzuklappern. Irgendwann kommt man auf dich.“
„Das ist mir bewusst. Wir brauchen einen sicheren Ort und jemanden, der sich um Maja kümmert.“
„Ich wüsste nicht nur den Ort, sondern hätte auch eine sehr gute Idee, wer sich um Maja kümmern könnte,“ grinste Leo.
„Du denkst doch nicht etwa an Tante Gerda? Vergiss es! Jeder in Mühldorf und Umgebung kennt meine Tante, ich möchte sie nicht mit in die Sache reinziehen.“ Hans liebte seine Tante Gerda sehr. Sie war die einzig lebende Verwandte, die er noch hatte; abgesehen von einigen entfernten Verwandten, auf die er gerne verzichten konnte. Tante Gerda besaß einen Bauernhof vor Altötting, den sie mit Liebe und viel Arbeit umgebaut hatte. Die obere Wohnung hatte Leo gemietet und er fühlte sich sehr wohl bei der liebenswerten, alten Dame. Er und sie hatten sich angefreundet und verbrachten viel Zeit miteinander.
„Nein, nicht Tante Gerda. Ich habe eine viel bessere Idee.“
7.
Sandro Ettl wachte auf und sah auf die Uhr: 4.32. Draußen dämmerte es bereits und die ersten Vögel sangen laut. Sandro sah neben sich auf den jungen Körper Elenas. Was hatte er nur getan? Er spürte schon lange, dass die gebürtige Russin hinter ihm her war, die Zeichen waren nicht zu übersehen. Bisher konnte er sich ihren Reizen entziehen, aber seit Maja nicht mehr im Haus war, konnte er der Versuchung nicht mehr widerstehen. Maja! Seine Mutter kam gestern nach vielen Jahren in sein Haus, um ihm mitzuteilen, dass seine Frau aus der Klinik abgehauen war. Was war los mit Maja? Und wo war sie? Gestern Abend hatte er keine Zeit gehabt, sich Sorgen um seine Frau zu machen, Elena hatte ihn zu sehr abgelenkt. Sie war sehr geschickt darin, sich in den Mittelpunkt zu drängen und ihn auf andere Gedanken zu bringen. Stimmte es tatsächlich, dass er zu labil und leicht zu beeinflussen war? Das hielt ihm seine Frau zumindest seit Jahren vor. War es seine Schuld, dass er nicht stark genug war und nicht die Kraft hatte, sich zu wehren? Er hasste jegliche Form von Streit. Er gab gerne und schnell nach und zog es vor, lieber zu gehen, als sich mit einer stärkeren Person auseinanderzusetzen. Und in seinen Augen waren alle stärker als er. Wo war Maja? Ging es ihr gut? Lag sie vielleicht bereits irgendwo im Straßengraben? Verletzt? Tot?
Panik stieg in ihm auf.
Elena wachte auf. Was war mit Sandro? Sie sah in seine Augen und spürte die Angst, die sie nicht zulassen konnte. Sie hatte versprochen, sich um Sandro zu kümmern, damit er keine Dummheiten machte. Auch dafür bekam sie Geld, sehr viel Geld. Ja, sie hatte sich kaufen lassen, was ihr nicht schwerfiel. Was Maja betraf, brauchte sie nur die Medikamente ins Essen zu mischen, das war leicht. Kurz bevor Maja abgeholt wurde, legte sie Medikamente ins Schlafzimmer, auch das war leicht. Noch bevor es Maja schlecht ging, hatte sie sich an Sandro rangemacht. Aber der reagierte nicht. Es lag auf der Hand, dass er Angst vor seiner Frau hatte. Auch als es Maja bereits schlecht ging und sie nur noch schlief, wehrte sich Sandro gegen jede Annäherung ihrerseits. Erst, als Maja abgeholt wurde und sie mit ihm allein im Haus war, war er Wachs in ihren Händen. Sandro war ein sehr attraktiver Mann. Er war zwar nicht der Hellste und entsprach nicht dem Bild eines Mannes, den sie sich vorstellte, aber sie hätte es sehr viel schlimmer treffen können. Seit sie allein im Haus waren, verbrachten sie sehr viel Zeit zusammen und Sandro fraß ihr aus der Hand. Sie konnte ihn so leicht um den Finger wickeln, mit Männern hatte sie schon immer leichtes Spiel gehabt. Vor zwei Monaten feierte sie ihren 29. Geburtstag und sie hatte noch nichts von ihrer Schönheit eingebüßt. Seit Maja weg war, hatte sie einen guten Job gemacht. Sandro kam nur selten auf die Idee, sich um seine Frau zu kümmern.
Der Blick in seinen Augen gefiel ihr nicht. Er machte sich Sorgen, das durfte sie nicht zulassen. Normalerweise duschte sie, bevor sie mit einem Mann intim wurde, aber dafür war jetzt keine Zeit. Sie musste Sandro auf andere Gedanken bringen.
Als er nach knapp zwei Stunden schlafend neben ihr lag, lächelte sie zufrieden. Sie machte einen sehr guten Job, der sehr viel besser bezahlt sein müsste.
Sie nahm ihr Handy vom Nachttisch und ging ins Bad.
„Sandro beginnt, sich um seine Frau zu sorgen,“ sagte sie. „Ich fürchte, er könnte Dummheiten machen.“
„Dann sorge dafür, dass er das nicht macht. Wofür bezahle ich dich?“
„Stimmt es, dass Maja aus der Klinik abgehauen ist?“
„Ja.“
„Wenn herauskommt, dass ich ihr die Medikamente verabreicht habe, bin ich dran.“
„Das wird niemand erfahren. Nur du und ich wissen davon.“
„Ich finde, wir sollten uns über eine Gehaltserhöhung unterhalten.“
„Treib es nicht auf die Spitze Elena. Vergiss nicht, dass ich einiges von dir weiß. Ich werde nicht zögern, mein Wissen an richtiger Stelle einzusetzen.“
„Ich verstehe. Einen Versuch war es wert.“
„Du geldgeile Schlange! Reiz mich nicht, sonst werde ich sehr unangenehm. Dein Job wird großzügig vergütet und du warst einverstanden. Belästige mich nicht mehr mit deinen Forderungen und kümmere dich um Sandro.“
Elena legte auf. Ja, sie hatte eine dunkle Vergangenheit, über die sie nicht gerne sprach. Sie hatte zwei Jahre lang in einem Bordell in Traunstein gearbeitet. Sie hatte damals einen schlechten Umgang und war abgerutscht. Als ihre Eltern davon erfuhren, waren sie außer sich. Ihr Vater und ihre Brüder hatten sie zusammen mit Freunden aus dem Bordell gezerrt. Mit ihrem Arbeitgeber gab es eine wilde Schlägerei, die nicht für alle glimpflich ausging. Aber sie kam frei, die Hintergründe waren ihr bis heute nicht bekannt. Ihr Vater hatte die Sache für sie geregelt. Sie hatte ihren Schulabschluss nachgeholt und verdiente sich jetzt als Kindermädchen etwas dazu, bevor sie für ein Jahr ins Ausland gehen konnte. Sie bekam eine Stelle als Au-pair-Mädchen in den USA, um dort die Sprache zu lernen. Ihre Eltern waren sehr ehrgeizig und wollten, dass aus ihren Kindern etwas wird. Ja, sie war nicht scharf darauf, die alten Geschichten aufzuwärmen. Allerdings hatte sie auch kein Interesse daran, sich auch noch im nächsten Jahr um fremde Kinder zu kümmern. Sie wollte nicht nach Amerika. Sie wollte ihr Leben genießen und in Deutschland bleiben.
Sie würde nicht mehr Geld bekommen, das war ihr klar. Wie weit würde sie damit über die Runden kommen? Nicht lange, das Geld floss ihr nur so durch die Finger. Wie konnte sie ihre Situation ändern? Sie war in einer sehr guten Position, Sandro fraß ihr aus der Hand. Warum sollte sie ihn nicht so weit an sich binden, dass sie irgendwann die Stelle Majas einnehmen könnte? Sie sollte so schnell wie möglich von ihm schwanger werden. Ja! Das war die Lösung. Sie nahm nicht nur das Geld für diesen außergewöhnlichen Job, sondern würde sich Sandro schnappen. Wer sollte sie daran hindern?
8.
Der 52-jährige Dr. Bodo Salzberger hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Er machte sich keine Sorgen um seine Patientin, sie war schließlich aus freien Stücken abgehauen. Er machte sich vielmehr Sorgen um die erste Rate seiner Bezahlung, die er längst ausgegeben hatte. Auch die nächste Zahlung war bereits verplant. Er saß mit einem Becher Kaffee auf der Terrasse seines Hauses, von wo aus er einen phantastischen Blick über den Chiemsee hatte. Wie lange noch? Das Haus war bis unters Dach verschuldet und sein Bankberater hatte bereits Andeutungen gemacht, dass es Interessenten für sein Anwesen gab. Dr. Salzberger genoss trotz aller Sorgen und düsteren Gedanken den Sonnenaufgang. Was für ein Naturspektakel! So bekam er den Kopf frei.
Dann klingelte das Telefon und er schreckte zusammen, als er die Nummer erkannte.
„Ist sie zuhause aufgetaucht?“, fragte er sofort ohne Gruß.
„Nein.“
„Verdammt! Die Polizei hat auch noch keine Spur von ihr.“
„Haben Sie einen Vorschlag, wie wir weiter vorgehen?“
„Heute kommt Dr. Aicher. Ich habe es vorgezogen, ihm nicht abzusagen.“
„Was soll das bringen?“
„Ich werde die Krankenakte zu unseren Gunsten nochmals überarbeiten. Die angeblichen Untersuchungen und Medikamente, gepaart mit dem Verschwinden der Patientin, könnten für uns von Vorteil sein. Natürlich bekommen wir ohne die Patientin kein Gutachten, das ist klar. Allerdings wäre eine persönliche Einschätzung von Dr. Aicher sehr günstig für die weitere Vorgehensweise. Natürlich brauchen wir die schriftlich.“
„Gut. Veranlassen Sie das.“
„Das wird nicht einfach werden, aber ich werde mich bemühen.“
„Kriegen Sie das irgendwie hin, schließlich ist Maja aus Ihrer Obhut verschwunden. Nächste Woche ist der Termin. Bis dahin muss alles hieb- und stichfest sein.“
Dr. Salzberger durfte keine Zeit mehr verlieren. Dr. Aicher hatte sich für 10.00 Uhr angekündigt. Er parkte seinen Wagen neben dem Eingang der Klinik und ging ohne Gruß in sein Büro. Schwester Silke sah ihrem Chef hinterher. Natürlich hatte sie Verständnis für seine schlechte Laune, aber sie konnte schließlich nichts für das Verschwinden der Patientin. Nie im Leben hätte sie geglaubt, dass diese eine Flucht physisch schaffen würde. Wie groß mag die Angst der Patientin gewesen sein, um diese Strapazen auf sich zu nehmen?
Dr. Salzberger nahm sofort die Akte Ettl an sich und manipulierte sie nochmals so geschickt, dass Dr. Aicher nur auf einen Schluss kommen konnte: Maja Ettl war psychisch krank und gehörte in stationäre Behandlung. Kurz vor 10.00 Uhr war Dr. Salzberger fertig und wartete.
Pünktlich klopfte Dr. Aicher an die Tür. Der Spezialist war dafür bekannt, wortkarg, fast unfreundlich Kollegen gegenüber aufzutreten. Deshalb wunderte sich Dr. Salzberger auch nicht über dessen Art.
„Führen Sie mich zur Patientin Ettl,“ sagte Dr. Aicher ohne Umschweife.
„Die Patientin ist heute Nacht verschwunden,“ log Dr. Salzberger. Er konnte ihm nicht sagen, dass Maja Ettl bereits seit gestern Mittag abgängig war. Wie sollte er ihm erklären, dass er den heutigen Termin nicht abgesagt hatte, wofür noch genügend Zeit gewesen wäre?
„Sie ist verschwunden? Abgehauen?“ Dr. Aicher sah seinen Kollegen mit großen Augen an. Salzberger nickte nur. „Die Krankenakte bitte.“
Ohne Umschweife reichte er Dr. Aicher die Krankenakte. Er beobachtete ihn beim Lesen, wobei er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Der Mann reagierte so, wie er es erwartet hatte.
„Wie hat die Frau es geschafft, unter Einfluss der Medikamente die Klinik zu verlassen?“
„Vermutlich hat sie nicht alle eingenommen und die Pflegekraft getäuscht. Anders kann ich mir das auch nicht erklären.“
„Davon müssen wir ausgehen,“ sagte Dr. Aicher. „Kann ich mit der Pflegekraft sprechen, die für die Patientin verantwortlich war?“
Verdammt! Damit hatte Dr. Salzberger nicht gerechnet. Er hätte Schwester Silke instruieren müssen. Sie war nicht vorbereitet und würde alles verderben. Dr. Salzberger tippte ohne Sinn auf seiner Computer-Tastatur herum.
„Das tut mir leid. Schwester Silke hat frei. Sie kommt erst zur Nachmittagsschicht um 16.30 Uhr.“ Würde Dr. Aicher diese Ausrede schlucken? Es folgte eine lange Pause.
„So lange kann ich nicht warten,“ sagte Dr. Aicher schließlich und gab die Patientenunterlagen zurück. „Dann war ich umsonst hier.“
„Nicht ganz. Darf ich um eine Einschätzung bitten?“
„Ohne die Patientin gesehen zu haben?“
„Es geht nur um eine Meinung aufgrund der Patientenakte. Vielleicht verstehen Sie, dass ich im vorliegenden Fall einen Haftungsanspruch der Familie erwarte.“
„Sie wollen eine Absolution von mir? Eine Bestätigung, dass Sie die Patientin richtig behandelt haben?“
„So in etwa. Sie wissen ja, wie die Familie in solchen Fällen reagiert. Gibt man zu viele Medikamente, bekommt man Ärger. Gibt man zu wenig, ist es ähnlich. Jetzt weiß ich auch, dass ich die Patientin ans Bett hätte fixieren müssen, aber hinterher ist man immer schlauer. Ich fixiere nicht gerne, das gibt immer Ärger.“
„Kann ich bestätigen,“ sagte Dr. Aicher, der in der Vergangenheit mit heftigster Kritik von Familienangehörigen und Kollegen zu tun hatte. Auch er scheute sich davor, Patienten ans Bett zu fixieren. „Vorausgesetzt, dass die Angaben in der Patientenakte der Richtigkeit entsprechen, kann ich kein Fehlverhalten Ihrerseits feststellen. Ich wäre ähnlich vorgegangen. Außerdem besteht immer ein Restrisiko, das wir Ärzte und auch das Pflegepersonal nicht ausschalten können. Wenn ein Patient unbedingt die Klinik verlassen möchte, findet er einen Weg.“ Dr. Aicher wusste auch in diesem Punkt, wovon er sprach.
„Würden Sie mir das schriftlich geben? Ich sehe eine Flut von Vorwürfen auf mich zukommen und würde mich mit einer Einschätzung von Ihnen sehr viel wohler fühlen.“
„Gut. Aber Sie versichern mir, dass damit kein Missbrauch getrieben wird. Das ist kein Gutachten und darf als solches nicht verwendet werden. Die wenigen Worte sind nur für den Fall bestimmt, wenn die Angehörigen Ärger machen sollten und Ihnen Vorwürfe gemacht werden.“
„Selbstverständlich.“
Dr. Aicher konnte die Argumente seines Kollegen sehr gut nachvollziehen. Er zog einen Notizblock aus seiner Mappe und brachte mit schwungvoller Schrift einige Sätze aufs Papier. Er bemühte sich, sachlich zu bleiben, denn auf Klagen von Familienangehörigen konnte er auch sehr emotional, fast beleidigt reagieren. Er übergab Dr. Salzberger das Blatt und verabschiedete sich.
Dr. Salzberger konnte es kaum erwarten, bis sein Besuch endlich verschwunden war. Jetzt las er das Geschriebene. Er war zufrieden und erleichtert. Das war genau das, was er haben wollte und das ihm die nächste Zahlung garantierte.
„Ich habe eine Einschätzung Dr. Aichers. Mit der können wir auch ohne die Patientin punkten,“ sagte Dr. Salzberger, nachdem er die ihm bekannte Telefonnummer gewählt hatte.
„Gut. Der Termin beim Jugendamt Mühldorf ist nächste Woche Mittwoch, 17. August um 10.30 Uhr. Ich zähle auf Sie.“
„Ich werde da sein. Wie sieht es mit der Zahlung aus?“
„Wie vereinbart, bringe ich das Honorar in bar mit. Sofort nach dem Termin bekommen Sie Ihr Geld.“
Dr. Salzberger war euphorisch und fühlte sich gut, obwohl er die letzte Nacht nicht geschlafen hatte. Das war egal. Sollte er Schwester Silke instruieren, falls doch noch Nachfragen bezüglich der Patientin Ettl kämen? Nein, das war zu weit hergeholt.
Dr. Aicher war ein vielbeschäftigter Mann, für den der Fall ganz sicher beendet war.
Er sah auf die Uhr. Kurz vor Mittag. Ein Essen im Clubrestaurant des Golfplatzes wäre jetzt genau das Richtige.
Schwester Silke sah dem Chef hinterher, der nun bester Laune war. Wo war die erwartete Standpauke? Wurde überhaupt die Polizei benachrichtigt? Da stimmte doch etwas nicht! Sie nahm sich vor, sich die Akte Ettl genauer anzusehen, sobald sie die Zeit dafür fand.
9.
Die 63-jährige Christine Künstle hatte den Ausführungen ihres Freundes und ehemaligem Kollegen Leo Schwartz endlich zugehört, nachdem er sie aus dem Schlaf geweckt hatte und sie anfangs kein Wort verstand.
„Ich soll das Kindermädchen für eine durchgeknallte Frau spielen?“ sagte sie überrascht.
„Maja Ettl ist nicht durchgeknallt, davon ist zumindest Hans überzeugt. Ich kenne die Frau nicht persönlich, vertraue aber seiner Einschätzung. Wir müssen Frau Ettl aus der Schusslinie bringen und Erkundigungen einholen. Außerdem läuft eine Fahndung nach der Frau. Du verstehst sicher, dass wir sie nicht allein lassen wollen,“ erklärte Leo mit Engelsgeduld. Er brauchte Christine. Sie war eine der wenigen Personen, der er blind vertraute. „Frau Ettl hat die Medikamentenliste ihrer Krankenakte mitgehen lassen. Du kannst dir vorstellen, dass wir kein Wort verstehen. Du wärst genau die Richtige für den Job. Hast du Zeit und Lust, uns zu helfen?“
„Zeit habe ich jede Menge, das ist nicht das Problem,“ sagte Christine, die sich tatsächlich langweilte und nach ihrer Pensionierung oft nicht wusste, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen sollte. Natürlich hielt sie als Pathologin noch Vorträge und half aus, wenn in der Ulmer Pathologie Not am Mann war. Trotzdem hatte sie noch viel zu viel Zeit übrig, mit der sie nichts anfangen konnte. Das mit der Medikamentenliste war sehr interessant. Ihre Neugier war geweckt.
„Ich verstehe. Du brauchst jemanden, der medizinischen Sachverstand hat und der die Verrückte in Schach halten kann. In welcher Klinik war sie?“
„Bei Dr. Salzberger am Chiemsee.“
„Dr. Salzberger? Warum sagst du das nicht gleich? Der Mann ist ein unsympathischer Mensch, der keine andere Meinung außer seiner gelten lässt und alles besser weiß. Außerdem sind seine Behandlungsmethoden von vorgestern und sein lockerer Griff zu Medikamenten ist legendär. Ich bin unterwegs.“
„Treffen wir uns vor dem Modehaus Mollenkopf am Mühldorfer Stadtplatz?“
„Warum? Ich verstehe nicht…“
„Die Sache ist nicht offiziell. Bevor wir mit dem Chef sprechen, müssen wir uns erst vergewissern, was an der Sache dran ist. Bis dahin wollen wir Frau Ettl sicher unterbringen. Ich dachte an Tatjanas Wohnung.“
„Nicht schon wieder einer deiner Alleingänge! Hast du dir das gut überlegt?“
„Es geht leider nicht anders. Kann ich auf dich zählen? Ich bitte dich, Christine. Hans und ich brauchen dich!“
„Ich rufe dich an, wenn ich in Mühldorf bin.“
Christine hatte nach einer halben Stunde alles im Wagen verstaut und fuhr los. Was hatte Leo denn jetzt wieder vor? Zum einen war sie enttäuscht von ihm, denn sie kannte seinen Chef Rudolf Krohmer sehr gut und schätzte ihn. Warum sagte er ihm nicht die Wahrheit? Warum diese Geheimniskrämerei? Dr. Salzberger! Mit diesem Kotzbrocken hatte sie schon persönlich zu tun gehabt. Sie war damals schon davon überzeugt, dass er viel zu lasch und großzügig mit Medikamenten umging, konnte ihm das aber nicht beweisen. Vielleicht hatte sie jetzt die Chance, ihn dranzukriegen. Sie hoffte inständig, dass diese Maja nicht verrückt und vor allem nicht gefährlich war. Zur Sicherheit hatte sie Beruhigungsmittel eingepackt, die sie in null Komma nichts außer Gefecht setzen würden. Angst hatte Christine keine, aber sie mochte keine Probleme.
„Christine um Hilfe zu bitten war eine sehr gute Idee. Sie ist genau die Richtige dafür,“ sagte Hans, der die eigenwillige Ulmer Pathologin sehr mochte. „Du willst Maja in Tatjanas Wohnung unterbringen? Einfach so? Sollten wir Tatjana nicht um Erlaubnis bitten?“ Tatjana Struck war während ihres letzten Falles schwer verletzt worden und lag in einer Frankfurter Klinik. Ihr ging es zwar schon sehr viel besser, aber es war noch lange nicht sicher, wie der Genesungsprozess weiter verlief. Klar war Tatjanas Wohnung seither unbewohnt und sie wussten, dass der Ersatzschlüssel in ihrem Schreibtisch lag. Aber die Wohnung benutzen, ohne sie zu fragen? Das ging für Hans nicht.
„Glaubst du wirklich, dass Tatjana keine anderen Sorgen hat? Ich möchte sie damit nicht belästigen. Außerdem ist es besser, wenn so Wenige wie möglich wissen, wo sich Maja Ettl aufhält. Sie soll sich sicher fühlen und dafür müssen wir sorgen. Es geht doch nur um zwei, vielleicht drei Tage. Ich verspreche dir, dass ich Tatjana alles erkläre. Glaub mir, sie nimmt das locker.“
„Gut, wie du willst. Wann ist Christine hier?“
„Ich schätze, dass sie zwischen 8.00 Uhr und 9.00 Uhr in Mühldorf ist. Ich bringe sie und Frau Ettl in Tatjanas Wohnung. Ich fahre gleich los und hole den Schlüssel aus ihrem Schreibtisch. Außerdem besorge ich Lebensmittel und Waschartikel.“
Leo war kurz nach halb acht wieder bei Hans. Er hatte den Schlüssel aus Tatjanas Schreibtisch entnommen und der Kofferraum war voller Einkaufstüten. Nach wenigen Minuten tauchte Maja Ettl auf. Sie sah Leo erschrocken an.
„Das ist mein Kollege und Freund Leo Schwartz. Er wird uns helfen. Wir haben eine Wohnung organisiert, in der du sicher bist. Außerdem passt eine sehr gute Freundin auf dich auf. Ich muss los.“
„Wo willst du hin?“
„Zur Arbeit. Ich habe einen Job.“
„Du kannst mich doch hier nicht mit einem Fremden zurücklassen!“ Maja war erschrocken. Der Fremde starrte sie nicht nur an, sondern musterte sie von oben bis unten.
„Leo ist kein Fremder. Er will dir helfen und lehnt sich wegen dir sehr weit aus dem Fenster. Du brauchst keine Angst zu haben, du bist bei ihm in guten Händen.“ Hans fuhr los und war irritiert. Warum reagierte Maja so extrem auf Leo? Was war los mit ihr? So kannte er die lebenslustige Frau nicht.
„Setzen Sie sich und trinken Sie eine Tasse Kaffee,“ sagte Leo so freundlich wie möglich. Die Frau hatte Angst vor ihm, das war klar. Er konnte sie verstehen. Sie musste sich einem Fremden anvertrauen. Und in Kürze kam eine weitere Person hinzu. Die beiden schwiegen. Leo hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Von Hans hatte er die ganze Geschichte bereits gehört. Sie nochmals von ihr zu hören, war überflüssig. Und Smalltalk war nicht sein Ding. Wenn er nichts zu sagen hatte, blieb er lieber ruhig.
Das Klingeln von Leos Handy durchdrang die Stille. Maja zuckte merklich zusammen.
„Ich bin gleich am Mühldorfer Stadtplatz. Wir sehen uns,“ sagte Christine und legte auf. Die Fahrt war nervenaufreibend gewesen, da sie direkt im Berufsverkehr landete. Die B12 war voller Lkw, Überholen war zwecklos. Am meisten hatte sie sich über die riskante Fahrweise einiger Fahrer aufgeregt, die es offensichtlich darauf angelegt hatten, Unfälle zu provozieren. Aber jetzt war sie endlich angekommen. Sie freute sich auf Leo und auf die Aufgabe, die er ihr übertrug. Nur noch eine Kurve und sie war auf dem Stadtplatz, auf dem um die Uhrzeit noch nicht viel los war. Sie parkte direkt vor Mode-Mollenkopf – das Geschäft hatte sie einem Fall kennenlernen dürfen. Sie musste schmunzeln, als sie ihren Wagen abstellte und direkt in die Auslage des Modegeschäftes blickte. Wie es dem alten Mollenkopf wohl ging?
Leo fuhr mit Maja zum Stadtplatz. Unterwegs klärte er sie über Christine auf und schilderte sie in allen Farben.
Maja war skeptisch. Es war offensichtlich, dass der Polizist mit der Unbekannten gut befreundet war und sie sehr mochte. Aber für sie waren das Fremde, denen sie nun ausgeliefert war und vertrauen musste. Eine Situation, die ihr nicht gefiel. Aber sie hatte keine andere Wahl.
Maja beobachtete, wie sich die beiden in die Arme fielen. Die Frau hatte zwei Taschen bei sich, die Leo auf den Rücksitz seines Wagens legte. Daneben stieg die Fremde ein. Maja wusste nicht, dass Leo seine Freundin bereits instruiert hatte.
„Maja Ettl hat große Angst. Behandle sie bitte wie ein rohes Ei und sei gut zu ihr.“
„Du kannst mir nichts vormachen,“ sagte Christine. „Du magst die Frau nicht.“
„Kann sein. Aber Hans mag sie, das reicht mir.“
„Wo ist die Medikamentenliste?“
Leo musste lachen. So kannte er Christine. Sie war direkt und kam immer sofort auf den Punkt. Er übergab ihr die Liste, die sie noch an Ort und Stelle überflog.
„Du lieber Himmel! Damit setzt du einen Elefanten außer Gefecht,“ rief sie und steckte den Zettel in ihre Jackentasche. Sie freute sich insgeheim, denn damit konnte sie Dr. Salzberger richtig Ärger bereiten.
„Was geschieht mit meinem Wagen? Ich kann mein Schätzchen doch nicht tagelang unbeaufsichtigt hier stehen lassen?“
„Gib mir den Schlüssel, ich kümmere mich darum.“
Christine stieg in Leos Wagen, wobei sie sich nicht vorstellte. Das hatte Zeit. Sie musste der Frau in aller Ruhe auf den Zahn fühlen.
Leo fuhr in die Tiefgarage des noblen Wohnhauses, in dem Tatjana vor über einem halben Jahr eine Wohnung gekauft hatte. Sie fuhren mit dem Lift in die zweite Etage und betraten die riesige Wohnung. Während Leo die Lebensmittel und Drogerieartikel verstaute, sah sich Christine um. Maja saß auf der Couch und sagte kein Wort.
„Kann ich euch beide allein lassen?“
„Geh nur. Wir werden klarkommen.“
Christine setzte sich Maja gegenüber und sah sie lange an.
„Erzählen Sie mir Ihre Geschichte,“ forderte sie Maja auf.
Sie begann zögerlich und umständlich. Je mehr sie erzählte, desto flüssiger und ausführlicher wurden ihre Ausführungen. Christine hörte aufmerksam zu und unterbrach sie nicht. Dann war Maja fertig.
„Ich habe die Medikamentenliste gesehen. Wurde Ihnen bereits eine Blutprobe abgenommen?“
„Vielleicht in der Klinik? Ich weiß es nicht.“
„Beruhigen Sie sich. Ich werde ihnen Blut abnehmen und eine Analyse beantragen. Leider ist sehr viel Zeit vergangen. Vielleicht haben wir Glück und man kann in Ihrem Blut noch das eine oder andere nachweisen.“
„Sie haben doch die Liste. Reicht das nicht?“
„Dr. Salzberger wird versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen. Er wird vermutlich behaupten, dass Sie die Liste manipuliert haben. Ich kenne solche Typen. Bei denen muss man mit allem rechnen. Wir müssen mit Tatsachen und Beweisen aufwarten, aus denen er sich nicht herausreden kann. Machen Sie den Arm frei.“ Christine holte ihre Tasche, derweil hatte Maja ihren Ärmel hochgekrempelt. Bei dem Nadelpieks zuckte Maja.
„Ich muss mich entschuldigen. Ich bin Pathologin und meine Patienten sind normalerweise nicht schmerzempfindlich,“ lachte Christine und zog die Nadel wieder aus Majas Arm. Nun musste sogar Maja schmunzeln. Diese Christine hatte einen rabenschwarzen Humor, aber auch einen scharfen Verstand. Sie begann, die ruppige Frau zwar nicht zu mögen, sich aber bei ihr sicher zu fühlen.
Leo betrat das Besprechungszimmer der Mühldorfer Kriminalpolizei. Krohmer, Hans und Werner Grössert waren gerade im Begriff aufzustehen.
„Guten Morgen Herr Schwartz. Wie geht es Ihrem Backenzahn?“, rief ihm Krohmer entgegen. Hans sah ihn flehend an und Leo verstand.
„Passt schon. Entschuldigen Sie die Verspätung,“ sagte Leo und setzte sich. „Liegt irgendetwas an?“
„Nein, zum Glück nicht, sonst müsste ich mich um Ersatz für Frau Struck bemühen. Momentan ist es sehr ruhig und dadurch haben wir genug Zeit, die wir für andere, liegengebliebene Dinge sinnvoll nutzen können. Ich habe eben ausführlich geschildert, dass alte Fälle dringend überarbeitet werden müssen, bevor sie endgültig im Archiv verschwinden.“
Leo stöhnte. Das hatte gerade noch gefehlt. Das war eine stumpfsinnige Arbeit, bei der sowieso nichts rauskam.
„Wir haben eben von Krohmer erfahren, dass es Tatjana besser geht,“ sagte Werner, der Schreibarbeit keineswegs als lästig empfand.
„Sehr schön, das freut mich,“ sagte Leo, der längst über Tatjanas Gesundheitszustand informiert war. Auch Hans und Werner wurden von Tatjanas Mutter auf dem Laufenden gehalten. Alle drei hatten Tatjana vor zwei Wochen in Frankfurt besucht und dabei die Mutter kennengelernt. Eine sehr feine Dame, die optisch überhaupt nicht zu dem mürrischen, grobschlächtigen Mann zu passen schien. Kümmel-Paul war eine Größe im Frankfurter Rotlicht-Milieu, vor dem viele Respekt hatten. Ihm passte es überhaupt nicht, dass sein einziges Kind Tatjana Karriere bei der Polizei machte. Als sie sich weit weg ins bayrische Mühldorf am Inn versetzen ließ, war er todunglücklich. Nach quälend langen Wochen hatte sie sich bei ihrem Vater gemeldet, der fortan zwei seiner Leute auf sie ansetzte, um sie zu beschützen. Das hatte den feigen Anschlag auf seine Tochter nicht verhindern können. Tatjana war durch zwei Schüsse schwer verletzt worden und sie war noch lange nicht über dem Berg. Kümmel-Paul ging den Mühldorfer Polizisten aus dem Weg. Obwohl seine Tochter bei der Polizei war, vermied er direkten Kontakt. Seine Frau war da ganz anders. Sie freute sich über den Besuch und hielt seitdem engen Kontakt besonders zu Hans, den sie sofort ins Herz geschlossen hatte. Davon wusste Krohmer nichts. Warum sollten sie den Chef darüber informieren?
Endlich war die Besprechung vorbei. Hans saß wie auf Kohlen. Nicht nur, weil er endlich im Fall Maja Ettl tätig werden wollte, sondern um Werner zu informieren. Der Kollege, der Maja ebenfalls persönlich kannte, wusste von nichts. Hans gab das wieder, was er heute Nacht von Maja erfahren hatte. Auch, dass sie sich in Tatjanas Wohnung zusammen mit Christine Künstle aufhielt. Werner war sprachlos und brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er eben erfahren hatte.
„Wer würde Maja so etwas antun? Sandro? Ich kenne ihn aus der Schule und kann mir nicht vorstellen, dass er etwas damit zu tun hat. Allerdings ist die Geschichte zwischen ihm und dem Kindermädchen zum Kotzen. Diese Storys hört man zwar immer wieder, aber wenn sie dann im direkten Umfeld geschehen, ist das eine andere Nummer.“
„Wenn es Sandro nicht ist, wer dann? Die Mutter?“
„Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Ich weiß nicht viel von ihr. Sie hält sich aus der Öffentlichkeit heraus. Laut meiner Mutter muss sie eine dominante Persönlichkeit sein, aber in ihrer Position ist das nicht verwunderlich. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie das Möbelhaus nicht nur erfolgreich weitergeführt, sondern hat es auch stetig vergrößert. Niemand hatte ihr das vor drei Jahren zugetraut, als sie mit dem Möbelhaus nach dem tragischen Unfall plötzlich alleine dastand. Natürlich standen ihr die Kinder immer zur Seite, aber sie ist die alleinige Erbin, Geschäftsführerin und Inhaberin des Möbelhauses.“
„Was ist mit der Schwester Susanne?“
„Soweit ich das mitbekommen habe, kam sie als Jugendliche auf eine Privatschule in der Schweiz. Dort hat sie studiert und gelebt, bis sie nach dem Tod ihres Vaters wieder nach Mühldorf kam,“ sagte Werner, der sofort ein schlechtes Gewissen bekam. Obwohl Susanne Ettl zu einer der angesehensten Mühldorfer Familien gehörte, wusste er nichts von ihr. Auch Hans hatte nie wieder etwas von ihr gehört und hatte sie völlig vergessen.
„Was, wenn Maja wirklich psychische Probleme hat und sie nur eine herzzerreißende Geschichte erzählt hat, damit wir ihr glauben?“, sagte Leo.
„Das traust du ihr zu? Du hast sie doch kennengelernt! Nein, Maja würde niemals eine solche Geschichte erfinden.“
„Das finde ich auch,“ stimmte Werner sofort mit ein. „Wir gingen in dieselbe Schule und ich habe Maja damals für ihr Engagement und ihren Mut immer bewundert. Sie hat sich immer für Schwächere eingesetzt und hat die Konfrontation mit Lehrern nie gescheut. Nein, Maja ist keine Geschichtenerzählerin.“
„Seid nicht gleich eingeschnappt. Wir sollten in alle Richtungen denken. Wann habt ihr die Frau zum letzten Mal gesehen?“
„Das ist zwar schon einige Zeit her,“ sagte Hans. „was aber keineswegs bedeutet, dass ich sie nicht gut genug kenne.“
„Ich habe Maja vor etwa zwei Monaten gesehen und konnte kurz mit ihr sprechen. Nur belangloses Zeug, nichts Besonderes. Sie hatte einen Termin bei meinem Vater in der Kanzlei,“ sagte Werner. „Sie kam mir völlig normal vor.“
„Was wollte sie in der Kanzlei?“
„Keine Ahnung.“
„Bitte versuch, irgendetwas über den Termin herauszubekommen. Auch Informationen über das Möbelhaus und über Elfriede und Susanne Ettl wären sehr wichtig.“
„Da bin ich bei meiner Mutter genau richtig. Sie kennt alle wichtigen Geschäftsleute in Mühldorf und Umgebung. Natürlich werde ich auch versuchen, etwas über Majas Termin bei meinem Vater herauszubekommen. Versprechen kann ich allerdings nichts. Mein Vater ist in solchen Dingen sehr verschlossen.“
„Einen Versuch ist es allemal wert. Solltest du nichts herausfinden, fragen wir Maja. Hier ist Christines Handynummer. Nur zur Sicherheit.“
„Krohmer lassen wir draußen?“, wollte Werner wissen, dem das überhaupt nicht schmeckte. Der Chef mochte es nicht, wenn hinter seinem Rücken etwas ablief.
„Bevor wir keine Beweise haben, halte ich es für besser, ihm noch nichts zu sagen,“ sagte Hans. „Ich weiß, dass er Elfriede Ettl persönlich kennt. Krohmer war ein enger Freund vom alten Ettl.“
Leo und Hans fuhren zu Sandro Ettl, während Werner zu seinen Eltern fuhr.
Elena öffnete die Haustür und strahlte die Männer an. Als sie deren Ausweise sah, entglitten ihr die Gesichtszüge. Polizei! Warum waren sie hier? Was wollten sie? Sowohl Leo als auch Hans bemerkten das schlechte Gewissen in den Augen der jungen Frau.
„Wir möchten Herrn Ettl sprechen,“ sagte Leo.
Elena bat die beiden herein. Sandro saß mit der Tageszeitung im Wintergarten, vor ihm stand eine Kanne Kaffee und eine Schale mit frischen Croissants.
„Polizei? Haben Sie meine Frau gefunden?“, rief er erschrocken, als er die Ausweise sah.
„Noch nicht, was ein gutes Zeichen ist. Wo vermuten Sie Ihre Frau? Wohin könnte sie geflohen sein?“
„Geflohen? Was reden Sie denn da! Das hört sich ja so an, als wäre meine Frau eine Gefangene gewesen.“
„Sie war in einer Privatklinik am Chiemsee in einer Abteilung für psychisch Kranke. Wie würden Sie das bezeichnen?“, sagte Hans und sah Sandro in die Augen.
„Sind Sie nicht… ja, Sie sind Hans Hiebler, einer der größten Schürzenjäger, die Mühldorf zu bieten hat.“ Sandro Ettl kannte Hans von vielen Veranstaltungen aus seiner Jugend. Es gab in seinem Umfeld sehr viele Frauen, die hinter Hans her waren und ihn sehr gerne näher kennengelernt hätten. Während seiner Abi-Zeit war es am schlimmsten. Wie alt war Hans Hiebler damals? Ganz sicher war er gute zehn Jahre älter als er. Es gab keine Mitschülerin, die ihn nicht aus der Ferne anhimmelte und ihm nachstieg. Sandro mochte den Mann nicht. Vielleicht wegen seines Schlages bei Frauen, bei denen er nie eine Chance gehabt hatte?
„Kommen wir aufs Thema zurück,“ sagte Leo. „Warum die Privatklinik von Dr. Salzberger?“
„Das habe ich nicht entschieden. Ich erfuhr erst davon, als meine Frau längst dort war.“
„Wie bitte?“
„Meine Mutter war so lieb und hat sich darum gekümmert. Sie kennt Dr. Salzberger von früher. Ich war mit der Situation völlig überfordert. Majas Zustand wurde immer schlimmer. Meine Mutter hat alles Erforderliche in die Hand genommen und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Ich war nicht fähig, zu reagieren oder eine Entscheidung zu treffen. Dafür braucht man einen kühlen Kopf, für den meine Mutter bekannt ist. Sie hat in kürzester Zeit einen Platz in Dr. Salzbergers Klinik organisiert.“
„Wollte Ihre Frau in der Klinik bleiben?“
„Das weiß ich nicht. Ich durfte sie wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes nicht besuchen.“
„Bitte?“, rief Hans entsetzt. „Deine Frau liegt in der Klinik und du besuchst sie nicht? Wie bist du denn drauf?“ Hans kannte Sandro und dachte nicht im Traum daran, ihn zu siezen.
„Ich habe mich den Anweisungen des Arztes nur widerwillig gebeugt,“ flüsterte Sandro. „Natürlich wollte ich sie besuchen und nach ihr sehen, aber Dr. Salzberger hat keine Besuche erlaubt.“
„Wie hat er das erklärt? Was hat er genau gesagt?“
„Er gab mir zu verstehen, dass meine Frau Ruhe brauche und er noch keinen Besuch erlauben könne. Meine Mutter hat Dr. Salzberger in der Entscheidung unterstützt.“
„Du solltest dich schämen,“ entfuhr es Hans und erntete von Leo einen verärgerten Blick. „Ist doch wahr! Wie kann man seine Frau dermaßen im Stich lassen? Ich an deiner Stelle wäre sofort zu meiner Frau geeilt und hätte mir einen Besuch von niemandem verbieten lassen. Wie kann man das alles seiner Mutter überlassen? Wie alt bist du eigentlich? Werde endlich erwachsen und übernimm Verantwortung!“
„Das brauche ich mir von dir nicht sagen lassen,“ sagte Sandro wütend. „Wie ich mich verhalte, geht dich einen feuchten Dreck an. Ich weiß sehr gut, dass du früher hinter meiner Frau her warst.“
„Das hat sie dir erzählt?“
„Nein, das hat sie nicht, dafür ist sie viel zu taktvoll. Aber alle anderen haben es gewusst. Es war peinlich, wie du ihr hinterhergelaufen bist.“
„Wenn ich mich für eine Frau interessiere, ist das nicht peinlich. Ja, ich mochte Maja und hätte mich glücklich geschätzt, wenn sie sich für mich entschieden hätte. Aber statt meiner hat sie dich gewählt, was ich nie verstanden habe. Sieh dich doch an! Selbst als erwachsener Mann versteckst du dich hinter deiner Mutter und schaffst es nicht einmal, deine Frau im Krankenhaus zu besuchen. Sie war eine Woche dort! In meinen Augen bist du kein Mann, sondern ein Waschlappen.“
Hans musste gehen, bevor er noch wütender wurde. Er rauschte vorbei an Elena, die an der Tür gelauscht hatte. „Haben Sie alles verstanden?“, maulte er sie an.
Elena wusste nicht, was sie sagen sollte, und fühlte sich ertappt. „Ausweis,“ fügte er hinzu. Er musste einige Minuten warten, bis sie ihn geholt hatte und er ihren Ausweis in Händen hielt. „Sie haben einen deutschen Pass?“
„Selbstverständlich. Ich bzw. meine Eltern sind Deutsche,“ verteidigte sie sich. Ja, sie hatte einen russischen Akzent und fand sich in der deutschen Grammatik immer noch nicht zurecht. Aber sie war Deutsche, wie ihre Eltern es auch sind. In dem Punkt war sie sehr empfindlich. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie und ihre Familie in Russland immer und überall als Deutsche verhöhnt und schlecht behandelt wurden. Es kam sogar vor, dass sie in der Schule deshalb verprügelt wurde. Als endlich die Ausreise nach Deutschland anstand, war die Freude groß. Damals war sie elf Jahre alt. In ihren Träumen war Deutschland ein Schlaraffenland, wo sie endlich zuhause war und davon überzeugt war, mit offenen Armen empfangen zu werden. Die Enttäuschung war groß, als sie hier zum ersten Mal als Russin bezeichnet wurde. Mit Fleiß hatte sie sich darangemacht, so viel wie möglich zu lernen, scheiterte aber immer wieder an der Sprache und an der Tatsache, dass sie überall nur die Russin war, so wie bei dem Polizisten vor ihr. Was fiel diesem Mann eigentlich ein?
„Elena Wert, wohnhaft in Mühldorf,“ las Hans von dem Ausweis ab. „Seit wann arbeiten Sie für die Familie Ettl?“
„Seit fast einem Jahr. Ich spare für ein Studienjahr in den USA,“ sagte sie voller Stolz.
„Als was arbeiten Sie hier?“ Hans‘ Worte waren voller Vorurteile, was Elena spürte. Dadurch wurde sie noch wütender.
„Ich wurde als Kindermädchen eingestellt und kümmere mich in erster Linie um die beiden Kinder. Natürlich übernehme ich auch Hausarbeiten, wenn es die Zeit erlaubt.“ Elena sprach betont langsam und hochdeutsch.
Hans sah sich um.
„Wo sind die Kinder? Ich sehe keine.“
„Seit Frau Ettl in die Klinik gebracht wurde, sind sie bei der Großmutter untergebracht, was natürlich nur vorübergehend ist. Es wird nicht mehr lange dauern und die Kinder kommen wieder nach Hause.“
„Verstehe. Dann haben Sie momentan nichts zu tun?“
„Der Haushalt muss weiterlaufen. Außerdem ist Herr Ettl auch noch da,“ sagte Elena irritiert. Was wollte der Polizist von ihr?
„Wie läuft ein normaler Arbeitstag ab, wenn die Kinder zuhause sind? Wie muss ich mir das vorstellen?“
„Normalerweise ist Lina um die Zeit in der Schule, sie besucht die erste Klasse der Grundschule Mühldorf in der Konrad-Adenauer-Straße. Marco ist im Kindergarten.“
„Der Kindergarten ist ebenfalls in Mühldorf?“
„Nein. Marco ist Autist und besucht eine Einrichtung in München, die sich auf Kinder mit Autismus spezialisiert hat.“
„Er fährt jeden Tag nach München?“
„Ja. Sonst hat ihn Frau Ettl immer persönlich gefahren und auch abgeholt. Aber in letzter Zeit war sie dazu nicht mehr in der Lage. Seitdem wird Marco von einem Taxiunternehmen abgeholt und abends auch wieder gebracht. Wenn Sie mich fragen, ist das kein Dauerzustand. Aber mich fragt ja keiner.“
„Dann sind Sie nur für das Mädchen zuständig? Ist das nicht zu wenig?“
„Was soll das heißen? Denken Sie, dass ein Kind keine Arbeit macht? Lina ist sehr aufgeweckt und möchte alles wissen. Ich gehe mit der Kleinen in den Zoo, in alle möglichen Museen und zu allen Veranstaltungen, auf die sie Lust hat. Frau Ettl hat ihre Tochter immer dazu ermuntert, das zu tun, was sie will. Und das macht die Kleine. Sie ist zwar sehr anstrengend und fragt einem Löcher in den Bauch, aber ich mag sie sehr gerne.“ Das glaubte Hans ihr sogar. Trotzdem fand er ein Kindermädchen bei der Konstellation völlig übertrieben. Aber das ging ihn nichts an, das war allein die Angelegenheit der Familie Ettl. Er gab Elena ihren Ausweis wieder zurück, woraufhin diese beleidigt davonrauschte.
„Was sollte das vorhin?“ Leo war wütend auf Hans, der am Wagen auf ihn wartete.
„Sorry, aber mich hat Sandro wütend gemacht. Wie kann man nur so lasch sein? In meinen Augen ist er ein richtiger Trottel.“
„Das finde ich auch, aber deshalb sind wir nicht hier. Wir versuchen herauszufinden, warum Maja in eine Klinik weggesperrt wurde. Dein Auftreten ist nicht hilfreich. Wenn du dich nicht zusammenreißen kannst, blasen wir das alles hier ab. Werner und ich unterstützen dich, weil du Maja Ettl glaubst. Wenn du dich weiterhin wie ein Elefant im Porzellanladen aufführst, ist die Sache gestorben. Haben wir uns verstanden?“
„Entschuldige. Ich verspreche dir, dass ich mich in Zukunft zusammenreiße.“
Leo fuhr los. Das, was Sandro von sich gegeben hatte, schmeckte ihm nicht. Er konnte noch nicht beurteilen, ob ihm der Mann etwas vormachte oder ob seine Mutter tatsächlich alle Strippen zog und damit auch verantwortlich für die Unterbringung der Schwiegertochter war. Er fuhr in das Möbelhaus Ettl, in dem er selbst schon einige Stücke gekauft hatte. Das Traditionsmöbelhaus unterschied sich von anderen, marktführenden Häusern. Hier wurde nicht nur auf Qualität und Nachhaltigkeit größten Wert gelegt, sondern auch auf umfangreiche Beratung und individuellen Umgang mit den Kunden. Als Kunde wurde einem das Gefühl vermittelt, wertgeschätzt zu werden.
Werner wurde zuhause bei seinen Eltern mit offenen Armen empfangen. Das war nicht immer so, denn sie waren mit seiner Berufswahl überhaupt nicht einverstanden gewesen und hatten ihn das sehr viele Jahre spüren lassen. Werner sollte die Firmentradition fortführen und zu gegebener Zeit die Anwaltskanzlei übernehmen, worauf ihr Sprössling allerdings keine Lust hatte. Auch die Wahl seiner Ehefrau stieß nicht auf Gegenliebe. Seit der Geburt von Werners kleiner Tochter hatten sich die Wogen geglättet.
„Du kommst allein? Wo ist die Kleine?“, fragte Frau Grössert enttäuscht.
„Sie ist zuhause. Heute bin ich nicht privat hier, ich brauche Informationen,“ sagte Werner und setzte sich an den üppig gedeckten Frühstückstisch. Seine Eltern frühstückten immer sehr umfangreich und lange, bevor beide in die Kanzlei gingen. Einen Termin vor 10.00 Uhr bei beiden zu bekommen war schier unmöglich.
„Informationen? Über wen?“ Dr. Wilhelm Grössert legte die Zeitung zur Seite. Wenn sein Sohn extra hier auftauchte, musste es wichtig sein.
„Möbelhaus Ettl, Elfriede, Susanne und Sandro Ettl,“ sagte Werner nur und nahm sich eine Brezel. Werners Mutter sprang sofort darauf an.
„Eine sehr angesehene Familie. Elfriede führt die Firma tadellos, wobei ihr die beiden Kinder immer zur Seite stehen.“
„Das weiß ich längst. Mich interessieren Einzelheiten. Gab oder gibt es Skandale, irgendwelche Geschichten über die Firma Ettl?“
„Du möchtest Klatsch und Tratsch hören? Warum interessiert sich die Kriminalpolizei dafür?“ Dr. Grössert war skeptisch.
Werners Mutter waren die Gründe gleichgültig.
„Elfriede ist menschlich ein sehr harter Knochen. Als ihr Mann noch lebte, war sie ganz anders. Sie ist erst durch Waldemars Tod und der plötzlichen Verantwortung so geworden. Es gab nie Skandale. In der Öffentlichkeit ist sie fast nie zu sehen. Sie zieht sich in ihrer Freizeit ins Privatleben zurück. Natürlich war und ist sie eine gute Partie und es gab viele Werber um sie. Aber Elfriede hat kein Interesse an einer neuen Partnerschaft. Sie lebt nur für die Firma und ihre Kinder.“
„Allerdings munkelte man, dass es mit dem Möbelhaus bis vor drei Jahren nicht zum Besten stand. Man sprach sogar schon von Insolvenz,“ sagte Dr. Grössert.
„Das ist interessant. Lief das Geschäft nicht mehr?“
„Das Geschäft lief prima. Allerdings ging Waldemar in Spielcasinos sehr großzügig mit seinem Geld um.“
„Er war ein Spieler?“
„So munkelt man, ja. Nach Waldemars Tod hat Elfriede die Geschäfte übernommen und das Möbelhaus erfolgreich aus den roten Zahlen geführt.“
„Sind das Gerüchte oder entspricht das der Wahrheit?“
„Du kannst dich darauf verlassen, dass das stimmt. Heute steht das Möbelhaus besser da denn je.“ Dr. Grössert hatte Elfriede die Geschäftsführung eines so riesigen Unternehmens nicht zugetraut und hatte Respekt vor ihrem Erfolg.
„Neben der Spielsucht hatte Waldemar auch ein Faible für sehr, sehr junge Frauen,“ sagte Frau Grössert angewidert. „Es gab in den 80er-Jahren einen unschönen Vorfall, den die Familie mit einer großzügigen Zahlung aus der Welt geschafft hat. Man sprach von einem Verhältnis zu einer Minderjährigen. Das Mädchen muss damals erst 15 Jahre alt gewesen sein.“
„Das sind doch olle Kamellen und längst verjährt,“ sagte Dr. Grössert. „Wenn du mich fragst, war an der Sache nie etwas dran.“
Werner musste schmunzeln. Er musste seinen Eltern, vor allem seiner Mutter, nur lange genug Zeit geben, bis alle Informationen auf dem Tisch lagen.
„Um wen ging es damals?“
„Das kam nie raus,“ sagte Frau Grössert. „Aber man nahm an, dass es ein Mädchen aus Mühldorf war: Eines der Sindermann-Familie, die nach dem Vorfall weggezogen ist.“
„Familie Sindermann?“
„Die wohnten in der Elbestraße. Eine Familie mit sieben Kindern. Wie gesagt, die Familie ist weggezogen und man hat nichts mehr von ihr gehört.“
„Was ist mit Sandro?“
„Ich möchte ihn nicht beleidigen, aber in meinen Augen ist er nicht der Intelligenteste, obwohl er sich sehr viel Mühe gibt. Er hat die kleine Maja geheiratet. Erinnerst du dich an sie? Ihr beide seid etwa gleich alt und wart zusammen auf dem Gymnasium. Sie war immer eine Revoluzzerin, die sich für alle eingesetzt hat. Ich kann mich noch erinnern, dass sie mit drei Mitstreitern einen Sitzstreik auf dem Mühldorfer Stadtplatz organisiert hat. Damals ging es um den Hunger in der Dritten Welt. Die Presse ist darauf aufmerksam geworden, tagelang wurde über nichts anderes berichtet.“
„Stimmt. Saßen sie und ihre Mitstreiter damals nicht nackt auf dem Stadtplatz?“ Dr. Grössert musste lachen, denn die Spießbürger hatten sich damals mächtig darüber aufgeregt.
„Stimmt. Die kleine Maja hat damals oft ordentlich Staub aufgewirbelt. Als ich hörte, dass sie Sandro heiratet, dachte ich, dass die beiden nicht zusammenpassen. Aber mich hat keiner gefragt. Auch Sandros Eltern waren von der Heirat wenig begeistert. Er hätte die Tochter der Sedlmaiers heiraten sollen. Das arme Ding ist bis heute ledig. Erinnerst du dich an Maja?“
„Klar.“
„Sandro und Maja haben zwei Kinder. Der Junge leidet unter Autismus. Kannst du dich noch daran erinnern Wilhelm, dass die Stadt Mühldorf eine Einrichtung für autistische Kinder und Jugendliche geplant hatte?“
„Ja. Aber daraus ist leider nichts geworden. Warum eigentlich? Zu wenig Bedarf?“
„Vermutlich.“
„Was weißt du über Susanne?“, kam Werner wieder auf den Kern des Themas zurück.
„Als Waldemar starb, lebte sie in der Schweiz. Ihre Eltern haben sie damals während des Schuljahres aus der Schule genommen und sie kam dann auf ein Internat in der Schweiz. Warum, weiß man nicht. Gerüchte gab es viele, aber die Familie hielt sich in dem Punkt immer bedeckt. Soweit ich weiß, war Susanne nicht bei der Beerdigung ihres Vaters. Auch vorher hat man sie nicht mehr in Mühldorf gesehen. Kurz nach dem Tod ihres Vaters tauchte sie wieder an der Seite ihrer Mutter auf und arbeitet seither im Möbelhaus mit. Was sie dort genau macht, weiß ich nicht. Ich glaube, ich würde Susanne nicht mehr erkennen, wenn ich ihr begegnen würde.“
„Was hat sie vorher gemacht?“
„Das weiß man nicht genau. Sie muss irgendetwas studiert haben. Genaueres hat man nie erfahren und somit konnten auch keine Gerüchte aufkommen.“
„Sie war nicht bei der Beerdigung und kam nie nach Hause? Merkwürdig. Ist Susanne verheiratet?“
„Sie war verheiratet. Und so, wie sie jetzt aussieht, nimmt sie kein Mensch mehr,“ mischte sich jetzt Dr. Grössert ein.
„Wie meinst du das?“
„Susanne war als Jugendliche keine Schönheit gewesen, aber sie war nicht hässlich. Trotzdem muss sie sich einem Chirurgen anvertraut haben, der sie bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet hat. Vor zwei Jahren hatte ich einen Termin bei Elfriede Ettl, bei dem ich auch Susanne begegnete. Ich war sehr erschrocken, als ich sie sah.“
„Das hast du mir überhaupt nicht erzählt,“ beschwerte sich Frau Grössert. „Warum sagst du mir so etwas nicht?“
„Weil es mir damals nicht wichtig schien. Was es heute auch nicht wäre, wenn Werner nicht gefragt hätte. Susannes Gesicht gleicht einer Maske. Keine Mimik, keine Falte, nichts. Alles wie glattgebügelt. Die Lippen sind bis zum Bersten aufgespritzt und das ganze Gesicht ist mit Make-up zugekleistert. Eine furchterregende, gespenstisch wirkende Fratze. Widerlich.“
„So schlimm wird es schon nicht sein, du übertreibst,“ lachte Frau Grössert. „Was wolltest du damals bei Elfriede?“
„Du weißt doch, dass ich über meine Mandanten nicht spreche.“
„Ich habe erfahren, dass Maja kürzlich bei dir war,“ sagte Werner an seinen Vater gewandt. „Was wollte sie?“
„Woher weißt du das?“
„Sie war also bei dir. Um was ging es?“
Dr. Grössert druckste herum. Ihm war das unangenehm. Am liebsten hätte er hinausposaunt, worum es ging, aber das durfte er nicht.
Werner spürte, was in seinem Vater vorging.
„Ging es um ihre Ehe?“
„Nein.“
„Um das Haus? Ein Testament?“
„Nein.“
„Die Kinder, es ging um die Kinder,“ sagte Frau Grössert. Sie kannte ihren Mann sehr gut.
„Hört auf mit den Fragen,“ rief er.
„Es ging also um die Kinder. Ist Elfriede der Grund dafür? Möchte sie sich die Kinder unter den Nagel reißen?“
„Ich sage nichts mehr. Ich fahre in die Kanzlei,“ sagte Dr. Grössert und ging davon. Bezüglich seiner Mandanten war er immer verschwiegen gewesen, was ihm in diesem Fall sehr schwerfiel. Dr. Wilhelm Grössert war ein knallharter Anwalt, den nichts so leicht aus der Bahn warf. Wenn es aber um Kinder ging, wurde er weich.
„Was ist mit der Familie Ettl? Warum fragst du nach ihnen? Gibt es Schwierigkeiten? Warum interessiert sich die Kriminalpolizei für sie?“
„Laufende Ermittlungen,“ sagte Werner, stand auf und ging. Jetzt war es höchste Zeit, das Feld zu räumen, bevor ihn seine Mutter nicht mehr aus ihren Fängen ließ. Werner musste schmunzeln, als er in seinen Wagen stieg. Seine Eltern hatten sich seit der Geburt seiner Tochter sehr zu ihrem Vorteil verändert. Bis vor gut einem Jahr waren beide noch versnobt und viel zu sehr von sich eingenommen. Jetzt öffneten sie sich und waren fast schon normal. Werner hätte sich den Zustand schon sehr viel früher gewünscht. Aber besser jetzt, als nie!
Frau Grössert stand am Fenster und sah ihrem Sohn hinterher. Seit der Geburt der Enkeltochter war sie mehreren Vereinen und Organisationen beigetreten, um rechtzeitig einschreiten zu können, falls es ihre Enkeltochter betraf. Sie wollte nichts dem Zufall überlassen und musste feststellen, dass ihr die vielen Termine sogar Spaß machten. Sie kam mit Menschen zusammen, mit denen sie vorher nie zu tun gehabt hatte. Frau Grössert sah auf die Uhr. Sie hatte einen Termin um 11.00 Uhr und zwei heute Nachmittag. Dazwischen hatte sie zwei Stunden frei. Sie entschied, ihrer alten Bekannten Elfriede einen Besuch abzustatten. Vielleicht erfuhr sie mehr von ihr. Wenn nicht, musste sie sich wohl oder übel an Rudolf Krohmer und dessen Frau halten. Aber davor musste sie unbedingt herausfinden, warum Maja Ettl die Kanzlei Grössert aufgesucht hatte. Wilhelm würde sich nicht so leicht in die Karten schauen lassen und war sehr bedeckt, wenn es um seine Mandanten ging. Sie musste geduldig sein und eine günstige Gelegenheit abwarten.
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